Walter Scott Der Abt oder Maria Stuarts Glück und Ende Zweiter Band. (Zugleich Fortsetzung des Romans »Das Kloster.«) Erstes Kapitel. Was das Gemüt der Königin so erregte, als Lord Ruthven, der durch Blick und Haltung den Krieger und Staatsmann verriet und dessen Lederkoller nichts von der schmutzigen Nachlässigkeit zeigte, durch die Lindesays Anzug sich auffällig machte, war der Anteil, den derselbe an der Ermordung des Sängers David Rizzio genommen hatte. Sein Vater, wenn auch durch lange Krankheit an das Siechbett geheftet, hatte diese Greueltat vor den Augen seiner Fürstin verübt und sein Sohn hatte ihm als Werkzeug dabei gedient. Die Königin hatte die grauenvolle Tat mit angesehen, und so war es kein Wunder, daß die Teilnehmer derselben sie fort und fort mit Schrecken und Entsetzen erfüllten. Nichtsdestoweniger erwiderte sie die Begrüßung Lord Ruthvens mit Anmut und reichte Georg Douglas die Hand, der ehrfurchtsvoll niederkniete und einen Kuß darauf drückte; und dieser Handkuß war das erste Zeichen von Untertanenhuldigung, das Roland Gräme seiner gefangenen Fürstin darbringen sah. Eine kurze Stille trat ein. Der Hausmeier des Schlosses, ein Mann von düsterm Aussehen und finstrem Blick, stellte einen Tisch zurecht und setzte ein Schreibzeug darauf. Roland Gräme rückte einen Armsessel heran. Der Hausmeier entfernte sich mit tiefer Verbeugung, und die Königin brach das Schweigen mit den Worten: »Mit Eurem gütigen Verlaub, Mylords, will ich mich setzen. Wenn auch meine Spaziergänge jetzt beschränkt sind und kaum ermüden können, so fühle ich doch mehr als sonst das Bedürfnis nach Ruhe.« Sie ließ sich nieder und stützte die schöne Hand gegen ihre Wange. Dann richtete sie einen festen, durchdringenden Blick auf jeden der drei Abgesandten. »Ich erwarte Eure Botschaft, Mylords,« hob die Königin an, als sie eine Minute gesessen hatte, ohne daß jemand das Wort, ergriff, »die Botschaft von Eurem sogenannten Staatsrat. Ich rechne, daß Ihr Euch naht, mich auf den Thron zurückzugeleiten, der mir gebührt, und mich bitten wollt um Gnade für die, die sich erfrechten, mich vom Throne zu drängen.« »Gnädigste Dame,« nahm nun Ruthven das Wort, »es ist ein peinliches Amt für uns, einer Fürstin, die so lange über uns geherrscht hat, mit herber Wahrheit zu nahen. Aber wir stehen nicht hier, um Gnade zu bitten, sondern um Gnade zu bieten, mit einem Wort, gnädigste Dame, der Staatsrat entsendet uns mit diesen Urkunden, Eure Unterschrift dafür zu fordern, geleitet von der Ueberzeugung, daß solches die öffentliche Ruhe wiederherstellen, das Wort Gottes zu Ehre und Ansehen und Euer eignes künftiges Wohlergehen fördern werde.« »Und von mir erhofft man, daß ich diese schön in die Ohren klingenden Worte auf Treu und Glauben hinnehme! oder darf ich, Mylord, den Inhalt dieses versöhnlichen Schriftstücks kennen lernen, ehe man mir die Unterschrift zumutet?« »Unbedenklich, gnädigste Frau! es ist unser Wunsch und unser Wille, daß Ihr leset, was Ihr unterzeichnen sollt,« erwiderte Ruthven. »Sollt?« fragte die Königin; »doch lassen wir's! der Ausdruck paßt gut zur Sache. Lest vor, Mylord!« Lord Ruthven las den Text der Urkunde vor, die, aufgesetzt im Namen der Königin, erklärte, sie sei in früher Jugend zur Herrschaft über Schottland und zur Verwaltung seiner Krone berufen worden und habe sich aller Regierungsgeschäfte so lange mit Eifer und Liebe angenommen, bis sie durch leibliche und seelische Abspannung verhindert worden sei, diese Lasten weiter zu tragen. Da sie nun durch Gott den Herrn mit einem Knaben gesegnet sei, sei sie von dem Wunsche beseelt, ihm noch bei Lebzeiten die Thronfolge zu sichern, die ihm von Gott und Rechts wegen als Erbe gebühre. »Und deswegen haben Wir,« lautete die Urkunde weiter, »vermöge der mütterlichen Liebe, die Wir zu Unserm Sohne hegen, verzichtet und Uns begeben und verzichten und begeben Uns durch diesen Unsern Brief, aus freiem guten Willen, der Krone, der Regierung und der Verwaltung des Königreiches Schottland zu gunsten Unsers Sohnes, auf daß er Uns als Unser Kronprinz nachfolge genau so, als wäre der Thron durch Unser Absterben und nicht durch Unsre eigne Verzichtleistung erledigt. Und damit diese Unsre eigne Entsagung königlicher Macht um so feierlicher und vollgültiger erscheine und niemand dessen Unkunde vorschützen könne, bewilligen und übertragen Wir volle, freie und offne Vollmacht Unsern vielgetreuen Vettern Lord Lindesay von Byres und William Lord Ruthven, in Unserm Namen vor allen Adelingen des Reiches, vor der gesamten Geistlichkeit und Bürgerschaft, soviel deren zu Schloß und Stadt Stirling zusammenberufen werden mögen, zu erscheinen und in Unserm Namen und zu Unserm Behuf öffentlich und in aller Gegenwart auf die Krone, Leitung und Regierung dieses Unsres Königreichs Schottland zu verzichten.« Hier unterbrach ihn die Königin mit einer Miene des höchsten Erstaunens ... »Was bedeutet das, Mylords?« rief sie, »sind meine Ohren mir untreu worden, daß sie mich durch solch seltsame Töne berücken? Sagt, ich sei im Irrtum, Mylords, sagt's, um Eurer eignen, um der Ehre des schottischen Adels willen, daß meine vielgetreuen Vettern von Lindesay und Ruthven, zwei Barone von kriegerischem Ruf und altem Adel, nicht die Gefängnisstätte ihrer gütigen Gebieterin in solcher Absicht aufgesucht haben, wie dieses Schriftstück sie zu künden scheint. Sagt um Eurer Untertanentreue willen, um des Eides willen, den Ihr Unsrer königlichen Majestät geleistet habt, daß meine Ohren mich trügen.« »Nein, gnädigste Frau,« versetzte Ruthven ernst, »Eure Ohren trügen nicht! das Land vermag die Herrschaft einer Frau nicht mehr zu ertragen, die sich nicht selbst zu beherrschen vermag, deren Ohren stets der Schmeichelei von Verrätern und Speichelleckern, von fremdländischen und heimischen Günstlingen offen standen und über persönlichem Tand das Wohl von Land und Untertanen außer acht ließen! und darum ersuche ich Euch, in den letzten, noch übrigen Wunsch Eurer Ratgeber und Untertanen Euch zu fügen und Euch und uns die weitere Erörterung eines so verdrießlichen Gegenstandes zu ersparen.« »Und das Mylord, ist alles, was meine lieben und getreuen Untertanen von mir fordern?« fragte Maria im Tone bittrer Ironie. »Verlangen sie wirklich bloß von mir, ich solle die Krone, die mir gehört durch das Recht der Geburt, auf ein Kind übertragen, das kaum das erste Lebensjahr vollendet hat? ich solle um solches Wurmes willen das Szepter von mir werfen und zur Spindel greifen? ... Ach, solche Bitte getreuer Untertanen ist doch gar zu bescheiden! Die andre Rolle enthält sicher etwas Weiteres noch, wohl schwerer noch zu bewilligen als das erste, aber geeignet vielleicht, meinem Willen, mich in das Ansinnen meiner Lieben und Getreuen zu fügen, in den Augen Schottlands höhern Wert zu leihen?« »Dieses Pergament,« nahm Lord Ruthven wieder in ungemindertem Ernste das Wort, indem er das Papier aufrollte, »ist eine Urkunde, durch die Ihr den ehrenwertesten und treuergebensten Euren Untertanen, zugleich Euren nächsten Blutsverwandten, während der Minderjährigkeit des jugendlichen Königs als Regenten über Schottland einsetzt. Vom Staatsrat ist er schon dazu ernannt.« Ein Schrei entfuhr der Königin, und sie rief, indem sie die Hände ineinander schlug: »Aus diesem Köcher also schwirrt der Pfeil? Von meines Bruders Bogen ist er abgeschossen? Ach, und auf seine Rückkehr aus Frankreich hoffte ich als auf die einzige, wenigstens nächstliegende Möglichkeit meiner Befreiung! Ach, und selbst als ich horte, er habe die Regentschaft übernommen, da habe ich noch geglaubt, er werde sich schämen, sie in meinem, im Namen seiner Schwester zu führen!« »Mir liegt die Pflicht ob, gnädigste Frau, im Namen des Staatsrats um Antwort zu bitten,« sagte Lord Ruthven. »Im Namen des Staatsrats!« wiederholte die Königin; »sagt lieber, im Namen einer Räuberbande! die vor Ungeduld, die Beute, die sie in Zähnen und Fängen hält, zu teilen, brennt! Auf solches Ansinnen, Uns gestellt durch den Mund eines Verräters, dessen Schädel, hätte nicht weibische Weichherzigkeit es gehindert, längst vor den Toren der Hauptstadt prangen müßte, hat Maria von Schottland keine Antwort.« »Gnädigste Frau,« nahm Lord Ruthven wieder das Wort, »ich will unumwunden mit Euch sprechen. Eure Regierung, von der unglücklichen Schlacht bei Pinkie-Cleuch, wo Ihr noch als Kind in der Wiege lagt, bis heute, da Ihr als erwachsne Frau vor uns steht, war ein solches Drama von Verlusten, Unglücksfällen, inneren Fehden und auswärtigen Kriegen, wie seinesgleichen in unsern Chroniken nicht wieder zu finden ist. Kein Jahr ist verflossen ohne Empörung und Blutvergießen, ohne Verbannung von Adelingen und Bedrückung von Bürgern. Schottland ist der Kriegsschauplatz zwischen Franzosen und Engländern. Der Bruder erschlägt den Bruder, der Vater den Sohn. Das zu ertragen, ist unser Volk nicht mehr im stande und nicht mehr willens. Und deshalb ersuchen wir Euch, als eine Fürstin, der Gott die Gabe versagt hat, weisem Rate Gehör zu leihen, und auf deren Beginnen und Tun niemals göttlicher Segen ruhte, einem andern Regiment und einer andern Verwaltung Raum zu geben, damit noch ein Ueberrest von Wohlfahrt diesem zerrütteten Lande erhalten bleibe.« »Mylord,« sagte Maria, »mir scheint, als häuftet Ihr auf mein unglückliches, dem Verderben geweihtes Haupt die Schuld alles Unheils, das ich doch, mit weit größerm Rechte, der unbändigen und wilden Sinnesart der Lords dieses Landes beimäße! Beginnt Ihr nicht Fehden unter einander, übt Ihr nicht Grausamkeit gegeneinander, rücksichtslos gegen alles Gesetz im Lande, als ob es gar keinen König im Lande gäbe? als ob jeder ein König auf seiner eignen Hufe wäre? Und nun werft Ihr die Schuld auf mich, deren Leben verbittert, deren Schlaf gestört, deren Glück zertrümmert wurde durch Euren Zwiespalt? Bin ich nicht selbst genötigt gewesen, an der Spitze eines Häufleins getreuer Begleiter durch Wildnisse und Gebirge zu ziehen, um Frieden zu erhalten und der Unterdrückung zu steuern? ... Trug ich nicht selber Harnisch und Pistolen, weiblichem Sinne und königlicher Würde entsagend, um meinem Gefolge ein Beispiel zu geben?« »Wir wollen gelten lassen,« erwiderte Lindesay grob, »daß Euch die durch Eure schlechte Regierung hervorgerufenen Unruhen zuweilen auf einem Maskenball oder bei einer andern Lustbarkeit erschreckt haben mögen, oder daß sie den Götzendienst einer Messe oder den ränkevollen Vortrag eines französischen Gesandten gestört oder aufgehalten haben. Aber die beschwerlichste Reise, die Euer Gnaden wohl je unternommen haben, war die von Hawick nach Schloß Hermitage, soweit wenigstens ich zurückdenken kann. Dem Gewissen Euer Gnaden bleibe es anheimgestellt zu beurteilen, ob bei derselben das Staatswohl oder Eure Privatehre gewonnen hat.« »Lindesay,« sprach die Königin in jenem Ton und Wesen unaussprechlicher Anmut, und mit jenem Zauberblicke, den ihr der Himmel verliehen hatte, Menschenherzen für sich zu gewinnen, – Gaben wie sie kaum ein weibliches Wesen in höherm Maße besessen hat als sie – »Lindesay, an jenem lieblichen Sommerabend, als Ihr mit mir gegen den Grafen Max und Maria Livingstone nach der Scheibe schosset, und als sie für uns die Zeche zahlen mußten im Andreasgarten, damals waret Ihr mein Freund und gelobtet, mein Ritter zu sein. Wodurch ich Lord Lindesay beleidigt habe, kann ich nicht sagen, es müßte denn sein, daß der höhere Rang sein Benehmen verändert hätte.« »Gnädigste Frau,« antwortete Lindesay, der bei aller Hartherzigkeit durch diese Sprache doch ergriffen worden war, aber nichts von dem seiner Meinung nach gewonnenen Terrain verloren gehen lassen mochte – »daß Euer Gnaden bei jenem Anlasse betören konnte, wer in Eure Nähe kam, ist ja bekannt, und ich maße mir durchaus nicht an, klüger als andre gewesen zu sein. Aber meine ungehobelte Huldigungsweise fand gar bald Ersatz durch höfischer veranlagte Herren, und ich meine, Euer Gnaden dürften sich noch entsinnen, daß ich durch mein Bemühen, es diesen andern gleichzutun, bloß Spott und Hohn bei Gecken und Zofen und fränkischem Gelichter geerntet habe.« »Mylord, wenn ich durch arglose Fröhlichkeit Euch kränkte, so tut mir das von Herzen leid,« erwiderte die Königin, »ich kann reinen Herzens versichern, daß es ohne alle Absicht geschah. Indessen, Mylord, Ihr seid vollauf gerächt, denn ich werde hinfort durch frohen Sinn und ausgelassenes Wesen niemand mehr zu nahe treten.« »Wir vergeuden Zeit, gnädigste Dame,« sagte Lord Ruthven, »und ich muß um Bescheid bitten in der wichtigen Sache, über die ich Euch Vortrag gehalten habe.« »Ei, ei, Mylord, in solcher Angelegenheit kann doch Euer Staatsrat, wie er selbst sich nennt, nicht Bescheid im Handumdrehen erwarten!« »Der Staatsrat, gnädigste Dame,« versetzte bitterernst der Lord, »vertritt die Meinung, daß seit der Zeit, die zwischen der Nacht von König Heinrichs Ermordung und dem Tage von Carberry-Hill verstrichen ist, Euer Gnaden hätten gefaßt sein müssen auf solchen Antrag als den einfachsten und naheliegendsten Ausweg aus diesen zahlreichen Gefahren und Schwierigkeiten.« »Und wenn ich mich,« rief die Königin, erbleichend, »dieser Entsagung, die jeder christliche König als einen dem Verlust des Lebens gleichzuachtenden Verlust an Ehre betrachten würde, wenn ich mich solcher Forderung, mit solchem Ungestüm gestellt, nicht füge, was geschieht dann?« Sie sprach diese Worte in einem Tone, in welchem angeborene weibliche Furchtsamkeit mit dem Gefühl tiefverletzter Würde kämpfte. Eine Stille trat ein. Es war, als ob sich niemand getraue, Antwort auf solche bestimmte Frage zu geben. Endlich nahm Ruthven das Wort: »Es wird kaum notwendig sein, Euer Gnaden, die ja in den Gesetzen unser Landes besser bewandert ist als mancher Untertan, darauf hinzuweisen, daß Mord und Ehebruch Verbrechen sind, um deren willen ehedem selbst Königinnen den Tod erlitten.« »Und wo, Mylord, fandet Ihr die Gründe zu solch gräßlicher Anklage gegen die Frau, die vor Euch steht?« sprach Königin Maria. »Gemeine Verleumdungen schändlicher, gehässiger Menschen sind noch keine Schuldbeweise, mögen sie auch die allgemeine Stimmung in Schottland vergiftet und mich als hilflose Gefangne in Eure Hände geliefert haben.« »Wir brauchen nach andern Beweisen als der schamlosen Vermählung zwischen der Witwe des Ermordeten und dem Anführer der Mörderbande nicht zu suchen!« erwiderte Lord Ruthven. »Die beiden, die sich die Hand zum verbrecherischen Bunde an jenem verhängnisvollen Maitage reichten, hatten einander schon Herz und Hand gelobt, als sie kurze Wochen vorher gemeinschaftlich die Hände im Blute badeten.« »Mylord, Mylord,« sprach erbittert die Königin, »besinnt Euch, daß mehrere, nicht ich allein, in diese unheilvolle Verbindung, den unglückseligsten Entschluß des unglückseligsten Lebens, gewilligt haben. Ein Herrscher tut oft einen Fehltritt auf argen Rat hin, aber solche Berater sind dann schlimmere Teufel als die Hölle sie birgt, wenngleich sie die ersten sind, die ihren beklagenswerten Fürsten um der Folgen solchen Rates willen zu Rate ziehen. Hörtet Ihr niemals von einem Schriftstück, unterzeichnet von zahlreichen Adelingen, das diese unselige Vermählung der unseligen Maria anempfahl? Mir ist so in Erinnerung, als würden sich, wollte man der Sache auf den Grund gehen, auch die Namen Morton, Lindesay und Ruthven unter dem Schriftstücke finden! Ach, wie recht hattest Du doch, Du wackrer, getreuer Lord Herries, vor der drohenden Gefahr mich zu warnen! und doch warest Du der erste, das Schwert für mich zu ziehen, als ich die Folgen der Mißachtung Deines Rates zu spüren anfing! O, welcher Abstand zwischen Dir und diesen Ratgebern zum Argen, die mir jetzt nach dem Leben streben, weil ich in das gelegte Garn fiel!« »Meine Gnädige,« sagte Lord Ruthven nicht ohne Anflug von Hohn, »Eure Beredsamkeit ist sattsam bekannt, und darum hat wohl der Staatsrat Männer zu dieser Mission ausgesucht, die mehr mit Kriegssachen als mit Staatsintrigen Bescheid wissen. Hier handelt es sich einzig und allein um die Frage, ob Ihr Euch der Herrschaft über dieses Königreich Schottland begeben wollt oder nicht?« »Und was leistet mir Gewähr, daß Ihr den Vertrag haltet, wenn ich meine königliche Würde tauschen wollte gegen das Gnadengeschenk, in stiller Abgeschiedenheit zu weinen?« »Unsre Ehre und unser Wort, gnädigste Frau!« erwiderte Ruthven. »Das sind zu leichte Pfänder, Mylord,« sagte die Königin, »fügt wenigstens noch eine Handvoll Distelflaum hinzu als Gewichtsmehrung in der Wagschale!« »Gehen wir, Ruthven!« rief Lindesay, »gutem Rat verschloß sie ja immer ihr Ohr, und für Sklaven und Windbeutel war sie zu haben. Soll sie beharren auf ihrer Weigerung!« »Verzeiht, Mylord,« nahm jetzt Sir Robert Melville das Wort, »oder vielmehr, gestattet mir bei Ihrer Gnaden ein paar Minuten privaten Gehörs! Soll meine Anwesenheit in der Kommission von Nutzen sein, so kann es ja doch nur sein als Vermittler ... Drum beschwöre ich Euch, verlaßt nicht das Schloß früher als bis ich von dem definitiven Entschlusse Ihrer Gnaden Euch Kenntnis gegeben habe.« »Wir wollen eine halbe Stunde im Saale warten,« sagte Lindesay, »aber da sie unser Wort und unsre Ehre schmähte, soll sie nun selbst sehen, wie sie sich zu verhalten hat. Verstreicht die halbe Stunde, ohne daß sie sich erklärt, in unsre Forderungen zu willigen, so ist sie eben ihrem Ziele nahe genug.« Die beiden Lords gingen, ohne erwähnenswerte Beweise von Höflichkeit, aus dem Zimmer und stiegen die Wendeltreppe hinunter, auf der das gewaltige Schwert Lord Lindesays ein gewaltiges Dröhnen verursachte. Georg Douglas, der mit Melville mancherlei Zeichen von Staunen und Teilnahme ausgetauscht hatte, folgte ihnen. Sobald die Männer aus dem Gemache hinaus waren, warf sich die Königin wieder in den Armsessel und überließ sich ihrem Gram und ihrem Kummer und schien tiefster Verzweiflung anheimzufallen. Ihre Kammerfräuleins suchten sie zu beruhigen, und auch Sir Robert Melville versuchte ihr Trost zuzusprechen. Ein leidenschaftlicher Ausbruch ihres Schmerzes erschütterte sie noch einmal, dann war es, wie wenn sie ihre Gewalt wieder über sich gewänne; sie richtete sich langsam auf und sagte zu dem vor ihr knieenden Edelmanne: »Steht auf, Sir Robert! höhnt mich nicht durch äußere Zeichen von Huldigung, während Euer Herz sich doch von mir gewendet hat. Warum bleibet Ihr zurück bei einem von Entsetzen geschlagenen Weibe, dem vielleicht bloß wenige Lebensstunden winken? Warum beobachtet Ihr, da Ihr doch die gleiche Auszeichnung bekommen wie die übrigen, länger den äußern Schein von Dankbarkeit und Ergebenheit als sie?« »Gnädigste Frau,« antwortete Sir Robert, »so mir der Himmel helfe! weil ich treu bin, weil mein Herz an Euch hängt noch ebenso, als wie Ihr standet am höchsten!« »Mir treu! Ihr mir treu?« fragte mit herbem Tone die Königin! »was soll Treue heißen, Melville, die Hand in Hand wandelt mit der Treulosigkeit meiner Freunde? Euer Schwert und Arm haben sich nie so bewährt, daß ich Euch vertrauen könnte, da, wo Tapferkeit in Frage tritt. Ja, Seyton, Dein wackrer Vater, mein Käthchen, der ist treu, klug und tapfer zugleich!« Da geriet Rolands heißes Blut in Wallung. Schon lange hatte er den Drang, der so bedrängten und doch so schönen Frau sein Schwert zu weihen. »O Königin!« rief er, »vermag meine Waffe Eure gerechte Sache irgendwie zu stützen oder den weisen Worten dieses edlen Herrn nach irgend welcher Seite hin zu nützen, dann verfügt über meinen Arm!« und indem er mit der einen Hand sein Schwert aushob, faßte er mit der andern an den Griff. Da aber rief Katharina Seyton, wie außer sich vor Verwunderung, indem sie zu Roland hinrannte und ihn am Zipfel seines Mantels faßte: »Was seh ich? ein Geschenk meines Vaters?« ... und dann fragte sie Roland aufs ernstlichste, wie er zu diesem Schwerte ihres Vaters gekommen sei. Drauf der Page, nicht minder erstaunt: »In solcher Gegenwart, wie dieser unglücklichen Dame, ist Scherz fürwahr nicht am Platze. Ihr wißt doch selbst am besten, Fräulein, durch wen und wie ich zu dieser Waffe komme!« »Ist das jetzt Zeit zu Getändel?« sagte Katharina, »zieht augenblicklich Euer Schwert aus der Scheide!« »Schäm Dich doch, Mädchen!« sagte die Königin, »Du willst doch den armen Burschen nicht in zwecklosen Zwist stürzen mit den tüchtigsten Streitern von Schottland?« »Für Euer Gnaden setz ich gern mein Leben ein!« rief der Page, und bei diesen Worten zog er das Schwert halb aus der Scheide. Da fiel ein um die Klinge gewickeltes Papier zu Boden. Katharina aber hatte es blitzschnell aufgehoben. »Es ist meines Vaters Schrift,« sagte sie, »doch sicher bestimmt für Eure Majestät! ... Daß man gewillt sei, ihn auf solche Weise an Euch gelangen zu lassen, wußte ich, doch vermutete ich, durch einen andern Boten.« »Meiner Treu, meine Schönste!« dachte Roland bei sich; »Wenn Du es nicht wußtest, daß ich solch geheime Botschaft bei mir trage, so habe ich es doch noch weit weniger gewußt!« Die Königin warf einen Blick auf den Zettel und blieb eine Weile in Gedanken versunken. Endlich sagte sie: »Sir Melville! dieser Zettel rät mir, mich der Not zu fügen und die Urkunden, die mir diese Leute bringen, zu unterschreiben, gemäß der infolge der Drohungen von Meuterern und Mördern in meinem Gemüte erweckten Furcht. Ihr, Sir Robert, seid ein kluger Mann, und Lord Seyton ist sowohl klug als tapfer. Keiner von Euch beiden wird mich in dieser Sache irre leiten wollen.« »Gnädigste Dame,« rief Sir Melville, »wohl besitze ich nicht die körperliche Kraft eines Lord Herries oder Lord Seyton, und vermag nicht für Euch zu fechten wie sie, aber ich will weder dem einen noch dem andern nachstehen in Eifer und Treue im Dienste Eurer Majestät, und keiner von beiden kann mehr bereit sein, das Leben für Euch hinzugeben als ich.« »Ich glaub Euch, mein alter treuer Berater,« erwiderte die Königin, »und hab Euch, seid versichert, nur einen Augenblick verkannt. Hier leset, was uns Lord Seyton zu wissen tut, und gebt uns Euren besten Rat.« Er warf einen Blick auf den Zettel und rief dann: »O, meine teure königliche Gebieterin, nur ein Verräter hätte Euch andern Rat geben können, als hier Lord Seyton schreibt. Gewiß, Herries, Huntley, der englische Gesandte Throymorton und alle Eure andern Freunde stimmen darin überein, daß alle Urkunden, die Euer Gnaden abgerungen werden durch Härte, Ungemach, Furcht und Drohung, während Eurer Gefangenschaft in diesen Räumen, in dieser Burg, alle Kraft und Bedeutung verlieren müssen. Gebt also den Umständen nach und haltet Euch überzeugt, daß Ihr Euch durch solche Unterschrift zu gar nichts verpflichtet, denn Eure Handlung ermangelte, als Ihr sie gabt, des freien Willens, und nur er kann einer Handlung Giltigkeit verleihen.« Noch zögerte Maria. »Gnädigste Frau,« nahm da Melville von neuem das Wort, »die Zeit drängt, und Ihr dürft diese Boote, die eben in Bereitschaft gesetzt werden, wie ich sehe, nicht abstoßen lassen, ohne Euch zu erklären. Hier sind der Zeugen genug, Eure Zofen, der Page, auch ich, wenn ich auch nicht zu sehr in den Vordergrund treten möchte, – die alle aussagen können, daß man Euch die Unterschrift abgezwungen hat! Schon sind die Boote bemannt zur Rückfahrt. O, erlaubt Eurem alten Diener, die Lords zurückzurufen!« »Melville, Du bist ein alter Hofmann,« sagte die Königin, »wann hörtest Du, daß ein absoluter Fürst Untertanen wieder in seine Gegenwart berief, die mit solchen Worten von ihm gingen! ... die weder sich unterwerfen, noch sich entschuldigen wollen! ... Nein, Melville! mag es mich Leben und Krone kosten, in meine Gegenwart bescheide ich solche Männer nicht wieder!« »O, gnädigste Frau, soll eine leere Förmlichkeit zur Scheidewand werden? Sofern ich recht verstanden habe, seid Ihr gewillt, wohlgemeintem und vorteilhaftem Rate Gehör zu geben ... aber, gnädigste Frau, von selbst heben sich Eure Bedenken, die Lords kommen von selbst zurück, nach Eurem Rate zu fragen ... O, folgt dem Rate des edlen Seyton, und Ihr werdet noch einmal Gebieterin sein über diejenigen, die sich jetzt einen Triumph über Euch anmaßen! ... Doch still! ich höre sie im Vorzimmer.« Melville hatte kaum ausgesprochen, als Georg Douglas die Tür öffnete, um den beiden Lords den Eintritt zu gewähren. »Gnädigste Frau, wir kommen Eure Antwort zu holen,« sagte Ruthven. »Eure entscheidende Antwort auf den Antrag des Staatsrats,« setzte Lord Lindesay hinzu, »denn an eine abschlägige Antwort muß sich für Euch die Gewißheit knüpfen, daß Ihr der letzten Gelegenheit entsagt, Euren Frieden mit Gott und den Menschen zu machen und Euch einen längern Aufenthalt in dieser Welt zu sichern.« »Mylords,« sagte Maria mit unnachahmlicher Grazie und Würde, »dem Uebel, dem wir nicht Widerstand leisten können, müssen wir uns fügen. Ich will diese Pergamente unterzeichnen mit solcher Freiheit meines Entschlusses, wie meine derzeitige Lage mir zur Verfügung läßt. Wäre ich drüben auf dem andern Ufer, mit einem flüchtigen Andalusier und zehn wackern und getreuen Rittern, dann wollt ich ebenso bereitwillig das Urteil meiner ewigen Verdammnis wie diesen Verzicht auf meinen Thron unterzeichnen. Hier aber, in den Mauern des Schlosses Lochleven, vom tiefen See umgeben, nur Euch, Mylords, zur Seite, hier bleibt mir keine freie Wahl. Gebt mir die Feder, Melville, zur Unterschrift und seid mir Zeuge, was und wie und warum ich es tue.« »Eure Gnaden werden sich doch, wie wir hoffen wollen, nicht durch Furcht vor uns für gezwungen halten, das zu vollziehen, was Eure freie eigne Willenserklärung sein soll.« Schon war die Königin an den Tisch herangetreten, auf welchem Schreibzeug und Urkunden sich befanden, schon hielt sie die Feder zur Unterschrift bereit, da blickte sie ob der von Lord Ruthven gesprochnen Worte auf, hielt inne und warf die Feder weg. – »Wenn man die Erklärung von mir erwartet,« sprach sie, »daß ich meine Krone niederlege aus freien Stücken oder einem andern Grunde, als weil ich mich gezwungen sehe ihr zu entsagen, infolge der Androhung andrer und schwerer Uebel für mich und meine Untertanen, dann setz ich meinen Namen nicht unter diese Urkunde voll solcher Unwahrheit – nein! und gälte es, den vollen Besitz von England, Frankreich und Schottland zu gewinnen, alle dereinst mein eigen, dem Rechte nach oder durch Besitz.« »Seht Euch vor, Weib,« rief Lindesay und faßte den Arm der Königin mit seiner Panzerfaust, um ihn in der rohen Leidenschaftlichkeit, die in ihm aufwallte, stärker zu drücken, als vielleicht er selbst inne wurde ... »seht Euch vor, Weib, ob Ihr gut tut, gegen die zu kämpfen, in deren Händen die Gewalt ruht und Euer Schicksal.« Er richtete einen Blick furchtbarer Strenge auf sie und preßte ihren Arm noch immer, bis ihm Ruthven sowohl als Melville ein erregtes Pfui! zuriefen und Georg Douglas, der sich bisher im Zustande anscheinender Teilnahmlosigkeit im Hintergrunde verhalten hatte, einen Schritt vortat, wie wenn er der Königin zu Hilfe eilen wollte. Da erst ließ der rohe Baron den Arm der Königin frei und verbarg die Beschämung darüber, daß er sich in seinem Grimm so weit hatte hinreißen lassen, unter einem verächtlichen, hämischen Lachen. Mit einem Ausdruck heftigen Schmerzes streifte die Königin ihr Gewand vom Arme auf, und man sah die roten Male vom Drucke dieser Panzerfaust. »Mylord,« sprach die Königin, »als Ritter und Edelmann hättet Ihr mir diesen schmerzlichen und handgreiflichen Beweis dafür, daß das Uebergewicht auf Eurer Seite liegt, und daß Ihr es wahrzunehmen gedenkt, ersparen können. Aber ich bin Euch dankbar dafür, zu welchem Ausgange das heutige Tagewerk führen soll. Ihr Herren und Frauen, ich rufe Euch insgesamt zu Zeugen dafür,« und bei diesen Worten zeigte sie auf die Male an ihrem Arm, »daß ich diese Urkunden unterfertige, gehorsam dem eigenhändigen Zeichen, das Ihr von Lord Lindesay meinem Arme eingeprägt seht.« Lindesay wollte sprechen, aber Ruthven kam ihm zuvor. »Still, Mylord,« sagte er, »Maria von Schottland soll ihre Unterschrift geben, wozu es ihr genehm ist. Unser Amt ist es, uns ihre Unterschrift zu verschaffen und dem Staatsrat zu überreichen. Erhebt sich in Zukunft Streit darüber, wie die Unterschrift erlangt und vollzogen worden ist, so bleibt zur Erörterung noch immer Zeit genug.« Lindesay schwieg. Aber in den Bart brummte er doch: »Weh tun wollte ich ihr, weiß Gott, nicht, aber Weiberfleisch ist, scheint mir, so zart und weich, wie frisch gefallner Schnee.« Mittlerweile unterfertigte die Königin hastig und gleichgültig, wie wenn es eine bloße Förmlichkeit zu erfüllen gelte oder um Geringfügiges sich handle. Dann stand sie auf, verneigte sich vor den Lords und wollte sich in ihr Schlafgemach zurückziehen. Ruthven verneigte sich förmlich wie die Königin, Melville zeigte deutlich den Wunsch, ihr seine Teilnahme zu bezeugen, traute sich aber nicht aus Besorgnis, sich vielleicht in den Augen der beiden Lords bloßzustellen. Lindesay stand, selbst als sich die beiden andern anschickten, aus dem Zimmer zu treten, da wie an den Boden gewurzelt. Plötzlich schritt er um den Tisch herum, wie von jähem Impuls getrieben, bis dorthin, wo die Königin stand, ließ sich auf ein Knie nieder, ergriff ihre Hand, küßte sie und ließ die Hand dann wieder sinken. »Weib,« sagte er, »Du bist, ob Du gleich Gottes herrlichste Gaben mißbrauchtest, ein edles Geschöpf. Ich zolle diese Huldigung nicht der Macht, die Du lange Zeit unverdientermaßen übtest, sondern Deinem entschlossnen Geiste. Nicht vor der Königin, sondern vor Maria Stuart kniee ich.« »Und beide, Lindsay, die Königin sowohl als Maria Stuart, beklagen und bedauern Dich nicht minder als sie Dir verzeihen. Hättest Du einem König treu und in Ehren gedient, so hättest Du Dir selbst genügt. Aber mit Meuterern im Bunde bist Du nichts als ein gutes Schwert in Bubenhand! ... Lebt wohl, Mylord Ruthven, Ihr sanftrer, aber schlimmerer Verräter! ... Lebt wohl, Melville! ich wünsch Euch Herren, die staatsklüger sind und über bessre Mittel verfügen, Eure Dienste zu lohnen, als Maria Stuart ... Lebt wohl, Georg Douglas, macht Eurer verehrten Großmutter begreiflich, daß Wir für den Rest des Tages ungestört sein wollen ... Gott sei Uns Zeuge, daß es Uns not tut, Unsre Gedanken zu sammeln.« Alles verneigte sich und schied; aber kaum waren die Lords im Vorzimmer, als sich zwischen beiden ein Wortwechsel erhob. »Laßt mich in Ruhe, Ruthven,« sagte Lindesay, »ich dulde solchen Vorwurf nicht. Mir teilt Ihr in dieser Sache das Henkeramt zu, aber selbst dem Henker ist es gestattet, seinem Opfer vor der Hinrichtung ein paar freundliche Worte zu sagen und es um Pardon zu bitten für das, was er an ihm vollziehen muß ... Ich wünschte, ich hätte gleich triftigen Grund, ihr Freund zu sein, wie ich Grund habe zur Feindschaft gegen sie ... Ihr solltet es erleben, daß ich weder meine gesunden Glieder noch meines Lebens schonen würde in ihrer Fehde.« Sie stiegen die Treppe hinunter und in die Boote. Die Königin winkte Roland, sich in den Vorsaal zurückzuziehen und sie mit ihren Zofen allein zu lassen. Zweites Kapitel. Roland Gräme stellte sich in einer Ecke des Vorzimmers hinter das Fenster und sah zu, wie die Lords einstiegen und abstießen, nachdem sie sich von Lady Lochleven höflich verabschiedet hatten. Als die Dame mit ihrem Sohne zum Schlosse zurückkehrte, konnte er die folgende Zwiesprach zwischen Großmutter und Enkel erlauschen: »Also hat sie ihren Sinn doch gebeugt, sich auf Kosten ihrer königlichen Würde das Leben zu erhalten?« sagte die Lady. »Das Leben, gnädige Frau Großmutter?« versetzte Georg; »ich wüßte nicht, wer es anzutasten im Schlosse meines Vaters wagen sollte. Hätt ich solche Absicht hinter dem Besuch der Lords vermutet, so hätt ich die drei Herren mitsamt ihrem Gefolge wieder über den See gejagt.« »Nicht von Mord spreche ich, Sohn, sondern von öffentlichem Anklageverfahren, Prozeß, Urteil und Hinrichtung. Denn damit ist sie bedroht worden. Aber flösse nicht mehr Guisen- als Schottenblut in ihren Adern, so hätte sie ihnen ins Angesicht Trotz geboten. Bei ihr stimmt eben alles zusammen, und Niederträchtigkeit ist die natürliche Gefährtin der Verworfenheit, Ich bin für heut abend der Beschwerde ihrer Gesellschaft entbunden. Geh also Du, mein Sohn, und erfülle beim Abendtisch die notwendigen Höflichkeitspflichten gegen die Dame, die hinfort nicht mehr Königin für uns sein wird.« »Mit Verlaub, Frau Großmutter, mir ist an ihrer Gesellschaft nicht sonderlich gelegen.« »Recht so, mein Sohn, darum vertrau ich auch Deiner Klugheit. Immerhin möchte es sich mit unsrer Ehre nicht vereinbaren, sie in unserm Hause eine Mahlzeit einnehmen zu lassen, ohne daß jemand von uns mit bei Tische wäre. Sie könnte sterben, sei es durch höheres Gericht, oder weil der Böse Macht über sie gewänne in ihrer Verzweiflung, dann möchte es sich mit unsrer Ehre nicht vereinbaren, könnten wir nicht nachweisen, daß ihr im Hause und bei der Tafel gute Behandlung und alle geziemende Höflichkeit zu teil geworden sei.« Da fühlte Roland sich durch einen derben Klaps auf die Schulter im Lauschen gestört. Er drehte sich um, innerlich fest überzeugt, daß er den Klaps von dem Pagen bekommen habe, der ihn in dem Gasthofe zu Sankt-Michael, als er mit Woodcock dort nächtigen mußte, aufgesucht hatte. Und wirklich sah er Katharina Seyton vor sich stehen. »So, schöner Page,« sagte die Maid, »horchen ist wohl eine Haupttugend von Euch?« »Schön Schwesterchen,« versetzte Roland, »sind gewisse unsrer Freunde mit den andern Geheimnissen unsers Dienstes ebenso gut vertraut wie mit Ausspionieren, Verkleiden ec., dann brauchen sie keinen Pagen der Christenheit um Einsicht in seine Bestallung zu bitten.« »Was Ihr mit diesen Worten meint, schöner Page, weiß ich nicht,« sagte die Maid, »aber wir haben jetzt keine Zeit mehr zu Disput. Das Essen kommt. Tut was Eures Amtes, Herr Page.« Vier Diener erschienen mit Schüsseln, ihnen voraus schritt der alte, grämliche Hausmeier, den Roland schon bei der Ueberfahrt gesehen hatte, hinterher Georg Douglas, der in Abwesenheit des Schloßherrn, seines Vaters, das Amt eines Seneschalls versah. Die Arme über der Brust verschränkt und die Blicke zu Boden haltend, trat er zu der Tafel heran, auf der mit Rolands Hilfe das Essen aufgetragen wurde. Darauf verneigten sich Hausmeier und Seneschall tief, wie wenn die königliche Gefangne schon an der Tafel Platz genommen hätte. Nun tat sich die Tür des anstoßenden Schlafgemachs auf. Georg Douglas sah sich schnell um, richtete den Blick aber gleich wieder zur Erde, als er sah, daß bloß das ältere Kammerfräulein eintrat. »Ihre Gnaden wollen heut abend nicht bei der Tafel erscheinen,« sagte Lady Maria Fleming. »Dann wolle es gnädigem Fräulein belieben zu beobachten, wie wir unseren Obliegenheiten nachkommen,« erwiderte Douglas. Er winkte dem Hausmeier und dieser schnitt von jeder Speise ein Schnippelchen ab und reichte es Douglas zur Vorprobe, damals bei herrschaftlichen Tafeln allgemeine Sitte wegen der vielen Vergiftungsversuche, die gemacht wurden. »Die Königin wird also wirklich nicht erscheinen?« fragte Douglas noch einmal. »Sie hat so beschlossen,« erklärte die Fleming. »Dann ist unsre weitre Gegenwart von Ueberfluß. Wir wünschen gute Nacht.« Langsam wie er gekommen war, den Blick nach wie vor zu Boden gerichtet, entfernte er sich, und die Dienerschaft folgte ihm. Die beiden Fräuleins setzten sich zu Tische und Roland wartete ihnen auf, ganz wie wenn auch die Königin an der Mahlzeit teilgenommen hätte. Katharina Seyton sah, nachdem sie dem Pagen einen Blick unvergleichlicher Schalkheit zugeworfen hatte, still und artig da, während sich die gesetztere Gefährtin jetzt an Roland wandte und ihm einen Platz am untern Ende der Tafel anwies. Roland, der den ganzen Tag noch keinen Bissen zu sich genommen hatte, denn Lord Lindesay und seinen Reitern schienen menschliche Bedürfnisse abhanden gekommen, gehorchte gern, beobachtete aber, all seines Appetits ungeachtet, Anstand und Mäßigkeit teils aus angebornem Taktgefühl, teils weil er sich das Vergnügen, Katharina zu bedienen, nicht rauben lassen wollte ... Mit Anstand und Geschick schnitt er die Scheiben zurecht und legte den Damen, wie es sich schickte, die besten Stücke vor, sprang auf, sobald er nur den leisesten Wunsch vermutete, schenkte Wein ein, mischte ihn mit Wasser, wechselte die Teller und versah den Tafeldienst mit allem Eifer des gewandtesten Junkers. Als er sah, daß die Damen aufstehen wollten, beeilte er sich, ihnen in der silbernen Kanne Wasser, Waschbecken und Handtuch zu reichen. Die ältere Zofe dankte mit einem freundlichen Blick, die jüngere aber, ob aus Schalkheit oder aus Ungeschick, spritzte dem diensteifrigen Pagen beim Waschen ein paar Tropfen ins Gesicht, ohne Verdruß darüber, daß die ältere sie ob ihres Ungeschicks tadelte. »Du hattest recht, Katharina,« sagte dann Lady Fleming, »als Du mir sagtest, unser neuer Kamerad in diesem mühelosen Dienst sei von edler Geburt und guter Erziehung. Ich will ihn nicht eitel machen, aber er überhebt uns der Dienste dieses Douglas, der doch immer, wenn die Königin nicht anwesend ist, stolz tut wie ein Pfau.« »Ich sollte im Gegenteil meinen, Georg Douglas sei der artigste Junker im Reich; es ist doch eine Freude, ihn in diesem düstern Lochleven zu sehen. Wer hätte gedacht, daß dieser lustige, flotte Junker sich zum Gefangnenwärter über ein paar hilflose Weiber hergeben würde?« »Vielleicht geht's ihm wie uns, er mußte,« versetzte Lady Fleming. »Indessen scheinst Du Deinen kurzen Aufenthalt bei Hofe recht gut wahrgenommen zu haben, wenn Du zu solchen Unterschieden und Vergleichen Zeit fandest.« »Ich hab die Augen offen gehalten,« versetzte Katharina, »und dazu war ich, meines Wissens, bei Hofe. Hier wird's freilich nicht der Mühe lohnen, die Augen zu brauchen. Das war ja schon im Kloster so. In Lochleven muß man sich eben gewöhnen, sie bloß für sein bißchen Handarbeit zu brauchen.« »Und solche Worte führst Du, nachdem Du kaum ein paar Stunden hier im Schlosse bist? Ist dies das Mädchen, das im Kerker leben und sterben wollte, wenn es ihr bloß vergönnt wäre, ihre gnädige Königin zu bedienen?« »Fleming, wenn Ihr im Ernste scheltet, dann ist mein Scherz zu Ende,« sagte Katharina. »Ich möchte an Treue und Anhänglichkeit nicht meiner armen Frau Pate nachstehen, die doch die weisesten Sittensprüche auf der Zunge und die steifste Halskrause unter dem Kinne hat. Das wißt Ihr, Fleming, und doch tut Ihr mir immer weh durch Eure Reden.« »Du bist ein gutes Ding, Katharina, aber dem Manne, der Dich einmal bekommt, gratuliere ich, denn wenn es kaum ein reizenderes Ding geben kann zu seiner Freude, so doch auch kein mutwilligeres zu seiner Qual. Ich glaube, Du könntest ein ganzes Dutzend um ihr bißchen Verstand bringen.« »Sprecht doch nicht so, Fleming,« sagte Katharina, die nun ihre unbefangne und heitre Laune wiederfand, »der müßte ja doch schon ganz von Sinnen sein, der mich für so etwas sich aussuchte! Aber es freut mich, Fleming, daß Ihr mir nicht ernstlich böse seid,« und bei diesen Worten fiel sie der altern Freundin in den Arm, »Ihr wißt doch, ich hab mit meines Vaters unbändigem Stolze und mit dem hohen Edelsinn meiner Mutter zu ringen. Möge der liebe Gott sie in seinen gnädigen Schutz nehmen! ... aber mehr als die beiden edlen Eigenschaften haben meine lieben Eltern nicht auf mich zu vererben, denn was an Geld und Gut da war, haben die Wirren im Reiche verschlungen, und was noch da ist, wird den gleichen Weg wohl gehen ... und so bin ich das eigenwillige kecke Ding geworden, das ich bin. Aber laßt mich acht Tage hier in Lochleven sein, dann werde ich wohl ganz ebenso kleinlaut sein wie Ihr!« Aus dem Schlafzimmer der Königin klang ein Ruf, Maria Fleming verschwand hinter der Tür, und Katharina und Roland blieben allein zurück. Eine Weile lang saßen sie einander still gegenüber, bis endlich die junge Zofe das Schweigen brach. »Darf ich bitten, junger Herr, mir zu sagen,« fragte sie ganz ehrbarlich, »was Ihr in meinem Gesichte findet, daß Ihr es so unverwandt anstarrt? Meines Wissens sah ich Euch doch erst zweimal im Leben.« »Und welches waren diese beiden glücklichen Anlässe?« fragte Roland. »Im heiligen Katharinenkloster,« erwiderte die Zofe, »zum erstenmal, und bei dem Ueberfall, den Ihr in meines Vaters Hause auszuführen beliebtet, zum andernmal. Ein Wunder, wenn man den rasch auflodernden Zorn der Seytons kennt, daß Ihr da mit heiler Haut weggekommen seid! Uebrigens mir sehr leid,« setzte sie spöttisch hinzu, »daß für solch wichtige Vorgänge mein Gedächtnis treuer zu sein scheint als das Eurige.« »So ganz tadellos ist die Treue Eures Gedächtnisses doch nicht, holde Kallipolis,« sagte Roland lächelnd, »denn ich sehe, Ihr habt das Zusammentreffen Nummer drei im Wirtshause Sankt-Michael vergessen, wo Eure Reitgerte so lose war, daß mancher an den Seytonschen Zorn hätte erinnert werden können,« »Schöner Page,« versetzte Katharina, »hat Euch nicht Euer schöner Verstand hier im Stiche gelassen, so bin ich außer stande, zu raten, was Ihr meint.« »Meiner Treu, auch ich vermöchte den Traum, den Ihr mir vorgaukelt, nicht zu enträtseln. Hab ich Euch nicht verwichne Nacht im Wirtshause Sankt-Michael gesehen? Habt Ihr mir nicht das Schwert gebracht, mit dem Geheiß, es nicht zu ziehen außer auf Geheiß meines angestammten Fürsten? Und hab ich nicht getan, wie Ihr befahlet?« »Wenn Eure Augen Euch niemals bessre Dienste taten als in dem genannten Gasthause,« sagte die Zofe, »dann werden Euch die Raben keinen sonderlichen Schaden zufügen, wenn sie Euch die Dinger aus dem Schädel Picken. Aber horch, die Glocke! wir werden unterbrochen!« Die Zofe hatte recht. Die Tür flog auf, und der Hausmeier mit seinem strengen Blick, seiner goldnen Amtskette und seinem weißen Amtsstabe trat herein, und ihm folgte dieselbe Dienerschar, die Tafel aufzuräumen, die sie zuvor gedeckt hatte. Starr wie eine Bildsäule, stand der Hausmeier da, und als die Tafel wieder leer war, hob er, ohne sich an jemand im besonderen zu wenden, im Ton eines Herolds, der einen Aufruf zur Verlesung bringt, an und kündete: »Meine edle Gebieterin, Frau Margarete Erskine, verehelichte Douglas, gibt der Lady Maria von Schottland und ihrem Gefolge bekannt, daß ein Diener der reinen Lehre, ihr ehrwürdiger Kaplan, heut abend wie gewöhnlich predigen und katechisieren wird, gemäß evangelischem Brauch.« »Mein bester Herr Dryfesdale,« nahm Katharina das Wort, »diese Verkündigung ist eine Förmlichkeit, die alle Abende sich wiederholt, wie ich gewahr werde. Nun wollet doch aber, bitte, bemerken, daß Lady Maria Fleming und ich, denn Eure dreiste Einladung geht, wie ich hoffe, bloß uns an, den Pfad Sankt Peters zum Himmel erkoren haben, es bleibt also für Eure gottselige Vermahnung bloß der junge Page noch übrig, der, als in Händen Satans befindlich, freilich besser tut mit Euch Andacht zu halten, als uns durch sein Fernbleiben von unsern bessern Andachtsübungen zu belästigen.« Der Page war zwar nahe daran, diese kecke Behauptung in Abrede zu stellen, erinnerte sich aber noch rechtzeitig der zwischen ihm und dem Regenten vorgefallenen Dinge und beherzigte deshalb den Wink, den ihm Katharina durch Aufheben ihres Zeigefingers erteilte. Wie schon in Avenel, so übte er auch hier wieder die Rolle eines Glaubensleugners und folgte dem Hausmeier in die Schloßkapelle, wo er der Abendandacht beiwohnte, die hier vom Schloßkaplan Elias Henderson, einem geistlichen Herrn in der Vollkraft des Alters und ausgestattet mit guten, durch sorgfältige Erziehung ausgebildeten Gaben der Natur, gehalten wurde. So verstrich der erste Tag im Schlosse Lochleven, und die folgenden hatten eine Zeitlang den gleichen, wenn nicht noch eintönigeren Charakter. Drittes Kapitel Die Lebensweise, zu der sich Maria Stuart und ihr Gefolge verurteilt sahen, war im höchsten Grade einsam und abgeschieden, und bloß wenn das Wetter einen Spaziergang im Garten oder auf den Schloßzinnen gestattete, kam eine geringe Abwechslung in das ewige Einerlei. Für Roland war die Zeit, die er in Gesellschaft der Damen zuzubringen hatte, noch am angenehmsten, denn dann befand er sich doch in der Nähe der muntern Katharina Seyton, für deren unvergleichlichen Witz und herrliche Gabe, ihre Gebieterin aufzuheitern, er immer große Bewunderung fand. Sie tanzte, sang, erzählte Märchen und Geschichten, trieb allerhand Spaß und Kurzweil, ja zeigte zuweilen eine so übertriebne Lustigkeit, wie sie sich besser für ein Dorfkind, die Königin beim Maienfeste, geschickt hätte als für die Tochter eines altadligen Hauses. Wenn sich die ernstere Gefährtin bei solchen Anlässen mit Vorhalt und Tadel gegen sie kehrte, dann verglich die Königin sie einem abgerichteten, dem Käfig entflohenen Singvögelchen, das in der Wonne der Freiheit und im unbeschränkten Besitze waldigen Grüns all die Lieder und Weise anstimmt, die es während seiner Gefangenschaft gelernt hat. Die wenigen Augenblicke, die der Page in der Nähe dieses bezaubernden Wesens zubringen durfte, eilten ihm zuvor wie Blitze vorüber, aber sie schufen ihm doch reichliche Entschädigung für die ermüdende Langweile des ganzen übrigen Tages, selbst wenn es ihm auch nie wieder vergönnt war, allein mit ihr zu sprechen oder gar zusammen zu sein. Ob der Grund zu dieser Absperrung in besondrer Vorsicht auf den Haushalt der Königin lag oder ob sie zu solchen Bestimmungen durch ihre Begriffe von Anstand und Schicklichkeit überhaupt veranlaßt wurde, oder ob die eigentliche Triebfeder hierzu mehr die ältere Zofe Maria Fleming war, darüber sich genauen Einblick zu verschaffen, wollte ihm nicht gelingen, so wenig wie es ihm glückte, genauere Nachforschungen über die geheimnisvolle Pagen-Erscheinung im Sankt-Michaels-Gasthofe anzustellen. So schlichen langsam die Wintermonate hin, und der Frühling war bereits wieder eingekehrt, als Roland Gräme in dem Verhalten seiner Mitgefangnen langsam eine gewisse Veränderung wahrzunehmen meinte, und bald gewann er die Ueberzeugung, daß unter ihnen etwas im Werke war, das sie nicht zu seiner Kenntnis gelangen lassen mochten, daß Königin Maria durch Mittel und Wege, in die er keinen Einblick gewinnen konnte, einen Briefwechsel mit Personen außerhalb der Schloßmauern unterhielt und sich mit Fluchtgedanken trug. Nicht immer konnte sie es ganz verbergen in den Gesprächen, die sie mit ihren Damen führte, daß sie von den Dingen, die sich in der Welt zutrugen, Kenntnis hatte. Er machte die Beobachtung, daß sie sich weniger mit ihrer Stickerei als mit Briefschreiben befaßte, und daß sie auch, wahrscheinlich um jeden Argwohn in Schlummer zu wiegen, ein weniger schroffes Wesen gegen Lady Lochleven an den Tag legte, daß sie mehr ein Benehmen zeigte, als fange sie allmählich an, sich in ihre Lage zu schicken. »Die Damen müssen grade denken, ich sei blind,« sprach er bei sich, »und scheinen zu meinen, ich verdiene ihr Vertrauen nicht, vielleicht weil sie mich noch zu jung halten oder weil mich der Regent hergeschickt oder weil ich bei dem Kaplan den Gottesdienst anhöre? aber dazu haben sie mich doch selbst veranlaßt!