Walter Scott Kenilworth - Zweiter Teil Erstes Kapitel. Während der kurzen Zeit, die zwischen dem Schlusse der Audienz und der Sitzung des Geheimen Rats lag, hatte Leicester Zeit, sich zu überlegen, daß er an diesem Morgen sein eignes Schicksal untersiegelt habe. »Es wäre ihm,« dachte er, »jetzt unmöglich, nachdem er angesichts des ganzen vornehmen Adels von England sich, wenn auch in zweideutiger Rede, für die Wahrheit der Varneyschen Aussage verbürgt hätte, sie zu widerrufen oder zu verleugnen, ohne sich selbst nicht bloß dem Verluste der Gunst des Hofes auszusetzen, sondern auch der höchsten Ungnade der Königin, seiner hintergangnen Gebieterin, und dem Spott und Hohn seines Nebenbuhlers und aller Vornehmen im Lande.« Diese Gewißheit überkam sein Gemüt zugleich mit all den Schwierigkeiten, denen er sich notwendigerweise aussetzen würde, wenn er ein Geheimnis hütete, das jetzt in gleicher Weise ausschlaggebend war für seine Sicherheit, seine Macht und seine Ehre. Er befand sich in einer Situation, wie jemand, der auf Eis Schlittschuh läuft, der alles Eis um sich her brechen sieht und keine andre Sicherheit für sich erblickt als festen, herzhaften Schrittes, ohne Zagen und Zaudern, weiter zu laufen. Die Gunst der Königin sich zu erhalten, der er so vieles zum Opfer gebracht, war jetzt für ihn Hauptsache; dazu mußte er alles aufbieten, durfte kein Mittel, keinen Weg scheuen, denn diese Gunst war die einzige Planke, die er in diesem Sturme betreten, auf der er Halt finden konnte! Er mußte deshalb alles daran setzen, sich die Parteilichkeit der Königin nicht bloß zu erhalten, sondern noch stärker auf seine Seite zu ziehen. Er mußte Elisabeths Günstling werden, oder er wurde schiffbrüchig an Ehre und Vermögen. Alle andern Erwägungen traten für den Augenblick in den Hintergrund, und die wilden Gedanken, die sein Gemüt bestürmten, wenn ihm Amys Bild vor das Auge trat, verjagte er energisch, indem er sich sagte, daß nachher Zeit genug sein werde, sich mit der Frage zu befassen, wie sich ein Ausweg aus dem Labyrinth schaffen lasse; der Lotse, der zu seinen Füßen eine Scylla sieht, sagte er bei sich, darf sich die Zeit nicht nehmen, an die in der Ferne drohenden Gefahren der Charybdis zu denken. In dieser Stimmung nahm der Earl of Leicester an diesem Tage seinen Sitz in dem Geheimen Rat der Königin ein, und in derselben Stimmung, als die Amtsgeschäfte erledigt waren, auch den Ehrenplatz an ihrer Seite auf der Luftfahrt auf der Themse. Und niemals entfaltete er seine Gaben als Politiker ersten Ranges oder die ihm von der Natur verliehenen Talente eines vollendeten Höflings in höherm Glanze! Der Zufall fügte es, daß an diesem Tage die Angelegenheiten der unglücklichen Maria Stuart in dem königlichen Geheimrate zur Sprache kamen, die nunmehr sieben Jahre in schmerzvoller Gefangenschaft gehalten wurde. Es waren Meinungen vor Elisabeths Rat gelangt, die zu gunsten dieser Fürstin sprachen und die mit nicht geringem Nachdruck von Sussex und andern Männern vertreten wurden, die das Völkerrecht und den Bruch des Gastrechts höher einschätzten als es, wenn auch in milder Form oder mit entschuldigenden Floskeln vorgebracht, den Ohren Elisabeths genehm zu hören war. Leicester vertrat mit Lebhaftigkeit die entgegengesetzte Ansicht und setzte beredt die Notwendigkeit auseinander, die Königin von Schottland nach wie vor in strenger Haft zu halten, sowohl um der, Sicherheit des Königreichs als um der persönlichen Sicherheit der Königin Elisabeth willen, denn ein Haar von dem geheiligten Haupte derselben müsse den Herren Lords höher stehen und Gegenstand ängstlicherer Fürsorge sein, als die Person ihrer unglücklichen Schwester von Schottland, die vergeblicher- und ungerechterweise zuerst die Hand ausgestreckt habe nach dem Throne von England, und auch jetzt noch, im Schoße ihres Landes wie auch anderwärts, die Hoffnung aller Feinde von Englands rechtmäßiger Königin sei. Leicester schloß seine Rede mit den Worten, daß er die hohen Räte um Verzeihung bitte, wenn er im Eifer der Rede irgendwem zu nahe getreten sei, aber die Sicherheit der Königin sei ein Thema, das ihn die Grenzen der Mäßigung immer vergessen lasse. Elisabeth verwies ihm, wenn auch in gelinden Worten, die ungebührliche Wichtigkeit, die er ihren persönlichen Interessen beimesse; doch ließ sie gelten, daß sie, seitdem es Gott dem Herrn gefallen habe, dieses ihr persönliches Interesse mit dem Wohl ihrer Untertanen zu vereinen, lediglich ihre Pflicht tue, wenn sie solche Maßregel der Selbsterhaltung träfe, wie sie durch die Verhältnisse und Umstände ihr aufgenötigt würden; und wenn der Rat in seiner Weisheit es für angemessen erachte, daß die Person ihrer unglücklichen Schwester von Schottland auch weiterhin in Haft gehalten werden müsse, so halte sie persönlich sich versichert, daß niemand sie um deswillen tadeln werde, daß sie die Gräfin von Shrewsbury ersuche, ihr alle Güte und Milde angedeihen zu lassen, die sich mit der Hut über ihre Person nur irgend vereinen lasse. Noch nie war mit solcher Hast und solchem Eifer der Weg frei gemacht worden für den »hohen Lord von Leicester« als heute, wie er durch die gedrängt voller Leute stehenden Vorzimmer schritt, um Ihre Majestät zu ihrer Barke zu geleiten. ... Noch nie hatte die Stimme der Herolde lauter geklungen bei dem Rufe: »Platz! Platz für den hohen Lord von Leicester!« ... Noch nie war diesen Rufen und Zeichen schneller und ehrerbietiger Folge geleistet worden als heute.... Noch nie hatten so viel Augen so begierig gehascht nach einem huldvollen Blicke von ihm... noch nie hatten so vieler niedrigen Diener Herzen sehnsüchtig gepocht, ihm ihre Glückwünsche auszusprechen oder ihrer Furcht Ausdruck zu geben, daß es ihm, der so unermeßlich hoch über ihnen stände, lästig sein müsse, sich von ihnen behelligt zu sehen. Der ganze Hof betrachtete den Ausgang dieser Audienz, der mit so vielen Zweifeln und so großer Besorgnis entgegengesehen worden war, als einen entschiedenen Sieg des Earl of Leicester und empfand es als ausgemacht, daß der Stern seines Nebenbuhlers, wenn auch nicht völlig verdunkelt, so doch stark im Niedergange begriffen sei. Das war die Meinung bei Hofe sowohl als bei den Höflingen, bei hoch und niedrig, und demgemäß richtete sich alles Tun und Lassen. Andrerseits hatte Leicester diese Grüße und Komplimente noch niemals mit solcher Huld und Höflichkeit erwidert wie jetzt, noch nie hatte er sich mit größerm Erfolg bemüht, »goldne Meinungen aus aller Leute Munde« zu ernten, wie jemand äußerte, der gerade in nicht zu großer Entfernung von ihm stand... wie an diesem Audienztage. Für alle hatte der von der Gunst seiner Königin getragne Earl einen Gruß, auch wohl eine Verneigung, zum wenigsten ein Lächeln, hin und wieder sogar ein huldvolles Wort. Zumeist galten diese Bevorzugungen solchen Höflingen, die heute lange schon in Vergessenheit geraten sind; aber auch andre befanden sich darunter, deren Namen seltsam in unsern Ohren klingen, wenn sie im Zusammenhang mit den gewöhnlichen Dingen des Lebens genannt werden, über die sie die Dankbarkeit der Nachwelt längst emporgehoben hat. Einige von Leicesters Worten und Reden, die er für seine Umgebung bei diesem Anlasse hatte, mögen hierher gesetzt sein: »Ei, guten Morgen, Pointings, und was macht die Frau Gemahlin und das holde Fräulein Tochter? Und warum sieht man sie gar nicht bei Hofe?« ... »Adams, Euer Gesuch ist hinfällig – – die Königin will kein Monopol mehr erlassen; aber vielleicht kann ich Euch ein andermal besser dienen.« ... »Mein lieber Herr Alderman Aylford, das Gesuch der City, in betreff Queenhithes, soll, soweit mein bescheidnes Interesse dabei dienen kann, Förderung erhalten.« ... »Mein lieber Herr Edmund Spencer, in Sachen Eurer irländischen Bittschrift möchte ich Euch zu gern behilflich sein, bin ich den Musen doch gar nicht gram, aber Ihr habt Euch erlaubt, den Lord Schatzmeister zu bewitzeln.« »Mylord, wäre es mir vergönnt, auseinanderzusetzen ...« hub der Poet an. »Kommt in meine Wohnung, Edmund,« antwortete der Graf, »morgen oder nächster Tage nicht, aber bald, hört Ihr, bald?« ... »Ei, sieh da, Will Shakespeare – – wilder Will! – – Du hast dem Philipp Sidney, meinem Neffen, Liebespulver eingegeben, und nun kann er nicht schlafen ohne Deine »Venus und Adonis« unter dem Kopfkissen.! Wir werden Dich aufknüpfen lassen als den schlimmsten Zauberkünstler von ganz Europa! Weißt Du, unwirscher Geselle! Deine Patentsache habe ich keineswegs vergessen, auch die Bärenangelegenheit nicht!« Der Schauspieler verneigte sich und der Earl nickte und schritt weiter – so hätte man zu jener Zeit den Fall erzählt – in unsern Tagen aber vielleicht lieber gesagt, »der Unsterbliche habe dem Sterblichen gehuldigt.« Der Nächste, dem der Hohe das Wort vergönnte, war einer seiner eifrigsten Parteigänger. »Sieh da, Sir Francis Denning,« flüsterte er, als Antwort auf dessen schmeichelhaften Gruß, »dieses Lächeln hat Dein Gesicht um ein volles Drittel kürzer gemacht, als es mir heute früh vorgekommen ist. Muß das sein?« ... »Aber, mein lieber Herr Bowyer, bitte, einen Schritt zurück! Meint Ihr wirklich, ich trüge Groll gegen Euch in meinem Busen? ... Ganz im Irrtum! Habt Ihr doch heute morgen bloß Eure Pflicht getan! Und wenn ich mich des Vorgangs zwischen uns erinnre, soll es geschehen zu Euern gunsten.« Hierauf trat, unter allerhand phantastischen Bücklingen, eine wunderliche Persönlichkeit zu dem Earl heran. Sie war absonderlich gekleidet in ein Wams aus schwarzem Sammet, das kuriose, mit karmesinrotem Atlas verbrämte Schlitzen aufwies. Eine lange Hahnenfeder auf dem Sammetbarett, das er in der Hand hielt, und eine ungeheure Halskrause, nach dem absurden Geschmack damaliger Zeit über die Maßen gestärkt, im Verein mit einem schneidigen, muntern, verschlagnen Gesichtsausdruck schienen einen eitlen, hohlköpfigen Gecken, einen Menschen von geringem Wissen zu verraten, während der Stab, den er in der Hand hielt, und ein gewisses amtliches »Air«, das er sich zu geben wußte, ihn als Menschen erscheinen ließ, der mit irgend einer Behörde im Zusammenhang stehen mochte. Hierauf ließ auch ein eigentümlicher Grad von Redegabe schließen, der dieser Persönlichkeit zu eigen war. Die spitze Nase und die hageren Wangen, die der Mann hatte, waren ständig von Röte bedeckt, eine Eigenschaft, die mehr von »gutem Leben« sprach, wie man sich auszudrücken liebt, als von Zurückhaltung und Mäßigkeit; und die Art und Weise, wie er sich dem Earl näherte, bestätigte solche Ansicht. »Recht guten Abend, Meister Robert Laneham,« sagte Leicester, schien aber willens, mit diesen Worten an der Persönlichkeit vorüberzugehen. »Ich habe ein Gesuch an Eure Lordschaft,« sagte die Persönlichkeit und ging dem Grafen keck hinterher. »Und welcher Art, mein lieber Türsteher im Geheimratssaale?« »Aufseher im Geheimratssaale, bitte,« versetzte Meister Robert Laneham mit Nachdruck, sowohl als Antwort wie als Verbesserung. »Nun, leg Dir Deinen Titel zurecht, wie Du willst, Mann,« erwiderte der Earl, »was ist Dein Begehr von mir?« »Nicht viel,« entgegnete Laneham, »weiter nichts als daß Eure Herrlichkeit wie bislang, mein lieber Herr, bleiben und mir das Recht verleihen möge, die Sommerreise nach dem schönen, von nichts übertroffnen Landsitze Eurer Herrlichkeit, dem Schlosse Kenilworth, mitzumachen.« »Zu welchem Zwecke, lieber Meister Laneham?« erwiderte der Earl; »erwäge, daß ich mit vielen Gästen werde rechnen müssen.« »Aber nicht mit ihrer so vielen,« erwiderte der Bittsteller, »daß es Eurer Herrlichkeit nicht möglich sein sollte, für einen so alten Diener wie mich das bißchen Unterschlupf und das bißchen Speise und Trank übrig zu haben. Bedenkt, Mylord, wie notwendig Euch dieser Stab ist, all jene Lauscher hinwegzuscheuchen, die sonst so gern beim Geheimrat sich einnisten und durch die Ritzen und Schlüssellöcher lugen möchten, wenn mein Stab nicht hantierte, wie eine Fliegenklatsche in einem Fleischerladen.« »Mich bedünkt, Dir beliebe hier ein recht fliegenwedliger Vergleich für den hohen Geheimrat, Meister Laneham,« sagte der Earl; »aber gib Dir nicht erst Mühe, das zu rechtfertigen. Komm nach Kenilworth, wenn es Dich gelüstet; Narren werden dort in Menge zu treffen sein, und so wirst Du auch hinpassen.« »Nun, sollten dort Narren sein, Mylord,« erwiderte Laneham mit lustigem Lachen, »so will ich, verlaßt Euch darauf, für Spaß unter ihnen sorgen, denn es kann sich kein Jagdhund mehr darauf freuen, einem Hasen hinterherzusetzen, als ich mich gecke, wenn es glückt, einem Narren eins auszuwischen. Aber noch eine weitre Gunst besondrer Art habe ich mir von Eurer Lordschaft zu erbitten.« »Sag, was Du willst, und laß mich dann in Ruhe,« sprach der Earl; »ich denke, daß die Königin jeden Augenblick kommen wird.« »Mein gnädigster Lord, ich wollte mir erlauben, einen Bettkameraden mitzubringen.« »Was faselst Du da, Du unverschämter Wicht?« rief Leicester. »Nun, Mylord, nur etwas, was durchaus im Rahmen des Anstands und der guten Sitte sich bewegt,« entgegnete sein Bittsteller, dessen Röte um deswillen nicht aus dem Gesichte verschwand, »ich habe ein Weib, das an Neugierde ihrer Großmutter nichts nachgibt, die sich die verbotne Frucht gut schmecken ließ, den Apfel des Paradieses. Nun mag ich sie nicht so geradezu mitbringen, da Eure Herrlichkeit doch so strenge Befehle gegen alle Bediensteten erlassen hat, ihre Ehegesponse auf dieser Reise daheim zu lassen und den Hof nicht mit Weibsvolk zu behelligen. Aber was ich von Eurer Herrlichkeit erbitten möchte, ist, mir die Mitnahme meines Weibes unter irgend einer Vermummung zu gestatten, so daß also niemand verspürt, daß es ein Frauenzimmer ist, und also dadurch keinerlei Aergernis entstehen kann.« »Hol der böse Feind Euch alle beide,« sagte Leicester, durch die Erinnerungen, die hierdurch in ihm geweckt wurden, aufs äußerste erbittert, »weshalb haltet Ihr mich auf mit solchem Tratsch!« Der erschrockne »Aufseher des Geheimratssaals«, niedergeschmettert durch diesen Zornesausbruch, den er so ahnungslos hervorgerufen hatte, ließ seinen Amtsstab fallen und starrte auf den erzürnten Earl mit einem blitzdummen Gesicht, auf dem sich Schreck und Staunen zugleich malten, die aber durch Leicester sogleich beseitigt wurden. »Ich wollte bloß sehen, ob Du auch die Kühnheit besitzest, die Dein Amt erfordert,« sprach er hastig. »Komm nach Kenilworth und bring den Satan mit, wenn Du willst.« »Mein Weib hat den Satan bis jetzt nur in einem Mysterium zur Zeit der Königin Maria gespielt – aber es wird uns wohl noch an manchen Requisiten fehlen.« »Hier hast Du eine Krone für Dich,« sagte der Earl, »... nun laß mich aber in Frieden ... die große Glocke schlägt.« Meister Robert Laneham war noch eine Weile ganz perplex über die Erregung, die er hervorgerufen hatte, und dann sprach er bei sich, während er sich bückte, um seinen am Erdboden liegenden Stab aufzuheben: »Der edle Graf ist heute bei schlimmer Laune, aber wer Kronen austeilt, erwartet von uns klugen Leuten Unterwürfigkeit gegen ihre Launen, und, meiner Treu! wenn sie nicht die Gnade haben wollten zu bezahlen, so würden wir ihnen schon die Daumschrauben ansetzen.« Leicester ging schnell hinweg, ohne sich der Höflichkeit, die er heute so freigiebig für alle an den Tag gelegt hatte, noch weiter zu befleißigen. Mit eiligen Schritten durchmaß er den Raum, schob beiseite, wer ihm von dem Hofgesinde im Wege stand, bis er ein kleines Nebengemach erreicht hatte. Hier blieb er eine Weile stehen, um unbeobachtet und allein für sich wieder zu Atem zu kommen. »Was ist geworden aus mir,« sprach er bei sich, »daß mich solcher gemeine, verkommne, hohlköpfige Tropf durch seine Faseleien dermaßen beeinflussen kann! ... Gewissen, Du bist ein Bluthund, dessen Geknurr beim leisen Vorbeihuschen einer Maus ebenso flink laut wird, wie beim Schritt eines Löwen. ... Kann ich mich denn nicht durch einen einzigen kühnen Streich aus solchem qualvollen, solchem ehrlosen Zustande befreien? Wie, wenn ich vor Elisabeth einen Kniefall täte, wenn ich ihr alles bekennte und mich ihrer Gnade überantwortete?« Während er diesem Gedanken nachhing, ging die Tür des Gemaches auf, und Varney trat ein. »Gott sei Dank, Mylord, daß ich Euch gefunden habe!« lautete sein Ausruf. »Dem Teufel sei Dank, dessen Diener Du bist!« lautete die Erwiderung des Grafen. »Richtet Euren Dank, an wen Ihr wollt, Mylord,« versetzte Varney, »aber eilet, eilet, daß Ihr ans Ufer kommt. Die Königin ist bereits an Bord und fragt nach Euch.« »Geh, sag, daß mir plötzlich schlecht geworden sei,« erwiderte Leicester, »denn beim Himmel, mein Hirn vermag dies alles nicht mehr zu ertragen.« »Freilich kann ich das bestellen,« antwortete Varney herb, »sind doch Euer Platz wie auch der meinige bereits ausgefüllt. Was soll ich noch als Stallmeister auf Euch warten, wenn Ihr niemand mehr braucht, Euer Roß zu halten? Euer Platz in der Barke der Königin ist besetzt. Hört Ihrs, Leicester? ... Der neue Schoßhund, Walter Raleigh, und unser alter Bekannter, Tressilian, sind berufen worden, unsre Plätze einzunehmen, gerade als ich wegrannte, Euch zu holen.« »Du bist ein Teufel, Varney,« rief Leicester hastig, »aber zurzeit führst Du das Regiment ... ich folge Dir.« Varney gab keine Antwort, sondern schritt voran aus dem Palast und nach dem Flusse hinunter. Sein Herr folgte ihm, gleichsam mechanisch, bis sich Varney umsah und in einem Tone, der, wenn er nicht befehlend klang, doch wenigstens stark ans vertrauliche streifte. ... »Was soll das heißen, Lord? Euer Mantel hängt auf einer Seite ... Euer Beinkleid ist in Unordnung ... gestattet mir ...« »Du bist verrückt, Varney! Ein ebensolcher Narr wie Du ein Schurke bist!« sagte Leicester, indem er ihn von sich wegstieß und seine Dienstleistung ihm wehrte, »wir sind gut so, wie wir sind ... und wenn wir Eure Dienste begehren, um unsre Person in Ordnung zu bringen, so wissen wir Euch zu finden, aber für jetzt brauchen wir Euch nicht!« Bei diesen Worten fand der Graf schnell sein herrisches Wesen wieder und damit auch die Herrschaft über sich selbst; mit einem heftigen Ruck schob er den Mantel in noch krassere Unordnung und schritt an Varney vorbei mit dem Wesen und in der Haltung eines Herrn und Gebieters, und begab sich nun seinerseits zum Themseufer. Die königliche Barke war gerade im Begriff, abzustoßen. Der dem Earl of Leicester sonst eingeräumte Sitz am Stern und der für seinen Stallmeister vorhandne Platz am Bug waren bereits besetzt. Aber als Leicester sichtbar wurde, trat auf einen Augenblick Stille ein. Die Ruderer hielten inne. Es war, wie wenn sie erwarteten, daß eine Wandlung in der Gruppierung der Gesellschaft sich vollziehen werde. Auf dem Gesicht der Königin zeigte sich jedoch der rote Fleck, der immer auf Aerger deutete, und der Klang ihrer Stimme nahm jene Kälte an, durch die die vornehme Welt innre Aufregung zu verhüllen sich befleißigt, da sie ihrer Würde etwas vergeben würde, wollte sie solcher Stimmung gegen andre Ausdruck leihen. Eisig klangen die Worte aus ihrem Munde: »Wir haben gewartet, Mylord of Leicester.« »Madame und huldvollste Fürstin,« sprach Leicester, »die Sie so viele Schwächen verzeihen können, die Ihr Herz nimmer kennt, Sie können am besten jenen Erschütterungen des Busens, die Kopf und Glieder zugleich angreifen, Ihr königliches Mitleid schenken. Ich trat heute vor Ihre Majestät als Mensch, dessen Herz erfüllt ist von Zweifeln, als Untertan, auf den sich Anklagen häuften; Ihre Majestät zerteilten durch Ihre Huld die Wolken der Verleumdung und stellten meine Ehre wieder her, und, was noch teurer ist, erhielten mir Ihre Gunst ... Ist es verwunderlich, daß mich mein Stallmeister, wenn es auch für mich höchst unangenehm war, in einem Zustande traf, der mir kaum gestattete, den Weg hierher zurückzulegen, hierher zu diesem Platze, weil ein einziger, wenn auch, ach! zorniger Blick von Eurer königlichen Hoheit Kraft genug besaß, für mich zu tun, worin Aeskulap sich als ohnmächtig erwiesen hatte!« »Wie verhält sich das?« sprach Elisabeth hastig, zu dem Stallmeister des Grafen gewandt; »war Eurem Herrn nicht wohl?« »Es war ein Anfall wie von einer Ohnmacht,« erwiderte der redegewandte Varney, »wie Ihre Majestät wohl erkennen wird aus Mylords derzeitigem Aussehen. Hat mir doch Mylords Eile nicht einmal ermöglicht, seine Kleidung in Ordnung zu bringen.« »Das ist von keinem Belang,« sprach Elisabeth, indem sie den Blick auf dem edlen Angesicht und der eleganten Gestalt des Grafen ruhen ließ, dem sogar der Sturm von Leidenschaft, durch die er in jüngster Zeit erschüttert worden war, nur ein interessanteres Aussehen zu leihen vermochte... »macht, bitte, Platz für meinen edlen Lord, – Euer Platz, Varney, ist besetzt; Ihr müßt zusehen, einen Platz in einer andern Barke zu finden.