Walter Scott Der Talisman Roman aus dem Zeitalter der Kreuzzüge. Erstes Kapitel. Noch hatte Syriens sengende Sonne nicht ihren höchsten Punkt am Horizont erreicht, als ein Ritter des roten Kreuzes, der seine ferne Heimat im Norden verlassen und sich dem Kreuzfahrerheere in Palästina angeschlossen hatte, langsam über die Sandsteppen hin ritt, die in der Nachbarschaft des Toten Meeres oder, wie es auch heißt, des Asphaltsees liegen, worein sich die Gewässer des Jordans ergießen, ohne wieder Abfluß zu finden. Der kriegerische Pilgersmann hatte sich während der Frühstunden des Tages zwischen Schroffen und Schluchten mühsam seinen Weg gebahnt, und als er diese gefahrvollen Felsenpässe endlich hinter sich gebracht hatte, war er hinausgetreten auf jene große, weite Ebene, wo in alter Zeit die verfluchten Städte die unmittelbare und schreckliche Rache des Allmächtigen herausgefordert hatten. Durst, Strapaze, Weggefahr, alles war vergessen, als der einsame Reiter die schreckliche Katastrophe sich ins Gedächtnis rief, die das schöne, fruchtbare Tal von Siddim, einst wohlbewässert und berühmt als »Garten des Herrn«, in jene öde, grausige Wüstenei verwandelte, die verdammt ist zu ewiger Unfruchtbarkeit. Als er der dunklen Masse flutenden Wassers ansichtig wurde, die in Farbe und Beschaffenheit so schroff absticht von dem Wasser aller anderen Seen, bekreuzte er sich und schauderte zurück. Unter dieser trägen Wasserflut lagen die einst so stolzen Städte der Ebene, denen des Himmels Donner oder der Ausbruch unterirdischen Feuers ihr Grab geschaufelt hatten, und deren Trümmer im Schoße jenes Sees verborgen wurden, der keinen lebendigen Fisch in seinem Busen birgt, der kein Schiff auf seiner Fläche trägt und, gleich als ob sein eignes grauses Bett der einzig taugliche Behälter sei für sein träges schweres Wasser, nicht wie andre Seen dem Weltmeere einen Tribut sendet. Das ganze Land rings umher war, wie zu den Tagen des Moses, »Schwefel und Salz; wo nichts gesäet wird, wo nichts lebt und wo nichts wächst.« Land und Meer hier heißen mit Recht tot, denn sie bringen nichts hervor, was an Leben erinnert, und selbst die Luft ermangelt gänzlich ihrer sonstigen gefiederten Bewohner, wahrscheinlich werden sie verscheucht durch den Geruch nach Erdpech und Schwefel, den die sengende Sonne aus den Wassern des Sees in dampfenden Wolken, die oft das Aussehen von Springquellen, annehmen, aufsteigen läßt. Massen des schleimigen, schweflichten Stoffes, den wir unter dem Namen Naphtha kennen, schwammen träge auf den stagnierenden, finsteren Fluten und führten jenem wogenden Gewölk fort und fort schwere, stickige Dämpfe zu, als grausiges Zeugnis für die Wahrheit der mosaischen Erzählung. Auf diesen Schauplatz von Verödung schien die Sonne mit fast unerträglichem Glanze, und alles, was in der Natur lebte, schien sich vor den Strahlen verkrochen zu haben, mit alleiniger Ausnahme der einsamen Menschengestalt, die sich im Schritt durch den weichenden Sand weiter bewegte und das einzige atmende Geschöpf auf der weiten Fläche der Ebene zu sein schien. Die Kleidung, die der Reiter, und das Geschirr, das sein Roß trug, waren für jemand, der in solcher Gegend reisen wollte, mit eigentümlichem Ungeschick gewählt. Als ob der langärmlige Schuppenrock, die plattierten Handschuhe und die Brust- und Rückenplatte noch nicht als ausreichende Rüstungslast erachtet worden wären, hatte der Reiter sich noch den dreieckigen Schild um den Hals gehängt und den vergitterten Stahlhelm aufgesetzt, darüber noch Stahlhaube und Schuppenkragen gezogen. Der letztere saß dem Krieger über Genick und Schultern und füllte die Lücke zwischen Halsberge und Kopfstück aus. Achselstücke, Ellenbogenkacheln, Vorder- und Hinterschurz, Schenkelschienen, Kniestücke, Beinschienen und Rüstschuhe, in der Montur entsprechend den Kampfhandschuhen, vervollständigten die Rüstung des einsamen Reiters. Ein langes, breites, wuchtiges Schwert mit einem Griff in Form eines Kreuzes hing auf der einen, ein wuchtiger Dolch auf der anderen Seite. Auch trug der Ritter, am Sattel befestigt, mit einem Ende auf dem Steigbügel ruhend, die lange, an der Spitze mit Stahl beschlagene Lanze, seine eigentliche Waffe, die sich beim Reiten nach hinten zu senkte, während das an ihr steckende Fähnlein sich bald im Lufthauche bewegte, bald bei Windstille zusammenkroch. Als Ergänzungsstück dieser beschwerlichen Ausrüstung muß noch ein Oberrock aus gesticktem Zeug erwähnt werden, der zwar schon stark abgetragen, um nicht zu sagen zerschlissen war, aber insofern sich als recht nützlich erwies, als er die sengenden Strahlen der Sonne von dem Panzer fern hielt, den der Ritter sonst unmöglich hätte auf dem Leibe behalten können. Dieser Oberrock zeigte an verschiedenen Stellen das Wappen seines Besitzers, wenn auch stark verwischt. Es schien ein ruhender Leopard zu sein, mit der Devise: »Ich schlummere – weck mich nicht auf!« Auf dem Schilde schien die gleiche Wappenfigur skizziert gewesen zu sein, war aber von manchem Schwerthiebe zerkratzt und zerschunden worden. Der platte Oberteil seines wuchtigen, zylindrisch geformten Helms entbehrte alles Schmuckes. Durch dieses Festhalten an ihrer ungefügen Defensivrüstung schienen die aus nördlichen Ländern stammenden Kreuzfahrer auch der Natur von Land und Klima trotzen zu wollen, wohin sie den Krieg trugen. Die Rüstung des Rosses war kaum weniger massig und wuchtig als die seines Reiters. Den Rücken deckte ein schwerer, mit Stahl überkleideter Sattel, der vorn mit einer Art Brustberge, ebenfalls aus Stahl, hinten mit einer Art Lenden- oder Schenkelberge zusammenhing. Dazu kam, am Sattelbogen hängend, der eiserne Streitkolben; die Zügel waren gekettelt, und das Stirngestell bestand aus einer Stahlplatte, in der sich für Augen und Nüstern Oeffnungen befanden, während mitten aus ihr heraus, an das Horn des sagenhaften Einhorns erinnernd, ein kurzer scharfer Stachel hervorragte. Beiden jedoch, dem Ritter sowohl als seinem standhaften Rosse, war diese Last von Rüstung durch die Gewohnheit zur zweiten Natur geworden. Freilich fanden unzählige dieser aus Norden und Westen nach Palästina ziehenden Krieger den Tod, ehe sie des heißen Klimas gewohnt wurden; aber es gab auch genug darunter, denen das Klima nichts anhatte, die sich sogar unter seinem Einflusse wohl befanden, und zu dieser glücklicheren Zahl gehörte der einsame Reiter, der jetzt am Ufer des Toten Meeres entlang ritt. Er war von außerordentlicher Stärke, so daß er die Panzerschuppen so leicht trug wie Spinngewebe, und von einer so kräftigen Konstitution, daß er jedem Klimawechsel und allen Beschwerden und Entbehrungen Trotz bieten konnte. Sein Charakter schien mit diesen Eigenschaften seines Körpers in glücklicher Harmonie zu stehen, denn zu der Kraft und Zähigkeit, Anstrengungen zu ertragen, gesellte sich unter dem Anschein von Ruhe und Gleichgültigkeit eine heiße Ruhmbegier, bekanntlich ein hervorstechender Zug im Charakter der berühmten Söhne des normannischen Stammes, der ihnen überall in der Welt, wohin sie den gepanzerten Fuß setzten, die Herrschaft in die Hände gab. Doch nicht der gesamten normannischen Rasse winkte Fortuna, mit solch verführerischem Lohne, und was dem einsamen Ritter auf seinem Zuge durch Palästina zuteil geworden war, hatte sich bloß auf zeitlichen Ruhm und, wie man ihm eingetrichtert hatte, »spirituelle« Vorrechte beschränkt. Darüber war sein bißchen Geld flöten gegangen, und zwar um so schneller, als er sich nicht, wie die Kreuzfahrer im allgemeinen, dazu verstehen mochte, seinen Lebensunterhalt auf Kosten der Einwohner Palästinas zu bestreiten. Er brandschatzte weder, noch plünderte oder erpreßte er; auch hatte er nie die Gelegenheit wahrgenommen, Lösegeld für Gefangene zu nehmen. Die paar Leute, die bei der Landung auf kleinasiatischem Boden sein Gefolge gebildet hatten, waren zusammengeschmolzen in dem Verhältnis, wie ihm die Mittel zu ihrem Unterhalt knapp wurden, bis auch der letzte Schildknappe im Spital hatte liegen bleiben müssen. Und so zog der Ritter nun einsam und allein im Lande weiter. Das war dem Kreuzfahrer indessen nicht weiter verdrießlich oder ängstlich, denn er hatte sich längst daran gewöhnt, in seinem guten Schwerte seinen sichersten Beschützer und in seinen frommen Gedanken seine besten Begleiter zu erblicken. Die Natur machte aber auch unter dem eisernen Panzer und auf die geduldige Gemütsart des Ritters vom schlummernden Leoparden ihre Rechte geltend: er fühlte Appetit und das Bedürfnis nach Ruhe und war heilfroh, als er um die Mittagszeit ein Stück weit rechts vom Toten Meere den Brunnen fand, der ihm als Rastort bezeichnet worden war; ein paar Palmen standen in seiner Nähe, und sein getreues Roß wieherte freudig und schnoperte und trabte schneller, wie wenn es den labenden Quell witterte; aber ihm und seinem Reiter sollten, bevor sie die ersehnte Rast fanden, noch herbe Drangsal und Mühe bevorstehen. Als der Ritter vom schlummernden Leoparden die noch immer ein gutes Stück entfernte Palmengruppe mit aufmerksamen Blicken musterte, war es ihm, als sähe er irgend ein Ding darin sich bewegen. Die ferne Gestalt hob sich von den Bäumen ab, die ihre Bewegungen teilweis verdeckten, bis er in ihr einen Berittenen erkannte, dessen Turban, langer Spieß und im Winde wehender Burnus in ihm den Sarazenen verrieten. Es gibt ein Sprichwort im Morgenlande: In der Wüste trifft niemand einen Freund ... Dem Kreuzfahrer war es durchaus gleichgültig, ob der wie ein Sturmwind herangaloppierende Heide als Freund oder Feind sich ihm näherte; doch hätte er als geschworener Streiter des Herrn Jesus ihn als Feind vielleicht lieber kommen sehen denn als Freund. Er machte seine Lanze vom Sattel los, packte sie mit der Rechten, setzte sie mit halb erhobener Spitze in Ruhe, raffte die Zügel in die linke Faust, setzte dem Rosse die Sporen in die Weichen und sich selbst in Bereitschaft, dem Fremden mit dem ruhigen Selbstvertrauen gegenüberzutreten, das sich für den Sieger in manchem Strauße schickt. Der Sarazene sprengte im fliegenden Galopp eines arabischen Reiters heran, der sein Tier mehr durch den Schenkeldruck und die Körperbeugung dirigiert, als durch fleißigen Gebrauch der Zügel, den er lose in der linken Hand hängen ließ. Auf diese Weise war er nicht behindert, den leichten, mit silbernen Fransen verzierten Rundschild aus Rhinozeroshaut zu schwingen: und das tat er auch mit einer Verve, als wenn er nicht anders dächte, als das kleine runde Ding der wuchtigen Lanze des fahrenden Ritters entgegenzustemmen. Dabei schien er damit zu rechnen, daß ihm der Leopardenritter entgegen reiten werde; der aber war mit den Manieren der Morgenländer viel zu vertraut, als daß er sein Roß mit unnützen Manövern ermattet hätte; er blieb im Gegenteil auf einundderselben Stelle, in der Zuversicht, durch das eigene Gewicht und die Wucht seines Rosses noch immer dem behenderen Gegner gegenüber im Vorteil zu sein, auch ohne es ihm in der Schnelligkeit und Gewandtheit gleichtun zu können. Dem Sarazenen fehlte es aber auch nicht an Klugheit: er sah ebenfalls ein, daß er es an Wucht dem anderen nicht gleichtäte, und machte, als er sich dem Christen auf ein paar Lanzenlängen genähert hatte, eine plötzliche Linksschwenkung und ritt ein paarmal um den Feind herum. Darauf wandte sich dieser, ohne jedoch von seinem Platze zu weichen, hielt sich immer so, daß er dem Feinde die Stirn bot, und vereitelte auf diese Weise dessen Versuche, ihn an einer verwundbaren Stelle zu fassen. Der Sarazene machte, als er nach einer Weile das Vergebliche seines Bemühens einsah, wieder Kehrt, zog sich auf hundert Schritte zurück, stürzte dann, wie ein Falke auf den Reiher, wieder auf den Ritter los, mußte sich jedoch abermals zurückziehen. Dreimal versuchte er es noch, ohne zum Nahkampfe zu kommen, da schien der Ritter die Geduld zu verlieren, denn er packte seinen Streitkolben und ließ ihn durch die Luft sausen in der Richtung nach des Emirs Kopfe, denn ein Emir war der Sarazene zum mindesten. Der aber bemerkte noch rechtzeitig die furchtbare Waffe und hob den kleinen Schild, sie aufzufangen, wurde aber trotzdem so schwer getroffen, daß er vom Pferde heruntersank. Aber er ließ dem Christen nicht die Zeit, aus diesem Unfall Nutzen zu ziehen, sondern war im Nu auf den Beinen, rief sein Roß, rannte ihm entgegen, schwang sich wieder hinauf, ohne den Steigbügel zu benützen, und hatte sich hiermit wieder in alle die Vorteile gesetzt, um die der Ritter ihn zu bringen vermeint hatte. Dieser aber hatte seinen Streitkolben wieder an sich gebracht, und der Sarazene, der es nicht noch einmal darauf ankommen lassen wollte, mit dieser Waffe in Berührung zu kommen, hielt sich nun außer Wurfweite, spannte aber, nachdem er seinen langen Speer in den Sand gebohrt hatte, seinen Bogen, setzte sein Roß in Galopp, ritt ein paarmal um den Ritter herum und schoß dabei in einem fort seine Pfeile, vor denen den letzteren einzig und allein sein Panzer schützte. Endlich aber traf ihn doch ein Pfeil an einer minder geschützten Stelle, und er stürzte vom Rosse. Aber nicht wenig erschrocken war der Sarazene, als er, sich vom Rosse schwingend, zu dem Feinde herantrat, um dessen Wunde zu untersuchen, und sich plötzlich von ihm gepackt sah, denn der Ritter hatte bloß zu dieser List gegriffen, um den Gegner an sich heran zu bringen. Diesen rettete nun allein seine große körperliche Gewandtheit, infolge deren er Zeit gewann, sich von dem Schwertgurt zu lösen, an welchem der Ritter ihn gepackt hielt, und sich seiner Faust zu entwinden. Dann schwang er sich abermals auf sein Roß, das seine Bewegungen mit dem Verstande eines menschlichen Wesens zu verfolgen schien, und sprengte in rasendem Galopp von dannen, sah sich aber genötigt, Schwert und Köcher preiszugeben, die ihm vom Gürtel gefallen waren, und die er aufzuheben keine Zeit mehr hatte. Ebenso war ihm im Handgemenge der Turban vom Kopfe geglitten. Infolge dieser Verluste schien er zum Abschluß eines Waffenstillstandes geneigt zu sein, ritt mit erhobener Hand, zum Zeichen, daß die Feindseligkeit ruhen sollte, zu dem Ritter heran und rief in der zwischen den Sarazenen und Kreuzfahrern üblichen Frankensprache: »Warum soll Krieg sein zwischen Dir und mir? Laß uns Frieden schließen!« – »Du findest mich zum Frieden bereit,« erwiderte der Ritter, »aber welche Bürgschaft gibst Du mir, daß Du den Waffenstillstand auch hältst?« – »Ein Anhänger des Propheten brach noch nie sein Wort,« erwiderte der Emir, »ich sollte weit eher Bürgschaft fordern von Dir, Nazarener, und wüßte ich nicht, daß Tapferkeit sich mit Verräterei nicht verträgt, so täte ich es auch.« Der Kreuzritter fühlte sich beschämt über sein Mißtrauen bei dem Beweise des Gegenteils von seiten des Sarazenen. »Beim Griff meines Schwertes!« sagte er, die Hand darauf legend, »da das Schicksal es fügt, daß wir beisammen bleiben sollen, will ich Dein treuer Kamerad sein, Sarazene.« – »Bei Mohammed, dem Propheten, und bei Allah, seinem Gott,« erwiderte sein bisheriger Feind, »erkläre ich, daß in meinem Herzen wider Dich kein Verrat wohnt; komm mit zur Quelle, denn es naht die Zeit der Ruhe, und ihr kühlendes Naß hatte kaum meine Lippen erfrischt, als Deine Ankunft mich zum Kampfe rief.« Der Leopardenritter erklärte sich mit Freuden bereit, der Aufforderung zu folgen, und vereint ritten nun die beiden Krieger, die sich eben noch bekämpft hatten, ohne einen Anschein von Mißtrauen oder Zorn zu der kleinen Palmengruppe hin. Zweites Kapitel. Christ und Sarazene, die eben noch alles aufgeboten hatten, einander zu vernichten, näherten sich langsam der Quelle unter den Palmbäumen, versunken in die eigenen Betrachtungen und zum erstenmal Atem schöpfend nach einem Kampfe, der leicht für beide tödlich hätte werden können. Das Pferd des Sarazenen schien weniger ermüdet als das Streitroß des Europäers. Während der edle Araberhengst bis auf die Schaumflocken, die noch an Zaum und Schabracke sichtbar waren, schon völlig wieder trocken war, trieften die Schenkel des anderen Tieres noch von Schweiß. In dem lockeren Boden sank es zufolge der schweren Panzerung bei jedem Tritt so tief mit den Hufen ein, daß der Ritter schließlich aus dem Sattel sprang und es am Zaume führte. »Recht von Euch,« sagte der Sarazene, »daß Ihr Eurem Pferde die Last erleichtert; was wollt Ihr bloß in der Wüste mit einem Tiere, das bei jedem Tritt bis über das Hufeisen einsinkt?« – »Sarazene,« versetzte der Ritter, ärgerlich über diese Worte des anderen, »Du redest, wie Du es verstehst. Aber mein Roß hat mich in meiner Heimat schon über einen so breiten See getragen, wie Du ihn dort hinter uns liegen siehst, ohne ein Haar über seinem Hufe zu netzen.« – »Man sagt nicht mit Unrecht,« erwiderte der Sarazene mit einem an Verachtung streifenden Lächeln, »hörst Du einen Franken, so hörst Du eine Fabel.« – »Es ist nicht höflich von Dir, Ungläubiger, in das Wort eines Ritters Zweifel zu setzen,« sagte der Kreuzfahrer; »glaubst Du, ich spreche eine Unwahrheit, wenn ich Dir sage, daß ich, einer von fünfhundert Reitern – meilenweit auf Wasser, so fest wie Kristall, geritten bin?« – »Was Du sagst!« rief der Muselmann, »auf jenem Lande dort drüben ruht der Fluch Gottes; in seinen Wellen versinkt nichts, er wirft alles an sein Ufer; aber weder das Tote Meer, noch einer der sieben Ozeane, die die Erde umgürten, werden den Druck eines Pferdehufes aushalten, so wenig, wie das rote Meer den Durchzug Pharaos und seines Heeres duldete.« – »Sarazene, Du sprichst, wie Du es verstehst,« wiederholte der Ritter, »die Hitze in Eurem Lande verwandelt den Boden in eine wie Wasser unsichere Masse; in meiner Heimat verwandelt die Kälte hingegen das Wasser oft in einen felsenfesten Stoff... Reden wir nicht weiter davon; denn die Vorstellung eines im Mondlicht schimmernden ruhigen, klaren Wintersees vermehrt mir nur die Schrecknisse dieser wilden Wüste, in deren Bereich die Luft, die man atmet, dem Dampfe eines Schmelzofens gleicht.« Christ und Sarazene bildeten einen auffallenden Kontrast. Der erstere war eine kräftige Gotengestalt mit braunem Haar, das sich in dichter, reicher Fülle um den jetzt vom Helm entblößten Kopf kräuselte. Sein von der Sonne des Orients gebräuntes Gesicht zeigte eine viel dunklere Farbe als der Hals oder sein helles blaues Auge oder die Farbe von Haar und Bart vermuten ließen. Ein dichter Schnurrbart beschattete seine Oberlippe, sein Kinn aber war nach normannischer Sitte glatt rasiert. Seine Nase zeigte die griechische Form; der Mund war wohl etwas groß, aber mit einer Reihe starker und schöner weißer Zähne besetzt; der kleine Kopf ruhte anmutig auf dem Halse. Er konnte nicht über dreißig sein; wenn man aber den Einfluß von Klima und Strapazen in Anschlag brachte, konnte er gut für drei bis vier Jahre jünger gelten. Er war groß und von kräftigem Körperbau; seine Hände waren lang, schön und ebenmäßig; besonders stark und groß aber waren die Handgelenke und die Arme sehr muskulös und wohlgebildet. In seiner Sprache und seinen Bewegungen lag kriegerische Kühnheit und sorglose Freimütigkeit; seine Stimme hatte den Ton eines Mannes, der mehr gewohnt ist zu befehlen, als zu gehorchen. Der sarazenische Emir war übermittelgroß, aber doch um ein paar Zoll kleiner als der Europäer, dessen Größe der eines Riesen gleichkam. Seine schmächtigen Gliedmaßen, die langen, mageren Hände und Arme waren zwar seiner Person und dem Ausdruck seines Gesichts angemessen, gaben aber von seiner Kraft und Gewandtheit keine Vorstellung. Sein Gesicht hatte mit dem morgenländischen Stamme, dem er entsprossen war, natürlich allgemeine Aehnlichkeit: es war klein, wohlgebildet und zart, doch dunkel gebräunt von der morgenländischen Sonne. Es verlief in einem wallenden schwarzen Barte, der mit besonderer Sorgfalt gepflegt zu sein schien; die Nase war gerade und regelmäßig; das schwarze, tiefliegende Auge funkelte, und seine Zähne waren wie Elfenbein seiner Wüsten. Er stand in der Blüte seiner Jahre und hätte für schön gelten können, wäre seine Stirn nicht zu schmal und sein Gesicht, wenigstens nach europäischen Begriffen, nicht zu hager und spitz gewesen. Sein Benehmen zeigte Ernst, Anmut und Würde. Ihr Vorrat an Lebensmitteln war karg, das Mahl des Sarazenen aber noch weit karger als das des Europäers. Eine Handvoll Datteln und ein Stück grobes Gerstenbrot stillten ihm den Hunger, und ein paar Züge aus dem Quell, an dem sie ruhten, den Durst. Der Christ aß etwas kaltes Schweinefleisch, das dem Muselmann ein Greuel war; und den Durst löschte er aus einer ledernen Flasche, die etwas Besseres als Wasser enthielt. Der Sarazene, der mit seiner Mahlzeit zuerst fertig war, nahm auch zuerst das Wort. »Tapferer Nazarener,« sagte er, »geziemt es sich wohl, daß einer, der wie ein Mann kämpft, sich wie ein Hund oder Wolf nährt? Selbst ein irrgläubiger Jude schaudert vor der Kost zurück, die Ihr genießt.« – »Tapferer Sarazene,« antwortete der Christ, über den unerwarteten Vorwurf einigermaßen befremdet, »ich bediene mich eben meiner christlichen Freiheit, zu genießen, was den Juden verboten ist. Wir haben eine bessere Rechtfertigung für unser Tun und Lassen – Ave Maria! – wir wollen Gott für seine Gaben dankbar sein.« Bei diesen Worten tat er einen langen Zug aus der ledernen Flasche. – »Das nennt Ihr auch Freiheit,« sagte der Sarazene, »wie Ihr Euch tierisch sättigt, so stillt Ihr auch viehisch Euren Durst!« – »Törichter Sarazene,« versetzte der Christ ohne Zögern, »Du lästerst Deinen Vorfahren Ismael. Der Saft der Traube ist dem Menschen gegeben zu weisem Gebrauch; Wein erfreut des Menschen Herz nach der Arbeit, erquickt ihn in der Krankheit und tröstet ihn im Kummer. Wer ihn so genießt, mag Gott ebenso für seinen Wein danken, wie für sein täglich Brot; wer aber die Gabe Gottes mißbraucht, ist kein größerer Tor in seinem Rausche als Du bei Deiner Enthaltsamkeit.« Das klare Auge des Sarazenen funkelte bei diesem Spotte, und seine Hand suchte den Griff des Dolches ... aber er hielt klugerweise an sich. »Deine Worte, Nazarener,« sagte er, »erzürnen mich nicht, weil Deine Unwissenheit mein Mitleid erregt. Siehst Du nicht, trotz Deiner Blindheit, daß die Freiheit, mit der Du prahlst, in allem, was Deiner Glückseligkeit am teuersten ist, die größte Beschränkung erleidet? Bindet Dich nicht Dein Gesetz an eine einzige Gattin, gleichviel ob sie krank oder gesund, fruchtbar oder unfruchtbar ist? gleichviel ob Du glücklich mit ihr lebst oder unglücklich?« »Nun, bei seinem Namen, den ich im Himmel am höchsten verehre,« sagte der Christ, »bei ihrem Namen, den ich auf Erden am höchsten halte, Du bist ein verblendeter Ungläubiger! Die Liebe, die einen treuen Ritter an eine einzige Holde und Treue bindet, ist ein Diamant; die Neigung aber, die Du unter Deine dienstbaren Weiber und Sklavinnen verteilst, ist nur ein Splitter davon!« »Nun, bei der heiligen Kaaba!« sagte der Emir, »Du bist ein Tor, ein Narr, der seine eiserne Kette liebt, als ob sie von Gold wäre. Betrachte diesen Ring! Die Hälfte seiner Schönheit verlöre er, wenn sein Siegel nicht mit diesen geringeren Brillanten gefaßt wäre, die ihn zieren und hervorheben. Der Diamant in der Mitte ist der Mann, dessen Wert auf ihm allein beruht; dieser Kreis von geringeren Juwelen sind Weiber, die von ihm den Glanz leihen, den er ihnen mitteilt, wie es ihm am angemessensten scheint. Nimm den Mittelstein aus dem Ringe, und der Diamant bleibt so wertvoll wie früher, während die geringeren Edelsteine den geringeren Wert haben.« »Sarazene,« entgegnete der Kreuzfahrer, »Du sprichst wie einer, der nie ein Weib sah, das der Liebe eines Kriegers wert war. Glaube mir, wenn Du die europäischen Frauen sehen könntest, denen wir Ritter, nächst Gott, Treue und Ergebenheit geloben, so würdest Du bald die armseligen Sklavinnen Deines Harems verabscheuen. Die Schönheit unserer Jungfrauen leiht unseren Speeren Kraft und schärft unsere Schwerter; ihr Wort ist uns Gesetz: und so wenig eine ausgelöschte Lampe leuchtet, so wenig wird ein Ritter sich durch Waffentaten auszeichnen, wenn er keine Herzensgeliebte hat.« »Ich habe von dieser Narrheit der abendländischen Krieger gehört,« sagte der Emir, »und habe es immer für ein begleitendes Symptom dieser Narrheit gehalten, daß Ihr in unser Land kommt, um ein leeres Grab in Besitz zu nehmen. Aber die Franken, die ich traf, haben die Schönheit ihrer Frauen allzeit so hoch erhoben, daß ich Reize, die so tapfere Krieger in Werkzeuge ihres Vergnügens verwandeln können, ganz gern einmal mit eigenen Augen sehen möchte.« – »Tapferer Sarazene,« versetzte der Ritter, »befände ich mich nicht auf einer Wallfahrt nach dem heiligen Grabe, so sollte es mein Stolz sein, Dich unter sicherem Geleite nach dem Lager Richards von England zu führen, wo Du einen kleinen Kreis der ersten Schönheiten Frankreichs und Britanniens sehen solltest, dessen Glanz den Schimmer Deiner Diamanten weit überstrahlt.« – »Nun, diese Einladung nehme ich an; aber Deinen Plan, der Dich hierher führt, mußt Du aufgeben; denn glaube mir, ohne Paß nach Jerusalem ziehen, heißt sein Leben mutwillig aufs Spiel setzen.« – »Ich habe einen Paß,« entgegnete der Ritter, ein Pergament hervorziehend, »von Saladins Hand und mit seinem Siegel versehen.« Der Sarazene beugte sein Haupt, als er Siegel und Handschrift des berühmten Sultans von Aegypten und Syrien erkannte, und nachdem er die Schrift mit tiefer Ehrfurcht geküßt, drückte er sie an die Stirn und gab sie dem Christen mit den Worten zurück: »Voreiliger Franke, Du hast gegen unser beider Blut gesündigt, indem Du mir dies nicht zeigtest, als wir einander trafen.« – »Ihr kamt mit erhobenem Speer,« sagte der Ritter. »Hätte ein Trupp von Sarazenen mich überfallen, so würde es sich mit meiner Ehre vertragen haben, den Paß des Sultans vorzuzeigen; einem einzigen Manne gegenüber durft' ich's nicht.« – »Und doch war ein Mann hinreichend, Eure Reise zu unterbrechen,« entgegnete der Sarazene stolz. – »Allerdings, tapferer Muselmane,« erwiderte der Christ, »aber solcher, wie Du bist, gibt es wenige.« – »Du läßt uns bloß Gerechtigkeit widerfahren,« sagte der Sarazene, sichtlich ebenso befriedigt durch die schmeichelhafte Aeußerung des Europäers, wie vorher über seine stolze Prahlerei verdrossen. »Von uns würdest Du kein Unrecht erleiden; doch wohl mir, daß ich Dich nicht tötete, da der Schutzbrief des Königs der Könige Dich sichert.« – »Ich freue mich, daß dieser Paß mir gute Dienste leisten wird,« versetzte der Ritter; »denn die Straße wird, heißt es, von Räuberhorden beunruhigt.« – »Man hat Dir die Wahrheit gesagt, tapferer Christ,« sagte der Sarazene, »aber ich schwöre Dir beim Turban des Propheten, solltest Du in einen Schlupfwinkel solcher Elenden geraten, so will ich selbst es auf mich nehmen, Dich zu rächen.« »Mein Gelübde steht im Himmel verbucht,« erwiderte der Ritter, »und ich muß Euch bitten, mir den Weg zu einem Rastorte für diesen Abend zu zeigen.« – »Den werdet Ihr unter meines Vaters Zelte finden,« antwortete der Sarazene. – »Heute nacht,« sagte der Christ, »muß ich in Gebet und Buße bei einem heiligen Manne, Theoderich von Engaddi, zubringen, der in dieser Wildnis wohnt und sein Leben dem Dienste Gottes geweiht hat.« – »Dorthin wenigstens will ich Euch begleiten,« versetzte der Sarazene. – »Das würde mir recht sein,« sagte der Christ, »wenn nicht des guten Paters künftige Sicherheit dadurch gefährdet würde; die grausame Hand Eures Volkes hat sich gerötet vom Blute der Diener des Herrn, und deshalb kommen wir mit Schwert und Lanze, um die Heiligen zu schützen, die in diesem Lande der Verheißung und der Wunder für uns beten.« »Nazarener,« erwiderte der Muselmane, »Griechen und Syrier haben gelogen; denn wir handeln nur nach dem Worte des Nachfolgers des Propheten, das da lautet: »Gehet hin, das Land den Ungläubigen zu entreißen; aber betragt euch als wahre Krieger, tötet weder Greise noch Sieche, weder Weiber noch Kinder. Verheert nicht das Land, zerstört nicht Korn und Obstbäume, denn sie sind Gaben Allahs. Haltet Wort, wenn ihr einen Bund geschlossen habt, und wenn es euch zum Schaden wäre. Erschlagt keinen, der in eurem Lande lebt, wenn er nichts anderes will, als zu seinem Gotte beten.« »Der Anachoret, den ich besuchen will,« sagte der Ritter, »soll kein Priester sein... aber uns gilt er als Heiliger, und ich werde ihn mit meiner Lanze schützen gegen Heiden und Ungläubige.« – »Dein Heiliger von Engaddi,« sagte der Sarazene, »wird sowohl von Türken als Arabern beschützt, und wenn er sich auch manchmal in einem sonderbaren Zustande befindet, so zeigt er sich im allgemeinen als Nachfolger seines Propheten, so daß er den Schutz dessen verdient, der gesandt wurde – « »Nun, bei Unserer lieben Frau, Sarazene, wagst Du den Kameltreiber von Mekka in einem Atem zu nennen mit – « Heftiger Zorn blitzte in den Augen des Emirs, aber wiederum bezwang er sich und sagte gelassen und würdevoll: »Schmähe den nicht, den Du nicht kennst; schmähe ihn schon darum nicht, weil wir den Stifter Deiner Religion verehren und nur die Lehre verdammen, die Eure Priester daraus gesponnen haben. Ich will Dich zur Höhle des Eremiten führen, denn ohne meine Hilfe würdest Du sie schwerlich erreichen.« Drittes Kapitel. Die Krieger erhoben sich nach kurzer Ruhe und bestiegen die Pferde wieder. Vorher aber benetzte der christliche Ritter nochmals Lippen und Hände mit dem frischen Quellwasser. »Ich möchte,« sagte er zu seinem mohammedanischen Reisegefährten, »wissen, wie diese köstliche Quelle heißt, denn nie hat Wasser meinen Durst so herrlich gelöscht, wie heute sie.« – »Auf arabisch heißt sie Diamant der Wüste,« antwortete der Sarazene. – »Und mit Recht,« sagte der Christ. »Mein heimatliches Tal hat tausend Quellen, aber an keine von ihnen werden mich in Zukunft so kostbare Erinnerungen knüpfen als an diesen einsamen Brunnen.« – »Ihr redet die Wahrheit,« pflichtete der Sarazene bei; »denn auf jenem See des Todes, in dessen Nähe wir uns noch immer befinden, ruht noch heute der Fluch, und weder Mensch noch Tier trinkt aus seinen Wellen, noch aus dem Strome, der ihn nährt, ohne ihn zu füllen.« Die beiden Reiter setzten ihren Weg durch die Sandwüste fort. Ein leichter Wind milderte jetzt die Schrecken der Wüste. Der Staub, den er mit sich führte, störte den Sarazenen wenig, aber seinen schwerbewaffneten Gefährten so sehr, daß er den Eisenhelm an den Sattelknopf hängte und die leichte Mütze, damals Mörser genannt, aufsetzte. Der Sarazene gab den Wegweiser ab und schien eine Zeitlang in diese Obliegenheit so vertieft, wie ein Steuermann, der ein Schiff durch einen gefährlichen Kanal steuert. Aber kaum waren sie eine halbe Stunde weit geritten, als er, seines Weges nun gewiß, ein Gespräch zu führen anfing. »Ihr habt mich nach dem Namen einer stummen Quelle gefragt,« sagte er; »nun möchte ich nach dem Namen des Gefährten fragen, mit dem ich heute Gefahr und Ruhe teilte.« – »Sein Name verdient nicht, genannt zu werden,« erwiderte der Christ; »aber daß ich unter den Kreuzfahrern Kenneth vom ruhenden Leoparden heiße, kann ich Dir ja sagen; in der Heimat führe ich andere Titel, die aber einem morgenländischen Ohr rauh klingen würden. Nun aber sage, Sarazene, auch Du mir, unter welchem Namen Du bekannt bist.« »Ritter Kenneth,« sagte der Muselmane, »ich bin kein Araber, stamme aber aus einem ganz ebenso wilden, kriegerischen Geschlecht. Herr Leopardenritter, Ihr seht in mir Scharfhaupt, den Löwen des Gebirges, und in Kurdistan, meiner Heimat, wird keine Familie für edler gehalten als die der Seldschucken.« – »Ich habe gehört,« bemerkte der Christ, »daß Euer großer Sultan sein Blut aus derselben Quelle herleitet.« – »Dank sei dem Propheten, der unsere Berge so sehr geehrt hat, daß er aus ihrem Schoße ihn sandte, dessen Wort Sieg ist!« rief der Heide. »Fremdling, mit wieviel Mann kamst Du zu diesem Feldzuge?« – »Meiner Treu,« sagte Kenneth, »mit Mühe habe ich zehn Bogenschützen und fünfzig Mannen einschließlich der Bogenschützen und Knappen ins Feld geführt. Einige haben mein Banner verlassen, andere sind im Gefecht geblieben, noch andere an Krankheiten gestorben. Ein einziger Waffenträger, um dessen Leben ich jetzt diese Wallfahrt verrichte, liegt auf dem Krankenbette.« – »Christ,« entgegnete Scharfhaupt, »fünf Pfeile stecken in meinem Köcher, jeder mit einer Adlerschwinge befiedert. Jeder Pfeil ruft tausend Krieger zu mir her. Und Du bist mit fünfzig Mann in ein Land eingedrungen, wo ich nur einer der geringsten bin?« – »Nun, beim heiligen Kreuz, Sarazene,« rief der Ritter, »wisse, daß ein Stahlhandschuh eine Handvoll solcher Hornissen zermalmt.« – »Aber er muß sie doch erst gefangen haben!« erwiderte der Sarazene lächelnd, und dieses Lächeln hätte ihrer Freundschaft leicht ein Ende machen können, wenn er das Gespräch nicht schnell gewechselt hätte. »Mischt Ihr Euch ebenso frei unter die Frauen Eurer Befehlshaber und Anführer?« fragte er. – »Der Himmel,« sagte der Ritter vom Leoparden, »gibt dem ärmsten Ritter soviel Freiheit, daß er in ehrbarem Dienste Herz und Schwert der schönsten Prinzessin weihen kann, die jemals ein Diadem auf ihrer Stirn trug.« – »Dein Herz ist wohl an einen hohen, edlen Gegenstand verschenkt?« – »Fremdling,« versetzte der Christ errötend, »wir gestehen nicht übereilt, wo wir unsere erlesenen Schätze haben. Willst Du aber mehr von Liebe und Lanzen hören, so wage Dich selbst ins Lager der Kreuzfahrer; dort wirst Du hören, und wenn Du willst, auch Deine Hände rühren können.« – »Je nun,« erwiderte der Sarazene, »wer's mir im Kampf mit dem Wurfspieß gleichtun wollte, möchte schlimmen Stand haben.« – »Ihr solltet König Richards Streitkolben sehen,« sprach der Ritter, »im Vergleich zu ihm ist der meinige federleicht.« – »Wir hören viel von jenem Inselkönig,« sagte der Sarazene. »Bist Du sein Untertan?« – »In diesem Feldzuge kämpfe ich als sein Gefolgsmann,« erklärte der Ritter, »aber sein Untertan bin ich nicht, wenn ich auch von der Insel gebürtig bin, wo er herrscht.« – »Habt Ihr denn zwei Könige auf einem armen Eiland?« – »Wie Du sagst,« versetzte der Schotte – denn dies war Kenneth von Geburt – »und doch kann das Land Scharen von Reisigen liefern, die zum Kampf gegen die unheilige Gewalt ausziehen, die Ihr Euch über die Städte Zions angemaßt habt.« »Beim Barte Saladins, Nazarener, lachen könnte ich über die Einfalt Eures Sultans, hierher zu kommen, um wegen Wüsten und Felsen mit einem Herrscher, dem zehnfache Scharen zu Gebot stehen, Krieg zu führen, den Teil seiner Insel aber, auf der er geboren ist, der Willkür eines anderen preiszugeben!« Während sie ostwärts weiter zogen, nahm die Gegend langsam einen anderen Charakter an. Schroffe Felsen stiegen empor; tiefe Abhänge und steile Berge von beträchtlicher Höhe türmten sich ihnen entgegen; finstere Höhlen und Felsenklüfte gähnten vor ihnen, und der Emir sagte, sie dienten sowohl Raubtieren als Räubervölkern zum Schlupfwinkel, die weder Stand noch Religion, weder Geschlecht noch Alter auf ihren Raubzügen schonten. Gleichgültig hörte der Ritter ihm zu, denn er fühlte sich vor ihnen sicher. Aber eine geheime Furcht überfiel ihn, als er sich besann, in der furchtbaren Wildnis des vierzehntägigen Fastens und in der Gegend zu weilen, wo der Böse den Menschen versuchte. Der Tag neigte sich bereits, doch war es noch hell genug, daß der Ritter sehen konnte, wie in einigem Abstände von ihnen eine lange, schmächtige Gestalt über Felsen und Gebüsche huschte, deren wildes, zottiges Aeußere ihm die Faune und Waldgeister in Erinnerung rief, deren Bilder er in den alten Tempeln Roms gesehen hatte. Anfangs schien die Gestalt ihren Pfad hinter Felsen und Gesträuch zu verfolgen, mit geschickter Benützung aller Terrainvorteile. Dann aber sprang sie mitten auf den Weg und packte mit jeder Hand einen Zügel des Sarazenen. Es war ein langer Mann, gehüllt in ein zottiges Fell, dem eine gewaltige Kraft inne wohnen mußte, denn das edle Tier vermochte den Druck auf das Gebiß und die scharfe Kinnkette, die nach morgenländischer Sitte aus einem festen, eisernen Ringe bestand, nicht auszuhalten, bäumte sich und stürzte hintenüber auf seinen Herrn, der sich schnell auf die Seite warf. Vom Zaume des Pferdes griff der unbekannte Hüne nach der Kehle des Sarazenen und drückte ihn nieder, indem er seine langen Arme um die des anderen schlang. »Hamako, Narr – laß mich los!« rief der Sarazene, zornig und lachend zugleich, »dazu hast Du kein Recht – laß mich los, oder ich brauche meinen Dolch!« – »Deinen Dolch, ungläubiger Hund?« rief der Hüne im Ziegenfell. »Halte ihn, wenn Du kannst!« Und in demselben Augenblicke den Dolch ihm aus der Hand windend, schwang er ihn über seinem Haupte. »Hilf, Nazarener,« schrie der Sarazene, dem jetzt bange ward, »hilf mir, oder der Hamako bringt mich um!« Der Ritter hatte bisher erstaunt zugesehen; aber endlich fühlte er, daß es sich nicht mit seiner Ehre vertrug, länger stummer Zuschauer zu sein, und er rief: »Wer Du auch seist, Mann, und von wem Du stammst, so laß Dir sagen, daß ich dem Sarazenen, den Du in Deiner Gewalt hast, Kameradschaft angelobt habe. Laß ihn also aufstehen, sonst kündige ich Dir Feindschaft!« – »Ein sonderbarer Kampf für einen Kreuzfahrer, mit einem von seinem eigenen heiligen Glauben gegen einen ungetauften Hund! Hast Du Dich in die Wildnis begeben, um für den Halbmond und gegen das Kreuz zu streiten?« Aber er richtete sich auf und gab den Sarazenen frei, setzte ihn auch wieder in Besitz seines Dolches. »Du siehst, Ilderim,« rief der Hüne im Ziegenfelle dem Sarazenen zu, »mit wie schwachen Mitteln sich der Sieg über Dich erringen läßt, wenn es der Himmel beschlossen hat, Dich zu strafen. Drum nimm Dich in acht, Ilderim! Denn wisse, deutete nicht ein Schimmer in Deinem Geburtsstern auf etwas dem Himmel Wohlgefälliges, so hätten wir beide uns nicht eher getrennt, als bis ich Dir die Kehle zerrissen hätte.« – »Hamako,« sagte der Sarazene, ohne einen Schein von Empfindlichkeit über Sprache und Gewalttat des anderen »treibe Dein Vorrecht nicht zu weit! Wenn ich auch als Muselmane diejenigen schone, denen der Himmel den Verstand genommen, um sie mit prophetischem Geiste zu rüsten, so liebe ich es doch nicht, wenn sich ein Irrender an meinem Rosse oder gar meiner Person vergreift. Dir aber, Freund Kenneth,« setzte er, sich auf sein Roß schwingend, hinzu, »hätte es besser geziemt, mir gegen diesen Hamako ungebetnen Beistand zu leisten, denn wenig fehlte, so hätte er mich in seinem Wahnsinn umgebracht.« – »Meiner Treu, darin habe ich gefehlt,« sagte der Ritter; »die seltsame Gestalt, das Unerwartete dieser Szene – ich bin, gerade herausgesagt, der Meinung gewesen, der Teufel in Person falle über Dich her!« – »Dein Spott ist keine Antwort, Kenneth,« erwiderte der Sarazene; »was immer Arges oder Teuflisches an diesem Hamako sein mag, er gehört mehr zu Deinem als zu meinem Geschlecht; denn er ist niemand anders als der Anachoret, den Du besuchen willst.« – »Er?« rief Kenneth, die kräftige, aber verfallene Gestalt musternd. »Du spottest meiner, Sarazene! Das kann der ehrwürdige Theodorich nicht sein!«, – »Frage ihn selbst, wenn Du mir nicht glaubst!« entgegnete Scharfhaupt; und kaum waren die Worte über seine Lippen, so bestätigte der Eremit die Aussage. »Ich bin Theodorich von Engaddi,« sagte er, »der Wanderer der Wüste – Freund des Kreuzes und Geißel aller Ungläubigen, Ketzer und Teufelsanbeter. Hütet Euch – hütet Euch! Nieder mit Mohammed, Satan und ihren Anhängern!« Unter seinem zottigen Gewände riß er eine mit Eisendraht umwundene Keule hervor und schwang sie um sein Haupt. »Da hast Du Deinen Heiligen!« sagte der Sarazene, indem er zum erstenmal über das unbegrenzte Erstaunen lachte, womit Ritter Kenneth die wilden Gebärden Theodorichs betrachtete. »Ein Wahnsinniger!« sagte Sir Kenneth. – »Und doch ein Heiliger,« entgegnete der Muselmane, »wisse, Christ, wenn das eine Auge erloschen ist, sieht das andere um so schärfer – ist die eine Hand abgehauen, wird die andere desto kraftvoller. So wird auch, wenn unsere Vernunft in menschlichen Dingen gestört oder aufgehoben ist, unser Blick himmelwärts geschärfter und vollkommener.« Da schrie der Einsiedler wild in singendem Tone: »Ich bin Theodorich von Engaddi – der Fackelbrand der Wüste – die Geißel der Ungläubigen. Löwe und Leopard sollen in meiner Zelle Schutz finden, und der junge Bock soll sich nicht fürchten vor ihren Klauen. Ich bin die Fackel und die Leuchte! – Kyrie Eleison!« – Er schloß seinen Gesang mit einem kurzen Laufe, den er mit drei raschen Sprüngen endigte, die sich mit seinem Einsiedlerstande so wenig vertrugen, daß der Ritter sich förmlich entsetzte, während der Sarazene ihn besser zu verstehen schien. »Wie Ihr seht,« sagte er, »rechnet er, daß wir ihm in seine Zelle folgen, die allerdings unser einziger Zufluchtsort für die Nacht ist. – Ihr seid der Leopard, nach der Devise auf Eurem Schilde, ich bin der Löwe, wie mein Name sagt, und mit dem Bock meint er sich selbst, auf sein Gewand aus Ziegenfellen anspielend. Aber wir dürfen ihn nicht aus den Augen verlieren, denn er ist flink wie ein Dromedar.« Durch Klüfte und auf wilden Pfaden rannte nun der seltsame Hüne entlang, so daß der Sarazene schon Mühe hatte, ihm zu folgen und oft mit seinem flinken Berberrosse zu straucheln drohte, der Ritter aber mehr als einmal dem sicheren Tode nahe war und Gott von Herzen dankte, als er endlich nach diesem wilden Laufe den heiligen Mann mit einer Fackel in der Hand am Eingange der Höhle stehen bleiben sah. Erstickender Dampf schlug ihm entgegen, schreckte ihn aber nicht zurück. Er trat hinter seinen hünenhaften Führer in die Höhle, die zwei Abteilungen aufwies: in der äußeren befand sich ein steinerner Altar mit einem Kruzifix aus Rohr: sie diente dem Anachoreten zur Kapelle; an der anderen Wand band der Ritter sein Roß an, während der Eremit den inneren Raum für seine Gäste herrichtete. Der Fußboden war mit weißem Sand bestreut worden; Matratzen, aus Binsen geflochten, lagen an den Wänden, die mit Kräutern und Blumen behängt waren. Zwei Wachskerzen gaben dem Raum ein freundliches Aussehen, und Wohlgeruch und Kühle machten ihn angenehm. In einem Winkel lag das Arbeitsgerät des Eremiten, in einem anderen stand eine rohe Bildsäule der heiligen Jungfrau. Ein Tisch und zwei Sessel, von dem Eremiten selbst verfertigt, mit Kräutern, Gemüse und gedörrtem Fleische bedeckt, bildeten das einzige Mobiliar. Der Einsiedler betrat seine Zelle wie jemand, der geboren scheint, die Menschen zu beherrschen, aber seiner Herrschaft entsagt hat, um ein Diener des Himmels zu werden. Schweigend winkte er dem Schotten, sich zu setzen, indes der Sarazene sich auf ein Mattenpolster kauerte. Dann erhob er die Hände, wie um die Erfrischungen, die er seinen Gästen vorsetzte, zu segnen: ein seltsamer Kontrast zu dem wilden Wesen, das er vor wenigen Augenblicken draußen zwischen den Felsen gezeigt hatte ... Er selbst aß keinen Bissen, räumte aber, als seine Gäste ihre Mahlzeit geendigt hatten, die Ueberreste hinweg und setzte dem Sarazenen einen Krug Scherbet, dem Schotten eine Flasche Wein hin. »Trinkt, Kinder!« sprach er – es waren die ersten Worte, »Gottes Gaben darf man genießen, wenn man sich dabei des Gebers erinnert.« Als er dies gesagt, zog er sich in die äußerste Zelle zurück, wahrscheinlich, um seine Andacht zu verrichten, und ließ seine Gäste in dem inneren Gemache allein. Kenneth rief sich in die Erinnerung, was ihm von diesem seltsamen Einsiedler, der bei den höchsten Dienern der Christenheit in so hohem Ansehen stand, bekannt war. Auf Konzilien war er Berichterstatter, bei Päpsten Sekretär gewesen. Zu Clermont hatte er den ersten Kreuzzug gepredigt. Vormals, wie der Sarazene ihm erzählte, ein tapferer, mutiger Krieger, weise im Rat und glücklich in der Schlacht, sei er in Jerusalem erschienen, nicht als Pilger, sondern in der Absicht, sein Leben dem heiligen Lande zu weihen, und habe sich an dem öden Orte niedergelassen, wo sie ihn jetzt fanden, geehrt von den Lateinern seiner strengen Frömmigkeit wegen, gelitten von den Türken und Arabern wegen der an ihm vorhandenen Symptome des Wahnsinns. Bei ihnen hieß er nicht anders als Hamako: was in der türkischen Sprache einen wahnsinnigen Seher bezeichnet, und sein Ruf habe sich soweit verbreitet, daß Saladin befohlen habe, ihn zu schonen und zu beschützen. Weiter wußte oder wollte der Sarazene nichts sagen, denn der Ritter gewann den Eindruck, als ob die Bekanntschaft zwischen beiden sich weiter erstreckte, als die Aeußerungen des Sarazenen vermuten ließen; auch war ihm nicht entgangen, daß der Seher den Sarazenen bei einem anderen Namen genannt, als der war, den er selbst angegeben hatte. »Nimm Dich in acht, Sarazene,« sagte er, »mich dünkt, unser Wirt ist in Namen so konfus wie in anderen Dingen. Du nennst Dich Scharfhaupt, und gleichwohl nannte er Dich vorhin ganz anders.« »Als ich noch in meines Vaters Zelte war, hieß ich Ilderim,« entgegnete der Kurdistane, »und so nennen mich noch viele. Im Felde und unter den Soldaten bin ich als Löwe des Berges bekannt. Doch still! Hamako kommt! ich kenne seine Art – er will zur Ruhe, denn beim Nachtgebet läßt er sich nicht belauschen.« Der Anachoret trat ein. Die Arme über der Brust verschränkend, sprach er feierlich: »Gepriesen sei der Name dessen, der die ruhige Nacht dem geschäftigen Tage folgen läßt.« Beide Krieger sprachen: »Amen!« standen auf und begaben sich zu ihrem Lager, und nachdem sie, jeder nach seinem Glauben und Ritus ihr Gebet verrichtet hatten, waren sie bald von tiefem Schlaf umfangen. Viertes Kapitel. Kenneth, der Schotte, hatte keine Ahnung, wie lange seine Sinne in tiefer Ruhe befangen gewesen waren, da wurde er durch eine Empfindung, als wenn ihm eine schwere Last auf der Brust läge, munter. Zuerst war es ihm, als wenn er im Kampfe mit einem gewaltigen Gegner läge, dann aber fand er das Bewußtsein vollständig wieder. Er wollte gerade fragen, wer da sei, da schlug er die Augen auf und erblickte die Gestalt des Eremiten, der, wild und verstört, wie wir ihn geschildert haben, an seinem Lager stand, die Rechte auf Kenneths Brust drückend, während er in der Linken ein kleines Lämpchen hielt. »Sei still,« sagte der Eremit, als der auf sein Lager gestreckte Ritter verstört aufblickte; »was ich Dir zu sagen habe, soll jener Ungläubige nicht hören.« Er sagte es in französischer, nicht in fränkischer Sprache, jenem Gemisch von morgenländischen und europäischen Mundarten, deren sie sich bisher untereinander bedient hatten. »Steh auf,« fuhr er fort, »wirf Deinen Mantel um, sprich nicht, und folge mir leise.« Kenneth stand auf und nahm sein Schwert. »Das brauchst Du nicht,« flüsterte der Einsiedler, »dort, wohin wir uns begeben, gelten geistige Waffen viel, fleischliche aber sind wie Rohr und welker Kürbis.« Der Ritter legte sein Schwert wieder neben sein Lager, behielt nur den Dolch, von dem er sich in dieser gefährlichen Gegend nie trennte, und schickte sich an, seinem geheimnisvollen Wirte zu folgen. Sie schritten langsam und leise wie Schatten in das äußere Gemach, ohne den heidnischen Emir, der noch in tiefem Schlafe lag, zu stören. Vor dem Kreuz und Altar brannte noch eine Lampe, ein Meßbuch war aufgeschlagen, und am Boden lag eine Geißel aus kurzen Schnüren und Drähten, an der noch Blut klebte, zum sicheren Zeichen der strengen Buße des Einsiedlers. Hier kniete Theodorich nieder und bedeutete dem Ritter, auf den harten Kies zu knien, der zu dem Zwecke, die Andachtsübung recht zu erschweren, auf den Boden gestreut zu sein schien. Der Ritter folgte der Aufforderung mit frommem Eifer und gewann von seinem Wirte eine so völlig andere Meinung, daß er nicht wußte, ob er ihn nicht selbst für einen Heiligen halten sollte. Als sie aufstanden, blickte er ihn ehrfürchtig an, wie ein Zögling seinen Meister. Der Eremit aber blieb ein paar Minuten, still und in sich gekehrt. »Blick in die Ecke dort, mein Sohn, dort wirst Du einen Schleier finden. Bring ihn hierher.