« indessen hatte Roland hiermit wahrscheinlich das Richtige getroffen und zwar darum mochte man gegen ihn eingenommen sein, weil er dem Kaplan den Wunsch ausgesprochen hatte, sich über verschiedne religiöse Themata mit ihm in besondrer Weise zu unterhalten, und ihm offen bekannt hatte, daß er ein gewisses Bedürfnis nach seinem Unterricht in seinem Herzen fühle. Der Kaplan, der mit dem Plan im Herzen nach Lochleven gekommen war, unter der Dienerschaft der Königin Proselyten zu machen, nahm die Gelegenheit, die ihm Roland Gräme bot, gern wahr, und Lady Lochleven erschloß ihm zufolge seines frommen Eifers ihr Herz so weit, daß sie ihm ein paarmal, wenn auch mit aller Vorsicht, Erlaubnis erteilte, nach Kinroß, einem über dem See gelegnen Dorfe, hinüber zu fahren, und für seine Herrin einige unbedeutende Besorgungen zu machen. Aber zu seinem Leidwesen machte er die Wahrnehmung, daß er im selben Verhältnis, wie er bei Lady Lochleven in der Gunst stieg, bei der Königin und ihren beiden Damen in der Gunst sank, und immer deutlicher wurde es ihm, daß er von ihnen für einen Aufpasser angesehen wurde, vor dessen Ohren man sich zu hüten habe. Mit diesem Schwinden des Vertrauens trat auch eine Veränderung in dem Benehmen gegen den Pagen ein: die Königin, die ihn früher oft einmal durch eine Artigkeit ausgezeichnet hatte, würdigte ihn jetzt noch kaum eines Wortes, Lady Fleming zeigte bloß durch allgemeine Bemerkungen noch, daß sie von seiner Anwesenheit Kenntnis hatte, und Katharina wurde schnippisch, herb und grillig bei dein geringsten Anlaß, der sich ihr bot, dem Pagen ein Wort zu sagen. Am meisten aber verdroß es ihn, daß sich zwischen Georg Douglas und Katharina Seyton freundlichere Beziehungen in die Wege zu leiten schienen. Mit einem Worte, Rolands Situation wurde von Tag zu Tag unbehaglicher, und es war nur begreiflich, daß sich sein Herz gegen solch ungerechte Behandlung empörte, daß er die Königin sowohl als Katharina Seyton, denn die Meinung des Fräuleins Fleming war ihm gleichgültig, einer Ungereimtheit beschuldigte, wenn sie ihm gram sein sollten um seines Verhaltens willen, das doch einzig und allein die Folge einer von ihnen selbst gegebnen Weisung war. Warum hatten sie ihn geheißen, den Gottesdienst dieses gewaltigen Streiters vorm Herrn, der nun einmal Kaplan Henderson war, zu besuchen? was konnte er dafür, daß Kaplan Henderson ein unendlich eifrigerer Gottesmann war als der greise Heinrich Worden auf dem Schlosse Avenel? daß er ganz anders zu predigen, dem Worte Gottes viel faßlichere, weit mehr zum Herzen gehende Auslegungen zu geben verstand als jener?... »Aber ich will dieses Leben nicht länger mehr ertragen,« sprach Roland bei sich; »denken die Damen am Ende, ich werde meine Gebieterin deshalb verraten, weil mir Gründe aufsteigen, an der Religion zu zweifeln, an die sie glauben?« In einer schlaflosen Nacht reifte der Entschluß in seinem Herzen, sich gegen Georg Douglas auszusprechen, am Morgen aber wurde er wieder wankend, und da traf es sich, daß er an diesem Tage zu einer frühern Stunde als sonst zur Königin beschieden wurde. Da er sich vorgenommen hatte, mit Douglas angeln zu gehen, trug er die Angelrute in der Hand, als er der Königin gegenübertrat. »Katharina muß wohl oder übel auf andern Zeitvertreib sinnen,« sagte die Königin zu Maria Fleming, »denn unser fürsorglicher Page hat schon über seine Zeit für heute verfügt.« »Ich sagte ja gleich, daß Eure Gnaden nicht zu sicher auf einen jungen Menschen rechnen dürften, der so manche Bekanntschaft unter Hugenotten hat und infolgedessen über weit mehr Mittel, sich Unterhaltung zu schaffen, verfügt als wir.« »Ich hätt nichts dawider,« rief Katharina, und ihr geistvolles Gesicht errötete vor Verdruß, »wenn er sich mit seinen Kumpanen auf und davon machte, und statt seiner ein Page den Weg hierher fände, der treu zu seiner Königin und seinem Glauben hielte.« »Eure Wünsche, mein gnädiges Fräulein, können zu gewissem Teil Erfüllung finden,« erwiderte Roland, außer stände, über die Behandlung, die ihm von den Damen widerfuhr, seinen Unmut länger zu verbergen, und wollte grade noch beifügen, daß er dem Fräulein von Herzen einen andern an seiner Statt zur Gesellschaft wünsche, der besser imstande sei, Weibermucken zu ertragen, ohne sie sich zu Heizen zu nehmen wie er ... da besann er sich aber noch rechtzeitig auf die Reue, die er empfunden hatte, als er sich bei einer ähnlichen Veranlassung von seinem Temperament hatte fortreißen lassen, und biß sich auf die Lippen, daß ihm die Worte auf der Junge erstarben, die in Gegenwart einer Königin noch um so ungeziemender gewesen wären. »Warum steht Ihr da wie an den Boden gewurzelt?« fragte die Königin. »Ich warte auf die Befehle von Euer Gnaden,« erwiderte der Page. »Ich hab keine Befehle für Euch – schert Euch!« Auf dem Weg nach dem Boote hörte er noch deutlich die Worte der Königin zu einer ihrer Zofen: »Da seht Ihr, in welche ärgerliche Situation Ihr uns gebracht habt!« Dieser kurze Auftritt war bestimmend für Rolands Entschluß, den Aufenthalt in Lochleven so viel wie möglich abzukürzen und noch heute mit Douglas darüber zu sprechen, wie er am schnellsten in dieser Hinsicht zum Ziele kommen könne. Douglas saß wie immer still und schweigsam in dem kleinen Kahne, den sie auf ihren Angelfahrten benützten, Roland stieg mit ein und sie ruderten nun ein Stück weit in den See hinaus. Da sagte Roland zu Georg Douglas: »Ich möchte gern mit Euch über etwas sprechen, Douglas, wenn's Euch recht wäre.« Der schwermütige Zug in dem Gesichte des jungen Mannes wich unvermutet dem scharfen Blick eines auf seiner Hut befindlichen Herrn, der einer wichtigen Nachricht beunruhigenden Charakters entgegensieht. »Mir ist der Aufenthalt in diesem Schlosse bis in den Tod zuwider,« sagte Roland. »Weiter nichts?« versetzte Douglas. »Ich wüßte niemand im Schloß, dem's nicht ebenso ginge,« »Mag sein, aber ich bin weder hier geboren, noch sitze ich hier in Gefangenschaft; deshalb darf ich wohl vernünftigerweise den Wunsch hegen, Lochleven zu verlassen.« »Euer Wunsch möchte an Vernunft kaum einbüßen, wenn eins von beidem der Fall wäre,« erwiderte Douglas. »Ich habe aber nicht bloß das Leben hier satt, sondern will fort von hier,« sagte Roland Gräme. »Leichter gesagt als getan,« sagte Douglas, »Leicht getan, wenn's Euch und Eurer Frau Mutter recht ist,« sagte Roland. »Ihr seid im Irrtum, Roland,« erwiderte Douglas, »und werdet bald erkennen, daß hierzu die Einwilligung von zwei andern Personen nicht minder unerläßlich ist, und zwar einerseits der Lady Maria, Eurer Herrin, anderseits des Regenten, meines Oheims, der Euch an diesen Platz beorderte und es schwerlich angemessen finden dürfte, daß die Lady so schnell mit ihrem Diener wechselt.« »So müßte ich bleiben, auch wider meinen Willen?« fragte der Page, ziemlich betroffen über eine Auffassung, die ihm, wäre er erfahrener gewesen, selbst hätte kommen müssen. »Wenigstens werdet Ihr so lange bleiben müssen, bis es meinem Onkel passen wird, Euch gehen zu lassen.« »Offen gestanden,« sagte der Page, »sollte ich mich hier als Gefangnen anzusehen haben, so sage ich Euch als einem Edelmann, den ich keines Verrats für fähig halte, daß mich weder Ringmauern noch Fluten lange in meinem Kerker halten sollten.« »Offen gestanden,« erwiderte Douglas, »könnt ich Euch solchen Versuch auch nicht verdenken. Aber bei dem allen würde Euch sowohl mein Vater, als mein Onkel, Graf Morton und jeder meiner Brüder, wie jeder königliche Diener, dem Ihr in die Hände gerietet, aufknüpfen lassen wie einen gemeinen Hund oder wie eine Schildwache, die von ihrem Posten gelaufen ist. Und entkommen dürftet Ihr ihnen schwerlich, darauf geb ich Euch Brief und Siegel ... Aber haltet dort auf die kleine Insel zu. Dort gelingt uns sicher ein guter Fang. Haben wir uns mit Angeln eine Stunde die Zeit vertrieben, dann wollen wir über das, was Ihr angeregt habt, uns näher besprechen.« Als die von Douglas gesetzte Zeit verstrichen war, nahm er das Ruder und gab Roland das Steuer. Mittwegs zwischen Insel und Landungsplatz ließ er die Ruder ruhen und sagte, sich behutsam umsehend, zu seinem Gefährten: »Ich könnt Euch was mitteilen, aber es ist ein so tiefes Geheimnis, daß ich es selbst hier zwischen Himmel und Flut, wo niemand uns belauschen kann, nicht auszusprechen wage.« »Zieht Ihr die Ehre dessen, der allein Euch hören kann, in Zweifel, dann laßt's ungesprochen,« erwiderte Roland. »Nicht Eure Ehre ziehe ich in Zweifel, doch Ihr seid jung, unbedacht, wankelmütig,« sagte Douglas. »Wer hat Euch gesagt, ich sei wankelmütig!« fragte Roland. »Jemand, der Euch vielleicht besser kennt als Ihr Euch selbst!« »Vermutlich Katharina Seyton,« sagte der Page mit klopfendem Herzen, »aber sie ist selbst fünfzig mal wetterwenderischer als die Wasserfläche, über die wir jetzt fahren.« »Katharina Seyton, junger Freund, ist ein Fräulein von edler Abkunft, über das man so leichthin sich nicht äußern darf,« sagte Douglas. »Herr Georg Douglas,« versetzte Roland, »es scheint, als solle etwas, was wie Drohung aussieht, Euren Worten Nachdruck leihen, ich mochte aber zu bemerken bitten, daß ich mir aus einer Drohung nicht mehr zu machen pflege wie aus einer Forellenflosse, und nebenbei muß ich sagen, daß ein Kämpe, der sich um jedes vornehmen Fräuleins willen, das die Männer eines veränderlichen Sinnes zeiht, in die Gefahr eines Zweikampfes stürzen wollte, bald alle Hände voll zu tun haben dürfte.« »Still, still,« sagte der Seneschall, doch in gutgelauntem Tone, »Ihr seid ein wunderlicher Kauz, mit dem sich darüber reden läßt, wie man ein Netz wirft oder einen Falken steigen läßt, aber über nichts andres.« »Dreht sich Euer Geheimnis um Katharina Seyton,« sagte der Page, »so läßt es mich kalt, und Ihr dürft's ihr ruhig sagen, wenn's Euch beliebt. Ich weiß ja, sie findet schon Gelegenheit mit Euch zu sprechen.« Die jähe Röte, die Douglas in die Wangen schoß, verriet dem Pagen, daß er richtig geraten, wenn er auch nur auf den Strauch geschlagen hatte, aber die Ueberzeugung, daß es so war, fuhr ihm wie ein Dolchstich durch das Herz, Sein Kamerad griff wieder, ohne weitere Erwiderung, zu den Rudern und setzte sie erst wieder ab, als sie zum Schloß und Eiland gelangt waren. Hier nahmen die Diener die gewonnene Beute in Empfang, die beiden Angler aber verfügten sich jeder in seine Stube, Eine Stunde lang mochte Roland in seinem Grolle gegen Schloß und Menschen dagesessen haben, als ihn sein Dienst zur Tafel der Königin rief. Verdrießlich kleidete er sich um und verdrießlich stellte er sich hinter dem Stuhle seiner Gebieterin auf; sie mochte es bemerken und wahrscheinlich zu der altern Zofe ein paar Worte darüber äußern, denn diese lachte, während Katharina sie halb lächerlich, halb empfindlich aufzunehmen schien. Da aber Roland seine Miene nicht änderte, schien die Königin sich anders zu besinnen, es schien ihr leid zu tun, daß sich das junge Blut grämte, und sie machte nun mit dem ihr eignen Zartgefühl, das kein Weib in höherm Grade besessen haben dürfte als sie, das Unrecht wieder gut, indem sie erst die Fische lobte, die er gefangen, und die ihr zum Fasttage eine so herrliche Speise gebracht hätten, dann die schönen Farben der Fische lobte, dann von dem Fangorte, über die Größe und Schmackhaftigkeit, zuletzt über die Vorzüge plauderte, die den im Gebirgswasser gefangnen Forellen gegenüber den See-Forellen zuzusprechen seien ... und Rolands Mißmut schwand wie Schnee vor der Sonne, er pries die Herrlichkeiten von Schottlands Bergen und Tälern, er erzählte von den prächtigen Forellen im Tale des Nith und von der ganz eigentümlichen Art, die im Schloßsee von Lochmaben gefangen werde, und er geriet in solches Feuer, daß seine schwärmerische Begeisterung die Königin ansteckte. Ihr Lächeln schwand, und nicht lange, so standen ihr Tränen in den Augen. Und da hielt er plötzlich inne und fragte bewegt, ob er, ohne sein Wissen, etwas gesagt habe, das ihr Kummer bereitet habe? »Nicht doch, mein Knabe,« sagte die Königin mild, »Eure Schilderungen der Flüsse und Seen meines schönen Landes weckten die Sehnsucht in meinem Herzen, und da spielte mir meine Phantasie einen Streich und riß mich hinaus in das malerische Tal des Nith und zu den majestätischen Türmen Lochmabens. O du liebliches Land, über das meine Ahnen so lange Jahrhunderte herrschten! Dem ärmsten Bettler ist's vergönnt, was Deiner Königin verwehrt ist, Du kannst mit Deinem Stab in der Hand von einem Platz zum andern ziehen, und ich, ach, ich, muß mein Leben vertrauern in diesen kalten finstern Mauern! »Eure Hoheit,« sagte Lady Fleming, »möchten gut tun, sich zurückzuziehen.« »Gewiß, Fleming, komm mit,« sagte die Königin, »wie sollte ich so jugendliche Herzen wie diese beiden durch meinen Gram vergiften!« Mit einem Blicke inbrünstiger Schwermut verließ sie Roland und Katharina. Eine Weile lang saß das junge Paar schweigend einander gegenüber. Der Page fühlte sich wundersam beklommen, während Katharina gleich einem zögernden Geiste, der sich der Furcht bewußt ist, die er dem armen Sterblichen einflößt, ihm aber Zeit läßt, sich zu sammeln, eine geraume Zeit vergehen ließ, ehe sie es aufgab zu warten, daß er spreche, und selbst die Unterhaltung eröffnete. »Glaubt mir, Roland, alle, die Euch wohlwollen, sind recht besorgt um Euch,« sagte sie. »Ich glaube, ihre Zahl ist ziemlich beschränkt, und ihre Besorgnis wird schwerlich tiefer liegen, als daß sie nicht binnen zehn Minuten zu heilen wäre.« »Die Zahl ist größer, als Ihr meint,« versetzte Katharina, »mancher aber scheint sich um Euch zu sorgen, ohne damit recht zu tun, wißt Ihr doch, Euch am besten selbst zu beraten. Wenn Ihr der Ehre und Pflicht und dem Glauben Eurer Väter Gold und Kirchengüter vorzieht, warum sollte da Euer Gewissen Euch stärkere Fesseln anlegen als andern?« »Sei mir der Himmel Zeuge!« rief Roland, »daß, wenn ich Zweifel bezüglich der Religion hege, diese Zweifel aus Ueberzeugung meines Herzens, zufolge der Stimme meines Gewissens, hervorgegangen sind!« »Zufolge der Stimme Eures Gewissens?« wiederholte sie mit Nachdruck. »Gewiß, Euer Gewissen ist Euch Deckmantel, ein gar bequemer Deckmantel, wie ich gern gelten lasse, birgt er doch die schwere Last eines der schönsten Lehen der Abtei des heiligen Marienklosters von Kennaqhyeir, jüngst unserm Königlichen Krongut anheimgefallen durch ihren Abt und ihre Brüder, und nun übertragen durch den großmächtigen Murray, den Verrätergraf, dem lieben Frauenritter Roland für seine Dienste als Hilfsspion und Vize-Kerkermeister seiner rechtmäßigen Fürstin Maria.« »Ihr verkennt mich grausam,« erwiderte der Page, »Gott ist mir Zeuge, daß ich diese arme Dame schützen und retten möchte mit Leibes- und Lebensgefahr! aber was kann ich, was irgendwer zu ihrer Rettung tun?« »Tun läßt sich vieles! genug, alles, wenn Männer sich treu und ehrenhaft bewähren wie in den Tagen eines Bruce und eines Wallace. Ach, Roland, welchem Unternehmen entzieht Ihr Euch, entzieht Ihr Eure Hand und Euer Herz aus bloßem Wankelmut und aus Mangel an Feuergeist!« »Wie kann ich mich einem Unternehmen entziehen, das mir noch gar nicht bekannt ist?« fragte Roland. »Hat die Königin, habt Ihr, hat sonst jemand einen Dienst von mir begehrt, dessen ich mich geweigert hätte? Habt aber nicht vielmehr Ihr mich ferngehalten von all Euren Beratungen, als sei ich ein treuloser Kundschafter?« »Wer sollte dem Freunde, Schüler und Genossen eines Ketzerpriesters wie Henderson vertrauen? Wahrlich, einem bessern konntet Ihr Euch nicht zuwenden an Stelle des edlen Paters Ambrosius, der jetzt von Haus und Hof gejagt ist, wenn er nicht irgendwo im Kerker schmachtet, weil er den Schergen des Grafen Morton sich widersetzte, an dessen Bruder die irdischen Besitztümer des hehren Gotteshauses gegeben worden sind.« »Ist das möglich? in solcher Not befände sich Pater Ambrosius?« fragte der Page. »Das solltet Ihr nicht wissen?« fragte Katharina, »da Ihr doch geschlürft habt von dem Gifte, das Ihr von den Lippen schleudern solltet? Oder stellt Ihr's in Abrede? Ist Euer Glaube nicht im Wanken, wenn nicht gar schon unterlegen? Rühmt sich nicht dieser ketzerische Mucker schon Eurer Eroberung? stellt Euch die ketzerische Schloßherrin nicht andern schon als Muster auf? Glauben nicht die Königin und Lady Fleming an Euren Abfall? Und gibt's wohl jemand außer einer einzigen Person – nun, warum soll ich's nicht unumwunden sagen? ... gibt's außer mir wohl jemand noch, der auch nur die schwächste Hoffnung noch besäße, daß Ihr Euch noch so bewähren möchtet, wie alle einst von Euch erwarteten?« »Ich weiß nicht,« sagte darauf Roland, in großer Verlegenheit darüber, was man von ihm erwartet hatte, nach den Reden einer Person, an der sich sein Interesse durch den langen gemeinschaftlichen Aufenthalt im Schlosse Lochleven ganz sicher nicht verringert hatte ... »ich weiß nicht, was man von mir erwartet hat oder von mir fürchtet. Ich bin hierher gesandt worden zum Dienst bei der Königin Maria und gelobe ihr Dienerpflicht auf Leben und Tod. Hat sich jemand andrer Dienste von mir gewärtig gehalten, dann bin ich nicht tauglich gewesen, sie zu leisten. Zu den Lehren der reformierten Kirche bekenn ich mich weder, noch verwerfe ich sie ... Soll ich Euch sagen, wie ich in dieser Hinsicht denke und meine? Mir will es vorkommen, als sei die katholische Geistlichkeit durch gewisse Schlechtigkeiten selbst schuld an diesem Strafgericht, das über sie hereingebrochen ist; und meinem Dafürhalten nach kann solches Strafgericht nur beitragen zu ihrer Besserung ... Was aber den Verrat betrifft an dieser edlen Königin, so bin ich, Gott sei Dank! frei von jeglichem Gedanken daran. Und dächt ich schlimmer über sie als ich vom Standpunkt eines Dieners aus möchte und von dem eines Untertans aus dürfte, so würde ich selbst dann nicht zum Verräter an ihr werden...« »Genug! genug!« rief Katharina und klatschte in die Hände, »Du verläßt uns also nicht, wenn sich Mittel und Wege zeigen sollten, unsrer Gebieterin den Weg zur Freiheit zu zeigen, Mittel und Wege zur Beilegung des Zwistes zwischen ihr und ihren meuterischen Untertanen?« »Ja, aber, Holdeste der Holden,« warf der Page ein, »hört doch, bitte, was der Regent zu mir sagte, als er mich hierher sandte!« »Hört lieber, was der Teufel sagte!« rief erbittert Katharina, »statt daß Ihr hört, was solch ein falscher Untertan und Bruder und Freund und Berater gesagt hat! Von einem armseligen, auf kleinen Gnadengehalt gesetzten Subjekt durch die Großmut seiner Schwester emporgehoben zum Verweser, der wie ein Pilz aufgeschossen und gewachsen ist einzig durch die Wärme schwesterlicher Gunst, und der nun zum Dank hierfür Ränke gegen sie spann, durch die sie den Weg hierher in dieses Kerkerloch gefunden hat, durch die er sie gezwungen hat zur Entsagung, zum Verzicht auf Thron und Land – O, ermorden ließe er sie, wenn er es wagte um der andern Höfe, um Schottlands, um ihrer letzten Anhänger willen!« »So schlecht denke ich nicht vom Grafen Murray,« erwiderte Roland Gräme, »und grade heraus gesagt, holde Kallipolis, einiger Bestechung wäre es nun doch wohl nötig, um mich zu einem festen, verzweifelten Entschluß zwischen den beiden Parteien zu bringen.« »Nun, wenn es bloß darauf ankommen soll,« rief Katharina in begeistertem Tone, »so werden Euch die Gebete unterdrückter Untertanen, die Gebete einer beraubten Geistlichkeit, eines verhöhnten Adels, die Segnungen kommender Geschlechter, die Dankbarkeit der Zeitgenossen, Ruhm auf Erden und Seligkeit im Himmel wohl ein genügendes Entgelt sein können, aber Euer Vaterland, Eure Königin werden Euch danken, die Männer werden Euch ehren, die Frauen Euch preisen, und ich, durch frühern Schwur schon an Euch gebunden zur Befreiung der Königin, werde Euch herzlicher lieben als eine Schwester je den Bruder liebte.« »Weiter – Weiter!« flehte Robert, indem er sich auf ein Knie niederließ und ihre Hand ergriff, die sie im Feuer ihrer Rede nach ihm ausgestreckt hatte. »Nein!« sagte sie und tat sich Einhalt ... »zuviel ... viel zu viel habe ich gesprochen, wenn ich als Siegerin hervorgehe ... und viel, viel zu wenig, wenn ich nicht als Siegerin hervorgehe. Aber ich habe gesiegt,« sprach sie weiter, denn sie sah, daß sich in den Mienen des Jünglings das Feuer ihrer Begeisterung spiegelte, »ich siege, oder vielmehr, die gute Sache siegt durch eigne Kraft – und so weihe ich Dich dieser unsrer guten, unsrer heiligen Sache!« Und indem sie so sprach, machte sie mit ihrem Zeigefinger über der Stirn des in Staunen versunkenen Jünglings das Zeichen des Kreuzes, neigte ihr Antlitz zu ihm hernieder und schien dem leeren Raume, innerhalb dessen sie dieses Sinnbild gezeichnet hatte, einen Kuß zu spenden. Dann richtete sie sich auf und eilte in das Zimmer der Königin. Viertes Kapitel. In nachdenklicher Stimmung begab Roland sich am andern Morgen auf die Zinnen des Schlosses, um ruhig seinen Gedanken nachhängen zu können, aber es war ein schlecht gewählter Zufluchtsort, denn er traf hier alsbald den Kaplan Henderson. »Euch suchte ich, junger Mann,« sprach der Kaplan, »denn ich habe mit Euch über eine Sache, die Euch angeht, zu reden.« Roland hatte keinen Vorwand, sich diesem Wunsche zu entziehen, so lebhaft er auch fühlte, daß ihm aus der Unterhaltung nur Verdruß erwachsen werde. »Junger Mann,« hub der Kaplan an, »Du bist hier im Dienst einer Dame, die, von so hoher Geburt sie ist, doch um des Unglücks willen, das sich an ihre Fersen heftet, unser tiefes Mitleid herausfordert, während die großen äußern Vorzüge, die eine gütige Natur ihr verlieh, und die des Mannes Aufmerksamkeit und Neigung in Fesseln schlagen, zur Vorsicht gemahnen. Hast Du je Dein Verhältnis zur Lady Maria von Schottland aus richtigem Gesichtspunkt betrachtet?« »Ich hoffe die Pflichten, die ein Diener in meiner Stellung einer königlichen Gebieterin in solch trauriger Lage schuldig ist, richtig aufzufassen, würdiger Herr,« sagte Roland. »Recht, aber grade dieses lobenswerte Gefühl kann Dich auf Abwege leiten, die zu Verbrechen und Verrat führen.« »Ich verstehe nicht, worauf Ihr hinaus wollt, Herr,« erwiderte Roland. »Ich will nicht über Dinge mit Dir reden, Jüngling, die dieser übelberatenen Fürstin nachgeredet werden, weil sie sich nicht schicken für die Ohren eines Dieners, der ihr zur Treue verpflichtet ist. Es genügt, wenn ich sage, daß dieser Fürstin höhere Gnadengebote, bessere Ruhmeshoffnung geboten waren als je einem Fürsten der Erde. Aber alles wies sie von sich und führte ein Leben, das sie zuletzt in solch einsame Haft führen mußte zu ihrem eignen Seelenheil und zum Besten des schottischen Volks, wie sie sie jetzt verbringt in diesem einsamen Schlosse.« »Die Gefängnishaft meiner unglücklichen Gebieterin, würdiger Herr,« versetzte Roland mit Ungeduld, »fühle ich selbst, denn ich leide ja infolgedessen selbst unter Beschränkung meiner Freiheit. Und wenn ich offen reden soll, so bin ich dieser Beschränkung herzlich überdrüssig.« »Eben darüber wollte ich mit Dir reden,« sagte freundlich der Kaplan, »vorher möchte ich Dich aber bitten, mein Sohn, den Blick auf diese gesegneten Fluren zu lenken. Was verdiente wohl der, der über sie Mord und Brand brächte, der die Schwerter des Volks gegeneinander kehrte und die mühsam erbauten Wohnstätten in Schutt und Asche legte? ... Was verdiente der, der des Aberglaubens alte Götzen wieder aufrichtete und unsre Gotteskirchen zu Baalsaltären machte.« »Ich errate nicht, wem Ihr die Absicht, solch grauses Elend über Land und Volk zu bringen, beimessen wollt!« sagte Roland. »Verhüte Gott, daß ich sagen wollte, Dir!« erwiderte der Prediger. »Doch achte, Roland Gräme, daß Du über dem Dienste Deiner Gebieterin die höheren Pflichten nicht aus dem Auge verlierst, die der Frieden Deines Vaterlands, und seiner Bewohner Heil und Wohlfahrt erfordern. Sonst, Roland Gräme, könntest Du grade derjenige sein, auf dessen Haupt die solchem Beginnen gebührliche Strafe fiele. Läßt Du Dich vom Gesange dieser Sirene betören, die Flucht dieser unglückseligen Frau aus diesem Orte der Haft und Buße zu befördern, dann ist es aus mit der Ruhe und dem Frieden dieses Landes, mit der Frucht seiner Felder, mit der Wohnlichkeit seiner Hütten, mit der Pracht seiner Paläste ... und das noch ungeborne Kind wird dem Manne fluchen, welcher dem Wirrsal Tür und Tor öffnete, das einem Kriege zwischen Mutter und Sohn entspringen muß!« »Mir ist solches Beginnen fremd, würdiger Herr,« lautete die Antwort des Pagen, »ich kann also auch nichts dazu tun. Ich habe der Königin gegenüber keine andern Obliegenheiten als die eines Dieners, und ihrer wäre ich am liebsten, je eher, je lieber, ledig, demungeachtet –« »In der Absicht, Dich für den Genuß größerer Freiheit zu bereiten,« sagte der Prediger, »habe ich mich bemüht, Dir die Verantwortlichkeit einzuprägen, deren Du Dich bei Erfüllung Dieser Pflicht bewußt zu halten hast. Georg Douglas hat der Schloßherrin gesagt, mein Sohn, Du seiest Deines Dienstes überdrüssig, und da Du desselben nicht entlassen werden kannst, hat sich die Lady durch mich bestimmen lassen, Dich für die Besorgung gewisser Aufträge ins Auge zu fassen, die bislang andern Personen überlassen wurden. Komm also mit mir zur Schloßherrin, mein Sohn, denn heut zum ersten Male sollst Du mit solchem Auftrag bedacht werden.« »Ich möchte doch bitten, würdiger Herr, in diesem Falle von mir abzusehen, denn wie kann es sein, daß einer zweien Herren diene? und ich besorge sehr, daß meine Gebieterin es mir nicht gut anrechnen möchte, wollte ich für andre Herrschaften Dienste tun.« »Diese Besorgnis, mein Sohn, soll von Dir genommen werden,« erwiderte der Prediger, »denn die Schloßherrin wünscht, daß von Deiner Gebieterin die Erlaubnis in schicklicher Form eingeholt werde. Ich vermute, sie wird sie nur zu gern erteilen, weil sie im stillen hoffen mag, auf diese Weise einen Vermittler mehr zu gewinnen für den Briefwechsel, in welchem sie, wie wir wissen, mit Personen in Schottland steht, die sich als ihre Freunde ausgeben, die aber ihres Namens sich bloß bedienen, um einen Bürgerkrieg zu entfesseln und dies arme Land in Not und Schrecken zu setzen.« »Und ich werde auf solche Weise dem Verdacht auf allen Seiten ausgesetzt sein,« erwiderte der Page, »denn meine Gebieterin wird mich als einen Kundschafter ansehen, den ihre Feinde ihr an die Seite gesetzt haben und Lady Lochleven wird den Gedanken nie loswerden, ich könne mich schließlich doch zu einem Verrat durch Umstände bestimmen lassen, die sich zurzeit noch nicht ergeben haben, aber jederzeit eintreten können ... Ich möchte darum vorziehen, zu bleiben, was ich bin.« »Ich verstehe Dich nicht, Roland,« sagte der Prediger nach einer Weile, in der er den Pagen mit scharfem Blicke gemustert hatte, um zu ermitteln, ob nicht in dieser Antwort mehr gelegen sei, als die Worte auszudrücken schienen; aber Roland, von Jugend auf gewöhnt, sich mit seiner Haltung und Miene nach den Worten andrer zu richten, zeigte eine so verdrießliche Miene, daß es nicht möglich war, hinter ihr die Gedanken zu erkennen, die sein Gemüt zurzeit beherrschten ... »ich verstehe Dich nicht, Roland! ich dachte, die Freude, wieder einmal mit Armbrust und Flinte drüben im Lande zu sein, würde alles andre Bedenken bei Dir besiegen.« »Das wäre wohl auch der Fall gewesen,« versetzte Roland, da er inne wurde, daß es gefährlich werden könne, das Mißtrauen des Kaplans zu wecken, »und wie hätte es anders sein können, hättet Ihr mir nicht so schlimme Worte gesagt von Brand und Mord und Wirrsal!« »Laß uns Lady Lochleven aufsuchen,« sagte der Prediger, »und rede selbst mit ihr.« Sie trafen die Dame mit ihrem Enkel, Georg Douglas, beim Frühstück. »Friede sei mit Euer Gnaden,« hub der Prediger an, »und mit Euch, Junker!« Dann winkte er dem Pagen. »Ich bring Euch Roland Gräme, der Eures Auftrags gewärtig ist.« »Unser Kaplan, junger Mensch,« sagte die Schloßherrin zu Roland, »hat sich für Eure Treue verbürgt. Wir möchten Euch daraufhin einige Aufträge geben, die wir in Kinroß, unsrer Stadt, besorgt zu sehen wünschen.« »Auf meinen Rat hin geschieht es nicht,« sagte kalt Georg Douglas. »Das ist von mir nicht gesagt worden,« erwiderte empfindlich die Lady. »Ich sollte meinen, Deines Vaters Mutter sei alt genug, in solcher einfachen Sache zu wissen, wie sie sich zu verhalten habe.« Sie wandte sich hierauf zu Roland. »Nimm also das Boot und fahre mit zwei von meinen Leuten, die Dryfesdale oder Randal bestimmen mag, nach Kinroß hinüber und hole einiges Silberzeug und Tapeten ab, die vorige Nacht von Edinburg für uns angekommen sind.« »Drüben am Ufer wird ein Diener von uns warten, dem gebt zu weiterer Besorgung hier dieses Päckchen,« fügte Georg Douglas bei. »Es ist der schriftliche Wochen-Bericht an meinen Vater,« bemerkte er zu seiner Großmutter, die sich begnügte, mit dem Kopfe zu nicken. »Ich habe dem Herrn Kaplan gegenüber schon betont,« bemerkte Roland, »daß es zuvor notwendig sei, die Einwilligung ihrer Gnaden meiner Gebieterin hierzu einzuholen.« »Dieser Einwand macht Dir nur Ehre, mein Sohn,« antwortete die Lady, »Georg, sorge hierfür!« »Mit gütigem Verlaub von beiden Seiten,« bemerkte der Kaplan, »möchte ich mich dieser Aufgabe unterziehen. Die Königin hat mich zwar während der ganzen Dauer meines Aufenthalts in diesem Schlosse keines Wortes oder Blickes gewürdigt, indessen war es, des rufe ich den Himmel zum Zeugen, in erster Linie der Wunsch, ihre Seele auf den rechten Weg des Heils zu führen, der mich hierher geführt hat.« »Wagt Euch nicht vorwitzig an eine Sache,« meinte Georg Douglas in einem fast höhnischen Tone, »zu der es Euch doch vielleicht an Beruf fehlt ... wer drängt Euch denn zu solchem Dienste?« »Der Herr und Meister, dessen Dienst ich meine Kräfte geweiht habe,« erwiderte mit gläubigem Aufblick der Prediger. »Er, der mir die Pflicht auferlegte, eifrig zu sein in der Zeit und außer der Zeit.« »Mein Sohn,« sagte Lady Lochleven, »hemme nicht den Willen unsers wackern Freundes, sondern laß ihn der unglücklichen Fürstin vortragen, was wir von ihr gewährt zu erhalten wünschen.«-- »Mir liegt nichts dran, es ihm zu wehren,« versetzte Douglas, »ich wünsch ihm alles Glück.« Der Geistliche begab sich zur Königin und traf sie mit ihren beiden Damen in jenem Zimmer, wo sie die denkwürdige Unterredung mit den beiden Lords und Sir Melville gehabt hatte. Sie war, wie immer, mit Stickerei beschäftigt. Sie begrüßte den Diener Gottes mit jener Huld, die fast unzertrennlich von ihrem Wesen war, so daß sich derselbe in gewissem Grade verlegen fühlte. »Die liebe Lady Lochleven, mit Eurer Gnaden Gunst ...« begann er. Maria fiel ihm ins Wort. »Der lieben Lady? ... doch sprecht weiter! was ist dieser lieben Lady Begehr?« »Eure Gnaden möchten dem Pagen Gräme erlauben, nach Kinroß hinüberzufahren, wo er einige Tapeten und Gerätschaften, bestimmt für Euer Gnaden Gemächer, im Boot herüberholen soll.« »Wozu eine Erlaubnis von mir in Dingen, die doch im Belieben der Lady stehen?« fragte die Königin. »Hätte man nicht gemeint, der Page stehe mehr unter dem Befehle der Lady als der Königin, so würde man ihn der Königin schwerlich vergönnt haben. Aber Wir geben, da sie gewünscht wird, diese Einwilligung gern, denn es liegt Uns ferne, zu den Erschwernissen der Gefangenschaft, die Wir erdulden müssen, andre Geschöpfe zu verdammen.« »Ueber Gefangenschaft Klage zu führen, gnädigste Dame,« versetzte der Priester, »ist menschlicher Natur angemessen. Aber es hat auch Menschen gegeben, die erkannten, daß irdische Haft sich verwenden lasse zur Erlösung aus geistigen Banden,« »Ich errate, was Ihr meint, mein Herr,« versetzte die Königin, »doch spart Euch alle Mühe! Ich habe Gelegenheit gehabt, Euren gewaltigen Ketzer-Apostel John Knox zu hören, auch er hat solche Mühe sich gegeben, und ebenfalls umsonst.« »Die Worte, die von ihm, den Ihr mit Recht Apostel nennt, vergeblich gesprochen wurden, konnten bei der Muße, die Euch dieser Aufenthalt zum Nachdenken schafft, im Gegensatz zu der Fröhlichkeit und dem bunten Leben bei Hofe, doch vielleicht freundlicherer Aufnahme sich zu gewärtigen haben. Gott ist mir Zeuge, gnädigste Dame, daß ich in der Einfalt meines Herzens rede, und daß es mir fern liegt, mich nur im entferntesten mit jenem heiligen Manne in Vergleich zu stellen, dessen Namen Eure Lippen genannt haben. Wolltet Ihr aber Euch herablassen, von den herrlichen Gaben der Natur und des Geistes, über die Ihr gebietet, den schönsten Gebrauch zu machen – wolltet Ihr nur der leisesten Hoffnung Raum vergönnen, daß Ihr Euer Ohr den Mahnungen nicht verschlösset, Euch freizumachen von dem Irrglauben und Götzendienst, in welchem Ihr erzogen wurdet, dann bin ich gewiß, daß der reichstbegabte meiner Brüder, daß John Knox selbst herbeieilen würde ...« »Für Eure christliche Liebe bin ich Euch zu allem Dank verbunden, Herr,« erwiderte Maria: »da ich aber zurzeit nur dies bescheidne Audienzzimmer zur Verfügung habe, läge mir wahrlich nichts daran, es zu einem hugenottischen Konzilium verwandelt zu sehen.« »Doch beharret zum wenigsten nicht, gnädigste Frau,« hub der Prediger wieder an, »in solch hartnäckiger Verblendung auf Euren Irrtümern! Leihet einem Manne Euer Ohr, der hungerte und dürstete, wachte und betete, das fromme Werk Eurer Bekehrung zu unternehmen ...« »Ich will Eures Eifers nicht spotten,« fiel ihm Maria von neuem ins Wort, »und es möchte sich wohl so anhören, wenn ich Euch sagte, daß Ihr eher zum Hohngelächter der Hölle werden, als über sie siegen dürftet! Eure Nächstenliebe fordert im Gegenteil meinen Dank, denn sie mag wohl redlich gemeint sein ... aber hegt von mir die gleich gute Meinung, die ich von Euch hege, und haltet dafür, daß ich so lebhaft danach verlange, Euch auf den rechten Weg zurückzuführen, wie Ihr es mir gegenüber verlangt.« »Sofern dies wirklich Eure ehrliche Absicht ist, gnädigste Frau,« nahm sie der Prediger beim Worte, »was hindert uns dann, in die Erörterung solch wichtiger Streitfrage einzutreten? Ihr verfügt, nach aller Zeugnis, die mit Euch verkehrten, über Gelehrsamkeit und Witz ...« »Nein, nein,« wehrte ihm Maria, »es wäre trotz allem ein ungleicher Kampf! denn Ihr, Herr, könntet Euch, sobald Ihr merkt, daß der Kampf sich zu Euren Ungunsten neigt, aus dem Treffen ziehen, ich aber bliebe an den Pfahl gebunden und könnte nicht sagen, ich sei des Streites müde ... Nein, nein! ich habe bloß einen Wunsch, allein zu sein!« Mit diesen Worten verneigte sie sich vor dem Kaplan, und dieser, so glühender Eifer ihn auch beseelte, meinte doch nicht, solchem Winke gegenüber seine Anwesenheit länger ausdehnen zu dürfen, sondern wandte sich nach einer tiefen Verbeugung, um das Zimmer zu verlassen. Doch Maria nahm noch einmal das Wort. »Tut mir in Euren Gedanken nicht unrecht, Herr,« sagte sie; »sollte sich mein Aufenthalt in dieser Burg verlängern, sollten weder meine meuterischen Untertanen ihr Unrecht bereuen lernen, noch die mir treu gebliebenen die Oberhand gewinnen, dann könnte ja vielleicht der Fall eintreten, daß es meinen Ohren nicht unangenehm wäre, einen Mann anzuhören, der so verständig und teilnahmsvoll zu sein scheint wie Ihr; dann lasse ich es vielleicht, auf die Gefahr hin, von Euch belächelt zu werden, auf einen Versuch in dem von Euch angedeuteten Sinne ankommen, aber das müssen wir späteren Zeiten überlassen, und inzwischen mag unsre liebe Lady über meinen Pagen verfügen, wie es ihr gefällt.« Hierauf wandte sie sich an Roland. »Hier, mein lieber junger Freund, nimm die kleine Börse! es sind ein Paar Goldstücke drin, geprägt mit meinem eignen, nichtssagenden Gesichte, und doch hab ich sie immer wirksamer gegen als für mich gefunden – grad so wie meine eignen Untertanen die Waffen gegen mich ergreifen und meinen eignen Namen als Losung und Feldgeschrei gegen mich gebrauchen – da, Freund! nimm die paar Goldfüchse und amüsiere Dich auf dem Feste drüben! tanze, jubiliere, laufe, springe, liebe, drüben in der Stadt ist alles passabel, aber hier in diesem Kastell müßte jemand mehr als Quecksilber in den Adern haben, wollte er lustig sein.« »Aber, gnädigste Dame,« wandte der Kaplan ein, »wozu ermuntert Ihr diesen Jüngling, da doch die Zeit enteilt und unser die Ewigkeit harret. Läßt sich das Heil durch eitle Lust erringen? lassen sich fromme Werke üben ohne Zittern und Zagen?« »Furcht und Zittern,« erwiderte die Königin, »sind Maria Stuart fremd; aber siechen Herzens bin ich, und Wir möchten nicht ferner in Unsrer Ruhe gestört sein durch weitern Disput, Drum bitt ich, Herr, mit aller Schonung, die mit solcher Bitte vereinbar ist, Ihr wollet Euch anderswohin verfügen.« Und durch die Aufnahme, die ihm zu teil geworden, mehr gedemütigt als erfreut, entfernte sich der Kaplan, und bald nach ihm verließ auch Roland Gräme seine Gebieterin, um sich von Lady Lochleven die Weisungen für den ihm zugedachten Auftrag zu holen, »Unser Kämmerer oder, wie er sich doch nennt, törichterweise, Doktor Lukas Lundin drüben in Kinroß, wird Dich belehren über Zweck und Aufgabe der kleinen Reise, Im übrigen vergiß nicht, daß man Vertrauen in Dich setzt. Zeige Dich also desselben würdig!« Er eilte in sein kleines Stäbchen und legte seine schmuckeren Pagenkleider von Avenel an statt der schwarzen, die von Maria Stuart in Lochleven nur gelitten wurden. Dryfesdale, der Hausmeier, wartete schon am Bootsplatz und trieb zur Eile. Roland sprang in das Boot und war bald am andern Ufer, wo er sich sogleich nach dem Kämmerer Lundin erkundigte. Aber dieser hatte schon gehört, daß ein Bote von Lochleven da sei und ihn sprechen wolle, und kam Roland halbwegs entgegen. Fünftes Kapitel. Lukas Lundin war aus der benachbarten Grafschaft Fife gebürtig, stand mit dem den Lochlevens befreundeten Geschlechte der Lundins in entfernter Bluts- oder Seitenverwandtschaft und hatte sich dem Studium der Heilkunde zugewandt, aber nicht mit dem gewünschten Erfolg. Er war deshalb froh gewesen, die behagliche Anstellung eines Kämmerers in der Lochlevenschen Güterverwaltung zu bekommen. In den unruhvollen Zeiten waren die Kämmerei-Einkünfte aber auch zurückgegangen, und er hatte sich nebenher wieder zu seiner frühern Kunst gewandt, und nun hatte man in der Herrschaft Kinroß bald die Erfahrung gemacht, daß die Bewohnerschaft es in der Zwangsmühle des Barons nicht schlechter gehabt hatte als jetzt, wo sie von dem Doktor und Kämmerer gezwungen wurde, sich mit allen möglichen Arzneien und Mixturen vom Leben zum Tode zu kurieren; und wehe dem reichen Landbauern, der es sich herausnahm, ohne einen Paß vom Doktor Lundlin aus dem Leben zu scheiden! In seiner doppelten Bedeutung, als Arzt und als Amtsperson, und eingebildet auf die gelehrten Brocken, mit denen er seine Rede so spickte, daß sie fast unverständlich wurde, hieß er den Pagen, der auf ihn zutrat, willkommen, »Der Morgen spende Euch Kühlung, schöner Herr! Ihr seid gewiß hierher gesandt, um Euch zu erkundigen, ob ich die mir übertragne Ordnung auch angemessen aufrecht erhalte. Ihre Gnaden wünschen ja alle abergläubischen Observantien und Zeremonien bei diesem unserm Fest aufgehoben zu sehen. Aber wie ich die Ehre hatte, ihr aus den Büchern des gelehrten Hercules Saxo auseinanderzusetzen, daß omnis curatio est vol canonia vol coacta , was soviel heißt, schöner Herr, denn Samt und Seide haben selten ihr Latein ad unguem , jede Kur muß durch Kunst und Anwendung der Regeln oder mit Gewalt bewerkstelligt werden; und der weise Arzt zieht das erstere vor. Da Ihre Gnaden solchem Grund ihre Anerkennung nicht versagten, habe ich mir die veniam genommen, Unterweisung und Vorsicht mit gaudium zu vermischen, so daß ich dafür bürgen kann, daß das Volksgemüt durch die gebrauchten Medikamente von veralteten päpstlichen Torheiten gereinigt und ausgefegt werden dürfe, tuto, cito, jucundo . »Doktor Lundin,« antwortete der Page, »ich habe keinen Auftrag.« »Nennt mich nicht Doktor,« antwortete der Kämmerer, »denn ich bin doch im wesentlichen jetzt auf das weltliche Geschäft der Kämmerei beschränkt, wenn Ihr auch in meiner Wohnung, wohin ich Euch jetzt geleite, gut tun werdet, nicht über Retorten zu stolpern.« Dort angelangt, fand der Page freilich allen Grund, vorsichtig zu sein, denn neben ausgestopften Vögeln, Eidechsen, Schlangen in Spiritus, Kräuterbündeln und andern zum Trocknen ausgebreiteten Ingredienzien, wie sie sich auf dem Warentische eines Spezereihändlers befinden, lagen und standen auch Berge von Holzkohle, Schmelztiegel, Kohlenbecken und allerhand andres Zubehör einer chemischen Werkstätte herum. Doktor Lundin war Philosoph und war unordentlich wie ein Philosoph, und die alte Wirtschafterin, die, wie er sagte, über dem Nachräumen dessen, was er verlege und verkrame, ihr Leben hinbringe, hatte sich heut schon beizeiten auf den Weg nach dem Tanzboden gemacht. Es dauerte also geraume Zeit, bis der Doktor aus all seinen Glasbeständen zwei Gläser herausgefunden hatte, die geeignet waren, solch schmuckem Gaste etwas zum Trinken vorzusetzen, und nicht minder lange dauerte es, bis er aus seinen anderen Vorräten dasjenige herausgefunden hatte, was er solchem Gaste als Herzstärkung vorsetzen durfte. Aber endlich war ihm beides gelungen, und nun mußte sich Roland dazu bequemen, von dem in allen Tonarten gepriesenen Getränk seines Wirtes zu kosten; aber er fand das Zeug so abscheulich bitter, daß er gern aus der ärztlichen Werkstatt in den Hof hinaus geschlüpft wäre, um ein Glas Wasser zu trinken. Aber sein redseliger Wirt wollte ihn nicht von sich lassen, sondern schwatzte ihm die Ohren voll mit allerhand Geschichten von Kuren und Mixturen, bis Roland endlich die Geduld riß und er dem Doktor erklärte, er wolle unbedingt keine Zeit weiter verstreichen lassen, sondern sich das Fest ansehen. »Ein passabler Vorschlag,« stimmte der Doktor bei, »und ich täte auch gut, mich auf dem Festplatze sehen zu lassen. Ueberdem erwartet uns das Schauspiel, junger Mann, denn heute spielt totus mundus histrionem . So machten sie sich beide auf den Weg. Das Erscheinen des Kämmerers erregte großen Jubel, denn nun ließ sich annehmen, daß es mit dem Beginn des Schauspiels nicht mehr lange dauern werde. Alles andre, was auf dem Feste geboten wurde, war jüngern Datums, aber das dramatische Spiel fesselte noch immer die Aufmerksamkeit am meisten. Im Nu wurden alle andern Belustigungen unterbrochen, der Tanz um den Maienbaum wurde eingestellt, und Tänzer wie Tänzerinnen sprangen zur Waldwiese, wo die Bühne aufgerichtet war. Der große braune Bär und die drei bis vier Bullenbeißer, die zur Augenweide des Publikums einen grimmigen Kampf ausfochten hatten, wurden von einem halben Dutzend Bauernburschen im Verein mit dem Bärenführer mit Stangen auseinander gebracht. Der Bänkelsänger sah sich grade bei der interessantesten Stelle seines Liedes von seinem ganzen Publikum verlassen und merkte zum lebhaftesten Verdrusse, daß er den günstigen Moment zum Einsammeln seines Spielhonorars verpaßt hatte, schob seine dreisaitige Fidel mit verdrossnem Gesicht in ihr Futteral und folgte mit einem Gebrumm, wie es keine Baßgeige kräftiger hätte herausbringen können, dem Volke zu jener andern Vorführung, die die seinige so schmählich in den Hintergrund gedrängt hatte. Der Taschenspieler gab es auf, Feuer zu schlucken und Drachen zu speien, und machte es wie sein Kollege der Bänkelsänger. Wollte man an die theatralische Vorstellung, die hier geboten wurde, den Maßstab von heute legen, so würde man freilich weit neben das Ziel schießen, denn wahrscheinlich waren die Bühnen im alten Griechenland gegenüber denen im alten Schottland noch großartig zu nennen. Von Kulissen, Maschinenwerk, Logen und Parterre ec. war nichts zu erblicken, der grüne Rasen war die Bühne, und Rasenbänke waren für die Zuschauer die Sitze, die um drei Vierteile des Platzes herum liefen, während das letzte Viertel offen gelassen war für die Schauspieler zum Auf- und Abtreten. Auf diesen Rasenbänken saß nun das kritische und unkritische Publikum, allen voran der Kämmerer als die vornehmste Standesperson, der den Platz in der Mitte einnahm. Die Schauspieler, die hier auftraten, waren dieselben, wie auf all den frühern Volksbühnen der Kulturvölker: greise Männer und Weiber, die von ihren Kindern ausgebeutet und ausgeplündert werden, ein großmäuliger Kriegsmann, ein pfiffiger Ablaßkrämer, ein Tolpatsch von Bauer und eine Zierpuppe von Stadtmadam. Daneben der lose Narr mit der Pritsche, der Don Juan der spanischen Bühne, u. s. w. Das Stück war eine Komödie gegen den katholischen Glauben, das keine geringere Person als den Doktor Lundin zum Urheber hatte, allerhand scharfe Spitzen gegen die Geistlichkeit und die Klöster ec. enthielt; und wenn eine besonders saftige Stelle zum Vortrag kam, so ermangelte er nicht, Roland mit dem Aermel anzustoßen, und wenn auch Roland nicht lachte, so unterließ er das doch nie selbst und klatschte wohl auch in die Hände, um die allgemeine Stimme seinem Werke recht günstig zu machen. Die Handlung drehte sich um das uralte, ewig neue Thema des Liebeshandels zwischen Mann und Weib, wobei eine wundertätige Reliquie ihre wirksame Rolle spielte. Mit entsprechenden Grimassen und Hanswurstereien wurde die Reliquie allen Darstellerinnen reihum präsentiert, von denen aber keine, wenn es an die Keuschheitsprobe ging, bestehen konnte oder wollte. Endlich drohte die Geschichte langweilig zu werden, und der Reliquienkrämer wollte ein andres Stück an die Reihe bringen, als der Narr unvermutet einem jungen Frauenzimmer, das in der vordersten Reihe der Zuschauer stand, ein schwarzes Tuch vor dem Gesicht hatte und sich grade mit den Vorgängen auf der Bühne schärfer als vorher befaßte, ein Fläschchen unter die Nase hielt. Infolge des scharfen Geruchs, den das Fläschchen ausströmte, mußte das Frauenzimmer heftig niesen und geriet darüber in solchen Zorn, daß es dem Narr eine Ohrfeige versetzte, so derb, daß derselbe ins Gras purzelte. Darüber nun großer Lärm. Alles schrie der couragierten Person Beifall zu, aber der Narr erhob sich langsam und fing an zu wimmern und seine Backe zu streicheln, und da schien es, als wenn die Stimmung des Publikums umschlagen wollte. Den Kämmerer verdroß es aber, daß gegen den Narren solche Selbstjustiz von solchem jungen Dinge geübt worden war, und er beorderte zwei von seinen Hellebardierern, die schuldige Person vor sein Tribunal zu führen. Das Mädchen aber widersetzte sich trotzig den beiden Dienern der kämmerlichen Hermandad, und schon schickten diese sich an, Gewalt zu brauchen, als das Mädchen nach kurzem Besinnen in bescheidner jungfräulicher Sitte ihren Mantel um die Arme schlug und sich zum freiwilligen Mitgehen anschickte. Leicht und in natürlicher, ungezwungner Anmut schritt sie über den Rasenplatz, bewacht von ihren beiden Trabanten, und ließ ihr blitzsaubres, rotbraunes Mieder sehen mit dem Röschen von rotbrauner Farbe und dem niedlichen Füßchen darunter. Das Tuch verhüllte ihr Gesicht, aber der Doktor, der es sich trotz alles wissenschaftlichen Ernstes nicht nehmen lassen mochte, ein guter Kenner weiblicher Schönheit zu sein, meinte genug gesehen zu haben, um von dem wenigen, was er sah, einen befriedigenden Schluß auf das Ganze zu machen. »Was hast Du zu Deiner Entschuldigung vorzubringen, Du naseweises Ding, das mich hindern könnte, Dich in den See zu tauchen zur Strafe dafür, daß Du Dich an einem Manne vergriffen hast?« fragte der Doktor. »Weil ich, beim Himmel, meinen sollte, daß Eure Würden bei dem Unfall, der mich betroffen hat, auch noch ein kaltes Bad für notwendig erachten werden, möchte ich mich der Antwort entschlagen,« versetzte das Mädchen. »Eine verteufelte Schwerenöterin,« flüsterte der Doktor dem neben ihm sitzenden Roland zu, »und ganz gewiß, wie ich wetten möchte, ein sehr liebes Kind ... Mein Kind, Du zeigst von Deinem Gesichtchen recht wenig. Möchtest Du nicht so freundlich sein, das Tuch abzubinden?« »Hoffentlich wird Eure Würden mir vergönnen, damit so lange zu warten, bis wir näher bekannt sind. Ich möchte wenigstens nicht als das arme Ding im Lande bekannt sein, mit dem der alberne Mensch seinen Jux getrieben hat.« »Sei unbesorgt um Deinen Ruf,« erwiderte der Doktor, »denn so wahr ich Kämmerer von Lochleven, Kinroß usw. bin, selbst die keusche Susanne hätte an diesem Elixir nicht riechen können, ohne zu niesen, da es pures Extraktum von Sonnenessig war, von mir speziell gebraut. Und da Du Dich bereit erklärst, über den Vorfall Dich gebührlicher Reue und Buße nicht zu verschließen, so befehle ich Dir, für den Augenblick alles beim alten zu lassen, wie wenn keinerlei Unterbrechung und Störung dieser Art sich bei diesem spectaculo ereignet hätte.