« Varney verneigte sich und ging. »Und auch Ihr, junger Ritter vom Mantel,« setzte sie hinzu mit einem Blick auf Raleigh, »müßt für diesmal Euch in die Barke unsrer Ehrenjungfrauen begeben. Was Tressilian betrifft, so hat er bereits zu viel von Weiberlaunen gelitten, als daß ich ihm noch wehe tun möchte durch diese Wandlung meines Planes, insoweit er davon berührt wird.« Leicester nahm seinen Sitz in der Barke, dicht neben der Königin ein; Raleigh stand auf, um sich zurückzuziehen, und Tressilian hätte sich, unbewandert in höfischer Sitte, beinahe der Taktlosigkeit schuldig gemacht, seinem Freunde seinen eignen Platz zu räumen, hätte nicht der schnelle und scharfe Blick Raleighs selbst, der jetzt in seinem Element zu sein schien, ihn eines Bessern belehrt, dahin, daß solche Ablehnung königlicher Gnade als schwere Kränkung und Taktlosigkeit aufgefaßt werden könne. So saß er schweigend da, während Raleigh mit tiefer Verbeugung und einem Blick demütigster Ergebenheit sich anschickte, seinen Platz zu verlassen. Ein edler Höfling, der ritterliche Lord Willoughby, meinte in dem Antlitz der Königin etwas zu lesen, das mit Raleighs echtem oder gemachtem Anschein von Kränkung Mitleid auszudrücken schien. »Es schickt sich nicht für uns ältre Höflinge,« sagte er, »den jüngern Herren den Sonnenschein zu entziehen. Mit ihrer Majestät Erlaubnis werde ich auf die Zeit von einer Stunde auf dasjenige Verzicht leisten, was Ihrer Majestät Untertanen das Köstlichste ist, nämlich auf die Wonne der Gegenwart von Ihrer Majestät, und mich selbst in den Nachteil setzen, im Sternenlicht zu wandeln, dieweil ich auf kurze Zeit dem Glanze von Dianens Strahlen entsage. Ich werde mich in das Boot begeben, das die Damen trägt, und diesem jugendlichen Kavalier, seine Stunde verheißnen Glücks lassen.« Die Königin erwiderte mit einem Ausdruck, halb Schmerz, halb Ernst: »Falls Ihr so willig seid, Uns zu verlassen, Mylord, so trifft Uns keine Schuld an Eurem Kummer; indessen erlaubt Uns, daß Wir, für so alt und erfahren Ihr Euch auch halten möget, den Vorbehalt, daß Wir Euch Unsern jungen Ehrendamen doch nicht anvertrauen mögen. Euer ehrwürdiges Alter, Mylord,« fuhr sie fort und lächelte, »dürfte sich doch besser eignen für das Alter Unsers Lord Schatzmeisters, der Uns im dritten Boote folgt, und dessen Erfahrung ja auch durch die Unsers Lords Willoughby geläutert werden kann.« Lord Willoughby verbarg seine Enttäuschung unter einem Lächeln; er wurde verlegen, lachte, dann verneigte er sich und verließ die königliche Barke, um sich an Bord Lord Burleys zu begeben. Leicester, der sich bemühte, seine Gedanken von aller seelischen Tätigkeit abzulenken, dadurch, daß er sie auf das, was um ihn her vorging, lenkte, nahm unter andern auch diesen Umstand wahr. Als aber die Barke vom Ufer abstieß unter den Klängen der Musik von einer sie begleitenden Barke, und als vom Ufer herüber die Jubelrufe des Volkes schallten und ihm dies alles die Lage in das Gedächtnis rief, in die er geraten war, da lenkte er durch eine energische Anstrengung sein Sinnen und Empfinden ab von allem andern und richtete seine ganze Aufmerksamkeit, einzig und allein auf die Notwendigkeit, sich die Gunst seiner Königin zu erhalten. Er bot all sein Talent auf, durch die ihm von der Natur verliehenen Gaben zu gefallen und zu fesseln, mit solchem Erfolge, daß die Königin, einerseits entzückt durch seine Unterhaltung, andrerseits besorgt um seine Gesundheit, ihm endlich zeitweilig gebot, sich still zu verhalten, mit scherzhaften, doch von ängstlicher Fürsorge um seine Gesundheit diktierten Worten. »Mylords,« sprach sie, »nachdem wir Unserm lieben Lord Leicester zeitweilig Stille auferlegt haben, wollen Wir Eure Gedanken mit einer lustigen Sache befassen, für deren Beratung sich die jetzige Zeit, da uns Musik und Fröhlichkeit beherrschen, besser schickt, als die ernsten Stunden, die wir dem Staat und seinem Wohl zu widmen haben. ... Wer von den Herren Lords weiß etwas zu erzählen,« fragte sie mit Lächeln, »von einer Bittschrift eines gewissen Orson Pinnit, seines Zeichens Aufseher, wie er sich selbst zu titulieren liebt, über unsre königlichen Bären? Wer steht zu seinem Gesuch Gevatter?« »Das ist mein Fall, Majestät, mit Ihrer gnädigen Erlaubnis,« sprach der Graf von Sussex. »Orson Pinnit war ein wackrer Kriegsmann, ehe er durch die Skenes des irischen Mac Donaugh zu solchem Krüppel wurde, und wie Ihrer Majestät Huld und Gnade Ihren getreuen Untertanen immer zugewandt ist, so wird sie wohl auch diesem, der nicht zu den schlechtesten gehörte, nicht fehlen.« »Sicherlich ist es,« sprach die Königin, »Unsre Absicht, Unsern Untertanen, vor allem Unsern armen Soldaten und Seeleuten, die für geringen Sold ihr Leben wagen, Unsre Huld zuzuwenden. Wir möchten eher,« fügte sie mit blitzenden Augen hinzu, »jenen königlichen Palast dort drüben zum Spital für sie einrichten lassen, als im Lichte der Undankbarkeit bei ihnen stehen wollen. ... Aber,« sprach sie weiter, und ihre Stimme, die zufolge der patriotischen Regung einen gewissen Schwung angenommen hatte, verfiel in den leichtern Klang fröhlicher Unterhaltung, »darum dreht sich die Angelegenheit nicht, denn das Gesuch dieses Orson Pinnit geht um einiges weiter. Er beschwert sich darüber, daß infolge des großen Interesses, das beim Volke jetzt für die schauspielerischen Aufführungen eines gewissen Will Shakespeare eingekehrt sei, ... von dem wir, meine Herren Lords, wohl sämtlich auch bereits gehört haben ... das männliche Vergnügen der Bärenhetzen langsam ganz in Verfall gerate; denn den Menschen sei es jetzt bequemer und angenehmer, zuzusehen, wie sich Komödianten im Spaß umbringen, als daß sie sich noch selbst in Lebensgefahr setzen – – was sagt Ihr hierzu, Earl of Sussex?« »Je nun, huldvolle Madame,« nahm Sussex das Wort, »Sie dürfen wahrlich von einem alten Kriegsmann gleich mir nicht erwarten, daß er sich begeistre für Schlachten auf Theaterboden, sofern sie in Parallele gestellt werden mit Schlachten im Ernstfalle; nichtsdestoweniger, meiner Treu! will ich nicht Will Shakespeares Schaden. Er ist ein Kerl, der seinen Mann steht im Stoß mit dem Stab und im Kampf mit dem kurzen Schwert wie selten einer, wenngleich er, wie mir zu Ohren gekommen, hinkt. Es heißt, er habe noch vor kurzem erst einen strammen Strauß bestanden mit ein paar Förstern oder Treibern Sir Thomas Lucys of Charlecot, weil er in den Wildpark desselben eingebrochen ist und der Tochter des einen der Förster oder Treiber einen Kuß geraubt hat.« »Mit Verlaub, Mylord of Sussex,« sprach die Königin, »diese Angelegenheit ist zum Vortrag gelangt in Unserm Rate, und Wir wünschen nicht, daß diesem Burschen größres Unrecht nachgeredet werde, als er begangen hat. Von einem Kusse ist keine Rede gewesen und der Verteidiger hat die Abrede im Protokoll vermerkt. Aber was sagt Ihr zu seinem dermaligen Gewerbe, Mylord, zu seinem Komödiantentum? Denn hiervon sprechen Wir jetzt, nicht aber von seinem Vorleben und den Torheiten, die in dessen Zeit fallen.« »Je nun, Madame,« entgegnete Sussex, »wie ich vordem bemerkt habe, so will ich nicht, daß der Mann in Schaden komme, Verschiednes von der lüderlichen ... ich bitte Ihre Majestät ob dieses Beiworts um Verzeihung ... Dichterei des Menschen ist mir durch Mark und Bein gedrungen, das bekenne ich; aber im großen und ganzen ist es doch eitler Tand, was er macht. Es ist weder Fisch noch Fleisch, wie ja Ihre Majestät auch selbst empfinden werden. Was ist solch ein halbes Dutzend Wichte mit verrosteten Schwertern und zerfetzten Schilden, die bloß so tun, als wenn sie sich schlügen, im Vergleich zu dem königlichen Treiben von Bärenhatzen, die durch die Anwesenheit sowohl Ihrer Majestät wie Hochdero Vorfahren in diesem Ihrem Königreiche so oft ausgezeichnet worden und in der ganzen Christenheit berühmt sind durch die unvergleichlichen Bulldoggen und verwegnen Bärenkämpfer?« »Fürwahr, Mylord,« sagte die Königin mit Lachen, »Ihr nehmt Euch dieser Angelegenheit mit großem Feuer an, und was Ihr sagt, soll nicht auf toten Boden fallen. Wir denken, in Unserm Leben noch nicht der letzten Bärenhatz beigewohnt zu haben. ... Jedoch, wer will nun zur Sache sprechen?« »Darf ich mich für befreit ansehen von dem mir auferlegten Zwang zu schweigen, königliche Gebieterin?« nahm der Earl of Leicester nun das Wort. »Sicherlich, Mylord,« antwortete huldvoll die Königin, »das heißt mit dem Vorbehalt, daß Ihr Euch kräftig genug fühlt, an Unserm Scherze teilzunehmen und in dem Wortgefecht Euren Mann zu stehend ... Und doch,« fügte sie bei, »wenn ich an Euer Wappen denke, den Bären mit dem Knüppel, so meine ich, es hatte sich ein Redner lieber melden sollen, der in geringerm Maße Parteimann hierbei ist.« »Huldvolle Fürstin, nein!« hub der Graf von Leicester an, »wenngleich mein Bruder Ambrosius von Warwick und ich das alte Bild im Wappen führen, dessen sich Ihre Majestät zu erinnern geruhen, so ist es nichtsdestoweniger mein Wunsch, daß ehrlich Spiel walte oder, wie es bei solcher Hatz als Motto gilt, »dem Hunde, was dem Hunde, dem Bären, was dem Bären zukommt!« Was nun die Komödianten anbetrifft, so muß ich sagen, es sind gar kecke Gesellen, durch deren Witz und Späße aber die große Menge des Volkes abgelenkt wird von der Aufmerksamkeit für die politischen Fragen, desgleichen der Zeit beraubt wird, schlimme, dem Staate schädliche Reden, hohle Gerüchte und illoyales Gefasel mit anzuhören. Befaßt sich die Menschheit mit Leuten wie Marlowe, Shakespeare und andern solchen Bühnenfexen, verfolgt sie den »Knoten«, wie sie sich in ihrer Fachsprache auszudrücken belieben, ihrer Bühnenstücke, dann wird ihr Geist davon abgelenkt, sich mit dem Leben und der Aufführung derer zu beschäftigen, in deren Händen das Regiment über sie ruht.« »Wir fühlen jedoch nicht den Wunsch, die Aufmerksamkeit Unsrer Untertanen von Unserm Tun und Lassen abzulenken, Mylord,« erwiderte Elisabeth, »weil ihnen die wahren Beweggründe für Unsre Handlungen um so klarer ersichtlich sein dürften, je schärfer sie dieselben beobachten und verfolgen können.« »Mir ist indessen zu Ohren gekommen,« nahm der Dekan von St. Asaph das Wort, ein hervorragender Puritaner, »daß diese Komödianten in ihren Aufführungen nicht bloß profane, häßliche Ausdrücke gebrauchen, die danach angetan sind, Sünde und Lotterei zu verbreiten, sondern auch Reden über die Regierungen, über Ursprung und Zweck derselben im Munde führen, die wohl im stande sein können, Unzufriedenheit zu wecken, und die festen Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft zu erschüttern. Mit Ihrer Majestät Verlaub, es will mir demnach nicht am Platze zu sein scheinen, daß solchen windigen, sich übler Rede befleißigenden Patronen gestattet werde, Menschen, die sich eines gottgefälligen Wandels befleißigen, um ihrer Zucht und ihrer Sitte halber zu bewitzeln und durch gotteslästerliche Reden und Schmähungen der Diener Gottes alles göttliche und irdische Gesetz in den Staub zu ziehen.« »Könnten Wir glauben, Mylord, daß es in Wahrheit sich also verhielte,« nahm Elisabeth des Wort, »so würden Wir solches Beginnen ohne Zaudern streng ahnden. Aber es ist eine üble Sache, sich eine Meinung gegen einen Brauch aus seinem Mißbrauch zu bilden. Was den besagten Shakespeare angeht, so sind Wir der Ansicht, daß sich in seinen Komödien mancherlei findet, was ein paar Dutzend Bärengärten aufwiegt, und daß die neue Schöpfung seiner, wie er es nennt, »Chroniken«, den lebenden Untertanen Unsrer Regierung nicht allein, sondern auch künftigen Geschlechtern zu gute kommen dürfte.« »Eurer Majestät Regierung wird solcher schwachen Mittel nicht bedürfen, um in der Erinnerung der Nachwelt bestehen zu bleiben,« ergriff Leicester das Wort; »und doch hat gerade dieser Shakespeare in dieser Hinsicht mancherlei Ereignisse aus Ihrer Majestät glorreicher Regierung in so trefflicher Weise zur Darstellung gebracht, daß alle Beschwerden, die Seine Hochwürden der Dekan von St. Asaph hier vorgebracht hat, reichlich aufgewogen werden. Mir fallen da einige Strophen ein ... schade, daß mein Neffe Philipp Sidney nicht zur Stelle ist, denn er führt sie fast immer im Munde, sie kommen in einem Feenstücke vor, das, soviel ich weiß, »Liebeszauber« oder ähnlich heißt; aber diese Strophen sind wunderschön, so kurz sie sind und so wenig sie den Gegenstand erschöpfen, auf den sie mit nicht zu verkennender Kühnheit anspielen. ... Mein Neffe zitiert sie, glaube ich, sogar in seinen Träumen.« »Ihr legt Uns Tantalusqualen auf, Mylord,« sagte die Königin, »Junker Philipp Sidney ist, wie Wir recht wohl wissen, ein Günstling der Musen, und Wir freuen Uns, daß es an dem ist. Ritterlicher Sinn erglänzt nie heller und schöner, als wenn er sich paart mit edlem Geist und Liebe zu den Wissenschaften. Sicherlich sind aber manch andre unter Unsern jungen Höflingen, die sich auf Dinge nicht besinnen können, die Eurer Lordschaft aus dem Gedächtnis entschwunden sind unter weit wichtigern Geschäften. – Junker Tressilian, Ihr werdet Mir beschrieben als ein Verehrer Minervens ... besinnet vielleicht Ihr Euch auf diese Strophen?« Tressilian war das Herz zu schwer, die Aussichten, die ihm das Leben eröffnet hatte, waren zu grausam vernichtet worden, als daß er hätte den Ehrgeiz fühlen sollen, solche Gelegenheit wahrzunehmen, wie sie sich ihm bot, die Aufmerksamkeit seiner Königin zu fesseln, aber er fand Kraft zu dem Entschlusse, seinem jungen und ehrgeizigern Freunde diesen Vorteil zuzuweisen, entschuldigte sich mit Gedächtnisschwäche und bemerkte, daß seines Wissens Walter Raleigh die schönen Verse, deren Lord Leicester Erwähnung getan, im Gedächtnis haben dürfe. Auf den Befehl der Königin zitierte dieser Kavalier mit einer Betonung und einem Anstand, die ihrem ausgesucht köstlichen Zartsinn und ihrer lieblichen Schönheit noch einen wunderbareren Reiz verliehen, die berühmte Vision Oberons: Ich sah zur selben Zeit (Du sahst es nicht), Kupido schwebend zwischen Mond und Erde, Er war bewaffnet, und sein hehres Ziel – Jetzt eine schöne Priesterin der Vesta Auf einem Thron im Abendland – es flog Der Pfeil vom Bogen rasch, als sollt er dringen Durch hunderttausend Herzen, doch die Glut Des Pfeils erlosch in Dianens feuchten Strahlen, Und weiter schritt die keusche Herrscherin, Jungfräulich sinnend, stolz und leicht und frei.« Walter Raleighs Stimme zitterte leicht, als er zu den letzten Strophen gelangte, gleich als ob er unsicher sei, wie die Königin, an die sich die zarte Huldigung richtete, sich dazu stellen werde. War dieses Zagen erkünstelt, so ließ sich nichts andres sagen, als daß es seine Politik sei; war es hingegen echt, dann war geringer Grund dazu vorhanden. Die Verse waren der Königin wahrscheinlich nichts Neues, denn wie hätte solche vornehme Schmeichelei nicht alsbald den Weg zu dem Ohre finden sollen, auf das sie gemünzt war? Indessen waren sie dort nicht minder willkommen aus eines solchen Deklamators Munde, wie Walter Raleigh war. Gleich entzückt durch den Inhalt, den Vortrag und die anmutige Gestalt, wie das lebhafte Mienenspiel des ritterlichen Jünglings und Rezitators, bezeichnete Elisabeth den Rhythmus durch Blick und Finger. Als der Deklamator geendet hätte, flüsterte sie, fast ohne zu wissen, daß sie belauscht werde, die letzten Strophen, und als sie, die letzte derselben sprach: Jungfräulich sinnend, stolz und leicht und frei, da warf sie die Bittschrift des Aufsehers des königlichen Bärengartens, Orson Pinnit, in die Themse, mit dem Gedanken, sie möge zusehen, ob sie freundlichere Aufnahme fände in Sheerneß oder wo es ihr sonst belieben solle vorzusprechen. Leicester wurde durch den glücklichen Erfolg, den der jüngere Höfling geerntet hatte, zum Wetteifer gespornt, wie der Veteran von Renner aufgescheucht wird, wenn ein kräftiges Füllen ihm auf der Bahn voransaust. Er lenkte die Rede auf Schaustellungen, Banketts, Aufzüge, Gepränge und auf die Rollen derjenigen, die bei solchen Szenen zumeist vertreten sind. Er vereinte scharfe Beobachtung mit leichter Satire in jenem richtigen Verhältnis, das frei war wie von hämischer Verleumdung so auch von fader Lobhudelei. Er ahmte höchst geschickt Redeweise und Gebärdenspiel der affektierten und possenhaften Leute nach, und die ihm persönlich eigne Anmut in Rede und Wesen schien sich, wenn er sich ihrer befliß, zu verdoppeln. Fremde Länder, ihre Bräuche und Sitten, das Zeremoniell an ihren Höfen, die Moden, ja auch der Anzug der Damen, dies alles war ihm gleich geläufig; und selten schloß er seine Rede, ohne der jungfräulichen Königin sowohl über ihre eigne Person als über ihre Hofhaltung und Regierung ein zartes und zutreffendes Kompliment zu sagen. In dieser Weise wurde während dieser Lustfahrt die Unterhaltung geführt, an welcher sich auch die andern dem Hofe attachierten Herren durch muntre, mit Zitaten aus ältern und neuern Schriftstellern gewürzte Reden jeder an seinem Teile eifrig beteiligten, während die mitanwesenden Staatsmänner und Weisen gediegne Aussprüche über Staats- und Wirtschaftspolitik und Worte und Gedanken einer gesunden Moral hinzugaben, und also Weisheit mit dem leichtern Geplauder an einem Damenhofe einten. Als man nach dem Palaste zurückkehrte, nahm oder vielmehr wählte Elisabeth Leicesters Arm als Stütze für den Weg von den Landungsstufen bis zum Haupttore. Es kam ihm sogar vor – eine Empfindung, die ihren Ursprung auch vielleicht nur in den schmeichlerischen Einflüsterungen seiner Phantasie hatte, als ob sich die Königin auf dieser kurzen Wegstrecke fester als sonst auf seinen Arm stütze, – fester, als es der nicht übermäßig schlüpfrige Boden notwendig mache. Ganz sicher wirkte bei der Königin Tun und Reden zusammen, einen Grad von Gunst zum Ausdruck zu bringen, den der Graf, selbst in seinen stolzesten Tagen, bisher noch nicht erlangt hatte. Sein Rival erfreute sich allerdings wiederholter Auszeichnung durch die königliche Huld; das geschah aber in einer Weise, die weniger aus spontaner Neigung zu entströmen, als durch Rücksicht auf seine mannigfachen Verdienste bedingt zu sein schien. Und in der Meinung vieler erfahrnen Höflinge wurde all die Huld, die sie ihm bezeigte, mehr denn aufgewogen durch die Aeußerung, die sie Lady Derby ins Ohr flüsterte, »daß sie nun merke, daß Krankheit eine weit bösere Älchimistin sei, als sie sich je gedacht habe, denn man sehe doch, daß sie das Kupfer auf der Nase des Lord Sussex in eitel Gold verwandelt habe.« Der Scherz kursierte alsbald unter den Höflingen, und der Earl of Leicester weidete sich an seinem Triumph so recht, wie jemand, der Hofgunst als das Alpha und Omega seines Lebens ansieht, dieweil er im Rausch des Augenblicks die Wirrnisse und Fährlichkeiten seiner persönlichen Lage vergißt. Tatsächlich dachte er in diesem Augenblick, so seltsam es auch scheinen mag, weniger an die aus seiner geheimen Ehe erwachsenden Gefahren, als an die Beweise von Huld, die Elisabeth von Zeit zu Zeit dem jungen Raleigh spendete. Im Laufe des Abends trug sich ein weitrer Umstand zu, der Leicesters Aufmerksamkeit noch stärker auf diesen Gegenstand richtete. Die Edelleute und Höflinge, die die Königin auf ihrer Lustfahrt begleitet hatten, wurden mit königlicher Gastfreundschaft zu einem splendiden Mahl im Festsaale des Palastes geladen. Die Tafel wurde freilich nicht durch die Anwesenheit Ihrer Majestät ausgezeichnet, denn gemäß ihrer Vorstellung von Sittsamkeit und Würde war die jungfräuliche Königin gewohnt, bei solchen Gelegenheiten allein oder mit einigen Lieblingsdamen ihr einfaches und bescheidnes Mahl zu sich zu nehmen. Nach kurzer Frist traf der Hof in dem prächtigen Garten des Palastes wieder zusammen, und als man dort lustwandelte, richtete die Königin an eine ihr nahestehende Hofdame die Frage, was aus dem jugendlichen »Ritter Schmutzmantel« geworden sei. Lady Paget antwortete, »sie habe Junker Raleigh erst vor drei bis vier Minuten gesehen, und zwar am Fenster eines kleinen Pavillons oder Lusthäuschens, das nach der Themse hinaus läge, und daß er mit einem Diamantringe die Fensterscheibe geritzt habe.« »Der Ring,« versetzte die Königin, »war ein Geschenk von mir, ein geringer Ersatz für den Mantel, den er sich verdorben hat. Komm, Paget, sehen wir zu, was er gemacht hat. Ich durchschaue ihn nun schon. Er ist ein merkwürdig kluger Kopf.« Die Damen begaben sich zu der Stelle, von wo aus sie, wenn auch nur von weitem, das Fenster sehen konnten, an dem der junge Kavalier noch immer lehnte, gleich dem Vogelsteller, der seinen Sprenkel gestellt hat und nun auf das Vögelchen wartet, das sich fangen soll. Die Königin näherte sich dem Fenster, an dem Junker Raleigh ihr Geschenk versucht hatte, um die folgende Strophe einzukritzeln: »Gern stiege ich, wär bloß das Fallen nicht!