« Der Ritter gehorchte. Als er den Schleier ans Licht brachte, sah er, daß er zerrissen war und an mehreren Stellen dunkle Flecke hatte. Der Einsiedler blickte auf den Schleier mit tiefer Rührung, ehe er das Wort an den Ritter richten konnte, bezwang sich wohl, mußte jedoch seinem Herzen durch tiefes Stöhnen Luft machen. »Du sollst jetzt den reichsten Schatz der Erde sehen,« sagte er dann; »wehe mir, daß meine Augen dessen nicht würdig sind. Ach, ich bin das schlechte, verachtete Schild, das dem müden Wanderer eine sichere Ruhestätte weist, aber selbst immer auf der Straße bleiben muß. Vergebens habe ich mich in die Felsenklüfte und in den Schoß der dürren Wüste geflüchtet. Mein Feind hat mich gefunden – gerade der, den ich verleugnete, hat mich bis in meine Feste verfolgt.« Wieder schwieg er eine Weile, dann wandte er sich zu dem Ritter und sagte fester und bestimmter als bisher: »Ihr bringt mir einen Gruß von Richard von England?« – »Ich komme aus dem Rate christlicher Fürsten,« entgegnete der Ritter; »da aber der König sich nicht wohl befand, ward mir die Ehre nicht zuteil, die Befehle Sr. christlichen Majestät zu vernehmen.« – »Euer Zeichen?« fragte der Einsiedler. Ritter Kenneth zauderte. Sein früherer Argwohn und die Spuren von Wahnsinn, die der Eremit gezeigt hatte, schossen ihm in den Sinn. Aber warum sollte er Mißtrauen hegen gegen einen Mann mit so heiligem Wesen? – »Meine Parole,« sagte er endlich, lautet, so: Könige bettelten bei einem Bettler.« – »Sie ist richtig,« versetzte der Eremit innehaltend. – »Ich kenne Euch wohl; aber die Schildwache auf ihrem Posten – und der meinige ist wichtig – ruft Freund wie Feind an.« Er ging hierauf mit der Lampe vorwärts, dann den Ritter in das Gemach zurück geleitend, aus dem sie eben getreten waren. Der Sarazene lag noch auf seinem Lager in tiefem Schlafe. Der Einsiedler blieb neben ihm stehen und sah eine Zeitlang schweigend auf ihn nieder. »Er schläft im Dunkeln,« sagte er, »und soll nicht geweckt werden.« Die Haltung des Emirs weckte wirklich die Vorstellung von tiefer Ruhe. »Er schläft im Dunkeln,« wiederholte der Eremit so leise wie vorhin, »aber auch für ihn wird es Tag werden. – O Ilderim! wenn Du wachst, sind Deine Gedanken noch ebenso eitel und wild, wie diejenigen, die in Deinem schlummernden Gehirn ihren Wirbeltanz aufführen; aber die Drommete wird erschallen und Dein Traum verschwinden.« So sprechend, winkte er dem Ritter, ihm zu folgen, begab sich hinter den Altar und drückte eine Springfeder, die sich geräuschlos öffnete und eine kleine eiserne Tür bloß legte, die seitwärts in der Höhle angebracht und, wenn man nicht genau hinsah, fast nicht zu sehen war. Ehe er sie ganz öffnete, tröpfelte er etwas Oel aus seiner Lampe auf die Angeln. Dann zeigte sich eine kleine, in den Felsen gehauene Treppe. »Nimm den Schleier hier,« sagte der Eremit schwermütig, »und verbinde mir die Augen; denn, ich darf den Schatz nicht sehen, den Du jetzt erblicken sollst, ohne mich der Sünde und Vermessenheit schuldig zu machen.« Ohne zu antworten, verhüllte der Ritter hastig den Kopf des Eremiten mit dem Schleier, worauf dieser die Treppe hinauf stieg, wie jemand, der den Weg zu genau weiß, um Licht zu brauchen, leuchtete aber dabei dem Schotten, der ihm über viele Stufen auf der engen Stiege folgte. Endlich blieben sie in einem kleinen Gewölbe von unregelmäßiger Form stehen. In dem einen Winkel desselben verlief sich die Treppe, während in einem andern eine andere gotische Tür sich befand, die den Schmuck, aber in roher Arbeit, der gewöhnlichen Zutaten zu Säulen zeigte und durch ein stark mit Eisen und großen Nägeln beschlagenes Gitter abgesperrt war. Dorthin lenkte der Einsiedler die Schritte, die, als er naher heran gelangte, unsicher zu werden schienen. »Zieh die Schuhe aus,« sagte er zu seinem Gefährten; »der Boden, auf dem Du stehst, ist heilig. Verbanne aus Deinem Innersten jeden weltlichen und fleischlichen Gedanken; denn solchen hier nachzuhängen, wäre Todsünde.« Der Ritter tat, wie ihm befohlen, während der Eremit, wie im stillen Gebet, mit seinem Herzen abzurechnen schien. Die Tür öffnete sich darauf von selbst. Wenigstens sah Kenneth niemand, aber ihn blendete ein Strom hellsten Lichtes und ein starker, fast betäubender Duft reinsten Wohlgeruchs strömte ihm entgegen. Ein paar Schritte trat er zurück, aber es vergingen Minuten, ehe er sich von der überwältigenden Wirkung des plötzlichen Ueberganges aus der Finsternis zum Licht erholte. Als er in das Gemach trat, worin sich dieser helle Glanz verbreitete, bemerkte er, daß das Licht von einer großen Menge silberner Lampen herrührte. Sie hingen an silbernen Ketten vom Dache einer kleinen gotischen Kapelle herab, die, wie so ziemlich die ganze merkwürdige Einsiedelei, aus der harten Felsenmasse gehauen war. Aber so roh und einfach die Arbeit an sich war, so zeugte sie doch von der Hand eines geschickten Architekten. Die geäderten Decken erhoben sich zu beiden Seiten auf sechs, mit seltener Kunst gearbeiteten Säulen, und die Art, wie die Bogen untereinander durch passenden Zierat verbunden waren, verriet überall den vornehmsten Stil der Baukunst des Zeitalters. Mit der Pfeilerreihe standen auf jeder Seite sechs künstlich gearbeitete Nischen in Beziehung, die Statuen der zwölf Apostel bergend. Am oberen, östlichen Ende der Kapelle stand der Altar. Ein prächtiger, reich mit Gold gestickter Vorhang von persischer Seide verhüllte eine hinter ihm befindliche Nische, die wahrscheinlich ein Heiligenbild oder eine noch heiligere Reliquie enthielt, der zu Ehren diese merkwürdige Andachtsstätte errichtet worden war. Kenneth trat zu dem Heiligenschrein, kniete vor ihm nieder und wiederholte sein Gebet mit Inbrunst. Plötzlich aber hob sich der Vorhang, ohne daß der Ritter sah, wie oder durch wen, und in der Nische erblickte er einen Schrank von Silber und Ebenholz, mit doppelter Flügeltür, eine gotische Kirche im kleinen darstellend. Gleich darauf flogen die beiden Flügeltüren auf, und ein großes Stück Holz mit der Inschrift: Vera Crux wurde sichtbar, zu gleicher Zeit sang ein Chor weiblicher Stimmen Gloria Patri . Als der Gesang schwieg, schloß sich der Schrein wieder, der Vorhang senkte sich wieder, und der Ritter konnte nun ungestört seine Andacht fortsetzen. Es währte geraume Zeit, bis er sich wieder erhob und sich nach dem Eremiten umsah, der ihn an diesen heiligen, geheimnisvollen Ort geführt hatte. Er sah ihn, den Kopf noch immer vom Schleier verhüllt, vor der Tür der Kapelle liegen, wie jemand, den die Last seiner Schuld zu Boden wirft. Kenneth näherte sich ihm, als ob er ihn anreden wollte, allein der Einsiedler, seine Absicht erratend, murmelte hinter der Hülle, die seinen Kopf bedeckte, in halb erstickten Tönen: »Bleib, und wohl Dir, daß Du sehen darfst – das Gesicht ist noch nicht zu Ende.« Hierauf erhob er sich, trat hinter die Schwelle zurück und verschloß die Tür der Kapelle, die so genau mit dem Felsen zusammenhing, daß Kenneth nur mit Mühe die Oeffnung entdecken konnte. Er befand sich jetzt allein in der erleuchteten Kapelle, ohne andere Waffe als seinen Dolch, allein mit seinen frommen Gedanken, doch im Bewußtsein unverzagten Mutes. Entschlossen, den Verlauf der Begebenheiten abzuwarten, wanderte der Ritter in der einsamen Kapelle bis zum ersten Hahnenschrei umher. Um diese stille Zeit, wo Nacht und Morgen einander begegnen, drang plötzlich, ohne daß er unterscheiden konnte, aus welcher Richtung, der silberne Klang eines Glöckchens, wie sie bei der Erhebung der Hostie oder bei dem Meßopfer geläutet wurden, an sein Ohr. Gleich darauf lüftete der seidene Vorhang sich wieder, und die Reliquie zeigte sich seinen Blicken wieder. Ehrfurchtsvoll sank er auf die Knie und vernahm den Klang der Lobgesänge, wie vorher von weiblichen Stimmen. Der Ritter ward bald inne, daß die Stimmen sich langsam der Kapelle näherten und verstärkten – da öffnete sich ebenso unbemerkbar wie die, durch die er eingetreten war, eine zweite Tür. Atemlos vor Spannung heftete der Ritter sein Auge auf die Oeffnung, und während er, wie es Ort und Handlung erheischten, auf den Knien liegen blieb, harrte er der weiteren Dinge. Zuerst traten vier schöne Knaben, barfuß und nackt bis zum Gürtel, paarweise in die Kapelle; die bräunliche Haut des Orients bildete einen eigentümlichen Kontrast zu ihren schneeweißen Gewändern. Das erste Paar schwenkte Räucherpfannen, das zweite Paar streute Blumen. Auf die Knaben folgten die den Gesangchor bildenden Mädchen in lieblicher Ordnung. Sechs von ihnen waren, nach den schwarzen Skapulieren und dunklen Schleiern über den weißen Gewändern zu schließen, Nonnen vom Berge Karmel, sechs andere kennzeichnete der weiße Schleier als Novizen. Mit Kränzen von roten und weißen Rosen in den Händen, zogen sie in Prozession um die Kapelle, ohne von dem Ritter dem Anschein nach die geringste Notiz zu nehmen, obgleich sie ihm so nahe kamen, daß ihre Gewänder ihn fast berührten. Auf den Ritter machten Ort und Stunde, und die plötzliche Erscheinung der Nonnen wie nicht minder die geisterhafte Weise, wie sie an ihm vorüberzogen, einen solchen Eindruck, daß es ihm kaum glaublich schien, der hehre Zug, den er erblickte, könne aus Geschöpfen dieser Welt bestehen, schienen sie doch in dem Dämmerlichte, das die Lampen durch die Weihrauchwolken warfen, mehr zu schweben als zu gehen. Als sie aber auf ihrem zweiten Rundgange um die Kapelle dort anlangten, wo er kniete, pflückte eines der weißgekleideten Mädchen eine Rosenknospe aus ihrem Kranze und ließ sie, vielleicht unwillkürlich, zu Kenneths Füßen niederfallen. Der Ritter erschrak, wie wenn ihn ein Pfeil träfe; aber er unterdrückte die Bewegung, die ihn ergriff, durch den Gedanken, daß ein so unbedeutender Zufall leicht möglich sei. Als sich aber der Zug zum drittenmal um die Kapelle bewegte, wandten sich die Gedanken und Augen des Ritters ausschließlich zu derjenigen unter den Novizen, die die Rosenknospe hatte fallen lassen. Sie war im Schritt, in der Gestalt, im Aussehen den übrigen Sängerinnen völlig ähnlich, und doch pochte Kenneth das Herz, wie etwa einem Vogel, der seinen Käfig durchbrechen will, als ob es ihm fühlbar machen wollte, das Mädchen am rechten Flügel der zweiten Reihe sei ihm nicht nur teurer als alle übrigen Choristinnen, sondern als alle Frauen der Erde; und so kurze Zeit auch verging, bis ein dritter Umzug in der Kapelle stattfand, dem Ritter dünkte es doch eine Ewigkeit. Endlich kam die Gestalt, der seine ganze Aufmerksamkeit gehörte, näher; es war, wie gesagt, kein Unterschied zwischen dieser und den anderen verhüllten Figuren, mit denen sie sich gleichförmig bewegte. Als sie indes zum drittenmale bei dem knieenden Kreuzfahrer vorüberzog, schimmerte ihre kleine, wohlgebildete, schöne Hand durch die Falten des durchsichtigen Schleiers hervor, wie der Strahl des Mondes durch lichte Sommernachtswolken, und abermals fiel eine Rosenknospe dem Ritter vom Leoparden zu Füßen ... Dies zweite Zeichen konnte nicht zufällig sein, auch nicht die Aehnlichkeit der nur halb sichtbaren, schönen, weiblichen Hand mit einer anderen, die seine Lippen einst berührt, und bei deren Berührung er der holden Dame, der die Hand gehörte, ewige Treue geschworen hatte. Hätte es noch eines weiteren Beweises bedurft, so mußte er ihn finden im Glanze des unvergleichlichen Rubins an dem schneeweißen Finger, wie der dunklen Flechten, die jetzt Zufall oder Absicht hinter dem Schleier sichtbar machte, und von denen ihm jedes Härchen teurer war als eine Kette von gediegenem Golde. Ja, es war die Geliebte seines Herzens! Aber, daß sie hier weilen sollte – in der wilden, öden Wüste – unter Nonnen, die sich in diese Höhlen geflüchtet hatten, um heimlich zu, ihrem Gotte zu beten, dem sie nicht öffentlich dienen durften – das schien unglaublich – das mußte ein Traum sein, ein Täuschungsbild der Phantasie. Während der Ritter diesen Gedanken nachging, verschwand die Prozession wieder durch dieselbe Tür, durch die sie hereingekommen war. Endlich kam auch sie, von der er dies doppelte Zeichen erhalten hatte; und im Vorbeigehen wandte sie den Kopf, wenn auch kaum merklich, nach der Stelle, wo er unbeweglich wie eine Bildsäule stehen geblieben war. Er sah noch, wie ihr Schleier wehte. Dann sank Dunkelheit auf seine Seele, so dicht fast wie die, die jetzt die Kapelle füllte; denn mit lautem Geräusch schloß sich hinter der letzten Sängerin die Tür, und die Lichter der Kapelle erloschen. Doch für Kenneth bedeuteten Einsamkeit und Dunkel und die Gewißheit seiner geheimnisvollen Lage nichts; er fragte nicht danach, kümmerte sich um nichts in der Welt, als um die liebliche Erscheinung, die eben an ihm vorbeigeschwebt war, als um die Zeichen der Gunst, die sie ihm gespendet hatte – er dachte nur an sie wie an eine Gottheit, die ihren brünstigen Verehrer der Gunst ihrer Erscheinung gewürdigt hatte, und die zurückgekehrt war in das Dunkel ihres Heiligtums. Fünftes Kapitel. Weit über eine Stunde herrschte tiefes Schweigen und dichte Finsternis in der Kapelle, in welcher der Ritter vom Leoparden noch immer auf den Knien bald dem Himmel, bald seiner Geliebten für alle ihm zuteil gewordene Güte dankte. Sicherheit und Schicksal – Dinge, um die er sich von jeher wenig bekümmert, wogen jetzt in seinen Gedanken kaum schwerer als ein Sandkorn. Er war in Lady Ediths Nähe; er hatte Zeichen ihrer Gunst empfangen; er befand sich an einem durch die heiligsten Reliquien geheiligten Orte. Ein christlicher Krieger, ein treuer Liebhaber kannte keine Furcht, hatte keinen Gedanken als an seine Pflicht gegen den Himmel und seinen Gehorsam gegen die Dame. Da ertönte plötzlich ein Pfiff, ähnlich demjenigen, mit dem der Falkner seine Falken ruft. Schrill hallte er durch die Gewölbe der Kapelle, den Ritter an die Notwendigkeit erinnernd, auf seiner Hut zu sein. Er sprang auf und legte die Hand an seinen Dolch. Ein knarrender Ton wurde laut, als wenn eine Schraube gedreht würde, dann drang ein Lichtschein aus der Tiefe herauf, aus einer Oeffnung im Fußboden, und verriet, daß eine Falltür gehoben oder gesenkt worden sei. Kaum eine Minute verging, so zeigte sich ein langer, hagerer Arm, halb nackt, halb mit einem rotseidenen Aermel bekleidet, aus der Oeffnung, der eine Lampe, so hoch er reichen konnte, emporhielt. Die Gestalt, der dieser Arm gehörte, stieg Stufe für Stufe bis zur gleichen Fläche mit dem Fußboden der Kapelle. Was hier herausstieg, war ein furchtbarer Zwerg mit großem Kopfe, den eine mit drei Pfauenfedern phantastisch geschmückte Mütze bedeckte, in einem Kleide von rotem Atlas, dessen Pracht die Häßlichkeit dieses Gnomen stärker hervorhob, mit goldenen Spangen und einer silbernen Schärpe, in der ein Dolch mit goldenem Hefte saß. Die wunderliche Gestalt hielt in der linken Hand ein Ding wie einen Besen. Aus der Oeffnung emporgelangt, blieb der Zwerg stehen und bewegte, als ob er sich besser in Sicht setzen wollte, die Lampe langsam über die wilden phantastischen Züge seines Gesichts und die mißgestalteten, aber kräftigen Gliedmaßen seines Leibes. Wahrend Kenneth diesen widerwärtigen Ankömmling betrachtete, pfiff der Zwerg abermals und ein andrer Zwerg stieg aus der Tiefe herauf, an Häßlichkeit mit ihm wetteifernd; aber kein Mannes-, sondern ein Frauenarm wars, der jetzt die Lampe aus der Tiefe heraufbewegte, und eine Zwergin, dem Zwerge ganz ähnlich, gleich ihm in ein Kleid aus rotem Atlas gehüllt, phantastisch im Schnitt und Ausputz, an die Tracht von Gauklern und Possenreißern erinnernd, wurde sichtbar. Auch sie hielt die Lampe über ihre Gestalt und ihr Gesicht, und ihre Häßlichkeit wetteiferte mit derjenigen des Zwerges in allen Hinsichten. Wie durch Zauber gebannt, stand der Ritter, während das greuliche Paar zusammen in der Kapelle zu hantieren anfing, dem Anschein nach mit Auskehren beschäftigt, wobei sie aber jeder nur eine Hand verwandten, was ihren Bewegungen ein groteskes Aussehen verlieh. Als ihre Arbeit sie dem Ritter näherte, stellten sie einen Augenblick ihre Besen beiseite und traten nebeneinander vor ihm hin, ihre Lampen dabei so haltend, daß er ihre Gesichter, die in der Nähe nicht schöner wurden, deutlich sehen konnte. Als sie sahen, daß der Ritter den Blick auf sie lenkte, stimmten sie ein so schrilles Gelächter an, daß es ihm durch Mark und Bein ging. Er prallte zurück und beschwor sie voll Entsetzen, ihm zu sagen, wer sie seien und was sie an diese heilige Stätte führe. »Ich bin Zwerg Nectabanus,« sagte die männliche Mißgeburt mit einer Stimme, die an das Geschrei des Nachtraben erinnerte. – »Und ich bin Genievra, sein Weib und Schätzchen,« setzte die Zwergin hinzu mit noch schrillerem Tone als der Zwerg. – »Warum seid Ihr hier?« fragte der Ritter, kaum zu glauben fähig, daß menschliche Wesen vor ihm ständen. – »Ich bin der zwölfte Imam,« entgegnete der Zwerg mit Ernst und Würde, »ich bin Muhamed Mohaddi, der Führer und Wegweiser der Gläubigen. Hundert Pferde stehen schon für mich gesattelt in der heiligen Stadt, und ebenso viele in der Stadt der Zuflucht. Ich bin derjenige, welcher Zeugnis abgeben soll, und diese hier ist eine meiner Huris.« – »Du lügst!« rief die Zwergin mit noch schrillerem Tone. »Ich bin keine von Deinen Huris, und Du bist kein so verworfener Ungläubiger wie der Mohammed, von dem Du sprichst. Mein Fluch ruht auf seinem Sarge! Ich sage Dir, Du Esel von Issachar, Du bist König Arthur von Britannien, den die Feen aus dem Gefilde von Avalon raubten, und ich bin Frau Genievra, berühmt durch ihre Schönheit.« – »Um Euch die Wahrheit zu sagen, edler Ritter,« bemerkte der Zwerg, »wir sind Prinzen in Not und Pein, die unter dem Schutze des Königs Guido von Jerusalem standen, bis er durch die argen Ungläubigen aus seinem Neste vertrieben ward. – Mögen die Donnerkeile des Himmels sie erschlagen!« – »Still!« rief eine Stimme von der Seite her, wo der Ritter hereingetreten war. »Still, Ihr Narren! Packt Euch! Euer Dienst ist zu Ende!« Kaum hatte das Zwergenpaar den Befehl vernommen, als es unter kauderwelschem Geflüster die Lampen auslöschte und den Ritter wieder in Dunkelheit versetzte. Als ihre Tritte verhallt waren, trat eine dem Ritter sehr willkommne gänzliche Stille ein. Aber nach wenigen Minuten öffnete sich leise die Tür, durch die er hier Zugang gefunden hatte. Aus einer auf die Schwelle gesetzten Laterne fiel ein matter Schein auf eine dunkle, neben dem Eingang liegende Gestalt, in der er, als er sich näherte, den Eremiten erkannte. Er war ohne Zweifel in derselben demütigen Stellung, wie vorher die ganze Zeit draußen vor der Kapelle geblieben, die der Ritter in ihrem Innern zugebracht hatte. »Alles ist nun vorbei!« sagte er, als er des Ritters Tritte vernahm, »und der elendeste unter den Sündern der Erde muß diesen Ort ebenso gut verlassen, wie derjenige, welcher sich vielleicht für den Glücklichsten unter den Sterblichen hält. Nimm das Licht und führe mich hinab; denn nicht eher darf ich die Binde von meinen Augen lösen, als bis ich fern von dieser geheiligten Stätte bin.« Der schottische Ritter gehorchte schweigend; denn ein feierliches Gefühl, fast an Verzückung reichend, erstickte selbst die Regungen der Neugier. Er begleitete den Eremiten durch die mancherlei geheimen Gänge und Treppen, bis sie sich endlich wieder in der äußeren Zelle der Einsiedelei befanden. »Der verdammte Verbrecher ist wieder in seinem Kerker, wo er das elende Leben so lange fristen muß, bis endlich sein furchtbarer Richter das verdiente Urteil an ihm vollstreckt.« Nach diesen Worten entfernte der Eremit den Schleier, der seine Augen verhüllt hatte, und betrachtete ihn, tief aufseufzend, legte ihn wieder an den Ort, woher ihn der Schotte geholt hatte, und sagte dann schnell und ernst zu seinem Gefährten: »Jetzt geht – geht, sage ich – zur Ruhe! Ihr dürft schlafen – Ihr könnt schlafen. Ich kann es nicht; ich darf es nicht.« Der Ritter zog sich, der Ergriffenheit des Eremiten wohl achtend, nach der inneren Zelle zurück. Der Einsiedler riß mit wahnsinniger Hast das zottige Fell von den Schultern, und ehe Kenneth die dünne Tür zwischen beiden Gemächern verschließen konnte, hörte er die Geißelhiebe, die sich der Unglückliche gab. Kalter Schauer überfiel ihn, andächtig betete er seinen Rosenkranz ab, dann warf er sich auf sein rauhes Lager. Von den Erlebnissen des Tages und der Nacht ermüdet, schlief er bald fest und ruhig wie ein Kind. Am andern Morgen beriet er sich mit dem Eremiten über allerhand wichtige Gegenstände, und kam zu dem Entschluß, noch zwei Tage länger in der Höhle zuzubringen. Sechstes Kapitel. Die Szene wandelt sich: aus der Gebirgswüste des Jordan treten wir in das Lager des Königs von England, zwischen Saint, Jean d'Acre und Askalon. Richard Löwenherz erhoffte von dort aus mit seinem starken Heere einen siegreichen Zug nach Jerusalem, der ihm auch wahrscheinlich geglückt wäre, hätte sich nicht die Eifersucht der mit gleichem Vorhaben befaßten christlichen Fürsten ihm entgegengestellt, die sich mit dem maßlosen Stolze des englischen Königs umsoweniger abfinden mochten, als er ihnen an Mut und Kühnheit, wie auch an Feldherrntalent weit überlegen war. Durch solche Mißhelligkeiten, die besonders zwischen Richard von England und Philipp von Frankreich zu offenem Zwiste führten, verminderte sich die Zahl der Kreuzfahrer von Tag zu Tag, indem sich nicht bloß einzelne Ritter, sondern ganze Kommandos unter ihren Lehnsherren aus einem Kampfe zurückzogen, von dem kein glücklicher Erfolg mehr zu erhoffen war. Dazu kamen die bösen Wirkungen des Klimas, die zufolge der ausschweifenden Lebensweise der Kreuzfahrer viele Opfer hinwegrafften. Die Schwerter der Feinde taten zudem auch das ihrige, die Reihen der Kreuzfahrer zu lichten. Saladin, der größte Herrscher, den die morgenländische Geschichte kennt, hatte die schlimme Erfahrung gemacht, daß seine leichtbewaffneten Krieger im Nahkampf den gepanzerten Franken nicht gewachsen waren. Aber wenn auch seine Heere wiederholt geschlagen wurden in den größeren Treffen, so errang er doch mit seinen flüchtigen Scharen in den leichteren Scharmützeln manchen Vorteil. Als das Heer seiner Feinde sich verminderte, wurden seine Angriffe zahlreicher und kühner. Das Lager der Kreuzfahrer wurde von den leichten Reiterschwärmen umringt, und durch ihre ewigen Angriffe ging manches teure Leben zu Grunde, ohne daß Vorteile von Bedeutung errungen wurden. Bedeckungen wurden aufgefangen, Verbindungen abgeschnitten, der Lebensunterhalt mußte mit dem Leben selbst erkauft werden, und Wasser, wie das vom Brunnen zu Bethlehem, nach dem weiland König David schmachtete, wurde wie damals nur durch Blut gewonnen. Das Klima warf schließlich auch Richard Löwenherz aufs Krankenlager, und die schlimmste Folge hiervon war die allgemeine Untätigkeit, die im Lager der Kreuzfahrer eintrat, sobald seine Krankheit eine üble Wendung zu nehmen schien. Die Hoffnungen des Heeres waren im Verhältnis zu seiner Krankheit gesunken, und da die Zeit des Waffenstillstands nicht zur Ergänzung der Mannschaft, zur Wiederbelebung des Mutes, zu schleunigem Vorrücken in die heilige Stadt benützt wurde, sondern zur Sicherung ihres schwachen Lagers durch Laufgräben, Palisaden und andere Befestigungen, ging dem Kreuzzuge der stolze Charakter eines Eroberungs- und Offensivzuges mehr und mehr verloren. Richard tobte, als er hiervon auf seinem Krankenlager Kunde bekam, wie der gefangene Löwe, der durch das Eisengitter seines Käfigs seine Beute erblickt. Von Natur heftig und ungestüm, verzehrte die Reizbarkeit seines Charakters ihn selbst. Seine Diener fürchteten ihn, und selbst sein Arzt scheute sich, sein Ansehen geltend zu machen. Thomas von Multon, ein einziger von seinen treuen Baronen, dem König im Temperament ähnlich, wagte sich zwischen den Drachen und seinen Grimm, weil ihm das Leben und die Ehre des Königs mehr am Herzen lag als seine Gunst. Sir Thomas war Herr von Gilsland in Cumberland; die Normannen nannten ihn aber zumeist Lord von Baux, während die an ihrer Muttersprache hängenden Sachsen, stolz auf diesen berühmten Krieger ihres Stammes, ihn nie anders als Thomas von Gils oder vom Engen Tale nannten, von dem seine weitläufigen Besitzungen ihren Namen führten. Dieser Baron hatte sich in fast allen Kriegen zwischen England und Schottland, wie unter den verschiedenen Fehden der einheimischen Parteien, von denen das Vaterland zerrissen war, durch Geschick und Mut hervorgetan. Er war ein rauher Soldat, plump im Benehmen, verschlossen im Verkehr, unbekannt mit Weltklugheit und Lebensart. Manche behaupteten freilich auch von ihm, er sei zum mindesten ebenso schlau und ehrgeizig, wie plump und grob; aber es fiel niemandem ein, ihn in seinen Plänen zu stören oder mit ihm in gefahrvoller Pflege eines Patienten zu wetteifern, dessen Krankheit für ansteckend gehalten wurde, obendrein eines so hohen Kranken, wie Richard Löwenherz, der vor Ungeduld, in den Kampf zu ziehen und seine fürstliche Autorität zu betätigen, aus einem Wutanfall in den andern stürzte. Es war am Abend eines heißen Tages, als Richard auf seinem ihm ebenso verhaßten wie schmerzvollen Krankenbette lag. Sein helles blaues Auge, das stets einen ungemein lebhaften Glanz hatte, flammte förmlich vor Fieberglut und blickte unter seinen langen blonden Locken so scharf wie die letzten Strahlen der Sonne durch das Gewölk eines im Nahen begriffenen, durch ihren Glanz noch vergoldeten Ungewitters. Seine männlichen Züge verrieten die Fortschritte der verzehrenden Krankheit, und der vernachlässigte, ungepflegte Bart bedeckte Lippen und Kinn. Während er sich von einer Seite zur andern warf, bald die Decke über sich zerrend, bald sie ungeduldig wegstrampelnd, stand Thomas von Vaux, an Gesicht, Anstand und Benehmen der schärfste Kontrast zu dem leidenden Monarchen, vor seinem Lager. Ein Mann von riesenhafter Größe, behaart wie Samson, mit derbem, kraftvollem, durch zahlreiche Narben entstelltem Gesicht, die Oberlippe nach Normannen-Sitte von einem dicken Knebelbarte bedeckt, der sich im Haupthaare verlor, so lang war er; von einem Körper, so muskulös und ausdauernd, daß er dem Klima und all den Strapazen Trotz bieten konnte, galt er im Heere der Kreuzfahrer als der rührigste, tüchtigste, wichtigste Kämpfer. Das Zelt, worin er sich mit dem Könige befand, zeigte, dem Charakter des letzteren entsprechend, keine Spur von Luxus. Allerhand Waffen lagen oder standen umher, Häute von Jagdtieren bedeckten den Boden oder hingen an den Wänden. Dazwischen kauerten drei gewaltige Windhunde mit schneeweißem Fell. An einem Tische in der Nähe des Bettes lehnte ein dreieckiger Schild von gewundenem Stahl, auf dem sich die drei wandelnden Löwen befanden, die der ritterliche Monarch in sein Wappen aufgenommen hatte, darüber der einer Herzogskrone ähnliche Goldreif, der mit der die Krone einfassenden gestickten Tiara aus purpurnem Sammet damals das Sinnbild von Englands königlicher Herrschaft bildete. Neben dem königlichen Symbol, gleichsam zu seiner Wehr, lag eine gewaltige Streitaxt, für jeden als König Richards Arm zu schwer. In einem äußeren Abteil des Zeltes warteten einige Beamte des königlichen Haushaltes, in tiefer Unruhe über den Gesundheitszustand ihres Gebieters, nicht weniger auch über ihre eigene Sicherheit im Fall seines Todes. »Du hast mir nichts Besseres zu berichten, Sir Thomas?« fragte der König nach langem, düsterem Schweigen in fieberhafter Aufregung. »Alle unsere Ritter sind zu Weibern geworden? und all unsere Weiber zu Betschwestern? nirgends mehr sprüht ein Funke von Mut und Tapferkeit in einem Lager, das den Kern der Ritterschaft Europas enthält! Ha!« »Der Waffenstillstand,« erwiderte Thomas von Vaux wohl schon zum zwanzigsten Male mit Ruhe und Gelassenheit, »hindert uns an Taten; und was die Damen betrifft, nun, so bin ich kein Freund von Gelagen und vertausche Stahl und Leder selten gegen Gold und Samt. Doch, soviel ich weiß, warten unsere schönsten Schönen auf Ihre Majestät die Königin und die Prinzessin, um nach dem Kloster von Engaddi zu wallfahrten, wo sie Gelübde für die Genesung Eurer Hoheit erfüllen wollen.« – »Wir sind also dahin gekommen,« versetzte Richard mit fieberhafter Ungeduld, »daß königliche Frauen und Jungfrauen sich in einer Gegend in Gefahr begeben, wo die herumstreifenden Hunde dem Menschen so untreu sind, wie das Volk seinem Gott!« – »Mylord,« sagte, Thomas von Vaux, »Saladins Wort ist ihnen doch Bürgschaft genug.« – »Hm, hm!« entgegnete Richard, »ich habe dem heidnischen Sultan Unrecht zugefügt und bin ihm Genugtuung schuldig. Wollte Gott, ich könnte sie ihm in Person zwischen den beiden Heeren anbieten – vor den Augen des Christen- und des Heidentums!« Richard streckte bei diesen Worten den rechten Arm, bis an die Schulter entblößt, aus dem Bette, richtete sich mühsam in die Höhe und schüttelte die geballte Faust, als ob er Schwert oder Streitaxt über dem mit Juwelen besetzten Turban des Sultans schwenkte. Nicht ohne Anwendung von Gewalt, die der König schwerlich von einem anderen geduldet hätte, nötigte Thomas von Vaux seinen fürstlichen Gebieter, sich ins Bett zurückzulegen, und deckte den nervigen Arm mit Hals und Schulter fürsorglich wie eine Mutter zu. »Du bist ein rauher Wärter, aber Du meinst es gut, Thomas!« rief der König, bitter lachend, während er sich dem stärkeren Manne fügte... »Mich dünkt, eine Haube müßte Deinem grämlichen Gesicht so gut stehen, wie dem meinigen ein Häubchen. Kind und Amme müßten wir sein, zum Schrecken für alle.« – »Es sind auch schon Männer durch uns erschreckt worden, mein König,« sagte Thomas von Vaux, »und ich erlebe es wohl auch wieder. Was hat ein Fieberanfall zu bedeuten?« – »Fieberanfall?« rief Richard ungestüm. »Bei mir magst Du recht haben; aber wie stehts bei den übrigen christlichen Fürsten, bei Philipp von Frankreich, bei jenem dummen Oesterreicher, bei dem von Montserrat, bei den Hospitalitern, bei den Tempelrittern, wie stehts bei diesen? Ich will Dir sagen, was es bei ihnen ist: Lähmung, Schlaf oder Starrsucht ists, eine Krankheit, die ihnen Sprache und Tätigkeit raubt, ein Krebs, der ihnen am Herzen frißt! Das hat sie ihrem Rittergelübde untreu gemacht, das hat sie gleichgültig gemacht gegen Ruhm, das hat sie von ihrem Gott abwendig gemacht!« »Um Gottes Willen. Lehnsherr, nicht so heftig!« entgegnete Thomas von Vaux. »Man hört Euch ja draußen, und solche Aeußerungen sind schon zu verbreitet unter den gemeinen Soldaten und wecken Streit und Zwietracht unter dem christlichen Heere. Bedenkt, daß eben Eure Krankheit hauptsächlich ihre Tätigkeit lähmt!« »Du schmeichelst Deinem König, Thomas,« erwiderte Richard, und, für Lob nicht unempfindlich, legte er, bedächtiger als vordem, den Kopf auf das Kissen zurück. Aber Thomas von Vaux war kein Höfling und wußte nicht, wie er das Thema weiter ausspinnen sollte, um den König in der ruhigeren Stimmung zu erhalten. Drum schwieg er, bis Richard, wieder in seine düsteren Betrachtungen fallend, scharf sagte: »Fürwahr, das sind angenehme Worte, einen Kranken zu besänftigen. Entschwindet denn einem Fürstenbunde und der ganzen Ritterschaft Europas Mut und Kraft, wenn ein einziger erkrankt – und wäre dieser einzige auch zufällig König von England? Warum sollte Richards Krankheit oder Tod den Zug von dreißigtausend Mann aufhalten, die ebenso tapfer sind wie er? Warum treten die Fürsten nicht zusammen und wählen einen Stellvertreter zur Heerführung?« – »Mit Verlaub, Eure Majestät,« entgegnete Thomas von Vaux, »wie ich höre, sind hierüber Beratschlagungen unter den königlichen Befehlshabern gepflogen worden.« – »Ha!« rief Richard, dessen Eifersucht wach wurde und seinen Gedanken eine andere Richtung gab, »bin ich schon vergessen bei meinen Bundesgenossen, ehe ich noch das letzte Sakrament empfangen habe? Halten Sie mich schon für tot? Doch nein, nein! Sie haben recht. Und wen erwählten Sie denn zum Anführer des christlichen Heeres?« – »Wahrscheinlich den, König von Frankreich,« versetzte Thomas. – »Ei, versteht sich!« entgegnete der englische Monarch, »Philipp von Frankreich und Navarra, Seine allerchristlichste Majestät! wenn er bloß nicht » en avant « mit » en arrière « verwechselt und uns statt nach Jerusalem nach Paris zurückführt.« – »Man könnte vielleicht auch den Erzherzog von Oesterreich wählen,« meinte Thomas von Vaux. – »Er ist allerdings so dick und stark wie Du, Thomas, wohl auch so dickköpfig, doch nicht so gleichgültig gegen Gefahr und Beleidigung. Ich sage Dir, der Oesterreicher hat bei aller seiner Fleischmasse nicht mehr Mut als ein Zaunkönig. Fort mit ihm! Er ein Anführer der Ritterschaft zu ruhmvollen Taten? Eine Flasche Rheinwein laßt ihn saufen mit seinen schmutzigen Bärenhäutern und Landsknechten!« – »Wie denkt Ew. Majestät vom Großmeister der Tempelritter als Heerführer?« »Ei, Beau-Séant?« erwiderte der König. »Nun, gegen den läßt sich nichts sagen! Er versteht sich auf die Anordnung der Schlacht und kämpft, wenn sie beginnt, in den vordersten Reihen. Aber wäre es recht, dem heidnischen Saladin, der so ausgezeichnet an Tugenden ist, wie es nur ein Heide sein kann, das heilige Land zu entreißen, um es dem Giles Amaury zu geben, dem ärgsten aller christlichen Heiden, einem Götzendiener, Teufelsanbeter, Geisterbeschwörer?« – »Des Hospitaliter-Großmeisters Ruf ist frei von Tadel,« sagte Thomas von Vaux. »Ist er aber nicht ein schmutziger Geizhals?« rief Richard heftig. »Hat man ihn nicht in Verdacht, daß er den Ungläubigen Vorteile verschachert, die sie durch eigene Kraft nie errungen hätten? Still, Freund! Besser, das Heer venetianischen Schiffern und lombardischen Krämern zu überantworten als solchem Großmeister!« – »Wohlan, noch einen anderen Vorschlag,« entgegnete Thomas von Vaux. »Was sagt Ew. Majestät zu dem tapfern Marquis von Montserrat? dem weisen, stolzen, wackeren Kriegsmann?« »Weise? listig? meinst Du,« erwiderte Richard; »stolz? im Boudoir der Damen, ja! Konrad von Montserrat! wer kennt nicht diesen Papagei? er ändert ja seine Vorsätze, wie die Fransen an seinem Wams! Der ein Krieger? Eine schöne Figur, wenn er zu Pferde sitzt, ja! Auf dem Turnierplatz und vor den Schranken, auf stumpfe Schwerter und Pappschilder, steht er seinen Mann! aber um Jerusalem zu erobern?...« – »Nun, ich sehe schon, wie die Sachen stehen. Wir werden eben erst hoffen dürfen, am heiligen Grabe zu beten, wenn der Himmel König Richard wieder genesen läßt.« Richard brach in Lachen aus, zum erstenmal seit langer Zeit. »Es ist doch wunderlich bestellt mit dem Gewissen,« sagte er, »wenn selbst ein so schwerfälliger Patron, wie Du, seinem Fürsten das Geständnis seiner Torheit ablocken kann! Wahrlich, läge es nicht in ihrer Absicht, meinen Feldherrnstab zu führen, so früge ich nicht viel danach, den Puppen, die Du mir der Reihe nach zeigtest, ihre seidenen Zierate abzureißen. Was kümmert mich der Flitterstaat, worin sie einherstolzieren, falls sie nicht als Nebenbuhler in dem ruhmvollen Unternehmen auftreten, dem ich mich gewidmet habe! Ja, Thomas, ich gestehe meine Schwäche und meinen eigensinnigen Ehrgeiz. Ohne Zweifel enthält das christliche Lager manchen besseren Ritter als Richard von England; und klug und geziemend wäre es, dem besten unter ihnen die Führung des Heeres zu vertrauen; aber,« fuhr er fort, sich im Bette aufrichtend, und die Decke hastig von sich werfend, während sein Auge, wie am Vorabend einer Schlacht, funkelte, »wenn solch ein Ritter das Kreuz-Panier auf den Zinnen von Jerusalem aufpflanzen sollte, und ich könnte zu dem edlen Werke das meinige nicht beitragen, so forderte ich ihn, sobald ich wieder die Lanze führen könnte, auf Leben und Tod! Doch, horch! was ertönen dort in der Ferne für Trompeten?« – »Vermutlich König Philipps Trompeten,« entgegnete der tapfere Engländer. – »Du hörst schwer, Thomas,« rief der König, indem er versuchte, sich aufzurichten. »Hörst Du nicht das Klirren und Klingeln? Bei Gott, die Türken sind im Lager. Ich höre ihr Kriegsgeschrei!« Er versuchte von neuem, sich aufzurichten, und Thomas von Vaux mußte alle Kraft aufbieten, um ihn zurückzuhalten. – »Du bist ein treuloser Verräter, Thomas von Vaux,« rief der Monarch entrüstet, als er erschöpft auf sein Lager sank. »O, wenn ich doch nur Kräfte genug hätte, Dir mit meiner Streitaxt das Gehirn zu zerschmettern!« – »Ich wünschte, Ihr besäßet sie, edler Lehnherr,« entgegnete Thomas von Vaux, »denn für die Christenheit war es ein großer Vorteil, wenn Thomas Multon tot und Richard Löwenherz gesund wäre.« – »Mein wackerer Diener,« versetzte Richard, die Hand ausstreckend, die der Baron ehrerbietig küßte. »Vergib Deinem Herrn die Ungeduld und Heftigkeit! Es ist das brennende Fieber, das Dich schilt, und nicht Dein Dir wohlgesinnter Herr, Richard von England. Aber geh, bitte! und bringe mir Nachricht, was für Fremde im Lager sind; denn dieses Getöse rührt nicht von Christen her.« Thomas von Vaux verließ das Zelt, befahl aber den Pagen und Dienern des Kämmerers, während seiner Abwesenheit ein doppelt wachsames Auge auf ihren Gebieter zu haben. Siebentes Kapitel. Schottische Krieger hatten sich in beträchtlicher Zahl dem Heere der Kreuzfahrer angeschlossen, natürlich unter dem Befehl des englischen Monarchen, da sie, wie seine einheimischen Truppen vom sächsischen und normannischen Stamme, die gleiche Sprache redeten, einige unter ihnen sowohl in Schottland als England Güter besaßen, ja mitunter durch Bande des Mutes mit Engländern verwandt waren. Es war eben noch die Zeit vor Eduard dem Ersten, dessen unersättlicher Ehrgeiz den Haß zwischen diesen beiden Völkern ein und derselben Insel säen sollte. Zudem war König Richard jederzeit redlich bemüht, zwischen den ihm unterstellten Truppen eine versöhnliche Stimmung zu erhalten. Aber während seiner Krankheit und infolge der ungünstigen Lage, in welcher sich die Kreuzfahrer befanden, wuchs Zwietracht unter den verschiedenen Völkern empor, die sich zu dem Kreuzzuge zusammengeschart hatten. Schotten und Engländer, gleich eifersüchtig und gleich stolz, wie gleich empfindlich gegen Beleidigungen, nützten den Waffenstillstand, der ihnen Rache an den Sarazenen zu nehmen wehrte, zu Fehden und Streitigkeiten unter sich. Und wie unter ihnen, verhielt es sich zwischen Franzosen und Engländern, Italienern und Deutschen, selbst zwischen Dänen und Schweden. Unter den englischen Rittern, die ihrem Könige nach Palästina gefolgt waren, wollte Thomas von Vaux am wenigsten von den Schotten, wissen. Als ihr Nachbar war er von jeher mit ihnen in Fehden verwickelt gewesen, hatte manches Unheil über sie gebracht, auch nicht wenig von ihnen erlitten. Soviel es anging, mied er allen Umgang mit seinen schottischen Waffenbrüdern, verhielt sich ihnen gegenüber mürrisch und maß sie, wenn er sie auf dem Marsche oder im Lager traf, in der Regel mit verächtlichen Blicken. Die schottischen Barone und Ritter mochten sich das nicht gefallen lassen, und es kam so weit, daß er als der erklärte Feind ihres Volkes galt. Thomas von Vaux stand nur wenige Schritte vom Eingang zum königlichen Zelte, als er die Musik vernahm, die von den Pfeifen, Schallmeien und Trommeln der Sarazenen herrührte, und die das schärfere Öhr des englischen Königs schon minutenlang früher vernommen hatte. Bald nachher sah er im Hintergrunde einer Reine von Zelten, die einen breiten Weg zu Richards Pavillon bildeten einen Haufen müßiger Landsknechte um den fast im Mittelpunkte, des Lagers befindlichen Platz versammelt, woher die Töne drangen. Erstaunt sah er unter den Helmen von mancherlei Form, welche die Kreuzfahrer der verschiedenen Völker trugen, weiße Turbane und lange Spieße: sichre Anzeichen für die Anwesenheit bewaffneter Sarazenen, sowie mit ihren langen Hälsen über die Menge hinwegragend, große, ungestalte Köpfe von Kamelen und Dromedaren. Betroffen von einem so unerwarteten und seltsamen Anblick – denn es war Brauch, während der Dauer des Waffenstillstandes alle Waffen und Merkzeichen an einem bestimmten Orte, fern vom Feinde, außerhalb der Schranken zu lassen – sah sich der Baron ängstlich nach Aufklärung um. Der Ritter, der zuerst auf ihn zukam, war an seinem gravitätischen, stolzen Gange als Spanier oder Schotte auf den ersten Blick kenntlich... »Es ist doch ein Schotte,« murmelte Thomas von Vaux, als der Rittet näher herankam, »und zwar der Ritter vom Leoparden. Für einen Schotten sah ich ihn die Lanze gar nicht übel führen.« Aber er fühlte sich nicht gestimmt, das Wort an den schottischen Ritter zu richten und war schon im Begriff, ihn mürrisch vorübergehen zu lassen, als der Schotte auf ihn zuritt und ihn anredete: »Mein Herr Baron von Gilsland,« sagte er, »ich soll mit Euch sprechen.« – »Mit mir?« entgegnete der englische Baron. »Nun, so sagt, was Euch beliebt, so kurz wie möglich, ich bin hier im Auftrag des Königs.« – »Meine Botschaft geht König Richard noch näher an,« versetzte Ritter Kenneth... »ich bringe ihm hoffentlich Gesundheit.« Lord Gilsland maß den Schotten mit ungläubigem Blicke und antwortete: »Ihr seid doch kaum Arzt, Herr Schotte – eher hätte ich geglaubt, Ihr brächtet dem König von England Schätze?« Ritter Kenneth, so wenig ihm auch die Antwort des Barons gefiel, entgegnete ruhig und fest: »Richards Gesundheit ist Ruhm und Reichtum für die Christenheit... Doch die Zeit drängt; ich bitte Euch, kann ich den König sprechen?« – »Durchaus nicht eher, werter Herr,« sagte der Baron, »als bis Ihr Eure Botschaft deutlicher erklärt habt. Die Krankenzimmer der Fürsten öffnen sich nicht für jeden, wie eine nordische Schenke.« – »Mylord,« entgegnete Kenneth, »das Kreuz, das ich mit Euch gemeinsam trage, und die Wichtigkeit meiner Botschaft sind Ursache, weshalb ich mich über ein Benehmen hinwegsetze, das ich mir sonst nicht bieten ließe. Mit einem Worte: ich bringe einen maurischen Arzt mit, der König Richard in die Kur nehmen will.« – »Einen maurischen Arzt!« rief Thomas von Vaux. »Wer ist dafür Bürge, daß er nicht statt der Arzenei Gifte reicht?« – »Sein Kopf, Mylord, den er zum Unterpfande bietet!« – »Ich habe manchen verwegenen Räuber gekannt,« sagte Thomas von Vaux, »der sein eigenes Leben gering schätzte und fröhlich nach dem Galgen hüpfte, als wollte er mit dem Henker ein Tänzchen machen.« – »Aber die Sache verhält sich folgendermaßen: Saladin, dem niemand den Ruhm eines großmütigen, tapferen Feindes streitig machen wird, hat den Arzt mit ehrenvollem Geleit hierher gesandt, wie dies der hohen Achtung geziemt, in der El Hakim bei dem Sultan, steht. Er wünscht Richard von seinem Fieber hergestellt zu sehen, um ihm mit dem Säbel in der Faust und hundert Reitern im Gefolge seinen Besuch zu machen. Beliebts Euch als geheimem Rat des Königs, diese Kamele abladen zu lassen?« »Sonderbar!« sagte Thomas von Vaux für sich. »Aber, wer bürgt uns für Saladins Ehre, wenn Treulosigkeit ihn auf einmal von seinem mächtigsten Gegner befreien könnte?« – »Ich selbst will dafür bürgen mit meiner Ehre, meinem Leben und Hab und Gut.« – »Sonderbar!« sagte Thomas von Vaux abermals zu sich selbst. »Der Norden verbürgt sich für den Süden, der Schotte für den Türken! – Darf ich fragen, Herr Ritter, auf welche Weise Ihr in diese Angelegenheit verwickelt wurdet?« – »Ich war auf einer Pilgerfahrt,« erwiderte Ritter Kenneth, »mit Botschaft an den heiligen Eremiten von Engaddi.« – »Darf ich den Inhalt der Botschaft und die Antwort des frommen Mannes erfahren, Herr Ritter?« – »Leider nicht,« erwiderte der Schotte. – »Ich gehöre zum geheimen Rate Englands,« sagte der Engländer stolz. »Gegen England habe ich keine Untertanenpflicht,« versetzte Kenneth. »Zwar bin ich dem Rufe des englischen Monarchen freiwillig in diesen Krieg gefolgt, doch ward ich abgesandt von der Ratsversammlung der Könige, Fürsten und Oberfeldherren der Armee des heiligen Kreuzes, und an sie allein habe ich meine Botschaft auszurichten.« – »Was Du sagst!« erwiderte der stolze Baron. »So wisse denn: magst Du immerhin Botschafter von Königen und Fürsten sein, so soll doch kein Arzt sich dem Krankenbette Richards von England nahen, ohne Einwilligung des Lords von Gilsland; und der wird übel ankommen mit seiner Botschaft, der es wagt, sich ohne dieselbe einzudrängen.« Er war im Begriff, sich stolz hinwegzuwenden, als der Schotte, sich nähernd, ihm gegenüber trat und in ruhigem Tone, doch nicht ohne einen gewissen Ausdruck von Stolz, die Frage an ihn stellte, ob der Herr von Gilsland ihn für einen Edelmann und wackeren Ritter halte. – »Alle Schotten sind durch das Recht ihrer Geburt geadelt,« antwortete Thomas von Vaux etwas ironisch; doch seine eigene Unbilligkeit fühlend und Kenneths Erröten bemerkend, fügte er hinzu: »Daran zu zweifeln, daß Ihr ein wackerer Ritter seid, wäre Sünde, wenigstens für den, der Euch so brav und redlich Eure Pflicht erfüllen sah. Doch sagt mir, Herr Ritter vom Leoparden, tue ich recht, in einem Lande, wo Gift solche Rolle spielt, einen unbekannten Arzt zu einem Monarchen zu lassen, dessen Gesundheit der Christenheit so unschätzbar ist?« – »Mylord,« entgegnete der Schotte, »ich kann darauf nur antworten: Mein Knappe, der einzige, den Krieg und Krankheit mir von meinem Gefolge übrig gelassen haben, hat vor kurzem gefährlich an demselben Fieber gelitten, das König Richard befallen hat. Dieser Arzt, dieser El Hakim, hatte ihn noch keine zwei Stunden behandelt, als er schon in einen erquickenden Schlaf fiel. Daß er die Krankheit; die sich so verderblich gezeigt, heilen kann, weiß ich; daß er den Vorsatz hat, es zu tun, dafür bürgt uns, dünkt mich, seine Sendung von dem königlichen Sultan.« »Kann ich Euren kranken Schildknappen sehen, edler Ritter?« fragte der Engländer nach einer Weile. Der schottische Ritter verfärbte sich; endlich antwortete er: »Gern, Mylord; doch muß ich Euch bitten, bei dem Anblick meines armseligen Quartiers nicht zu vergessen, daß die Ritter und Edlen Schottlands nicht so köstlich speisen, nicht so weich schlafen, und nicht so glänzend wohnen, wie ihre südlichen Nachbarn.« Sie hatten bald den Platz erreicht, wo die aus Aesten gezimmerte, mit Palmblättern gedeckte Hütte des Ritters vom Leoparden stand, vor den andern kenntlich durch die wie ein Schwalbenschwanz geformte Fahne, die, an einer Speerspitze befestigt, schlaff herabhing, beinahe verbrannt von den Strahlen der asiatischen Sonne. Ritter Kenneth sah sich schwermütig um, aber er bezwang sich und trat ein, dem Lord winkend, ihm zu folgen. Das Innere der niedrigen Hütte wurde durch zwei Betten fast ausgefüllt. Das eine leere bestand aus einem Holzgestell, das mit gesammeltem Laube gefüllt und mit einem Antilopenfelle bedeckt war. In dem andern lag ein starker Mann von rauhen Gesichtszügen, dem äußeren Anschein nach über das mittlere Alter hinaus. Sein Lager war weicher als das seines Herrn eingerichtet, und dessen feine Gewänder, der lange Wappenrock, den die Ritter in Friedenszeit trugen, sowie die anderen zur Rittertracht gehörigen Kleidungsstücke dienten jetzt dazu, das Lager des kranken Knappen bequemer zu machen. Neben dem Bett saß auf einem von Tierhäuten verfertigten Kissen der maurische Arzt nach orientalischer Sitte mit übereinandergeschlagenen Füßen. Außer seinem schwarzen Bart, der bis über die Brust reichte, seiner hohen Tatarentmütze aus schwarzer Astrachanwolle und seinem ebenfalls dunklen weiten Kaftan war bei dem unvollkommenen Lichte nichts von ihm zu sehen, außer den durchdringenden Augen von fast magischem Glanze. Der Lord stand schweigend da; und eine, Zeitlang hörte man nichts, als das schwere und regelmäßige Atmen des Kranken, der von tiefem Schlummer umfangen schien. »Er hat sechs Nächte nicht geschlafen,« sagte Kenneth. – »Edler Schotte,« versetzte Thomas von Vaux, die Hand des Ritters herzlicher drückend, als er durch Worte verraten wollte, »Euer Knappe wird zu, schlecht gepflegt.« Bei den letzten Worten verstärkte er die Stimme, so daß der Kranke sich unruhig hin und her warf... Da erhob sich der Arzt, hob die Hand des Kranken auf, um seinen Puls zu befühlen, und trat dann zu den beiden Rittern... »Ich beschwöre Euch,« sagte er, »stört nicht die Wirkung der gesegneten Arzenei, die er genossen hat. Ihn jetzt zu wecken, hätte Tod oder geistige Umnachtung zur Folge. Kehrt aber zu der Stunde zurück, wo der Muezzin vom Minaret zum Abendgebet in die Moschee ruft; und bleibt der fränkische Krieger bis dahin ungestört, so verspreche ich Euch, daß er, ohne seiner Gesundheit zu schaden, ein kurzes Gespräch mit Euch führen und Euch antworten soll auf alles, worüber Ihr ihn fragt.