« Das Mädchen verneigte sich vor Ihren kämmerlichen Würden und verfügte sich an ihren Platz zurück. Das Spiel nahm seinen Fortgang, aber der Page fühlte keinerlei Interesse mehr daran. Was ihm seltsame Gedanken machte, war der Umstand, daß dieses Mädchen eine gewisse Aehnlichkeit mit Katharina Seyton aufwies. Stimme und Gestalt, auch Nackenbildung und Lockenhaar erinnerten unmittelbar an die geliebte Erscheinung, daß es ihm wirklich zu Mute war, als habe er sich im Irrsal eines seltsamen und staunenerregenden Traumes befunden. Der merkwürdige Auftritt im Wirtshause trat ihm mit all seinen merkwürdigen Umständen wieder vor die Seele. Waren in diesem seltsamen Geschöpf von Mädchen all die Märchen, wie man sie in Gedichten vorfand, in die Wirklichkeit getreten? war Katharina im stande, sich aus dem festen Schlosse Lochleven, das doch von dem breiten See umgeben war, – nach welchem er sich jetzt umsah, wie wenn er sich vergewissern wollte, ob er auch wirklich noch da sei – hierher zu begeben? konnte sie all diese Hindernisse besiegen, um an einem Feste in solchem Dorfe wie Kinroß teilzunehmen? und konnte sie sich hier so weit hinreißen lassen, daß sie in Händel mit der Ortspolizei geriet? War das möglich? Ließ sich das annehmen? Roland konnte zu keiner bestimmten Meinung gelangen, ob er sich irrte oder nicht; aber soviel mußte er sich sagen, daß sie sich zu einem Geschöpf entpuppen würde, für das dem gewöhnlichen Menschenkinde die Begriffe fehlten, wenn sie die Mühen und Anstrengungen im Verein mit den mannigfachen Gefahren wirklich überstanden hätte, um ihre Freiheit zu gewinnen, und wenn sie diese Freiheit in der Tat dazu wahrnähme, sich den Genuß solcher Feste zu verschaffen! In diesen Betrachtungen wurde er gestört durch seinen Gefährten Doktor Lundin.. »Ihr dürftet,« meinte dieser, indem er Roland ziemlich unsanft in die Rippen stieß, wahrscheinlich weil er schon mehrfach auf zartere Weise versucht haben machte, die Aufmerksamkeit des jungen Pagen für sich zu gewinnen, »doch vielleicht Lust zu einem Tänzchen haben? Die Spielleute fangen an aufzuspielen, und über Eure Tänzerin seid Ihr wohl nicht im Zweifel? Discernit sapiens res, quas cofundit asellus . Kaum hörte der Page diese Mahnung des Kämmerers, als er auch schon auf den Beinen war, drei bis vier Bauernburschen den Rang abzugewinnen, die die muntre kleine Schlägerin ebenfalls aufs Korn genommen hatten. Keiner von ihnen verstand die rechten Worte für seine Absicht zu finden, der Page meldete aber in wohlgesetzter Rede, daß er im Auftrage oder doch wenigstens als Abgesandter des Kämmerers komme, ihre Hand zu einem Tänzchen zu erbitten. »Der würdige Kämmerer,« versetzte sie, »indem sie ihm ihre Hand reichte, »ist ganz gescheit, sein Vorrecht auf einen Tanz auf solche Weise geltend zu machen. Die Vorschriften auf diesem Tanzboden möchten eine andre Wahl für mich wohl auch ausschließen.« »Vorausgesetzt, schönes Fräulein, bemerkte der Page, »daß Euch die Wahl des Ersatzmanns nicht durchaus mißfällig sei.« »Darauf, schöner Herr,« antwortete die lose Maid, »möcht ich Euch antworten, wenn wir den ersten Gang auf diesem Turnier hinter uns haben.« Katharina Seyton besaß, wie wir wohl schon einmal bemerkt haben, eine bewunderungswürdige Grazie ihrer Bewegungen und eine außerordentliche Gewandtheit. Sie war von ihrer königlichen Herrin oft gebeten worden, ihr etwas vorzutanzen, und dann war Roland Gräme immer ihr Partner gewesen. Infolgedessen kannte er ihre Art beim Tanzen genau, und machte jetzt die Wahrnehmung, daß die lose Maid, die er zum schottischen Bauerntanze aufführte, Katharinen wohl an Munterkeit und Grazie glich, aber hier auf dem Rasenturnier eine stärkere Hand erforderte als die kunstreichen Pas, Touren und Wendungen im kleinen Gemache der Königin. Aber die vielen Dinge, die bei solch naturwüchsigem Tanze Beobachtung heischen, ließen ihm keine Zeit zum Nachdenken und noch weniger Zeit zum Plaudern. Als aber ihr Pas-de-deux zu Ende getanzt war, und das ganze Landvolk, das solch kunstvolle Ausführung wohl noch nie gesehen haben mochte, in lautes Klatschen und Jubeln ausbrach, da nahm er diesen Zeitpunkt wahr, ein Gespräch mit seiner Schönen anzuknüpfen. »Holde Kallipolis,« hub er an, »darf ich nicht bitten um den Namen derjenigen, die mir solch hohe Gunst gewährte?« »Das dürft Ihr schon,« antwortete sie, »was anders aber ist's, ob ich's Euch sagen werde.« »Und warum solltet Ihr nicht wollen?« »Weil niemand was gibt für nichts und wider nichts!« versetzte die Schöne. »Und Ihr könnt mir nichts sagen von allem, was ich gern hören möchte.« »Könnt ich nicht meinen Namen und meine Verwandtschaft sagen im Austausch?« fragte der Page. »Nein, denn Ihr wißt von beidem wenig!« sagte die Maid. »Wieso?« fragte der Page verstimmt. »Seid nicht grillig darüber,« antwortete das Mädchen, »ich will's Euch auf der Stelle zeigen, daß ich von Euch mehr weiß, als Ihr selber von Euch bislang wohl gehört habt!« »Das wäre!« erwiderte Roland Gräme, »für wen haltet Ihr mich wohl?« »Für den Nestfalken, den ein Windspiel in der Schnauze ins Schloß trug – für den Sperber, den man nicht von der Leine lassen mag, damit er den Fang nicht im Stich lasse und auf Aas stoße, und dem man die Kappe nicht abnehmen darf, bis seine Augen hell genug geworden sind, Gutes von Bösem zu unterscheiden.« »Nun, sei es so,« erwiderte Roland Gräme, »ich errate einen Teil Eures Gleichnisses, schöne Herrin, und vielleicht weiß ich von Euch so viel wie Ihr von mir und kann der Auskunft, mit der Ihr so spröde tut, entbehren.« »Nun, so beweist's,« versetzte das Mädchen, »und ich will Euch gern scharfsinniger halten, als Euer Gesicht erraten läßt.« »Ich will sofort damit dienen,« erwiderte Roland, »Euer Name fängt an mit einem S und schließt mit einem N.« »Trefflich geraten,« sagte die Tänzerin, »weiter, bitte!« »Heut paßt's Euch, Haube und Schürze zu tragen,« sagte Roland, »und morgen sieht man Euch wohl vielleicht in Hut und Feder, Wams und Beinkleid?«  – »Fein gezielt! Aufs Haar getroffen!« rief die Maid, mit Mühe ein herzliches Lachen unterdrückend. »Ihr könnt Männern die Augen ausschlagen und Herzen aus dem Busen reißen!« fuhr Roland fort, aber wenngleich er diese letzten Worte so leise sagte, daß er meinte, sie müßten zum Herzen gehen, so minderten sie doch die Lachlust der muntern Dame nicht, sondern mehrten sie nur und Zwar in einem Maße, daß Roland sich schrecklich dumm vorkam. »Hättet Ihr meine Hand,« sagte die Maid, »für so schlimm erachtet, dann hättet Ihr sie wohl kaum so derb angefaßt! Aber ich sehe schon, Ihr kennt mich so aus dem FF, daß gar kein Grund für mich vorliegen kann, Euch mein Gesicht zu zeigen.« »Schöne Katharina,« erwiderte der Page, »der wäre wahrlich nicht würdig, Euch je gesehen zu haben, der so lange unter einem Dach mit Euch gelebt, so lange Eure Grazie bewundert, Eure Mienen studiert, Euer Ebenmaß angestaunt hätte und Euch nicht überall erkennen sollte, wo ihm das Glück, Euch gegenüber zu treten, zu teil wird? Und wer mit Stumpfsinn geschlagen wäre, müßte Euch erkennen; was aber mich angeht, holde Kallivolis, dann könnt ich wohl auf diese Locke schwören, was hinter diesem Tuche sich birgt!« ».. und auf das Alltagsgesicht, das dieses Tuch verhüllt,« sagte das Mädchen, indem sie es zurückschob, aber im nämlichen Augenblick wieder darüber zu ziehen suchte. Es waren Katharinens Züge, aber ein eigentümlicher Grad von Ungeduld und Zorn zuckte darin auf, als es ihr nicht gelingen wollte, das mit der Eleganz und Gewandtheit zu tun, die ein auszeichnendes Moment für die Modedamen der damaligen Zeit war. »Der Teufel soll den Fetzen in Stücke reißen,« rief das Fräulein, während das Tuch ihr um die Schultern wehte, in solch resolutem und zornigem Tone, daß der Page stutzig wurde. Er blickte ihr von neuem ins Gesicht, aber er sah in den Augen nichts anders als bisher. Dann half er ihr, das Tuch zu ordnen, und dann schwiegen beide eine Weile, Das Fräulein begann die Unterhaltung zuerst wieder, denn Roland war außer stande, sich die Widersprüche, die er im Aeußern und im Charakter bei Katharina entdeckte, zusammenzureimen. »Was Ihr hier hört und seht,« sagte das Mädchen, »verwundert Euch? Aber der Lauf der Zeit, der aus Weibern Männer macht, ist am wenigsten geeignet, daß aus Männern Weiber werden; und doch steht Ihr, scheint's, in Gefahr einer solchen Metamorphose.« »Ich stünde in Gefahr, zu einem Weibe zu werden?« fragte Gräme. »Ei freilich, trotz aller Keckheit, mit der Ihr antwortet! ..« erwiderte das Fräulein. »Zu einer Zeit, da Ihr festhalten solltet an Eurem Glauben, weil er bedrängt wird von allem möglichen verräterischen Ketzergesindel, laßt Ihr ihn Euch aus dem Herzen entwinden wie Wachs! Ist das nicht weibisch? ... Und was besticht Euch dazu? Feile Hoffnung auf Gewinn und irdische Auszeichnung! Ist das nicht weibisch? ...Und wenn Ihr Euch wundert, daß ich eine Drohung ausstoße oder einen Fluch über die Lippen gelangen lasse, solltet Ihr nicht vielmehr Euch wundern über Euch selbst, daß Ihr beim Vorhandensein eines Anspruchs auf edlen Namen und bei dem Streben nach Ritterswürde, das Euch doch beseelt, so feige, so töricht und so selbstisch sein könnt!« »Ich wollte, solchen Vorwurf machte mir ein Mann!« rief der Page, »er sollte gewahren, ob er Ursache habe, mich der Feigheit zu zeihen, noch ehe er um eine Minute älter geworden wäre.« »Seht Euch vor ob solcher stolzen Worte!« versetzte das Mädchen. »Ihr sagtet noch eben erst, ich trüge zuweilen Wams und Beinkleid.« »Aber Ihr bleibt immer Katharina Seyton, und wenn Ihr sonst was tragt,« antwortete der Page, indem er von neuem versuchte, sich ihrer Hand zu bemächtigen. »So gefällt es Euch, mich zu nennen,« entgegnete das Mädchen, seine Absicht vereitelnd, »doch führe ich daneben noch andre Namen!« »Und wolltet auf den nicht hören, unter dem Ihr alle Schönen ganz Schottlands an Schönheit überstrahlt?« rief der Page. Sein Lob bestach sie nicht, denn sie hielt ihn noch immer von sich fern, und unter mutwilligem Lachen hub sie an, aus einer Ballade die Strophe zu trällern: »Der eine Herzliebste, der ruft mich Hans, Und der andre bald Roland, bald Will. Doch reite ich nüber nach Holyrood, Dann bin ich der Willy Will.« »Sagt lieber, der Eigenwill oder Hansdampf in allen Gassen,« rief Roland bitter, »denn ein trügerisches, luftigeres Gebilde hat's wohl nie gegeben!« »Wenn ich's bin,« erwiderte das Mädchen, »so mach ich's doch keinem Narren zur Bedingung, mir nachzulaufen! und wenn er's tut, so tut er's aus eigner Lust und Freude, und muß auch die eigne Gefahr drum leiden!« »Aber, holdeste Katharina, seid doch bloß mal einen einzigen Augenblick ernsthaft!« sagte Roland Gräme. »Wollt Ihr mich Eure holdeste Katharina nennen,« sagte das Fräulein, »da ich Euch doch die Wahl ließ unter so mancherlei Namen, möchte ich Euch doch fragen, wie Ihr so grausam sein könnt, mir während der paar vergnügten Augenblicke, die ich seit Monden vielleicht genieße, zuzumuten, daß ich ernst sein solle? vorausgesetzt natürlich, daß Ihr die Vermutung, festhaltet, ich sei dem Turm dort drüben auf ein paar Stunden entronnen!« »Aber, schöne Katharina, es gibt doch Augenblicke im Leben voll so tiefen und warmen Gefühls, daß sie Jahre aufwiegen! und solcher Augenblick war gestern für mich, als Eure Lippen..« »Was?... meine Lippen?« fragte hastig das Fräulein. »Als Ihr Eure Lippen zum Zeichen des Kreuzes so nahe brachtet, das Ihr mir auf die Stirn machtet!« »Heilige Gottesmutter!« rief in noch stolzerm Tone und mit noch männlicherer Weise als bisher das Fräulein, »Katharina Seyton hätte ihre Lippen der Stirn eines Mannes genähert, und dieser Mann wärst Du? ... Sklave, Du lügst!« Roland erstaunte. Als er aber erkannte, daß er das Zartgefühl des Mädchens durch diesen Hinweis auf einen Augenblick schwärmerischer Begeisterung gekränkt habe, bemühte er sich, ein paar Worte der Entschuldigung oder Rechtfertigung zu stottern, und seine Gefährtin ließ, ob sie schon aller gebührlichen Form ermangelten, sie doch gelten, zumal ihr Unwille sich bereits wieder gelegt hatte. »Reden wir nicht weiter drüber,« sagte sie, »sondern scheiden wir! denn unsre Unterhaltung möchte zuletzt noch Aufmerksamkeit wecken, und die taugt vielleicht für uns beide nicht.« »Erlaubt mir wenigstens, Euch nach einem abgeschiedenen Platze zu folgen!« sagte der Page, »Das wagt Ihr doch nicht!« sagte das Mädchen. »Ich sollte mich dorthin nicht getrauen, wohin Ihr geht?« fragte der Page. »Ihr fürchtet Euch vor einem Hansdampf in allen Gassen,« sagte das Fräulein; »wie, wenn nun gar ein feuriger Drache käme, der eine Zauberin auf seinem Rücken trüge?« »Wie Zauberer Merlin am Artushofe?« rief Roland; »gibt's solche Wunderdinge hier zu sehen?« »Ich geh zur Mutter Rieneven, und die weiß mit der Wünschelrute fein Bescheid!« »Dorthin will ich Euch folgen,« erwiderte Roland. »Doch nur in gewissem Abstande!« erwiderte das Mädchen. Geschickter als zuvor hüllte sie sich in ihren Mantel, mischte sich ins Gedränge und ging nach dem Dorfe zu, während Roland ihr behutsam, um keinerlei Aufmerksamkeit zu wecken, in einiger Entfernung folgte. Sechstes Kapitel. Als das Fräulein in die Haupt- oder einzige Straße einbog, die Kinroß besaß, drehte es sich um, wie wenn es sich überzeugen wolle, daß er die Spur auch nicht verloren habe. Dann bog sie plötzlich in ein schmales Seitengäßchen ein, das von einer kleinen Reihe armseliger, baufälliger Hütten gebildet wurde. Vor der Tür solcher elenden Wohnstatt blieb sie noch einmal stehen und blickte wieder die Gasse hinauf nach dem Pagen, dann griff sie nach der Klinke, machte die Tür auf und verschwand ... So geschwind auch der Page hinter ihr her war, so verursachte doch der besondre Kniff, der beim Druck auf die Klinke von nöten war, und der Druck gegen die Tür, die auch nicht sogleich nachgab, eine Verzögerung von einigen Minuten. Ein räucheriger Gang führte, wie in allen schottischen Bauerhütten, zu dem sogenannten »Hallan«, der das Innere solcher Behausung von der Außenwelt scheidenden Lehmwand. Am Ende des Ganges führte eine Tür in dieser Scheidewand nach dem »Ben« oder innern Stäbchen der Hütte, und als Roland den Drücker faßte, da sprach eine weibliche Stimme: Heil, wer im Namen des Herrn, wehe, wer im Namen des Feindes kommt! Als er in das Zimmer eintrat, erblickte er vor einem niedrigen Herde eine Gestalt. Sonst war der Raum leer. Roland Gräme sah sich darin um, verwundert über Katharinas Verschwinden, ohne des alten Weibes zu achten, bis sie durch den Ton ihrer Stimme von neuem seine Aufmerksamkeit fesselte. »Was suchst Du hier?« fragte sie. »Ich suche ... ich suche...« stotterte verlegen der Page. Aber er stockte, denn das alte Weib zog mit einem grimmigen Blicke, der ihre Stirn in tausend Falten legte, die hohen, grauen Brauen finster zusammen, stand auf, richtete sich zu voller Höhe auf, ritz das Tuch vom Haupte, nahm Roland beim Arm und führte ihn mit zwei Schritten quer durch das Zimmer vor ein kleines, schmales Fenster, das volles Licht auf ihr Gesicht warf und dem verdutzten Jünglinge die Züge von Magdalena Gräme zeigte ... »Ja, Roland,« sagte sie, »Deine Augen betrügen Dich nicht, sie zeigen Dir die Züge derjenigen, die Du betrogen haft, deren Wein Du in Galle, deren Brot Du in Gift, deren Hoffnung Du in Verzweiflung verwandelt hast! ... Magdalena Gräme ist es, die jetzt an Dich die Frage richtet: Was suchest Du hier? – Das Weib, dessen einzige Sünde war, daß es Dich liebte über alles, mehr als das Heil der ganzen Kirche liebte, sie richtet jetzt an Dich die Frage: was suchest Du hier?« ... Und ihre großen schwarzen Augen hafteten auf dem Antlitz des Jünglings mit dem Ausdruck, den das Auge eines Adlers zeigt, der im Begriffe steht, seine Beute zu zerreißen. Roland fühlte sich im Augenblick unfähig, zu antworten oder zu entrinnen. Die wunderliche Schwärmerin hatte von jenem Ansehen, das sie während seiner Kindheit über ihn gewonnen hatte, noch manches behalten. Außerdem war er sich der Leidenschaft und Unduldsamkeit gegen Widerspruch noch recht gut bewußt und ahnte, daß, er mochte antworten, was und wie er wollte, sich ganz sicher annehmen ließe, daß sie in maßlose Wut geraten werde. Darum schwieg er, und Magdalena Gräme fuhr mit steigender Begeisterung fort: »Noch einmal, falscher Knabe, was suchest Du hier? Doch nicht die Ehre, auf die Du verzichtetest, den Glauben, den Du verlassen, die Hoffnungen, die Du zertrümmert hast? ... oder suchtest Du mich, die einzige Beschützerin, die einzige Verwandte, die sich Deiner angenommen hat in Deiner Jugend? vielleicht um mein graues Haar unter Deine Füße zu treten, wie schon die liebsten Wünsche meines Herzens?« »Verzeiht mir, Mutter,« erwiderte jetzt Roland Gräme, »Euren Tadel verdiene ich gewiß nicht. Bin ich nicht von allen, und vor allen andern von Euch, verehrte Großmutter, behandelt worden wie einer, dem es an den gemeinsten Gaben eines freien Willens und einer richtigen Ueberlegung fehlte? Bin ich nicht in ein Land versetzt worden, rings umgeben von Zauberei? Ist mir nicht alles verkleidet entgegengetreten? hat nicht alles in Bildern zu mir gesprochen? daß ich befangen war wie in einem schweren Traume? ... Und nun scheltet Ihr mich, ich besäße nicht Beharrlichkeit? ich wäre nicht wie ein verständiger Mensch, der wisse, was er tue, und warum er es tue? ... Wenn ein Mensch mit Vermummten und mit Gespenstern umgehen muß, als wären es Erscheinungen und keine Wirklichkeit, so muß das den festesten Glauben erschüttern und den klügsten Kopf in Verwirrung setzen. Wen ich suchte, so fragt Ihr? Nun, dieselbe Katharina Seyton suche ich, mit der Ihr mich zusammengeführt habt! die ich hier in Kinroß traf, ohne daß ich mir zu erklären vermag, wie sie hierher gekommen sein soll, nachdem ich sie vor wenigen Stunden im Schlosse Lochleven verließ? die ich hier sehe in tollster Ungebundenheit, während ich sie verlassen habe als trübsinnigste Zofe einer gefangenen Königin? ... Sie habe ich gesucht, und Euch treffe ich an ihrer Statt? Euch, meine Mutter, und in noch seltsamerer Verkleidung!« »Und was hast Du zu schaffen mit Katharina Seyton?« fragte die Greisin mit strenger Betonung; »ist das eine Zeit oder eine Welt, den Dirnen nachzulaufen oder um einen Maienbaum zu tanzen? da doch die Kriegstrompete jeden treugesinnten Schotten zur Fahne seines rechtmäßigen Fürsten ruft? Und da findest Du Zeit am Putztische eines Weibes zu vertrödeln?« »Beim Himmel, nein!« erwiderte Roland Gräme, »weder Zeit für den Putztisch eines Weibes noch Zeit zur Haft in den alten Mauern einer Inselburg! Ich wollte, die Trommeten erklängen jetzt, denn kein schwächerer Schall wird, fürchte ich, die Geister bannen können, von denen ich zurzeit umgeben bin.« »Zweifle nicht, er wird ertönen,« sprach die Greisin, »und so fürchterlich wird er durch Schottland schmettern, durch Berg und Tal, daß Schottlands Volk wähnen wird, den Posaunenlärm des jüngsten Gerichts zu vernehmen! ... Unterdes aber, mein Roland, sei brav und bleibe standhaft, diene Gott und ehre Deine Fürstin! und beharre bei Deinem Glauben! ... ich kann und will nicht fragen, ob die schrecklichen Gerüchte, die mir zu Ohren gekommen sind über Deinen Abfall von der alleinseligmachenden Kirche, wahr sind; ich traue mich nicht, danach zu fragen! ... Geh, wenn Du anfingst, diesen Weg des Fluches zu wandeln, nicht weiter! und Du kannst, selbst zu dieser späten Stunde noch, werden, was ich vom Sohne meiner Hoffnung erhoffte, ... was sage ich: meiner Hoffnung? von Schottlands Hoffnung, Schottlands Stolz und Schottlands Ruhm! ... Selbst Deine närrischen Wünsche können sich erfüllen! aber soviel merke Dir, Roland! Katharina Seyton wird ihre Liebe nur dem schenken, der ihre Gebieterin in Freiheit setzt. In Deiner Gewalt wird es also liegen, dieser glückliche Liebhaber zu werden! ... Hinweg also mit Furcht und Zweifel! bereite Dich zu dem, was die Religion von Dir erwartet, wozu die Religion Dich auffordert! ... bereite Dich zu dem, was Dein Vaterland von Dir erwartet, was Deine Untertanenpflicht von Dir fordert, was Deine Pflicht als Diener Deiner Königin Dir auferlegt! ... Und wenn Du hierin treu bist, dann werden sich, des sei überzeugt, Deine Hoffnungen am ehesten erfüllen, am schnellsten und leichtesten erreichen lassen!« Sie hörte auf zu sprechen. Ein zweimaliges Klopfen erschallte an der Tür. Schnell rückte die Greisin ihr Tuch wieder zurecht, nahm ihren Platz am Herde wieder ein und fragte, wer da sei? » Salve in nomino sancto! « ertönte es von draußen. » Salvete et vos! « lautete die Antwort der Greisin. Ein Mann trat ein. Er trug die gewöhnliche Tracht eines Reisigen im Gefolge eines Edelmanns und am Gürtel das Schwert und die Tartsche. »Ich suchte Euch, Mutter,« sagte der Mann, »und den jungen Mann, den ich bei Euch sehe,« hierauf wandte er sich an Roland Gräme: »Solltest Du nicht ein Päckchen besorgen von Georg Douglas?« »Das Päckchen habe ich,« sagte der Page, sich plötzlich dessen erinnernd, was ihm an diesem Morgen von dem Enkel der Lady Lochleven übergeben worden war. »Aber nicht jedem darf ich es ausfolgen, nur dem, der sich durch ein Zeichen als berechtigt ausweist, es mir abzufordern.« »Ihr habt recht,« antwortete der Reisige und flüsterte ihm ins Ohr: »Was ich von Euch fordere, ist der Wochenbericht an Georg Douglas' Vater. Ist das genug als Ausweis?« »Es ist genug,« erwiderte der Page. Hierauf nahm er das Päckchen aus seinem Busen und übergab es dem Manne. »Ich kehre augenblicklich wieder,« sagte der Reisige und verließ die Hütte. Roland Gräme hatte sich von dieser neuen Ueberraschung bald hinreichend erholt, um seine Großmutter zu fragen, warum er sie in solch seltsamer Vermummung und an solchem doch gewiß nicht ungefährlichen Orte treffe. »Welchen Haß die Lady Lochleben gegen alle hegt, die Eures oder vielmehr unsers Glaubens sind, kann Euch nicht unbekannt sein, Großmutter,« sagte er, »und Eure jetzige Verkleidung setzt Euch mancherlei Argwohn andrer Art aus, der nicht minder verhängnisvoll werden kann, sei es als Katholikin oder als Zauberin oder als Parteigängerin der unglücklichen Königin, die sich innerhalb des Grenzbereiches Douglasscher Macht befindet. Und an dem Lochlevenschen Kämmerer dürftet Ihr wohl auch keinen Freund haben.« »Nein,« rief die Greisin mit blitzenden Augen, »das weiß ich freilich, daß der auf seine Mixturen versessene Narr wie der Teufel mich haßt, seitdem ihm zu Ohren gekommen ist, daß die Heiligen mein Gebet gesegnet haben, daß Reliquien aus meinem Schrein bessere Heilung brachten als seine Arzneien. Aber der Magd des Herrn wird kein Leid geschehen, bis des Herrn Werk vollbracht ist. Und wann diese Stunde schlägt, dann mögen sich die Schatten der Nacht unter Blitz und Ungewitter auf mich niedersenken, und willkommen soll die Zeit mir sein, die meine Augen befreit vom Anblick der Sünde und meine Ohren vom Hören der Lästerworte. Aber Du sei standhaft und spiele Deine Rolle, wie ich die meinige gespielt habe und spielen werde, und Erlösung wird mir winken wie dem gebenedeiten Märtyrer, den die Engel des Paradieses willkommen heißen mit Psalmen und Lobgesängen, unter deren Schall der Hohn und die Verwünschungen der Erde ersticken.« Als sie geendigt hatte, trat der Reisige wieder in die Hütte und sagte: »Es ist alles gut, die Zeit ist festgesetzt auf morgen nacht.« »Welche Zeit ist festgesetzt? und was ist festgesetzt?« rief Roland, »ich habe doch hoffentlich Douglas' Auftrag an keinen Unrechten besorgt?« »Seid ohne Sorge, junger Mann,« versetzte der Reisige, »Ihr habt mein Wort und mein Zeichen.« »Vom Zeichen weiß ich nicht, ob es das rechte ist, und auf das Wort eines Fremden lege ich keinen besondern Wert,« erwiderte der Page. »Und hättest Du auch den Auftrag eines Meuterers gegen die Königin einem getreuen Untertan in die Hände gespielt, so brauchte das Versehen Dich nicht zu grämen, Roland Gräme!« »Beim heiligen Andreas!« rief da Roland, »das wäre freilich ein erbärmlicher Irrtum; denn treu meinem Worte zu sein, liegt auf dieser ersten Stufe des Rittertums mir ob als heiligste Pflicht. Und hätte mir der Teufel in Person einen Auftrag erteilt und mein Wort für die Besorgung in Händen, so verriete ich seinen Anschlag an keinen Engel!« »Ha, erwürgen konnte ich Dich mit eigner Hand, bei der Liebe, die ich einst für Dich empfunden!« sprach die Greisin, »höre ich Dich faseln von einer Treue, die Du Ketzern und Empörern schuldig zu sein meinst, wenn es sich um das Heil Deiner Kirche und Deiner Fürstin handelt.« »Seid ruhig, liebe Schwester,« sagte der Reisige, »ich will ihm Gründe namhaft machen, die seine Zweifel beseitigen werden. Die Gesinnung, die ihn dazu bestimmt, ist löblich, wenn auch hier vielleicht zur Unzeit angebracht ... Folgt mir, junger Mann!« »Ehe ich mit diesem Manne gehe, mich zu überzeugen von der Nichtigkeit seiner Worte, eine Frage noch, Mutter: kann ich nichts tun zur Erleichterung Eurer Lage?« »Nichts, mein Sohn, außer was Dich zur Ehre führen wird!« sprach die Greisin streng – »wandle den Pfad des Ruhms, der Dir vorgezeichnet ist, und gedenke meiner als einer Person, die sich freuen wird, Gutes von Dir zu hören! Und nun geh und folge dem Fremden! er hat Nachricht für Dich, wie Du sie kaum erwartet haben wirst! Mit raschen Schritten ging der Fremde voraus und aus der Hütte, dem Gäßchen entlang, und nun bemerkte Roland, daß sich bloß auf der einen Seite desselben Hütten befanden, und daß die andre Seite von einer alten, hohen Mauer eingeschlossen war, über die ein paar Bäume ihre Zweige reckten. Nach einem kurzen Stück Wegs kamen sie an eine niedrige Tür. Der Fremde blieb ein paar Augenblicke stehen, sich umzusehen, ob er nicht beobachtet werde, dann zog er einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Tür und trat über die Schwelle, dem Pagen winkend, ihm zu folgen. Dann schloß der Fremde behutsam die Tür wieder ab. Roland sah sich um und bemerkte, daß er in einem kleinen Baumgarten sich befand. Der Fremde führte ihn durch eine Reihe von Gängen in eine Laube und forderte ihn auf, sich auf eine Rasenbank zu setzen, während er selbst an einen Pfosten sich lehnte. Nach kurzem Schweigen begann er: »Ihr verlangtet Gewähr von mir, daß ich von Georg Douglas beauftragt sei, das Euch anvertraute Paket an mich zu nehmen?« »Ja,« versetzte Roland, »und sollte mir hier ein Irrtum unterlaufen sein, so muß ich zusehen, alles zu tun, was in meinen Kräften steht, den Schaden wieder gut zu machen.« »Ihr meint, ich sei Euch völlig fremd,« erwiderte der Mann. »Ei, so seht Euch doch mein Gesicht einmal näher an!« Roland sah den Fremden aufmerksam an, konnte aber in seinen Zügen nichts entdecken, was ihn an frühere Bekanntschaft erinnerte. »Nun, mein Sohn,« sagte der Fremde, seine Verlegenheit wahrnehmend, »den Ihr vor Euch seht, ist Pater Ambrosius, der einst wähnte, Euch für seinen Glauben gewonnen zu haben, jetzt aber einen Abtrünnigen in Euch beklagen muß.« Seinen ehemaligen Lehrer und geistlichen Führer in solcher kläglichen Lage, als gemeinen Reisigen, zu sehen, ging Roland, dessen Herzensgüte seiner Lebhaftigkeit um nichts nachstand, so nahe, daß er auf die Kniee sank und laut aufschluchzte. »Durch welches Verhängnis,« rief der Page – »und doch,« unterbrach er sich selbst, »was brauche ich zu fragen? hat mich doch Katharina Seyton schon vorbereitet ... aber daß ein so gänzlicher Umsturz, ein so völliger Wechsel der Verhältnisse ...« »Mein Sohn, was sollen diese Tränen?« erwiderte der Abt; »sollen sie bezeugen, daß Du Deiner Abtrünnigkeit Dich schämst, dann ist es ein Erguß, Gott und den Heiligen wohlgefällig – aber nicht vergieße sie um meinetwillen! Freilich siehst Du das Oberhaupt des heiligen Marienklosters in der Kleidung eines armen Knappen, aber solches ist den Zeitumständen angemessen und steht einem Prälaten der streitenden Kirche ebensogut an wie Bischofsstab und Inful zurzeit, da die Kirche als triumphierende erscheint.« »Und Euer Bruder, der Ritter von Avenel, konnte denn er nichts tun zu Eurem Schutze?« »Er ist selbst in Verdacht geraten bei den Mächtigen im Lande,« sagte der Abt, »denn sie beweisen sich ebenso ungerecht gegen ihre Freunde wie grausam gegen ihre Feinde. Nicht könnte es mich betrüben, wenn ich hoffen dürfte, es werde ihn ablenken von der betretenen Bahn des Irrtums, doch besorge ich bei Halberts Denkungsweise eher, es werde ihn spornen zu Taten, noch verderblicher für die Kirche, noch mißfälliger in den Augen des Herrn, den Feinden Gottes und der Kirche zum Zeugnis dafür, wie treu er ihrer Sache anhängt ... Ich bin sicher, es wird Euch genügen, daß das Paket, vor kurzem noch in Euren Händen, von Georg Douglas für mich bestimmt war.« »Dann also ist Georg Douglas –« Hub der Page an, und der Abt ergänzte seine Worte: »Ein Freund seiner Königin, Roland, dessen Augen, so hoffe ich, bald sich öffnen werden über die Irrtümer seiner sogenannten Kirche!« »Was aber ist er dann seinem Vater, was der Lady Lochleven gegenüber, die ihm so viel gewesen ist wie eine Mutter?« fragte der Page voll Ungeduld. »Der beste Freund ist er beiden, in Zeit sowohl als in Ewigkeit,« erwiderte der Abt, »wenn er zum glücklichen Werkzeug wird, das Böse gut zu machen, das sie schaffen und schufen.« »Aber, mein Vater,« machte Roland geltend, »ist solch Verhalten eines Mannes wie Douglas nicht eben das, was unsre Gegner uns zur Last legen? wenn sie sagen, daß wir handelten nach dem Lehrsätze, der Zweck heilige die Mittel?« »Die Ketzer haben bei Dir, mein Sohn, ihre gewöhnlichen Mittel angewendet,« versetzte der Abt, »uns möchten sie gern des Rechtes berauben, klug und versteckt zu handeln, obgleich ihre Ueberlegenheit an irdischer Macht uns verbietet sie zu bekämpfen ... Doch darüber ein andermal mehr. Jetzt, mein Sohn, befehle ich Dir auf Dein Gewissen, mir aufrichtig zu bekennen, was Dir begegnet ist, seit wir voneinander geschieden wurden, und wie der gegenwärtige Zustand Deines Herzens beschaffen ist. Die Großmutter Gräme ist eine eifrige Dienerin Gottes und der Kirche, aber ihr Eifer ist nicht immer mit Klugheit verbunden. Darum, mein Sohn, möcht ich Dich gern selbst befragen und selbst auch beraten.« Mit aller seinem Lehrer gebührenden Ehrerbietung erzählte Roland die unsern Lesern bekannten Ereignisse und unterließ auch nicht von dem Eindrucke zu sprechen, den Katharina Seyton auf sein Gemüt gemacht hatte. »Zu meiner Freude bemerke ich, mein lieber Sohn,« entgegnete der Abt, daß ich noch grade zeitig genug komme, Dich am Rande des Abgrundes aufzuhalten, in den Du zu versinken drohtest. Dem Unkraut, das in fettem Boden aufschießt und das der Landmann mit gar emsiger Hand ausrotten muß, sind die Zweifel Deiner Seele zu vergleichen. Aber Du darfst nicht hoffen, diese Lockungen des Bösen durch die Vernunft allein zu besiegen. Versenke Deine Gedanken in die Anbetung der heiligen Gottesmutter, wenn Dir der Erzketzer die Ohren zu füllen sucht und es die Umstände Dir nicht gestatten, Dich seiner Gesellschaft zu entziehen. Und wenn Du Deine Gedanken nicht fest auf himmlische Dinge lenken kannst, dann denke lieber an Deine irdischen Freuden, als daß Du Gott und die Heiligen in Versuchung setzest dadurch, daß Du der Irrlehre Dein Ohr leihst. Der Himmel fördert seine Ratschlüsse auch durch die Torheit der Menschen, und die ehrgeizige Neigung, die Douglas beherrscht, wird nicht minder als die, welche Dich so völlig gefangen hält, das Ziel erringen helfen, das uns vorschwebt.« »Wie, mein Vater,« rief der Page, »so ist es also wahr, daß Douglas liebt ...« »Douglas liebt, und seine Liebe hat sich ein ebenso verkehrtes Ziel gesucht wie Deine Liebe ... doch nimm Dich vor ihm in acht und tritt ihm nicht in den Weg!« »Er mag zusehen, daß er mir nicht in den Weg trete!« rief der Page heftig, »denn nicht einen Zoll werde ich ihm weichen, und hätt er den Mut von jedem Douglas im Leibe, der seit den Zeiten des Graumännchens gelebt hat.« Da näherte sich ein alter Mann, wie ein Bauer gekleidet, der Laube und grüßte den Abt. »Ich komme Euch zu melden, daß der junge Mensch vom Kämmerer Lundin gesucht wird, und daß er gut täte, sich gleich zu ihm zu verfügen. Heiliger Franciscus, wenn seine Hellebardiere den Weg hierher fänden, die richteten doch mein ganzes Gärtchen zu grunde!« »Schicken wir ihn fort, Bruder,« sagte der Abt, »aber wie können solche geringen Dinge im Augenblick der schwersten Entscheidung, die uns bevorsteht, die Schottland bevorsteht, Dein Gemüt beschäftigen?« »Ehrwürdiger Vater,« sagte der Eigentümer des Gartens, denn er war es, »wie oft muß ich Euch noch bitten, Eure hehren Ermahnungen an Gemüter zu richten, die Euch gleichgestimmt sind? ... Was habt Ihr von mir begehrt, das ich Euch nicht gewährt hätte, wenn auch schweren Herzens?« »Eins begehren möchte ich von Euch und muß ich von Euch, daß Ihr Euch selber treu seid, daß Ihr nicht vergeßt, wer Ihr gewesen seid, und wozu frühere Gelübde Euch verbanden!« »Vater Ambrosius,« erwiderte der Gärtner, »durch die Proben, die Ihr meiner Geduld stelltet, wäre unsrer sämtlichen Heiligen Geduld erschöpft worden. Daran, was ich gewesen, ist nichts gelegen, und niemand weiß besser als Ihr, worauf ich in der Hoffnung auf Ruhe in meinen letzten Tagen Verzicht leistete, und niemand weiß besser als Ihr, wie meine Freistatt überfallen, meine Obstbäume vernichtet, meine Blumen zertreten, meine Ruhe erschüttert, ja aller Schlaf mir geraubt wurde, seit die Königin, der unser lieber Herrgott seinen Segen geben möge, nach Lochleven gebracht wurde ... Ich schelte sie nicht und tadle sie nicht. Sie sitzt in Gefangenschaft, und daß sie wünschen mag, solch niedrer Haft zu entkommen, ist menschlich begreiflich, ist doch dort drüben in dem alten Steinloch kaum Raum für einen Garten, denn die Dünste, die aus dem Wasser aufsteigen, sollen, wie ich gehört habe, jede Knospe im Keime ersticken. Aber warum mußte man mich in dieses Komplott mit einbeziehen? warum meine harmlosen Lauben, die ich mit eigner Hand gepflanzt, zu Sammelplätzen für die Verschwörer machen? warum meine Anlände, die für meinen kleinen Kahn von mir gezimmert wurde, zu einem Hafen für geheime Einschiffungen machen? ... warum mußte, mit einem Worte, ich in einen Plan verwickelt werden, der menschlichem Ermessen nach mit nichts anderm als Schafott und Galgen enden kann?« »Bruder, Ihr seid verständig, Ihr solltet wissen ...« sagte der Abt. »Nein, ich bin nicht verständig, keine Bohne Verstand hab ich, kein Krümelchen Witz hab ich,« versetzte ärgerlich der streitbare Gärtner, sich die Ohren mit den Fingern zuhaltend, »Verstand hat man mir immer bloß eingeredet, wenn man mich zu einer Dummheit verleiten wollte!« »Aber, mein lieber Bruder in Christo,« hub der Abt wieder an. »Ich bin kein lieber Bruder,« versetzte der Gärtner, »hätt ich Verstand gehabt, hätt ich Euch hier nicht aufgenommen, und wäre ich ein lieber Bruder, dann hätt ich Euch mit Eurem Komplott zur Störung des Friedens im Lande Gott weiß wohin geschickt! Was soll uns und dem Lande dieser Streit zwischen König und Königin nützen? Können wir Menschen denn nicht friedlich beieinander wohnen? sub umbra vitis ? und wenn ich ein verständiger Mensch wär und ein lieber Bruder, dann tät ich das auch! Aber so bin ich lieber Bruder bloß in dem Sinne, daß Ihr mir aufhalsen könnt, was Euch gefällt! Komm also mit mir, junges Bürschchen! mein Bruder in seiner Tracht als Knappe wird mir wenigstens insoweit recht geben, daß Du nun lange genug hier gewesen bist.« »Folge meinem frommen Bruder,« sagte der Abt zu Roland, »und bleib eingedenk meiner Worte! Der Tag ist nahe, an dem sich die Treue Schottlands erproben wird ... mag Dein Herz sich bewähren so fest wie der Stahl Deines Schwertes!« Der Page verneigte sich, und sie schieden. Der Gärtner führte den Pagen zu einer andern Tür, als durch die er gekommen war. An der Schwelle blieb er stehen und machte das Zeichen des Kreuzes. Dann sprach er zu Roland: »Jüngling, laß Dir raten von einem alten Manne, von einem, der lang in der Welt gelebt hat und auf höhern Posten, in höhern Aemtern gesessen hat, als Du erhoffen kannst... Laß Dir raten und krümme Dein Schwert zu einer Gartenhippe, aus Deinem Dolch aber mach ein Gartenmesser! Dir wird's dann, rückst Du in höhere Jahre auf, nur um so wohler sein. Hilf mir in meinem Garten, ich will Dir die französischen Pfropfweisen beibringen, das ist besser für Dich als in Kriegsfehde ziehen. Es wird ein Wirbelsturm über unser Land hinbrausen, und bloß solche werden ihm entgehen, die niedrig genug stehen, daß der Sturm ihre Aeste nicht fassen kann!« Dann sprach er das Benedicite und kehrte, nachdem er die Pforte fürsorglich verschlossen hatte, brummend in den Garten zurück. Siebentes Kapitel. Roland Gräme schritt durch den Garten, den ein eingefriedigter Rasenfleck, wo sich ein paar dem Gärtner gehörige Kühe es sich wohl sein ließen, von dem Dorfe schied. Wenn er der Worte des Paters Ambrosius gedachte, konnte er nicht umhin, einen gewissen Argwohn zu empfinden, als sei derselbe beflissener gewesen, die abweichenden Lehren der beiden Kirchen beiseite zu lassen als ihn der Zweifel zu entheben, in die ihn die Predigten des Kaplans Henderson versetzt hatten. Es mag ihm freilich, sagte er sich, an der Zeit dazu ebenso gefehlt haben, wie mir an der nötigen Ruhe und dem nötigen Wissen, auf Streitpunkte von solcher Tragweite sich einzulassen. Soviel ist aber doch sicher, daß es von mir erbärmlich wäre, meinem Glauben abtrünnig zu werden gerade dann, wenn ihm Zeit und Welt übel mitspielen. Ich bin als Katholik getauft, als Katholik erzogen, und will so lange Katholik bleiben, bis mich Zeit und Vernunft belehren, daß der katholische Glauben ein Irrglauben ist, ebenso will ich dieser armen gefangnen Königin dienstbar bleiben, wie es einem loyalen Untertan geziemt. Ich kann nicht dafür, daß die Wahl der Leute, die mich nach Lochleven schickten, nicht auf einen feilen und doppelzüngigen Schuft gefallen ist, der das Zeug dazu in sich hatte, den dienstwilligen Pagen der Königin und gleichzeitig den unterwürfigen Spion ihrer Feinde abzugeben. Die Schuld, sich geirrt zu haben, haben sie sich selbst beizumessen, nicht mir. Für mich gibt es kein Besinnen, wenn die Frage an mich tritt, ob ich ihr dienen oder sie verraten will. Wie aber soll ich mich gegenüber dieser Katharina Seyton verhalten, die mit mir kokettiert, während sie mit Georg Douglas Beziehungen unterhält? die mit mir Fangball spielt, ganz wie es ihrer Lust und Laune gefällt? .. Beim Himmel! sie soll mir Rede und Antwort stehen bei der ersten Gelegenheit, die sich mir bietet, und bekennt sie nicht ehrlich Farbe, so breche ich mit ihr auf immer!« Von diesem kühnen Entschlusse beseelt, wollte er den Fuß aus dem Gartenzaune setzen, als er sich angesprochen fühlte von jemand, an den er am allerwenigsten gedacht hatte .. »Ei, sieh da, mein vortrefflichster Freund,« rief Doktor Lukas Lundin ihm entgegen, »wo kommt denn Ihr her? Aber ich wittere, was dahinter steckt. Nachbar Blinkhoolies Gärtchen ist ein vergnügliches Stelldichein, und in dem Alter, in welchem Ihr Euch befindet, steht einem ja der Sinn nach einem schmucken Dirndl fortwährend .. Und doch, mein Lieber, sieht es mir, wenn ich Euch genauer ansehe, ganz so aus, als ob Ihr eine trübselige Miene schnittet; hat Euch das Dirndl etwa gar übel angelassen? .. Laßt Euch kein graues Härlein drum wachsen, junger Freund! denn in Kinroß gibt's mehr Käthchen .. und sollt's Euch nebenher passiert sein, von Blinkhoolies unreifen Pflaumen zu naschen, na, so gibt's in meiner Apotheke ein Gläschen von zweimal abgezogner Aqua mirabilis , die Euch von allem Bauchkneifen im Nu erlösen .. diese aqua mirabilis de facto probatum est .« Am liebsten hätte Roland dem Doktor, den er ob seines Witzes haßte, die Wege gewiesen; aber es fiel ihm ein, daß der Mann den Namen Käthe für Dirne bloß aus Vorliebe für Alliteration gewählt hatte, und so begnügte er sich, ihm die Frage zu stellen, ob schon Nachricht von den Fährleuten da sei? »Ich suche Euch schon eine ganze Stunde,« erwiderte der Doktor, »um Euch zu sagen, daß die Ladung bereits im Boote liegt, und Eurer Heimfahrt mithin nichts im Wege steht. Die Rudersleute sind auf ihrem Posten, und drüben am Wachtturm haben sie schon ein paarmal die Flagge gehißt, zum Zeichen, daß Ihr erwartet werdet. Zu einem Imbiß bleibt Euch schließlich aber noch immer Zeit.« Trotzdem aber hierzu ein guter Schnaps als Magenstärkung vom Doktor in Aussicht gestellt und entschieden davon abgeraten wurde, sich der scharfen Luft auf dem See mit hohlem Magen auszusetzen, hielt es den Pagen doch nicht länger. Er eilte vielmehr in der Richtung zum Anlegeplatze davon. Unterwegs vermeinte er unter einem Haufen Menschen, der sich um eine Bande fahrender Spielleute geschart hatte, Katharina Seyton zu erkennen, und mit einem einzigen Satze war er an der Seite des Mädchens .. »Katharina,« flüsterte er, »ist es klug von Euch, noch hier zu weilen? Wollt Ihr nicht lieber mit nach dem Schlosse zurück?« »Hol Eure Katharinen und Schlösser der Geier!« erwiderte ärgerlich die Angeredete, »habt Ihr Euch noch immer nicht aus Euren Narrheiten herausgefitzt? Macht, daß Ihr weiter kommt! ich mag nichts wissen von Euch, und wenn Ihr mich nicht in Ruhe laßt, so habt Ihr's Euch selbst zuzuschreiben, wenn Euch Ungelegenheiten zustoßen.« – »Holde Kallipolis!« antwortete Roland, »wenn Ihr Ungelegenheiten befürchtet, warum soll ich sie nicht mit Euch teilen dürfen?« »Zudringlicher Narr!« rief das Mädchen leise, »mich ficht keine Gefahr an, Du aber hast mit ihr zu rechnen! und damit Du es weißt, so laß Dir gesagt sein, daß Du sie vor allem in meiner Dolchspitze zu gewärtigen hast!« .. Mit dieser Drohung kehrte sie ihm trotzig den Rücken und verschwand unter der Menge, die ihr nicht ohne Befremden über die Rücksichtslosigkeit, mit der sie sich den Weg durch die Menge bahnte, nachsah. Als Roland sich eben anschickte, ungeachtet seines lebhaften Verdrusses, ihr zu folgen, faßte ihn Doktor Lundin auf der andern Seite, denn der Biedermann hatte es nicht über sich gebracht, seinen Gast allein ziehen zu lassen, und erinnerte ihn, daß der Kahn noch immer seiner laure, und daß drüben am Turm eben wieder die Flagge aufgezogen worden sei. So sah sich Roland gewissermaßen gezwungen, die Heimfahrt nach Schloß Lochleven anzutreten. Es währte nicht lange, so befand er sich am Landungsplatze, wo ihn der greise Dryfesdale streng und höhnisch bewillkommnete ... »Also endlich wieder da? Ganze sechs Stunden seid Ihr junger Fant nun weg, und schon dreimal hab ich Euch das Zeichen geben lassen, daß Ihr erwartet werdet! Ich möchte wetten, daß Euch allerhand Larifari, vielleicht gar eine Schlemmerei oder Sauferei, verhindert hat, Euch Eurer Pflicht zu erinnern. Wo ist das Verzeichnis über das Silberzeug und Hausgerät? Hoffentlich ist nichts davon verloren gegangen unter Eurer Aufsicht, junger Taugenichts?« »Sollten das Worte sein, Herr Hausmeier, im Ernste gesprochen,« erwiderte zornig der Page, »so dürft Euch, beim Himmel! das graue Haar nicht schützen gegen Eure schlimme Zunge!« »Windbeutelt nicht, Musje,« versetzte Dryfesdale, »sondern denkt hübsch daran, daß wir in Lochleven für solche Streitbolde allerhand Unterkunft hinter Schloß und Riegel haben .. Scher Dich zur gnädigen Frau und mach Dich, wenn Du Courage dazu hast, vor ihr breit .. verdrießlich genug wirst Du sie finden, denn sie hat nun lange genug gewartet.« »Soviel ich merke, sprichst Du von Lady Lochleven,« versetzte Roland mürrisch; »also sag mir lieber, statt zu räsonnieren, wo ich sie finde.« »Was schwatzest Du da wieder?« sagte der Hausmeier; »von wem anders als Lady Lochleven sollt ich denn reden? Außer ihr hat doch niemand im Schlosse was zu sagen!« »Lady Lochleven ist Deine Herrin,« antwortete Roland, »aber nicht meine. Ich diene der Königin von Schottland.« Dryfesdale sah ihn einen Moment lang starr an. Dann rief er mit einer Miene erkünstelter Verachtung, der es jedoch gar nicht gelingen wollte, den Argwohn und Verdruß, der in seinem Herzen wohnte, zu verbergen: »Musje! durch Deine vorlaute Zunge wirst Du Dich selbst noch in arges Ungemach bringen .. Mir ist Dein verändertes Benehmen erst letzthin in der Kapelle aufgefallen; ich habe recht gut gesehen, was für Blicke Du einer gewissen Mamsell beim Essen zugeworfen hast! Ihr habt was vor miteinander, Musje, und darauf werde ich mein Auge gerichtet halten. Nun schert Euch, und wenn Ihr wissen wollt, wem Ihr auf dem Schlosse zu gehorchen habt, der Lady Lochleven oder der andern, so könnt Ihr Euch Belehrung darüber im Vorzimmer der andern verschaffen, denn dort stecken sie jetzt gerade beisammen.« Von Herzen froh, dem knurrigen Greise aus dem Wege zu kommen, eilte Roland nach dem Schlosse. Unterwegs überlegte er aber, daß es doch einen besondern Grund haben müsse, weshalb die Schloßherrin zu solch ungewohnter Zeit und Stunde bei seiner Gebieterin weile, und er kam zu dem Schlusse, daß sie hierfür keinen andern Grund haben dürfte, als zu beobachten, wie ihn die Königin bei seiner Rückkunft begrüßen und sich gegen ihn verhalten werde, und er nahm sich vor, möglichst auf der Hut zu sein. Als er in das Zimmer der Königin trat, sah er diese auf ihrem Stuhle sitzen, während sich Maria Fleming auf die Lehne desselben stützte. Dagegen stand Lady Lochleven vor ihr, und aus dem Verdrusse, den ihr Gesicht verriet, konnte Roland Gräme schließen, daß sie sicherlich schon eine geraume Zeit stehen mochte und noch immer auf eine Aufforderung der Königin, sich zu setzen, wartete. Roland machte, als er eintrat, erst der Königin eine tiefe, dann der Lady Lochleven eine weniger tiefe Verbeugung, Dann blieb er stehen, wie wenn er darauf wartete, von ihnen gefragt zu werden ... Die beiden Damen fragten ihn ziemlich zur gleichen Zeit ... »Na, junger Mensch! endlich wieder da?« fuhr ihn Lady Lochleven an, verhielt sich aber still, als sie bemerkte, daß die Königin weiter sprach, ohne sich daran zu kehren, daß auch die andre sprach .. »Willkommen daheim, Roland,« sagte die Königin, »also doch die treue Taube geblieben, und nicht zum Raben verwandelt? nun, ich hätte es Dir wahrlich nicht übel genommen, mein Kind, wenn Du den Weg zu unsrer vom Wasser umschlossnen Arche nicht wiedergefunden, sondern die goldne Freiheit unserm elenden Kerker vorgezogen hättest! Hoffentlich hast Du einen Oelzweig mit hergebracht, denn unsre gütige Frau Wirtin hat sich über Dein langes Ausbleiben in große Erregung hinein abwirtschaftet, und Uns war doch nie ein Sinnbild des Friedens und der Versöhnung so dringend von nöten wie gerade jetzt.« »Es tut mir leid, daß ich nicht pünktlicher sein konnte, gnädigste Frau,« erwiderte Roland, »aber der Mann, dem die Sachen, die ich holen sollte, übergeben wurden, hat mich so lange aufgehalten.« »Nun, da habt Ihr's,« sagte die Königin, sich zur Lady Lochleven wendend, »wir konnten Euch zu unserm Bedauern, geliebteste Frau Wirtin, nicht davon überzeugen, daß Euer Hausgerät wohl aufgehoben sei. Freilich finden Wir für Eure Sorge, daß etwas hätte abhanden kommen können, hinlängliche Erklärung in dem dürftigen Zustande, den diese königlichen Gemächer aufweisen. Sind Wir doch nicht einmal in der Lage gewesen, Euch einen Stuhl anzubieten während der langen Zeit, da Ihr Uns das Vergnügen Eurer königlichen Gesellschaft zu schenken die Güte hattet.« »Hierzu, gnädigste Frau,« antwortete die Lady, »hat es wohl mehr am guten Willen als an den Mitteln gefehlt?« »Wie,« sagte die Königin, indem sie sich umsah, mit erkünstelter Verwunderung, »sind denn wirklich Stühle hier? einer, zwei, richtig! wirklich vier Stühle! den zerbrochnen da mitgezählt – ein königlicher Hausrat! das muß ich wohl sagen – aber Unsre liebenswürdige Wirtin darf uns glauben, Wir hatten diesen Reichtum nicht bemerkt – ist's Euer Gnaden gefällig, Platz zu nehmen?« »Nein, gnädigste Frau,« versetzte die Lady, »denn ich will Euch bald von meiner Gegenwart befreien, und die kurze Zeit, die ich noch hier zu verweilen habe, ertragen meine alten Glieder ein bißchen leichter, als mein Herz sich drein finden könnte, Erniedrigung zu heucheln.« »Nein, Lady Lochleven, so tief gekränkt sollt Ihr Euch nicht fühlen,« sagte die Königin und stand auf, um ihr den eignen Stuhl hinzuschieben, »da bedient Euch doch lieber des meinigen! die erste aus Eurer Familie, die das tut, seid Ihr ja doch nicht!« Lady Lochleven weigerte sich auch jetzt, von der Güte der Königin Gebrauch zu machen; es schien ihr aber schwer zu fallen, die Antwort, die sich ihr auf die Lippen drängte, zu unterdrücken. Roland hatte während der ganzen Zeit all seine Aufmerksamkeit auf Katharina Seyton gerichtet, die kurz nach ihm in ihrer gewöhnlichen Kleidung in das Zimmer der Königin getreten war. Von irgend welcher Eile, durch die Notwendigkeit schnellen Kleiderwechsels bedingt, oder von einer Spur von Verwirrung oder Bange, vielleicht doch entdeckt zu werden, konnte Roland nicht das geringste an ihr merken. Eine Verbeugung, die er ihr machte, wurde mit der gleichgültigsten Miene erwidert .. er wußte wirklich nicht, was er von ihr denken sollte! »daß sie auch jetzt wieder, wie seinerzeit die Begegnung in dem Gasthofe von Sankt Michael, alles sollte abstreiten wollen, was ich mit eignen Augen gesehen habe, kann ihr doch nicht in den Sinn kommen? immerhin will ich es sie merken lassen, daß sie sich in solchem Falle vergebliche Mühe machen möchte, und daß sie klüger wegkommen dürfte, wenn sie mir gegenüber weniger hinter dem Berge hielte.« In diesem schnellen Gedankenspiele wurde er unterbrochen durch die Königin, die sich nach dem Wortwechsel mit der Eigentümerin des Schlosses wieder an ihn wandte: »Wie hat's denn a name="page 66" title=" Schmidi/JWE" ID="page66"\> ausgesehen in Kinroß, Roland Gräme? es mag wohl recht lustig drüben hergegangen sein, nach dem bißchen Musik zu urteilen, das bis zu den Fenstern hier herauf gedrungen ist, aber Du siehst ja so grämlich aus, als kämst Du unmittelbar aus einem Hugenotten-Konzil?