« Die Königin lächelte, las die Strophe aber- und abermals, las sie Lady Pagei vor und dann nochmals allein für sich. »Ein hübscher Anfang,« meinte sie nach kurzer Erwägung, »aber mich bedünkt, die Musen haben den guten Weisen im Stich gelassen nach seiner ersten Lösung einer gestellten Aufgabe. Es wäre doch ganz nett, meinst Du nicht, Paget? wenn man den Vers an seiner Statt ergänzte: Versuche doch mal, was Du zu reimen vermagst!« Lady Paget ... von Kindesbeinen an eine echt prosaische Natur, wie nur je eine Kammerfrau bei Hofe vor ihr oder nach ihr ... lehnte jede Möglichkeit, dem jungen Dichter beizuspringen, unbedingt ab. »Nun, dann müssen Wir Uns selbst den Musen weihen!« sprach Elisabeth. »Niemand kann süßern Weihrauchs sich gewärtigen,« sagte Lady Paget, »und Eure Hoheit wird den Damen vom Parnaß sehr schwere Verlegenheit bereiten ...« »Pst, Pst!« sagte die Königin, »Ihr begeht ja Hochverrat an den unsterblichen neun Schwestern ... doch da auch sie jungfräulich sind geblieben, läßt sich vielleicht annehmen, daß sie sich einer jungfräulichen Königin hold erweisen werden ... und darum ... nun, versuchen wirs! ... Wie lautet seine Strophe? Gern stiege ich, wär bloß das Fallen nicht! könnte die Antwort nicht ganz gut lauten: Steig gar nicht erst, wenn Dirs an Mut gebricht!« Die Ehrendame klatschte freudig überrascht Beifall über die so glückliche Lösung der gestellten Aufgabe. Die Königin, hierdurch ermutigt, zog einen Diamant vom Finger und sprach: »Wir wollen diesem jungen Herrn ein wenig Ursache geben zur Verwunderung; wenn er zurückkommt, soll er seinen Vers also ergänzt finden, ohne daß es ihm Mühe gemacht hat.« Nach diesen Worten setzte sie die selbstgefundne Zeile unter die andre. Darauf verließ sie den Pavillon, zog sich aber sehr langsam zurück und nicht, ohne sich öfters umzusehen; und da konnte sie wahrnehmen, daß der Junker auf Windesflügeln zu der Stelle hin eilte, wo sie eine kurze Weile gestanden. »Bloß um zu sehen,« wie sie sagte, »ob das Manöver ihr geglückt wäre,« blieb sie ein Weilchen stehen und dann schlug sie, herzlich über den Vorfall lachend, mit ihrer Dame den Rückweg zum Palaste ein. Unterwegs verbot Elisabeth ihrer Dame, über die Hilfe, die sie dem jungen Poeten geleistet, zu irgendwem etwas verlauten zu lassen, und Lady Paget gelobte unverbrüchliches Schweigen. Indessen möge nicht unbemerkt bleiben, daß sie zu gunsten Leicesters eine »resevatio mentalis«, einen Gedankenvorbehalt, machte und dem edlen Lord unverzüglich Kenntnis gab von dem Vorfall, so wenig er auch geeignet erschien, demselben zur Freude zu gereichen. Raleigh hatte sich inzwischen an das Fenster geschlichen und las mit Entzücken die verblümte Ermutigung, die die Königin seinem Ehrgeize gegeben. Dann begab er sich zu Sussex, und dessen Gefolge zurück, das sich eben einschiffen wollte. Hoch schlug ihm das Herz vor Stolz über die Auszeichnung, die ihm winkte. Die Ehrfurcht, die man vor dem Grafen im Herzen trug, wehrte jede Aeußerung, ja jede Betrachtung über die Annahme, die demselben bei Hofe geworden, bis man ans Land stieg und bis sich der gesamte Hofhalt des Grafen in der großen Halle von Says-Hof versammelte, wo der Lord, durch seine letzte Krankheit und durch die Anstrengungen erschöpft, sich in sein Zimmer zurückzog, um nach dem Beistande des Schmieds, seines unglücklichen Arztes, zu verlangen. Aber Wieland der Schmied war nirgends zu finden, und während einige der gräflichen Mannen ungeduldig nach ihm suchten, scharten sich die andern um Raleigh, um ihm Glück zu den Aussichten, die er bei Hofe hatte, zu wünschen. Walter Raleigh besaß Urteilskraft und Taktgefühl genug, um den Umstand mit dem Verse zu verschweigen, zu dem die Königin einen Reim zu suchen sich herabgelassen hatte. Indessen war manches andre bekannt geworden, das jeden Zweifel hob, daß er in der Gunst der Königin Fortschritte gemacht habe. Raleigh dankte jedem dieser Gratulanten auf das verbindlichste, machte indessen hierbei die Bemerkung, daß es noch lange nicht auf Gunst bei Hofe deute, wenn er einmal einen glücklichen Tag gehabt habe, so wie auch eine Schwalbe noch nicht den Sommer mache. Blount stimmte, wie er wahrnahm, nicht in die allgemeinen Glückwünsche ein, und einigermaßen empfindlich über diese anscheinende Teilnahmlosigkeit, fragte Raleigh nach dem Grunde. Blount antwortete mit der an ihm gewohnten Höflichkeit: »Mein lieber Walter, ich wünsche Dir alles Gute, wie sonst einer von all den Kumpanen, die sich um Dich scharen und Dir ihre Glückwünsche ins Ohr flüstern, wie wenn Du gut Wetter haben würdest; aber, Freund, ich habe Sorge um Dich!« bei diesen Worten trocknete er sich das redliche Auge; »recht große Sorge! Dergleichen Leben bei Hofe mit den ewigen Intrigen und Tänzen und Witzen aus Weiberaugen, dieses Haschen nach Weibergunst und so weiter, das sind die Kniffe und Pfiffe, durch die sich gutes Gold in schlechtes Kupfer verwandelt, die schönen Fratzen und witzigen Schädeln zur Bekanntschaft mit unheimlichen Blöcken und scharfen Beilen verhelfen.« Mit diesen Worten stand Blount auf und verließ die Halle, während Raleigh ihm nachblickte mit einem Ausdruck, der auf einen Augenblick sein keckes, lebendiges Gesicht verdüsterte. Ein Diener trat gerade ein in die Halle und sagte zu Tressilian: »Mylord wünscht Euren Burschen Wieland zu sehen, und eben ist Euer Bursche Wieland in einem Kahne hergekommen und wünscht Euch zu sehen und will erst zu Mylord gehen, wenn er mit Euch gesprochen hat. Der Bursche sieht aus, als wenn er nicht recht gescheit wäre, so sieht es mir wenigstens aus . . . ich rate, sprecht gleich mit ihm!« Tressilian verließ auf der Stelle die Halle, ließ den Schmied in ein angrenzendes Gemach führen und Lichter hinein tragen. Dann begab er sich selbst dorthin. Mit Erstaunen nahm er die Erregung wahr, die sich auf dem Gesicht des Mannes zeigte. »Was ist denn los mit Euch, Wieland?« fragte er. »Habt Ihr etwa den Satan vor Augen gehabt?« »Schlimmer, schlimmer,«, versetzte Wieland, »einen Basilisken habe ich gesehen! ... Gott sei gedankt, daß ich ihn zuerst gesehen habe, denn auf diese Weise und da er mich nicht gesehen, wird er weniger Unheil stiften.« »Im Namen Gottes, redet, Schmied!« sagte Tressilian, »redet vernünftig und sagt, was Eure Worte bedeuten.« »Ich habe meinen alten Prinzipal gesehen,« sagte der Schmied, »gestern nacht bin ich mit einem Freunde, den ich hier gefunden, weggegangen; er wollte mir die Uhr im Paläste zeigen, weil er meinte, ich sehe solches Kunstwerk gern ... und am Fenster eines Türmchens, unfern von der Uhr ... da habe ich ihn gesehen ... da habe ich meinen alten Meister gesehen!« »Du mußt Dich ganz gewiß getäuscht haben, Schmied,« entgegnete Tressilian. »Ich habe mich nicht verguckt,« erwiderte Wieland der Schmied, »wer diese Züge nur einmal in seinem Leben gesehen hat, der kennte ihn heraus aus Millionen! Er hatte sich in eine uralte Tracht gesteckt, aber vor mir kann er sich nicht verkleiden, Gott seis gedankt, wie ich mich vor ihm. Indessen will, ich die Vorsehung nicht herausfordern dadurch, daß ich in seiner Höhle bleibe. Schauspieler Tarleton könnte sich so nicht verkleiden und verstellen, daß ihn Doboobie nicht früher oder später herausspintisierte. Ich muß morgen weg von hier, denn so wie ich mit ihm stehe, wäre es mein Tod, wenn ich im Bereich seiner Augen und Hände bliebe.« »Aber der Graf von Sussex?« fragte Tressilian. »Was er bisher genossen hat, wird ihm wenig mehr schaden, vorausgesetzt, daß er allmorgentlich so viel wie eine Bohne von dem Orvietan schluckt auf nüchternen Magen ... doch muß er sich hüten vor jedem Rückfall.« »Und wie kann man ihn davor bewahren?« fragte Tressilian. »Einzig und allein durch solche Vorsicht, wie man sie dem Teufel gegenüber anwenden müßte,« entgegnete Wieland. »Mylords Mundkoch muß jede Speise, die er für Mylord bereitet, selbst anrichten, muß jedes Tier, von dem er nimmt, selbst schlachten, darf kein anders Gewürz dazu verwenden als solches aus ganz sichern, verläßlichen Händen. ... Der Vorschneider muß die Speisen selbst auftragen, und der Haushofmeister muß darauf achten, daß beide, Koch und Vorschneider, von den Speisen, die der eine kocht, der andre austrägt, selbst zuvor kosten, ehe Mylord die Lippen daran rührt. Dann darf Mylord an nichts riechen, das nicht von ganz verläßlichen Leuten herrührt, darf keine Salbe, keine Pomade gebrauchen außer von durchaus bekannter Quelle. Mylord darf in keinem Falle mit Fremden trinken oder Obst bei Fremden genießen, gleichviel wann. Vor allen Dingen soll er die äußerste Vorsicht üben, wenn er sich nach Kenilworth begibt ... seine Krankheit, sowie der Umstand, daß er noch immer strenge Diät beobachten muß, wird und muß die Sonderbarkeit solches Verhaltens in den Augen der Welt entschuldigen.« »Und Du, Wieland,« fragte Tressilian, »was soll aus Dir hinfort werden?« »Frankreich, Spanien oder Indien, gleichwohl ob Ost- oder Westindien, sollen mein Zufluchtsort werden,« erwiderte Wieland, »ehe ich mein Leben in Gefahr setze dadurch, daß ich in der Höhle dieses Doboobie oder Demetrius oder wie er sich gerade nennt, verbleibe.« »Gut,« versetzte Tressilian, »es kommt mir nicht ungelegen ... ich hatte für Euch in Berkshire was zu besorgen; aber in dem entgegengesetzten Zipfel von dem, den Du kennst, und schon ehe Du diesen neuen Grund, Dich in Verborgenheit zurückzuziehen, gefaßt hast, war es meine Absicht, Dich mit einem geheimen Auftrag dorthin zu schicken.« Der Schmied sprach seine Bereitwilligkeit hierzu aus, und Tressilian, der recht gut wußte, daß der Schmied mit der Natur der Geschäfte, die er bei Hofe hatte, nicht unbekannt war, setzte ihn nun vollständig in Kenntnis davon und ließ auch nicht unerwähnt, welche Abmachung er mit Giles Gosling getroffen hatte, wie er ihm auch erzählte, was Varney an jenem Tage in dem Audienzgemach erzählt und wofür sich Leicester verbürgt habe. »Du siehst,« setzte er nach einer Weile hinzu, »daß es mir unter den Umständen, in die ich geraten bin, wohl geziemt, auf das Tun und Lassen solcher grundsatzlosen Menschen wie Varney und seiner Komplizen, Foster und Lambourne, ein ebensolch scharfes Auge zu halten wie auf Lord Leicester selbst, der, wie ich argwöhne, teilweise Betrüger und keineswegs Betrogner in dieser Sache ist. Hier ist mein Ring als Pfand und Ausweis für Dich bei Giles Gosling, hier auch Gold, das dreifach vermehrt werden soll, wenn Du mir treu und redlich dienst. Und nun auf nach Cumnor! Und sieh zu, was dort geschieht.« »Ich gehe mit zwiefach gutem Willen,« erwiderte der Schmied, »erstlich, weil ich Euer Ehren diene, der so gütig gegen mich gewesen ist, und dann, um meinem alten Meister zu entgehen, der, sofern er nicht der Satan in Fleisch und Blut ist, doch wenigstens unheimlich viel vom Satan an sich hat, in seinem Willen sowohl wie in seinem Wort und seinem Handeln, wie nur je in einem Menschen zur Schande der Menschheit vorhanden gewesen sein mag.... Und doch soll er sich hüten vor mir! Ich fliehe vor ihm wie ehedem, aber gleich dem Wildochsen Schottlands reizt mich die häufige Hetze zur Wildheit, bis ich Haß und Verfolgung gegen ihn kehre. ... Will Euer Ehren Befehl geben zum Satteln meines Kleppers? Ich will nur Mylord die Medizin noch reichen, die ich in die verschiednen Portionen zerlegt habe, und einige Weisungen dazu hinterlegen. Sein Wohlbefinden und seine Rettung wird dann abhängen von seiner Dienerschaft und seinen Freunden. ... Vor dem, was geschehen, ist er außer Gefahr, aber, vor der Zukunft bewahrt und hütet ihn wie ein rohes Ei!« Wieland der Schmied empfahl sich nun bei dem Grafen, gab ihm einige Winke für seine Diät und über seine sonstige Lebens- und Verhaltungsweise, Dann verließ er, ohne den Anbruch des Morgens abzuwarten, Says-Hof. Zweites Kapitel. Als Leicester in seinen Palast zurückkehrte nach einem so wichtigen und sorgenvollen Tage, fühlte er sich, trotzdem sich seine Flagge zuletzt siegreich behauptet hatte, auf den Tod erschöpft, ganz wie ein Seemann nach gefährlichem Orkan. Als ihm sein Kämmrer den Mantel abnahm und ihm dafür den mit Zobel verbrämten Schlafrock reichte, sprach er kein Wort, und als ihm der gleiche Bedienstete meldete, daß Junker Varney mit Seiner Lordschaft zu sprechen begehre, erwiderte er bloß durch ein schwerfälliges Nicken. Varney sah dieses Nicken als Erlaubnis an und trat ein, worauf der Kämmerer sich zurückzog. Der Earl verhielt sich schweigend und rührte sich fast nicht in seinem Sessel. Sein Kopf ruhte in seiner Hand, und mit dem Ellbogen stützte er sich auf den Tisch, der vor ihm stand. Er schien den Eintritt seines Vertrauten kaum zu bemerken. Varney wartete ein paar Minuten, ob der Earl das Wort nehmen werde. Als dies nicht der Fall war, sah er sich , erpicht darauf, zu erfahren, welche Stimmung das Gemüt des Grafen jetzt beherrsche, endlich genötigt, selbst das Wort zu nehmen. »Darf ich Eurer Herrlichkeit gratulieren zu dem gestern errungnen Siege,« fragte er, »über den höchst gefährlichen Nebenbuhler?« Leicester hob das Haupt und antwortete finster, aber ohne Groll: »Du, Varney, weißt doch am besten, wie wenig Ursache im vorliegenden Falle ist zu Gratulationen, ist es doch lediglich Deine Kombinationsgabe, die mich in dieses Spinngewebe von Falschheit und Niedertracht verheddert hat!« »Tadelt Ihr mich, Mylord,« sagte Varney, »weil ich nicht auf den ersten Anlauf ein Geheimnis preisgab, von dem Euer Glück abhängig und das Ihr so oft und mit so viel Ernst mir als heilig zu hüten ans Herz gelegt habt? Eure Lordschaft war persönlich anwesend und hätte mir widersprechen können, hätte sich durch ein Bekenntnis der Wahrheit selbst zu gründe richten können; ganz ohne Zweifel war es aber nicht Sache eines getreuen Wieners, so zu handeln ohne unmittelbaren Befehl von Eurer Lordschaft.« »Was kann ich nicht in Abrede stellen, Varney,« erwiderte der Graf, indem er aufstand und quer durch das Gemach schritt; »mein eigner Ehrgeiz ist zum Verräter meiner Liebe geworden.« »Sagt lieber, Mylord, daß Eure Liebe zum Verräter geworden ist an Eurer Größe und Euch eine Aussicht sperrt auf Ehre und Macht, wie sie die ganze große Welt keinem zweiten ihrer Söhne wieder bieten kann. Dadurch, daß Ihr meine werte Frau zur Gräfin erhobet, habt Ihr dem Glück entsagt, daß Euch persönlich ...« Er machte eine Pause und schien keine Lust zu haben zur Vollendung des Satzes. »Welches persönlichen Glücks?« fragte Leicester; »sprich es aus, Varney, was Du meinst!« »Des Glückes, selbst ein König zu werden,« ergänzte, Varney seine Rede, »des Glückes, König von England zu werden! ... So zu sprechen ist kein Verrat an unsrer Königin. Indem sie Euch erwählte, hätte sie den Wunsch all ihrer Untertanen erfüllt und ihrem Lande einen lustigen, edlen und ritterlichen König gegeben!« »Du rasest, Varney,« antwortete Leicester. »Uebrigens haben doch gerade wir in unsern Tagen genug davon gesehen, was Männern für Heil wird durch Kronen, die ihnen zufallen aus Weibergunst! Nimm bloß in Schottland Darnley!« »Der!« sagte Varney, »ein Trottel, ein Narr, ein dreifach gesottner Esel, der sich wie eine Rakete beim ersten Freudenfeuerwerk in die Luft abschießen ließ! ... Hätte Maria das Glück gehabt, den edlen Earl zum Gemahl zu besitzen, der einst ersehen war, den Thron mit ihr zu teilen, so hätte sie einen Ehemann aus ganz anderm Holze kennen gelernt, und ihr Mann hätte in ihr eine Frau gefunden, so dienstwillig und liebevoll, wie das Gespons des niedrigsten Squire im Lande, die den Hunden zu Pferde folgt und ihm den Zaum beim Aufsteigen hält.« »Möglich, daß Du recht hast, Varney,« sagte Leicester, über dessen sorgenvolles Gesicht ein kurzes Lächeln der Genugtuung huschte. »Henry Darnleys Weiberkenntnis war gleich Null ... mit Maria hätte ein Mann, der mit Frauen umzuspringen wußte, mancherlei Chancen gehabt, das eigne Geschlecht zur Geltung zu bringen. Nicht aber mit Elisabeth, Varney – denn ich denke, Gott, der ihr das Herz eines Weibes schenkte, gab ihr dazu den Kopf eines Mannes, um des Herzens Torheiten im Zaume zu halten. – Nein, ich kenne sie. – Sie wird ein Liebesunterpfand hinnehmen und in gleicher Form und Güte erwidern, wird gezuckerte Sonette in ihren Busen schieben, ja, und mit gleicher Ware dafür zahlen, wird die Galanterie bis auf jene Spitze treiben, wo Neigungsaustausch aus ihr wird – dann aber schreibt sie zu allem folgenden nil ultra und würde kein Jota von ihrer eignen höchsten Gewalt für das gesamte Alphabet Cupidos und Hymens zum Tausche geben.« »Um desto besser für Euch, Mylord,« sagte Varney, »das heißt, wenn sie wirklich solchen Charakters ist ... und wenn Ihr eben meint, auf die Eigenschaft eines Ehegemahls keine Anwartschaft zu haben. Ihr Günstling seid Ihr und dürftet es bleiben, sofern die Dame in Cumnor-Place in ihrer dermaligen Dunkelheit verbleibt.« »Arme Amy,« sagte Lord Leicester mit tiefem Seufzer; »ach, und sie ersehnt es so innig, vor Gott und den Menschen als meine angetraute Gattin sich zu zeigen.« »Ei ja doch, Mylord,« sagte Varney, »hat aber ihr Wunsch Sinn und Verstand? Das ist die Frage. Die religiösen Zweifel der guten Dame sind gelöst ... sie ist ein Weib in Ehren und ein geliebtes Weib ... sie erfreut sich der Gesellschaft ihres Herrn Gemahls, so oft ihm seine höhern Pflichten vergönnen, in ihre Nähe zu eilen. ... Was möchte sie noch weiter wünschen? Meiner Ueberzeugung nach verbringt solch innig liebendes Weib, solch artiges, verständiges Weib ihr Leben lieber weiter in Abgeschlossenheit, – die übrigens auch nicht schlimmer oder härter ist, als sie es von ihrem Leben in Lidcote-Hall gewohnt ist – als daß sie ihrem Herrn Gemahl Eintrag, und sei er noch so gering, täte an Ehre und Größe durch vorzeitigen Versuch, beides zu teilen.« »Eine gewisse Wahrheit liegt in Deinen Worten,« sagte Leicester, »und verhängnisvoll würde es ja sein, wenn sie hier erschiene ... doch muß sie sich in Kenilworth zeigen, denn Elisabeth wird nicht vergessen, daß sie das bestimmt hat.« »Gönnt mir Zeit und Weile, diesen Punkt zu beschlafen,« erwiderte Varney; »sonst kann der Plan, den ich im Sinne habe, nicht reifen, der aber, ausgereift, sowohl der Königin als auch meiner geschätzten Gemahlin zur Befriedigung gereichen dürfte und dabei doch dieses verhängnisvolle Geheimnis in seinem Grabe lassen würde.... Hat Eure Herrlichkeit für die Nacht noch Befehle?« »Ich wünsche allein zu sein,« versetzte Leicester. »Verlaß mich, Varney, und stell meine Kassette auf den Tisch ... doch halte Dich in Rufweite!« Varney zog sich zurück und der Earl öffnete das Fenster, um lange und voll Unruhe auf das funkelnde Sternenmeer am Firmament zu blicken. Unwillkürlich entschlüpften ihm die Worte: »Nie war mir ein freundliches Bild der Himmelskörper so nötig, wie zur gegenwärtigen Zeit und Stunde, denn mein Erdenpfad liegt dunkel vor mir und verworren.« Daß zu der Zeit, in welcher diese Geschichte spielt, die eitlen Weissagungen der Astrologen in hohem Ansehen standen, ist bekannt, und Leicester, wenn auch im großen und ganzen nicht abergläubisch, stand doch in dieser Hinsicht nicht höher als seine Zeitgenossen, sondern lieh vielmehr den Doktoren dieser vermeintlichen Wissenschaft in einer Weise Förderung, die viel bemerkt wurde. Der Graf trat jetzt an die Kassette, sah nach, ob sie noch unversehrt und nicht etwa geöffnet worden sei; dann schloß er sie mit einem Schlüssel, den er aus einem andern Behälter nahm, auf und langte zuerst einige Goldstücke heraus, die er in eine seidne Börse schob, sodann ein Pergament, auf dem planetarische Zeichen standen, wie auch jene Linien und Exempel, die zur Stellung eines Horoskops gebraucht wurden. Eine Weile hielt er den Blick hierauf geheftet, dann griff er nach einem andern größern Schlüssel, der an der Wand hing, schob die Tapete beiseite und schloß eine geheime Tür auf, die im Winkel des Gemachs zu einer in der Mauerdicke befindlichen Wendelstiege führte. »Alasko,« rief der Earl mit gehobner Stimme, doch nur so laut als es notwendig war, um von dem Insassen des kleinen Turmes gehört zu werden, zu welchem hinauf die Stiege führte. »Alasco, erscheine!« »Ich komme, Mylord,« antwortete von oben hernieder eine Stimme. Ner Tritt eines alten Mannes wurde laut, der langsam die schmale Stiege herabkam; und Alasco trat in das Gemach. Es war ein kleiner Mann, dieser Astrologe, und schien bereits sehr alt zu sein, wenigstens war sein langer Bart, der über sein schwarzes Wams bis zu dem seidnen Gürtel herniederhing, schneeweiß. Sein Haar zeigte die gleiche ehrwürdige Farbe, dagegen waren seine Brauen so kohlschwarz wie die scharfen, durchdringenden Augen, die von ihnen beschattet wurden; und diese Merkwürdigkeit gab dem Gesichte des Greises ein seltsames, schreckliches Gepräge. Seine Wangen waren noch frisch und hatten einen rötlichen Anstrich, und die Augen, von denen wir eben gesprochen, wiesen Ähnlichkeit auf mit denen einer Ratte, sowohl in der Scharfe wie auch in der Wildheit des Ausdrucks. Seinem Wesen gebrach es nicht an einer gewissen Würde, und der Sterndeuter schien sich, wenn er auch die Formen des Respekts wahrte, doch keineswegs beklommen zu fühlen, im Gegenteil schlug er in der Unterhaltung mit dem erklärten Günstling Elisabeths einen Ton an, der etwas Schulmeisterliches, ja nicht selten etwas von soldatischer Strenge an sich hatte. »Eure Weissagungen haben sich nicht erfüllt, Alasco,« sagte der Graf, als sie einander begrüßt hatten, – »er ist genesen.