Der Zuggeist oder die erste Zugspitzbesteigung Kultur- und Lebensbild aus dem bayerischen Hochgebirge von Maximilian Schmidt     Leipzig H. Haessel Verlag     I. Im Süden des bayrischen Königreiches zieht sich von Westen gegen Osten das mächtige, von allen Seiten durch Thäler abgeschlossene und somit vollkommen isoliert dastehende Kalkgebirgsmassiv des Wettersteins dahin, dessen Hauptstock in der vormaligen Grafschaft Werdenfels, dem sogen. Werdenfelser Landl, liegt. Dort steigt der König aller deutschen Berge, der an 2960 Meter über das Meer sich erhebende 4 »Zugspitz« mächtig empor, welcher den ungeheuren, natürlichen Grenzpfahl zwischen Bayerns und Oesterreichs Landen bildet. Dieser Gebirgsstock hieß in alten Zeiten gemeinhin »der Zug,« später »der Zugspitz« und wird erst in neuerer Zeit die »Zugspitze« genannt. Von diesem höchsten Gipfel strahlen drei Gebirgszüge aus, deren erster mit dem gewaltigen Pfeiler des Waxensteins endigt. Er bildet mit dem zweiten Hochgrat, welcher in der 2636 Meter hohen Pyramide der Alpspitze zu seiner bedeutendsten Höhe ansteigt, das tiefeingeschnittene Höllenthal. Der dritte Zug ist die eigentliche Mauer des Wettersteins, die mit ihren riesigen Gipfeln: Wetter- und Reinthalerschroffen, Hochwanner, Dreithorspitz und dem eigentlichen Wetterstein bis Mittenwald läuft und von dem mittleren Zuge durch das wilde Thal der Partnach, das Reinthal genannt, getrennt wird. Schließt man in den Rundblick des Gebirges den jenseits der Loisach gelegenen Kramer ein, sowie im Nordosten das Estergebirge mit dem Krottenkopf, dann die von Südwest herüberschauenden Schroffen des Karwendelgebirges und die den Westen abschließende Thörlenwand, hinter welcher der hohe Daniel sein stolzes Haupt erhebt, so hat man sich in seinen Hauptzügen das Panorama des üppig grünen Loisach- und Partnachthals festgestellt, über dem sich der Himmel so rein und tiefblau wölbt, wie über Italiens glücklichen Gefilden. Wo das Auge hinblickt, begegnet ihm eine Fülle von Naturreizen, die es anziehen, überraschen und bezaubern. In diesem herrlichen Panorama, über welches das erfrischende Leben der Alpennatur ausgegossen ist, wechseln die Gestaltungen auf die mannigfachste Weise. Bald sind es groteske Formen, bald sind 5 es die malerischen Gruppen Arkadiens; hier drohen grauenerregende, finstere Schluchten und Abgründe, dort lachen im heiteren Sonnenschein blumige Hochalpen; hier erfrischt sich das Auge an dem tiefen Grün des Laubwaldes, dort winkt der kühle Schatten malerisch gruppierter Gebüsche. Im Thale breiten sich in bunter Farbenpracht die Riesenteppiche aus, von silberhellen Bächen durchzogen, von den schwindelerregenden, zerrissenen Zinnen und Spitzen aber glänzt der ewige Schnee, und der Sonne goldene Strahlen gießen einen unbeschreiblichen Zauber über die ganze Landschaft, in welcher sich alle vier Jahreszeiten in ihrem eigentümlichen Charakter und Schmucke von den Schneefirnen bis zu den blumigen, smaragdgrünen Wiesen der Thäler aneinanderreihen. Von den Bergen aber wogen balsamische Lüfte und alles atmet ein begeistertes Leben. Diese Gegend, welche von der auf gewaltiger Felsenstufe des Kramer thronenden, jetzt in Trümmer liegenden Burg ihren Namen erhielt, wurde bis 1813 von den Vögten der Freisinger Fürstbischöfe regiert. Von da an gehört sie zur Krone Bayerns. Die Hauptorte im Werdenfelsschen sind die reizenden Gebirgsorte Partenkirchen und Garmisch, woran sich Ober- und Untergrainau, Hammersbach und einige andere kleine Ortschaften und Einöden anschließen. Die Werdenfelser sind tüchtige, biedere und arbeitsame Leute. Wiesenkultur, Viehzucht, Holz- und Alpenwirtschaft, sowie die Fertigung von Dachschindeln, Flößerei, Holz-, Bein- und Horndreherei beschäftigen hier zumeist die Bevölkerung, welche von frühester Jugend an harte und strenge Arbeit gewöhnt ist. Die Bewohner dieses Landstriches sind ein sehr kräftiger und schöner 6 Menschenschlag, mit voller und derber Muskulatur, dunkelbraunen Haaren und nicht selten mit blauen Augen. Man wird nicht leicht schönere Mädchen, mit feiner geschnittenen Gesichtchen, mit so schlankem und doch vollem Wuchse treffen, als gerade in dieser Gegend. Die männliche Tracht ist charakteristisch schmuck und zierlich; die weibliche Tracht hingegen weniger geeignet, den schönen Wuchs zu zeigen. Sind auch die bis an das Firmament ragenden, senkrechten Kalkfelsen mehr dazu angethan, stille Bewunderung einzuflößen, als jubelnde Töne zu veranlassen, und scheint des Hirten Lied kein anderes Echo, als das der grausigen Schroffen und Klüfte wach zu rufen, so ist doch zu frohem Gesang überall viel Hang und Geschick. Wenn die ersten Sonnenstrahlen die höchsten Bergkuppen vergolden, jodelt die schon wache Sennerin und der flinke Jäger aus froher Brust seinen Morgengruß ihr entgegen; mit freudigem Gebrüll klimmt das Vieh unter harmonischem Glockengeläute die waldreichen Gebirgshänge hinan; fernhin tönt die Schalmei; der Gemsjäger späht auf schwindelnder Höhe nach der Spur des Wildes. Endlich wird es auch in den Thälern lebendig und alles regt sich mit steter Heiterkeit. Alles ist zufrieden inmitten der Wunder dieser großartigen Natur und hängt mit unverlöschlicher Liebe an seiner schönen Heimat. Deshalb erfaßt auch den Aelpler im fremden Lande eine unbezwingliche Sehnsucht nach der heimatlichen Hütte, nach den luftigen und sonnenreichen Höhen, und erblickt er sie wieder, so schlägt ihm freudig das Herz, und mit jubelnden Tönen begrüßt er seine teuere, ihm so heilige Heimat. So sang auch der nach kurzer Abwesenheit wieder in sein Vaterhaus zurückkehrende junge Bursche, welcher 7 am St. Georgstag 1820 von Garmisch das Sträßchen aufwärts der Loisach festen Schrittes dahinwanderte: Bald's überall hübsch aper wird (schneefrei von apert ) Bald's auf der Alma grün, Der Geißer mit den Geißen fahrt, Die Senndrin mit den Küh'n. – Die Wälder wern scho' grea von Laab, Die Wieslein grea mit Gras, Und bald i an mei' Senndrin denk, So freut's mi scho' wie was! Die Sonne war bereits über die westlichen, den Thalkessel abschließenden Berge hinuntergesunken, aber der Zugspitz und die nördlichen Ausläufer desselben waren noch rosig angehaucht. Die Schneefelder glitzerten rötlich herab ins Thal, in welchem der Frühling bereits seinen Einzug gehalten und die Wiesen zunächst der rasch dahineilenden Loisach sich mit frischem, saftigen Grün und bunten Blumen geschmückt hatten. Der kräftige, etwa siebenundzwanzig Jahre alte Bursche, welcher in heiterster Laune die Schritte nach dem auf einer Anhöhe am Fuße des Waxenstein reizend gelegenen Dörfchen Obergrainau lenkte, trug die malerische Gebirgstracht der Partenkirchner, den grünen, oben abgeflachten Hut mit Huifedern (Spielhahn) und Gamsbart, die graue Joppe, lederne Kniehösln, den roten, breiten, mit Querband verbundenen Hosenträger, Wadenstrümpfe, und feste, benagelte Schuhe. Den Hemdkragen hatte er zurückgeschlagen, so daß der Hals und ein Teil der gebräunten Brust sichtbar waren. Auf seiner Schulter trug er eine Hacke, an welcher ein Flößerseil und ein alter, nur die notwendigsten Habseligkeiten enthaltender, lederner Rucksack hing. Dichte, braune Haare fielen ihm über die Stirne 8 herein und zwei große, dunkle Augen blickten aus dem vollen, gesunden Gesichte, dem ein braunes Schnurrbärtchen besondere Zierde verlieh. Als er zum ersten Male das Ziel seiner Wanderung, Obergrainau, erblickte, ließ er einen freudigen Juhschrei hinaufschallen zu seinem Heimatdörfchen, und von den Wänden des Waxensteins hallte es wieder, so frisch und hell, als käme das Echo aus einer zweiten freudig erregten Brust, als käme es von dem mit prächtigen Obstbäumen umgebenen, großen Bauernhofe, dessen Fenster, von der untergehenden Sonne beleuchtet, feurig herabglitzerten ins Thal. Es war dies das Anwesen des vermöglichsten Bauern in Grainau, des Ostler Martin, oder, wie es auf dem Hause von jeher hieß, des Bärenmartele, und der Juhschrei galt der einzigen Tochter des Bauern, der schönen Afra, oder, wie sie der Volksmund nannte, der Bärenafra. Aber auch auf einer kleinen, ärmlichen Hütte nahe dem genannten Hofe blieb des Burschen Blick mit freudiger Miene haften; es war sein Heim, die Hütte seiner Großmutter, der alten Mariannl, die sicherlich jetzt mit Sehnsucht herabschaute auf den Weg und den Enkel erwartete, der seit mehreren Wochen als Flößer von der Heimat entfernt war. Beschleunigten Schrittes, dem Saume eines Buchenwaldes entlang, zwischen moos- und grasbewachsenen, von einem Bergsturze herrührenden Felsentrümmern, eilte der Bursche dem Ziele seiner Wanderung zu. Da hörte er sich plötzlich angerufen. »Lechner Mathies, laß dir's nit so schlauna; i möcht aa mit.« Der Angerufene erblickte jetzt vor sich auf einem 9 Felsblocke sitzend einen in seinem ganzen Wesen sehr herabgekommenen Burschen. »Jeß, der schwarz' Görgl!« rief der Flößer. »Wo aus willst du no' heunt? Hast oben in Grainau z'schaffen?« »So is's,« entgegnete der schwarze Görgl, der lange, pechschwarze Haare und ein dunkles, fast mulattenartiges Gesicht hatte. Langsam erhob er sich und reichte dem Flößer die Hand, und als er bemerkte, daß dieser mit eigentümlichem Blicke seine zerrissene Joppe musterte, sagte er: »Gelt, da schaugst, daß i an mein' Tag nit besser g'wandt bin, aber für mi is's lang guat. Da Lanks is da und apa (schneefrei) wird's, und bal d' Stadtleut wieder einakemma in die Berg, schneibt's mir d' Zwanger wieder und – brauchst nacha a Geldei, so woaßt mi z'finden hint' in meina Hirwa am Hammersbach.« »Wie sollt' i dazua kemma, von dir a Geld z'braucha?« sagte Mathies lächelnd zu dem jetzt rüstig neben ihm herschreitenden Burschen. »Was i brauch für mei' alts Ahnle und mi, dös verdean i mir gottlob, und mehr brauch i net, als i hon.« Mathies betonte das letztere sehr nachdrücklich, worauf aus den Augen des schwarzen Görgl ein feindseliger Blick zu ihm hinüberschoß. Gleich aber änderte dieser wieder seine Miene und sagte: »Ja, ja, du plagst di und schind'st di ganz niederträchti, saufst Wasser und ißt an' Brei. So a Kost is mir in meiner Niedrigkeit z'schlecht. I muaß a Fleisch hab'n, dafür sorgt mei' Bix, und i möcht a Bier, diem (hin und wieder) aa r an' Wein, dafür sorgt halt aa mei' Bix.« Und er sang mit Jodlern untermischt: 10 Gelts, dös wißt's, daß i a frischer Waldschütz bin, Denn das Schießen freut und liegt mir stets im Sinn, Der im Wald und auch am Schrofen Gamsböck schießt, Das die Jaga oft so sehr verdrießt! »Wenn dir aber d'Jaga amal dei' Bix dawuschen?« entgegnete Mathies lächelnd. »Dalaufa kannst d' Gams und d' Reh nit, nacha muaßt halt aa r arbeten, wie unseroans, und nacha wirst es scho' inna, daß der Brei aa guat is, wennst 'n rechtschaffen verdeant hast.« »Mei', d' Arbet hat no' neamd reich g'macht; d' Flößerei scho' gar nit! Mei' Geist steigt höher auffi!« erwiderte der schwarze Görgl. »Höher?« fragte Mathies mit spöttischem Lächeln, »netta gar bis auf 'n Zugspitz?« »Du hast's daraten; bis auf 'n Zugspitz, grad bis auf 'n Zugspitz z'höchst auffi,« versetzte Görgl rasch. Und als ihn Mathies verwundert ansah, hielt er diesen zum Verweilen an, nahm ihn beim Arm und fuhr fort: »Mathies, geh mit, ich mach di reich, daß d' koan Flößer mehr z'machen brauchst im Summa und koan Schindelkluiba im Winter.« »Mach koane Faxen,« entgegnete Mathies und schritt weiter. Der schwarze Görgl aber hielt Schritt an seiner Seite. »Faxen, moanst, san's?« sagte er. »Frag halt dei' Ahnle. Sollt dir die no' nix erzählt habn von der Springwurzel, die ma' oben find't auf 'n höchsten Spitz vom Zug. Da is's verwahrt in ara Felsenspalten und der Zuggeist bewacht's, daß's koa' Menschenkind dareicht. Nur der Greanspecht, d' Elstern und der Wiedehopf wissens z'holen, wenn sie's brauchen, und i bin just auf der Paß gwen, 11 wie's d' mi da unt' troffen hast. Siehgst da, dös rote Tüachl hon i unter an' Baan g'legt, wo i woaß, daß der Specht sei' Nest in a hohl's Loch oben bauen möcht. I hon dös Loch heunt fruah zuakeilt und hon paßt bis nach Sonnenuntergang. Find't nämli der Specht sei' Nest verkeilt, so fliegt er furt und holt d' Springwurzel, sie siehgt aus wie r a große Kreuzspinna, er bringt's im Schnabel daher und sobal er's vor den Holzkeil halt, so springt der raus, wie vom stärksten Schlag trieb'n. Versteckst di und machst, sobal er herg'pflog'n kummt, an' großen Lärm, so laßt er d' Wurzel erschreckt fall'n. Dös g'schieht aa, wennst a weiß's oder a rot's Tüachl unters Nest breitst, drauf wirft er d' Wurzel, sobal er's braucht hat. Nu, und drauf hon i heunt spekuliert, aber es war für heunt umsonst; morgen glückt's mir vielleicht, und hon i d' Springwurzel, nacha sollst 'n schwarzen Görgl kenna lerna.« »I hätt' di für g'scheita g'halten, als an' alt's Wei,« sagte Mathies lachend. »Wirst dös Mandl do nit als Wahret nehma?« »I nimm's als Wahret,« versicherte der schwarze Görgl rasch, »weil i dein' Ahnle glaub; die sagt nix, was nit wahr is – tranri, daß i dös besser woaß, als du, ihr Enenkel.« Mathies errötete über diese Worte. Wußte er ja, daß seine alte Großmutter an den langen Winterabenden im Heimgarten und in der Kunkel mit Vorliebe dem jungen Volke die Märchen und Sagen der Umgegend vorerzählte und daß die Zuhörer, darunter oft auch ältere Leute, das Wunder- und Märchenhafte nicht selten für bare Münze hinnahmen. 12 Der ungeheuere Felsenkoloß, der Zugspitz, welcher ringsum nur mit schroffen, fast senkrecht aufsteigenden Wänden umgeben ist, galt nämlich bis zum Zeitpunkte dieser Erzählung, Anfang der zwanziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, für unbesteigbar; die geübtesten Steiger, die verwegensten Gemsenjäger suchten umsonst seine Zinne zu erklimmen, sie kamen alle nicht weiter, als bis an seinen ersten Kopf am Ende des Plattachferner. Wie sie hier die nackte Spitze fast pfeilgerade in die Höhe springen sahen, entsank ihnen der Mut, und jung und alt bezeichneten es als eine Unmöglichkeit, jemals auf diese Spitze zu gelangen. Zu den natürlichen Hindernissen gesellten sich auch noch übernatürliche, denn das Volk erzählte sich, daß auf der obersten Spitze des Zuges der Zuggeist regiere, der mit Blitz und Erdbeben die menschliche Zudringlichkeit abhalte, seine Felsenwarte zu ersteigen, und vor welchem die Bewohner des Werdenfelser Landes noch mehr Respekt hatten, als vor den steilen Schroffen und Zinken. Wenn sich der schönste blaue Himmel über das Hochgebirge wölbte, verhüllte oft eine einzige Wolke tagelang das Haupt des Zuges, dumpfer Donner dröhnte herab in das Thal und grelles Wildfeuer blendete oft das Auge des mit stillem Grauen hinanblickenden Bewohners der vormaligen Grafschaft Werdenfels, den seine traurige Vorgeschichte gar sehr empfänglich gemacht hatte für den Glauben an Spuk und Zauber. »Schon an' etli Mal,« fuhr der schwarze Görgl zu plaudern fort, »bin i übers Platt und übern Schneeferner hin zur gachen Felswand vor'm Zugspitz. I bin auffikraxelt zwischen zwoa Wänden mit Lebensg'fahr und nimmer hat viel g'fehlt, so hätt' i mei' Ziel erreicht. Da is 13 a fürchterlis Weda kemmn, blitzt hat's und dunnert, und pfiffen und g'saust hat's um mi her, als wenn die ganz Höll los wär, der Zuggeist is's gwen, der mi nit auffi lassen hat; aber i hon a Kreuz um mei' Brust g'hängt g'habt und so hat er mir nit ankinna. D' Händ san ma danart vor Kälten und es is ma nix überblieben, als daß i wieder z'ruck bin auf dem g'fährlichen Steig. Bald hätt i mi dastürzt, i woaß heunt no' nit, wie's mögli war, daß i no' lebendi z'ruckkemma bin. Aber dös schreckt mi nit ab – alloa nimmer, aber wenn i ebban find', der's mit mir probiert, nacha jagt mi koa' Teufl mehr z'ruck, denn daß i den richtigen Aufstieg g'funden hon, dessel is gwiß, und so gwiß als ebbs, steh i no' durt obn, wo 's itz grad so schö' awaleucht – und nacha, Mathies, hat d' Not und d' Sorg an' End.« Und er schickte zu der in Purpur schimmernden Spitze einen hellen Juhschrei hinan. »Und was thuast nacha?« fragte Mathies lächelnd den Gefährten. »Was i nacha thua?« entgegnete Görgl. »Dös Dirndl hol i mir, für dös i ja alles g'wagt hon, dös mi itz vielleicht veracht, weil i a Loder bin, an' armer Teufl. I hons aber schon so viel gern, daß 's mi Tag und Nacht sekiert. Wennst mi nit verratst, dir nenn' i 's; dei' Ahnle woaß 's ja eh, sie hat mir Muat und Ausdauer zuagsprocha und sie is's, die mir zu mein' Glück behilfli is.« »Mei' Ahnle hilft dir dazua?« fragte Mathies etwas erstaunt. »So sag, wer's is; i verrat di nit.« »D' Hand drauf, schlag ein! – D' Bärnafra is's, 'n Ostler sei' Dirndl.« Mathies erblaßte. Mit einem Ruck hatte er seine Hand aus der des Görgl befreit und griff unwillkürlich nach 14 dem Stiel seiner Axt. Nur mit Mühe preßte er den zornigen Ausruf zurück, der schon auf seinen Lippen schwebte. Er überlegte einen Augenblick, während er den tollkühnen Burschen musterte; doch dieser Nebenbuhler schien ihm nicht gefährlich. Mathies fand es daher klüger, sein eigenes Geheimnis nicht zu verraten. »Was hat's dir itz d' Stimm versagt und was bist kaasweiß im G'sicht?« fragte Görgl. »Gel, bist mir halt neidi um mei' Glück? Glaub's gern, du armseliger Floßknecht. So hoch außi kannst du nit denka, solche Gedanka kemma oan nur, wenn ma' z' höchst obn is auf die Berg, wenn's Bixel knallt und der Adler fallt, wenn's Gamsel burzelt übers Gwänd, und diermal aa, wennst mit 'n Enzian oder mit 'n Tiroler dei' miserables Elend vertrinka kannst!« »Ja, ja, dös war heunt dei' Fall,« versetzte Mathies trocken. »Fehlg'schossen!« rief Görgl. »Heunt bin i blank bis in d' Seel eini und dengerscht is mei' Tag; aa mei' Schutzpatron, der heili Georgi, hat mi vergessen, – oder aber sollt er di g'schickt hab'n, daß d' mi mitnimmst zur a Nachtsuppen und an' Glasl Tiroler? Du därfst es nit zwoamal sag'n, geh i mit dir hoam und feier dei' Hoamkehr mit. Woaßt ja voneh, wie gern i um dei' Ahnle bin.« Sie hatten sich inzwischen dem Gebirgsdörfchen genähert und Mathies war in Verlegenheit, was er dem aufdringlichen Burschen antworten sollte. Er dachte soeben daran, sich durch einen Zwanziger von dem Kameraden frei zu kaufen, als er sich von seinem ihm mühselig entgegeneilenden Großmütterchen anrufen hörte. »Büawal, Büawal, kimmst?« rief sie. »Gott sei's 15 gedankt! Und g'sund kimmst, und frisch kimmst? Willkomma, Mathiesl!« Dieser ergriff die hagere Hand der Alten und erwiderte erfreut ihren Gruß. Die alte Mariannl zählte bereits über achtzig Jahre, war jedoch noch ungemein rüstig. Unter den geröteten Augenlidern blickten noch zwei frische, dunkle Augen hervor. Ihr Gesicht, wie ihre ganze Gestalt war sehr hager. Sie trug ein rotes Kopftuch, einen alten, grünen Spenser, einen etwas kurzen, schwarz und rot gestreiften Rock, blaue Strümpfe, und aus Tuchenden zusammengestrickte, sogenannte Flecklschuhe. Die alte Mariannl war »ein brav's, fromm's Leut,« aber auch eine »Fretterin« (Arzneipfuscherin) und war wegen ihrer Sympathiemittel, an welche sie selbst am stärksten glaubte, im ganzen Gau berühmt. »Es hat mir ja g'schwant (geahnt), daß i heunt no' a Freud erleb!« sagte sie jetzt, neben ihrem Enkel hergehend; »'s Messer und d' Gabel san mir awig'fall'n und alle zwoa sans im Stubenboden stecken blieb'n – dös bedeut' an' Hoagast.« »'s Messer is der Mathies und d' Gabel bin i,« mischte sich jetzt der schwarze Görgl, von dem die Alte bis jetzt noch gar keine Notiz genommen hatte, in das Gespräch. »Jeß, du Loder, du bist aa da?« sagte sie. »Verflixt no'mal! gelt, heunt – is ja dei' Tag gwen? Da muaß i di ja glei drosseln Einen drosseln – ihm beglückwünschend um den Hals fassen. und dir Glück wünschen, wennst ebba no' koa' Kraut gessen hast, denn sonst nutzet's nix mehr.« 16 »Drossel nur zua, Mariannl,« erwiderte Görgl lachend; »mei' Mag'n is heunt no' so unschuldi, wie r a neugeborn's Kind; drossel nur zua und gieb mir was Guats z'essen und z'trinken.« »Sollst was haben,« entgegnete die Alte, »kimm nur mit; 'n Mathiesl z' Ehren sollst was kriegen und woltern nix Schlecht's. Aber wie geht's denn dein' kranken Mutter? I bin heunt itta (nicht) hintere kemma zu eam. I moan halt, es mag nit mehr dauern (es wird mit ihr bald zu Ende gehen).« »Mei', mit dera Krankheit wird ma' alt,« entgegnete Görgl nicht ohne Erröten, denn es überkam ihn doch wie Schande, daß er sich den ganzen Tag nicht nach der kranken, hilflosen Mutter umgesehen. »Je nu, wie's kimmt,« versetzte Mariannl, »vor etli Tag hat's um 'n geistlin Herrn verlangt und wer woaß, was ihr da g'schwant hat. Unser Herrgott wird 's scho' richten, wie 's am besten is. Aber Mathiesl, du bist ja ganz maultot, was is's denn mit dir?« Der Angeredete hatte all seine Aufmerksamkeit dem großen Bauernhause zugewendet, in dessen Nähe der Weg vorüberführte. Es war des Bärenmarteles Anwesen, im Gebirgsstil aus Holz erbaut, zweistöckig, mit einem breiten, schindelbeschwerten Dache. An dem oberen Gaden lief eine Galerie hin, die sogenannte Laaben, welche mit teilweise blühenden Blumenstöcken geschmückt war. Ueber diesen Blumen wurde jetzt ein frisches, blühendes Mädchengesicht sichtbar. Es war Afra. Mathies lüftete seinen Hut und rief dem freudig errötenden Mädchen ein »Grüß Gott« zu. Aber auch Görgl that dasselbe. 17 »Siehgst, wie 's rot wird, wenn's mi dablickt?« sagte er leise zu Mathies. »A Staatsdirndl! Wegen dera steiget i in d' Höll eini und nit grad auf'n Zugspitz.« Mathies antwortete nicht. Vor der Wegbiegung warf er noch einen langen Blick zurück und er fühlte wohl, wie auch das Mädchen ihm freudig nachsah. Er konnte sich nicht enthalten, ihr noch einen frohen Juhschrei zuzusenden. Nach wenigen Schritten waren sie an der heimatlichen »Hirwa« angekommen, welche er in Begleitung des ihm sehr ungelegenen Gastes weniger freundlich betrat, als es sonst der Fall gewesen wäre. Der schwarze Görgl sein Nebenbuhler! Es bemächtigte sich seiner ein eigentümlich unangenehmes Gefühl, wenn er den verwegenen und doch wieder so läppischen Burschen betrachtete, und er sagte sich ahnungsvoll: »Dös geht nit ab ohne Unglück, aber vordersamst hoaßt's schaugn und staad sein.« 18 II. Das stille Dörfchen Obergrainau, welches in idyllischem Frieden am Fuße des hohen Waxensteins in einer Höhe von 2700 Fuß über der Meeresfläche liegt und dessen altehrwürdige, zerstreute Gebirgshäuser von Wiesen und üppigen Obstgärten umgeben sind, erfreut sich einer Lage, wie nur wenige Ortschaften im bayerischen Oberlande. Wie da alles froh und tief atmet in der Alpenfrische, umringt von lachenden Fluren! Wie sich das Auge da weidet an den tiefgrünen Teppichen, auf welchen die betauten Frühlingsblümlein nicken! Selbst die Höhe hinan sprießen junge Bäumchen aus den Rissen, üppige Pflänzchen recken neugierig ihre Köpfchen aus den Spalten und feuchtes Moos umgürtet wie ein Samtgewand die Felsengruppen. Für die friedlichen Bewohner giebt es freilich während der kurzen Wintertage keine Sonne, die beiden Bergriesen verdecken sie ihnen von Martini bis Lichtmeß; um so größer aber ist der Jubel, mit welchem die ersten Strahlen wieder begrüßt werden, wenn sie hinüberstreifen über das rauhe Geschröffe, um mit freundlicher Milde hinabzulugen ins tiefe, tiefe Thal. Es ist, als ob an dieses herrliche Plätzchen, von einer Seite von riesigen Bergen umschlossen, von der andern das reizend schöne Loisachthal überschauend, die Sorge und das Unglück der Welt nicht herankönnten; aber das Unheil 19 findet den Weg überall hin, und so hat sich auch dieses freundliche Gebirgsdörfchen durch viele böse Zeiten durchgekämpft. Die ersten Bewohner von Grainau waren Alpenhirten und Jäger, welche ihre Herden fortwährend vor den hier in großer Menge hausenden Bären zu schützen hatten. Noch heute heißt das Revier unter dem Waxenstein die Bärenheimat, und beim Bärenmartele findet man noch zwei Bärenköpfe als Reste jener Untiere, zu deren Ausrottung ein Urahn von Afras Vater ganz besonders beigetragen hatte. Kaum daß sich das Völklein von der Drangsal des dreißigjährigen Krieges wieder erholt, äscherte eine Feuersbrunst den größten Teil des Dorfes samt der Kirche ein. Bald darauf hatte das wiederaufgebaute Dörfchen auch durch Wassernot zu leiden. Am 21. Juni 1788 ging am Waxenstein ein Wolkenbruch nieder, infolgedessen der kleine und unansehnliche Eibelebach, welcher durch das Dorf fließt, zu einem gewaltigen und reißenden Strome anwuchs. Er riß die größten Felsen mit sich fort, verwüstete Felder, Gärten und Wiesen und ließ großes und kleines Gestein mitten im Dorfe liegen. Die Anschwemmung des Gerölls war so bedeutend, daß zwei mitten im Dorfe befindliche nach dem Brande neu erbaute Häuser so verrammelt wurden, daß die Besitzer sie nach kaum neunjährigem Bestehen einreißen und an einem anderen Platze wieder erbauen mußten. Der Eibelebach brachte neues Unheil zu Jakobi 1833 und am 23. Juli 1861. In den Feldzügen gegen Oesterreich wurde Grainau mit Kontributionen, Quartier, Militär- und Munitionsfahren schrecklich belastet. Zu Beginn der Tiroler 20 Insurrektion mußte im Frühjahr 1809 ein Teil der Bewohner bis nach Scharnitz, um die von den Franzosen 1805 zerstörten Festungswerke neu aufbauen und bald darauf wieder zerstören zu helfen. Während des Aufstandes selbst wurden die nahe der Grenze liegenden Ortschaften von Freund und Feind hart bedrängt. Die Tiroler errichteten gegen die Bayern und Franzosen von der Zugspitze an bis hinüber zu der nördlich gelegenen Felsenwand, eine Strecke von dreiviertel Stunden, Pallisaden und verschanzten sich oberhalb des Eibsees. Sobald nun Mangel an Lebensmitteln eintrat, raubten sie das Vieh auf den Alpen oder machten Ausfälle in die nahen Dörfer, bis sie von den Bewohnern wieder hinter ihre Schanzen zurückgejagt wurden. Bei einer solchen Gelegenheit wurde der Vater des Lechner Mathies von der Kugel eines Tirolers getötet. Dasselbe Los traf den Vater des schwarzen Görgl von Hammersbach, und das gemeinsame Unglück jener schrecklichen Tage hatte die beiderseitigen Familien in andauernd freundliche Beziehungen zu einander gebracht. Auch die beiden jungen Burschen hielten mehrere Jahre fest zusammen, bis sie die Verschiedenheit der Charaktere von einander trennte. Mathies wählte die ehrliche, wenn auch schwere Arbeit, Görgl dagegen stieg auf die Berge und suchte seinen Lebensunterhalt im Wildern, wenn sich Gelegenheit dazu bot, sonst aber als Bergführer für die zugereisten Fremden. Als Mathiesens Mutter starb, lebte der Bursche mit seiner Großmutter allein in dem kleinen Häuschen, bis er konskribiert wurde und seine Dienstzeit bei der Artillerie in München zubringen mußte. Er erwarb sich hier das besondere Vertrauen seines Leutnants, Namens Naus, der 21 ihn zu seinem Diener nahm, wobei sich Mathies recht wohl befand. Hätte er sich nicht verpflichtet gefühlt, für den Unterhalt seiner Großmutter, der alten Mariannl, zu sorgen, er wäre gerne noch über seine Dienstzeit als Einstandsmann beim Militär geblieben; aber so war er gezwungen, wieder zur Heimat zurückzukehren. Die alte Mariannl war eine herzensgute Frau, aber, wie schon erwähnt, eine der Fretterinnen, welche mit wunderthätigen Sträuchern und Pflanzen, mit geweihten Amuletten, Glasperlen, Korallen, frommen Denkmünzen und allerlei anderem Aberglauben den Nebenmenschen körperlich und geistig glückselig machen zu können glauben. Fast jedes Dorf im Gebirge hat sein altes, wunderthätiges Weib, das sich aufs »Wenden« versteht, und zu dem man schickt, wenn der »Bader« nicht helfen kann, oder wenn man nicht die Mittel hat, denselben honorieren zu können. Einer der Abergläubigsten im ganzen Werdenfelser Landl war der schwarze Görgl. Ein Feind der Arbeit und des geregelten Verdienstes, hoffte er sein Heil in wunderbaren Dingen, und die alte Mariannl war es hauptsächlich, welche ihn durch ihre Erzählungen immer wieder aufs neue in seinen phantastischen Träumereien bestärkte. So saß er auch jetzt wieder neben der alten Frau, die es sich nach der aus eingeschlagenen Eiern bestandenen Abendmahlzeit in dem belederten Lehnstuhl bequem gemacht hatte, und bat dieselbe, ihm die Geschichte von der Springwurzel und von dem Zuggeist noch einmal recht genau zu erzählen. Mathies wehrte zwar ab und meinte, er solle die alte Frau nicht wegen solcher Kindereien quälen, aber die 22 Großmutter drohte dem Enkel verweisend mit dem Finger, indem sie sagte: »Mathiesl, Mathiesl, du bist mir beim Militari und bei dein Leutnant a rechta Ungläubiger worn; dös is nit guat.« »Mei', Ahnle,« entgegnete Mathies, sich sein Pfeifchen stopfend und sich an das Fenster setzend, durch welches er nach dem soeben über den hohen Eckenberg in voller Pracht heraufsteigenden Vollmonde blickte, »i kann dir koan andern Glauben mehr beibringa, aber dem Görgl wünschet i, daß er no' amal recht aufsitzet, weil er als Mann nit gscheita is, wie r an' alts Wei. I woaß's gwiß, daß an all die dumma G'schichten nix is, und koa' Mensch macht mir mehr mein' Glauben wankend.« »Also glaubst an koan Herrgott und an koan Teufl?« fragte die Alte, die Hände zusammenschlagend. »Freili glaub' i an an' Herrgott,« entgegnete der Bursche. »Wer schicket uns denn sunsten den Herr Ma' (Mond) so schö' auffa und machet dös prachtvolle Zwielicht? Wer schicket uns denn d' Frau Sunn (Sonne) und machet all die Herrlichkeit in unsere schöna Berg? Gwiß glaub i dran. Aber an enkere Teufels- und Geisterg'schichten, an Hexen und Truden, ans wilde G'jaid und all den andern Spuck von die saligen Fräulein, an dös glaub i nit. Mit so was giebt si' a rechtschaffener Kanonier nimmer ab, und Görgl, hättens di beim Militari brauchen kinna, so wärst itz aa gscheita und wärst leicht was bessers, als d' bist.« »Daß d' an koane Truden und Hexen glaubst,« versetzte die Alte, »is woltern rechtschaffen von dir; so was lebt nit. I woaß's ja guat, daß mi meine Feind aa diermal für so ebbas ausschrei'n, als haltet i's mit'n Besenstiel. 23 Ja, mit dem haltet i's schon, kaam mir nur so a Sakra unter d' Händ, wie da is die gschnappi Wagnerin z' Untergrainau, i b'haltet den Besenstiel nacha gwiß nit zwischen die Füß, i nehmet'n schon in d' Händ und – staad, staad – i fang's huasten an, wenn i mi ereifer. Aber was i sag'n will, guate und böse Geister giebt's schon und es giebt aa r a Nachtg'joad. I moan, du kennst die G'schicht, die erst vor etli Jahr 'n Peterl von Garmisch passiert is.« Das berührte Vorkommnis ist folgendes: Beim Gabelwirt in Garmisch war zur Faschingszeit 1815 eine Hochzeit, welcher auch Peter Ostler, genannt »der Peterle«, beiwohnte. Als er nun im Begriffe war, um 11 Uhr nachts nach Hause zu gehen, wurde er von dem stürmisch in der Luft dahinbrausenden Nachtgejaid in die Lüfte gehoben und unsichtbar gemacht. Vergebens durchsuchte man alle Gewässer, Gräben und gefährlichen Plätze der Umgegend, niemand konnte sich dessen Verschwinden erklären. Nun wollten einige in jener Nacht das Geschrei des wilden Heeres gehört haben, und bildeten sich darnach ihre Meinung. Der Peterle blieb zwölf Tage lang verschwunden, dann erschien er plötzlich wieder in seinem Heimatsorte. Man drang nun in ihn mit Fragen, wo er so lange gewesen, aber er gab nur zur Antwort, daß er im Engadin (Kanton Graubünden in der Schweiz) und unter Leuten gewesen sei, die er nicht verstanden habe. Nur mit Mühe sei es ihm gelungen, sich so viel verständlich zu machen, daß man ihm die Lage seiner Heimat angab, die er endlich nach zwölf Tagen wieder erreicht hatte. Mehr vermochte aus dem sonst gut beleumundeten Mann selbst seine Geliebte nicht herauszubringen. Das Geheimnis von diesem Reiseabenteuer ward 1852 mit dem Peterle begraben. 24 »Davon kann a jed's denken, was 's mag,« lachte Mathies. »I denk mir scho' dös recht.« »Und an 'n Zuggeist glaubst aa nit?« fragte der schwarze Görgl den etwas spöttisch dareinschauenden Mathies, »und ans schöne Fraaln vom Waxenstoa' und vom Badersee und an d' Springwurzel? An die glaubst hoffentlich doch?« »Na', an dös alles glaub i nit,« bekannte Mathies abermals. »I kann mi just aa gar nimmer drauf b'sinna, denn woaßt, Görgl, wenn i warten müaßt, bis i auf wunderbare Weis' a Geld und an' Schatz krieget, da kaannt i und d' Ahnle lang verhungern. Hast nit g'hört, wie d' Ahnle g'sagt hat, daß 's Leut giebt, die 's selm für a Hex halten? Frag's, ob 's an' Pfennig außazaubern kann aus ihrer leern Taschen? Der best Zauber auf dera Welt is die redli Arbet, da kriegst an' Vodeanst und b'haltst dei' guat's Gmüat.« »Brav, Büawal, brav!« lobte die Alte freundlich. »I sag's anemal, an mein' Mathiesl is a Pfarrer voluisn (verloren) ganga; aber mei', i bin halt schier z' alt, daß i alles von mir wirf, was i 's ganz Leb'n mit mir rumtragen hon. Und zumal die guaten Geister in unsere Berg, wenn i's aa niermals g'sehgn hon, sie habn mir dengerscht beig'standen in der Grauernis, so liab, so guat, wie's d' Menschen niermals than hätten. Denkt's es no', Buam, wie's anno neune enkere Vatan als tot hoambracht haben? D' Tiroler habn uns 's Vieh von die Alma davo und dem sans nachi. Hintern Eibsee habn's Pallisaden baut g'habt und hinter dene haben's vürag'schossen und enkere Vatan san tot am Platz bliebn. I bin grad unten gwen am kloan Badersee, wo ma etli Geißen versteckt habn, da hat auf 25 unsern Turm auf amal 's Zügenglöckl g'läut, und es hat mir g'schwant, daß a groß's Unglück unser Haus troffen hat. Ja, ja, dös hat mir gschwant. Was sollt aus uns wern, wenn 'n Lechner a Unglück passiert? Bettelleut müaßt ma sein, denn dei' Muatta, Mathiesl, war lang scho' kränkli, i an' alts Wei und du erst 16 Jahr alt. In dera Traurigkeit richt' i mi auf 'n Hoamweg, da sehg i am Ufer vom See hart unter an' Stock, der voller Maiglöckerln war, an' roten Geldbeutel liegen – und in dem Beutel san lauter französische Goldstückln drin, über fünfhundert Gulden, nach unserm Geld. Hon i mir denkt, den Schatz giebst 'n geistlin Herrn, daß 'n wieder z'ruck kriegt, der'n verlorn hat. Und wie r i nacha hoam kemma bin, liegt mei' Suhn tot in der Stub'n, und dei' Vata, Görgl, hint' in enkera Hirwa am Hammersbach. Mei' Gott, dös wißts ja a so. G'sund und frisch san's eini mit die andern Manna vom Gau, da san's ins Fuier kemma und haben's Leben lassen müassen fürs Vaterland. Aa der Bärenmartele drent hat an' Stroafschuß kriegt in Fuaß eini und i möchts woltern b'haupten, hätt' i mi nit um eam angnumma und hätt' eam g'holfen mit meine Salben und Kräutln, er hätt' 'n Brand kriegt und wär aa gstorben. Den Jammer durt, so was lebt nimmer! Itz wär 's Elend erst recht anganga; aber da bringt mir nach etli Monat der geistli Herr dös g'fundne Geldei wieder. Er hat's beim Kummandanten von die Truppen anzoagt, aber neamd hat si' drum g'meld't und da hat eam der den Auftrag gebn, daß er's mir wieder bringa sollt als a kloana Entschädigung für all dös Unglück, was unser Haus troffen hat. Und mit dem Geldei habn ma uns wieder z'sammrichten kinna, und wär' d' Muatta nit gstorbn – unser Herrgott tröst's! hätt' uns 26 soweit nix mehr gfeit (gefehlt). Dös Geldei aber, i laß mir's nit nehma und oft hat's mir aa schon traamt, ob's ebba nit von der Bergsee is vom Waxenstockstoa, die unt' am Badersee an' Eingang hat in ihra Gschloß und die gern dem Unglück Beistand leist'.« »Ah was!« versetzte Mathies, »dös Geldei hat halt a französischer Offizier verlorn, der die Gegend rekognosziert hat, wie ma's auf militärisch nennt.« »Es kaannt si' aber aa r anders verhalten,« meinte der schwarze Görgl, dessen Augen hell leuchteten bei dem Gedanken an die goldgespickte Börse. »Ge, Mariannl, erzählt's die G'schicht von dem Bergfraale und vom Zuggeist, daß 's der ungläubi Thomas durt wieder inna wird, weil er sagt, er hat's vergessen,« bat Görgl die Alte wiederholt. »Von mir aus,« entgegnete diese, »aber z'erst muaß i an' Span ankennten, sunst sitz' ma im Finstern.« »Ah was, zu unserer Arbet sehgn ma schon,« meinte Mathies. »Scheint ja der Ma' so schö' eina in d' Stubn und 's waar schad, wenn ma' sei' Liacht vertreibet.« Dem Mathies war es aber weniger um das Mondlicht zu thun, als um den Ausblick nach des Nachbars Haus. Man konnte von dem Fenster, an dem er saß, nach der Seitenfront des Bärenhofes und nach dem mit Eisenstäben geschützten, kleinen Fenster von Afras Schlafkammer blicken. So war auch seine Aufmerksamkeit während der nachfolgenden Erzählung seiner Großmutter nur auf jenes Fenster gerichtet. Der schwarze Görgl aber lauschte mit Begierde den Worten der Alten, für ihn waren es keine Märchen, in seinem Hirn zuckte es fiebernd, und er schwärmte von goldener Zukunft. 27 III. Die Erzählung der alten Mariannl war etwa folgende: Vor Zeiten hütete ein bildschöner und braver Hirte friedlich eine ihm anvertraute Herde am Ufer des kleinen, waldumgürteten, am Fuße des himmelanstrebenden Waxensteins gelegenen Badersees. Er trug die Armbrust um die Schulter, um sich gegen die Luchse, Wölfe und Bären, welche dazumal das wilde Dickicht an der Loisach und Partnach durchzogen, wehren zu können, niemals aber wagte er es, einem edlen Wilde, am wenigsten den weißen Hirschen, welche öfters, sich zu tränken, an den krystallhellen See kamen, etwas zu leide zu thun, wußte er ja, daß dies die Lieblinge des Bergfräuleins waren, welches in den Felsen des Waxensteins und des Zuges ihr Zauberschloß hatte und mit seinen Schwestern öfters zu Tage erschien, um die Menschen zu beglücken. Da schwebte einmal ein riesiger Geieradler (Lämmer- oder Gemsengeier) durch das Gezweig, der Hirte sendet ihm seinen Pfeil nach und im nächsten Augenblicke fällt eine eigentümlich geformte, spinnenähnliche Wurzel, welche der Aar in seiner Kralle gehalten, zu Boden, während jener pfeilschnell dem Gebirge zuschwebt. Der Hirt erkannte die gemachte Beute sofort freudigst als eine zauberhafte Springwurzel, welche er sich oft im stillen gewünscht. Kaum hielt er sie in der Hand, so öffnete sich der aus dem kleinen See emporragende 28 Felsen und ein wunderholdes Fräulein kam an die lichte Spalte. Von zartem, rosigem Schimmer umflossen, wallte glänzendes Seidenhaar in reicher Fülle über ihren Rücken, ein goldener Gürtel hielt den köstlichen Stoff ihres Gewandes, das mit freundlicher Himmelsbläue die schlanken Glieder umfloß. Ein unschätzbarer Kranz von Edelsteinen leuchtete auf dem Lockenhaupte und zahllose Perlen glitzerten an dem Saume ihres Kleides. In den klaren Augen des zauberischen Wesens lag aber so viel Milde und Güte, daß der erstaunte Hirte bald seines Schreckens vergaß und ohne Furcht zu der schönen Erscheinung hinblickte. Diese lächelte und sagte jetzt mit lieblicher Stimme: »Nimm die Springwurzel und folge mir!