« »So unwahrscheinlich möchte das nicht sein, gnädigste Frau,« nahm Lady Lochleven, auf die diese Bemerkung gemünzt war, das Wort, »wenigstens bin ich der Ueberzeugung, daß es inmitten aller läppischen Torheit an besserem Element dort nicht gefehlt haben wird; nicht alle sind Freunde jener eitlen Lust, die aufflackert wie dürre Dornen, und den Toren, die sich dafür begeistern, nichts hinterlaßt als ein bißchen Staub und Flugasche.« »Fleming,« sagte die Königin, sich umdrehend und den Mantel enger um sich ziehend, »wenn doch ein bißchen Dornicht, von dem unsre Wirtin so wundersam poetisch spricht, sich in unsern Ofen verirren möchte! mir kommt es vor, als wenn die feuchte Luft vom See, die in diesen gewölbten Räumen sich festnistet, empfindliche Kälte verursache.« »Der Wunsch Euer Gnaden soll erfüllt werden,« erwiderte Lady Lochleven, »ich darf wohl aber daran erinnern, daß wir uns mitten im Sommer befinden.« »Danke für die freundliche Belehrung,« sagte die Königin; »aber Gefangene sollen den Kalender ja in der Regel aus dem Munde ihrer Wächter besser erfahren als auf Grund der eignen Empfindungen ... Aber, wie war es denn in Kinroß, Roland, mit der Festbarkeit?« »O, gnädigste Frau, das Treiben war äußerst munter und vielseitig,« antwortete der Page, »aber wohl kaum danach beschaffen, von Eurer Hoheit vernommen zu werden.« »O, Ihr wißt nicht, lieber Roland,« sagte die Königin, »wie nachsichtig mein Ohr gegen alles geworden ist, was mir erzählt wird von Belustigungen freier Menschen. Ein Rundtanz froher Menschen um die Maie ist mir lieber als der prächtigste Maskenball in den Ringmauern eines Palastes.« »Es werden, wie ich hoffen will, bei solchem Tand,« bemerkte Lady Lochleven, »keinerlei Anstößigkeiten passiert sein?« »Nicht daß ich wüßte, gnädigste Frau,« erwiderte Roland, »ausgenommen höchstens, daß ein keckes Frauenzimmerchen mit ihrer Hand in zu große Nähe der Wangen eines fahrenden Schauspielers kam und halb und halb in Gefahr geriet, in den See getaucht zu werden.« Bei diesen Worten faßte er Katharina Seyton scharf ins Auge; es war ihr aber nicht das geringste anzumerken, als ob der Wink sie irgendwie getroffen hätte. »Es dürfte nicht notwendig sein,« bemerkte Lady Lochleven, »Euer Gnaden noch länger mit meiner Gegenwart zu belästigen .. es müßte denn sein, Ihr hättet mir noch Weiteres zu melden.« »Nicht das mindeste, gute Wirtin,« antwortete die Königin, »höchstens hätte ich zu bitten, daß Ihr es bei weiteren Anlässen nicht wieder für notwendig erachtet, Uns so lange aufzuwarten und liebere Aemter dadurch zu verabsäumen.« »Es beliebt wohl Euer Gnaden,« bemerkte Lady Lochleven noch, »Euern Pagen dahin zu belehren, daß er gehalten ist, mir Rechenschaft über die Dinge abzulegen, die zu Euer Gnaden Bestem durch ihn aufs Schloß geholt worden sind?« »Roland, begleitet die Lady, sofern Unser Befehl wirklich von nöten dazu ist. Du magst Uns morgen von Kinroß und der Festlichkeit erzählen. Für heute entlassen Wir Dich Deines Dienstes.« Roland beantwortete die Fragen, die ihm die Lady unterwegs stellte, mit äußerster Vorsicht und hütete sich besonders, irgend etwas über Frau Magdalena und den Pater Ambrosius verlauten zu lassen. Als die Dame sah, daß er ihr wenig oder gar nichts Belangreiches zu berichten hatte, verabschiedete sie ihn, und er sah nun zu, sich vor allen Dingen mit etwas Speise und Trank zu versorgen, denn er fühlte regen Appetit. Dann stahl er sich, da ihn die Königin beurlaubt hatte, hinaus in den Garten. Hier ging er trübsinnig auf und ab, überdachte noch einmal die Vorfälle des Tages und stellte, was er vom frommen Pater über Georg Douglas vernommen hatte, zusammen mit den eignen Beobachtungen. Er kam zu dem Schlusse, daß es sein Beistand sein müsse, der es ihr möglich mache, sich wie ein Irrlicht bald dort, bald hier zu zeigen, nach Belieben jetzt auf dem Festlande, und nachher wieder auf der Insel zu erscheinen. Dann aber durchkreuzte ihn der Gedanke, – denn Liebe hofft ja immer, wenn Ueberlegung schon verzweifelt – daß sie vielleicht mit Douglas bloß um der Wohlfahrt ihrer Herrin willen schön tue, und daß sie zu edel und offen sei, ihn mit Hoffnungen zu erfüllen, deren Erfüllung nicht in ihrem Sinne läge. Versunken in diese Betrachtungen, setzte er sich auf eine Rasenbank, von der aus man auf der einen Seite nach dem See hinaus, auf der andern nach der Schloßseite die Aussicht hatte, wo sich die Zimmer der Königin befanden. Es war schon eine geraume Weile nach Sonnenuntergang, und das Mai-Zwielicht verlor sich schnell in einer heitern Maiennacht. Der Wasserspiegel des Sees hob und senkte sich beim leisesten Hauche des Südwinds; in der Ferne erblickte man die dunkeln Umrisse der St.-Serf-Insel, auf die einst mancher Pilgrim in Sandalen gepilgert kam, die aber als Zuflucht fauler Mönche seit Jahren verachtet und aus der Reihe der heiligen Stätten gestrichen worden war .. ihr Anblick lenkte Rolands Gedanken auf den Widerstreit der Glaubensmeinungen, in den er heute wiederholt einbezogen wurde, und in dieser Stunde des Sinnens stellten sich ihm die Gründe und Beweise des Kaplans Henderson mit verdoppelter Stärke vor die Seele, so daß sie sich durch die Berufung des Abtes Ambrosius von seinem Verstände an sein Gefühl kaum zurückweisen ließen: eine Berufung, die ihm mitten im regen Lebensgewühle eindringlicher zu sein bedünkte als jetzt bei ungestörter Betrachtung. Sein Gemüt von diesem beunruhigenden Gegenstande abzulenken, erforderte Anstrengung, und er spürte, daß ihm dies am besten gelänge, indem er seine Augen nach der Schloßseite lenkte und dort die Stelle beobachtete, wo noch immer ein flimmerndes Licht vom Fenster Katharina Seytons ausging, das zuweilen auf Augenblicke verdunkelt wurde, wenn der Schatten seiner schönen Bewohnerin zwischen die Kerze und das Fenster fiel. Schließlich aber wurde das Licht entfernt oder verlöscht, und so entschwand auch dieser Gegenstand der Betrachtung den Augen des sinnenden Verliebten. Die Augen wurden ihm schwer, Zweifel über die verschiedenen Punkte seiner Glaubensmeinung, bange Vermutungen über die Neigung der Geliebten, schließlich auch die Abspannung nach solchem von seiner Lebensführung in den letzten Monaten so grundverschiedenen Tage; dies alles wirkte so stark auf seine Nerven, daß er zuletzt in festen Schlaf versank .. Erst als die eiserne Zunge der Turmglocke zu lärmen begann und die Höhe, die sich jäh am südlichen Gestade des Sees erhob, die tiefen dumpfen Klänge widerhallen ließ, fuhr Roland aus seinem Schlafe auf: pünktlich um zehn Abend für Abend wurde diese Glocke geläutet zum Zeichen, daß die Tore geschlossen und ihre Schlüssel dem Seneschall zur Obhut übergeben wurden. Hurtig rannte er zur Pforte, die aus dem Garten nach dem Schlosse führte, um noch Einlaß zu bekommen; aber eben raffelte der Riegel in die steinerne Fuge der Pforte. »Halt! halt!« rief er, »laßt mich ein, bevor Ihr das Tor sperrt!« Die grämliche Stimme Dryfesdales antwortete ihm: »Musje! die Stunde hat geschlagen; wie es scheint, behagt's Euch nicht mehr recht drinnen bei uns im Schlosse .. macht also richtigen Feiertag und bringt nach dem Tage auch die Nacht noch außerhalb der Ringmauern zu! Und nun, Musje! Glück zu der frischen Luft heute nacht, die Deinem heißen Blute recht gut zusagen wird!« Roland lief in seiner Wut über die Gemeinheit Dryfesdales eine Weile lang, sich in eitlen Rachegelübden erschöpfend, durch den Garten. Dann überkam ihn eine Empfindung, daß seine Lage eher belachens- als beklagenswert sei, denn für einen an das Jägerleben so gewöhnten Menschen wie ihn, war es weiter nichts Unangenehmes, eine Nacht im Freien verleben zu müssen, und so sagte er sich bald, daß die kleinliche Bosheit des Hausmeiers weit mehr Verachtung verdiene als Zorn. Ruhiger kehrte er nach seiner Rasenbank zurück, die von einer Hecke auf der einen Seite halbwegs verdeckt war, hüllte sich in seinen Mantel und streckte sich auf das grüne Lager in der Hoffnung, den Schlaf wiederzugewinnen, den die Turmglocke in einer für ihn so wenig ersprießlichen Weise unterbrochen hatte. Aber je eifriger Roland ihn suchte, desto länger floh er ihn; er war völlig munter geworden, und der Aerger über Dryfesdale hatte seine Nerven wieder so belebt, daß er nach geraumer Zeit bloß in eine Art träumenden Sinnens versank, aus dem er aber bald wieder, und zwar durch die Stimme von zwei im Garten auf und niederwandelnden Personen, aufgerüttelt wurde. Eine Weile lang vermischten sich die Worte, die zu seinen Ohren drangen, noch mit seinen Träumen, dann aber erwachte er vollständig und richtete sich auf seinem Lager empor. Mit maßlosem Erstaunen sah er nun deutlich zwei Personen im Garten, die sich lebhaft wenn auch leise, unterhielten. Im ersten Augenblicke dachte er, überirdische Wesen vor sich zu haben; dann dachte er an ein Komplott von Anhängern der Königin, schließlich an Georg Douglas und Katharina Seyton, die sich hier, unter Wahrnehmung des Vorteils, daß Georg als Verwahrer der Schlüssel freien Aus- und Eingang habe, ein Stelldichein gäben; und in dieser letzten Auffassung wurde er bestärkt durch den Ton der Stimme, die flüsternd die Frage stellte, ob alles bereit sei? Achtes Kapitel. Der helle Mondschein machte für Roland die nur wenige Schritte von seinem Verstecke befindlichen Gestalten, die im ernsten und vertrauten Gespräch begriffen waren, leicht erkennbar. An der schlanken Gestalt und tiefen Stimme verriet sich ihm Georg Douglas und an dem auffälligen Anzüge des andern erkannte er den Pagen aus dem Wirtshause von Sankt Michael. »Ich bin an der Tür des Pagen gewesen,« hörte er Douglas sprechen, »er ist aber nicht in seiner Kammer, oder er hat keine Lust zu antworten. Vielleicht schläft er auch heute fester als sonst. Er riegelt sich immer ein, durch seine Kammer können wir mithin nicht.« »Ihr vertraut dem Fant zuviel,« erwiderte der andre; »mir gefällt sein veränderlicher Sinn und heißes Hirn nicht sonderlich.« »Mir ist es ebenso gegangen in dieser Hinsicht wie Euch,« sagte Douglas, »mir ist aber versichert worden, daß er sich willig zeigen werde, wenn man ihn dazu auffordere, denn..« hier wurden seine Worte so leise, daß es Roland nicht möglich war zu verstehen, so verdriesslich es ihm auch war, denn er hatte die Empfindung, daß die Worte ihn noch stärker betrafen als die vorherigen. »Nichts da,« rief der andre lebhafter, »ich hab ihn bislang immer noch mit schönen Redensarten abgespeist, Euch aber rate ich, da Ihr ihm im Augenblicke der Entscheidung mißtraut, ihn mit dem Dolch aus dem Wege zu schaffen.« »Das wäre Vorwitz,« sagte Douglas; »zudem ist, wie ich Euch ja sage, seine Stubentür verriegelt. Ich will aber nochmals zusehen, ob ich ihn wecken kann.« Roland sagte sich ohne weiteres, daß die beiden Fräulein bemerkt haben mußten, daß er sich noch im Garten aufhalte, und deshalb, um nachts über nicht gestört zu werden, die Vorzimmertür abgesperrt hatten. Aber wie kam dann Katharina Seyton, wenn sich die Königin mit der Fleming noch in ihren Wohnräumen befand und der Zugang verriegelt war, ins Freie?.. »Ich hab keine Lust, mich länger noch mit diesen Heimlichkeiten äffen zu lassen. Zudem darf ich doch nicht unterlassen, meiner holden Kallipolis, wenn sie es wirklich ist, für den freundlichen Wink mit dem Dolche meinen Dank abzustatten.. ich merke, sie sind auf der Suche nach mir, und sie sollen sich nicht umsonst bemühen.« Douglas war zurück nach dem Schlosse geschlichen, und der fremde Page stand, mit den Armen über der Brust, die Augen ungeduldig auf den Mund gerichtet, wie wenn er ihm um seines hellen Scheines willen grolle, allein im Garten. Im andern Augenblick stand Roland Gräme vor ihm.. »Eine liebliche Nacht, Fräulein Katharina,« sagte er, »für eine junge Dame, in solcher Vermummung sich Stelldichein zu geben im lauschigen Garten mit Mannsbildern.« »Ruhig, Du ewiger Streithammel,« erwiderte der fremde Page, »sag' rund heraus: bist Du Freund oder Feind?« »Wie sollt ich jemands Freund sein, der mich mit aalglatten Worten hintergeht und einem Douglas rät, sich meiner durch einen Dolchstich zu entledigen? »Soll doch der Teufel dem Douglas und Dir Durchgänger in den Nacken fahren!« rief der andre, »heraus wird doch bald alles sein, und dann heißt Tod die Parole.« »Katharina,« sagte Roland, »Ihr seid unehrlich und lieblos mit mir verfahren, jetzt ist die Zeit günstig für eine Aussprache zwischen uns, und ich will ihr so wenig aus dem Wege gehen wie Euch selbst.« »Ich heiße weder Kathi noch Käthe,« erwiderte der andre, »und ich sollte meinen, der Mond schiene gerade hell genug, daß es nicht schwer fallen könnte, Hirsch und Hindin voneinander zu unterscheiden.« »Solche Ausflüchte sollen Euch nichts helfen, schöne Dame,« rief Roland, den Mantelzipfel des Pagen fassend; »diesmal wenigstens soll es mir offenbar werden, mit wem ich es in Euch zu tun habe.« »Laßt ab von mir,« rief sie, bemüht, sich von ihm loszumachen, und es kam Roland so vor, wie wenn ihre Stimme sich zwischen Unwillen und Lachlust bewegte, »wie könnt Ihr Euch so unmanierlich gegen eine Seyton benehmen?« Als jedoch Roland, in der Meinung, ihre Lachlust berechtige ihn zu einiger Kühnheit, ihren Mantel noch immer nicht losließ, rief sie ihm im Tone nicht mißzuverstehender Entrüstung energisch zu: »Die Hände weg, Du rasender Wicht! Leben und Tod hängen an dieser Minute, Dir einen Denkzettel zu geben, liegt noch nicht in meinem Willen, aber Du tust doch gut, Dich in dieser Hinsicht in acht zu nehmen.« Bei diesen Worten machte sie einen schnellen Versuch, ihn beiseite zu stoßen und zu entfliehen; dabei entlud sich eine Pistole, die sie in der Hand gehalten haben mußte, und der Knall brachte im Nu das Schloß in Bewegung. Der Turmwart blies in sein Horn und zog die Turmglocke, und von seiner Zinne herab schrie er laut, daß es weithin dröhnte: »Verrat! Verrat! Wachet auf! wachet auf!« In der ersten Bestürzung ließ Roland den Mantel des fremden Pagen los, und im Nu war Katharina Seyton in der Dunkelheit verschwunden. Ruder plätscherten auf dem See, und gleich darauf knallte von den Turmzinnen ein halbes Dutzend Büchsenschüsse, zu denen sich auch der Donner aus einer Feldschlange gesellte. Völlig außer Fassung durch diese Vorgänge, zeigte sich Roland kein andrer Weg als seine Zuflucht zu Douglas zu nehmen, denn er vermutete Katharina Seyton in dem Kahne, der über den See fuhr, und hinter dem her die Schüsse gefeuert wurden, und wollte bei Douglas alles aufbieten, das Mädchen zu schonen. In dieser Absicht rannte er die Treppe hinauf nach dem Zimmer der Königin, aus welchem starker Lärm und laute Stimmen drangen. Dort sah er sich inmitten einer wirren Gruppe, deren Anblick ihn auf der Schwelle gebannt hielt. Am obern Ende des Zimmers stand die Königin, in Reisekleidern, neben ihr nicht allein Lady Fleming, sondern auch der kleine Ueberallundnirgends Katharina Seyton, in ihrer weiblichen Tracht, mit einem Kästchen in der Hand, worin die Königin die wenigen Juwelen, die man ihr vergönnt hatte, aufzubewahren pflegte. Am andern Zimmerende stand Lady Lochleven, im losen Hausgewande, das sie sich, durch den plötzlichen Lärm erschreckt, schnell übergeworfen hatte, umringt von ihrer Dienerschaft, die zum Teil Waffen trugen, zum Teil Fackeln schwenkten. Zwischen beiden Gruppen sah Roland Georg Douglas mit verschränkten Armen, den Blick zu Boden gesenkt gleich einem auf frischer Tat ertappten Verbrecher, stehen. »Sprich, Georg Douglas,« rief Lady Lochleven, »und reinige Dich von diesem Deinem Namen anklebenden Verdacht! Sage mir: nie gab es einen wortbrüchigen Douglas; und ich bin ein Douglas! sage mir das geliebter Sohn, nichts weiter, zur Rettung Deines Namens! sage, daß es bloß Arglist war von dieser unglücklichen Frau und diesem treuvergessnen Knaben, die solch unheilvolle Flucht ersann, unheilvoll für Schottland und vernichtend für Deines Vaters Haus.« »Gnädigste Herrin,« erwiderte der alte Hausmeier, »der unnütze Page hat, wie ich zu seiner Rechtfertigung nicht unterlassen darf zu sagen, an der Affäre kaum Anteil, denn was im Schlosse heute nacht vorgegangen ist, kann er schon um deswillen gar nicht wissen, weil ich ihm heut nacht den Zutritt zum Schlosse versperrt und ihn dadurch gezwungen habe, draußen zu kampieren. Seine Beteiligung bei der Affäre ist demnach zweifellos äußerst gering gewesen, wenn überhaupt von ihm dabei die Rede sein kann.« »Dryfesdale, Du lügst,« rief die Lady, »um das erbärmliche Leben dieses hergelaufnen Zigeunerbuben zu retten, trachtest Du danach, die Schmach über das Haus Deines Herrn zu bringen.« »Ich wüßte nicht, weshalb mir an seinem Leben mehr liegen sollte als an seinem Tode,« versetzte der Hausmeier, »aber was wahr ist, muß doch wahr bleiben.« Bei diesen Worten richtete Georg Douglas sich auf und sprach kühn und gelassen wie ein Mensch, der mit seinem Entschlusse ins reine gekommen ist: »Durch mich soll keines Menschen Leben in Gefahr geraten. Ich allein« ... »Douglas,« fiel ihm hier die Königin ins Wort, »bist Du von Sinnen? Kein Wort weiter! ich befehle es Dir!« »Gnädigste Frau,« nahm hierauf entschlossen wie vordem Douglas das Wort, indem er sich mit tiefer Ehrfurcht verbeugte, »Eurem Befehle gehorchte ich gewiß gern, aber man verlangt nach einem Opfer, und dieses soll niemand anders sein als der wirklich Schuldige.« Hierauf wandte er sich an die Lady: »Es ist, wie ich sage, gnädige Dame, mich allein trifft an diesem Vorgange die Schuld ... und sofern bei Euch ein Douglas-Wort noch Gewicht hat, so müßt Ihr mir glauben, daß dieser Knappe unschuldig daran ist. Auf Euer Gewissen mache ich es Euch aber zur Pflicht, ihm keinerlei Unrecht zu tun oder antun zu lassen, und ebenso wollt Ihr es nicht der Königin selbst anrechnen als Schuld, daß sie die Gelegenheit, die sich ihr bot, die Freiheit wieder zu erlangen, wahrnahm! ... sie wurde ihr geboten nicht allein aus ehrlicher Untertanentreue, sondern von einer tiefern Empfindung aus ... jawohl, ich bekenne, daß ich den Plan zur Flucht der schönsten aller Frauen entwarf, ich allein und kein andrer – und weit entfernt, solches Tun zu bereuen, so rühme ich mich dessen vielmehr und bin stündlich bereit, für sie und ihr Heil mein Leben in die Schanze zu schlagen.« »Nun, dann verleihe mir der gütige Gott Trost im Alter und Kraft, die schwere Bürde des Kummers zu tragen!« erwiderte Lady Lochleven. »O, wann werdet Ihr, zu unglücklicher Stunde geborne Fürstin, aufhören, allen, die sich Euch nähern, zum Werkzeug der Verführung und des Unterganges zu werden! o unheilvolle Stunde, die unter das Dach des alten, so lange als ehrenfest gepriesenen Geschlechtes der Lochleven diesen Irrläufer führte!« »Ihr sprecht zu Unrecht so,« versetzte ihr Enkel, »denn wenn ein Lochleven in den Tod geht für die unglücklichste aller Königinnen und für die liebenswürdigste aller Frauen, so kann dies den alten Ruhm des Geschlechts nur überstrahlen.« »Douglas,« sagte die Königin, »muß ich in diesem Augenblick äußerster Gefahr, eines getreuen Dieners verlustig zu werden, Dich darum schelten, weil Du außer acht läßt, was Du mir als Deiner Königin schuldest?« »Ungeratener Bube!« sagte Lady Lochleven, »so tief bist Du in die Schlingen dieser Moabiterin geraten? hast Du alles vergessen können um ihrer willen, Namen, Pflicht, ritterlichen Eid, Dankbarkeit gegen Deine Eltern, Gott und Vaterland? ist Dir dies alles feil gewesen um einer erheuchelten Träne, um eines erzwungnen Lächelns willen von Lippen, die dem kränklichen fränkischen Franz geschmeichelt, den Narren Darnley in den Tod gelockt, dem Günstling Chatelet süße Liederchen vorgehaucht, mit Rizzio süße Liebeslieder zur Laute gesungen und den schändlichen Bothwell mit Wonne geküßt haben?« »Lästert nicht also, Mutter,« rief Douglas, »und Ihr, schöne Königin, so tugendhaft wie schön, scheltet nicht jetzt Eures Vasallen Anmaßung! Nicht bloße Untertanentreue konnte mich zu der Rolle bewegen, die ich spielte ... und wenn Ihr auch wert seid, daß ein jeglicher Eurer Untertanen für Euch in den Tod geht, so konnte zu meinem Verhalten einen Douglas doch nur Liebe treiben! denn ich habe geheuchelt und mich verstellt, und solcher Falschheit kann noch kein Douglas geziehen werden! Drum, edelste aller Frauen, und herrlichste aller Königinnen, Du holde Königin aller Herzen und meines Herzens Kaiserin! lebt wohl! wenn Ihr befreit seid aus dieser schmählichen Haft – und sofern noch Gerechtigkeit lebt unter Gottes Himmel, müßt Ihr die Freiheit gewinnen – und wenn Ihr den glücklichen Mann, dem es gelang, Euch die Freiheit zu bringen, mit Ehren und Titeln überhäuft, dann gedenket zuweilen auch jenes Ritters, dessen Herz jeglichen Lohn verschmäht hätte, dem ein Kuß auf Eure Hand das hehrste Glück gebracht hätte ... und laßt eine Träne fallen auf sein unrühmliches Grab!« Bei diesen Worten warf er sich der Königin zu Füßen, nahm ihre Hand und preßte sie an seine Lippen. »Solches in meiner Gegenwart und vor meinen Augen!« rief Lady Lochleven empört, »angesichts Deiner Großmutter buhlst Du mit Deinem ehebrecherischen Liebchen? ... Reißt sie auseinander, Leute! und werft ihn in mein tiefstes Turmverließ!« Und als sie sah, daß ihre Dienerschaft unschlüssig stand, schrie sie: »Hört Ihr nicht, was ich befehle? wenn Euer Leben Euch lieb ist, greift ihn und schleppt ihn in den Turm!« Da trat Maria näher zu Douglas und raunte ihm zu: »Douglas! noch schwanken sie! rette Dich! ich befehle es Dir.« Mit jähem Satz vom Boden aufspringend, und mit dem Rufe: »Dir, Königin, gehört mein Leben, verfüge darüber nach freier Wahl!« riß er sein Schwert aus der Scheide und brach sich durch die noch immer wie vom Donner gerührte Dienerschaft, die den Sohn ihres Dienstherrn ebenso sehr liebte wie fürchtete, Bahn. Als Lady Lochleven inne wurde, daß er entkommen sei, rief sie zornentbrannt: »Hab ich etwa bloß Verräter um mich? Ihm nach! Verfolgt ihn, schlagt ihn, stoßt ihn nieder!« »Gnädigste Herrin!« sagte zu ihrer Beruhigung der Hausmeier, »er kann nicht weg von der Insel, denn ich trage den Schlüssel zur Bootskette bei mir.« Aber von unten herauf schrieen ein paar, der junge Herr habe sich in den See gestürzt. »Ein tapferes Herz!« rief die Königin, »ein echter Douglas! Er zieht den Tod der Gefangenschaft vor!« Lady Lochleven aber rief: »Feuert auf ihn! und wer als treuer Diener seines Vaters gelten will, der sorge dafür, daß die Fluten des Sees unsre Schande bedecken!« Während ein paar Schüsse fielen, trat Randal mit der Meldung herein, der Junker sei unfern vom Schlosse von einem Kahne aufgenommen worden und müsse nun wohl schon drüben auf dem Lande sein ... »So ist er doch entkommen? und die Ehre unsres Hauses ist auf ewig hin!« rief Lady Lochleven ergrimmt, indem sie mit einer Gebärde der Verzweiflung die Hände gegen die Stirn preßte; »uns alle wird man nun als Teilnehmer an diesem schändlichen Verrate betrachten.« Da trat die Königin ihr einen Schritt näher und sprach: »Lady Lochleven! Ihr habt mir heut nacht meine schönsten Hoffnungen genommen! habt mir den Becher der Freude von den Lippen gerissen! und doch fühle ich bei dem Kummer, der Euch trifft, das Mitleid, das Ihr dem meinigen weigert. Wie gern tröstete ich Euch, wenn es in meinem Vermögen stände – ich kann es nicht! aber laßt mich wenigstens in Liebe von Euch scheiden.« »Hinweg, Du stolzes Weib! hinweg!« rief die Lady, »niemand verstand es so gut wie Du, unter der Maske von Güte und Liebe die tiefsten Wunden zu schlagen! wer hätte je mit einem Kusse so berücken können wie Du Gleißnerin?« »Die Lady Douglas von Lochleven,« erwiderte mit Ruhe die Königin, »kann mich in solchem Augenblicke wie diesem mit Ihren unweiblichen Reden, deren sie sich selbst nicht vor dem Hausgesinde schämt, nicht verletzen. Dazu bin ich heut nacht einem Gliede ihres Hauses zu tief verpflichtet, denn es tilgte durch seinen Edelmut alles, was seine Ahne und Herrin im Grimme ihrer Leidenschaft an Jammer und Unglück auf mein Haupt gehäuft hat.« »Sehr verbunden, Fürstin,« erwiderte die Lady, »verwöhnt durch königliche Huld wurde das Haus Douglas nie, und so lange mein Wille gilt, wird es seine schlichte Redlichkeit auch nicht aufgeben für höfische Auszeichnungen, wie sie Maria von Schottland zurzeit noch zu verschenken hat.« »Wer sich gut aufs Nehmen versteht,« erwiderte die Königin, »meint sich gern frei von der Verbindlichkeit, die mit dem Empfangen verknüpft ist. Und daß mir jetzt so wenig zu bieten bleibt, ist doch niemands Schuld als der Adelsgeschlechter vom Namen Douglas und Konsorten.« »Eure Gnaden bringen das strenge Weib noch ganz von Sinnen,« flüsterte Lady Fleming der Königin zu; »bedenkt doch, darum flehe ich, daß sie schon aufs tiefste beleidigt ist, und daß sie uns doch völlig in ihrer Gewalt hat.« »Ich will sie nicht schonen, Fleming,« erwiderte die Königin, »sie hat meine aufrichtige Teilnahme mit Schimpf und Hohn erwidert. Es geht mir wider die Natur, ihr anders als mit gleicher Münze zu dienen. Sind ihr die Worte zur Erwiderung zu stumpf, die ihre Zunge ihr gibt, so mag sie mir doch, wenn sie es wagt, mit ihrem Dolche erwidern.« »Lady Lochleven täte doch sicherlich besser, sich jetzt zu entfernen,« wandte die Fleming sich unmittelbar an die Lady, »Ihre Gnaden, meine gütige Herrin, benötigt doch ernstlich der Ruhe.« »Jawohl,« versetzte die Lady, »damit Ihre Gnaden und Hochdero Schoßkinderchen hübsch Zeit behalten, sich zu besinnen, welch andre dumme Fliege sich in ihrem arglistigen Spinngewebe fangen könnte? ... Mein ältester Sohn ist Witmann: sollte er schmeichlerischen Betörungen nicht leichter noch zugänglich sein als sein Bruder es war? ... Freilich, das eheliche Joch wurde ja schon dreimal abgeschüttelt, aber bei den Römlingen herrscht ja doch, trotzdem sie die Ehe für ein Sakrament erklären, die Ansicht, man könne an solchem Sakrament nicht oft genug Teil haben.« »Die Bekenner des Genfer Glaubens,« erwiderte die Königin, vor Empörung errötend, »sollen dagegen, weil sie in der Ehe kein Sakrament erblicken, von dieser heiligen Zeremonie zuweilen entbinden.« Im andern Augenblick erschrak sie aber selbst über die Folgen dieser herben Anspielung auf die Irrungen in dem frühern Wandel ihrer Feindin, und sie wandte sich zu ihrer Hofdame: »Komm, Fleming, wir erweisen unsrer Wirtin zuviel Huld durch diesen Wortwechsel, und wollen uns nun zur Ruhe begeben. Sollte sie noch einmal Neigung verspüren, uns in unsrer nächtlichen Ruhe zu beschweren, so müßte sie die Tür einschlagen lassen.« Hierauf begab sich die Königin in ihr Schlafgemach. Lady Lochleven aber, durch die letzten Reden der Königin im tiefsten Herzen getroffen, blieb wie angewurzelt am Boden stehen. Dryfesdale und Randal bemühten sich, sie durch Fragen wieder zu sich zu bringen. »Was soll vorderhand weiter geschehen, gnädigste Herrin?« fragte der eine. »Sollen die Wachen verdoppelt werden? soll ich im Garten bei den Booten eine Sonderwache aufziehen lassen?« fragte der andre. »Soll eine Meldung an Sir William nach Edinburg abgehen?« fragte dann Dryfesdale wieder; »sollte nicht auch Kinroß alarmiert werden? für den Fall, daß sich am Seeufer noch ein feindlicher Rückhalt befände?« »Handle nach Deinem besten Wissen, Dryfesdale,« versetzte Lady Lochleven, die langsam ihre Besinnung wiederfand, »es heißt ja von Dir, Du verständest das Kriegshandwerk. Triff also alle Vorsichtsmaßregeln, die Dir als notwendig erscheinen – Gott im Himmel! daß ich so offnen Schimpf erleiden mußte!« »Wär's Euer Wille, diese Person – diese – Lady, durch strengere Maßregeln zu zwiebeln?« fragte Dryfesdale. »Nein, Kerl!« fuhr die Lady ihn an, »mich dürstet nach andrer Rache, solch gelinde Dosis wäscht nicht die Schmach von mir!« »Und solche Rache soll Euch werden, gnädigste Herrin,« versetzte Dryfesdale; »bevor die Sonne zum andern Male untergegangen, soll Ihr zufrieden sein!« Die Lady erwiderte nichts hierauf: sie hatte vielleicht die letzten Worte gar nicht vernommen, da sie eben schon das Zimmer verließ. Dryfesdale entließ die Dienerschaft, er selbst blieb zurück, und Roland Gräme war nicht wenig verwundert, den grämlichen Greis mit einer freundlicheren Miene, als er sonst an ihm gewohnt war, auf sich zukommen zu sehen, und um so verwunderter, als sich diese Miene gar nicht recht zu dem finstern Ausdruck des ganzen Gesichts schicken mochte. »Junger Wicht,« hub Dryfesdale an, »es will mich bedünken, als hätte ich Dir hin und wieder unrecht getan – die Schuld daran trifft aber Dich selbst, denn Dein Benehmen war immer so leicht wie die Feder, die Du auf dem Hute trägst. Aber mein Urteil über Dich ist zu hart gewesen. Heute nacht hab ich aus meinem Fenster gesehen, wie Du Dich gegen den Kameraden des ungetreuen Sohnes dieses Hauses wandtest, der davon abgetrennt werden muß wie ein wilder Schößling – ich war nämlich neugierig, wie Du Dich für die Nacht allein im Garten einrichten würdest – als ich sah, wie Du den Eindringling am Mantelzipfel faßtest, wollte ich Dir schon zu Hilfe kommen: da knallte die Pistole, und der Turmwart, ein falscher Halunke, den ich im Verdacht habe, sich bestechen zu lassen – mußte wohl oder übel Lärm blasen – was er bis dahin, wahrscheinlich mit guter Absicht, unterlassen hatte. Um mein Unrecht wieder gut zu machen, möcht ich Euch eine kleine Liebe antun.« »Die wäre?« fragte der Page. »Du sollst die Nachricht von dem Fluchtversuch nach Holyrood melden. Dort kannst Du Dich dadurch in große Gunst setzen, beim Grafen Morton, wie auch bei Sir William Douglas.« »Vielen Dank, Herr Hausmeier,« erwiderte Roland, »aber ich habe keine Lust, Eure Botschaft auszurichten, denn einmal bin ich ja als Page der Königin hier, und mithin zum Dienste ihr verpflichtet; sodann kann ich mir nicht recht denken, daß die genannten Herren demjenigen sonderlich gnädig sein möchten, der ihnen die Nachricht von der Treulosigkeit eines ihnen so nahe verwandten Junkers überbringt.« »Hm,« brummte Dryfesdale, halb verwundert, halb verdrießlich, »bei allem Flattersinn scheint's, als ob Ihr Euch in der Welt doch forthelfen würdet.« »Ich will Euch bloß zeigen, daß mich keine selbstsüchtigen Grundsätze leiten, sondern daß mir Ehrlichkeit für besser gilt als ein grämlicher Sinn, und Lustigkeit für besser als Arglist. Mir kommt's weiter so vor, Herr Hausmeier, als daß Ihr mir nie im Leben so wenig grün wäret, wie eben jetzt, daß Ihr mir aufrichtiges Vertrauen nicht schenken mögt, weiß ich ja; und darum wundert Euch nicht, daß ich falsche Zusicherungen nicht für bare Münze nehme. Bleibt nur mir gegenüber der alte: das ist für uns beide schon das beste – beargwöhnt mich nach wie vor aus vollem Herzen, und haltet mich, wie bisher, hübsch unter der Fuchtel – ich komm dabei ganz gut zurecht, denn Trotz biet ich Euch so oder so – an mir habt Ihr nun mal einen gefunden, der's mit Euch aufnimmt.« »Musje! beim Himmel!« rief erbost der Hausmeier, »wagst Du Verrat gegen Lochleven zu spinnen, dann soll Dein Kopf auf der Turmwarte in der Sonne rösten!« »Wer Vertrauen von sich weist, trägt sich wohl nicht mit Gedanken an Verrat,« erwiderte Roland; »und mein Kopf, mein lieber Dryfesdale, sitzt fest auf meinen Schultern, wie ein Turm, vom besten Baumeister gezimmert.« »Na, dann gute Nacht, Musje Federhut!« sagte höhnisch der Hausmeier. »Gute Nacht, Signor Ohrenbläser,« erwiderte lachend der Page und legte sich, sobald der alte Griesgram verschwunden war, aufs Ohr. Neuntes Kapitel. Um andern Morgen wurde zur üblichen Stunde vom Hausmeier mit üblicher Förmlichkeit das Frühstück aufgetragen ... »Es möge von jetzt ab, junger Musje, Euer Amt sein, den Vorschneider zu machen – zu lange schon ist mit diesem Dienst bei der Lady Maria ein Douglas betraut gewesen.« »Es wäre für den Vornehmsten dieses Geschlechts, ja für den Stammherrn ein Ehrenamt gewesen!« Diese herausfordernden Worte des Pagen mit finsterm Blicke beantwortend, verlieh der Hausmeier das Zimmer. Roland aber zeigte sich beflissen, all den Anstand und die gute Manier bei dem neuen Dienste zu zeigen, wodurch Georg Douglas sich hervorzutun verstanden hatte. Aber was ihn hierbei vor allem leitete, war ein Gefühl edelmütiger Aufopferung, wie etwa ein tapfrer Krieger in das Glied eines gefallnen Kampfgenossen vorrückt; »hinfort bin ich ihr einziger Hort und Schutz,« sprach er bei sich, »und ich will ihr, im Glück und im Unglück, dienen so treu und brav, wie es kein Douglas besser vermöchte.« In diesem Augenblicke trat, ihrer Gewohnheit völlig zuwider, ein Tuch vor die Augen haltend, Katharina Seyton allein in das Vorzimmer; ängstlich trat Roland ihr näher und fragte sie mit klopfendem Herzen, wie sich die Königin befände. »Könnt Ihr etwa meinen, sie befände sich wohl?« erwiderte Katharina Seyton! »da müßte sie ja gerade von Stahl und Eisen sein, wenn sie nach der grausamen Enttäuschung noch den gräßlichen Hohn dieser puritanischen Hexe aushalten sollte. Ach, daß ich kein Mann bin! wie wollt ich ihr helfen und beistehen!« »Wenn Leute, die Pistolen, Stöcke und Dolche führen, auch nicht allemal Männer sind,« versetzte Roland, »so sind es dann doch Amazonen; und das kommt, wenn es nicht gar noch schlimmer ist, auf ein und dasselbe hinaus.« »Ei, Ihr seid ja heute recht gut aufgelegt,« erwiderte das Fräulein, »ich bin's aber nicht, und kann Witz deshalb nicht recht vertragen, geschweige erwidern.« »Nun,« sagte der Page, »so vergönnt mir ein Wort im Ernste. Fürs erste erlaubt mir die Bemerkung, daß gestern abend alles weit besser verlaufen wäre, hättet Ihr mich ins Vertrauen gezogen.« »Das ist auch unsre Absicht gewesen. Wem konnte es aber einfallen, daß es Euch belieben würde, die Nacht im Garten zu verbringen?« »Und muß denn solch wichtige Angelegenheit bis zum äußersten Augenblick geheim gehalten werden?« »Euer Verkehr mit dem Kaplan Henderson hat uns abgehalten, uns früher an Euch zu wenden.« »Und warum noch im letzten Augenblicke?« fragte hierauf der Page, der sich durch diese Worte gekränkt fühlte; »warum überhaupt in irgend einem Augenblicke, da ich doch einmal das Malheur hatte, soviel Mißtrauen zu wecken?« »Nun seid Ihr schon wieder knurrig,« versetzte Katharina, »ich müßte, wenn ich verfahren wollte, wie es recht und billig ist, eigentlich kein Wort mehr mit Euch wechseln; aber ich will noch einmal Gnade für Recht ergehen lassen und Eure Frage beantworten. Unser Grund, Euch zu vertrauen – versteht Ihr wohl? vertrauen, sage ich – war ein doppelter: erstens ließ es sich doch nicht vermeiden, daß wir den Weg durch Euer Zimmer nahmen, und zweitens ...« »Bitte, bitte! den zweiten Grund könnt Ihr Euch sparen,« bemerkte der Page, »macht doch der erste Euer Vertrauen bloß zu einem notgedrungnen.« »Ich möchte nichtsdestoweniger bitten, mich ausreden zu lassen,« sagte Katharina, »zweitens, sage ich, gibt's unter uns Weibsvolk hier oben auf der Burg ein törichtes Ding, das sich einbildet, Roland Gräme hätte, wenn's ihm auch im Kopfe ein wenig schwindelt, doch ein warmes Herz, und auch, wenngleich ein hitzig wallendes, doch ein treues Blut und hohes Ehrgefühl, wenngleich eine Zunge, die leicht alle Vorsicht vergißt.« Katharina legte dieses Bekenntnis ab mit leiser Stimme und mit zu Boden geschlagenen Augen, es war, als ob sie Rolands Blick aus dem Wege gehen wollte, als diese Worte den Weg über ihre Lippen nahmen. »Und dieses einzige Wesen, das dem armen Roland Gerechtigkeit zu teil werden läßt,« rief der Jüngling mit gehobner Stimme, »die ihrem eignen edlen Herzen befiehlt, zwischen Kopf und Herz und den Irrungen beider zu unterscheiden ... dies einzige Wesen, geliebte Katharina, wo muß ich es suchen? wem bin ich innigen Dank dafür schuldig?« »Ich kann's Euch nicht sagen,« versetzte Katharina, »Wenn es nicht Euer eignes Herz Euch sagt.« Der Page ließ sich auf ein Knie nieder und faßte die Hand des Mädchens. »Geliebteste Katharina!« »Ich sage ja,« wiederholte Katharina, »wenn es nicht Euer eignes Herz Euch sagt, dann habt Ihr ein recht undankbares Ding von Herz!« und sie entzog ihm langsam ihre Hand .. »denn da doch die mütterliche Zärtlichkeit und Fürsorge von Lady Fleming.« Im Nu war der Page auf den Beinen. »Beim Himmel, Katharina!« rief er, »Eure Zunge hüllt sich in so verschiedne Tracht, wie Euer Leib. Warum treibt Ihr mit mir solch herben Spott? Ihr wißt doch recht gut, daß Lady Fleming sich so wenig um jemand bekümmert, wie dort die arme Prinzessin in dem Stück alter Tapete.« »Was kann schon sein,« sagte Katharina, »aber redet doch deshalb nicht so laut!« »Ihr wißt, daß sie sich außer um die Königin und um sich selbst um keinen Menschen bekümmert! und ebenso gut wißt Ihr, daß mir an keines Menschen Beifall etwas liegt außer an dem Eurigen ... selbst nicht an dem der Königin.« »Wenn es an dem ist,« sagte darauf Katharina mit Gelassenheit, »so müßt Ihr Euch um so ärger schämen!« »Aber, schöne Katharina,« rief der Page wieder, »warum wollt Ihr mich dadurch, daß Ihr der Glut meiner Liebe solchen Dämpfer aufsetzt, verhindern, mich mit Leib und Seele der Sache meiner Gebieterin zu weihen?« »Wer seinem Glauben, seinem Fürsten, seinem Vaterlande mit Eifer und Hingebung dienen will, der braucht dazu keinen romanhaften Ausputz .. und wer diese gekränkte Fürstin aus ihrem Kerker errettet und als freie Königin ihren freien und tapfern Adelingen zuführt, deren Herzen vor Begierde brennen, sie willkommen zu heißen – dessen Liebe wäre hohe Ehre für jedes Mädchen Schottlands, und wäre sie dem Blute des vaterländischen Königshauses entsprossen und er des ärmsten Käthners Sohn, der jemals hinter einem Pfluge schritt!« »Schönste Katharina,« rief Roland begeistert, »ich will das Abenteuer wagen! doch sagt mir zuvor, und so, als wenn Ihr dem Priester die Beichte ablegtet – ich weiß, die arme Königin ist tiefunglücklich, aber, Katharina, ist sie auch unschuldig? man zeiht sie des Mordes!« »Halt ich das Lamm für schuldig, weil der Wolf es anfällt?« erwiderte Katharina, »oder die Sonne dort für besudelt, weil Erdendunst ihren Glanz verhüllt?« Seufzend blickte der Page zu Boden. »Hätt ich doch Deine feste Ueberzeugung! aber eins ist offenbar: durch diese Kerkerhaft geschieht ihr das herbste Unrecht – auf einen Vergleich hin hat sie sich den Adelingen ihres Reiches ausgeliefert, und die Bedingungen des Vergleichs sind ihr nicht gehalten worden – Katharina! ich will für ihre Sache eintreten mit Tod und Leben!« »Das wolltet Ihr? wolltet Ihr wirklich?« rief Katharina, jetzt seine Hand ergreifend; »o, sei so standhaften Sinnes, wie Du kühn und entschlossen im Wollen bist – halte Dein verpfändetes Wort, und künftige Geschlechter werden in Dir Schottlands Erlöser verehren.« »Hab ich aber mit Erfolg gestrebt, die Lea – Ehre – zu gewinnen, soll ich dann etwa noch verurteilt sein, weitere Jahre um die Rahel – Liebe – zu dienen?« »Darüber werden wir noch Zeit genug finden zu reden,« versetzte Katharina, ihre Hand wieder aus der seinigen ziehend. »Ehre ist die ältere der beiden Schwestern und will zuerst errungen sein.« »Ob ich sie erringe, steht nicht allein bei mir,« sagte drauf der Page, »wagen dafür will ich, was im Vermögen eines Menschen steht. Zudem laßt Euch sagen, schönste Katharina, daß nicht Ehre allein, und auch nicht jene andre Schwester, deren bloße Erwähnung schon Eure Stirn in Falten legt, mich treibt, zur Befreiung der Königin aus ihrer schmählichen Haft das meinige zu tun, sondern auch das strenge Gebot der Pflicht.« »Wirklich?« fragte Katharina, »das hat Euch doch aber so manchen Zweifel bereitet?« »Ehedem,« versetzte der Page, »als ich sie noch nicht in ihrem Leben bedroht wußte.« »Ist denn Ihr Leben jetzt schärfer bedroht als früher?« fragte lebhaft erschrocken das Fräulein. »Aengstigt Euch nicht,« sagte der Page, »aber Ihr habt doch gehört, mit welchen Worten Eure Herrin von der greisen Lady schied?« »Gewiß, gewiß!« erwiderte Katharina, »ach! daß sie ihren fürstlichen Unwillen nicht mäßigen kann!« »Zwischen den beiden Frauen ist etwas vorgegangen,« sagte Roland, »was Frauen niemals verzeihen. Ich habe recht gut gesehen, wie zuerst bleich, und dann schwarz das Gesicht der Lady wurde, als ihr die Königin vor dem ganzen Hausgesinde ihre Schande vorwarf. Ich habe auch den Schwur vernommen, den sie in ihrem Grimm und Rachegefühl einem ins Ohr raunte, der nach der Antwort, die er darauf gab, nur zu bereitwillig sein dürfte, ihren Willen zu vollstrecken.« »Ihr setzt mich in Schrecken,« rief ängstlich Katharina. »Begebt Euch nicht unter das Joch der Furcht,« sagte Roland; »rafft Euch auf, wendet Euch an die männliche Seite Eures Charakters, und laßt uns auf der Hut sein, damit wir Pläne vereiteln, so gefahrvoll sie auch sein mögen. Warum seht Ihr mich so an und weint?« »Ach,« erwiderte Katharina, »Ihr seid ein Mann, steht in Eurer vollen Jugend, seid erfüllt von edlem Unternehmungsgeist, und erfreut Euch noch aller Sorglosigkeit einer frischen Jugend! wenn Ihr nun heut oder morgen verstümmelt und entseelt auf dem Boden dieses verhaßten Kerkerloches liegt, wem anders als Katharina Seyton wird dann die Schuld beizumessen sein, daß Eure Laufbahn schon zerstört wird, kaum daß Ihr in die Schranken getreten seid? und hattet Ihr sie nicht erkoren, Euch die Myrte ins Haar zu binden? und sie soll bestimmt sein, Euch das Totenhemd zu weben?« »Und das geschehe,« rief Roland in jugendlicher Begeisterung, »wenn Du Tränen hineinwebst, wie sie jetzt aus Deinen Augen rinnen; welch schönere Ehre konnte es geben für meine irdische Hülle? kein Grafenmantel könnte dem Lebenden schönere Zierde sein! Aber beiseite jetzt mit aller Weichheit des Herzens! Katharina, sei eine Seyton, oder richtiger gesprochen, sei ein Seyton! – sofern Du es willst, kannst Du schon einer sein!« Katharina wischte sich die Tränen aus den Augen und versuchte zu lächeln. »Befragt mich nicht jetzt über Dinge, die Euer Herz beunruhigen! mit der Zeit sollt und werdet Ihr alles erfahren – gleich in diesem Augenblicke solltet Ihr es erfahren, wenn nicht – doch still! die Königin kommt!« Maria von Schottland trat, bleicher als sonst, aus ihrem Zimmer. Sie war sichtlich erschöpft und abgespannt durch eine schlaflose Nacht. Aber ihre Schönheit verlor nicht hierdurch, denn an die Stelle hoheitsvoller Anmut der Königin trat jene zarte Erregbarkeit des liebevollen und liebenswürdigen Weibes. Abweichend von ihrer sonstigen Weise, hatte sie ihre Toilette hastig gemacht; das Haar, das sonst von Lady Fleming sorgsam frisiert wurde, fiel in den langen, üppigen Locken, die von der Natur selbst gekräuselt wurden, lose um die Stirn hernieder und über Hals und Busen, die nicht so fürsorglich wie sonst verhüllt waren. Kaum hatte die Königin den Fuß über die Schwelle gesetzt, als Katharina ihr entgegeneilte, sich vor ihr auf ein Knie niederließ und ihr die Hand küßte. Auf der einen Seite die Fleming, auf der andern Katharina, schienen sie sich in die ehrenvolle Aufgabe, ihr Stütze und Beistand zu sein, mit treuem Eifer zu teilen. Der Page rückte den Armsessel an die Tafel heran, in welchen sie sich in der Regel niederließ, um ihr Frühstück einzunehmen, und stand, seines Dienstes gewärtig, auf dem Platze, den bisher der junge Seneschall Georg Douglas eingenommen hatte. Marias Auge ruhte eine Weile auf ihm; es mußte ihr natürlich bewußt werden, daß in diesem Dieneramt ein Wechsel vorgegangen war, und doch war sie sich vielleicht der Worte »Armer Douglas!« die ihr jetzt entschlüpften, nicht bewußt; sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und brachte ihr Tuch vor die Augen. »Ja, gnädigste Herrin,« sagte Katharina, mit heiterer Miene, in der Absicht, das Gemüt Marias dadurch aufzuheitern, »unsrer wackrer Amadis ist von uns gegangen, er war dem kühnen Wagnis nicht gewachsen; indessen hat er uns einen jungen Knappen hinterlassen, der dem Dienste seiner Königin nicht minder ergeben ist und Euch durch mich Hand und Schwert bieten läßt.« »Wozu das alles?« erwiderte die Königin; »weshalb immer und immer wieder für neue Opfer sorgen, Katharina, sie mit meinem unglücklichen Schicksal zu verketten? Geben wir lieber alles weitere Bemühen, eine Aenderung meiner Lage herbeizuführen, auf! es widerstrebt mir, soviel edle Herzen, die zu unserm Heile ihr Bestes einsetzen, mit in mein Verderben zu reißen; es haben sich in meiner Umgebung genug Anschläge und Ränke abgespielt, seit ich als verwaistes Kind in meiner Wiege lag, und die feindlichen Adelinge meines Reichs sich darum bekämpften, wer von, ihnen im Namen des unschuldigen und bewußtlosen Kindes das Regiment in meinem Reiche führen sollte – es ist ja wirklich an der Zeit, daß dieser schmachvolle und gefahrvolle Zustand sein Ende finde! Ich will meine Haft hinfort als Klosterhaft ansehen, will mir vorstellen, als hätte ich mich freiwillig von der Welt und ihrem Treiben in diese stille Klause zurückgezogen.« »O, gnädigste Fürstin,« erwiderte Katharina, »redet doch nicht so in Gegenwart Eurer treuesten Diener! muß das nicht ihnen allen Eifer rauben, Euch zu dienen? muß ihnen solche königliche Rede nicht das Herz brechen! Komm, Roland! wir sind die jüngsten ihres Gefolges, knie neben mir nieder vor ihrem Schemel und flehe mit mir zu ihr, daß sie ihren hohen Sinn auch fürder behalte!« und sie nahm Roland bei der Hand und kniete mit ihm vor der Königin. Maria richtete sich empor, reichte die eine Hand dem Pagen zum Kusse und strich mit der andern die üppigen Locken aus der kühnen und offenen Stirn des jungen Mädchens. »Ach, ma mignonne, « sagte sie, denn mit diesem Kosenamen liebte sie ihre junge Dienerin zu nennen, »wie soll ich es billigen, daß Du Dein junges Leben an mein unheilvolles Schicksal kettest? .. Sieh doch her, Fleming! ist's nicht ein holdes Paar? und muß mir der Gedanke, daß ich ihnen zum Untergang werden soll, nicht das Herz zerfleischen?« »Sprecht nicht also, gnädigste Fürstin,« rief da begeistert Roland, »denn unser freier Wille ist's, Euch Befreiung zu schaffen,« »Aus dem Munde dieser Kinder,« sprach die Königin, indem sie den Blick gen Himmel lenkte, »wird mir also vom Himmel die Aufforderung, jene hohen Gedanken weiter zu nähren, die meiner Geburt und meinen Rechten geziemen. Da darf ich wohl erwarten, daß er ihnen auch seinen Schutz wird angedeihen lassen und die Macht verleihen wird, ihren Eifer zu belohnen.« Hierauf an Lady Fleming sich wendend, setzte sie hinzu: »Du weißt ja, liebe Fleming, wie glücklich ich mich immer gefühlt habe, wenn es mir vergönnt war, Dienste fürstlich zu lohnen – ach, und wie gern hab ich mich immer unter glücklichen Menschen bewegt! selbst als man es mir übel anrechnete, daß ich mich in ungebundner Fröhlichkeit unter die Maskenzüge meines Hofstaates mischte und an den Tänzen von dessen jungem Volke teilnahm! mag es auch der kalvinistische Knox, der strenge Prediger des Ketzertums, eine Sünde genannt und Graf Morton es als eine Herabwürdigung königlichen Ansehens bezeichnet haben! ich bereue es auch heute noch nicht, denn wehe der armseligen Scheelsucht, die aus dem Ueberschwange unbewachter Fröhlichkeit eine Herzenssünde herzuleiten vermag. Verlaß Dich drauf, Fleming! sind Wir erst wieder in den Besitz Unsres Thrones gelangt, so soll ein fröhliches Hochzeitsfest Uns alle vereinen! aber Wir dürfen zurzeit weder Braut noch Bräutigam nennen, doch haben Wir dem Bräutigam die Baronie von Blairgowrie zugedacht, die auch als Geschenk einer Königin noch immer ein schönes Geschenk genannt weiden darf, und in den Kranz der Braut wollen Wir die schönsten Perlen flechten, die in den Tiefen des Lamondfees gefischt worden sind – und Du selbst, liebe Fleming, die geschickteste Haarkräuslerin, die je die Locken einer Königin flocht, und die sich wohl an keines Weibes Haar von geringer Herkunft vergriffe, Du selbst sollt die Perlen mir zuliebe ihr, Unsrer holden Braut, in die Locken flechten – Liebe Fleming, setzen Wir den Fall, es wären Locken von der üppigen Art, wie sie das süße Köpfchen Unsres Lieblings hier, Unsrer frohen Katharina, zieren? sie würden doch Deiner schönen Kunst nimmer zur Unehre gereichen! – Was meinst Du wohl?« und während sie liebkosend mit der Hand über den Kopf ihres Lieblings strich, blickte sie der andern ihrer beiden Hofdamen so mild und glückselig in die Augen, daß dieser die hellen Trauen in die Augen schossen. »Ach, gnädigste Dame,« rief leise klagend die bejahrte Dienerin, »Eure Gedanken schweifen in gar weite Fernen!« »Freilich, freilich, meine liebe Fleming!