« »Mein Sohn,« erwiderte der Astrologe, »laßt mich Euch daran erinnern, daß ich seinen Tod nicht verbürgte – auch laßt sich aus den Himmelskörpern, ihren Aspekten und Konjunktionen, kein Prognostikum stellen, das nicht der Richtigstellung durch den Willen des Himmels unterworfen wurde. Astra regunt homines, sed regit astra Deus .« »Welchen Wert besitzen dann Deine Mysterien?« fragte der Earl. »Hohen Wert, mein Sohn,« versetzte der Greis, »weil sich durch sie der natürliche und wahrscheinliche Verlauf der Dinge erkennen läßt, wenn er auch einer höhern Macht untertan bleibt. So werden Eure Herrlichkeit, wenn Ihr das Horoskop betrachtet, das Ihr meiner Geschicklichkeit anvertraut, wahrnehmen, daß Saturn, der im sechsten Hause in Opposition zum Mars steht und zurück in das Haus des Lebens schreitet, nichts andres bedeuten kann, als lange und gefahrvolle Krankheit, deren Haus in der Macht des Himmels steht, wenn sie auch wahrscheinlich zum Tode führen dürfte ... doch wenn ich den Namen des Betreffenden oder Betroffnen wüßte, so würde ich ein andres Schema aufstellen.« »Sein Name ist ein Geheimnis,« versetzte der Graf, »doch muß ich Dir bekennen, daß Dein Prognostikon, der Wahrheit nicht zuwider lief. Er ist krank gewesen, gefährlich krank, wenn auch nicht auf den Tod. Aber hast Du mein Horoskop gestellt, wie Dich Varney beauftragte, und bist Du im stande, mir zu sagen, welche Kunde die Sterne geben vom Stande meines gegenwärtigen Glücks?« »Meine Kunst steht zu Eurem Befehl,« erwiderte der alte Mann, »und hier, mein Sohn, liegt die Karte Deiner Schicksale, funkelnd im Aspekt, wie je unter dem strahlenden Glanze jener gepriesenen Zeichen, durch die unser Leben beeinflußt wird, jedoch nicht gänzlich frei von Gefahren, Hindernissen und Befürchtungen.« »Mein Los stände über dem der Sterblichen, wenn es sich anders verhielte,« sprach der Earl; »fahret fort, Vater, und seid überzeugt, daß Ihr mit einem Manne sprecht, der bereit ist, sich dem zu fügen, im Handeln wie im Leiden, was ihm vom Schicksal bestimmt ist ... ganz wie es sich ziemt für einen Edelmann des stolzen England.« »Dein Mut im Tun und Tragen muß doch um eine Saite höher gespannt werden,« sagte der Greis. »Die Gestirne künden noch einen stolzern Titel, noch einen höhern Rang. Es ist Deine Sache zu erraten, zu raten, was sie künde, nicht meine, es zu verkünden.« »Kündet mir es,« sprach Leicester, dessen Augen blitzten, während er auf den Greis zuschritt, »kündet es mir; ich beschwöre Euch.« »Ich kann nicht und ich will nicht,« erwiderte der Greis. »Fürstenzorn ist wie Löwengrimm. Aber höre und dann urteile selbst. Hier die Venus im Aufstieg nach dem Hause des Lebens und in Konjunktion zur Sonne, schüttet jene Flut silbernen Lichts, mit Gold gesättigt, hernieder, Und das bedeutet Macht, Reichtum, Ehren und Würden; alles, was ein Mannesherz begehrt, verheißt es in solchem Uebermaß, daß selbst Augustus, der Herrscher über jenes alte, übermächtige Rom, nimmer aus dem Munde seiner Haruspices solch eine Kunde von Glanz und Herrlichkeit vernahm, wie Du, das Lieblingskind Fortunens.« »Nu spaßest doch bloß mit mir, Vater,« sprach der Earl, erstaunt über den Schwall von Begeisterung, in welchem der Sterndeuter seine Weissagung gekündet hatte. »Stände Scherz und Spaß wohl einem Manne an, der schon mit einem Fuß im Grabe steht?« erwiderte der Greis feierlich. Der Earl schritt ein paarmal durch das Gemach, mit ausgestreckter Hand, wie jemand, der dem Wink eines Phantoms nacheilt, das ihn zu großen Taten ruft. Doch als er sich umdrehte, begegnete er dem Auge des Astrologen, das auf ihn geheftet war, während ein Blick schärfster Beobachtung unter dem Schirmdach seiner buschigen, dichten Brauen hervorzuckte. Leicesters stolze, argwöhnische Seele fing im Nu Feuer; und vom andern Ende des hohen Gemachs her schoß er auf den Greis zu und blieb erst stehen, als seine ausgestreckte Hand knapp einen Fuß vom Körper des Sterndeuters entfernt war. »Schurke!« schrie er, »wenn Du Dich erfrechst, mich zu betrügen, dann laß ich Dich lebendig schinden! ... Bekenne, daß Du erkauft bist, mich zu hintergehen und zu betrügen! ... daß Du ein Gauner bist und mich behandelst als Deine blöde Beute!« »Was soll diese Heftigkeit bedeuten, Mylord,« erwiderte der Greis, »oder in welcher Hinsicht kann ich sie verdient haben um Euch?« »Gib mir Beweise,« rief der Earl heftig, »daß Du mit meinen Feinden nicht unter einer Decke steckst.« »Mylord,« nahm da der Greis das Wort mit Würde, »Ihr könnt keinen bessern Beweis haben als den, den Ihr selbst Euch wähltet. In diesem Turme habe ich die letzten vierundzwanzig Stunden zugebracht, unter Eurem persönlichen Verschluß, in Eurer Haft. Sogar den Schlüssel trugt Ihr bei Euch! Diese Stunden in Dunkel und Finsternis habe ich darauf verwandt, die Himmelskörper mit diesen vom Alter getrübten Augen zu betrachten, und die Stunden der Helle dazu, dieses altersschwache Gehirn zur Vervollständigung der Kombinationen zu zwingen, die mir diese Steinbilder darboten. Irdische Speise habe ich nicht genossen ... keine irdische Stimme vernommen ... Ihr wißt selbst, daß dergleichen nicht mein Wille war ... und doch sage ich Euch ... trotzdem ich in solcher Einsamkeit und über solchem Studium hier eingesperrt gewesen ... daß Euer Stern innerhalb dieser vierundzwanzig Stunden am Horizont zur Herrschaft aufgestiegen ist, und daß mithin entweder das helle Himmelbuch trügt oder daß sich in Euren irdischen Schicksalen eine Umwälzung vollzogen haben muß, die sich mit dem Stande der Gestirne deckt. Hat sich in dieser Zeitspanne nichts ereignet, was zur Sicherung Eurer Macht oder zur Mehrung von Gunst, die Ihr genießt, beigetragen hat, dann allerdings bin ich ein Betrüger und Gauner, und die himmlische Kunst, die zuerst geübt ward in den Gefilden des uralten Chaldäa, ist ein elender Tand, eine alberne Komödie.« »Freilich warest Du,« sprach Leicester nach kurzer Ueberlegung, »im Turme eng eingeschlossen, und ferner trifft es zu, daß solche Wandlung in meiner Lage sich vollzogen hat, wie sie das Horoskop nach Deiner Rede kündete.« »Weshalb also dieses Mißtrauen gegen mich, mein Sohn?« sagte der Astrologe, indem er den Ton eines Ermahners anschlug, »die Himmelsgeister ertragen kein Mißtrauen, auch nicht bei denen, die ihre Gunst genießen.« »Frieden, Vater,« antwortete Leicester, »ich habe mich im Irrtum befunden, im Zweifel. Nicht zu sterblichen Wesen, geschweige zu himmlischen Geistern werden Dudleys Lippen auch nur ein einziges Wort weiter sagen ihnen zur Huldigung, ihm selber zur Entschuldigung! Reden wir vielmehr von dem gegenwärtigen Stande der Sterne ... Sterne! Inmitten der leuchtenden Verheißungen fand sich, sagtest Du, auch ein drohender Aspekt ... kann Deine Kunst künden, woher und von welcher Seite solche Gefahr droht?« »Nur insoweit,« lautete die Antwort des Sterndeuters, »gibt meine Wissenschaft mir die Möglichkeit zu einer Antwort auf Eure Frage: Das Unglück droht durch den bösen und feindlichen Aspekt ... von seiten eines Jünglings ... und, wie ich meine, eines Nebenbuhlers ... aber ob er wider Euch ist auf dem Felde der Liebe oder der fürstlichen Gunst ... das zu sagen bin ich außer stande; auch kann ich weiteres über ihn nicht sagen, außer daß er aus dem westlichen Viertel herzieht.« »Von Westen her? ... Ha!« erwiderte Leicester, »genug, genug! ... Freilich zieht das Gewitter herauf aus Westen! Cornwall und Devon ... Raleigh und Tressilian ... auf einen dieser beiden deutet das Gestirn ... vor ihnen beiden muß ich mich hüten ... Vater, ich habe Deiner Kunst unrecht getan ... ich will Dir eine fürstliche Belohnung geben!« Er nahm aus der Kassette, die vor ihm stand, eine Börse voll Gold. »Hier nimm den doppelten Lohn, den Varney Dir versprach ... sei getreu ... sei verschwiegen ... gehorche den Weisungen, die Du von meinem Stallmeister erhalten wirst, und grolle nicht über die kurze Haft, die Du erlitten, oder den Zwang, der Dir in meiner Sache auferlegt worden. Du sollst für alles reich entschädigt werden! ... Hier, Varney, geleite diesen ehrwürdigen Mann nach Deinem eignen Gemach ... sieh zu, daß er an nichts notleide ... aber achte darauf, daß er mit niemand in Verkehr trete.« Varney verneigte sich, der Sterndeuter küßte dem Earl die Hand zum Zeichen des Abschieds und folgte dem Stallmeister in ein andres Gemach, wo Wein und Erfrischungen für ihn bereit standen. Der Sterndeuter setzte sich zum Essen nieder, während Varney übervorsichtig zwei Türen abschloß, hinter die Tapete guckte, ob nicht etwa ein Fremder sich versteckt habe, und dann gegenüber dem Weisen Platz nahm. »Habt Ihr mein Zeichen drüben vom Hofe gesehen?« begann er zu fragen. »Jawohl,« antwortete Alasco, denn mit diesem Namen wurde er jetzt gerufen ... »und ich habe das Horoskop demgemäß gestellt.« »Und der Graf ließ es gelten ohne Widerspruch,« fragte Varney weiter. »Nicht ganz,« versetzte der Greis, »aber er ließ es gelten, und ich setzte hinzu, daß die Gefahr aus Westen drohe, von seiten eines Jünglings.« »Mylords Furcht wird bei der einen und sein Gewissen bei der andern Prophezeihung Gevatter stehen,« bemerkte Varney. »Sicherlich hat es in der Welt nie einen Menschen gegeben, der solches Rennen wagte und dabei sich herumschlug mit solchen Zweifeln ... mir bleibt nichts anderes übrig, als ihn zu seinem eignen Vorteil zu betrügen ... Was aber nun Eure Angelegenheit angeht, kluger Dolmetsch der Gestirne, so kann ich Euch von Eurem Geschick besser Kunde geben als Euer ganzes Firmament.... Ihr müßt den Stab von hinnen setzen!« »Das will ich nicht,« entgegnete Alasco., »Ich bin in der letzten Zeit meines Lebens zu viel herumgejagt worden ... hab Tag und Nacht in einsamem Turme gesessen ... ich muß meine Freiheit genießen muß meine Studien fortsetzen, die von größrer Wichtigkeit sind als das Schicksal von fünfzig Staatsmännern und Günstlingen, die emporsteigen und bersten wie Schaumblasen in solcher Hofatmosphäre.« »Ganz wie es Euch gefallt,« antwortete Varney, mit jenem boshaften Lächeln, das seinen Zügen zur Gewohnheit geworden war, und das bei den Malern als das Hauptcharakteristikum des Satans zu gelten pflegt ... »ganz wie es Euch gefällt,« sagte er, »Ihr dürft Euch Eurer Freiheit freuen und Euren Studien hingeben, bis die Dolche der Parteigänger des Earl of Sussex den Weg zwischen Euer Wams und Eure Rippen finden werden.« Der alte Mann erbleichte, und Varney fuhr fort: »Wißt Ihr nicht, daß er eine Belohnung ausgesetzt hat für die Auffindung des Quacksalbers und Giftmischers mit Namen Demetrius, der dem Koche Seiner Herrlichkeit gewisse köstliche Gewürze verkauft hat? ... He, alter Freund? Ihr werdet bleich? ... Erblickt Hali ein Unglück im Hause des Lebens!? ... Na, hört mal zu, wir wollen Euch in ein altes Haus auf dem Lande schaffen, das mir gehört, wo Ihr leben könnt mit einem alten, griesgrämigen Sklaven, den Eure Alchimie in Dukaten verwandeln mag, denn zu solcher Umwandlung allein ist Eure Kunst ja dienstbar.« »Lüge, eitel Lüge ist es, was Deine Lippen reden,« rief Alasco, vor ohnmächtigem Zorn bebend, »Du böser Spötter! Es ist wohl bekannt, weit über dieses Land hinaus, daß ich dem Endgeheimnis näher gerückt bin als jeder andre Sterbliche! Von keinem halben Dutzend meiner Rivalen auf dem Boden der alchimistischen Wissenschaft läßt sich sagen, daß sie dem großen Arkanum, nach dessen Erkenntnis die Geister ringen, so nahe gekommen seien wie ich.« »Na na, na na,« fiel ihm Varney ins Wort, »was ins Himmels Namen soll das heißen? Sind wir denn nicht Bekannte? Ich glaub Dir gern, daß Du es weit gebracht hast in der Kunst oder dem Geheimnis zu betrügen, daß Du Dich, nachdem Du alle Welt betrogen, nun selbst betrügst und, ohne deshalb aufzuhören, andre an der Nase zu führen, Dich selber an der Nase führst! Werde nicht rot deshalb, Mensch! ... ein gelehrtes Haus bleibst Du trotzdem ... kein andrer als Du selbst vermöchte Dich betrügen! ... Aber eins laß Dir ins Ohr sagen, alter Knabe! War das Gewürz, das Sussex die Suppe versalzen sollte, schärfer gewesen, so dächte ich besser von Deiner Kunst, mit der Du Dich so dick tust,« »Du bist ein hartgesottner Schuft, Varney,« erwiderte Alasko, »gar manche tuns und reden nicht davon.« »Und manche wieder reden davon und tuns nicht,« entgegnete Varney, »aber grolle mir deshalb nicht, ich suche keinen Zwist mit Dir ... tät ichs, so riskierte ich ja, vier Wochen lang aus Furcht vor Gift von Eiern leben zu müssen ... doch sage mir, wie ging es zu, daß Deine Kunst in diesem Falle Dich so schmählich im Stich gelassen hat?« »Das Horoskop des Earl of Sussex verkündet,« entgegnete der Astrologe, »daß das Zeichen des aufsteigenden Wesens in Aufruhr ...« »Verschone mich doch endlich mit Deinem Quatsch!« rief Varney grob; »meinst Du etwa mit dem Grafen zu schauspielern?« »Ich bitte Euch um Verzeihung und schwöre Euch,« erwiderte der Greis, »daß bloß ich eine Medizin kenne, die im stande war, des Grafen Leben zu retten, und daß niemand in England lebt, der das Gegengift kennt als ich selbst ... und seine Bestandteile, einer insbesondre, sind fast nirgendswo erhältlich. ...« »Es ging die Rede von einem Quacksalber,« bemerkte Varney nach kurzem Besinnen, »der ihn gepflegt und geheilt habe;« dann fragte er den Greis: »Seid Ihr Eurer Sache sicher, daß außer Euch niemand im Besitze dieses Gegengiftes ist?« »Einer hat gelebt, der ehedem Diener bei mir war,« erwiderte der Doktor, »der könnte es mir mit einigen andern Geheimnissen gestohlen haben! Aber, Junker Varney, es verträgt sich nicht mit meiner Art, solchen Pfuschern Einmischung in mein Handwerk zu gestatten. ... Der spürt meinen Geheimnissen nicht mehr nach, verlaßt Euch drauf ... denn ich glaube, er ist auf feurigem Drachen gen Himmel gefahren ... Friede seiner Asche! ... Aber darf ich rechnen, in jener Einsamkeit, von der Ihr sprecht, mein Laboratorium zu finden?« »Eine ganze Werkstatt, Mann!« rief Varney, »denn ein ehrwürdiger Abt, der vor mehr als zwanzig Jahren den flotten König Heinz dort mit manchem seiner Höflinge bewirtet hat, besaß einen vollständigen Alchimistenschuppen, der von einem seiner Nachfolger auf den andern überkommen ist. Dort sollst Du Wich niederlassen, dort sollst Du mischen und mehren und quacksalbern und doktern nach Herzenslust, bis der grüne Drache sich zu Gold gewandelt hat, oder wie die Rede bei Euch gelahrten Zunftbrüdern sonst wohl heißt.« »Nu hast recht, Junker Varney,« sprach, der Alchimist, die Zähne aufeinander pressend, daß sie knirschten, »recht in Deiner hohen, bodenlosen Verachtung alles Rechts und aller Vernunft, denn was Du sprichst im Hohn, kann lautre Wahrheit sein, ehe wir uns zum andern Male sehen. Und ist es darum nicht klug von mir und weise, daß ich mein künftiges Leben, so lange es noch währen wird, in Ruhe meiner Wissenschaft weihe, die mich frei macht von niedriger Abhängigkeit von Günstlingen, und Günstlingen von Günstlingen, in deren Klauen ich jetzt stecke?« »Recht so, bravo! Bravo! Mein guter Vater!« rief Varney mit seinem gewohnten sardonischen Lächeln, »aber alle Versuche, Dich dem Steine der Weisen zu nähern, lockten Mylord Leicester keine Krone aus der Tasche, und Richard Varney noch weniger. Was wir von Dir verlangen, sind irdische Dinge, sind Dienste, die wir fassen, die wir schätzen können, Mann! Mit all Deiner philosophierenden Sternhimmelkomödie locken wir keinen Hund hinterm Ofen vor.« »Mein Sohn Varney,« erwiderte der Alchimist, »Dich umgibt Unglaube gleich einem frostigen Nebel und hat Deinen Geist derartig getrübt, daß er dem Weisen zum Stein des Anstoßes wird, und dem, der in Demut Erkenntnis sucht, eine so deutliche Lehre gibt, daß jeder sie verstehen muß. Du meinst, Kunst besitze die Macht nicht, die unvollkommnen Versuche der Natur in der Erzeugung von Metallen zu vervollkommnen, und doch vermag sie es!« ... »Papperlappapp,« fiel ihm Varney ins Wort, »das ist mir alles schon so oft vorgeschwatzt worden, daß ich genug davon habe, besonders seit ich ein solcher Esel war, als Grünling im Leben zwanzig Goldfüchse an die Gewinnung des feinen chemischen Pulvers zu setzen, die aber, leider! in Qualm aufgingen. Seitdem soll mit jeder fern bleiben mit allem, was nach Chemie duftet, oder sich als Astrologie, Chiromantie oder sonstwie aufspielt. Aus mir lockt all dies Zeug keinen roten Heller mehr heraus. Drum sage ich Dir, Freund, was Du in Deiner neuen Behausung zu verrichten Dir angelegen sein läßt, wird am besten darin bestehen, einen Vorrat von jenem Sussex-Manna zu bereiten, das ich nicht entbehren und darum auch nicht verspotten will ... Du weißt ja, das Manna des heiligen Nikolaus ...« »Ich will kein Manna mehr bereiten,« erwiderte der Greis, fest entschlossen. »Dann sollst Du hängen,« rief der Stallmeister, »für Deine bisherigen Sünden, in welchem Falle die Menschheit auch um Dein großes Geheimnis wäre, und wohl kaum zu ihrem Schaden ... Aber sei nicht so grausam gegen sie, Vater, tue der Menschheit diese Ungerechtigkeit nicht an! sondern unterwirf Dich Deinem Schicksal und mach uns ein paar Unzen aus jenem selben Stoff, so daß es ungefähr ausreicht für ein paar Personen. Das schafft Dir Mittel, Deine Universalarznei zu bereiten, die ja doch alle Krankheit auf einmal aus der Welt schaffen soll. Aber sei lustig und guter Dinge, alter Brummsack! Hast Du mir nicht gesagt, daß eine bescheidne Portion Deines Tränkchens milde Wirkung tue, dem menschlichen Leibe in keiner Weise zu Schaden sei, sondern bloß Niedergeschlagenheit, Kopfweh, Schwindel und Unlust, sich vom Flecke zu bewegen, verursache? daß es dem Menschen zu Mute werde, wie einem Vögelchen im Käfig, das keine Lust habe, aus seinem Käfig zu fliegen, auch wenn ihm die Tür geöffnet wird?« »Allerdings habe ich so gesagt,« erwiderte der Alchimist, »und so verhält es sich auch. Solche Wirkung wird es hervorbringen, und das Vöglein, das sich mit solch mäßiger Portion bescheidet, wird eine Zeitlang matt und müde auf seiner Stange sitzen, ohne des freien, blauen Himmels oder des frischen, grünen Waldes zu gedenken, auch wenn der Himmel beschienen würde von den Strahlen der aufgehenden Sonne und in dem Walde das schönste Konzert seiner lustigen Sänger erschallte.« »Und solcher Zustand würde ohne Gefahr des Lebens sein?« fragte Varney, nicht frei von Unruhe. »Ja, das heißt, sofern das richtige Maß nicht überschritten wird und jemand, der die Beschaffenheit des Manna kennt, die Symptome überwacht und im Notfälle zu Hilfe kommen kann.« »Du sollst das Ganze regeln,« sagte Varney, »Deine Belohnung soll fürstlich sein, wenn Du die richtige Zeit hältst und das richtige Verhältnis triffst, so daß ihre Gesundheit nicht leidet ... andernfalls rechne mit schwerer Strafe!« »Daß Ihre Gesundheit nicht leidet?« erwiderte Alasko; »also ist es ein Weib, an dem ich meine Kunst versuchen soll?« »Nein, Du Tropf!« versetzte Varney; »habe ich Dir denn nicht gesagt, ein Vögelchen, eine zahme Meise, deren süßer Schlag selbst einen Habicht weich stimmen möchte? ... ha! Wie Dein Auge glänzt! O, ich weiß, ich weiß, Dein Bart ist keineswegs so weiß, wie Kunst ihn gefärbt hat.... Das wenigstens hast Du zu Silber wandeln können! Aber, Freund! Das ist nichts für Dich! Nichts für Dich! Das Vögelchen im Käfig gehört jemand, der sich niemand ins Gehege kommen läßt, am wenigsten solchen Vogel wie Dich und . . das merke Dir! Das Vögelchen muß gesund bleiben, das ist Hauptsache bei der ganzen Sache.... Aber die Dinge liegen nun einmal so, daß sie bei den Festen drüben in Kenilworth erscheinen soll; und es muß alles daran gesetzt werden, daß unser Vögelchen nicht dorthin fliegen kann ... es darf nicht sein ... darf unter keinen Umständen sein ...doch braucht sie davon, daß dies notwendig ist, und weshalb es notwendig ist, nichts zu erfahren; es muß vielmehr alles aufgeboten werden, daß sie von den Festlichkeiten aus freiem Willen wegbleibt, daß sie sich dem Ansinnen, den Fuß aus ihrem Hause zu setzen, von selbst widersetzt,« »Das ist nur natürlich,« sagte der Alchimist mit seltsamem Lächeln, das aber größere Vertrautheit mit dem menschlichen Charakter zeigte, als die teilnahmlose, nüchterne Miene, die sein Gesicht bisher gezeigt hatte. »So stehts,« sagte Varney; »ich sehe, Ihr versteht Euch auf Weiber, wenn es auch lange her sein mag, daß Ihr mit ihnen verkehrt habt ... Nun also, Du hörst, es darf ihr nicht widersprochen werden ... und darf ihr auch nicht gewillfahrt werden. ... Ein leichtes Unwohlsein, wohl verstanden, das ihr die Lust benimmt, sich vom Flecke zu rühren, das ihr nahe legt, sich an Euch zu wenden, mit Euch sich zu begnügen, den Aufenthalt bei sich zu Hause allem andern vorzuziehen, das wäre, mit einem Worte, dasjenige, was als ein guter Dienst anzuerkennen und als solcher auch zu belohnen wäre.