« Der Hirte schiffte sich auf einem Baumstamme zum kleinen Felseneiland hin und stieg zu dem Fräulein empor. Das Felsenthor erweiterte sich und, geleitet von der Hand der reizenden Fee stieg der Entzückte in einen unterirdischen, von Gold und Smaragden funkelnden Gang, der tief unter dem See hinführte zum Waxenstein. Kamen sie auf ihrem Wege zu einem Thore oder sonst verschlossenen Gange, so mußte des Hirten Springwurzel sie öffnen. Nach längerer Wanderung gelangten sie in einen unbeschreiblich schönen, hellglänzenden Saal, wo ein zahlloser Geisterchor mit unbeschreiblichem Gepränge den verwirrten Jüngling umgaukelte. In einem zweiten, aus buntglitzernden Edelsteinen gebauten Saale saßen zwei andere Jungfrauen auf goldenen Stühlen, wovon die eine Seide spann, die andere von einer Spule sie abwickelte. An dem Tische, an welchem sie saßen, lag zu ihren Füßen der »Gott sei bei uns«, oder der böse »Zuggeist« in Gestalt eines Geieradlers, machtlos gebunden. Ringsum waren Körbe, 29 angefüllt mit Gold und leuchtendem Edelgestein. Lange weilte er in den glanzreichen Hallen, der leiseste Wunsch fand augenblickliche Erfüllung, und als er sich endlich zur Heimkehr anschickte, sagte die Bergfee zu ihm: »Nimm dir von den Schätzen mit, so viel du willst!« Ohne Zaudern griff er zu und füllte seine Taschen. Die Bergfee aber sprach weiter: »Tief im Höllenthale, wo dröhnendes Gestein den Sturz des Wildbaches verkündet, da sollst du Gold und edles Metall in Menge finden; aber versprich mir, niemand von dem zu erzählen, was du gesehen und nie ein edles Wild in meinem Bereiche zu erlegen.« Der Hirte schwur ihr das zu. »Vergiß das Beste nicht,« mahnte die holde Fee. Der Jüngling hielt hierfür die Schätze und glaubte, sich mit ihnen wohl versorgt zu haben. Es war aber die Springwurzel, die das Fräulein meinte, welche er über seinen Reichtum vergaß und achtlos auf dem Tische liegen ließ. Wie träumend schlug er nun den Rückweg ein; als er jedoch den Eingang am kleinen Badersee wieder erreicht hatte, schloß sich die Felsenpforte dröhnend hinter ihm, um sich nie wieder zu öffnen. Aber in dem unterirdischen Gang, in welchen das Tageslicht eingedrungen, ward dieses festgehalten bis zum heutigen Tage; es schimmert durch die krystallenen Wände und spiegelt im kleinen Waldsee den Glanz der blauen und grünen Edelsteine wieder, jedes Auge entzückend. Und rings um den See, wo sonst nur Wildnis herrschte, erblühten die prächtigsten Maiglöckchen, deren herrlicher Duft dem reichen, aber doch von unstillbarer Sehnsucht erfüllten Hirten gar oft die Sinne berauschte, wenn er 30 bittend und klagend nach dem kleinen Felseneiland blickte, das ihm verschlossen blieb, weil er die Springwurzel über dem Reichtum vergessen und nun keine solche mehr zu finden vermochte, so viel er sich auch Mühe gab. Der im Bergessaale zurückgelassenen Springwurzel dagegen hatte sich, man weiß nicht wie, der Zuggeist bemächtigt, welchen die Bergfee in ihrer Gewalt hatte. Es gelang ihm, sich mittelst derselben einen Weg durch den Wetterstein zu bahnen und an der obersten Spitze des Zuges an das Tageslicht zu gelangen. Hier hielt ihn das Machtwort der erzürnten Fee gebannt. Er hatte die Wahl zwischen der Rückkehr in die Gefangenschaft oder in den brennenden Pfuhl der Hölle. Da bat der Böse, der zu keinem Lust hatte, ihm auf der Zugspitze so lange ein Freiasyl zu gönnen, bis dieselbe von Menschen erstiegen würde – er meinte damit auf immerdar. Die Bergfee willigte ein, jedoch durfte er die Springwurzel nie wieder gebrauchen, sondern mußte sie in einer Felsenritze der obersten Zugspitze niederlegen. Und weiter lautete das Machtwort der Fee, daß er seiner Freistatt verlustig sein sollte, und wieder zur Hölle müsse, sobald, wie er selbst bestimmt, der erste Mensch die Felsenspitze betreten hätte, dem sodann die Springwurzel als Eigentum zufallen sollte. Der Zuggeist war dies wohl zufrieden und umgab seine Hochwarte mit unübersteiglichen Hindernissen. Der liebeskranke Hirte konnte aber seines Reichtums nicht froh werden und der goldenen Schätze im finstern Höllenthale hatte er ganz vergessen über der Sehnsucht nach dem holden Bergfräulein in dem Zauberschlosse. Monde vergingen ihm so in größter Aufregung, da warf ein heftiges Fieber den Jüngling auf das Krankenbett. Mit 31 zärtlicher Sorgfalt pflegte die Mutter den Leidenden und durchwachte manche Nacht an seinem Schmerzenslager. Die sonderbaren Enthüllungen des Fieberkranken erregten bei dem guten Weibe mancherlei Besorgnis. Mit herzlichen Worten drang die bekümmerte Mutter in ihren Liebling, und dieser offenbarte endlich sein ganzes Geheimnis. Wohl genas er wieder, aber das Unglück verfolgte ihn von der Stunde jener Enthüllung an unaufhörlich. Sein Reichtum wurde ihm geraubt, seine Herde von wilden Tieren zerrissen, alles Elend kam über ihn. Sehnsuchtsvoll blickte er oft nach dem verschlossenen Eingang in die Geisterwelt. Weinend bat er die Fee um Verzeihung, aber da half kein Flehen, und traurig blickte der Verlassene auf das regungslose Gestein im krystallenen Waldsee. Da gedachte er des Reichtums am Höllenthor. Mutig kletterte er in die grause Wildnis, und schon sah er es funkeln und blitzen das edle Metall. Noch ein kühner Sprung und der Jüngling war wieder reich. Gierig griff die Hand nach dem unermeßlichen Schatze, siehe, da verblich der Glanz, und das Gold wandelte sich in fahles Blei. Das teuflische Hohngelächter des Zuggeistes drang aus allen Rissen und Spalten, und vertausendfacht durch ein tückisches Echo hallte es lange fort in der Schlucht des Grauens. Entsetzt floh der Hirt den Höllenspuk, vernichtet, aller Hoffnungen bar, kam er ins Thal herab. In seiner Brust erwachte die Rachelust. Er griff nach seinen Waffen und irrte, spähend nach edlem Wilde, im Gebirge umher. So kam er an die schauerlichen Ufer des dunklen Eibsees. Ein weißer Hirsch flüchtete sich hierher und dem schroffen Felsenabsturz des Zugspitzes zu vor seinem tödlichen Pfeile. Der Schütze folgte ihm und mit funkelnden 32 Augen sandte der kecke Jäger das scharfe Geschoß auf das flüchtige Tier. Im nämlichen Augenblick aber erbebte die Erde, die Felsen wankten, der Boden wich unter den Füßen des entsetzten Jünglings. Ein furchtbarer Abgrund verschlang ihn und ungeheure Wasserstrudel, die donnernd aus den Klüften brachen, deckten den Unglücklichen. Auf einem Vorsprunge des Zuges aber stand in verklärter Schönheit das Bergfräulein und legte schützend die Hand auf seinen Liebling, den gefährdeten Hirsch. Mit trübem Blicke sah die Zaubergestalt auf das wilde Wasser des so entstandenen Frillensees, der nun über den Treulosen flutete, dann kehrte sie traurig zurück in ihr Felsenschloß. Kein menschliches Auge hat sie jemals wieder gesehen. Nur von ferne wollen einige in lauen Mainächten, wenn das Silberlicht des Mondes die trotzigen Felsenhäupter umflirrt, an den Ufern des blaugrünen Badersees Harfentöne und Gesang vernommen haben, den Frühlingsreigen der Elfen begleitend, und die massenhaft den See umblühenden Maiglöckchen geben dazu das Geläute, so silberhell und rein, daß Herz und Sinn davon ganz wundersam gefangen werden. Der Zuggeist aber bewacht nach wie vor seine Felsenwarte, und niemand wagt es, dieselbe zu ersteigen und sich die zauberhafte Springwurzel, welche den Weg zu den geheimnisvollen Schätzen des Felsengebirges öffnet, zu holen. – – Den schwarzen Görgl überlief es eiskalt bei dem Gedanken an den schauerlichen Frillensee hinten in der Wildnis und gleichsam zu seiner eigenen Ermunterung sagte er: »I, i wißt's gwiß, krieget i so an' Reichtum, mei' Bix 33 werfet i weg und d' Gams und d' Hirsch und d' Reh – mir laufetens guat.« »Laß's heunt schon laufen,« sagte Mathies, »i rat dir's guat.« »Ja, ja,« bestätigte die Alte, »dessel moan i halt aa, und itz is's Zeit, daß i schlafen geh; und für di, Görgl, is's Zeit, daß d' auf hoamzua roast, moanst nit aa? Dei' kranke Mutta wird di sehnsüchti dawartn. Da bring ihr in dem Flaschl an' Schluck Tiroler mit, der thuat ihr wohl und morgn kimm i scho' und bring ihr wieder ebbs. Grüaß mir's derweil'.« »Ja, ja,« entgegnete Görgl aufbrechend, »i hon aber no' unterschiedliche Gschäft. I möcht morgn in aller Fruah an' Auerhahn verhörn und muaß mei' Bix suacha, die in ara Felsenspalt am Steig zum Badersee versteckt is. Der Herr Ma' macht mir 's ja leicht heunt. Und no' ebbas stecket mir ganz sakrisch im Kopf. Gasseln möcht i gehn bei der Afra drent, i woaß an' etli Reim, und auf meiner Mundharmoni möcht i ihr a lustigs Stückl blasen zum Guatnacht.« »Dös wirst bleibn lassen!« rief Mathies, sich vergessend. »No', no',« sagte die Alte, »er soll nur thoa', was er für guat halt. D' Afra möcht eh den ebba kenna lerna, von dem i ihr schon so viel erzählt hon, wie viel gern er's hat, weils 'n halt aa von Herzen gern hat, so arm er aa gegen sie is.« »Gschwaatz!« rief Mathies. »Wie kann's denn ebban gern habn, den 's nit kennt?« »Ja no', sie denkt si 'n halt. Der Görgl kimmt diermaln her zu mir in Hoagast, no', und da denkt sie si' halt, 34 es wird schon der Görgl sei'. Wahr is 's schon, Görgl, du bist a recht nütznutziger Loder, so was lebt nimmer, und i thua's nur dein' unglücklichen Vater z' liab, den i recht gern g'habt hon, weil er gar so rechtschaffen und der best' Spezi von mein' Suhn gwen is, ja, nur dem z' liab hilf i dir, daß d' Afra kriegst, wenn der alt' Brummbär, der Bärenmartele, nit unübersteigli is, wie d' Zugspitz obn. Aber mei', für jeden Menschen giebt's a Springwurzel und d' Hauptsach is d' Kurasche!« »Die hon i!« rief Görgl, »und wer mir in Weg kimmt, um den is's gschehgn. Schon heunt steck i meine Huifedern vür. Solls ebba probiern, mir's awi z' schlagn!« »Ho, ho!« rief Mathies, »nimm dei' Maul nit gar so voll, es künnt dir ebba wer in Weg kemma, mit demst nit so schnell ferti wirst.« »Moanst, i streit mit dir?« antwortete Görgl. »I hon da z' trinka kriegt, dafür sag i Vergelts Gott! Du Fretter traust dir freili nit so hellaus (hoch hinaus), drum bleibst aa r an' armer Teufl. Guat Nacht itz mitanand, bald kehr i wieder zua und bin i amal da drent der Herr, nacha halt ma guate Nachbarschaft, dös soll a Thatsach sein! B'hüt Gott!« »Unser Herrgott b'schütz di!« rief ihm die Alte nach. »Der Teufl soll 'n b'schützen!« rief Mathies. »Aber Ahnle, was machst du für a dumme Gschicht. Den Loder zu der Afra richten? Dös is ja doch aus der Weis'!« »Aber warum denn nit?« fragte die Großmutter. »Is ja sei' Vater so brav gwen und –« »Ahnle,« unterbrach sie der Enkel, »i will dir nur a paar Wörtln sagn, damitst einsiehgst, was d' für a Dummheit g'macht hast. I selm hon ja d' Afra gern, mei' Schatz 35 is 's, wir halten 'zam wie Stahl und Eisen und mag's gehn, wie's geht. Ja, hast denn dös niermals gmirkt?« »Allmächtiger Vater!« rief die Alte, die Hände zusammenschlagend und sich setzend, denn diese Nachricht war ihr durch alle Glieder gefahren. »Du, Mathies, möchtst d' Afra? Und i hon's 'n Görgl versprocha! I bin halt an' alt's Wei! Laß mi ins Bett geh'n und kennt koa' Liacht mehr an; i bin völli rot vor Scham. Aber mei', warum hast aa nit gschnauft davon? Gelt, itz hast an' rechten Fastidi (Verdruß) auf mi? Ui jegale, ui jegale, was bin i für a zwiders, alt's Wei!« Und sie brach in Thränen aus. Mathies aber sagte: »Tröst di nur, Ahnle, d' Lieb von zwoa junge Herzen kann an' alt's Wei glücklicherweis' nit z' Grund richten. Vordersamst bleibt's aber no' a G'heimnis, bis die recht Zeit kimmt.« »I bet schon, daß's kimmt!« versprach die Alte. »Dös kannst und sollst, Ahnle,« meinte Mathies; »aber aa staad muaßt sei'!« »Mathiesl, kannst mi denn no' leiden?« fragte die Alte unter Thränen. »I hon ja auf dera Welt sunst gar nix mehr, als dei' Liab, gelt, du nimmst mir's itta no' etli Schritt vor'm Grab? Gelt, du laßt mir's no'?« »Guat's Ahnle!« erwiderte der Enkel, indem er ihr Hand, Kopf und Wange streichelte. »Itz aber ruahsama Nacht! Es wird schon recht wern, laß nur mi alloa' handeln, ehrli und redli'.« »Geb's Gott! Mathies, gute Nacht, und die heili Dreifaltigkeit nimm di in Schutz, di und d' Afra!« Sie wollte soeben ihre Liegerstatt aufsuchen, als sie durch ein unerwartetes Ereignis davon abgehalten wurde. 36 IV. Ein leises Klopfen ertönte am Fenster gegen den Obstgarten zu und zugleich rief eine Stimme: »Mariannl, seid's no wach? I bin's, d'Afra. Für'n Vata müaßts ma ebbas geb'n.« Schon beim ersten Worte hatte Mathies Afras Stimme erkannt und er eilte durch die Küchenthüre hinaus in das Gartl. »Ahnle, mach a Liacht und leucht!« rief er im Abgehen der Großmutter zu. Die Alte aber rief, dem Mädchen antwortend: »Afra, kimm nur eina, i bin no' hechtenfrisch heunt; kimm nur und schalt und walt über mi.« 37 Hastig trippelte sie zu der Anricht neben dem Ofen, nahm das Zunderschüsselchen, steckte ein dünnes, beschwefeltes Hölzchen in die Glut und zündete damit den in der eisernen Gabel des dreifüßigen Gelters befindlichen Buchenspan an, dessen grelles Licht das soeben mit Mathies Hand in Hand eintretende Mädchen beleuchtete. Afra war ein Mädchen von etwa zweiundzwanzig Jahren, von mittlerer Größe und kräftigem Wuchse. Ihr üppiges, braunes Haar war in Flechten um den Kopf gewunden. Sie hatte ein rundes, volles, dunkelfarbiges Gesicht mit einem etwas stumpfen Näschen und hochschwellenden purpurroten Lippen; frisches Rot schimmerte auf ihren Wangen, große, blaue Augen blickten lustig in die Welt hinein. Ihren Oberkörper bedeckte der sogenannte »Leibhansl«, eine ärmellose Jacke aus rotem Leinen, zunächst am Hemd getragen, deren Oberteil mit grüner Seide bordiert und mit drei Silberfiligranknöpfen geschlossen war. Ein mäßig kurzer Wollenrock, eine blauweiße Leinwandschürze, blaue Strümpfe und ausgeschnittene Schuhe vervollständigten ihren Anzug. Die weißen Hemdärmel ließen den Vorderarm frei. »Dirndl,« rief ihr die Alte entgegen, »du kimmst ja heunt no' grad daher, als wie r an' Engel, der Trost spend't.« »I wär nit kemma, wenn's nit der Vata extri wolln hätt', und daß's glei wißt's, warum, so soll enk sagn, daß er heunt in aller Fruah auf der Auerhahnbalz war drent am Risserkopf, beim Aufprung is er am Schnee ausg'rutscht, is über a kloans Wandl gfalln und hat si' dabei sei' rechte Achsel verrenkt.« 38 »O mei', o mei', da kriegt er ja an' großen Wehthoa'!« rief die Alte. »Er braucht 'n nimmer z'kriegn, er hat'n schon, daß er'n schier nimmer aushalten kann. Alles ham ma scho' probiert, aber es nutzt halt nix. Da hat der Vata g'moant, leicht daß d' Mariannl ebbas wißt, was da helfet, gehst ummi und fragst es und zahlst 's guat, wenn's nur ebbs is, dös glei hilft.« »Natürli!« rief die Alte, »i soll schon helfa kinna, ehvor er si' no' ebbas tho' hat.« »Aber nix »Hockes Pockes,« hat der Vater g'sagt, dürf's sei'; an so ebbas glaubt er nit; heringegen a Salbl oder a Saftl, dös 'n Schmerz stillt, so was gebt's mir.« »Afra, da brauch ma's alt' Ahnle nit,« sagte Mathies. »Dei' Vata soll si' mit an' Soafageist (Seifengeist) einreib'n, i hon no' a halbe Flaschen voll; i hon mir z'naachst beim Flößen d' Hand verstaucht und in ara raschen Weil is's wieder guat worn. 's Ahnle hat mir den Geist ang'setzt, und i muaß's sagn, helfa thuat er.« »Warum soll er denn nacha nit helfen?« fragte die Alte. »Aber fünf Vataunser müassen dazu bet' wern, dös sag dein' Vatan, sunst kann i nit guatstehn dafür, daß er g'wiß hilft.« »Muaß dös sei'?« fragte Afra lächelnd. »Dös muaß sei'!« behauptete die Alte, »und die nutzen aa. Moanst ebba, i hör dein Vata nit alle Teufl aus der Höll außa sakramentiern? Die Manna, und b'sunders dem sei' Geduld kenn' i! Und auf die Weis' dahitzt er si' und der Wehthoa' wird alleweil irger. So lang' als er die fünf Vaterunser bet', muaß er si' anständi aufführn, därf nit sapprementiern, und dabei kimmt er von selm drauf, 39 daß's besser is, er laßt der Kranket sein Verlauf nehma und giebt si' in sei' G'schick. Gel, so ebbs is enk junge Leut nit eingfalln, auf so ebbs muaß an' alts Wei erfinderisch sei'. So, itz wißt's es, 's Beten schad't nix, aber nutzen thuat's.« »Ja, ja, Muatterl, ös habts recht,« bekannte Afra. »I werd' alles getreuli ausrichten.« »I gieb dir scho' no' ebbs mit, a Salbl, mit dem er si' dazwischen einschmiern soll. I hol's glei eina aus der Kammer, verhalt di nur a kloans Weilerl.« Damit entfernte sie sich. »Afra,« begann jetzt der Mathies, »wennst wißt, was für a große Freud für mi is, daß i dir heunt no' an' Grüaß Gott sagn kann, und wie viel gern i in der Fremd an di denkt hon!« Afra errötete, aber sie zog ihre Hand nicht zurück, als der Bursche dieselbe ergriff. »Bist awi kemma bis auf Wean?« fragte das Mädchen, »und is's dir alleweil guat ganga?« »Nix hat si' gfeit,« entgegnete Mathies; »mentisch kalt is's freili no' gwen aufn Wasser, und aufn Floß hätt'n ma öfters schneeballn kinna, aber was geniert so ebbs unseroan? Rechta Zeit is mir scho' wieder hoaß worn und nit alloa durchs Arbeten, aa durchs Sinniern, woaßt, wenn i an di denkt hon, Afra. Du woaßt es ja voneh, i hon di halt so viel gern, Dirndl, daß i's nit dasagn kann.« Er zog sie näher an sich. »Mathies!« rief das Mädchen, wie abwehrend, aber ihre schönen, blauen Augen hatten sich befeuchtet und hingen mit zärtlichen Blicken an dem ehrlichen Gesichte des jungen Burschen. »I vergiß's nit, daß i nix bin als a Schindlkluiba 40 (Schindelschneider) und a Floßknecht,« fuhr dieser fort, »aber derntwegen muaß mi dengerscht die ganze Welt achten. Freili hätt' dei' Vata mehr Respekt vor mir, wenn i, wie er, die ganz Wocha auf die Berg rumsteiget und die Gamseln nachjaget, mit oan Wort: wenn i a flotter Jaga waar. Aber dazua hon i halt's Geldei nit und aa nit 'n Sinn. I verdean mir bei mein' Gschäft aa r a schöns Stück Geld, und hon i so viel beinand, daß i moan, i könnt reden davon, nacha kimm i schon auf d' Frei. Ehnda soll dei' Vata nix inna wern und aa neamd anders. I woaß, du haltst aus, Afra, du bleibst mir treu.« »Gwiß!« versicherte das Mädchen; »mei' Herz und mei' Leb'n g'hört dei' sitta denseln Tag, wo's unsere Vatan vom Eibsee z'ruckbracht hab'n. Der dei' war tot, der mei' am Sterben. Woaßt es no', wie's d' Bleameln brockt hast zu an' Kranz auf dein' Vata sei' Bahr? Da hon i dir brocka helfen und hon mit dir recht bitterli woana müassen.« »Und da hast g'sagt zu mir,« unterbrach sie Mathies, »wenn i nur wißt, hast g'sagt, mit was i dir dein' Schmerz erleichtern kunnt. Alles, alles gebet i dir. Da hon i dir d' Thräna von die Wanga g'wischt und hon g'sagt: dös Schönst hast mir schon geb'n, dös san die Thräna, die's d' um mein' Vata woanst. Mei' Lebta werd' i dir die nit vergessen. Und wie's mi nach etli Jahrln g'holt hab'n zum Militari, wie's eini is ganga ins Frankreich – du bist scho' sechzehn Jahr alt gwen – wie i dir dort d' Hand geb'n hab zum Pfüat Gott, da hast wieder gwoant, um mi hast gwoant, und an dieseln Thräna hab i denkt, wenn i neben meiner Kanona dahin marschiert bin, und in die Schlachten von Brienne, Bar sur Aube und Arcis sur Aube.« »Da hon i aa an di denkt,« fiel Afra lebhaft ein, »und 41 für die bet' und mi g'sorgt; mein Gott, was für a schreckliche Zeit is dös gwen! Was für a Jubel aber is's aa worn, wie's ghoaßen hat: der Frieden is gstift. Wie's alle Glocken g'läut hab'n zum Dankfest und von allen Spitzen rundum d' Freudenfeuer g'leucht hab'n, o mei' Mathies, da hon i halt aa wieder gwoant vor lauter Freud, hon i dengerscht gwußt, daß d' g'sund wieder kimmst in d'Hoamat! Und wie r i di wieder gsehgn hon zum ersten Mal, da hon i nimmer gwoant, da hon i freudi g'lacht und stolz bin i gwen auf di, wie i gsehgn hon, wie alles Respekt hat vor dir und wie hoch daß d' g'acht bist. Selm mei' Vata hat als Gmoavorstand a Ansprach an di ghalten, daß d' Obergrainauer stolz sei' kinna auf di und alle, die mitkämpft hab'n als brave und tapfere Boarn (Bayern).« »Ja, durt is unseroana freili hoch angsehn gwen,« versetzte Mathies, »und i hon mir's schier selber einbildt, wenn i mei' Zeit z' Münka abdeant hon, braucht's weiter nix, als zu dein' Vatan z'sagn: gieb mir dei' Afra zum Wei! Aber da hon i mi schö' gschniden. Mit'n Jubel und der Herrlichkeit is's, wie mit'n Schampani (Champagner), den ma drinn z' Frankreich trunken habn. Wennst d' Flaschen aufthuast, knallt's und saust's und braust's, daß's grad a Freud is, aber's dauert grad a kloans Weilerl, nacha is's wieder gar. Wie ma z'ruckkemma san vom Feldzug, da haben's mit uns tho', als wär' a jeder von uns a Küna; Vivat hoch! habens gschrieen und grad gstopft habens uns mit Fleisch und Nudeln; etli Monat später aber habens uns kaam mehr unser Kommißbrod vogunnt. Und gehst itz auf der Landstraß mit dein Packl über der Achsel in Urlaub, so haltens di nit viel höher, als an' Bedlmo' (Bettelmann) – bist halt a gmoana Soldat! Und aa dei' 42 Vata hat umg'sattelt. Wie r i vorigs Jahr wieder auf ständi hoamkemma bin, da hat er a ganz andere Ansprach an mi g'halten, wie durt glei nach'n Krieg. »Du bist a Kloanhäusler,« hat er gsagt, »'s Arbeten, dös ma beim Militari vergißt, wirst wieder g'wöhna müassen, wennst di ehrli durchschlagn willst durchs Lebn und mit der Gmoa'polizei guat auskemma magst. Mach der Gmoa koa' Schand!« No', i moan, da hat er si' a unnütze Sorg gmacht, aber verteufelt hat's mi gfuchst, daß er si' a so gwendt hat.« »Aber i hon mi nit gwendt,« versicherte Afra, »i hon di angschaut mit dieseln Augn, die durtmals unten im Wiesengrund für di so bitterli gwoant habn, die dir nachigschaut habn, wie's d' furt bist als Rekrut und die g'leucht' habn vor Freud, wie's d' g'sund wieder kemma bist. Und mit denseln Augen schaug i di no' itz an, und da hast mei' Hand, i halt aus für di, unser Zeit wird kemma, gwiß, gwiß!« »I nimm dei' Hand,« sagte Mathies gerührt, »aber nimm no' ebbas anders, daß 's an' festen B'stand hat – da –« Mathies hatte längst den Arm um das Mädchen geschlungen und indem er es jetzt zärtlich an sich preßte, drückte er ihr einen herzhaften Kuß auf die schönen Lippen. »He, he, he, he! langsam!« rief jetzt die Großmutter. »Ja, was waar denn itz dös?« »Dös war a Bussei!« erwiderte Mathies lachend, »meiner Seel, 's erste, dös i mein' liaben Dirndl gebn hom« – Afra war über und über rot. »Itz hat d' Ahnle alles g'hört,« sagte sie verlegen. »Natürli,« entgegnete diese; »i steh ja scho' an' etli 43 Weil wieder in der Stub'n, aber vor lauter Dischkurs habt's mi nit ghört und gsehgn. Wie's aa is, dös därf mir in meina Hirwa nimmer gschehgn, dös leid i nit, na', dös leid i nit! Afra, da hast's Salbl; i moan, es is gscheita, i begleit' di ummi in dein' Hof. Du muaßt mi halt untern Arma nehma, denn nachts sehg i nit guat. Aber oa' für allemal, i leid da koa' Karrassiern (Liebeln) unter meine Aug'n.« »Aber Muatterl,« schmeichelte Afra, »ös habt's ja selm alleweil davon g'red't, daß mi a junger, aber armer Bursch so viel gern hat –« »Ja, dessel scho', aber i hon ja gar nit an mein' Mathiesl denkt, an den hon i gar nit denkt,« platzte Mariannl heraus. »Also habt's an' andern in Sinn ghabt?« fragte Afra etwas neugierig. »Freili hat's dir an' andern aufschwatzen wolln und was für oan, an' rarigen!« »Därf ma's wissen, wen?« fragte das Mädchen. In diesem Augenblicke hörte man in einiger Entfernung die Töne einer Mundharmonika. »Hörst,« sagte Mathies, sie ans Fenster führend, »der is's durt, der grad bei dir 's Gasseln probiert, der schwarz Görgl!« »Jeß Maria!« rief Afra lachend, »o mei' Ahnle, wo habt's da enkere Augen g'habt!« »Seid's staad!« gebot Mathies, »daß ma hörn, was er unter dein' Fenster z'stand bringt; d' Bleamlstöck wern si' drüber freu'n! I lösch's Liacht aus, daß er uns nit siehgt.« Er that, wie er gesagt. Der helle Mondenglanz drang 44 in die kleine Stube, an deren offenem Fenster nun die Alte, und Hand in Hand das liebende Paar dem Spiele und den Gasselreimen des schwarzen Görgl lauschten. Die Gasselreime sind keine eigentlichen Lieder, sondern nur vor dem Fenster eines Mädchens mit veränderter Stimme herabgemurmelte Reime, meist aus dem Stegreif, welche die Stelle eines Ständchens vertreten. Sie sind gewöhnlich in einer mysteriösen übertriebenen Sprache verfaßt und so lang, daß oft eine Viertelstunde zum Hersagen nicht ausreicht. Je länger sie sind, für desto schöner werden sie gehalten. Dabei sucht der Bursche seine guten Eigenschaften zu verringern, sich zu »verkleinern«. Der Reiche jammert, daß er arm, der Kräftige und Hübsche, daß er schwach und abscheulich, der Witzige, daß er dumm sei, und der Dumme macht sich noch »dulkata«, als er in Wahrheit ist. Dann folgen die Versicherungen der Liebe, untermischt mit Drohungen, daß er sich eine andere suche, wenn ihn sein Liebchen nicht bald erhöre. Dieses alles geschieht in einer eigentümlichen Gesangsmalerei, wie es denn überhaupt die Gebirgsbewohner lieben, ihre G'sangeln und Lieder in überraschend urwüchsige Poesie zu kleiden. So vernahmen die Lauschenden, welche nur mit Mühe ihr Lachen zurückhalten konnten, folgende von Görgl gesungene Gasselreime: »Goa weit kimm i her Üba Berg und Thal, Üba Gräbn, üba Zäun Zua dei Fensta a Mal. So viel Stern in da Höh, So viel Tropfa in See, So oft grüaß i di schön, Laß mi nit gar lang stehn. 45 Geh her da zum Fensta, Hon a Wort, a zwoa z'redn, Will di fragn a kloans bisserl Vawegnam heiraten wegn. Bin a Bürschei, a g'steifts, Hon a Stirk und a Schneid, In da ganzen Revier Is koa' Bua, der mi keit. Und Felder und Äcker, Potzschlagaralend! Möcht no' so lang ackern, I kaam auf koa' End. All's dick und schönmächti Steht da Sternwoazn draaf, Brauch'n nit amal anz'saan. Von selber geht er aaf. Hon a Haus, wie r a Gschloß, Goa hoch obn auf der Höh, Mitm Dach hängt's in Nebel Und da Grund steht in Schnee. Halt Ochsen und Kalma Und Schaf nach der Wahl, Und Rösser und Küah Auf der Woad und in Stall. Und Ehhalten hon i, Woaß gar nit, wie viel, Weil i allemal irr werd, So oft i's zähln will. Wurst dö randögstö Bäurin Ummadum in da Geg'nd, Weils söche koa giebt, Dö ma's nachmacha mög'nd.« 46 Die folgenden Reime besangen, wie schön sie sich kleiden könne »in Seide und Manchest«, wie köstlich sie speisen und faulenzen könne, dann fuhr er fort: »Aber iatz muaß i aufhörn, Es wur da sunst z'viel, Hör di ehnda scho' pfui'getzen Hinta da Hühl. Geh her da zum Fensta, Sag na', oder ja, I geh ehnda nit weida, Bin grad deswegn da. Magst aber nit hergehn Und laßt mi nit ein, Wir i dengerscht a lebfrischa Gasselbua sein. Wir's sein und wir's bleibn, Du bist nit alloa', Und es wird nit a Niadö So haochgsecha thoa'.« Mit einem tüchtigen Schnaggler beendete der schwarze Görgl seine Serenade. Die ihn Belauschenden hatten sich alle Gewalt angethan, dieselbe nicht durch ihr schallendes Gelächter zu unterbrechen, jetzt aber hielten sie es nicht mehr zurück. Der schwarze Görgl hörte das Lachen zwar, doch machte er sich wenig daraus, denn er erriet nicht, daß gerade Afra es war, die von ihm so hoch Besungene, welche ihn am meisten auslachte. Sein kräftiger Juhschrei tönte empor an der Waxensteinwand, über welche infolge eines leichten Föns fast unausgesetzt die Schneelahnen herabrieselten, welche ein Getöse verursachten, als stürzten mächtige Wasserfälle von den himmelhohen Felsenwänden nieder. 47 »Es wird aper,« sagte die Großmutter, »der Lanks (Lenz) kimmt mit G'walt. Gott gieb, daß er enk zwoa a Glück bringt, daß's enk g'hörts fürs Lebn, eh der Hirgst (Herbst) die Blattln wieder furt waaht. Itz aber geh, Afra, dei' Vata hat lang gnua warten müassen.« Die Liebenden sagte sich herzlich gute Nacht, dann ging die Alte mit Afra durch den Garten dem Bärenhofe zu. Mathies versprach, im Garten auf seine Großmutter zu warten. Er geleitete die sich Entfernenden mit liebenden Blicken. Dann sah er nach dem ihn umgebenden Gipfelmeere, welches das silberne Mondlicht zauberisch umflirrte und ihm das Ansehen gab, als wären die Massen aus reinem Gold und Silber, besäet mit Millionen hellglitzernder Edelsteine. Mathies schwelgte in diesem lang entbehrten Anblick. Die Gedanken aber, welche sein Herz dabei bewegten, faßte er in dem Schnadahüpfl zusammen, das er leise vor sich hin sang: Und waarn dö Berg ummadum Voll guldin Erz – So waarn 's grad a Danderling Z' gegn a treu's Herz. 48 V. Der Bärenmartele war über das lange Ausbleiben seiner Tochter in der That im höchsten Grade unwillig. Die Schmerzen an der Achsel steigerten sich von Minute zu Minute, er konnte nicht liegen und sitzen, und stöhnend schritt er, den Arm in eine Binde geschlungen, in der großen Stube hin und her. Diese war durch einen Buchenspan erhellt und zeigte von bäuerlicher Wohlhabenheit, welche man dem im Gebirgsstile erbauten Hause auch schon von außen ansah. Die Grundzüge dieses Baustiles sind der daran überwiegende Holzbau, das Flachdach und der das obere Stockwerk rings umgebende Söller. In seiner inneren Einrichtung giebt solch ein Haus das übliche Gelaß, bestehend in Küche, Stube und Stall, hie und da auch noch ein Nebenstüblein im Erdgeschoß, in der eigentlichen Kammer, dem Schlaf- und Prunkgemach des Hausherrn und seines Weibes, nebst den Nebenkammern für Kinder und Gesinde im oberen Stocke. Der Hinterteil des Hauses enthält die Räume zur Unterbringung der Erntevorräte und die Dreschtenne, oft auch die Ställe. Des Bärenmartele Stube enthielt außer dem allgemein Ueblichen noch andere auf das Weidmannsleben seiner Vorfahren bezügliche Gegenstände. Da hingen an passender Stelle prächtige Hirschgeweihe und Gemskrückeln, vor allem aber fielen zwei große Bärenköpfe auf, Trophäen der Urahnen, welche, wie schon erwähnt, als Hauptjäger im 49 Werdenfelsschen gerühmt waren. Zwei alte Kugelbüchsen, ebenfalls alte Erbstücke, flankierten die Bärenköpfe. Des jetzigen Besitzers Büchsen und Jagdgeräte hingen in einem eigens hiezu aufgestellten hölzernen Kasten. Hier nun residierte der weit und breit bekannte Bärenmartele, oder, wie er eigentlich hieß, der Bauer Martin Ostler. Das edle Weidmannswerk betrieb er nur aus ererbter Passion und er hatte zu diesem Zwecke vom Staate ein großes Jagdgebiet in Pacht. Sein eigentlicher Stand war der eines Viehzüchters und Oekonomen, und da er ein allgemein geachteter Mann war, der sich auch aufs Lesen und Schreiben verstand, so ward er auch, wie schon der neben der Hausthür aufgehängte vergitterte schwarze Kasten mit etlichen Bekanntmachungen anzeigte, mit der Würde eines Gemeindevorstandes betraut und als solcher war er eben so energisch als wohlwollend. Die Leute sagten ihm zwar nach, er sei zu Zeiten »fetzengrob«, aber unter'm Brustfleck sei's mit ihm doch richtig bestellt. Sein Weib war ihm kurz nach Afras Geburt durch den Tod entrissen worden, weshalb eine Base Ostlers, die Lisbeth, die Führung des Hauswesens und Afras Erziehung übernommen hatte. Diese Base war eine überaus brave und fromme, etwa fünfzigjährige Jungfrau, eine in ihrem ganzen Gemüte, in ihren Gedanken und Handlungen fromme Matrone und in Gestalt und Wesen das Gegenteil ihres Vetters. Der Bärenmartele war ein großer, grobknochiger, dabei etwas hagerer Mann mit einem sehr energischen Gesichtsausdrucke, buschigen, dunklen Augenbrauen, unter welchen zwei dunkle, in tiefen Höhlen liegende Augen hervorblitzten. Ueber eine etwas niedere, faltenreiche Stirne 50 fiel noch üppiges, schwarzgraues Haar herein, seinen großen, struppigen Schnurrbart hatte er in der Regel keck nach aufwärts gedreht. Er trug die Gebirgstracht, Joppe und Kniehösln, und seinen nackten Knieen sah man es an, daß er einer der leidenschaftlichsten Gemsjäger war, die, den hohen Steigstock in der starken Hand, auf dem Rücken die schwere Büchse und an den Füßen die Steigeisen, in die Berge steigen, um dort Tage lang herumzustreifen, sich in halsbrecherischem Sprunge von Fels zu Fels zu schwingen auf die eisigen Wände, wo sie sich »anleimen« mit ihrem eigenen Blute. Je größer die Gefahr ist, desto mehr Reiz finden sie in ihr. Heute aber war der stolze, selbstbewußte Ausdruck aus dem Gesichte des Bärenmartele geschwunden. Kalte Schweißtropfen standen ihm auf der Stirne, er stöhnte und ächzte unter recht jämmerlichen Grimassen. Dabei fluchte er heftig, daß sich die fromme Lisbeth die Ohren zuhielt, oder sich hastig bekreuzte, als fürchte sie, der »Gottseibeiuns« käme jeden Augenblick in die Stube und hole nicht nur die heftigen Schmerzen, sondern den lästernden Bauer selbst. Ihre Mahnungen zur Sanftmut verhallten unter seinem Schelten, denn die Schmerzen waren unerträglich und weder kalte Umschläge, noch sonstige Hausmittel hatten bis jetzt auch nur die leiseste Linderung zur Folge gehabt. So blickte der Kranke sehnsuchtsvoll nach der Thüre, ob die Tochter mit einem schmerzstillenden Mittel nicht bald zurückkäme. Endlich erschien die Hilfe spendende alte Frau selbst mit Afra auf der Thürschwelle und ein Hoffnungsstrahl leuchtete aus den Augen des Leidenden. »Gelobt sei Jesus Christus!« grüßte die Alte beim 51 Eintritt, indem sie sich mit Weihwasser aus dem neben der Thüre hängenden Kesselchen besprengte. »In Ewigkeit, Amen!« lautete Lisbeths Gegengruß. Der Bauer rief ihr sofort zu: »Mariannl, der Tuifi is in meiner Achsel drin, treib mir 'n außa, i kann den Wehthoa' nimmer aushalten. Treib'n außa, eh er mi z' tot martert, mit Schand und Spott, wie 's 'n z' Ammergau drobn außitriebn habn aus der Passion – den Tuifi!« In den früheren Passionsspielen zu Oberammergau spielte der Teufel, der in keinem mittelalterlichen Kirchenspiele fehlte, eine Hauptrolle. Er ratschlagte auf hohem Throne mit seinem Hofstaate, wie die Menschheit zu verderben und dem Erlöser entgegenzuwirken sei. Er verführte den Judas und, nachdem sich dieser erhenkt hatte, sprangen eine Menge kleiner Teufelchen hervor, rissen ihm die Eingeweide heraus und schmausten sie. Man darf sich über solche Szenen in Bauernspielen nicht wundern, da man ganz ähnliche in gleichzeitigen Werken anerkannter Schriftsteller findet. Sie waren im Geschmacke jener Zeit und thaten dem Ansehen und der Heiligkeit des Ammergauer Spieles keinen Eintrag. Im Jahre 1806 stand es in so gutem Rufe, daß das dortselbst konzentrierte französische Korps eine Extravorstellung begehrte, über welche sich die Offiziere äußerst lobend aussprachen. »No', mit dem wern ma aa firti wern,« meinte die Alte lächelnd. »Laß mir'n amal sehgn, den Pfifferling,« fuhr sie fort, indem sie den Ueberschlag von des Bärenmartele Achsel nahm und sich die Schmerzensstelle besah. »Hellseiten! Bua, dös is ja mentisch angschwolln, aber es hat si' nur a Muskel verdehnt. Du vergißt halt, daß d' schon a Sechziger bist, kraxelst alleweil no' ummanand wie r a Dreißger, thuast aa oft a so, 's is aber nit wahr, du luigst (lügst) di grad an.« 52 »Wennst mit dem Gsalbader nit glei aufhörst, kannst macha, daß d' weiterkimmst. Helfen sollst mir, aber nit vorpredigen.« »No', no', i hilf dir aa. Da hon i a Salbl, dös brennt, wie's höllisch' Feuer.« »No', dös wird 'n Tuifi scho' recht sei'!« »Ah was, Tuifi! Warum sollt der hochang'sehene Bärnmartele nit aa r amal 'n Wehthoa' kenna lerna?« »Einschmiern sollst mi und staad sei'!« schrie der Bauer ungehalten. Die Alte that nach seinem Wunsche. Aber die Salbe verursachte sofort ein so heftiges Brennen und erhöhte die Schmerzen, daß der starke Mann förmlich zu brüllen begann. »Dös halt i nit aus!« rief er, »glei wischt es wieder awa. Hätt' mir's z'erst denken kinna, daß's nix is mit deine Faxen. Jegale, jegale, du hast mir ja's reinst' Feuer onigschmiert. Recht hat d' Wagnerin von Untergrainau, wenn's sagt, daß d' a Trud bist; recht hat's!« »Was?« rief Mariannl, aufs höchste erzürnt und an allen Gliedern zitternd. »Dös Schandwei wetzt scho' wieder sein Schnabel an mir? Und du, der Gmoa'vorstand, laßt dir so was vorsagn? Bist du aa r a Mann? du traust dir sogar und sagst es nachi, du, mei' Nachbar? Di und d' Wagnerkanalli klag i beim G'richt. Dös leid i nit!« »I dabrenn, wennst dös Hexensalbl nit awithuast;« rief der Bauer wieder. »Extra laß i's brenna!« entgegnete die erzürnte Mariannl, »und so lang laß i's brenna, bis d'ma g'recht wirst, du Wildling, du!« »No' ja, es is ja nit so gmoant gwen –« 53 »Versprichst ma, daß d' die bös Zanga kemma laßt und recht supperamentisch awaschimpfst, weil's so verleumderisch daherred't?« »Versprich's, Martele,« begütigte jetzt Lisbeth, die Hauserin; »du därfst es als Vorstand nit leiden, daß d' Mariannl g'schänd't wird.« »'s Salbl thua ma weg!« schrie der Bauer der alten Fretterin zu. »Wennst nach mein' Will'n thuast?« antwortete diese. »No' ja – in Gottsnam!« versprach der Geplagte; »i thua nach dein' Will'n!« »Is recht. Itz aber bet'st no' in der G'schwindigkeit fünf Vaterunser, sunst is alles umsunst.« »Dös kann i itz nit!« »Dös kannst scho'! Fang nur schnell an. D' Lisbeth und i bet'n dir vür.« Und sofort begann sie laut zu beten. Lisbeth stimmte sogleich mit ein. Der Bauer machte anfangs Grimassen, als ob wirklich der Teufel aus ihm getrieben würde, aber schon bei dem dritten Vaterunser wurde er ruhiger, beim vierten betete er leise und beim fünften sogar laut mit. Sein Gesicht hatte sich plötzlich erheitert und als das Gebet zu Ende war, rief er: »Ja was is denn dös? Der Wehthoa' is wie weggflog'n! Mariannl, itz glaub i's aber wirkli, daß d' hexen kannst, aber im guaten Sinn. Jesses, is mir auf amal so pudelwohl! Lisbeth, stopf ma mei' Ulmerpfeiferl und bring der Mariannl a Glasl Tiroler.« »Z'erst laß dir's Salbl wegwischen,« sagte die Alte. »Na', na', laß's nur drauf, dös is a rar's Salbl! Itz woaß i aber nit, hat's Salbl gholfen oder aber die fünf Vaterunser.