« erwiderte darauf die Königin; »aber ist es recht von Dir, sie zurückzurufen? ist's freundlich von Dir? Bei wessen Hochzeit war es denn, liebe Fleming, daß Wir zum letzten Male tanzten? Bei der Hochzeit, von der ich jetzt spreche, soll Maria nichts spüren von all ihren Sorgen und Kümmernissen! da will sie selbst noch einmal den Reigen führen! in ungebundner Fröhlichkeit! ... Ach, Fleming, mir ist's heut ganz zu Mute, als hätte mir der gestrige Auftritt das Gedächtnis ein bißchen verwirrt – ich sollte doch eigentlich wissen, wann ich zum letzten Male im heitern Tanze mich drehte! Kannst Du mir nicht einhelfen? Freilich, kannst Du es, liebe Fleming! warum tust Du's denn nicht?« »Ach, gnädigste Herrin,« wehrte die Fleming ab ... »Aber warum denn so ungehorsam, liebe Fleming! warum willst Du es meinem Gedächtnis weigern, ihm zu helfen? – ich muß doch meinen, Fleming, daß Unsre Reden Deinem ernstern Sinne als eitle Torheit erscheinen. Du bist aber doch am Hofe erzogen, Fleming, und weißt, was solcher Ungehorsam gegen Deine Gebieterin bedeutet – ich sage Dir also, daß ich es Dir befehle! verstehst Du, Fleming, die Königin befiehlt der Lady Fleming, ihr zu sagen, wann sie den letzten Reigen geführt hat!« Todbleich wurde die Hofdame, aber sie weigerte sich nicht länger, der Aufforderung zu gehorchen, und mit einer Miene, wie wenn sie in die Erde sinken müsse, sagte sie: »Gnädigste Fürstin, sofern mich mein Gedächtnis nicht trügt, so war es auf einem Maskenball in Holyrood, bei der Hochzeit Sebastians.« Bei diesem unheilvollen Worte entfuhr der unglücklichen Königin, die bis jetzt der stotternden Hofdame mit übermütigem Lächeln zugehört hatte, ein so wilder, so furchtbarer Schrei, daß das ganze Gemach davon widerhallte. Katharina und Roland eilten in der größten Bestürzung an ihre Seite. Völlig außer sich durch die Verknüpfung der grausigsten Vorstellungen, aus allen Grenzen der Vernunft gerissen durch diese plötzliche Erinnerung an das Entsetzlichste, das sie in ihrem jungen Leben getragen, schrie sie mit gellender Stimme: »Verräterin! Deinen Fürsten wolltest Du morden! Ruft meine Garden! à moi, à moi, mes Français!  – Verräter umzingeln mich in meinem eignen Palaste! meinen Gemahl haben sie ermordet – Hilfe, Hilfe der Königin von Schottland!« Ihre in ihrer Blässe noch eben so überaus lieblichen Züge waren entflammt von der Wut des Wahnsinns und glichen denen Bellonas, der Kriegsgöttin Roms. »Ha!« schrie sie wieder, »Unsre Hauptstadt soll wachsam sein! Lothian und Fife sollen wachsam sein! man sattle Unser spanisch Roß, und Paris, der Franzose, soll unsren Karabiner laden! besser, an der Spitze Unsrer tapfern Soldaten wie Unser Großvater zu Flodden sterben, als an einem gebrochnen Herzen hinsiechen wie Unser unter einem unheilvollen Sterne geborner Vater.« »Beruhigt Euch doch, gnädigste Fürstin!« bat Katharina und wandte sich hierauf an ihre Gefährtin: »Wie konntet Ihr auch nur ein Wort sagen, das sie an ihren Gemahl erinnerte!« »Gemahl!« wiederholte die unglückliche Königin, denn sie hatte dies Wort aufgefangen und wiederholte es hastig ein paarmal hintereinander. Dann schrie sie: »Welcher? welcher Gemahl? Seine allerchristlichste Majestät nicht, denn die ist unpaß – kann nicht aufs Pferd hinauf – auch nicht der von Lennox – der Herzog von Orkney war's, auf den Du anspieltest!« »Um Gottes willen, Fürstin,« bat die Fleming, »seid ruhig!« Aber die erregte Phantasie der Königin war nicht zu besänftigen ... »Ruf ihn her! sag ihm, er solle mir helfen! solle seine Lämmer mitbringen, wie er sie nennt: Bowton, Hay von Talla, Ormiston den Schwarzen, und Robert, seinen Vetter! – Ach, prrrr! wie sie nach Schwefel duften! und wie schwarz sie aussehen! – Was? mit Morton im geheimen Rat? Nein! wenn die Douglasse mit den Hepburns über einem Anschlage brüten, dann jagt der Vogel, der aus der Schale kriecht, ganz Schottland in Angst und Schrecken – meinst Du nicht, liebe Fleming?« »Sie wird immer irrer,« sagte die Fleming, »wir haben für diese verworrnen Reden der Zuhörer zuviel.« »Roland,« rief Katharina und trieb den Pagen in das Vorzimmer, »laß uns allein mit ihr fertig werden; Du kannst uns nichts dabei helfen – Fort – fort!« Aber trotzdem die Tür hinter ihm abgeschlossen und verriegelt wurde, konnte er die Königin noch immer schreien hören, bis ihre Stimme sich endlich in einem leisen Gewimmer verlor. Da trat Katharina wieder zu ihm ... »Mach Dir keine Sorge weiter,« sagte sie zu ihm, »der Anfall ist vorüber. Aber halte die Tür versperrt und laß niemand herein, bis sie ihre Fassung wiedergewonnen hat.« »Um Gottes willen, Katharina,« sagte Roland, »was bargen die Worte der Fleming so Schreckliches, daß die Königin in eine so wilde Erregung geriet?« »Ach, die Fleming, die Fleming!« sagte Katharina, den Namen ungeduldig wiederholend, »die Fleming ist ein dummes Frauenzimmer, sie hängt an ihrer Herrin mit aller Liebe, weiß aber nicht, wie sie diese Liebe beweisen soll – wenn ihr die Königin befehlen sollte, sie zu vergiften, so würde sie sich auch nicht besinnen, sondern es tun, weil es ihr eben von der Königin befohlen worden – ich hätt ihr die Halskrause herunterreißen können um dieses Wortes Sebastian willen – mir hätte die Königin eher das Herz aus der Brust reißen können, als daß ich diesen Namen über meine Lippen gelassen hätte!« »Und was ist's denn für eine Geschichte mit diesem Sebastian?« fragte Roland; »beim Himmel, Katharina! Ihr seid das lebendige Rätsel!« »Und Ihr ein Narr, wie die Fleming eine Närrin!« versetzte das Fräulein voll Ungeduld, »wißt Ihr denn nicht, daß in jener Nacht, da Heinrich Darnley ermordet und die Feldkirche in die Luft gesprengt wurde, die Königin auf einem Maskenballe anwesend war, den sie zum Hochzeitsfeste ihres Leibdieners mit Namen Sebastian gab, der sich mit einem Hoffräulein von ihr verheiratete?« »Beim Himmel! dann wundre ich mich freilich nicht mehr über ihre Erregtheit,« sagte Roland, »bloß der Gedächtnismangel ist mir nicht verständlich, daß sie der Fleming solche Frage mit solcher Dringlichkeit stellen konnte!« »Darüber kann ich freilich auch nichts sagen,« erwiderte Katharina, »aber großes Seelenleid mag wohl, wenn es sich mit einem wilden Schreck gepaart hat, das Gedächtnis schwächen oder verdüstern. Indessen will ich mit Euch nicht länger müßig diskutieren, während es mir in allen Fingern juckt, der Fleming noch jetzt eine kalte Douche zu geben – verwahrt mir die Tür gut, Roland, denn auf keinen Fall möcht ich haben, daß einer von dem Ketzerpack im Schloß sie in diesem traurigen Zustande vor die Augen bekäme – denn in der Freude darüber, daß ihre teuflischen Pläne so herrlich angeschlagen, möchten sie sich keine Sekunde besinnen, den Anfall der Königin in ihrem ekelhaften Kauderwelsch als ein Strafgericht des Himmels zu preisen.« Gerade als sie den Fuß aus dem Vorzimmer setzte, um zur Königin zurückzukehren, wurde von draußen mit Wucht auf die Türklinke gedrückt; aber Roland hatte den Riegel fest vorgeschoben, und er widerstand den Bemühungen des groben Eindringlings.. »Wer ist an der Tür?« fragte Roland. »Ich, der Hausmeier,« erwiderte Dryfesdale. »Ihr könnt nicht herein,« rief Roland. »Warum nicht?« rief draußen Dryfesdale; »ich komme ja nur, mich pflichtschuldigst zu erkundigen, weshalb die Moabiterin so laut geschrieen hat?« »Bleibt draußen!« rief Roland; »herein dürft Ihr nicht!« »Und warum nicht, junger Hansdampf?« fragte Dryfesdale. »Weil ich den Riegel vorgeschoben habe, und weil ich keine Lust habe, ihn Euch zu Gefallen wegzuschieben – Wurst wider Wurst, Hausmeierchen!« »Laß Dir solche Dummheiten nicht beikommen, Musje,« schrie vor Wut außer sich draußen der Hausmeier, »ich setze auf der Stelle die Schloßherrin in Kenntnis.« »Ihr könnt der Dame zugleich mit melden, daß die Königin sich alle Besuche verbittet, wie auch alle Botschaft, denn sie fühlt sich zurzeit nicht wohl und empfängt niemand.« Also abgewiesen, begab sich Dryfesdale unter lautem Gebrumm wieder die Treppe hinunter. Zehntes Kapitel. Lady Lochleven saß, in ihre in Sammet gebundne und auf dem Deckblatt mit Silber reich verzierte Bibel vertieft, allein in ihrem Gemache; sie erkannte aber bald, daß es ihr nicht gelingen wollte, ihr Gemüt von dem verdrießlichen Ereignis der letzten Nacht abzulenken. Die Kränkung, die ihr von der Königin widerfahren war, erinnerte sie an eine zu schwere Verirrung ihrer Jugend, die sie schwer genug bereut hatte, um jede Erwähnung auf das bitterste zu empfinden. »Warum,« sprach sie bei sich, »soll grade sie mir solchen Vorhalt machen dürfen? sie, die meiner Torheit Früchte genießt oder doch genossen hat? die meinen Sohn vom Throne verdrängte? warum soll sie es wagen dürfen, mir in Gegenwart meines Gesindes und ihrer Dienerschaft diese Torheit, diese Schande vorzuwerfen? Befindet sie sich nicht in meinen Händen? Fühlt sie keine Furcht vor mir? Ha, Versucher! weiche von mir! komm mir nicht mit Gedanken, die ich meinem Herzen fernhalten will, komme es, wie es wolle!« Sie griff wieder nach dem heiligen Buche, ernster als vordem bemüht, sich durch seinen Inhalt seelisch zu stärken – da wurde sie durch ein Pochen an der Tür unterbrochen. Auf ihr Herein erschien der Hausmeier Dryfesdale auf der Schwelle. Sie schrak zurück vor der verstörten Miene, die sein Gesicht zeigte. »Was ist vorgegangen, Dryfesdale?« fragte die Lady; »was soll dieses dumme Gesicht? Hast Du schlimme Kunde von meinem Sohn oder meinem Enkel?« »Nein, Lady,« antwortete der Hausmeier, »aber Ihr habt letzte Nacht schweren Hohn erlitten, und heute morgen ist, wie ich befürchte, Euch herbe Genugtuung geschaffen worden – Wo ist der Kaplan?« »Was soll diese hastige Frage, Dryfesdale? Der Kaplan ist, wie Ihr doch recht gut wißt, heut abwesend. Ihr habt ihm doch selbst die Bestellung zur geistlichen Konferenz in Perth überbracht.« »Mag er stecken, wo er will,« brummte Dryfesdale, »ein Baalspfaffe ist und bleibt er ohnehin!« »Dryfesdale! was sollen solche Reden?« erwiderte die Dame streng, »ich habe schon immer gehört, daß Du während Deines Aufenthalts in den Niederlanden zur Gemeinschaft der Wiedertäufer gehört hättest – zu jenen Keilern, die alle Weinberge aufwühlen – aber meine geistlichen Berater sollen auch meiner Dienerschaft recht sein!« »Immerhin wär's mir gerade heut nicht unlieb,« versetzte, der Worte seiner Gebieterin nicht achtend, der Hausmeier, »wenn ich geistlichen Zuspruch zur Hand hätte ... die moabitische Madame in unsrer Burg.« »Sprich von der Dame mit der Ehrerbietung, die ihr zusteht,« wies ihn die Lady zurecht, »denn sie ist eines Königs Tochter!« »Meinetwegen,« versetzte Dryfesdale störrisch, wie vordem, »wenn sie ins Grab steigt, ist zwischen ihr und einer Betteldirne auch kein Unterschied – Maria von Schottland liegt in den letzten Zügen.« »Was schreist Du mir da in die Ohren, Mensch?« rief die Lady entsetzt; »Maria in den letzten Zügen? in meinem Schlosse? an welcher Krankheit? durch welchen Zufall?« »Nun, nicht so aufgeregt, Lady!« sagte Drysesdale, »den Dienst hab ich ihr geleistet.« »Schurke! Verräter! wie konntest Du solches wagen?« »Ich hab's Euch gestern abend zugesagt, und jetzt ist's geschehen; sie verhöhnt Euch zum andern Male nicht wieder.« »Schurke, Du bist nicht bei Sinnen!« »Aber auch nicht von Sinnen!« erwiderte trocken der Hausmeier; »was dem Menschen vorgezeichnet, muß er erfüllen; und in meinem Zeichen steht, was ich getan, schon seit Millionen von Jahren!« »Grausamer Halunke! Du hast sie doch nicht etwa gar vergiftet?« »Nun, und wenn ich sie vergiftet hätte, was wäre weiter dabei? Die Menschen vergiften Ungeziefer – warum sollten sie sich nicht auch ihrer Feinde auf gleiche Weise entledigen? in Italien tut's der erste beste, wenn er ein Goldstück dafür bekommt.« »Aus meinen Augen, feiger Meuchelmörder!« rief die Dame entsetzt. »Urteilt nicht blindlings, Lady!« sagte Drysesdale; »denkt an Lindesay, an Ruthven, an Euren Vetter Morton! erdolchten sie nicht den Rizzio? sitzt etwa auf ihren gestickten Aufschlägen Blut? erstach nicht der Lord Temple den Lord Sanquhar? und sitzt ihm seine Kappe deshalb um einen Strich schiefer? – ein Gifttrank und ein Dolch sind völlig gleiche Mittel zum gleichen Zweck; der eine wirkt aufs Hirn, der andre zapft Blut – indessen sage ich ja keineswegs, daß ich dieser Lady was eingegeben hätte.« »Was soll diese Salbaderei, Mensch?« rief die Dame; »willst Du Deinen Hals vom Stricke retten, dann berichte mir unverhohlen den Hergang! Als gefährliches Subjekt kennt man Dich ja schon lange!« »Hm, daß ich im Dienste meines Herrn kühn und rücksichtslos sein kann, will ich nicht in Abrede stellen. Warum sollt ich Euch nicht sagen, wie ich mich in dieser Sache verhielt? ich war, als ich letzthin drüben auf dem Lande war, bei einem klugen Weibe, von dem sich seit einigen Monaten die ganze Gegend allerhand Wunderdinge zuraunt. Sie heißt Mutter Nicneven. Narren, die wieder' jung werden wollen, lassen sich Zaubertränke von ihr brauen. Geizhälse, die ihr Hab und Gut mehren wollen, lassen sich Wünschelruten von ihr schneiden; andre lassen sich von ihr die Zukunft deuten; nun, mir hat sie ein Päckchen gegeben, das, unter eine Flüssigkeit gemischt, vollkommene Rache übt,« »Elender! und Du hast dies Gift unter die Speisen der Lady gemischt? Zur ewigen Schmach für Deines Herrn Haus?« »Bloß um die Ehre meiner Herrschaft zu rächen, die sie auf gemeine Weise verhöhnte! ich hab das Tränkchen in den Krug Zichorienwasser geschüttet, das die moabitische Madam ja mit solcher Vorliebe trinkt, daß sie selten mal einen Tropfen drin übrig läßt.« »Ein Werk der Hölle, Schurke!« rief die Lady, aufspringend; »fort, fort! laß uns sehen, ob wir noch helfen können.« »Ich glaube nicht, Lady, daß wir eingelassen werden,« sagte trocken der Hausmeier, »ich wenigstens bin schon zweimal an der Tür gewesen, hab aber nicht Zutritt erlangen können.« »Wenn nicht anders, so lasse ich die Tür einschlagen,« rief zornig die Lady; »doch halt! lauf und bring mir den Randal her!« »Randal,« sprach sie, als der Mann eintrat, »es hat sich ein schlimmer Vorfall im Schlosse zugetragen. Laß mir auf der Stelle den Kämmerer Lundin herüberholen! bring auch die Hexe Nicneven mit, wenn Du ihrer irgend habhaft werden kannst, sie soll hier erst ihren Zauber unschädlich machen, dann werden wir sorgen, daß sie auf der Serf-Insel verbrannt wird – Fort, fort! laß alle Segel beisetzen und sieh zu, auf der Stelle wieder hier zu sein.« »Ich glaube schwerlich, daß sich unter solchen Verheißungen die Hexe bereit finden läßt, die Fahrt mit über den See zu machen,« bemerkte Dryfesdale. »Dann sage ihr volle Sicherheit zu! schaff sie her, denn Du haftest mit Deinem eignen Leben für die Wiederherstellung der Lady!« »Das hätt ich mir freilich denken können,« brummte Dryfesdale ärgerlich, »da, einen Trost wenigstens hab ich, daß ich mich selbst dabei mit gerächt habe – denn mir hat diese Moabiterin oft genug aufs ärgste mitgespielt! und dem verfluchten Pagen, der jetzt Vorkoster ist, hab ich's auch gleich mit eingetränkt.« »Verfüge Dich in den westlichen Turm und setze keinen Fuß hinaus,« befahl die Dame, »bis sich erkennen läßt, welchen Ausgang dieser Fall nimmt – ich kenne Dich und weiß, daß Du nicht zu entkommen suchen wirst.« »Nein, keine Sorge!« erwiderte Dryfesdale, »und wären die Burgmauern aus Eierschalen gefügt und der See mit fester Eisdecke überzogen! Ich stehe zu fest in dem Glauben, daß der Mensch nichts aus sich selbst zu dem Schicksale hinzutun kann, das ihm von Geburt an vorgezeichnet ist. Doch eines, Lady! vergiß nicht, wenn ich raten darf, bei allem Eifer für das Leben und Heil dieser Jesabel die eigne Ehre, und was Du ihr schuldest – halt auch die ganze Geschichte so geheim, wie irgend tunlich.« Mit verbissenem Gleichmut verfügte sich der finstere Schicksalsmensch an den ihm angewiesenen Haftort; die Lady aber nahm sich den letzten Wink zu Herzen und begab sich nun selbst zu den Gemächern der Königin, bemühte sich aber bei Roland ebenfalls vergeblich um Einlaß. »Befand sich je ein Weib in schrecklicherer Lage?« rief sie; »Hab wenigstens acht, Du kecker Wicht, daß niemand was von dem Trank und der Speise genießt, die heut herausgebracht worden sind!« Darauf eilte sie nach dem Turme, um Dryfesdale wieder aufzusuchen. Er saß ruhig in seiner Zelle und las. »Weißt Du, ob Dein Trank schnell oder langsam wirkt?« fragte sie. »Langsam,« erwiderte er; »die Hexe fragte mich, was mir das liebere sei, und ich sagte ihr, langsame, aber sichre Rache sei es, was ich haben wolle.« »Welchen Teufel hab ich in meinem Hause genährt?« klagte die Lady, »Verzeih mir Gott die Sünde, Dich so lange in Kost und Kleidung zu erhalten.« »Das hat nicht in Eurem Ermessen gestanden, Lady,« versetzte der Hausmeier, »denn lange schon vor Erbauung dieses Schlosses, lange schon, bevor diese Insel, auf der es errichtet wurde, aus den blauen Wogen heraufstieg, war es mir vom Schicksal bestimmt worden, Euch als Sklave zu dienen – habt Ihr vergessen, wie ich zur Zeit, als die Mutter dieser Madam sich als Feindin Eures Hauses aufspielte, mich unter die siegreichen Franzosen stürzte und Euren Gemahl aus den Feinden heraushieb? habt Ihr vergessen, daß keiner von denen, die mit ihm die gleiche Milch getrunken hatten, solchen Versuch wagen mochte? habt Ihr vergessen, wie ich mich in den See stürzte, um Euren Enkel zu retten, als er sein Boot im Sturme nicht zu steuern wußte? ... wer einem schottischen Edeln recht dient, der scheut weder das eigne Leben, noch fremdes Leben, das seines Herrn ausgenommen – Wär's nicht für ganz Schottland die froheste Kunde, wenn ihr Tod gemeldet werden konnte? entstammt sie nicht dem blutigen Geschlecht der Guisen? ist sie nicht Jakobs Kind, jenes schurkischen Tyrannen, den der Himmel vom Throne stürzte und dessen hochmütiger Sinn geduckt wurde wie derjenige des Nebukadnezer?« »Schweig, Elender!« rief die Lady, in deren Herzen sich allerhand Erinnerungen regten, als sie den Namen ihres königlichen Galans vernahm, »schweig und störe die Asche jenes unglücklichen Toten nicht! Lies weiter in Deiner Bibel und bitte zu Gott, daß sie Dir künftig bessere Belehrung gebe!« Kaum war sie in das nächste Zimmer getreten, so entströmten Tränen ihren Augen, und sie mußte stehen bleiben, um sie zu trocknen. »O, daß ich solche Tränen noch erleben würde,« sprach sie bei sich, »das hätt ich nicht erwartet! trocknen Auges hab ich die Untreue meines Enkels über mich ergehen lassen, und doch ruhte auf ihm meines Sohnes Hoffnung, des Kindes meiner Liebe Hoffnung! und nun weine ich um ihn, der so lange schon im Grabe ruht! um ihn, dem ich es beizumessen habe, daß seine Tochter mich mit Spott und Hohn überschüttet? aber es ist seine Tochter, und wenn mir plötzlich aus ihrem Auge das Bild des Vaters vor die Seele tritt, dann wird es mir weich ums Herz, das durch mancherlei Ursache verhärtet gegen sie ist – doch wenn mir dann wieder die Aehnlichkeit beikommt, die ihr Gesicht mit ihrer mir verhaßten Mutter, mit dieser echten Tochter des Hauses Guise, aufweist, dann wanke ich wieder in meinem Entschlusse, ihr Milde und Güte zu erweisen. Aber durch solchen schändlichen Anschlag soll sie nicht sterben in meinem Hause! Ich danke Dir, mein Gott! daß es kein schnell wirkendes Gift war, das dieser Elende ihr eingab, daß sich ihm also noch vorbeugen läßt – ich will noch einmal nach ihrem Zimmer – aber daß dieser Mensch, auf dessen Treue wir so fest bauten, der uns so viele Beweise seiner Anhänglichkeit gegeben, sich entpuppt als solcher Bösewicht! welches Wunder erklärt solche Tücke und solche Treue in ein und demselben Herzen?« Roland Gräme hatte, während Lady Lochleven sich zu dem Hausmeier nach dem Turme begab, Katharina Seyton von den Worten unterrichtet, die ihm diese zur Tür hereingerufen hatte, und das lebhafte Mädchen mit seinem schnellen Verstände begriff im Nu den ganzen Zusammenhang, schoß aber im Uebermaß ihrer Liebe um ihre Gebieterin weit über die Wahrheit hinaus und malte sich die Sache furchtbarer aus, als sie in Wirklichkeit sich verhielt. »Uns vergiftet zu haben, so rechneten sie!« rief sie mit Entsetzen; »und hier steht der tödliche Trank, der die Greueltat bewirken sollte daß wir auf dergleichen gefaßt sein mußten, seitdem Georg Douglas nicht mehr Vorkoster unsrer Nahrung ist, ist klar; aber wie kamen die Scheusale dazu, Roland, den unschuldigsten von uns allen, zum sichern Tode zu verdammen? er hätte doch, wenn er von dem Tranke, seiner Dienstpflicht gemäß, zuerst genoß, doch auch zuerst und von allen am sichersten, den Tod gefunden! Verzeiht mir, liebe Fleming, was ich im Zorn gegen Euch gesagt habe! der Himmel gab Dir die Worte ein, die Du der Königin von ihrem Gemahle sagtest! gab sie Dir ein, um unser Leben zu retten – was aber nun? das alte See-Krokodil wird doch sicher gleich wieder zur Stelle sein, um über unsern Todeskampf seine heuchlerischen Tränen zu flennen – was sollen wir beginnen, Fleming?« »Helf uns die Mutter Gottes!« antwortete die Lady, »ich weiß nicht, wozu ich raten soll, als höchstens, daß wir uns an den Regenten wenden?« Den Teufel selber zitieren?« rief Katharina heftig, »und am Fuße seines Flammenthrons seine Großmutter obendrein?« Dann lugte sie in das Zimmer hinein. »Die Königin schläft noch. Wir müssen Zeit gewinnen, denn die giftmischerische Hexe darf nicht erfahren, daß ihr Anschlag mißglückt ist. Solche alte Kreuzspinne ist zu schnell bei der Hand, ein zerrissnes Gewebe auszubessern – Roland, hilf mir den Krug in den Ofen oder zum Fenster hinaus schütten! und dann schmeiße hier alles durcheinander, daß es aussieht, als hätten wir gefuttert wie die Raben. Schütte alles in den Ofen und laß die Reste auf den Schüsseln, laß auch in jedem Becher ein Paar Tropfen! Aber wenn Dir Dein Leben lieb ist, dann koste nichts, weder von den Speisen noch von dem Tranke; wenn die Königin aufwacht, will ich ihr erzählen, in welch schlimmer Lage wir uns befinden – sie ist verständig genug, uns über unser Verhalten das Rechte zu sagen – bis dahin merk Dir, Roland, die Königin ist bewußtlos, die Fleming ist unwohl – für sie schickt sich diese Rolle,« setzte sie leiser hinzu, »am allerbesten, da braucht sie ihren Witz nicht anzustrengen –« »Und Ihr selbst Katharina? was sage ich von Euch?« »Mit mir verhält es sich besser – Du verstehst schon, Roland –« »Und was von mir selbst?« fragte der Page. »Was Ihr von Euch sagen sollt?« rief Katharina schelmisch, »Euch geht's natürlich kreuzmunter – wer möcht sich wohl in Ungelegenheit setzen, um Schoßhündchen oder Pagen zu vergiften?« »Für solchen Augenblick paßt solch leichtfertiger Scherz doch nicht!« sagte Roland in pikiertem Tone. »O doch, er paßt!« antwortete Katharina; »denn wenn die Königin sich einverstanden erklärt mit dem, was ich will, so kann uns grade dieser hämische Anschlag von gutem Dienste sein.« Während sie so zusammen sprachen, hatten sie das aufgetragne Frühstück in der Weise, wie Katharina geraten hatte, aufgeräumt, und so leise wie möglich verfügten sich die beiden Fräulein in das Schlafzimmer der Königin. Gleich darauf pochte es wieder an der Tür, und als Roland öffnete, sah er Lady Lochleven draußen stehen. Mit der Erklärung, es tue ihm leid, daß er die Lady vorhin hätte warten lassen müssen, ließ er sie in das Vorzimmer und setzte hier hinzu, er dürfe auch jetzt noch niemand zur Königin lassen, da sie gleich nach dem Frühstück in einen tiefen Schlaf gesunken sei. »Also hat sie doch von dem Frühstück genossen?« fragte Lady Lochleven. »Ei freilich,« antwortete der Page, »Ihre Gnaden fasten doch nur an den Fasttagen.« »Der Krug ist leer?« rief Lady Lochleven, einen Blick hinein werfend, »hat Lady Maria allein davon getrunken?« »Wohl das meiste, gnädige Frau! ich habe bloß gehört, daß das jüngere Fräulein sich bei dem andern darüber beschwerte, für sie bleibe ja bloß noch ein schäbiger Rest, nachdem die andre von dem was die Königin übrig gelassen, auch über die Hälfte getrunken habe.« »Sind die beiden Damen unpaß?« »Fräulein Fleming klagte über große Müdigkeit, und Fräulein Katharina klagte, der Schwindel, der sonst in ihrem Kopfe rumore, sei heute viel ärger als sonst.« Bei den letzten Worten verstärkte er merklich seine Stimme, weil ihm offenbar daran lag, diesen Schmerz auch zu Katharinens Ohren gelangen zu lassen. Lady Lochleven wandte sich jetzt energisch an den Pagen: »Ich will ins Schlafgemach der Königin – mein Anliegen ist dringlicher Art.« Da hörte man aber auf der Stelle Katharinas Stimme: »Ins Zimmer hinein darf niemand! die Königin schläft.« »Ich lasse mir von solch jungem Dinge keine Vorschriften machen,« versetzte die Lady, »an der Tür ist meines Wissens kein Riegel. Ich möchte also wissen, wer mir den Zutritt wehren sollte.« »Der Riegel fehlt freilich an der Tür, nicht durch unsre Schuld,« antwortete Katharina; »aber die Haken, an denen er gehangen, sind noch da, und da hinein steck ich meinen Arm, jener Ahnfrau von Euch nachahmend, die in edlerem Bemühen, ihrer Fürstin Schlafgemach gegen Mörder zu schützen, sich also in die Bresche warf. Probiert denn Eure Kraft! seht zu, ob eine Seyton es einem Mädchen namens Douglas an Kräften gleichtut, oder nicht.« »Auf solche Bedingung hin will ich es lieber lassen,« versetzte Lady Lochleven höhnisch, lenkte aber ein und sagte: »Mein Kind, mein Ehrenwort darauf, daß mich nur der Wunsch, der Königin zu dienen, herführt. Wenn Du sie lieb hast, so wecke sie auf und rate ihr, mir den Zutritt zu gestatten. Wenn es gewünscht wird, will ich gern von der Tür zurücktreten.« »Du wirst doch die Königin nicht etwa wecken?« fragte Maria Fleming; »Du wirst, wenn Du es tust, bloß einen neuen Anfall heraufbeschwören.« »Das möge der Himmel verhüten!« fügte Katharina; »aber es bleibt uns doch keine andre Wahl! wir müßten denn warten wollen, bis Lady Lochleven selbst die Rolle der Kammerzofe spielt; denn ich vermute, ihr Geduldfaden möchte bald reißen. Zudem muß ja die Königin drauf vorbereitet sein, mit ihr zu sprechen! ich meine sogar, sie wird in dieser furchtbaren Entscheidung recht wohl im stande sein, selbst einen Entschluß zu fassen. Dich aber, liebe Fleming, möchte ich recht sehr bitten, nach Deinen besten Kräften Dich matt und trübe zu stellen.« Katharina trat zu dem Lager der Königin und küßte ihr zu wiederholten malen die Hand, bis es ihr gelang, sie munter zu machen, ohne sie zu erschrecken. Sie war verwundert, daß sie in ihren Kleidern im Bett lag, richtete sich jedoch auf und war so ruhig wieder, daß Katharina es für das beste hielt, sie ohne weiteres darüber aufzuklären, was inzwischen vorgegangen war. Die Königin wurde bleich und bekreuzte sich, gewann aber sogleich Verständnis für alle mit solcher Lage verbundnen Gefahren und Vorteile. »Ich wüßte nicht,« sagte sie zum Schluß einer raschen Unterredung mit ihrer jungen Dienerin, während sie sie an ihr Herz zog und ihr einen Kuß auf die Stirn drückte, »was wir Klügeres und Besseres tun könnten als nach dem von Deiner tapferen Liebe ersonnenen Plane zu handeln. Mach der Lady die Tür auf, mein Kind! sie soll erkennen, daß Wir es an List mit ihr aufnehmen, wenn auch nicht an Untreue. Zieh die Vorhänge zu und Du, Fleming, tritt dahinter, denn Dein Platz ist weniger auf der Bühne als in der Garderobe, atme recht tief, ächze und seufze auch ein paarmal, das gehört zu der Rolle, die Wir für Dich bei der neuen Komödie bestimmen – Doch horch! sie kommen – Nun, Katharina von Medici! möge Dein Geist jetzt in mich fahren! denn für solchen Auftritt ist ein kaltes nordisches Hirn zu plump.« So leise wie möglich trat Lady Lochleven, von Katharina Seyton geführt, in das von dem Zwielicht nur halb erhellte Zimmer. Bleich und erschöpft von der schlaflosen Nacht und von der erregten Szene am Morgen, lag Maria so matt und müde auf ihrem Bett, daß ihre Wirtin die schlimmsten Befürchtungen nur allzu begründet halten konnte. All ihren Stolz beiseite lassend, warf sich Lady Lochleven neben dem Bett auf die Kniee und rief: »Nun, Gott verzeih uns unsre Sünden! es ist nur allzu wahr! Maria ist ermordet!« »Wer ist denn hier?« fragte Maria wirr, wie wenn sie aus schwerem Schlafe erwachte. »Fleming, Seyton! wo seid Ihr? ich höre eine fremde Stimme – wer ist bei mir? – Ruft Courcelles!« »Ach! wenn auch ihr Leib in Lochleven ist,« sagte die Lady, »mit dem Geiste ist sie noch immer zu Holyrood! O, verzeiht, gnädigste Frau, wenn ich Eure Aufmerksamkeit auf mich ziehe – ich bin Margaret Erskine, aus dem Hause Mar, verehelichte Douglas von Lochleven,« »Sieh da, unsre herzliebe Wirtin,« erwiderte Maria, »die soviel Sorge trägt für unsre Behausung und unsre Beköstigung? Wir belästigen Euch wirklich schon viel zu lange, gute Lady Lochleven; aber Wir rechnen zuversichtlich darauf, daß es nicht lange mehr notwendig sein dürfte, Eure Güte in Anspruch zu nehmen.« »Wie ein Dolch durchbohren mich ihre Worte,« sprach Lady Lochleven bei sich, setzte aber laut hinzu: »Ich bitte Eure Gnaden mit blutendem Herzen, mir mitzuteilen, woran es Euch fehlt, damit ich, so lange es noch Zeit ist, Abhilfe schaffen kann.« »Mir fehlt gar nichts, nein, nein!« versetzte die Königin, »ein bißchen Schwere in den Gliedern, ein bißchen Schüttelfrost; aber daran leiden Gefangne wohl in der Regel – frische Luft und Freiheit möchten mich ja schnell auf die Beine bringen! aber meinen Ständen hat es nun doch einmal beliebt zu bestimmen, daß allein der Tod die Schlösser meines Kerkers brechen soll.« »O, gnädigste Frau,« rief die Lady, »vermochte Freiheit Euch die Gesundheit wiederzugeben, so wollte ich lieber dem Zorne des Regenten und meines Sohnes William mich aussetzen, als Euch in diesem Schloß sterben und verderben lassen.« »Ach, gnädige Frau,« mischte sich hier Lady Fleming ein, die es jetzt für angezeigt hielt, erkennen zu lassen, daß sie durchaus nicht in geistiger Hinsicht so geringwertig sei, wie man es zu meinen liebe – »es wäre doch wohl ganz gut, durch einen Versuch festzustellen, welche Wirkung Freiheit auf uns üben möchte – ein freier Spaziergang auf grünem Wiesengrund würde meinen Nerven sicher recht gut tun.« Einen durchdringenden Blick auf die ältere Kranke werfend, richtete Lady Lochleven sich von dem Boden auf und fragte: »Befindet Ihr Euch wirklich so schlecht, Lady Fleming?« »Nun, gut ist es mir freilich nicht, besonders nicht seit dem Frühstück,« antwortete Lady Fleming. »Hilfe, Hilfe!« rief da Katharina, lebhaft besorgt, eine Unterredung zum Abbruch zu bringen, die für ihren Plan nichts Gutes prophezeite – »Hilfe, Hilfe! hört denn niemand? Die Königin ist im Verscheiden – Lady Lochleven, so helft doch der Königin! seid Ihr denn kein Weib?« – Lady Lochleven beeilte sich den Kopf der Königin zu stützen; diese aber lenkte mit tiefer Mattigkeit die Augen nach ihr und sagte: »Vielen Dank, meine liebste Lady und Großmama! abgesehen von einigen Vorgängen in der jüngsten Gegenwart wäre es ja Sünde von mir, wollt ich Eure Liebe und Anhänglichkeit mißdeuten oder in Zweifel ziehen. Beide Tugenden sind ja schon von Euch, wie mir zu Ohren gekommen, glänzend bewährt worden, als ich noch in der Wiege lag.« Lady Lochleven sprang, wie von einer Tarantel gestochen, vom Bett hinweg, durchmaß ein paarmal das Zimmer und riß heftig das Fenster auf, wie um frische Luft zu schöpfen. »Heilige Gottesmutter,« sagte Katharina bei sich, »wie tief muß doch beim Weibe die Spottsucht eingeimpft sein, da die Königin bei allem Verstande lieber das Aergste riskiert, als daß sie ihren Hohn beiseite ließe!« Dann beugte sie sich zur Königin und flüsterte: »Um Eurer Wohlfahrt willen, gnädigste Fürstin, mäßigt Euch bloß jetzt!« »Mädchen, Du nimmst Dir viel heraus,« erwiderte die Königin, setzte aber im andern Augenblick hinzu: »Tu' mir bloß den Gefallen und sorge, daß mich die alte Hexe nicht noch einmal mit ihren giftigen Händen berührt! ich fühle dann immer solchen Ekel und Haß, daß ich nicht an mich halten kann.« »Gott sei Dank!« rief da Lady Lochleven, vom Fenster zurücktretend, »der Kahn kommt schnell herüber; er bringt den Arzt und auch ein Weib sitzt drin: sicher doch die Hexe, die ich holen ließ. War sie bloß erst wieder, ohne daß unsre Ehre dabei leidet, vom Schlosse weg, ich wollt ihr sicher keine Träne nachweinen, und ein zweites mal zu solchem Wächterposten bekäme mich kein Mensch!« Unterdessen beobachtete Roland aus einem Fenster das heranfahrende Boot, und auch er wurde alsbald inne, daß vorn der Kämmerer in seinem schwarzen Samtmantel, hinten seine leibhaftige Großmutter, Magdalena Gräme, in der von ihr angenommenen Rolle einer Mutter Nieneven saß, die gefalteten Hände dem Schlosse zustreckend, wie von schwärmerischer Ungeduld erfüllt, in die Nähe ihrer Königin zu kommen. Bald waren sie an der Anlande, und während die vermeintliche Hexe beschieden wurde, sich unten in der Torwartstube zu verhalten, wurde der Arzt und Kämmerer in das Zimmer der Königin geführt, das er mit allem seinem Stande angemessenen Zeremoniell betrat. Katharina benützte die erste Gelegenheit, vom Bette der Königin hinweg und zu Roland zu treten. »Ich glaube nicht,« flüsterte sie ihm ins Ohr, »daß es sonderlich schwer fallen wird, diesem Esel im abgeschabten Samtkittel die Halfter über den Kopf zu werfen. Aber Deine Großmutter, Roland, wird uns mit ihrem maßlosen Eifer das ganze Ding verderben, sofern man ihr nicht zu verstehen gibt, daß sie sich bei der Lady verstellen muß.« Roland schlich sich ohne weiteres hinaus, eilte durch das Wohnzimmer in den Vorsaal, sah sich aber hier durch zwei mit Karabinern aufgestellte Männer aufgehalten, die ihm ein kräftiges zurück! zuriefen. Hieraus erkannte er, daß Lady Lochleven trotz aller Unruhe, die sie erfüllte, noch immer soviel Argwohn besaß, daß sie es nicht unterlassen hatte, bei ihrer Gefangnen Posten auszustellen. Es blieb ihm nichts weiter übrig, als nach dem Wohnzimmer zurückzugehen, wo er die Schloßherrin in Unterhaltung mit dem Kämmerer fand. »Verschone mich mit Deiner Salbaderei und mit Deinen Grimassen, Lundin,« herrschte sie den Kämmerer an, »und sage mir unverblümt, ob die Frau etwas zu sich genommen hat, was ihrer Gesundheit von Nachteil werden kann.« »Aber, gütigste Lady, verehrteste Gönnerin, der ich in meiner Wirksamkeit zu so großem Danke verpflichtet bin, verfahret im vorliegenden Falle doch glimpflich mit mir! Wenn die Kranke sich zu keiner Auskunft bereit finden lassen mag, sondern bloß seufzt und stöhnt, oder mich angähnt, wenn ich mich nach Merkmalen ihres Uebelbefindens befrage, und das andre junge Fräulein – übrigens, wie ich gern gelten lasse, ein recht artiges Ding ...« »Laß Dein dummes Geschwätz von artigen oder sonstwelchen Dirnen,« fuhr ihn die Dame wieder an, »und sag mir rund heraus: hat die Frau drinnen Gift geschluckt, oder nicht?« »Die Wissenschaft, gnädigste Frau, kennt mancherlei Gifte,« hub der Kämmerer, sich in die Brust werfend, an: »tierische Gifte, mineralische, halbmineralische Gifte, Gifte aus Kräutern und Pflanzen. Von den erstern erwähnen schon Dioskorides und Galenus den Lepus marinus , von den letzteren haben wir die Aqua cymbalariae .« »Der Teufel hole Dich mitsamt Deinem lateinischen Quark!« rief die Lady; »wie kann ich doch so dumm sein, von solchem Brummochsen einen Orakelspruch zu erhoffen?« »Aber Eure Gnaden wollen geruhen,« sagte der Kämmerer wieder, »wenn ich nur wenigstens wüßte, von welcher Speise sie genossen hat, oder die Reste davon einsehen könnte, denn den äußern Symptomen nach kann ich nichts entdecken – sagt ja doch schon Galenus in seinem Buche über die Gegengifte oder, wie er sagt, De Antidosis .« »Das Maul gehalten, Narr!« rief die Dame und wandte sich zu einem der Wächter draußen, »schafft mir auf der Stelle die Hexe herauf!« Im Nu wurde ihrem Befehle Folge geleistet; doch hielten sich die Männer, von deren Gegenwart die Hexe gar nichts zu wissen schien, in scheuer Entfernung, weil sie ohne Zweifel Furcht hatten vor den übernatürlichen Fähigkeiten, die man der Frau nachredete. Sie trug dieselbe düstere Kleidung, in der sie Roland in Kinroß gesehen hatte, bloß hatte sie jetzt das Gesicht nicht verhüllt, sondern trat unerschrocken vor die Schloßherrin, die mit Verdruß wahrzunehmen schien, daß sie es in der Frau mit keiner schüchternen oder zaghaften Person zu tun hatte. »Elendes Weib,« herrschte die Schloßherrin die Frau an, nachdem sie eine Weile umsonst versucht hatte, sie durch ihren strengen Blick einzuschüchtern, »was für ein Pulver hast Du meinem Diener, Dryfesdale, verkauft zu dem Zwecke, eine langsame, heimliche Rache damit zu üben? Beschreib mir das Pulver genau, oder, bei der Ehre der Douglas, ich laß Dich lebendig als Hexe verbrennen, bevor die Sonne vom Himmel verschwindet.« »Wann hat es einem Douglas oder einem in seinem Dienste an Mitteln zur Rache gefehlt, daß er sie zu suchen brauchte bei einem armen, hilflosen Weibe? Noch stehen ja die Türme fest, in denen Eure Gefangnen verschmachten, noch haben die darin verübten Verbrechen nicht ihre Gewölbe gesprengt, noch haben Eure Mannen ihre Armbrüste und Spieße und Dolche – was tut's Euch not an Zaubertränken, wenn Ihr nach Rache dürstet?« »Holt Drysesdale aus dem Turme her!« befahl die Schloßherrin, »ich will sie einander gegenüber stellen.« »Erspart Euch und Euren Knechten solche Mühe,« sagte die Frau, »denn ich bin nicht hierher gekommen, um einem erbärmlichen Reitknecht zur Staffage zu dienen oder der ketzerischen Buhlin Jakobs Rede und Antwort zu stehen. Ich bin hierher gekommen, um mit der Königin von Schottland zu sprechen – marsch, Platz da!« und während Lady Lochleven betroffen über solche Verwegenheit dastand, wie an den Boden gewurzelt, schritt Magdalena Gräme an ihr vorbei in das Schlafgemach der Königin, kniete dort nieder und berührte mit der Stirn, nach morgenländischer Sitte, die Erde. »Heil Dir, Fürstin,« rief sie, »Heil Dir, Du Tochter einer langen Ahnenreihe! aber berufen von allen, begnadigt vor allen, für den wahren Glauben zu leiden! Heil Dir! und vernimm den Trost, den Gott und unsre liebe Frau Dir sendet durch den Mund Deiner unwürdigsten Dienerin! Zuvor aber ...« sie bekreuzte sich wiederholt und sagte dem Anschein nach eine bestimmte Gebetsformel her. »Greift sie! schleppt sie in das tiefste Verließ meines Schlosses!« schrie wie außer sich Lady Lochleven, »nur der Teufel konnte ihr die Kühnheit leihen, die Mutter der Douglas in ihrem eignen Schlosse zu beschimpfen!« Der Kämmerer aber bemühte sich, die Lady zu besänftigen. »Vergönnt mir doch, gnädigste Herrin, zuvor ein Paar Worte mit der Inkulpatin,« sagte er, »es ist doch nicht ausgeschlossen, daß wir etwas über das Arcanum in Erfahrung bringen, das sie allem Gesetz zuwider Eurem Hausmeier verabfolgt hat.« »Für Dich Esel,« fuhr die Lady ihn an, »ist solcher Rat klug genug. Ich will also meinen Groll unterdrücken, bis Du mit der Vettel gesprochen hast.« In diesem Augenblick aber erhob sich Magdalena Gräme, wandte das Gesicht zur Königin, tat einen Schritt vorwärts, streckte den Arm aus und nahm die Haltung einer verrückten Sibylle an; unter ihrer Haube vor quoll das graue Haar, ihre Augen sprühten Funken, und über ihre Züge flog eine an Wahnsinn grenzende Begeisterung. Ihr Aussehen erfüllte alle Anwesenden mit Grauen. Die Königin selbst richtete sich, wie unter einem Banne, auf ihrem Lager in die Höhe, außer stande, ihre Blicke von der Dämonengestalt abzuwenden, die jetzt, wie eine zweite Pythia, Worte von ihren Lippen schleuderte in so reichem Flusse, daß sie – und vielleicht stand die Schwärmerin selbst unter diesem Wahne – als höhere Eingebung gelten konnten .. »Steh auf, Königin von Frankreich und England! steh auf, Löwin von Schottland! ohne Zagen vor den Netzen, mit denen Deine Jäger Dich umgarnen! Tritt den Verrätern, denen Du bald im offnen Felde gegenüberstehen wirst, schon jetzt mit offnem Visier gegenüber! meide Verstellung! Deine Sache wird entschieden werden durch Kampf, und der Herr der Heerscharen, in dessen Hand alles Krieges Wohl und Wehe liegt, wird für Dich sein! Hinweg mit allen Künsten Niedriggeborner, und brauche nur die, die einer Königin geziemen. Wahrhaftige Verfechterin des einzigen Glaubens! Dir steht die himmlische Rüstkammer offen. Getreue Tochter der Kirche, nimm die Schlüssel des heiligen Petrus, zu binden und zu lösen! Königin des Landes, ergreife das Schwert des heiligen Paulus, zu strafen und zu vernichten! Dunkelheit waltet über Deinem Schicksal, nicht in diesen Türmen, nicht unter der Gewalt dieser stolzen Frau soll es sich erfüllen! nicht in Schottland soll die Königin von Schottland lange gefangen bleiben, und das Schicksal der königlichen Stuarts liegt nicht in den Händen des Verräters Douglas .. und wenn die Lady Lochleven ihre Riegel noch so verdoppelt und ihre Kerker noch so vermauert, so werden sie nicht im stande sein, Dich hier zu halten ... alle Elemente vielmehr werden sich vereinen, Dir beizustehen in Deiner Beschwernis, Dich zu erlösen aus Deiner Gefangenschaft ... vernehmet Ihr alle dies! zittert Ihr alle darob! Ihr all, die Ihr ankämpfet gegen das Licht, denn sie spricht solches, der es zugesichert wurde!« Sie schwieg; der Arzt aber rief betroffen: »Hat es je ein vom Dämon besessenes Weib gegeben, dann ist sie es! keinen zweiten Teufel gibt es, der mit der Zunge eines Weibes spricht als hier dieses!« »Larifari,« rief die Lady, die sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, »betrügerische Kunstgriffe! ... In das Verließ mit ihr!« »Lady Lochleven,« nahm Maria nun das Wort, indem sie sich von ihrem Bette erhob und mit der ihr eignen Würde vortrat, »vernehmt nur ein Wort von mir, ehe Ihr in Unsrer Gesellschaft, in Unsrem Gemache jemand verhaftet. Ich war erst der Meinung, Ihr hättet von dem Anschlag Eures Dieners auf unser Leben gewußt; ich habe Euch dadurch getäuscht, daß ich Euch in dem Glauben ließ, der Anschlag sei dem Verworfnen geglückt. Das war unrecht von mir, Lady Lochleven, denn ich habe nunmehr erkannt, daß es wirklich in Eurer Absicht lag, mir beizustehen – wir haben von Eurem Getränk weder gekostet, noch befinden Wir Uns unwohl – abgesehen davon, daß Wir nach Unsrer Freiheit schmachten.« »Das ist ein Bekenntnis, einer Maria von Schottland würdig,« rief Magdalena Gräme, »wisset auch, daß die Königin ruhig den Trank hätte leeren können bis auf den letzten Tropfen, denn der Trank war so unschädlich wie Wasser aus dem heiligen Brunnen. Habt Ihr etwa gemeint, Ihr stolzes Weib,« wandte sie sich jetzt an Lady Lochleven, »ich hätte so verrucht sein können, einem Knechte des Hauses Lochleven Gift in die Hände zu spielen, da ich doch wußte, wer hier gefangen gehalten wird! Da hätte ich ebenso leicht einen Trank bereitet zur Ermordung meines eignen Kindes!« »Soll mir solcher Schimpf angetan werden in meinem eignen Schlosse?« rief empört die Lady. »In das Verließ mit ihr! sie soll die Strafe leiden, die denen nach Recht und Gesetz zukommt, die Gift verkaufen und Zauber üben!« »Einen Augenblick noch, Lady Lochleven,« nahm Maria wieder das Wort, »Ihr aber, Magdalena Gräme, schweigt! auf mein Geheiß! Euer Hausmeier, Lady Lochleven, hat nach seinem eignen Bekenntnis, mir und meiner Dienerschaft nach dem Leben getrachtet, dieses Weib hingegen hat getan was in ihren Kräften stand, uns zu retten. Da sollten Wir nun meinen, Wir trügen Euch einen gerechten Tausch an, wenn Wir Eurem Diener Verzeihung böten gegen Verzeihung, die Ihr hier diesem Weibe gewährt. Denn Wir meinen überzeugt zu sein dürfen, daß Ihr es dem Weibe nicht als Verbrechen anrechnet, etwas Unschuldiges an Stelle des löblichen Giftes, das von ihr begehrt wurde, gegeben zu haben?« »Da sei der Himmel vor,« erwiderte die Lady, »daß ich etwas als Verbrechen ansehen möchte, was mein Haus vor solch gemeiner Verletzung der Ehre und des Gastrechts behütet hat. Wir haben bereits unserm Sohne Mitteilung von dem Vorgefallnen gemacht, denn wir sind der unerschütterlichen Meinung, daß unser Diener seine Strafe, die wahrscheinlich der Tod sein wird, erleiden muß! aber dieses Weibes Tun ist verdammenswert nach der Schrift, und nach den weisen Gesetzen unsrer Vorfahren zu sühnen nicht minder als ein Kapitalverbrechen. Auch sie muß darum ihre Strafe leiden.« »Habe ich denn gar keine Ansprüche an das Haus Lochleven wegen des mir in seinen Mauern soeben zugefügten Unrechts?« fragte stolz die Königin, »zumal ich nichts weiter begehre als Rücksicht für eine hinfällige Greisin, deren Verstand unter dem Alter gelitten zu haben scheint, wie ja Ihr selbst auch einsehen werdet!« »Was das Unrecht, von dem Lady Maria in unserm Hause bedroht gewesen zu sein meint, anbetrifft,« erwiderte die unbeugsame Lady, »so mag sie es als Ausgleich nehmen dafür, daß ihre Anschläge dem Hause Douglas die Verbannung eines Sohnes kosten.« »Saget kein Wort weiter, huldreiche Fürstin, zu meinem Nutzen,« nahm jetzt Magdalena wieder das Wort, »erbittet von diesem stolzen Weibe nicht soviel wie ein graues Haar von meinem Kopfe! Mir ist die Gefahr, in die ich mich hier begab, nicht unbekannt gewesen, aber ich war immer bereit, meiner Kirche und meiner Königin zu dienen auf Kosten meines Lebens. Es liegt ein Trost für mich darin, daß das Haus, dessen Ehre sie mit so vollem Munde rühmt, das Maß seiner Schmach dadurch voll machen wird, daß es sich an meiner Person vergreift, sei es, daß es mir mein armseliges Leben nimmt, sei es, daß es mich meiner Freiheit beraubt, denn es verletzt in beiden Fällen ein feierliches, zudem schriftlich gegebenes Versprechen, mir alle Sicherheit zu gewähren.« Bei diesen Worten überreichte sie der Königin ein Schriftstück, das sie in ihrem Busen verborgen gehalten hatte ... »Es ist eine feierliche Verbriefung von Sicherheit und Leben,« sagte die Königin, »ausgefertigt und unterzeichnet mit dem Siegel des Kämmerers von Kinroß, und giltig auf die Zeit von vierundzwanzig Stunden, sofern sie sich dazu verstehen will, den Fuß hinter die eisernen Tore der Burg Lochleven zu setzen.« »Schurke,« fuhr Lady Lochleven den Kämmerer an, »wie durftest Du es wagen, dem Weib einen solchen Geleitsbrief auszustellen?« »Gnädigste Herrin,« erklärte Lundin, »es ist geschehen auf Euer ausdrückliches Gebot, mir gemeldet durch Randal, wie er es jederzeit zu bezeugen bereit sein wird.« »Ach, ich besinne mich,« rief da die Lady, »aber ich hatte gemeint, die Zusicherung sollte nur ausgefertigt werden, wenn sie sich unter andrer Gerichtsbarkeit befunden hätte, um sie dann vor einem Haftbefehl unserseits sicher zu stellen.« »Trotzdem ist Lady Lochleven gebunden, dem Weibe das freie Geleit zu halten, das ihm durch ihren Kämmerer gewährt worden,« sagte die Königin. »Gut, so soll Randal sie zurück nach Kinroß schaffen; aber, um sie zugleich für die weitere Zukunft zu sichern, über unsre Grenzen weisen, und Eure Weisheit,« wandte sie sich zu dem Kämmerer, »mag ihr Gesellschaft leisten!« Elftes Kapitel. Aus dem Zimmer der Königin verfügte sich Lady Lochleven in ihre Gemächer, wohin sie den Hausmeier zu führen befahl. Er kam, wie immer, mit dem Schwert und dem Dolch an der Seite ... »Sind Dir die Waffen nicht genommen worden?« fragte sie ihn. Der alte Griesgram antwortete: »Nein! Wie hätte jemand Grund dazu gehabt? Eure Gnaden haben, als sie mich in den Turm schickte, nichts davon gesagt, daß ich die Waffen abzutun hätte. Da wird sich wohl schwerlich einer Eurer Diener an Kaspar Dryfesdale mit solcher Zumutung herangetrauen! Befehlen Euer Gnaden es jetzt? viel Wert haben die beiden Dinger jetzt nicht mehr, aber gefochten haben sie mal ehrlich für Euer Haus.« »Dryfesdale! Ihr habt ein Verbrechen geschmiedet, auf dem Todesstrafe steht: Ihr habt einer Euch anvertrauten Person mit Gifte nach dem Leben getrachtet.« »Einer mir anvertrauten Person? Hm, wie Eure Gnaden die Sache auffassen, weiß ich ja nicht; aber die Leute draußen meinen, die Moabiterin sei Euch anvertraut worden; und zwar in eben dieser Absicht. Da wäret Ihr doch gut aus der Affäre gekommen, es mochte' gehen, wie es wollte ohne alles Dazutun, und auch ohne alles Dawidertun!« »Elender!« rief die Lady, »und so dumm wie schlecht, die ersonnene Tat nicht einmal ausführen zu können.« »Ich tat, was ich tun konnte,« erwiderte Dryfesdale, »und wenn ich von der Hexe und Papistin, an die ich mich wandte, kein Gift bekommen habe, weil es vom Schicksal anders bestimmt war, nun, so hab ich es doch eben versucht. Indessen läßt sich, sofern Ihr es wünschet, dem halbgeführten Streiche immer noch nachhelfen.