« Darauf zogen die beiden Ritter sich zurück. Am Eingang zur Hütte blieben sie stehen, und Lord Gilsland verabschiedete sich mit dem Versprechen, zur Vesperzeit zurückzukehren, um dann mit dem maurischen Arzte zu sprechen, zuvor sich aber Instruktionen vom König Richard einzuholen. Achtes Kapitel »Eine seltsame Geschichte, Ritter Thomas,« sagte der kranke Monarch, als er den treuen Lord von Gilsland angehört hatte. »Glaubt Ihr, daß dieser Schotte ein aufrichtiger Mann ist?« – »Darüber kann ich nichts sagen,« entgegnete der eifersüchtige Grenzer; »ich habe die Schotten als Nachbarn bald redlich, bald falsch gefunden. Allein dieser Schotte benimmt sich wie ein ehrlicher Mann, das kann ich mit gutem Gewissen sagen.« – »Und sein Verhalten als Ritter, was sagt Ihr dazu?« fragte der König. – »Man hat zu seinen Gunsten gesprochen,« erwiderte Lord Gilsland ausweichend. – »Und mit Recht, Thomas,« sagte der König. »Wir sind wiederholt Zeuge seines ritterlichen Verhaltens gewesen und er hätte sich unserer Huld schon längst zu versehen gehabt, wenn wir nicht auch seinen Dünkel und seine Anmaßung bemerkt hätten. Aber Du sagtest doch, der Schotte habe jenen gelehrten Heiden in der Wüste getroffen?« – »Nicht doch, mein Lehnsherr. Wie der Schotte sagt, ist er zu dem alten Einsiedler von Engaddi, von dem die Leute soviel sprechen, gesandt worden.« – »Tod und Hölle!« unterbrach ihn Richard. »Von wem und weshalb? Wer hat es gewagt, jemand dorthin zu schicken, da unsere Gemahlin sich in dem Kloster von Engaddi befand, auf ihrer Wallfahrt für unsere Genesung?« – »Er ist von der Ratsversammlung des Kreuzzuges abgesandt worden,« antwortete Thomas von Vaux; »hat sich aber geweigert, mir mitzuteilen, zu welchem Zwecke. Ich glaube, es ist kaum bekannt im Lager, daß Eure königliche Gemahlin auf einer Wallfahrt begriffen ist. Ich zum wenigsten wußte es nicht, und selbst die Prinzen mögen es auch nicht wissen, denn die Königin wurde auf Euren Befehl aller Gesellschaft fern gehalten, um sie gegen Ansteckung zu schützen.« – »Wohlan, die Sache soll untersucht werden. In der Grotte von Engaddi also hat dieser schottische Gesandte einen fahrenden Arzt getroffen? War es nicht so?« – Nein, mein Lehnsherr. Aber er traf, dünkt mich, in der Nähe des Ortes einen Sarazenen-Emir, mit dem er, nach Rittersitte, einen Zweikampf ausfocht; und als er ihn des Umgangs tapferer Männer würdig fand, zogen sie miteinander, wie es fahrende Ritter zu tun pflegen, nach der Grotte von Engaddi.« Hier hielt Thomas von Vaux inne; denn er gehörte nicht zu denen, die eine lange Geschichte in einem Atem erzählen können. – »Trafen sie dort den Arzt?« fragte Richard ungeduldig. – »Nein, mein Lehnsherr,« erwiderte Thomas von Vaux. »Als der Sarazene die schwere Krankheit Ew. Majestät erfuhr, versprach er, daß Saladin seinen Leibarzt zu Euch senden werde, dessen große Geschicklichkeit er rühmte. Daraufhin kam der Arzt zur Grotte, wo der schottische Ritter über einen Tag auf ihn gewartet hatte. Er hat ein fürstliches Gefolge von Dienern zu Pferde und zu Fuß, mit Trommeln und Atabalen, und bringt Saladins Beglaubigungsschreiben mit.« – »Ist es von Giacomo Loredani untersucht worden?« fragte der König. – »Ich zeigte es dem Dolmetscher, ehe ich herkam, ich bringe Euch die Uebertragung in englischer Sprache.« Richard nahm das Pergament und las: »Der Segen Allahs und seines Propheten Mohammed...« – »Hinaus mit dem Hunde!« rief Richard, verächtlich ausspuckend – »Saladin, König der Könige, Sultan von Aegypten und Syrien, das Licht und die Zuflucht der Erde, entbeut dem großen Richard von England seinen Gruß. – Da uns berichtet worden, daß die Hand der Krankheit schwer auf Dir, unserem königlichen Bruder, ruht, und daß Du nur Nazarener und jüdische Aerzte bei Dir hast, die ohne den Segen Allahs und unseres heiligen Propheten wirken« – »Verderben über sein Haupt!« murmelte abermals der englische Monarch – »so haben wir zu Deiner einstweiligen Wartung und Pflege unseren eignen Leibarzt El Hakim zu Dir gesandt, vor dessen Antlitz der Engel Asrael seine Flügel ausbreitet und aus dem Krankenzimmer weicht. Indem wir dies tun, bitten wir Dich herzlich, seine Geschicklichkeit zu ehren und davon Gebrauch zu machen, und zwar nicht nur, damit wir Deinem Werte uns dienstlich erweisen und Deiner Tapferkeit, die allen Nationen Frangistans zum Ruhme gereicht, sondern damit der Streit, der jetzt zwischen uns obwaltet, beendigt werde, sei es durch schickliches Uebereinkommen oder durch Kampf im offenen Felde; denn wir fühlen, daß es weder Deinem Range und Deinem Mute geziemt, den Tod eines Sklaven zu sterben, noch daß es unserem Ruhme förderlich ist, daß ein tapferer Gegner durch eine solche Krankheit unseren Waffen entzogen werde. Und möge daher der heilige – « »Genug! genug!« rief Richard. »Ich will nichts mehr hören von diesem Hunde von Propheten! Es kränkt mich, wenn ich denke, daß der tapfere, ehrenwerte Sultan an einen toten Hund glaubt! – Aber ich will seinen Arzt sehen. Ich will mich diesem Hakim anvertrauen. Ich will dem edlen Sultan seine Großmut vergelten und ihm entgegengehen im Felde, wie er so rechtlich vorschlägt, und er soll keine Ursache haben, Richard von England undankbar zu nennen. – Eile, Thomas von Vaux! Warum zögerst Du bei einem so willkommenen Beschlusse? Hole den Hakim her!« – »Bedenkt,« sagte der Lord, in diesem Uebermaße von Zuversicht eine Wirkung des Fiebers befürchtend; »bedenkt, daß der Sultan ein Heide ist und daß Ihr sein furchtbarster Feind seid;« – »Umsomehr ist er genötigt, mir solchen Dienst zu leisten, damit nicht ein armseliges Fieber den Streit zwischen zwei Fürsten beendige. Ich sage Dir, er liebt mich, wie ich ihn liebe, wie edle Feinde stets einander lieben. Bei meiner Ehre! – Es wäre Sünde, Zweifel in seine Aufrichtigkeit zu setzen.« – »Nichtsdestoweniger wäre es gut, erst die Wirkung dieser Arzeneien auf den schottischen Knappen abzuwarten,« entgegnete Thomas von Vaux. »Mein eigenes Leben hängt daran; denn ich wäre wert, wie ein Hund zu sterben, verführe ich zu rasch in dieser Sache.« »So gehe denn, Du argwöhnischer Mensch, und beobachte die Wirkung dieser Arznei. Fast möchte ich wünschen, sie brächte mir, wenn nicht Gesundheit, den Tod. Denn ich habe es satt, wie ein an Klauenseuche verreckender Stier hier zu liegen, indes draußen Trommeln wirbeln, Rosse stampfen und Trompeten erklingen.« Der Lord eilte fort, aber mit dem Vorbehalt, seinen Auftrag zuvor einem Geistlichen mitzuteilen, weil sein Gewissen ihm Vorwürfe machte, daß sein Gebieter sich von einem Ungläubigen behandeln lassen wollte. Der Erzbischof von Tyrus war der erste, an den er sich wandte, weil er wußte, daß dieser einsichtsvolle Prälat viel bei Richard galt. »Aerzte,« sagte der Bischof zu Thomas von Vaux, »stiften, gleich den Arzneien, die sie verordnen, oft heilsamen Nutzen, und die Menschen mögen in ihrer Not auch zu dem Beistande von Heiden und Ungläubigen ihre Zuflucht nehmen. Aber ich kann meinen Verdacht gegen den listigen Sarazenen nicht unterdrücken, denn sein Volk ist geschickt in der Kunst, Gifte zu mischen; sie können Tuch und Leder, ja selbst Papier und Pergament mit dem feinsten Gifte sättigen – Heilige Maria, vergib mir! warum hielt ich, da ich dies Volk so gut kenne, dies Kreditiv so nahe an mein Gesicht? Thomas, nehmt es geschwind!« Hier reichte er es mit weit ausgestreckten Armen hastig dem Baron. »Kommt,« sagte er, »wenden wir uns nach dem Zelte des kranken Knappen, um zu sehen, ob der Hakim wirklich die Kenntnisse in der Heilkunde besitzt, deren er sich rühmt, und laßt uns dann erwägen, ob er sie an König Richard von England ausüben soll.« Als sie vor der armseligen Hütte stillstanden, in welcher Kenneth mit seinem Knappen hauste, sagte der Bischof: »Das muß man diesen schottischen Rittern lassen: sie sorgen schlechter für ihre Knappen, als wir für unsere Hunde.« – »Ein Herr handelt gegen seinen Diener gut genug, wenn er ihn nicht schlechter als sich selbst beherbergt,« versetzte Thomas und ging in die Hütte. Mit sichtbarem Widerwillen folgte ihm der Bischof. Der maurische Arzt saß noch mit verschränkten Füßen auf jener Matte von geflochtenen Blättern, auf der ihn Ritter Thomas schon beim ersten Besuch gesehen hatte, neben dem im tiefen Schlummer liegenden Kranken, dem er auch jetzt noch dann und wann an den Puls griff. »Bist Du ein Arzt, Ungläubiger?« fragte der Bischof, nachdem er eine Weile stumm dagestanden, in empfindlichem Tone. »Ich wollte mit Dir über Deine Kunst sprechen.« – »Verständest Du etwas von Medizin,« entgegnete El Hakim, »so wüßtest Du, daß Aerzte keine Beratung in der Krankenstube führen. Komm aus dem Zelte,« sagte er, indem er aufstand und den Weg zeigte, »wenn Du etwas mit mir zu sprechen hast.« Ungeachtet seiner einfachen Kleidung und geringen Größe im Vergleich zu der hohen Gestalt des Prälaten und der Riesenfigur des Barons lag doch im Antlitz und Benehmen des maurischen Arztes ein Ausdruck von Höhe, der den Bischof abhielt, seinem Unmut über die unhöfliche Abfertigung, die er von ihm erlitten hatte, Luft zu machen. Als sie sich außerhalb der Hütte befanden, betrachtete er den Arzt ein paar Minuten lang und brach endlich, durch sein jugendliches Aussehen befremdet, das Schweigen durch die Frage nach seinem Alter. – »Die Jahre gewöhnlicher Menschen,« sagte der Sarazene, »werden nach ihren Runzeln gezahlt, die der Weisen nach ihren Studien. Aelter als hundert Perioden der Hedschra wage ich mich nicht zu schätzen.« Er wollte damit sagen, seine Kenntnisse seien so reich, daß man hundert Jahre zu ihrer Erlernung bedürfe. Der Baron aber nahm die Rede buchstäblich, daß der Arzt sich ein Alter von hundert Jahren beimesse, und sah den Bischof mit bedenklicher Miene an. Dieser verstand zwar El Hakims Meinung besser, antwortete indes nur durch ein geheimnisvolles Kopfschütteln. Thomas von Vaux fragte nun, sich ein wichtiges Ansehen gebend, den Arzt, welches Zeugnis er für sein ärztliches Wissen aufzuweisen habe... »Ihr habt das Wort des mächtigen Saladin,« erwiderte der Weise, zum Zeichen der Ehrfurcht seine Mütze berührend – »ein Wort, das gegen Feind oder Freund noch nie gebrochen ward... Was verlangst Du mehr, Nazarener?« – »Einen greifbaren Beweis Deiner Kunst,« versetzte der Lord. »Ohne einen solchen darfst Du Dich dem Krankenlager König Richards nicht nahen.« »Der Ruhm des Arztes,« sagte der Araber, »ist die Wiedergenesung seines Kranken. »Sieh diesen Waffenträger! Sein Blut war verdorrt durch das Fieber, das Euer Lager mit Gerippen bedeckt hat und das keiner von Euren Aerzten zu heilen vermochte. Blick her auf diese Finger und Arme, die so hager sind, wie die Klauen des Kranichs. Schon heute morgen streckte der Tod seine Fänge nach ihm aus, doch war Asrael auf der einen, ich auf der anderen Seite des Lagers, und so konnte seine Seele nicht vom Körper abgeschieden werden. Störe mich nicht durch fernere Fragen, sondern warte den kritischen Zeitpunkt ab, und beobachte den Erfolg.« Der Arzt wandte sich jetzt zu seinem Astrolabium, dem Orakel morgenländischer Wissenschaft, bis die Zeit des Abendgebetes gekommen war. Da sank er auf die Knie, wandte das Gesicht gen Mekka und sagte die Gebete her, die den Arbeitstag der Moslemim beschließen. Der Bischof und der englische Lord blickten sich indes gegenseitig mit Zeichen der Verachtung und des Unmutes an. Doch hielten sie es nicht für schicklich, El Hakims Andacht zu unterbrechen, so unheilig sie ihnen auch scheinen mochte. Dieser erhob sich, als er zu Ende war, vom Boden und ging in die Hütte des Kranken, nahm aus einer silbernen Kapsel einen Schwamm, tauchte ihn in Spiritus und hielt ihn dem Schlafenden an die Nase. Darauf nieste derselbe mehrmals hintereinander, dann erwachte er und blickte erstaunt umher. Es war ein grausiger Anblick, dieses ausgedörrte Knochengerippe mit dem langen, runzligen Gesicht, in welchem die Augen wild umherrollten. »Kennt Ihr uns?« fragte der Baron. – »Nicht genau, Mylord,« entgegnete der Schildknappe matt und leise. »Ich habe lange geschlafen und schwer geträumt. Aber ich weiß, daß Ihr ein großer englischer Lord seid, wie das rote Kreuz zeigt, und dieser Herr da ein heiliger Prälat, um dessen Segen ich, armer Sünder, bitte.« – »Du hast ihn – Benedictio Domini sit vobiscum !« entgegnete der Bischof, das Zeichen des Kreuzes machend, ohne sich jedoch dem Bett zu nähern. »Ihr seid Zeugen,« sagte der Araber, »das Fieber ist bezwungen – er spricht klar und mit Bewußtsein, sein Puls geht so ruhig wie der Eurige. Untersucht ihn selbst!« Der Prälat lehnte es ab; aber Thomas von Vaux war resoluter und überzeugte sich durch einen Griff an den Puls des Patienten, daß das Fieber vorüber war. – »Höchst wunderbar,« sagte der Ritter, zum Bischof hinübersehend. »Der Kranke ist so gut wie hergestellt! Ich muß den Arzt sogleich zum König Richard bringen. Was meint Ew. Hochwürden dazu? – »Laßt mich erst die eine Kur vollenden, ehe ich die andere anfange,« sagte der Araber. »Ich will mit Euch gehen, sobald ich meinem Patienten den zweiten Becher dieses köstlichen Elixiers gereicht habe.« Mit diesen Worten zog er ein silbernes Geschirr hervor, füllte es aus einer am Bett stehenden Kürbisflasche mit Wasser, nahm einen kleinen netzförmig gestrickten, mit Silber umsponnenen seidenen Beutel, dessen Inhalt weder der Prälat noch der Ritter erkennen konnte, tauchte ihn in den Becher und verweilte nun fünf Minuten lang still und ruhig. Es kam dem Ritter wie dem Prälaten so vor, als wenn sich in dem Getränk eine Art Gärung vollzöge; aber sie war schnell vorbei. »Trink,« sprach der Arzt zu dem Kranken, »schlafe und erwache gesund.« – »Und mit diesem einfachen Trunk willst Du einen Monarchen kurieren?« fragte der Bischof von Tyrus. – »Ich habe einen Bettler kuriert, wie Ihr seht,« erwiderte der Weise. »Sind die Könige von Frangistan aus anderem Stoff?« – »Wir wollen ihn auf der Stelle zum König bringen,« sagte der Ritter von Gilsland. »Er hat gezeigt, daß er im Besitz des Mittels ist, das die Gesundheit des Königs wiederherstellen kann. Sollte König Richard es nicht gebrauchen, so halte auch ich alle Macht der Arznei an ihm verloren.« Sie wollten eben die Hütte verlassen, als der Patient mit schwacher, aber vernehmlicher Stimme bat, ihm zu sagen, was aus seinem teuren Herrn geworden sei. »Euer Herr ist auf einer weiten, ehrenvollen Reise, Freund,« erwiderte der Prälat, »die ihn noch einige Tage fernhalten dürfte.« – »Nein,« sagte der Lord von Gilsland, »warum den armen Menschen täuschen? – Freund, Dein Herr ist schon zurück, Du wirst ihn gleich sehen.« Der Kranke hielt seine welken Hände dankbar zum Himmel empor, und der einschläfernden Wirkung des Elixiers nicht länger widerstehend, sank er in sanften Schlummer. »Sir Thomas, Ihr sagtet,« nahm der Bischof mit sichtbarer Unruhe das Wort, »der Herr des Knappen sei zurück, der Ritter vom Leoparden?« – »Jawohl,« sagte Thomas von Vaux. »Ich habe ihn vor wenigen Stunden gesprochen. Unser gelehrter Arzt befand sich in seiner Gesellschaft.« – »Heilige Jungfrau! Warum sagtet Ihr mir das nicht früher?« entgegnete der Bischof mit sichtbarer Bestürzung. – »Ich sagte doch, der Ritter vom Leoparden sei in Gesellschaft des Arztes zurückgekehrt!« erwiderte Thomas von Vaux gleichgültig. »Doch was hat seine Rückkehr mit dem Arzte oder mit der Kur des Königs zu schaffen?« – »Viel, sage ich Euch, viel!« rief der Bischof, die Hände ringend, mit dem Fuße aufstampfend und durch allerhand unwillkürliche Zeichen seine Ungeduld verratend. »Doch wo mag der Ritter jetzt sein? Gott helf uns! Das kann zu schlimmen Irrtümern führen.« – »Vielleicht kann uns der Bursche draußen, der die Wache zu halten scheint, sagen, wohin sich der Ritter begeben hat,« meinte Thomas von Vaux, nicht wenig verwundert über die Unruhe des Bischofs. Der Bursche wurde gerufen und gab ihnen in einer fast unverständlichen Sprache endlich zu verstehen, der Ritter sei in das königliche Zelt bestellt worden, kurze Zeit vor ihrer Ankunft. Die Unruhe des Bischofs fiel selbst dem Lord auf, der doch weder ein scharfer Beobachter noch von Natur argwöhnisch war. Aber von dem Wunsche beseelt, sich schnell Klarheit zu schaffen, verabschiedete sich der Prälat von dem Ritter, der ihm verwundert nachblickte, ein paar mal mit den Achseln zuckte und dann den arabischen Arzt nach dem Zelt des Königs führte. Neuntes Kapitel. Lord Gilsland begab sich langsamen Schrittes, aber mit unruhiger Miene nach dem königlichen Zelte. Außer in der Schlacht traute er seinem Wissen nicht eben viel zu und pflegte deshalb sich wohl über Geschehnisse laut zu verwundern, nicht aber mit ihrer Erwägung sich viel zu befassen. Aber daß die Aufmerksamkeit des Bischofs von der merkwürdigen Kur, die sie mit angesehen hatten, so plötzlich abgelenkt wurde durch die Mitteilung über einen armseligen Ritter, der gegenüber dem englischen Adel eine ziemlich unbedeutende Rolle spielte, das kam ihm doch so eigentümlich vor, daß er, seiner Gewohnheit, nur einen untätigen Zuschauer vorübergehender Ereignisse abzugeben, völlig zuwider, sich über den Grund solch auffallender Erscheinung in allen möglichen Mutmaßungen erging. Schließlich kam er auf den Gedanken, daß innerhalb des Lagers der Verbündeten eine Verschwörung gegen König Richard im Gange sei, an der vielleicht auch der Bischof, nach mancher Meinung ein weltkluger Mann mit weitem Gewissen, Anteil habe. Er wußte recht gut, daß es seinem König immer beschert gewesen war, durch seinen Charakter sich Freunde und Feinde in ungefähr gleichem Maße zuzuziehen, und daß es selbst im Lager unter den durch ihren Eid verpflichteten Fürsten manche gab, die es gar nicht übel aufgenommen hätten, wenn Richard von England ins Verderben geraten oder wenigstens gedemütigt worden wäre. »Warum sollte nicht dieser El Hakim,« sagte er zu sich selbst, »mit seiner Kur an dem schottischen Knappen nur einen listigen Streich gespielt haben, an welchem der Ritter vom Leoparden mit dem Bischof ihren Anteil hatten?« – Diese Vermutung ließ sich freilich nicht recht mit der Bestürzung vereinigen, die den Bischof befallen hatte, als er hörte, der Ritter sei ins Lager zurückgekehrt; Thomas von Vaux stand aber bloß unter dem Einfluß allgemeiner Vorurteile, und diese bestärkten ihn in der Annahme, daß ein schlauer Priester, ein falscher Schotte und ein heidnischer Arzt sich zu solch bösem Werke zusammengetan hätten. Er nahm sich vor, dem König seine Besorgnis vorzutragen, denn von dessen Urteilskraft hielt er fast ebenso viel, wie von seiner Tapferkeit. Unterdessen waren aber ganz andere Dinge vorgegangen, als Thomas von Vaux vermutete. Er hatte kaum das königliche Zelt verlassen, als Richard aus Ungeduld, die noch durch das Fieber gesteigert wurde, über sein Ausbleiben zu murren anfing und lebhaft wieder nach ihm verlangte. Er plagte seine Wärter, nahm zu dem Brevier des Priesters, ja selbst zur Harfe seines Lieblingssängers seine Zuflucht, ohne jedoch Ablenkung von seinen Schmerzen zu finden. Endlich schickte er ein paar Stunden vor Sonnenuntergang, lange vor der Zeit, da er Nachricht über den Fortgang der Kur des arabischen Arztes erwarten konnte, einen Boten nach dem Ritter vom Leoparden ab, um genaueren Bericht über die Ursache seiner Entfernung vom Lager, wie über die Umstände seiner Zusammenkunft mit dem berühmten Arzte zu erhalten. Der schottische Ritter war dem Monarchen kaum von Ansehen bekannt, obgleich er bei solchen Gelegenheiten, wo Englands Gastfreundschaft allen Rittern Zutritt zum königlichen Hofe gewährte, niemals gefehlt hatte. Der König faßte den Ritter, der sich seinem Bette näherte, scharf ins Auge; der Ritter beugte ehrerbietig das Knie, wie es einem Krieger in Gegenwart seines Fürsten geziemte. »Dein Name ist Kenneth vom Leoparden,« sagte der König. »Wer schlug Dich zum Ritter?« – »Wilhelm, der Löwe von Schottland,« entgegnete Kenneth – »Wir haben gesehen,« sagte drauf der König,»daß Du Dich im Schlachtgewühl tapfer und ritterlich geführt hast. Du hast noch nicht vernommen, daß uns Deine Dienste bekannt sind, weil Du Dir in anderer Hinsicht Dinge anmaßest, die Dir nicht zustehen, – darum können wir Deine Dienste nicht angemessen belohnen ... Was sagst Du, he?« Kenneth wollte sprechen, fand aber die rechten Worte nicht, weil ihn das Bewußtsein seiner ehrgeizigen Liebe verwirrte und der scharfe Blick Richards, der sein Innerstes zu durchdringen schien, in Unruhe und Bange setzte. »Doch genug davon,« rief der König; »jetzt sagt mir, Herr Ritter, weshalb und auf wessen Antrieb Ihr Eure letzte Reise nach dem Toten Meere und nach Engaddi unternommen habt?« – »Im Auftrage der hohen Ratsversammlung der Fürsten,« entgegnete der Ritter. – »Wie durfte es jemand wagen, Euch einen solchen Auftrag zu geben, da ich – offenbar nicht der geringste im Bunde der Fürsten, nichts davon wußte?« – »Euer Hoheit wolle bedenken, daß es mir nicht zukam, mich nach solchen Umständen zu erkundigen. Ich bin ein Soldat des Kreuzes unter dem Banner Eurer Majestät, demungeachtet verbunden, den Befehlen der Fürsten und Heerführer zu gehorchen, die das heilige Unternehmen leiten.« – »Gut,« versetzte Richard, »der Tadel trifft nicht Dich, sondern gewisse Bundesfürsten, mit denen ich, wenn mich der Himmel von diesem verwünschten Lager erlösen sollte, strenge Abrechnung zu halten hoffe. Worauf richtete sich Deine Sendung?« – »Mich dünkt, Majestät, diese Frage würde am besten an diejenigen Fürsten gerichtet, die mich absandten. Ich kann nur von der äußeren Beschaffenheit meiner Sendung sprechen.« – »Betrügt mich nicht, Herr Schotte – das könnte Euch das Leben kosten,« entgegnete der reizbare Monarch. – »Mein Leben,« erwiderte der Ritter, »war mir immer gleichgültig, seit ich mich dem Kreuzzuge weihte.« – »Du bist ein wackrer Bursche!« rief der König: »ich liebe das schottische Volk, die Schotten sind kühn und ehrlich, wenn auch mürrisch und dickköpfig. Mir seid Ihr vielleicht zu einigem Dank verpflichtet, denn ich bin immer bestrebt gewesen, mir unabhängige Freunde zu verschaffen, während frühere Könige Englands sich nur trotzige Vasallen erzwangen.« – »Alles dies,« versetzte Ritter Kenneth, sich verbeugend, »habt Ihr vollzogen durch fürstlichen Vertrag mit unserem Herrscher zu Canterbury. Darum sind Euch viele schottische Männer in den Krieg gegen die Ungläubigen gefolgt, während sie sonst vielleicht die Grenzen Englands verheert hätten.« – »Das gebe ich zu,« sagte der König; »Doch laßt mir als Hauptglied des christlichen Bundes die Gerechtigkeit widerfahren, mir mitzuteilen, was ich zu wissen berechtigt bin, und was ich offenbar, sicherer von Euch als irgend einem andern erfahre.« »Mein gnädigster König,« entgegnete der Schotte, »vernehmen also Ew. Majestät, daß ich durch den Einsiedler von Engaddi, einen heiligen, von Saladin selbst geehrten und beschirmten Mann, den Auftrag empfing, Vorschläge zur...« – »Zur, Verlängerung des Waffenstillstandes zu machen« unterbrach ihn Richard schnell; »nicht wahr?« – »Nein, beim, heiligen Andreas! sondern zu einem dauerhaften Frieden, und Bedingungen festzustellen über den Abzug unserer Heere aus Palästina.« »Heiliger Georg!'« rief Richard erstaunt; »nie hätte ich mir träumen lassen, daß sie sich so tief erniedrigen würden. – Wie nahmt Ihr eine solche Botschaft auf, Ritter?« – »Sie war mir willkommen, mein König,« entgegnete Kenneth, »weil wir unseres edlen Anführers verlustig gingen, unter dessen Leitung ich allein auf Sieg hoffte« – »Und auf welche Bedingungen hin sollte dieser Friede geschlossen werden?« fuhr Richard fort, kaum imstande, den Unmut zu unterdrücken, der ihm fast die Brust sprengte. – »Ich übergab sie versiegelt dem Einsiedler.« – »Und für wen haltet Ihr diesen Einsiedler?« fragte Richard. »Für einen Narren, Tollhäusler, Verräter oder Heiligen?« – »Nach meinem Dafürhalten, Sir,« entgegnete der schlaue Schotte, »ist seine Narrheit bloße Maske, um sich in Gunst und Ehrfurcht bei den Heiden zu setzen, denn sie halten Wahnsinnige für gottbegnadete Personen.« – »Und was hältst Du von seinen Kasteiungen?« fragte der Monarch, sich wieder auf sein Lager zurückwerfend, von dem er sich leicht erhoben hatte. – »Seine Bußübungen,« erwiderte Kenneth, »haben mir den Eindruck der Aufrichtigkeit gemacht – sie rühren wohl her aus Gewissensbissen über ein furchtbares Verbrechen, das ihn in ewige Verdammnis, wenigstens nach seiner Anschauung, gestürzt hat.« – »Und wie denkt er über die politische Lage?« fragte Richard. – »Mich dünkt, er zweifelt an der Sicherheit Palästinas ebenso wie an seiner eigenen Seligkeit, wenn nicht ein Wunder geschieht – wenigstens seit Richards Arm aufgehört hat, für dies Land zu kämpfen.« – »Und darum deckt sich die feige Politik dieses Eremiten mit jener dieser kläglichen Fürsten, die ihr Rittertum und ihre Treue vergessen konnten und nur Entschlossenheit entwickeln, wenn es den Rückzug gilt.« – »Verzeiht mir, gnädigster König,« sagte der schottische Ritter, »diese Unterredung setzt Euch wieder in Fieber; und aus Eurer Krankheit erwächst der Christenheit größerer Schaden als aus den Scharen der Heiden.« – »Ihr versteht zu schmeicheln, Ritter,« sagte Richard, »aber Ihr entschlüpft mir nicht. Ich muß noch mehr von Euch erfahren. Sahet Ihr meine königliche Gemahlin zu Engaddi?« – »Meines Wissens nicht,« entgegnete Kenneth bestürzt; denn ihm fiel die mitternächtliche Prozession in der Felsenkapelle ein – »Ich frage Euch,« fuhr der König ernster fort, »ob Ihr nicht in der Kapelle der Karmeliter-Nonnen zu Engaddi waret und dort Berengaria sahet, die Königin von England, nebst ihren Hofdamen, die dorthin wallfahrteten?« – »Gnädigster König,« antwortete Ritter Kenneth, »ich will die Wahrheit sprechen, wie im Beichtstuhle. In einer unterirdischen Kapelle, zu der mich der Anachoret führte, sah ich einen Chor von Damen einer heiligen Reliquie ihre Verehrung erweisen. Allein, da ich ihr Antlitz nicht sah und ihre Stimmen nicht hörte, außer in den Hymnen, die sie sangen, kann ich nicht sagen, ob die Königin von England sich in ihrer Mitte befand.« – »Kanntet Ihr keine dieser Damen?« fragte Richard . . . Kenneth schwieg. – »Ich frage Euch,« fuhr der König fort, sich auf den Ellbogen stützend, »als Ritter und Edelmann, – und Eure Antwort soll mich lehren, wie Ihr beides schätzt, – kanntet Ihr eine Dame unter dieser andächtigen Versammlung?« – »Ich möchte nicht Nein sagen,« sagte Kenneth in großer Verlegenheit. – »Auch ich kann nur mutmaßen,« unterbrach ihn Richard, finster die Stirne runzelnd. »Doch genug davon. Als Leopard, Herr Ritter, hütet Euch, den Leu zu reizen, versteht Ihr? Sich in den Mond zu verlieben, wäre nur Torheit; aber von der Zinne eines hohen Turmes zu springen, in der ungereimten Hoffnung, zu ihm hinauf zu gelangen, wäre Selbstmord.« In diesem Augenblicke ward Geräusch im äußeren Gemache laut, und der König, schnell wieder seine gewöhnliche Weise annehmend, sagte: »Genug davon. Eilt zu Thomas von Vaux und schickt ihn her mit dem arabischen Arzte. Ich stehe mit meinem Leben für des Sultans Redlichkeit. Wollte er nur seinen falschen Glauben abschwören, so hülfe ich ihm mit meinem Schwerte diesen Abschaum von Franzosen und Österreichern aus seinem Gebiete vertreiben.« Der Ritter vom Leoparden entfernte sich, und gleich darauf wurden durch die Kämmerer Abgesandte der Ratsversammlung angemeldet, die dem Könige ihre Aufwartung machen wollten. »Gut, daß sie wenigstens meinen, ich sei noch am Leben,« war seine Antwort. »Wer sind die Abgesandten?« – »Der Großmeister des Templerordens und der Marquis von Montserrat.«. – »Unser Bruder von Frankreich liebt keine Krankenbetten,« sagte Richard; »und gleichwohl, wäre Philipp krank gewesen, ich hätte schon längst an seinem Lager gestanden. – Jocelyn, bring das Bett in Ordnung; es ist zusammengeschüttelt, wie von stürmischer See. Kämme mir auch Haar und Bart, die einer Löwenmähne tatsächlich ähnlicher sehen als Christenlocken. Gib mir auch Wasser!« – »Majestät,« sagte der Kämmerling zitternd, »die Aerzte sagen, kaltes Wasser sei gefährlich.« – »Hol sie der Teufel, diese Aerzte!« entgegnete Richard. »Wenn sie mich nicht kurieren können, will ich mich auch nicht von ihnen schinden lassen. So!« fuhr er fort, nachdem er sich gewaschen hatte, »jetzt laß die würdigen Gesandten herein!« Der Großmeister der Tempelherren war ein langer, hagerer Mann mit müdem, doch durchdringendem Auge, und einer Stirn, der tausend schwarze Intriguen ihren Stempel aufgeprägt hatten. Er stand an der Spitze jenes seltsamen Ordens, dem die Körperschaft alles, das Individuum aber nichts galt. Er trug das lange, weiße Feiertagsgewand und den Abacus, jenen geheimnisvollen Amtsstab, dessen eigentümliche Form zu dem Argwohne führte, daß diese Brüderschaft christlicher Ritter sich unter den ärgsten Symbolen des Heidentums verbunden habe. Konrad von Montserrat dagegen zeigte ein viel gefälligeres Aeußere als jener finstere, geistliche Krieger, der sich in seiner Begleitung befand. Er war ein schöner Mann im mittleren Alter, kühn in der Schlacht, einsichtsvoll im Rat, fröhlich bei Festlichkeiten: doch zeihte man ihn einer veränderlichen Sinnesart, der Engherzigkeit, Selbstsucht und Ehrsucht. Nach den üblichen gegenseitigen Begrüßungen erging sich der Marquis in der Auseinandersetzung der Gründe ihres Besuches.. »Erkundigung einzuziehen über das Befinden ihres hohen Bundesgenossen, des tapferen Königs von England,« sagte er, »ist der Hauptzweck, der die hohen Fürsten vom Rate der Kreuzfahrer bestimmte, uns zu entsenden...« – »Wir wissen, welchen Wert die Fürsten auf unsere Gesundheit legen,« erwiderte der König; »aber wäre es Euch gefällig, Ihr Herren, Euch in das anstoßende Zelt zu verfügen? Ihr sollt dort auf der Stelle sehen, wie wir das Wohlwollen und die Fürsorge unserer fürstlichen Bundesgenossen zu schätzen wissen.« Kaum standen sie in dem Außenzelte, als El Hakim, der morgenländische Arzt, in Begleitung des Barons von Gilsland und Kenneths eintrat. Der Arzt verneigte sich vor dem Marquis und dem Großmeister nach orientalischer Sitte. Der Großmeister erwiderte seinen Gruß mit Kälte, der Marquis dagegen mit freundlicher Höflichkeit. Es entstand eine Pause, in welcher der Großmeister den Muselman fragte: »Ungläubiger, Du hast den Mut, Deine Kunst an der Person eines gesalbten Fürsten der Christenheit zu versuchen?« – »Die Sonne Allahs,« antwortete der Weise, »leuchtet für den Nazarener wie für den wahrhaft Gläubigen, und sein Diener macht keinen Unterschied zwischen ihnen, wenn er zur Ausübung seiner Heilkunde gerufen wird.« – »Irrgläubiger Hakim,« sagte der Großmeister, »weißt Du, daß Du von wilden Pferden zerrissen wirst, wenn König Richard unter Deiner Behandlung stirbt?« – »Das wäre harte Rechtspflege,« antwortete der Arzt, »insofern ich nur menschliche Mittel gebrauchen kann, und der Ausgang im Buche des Lichts geschrieben steht.« – »Ehrwürdiger Großmeister,« sagte der Marquis von Montserrat, »bedenkt, daß dieser gelehrte Mann nicht bekannt ist mit unserer christlichen Vorschrift, die in der Furcht Gottes und zum Heil seines Gesalbten dekretiert wurde. Wisse denn, ehrwürdiger Arzt, daß Du am besten tust, Dich vor den hohen Rat unseres heiligen Bundes zu stellen, und in Gegenwart christlicher Gelehrten Rechenschaft zu legen über die Mittel, die Du zur Kur solches erlauchten Kranken anzuwenden gedenkst. Auf diese Art entgehst Du aller Gefahr, durch zu rasche Bereitwilligkeit Dich in schwere Verantwortung zu stürzen.« »Ihr Herren,« erwiderte El Hakim, »ich verstehe Euch wohl. Aber Sultan Saladin, mein gnädiger Fürst, hat mir befohlen, diesen Nazarener-König zu heilen, und mit dem Segen des Propheten werde ich diesem Befehle gehorchen. Gelingt mir es nicht, so biete ich meinen Leib Euren Schwertern dar. Aber Gespräche führen mit Ungläubigen über die Heilkraft von Arzneien, die ich durch die Gnade des Propheten kennen lernte, werde ich nun und nimmer. Darum haltet mich nicht länger auf.« – »Wer spricht von dergleichen?« sagte Thomas von Vaux, der jetzt ins Zelt eintrat. »Wir wurden schon zu lange aufgehalten. Ich grüße Euch, Marquis und Euch, Herr Großmeister; aber ich muß mich auf der Stelle mit diesem Arzte zum König verfügen.« »Lord Gilsland,« sagte der Marquis in normannischem Französisch, »Ihr wißt doch, daß wir hier sind, um von seiten der Fürsten vorstellig zu werden, welche Gefahr die Gesundheit König Richards in den Händen eines heidnischen Arztes läuft?« – »Marquis,« versetzte der Engländer grob, »ich verstehe mich nicht auf viel Worte und höre auch nicht gern viel Worte. Aber ich glaube, was meine Augen gesehen, was meine Ohren gehört haben, und darum glaube ich, daß dieser Heide den König Richard zu heilen vermag, und glaube, daß er ihn auch heilen wird. Die Zeit ist kostbar; und somit Gott befohlen, Ihr Herren.« – »Nicht doch,« sagte Konrad von Montserrat, »der König selbst hat gewünscht, wir möchten bei der Behandlung zugegen sein.« Thomas von Vaux besprach sich leise mit dem Kämmerer, dann sagte er: »Wenn Ihr Euch ruhig verhaltet, so seid willkommen, Ihr Herren; stört Ihr aber den Arzt in seiner Kur, so muß ich Euch ohne Rücksicht auf Euren hohen Rang aus Richards Zelt entfernen. Frisch vorwärts, El Hakim!« Der Großmeister warf auf den unhöflichen Krieger einen grimmigen Blick; seine Stirn hellte sich aber auf, als sein Auge auf den Marquis fiel. Beide folgten dem Ritter und dem Araber in das königliche Zelt, wo Richard auf seinem Lager sie mit Ungeduld erwartete. »Hoho!« rief er, »eine erlauchte Gesellschaft, die meinen Sprung ins dunkle Grab mit ansehen will. Seid gegrüßt als Stellvertreter unserer Bundesversammlung, Ihr Herren! Richard will wieder unter Euch der alte sein, oder Ihr sollt seine Ueberreste zu Grabe tragen. Wohlan, Herr Hakim, ans Werk!« Der Arzt befühlte lange und aufmerksam den Puls, während alle in atemloser Erwartung umherstanden. Dann füllte er den Becher mit Quellwasser und tauchte den kleinen roten Beutel hinein, den er wie voriges mal aus seinem Busen nahm. Als er den Trank hierauf dem König reichen wollte, kam dieser ihm zuvor: »Einen Augenblick, Doktor! Du hast meinen Puls gefühlt, laß mich nun auch den Deinigen fühlen... Ich verstehe, wie es einem tüchtigen Ritter geziemt, auch einiges von Deiner Kunst.« Der Araber reichte ihm die Hand ohne Bedenken, und einen Augenblick lang lagen seine langen, schmalen Finger in der großen Hand des Königs gleichsam begraben. »Sein Blut geht ruhig,« sagte Richard. »So klopfen die Adern nicht bei einem Menschen, der einen König vergiften will. Thomas von Vaux, mag ich das Leben behalten oder sterben, so entlaß diesen Arzt in Ehren und Sicherheit. Empfiehl uns, Freund, dem edlen Saladin! bleibe ich am Leben, so werde ich ihm den Dienst danken, wie es sich einem Krieger gegenüber gebührt.« Er richtete sich jetzt im Bette auf, nahm den Becher, leerte ihn bis auf den Boden, dann gab er ihn dem Araber zurück und sank erschöpft auf die Kissen. Der Arzt winkte den Rittern, sich zu entfernen; aber während die übrigen dem Winke folgten, ließ Thomas von Vaux sich durch keine Vorstellungen bewegen, das Zelt zu verlassen. Zehntes Kapitel. Montserrat und der Großmeister des Tempelritter-Ordens sahen, als sie vor dem königlichen Zelt standen, in dem sich der im letzten Kapitel geschilderte Auftritt abgespielt hatte, daß eine starke Wache mit Streitäxten und Bogen davor aufzog. Die Krieger blickten so trübe, als folgten sie einem Leichenzuge, und schritten so behutsam, daß man kein Schild, kein Schwert klirren hörte. Vor den beiden hohen Herren senkten sie mit tiefer Ehrerbietung, doch unter demselben tiefen Schweigen die Waffen. »Die Laune dieser insularen Köter hat sich recht geändert,« sagte der Großmeister zu Konrad von Montserrat, als sie an Richards Leibwache vorbei waren. »War hier sonst ein Lärmen und Toben! immer, als ob sie bloß Jahrmarkt und Kirmes zu feiern hätten.« »Kettenhunde sind treu,« entgegnete Kunrad, »und der König, ihr Herr, hat ihre Anhänglichkeit dadurch gewonnen, daß er immer mit jubiliert hat, sobald ihm der Sinn danach stand.« – »Er ist aus lauter Launen zusammengesetzt,« erwiderte der Großmeister. »Habt Ihr wohl gehört, wie er uns, statt ein Gebet zu sprechen, beim Becher hochleben ließ?« »Er hätte die Wirkung dieses Bechers schon empfunden,« antwortete der Marquis, »wäre Saladin ein Türke, wie jeder andere; er gibt sich aber den Anschein von Treue, Redlichkeit und Rittersinn, als ob solch ungetaufter Hund, wie er, das Recht dazu hätte... Es heißt ja sogar, er habe dem Könige von England das Ansinnen gestellt, ihn in den Schoß des Rittertums aufzunehmen.« – »Beim heiligen Bernhard,« rief der Großmeister, »da wäre es Zeit, Wehrgehenk und Sporen wegzuwerfen.« Sie waren jetzt zu ihren Pferden gelangt, die in einigem Abstande vom königlichen Zelt, umringt von einer stattlichen Schar von Knappen und Pagen, auf einem Rasenflecke ästen. Konrad schlug nach einer kleinen Pause vor, Rosse und Gefolge zu entlassen und sich durch das ausgedehnte Christenlager zu Fuß nach ihrer Wohnung zu begeben. Der Großmeister war damit einverstanden. Sie machten sich auf den Weg durch die breite Esplanade zwischen den Zelten und den äußeren Festungswerken. Auf diesem verhältnismäßig einsamen Wege konnten sie sich heimlich und unbemerkt, ausgenommen von den Schildwachen, an denen sie vorbeikamen, unterhalten. Vom Lager und Kreuzzuge ging ihr Gespräch auf ein interessanteres Thema über... »Wenn es sich mit Eurer Tapferkeit und Frömmigkeit vertrüge, ehrwürdiger Ritter Giles Amaury,« sagte nach ziemlich langer Pause der Marquis mit einem Blick auf das düstere starre Angesicht des Templers, »so möchte ich Euch bitten, das dunkle Visier, das Ihr tragt, zu lüften und Euch Auge in Auge mit einem Freunde zu unterhalten.« – Der Templer lächelte. »Es gibt auch helle Masken,« sagte er, »die das Gesicht so gut wie dunkle Visiere verbergen.« – »Das will ich nicht bestreiten,« antwortete der Marquis, die Hand ans Kinn legend mit einer Bewegung, als ob er seine Maske abnehme; »sie ist gefallen, die helle Maske, die Euch störte... was haltet Ihr von den Aussichten dieses Kreuzzuges?« – »Ich will Euch,« sagte der Großmeister, »mit einer Parabel antworten, die mir ein Heiliger der Wüste erzählte: Ein Landwirt betete zum Himmel um Regen und murrte, als keiner fiel, über seine Not. Zur Strafe für seine Ungeduld sandte ihm Allah den Euphrat über Haus und Hof. Da hatte er Wasser genug, aber weder Haus mehr noch Hof, es zu brauchen, das war der Lohn für seine Ungeduld.« »Wahr gesprochen!« antwortete der Marquis. »Hätte doch das Meer neun Zehntel von der Seemacht dieser christlichen Fürsten verschlungen! Das letzte Zehntel hätte den Plänen der Edlen Palästinas mehr genützt als das ganze lateinische Königreich Jerusalem.« – »Allerdings,« erklärte der Templer; »aber es kann den Kreuzfahrern doch gelingen, auf den Mauern Zions das Kreuz wieder aufzupflanzen.« – »Was wird das dem Templer oder Montserrat helfen?« meinte der Marquis. – »Euch könnte es schon helfen,« entgegnete der Großmeister, »Ihr könnt doch König von Jerusalem werden.« – »Das klingt ja sehr schön,« sagte der Marquis, »aber recht hohl. Gottfried von Bouillon wählte am besten die Dornenkrone als Wappenbild. Ich muß wohl sagen, Großmeister, die morgenländische Regierungsform ist mir durchaus sympathisch. Eine Monarchie sollte nur aus König und Untertanen bestehen, entsprechend dem Urbegriffe: ein Hirt und seine Herde. Ein König soll frei auftreten, Großmeister, nicht hier durch einen Graben, dort durch ein Festungswerk, hier durch ein Lehnsvorrecht, dort durch eine Baronie gehemmt werden. Um mich kurz zu fassen, so sehe ich wohl, daß die Ansprüche Guidos von Lusignan auf den Thron den meinigen vorgehen müßten, wenn Richard wieder genäse.« – »Genug,« erwiderte der Großmeister, »Du hast mich von Deiner Aufrichtigkeit überzeugt.« – »Du wirst doch nichts verraten?« fragte Montserrat, ihn argwöhnisch musternd. »Verlaß Dich drauf, ich trete in die Schranken gleich dem besten Templer, der je eine Lanze einlegte.« – »Dennoch wirst Du scheu vor einem mutigen Rosse,« erwiderte der Großmeister: »immerhin schwöre ich Dir bei dem heiligen Tempel, dessen Verteidigung unser Orden gelobt hat, daß ich Dir als treuem Waffenbruder Verschwiegenheit bewahren werde.« – »Bei welchem Tempel?« sagte Montserrat, dessen Spottliebe seiner Klugheit oft ein Schnippchen schlug. »Schwörst Du bei jenem Tempel auf Zion, von König Salomo erbaut, oder bei dem symbolischen Gebäude, von welchem im Rate Deines mächtigen Ordens unter den Gewölben Eurer Pfründen die Rede gewesen sein soll?« Der Templer warf ihm einen giftigen Blick zu, antwortete jedoch ruhig und gelassen: »Bei welchem Tempel ich auch schwören mag, Marquis, so halte Dich überzeugt, daß mein Eid mir heilig ist. Ich möchte wohl wissen, wie ich Dich durch einen Eid von gleicher Kraft binden könnte.« »Ich will die Wahrheit schwören,« sagte der Marquis lachend, »bei meiner kleinen Krone, die ich vor Ausgang dieses Krieges in etwas Besseres zu verwandeln hoffe. Ein Herzogshut böte ihr wärmeren Schutz gegen die Nachtluft, noch besser freilich wäre eine Königskrone, mit Hermelin und Sammet abgefüttert. Mit einem Worte, wir sind durch unser Interesse aneinander geknüpft, denn wähne nicht, Großmeister, daß diese verbündeten Fürsten, falls sie Jerusalem wieder erobern und einen König aus eigener Wahl einsetzen sollten, Deinem Orden oder meinem armen Marquisat die Unabhängigkeit ließen, deren sich beide jetzt erfreuen. Nein! Bei der heiligen Jungfrau! Dann müssen die stolzen Johanniterritter wieder in den Hospitälern Pflaster streichen, und Ihr hochmächtigen und ehrwürdigen Templer müßt wieder stramme Krieger werden, zu dritt auf einer Streu schlafen und zu zweit auf einem Pferde reiten, wie es noch jetzt auf Eurem Siegel zu lesen steht.« – »Rang, Vorrechte und Schätze unseres Ordens würden solcher Erniedrigung vorbeugen,« entgegnete der Templer stolz. – »Das ist eben Euer Verderben!« sagte Konrad von Montserrat! »Ihr wißt so gut wie ich, daß die erste Maßregel der christlichen Herrscher in Palästina, wenn es ihnen gut hier ginge, die Verkümmerung Eurer Ordensrechte wäre!« – »Es mag richtig sein, was Ihr sagt,« versetzte der Templer mit düsterem Lächeln. »Aber wie stände es mit unsern Hoffnungen, wenn die Verbündeten ihre Truppen zurückzögen und Palästina in der Gewalt Saladins zurückließen?« – »Der Sultan,« antwortete der Marquis, »würde große Provinzen hergeben, um eine geübte Schar fränkischer Lanzenträger in seinen Diensten zu halten. In Aegypten, in Persien würden Hunderte solcher Truppen zusammen mit seiner eigenen leichten Reiterei eine unüberwindliche Macht darstellen. Allerdings würde dieses Abhängigkeitsverhältnis nur eine gewisse Zeit dauern, vielleicht nur so lange, wie dieser Sultan lebte... aber im Orient wachsen Reiche wie Pilze. Seinen Tod angenommen, was dürften wir nicht, bei dem ständigen Nachwuchse kühner Geister in Europa, zu erreichen hoffen, wenn wir diese Macht von Fürsten nicht über uns hatten?« »Diesen Worten, Herr Marquis,« sagte der Großmeister, »stimme ich von Herzen bei. Aber wir müssen auf unserer Hut sein, denn Philipp von Frankreich ist ebenso klug als tapfer.« – »Allerdings, aber um so leichter wird man ihn von einem Feldzuge ablenken, zu dem er sich in momentaner Begeisterung vorschnell verpflichtet hat. Er ist eifersüchtig auf König Richard, seinen natürlichen Feind, und sehnt sich wieder zurück nach Paris, das ihm für seine ehrgeizigen Plane weit näher liegt als Palästina. Er wird jeden Vorwand ergreifen, sich von einem Schauplatz zu entfernen, wo er nur die Kräfte seines Reiches vergeudet.« – »Und der Herzog von Oesterreich?« sagte der Templer. – »O, der gelangt durch seine Torheit und Selbsttäuschung zu denselben Schlüssen und sieht wohl lange schon ein, daß er undankbar behandelt wird. Keiner wohl fürchtet und haßt König Richard wie er, und keiner träte wohl mit Saladin in Friedensverhandlungen so gern wie er.« »Ich gestehe« erwiderte der Templer, »man müßte blind sein, wenn man dies nicht bei ihren neulichen Beratungen gesehen hätte. Aber lüfte nun Deine Maske noch um einen Zoll höher und sage mir, weshalb Du jenen Schotten, oder was der Ritter vom Leoparden sonst sein mag, der Ratsversammlung zum Ueberbringer ihrer Vorschläge aufgedrungen hast?« »Ich meinte,« antwortete der Italiener, »des Mannes Charakter als Brite müßte Saladin, der doch wußte, daß er zu Richards Truppen gehörte, genehm sein, während sein Charakter als Schotte es unwahrscheinlich machte, daß er bei seiner Rückkehr mit Richard in Berührung kam, denn Richard mochte von seiner Gegenwart nie viel wissen.« – »Eine fein gesponnene Politik!« entgegnete der Großmeister. »Doch laß Dir sagen, daß sich dieser ungeschorene Simson der britischen Insel nie durch italienische Spinnweben umgarnen lassen wird! Seht Ihr denn nicht, daß uns der so behutsam erwählte Gesandte in diesem Arzte das Medium gebracht hat, den löwenherzigen Engländer wiederherzustellen? und ist er erst wieder imstande, aufzubrechen, wer von diesen Fürsten soll ihn zurückhalten?« – »Beruhige Dich,« versetzte Konrad von Montserrat. »Ehe dieser Arzt Richards Kur vollendet, wird zwischen Frankreich oder wenigstens Österreich und seinen englischen Verbündeten der Bruch da sein, und zwar ein Bruch, bei dem von Versöhnung keine Rede sein kann! Richard wird, und wenn er zehnmal gesund wird, nie wieder das ganze Heer der Kreuzfahrer befehligen.« – »Du bist ein geschickter Bogenschütze,« sagte der Templer, »aber Dein Bogen ist zu schlaff, daß Dein Pfeil sein Ziel erreichen sollte.« Hier brach er ab und warf einen argwöhnischen Blick umher, ob ihn jemand belausche. Dann nahm er die Hand des Marquis, drückte sie heftig, sah dem Italiener tief in die Augen und flüsterte: »Richard wieder gesund werden, sagst Du? Das darf nie sein, Konrad!« – Der Marquis stutzte. »Wie?« rief er, »sprecht Ihr von Richard von England? Von Richard Löwenherz, dem Helden der Christenheit?« Seine Wange ward bleich, seine Knie zitterten, als er sprach; der Templer sah ihn an und verzog sein starres Gesicht zu einem höhnischen Lächeln . . . »Weißt Du, wem Du diesen Augenblick ähnelst, Konrad?« sagte er. »Nicht dem weltklugen, tapferen Marquis von Montserrat, der den Rat der Fürsten leiten, das Schicksal der Reiche bestimmen wollte, nein! einem Lehrbuben, der im Buche seines Meisters wider alles Erwarten eine Beschwörungsformel gefunden hat und sich vor Angst nicht zu raten weiß, als er nun den Teufel vor Augen hat.« »Ich gebe zu,« versetzte Konrad, der seine Fassung wiederzufinden anfing, »daß Du, wenn nicht auf den sichersten, doch auf den Weg hingedeutet hast, der am geradesten zum Ziele führt. Aber, heilige Maria! wir werden den Fluch von ganz Europa auf uns laden, vom Papst auf seinem heiligen Stuhl an bis zum Bettler an der Kirchentür.« – »Nimmst Du es so,« sagte der Großmeister mit der Ruhe, die ihn wahrend dieses ganzen Gesprächs auszeichnete, »so laß uns tun, als wäre nichts zwischen uns vorgefallen, als hätten wir nur im Schlafe gesprochen, wären erwacht, und das Traumgesicht wäre verschwunden.« – »Es kann doch nicht verschwinden,« entgegnete Konrad. – »Bilder von Herzogskronen und Diademen behaupten sich allerdings in der Einbildungkraft mit einiger Hartnäckigkeit,« versetzte der Großmeister. – »Wohlan,« entgegnete Konrad, »laß mich nur erst versuchen, den Frieden zwischen Oesterreich und England zu brechen.« Sie trennten sich. Konrad blieb noch auf dem Platze stehen und sah dem wallenden weißen Mantel des Templers nach, bis er in dem schnell herabsinkenden Dunkel der orientalischen Nacht verschwand. »Ich habe, weiß Gott! den Teufel in Person herbeigerufen,« sagte er. »Wer hätte gedacht, daß dieser finstere, asketische Großmeister, dessen ganzes Sein mit seinem Orden verwachsen ist, bereit wäre, diesen wilden Kreuzzug zu hemmen? an die schnelle Art, die dieser Priester vorschlägt, habe ich freilich nie gedacht; und doch ist es der sicherste, vielleicht auch der gefahrloseste Weg.