« 54 »Alles hat zamg'holfen,« belehrte die Alte. »Moanst, so a Kranket kann ma' nur so mir nix dir nix wegsturmbartln (wegschimpfen)? Nix auf der Welt voliert ma härter, als d' G'sundheit, zumal wenn's Moos scho' auf oan wachst. Moanst alleweil, du bist no' der alt' schneidi Bua und denkst nit an dös G'sangel: Gmale voliert si' dö Schneid, Gmale vostreicht oan d'Zeit, Ewenn ma' si' umschaut, ewenn ma' si' b'sinnt, Vatrenzt ma' sei' Lebn, als vatragets da Wind. (Allmälich verliert sich die Schneid, Allmälich verstreicht einem die Zeit, Eh man sich umschaut, eh man sich besinnt, Vertröpfelt man sein Leben, als vertraget es der Wind.) So, und itz ruahsame Nacht! In etli Stund, falls der Wehthoa' wieder kemma sollt, soll d' Lisbeth no'mal mit der Salbn einschmiern, nacha aber brauchst den Soafageist, er ist vom Mathiesl. Gel, du woaßt's no' gar nit, daß der heunt wieder z'ruckkemma is?« »So, so!« machte der Bauer und schmauchte sein Pfeifchen mit sichtlichem Vergnügen. »Thuat ma anemal load um den saubern Buam, daß i'n niermals siehg mit ara Bix, auf koan Scheibenstand, auf koana Jagd. I kann mi in so an' Menschen gar nit einidenken. So oana schleicht ja dengerscht durchs Lebn ohne Freud und Leid. Und sakaradi! I moan, so oana hätt' nit amal a Schneid auf a Dirndl; dös siehgt ma ja an dein' Mathiesl. Er treibt si' auf koan Kirta rum, i hör nix von ara Bekanntschaft, die er hätt' – kurzum, i halt 'n für koan lebfrischen Buam.« »Da sei unbekümmert,« sagte die Alte. »Der Mathies hat in Frankreich drin sein Mann g'macht, und i moan, dös hätt mehr Wert, als dahoam am Scheibenstand, wo 55 neamd gegn oan schießt. No', und wer hat eams denn jemals z' Fasching als Schellntrager In Obergrainau findet zur Fastnachtszeit das Schellengeläute statt. Dem oft sehr pikanten Maskenzuge geht ein robuster vermummter Bursche voran, welcher um die Mitte des Leibes einen sehr starken Riemen geschnallt hat, woran sich mehrere kupferne Schellen, gewöhnlich fünf befinden. Da der Klöpfel nun auf der untern Seite der Schelle aufliegt, so kann derselbe nur durch einen sicheren taktmäßigen Gang und durch eine eigentümliche Schwenkung des Oberleibes in Bewegung gesetzt und das Geschelle hervorgebracht werden. Der Schellenträger ist die vornehmste Person der Narrengesellschaft, und jeder, der glaubt, es ihm nachmachen zu können, macht sich eine Ehre daraus mit diesem Geläute unvermummt im Dorfe auf- und abgehen zu dürfen. nachigmacht von di Burschen ringsumadum? Is dir ebba ebba bekannt? Mir itta. Freile, auf die Berg kann er nit rumsteign, weil er si' durch d' Arbet a Geldei verdeana muaß. Selber is er nit jagdgerechtsam und mit die andern gehn und für die andern schießen – a Rekration is's ja, aber halt eintragn thuat's nix. Und daß er an' Wilderer macht, wie viele andere, no', dös wirst wohl nit von eam verlanga?« »Du moanst, wie sei' ehemaliger Kamerad, der schwarz' Görgl? I woaß 's recht guat, daß si' der diermal in mein' Revier vergeht, aber i kann eam derntwegn nit feind sei'. Wenn er nit gar so a Loder waar, i hätt'n scho' längst als Jaga bei mir aufgnomma. Ja, von dem wenn dei' Mathies nur a Zehntel hätt', dös stand eam wohl guat an. Da hätt' i Respekt vor eam. Aba von dem hört ma's gwiß nit, daß er auffikraxeln möcht auf d' Alpspitz oder gar auf 'n Zugspitz.« »No', g'setzt'n Fall, er steiget auffi auf 'n Zugspitz, ma' red't nur davon, machest'n ebba nacha gar zu dein' Schwiegersuhn?« lachte die Alte. 56 »Wie kimmst denn auf so a Frag?« meinte der Bauer. »Nu, freili,« fuhr die Alte lauernd fort, »der hochang'sehne Bärenmartele suacht si' nur an' reichen Buam aus, dem er sei' Afra amal giebt.« – »Dös grad aa nit!« versetzte Martele. »I woaß an an' Mann manches z'schätzen, auf was andere nit viel Wert legn, aber vordersamst muaß mei' Tochtermann a schneidiger Kerl sei', der auf dem Hof da, wo von uralters her die besten Jaga ang'sessen warn, mit Ehr'n weiterjagert; nit im Thal muaß er si' rumplagn, sondern obn in die Berg; auf d' Gams muaß er si' verstehn und aufs Bergsteign, z'höchst obn muaß er sei' Hüatl schwinga über's Boarnland, obn auf'n Felsblock, auf den si' no' neamd traut hat. So oan gebet i mei' Kind, g'setzt daß'n mag, und wenn er sunst nix hätt', als grad sei' Schneid.« »Du möchtst wohl oan, der mit'n Teufi im G'spiel is?« fragte die Alte. »Woaßt nit, daß der koan auffi laßt auf den Felsen, den du im Sinn hast? Denkst nit an'n Zuggeist?« »Grad an den denk i, den möcht i dalösen,« sagte der Bauer, und als ihn die Frauen erschrocken ansahen, fuhr er fort: »Versteh mich recht; i halt nix drauf auf die Gspensterei und grad dernthalben möcht i, daß amal oana auffikraxln thaat, daß's bekannt wäret, daß oan der Zuggeist nit anfechtet, wenn ma nur den rechten Anstieg gfunden hätt'. I war schon a etli Mal scharf dran und hon mi eing'haut zwischen die Kamin am scharfen Eck, aber nit der Zuggeist hat mi z'rucktrieben, sondern die Steiln, die gar koa' End mehr nimmt. Mit mein' Fuaß, den ma d' Tiroler anno neune a so zuag'richt habn, kann i so was nimmer 57 leisten, aber jung wenn i no'mal wär, höllfaxendi! Da solltets 'n Bärnmartel kenna lerna!« »No', i kenn oan, der d' Zugspitz nit scheut, wenn er si' damit dei' Afra ersteign kann,« sagte die alte Mariannl. »Der soll kemma!« rief der Martele. »I moan aber, dersel kimmt nit.« »Martele, mirk dir's, was d' itz alles daherplauscht hast,« entgegnete Mariannl; »d' Lisbeth hat's aa g'hört. Für heunt aber will i nit länger ung'legn sei'. Thua mit dein' Arm, wie i g'sagt hon und brauchst mi morg'n no'mal, so schick um mi. Aber vergiß d' Wagnerin von Untergrainau nit, sunst reib i di no'mal ein, daß 's no' ärger brinnt.« »Nit vonnöten!« entgegnete der Bauer lachend. »Guate Nacht! Mei' Schuldigkeit werd i scho' entrichten.« »Dös is's Wiederkemma!« antwortete die Alte. »Guat Nacht alle mitanander!« Wie beim Eintritte, so besprengte sie sich auch jetzt mit Weihwasser und ging, von Afra, die sie an der Thür erwartet hatte, geleitet, ihrem Häuschen zu. Mathies führte dann die Alte schweigend in die Stube und wünschte ihr gleichfalls gute Nacht. Da sagte die Großmutter zum Enkel: »Itz wüßt i an' Weg, auf demst d' Afra kriegest, aber es is a schwaarer Weg.« »I schreck vor nix z'ruck!« beteuerte Mathies. »Wennst vom Zugspitz awajuchzest, gehört d' Afra dein!« »O weh!« erwiderte der Bursche, »dös wird kaam mögli sei'. Da müaßt i d' Afra für verlor'n geb'n.« 58 »Narret!« versetzte die Großmutter, »heunt brauchst nimmer auffi z' kraxeln. Kimmt Zeit, kimmt Rat.« – Der schwarze Görgl war nach seiner Serenade zum nahen Walde, dem sogenannten hintern Brühl, hinabgeeilt, um sich seine daselbst versteckte Flinte zu holen. Der Mond leuchtete ihm auf seinem nicht ganz ungefährlichen Wege, denn das ganze Waldterrain ist übersät mit kleinen und großen Felsentrümmern, und es bedurfte aller Aufmerksamkeit, um keinen Fehltritt zu machen. Görgl war aber seines Pfades sicher, und alsbald hatte er seine Büchse über der Schulter hängen. Er wollte seinen Weg über den Badersee nach dem am rechten Ufer der Loisach sich befindlichen G'schwandwald einschlagen, wo er mit Beginn des jungen Tages einen Auerhahn abzubäumen hoffte. Am kleinen Waldsee angekommen, mußte er unwillkürlich anhalten. Die Erzählung der alten Mariannl stand lebhaft vor seinem Geiste und ein Schauer überfiel ihn bei dem Gedanken an die Möglichkeit einer Begegnung mit dem Bergfräulein, das ihm Gold und Edelsteine in die Tasche stecken oder eine mit Dukaten gespickte Börse finden lassen könnte. Der kleine, 2500 Fuß über dem Meeresspiegel liegende, krystallhelle Badersee blinkt inmitten herrlicher Tannen- und Buchenwälder, überragt von den schroffen Felsen des Waxensteins, der Riffelwand und Zugspitze und dicht am Fuße derselben, in geradezu bezaubernder Pracht, wie ein durchsichtig grüner Edelstein aus den Wäldern, die ihn umschließen, in unglaublicher Klarheit hervor. In seiner krystallenen Tiefe spiegeln sich die weißen Felsen des gigantischen Gebirges und das dunkle Laub des umgebenden Waldes mit einer Schärfe, daß man nicht weiß, wo die 59 Grenze zwischen beiden zu suchen ist. Eine wunderbar anheimelnde Stille umfängt den Besucher. Nicht gewohnt, während seiner Kantate gestört zu werden, scheucht der Vogel aus dem niederen Geäste kaum auf, unbekümmert wechselt der Hirsch über die nur spärlich betretenen Waldpfade, gleich dem Flüstern des stillen Beters lispelt die starke Waldluft durch die grünen Wipfel. Im See aber, unter den schaukelnden Silberreigen der ruhigen, klaren Flut, flunkert es wie seltenes Geschmeide von grashellem Smaragd. Seine Farbe wechselt vom hellsten Gelbgrün bis zum dunkelsten Blaugrün, aber immer ist er durchsichtig klar und die auf seinem Grunde sich befindenden Höhlungen scheinen wirklich ein Eingang in das Zauberschloß der Nixen und Najaden zu sein. Macht dieser märchenhafte See schon am Tage einen so wundersamen Eindruck, so ist sein Anblick in mondhellen 60 Nächten geradezu von hinreißendem Zauber. Das Silberlicht, welches die trotzigen Felsenhäupter umflirrt, die sich in der in allen Farben des Regenbogens blinkenden Wasserfläche deutlich wiederspiegeln, erschafft eine Welt, wie sie keine Feder zu beschreiben vermag. In diesem wunderbaren Erdenfleckchen befindet sich jetzt eine mit allen Bequemlichkeiten der Neuzeit eingerichtete Pension, und dürfte ein lieblicherer und auf gereizte Nerven überarbeiteter Köpfe wohlthuenderer Aufenthalt auf der ganzen Welt nicht aufzufinden sein. Dem Wilderer war freilich dieses nächtliche Bild nichts Seltsames, seine nächtlichen Waldzüge hatten ihn schon oft hierher geführt, aber heute fühlte er sich doch eigentümlich davon ergriffen. Seine Augen waren auf den aus dem See aufragenden Felsblock gerichtet, es war ihm, als müßte auf demselben die Bergfee erscheinen und ihm zurufen: »Folge mir!« Da hallte ein gellender Schrei durch die Stille der Nacht. Görgl riß unverzüglich sein Gewehr von der Schulter, denn er erkannte sofort, daß es das Röhren eines Hirsches gewesen. Gleich darauf erblickte er auch den prächtigen Zwölfender am jenseitigen Ufer. Der Hirsch blieb stehen und äugte einige Augenblicke überrascht sein aus dem See ihm entgegenstrahlendes Spiegelbild an. Der schwarze Görgl zielte, aber er zögerte, abzudrücken. Die lichte Farbe des Tieres erinnerte ihn, daß Mariannl von weißen Hirschen erzählte, welche die Lieblinge der Bergfee wären, deren Tod sie bitter rächen würde. Er gedachte des ungetreuen Hirten und seines jähen Endes am Frillensee, einen Moment gedachte er auch des Unrechtes, welches er zu begehen im Begriffe war; aber all diese Bedenken mußten weichen bei der Aussicht auf den Gewinn, 61 welchen ihm die sichere Beute bringen würde. Seine Leidenschaft ließ ihn auf nichts mehr achten, es zog ihm den Finger mechanisch nach dem Hahne, ein Schuß dröhnte durch die Nacht – darauf Totenstille. Doch mit einem Male hallte mit grollender Stimme das Echo aus den Felsklüften, als zürnten die Berggeister über die Störung ihrer Ruhe, und wieder und wieder ertönte dieser drohende, grollende Donner, als wenn alle Schrecken des Himmels losgelassen wären. Görgl war vor Schrecken in die Kniee gesunken, es war ihm, als hätte ihn ein Blitzstrahl getroffen, in dem donnernden Getöse glaubte er ein höhnisches Lachen gehört zu haben, der Hirsch aber flüchtete scheinbar unverletzt von dannen. Aber auch den Wilderer trieb es jetzt fort von dieser Stelle, er fürchtete, jeden Augenblick von den rächenden Geistern der Bergfee gepackt und in die Flut hineingeschleudert zu werden. Wie von Furien gejagt floh er dem Ablaufe des Seebeckens entlang und atmete erst wieder erleichtert auf, als er den Wald hinter sich und das nach dem Eibsee führende Sträßchen erreicht hatte. Vom Turme Obergrainaus schlug die Mitternachtsstunde. Es war ihm für heute die Lust vergangen, noch weiter im Walde Umschau zu halten, selbst nach der Auerhahnbalz sehnte er sich nicht mehr. Er begriff sich selbst nicht mehr. Es war doch alles, was ihm begegnet, ganz natürlich und gewöhnlich, und doch fühlte er sich so eigentümlich ergriffen. Ueber die Felsenwände herauf stiegen dunkle Wolken. Das Mondlicht schien anfangs mit ihnen zu spielen, es verbrämte ihre Ränder mit lichten Farben, bald bedeckten die dunklen Massen die leuchtende Scheibe, immer düsterer 62 ward es am Firmamente, düsterer aber auch im Innern des erschreckten Wilderers. Sinnend schlug Görgl über Untergrainau den Weg nach seiner Heimat ein. Er mußte seiner alten, kranken Mutter gedenken, die er trotz ihrer Krankheit den ganzen Tag allein gelassen. Er sah ihr bleiches, ernstes Angesicht lebendig im Geiste vor sich, Gewissensbisse marterten ihn und fürchtend, von der Kranken mit gerechten Vorwürfen über seine Lieblosigkeit empfangen zu werden, beschleunigte er seine Schritte. An einem der äußeren Häuser von Untergrainau hörte er sich aus einem Fenster des oberen Stockes angerufen. Es war die Wagnerin, auf welche die alte Mariannl so schlimm zu sprechen und die in der That wegen ihrer Bosheit und Ehrabschneiderei allgemein gefürchtet und gehaßt war. »Görgl, schlaunt's dir?« rief sie dem Burschen zu. »San dir leicht d' Jaga auf der Fersen. I hon schon schuißen hörn drent im Brühl.« »Da irrst di schon,« entgegnete Görgl, »i bin's net gwen. Du sehgest mi sunst nit so laar hoamgehn.« – »No' ja, ma kann denken, was ma will!« meinte die Wagnerin lachend. »So is's!« antwortete der Bursche. »I denk mir aa, daß 's gscheita wär, du legest di auf dei' Haut, als daß d' no' so rumspionierst, du wilde Vogelscheuchen du!« »Was thua i? Rumspioniern? Und a wilde Vogelscheuchen hoaßt mi? Du recht schlechter Flank du!« schrie das erzürnte Weib dem nicht weiter Redestehenden nach, der über diesen Zornesausbruch herzlich gelacht hätte, wenn ihm nicht ein unerklärliches Etwas das Herz gepreßt hätte. 63 Ohne ein weiteres Hindernis kam er an dem am Eingang zum Höllenthal gelegenen Weiler Hammersbach an. An einem kleinen, ärmlichen Häuschen öffnete er die unverschlossene Thür und begab sich in seine kleine, dürftig eingerichtete Kammer. Nebenan lag seine alte Mutter. Görgl rief ihr zu, sie antwortete nicht. Sie schien in festem Schlafe zu liegen. Görgl warf sich angekleidet auf das Bett, wirre Träume beunruhigten ihn; er schoß nach dem prächtigen Hirschen, aber die rächende Bergfee hielt schützend die Hand über ihren Liebling, über ihm selbst aber stürzten die Felsenmauern in Trümmer und sprudelten die tosenden Wasser – ein Schreckensruf löste sich aus seiner Brust und er erwachte. Ein düsterer, mit Wolken bedeckter Himmel blickte durch das kleine Fenster herein und der heulende Wind schlug schwere Regentropfen an die zerbrochenen Scheiben. In der Kammer seiner Mutter war es trotz der schon vorgeschrittenen Tageszeit noch ganz stille. Eine fürchterliche Bangigkeit überfiel jetzt den Burschen. Er eilte mit ängstlicher Hast in das Gemach. Da fand er die Mutter blaß und tot im Bette. Ein Schreckensruf rang sich aus Görgls beklommener Brust, dann warf er sich laut weinend über die Leiche. »Dös hat mir die Bergfee anthan!« rief er. »Verfluacht sei 's Wildern auf ewige Zeiten! Muatterl, i hon di am Gwissen! O könnt' i 's machen, daß d' no'mal lebest, es wäret anders!« Und wieder schluchzte er bitterlich, es war ihm, als würde sein Herz dadurch erleichtert, denn die Thränen der Reue sind Perlen, welche die Schuld aufwiegen, sie vergeben. – 64 VI. Die ungeheure Schlucht des Höllenthales, durch welche sich der wilde Hammersbach seine Bahn bricht, wird von den südöstlichen Hängen des Waxensteins und den der Zugspitze gegenüberstehenden Wänden begrenzt und bildet mit seinen schon weithin sichtbaren Schneefeldern, vom Thal aus gesehen, einen der charakteristischen Hauptreize dieser schönen Gegend. Dicht am Eingange dieser grauenhaften Schlucht liegt der hinter Gebüschen versteckte, alte, nur wenige Häuser zählende Weiler Hammersbach mit einer kleinen Kapelle. Hier hausten vor Jahrhunderten die edlen Herren von Hammersbach, von deren stolzer Burg auf dem sogenannten »Turmanger« zunächst der Kapelle noch einige spärliche Mauerreste bemerkbar sind. Auch die Spuren eines ehemals hier angelegten Eisenhammerwerks sind noch sichtbar, denn die Herren von Hammersbach waren die ersten, welche im Werdenfelsschen Bergbau betrieben und zwar in der Gegend von Hammersbach und am Waxenstein, und mit der Schürfung auf Eisen und Galmei wurde auch die nach Silber verbunden. Die Bischöfe von Freising betrieben den Bergbau in der Gegend noch bis zu Anfang dieses Jahrhunderts. Um die Metalle flüssig zu machen und in Form zu bringen, wurde der Hammer auf der Schmelz errichtet, weshalb der aus dem Höllenthal hervorbrechende Bach der Hammersbach genannt wurde; sonst heißt er »Ofenlain.« 65 Mit dem Einstellen des Bergbaues hatten die Bewohner des kleinen Dörfchens ihren Hauptverdienst verloren, denn sie waren zumeist Bergleute. Dieses Los hatte auch Görgls Eltern betroffen. Görgls Vater wußte viel zu erzählen von den Gold- und Silberadern, welche in der Klamm des Höllenthales noch unentdeckt und verborgen wären, und verband damit manch wunderbare Sage, die sich in Görgls für derlei Wunderdinge leicht empfängliches Herz prägten. Oft seufzte der alte, vielgeplagte Bergmann, der trotz aller Arbeit im dunklen Erdenschoße nur mit Not seine Familie zu ernähren imstande war: »Ehrli is d' Arbeit schon, aber reich wird neamd durch d' Arbeit alloa'.« Der Vater dachte nicht daran, daß sein kleiner Sohn sich diese Worte nach seinem Gefallen zurecht legen könnte, daß er schon von Jugend auf den leichteren Erwerb der Arbeit vorzog. Mit Edelweißbrocken und Wurzelgraben begann seine Thätigkeit auf den Bergen. Doch wenn neben dem jugendlichen Bergsteiger die flüchtige Gemse pfiff, das furchtsame Wild vor ihm floh, so gedachte er der Erzählungen seines Vaters, wie es in früheren Zeiten jedem gegönnt war, auf den Bergen zu jagen, und er wünschte sich jene ihm so wunderbar dünkende, köstliche Zeit wieder zurück. Als mit des Vaters Tode seine Mutter eine Bettlerin und auf die Mildthätigkeit der Gemeinde angewiesen war, als sie von Nahrungssorgen gequält wurden, da suchte er, wie so viele, das Gesetz zu umgehen und ward ein Wildschütze. Die absolute Verweigerung jedweder Jagd gebar schon im vorigen Jahrhundert eine unbezwingliche Wildschützenlust, welcher weder Pranger noch Galeere, noch die 66 Vogelfreierklärung der Steinbockwilderer Schranken zu setzen vermochte. Man steckte die Wildschützen ohne Unterschied der Person unter die Soldaten und der Forstschutzmann durfte jeden niederschießen. So bildete sich die gegenseitige Devise: »Tod um Tod« aus. Erst als König Max I. von Bayern in Ansehung der vom Kriege zerrütteten bäuerlichen Verhältnisse die Ablösung von Forstrechten und den Uebergang von Domänen in Privathände einleiten ließ, wurde es besser. Viele der früheren Wildschützen wurden Jagdpächter und diese Reviere wurden in der Regel von den übrigen Wilddieben verschont, dagegen die dem Staate angehörigen Jagdgebiete aufgesucht, und da sie mit Vorliebe, wohl der persönlichen Sicherheit wegen, auf den steilen Felsen des Hochgebirges mit Mut und Gefahr die flüchtige Gemse jagten, so kam es, daß solche Freibeuter von ihren Landsleuten oft mit einem falschen Nimbus von Tapferkeit und Verwegenheit, zumal vom weiblichen Geschlechte umgeben wurden, denn: An' Buam, der nit schneidi Und der eam nix wagt, Den mögn aa die Diandln nit, Hon's oft schon dafragt. Um den äußeren Schein zu wahren, machte der schwarze Görgl in den Sommermonaten einen Bergführer und Edelweißbrocker, im Winter schnitzte er Haselnußstöcke, meistens aber schlich er dem Fuchs nach, den er im Eisen fing und dessen Pelz er bei den Verfertigern der beliebten Fuchshandschuhe (Füchslinge) stets gut zu verwerten wußte. Wenn er dann so einsam die Hochthäler und Waldungen durchwanderte, da war sein liebstes Denken und Sinnen, wie er es am leichtesten zu großem Reichtum bringen könne, 67 und da ihm das, wie er es schon von seinem Vater gehört, durch Arbeit nicht möglich schien, so hoffte er auf übernatürliche Hilfe und glaubte sich zu dieser Hoffnung, als ein Sonntagskind, vor allen berechtigt. In diesem glücklichen Wahn wagte er es auch, seinen Blick zu des Bärenmartele Afra zu erheben; sie zu gewinnen, war der höchste Wunsch seines Lebens. Um dieses zu erreichen, schreckte er selbst vor dem Zuggeist nicht zurück, an dessen Existenz er felsenfest glaubte. Nur mit solchen Gedanken beschäftigt, hatte er sich wenig um seine arme, kranke Mutter bekümmert. Er ließ sie unter der Obhut einer alten Nachbarin, dem sogenannten Veilawidl, die auch von den Schätzen im Wettersteingebirge schwärmte, während sie die Kranke mit Wassersuppe und Erdäpfeln kümmerlich ernährte. Görgl hoffte, daß sich mit der besseren Jahreszeit die Krankheit seiner Mutter von selbst wieder heben werde, obgleich ihm dies die alte Mariannl, welche der Kranken mit Nahrungsmitteln und Medikamenten nach besten Kräften beistand, auszureden suchte. Daß aber die kranke Frau so rasch sterben könnte, daran dachte Görgl am allerwenigsten und sein Schmerz an der Leiche der, wie es schien, sanft Entschlafenen war aufrichtig und groß. Die alte Veilawidl kam, um der Kranken eine Morgensuppe zu bringen, und fand Görgl vor dem Lager der Toten auf den Knieen liegend und bitterlich weinend. In dem kleinen Dörfchen ging die Nachricht von dem Sterbefall rasch von Haus zu Haus; ein Bote eilte nach dem nahen Obergrainau, wohin Hammersbach eingepfarrt ist, um das Läuten des Zügenglöckleins zu veranlassen und den Todesfall bei dem Benefiziaten, sowie bei dem 68 Gemeindevorstand vorschriftsmäßig bekannt zu geben. Inzwischen verrichteten die Nachbarn die ersten Gebete in der Sterbekammer. Diese wurden durch das rasche Eintreten von zwei Gendarmen plötzlich unterbrochen. Sie gingen direkt auf Görgl zu, und der ältere von ihnen, es war der Stationskommandant von Garmisch, sagte zu dem überraschten Burschen: »Görgl, du bist arretiert!« Dieser war so erschrocken, daß er völlig vergaß, sich vom Boden zu erheben. »I? Arretiert? Und warum?« fragte er. »Du hast heunt nacht im Staatsrevier an' Hirschen g'schossen. Der Förster hat auf 'n Weg zum Schnepfenstrich dös Tier g'fund'n und du bist der Wildschütz gwen. In Untergrainau hat ma den Schuß g'hört und bald drauf bist dort auf 'n Hoamweg g'sehn worn. Läugn's, wennst kannst und wennst dir traust vor der Leich von deiner Muatta.« Görgl hatte sich erhoben. Er war schon im Begriffe, sich eine Antwort zurecht zu richten, als aber der Kommandant sozusagen die Leiche der Mutter zum Zeugen anrief, überlegte er doch einige Augenblicke. Der zweite Gendarm war inzwischen in Görgls Kammer getreten und kam, dessen Flinte mit dem frisch abgeschossenen Lauf in der Hand, wieder herein. »Aus der Bix ist heunt nacht gschossen worn,« sagte er, »man riecht noch den Brand vom Pulver.« »Und wenn's so wär,« sagte jetzt der Wilderer, »i lauf enk nit davon, und i werd' mi auf 'n G'richt drin 69 verantworten, sobald i für mei' gstorbne Muatta alles g'richt' hon.« »Dafür wird die G'meind sorgen,« erwiderte rauh der Kommandant; »wir habn di schon lang aufg'schrieben und du gehst jetzt glei mit uns, ob's dir recht is, oder nit.« »Oes werd's mir ja dengerscht dös nit anthoa'?« rief Görgl. In diesem Augenblick riß ihm der zweite Gendarm die Arme nach rückwärts und legte mit Hilfe des Kommandanten dem überraschten Burschen die Handketten an. Görgl schrie laut auf vor Wut, dann sagte er, auf das Antlitz seiner toten Mutter blickend: »Der da habt's es zu verdanken, daß in dem Augenblick koa' Unglück g'schehn is.« Die erschrockenen, anwesenden Dorfbewohner drückten laut ihren Unwillen über die Arretierung aus und die Gendarmen fanden es für gut, so rasch als möglich mit ihrem Gefangenen das Haus zu verlassen. »Gieb du Muatta für mi no' an' Weihbrunn,« bat Görgl die alte Veilawidl: »der Landrichter drin z' Garmisch wird schon an' Einsehgn hab'n und mei' arme Muatta soll nit eingrabn wern ohne mi.« »Dös is 'n Herrn Landrichter sei' Sach,« erwiderte der Kommandant, »aber wir müssen unser Pflicht erfülln, wenn's uns auch schwer ankommt. Geh im guten mit uns und es wird gschehn, was recht und billig ist.« Einer der Umstehenden setzte dem Gefangenen den Hut auf und nachdem Görgl noch einen langen Blick auf die tote Mutter geworfen, brach er in heftiges Weinen aus und verließ dann unter allgemeinem, lautem Bedauern der Anwesenden, welche bislang dem Burschen durchaus 70 nicht gut gesinnt waren, aber nun plötzlich für ihn Mitleid fühlten, mit den Gendarmen das Sterbehaus. Um den Gemeindevorstand von Obergrainau von der Arretierung sofort in Kenntnis zu setzen, ward nicht der direkte Weg nach Schmelz, sondern der nach Obergrainau eingeschlagen. Ein kalter Regen fiel hernieder, dichte Wolkenmassen hüllten ringsum die Berge ein. Der schwarze Görgl schritt schweigend seinen Begleitern voran, gestern voll goldener Träume, heute in düsterer Stimmung und schaudernd vor äußerem und innerem Froste. 71 VII. Der Bärenmartele hatte eine gute Nacht gehabt und konnte, den Arm in der Schlinge tragend, in Haus und Stall Umschau halten und die nötigen Befehle geben. Die alte Mariannl hatte sich frühzeitig eingefunden, um sich nach dem Patienten zu erkundigen und die Einreibungen mit Seifengeist anzuordnen. Afra dankte ihr herzlich für die dem Vater geleistete Hilfe und dieser fragte die Alte: »No', was is 's mit dein' Mathies? Braucht er an' Arbet?« »Der is schon, wie der Tag graut hat, marschaus,« erwiderte die Alte. »Er handelt si' Schindelbaam ein, daß er für 'n Winter Arbet und Verdeanst hat.« »Der sorgt schon frühzeiti für 'n nächsten Winter,« meinte der Bauer lächelnd;»is der jetzi kaam rum. I wollt wetten, daß 's heunt no' schneit.« »Ja no',« entgegnete Mariannl, »er nutzt halt sei' Zeit dahoam aus; in etli Tag geht 's Floßg'schäft wieder an und er geht wieder auf etli Wochen dahin. Mei', wär mir aa lieber, wenn i nit alleweil so alloa' sein muaßt; aber dös kannst vordersamst nit ändern.« Die Alte blickte dabei vielsagend nach Afra. »Es wird schon bald anders,« flüsterte ihr diese zu. Und von freudiger Hoffnung erfüllt, ging die Alte von dannen. 72 Schlag acht Uhr begann Marteles Dienststunde als Gemeindevorstand, die jeden Mittwoch und Sonntag stattfand. Der Gemeindediener, welcher in Untergrainau seinen Wohnsitz hatte, und unter dem Namen »der Gmoa'wastl« bekannt war, schritt soeben mit einem gewissen Selbstbewußtsein dem Hause des Vorstandes zu. Länge und Hagerkeit wetteiferten bei dem Manne, der sich außerdem durch einen Glatzkopf, große Augen und eine Habichtsnase, auf welcher eine große Brille saß, auszeichnete. Sein Rock bestand aus dunkelblau gefärbter Leinwand und reichte ihm bis über die Waden hinab. Auf der rotpassepoilierten, dunkelblauen Mütze mit breitem, eckigem Schirm, war das Emblem G. D. (Gemeindediener) eingestickt. Der Gmon'wastl war seines Zeichens ein trefflicher Gebirgsschuster und als solcher von Jägern und Holzarbeitern viel gesucht. An den Gemeindetagen aber reinigte er sich von dem penetranten Pechgeruch, und sobald er den Dienstrock angezogen, Mütze und Brille aufgesetzt, fühlte er sich als Beamter, und hatte er zumal ein paar Akten oder sonstige Schreibereien unter dem Arm, so wußte er ein solch bureaukratisches Gesicht zu machen, als wenn er der Landrichter von Werdenfels selbst wäre, dem er es ganz genau »abgeguckt, wie er sich räuspert und spukt.« Heute nun hatte er solche Schreibereien unter dem Arm und hielt mit der andern Hand ein riesiges, rotes Regendach sorgsam über sich. So stolperte er dem Hause des Vorstandes zu, und wagte es jemand, ihn, so angethan mit der Amtstracht, in Sachen der Schusterei um etwas zu fragen, so konnte er eines derben Verweises sicher sein. Der Gemeindediener sprach dann von dem »Schusterwastl« in einer Weise, als wäre dieser eine ganz andere Person. Fragte 73 ihn du jemand: »Wastl, was is's? I brauchet meine neu'n Schuah,« so entgegnete er: »Werd' mit 'n Schuasta Rücksprach nehma, wenn i hoamkimm. Für jetzt bin i Beamter, und da giebt's koa' Schuasterei.« In die Stube des Vorstandes eingetreten, wünschte er diesem in soldatischer Haltung einen »gehorsamsten, guten Morgen« und händigte die ihm vom Garmischer Boten übergebenen Schreiben aus. Da der Martele heute nur einen Arm gebrauchen konnte, hieß er Wastl die Schreiben öffnen, was dieser gravitätisch thut, nebenbei aber, nachdem er aus seinem Schmalzlerglas eine tüchtige Prise genommen, dem Vorstande die ihm bereits bekannte Arretierung des schwarzen Görgl mitteilte. »Recht gschicht eam, dem Loder!« rief der Vorstand;»jetzt bei der Hegzeit a Hochwild schießen und no' dazua wildern! Und z'naachst an meiner Jagdgrenz! Den solln's amal exemplarisch strafen. Wie san's denn auf eam kemma?« Der Gemeindediener erzählte nun, daß die Wagnerin von Untergrainau es dem Förster, welcher den verendeten Hirsch gefunden, verraten habe, daß ihn Görgl geschossen haben müsse. »Pfui Teufel!« sagte Martele, denn so sehr er auch Görgls Wilderei verdammte, so abhold war der ehrliche Mann dem Verrat. Der Gmoa'wastl mußte dasselbe pflichtschuldigst mitfühlen und auch er sagte: »Pfui Teufl!« und sein Brisilglas hervornehmend, fuhr er fort: »Herr Vorstand, is a Pris' gfälli? A selmgmachter!« Er stübte ihm eine tüchtige Prise auf die gesunde Hand und wiederholte dasselbe bei sich selbst. 74 Tiefe Stille war in der Stube, denn so eine Schnupferei geschieht stets mit einer gewissen, feierlichen Umständlichkeit und wird erst durch ein wohlgefälliges »aah!« beendet. »Und also, was steht in dem Schreiben?« fragte dann der Vorstand. Wastl reichte es ihm hin und der Bärenmartele las laut und vernehmlich: »Sämtlichen Gemeinden des Landgerichtes wird hiermit bekannt gegeben, daß demnächst drei Herren Offiziere des königlichen topographischen Bureaus, als: Hauptmann Freiherr von Jeetze, Oberleutnant Aulitschek und Leutnant Naus behufs militärischer Aufnahmen die hiesige Gegend besuchen. Denselben darf bei Begehung der Felder, Wiesen und Wälder und des Gebirges in keinerlei Weise irgend ein Hindernis in den Weg gelegt werden, vielmehr ist ihnen so viel als möglich in jeder Weise an die Hand zu gehen und sind ihnen auf Wunsch der Gegend bestens kundige Führer und Bergsteiger mitzugeben. Derartige Individuen sind umgehend dem königlichen Landgerichte in Vorschlag zu bringen und wird bemerkt, daß dieselben während des ganzen Sommers einen ständigen und namhaften Verdienst zu gewärtigen hätten. \&c.« »Jetzt da schau her,« rief der Vorstand, »an' bessern Verdeanst könnt's für den Loder, den Görgl, gar nit geb'n, dös wär der recht Mann dazua, und mei' Jagd hätt' a etli Zeit a Ruah vor eam. Aber er is schon a etli Mal rückfälli und wenn's 'n jetzt drin beim G'richt wegen Wilddieberei wieder verdonnern, so kimmt der Hirgst, bis er wieder frei wird und nacha guate Nacht Rehböck! Dös is scho' z'wida!« »Ja, ja, z'wida!« echote der Gemeindewastl, wieder sein Brisilglas hervornehmend und sich und dem Vorstand eine Prise applizierend. Solche Prisen sind bei den 75 Gebirglern oft steigende Inspirationsmittel, oft Refrain und Knoten des Gespräches. Nun ertönte vom nahen Turme das allen wohlbekannte Zügenglöcklein und fast im gleichen Augenblicke traten Lisbeth und Afra in die Stube mit der Nachricht, des schwarzen Görgl Mutter sei gestorben. »Der soll die ewi Ruah wohl thuan!« wünschte der Bauer, worauf ein dreistimmiges »Amen« erfolgte. Eine Pause trat ein, während welcher alle für die Abgeschiedene ein stilles Vaterunser beteten. Jetzt eilte die alte Mariannl zur Thüre herein: »Bärenmartele!« rief sie erregt, »so ebbs is ja dengerscht no' nit dahört worn. Grad hör i, daß 's 'n Görgl von der Leich seiner Muatta weg verarretiert hab'n. Der Bursch is ganz ausanand vor Kümmernis und Elend. D' Gendarm kemma auf hierher mit eam. Leg di ins Mittel, dös is ja oa'mal z' hart.« »Mei' liaba Himmel!« rief Lisbeth, »der arme Mensch möcht eam ja dabarma!« »Vata, leg di ins Mittel,« bat auch Afra, »mach, daß 'n wieder frei lassen.« »Es is scho merkwürdi,« entgegnete der Vorstand, »daß so a Loder allemal d' Weibsleut auf seiner Seiten hat. I werd da aa nix machen kinna, wenn's bewiesen is, daß er g'wildert hat, no' und a Thatsach is 's ja, weils 'n Hirschen gfunden hab'n, den der Lali liegen hat lassen; und d' Wagnerin von Untergrainau b'haupt aa, daß 'n gsehgn hat.« »Was, die hat 'n verraten?« schrie die alte Mariannl. »Kann's denn no' an' irgern Drachen geb'n? Siehgst es, Vorstand, was dös für a schlecht's Leut is? Schon 76 z'wegn der wünschet i, daß eam nix passieret. Von der Leich weg verarretiern, dös is ja aus der Weis'!« »Sag mir's amal genau, wo is denn der Hirsch g'fundn worn?« fragte der Vorstand den Gemeindewastl. »Drent beim Bachl, dös vom Gschwandwald awalauft, kaam a Viertelstund von enkern Revier.« »Vata,« sagte jetzt Afra leise, »du kannst ja sagn, du hast eam's erlaubt, in dein' Revier auf d' Jagd z' gehn. Wenn der angschossn Hirsch über d' Grenz lauft, dafür kann der Schütz nix. Moanst nit?« »Jeß, da bringen's 'n schon daher!« schrie die alte Mariannl. »Und wie der Mensch aussiehgt! Tropfatnaß und dadadert vor Kälten! O du liawe Zeit!« Alles war an die Fenster geeilt, die herannahende Eskorte mit dem Gefangenen zu sehen. »Dös is wirkli zum Dabarmen!« rief Afra und nicht nur ihre, sondern die Augen aller Anwesenden füllten sich mit Thränen, als jetzt die Gendarmen mit Görgl in die Stube traten. Sämtliche Bewohner Grainaus, die schon die Neugierde, für wen das Zügenglöckl geläutet werde, hergetrieben hatte, ebenso mehrere Einwohner von Hammersbach, welche der Eskorte in einiger Entfernung gefolgt waren, hatten sich vor dem Hause versammelt und die Fenster förmlich belagert. Man nahm fast allgemein für den Burschen Partei und drohende Worte wurden gegen die Wächter des Gesetzes laut. Man suchte den sonst nicht eben gut beleumundeten Burschen von der besten Seite zu betrachten, die schönste 77 und wirksamste aber blieb, daß seine Mutter zur Zeit auf dem Totenbette lag und Görgl über ihren Verlust bitterlich geweint hatte. Die Thränen, welche bei anderen im gleichen Falle als ganz natürlich und selbstverständlich angesehen worden wären, fielen bei dem Loder ganz bedeutend in die Wagschale und gewannen ihm rasch die leichtbeweglichen Herzen besonders des weiblichen Geschlechtes. Drinnen in der Stube aber änderte sich die Sachlage in einer allen unerwarteten Weise. Als nämlich der Stationskommandant dem Gemeindevorstand die vorschriftsmäßige Meldung über die Arretierung gemacht, schrie der Bärenmartele den Arrestanten scheinbar erzürnt an: »Di soll je dengerscht der Teufl holen! I verlaub dir, daß d' in mein' Revier Schnepfen und Auerhuhn ausgehst und dran genügt's dir nit; in Staatswald gehst ummi und schießt an' Hirschen, jetzt in der Hegzeit. Was is dir denn eing'falln? Oder aber is 's, daß d' 'n Hirschen in mein' Revier geschossen hast und daß er si' no' ummigschleppt hat über d' Grenz? So thua halt dei' Maul auf und gieb Antwort!« Görgls Augen leuchteten jetzt plötzlich auf. Er war bis jetzt der Meinung, der Bärenmartele, in dessen Jagdrevier der Badersee lag, hätte seine Arretierung mit veranlaßt, nun aber erkannte er, daß ihm dieser in der großmütigsten Weise heraushelfen wollte. Auch Afras Augen sah er teilnahmsvoll auf sich gerichtet und diese Augen leuchteten freudig auf, als jetzt der Vater ihrer Einflüsterung gemäß sprach, denn sie hatte mit dem Burschen, den sie gestern, 78 als er unter ihrem Fenster Gasselreime sang, auslachte, heute, da er in Not war, aufrichtiges Mitleid. »No', hat's dir d' Red verschlagn?« fragte der Vorstand, als Görgl vor Ueberraschung unfähig war, sofort zu antworten. »Herr Ostler,« begann jetzt Görgl, »i schaam mi völli, daß i's eing'stehn muaß, daß i zu dera Zeit auf an' Hirschen gschossen hon. No' ja, i hon's tho', und auf Ehr und Seligkeit, unt' is's g'schehn am Badersee. I hon vermoant, i hätt' 'n g'fehlt, sunst weret i 'n nit frei liegn lassen habn, so dumm is koa' Wilderer, viel wen'ger a Jaga, dem 's Revier vom Jagdherrn erlaubt is. Und daß der Hirsch drenta der Grenz verend't hat, dafür bin i nit straffälli.« »No', z'wegn was wollt's 'n denn nacha g'schlossen einiführn auf Garmisch?« fragte der Vorstand den Kommandanten. »Von dem all'n hat er koa' Wörtl g'schnauft,« antwortete der Gendarm. »Wenn sich die Sach so verhalt, so soll der Görgl wieder frei sein, auf Eure Verantwortung hin, Herr Vorstand.« Nun wurden dem Arrestanten die Handketten abgenommen und der Kommandant erklärte ihm, daß er wieder frei sei. Görgl wollte mit Dankesbezeugungen auf den Vorstand zueilen, dieser aber merkte es und hielt es fürs beste, ihm nochmals einen »ordentlichen Wischer« zu geben, daß er so unweidmännisch gehandelt habe. Die Gendarmen schickten sich hierauf an, sich zu entfernen, aber der Kommandant konnte nicht umhin, leise und lächelnd zum Vorstande zu sagen: »Gedanken sind 79 zollfrei. Der Kerl hat mi übrigens heut auch dauert. Ein andersmal aber, wenn die tot' Mutter nimmer Trumpf is und der Vorstand nimmer zuagiebt, is's G'spiel auf unserer Seiten, und i mein, das erleben wir bald.« »Vergelts Gott!« rief Görgl seinem Retter mit dankbarem Blicke zu, als die Thüre sich hinter den weggehenden Gendarmen geschlossen hatte. »Staad bist!« entgegnete dieser leise. »Mei' Dirndl hat mir den Gedanken eingeb'n, deiner toten Muatta z'liab is's g'schehn. Wend di, werd a Mann, und du sollst an' B'schützer an mir habn. I woaß a Verwendnug für di, daß d' auf a etli Monat an' ständigen Vodeanst kriegst. Nach der Leich red'n ma davon. Vordersamst bist als Jagdaufseher bei mir eindingt und kannst aufs Gflüg ausgehn, wie 's d' magst; a guat's Schußgeld is dir g'wiß. Jetzt rast di aus und d' Weiber wern sorgn, daß d' was Warms z'essen kriegst.« Lisbeth und Afra überboten sich sofort in Werken der Barmherzigkeit, und Görgl, der in seinem Leben nie mit solcher Aufmerksamkeit behandelt worden, glaubte zu träumen. Die alte Mariannl war fortgeeilt, trockene Kleider aus dem Schranke ihres Sohnes zu holen, Afra brachte ihm warme Suppe und Liesbeth ein Glas Enzian und ein Stück weiße Leinwand zum Leichentuch für seine verstorbene Mutter. Der Bärenbauer aber steckte ihm gar ein paar harte Thaler zu, als Vorschuß, wie er sagte, und versprach ihm außerdem, daß für die Beerdigung seiner Mutter die Gemeinde sorgen werde. Der Gmoa'wastl wollte bei all diesen Liebeswerken auch nicht zurückbleiben und bot dem Görgl eine Prise 80 Schnupftabak. Dabei sagte er ihm ins Ohr: »Is's, daß d' auf d' Leich Schuah brauchst, i werd' mit'n Schuasta von Untergroana Rücksprach halten, du verstehst mi; er is auf d' Zahlung nit pressiert.