« »Das Haus des Lebens zu gefährden, wird also nicht von mir gefordert werden?« fragte der Alchimist. »Im Gegenteil,« versetzte Varney, »an den Galgen sollst Du, sofern Du Dir solches beikommen läßt!« »Und mir sollen,« setzte Alasco hinzu, »die Hände frei bleiben, es soll mir unbenommen sein, zu fliehen oder mich zu verbergen, falls die Sache entdeckt werden sollte?« »Ganz wie Du willst, ganz wie Du willst, Du Ungläubiger, Du Heide in allen Dingen, die nicht zu Deinem unmöglichen, alchimistischen Unsinn gehören ... He, Mann, wofür hältst Du mich denn?« Der Greis stand auf, nahm ein Licht und begab sich zu der Tür, die zu dem kleinen Schlafstübchen führte, wo er die Nacht zubringen sollte ... an der Tür drehte er sich uni und wiederholte langsam Varneys Frage, ehe er Antwort gab: »Wofür ich Euch halte, Varney? ... hm, für einen schlimmern Teufel, als ich selbst gewesen bin. Aber ich bin in Euren Netzen und muß Euch dienstbar sein, bis meine Zeit um ist.« »Gut, gut,« antwortete Varney eilig; »sei auf den Beinen, wenn der Tag graut. Wer weiß, vielleicht brauchen wir Deine Arznei nicht ... unternimm nichts eher, als bis ich selbst da bin ... hörst Du? ... Michael Lambourne wird Dich an den Ort Deiner Bestimmung schaffen.« Als Varney hörte, daß der Adept die Tür abschloß und sich vorsichtig einriegelte, machte er einen Schritt vorwärts und schloß mit gleicher Vorsicht die Tür von außen ab, zog den Schlüssel ab und brummte vor sich hin: »Schlimmer als Du, Du giftmischerischer Quacksalber und Hexenkoch, den der Teufel sich bloß deshalb nicht zum Sklaven genommen, weil ihm solcher Lehrjunge ein Greuel ist? Ich bin ein Sterblicher, und suche durch Mittel, wie sie Sterblichen zugänglich, Befriedigung für meine Leidenschaften und Förderung der Aussichten, die mir das Leben eröffnet ... Du aber, Du bist ein Vasall der Hölle, der richtigen Hölle! ... Heda, Michel Lambourne!« rief er zu einer andern Tür hinaus ... und Michel Lambourne trat herein mit geröteter Wange und unsichern Schrittes, »Du bist betrunken, Schuft!« herrschte Varney ihn an. »Ganz ohne Frage, edler Herr,« versetzte der schamlose Michel; »haben wir doch alle auf die rühmlichen Erfolge dieses Tages und auf Mylord Leicester und seinen tapfern und männlichen Stallmeister ein paar Pullen geleert.... Betrunken! Gott versorge mich! Betrunken! Wer an solchem Abend nicht ein paar Dutzend Gesundheiten hinunterschüttet, der muß ein madiger Philister, ein Dreckfilz von Gesinnung sein, dem jagte ich auf der Stelle meinen Dolch sechs Zoll tief in den Wanst!« »Laß Dir raten, Hallunke! Werde im Nu nüchtern ... ich befehle Dirs! Ich weiß, Du kannst im Nu nüchtern sein, so betrunken Du auch bist, wenn Du bloß willst. Willst Du es heute nicht, dann mach Dich auf Schlimmes gefaßt.« Lambourne ließ den Kopf sinken, ging aus dem Gemache und kam nach Verlauf einiger Minuten zurück, durchaus ein andrer. Sein Gesicht war ruhig und gesetzt, sein Haar war ordentlich gekämmt, sein Anzug saß richtig und sah sauber und manierlich aus. »So? Bist Du jetzt nüchtern? Und verstehst Du mich jetzt?« sagte Lambourne mit strenger Stimme. Lambourne verneigte sich zustimmend. »Du mußt auf der Stelle nach Cumnor-Place mit dem ehrwürdigen Meister, der drüben in dem kleinen Gewölbe schläft. Hier ist der Schlüssel, damit Du ihn beizeiten wecken kannst. Nimm noch einen verläßlichen Burschen mit! Behandle ihn gut auf der Fahrt, aber laß ihn nicht entwischen! Schieß ihn nieder, wenn ihm die Lust hierzu ankommen sollte; ich wills verantworten. Du sollst von mir Briefe an Foster mitbekommen. Der Doktor soll die untern Zimmer vom östlichen Viereck bewohnen, und es soll ihm freistehen, das alte Laboratorium mit seinem Zubehör zu benutzen. ... Zu der Dame soll er keinen Zutritt haben, bis ich weiter darüber bestimme ... es müßte gerade sein, sie fände Freude an seinem gelehrten Krimskrams. Du selbst wartest in Cumnor-Place meine weitern Befehle ab; und wenn Dir Dein Leben lieb ist, dann meide die Bierbank und den Schnapstisch. Jeder Atemzug in Cumnor-Place muß frei bleiben von gemeinem Dunste!« »Genug, Mylord ... wollte sagen mein verehrter Herr und Gebieter ... bald, hoffentlich recht bald, mein verehrter Herr und Ritter! ... Ihr habt mir meine Lektion gesagt und meine Lizenz erteilt ... ich werde die eine ausführen und die andre nicht mißbrauchen. Ich werde bei Tagesanbruch im Sattel sitzen.« »Recht so, und erwirb Dir Gunst! ... Noch eins! Bevor Du gehst, füll mir noch einen Becher Wein – nicht aus der Flasche, Lümmel!« rief er, als Lambourne aus der Flasche eingießen wollte, aus der Alasco getrunken hatte ... »stich eine frische an!« Lambourne gehorchte; und Varney trank, nachdem er sich den Mund mit einem Schluck ausgespült hatte, den Becher leer, dann nahm er eine Lampe und zog sich in seine Schlafkammer zurück. »Seltsam!« sprach er unterwegs ... »ich bin so wenig wie nur irgendwer Sklave der Phantasie, und doch brauche ich bloß ein paar Worte mit diesem Kerl Alasco zu reden, so ist es mir zu Mute, als seien mir Mund und Lungen mit arseniksaurem Kalk verkleistert ... Pah!« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. Lambourne blieb noch stehen, weil er noch einen Schluck aus der aufgekorkten Flasche nehmen wollte. »Es ist Johannisberger,« sagte er, »welcher vom Berge,« und er roch an der köstlichen Blume.... »Ha! Fürwahr, was Feines! ... Aber ich muß es nun lassen, damit ich eines Tages nach Lust und Laune davon trinken kann.« Dann trank er ein volles Glas Wasser aus, um die Kraft des Rheinweins zu dämpfen, zog sich langsam nach der Tür zurück, blieb noch einmal stehen und ... konnte der Versuchung nicht widerstehen, sondern trat wieder zu der Flasche, setzte sie an den Mund, – auf die Form, den Wein in einen Becher zu gießen, verzichtend – und trank die Flasche leer bis auf die Neige. »Wär bloß diese vertrackte Gewohnheit nicht,« sagte er, »so kletterte ich genau so hoch, wie Varney selbst. Aber wer kann klettern, wenn der Raum, in dem er sich befindet, um ihn im Kreise tanzt wie ein Quirl? ... Ach, ich wollte, die Entfernung wäre größer und die Straße holpriger zwischen Mund und Becherrand! ... Aber morgen trink ich keinen Tropfen Wein ... bloß Wasser ... Wasser ... nichts als klares Wasser!« Drittes Kapitel. Die Gaststube des »Schwarzen Bären« in Cumnor, wohin unsre Erzählung zurückkehrt, durfte sich an dem Abend, von dem wir reden, einer nicht gewöhnlichen Versammlung von Gästen rühmen. Es war Markt in der Nachbarstadt gewesen, und der Schnittwarenhändler von Abingdon hatte mit einigen, andern dem Leser als Gäste und gute Bekannte von Giles Gosling bereits bekannt gewordenen Personen schon zeitig einen Kreis um das abendliche Feuer geschlossen und diskutierte mit ihnen eifrig die Tagesvorgänge. Es war ein muntrer, pfiffiger, lauter Patron, dessen Warenballen nebst dem Ellenmaß aus Eichenholz, das mit messingnen Punkten angemessen übersät war, ihn deutlich als »einen von des Zukunft des Autolykos« kennzeichnete. Er nahm einen großen Teil der Aufmerksamkeit für sich in Anspruch und sorgte andrerseits fleißig für Unterhaltung. Die Hausierer jener Zeit waren, wie hier erinnert sein mag, Leute von weit größrer Wichtigkeit, als ihre verbummelten und von der Zeit überholten Kollegen von heute. In der Hand dieser »wandelnden Kaufleute« lag zum weitaus größten Teile der »Handel« mit den bessern Manufakturwaren »über Land« für die Frauentracht, der Zeit, und wenn es ein solcher Handelsmann so weit gebracht hatte, daß er ein Packpferd sein eigen nannte, so galt er schon als eine recht angesehene Person im Lande, und für jeden Landsassen, der ihm unterwegs begegnete, als eine durchaus anständige und willkommne Reisegesellschaft. Der Handelsmann, von dem hier die Rede ist, nahm demzufolge an der fröhlichen Zeche, die in dem gemütlichen »Schwarzen Bären« in Cumnor von den Stammgästen desselben gehalten wurde, einen tätigen und allgemein willkommen geheißenen Anteil. Er liebäugelte mit der niedlichen »Jungfer Cilchen«, lachte mit dem Wirt und scherzte mit Herrn Goldfaden, der diesmal, ohne es zu wollen, für die Gesellschaft die Zielscheibe des Witzes war. Er war mit dem Hausierer in einen heftigen Diskurs geraten über den Vorzug, der den spanischen Strümpfen gegenüber den schwarzen Gamaschen, die aus der Gascogne eingeführt wurden, gebühre, und der Herr Wirt hatte eben den Gästen zugeblinzelt, wie wenn er ihnen sagen wollte: »Jetzt aufgepaßt, meine Herrschaften, jetzt werden wir was erleben!« ... als im Hofe Pferdegetrappel laut wurde und mit lauter Stimme nach dem Wirt gerufen wurde, dazwischen hinein, auch einige der damals landesüblichen Flüche geschrieen wurden. Wie ein Sturmwind war Will, der Hausknecht, draußen und hinter ihm her sauste, wie ein andrer Sturmwind, Johann der Kellner; und hinter beiden her der ganze Troß der Bedienerschaft, die alle von ihren Posten gewichen waren, um ein bißchen teilzunehmen an den Zechfreuden, die heute hier herrschten. Auch der Herr Wirt stürzte hinaus, um seinen neuen Gästen den Willkommen zu bieten, und kam sogleich wieder herein, seinen würdigen leiblichen Neffen, Michael Lambourne, vor sich herschiebend, der ziemlich anständig betrunken war und den Astrologen, am Schlafittchen führte. Alasco, wenngleich noch immer ein kleines altes Männchen, hatte doch dadurch, daß er sein Wams mit einem Reitrocke vertauscht und sich Bart wie Brauen abgeschnitten hatte, ein Aussehen um zwanzig Jahre jünger gewonnen und konnte jetzt für einen rüstigen Mann zu Anfang oder Mitte der sechziger gelten. Er zeigte ein äußerst unruhiges Wesen und hatte viel in Lambourne hineingeredet, nicht erst im Gasthofe Einkehr zu halten, sondern ohne Aufenthalt sich an das Ziel ihrer Fahrt zu begeben. Aber Lambourne hatte nichts davon hören mögen. »Onkel!« schrie Lambourne, als er die Gaststube glücklich erreicht hatte, »ein großes Maß von Euerm besten Sekt! es gilt eine Runde für den edlen Lord of Leicester! ... Was? Sollen wir einander nicht begrüßen? Sollen wir unsre Verwandtschaft nicht begießen? Ha, das wäre noch schöner! Wir beide, und nicht mitsammen einem paar Pullen die Hälse umdrehen! Hahaha! Das wäre!« »Gewiß, Vetter! Das tun wir und mit ganzem Herzen!« sagte der Wirt drauf, auf dessen Gesicht aber ziemlich deutlich zu lesen stand, daß er den Patron am liebsten wieder los wäre, »aber kannst Du soviel Wein auch berappen?« Diese Frage, die manch andern Zecher in Verlegenheit gesetzt hätte, änderte an dem Vorsatz Michael Lambournes nicht das geringste. »Nanu, Onkel! Nach Geld fragt Ihr? Holt Euch Bescheid in Mexiko und Peru!« und bei den Worten warf er eine Handvoll Goldstücke auf den Tisch; »stellt Eure Frage an den Lordschatzmeister der Königin ... Gott segne Majestät! ... meines guten Herrn gnädige Dame!« »Schön, schön, mein lieber Neffe,« versetzte drauf der Wirt, »mein Geschäft ist, Wein an Leute zu verkaufen, die bezahlen können ... , na, Johann, Nu kannst nun auftragen ... Aber gern erfuhr ich aus Deinem Munde, auf welche Weise man so schnell' zu Geld kommt, Michel?« »Hm, Onkel, dies Geheimnis will ich Euch künden.... Seht Ihr das kleine Männchen da? Ein Kerl, verwelkt wie ein Span, mit dem sich der Teufel ein Süppchen gekocht! ... Und doch, Onkel, unter uns gesagt, in seinem Gehirn hat Witz seinen Sitz ... Mord und, Tod! Der Kerl macht aus Häckerling Gold! flinker als ich fluchen kann!« »In meinem Beutel mag ich aber doch nichts haben aus seiner Münze, Michel,« meinte der Wirt; »ich weiß, was für Strafe drauf steht, wenn man falsches Geld unter die Leute bringt.« »Du bist ein Esel, Onkel, so alt Du sein magst – zieh mich doch nicht am Aermel, Doktor; auch Du bist ein Esel! Ein gründlicher Esel! Und da Ihr beide Esel seid, so sage ich Euch hiermit, daß ich bloß im Bilde gesprochen habe.« »Seid Ihr von Sinnen? Steckt der Teufel in Euch? ... Könnt Ihr uns nicht hier ruhig sitzen lassen, ohne daß sich alle Gäste nach uns umsehen!« flüsterte Alasco. »Meinst Du?« sagte Lambourne, »da bist Du im Irrtum, Alter. ... Keiner soll Dich ansehen, darauf gebe ich Dir mein Wort! Hörst Du? ... Beim Himmel, Leute! Wer sich erfrecht, dem alten Männchen hier ins Gesicht zu sehen, dem stech ich mit meinem Dolch die Augen ans dem Schädel! ... So, nun setz Dich, Alterchen, und sei vergnügt ... die Leutchen hier sind meine Sippe ... meine alten Kumpane und Kameraden, die werden niemand verraten oder hineinlegen.« »Wärs nicht gescheiter, Neffe,« meinte Giles Gosling, »Du nimmst Dir ein besondres Zimmer ... Du redest gar so wunderliche Dinge, und Aufpasser und Horcher gibts doch überall!« »Um die scher ich mich nicht,« rief der großspurige Michael. ... »Aufpasser? Prrr! ... Ich bin in Diensten bei Lord Leicester ... Da kommt der Wein ... Füll einen Becher, Mundschenk! eine Runde für den edlen Lord of Leicester, die Blume von England! Für den edlen Lord Leicester, sage ich ... wer nicht mir Bescheid trinkt, ist ein Schwein von Sussex, und er soll mir auf den Knien saufen oder ich schneid ihm die Keulen vom Leibe und räuchre sie zu Schinken!« Keiner riskierte es daraufhin, dem rohen Patron nicht Bescheid zu tun, und Michael Lambourne, dessen Trunkenheit natürlich durch diese neue Füllung nicht gemindert wurde, fuhr in seiner rüpelhaften Weise fort, in dem Gastzimmer herumzuschreien, erneuerte mit manchen der Gästen die frühere Bekanntschaft, von denen manche ihm mit Respekt, manche mit Furcht, manche mit einer zwischen beiden schwankenden Empfindung entgegentraten, denn es waren wahrlich genug Gründe vorhanden, auch dem niedrigsten von Leicesters Dienerschaft, besonders wenn er ein Mensch war wie Lambourne, mit Vorsicht zu begegnen. Mittlerweile ließ der alte Mann, da er seinen Führer in dieser unzurechnungsfähigen Laune sah, weitere Einreden sein, setzte sich in die finsterste Ecke der Stube und bestellte sich ein kleines Glas Warmbier, über dem er, wie es schien, einzunicken anfing. So viel wie möglich entzog er sich der allgemeinen Beachtung, tat wenigstens nichts, was seine Gegenwart dem Reisegefährten in die Erinnerung führen konnte, der sich zu seinem alten Kameraden Goldfaden von Abingdon gesetzt hatte und Erinnerungen aus frühern Tagen mit ihm aufwärmte. »Wenn ich sage, muntrer Michel, ich war über Deinen Anblick nicht so froh wie über den meines besten Kunden, der mirs Geld auf den Tisch legt,« sagte Krämer Goldfaden, »so glaubtest Du mir doch nicht! ...Ei, Freund Michel, Du kannst sicher bei einem Fest oder Maskenspiel einem Freund zu einem guten Plätzchen verhelfen ... ja, und wohl auch Mylord was ins Ohr flüstern ... wenn er in die Gegend herkommt und einen neuen Kragen oder sonstwas braucht ... kannst ihm sagen, da ist ein alter, guter Freund von mir, der Lorenz Goldfaden aus Abingdon, der hat gute Ware, ist auch ein hübsches Mannsbild, wie nur eins in Berkshire, und könnte es für Eure Herrlichkeit aufnehmen mit jedem andern seines Schlages ... dann könntest Du noch sagen ...« »Noch hundert verdammte Lügen mehr kann ich sagen,« erwiderte Lambourne, »indessen soll mirs auf ein gutes Wort für einen Freund nicht ankommen.« »Auf Deine Gesundheit, Michel, von ganzem Herzen!« sagte der Krämer; »kannst auch für die neuen Moden gutsagen ... aber da war doch ein Schelm von Hausierer vorhin anwesend ... der die altmodischen spanischen Strümpfe weit über die neuen Gascogner Gamaschen stellte ... wo ist er denn hingekommen? Heda, Herr Wirt! Wo steckt denn der Hausierer?« »Wo jeder andre vernünftige Mensch auch stecken sollte, der morgens bei der Kundschaft auf dem Posten sein will ... in seine Kammer hinauf ist er gegangen, hat sich eingeschlossen und macht Kasse.« »Soll er hängen, der pedantische Filz!« rief der Krämer; »aber Lust hätte ich, ihm seine Waren abzunehmen! Diese Gauner von Hausierer fügen durch ihr Herumziehen im Lande bloß dem ansässigen Geschäftsmanne den größten Schaden zu. ... In Berkshire gibts Kerle, die ihren Mann stehen ... man trifft den Patron schon einmal auf der Landstraße ...« »Hm,« machte der Wirt lachend; »er steht schon auch seinen Mann ... wer dem an den Kragen will, muß Mark und Knochen haben und derb zupacken ...« »So?« fragte Goldfaden. »Jawohl, so!« entgegnete der Wirt; »bei Hahn und Elster! Er ist der Hausierer wie er sein soll, genau wie der, der dem Robin dem Roten so tüchtig aufs Leder rückte... wies in dem Verse heißt: Da zog der Robin Hood sein Schwert, Den Knief der Handelsmann, Und deckte Robin Hood so gut, Wies keiner besser kann! »An den Galgen mit dem Hund! Mag er laufen!« rief der Krämer, »stehts so mit ihm, so wäre wenig Ehre mit ihm zu holen ... und nun sagt mir, Michel ... braver Michel ... wie trägt sich das holländische Leinen, das Ihr mir abgewonnen habt?« »O, famos, wie Ihr ja sehen könnt, Meister Goldfaden,« erwiderte Michel, »Du sollst noch einen Trunk dafür haben ... Füll mal die Pulle, Musje Kellner!« »Mit derlei Wetten, Michel, wirst Du noch mehr Holländisch-Leinen gewinnen,« meinte der Krämer, »denn der Brummsack Tony Foster schimpft in einem weg auf Dich und schwört, Du solltest ihm nicht wieder über die Schwelle, denn Du könntest, hols der Teufel, das Dach von einem Christenhause herunterfluchen!« »So? Hat er sich so vernehmen lassen, dieser heuchlerische, duckmäuserische Hundsfott?« wetterte Lambourne, »na, dann soll er doch herkommen und hören, was ich ihm heut zu bestellen habe; her, unter meines Onkels Dach, soll er kommen! ... Und solch schwarzen Sanktus will ich ihm singen, daß er noch ganze vier Wochen meinen soll, der Teufel halte ihn am Schlafittchen, wenn er bloß meint, mich zu hören!« »Schockschwerenot! Jetzt ist der Topf aber voll zum Ueberlaufen!« rief der Krämer. »Was? Tony Foster soll auf Deinen Pfiff parieren? ... Ei, ei, mein lieber Michel, pack ein, pack ein!« »Ich sage Dir, Du schmalgesichtiger Tropf!« rief Michael Lambourne heftig, »...fünfzig Goldfüchse halte ich gegen die fünf vordersten Regale Deines Ladens, von der Hinterlichtseite angefangen, mit allem, was drin ist, daß ich Tony Foster hierher in diesen Gasthof lotse, noch ehe wir drei Runden gesoffen haben.« »Eine Wette in solcher Höhe geh ich nicht ein,« sagte der Krämer, durch ein Angebot einigermaßen ernüchtert, das eine ziemlich genaue Kenntnis von der Beschaffenheit und Einrichtung seines Ladens verriet, ... »nein, für solche Wette danke ich; »aber fünf Füchse will ich halten gegen Deine fünf, wenn Dir das recht ist, daß Tony Foster seine vier Pfähle nicht verläßt, am wenigsten, um in eine Gaststube nach der Gebetstunde zu kommen Deinethalben oder wegen sonst jemand.« »Einverstanden,« sagte Lambourne. »Hier, Onkel, die Wette gilt, und laßt eins von Euren jungen Blutfäßchen herschaffen ... einer von Euren Kellnerbuben soll hinüber ins Herrenhaus laufen und Meister Foster hier den Brief abgeben und ihm sagen, daß ich, sein »Bester«, Michael Lambourne, ihn auf meines Onkels Schloß bitten lasse, woselbst ich ihm Dinge von hoher Wichtigkeit zu sagen hätte.... Hinweg mit Dir, Junge, denn die Sonne ist schon unter, und der Kerl geht mit den Hühnern schlafen, um ein Talglicht zu sparen ... allons, lauf!« Gleich darauf war der Junge verschwunden ... die Pause wurde mit Zechen und Lärm ausgefüllt ... und nicht lange, so kam er mit dem Bescheide wieder, daß Meister Foster sich einfinden werde. »Gewonnen! Gewonnen!« rief Lambourne und griff nach dem Gelde. »Erst wenn er da ist, bitte,« sagte der Krämer. »Ei, der Teufel! Er steht ja schon auf der Schwelle!« versetzte Michael ... »was sagte er, Jungen?« »Mit Verlaub, Euer Gnaden,« antwortete der Bote, »er guckte aus dem Fenster, mit einem Schießprügel in der Hand, und als ich Euern Auftrag ausrichtete, was ich mit Furcht und Bange getan, da rief er mit einem Gesicht, so sauer wie Essig, Ihr mochtet hinfahren, wo Satan haust.« »Oder in die Hölle, nicht wahr?« meinte Lambourne, »dorthin wünscht er alle, die nicht zur Brüderschaft gehören.« »Ganz recht, so sagte er auch, doch brauchte er eine Redensart, die um einiges poetischer war.« »Ein gescheiter Kerl, der Junge!« sagte Michael; »sollst einen Tropfen haben, um Deine poetische Ader zu begießen ... Und was hat Foster sonst gesagt?« »Zurückgerufen hat er mich,« antwortete der Junge, »und hat mir aufgetragen, zu bestellen, Ihr solltet doch zu ihm kommen, wenn Ihr was zu bestellen hättet.« »Und was sonst noch?