« Aus diesen Betrachtungen wurde der Marquis durch eine Stimme gerissen, die in geringer Entfernung von ihm im Heroldstone rief: »Gedenke des heiligen Grabes!« Von Posten zu Posten hallte diese Mahnung wider, denn die Schildwachen mußten bei der Ablösung das Heer der Kreuzfahrer durch diesen Ruf an den Zweck seines Hierseins erinnern. Konrad kannte freilich diese Vorschrift, und doch traf diese mahnende Stimme jetzt mit seinen Gedanken so seltsam zusammen, daß sie ihm wie ein Ruf des Himmels vorkam, wie eine Warnung vor der Ungerechtigkeit, die er im Sinne hatte. Aengstlich blickte er sich um, und sein Auge fiel auf die breiten Falten der Fahne Englands, die auf einem künstlichen Wall fast in der Mitte des Lagers, den vielleicht weiland irgend ein hebräischer Heerführer sich als Ruhestätte erkoren hatte, schwerfällig in der dünnen Nachtluft flatterte. St. Georgenberg war der Wall von den Kreuzfahrern getauft worden. Ein lebhafter Verstand, wie der Konrads von Montserrat, faßt den Gedanken im Nu. Ein einziger Blick auf die Standarte, und alle Ungewißheit aus seinem Gemüte schien verschwunden. Mit dem raschen, festen Schritt eines Mannes, der einen einmal entworfenen Plan auszuführen gewillt ist, begab er sich nach seinem Zelte und entließ das beinahe fürstliche Gefolge, das zu seiner Aufwartung bereit stand. »Morgen,« sagte er, »sitze ich an der Tafel des Erzherzogs von Oesterreich. Da wollen wir sehen, wie unser Ziel sich erreichen läßt, ehe wir den finsteren Eingebungen dieses Templers folgen.« Elftes Kapitel. Leopold, Erzherzog von Oesterreich, war zur herzoglichen Würde im Deutschen Reiche durch seine nahe Verwandtschaft mit dem Kaiser Heinrich dem Ersten gelangt und herrschte über die schönsten Provinzen, welche die Donau durchfließt. Sein Charakter ist in der Geschichte durch seine Gewalttat befleckt, die ihren Grund in den Ereignissen im heiligen Lande hat, und doch fiel diese Schmach, Richard Löwenherz gefangen zu nehmen, als er in Verkleidung und ohne Begleitung durch Oesterreich den Weg zur Heimat suchte, nicht eigentlich auf Leopold selbst. Er war eher ein schwacher und eitler als ehrgeiziger und tyrannischer Fürst. Seine geistigen Kräfte entsprachen seiner körperlichen Beschaffenheit. Er war groß, stark und hübsch, lange blonde Locken umschlossen sein frisches, blühendes Gesicht; in seinem Gange war aber etwas Unbeholfenes, als fände er die Kraft nicht, eine solche Masse zu dirigieren. Auch schien ihm die reichste Kleidung nie zu passen, und nicht selten meinte er, durch Grobheit und unzeitige Heftigkeit zu ersetzen, was er durch seine geistige Schwerfälligkeit einzubüßen fürchtete. Als er sich dem Kreuzzuge mit einem großen, fürstlichen Gefolge anschloß, hatte er sich eifrig um König Eduards Freundschaft bemüht. Aber er stand, wenn auch nicht an Tapferkeit, doch an Mut und Feuer dem englischen König so auffällig nach, daß ihn dieser bald gering achten lernte. Dazu kam, daß Richard, als ein an Mäßigkeit gewöhnter Fürst, Leopold seine starke Vorliebe für Tafelfreuden sehr verargte. Dies alles war dem argwöhnischen Erzherzoge nicht entgangen, und die zwischen den beiden Fürsten herrschende Zwietracht wurde durch Philipp von Frankreich genährt, einen der umsichtigsten Monarchen seiner Zeit, der Richards feurigen, herrschsüchtigen Charakter fürchtete. Auf diese tiefe Abneigung des Erzherzogs von Oesterreich gegen den englischen König Richard baute nun Konrad von Montserrat seinen Plan, der auf eine Lockerung des Kreuzfahrerbundes hinauslief. Er wählte die Mittagszeit zu seinem Besuche, unter dem Vorwande, dem Erzherzog eine vorzügliche Sorte Cypernwein zum Geschenk zu machen, die er vor kurzem erhalten hatte. Die Folge dieser Absicht war eine höfliche Einladung zur Tafel des Erzherzogs. Zahlreiche Diener, alt und jung, warteten im Zelt auf; Lustigmacher, Zwerge und Minnesänger waren in ungewöhnlicher Zahl vorhanden: unter einem Geschrei und Getöse, das sich besser für eine deutsche Jahrmarktsschenke als für das Zelt eines regierenden Fürsten geschickt hätte, wurde dem Herzog aufgewartet, mit einem Zeremoniell, das sein ängstliches Streben, den Stand und Charakter seines hohen Ranges streng zu behaupten, deutlich verriet. Er wurde von knieenden Pagen bedient, speiste auf Silber und trank seinen Tokayer und Rheinwein aus goldenem Becher. Sein Herzogsmantel war mit Hermelin verziert, seine Herzogskrone kam an Wert einer Königskrone gleich, und seine Füße, die in Sammetschuhen steckten, deren Länge zwei Fuß betragen konnte, ruhten auf einem Schemel aus gediegenem Silber. Seine Aufmerksamkeit teilte er zwischen seinem fürstlichen Gaste, der zu seiner Rechten saß, und seinem »Spruchmeister«, der rechts hinter ihm stand. Dieser Mann war mit einem Mantel und Wams aus schwarzem Sammet bekleidet. An dem kurzen Stabe, den er trug, waren wie am Wamse Silbermünzen befestigt, und wenn er die Aufmerksamkeit auf seine Rede lenken wollte, klingelte er mit all den Münzen, daß jedermann die Ohren weh taten. Diese Person nahm am Hofe des Erzherzogs einen Rang ein zwischen einem Minnesänger und einem Rat, war abwechselnd Schmeichler, Dichter und Redner; und wer bei dem Herzog gut zu stehen wünschte, pflegte sich deshalb um die Gunst seines Spruchmeisters zu bemühen. Als Dämpfer der Weisheit dieser wichtigen Person stand auf der anderen Seite hinter dem Erzherzog sein Hofnarr Jonas Schwanker, der fast ebenso viel Geräusch mit seiner Narrenkappe, seinen Schellen und seiner Kolbe machte, wie der Spruchmeister mit seinem Münzenstabe. Es währte nicht lange, so wurde die Politik mit ihren Trägern von dem Hofnarren in die Diskussion gezogen, der den englischen König nie anders als »Richard vom Ginster« titulierte. Als der Marquis ihn hierüber um Aufklärung bat, sagte er: »Der Ginster auch Besenpflanze genannt, ist das Sinnbild der Demut; es wäre gut, wenn alle, die solch Sinnbild zu dem ihrigen machten, sich auch dieser Tugend erinnerten.« Darauf meinte Jonas Schwanker, daß mancher, der sich selbst erniedrigt hätte, durch Rache erhöht worden wäre. »Ehre, dem Ehre gebühret,« sagte der Marquis von Montserrat; »wir haben an diesen Heerzügen und Schlachten Anteil gehabt, und mich dünkt, auch andere Fürsten verdienten ihren Teil an dem Ruhme, dessen sich Richard unter den Minnesängern erfreut. Weiß kein Zunftgenosse der fröhlichen Kunst ein Lied zum Preise des königlichen Erzherzogs von Oesterreich, unseres fürstlichen Wirtes?« Drei Minnesänger nahten sich wetteifernd mit Gesang und Harfenspiel. Zwei wurden vom Spruchmeister, der die Aufsicht über das Gelage führte abgewiesen; der dritte sang in hochdeutscher Sprache: Welcher Held ists, der die Scharen, Mit dem roten Kreuz geziert, Als Feldmarschall wohl erfahren, Hoch zu Roß ins Treffen führt? Hier unterbrach der Spruchmeister mit seinem Stabe den Sänger, um der Gesellschaft begreiflich zu machen, was sie sonst nicht erraten hätten, daß ihr königlicher Wirt der Held sei, auf den die Strophe hinziele – und ein voller Becher machte mit dem lauten Rufe »Hoch lebe Herzog Leopold!« die Runde. – Eine zweite Strophe folgte: Welcher Fürst ist's, dessen Banner Ueber allen andern schwebt? Dessen kühner Doppeladler Sich zur Sonne stolz erhebt? »Der Adler,« erklärte wieder der Spruchmeister, »ist das Sinnbild unseres edlen Herrn, des Erzherzogs, und der Adler fliegt am höchsten und steigt von allen gefiederten Geschöpfen der Sonne am nächsten.« – »Der Löwe hat einen Sprung über den Adler getan,« warf Konrad von Montserrat achtlos hin. Der Erzherzog, errötend, heftete sein Auge auf den Marquis, während der Spruchmeister nach einigem Bedenken antwortete: »Der Herr Marquis werden verzeihen, aber ein Löwe kann nicht über einen Adler fliegen, weil er keine Flügel hat.« – »Ausgenommen der Löwe auf dem St. Markusplatze,« entgegnete der Narr. »Ich meinte nicht den Löwen Venedigs,« entgegnete der Marquis, »sondern die drei wandernden Löwen Englands, die vor allem Getier der Erde den Vorrang haben. Wehe dem, der dagegen spricht!« »Ist das Euer Ernst, Marquis?« fragte der Oesterreicher, den der Wein schon stark erhitzt hatte ... »Glaubt Ihr, Richard von England mache Anspruch auf Vorrang unter den freien Fürsten, die ihm freiwillig gefolgt sind?« – »Ich urteile nur nach dem Augenschein,« versetzte Montserrat. »Sein Banner hängt allein mitten in unserm Lager, als ob er König und Oberfeldherr unseres christlichen Heeres sei.« – »Und das ertragt Ihr so geduldig?« versetzte Leopold. – »Gnädiger Herzog,« entgegnete Konrad, »nicht dem armen Montserrat kommt es zu, wider ein Unrecht sich aufzulehnen, dem sich mächtigere Fürsten wie Philipp von Frankreich und Leopold von Oesterreich lammfromm gefügt haben. Ein Schimpf, den Ihr vertragt, kann für mich keine Schmach sein!« – Leopold schlug mit der geballten Faust auf die Tafel ... »Ich habe es Philipp schon oft gesagt,« antwortete er, »daß es unsere Pflicht sei, die geringen Fürsten gegen die Anmaßung dieses Inselkönigs zu schützen, allein er rückt immer die Rücksichten ins Treffen, die er auf seine Lehnsherrschaft dem Vasallen gegenüber zu nehmen habe, und hält es für unpolitisch, es jetzt zu einem Bruche kommen zu lassen.« – »Die Welt kennt ja Philipps Weisheit,« erwiderte Konrad, »und wird seine Mäßigung für Politik halten, Eure Unterwerfung aber, gnädiger Herr, könnt Ihr nur allein rechtfertigen; ohne Zweifel habt Ihr gute Gründe dazu.« »Ich soll Gründe haben, mich dem Könige von England zu unterwerfen?« rief Leopold empört. »Ich, als Erzherzog von Oesterreich, als wichtigstes Glied des heiligen Römischen Reiches – ich soll mich diesem Fürsten einer Halbinsel, diesem Enkel eines normannischen Bastards unterwerfen? Nein, bei allen Heiligen! Die ganze Christenheit soll es erleben, daß ich mir Recht zu verschaffen weiß, daß ich dem englischen Kettenhunde nicht einen Zollbreit Land einräume. Auf, meine Vasallen und Leute! Folgt mir! Ohne zu säumen, wollen wir Österreichs Doppel-Adler dorthin bringen, wo er als Wahrzeichen von König und Kaiser höher schweben soll, als jegliches andere!« Von seinem Sessel aufspringend, unter dem Jauchzen seiner Diener, eilte er nach der Zelttür und griff nach seinem Banner. »Nicht so, gnädiger Herr!« rief Konrad, wie wenn er bemüht sei, zu vermitteln; »beginnt Ihr zu solcher Zeit im Lager Zwist, so werdet Ihr Eurer Weisheit schaden; es ist vielleicht besser, sich der englischen Anmaßung noch eine Weile zu unterwerfen, statt – « »Nicht einen Augenblick länger!« unterbrach ihn der Herzog und schritt mit dem Banner in der Hand, von seinen jauchzenden Gästen und Dienern begleitet, nach der Anhöhe, wo Englands Fahne flatterte. Er packte deren Stange, als ob er sie aus dem Boden reißen wolle. »Gnädigster Herr!« rief Jonas Schwanker, dem Erzherzog in die Arme fallend, »Löwen haben Zähne.« – »Adler haben Fänge,« versetzte der Erzherzog, die Fahnenstange noch immer gepackt haltend, aber im Zweifel, ob er sie aus dem Boden ziehen sollte. Der Spruchmeister aber hatte trotz seinem Amte, Unsinn zu schwatzen, doch recht gesunden Verstand, ließ seinen Stab laut erklingen und rief: »Der Adler ist König unter den Vögeln, der Löwe unter den Tieren. Jeder hat sein Gebiet, und beide sind soweit voneinander, wie England und Deutschland – tue dem Löwen keinen Schimpf an, edler Aar, laßt Eure Banner lieber friedlich nebeneinander flattern.« Leopold zog die Hand von der Fahnenstange zurück und sah sich nach Konrad von Montserrat um, erblickte ihn aber nicht, denn dieser hatte sich, sobald er das Unheil angestiftet hatte, vorsichtig aus dem Gewühl entfernt, um unparteiischen Personen zu sagen, daß der Erzherzog die Zeit nach dem Mittagessen gewählt habe, eine Beleidigung zu rächen, die er von England erlitten haben wollte. Indes war die entscheidende Stunde herangerückt, wo der kranke König, wie sein Arzt bestimmt hatte, aufgeweckt werden sollte. El Hakim hatte erklärt, daß das Fieber den König verlassen habe, und er werde bei der starken Konstitution desselben keine zweite Dosis Arznei anzuwenden brauchen. Richard schien gleicher Meinung zu sein, richtete sich in seinem Bett auf und fragte Thomas von Vaux, wie es mit seiner Kasse beschaffen sei. Der Baron konnte ihm keine richtige Auskunft geben ... »Gleichviel,« sagte Richard, »gebt, was drin ist, diesem gelehrten Arzte, der mich wieder gesund gemacht hat. Was an tausend Byzantinen fehlen sollte, ergänzt durch Juwelen.« – »Die Weisheit, die mir Allah verliehen hat, ist mir nicht verkäuflich,« erwiderte der arabische Arzt, »denn die göttliche Arzenei, die Du gebraucht hast, würde ihre Wirkung in meiner unwürdigen Hand verlieren, wenn ich sie mir bezahlen ließe.« – »Er schlägt eine Belohnung aus!« sprach Thomas von Vaux für sich, »das geht ja noch über sein hundertjähriges Alter.« »Thomas von Vaux,« sprach Richard, »dieser Araber könnte denen, die sich für die Zierde der Ritterschaft ansehen, zum Beispiel dienen.« Die Arme kreuzweise über die Brust schlagend, versetzte der arabische Arzt: »Es ist mir Lohn genug, daß ich einen großen König des Abendlandes also von seinem Diener sprechen höre; aber ich muß Euch jetzt ersuchen, Euch wieder niederzulegen, denn wenn ich auch meine, daß es entbehrlich sei, Euch den göttlichen Trank zum andern Male zu reichen, so möchte doch zu frühe Anstrengung Euch nachteilig sein.« – »Ich muß Dir gehorchen, El Hakim,« sagte der König, »allein glaube mir, meine Brust fühlt sich frei von dem verzehrenden Feuer, und ich könnte sie gleich der Lanze eines Tapferen bloßstellen ... Doch horch! Was hat dieses Jauchzen im Lager zu bedeuten? Geh, Thomas, erkundige Dich!« – »Der Herzog Leopold,« versetzte der Abgesandte, sogleich zurückkehrend, »hält mit seinen Zechbrüdern einen Umzug.« – »Der trunkene Tor!« rief Richard. »Kann er seine Unmäßigkeit nicht hinter seinem Zelte verbergen? muß er die Schande der ganzen Christenheit offenbaren? Was ist Euer Wunsch, Herr Marquis?« fügte er hinzu, als Konrad von Montserrat in das Zelt trat. »Ich freue mich, Euer Majestät soweit hergestellt zu sehen,« erwiderte der Marquis, »und das sind der Worte schon genug für jemand, der Gast des Erzherzogs gewesen ist.« – »Wie? Ihr habt bei dem teutonischen Weinschlauch gespeist?« sagte Richard. »Was hat ihn denn zu diesem Aufzuge bewogen? Herr Konrad, ich habe Euch stets für einen fröhlichen Gesellschafter gehalten, drum wundre ich mich, daß Ihr das Gelage schon jetzt verlassen habt.« Thomas von Vaux hatte sich hinter dem Könige zurückgezogen und suchte dem Marquis begreiflich zu machen, daß er dem Könige nichts von den letzten Vorgängen melden möchte, aber Konrad verstand oder beachtete die Weisung nicht... »Was der Erzherzog tut,« sagte er, »ist für niemand von Bedeutung, für ihn selbst aber am wenigsten, weil er wahrscheinlich nicht weiß, was er tut. Immerhin ist es ein Jux, an dem ich keinen Teil haben möchte. Er vermißt sich, Englands Banner vom St. Georgenberg zu reißen und sein eigenes dort aufzupflanzen.« – »Was sagst Du?« rief der König in einem Tone, der Tote hätte wecken können. – »Erregt Euch nicht über Narreteien!« sagte der Marquis. »Kein Wort mehr!« rief Richard, sprang von seinem Lager auf und warf sich mit einer ans Wunderbare grenzenden Geschwindigkeit in seine Kleider; »kein Wort, Marquis, kein Wort, Thomas von Vaux, Hakim, schweig, ich befehle es Dir!« Dann nahm er das Schwert, das am Pfeiler des Zeltes hing, und stürzte, ohne andere Waffen oder Begleitung zu verlangen, hinaus. Konrad hielt die Hände erstaunt empor und wollte mit Thomas von Vaux ein Gespräch beginnen; dieser aber rannte an ihm vorbei und rief einen Stallmeister: »Eile nach Lord Salisburys Quartier! sage ihm, er solle seine Leute zusammenrufen, und dann folge mir zum St. Georgenberg.« Der Stallmeister eilte mit seinen Leuten in die Zelte der benachbarten Edelleute; die Soldaten fuhren aus ihrer Mittagsruhe auf, an die sie sich in dem heißen Klima schnell gewöhnt hatten. Einige dachten, die Sarazenen seien im Lager, andere, des Königs Leben sei in Gefahr, noch andere, er sei in der Nacht am Fieber gestorben, der Herzog von Österreich habe ihn umgebracht, und dergleichen wilde Gerüchte nahmen ihren Weg durchs Lager. Der Lärm verbreitete sich schnell. Von den vielen christlichen Völkern, die hier versammelt waren, eilten Mannen über Mannen zu den Waffen. Zum Glück war Graf Salisbury mit seinen tüchtigsten Reisigen dem Könige auf der Stelle zu Hilfe geeilt, der ohne einen Augenblick auf das Geschrei und den Tumult zu achten, halb angekleidet, mit dem Schwert in der Scheide unter dem Arm, nur von Thomas von Vaux und einigen Dienern begleitet, den Weg zum St. Georgenberg hin rannte. Er wurde schnell inne, daß bis zum Quartier seiner tapferen Truppen von Poitou, Gascogne, Anjou und der Normandie noch nichts von dem Lärme gedrungen war. Der Ritter vom Leoparden allein hatte den König bemerkt. Schlimme Gefahr ahnend, griff er nach seinem Schild und Schwert und schloß sich an Thomas von Vaux an, der nicht ohne Mühe mit seinem feurigen Gebieter Schritt hielt. Der König kam bald in die Nähe des St. Georgenberges, gefolgt von herzoglichen Mannen sowie von Leuten der verschiedenen Völker, die unwillig über die Engländer oder neugierig auf den Ausgang des ungewöhnlichen Ereignisses waren. Durch dieses Menschengewühl drang Richard, unbekümmert, ob sich die rollenden Wogen desselben hinter ihm schließen oder über ihn hinwegbrausen würden. Oben auf der Anhöhe, auf einer kleinen ebenen Fläche, standen die beiden Banner aufgepflanzt, die sich um den Vorrang stritten, umringt von den Anhängern des Erzherzogs. Darunter stand dieser, dem Beifall lauschend, mit dem seine Mannen nicht geizten. Da schoß, nur von zwei Rittern gefolgt, in seiner tollkühnen Stärke aber einer unbezwinglichen Schar gleich, König Richard unter sie. »Wer hat es gewagt,« rief er mit donnerndem Tone, die Hand an die österreichische Standarte legend, »diesen elenden Lappen neben Englands Banner zu hängen?« Dem Erzherzog fehlte es nicht an Mut, und solche Frage unbeantwortet zu lassen, war nicht möglich. Gleichwohl schien er durch Richards völlig unerwartete Ankunft so erschrocken und hatte, gleich allen Kreuzfahrern, vor dessen feurigem und trotzigem Charakter so großen Respekt, daß dieser die Frage zweimal wiederholen mußte, ehe der Erzherzog zu antworten vermochte: »Ich, Leopold von Oesterreich!« – »Dann soll Leopold von Oesterreich sehen, was sein Banner bei Richard von England gilt!« und er stieß den Fahnenstock um, zerbrach ihn und warf die Fahne auf den Boden. Dann setzte er den Fuß darauf... »So stampfe ich das österreichische Banner in Grund und Boden,« rief er. »Wer von Euren Rittern wagt es, mich meiner Tat anzuklagen?« »Ich – ich – und ich!« hörte man von vielen Rittern aus dem Gefolge des Erzherzogs, und er selbst blieb nicht zurück... »Was zögern wir?« rief Graf Wallenrode, ein riesenhafter Krieger von Ungarns Grenze... »Edle Ritter und Waffenbrüder, laßt uns die Ehre des Vaterlandes schützen vor Schmähung durch englischen Stolz!« Mit diesen Worten zog er sein Schwert und hätte König Richard sicher einen tödlichen Streich versetzt, hätte nicht Kenneth, der Schotte, ihn mit seinem Schilde aufgefangen. »Ich habe geschworen,« rief König Richard, »niemals nach einem Ritter zu schlagen, dessen Schulter das Kreuz trägt. Drum sollst Du leben, Wallenrode, aber Richards von England gedenken!« Mit diesen Worten faßte er den Ungar um den Leib und schleuderte ihn mit unvergleichlicher Kraft und Gewandtheit so wuchtig nach rückwärts, daß er über den Kreis der erschreckten Ritter hinweg und den Abhang hinunter flog, wo er mit verrenkter Schulter wie ein Toter liegen blieb. Dieser Beweis von beinahe übernatürlicher Kraft ließ es weder dem Herzog noch jemand aus seinem Gefolge geraten erscheinen, den Kampf aufzunehmen. Zwar wurden noch Stimmen laut: »Haut den englischen Hund in Stücke!« Aber die meisten riefen, ob nun aus Furcht oder aus Achtung der Manneszucht: »Frieden! Frieden! im Namen des Kreuzes, der heiligen Kirche und des heiligen Vaters!« In diesem Augenblick erschien Philipp von Frankreich, von einigen seiner Edlen begleitet, auf der Bühne, höchlich erstaunt, den König von England auf den Beinen und gegenüber dem Erzherzog von Oesterreich, ihrem gemeinschaftlichen Bundesgenossen, in drohender Stellung zu sehen. Richard errötete, von Philipp, dessen Klugheit er achtete, wenn ihm auch seine Person mißfiel, in einer Situation getroffen zu werden, die weder seiner Würde als Monarch noch seinem Charakter als Kreuzfahrer ziemte. »Was bedeutet diese Zwietracht zwischen Kreuzrittern, die sich brüderliche Liebe gelobt haben?« fragte in strengem Tone König Philipp, »wie kann es geschehen, daß die edelsten Pfeiler dieses heiligen Unternehmens – « »Mit Verlaub, König von Frankreich,« erwiderte Richard, empört darüber, daß er sich auf gleichen Fuß mit dem Erzherzog gesetzt sah. »Die Waffen ruhen zur Zeit im Lager und doch hat dieser Fürst oder Herzog oder Pfeiler, wenn Ihr wollt, ihn gebrochen aus Uebermut, und ich habe ihn dafür gezüchtigt.« »König Philipp,« versetzte der Erzherzog, »ich appelliere an Euch wegen des Schimpfes, den dieser Mann mir angetan, indem er mein Banner umstürzte, zerfetzte und mit Füßen trat.« – »Weil er so verwegen war, es neben das meinige zu pflanzen,« entgegnete Richard. – »Dazu hielt ich mich durch meinen Rang berechtigt,« rief der Erzherzog, durch Philipps Gegenwart ermutigt. – »Behauptest Du, mir gleich an Rang zu sein,« rief König Richard, »so will ich, beim heiligen Georg, Dich ebenso mit Füßen treten wie den gestickten Fetzen, den Du aus irgend einem Winkel frech hervorgeholt hast.« »Geduld, mein Bruder von England,« antwortete Philipp, »ich will Leopold zeigen, daß er im Unrecht ist. Wähne nicht, edler Herzog,« fuhr er fort, »daß wir, die unabhängigen Fürsten des Kreuzzuges, dem königlichen Richard dadurch einen höheren Rang einräumen, daß wir dem Banner Englands den höchsten Standpunkt in unserem Lager vergönnen. Das wäre widersinnig, da selbst die Oriflamme, Frankreichs großes Banner, trotzdem der königliche Richard Frankreichs Vasall auf Grund seines in Frankreich gelegenen Besitzes ist, hier einen niedrigeren Platz einnimmt als Englands Löwen. Aber als Brüder des Kreuzes, als Pilger, die unter Verzicht auf alle Pracht und Eitelkeit dieser Welt mit dem Schwerte sich den Weg nach dem heiligen Grabe bahnen, haben wir in Rücksicht auf den hohen Ruhm und die großen Waffentaten König Richards ihm den Vorzug zugestanden, der ihm aus anderen Beweggründen nicht gewährt worden wäre. Ich bin überzeugt, daß Eure Königliche Hoheit in Erwägung dieser Umstände sich nicht besinnen werden, Bedauern darüber zu äußern, daß Ihr Euer Banner an dieser Stelle aufgepflanzt habt, und daß dann Englands königliche Majestät wegen der Euch zugefügten Schmach Euch die Genugtuung nicht verweigern wird.« Der Herzog brummte, er wollte seine Beschwerde bei der Bundesversammlung vorbringen, und Philipp bewilligte dieses Vorhaben, weil solcher dem Ansehen der Christenheit nachteilige Zwist auf diese Weise am besten gehoben werde. König Richard ließ Philipp ruhig ausreden, rief aber dann: »Das Fieber hat mich noch nicht verlassen, Bruder von Frankreich, aber Du kennst mich und weißt, daß ich niemals viel Worte mache. So wisse, daß ich Englands Ehre weder durch Fürsten, noch durch den Papst, noch durch die Ratsversammlung herstellen lasse. Hier steht mein Banner – und wäre auch die Oriflamme, von der Du wohl eben sprachst, neben ihm aufgepflanzt worden, so sollte sie, das sage ich hier vor allen Anwesenden, keine andere Behandlung erfahren als dieser mit Schimpf beladene Lumpen.« – »Nun,« flüsterte der Hofnarr seinem Begleiter zu, »das ist ja Narrheit, wie aus meinem Munde; indessen dünkt mich, es gibt in dieser Sache vielleicht noch einen größern Toren als Richard selbst.« – »Und wer wäre das?« fragte der Spruchmeister. – »Philipp von Frankreich,« sagte der Hofnarr, »wenn nicht unser königlicher Herzog, sobald nämlich einer von ihnen auf die Herausforderung anbeißt... Aber, höchst weiser Spruchmeister, was hätten wir beide für Könige abgegeben, da doch Richard und Philipp uns als Narr und Sprecher so vollständig geschlagen haben?« Unterdes erwiderte Philipp ruhig auf Richards maßlose Herausforderung: »Ich bin nicht gekommen, neuen Streit zu entzünden, der unserem heiligen Eidschwur und der heiligen Sache, der wir dienen, zuwider wäre. Ich scheide darum von meinem Bruder Richard, wie Brüder voneinander scheiden sollen, und zwischen uns soll kein anderer Wettstreit sein als der, wer von uns am tiefsten in die Reihen der Ungläubigen dringt.« – »So sei es, mein königlicher Bruder,« versetzte Richard, ihm seine Hand mit jener Offenheit reichend, die seinem heftigen, aber edelmütigen Charakter eigen war. »Vielleicht bietet sich bald Gelegenheit, daß wir uns in einem tapferen Ringen versuchen.« »Laß den edlen Erzherzog an dem Glück dieses Augenblicks teilnehmen,« sagte Philipp. Leopold trat, halb mürrisch, halb willens, sich zu vergleichen, näher. »Toren haben für mich so wenig Erinnerungswert wie ihre Torheiten!« sagte Richard gleichgültig, worauf der Erzherzog ihm den Rücken wandte und sich entfernte. Richard sah ihm nach ... »Ein absonderlicher Mut, dessen Glut an Johanniswürmchen erinnert,« sagte er, »bloß in der Nacht sichtbar. – Ich darf dies Banner im Dunkel nicht unbewacht lassen; am Tage reicht der Blick der Löwen hin, es zu schützen. Thomas von Gilsland, Du sollst die Aufsicht über die Standarte führen. Bewache die Ehre Englands!« – »Englands Wohlfahrt ist mir noch teurer,« entgegnete Thomas von Vaux, »und Richards Leben ist Englands Heil und Sicherheit. Eure Königliche Hoheit muß sich daher wieder ins Zelt verfügen, und zwar ohne Aufschub.« – »Du bist ein rauher, gebieterischer Krankenwärter,« versetzte der König lächelnd und wandte sich hierauf zu Ritter Kenneth: »Tapferer Schotte, ich bin Dir eine Gnade schuldig und will sie Dir reichlich gewähren. Da steht das Banner Englands. Bewache es, wie ein junger Krieger seine Rüstung nachts vor dem Ritterschlage. Weiche nicht auf Speerweite von ihm, und verteidige es mit Leib und Leben gegen Schmach und Schimpf. Stoß in Dein Gifthorn, wenn mehr als drei zu gleicher Zeit Dich angreifen sollten. Uebernimmst Du dieses Amt?« – »Gern und willig,« versetzte Kenneth, »und ich stehe mit meinem Kopfe dafür, daß es treu und redlich verwaltet wird. Ich hole meine Waffen und kehre sogleich zurück.« Die Könige von Frankreich und England verabschiedeten sich von einander, ihren Groll unter scheinbarer Höflichkeit verbergend. Richard grollte Philipp um seiner Einmischung willen, und Philipp grollte Richard um der geringschätzigen Art willen, wie er die Vermittlung aufgenommen hatte. Diese Ereignisse wurden von den verschiedenen Völkern verschieden beurteilt, und während die Engländer den Erzherzog beschuldigten, die erste Veranlassung zum Zwiste gegeben zu haben, wälzten die Oesterreicher und andere Völker den Haupttadel auf den Hochmut Richards. »Du siehst,« sagte der Marquis von Montserrat zum Großmeister des Templerordens, »daß seine Kunstgriffe mehr als Gewalt ausrichten. Ich habe die Bande gelockert, bald wirst Du sie reißen sehen.« »Ich möchte Deinen Plan gutheißen,« erwiderte der Templer, »wenn es nur einen einzigen unter diesen kaltblütigen Oesterreichern gegeben hätte, der die Bande, von denen Du sprichst, mit seinem Schwerte trennte. Gelöste Knoten lassen sich wieder knüpfen; aber eine Schnur, wenn sie einmal zerhauen ist, nicht wieder zusammenfügen!« Zwölftes Kapitel. Zur Ritterzeit galt ein gefährlicher Posten oder ein gefahrvolles Abenteuer als eine Belohnung kriegerischer Tapferkeit; aber solcher Ritter glich dann dem Kletterer, der einen steilen Hang bezwungen hat und sich vor weiteren schwierigen Punkten sieht. Es war Mitternacht. Der Mond stand hell am Himmel, als Kenneth von Schottland seine Wache am St. Georgenberg bezog, nahe dem Banner Englands. Ein stolzer Gedanke jagte den andern in der Seele des Kriegers. Das Feuer seiner ehrgeizigen Liebe entflammte seinen kriegerischen Mut. König Richard hatte ihm die Auszeichnung zuteil werden lassen, Englands königliches Banner zu hüten, und so war er kein fahrender Ritter mehr von geringer Bedeutung; er war der Aufmerksamkeit der Prinzessin näher gerückt, wenn er ihr auch örtlich noch immer so fern stand wie früher. Er hatte jetzt reichlich Muße, seinen hochstrebenden Gedanken nachzuhängen. Die Natur ringsumher ruhte im stillen Mondschein oder tiefen Schatten. Die langen Zeltreihen lagen still wie die Gassen einer verödeten Stadt. Neben dem Fahnenstabe lag ein großer Windhund, sein einziger Kamerad; das edle Tier schien seine Aufgabe zu begreifen, denn es hob die Augen von Zeit zu Zeit nach den reichen Falten der schweren Fahne empor; und wenn der Ruf der Schildwachen von anderen Posten herüberklang, antwortete der Hund mit seinem Gebell, zum Zeichen, daß er auch auf seinem Posten wach sei. Dann und wann senkte er den schmalen Kopf und wedelte mit dem Schwanze, wenn sein Herr an ihm vorüberschritt oder, in Gedanken verloren, auf die Lanze gelehnt, zum Himmel emporsah. Dann schob er wohl auch, gierig nach einer Liebkosung, die große rauhe Schnauze in den Panzerhandschuh des Ritters. Plötzlich ließ er ein grimmiges Knurren hören und schien willens, nach der im Schatten liegenden Seite zu springen. »Wer da?« rief Kenneth, der dort etwas kriechen sah. – »In Merlins und Maugis Namen,« erklang eine heisere, widerwärtige Stimme, »binde Deinen vierbeinigen Satan an, oder ich komme nicht zu Dir.« – »Wer bist Du?« sagte Kenneth, ohne die Gestalt unterscheiden zu können. »Nimm Dich in acht – ich stehe hier auf Tod und Leben!« – »Halte Dein langbeiniges Vieh fest!« rief die Stimme, »oder ich beschwöre ihn durch einen Bolzen meiner Armbrust.« Kenneth hörte in diesem Augenblick einen Ton, als ob eine Armbrust gespannt würde. – »Laß Deine Armbrust und tritt ins Mondlicht,« sagte der Schotte, »oder, beim heiligen Andreas, ich spieße Dich an den Boden, was oder wer Du seist!« Mit diesem Rufe faßte er seine Lanze in der Mitte und schwang sie, als wolle er sie schleudern, schämte sich aber alsbald dieser Absicht und stieß sie wieder in den Boden. Da sah er ein verkrüppeltes Wesen aus dem Schatten heraustreten, und er erkannte einen der beiden Zwerge, die er in der Kapelle von Engaddi erblickt hatte. Er gab seinem Hunde ein Zeichen, der sich knurrend neben der Fahnenstange niederlegte. Der Zwerg kroch keuchend die Höhe herauf. Als er den Gipfel erreicht hatte, nahm er, sich in wichtige Positur setzend, seine Armbrust in die linke Hand und reichte dem Ritter vornehm die Rechte, wie zum Kusse. Da sich der Ritter aber zu keinem Kusse bequemte, fragte er in scharfem, ärgerlichem Tone: »Krieger, warum zollst Du dem Nectabanus nicht die Huldigung, die seiner Würde gebührt? oder hättest Du ihn etwa vergessen?« – »Großer Nectabanus,« entgegnete der Ritter, von dem Wunsche beseelt, die üble Laune des Kleinen zu besänftigen, »das möchte wohl jedem schwer fallen, der Dich einmal gesehen hat. Verzeihe indes, daß ich als Soldat auf Posten keinem erlauben kann, in den Bezirk meiner Wache zu treten.« – »Schon gut,« sagte Nectabanus. »Doch müßt Ihr mir sogleich zu denen folgen, die mich hergesandt haben, Euch zu rufen.« – »Auch darin kann ich Dir nicht willens sein;« erwiderte der Ritter, »denn bis zum Tagesanbruch muß ich bei diesem Banner bleiben.« Darauf schritt er wieder auf und ab, entging aber der Zudringlichkeit des Zwerges dadurch nicht ... »Ihr müßt mir gehorchen, Herr Ritter,« sagte er, ihm den Weg versperrend, »wie es Eure Pflicht ist, oder ich befehle es Euch im Namen einer Person, deren Hoheit den Unsterblichen gebieten könnte, wenn sie auf die Erde niederstiegen.« Eine kühne Vermutung stieg in Kenneths Seele auf; er unterdrückte sie jedoch. Daß ihm die Dame seines Herzens solche Botschaft durch solchen Boten sende, hielt er für unmöglich und doch zitterte seine Stimme, als er antwortete: »Nectabanus, sage mir offen und ehrlich, ist die Dame, von der Du sprichst, auch nicht etwa die Houri, mit der ich Dich in die Kapelle kehren sah?« – »Anmaßender,« entgegnete der Zwerg, »wähnst Du, die Dame unserer Neigung, die unsere Größe und Ehren teilt, werde sich herablassen, solchem Vasallen, wie Dir, solchen Befehl zu senden? Nein, so hoch Dich die Menschen auch ehren mögen, so hast Du doch die Aufmerksamkeit der Königin Genievra, der Braut Arthurs, noch nicht auf Dich lenken können ... Doch sieh hier das Zeichen! Gehorche also derjenigen von Englands Damen, die es in Deine Hand legt.« Er gab nun dem Ritter einen Rubinring, den dieser auf der Stelle als jener hohen Dame gehörig erkannte, deren Dienst er sich geweiht hatte. Stumm vor Erstaunen, dies Zeichen in solchen Händen zu erblicken, rief er: »Im Namen aller Heiligen, von wem empfingst Du diesen Ring?« – »Verliebter, törichter Ritter,« erwiderte der Zwerg, »was willst Du mehr wissen, als daß Dich eine Prinzessin beehrt mit Befehlen eines Königs? Zu weiterer Verhandlung mit Dir gelüstets uns nicht, aber wir befehlen Dir kraft dieses Ringes, uns zu der Dame zu folgen, der er gehört. Zögere nicht, denn Du versündigst Dich am Herzen derselben!« – »Guter Nectabanus,« sagte der Ritter, »weiß meine Dame, wo ich mich heute nacht befinde? Weiß sie, daß mein Leben und meine Ehre davon abhängen, daß ich dies Banner bis zu Tagesanbruch bewache? Kann es ihr Wunsch sein, daß ich es verlasse, um ihr meine Huldigung zu zollen? – Nein! nein! die Prinzessin beliebt mit ihrem Diener zu scherzen, und um so mehr muß ich das glauben, als sie solchen Boten gewählt hat.« – »Bleibt bei diesem Glauben!« entgegnete Nectabanus, sich umwendend, als ob er sich entfernen wollte. »Mich kümmerts wenig, ob Ihr gegen das königliche Fräulein als Verräter handelt oder nicht. Lebt wohl!« – »Bleib – bleib – ich bitte Dich, bleib!« rief Kenneth. »Beantworte mir nur eine einzige Frage! Befindet sich die Dame, die Dich schickt, hier in der Nähe?« – »Was liegt daran?« entgegnete der Zwerg. »Rechnet die Treue nach Entfernung? Demungeachtet, argwöhnische Seele, will ich Dir sagen, daß Deine Dame sich nicht weiter von hier befindet, als ein von meiner Armbrust abgeschossener Bolzen reicht.« – »Sage mir, Nectabanus,« fragte der Ritter, den Ring nochmals betrachtend, um sich zu überzeugen, daß keine Täuschung vorliege, »wird mein Besuch verlangt zu einer bestimmten Zeit und Stunde?« – »Zeit und Stunde?« entgegnete Nectabanus; »was nennt Ihr Zeit? was nennt Ihr Stunde? Könnt Ihr eins von beiden fassen? Wird Zeit und Stunde des Ritters anders als nach den Taten gemessen, die er für Gott und seine Dame verrichtet?« – »Nectabanus!« rief der Ritter; »fordert meine Dame wirklich eine Tat von mir in ihrem Namen, um ihrer selbst willen? und laßt sie sich nicht bis zum Tagesanbruch aufschieben?« – »Du sollst auf der Stelle kommen,« versetzte der Zwerg, »und darfst nicht so viel Zeit verlieren, als zehn Körner brauchen, durch die Sanduhr zu laufen. Vernimm, argwöhnischer, fischblütiger Ritter, ihre eigenen Worte: »Sag ihm, die Hand, die Rosen fallen ließ, kann Lorbeeren verleihen.«« Bei dieser Anspielung auf ihr Zusammentreffen in der Kapelle von Engaddi erwachten tausend Erinnerungen in der Seele des Ritters, und diese Worte des Zwerges überzeugten ihn von der Echtheit der Botschaft. Es fiel ihm schwer, eine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, die ihm die Gunst der Dame seines Herzens verhieß. Der Zwerg trug das Seinige bei, seine Bedenken zu vernichten, denn er erklärte, daß er den Ring wiederhaben müsse, wenn ihn der Ritter nicht begleite ... »Halt, noch einen Augenblick!« rief dieser. Dann murmelte er vor sich hin: »Bin ich ein Untertan oder Sklave König Richards? Bin ich nicht ein freier Ritter, der geschworen hat, seine Dienste dem Kreuzzuge zu weihen? Zu wessen Ehren bin ich hier mit Lanze und Schwert? Allein um unserer heiligen Sache willen, und um meiner verehrten Dame willen.« »Den Ring, den Ring!« rief der Zwerg ungeduldig, »gib ihn zurück, Du falscher, saumseliger Ritter! Du bist nicht wert, ihn zu berühren oder anzusehen.« – »Einen Augenblick nur, Nectabanus,« sagte Kenneth, »Wenn nun die Sarazenen gerade jetzt einen Angriff machten? Ich beschwöre Dich noch einmal! sage mir, ist's weit von hier, wohin Du mich führen willst?« – »Nur nach jenem Zelt,« versetzte Nectabanus; »und wenn Ihr es einmal wissen müßt, der Mond glänzt auf der vergoldeten Kugel, die das Dach krönt und die ein königliches Vermögen wert ist.« – »Ich kann augenblicklich zurückkehren,« sagte der Ritter, sich alles Weitere aus dem Sinn schlagend. »Kann man dort das Bellen meines Hundes hören, wenn sich jemand dem Banner nähern sollte? Ich will der Dame zu Füßen fallen und sie bitten, daß sie mich auf meinen Posten zurückkehren lasse ... Roswal, hierher!« rief er dem Hunde zu, seinen Mantel neben das Banner werfend, »wache Du an meiner Statt und laß niemand heran.« Der Hund sah seinen Herrn an, als wollte er ihm versichern, daß er den Befehl verstehe, setzte sich neben den Mantel, spitzte die Ohren und richtete den Kopf in die Höhe. »Nun komm, Nectabanus,« sagte der Ritter, »laß uns eilen und den Befehlen, die Du überbringst, gehorchen.« – »Eile, wer will,« entgegnete der Zwerg mürrisch. »Du hast Dir Zeit genug gelassen, meiner Aufforderung zu folgen, ich kann mit Deinen langen Beinen nicht Schritt halten.« Es gab nur ein Mittel, den Zwerg zu zwingen, der langsamer kroch als eine Schnecke. Der Ritter hob ihn vom Boden auf und trug ihn, ohne sich an seine Bitten zu kehren, bis zu hem Zelt mit dem vergoldeten Dache. Er sah eine kleine Schar von Kriegern dort auf der Erde lagern, die ihm durch die zwischenliegenden Zelte bisher verborgen geblieben war. Verwundert, daß das Klirren seiner Rüstung ihre Aufmerksamkeit nicht weckte, setzte er den Zwerg auf den Boden, um ihn Luft schöpfen zu lassen. So erschrocken und entrüstet derselbe auch über diese Behandlung war, so hütete er sich doch, den Ritter im geringsten aufzubringen, und führte ihn schweigend, ohne jede Klage, zur entgegengesetzten Seite des Zeltes, hob den unteren Teil der Leinwand hoch und winkte dem Ritter, darunter hinweg, und auf diese Weise in das Zelt hinein, zu kriechen. Der Ritter war unschlüssig. Sich so heimlich in ein Zelt zu schleichen, das vermutlich edlen Damen als Behausung diente, erschien ihm ungehörig. Als er sich aber auf die untrüglichen Zeichen besann, die ihm der Zwerg überbracht hatte, meinte er, annehmen zu müssen, daß er nicht wider ihren Willen handle, und bückte sich. Da hörte er, wie der Zwerg ihm zuflüsterte: »Bleib da, bis ich Dich rufe!« – und dann sah er ihn verschwinden. Dreizehntes Kapitel Ein Paar Augenblicke blieb Ritter Kenneth allein und im Dunkel. Jetzt reute es ihn, daß er von seinem Posten gewichen War. Aber an eine Rückkehr, ohne Lady Edith gesehen zu haben, war nicht zu denken. Die Disziplin war nun einmal verletzt, und so war er entschlossen, wenigstens die Dame seines Herrschers zu sehen, die ihn zu solchem Verstoß verleitet hatte. Seine Lage war jedoch nicht die angenehmste. Kein Licht brannte in dem Raume, worin er sich befand. Lady Edith gehörte zum Gefolge der Königin von England, und wenn er hier entdeckt wurde, wenn er bekennen mußte, sich heimlich hier eingeschlichen zu haben, so konnte leicht gefährlicher Verdacht wach werden. Da fing sich der Wunsch in ihm zu regen an, sich wieder unbemerkt zu entfernen, als er auf einmal weibliche Stimmen vernahm. In einem anstoßenden Raume, von ihm nur durch eine Leinwand geschieden, schienen Damen zu lachen und flüstern. Wie er durch den Vorhang sah, brannten dort Lampen, und in ihrem Scheine konnte er einzelne Gestalten erkennen. »Ruft sie – ruft sie, um unserer lieben Frau willen!« hörte er jetzt eine dieser unsichtbaren Lacherinnen rufen, »Nectabanus, Du müßtest Gesandter bei Hofe werden, denn Du weißt Botschaften auszurichten.« Die gellende Stimme des Zwerges erklang jetzt, doch so gedämpft, daß Kenneth seine Worte nicht verstand. Er hörte nur einiges von Bier und Wein, womit sich die Wache belustigen solle. »Aber, wie werden wir den Geist wieder los, Mädchen, den Nectabanus zitiert hat?« – »Hört mich, königliche Frau,« sagte eine andere Stimme, »wenn der weise fürstliche Nectabanus nicht gar zu eifersüchtig ist auf seine erhabene Braut, so wollen wir uns ihrer bedienen, dem fahrenden Ritter begreiflich zu machen, daß edelgeborene Damen seine anmaßende, übermütige Tapferkeit nicht vonnöten haben.« – »Es wäre nicht mehr als billig,« entgegnete eine andere Stimme, »wenn Prinzessin Genievra dem Ritter, den die Weisheit ihres Mannes hergelockt hat, wieder zeigte, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.« Tief beschämt und zornentbrannt über diese Worte, war Kenneth im Begriff, zu fliehen, als ihn folgende Worte hinderten. »Nein, wahrlich,« sagte die, die zuerst gesprochen hatte, erst soll Muhme Edith erfahren, wie sich dieser prahlerische Wicht benommen, und wie er gegen seine Pflicht gefehlt hat. Das wird eine gute Lehre für sie sein, denn mir ist schon manchmal der Gedanke gekommen, Calista, daß sie den nordischen Abenteurer gegen alle Vernunft wirklich ins Herz geschlossen hat.« Eine andere Stimme murmelte etwas von Klugheit und Einsicht. »Klugheit?« lautete die Antwort. »Eitler Stolz ists, und das Verlangen, für strenger zu gelten als wir andern. Ihr wißt doch, wenn sie an uns einen Fehler bemerkt, weiß niemand so höflich darauf hinzuweisen wie Lady Edith. – Aber da kommt sie schon.« Ein Schatten glitt langsam an der Wand hin und verlor sich unter den übrigen Personen. Trotz der bitteren Täuschung, die er durch eine übermütige Laune der Königin Berengaria erlitten hatte – denn er schloß, daß die mit dem lauten gebieterischen Tone Richards Gemahlin sei, – beruhigte es doch den Ritter einigermaßen, zu wissen, daß Edith keinen Teil an dem Streiche hatte, der ihm mit solcher Hinterlist gespielt worden war. Seine Neugier wurde so lebhaft, daß er seinen Fluchtgedanken aufgab und unruhig durch eine kleine Spalte blickte, um Augen- und Ohrenzeuge dessen zu sein, was sich nun ereignen würde. Es schien, als warte Edith auf die Befehle der Königin und als wolle diese nicht recht mit der Sprache heraus, aus Furcht vielleicht, daß weder sie noch ihre Gesellschafterinnen imstande sein möchten, ihr Lachen zu unterdrücken; denn Ritter Kenneth konnte halb unterdrücktes Kichern unterscheiden. »Eure Majestät scheinen in recht fröhlicher Stimmung zu sein,« sagte Edith endlich. »Ich dagegen war schon willens, mich zu Bett zu begeben, als ich Befehl erhielt, Eurer Majestät aufzuwarten.« – »Ich will Dich nicht lange von Deiner Ruhe abhalten, Muhme,« erwiderte die Königin, »doch fürchte ich, Du wirst nicht gut schlafen, wenn ich Dir sage, daß Du Deine Wette verloren hast.« – »Meine Königin,« sagte Edith, »ich bin keine Wette eingegangen.« »Nun, holde Muhme, der Böse spielt doch, unserer Wallfahrt gar nicht achtend, ein recht böses Spiel mit Dir! Kannst Du leugnen, daß Du Deinen Rubinring gegen mein goldenes Armband setztest, der Ritter vom Leoparden sei nicht von seinem Posten wegzubringen?« »Eure Majestät,« entgegnete Edith; »diese Damen sind Zeuge, daß Königliche Hoheit mir den Ring vom Finger zog, als ich es nicht für sittsam hielt, auf so etwas zu wetten.« »Aber, Lady Edith,« sagte eine andere Stimme, »mit Verlaub, Ihr müßt doch zugeben, daß Ihr großes Vertrauen in diesen Ritter setztet?« – »Und wenn das der Fall war,« entgegnete Edith unwillig, »ist das ein Grund für Dich, der Laune Ihrer Majestät das Wort zu reden? Ich habe kein Wort mehr von ihm gesprochen, als Ihr und alle, die ihn im Felde gesehen, und hatte kein höheres Interesse, ihn zu verteidigen, als Ihr, ihn herabzusehen.« – »Fräulein Edith,« sagte eine dritte Stimme, »hat es Calista und mir nie verzeihen können, daß wir Eurer Majestät erzählten, sie habe zwei Rosenknospen in der Kapelle fallen lassen.« – »Wenn Eure Majestät,« antwortete Edith, »mich nur zu dem Zwecke herbeschieden, daß ich mir die Sticheleien der Kammerfrauen anhören soll, so möchte ich bitten, mich wieder zu entlassen.« – »Still, Florisa!« sagte die Königin, »laßt Euch nicht durch unsere Güte verleiten, den Abstand zwischen Euch und einer Verwandten des Königs außer acht zu setzen. Du aber, liebe Muhme,« fuhr sie fort, wieder in ihren spöttischen Ton zurückfallend, »solltest uns Armen doch ein bißchen Lachen nicht mißgönnen, nachdem wir so viele Tage in Sack und Asche gebüßt haben.« – »Ich gönne Euch alle Freude, meine Königin,« erwiderte Edith, »doch werde ich wohl mein ganzes Leben lang nicht wieder lachen, ehe ich nicht – « Sie brach ab, wahrscheinlich aus Ehrerbietung gegen die Königin, doch hörte Kenneth ihren Worten die starke Erregung an, die ihr Gemüt beherrschte. »Verzeih mir,« sagte Berengaria, »verzeih der leichtsinnigen, aber lustigen Prinzessin aus dem Hause Navarra. Worauf läuft denn im Grunde der ganze Jux hinaus? Ein junger Ritter ist durch List hierher gelockt worden, hat sich von seinem Posten entfernt oder locken lassen, aber um Deinem Helden Gerechtigkeit zu lassen, meine Liebe, Nectabanus hat ihn nicht anders bestimmen können, als indem er ihn beschwor in Deinem Namen!« – »Gerechter Himmel, Majestät!« rief Edith bewegt, »das vertrüge sich weder mit Eurer noch meiner Ehre! Sagt, daß Ihr nur scherzet, und verzeiht, daß ich Eure Aeußerung auch nur einen Augenblick ernst nehmen konnte!« – »Lady Edith ists leid um den Ring, den wir ihr abgenommen haben,« sagte die Königin unmutig. »Wir wollen Dir das Pfand wiedergeben, liebe Muhme, das ihn bestimmte, herzukommen; es liegt uns wenig am Köder, nachdem der Fisch angebissen.« – »Eure Majestät wissen nur zu gut,« erwiderte Edith, »daß Sie nichts wünschen können, was Ihnen augenblicklich zu Gebote stände. Aber einen ganzen Scheffel Rubine opferte ich lieber als meinen Ring oder Namen, um einen wackeren Menschen zu einem Fehltritte zu verleiten, der ihm Ungnade und Strafe zuziehen muß.« – »O, also um das Wohl unseres treuen Ritters sind wir in Besorgnis?« sagte die Königin. »Du schätzest Unsere Macht zu gering, liebe Muhme, wenn Du von Strafe sprichst gegen jemand, mit dem Wir, Englands Königin, Unsern Scherz getrieben haben! auch für andere Damen schlagen Kriegerherzen,, nicht bloß für Dich! glaube mir, ich gelte genug bei Richard, um diesen Ritter, an dessen Schicksal Lady Edith so großen Anteil nimmt, vor Strafe zu schützen.« »Königliche Gebieterin,« rief Edith, und Ritter Kenneth hörte tief ergriffen, daß sie sich der Königin zu Füßen warf – »um der heiligen Jungfrau willen, seid vorsichtig! Ihr kennt König Richard nicht, seid erst seit kurzem mit ihm vermählt! Eher könnte Euer Atem den wildesten Sturm hemmen, als Eure Zunge meinen königlichen Verwandten bewegen, einen Fehltritt im Dienste nachzusehen. Um Gottes willen, entlaßt den Ritter, wenn Ihr ihn wirklich hergelockt habt. Lieber litte ich die Schande, ihn gerufen zu haben, als die Unruhe, daß er noch nicht an den Ort zurückgekehrt, wohin ihn seine Pflicht ruft.« – »Steh auf, Muhme, steh auf!« sagte die Königin: »sei überzeugt, es wird alles besser gehen, als Du glaubst. Es tut mir leid, mit einem Ritter, an dem Du so lebhaften Anteil nimmst, Scherz getrieben zu haben. – Aber ringe doch nicht die Hände! Nectabanus soll den Ritter zu seinem Posten zurückführen: Wir aber wollen ihn künftig mit unserer Gnade beehren und bei unserm Gemahl alle Schuld auf uns nehmen... Ich wette, er wartet in irgend einem Nachbarzelt.« – »Bei meiner Lilienkrone und meinem Rohrszepter!« sagte Nectabanus, »Eure Majestät irren sich, er ist näher bei der Hand, als Ihr wißt. Er liegt hinter jener Scheidewand verborgen.« – »Und hätte jedes Wort mit angehört, das wir gesprochen haben?« rief die Königin zornig. »Hinaus, mit Dir, Du Ungeheuer von Narrheit und Bosheit!