« Kurz, die Aufmerksamkeit aller drehte sich um den Loder und die zum Fenster hereingaffenden Neugierigen hatten ihre helle Freude daran. Görgl fand sich allmählich selbst wieder, und je mehr dies der Fall, desto unbequemer wurde ihm die Aufmerksamkeit der anderen. Er hielt es fürs beste, sich davon zu machen, und schützte zu diesem Zwecke die Dringlichkeit einer Rücksprache mit dem Geistlichen wegen Beerdigung seiner Mutter vor. Dann wollte er ohne Verzug nach Hause eilen. Auch das fanden die Anwesenden für sehr schön, und als er sich bedankte und dabei einem nach dem andern die Hand drückte, sagten sie ihm alle mit Thränen in den Augen tröstende Worte. Als er zuletzt Afra ansprach, da leuchteten seine Augen und er sah sie so leidenschaftlich und durchdringend an, daß das Mädchen sichtlich errötete. »Afra,« sagte er mit leiser Stimme, »dir dank i alles – für di gieb i mei' Seligkeit, mei' alles.« »Thua r a guat,« erwiderte das Mädchen und wandte sich von ihm und den anderen ab. Sie fühlte, wie ihre Wangen heißer wurden. Was war das für ein brennender Blick gewesen! Der schwarze Görgl hatte sich entfernt, nach ihm auch die anderen. Draußen stürmte und schneite es, auf den 81 rotweißen Apfelblüten wiegte sich der Schnee und die blumigen Wiesen wurden wie mit einem Leichentuche überdeckt. Der große Kachelofen in der Stube mußte geheizt werden, damit sich die Inwohner vor der empfindlichen Kälte schützen konnten. Afra aber suchte ihre Kammer auf und beschäftigte sich mit einer Näherei. Linnen und Nadel hatte sie wohl zur Hand, aber beide ruhten; das Mädchen mußte, vergebens wehrte sie sich dagegen, wie gebannt stets nur an eines denken – an den brennenden Blick des Loders. 82 VIII. Görgls Mutter ward unter großer Teilnahme der Pfarreiangehörigen zur Erde bestattet. Keiner der Veteranen und früheren Knappen aus dem Höllenthalbergwerk fehlte, um der Witwe ihres einstigen, braven Kameraden die letzte Ehre zu erweisen, und ganz besonders gereichte es dem trauernden Sohne zur Genugthuung, daß auch der Bärenbauer mit Afra dem Leichenbegängnis und dem darauffolgenden Gottesdienste beiwohnten und statt seiner auch die sogenannten Spenden lieferten. Alle, welche bei einem solchen Seelenamte zum Opfer gehen, erhalten nämlich einen Groschen- oder Sechserwecken. Wohlhabende überlassen dieses Brot den Armen, die anderen bringen es »von der Leich« nach Hause. Görgl aber kam mit dem festen Vorsatze heim, nunmehr ein geregeltes Leben zu beginnen, zwar spät, aber wie er hoffte, nicht zu spät. So wollte er sich vor allem des Bärenmartele Zufriedenheit erwerben, indem er schon an einem der nächsten Tage dessen Jagdrevier beging. Die soeben stattfindende Auerhahnbalz veranlaßte ihn, schon vor Tagesgrauen die ihm wohlbekannten Plätze aufzusuchen, und es gelang ihm gleich beim ersten Verhör einen prächtigen Schildhahn abzubäumen. Das dünkte ihm ein glückliches Zeichen für seine Zukunft und voll der kühnsten Hoffnungen versorgte er den prächtigen Vogel in seinem Rucksack. 83 Sein Herz war an diesem Morgen sogar offen für den Genuß der Natur. Er verlor sich tiefer in das Gehölz und klomm einen Berg hinan, um auf dem Scheitel desselben den Morgen zu feiern. Der Nebel war infolge der Regentage noch ziemlich dicht und ließ ihn die nahen Bergkuppen und Alpen nur ahnen, aber nicht sehen. Er überwältigte mühsam die Bergwaldung und gewann einen offenen, geränmigen Platz, von dem er sogleich Besitz nahm. Die Sonne hatte indes eine beträchtliche Höhe am Himmel erreicht, der Nebel fing an, sich zu verdünnen, und die Spitzen der Berge traten wie Inseln aus dem Meere hervor. Plötzlich zerriß der Schleier ganz, und Hügel, Alpen und Hochgebirge standen im schönsten Morgenschimmer da. Das Thal zu seinen Füßen lag wie eine ausgerollte Karte vor ihm. Die Loisach und Partnach, von den Strahlen der Morgensonne berührt, flossen schimmernd wie flüssiges Silber dahin und in den Tannenwaldungen sang und jubilierte es aus tausend frohen Kehlen. Görgl war ergriffen von der Herrlichkeit der Szene. Zum ersten Mal erkannte er, wie schön die Heimat, in der es ihm vergönnt war, nunmehr als ehrlicher Mann zu leben, nachdem auch von ihm die Nebel gewichen, welche sein Geschick bislang verdüsterten. Und als von den Ortschaften zu seinen Füßen klar und feierlich die Glockentöne heraufzitterten, welche den Bewohnern das Zeichen zum Morgen-Ave-Maria gaben, da lüftete auch er den Hut und betete seinen englischen Gruß. Noch eine Weile blickte er dann nach all der Herrlichkeit ringsum, bis ihn ein vom jenseitigen Gebirge 84 herüberschwebender und dem Wetterstein zueilender Geieradler aus seinen kurzen Wonneträumen weckte. Er verfolgte ihn mit seinen Augen, so lange es anging, und beim Anblick dieses Vogels wurden plötzlich all die Gedanken und Wünsche wieder in seinem Herzen wach, mit denen er sich so oft in glänzende Zukunftsträume gewiegt. Der verborgene Reichtum im Wettersteingebirge und am Badersee schimmerte wieder in seinem Kopfe, und als schämte er sich der Regung, welche einige Minuten vorher der Anblick dieser wunderbaren Natur in ihm hervorgerufen, sagte er sich jetzt: »Was nutzt dir all die Schönheit, wenn nix dei' g'hört, wennst arm bist und veracht', wennst di plagn muaßt für andre Leut! Der Reiche hat'n Himmi auf der Welt, der Arm d' Höll. Drum soll's mei' erst's Trachten sei', reich z'wern, und ehnda bet' i koa' Vaterunser mehr, eh dös nit g'schiecht. Mit der Afra muaß si's entscheiden. I will mi zamnehma, ihr an' Respekt abz'gwinna, und's weiter giebt si' scho', sie müaßt netta koa' Dirndl sei'.« Der Bärenmartele war sehr erfreut, als ihm Görgl 85 den prächtigen Hahn überbrachte, und auch Afra ergötzte sich an dessen grünschimmerndem Federwerk. Es war dem Mädchen alles von Interesse, was mit der Schußwaffe in Verbindung stand, denn sie selbst war einer jener weiblichen Schützen, welche in jenen Zeiten an der bayerisch-tirolischen Grenze nicht zu den Seltenheiten gehörten. Die bayerischen Mädchen machten dies ihren tirolischen Schwestern nach, die in den letzten Kämpfen gleich den Männern zu den Waffen gegriffen hatten, um die Grenzen ihres Vaterlandes zu verteidigen und sich bei mehreren Gelegenheiten rühmlichst hervorthaten. So hatte auch der Bärenmartele und manch anderer schießkundiger Bauer seine Tochter im Schießen nach der Scheibe abgerichtet, und nicht selten trug ein Mädchen beim festlichen Scheibenschießen den besten Preis davon. »Um's Treffen wär's mir nit,« meinte Afra, den Vogel beschauend, »wenn i mit auf d' Balz gaang, aber load wär's ma um den schöna Vogel, den sei' Lebn grad a so g'freut, wie uns.« »Geh mit!« forderte sie der schwarze Görgl auf, und seine Augen leuchteten. »I woaß an' Platz, wo's nit schwer is, hinz'kemma, da Herr« – damit meinte er Afras Vater – »begleit' uns, und höllensaxendi! was müßt dös für a Freud für di sei', wennst sagen kannst, du hast an' Hahn abbäumt. 's is ja grad, als schießest auf d' Scheibn; d' Hauptsach is's Anspringa, und i wett' mit dir, es g'lingt dir. Geh mit, Afra!« Diese lachte über den Einfall des Burschen, welcher dies als teilweise Zustimmung nahm und in beredtester Weise die Begierde des Mädchens zu erregen suchte, bis dieses endlich den Bemühungen Görgls ein Ende machte: 86 »Wie dir nur so was einfalln kann! I werd' mit dir auf d' Hahnbalz gehn! Aufs Königsschießet geh i, wenn der Vata nix dagegen hat, aber mit dir auf d' Balz – b'büt mi Gott!« Und sie ging in die Nebenkammer. Görgl blickte ihr schweigend nach, dann sagte er zu sich selbst: »I bin ihr z'niederträchti, weil i arm bin. Sie schaamt si', mit mir z' gehn, selm wenn ihra Vata dabei is. Was willst machen? Vordersamst hoaßt's kuschen und die recht' Zeit ablurn (ablauern).« Täglich machte er nun seine Waldgänge, riegelte auf die Füchse, schoß Wildtauben, Schnepfen und Raubvögel, und der Bärenbauer hatte alle Ursache, mit seinem Jagdgehilfen zufrieden zu sein. – Mathies betrieb inzwischen sein Flößergeschäft, das ihm nur wenige Zeit gestattete, sich in seinem Dörfchen aufzuhalten. Das Zusammenrichten der Flöße und die Kalkbrände machten seine Anwesenheit teils an der Loisach, teils bei den Kalkgruben den ganzen Tag über nötig, dazwischen fuhr er dann auch häufig seinen Floß, dem er als Führer oder »Ferg« vorstand, die Loisach, und öfters sogar die Isar hinab. Vom oberen Flußgebiet bei Oberau und Garmisch geht nämlich die erste Fahrstraße bis Beuerberg, wo neue Flößer bis Wolfratshausen eintreten; oft aber bringen dieselben Floßleute den Floß bis München und je nach der darauf befindlichen Fracht noch weiter bis zur Donau und selbst bis nach Wien. Wie schon eingangs erwähnt, wohnt an der Loisach ein starkes, rüdes Geschlecht von Floßleuten, wozu die 87 meisten Söldner (Kleinhäusler) dieser Gegend gehören. Die Floßleute sind in eine feste Zunft vereinigt und halten sich streng nach den alten verkapselten Briefen ihrer Zunftlade. Ueberall hängen in den Wirtshäusern ihre Gewerbsschilde, zierliche, kleine Flöße mit Hütten und Fährleuten, aus Holz geschnitzt, das Floß meist in den bayerischen Farben mit weißen und blauen Rauten bemalt. Ihre Jahrtage, mit Gottesdienst und Tanz, haben eine große Berühmtheit. Die Zunft besteht aus Floßmeister und Floßknechten. Letztere sind entweder Fergen, das sind die Floßführer oder Steuerer. Nach alten Satzungen muß jeder Flößer ein Lang- oder Baumfloß herstellen, Schnallen, Wieden und Ruder zurichten, eine Kalktruhe bauen und ein Floß bis München steuern können. Den Floßleuten stand vor allem das Recht zu, an einer bestimmten Anzahl Oefen Kalk zu brennen, und mußten sogar alle Kalkbrenner sich auch in die Zunft der Flößer aufnehmen lassen. Kein Lediger durfte Floßhandel treiben, und nur wer verpflichtet und hausgesessen war und ein Floß von rauhem Zeug aufzuschlagen verstand, durfte in die Zunft aufgenommen werden. In späterer Zeit wurde manches an diesen alten Satzungen geändert; es wurden auch ledige Burschen als Meister in die Zunft zugelassen, aber nur solche, die sich als gut beleumundet erwiesen. Immerhin bilden noch jetzt die Flößer eine festgeschlossene Zunft aus braven und arbeitsamen Leuten und jeder, der ihr angehört, ist stolz darauf, denn der ganze Stand genießt ein ihm mit Recht gebührendes Ansehen. Mathies stand im Dienste des Floßmeisters Bürger in Garmisch, und dieser vertraute dem Burschen, der als Ferge seinem Floße vorstand, nicht nur letzteren an, sondern 88 auch den Verkauf der Bäume und der Fracht, wie Kalk, Kohlen u. a., und er hatte alle Ursache, mit ihm zufrieden zu sein. So gab es vollauf zu thun und für sein Dörfchen hatte der Bursche, wie erwähnt, nur wenige Stunden der Nacht, oft auch nicht diese. Aber Afra grüßte ihn von ihrem Kammerfenster aus, wenn sie ihn im Morgengrauen vorübergehen sah, und abends nach Sonnenuntergang blickte sie wieder sehnsüchtig nach ihm aus, und der Juhschrei, den er vom Thalgrunde unten zum Dörfchen hinaufschickte, galt ihr jedesmal als ein ersehnter Liebesgruß. So war der Vorabend von Johanni herangekommen. Mathies hatte seinen Floß nach München gefahren und von dort erwarteten ihn heute die Großmutter und Afra zurück. Der Sommer hatte bereits die ganze Vollglut seiner Farbenpracht über die malerische Gegend ausgegossen und die Strahlen der Sonne lagen gleich einem goldenen Netze über den saftig grünen Thälern der Loisach und Partnach. Die Uferränder schienen wie übersät mit den lieblichsten Vergißmeinnichtblüten und anderen Blumen, und an den warmen Felswänden empor prangten förmliche Teppiche von glühenden Alpenrosen und vielen anderen Gebirgsblumen. Mathies kam, wie erwartet, an diesem Nachmittag mit noch zwei Kameraden, dem Seehansele und dem Floßerjackerle, über Murnau her gen Garmisch gewandert. Er hatte sich in München bei seinem ehemaligen Leutnant Naus erkundigt, wann er zur Terrainaufnahme in die Berge hereinkäme und wie er ihm dabei in irgend einer Weise dienlich sein könne. 89 Sein vormaliger Herr ergriff mit Freuden die Gelegenheit, den wackeren Burschen als Meßgehilfen für die Vermessungsdauer im Werdenfelsschen zu gewinnen, da er ihm durch seine Ortskenntnis große Dienste zu leisten imstande wäre, und Mathies war dies recht wohl zufrieden. Er konnte sich dabei mehr verdienen, als bei der Flößerei, und auf die Bemerkung des Offiziers, daß dieser Dienst sehr anstrengend wäre, meinte er, es sei ihm noch niemals eine Arbeit zu viel geworden und es mache ihm eine ganz besondere Freude, nochmals seinem früheren Herrn dienen zu können. So ward denn verabredet, daß Mathies mit dem Offizier am Johannistag im »Stern« zu Partenkirchen zusammentreffen solle. Es war in den Nachmittagsstunden, als Mathies mit seinen beiden Kameraden in dem am Fuße des prächtig geformten Kramers gelegenen freundlichen Markte Garmisch ankam, welch letzterer Ort mit seinen üppigen Baumgruppen, grünen Wiesplätzen und blumenreichen Gärten, von den raschen Fluten der Loisach durchströmt, einen äußerst heimischen Eindruck macht. Der Ort, in alter Urkunde schon im 13. Jahrhundert als Germarsgave (Garmischgau) im Besitze Konrad I., Bischofes von Freising aufgeführt, zählt an 290 Häuser, worunter zwei Kirchen, ungefähr 1500 Einwohner und ist der Sitz des Landgerichtes und Rentamts Werdenfels und eines Revierförsters. Das wohl seines Namens wegen bekannteste Wirtshaus in dem schönen Alpenorte war damals wie noch heutigen Tages »der Husarenwirt«, am linken Ufer der Loisach gelegen. Es ist ein im Gebirgsstil erbautes Haus 90 mit vorspringendem Dache. Im spanischen Erbfolgekrieg lagen dort österreichische Husaren und Infanteristen im Quartier. In Erinnerung an diese Einquartierung hat irgend ein Maler einen Husaren und einen Infanteristen im weißen Rock, mit dem Dreispitz auf dem Kopfe, gemütlich zu einem blinden Fenster herausschauend, al fresko dorthin gemalt und so dem Wirtshaus seinen berühmten Namen »zum Husar« gegeben. Dieses Gasthaus war auch die Herberge der Flößer und dahin hatten Mathies und seine Kameraden ihre Schritte gelenkt. In der kühlen Gaststube wollten sie sich stärken für den Weitermarsch und die Tageshitze vorüber gehen lassen. Mathies aber hatte daneben noch einen anderen Zweck. Er wollte dem Floßmeister für die Dauer des Sommers den Dienst aufkünden, was der Floßknecht nach altem Herkommen nicht vor dem Abendläuten thun darf und zwar bei Strafe des Ausschlusses aus der Zunft. Floßmeister Bürger erwartete seine Knechte schon seit geraumer Weile in der Herberge. Er saß ganz allein in der Stube an dem Tische, über welchem das Herbergsschild der Flößer angebracht war. Man merkte es dem Manne an, daß er in der Lage war, andere Leute für sich arbeiten zu lassen, davon zeugte auch der runde dicke Kopf mit dem Doppelkinn und eine sehr umfangreiche Leibesstärke. Der Trunk wollte ihm so allein nicht recht munden, zumal auch der Wirt und die unterhaltende Frau Wirtin schon gestern nach Mittenwald zu einem Festschießen gefahren waren, an dem sich der Husarenwirt beteiligte. So war außer einer alten Kellnerin niemand zugegen, mit dem er sich ausschwätzen konnte. Um so froher war er, als endlich seine Floßknechte in die Stube traten und ihn 91 höflichst begrüßten, und doppelt froh, als Mathies seine Geldgurte abschnallte und dem Meister eine nicht unbeträchtliche Summe als Erlös für die Floßbäume und die verkaufte Fracht aushändigte. Ueber der nun folgenden Abrechnung hatten sie das Eintreten eines jungen Mannes in der Tracht, wie sie hier zu Lande die Burschen tragen, mit Rucksack und Bergstock, ein Gewehr in einem ledernen Ranzen über der Schulter hängend, fast ganz übersehen. Der Eintretende, vom Marsche sehr bestaubt und infolge der großen Hitze etwas ermattet, setzte sich auf dem belederten Sopha am hintern Tische nieder, stellte Gewehr und Bergstock in die Ecke und legte den Rucksack neben sich. Das Gesicht des jungen Mannes mit den krausen, braunen Haaren, den großen, dunklen Augen und einem kleinen Schnurrbärtchen zeugte von lebhaftem Geiste. Die alte Kellnerin setzte ihm auf Wunsch »a halbe Bier und an' Kaas« hin und erwiderte auf die Frage des Fremden, ob er ein Zimmer haben könne, daß die Frau Wirtin jeden Augenblick von Mittenwald zurückkommen müsse. Sie werde ihm dann schon eine Liegerstatt anweisen, wenn er nicht vorziehen sollte, wie andere Wanderer für den Nachtgroschen auf dem Stroh zu schlafen, das nachts auf den Stubenboden gebreitet wird. »I hon d' Wirtin schon troffen draus z' Mittenwald,« versetzte der Fremde, »sie woaß's schon, daß i heunt da zu Gast bin und – i bin zwar kon' Verachter vom Stroh – glaub' aber dengerscht, daß i a Bett krieg.« »Mir kann's recht sei',« meinte die alte Jungfer obenhin und nahm die leeren Maßkrüge vom Tische der Flößer, 92 um sie wieder voll zu füllen. Der Fremde ließ sich indessen Trank und Speise munden und stopfte sich sein Ulmerpfeifchen. Dann nahm er ein Notizbuch aus der Seitentasche seiner Joppe und schrieb in dasselbe. Er wurde in seiner Arbeit durch den Ausruf des Floßmeisters unterbrochen: »Jeß, der Jagatoni! Guat, daß ma mit 'n roaten (rechnen) firti san; der machet uns mit sein G'schmaatz grad irr.« Und er verwahrte die Silberstücke in seiner Geldkatze. 93 IX. Der Jägertoni, in alter Joppe, grünem Hute und Kniehösln, von einem anstrengenden Pürschgange zurückkehrend, trat soeben mit seinem sehr ermüdeten Dackl in die Stube. Er war ein hagerer Mann in den Vierzigern, hatte eine spitze Nase, ein sehr faltenreiches, wetterdurchfurchtes Gesicht, weißgelbe, kurz gehaltene Haare und einen struppigen Schnurrbart; außerdem lichtblaue Augen mit stets geröteten Augenlidern, und galt als ein närrischer Kauz. Seine Parole war: »Alleweil kreuzfidei!« Und Zither und Gesang waren hörbar, wo er zu Gaste. Als er jetzt den Floßmeister die Kronenthaler einstecken sah, sagte er: »B'fehl mich! Da kimm i ja grad recht zum mithalten, denn woaßt, i hoaß Toni, koa' Geld hon i, Toni hoaß i, koa' Geld woaß i.« »Und von dein' heuntigen Schußgeld sagst nix?« erwiderte der Floßmeister. »Bringst an' Bock?« »Himmel Million, nix bring i!« rief der Jäger verdrießlich, indem er Gewehr und Bergstock wegstellte und seinen Rucksack ärgerlich zu Boden warf, den sich der Dackl sofort zum Lager auserkor. »Also nix unterwegs kemma?« fragte der Floßmeister abermals. »Dös is's ja,« antwortete der Jäger. »Aber Vroni, 94 bring mir z'erst a Maßl. Wenn i's reden amal anfang, krieg i z' viel Aerger und der kunnt mir schaden, trinket i'n nit weg!« Die alte Kellnerin kam seinem Wunsche sofort nach, und nachdem er auch gesorgt, daß sein Hund Wasser bekam, that er einen tüchtigen Schluck aus dem Kruge. »Ah!« machte er wohlgefällig, indem er sich den Schaum von Bart und Mund wischte, »bei dem bleibn ma heunt!« Aber plötzlich den Floßmeister grimmig anblickend, sagte er: »Nix unterwegs moanst is mir kemma? A Kapitalbock – grad vor mir auf etli dreiß'g Gaang. I halt grad auf'n Kopf, a Kernschuß, es kann si' nit feihln; wo i amal so hinhalt, dös g'hört mir. I druck ab – bum – der Bock is marschaus.« »Da hast woltern an' Hochschuß g'habt,« meinte der Floßmeister, »es kimmt ja leicht vür, daß d' Jaga aa diem (hie und da) nixi treffen.« »Recht hast, an' Hochschuß hon i g'habt,« rief der Jäger, »der Sapperamentsbüchsenmacher, er hat mei' Bix zum Frischen g'habt und er muaß mir's G'schau durchanand bracht habn. Siehg i da glei drauf a Wildtaubn streichen, schier hätt' i's mit der Hand dalanga könna. I schieß'n Lauf mit 'n leichten Zeug (Schrot) ab – pumps di – d' Wildtaubn lebt itz no'!« »Da hast ja woltern an' Tiefschuß g'habt,« entgegnete der Floßmeister, dem Jäger seine Schnupftabakdose aus Birkenrinde präsentierend. »No', was sag i denn!« rief der Jägertoni. »Der Malefizbüchsenmacher! Is d' Flinten allweil guat ganga; itz hon i Tiefschuß; du möchst ja glei a Hirsch wern! Denk i mir, wie i draus am Schießstand vorübergeh', an' alte 95 Scheibn hängt dort – probierst dei' Bix, daß d' siehst, wo's feit (fehlt). I schieß mit 'n groben Zeug auf anständige Weiten, große Schrot sans ja dengerst gwen – bum! Ich schau außi auf d' Scheibn, hätt i nur den Büchsenmacher beim Kravattl g'habt in dem Augenblick, i hätt'n umg'bracht – so a Schneiderei! nit an' oanziger lausiger Schrot is in d' Scheibn. So was giebt's nimmer!« Der Floßmeister und die Knechte lachten über die Wut des Jägers und ersterer sagte: »Da hat dei' Bix entweder Kurzschuß oder Seitenschuß.« »Freili hat's Kurzschuß! Dös mirkt ja a Tollpatsch und i wollt wetten, daß 's an' Seitenschuß hat. Elendiger Büchsenmacher! Alle Truden vom Werdenfelserlandl solln über eam kemma! Da wenn i 'n hätt' – jeß, was is dös für a Glück für den, daß 's eam grad nit einfallt, beim Husaren a Maß Bier z'trinken! I hon heunt koa' solches Glück g'habt. Alle Teufel no'mal, wie is's mir ganga!« Jetzt brachen die Flößer in ein schallendes Gelächter aus. Der Jägertoni wußte nicht gleich, sollte er sich darüber ärgern oder selbst mitlachen und da er beides abwechslungsweise that, indem er bald lachte, bald wieder ein fuchsteufelswildes Gesicht machte, so regte er dadurch die Lachlust der Anwesenden nur um so mehr an. Aber nicht nur die an seinem Tische Sitzenden lachten, sondern auch der fremde junge Mann auf dem Sopha, so daß des grimmigen Nimrods Blicke erst jetzt aufmerksam dorthin gelenkt wurden. »Wer is denn dös Bürschl dort hinten?« fragte er ziemlich anmaßend. »Den kenn' i nit,« entgegnete der Floßmeister. »Er 96 schaugt si' aber für an' Jaga oder Schützen her; siehgst nit sein' Büchsenranzen?« »Gigez (lach) nit so dahinten!« rief Toni dem Fremden zu; »setz di vüra zu uns, wennst a Landsmann bist und wennst konna bist, setz' di aa her.« »Is mir a große Ehr!« sagte der Fremde, noch immer lachend, nahm sein Glas und begab sich damit zum Tische der anderen. Toni fixierte ihn sehr scharf vom Kopfe bis zu den Füßen, besonders aber blieben seine Blicke an den Knieen haften, welche erkennen ließen, daß sie schon sehr viel mit den Felsen und Schroffen in Berührung gekommen waren. »Hon di no' niermals bei uns g'sehgn,« sagte er dann. »Du schaugst di auf an' Gamsjaga her, i moan, i hon's daraten. Wie hoaßt denn?« »Kobell hoaß i,« antwortete der Fremde. »Hon no' nix g'hürt von dir. Kobell schlechtweg?« »No', halt Kobellfranzl.« »Und i bin der Jagatoni von Garmisch,« stellte sich dieser vor. »Auf Weidmannsheil!« Sie stießen mit einander an. Die andern thaten desgleichen. »Wo kimmst denn her?« examinierte der Jägertoni weiter. »Z' Mittenwald bin i gwen beim Schießets. No' und da kimm i heunt über Partenkirchen, wo i an' guaten Freund von Münka (München) troffen hon, der mit mir da umma is, weil er beim Landrichter was z' b'sorgn hat. I hon nit mit eam aufs Landg'richt woll'n, weil i gar so meschant ausschau. Also dawart i 'n halt da.« »No', und hast z' Mittenwald mitthoa' kinna bei die 97 Scharfschützen, lauter Manna, die scho' mit an' Punkt auf d' Welt kemma san?« »Is mir nit schlecht ganga,« erwiderte Kobell; »'s Zwoat hon i mir g'holt auf der Ehrenscheibn – fünf Dukaten is a koa' Pfifferling.« »G'wiß nit – wenn ma 's g'wiß hat,« sagte der Jägertoni, ihn mißtrauisch anschauend. Kobell merkte dies. Er zog einen verbrauchten, ledernen Zugbeutel aus der Tasche und zeigte dem ungläubigen Jäger die in ein Papier gewickelten fünf nagelneuen Dukaten. »Respekt!« rief dieser, »itz sollst glei no'mal lebn! Du muaßt a guate Bix hab'n« »No', von selber trifft's nit,« lachte Kobell. »I hon mir's halt durch koan Büchsenmacher verderbn lassen, wie du die dei', und so hon i koan Hoch- und Tief-, koan Kurz- und Seitenschuß kriegt, wohl aber an' Schwarzschuß und dös is ja allemal d' Hauptsach. Aber is's erlaubt, so laß i a Maßl bringa? Und was is's denn mit enk, Flößer? Enka Moasta wird nix dagegn hab'n, wenn's mir oan von die Dukaten vertrinka helft's. Hon alleweil so viel g'hört vom Garmischer G'sang und dieweil is's so staad da, wie r in ara Gruftkapelln.« »Beim G'sang bin i glei dabei!« rief jetzt Mathies. »Vroni, nur her mit der Zidan (Zither).« »Bist von Mittenwald dahoam?« fragte Toni den neuen Tischgenossen, »oder hast dir dort nur an' Preis g'holt?« »Dahoam bin i wo anders,« entgegnete Kobell. »Aber i hon mir scho' no' was g'holt von dort, nämli die schö' Cenzi vo' Mittenwald.« 98 »So?« fragte der Jäger mit großen Augen. »Wo hast es denn, die schö' Cenzi?« »Da drin hon i's,« erwiderte Kobell, nach der Seitentasche deutend, in welcher er sein Notizbuch stecken hatte. »A narrisch!« rief der Jägertoni, »du wirst es dengerscht a nit im Keiler (Tasche) hab'n« »Im Büchl hon i's drin.« »Ja so, du moanst halt a Bildl. No', mir kann's recht sei'. Wenn i z'nachst ummi kimm, werd i's aufsuacha, die Cenzi, und schö' grüaßen von dir.« Vroni hatte inzwischen auf Kobells Rechnung frisches Bier gebracht. Auch dem Floßmeister stellte sie einen vollen Krug hin, den dieser nur unter der Bedingung annahm, daß die nächste »Ladung« auf seine Rechnung gehe. Der Jägertoni aber benützte den Anstich zu einem Toaste, indem er rief: »Die schö' Cenzi von Mittenwald, vivat, sie soll leb'n! Hoch!« Mathies hatte in die Saiten der Zither gegriffen und machte einen Tusch dazu. »Itz singa ma oans!« rief der Jägertoni, der nunmehr ganz sein heutiges Pech vergessen hatte, »aber was zünftigs, a Jagaliad. Kannst oans?« fragte er Kobell. »I moan scho« entgegnete dieser. »Singa ma: Wie freut mi mei' Bix.« »Wenn mi aa heunt mei' Bix nit freut, 's G'sangl g'freut mi,« sagte Toni, »und also singa ma. Mathies, zupf dei' Zidan und fang an.« Und lustig hallte es aus den kräftigen Kehlen mit Jodlern untermischt: 99 »Wie freut mi mei' Bix, Da drüber geht nix, Und wann i mei' Bix nimmer führen soll, Is mir auf dera Welt nimmer wohl. Wie freut mi mei' Bix, Da drüber geht nix. Wie freut mi die Birsch Auf d' Gams und auf d' Hirsch, Wann i nimmer birschen und jagen soll, Is mir auf dera Welt nimmer wohl. Wie freut mi die Birsch Auf d' Gams und auf d' Hirsch. Kann nix Schönres geb'n, Als jagerisch leb'n, Wann i nimmer jagerisch leb'n soll, Is mir auf dera Welt nimmer so wohl. Kann nix Schönres geb'n, Als jagerisch leb'n.« Nachdem mit diesem Liede einmal der Anfang gemacht war, folgten noch andere nach und Kobells Aufmerksamkeit richtete sich ganz besonders auf den zitherkundigen Mathies, der mit der schönsten Fistel sich sogleich die erste Stimme angeeignet hatte und zwischen den Liedern lustige Ländler auf der Zither spielte, daß die anderen vor Vergnügen auf die Schenkel zu klatschen begannen, mit den Fingern schnalzten und mit der Zunge schnackelten. Inzwischen war noch ein weiterer Gast hinzugekommen in der Person des Gmoa'wastls von Untergrainau, der, wie aus der unter dem Arme getragenen Lederrolle ersichtlich war, Material für sein ehrsames Schusterhandwerk eingekauft hatte. Er setzte sich mit den Worten: »Wenn's verlaubt is,« und brachte bald vor Vergnügen seinen weiten Mund nicht mehr zusammen. 100 »Heunt wird's fidei!« rief der Jägertoni, mit dem neuen Tischgenossen freudig anstoßend, und dann wandte er sich zu Kobell und fuhr fort: »Gel, da schaugst, wie die Floßknecht singa kinna, grad wie d' Nachtigalln, b'sunders der Lechner Hies? Ja, dem thuat's koana nachi; und wennst 'n erst Schnadahüpfln singa hörest! Mi ausgnomma giebt's im ganzen Landl koan bessern mehr.« »No', willst es 's Ansinga mit mir probiern?« fragte Kobell den renommierenden Jäger. »I versteh mi aa drauf und was gilt's, i sing di hin?« »Du mi?« rief der Jäger. »Dös wirst dir überlegn.« »Traust dir leicht nit?« fragte Kobell lachend. »An' Dukaten setz' i ein gegn dein' Schlagring.« Und er legte einen Dukaten auf den Tisch. »Du junger Fant rennst ja schnurstraks in dei' Verderbn!« entgegnete der Jäger. »Aber mir kann's recht sei'. Also, da is mei' Schlagring. Wer'n andern hinsingt, is matsch. No', du paß auf mit deiner schöna Cenzi.« Und Kobell, unendlich vergnügt, begann sofort, den Jägertoni anzusingen. Dieses Ansingen, das im Hochland sehr häufig vorkommt, ist der Wettkampf zweier Sänger, welche sich mit anzüglichen, nur für den Augenblick improvisierten Strophen im Wechselgang so lange bekämpfen, bis der eine sich nicht mehr durchzufinden weiß und unter allgemeinem Gelächter auf das Wort verzichtet, oder etwa auch, bis der Kampf des Geistes in einen leiblichen übergeht und sich in blutiger Streit entfacht. Das Schnadahüpfel macht den Großteil der alpinen Volkspoesie aus. Es besteht aus einer vierzeiligen, ganz oder teilweise gereimten Strophe, welche mit Beigabe eines 101 bezüglichen Bildes oder auch unmittelbar einen Gedanken ausspricht. Es sind dies Gesangsstücklein, die allerlei Anspielungen, Neckereien, Liebeserklärungen und Herausforderungen enthalten. Man kann sie als kleine Blumen der Geselligkeit betrachten, welche ebenso in der einsamen Sennhütte, wie bei Trunk und Tanz und Fest florieren und ein belebendes und vergnügendes Element bilden, wie anderwärts nichts Aehnliches bekannt. Das Schnadahüpfel der süddeutschen Gebirgswelt ist eine der lieblichsten Erscheinungen der Volkspoesie und das würdigste Seitenstück zu den Märchen des Nordens. Diese einfachen Feldblumen der Poesie dürften oft durch Innigkeit und Zartheit des Gefühls manchen Städter beschämen. Meist sind sie jedoch nur Kinder des Augenblicks, das unbedeutende stirbt auch im Augenblick seiner Geburt, denn was sich auf dem Lande fortpflanzen und erhalten will, muß sozusagen »klassisch« sein. Das echte und rechte Schnadahüpfel gleicht einem Rätsel – die ersten drei Zeilen sind wie eine Frage, die vierte ist die Antwort darauf. Der Kobellfranzl begann unter Mathies Zitherbegleitung sofort seinen Angriff, die übrigen sangen jedesmal die Melodie ohne Text nach, während dem der Gegner Zeit fand, sein G'sangl auszudenken: »Der Garmischa Jaga Is gar a verdrahta, Hat a nigl nagl neue Bix, Aber treffen thuat er nix.« Der Jägertoni entgegnete nach dem üblichen Chorus sofort: »Jatz hör i oan singa, Er singt grad zum Trutz, 102 Und a sellener Spitzbua Is selt'n was nutz.« Und nun begann ein wahrer Wettkampf hinüber–herüber. Auf jeden Angriff Kobells folgte ein schallendes Gelächter der Zuhörer. Das Erlauschte über des Jägertonis verfehlte Schüsse, sein Lamento über den Büchsenmacher waren für den Gegner eine wahre Fundgrube des Witzes und er verstand es meisterlich, stets eine überraschende Wendung, eine unerwartete Aufklärung, eine neue Moral, etwa auch eine nicht geahnte Dummheit vortreten zu lassen. Aber auch der Jägertoni stellte seinen Mann. Allmählich aber erlahmte er, die Chorsänger mußten öfters zweimal ihr »tralala« wiederholen, bis ihm die rechte Antwort beifiel. Der Schweiß stand ihm bereits auf der Stirne und endlich ging ihm, wie er selbst sagte, das »Trumm« aus. Er wußte dem Jäger nicht mehr zu antworten, und der Floßmeister, als Schiedsrichter, erkannte Kobell als Sieger an und übergab ihm den Schlagring des Jägertoni, den sich der Sieger mit großem Vergnügen an den Finger steckte. Der Jägertoni suchte sich mit einigen kräftigen Zügen für den Verlust des Schlagringes und die erlittene Niederlage zu trösten. Aber er blickte fuchsteufelswild auf den jungen Sänger und meinte: »An' anders Mal geht's umkehrt. Die groß' Hitz heunt hat mi matt g'macht, aber du find'st aa scho' no' dein' Herrn.« »Also her mit dem Herrn!« rief Kobell. »Hat leicht von enk no' oana Schneid, mi anz'singa?« »I möcht's grad scho' probiern,« sagte Mathies. »Alle vier därft's gegn mi singa, aa der Schuasta, 103 wenn er mag,« antwortete Kobell lachend, »aber schö' oana nach'n andern. Da san zwoa Dukaten, die g'hörn enk, wenn mi oana maultot macht.« »Es gilt!« rief Mathies. »Was setzen wir dagegen?« »Nix sollt's setzen,« sagte der Floßmeister; »i bin für enk Zahler.« »So möcht' i dös G'häng an Enkera Uhrketten,« versetzte Kobell. »Dös G'häng mit die silberg'faßten Murmelzähn, mit die schön' Hirschkranl und der Geierkralln?« fragte der Floßmeister, die bezeichneten Gegenstände durch die Finger streifend. »Gern gieb i's nit her – aber was! – i krieg ja dengerst die zwoa Dukaten. Also, es gilt!« Und nun begann ein neuer Wettkampf. Mathies machte den Anfang, ihm sollten der Seehansele, der Gmoa'wastl und dann der Floßerjakele folgen. Sobald einer den Chorus zweimal singen ließe, ohne ein neues Schnadahüpfel zu beginnen, sollte er für besiegt gelten. Kobell mochte es dem blauäugigen Obergrainauer ansehen, daß er verliebter Natur war, und so sagte er ihm, er sollte »d' Liab« erwählen, es müßte nicht immer getrutzt sein. Mathies war dies wohl zufrieden und begann sofort: »Was wird denn die Liab sei', Wer kannt mir dös sagn, Und i hon hin und her denkt, Und kann's nicht dafragn.«               Kobell: Die Liab is a Schießet Auf a schneeweiße Scheibn, Und da kennst di nit aus, Därfst es wohl a Weil treibn. 104             Mathies: Und d' Liab is a G'schicht und die geht gar nit aus und wird überall verzählt Und is überall z' Haus.               Kobell: Und d' Liab is a G'spiel, Da kannst g'winna gar viel, Und no' mehra verlier'n, Kannst's dei' Lebta lang g'spüren.             Mathies: Und d' Liab is a Vog'l Der war nach mein' Sinn, Und mei' Dirndl is der Käfig, Da flutschert es drin.               Kobell: Laß mi aus mit der Liab, Schau, i hon's scho' probiert, Und sie hat mi gar schö An der Nasen rumg'führt. In solcher Weise, die schönsten, bilderreichsten Vergleiche erdichtend, ging es eine Weile fort. Plötzlich aber hielt Mathies ein und sagte: »Itz fallt mir nix g'scheit's mehr ein und was unsaubers mag i über d' Liab nit singa.« »Dös is a schön's Wort,« sagte Kobell, »und ehrt di. Also, die andern weiter!« Dem Floßmeister wurde um sein Gehäng bange. Der Jägertoni aber zitterte vor Aerger über die »Triumphe« des jungen Fremden und that einen tüchtigen Schluck nach dem andern. Der Gesangskampf gestaltete sich bald wieder sehr heiter und Kobell blieb seinen drei Gegnern nichts schuldig. 105 Er folgte dem Sprichwort: »Wie man in den Wald ruft, so hallt es wieder.« Man blieb jedoch nicht bei dem einen Thema und Kobell warf u. a. auch die Frage auf: »Was is a Schnadahüpfei?« wobei die verschiedensten Antworten zum Vorschein kamen, wie: A Schnadahüpfei Hat an' schneidinga Gang, Und steigt z' höchst ins Gebirg, Wird nit schwindli und bang. A Schnadahüpfei Is a Vogl in Wald, Bal' er trauri will wer'n Nacha stirbt er aa bald. A Schnadahüpfei Is a tanzender G'sang Und a trauriger Tanz, Bua, der dauert nit lang. A Schnadahüpfei Is a offenes Briefei, Und da steht's deutli drin, Wie dir is in dein' Sinn. A Schnadahüpfei Is a Bleaml vom Feld, Es wird just nit viel g'acht' Kimmt do' furt auf der Welt. A Schnadahüpfei Hat an' lustinga Stand, Und macht überall auf, Is a Landmusikant. u. s. w. Beim Floßerjakele aber kam grobes Geschütz ins Treffen, nachdem sich der Gmoawastl schon nach den ersten, 106 mit mehr meckernder, als singender Stimme vorgetragenen Strophen für besiegt erklärt hatte. Hier nur einige Proben von G'moawastl's Muse: Ehmal ham ma Schuahein (Schuhe) g'habt Ehmal nit aa, Ehmal ham ma Sohln' d'rauf g'habt, Ehmal nit aa. In Eschenloh unt' Is a Katz und a Hund, Und a Katz und a Hund Is in Eschenloh unt'. Dort ob'n auf der Alm Is a Kalbn awagfall'n, Wär' d' Kalbn nit auf d' Alm So war's nit awagfall'n. Nicht lange dauerte es, so mußte auch der letzte Kämpfer, der Jakele, sich ergeben, und Kobell befestigte mit unsäglichem Vergnügen das gewonnene Gehäng an seiner Uhrkette. Alle gönnten ihm dasselbe gern, nur der Jägertoni wur ganz »fuchtig« über den wiederholten Sieg und in seiner bereits hochgradigen Bierbegeisterung rief er Kobell zu: »Mirkst es denn nit, daß ma dir gern und nur aus Barmherzigkeit hab'n alles gewinna lassen? Moanst, es braucht weiter nix, als auf Garmisch geh'n und die best'n Singer tot z' machen! Da hast di g'schniden!« »Na', na',« mischte sich der Floßmeister ein, »di Sach is richti und ehrli vor sich ganga, alle seid's matsch worn, und du, Jagatoni, du großmauliger Mensch, bist gar grad a Pfifferling z'gegen den da.« »Was?« schrie Toni, »i a Pfifferling? No', dös sollts glei' sehgn.« Dabei erhob er sich und machte gegen Kobell eine angreifende Bewegung. 107 Dieser jedoch sprang rasch auf und sagte lachend: »Möchtst ebba dein' Schlagring am Kopf spüren? Dös kann scho' g'schehgn, wennst es hab'n willst.« »Halt's mi! halt's mi!« schrie Toni und streckte, damit dies leichter geschehen konnte, seine Hände nach rückwärts den Floßknechten entgegen, welche sie auch lachend festhielten. »Halt's mi! halt's mi!« schrie er dann wiederholt, »oder es g'schieht an' Unglück.« In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre und der Landrichter von Garmisch trat mit einem fremden Herrn in die Stube. »He, was ist los?« rief der Beamte. 108 »Ein Sängerkrieg in Garmisch mit obligatem Ausgang,« erwiderte Kobell lachend. »Z' Schanden hat er uns alle g'sunga,« erklärte Mathies, »und dös hat'n Jagatoni g'fuxt. Aber g'schehgn is nix, da hab'n ma scho' g'sorgt.« »Herr Doktor, man hat Sie doch nicht insultiert?« fragte der Beamte. »Bewahr Gott!« erwiderte Kobell lachend. »Alles ging in Liebe und Eintracht. Z'erst hab'n wir trunken, dann g'sungen und d' Zither g'schlagn und zum Schluß g'rauft. Alles nach der schönsten Ordnung.« »Was? A Doktor is dös?« riefen die Tischgenossen Kobells erstaunt. »No', da san ma alle mitananda schö' einganga,« meinte der Floßmeister. »A Doktor?« wiederholte der Jägertoni. »Ja no', da habt's es, nur a Doktor kann uns z' Schanden singa. Oes müaßt's mir scho' verzeihn,« wandte er sich dann an Kobell; »i hon Enk für an' Jagdspezl von mir g'halten, Oes habt's Enk aa so g'moan gebn, daß d' nix anders denken kannst. Enk vogunn i mein Schlagring –« »Und i mei' G'häng,« setzte der Floßmeister hinzu. Jetzt zeigte der junge Doktor seinen Freunden die in dem Singkampfe eroberte Siegesbeute mit den Worten: »Das wird mir zeitlebens ein heiteres Andenken an den heutigen Tag sein.