« »Bösewicht! ich will gerade einen besondern Boten an meinen Sohn abschicken, seinen Befehl einzuholen, was mit Dir zu geschehen habe. Bereite Dich zum Tode, sofern Du dessen fähig bist.« »Und wen wollt Ihr mit diesem Auftrage beehren?« fragte der Hausmeier trocken. »Es wird nicht fehlen an Boten,« sagte die Lady. »Hm, am Ende doch,« erwiderte Drysesdale keck, »viel Mannschaft in Anbetracht der Posten, die um Eures Gastes willen ausgestellt werden müssen, ist im Schloß nicht vorhanden. Dem Turmwart und den beiden andern habt Ihr den Laufpaß gegeben, weil sie zu dem jungen Herrn hielten. Nun ist Wache von nöten für den Turm, für die Warte, für die Bastei: fünf Mann müssen sie beziehen; die andern müssen zumeist in ihren Kleidern schlafen. Wollt Ihr nun noch einen davon wegspedieren, so riskiert Ihr, daß Euch die Wache grillig wird; denn zu Tode quälen läßt sich doch nun einmal so leicht niemand. Ich erblicke bloß einen Ausweg: ich übernehme die Botschaft an Sir William selbst.« »Das wäre allerdings ein Ausweg; aber an welchem Tage in den nächsten zwanzig Jahren würde die Botschaft dann ausgerichtet werden?« fragte Lady Lochleven. »So schnell es Roß und Mann im stande sind,« antwortete Drysesdale; »mir ist an meinem Dienstmannsleben schon lange nicht mehr viel gelegen,« erwiderte der Hausmeier, »und lange drauf zu warten, wem von beiden mein Hals gehört, mir oder dem Henker, hätte wahrlich keinen Zweck.« »So wenig gilt Dir Dein Leben?« fragte die Lady. »Sonst hätt ich doch wohl das Leben andrer höher geachtet,« antwortete der Fatalist, »was ist denn Tod? ein Aufhören des Lebens. Und was ist Leben? die ermüdende Wiederkehr von Tag und Nacht, von Schlafen und Wachen, von Nahrung und Hunger und Durst. Wer tot ist, braucht für Licht und Feuer, für Krug und Bett nicht mehr zu sorgen, und der Kasten, den ihm der Schreiner fertigt, dient ihm als Wams für alle Ewigkeit.« »Unglücklicher! und Du glaubst an keinen Tag eines letzten Gerichts?« rief die Lady. »Meine gnädige Gebieterin!« antwortete der Fatalist, »Eurem Diener stände es schlecht an, Eure Worte zu bestreiten; aber, mit Verlaub, mir hat der Nikolaus Schöffernach, ein tüchtiger Kerl, dem der blutige Bischof von Münster den Kopf abschlagen ließ, den Beweis dafür erbracht, daß wer bloß Vorausbestimmtes ausführt, sich keiner Bestrafung zu ... –« »Schweig, Elender!« verwies ihn die Lady, »verschone mich mit Deinen Lästerungen! aber da Du so lange Jahre der treue Diener unseres Hauses warest, will ich Dein Anerbieten annehmen. Hier ist der Brief. Ich will nur noch den Beisatz machen, daß mir mein Sohn zur Ergänzung meiner Mannschaft ein paar getreue Diener hersenden solle. Bist Du klug, dann machst Du Dich nach Lockerbie auf und davon, sobald Du drüben auf dem Lande bist, und sorgst, daß ein anderer den Brief besorgt. Das ist Deine Sache. Ich verlaß mich drauf, daß der Brief richtig besorgt werde.« »Ich war, gnädige Frau, von Kindesbeinen an im Hause der Douglas,« versetzte Dryfesdale, »und werde in meinen Tagen nicht zum Rabenboten werden. Eure Botschaft an Euren Sohn soll im Gegenteil so prompt bestellt werden, als drehte es sich nicht um meinen, sondern um eines andern Hals dabei. Ich verabschiede mich daraufhin.« Als der Hausmeier im Dorfe ankam, wurden ihm, trotzdem sich das Gerücht von seiner Ungnade schnell dorthin verbreitet hatte, auf Weisung des Kämmerers Pferde besorgt, und er machte sich in Gesellschaft des Fuhrmanns Auchtermuchty, da die Straßen nach Edinburg durchaus nicht für sicher galten, auf den Weg. Die nächste Dorfschenke war aber für alle Fuhrleute und Reitersleute damaliger Zeit ein so beliebtes Absteigequartier, daß keiner gern daran vorbeizog, ohne bei dem gemütlichen Keltie, dem Wirte, auf einen Trunk oder einen Happen oder beides vorzusprechen. So ging es auch Dryfesdale und Auchtermuchty, dem Fuhrmanne. Keltie führte beide vergnügt in sein Haus, ohne sich daran zu kehren, daß Dryfesdale in der allgemeinen Wertschätzung, seitdem er nicht mehr Hausmeier war, erheblich zurückgegangen war. Indessen schien es dem letztern selbst nicht so recht zu passen, sich in der Wirtsstube sehen zu lassen; er begab sich, während Wirt und Fuhrmann sich an einem Schnäpschen labten, mißmutig nach der Küche, worin sich bloß ein einziger Gast befand: einer, der kaum über das Knabenalter hinaus sein mochte, von schmächtiger Figur und in Pagenkleidung, der sich aber ein so keckes, gewichtiges Aussehen zu geben wußte, daß Dryfesdale daraus auf einen vornehmen Rang hätte schließen müssen, wäre ihm nicht aus Erfahrung bekannt gewesen, daß sich gar oft in Schottland Diener und Knappen mit solch übermütigen Mienen herausputzten. »Ein Pilger wünscht Euch guten Morgen, Alterchen,« sagte der Jüngling, »Ihr kommt wohl aus Schloß Lochleven? Nun, wie geht's denn unsrer schönen Königin?« »Wer von Lochleven spricht und von den Leuten, die dort hinter Schloß und Riegel sitzen,« antwortete grämlich Drysesdale, »der tut's auf seine Gefahr, denn er spricht von Dingen, die nicht ihn, sondern die Douglasse angehen.« »Redet Ihr so aus Furcht vor ihnen, Alterchen, oder gelüstet's Euch um ihretwillen nach Händeln? Ich dächte, Euer Alter müßte nun Euer Blut langsam abgekühlt haben.« »Noch lange nicht, so lange noch in der Welt dumme Laffen herumlaufen, die dafür sorgen, daß es nicht kalt wird.« »Mein Blut hält der Anblick grauer Haare kalt,« erwiderte der Jüngling und setzte sich wieder. »Dein Glück, Musje, sonst hättst Du Bekanntschaft machen können mit der Reitgerte da,« erwiderte grämlich der Hausmeier; »bist wohl gar einer von den jungen Eisenfressern, die Streit in Wirtshäusern suchen, den Glauben Babylons wieder ins Land und die moabitische Madam wieder auf den Thron setzen möchten?« »Bei Sankt Benedikt, dem Schutzpatron der Seytons,« rief aufspringend der Jüngling, »ich haue Dir eine Ohrfeige, Du Lästermaul von sündigem Ketzer!« »Sankt Benedikt und Schutzpatron der Seytons? das hört sich ja nett an! Sankt Benedikt ist ein schmucker Gewährsmann, und die Seytons sind ja noch schmuckere Raubvögel! In Haft werde ich Dich nehmen lassen, als Verräter am König Jakob und an unserm braven Regenten. Heda, Wirt! Hilfe gegen einen Königsschänder!« Mit diesen Worten packte er den Pagen beim Kragen und zog sein Schwert. Der Wirt aber hielt sich in weiser Ferne. Es kam zum Handgemenge, in welchem der Page, in Wut versetzt durch Drysesdales Grobheit und Stärke, den Dolch zog und mit Blitzesschnelle ihm drei Wunden in Brust und Unterleib versetzt hatte, von denen die letzte unbedingt tödlich war. Stöhnend sank der Greis zu Boden, der Wirt aber stimmte ein klägliches Gejammer an. »Still, Du Kläffer!« fuhr ihn der Hausmeier an, »sind sterbende Männer und Dolchstiche in Schottland solche Rarität, daß Du blökst, als wenn Dir Deine Bude überm Kopfe zusammenstürzte? ... Komm her, Du junger Fant, ich verzeih Dir die rasche Tat; was Du getan, hab ich manch anderm auch getan ... darum also keine Feindschaft! es ist ja doch alles Vorausbestimmung ... wenn Du aber tun willst, woran Du mich verhindert hast, und was Du mir also schuldig bist, so trage diesen Brief hier zum Ritter William Douglas nach Edinburg. Sorge auch dafür, daß mein Nachruf nicht leide, denn ich war, wie Du siehst, besorgt darum, den Auftrag, der mir gegeben worden, noch im letzten Augenblicke meines Lebens zu erfüllen.« Der Zorn des Jünglings war verraucht, und er wollte eben zu dem alten Manne treten, als die Tür aufging und ein andrer Mann in die Küche trat. Kaum hatte er einen Blick auf den Greis geworfen, als er ausrief: »Was Drysesdale? Ihr hier, und in den letzten Zügen?« »Ja,« erwiderte Drysesdale, »und mir wär's lieber, ich wär schon tot, statt die Stimme jenes einzigen Douglas hören zu müssen, der falsch und untreu gewesen! Tretet zurück, Ihr alle, vor allem Du, mein Mörder, dem ich jetzt Dank weiß für seinen guten Stoß, und laßt mich mit diesem Abtrünnigen seines Geschlechts reden! Junker Georg! kniet nieder hier an meiner Seite! Es ist Euch zu Ohren gekommen, daß mein Anschlag gegen die Moabiterin fehlschlug. Es ist mir nicht geglückt, diesen Stein des Anstoßes für Schottland mit seinem Drumunddran von Diener- und Genossenschaft aus dem Wege zu räumen. Aber diesen Anschlag, wenn ich auch Deiner Mutter andre Gründe nannte, hab ich einzig und allein gemacht aus Liebe zu Dir!« »Elender Giftmischer! aus Liebe zu mir!« rief Georg Douglas; »Du wolltest solchen grausen Mord begehen und dabei meines Namens erwähnen?« »Ei, und warum nicht, Georg?« erwiderte Drysesdale; »es bleiben mir bloß ein paar Atemzüge noch, aber ich will sie zu nichts anderm brauchen als hierzu: hast Du Dich nicht, zuwider der Ehre Deines Namens, der Treue gegen Deinen König zum Trotz, durch die Reize dieser Zauberin in Fesseln schlagen lassen? .. Wolltest Du ihr nicht beistehen zur Flucht? wolltest Du ihr nicht helfen, daß sie wieder auf ihren Thron gelange, den sie zu einer Stätte der Unzucht und des Greuels gemacht hat? .. Nein! nicht hinweg von mir! meine Hand, wenn sie auch schon erstarrt, hat noch Kraft genug, Dich zu halten, daß Du mich zu Ende hörst! War's nicht gar Deine Absicht, diese Hexe von Schottland zu heiraten? Na. Georg! kannst ja am Ende Glück damit haben, oft genug schon ist wenigstens ihre Hand wohlfeiler weggegangen als für den Preis, den Du dafür zahlen wolltest! Eine lumpige Unze Rattengift hätte Dich aber von diesem Elend, diesem Jammer frei gemacht!« »Dryfesdale,« erwiderte Georg Douglas, »denk an Deinen Gott und sprich nicht weiter solch greuliche Worte! Kannst Du's, dann bereue Deine Tat! kannst Du es nicht, so schweige wenigstens! Komm, Seyton, hilf mir, dem Elenden in seinen letzten Augenblicken beizustehen, daß ihm bessre Gedanken kommen.« »Seyton!« lallte der Sterbende, »Seyton? durch eines Seytons Hand falle ich endlich? Nun, darin liegt ein Grad Wiedervergeltung, denn seine Sippe hätte durch meinen Anschlag um ein Haar ein Glied, wenn auch ein weibliches nur, verloren!« Er richtete den Blick auf den Jüngling ... »wahrlich! fast ganz dieselben Züge! ganz das gleiche Aussehen! Jüngling, tritt näher, und laß mich Dich genau ansehn ... wenn wir uns in jener Welt treffen, dann möcht ich Dich nicht verkennen, denn wir Mörder gehören dort zu ein und derselben Gilde. Ich hab auch gemordet, aber nicht so jung angefangen wie Du, mein Junge, um so eher aber wirst Du am Ende Deiner Bahn sein ... seltsam! daß sich unser Wille doch immer den gewaltigen, unlenkbaren Wogen des Schicksals entgegenstemmt! warum kämpfen wir immer an gegen den Strom, statt uns von ihm treiben zu lassen? Ach, mein Kopf wird schwach und versagt mir den Gehorsam, diesen Dingen weiter nachzuforschen ... schade, daß mein alter Freund Schöfferbach nicht da ist. Georg Douglas, gehab Dich wohl! ich sterbe als treuer Diener Deines Vaters.« Nach diesen Worten verfiel er in Zuckungen und verschied. Seyton und Douglas standen noch lange und blickten auf den Sterbenden. Dann verfügten sie sich zum Zweck ernster Betrachtungen in ihre Stube hinauf, wo sie aber bald durch den Eintritt des Wirtes gestört wurden, der Georg Douglas fragte, was mit der Leiche geschehen solle. »Binde ihm einen Stein um den Hals,« sagte Seyton, »und wirf ihn in den Cleishersee! Dort mag er sehen, ob er Grund findet.« »Nein,« sagte Douglas, »Keltie, Du bist mein alter Gönner! schaff ihn nach der Kirche von Bellingry, und erzähl irgend ein Märchen, daß er im Streit mit Gästen bei Dir umgekommen sei ...« »Nicht doch, wenn es so sein soll, dann mag er die Wahrheit sagen, daß er im Kampfe mit Heinrich Seyton gefallen ist. Mir liegt kein Pfifferling dran, ob ich wegen dem Kerl Streit bekomme oder nicht.« »Ein Streit mit Douglas war aber niemals etwas Geringes,« versetzte Georg, indem sich Unmut zu seinem Grolle gesellte. »Nicht, wenn der beste des ganzen Geschlechts auf meiner Seite steht!« »Wir wollen den Pater Ambrosius zu Rate ziehen,« sagte hierauf Douglas, »wir reiten ja doch noch heute abend nach Kinroß.« Zwölftes Kapitel. Der Faden unsrer Erzählung führt uns nach dem Schlosse Lochleven zurück, und wir nehmen die Reihenfolge der Ereignisse mit dem merkwürdigen Tage wieder auf, an welchem Dryfesdale aus dem Schlosse geschickt wurde. Die Mittagszeit war vorüber, und zur Bewirtung der Königin, die sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, wo sie eifrig mit Schreiben beschäftigt war, schienen keinerlei Anstalten gemacht zu werden. Die Dienerschaft war im vordern Zimmer beisammen und erging sich in Betrachtungen über den Aufschub der Mahlzeit, die ihr um so näher lagen, als sie ja zufolge des seltsamen Vorgangs um ihr Frühstück gekommen war. »Mir scheint,« meinte Roland, »da die Herrschaften mit ihrem Gifte kein Glück gehabt haben, wollen sie es nun mit einer Hungerkur probieren. Zuzutrauen wär's ihnen!« Lady Fleming fühlte sich durch diese Andeutung beklommen, tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß ja die Küchenesse den ganzen Tag über tüchtig geraucht habe. »Na, da kommen sie ja mit den Schüsseln über den Hof,« rief Katharina Seyton, die ans Fenster getreten war, »und Lady Lochleven wird das Amt eines Seneschalls selbst verrichten; sie kommt in ihrer schönsten und geschmacklosesten Saloppe, mit Krausen und Schleifen von Flor und im Reifrock von rotem Samt, wie er Mode war zu ihrer Großmutter Zeit.« »Meiner Treu,« erwiderte der Page, gleichfalls ans Fenster treten, »es ist der gleiche, den sie trug, als sie das Herz Königs Jakob gewann und unsrer armen Königin das teure Juwel eines Bruders bescherte.« »Recht wohl möglich, Herr Roland,« erwiderte Lady Fleming, die für alles, was mit Mode zusammenhing, ein scharfes Gedächtnis hatte, »da ja der Reifrock erst nach der Schlacht bei Pinkie durch die Königin-Regentin aufgebracht wurde ...« In dieser wichtigen Erörterung wurde sie jedoch gestört durch den Eintritt der Lady Lochleven, die den Dienern vorausging, die mit den Schüsseln kamen. Sie vollzog mit allem Zeremoniell die Obliegenheit eines Seneschalls, von jeder Schüssel besonders zu kosten. Lady Fleming sagte ein paar verbindliche Worte, daß die Lady sich solcherweise ihretwegen bemühen müsse. Darauf erwiderte die Lady, »daß es nach einem so seltsamen Vorfall die Ehre ihres Hauses und ihres Sohnes erheische, daß sie von allem künftighin mitgenieße, was dem unfreiwilligen Gaste ihres Hauses zur Nahrung geboten werde.« Dann bat sie, »Lady Maria in Kenntnis zu setzen, daß sie sich zu ihren Befehlen halte.« »Ihre Majestät,« sagte die Fleming hierauf, indem sie auf den Titel besondern Nachdruck legte, »soll erfahren, daß Lady Lochleven um die Ehre bitten läßt, ihr aufzuwarten.« Maria Stuart erschien sogleich und richtete das Wort mit einer Höflichkeit an die Lady, die nicht frei sogar von einer gewissen Herzlichkeit war. »Das ist sehr edel von Euch, denn wenn wir auch selbst unter Eurem Dache keine Gefahr für uns befürchten, so sind doch unsre Damen lebhaft durch den unliebsamen Vorfall beunruhigt worden. Durch Eure Gesellschaft wird unsre Mahlzeit ja um so angenehmer. Ich bitt Euch, Platz zu nehmen.« Lady Lochleven kam der Aufforderung nach, und Roland verrichtete, wie immer, seinen Dienst als Vorschneider und Vorleger der Speisen. Die Mahlzeit verlief aber, trotz der huldvollen Worte der Königin, steif und ungemütlich, es wurde kein Wort gewechselt, und alle Mühe der Königin, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, ging durch die gemessnen und kühlen Antworten der Lady Lochleven verloren. Endlich mußte die Königin sich hierdurch beleidigt fühlen, sie warf ihren Damen einen bezeichnenden Blick zu, zuckte leicht mit den Achseln und schwieg. Eine Pause folgte. Dann nahm Lady Douglas das Wort zu der Bemerkung, daß es ihr vorkomme, als störe sie die Gesellschaft, und sie bäte deshalb um Entschuldigung, wenn sie sich zurückzöge. ... »Ich bin Witwe, von meinem Enkel verlassen, von meinem Diener verraten, stehe allein einem unglückseligen Auftrag gegenüber, und bin kaum der Gnade wert, die Ihr mir dadurch erweist, daß Ihr mich auffordert, an Eurer Tafel Platz zu nehmen, von deren Gästen, wie ich bemerke, Witz und muntre Einfälle zur Kürzung von Zeit und Weile erwartet werden.« »Wenn Lady Lochleven sich in ernster Stimmung fühlt,« sagte die Königin, »dann wundern wir uns, wie sie auf den Einfall kommen kann, unsre Mahlzeiten seien jetzt von Heiterkeit gewürzt. Lebt sie doch als Witwe geehrt und ohne Einschränkung und ist Herrin über den Haushalt ihres verstorbnen Gemahls. Ich aber weiß von einer Witwe, die es in so empfindlicher Weise erfahren hat, was es bedeutet, verlassen und verraten zu werden, daß es besser sein möchte, diese Worte in ihrer Gegenwart nicht auszusprechen.« »Es war nicht meine Absicht, dadurch, daß ich von meinen Unfällen sprach, Euch die Eurigen in das Gedächtnis zu rufen,« sagte die Dame. Dann trat wieder Totenstille ein, und endlich wendete sich Maria an Lady Fleming. »Todsünden, meine Liebe, können wir hier nicht begehen, dazu sind wir zu gut bewacht und unter zu getreuer Aufsicht. Könnten wir es aber, dann möchte diese Kartäuserstille als Buße von Vorteil sein, und ist etwa Dir, liebe Fleming, das Versehen passiert, daß Du mir das Busentuch nicht recht gesteckt hast oder Katharinen, daß sie im Stickrahmen sich versehen, oder Roland, daß er eine Wildente im Fluge gefehlt und statt ihrer eine Glasscheibe im Turmfenster zerschossen hat, dann ist die Zeit jetzt da, Eurer Sünden zu gedenken und sie zu bereuen.« »Ich spreche mit aller Ehrerbietung, gnädigste Frau,« sagte Lady Lochleven, »aber ich bin alt und darf auf das Vorrecht des Alters Anspruch erheben. Es möchten sich für Eure Dienerschaft wohl angemessenere Ursachen zur Reue finden, als solche Geringfügigkeiten, von denen Ihr sprecht. Ich bitte um Verzeihung, aber ich möchte es in meinem Hause doch lieber sehen, wenn mit Sünde und Reue kein Spott getrieben würde.« »Ihr habt den Vorkoster unsrer Speisen gemacht, Lady Lochleven,« sagte die Königin, »Mir scheint, Ihr möchtet nun auch dazu übergehen, unsern Beichtvater abzugeben. Und da Ihr nun den Wunsch aussprecht, Wir möchten Uns in Unsrer Unterhaltung größeren Ernstes befleißigen, so möchte wohl die Frage Unsrerseits am Platze sein, warum das Versprechen des Regenten, für Unsern geistlichen Trost zu sorgen, bis jetzt noch immer keine Erfüllung gefunden hat?« »Gnädigste Frau,« erwiderte Lady Lochleven, »Graf Murray war freilich schwach genug, Euren religiösen Vorurteilen Rechnung zu tragen, insoweit daß ein papistischer Geistlicher hier erschien, aber in seinem Schlosse Lochleven ist Douglas Herr, und ein Douglas wird nicht dulden, daß seine Schwelle auch nur auf einen Moment verunreinigt werde durch einen Abgesandten des römischen Bischofs.« »Dann möchte es wohl gut sein, der Prinzregent schickte mich irgend wohin, wo geringere Bedenken, aber größere Christenliebe heimisch ist,« versetzte Maria. In diesem Augenblick trat Randal mit so bestürzter Miene ein, daß Fräulein Fleming aufschrie und die Königin erschrak, Lady Lochleven aber, zu stolz, ihre Unruhe zu verraten, hastig die Frage hervorstieß, was denn vorgefallen sei. »Dryfesdale ist erstochen worden, gnädigste Frau,« lautete die Antwort, »der junge Seyton hat ihn ermordet, als er ans Land trat.« Jetzt war die Reihe, zu erbleichen, an Katharina Seyton. »Ist der Mörder des Dieners vom Hause Douglas entkommen?« fragte Lady Lochleven weiter. »Es war niemand zur Stelle, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, bloß unser alter Kärrner Auchtermuchty, ein schwacher Greis, der es mit dem kecksten Jüngling in ganz Schottland, der gewiß auf Spießgesellen in der Nähe rechnen durfte, allerdings nicht aufnehmen konnte.« Wieder trat eine Pause ein. Die Königin und Lady Lochleven maßen einander mit Blicken, als sinne jede von ihnen darauf, wie sie in dem ständigen Zwist, der zwischen ihnen herrschte, den Vorfall am vorteilhaftesten für sich ausnützen könne. Katharina Seyton hielt das Tuch vor die Augen und weinte. »Da habt Ihr einen flagranten Beweis für die blutigen Lehren und Grundsätze irre geleiteter Papisten!« sagte Lady Lochleven. »Bekennt lieber, meine Dame,« versetzte die Königin, »daß der Himmel ein gerechtes Strafgericht vollziehen ließ an einem kalvinistischen Giftmischer.« »Dryfesdale war weder der Genfer noch der schottischen Kirche anhängig,« erwiderte hastig die Lady. »Aber ein Ketzer war er doch,« erwiderte Maria, »es gibt bloß einen einzigen treuen Führer, welcher nimmer irrt, alle andern aber führen auf Irrwege.« »Freilich gebe ich mich der Hoffnung hin, daß es Euch mit Eurer Einsamkeit aussöhnen werde, in diesem Verbrechen einen Beweis von der Gesinnung derjenigen zu erblicken, die Eure Freiheit wünschen. Blutdürstige Tyrannen und grausame Mörder sind es alle, vom Clan Ronald und Tosach im Norden bis zu Ferniherst und Buccleugh im Süden, den Mordgesellen Seyton im Osten, und –« »Ihr vergeßt wohl, Lady Lochleven, daß ich eine Seyton bin?« sagte Katharina empört, indem sie das Tuch von ihrem Gesicht nahm. »Hätt ich's vergessen, hätt Euer keckes Wesen, Fräulein, wohl daran erinnert?« erwiderte die Lady. »Hat mein Bruder einen Elenden erstochen, der seine Fürstin und seine Schwester zu vergiften plante, so tut mir dabei bloß leid, daß er dem Henker vorgegriffen hat. Im übrigen war es für ihn eine Ehre, wie für den besten Douglas nicht minder, durch das Schwert eines Seyton zu fallen.« »Mädchen Eures Schlages, mein keckes Mamsellchen,« sagte die Lady, »sehen Sausewinde und Raufbolde in Trab, und Burschen, die einer Dirne von solchem Temperament gefallen wollen, müssen natürlich drauf aus sein, gegen alle hergebrachte Sitte im Lande zu verstoßen,« Darauf machte sie der Königin eine Verbeugung und fuhr fort: »Auch Euch, gnädigste Frau, möchte ich mich empfehlen bis auf den Abend, wo ich Euch wieder beim Essen aufzuwarten gedenke, wenn auch vielleicht in zudringlicherer Weise, als Euch recht sein möchte.« Dann wandte sie sich zu Randal: »Komm, Randal, und erzähle mir mehr von dieser grausen Tat!« »Ein seltsamer Vorfall,« sagte die Königin, als sich die Lady entfernt hatte, »aber ein so böses Subjekt der Hausmeier auch war, so hätt ich doch lieber gesehen, es war ihm Zeit geblieben zur Reue und Buße. Wir wollen Sorge dafür tragen, wenn Wir je wieder in den Besitz Unsrer Freiheit gelangen, daß ein paar Messen für sein Seelenheil gelesen werden ... Aber sprich, Katharina, besteht zwischen Dir und Deinem Bruder noch immer diese seltsame Aehnlichkeit?« »Es soll noch immer beschränkte Menschen geben, gnädigste Frau,« erwiderte Katharina, »die uns kaum zu unterscheiden vermögen, besonders dann, wenn meinen Bruder die Laune anwandelt, sich als Mädchen zu maskieren.« Bei diesen Worten heftete sie einen schelmischen Blick auf Roland, in dessen Herzen diese Worte einen Lichtstrahl entzündeten heller als je einer in den Kerker eines Gefangnen gedrungen sein mag durch den Spalt der zu seiner Befreiung sich öffnenden Tür. »Es muß ein hübscher Rittersmann sein, Dein Bruder, wenn er Dir in so hohem Maße ähnelt,« versetzte Maria; »er hat die letzten Jahre wohl in Frankreich zugebracht, denn am Hofe zu Holyrood habe ich ihn nicht gesehen?« »An seinem Aussehen ist wohl nie etwas zu tadeln gewesen, gnädigste Frau,« sagte Katharina, »bloß wünschte ich, es wäre ihm ein geringeres Maß Seytonscher Hitzigkeit überkommen, als der schlimme Zeitenlauf in unsern Junkern großgezogen hat .. Warum mußte er mit solchem alten Herrendiener Streit beginnen und seinen Namen durch solchen Hader, seine Hände mit solch gemeinem Blute beflecken?« »Nicht doch, Katharina, beruhige Dich! Du darfst mir meinen wackern Ritter nicht schelten. Mit Heinrich Seyton als meinem Ritter und mit Roland Gräme als meinem Knappen komme ich mir vor wie eine Prinzessin im schönsten unsrer Ritterromane, die in kurzem den Verließen und Waffen aller bösen Zauberer Trotz bieten wird ... Aber mir schwirrt es im Kopfe von all den erschütternden Ereignissen dieses Tages. Komm, liebe Fleming, wir wollen einen kurzen Spaziergang durch den Garten machen.« Sie winkte Katharina zurückzubleiben und war mit der ältern ihrer Zofen bald in ein Gespräch vertieft, das mit leiser Stimme geführt wurde, aber, wie die Chronisten zu melden wissen, nichts Ernsteres betroffen haben soll als eine Parallele zwischen dem Aussehen einer hohen und einer tiefen Halskrause. Roland mag sich aber hierum nicht sonderlich bekümmert haben, denn er hätte einfältiger sein müssen, als ein junger Verliebter wohl je war, wenn er solch günstige Gelegenheit hätte unbenutzt sein lassen. »Ich habe schon den ganzen Abend, schönste Katharina, Euch fragen wollen,« begann er, »wie albern und mißtrauisch ich Euch habe vorkommen müssen, da ich Euch mit Eurem Bruder habe verwechseln können!« »Daß mein Benehmen so leicht mit dem eines Jünglings zu verwechseln ist, gereicht mir wohl kaum zu besondrer Ehre. Aber mit der Zeit werde doch auch ich verständiger, und so bin ich auch entschlossen, nicht an Eure eignen Torheiten zu denken, sondern mich der meinigen zu entledigen.« »Diese Aufgabe ist gewiß nicht schwer,« antwortete Roland. »Das ist mir doch nicht so recht wahrscheinlich,« meinte Katharina, »wenigstens kommt es mir vor, als seien wir beide ganz unverzeihlich albern gewesen!« »Von Sinnen bin ich gewesen, von Sinnen, Katharina,« sagte Roland, »Ihr aber, schönste Katharina ...« »Ich aber,« ergänzte Katharina in dem gleichen bedächtigen Tone, »ich habe Euch zu lange gegen mich einen solchen Tun erlaubt, und darf es Euch, wie ich fürchte, nicht länger mehr erlauben, mich so anzureden, denn es möchte Euch Verdruß schaffen, und ich hätte mir dann Vorwürfe zu machen.« »Und was kann sich ereignet haben, das zu solch jäher Aenderung unsers bisherigen Verhältnisses Ursache geben konnte?« fragte Roland bestürzt. »Ich kann es kaum sagen,« antwortete Katharina, »außer daß die Ereignisse des Tages mir diese Notwendigkeit nahegelegt haben. Ein Vorfall wie der, den wir heute erlebt haben, könnte meinen Bruder leicht von den geringfügigen Beziehungen unterrichten, die zwischen uns bestanden haben oder bestehen, und bei der Heftigkeit seines Charakters bin ich nicht frei von Sorgen darum, was daraus am Ende entstehen konnte!« »Deshalb, schönste Katharina, brauchtet Ihr Euch wohl keiner Beunruhigung hinzugeben,« erwiderte der Page, »denn vor Gefahren solcher Art könnte ich mich wohl selbst schützen.« »Das heißt, Ihr wolltet Euch in Schlägerei einlassen mit meinem Zwillingsbruder, um bei der Schwester Euch in Respekt zu setzen! Ich hab erst neulich aus dem Munde der Königin gehört, die Männer seien in Liebe und Haß die eigennützigsten Geschöpfe der Erde, und die Gleichgültigkeit, die Ihr in unserm Falle zeigt, kommt wohl auf ganz dasselbe hinaus. Doch schämt Euch hierüber nicht allzusehr! Ihr seid, wenn auch nicht besser, in dieser Hinsicht doch auch nicht schlechter als andre.« »Ihr tut mir unrecht, Katharina, ich dachte nur, mir drohe ein Schwert, dachte aber nicht weiter, von welcher Seite es mir drohen könne; wäre Euer Zwillingsbruder, Euch in allem so zum Verwechseln ähnlich, mein Gegner, dann, glaubt mir, möchte er eher mein Blut vergießen, als daß ich mich versucht fühlen könnte, einem Angriffe von ihm Widerstand zu leisten.« »Ach, Ihr gedenkt bloß der seltsamen Umstände, die uns zusammengeführt haben, nicht aber, daß sich zwischen uns ein unüberbrückbarer Abgrund auftun wird, sobald ich wieder in mein väterliches Haus den Fuß zurücktrete. Die einzige Verwandte von Euch ist eine schwärmerische Greisin, von wildem, seltsamem Wesen, aus einem feindseligen, versprengten Stamme, von Eurer andern Sippschaft ist nichts bekannt –, nie wird mein Vater, verzeiht mir diese Aufrichtigkeit, eine Verbindung zwischen uns gut heißen wollen!« »Die Liebe, schönste Katharina, sieht verächtlich auf Stammbäume!« »Die Liebe schon, nicht aber mein Vater, nicht der Lord Seyton!« wandte das Mädchen ein. »Die Königin, unser beider Gebieterin, wird für uns sprechen bei Deinem Vater. O, schick mich nicht von Dir, Mädchen, nicht jetzt, wo ich mich glücklicher wähnte als je im Leben! ... Und sollte ich zu ihrer Befreiung behilflich sein, so sagtet Ihr doch selbst, wäre sie und wärest Du mir zu Dank verpflichtet, wäre sie und Du meine Schuldnerinnen.« »Ganz Schottland wäre Dein Schuldner,« rief Katharina; »was aber die Beweise unsrer Dankbarkeit anbetrifft, so dürft Ihr nicht vergessen, daß ich in dieser Hinsicht abhängig bleibe von meinem Vater, während die Königin zunächst wohl abhängig bleiben wird von den Adelingen ihrer Partei.« »Und wenn auch!« rief Roland, »durch meine Taten will ich alle Vorurteile ans der Welt schaffen. Die Welt ist in Gärung, und ich will mir meinen Anteil an dem Ruhme, der dabei zu gewinnen ist, sichern. Der Ritter von Avenel, jetzt ein so hochgestellter Herr, ist auch von niedriger Herkunft, gleichwie ich!« »Das ist das rühmliche Wort des mannhaften Ritters, der sich Bahn zu der Geliebten seines Herzens brechen will durch Drachensaat und Feindeshaufen,« sagte schwärmerisch Katharina, und Roland fiel ihr ins Wort: »Und kann ich der Prinzessin die freie Willensmeinung schaffen, auf wen wird ihre Wahl dann fallen?« »Erlöset die Prinzessin aus der Haft, und sie wird es Euch sagen im Vertrauen!« antwortete Katharina. Dann brach sie die Unterhaltung rasch ab und gesellte sich zur Königin. Kurz nachher erschien die Schloßherrin, und die Diener kamen mit dem Abendessen. Beharrlich dem gefaßten Entschlüsse, die Gegenwart dieser Dame mit Gleichmut und Standhaftigkeit zu ertragen, verhielt sich die Königin ruhig, wenn sie es auch vermied, ein Wort zu sprechen. Aber bald sollte eine neue Erscheinung, die bisher nicht zum Schloßzeremoniell gehört hatte, ihre Geduld auf eine harte Probe stellen. Als sich der eine Diener entfernt hatte, trat Randal herein mit den an einem Ringe befestigten Burgschlüsseln und behändigte sie der Lady mit der Meldung, die Wachen seien ausgestellt und sämtliche Tore verschlossen. Die Königin wechselte mit ihren Namen einen Blick der Ueberraschung und des Verdrusses. Dann sagte sie laut: »Ueber die Beschränkung Unsers Hofstaats dürfen Wir Uns wahrlich nicht beklagen, wenn Wir wahrnehmen, daß Unsre holde Frau Wirtin selbst sich so vielen Obliegenheiten unterzieht. Nicht bloß mit den Aemtern eines Hofmarschalls und Großalmoseniers begnügt sie sich, jetzt versieht sie auch noch den Dienst eines Hauptmanns unsrer Leibwache.« »Und wird das auch hinfort tun,« entgegnete Lady Lochleven mit hohem Ernst, »die Geschichte Schottlands lehrt uns ja, wie schlecht ein Geschäft betrieben werden kann, wenn es in die Hände eines Günstlings gelegt wird ...« »O, meine Liebe,« erwiderte die Königin, »mein königlicher Vater hatte wohl auch Günstlinge im Unterrock, sollte ich meinen.. zum Beispiel die Ladies Sandland und Olifaunt, und noch diese und jene andre, deren Namen sich freilich im Gedächtnis einer so vielbeschäftigten und würdigen Dame, wie der Lady Lochleven, nicht festsetzen können.« Lady Lochleven warf einen Blick auf die Königin, als wolle sie sie zermalmen; aber sie beherrschte ihre Wut und entfernte sich, mit dem schweren Schlüsselbund in der Hand, aus dem Zimmer. »Gott sei Dank, daß er dieses Weib in der Jugend nicht schärfer gehütet hat!« sagte die Königin, »denn hätte sie nicht diese verwundbare Stelle, so verschwendete ich doch all meine Worte umsonst an sie! ... Aber dieser Fleck ist das unmittelbare Widerspiel eines Hexenmales ... Hier läßt sich Empfindung wecken, so unempfindlich dieses Geschöpf auch sonst ist ... Aber, Mädchen! hier stehen wir vor einer neuen Schwierigkeit! Wie ist den Schlüsseln beizukommen? Dieser Heiduk ist doch nicht bestechlich und auch nicht zu hintergehen.« »Darf ich fragen,« nahm der Page das Wort, »ob Eure Gnaden außerhalb der Schloßmauern über Mittel und Wege verfügen, über den See nach dem Lande hinüber zu gelangen, und dort auch Schutz finden werden?« »Gewiß, Roland, das überlaß nur uns!« erwiderte die Königin. »In diesem Falle dürfte ich Euer Gnaden von Nutzen sein können,« erwiderte der Page. »Und wie, mein Sohn? Sage ohne Furcht, was Du im Sinne hast!« ermutigte ihn die Königin. »Der Ritter von Avenel hielt darauf, seine Pagen auch im Schmieden der Waffen zu unterrichten, und Fräulein Seyton ist es ja bekannt, daß ich in diesem Handwerk Uebung besitze, denn ich habe ihr ja in der Zeit unsers Beisammenseins auf dieser Burg eine silberne Arbeitsnadel geschmiedet.« »Schön, aber Ihr solltet dabei nicht unbemerkt lassen, daß die Nadel so schlecht war, daß sie schon am andern Tage zerbrach,« bemerkte Katharina Seyton. »Es hat ihr bitterleid getan, daß sie so ungeschickt war,« sagte die Königin, »und sie hat die Stücke im Busen geborgen... Aber was unsre Sache angeht, sollte es Dir möglich sein, mein Sohn, eine neue Garnitur Schlüssel zu schmieden?« »Das nicht, gnädigste Frau, weil mir die Bärte nicht in einem Wachsabdruck vorliegen. Aber daß ich ein Bündel Schlüssel machen könnte, das ungefähr so aussieht wie dieses verhaßte Schlüsselbund, und daß man ihn dann dagegen vertauschen könnte, das glaube ich bestimmt.« »Hierbei würde es von Vorteil sein, daß Lady Lochleven stark kurzsichtig ist. Aber wie sieht's mit der Schmiede aus?... und wie willst Du unbemerkt arbeiten können?« »Die Schmiede ist im runden Gewölbe am untern Turm. Ich habe dort schon dann und wann mit dem Schmied gearbeitet. Weil er im Verdacht stand, es zu viel mit Georg Douglas zu halten, ist er zusammen mit dem Turmwart aus dem Dienste entlassen worden. Es wird nicht auffallen, wenn man mich dort arbeiten sieht, und um einen Vorwand, Blasebalg und Amboß zu brauchen, werde ich kaum in Verlegenheit sein.« »Nun, so mach Dich ohne Zaudern an die Arbeit; doch achte, daß Du nicht entdeckt wirst,« sagte die Königin. »Ich werde mich vor zufälligen Besuchern dadurch schützen, daß ich den Riegel vorschiebe, so daß mir Zeit bleibt, meine Arbeit beiseite zu tun, bevor ich aufmache.« »Nun, so wollen wir für die Nacht scheiden,« sagte die Königin, »Gott segne Euch, meine Kinder! und erhebt sich Marias Haupt je über die Fluten, dann sollt Ihr Euch erheben mit ihr!« Dreizehntes Kapitel. Rolands Unternehmen schien zu gelingen, denn er verstand es geschickt, die Aufmerksamkeit von seiner eigentlichen Arbeit durch Anfertigung von allerhand Kleinigkeiten abzulenken. Bald hatte er eine Anzahl von Schlüsseln, an Gestalt und Schwere denen gleich, die allabendlich der Burgherrin von Lochleven überreicht wurden, geschmiedet; mit Salzwasser brachte er die dunkle, rostige Farbe hervor, die die Schlüssel bedeckte, und im Vollgefühl seiner Kunst überreichte er sie eines Abends der Königin etwa eine Stunde vor dem Abendläuten. Mit froher, aber auch bedenklicher Miene betrachtete sie Rolands Arbeit. »Ich glaube schon, daß die Augen von Lady Lochleven sich hierdurch täuschen lassen mochten. Aber wie sollen wir es bewerkstelligen, daß wir ihr diese Schlüssel unterschieben? wer an unserm kleinen Hofe soll sich diesem Taschenspielerkniffe unterziehen?« »Vielleicht fände sich auch hierfür ein Weg,« erwiderte Roland, »ich fürchte nur die Schildwache, die jetzt nachts im Garten ausgestellt wird, und bei der wir notwendigerweise vorbei müssen.« »Die letzten Nachrichten, die wir von unsern Kinrosser Freunden erhalten haben, sagen uns in dieser Hinsicht Beistand zu,« erwiderte die Königin. »Und Eure Gnaden sind der Treue und Wachsamkeit dieser auswärtigen Freunde versichert?« fragte Roland. »Für ihre Treue stehe ich ein mit meinem Leben und für ihre Wachsamkeit nicht minder,« erwiderte die Königin. »Den Beweis hierfür will ich Dir sogleich geben, mein Sohn. Komm, Katharina, begleite Uns in Unser Kabinett. Du weißt, was ich Roland dort zeigen will. Aber ich begebe mich der bösen Zungen in Lochleven halber nicht allein mit einem jungen Manne in mein Kabinett. Oder besser noch, Fleming, komm Du mit! Deine ehrbare Gegenwart wird für Roland eine bessere Gewähr sein!« setzte sie mit einem lächelnden Seitenblick auf Katharina hinzu, »aber, Schatz! nicht eifersüchtig deshalb!« In dem kleinen Zimmer, das nur durch ein Erkerfenster Licht erhielt, zeigte die Königin Roland die Stelle am jenseitigen Ufer, wo Kinroß lag, und wo die Abendlichter zu flackern begannen ... »Siehst Du das einzelne Flämmchen dort, getrennt von den übrigen Lichtern, und ein Stück naher am See als die andern? So klein es Dir erscheint, so ist es doch Maria Stuart mehr wert, als jeglicher Stern am Himmelsfirmament. An diesem Zeichen erkenne ich, daß mehr als ein treues Herz auf meine Befreiung sinnt, und ohne dieses Zeichen wäre ich längst meinem Schicksal erlegen, wäre ich längst an gebrochenem Herzen gestorben, Plan auf Plan ist entworfen worden, und Plan auf Plan ist aufgegeben worden, aber noch immer flimmert das Licht, und so lange es flimmert, so lange erstirbt auch meine Hoffnung nicht.« »Irre ich mich nicht,« bemerkte Roland, »so leuchtet das Licht in dem Häuschen des Gärtners Blinkhoolie?« »Du hast ein scharfes Auge, mein Sohn,« versetzte die Königin, »ja, dort weilen meine Getreuen und halten Rat über das Werk meiner Befreiung. Die Stimme der armen Gefangnen möge früher auf diesen Wogen verhallen, als sie zu ihren Ohren hinüber dränge, und doch kann ich mich mit ihnen verständigen ... Ich will Dir alles vertrauen. Ich will jetzt bei meinen Getreuen Anfrage halten, ob der Augenblick für das große Werk gekommen ist ... Fleming, setz die Lampe ins Fenster!« Sie gehorchte, nahm sie aber sogleich wieder weg. Im selben Augenblick verschwand auch in der Gärtnerhütte das Licht. »Nun zähle,« sagte die Königin, »mir schlägt das Herz zu laut, daß ich selbst zu zählen vermöchte.« Lady Fleming zählte bis zehn, und dann zeigte das Licht wieder seinen schwachen Schimmer. »Nun,« sprach die Königin, »Lob und Preis sei unsrer lieben Frau! ... vor kaum zwei Nächten konnte ich noch zählen bis dreißig, ehe der Lichtschein wieder sichtbar war. Die Stunde der Befreiung rückt näher. Gott möge die segnen, die mit solcher Treue für mich am Werke sind ... Aber wir müssen zurück ins andre Zimmer, denn unsre längre Gegenwart hier möchte Verdacht erregen.« Sie verließen das Kabinett der Königin, und der Abend nahm seinen weiteren Verlauf wie gewöhnlich. Aber am folgenden Tage, um die Mittagsstunde, trug sich ein Vorfall zu, der die gleichmäßige Ruhe störte. Während Lady Lochleven bei der Mahlzeit der Königin anwesend war, kam ein Diener mit der Meldung, ein Gewappneter fordre Einlaß ins Schloß. »Hat er die Losung gegeben?« fragte die Lady. »Er spart sie wohl auf für das Ohr von Euer Gnaden,« erwiderte Randal, der Diener. »Befiehl ihm, in der Halle auf mich zu warten,« beschied ihn die Dame, »doch nein, mit Eurer Erlaubnis, gnädigste Frau, bring ihn hierher!« »Wenn es Euch beliebt, Eure Diener hier zu empfangen, ohne meine Einwilligung abzuwarten,« sagte die Königin, »so bleibt mir freilich keine Wahl.« »Meine Kränklichkeit mag mir als Entschuldigung dienen,« erwiderte Lady Lochleven; »das Leben, das ich hier führen muß, paßt schlecht zu den früher verlebten Jahren; ich muß deshalb von mancher Förmlichkeit Abstand nehmen.« »Ach, meine gute Lady,« versetzte darauf die Königin, »ich wünschte, es gebe in diesem Schlosse nichts, was schlimmern Zwang übte, als Förmlichkeitsrücksichten. Aber Schloß und Riegel sind doch noch bösere Gesellen.« Unterdes trat der von Randal gemeldete Knappe ins Zimmer, in welchem Roland auf den ersten Blick den Pater Ambrosius erkannte. »Euer Name, Freund?« fragte Lady Lochleven. »Eduard Glendinning,« erwiderte mit geziemender Verbeugung der Abt. »Bist Du verwandt mit dem Ritter von Avenel?« fragte die Lady. »Jawohl, gnädige Dame, sehr nahe,« antwortete der Abt. »Wahrscheinlich genug, denn der Ritter ist, was er ist, durch seine Taten und von geringer Abkunft zu seinem jetzigen hohen Stande im Staate gestiegen. Aber er ist von unbescholtner Treue und von erprobtem Werte, und sein Verwandter sei uns willkommen! Ihr bekennt Euch doch zu dem allein wahren Glauben?« »Des dürft Ihr Euch überzeugt halten, gnädigste Dame!« versetzte der Abt. »Gab Dir Sir William eine Losung?« fragte die Dame weiter. »Ja! doch soll ich sie Euch im Vertrauen sagen!« »Du hast recht,« sagte die Lady und trat mit dem Fremden in eine Fensternische... »So sag mir die Losung!« »O Douglas, Douglas! lieb und treu!« sagte der Knappe. »Es ist in Ordnung, Glendinning. Wir nehmen Dich in unser Gefolge auf. Doch, Randal, sorge, daß er nur die Außenwacht übernimmt! wenigstens bis wir aus seinem Munde Näheres gehört haben über unsern Sohn... Du bist doch Nachtluft gewohnt, oder scheust Du Dich vor ihr?« »Ich scheue mich im Dienste Euer Gnaden vor nichts,« versetzte der Abt in Knappentracht. »So wäre denn unsre Besatzung durch solchen Zufall um einen treuen Mann verstärkt,« sagte Lady Lochleven, sichtlich erfreut. »Begebt Euch in die Speisekammer und laßt Euch reichlich bewirten.« Kaum hatte sich die Lady mit dem Pseudo-Knappen entfernt, als die Königin sich zu Roland mit den Worten wandte: »Ich erblicke Trost in den Zügen des fremden Mannes, wenn ich auch nicht weiß, warum es mir so zu Mute ist. Aber ich bin überzeugt, daß er uns ein Freund ist.« Der Page unterrichtete die Königin, daß es der Abt des heiligen Marienklosters in Person sei, der hier in der Rolle des Kriegsknappen sich Eintritt ins Schloß verschafft habe. Die Königin bekreuzte sich und sandte einen Blick gen Himmel. »Ich unwürdige Sünderin,« sprach sie, »um meinetwillen setzt sich ein heiliger Mann von so hohem Rang in Gefahr, als Verräter zu sterben, und wechselt sein heiliges Kleid mit dem profanen Gewand eines Kriegsmanns!« »Der Himmel wird seinen Diener schützen!« sagte Katharina. »Segnen würde seine Teilnahme unser Unternehmen, wäre es nicht schon gesegnet an sich selbst!« »Und was das Zeichen vom andern Ufer angeht, so sagt mir mein Herz,« warf Katharina dazwischen, »daß wir heut nacht statt eines Flämmchens vom Garten Blinkhoolies zwei sehen werden! Und dann, Roland, gilt's! sei wacker, wie bisher, und wir wollen, gleich Feen zu mitternächtiger Stunde, auf dem grünen Rasen tanzen und springen.« Katharina hatte recht. Am Abend flimmerten drüben über dem See zwei Flämmchen statt eines, und der Page hörte mit klopfendem Herzen, wie draußen vorm Schlosse der neue Knappe zur Wache bestellt wurde. Als er die erste Kunde hiervon der Königin überbrachte, reichte sie ihm die Hand. Er kniete nieder, führte die Hand in schuldiger Ehrfurcht an die Lippen und fühlte, daß sie kalt war wie Marmor. »Um Gottes willen, gnädigste Frau,« rief die Fleming, »betet zu Eurem Schutzheiligen!« »Betet zu den hundert Geistern der Königsreihe, von der Ihr abstammt!« sagte Roland wieder, »in dieser Stunde der Not wäre die Entschlossenheit eines Fürsten soviel wert wie der Beistand von hundert Heiligen!« »Ach, Roland Gräme, sei mir treu,« sagte Maria im Tone höchster Verzagtheit, »sei mir treu – so manche sind falsch gegen mich gewesen! – Ach, und ich war mir selbst nicht treu!... Meinem Herzen ahnt es, daß ich in der Sklaverei sterben werde, daß dieses kühne Werk allen das Leben kosten werde! ... Von einer Wahrsagerin ist mir in Frankreich gekündet worden, daß ich im Gefängnis eines gewaltsamen Todes sterben werde ... Jetzt naht sie, die schwere Stunde!« »O, gnädigste Frau,« rief Katharina Seyton, »erinnert Euch, daß Ihr eine Königin seid! Es ist besser, wir finden bei dem mutigen Werk alle unsern Tod, als daß wir hier bleiben, in Gefahr, den Tod durch Gift zu leiden, durch böses Gewürm, wie es in allem alten Gemäuer haust.« »Du hast recht, Katharina,« erwiderte die Königin, »Maria wird sich zeigen Marias würdig. Aber, ach! ach! Dein jugendlicher, kräftiger Mut vermag die Ursachen nicht wohl zu erraten, die den meinigen brachen. Lebt wohl für ein paar Augenblicke, Kinder! ich will Geist und Leib bereiten zu diesem furchtbaren Abenteuer.« Sie gingen voneinander und blieben getrennt, bis das Abendläuten sie wieder zusammenrief. Die Königin war ernst, aber fest und entschlossen. Lady Fleming verstand es meisterhaft, die Bangigkeit, die ihr Herz erfüllte, durch die Kunst der Hofdame zu verbergen; Katharinas Augen leuchteten von mutvollem Feuer, und ihren schönen Mund umspielte ein muntres Lächeln, das jeder Gefahr und aller Furcht vor Entdeckung zu spotten schien; Roland suchte sich in dem Bewußtsein, daß der Erfolg zum großen Teil von seiner Gewandtheit und Festigkeit abhängig sei, alle Geistesgegenwart zu erhalten, und stand, gleich dem Jagdhund an der Leine, Hand, Herz und Auge gespannt, alle Gelegenheit zur Durchführung des Anschlags wahrzunehmen. Lady Lochleven stand mit dem Rücken dem Fenster zugekehrt, das, wie das im Schlafkabinett, nach Kinroß und auf die Kirche hinaus sah, die ein Stück vom Dorfe dem See näher lag und damals nur durch wenige Hütten mit ihm im Zusammenhang stand. Das Gesicht hielt sie dem Tische zugewandt, auf dem für die kurze Zeit, die sie zum Kosten der Speisen brauchte, das Schlüsselbund lag; ihre Miene war – so meinten wenigstens die Gefangnen – herausfordernder denn sonst, ihr Blick fester als sonst auf das Werkzeug strenger Haft gerichtet. Gerade als sie nach dem Bunde greifen wollte, warf der Page den Blick nach Kinroß hinüber und rief, er sehe ja Totenlichter auf dem Friedhofe; die Lady war zwar vom Aberglauben, der zur damaligen Zeit die Gemüter beherrschte, ziemlich frei, aber sie gedachte des Schicksals ihrer Söhne, ein sogenanntes Totenlicht auf dem Friedhofe bedeute Todesfall in der Familie, und so drehte sie sich um, in der Absicht, zum Fenster hinaus zu sehen; sie sah die Flämmchen flimmern, die für die Gefangnen Signale waren, und vergaß auf einen Augenblick ihr Amt, und ging nun der Früchte ihrer Wachsamkeit verlustig. Mit großer Gewandtheit vertauschte der Page die selbstgeschmiedeten Schlüssel, die er unter dem Mantel trug, gegen die echten, hatte aber ein schwaches Geklirr doch nicht verhüten können. Im Nu fuhr die Lady mit dem Kopfe herum und rief: »Wer rührt an meinen Schlüsseln?« der Page sagte, er habe mit dem Aermel daran gestreift; sie aber sah sich um, griff nach dem Schlüsselbund, ohne gewahr zu werden, daß sie das falsche nahm, und blickte wie er hinüber nach den vermeintlichen Totenlichter. »Mir scheint,« sagte sie, »die Lichter kommen nicht vom Friedhofe, sondern von Blinkhoolies Hütte herüber. Was der alte Mann wohl vorhat, daß er seit kurzem immer bis in die Nacht hinein Licht brennt? Ich habe ihn immer für einen ruhigen, fleißigen Mann gehalten; nimmt er jedoch Nachtschwärmer und Tagediebe bei sich auf, dann werden wir Sorge tragen müssen, daß er seinen Aufenthalt wechselt.« »Er mag wohl Körbe flechten, gnädige Frau,« sagte der Page in der Absicht, ihre Aufmerksamkeit abzulenken. »Oder Netze, wie?« erwiderte die Lady. »Kann auch sein,« versetzte der Page, »für den Forellen- und Lachsfang, dem er ja obliegt.« »Oder für Narren- und Schurkenfang!« rief die Lady Lochleven grimmig. »Doch morgen soll das untersucht und festgestellt werden!« Dann wandte sie sich zu der Königin. »Für heute wünsche ich Euer Gnaden und Eurer Gesellschaft guten Abend. Randal, komm mit uns mit!« Die Lady verschwand mit ihrem Diener, dem sie das Schlüsselbund in die Hand gelegt hatte. Roland aber rieb sich vergnügt die Hände, daß ihm sein Streich gelungen war, und sagte zu Katharina: »Narren verschieben auf morgen, was gescheite Leute heute tun. Doch ich muß jetzt gehen, diese Werkzeuge zur Freiheit gut zu schmieren, daß sie durch Knarren uns nicht verraten. Mut und Ausdauer! dann wird alles gut gehen. Wenn nur unsre Freunde rechtzeitig mit dem Boote zur Stelle sind!« »Ihretwegen seid ohne Furcht!« sagte Katharina, »sie sind treu wie Gold – wenn bloß unsre teure Gebieterin den Mut nicht sinken läßt, der sie so lange aufrecht erhalten hat!« »Zweifle nicht an mir, Katharina,« sprach die Königin, »wenn ich vor einer Weile noch unterlag, so habe ich doch den Mut der früheren, fröhlicheren Tage wiedergefunden, als ich mit meinen bewaffneten Adelingen durch Wald und Flur ritt und das Verlangen im Herzen trug, ein Mann zu sein, um zu lernen, wie es sich lebt im Felde, mit Schild und Schwert, mit Panzer und Brotbeutel.« »O, keine Lerche singt froher als ein lustiger Soldat,« rief der Page; »bald, bald wird sich Eure königliche Majestät in der Mitte ihres Heers befinden, und das Auge der Königin wird in jedes Mannen Herz erhöhten Mut pflanzen! Aber ich muß jetzt an meine letzte Arbeit! Entschuldigt also, Eure Gnaden!« »Es bleibt nur wenig Zeit noch,« sagte die Königin, »eins von den beiden Lichtern ist verloscht. Das ist uns ein Zeichen dafür, daß eins der Boote schon unterwegs ist.