« Nectabanus entfloh mit einem so gellenden Geschrei, daß es dem Ritter zweifelhaft blieb, ob Berengaria ihren Vorwürfen nicht noch einen Denkzettel angehängt hätte. »Was ist nun zu tun?« sagte die Königin leise zu Edith, mit nicht verhehltem Unmut. – »Was geschehen muß,« antwortete Edith fest und bestimmt; »wir müssen den Ritter vorlassen und uns seiner Ehre überantworten.« Schnell zog sie einen Vorhang weg, der an einer Stelle einen Eingang verdeckte. – »Um des Himmels willen!« rief die Königin, »bedenke doch, mein Zimmer, unsere Kleidung, die Zeit und Stunde, und meine Ehre!« Aber schon fiel der Vorhang und mit ihm die Scheidewand zwischen dem Ritter und den Damen. Mit lautem Schrei floh die Königin, die in der warmen Nacht leichter gekleidet war, als es die Rücksicht auf ihren Rang einem Ritter gegenüber erlaubte, aus dem Zelt. Der innige Wunsch, dem schottischen Ritter eine schnelle Erklärung zu geben, mochte Edith vergessen lassen, daß ihre Locken nachlässiger hingen, als es dem Anstande damaliger Zeit gemäß war, und daß bloß ein dünnes, loses Gewand aus blaßroter Seide den Hauptteil ihrer Bekleidung bildete. Zwar zog sie den Shawl, den sie von einem Stuhle gerissen hatte, dichter um Nacken und Busen, aber als Ritter Kenneth noch immer starr dort stehen blieb, wo sie ihn zuerst erblickt hatte, trat sie zu ihm und rief: »Eilt auf Euren Posten, Herr Ritter! Ihr seid hintergangen worden. Fragt nichts weiter!« – »Ich habe nichts zu fragen,« antwortete der Ritter, sich auf em Knie niederlassend, mit gesenktem Blick, damit nicht sein Auge die Verlegenheit der Dame merke. – »Habt Ihr alles gehört?« fragte Edith ungeduldig. »Mann! Warum säumt Ihr noch, da jede verlorene Minute Euch in Schaden bringt?« – »Ich habe vernommen, aus Eurem Munde, Lady, daß Schimpf auf mir lastet. – Was kümmerts mich, wie bald die Strafe erfolgt! Nur eine Bitte an Euch, dann will ich versuchen, unter den Säbeln der Ungläubigen, ob Schande sich mit Blut abwaschen läßt!« – »Nicht so!« bat Edith. »Seid klug und säumt nicht länger! Noch kann ja alles gut werden, sofern Ihr Euch eilig entfernt.« – »Ich warte nur auf Eure Verzeihung,« antwortete der Ritter, noch immer knieend, »für meine Anmaßung ...« – »Ich verzeih Euch – o, ich habe ja gar nichts zu verzeihen! Seid Ihr doch durch mich gekränkt worden. Aber geht – ich will Euch lieb und wert halten, wie jeden tapferen Kreuzfahrer, wenn Ihr nur geht!« – »Empfanget zuvor dies kostbare, wenn auch verhängnisvolle Unterpfand,« sagte der Ritter, ihr den Ring reichend, den sie aber ungeduldig ablehnte. – »Nicht doch,« sagte sie, »behaltet ihn! als Zeichen meiner Wertschätzung, meines Bedauerns wollte ich sagen. O entfernt Euch wenn nicht um Euret-, doch um meinetwillen!« Belohnt durch die sichtliche Teilnahme an seiner Wohlfahrt, erhob sich der Ritter, verbeugte sich tief und schien im Begriff, sich zu entfernen. Da trug Ediths jugendliche Schüchternheit, über die ihre stärkeren Gefühle bisher triumphiert hatten, endlich den Sieg davon. Aus dem Zimmer eilend, löschte sie die Lampe aus und ließ Kenneth in geistiger und leiblicher Finsternis zurück. Daß er ihr gehorchen müsse, war die erste deutliche Vorstellung, die ihn aus seinen Träumen weckte, und so eilte er zu der Zeltwand, durch die er hineingekommen war; aber den Ausweg zu finden, erforderte Zeit, und da sich Warten mit seiner Ungeduld nicht vertrug, nahm er den Dolch und schnitt die Zeltleinwand entzwei. In die frische Luft gelangt, kam er sich vor, wie betäubt, und um den Pfad wieder zu entdecken, den ihn der Zwerg geführt hatte, mußte er alle Kräfte zusammennehmen. Eine leichte Wolke war, als er das Zelt verließ, vor den Mond getreten. Plötzlich drangen vom St. Georgenberg Laute her, die ihn schnell wieder zu sich brachten: zuerst ein zorniges, wildes Bellen, dann ein Schrei, wie aus Todesangst. Kenneth rannte, selbst von Todesangst befallen, denn er hatte die Stimme seines treuen Hundes auf der Stelle erkannt, querfeldein nach der Anhöhe und hatte, trotzdem ihn der Panzer hinderte, in wenigen Minuten den Gipfel erreicht. Da brach der Mond durch das Gewölk, und Kenneth sah, daß das englische Banner verschwunden war. Die Stange, an dem es geflattert hatte, lag zerbrochen auf der Erde, daneben sein Hund, mit dem Tode ringend. Vierzehntes Kapitel. Des Ritters erster Gedanke war, die Schuldigen zu ermitteln, die das Banner Englands geraubt hatten; allein nirgendswo zeigte sich eine Spur von ihnen. Als er die Nutzlosigkeit weiteren Nachforschens erkannte, wandte er sich zu seinem Hunde, dessen dumpfes Gewinsel auf ein baldiges Ende seines Todeskampfes deutete. Das kluge Tier, als fürchtete es, seinem Herrn weh zu tun durch die Schmerzenslaute, die es von sich gab, leckte dem Ritter die Hand, und die Art, wie es, dem Verenden nahe, seine Anhänglichkeit zum Ausdruck brachte, mehrte nicht bloß seine Niedergeschlagenheit, sondern mischte ihr einen hohen Grad von Bitterkeit bei. Laut hub er zu wehklagen an, als eine feierliche Stimme in seiner Nähe in der unter Christen und Sarazenen üblichen Frankensprache die Worte sprach: »Widerwärtigkeit gleicht der Zeit des frühen und späten Regens – kalt, unbehaglich und unfreundlich für Menschen und Tiere, bringt sie doch Blüte und Frucht, denn sie zeitigt die Dattel, die Rose und den Granatapfel.« Ritter Kenneth vom Leoparden wandte sich um und erblickte den arabischen Arzt, der sich ihm unbemerkbar genaht hatte. Beschämt, über einem weibischen Ausbruch von Kummer ertappt worden zu sein, beschäftigte sich Ritter Kenneth wieder mit seinem Hunde. – »Wäre nicht des Arztes Hand,« fragte der Araber, »geeigneter als die des Kriegers?« – »Dem Kranken hier ist nicht mehr zu helfen, Hakim,« versetzte Kenneth; »zudem ist er nach Deinem Ritus ein unreines Tier.« – »Wo Allah die Gabe des Lebens und das Gefühl der Freude und des Schmerzes verliehen,« sagte der Arzt, »da wäre es sündhafter Stolz, wollte der Weise, den er erleuchtete, sich weigern, ein Dasein zu verlängern oder einen Todeskampf zu mildern. Laßt mich das verwundete Tier untersuchen!« Ritter Kenneth trat schweigend hinzu, während der Arzt Roswals Wunde besichtigte, ein Besteck hervorzog, den Lanzensplitter, der in der Wunde steckte, behutsam mit der Zange entfernte und durch einen geschickten Verband den Blutverlust zu hemmen suchte. »Das Tier kann geheilt werden,« sagte El Hakim, »wenn Ihr mir erlauben wollt, es nach meinem Zelte zu schaffen.« – »Nehmt ihn mit!« versetzte der Ritter. »Ich schenke ihn Euch gern, wenn er gesund wird. Ich selbst werde wohl nie wieder ins Hifthorn stoßen oder Hunden Hallo zurufen. Und für die Kur meines Knappen stehe ich ja noch in Eurer Schuld!« Der Araber klatschte in die Hände, worauf zwei schwarze Sklaven erschienen, denen er befahl, den Hund aufzuheben und in sein Zelt zu schaffen. »Ich wollte,« rief Kenneth, als die Sklaven sich entfernt hatten, »ich könnte mit diesem verendenden Tiere tauschen!« – »Es steht geschrieben,« erwiderte der Araber, wiewohl der Ausruf des Ritters nicht an ihn gerichtet war, »daß alle Geschöpfe zum Dienste des Menschen geschaffen seien, und der Herr der Erde ist töricht, wenn er aus Ungeduld seine Hoffnungen mit dem Zustande eines ihm untergeordneten Wesens vertauschen will.« »Ein Hund, der im Dienste krepiert,« sagte der Ritter ernst, »ist besser, als ein Mensch, der seine Pflicht im Dienste versäumt. Hakim, Du besitzest die wundersamste Wissenschaft, die je ein Mensch besaß; aber die Wunden des Geistes zu heilen, liegt außer Deiner Macht.« – »Keineswegs, sobald der Kranke sein Leiden offenbart und sich der Leitung des Arztes vertrauen will,« antwortete El Hakim. – »So höre,« sagte Kenneth, »da Du so in mich dringst: Gestern nacht ist Englands Banner auf diesem Wall aufgepflanzt worden; ich wurde zu seinem Wächter bestellt; und dort liegt der Fahnenstab zerbrochen, die Fahne selbst ist fort, und hier sitze ich und – lebe noch!« – »Wie?« rief El Hakim, ihn schärfer betrachtend. »Deine Rüstung ist unversehrt, kein Blut klebt an Deinen Waffen? So kommt kein Schotte aus einem Gefecht: Man hat Dich weggelockt von Deinem Posten, oder hast Du Dich weglocken lassen durch die Rosenwangen und schwarzen Augen einer der Houris, die Ihr Nazarener lieber anbetet als Allah, statt sie nur so zu lieben, wie sie es, als aus demselben Stoffe, wie wir, verlangen können. So ist es seit Adam immer gewesen!« – »Und wenn es so wäre, Arzt?« entgegnete Kenneth finster. »Was läßt sich tun?« »Erkenntnis ist die Mutter der Kraft,« versetzte El Hakim, »und Tapferkeit ersetzt Stärke ... Höre mich an! Der Mensch ist nicht gleich dem Baume an den Ort gebunden, auch nicht geschaffen, wie das kaum beseelte Schaltier, an einem nackten Felsen zu hängen. Deine christlichen Bücher befehlen Dir, wenn Du in einer Stadt verfolgt wirst, in eine andere zu fliehen, und auch wir Muselmänner wissen, daß Mohammed, Allahs Prophet, als er vertrieben wurde aus der heiligen Stadt Mekka, Zuflucht und Anhänger zu Medina fand.« – »Was soll das?« rief der Schotte. – »Viel,« antwortete der Arzt; »der Weise flieht vor dem Sturme, den er nicht bändigen kann. Also flüchte Dich vor Richards Rache in den Schatten von Saladins siegreicher Fahne.« »Ich sollte meine Schmach im Lager ungläubiger Heiden verbergen,« sagte Kenneth ironisch, »wohl gar einer der ihrigen zu werden?« – »Lästere nicht, Nazarener!« rief der Arzt ernst. »Saladin bekehrt niemand zu dem Gesetz des Propheten, außer solchen, die sich von seinen Lehren überzeugen. Oeffne Deine Augen dem Licht! der große Sultan, dessen Freigebigkeit so unbegrenzt ist wie seine Macht, kann Dir ein Königreich schenken.« – »Eher wünschte ich,« versetzte der Ritter, »mein abgehärmtes Antlitz würde schwarz, wie es abends, beim Untergange der Sonne, zu werden scheint.« – »Du handelst nicht weise,« fuhr El Hakim fort, »dies Anerbieten auszuschlagen, denn ich habe Einfluß auf Saladin und kann Dich hoch erheben in seiner Gunst. Mein Sohn, der Kreuzzug, wie Ihr Euer tolles Unternehmen nennt, gleich einem Schiffe, das in den Wogen zerschellt. Du selbst hast die Punkte des Waffenstillstandes Eurer Fürsten dem mächtigen Sultan überbracht, und kennst wohl kaum den vollen Inhalt Deiner Botschaft?« – »Ich kenne ihn nicht und kümmere mich nicht darum,« antwortete der Ritter, »denn, was nützt es mir, unlängst ein Abgesandter von Fürsten gewesen zu sein, wenn ich noch vor Einbruch der Nacht, ein beschimpfter Leichnam, am Galgen hänge?« – »Das wird nicht geschehen,« versetzte der Arzt. »Saladin wird von allen Seiten umschmeichelt; die Fürsten des gegen ihn errichteten Bundes haben ihm Friedensvorschläge unterbreitet, auf die er unter anderen Umständen eingehen müßte. Andere sind ihm auf eigne Rechnung mit Angeboten genaht, daß sie nicht bloß ihre Streitkräfte aus dem Lager der Kreuzfahrer entfernen, sondern sogar die Fahne des Propheten verteidigen wollen. Aber Saladin will aus derlei verräterischem Abfall keinen Vorteil ziehen; der König der Könige will nur mit dem Löwenkönig unterhandeln, nur mit ihm Vergleich schließen oder mit ihm fechten, wie mit einem Helden. Solche Bedingungen wird er dem König aus freien Stücken zubilligen ... auch wird er die Wallfahrt nach Jerusalem und allen Orten, die den Nazarenern heilig sind, freigeben, will sogar in den sechs festesten Städten Palästinas und in Jerusalem christliche Besatzungen zulassen unter dem Vorbehalt, daß sie unter dem unmittelbaren Befehle Richards stehen. König Richard soll den Titel eines königlichen Schirmvogts von Jerusalem führen, und so unglaublich es Euch vorkommen mag, Saladin will auf diesen Bund zwischen den tapfersten und edelsten Männern von Frangistan und Asien ein heiliges Siegel drücken, indem er eine christliche Prinzessin, König Richards Blutsverwandte, Lady Edith von Plantagenet, zu seiner königlichen Gemahlin erhebt.« »Ha! Was sagst Du?« rief Kenneth, »welcher Christ würde solch unnatürliche Verbindung einer Christin mit einem Sarazenen billigen?« »Du bist ein unwissender Nazarener!« rief Hakim. »Weißt Du nicht, daß sich mohammedanische Fürsten täglich mit edlen Nazarenerinnen in Spanien vermählen, ohne daß Mauren oder Christen daran Anstoß nehmen? Und Saladin, der edle Sultan, will der englischen Dame die freie Ausübung ihrer Religion gestatten; auch soll sie im Rang so hoch über allen Frauen seines Harems stehen, daß sie in jeder Hinsicht als die einzige und unumschränkte Königin gelten kann.« – »Wie?« rief Ritter Kenneth, »Du glaubst, Muselmann, daß Richard seine Blutsverwandte, eine edelgeborene, tugendsame Prinzessin, in den Harem eines Ungläubigen liefern werde? Der gemeinste Christ wiese solch glänzende Schande mit Verachtung von sich.« – »Du irrst!« sagte Hakim. »Philipp von Frankreich, Heinrich von Champagne und andere von Richards ersten Bundesgenossen haben versprochen, alles zu tun, was in ihren Kräften steht, einen Bund zu fördern, der diesen verheerenden Kriegen ein Ziel setzen kann. Der weise Erzbischof von Tyrus hat es übernommen, dem Könige Richard diesen Vorschlag zu eröffnen, und zweifelt nicht an der glücklichen Ausführung des Planes... Auf, Herr Ritter! zu Rosse! Nicht meinen mußt Du, daß Du Vaterland und Religion aufgibst! Du wirst Dir Saladin zu Dank verpflichten durch allerhand Rat; darum noch einmal: auf! zu Rosse! Du hast gebahnten Weg vor Dir!« »Hakim,« sagte der schottische Ritter, »Du bist ein Mann des Friedens, hast Richard von England das Leben gerettet, hast meinem Waffenträger das Leben gerettet. Aber ich rate Dir, sage dem Sarazenen, der Richard solche Verbindung vorschlagen will, er möge sich durch einen Helm das Haupt sichern, der einen Hieb mit der Streitaxt aushalten könne wie den, womit das Tor von Acre zerschmettert wurde.« – »Du bist also hartnäckig entschlossen, Dich nicht ins Sarazenenheer zu flüchten?« fragte Hakim. »Bedenke, daß Du einem gewissen Tode entgegengehst! Und Deine wie unsere Gesetzbücher verbieten dem Menschen, die Hand selbst an sich zu legen!« – »Gott behüte mich davor!« erwiderte der Schotte, sich bekreuzend. »Es ist aber auch untersagt, der Strafe auszuweichen, die unsere Verbrechen verdienen. Hakim, mir tuts jetzt leid, daß ich Dir meinen treuen Hund geschenkt habe: denn sollte er am Leben bleiben, so bekommt er einen Herrn, der seinen Wert nicht kennt.« – Ein Geschenk, das einem leid wird, gilt als widerrufen,« sagte El Hakim. »Wir Aerzte aber müssen schwören, keinen Patienten ungeheilt zu entlassen. Kommt der Hund davon, so ist er wieder Dein.« Fünfzehntes Kapitel. Es war um die Stunde des Sonnenunterganges, als vor dem Zelte des Königs der langsame Schritt eines Panzerritters laut wurde. Thomas von Vaux, der neben seinem Herrn ruhte, und einen so leisen Schlaf hatte, wie ein getreuer Haushund, hatte kaum Zeit, aufzustehen und »Wer da?« zu rufen, als auch schon der Ritter vom Leoparden ins Zelt trat, einen Zug tiefer, aufrichtiger Trauer in seinem männlichen Gesicht. »Was bestimmt Euch, Herr Ritter, zu so kühnem Eintritt?« sagte Thomas von Vaux ernst, aber leise, mit einem Wink auf den schlummernden König. »Halt, Thomas von Vaux!« rief Richard erwachend. »Ritter Kenneth will Rechenschaft als wackerer Krieger von seiner Wache ablegen. Solche Männer haben im Zelte des Oberfeldherrn stets Zutritt.« Auf seinen Ellbogen gestützt, richtete er das große, funkelnde Auge auf den Ritter. – »Eure günstige Meinung, Majestät, wird sich rasch ändern,« sagte Ritter Kenneth. »Meine Wache war nicht ehrenvoll, denn Englands Banner ist fort!« – »Und Du lebst, mir das zu künden?« rief Richard im Tone spöttischen Unglaubens. »Nicht doch! Es kann nicht sein! Es ist ja nicht eine einzige Schramme in Deinem Gesicht. Warum verstummst Du? Sprich die Wahrheit! mit einem König scherzen ist eine schlimme Sache, doch ich verzeihe Dir, wenn Du gelogen hast.« »Gelogen, Majestät?« rief der unglückliche Ritter in wilder Erregung, und ein Feuerblick schoß aus seinem Auge, verschwand aber schnell wie der Blitz, der aus hartem Kieselsteine sprüht. »Doch auch dies muß ich tragen, ich habe die Wahrheit gesprochen!« – »Beim heiligen Georg,« rief der König in heftiger Wut, mäßigte sich aber im Nu. »Thomas von Vaux, begib Dich zum Georgberg; das Fieber hat ihm sein Gehirn zerrüttet, es kann nicht sein, denn der Mut des Ritters hat sich bewährt. Es kann nicht sein!« In diesem Augenblick trat atemlos Sir Henry Neville ein und brachte die Nachricht, das Banner sei fort und der Ritter, der die Wache gehabt, müsse überwältigt, wenn nicht erschlagen worden sein, denn es zeige sich eine Blutlache, wo man den Fahnenstab zertrümmert finde. – »Aber, wen sehe ich hier?« rief Neville, als seine Blicke plötzlich auf Ritter Kenneth fielen. – »Einen Verräter!« entgegnete der König und griff nach seiner stets am Bett hängenden Streitaxt. »Einen Verräter, den Du, wie es ihm gebührt, sterben sehen sollst!« Bleich, aber wie eine Marmorsäule so starr, stand der Schotte vor ihm, mit entblößtem Haupt, die Augen zur Erde gesenkt, und rührte kaum merklich die Lippen, doch wahrscheinlich ein Gebet murmelnd. Ihm gegenüber, mit zum Schlage erhobener Streitaxt, stand König Richard, in die Falten seines weiten Linnenrockes gehüllt. Einen Augenblick stand er, wie zum Schlage bereit; dann senkte er die Streitaxt und rief: »Es war Blut auf dem Platze, Neville? so sagtest Du doch? Höre, Schotte! Du warst sonst tapfer, ich habe Dich fechten sehen. Sag, daß Du ein paar Hunde niederschlugst – und dann rette Dich aus dem Lager mit Deinem Leben und Deiner Schande!« – »Ihr habt mich einen Lügner genannt, königlicher Herr!« erwiderte Kenneth, »hierin aber seid Ihr im Unrecht. Außer dem Blut eines Hundes, der den Dienst versah, ist kein Blut geflossen.« Abermals hob Richard den Arm; aber Thomas von Vaux warf sich zwischen ihn und den Schotten und sprach mit der ihm eigentümlichen Derbheit: »Mein Fürst, nicht also! zum wenigsten nicht durch Eure Hand! Für einen Tag und eine Nacht wars Narrheit genug, Euer Banner einem Schotten anzuvertrauen. Wars nicht immer meine Rede, daß Schotten ehrlich und falsch zugleich seien?« »Du hast recht gehabt,« sagte Richard, »ich hätte ihn besser kennen sollen,« rief er, »und doch, Thomas von Vaux,« fuhr er nach kurzer Pause fort, »das Benehmen dieses Menschen ist seltsam! Memme muß er sein oder Verräter; und doch erwartete er den Streich, als hätten wir den Arm erhoben, ihn zum Ritter zu schlagen. Zitterte ihm nur ein Glied? zuckte, nur eine Wimper? ich hätte seinen Kopf zertrümmert wie ein Stück Glas. Aber wo ich weder Furcht noch Widerstand erblicke, da kann ich nicht zuschlagen.« Es entstand eine Pause. – »Mein König,« sagte Kenneth. – »Ha!« unterbrach ihn Richard, »ist Dir die Sprache wiedergekommen? Erflehe, Gnade vom Himmel, doch nicht von mir; denn England ist beschimpft durch Deinen Fehltritt, und wärst Du mein eigner, einziger Bruder, für diesen Fehltritt winkte Dir kein Pardon.« – »Es steht in Eurer Majestät Belieben,« versetzte Kenneth, »mir Zeit zur Beichte zu lassen oder nicht. Aber um soviel Frist ersuche ich meinen König, Dinge Mitzuteilen, die Eurem Ruf als christlichen König nahe angehen.« – »Sprich!« versetzte der König, der nicht anders dachte, als daß er ein Geständnis über den Verlust des Banners hören solle. – »Was ich zu sagen habe,« fuhr Kenneth fort, »betrifft das königliche Ansehen Englands, und nur Deinen Ohren kann ich es vertrauen.« – »Entfernt Euch, Ihr Herren!« sagte der König zu Neville und Thomas von Vaux. Neville gehorchte, aber Thomas von Vaux weigerte sich. – »Wie, Thomas von Vaux?« sagte Richard, leicht mit dem Fuße stampfend, »Du willst unsere Person mit einem Verräter nicht allein lassen?« – »Ihr furcht umsonst die Stirn, mein König!« versetzte Thomas von Vaux. – »Gleichviel,« entgegnete der schottische Ritter; »ich suche keinen Vorwand, um Zeit zu gewinnen, sondern werde auch in Gegenwart des Lords sprechen. Er ist brav und treu.« – »Noch vor einer halben Stunde,« sagte Thomas von Vaux mit tiefem Seufzer, »hätte ich von Dir dasselbe behauptet.« – »Ihr seid von Verrätern umgeben, König von England,« fuhr Ritter Kenneth fort. – »Das mag sein,« entgegnete Richard, »ein Beispiel steht mir ja vor Augen.« – »Ich spreche von einem Verrat, der Dich tiefer bedünken wird, als der Verlust von hundert Fahnen. Lady – « hier stockte Kenneth; endlich fuhr er mit leiserer Stimme fort: »Lady Edith – « »Ha!« rief der König, plötzlich eine erhöhte Aufmerksamkeit zeigend und sein Auge starr auf den vermeintlichen Verbrecher heftend; »was hat sie hiermit zu schaffen?« – »Mein König,« erwiderte der Schotte, »es ist ein Plan im Werke, Schimpf auf Euer königliches Haus zu laden. Lady Edith soll dem Sarazenensultan ausgeliefert und ein schmählicher Friede durch eine schmähliche Verbindung mit England erkauft werden.« Die Wirkung, die diese Worte hervorbrachten, war eine völlig andere, als Ritter Kenneth erwartet hatte. »Still,« rief König Richard, »ich lasse Dir die Zunge ausreißen, Verwegner, wenn Du den Namen dieser edlen christlichen Prinzessin noch einmal nennst! Wisse, Verräter, daß es mir nicht unbekannt geblieben, wohin Du Deine Augen zu heben wagtest! Ich habe Dir diese Unverschämtheit nachgesehen, so lange Du uns in den Glauben wiegtest, Wir hätten in Dir einen Ritter von Namen und Ruf vor uns. Aber auch jetzt noch wagst Du es, eine uns verwandte Prinzessin als eine Person zu nennen, an deren Schicksal Du Anteil nimmst? Was scherts Dich, oder sonst jemand, wenn es mir gefallen sollte, mich der Person des Sultans Saladin zu sichern in einem Lager, wo es von Verrätern und Feiglingen wimmelt?« – »Mir gewiß wenig oder nichts, denn mich wird ja die ganze Welt bald nichts mehr scheren,« antwortete Ritter Kenneth; »aber läge ich auch auf der Folter, so sagte ich Dir, mein König, daß Du, wenn Du nur den Gedanken hegen solltest, Lady Edith, Deine Verwandte – « »Nenne ihren Namen nicht! und denke nicht mehr an sie!« rief der König, die Streitaxt wieder schwingend. »Ich soll sie nicht nennen? soll nicht an sie denken?« entgegnete Kenneth, dessen Mut sich wieder zu beleben anfing. »Beim heiligen Kreuz, ihr Name soll das letzte Wort in meinem Munde, ihr Bild der letzte Gedanke meiner Seele sein!« »Er macht mich noch wahnsinnig!« rief Richard, durch die Festigkeit des Schotten in seinem Plane erschüttert. Da entstand draußen ein Geräusch, und die Ankunft der Königin wurde gemeldet. »Halte sie zurück, Neville,« sagte der König, »das ist kein Bild für Frauen! Daß ich mich durch diesen elenden Verräter in solche Wut bringen ließ! Hinweg mit ihm, Thomas,« flüsterte er, »durch den hinteren Eingang unseres Zeltes! Bring ihn in engen Verwahrsam; Du bürgst mit Deinem Leben für ihn. Er soll sterben, gleich! aber mit Schwertgurt und Sporen, denn tapfer war er immer! und auch den Pater versage ihm nicht.« Thomas von Vaux war froh, daß Richard sich zu keiner so unköniglichen Tat erniedrigte, selbst den Streich gegen einen Gefangenen zu führen, der keinen Widerstand leistete. Er führte Ritter Kenneth durch eine Hintertür in ein abgesondertes Zelt, wo er entwaffnet und in Fesseln geschlagen wurde. »Es ist König Richards Wille,« sprach er, »daß Ihr den Tod erleidet, ohne Verstümmelung, ohne Schimpf; der Scharfrichter soll Euch den Kopf vom Rumpfe trennen.« – »Sehr gnädig von meinem Könige!« sagte der Ritter demütig, wie jemand, dem eine erhoffte Gunst zuteil wird; »auf diese Weise hört meine Familie doch nicht das Schlimmste. – O mein Vater!« Thomas von Vaux, dem es bei aller Derbheit an menschlicher Gesinnung nicht fehlte, strich sich mit der Rückseite seiner breiten Hand über sein rauhes Antlitz, ehe er weiter sprechen konnte ... »Es ist ferner König Richards Wille, daß Ihr Euch mit einem Geistlichen unterredet. Ein Karmelitermönch, er wartet draußen, er soll Euch auf Euren Hintritt bereiten.« – »Gottes und des Königs Wille geschehe!« antwortete der Ritter gelassen. Thomas von Vaux entfernte sich langsam aus dem Zelt, blieb aber an der Tür stehen und blickte nach dem Schotten zurück, der in tiefe Andacht versunken zu sein schien. »Ritter Kenneth, Du bist noch jung, Du hast einen Vater,« sagte Thomas von Baux tief ergriffen, indem er eine der gefesselten Hände des Schotten aufhob... »kann nichts zu Deinen Gunsten gesprochen oder getan werden?« – »Nichts,« lautete die schwermütige Antwort, »ich war meiner Pflicht ungetreu. Das mir anvertraute Banner ist fort. Sofern Henker und Block bereit sind, Haupt und Rumpf sind es bereits.« – »Nun, so erbarme sich Gott Deiner!« rief Thomas von Baux; »aber mein bestes Roß gäbe ich drum, wenn ich die Wache selbst übernommen hätte. Dahinter steckt ein Geheimnis, junger Mann, das ein Unbefangener wohl ahnen, doch nicht durchschauen kann.« Sechzehntes Kapitel. Berengaria, die Tochter des Königs Sanchez von Navarra und Gemahlin des heldenmütigen Richard von England, galt für eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. Klein von Gestalt und von äußerst zartem Bau, mit einem Teint so schön, wie man ihn nicht häufig findet, und einer Fülle des schönsten Haares, ließen sie ihre ungemein jugendlichen Züge viel jünger erscheinen, als sie wirklich war, obgleich sie erst einundzwanzig Jahre zählte. Sie war von kindlichem Frohsinn und die gutmütigste Person, die man sich denken kann. Aber sie liebte es, umschmeichelt zu werden, und eine Eigenschaft erinnerte an ihre Herkunft: je mehr Macht ihr eingeräumt wurde, desto eifriger wünschte sie ihre Herrschaft auszudehnen. Ihren Gemahl liebte sie leidenschaftlich, fürchtete aber seinen Stolz und sein rauhes Wesen; und da sie fühlte, daß sie ihm an Klugheit nachstand, vertrug sie es nicht, daß er Edith Plantagenet in der Unterhaltung bevorzugte. Sie hatte deshalb keinen Groll auf Edith, wollte ihr darum auch nicht übel, immerhin meinten die Frauen ihres Gefolges, die für solche Dinge einen besonderen Scharfblick hatten, seit einiger Zeit bemerkt zu haben, daß es ihr nicht unlieb war, wenn Edith gehänselt oder gar verspottet wurde. Das war an sich nicht edel, gewann aber insofern an Häßlichkeit, als Lady Edith eine Waise war. Zwar führte sie den Namen Plantagenet; ebenso gestand ihr König Richard Vorrechte zu, die bloß der königlichen Familie zustanden: allein wenige wußten, in welchem Verwandtschaftsverhältnis sie eigentlich zu Richard Löwenherz stehe. Sie war mit Eleonore, der berühmten Königin-Mutter, von England nach Messina gekommen und dem König Richard dort als Hofdame Berengarias vorgestellt worden, deren Vermählung damals nahe bevorstand. Die Königin machte sie zu ihrer Begleiterin und bewies ihr, trotz der erwähnten kleinen Eifersucht, alle gebührende Achtung ... Die Kämmerer wehrten der Königin den Eintritt in das Zelt ihres Gemahls; und, um sich den Anschein zu geben, als habe sie alle ihr zu Gebote stehenden Mittel erschöpft, sagte sie zu der in ihrer Begleitung befindlichen Edith: »Da siehst Du's, ich wußte es ja, der König will uns nicht vorlassen.« Da vernahmen sie des Königs Stimme: »Geh, verrichte Deinen Dienst schnell, Bursche! Zehn Byzantinen, wenn Du es mit einem Streiche vollbringst. Auch gib acht, ob sich seine Wangen entfärben oder seine Wimpern zucken. Ich möchte wissen, wie ein tapferer Schotte in den Tod geht!« – »Er wäre der erste, der nicht zurückführe, wenn er mein Schwert in der Luft blitzen sieht!« wurde dem König geantwortet. Edith konnte nicht länger an sich halten ... »Wenn Eure Majestät es nicht selbst tun,« sagte sie zur Königin, »so tue ich's! und wenn nicht um Eurer Majestät, so doch um meinetwillen. – Kämmerer, die Königin verlangt König Richard zu sprechen.« – »Edles Fräulein,« antwortete der Kämmerer, seinen Amtsstab neigend; »der König entscheidet eben über Leben und Tod.« – »Und wir wollen über Leben und Tod mit ihm sprechen,« versetzte Edith. »Platz da! ich werde Eurer Majestät Eintritt verschaffen.« Mit diesen Worten schob sie den Kämmerling mit der einen Hand auf die Seite, während sie mit der anderen den Vorhang hob und die Königin nötigte, in Richards Zelt zu treten. Der König ruhte auf seinem Lager, und unweit von ihm, seiner Befehle noch gewärtig, stand ein Mann in einem Wams aus rotem Tuch, das kaum über die Schultern reichte und die Arme bis über den halben Ellbogen nackt ließ. Das schreckliche Amt, das ihm oblag, war nicht schwer zu erraten, das Schwert, auf das er sich stützte, dessen Klinge beinahe vier und einen halben Fuß lang und dessen Gefäß, zwanzig Zoll im Umfange, von einer Reihe Bleikugeln umgeben war, um dem Stichblatt das Gegengewicht zu halten, redete die deutlichste Sprache. Der König warf sich, als die Frauen eintraten, voll Unmut und Staunen auf die andere Seite, so daß er der Königin und ihrem Gefolge den Rücken wandte. Dann zog er die aus Löwenhäuten zusammengenähte Decke über sich. Berengaria warf einen flüchtigen Blick voll Grausen und Entsetzen auf den furchtbaren Gast ihres Gemahls und eilte rasch zu Richards Lager, kniete dort nieder, warf den Mantel von den Schultern und ließ ihre goldenen Locken lang herabwallen. Dann nahm sie Richards Hand, zog sie allmählich an sich, beugte sich mit der Stirn darüber und drückte ihre Lippen darauf. »Was soll das, Berengaria?« sagte Richard mit abgewandtem Gesicht, aber die Hand ihr lassend. – »Schick diesen Mann fort, sein Anblick ist mir gräßlich,« flüsterte Berengaria. – »Pack Dich, Kerl!« rief Richard, noch immer der Königin abgewandt; »ziemt es Dir, diese Damen zu schauen?« – »Euer Majestät haben noch keine Bestimmung getroffen, was mit dem Haupte – « begann der Mann. – »Fort mit Dir, Hund!« war Richards Antwort. »Ein christliches Begräbnis!« Dann wandte sich der König langsam nach der königlichen Bittstellerin herum. Aber niemand, am wenigsten ein Verehrer aller Schönheit wie Richard, dessen Ruhm sie dem Rang nach am nächsten stand, konnte Berengaria vor sich knien sehen, mit Tränen in den Augen. Er wandte langsam sein männliches Antlitz zu ihr, mit dem wärmsten Ausdruck, dessen sein großes blaues Auge fähig war, aus dem so oft grimmiges Feuer blitzte. Mit der nervigen Hand strich er über ihre schönen Locken und küßte zärtlich das holde Antlitz. »Noch einmal, Berengaria, Gebieterin meines Herzens, was suchst Du hier zu dieser frühen Stunde?« – »Verzeihung, mein gnädiger Gemahl!« entgegnete die Königin, vor Furcht abermals unfähig, Fürbitte einzulegen. – »Verzeihung? wofür?« fragte der König. Sie stockte.... »Verzeihung?« wiederholte Richard. »Sprich, Berengaria! sprich! denn für die Angelegenheit, die mich beschäftigt, taugst Du nicht als Zeugin; noch weniger wünsche ich, daß Du Deine kostbare Gesundheit da gefährdetest, wo noch vor kurzem Krankheit herrschte.« – »Aber Du bist jetzt wohl,« sagte die Königin, die sich immer noch scheute, den Zweck ihres Besuchs zu offenbaren; »und... wirst mir eine Bitte nicht abschlagen, eine Bitte um ein armseliges Leben?« »Ha! weiter!« rief Richard, die Stirn runzelnd. – »Der unglückliche schottische Ritter – « hub die Königin an. »Kein Wort von ihm, Königin!« rief Richard finster; »sein Urteil ist gefällt.« – »Nicht so, mein innig geliebter Gemahl! es ist ja nur eine seidene Fahne, die er verscherzt hat, und Berengaria wird Dir eine andere sticken, reicher als je eine im Winde flatterte.« »Du weißt nicht, was Du redest!« unterbrach sie der König entrüstet. »Es gilt hier Englands Ehre und Deines Mannes Ehre! und das sind für uns Pflichten, die Du nicht mit uns tragen kannst.« – »Du hörst es, Edith!« flüsterte die Königin, »wir werden ihn nur mehr erzürnen.« Da trat Edith zum Könige ... »Gnädigster Herr! Eure arme Verwandte fleht um Gerechtigkeit, nicht um Gnade, und der Stimme der Gerechtigkeit muß das Ohr eines Herrschers immer geöffnet sein, zu jeder Zeit und unter allen Umständen.« – »Ha! unsere Base Edith!« rief Richard, sich auf die Seite des Bettes setzend, »sie führt stets königliche Worte im Munde, und königlich soll meine Antwort lauten, sofern sie nicht mit Bitten kommt, die ihrer unwürdig sind.« »Mein König,« sprach sie, »der brave Ritter, dessen Blut Ihr vergießen wollt, hat dem Christentum guten Dienst geleistet. Er ist seiner Pflicht untreu geworden durch eine Botschaft, die, warum soll ich es verschweigen, ihm in meinem Namen überbracht wurde, infolge eines törichten Einfalles; allein deshalb ist er von dem Platze gewichen, auf den Ihr ihn gestellt hattet, aber welcher Ritter im christlichen Lager hätte sich solcher Uebertretung nicht schuldig gemacht, wenn eine Plantagenet ihn zu sich rief?« – »Also habt Ihr ihn gesehen, Base?« rief der König, sich in die Lippen beißend. – »Allerdings, mein König,« erklärte Edith. »Zu erörtern, warum, ist jetzt die Zeit nicht; ich bin nicht hier, mich zu entschuldigen, und andere zu verschwärzen.« – »Und wo erwiesest Du ihm solche Gunst?« – »Im Zelt Ihrer Majestät.« – »Unserer königlichen Gemahlin?« rief Richard. »Nein, beim Himmel, das ist zu stark! ist das Edith Plantagenet, die weise und edle? Oder ein liebekrankes Fräulein, das nicht um ihren Ruf, sondern um das Leben ihres Geliebten besorgt ist? Bei König Heinrichs Seele! Es fehlt wenig, so laß ich Deines Günstlings Schädel vom Galgen nehmen und als Zierat neben dem Kruzifix in Deine Zelle stellen.« »Und dennoch würde ich sagen,« erklärte Edith unerschrocken, »es sei die Reliquie eines wackeren Ritters, der unwürdig und grausam hingerichtet wurde von« – hier hielt sie inne – »von einem, der besser hätte wissen sollen, wie man Ritterlichkeit belohnt.« – »O still, um Gottes willen!« flüsterte die Königin. »Du machst ihn rasend!« Der König schickte sich eben an zu zorniger Antwort, als ein Karmelitermönch ins Gemach trat, in den langen Mantel dieses Ordens aus gestreiftem groben Tuch gehüllt, sich dem König zu Füßen warf und ihn beschwor, die Hinrichtung aufzuschieben. »Bei Schwert und Szepter!« rief Richard, »die ganze Welt hat sich gegen mich verschworen; Narren, Weiber, Mönche stellen sich in meinen Weg. – Wie kommts, daß der Verbrecher noch lebt?« – »Mein gnädigster Herr!« erklärte der Mönch, »ich habe den Lord von Gilsland gebeten, die Hinrichtung so lange aufzuschieben, bis ich mich selbst vor Eurer – « »Und er war so gutmütig, Deinem Gesuch zu willfahren?« schrie der König. »Der Satan über ihn! Doch sprich: Was hast Du zu dieser Sache zu melden?« – »Gnädigster König, ein wichtiges Geheimnis, aber unter dem Siegel der Beichte, ich wage nicht, es zu künden, weder laut noch im geheimen! Doch, wenn ich es Dir künden könnte, so würde es Dich, das schwöre ich, von dem blutigen Vorsätze, den Du gegen ihn gefaßt hast, abbringen.« – »Ehrwürdiger Vater,« sagte Richard, »daß ich die Kirche ehre, bezeugen die Waffen, die ich um ihretwillen trage. Künde mir dies Geheimnis, und ich werde handeln, wie es der Sache gemäß ist.« »Mein König,« entgegnete der fromme Mann, Kutte und Oberkleid zurückschlagend, um ein härenes Gewand und ein Gesicht zu enthüllen, das einem lebendigen Skelett glich. »Zwanzig Jahre lang habe ich in den Höhlen Engaddis diesen elenden Körper gemartert, um eine schwere Sünde zu büßen. Wähnt Ihr, ich könnte eine Lüge ersinnen, um meine Seele in Gefahr zu bringen?« »Also Du bist der Einsiedler, von dem so viel gesprochen wird?« erwiderte der König. »Du siehst freilich den Geistern ähnlich, die an öden Stätten wandeln. Aber Richard fürchtet Gespenster nicht! Auch bist Du, dünkt mich, derjenige, an den die Fürsten den Verbrecher sandten mit einer Botschaft an den Sultan, als ich, den sie doch zumeist anging, krank und siech darniederlag? Nun, vergleicht Euch jetzt noch untereinander. Mich gelüstets nicht nach Karmelitergürteln. Und was Dein Geheimnis angeht, so laß Dir sagen, je angelegentlicher Du Dich für ihn verwendest, desto schneller wird ihn der Tod ereilen.« – »Nun, so möge Gott Dir gnädig sein, König!« sprach der Eremit in tiefer Bewegung. »Du richtest ein Unheil an, das Du, und wenn es Dich ein Glied kosten sollte, dereinst wirst ungeschehen machen wollen... Verblendeter Fürst, stehe ab davon!« – »Hinweg!« rief der König, mit den Füßen stampfend. »Die Sonne ist über Englands Schande aufgegangen; und noch ward die Schande nicht gerächt ... Beim heiligen Georg schwöre ich – « »Schwört nicht!« rief ein Mann, der eben ins Zelt getreten war. – »Ha! gelehrter Hakim!« sagte der König, »hoffentlich kommst auch Du, meine Freigebigkeit auszunützen?« – »Ich komme, Gehör zu bitten, augenblickliches Gehör, denn ich bringe wichtige Kunde.« – »Entferne Dich, Berengaria,« sprach der König, »und auch Du, Edith. Keine weiteren Bitten! Eins will ich Euch versprechen: die Hinrichtung soll bis zur Mittagszeit verschoben werden. Geh, Berengaria! Und Du, Edith,« fügte er hinzu, mit einem Blick, der selbst die mutige Seele seiner Verwandten mit Schrecken erfüllte, »wenn Du klug bist, dann geh!« Die Frauen eilten zurück in das Zelt der Königin, wo sie sich ihrem Kummer überließen und gegenseitig Vorwürfe machten. Edith war die einzige, die es verschmähte, ihrem Kummer auf diesem Wege Erleichterung zu schaffen, und versah still ihre Dienste bei der Königin, die in leidenschaftliche Aeußerungen ausbrach und ihren Leichtsinn lebhaft verwünschte. Siebzehntes Kapitel Der Einsiedler wandte sich auf der Schwelle noch einmal um und hob warnend die Hand wider den König .. »Wehe dem,« rief er, »der den Rat der Kirche verwirft und seine Zuflucht nimmt zu den Ungläubigen! König Richard, noch schüttle ich nicht den Staub von meinen Füßen, noch scheide ich nicht aus Deinem Lager. Das Schwert fällt nicht, allein es hängt an einem Haar. Stolzer Monarch, wir sehen uns wieder!« – »Es sei so, hochmütiger Priester!« erwiderte Richard. Der Eremit verschwand aus dem Zelt, und der König, zu dem Araber gewandt, fuhr fort: »Weiser Hakim, stehen die Derwische des Orients auch auf so vertrautem Fuße mit ihrem Fürsten?« – »Die Derwische sind entweder Weise oder Verrückte,« antwortete der Arzt; »wer das Gewand der Derwische anlegt, nachts wacht und tagsüber fastet, kennt kein Mittelding. Er besitzt entweder Weisheit genug, sich in Gegenwart von Fürsten bescheiden zu betragen, oder ist, wenn ihm die hohe Gabe der Vernunft fehlt, für seine eignen Handlungen nicht verantwortlich.« – »Mich dünkt, unsere Mönche sind vorwiegend von letzterem Schlage,« sagte Richard. »Doch zu Deiner Angelegenheit! Womit kann ich Dir dienen, gelehrter Arzt?« – »Großer König,« sagte El Hakim, sich nach orientlischem Brauche tief verbeugend, »laß Deinen Diener ein Wort sprechen, und doch leben. Ich wollte Dich erinnern, daß Du nicht mir, ihrem niedrigen Werkzeuge, sondern den höheren Geistern, deren Wohltaten ich ja bloß unter den Sterblichen austeile, Dein Leben verdankst.« – »Und ich wette, daß Du nun ein anderes begehrst,« unterbrach ihn der König, »ist's nicht so?« – »Allerdings ist dies meine demütige Bitte an den großen König,« sagte Hakim. »Schenket dem zum Tode verurteilten Ritter das Leben! Hat er doch nichts anderes sich zuschulden kommen lassen, wie schon Adam, der Vater aller Menschen, auch!« »Und Deine Weisheit, Hakim, könnte Dich erinnern, daß Adam sie mit dem Tode büßte,« sprach der König ernst, während er, bewegt mit sich selbst sprechend, im engen Raume seines Zeltes auf und nieder ging. »Gerechter Gott! was er begehrte, wußte ich, sobald er ins Zelt trat. Ein armseliges Leben ist mit vollem Recht zum Tode verurteilt, und ich, ein König und Krieger, auf dessen Befehl tausende fielen, soll hier keine Macht haben, obgleich die Ehre meiner Waffen, meines Hauses, meiner Gemahlin durch den Schuldigen gefährdet wurde? Beim heiligen Georg! das bringt mich zum Lachen! das erinnert mich an Blondels Märchen vom verzauberten Schlosse, das der vom Schicksal verfolgte Ritter nie betreten konnte, weil ihn allerhand Gestalten daran hinderten, die, eine der andern unähnlich, ihm doch feindlich gesinnt waren. Kaum war die eine verschwunden, so kam die andere; und so erschienen der Reihe nach Gemahlin, Base, Eremit, Hakim! Ha, ha, ha!« Und Richard lachte laut auf, denn sein Zorn hatte sich in der Tat gelegt, da seine Entrüstung wie gewöhnlich zu heftig gewesen war, um lange zu dauern ... »Ein Todesurteil,« sagte Hakim, den König mit einer Miene, die nicht frei von Verachtung war, betrachtend, »sollte nicht aus lachendem Munde kommen. Laß Deinen Knecht hoffen, daß Du ihm des Mannes Leben schenkst.« »Nimm statt seiner tausend Gefangene!« antwortete Richard. »Du sollst sie auf der Stelle erhalten; aber dieses Mannes Leben ist verwirkt.« – »Wie unser aller Leben!« rief Hakim, »aber der Schöpfer alles Lebens übt auch Gnade und treibt seine Pfänder nicht ein mit Strenge oder zur Unzeit.« – »Welches besondere Interesse veranlaßt Dich, zwischen mich und die Justiz zu treten?« – »Du hast gelobt, Gnade und Gerechtigkeit zu üben,« entgegnete El Hakim; »und doch vollstreckst Du jetzt bloß Deinen eigenen Willen. Zudem wisse, daß manches Menschenleben von meiner Bitte abhängt.« – »Erkläre Dich deutlicher,« sagte Richard. »Doch glaube nicht, mich durch Vorspiegelungen zu hintergehen.« – »Das sei fern von Deinem Knecht!« rief der Arzt; »doch muß ich Dir bekennen, daß die Arznei, der Du Deine Herstellung verdankst, ein Talisman ist, der sich nur bereiten läßt unter gewissen Himmels-Aspekten, wenn die göttlichen Mächte dem Vorhaben am günstigsten sind. Ich bin nur das bescheidene Werkzeug der Vorsehung. Ich tauche den Talisman in ein Gefäß mit Wasser, benutze die Stunde, die sich zur Vorbereitung des Mittels für den Kranken eignet, und die Kraft des Trankes bewirkt die Heilung.« – »Ein kostbares,« sagte der König, »und zugleich bequemes Mittel. Da es der Arzt in der Tasche tragen kann, erspart es die ganze Karawane von Kamelen, durch die wir Spezereien und Arzneimittel aus einem Weltteil in den andern schleppen. Seltsam, daß noch andere Mittel in Gebrauch sind.« »Es steht geschrieben,« erwiderte Hakim, ohne sich in seinem Ernst stören zu lassen: »Mißhandle nicht das Roß, das Dich aus der Schlacht getragen! Wisse, daß solche Talismane freilich gefertigt werden können, daß sich aber selten Adepten fanden, die es wagten, sich solcher Künste zu bedienen. Wer aus Nachlässigkeit, Bequemlichkeit oder Hang zu sinnlichen Lüsten es verabsäumt, im Lauf eines Mondes wenigstens zwölf Personen zu heilen, bei dem trennt sich die Kraft der göttlichen Gabe vom Amulett. Beide, den letzten Patienten und Arzt, trifft dann die Strafe, und keiner von ihnen wird das Jahr überleben. Ich fordere jetzt ein Leben, die gesetzte Zahl voll zu machen.« – »Begib Dich ins Lager, Hakim!« rief der König. »Dort findest Du der Patienten so viel, daß Du nicht meinem Scharfrichter die Kunden zu rauben brauchst. Es ziemt sich für einen Arzt von Deinem Ansehen nicht, einem anderen ins Handwerk zu pfuschen.« »Vergilt so der hochberühmte Fürst von Frangistan die ihm erwiesene Wohltat?« rief El Hakim, indem er nunmehr die demütige Haltung, in der er den König bisher angefleht, aufgab und statt ihrer eine stolze, hoheitsvolle annahm. »Wisse, Du stolzer König, daß ich an jenem Hofe Europas und Asiens, unter Muselmännern und Nazarenern, unter Rittern und Damen, überall, wo das Schwert geachtet und Undank verabscheut wird, Dich, Richard von England, anklagen werde des Undanks und der unedlen Gesinnung, und daß selbst die Länder, in welche nie Dein Ruf drang, Deine Schmach erfahren sollen.« – »Sollen mir die, Worte gelten, Ungläubiger?« rief Richard, grimmig auf ihn zuschreitend, »bist Du Deines Lebens müde?« – »Schlag zu!« rief El Hakim, ohne zu weichen. »Deine eigene Tat wird Dich unwürdiger machen, als meine Worte, und wenn auch jedes von ihnen den Stachel der Hornisse hätte.« Richard schlug zornig die Arme übereinander und schritt wieder im Zelte auf und ab. »Ich wäre undankbar und unedel?« rief er. »Ebenso gut könnte ich feig und ungläubig sein sollen! – Hakim! Du hast Dir ein Geschenk gewählt; und obgleich es mir lieber gewesen wäre, Du hättest meine Kronjuwelen genannt, so kann ich doch als König Dir nichts abschlagen. Der Schotte sei Dir geschenkt. Der Profoß wird ihn Dir gegen diesen Schein ausliefern.« Er schrieb geschwind ein paar Worte und gab sie dem Arzte. »Brauche ihn als Deinen Sklaven,« fuhr er fort, »und schalte mit ihm nach Belieben. Doch in acht nehmen soll er sich, mir je wieder vor Augen zu kommen, hörst Du!« – »Möge die Zahl Eurer Tage sich vervielfältigen, gnädiger König!« sprach Hakim und entfernte sich nach einer tiefen Verbeugung aus dem Zelte. König Richard sah ihm nach, wie jemand, der sich nicht recht schicken kann in das, was vorgefallen ist.... »Ein halsstarriger Wicht, dieser Hakim!« sagte er; »und doch ein seltsamer Zufall, daß er sich im Falle des schottischen Wichtes ins Mittel legen mußte. Doch er lebe, denn so gibts einen braven Kerl mehr auf der Welt. Nun zu diesem Hackklotz von Oesterreicher! – He da! Ist Lord Gilsland draußen?« Thomas von Baux verdunkelte mit seiner Riesenfigur den Zelteingang, während hinter ihm, ungemeldet, doch unbehindert, einem Gespenst gleich, der wild aussehende Einsiedler von Engaddi, in seinen Mantel aus Ziegenfellen gehüllt, ins Zelt hineinschlüpfte. Thomas von Baux, von Lanercost und Gilsland,« sprach Richard Löwenherz mit lauter Stimme zu dem Barone, ohne den Einsiedler zu bemerken, »begib Dich sogleich nach dem Zelte Herzogs Leopold von Österreich. Sieh, daß Du ihn in recht buntem Gedränge von Rittern und Vasallen triffst. Wahrscheinlich ist das jetzt der Fall, denn der deutsche Bär frühstückt ja doch, ehe er die Messe hört. Tritt so ungehobelt wie möglich vor ihn hin und klage ihn öffentlich an von seiten Richards von England, daß er diese Nacht mit eigner oder fremder Hand Englands Banner von seinem Stecken gestohlen habe. Er solle, so bestimmen wir, innerhalb einer Stunde von dieser Verkündigung an, unser Banner mit allen Ehren wiederherstellen. Dabei soll er mit den vornehmsten Rittern mit unbedecktem Haupt und ohne ihre Staatskleider warten, er selbst außerdem auf der einen Seite sein eigenes Banner als dasjenige, das durch Diebstahl und Treulosigkeit entwürdigt worden ist, umgekehrt einschlagen; auf der anderen Seite aber eine Lanze mit dem blutigen Haupt desjenigen aufstellen, der ihm bei dieser gemeinen Tat seinen Rat oder seine Hilfe lieh. Sage ihm, daß, falls dieser unser Befehl pünktlich vollzogen werde, wir ihm, um unseres Gelübdes und um der Wohlfahrt des heiligen Landes willen, verzeihen wollen.« »Aber, wenn nun der Erzherzog allen Anteil an diesem Frevel leugnet?« fragte Thomas von Vaux. – »Sage ihm,« erwiderte der König, »wir wollen es ihm ins Angesicht beweisen, und wenn er zwei seiner tapfersten Kämpfer hinter sich hätte. Ritterlich wollen wirs ihm beweisen, zu Fuß oder zu Rosse, in der Wüste oder im Felde, und er soll Zeit, Ort, Waffen, kurz alles nach eigener Wahl bestimmen.« – »Aber, mein königlicher Lehnsherr, gedenkt des Friedens mit Gott und der Kirche unter diesen Fürsten, die sich zum heiligen Kreuz verbunden haben,« antwortete der Baron von Gilsland. – »Bedenkt Ihr nur, daß ich Vollstreckung meiner Befehle erwarte, Herr Lehnsvasall!« rief Richard ungeduldig, »es hat schon ganz den Anschein, als hofften manche unsern Plan in die Luft zu blasen, wie Kinder Federn... Seht Ihr nicht, wie jeder Fürst seine besonderen Pläne zu erreichen strebt? Auch ich verfolge ein Ziel, aber ich bin hergekommen aus Ehre; kann ich sie nicht bei Sarazenen ernten, so will ich wenigstens kein Jota davon durch diesen armseligen Erzherzog verlieren, und wenn ihn jeder Fürst, der mit bei diesem Kreuzzug ist, schirmte und schützte.« Thomas von Vaux wandte sich, wenn auch achselzuckend, um des Königs Befehle zu vollziehen. Allein in diesem Augenblick trat der Eremit vor, feierlich, wie ein höherer Gesandter als diejenigen, die von irdischen Machthabern ausgehen. Seine Kleidung aus Fellen, sein ungekämmtes Haar, sein Bart, sein hageres, verwirrtes Antlitz, und nicht zum wenigsten das an Wahnsinn erinnernde Feuer, das unter seinen buschigen Brauen blitzte, alles dies erinnerte an einen biblischen Seher. Die Achtung vor der Kirche setzte Richard Löwenherz nie aus den Augen, und wenn ihn auch der unangemeldete Eintritt des Eremiten verdroß, so zollte er ihm doch Ehrerbietung. Zugleich gab er aber Thomas von Vaux einen Wink, den ihm erteilten Auftrag unverzüglich auszurichten. Hieran aber hinderte ihn der Einsiedler, der sich mit hochgehobenem Arm, mager vom Fasten und durch Kasteiungen, vor ihn hinstellte und rief: »Im Namen Gottes und des heiligen Vaters, des Stellvertreters der christlichen Kirche auf Erden, untersage ich diese übermütige Herausforderung zwischen christlichen Fürsten, deren Schultern das heilige Kreuz schmückt, unter welchem sie sich Brüderschaft gelobten. Wehe dem, durch den sie gebrochen wird! – Richard von England! Widerrufe den unheiligen Auftrag, den Du dem Baron von Vaux erteilt! Gefahr und Tod sind Dir nahe! Schon blinkt der Dolch an Deinem Halse!