« Und sich zu den besiegten Gegnern wendend, fuhr er fort: »Itz aber, Leutln, eßt's und trinkt's; heunt bin i Zahler. Singt's, so lang's könnt's. Du, Jaga, kriegst scho' ebbas von mir für dein Schlagring.« Dann wandte er sich zum Floßmeister: »Sie, Herr Floßmeister, werden mich einmal in München besuchen, 109 wenn Sie wieder dorthin kommen, und wir werden dann quitt.« »Der Herr Doktor soll leb'n! Vivat hoch!« rief der Jägertoni, und die andern stimmten ein. »Das ganze Vergnügen verdanke ich eigentlich dir,« sagte Kobell jetzt zu dem mit dem Landrichter eingetretenen Herrn, den Mathies bereits als seinen früheren Leutnant Naus erkannt und begrüßt hatte. »Mir?« fragte dieser. »Natürlich; weil du mich so lange warten ließest.« »Wie ich hörte, bleiben Sie längere Zeit bei uns in Garmisch?« fragte der Landrichter den Doktor. »Wenn i für mein' Nachtgroschen a Stroh krieg?« fragte dieser lachend die Kellnerin. »Jetz, itz is's recht!« rief Vroni etwas beschämt. »Die schö' Stubn is für'n Herrn Doktor aus München scho' etli Tag herg'richt und i hätt'n auf'n Stroh wolln schlafa lassen!« »Wär' nicht zum ersten Mal gewesen,« versetzte Kobell. »Aber wenn man's besser haben kann, greift man nach dem Besseren. Nicht wahr, das ist auch Soldatenart?« fragte er seinen Freund, den jungen Offizier. Leutnant Naus war ein Mann von mittlerer Größe und kräftig gebaut. Er hatte üppige, blonde Haare, blaue Augen, ein kleines Schnurrbärtchen und ein freundliches, äußerst lebhaftes Gesicht. Seine Kleidung bestand in einem grauen Sommeranzug und einem großen, weiten Strohhut. Er nahm mit Mathies sofort Rücksprache wegen des anzutretenden Dienstes als Meßgehilfe und bestellte ihn für übermorgen nach Partenkirchen, an welchem Tage sie dann ihr Werk beginnen würden. Er fragte auch nach dem 110 schwarzen Görgl, welcher dem Landrichter vom Gemeindevorstand in Obergrainau als einer der vorzüglichsten Bergführer in Vorschlag gebracht wurde. Mathies konnte in dieser Beziehung nichts an Görgl tadeln. Er selbst war nur in dem seinem Dörfchen zunächst liegenden Teile des Gebirges bekannt und niemals auf die weiter entlegenen Berge gekommen, und so war allerdings ein Führer nötig. So wurde Mathies beauftragt, auch Görgl mitzubringen, wenn dieser auf allen Bergen Bescheid wisse. »Dös woaß er,« bestätigte Mathies, »denn in die Berg is er dahoam und 's Steigen sei' Freud. Er gaang justament bis auf 'n Zugspitz auffi.« »Auf 'n Zugspitz?« rief Naus. »Bring ihn mir; das ist schon mein Mann.« 111 X. Die drei Herren begaben sich, da es inzwischen im Gärtchen vor dem Hause kühler geworden, dorthin und verblieben hier, bis Leutnant Naus seinen Heimweg nach dem nahen Partenkirchen einschlug. Der Landrichter und Kobell geleiteten ihn eine Strecke Weges. Die Bergspitzen leuchteten herrlich im Abendrote. »Morgen, wenn die »Sunnwendfeuer« brennen, möcht ich oben stehen auf der Alpspitze,« wünschte Kobell. »Und ich auf dem Zugspitz!« rief Naus, mit leuchtenden Augen emporblickend zu dem im Abendlichte glühenden, gegen Osten jäh abfallenden Felsenblock. »Ich hoffe, nicht nach München zurückzukehren, ohne von dort oben niedergeschaut zu haben auf die schöne Welt.« »Glück auf dazu!« rief Kobell. »Ich jag nächster Tage mit dem Förster von Graseck im Rainthal, vielleicht gelingt es mir, für dich einen richtigen Steig zu finden. Wenn du, als der erste, droben stündest auf dem unbezwinglichen Zugspitz, das wär' ein anderer Sieg, als der meinige mit den Schnadahüpfeln!« »Zu beiden gehört ein gesunder Leib, Geist und ein frisches Gemüt,« meinte der Landrichter. »Die jungen Herren sind damit gut versehen und Ihr Aufenthalt in unserm Gau wird uns gewiß köstliche Gaben bringen. Wir werden endlich eine gute und richtige Terrainkarte erhalten, die wir bis jetzt entbehrten, und Sie, Herr Doktor, werden 112 nicht nur Ihre Mineraliensammlung durch die Funde in dieser Gegend vermehren, sondern auch manch schönes, reiches Stück Erz aus dem herrlichen Schachte des Volkslebens fördern und zu Gold verarbeiten. Beiden Glückauf zur Aufgabe, Glückauf zur Lösung!« Unter diesen und ähnlichen Gesprächen waren sie bei stets zunehmender Dämmerung bis an die ersten Häuser des von Garmisch etwa eine halbe Stunde entfernten Partenkirchen gelangt, und Kobell sagte zu den Freunden: »Im Hinblick auf unser Unternehmen ziemt sich's, daß wir beim »Stern« drinnen im alten Parthanum auf den Stern unserer Zukunft mit gutem Tiroler anstoßen.« Der Landrichter fand das für ganz richtig, und so ward der junge Offizier bis zu seinem Quartier im genannten Gasthause geleitet. Der am Fuße des Eckenberges gelegene Gebirgsort Partenkirchen ist, wie schon oben erwähnt, das Parthanum der Römer. In alter Zeit ging der Handelszug aus der Levante nach Augsburg hier durch. Die noch jetzt hierher führende Straße, ehemals Rottstraße genannt, war eine der belebtesten Deutschlands und die Bewohner dieses Landstrichs machten bedeutende Geschäfte. Noch jetzt sieht man zu Partenkirchen und Schongau die geräumigen Häuser, wo die Ballen und Kisten niedergelegt und umgepackt wurden, und die Werdenfelser Händler, unter welchem Namen sie durch ganz Deutschland bekannt waren, hatten nicht nur ihre Niederlagen, sondern besaßen solche auch in vielen Städten Italiens, in Amsterdam, Warschau, Wilna \&c. und man nannte die Grafschaft mit Recht »das goldene Ländl.« In unserer Zeit ist das freilich anders geworden. Die Bewohner sind auf die Benützung dessen angewiesen, was 113 die Natur ihnen spendet, vorzüglich auf den Holzhandel, der nebst der Viehzucht ihre Haupterwerbsquelle ausmacht. Der Ort bestand zur Zeit unserer Erzählung zunächst aus einer langen, schrägen, nicht sehr breiten Straße, an welcher sich zu beiden Seiten die hölzernen Wohngebände mit ihren weit vorspringenden Legschindeldächern in wirrem Durcheinander reihten. Der Spitzturm der Pfarrkirche schaute gar friedlich auf dieselben nieder. Die sich in mäßiger Höhe auf dem Rücken des Angetsberges befindliche Wallfahrtskirche St. Anton bildet den prächtigsten Hintergrund dieser Ortschaft, welche nicht nur in landschaftlicher Beziehung das höchste Interesse beansprucht, sondern auch in historischer, denn hier fand jener so tief und mächtig in die Geschichte eingreifende Auftritt statt, welcher den Sturz der Welfen in Deutschland zur Folge hatte. Hierher berief der von den Aufrührern hart bedrängte Kaiser Friedrich Barbarossa die deutschen Fürsten, unter ihnen Heinrich den Löwen, Bayerns Herzog, um ihre Hilfe nachzusuchen. Heinrich der Löwe, der mächtigste unter den Fürsten, versagte dem Kaiser seine Hilfe, grollend darüber, daß Friedrich die welfischen Güter in Schwaben, welche dem Herzog einst als Erbe zugefallen wären, durch Kauf an sich gebracht. Heinrich blieb unbeweglich, selbst dann noch, als der Kaiser in Schmerz und Verzweiflung ihm flehend zu Füßen gefallen war. Da trat des tief gedemütigten Kaisers Gemahlin voll edlen Unwillens hinzu und rief: »Stehet auf, mein Herr! Gott sei dieses Zustandes gedenk!« Wieder heimgekehrt in die deutschen Lande fand der Kaiser bald Gelegenheit, sich an dem Bayernherzog zu rächen. Dieser ward seiner Herzogtümer Bayern und Sachsen verlustig und in die Reichsacht erklärt, worauf der 114 Kaiser seinem tapferen und getreuen Freunde Otto von Wittelsbach am 16. September 1180 das Herzogtum Bayern für sich und seine Nachkommen als erbliches Eigentum auf ewige Zeiten verlieh. Dieser berühmte Fußfall des Kaisers fand in dem massiv gebauten, altertümlichen Gasthause »zum Stern« statt, woselbst Leutnant Naus sein Quartier aufgeschlagen hatte. Hier trat er mit seinen Begleitern alsbald in die Herrenstube ein, wo sie sich an einem großen, runden Tische niederließen, an dem die Forstbediensteten, der Pfarrer und Kooperator des Ortes und mehrere andere Herren saßen. Natürlich hatte hier der liederkundige Kobell bald wieder die Guitarre zur Hand und sang seine selbst verfaßte Lieblingsweise: »Es lebe der Wald, Und es leb' das Gejaid, Und der uns das Pulver erfunden! Ging's ledern und stille, das wäre mir leid, Dem Knall bin ich lieber verbunden, Es schalle und hall': Heut reihen sich fröhliche Stunden!« »Du glücklicher Sänger!« sagte der Offizier im Verlaufe des Abends zu ihm, »du vermagst nicht nur alles, was dein Auge entzückt, mit dem Stifte in deinem Skizzenbuche festzuhalten, sondern auch jede Regung des Herzens in gelungener Weise wiederzugeben. Könnte ich doch auch manchmal meiner Stimmung in solcher Weise Ausdruck verleihen!« Kobell blickte auf den etwas schwärmerisch dareinschauenden Freund. »Du möchtest wohl ein Liebesgedicht machen?« fragte er. 115 »So ist's,« entgegnete dieser. »Sie ist fern von dir und da überkommt dich ein Gefühl der Sehnsucht? Ich kenne das; es geht mir oft nicht besser. Trinken wir auf das Wohl meiner liebenswürdigen Kousine Karoline.« »Sie soll leben!« Die beiden Freunde stießen an und es gab einen guten Klang. »Jetzt beichte du!« sagte Kobell, nachdem die Gläser geleert und wieder gefüllt waren. »Auch ich besitze ein liebenswürdiges Bäschen,« erwiderte der Freund, »die Tochter des Doktors von Lermos, wo ich meine schönsten Jugendjahre zugebracht. Als ich heute in Garmisch die Loisach überschritt, da war mir's, als müßte ich an ihren Ufern aufwärts wandern und meinem nahen Lieblingsorte zueilen. Siehst du, wenn ich dichten könnte, wie du, hätte ich diese sehnsuchtsvolle Regung in schöne Verse gekleidet und sie meiner lieben Bertha geschickt. Ich weiß, das hätte ihr Freude gemacht.« »Lassen wir deine Bertha leben!« rief Kobell, mit dem Freunde anstoßend. »Das sind oft die besten und interessantesten Gedichte, die man nur fühlen und ungeschrieben lassen kann. Glück auf! Dein Bäschen soll leben!« Und als der Landrichter zur Heimkehr nach Garmisch mahnte, sang der junge Meistersinger mit Bezug auf das soeben stattgehabte Zwiegespräch für heute sein Schlußlied, dessen Refrain von sämtlichen Anwesenden im Chor mitgesungen wurde: 116 »Liebt die Mädchen, liebt den Wen, Leert die Gläser, schenkt sie ein! Seht die Glut im Glase blinken, Freundlich winkend, sie zu trinken; Ohne Mädchen, ohne Wein Kann die Welt nicht reizend sein! Wer sich in der jungen Zeit Dieser beiden nicht gefreut, Der wird noch in späten Tagen Drüber klagen. Ohne Mädchen, ohne Wein Kann die Welt nicht reizend sein.« 117 XI. Der St. Johannistag ist für das Volk in den Bergen von jeher von großer Bedeutung gewesen. Viele Bauernregeln knüpfen sich an das Wetter dieses Festes, viel Glaube und Aberglaube hat sich seit undenklichen Zeiten von diesem Tage der Sonnenwende bis jetzt erhalten. Vor allem ist es die altheidnische Sitte der Sonnwendfeuer, welche nachts von den Spitzen der Berge leuchten und zunächst den Ortschaften angezündet werden, und über welche das junge Volk lustig hinüberspringt. Auch manch andere sinnige Sitte findet dabei statt. Am Herde prasselt an diesem Tage das Feuer ganz außergewöhnlich, denn jede Bäuerin setzt eine Ehre darein, prächtige, goldgelbe Küchel und Stritzel in neunerlei Art zu backen und den Unbemittelten von dem Ueberflusse mitzuteilen. Die Dorfjugend hat es aber am Johannistage ganz besonders wichtig. Kaum ist die nachmittägige Vesper zu Ende, geht es ans Sunnwendholzsammeln. Zu diesem Zwecke spannen sich die jungen Leute, oft zu zehn und zwanzig Paaren, an einen Karren und fahren von Haus zu Haus, von Hof zu Hof. Dabei singen sie: »Heiliger Sankt Veit, Schenk uns a Scheit, Heiliger Hans, A recht a lang's. 118 Heiliger Sixt, A recht a dicks! Heiliger Florian, Zünd' unser Haus nit an!« Hierauf beginnen die Jüngeren als erster Chor: »Ist ein braver Herr im Haus, Reicht er uns ein Scheit heraus, Zwei Scheiter und zwei Boschen, Macht es brennen und gloschen.« Diesen folgen die älteren Buben als zweiter Chor: »Wir kommen von Sankt Veit. Gebt's uns aa r a groß's Scheit Gebt's uns aa r a Steuer Zu unsern Sunnwendfeuer; Wer uns koa' Steuer will geb'n, Soll heuer koan schön Flachs daleb'n.« Wenn man sie dann mit Holz und oft auch mit Kücheln beschenkt hat, ziehen sie das erbettelte Holz jubelnd auf einen erhöhten Platz, auf welchem das Sunnwendfeuer angezündet wird. Aus dem größten Teil des Holzes wird hier ein hoher Scheiterhaufen aufgerichtet, die sogenannte »Hex«, und mit Tannenreisern überdeckt, welche beim Abendläuten als Schlußeffekt angezündet wird. Jung und alt sammelt sich um die kleinen Feuer und wer sich noch springfähig fühlt, hüpft einzeln, meistens aber Paar um Paar, d. h. Bub und Mädchen, Mann und Frau, über das Sunnwendfeuer. Auch in Obergrainau erfreute sich die gesamte Bevölkerung an der Lust des Sunnwendfeuers, der Bärenmartele mit Afra und Lisbeth, und auch Mathies mit seinem Ahnle waren selbstverständlich zugegen. Aber auch von Untergrainau und Hammersbach fanden sich viele ein, 119 darunter der »Gmoa'wastl«, die böse Wagnerin und der schwarze Görgl. Letzterer erschien heute in ganz neuer, flotter Gebirgstracht mit wohlgepflegtem Haupt- und Barthaar. Mathies begrüßte ihn und entledigte sich des Auftrags, den ihm sein Leutnant gegeben, und Görgl war natürlich mit Freuden bereit, diesen außerordentlichen Führerdienst zu übernehmen. Er verfehlte nicht, sich bei dem Bärenbauer eigens zu bedanken, daß er ihn für diese Stelle in Vorschlag gebracht und versprach, sich dieses Wohlwollens würdig zu zeigen. Der Bärenmartele freute sich darüber, daß es ihm so schnell gelungen, den früher so verkommenen Burschen auf den richtigen Pfad gelenkt zu haben. Daß derselbe alles nur Afra zuliebe that, das freilich ahnte er nicht. Die Kinder sprangen paarweise über ein kleineres Feuer, welches durch das darauf geworfene frische Reisig einen starken Rauch verursachte, der schnurgerade zum Himmel aufstieg. Ueber ein solches zweites Feuer sprangen die Burschen und Mädchen, und auch Afra folgte den an sie gestellten Anforderungen der Burschen, je dreimal mit ihnen den Feuersprung zu wagen. Selbstverständlich that dies auch Mathies, und die alte Mariannl, welche die Gewohnheit hatte, laut vor sich hinzusagen, was sie eben dachte, machte die Bemerkung: »Dös is halt dengerscht 's schönste Paar, oder ebba itta? (oder etwa nicht?)« »Natürli,« versetzte die in ihrer Nähe auf dem Rasen sitzende Wagnerin von Untergrainau, welche diese Worte gehört hatte, »da Mathies hat ja von dir d' Schön, da feit si' nix.« 120 »Sei staad, du Laster,« entgegnete mit wackelndem Kopfe die Alte. »Dei' Spöttelei is mir molest (lästig), red mi nimmer an.« Und sie brummte noch eine Weile vor sich hin, zum Spaße ihrer Umgebung. Da ließ sich der Gmoa'wastl neben ihr nieder und suchte sie zu beruhigen, und nachdem ihm dies gelungen, teilte er ihr sein Anliegen mit. »Mariannl, du muaßt ma an' Rat gebn,« sagte er; »mei' scheckige Kuah geit (giebt) scho' etli Tag ganz a wasserige Milli, was's aufsetzt (Rahm giebt), is schier itta zu verkenna, und d' Scheck hat woltern bis itz die mehra Milli gebn. Wie vermoanst, was da Schuld is? Und weißt du ebbas dagegn, so thaatst mir an' großen Gfalln, Mariannl.« Die Alte blickte eine Weile stier vor sich hin; da schlug wieder das hämische Gelächter der Wagnerin an ihr Ohr und – das Rezept für die Kuh des Gmoa'wastls war fertig. »Woaßt, Wastl,« sagte sie, »so ebbas kimmt diemaln wohl von an' bösen G'schau.« »Ja, ja,« pflichtete Wastl bei, »i hon aa scho' dran denkt.« »Hast z' Untergroana koan Feind oder aber a Feindin?« »Kaannt nix sagen,« antwortete der Gefragte nachdenkend; »san mir alle Leut guat – bis auf d' Wagnerin, du kennst ja eh ihra bös's Maul.« »Da hab'n ma's scho'!« fiel die Alte rasch und schelmisch lächelnd ein. »Schau nur ihr bös's G'schau an, i wollt' wetten, die bringt di no' um d' Milli von der andern Kuah aa, wennst ebba itta vürsorgst.« »Hon i mir's dengerscht schon a etli Mal denkt,« 121 erwiderte Wastl, »daß dös Laster mi sekiert. Ja, ja, es is a so; schau nur, wie 's itz wieder herfeuert zu uns. Ge, dö verhext mi am End aa no' –« und er rückte ängstlich zur Seite. »Na', na',« tröstete die alte Mariannl, »geg'n d' Manna vermag ihra G'schau nix mehr, sie kann's grad mit die Ochsen und d' Küah. Aber i verwoaß dir a Mittel.« »Is's wahr?« rief Wastl erfreut. »Sag' mir's nur glei. I werd' a ruinierter Mann, wenn i mir's Schmalz kaufa müaßt. 's Wei' hat heunt scho' koane Johannisküachl mehr backa kinna. Also, wie moanst, was is dös Mittel?« »Dös will i dir sagn. Heunt is d' Johannisnacht und da wirkt dös, was i dir sag, am allerbesten. Wennst auf d' Nacht hoamgehst und d' Wagnerin unterwegs is, so, daß d' es guat dalanga kannst, so haust ihr im Namen der heiligen Dreifaltigkeit drei Watschen doni (drei Ohrfeigen hin), sie därf's scho' g'spürn. Und du wirst sehg'n, dei' Scheckin geit morgn wieder ihra Milli, wie sunsten.« »Aber dös schickt si' dengerscht nit für an' Gmoadeaner,« wendete Wastl ein, »der so viel is, wie d' Obrigkeit; in mein Uniformsrock da kann i ja dengerscht nit a so a bös's Beispiel gebn.« »Da woaß i dir an' Rat; den Rock ziagst aus, und wennst in 'n Hemdärmeln bist, so bist nix anders, als a Bauernschuasta und du haust di aa leichter in 'n Hemdärmeln, denn g'spürn muaß sie's, sunsten hilft's nix.« Der Gmoa'wastl fand dieses Auskunftsmittel für sehr richtig. »Sie wird's scho' g'spürn! Dieweil vergelt's Gott!« Mit diesen Worten entfernte er sich von der Alten, die sich vergnügt darüber die Hände rieb, daß sie einmal 122 Gelegenheit fand, sich an ihrer Feindin, dieser bösen und ehrabschneiderischen Person, zu rächen. Unterdessen nahm das »Fuirhupfen« seinen ungestörten Fortgang. Es war auch dem schwarzen Görgl einmal vergönnt, mit Afra über die lodernden Flammen zu springen, eine Auszeichnung, die den heißblütigen Burschen mit den kühnsten Hoffnungen erfüllte, und als die Dämmerung eintrat und das hier übliche Scheibentreiben Dieses Scheibentreiben findet auch am sog. Funkensonntag, dem ersten Sonntag in der Fasten, statt, an welchem in dieser Gegend die Jugend gleichfalls Feuer anmacht, um über dieselben zu springen, und glühende Scheiben in die Luft schleudert, um daraus wahrzusagen. Oft zündet man ein mit Stroh umwundenes Wagenrad an und rollt es von der Höhe ins Thal hinab. begann, war er einer der eifrigsten und glücklichsten Schläger. Es werden zu diesem Behufe Abschnitte von hölzernen Brunnenröhren, die man glühend gemacht, mittelst eines Stockes in die Luft geschleudert, so daß der flammende »Bolzen« einen schönen Bogen am dunklen Nachthimmel beschreibt. Dabei wird folgendes Sprüchlein gesungen: »Diese Scheiben will ich treiben Dem und dem und der und der!« Oder, wie Görgl und Mathies sangen: »O du mei' liabe Scheib'n, Wo will i di heut hintreib'n? In die Obergroana Gmoa', I woaß scho', wen i moa', D' Afra ganz alloa'!« Natürlich sprachen sie den Namen nur ganz leise vor sich hin, ohne daß ihn die Umstehenden vernehmen konnten, aber Afra wußte doch, daß Mathies nur ihr zu Ehren die Scheiben so schön in die Luft schleuderte, daß sie in weitem 123 Bogen den Hang hinab sausten, aber sie fürchtete auch, daß der schwarze Görgl in gleicher Weise nur sie im Gedächtnis habe. Sie sollte bald Gewißheit hierüber erlangen. »Afra, hast mei' Scheib'n g'sehgn?« fragte sie der Bursche. »I hon's dir zu Ehr'n g'schlag'n und koana hat mi übertriebn.« »Mir z' Ehr'n?« that Afra verwundert. »Wie kimmst denn da dazua?« »Sag, Afra, veracht'st mi?« fragte der Bursche dagegen. »Wißt itta (nicht) warum,« erwiderte das Mädchen. »Du bist ja itz am besten Weg, a braver Bua z' wern.« »Dös will i. Aber, wie moanst, Afra – kurzum, sag mir, wie steht's mit dein' Herzen?« »Dös is a g'spaßige Frag',« lachte Afra. »Sag mir's, i bitt' di drum, denn –« »I muaß zu mein' Vatan,« fiel Afra dem Burschen schnell in die Rede, »aber i will dir dengerscht a Antwort gebn. Eh n Vierteljahr verganga, sollst du und die ganz' Welt wissen, wie's mit mein' Herzen steht. B'hüt Gott!« Und Afra eilte zu ihrem Vater. Görgl sah ihr fragend nach. Wie sollte er sich diese Worte deuten? Wollte sie ihm dann sagen, daß sie ihm ihr Herz geschenkt? Warum aber erst in einem Vierteljahre? Er tröstete sich mit dem Gedanken, daß das Mädchen erst abwarten wolle, ob seine Besserung wirklich Bestand habe und er nahm sich vor, auch fernerhin keinen Anlaß zu einer Klage zu geben. Und wiederholt trieb er seine Scheiben in kühnem Bogen hoch in die Luft. Aber Afra sprang jetzt wieder mit Mathies Hand in Hand über das Feuer, sie verstanden sich durch einen leisen 124 Händedruck und Afra flüsterte ihm zu: »Bis der Hirgst (Herbst) kimmt, g'hörst mei'!« Mathies machte seiner freudeerfüllten Brust durch einen Juhschrei Luft. Da hallte es überall lustig von den Bergen und im Thal, und bald loderten von allen Spitzen und Graten, soweit sie ersteigbar waren, mächtige Flammengarben empor, am Kramer und Eckengebirge, am Schellkopf und allen anderen Höhen leuchteten die Bergfeuer, und die Thalbewohner jubelten zu ihnen auf. Sobald die Abendglocke ertönte, wurden auch im Thale die neben den Sunnwendfeuern errichteten großen »Hexen« angezündet, um welche dann alt und jung herumtanzt. Erst als diese Hexen gänzlich zu Asche verbrannt waren, ward die Heimkehr unter fröhlichem Geplauder angetreten. Jauchzen und Gesang ertönte überall, man war allenthalben guter Dinge. Da, in der Nähe von Untergrainau, wo sich der Weg nach dem Wagneranwesen abzweigte, erschallten plötzlich drei Klatschsalven, denen eine Flut von Schimpfworten folgte. Der Gmoa'wastl hatte, hinter einer Staude versteckt, die Wagnerin erwartet, an ihr, »im Namen der heiligen Dreifaltigkeit« das ihm von der alten Mariannl empfohlene Sympathiemittel versucht und sich dann so eilig entfernt, daß es völlig unbekannt blieb, wer der Attentäter gewesen. Dank dem guten grünen Futter gab die Schecke schon am nächsten Morgen wieder die gewohnte Quantität Milch, sie war auch so gut und fett wie sonst, und der Gmoa'wastl beeilte sich, der alten Mariannl diese frohe Botschaft zu bringen, indem er zu ihr sagte: »Vergelt's Gott für dein' guaten Rat; hätt' woltern nit denkt, daß d' Watschen so viel Guatthat san.« XII. Leutnant Naus hatte seine Terrainaufnahme auf der nördlich von Partenkirchen gelegenen Gebirgsgruppe, dem Eckenberge, Fricken, Bischof und Krotenkopf begonnen und fortgesetzt. Mathies diente ihm als Meßgehilfe, Görgl als Bergführer, und der Offizier hatte alle Ursache, mit den Leistungen der beiden zufrieden zu sein. Zur Arbeit wurde in der Regel um vier Uhr früh aufgebrochen und nie vor acht Uhr abends heimgekehrt. An den Regentagen war der Offizier zu Hause mit Reinzeichnen beschäftigt, während die Burschen frei hatten. Görgl benützte solche Tage zur Pürsch auf Rehe in des Bärenmartele Jagdrevier, und hatte so öfters Gelegenheit, in Obergrainau vorzusprechen, Mathies aber suchte an solch freien Tagen durch Schindelkluiben seinen Verdienst. Bei den anstrengenden Bergtouren war es nicht zu verwundern, daß Herr und Diener oft sehr ermüdet nach Partenkirchen zurückkehrten; dies that jedoch ihrer Heiterkeit keinen Eintrag. Mathies juchzte von den Bergspitzen, daß es eine helle Freude war, und der Offizier hörte ihm stets mit Vergnügen zu, wenn er seine Lieder zum besten gab. Es traf sich oft, daß sie, vom Wetter überrascht, auf einer Sennhütte oder in einem Jägerhaus übernachten mußten, wo der Offizier dann Gelegenheit fand, das echte 126 Gebirgsleben kennen zu lernen. Bei solchen Gelegenheiten schrieb er dann oft für seinen Freund Kobell die Lieder auf, die er da und dort vernommen, und wünschte ihn nicht selten sehnlichst an seinen Platz, um mit ihm das Volksleben beobachten und studieren zu können. Aber auch mit seinem Bäschen in Lermos beschäftigte er sich in solchen aufgenötigten Ruhestunden oft und gern, an sie dachte er mit immer wärmerer Sehnsucht, und es freute ihn herzlich, wenn Mathies zu Ehren seiner Ungenannten die sinnigsten Schnadahüpfeln sang. Die anstrengende Arbeit hatte es ihm in den ersten Wochen nicht gestattet, dem Zuge seines Herzens zu folgen und die teure Verwandte zu besuchen. Er verschob dies auf zwei sich unmittelbar folgende Feiertage, und freudig kehrte er am Vorabende des ersten desselben nach Partenkirchen zurück, von wo aus er am andern Morgen seine Fahrt nach Lermos antreten wollte. Doch wie groß war seine Ueberraschung, als er in seinem Standquartier, im »Stern«, angelangt, Bäschen Bertha mit ihrer Mutter antraf, und noch freudiger stimmte ihn die Nachricht, daß dieselben im nahen Kainzenbad für drei Wochen Aufenthalt genommen und er nun ganz in ihrer Nähe weilen könne. Das in der Freude des Wiedersehens erglühte Gesicht des holden, jungen Mädchens ließ freilich auf den ersten Blick nicht erkennen, warum es »das Bad der blassen Jungfrauen,« wie der Kainzenbrunnen scherzhaft genannt wird, aufzusuchen gezwungen war, aber als die erste Freudenwallung vorüber, bemerkte der Offizier, daß sich über Berthas Gesicht eine krankhafte Blässe gebreitet hatte. Diese Blässe wurde durch die üppigen dunkelbraunen Haare und die großen, dunklen Augen des Fräuleins nur noch gehoben, 127 doch gestatteten die natürliche Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, welche sich in diesen seelenvollen Augen und in ihrem ganzen Wesen spiegelten, keinen Platz auch nur dem geringsten leidenden Zug in diesem jugendlich schönen Antlitze. Schon am nächsten Morgen machte sich der junge Offizier auf den Weg nach dem Kainzenbade zum Besuche seiner Verwandten. Dieses Bad liegt eine Viertelstunde südöstlich von Partenkirchen am Fuße des »hohen Eselsrücken« in dem stillen saftgrünen Partnachgrunde. Wenn je ein Plätzchen der Erde sich zu einem Badeorte eignete, so ist es dieses Thal, das durch hohe Gebirgsmauern vor rauhen Nordwinden geschützt und durch üppigste Alpenvegetation ausgezeichnet ist. Am äußersten Ende des Thales ragen die gewaltigen Marksteine der heimatlichen Landesgrenze, die ungeheuren Felsenwände des Karwendelgebirges hervor, und bilden mit den übrigen Isarbergen den pittoresken Hintergrund des grünen Thales. In südlicher Richtung streift der Blick über den üppigen Wiesengrund, durch welchen sich der Kankenbach schlängelt, in die Weite des Loisachthales mit dem gewaltigen, die ganze Breite des Hintergrundes einnehmenden »Kramer«, endlich vor uns lagert die ansehnliche Höhe des Eckenberges, an welchem sich die Kunststraße nach Mittenwald hinzieht. Der heilkräftige, schwefel- und jodhaltige Brunnen ist schon seit Jahrhunderten bekannt und es ist nachgewiesen, daß schon die badelustigen Römer sich in dem wunderthätigen Naß erquickten. Neben den vorzüglichen Eigenschaften der Mineralquelle ist es aber die milde, balsamische Luft dieses herrlichen Gebirgsthales, der Genuß, welchen der Naturfreund in dem reichen Wechsel mannigfaltiger 128 Erscheinungen, von der gigantisch himmelanstrebenden Felsenmasse bis zu den duftigen, grünenden Wiesen herab findet, welche dazu beitragen, die segensreiche Wirkung eines reinen, ungetrübten Naturgenusses auf Geist und Körper zu bethätigen. Dieses Kainzenbad ist auch von historischem Interesse, insofern hier der Königsmörder Herzog Johann Parricida, gequält von Gewissensbissen, den Rest seines Lebens vertrauerte. Im Frühling 1308 eilte der deutsche König Albrecht von Österreich in die Schweiz, wo die Stammgüter der Habsburger lagen, um die Aufständischen von Schwyz, Uri und Unterwalden, welche sich gegen die Tyrannei der Landvögte auflehnten und am 7. Dez. 1307 auf dem Rütli am Vierwaldstätter See den Bund der Freiheit beschworen hatten, zu züchtigen. Herzog Johann von Schwaben, der Sohn seines Bruders Rudolph, begleitete ihn. Dieser hatte seinen Oheim schon mehrmals um das rechtliche Erbteil an den habsburgischen Gütern gebeten, doch stets vergebens. In Verbindung mit vier gleichgesinnten Edelleuten brütete er deshalb Rache und es gelang ihm, den König in dem Thalgrunde der Reuß, an der Ueberfahrt bei Windisch, von seinem Gefolge zu trennen. Arglos setzte Albrecht, von seinen Todfeinden umgeben, über den Fluß und zog, jenseits angekommen, ruhig weiter. Schon blickten die Zinnen der Habsburg über die Hügel, da griff Herzog Johann in wilder Wut plötzlich nach dem Speere und rannte ihn dem Oheim in den Hals. »Hier der Lohn des Unrechts!« rief er dem Sinkenden zu. Zu gleicher Zeit durchbohrte auch Rudolf von Balm den König und Walter von Eschenbach spaltete ihm mit einem gewaltigen Streiche das Haupt. Ein armes Weib, welches den furchtbaren Vorfall sah, eilte herbei und in seinem Schoße verblutete der unglückliche Fürst. Die verbündeten Mörder aber sprengten eiligst in verschiedenen Richtungen davon, um sich in diesem Leben nie wieder zu sehen. Nur Rudolph von Balm wurde ergriffen und starb am Orte der entsetzlichen That eines schmachvollen Todes; gleich dem gemeinsten Verbrecher endete er am Rade. Die anderen beschlossen gleich Herzog Johann ihr Leben in irgend einem unbekannten Winkel der Erde. Hiezu giebt es nun freilich jetzt keine Gelegenheit mehr, denn während der schönen Sommermonate erwacht im Kainzenbade manch fröhlicher Tag. Und fröhliche und glückliche Tage waren es auch, an denen es dem Leutnant vergönnt war, mit der Tante und dem Bäschen dort zusammen zu sein. Er kam niemals, ohne einen selbst gepflückten, frischen Alpenstrauß mitzubringen, und mit den Blüten vertraute er dem holden Bäschen manch süßes 129 Geheimnis und empfing zum Danke dafür die Geständnisse inniger Gegenliebe. Doch schon nach kurzer Zeit ward dieses Glück jählings unterbrochen; Bertha wurde ganz unerwartet von einem Blutsturze befallen. Der rosige Hauch, den das Glück der Liebe im Vereine mit der würzigen Bergluft auf ihre Wangen gezaubert, wich einer Totenblässe, es schien, als sollte dieses junge Leben schon in seiner schönsten Blüte erlöschen. Berthas Vater, der Doktor von Lermos, wurde herbeigerufen und er fand es für gut, die Tochter schleunigst wieder nach der Heimat zu bringen. Das war ein schmerzbewegter Abschied, als die beiden jungen Leute sich das letzte Mal die Hand reichten. Der Doktor, welcher eine Verbindung seiner Tochter mit dem jungen Offizier als seinen schönsten Lebenswunsch bezeichnete, gab der Hoffnung Raum, daß sich die Leidende wieder gänzlich erholen könne, verhehlte aber dem jungen, besorgten Manne auch nicht, daß die Wiederkehr eines solchen Anfalles zu den schlimmsten Befürchtungen Anlaß geben müßte. 130 »Auf baldiges, frohes Wiedersehen!« rief Bertha dem Leutnant unter Thränen noch vom Wagen aus zu. Dabei drückte sie den Rosenstrauß, sein Geschenk, an ihre bleichen Lippen. Mit thränenfeuchten Augen blickte der junge Mann ihr nach, so lange er den Wagen verfolgen konnte, dann aber suchte er die Einsamkeit auf und gönnte sich jene Weihestunde, welche das bebende Herz in schweren Zeiten wieder beruhigt und es stark macht gegen das Schicksal. In womöglich noch erhöhter Thätigkeit vergingen ihm die folgenden Tage, und als ihm ein Brief des Doktors, dem auch ein Schreiben Berthas beigeschlossen war, meldete, daß deren Genesung in raschem Fortschritte begriffen und jede Gefahr beseitigt sei, da blickte auch der junge Offizier wieder freudig auf zum blauen Himmel und schickte über die Zugspitze hinweg seine Liebesgrüße dem geliebten Mädchen zu. Dort oben an jener Spitze hing vielleicht auch ihr Auge, von dort oben konnte man die teure Stätte sehen, wo sie weilte, auf jene Spitze wollte und mußte er hinauf. Von jener riesenhohen Warte wollte er hinabschauen, sie grüßen, und er beschloß, das Wagnis dieser Besteigung in jedem Falle zu bestehen. Am kommenden Sonntag, den 25. August, an welchem Tage das Geburts- und Namensfest des Kronprinzen Ludwig durch ein großartiges Festschießen in Graseck bei Partenkirchen feierlich begangen werden sollte, erwartete er die Ankunft seines Sektionschefs, des Hauptmanns Freiherrn von Jeetze, und des Leutnants Aulitschek, welche beiden Herren an den zunächst angrenzenden Positionsblättern arbeiteten, und behufs der Anschlüsse ihrer Arbeiten 131 in Partenkirchen eine Zusammenkunft für diesen Tag festgesetzt hatten. Bei dieser Gelegenheit wollte er die Kameraden einladen, mit ihm die Besteigung der höchsten Hochwarte Bayerns zu versuchen. Mathies war über dieses Vorhaben des Offiziers höchst erfreut. Er hatte sich während der wenigen Monate eine große Gewandtheit im Bergsteigen angeeignet und nun hielt er es nicht mehr für unmöglich, auch den Zugspitz zu ersteigen. War das doch der beste Weg zum Herzen des Bärenmartele, wie ihm sein altes Ahnle gesagt. Aber vorher wollte er beim Schießen in Graseck seinen Mann stellen und sich so bei dem Bärenbauer in Respekt setzen. Voll froher Hoffnung schwang er seinen Hut gegen den Zugspitz und rief: »Hui auf! An' Punkt auf der Scheib'n und an' Juchaza von dort ob'n – Afra – an mir soll's itta fei'n (fehlen)!« 132   XIII. Ein herrlicher Sommertag begünstigte die Feier des kronprinzlichen Doppelfestes, kein Wölkchen war am Firmamente sichtbar, welches sich im reinsten Blau über die gigantischen Berge und die blühende Landschaft wölbte. Die Berge erglänzten in weißlichem Lichte, und befriedigt blickten die Landleute nach dem hohen Daniel, dem Wetterpropheten dieser Gegend, welcher sein stolzes Haupt unverhüllt und in wunderbarer Reinheit über die Törleswand emporhob und für den heutigen Tag das herrlichste Wetter verkündete. Die Türmer von Partenkirchen zogen schon am frühesten Morgen mit klingendem Spiel das Dorf auf und ab, von allen Seiten erdröhnten Böllerschüsse und ihr vielfacher Wiederhall an den felsigen Wänden verkündete laut die allgemeine Anteilnahme an dem Doppelfeste des geliebten Königssohnes. Von allen Seiten kamen heute in seltener Anzahl die Leute zum sonntägigen Gottesdienste herbei, darunter eine Menge von Scheibenschützen, teilweise aus weiter Ferne, die Kugelbüchse um die Schulter und den grünen Rucksack auf dem Rücken, denn das große Festschießen in Graseck lockte nicht nur die jungen, sondern auch die grobknochigen alten Schützen aus der ganzen Umgegend mit unwiderstehlicher Gewalt auf den Kampfplatz. Das Schützenwesen wird im bayerischen Gebirge mit 133 »Wohlstand und Ernst« behandelt. Die Rechte desselben sind im Heiligtum alter Zeiten begründet und geben dem Niedrigsten, der sich dazu verbindet, ein Ansehen und solche Vorrechte, deren er außerdem nirgends gewürdigt wird. Hier kann der niedrigste Tagelöhner mit seinem Herrn wetteifern und dieser hält sich dadurch für nichts weniger als erniedrigt. Selbstredend finden nur ehrliche, rechtschaffene Männer Aufnahme in der Schützengilde und wird lüderlichen, verrufenen oder sonst unehrlichen Leuten das »Einschreibbuch« nicht eröffnet. Es ist, als kämen zu einem solchen Wettschießen die Abgeordneten verschiedener Stämme zusammen, da bei den Einwohnern der nur wenige Stunden aus einander liegenden Ortschaften die Kleidung in Form und Farbe oft sehr verschieden ist. Durch diesen Zusammenfluß aber wird die Geselligkeit befördert und der Gemeineifer der Geschicklichkeit auferweckt. 