« »Die Leute werden nur langsam rudern,« erwiderte der Page, »stellenweis werden sie es, kein Geräusch zu machen, schieben müssen. Aber jetzt jeder auf seinen Posten! Ich will im Vorbeigehen Rücksprache mit dem frommen Vater nehmen.« Die Mitternachtsstunde schlug, Totenstille herrschte im Schlosse, als die Glocke verklungen war. Da schob der Page den Schlüssel in das Schloß des Pförtchens, das sich unterhalb der zu den Zimmern der Königin in den Schloßgarten führenden Wendeltreppe befand. Der Riegel leistete nur geringen Widerstand, und das Schloß knarrte kaum, Roland hatte die Schlüssel gut geölt. Aber er wagte es nicht, den Fuß über die Pforte hinaus zu setzen, sondern flüsterte dem verkleideten Abte bloß die Frage zu, ob das Boot bereit sei. »Schon seit einer halben Stunde,« antwortete dieser, »unter dem Wall, zu dicht an der Insel, um vom Turmwart gesehen zu werden, aber wenn es abstößt, wird es den Späherblicken desselben wohl kaum entgehen.« »Die Dunkelheit wird uns schützen,« erwiderte der Page, »wir werden suchen, so unbemerkt abzustoßen, wie die Leute gelandet sind. Zudem hat Hildebrand die Wache auf dem Turm, ein Tölpel, der nie ohne einen vollen Krug auf Nachtwache zieht. Der schläft doch sicher!« »So hole die Königin!« flüsterte der Abt, »ich will Heinrich Sehton rufen, er soll den Herrschaften beim Einsteigen helfen.« Leisen Schrittes, mit verhaltenem Atem, zusammenschreckend beim leisesten Rascheln der eignen Gewänder, schlüpften die holden Gefangnen, eine hinter der andern, von Roland geleitet, die Wendeltreppe hinunter und wurden am Pförtchen von Heinrich Seyton und dem Abte in Empfang genommen. Der erstere schien die Leitung des ganzen Unternehmens in die Hand genommen zu haben. »Hochwürdiger Abt,« flüsterte er, »reicht meiner Schwester den Arm, ich werde die Königin geleiten, der junge Mann hier wird die Ehre haben, sich der Lady Fleming anzunehmen.« Roland mußte sich fügen, denn Zeit zu einem Einspruch war nicht vorhanden. Freilich hätte Roland eine andre Anordnung lieber gesehen, Katharina hüpfte gleich einer Sylphide voraus und führte mehr den Abt, statt von ihm geführt zu werden. Die Königin, deren angeborener Mut alle Furcht und alle Bedenken besiegte, schritt unter Seytons fester Hand festen Schrittes voran, während die Fleming für Roland ihrer Ängstlichkeit und Unbeholfenheit wegen eine rechte Last war. Er bildete mit ihr den Nachtrab, und während er sie an der einen Hand führte, trug er unter dem andern Arm ein Päckchen für die Königin. Roland trat, als er die Wendeltreppe glücklich mit seiner Dame herunter gestiegen war, an die Gartentür und versuchte sie mit einem der in seiner Hand befindlichen Schlüssel zu öffnen, mußte aber mehrere probieren, ehe er den richtigen fand. Darüber verstrich ein banger Augenblick. Endlich gab die Tür nach, und nun wurden die Damen von Männern, die bislang, im Rasen versteckt, auf dem Boden gelegen hatten, zum Boote, das ihrer mit sechs Ruderern im See wartete, halb geführt, halb getragen. Heinrich Seyton führte die Dame in das Hinterteil des Bootes, der Abt wollte Katharinen beim Einsteigen helfen, aber die Maid war mit einem Satze im Boote, noch ehe der Abt den Arm erhoben hatte, ihn ihr zu reichen, und Roland wollte grade der Lady Fleming den gleichen Ritterdienst erweisen, als ihm plötzlich ein Gedanke in den Sinn schoß. Mit dem Rufe: »Ich hab was vergessen. Wartet bloß eine Minute auf mich!« warf er, es seiner Dame überlassend, wie sie zurechtkäme, das Paket der Königin in das Boot und eilte, geräuschlos wie ein leichtbeschwingter Vogel, durch den Garten zurück. »Beim Himmel!« rief Seyton, »noch im letzten Moment bricht er die Treue. Gefürchtet hab ich es ja immer.« »Er ist treu, wie der Himmel selbst!« rief Katharina, »dafür stehe ich ein.« »Still, Püppchen!« erwiderte Seyton, »Dein Urteil gilt mir nichts. Stoßt ab, Leute, und rudert auf Tod und Leben!« »Helft mir an Bord!« rief ängstlich, und lauter als sie mochte, die Fleming, »helft mir an Bord!« »Stoßt ab! stoßt ab!« befahl Seyton; »laßt alles schießen, wenn bloß die Königin in Sicherheit ist.« »Gnädigste Frau, wollt Ihr das zugeben?« rief da Katharina flehend; »soll Euer Retter dem sichern Tode anheimfallen?« »Nein! das soll nicht sein!« sagte die Königin .. »Seyton, ich befehle Euch, zu warten, auf jede Gefahr!« »Verzeiht mir, gnädigste Name, wenn ich ungehorsam bin,« erwiderte der unbeugsame Jüngling, und nachdem er schnell der Fleming noch ins Boot geholfen hatte, gab er dem Boote selbst einen Tritt mit dem Fuße und sprang dann hinterher. Etwa Zwei Klaftern weit war es vom Lande, als Roland am Ufer erschien und mit einem Satze im Wasser war, es noch zu erreichen. Mit einem zweiten Satze war er im Boote, rannte aber dabei Seyton über den Haufen, der darüber einen derben Fluch ausstieß. Als Roland nach dem Hinterteil des Bootes gehen wollte, wo sich die Damen befanden, trat ihm Seyton in den Weg mit den Worten: »Euer Platz ist nicht bei hochgebornen Damen. Bleibt vorn und sorgt, daß das Boot nicht aus dem Gleichgewicht kommt ... Na, Platz da! versteht Ihr nicht Schottisch? .. Leute, rudert, rudert um Gottes und der Königin willen!« »Warum habt Ihr die Ruder nicht umwickelt?« flüsterte Roland, »das Plätschern muß ja die Wache wecken ... Bursche, rudert, daß Ihr aus Schuhweite kommt! hätte der alte Hildebrand nicht heut einen Teller Mohnsuppe geschluckt, dann hätt er schon längst von Eurem Geflüster munter sein müssen.« »Du bist allein an der Säumnis schuld!« rief Seyton. »Wenn wir drüben am Lande sind, sollst Du mir hierfür und für manch andres Rede und Antwort stehen!« Aber Rolands Befürchtung bewahrheitete sich schnell genug, so daß er sich einer Antwort hierauf enthalten mußte. Die Wache hatte in ihrem Schlummer wohl das Geflüster der Stimmen nicht gehört, aber das Plätschern der Ruder machte sie munter, und jetzt vernahm man den Alarmruf: »Ein Boot! ein Boot! haltet an, oder ich schieße!« Und als die Ruderer nur um so derber sich ins Zeug legten, schrie die Wache mit Stentorstimme: »Verrat! Verrat!« schoß ihre Feuerbüchse nach dem Boote ab und zog die Glocke. Wie gescheuchte Vögelchen drängten sich die Damen zusammen, als der Schuß über das Wasser dröhnte. Die Ruderer setzten die besten Kräfte ein. Andre Kugeln pfiffen nun über die Wasserfläche, und im ganzen Schlosse fing es an, lebendig zu werden. »Stemmt Euch gegen die Ruder!« rief Seyton, »zieht an, daß Euch das Blut unter die Nägel tritt, oder ich will's Euch mit dem Dolche aus dem Leibe zapfen ... gleich wird uns von drüben ein Boot auf den Hacken sein!« »Daß das nicht der Fall sein kann, dafür ist gesorgt!« bemerkte Roland kalt und ruhig, »denn ich bin vorhin nochmals zurückgeeilt, um die schweren Hauptriegel vor die Tore zu legen. In dieser Nacht wird kein Boot aus Lochleven mehr über den See fahren, denn mit den falschen Schlüsseln können sie die Tore nicht öffnen, und ehe sie sich bei Tage von ihrem Verlust überzeugen weiden, sind wir in Sicherheit ... Und nun lege ich mein Schließeramt von Lochleven nieder, und übergebe das Schlüsselbund der Nixe tief unten am Grunde.« Als die schweren Schlüssel unter dem Wasser verschwanden, sagte der Abt: »Gottes Segen über Dich, mein getreuer Sohn! Deine Klugheit und Vorsicht, Dein Mut und Dein Eifer beschämt uns alle!« Als das Boot aus Büchsenschußweite gebracht worden war, schöpfte die Königin Atem und gewann langsam die Ruhe wieder. Dann sagte sie: »Die Treue und Klugheit meines Knappen zog ich nie in Zweifel. Ich muß ihn mit meinen beiden nicht minder getreuen Rittern Douglas und Seyton als einen lieben Freund ansehen .. aber wo ist Douglas?« »Hier, gnädigste Dame!« antwortete eine tiefe Stimme aus der Reihe der Ruderer; sie kam aus der Brust des ihr zunächst sitzenden, der das Steuer lenkte. »Also decktet Ihr mich mit Eurem Leibe, als die Kugeln um das Boot pfiffen?« fragte die Königin gerührt. »Seid Ihr der Meinung, ein Douglas überließe einem andern die Gefahr, das Leben seiner Königin durch das eigne zu schützen?« Hier wurde die Unterhaltung durch schwerere Schüsse gestört, die vom Schlosse nach dem Boote herüberstrichen. Man feuerte jetzt aus den Falkonetten, leichteren Kanonen, die damals zur Bollwehr für Schlösser und Burgen im Brauch waren. Aber die Schüsse waren aufs Geratewohl gefeuert worden, da das Boot mittlerweile verhältnismäßig weit aus Sehweite gelangt war. Der dumpfe Knall indes, der jedem Schusse vorausging, und die Blitze, die vom Schlosse herüberzuckten, waren für die Damen doch ein Gegenstand großen Schreckens. Endlich stieß das Boot ans Land, und zwar an einem primitiv angelegten Landungsplätze vor einem großen Garten, und während hier der Abt Gott für das bisherige Gelingen inbrünstig dankte, erntete Douglas den schönsten Dank für seine Treue, denn er durfte die Königin am Arme nach der Gärtnerhütte geleiten. Aber die Königin vergaß auch jetzt der Dienste Rolands nicht und befahl ihm, Katharina den Arm zu reichen, während sie Seyton befahl, sich der Lady Fleming anzunehmen. Aber Seyton übergab diese Sorge dem Abte unter dem Vorwande, daß er sich nach den Pferden umsehen müsse, und seine Mannen beeilten sich, indem sie die Ruderermäntel abwarfen, ihm hierin beizustehen. In der kurzen Zeit, die nun die Königin in der Hütte verweilte, bemerkte sie in einem Winkel den alten Mann, dem die Hütte gehörte, und rief ihn zu sich. Mit Widerstreben folgte er dem Rufe. »Aber, Bruder,« sagte der Abt Ambrosius, »so langsam, wenn es gilt, Deiner erlauchten Königin und Gebieterin Glück zu ihrer Befreiung aus schmählicher Haft zu wünschen?« Der Greis kam dieser Aufforderung mit ein Paar schicklichen Worten nach. Die Königin dankte ihm huldvoll und reichte ihm als Belohnung seiner Treue eine kleine Börse ... »Nehmt sie,« sagte sie, »Eure Wohnung ist lange genug Zufluchtsort für unsre getreuen Diener gewesen. In Zukunft gedenken wir solche Dienste besser zu lohnen.« »Danke der Königin für solche Huld, Bruder, und kniee nieder!« sagte Abt Ambrosius. »Bruder,« antwortete der Gärtner, aber mit verdrießlicherer Stimme als bisher, »Du standest einst verschiedene Stufen unter mir und bist um manches Jahr jünger als ich. Drum laß mich danken auf meine Weise! Es hat Tage gegeben, da Königinnen vor mir knieten, und meine Kniee sind zu alt und steif geworden, daß ich sie beugen könnte, selbst vor solch holdseliger Dame wie dieser! ... Gestatten Eure Gnaden mir die bescheidene Bemerkung, daß es mir der schönste Lohn wäre, wenn sie in Zukunft ihren Aufenthalt recht weit von dieser Stätte stiller Zurückgezogenheit nehmen wollte, die über Gebühr durch den mitternächtigen Verkehr von Dienern Eurer Gnaden gelitten hat. Weiß ich doch kaum, ob ich es noch mein Eigentum nennen darf! alle Blumen haben sie mit ihren schweren Stiefeln niedergetreten, und seit sie sogar ihre Streitrosse hergeführt haben, ist es um all mein Obst geschehen ... Ich bin ein Greis, hoch an Jahren, und möchte gern die paar Jahre, die mir der Herr in seiner Güte noch verleihen wird, in Ruhe und Frieden verbringen.« »Gern versprech ich Euch, daß mich die Mauern dort drüben nicht wieder sehen sollen, guter Mann,« antwortete die Königin, »aber nehmt immerhin dies bißchen Geld! es mag doch halbwegs im stande sein, den Schaden auszugleichen, den Ihr erlitten habt.« »Vielen Dank, Euer Gnaden!« antwortete der Greis, »aber es wird mir kaum Entschädigung sein können. Die zerstörte Arbeit eines Jahres läßt sich von einem Menschen, der vielleicht bloß ein Jahr noch zu leben hat, nicht leicht wett machen. Zudem höre ich, daß ich diesen Ort werde meiden und wieder zum Pilgerstabe greifen müssen. Das ist für einen Greis in meinem Alter eine harte Zuversicht. Außer diesen paar Blumen und Obstbäumen nenn ich nichts mein eigen, höchstens noch ein Paar Dokumente und Familienpapiere, Geheimnisse bergend, der Mitteilung und Kunde wohl kaum wert. Hätt ich dem Golde angehangen, so hätte ich Klosterabt von Sankt-Marien bleiben können; und doch, wenn ich denke, daß aus meinem Nachfolger Ambrosius ein Kriegsmann geworden mit Schild und Tartsche, so ist mir das Los als Gärtner doch lieber, denn es entspricht dem Leben eines Bonifazius doch besser!« »Ist dies wirklich Abt Bonifazius, von dem ich so viel gehört habe?« sprach die Königin. »Das Knie hätt ich vor Euch beugen sollen, daß Ihr mich segnet, frommer Vater!« »Beugt nicht das Knie vor mir, Fürstin! aber der Segen eines Greises, der kein Abt mehr ist, möge Euch begleiten über Berg und Tal ... Ich höre das Getrappel Eurer Rosse.« »Lebt wohl, mein Vater!« sagte die Königin, »wenn Wir Unsern Thron zu Holyrood wieder bestiegen haben, wollen Wir Eurer und Eures Gartens huldvoller gedenken!« »Vergeßt mich und den Garten, Fürstin,« sagte der Ex-Abt, »und Gott sei mit Euch!« In düsterm Selbstgespräch verschwand der Greis hinter seiner Pforte und verwahrte sie durch Schloß und Riegel. »Die Rache des Hauses Douglas wird den armen Greis erreichen, « sagte die Königin. »Gott helfe mir! ich richte jeden zu grunde, dem ich nahe komme.« »Für seine Sicherheit ist gesorgt,« sagte Seyton, hier darf er nicht bleiben, sondern wird nach einem Orte überführt, wo er sichrer sein wird. Doch ich wollte, Euer Gnaden säßen bereits im Sattel ... Zu Pferde! zu Pferde!« Durch die bei den Pferden zurückgebliebne Dienerschaft vermehrte sich die Begleitung von Seyton und Douglas um etwa ein Dutzend. Die Damen saßen alsbald auf und erreichten, unter der Führerschaft von Georg Douglas, das offne Feld. Dann jagten sie in gestrecktem Galopp von dannen. Vierzehntes Kapitel. Lange vor Tagesanbruch kamen sie vor den Toren von Niddrie an, einem Schlosse in Westlothian, das dem Lord Seyton gehörte. Heinrich Seyton kam Georg Douglas zuvor, der Königin beim Absteigen zu helfen, und sich auf ein Knie niederlassend, ersuchte er sie, einzutreten in das Haus seines Vaters, ihres allzeit getreuen Dieners. »Hier kann Eure Majestät in völliger Sicherheit ausruhen, das Schloß ist bereits von streitbaren Kriegern zu Eurem Schutze besetzt, und ich habe meinem Vater durch expressen Boten zu wissen getan, daß Ihr hier seid. Wir dürfen seiner schnellen Ankunft mit einer Schar von 500 Mann uns gewärtig halten. Erschreckt also nicht, wenn Euer Schlaf durch Pferdegetrappel gestört wird, sondern denkt bloß, daß wir noch weiteren Zuwachs von vermessenen Seytons bekommen.« »Und von bessern Freunden als ihnen kann keine Königin Schottlands bewacht werden!« erwiderte Maria. »Mein Zelter hat ja den alten leichten Trab behalten, aber es ist so lange her, daß ich nicht mehr über Feld und Heide geritten bin, und ich fühle mich recht matt. Ach, Ruhe wird mir recht willkommen sein! ... Katharina, mein Lieb, Du mußt heut nacht mit in meinem Zimmer schlafen, und mich morgen Deinem Vater zuführen. Dank, vielen Dank meinen Befreiern insgesamt! Was kann ich ihnen anders bieten als Dank und gute Nacht? Doch erklimme ich noch einmal die Höhe von Fortunens Rad, dann will ich nicht Fortunens Binde tragen, sondern will meine Augen offen halten und Freund und Feind zu unterscheiden wissen.. Seyton, es wird kaum von nöten sein, den hochwürdigen Abt, unsern Douglas und meinen Pagen Roland Eurer Gastfreundschaft zu empfehlen?« Heinrich Seyton verneigte sich, und Katharina verfügte sich mit Lady Fleming in das für die Königin hergerichtete Gemach. Hier überließ sich die Königin, während sie scherzend meinte, heute wäre es mit dem Offenhalten der Augen schwerlich das Rechte der Ruhe und erwachte erst, als der Morgen schon weit vorgerückt war. Ihr erster Gedanke, als sie erwachte, war, ob sie auch wirklich die Freiheit wiedergewonnen habe, und sie sprang, einen Mantel über die Schulter werfend, ans Fenster, um sich davon zu überzeugen... O des herrlichen Anblicks, der sich hier bot! Von dem glatten Wasserspiegel, der sich in Lochleven ihren Blicken gezeigt hatte, sobald sie ans Fenster trat, keine Spur! Ueberall wohin sie sah, Wald und Moor, und der ganze Park um das Schloß dicht angefüllt von Kriegerscharen ihrer getreuesten Edlen! »Steh auf, Katharina, steh auf!« rief die entzückte Fürstin, »steh auf und komm her! Sieh, wie die Schwerter und Speere blitzen, wie die Sonne auf den Rüstungen glitzert! da sieh die Fahnen im Winde spielen!.. Großer Gott! ist das eine Lust für meine matten Augen, ihre Wappen zu ermitteln! Da weht die Fahne Deines tapfern Vaters! und dort die des fürstlichen Hamilton, dort die des getreuen Fleming!.. O sieh, sieh Katharina! sie haben mich gesehen und drängen sich näher zum Fenster heran!« Sie riß das Fenster weit auf, und nicht achtend der ungezwungenen Toilette nicht achtend der Locken, die fessellos ihr schönes Haupt umwallten, nicht achtend der Blöße ihres Arms, erwiderte sie durch Mienen und Gebärden das Jauchzen der Krieger, das von weit und breit zu ihr herüber brauste... und dann ward sie der leichten Kleidung, die ihren herrlichen Leib deckte, inne, und rasch trat sie zurück vom Fenster, errötend und die Hände vor die Augen führend, aber draußen erriet man den Grund, weshalb sie so schnell zurückwich, und ein Jubel von Begeisterung brach aus über diese holde Fürstin, die in der Eile, ihren Untertanen ihren Dank zu künden, ihres Ranges und der ihrem Range schuldigen Rücksicht vergessen hatte... Maria warf sich in den nächststehenden Sessel und rief, noch immer errötend, mit unterdrücktem Lächeln: »Mein Lieb! was werden sie von mir denken? wie konnte ich mich ihnen zeigen barfuß in Pantoffeln? bloß in diesem losen Mantel! mit dem fliegenden Haar um die nackten Schultern und Arme? ... O, das beste, was sie denken, mag sein, daß mir der lange Aufenthalt im Kerker den Verstand verwirrt habe! Aber meine Untertanen haben mich schmucklos gesehen und im tiefsten Schmerze, warum sollt ich diesen wackern und treuen Männern gegenüber ein kälteres Zeremoniell zeigen? ... Ach, rufe die Fleming! .. Sie hat hoffentlich das kleine Päckchen nicht liegen lassen, das ich ihr gab, ehe wir Schloß Lochleven verließen. Es barg meine bessern Kleider. Wir müssen Uns doch so stattlich zeigen wir irgend möglich.« »Nein, gnädigste Frau, unsre gute Fleming war nicht im stande, auch nur an das Geringste zu denken,« sagte Katharina. »Du scherzest, Katharina?« fragte, nicht frei von Empfindlichkeit, die Königin, »es liegt doch wirklich nicht in ihrer Art, ihrer Pflicht für meine Garderobe zu sorgen, dermaßen uneingedenk zu sein!« »Roland Gräme, gnädigste Frau,« sagte Katharina, »hat sich des Pakets angenommen und es, ehe er zurückrannte, das Tor zu verschließen, ins Boot geworfen, mir wär's beinahe auf den Kopf gepurzelt ... wirklich, mir ist ein größerer Tolpatsch von Page noch nie vor die Augen gekommen!« »Das soll er Dir abbitten!« sagte lachend die Königin, »nebst allen Dir sonst zugefügten Kränkungen .. Aber rufe die Fleming! sie soll sich mit unsrer Toilette befassen, daß Wir vor Unsern Lords angemessen und würdevoll erscheinen.« Lady Fleming entledigte sich ihrer Aufgabe mit außerordentlichem Talent, und bald trat Maria Stuart, geschmückt als Königin, vor ihre Lords und mit der ihr eigentümlichen Grazie sprach sie nicht bloß jedem einzelnen von ihnen Dank aus für seine Anhänglichkeit und Treue, sondern zeichnete neben den vornehmeren auch manchen der geringeren Barone durch huldvolle Ansprache aus. »Und wohin nun, meine Lords?« fragte sie. »Welche Route habt Ihr in Euren Beratungen festgestellt?« »Nach Schloß Draphane,« antwortete Lord Arbroath, »sofern es Eure Majestät gut heißen. Von da nach Dumbarton. Dort werden Eure Majestät in völliger Sicherheit sein. Und wir, wir werden abwarten, ob die Verräter sich wirklich in offner Feldschlacht uns stellen werden.« »Und wann brechen wir auf?« »Nach dem Frühstück, sofern Eure Gnaden nicht zu sehr angegriffen sein sollten,« sagte Lord Seyton. »Eure Wünsche, Mylords, sind auch die meinigen,« antwortete die Königin; »Wir richten Unsre Reise ganz nach Eurer Weisheit ein und hoffen, künftighin durch Eure Weisheit Herrscherin zu sein in Unserm Lande. Doch werdet Ihr meinen Damen und mir, meine lieben Lords, gestatten mögen, in Eurer Gesellschaft unser Frühstück einzunehmen.. Wir müssen uns jetzt als halbe Krieger ansehen und höfisches Zeremoniell beiseite setzen.« Manch behelmtes Haupt verneigte sich tief bei diesem huldreichen Erbieten.. da bemerkte Maria, daß unter den versammelten Führern Douglas sowohl als Roland Gräme fehlte, und sie flüsterte Katharina eine diesbezügliche Frage ins Ohr. »Sie sitzen mißmutig in der Kapelle, Majestät,« erwiderte Katharina, und die Königin bemerkte, daß die Augen ihres Lieblings von Tränen gerötet waren. »Das soll nicht sein,« sagte die Königin. »Unterhalte Dich mit der Gesellschaft. Ich will mich nach ihnen umsehen.« Sie begab sich in die Kapelle, wo sie zuerst Douglas sah, der in einer Fensternische lehnte, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, und die Arme über der Brust zusammengeschlagen hielt. Als er der Königin ansichtig wurde, schreckte er zusammen. Dann verklärte sich seine Miene, aber gleich wieder wich seine jähe Freude ebenso jäh einem Anfluge von Schwermut. »Was soll das heißen, Douglas?« fragte die Königin. »Warum flieht derjenige, dessen kühnem Plane ich meine Freiheit doch nur zu danken habe, Unsre gesellige Tafel?« »Gnädigste Frau,« erwiderte Douglas, »all die Lords, denen Ihr die Gnade Eurer Gegenwart gewährt, führen Euch streitbare Mannen zu und bringen Euch Schätze zum Unterhalt Eures Hofstaats oder besitzen Burgen, Euch zu bergen. Ich aber bin ein heimatloser Mensch, der weder Mannen noch Schätze noch Burgen sein nennt, der enterbt ist vom Vater, der belastet ist mit dem Fluche seines Hauses und seines Geschlechtes, der ausgestoßen ist von allen, die den Namen Douglas führen. Ich bring Euch nichts zu Eurem Banner als ein bloßes Schwert und das armselige Leben seines Trägers.« »Wollt Ihr mir Vorwürfe machen, Douglas, über die Verluste, die Euch betroffen haben?« fragte, selbst vorwurfsvoll, die Königin, – »Behüte Gott meine Gnädige,« fiel ihr mit Lebhaftigkeit Douglas ins Wort; »stünde es nochmals in meiner Macht, und besäße ich zehnmal mehr Rang und Reichtum und zwanzigmal mehr Freunde, so würde ich nicht anders handeln, als ich gehandelt habe! überreich würde ich alles, was ich verloren, vergolten sehen dadurch, daß ich Eure Majestät als freie Fürstin auf ihrem Throne, auf Schottlands Throne, sähe!« »Warum wollt Ihr Euch denn nicht freuen mit denen, die durch die Freude über den Wiedereintritt dieses Ereignisses zu fröhlicher Tafel versammelt sind?« fragte die Königin. »Gnädigste Frau,« erwiderte der Jüngling; »wenn ich auch ein Enterbter und Ausgestoßener bin, so bin ich doch noch immer ein Douglas, und mit den meisten dieser Adelinge hat meine Familie in Fehde gelebt. Eine kühle Aufnahme ihrerseits wäre für mich eine Kränkung, eine freundliche Aufnahme noch eine größere Demütigung für mich.« »Schäme Dich, Douglas!« rief die Königin, »schüttle solch unmännlichen Trübsinn von Dir! Dem Besten unter ihnen kann ich Dich gleichstellen an Rang und Reichtum, und glaube mir, ich will es auch! .. Begib Dich also in ihre Gesellschaft. Ich befehle es Dir.« »Diese Worte sind genügend,« antwortete Douglas. »Ich gehe. Nur eins erlaubt mir zu bemerken: Nicht um Rang und Reichtum hätt ich getan, was ich getan! Maria Stuart will nicht, und die Königin kann mich nicht belohnen.« Mit diesen Worten schritt er aus der Kapelle und mischte sich unter die Adelinge, setzte sich aber an das untere Ende der Tafel, Die Königin blickte ihm nach und trocknete sich die Augen. »Heilige Gottesmutter, hab mit mir Erbarmen,« flehte sie, »denn kaum haben meine Schmerzen als Gefangne ein Ende gefunden, fangen die Sorgen der Königin wieder an, mich zu bedrücken ... Glückliche Elisabeth! der das Staatsinteresse alles gilt und die sich nie betören läßt durch Herzenssachen! ... Doch nun muß ich den andern Jüngling aufsuchen, wenn verhindert werden soll, daß er und Seyton mit den Dolchen aufeinander losgehen!« Roland Gräme war wohl auch in der Kapelle, aber so weit abseits von Douglas, daß er nicht hatte hören können, was zwischen der Königin und ihm gesprochen worden war. Auch Roland war verdrießlich und in Nachdenken verloren, aber auch seine Stirn heiterte sich auf, als er die Frage aus dem Munde der Königin vernahm: »Wie steht es, Roland? hat Euch der nächtliche Ritt so müde gemacht? Ihr vernachlässigt ja ganz Euren Dienst!« »Gnädigste Fürstin, ich bin nicht müde,« versetzte Roland, »aber es ist mir gesagt worden, der in Lochleven Page gewesen sei, sei nicht mehr Page in Schloß Niddrie, und so hat mich Junker Seyton meines Dienstes überhoben.« »Herr im Himmel!« rief die Königin, »wie bald schwillt diesen jungen Hähnchen der Kamm!... So will ich mich wenigstens gegen Kinder und Knaben als Königin erweisen.. Ihr müßt mir Freunde zusammen werden... Hole mir auf der Stelle jemand den jungen Seyton her!..« Aber kaum war der Name über ihre Lippen, so war auch sein Träger zur Stelle.. »Tretet näher, Seyton! und reicht diesem Jüngling hier die Hand! Ihr wißt doch, was wir ihm zu danken haben bei diesem Werk meiner Befreiung.« »Gern, gnädigste Frau,« antwortete Seyton, »sobald mir dieser Jüngling verspricht, die Hand meiner Schwester nicht zu berühren, denn bisher hat ihm die meinige hierfür gegolten. Will er meine Freundschaft gewinnen, muß er die Liebe meiner Schwester sich aus dem Kopfe schlagen.« »Heinrich Seyton, kommt es Euch zu, Bedingungen zu stellen, wenn ich Gehorsam fordre?« fragte die Königin. »Gnädigste Frau,« sagte Heinrich, »ich bin Euer Diener, als Sohn Eures treuesten Vasallen in Schottland; unsre Habe, unsre Schlosser, unser Blut sind Euch geweiht. Aber unsre Ehre zu erhalten, ist unsre Sache. Ich könnte Weiteres noch sagen. Aber...« »Sprecht weiter, ungestümer Knabe!« sagte die Königin, »was hilft es mir, aus Lochleven befreit zu sein, wenn ich unter das Joch meiner Befreier gezwängt sein soll? wenn man hindern will, gegen jemand gerecht zu sein, der sich mir so treu und eifrig erwies, wie Ihr selbst?« »Laßt Euch nicht die Laune verderben um meinetwillen,« sagte Roland, »dieser Jüngling besitzt als treuer Diener Eurer Gnaden und als Bruder von Katharina Seyton etwas, das ihn feit gegen jeden Zornesausbruch meines Gemüts.« »Ich warne Dich noch einmal, Aeußerungen zu tun,« rief Heinrich stolz, »die sich so anhören, als sei die Tochter des Lord Seyton mehr für Dich als jeden Niedriggebornen Schottlands.« Die Königin wollte eben wieder vermitteln, denn über Rolands Wangen glitt jähe Röte, die es zweifelhaft erscheinen ließ, wie lange seine Liebe zu Katharina den Zorn gegen Heinrich zu dämpfen vermochte, da kam eine andre Person, bislang von niemand beachtet oder bemerkt, aber von Anbeginn Zeuge dieses Auftritts, der Königin zuvor. Aus einer Nische hervor trat eine hohe weibliche Gestalt, die dort gebetet hatte. Es war Magdalena Gräme. Sie wandte sich unmittelbar an den jungen Seyton, anknüpfend an seine kränkenden Aeußerungen gegen Roland. »Aus welchem Tone sind sie denn geformt, die stolzen Seytons, daß das Blut der Grämes kein Anrecht haben sollte, sich dem ihrigen zu vermischen? Wisse, Du hochmütiger Knabe, daß ich diesen Sohn den Sohn meiner Tochter nenne, und daß ich dadurch seine Abkunft von Malisius bezeuge, zubenannt mit dem funkelnden Schwer, von Malisius, Grafen von Strathern. Euer Blut entspringt, glaube ich behaupten zu dürfen, aus keiner edleren Quelle.« »Wackre Mutter,« erwiderte Seyton, »Eure Heiligkeit sollte Euch erheben über solche irdischen Eitelkeiten. Es scheint auch, wie wenn sich Euer Gedächtnis in dieser Hinsicht geschwächt habe, aber um sich der Herkunft als Adeling zu rühmen, muß der Name und Stammbaum des Vaters ebenso vornehm und unbescholten sein wie der der Mutter.« »Und wenn ich Euch sagte, daß er von väterlicher Seite herstammt aus dem Geschlechte der Avenel, nenn ich dann sein Blut edler als das Deinige, hochfahrender Jüngling?« rief die Gräme mit hohem Feuer. »Vom Blute der Avenels entstammte mein Page?« fragte die Königin. »Jawohl, gnädigste Königin!« antwortete Magdalena Gräme. »Roland ist Sohn des Julian von Avenel, des letzten männlichen Erben des uralten Geschlechtes, der in der Schlacht gegen die Leute aus dem Süden fiel.« »Ich habe von dieser traurigen Geschichte gehört,« sagte die Königin. »Also Deine Tochter war es, die diesem unglücklichen Lord in die Schlacht folgte und auf seiner Leiche den Tod fand? Ach, wie viel Wege zum eignen Elend findet doch die Leidenschaft eines Weibes!... Und Du, Roland, bist jenes Kind des Unglücks, das zwischen Leichen und Lebendigen zurückblieb? Heinrich Seyton, Roland ist Dir als Avenel und als Gräme ebenbürtig an Geschlecht und Abkunft.« »Das doch nicht, gnädige Fürstin!« warf Heinrich Seyton ein, »denn wenn die Lieder und Erzählungen, die über diesen Vorfall berichten, die Wahrheit künden, dann war Julian von Avenel ein falscher, treuloser Ritter, und seine Mutter eine Buhlerin, wenigstens ein schwaches, leichtgläubiges Mädchen.« »Jetzt, beim Himmel, Seyton, lügt Dein Mund!« rief Roland, indem er mit der Hand nach seinem Schwerte fuhr. Aber der Eintritt Lord Seytons machte dem Auftritt ein Ende. – »Rettet mich, Mylord!« rief die Königin, »und bringt diese beiden ungestümen Jünglinge auseinander!« »Wie, Heinrich!« sprach der Baron, »sind mein Schloß und die Anwesenheit unsrer Königin für Deinen Hochmut keine Schranken? ... Und mit wem haderst Du? ... Trügt mich dies Zeichen nicht, so steht der Jüngling vor mir, der mir im Streite mit den Leslies so wacker zur Seite stand! Zeig mir das Medaillon, mein Sohn! Beim heiligen Benediktus! es ist derselbe! Heinrich, ich befehle Dir, laß ab von diesem Zwiste, so wahr Dir mein Segen lieb ist!« »Und so weit Dir Meine Huld lieb ist!« setzte die Königin hinzu, »denn fürwahr! mir leistete Roland getreuesten Dienst!« »Jawohl, hohe Fürstin,« rief Heinrich Seyton, »als er das Briefchen in der Scheide Seytonschen Schwertes zu Euch brachte, ohne von Schwert und Scheide mehr zu wissen als das Packpferd, das es auf dem Sattel schleppt!« »Aber ich, die den Jüngling dem großen Werke weihete,« nahm Magdalena Gräme das Wort, »durch deren Rat und Mitwirkung diese rechtmäßige Fürstin unseres Reiches aus ihrer entwürdigenden Haft befreit wurde, ich flehe diese Königin jetzt an, diesen Jüngling einzusetzen zum Erben des schwachen Lohns, den ich mir durch mein Tun verdient habe! ... Hier geht mein Geschäft zu Ende. Huldreiche Königin, Ihr seid frei, seid unumschränkte Fürstin, steht an der Spitze eines mutigen Heers, seid umringt von treuen, tapferen Baronen! ... Meine Dienste könnten Euch in der öffentlichen Meinung nicht mehr nützen, sondern eher schaden. Denn hinfort ruht Euer Glück auf den Schwertern dieser Krieger! Möge ihre Tapferkeit und Treue sich nicht schlechter bewähren als die Treue Eurer weiblichen Untertanen!« »Ihr werdet Uns nicht verlassen, fromme Mutter,« erwiderte die Königin. »Denn wieviel Wir Euch zu danken haben, wissen Wir gar wohl; Ihr habt große Gefahren bestanden, Ihr habt Großes gewagt und habt Großes gewonnen, habt die Augen unsrer Feinde geblendet und den Mut unsrer Freunde befeuert... Nein! fromme Mutter, Ihr werdet nicht von Uns gehen, werdet Uns nicht verlassen in der Morgenröte Unsers wiedererwachenden Glückes, werdet bleiben, bis Wir Zeit gehabt haben, Euch kennen zu lernen, Euch zu danken.« »Ihr könnt diejenige nicht kennen lernen, die sich selbst nicht kennt. Es gibt Zeiten, da wohnt in dieser weiblichen Hülle die Stärke eines Saul, und in diesem gequälten Hirne die Weisheit eines Joseph.. und dann liegt wieder über mir eine Nebelkappe, daß meine Stärke zur Ohnmacht, meine Weisheit zur Torheit wird. Ich habe vor Fürsten und Kardinalen gesprochen, ja selbst vor den Fürsten Deines Stammhauses Lothringen, edelste der Fürstinnen, und nimmer hab ich gewußt, woher mir die Worte kamen, solche Unterredungen zu führen, wie ich die Reden fand, die den Weg fanden zu solchen Ohren... Und jetzt, da ich dieser Worte am meisten bedürfte, jetzt liegt etwas über mir, das den Fluß dieser Worte hemmt, das den Lippen die Kraft raubt, sie auszusprechen.« »Kann ich Dir irgend etwas gewähren zu Deiner Freude, das in meiner Gewalt steht, Dir zu geben,« sprach die Königin, »dann brauchst Du der Beredsamkeit nicht, sondern es genügt der schlichte Name.« »Mächtige Fürstin,« sagte die Gräme, »es beschämt mich, daß in einem Augenblick solcher Erhabenheit einer greisen Frau, deren Gelübde die Heiligen erhörten, deren Arbeit und Mühe in einer gerechten Sache die Gunst des Himmels zu teil wurde, eine Spur menschlicher Schwäche anhaften muß. Aber das wird wohl bleiben, so lange die Welt steht, so lange sterbliche Wesen auf dieser Erde wandeln. Ich will dieser Schwachheit nicht widerstreben, aber es soll die letzte sein, die dieses Herz beschleicht.« Bei diesen Worten nahm sie Roland bei der Hand, führte ihn zur Königin, hieß ihn niederknieen und ließ sich selbst auf ein Knie nieder.. »Hochedle Fürstin,« bat sie, »blickt auf diese Blume! ein mitleidiger fremder Mann fand sie auf einem Schlachtfelde, und lange währte es, ehe meine Augen sahen und meine Arme umschlungen hielten was von meiner Tochter mir allein zurückgeblieben. Um Euretwillen, um des heiligen Glaubens willen konnte ich es über mich gewinnen, die zarte Blume fremder Pflege zu überlassen, ja sie Feinden in die Hände zu geben, denen es vielleicht eine Freude gewesen wäre, sie verkümmern und eingehen zu lassen. Wer mag es denken, was ein ketzerischer Glendinning wohl getan hätte, wenn ihm bekannt gewesen wäre, daß er den Erben der Avenels in seinem Hause hielte? Seitdem habe ich mein Kind nur wiedergesehen in Stunden der Gefahr und in Augenblicken des Zweifels, und nun scheide ich von dem Kinde meiner Liebe für immer, ach! für immer! O, gnädigste aller Fürstinnen, um der vielen beschwerlichen Schritte willen, die ich in Eurer gerechten Sache getan habe, gewährt ihm Euren Schutz! ihm, meinem Roland, den ich nicht mehr Kind nennen darf.« »Ich schwöre Euch zu, Mutter,« sagte tiefbewegt die Königin, »daß um Euret- und seiner selbst willen sein Glück und seine Wohlfahrt Unsre ständige Sorge sein soll.« »Ich danke Euch, erhabne Fürstentochter,« antwortete begeistert die Gräme und drückte ihre Lippen erst auf die Hand der Königin, dann auf die Stirn ihres Enkels. »Und nun,« fuhr sie fort, indem sie ihre Tränen trocknete und sich mit Würde erhob, »nun hat die Erde ihren Anteil, das andre gehört dem Himmel... Löwin von Schottland, zeuch hin und siege! Die Gebete einer Gottgeweihten sollen in fernen Landen und vor fernen Altären für Dich aufsteigen zum Himmel. Wie ein Geist will ich schweifen von Tempel zu Tempel, und wo man selbst meines Heimatlands Namen nicht kennt, soll der Priester fragen, wer ist die Königin des fernen Landes im Norden, für die diese Pilgerin so brünstig zu ihrem Gott betet? Königin, lebe wohl! Möge Dir Ehre werden und irdisches Gedeihen, sofern es des Höchsten Wille ist, und beschließt Er anders, dann möge die Buße, die Du hienieden tun mußt, die ewige Seligkeit Dir bürgen. Ich bitte Dich, laß niemand mir folgen, niemand zu mir sprechen! mein Entschluß ist gefaßt, mein Gelübde muß vollbracht werden!« Mit diesen Worten, und den letzten Blick auf ihren Enkel gerichtet, war sie verschwunden. Roland wollte aufstehen und ihr nacheilen, aber die Königin und Lord Seyton wehrten es ihm. »Beliebt es Euer Gnaden,« sagte Lord Seyton, »nachdem einem jungen Ritter sein Recht geworden, unser karges Morgenmahl mit uns zu teilen? Wir müssen aufsitzen, so zeitig wie möglich, denn bald sollen unsre Fahnen sich spiegeln im Clyde. Ritter Roland Avenel, denn dieser Name und Rang gebühren Euch hinfort, kommt mit uns!« Fünfzehntes Kapitel In der Woche, die auf die Flucht der Königin aus dem Schlosse Lochleven folgte, hatten ihre Anhänger ein stattliches Heer gesammelt, das über sechstausend Krieger zählte. Zu Hamilton hielt sie ihr Hauptquartier, und dorthin drängten sich noch immer neue Ritter und Krieger. Aber auch der Regent hatte, im Namen des Königsknäbleins, ein Heer um sich geschart, das an Zahl dem der Königin zwar nachstand, ihm aber an tüchtigen Führern, wie dem in Frankreich und den Niederlanden gebildeten Murray, dann Morton und dem Laird von Grange, überlegen war. Unter diesen Umständen wäre es für die Königin wohl am geratensten gewesen, eine Schlacht zu vermeiden und durch Verhandlungen mit den Gegnern sich zu sichern, was sie bisher erreicht hatte, aber das Ungestüm ihrer Lords sollte diesen Plan ihrer weiseren Berater zu nichte machen. Wohl war beschlossen worden, mit dem Heere nach Dumbarton zu marschieren und in seinem festen, uneinnehmbaren Schlosse die Person der Königin in Sicherheit zu bringen. Wohl fand in der Ebene von Hamilton eine der glänzendsten Musterungen statt, die über ein schottisches Kriegsheer je abgehalten worden, wohl führte die Gegenwart der von erlesener Edelwache umgebnen Königin Begeisterung in aller Herzen, wohl wuchs das königliche Heer nicht bloß durch profane Krieger, sondern auch geistliche Herren scheuten sich nicht, zu den Waffen zu greifen und ihr Blut für die Königin einzusetzen. Wohl rückte das königliche Heer in sieghaftem Zuge bis vor die Mauern von Glasgow, mit Entfaltung alles kriegerischen Prunkes damaliger Zeit. Dort aber sollte es zur Schlacht kommen, denn hier stellten die Gegner der Königin sich ihrem Heere. Aber ehe wir der Geschichte ihr Recht lassen, müssen wir uns nach zwei Hauptpersonen umsehen, die in dem Heere der Königin Seite an Seite ritten, nach dem Ritter Avenel und dem Abte Ambrosius. Der letztere trug nicht mehr Knappentracht, sondern das heilige Kleid seines Ordens. Seit der Nacht, da die Königin aus Lochleven geflohen war, hatte Roland den Abt nicht mehr gesehen und ihn eben erst wieder im Gefolge der Königin bemerkt. Er hatte sich beeilt, an seine Seite zu reiten und mit entblößtem Haupte ihn um seinen Segen zu bitten. »Der Segen des Klosterabtes von Sankt-Marien, mein Sohn,« antwortete Ambrosius, »gehört Dir. Ich sehe Dich jetzt unter Deinem wahren Namen und in der Rittertracht, die Dir zukommt. Deiner Stirn steht der Helm mit dem Palmenzweige wohl an, und lange habe ich auf die Stunde gewartet, da Du ihn tragen werdest.« »So war Euch meine Herkunft bekannt, frommer Vater?« fragte Roland. »Wohl, doch unter dem Siegel der Beichte, durch Deine Großmutter; demnach stand es nicht in meiner Macht, das Geheimnis zu offenbaren, sondern ich mußte es überlassen, ob sie dies Geheimnis lösen werde oder nicht.« »Was mag ihr Grund gewesen sein, frommer Vater, es so lange zu hüten?« fragte Roland. »Vielleicht Scheu vor meinem Bruder, aber es wäre unbegründete Scheu gewesen, denn mein Bruder Halbert hätte, und wenn es einem Königreich gegolten hätte, keinem Waisenknaben Unrecht angetan, ganz abgesehen davon, daß Euer Anspruch, Roland, in ruhigen Zeiten sich mit dem Anspruche von Halberts Frau, als der Tochter von Julians älterm Bruder, nicht hätte messen können, auch wenn Euer Vater sich so gerecht gegen Eure Mutter erwiesen hatte, wie es, so will ich hoffen, der Fall gewesen ist.« »Von meiner Seite haben sie Ansprüche nicht zu gewärtigen, geschweige zu fürchten,« versetzte Avenel, »denn Schottland ist doch wahrlich groß genug, und manches Lehn ist zu gewinnen, ohne daß ich meinen Wohltäter auszuplündern brauche. Aber beweist mir, hochwürdiger Vater, daß mein Vater gerecht war gegen meine Mutter, und daß ich mich mit Fug und Recht einen Avenel nennen kann ... Ihr macht mich dadurch zu Eurem in Ewigkeit Euch zu Dank verbundenen Sklaven.« »Die Seytons achten Dich, wie ich höre, gering wegen dieses auf Deinem Wappenschilde haftenden Fleckens. Ich besitze aber Mitteilungen vom Abte Bonifazius, die solchen Vorwurf widerlegen können, wenn er ernstlich erhoben werden sollte.« »Gebt mir Kenntnis von diesen Nachrichten, die Balsam für mein Gemüt sind,« rief Roland, »und was mein künftiges Leben vermag ...« »Ungestümer Jüngling,« erwiderte der Abt, »ich müßte fürchten, Dich in dem Gleichgewicht Deiner Seele zu stören, wollte ich Hoffnungen in Dir wecken, die sich nicht erfüllen können – oder vielleicht nicht erfüllen dürften ... Und ist dies jetzt die Zeit dazu? Bedenke, auf welchem gefahrvollen Marsche wir uns befinden, und laß, sofern Du noch eine Sünde zu beichten hast, diese kurze Frist nicht vorübergehen, die Dir der Himmel vielleicht noch spendet zur Beichte und zur Vergebung Deiner Sünden.« »Zu beidem findet sich vielleicht noch Zeit, wenn wir in Dumbarton sein werden,« erwiderte der jugendliche Ritter. »Ja, Du bist ganz wie alle übrigen, und denkst nicht an das alte Wort von den Hähnen, die zu früh gackern!« sagte der Abt. »Noch sind wir nicht in Dumbarton, und ein Löwe sperrt uns den Weg.« »Meint Ihr den Grafen Murray? oder Morton und die andern Meuterer?« rief Roland. »Ehrwürdiger Vater! sie halten dem Anblick des königlichen Paniers nicht stand!« »So sprachen andre auch, die erfahrener sind als Du, Sohn .. Ich komme aus dem Süden zurück, wo ich manchen berühmten Häuptling sprach, der Kriegerscharen warb für die Sache der Königin. Und die hier versammelten Lords verließ ich als weise und besonnene Männer .. aber wie finde ich sie wieder? als rasende Toren! ... Aus bloßem Stolz und eitler Ruhmsucht wollen sie die Königin im Triumph angesichts des feindlichen Heeres unter den Wällen von Glasgow vorbeiführen. Aber nur selten ist der Himmel solchem trotzigen Selbstvertrauen gnädig gesinnt. Wir werden Widerstand finden, und bitterernsten Widerstand!« »Um so besser,« versetzte mit Begeisterung Roland Avenel, »das Blachfeld war meine Wiege.« »Hüte Dich, mein Sohn; daß es Dir nicht zum Sarge werde!« erwiderte der Abt; »doch was hilft es, einem jungen Wolfe von den Gefahren zu sprechen, die ihm drohen von Hetze und Treibjagd? Wer weiß, ob Ihr nicht schon, ehe der Tag sich neigt, erfahren habt, was für Männer es sind, die Ihr jetzt so unbesonnenerweise geringschätzt!« »Was sprecht Ihr da, hochwürdiger Abt?« rief Heinrich Seyton, der zu dem Paare herangeritten war, »haben die drüben etwa Sehnen von Stahl und Muskeln von Eisen? Schlägt ihnen Stahl keine Wunden, und dringt Blei nicht in ihr Fleisch? ... Und sind es Menschen wie wir, dann, hochwürdiger Herr, haben wir wenig zu fürchten.« »Es sind böse Menschen, aber der Krieg erfordert keine Heiligen,« erwiderte der Abt, »Murray und Morton sind bekannt als Schottlands beste Heerführer, noch keiner hat Lindesays oder Ruthvens Rücken gesehen, und den Kirkaldy von Grange nannte der Connetable von Frankreich den ersten Kriegshelden von Europa .. und mein Bruder? auch er führt einen Namen, der zu gut ist für solch ungerechte Sache.« »Desto ruhmvoller für uns!« rief Heinrich Seyton wieder, und seine Mienen strahlten vor Stolz und Freude ... »all diese Verräter von Namen und Rang werden wir auf herrlichem Schlachtfelde vor uns haben. Unsre Sache ist gerecht, unsre Scharen sind zahlreicher, und an Mut und Kraft stehen wir ihnen wahrlich nicht nach, also: Sankt Benediktus! drauf und dran!« Der Abt gab hierauf keine Antwort, aber er schien in Betrachtungen zu versinken, und seine Unruhe und Besorgnis ging auf Roland über, der von jeder Höhe aus, über die sie der Marsch führte, beklommenen Herzens die Blicke über die Türme von Glasgow schweifen ließ, als sei er gefaßt, die Feinde aus ihren Toren brechen zu sehen. Wohl bangte er nicht vor dem Kampfe, aber der Ausgang desselben war zu wichtig für die weitere Gestaltung der Dinge in seinem Vaterlande, wie nicht minder seiner persönlichen Verhältnisse, als daß sich das ungestüme Temperament nicht hätte mäßigen sollen. Liebe, Ehre, Ruhm, Wohlfahrt, alles schien abzuhängen von dem Ausgange einer einzigen Schlacht, die vielleicht zu schnell gewagt wurde, jetzt aber unvermeidlich geworden zu sein schien. Der Heereszug bewegte sich jetzt der Stadt Glasgow gegenüber .. da sah Roland auf den Höhen, die sich vor ihnen hinzogen, Helme blitzen, und nun erkannte er, daß sie besetzt gehalten wurden von einer Kriegerschar, die das königliche Banner entfaltete, gleich dem Heere, dem er angehörte ... und weiter erspähte er, daß aus den Toren der Stadt Fußvolk und Reiterei hervordrang, um die auf dem Höhenzuge postierten Truppen zu verstärken. Nun kamen Reiter über Reiter von der Vorhut herangesprengt mit der Meldung, daß Graf Murray das Blachfeld, das sich vor ihnen dehne, mit seinem ganzen Heere besetzt halte, und daß er den festen Entschluß gefaßt habe, sich dem Heere der Königin zu stellen ... Der Augenblick war also da, in welchem der Mut der Streiter die Feuerprobe bestehen sollte, wo alle jene, die zu voreilig gemeint hatten, sie würden unbeanstandet an der Stadt vorbeimarschieren können, erkennen sollten, daß sie sich in schwerem Irrtum befunden hatten, denn sie sahen sich so plötzlich einem entschlossenen Feinde, der gleich ihnen um die Frage der Herrschaft, ja um die Frage seines weiteren Daseins rang, gegenüber, daß ihnen kaum noch Zeit blieb, einen Entschluß zu fassen, geschweige zu überlegen. Sogleich hatten die Führer sich um die Königin geschart, um einen beschleunigten Kriegsrat zu halten. Marias bebende Lippen kündeten die Bangigkeit, die sie durch eine kühne Haltung und würdevolle Miene zu verbergen trachtete. Aber die Erinnerung an den unglücklichen Ausgang des Treffens von Carberry-Hill war zu schmerzlich, daß es ihr hätte gelingen können, und als sie die Frage an ihre Lords stellen wollte, wie sie sich die Schlachtstellung am günstigsten dächten, da entschlüpfte ihr die andre Frage, ob es nicht möglich sei, der Schlacht noch auszuweichen. »Ausweichen?« rief Lord Seyton voll wilden Feuers; »stehe ich einer gegen zehn dem Feinde gegenüber, dann kann ich von so etwas reden. Aber nun und nimmer, stehe ich ihnen drei zu zwei gegenüber. Und das ist der Fall hier!« »In die Schlacht! in die Schlacht!« riefen ungestüm die Lords wie aus einem Munde. »Wir wollen die Meuterer aus ihrer guten Stellung jagen wie der Hund den Hasen auf die Höhe jagt.« »Verzeiht, edle Lords,« warf der Abt dazwischen, »aber es wäre wohl ebenso gut, den Feind zu hindern, daß er selbst solchen Vorteil gewinne? .. Unser Weg führt durch das Dörfchen oben auf der Höhe, und meiner Meinung nach gewinnt der, welcher es zuerst besetzt, eine sehr feste Stellung, und ist in bedeutendem Vorteil gegenüber dem Gegner.« »Der hochwürdige Herr spricht klug und wahr,« pflichtete die Königin bei; »o eile, eile Seyton, daß Du das Dorf in Deine Gewalt bekommst. Schon rückt der Feind mit Windeseile heran.« Seyton verneigte sich tief und riß sein Roß herum. »Königliche Hoheit vergönnt mir viel Ehre,« sprach er, »ich werde sofort vordringen und mich des Platzes bemächtigen.« »Doch nicht früher als ich, Mylord, denn mir wurde die Führung des Vortrabs übertragen,« rief Lord Arbroath. »Früher als Ihr und jeder Hamilton in Schottland,« rief Seyton, »denn ich habe den Befehl aus dem Munde der Königin ... Folgt mir, Kameraden, Vasallen und Vettern! Sankt-Benediktus, und drauf und dran!« »Und Ihr, meine edlen Vettern und Lehnsmänner,« rief Arbroath, »wir wollen unserseits sehen, wer den Platz zuerst gewinnt, denn wir haben die Ehre des Vortrabs zu wahren! Für Gott und die Königin!« »Unheilkündende Eile und unheilvoller Zwist!« sagte der Abt, als er die Lords mit ihren Scharen wie Rasende von dannen sausen sah, die Höhe zu gewinnen, ohne zu warten, bis ihre Mannschaften sich formiert hatten. »Und Ihr, Ihr jungen Herren!« sprach er vorwurfsvoll weiter, zu Roland und Seyton gewandt, die sich anschickten, den Rasenden zu folgen, »wollt Ihr die Person der Königin unbewacht zurücklassen?« »O, Roland! ach, Seyton! weichet nicht von mir!« bat die Königin, »es fehlt doch wahrlich nicht an Armen, das Schwert zu ziehen in diesem grausen Ringen. Entzieht mir nicht Eure Arme, denen ich mich anvertraue in dieser schweren Gefahr!« »Eure Gnaden dürfen wir nicht im Stiche lassen,« rief Roland und riß sein Roß herum, während er auf Seyton blickte. »Ich hab schon immer drauf gewartet, daß Dir das einfallen werde,« rief ihm der ungestüme Jüngling zu. Roland gab keine Antwort, sondern biß sich auf die Lippen, daß sie zu bluten anfingen. Dann flüsterte er Katharinen zu, indem er an ihren Zelter heransprengte: »Nie habe ich gemeint, daß ich durch persönliches Verdienst mir Anspruch erworben hätte auf Eure Hand. Aber heut habe ich mir Feigheit von Eurem Bruder ins Gesicht vorwerfen lassen, und mein Schwert ist ruhig in der Scheide geblieben! einzig und allein aus Liebe zu Euch!