« – »Gefahr und Tod sind Richards Gespielen!« erwiderte der Monarch stolz; »und ich habe schon zu vielen Gefahren getrotzt, um einen Dolch zu fürchten.« – »Gefahr und Tod sind nahe!« erwiderte der Seher, dessen Stimme einen gespensterhaften Klang annahm; »und auf den Tod folgt das Gericht!« »Ehrwürdiger Vater,« sprach der König, »ohne Euch das Recht der Sorge für unser Gewissen streitig zu machen, solltet Ihr, dünkt mich, Euch mit der Sorge für unsere Ehre besser nicht befassen.« – »Ich bin nur die Glocke in der Hand des Küsters,« sagte der Eremit, »die, seine Befehle kündet ... auf meinen Knien bitte ich Dich, übe Mitleid gegen die Christenheit, England, Dich selbst!« »Steh auf!« sagte Richard, »ein Knie, das sich so häufig vor Gott beugt, soll nicht einem Menschen zu Ehren den Boden berühren. Sprich, was für Gefahr droht uns, ehrwürdiger Vater?« – »Ich sah von meinem Berge das Sternenheer des Himmels, sah, wie in seinem mitternächtlichen Kreislauf ein Stern dem andern Weisheit, doch Wissen nur den wenigen, die ihre Stimme verstehen, offenbarte. Im Hause Deines Lebens, König, sitzt ein Feind, der Deinem Rufe und Deiner Wohlfahrt nachstellt.« – »Bleib mir damit vom Halse!« rief der König, »das ist heidnische Wissenschaft, – die von Christen nicht geübt wird, und an die weise Männer nicht glauben. Aber, Du faselst!« »Ich fasele nicht, Richard. Ich bin der Blinde, der andern die Fackel trägt, obgleich sie ihm selbst nicht leuchtet. Frag nicht nach allem, was das Heil der Christenheit und dieses Kreuzzuges anlangt, und ich will mit Dir sprechen, wie der weiseste Ratgeber. Sprich dagegen mit mir von meinem eigenen elenden Dasein, und meine Worte werden dem Munde des verstoßenen Wahnsinnigen gehören, als den ich mich bekenne.« – »Es sollte mir fern liegen, die Bande der Einigkeit unter den Fürsten des Kreuzzuges zu stören,« erwiderte Richard sanfter. »Aber welche Genugtuung gewähren sie mir für die erlittene Schmach?« »Der Fürstenrat ist willens, Eure Forderungen, soweit es möglich ist, zu erfüllen, noch ehe Ihr sie stellt,« versetzte der Eremit. »Das englische Banner soll auf St. Georgenberg wieder aufgepflanzt werden. Mit Bann und Verdammnis sollen die Verbrecher belegt werden, die sich an ihm vergangen haben, und demjenigen, der den Schuldigen nachweist, dessen Fleisch den Wölfen und Raben vorgeworfen werden soll, wird königliche Belohnung verheißen.« – »Und Oesterreich,« sagte Richard, »auf dem so starker Verdacht ruht, der Urheber zu sein?« – »Um Zwietracht unter dem Kreuzheere vorzubeugen,« entgegnete der Einsiedler, »wird Oesterreich sich selbst von dem Verdacht reinigen, indem es sich jedem Gottesurteil unterwirft, das der Patriarch von Jerusalem ihm auferlegt.« – »Durch Zweikampf?« fragte König Richard. – »Daran verhindert ihn sein Eid,« versetzte der Eremit, »zudem wird der Fürstenrat – « »Nie den Kampf wider die Sarazenen, noch gegen sonst jemand genehmigen,« unterbrach ihn Richard. »Doch genug davon, Vater, ich will den Erzherzog selbst meineidig machen, ich will auf dem Gottesurteil bestehen. Wie will ich lachen, wenn seine plumpen Finger zischen, sobald er die rotglühende Eisenkugel ergreift! oder wenn er den prahlerischen Mund öffnet und seine Kehle schwillt, indem er die geweihte Hostie zu kosten versucht!« – »Still, Richard,« sagte der Einsiedler. »Schweigt aus Scham, wenn nicht aus christlicher Liebe. Wer soll Fürsten preisen und ehren, die selbst einander schmähen und verleumden?« Er blieb einige Augenblicke sinnend stehen, die Augen auf den Boden geheftet. Dann fuhr er fort: »Aber der Himmel, der unsere unvollkommene Natur kennt, hat das blutige Ende Deines Lebens, wenn nicht abgewandt, doch hinausgeschoben. Der Würgengel stand still, das Schwert ist gezückt in seiner Hand, und in kurzem wird er den löwenherzigen Richard dem niedrigsten Bauern gleich machen.« – »Sobald schon?« rief Richard. »Doch es sei! Wenn mein Lebenslauf nur glänzend war, so mag er immerhin kurz gewesen sein!« »Ach, edler König,« entgegnete der Einsiedler, und eine Träne, ein ungewohnter Gast, schien in seinem vertrockneten, glänzenden Auge zu schimmern. »Kurz und trübe, bezeichnet mit Erniedrigung, Not und Gefangenschaft, ist die Spanne, die Dich vom gähnenden Grabe trennt, in das Du steigen wirst ohne Nachkommen, unbeweint von einem durch endlose Kriege erschöpften Volke, dessen Bildung Du nicht vermehrt, dessen Glück Du nicht gefördert hast.« – »Doch nicht ohne Ruhm, Mönch! und nicht unbeweint von der Dame meines Herzens,« rief Richard. »König von England,« rief der Eremit, »das Blut, das in Deinen blauen Adern siedet, ist um nichts edler als das in den meinigen fließt, denn es sind Tropfen drin vom königlichen Lusignan, vom Blute des heldenmütigen, frommen Gottfried. Ich bin, das heißt, ich war, als ich in der Welt lebte, Alberich Montemar.« – »Dessen Taten so oft die Posaunen des Ruhmes verkündeten?« rief Richard. »Kann dies sein? Konnte ein Stern, wie der Deinige, vom Horizont der Ritterschaft fallen? Und noch war man ungewiß, wo Deine Asche ruhe?« – »Suche einen gefallenen Stern,« sagte der Einsiedler, »und Du wirst nur eine träge Masse finden, die, durch den Horizont schießend, momentan einen scheinbaren Glanz annahm. Richard, wüßte ich, daß Dein stolzer Geist sich dann der Kirchenzucht unterwürfe, so würde ich den blutigen Schleier von meinem schrecklichen Schicksal hinwegziehen. So höre denn, Richard! mögen Kummer und Verzweiflung, die diesen armseligen Ueberresten eines ehemaligen Mannes nicht helfen können, als kräftiges Beispiel wirken für ein edelmütiges und doch so ungestümes Wesen, wie Dich. Ich will die lang verborgenen Wunden aufreißen, und sollten sie sich auch in Deiner Gegenwart verbluten!« König Richard, auf den die Geschichte Alberichs von Montemar in früheren Jahren, als in den Hallen seines Vaters die Sagen der Minstrels vom heiligen Lande erklangen, tiefen Eindruck gemacht hatte, horchte ehrfurchtsvoll auf eine Lebensgeschichte, die, wenn auch dunkel und unvollkommen, doch zur Genüge den halben Wahnsinn dieses unglücklichen Menschen beleuchtete. »Daß ich edel von Geburt, reich an Glücksgütern, bewandert in der Führung der Waffen und einsichtsvoll im Rat war,« hub er an, »darf ich wohl als bekannt voraussetzen. Allein während in Palästina die edelsten Frauen wetteiferten, meinen Helm mit Blumen zu zieren, war mein Herz einem Mädchen von niedrigem Range zugewendet. Ihr Vater, ein alter Kreuzfahrer, sah, bei dem Abstande zwischen uns, für die Ehre seiner Tochter keine andere Zuflucht als das Kloster. Ich kehrte, beladen mit Beute und Ruhm, aus fernem Lande heim und fand mein Lebensglück vernichtet. Nun trat auch ich in ein Kloster. Der Ehrgeiz trieb mich auch hier, und ich stieg auf zu hohen Würden, wurde zu meinem Unglück auch Beichtvater von Klosterschwestern, und unter ihnen fand ich die lang Geliebte, die lang Verlorene. Erspare mir das weitere Bekenntnis! Eine gefallene Nonne, deren Sünde durch Selbstmord gerächt ward, schlummert in Engaddis Grüften, und über ihrem Grabe jammert ein Mensch, dem nur so viel Verstand geblieben, sein Elend in voller Größe zu fühlen.« – »Unglücklicher!« rief Richard. »Aber wie entgingst Du dem Verdammungsurteil, das die strengen Gesetze der Kirche über Deine Sünde verhängen?« »Richard, ich sage Dir,« rief der Eremit, »die Vorsehung hat mich erhalten, daß ich wie ein Feuer auf einem Leuchtturm brenne, dessen Asche noch in den Abgrund der Hölle geworfen werden muß. Meine armselige Gestalt beseelen noch zwei geistige Kräfte: eine tätige Kraft, die der nacheifert, die Sache der Kirche von Jerusalem zu schützen, und eine niedrige, verzweifelnde Kraft, die, zwischen Wahnsinn und Elend schwankend, über meine Sünde trauert und über die sterblichen Reste einer Heiligen wacht, ohne daß sie ausreichte, auch nur einen Blick auf dieselbe zu werfen. Beklage mich nicht! denn das wäre Sünde, aber lerne an meinem Beispiel. Du stehst am höchsten; Dein Herz ist stolz, Dein Leben wild, Deine Hand blutig. Wirf die Sünden, die Dich Töchtern gleich umgeben, von Dir! Treib diese Furien aus Deiner Brust, so da heißen: Stolz, Ueppigkeit, Blutdurst!« »Er rast!« rief Richard, sich von dem Einsiedler zu Thomas von Baux wendend, wie jemand, den der Spott schmerzt, wenn er ihn auch nicht unterdrücken kann – dann aber richtete er das Wort wieder an den Eremiten: »Ehrwürdiger Vater, Du hast ja einem Mann, der erst wenige Monate vermählt ist, eine herrliche Töchtersippe ausgesucht. Solchem Vater ziemt es doch, für gute Partien zu sorgen. Darum sei mein Stolz den hohen Domherren der Kirche, meine Ueppigkeit den Mönchen, mein Blutdurst den Tempelrittern vermählt.« »O, über dies Herz von Stahl Und diese Hand von Eisen!« rief der Anachoret, »o wehe dem Menschen, bei dem Beispiel und Rat fruchtlos sind! Doch noch eine Zeitlang sollst Du geschont werden, sofern Du umkehrst und tust, was Gott angenehm ist. Ich aber muß an den Ort meiner Verbannung zurück. – Kyrie Eleison!« Mit diesem mehrmals wiederholten Ausruf stürzte er aus dem Zelte. »Ein wahnsinniger Pfaffe!« rief Richard, in dessen Gemüt die fanatischen Aeußerungen des Eremiten den Eindruck seines Unglücks verwischt hatten. »Doch lauf ihm nach, Thomas von Baux, und sorge, daß er keinen Schaden nimmt; daß kein Kreuzfahrer Spott mit ihm treibt.« Der Ritter gehorchte, und Richard hing den Gedanken nach, die durch die wilde Prophezeiung des Mönches in ihm geweckt worden waren. »Frühzeitig sterben, ohne Nachkommenschaft, und unbeweint? Ein strenges Urteil! Gut, daß es von keinem urteilsfähigen Richter kommt! Schade, daß ich vergessen habe, ihn über den Verlust meines Banners zu befragen! Nun, Thomas von Baux, was gibts Neues von dem tollen Priester?« – »Mich dünkt,« entgegnete Thomas, der eben wieder in das Zelt eingetreten war, »er gleicht mehr Johannes dem Täufer, als er aus der Wüste kam, als einem tollen Priester! Er hat sich auf eine Kriegsmaschine gesetzt und predigt den Soldaten, wie seit Peter, dem Eremiten, keiner gepredigt hat. Das ganze Lager ist durch sein Geschrei erregt, und tausende drängen sich um ihn. Jeder der verschiedenen Nationen redet er in ihrer eignen Sprache an und sucht sie zur Beharrlichkeit in der Befreiung Palästinas zu entflammen.« »Beim Himmel, ein edler Eremit,« rief da König Richard. »Aber was ließ sich anders von Gottfrieds Blut erwarten! Er zweifelt an seiner Seligkeit, weil er in der Jugend seiner Liebe gelebt hat. Ich will ihm vom Papst einen Ablaßbrief verschaffen, und wenn seine Schöne auch eine Aebtissin gewesen wäre.« Da ließ sich der Erzbischof von Tyrus melden, um König Richard in den Rat der Fürsten zu bitten. Achtzehntes Kapitel. Wenn auch der Erzbischof von Tyrus noch immer der beste Botschafter war, um Richard Löwenherz Nachrichten zu überbringen, die ihn sonst leicht in schlimmste Wut hätten setzen können, so fiel es doch selbst diesem ehrwürdigen und weitsichtigen Kirchenfürsten recht schwer, ihm begreiflich zu machen, daß er alle Hoffnung aufgeben müsse, das heilige Grab mit Waffengewalt wiederzuerobern, seit Sultan Saladin die Macht seiner hundert Stämme aufgeboten hatte und die europäischen Fürsten, an und für sich wider den Feldzug gestimmt, zu dem Entschlusse gelangt waren, denselben aufzugeben. Bestärkt wurden sie hierin durch das Beispiel Philipps von Frankreich, der zufolge der Erkrankung Richards rundweg erklärt hatte, nach Frankreich zurückzukehren, und zwar im Einverständnis mit seinem Hauptvasall, dem Grafen von Champagne. Auch Leopold von Oesterreich, eingedenk der ihm vom englischen Könige von England zugefügten Beschimpfung, hatte sich ihnen mit Freuden angeschlossen, gleich vielen anderen, die sich über Richards Hochmut ärgerten. Und so sah sich dieser, wenn er sich zum Bleiben entschloß, nur auf die zweifelhafte Hilfe Konrads von Montserrat und der Templer und Johanniter angewiesen, die zwar den Kampf gegen die Sarazenen gelobt hatten, aber jeden europäischen Fürsten, der die Eroberung Palästinas unternahm, wo sie unabhängige Reiche für sich gründen wollten, mit kleinlicher Eifersucht verfolgten. »Ich gebe zu,« erklärte Richard mit schwermütigem Lächeln, »daß mein Temperament viel geschadet hat; aber ist es nicht hart, daß ich deshalb auf allen Ruhm vor Gott und der Ritterschaft verzichten soll? Doch das soll nicht sein! Denn, bei der Seele des Siegers! ich will das Kreuz auf die Türme von Jerusalem pflanzen, oder es soll auf Richards Grabe stehen!« – »Es ist Ruhm genug geerntet,« erwiderte der Erzbischof, »wenn Saladin, durch die Gewalt der Waffen und durch Euer Ansehen gezwungen, sich verpflichtet, das heilige Grab herzustellen, das heilige Land den Pilgern zu öffnen, Sicherheit durch starke Festungen zu gewähren und Bürgschaft für die Sicherheit der heiligen Stadt zu leisten durch Einsetzung König Richards zum Schirmvogt über Jerusalem.« – »Wie?« rief Richard mit funkelndem Auge, » – ich – ich Schirmvogt der heiligen Stadt? Kein Sieg könnte höheren Gewinn verleihen! Aber Saladin will sich Rechte vorbehalten im heiligen Lande?« – »Als verbündeter Souverän,« antwortete der Prälat, »als Richards Verwandter und Bundesgenosse – « »Ah, mein – Verwandter?« wiederholte Richard, doch nicht erstaunt in dem Grade, als es der Prälat erwartet hatte. »Ha! – Edith Plantagenet? Hat mir davon geträumt oder ist mir schon etwas zu Ohren gekommen? Der Kopf ist mir noch schwer vom Fieber – « – »Der Einsiedler von Engaddi,« erklärte der Erzbischof, »hat sich mit unsern Angelegenheiten viel befaßt und, seit Unzufriedenheit unter den Fürsten ausgebrochen, viele Beratungen mit Christen und Heiden gepflogen, um diesen Ausgleich zu bewerkstelligen, durch den der Christenheit zum wenigsten einiger Erfolg gesichert wird.« »Ich soll meine Base an einen Ungläubigen verheiraten?« sagte Richard, aber nicht in einem Tone, als ob ihn solches Ansinnen allzu tief verletzte ... »Hätte ich mir das wohl träumen lassen, als ich aus meiner Galeere an die syrische Küste sprang, wie ein Löwe nach seiner Beute? Aber fahre fort; ich will ruhig zuhören.« Ebenso erfreut wie verwundert, seine Aufgabe um so viel leichter zu finden, als er gerechnet hatte, beeilte sich der Erzbischof, dergleichen Ehebündnisse zu nennen, die mit päpstlicher Lizenz zum Vorteil der Christenheit von spanischen Geschlechtern eingegangen worden waren. »Ist Saladin willens, sich taufen zu lassen?« fragte Richard. »In diesem Falle lebt kein König auf Erden, dem ich die Hand meiner Base lieber gäbe als meinem edlen Saladin – « – »Saladin hat unsere Prediger gehört,« erklärte der Bischof ausweichend; »zudem ist der Eremit von Engaddi, aus dessen Munde selten ein Wort fällt, das sich nicht bewahrheitet, überzeugt, daß ein Aufruf der Sarazenen und der anderen Heiden erfolgen wird, wozu diese Ehe gewissermaßen als Prämisse zu betrachten ist.« »Ich weiß nicht, wie mir zu Mute ist,« sagte König Richard. »Aber es kommt mir vor, als hätten die christlichen Fürsten mit ihren nüchternen Beratungen auch meinen Geist eingeschüchtert. Es gab eine Zeit, wo ich einen Laien, der mir solches Bündnis angesonnen hätte, zu Boden geschlagen, einen Geistlichen wie einen Renegaten oder Baalspfaffen angespuckt hätte ... Jetzt aber klingt der Antrag meinem Ohr nicht fremd; denn warum sollte ich nicht Brüderschaft machen mit einem Sarazenen, der so brav, gerecht, edelmütig ist wie Saladin? Doch einen Versuch will ich noch machen, meine Waffenbrüder zusammenzuhalten, und schlägt auch dieser fehl, Herr Erzbischof, dann sprechen wir weiter von dem Antrage, den ich vorderhand weder annehme, noch verwerfe. Begeben wir uns zur Ratsversammlung – die Stunde ruft! Richard, sagst Du, sei hitzig und stolz; Du sollst sehen, wie er sich selbst erniedrigt, gleich dem kriechenden Ginster, von dem er den Beinamen hat.« Nur im Wams und Mantel von dunkler Farbe, ohne ein Abzeichen seiner königlichen Würde, außer dem goldnen Reif auf dem Haupte, eilte er mit dem Erzbischof zum Fürstenrate, der nur auf seinen Eintritt wartete, um die Sitzung zu beginnen. In einem geräumigen Zelte, vor welchem das große Kreuz-Banner aufgepflanzt war, hatten sich die fürstlichen Teilnehmer des Kreuzzuges versammelt, und ob sie auch übereingekommen waren, ihn in den Grenzen kalten Zeremoniells zu begrüßen, so riß sie doch der Anblick seiner edlen Gestalt und seines von der eben überstandenen Krankheit noch etwas bleichen fürstlichen Antlitzes mit dem hellen, blauen Augenpaare dermaßen hin, daß sie sich sämtlich erhoben, der eifersüchtige König von Frankreich und der finstere Erzherzog von Österreich nicht ausgeschlossen, und einstimmig riefen: »Gott erhalte den König von England! Lange lebe der tapfere Richard Löwenherz!« Mit einem Antlitz, frei und hell, wie die Sonne, zollte Richard seinen Dank und gab seiner Freude Ausdruck, endlich wieder in der Versammlung seiner königlichen Brüder und Teilnehmer am Kreuzzuge erscheinen zu können. »Der heutige Tag ist ein großer Festtag der Kirche,« sprach er, »und es geziemt sich wohl für die Christen, zu solcher Zeit sich untereinander zu versöhnen. Edle Fürsten! Väter dieses heiligen Feldzuges! Richard ist Soldat, sein Arm ist rascher als seine Zunge – und seine Zunge gewöhnt an rauhe Sprache. Gebt aber darum nicht die edle Sache der Befreiung Palästinas auf! Setzt deshalb nicht irdischen Ruhm und ewige Seligkeit hintenan! Hat Richard gegen einen von Euch gefehlt, so wird er es durch Wort und Tat gut machen. – Edler Philipp von Frankreich, hat es mein Unstern gefügt, Euch zu beleidigen?« – »Frankreichs Majestät hat keine Aussöhnung mit England vonnöten,« erwiderte Philipp, mit königlicher Würde die dargebotene Hand Richards nehmend. »Welcher Ansicht ich mich betreffs der Weiterführung dieses Unternehmens zuneige, hängt vom Zustande meines eigenen Reiches ab, nicht aber von Eifersucht oder Abneigung gegen meinen heldenmütigen Bruder von England.« »Oesterreich,« sagte Richard, dem Erzherzoge mit Freimütigkeit und Würde entgegengehend, während dieser wie unwillkürlich sich von seinem Sitze erhob, »Oesterreich meint, von England beleidigt zu sein, England hingegen glaubt, Ursache zur Klage über Oesterreich zu haben... Mögen sie sich gegenseitig pardonnieren, um die Einmütigkeit im Heere der Kreuzfahrer aufrecht zu erhalten .. sind wir doch jetzt Beschützer einer weit glorreicheren Fahne, als sie sich jemals für einen irdischen Fürsten entfaltet hat! Leopold möge, wenn es in seiner Macht steht, das Banner Englands wiederherstellen, und Richard wird aus Liebe zur heiligen Kirche einbekennen, daß es ihn reue, im Jähzorn Oesterreichs Banner verletzt zu haben.« Düster und mißvergnügt, den Blick zu Boden gesenkt, stand Leopold da; der Patriarch von Jerusalem beeilte sich, das beängstigende Schweigen zu brechen, indem er erklärte, der Erzherzog von Oesterreich habe sich durch einen feierlichen Eid von dem Verdacht gereinigt, von dem auf Englands Banner unternommenen Angriff irgend welche mittel- oder unmittelbare Kenntnis zu haben. »So haben wir dem edlen Erzherzog unrecht getan,« sprach Richard, »und reichen ihm die Hand zum Zeichen erneuter Eintracht und Freundschaft. – Doch, was ist das? Schlägt Oesterreich unsere offene Hand aus, wie vordem unsern Handschuh? Sollen wir weder seine Freunde im Frieden, noch seine Gegner im Kriege sein? Wohlan, es sei so! Wir nehmen die geringe Achtung, die er uns bezeigt, hin als Strafe für unser heißes Blut und halten die Rechnung zwischen uns hiermit für ausgeglichen.« Mit einer Miene, in der Würde und Verachtung zum Ausdruck kam, wandte er dem Oesterreicher den Rücken .. »Edler Graf von Champagne, gefürchteter Marquis von Montserrat, tapferer Großmeister der Tempelherren, ich frage hier, gleichsam als Beichtkind im Beichtstuhl, hat einer von Euch Grund zur Beschwerde? Fordert jemand von mir Genugtuung?« – »Ich wüßte nicht, worauf wir sie gründen sollten,« versetzte Konrad von Montserrat, »als etwa darauf, daß der König von England seinen Waffenbrüdern allen Ruhm vorwegnimmt.« »Meine Beschwerde,« nahm der Großmeister das Wort, »liegt tiefer. Es könnte vielleicht einem kriegerischen Mönch, wie mir, verdacht werden, daß er seine Stimme erhebt, wenn so viele edle weltliche Fürsten schweigen. Allein es ist für unser ganzes Heer von Wichtigkeit, daß Richard die Beschwerden, die in seiner Abwesenheit gegen ihn erhoben wurden, laut vernehme .. Richards Mut loben wir alle, aber schmerzlich empfinden wir alle, daß er bei allen Gelegenheiten den Vorrang beansprucht. Aus freiem Willen ließe sich seiner Tapferkeit, seinem Eifer, Reichtum und seiner Macht vieles einräumen; so aber würdigt er uns in den Augen unsrer Gefolgschaft herab und befleckt den Glanz unseres Ansehens. König Richard hat gefordert: es kann ihn mithin weder wundern noch kränken, wenn er von jemand, dem irdischer Glanz untersagt ist, und dem weltliches Ansehen nichts gilt, Wahrheit vernimmt.« Richard errötete ob dieser unerschrockenen Worte des Templers; aber der Beifall, der von allen Seiten her gemurmelt wurde, bewies ihm, daß dessen Vorwürfe für gerecht erachtet wurden. Darum sprach der König mit Fassung, doch nicht ohne Bitterkeit, besonders zu Anfang: »Ist dem wirklich so? Ich hätte doch nie geglaubt, daß zufällige, unabsichtliche Kränkungen so tiefe Wurzeln schlagen könnten in Herzen von Männern, die sich verbündet haben zu solch heiliger Sache! ja, daß man um meinetwillen den geraden Pfad nach Jerusalem verlassen sollte, den unsre Schwerter eröffneten. Vergebens habe ich mir vorgeredet, meine Dienste würden alles andere ausgleichen, es würde etwas gelten, daß ich nie Beute nahm, und doch weder mein eigenes, noch meines Volkes Blut schonte ... Doch glaubt mir, Brüder, nicht Stolz, Zorn oder Ehrgeiz sollen mir Anstoß sein auf dem Wege, zu welchem die Religion uns mit der Posaune des Erzengels auffordert ... Nein! Nie sollen Schwachheiten und Fehler schuld sein, dies edle Fürstenbündnis zu trennen. Freiwillig will ich jedes Recht aufgeben, dem Kriegsheer zu befehlen. Ihr selbst mögt den Fürsten bestimmen, der Euer Anführer in diesem Feldzuge sein soll, und ich werde mich rückhaltslos Eurer Wahl unterordnen ... Seid Ihr aber dieses Krieges müde, so laßt mir zehn- bis fünfzehntausend Krieger da, unser aller Gelübde zu lösen. Und wenn Zion gewonnen ist,« hier streckte er die Hände empor, gleichsam die Kreuzfahne über Jerusalem entfaltend, »dann soll über seinen Thron nicht Richard von Plantagenet seinen Namen setzen, sondern all die hochherzigen Fürsten, die ihn mit Mitteln zur Eroberung versahen.« Die ungekünstelte Beredsamkeit des kriegerischen Monarchen regte den gesunkenen Mut der Kreuzfahrer wieder auf; und ein Auge entflammte das andere, eine Stimme lieh der andern Mut. Alle stimmten das Kriegsgeschrei wieder an, von welchem die Predigt Peters, des Eremiten, widerhallte: »Führe uns an, ritterlicher Löwenherz! Führe uns nach Jerusalem! Heil dem, dessen Arme Gott die Kraft lieh, das Werk zu erfüllen!« Jubelgeschrei von außen erhöhte die im Zelte entstandene Begeisterung. Im ganzen Kreuzfahrerlager hallte der Ruf nach Krieg und Sieg wider, und in wessen Herz die Flamme nicht mit gezündet hatte, der scheute sich doch, kälter zu erscheinen, als die übrigen. Zu ihnen gehörten Konrad von Montserrat und der Großmeister der Tempelherren, die mißmutig über die Ereignisse des Tages in ihre Quartiere zurückkehrten ... »Hab ich nicht immer gesagt,« meinte der letztere, »daß Richard durch alle noch so schlau gestellten Fallen schlüpfen werde? er braucht nur zu sprechen, so bewegt sein Atem diese wankelmütigen Toren, wie ein Wirbelwind zerstreutes Stroh zusammentreibt und auseinanderfegt.« – »Wenn er zu blasen aufhört,« entgegnete Konrad, »so sinkt das Stroh wieder zu Boden.« – »Aber weißt Du nicht,« sagte der Templer, »daß Richard, wenn auch allem Anschein nach dieser neue Eroberungsplan wieder verrauchen wird, sobald die Fürsten wieder der Eingebung ihres eigenes Gehirns folgen, doch wahrscheinlich König von Jerusalem werden und den Vergleich mit dem Sultan schließen wird, den Du ihm selbst vorschlugst?« – »Du meinst also,« rief Konrad, »der stolze König von England werde sein Blut mit einem heidnischen Sultan vermischen? Ich brachte diesen Punkt ja nur in Vorschlag, um ihm den ganzen Vertrag unsympathisch zu machen. Ob er Herr über uns ist durch Uebereinkunft oder Sieg, kann uns gleich sein.« – »Deine Politik hat sich verrechnet, Marquis Konrad, und Dein Witz fängt an zu hinken. Ich mag von Deinen feingesponnenen Ränken hinfort nichts mehr wissen, sondern will mein Heil selbst versuchen. Kennst Du die Sekte, die die Sarazenen Charegiten nennen?« – »Allerdings,« erwiderte der Marquis; »es sind verzweifelte Schwärmer, die ihr Leben der Religion widmen, eine Art von Tempelherren, aber bekannt als zähe in der Durchführung ihrer Pläne.« – »Scherze nicht!« entgegnete der mürrische Mönch, »einer von ihnen hat gelobt, den Inselkönig als Hauptfeind des muselmännischen Glaubens niederzuhauen.« – »Das ist ja einmal ein Heide, der Gerechtigkeit liebt und übt,« rief Konrad. »Gebe ihm Mohammed zur Belohnung sein Paradies!« – »Ein Waffenträger unsers Ordens hat ihn gefangen genommen und zum Geständnis gebracht.« – »Nun, der Himmel möge es denen verzeihen, die ihm so in den Kram gepfuscht haben!« sagte Konrad. – »Er ist mein Gefangener,« ergänzte der Templer seine Mitteilung, »er ist mundtot, wie ich Dir nicht erst zu sagen brauche, aber Gefängnisse sind erbrochen worden – « »Und Gefangene entsprungen,« unterbrach ihn Montserrat; »es gibt eben bloß einen sichern Kerker, und der ist das Grab.« – »Ist unser Mann frei, so beginnt er sein Spiel von neuem; denn diese Bluthunde verlieren die Spur ihrer Beute niemals.« – »Nichts mehr davon!« rief der Marquis. »Ich durchschaue Deine schändliche Politik; aber die Not ist ihre Mutter.« – »Ich unterrichte Dich nur davon, damit Du auf Deiner Hut bist, denn es wird einen wilden Aufruhr setzen, und ich weiß nicht, an wem die Engländer ihre Rache nicht ausüben würden. – Aber noch eine andere Gefahr ist zu erwähnen,« fuhr der Templer fort, »mein Page kennt die Geheimnisse dieses Charegiten, zudem ist er ein verdrießlicher, eigensinniger Tor, von dem ich mich gern befreite, denn er ist mir oft im Wege und sieht dort mit eigenen Augen, wo er nur mit den meinigen sehen sollte. Doch unser heiliger Orden gibt mir die Macht, dieser Unbequemlichkeit ein Ziel zu setzen. Der Sarazene braucht nur einen guten Dolch in seinem Zelte zu finden, und wird sich seiner, wenn er hervorbricht, bedienen, dafür stehe ich, und zwar, wenn der Page mit seiner Kost bei ihm eintritt.« – »Er gibt der Sache freilich einigen Anstrich,« meinte Konrad, »wenn aber – « »Wenn und Aber,« entgegnete der Templer rasch, »sind Narrenworte. Der Weise kennt weder Bedenklichkeit noch Rücktritt, sondern beschließt und handelt.« Neunzehntes Kapitel. König Richard, der von diesem gegen ihn im Werke befindlichen schwarzen Verrat nicht die geringste Ahnung hatte, hatte es zunächst erreicht, daß die Fürsten unter den Kreuzfahrern sich für die Weiterführung des Krieges erklärten. Was ihm nun zunächst am Herzen lag, war die Ermittelung der Umstände, die den Verlust seines Banners veranlaßt hatten und die Feststellung der zwischen seiner Frau und dem verbannten schottischen Abenteurer bestehenden Beziehungen. Die Königin wurde durch einen Besuch Thomas von Vaux' in nicht geringen Schrecken gesetzt, zumal er Lady Caliste von Montgaillard, die erste Kammerfrau, augenblicklich zum König führen sollte. »Was soll ich denn bloß sagen?« fragte Caliste zitternd die Königin. »Er bringt uns sicher alle um.« – »Habt keine Bange,« sagte Thomas von Vaux. »Der König hat dem schottischen Ritter das Leben gelassen, der ihn doch schwer beleidigt hatte; wie sollte er so strenge verfahren gegen ein weibliches Wesen, wenn es sich auch vergangen hat?« – »Erdenke Dir eine Mär, Caliste,« sagte Berengaria. »Mein Gemahl hat ja doch nicht Zeit, die Sache zu untersuchen.« – »Rede die Wahrheit,« mahnte Edith, »sonst tue ich's.« – »Mit gnädigster Erlaubnis,« sagte Thomas von Vaux, »dieser Rat ist gut; denn König Richard dürfte doch in diesem besonderen Fall sehr scharf erwägen und prüfen.« – »Lord Gilsland hat recht,« sagte Lady Caliste in großer Unruhe wegen des Verhörs, das ihr bevorstand, »und wenn ich auch Phantasie genug hätte, eine leidliche Mär zu ersinnen, würde es mir doch an Mut fehlen, sie zu erzählen.« Lady Caliste wurde vom Ritter Vaux vor den König geführt. Ganz, wie sie sich vorgenommen hatte, gab sie eine genaue Schilderung, auf welche Weise es geschehen war, daß der unglückliche Leoparden-Ritter seinen Posten verlassen hatte. Lady Edith energisch in Schutz nehmend, wälzte sie die ganze Last auf die Königin, die ja auch die meiste Aussicht hatte, Verzeihung beim Könige zu finden, der viel zu verliebt war, seiner Gemahlin etwas abzuschlagen. Es war auch gar nicht seine Absicht, streng über Dinge zu richten, die sich nicht mehr ändern ließen, und Lady Caliste, von frühester Jugend mit Hofintriguen vertraut, wußte schnell, wie der König dachte, und flog schnell zur Königin zurück mit der Meldung, daß sie bald seinen Besuch zu erwarten habe. »Kommt der Wind aus dieser Gegend, Caliste?« rief die Königin heiter. »Nun, aus dieser Sache als Sieger hervorzugehen, wird dem König nicht eben leicht sein.« Berengaria machte aufs geschmackvollste Toilette und wartete nun auf Richards Erscheinen, das nicht lange auf sich warten ließ. Sie kannte die Macht ihrer Reize und die Größe von Richards Liebe. Statt den Vorwürfen, die ihr der König mit Recht machte, irgendwelches Gewicht beizulegen, nahm sie den ganzen Fall als Lappalie, redete ihm als losem Scherze obendrein das Wort und stellte durchaus nicht in Abrede, Nectabanus zu dem Ritter Kenneth auf den Georgsberg geschickt zu haben mit dem Befehle, ihn in ihr Zelt zu führen. Sie schluchzte und weinte, daß ein bloßer Scherz eine so ernste Wendung genommen habe, die sie ihr Leben lang unglücklich gemacht hätte, wenn sie sich als Urheberin solches Trauerspiels hätte ansehen müssen. König Richard nahm umsonst zu Vernunftgründen seine Zuflucht; die Eifersucht raubte der Königin alle Fähigkeit, darauf zu hören, und als er nun sagte, sie hätte zu Eifersucht ganz und gar keinen Grund, fing sie bitterlich zu weinen an. Vollständig aber verdarb er es bei ihr, als er sie erinnerte, daß sie gar keine Ursache habe, ihm böse zu sein, da Ritter Kenneth lebe und wohlbehalten dem berühmten arabischen Arzte übergeben worden, sei, denn es müsse sie, rief sie, doch kränken, daß ein Sarazene ein Geschenk habe erhalten können, um das sie ihren Gemahl knieend gebeten hätte, ohne ihn erweichen zu können. Damit fand die eheliche Zwietracht ihr Ende; König und Königin wälzten nun alle Schuld auf den Zwerg Nectabanus, dem mit seiner Gemahlin Genievra der Aufenthalt bei Hofe verboten wurde. König Richard beschloß außerdem, die beiden Zweige als Raritäten dem Sultan Saladin zum Geschenk zu machen, wenn demselben der Beschluß des Fürstenrats, den Krieg fortzusetzen, überbracht würde. Es war nun der vierte Tag, seit Ritter Kenneth aus dem Lager entfernt worden war, als König Richard in seinem Zelte saß und sich an der kühlen Abendluft labte. Niemand war bei ihm. Thomas von Vaux war nach Askalon gesandt worden, die Kriegsmunition zu ergänzen. Sein übriges Gefolge war mit Maßregeln zur Heeresmusterung befaßt, die am nächsten Tage stattfinden sollte. Da meldete ein Stallmeister, daß draußen ein Abgesandter Saladins warte. »Laß ihn augenblicklich herein, Just,« sagte der König. Der Stallmeister führte nun eine Person herein, die dem Anschein nach keinen höheren Rang bekleidete, als den eines nubischen Sklaven, dessen Aeußeres aber nichtsdestoweniger höchst interessant war. Sein Wuchs war prächtig, seine Gestalt edel, und die gebietenden Züge, wiewohl von gelblich schwarzer Farbe, verrieten keine Abkunft von Negern. Sein krauses, kohlschwarzes Haar schmückte ein milchweißer Turban, die Schultern bedeckte ein ebensolcher Mantel, der vorn und an den Aermeln offen war. Darunter saß ein Unterkleid aus gegerbten Leopardenfellen, das, eine Handarbeit, übers Knie reichte. Arme und Beine waren nackt, an den Füßen trug er Sandalen; auch schmückten ihn silbere Armspangen und ein silbernes Halsband. Bewaffnet war er mit einem breiten Schwert, das am Gürtel hing, einem kurzen Speer, den er in der Rechten hielt, und mit der linken Hand führte er an einer aus Seide und Gold gedrehten Leine einen großen, edlen Jagdhund. Zum Zeichen der Demut einen Teil seiner Schulter entblößend, warf er sich nieder und berührte die Erde mit der Stirn. Knieend überreichte er dem König ein seidenes Tuch, in welchem ein anderes von Goldstoff lag, und in dem letzteren lag ein Schreiben Saladins in arabischer Sprache, nebst einer Uebersetzung in das Normannisch-Englische, die in unserer Sprache etwa so lautete: Saladin, König der Könige, an Melech Rik, den Löwen von England. Die letzte Botschaft aus Eurem Lager hat uns gekündet, daß Du den Krieg dem Frieden vorziehst, und lieber Unsere Feindschaft als Unsere Freundschaft suchst. Daraus erkennen Wir, daß Du verblendet bist, und daß es Uns obliegen muß, Dich von Deinem Irrtum durch Unsere unüberwindliche Macht der tausend Stämme zu überzeugen. Nichtsdestoweniger gedenken Wir Deiner in allen Ehren, nicht minder der Geschenke, die Du Uns gesandt hast, von denen Uns am meisten die zwei Zwerge in ihrer an Aesop gemahnenden Häßlichkeit und ihrer Unsere Bajaderen übertreffenden Lustigkeit gefallen Haben. In Erwiderung dieser Geschenke senden Wir Dir den nubischen Sklaven, Zohauk mit Namen, den Du aber nicht, gleich vielen Toren auf dieser Erde, nach seiner Farbe beurteilen sollst. Denke vielmehr, daß den ausgesuchtesten Geschmack die schwarzschaligen Früchte haben. Wisse, daß er den Willen seines Herrn prompt erfüllt, auch ist er weise genug, Dir zu raten, falls Du mit ihm verkehren willst, denn der Herr der Sprache hat ihn in seinem Palaste dem Stillschweigen unterworfen. Wir empfehlen ihn Dir und Deiner Fürsorge und rechnen, daß die Stunde nicht fern sein werde, in der er Dir einen guten Dienst leisten kann. Im Vertrauen, daß unser hochheiliger Prophet Dich noch zur Erkenntnis der Wahrheit bringen werde, sagen Wir Dir Lebewohl. Falls dieser Segen Dir aber nicht zuteil wird, so wünschen Wir schnelle Wiederherstellung Deiner Gesundheit, auf daß Allah zwischen Dir und Uns in offener Schlacht entscheiden möge.« Richard richtete den Blick auf den nubischen Sklaven, der mit gesenktem Blick und über der Brust verschränkten Armen wie eine Bildsäule von schwarzem Marmor vor ihm stand. Muskeln, Nerven und Ebenmaß des Nubiers fanden sein Wohlgefallen, und mit freundlichem Lächeln fragte er ihn in fränkischer Sprache: »Bist Du ein Heide?« Der Sklave schüttelte den Kopf, hob den Finger zur Stirn empor und bekreuzte sich zum Zeichen seines Christentums. Dann nahm er wieder seine unterwürfige Stellung an. – »Ein nubischer Christ gewiß?« sagte Richard, »und durch heidnische Hunde der Sprache beraubt?« Wieder schüttelte der Sklave den Kopf, wies mit dem Zeigefinger gen Himmel und legte ihn dann an die Lippen. »Ich verstehe,« sagte Richard; »Gottes Strafgericht, nicht menschliche Grausamkeit hat Dich getroffen. Kannst Du eine Rüstung polieren?« Der Stumme nickte, nahm den Panzer, der mit Helm und Schild des Monarchen an einer Zeltstange hing, und putzte ihn so gewandt, daß sich in seine Eignung zum Waffenträger kein Zweifel setzen ließ. »Du bist, wie ich sehe, ein geschickter, brauchbarer Knappe,« sagte der König, »sollst in meinem Zelte und um meine Person sein. Fehlt Dir die Zunge, so kannst Du weder Geschichten weiter tragen, noch mich durch unschickliche Rede zum Zorn reizen.« Der Nubier berührte wieder mit der Stirn den Boden; dann blieb er ein paar Schritt vom Könige entfernt stehen, der Befehle seines neuen Herrn gegenwärtig. In diesem Augenblick erklang draußen ein Horn, und gleich darauf trat Sir Henry Neville mit einem Bündel Briefe ein .. »Aus England, mein König!« sprach er, es Richard behändigend. – »Aus England? aus unserm England?« wiederholte Richard, schwermütig blickend. »Ach! dort denkt wohl kaum jemand, wie hart sein Fürst durch Krankheit und Leiden geprüft, durch lässige Freunde und kühne Feinde geplagt wird!« Dann riß er die Briefe auf und sagte: »Ha! das kommt aus keinem Land des Friedens. Auch dort wilde Fehde? – Verlaß mich, Neville! ich muß das allein lesen.« Neville entfernte sich, und Richard las nun die traurigen Berichte von dem zwischen seinen Brüdern ausgebrochenen Zwiste, von dem Aufstande der Bauern gegen den Adel, von den Schrecken des Bürgerkriegs, den Frankreich und Schottland zu ihrem Vorteil nützen würden. Richard las die Briefe, die ihm so üble Kunde brachten, aber- und abermals, und verglich die darin enthaltenen Nachrichten mit den Tatsachen, die in anderen Berichten abweichend angegeben waren. Bald gegen alles, was um ihn her vorging, unempfindlich, obgleich er der Kühlung wegen dicht am Eingange des Zeltes saß, schlug er die Vorhänge zurück, so daß er von den außerhalb befindlichen Wachen und Kriegern gesehen werden konnte. Tiefer im Schatten des Zeltes saß der nubische Sklave, mit dem Rücken beinahe dem König zugewandt, bei seiner Arbeit. Neben ihm von außen kaum sichtbar, lag der große Hund, gewissermaßen sein Mitsklave, lang ausgestreckt, in scheinbar festem Schlafe. Da trat eine neue Person auf den Schauplatz, sich unter die englischen Krieger mischend, deren etwa zwanzig dem Zelt gegenüber Wache hielten, teils beim Glücksspiel, teils in heimlicher Zusammensprache über den herannahenden Tag der Schlacht. Es war ein alter Türke, von kleiner Figur und in ärmlicher Kleidung, an jene Marabuts der Wüste erinnernd, die sich zuweilen in religiöser Schwärmerei in Kreuzfahrerlager wagten, wo sie aber immer sehr schlimmer Behandlung gewärtig sein mußten. In die Nähe der Wachtposten gelangt, riß sich der Marabut den grünen Turban vom Kopfe, und nun sah man, daß er sich Bart und Augenbrauen geschoren hatte, wie ein Possenreißer von Beruf, und daß der verzerrte Ausdruck seiner Züge sowohl als seiner kleinen schwarzen Augen, die wie Achaten funkelten, auf zerrütteten Verstand deuteten. »Tanze, Marabut!« riefen die Soldaten, denen die Manieren dieser Schwärmer bekannt geworden waren, »tanze, oder wir peitschen Dich mit unseren Sehnen, bis Du Dich wie ein Kreisel drehst.« Der Marabut ließ sich nicht nötigen, sondern sprang empor und drehte sich, wie ein dürres Blatt, das vom Winde getrieben wird, sauste bald hierhin, bald dorthin, von einem Fleck zum andern, kaum den Boden mit der Fußspitze berührend, rückte jedoch, fast unmerklich, dem Eingange des königlichen Zeltes näher und näher, bis er nach ein paar Sprüngen, höher und weiter, als alle früheren, keine dreißig Schritt von der Person des Königs entfernt, erschöpft zu Boden sank. »Gib ihm Wasser!« sagte ein Bogenschütze von der Leibwache; »sie betteln ja immer um einen Trunk, wenn sie ausgeruht haben.« – »Wasser, Long Allen?« fragte ein anderer. »Wie würde Dir Wasser schmecken nach solchem Mohrentanz?« – »Wasser gibts bei uns nicht!« rief ein dritter; »wir wollen den alten Heiden lehren, Cypernwein zu saufen.« – »Recht so!« sagte ein vierter; »und wenn er nicht trinken will, dann holt das Hifthorn her, damit wir ihn tränken!« Bald hatte sich ein lustiger Kreis um den erschöpften Derwisch gebildet. Aber kaum reichte ihm einer der Krieger den Humpen, so flog derselbe auch im weiten Bogen über die Mannen hinweg ... »Das Horn! das Horn!« riefen alle. »Zwischen einem Türkenhund und einem Türkenrosse gibts keinen großen Unterschied. Tränken wir ihn, wie unsere Rosse!« – »Beim heiligen Georg! Ihr werdet ihn ersticken!« sagte Long Allen; »zudem ists doch Sünde, an einen heidnischen Hund so viel Wein zu verschwenden.« – »Halt Dein Maul, Long Allen!« sagte Heinrich Woodstall. »Ich prophezeie Dir, daß ich Dich noch bei dem Pater Franziskus in Ungnade bringe, wie weiland bei der schwarzäugigen syrischen Dirne. – Aber da kommt das Horn. Nun, Bursche, brich ihm mit dem Dolchheft die Zähne auf!« – »Halt! Halt!« rief Tomalin. »Macht ihm Platz, Bursche! er winkt ja, daß er trinken wolle! Na, das geht ja hinunter wie süßes Bier!« Der Derwisch trank oder schien die Flasche wirklich in einem Zug bis auf den Boden zu leeren; und als er sie von den Lippen setzte, sprach er nur mit tiefem Seufzer: »Allah, sei barmherzig!« Darüber stimmte man unter der Leibwache ein so wildes Gelächter an, daß der König aufmerksam wurde. Zornig rief er: »Wie? Ihr Bursche! Keinen Respekt? Keine Ehrerbietung?« Im Nu herrschte Stille, denn sie kannten des Königs Heftigkeit und zogen sich schleunigst zurück, indem sie den Marabut mit fortzuschleppen suchten. Allein dieser, anscheinend vom Tanze erschöpft oder vom Trunke betäubt, verfiel in Krämpfe und ließ sich nicht vom Flecke bringen ... »So laßt ihn doch, Ihr Narren!« flüsterte Long Allen seinen Kameraden zu. »In einer knappen Minute schläft er wie ein Hamster.« Da schoß der Monarch abermals einen ungeduldigen Blick nach dem Platze, und alle entfernten sich schnell, den Derwisch liegen lassend, der allem Anschein außer stande war, ein Glied zu rühren. Zwanzigstes Kapitel. Noch eine Viertelstunde lang blieb alles vor dem königlichen Zelte ruhig. Hinter dem Könige, der vor dem Zelteingang saß und las, mit dem Rücken ihm zugekehrt, putzte der nubische Sklave nach wie vor die Waffen. Ganz im Vordergrunde, hundert Schritt entfernt, saßen oder lagen die Wachen auf dem Grase, während auf dem Platze zwischen ihnen und dem Zelte der Marabut lag, noch immer kein Glied rührend und von einem Haufen Lumpen kaum zu unterscheiden. Der Nubier aber sah auf der glänzenden Politur wie in einem Spiegel und gewahrte nun, nicht ohne Unruhe und Erstaunen, wie der Marabut leise den Kopf von der Erde emporhob, sich vorsichtig umblickte, dann den Kopf wieder sinken ließ, mit einer Miene, die deutlich seine Freude verriet, daß ihn niemand beobachtete, dann dem König immer näher zu rücken suchte, einer Schlange oder vielmehr Schnecke gleich, bis er kaum noch zehn Schritt von dessen Person entfernt war. Da stellte er sich auf die Füße, sprang vorwärts mit dem Satz eines Tigers, und stand in weniger als einem Augenblicke hinter dem König, den Dolch über ihm schwingend, den er unter seinem Gewände verborgen hatte. Nicht sein ganzes Heer hätte den heldenmütigen Monarchen gerettet, die Bewegungen des Nubiers waren aber genau so berechnet, wie die des Mörders, und mit ungemeiner Gewandtheit hatte er den Arm des Mörders gepackt, bevor derselbe auf sein Opfer niederfallen konnte. Aber der Charegite – denn dies war der angebliche Marabut – zückte nun den Dolch gegen den Nubier und ritzte ihm den Arm, jedoch nur leicht, während dieser ihn mit überlegener Stärke zu Boden warf. König Richard hatte inzwischen wahrgenommen, was sich zutrug, und war, ohne indessen sonderliche Ueberraschung zu zeigen, aufgesprungen, packte den Stuhl, auf dem er gesessen hatte, und zerschmetterte mit dem Rufe: »Ha, Du Hund!« dem Mörder den Schädel. »Ihr könnt Euch schon sehen lassen als Wächter!« sagte Richard höhnisch zu seinen Bogenschützen, als sie erschreckt in sein Zelt stürzten. »Laßt mich mit eigenen Händen solch Handwerk verrichten? Ruhig alle, und kein solch unvernünftiges Geschrei! Habt Ihr noch nie einen toten Türken gesehen? Fort mit der Leiche aus dem Lager! Schlagt den Kopf vom Rumpfe, steckt ihn auf seine Lanze, mit dem Gesicht nach Mekka, damit er dem schändlichen Betrüger, auf dessen Geheiß er herkam, melde, wie schlecht ihm die Botschaft bekommen sei. Du aber, mein schwärzer, stummer Freund,« wandte er sich zu dem Aethiopier, »bist Du verwundet? Doch sicher mit einer vergifteten Waffe? ... Saug ihm einer von Euch Faulpelzen das Gift aus der Wunde, auf den Lippen ist es unschädlich und tödlich nur, wenn es sich mit dem Blute vermischt.« Die Wachen sahen einander bestürzt an und zauderten. »Na, wirds bald, Kerle?« fuhr der König sie an. »Habt Ihr Angst vorm Krepieren?« – »Um des schwarzen Viehes willen, das man auf jedem Markte kaufen kann, wie einen Pfingstochsen, will ich nicht wie eine vergiftete Ratte krepieren,« sagte Long Allen, den der König fixierte. – »Nun, das wär das erste mal, daß ich jemand etwas zugemutet hätte, das ich nicht selbst tun könnte!« rief der König, und ohne der Vorstellungen ihn umgebender Krieger zu achten, legte er selbst die Lippen an die Wunde des schwarzen Sklaven. Aber der Nubier fuhr, kaum daß der König zu saugen begonnen, zurück, warf ein Tuch über die Wunde und gab durch ehrerbietige Zeichen zu verstehen, daß er sich solche Liebesdienste von einem Könige verbitte. Da trat Lord Neville mit anderen von des Königs Gefolge ein ... aber der König gebot ihm, als er ihm Vorhaltungen über die Gefahr, der er sich aussetzte, machen wollte, Stille... »Nimm den Nubier mit in Dein Quartier,« sagte er. »Laß ihn gut versorgen, aber – sieh wohl zu, daß er Dir nicht entwische! Es liegt mehr in ihm, als man denkt. Er soll alle Freiheit haben; doch das Lager darf er nicht verlassen. Und Ihr,« zu den Wachen gewendet, »begebt Euch wieder auf Eure Posten! Haltet Eure Augen offen, Euren Mund geschlossen, trinkt wenig und seht schärfer um Euch her, oder Ihr sollt bald spüren, wie ich Euch die Brotkörbe höher hänge!« Beschämt traten die Krieger ab, Neville aber verlangte, er solle ein Beispiel statuieren in einem Falle, wo man einen so verdächtigen Menschen, wie den Marabut, auf Dolcheslänge an die Person des Königs habe herankommen lassen. – »Kein Wort weiter,« unterbrach ihn Richard, »soll ich die geringe Gefahr meiner Person schärfer ahnden, als den Verlust von Englands Banner? Es ist gestohlen, oder von einem Treulosen ausgeliefert worden, und darum floß kein Tropfen Blut! – Mein schwarzer Freund,« fuhr er fort, »Du bist, wie der glorreiche Sultan versichert, imstande, Geheimnisse zu deuten. Kannst Du mir sagen, wer der Dieb, war, der meiner Ehre diese Schmach zufügte ... He?« Der Stumme schien sprechen zu wollen, brachte aber nur den undeutlichen Ton hervor, der Stummen zu eigen ist. Dann kreuzte er die Arme, sah den König mit einem Blick an, der zu sagen schien, daß er ihn verstehe und nickte. »Wie?« rief Richard. »Du glaubst, es mir sagen zu können?« – Der nubische Sklave nickte wieder. »Aber wie sollen wir einander verstehen?« sagte der König. »Kannst Du schreiben?« Der Sklave nickte zum drittenmale. »Erlaubt, mein König,« mischte hier Neville sich ein, »daß ich meine Meinung äußere. Der Mann muß ein Zauberer sein, und Zauberer halten's mit dem Satan, und...« »Schweig, Neville!« unterbrach ihn Richard, »suche nicht einen Plantagenet zu hemmen, wenn er Hoffnung hat, seine Ehre wiederzugewinnen.« Der Sklave erhob sich jetzt, um dem Könige zu überreichen, was er inzwischen geschrieben hatte. Was dieser las, lautete in fränkischer Sprache wie folgt: »An Richard, den siegreichen, unüberwindlichen König von England, der niedrigste seiner Sklaven. Geheimnisse sind versiegelte Himmelskästchen, nur Weisheit findet die Mittel, ihre Schlösser zu öffnen. Stellt Euren Sklaven so, daß Eure Heerführer der Reihe nach an ihm vorbei müssen, so wird er, falls sich der Böse unter ihnen befindet, ihn ermitteln, und wenn er mit siebenfachem Schleier verhüllt wäre.« »Nun, beim heiligen Georg!