134 Wie sich der Ernst des Schützenwesens früherer Zeiten bis in unsere Tage erhalten hat, so ist auch die alte Heiterkeit bei diesen Festen lebendig geblieben und soll bei der Schützenhütte der Schollerplatz auch künftig nicht vergessen sein. Hierher zählt als echt bayerische Eigentümlichkeit auch die Strafe für allerlei bewiesene Ungeschicklichkeit mittelst des unsterblichen Volkshumors. Die Schnadahüpfeln des Pritschenmeisters, der die Dummen und Pechvögel gehörig auszusingen hat, verfehlen auch heute noch nicht ihren Zweck und bilden nicht selten den heiteren Teil auf den gern besuchten Schießplätzen. Schon die Einladungsschreiben gewähren einen Einblick in das von Frohsinn getragene, muntere Treiben der Bergschützen und spiegeln so ganz die Volksseele in ihrer harmlosen, gemütlichen Lokalfarbe wieder. Hartwig Peetz, Oberbayrisches Archiv 41. Band enthält über diesen Gegenstand eine höchst interessante Abhandlung. Als Preise waren die altherkömmlichen Festgaben: eine Lederhose auf einer Zinnschüssel, Geld und geschmückte Hammel (Widder) im Gebrauche. Die Teilnahme des weiblichen Geschlechtes, welches sich im bayerischen Hochlande von jeher tapfer im Gebrauche der Schießwaffe übte, war bei solchen Festen nicht ausgeschlossen, denn ihr Anteil an den Grenzkämpfen von 1705 und 1809 hat den Mädchen und Frauen dieses Recht errungen und wird ihre Thaten stets in hohem Andenken erhalten. So kam denn auch Afra mit ihrem Vater und Base Liesbeth im flotten Gespann und wohlversehen mit Büchse und Schußzeug, bei Zeiten angefahren. Liesbeth und Afra saßen in festtäglichem Anzuge auf dem gepolsterten Sitze 135 des kleinen Schweizerwägelchens, während der Bärenmartele vom Bocke aus mit sicherer Hand das Fuhrwerk lenkte. Afra hatte sich heute ganz besonders geputzt. Sie trug einen grünen Bänderhut, ein weißseidenes, mit Goldborten und am Rücken mit goldgestickten Blumen geziertes, weit offenes Mieder mit grünem Brustfleck und mit blauen Schnürriemen geschlossen, einen dunkelblauen, kurzen und engen Unterrock, welcher hellblau besetzt und mit Spitzen versehen war. Das weißleinene Goller hatte sie über der Brust mit vier Knöpfen und unter der Achsel mit Silberkettchen befestigt und der mäßig kurze, schwarze Wollenrock hatte einen Umlauf von Seide. Dazu trug sie weiße Strümpfe und ausgeschnittene Schuhe. Die alte Lisbeth dagegen trug eine niedere Pelzhaube mit breitem Boden, ebenfalls einen schwarzen Rock und ein Korsett aus schillernder Seide. Um den Hals war ein schwarzer Seidenflor mit einer Silberfiligranschnalle befestigt und neben ihr lag eine Art Wettermantel, eine braune, bis an die Kniee reichende Lodenjoppe. Der Bärenbauer trug einen schwarzen Bandelhut mit mächtigem Gupf und Rand, die breite Doppelschleife von Seide, mit Spielhahnfeder und Gamsbart geschmückt. Seine weitere Kleidung bestand in grüner Joppe, einem pfirsichroten Leibl mit Purpurseide ausgenähten Knopflöchern und mit einer Reihe silberner Spitzknöpfe, darüber Hosenträger aus grüner Borte mit schmalem, gelbem Rande, um die Lenden eine schmale Lederbinde, die lederne Kniehose, Wadenstrümpfe und weit ausgeschnittene Schuhe. Aehnlich, mehr oder minder reich, waren alle Landleute aus der Umgegend gekleidet, nur unterschieden sich die jungen Burschen dadurch, daß sie den Bänderhut von 136 lichtgrüner Farbe wählten und neben den Gamsbart ein kleines Blumensträußchen steckten. Beim »Stern« in Partenkirchen ordnete sich nach beendetem Gottesdienste der wohl an hundert Teilnehmer zählende Schützenzug und unter lustigen Musikklängen, den tollen Sprüngen der Pritschenmeister und dem Flattern der Preisfahnen ging es dann dem etwa fünf Viertelstunden entfernten Vordergraseck zu. Der zwischen dem Eselsberge und Risserkopf mit frischer Kraft daherbrausenden Partnach entlang gelangte der Zug in das Thal der Wildenau, von wo der Steig empor kriecht, steiler und immer steiler, während von unten das Brausen und Tosen der durch die gewaltige Schlucht den Weg sich brechenden Wogen an das Ohr tönt. Nach fünfviertelstündiger Wanderung gelangte der Zug nach dem auf einem Hochplateau liegenden, von sonnigen Auen und dunklen Wäldern umgebenen Forsthause Vordergraseck. Entzückt schweift hier das Auge hin zu den von grellem Sonnenglanz beleuchteten Wänden des Wettersteins und der Dreithorspitze, unter welcher deutlich das Frauenälple und die Schachenplatte hervortritt. Das im Gebirgsstil erbaute Haus des Forstwartes ist zugleich Einkehrhaus und in seiner Nähe befindet sich die Schießstätte. Vom Hause und auf hohen Masten wehten lustig die blauweißen Fahnen und ein riesiges, aus Eichenlaub gewundenes »L« zeigte an, daß das Festschießen zu Ehren des Kronprinzen Ludwig abgehalten wurde. Hundertfaches Juhu ertönte bei Ansichtigwerden des geschmückten Festplatzes und von dröhnenden Böllerschüssen begrüßt, kam der Festzug an seinem Ziele an. 137 Alsbald knallte es lustig aus den Stutzen, und von Fels zu Fels hallte der gellende Juhschrei der Zieler und kündete von dem sicheren Auge und dem festen Arme dieser Alpensöhne. Die wenigen Tische rings um das Forsthaus waren schnell besetzt, und wer hier nicht Platz fand, lagerte sich auf dem Rasen, und als der Schützenmeister das Scheibenschützenlied anstimmte, sangen alle Anwesenden freudig mit: »Hui auf! hui auf! wer's schießen ka' Der richt eam heut sein Stutzen a', Es glanzen d'Scheib'n lusti 'rei', Es wehn die Fahna woltern fei', Schlagts die Kugel nei', hui auf! Schlagts die Kugel nei', hui auf! A Schuß is grad an' Augenblick, Und rund is d'Kug'l, wie das Glück, Drum habts die Augen hell und frisch Und zappelts nit, als wie die Fisch. Sunst'n treffts'n Wisch. Hui auf! Sunst'n treffts'n Wisch. Hui auf! Hui auf, wann los der Böller geht, Und prächti die Maschin aufsteht, Der Zieler kaam seinen Augnen traut Und alles lauft, und fragt, und schaut, Bua, da is's so laut, hui auf! Bua, da is's so laut, hui auf! Und wann der Zieler springt und tanzt Und's Blei am gelben Punkte glanzt, Da giebt's oan bis ins Herz an' Riß, Wer nit a Nudelwalger is, Ja, ja, dös is g'wiß. Hui auf! Ja, ja, dös is g'wiß. Hui auf! 138 Es lebe hoch der Schützenstand, Und kaam der Feind ins Boarnland, I woaß's, er bleibet g'wiß nit lang, Wir naahmen in glei als Kugelfang, Ja, als Kugelfang. Hui auf! Ja, als Kugelfang. Hui auf! Die Schützen hatten vollauf zu thun, ihre Anzahl Schüsse auf Glück-, Haupt- und Ehrenscheibe abzugeben, und man vermeinte, ein ununterbrochenes Pelotonfeuer zu vernehmen. Außer Afra beteiligten sich noch mehrere Frauen und Dirndln an dem Wettschießen, so besonders Förstersfrauen und Töchter, und die Zieler machten die tollsten Sprünge und »Faxen«, wenn von diesen ein guter Treffer anzuzeigen war. Der Bärenmartele war heute in seinem Elemente, aber auch Mathies stellte seinen Mann und war hoch erfreut, wenn ihm Afra bei jedem gelungenen Schusse freundlich zunickte. Auch die in Partenkirchen anwesenden Offiziere kamen nachmittags auf den Festplatz und alle drei gaben manch gelungenen Schuß ab. So war alles froher Dinge, nur des schwarzen Görgl hatte sich eine tiefe Mißstimmung bemächtigt. Die kurze Dauer seiner Besserung hatte noch nicht genügt, ihm den Zutritt zu der Schützengilde zu gestatten. Er wurde, da er sich meldete, als übel beleumundeter Bursche abgewiesen und diese Schande erfüllte sein Herz mit unsäglicher Bitterkeit. Er wußte, daß Afra sich beim Schießen beteiligte, und vor ihren Augen wollte er Beweise seiner Geschicklichkeit abgeben und sich dadurch ihre und ihres Vaters Achtung erringen. Er hatte den Leutnant gebeten, sich für ihn zu verwenden, daß er zum Schießen zugelassen werde, und 139 dennoch war er abgewiesen worden, zurückgeschleudert in die Erbärmlichkeit seines früheren Lebens. Es ist hart, die Nacht der Vergangenheit in die lichten Tage der Gegenwart mit hinüberschleppen zu müssen, hart, wenn selbst das Gesühnte nicht vergessen wird und dem Unglücklichen anhaftet durchs ganze Leben als unerbittliche Strafe. Alle guten Vorsätze, welche in Görgls Sinn bereits feste Wurzel gefaßt, wurden mit dieser vernichtenden Zurückweisung seiner Bitte um Aufnahme in die Gesellschaft der Ehrlichen wieder gelockert, und als er jetzt aus der Ferne dem fröhlichen Getriebe unbemerkt zusah, als er sah, wie Afra mit Stolz ihren Stutzen vom Scheibenstand trug und ihr der Zieler Ehre um Ehre erwies, da überkam ihn eine namenlose Wehmut, und wie damals am Totenbette seiner Mutter, vergoß er auch hier bittere Thränen, denn erst jetzt fühlte er, daß ihm Ehre und Ansehen für immer gestorben, daß er der Lump bleiben müsse, der er war, weil er nun einmal als solcher galt. Mehr, denn je, wünschte er sich heute, reich zu sein. Er verfluchte seine Armut, und der Gedanke, daß es ihm bei der für den morgigen Tag bestimmten Zugspitzbesteigung glücken könnte, sich auf übernatürliche Weise in den Besitz eines großen Schatzes zu setzen, erfüllte bald sein ganzes Herz und die Hoffnung gewann in demselben einen neuen Platz. In diesem Augenblick löste sich ein Böller und für Afra ward auf der Ehrenscheibe mit großem Jubel ein Punkt angezeigt; dies war ihm ein gutes Zeichen. Auch ihm sollte und mußte ein Meisterschuß glücken, der – nach Afras Herzen. War er auch heute noch von seinem Ziele 140 weiter als je, in wenigen Tagen schon konnte es anders sein, bald war die Frist um, welche sich das Mädchen zur Antwort auf seine Frage erbeten, und er gab sich noch immer dem Wahne hin, daß er der Glückliche, der Erwählte sein werde. Auf dem Festplatze selbst war aber noch eine andere Person zugegen, welche in die allgemeine Heiterkeit nicht einstimmte. Es war dies der Jägertoni von Garmisch. Er hatte bei seinen hundert Schüssen aufs Glück neunundneunzig Ausreden, womit er seine oft weit unter der Mittelmäßigkeit stehenden Treffer zu beschönigen suchte. Und wenn ihm der Pritschenmeister gar anzeigte, daß der Schuß daneben ging, und ihn komisch ermahnte, er möchte nicht alle Gemsen vom Wettersteingebirge schießen, dann wurde er bitter und schimpfte »wie ein Rohrspatz.« »Die Kerl san blind!« schrie er. »I und d' Scheib'n verfehln; so was giebt's nit!« Und wurde dann dem nachfolgenden Schützen ein Schwarzschuß angezeigt, so behauptete er fest: »Dös war mei' Schuß; i laß mir's nit nehma. Die Hanswursten da drauß soll ma aufhänga; es is's größt' Glück für sie, daß i nit außi därf.« Gelang es ihm dann einmal, ins Schwarze zu treffen, und juchzte der Zieler die vorgeschriebene Anzahl, so strich er sich seinen Schnurrbart und sagte zu den Umstehenden: »Ah, so is's bei mir mei' Lebta gwen, aber die Kampl dort drauß übersehgn absichtli meine besten Schüss'; die heb'ns für d' Dirndln auf, die Feinspinner, 'ßel kennt ma' scho'.« Und so oft für einen weiblichen Schützen ein Schwarzschuß angezeigt wurde, behauptete er wieder: »I schieß's und die hab'n d' Ehr. Wenn i nur koa' Weibets mehr am Schießstand sehget!« 141 Diese Verdächtigung der Zieler konnte sich der Schützenmeister nicht lange gefallen lassen und nachdem dem Jägertoni wieder unter Halloh ein Fehlschuß angezeigt wurde, befahl jener, die Scheibe herein zu tragen, damit sich jedermann von der Reellität der Pritschenmeister überzeugen könne. Der Jägertoni suchte und suchte, aber auch er fand nichts. »Nacha is namand dran schuld, als der Büchsenmacher, der mei' Bix vor etli Zeit g'richt hat,« meinte er. »Dös is a Glück für den, daß er nit da is. Jeß, wie i mir den z'leihen nehmat!« Aber der Büchsenmacher war da und postierte sich vor dem Großsprecher mit den Worten: »Leih mir amal vor allererst dei' Bix, i will dir's zoagn, daß die nit dran schuld is, wennst a so schneiderst (fehlschießt).« Und der Schwarzschuß, den er sofort damit erzielte, brach über den Jägertoni und seine neunundneunzig Ausreden vernichtend den Stab. »No', was sagst itz?« fragte ihn der Büchsenmacher. »Was will i sagn?« antwortete der Jäger in seiner unverfrorenen Weise. »A G'spaß muaß aa sei' und i hon mir heunt vürgnomma, gar nix z'treffa. I möcht heunt koa' Preisfahna hoamtragn, nit um alles in der Welt. A so bin i halt amal. Aber an' anders Mal, no' gute Nacht, da sollns juchezen durt draus, daß's alle schwindsüchti wern. Für heunt aber hör i's Schuißen auf und fang's Singa an. Hui auf! Aufgespielt Musikanten!« Und an einem mit lustigen Burschen besetzten Tische tröstete er sich bald wieder durch heiteren Sang für sein Pech auf der Scheibe. 142 Der Abend kam heran. Die meisten Schützen hatten abgeschossen und mit Spannung sah man der Preisverteilung entgegen. Auf der Ehrenscheibe, auf welche jeder Schütze nur einen Schuß abgeben darf, war bis jetzt kein zweiter Punkt geschossen worden und Afra sah sich schon als beste; da gab ihr Vater, der Bärenmartele, noch den letzten Schuß darauf ab und siehe da, auch er traf das Zentrum. Nun mußten Vater und Tochter um den Preis rittern, was auf dem ganzen Festplatze das lebhafteste Interesse hervorrief. Alles drängte sich an den Schießstand heran, um den seltenen Kampf zwischen Vater und Tochter mit anzusehen, Wetten wurden abgeschlossen, und als jetzt Afra zum Stande trat und den Stutzen anschlug, herrschte plötzlich lautlose Stille. Da knallte es. Der rotbejackte Zieler sprang zur Scheibe, zog einige Mal die Achsel in die Höhe, schrie einmal »Juchhe!« und verzeichnete dann einen schlechten, hart an der Grenze des Weißen sitzenden Einser. »Waar ja justament der Teuxl, wenn i mei' Dirndl nit hinschießet!« rief jetzt der Bärenmartele und schritt siegesbewußt zum Stande. »Laßt's d' Musikanten herkemma, daß 's ma an' sakrischen Tusch bringa,« befahl er; »da is a Kronthaler dafür. Und ös alle sollt's sehgn, was an' alter Schützenmoaster von Obergroana vermag.« Die Musikanten waren sofort zur Stelle und wieder ward es stille ringsumher. Aller Augen richteten sich nach dem »Bären«, der seine Büchse in Anschlag gebracht. Der Schuß ward abgegeben und nun war der Zieler draußen das Augenmerk für alle. »I vermoan, daß 's a dreier is!« rief der »Bär« 143 mit triumphierendem Blicke auf seine neben ihm stehende Tochter. »Dessel muaßt erst sehgn!« versetzte diese schalkhaft lächelnd. »Daß i besser bin, als du, siehgt ma scho' itz,« meinte der Bauer und blickte, die Hand über die Augen haltend, scharf nach der Scheibe. »Im Weißen drin steckt amal nixi, also hon i schwarz und leicht kaannt's a Vierer aa sei!« Der Zieler, welcher die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet wußte, stellte die Neugierde aller auf eine harte Probe. Erst besah er sich die Scheibe ringsum, machte dann einige Purzelbäume, lief um die Scheibe herum, stellte sich wieder, als wollte er zu juchzen beginnen und vermöchte es nicht, bis er endlich mit der Zielrute das Zeichen gab, daß des berühmten Bärenmartele Ritterschuß die Scheibe gar nicht getroffen, sondern rechter Hand marschaus sei. Erst folgte allgemeine Verwunderung, dann allgemeines Gelächter dieser unerwarteten Kundgebung des Zielers. »I daschlag den Malefizlumpen, wenn er a Dummheit macht!« schrie der Bärenmartele und eilte, so schnell er es vermochte, zur Scheibe hinaus. Dort suchte auch er vergebens seinen Schuß – und so erschlug er den Zieler nicht. »Die Sach hat sei' Richtigkeit,« sagte er, als er wieder zum Stande zurückgekehrt war. »In mein' Leb'n is mir so was nit passiert!« Nun jubelten alle Afra zu. Die Musikanten bliesen ihr den Tusch, der Schützenmeister bot dem Mädchen den 144 Arm und führte es unter Vorantritt der einen lustigen Marsch spielenden Kapelle auf ihren Platz zurück. Der Bärenmartele aber kratzte sich hinter den Ohren und verbarg seinen Aerger, so gut es ging. Afra schien ihm in diesem Augenblicke eine fremde Person; er vergönnte ihr schlechterdings den Sieg nicht. »Muaß mi dös Sapperamentsdirndl z' Schanden schießen!« rief er erzürnt und verursachte dadurch neuerdings ein schallendes Gelächter der Umstehenden. Die Aufmerksamkeit der Schützen, wie der Gäste lenkte sich nun auf die beginnende Preiseverteilung, und lauter Jubel begleitete die Ueberreichung des ersten Preises auf der Ehrenscheibe an Afra, der in einer prächtigen Fahne und einer auf einer zinnernen Platte liegenden, ledernen Hose bestand. Der Bärenmartele erhielt auf der Ehrenscheibe den zweiten Preis. Auch der Lechner Mathies hatte sich eine Preisfahne erschossen und Afra winkte ihm freundlich zu. Sobald es aber anging, suchte sie in seine Nähe zu kommen und flüsterte ihm ins Ohr: »Hiesl, a guat Ding von dein' Hozetgwanda (Hochzeitgewand) hon i scho' daschossen, laß dir nur 's ander glei dazu machen. Itz g'winn i's 'n Vata scho' ab.« Die Rückkehr nach Partenkirchen wurde bei herrlicher Abendbeleuchtung und in fröhlichster Stimmung angetreten. Dort angekommen ließ der Bärenbauer sofort anspannen. Mathies, welcher Liesbeth gebeten hatte, seine Preisfahne dem Ahnle zu bringen, war dabei behilflich und der Bauer dankte ihm, indem er beifügte: »Heunt hast dein' Mann g'macht, Mathies; a so g'fallst ma scho' besser.« 145 »No', und was werd's erst sagn, wenn's mi übermorgn z' Mittag auf 'n Zugspitz ob'n stehn sehgt's?« fragte Mathies den Alten lächelnd. »Auf'n Zugspitz?« fragte dieser entgegen. »Dös muaß i erst sehgn, eh i's glaub. Aber sitta daß i heunt d'Scheibn verfeit hon, halt i alles für möglich.« »I aa!« setzte Liesbeth lachend, aber behutsam hinzu. »Hi!« rief der Bauer, und das Gefährte setzte sich in Bewegung. Im scharfen Trabe ging es von dannen. Die bunten Preisfahnen flatterten rechts und links des Wagens, welchem Mathies mit freudestrahlenden Blicken folgte. Die Musikanten aber bliesen den Scheidenden einen lustigen Marsch nach. Fröhliches Jauchzen tönte von allen Wegen, auf denen die Schützen ihre Heimkehr antraten. Es war ein schön verlebter Tag für alle gewesen, freudiger und stolzer aber blickte niemand darauf zurück, als die preisgekrönte Schützenkönigin, die schöne Bärenafra. 146 XIV. Leutnant Naus verließ am 26. August (1820) in Begleitung der genannten Offiziere, des Mathies Lechner und des schwarzen Görgls, der als Führer diente, mit dem Nötigsten versehen, Partenkirchen, um diesen Abend noch nach Durchwanderung des schauerlich erhabenen Rainthales die an dessen Anfang gelegene Angerhütte zu erreichen, um dann von hier aus mit frühestem Morgen das große Tagewerk beginnen zu können. Der Marsch inmitten der höchsten Berge war von herrlichstem Wetter begünstigt. Sie gelangten zuerst in das vordere Rainthal zum Hofe des Rainthaler Bauern, der in einem Kranze duftender Wiesen und umschattet von dichtbelaubten Baumgruppen sich hier in hehrer Einsamkeit befindet. Ueber die schwarzgrünen Föhrenwipfel starren mit trotziger Stirn die Bergkolosse herab und schließen einen schauerlichen Halbkreis um das stille Thal. Das verwitterte, weißgraue Gestein der Dreithorspitze, die doppelten Zinnen des Teufelsgsaß, der steile Schachen mit seinem krystallenen, felsumgürteten Wasserbecken, in welchem sich die Zirbelkiefer spiegelt, das Frauenalpl und endlich die furchtbaren Wände des vorderen und hinteren Rainthalerschroffen hüten; wie drohende Riesen, den friedlichen Ort. Nach kurzer Rast und Stärkung wurd der Marsch der wildschäumenden Partnach entlang fortgesetzt, an deren 147 Ufer sich die steilen Berge mit ihrem starren Geschröffe dicht herandrängen. Immer näher rücken die Höhen zusammen, rauh und zerrissen wird der Pfad an den kahlen Wänden, unter welchen sich der Gebirgsfluß brüllend und donnernd durch sein tiefes Rinnsal Bahn bricht. Immer flußaufwärts wandernd, genossen sie des interessanten Anblickes des Oberrainthales, welches wieder in üppigster Vegetation prangt; bald aber sahen sie sich ganz und gar zwischen himmelanstrebenden Felsenwänden eingeschlossen, welche, aus der Tiefe gesehen, eine ungeheure Höhe darstellen. Bald auf-, bald abwärts steigend, setzt sich der steinige Weg durch das enge Thal fort, vorüber an dem sogenannten »Bockhüttl,« einem kleinen Aufenthaltsort für Hirten und Jäger, wo etwa die Hälfte des Weges erreicht war, der sich von da ab immer wilder und rauher durch das steinige Geklüfte windet. Immer spärlicher zeigt sich die Vegetation, hin und wieder wechselt ein Edelhirsch über den Pfad und einige Rehe äugen verhofft aus dem Latschengestrüpp. Dem schwarzen Görgl verursachte dieser Anblick jedesmal einen Riß durch den ganzen Leib. »Hätt' i grad mei' Flintn mitgnumma!« rief er öfters aus. Kies, Geschiebe und ungeheure Felsentrümmer, die Zeugen alter und neuer Bergstürze, erschweren das Fortschreiten immer mehr. Totenstille herrscht in dieser Einöde, nur unterbrochen von dem durchdringenden Gekrächze der schwarzgefiederten Steindohlen und von dem Plätschern der Bäche, die in silbernen Rinnen von glänzenden Schneefeldern eilen. Mit der Umbiegung des Thales gegen Westen entfaltet sich von der Bockhütte an der großartige Thalabschluß: Gatterlköpfe, Plattspitze, Wetterschroffen, 148 Schneefernerkopf, den Plattach- oder Schneeferner einrahmend, hinten der Partnachfall; rechts Schönberg, Hochgeif, Hochblassen, links Teufelsgsaß, Rainthalerschroffen und Hochwanner, rückwärts der hohe Fels oder Schachen Vom Schachen grüßt jetzt das Bergschloß des in dieser großartigen Bergnatur besonders gern verweilenden Königs Ludwig II. von Bayern. , eine der denkbar großartigsten Felsenszenerien bildend. Um die schwindelnden Höhen der starrenden Berggruppen konnten die Wanderer den Flug der Adler beobachten, welche jene lichten Zinnen mit tiefem Schweigen umkreisen. Auf den unzugänglichsten kahlen Höhen und Zinken tauchten auch hin und wieder ganze Rudel von Gemsen auf, welche den Wanderern viel Interesse darboten. – Mitten aus dem Bilde der Zerstörung und Verlassenheit flimmern, eingehöhlt ins morsche Kalkgebirge, mit freundlicher Milde zwei ruhige Wasserspiegel, wegen ihrer eigentümlichen, tiefblauen Farbe die »blauen Gumpen« genannt. Ueber Steinklippen und Resse geht es nun wieder fort, zur rechten Hand die sogenannten Blassenschroffen, diesem gegenüber die Wände des Hochwanners. Plötzlich schießt mit wilder Kraft ein Alpenbach von lockerem Gestein. Tosend zerstäuben die Fluten im Falle und die glitzernden Wassergarben erfüllen in weitem Kreise die Luft mit eisiger, feuchter Kälte. Nach einer weiteren halbstündigen, äußerst beschwerlichen Wanderung in einer zertrümmerten Welt gelangten sie endlich nach einem siebenstündigen, anstrengenden Marsche nach dem heutigen Zielpunkte, der Angerhütte. Es war, als ob plötzlich ein Wunder geschehen, denn die in einer Höhe von 4146 Fuß liegende, einsame 149 Hirtenwohnung befand sich in der Mitte einer üppig grünenden, lachenden Flur, auf welcher die prächtigste Viehherde weidete, und das Häuschen umblühten im frischen, tauigen Beete Primeln und wilde Veilchen, Anemonen und Saxifragen. Dieser Anblick übte nach der langen, anstrengenden Wanderung durch die leblose Oede der Steinmassen einen doppelt wohlthuenden Eindruck auf die Gesellschaft. Sie jubelten alle freudig hinaus und ihre Rufe klangen als Echo wieder von dem gerade vor ihnen liegenden Schneeferner, dessen glänzende weiße Schneefelder in eigentümlichem Kontraste lagen gegen das herrliche Grün des Angers. Der Sommer mit seinem schönsten Alpenflor und mit der reichen duftenden Farbenpracht zarter Blümlein und der Winter mit seinem erstarrenden Hauche, beide herrschen hier als friedliche Nachbarn nebeneinander. In der Angerhütte ward nun sofort Quartier gemacht. Der alte Hirte, der sogenannte Schaftoni (seine Schafe weideten auf dem »Platt«), hatte eine große Freude, wieder einmal eine menschliche Gesellschaft zu haben, und Mathies machte sich sofort daran, auf dem Herde ein Feuer anzuzünden und das Nachtmahl zu bereiten. Nach kurzer Rast wollten die Herren noch unter Görgls Führung den Partnach-Ursprung besichtigen, zu welchem man in einer Viertelstunde angesichts des über dem Schneeferner sich steil und furchtbar aufbauenden Zugspitzes, auf kalter, blendender Decke, dem leicht zu ersteigenden Schneefelde, emporsteigt. Die Quelle der Partnach springt hier in einem mächtigen Wasserbüschel aus einem mächtigen Eisgewölbe hervor. Diese schimmernde Grotte, die Eiskapelle genannt, ist ein 16 Fuß hohes und gegen 40 Fuß langes Gewölbe, über welches eine 20 Fuß dicke Eisdecke 150 gespannt ist, die auf verschiedenen Eissäulen ruht und wie mit glänzenden Muscheln von ungeheurer Größe ausgestattet ist. Der Lechner Mathies hatte inzwischen die Bergsäcke geöffnet, Feuer angeschürt und ein einfaches Hirtenabendmahl bereitet, während der Schaftoni in dem neben der Kuchel sich befindlichen Raume aus Moos ein Lager zurecht machte. Der Tag war zur Rüste gegangen, aber über die östlichen Felsengipfel leuchtete der Vollmond auf, von dessen Glanz der Schnee der Ferner silberartig wiederstrahlte, während mannigfach gestaltete Felsgipfel ihre langen Schlagschatten magisch hineinwarfen in die tiefe, nur durch das Plätschern der Wellen und das ferne Tosen des Wasserfalls unterbrochene Stille der Nacht, – ein Anblick, der jedem unvergeßlich bleiben wird, dem es vergönnt ist, ihn zu genießen. Die schneidend kalte Nachtluft nötigte indessen die Gesellschaft, in der Hütte Schutz zu suchen, und der mitgebrachte Tirolerwein erwärmte und kräftigte alsbald wieder Herren und Diener. Auch der Schaftoni: ein alter, verwitterter Geselle mit langem, grauem Vollbart und ebensolchen Haaren, durfte an Speise und Getränk teilnehmen, und war er auch anfangs verschlossen und nicht recht »redgeb,« so taute er jetzt allmählich auf und erzählte von seinem einsamen Leben inmitten dieser wilden Bergwelt. Die Offiziere stellten mancherlei Fragen an ihn, wobei natürlich die morgige Zugspitzenbesteigung das Hauptthema bildete, welches Beginnen aber der alte Mann geradezu für eine Thorheit erklärte. »Moants ös, auf enk hätt' i gwart,« sagte er, »wenn 151 da auffi a Weg z' finden waar? Beilei nit! I möcht aa r amal auffikraxerln auf dös Himmelsdach, und außischaugn in d' Welt!« Bei diesen alten Gebirgsmenschen, welche fast ihr ganzes Leben in solcher Abgeschlossenheit von der Welt zubringen, hat sich noch manche Vorstellung aus der urweltlichen Götter- und Sagenzeit erhalten, so insbesondere an den glänzenden Himmelspalast im Innern des Felsenberges mit dem goldenen Dache. Die schimmernde Firnenpracht stellt das leuchtende Dach des himmlischen Hauses vor. Das treugläubige Volk der alten Deutschen versetzte den Himmel in den Schoß der Erde, ihr Gott hieß Wodan, oder wie er um den Wetterstein her genannt wird, Woudi. Und von diesem Woudi wußte der Schaftoni manches zu erzählen, was er von seinem Vater und seinem Eni gehört, die gleich ihm den größten Teil ihres Lebens in dieser großartigen Alpenwelt zugebracht. Dem schwarzen Görgl war es vor allem darum zu thun, neuerdings die Sage von dem Bergfräulein und dem Zuggeist bestätigt zu hören. Dieser wußte der Hirte noch eine andere anzureihen. So breitete sich im Umkreise der Hochlandsberge bei Farchant zunächst Garmisch vor uralter Zeit eine paradiesische Landschaft aus. Dr. Sepp. Altbayer. Sagenschatz. Woaden, ein großer König und Zauberer, war Herr dieser Gegend; er wußte alle Goldadern im Gebirge, auch hatte er die Bergwerke unter sich. Hie und da zeigte er den Leuten die Reichtümer in den Felsengewölben, indem er vor ihnen die Bergwand öffnete. Wo er mit seinem Hammer hinschlug, floß Gold und Silber, so namentlich am Heimgarten, wo sich noch die Goldquelle befindet, die aber jetzt leider niemand mehr sichtbar wird. So erwies sich der Bergfürst und Geisterkönig als Freund der Einwohner, aber groß war sein Ernst, und heftig sein Zorn, wenn man ihn beleidigte. König Woaden hatte zur Tochter eine Fee. Diese ließ sich herab, einen Bauernburschen (Hirten) der Gegend lieb zu gewinnen; er aber wollte der Erscheinung zu liebe nicht von seinem Mädel lassen und verschmähte die hohe Huld. Darüber erzürnte die Tochter des Berggeistes und verwünschte die Gegend, und so entstand der einstige See oder der weite Moorgrund bei Murnau, aus welchem sich die Köcheln als ehemalige Inseln erheben. Als dann Görgl wieder auf das ihn zumeist Interessierende kam und den Toni fragte, ob er den Zuggeist schon einmal gesehen, und ob es seine Richtigkeit habe, daß derselbe in Gestalt eines Geieradlers auf dem Zugspitz hause, da erwiderte der alte Schäfer: »Was magst da sag'n und b'haupt'n? I sehg mehr als oan von dene Rauba, und mancher kimmt gradwegs vom Zugspitz awag'schossen, wie no'mal der Teufi selm. Mögli is 's ja, daß er 's is, aber i fürcht mi dernthalb'n nit vor seina, und mit an' Schuß aus meiner alten Flinten hon i 'n scho' a etli Mal vertrieb'n. An' Scheibenstutzen wenn i hätt', no' Gnad' Gott! – i moan, i hätt'n scho' dalöst, aber mit mein Schießprügel is's ja grad a G'frett.« Görgl blickte ganz verwundert auf den mutigen Hirten. Hauptmann von Jeetze aber wünschte näheres über diesen Geieradler zu vernehmen und der Schaftoni erzählte aus eigner Erfahrung, was ihm davon bekannt. Unter dem Geieradler wird der Joch- oder 153 Lämmergeier, auch Bart-, Aar- und Gemsengeier verstanden, der in der Nähe der Schneeregion in den Felsenklüften der Hochalpen lebt. Er horstet hoch auf unzugänglichen Felsen und hat ein ungeheures 5 bis 6 einhalb Fuß Durchmesser haltendes Nest, worin er auf einer Polsterung von Wurzeln, Heidekraut und Gras 2, 3, höchstselten 4 Eier legt. Er wird 4 bis 4 einhalb Fuß lang, hat eine Flugweite von 8 bis 12 Fuß und ein Gewicht von 10 bis 12 Pfund, ist oben graubraun mit weißen Schaftstrichen, unten am Hals und Bauch rotgelb, Kopf und Oberhals ist bei den Alten weißlich, bei den Jungen schwarzbraun. Sein hornfarbener, 4 einhalb bis 5 einhalb Zoll langer Schnabel ist in der Mitte satteltief und läuft in einer bogenförmigen Spitze aus. Er ist der Kondor der europäischen Gebirge und durch seine organisatorische Lebensweise der merkwürdigste Vogel der Alpen. Aus der dunklen Himmelsbläue schwebt er heran ohne Flügelschlag, schon aus der Ferne hört man ein gezogenes, anhaltend helltönendes »Pfy! Pfy!« fast mit dem Ausdrucke des Uebermutes, und bald rauscht der König der Hochalpen heran und kreist mit mächtig ausgespannten Flügeln über dem Beschauer, läßt sich etwas in die Tiefe, um zu beobachten, zu spähen, und erhebt sich ungeduldig in schraubenförmig gewundenem Fluge wieder in die oberen Lüfte in gerader Richtung hoch über die eisstrahlenden Gipfel. Er macht besonders auf Lämmer, Ziegen und Gemsen Jagd. Bei größeren Tieren hat er den ihm ganz eigenen Kunstgriff, daß er sie, wenn sie nahe am Abgrunde stehen, mit reißender Gewalt und der ungeheuren Kraft seiner Flügel gleichsam hinabzustoßen sucht; manchmal faßt er sie auch mit den Klauen und zwingt sie durch Flügelschläge und Schnabelhiebe, sich selbst in den Abgrund 154 zu stürzen, wo sie sich entweder stark beschädigen, so daß er ihrer Herr werden kann, oder sich auch ganz zerschmettern. Er hat sogar schon Kühe und Ochsen angefallen, schlafende Hirtenknaben und mühsam emporklimmende Gemsenjäger in den Abgrund gestürzt, ja es werden von ihm auch Beispiele von Kinderraub erzählt. Der Schaftoni gab schließlich den Offizieren den Rat, beim morgigen Aufstieg ja die Schußwaffe nicht zu vergessen, er aber wolle vor Sonnenaufgang in seiner Kirche schon auch für ein glückliches Gelingen beten, denn sicher sei er der Nächste, der ihnen auf den Zugspitz nachfolgen würde, falls ihnen das morgen gelänge. »In welcher Kirche?« fragten die Offiziere. »Befindet sich hier eine Felsenkapelle oder Aehnliches?« »Beilei!« erwiderte der Schaftoni lächelnd. »Mei' Kircha is draus am grean Anger, ehvor d' Sunn auffasteigt; rings ummatum fanga d' Gipfel 's brinna an, als wärn's riesige Kirzen; da Zugspitz is der Altar und der Schneeferner liegt wie r a silberner Teppich zu seine Füaß. D' Nebel, die auffisteign vom Brunnthal, so wunderschö' rötlat, i halt's für 'n Weihrauch, d' Bergamseln und d' Wiesenlerchen spieln die schönst' Chormusi; da geht dir 's Herz auf, wennst aussischaugst zum blauroten Himmi! Da brauchst koa' lange Litanei; mit a paar Gedanken bist firti, und gwiß is's wahr, der Papst draußn z' Rom, er kanns aa nit besser mit unserm Herrgott, als i, der Schaftoni im hintern Rainthal, dessel is mei' Glaubn. Und itz leg i mi auf mein' Lieger, denn d' Nacht g'hört zum Schlafen; vergeßts nit, 's Liacht ausz'löschen und somit wünsch enk alle mitanand a ruahsame Nacht.« Damit öffnete er die Thüre zu seiner ärmlichen 155 Schlafkammer und schon nach wenigen Minuten war er in einen festen und gesunden Schlaf versunken. »Ob der nicht wahrhaft glücklich ist?« meinte der Hauptmann, »fern vom Weltgetriebe, ohne Sorge, empfänglich für die Großartigkeit der Schöpfung und zufrieden mit seinem einfachen Schicksal!« »Und die Hauptsache – keine vereitelte Hoffnung auf Beförderung,« lachte Leutnant Aulitschek. »Ihn geniert nicht das Wort »Armeebefehl«, kein zweiter Strich am Kragen, nach dem Kamerad Naus und ich schon lange schmachten und es wahrscheinlich noch sechs Jahre thun dürfen.« »Wer denkt heute an das!« rief Naus. »Alle meine Wünsche gipfeln im Augenblicke in dem glücklichen Gelingen unserer morgigen Expedition und darauf leere ich dieses Glas.« – Er hatte wohl noch einen anderen brennenden Gedanken – Bertha! deren Blick er ja morgen um 11 Uhr auf die Zugspitze gerichtet wußte, da er ihr schon vor einigen Tagen über diese Bergfahrt Mitteilung gemacht. Um ungestört an sie denken zu können, sagte er: »Und nun mache ich 's, wie unser wackerer Herbergsvater, der Schaftoni, und lege mich ins Moos. Gute Nacht!« Die anderen fanden es auch für nötig, sich für die morgigen Strapazen vorzubereiten und gehörig auszuruhen, und während Mathies und Görgl oben am sogenannten Heubödl ihr Nachtquartier nahmen, lagerten sich die Offiziere auf dem best zurechtgerichteten Mooslager im anstoßenden Schuppen. Doch war ihre Ruhe sehr illusorisch. Sie wurden von einem Heere von Flöhen derart gemartert, 156 daß sie wachend am Feuer des Herdes den größten Teil der Nacht zubringen mußten. Der in seinem Schlafe gestörte Schaftoni tröstete die Herren mit den Worten: »Mei', so a Herrn Offiziersbluat is eana halt was Seltsams, 's mei' taugt eana scho' lang nimmer; aber halt's nur aus, wenn's gnua habn, hörn's scho' wieder auf, drum jagt's es nit z'lang umma, sie möcht'n aa r Ruah hab'n bei der Nacht, is eana nit z' neiden!« Damit legte er sich auf die andere Seite und schnarchte ruhig weiter. Die Offiziere aber, wie nicht minder Görgl und Mathies, flüchteten sich bald ins Freie und erwarteten halb schlafend, halb frierend den Morgen. Ein plötzlich eintretender Regen ließ sie schon an ihrem Unternehmen verzweifeln; doch der Schaftoni hielt Ausschau und erkannte an der Windrichtung und dem leichter werdenden Gewölk den Regen nur als einen vorübergehenden. Er tröstete deshalb seine besorgten Gäste mit den Worten: »Oes brauchts kon' Angst nit z' hab'n, es siehgt eam nimmer schiach awa.« 157 XV. Mit dem Grauen des Morgens hatte der Regen gänzlich nachgelassen und der Himmel wölbte sich wolkenlos über das felsige Gipfelmeer. Die Offiziere und ihre Begleiter machten sich, nachdem sie ein kräftiges Frühstück zu sich genommen, voll froher Hoffnung auf den Weg. Der Schaftoni wünschte ihnen Glückauf! blickte ihnen aber kopfschüttelnd nach. Bald gelangten sie an den Fuß des sogenannten Platts, eines in ziemlich schiefem Winkel hinansteigenden Gebirgrückens von beträchtlicher Breite, auf dessen oberen Teil der Schneeferner ruht. Hier gab es zwischen losem Geröll nur hin und wieder verkrüppelte Latschen, Bergwachholder und einige am Boden hinkriechende Weiden. Die Spitzen und Schroffen des Gebirges wurden von der Morgenröte rosig angehaucht und erglühten allmählich wie brennende Lichter. Angesichts des glänzenden Schneeferners, der gleichfalls mit Rosenblüten und Diamanten besät erschien, machte der Anblick dieser Morgenbeleuchtung einen geradezu überwältigenden Eindruck auf die Offiziere und Mathies bezeugte seine Freude daran durch fröhliches Juchzen. Der schwarze Görgl dagegen dachte nur an das Gold im Innern des Berges und an die Springwurzel, welche ihm diese Schätze erschließen sollte. Dabei ging er aber mit voller Sicherheit voran über das Platt zum 158 Schneeferner. Hier angelangt, bewaffneten alle ihre Füße mit Steigeisen, und mit verdoppelten Schritten und von Begierde getrieben, gelangten sie bei plötzlich eingetretenem, heftigem, kaltem Winde nach etwa vierstündiger Wanderung an die Grenze hinter dem Zugspitz. Hier sollte der erste Versuch zur Ersteigung desselben gemacht werden. Das chaotische Steinmeer, welches sie hier überraschte, gab ihnen ein grauenvolles Bild von der unaufhaltsam fortschreitenden Zerstörung, die in dieser unwirtsamen Gegend stattfindet. Die zahllosen, in der Tiefe mit Schnee gefüllten Kessel in einem Rücken, den sie von unten für flach hielten, die unaufhörliche Bewegung und das beständige Abrollen von Felsen und Geröll an den Rändern des Ferners, die vielen Eis- und Schneeklüfte von unergründlicher Tiefe und von den verschiedensten Breiten und Richtungen: alles dieses wäre schon allein hinreichend gewesen, die Bergsteiger für ihre Mühe vollauf zu entschädigen. Nun aber war der Ausblick von der Höhe, auf welcher sie sich befanden, auf die stolzen Felswände des Rainthales und über dieselben hinweg auf eine Gipfelflut, ähnlich den Wogen der sturmbewegten See, dann auf die Zinnen der Tiroler Berge, von der neugierig aus der Leutasch herüber blickenden »Hohen Munde« bis zum »Wormser Joch«, von den Bünder Gletschern bis zu den in den blauen Aether tauchenden, weißen Gipfeln des östlichen Tirols, geradezu sinnberauschend. Dieses Entzücken wurde freilich durch einen heftigen schneidenden Wind, der ihre Glieder erstarrte, beeinträchtigt und eine Eiskluft von einigen tausend Fuß Tiefe, welche den Ferner von der zu erklimmenden Zugspitzwand schied, suchte sie von ihrem Vorhaben zurückzuschrecken. Ihr Mut 159 siegte jedoch, kühn überschritten sie die Eiskluft, deren Breite nicht bedeutend war, und begannen, nachdem sie die Rucksäcke bis auf das Nötigste und leicht Tragbare entleert hatten, das Klettern die steile Felswand hinan. Görgl kletterte rüstig voran. Es war die Stelle, an der er schon im vorigen Jahre aufzusteigen versucht hatte. Doch plötzlich machte er Halt. Er rief den Folgenden zurück, daß ein weiterer Aufstieg an dieser Stelle unmöglich sei, zumal auch seine Hände ganz erstarrt wären. Vergebens rief ihm Naus zu, den Mut nicht sinken zu lassen, man versprach ihm doppelten, dreifachen Lohn. Görgl, welchen die widerfahrene Demütigung bei der Schützengilde nicht nur moralisch, sondern auch körperlich entmutigt und geschwächt hatte, hörte nicht darauf; er war bereits wieder im Abstieg begriffen und die Uebrigen mußten widerwillig dasselbe thun. Hauptmann von Jeetze und Leutnant Aulitschek waren dafür, den Versuch der Ersteigung aufzugeben und den Rückweg anzutreten. Leutnant Naus und Mathies aber wollten einen neuen Versuch wagen und letzterer hatte nach einem kräftigen Schluck aus der Schnapsflasche bereits den Anstieg wieder begonnen. Naus wünschte den übrigen ein glückliches Wiedersehen für Abend in der »Flohhütte« und folgte dem unerschrockenen braven Burschen nach. Der schwarze Görgl konnte nun wohl nicht anders, als sich den Steigern ebenfalls wieder anzuschließen, denn das wollte er sich doch nicht nachsagen lassen, daß der Flößerknecht ein besserer Steiger sei, als er, und der Gedanke an die Springwurzel flößte ihm ebenfalls wieder neuen Mut ein. Bald mußten sie in einem steilen Graben, einem sogenannten Kamin, zwischen zwei Wänden 160 aufwärts klimmen, wobei ihre Hände durch das beständige Anfassen der Felsen erstarrten. So gelangten sie an eine Wand, welche senkrecht vor ihnen in die Höhe stieg. Rechts seitwärts zeigte sich eine Kluft nach aufwärts, die sich jedoch – etwas hervorragend – auch gegen zweihundert Fuß tief senkrecht nach abwärts erstreckte. In dieser Kluft nun zwängte sich der kühne Mathies neun Fuß hoch aufwärts, wobei Naus von der andern Seite zum Schutze vorstand. Jener erreichte glücklich das Ende der Schlucht, wobei er jedoch noch einen Schlund von beinahe fünf Fuß Breite überschreiten mußte. Einige Steine, die bei diesem halsbrecherischen Aufstieg abrollten, begrüßten den etwas zurückgebliebenen Görgl so unsanft, daß er sich nur auf die ermunternden Zurufe seiner Vorgänger hin entschloß, ihnen zu folgen. Sie kamen alle drei glücklich an das Ende dieses Kamins, da Mathies von oben kräftig Hilfe leistete. Nun glaubten sie, frei atmen zu können; doch war die Gefahr noch nicht vorüber. Am lockeren Geschröffe nach der Seite hinklimmend, zur Rechten stets einen Abgrund von mehreren hundert Fuß, von Windstößen um die Sicherheit ihres Trittes gebracht, erreichten sie in schräger Richtung eine glatte Steinplatte, welche gegen zwölf Fuß über sie aufragte, während sie sich nach abwärts gegen vierundzwanzig Fuß verlängerte. Auf dieser Steinplatte erblickten sie zu ihrem nicht geringen Schrecken einen riesigen Geieradler, der wohl auf diesem unzugänglichen Felsen seinen Horst gebaut hatte und nun den Ankommenden unter mächtigen Flügelschlägen, welche sausende, unheimliche Töne verursachten, seinen hakenförmigen Schnabel entgegenstreckte, als wollte er jeden Augenblick auf sie hassen und sie mit 161 der ungeheuren Kraft seiner Flügel hinabkehren in die schauerliche Tiefe. »Jeß, Maria und Josef, der Zuggeist!« schrie Görgl. »Aus is's! Aus is's!