« »Ihr seid alle wie von Sinnen!« sagte Katharina, »mein Vater, mein Bruder und Ihr! An unsre arme Königin solltet Ihr alle denken, und jeder denkt bloß an sein ärmliches Selbst! jeder ist eifersüchtig auf das bißchen persönliche Recht, das ihm zusteht! ... Der einzige unter uns, der seine Besonnenheit wahrt, der ein besserer Feldherr ist als Ihr alle, ist der Mönch ... Hochwürdiger Herr,« sagte sie laut, »war es nicht klüger, wir zögen uns westlich und warteten den Erfolg, den uns Gott beschieden hat, ab, statt hier auf offner Landstraße zu warten, wo wir die Person der Königin doch in unmittelbare Gefahr setzen und unsern Truppen beim Vorrücken hinderlich sind?« »Du hast recht, meine Tochter,« erwiderte der Abt. »Ach, hätten wir doch nur jemand, der uns dorthin geleitete, wo sich die Königin in Sicherheit befände! All unsre Adelinge reiten wie rasend in den Kampf, ohne an die alleinige Ursache dieses Kampfes zu denken.« »Folgt mir,« sprach ein gewappneter Krieger mit geschlossenem Visier und in tiefschwarzer Rüstung, ohne Busch auf dem Helm und ohne Abzeichen auf dem Schilde. »Wir werden keinem Fremden folgen ohne irgend eine Bürgschaft für seine Treue,« sprach der Abt. »Ich bin ein Fremder, doch in Euren Händen,« antwortete der Reiter, »und wollt Ihr mehr wissen, dann wird sich die Königin selbst für mich verbürgen.« Wie gelähmt von Furcht, war die Königin nicht von dem Platze gewichen, auf dem ihr Zelter hielt. Sie lächelte mechanisch, winkte mit der Hand und nickte, wenn Fahnen und Speere der hinter Seyton und Arbroath nachrückenden Scharen sich vor ihr senkten. Doch kaum hatte der schwarze Ritter sich vor ihr verbeugt und ihr ein Wort ins Ohr geflüstert, so rief sie: »Ja, ja, Ihr habt recht!« und als er nun mit lauter, gebietender Stimme befahl: »Ihr Herren, die Königin will, daß Ihr mir folgt!« da rief sie wieder, und zwar mit einem gewissen Grade von Heftigkeit: »Ja, ich will es!« Im Augenblick war alles in Bewegung, denn der schwarze Reiter tummelte jetzt sein Roß und ließ es Sprünge und Wendungen machen, daß man wohl sah, daß er es ganz in der Gewalt hatte. Schnell hatte er das Gefolge der Königin in Ordnung gebracht, dann schwenkte er links um und nahm die Richtung auf ein Schloß, das auf einer kleinen, freien Höhe lag und einen weiten Blick über die zu seinen Füßen liegende Landschaft gestattete. Von ihm aus übersah man die Höhen, um deren Besitz jetzt die beiden Heere rangen und die augenscheinlich bald der eigentliche Schauplatz des Kampfes werden sollten. »Wem gehört das Schloß dort?« fragte der Abt den schwarzen Reiter. »Befindet es sich im Besitze von Freunden?« »Es hat jetzt keinen Herrn oder ist zum wenigsten frei von feindlicher Besatzung,« antwortete der Gefragte, »aber spornt doch, bitte, die beiden Jünglinge an zu größerer Eile! es ist doch wahrlich jetzt keine Zeit, müßige Neugierde für einen Kampf zu zeigen, an dem man keinen Anteil nehmen kann.« »Mir ist das sicher keine Freude,« erwiderte Seyton, »denn ich wäre lieber dort unter dem Banner meines Vaters, als in Erwartung der Aussicht, für treue Hüterpflichten einst Kammerherr zu Holyrood zu werden,« »Der Platz unter dem Banner Eures Vaters wird bald höchst gefahrvoll werden,« sagte Roland, der den Blick, auch während er sein Roß in entgegengesetzter Richtung lenkte, den beiden im Kampfe befindlichen Heeren zugewandt hielt, »denn die von Osten im Anmarsch befindliche Schar wird das Dorf wohl eher erreichen, als es Lord Seyton wird besetzen können.« »Es ist doch bloß Reiterei,« erwiderte Heinrich Seyton, »und ohne Büchsenfeuer läßt sich das Dorf doch nicht halten.« »Seht schärfer hin, und Ihr werdet erkennen,« erwiderte Roland, »daß hinter jedem dieser Reiter ein Krieger zu Fuße marschiert.« »Beim Himmel, er hat recht,« pflichtete der schwarze Reiter bei, »es muß einer von Euch auf der Stelle dem Lord Seyton hiervon Meldung machen! und dem Lord Arbroath desgleichen, damit sie nicht ohne Fußvolk weiter vorrücken, sondern ihre Mannschaft so schnell wie möglich in rechte Ordnung bringen!« »Ich will hinüberreiten,« rief Roland, »ich bemerkte die Kriegslist des Feindes zuerst!« »Meines Vaters Banner steht in Gefahr,« erwiderte Heinrich Seyton, »mithin steht mir das Recht zu.« »Ich lasse der Königin die Entscheidung,« sagte Roland Avenel. »Muß einer von Euch mich verlassen,« entschied die Königin, »so sei es Seyton. O, über diesen neuen Zwist in meinem Gefolge!« klagte sie. »Habe ich nicht Feinde schon mehr als genug? müssen sich auch meine Freunde fortwährend in Fehde setzen?« Seyton gab, nachdem er sich so tief verbeugt hatte, daß die weißen Federn des Helmbusches die fliegende Mähne seines Rosses berührten, diesem die Sporen und sauste mit Windeseile über das Blachfeld und die Höhe hinauf, die sein Vater noch immer nicht erreicht hatte, trotzdem ihn kein Hindernis aufhielt. »Mein Bruder! mein Bruder! mein Vater!« schrie Katharina, von Todesangst ergriffen, »sie schweben in Todesgefahr, und ich – ich befinde mich in Sicherheit!« »O Gott! könnte ich doch bei ihnen sein!« rief Roland, »jeden Tropfen ihres Blutes wollte ich mit dem doppelten Maße des meinigen erkaufen!« »Zur Königin, zur Königin, Fräulein Seyton!« rief der Abt, »sie wird immer schwächer!« Man hielt jetzt vor dem Schlosse. Die Damen halfen der Königin aus dem Sattel. Aber als sie dem Schlosse zuschreiten wollten, wehrte sie dem, indem sie mit matter Stimme bat: »Nicht dorthin! nicht dorthin! In diese Mauern setz ich den Fuß nie wieder!« »Zeigt Euch als Königin, gnädigste Frau,« sagte der Abt, »und vergeßt, daß Ihr ein Weib seid!« »O, weit, weit mehr noch muß ich vergessen,« klagte die hohe Frau, »ehe ich das Auge auf diesen wohlbekannten Schauplatz lenken kann. Ich muß die Tage vergessen, die ich hier gelebt habe als Braut des unglücklichen ... des ermordeten ...« »Es ist Schloß Crookstone,« sagte die Fleming, »wo die Königin ihren ersten Hof gehalten hat, nach ihrer Vermählung mit Darnley.« »Himmel,« seufzte der Abt, »Deine Hand lastet schwer auf uns! Und doch, hohe Frau, ermannt Euch! Eure Feinde sind die Feinde der heiligen Kirche, und heute wird Gott seine Entscheidung treffen darüber, ob Schottland dem katholischen Glauben treu bleiben oder in Ketzerei versinken wird.« Schweres Kanonen- und Musketenfeuer gab seinen Worten furchtbaren Nachdruck und schien von tieferem Eindruck auf die Königin zu sein als geistliche Zusprache. »Dorthin,« flüsterte sie, auf einen Eichenbaum weisend, der dicht bei dem Schlosse auf einer kleinen Höhe stand, »dorthin! ich kenne sie gar gut, die Stelle! von da habt Ihr eine Aussicht besser als von den Höhen von Schehallion.« Sie machte sich von ihren Begleiterinnen los und eilte festen, aber leidenschaftlichen Schrittes, auf den Baum zu. Der Abt, Katharina und Roland folgten ihr, während Lady Fleming die geringeren Personen ihres Gefolges zurückhielt. Auch der Reiter in schwarzer Rüstung begleitete die Königin. Wie der Schatten dem Licht, doch immer im Abstände von etwa einem halben Dutzend Schritte, die Arme über der Brust verschränkt, folgte er ihr. Maria blickte ihn nicht an, sondern hielt die Augen nach wie vor auf jenen Eichenbaum geheftet. »O Du schöner, herrlicher Baum,« rief sie wie in Verzückung, wie wenn sie sein Anblick den grausen Auftritten der Gegenwart entrückte – und auch jenes andre Grausen von ihr gejagt hätte, das beim ersten Anblick dieser Stätte ihr Herz erfüllt hatte – »O, da stehst du noch immer in deiner wundersamen Pracht! unbeirrt um das Kriegsgetöse, das dich umtobt! O, wer erzählen könnte wie du! alles, alles ist verrauscht, seit ich dich zum letzten Male sah! die Liebe ist verflogen, der Geliebte ist hin! die Schwüre sind verhallt, und der sie leistete, wandelt nicht mehr unter den Lebenden, kann nicht mehr aufblicken zu deiner und zu jener andern Krone, die so viel schwerer lastet als deine! ... Aber, hochwürdiger Abt, wie steht die Schlacht? Zu unserm Vorteil, will ich hoffen – Aber, ach! ach! was sonst als Unheil könnten Marias Augen erschauen von dieser Stätte aus!« Begierig richteten ihre Begleiter die Blicke auf das Schlachtfeld, aber nichts andres ließ sich erkennen, als daß noch immer wild um das Dorf gerungen wurde. Dagegen ließ der andauernde Kanonendonner die Folgerung bestehen, daß noch keine der beiden Parteien im Rückzuge sein könne. »Manche Seele wird zum Himmel gerufen oder zur Hölle,« sprach der Abt, »Ihr unter uns, die Ihr Euch zur heiligen Kirche bekennt, laßt uns knieen und beten, daß uns der Sieg werde in diesem grausigen Kampfe!« »Nicht hier – nicht hier!« rief die unglückliche Königin, »betet nicht hier, frommer Vater, oder betet leise! denn mein Gemüt ist in zu heftigem Kampfe zwischen einst und jetzt, als daß es wagen könnte, sich dem göttlichen Throne zu nahen. Oder wenn Ihr beten wollt, dann betet für ein armes Weib, dem seine heiligsten Empfindungen zu den schwersten Verbrechen wurden, und das aufhörte, Königin zu sein um deswillen, weil es ein Weib war, das für die Liebe empfänglich war und durch Liebe getäuscht und betrogen wurde!« »Wäre es nicht geraten,« sagte Roland, »wenn ich näher an die Heere heran ritte, und die Entscheidung des Tages zu erspähen suchte?« »Tu' das in Gottes Namen,« antwortete der Abt, »denn sind unsre Freunde geschlagen, so müssen wir schleunigst fliehen, aber sieh Dich vor, daß Du nicht zu dicht in die Schlacht hinein gerätst, denn mehr als Dein eignes Leben hängt davon ab, daß Du wieder zurückkehrst.« »Fürchtet nichts! ich werde auf der Hut sein!« rief Roland, und ohne weitern Bescheid abzuwarten, sprengte er nach dem Blachfeld hinüber, wo die Heere im schrecklichen Ringen waren. Bald hatte er einen Hügel gewonnen, der in größerer Nähe an dem Höhenzuge lag, um den die Scharen Lord Seytons stritten, und behutsam, um in keine feindliche Schar zu geraten, drang er weiter vor. Stärker dröhnten die Schüsse ihm in die Ohren, immer wilderes Geschrei erfüllte die Luft, und immer stärker schlug ihm das Herz, je mehr er sich dem eigentlichen Kampfgewühl näherte, dessen Schauplatz ein Hohlweg war, in den sich der Vortrab der Königin in unbedachter Hitze gewagt hatte, um von ihm aus auf dem kürzesten Wege zu dem Dorfe hinauf zu gelangen. Hier aber waren sie von den feindlichen Truppen unter Anführung des wilden Kriegshelden Kirkaldy und des klugen Grafen Morton gestellt worden, und in dem Bemühen, sich zu dem jenseits vom Hohlwege aufgestellten Heere durchzuschlagen, hatten sie schon sehr schwere Verluste erlitten. Da aber ihre Schar fast durchgängig aus Adelingen bestand, die zu den besten Lanzenkämpfern von ganz Schottland gehörten, waren sie, aller Hindernisse ungeachtet, vorgedrungen und griffen, als Roland auf der Höhe anlangte, den Vortrab des Regenten am Schlüssel des Engpasses mit grimmiger Wut an, während ihre Gegner, nicht gewillt, den erstrittenen Vorteil aufzugeben, die Angreifer mit gleicher Hartnäckigkeit zurückzudrängen suchten. »Gott und die Königin!« erscholl es auf der einen, »Gott und der König!« auf der andern Seite. So mochte der Kampf wohl eine Stunde getobt haben, als Roland eine Abteilung Fußvolk erblickte, die sich um den Fuß des Hügels, auf dem er selbst stand, mit einigen Reitern an der Spitze, herumschlängelte, um dem Vortrab der Königin in die Flanke zu fallen. Auf den ersten Blick erkannte er in dem Führer des Zugs seinen alten Dienstherrn, den Ritter von Avenel, und ein zweiter Blick sagte ihm, daß derselbe den entscheidenden Streich gegen den Vortrab der Königin zu führen vorhatte ... Und wirklich, dieser Eingriff frischer Mannschaft in den Kampf sollte die Entscheidung herbeiführen! Die Schlachtordnung der angreifenden Ritter, die bislang eine finstre, dichtgeschlossene Reihe von Helmen mit wallenden Federbüschen gebildet hatte, wurde im Nu durchbrochen, und nicht lange mehr dauerte es nun, so war der Vortrab der Königin von dem so lange umstrittenen Hügel verjagt. Umsonst riefen die Lords ihren Mannen zu, die Schlacht zu halten, umsonst kämpften sie selbst weiter, als bereits aller Widerstand umsonst war, wer nicht wich, wurde erschlagen, niedergestampft oder in die Flucht hineingerissen. Roland erkannte die Notwendigkeit, auf der Stelle das Pferd zurückzuwenden, nach Schloß Crookstone zurückzureiten und, sofern es noch möglich war, den Versuch zur Rettung der Königin zu machen. Aber als er am Fuße der Höhe Heinrich Seytons ansichtig wurde, der, abgeschnitten von den seinigen, mit Staub und Blut bedeckt, sich verzweiflungsvoll gegen eine Schar von Feinden wehrte, die, durch seine strahlende Rüstung angelockt, auf ihn eindrang, da gab es für Roland kein Besinnen. Wie ein Wettersturm war er die Höhe hinunter gesaust und machte mit ein paar wuchtigen Hieben zwei der wildesten Gegner Seytons nieder, worauf die andern sich zur Flucht wandten. Dann hieß er Seyton die Mähne seines Roßes packen. »Heut leben wir zusammen oder finden zusammen den Tod,« rief er, »haltet Euch fest, bis wir aus dem dichtesten Gewühl heraus sind. Dann ist mein Roß Euer.« Seyton hörte ihn und bot die letzten Kräfte auf, sich an dem Rosse zu halten. Aber kaum war Roland zu der Stelle gelangt, von wo aus er den Ritter von Glendinning aus dem Hinterhalte hervorbrechen sah, so ließ Seyton die Mähne des Rosses fahren und sank, aller Bemühungen Rolands, ihn zu stützen, ungeachtet, rücklings zu Boden. »Laß mich liegen,« sagte er mühsam zu Roland, während ihm das Blut aus Mund und Nase hervorschoß, »es war meine erste und letzte Schlacht. Ich hab zuviel von ihr gesehen, als daß es mich nach dem Ende noch verlangen sollte. Reite zur Königin, rette sie und sag Katharina einen letzten Gruß, Jetzt wird sie niemand mehr mit mir verwechseln ... oder mich mit ihr ... der letzte Hieb, den ich von den Wichten bekam, ohne ihn parieren zu können, hat mir den Rest gegeben.« »Laßt mich Euch auf mein Pferd hinaufheben!« rief Roland eifrig. »Noch immer könnt Ihr gerettet werden. Ich kann mich zu Fuße zurückfinden. Wendet mein Roß bloß nach Westen, und es wird Euch wie der Wind zurück und in Sicherheit schaffen,« »Ich setze keinen Fuß mehr in einen Steigbügel,« versetzte der Jüngling, »leb wohl, Roland! Du bist mir im Tode lieber geworden, als ich mir im Leben je hätte denken können. Aber bleib nicht müßig stehen bei einem Sterbenden, sondern eile zur Königin! ... Eins noch, Roland! ich wär froher, wäre meine Hand rein vom Blute des alten Hausmeiers ... Sancte Benedicte! ora pro nobis! « Die letzte Anstrengung, die es ihm verursachte, diese Worte hervorzustoßen, kostete ihn den letzten Hauch, und er sank tot nieder. Roland erinnerte sich, als er den Jüngling verscheiden sah, der ihm fast aus der Erinnerung gewichenen höheren Pflicht, aber er war nicht der einzige, der die letzten Worte des Sterbenden vernommen hatte. »Die Königin! wo ist die Königin?« rief eine Stimme, deren Klang ihm nicht fremd war, und als er sich umdrehte, erkannte er seinen alten Dienstherrn Sir Halbert Glendinning, der, von einigen Reisigen gefolgt, herangesprengt kam. Roland gab keine Antwort, sondern wandte sein Roß und sprengte, was sein treues Tier rennen konnte, weg in der Richtung auf Schluß Crookstone. Mit eingelegter Lanze, aber in schwerer Rüstung und auf minder flinkem Rosse, setzte Sir Halbert hinter ihm drein und rief ihm zu: »Haltet, Ihr mit dem Palmenzweig! und beweist Euer Recht, ihn als Helmzier zu tragen! Halt, Memme, oder ich renn Dir die Lanze von hinten durch den Leib wie einem Feigling! .. Ich bin der Ritter Avenel, Halbert Glendinning, und keiner außer mir trägt den Palmzweig als Helmzier mit Recht!« Roland fühlte aber kein Verlangen, mit seinem ehemaligen Herrn einen Kampf zu bestehen, zumal er wußte, daß die Sicherheit der Königin von seiner Eile abhing. Mit keiner Silbe erwiderte er auf die Schmährufe des Ritters, sondern ritt in rasendem Galopp in der Richtung nach dem Schlosse weiter. Um ein paar hundert Schritte war er dem Verfolger voraus, da sah er unter dem Eichenbaum die Königin bereits auf ihrem Zelter halten. So laut er konnte, rief er: »Feinde! Feinde! Reitet, schöne Frauen! reitet, so schnell Ihr es vermögt! Und Ihr, tapfre Kampfgenossen! erfüllt Eure Pflicht, sie zu schützen!« Im andern Augenblick hatte er seinen Gaul gewandt und rannte gegen den vordersten aus der feindlichen Schar mit solcher Wucht seine Lanze, daß Roß und Mann zu Boden schlugen. Während er sich nun gegen den nächsten wandte, ritt der Ritter mit der schwarzen Rüstung, der sich von dem Gefolge der Königin getrennt hatte, um die Feinde aufzuhalten, auf Sir Halbert Glendinning ein. Mit solcher Wucht prallten sie wider einander, daß beider Rosse zu Falle kamen und beide Reiter sich auf dem Boden wälzten. Keiner von beiden konnte aufstehen, denn der schwarze Reiter war von Glendinnings Lanze durchbohrt worden, und diesen drückte die Last seines Pferdes, daß er sich in nicht viel bessrer Lage befand als sein auf den Tod verwundeter Gegner. »Ergebt Euch, Herr Ritter von Avenel, auf Gnade und Ungnade!« rief Roland, der einen zweiten Knappen des Ritters soeben in den Sand gestreckt hatte und es sich angelegen sein ließ, den Ritter von weiterem Kampfe abzuhalten. »Ich kann leider nicht anders,« versetzte der Ritter, »aber ich schäme mich, das Wort zu solch einer Memme, wie Dir, zu sagen.« »Braucht solches Wort nicht, Sir Halbert,« rief Roland und schlug sein Visier zurück, während er seinem Gefangnen unter dem Pferde hervorhalf ... »ich hätte mich Euch gestellt, wie es einem rechtlichen Manne zusteht, hätte mich nicht die Erinnerung an die gütige Behandlung, die mir in Eurem Schlosse von Euch, mehr aber noch von Eurer Gemahlin zu teil geworden ist, davon zurückgehalten.« »Der Page meiner Frau!« rief außer sich vor Verwunderung Sir Halbert. »Ha, Elender! von Deinem schimpflichen Verrat in Lochleven habe ich vernommen!« »Mach ihm keinen Vorwurf, Bruder!« sprach Abt Ambrosius. »Er war nur Werkzeug in Gottes Hand.« »Zu Pferde! zu Pferde!« rief Katharina Seyton, »sitzt auf, oder wir sind verloren! Ich sehe unser stattliches Heer in wilder Flucht. Hochwürdiger Abt, zu Pferde! Roland, aufgesessen! Gnädigste Fürstin, da steht Euer Zelter. Wir hätten schon eine Stunde weit sein können.« »Seht hier diese Züge,« sprach die Königin, auf den tödlich verwundeten Ritter in schwarzer Rüstung zeigend, dem eine mitleidige Hand den Helm aufgeschnallt hatte; »blicket auf sie und sagt mir, ob die Frau, die alle ins Verderben stürzt, die ihr in Liebe zugetan sind, einen Fuß breit fliehen sollte, ihr unglückliches Leben zu retten.« Was das Herz der Königin geahnt hatte, das sah sie jetzt! es waren die Züge des unglücklichen Georg Douglas, denen der Tod jetzt sein Siegel aufdrückte. »Seht ihn Euch recht an!« rief die Königin, »so erging es allen, die Maria Stuart liebten! Nichts vermochte sie zu retten, weder den edlen Franz sein königlicher Rang, noch Chatelet sein Witz, noch den heitern Gordon sein Rittermut, noch Rizzio der Wohllaut seiner Stimme, noch Darnley seine edle Gestalt und jugendliche Anmut, noch Bothwell die kecke Gewandtheit und das einschmeichelnde Wesen, noch den wackern Douglas die treue Ergebenheit jugendlicher Schwärmerei ... nichts hat sie retten können! sie richteten den Blick auf die unglückliche Maria, und genug war es für sie, Maria geliebt zu haben, um einen frühen Tod zu leiden! ... Dringt nicht in mich so stürmisch hinein! ich mag nicht weiter fliehen! ich kann ja doch bloß einmal sterben, und ich will hier den Tod erwarten!« In reichem Strome flossen ihre Zähren über das Antlitz des edlen Jünglings, der die Augen mit einer Glut auf sie heftete, die selbst der Tod nicht zu löschen vermochte. »Klaget nicht um mich,« sagte er mit matter Stimme, »sondern bleibt bedacht auf Eure Sicherheit, Ich sterbe als ein Douglas und sterbe, beweint von Maria Stuart!« Mit diesen Worten verschied er. Die Königin, deren Herz so weich und liebevoll war, daß sie die holdeste Gattin abgegeben hätte, wenn ihr das Schicksal einen würdigeren Gatten als Darnley zuerteilt hätte, blieb an seiner Seite und weinte die bittersten Tränen, bis es dem Abt gelang, sie zum Bewußtsein ihrer selbst zurückzubringen. Aber er mußte, um Gehör zu finden, einen Ton anschlagen, den er bisher noch nie geführt hatte. »Auch wir, gnädigste Frau,« sagte er, »haben als getreue Begleiter von Euer Gnaden Freunde und Verwandte zu beklagen. Ich lasse einen Bruder zurück in größter Gefahr, Katharinas Vater und Brüder befinden sich drüben auf blutiger Walstatt, tot oder verwundet, oder als Gefangne eines grimmigen Feindes. Wir vergaßen im Dienste unsrer Königin das Schicksal unsrer Liebsten und Nächsten, und unsre Königin ist so mit ihrem eignen Schmerz beschäftigt, daß sie für uns kaum einen Gedanken findet.« »Ich verdiene Euren Vorwurf nicht, hochwürdiger Herr,« sagte die Königin und trocknete ihre Tränen, »aber ich leihe ihm Gehör ... wohin sollen wir uns begeben? ... Was sollen wir beginnen?« »Wir müssen fliehen, und zwar auf der Stelle,« erwiderte der Abt; »wohin, ist nicht so leicht zu sagen; aber darüber können wir uns unterwegs klar werden. Hebt die Königin in den Sattel, und laßt uns aufbrechen.« Es wurde aufgebrochen. Roland bedeutete die Begleiter des Ritters von Avenel, nach dem Schlosse Crookstone zu reiten, und begehrte für die Freilassung des Ritters kein andres Lösegeld als das Versprechen für sich und sein Gefolge, die Richtung als Geheimnis zu hüten, die er mit der Königin einschlüge. Als er sein Roß wandte, gaffte ihn das ehrliche Gesicht Adam Woodcocks an, mit einem solchen Ausdruck von Staunen und Verwunderung, daß er zu andrer Zeit sich vor Lachen ausgeschüttet hätte. Woodcock war mit unter den Reitern des Ritters von Avenel gewesen, die seinen starken Arm zu fühlen bekommen hatten. Roland vergaß nicht, ihm ein paar Goldstücke – die er der Freigebigkeit der Königin verdankte – in die Mütze zu werfen, die noch auf der Erde lag, und mit einem freundlichen Abschiedsgruß sprengte er von dannen, um die Königin einzuholen, die schon weit hinunter den Hügel gelangt war. »Es wird doch kein Hexengold sein,« meinte der ehrliche Falkner, indem er die Stücke einzeln untersuchte und betastete, »und Herr Roland war's doch auch, das steht bombenfest! denn es war noch immer die gleiche derbe Faust, die sich nicht besinnt zuzuschlagen ... Na, das wird der lieben Schloßherrin lieb sein zu hören, denn sie trauert wirklich und wahrhaftig um ihn, als wenn der Junge ihr leibliches Kind wär! Und wie flott der Kerl einherritt! Das muß man ihm lassen. Aber diese leichtfüßigen Burschen kommen ebenso sicher obenauf, wie der Schaum aufs Bier! ... Ein Falkner bleibt doch ein ganzer Kerl Zeit seines Lebens!« Mit diesen Worten begab er sich zu seinen Kameraden, die jetzt in größerer Zahl sich eingefunden hatten, und half ihnen, seinen Herrn, der unter einer starken Quetschung litt und sich noch nicht bewegen konnte, in das Schloß hinein tragen. Sechzehntes Kapitel Unter bittern Tränen vollzog sich die weitere Flucht der Königin. Es waren der zerstörten Hoffnungen, der vernichteten Aussichten, der gefallenen Freunde auch gar zu viel, aber am meisten von allem ging ihr der Verlust Seytons und des wackern Douglas nahe, so nahe wie der Verlust des Thrones, den sie fast wiedergewonnen hatte! Katharina, ängstlich besorgt, den Mut im Herzen ihrer Gebieterin aufrecht zu erhalten, verbarg ihren Schmerz, während der Abt sich vergeblich mühte, für die nächste Zukunft einen Plan zu entwerfen, auf den sich einigermaßen bauen ließe. Bloß Rolands Mut blieb ungebeugt. »Eure Majestät hat eine Schlacht verloren,« sagte er, »doch gedenkt Eures Ahnherrn Bruce, der sieben Schlachten hintereinander verlor, ehe er sieghaft den Thron Schottlands besteigen konnte, ehe er als Sieger auf dem Schlachtfelde von Bannockburn die Unabhängigkeit seines Vaterlandes errang. Und ist diese Heide nicht unendlich besser als das von Wasser umschlossne, modrige Schloß Lochleven? ... Können wir sie nicht frei durchschweifen? Wir sind frei, Majestät! in diesem einzigen Worte liegt ein Trost für alle Verluste!« Eine kühne Saite war es, die er anschlug, aber sie hallte nicht wider in Marias Herzen. »Besser, ich wäre in Lochleven geblieben,« klagte sie, »als daß ich solche Niederlage meiner treuen Untertanen durch diese Meuterer erleben mußte! Redet mir nichts von neuen Versuchen! sie möchten doch bloß Euch und allen meinen übrigen Freunden das Leben kosten! und ich könnte es nicht noch einmal ertragen, was ich in diesen Tagen gelitten habe! O, war das ein Anblick, als ich die blutdürstigen Reiter dieses Morton unter den getreuen Seytons und Hamiltons wüten sah! und weshalb sind sie gefallen im blutigen Kampfe? um meinetwillen! ... Nicht noch einmal möchte ich leiden, was ich gelitten habe, als das Blut des edlen Douglas meinen Mantel bespritzte um seiner Liebe zu Maria Stuart willen! ... und könnte ich Kaiserin werden über alle Besitztümer der britischen Krone! Nennt mir einen stillen Ort, wo ich mein Haupt verbergen kann, das Verderben bringt über alle, die mich lieben ... das möge der letzte Liebesdienst sein, den ich, Maria Stuart, von meinen Getreuen erbitte.« Nachdem zuerst Lord Herries mit einer kleinen Schar sie eingeholt hatte, zog Maria Stuart in dieser tiefen Niedergeschlagenheit in die Abtei von Dundrennen ein, die etwa zwanzig Stunden von dem Schlachtfelde entfernt lag, das ihres Ruhmes Grab werden sollte. In diesem entfernten Winkel von Galloway waren die neuen Kirchengesetze noch nicht mit jenem Eifer und jener Strenge durchgeführt worden, wie in den der Hauptstadt näher gelegnen Stätten. Hier hausten und beteten noch einige Mönche unbehelligt in ihren Zellen, und der Prior der Abtei hieß die flüchtige Königin unter Tränen und mit tiefer Ehrerbietung an der Klosterpforte willkommen. »Ich bring Euch Unglück, frommer Vater,« sagte die Königin, als sie von ihrem Zelter gehoben wurde. »Solch Unglück soll willkommen sein,« erwiderte der fromme Mann. Als die Königin zu ihren Kammerfrauen trat, betrachtete sie einen Augenblick ihren weißen Zelter mit trauriger Miene, dann sagte sie zu Roland: »Gib acht, mein Lieber, daß die arme Rosabella nicht Not leide. Der liebe Douglas hat dafür gesorgt, daß ich mein altes treues Pferd wieder reiten konnte. Es hat dem lieben Menschen viel Mühe gemacht, es aus dem Marstall des Regenten für mich zu beschaffen. Frag Dein eignes Herz, warum ich in dieser trüben Stunde Dich um diesen Liebesdienst ersuche.« Die Königin wurde in ihr Zimmer geführt, und hier wurde in übereilter Beratung der verhängnisvolle Entschluß gefaßt, in England eine Zuflucht für die unglückliche Königin zu suchen. Am andern Morgen gab sie hierzu ihre Einwilligung, und es wurde zu der nächsten Grenzvogtei ein Bote gesandt mit dem Ersuchen um Aufnahme und sichres Geleit für die Königin von Schottland. Am andern Tage ging der Abt mit Roland im Abtei-Garten spazieren, und hier sprach er in heftiger Erregtheit sein Mißfallen über den gefaßten Entschluß aus. »Besser wäre es gewesen, die Königin überantwortete sich den rauhen Hochländern im Gebirge, als daß sie sich der treulosen Elisabeth ins Garn lieferte, die ja doch darauf ausgeht, sich den Thron von Schottland selbst in die Hände zu spielen! Roland,« sagte er, »Lord Herries ist treu und ehrlich und wacker, aber durch diesen Rat stürzt er seine Herrin unmittelbar ins Verderben.« »Ja, Verderben folgt uns, wohin wir den Fuß setzen,« sprach ein Greis, der ein Grabscheit in der Hand hielt und die Kleidung eines Laienbruders trug. Der Abt hatte ihn in der Leidenschaft, mit der er sich gegen Roland geäußert hatte, nicht bemerkt. »Verderben folgt uns allen, überall. O, staunt mich doch nicht so verwundert an! ja doch, ich bin derselbe, der zu Kennaqhueir Abt Bonifazius hieß, der in Lochleven als Gärtner Blinkhoolie bekannt war und rings durch Schottland gejagt worden ist, bis er wieder Einkehr gehalten hat in jenem Kloster, wo er einst sein Probejahr bestand. Und nun seid Ihr schon wieder da, mich zu verscheuchen? Ach, für einen, dem der Frieden über alles im Leben ging, hab ich ein schreckliches Leben des Unfriedens geführt!« »Wir wollen Euch bald von unsrer Gegenwart erlösen, frommer Vater,« sagte der Abt, »und die Königin wird nun Eure Ruhe wohl nicht mehr stören!« »O, ganz dasselbe habt Ihr früher auch immer gesagt,« brummte der mürrische Greis, »und doch bin ich von Kinroß verjagt worden und unterwegs von Räubern ausgeplündert worden. Das Zeugnis haben sie mir geraubt, von dem ich Euch erzählte – das von dem Baron, der ein Wegelagerer war so gut wie die andern. Ihr habt so oft danach gefragt, und ich konnte es immer nicht finden, sie aber hatten's auf den ersten Griff! Es war ein Attest über die Ehe eines gewissen – ach, mein Gedächtnis läßt mich so sehr im Stich, und Pater Niklas, der hätt Euch hunderterlei Geschichten erzählen können vom Abt Ingelram, Gott hab ihn selig! – Ich geb Euch mein Wort, er war an die neunzig Jahr! und ich, ich – na, wie alt bin wohl ich?« »Hieß der Name nicht Avenel, frommer Vater? ach, besinnt Euch doch!« bat ihn Roland, mit Ungeduld, aber in freundlichem Tone, denn er befürchtete, der Greis möchte sich beunruhigt oder gar verletzt fühlen. »Ja, ja, Avenel!« sagte der Alte, »Julian Avenel, Ihr habt mir auf den richtigen Namen geholfen! Ich hatte, weil ich dachte, mein Gelübde erfordre es, alle Sonderbeichten aufgehoben. Und als mein Nachfolger Ambrosius davon sprach, könnt ich das Dokument nicht finden. Aber die Wegelagerer, ich sag's Euch ja, die haben's gefunden auf den ersten Griff, Und der Ritter, der schlug sich drob an die Brust, daß der ganze Panzer gerasselt hat! – grad wie eine leere Gießkanne!« »Heilige Jungfrau!« rief Pater Ambrosius, »für wen konnte dies Dokument solche Wichtigkeit haben? Wie sah der Ritter aus? welches war sein Wappen, seine Farbe und seine Helmzier? »Ihr verwirrt mich mit so viel Fragen! ich hab mich doch kaum getraut, ihn anzusehen, sie wollten mir schuld geben, ich beförderte Briefe an die Königin, und durchstöberten meinen Mantelsack, aber das ist alles bloß eine Folge von Eurem Treiben in Lochleven!« »Ich hoffe zu Gott,« sagte der Abt zu Roland, der zitternd neben ihm stand, »daß dieses Schriftstück in die Hände meines Bruders gefallen sein möge! Ich hörte davon, daß er zwischen Stirling und Glasgow auf Kundschaft unterwegs sei. Hatte der Ritter nicht einen Palmzweig als Helmzier? Könnt Ihr Euch nicht besinnen, frommer Vater?« »Ach, worauf soll ich mich nicht alles besinnen,« klagte der Greis, »zählt erst der Jahre soviel wie ich, dann wollen wir sehen, worauf Ihr Euch noch besinnen werdet!« Da hörte man vom Ufer her ein Horn erschallen. »Der Totenschrei für die Herrschaft der Königin!« sagte Ambrosius. »die Antwort des englischen Grenzvogtes ist da! sie lautet sicher günstig, denn wann wurde ersehnter Beute das Türchen der Falle verschlossen? ... Doch getrost, Roland! dieser Sache soll auf den Grund gegangen werden, nur dürfen wir jetzt nicht die Königin verlassen! Folge mir, wir müssen unsre Pflicht erfüllen bis zum Ende, wenn wir den Ausgang auch Gott anheimstellen müssen. Leb wohl, frommer Vater! ich werde Dich vielleicht bald wieder besuchen.« Sie gelangten bald zu der Stelle, wo die Königin stand, umringt von ihrem kleinen Gefolge, und ihr zur Seite stand, in reicher Amtskleidung, von Soldaten umgeben, der Sheriff von Cumberland, ein Adeling aus dem Geschlechte der Lowthes. Die Miene der Königin brachte ein wunderliches Gemisch von Bereitwilligkeit und Unlust zur Reise zum Ausdruck. Durch Worte und Gebärden sprach sie ihrem Gefolge Ermutigung und Trost zu, sie schien sich selbst einreden zu wollen, daß der gefaßte Entschluß für ihre jetzige Lage das beste sei, was sie tun könne, sie schien die Zusicherung einer freundlichen Aufnahme und Fürsorge als zureichend zu betrachten; aber das Zittern ihrer Lippen, der unstete Ausdruck ihres Auges strafte sie Lügen, denn beides verriet deutlich ihre Angst, daß sie Schottland den Rücken wenden, und ihre Bange, daß sie der zweifelhaften Treue Englands sich ausliefern solle! »Willkommen, hochwürdiger Abt, und auch Ihr seid willkommen, lieber Roland Avenel,« sprach sie die beiden Getreuen an, »wir haben Euch erfreuliche Kunde zu melden. Der Sheriff Unsrer lieben Schwester Elisabeth bietet Uns in ihrem Namen einen sichern Zufluchtsort vor den Meuterern gegen Unsern Thron. Mir tut es nur leid, daß Wir Uns nun auf gewisse Zeit hier trennen müssen.« »Von uns sollen Eure Gnaden sich trennen?« fragte der Abt; »soll Eure Zuflucht in England nur gewählt werden unter Einschränkung Eures Gefolges, nur unter der Bedingung, daß Ihr Euch Eurer Ratgeber entäußert?« »Faßt es nicht so auf, frommer Herr,« antwortete die Königin, »der Landvogt Unsrer Schwester, ein getreuer Beamter, erachtet es für notwendig, dem ihm zugegangnen Befehle auf das Wort zu gehorsamen, und kann nur zugestehen, daß ich mein weibliches Gefolge mit über die Landesgrenze nehme. Ein Eilbote wird sogleich von London abgehen, der mir meinen Aufenthaltsort meldet. Ich werde unverzüglich nach Euch allen senden, sobald mein Hofstaat eingerichtet wird.« »Euer Hofstaat drüben in England?« fragte der Abt. »Nicht, so lange Elisabeth dort auf dem Throne sitzt! Es müßte denn geschehen, daß wir zwei Sonnen am Himmel wandeln sehen!« »Nicht doch, mein getreuer Abt, nicht doch!« erwiderte die Königin, »Wir sind des festen Glaubens, daß Wir Unsrer Schwester vertrauen dürfen. Elisabeth achtete stets die öffentliche Meinung, und was könnte ihr größern Ruhm bringen, als daß sie einer vom Unglück verfolgten Schwester die Arme öffnet? Dagegen könnte alles, was sie noch Großes und Weises vollbringen könnte, die Schmach nicht austilgen, wollte sie das Vertrauen täuschen oder mißbrauchen, das ich ihr durch diesen Schritt bezeuge ... Drum lebt wohl, meine Lieben! lieber Ritter und liebwerter Abt! wir scheiden, doch nur auf kurze Zeit.« Sie hielt Roland die Hand hin, und er bedeckte sie mit Tränen, während er sich vor ihr auf ein Knie niederließ. Die Königin küßte ihn mit Inbrunst auf die Locken. Roland war willens, auch Katharina diese Huldigung zu teil werden zu lassen, als die Königin mit einer fröhlichen Miene das Wort nahm: »Ei, ihre Lippen, närrischer Junge! und Du, Katharina, sei nicht spröde, die englischen Herren sollen sehen, daß selbst unter unserm nordischen Himmel Schönheit die Treue zu lohnen weiß!« »Wir brauchen weder die Macht schottländischer Schönheit, noch die Gewalt schottländischer Tapferkeit zu lernen,« bemerkte mit viel Höflichkeit der Landvogt von Cumberland, »Aber darf ich Eure Majestät in Erinnerung rufen, daß die Flut in rascher Abnahme begriffen ist?« Der Landvogt faßte die Hand der Königin, und schon hatte sie den Fuß auf das Brett gesetzt, das vom Lande hinüber in das Boot führte, als der Abt wie aus einer Betäubung aufwachte, in die ihn Schmerz und Staunen versetzt hatten. Mit einem Satze war er im Wasser und griff nach ihrem Mantel. »Sie hat es vorher gesehen!« rief er, »gewiß, gewiß! sie hat Eure Flucht in ihr Königreich erwartet und hat, in Voraussicht dieses Ereignisses, ihre Befehle erteilt, Euch so zu empfangen, wie Ihr jetzt empfangen werdet ... Verblendete Fürstin! irre geführte und dem Verderben geweihte Fürstin! Wenn Du den Fuß von diesem Strande setzest, so ist Dein Urteil unterschrieben. Königin von Schottland, Du darfst nicht aus Deinem Kronlande, darfst nicht aus Deinem Erbreiche scheiden. Alle, so in Treue zu Dir halten, müssen Dich hindern an der Ausführung solches unheimlichen Entschlusses, müssen sich hiergegen empören und auflehnen, müssen Dich retten vor Gefangenschaft und Tod, solange es noch Zeit ist. Fürchte nicht die Speere und Bogen, die nur eines Winkes vom Munde dieses Mannes in reicher Amtstracht gewärtig sind! Mit Gewalt wollen wir uns widersetzen. O, schütze uns der Arm meines kriegerischen Bruders! Roland von Avenel, zieh Dein Schwert!« Unschlüssig, zagend stand die Königin, mit einem Fuße auf der Planke, die nach England hinüber führte, mit dem andern Fuße am Strande ihres Heimatlandes, das sie für immer zu verlassen im Begriff stand. »Was soll diese Widersetzlichkeit, Herr Priester?« fragte der Landvogt. »Ich kam hierher auf den Wunsch Eurer Königin, ihr zu Dienst zu sein. Und sobald sie es befiehlt, entferne ich mich wieder, denn so lautet die Weisung, die ich aus London erhielt. Ist es zu verwundern, daß bei den Wirren, die Euer Land zerfleischen, die Weisheit unsrer huldvollen Königin solchen Schritt ihrer königlichen Schwester voraussah? .. Ist sie zu tadeln, weil sie es für weise und gerecht hielt, ihrer königlichen Schwester gastfreie Aufnahme zu entbieten, aber einem geschlagenen Heere den Uebertritt über die Landesgrenzen zu verbieten?« »Ihr hört es,« sprach Maria, indem sie huldvoll lächelnd ihr Gewand aus den Händen des Abtes freimachte ... »Ihr hört es, daß Wir aus freier Wahl dieses Ufer verlassen, und sicher wird es Unserm Willen auch unbenommen bleiben, Uns hinüber nach Frankreich zu begeben, je nachdem Wir Uns in Zukunft zu entschließen für angemessen erachten werden. Zudem ist es jetzt zu spät, Unsern Entschluß noch zu ändern. Euren Segen, frommer Vater, und dann lebt wohl! lebt alle wohl!« »Herrgott, erbarme Dich ihrer!« betete der Abt inbrünstig, »Herrgott, behüte sie und gehe nicht von ihr! ... Aber mein Herz sagt mir, ich sah Dich zum letzten Male, huldvollste aller Königinnen!« Die Segel wurden gespannt, die Ruderer ließen die Riemen ins Wasser fallen, und schnell durchflog das Fahrzeug den Frith, der die Grenze zwischen Schottland und England bildet, oder im engern Sinne genommen, zwischen Galloway und Cumberland. Aber so lange das Fahrzeug noch in Sicht blieb, so lange verweilten die bekümmerten, ihres Dienstes entlassnen Begleiter der schönsten und doch unglücklichsten aller Königinnen am Gestade. Und noch lange, noch lange unterschieden sie in der Ferne das Tuch ihrer Fürstin, mit dem sie der Heimat und den getreuesten ihrer Getreuen ihr letztes Lebewohl, das Lebewohl auf Nimmer-, Nimmerwiedersehen zuwinkte!. Siebzehntes Kapitel. Mehrere Tage blieb Roland mit dem Abt Ambrosius in Dundrennan. Dann kam eines Tages Nachricht, und zwar von keiner geringern Seite als von Ritter Halbert Glendinning. Sie sollte ihm Trost bringen über die Trennung von der Geliebten wie auch über das Schicksal der Königin. Atemlos kam der Bote auf dem Schlosse an, und zwar kein andrer als Adam Woodcock war es mit einem Briefe eines Herrn an den Abt, der noch immer nicht, zu des greisen Bonifazius Verdruß, seinen Stab weiter gesetzt hatte. In dem Schreiben wurde Abt Ambrosius dringend aufgefordert, ein paar Tage Schloß Avenel zum Aufenthalt zu nehmen. »Durch die Milde des Regenten,« hieß es in dem Schreiben, »wird Euch Pardon gewährt, Dir sowohl, lieber Bruder, als Roland; aber der Regent knüpft die Bedingung daran, daß Ihr Euch einige Zeit unter meine Aufsicht stellt. Zudem habe ich Dir mancherlei mitzuteilen über Rolands Herkunft, was nicht bloß von Interesse sein wird zu vernehmen, sondern was mir, als dem Manne der ihm am nächsten verwandten Person, die Berechtigung zu gewisser Ueberwachung seiner weiteren Schicksale gibt.« Als der Abt dieses Schreiben gelesen hatte, überlegte er still, in welcher Weise er sein Verhalten am besten einrichte. Inzwischen nahm der Falkner Roland beiseite. »Nehmt Euch nur von jetzt ab wenigstens in acht, Herr Roland,« sagte er, »daß weder Euch noch den Priester wieder irgend welcher pfäffischer Kram vom rechten Pfade abbringe. Da, lest das! und seid Eurem lieben Herrgott dankbar, daß er den alten Bonifazius einen Weg hat ziehen lassen, der ihn uns in die Hände geführt hat. Ein paar von den Seytonschen Leuten haben ihn nach Dundrennan geleitet. Als wir ihn visitierten, in der Erwartung, Nachrichten bei ihm über Eure Heldentat in Lochleven zu finden, die manchem braven Mann das Leben und mir ein paar Knochen geraubt hat, da haben wir Dinge bei ihm gefunden, die besser für Euch taugen, Herr Robert, als für uns.« Nach diesen Worten behändigte Woodcock dem jungen Gräme ein Schriftstück, das sich als ein schriftliches Zeugnis des Bruders Philipp, Sakristans und Mönchs im Sankt-Marienkloster, erwies und den folgenden Inhalt hatte: »Unter Gelobung des Geheimnisses habe ich den Ritter Julian Avenel, Schloßherrn von Avenel, und Katharina Gräme durch das heilige Sakrament der Ehe verbunden. Indem nun aber der Ritter von Avenel es nachher bereut hat, diese Ehe geschlossen zu haben, hat er mich, der diese Ehe eingesegnet hat, als Pater und Sakristan der Abtei von Sankt-Marien, sündlicherweise bestimmt, das arme Fräulein, gemäß einem von ihm ersonnenen Plane, dahin zu bereden, daß sie glauben solle, das Band der Ehe sei ungültig, weil es von einem Geistlichen geschlossen sei, welchem die heilige Weihe fehle, und deshalb völlig außer stande, irgend welche gesetzlichen Folgen zu bewirken. Ich Unterzeichneter erkenne in dieser sündhaften Entstellung einer richtig vollzogenen Ehe den Grund dafür, daß ich einem Zauber unterlegen bin und von einem Wasserkobold irre geführt wurde, daneben von besagter Zeit ab auch stark von Gicht und Podagra geplagt wurden bin. Darum habe ich bei meinem Abte Bonifazius solches gebeichtet und schriftliches Zeugnis darüber hinterlegt, sub sigillo confessionis . Diesem Schriftstück lag ein andres bei, nämlich ein Brief Julians, aus welchem erhellte, daß sich der Abt Bonifazius in dieser Sache auch wirklich bemüht und von dem Baron Julian die ehrenwörtliche Zusage erhalten habe, daß er die Ehe mit Katharina Gräme öffentlich anerkennen wolle. Aber der Tod sowohl des Ritters als seiner ihm angetrauten und von ihm in ihrem Rechte doch so beeinträchtigten Ehefrau, zusammen mit der Abdankung des Abtes Bonifazius, sowie nicht zum wenigsten mit seiner völligen Unkenntnis des Schicksals, das über das unglückliche Kind hereingebrochen sei, und dem ihm anhaftenden trägen und gleichgültigen Sinne hatten die Angelegenheit vollständig in Vergessenheit geraten lassen, und erst eine zufällige Unterredung mit dem Abt Ambrosius über die Schicksale, von denen die Familie Avenel betroffen worden, hatte die Aufmerksamkeit wieder auf sie gelenkt. Abt Bonifazius hatte, auf das Verlangen seines Nachfolgers hin, sich nach dem Zeugnis des Bruders Philipp umgesehen; da er aber von fremder Mithilfe, unter den gewissenhaft aufbewahrten Amtsgeheimnissen zu suchen, nichts wissen mochte, hatte es bei seiner Trägheit und Bequemlichkeit leicht geschehen können, daß diese Angelegenheit wieder im Sande verlief, und das Schriftstück auf immer verborgen geblieben wäre, hätte nicht Halbert Glendinning persönlich sich dazu entschlossen, eine genaue Nachforschung vorzunehmen. »Und so wird es denn nun zum Schlusse noch so kommen,« sagte Adam Woodcock, »daß Ihr Erbe von Avenel werdet, Herr Roland, sobald mein gnädiger Herr und seine Frau Gemahlin das Zeitliche gesegnet haben werden. Ich habe nun bloß noch eine einzige Bitte an Euch, und darum versehe ich mich darauf auch einer günstigen Antwort.« »Steht es in meiner Macht, Woodcock, Euch die Bitte zu gewähren, so dürft Ihr freilich darauf rechnen,« sagte Roland. »Ei, wenn ich's erlebe, daß Ihr die Schloßherrschaft bekommt, Herr Roland,« rief Adam Woodcock keck, »dann füttre ich die jungen Falken wie bisher mit ungewaschnem Fleische weiter!« »Na, meinetwegen,« erwiderte unter Lachen Roland, »füttre sie, wie es Dir paßt. Ich bin zwar bloß um ein paar Monate älter geworden, seit ich Schloß Avenel den Rücken gewandt habe, aber soviel habe ich doch gelernt, daß es mir nicht mehr beikommen wird, einem Manne, der seinen Beruf versteht, in der Ausübung desselben zu widersprechen.« »Nun, daraufhin tausche ich nicht mit dem Falkner des Königs und nicht mit dem Falkner der Königin,« rief Adam Woodcock, »aber die Königin, du meine Güte, wird ja, wie es heißt, eingesperrt, wird also keinen Falkner wieder brauchen! und ich sehe es auf Eurem Gesichte, Herr Roland, die Erinnerung hieran macht Euch betrübt, und mir könnte es ja freilich auch so ergehen, aber was hilft's, das Glück geht nun mal seinen Weg ganz nach seiner Laune, und wenn man sich heiser schriee danach, ändern würde man hierin doch nichts!« Kurz darauf unternahmen der Abt und Roland die Reise nach Schloß Avenel, und sie fanden bei dem Ritter Halbert eine überaus herzliche Aufnahme. Die Dame von Avenel aber konnte Tränen der Freude nicht zurückhalten, als sie den Waisenknaben, den sie so tief in ihr Herz geschlossen hatte, wiedersah und zwar als den einzigen überlebenden Sprößling ihrer Familie. Sowohl der Ritter als auch die Dame von Avenel waren erstaunt über die mit Roland in dieser kurzen Zeitspanne vorgegangne große Veränderung, weit erstaunter hierüber war jedoch die Schloßdienerschaft, und zu ihrem Staunen gesellte sich eine aufrichtige Freude, denn der verhätschelte, anmaßende und zanksüchtige Page war als freundlicher, anspruchsloser Jüngling wiedergekehrt, der viel zu genau wußte, was er zu erwarten hatte, und wie sich die Dinge für ihn schicken mußten, als daß er wie ehedem keck und rücksichtslos einen Respekt hätte fordern sollen, der ihm an sich selbst ja gern und willig gezollt wurde. Wingate, der alte Haushofmeister, war der erste, der seinem Lobe die Zügel schießen ließ über die Veränderung, die mit dem jungen Herrn vorgegangen, und ebenso erklangen wahre Hymnen aus dem Munde der Zofe Lilias, die nur einer Hoffnung noch Ausdruck gab, daß es Gott dem Allgütigen belieben möge, ihn zur Erkenntnis des wahren Glaubens zu führen. Das war jedoch schon lange ein stiller Wunsch Rolands selbst, und als der Abt Ambrosius sich nach Frankreich begab, um dort in ein Kloster seines Ordens zu treten, war das wichtigste Hindernis zur Ausführung von Rolands Absicht, den katholischen Glauben abzuschwören, beseitigt. Ein andres Hindernis war freilich noch seine Pflicht gegen seine Großmutter Magdalena Gräme, aber sein Aufenthalt auf dem Schlosse Avenel war erst von kurzer Dauer, als ihn die Nachricht erreichte, die Großmutter sei in Köln als Opfer einer für ihr Alter zu strengen Bußübung verstorben, der sie sich nach Eintreffen der Kunde von der verlorenen Schlacht bei Longside zum Frommen ihrer Königin und der Kirche Schottlands unterzogen habe. Abt Ambrosius wurde in seiner Gesinnung um vieles gemäßigter und zog sich in ein Schottenkloster auf dem Festlande zurück. Dort führte er ein solches Leben der Frömmigkeit, daß die Klosterbrüder es für angemessen erachteten, die Ehre der Heiligsprechung für ihn zu beantragen. Aber er erriet, was sie vorhatten, und bat sie auf seinem Sterbebett, hiervon Abstand zu nehmen, dagegen seinen Leichnam und sein Herz in der Familiengruft des Geschlechts von Avenel im Sankt-Marienkloster zu Kennaqhueir beisetzen zu lassen, auf daß der letzte Abt des berühmten Gotteshauses unter seinen Trümmern ruhe. Um viele Jahre früher wurde Roland von Avenel mit Katharina Seyton verbunden, die nach zweijährigem Aufenthalt bei ihrer Königin entlassen wurde, weil die Königin Elisabeth von England, beziehungsweise ihre Ministerräte eine Verschärfung der Haft für die unglückliche Maria Stuart für angemessen erachteten. Daraufhin kehrte Katharina in das Haus ihres Vaters zurück, und seitdem Roland als Nachfolger und rechtmäßiger Erbe des alten Geschlechts derer von Avenel anerkannt worden war, und sein Vorgänger, Sir Halbert Glendinning von Avenel, die Besitztümer durch seine Klugheit und Umsicht reich vermehrt hatte, wurde von seiten der Angehörigen des Hauses Seyton keinerlei Widerspruch gegen diese Verbindung erhoben. Ihre Mutter war kurz vor Katharinas Heimkehr aus dem Kloster gestorben, und ihr Vater erachtete die Verbindung mit einem der Königin Maria zwar treu ergebenen, indessen klugen Manne wie es Roland Avenel war, – der durch Sir Halbert Glendinning auf die herrschende Partei nicht ganz ohne Einfluß war, – in den wirren Zeiten, die auf die Flucht der Königin Maria nach England folgten, für nicht unerwünscht und für nicht unvorteilhaft. So wurde aus Roland und Katharina, trotz dem verschiedenen Glauben, dem sie anhingen, ein glückliches Paar, und die Erscheinung der weißen Dame von Avenel, die zur Zeit des Niedergangs des alten berühmten Geschlechts nur selten zu beobachten war, trieb wieder, angetan mit dem goldnen Gürtel so breit wie ein gräfliches Wehrgehenk, an ihrem Lieblingsbrunnen fleißig ihr Wesen. Ende.