« fragte Lambourne. »Er hat den Brief gelesen, und da schien es, als besänne er sich, und dann fragte er, ob Euer Gnaden beim Schoppen säßen ... und ich sagte, Euer Gnaden sprächen ein bißchen Spanisch, wie einer, der auf den Kanarischen Inseln geboren sei.« »Weiter, Du Diminutivum von einem Bierkrug! ... Ergehst Dich ja in kühnen Vermutungen ... was hat er noch gesagt?« »Hm, er brummte, wenn er nicht käme, dann möchten am Ende Euer Gnaden ausposaunen, was besser einbehalten würde, und so griff er nach seiner alten Filzkappe und warf den verschlissenen blauen Mantel um, und, wie ich schon sagte, er wird im Handumdrehen hier sein.« »Es steckt Wahrheit in dem, was er sagt,« erwiderte Lambourne, wie wenn er zu sich selbst spräche, »mein Hirn hat mir wiederum die alten Hundsstreiche gespielt ... aber Couragio! ... Mag er kommen! ... Ich habe mich nicht so lange in der Welt herumgetrieben, um vor Tony Foster ins Mauseloch zu kriechen, gleichviel, ob ich nüchtern bin oder besoffen. ... Bring mir eine Flasche kaltes Wasser, um meinen Sekt zu taufen!« Während Lambourne, den Fosters Nähe zur Besinnung gebracht zu haben schien, sich zu seinem Empfange rüstete, schlich Giles Gosling nach der Kammer, in die sich der Hausierer zurückgezogen hatte. Er traf ihn, wie er mit großen Schritten den engen Raum durchmaß. »Ihr habt Euch ja so plötzlich zurückgezogen von unsrer Gesellschaft?« fragte der Wirt seinen Gast. »Es war Zeit, da der Teufel sich bei Euch einfand,« versetzte der Hausierer. »Höflich ist es nicht von Euch, meinen Neffen mit solchem Namen zu belegen,« meinte Gosling, »noch schickt es sich für mich, in diese Tonart einzustimmen, und doch mag Michel in gewissem Grade als Satanskumpan gelten dürfen.« »Pah! Ich rede nicht von Eurem Trunkenbold von Neffen,« entgegnete der Hausierer, »sondern von dem andern ... ihn meine ich ... aber wohin wollen sie und woher kommen sie?«, »Sapperlot! das sind, viel Fragen auf einmal, von denen ich keine beantworten kann,« versetzte der Wirt, »aber, Herr, Ihr habt mir von dem wackern Herrn Tressilian ein Andenken überbracht ... es ist ein gar schöner Stein ...« Er nahm den Ring aus der Tasche und betrachtete ihn; dann setzte er, ihn in seine Börse schiebend, hinzu: daß es ein Gueridon sei, und viel zu wertvoll für allen Dienst, den er dem Herrn vielleicht geleistet habe oder leisten könne. Er stände, sagte er, im Gasthofsberufe, und es stände ihm übel an, allzu neugierig hinter andrer Leute Geheimnissen her zu sein; er hätte schon gesagt, daß er nichts hätte hören können, daß aber die Dame noch immer in Cumnor-Place, in der größten Verborgenheit, lebe und allen, die sie einmal gesehen, in Sinnen vertieft und unzufrieden mit ihrer Lage vorkomme. »Jetzt aber,« fuhr er fort, »ist die günstigste Gelegenheit, wenn Ihr den Wunsch hegt, Eurem Herren zu dienen, die sich nur irgend bieten kann. Tony Foster kommt her, und ich darf den Neffen bloß noch eine Flasche ausstechen lassen, so bringt ihn selbst, der Königin Befehl nicht mehr von der Bierbank weg. ... Die sitzen wohl noch eine Stunde hier fest. ... Wenn Ihr nun Euren Warenballen packtet und jetzt hinginget – was Euch der beste Vorwand wäre – so könntet Ihr am Ende Euch Gehör bei der alten Dienstmagd verschaffen; eben weil sie sich durch die Abwesenheit des Herrn sicher fühlen dürfte ... so könnte es wohl sein, daß Ihr mehr Kunde über die Dame und ihre Lage hortet, als ich oder sonst jemand Euch je zu schaffen vermöchte.« »Wahr, sehr wahr,« erwiderte Wieland, denn er war es, »ein trefflicher Rat, aber wie mich bedünkt, nicht ohne Gefahr ... denn angenommen, Foster käme zurück?« ... »Sehr leicht möglich, allerdings,« versetzte der Wirt. »Oder ferner angenommen,« fuhr Wieland fort, »die Dame käme meinen Bemühungen mit Kälte entgegen?« »Auch das ist nicht unwahrscheinlich,« erwiderte Giles Gosling. »Ich glaube, Junker Tressilian wird für seine Bemühungen um sie und ihr Wohl nicht viel Dank ernten.« »In beiden Fällen möchte ich schön ankommen,« erwiderte Wieland, »und darum gefällt mir schließlich Euer Rat doch nicht recht.« »Na, das müßt Ihr mit Euch selbst abmachen, mein lieber Gefolgsmann,« sagte der Wirt, »mich geht die Sache ja nichts an, sondern Euren Herrn. Ihr müßt am besten wissen, was sich wagen läßt, und wie weit Ihr gehen könnt. Aber was Ihr selbst nicht wagen wollt, das könnt Ihr auch von andern nicht erwarten.« »Still, still,« sagte Wieland, »bloß eins sagt mir noch: Begibt sich jener alte Mann nach Cumnor-Place?« »Meiner Meinung nach, ja,« versetzte der Wirt, »der Diener hat mir gesagt, er bringe ihr Gepäck hinüber, aber auf ihn hat der Bierkrug die gleiche Wirkung geübt, wie auf Michael die Sektflasche.« »Genug,« sagte Wieland, ein Wesen annehmend, das auf einen hohen Grad von Entschlossenheit deutete, »die Pläne, mit denen dieser Schuft sich tragt, will ich durchkreuzen ... mein Grauen ob seines Anblicks fängt an zu schwinden, und mein Grimm und Haß zu steigen. Helft mir meinen Pack aufheben, wackrer Wirt ... und Du, alter Albumasar! sieh Dich vor! ... In Deinem Horoskop herrscht ein böser Einfluß, und er flammt aus dem Sternenbilde der Ursa major, des großen Bären!« Mit diesen Worten hob er seinen Ballen auf den Rücken, der Wirt führte ihn bis zum hintern Tor des Gasthofs, dann schlug Wieland den entlegensten Seitenweg ein nach Cumnor-Place. Viertes Kapitel. Bestimmt durch seine Angst, den wiederholten Befehlen des Grafen, das Geheimnis von Kenilworth zu hüten, auf das pünktlichste nachzukommen, nicht minder durch die ihm anhaftenden ungeselligen, knickerigen Lebensgewohnheiten war Anthony Foster in seiner Häuslichkeit weit mehr bedacht, alles, was die Aufmerksamkeit auf sie lenken konnte, zu unterlassen, oder zu unterdrücken, als irgendetwas zu tun oder geschehen zu lassen, was die Neugierde wecken konnte. Aus diesem Grunde hielt er sich bloß einen Diener und zwei alte Frauen. Der Diener mußte besorgen, was in den Bereich seiner persönlichen Angelegenheiten fiel, während den Frauen der Dienst bei der Gräfin oblag. Eine dieser alten Frauen öffnete das Tor, als Wieland klopfte. Auf seine Frage, ob er die Waren den Damen des Hauses vorlegen dürfe, wurde ihm in schroffer Weise der Bescheid, daß er seiner Wege gehen solle. Es gelang ihm jedoch, durch einen Silberling den ersten Groll zu dämpfen, und als er der Alten dann versprach, daß sie eine neue Haube bekommen solle, wenn die Herrschaften ihm was abkauften, sagte sie: »Vergelts Dir Gott, Mann, denn meine Haube ist schon ein Lumpen ... geh nur 'nein in 'n Garten und bring dei' Sach an, Mann ... sie spaziert 'rum im Garten.« Mit diesen Worten schob sie den Hausierer durch das Tor, wies auf ein altes, verfallnes Gartenhaus und sagte: »Dort drüben ist sie. Mann ... dort ... sie wird schon was kaufen, wenn Du's ihr richtig zeigst, denn sie hat was Neues immer gern.« »Hm, sie überläßt mir zu tun, was mir recht scheint,« dachte Wieland, als er hörte, wie die Gartentür hinter ihm ins Schloß fiel. »Aber Prügel wirds doch wohl nicht gleich setzen und einen Mord wohl auch nicht um solch geringfügigen Uebergriffs willen und bei diesem Zwielicht! Also weiter! Frisch weiter! ... Will Shakespeare, sei Du mir behilflich! Ich will den Damen was vorsagen von Deinem Autolykus ... dort sehe ich sie ja. ...« Und sich ein Herz fassend, sang er mit heller Stimme das damals bekannte Volkslied: Leinen weiß, wie frischer Schnee, Schleier schwarz, wie Rab und Kräh', Handschuh voller Rosenduft, Masken gegen frische Luft ... »Welch unverhofften Anblick spendet uns Fortuna, Jeanette?« »Einen Handelsmann, der seine Ware nach kurzer Elle mißt,« antwortete das Mädchen züchtig; »mich wunderts, daß ihn die alte Dorcas durch das Gartentor gelassen hat.« »Ein glücklicher Zufall,« sagte die Gräfin; »wir führen doch ein recht trauriges Leben hier, und auf ein Weilchen kann der Mann uns wohl unterhalten.« »Ei, meine holde Dame,« sagte Jeanette, »aber ... mein Vater ...« »Mein Vater ist er nicht,« sagte die Gräfin, »und hoffentlich auch nicht mein Herr ... ich befehle Dir, laß den Mann zu mir!« »Eure gräfliche Gnaden brauchen ja nur zu befehlen ...« hub das Mädchen an. Aber die Gräfin fiel ihr ins Wort: »Oder warte, Du ängstliches Ding, ich will ihn selbst herholen, dann kannst Du ja nicht ausgezankt werden ...« »Ach, gräfliche Gnaden, wenns damit abginge ...« Die Gräfin aber rief dem Hausierer schon zu: »Lieber Gesell, tritt naher ... Zeig, was Du in Deinem Packen hast ... sinds gute Waren, die Du führst, so schickte Dich wohl der Zufall her zu meiner Freude, und Dich zu Deinem Vorteil.« »Was steht Euer gräflichen Gnaden zu Befehl?« fragte Wieland, seinen Ballen aufschnürend und die Waren mit einem Geschick auseinanderbreitend, als sei er darin ein alter Praktikus ... er verstand es auch, seine Ware anzupreisen, ihre Vorzüge hervorzuheben und angemessne Forderung dafür zu stellen. »Was mir zu Befehl sei?« wiederholte die Gräfin. »O, seit einem halben Jahre habe ich kein Stück Zeug, keine Elle Leinwand eingekauft, nicht das geringste mehr aus eignem Willen oder nach eigner Wahl .. drum wäre es schon besser zu fragen: was hast Du feilzubieten? Einen solchen Kragen und auch ein Paar von diesen Aermeln, auch diese schwarzen Spitzen kannst Du für mich beiseite legen, die kirschrote Mantille mit den goldnen Knöpfen und Schnüren auch ...« »Ist sie nicht etwas überladen, gnädige Frau Gräfin?« bemerkte das Mädchen. »Ach, Du hast ja keinen Geschmack, Jeanette!« wies die Gräfin sie ab; »auch diesen Kopfputz legt für mich beiseite, lieber Mann, und diese Haarnadel mit Perlen ...« »Aber, Frau Gräfin,« wandte das Mädchen ein, »diese Nadel ist doch gar nicht ...« »Warte, Du böses Ding,« rief die Gräfin und drohte scherzend mit dem Finger, »zur Strafe für Deinen Vorwitz sollst Du Mantel und Nadel selbst tragen; aber paß hübsch auf, daß Dir Dein sparsamer Papa nicht die goldnen Knöpfe und die Perlen ablöst, um sie in seine Geldkassette zu tun!« »Ach, gnädige Frau Gräfin, gehen Sie doch mit meinem Vater nicht gar so hart um!« sagte traurig das Mädchen. »Ei, warum soll ich ihm solche Reden sparen?« lachte die Gräfin, »ist denn nicht seine ganze Natur angelegt zum Sparen!« Dann wandte sie sich wieder an den Hausierer: »Führt Ihr nicht auch Pomaden und Parfums in den jetzt modernen kleinen Flacons?« Wieland beeilte sich, auf alle Wünsche und Fragen, die die Dame stellte, befriedigende Antwort zu geben, und dachte bei sich: »Wär ich richtiger Hausierer, so könnte ich hier das beste Geschäft machen! Aber wie soll es mir gelingen, ihren Sinn einen Augenblick auf ernste Dinge zu lenken?« Er breitete eine erlesene Sammlung der besten Parfums vor ihr aus und bemerkte, daß alles, was er führe, im Preise um das Doppelte gestiegen sei, infolge der großen Vorkehrungen, die vom Grafen von Leicester getroffen würden, um die Königin und den gesamten Hofstaat auf seinem Herrschaftssitze Kenilworth zu empfangen und zu bewirten. »Ha!« rief die Gräfin, »so wäre doch etwas Wahres an dem Gerücht, Jeanette?« »Ei, freilich,« nahm sogleich Wieland das Wort; »es muß mich wunder nehmen, daß Eure Gnaden noch nichts davon vernommen haben; die Königin von England wird auf ihrer diesjährigen Sommerfahrt bei dem edlen Grafen eine Woche lang verweilen; es geht sogar die Rede, England dürfe einen König bekommen, und Englands Königin Elisabeth ... des Himmels Segen auf ihr Haupt ... einen Gemahl, bevor das Ende der Sommerfahrt gekommen sei.« »Das ist schändliche Lüge!« rief die Gräfin, in heftigen Zorn geratend, aus. »Um Gottes willen, gnädige Frau Gräfin, wer wird glauben wollen, was Hausierermund im Lande herumträgt?« »Du hast recht, Jeanette,« sagte in milderm Tone die Gräfin, »dergleichen Gerüchte, die den Ruf des edelsten Pairs von England schädigen, können bloß Glauben finden bei niedrigen, gemeinen Seelen.« »Sterben will ich, gnädigste Frau Gräfin,« rief Wieland der Schmied, der recht gut wahrnahm, daß die Heftigkeit der Dame sich gegen ihn richtete, »auf der Stelle sterben, wenn ich etwas verbrochen habe, das mir Ihren Zorn zuzieht ... ich sage bloß wieder, was allgemein im Lande gesprochen wird.« Die Gräfin hatte inzwischen die Fassung wiedergewonnen und bestrebte sich, ängstlich geworden durch Winke des Mädchens, allen Anschein von Unwillen und Empörung zu unterdrücken. Dann fragte sie, wie um dem Gespräch eine andre Wendung geben zu wollen, den Hausierer: »Was ist das für Salbe, hier in dem silbernen Schächtelchen? Wohl was ganz Besondres, da sie in so kostbarem Behälter liegt?« »Ein Mittel gegen Uebelkeit von einer Art, die Euer gräflichen Gnaden hoffentlich ein verschlossnes Buch ist ...« sagte Wieland. »Nimmt man von ihr so viel wie eine türkische Bohne, und zwar eine Woche lang an jedem Tage, so stählt sie das Herz gegen die finstern Gedanken, die durch Einsamkeit, Traurigkeit, unerwiderte Liebe oder getäuschte Hoffnung so gern entstehen ...« »Seid Ihr ein solcher Tor, daß Ihr meint, ich werde Euch solchen Kram abkaufen um teures Geld? ... Wer hörte je, daß Herzeleid geheilt werden könne durch Arzneien für den Leib?« »Mit gnädigstem Verlaub, Frau Gräfin,« versetzte er mit einem Tone, aus dem gewisse Empfindlichkeit klang, »ich bin ein ehrlicher Mann und verkaufe meine Ware zu Preisen, wie sie recht und billig sind. ... Zudem habe ich Euer Gnaden diese Arznei überhaupt nicht zum Kauf angeboten! Welchen Grund sollte ich mithin haben, Euch etwas vorzureden? Aber geholfen hat meine Medizin schon manchem, bei Hofe sowohl wie in Stadt und Land; erst neulich noch einem Junker mit Namen Tressilian drunten in Cornwallis, einem gar ehrenwerten Manne mit Namen Edmund ... der war, wie mir die Leute erzählten, in Schwermut versunken infolge einer unglücklichen Liebe, so daß seine Freunde Bange fühlen um sein Leben ...« Er machte eine Pause, und auch die Dame schwieg eine Weile ... dann fragte sie, vergeblich bemüht, ihrer Stimme festen und gleichgültigen Klang zu geben: »Und ist der Edelmann, von dem Ihr sprecht, nun wieder hergestellt?« »Einigermaßen, gnädige Frau,« erwiderte der Schmied, »zum wenigsten klagt er nicht mehr über leibliches Weh.« »Ich werde mir auch etwas von dieser Arznei kaufen, Jeanette,« sagte die Gräfin, »auch mich überkommt zuweilen jener Hang zur Melancholie, die den Geist mit trübem Gewölk umhüllt.« »Das solltet Ihr doch lieber nicht tun, Madame,« sagte Jeanette, »wer steht uns gut dafür, daß es nichts Schädliches ist?« »Ich will selbst dafür einstehen,« sagte Wieland, nahm ein Stück von der Medizin und schluckte sie hinunter. Die Gräfin kaufte das andre, durch die Einwendungen des Mädchens eher bestärkt als abgelenkt, und nahm sogleich eine erste Dosis ein. Sie meinte, was wohl aber auf Einbildung beruhen mochte, es sei ihr schon jetzt leichter um das Herz und sie fühle sich heitrer gestimmt als vordem. ... Darauf nahm die Gräfin alles, was sie dem Hausierer abgekauft, auf den Arm, warf Jeanetten ihre Börse zu und hieß sie mit dem Hausierer abrechnen. ... Dann begab sie sich, wie wenn sie der Unterhaltung, die ihr zuerst so viel Freude bereitet hatte, müde sei, nach einem Gutenachtwunsch für den Hausierer, langsam ins Haus. Auf diese Weise ging Wieland alle Gelegenheit verloren, sie zu sprechen. Er versuchte jedoch, sich mit Jeanette auszusprechen. »Mädchen,« sagte er, »Du siehst mir ganz so aus, als seist Du Deiner Herrin in Liebe zugetan. Deine Herrin braucht treue Dienste gar nötig.« »Und sie hat wahrlich auch ein Anrecht drauf!« erwiderte das Mädchen; »ich diene ihr auch treu ... aber wozu solche Rede?« »Mädchen, ich bin durchaus nicht, was ich scheine,« sagte, die Stimme senkend, der Hausierer. »Nichtsdestoweniger doch ein ehrlicher Mann?« meinte das Mädchen. »Umsomehr das, was Du fragst,« versetzte Wieland, »da ich kein Hausierer bin.« »Dann mach Dich auf der Stelle weg von hier, oder ich rufe um Beistand und Hilfe. Der Vater muß gleich da sein.« »Sei nicht so flink,« sagte Wieland, »Du möchtest bereuen, was Du tust. Ich bin einer von denen, die es gut meinen mit Deiner Herrin. Es tun ihr mehr not von Leuten gleich mir, und es wäre unrecht von Dir, den wenigen, die sie besitzt, zum Verderben zu sein.« »Wie soll ich Dir das glauben?« »Schau mir ins Gesicht,« sprach Wieland der Schmied, »und sieh zu, ob aus meinem Blicke nicht Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit sprechen.« Und wahrlich, wenn sein Gesicht auch nicht schön zu nennen war, so lag doch auf seinen Zügen der energische, scharfe Ausdruck des denkenden Geistes und klugen Sinnes, und der Blick seines lebendigen, glänzenden Auges, sein wohlgeformter Mund und das offne, verständige Lächeln, das seine Lippen umspielte, liehen seinem zugleich ansprechenden und doch nicht regelmäßigen Antlitz zuweilen Anmut und Interesse. Jeanette betrachtete ihn mit der ihrer Sekte eignen klugen Einfalt. Dann erwiderte sie auf seine Worte: »Trotzdem Du Deine Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit so sehr betonst, Freund, will es mir doch so vorkommen, als läge auf Deinem Gesicht etwas vom Hausierer und auch vom ... Schelm.« »Du hast vielleicht nicht unrecht,« versetzte lachend Wieland der Schmied; »heute abend oder morgen wird jedoch mit Deinem Vater ein alter Mann herkommen, der den schleichenden Tritt der Katze, das scharfe Auge der Ratte, das zutuliche Wesen des Schoßhündchens und die Wildheit des Bullenbeißers in sich vereint.... Vor diesem hüte Dich! Vor diesem hüte Deine Herrin! ... denn, niedliche Jeanette, dieser Schleicher trägt unter erheuchelter Taubenunschuld böses Natterngift.... Welch schweres Unheil er gegen Euch hier plant, kann ich nicht raten; aber Tod und Jammer waren immer die Folgen seiner Gegenwart. ... Sprich hiervon nichts zu Deiner Herrin! ... Meine Kunst sagt mir, daß in dem Zustande, in welchem sie zurzeit befangen ist, Furcht vor Uebel nicht minder schädlich für sie ist als die Wirkung des Uebels selbst ...aber rede ihr zu von der Arznei zu nehmen, denn« ... er senkte wieder die Stimme, sprach aber um so eindringlicher ihr ins Ohr ... »es ist ein Gegengift . ... das verhindert, daß Gift, das ihr gegeben wird, ihr schadet. ... Doch horch, sie kommen, sie kommen!« In der Tat näherte sich lauter Lärm, Freudenrufe, untermischt mit lauten Reden, der Gartentür. Hierdurch beunruhigt, sprang Wieland in ein Dickicht, während Jeanette sich mit dem Rest der Einkäufe, den ihre Herrin nicht mitgenommen hatte, sich in ein Gartenhaus flüchtete, um nicht gesehen zu werden. Ihre Angst war jedoch unnütz, denn ihr Vater mit seinem alten Knecht, Lord Leicesters Diener und der Sterndeuter kamen in den Garten gerannt, hinter Lambourne her, dessen wilde Weise sie in die höchste Unruhe gesetzt hatte, und den sie vergebens zum Schweigen zu bringen suchten. Der elende Wicht war nun sternhagelbetrunken, war aber, wie es häufig der Fall bei Trunkenbolden, noch immer Herr seiner Bewegungen sowohl wie seiner Rede. »Was?« schrie er mit aller Stärke seiner Stimme, »ich soll hier ohne Willkommen bleiben? soll kein Saufgelage halten? trotzdem ich Eurem alten, vermaledeiten Hundeloch Glück bringe in der Gestalt eines Satansknechts, der Schiefer in spanische Taler zu wandeln vermag! Hierher, Tony Foster, Feuerbrand, Papist, Puritaner, Heuchler, Dreckfilz, Schandbube, Gottseibeiuns, Kompositum, aus allen Sünden aller Menschen! Hierher und knie nieder und bete den an, der jenen Götzen in Dein Haus bringt, den Du anbetest!« »Um Herrgotts willen, rede leiser,« sagte Foster, »komm ins Haus herein ... Nu sollst Wein haben und wonach Dir sonst der Sinn steht!« »Nein, Du Hexenbalg, Du Kobold, Du Schwein! Herausgebracht haben will ich ihn,« schrie der betrunkne Wicht, »hier draußen will ich ihn trinken, al fresco will ich ihn haben, wie der Italiener sich ausdrückt. ... Nein, nein! Mit dem giftigen Teufel, mit diesem Meister in allem schlimmen Hexenbräu trinke ich nicht im Hause drinnen hinter verschlossnen Türen, wo ich ersticken würde von all den Dünsten, die Arsenik und Quecksilber verbreiten. ... Davor auf der Hut zu sein, hat mich der Schurke Varney gelehrt.« »Holt ihm Wein her, im Namen aller bösen Feinde!« sagte der Sterndeuter. »Aha! Willst ihn mir wohl würzen? Du alter Pfennigfuchser? He, hast sie schon bei der Hand? ... Deine Gift-Würze? ... Grünspan, Helleborum, Vitriol und Aquafortia und was Du sonst an Teufelszeug verarbeitest! Zwanzigerlei und mehr treibt Blasen in meinem Hirnkasten, wie die Hexenbrühe im Zauberkessel, wenn der Gottseibeiuns sich einfinden soll. ... Hol Du selber den Wein, alter Scheiterhaufenanstecker ... und laß ihn auskühlen, ... warmen mag ich nicht, den hast Du doch noch übrig von den Feuersteinen, auf denen Ihr die alten Bischöfe geschmort habt. ... Oder warte mal, laß bloß erst Leicester König sein von England, wenns ihm paßt ... schön ... und Varney, Schuft Varney, Großwessir vom Reiche ... ha, brillant! ... Und was werd ich dann sein? ... Ha, Kaiser, Kaiser Lambourne! ... Und jetzt? ... ha! jetzt will ich das auserlesne Exemplar von Schönheit sehen, das sie hier eingemauert haben zum Privatvergnügen ... zur Zeitwürze ... heute nacht soll sie mir meinen Humpen kredenzen und mir die Nachtmütze über die Ohren ziehen. ... Was will denn ein Kerl mit zwei Weibern? Und war er zwanzigmal Earl? ... Darauf gib Du mal Antwort, Tony, Du alter hartgesottner Hund von Heuchler! Du alter Bischofröster! Du gotteslästerlicher Glaubenswüterich! ... He! Darauf gib Du mal Antwort!