« sagte Richard; »morgen bei der Heerschau werden, wie vereinbart, die Heerführer vor unserer neuen Standarte, wenn sie auf dem St. Georgenberge weht, vorbeiziehen. Glaube mir, Neville, der Verräter wird davon nicht fernbleiben, weil er ja dadurch Anlaß zum Verdacht gäbe. Da will ich nun unsern schwarzen Bosko hinstellen, und kann seine Kunst den Buben entdecken, so will ich ihn auf Abrechnung nicht warten lassen.« Einundzwanzigstes Kapitel. Unsere Erzählung kehrt nun zu dem Ritter vom Leoparden zurück, den König Richard dem arabischen Arzte geschenkt und auf diese Weise aus dem Kreuzfahrerlager verwiesen hatte. Er war dem »neuen Herrn, denn so mußte er jetzt Hakim nennen, zu den Zelten der Mauren gefolgt in der dumpfen Betäubung eines Menschen, der vom Gipfel eines Abhanges herabgestürzt, aber am Leben geblieben und gerade noch imstande ist, sich von dem verhängnisvollen Orte wegzuschleppen, aber der Fähigkeit ermangelt, die Größe des erlittenen Sturzes zu fühlen. Als er in dem Zelte Hakims ankam, warf er sich, ohne einen Laut von sich zu geben, auf ein mit Büffelhaut bedecktes Lager, das ihm sein Führer angewiesen hatte, vergrub das Gesicht in den Händen und seufzte tief, als ob das Herz ihm zerspringen sollte. »Sei guten Muts, Freund,« tröstete ihn der Arzt. »Besser Diener eines gütigen Herrn zu sein, als Sklave seiner Leidenschaften. Und ist nicht auch Josef von seinen Brüdern verkauft worden an Pharao von Aegypten? Dein König hat auch Dich verschenkt an einen, der Dich wie einen Bruder behandeln wird.« Ritter Kenneth wollte Hakim danken; allein sein Herz war so voll, daß er keine Worte fand. Der freundliche Arzt gönnte ihm die nötige Zeit und Ruhe, seinem Kummer nachzuhängen, und noch war um Mitternacht nicht der Schlaf auf seine Augen gesunken, als ihm der Lärm, der im Lager entstand, Kunde gab, daß Anstalten zum Aufbruche getroffen würden. Um drei Uhr früh erschien ein Diener des Arztes mit der Aufforderung, sich fertig zu wachen. Ein Stück seitwärts von den Kamelen, die schon bepackt waren, standen die Pferde, ebenfalls schon gesattelt und gezäumt. Hakim schwang sich behend auf eins derselben, dann winkte er, daß ein anderes Roß dem Ritter vorgeführt werde. Ein englischer Krieger war zugegen, sie aus dem Kreuzfahrerlager zu führen, wo sie zwar von Posten zu Posten angerufen wurden, aber keinerlei Behinderung erfuhren, außer daß ein besonders strenggläubiger Ritter ihnen eine Verwünschung ihres Propheten hinterher brummte. Als sie das Lager hinter sich hatten, warf der Ritter einen Blick hinter sich; der Ehre und Freiheit beraubt, verbannt von den glänzenden Fahnen, unter denen er Ruhm zu ernten hoffte, verbannt von den Zelten der Ritterschaft und von – Edith Plantagenet! kam er sich vor, wie dem Tode nahe. Hakim versuchte, ihn durch allerhand weise Gespräche aufzuheitern, ließ auch zur Kurzweil von Leuten seiner Schar, die darin bewandert waren, allerhand Märchen erzählen, wie es im Morgenlande Brauch und Sitte ist; zu jeder anderen Zeit hätte sich Ritter Kenneth für solchen Genuß erwärmen können, trotz seiner unvollkommenen Kenntnis der Sprache, aber in seiner jetzigen Stimmung hörte er kaum, daß ein Mann in der Mitte der Reiter mit gedämpftem Tone fast zwei Stunden lang seine Stimme mit großem Raffinement den mannigfachen Phrasen der Erzählung, die er vortrug, anzupassen suchte. Dagegen wurde seine Aufmerksamkeit, bei allerhand Betrübnis, die sich seiner bemächtigt hatte, plötzlich durch das dumpfe Geheul eines Hundes in Anspruch genommen, der an einem der Kamele in einem geräumigen Käfig hing. Als Weidmann erkannte er auf der Stelle die Stimme seines alten treuen Jagdhundes in dem Geheul wieder, der jedenfalls seine Nähe witterte und nun bettelte, ihn in Freiheit zu setzen. »Armer Roswal!« sagte Kenneth, »wie soll ich dir helfen, bin ich doch fast noch schlimmer daran als du! Ich will nicht tun, als ob ich dich bemerkte oder dir deine Liebe vergelten wollte; denn das möchte unser Los nur noch bitterer machen.« So verstrichen die Stunden der Nacht und der nebelgrauen Dämmerung, die in Syrien dem Morgen vorausgeht. Als aber die Sonne über dem Horizont aufstieg und ihr erster Strahl über die Wüste hinzuckte, die die Reiter nun erreicht hatten, ließ El Hakim mit helltönender Stimme den feierlichen Ruf zum Gebete erschallen, den der Muezzin frühmorgens vom Minaret jeder Moschee kündet: »Zum Gebet! Zum Gebet! Gott ist der einige Gott! Zum Gebet! Mohammed ist Gottes Prophet! Zum Gebet! Die Zeit entflieht! Zum Gebet! Zum Gebet! Das Gericht steht nahe bevor!« Augenblicklich warfen sich alle Muselmanen, ihr Antlitz nach Mekka hinwendend, vom Pferde, hoben Sand und Wüstenboden auf und ahmten damit jene Reinigung nach, die sie sonst mit Wasser vornehmen mußten. Als sie sich dann in Gottes Hut in inbrünstigem Gebet begeben und Vergebung der Sünden erfleht hatten, bestiegen sie wieder ihre Rosse und ritten weiter, bis sie eine, aus Sandhügeln bestehende Anhöhe erreicht hatten. In einer Entfernung von etwa einer halben Stunde wurde ein dunkler Punkt sichtbar, der sich bald als ein Reitertrupp offenbarte, dessen Zahl der ihrigen weit überlegen zu sein schien und, den glitzernden Rüstungen nach zu urteilen, aus Europäern bestehen mochte. Hakims Reiter schienen unruhig zu werden: sie blickten sich wiederholt nach ihrem Anführer um, der mit unnachahmlicher Ruhe zwei seiner besten Reiter absandte, Zahl, Stand und Absicht jener Reiter zu ermitteln. Auf den schottischen Ritter wirkte die in Annäherung befindliche Gefahr belebend wie ein Trunk Wein auf einen Ohnmächtigen. »Was fürchtet Ihr von den christlichen Reitern,« fragte er Hakim; »denn solche scheinen es zu sein.« – »Fürchten?« wiederholte Hakim verächtlich. »Der Weise fürchtet nichts als den Himmel; aber von schlechtgesinnten Menschen erwartet er stets das Schlimmste.« – »Es sind Christen,« rief Ritter Kenneth, »und noch ist der Waffenstillstand nicht aufgehoben.« – »Es sind Ritter vom Templerorden,« erklärte El Hakim. »Ihr Gelübde bindet sie, weder Waffenstillstand noch Treue und Glauben zu wahren. Möge der Prophet sie ausrotten mit ihren Aesten, Zweigen und Wurzeln! Siehst Du nicht, wie sie einen Trupp von ihrer Schar trennen und östliche Richtung einschlagen? sie wollen nichts anderes, als uns die Wasserstellen abschneiden. Aber es wird ihnen nicht gelingen. Ich kenne den Krieg in der Wüste besser als sie.« Er sprach ein paar Worte zu dem Anführer seiner Schar und auf einmal änderte diese ihre bisherige Taktik des Abwartens. Aber auch der schottische Ritter änderte sein Verhalten, und als El Hakim jetzt sich zu ihm wandte mit dem Befehl: »Du mußt mir dicht zur Seite bleiben!« erwiderte er fest und bestimmt: »Nein! Dort drüben sind Kameraden von mir in Waffen, und ihnen bin ich durch Gelübde verbunden. Ich kann nicht vor dem Kreuze fliehen, wenn ich mich auch in der Schar des Halbmonds befinde.« – »So muß ich Dich zwingen, mir zu folgen!« rief El Hakim, hob den Arm empor und stieß einen durchdringenden Schrei aus, als Signal für einige seines Gefolges, die sich sogleich auf der weiten Fläche der Wüste nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuten. Im selben Augenblicke packte er die Zügel von Kenneths Rosse, gab seinem Rosse die Sporen, und schnell wie der Blitz, so daß der Schotte kaum Atem schöpfen konnte, flogen Roß und Reiter über die Ebene hin, als wollten sie die vor ihnen sich dehnende Wüste verschlingen. Meilen flohen wie Minuten hin, und gleichwohl schienen ihre Kräfte sich nicht zu mindern, schien ihnen der Atem nicht zu schwinden. Eine reichliche Stunde dauerte dieser wilde Wüstenritt; der schottische Ritter war schier blind und taub geworden und von Herzen froh, als er endlich wieder freier atmen und bei dem gemäßigteren Tempo, das nach Verlauf dieser Zeit von El Hakim eingeschlagen wurde, unterscheiden konnte, daß er sich in einer ihm bekannten Gegend befand. Die öden Gestade des Toten Meeres und die rauhe, steile Gebirgskette zur Linken, und die kleine Palmengruppe, der einzige grüne Punkt in der weiten Wildnis, kündeten dem Ritter, daß sie sich der Quelle nahten, die der Diamant der Wüste genannt wurde, und der Schauplatz seiner Zusammenkunft mit dem Sarazenen-Emir Ilderim gewesen war. Nur ein paar Minuten, und Hakim lud Kenneth ein,, abzusitzen und an der Quelle, einem sicheren Orte, auszuruhen. »Jetzt iß und trink, und laß den Mut nicht sinken,« sagte Hakim zu dem Schotten. »Das Glück kann den gewöhnlichen Sterblichen erhöhen oder erniedrigen: aber den Weisen und den Krieger muß sein Geist über die Herrschaft des Glückes erheben.« Kenneth bemühte sich, seinen Dank durch Ruhe und Fügsamkeit zu bekunden. Allein soviel Mühe er sich gab, aus Höflichkeit zu essen, so wirkte doch der große Kontrast zwischen jetzt und einst, als er hier, als Botschafter von Fürsten, siegreich aus dem Kampfe mit dem Sarazenen-Emir hervorgegangen war, so niederdrückend auf ihn, daß er kaum einen Bissen hinunterbringen konnte. El Hakim fühlte seinen schnellen Puls, sah sein entzündetes Auge, seine erhitzte Hand, hörte seinen fliegenden Atem. »Der Geist wird weise durch Wachen,« sagte er; »aber sein Bruder, der Körper, aus gröberem Stoffe gebildet, bedarf zur Unterstützung der Ruhe. Du mußt schlafen und, damit Dein Schlummer Dich erquicke, einen Trank nehmen, dem dieses Elixir beigemischt ist.« Aus seinem Busen nahm er ein Fläschchen aus Kristall und tröpfelte ein wenig dunkelfarbige Flüssigkeit in einen goldenen Becher. »Diese,« sagte er, »ist ein Geschenk Allahs, das, wie der Weinbecher des Nazareners, die Macht hat, den Vorhang über das schlaflose Auge zu ziehen und die Bürde der bedrängten Brust zu erleichtern. Wird es indes zu Schwelgerei angewendet, so sprengt es die Nerven, zerstört die Kräfte, schwächt den Verstand und untergräbt das Leben. – »Ich habe schon zu viele Beweise Deiner Geschicklichkeit, weiser Hakim,« entgegnete der Ritter, »als daß ich Deine Arznei von mir weisen sollte.« Hierauf trank er das mit Quellwasser vermischte Elixier, hüllte sich in seinen arabischen Mantel und streckte sich, der Vorschrift des Arztes gemäß, bequem in den Schatten, die verheißene Ruhe abzuwarten. Anfänglich kam kein Schlaf, aber eine Reihe angenehmer, doch nicht aufregender Empfindungen. Dann folgte ein Zustand der Ruhe, fast Apathie, in welchem alles, was hinter ihm lag, schwand; dann stieg die Zukunft in rosigen Farben auf: Freiheit, Ruhm, beglückte Liebe winkten dem entehrten Ritter; allmählich wurden die Bilder dunkler wie die Farben der untergehenden Sonne, bis sie endlich ganz verschwanden. Ritter Kenneth lag zu Hakims Füßen so bewegungslos wie ein Körper, aus dem das Leben wirklich geschieden war. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Der Ritter vom Leoparden erwachte aus seinem langen, tiefen Schlaf in einem Zustande, der gänzlich verschieden war von demjenigen, in welchem er sich zur Ruhe begeben hatte. Er wußte nicht, ob er nicht noch träume, oder ob sich das ganze Bild durch Zauberei verändert habe. Statt auf feuchtem Grase, lag er jetzt in einem üppigen Bett. Eine freundliche Hand hatte ihm während des Schlafs sein Wams von Gemsleder, das er unter dem Panzer trug, ausgezogen, und ihm ein Nachtgewand vom feinsten Linnen und ein seidenes Oberkleid angelegt. An Stelle der Palmenbäume der Wüste ragten jetzt die Stangen eines buntseidenen Zeltes über seinem Haupte, und ein leichter Gazevorhang breitete sich um sein Lager, dessen Aufgabe es war, ihn vor Insekten zu schützen, die ihm seit seiner Ankunft unter diesem Himmelsstriche stark zugesetzt hatten. Er sah sich um, wie um sich zu überzeugen, ob er auch wirklich wache, ob auch, was ihm in die Augen fiel, ebenso prächtig sei, wie sein Lager. Eine Wanne aus Cedernholz, mit Silber ausgelegt, duftend von lieblichen Wohlgerüchen, lud ihn zum Bade ein. Auf dem Tischchen aus Ebenholz stand neben seinem Lager eine silberne Vase voll köstlichsten Scherbets, kalt wie Schnee, der nach dem starken Schlaftrunk köstlich durstlöschend wirkte. Das Bad nahm ihm die letzten Spuren des Rausches, in den ihn der Schlaftrunk versetzt hatte. Statt der rauhen Rittertracht, die er gern wieder angelegt hätte, lag für ihn ein türkisches Gewand aus reichem Stoffe bereit, nebst Säbel, Dolch und allem, was sich für einen Emir schickt. Er konnte zwar keinen Grund dieser Fürsorge auffinden; indessen wurde in ihm der Argwohn rege, ob man nicht durch diese Aufmerksamkeit vielleicht beabsichtige, ihn in seinem Glaubensbekenntnis wankend zu machen. Es war allgemein bekannt, daß der Sultan, bei seiner hohen Achtung für europäische Kenntnisse und Tapferkeit, grenzenlose Freigebigkeit gegen diejenigen bewies, die sich, nachdem sie in seine Gefangenschaft geraten waren, bestimmen ließen, den Turban zu nehmen. Aber fest gewillt, solchen Fallstricken zu widerstehen, schlug der Ritter das Kreuz und nahm sich vor, von allem, womit man ihn so freigebig überhäufte, den mäßigsten Gebrauch zu machen. Indes fühlte er doch noch immer eine eigentümliche Schwere und Schläfrigkeit. Seine Ruhe blieb nicht ungestört. Hakim, der Arzt, trat an den Zelteingang und erkundigte sich nach seinem Befinden. Dann fragte er, ob er eintreten dürfe. Gewillt zu zeigen, daß er seiner Lage nicht eingedenk sei, versetzte Kenneth: »Der Herr braucht nicht erst um Erlaubnis zu bitten, wenn er das Zelt seines Sklaven betreten will.« – »Wenn ich nun aber nicht als Herr komme?« fragte noch immer zögernd El Hakim. – »So hat der Arzt freien Zutritt zu seinem Kranken,« versetzte Kenneth. – »Aber auch als Arzt komme ich nicht!« sagte Hakim, »und deshalb bitte ich noch immer um Erlaubnis, unter das Nach Deines Zeltes zu treten.« – »Wer als Freund kommt,« sagte Kenneth, »und als solcher hast Du Dich bis jetzt gegen mich gezeigt, dem steht die Wohnung des Freundes immer offen.« – »Aber gesetzt,« sagte der morgenländische Weise, in dem umständlichen Zeremoniell seiner Landsleute – »ich käme auch nicht als Freund?« – »So komm, als was Du willst!« rief der schottische Ritter ungeduldig,»Du weißt, daß ich Deinen Eintritt weder abwehren kann noch werde.« »So komme ich,« sagte El Hakim, »als Dein alter, doch ehrlicher, aufrichtiger Feind.« Mit diesen Worten trat er ein und war nun zwar, der Sprache nach, noch immer der arabische Arzt Adonebec El Hakim; allein Gestalt, Kleidung und Gesichtszüge zeigten Ilderim von Kurdistan, genannt Scharfhaupt. Voll Staunen betrachtete ihn Ritter Kenneth, als warte er darauf, daß die Erscheinung wie ein Gebild seiner Phantasie vor seinen Augen schwinden solle. »Wunderts einen so bewährten Krieger, daß ein Soldat auch etwas von Heilkunde versteht?« fragte Ilderim. »Nazarener, ich sage Dir, ein tüchtiger Ritter muß sich auf sein Handwerk verstehen, das Wunden reißt, aber auch darauf, Wunden zu heilen.« Der Christ hielt noch immer die Augen geschlossen, noch immer schwebte Hakims Bild mit seinem langen, dunklen Gewande, der hohen Tatarenmütze und den ernsten Gebärden vor seiner Phantasie. Kaum aber öffnete er die Augen, so verrieten der schöne, reich mit Edelsteinen besetzte Turban, der glänzende Schuppenpanzer, das nicht mehr von der Fülle von Haaren beschattete Antlitz den Krieger und nicht den Gelehrten. »Kommst Du aus den Wundern noch immer nicht heraus?« fragte der Emir; »hast Du die Welt so flüchtig durcheilt, daß es Dich befremdet, die Menschen nicht immer als das zu finden, was sie scheinen? – Bist Du selbst, was Du scheinst?« – »Nein, beim heiligen Andreas,« rief der Ritter. »Im ganzen Christenlager gelte ich als Verräter, und doch kenne ich mich selbst als redlichen, wenn, auch Irrtümern unterworfenen Menschen.« – »Dafür halte auch ich Dich,« sagte Ilderim, »und da wir Salz miteinander gegessen haben, hielt ich mich für verpflichtet, Dich von Tod und Schmach zu retten. – Aber was liegst Du noch auf Deinem Bett, da die Sonne schon hoch am Himmel steht? Oder dünken die Kleider, die meine Saumtiere geliefert haben, Dir des Tragens nicht wert?« »Des Tragens schon wert,« antwortete Kenneth, »doch nicht für mich. Gib mir den Sklaventitel, edler Ilderim, den will ich gern tragen; allein das Gewand des freien morgenländischen Kriegers mit dem Turban des Muselmanen zu tragen, das kann ich nicht über mich gewinnen.« – »Nazarener,« sagte der Emir, »Deine Nation nährt zu leicht Argwohn. Habe ich Dir nicht gesagt, Saladin mag niemand bekehren, den nicht der heilige Prophet selbst fähig macht, sich seinem Gesetz zu unterwerfen? Drum trage ohne Bedenken die Kleidung, die für Dich hergebracht worden ist; denn wolltest Du Dich in Saladins Lager in Deiner Rittertracht begeben, so könntest Du leicht Kränkungen, wenn nicht gar ernsteren Gefahren ausgesetzt sein.« – »Wenn ich mich in Saladins Lager begebe?« wiederholte der Ritter. »Bin ich denn freier Handlung fähig? Muß ich nicht gehen, wohin es Euch beliebt?« – »Du, bist und bleibst Herr Meines Willens,« erwiderte der Emir, »denn der edle Feind, mit dem ich zusammentraf, und der um ein Haar Herr meines Schwertes wurde, kann nicht mein Sklave werden.« – »Setzt Eurer Großmut die Krone auf, edler Emir,« entgegnete Ritter Kenneth, »indem Ihr Euch enthaltet, wider mein Gewissen zu sprechen; doch erlaubt mir, meinen Dank für diese echt ritterliche Güte auszusprechen, die ich nicht verdient habe.« »Sage das nicht,« erwiderte Ilderim; »habe ich mich nicht auf Deine Schilderung der Schönheiten, die den Hof des Melech Rik zieren, verkleidet dorthin gewagt, so daß mir einer der holdseligsten Anblicke wurde, die ich jemals genossen habe, die ich jemals genießen werde, bis die Herrlichkeiten des Paradieses meinen Augen entgegenstrahlen?« – »Ich verstehe Eure Worte nicht,« sagte Kenneth, die Farbe wechselnd. – »Du verstehst mich nicht?« rief der Emir. »Es kann Dir doch nicht verborgen geblieben sein, welcher Anblick mir in König Richards Zelt wurde? freilich war das Todesurteil damals über Dich gesprochen; aber mir könnte man schier den Kopf vom Rumpfe hauen, so würde doch mein letzter Blick auf dieser lieblichsten aller Houris ruhen, die das Auge eines Mannes sehen kann.« – »Sarazene!« sprach Ritter Kenneth ernst; »Du sprichst von der Gemahlin Richards von England! sprich nicht anders von ihr als von einer Königin!« »Verzeiht mir!« sprach der Sarazene; »mir kam Eure abergläubische Verehrung des anderen Geschlechts, das Ihr betrachtet, als müsse es bloß bewundert und verehrt, doch nicht gefreit und besessen werden, auf einen Augenblick aus den Gedanken. Da Du mit so tiefer Ehrerbietung auf dieses zarte weibliche Wesen blickst, wirst Du der anderen, der mit den dunklen Locken und den edlen, sprechenden Augen, wohl nur Anbetung widmen? In ihrer edlen Haltung und edlen Miene liegt freilich ein Ausdruck, der auf Reinheit und Festigkeit hinweist, doch auch sie würde dem feurigen Liebhaber, dafür stehe ich, dankbarer sein, wenn er sie als eine Sterbliche und nicht als eine Gottheit behandelte.« – »Laßt den Respekt nicht aus den Augen vor der Base des Löwenherz!« sagte Kenneth im Tone unverhaltenen Verdrusses. – »Respekt?« wiederholte der Emir spöttisch. »Bei der Kaaba! Doch erst dann, wenn sie Saladins Braut ist!« – »Der ungläubige Sultan ist nicht würdig, den Fleck zu küssen, den der Fuß einer Edith Plantagenet betrat!« rief der Christ, von seinem Lager aufspringend. – »Ha! Was spricht der Giaur?« schrie der Emir, die Hand an den Griff seines Dolches legend, während sein Antlitz wie Kupfer glühte. – »Was ich gesagt habe,« erwiderte er, mit verschränkten Armen und furchtlosem Blick, »würde ich, wenn meine Hände frei wären, zu Fuß oder zu Roß gegen jeden Sterblichen behaupten.« Der Sarazene faßte sich, nahm die Hand von der Waffe und sagte: »Freilich sind jetzt Deine Hände gebunden, aber durch Dein eigenes zartes Gefühl für Rechtlichkeit, und die Bande zu lösen, würde sich jetzt nicht in meinen Plan schicken. Wir haben einander Beweise von Mut und Kraft genug gegeben, und können uns im offenen Felde bald wieder treffen. Jetzt aber sind wir Freunde, und Dein Beistand ist mir erwünschter als harte Ausdrücke oder Trotz.« – »Ja, wir sind Freunde,« wiederholte der Ritter. In der Pause, die nun eintrat, schritt der feurige Sarazene im Zelt auf und ab, dem Löwen gleich, der sein wallendes Blut abkühlt, ehe er sich in seiner Höhle zur Ruhe niederstreckt. Der kältere Europäer hingegen veränderte weder Stellung noch Blick; doch schien auch er bemüht, zornige Regungen zu bezwingen. »Laß uns ruhig über diese Sache sprechen,« sagte der Sarazene. »Du weißt, ich bin ein Arzt, und es steht geschrieben: Wer seine Wunden geheilt haben will, der darf nicht zucken, wenn der Arzt sie sondiert. Sieh, ich stehe im Begriff, Deine Wunde zu sondieren. Du liebst diese Base des Melech Rik!« – »Ich habe sie geliebt,« antwortete der Ritter nach einer Pause, »wie der Mensch die himmlische Gnade liebt, und ihre Gunst gesucht, wie man vom Himmel Verzeihung sucht.« – »Und liebst Du sie nicht mehr?« sagte der Sarazene. – »Ich bin ihrer nicht mehr wert,« erwiderte Ritter Kenneth; »endige, bitte, dies Gespräch! Deine Worte sind Dolche für mich.« – »Verzeih! Nur noch einen Augenblick!« fuhr Ilderim fort. »Erhofftest Du, als Du ihr im Stande eines armen Kriegers Deine Liebe weihtest, gar keinen Erfolg?« – »Liebe ohne Hoffnung ist keine Liebe,« erwiderte der Ritter; »aber, mir winkte so geringe Aussicht, wie dem Schiffer, der sein Leben durch Schwimmen zu retten sucht. Er sieht wohl Land in der Ferne; aber sein sinkendes Herz und seine erschöpften Glieder sagen ihm, daß er es nie erreichen wird.« – »Mich dünkt,« sagte der Sarazene, »wenn Dir nichts anderes fehlt, als was in solch entferntem, täuschendem Schimmer von Glück steht, so kann das Feuer Deines Leuchtturms wieder flammen, und Du selbst, wackrer Ritter, wirst wieder zu der Freude gelangen, Deine Liebe mit einer so substanzlosen Kost wie Mondschein zu nähren; und die, die Du liebst, wird darum nicht minder Fürstentochter sein, und Saladins erwählte Braut werden.« »Sofern ich nicht – « rief der Ritter, brach aber plötzlich ab, wie jemand, der erschrickt, daß er sich etwas vornimmt unter Umständen, die es ihm verwehren. Der Sarazene lächelte. »Du hattest im Sinne, den Sultan zum Zweikampf zu fordern?« fragte er; »mich dünkt nur, er möchte sich doch besinnen, die Hoffnung auf eine königliche Braut und den Erfolg eines Krieges aufs Spiel zu setzen!« – »Aber im Kampfe, in der Schlacht werde ich ihn treffen,« rief der Ritter, dessen Augen bei dem Gedanken funkelten, mit dem ihn seine Idee erfüllte. – »In der Schlacht,« entgegnete Ilderim, »ist er immer zu finden; aber von dem Sultan zu sprechen, lag nicht gerade in meinem Plane. Mit einem Wort, wenn Dir daran liegt, Deinen ritterlichen Ruf wiederherzustellen durch Entdeckung jenes Diebes, der sich an König Richards Banner vergriffen hat, so dürfte ich Dir einen Weg dazu zeigen können, vorausgesetzt, daß Du Dich leiten lassen willst,« – »Du bist weise, Ilderim,« sagte der Schotte, »obgleich ein Sarazene, und edelmütig, obgleich ein Ungläubiger. Leite mich also! und verlangst Du nichts von mir, was meiner Lehnpflicht und meinem Christenglauben widerspricht, so will ich Dir pünktlich Gehorsam leisten.« – »So höre,« sprach der Sarazene; »Dein edler Hund ist wieder gesund, und seine Spürkraft wird den, der ihn überfiel, entdecken.« – »Ha!« rief der Ritter, »ich verstehe! Wie war ich doch verblendet, daß mir das nicht einfiel!« – »Hast Du Leute im Lager, denen das Tier bekannt ist?« fragte der Emir. – »Meinen alten Waffenträger,« antwortete Ritter Kenneth, »Deinen Patienten, entließ ich mit einem Diener, der ihn pflegte, damals als die Todesstrafe meiner wartete, und gab ihm Briefe an Freunde in Schottland mit. Sonst kennt niemand den Hund. Aber, meine eigene Person ist ja bekannt genug, und meine Sprache wird mir zur Verräterin werden in einem Lager, wo ich monatelang keine unbedeutende Rolle gespielt habe.«! – »Ihr sollt beide gut verkleidet werden, so daß Dein leiblicher Bruder Dich nicht erkennen sollte; nur mußt Du meiner Leitung folgen. Bedingung hierbei ist, daß Du der Nichte des Melech Rik, deren Name für morgenländische Zungen so schwer auszusprechen, wie ihre Schönheit zu fassen ist, ein Schreiben Sultan Saladins überbringst.« Der Ritter schwieg einen Augenblick, ehe er Antwort gab, und der Sarazene, ungeduldig über dieses Zaudern, fragte ihn, ob er sich vor solcher Botschaft fürchte... »Nein!« rief Kenneth. »Und wenn der Tod damit verbunden wäre! – Ich habe nur geschwiegen, weil ich mich fragte, ob es sich mit meiner Ehre vertrüge, vom Sultan ein Schreiben zu überbringen, oder mit der Ehre der Lady, einen Brief von einem heidnischen Fürsten entgegenzunehmen.« – »Bei Mohammed!« sagte der Emir, »der Brief ist in allen Ehren geschrieben.« »Dann will ich des Sultans Brief so ehrlich besorgen, als wenn ich sein Leibvasall wäre.« Dreiundzwanzigstes Kapitel. Der Leser kann nun schwerlich noch im Zweifel sein darüber, wer der nubische Mann war, zu welchem Zweck er König Richards Lager aufgesucht hatte, und weshalb er dicht zu der Person des Königs herantrat, als dieser, von seinen heldenmütigen Pairs von England und der Normandie umgeben, auf dem Gipfel des Georgenberges stand, neben dem Banner Englands, das der trefflichste Mann im Heere trug, sein eigner natürlicher Bruder, Wilhelm Longsword, der »Ritter mit dem langen Schwert«, der edle Graf von Salisbury, der Königssohn Heinrichs des Zweiten mit der berühmten Rosamunde von Woodstock. Infolge verschiedener Aeußerungen, die in der Unterredung des Königs mit Neville am vorhergehenden Tage gefallen waren, war der Nubier in großer Sorge, daß seine Verkleidung entdeckt worden sei, besonders da der König zu wissen schien, daß der Hund zur Entdeckung des Bannerdiebes herangezogen werden sollte, trotzdem in Richards Gegenwart von seiner Verwundung kaum die Rede gewesen war. Da aber der König ihn nach wie vor als Nubier behandelte, gelang es ihm nicht, seine Zweifel zu heben, und er hielt es für richtiger, seine Verkleidung beizubehalten. Inzwischen stellten sich die Truppen der verschiedenen Kreuzfahrerfürsten unter ihren Heerführern, in langen Reihen am kleinen Walle auf, mit fliegenden Fahnen, blinkenden Speeren, wallenden Federbüschen: ein Heer, formiert aus verschiedenen Völkerschaften, verschiedener Farbe, verschiedener Sprache, von allerhand Waffen und Trachten, aber alle getragen von frommer Begeisterung, die bedrängte Tochter Zions aus dem Joch der Ungläubigen zu erlösen. König Richard saß mittwegs zwischen Lager und Georgenberg zu Pferde, einen von einer Krone überragten Helm auf dem Haupte, mit kaltem, bedächtigem Blick jede Reihe musternd und den Gruß der Heerführer erwidernd. An seiner Seite stand der vermeintliche äthiopische Sklave mit dem edlen Hund an einer Leine. Verwundern konnte dies nicht weiter, denn viele Fürsten unter den Kreuzfahrern ahmten den Sarazenen nach und hielten schwarze Sklaven in ihrem Hofstaat. Ueber dem Haupte des Königs wallten die breiten Falten des britischen Banners. Im Hintergrunde, auf dem eigentlichen Gipfel der Anhöhe, in einem für den Anlaß besonders errichteten kleinen Turm befand sich die Königin Berengaria nebst den vornehmsten Hofdamen. Dorthin warf der König von Zeit zu Zeit einen Blick, der aber schnell wieder zu dem Nubier und dem Hunde zurückkehrte, wenn Heerführer vorbeizogen, die er der Entwendung des Banners für fähig hielt. Als Philipp August von Frankreich an der Spitze seiner gallischen Ritterschaft nahte, ging er den Berg hinunter ihm entgegen, so daß sie sich mittwegs trafen und freundlich begrüßten, wie ein paar Brüder; als die Ritter und Knappen der Tempelherren in dunkler Rüstung, mit den durch Palästinas Sonne schwarzgebräunten Gesichtern, auf Rossen nahten, deren treffliche Beschaffenheit und Abrichtung selbst die besten Frankreichs und Englands weit übertraf, da warf der König einen schnellen Seitenblick; allein der Nubier stand ruhig, und sein treuer Hund ihm zu Füßen musterte mit scharfem Blick die vorbeireitenden Reihen. Der Großmeister des ritterlichen Ordens nahm seinen doppelten Charakter als Priester und Krieger wahr und vermied es, dem König als Heerführer seine Ehrfurcht zu bezeigen, indem er ihm als Priester seinen Segen erteilte. »Der zweideutige Schurke!« sagte Richard zum Grafen Salisbury; »er fertigt mich als Pfaffe ab; aber wir wollen es hingehen lassen. Der Dienst dieser erfahrenen so übermütig gewordenen Lanzenträger soll der Christenheit nicht um kleinlicher Empfindlichkeit willen geraubt werden! Doch sieh! der Erzherzog von Oesterreich, gib acht auf sein Benehmen, und Du, Nubier, halt den Hund richtig! Beim Himmel! seine Possenreißer bringt er auch mit.« Von seinem Spruchmeister und Hofnarren begleitet, kam Leopold herangeritten und fing, um seine Gleichgültigkeit zu zeigen, zu pfeifen an; als er aber mit mürrischer Miene vor dem englischen Banner die dekretierte Verbeugung machte, schüttelte der Spruchmeister seinen Stab und verkündete wie ein Herold: »Der Erzherzog wolle um deswillen, was er jetzt getan, nicht dafür angesehen sein, als ob er dem Range und den Vorrechten, eines souveränen Fürsten etwas vergebe,« worauf der Hofnarr zum großen Gelächter der Anwesenden mit einem helltönenden »Amen!« antwortete. Wiederholt sah der König nach dem Nubier und dem Hunde; aber keiner von beiden rührte sich. »Ich fürchte, schwarzer Freund, unter die Zauberer gehörst Du nicht, und Deine Verdienste um unsere Person wirst du auch nicht mehren, trotz Deinem Hunde.« Da zogen die Mannen des Marquis von Montserrat vorüber, um sie zahlreicher erscheinen zu lassen, in zwei Scharen geteilt. An der Spitze der ersten Schar, die aus Vasallen der syrischen Besitzungen bestand, ritt Enguerrand, der Bruder des Marquis, Während dieser selbst an der Spitze von zwölfhundert Stradioten, einer Art leichter Reiterei, von den Venetianern aus ihren Besitzungen in Dalmatien ausgehoben und dem Marquis anvertraut, daher kam. In überreicher Tracht, strotzend von Gold und Silber, den milchweißen Federbusch mit einer Demantschnalle auf seiner Mütze befestigt, so daß er bis zu den Wolken emporzuragen schien, auf dem edlen Rosse, das er mit kräftiger Faust in Räson hielt, näherte Marquis Konrad sich dem Könige, der ihn kaum erblickte, als er ihm ein paar Schritt weit entgegenging ... Eben wollte er das Wort an ihn richten, als Roswal mit wildem Geheul vorsprang. Der Nubier ließ die Leine locker, der Hund sprang an Konrads Rosse hinauf, packte den Marquis an der Kehle und riß ihn aus dem Sattel zu Boden. Während das Pferd durch das Lager raste, wälzte sich der Marquis mit seinem stolzen Federbusch im Sande. »Dein Roswal hat die rechte Beute gepackt,« sagte der König zum Nubier, »ich schwör's beim heiligen Georg! Aber reiße den Hund weg, denn er erwürgt ihn noch!« Der Aethiopier machte den Hund mühsam von Konrad los. Inzwischen drängten sich, besonders aus Konrads Gefolge und der Stradiotenschar, viele herbei, die, als sie ihren Anführer am Boden liegen sahen, wild durcheinander schrien: »Haut den Sklaven und seinen Hund in Stücke!« Allein Richards Stimme erscholl hell über alles Geschrei: »Des Todes ist, wer sich an dem wackern Hunde vergreift! Tritt hervor, Konrad, Graf von Montserrat! Ich klage Dich der Treulosigkeit und des Verrats an!« »Sind die Fürsten des Kreuzzuges Hasen oder Rehe in König Richards Augen geworden, daß er Jagdhunde auf sie losläßt?« fragte der Großmeister mit Grabesstimme. – »Es muß ein Zufall, ein Mißverständnis vorliegen,« sprach Philipp von Frankreich, herbeireitend. – »Eine List des bösen Feindes!« meinte der Erzbischof von Tyrus. – »Ein Kunstgriff der Sarazenen!« rief Heinrich von Champagne. »Den Hund sollte man aufhängen und den Sklaven foltern!« »Niemand, dem sein Leben lieb ist, lege die Hand an ihn!« rief Richard; »Konrad, wenn Du es wagst, so leugne die Anklage, die dies stumme Tier in edlem Instinkt wider Dich erhoben hat, die Anklage der schmachvollen Beleidigung Englands und des ihm selbst zugefügten Unrechts.« – »Ich habe Dein Banner nie berührt,« rief Konrad schnell. »Deine Worte verraten Dich!« entgegnete Richard. »Warum redest Du von meinem Banner, wenn Du Dich der Missetat nicht schuldig fühltest?« – »Hast Du das Kreuzfahrerheer aus diesem und keinem anderen Grunde alarmiert?« fragte Konrad: »sinnst Du einem Fürsten und Bundesgenossen ein Verbrechen an, das irgend ein Spitzbube wegen der Goldfäden an der Fahne begangen haben mag? oder willst Du einen Hund als Ankläger gegen einen Bundesgenossen gelten lassen?« Der Lärm wurde so heftig, daß sich der König Philipp von Frankreich ins Mittel legte ... »Fürsten und Edle,« sprach er, »halten wir unsere Mannen im Zaume! führe ein jeder seine Truppen in ihre Quartiere zurück! und treffen wir uns nach Ablauf einer Stunde im Zelte des hohen Rats. Dort wollen wir über diesen neuen Fall verhandeln.« – »Ich bin es zufrieden,« sprach König Richard, »obgleich ich diesen Elenden am liebsten auf der Stelle verhört hätte. Aber Frankreichs Wille soll der unsrige sein.« Der Fürstenrat traf zur bestimmten Stunde zusammen. Konrad von Montserrat, wie ein Fürst gekleidet, trat, von dem Erzherzog von Österreich, den Großmeistern der Tempelherren und Johannitern begleitet, in das Ratszelt. Mit dem beschimpften Staatsgewand hatte er auch die Scham und Verwirrung abgestreift, die sich bei solch unvermuteter Anklage seines Geistes bemächtigt hatten. Auf den König von England aber machte es nicht den geringsten Eindruck, auch nicht, daß sich die drei hervorragenden Kreuzfahrer ihm, gleichsam zur Verteidigung, angeschlossen hatten. Mit seinem gewöhnlichen Wesen und in der gleichen Kleidung, in der er vom Pferde gestiegen war, trat er ein, warf einen flüchtigen, halb verächtlichen Blick um sich und beschuldigte hierauf den Marquis rundheraus, das Banner Englands gestohlen und den treuen Hund, der dasselbe bewacht, gefährlich verwundet zu haben. Konrad erklärte keck, dem Menschen und dem Tiere zum Trotze, seine Unschuld. »Bruder von England,« sprach Philipp, der gern die Rolle eines Vermittlers übernahm. »Wir stehen vor einer ungewöhnlichen Beschuldigung; aber Euer Glaube stützt sich bloß auf diesen Jagdhund. Ich sollte doch meinen, das Wort eines Ritters gelte mehr als ein Hundegebell.« – »Königlicher Bruder!« nahm Richard das Wort, »Ihr laßt außer acht, daß der Allmächtige den Hund mit einer Natur begabte, die jedes Betruges unfähig ist. Er vergißt weder Freund noch Feind und merkt sich genau Wohltat und Beleidigung. Ihr könnt einen Soldaten bestechen, mit dem Schwert zu töten, einen Zeugen, durch falsche Anklage ein Leben zu rauben, nie aber einen Hund bewegen, seinen Wohltäter zu zerreißen. Er ist der Freund des Menschen, ausgenommen, wenn der Mensch sich seine Feindschaft zuzieht. Putzt diesen Marquis von Montserrat mit den prunkendsten Pfauenfedern, verkleidet ihn, schminkt ihn, versteckt ihn unter Hunderten, und mein Szepter setze ich zum Pfande, daß der Jagdhund ihn herausfinden, ihm an die Kehle springen wird wie vorhin! Der Vorfall mag seltsam erscheinen, aber neu ist er nicht! In Deinem Lande, mein königlicher Bruder, wurde in einem ähnlichen Falle durch feierlichen Zweikampf zwischen Mensch und Hund der Mord entschieden, und das Verbrechen bekannt.« – »Solcher Zweikampf hat allerdings stattgefunden, mein königlicher Bruder,« sagte Philipp, »unter der Regierung eines unserer Vorfahren, dem Gott gnädig sein möge, aber da sich der Fall in der alten Zeit ereignet hat, läßt er sich nicht anwenden auf den unsrigen ... zudem war der Angeklagte ein Mann von geringem Range; seine Waffe bloß eine Keule, sein Schutz bloß ein ledernes Wams. Zu so rohen Waffen, zu solch gemeinsamem Kampfe können wir keinen Fürsten erniedrigen.« – »Das ist auch nicht meine Absicht,« versetzte Richard; »es wäre ein schlimmes Spiel, das Leben des guten Hundes gegen das eines doppelzüngigen Verräters zu wagen! – Aber da liegt unser eigener Handschuh! Wir fordern Konrad von Montserrat zum Kampfe heraus wegen der gegen ihn erhobenen Anklage. Ein König steht wohl über dem Kameraden eines Marquis.« Konrad beeilte sich keineswegs, das von dem englischen König in die ritterliche Versammlung geschleuderte Pfand aufzuheben, und König Philipp gewann Zeit zu dem Einspruche: »Ein König ist um soviel mehr als Gegner des Marquis, als ein Hund weniger sein würde. Richard von England, solcher Zweikampf kann nicht gestattet werden. Ihr seid der Anführer unseres Feldzuges, das Schild und Schwert der Christenheit.« – »Ich protestiere gegen solche Gefährdung meines königlichen Bruders deshalb, weil sein Leben Eigentum des englischen Volkes ist. Mein Handschuh soll an Stelle des seinigen treten,« sagte der Graf von Salisbury. »Fürsten und Edle,« nahm Konrad von Montserrat das Wort, »ich nehme König Richards Herausforderung nicht an. Er ist zu unserm Anführer gegen die Sarazenen erwählt worden, und wenn ers vor seinem Gewissen verantworten kann, einen Bundesgenossen wegen eines so nichtswürdigen Streites zum Kampf zu fordern, so kann ichs doch nicht vor dem meinigen, mich auf solchen Kampf einzulassen. Was aber seinen Bastardbruder Wilhelm von Woodstock betrifft, so will ich gegen ihn, wie gegen jeden anderen, der diese Beschuldigung auszusprechen oder zu bekräftigen wagt, meine Ehre in den Schranken verteidigen.« – »Der Marquis von Montserrat,« sprach der Erzbischof von Tyrus, »hat wie ein weiser, billig denkender Edelmann gesprochen. Mich dünkt, der Streit könnte, unbeschadet der Ehre beider Parteien, hiermit sein Ende haben.« – »Meiner Ansicht nach auch,« pflichtete Philipp von Frankreich bei, »vorausgesetzt, daß König Richard seine Anklage, als auf schwachen Füßen stehend, widerrufen wird.« – »Philipp von Frankreich,« sagte Richard Löwenherz, »meine Worte stehen mit meinen Gedanken niemals in Widerspruch! Ich habe Konrad von Montserrat als Dieb angeklagt, der bei Nacht das Sinnbild von Englands Würde von seinem Platze stahl. Ich halte ihn noch dafür und beschuldige ihn dieser Missetat, und ist erst ein Tag zum Kampf anberaumt, so zweifelt nicht, daß mir, weil Konrad mit uns selbst zu kämpfen ablehnt, ein Kämpfer fehlen werde; denn Du, Wilhelm, darfst Dein langes Schwert ohne unsere besondere Erlaubnis in diesem Streite nicht ziehen.« »Da mich mein Rang zum Schiedsrichter in dieser höchst unglücklichen Sache Macht,« entgegnete Philipp von Frankreich, »so bestimme ich den fünften Tag von heute an, zur Entscheidung derselben mittels Kampfes nach Rittersitte, so daß Richard, König von England, durch seinen Kämpfer als Ankläger, und Konrad, Marquis von Montserrat, in eigener Person als der Angeklagte erscheine. Doch gestehe ich, daß ich keinen neutralen Grund und Boden ausfindig zu machen weiß, wo ein solcher Kampf stattfinden kann: denn hier in der Nähe des Lagers darf es nicht geschehen, weil die Krieger von beiden Seiten Partei bilden würden.« – »Es wäre gut,« sagte Richard, »zum Edelmut des königlichen Saladin unsere Zuflucht zu nehmen. Denn ist er gleich ein Heide, so habe ich doch nie einen Ritter reicher an wahrem Adel oder von solcher Treue und Aufrichtigkeit gefunden, dem wir uns so unbedingt anvertrauen können.« »So sei es,« stimmte Philipp bei; »und so entlasse ich jetzt diesen Fürstenrat!« – »Amen! Amen!« erscholl es von allen Seiten. Vierundzwanzigstes Kapitel. König Richard, in sein Zelt zurückgekehrt, ließ den äthiopischen Sklaven vor sich führen, der sich vor ihm niederwarf und die Augen zu Boden heftete; vielleicht zum Glück, denn er hätte den scharfen Blick, mit dem Richard ihn eine Zeitlang schweigend betrachtete, schwerlich ausgehalten. »Du verstehst Dich auf weidmännische Kunst,« nahm der König nach einer Pause das Wort, »denn Dein Wild hast Du aufgejagt, wie wenn Du bei Tristan in der Lehre gewesen wärest! Aber es muß nun auch erlegt werden. Ich hätte ja gern meinen Spieß nach ihm geworfen; gewisse Rücksichten scheinen aber dies zu verhindern. So kehre Du in des Sultans Lager zurück und übergib ihm dies Schreiben, durch welchen wir ihn um einen neutralen Platz für dieses ritterliche Vorhaben bitten. Falls es ihm nicht zuwider wäre, so sag ihm, möchten Wir ihn selbst als Zeuge bei diesem Kampfe erscheinen sehen. Es dürfte wohl sein, daß Du dort den einen oder anderen Ritter ausfindig machst, der aus Liebe zur Wahrheit und um seiner eignen Ehre halber mit Montserrat, dem Verräter, kämpfen möchte.« Der Nubier heftete die Äugen mit dem Ausdruck inniger Wärme auf den König, dann richtete er sie gen Himmel mit feierlicher Dankbarkeit. Dann senkte er den Kopf und nahm wieder seine demütige Miene an. »Und nun zu einem anderen Punkte,« sagte der König hastig, »hast Du Edith Plantagenet gesehen?« Der Stumme blickte empor, wie um zu sprechen: ja seine Lippen setzten schon zu einem Nein an, als er sich besann und den unzeitigen Versuch in einem dumpfen Gemurmel auslaufen ließ. »Sieh mal an!« rief Richard. »Der bloße Name unserer reizenden Cousine scheint Stummen die Sprache verleihen zu können? Was für Wunder müßten da erst ihre Augen wirken! Ich will den Versuch machen, Freund Sklave. Du sollst sie sehen, diese auserlesene Schönheit unseres Hofes, und den Auftrag des fürstlichen Sultans ausrichten.« Wieder ein freudiger Blick, wieder ein Kniefall . . . Nach einer Pause aber legte der König die Hand auf seine Schulter. »In einer Hinsicht,« fuhr er fort, »muß ich Dich warnen, mein schwarzer Abgesandter ... Sobald Du fühlen solltest, ihr gütiger Einfluß wolle die Bande Deiner Zunge lösen, dann hüte Dich vor jedem Wort in ihrem Beisein! denn Du darfst Dich verlassen darauf, daß ich Dir in solchem Falle die Zunge herausreißen ließe, und alle Deine Zähne dazu... Darum sei klug und verschwiegen.« Der Nubier legte zum Zeichen des Gehorsams die Hand auf die Lippen. Richard aber legte ihm wieder die Hand, doch sanfter, auf die Achsel und fügte hinzu: »Wärst Du ein Ritter und Edelmann, so forderten wir Deine Ehre als Unterpfand Deiner Verschwiegenheit und nichts weiter, statt daß wir Dir als Sklaven in solcher Weise gebieten.« Dann rief er seinen Kämmerer... »Neville,« sagte er, »begib Dich mit diesem Sklaven ins Zelt unserer königlichen Gemahlin und sage, es sei unser Wunsch, daß ihm eine Audienz bei unserer Base Edith bewilligt werde, da er ihr einen Auftrag zu bestellen habe. Du kannst ihm auch den Weg zeigen, wenn er Deine Begleitung wünscht; doch wirst Du vielleicht schon mit Verwunderung bemerkt haben, wie genau er den Umkreis unseres Lagers kennt; – Und Du, Freund Aethiopier, was Du tust, das tue schnell, in einer halben Stunde erwarte ich Dich wieder hier.« »Ich bin entdeckt,« dachte der angebliche Nubier, als er mit zu Boden gesenktem Blick Neville folgte; »gleichwohl kann ich mir nicht denken, daß er noch erzürnt auf mich wäre. Versteh ich seine Worte, und es ist ja schier unmöglich, sie falsch zu deuten, so gibt er mir eine edle Gelegenheit, meine Ehre an dem Helmbusch dieses falschen Marquis zu rächen, dessen Schuld ich in seinem feigen Blick und auf seiner bebenden Lippe las, ehe noch die Anklage gegen ihn vorgebracht wurde. – Roswal! Du hast deinem Herrn treu gedient, und die dir widerfahrene Schmach soll schwer gerächt werden! – Aber was soll die Erlaubnis bedeuten, sie zu sehen, da ich doch immer daran zweifelte? Wie kann der königliche Plantagenet zugeben, daß ich Edith sehe, ob nun als Bote des heidnischen Saladins oder als der schuldige Verbannte, den er erst vor kurzem aus seinem Lager vertrieb? Aber Richard, wenn ihn nicht Leidenschaft bewegt, ist freisinnig, großmütig und edel, und darum will ich ihm gehorchen in allem, was er mir befiehlt... hat er mir doch eine so herrliche Gelegenheit gegeben, meine befleckte Ehre zu rächen! O, er kennt mich nur wenig; ich bin ihm Dank schuldig hierfür, und werde meinen Dank ihm wahrlich nicht schuldig bleiben!« Sie wurden von den Wachen gleich eingelassen, und Neville ließ den Nubier in einem Vorraume zurück, der diesem nur zu gut bekannt war, und trat in den Raum, der als Audienzgemach von der Königin benützt wurde. »Und wer ist der nubische Sklave, der mit solchem Auftrage vom Sultan kommt?« fragte die Königin, hell auflachend; »ein Neger, nicht wahr, Neville? mit schwarzer Haut, Krauskopf, plumper Nase und wulstigen Lippen?« »Vergessen Majestät doch die Schienbeine nicht,« sagte eine andere Stimme, »auswärts gebogen, wie die Klinge eines Sarazenen-Säbels!« – »Oder wie Cupidos Bogen,« meinte die Königin; »da er mit einer Liebesbotschaft kommt, klingt das doch besser... lieber Neville, Du bist immer bereit, uns armen Frauen ein Vergnügen zu schaffen. Komm, wir müssen diesen Liebesboten sehen. Türken und Mohren habe ich ja gesehen, aber noch keine Neger.« – »Gnädige Königin,« meinte Lady Caliste, »laßt doch den schwarzen Kerl gleich zu Lady Edith führen, lautet doch sein Beglaubigungsschreiben an sie! wir sind ja doch erst mit genauer Not den schlimmen Folgen eines ähnlichen Spaßes entgangen!« »Eines ähnlichen Spaßes?« wiederholte die Königin verächtlich. »Aber Du kannst recht haben, Caliste. Laß den Nubier, wie Du ihn nennst, erst mit seinem Auftrage zu unserer Muhme. Er ist ja doch stumm, nicht?« – »Allerdings, meine Königin,« versetzte der Ritter. Lord Neville kehrte zu dem Aethiopier zurück und winkte ihm zu folgen. Er führte ihn zu einem Zelt, abseits von dem der Königin. Ein koptisches Mädchen nahm Nevilles Auftrag entgegen, und nach einigen Minuten wurde der Nubier zu der Prinzessin geführt, während Neville draußen vor dem Zelte blieb. Als Edith sich dem knienden Sklaven bis auf einen Schritt genähert hatte, sah sie ihm scharf, ein paar Sekunden lang ins Gesicht. Dann wandte sie sich weg und sagte ruhig, doch im Tone tiefster Trauer: »Seid Ihr es! – wirklich, tapferer Ritter vom Leoparden, edler Kenneth von Schottland? – Seid Ihr es wirklich, als Sklave verkleidet, umringt von tausend Gefahren?« Als der Ritter die Stimme seiner Dame vernahm, die ihn so unerwartet anredete, in einem Tone halb Mitleid, halb Zärtlichkeit, da drängte sich ihm eine Antwort auf die Lippen, und Richards Befehle sowie sein eigenes Versprechen waren kaum imstande, sie zu bannen. Wie gern hätte er ihr gesagt, daß der Anblick, den er genieße, die Stimme, die er höre, alle Sklaverei, alle Gefahren ihm reichlich lohnten . . und doch hielt er an sich, und ein tiefer, leidenschaftlicher Seufzer war die einzige Antwort auf Ediths Frage. »Ich sehe, daß ich richtig vermutet habe,« fuhr sie fort. »Ich bemerkte Euch gleich bei Eurem ersten Erscheinen auf der Plattform, wo ich mit der Königin stand. Auch Euren wackeren Jagdhund habe ich erkannt. Sprich daher ohne Furcht zu Edith Plantagenet, denn sie hat den guten Ritter im Unglück nicht vergessen, der, als das Glück ihm hold war, ihr ehrenvoll diente. – Noch immer still? aus Furcht oder Scham? Furcht sollst Du nicht kennen, und die Scham überlasse denen, die Dich gekränkt haben!« In Verzweiflung darüber, daß er den Stummen spielen mußte, konnte er nur durch Seufzer seinen Schmerz ausdrücken. »Wie?« sagte Edith halb unmutig, »der Stumme wie im Aeußeren, so auch im Tun? Das hätt' ich nicht gedacht. Oder solltest Du vielleicht meiner spotten, weil ich so kühn gestand, Deine mir bewiesene Huldigung bemerkt zu haben? Denke deshalb nicht unwürdig von Edith! Doch warum schlägst Du die Hände zusammen und ringst sie so leidenschaftlich? Sollten sie Dich,« rief sie, vor dem Gedanken zurückschreckend, »grausam der Sprache beraubt haben? – Du schüttelst den Kopf? Nun, mag es Zauber oder Trotz sein; ich frage Dich nicht weiter. Richte, was Du auszurichten hast, auf Deine Weise aus ... auch ich kann stumm sein.« Der verkleidete Ritter überreichte ihr stumm Saladins Schreiben. Edith nahm es, warf einen flüchtigen Blick darauf, legte es beiseite und sagte, wieder zu dem Ritter gewendet, leise: »Auch kein Wort an mich als Geleit Deines Auftrages?« Der Ritter preßte beide Hände gegen die Stirn, als Ausdruck des Schmerzes darüber, daß er ihr nicht gehorchen könne. Da wandte sie sich entrüstet von ihm. »Geh!« sprach sie, die Hand über die Augen legend, »ich habe genug, habe zu viel gesprochen für einen, der nicht ein einziges Wort an mich verschwenden will.« Der Ritter wollte sich ihr nähern; aber sie wies ihn durch einen Wink zurück. »Geh! sage ich, denn der Himmel hat Deine Seele für Deinen neuen Posten gewandelt... Was säumt Ihr? Geht!