« Auch Mathies war mehr als verhofft. Aber der junge Offizier riß die Pistole aus seinem Gürtel und unter dem verzweifelt komischen Ausrufe: »Platz da!« feuerte er einen Schuß auf den unvermuteten Wegelagerer. Es dröhnte wie ein Kanonenschuß. Die Kugel mußte den Adler gestreift haben, nur unbedeutend zwar, aber er sah sich doch veranlaßt, den Platz zu räumen. Pfeilschnell schoß er den Abgrund hinab, aus welchem er sich jedoch rasch wieder erhob, um den Felsengipfel in weitem Kreise zu umschweben. 162 »Dös is der Zuggeist!« beteuerte Görgl; »der wird uns itz a Dunnerwetter übern Hals schicken, auf daß ma elendi z' Grund gehn.« »So ist keine Zeit zu verlieren, unser Werk zu vollenden,« feuerte Naus an. »Vorwärts, wir sind bald am Ziele!« Er stemmte sich an die Seitenwand, setzte seinen Bergstock in einen Einschnitt im Felsen und im Nu war er einer Gemse gleich oberhalb der Steinplatte, welche dann mit Hilfe des Seiles auch von den anderen erklommen wurde. In einer Viertelstunde erreichten sie, auf Händen und Füßen kriechend, einen kleinen Grat, dessen Begehung gut von statten ging. Schon glaubten sie alle Hindernisse überwunden zu haben, als sie sich ganz unerwartet an einer etwa 27 Fuß langen Schneebank sahen, die eine Scharte des Grates ausfüllte. Sie war nicht zu umgehen, da ihre beiden Seiten steil wie ein Kirchendach nach den beiden Fernern abfielen, man mußte also über die Schneide, die keinen Zoll breit war. Es blieb nichts übrig, als hinüber zu reiten, denn die weitere, allerdings ziemlich steile Strecke bis zum Gipfel bot keine Schwierigkeiten mehr. Gegen elf Uhr stand der vorauseilende Leutnant Naus auf dem höchsten Punkte Deutschlands, auf dem noch von keinem Menschen bestiegenen, so verschrieenen Zugspitz! Ein lauter Jubelruf hallte aus seinem Munde, und den Hut schwingend, brachte er auf diesem erhabenen Standpunkte dem Könige und allen biederen Bayern aus freudig bewegter Brust ein herzliches Lebehoch dar. Dann nahm er nochmals seine Doppelpistole hervor 163 und schoß den noch geladenen Lauf ab als Freuden- und Ehrenschuß für diesen ewig denkwürdigen 27. August 1820 Auch Mathies stimmte mit ein in diesen Jubel; Görgl aber sehnte sich nur nach dem Momente, wo der Offizier von der Spitze herabsteigen würde, die nur Platz für einen Mann hatte, und für diesen höchst gefährlich war, denn wenn er strauchelte, stürzte er in die tiefsten Abgründe, unrettbar verloren und den Raubvögeln eine willkommene Beute. Und ein solcher Raubvogel kreiste, wie Görgl bemerkte, in größerer Entfernung ohne Unterlaß um die Spitze. Mit einer gewissen Bangigkeit blickte der Bursche nach demselben, aber auch nach der von Naus besetzten Spitze, in welcher sich die Springwurzel befinden sollte. Dabei bemerkte er wohl, wie sich von Westen her eine dunkle Wolke mit Blitzesschnelle näherte, und er gedachte der Sage, daß die Berggeister die Elemente in ihrer Gewalt hätten und die Sterblichen mit Blitz und Donner vertreiben könnten. Der Offizier achtete aber weder auf die Wolken, noch auf den kreisenden Adler. Er umspannte mit wonnetrunkenem Blicke das zauberische Gipfelmeer und das unbeschreibliche großartige Panorama zu seinen Füßen. Wer vermöchte jene Gefühle zu schildern, welche den jungen Mann und selbst Mathies auf diesem hehren Standpunkte ergriffen und bestürmten! Die Aussicht umfaßt in größerer Ferne die majestätische Tauernkette mit dem Ankogel und Großglockner, die Stubaier und Oetzthaler Gruppe, den Ortler und Bernina, das bayerisch-tirolische Grenzgebirge mit dem hohen Göll und Watzmann, die Lechthaler, Algäuer und Vorarlberger Gebirge, die Schweizeralpen mit der Jungfrau und 164 dem ehrwürdigen Montblanc, die rauhe Alb, den bayerischen Wald, zahlreiche Seen vom Bodensee bis zum Chiemsee und das unermeßliche Flachland mit zahllosen Städten, Märkten und Weilern, unter welchen die Frauentürme Münchens aus blauer Ferne herangrüßen. In der nächsten Umgebung staunt man die zahllosen, hoch emporstrebenden Gipfel an und starrt hinab in das grausige Höllenthal, in dessen Tiefe das Auge nur Wildnis, Zerstörung, Felsengeröll, Eisklüfte und Klammen erspäht. Westlich, fast senkrecht unter dem Zugspitz, erblickt man den melancholischen Eibsee mit seinem schwarzgrünen Wasserspiegel, weiterhin am Fuße des Zuges die Thörlen mit dem nebenstehenden Daniel, dann das obere saftig grüne Loisachthal, aus welchem der Markt Lermos freundlich heraufwinkt und den grauenvollen Anblick der im Hintergrunde erstarrenden Hochalpen und Gletscher des Vorarlberges und des Bündner Landes mildert. Das mit dem Fernglase bewaffnete Auge des Offiziers verweilte bei diesem lieblichen Bilde am längsten. Es war ihm, als sende ihm dieser Ort freundliche Grüße herauf auf die lichte Höhe. Er gedachte mit überwältigender Rührung seiner mit ihm oft dort gewesenen, nun längst in Frieden ruhenden braven Eltern; – die glückliche Kinderzeit tauchte lebendig vor seinem Geiste auf, und jetzt hielt er sein Glas lange, lange auf eines der hervorragendsten Häuser mit hohem Giebeldache gerichtet. Dort weilte sein liebes, armes Bäschen, von dort blickten vielleicht in diesem Augenblicke zwei treue Augen zu ihm herauf, zwei Augen, für die er freudig hätte sein Leben geben können, die sich aber bald für immer schließen sollten. Eine unbeschreibliche Sehnsucht, in diese treuen Augen blicken zu können, 165 erfaßte ihn, und als wäre dies durch sein Fernglas möglich, sah er starr und regungslos nach dem so teuren Platze. Da erkannte er deutlich eine lange, schwarze, sich nach dem Friedhofe hinbewegende Linie, er vermochte sogar einige Fahnen zu unterscheiden, kein Zweifel, es war ein Leichenzug. Unwillkürlich bebte sein Herz, eine unendliche Traurigkeit, eine düstere Ahnung erfaßte ihn und mit thränenden Augen rief er: »Bertha! Bertha!« Durch die Thränen wurd das Glas getrübt, er suchte es wieder klar zu machen, doch als er wieder hindurch blickte, hatte die von Westen heraneilende, schwarze Wolkenschichte alles verdeckt. Es war ihm, als würde über sein Glück, über seine Liebe ein schwarzes Leichentuch gebreitet, und die ganze schöne Welt zu seinen Füßen schien ihm plötzlich öde und ausgestorben. Mathies Zuruf, daß es höchste Zeit sei, den Rückzug anzutreten, da die verhängnisvolle Wolke sich mit Blitzesschnelle näherte, brachte den jungen Mann wieder zur Besinnung. Ein nochmaliger Blick nach jener Richtung überzeugte ihn, daß der hohe Daniel bereits in der Wolkenmasse verschwand. Es waren seit Ankunft auf der Spitze kaum fünf Minuten vergangen. »Der Zuggeist schickt uns a Wetter,« schrie jetzt auch Görgl. »Herr Leutnant machen's, daß vom Spitz kemma.« Der Offizier war jedoch kaum herabgestiegen, als Görgl, welcher schon vorher die Pyramide, soweit als thunlich, untersucht, ein paar Sprünge auf die Spitze machte, sich zu Boden warf und knieend und kriechend überall herumspähte. Während Naus schnell einige Notizen machte, drängte sich auch Mathies zur Spitze hinan. Er wollte 166 ebenfalls auf dem höchsten Punkte stehen und von dort schickte er zu seinem Heimatdörfchen einen hellen Juhschrei hinab. Görgl kroch noch immer auf Händen und Füßen umher und untersuchte jede Ritze, doch nirgends entdeckte er die Springwurzel. Vergebens mahnte ihn Mathies, daß der Rückzug angetreten werden müsse, daß Gefahr im Verzug sei, erfolglos waren auch die immer dringenderen Rufe des Offiziers, und doch vernahm man bereits deutlich den Donner des heranziehenden Gewitters; Schauer und Schneegestöber stürmten heran. Jede Sekunde des Verweilens brachte Gefahr. Der schwarze Görgl war nicht weiter zu bringen, und so flüchteten der Offizier und Mathies rasch von dannen. Kaum aber waren sie etwa zwölf Schritte von der Spitze entfernt, da betäubte sie ein Blitz und zu gleicher Zeit erfolgte ein Donnerschlag, daß alles ringsum erbebte. Der schwarze Görgl ward an den Fuß der Spitze geschleudert, doch ermannte er sich sofort wieder. Furcht, Schrecken, Entsetzen veranlaßten ihn, schleunig den Vorausgeeilten zu folgen. Nochmals aber wandte er seinen Kopf, denn ein furchtbares, heiseres Geschrei drang an sein Ohr – da sah er den riesigen Raubvogel, einen Gegenstand im Schnabel haltend, pfeilschnell sich über den Abgrund gegen das Höllenthal entfernen. Für Görgl war es jetzt klar, das war der Zuggeist, der die Springwurzel in Sicherheit brachte, der seine Hochwarte mit Blitz und Donner verteidigte gegen die kühnen Ersteiger, die er zurücktrieb und zu vernichten drohte. Die Voraneilenden hatten sich hinter einer kleinen 167 Felsenwand vor den durch die Erschütterung losgewordenen und hinter ihnen herkollernden Steinen zu retten gesucht, aber Görgl, plötzlich nur für sein Leben fürchtend, machte sie jetzt auf die immer mehr wachsende Gefahr des Abwärtssteigens unter dem bereits starken Schneegestöber aufmerksam, und so suchten alle drei auf dem benutzten Herwege wieder abwärts zu steigen. Der gefährliche Grat ward wieder überritten, aber die plötzlich eingetretene starke Dunkelheit ließ sie kaum vier Schritte vorwärts sehen und wohl mit Recht fürchtete jeder, im nächsten Augenblicke abzufallen und im Abgrunde zu zerschmettern. Der Weg führte bei wieder zunehmender Helle durch eine Klamm, innerhalb welcher eine Wand von ungefähr 14 Fuß abzuspringen und dann eine noch viel größere Distanz von mindestens fünfzig Grad Neigung auf hartem Schnee abzufahren war. Dabei galt es, unten auf einem zwei Quadratschuh Fläche bietenden Vorsprung richtig eintreffen. Was hier die Gefahr noch vermehrte, war der Umstand, daß sich das Regenwasser in dieser Rinne anhäufte und keinen festen Tritt machen ließ, ja sogar an mehreren Stellen ihnen über Kopf und Rücken stürzte. Endlich mußten sie am südlichen Fuße des Zugspitzes, am Anfange des Schneeferners, noch eine gefährliche Passage zurücklegen, eine Art von Schneebrücke, die einen Fuß dick, einen breit und mehrere lang, über die Schlucht zwischen Wand und Ferner führte. Kein Ausweg war möglich, man mußte sich diesem schwachen Gewölbe anvertrauen. Naus war der erste, der hinübersetzte; als Mathies darüber hinwegschritt, ward ein eigentümliches Krachen vernehmbar, so daß Görgl es nicht mehr wagen wollte, zu folgen. Die anderen sprachen ihm jedoch Mut zu und 168 endlich wagte auch er unter dem Ausrufe: »Mei' Lebta führ i 'n Zuggeist nimmer in Versuchung!« den Uebergang. Da – beim letzten Schritte wankte der Boden; der Bursche hatte aber glücklicherweise dem seiner harrenden Mathies den Arm entgegengestreckt und dieser zog ihn mit Riesenkraft und einem raschen Ruck an den rettenden Rand. So gelangten sie nach ungefähr zwei Stunden auf den Schneeferner und setzten ihren Marsch über diesen und das Platt eiligst fort. Eine Stunde später trafen sie endlich wieder auf der Angerhütte ein, von den zurückgebliebenen Offizieren und dem Schaftoni, die sie schon für verunglückt hielten, mit freudiger Ueberraschung bewillkommnet. »Es war die heftigste Schlacht, die ich jemals mitgekämpft!« meinte der Leutnant. Nun aber that ihm und seinen beiden Gefährten die Ruhe und die improvisierte Mahlzeit wohl. Als sie dann die erlebten Abenteuer erzählten, meinte der Schaftoni: »Es is, wie's mir gschwant (geahnt) hat, der Zuggeist wehrt eam (sich), so lang er's vermag, aber über Leib und Seel hat er koa' G'walt, und den Blitz, den er loslaßt, den leit' der Woudi nach sein' Sinn. Aus und gar is von heunt an sei' Regiern da obn, mit Dunner und Blitz hat er z'ruckmüassen in d' Höll auf ewige Zeiten. Gott sei's gedankt! Und daß's ös wißt's: der erste, der enks nachi macht, bin i, der Schaftoni!« Das Nachtlager ward auf den Bänken im rauchigen Kaser genommen, man wollte sich die Ruhe nicht wieder verderben lassen. Es waren die verschiedenartigsten Gedanken, mit welchen die kühnen Zugspitzeroberer einschlummerten. Der junge Offizier gedachte wieder des von der 169 Hochwarte aus gesehenen Leichenzuges und wieder erzitterte sein Herz unter traurigen Ahnungen. Er nahm sich vor, sogleich nach seiner Rückkehr in Partenkirchen den Hauptmann um ein paar Tage Urlaub zu ersuchen und nach Lermos zu eilen, und der nie versiegende Quell der Jugend, die Hoffnung, ließ ihn trotz all der trüben Ahnungen an ein freudiges Wiedersehen des geliebten Bäschens denken. Mathies dagegen dachte an den Moment, in welchem er dem Bärenmartele die wirkliche Ersteigung des Zugspitzes Die erste Besteigung der Zugspitze ist unter Benützung des äußerst interessanten Tagebuches des Leutnants Naus geschrieben. Die zweite Besteigung derselben fand 1823 durch den Maurermeister Simon Resch von Partenkirchen in Begleitung des »Schaftoni« statt. Die dritte im September 1834 durch denselben Resch mit seinem Sohne Johann und dem Zimmermannssohn Johann Barth vulgo Hanni. Acht Tage später wurde der Bergriese, also zum vierten Male, von dem für die Vaterlandskunde und die Naturgeschichte begeisterten k. Forstgehilfen Franz Oberst, der später als Oberförster a. D. in Aibling lebte, in Begleitung seines Kollegen Schwepfinger erstiegen. Oberst kommt das Verdienst zu, zuerst einen umfassenden Bericht über die Besteigung veröffentlicht zu haben, welchen auch der Verfasser neben dem erwähnten Tagebuche des Leutnants Naus und seinen persönlichen Erfahrungen seiner Arbeit zu Grunde gelegt hat. Den Impuls zu dieser Erzählung gab aber des bekannten Münchner Alpinisten, des Kaufmanns Max Krieger vortreffliche Brochüre »Die Geschichte der Zugspitzbesteigung,« welche derselbe zum Besten der Gemeinden Garmisch und Partenkirchen erscheinen ließ, und hiermit aufs beste empfohlen wird. berichten und als schneidiger Bua von ihm respektiert würde, er dachte an Afra, er sah sie schon als seine Hochzeiterin und – selig träumte er weiter. Der schwarze Görgl aber brütete still in sich hinein. Der Triumph der ersten Ersteigung hatte für ihn keinen 170 Reiz; was er dabei erhofft, hatte er nicht gefunden; es war ihm, als wäre sein Geist in jenen lichten Regionen dort oben ebenfalls lichter geworden. Je mehr er alles überdachte, desto natürlicher erschien ihm die Sache. Springwurzel, Zuggeist, Bergfräulein, die Reichtümer in den Felsengewölben: sollten es doch nur lauter Märchen und Erfindungen sein? Einmal daran zweifelnd, brach ein morsches Steinchen nach dem andern von dem Fundamente dieses Wunderglaubens, von all den langjährigen Träumereien seines müßigen Lebens, wie ein Kartenhaus brach das Gebäude seiner Hoffnungen auf Reichtum zusammen; es war ihm, als falle er selbst in einen bodenlosen Abgrund, in wüste Finsternis. Mit dem Glauben an die Märchen war ihm auch jener an Gott, an Himmel und Hölle entschwunden. Nur ein Sternlein winkte ihm in all dieser grausigen Nacht des Zweifels und dieses Sternlein hieß Afra. Sie zu gewinnen, auch ohne den geträumten Reichtum, das sollte jetzt seine Aufgabe sein, und wer ihm im Wege stünde, den wollte er mit Gewalt beseitigen. Daß ihm das Mädchen wohl gesinnt, das wußte er und darauf setzte er jetzt all seine Hoffnung. Himmel oder Hölle mußten sich für ihn entscheiden – er wollte beide herausfordern, siegen oder untergehen. 171 XVI. Der Bärenmartele in Obergrainau brachte am Morgen jenes Tages sein »Spekuliereisen« (Perspektiv) nicht aus der Hand, er eilte jede halbe Stunde zu dem gewählten Standpunkt und hielt Ausschau, kehrte aber dann immer wieder nach dem Hofe zurück, wo ihn Afra stets mit spannendster Neugierde fragte, ob er noch nichts gesehen habe. Auch die alte Mariannl streckte jedesmal ihren grauen Kopf zum Fenster heraus, so oft der Bauer vorbeikam, und rief ihn an. »Mei' Gott, mei' Gott, wenn's nur ohne Unglück ausgeht!« meinte sie. »Aber halt nacha, wenn er kimmt, gel Martele, nacha kriegst dengerscht an' Respekt vor mein' Hiesl?« »'ßel kannst dir denken,« erwiderte der Bauer, »und 'n schönsten Frauenbildthaler kriegt er von mir an sei' G'häng.« »Ja, ja,« lachte die Alte, »da machst eam g'wiß a Freud; braucht aber grad koa' Thaler dran z'hänga am Frauenbildl; es gnüagt eam scho' alloa' 's Frauenbildl.« »Was denn für a Frauenbildl?« fragte der Bauer verdutzt. »Red nit so dalket; i werd eam dengerscht koa' Bildl oder a Ringl schenka, wie der geistli Herr beim Flachssammeln.« »Grad a Ringl möcht er, der Kalfakter;« antwortete 172 die Alte heiter, »und a Frauenbildl aa, muaß ja woltern koa' papieras sei'.« Der Bärenbauer blickte die Sprechende einige Augenblicke schweigend an. In diesen paar Momenten wurde es etwas licht in diesem dicken Kopfe, wie Schuppen fiel es ihm von den Augen; das Frauenbildl, auf welches die Alte anspielte, war seine Afra, und das Ringl ein Ehering. Er mußte bei diesem Gedanken ein sehr komisches Gesicht gemacht haben, denn die Alte lachte gerade hinaus, daß sie beinahe einen Stickhusten bekam. »Du redst halt daher, wie r an' alts Wei',« sagte jetzt der Bauer; »oder soll 's dengerscht Grund hab'n, daß d' d' Leut verhexen kannst? Da möcht i dir's g'raten hab'n, laß mei' Haus aus 'n G'spiel.« »Die alten Weiber verhexen nit,« meinte die Alte, noch immer lachend, »dös thean scho' die junga Dirndln.« »Moanst ebba, mei' Afra?« »No', was du auf amal g'scheit worn bist!« spottete die Alte. »Du wirst es scho' no' erfahrn. I kaannt mi krank lacha, wenn i mein' Hiesl nit in dera G'fahrnis wüßt, die er deinthalbn ausstehn muaß – grad deinthalbn.« »Meinthalbn?« »No', was denn! Drobn am Zugspitz möcht er dir 'n Respekt abgwinna.« »Also meinthalbn is er auffigstiegn?« wiederholte der Bauer. »Jeß, und deinthalbn fallt er vielleicht awi ins grause G'wänd! Himmlischer Vater, steh eam bei!« »Dös war a g'wagte Sach'!« meinte der Bärenmartele. »Da muaß i ja glei' wieder auffischaugn mit 173 mein' Spekuliereisen, ob nix z' sehgn is.« Und er eilte von dannen. Es war für ihn jetzt kein Zweifel mehr, Mathies war Afras erwählter Bua. Wo hatte er nur die ganze Zeit über seine Augen gehabt? Der arme Flößersknecht, der Häusler, und Afra, die schneidige Bärenbauertochter! Dieser Gedanke dünkte ihm anfangs ganz widerhaarig. Aber die Wagschale, welche er im Geiste spielen ließ, füllte sich auf Seite des Burschen mit mancherlei Dingen, welche der gerechte Bärenmartele gern anerkannte. Mathies war ihm bekannt als brav und arbeitsam, er war kräftig und hübsch und jetzt glaubte er auch an dessen Schneid. Und das zog wohl am meisten. Aber bei dem Gedanken an diese Schneid zog er rasch sein Fernrohr auseinander und richtete es auf den Zugspitzgrat. Es geschah dies jetzt mit vermehrter Neugierde, mit vergrößertem Interesse. Wenn Mathies der Aufstieg gelänge, so müßte er nicht nur in seinen, sondern auch in anderer Leute Augen zehnmal so viel wert sein, als sonst, und seine Afra brauchte sich nicht zu schämen, einem solchen Floßknecht die Hand zu reichen. Martele meinte, er müßte die Bergsteiger hinaufwünschen auf die schwindelnde Höhe, aber es ward schon bald zehn Uhr und noch immer nichts sichtbar. Wieder schlug er den Weg nach Hause ein und als ihm Mariannl in den Weg kam, antwortete er auf ihren fragenden Blick: »No' allweil nix! Daß i aber auf dei' vorigs G'schmaatz kimm, so woaß i scho', was d' gmoant hast mit dem Frauenbildl. Wenn aber i nit mag?« »So kimmt's halt drauf an, wer dös ander hinschiaßt,« meinte die Alte. »In Graseck hast es scho' dafahrn, daß d' aa nit alleweil ob'nauf bleibst; gel, 's Dirndl hat di hing'schossen und 's Best kriegt?« »Ja, ja, a Hosen hat's aa kriegt, dös sakrisch Dirndl!« »Und wenn's wieder mit dir rittert, kriegt's an' Buam zu dera Hosen,« lachte die Alte. »Und der moanst, hoaßt Mathies?« fragte der Bauer mit gar nicht zu unfreundlicher Miene. »Aber wie du raten kannst!« verwunderte sich die Alte. »Denkst es no', wie 's d' z' Georgi g'sagt hast, drobn am Zugspitz müaßt der stehen und 's Hüatl schwinga und außijuchezen übers Boarnland, der krieget dei' Kind und wenn er sunst nix hätt', als sei' Schneid. Und also, itz sei a Mann von Wort, Bärnbauer, und zoag dein' Charakter. D' Leutln habn si gern, scho' länger, als i 's gspannt hon, i vermoan, scho' sitta ihra Kindheit, und daß i's glei sag: mei' Mathies is a rechter Mann, im ganzen Werdenfelser Landl findst koan bessern, der bringt dir dein Hof nit awa, eher vüri und itz spreiz di nit lang und sag Amen.« »Ja narrisch!« rief der Bauer lachend, »sie san ja no' gar nit drobn am Zugspitz; und nacha kann i eam aa mei' Afra nit nachiführn und kann sagn: da Hiesl, nimm mei' Dirndl, aber g'schwind, dein Ahnle pressiert's. Und woaß i denn, ob mei' Afra wirkli dein' wunderbarn Prachtbuam so gern hat, wie du sagst. I muaß's dengerscht z'erst fragn, moanst nit?« »Die Frag kannst dir ersparn, Vata,« rief jetzt Afra, die schon einige Zeit hinter dem Sprechenden stand. »I gieb dir glei d' Antwort. Und also der Hies is mei' Bua, 'n Hies hon i gern, der Hies wird mei' Mo', und a so is's und a so bleibt's in alle Ewigkeit, Amen.« 175 »Ja, so was lebt nimmer!« rief die alte Mariannl, die Hände vor Freude zusammenschlagend. Der Bärenbauer aber drehte seinen Schnurrbart und blickte mit Wohlgefallen auf seine Tochter. »Also haltst'n deiner wert?« fragte er mit einem gewissen bauernaristokratischen Selbstgefühl. »Gwiß!« beteuerte Afra. »Und stolz bin i auf eam, und du kannst aa stolz sei' drauf, ob er itz am Zugspitz auffikraxelt, oder nit; was liegt mir da dran! Gelt Vaterl, du giebst mir 'n? 's Glück von dein Dirndl is dir ja alleweil die größt' Sorg gwen. Die Sorg bringst itz an und dafür kriegst an' Schwiegersohn, oan, wie's nit alle Zeit g'raten. Also, giebst dei' Einwilligung?« »Was will i machen?« sagte der Bärenbauer resigniert. »Mit enk verliabte Bagasche wird ma ja sunst dengerscht nit firti.« »Juchhe!« rief das Mädchen und umarmte ihren Vater, der ihr mit einer Hand liebevoll Stirn und Haare strich und sich mit der anderen eine Thräne aus den Augen wischte. »Jeßes, Jeßes, wenn i's nur auffischrei'n kunnt auf d'n Zugspitz!« rief die alte Mariannl. »O mei' himmlischer Vater, die Botschaft wenn er hört, da trifft 'n der Schlag aus lauter Freud!« »Da is 's gscheita, er hört's nit,« entgegnete der Bauer heiter. »Aber nutzt aa 's Auffischreien nix, so müassen ma dengerscht auffischaugn. Kimm mit außi, Afra, auf 'n Stand, es geht scho' aaf halbe elfe, itz gieb i nimmer viel drauf.« »So schaugn ma nur schnell,« rief Afra. »Pfüat 176 Gott, Ahnle! Wenn ma 'n dawuschen mit 'n Perspektivi, schrei i Enk glei.« Und sie eilte mit dem Vater von dannen. »I geh aa mit!« rief die Alte und trippelte hinter den rasch Voraneilenden mit ihrem Stocke her. Das Perspektiv ward wieder auf eine Querplatte gelegt, der Bauer visierte und richtete es für sein Auge. Die Klippenreihe ward zu wiederholten Malen langsam abgespäht, aber nichts regte sich an den öden, fürchterlich zerrissenen Felsen. Nun sah auch Afra in das Glas, zog es für ihr Auge zurecht, und spähte und spähte. Die inzwischen herbeigekommene Mariannl blickte mit gefalteten Händen hinauf zu dem kahlen, von der Mittagssonne grell beleuchteten Felsenmassiv. Zu Mittag heimkehrende Landleute und die ganze Kinderschar Obergrainaus hatten sich nach und nach an diesem Observatorium versammelt und alle waren begierig auf das Ergebnis. Endlich zeigte ein freudiger Ausruf Afras, daß sie auf dem Grate etwas Lebendiges erblickte. Ein winziges, schwarzes Strichlein zeigte sich, gleich hinterdrein ein zweites und darauf ein drittes. Der Bärenbauer meinte erst, es könnten Gemsen sein, aber fest hinaufvisierend, erkannte er zu aller freudiger Ueberraschung, daß es wirklich drei Männer seien, die den Grat vom Schneeferner her soeben erreicht haben mußten und in jener ungeheuren Höhe frei auf der Kante standen. Allgemeiner Jubel ward über diese Entdeckung laut. Jetzt rückten die wandernden Strichlein langsam auf der Schneide vorwärts, der Zugspitze entgegen, bald ab- bald aufwärts über die Zacken steigend, bis endlich die seit Jahrtausenden weiß und öde emporstarrende Bergspitze vor dem Fernglase belebt erschien. Der fröhlichste 177 Juhschrei wurde zu den kühnen Bergsteigern hinaufgeschickt auf die felsigen Zinnen. Daß Mathies unter den glücklichen Ersteigern war, daran zweifelte keiner, und dieser ahnte es wohl nicht, als auch er von oben, das Hütchen schwingend, freudig hinabjauchzte zu seinem Heimatdörfchen, daß sich in diesem Augenblicke sein Jubelruf mit dem seiner Landsleute vermischte und daß das Mädchen, dessen Besitz seine schönste Hoffnung war, schon in diesem Augenblicke mit Freudenthränen in den Augen als seine Hochzeiterin zu ihm hinauf grüßte. Aber der Jubel der Dörfler währte nur kurze Zeit. Bald sahen auch sie, wie über den Daniel her die verhängnisschwere Wolke zog, schwarz wie Samt und an den Rändern schauerlich schön beleuchtet. Die Wolke schwebte schnell und unaufhaltsam dem Zugspitz zu. »O weh, o weh!« rief der Bärenbauer besorgt, »die Wedawolken kimmt letz! Wie 's nur mögli is, daß 's so schnell dahinfliegt, als reitet's der höllisch' Feind!« »Der reit 's aa!« klagte die alte Mariannl. »Der Zuggeist is's, der mit Dunner und Blitz mein' Mathies z' Grund richt'. Heilige Muatta von Ettal, hilf!« Afra war totenblaß geworden. Sie sah, wie der Vater, der sich in solchen Dingen wohl auskannte, besorgt nach der Höhe schaute, und es war gewiß, daß der Geliebte nun in größter Lebensgefahr schwebte. Ein stilles Gebet flüsternd, blickte sie hinauf zur Spitze, aber schon hatte die Wolke sie verdeckt. Der grelle Blitz zuckte, der Donner rollte und weckte das Echo in den Bergen – erschrocken sanken alle auf die Kniee. Lautlos beteten 178 sie für die kühnen Bergsteiger um Errettung aus der schrecklichen Gefahr. Der ersten Wolke waren weitere dichte Nebelschichten gefolgt, in wenigen Minuten war der Grat bis an die Riffelspitze und weiter an den Waxenstein verdeckt, und Donner folgte auf Donner und hallte fürchterlich wieder in der grausen Felsenregion. Vor wenigen Minuten noch voll Jubel, starrten jetzt der Bauer und seine Tochter sowohl, wie die alte Frau zu dem Wetterstein empor; kaum getrauten sie sich, ihre gräßlichen Vermutungen auszusprechen. Endlich unterbrach der Bärenbauer das unheimliche Schweigen. »I halt dafür, daß der schwarz Görgl dabei is,« sagte er; »der verwoaß eam schon z'helfen. Alles andere laß ma unsern Herrgott über und i werd'n Herrn drum angehn, daß er d' Leut vom Dorf zamläuten laßt in d' Kircha zu an' kloan Notgebet für die durt oben.« »Gen den sirrigen (erzürnten) Zuggeist is kon' Aufkemma!« jammerte die alte Großmutter. »Ah was Zuggeist!« rief der Bärenbauer. »Der hat heunt da oben abg'haust, – mit 'n ersten Menschentritt auf d' Spitz – wenn d' Sag davon wirkli wahr sein sollt; aber i und alle gscheitn Leut habn niermals dran glaubt. A schneidiger Bua braucht 'n Teufi nit z'fürchten, und die dort oben wern mit Gottes Hilf aa wieder glückli awakemma, und um dös laßt uns beten.« Bald nach dem Mittagläuten ertönte das Glöckchen abermals und rief die Dorfbewohner zur Kirche. Alle kamen teilnahmsvoll herbei, denn Mathies war überall beliebt, und da sich das Gerücht, daß Afra seine Braut sei, 179 wie ein Lauffeuer verbreitete, war das Interesse für ihn doppelt rege. Lisbeth und Afra verlobten sich zur Muttergottes in Ettal und zum Besuch des eben stattfindenden Passionsspieles in Oberammergau am nächsten Feiertag. Das Wetter heiterte sich an diesem Tage nicht mehr auf, ebensowenig das Gemüt der zunächst beteiligten Grainauer. Dem traurigen Tage folgte eine noch traurigere Nacht voll düsterer Gedanken und schwerer Träume. Als aber am folgenden Morgen ein reiner, blauer Himmel sich über die Berge wölbte, die rosenrot herabgrüßten ins Thal, da lebte in allen Herzen die Hoffnung wieder auf, daß gleich dem bösen Gewitter auch die Gefahr an den Bergsteigern glücklich vorübergezogen sei. Der Bärenmartele spannte sein Schweizerwägelchen ein und fuhr nach Partenkirchen, wo er über das Schicksal der Bergfahrer am ehesten Nachricht erhalten konnte. Und er hoffte, mit glücklichen Nachrichten wiederzukehren. – Auch von Partenkirchen aus hatte man mittelst eines scharfen Dollondschen Fernrohrs die Bergsteiger auf dem Zugspitzgrat beobachtet und auch hier war der ganze Ort in Aufregung über das Schicksal der so jäh vom Gewitterschauer Ueberraschten. Die wundersamsten Vermutungen wurden ausgesprochen und am Morgen des 28. August machten sich mehrere auf den Weg ins Rainthal, um beim Rainthalbauern oder wenn nötig, auf der Angerhütte um das Schicksal der Bergsteiger Erkundigungen einzuholen. 180 XVII. Die Offiziere mit ihren Begleitern hatten sich, nachdem sie den alten Schaftoni für seine Gastfreundschaft reichlich belohnt, auf den Rückweg gemacht. Da erstere fleißig Zeichnungen und Notizen machten, ging der Marsch ziemlich langsam von statten. Leutnant Naus hatte von Hauptmann Jeetze gern die Erlaubnis erhalten, die nächsten zwei Tage nach Lermos zum Besuche seiner Verwandten gehen zu dürfen. Der heitere, blaue Himmel hatte auch ihm die trüben Ahnungen weggezaubert und so waren, wie immer, alle seine Gedanken nur der Arbeit gewidmet. Mit manch wertvoller Skizze der sich hier so großartig zeigenden Bergformation ward sein Notizbuch bereichert und die sich dann und wann zeigenden Gemsen, Hirsche und Rehe machten nicht nur ihm, sondern der ganzen Gesellschaft großes Vergnügen. Waren die drei Offiziere so mit Zeichnen beschäftigt, dann hatten die beiden Begleiter nichts Besseres zu thun, als sich auf ein Felsenstück zu legen und ihren verschiedenartigen Gedanken nachzuhängen. In einem solchen Augenblick begann Mathies mit dem verwirrt dareinschauenden Kameraden ein Gespräch. »Was bist so maultot?« fragte er den schwarzen Görgl, der finster zu Boden starrte; »bist lauter müad?« »Was müad!« gab Görgl zur Antwort. »Granti 181 bin i, daß i von der ganzen Plackerei nix hon, als a zrißens Gwanta und dafrörte Händ, und daß i elendiger hoam kimm, als i furt bin.« »Ja, du hast freili was Bessers dahofft,« lachte Mathies, »a Springwurzel, und damit is's halt nix gwen, gelt? No', moanst nit, daß der Zuggeist dalöst is? Unter Dunner und Blitz is er davon und grad recht guat hat er's vermoant mit dir.« »Red nimmer davon,« rief Görgl ärgerlich;»i glaub an koan Zuggeist mehr und an koa' Springwurzel; i glaub an gar nix mehr. Es giebt koa' Bergfräulein und koan guldan Saal bei uns herin. Alles, was dei' Ahnl und mei' Muatta und d' Veilawidl plauscht habn, is erlogen, alles is erlogen auf der Welt, was d' Leut sagn, und aa dös, was der Pfarrer sagt. I glaub an gar nix mehr, an koan Himmel und koa' Höll.« »Du red'st daher, wie r a Depp,« versetzte Mathies. »I moan, du hätt'st es gestern drobn am Zugspitz dakennt, daß's an' Herrgott giebt. Wer hätt' denn die wunderbar' Welt g'macht? Mir is's Herz aufganga und ganz betet is mir z' Muat worn, wie i's daschaut hon, die Pracht und Schönheit ummatum. Du hast dengerscht aa off'ne Augen g'habt, und braucht's denn mehr, als off'ne Augen?« »Ah was verinteressiert mi die Aussicht, dös is mir nix Seltsams!« entgegnete Görgl. »I hon meine Augen schon offen g'habt und in alle Ritzen einig'schaut, auf daß i d' Springwurzel finden sollt, denn gestern bin i no' so dumm gwen und hon dran glaubt; hon aa schier vermoant, der Geieradler is damit marschaus, derweil is alles grad a verlogne G'schicht.« »Und du hast so viel Zeit damit versäumt!« lachte 182 Mathies. »Hast nix als sinniert und sinniert über die Geistersachen und hast drüber d' Arbet verachten glernt. I hon koa' Zeit g'habt zu söchane Gedanken, und dank Gott dafür. Was i nit auf natürliche Weis' dalanga kann, dös laß i lieg'n, und is eam a Glück b'stimmt, so kimmt's aa ohne Springwurzel; dessel muaßt dir mirka.« »Dös is itz aa mei' Glaubn,« pflichtete Görgl bei. »I schneid aa nimmer lang um und daß d' es woaßt, d' Bärnafra muaß mi für alles trösten; itz laß i 's nimmer aus; die muaß mei' Wei' wern und geht's wie da will.« Mathies fuhr zuerst ärgerlich auf, dann aber mußte er laut lachen. »Was lachst denn?« fragte Görgl. »Weilst da aa wieder z'spät d'ran bist,« erwiderte Mathies. »Sollst es denn wahrhafti no' nit gmirkt habn, daß d' Afra längst ihren Buam hat?« »Den bring i um!« rief Görgl mit wütender Gebärde. »Z'erst wirst dir'n anschaugn,« versetzte Mathies mit spöttischem Lächeln; »es kunnt leicht oana sei', der di dadrucket.« »Wer is's? Du kennst'n?« fragte Görgl hastig und steckte die Huifedern auf seinem Hute nach vorwärts. »Heunt nenn i dir'n no' nit,« antwortete Mathies. »Nur so viel sag i dir, i rat dir's, laß d' Hand von der Butten. Es giebt Burschen, die dir deine Huifedern abafalzen vom Hüatl und di nur für an' Taunderlaun (verächtlichen Menschen) halten.« »Was, du sagst ma so ebbas? G'hörst du vielleicht aa zu dene, die mi für so ebbs halten?« »Grad recht g'hör i dazua,« sagte Mathies bestimmt. »Dös nimmst z'ruck!« schrie Görgl, sich erhebend. 183 »Nit um a Gschloß!« entgegnete Mathies trotzig, sich ebenfalls erhebend. »So will i dir 'n Taunderlaun zoagn!« rief Görgl und stürzte auf Mathies los. Dieser empfing ihn mit kräftigen Armen und ein heftiger Ringkampf begann. Die Offiziere waren inzwischen mit ihren Zeichnungen fertig geworden. Als sie sich dem Platze näherten, glaubten sie, die beiden Burschen wollten sich im »Rankeln« üben, und blieben eine Weile stille Beobachter des Kampfes. Dieser nahm plötzlich ein schnelles Ende. Mathies war es gelungen, den wütenden Görgl an der Hüfte zu packen und mit kräftigen Flößerarmen hoch in die Luft zu heben, dann schleuderte er den Zappelnden in das nahe Latschengesträuch, in welchem der Besiegte einen Augenblick betäubt liegen blieb. Erst jetzt erkannten die Zuschauer den Ernst der Lage. Sie eilten Görgl zu Hilfe und halfen dem vom Falle noch ganz Betäubten wieder auf die Füße. »Er hat's nit anders wolln!« erklärte Mathies den ihn mit Fragen Bestürmenden. Görgl überzeugte sich, daß er keinen Schaden genommen, dann warf er dem Kameraden einen feindseligen Blick zu. »Dös is dir nit g'schenkt!« sagte er. »Wir kemma wieder z'samm!« Die Offiziere machten Ruhe. Aber schon beim Rainthalbauern, wo sie Rast machten, drohte der Streit wieder auszubrechen, was Naus veranlaßte, den wilden Burschen ernstlich zu verwarnen. Görgl nahm aber dies sehr übel auf, so daß er in rohester Weise verlangte, Mathies müsse 184 als Meßgehilfe entlassen werden, wenn er selbst noch länger als Führer dienen solle. Und da Görgl keine Vernunft annehmen wollte, entschloß sich der Offizier, Görgl, seinem Wunsche gemäß, sofort zu entlassen. Er zahlte ihn aus und gab ihm für die gestrige Anstrengung noch eine Extragratifikation. Er bedauerte, daß er für die kurze Zeit des Hierseins noch einen anderen Bergführer anstellen müsse, aber Görgl blieb taub für alle Vorstellungen. »Es giebt a Unglück, wenn i da bleib,« sagte er mit einem giftigen Blick auf Mathies und eilte dann allein auf dem Wege nach Partenkirchen voran. Noch während Mathies den Herren die Ursache des Streites erklärte, kamen die Partenkirchener heran, welche ausgeschickt waren, sich nach dem Schicksale der Zugspitzbesteiger zu erkundigen. Mit größter Freude begrüßten sie die Geretteten und einer von ihnen eilte sofort zurück, um in Partenkirchen die frohe Botschaft der glücklichen Ersteigung des Zugspitzes zu verkünden. Dort herrschte darüber große Freude. Alles eilte den Ankommenden entgegen. Die Musikkapelle postierte sich am Eingange des Dorfes und die Böller wurden geladen. Als die kühnen Bergsteiger endlich anlangten, wurden sie mit hundertfachen Vivats, einem kräftigen Tusch und dröhnenden Böllerschüssen empfangen und freudig in ihr Quartier zum »Stern« geleitet. Es war ja für die ganze Gegend ein höchst merkwürdiges Ereignis, daß nunmehr ein Weg zum höchsten Gipfel der bayerischen Alpen gefunden war, von dessen majestätischer Hochwarte man hinausgrüßen konnte in das schöne, gesegnete Bayernland. 185 XVIII. In seinem Quartier angekommen, war die erste Frage des Leutnants Naus, ob während seiner Abwesenheit ein Brief eingetroffen sei. Die Wirtin teilte ihm mit, daß dies schon vorgestern früh gleich nach seinem Weggange der Fall gewesen sei. »Er hat doch kein schwarzes Siegel?« fragte der Offizier nicht ohne Bangen. »Leider ja!« lautete die Antwort. Naus mußte sich an dem Geländer der Treppe festhalten, so sehr erschütterte ihn diese Nachricht. Er ermannte sich aber rasch wieder und stürmte die Treppe hinauf in sein Zimmer. Es war seines Vetters Handschrift, schwarz war das Siegel und schwarz wurde es auch vor seinen Augen. Hastig öffnete er das Schreiben und las erbleichend und zitternd den Inhalt: Lermos, den 25. August 1820. Mein lieber Pate Joseph! Unsere geliebte Bertha weilt im Himmel. Heute morgen wurde sie ganz unerwartet von einem jener Blutsturzanfälle heimgesucht, die mich schon längst um sie besorgt machten. Es war ihr letzter – die eingetretene Bewußtlosigkeit ging in den Todesschlaf über. Sie sprach in den letzten Tagen viel von dir und freute sich unendlich auf deine baldige Hierherkunft; auch sprach sie oft davon, wie sie am kommenden Dienstag gegen Mittag 186 hingrüßen wolle zum Zugspitz, dessen glückliche Besteigung ihr deinethalben unendlich an dem Herzen lag. Wenn dir das große Werk gelingt, wenn du wirklich um die bezeichnete Zeit grüßend niederblickst auf deinen Heimatsort, da wirst du wohl nicht ahnen, daß vielleicht gerade in jener Stunde Bertha zu Grabe getragen wird, deren letzte Lebenstage durch deine sie so beglückende Liebe verschönert, geheiligt wurden. Sollte dich dieser Brief noch vor deiner Bergtour antreffen und es dir möglich sein, zum Leichenbegängnis hierher zu kommen, so wäre dies mir und meiner bis in den Tod betrübten Frau ein milder Trost. Wir grüßen dich von ganzem Herzen. Dein treuer, tiefgebeugter Pate Anton. Naus war von diesen Zeilen aufs schmerzlichste berührt. Seine Furcht, seine Ahnung waren also nicht grundlos gewesen. Heiße Thränen quollen aus seinen Augen, er küßte den Alpenstrauß, welchen er im Rainthal für die Geliebte gepflückt, nun sollte er ihr Grab zieren, er selbst wollte ihn darauf legen. Allein in seinem Zimmer, gab er sich ganz seinem Schmerze hin; die Kameraden störten ihn nicht. Sie hatten durch die Wirtin von dem plötzlichen Tode Berthas erfahren. So wurde die Freude des braven Offiziers über die glücklich vollendete Expedition ans jähe Weise gestört. Anders hatte es sich bei Mathies gestaltet. Während sein Herr in Schmerz und Thränen auf seinem Zimmer weilte, saß der glückliche Bursche in der Wirtsstube neben dem Bärenmartele und verzehrte mit Heißhunger das ihm vorgesetzte Mahl. Dabei erzählte er dem Bärenbauer, dessen übergroße Freundlichkeit er sich 187 gar nicht zu erklären vermochte, von der gestrigen Bergfahrt. »Brav, Bua,« lobte der Bauer ihn öfters, »du hast ja a sakrische Schneid! Dös gfallt mir.