« »Mein Messer jag ich dem Kerl in den Wanst!« sagte Foster in leisem, aber vor Leidenschaft bebendem Tone: »Ums Himmels willen, kein Blutvergießen!« rief der Sterndeuter. »Hier, wackrer Lambourne, willst Du mir Bescheid tun auf das Wohl des edlen Earl of Leicester und Junkers Richard Varney?« »Freilich, alter Albumasar, – freilich, Du alter Rattengiftverkäufer! – – Küssen wollte ich Dich, wenn Du bloß nicht so erbärmlich nach Schwefel und schändlichem Apothekerkram röchest! ...« Eine Pause machte der Elende, dann schrie er wieder: »Es lebe Varney! Hoch die Gläser! Und Leicester daneben! Hoch die Gläser! Hoch die beiden edlen, hochfliegenden Geister! die im Trüben fischen, im Tiefen wühlen und auf zum Horizonte streben! Die bösen, grimmen, ehrsüchtigen Missetäter! – Na, weiter sage ich nichts – aber wer mir nicht Bescheid tut, dem stech ich meinen Dolch in den Wanst! – – Also meine Herrschaften, los, los!« Mit diesen Worten leerte Lambourne den Humpen, den ihm der Sterndeuter gereicht hatte, und der nicht Wein, sondern destillierten Spiritus enthielt. Mit einem gräßlichen Fluche ließ Lambourne den leeren Humpen aus der Faust fallen, griff mit der Hand nach dem Schwerte, war aber nicht mehr im stande, es zu ziehen, schwankte hin und her und schlug ohne Bewußtsein, ohne sich noch einmal zu regen, in die Arme des Dieners, der ihn in seine Schlafkammer schleppte und zu Bett brachte. In dem allgemeinen Durcheinander, das hier herrschte, war es Jeanette gelungen, die Gemächer ihrer Dame zu erreichen, zitternd am ganzen Leibe wie Espenlaub, aber fest entschlossen, die furchtbaren Mutmaßungen, die sie aus den trunknen Reden Michael Lambournes gewonnen hatte, vor ihrer Gebieterin geheim zu halten. Aber wenn auch ihre Befürchtungen noch keine feste Gestalt besaßen, so hielten sie doch Schritt mit der Warnung aus dem Munde des Hausierers; der Rat, den er ihr erteilt, erschien ihr jetzt wertvoller als vordem, und sie gelobte sich, ihre Herrin in dem Vorsatze, die Medizin des Mannes einzunehmen, zu bestärken, was sonst wohl kaum der Fall gewesen wäre. Aber auch Wieland hatte die Worte des Trunkenbolds' vernommen und verstand es besser, ihren Sinn zu deuten. Er empfand tiefes Mitleid mit der liebenswürdigen und jetzt so unglücklichen Dame, die er vordem in so glücklichen Verhältnissen gesehen hatte und die sich jetzt in den Händen solcher Schurken sah. Sein Grimm war wild erregt worden durch die Stimme jenes Greises, den er schlimmer fürchtete als das Feuer und ärger haßte als den Tod; und so gefahrvoll auch das Unternehmen war, das er wagte, so besaß er doch Vertrauen zu seiner Klugheit genug, um nicht zurückzuschrecken, faßte vielmehr in dieser Nacht den festen Entschluß, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen und der unglücklichen Dame, wenn irgend möglich, Hilfe zu bringen». Fünftes Kapitel. Der Glanz der bevorstehenden Festlichkeiten zu Kenilworth bildete jetzt das Gespräch durch ganz England, und alles, was zu der Lustbarkeit oder der Pracht bei dem geplanten Empfange der Königin im Hause ihres bevorzugtesten Günstlings beitragen konnte, wurde daheim zusammengebracht oder von auswärts beschafft. Mittlerweile schien Leicester in der Gunst der Königin immer mehr zu gewinnen. Im Rate war er ständig an ihrer Seite – in den Ruhepausen zwischen den Staatsgeschäften hörte sie ihm gern zu – es kam zwischen ihnen ab und zu sogar zu herzlicher Vertraulichkeit– alle, die bei Hofe irgendetwas zu hoffen hatten, sahen zu ihm empor – fremde Minister buhlten um seine Gunst unter den schmeichelhaftesten Achtungsbeweisen von ihren Landesherren – er war das alter ego der erhabnen Elisabeth, die jetzt, wie man allgemein glaubte, nur noch Zeit und Gelegenheit erwog, daß sie ihn durch Heirat zum Gefährten ihrer Landesherrlichkeit mache. In dieser Hochflut des Glücks war dieses Nesthäkchen in der Gunst der Königin vielleicht der unglücklichste Mensch in dem Reiche, das ihm zu Füßen zu liegen schien. Der Charakter seiner Herrin war ihm bis in die verborgensten Regungen bekannt; seine eingehende Vertrautheit mit ihren Launen im Verein mit seinen hervorragenden geistigen Fähigkeiten und glänzenden äußern Vorzügen hatte ihm einen so hohen Platz in ihrer Gunst verschafft; und eben diese Vertrautheit mit ihrer Launenhaftigkeit hielt ihn stets in der Furcht vor einer plötzlichen, vernichtenden Ungnade. Die Gunst, in der ein Walsingham oder ein Burleigh stand, war, wie Leicester wohl wußte, auf Elisabeths klugem und zielbewußtem Urteil, nicht auf ihrer willkürlichen Neigung gegründet und war daher auch vor all den Möglichkeiten einer Wandlung und eines Sturzes gesichert, der notwendigerweise eine lediglich auf persönlichen Vorzügen, und weiblicher Bevorzugung fußende Gunst angesetzt war. Diese, großen und weisen Staatsmänner wurden von der Königin nur nach den Ratschlägen, die sie erteilten, und den Gründen, mit denen sie ihre Meinung verfochten, beurteilt; der Erfolg aber von Leicesters Laufbahn war abhängig von all dem leichten, veränderlichen Wechselspiel der Grille und der Laune, das einem Verehrer den Weg zum Herzen seiner Herrin bald beschwerlich, bald glatt und eben macht – und obendrein war sie eine Herrin, die immerfort befürchtete, die Würde zu vergessen oder sich in ihrer Autorität als Königin etwas zu vergeben, wenn sie sich den Regungen des Weibes überließ. All dieser Schwierigkeiten war sich Leicester voll bewußt, und ob er nun nach Mitteln sann, mit Sicherheit von seinem hohen Posten herabzusteigen, er sah nur wenig Hoffnung, daß ihm das eine oder andre gelingen würde. In solchen Momenten verweilten seine Gedanken bei seiner geheimen Ehe und ihren Folgen, und voller Bitterkeit gegen sich selber und auch gegen die unglückliche Gräfin, schrieb er diesem voreiligen Schritt, der in der Hitze einer unbedachten Leidenschaft – wie er sie jetzt nannte – getan worden war, alle Schuld zu, daß er einerseits seine Macht nicht auf festen Grund stellen könne, und daß ihm andrerseits in jedem Augenblicke ein jäher Sturz drohte. »Die Leute sagen,« so gingen ihm die Gedanken in diesen Augenblicken der Furcht und Reue, »ich könnte Elisabeth heiraten und König von England werden. Alles deutet darauf hin. In Liedern wird die Heirat besungen und der Pöbel wirft die Mützen in die Luft. In Schulen ist die Rede davon gewesen – im Audienzsaal hat man davon geflüstert – von der Kanzel herab wird sie warm befürwortet – in den kalvinistischen Kirchen wird sie erfleht – und diese kühnen Andeutungen haben keinen Widerspruch erfahren, sind nicht unter Zorn und Verdruß zurückgewiesen worden, nicht einmal mit der üblichen weibischen Beteuerung, sie würde als jungfräuliche Königin sterben. – Ihre Worte sind zuvorkommender als je, obwohl sie weiß, was für ein Gerücht umgeht – ihre Haltung mir gegenüber ist noch anmutiger – ihre Blicke noch freundlicher als je zuvor – alles scheint darauf hinzuzielen, daß ich König von England werden soll, endlich den Stürmen der Hofgunst weit entrückt! – Und da ich nun diese Hand ausstrecken könnte zu dem kühnsten Griffe, da ist sie durch ein geheimes, unlösliches Band gefesselt! – Und hier sind Briefe von Amy,« fuhr er fort und nahm sie mit einer Gebärde des Verdrusses auf, – sie dringt in mich, sie öffentlich anzuerkennen – ihr und mir selber Gerechtigkeit anzutun – und wer weiß, was noch! Mich dünkt, ich habe mir selber zunächst nicht im mindesten Gerechtigkeit angetan – nichts weniger als das. Und sie redet gerade, als ob Elisabeth die Eröffnung mit der Freude einer Mutter hören würde, die erfährt, daß ihr hoffnungsvoller Sohn sich glücklich verheiratet hat! – Sie, die Tochter Heinrichs, der in seinem Zorn keinen Mann und in seiner Wollust kein Weib verschonte! Wenn sie entdeckt, daß man sein Spiel mit ihr getrieben hat, daß man sie durch eine Gaukelei der Leidenschaft dahin gebracht hat, daß sie einem Untertan ihre Liebe gesteht – und nachher entdeckt sie, daß eben dieser Mann schon verheiratet ist – wenn Elisabeth erführe, daß man mit ihr getändelt habe, wie ein Höfling mit einer Dorfschönen scherzen kann, dann würden wir wohl erfahren, was es heißt: furens quid femina!« Dann hielt er inne und rief nach Varney, der jetzt öfter als sonst um Rat gefragt wurde, und ihre Beratung endete gewöhnlich mit emsigen Erwägungen, wie man wohl die Gräfin in Kenilworth vorführen solle. Diese Beratungen hatten fast zu dem Entschlüsse geführt, die Festlichkeiten zu verschieben. Aber schließlich wurde ein endgültiger Entschluß erforderlich. »Elisabeth will absolut, daß sie zugegen sei,« sagte der Earl. »Ob nun ein Verdacht sich in ihre Seele gestohlen hat oder ob die Bittschrift des Tressilian von Sussex oder einem andern geheimen Feinde immer wieder aufs Tapet gebracht wird, das weiß ich nicht, aber selbst wenn sie noch so huldreich mit mir spricht, so kommt sie doch oft auf die Geschichte der Amy Robsart zu sprechen. Gib mir jetzt Deinen Rat, Varney, diese unlösbare Schwierigkeit zu beseitigen. Ich habe alle möglichen Vorwände angewendet, die ich nur irgend mit Anstand, vorbringen konnte, dieses verfluchte Fest zu verschieben, aber das Gespräch von heute hat sie alle über den Haufen geworfen. Sie hat in sehr freundlichem, aber stets bestimmtem Tone zu mir gesagt: »Wir wollen Euch keine Zeit mehr zu Vorbereitungen lassen, Mylord, damit Ihr Euch nicht noch etwa ganz und gar dem Bankerott ausgesetzt. Am Sonnabend, dem 9. Juli, wollen wir mit Euch in Kenilworth sein. Wir bitten Euch, keinen der festgesetzten Gäste zu vergessen, vor allem nicht dieses putzige Püppchen, die Amy Robsart.« Nun, Varney, wende alle Deine Erfindungskunst an – Deine Ränke haben uns schon oft geholfen; denn so wahr ich Dudley heiße, die Gefahr, die mir durch mein Horoskop angedroht worden ist, zieht sich jetzt finster um mich zusammen.« »Ist Mylady auf keinen Fall zu bewegen, auf eine kurze Zeit die niedre Rolle zu übernehmen, die die Verhältnisse ihr auferlegen?« fragte Varney zaudernd. »Wie, Bursche? Meine Gräfin soll sich Deine Frau nennen? das ist weder mit ihrer noch mit meiner Ehre vereinbar.« »Und doch hält Elisabeth sie für nichts andres,« sagte Varney, »und ihr in dieser Meinung widersprechen hieße alles entdecken.« »Denke etwas andres aus, Varney,« sagte der Earl in großer Erregung. »Diese Erfindung ist unbrauchbar, denn wenn ich auch mich dazu verstehen könnte, so doch sie nicht. Denn ich sage Dir, Varney, so Du es noch nicht weißt: Elisabeth auf dem Throne hat nicht mehr Stolz als diese Tochter eines niedern Edelmanns von Devonshire. Es ist unmöglich. Weder durch Bitten noch durch Gewalt ist sie dazu zu bringen, Deinen Namen auch nur für eine Stunde anzunehmen.« »Das ist freilich recht bitter,« sagte Varney trocken, und dann setzte er hinzu: »Wenn wir nun eine Person finden würden, die sie vertreten könnte? Solche Maskeraden sind schon oft dagewesen.« »Das ist purer Blödsinn, Varney,« antwortete der Earl. »Die falsche Gräfin würde Tressilian gegenübergestellt werden, und die Entdeckung wäre unvermeidlich.« »Tressilian könnte vom Hofe entfernt werden,« sagte der skrupellose Varney. »Auf welche Weise?« »Es gibt mancherlei Mittel,« sagte Varney, »durch die ein Staatsmann in Eurer Lage, Mylord, einen unbequemen Burschen, der sich in Eure Angelegenheiten mischt und sich in gefährliche Opposition zu Euch stellt, vom Schauplatz verschwinden lassen kann.« »Sprich mir nicht von derartigen Kunstgriffen, Varney,« sagte der Earl hastig. »Im vorliegenden Falle würde es uns nicht einmal was nützen. Es sind viele andre am Hofe, denen Amy bekannt sein mag. Und wenn Tressilian nicht mehr da ist, so wird ihr Vater oder einer ihrer Bekannten unverzüglich hierher gerufen werden. Strenge noch einmal Deinen erfinderischen Kopf an!« »Mylord, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aber wenn ich in der Klemme säße, so würde ich auf der Stelle mich nach Cumnorplace begeben und meine Frau zwingen, in die Maßregeln zu willigen, die die Rücksicht auf ihre und meine Sicherheit vorschreiben. Ich möchte doch wissen, ob Mylady Euch zu Danke verpflichtet ist, oder ob das Verhältnis bei diesem schönen Bunde so liegt, daß Ihr der Lady Dank schuldig seid. Ich möchte wohl wissen, wer die meiste Ursache hat, dem andern gefällig zu sein und auf die Wünsche, Anordnungen und die Sicherheit des andern Rücksicht zu nehmen.« »Ich sage Dir, Varney,« sagte der Graf, »alles, was in meiner Macht lag, ihr zu geben, hat sie tausendmal vergolten, allein durch ihre Tugend und Schönheit.« »Na, wenn Eure Lordschaft so sehr zufrieden gestellt ist, so ist ja das recht erfreulich,« antwortete Varney, mit seinem gewohnten sardonischen Lächeln, das selbst die Achtung vor seinem Gönner nicht zu unterdrücken vermochte, »Ihr werdet Zeit genug haben, die Gesellschaft einer so graziösen und schönen Frau ungestört zu genießen, das heißt, sobald die Kerkerhaft vorüber ist, durch die Ihr das Verbrechen, Elisabeth Tudor hintergangen zu haben, werdet büßen müssen.« »Niederträchtiger Schurke!« antwortete Leicester, »spottest Du noch meiner in meinem Unglück? – Mach es, wie Du willst.« »Wenn es Euer Ernst ist, Mylord,« sagte Varney, »so müßt Ihr auf der Stelle nach Cumnorplace.« »Geh Tu selber, Varney, der Teufel hat Dir die Beredsamkeit verliehen, die am stärksten ist, wenn es eine böse Sache gilt.« »Wenn es Euch damit Ernst ist, Mylord,« sagte Varney, »daß ich die Aufgabe übernehmen soll, diese überaus erforderliche Maßregel durchzusetzen, dann müßt Ihr mir ein, Schreiben an Mylady mitgeben, das ich als Kreditiv vorzeigen kann.« Leicester griff zum Schreibzeug und begann einige Male einen Brief an die Gräfin, den er nachher wieder zerriß. Endlich brachte er ein Paar verworrene Zeilen zu Papier, in denen er sie beschwor, aus Gründen, die dringend sein Leben und seine Ehre beträfen, auf ein paar Tage während des Festes zu Kenilworth den Namen Varneys anzunehmen. Er setzte hinzu, daß Varney ihr all die Gründe, die eine solche Täuschung erforderlich machten, mitteilen würde. Dieses Beglaubigungsschreiben unterzeichnete und versiegelte er, dann schleuderte er es über den Tisch hinweg Varney zu mit einer Gebärde, die ihn zum Aufbruch mahnte, und sein Ratgeber zauderte nicht, diesen Wink, den er sogleich verstand, auszuführen. Varney nahm sich nicht einmal Zeit, die Kleidung zu wechseln, er warf sich sofort in den Sattel und verließ Berkshire, ein einziger Diener folgte ihm. Varney war voll höher Hoffnung. Er hatte Lord Leicester an den Punkt gebracht, wo er ihn hin haben wollte, daß er ihm die geheimsten Winkel seiner Brust aufschloß und ihn als Vermittler bei seinem vertraulichsten Verkehr mit seiner Gattin gebrauchte. Hinfort, das sah er voraus, würde es seinem Gönner schwer fallen, seiner Dienste zu entbehren oder seine Forderungen abzuwerfen, auch wenn sie unvernünftig waren. Und wenn die hochnäsige Dame, so nannte er die Gräfin, sich dem Verlangen ihres Gatten fügte, dann mußte Varney, der angebliche Gatte, zu ihr in ein derartiges Verhältnis treten, daß, es sich noch gar nicht absehen ließ, wo seine Kühnheit eine Grenze finden würde, ja vielleicht verschafften ihm die Umstände einen Triumph, den er mit teuflischen Empfindungen ausmalte, der ihm vor allem vollgültige Rache für ihre frühere Verachtung bringen würde. Dann erwog er wieder die Möglichkeit, daß sie auch gar nicht mit sich könne reden lassen und sich hartnäckig weigern könne, die ihr in dem Drama zu Kenilworth zuerteilte Rolle zu spielen. »Dann muß Alasko das seine tun,« sagte er. »Krankheit muß dann die Entschuldigung gegenüber Ihrer Majestät sein, daß Frau Varney ihr nicht ihre Huldigung zu Füßen legen kann. – Ja, und vielleicht muß es eine schwere und verzehrende Krankheit sein, wenn Elisabeth noch weiterhin ein so huldvolles Auge auf den Grafen von Leicester wirft. Mags biegen oder brechen, ich will mir die Aussicht, der Günstling eines Monarchen zu sein, nicht Verscherzen. Vorwärts, gutes Pferd, vorwärts – Ehrgeiz und hochfahrende Hoffnung, Wollust und Rache treiben ihre Stachel so tief in meine Brust, wie ich Dir die Sporen in die Flanken drücke. Hei, gutes Pferd – der Teufel sitze uns beiden im Nacken!« Sechstes Kapitel. Die Gräfin war mit ihrer Zofe in Geschwätz und Tändelei begriffen, als sie Hufschlag im Hofe hörte, ans Fenster eilte und ausrief: »Das ist Leicester! Das ist mein edler Graf! Jeder Hufschlag klingt wie fürstliche Musik! Es ist mein Dudley!« Ein Weilchen ging es im Hofe hin und her, und Foster kam mit seinem niedergeschlagnen Blick und seinem mürrischen Wesen herein und sagte: »Meister Richard Varney ist vom Herrn Grafen hergekommen, er ist die ganze Nacht hindurch geritten und verlangt auf der Stelle Eure Ladyschaft zu sprechen.« »Varney?« erwiderte die enttäuschte Gräfin, »doch er bringt Nachrichten von Leicester, also laßt ihn augenblicklich herein.« Varney trat in das Boudoir, wo sie in all ihrem natürlichen Liebreiz saß, angetan mit einem prachtvollen und geschmackvollen Morgengewande. Aber das Schönste an ihr waren die vollen, üppigen, lichtbraunen Locken, die in reicher Fülle ihren Hals umfluteten und über einen von gespannter Erwartung wogenden Busen fielen. Varney trat in das Gemach in demselben Anzug, in dem er am Morgen mit seinem Herrn am Hofe gewesen war, und die reiche Pracht dieses Anzuges nahm sich in der Unordnung nach einem eiligen Ritt in dunkler Nacht und auf schlechten Wegen absonderlich aus. Er sah abgespannt aus, und die Gräfin erschrak sogleich über seinen Anblick und rief: »Ihr bringt Nachricht von Mylord, Meister Varney? Um Gottes willen ist er krank?« »Nein, Gnädige, dem Himmel sei Dank!« sagte Varney. »Beruhigt Euch und laßt mich erst zu Atem kommen, ehe ich Euch meine Botschaft ausrichte.« »Außer Atem, Herr?« versetzte die Lady ungeduldig. »Ich kenne Eure Theaterkniffe. Wenn Euer Atem ausgereicht hat. Euch hierher zu bringen, so wird er Wohl auch noch solange reichen, bis Ihr mir Eure Sache wenigstens in Kürze und in der Hauptsache vorgetragen habt.« »Gnädige Frau,« versetzte Varney, »wir sind nicht allein, und die Botschaft Mylords war nur für Euer Ohr.« »Verlaßt uns, Jeanette und Herr Foster,« sagte die Dame, »bleibt aber im Zimmer nebenan, daß wir Euch rufen können.« Foster und seine Tochter gingen dem Geheiß der Lady Leicester zufolge in das nächste Gemach, das Gesellschaftszimmer, und die Tür zum Schlafzimmer wurde sorgfältig verschlossen und verriegelt. Vater und Tochter verharrten in gespannter Erwartung, aber es war von dem Gespräche nebenan nichts zu hören, die beiden dämpften, wenn sie überhaupt sprachen, ihre Stimmen so sehr, daß kein Wort zu vernehmen war. Plötzlich aber erklangen ihre Stimmen hastig und durcheinander und überlaut, und gleich darauf rief die Gräfin im Tone höchster Entrüstung: »Macht die Tür auf, Herr, ich befehle es Euch! – Die Tür auf! – Ich will kein Wort weiter hören!« rief sie und erstickte mit der Heftigkeit ihrer Stimme die leise gemurmelten Laute, die Varney zwischendurch hören ließ. »Hollah! Ihr da, heraus!«, und sie tat ein paar schrille Schreie. »Jeanette, mach Alarm im ganzen Hause! – Foster, brich die Tür auf da, heraus!«, und sie tat ein paar schrille Schreie. »Jeanette, – ich werde hier von einem Verräter festgehalten! – Nimm Axt und Hebebaum, Foster! tu's auf meine Verantwortung!« »Was soll nicht nötig sein, Gnädige,« sagte Varney endlich deutlich. »Wenn Ihr Mylords wichtige Geheimnisse preisgeben Wollt, so will ich Euch nicht daran hindern.« Die Tür wurde aufgeriegelt und weit geöffnet, und Jeanette und ihr Vater stürzten herein, begierig, die Ursache des Auftritts zu erfahren. Während sie hereintraten, stand Varney an der Tür und knirschte mit den Zähnen, und Wut, Scham und Angst malten sich auf seinen Zügen. Die Gräfin stand mitten im Zimmer, aufgelöst in Wut und Raserei. Auf ihrer schönen Stirn traten die Adern in geschwollnen, blauen Linien hervor – Wange und Hals glühten wie Scharlach – ihre Augen glichen denen eines gefangnen Adlers, der rote Blitze gegen die Feinde schleudert, die er mit den Krallen nicht erreichen kann. Sobald die Tür offen war, lief Jeanette zu ihrer Herrin hin, und langsamer, doch auch mit größerer Hast, als er sonst pflegte, ging Anton Foster auf Richard Varney zu. »Was ist meiner gnädigen Frau?