« Fast unwillkürlich blickte der Ritter auf das Schreiben. Edith nahm es. . »Ich hatte ganz vergessen,« sagte sie, halb spöttisch, halb verächtlich, »der untertänige Sklave wartet auf Antwort ... Was ist das? vom Sultan?« Kaum hatte sie gelesen, so lachte sie in bitterem Aerger ... »Nun, das geht über den Horizont!« rief sie. »Er mag Zechinen in Maravedis wandeln können; aber einen tapferen Ritter in den Sklaven eines heidnischen Sultans verwandeln? der seine übermütigen Anträge an eine christliche Jungfrau bringt, der Gesetze des Rittertums wie der Religion vergessen? Nein! das geht über den Horizont! Doch was hilft alles Reden mit dem Sklaven eines heidnischen Hundes? Sag Deinem Herrn, wenn er Dir Deine Zunge wiedergegeben hat, was Du mich hier tun siehst.« Hier warf sie das Schreiben des Sultans auf die Erde und setzte ihren Fuß darauf. »Sag ihm, Edith Plantagenet lasse sich die Huldigung ungetaufter Heiden verbitten!« Sie wollte hinausstürzen... da kniete er mit schwer keuchender Brust vor ihr nieder, wollte die Hand an ihr Gewand legen, sie zu halten ... sie aber drehte sich rasch nach ihm um und fuhr ihn an: »Hast Du nicht gehört, was ich sagte, Sklave?» Sage Deinem Herrn, daß ich seine Hand verachte ganz ebenso wie den Ritter, der sich entwürdigt, vor ihm den Staub zu küssen!« Sie riß ihr Kleid aus seiner Hand und stürzte aus dem Zelte .... In diesem Augenblick rief Neville . . . und betäubt durch wilden Schmerz, wankte der unglückliche Ritter dem Baron hinterher, bis sie das königliche Zelt erreichten, vor welchem eben ein Trupp Reiter vom Pferde stieg. Als Neville mit seinem verkleideten Diener eintrat, bewillkommnete der König nebst seinen Edlen die eben angekommenen Personen. Fünfundzwanzigstes Kapitel. »Thomas von Baux, tapfrer Tom von Gills!« ließ sich König Richards helle Stimme vernehmen, »Du bist mir willkommen, wie je eine Flasche Wein einem fröhlichen Zecher. Hätt' ich nicht Deine rüstige Gestalt im Auge gehabt, wie einen Grenzstein, meine Reihen danach zu ordnen, so hätt' ich kaum gewußt, wie ich meine Truppen in Schlachtordnung stellen sollte. Jetzt wirds Hiebe setzen, Thomas, wenn die Heiligen uns beistehen, und hätten wir in Deiner Abwesenheit gefochten, so wäre ich darauf gefaßt gewesen, Dich an irgend einem Baume hängen zu sehen!« »Statt den Tod eines Abtrünnigen zu sterben, hätte ich meine fehlgeschlagene Hoffnung mit christlicher Geduld getragen,« sagte Thomas von Baux. »Allein ich danke Eurer Majestät für dies Willkommen um so herzlicher als ja doch der größere Teil Hiebe auf Konto Eurer Majestät genommen wird. Ich habe aber jemand mitgebracht, den Eure Majestät gewiß noch herzlicher willkommen heißen werden.« Ein Jüngling von kleiner, schlanker Figur trat vor, um sich vor dem König zu verneigen. Seine Tracht war so einfach wie seine Figur unbedeutend; doch trug er auf seiner Mütze eine goldene Schnalle mit einem Edelstein, der mit den von der Mütze beschatteten Augen um die Wette funkelte. Sonst stach an dem Gesicht nichts weiter hervor; wer es jedoch genauer betrachtete, konnte sich eines gewissen Eindrucks nicht erwehren. Um den Hals des Jünglings hing an einem Bande von himmelblauer Seide ein Stimmhammer aus gediegenem Golde, das für Sänger unentbehrliche Werkzeug für ihre Harfe. Der Jüngling wollte vor dem König niederknien, der aber hob ihn fröhlich empor, drückte ihn zärtlich ans Herz und küßte ihn auf beide Wangen. »Blondel von Nesle,« rief er, »willkommen von Cypern, Du König der Minnesänger! Willkommen dem König von England! Ich bin krank gewesen; ich glaube aber, bloß, weil Du mir fehltest; denn Deine Lieder würden mich gewiß auf dem Weg zum Himmel aufhalten ... Doch sprich, bist Du fleißig gewesen?« – »Etwas habe ich gelernt, und etwas getan, edler König,« erwiderte der berühmte Sänger bescheiden. – »Wir wollen Dich hören – auf der Stelle,« rief der König; »vorausgesetzt natürlich, daß Du nicht von Deiner Reise zu müde bist.« – »Ich bin wie immer, meinem königlichen Herrn zu Dienst,« sagte Blondel; »aber,« setzte er hinzu mit einem Blick auf die umherliegenden Papiere, »Majestät scheinen beschäftigt zu sein, und spät ist es auch schon.« »Das bißchen Arbeit, Blondel, eilt nicht im mindesten; eine Schlachtordnung gegen die Sarazenen – so flink erledigt, wie ihre Niederlage.« »Ich möchte aber gern wissen,« mischt« sich Thomas von Baux in das Gespräch, »was für Krieger Majestät aufzustellen haben. Ich bringe nämlich Berichte von Askalon.« – »Du bist eigensinnig, Thomas,« versetzte der König, »wie ein Maultier! Kommt, Ihr Edlen, stellt Euch ringsum! – Gebt Blondel den Sessel! gebt ihm meine Harfe; seine eigene könnte unterwegs gelitten haben.« »Majestät,« tief Thomas von Vaux; »ich bin weit geritten. Kein Wunder also, daß es mich mehr nach der Streu als nach Blondelschen Strophen verlangt.« – »Macht doch ein einziges Mal eine Ausnahme, Gills,« sagte der König, »Ihr wißt doch, daß ich wie Blondel ein Zunftgenosse der fröhlichen Kunst bin?« – »Majestät sollten nicht vergessen,« sagte Thomas von Vaux lächelnd, »daß man von einem Maultiere keine Ausnahmen verlangen kann.« – »Sehr wahr,« sagte der König, »dann kommt her, Herr Maulesel, und werft Eure Last ab, damit Ihr auf die Streu kommt. Du aber, Bruder Salisbury; begib Dich in das Zelt unserer Gemahlin, und sage ihr, Blondel sei angekommen und habe die neuesten Minnelieder mitgebracht. Sie solle sogleich kommen, und unsere Cousine Edith Plantagenet auch!« Sein Auge streifte wieder den Nubier mit jenem zweifelsvollen Ausdruck, der sich immer in seinen Mienen verriet, wenn er ihn anblickte. »Ha, unser geheimer Bote ist wieder zurückgekehrt? Steh auf, Sklave, und tritt hinter Neville! Was Du jetzt hören wirst, wird Dich freudig stimmen darüber, daß Du bloß stumm und nicht auch taub bist!« Dann wandte er sich zu Thomas von Vaux, und horte dessen Vortrag an. Kaum war Thomas von Vaux, fertig, so meldete ein Bote, die Königin nähere sich mit ihrem Gefolge dem königlichen Zelte. – »Eine Flasche Wein!« rief der König, »von des alten König Isaaks lang aufgespartem Cypernwein, den wir von dem Sturm auf Famagusta haben. Füllt dem wackeren Lord Gilsland einen Becher, Ihr Edlen! Einen getreueren Diener hat noch kein Fürst gehabt. Doch sieh! der Fackelschein draußen verrät, daß unsere Gemahlin sich nähert. Eile ihr entgegen, Thomas! halte Dich doch nicht auf mit Deinem Mantel! Da sieh, Lord Neville kommt Dir zwischen Wind und Segel!« – »Auf dem Schlachtfeld hat er mir nie das Prävenire gespielt,« brummte Thomas von Vaux, durchaus nicht erfreut über die Zuvorkunft des gewandteren Kämmerers. – »Nein, weder er, noch sonst jemand, mein guter Thomas von Gils,« sagte der König, »außer mir selbst dann und wann.« – »Doch einer noch,« versetzte Thomas; »möchte wenigstens auch ihm Gerechtigkeit werden! Der unglückliche Ritter vom Leoparden ist mir seinerzeit auch zuvorgekommen, denn er ist leichter zu Pferde, drum ....« – »Still!« wehrte ihm der König mit gebietendem Tone. »Kein Wort mehr von ihm!« und er trat einen Schritt vor, seine Gemahlin zu begrüßen. Dann stellte er ihr Blondel vor als König der Minstrels und seinen Lehrherrn in der fröhlichen Kunst. Berengaria kannte die Passion ihres Gemahls für Musik und Poesie und wußte, daß Blondel sein besonderer Liebling war; sie ließ es sich deshalb angelegen sein, ihn mit Auszeichnung zu empfangen. Blondel erwiderte die Höflichkeit der Königin mit tiefer Ehrerbietung und demütigem Dank; aber es ließ sich nicht verkennen, daß er den schlichten anmutigen Gruß Lady Ediths mit größerer Herzlichkeit erwiderte. König Richard entging es nicht, daß seine Gemahlin diese Bevorzugung Ediths nicht gern sah, und empfindlich sagte er, wohl selbst nicht eben erfreut darüber: »Wir Minstrels, Berengaria, erweisen einem strengen Kunstrichter, wie unserer Edith, mehr Achtung als einer wohlgeneigten Freundin, wie Dir, die zwar bereit ist, in unsern Wert keinen Zweifel zu setzen, ihn aber doch nicht unmittelbar zu taxieren weiß.« Edith fühlte sich durch diese sarkastische Bemerkung ihres Oheims verletzt und erwiderte, daß hart und streng zu urteilen nicht die Eigenschaft sei, die unter den Plantagenets ihr allein zukomme. Sie hätte sich vielleicht nicht auf diese wenigen Worte beschränkt; allein ihr Blick begegnete plötzlich dem Blicke des Nubiers, obwohl sich derselbe hinter den anwesenden Edlen zu verbergen suchte; sie sank in einen Sessel, so bleich, daß die Königin nach Wasser rief, weil sie eine Ohnmacht befürchtete. Aber Richard, der Edith besser kannte, bat Blondel mit seinem Gesange zu beginnen, da Minnegesang besser als jede Arznei einen Plantagenet zu heilen vermöchte. Blondels Auge aber ruhte mit angstvollem Ausdruck auf Edith, und als er sah, daß ihre Farbe wiederkehrte, leistete er dem Befehle des Königs Gehorsam. Seine Gestalt schien zu wachsen, sein Antlitz glühte von Kraft und Begeisterung, seine volle, männliche Stimme erschütterte Ohren und Herzen. »Horcht, Ihr Ritter, in Burgen und Hallen!« rief der König, winkte den Anwesenden, sich um den Sänger im Kreise zu gruppieren, und nahm mit allem Ernst eines sachverständigen Kunstrichters Platz. Blondel sang in normannischer Sprache eines jener ritterlichen Liebesabenteuer, die damals im Schwunge waren: Von dem herrlichen Benevent nicht fern, Als tief schon die Strahlen der Sonne sanken, Erblickte man viele Ritter und Herrn Zum Sankt-Johannis-Turnier in den Schranken. Da kam, von einer Prinzessin gesandt, Nach Lincolngreen ein junger Fant Durchs Lager geeilt mit schnellen Schritten, Und fragte nach Thomas von Kent, dem Briten. Weit war er gewandert, weit ging noch sein Pfad, Bis er dem schmucklosen Zelte sich naht, Das nichts enthielt als Eisen und Stahl, Blutarm an Geld, blieb ihm keine Wahl, Als selbst, mit entblößten, nervigen Händen, Des Waffenschmieds Arbeit zu vollenden. Er hämmert den Harnisch, Johannes dem Täufer Und seiner Dame zu Ehren, mit Eifer. Da naht ihm ein Page: »So sagte sie« – Und der Ritter beugte sein Haupt und Knie – »Die hohe Prinzessin von Benevent: Du bist ein Ritter, den niemand kennt; Willst Du erklimmen den hohen Baum Und überspringen den trennenden Raum, So vollbring eine Tat, daß ein jeder muß sagen: Nur Ehrgeiz und Rittertum konnte dies wagen.« »Hinweg mit dem Harnisch,« sagte sie – Und der Ritter beugt abermals Haupt und Knie – »So schön er dich ziert! Aus meiner Hand Empfange statt dessen ihr Nachtgewand! Mit ihm, statt dem Panzerhemd, ohne Wanken, Erscheine mutig und keck in den Schranken; Wo das Blut in Strömen fließt, da erwirb Dir Ehre im tapfern Kampf, oder stirb!« Mit ruhigem Blick, im Herzen erfreut, Empfängt der Ritter und küßt das Kleid. »Heil sei der Stunde, und du gesegnet. Durch den mir so hohe Ehre begegnet! Zur Dame: sprich: Mit dem Kleid angetan, Werd' ich nicht weichen dem tapfern Mann; Ihr dank ich es, wenn Ruhm ich errang!« – Hier endigt des Blutsgewands erster Sang. In der Umdichtung von Heinrich Döring . »Du hast das Versmaß in der letzten Strophe verändert,« sagte der König. – »Allerdings,« antwortete Blondel, »ich bekam die italienischen Verse von einem alten Harfner in Cypern, und es mangelte mir an Zeit, sie in mein Gedächtnis einzuprägen; ich mußte deshalb die Lücken aus dem Stegreif ausfüllen.« – »Nun, meiner Treu,« sagte der König, »ich habe die rollenden Alexandriner gern: sie klingen mir besser zur Musik, als die kurzen Verse; aber für die Szene, wo das Gefecht vor sich gehen soll, eignen sich meiner Meinung nach die erstern besser.« – »Es soll geschehen nach Eurer Majestät Belieben,« antwortete Blondel und fing von neuem zu präludieren an. Dann setzte er den Gesang fort: Das Fest St. Johannis sah Taten vollführen, Sah Ehre gewinnen und Ehre verlieren; Sah Säbel hauen und Lanzen splittern; Hier winkte Sieg, dort ein Grab den Rittern; Und mancher darunter focht wacker und brav: Doch wer sie alle wohl übertraf, Der Ritter war es, der schlau und klug Als Panzer der Dame Nachtgewand trug. Zwar ward ihm manch blutige Wunde geschlagen. Doch hörte man manchen mit Ehrfurcht sagen: »Ihn, den ein Gelübde hält gebunden, Unritterlich wärs, ihn zu verwunden.« Der Fürst gebeut, das Turnier zu enden; Der Herold erscheint, und aus den Händen Der Richter empfängt, im versammelten Kreis, Der Ritter im Nachtgewande den Preis. Das Fest war nahe, noch näher die Meß': Da nahet ein Knappe sich der Prinzeß Und reicht ein Gewand ihr, unwürdig zu schaun, Zerstochen, zerstoßen, zerspießt und zerhaun, Zerlumpt und zerrissen, mit Blut befleckt, Vom Staub und vom Schaum der Rosse bedeckt. So daß der Prinzessin Finger, ich wette, Kein reines Fleckchen gefunden hätte. Dies Zeichen erstattet Sir Thomas von Kent, Mein Herr, der Prinzessin von Benevent. Ihm gebührt die Frucht, er erklimmte den Baum Und übersprang den trennenden Raum. Sein Leben dran wagend, errang er den Preis, Er fordert der Herrin Treu' als Beweis. Sie stürzt' ihn in diese Gefahr hinab – Sie lege das Zeugnis der Treue ihm ab. Das Kleid, so er trug, erstattet er nun, Die Fürstin ersuchend, es anzutun. Mit blutigen Flecken hat's zwiefachen Wert. Denn nimmer ward es durch Schande entehrt.« – Die Fürstin errötet und drückt unbewußt Das blutige Kleid an Lippen und Brust. »Sag meinem Treuen, in kurzer Zeit Wirds kund, ob ich schätze das blutige Kleid.« Und als für den Adel die Stunde schlug, Die ihn zur Kirch' und zur Messe trug, Zog mit auch die Fürstin in Purpur und Seide, Doch trug sie das Blutkleid, trotz allem Geschmeide; Und als in der Halle die Tafel glänzt, Sie knieend den Wein ihrem Vater kredenzt, Da schimmerte, unter Juwel und Demant Und prächtigen Stoffen das Blutgewand. Es flüsterten Damen, es flüsterten Herrn, Mit Winken und Kichern, von nah und von fern, Der Fürst, der vor Zorn und vor Aerger verging, Gab endlich der Tochter den zürnenden Wink: »Das Blut, das vergossen ward, mag Deine Hand Vergüten, da frei Du die Schuld bekannt. Doch sollt ihr nun beide die Kühnheit bereu'n, Verbannt hinfüro von Benevent sein.« Und Thomas rief laut in der Hall', wo er stand, Erschöpft und kraftlos, von Zorn übermannt: »Was für die Prinzessin an Blut ich vergossen, Frei ists, wie der Wein aus der Flasche geflossen. Ward' Buß' und Schande durch mich ihr zu teil, So schaff ich für Leid und Beschämung ihr Heil; Leicht fühlt sie, von deinem Haus sich getrennt. Wenn England sie grüßet als Gräfin Kent. Ein Gemurmel des Beifalls durchlief die Versammlung. Der König überschüttete ihn mit Lob und machte ihm einen Ring von hohem Wert zum Geschenk. Die Königin überreichte ihm ein kostbares Armband. »Hat unsere Base alles Interesse für Gesang und Harfenspielen verloren?« fragte Richard. »Sie dankt dem Sänger für sein Lied,« entgegnete Edith; »aber doppelt dankt sie dem gütigen Oheim, der ihr so herrlichen Genuß verschaffte.« – »Du bist ärgerlich Base,« sagte der König; »weil Blondel von einem eigensinnigeren Weibe gesungen hat, als Du selbst bist. – Aber Du entschlüpfst mir nicht! Ich begleite Dich ein Stück zum Zelte der Königin; unterwegs müssen wir zusammen sprechen.« Die Königin und ihr Gefolge brachen auf; die Gäste verließen das königliche Zelt; Fackelträger und Bogenschützen bildeten ihr Geleit. König Richard aber bot seiner Base den Arm .. »Was soll ich dem edlen Sultan antworten?« fragte er sie; »Könige und Fürsten fallen von mir ab, Edith! der neue Zwist hat sie mir noch mehr entfremdet. Ich täte gern etwas für das heilige Grab, wenn nicht durch Sieg, so durch Vergleich; aber leider ist mein Erfolg abhängig von den Launen eines eigensinnigen Mädchens, das ihrem eigenen Besten die Augen verschließt. Wie gesagt, Base, was soll ich Saladin antworten?« – »Daß sich die Aermste des Hauses Plantagenet lieber dem Unglück vermählen werde als dem Unglauben.« »Willst Du nicht lieber noch das Wort Sklaverei hinzutun, Edith?« versetzte der König. »Es scheint mir doch Deinem Gedanken gleich am nächsten zu liegen?.« – »Körperliche Sklaverei,« erwiderte Edith, »ließe sich beklagen; aber seelische, o König, nur verachten! Schäme Dich, Richard, Du Herrscher des fröhlichen Englands! Du hast Körper und Geist eines Ritters in Knechtschaft gestürzt, der einst kaum weniger berühmt war, als Du.« – »Mußte ich nicht meiner Base wehren, Gift zu trinken, indem ich das gifthaltige Gefäß besudelte? bot sich denn ein anderes Mittel, ihr das Getränk zu verleiden?« antwortete der König. – »Du selbst willst aber mich nötigen, Gift zu trinken, das in goldenem Kelche geboten wird!« – »Edith,« sagte Richard, »erzwingen kann ich Deinen Entschluß nicht; doch hüte Dich, die Tür zu verschließen, die der Himmel öffnet! Der Eremit von Engaddi, den Päpste und Konzilien für einen Propheten halten, hat in den Sternen gelesen, daß Deine Vermählung mich mit einem mächtigen Feinde aussöhnen, daß Dein Gatte den christlichen Glauben annehmen werde. Bringe lieber ein Opfer, Edith, ehe Du so glückliche Aussichten verdunkelst.« »Widder und Ziegen mögen die Menschen opfern,« sagte Edith, »aber nicht Ehre und Gewissen. Die Schmach einer christlichen Jungfrau hat, wie ich vernommen, die Sarazenen nach Spanien geführt; die Schande einer anderen dürfte kaum das passende Mittel sein, die Sarazenen aus Palästina zu vertreiben.« – »Nennst Du es Schmach, eine Kaiserin zu werden?« sagte der König. – »Ich nenne Schmach die Entweihung eines Sakraments, den Ehebund einer Christin mit einem Ungläubigen, der dadurch nicht gebunden werden kann; gemeinen Schimpf aber nenne ich es, daß ich als Tochter einer christlichen Fürstin das Haupt eines heidnischen Harems werden soll.« – »Wohlan, Base,« sagte her König, »ich will nicht länger mit Dir rechten, obgleich ich der Meinung bin, Deine Abhängigkeit sollte Dir größere Nachgiebigkeit empfehlen.« »Mein König und Oheim,« versetzte Edith, »aller Reichtum, alle Würde und Herrschaft des Hauses Plantagenet ist kraft Rechtens auf Euch übergegangen. Vergönnt zum wenigsten Eurer armen Base Anteil am Stolze ihres Hauses!« »Meiner Treu, Mädchen!« sagte der König, »mit diesem Worte hast Du mich aus dem Sattel geworfen. Gib mir einen Kuß und laß uns Freunde sein! Ich will sofort Saladin Deine Antwort senden... Aber wäre es nicht doch vielleicht besser, zu warten, bis Du ihn gesehen? es soll ein sehr schöner Mann sein!« – »Es wird sich keine Gelegenheit zu einer Zusammenkunft bieten,« meinte Edith. – »Beim heiligen Georg, die findet sich nächstens!« rief der König; »Saladin wird uns einen Platz anweisen, wo der Zweikampf stattfinden soll, der die Frage entscheiden wird, wer unser Banner beiseite geschafft hat. Er wird, wenn nicht alles trügt, dem Kampfe selbst beiwohnen. Berengaria und ihre Hofdamen werden auch nicht fehlen, und Du wohl am wenigsten, liebe Base! – Doch komm, wir haben das Zelt erreicht und müssen uns trennen, doch nicht im Verdruß!« Er umarmte sie zärtlich, doch hoheitsvoll, dann kehrte er, Blondelsche Weisen trällernd, nach seinem Zelte zurück, wo er das Schreiben ausfertigte, und dem Nubier übergab mit dem Befehle, sich bei Tagesanbruch zu dem Sultan zu begeben. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Am nächsten Morgen wurde Richard zum König Philipp von Frankreich gebeten, der ihm in äußerst höflichen, aber unverblümten Worten den Entschluß bekannt gab, nach Europa zurückzukehren, da er sich eines glücklichen Erfolges nicht länger mehr versehen könne. König Richards Vorstellungen blieben fruchtlos, und es überraschte ihn nicht, nach Beendigung der Unterredung den gleichen Entschluß auch vom Erzherzog Leopold von Oesterreich und andern Kreuzfahrern zu vernehmen, die sogar nicht verheimlichten, daß Richards Ehrgeiz und willkürliche Herrschaft ihren Abfall von der Sache des Kreuzes veranlaßten. Alle Hoffnungen, den Krieg mit Erfolg fortzusetzen, schwanden nun, und Richard geriet über diese Vereitlung seiner Hoffnungen außer sich. Ein Glück für ihn und seine Umgebung war es, daß bald nachher ein Bote des Sultans Saladin gemeldet wurde. Sultan Saladin hatte als Platz für den Zweikampf, der zwischen den Rittern ausgefochten werden sollte, die unter dem Namen »Diamant der Wüste« bekannte Gegend bestimmt, weil sie von dem Lager der Christen und der Sarazenen ziemlich gleich weit entfernt lag. Konrad von Montserrat, als Angeklagter, sollte sich dort mit seinen Zeugen, dem Erzherzog von Österreich und dem Großmeister der Tempelherren, am Kampftage mit hundert Bewaffneten, Richard von England und sein Bruder Salisbury als Kläger, mit ebenso viel Mannen zum Schutze seines Kämpfers, der Sultan aber mit einer Leibwache von fünfhundert auserwählten Kriegern einfinden. Zuschauer sollten keine andern Waffen tragen als Schwerter. Die Einrichtung des Kampfplatzes und die Sorge für Bequemlichkeit und Erfrischungen übernahm der Sultan. Am Tage vor dem Kampfe brachen Konrad und seine Freunde auf, kurz nach ihm auch König Richard, in Gesellschaft der Königin Berengaria und ihres Hofstaates, dem sich auch Lady Edith angeschlossen hatte. Am anderen Morgen stiegen sie über die niedrigen Sandhügel, die dem bezeichneten Platze vorgelagert waren, wo sich ein glänzendes Schauspiel vor ihnen zeigte. Der »Diamant der Wüste«, bis vor kurzem eine einsame Quelle, war zum Mittelpunkt eines Lagers geworden, das in tausendfältigen Farben schimmerte, denn jede Nation hatte für ihre Zelte ihre besondere Farbe und die Spitzen der Zeltpfähle waren mit goldenen Granatäpfeln und seidenen Wimpeln geschmückt. Araber und Kurden, jeder mit seinem Pferd an der Hand, bildeten im Vordergrund eine dunkle, verworrene Masse. Kaum war König Richard ins Lager geritten, als ein gellender Pfiff den Lärm der arabischen und kurdischen Höllenmusik übertönte, worauf die dunkelfarbigen Reiter in den Sattel sprangen. Eine Staubwolke verbarg dem König und seiner Begleitung nicht allein das Lager, die Palmenbäume und die entfernte Bergkette, sondern auch die Truppen, deren plötzliche Bewegung diese Wolke erregt hatte. Ein abermaliger Pfiff, und die Reiterei rückte vor in vollem Galopp, so daß sie auf einmal an die Front, die Flanken und den Nachtrab von Richards kleiner Leibwache kamen, die auf diese Weise von beiden Seiten durch dichte Staubwolken eingehüllt wurde. Abwechselnd tauchten daraus die finsteren wilden Gesichter der Sarazenen hervor, um jedoch ebenso schnell zu verschwinden. Unter wildem Geschrei schwenkten sie ihre Lanzen, und rissen ihre Pferde oft erst in Speeresweite vor den Christen herum, wahrend ihr Nachtrab förmliche Pfeilwolken auf Christen und Sarazenen abschoß. Ein Pfeil traf die Sänfte der Königin, ein anderer den König vor die Stirn. »Ha! beim heiligen Georg!« rief er. »Gegen diesen Abschaum der Ungläubigen müssen wir Maßregeln treffen!« Edith steckte den Kopf aus der Sänfte, nahm einen Pfeil in die Hand und sagte: »Ei, seht doch, sie haben ja keine Spitzen!« – »Kluges Kind!« rief Richard; »Du beschämst uns alle mit Deinem Scharfblick. Landsleute,« fuhr er, zu seinem Gefolge sich wendend, fort: »Keine unnütze Bange! sie vollführen den Lärm bloß als Willkommen für uns, haben wohl auch ihre Lust daran, uns in Unruhe zu setzen. Also nur immer vorgerückt!« Von den Arabern auf allen Seiten umringt, zog die kleine Schar unter dem gellenden Geschrei derselben weiter: gleichsam als Kern einer Szene von unbeschreiblicher Verwirrung. Da erschallte abermals ein durchdringender Ruf, auf den hin all diese an der Front und den Flanken der Europäer befindlichen Truppen eine lange, tiefe Kolonne bildeten. Der Staub zerteilte sich, und ein Trupp regulärer Reiter, etwa fünfhundert Mann, mit Angriffs- und Verteidigungswaffen ausgerüstet, kam ihnen entgegen. Es waren Sklaven aus Georgien und Cirkassien, durchweg Männer in der Blüte ihrer Jahre, in einer Kriegstracht von bunter Pracht mit Oberkleid aus Brokat, und seidnen Schärpen. Ihre reichen Turbane waren mit Federbüschen und Juwelen geschmückt, ihre Säbel und Dolche aus Damaszenerstahl mit Gold und Edelsteinen besetzt. Unter den Klängen kriegerischer Musik rückten sie heran und öffneten angesichts der Christenschar ihre Glieder, um sie durch ihre Reihen zu lassen. Richard, Saladin in der Nähe vermutend, stellte sich an die Spitze der Seinen. Es währte auch nicht lange, so erschien der Sultan, umgeben von seiner Leibwache, in der Miene und Haltung eines Mannes, auf dessen Stirn die Natur geschrieben hatte: Dies ist ein König! Er trug Turban und Gewand von schneeweißer Farbe, darüber eine Schärpe von scharlachroter Seide. Im Turban funkelte jener unschätzbare Edelstein, der von den Dichtern »das Meer des Lichts« genannt wird. Zum Schutze gegen den Staub, der in der Nähe vom Toten Meere der feinsten Asche glich, vielleicht auch aus orientalischem Stolze, hatte er an seinem Turban eine Art Schleier geheftet, der seine edlen Gesichtszüge zum Teil verdeckte. Er ritt ein milchweißes arabisches Roß, das ihn mit einem Stolze trug, als sei es sich seiner edlen Bürde bewußt gewesen. Die beiden Herrscher sprangen zu gleicher Zeit vom Pferde, die Musik verstummte, die Truppen machten Halt, und nachdem sie sich voreinander verbeugt hatten, gingen sie einander entgegen und umarmten sich wie Brüder. Der Sultan brach zuerst das Schweigen, »Melech Rik,« sprach er, »ist dem Saladin willkommen, wie das Wasser dieser Wüste. Hoffentlich setzt er kein Mißtrauen in diese zahlreich aufgestellte Schar, die sich, mit Ausnahme der bewaffneten Sklaven meines Hofstaats, nur aus Edlen meiner tausend Stämme zusammensetzt. Denn wer könnte daheim bleiben wollen, wenn ein Fürst sich uns zeigt, wie Richard, mit dessen Namen die Amme ihr schreiendes Kind, und der freie Araber sein widerspenstiges Roß zur Ruhe bringt?« – »Dies alles also sind arabische Edle?« fragte Richard, rings umher schauend auf wilde, von der Sonne schwarz gebrannte Gestalten. – »So zahlreich sie sind,« sagte Saladin, »so stehen sie doch unter den Bedingungen des zwischen uns geschlossenen Vertrags und führen keine anderen Waffen als den Säbel.« – »Wenn sie sie bloß nicht wo liegen haben, wo sie sie nicht lange zu suchen haben,« flüsterte Thomas von Vaux; »wirklich! eine glänzende Versammlung von Pairs, die in der Westminster-Halle kaum Platz hätte.« »Schweig, ich befehl es Dir!« raunte Richard ihm zu; dann wandte er sich zu Saladin: »Edler Sultan! Argwohn wächst nicht auf dem gleichen Boden mit Dir... Sieh – « auf die Sänften zeigend, »auch ich habe einiges Kriegsvolk mitgebracht, aber bewaffnetes, also vielleicht dem Vertrage zuwider gehandelt; denn glänzende Augen und schöne Züge sind Waffen, die man nicht zu Hause lassen darf.« Der Sultan machte in der Richtung nach den Sänften hin eine so tiefe Verneigung wie nach Mekka hin, und küßte dabei, als Zeichen der Ehrerbietung, den Staub. »Willst Du nicht zu ihren Sänften hinreiten, Bruder?« fragte König Richard. – »Das wolle Allah verhüten!« antwortete der Sultan; »ist doch kein Araber hier, der es den edlen Frauen nicht als Schande anrechnete, wenn sie sich mit entblößtem Antlitz sehen ließen.« – »So sollst Du sie nachher insgeheim sehen, Bruder,« sagte Richard. – »Wozu?« fragte Saladin traurig; »war doch Dein letztes Schreiben für die Hoffnungen, die ich nährte, was Wasser für Feuer ist! Wozu eine Flamme wieder anzünden, die wohl verzehren, doch nicht erfreuen kann? – Aber will mein Bruder nicht in das Zelt kommen, das sein Diener für ihn bereitet hat? Mein vornehmster Eunuch hat Befehl, die Fürstinnen zu empfangen; Deinem Gefolge werden meine Hausbeamten aufwarten; Wir selbst werden des königlichen Richard Kämmerer sein.« Darauf führte er sie zu einem prächtigen Zelt; Thomas von Vaux nahm dem König den langen Reitmantel ab, der nun vor Saladin in der prallen, Stärke und Ebenmaß seines Körpers vorteilhaft zur Geltung bringenden Kleidung stand, ein auffälliger Kontrast zu den weiten langen Gewändern, die die schmächtige Gestalt des orientalischen Herrschers verhüllten. Vor allem fesselte Richards gewaltiges Schwert die Aufmerksamkeit des Sarazenen: eine breite gerade Klinge, die sich in ihrer unförmlichen Länge fast von der Schulter des Königs bis zur Ferse erstreckte. »Hätte ich dieses Schwert nicht in der Schlacht flammen sehen,« sprach Saladin, »so würde ich nicht glauben, daß es ein Menschenarm regieren könnte!« Hierauf, nahm er die muskulöse Hand des Königs, hielt sie neben die seinige, die dürr und mager war und nur wenig Fleisch und Sehnen hatte, und lachte. Hierbei verrückte sich sein Turban, und eine darunter befindliche Tatarenmütze wurde sichtbar. Da riß Thomas den breiten Mund und die großen runden Augen weit auf, und auch Richard sah mit Erstaunen auf den Sultan, der in ernstem Tone sprach: »Der Kranke, sagt der Dichter, kennt den Arzt an seinem Gange; ist er aber wieder hergestellt, so kennt er selbst sein Gesicht nicht, wenn er ihn sieht.« – »Ein Wunder! Ein Wunder!« rief Richard; »so, muß ich meinen gelehrten Hakim in meinem königlichen Bruder Saladin wiederfinden?« – »Das ist gar oft der Lauf der Welt!« erwiderte der Sultan; »das zerrissene Gewand macht nicht immer den Derwisch.« – »Und durch Deine Vermittelung,« rief Richard, »wurde der Ritter vom Leoparden vom Tode errettet, und auf Dein Anstiften besuchte er mich verkleidet im Lager?« – »So ist's,« erwiderte Saladin. »Wußte ich doch als Arzt, daß seine Lebenstage gezählt seien, wenn nicht, die blutende Wunde seiner vernichteten Ehre geheilt würde. Aber seine Verkleidung wurde schneller offenbar, als ich nach dem glücklichen Erfolg der meinigen rechnete.« »Ein Zufall,« sagte König Richard, wahrscheinlich auf seinen Einfall, die Wunde des Nubiers auszusaugen, anspielend, »lehrte mich, daß seine Haut künstlich gefärbt sei. So fiel dann die weitere Entdeckung nicht schwer; denn Person und Gestalt von ihm waren nicht vergessen. Ich rechne, daß er morgen kämpfen wird.« »Ich habe ihn mit Roß und Waffen versehen,« versetzte der Sultan, »und hege eine hohe Meinung von ihm, seit ich ihn unter mancherlei Verkleidungen beobachtet habe.« – »Weiß, er jetzt, wem er zu Dank verpflichtet ist?,« fragte Richard. »Allerdings,« entgegnete der Sarazene. »Ich konnte nicht umhin, ihm meine Person zu entdecken, als ich ihm meinen Plan auseinandersetzte.« – »Und bekannte er Euch etwas?« fragte der König.. – »Das könnte ich nicht sagen,« erwiderte der Sultan; »doch aus vielem, was unter uns vorging, schließe ich, daß er sich zu hoch verirrt hat, um Erfolg zu haben.« – »Wußtest Du, daß er Deinen eignen Wünschen in den Weg trat?« fragte Richard. – »Ich vermute es,« sagte Saladin; »allein, wenn die edle Dame ihn mehr liebte als mich, wer könnte leugnen wollen, daß sie diesem hochherzigen Ritter nur Gerechtigkeit widerfahren ließ?« – »Er ist zu niedriger Abkunft, um sich mit dem Blute der Plantagenets zu vermischen, « versetzte Richard stolz. »Das mag in Frangistan so sein,« erwiderte der Sultan; »bei uns aber heißt ein Sprichwort: jeder tapfere Kameltreiber ist würdig, die Lippen einer Königin zu küssen, aber kein feiger Prinz wert, auf den Saum ihres Gewandes einen Kuß zu drücken. Doch mit Eurer Erlaubnis, edler Bruder, muß ich mich jetzt beurlauben, um den Erzherzog von Oesterreich und jenen Nazarener-Ritter zu empfangen, der zwar meiner Gastfreundschaft weniger würdig ist, aber um meiner eigenen Ehre willen seinem Rang gemäß begrüßt werden muß.« Der sarazenische Herrscher verließ das Zelt, und auch König Richard hüllte sich in seinen Mantel, um sich nach dem Zelt seiner Gemahlin zu begeben, das er von jenen unglücklichen Dienern bewacht fand, mit denen morgenländische Eifersucht den Harem der Großen zu umgeben pflegt. Vor dem Eingange wandelte Blondel auf und ab und griff von Zeit zu Zeit in die Saiten seiner Harfe, während die Schwarzen ihre Elfenbeinzähne blicken ließen, und mit seltsamen Gebärden und gellenden Stimmen seinen Gesang begleiteten. – »Was hast Du mit dieser schwarzen Herde, Blondel?« fragte der König; »warum gehst Du nicht ins Zelt?« – »Weil ich weder Kopf noch Finger für meinen Stand entbehren kann,« entgegnete Blondel; »die Kerle drohen mir aber, mir Glied für Glied abzuhauen, wenn ich einen Schritt weiter tue.« – »Komm,« sagte der König, »ich will Dich mit meiner Person decken.« Die Schwarzen senkten vor König Richard Piken und Schwerter, und schlugen die Augen nieder. Im Zelte fanden sie Thomas von Vaux, der Königin aufwartend; während diese den Sänger willkommen hieß, sprach Richard mit seiner schönen Cousine. »Nun, sind wir noch Feinde, holde Edith?« fragte er. – »Nein, König und Ohm,« sagte Edith; »Feindschaft hegen gegen König Richard kann niemand, wenn er sich so zeigt, wie er wirklich ist, großmütig und edel, tapfer und ehrliebend.« Mit diesen Worten reichte sie ihm die Hand, die der König zum Zeichen der Versöhnung küßte. Dann fuhr er fort: »Du denkst, Edith, mein Zorn sei nur Verstellung gewesen? Da irrst Du! Die Strafe, die ich dem Ritter auferlegte, war gerecht, denn er hatte das ihm anvertraute Amt verraten! Weshalb, tritt hierbei nicht in Erwägung; aber ich freue mich vielleicht ebenso wie Du, daß er morgen Gelegenheit hat, den Flecken, der an ihm haftete, an dem wirklichen Dieb und Verräter zu tilgen! Aber wie, Edith? Wenn der Schotte den Sieg verlöre?« – »Was kann nicht sein!« rief Edith mit Festigkeit. »Mit meinen Augen sah ich, wie dieser Montserrat sich verfärbte... er ist der Schuldige!« »Ich will offen sprechen, Edith,« sagte der König nach einer Weile, »und wie zu einer Freundin... was würde der Ritter Dir sein, wenn er als Sieger die Schranken verliehe?« – »Mir?« sagte Edith, tief errötend; »was kann er mir mehr sein als ein Ritter in Ehren?« – »Aber er hat viel für Dich getan und erlitten!« sagte der König. – »Ich habe seine Dienste mit Lob und seine Leiden mit Zähren vergolten,« entgegnete Edith. »Wär ihm um anderen Lohn zu tun gewesen, so hätte er sich in den Grenzen seines Standes halten müssen.« Siebenundzwanzigstes Kapitel. Lange vor Tagesanbruch waren die Schranken, die für den Zweikampf errichtet worden waren, von einer größeren Menge Sarazenen umgeben, als König Richard am Abend zuvor gesehen hatte. Kaum stieg die Sonne über der Wüste auf, als vom Sultan selbst der Ruf: »Zum Gebet!« laut erhoben und von andern Edlen beantwortet wurde, die durch ihren Rang und Eifer berechtigt waren, als Muezzins zu dienen. Mit dem Gesicht nach Mekka gewandt, sanken sie plötzlich zur Erde nieder, als seien die vielen bloß ein einziges Wesen; ein wahrhaft ergreifendes Schauspiel! Nun nahten die Bürgen der beiden Kämpfer, denen die Pflicht oblag, die Bewaffnung derselben zu prüfen. Der Erzherzog von Oesterreich zeigte keine sonderliche Eile, denn er hatte am Abend tüchtig gezecht. Dagegen stand der Großmeister der Tempelherren schon frühzeitig vor dem Zelte Konrads von Montserrat, denn ihm war am Ausgange des Kampfes mehr gelegen als den andern. Zu seinem Erstaunen versagten ihm die Wächter den Eintritt . . . »Kennt Ihr mich nicht, Schurken?« rief er entrüstet. – »Allerdings, würdiger Herr!« entgegnete Konrads Schildknappe. »Aber der Marquis beichtet soeben.« – »Beichtet?« rief der Templer voll Unruhe und Verachtung; »bei wem, bitte!« – »Mein Herr gebot Schweigen!« antwortete der Knappe; aber der Großmeister stieß ihn beiseite und drang ins Zelt. Der Marquis von Montserrat kniete eben vor dem Einsiedler von Engaddi, um seine Beichte abzulegen. – »Was heißt das, Marquis?« rief der Großmeister; »stehe auf! wenn Du beichten mußt, bin ich da.« – »Ich habe Euch schon zu oft gebeichtet,« antwortete Konrad, bleich und mit zitternder Stimme. »Großmeister, laßt mich vor diesem heiligen Mann mein Gewissen erleichtern.« – »Inwiefern ist er heiliger als ich?« entgegnete der Großmeister. »Eremit, Prophet, Wahnsinniger, bekenne, wenn Du es wagst, worin Du mich übertriffst!« – »Kühner, böser Mann!« rief der Eremit; »so wisse, daß ich dem Gitterfenster gleiche, durch welches das göttliche Licht hindurchdringt, um anderen zu nützen; Du aber gleichst der eisernen Säule, die weder Licht empfängt noch abgibt.« – »Schwatze nicht, sondern entferne Dich aus diesem Zelt!« befahl der Großmeister. »Der Marquis soll heute morgen nicht beichten, außer bei mir; denn ich weiche nicht von seiner Seite.« – »Ist dies Euer Wunsch?« fragte der Einsiedler den Marquis; »denn daß ich diesem stolzen Manne gehorche, falls Ihr noch Beistand begehrt, dürft Ihr nicht meinen.« – »Ach!« sagte Konrad unentschlossen; »was soll ich tun? Lebt wohl einstweilen, frommer Mann! wir werden uns später sehen.« – »Seelenmörder!« donnerte ihm der Eremit zu; »Du begehrst Aufschub? Nun denn, so gehab Dich Wohl! bis wir beide einander wieder treffen werden – gleichviel wo – Du aber,« fügte er hinzu, sich an den Großmeister wendend, »Zittere!« – »Zittern?« wiederholte der Templer verächtlich. »Das könnte ich nicht, wenn ich auch wollte.« Der Eremit hörte diese Worte nicht; denn er hatte bereits das Zelt verlassen. »Wohlan, zur Sache,« sprach der Großmeister, »da Du nun einmal die Narretei mitmachen willst! Einzelheiten können wir übergehen, das möchte zu lange dauern, drum wollen wir. gleich mit der Absolution beginnen.« – »Nein!« erklärte Konrad; »lieber sterbe ich ohne Beichte.« – »Nicht so blöde, Marquis,« sagte der Templer; »in einer Stunde steht Ihr siegreich in den Schranken, oder beichtet in Eurem Helm wie ein wackrer Ritter!« – »Großmeister,« sagte Konrad, »alles weissagt mir Unglück, die seltsame Entdeckung durch den Instinkt eines Hundes – die Wiedererscheinung des schottischen Ritters, der wie ein Gespenst in den Schranken auftaucht ...« – »Possen!« rief der Templer; »denke Dir, Du seiest auf einem Turnier! Wer nimmt sich besser aus dort als Du? – »Herbei, Knappen und Reisige! rüstet Euern Herrn zum Kampfe!« Die Diener traten ein, und unter tiefem Schweigen verrichteten sie ihre Arbeit. Endlich schlug die entscheidende Stunde. Die Trompeten schmetterten, und die Ritter ritten gerüstet in die Schranken; mit geöffnetem Visir zeigten sie sich, dreimal um die Schranken reitend, den Zuschauern; in dem Gesicht des Schotten lag männliches Vertrauen: auf Konrads Stirn dagegen ruhte eine Wolke zweifelhafter Verzagtheit; selbst sein Roß schien nicht so aufzutreten, als der edle Araber des Schotten. Unter der Galerie der Königin war bei dieser Gelegenheit ein Altar errichtet worden, vor welchem der Eremit in seiner Karmelitertracht stand. Dorthin wurden von den Kampfbürgen sowohl bei Ankläger als der Angeklagte geführt, und jeder beteuerte die Gerechtigkeit seiner Sache mit feierlichem Eide: der Ankläger mit fester, männlicher Stimme, und kühnem, heiterm Blicke. Dem Angeklagten aber drohte, so keck und dreist er war, die Stimme zu versagen; die Lippen, mit denen er den Himmel anrief um Sieg in seinem Streite, wurden bleich; da näherte sich ihm der Großmeister und flüsterte ihm zu: »Feigherziger Narr! nimm Deinen Mut zusammen und stehe Deinen Mann in diesem Kampf, sonst, beim Himmel! solltest Du ihm entgehen, mir entgehst Du nicht!« Der wilde Ton, worin der Templer die Worte flüsterte, machte den Marquis vollends bestürzt. Er stolperte, als er zu seinem Pferde ging, ermannte sich aber und schwang sich mit seiner gewöhnlichen Gewandtheit in den Sattel. Nach einem feierlichen Gebet, daß Gott die Gerechtigkeit des Streits offenbaren möge, entfernten die Priester sich aus den Schranken. Jetzt dröhnten die Trompeten des Anklägers, und ein Wappenherold am östlichen Ende der Schranken machte kund: »Hier steht ein wackrer Ritter, Kenneth von Schottland, als Kämpfer für Se. Majestät König Richard von England, der den Marquis Konrad von Montserrat anklagt, besagtem König Verrat und Schimpf angetan zu haben.« Lauter Beifall erklang aus dem Gefolge König Richards, denn der Name des Kämpfers war nur wenigen bekannt gewesen. Nun erklärte der Angeklagte seine Unschuld und erbot sich zum Kampfe. Die Knappen nahten sich, Schild und Lanze überreichend. Jeder schwenkte nun die Lanze, um Festigkeit und Gewicht zu prüfen, und stellte sie dann auf den Schaft. Bürgen, Herolde und Knappen zogen sich an die Schrankengeländer zurück, und die Kämpfer saßen sich gegenüber zu Pferde, das Gesicht einander zugekehrt, mit geschlossenem Visier und gerade vor sich gehaltener Lanze – mehr Bildsäulen von Eisen, als Wesen von Fleisch und Blut ähnlich. Stille herrschte. Aller Blicke waren gespannt; alles atmete schwerer; kein Laut außer dem Schnauben der Rosse wurde vernehmlich – etwa drei Minuten vergingen, da gab der Sultan ein Zeichen, und an die hundert Instrumente erfüllten mit ihrem schmetternden Getöse die Luft. Im vollen Galoppe rannten die Rosse, und mit dröhnendem Prall die beiden Reiter mitten auf dem Platze gegeneinander . . . Keinen Augenblick war der Sieg zweifelhaft. Konrad stieß seine Lanze so wuchtig, daß sie bis zum Panzerhandschuh zersplitterte; Kenneths Roß prallte ein paar Schritte zurück und stürzte auf die Schenkel; er brachte es aber mit der Hand und dem Zügel leicht wieder auf die Beine; seine Lanze war mitten durch Konrads Schild und Brustharnisch gedrungen, hatte ihn schwer verwundet und aus dem Sattel geworfen, die Spitze der Lanze saß noch in der Wunde. Bürgen, Herolde, der Sultan selbst, der von seinem Throne stieg, umdrängten den Verwundeten, während Kenneth, das Schwert ziehend, neben ihn trat und ihm befahl, seine Schuld zu bekennen. Wild gen Himmel blickend, rief Konrad, als ihm der Helm geöffnet worden: »Was wollt Ihr noch? Gott hat entschieden. – Ich bin schuldig, aber es gibt noch schlimmere Verräter im Lager. Erbarmt Euch meiner Seele und laßt meinen Beichtvater kommen!« »Den Talisman, königlicher Bruder!« bat König Richard den Sultan. – »Der Verräter,« antwortete dieser, »sollte eher aus den Schranken nach dem Galgen geschleppt werden, als Vorteil von dem Talisman ziehen. Aber ob ihm auch der Tod auf die Stirn gedrückt ist, so soll dem Wunsche meines königlichen Bruders gehorcht werden ... Sklaven, tragt den Verwundeten in unser Zelt!« – »Nicht also!« sprach der Tempelherr, der bisher finster dagestanden hatte; »weder der königliche Erzherzog von Oesterreich, noch ich werden zugeben, daß dieser unglückliche Fürst den Sarazenen überliefert werde. Als seine Bürgen verlangen wir, daß man ihn unserer Fürsorge anvertraue.« – »Ihr weigert ihm also die Heilung?« rief Richard. – »Nicht doch,« versetzte der Großmeister. »Wenn der Sultan wirkliche Heilmittel anwendet, so kann er in mein Zelt gebracht werden.« – »Tue das, ich bitte Dich, Bruder!« sagte Richard zu Saladin. »Doch nun zu einer fröhlicheren Sache! Tönt Trompeten! dem König Englands zu Ehren!« Trommeln, Trompeten und Cymbeln erklangen. »Tapfrer Ritter vom Leoparden,« rief Richard Löwenherz, »Du hast gezeigt, daß der Aethiopier seine Haut, der Leopard seine Flecken vertauschen kann; aber wenn ich Dich in die Versammlung der Damen geführt habe, die ritterliche Taten am besten zu schätzen und zu belohnen wissen, werde ich Dir noch Weiteres sagen! Doch horch! die Pauken dröhnen zum Zeichen daß unsere Gemahlin die Galerie verlassen hat; seht, wie die Turbane zu Boden sinken! gerade so, als könnte der Blick eines heidnischen Auges den Glanz einer christlichen Frauenwange beflecken! Kommt, wir wollen unseren Sieger im Triumph nach dem Zelte der Königin begleiten.« Blondel stimmte seine Harfe, die Einführung des Siegers zu preisen. »Nehmt ihm die Waffen ab, Ihr Damen!« sprach der König, ein großer Freund solcher ritterlicher Gebräuche. »Nimm ihm die Sporen ab, Berengaria! Schnür ihm den Helm ab, Edith! und wärest Du die stolzeste Plantagenet unseres Stammes, und er der ärmste Ritter auf Erden, so mußt Dus tun!« Beide Damen gehorchten den königlichen Befehlen – Berengia geschäftig, Edith unter öfterem Erröten. »Und was erwartet Ihr unter dieser eisernen Schale?« fragte Richard, als das edle Antlitz Ritter Kenneths, noch glühend von der letzten Anstrengung und der gegenwärtigen Gemütsbewegung, sichtbar wurde. »Gleicht er einem äthiopischen Sklaven oder einem namenlosen Abenteurer? – Nein, bei meinem guten Schwert! Hier endet all sein Mummenschanz! Ritter Kenneth, steht auf als David, Graf von Huntingdon, königlicher Prinz von Schottland!« Allgemeines Erstaunen ... die Königin sank auf einen Sessel, und Edith ließ den Helm, den sie eben aufgehoben hatte, wieder fallen. »Ja, Ihr Herren, so ist es!« sprach der König. »Ihr wißt, wie Schottland uns täuschte durch das Versprechen, uns diesen tapferen Grafen mit einem wackeren Gefolge seiner besten, edelsten Mannen zu unserm Feldzug nach Palästina zu schicken. Diesem wackern Jüngling, dessen Befehl die Kreuzfahrer unterstellt werden sollten, widerstrebte aber diese Wortbrüchigkeit, und er stieß zu uns mit einer Schar treuer ergebener Anhänger. Aber bis auf einen alten Diener wurden sie alle vom Tode hingerafft. Da hätte sein gutbewahrtes Geheimnis mich bald veranlaßt, ihn als gewöhnlichen Abenteurer dem Tode zu weihen und damit Europa um eine seiner schönsten Hoffnungen zu berauben.« »Dürfen wir nun von Euch erfahren, mein königlicher Gemahl,« sagte Berengaria, »durch welches seltsame Glück sich dies Rätsel endlich gelöst hat?« – »Es sind uns Briefe aus England überbracht worden,« erklärte der König, »aus denen wir, unter anderen unangenehmen Nachrichten, erfuhren, daß der König von Schottland sich dreier von unseren Edlen auf einer Wallfahrt nach St. Ninian bemächtigt habe, und zwar weil sein Erbe, den er in den Reihen der Deutschritter im Kampf gegen die heidnischen Preußen wähnte, sich in unserer Gewalt befände. So erfuhren wir die erste Wahrheit über den wirklichen Rang des Ritters vom Leoparden, und meine Vermutungen wurden durch Thomas von Vaux bestätigt, der bei seiner Rückkehr von Askalon den einzigen Diener des Grafen von Huntingdon mitbrachte, der dreißig Meilen weit gelaufen war, um dem Lord Gills zu offenbaren, was ich hätte vernehmen sollen.« »Der alte Strauchan,« sagte Thomas von Vaux; »wußte recht gut, daß mein Herz weicher ist als das der Plantagenets.« – »Dein Herz weich? Du alter Kiesel!« rief der König. »Wir Plantagenets, Edith,« wandte er sich zu seiner Base, mit einem Ausdruck, der ihr das Blut in die Wangen trieb, »sollen harten Herzens sein? Komm, gib mir Deine Hand, liebe Base und Du Prinz von Schottland, die Deinige.« »Erinnert Euch, mein König!« sagte Edith, »daß meine Hand das Mittel sein sollte, Sarazenen und Araber mitsamt ihrem Sultan zum christlichen Glauben zu bekehren!« – »Schön, schön! aber der Wind hat sich gedreht und bläst aus einem andern Winkel,« rief Richard lustig. – »Spottet nicht,« sagte der Einsiedler, indem er nun einige Schritte vortrat; »die himmlischen Scharen künden nichts als Wahrheit; bloß die Augen des Menschen sind zu schwach, Charaktere richtig zu lesen. Wißt, als Saladin und Kenneth in meiner Grotte schliefen, da las ich in den Sternen, daß unter meinem Dache ein Fürst ruhe, Richards natürlicher Feind, mit welchem das Schicksal der Edith Plantagenet vereinigt werden sollte. Konnte ich zweifeln, daß dies der Sultan sein müßte, den ich doch kannte, da er mich oft in meiner Zelle besuchte, um mit mir die Bewegung der Himmelskörper zu studieren? Die Sterne kündeten mir weiter, daß dieser Prinz, Ediths Gemahl, ein Christ sein müsse, und hieraus schloß ich auf Saladins Bekehrung, zumal seine guten Eigenschaften ihn oft dem besseren Glauben geneigt zu machen schienen. Das Gefühl meiner Schwäche hat mich bis in den Staub gedemütigt; aber im Staube habe ich Trost gefunden! Ich habe das Schicksal anderer nicht richtig gelesen; wer kann mir dafür stehen, daß ich nicht auch mein eigenes irrig erklärt habe? Ich kam hierher als der ernste Seher, der stolze Prophet; und gehe von hinnen, demütig und bußfertig, doch nicht hoffnungslos.« Mit diesen Worten verließ er die Versammlung und soll seit dieser Zeit von seinen Wahnsinnsanfällen verschont geblieben sein, auch seine Kasteiungen in milderer Form geübt haben. Am folgenden Tage kehrte Richard wieder in sein Lager zurück, und kurze Zeit nachher wurde Graf Huntingdon mit Edith Plantagenet vermählt. Der Sultan sandte als Hochzeitsgeschenk den berühmten Talisman; aber keine damit bewirkte Kur ist derjenigen gleichgekommen, die der Sultan selbst mit ihr verrichtet hatte. Ende.