« Dann ließ der vergnügte Bauer eine Flasche Wein und zwei Gläser bringen und füllte dem Burschen, der ihn überrascht ansah, das Glas mit den Worten: »Stoß ma an und laß' ma dös neue Brautpaar in Obergrainau leben!« Mathies wurde dunkelrot bei diesen Worten. Der Bauer sah so vergnügt aus, daß er nicht umhin konnte, ihn stotternd zu fragen: »Is 's ebba – is 's ebba gar –?« »No', was moanst denn? Kannst raten? lachte der Bauer. Mathies nahm einen Anlauf. »I wollt halt, daß i's wär und d' Afra!« platzte er heraus. »Verflixter Bua, aufs erst' Mal hast es daraten!« rief er. »Stoß an mit mir, daß's g'wiß is. Oes zwoa sollts lebn!« Mathies leerte das Glas. Dann aber nahm er den Bauern bei der Hand und sagte mit großer Rührung: »I werd d' Afra glückli machen, so wahr i will seli wern!« »Dessel glaub i dir,« entgegnete der Bauer mit feuchten Augen. »Schau, daß d' glei mit mir fahrn kannst; 's Dirndl is in Angst um di, da wird's gscheita sei', i bring di glei als ganza mit.« »Damit bin i einverstanden!« versetzte Mathies. »Der Herr Leutnant braucht mi so in die nächsten Tag nit, weil's Vermessen ausg'setzt wird. Dieweil geh i mit enk hoam. I wer 'n ge glei bitten, daß er nix dawider hat.« 188 Er eilte nach dem oberen Stock, um dem Herrn sein Anliegen vorzutragen. Als er aber die Veränderung in dessen sonst so freundlichem Gesichte wahrnahm, fragte er ihn besorgt, ob er sich krank fühle. Naus teilte dem ehemaligen Kriegskameraden die Nachricht von dem plötzlichen Tode seines Bäschens mit, das Mathies ja auch gekannt hatte. Letzterer fühlte das aufrichtigste Mitleid mit dem Schmerze seines Herrn. »Dös arme Fraaln!« sagte er. »Hat eam sei' Lebn so g'freut, und hat eana so viel gern g'habt! Der Herr geb ihr die ewi Ruah!« »Amen!« versetzte der Offizier. Mathies getraute sich jetzt kaum, sein Anliegen vorzutragen, aber sein Herr kam ihm auf halbem Wege entgegen. »Ich werde morgen mit der Post nach Lermos fahren und drei Tage dort bleiben. Inzwischen kannst du nach Hause gehen und deiner Afra von den Erlebnissen der letzten Tage erzählen. Grüße sie mir. Dein Alpenstrauß, den du am Anger für sie gepflückt, wird ihr große Freude machen. Der meinige da war für Bertha bestimmt – nun muß ich ihn auf ihr Grab legen. Laß dich nun nicht mehr aufhalten. Für die gestrige Anstrengung und den dabei bewiesenen Mut werde ich dich schon noch eigens belohnen. Geh jetzt, denn du hast noch einen weiten Weg zu machen.« Nun erzählte Mathies noch, daß der Bärenmartele ihn mit seinem Fuhrwerke nach Hause fahre und daß er dort Afra als seine Braut begrüßen dürfe. Naus wünschte ihm mit den wärmsten Worten Glück zu diesem freudigen Ereignis. »Ich hoffte bis zu dem heutigen Tage, daß auch mir 189 ein gleiches Glück beschieden sei,« sagte er, »indessen ist es anders gekommen. Geh jetzt; in drei Tagen auf Wiedersehen!« Dem Burschen traten die Thränen in die Augen, als er den Händedruck des jungen Offiziers erwiderte. Schweigend entfernte er sich. Fünf Minuten später fuhr er mit seinem künftigen Schwiegervater über Garmisch gegen Grainau. Die Sonne war bereits hinabgesunken und die Berge waren von leichter Abendröte angehaucht. Während der Fahrt kam der Bärenbauer auch auf den schwarzen Görgl zu sprechen. Er war nicht wenig überrascht, zu hören, daß auch dieser auf Afra Absichten hatte und deshalb heute von Mathies gezüchtigt worden war. »Recht hast eam tho',« pflichtete der Alte bei. »Aber i halt'n für rachsüchti und du därfst woltern auf eam acht habn. Is mir doch gwen beim Ummafahrn, als hätt' i'n am Gangsteig bei die Heuhüttln dahinschiebn sehgn. Er wird ja dengerscht nit Obergrainau zua sei' und d' Afra mit seine Faxen plag'n? Da därf' ma schlauna – hi! hi!« Und in schärfster Gangart ging es von dannen. Aber kurz vor Untergrainau verlor das Pferd ein vorderes Eisen und der Bauer hielt es für nötig, dasselbe in der dortigen Schmiede wieder befestigen zu lassen. Mathies aber sprang vom Wagen und eilte zu Fuß dem nahen Heimatdörfchen zu. Es war ihm, als müßte jeder Augenblick Versäumnis Schaden bringen, und er legte den Weg mehr im Laufschritt als im Gehen zurück. Und er hatte nicht umsonst Schlimmes geahnt. – 190 Afra hatte schon lange vergebens nach dem Vater ausgeschaut und je tiefer sich die Schatten in das Thal breiteten, desto größer wurde ihre Bangigkeit. In ihrer Unruhe schlug sie den Weg gegen Untergrainau zu ein. Gleich unter dem Dörfchen breitet sich ein üppiger Wiesengrund aus, durch welchen ein Fußweg nach dem Eibsee führt. Nach etlichen Schritten auf diesem Pfad gelangt man zu einem altehrwürdigen Kruzifix, einem Feldkreuz, vor welchem ein Betschemel angebracht ist. Afra wählte diese Stelle zu ihrem Ziele, um dem Himmlischen ihr und ihres Mathies Geschick anzuvertrauen. Aus dieser Andacht schreckte sie plötzlich der Gruß des unbemerkt herangekommenen, nun hinter ihr stehenden schwarzen Görgl auf. »Grüaß di Gott, Afra!« rief der Bursche ihr zu. »Jeß, du bist da?« sagte Afra, sich erhebend. »Wird do nix passiert sei'?« »Moanst, weil i so z'rissen ausschaug?« entgegnete Görgl lachend. »Woaßt, wennst auf'n Zugspitz auffi und wieder awikraxelst, geht's Klüftl (Gewand) aus'n Leim.« »Also is's guat ganga? Koa' Unglück is gschehgn?« fragte Afra mit leuchtenden Augen. »Nixi hat si' gfeit und so viel is gwiß, der Zuggeist is dalöst sitta gestern, aber hart gnua hat er's uns g'macht.« »Wer war denn aller ob'n?« fragte das Mädchen. »Halt i – und nacha der Leutnant und –« »Und der Mathies, gel?« »So is's. Aber von dem red mir nimmer; i hon mi heunt mit eam z'keit (gestritten) und er bleibt mei' Feind.« 191 »Warum denn?« fragte Afra mit der heitersten Miene, denn die Nachricht, daß Mathies kein Unglück begegnet, hatte ihr plötzlich das Herz froh und leicht gemacht.« »Warum?« antwortete Görgl; »z'wegn deina.« »Z'wegn meina?« fragte Afra. »Wie so dös?« »Ja no', i hon'n Hies anvertraut, daß i di gern hon, über dös hat er mi tribuliert, i ho'n packt, und hätt'n si' d' Offizier nit dreing'mischt, wer woaß, wie's ganga hätt'.« »Aber hör',« sagte Afra jetzt ernst, »z'wegn meina brauchst du di mit neamad z'kein, am wenigsten mit'n Mathies. Wer giebt dir a solches Recht?« »Ah was, Recht!« rief Görgl. »I hon di amal gern, Afra, und daß i dir nit gleichgülti bin, dös hast mir bewiesen durch die viele Guatthat, diest mir antho' hast. Es is itz woltern bald a Vierteljahr, daß d' zu mir g'sagt hast: in drei Monat kannst es dafahrn, wie's um mei' Herz b'stellt is. Also sag mir's itz. I vermag ohne di nimmer 192 z'lebn, i denk an nix anders Tag und Nacht, als an di, und dir z'lieb bin i ordentli worn und hon mi gwend't, auf daß d' mi respektiern sollst und daß d' di nit schaama därfst mit an' Häuslersbuam.« »Görgl,« erwiderte Afra, »halt ein! Der Häuslersbua kimmt bei mir niermals in Betracht. Aber du bist der Häuslersbua nit, den i mir ausgsuacht hon und auf den i stolz sei' kunnt. Und itz laß mi gehn. I hon auf dei' Sprach hin koa' Lust mehr, mit dir no' länger daz'stehn. Adis!« »A so kimmst mir nit davon!« rief Görgl. »Wenn si's Dirndl spreizt, muaß der Bua sei' Kouraschi zoagn. Afra, du muaßt ma itz a Bussei gebn, nach dem i gschmacht hon, wie r a Hirsch nach 'n Quell sitta Jahr und Tag.« »Kimm mir nit z'nah!« rief Afra, empört über die Frechheit des Loders. Görgl kehrte sich nicht darnach. Im nächsten Augenblick hatte er das Mädchen an sich gerissen, das, hilferufend, sich vergebens von ihm loszumachen suchte. Da fühlte sich der Bursche plötzlich von rückwärts von kräftigen Armen ergriffen und mehrere Schritte weit hinweggeschleudert. »Mathies!« rief Afra. »Mathies! Gott sei's gedankt!« »Elender Bursch!« schrie Mathies dem sich aus dem Grase Aufraffenden zu, »mach nur, daß d' augenblickli verschwindst oder –« »Was geht di mei' Dirndl an?« rief Görgl, schäumend vor Wut. »Daß d' es woaßt,« entgegnete ihm Mathies, »d' Afra is mei' Dirndl, sie is mei' Braut. Und is dir dei Lebn liab, so machst, daß d' verschwindst.« 193 »Is dös a Thatsach?« fragte Görgl das Mädchen. »Is's koa' Lug?« »Na',« erwiderte dieses. »Es is d' Wahret, i g'hör 'n Hies, er is mei' Hochzeiter.« Sie hatte diese Worte kaum gesprochen, als Görgl, seiner Sinne kaum mehr mächtig, den Knicker zog und mit Blitzesschnelle auf Mathies zueilte, um ihm das Messer in den Leib zu stoßen. Dieser machte jedoch eine rasche Wendung, packte ihn beim Arm und drehte ihm das Handgelenk um. Vor Schmerz laut aufschreiend, ließ Görgl das Messer fallen, das Afra sofort zu sich nahm. Nun warf ihn Mathies mit wenig Anstrengung abermals zu Boden. – Der Kampf war beendet. »Wag di no'mal an mi,« rief er dem Besiegten zu, »und du hast ausgschnauft; für heunt hast dein Teil. Geh, Afra!« Er legte seinen Arm um das vor Schrecken noch am ganzen Leibe zitternde Mädchen und schlug mit ihm den Weg zum Dorfe ein. Bei den ersten Häusern angekommen, blickten sie nochmals zurück, und bemerkten, wie der schwarze Görgl sich erhoben und nun mühselig seinen Weg nach Hammersbach zu einschlug. Afra erkannte in der Dämmerung, wie er mit erhobenem Arm ihnen nachdrohte, als wollte er sagen: »Wir kemma scho' no' zam!« »Moanst, er sinnt nit auf dei' Verderbn?« fragte sie ängstlich ihren Begleiter. »Sinna kann er ja drauf,« antwortete dieser, »aber i hon meine Augen offen und Gnad eam Gott! wenn er no'mal was probiern sollt gegen di oder mi. Itz aber furt mit dem Gedanken an den Loder! Freu'n ma uns mit 194 anander, daß ma uns endli ghörn därfen vor Gott und der Welt.« – Beim Bärenmartele gab es an diesem Abend im Beisein der alten Mariannl ein lustiges Verlobungsfest, und die Hochzeit ward auf Mitte Oktober festgesetzt. Mathies jubelte laut auf über dieses unerwartete Glück, der Bauer, Liesbeth und die alte Mariannl nahmen mit Rührung daran Teil; nur Afra wollte nicht recht froh werden, des schwarzen Görgl Drohung wollte ihr nicht aus dem Kopfe und hallte in ihrem Innern nach. Die alte Mariannl aber tröstete das Mädchen, indem sie lachend sagte: »Laßts nur mi über eam, i werd mit eam firti, so oder so, und müaßt i'n glei verhexen, er kimmt mir itta aus!« 195 XIX. Die Nachricht von dem Verspruche der reichen Bärenbauerstochter mit dem Flößer-Mathies bildete im ganzen Werdenfelser Landl ein wichtiges, vielbesprochenes Ereignis und man sagte mit Recht: »Dös is der best' Punkt, den's Dirndl gschossen hat.« Trotz seiner persönlichen Rangerhöhung, die dem Floßknecht durch die Verlobung mit Afra in den Augen seiner Landsleute zu teil geworden, fiel es ihm gar nicht ein, seinen beschwerlichen Dienst bei Leutnant Naus aufzugeben. Der unermüdliche Offizier hatte sofort nach seiner Rückkehr von Lermos, wo er am Grabe des geliebten Bäschens manch weihevolle Stunde zugebracht, seine anstrengende Arbeit wieder aufgenommen und war seine Thätigkeit schon vordem eine überraschende, so war es jetzt geradezu staunenerregend, wie er, jeder Witterung trotzend, die unwirtsamsten Gebirge nach allen Richtungen durchstreifte und seine Terrainaufnahme mit einer Sicherheit und Schönheit durchführte, die das Atlasblatt Werdenfels für alle Zeiten zu einer der schönsten Arbeiten des topographischen Bureaus stempelten. In der Arbeit suchte der junge Mann das Weh seines Herzens zu vergessen, und die Freude an diesen Arbeiten, die sein ganzes Denken in Anspruch nahmen, milderte 196 allmählich jenen Schmerz. Die Herrlichkeit der ihn rings umgebenden großartigen Natur erheiterte wieder sein Gemüt, und der Gedanke an die Verblichene bildete sich zu süßer Wehmut, zu andachtsvoller Erinnerung. Der schwarze Görgl dagegen suchte seinen Verlust im Müßiggange und in der Schlemmerei zu vergessen. Der Bader von Garmisch hatte ihm sein verrenktes Handgelenk wieder eingerichtet, doch vermochte er mehrere Wochen lang seine Büchse nicht zu handhaben. In dieser »Schlenkelweil,« wie er es nannte, war er in Garmisch und Partenkirchen ständiger Gast in den Schenken. So lange der Geldbeutel noch mit seinem Führerlohne gespickt war, trank er Wein. Später bequemte er sich zum Bier und als die Ebbe immer bedenklicher wurde, griff er zum Schnaps. Es konnte nicht anders sein, als daß er bei solcher Lebensweise und mit einem rauflustigen Temperament begabt, oft in Händel geriet und das Landgericht in Garmisch bald veranlaßt wurde, ihn auf mehrere Wochen in Sicherheit zu bringen. Niemand war dies zu hören erwünschter, als Afra, die in fortwährender Angst um das Leben ihres Bräutigams war. Das Mädchen war eifrigst mit den Vorbereitungen zur Hochzeit beschäftigt, sie selbst fertigte sich die hier zu Lande übliche Brautkrone aus Gold- und Silberdraht, künstlichen Blumen und Rauschgold und war nur darüber ungehalten, daß ihr Mathies fortwährend abwesend bei seinem Leutnant war. Dies sollte aber nunmehr anders werden, denn die zu Anfang Oktober bestimmte Begehung des Höllenthales sollte den Schlußakt der Expedition bilden und Mathies letzter Dienst sein. 197 Der junge Offizier hatte am Vorabend dieser beschwerlichen Tour sein Nachtquartier beim Benefiziaten in Obergrainau genommen, brachte aber einige Stunden im Bärenbauernhof zu, bei dessen biederen Bewohnern er sich ungemein heimisch fühlte. Natürlich benützte auch Mathies die Gelegenheit, sich bei seinem Bräutchen einzufinden. Der gesanglustige Bursche hatte bald die Zither vor sich liegen und sang mit voller Herzenslust, was ihm gerade in den Sinn kam. Der alte Bärenmartele, dem der lustige Zitherklang über alles ging, fühlte sich wieder ganz jung und gab seine alten schönen Weisen zum besten, selbst Liesbeth sang ein frommes Lied und Afra begleitete sie mit glockenheller Stimme. Da plötzlich klirrten die Fenster und ein Stein flog durch die Butzenscheiben ins Zimmer, glücklicherweise ohne jemand zu verletzen.. Der Bärenbauer riß die Flinte von der Wand und eilte mit Mathies gleichzeitig zur Thüre hinaus. Aber niemand war sichtbar, trotzdem daß der Mond hoch am Himmel stand und alles ringsum erhellte. Da trippelte die alte Mariannl aus ihrem Häuschen heran und Mathies fragte die Großmutter, ob sie niemand hier gesehen habe. »Grad deswegn bin i no'mal aus mein Bett gschlofen, um enk z'sagn, daß der schwarz Görgl unterwegs is. Er hat si' z'erst um mei' Häusl rumgschlichen und'n Laden aufg'macht zum Mathies seiner Kammer. Sobald er aber gmirkt hat, daß der nit dahoamt, is er gachs davon. Der sinnt auf irgend a Schandthat.« Nun wußten sie, wer den Stein in die Stube 198 geschleudert, und der Bärenbauer rief laut: »Wart, Lump, morgn in aller Früah mach i di wieder sicher. Neamd braucht si' mehr z' fürchten vor eam, 's Landg'richt z' Garmisch wird scho' dafür sorgn.« Die unterbrochene Lustbarkeit war aber gestört und wollte nicht wiederkehren. Afra fürchtete für Mathies, und als er ihr gute Nacht wünschte, sagte sie sichtlich ergriffen: »Wennst nur scho' wieder z'ruckwärst aus'n Höllenthal!« Und als er am andern Morgen mit dem Leutnant die Tour dorthin antrat, und sie ihm nachgrüßte, da wünschte sie nichts sehnlicher, als ihn schon wieder zur glücklichen Heimkehr beglückwünschen zu können. Der Offizier und Mathies hatten schon vor Tagesanbruch, vom schönsten Wetter begünstigt, ihre Expedition begonnen. Aus den Schluchten der Berge stiegen weiße Nebel empor und die unten im Thale dahinrauschende Loisach schien zu einem riesigen Strome angewachsen und sich bis zu ihrem früheren Ufer wieder ausgedehnt zu haben. Ein scharfer Bergwind strich den Waxenstein entlang und spielte mit den in allen Farben schimmernden vom Nachttau befeuchteten Blättern der Buchen und Birken und der Haselnußgesträuche, die sich am Hange hinzogen. Ein tiefblauer Herbsthimmel wölbte sich über der herrlichen Landschaft, die schroffen Spitzen und Kanten des fernen Soyengebirges erglühten in magischer Morgenbeleuchtung. Der Bärenbauer hatte gleichfalls seinen Wagen frühzeitig hergerichtet und forderte Afra auf, mit ihm nach Garmisch zu fahren. Sie konnte dort mancherlei besorgen, während er beim Landgerichte die nötigen Schritte gegen den schwarzen Görgl unternehmen wollte. 199 Die alte Mariannl war heute von einer fieberhaften Unruhe befangen. Es trieb sie aus ihrem Häuschen in die Kirche und hier konnte sie wieder kaum den Schluß der Frühmesse erwarten. Nach derselben stieg sie den Hang hinauf bis zu dem Punkte, wo man einen Einblick in das Höllenthal hat. Dort setzte sie sich auf einen Stein und verweilte mehrere Stunden im Beten und Sinnieren, gegen Mittag sah sie den Gendarmerie-Kommandanten von Garmisch sich auf dem Wege von Hammersbach her nähern und sie eilte ihm, so rasch sie es vermochte, entgegen. Es war ihr, als müßte sie von ihm etwas Besonderes vernehmen. Ihre Unruhe vermehrte sich, als sie durch diesen erfuhr, daß er auf dem Wege sei, den schwarzen Görgl zu suchen. »Er wird dengerscht nit 'n Mathies nachi sei' ins Höllenthal?« fragte sie erschrocken. »Barmherziger Gott! Dös laßt ma koan Fried. Da muaß i nachi, da muaß i nachi!« Und ohne zu säumen, trippelte sie weiter. Der Gendarm meinte zwar, Görgl würde eher seine Schritte der Grenze zu lenken, und er wollte sich am Eibsee nach ihm umschauen, aber die Alte hörte nicht auf ihn. Sie eilte hastig vorwärts, als fürchtete sie bei jedem Schritt neuen Zeitverlust. Ihr Herz sagte ihr bestimmt, daß dort im Höllenthale, aus welchem graue, düstere Nebel emporquollen, sich ein Unglück vorbereite, dessen Spitze auf ihr Lebensglück, auf ihren Mathies gerichtet sei. Das Höllenthal mit seinen schon weithin sichtbaren Schneefeldern bildet, vom Thale aus gesehen, einen der charakteristischen Hauptreize der schönen Partenkirchener Gegend. Es ist gegen drei Stunden lang und liegt über 6000 Fuß hoch. Man gelangt in dasselbe auf einem 200 schmalen, den Felsen abgetrotzten Steige, »an der Stange« genannt, längs der himmelhohen Wand des Waxensteins. Wohin das Auge blickt, sieht es nur kahle, wildaufstrebende Felsen, deren einzelne Spitzen grausig in die Luft starren und teilweise von ewigem Schnee und Eis bedeckt sind. Tief unten tobt der Hammersbach, welcher sich den Weg durch totes Gestein sucht. Ueberhängend und einsturzdrohend, stets düstere Schatten werfend, rücken die starren Flügel des Felsenrahmens immer näher und näher zusammen und beklommenen Herzens schreitet der Eindringling weiter am »bösen Wege« hinab zum sogenannten Höllenthor. Da öffnet sich eine schauerliche, fast bodenlose Kluft, über welche notdürftig eine Brücke gebaut ist. Tief im Felsenbauche wühlt sich der Hammersbach seine finstere Bahn und nun gelangt man in den wilden Höllenthalkessel. Der vielgezackte Gipfel des Waxensteinkammes, die furchtbar schroffen Abstürze der Riffelwand und Riffelspitze, an welche, den vergletscherten Hintergrund imposant umrahmend, sich die schneedurchfurchte, zerklüftete Zugspitzenwand anreiht, bilden mit der finsteren, gegen den Gletscher abstürzenden, gewaltig zerbröckelten Höllenthalspitze und der sich daran reihenden Felsenpyramide des Hoch-Blassen eine der denkbar großartigsten Szenerien der Alpenwelt. Hier ist alles Leben erstorben, alles ist kahl und starr. Nur die verödeten Knappenhäuser des Bergwerkes flimmern wie freundliche Sterne von der Höhe in dieser grauenvollen Wildnis. Dort wurde einst mit wechselndem Erfolge nach Blei und Galmei geschürft; in sagenhafter Zeit jedoch funkelte und blitzte hier das edelste Metall in Menge, wie das Märchen vom Bergfräuleiu zu erzählen weiß. 201 Bis in diesen wilden Kessel hatte Mathies den Offizier geführt. Schon auf dem Herwege zeichnete Naus mit sichtlichem Vergnügen all die markierten Terraingestaltungen in das Steuerblatt ein und machte außerdem skizzenhafte Aufnahmen in sein Buch. Mathies, der wie gewöhnlich die kleine Platte des Zeichentisches um die Schulter hängen hatte und das Fußgestell als Stock benützte, hatte das Tischchen schnell zusammengestellt und mittels Geröllsteinen auf dem steinigen Boden nach Möglichkeit befestigt. Dabei rauchte er aus seinem Ulmerpfeifchen und sah mit sichtlichem Vergnügen auf die flinke und doch so sichere Arbeit des jungen Zeichners, der sich in leutseligster Weise mit ihm unterhielt. Aber während die beiden Männer hier sorglos ihr Geschäft verrichteten, bereitete der schwarze Görgl am Höllenthor ihren Ruin vor. Er hatte sich gestern aus dem Gefängnisse befreit und wollte die paar Stunden der Freiheit zur Ausübung seines Rachewerkes benützen. Er konnte und wollte dem Mathies sein Glück nicht gönnen. Er sah sich von ihm, dem er seine Liebe zu Afra schon damals zu Georgi vertraut, verhöhnt, verlacht. Diese Liebe aber bildete seit langem seine süßesten Träume, den einzigen, lichten Schein in seinem verfehlten Leben. Diese Liebe sollte ihn wieder zu einem würdigen Gliede der menschlichen Gesellschaft machen. Neben diesen löblichen Gedanken wucherte aber die Sucht nach Afras Mitgift, träumte er von goldenen Schätzen, denn er war ja ein Sonntagskind und da konnte es ihm nicht fehlen. Er war gewiß eines jener Glückskinder, auf welche im Schlafe das Füllhorn der Glückseligkeit 202 ausgegossen wird. Und nun war mit einem Male der ganze schöne Traum in Nichts zerflossen. Die große Ernüchterung, welche den langjährigen Träumen und Hoffnungen gefolgt, hatte ihm plötzlich allen Halt genommen. Sein Glaube war erschüttert, sein Gewissen stumpf geworden. Er wollte sich an dieser ganzen, miserablen Welt rächen, vor allererst an Mathies, seinem Nebenbuhler, der ihm nicht nur Afras Liebe entrissen, sondern ihn zu wiederholten Malen auch körperlich nachdrücklich bekämpft hatte. Er fühlte wohl, daß sein schwacher Arm gegen den sehnigen Arm des Floßknechtes nichts auszurichten vermochte, deshalb heckte er den Plan aus, dem Verhaßten meuchlings beizukommen. Er hatte von der Expedition in das Höllenthal erfahren und es durchzuckte ihn sofort der teuflische Gedanke, dort in dem grausigen Höllenschlund sein böses Werk zur Ausführung zu bringen. Mit einer Hacke über der Schulter eilte er am frühesten Morgen aus seiner Hütte in Hammersbach und versteckte sich am Eingange in das Thal so lange, bis er den Offizier und seinen Begleiter in dasselbe wandern sah. Sein Plan ging dahin, den Balken der Höllenthalklammbrücke, welche sich über der dunklen Felsenspalte wölbte, die der Hammersbach, durch einen Wassersturz verstärkt, durchbraust, zu durchschlagen, so daß die arglos darüber Wegschreitenden in den grausigen Schlund stürzen und sich zerschmettern mußten. Langsam und sich stets verbergend war er den Vorauswandernden gefolgt. Sobald diese nun die Brücke überschritten und sich gegen den Höllenthalkessel entfernt hatten, machte sich Görgl sofort an sein Werk. Er schlug am Anfang 203 der Brücke, oft selbst in Gefahr, hinabzustürzen, die beiden Tragbalken bis auf kaum zollbreite Dicke durch. Die Schläge der Axt verhallten im Tosen des Wildbaches und er konnte ungestört seine Arbeit vollenden. Es unterlag keinem Zweifel, daß die Brücke beim Betreten der Männer sofort vollends abbrechen und so Görgl seine böse Absicht erreichen würde. Die Möglichkeit, daß der Offizier zuerst und allein die Brücke betreten könnte, zog er gar nicht in Betracht. Es war ihm sehr erwünscht, wenn beide zugleich seiner Rache zum Opfer fielen, denn Naus hatte sich gleichfalls an ihm versündigt, indem er ihn als Führer verabschiedete und Mathies dagegen so hoch in Ehren hielt. Nachdem Görgl das abscheuliche Werk vollbracht, trat er den Rückweg an, doch war es ihm, als hielte ihn eine unsichtbare Hand zurück, als läge Blei in seinen Füßen. Das Antlitz seiner toten Mutter schwebte drohend vor seinem Geiste; er mußte seines Vaters gedenken, der für eine edle Sache gefallen und welcher auf eben diesem Steige unzählige Male zum und vom Bergwerke gewandert als braver, arbeitsamer Mann. Er gedachte seiner Kindheit, da er in Mathies einen Bruder gefunden, und jetzt hielt er im Gehen an, er lehnte sich an die Felsenwand. Eine brennende Unschlüssigkeit kam über ihn, schließlich siegte der Gedanke, wieder umzukehren und die Bedrohten zu warnen. Er war entschlossen, den jenseits der Brücke Herankommenden seine Frevelthat zu enthüllen. Da hörte er einen langgedehnten Juhschrei; er kam von Mathies. Dieser Laut fuhr ihm wie ein giftiger Dolch ins Herz und schon wieder nahe der Brücke hielt er abermals an. 204 Da sah er, wie Mathies, und gleich hinter ihm der Offizier, dem Todessteg sich näherten. Es schwindelte ihm vor den Augen, rasch wandte er sich um und rannte von dannen. Da gellt ein gräßlicher Schrei durch die Luft – dann tiefe Ruhe. Görgl horchte, am ganzen Leibe zitternd. Sollte er zurückeilen, das Ergebnis seiner Frevelthat zu schauen? Er wagte es nicht. »Fort! fort!« rief es in seinem Innern, eine fürchterliche Angst überkam ihn, und alle häßlichen Zeichen des Verbrechens auf seinem Antlitz, eilte er dem Ausgange des grausigen Thales zu. Da ward sein eiliger Schritt auf unerwartete Weise gehemmt. An dem sogenannten »bösen Weg« stand ihm plötzlich die alte Mariannl gegenüber. Sie stand vor ihm, wie die rächende Vergeltung. Mit hoch erhobenem, hagerem Arme wehrte sie ihm den Weg und starrte einige Momente sprachlos nach Görgl, der wie gebannt, mit dem Kainszeichen des Verbrechers auf der Stirne, ihr gegenüberstand. »Elendiger, was hast tho'?« rief sie mit einer Stimme, die dem Burschen schaudernd durch Mark und Bein fuhr. »Aus dein' G'sicht schaugt der Fluach! Görgl, wo is mei' Mathies?« Der Alten Frage traf den wilden, schuldbewußten Burschen geradezu vernichtend. Er war, wenn möglich, noch mehr erblaßt, und er mußte sich an die Felsenwand lehnen, um nicht umzusinken. »Wo is mei' Mathies?« wiederholte die Alte ihre 205 Frage und rüttelte ihn aus seiner Starrheit auf. »Du Gottverfluachter! Gieb Antwort! Wo is mei' Mathies?« Die Berührung des Alten brachte den Burschen wieder zu sich. Ein einziger, starker Stoß von ihr genügte, ihn über die Felsenwand hinabzuschleudern. Er fühlte ihre Hand, kalt wie Eis, auf seiner Schulter liegen und er war fest überzeugt, daß sie ihn hinabschleudern würde, wenn er sein Verbrechen eingestand. Die Gefahr verlieh ihm Mut und mit dreister Stirn sagte er: »Nix is gschehgn.« »Du bist itta umsunst da!« sagte die Alte. Sie stand wie angewurzelt, ihm den Weg verwehrend, und Görgl erkannte, daß es da kein Entrinnen gebe. »An der Klammbrucken hätt' i's vorg'habt,« sagte er ausweichend. »Macht's, daß er nit drüber geht, eilt's Enk, no' is nix verlorn.« »Jeß, Maria und Josef!« schrie die Alte. »Lauf z'ruck, verhüt dös Unglück! Bei deiner toten Muatta beschwör i di!« »I kann nit,« antwortete Görgl, jetzt in der That zusammenbrechend, »i hon Blei in meine Füaß, i muaß sterbn!« »So sei verfluacht!« schrie die Alte und schritt über den vor ihr Knieenden hinweg, den gefährlichen Steig entlang. Sie schien verjüngt zu sein. Mit sicherem Tritte eilte sie vorwärts und vorwärts, nur hie und da mußte sie »verschnaufen« und einen Moment stille halten; dabei blickte sie zu dem über der Schlucht nur als schmalen Streifen sichtbaren Himmel und flehte: »Herrgott, thua mir dös nit an! Laß mein' Mathies nit so elendi z' Grund gehn!« 206 Unterdessen wankte der Verbrecher dem Ausgange des Thales zu. Kurz vor demselben schlug er durch den sogenannten Stangenwald die Richtung nach dem Eibsee ein. Auf ihm wohlbekanntem Paschersteige hoffte er über die Landesgrenze zu gelangen, um der irdischen Gerechtigkeit zu entfliehn. In seinem Innern aber trug er das Gericht mit sich, die Hölle der Verzweiflung. 207 XX. An der Klammbrücke hatte indessen ein gnädiges Geschick über den dem Untergang geweihten Männern gewaltet. Mathies hatte die Brücke zuerst mit festem Schritte betreten, doch schon nach dem zweiten Tritt krachte es verdächtig unter seinen Füßen. Mit Blitzesschnelle machte er Kehrt, aber die Brücke löste sich am andern Ufer von der Felsenwand und stürzte in die Tiefe. Mathies hatte nur noch Zeit, mit einer Hand den diesseitigen Auflegebalken zu erhaschen, und schwebte so über dem schauerlichen Abgrund. Es war alles das Werk eines Augenblicks. Ein Schreckensschrei entfuhr den beiden Männern; schon hielt der Offizier den Burschen für verloren, aber dieser hatte trotz des Schreckens noch Kraft genug, auch mit der zweiten Hand den Balken zu fassen, der mit eisernen Klammern an der Felsenwand befestigt war. Nun trat an den Offizier die Aufgabe heran, Mathies heraufzuziehen, was mit ungeheurer Schwierigkeit verbunden war. Aber Naus fühlte seine Kraft wie verdoppelt, es gelang ihm, den Burschen so weit emporzurichten, daß er sich mit den Ellenbogen auf den Balken stemmen konnte. Ein weiterer kräftiger Ruck und Nachschub des Emporstrebenden – und Mathies war wieder auf festem Boden. Naus wischte sich den kalten Schweiß von der Stirne und atmete hoch auf. 208 Mathies aber meinte mit eigentümlichem Humor: »Schlakarawall, dös war itz nit bitter! Bei oan Haar hätt's mi g'habt! Vergelts Gott, Herr Leutnant. Dös wird wohl a That g'wesen sein! Mei' Afra und mei' Ahnle wern si' schon extrig bedanken.« »Gottlob, daß es gelungen ist!« erwiderte der Offizier freudig. »Aber das war kein zufälliger Unfall. Sieh, dort drüben an den Felsen hängen frische Holzspäne, die rühren von einer Hacke her. Es ist kein Zweifel, das Hängwerk der Brücke ist auf jener Seite durchhauen worden; wir sollten das Opfer einer abscheulichen Bosheit werden.« »Dös hat nacha der schwarz Görgl g'macht!« rief Mathies bestimmt. »Der Meinung bin ich auch!« versetzte der Offizier. »Dieser gottvergessene Bursche! Er ist uns nachgefolgt und wollte sich auf solche Weise an uns rächen. Aber nun werde ich dafür sorgen, daß er unschädlich gemacht wird für immer.« Beide ruhten von der fürchterlichen Anstrengung jetzt aus und beratschlagten, wie sie den Heimweg einrichten sollten. Durch das Thal abwärts war ihnen der Weg abgeschnitten, es blieb ihnen also kein anderer Ausweg als einen Uebergang über die Riffelwand nach dem Eibsee zu finden, was Mathies in früheren Jahren schon einmal ausgeführt. Als sie soeben zu diesem Schlusse gekommen waren, erblickten sie jenseits der Klamm die alte Mariannl. Mathies glaubte, den Geist seiner Großmutter zu schauen und sprang erschrocken vom Boden auf. »Ahnle,« rief er, »bist es wirkli?« Die Großmutter war jetzt seiner ansichtig geworden 209 und ein Freudenruf tönte von ihren Lippen. Dann warf sie sich auf die Kniee und blickte dankend zum Himmel empor. Das Tosen des Wassers machte eine Verständigung kaum möglich. Mehr durch Gebärden, als durch Worte wurde diese mühsam genug und nur so weit zu stande gebracht, daß sie von der alten Frau erfuhren, wie sie in Angst den gefahrvollen Weg zurückgelegt, um die Männer vor dem Betreten der Brücke zu warnen. Mit Entsetzen sah sie, daß die Brücke schon eingestürzt sei, aber es beruhigte sie, daß sie den Enkel gesund am jenseitigen Ufer stehen sah. Dieser forderte sie jetzt auf, den Heimweg mit aller Vorsicht anzutreten; er müsse mit seinem Herrn über das Gebirge nach dem Eibsee. Sie möchte sich keine Sorge mehr machen, sie würden schon gut nach Hause kommen. Und nachdem die Alte segnend ihre Hand gegen ihn erhoben, ging sie wieder froheren Herzens von dannen. Ohne irgend welchen Unfall gelangte sie zum Ausgange des Höllenthales, wo sie dem Bärenmartele und seiner Tochter begegnete. Sie hatten, von Garmisch zurückgekehrt, von dem Gange der Alten erfahren und waren ihr nun in Besorgnis nachgeeilt. Was die Alte ihnen mitzuteilen wußte, machte freilich das Blut Afras erstarren, aber die glückliche Rettung des Geliebten erfüllte ihr Herz mit inbrünstigem Danke. In Obergrainau angekommen, brach die alte Mariannl vor Erschöpfung zusammen. Ihr fester Wille hatte der Schwäche des Körpers bis jetzt getrotzt, nun aber, da die gräßliche Aufregung vorüber, machte sich die Gebrechlichkeit in erhöhtem Maße geltend. Man brachte sie zu Bette, 210 stärkte sie mit Speise und Trank und Afra teilte sich mit Lisbeth in ihre Pflege. Vorsorglich wurden ihr die Sterbesakramente gereicht, aber die Alte beruhigte ihre Umgebung mit den Worten: »No' is mei' Zeit itta um. I möcht d' Afra und 'n Mathies no' als Hozetleut sehgn. Dös is mei' größt's Glück in mein' Leb'n, es soll aa mei' letzt's sei'.« Sie erholte sich in der That gegen Abend wieder und zwar so weit, daß man keine ernstliche Besorgnis mehr zu haben brauchte. – Die im Höllenthal Abgeschnittenen erstiegen unter unsäglichen Beschwerden den Höllenthalanger und die niedere Riffelscheide, um endlich nach mehrstündiger Wanderung über das Schneekar hinabzusteigen zu der von meilerhohen Felsen und dunklen Waldungen umgürteten dunklen Flut des Eibsees. Dieser ist dicht am Fuße der sich hier majestätisch aufbauenden Zugspitze gelegen, deren verwitterte Felszacken sich in schwindelnder Höhe vor dem Beschauer auftürmen. Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne hatten die Zinne derselben und die Grate der Riffelwand in rosige Glut getaucht, die sich in der sonst so ernsten Wasserflut des Sees voll heiteren Glanzes wiederspiegelte. Im Einkehrhaus am Ufer des Sees harrte schon seit Stunden der Bärenbauer mit seinem Fuhrwerk des Leutnants und seines künftigen Schwiegersohnes. Unausgesetzt sah er zum Schneekar hinauf und als er endlich die Ersehnten von dort zu Thal steigen sah, jubelte er ihnen freudig entgegen und begrüßte sie, unten angelangt, aufs wärmste. 211 »Wie geht's mein' Ahnle?« war des Burschen erste Frage an den Bauer. »Alles geht wieder guat,« antwortete dieser. »Aber itz nur eini in d' Stuben; i hon scho' für an' Anricht (Mahlzeit) g'sorgt und itz wird's mir selm schmecken, weil i enk nur wieder alle zwoa lebendi hon.« Körperlich erschöpft, aber voll freudigen Mutes über die glücklich vollendete, unfreiwillige Bergfahrt ließen sich die Ankömmlinge an dem Herrentische in der kleinen Wirtsstube nieder und erquickten sich an Speise und Trank. Beim ersten Glase stieß der Offizier mit dem treuen Begleiter an und rief: »Auf unsere glücklich überstandenen, heutigen Abenteuer!« Da erdröhnte ein Schuß vom nahen, bereits im tiefen Schatten liegenden, wildromantischen Frillensee. Wie ein Hochgewitter schlug der Knall donnernd an die Felsen der Zugspitzwand, unter welcher sich dicht der See befindet, und tausendfach prallte es zurück, um tiefer und ernster wiederzukehren. Dumpf rollte und grollte der Schall in allen Klüften und Schluchten, es war, als ob die Berggeister polternd erwacht wären und ihren Zorn in dröhnendem Donner kund geben wollten. Niemand wußte, wer den Schuß abgefeuert, man vermutete, er käme von einem Wilderer, der hinten am grausig düstern See auf einen Bock gepirscht. Dort aber in jener wilden verworrenen Welt, an dem von Felsblöcken und Steingeröll bedeckten Gestade der stygischen Flut, in welcher die Sage vom Bergfräulein jenen treulosen Hirten seine Strafe finden ließ, hatte der schwarze Görgl seinem sich selbst bereiteten, dunklen Verhängnis in diesem Augenblick ein Ende gemacht. 212 Ein Holzarbeiter brachte diese Kunde den sich soeben zur Heimfahrt anschickenden Gästen im Wirtshause zu Eibsee. Er erzählte, daß er den Burschen mit zerschmettertem Schädel hinten in der Wildnis des Frillensees liegend gefunden habe. »Der Herr gieb eam die ewi Ruah!« betete der Bärenbauer und die anderen sagten »Amen.« Sie hatten ihm vergeben. – Die gegenseitige Begrüßung in Obergrainau war eben so freudig als rührend. Leutnant Naus trat andern Tages seine Reise nach München an. Herzlich verabschiedete er sich von den wackeren Leuten und wünschte ihnen Glück und Segen für alle Zeit. Wenige Wochen später traten Mathies und die mit der prächtigsten Brautkrone und mit roten Bändern umwundenen Zöpfen geschmückte Afra zum Traualtare. Die alte Mariannl erlebte noch das selige Glück, einen Urenkel, an welchem der wackere Leutnant Patenstelle vertrat, auf ihrem Schoße wiegen zu können. – Die guten Geister aber walteten in und über dem Hause des Bärenbauern, und seine Bewohner waren und blieben die glücklichsten und zufriedensten Leute im ganzen Werdenfelser Landl. – – – – – – Leutnant Naus, welchem die Ehre der ersten Besteigung des Zugspitzes gebührt, hat sich um die Vervollständigung des großen topographischen Atlasses in Bayern unvergeßlich große Verdienste erworben und sind namentlich die von seiner Hand mit seltenem Geschick und Fleiß gezeichneten Positionsblätter des bayerischen Gebirges wahre Perlen der Topographie. Im Jahre 1835 verehelichte 213 er sich mit der Tochter des bayerischen Generals Schmäger, avancierte bis zum Oberst im k. Generalquartiermeisterstab, ward dann Generalmajor und Festungskommandant in Ulm und lebte hierauf in Pension in München. Er erreichte ein durch die glücklichsten Familienverhältnisse gesegnetes hohes Alter. Sein liebstes Gedenken aber blieb stets jene glücklich gelungene Ersteigung von Deutschlands höchstem Gipfel, und mit Vorliebe suchte er noch in hohem Alter, oft begleitet von dem unübertrefflichen Volksdichter Franz von Kobell, bei seinen Spaziergängen diejenigen Plätze auf, wo er einen freien Ausblick nach der schönen, blauen Gebirgskette hatte, und nach dem von ihm zuerst bezwungenen, majestätischen Zugspitz. Der deutsch-österreichische Alpenverein, dessen edelster Zweck es ist, auch dem größeren Publikum die Wunder der Bergwelt zu eröffnen, hat die Ersteigung der nunmehr mit einem kolossalen Kreuze gezierten Zugspitze möglichst erleichtert und gefahrlos gemacht, und jährlich steigen Hunderte hinauf, um von dort die Großartigkeit der Natur zu bewundern. Wir schließen mit dem Wunsche der am 25. Aug. 1882 in der dortigen Kreuzeskugel wohlverwahrten Urkunde: »Daß das hehre Zeichen auf der Grenzscheide Deutschlands und Oesterreichs seinen Platz behaupten möge bis in fernste Zeiten und daß es sei ein Unterpfand des Friedens beider Völker für immerdar. Das walte Gott!« Badersee, Sommer 1885.