« rief die erstere. »Was im Namen des Satans hast Du mit ihr gemacht?« fragte Foster seinen Freund. »Wer? Ich? Nichts,« antwortete Varney, aber mit gesenktem Haupt und in verbissnem Tone. »Ich habe ihr bloß Seiner Lordschaft Befehle mitgeteilt, und wenn die Dame denen sich nicht fügen will, so muß sie ja besser wissen, als ich, wie sie es verantworten kann.« »Beim Himmel, Jeanette!« rief die Gräfin, »der falsche Verräter lügt in seinen Hals hinein! Er muß lügen, es ist gar nicht anders möglich, denn er sagt etwas, was Mylord selber Schande macht – er lügt doppelt, denn er will dabei seine eignen, genau so fluchenswerten wie unerreichbaren Zwecke fördern.« »Ihr habt mich mißverstanden, Lady,« sagte Varney, »laßt die Sache ruhen, bis Ihr Euch beruhigt habt, dann will ich alles erklären.« »Du sollst nie eine Gelegenheit haben, das zu tun,« sagte die Gräfin. »Sieh ihn an, Jeanette, er ist schmuck gekleidet, er hat das Aeußre eines Edelmanns, und er ist hierher gekommen, mir vorzureden, es beliebe meinem Gemahl – nein, mehr noch, mein Gemahl befehle, daß ich mit ihm nach Kenilworth gehen und vor der Königin und den Edelherren und vor meinem eignen, mir angetrauten Herrn ihn – ihn, diesen Rockausbürster und Stiefelputzer – ihn da, diesen Lakai Mylords – ihn als meinen rechtmäßigen Herrn und Gemahl anerkennen sollte!« »Ihr hört sie, Foster, und Ihr, junges Mädchen, hört diese Dame,« antwortete Varney, und benutzte die Pause, die die Gräfin wohl mehr aus Mangel an Atem als aus Mangel an Stoff machte, »Ihr hört, daß sie in ihrer Aufregung nun mir einen Vorwurf aus den Maßregeln macht, die unser guter Lord nur zu dem Zwecke anordnet, um gewisse Dinge geheim zu halten – wie er in eben dem Briefe schreibt, den sie in der Hand hält.« »Der Himmel verzeihe mir!« rief die Gräfin. »Nie will ich glauben, daß der edle Dudley einem so feigen und schändlichen Plane zugestimmt hat! Und wenn er es wirklich getan hat, so zertrete ich seine Niederträchtigkeit und vernichte die Erinnerung daran für immer!« Mit diesen Worten riß sie Leicesters Brief in Stücke und stampfte in ihrer überheftigen Erregtheit mit dem Fuß auf die Fetzen, als wollte sie selbst die kleinen Schnitzel noch zu nichts zermalmen. »Seid Zeugen,« sagte Varney, sich fassend, »sie hat Mylords Brief zerrissen, um mir den Plan zur Last zu legen, der von ihm ausgeht – und obgleich ich nichts weiter davon habe, als Gefahr und Plackerei, will sie es doch mir in die Schuhe schieben, als ob ich einen Sonderzweck dabei verfolgte.« »Du lügst, Du verräterischer Sklave!« rief die Gräfin trotz Jeanettens Versuchen, sie zur Ruhe zu bringen, »Du lügst – laß mich gehen, Jeanette! – Und wäre es das letzte Wort, das ich zu sprechen hätte, er lügt! – Er hat seinen eignen gemeinen Zweck dabei gesucht, und noch deutlicher hätte er mir seine eignen Ansichten enthüllt, hätte ich mich bezwingen und noch länger die Ruhe bewahren können, die ihn zuerst ermutigt hat, seine erbärmlichen Pläne aufzudecken.« »Gnädige Frau,« sagte Varney, bei all seiner Frechheit aufs höchste bestürzt, »ich bitte Euch, glaubt mir, Ihr irrt Euch!« »Ebenso gern will ich glauben, Licht sei Finsternis,« erwiderte die Gräfin, die sich gebärdete, wie ein in einer Schlinge gefangnes Wild, »habe ich denn Vergessenheit getrunken? Sind mir denn nicht frühere Zudringlichkeiten bekannt, die, wenn Leicester sie erführe, Dich an den Galgen brächten? – Ich wollte, ich wäre ein Mann nur fünf Minuten lang! Das wäre Zeit genug, einen Feigling wie Dich dahin zu bringen, daß er seine Schurkerei gestünde! Aber geh – geh Deiner Wege. Sag meinem Herrn, wenn ich den schändlichen Weg einschlagen muß, auf den Deine erbärmlichen Kunstgriffe führen müssen, so will ich ihm einen Nebenbuhler geben, der seines Namens ein wenig würdiger sein soll. Er soll nicht durch einen hündischen Lakaien ersetzt werden, dessen größtes Glück es ist, einen Anzug von seinem Herrn zu bekommen, ehe er abgetragen ist, und der höchstens das Zeug dazu hat, eine Vorstadtdirne zu verführen, indem er auf die alten Pantoffel seines Herrn neue Rosetten setzt! – Geh – geh Deiner Wege, Gesell! Ich verachte Dich so sehr, daß ich mich fast schäme, mich über Dich geärgert zu haben,« Varney ging hinaus in stummer Wut, und Foster folgte ihm, dessen von Natur schwerfälliges Begriffsvermögen von diesem heftigen, überschäumenden Wutausbruch völlig in die Enge getrieben worden war. Zum ersten Male hörte er Laute der Empörung von den Lippen eines Wesens, das bis auf diesen Augenblick zu sanft und lammfromm geschienen hatte, um auch nur einen zornigen Gedanken zu hegen, geschweige denn ein maßloses Wort auszustoßen. Foster folgte daher Varney von Zimmer zu Zimmer und drang unablässig mit Fragen in ihn, auf die jedoch der andre nicht antwortete, bis sie auf der entgegengesetzten Seite des Vierecks und in der Bibliothek angelangt waren. Hier wandte er sich an seinen hartnäckigen Verfolger, und redete ihn in verhältnismäßig ruhigem Tone an, denn er war daran gewöhnt, seine Wut zu bezwingen, und der kurze Weg hatte ihm Zeit genug gegeben, sich zu beruhigen und seine Geistesgegenwart wiederzuerlangen. »Toni,« sagte er mit seinem gewöhnlichen Grinsen, »der Teufel steckt in der Kanaille! Sie sah so verlockend drein und verstand es so meisterhaft, ihre Züge zu beherrschen, während ich ihr Mylords Botschaft ausrichtete, daß ich wirklich auf den Einfall gekommen bin, auch ein paar Worte für mich selber miteinzuflechten. Nun denkt sie, sie hat meinen Kopf unter ihrer Fuchtel – da irrt sie sich. – Wo ist Doktor Alasko? Ich bedarf seiner. Führe mich in sein Pandämonium!« Mit schnellen, überstürzten Schritten folgte er Foster, der ihn durch geheime Gänge, von denen manche schon fast verfallen waren, wieder nach der gegenüberliegenden Seite des Vierecks führte, wo in einem unterirdischen Gemach der Alchimist Alasko hauste. In diesem selben Gewölbe hatte einst zum großen Aergernis seiner Brüderschaft einer der Aebte von Abingdon, der eine Vorliebe für okkulte Wissenschaften hatte, sich ein Laboratorium errichtet, worin er, wie viele andre Narren jener Zeit, viel kostbare Zeit und auch viel Geld in der Suche nach dem »großen Arkanum« verschwendet hatte. Anton Foster blieb vor der Tür stehen, die ängstlich von innen verschlossen war, und schien sich zu bedenken, ob er den Weisen stören solle. Aber Varney klopfte ohne Zaudern an und rief solange, bis endlich langsam und mit Widerstreben der Insasse die Tür aufmachte. Der Alchimist erschien, seine Augen tränten von der Hitze und den Dünsten des Ofens oder Tiegels, über dem er gearbeitet hatte. Der Alte murmelte mit verächtlicher Ungeduld: »Soll ich immer von dem Treiben des Himmels herab zu dem der Erde zurückgerufen werden?« »Zum Treiben der Hölle,« versetzte Varney, »denn das ist Dein eigentliches Element. Foster, wir brauchen Dich bei unsrer Verhandlung.« Foster trat langsam herein, Varney folgte und verriegelte die Tür, und sie setzten sich, um geheimen Rat zu pflegen. Inzwischen durchmaß die Gräfin das Zimmer, und Scham und Zorn brannten noch immer auf ihrer Wange. »Der Schurke,« sagte sie, »der kaltblütige, berechnete Sklave! Aber ich habe ihn entlarvt, Jeanette – ich habe die Schlange sich mit all ihren Ringeln vor mir aufrollen lassen, bis sie in ihrer nackten Mißgestalt vor mir kroch – ich habe meine Empörung bezwungen auf die Gefahr hin, vor Anstrengung zu ersticken, bis er mich tief auf den Grund seines Herzens hatte sehen lassen, das schlimmer ist als der finsterste Winkel der Hölle. – Und Leicester – aber es ist unmöglich, der Schurke hat in allem gelogen. Jeanette, ich will nicht länger hier bleiben – ich fürchte mich vor ihm – ich fürchte mich vor Deinem Vater – es tut mir leid, daß ich das sagen muß – aber ich fürchte mich vor Deinem Vater – und am meisten vor diesem abscheulichen Varney. Ich will von Cumnorplace entfliehen.« »Ach, gnädige Frau, wohin wolltet Ihr denn fliehen, oder wie wolltet Ihr denn aus diesen Mauern entkommen?« »Das weiß ich nicht, Jeanette,« sagte die unglückliche junge Frau, sah gen Himmel und rang die Hände. »Ich weiß nicht, wohin ich flüchten soll oder wie ich entrinnen soll, aber ich weiß, der Gott, dem ich gedient habe, wird mich in dieser furchtbaren Not nicht verlassen, denn ich bin in der Hand von Bösewichten.« »Glaubt das nicht, teure Lady,« sagte Jeanette, »mein Vater ist barsch und schroff und verrichtet streng seinen Dienst, aber doch ...« In diesem Augenblick trat Anton Foster herein, einen gläsernen Becher und einen kleinen Flacon in der Hand. Sein Benehmen war sonderbar: denn wenn er bisher auch der Gräfin mit der ihrem Range gebührenden Achtung gegenüber getreten war, so hatte er doch immer die hartnäckige Griesgrämigkeit seines Wesens merken lassen, die sich, wie es bei Leuten seines unglücklichen Temperaments immer der Fall ist, hauptsächlich an denen ausließ, die durch die Verhältnisse ihm unterstellt waren. Aber in diesem Augenblick ließ er nichts von dem finstern Autoritätsbewußtsein merken, das er unter einem plumpen Gebaren der Höflichkeit und Unterwürfigkeit zu verbergen pflegte, wie ein Strauchdieb Pistole und Dolch unter seinem lumpigen Kaftan versteckt. Und doch schien es, als lächle er mehr aus Furcht als aus Höflichkeit, und als trüge er schon eine weitre Bosheit im Sinne, als er die Gräfin aufforderte, von dem kostbaren, stärkenden Tranke zu genießen, der ihr nach der letzten Aufregung gut tun und beruhigend auf sie wirken würde. Seine Hand zitterte auch, seine Stimme stockte, und sein ganzes äußres Wesen wirkte in der Tat so verdachterregend, daß seine Tochter Jeanette ihn ein Weilchen erstaunt ansah und sich mit einem Male zu einem kühnen Entschluß aufzuraffen schien. Sie hob den Kopf, nahm eine entschiedne und gebieterische Haltung an, trat langsam zwischen ihren Vater und ihre Herrin, nahm ihm das Glas aus der Hand und sagte in leisem, aber entschlossnem Tone: »Vater, ich will meiner edeln Herrin einschenken, wenn sie es wünscht.« »Nu, mein Kind?« rief Foster furchtsam, »nein, mein Kind! Nicht Du sollst der Lady diesen Dienst erweisen.« »Und warum denn nicht,« erwiderte Jeanette, »wenn es überhaupt angebracht wäre, daß meine edle Herrin von dem Tranke genießt?« »Warum? Warum?« sagte der Seneschall zaudernd, und dann brach er in Wut aus, das Feste Mittel, wenn sich keine Gründe finden lassen. »Weil es mir so paßt, und nun mach, daß Du in die Abendandacht kommst!« »Nun, so wahr ich noch einmal eine Andacht zu hören hoffe,« erwiderte Jeanette, »ich will heute abend nicht hingehen, ehe ich nicht beruhigt bin, daß meiner Herrin kein Leid geschieht. Gib mir das Fläschchen, Vater,« und sie nahm es ihm aus der widerstrebenden Hand, während er es wie unter Gewissensbissen losließ. »Und nun, Väter,« sagte sie, »was meiner Herrin gut tun soll, das kann mir nichts schaden. Vater, ich trinke Dir zu.« Ohne ein Wort zu sprechen, stürzte Foster auf seine Tochter zu und riß ihr das Fläschchen aus der Hand. »Das ist sonderbar, mein Vater,«, sagte Jeanette und hielt den Blick fest auf ihn geheftet, »soll ich weder meiner Herrin einschenken noch selber trinken?« Die Gräfin verdankte es nur ihrem mutigen Herzen, daß sie diese Szene so ruhig mit angesehen hatte, deren Bedeutung ihr um so klarer war, als der geheime Zweck mit keinem Worte erwähnt wurde. Ihre Wange war wohl beim ersten Schreck blaß geworden, aber ihr Auge sah ruhig und fest verächtlich drein. »Wollt Ihr von diesem kostbaren Trunke kosten, Meister Foster? Vielleicht weigert Ihr Euch nicht, uns Bescheid zu tun, wenn Ihr es auch Jeanetten nicht erlaubt. Trinkt, Herr, ich bitte Euch.« »Ich will nicht,« antwortete Foster. »Und für wen ist denn das köstliche Getränk bestimmt?« fragte die Gräfin. »Für den Teufel, der es gebraut hat!« antwortete Foster und stürzte hinaus. Jeanette sah ihre Herrin mit einem Antlitz voll Scham, Entsetzen und Schmerz an. »Weine nicht um mich, Jeanette,« sagte die Gräfin sanft. »Nein, gnädige Frau,« versetzte ihre Zofe unter Schluchzen, »nicht um Euch weine ich, sondern um mich selber – und um diesen unglücklichen Mann. Wer vor den Menschen entehrt ist – und von Gott verflucht ist, der hat Grund zu klagen – nicht der, der unschuldig ist. Lebt wohl, Herrin!« setzte sie rasch hinzu und nahm hastig den Mantel, in dem sie auszugehen pflegte. »Verläßt Du mich, Jeanette?« rief ihre Herrin. »Willst Du von mir gehen in so großer Not?« »Euch verlassen, liebe Frau?« rief Jeanette, lief zu ihr zurück und deckte ihre Hand mit Küssen, »Euch verlassen? Eher mag mich die Hoffnung auf Gott verlassen! – Nein, Gnädige, mit Recht habt Ihr gefügt, der Gott, dem Ihr dient, werde Euch einen Weg zur Befreiung erschließen. Es gibt einen Weg zur Flucht. Ich habe Tag und Nacht gebetet um Licht, daß ich erkennen möchte, wie ich meiner Pflicht gegen jenen unglücklichen Mann und gegen Euch zugleich genügen könne. Schrecklich und grell ist dieses Licht jetzt aufgedämmert, und die Tür, die Gott aufmacht, darf ich nicht schließen. Fragt mich, nichts weiter. Ich bin binnen kurzem wieder zurück.« Mit diesen Worten hüllte sie sich in den Mantel und ging hinaus. Inzwischen war ihr Vater wieder ins Laboratorium getreten, wo er die Helfershelfer seines geplanten Verbrechens antraf. »Hat der süße Vogel genippt?« fragte Varney mit einem Lächeln, während der Astrolog dieselbe Frage mit den Augen tat, doch ohne ein Wort zu sagen. »Nein, und sie soll es auch nicht von meiner Hand,« versetzte Foster, »ich soll vor den Augen meiner Tochter zum Mörder werden?« »Ist Dir nicht gesagt worden, Du verbissner und doch schwachherziger Sklave,« antwortete Varney bitter, »daß von Mord, wie Du es nennst, dabei keine Rede ist? Ist Dir nicht gesagt worden, daß eine kurze Krankheit – ein Unwohlsein, wie es die Weiber oft aus bloßer Launenhaftigkeit erheucheln, das Ganze ist, was hierbei erzielt werden soll? Hier dieser gelehrte Mann wird es Dir beschwören beim Schlüssel zum Schlosse der Weisheit.« »Ich beschwöre es,« sagte Alasko, »das Elixir, das Du dort in der Flasche hast, schadet dem Leben nichts. Ich schwöre es bei der unsterblichen, unzerstörbaren Quintessenz von Gold, die jede Substanz in der Natur durchzieht, wenn auch ihr geheimes Vorhandensein allein von dem nachgewiesen werden kann, dem Trismegistus den Schlüssel der Kabbala verleiht. »Das, ist ein nachdrücklicher Schwur,« sagte Varney. »Du warst schlimmer als ein Heide, daß Du nicht daran geglaubt hast. Gib her, ich werde gleich wieder hier sein.« Mit diesen Worten nahm Varney Foster das Fläschchen aus der Hand und ging hinaus. Er ließ die beiden allein. Als er nach einiger Zeit wiederkehrte, war seine erste Frage: »Weißt Du auch ganz bestimmt, Alasko, daß Du nicht mehr und nicht minder hineingemischt hast als das genaue, richtige Maß?« »Ja,« sagte der Alchimist, »so genau, wie Menschenhände überhaupt bei diesen heikeln Messungen verfahren können.« »Nun, dann fürchte ich nichts,« sagte Varney, »ich weiß, Du bist bezahlt worden, eine Krankheit zu erzeugen, und Du würdest es für verwerfliche Verschwendung halten, zu demselben Preise einen Mord zu begehen. Komm, wir wollen ein jeder auf unser Zimmer. – Wir werden morgen sehen, wie die Sache wirkt?« »Wie hast Du sie dazu gebracht, daß sie getrunken hat?« fragte Foster schaudernd. »Nichts hab ich getan,« antwortete Varney, »ich habe sie nur angesehen mit jenem Blick, der Tollhäusler, Weiber und Kinder in Bann hält. Im Sankt Lukas-Hospital haben sie mir gesagt, ich hätte den richtigen Blick, einen widerspenstigen Patienten zu bewältigen. Die Krankenwärter machten mir ihr Kompliment deswegen. Wenn die Hofgunst mich verläßt, so weiß ich wenigstens; womit ich mir mein Brot verdienen kann.« »Und fürchtest Du nicht, die Dosis könnte nicht genau abgemessen sein?« fragte Foster. »In dem Falle wird sie nur um so tiefer schlafen,« versetzte Varney. »Die Furcht davor soll mir nicht die Ruhe rauben. Gute Nacht, Ihr Herren.« Siebentes Kapitel Der Sommerabend war zur Neige gegangen, und Jeanette kehrte rechtzeitig zurück, ehe sie durch zu langes Ausbleiben Verdacht in dem argwöhnischen Hause erregt hätte, und eilte in das Gemach, wo sie ihre Herrin verlassen hatte. Sie fand sie an einem Tische, beide Arme hatte sie darauf gelegt, und das Haupt lag auf ihren Armen. Als Jeanette hereinkam, sah sie weder auf, noch rührte sie sich. Mit Blitzeseile stürzte die treue Dienerin zu ihrer Herrin, rüttelte sie sanft und beschwor sie aufs eindringlichste, aufzusehen und ihr zu sagen, was ihr so nahe gegangen sei. Die unglückliche Frau hob den Kopf und sah ihre Dienerin mit geisterhaftem Auge und kreidebleicher Wange an: »Jeanette,« murmelte sie, »ich habe es getrunken.« »Gott sei gelobt!« sagte Jeanette hastig, »ich meine, Gott sei getobt, daß es nicht schlechter ist, der Trank wird Euch nicht schaden. Steht auf, werft diese Lethargie von Euern Gliedern und diese Verzweiflung von Euerm Gemüt!« »Jeanette,« wiederholte die Gräfin, »störe mich nicht – laß mich in Frieden – laß das Leben in Ruhe dahin gehen – ich bin vergiftet.« »Ihr seid es nicht, meine teuerste Frau,« antwortete das Mädchen eifrig, »was Ihr geschluckt habt, kann Euch nichts schaden – Ihr hattet ja vorher das Gegengift zu Euch genommen. Ich bin hierher geeilt, um Euch zu sagen, daß der Weg zur Flucht offen steht.« »Flucht!« rief die Dame und erhob sich rasch von ihrem Stuhle, während Licht in ihr Auge und Leben in ihre Wange zurückkehrte. »Noch ach! Jeanette, das kommt zu spät.« »Nicht doch, teuerste Frau – steht auf, nehmt meinen Arm und geht im Zimmer auf und ab. Laßt nicht die Einbildung das Werk der Vergiftung tun – so, fühlt Ihr nicht jetzt, daß Ihr noch den vollen Gebrauch all Eurer Glieder habt?« »Der Starrkrampf scheint nachzulassen,« sagte die Gräfin, während sie, von Jeanette gestützt, im Zimmer auf und nieder schritt. »Aber ist es denn so und habe ich nicht einen tödlichen Trank genossen? Varney ist hier gewesen, wie Du weg warst, und hat mir mit Augen, in denen ich mein Schicksal las, den furchtbaren Trank zu schlucken gegeben. O, Jeanette, es muß Gift sein, nie ward durch einen solchen Mundschenk ein harmloser Trank gereicht.« »Er hat ihn vielleicht nicht in harmloser Absicht gereicht,« erwiderte das Mädchen, »aber Gott macht die Ränke der Bösen zu nichte, Euer Leben ist vor seinen Anschlägen sicher. Habt Ihr Euch ihm nicht zur Wehr gesetzt?« »Alles im Hause war still,« antwortete die Lady, »Du warst fort, und er war allein im Zimmer, fähig zu jedem Verbrechen. Ich machte mir nur zur Bedingung, daß er mich von seiner abscheulichen Gegenwart befreien möge, und trank, was er mir anbot. – Aber Du sprachest von Flucht, Jeanette, – kann ich so glücklich sein?« »Seid Ihr stark genug, die Nachricht zu hören und den Versuch zu machen?« fragte das Mädchen. Stark!« versetzte die Gräfin. »Frage die Hindin, wenn der Hund den Fang aufreißt, sie zu packen, ob sie stark genug ist, über einen Abgrund zu springen! Ich bin zu jedem Versuche bereit, der mich von hier wegbringen kann.« »Dann hört mich,« sagte Jeanette. »Einer, den ich für einen ergebnen Freund von Euch halte, hat sich mir in verschiednen Verkleidungen gezeigt und hat mich zu sprechen gesucht, und ich habe es ihm immer abgeschlagen, da ich erst heute abend den wahren Sachverhalt durchschaut habe. Es war der Hausierer, der Euch Waren brachte, – der reisende Krämer, der mir die Bücher verkaufte – und sobald ich hinauskam, konnte ich auch darauf rechnen, ihn zu treffen. Der Vorfall von heute abend hat mich bewogen, mit ihm zu sprechen. Er wartet eben jetzt am Hintertor des Parkes und hält alles zur Flucht bereit. Aber fühlt Ihr Euch auch bei Kräften? – Habt Ihr Mut und Fassung? – Könnt Ihr das Unternehmen wagen?« »Wer vor dem Tode flieht,« sagte die Lady, »findet Kraft, und wer der Schande entrinnen will, dem mangelt es nicht an Mut.« »Dann in Gottes Namen, Lady,« sagte Jeanette, »muß ich Euch Lebewohl sagen und Euch Gottes Hut anvertrauen.« »So willst Du nicht mit mir fliehen, Jeanette?« fragte die Gräfin. »Soll ich Dich verlieren? Ist das Dein treuer Dienst?« »Lady, ich würde gern mit Euch fliehen, aber wenn ich es täte, so würde unsre Flucht auf der Stelle entdeckt und wir sogleich verfolgt werden. Ich muß zurückbleiben, um eine Zeitlang die Wahrheit zu verschleiern.« »So soll ich allein mit diesem Fremdling reisen?« fragte die Lady. »Bedenke, Jeanette, kann dahinter nicht ein finstrer Plan stecken, Dich von mir zu trennen, die Du meine einzige Freundin bist?« »Nein, Gnädige, glaubt das nicht,« antwortete Jeanette rasch, »der Jüngling meint es ehrlich mit Euch, und er ist ein Freund von Junker Tressilian, in dessen Auftrag er hergekommen ist.« »Wenn er ein Freund Tressilians ist,« sagte die Gräfin, »so will ich mich ihm anvertrauen, denn nie hat ein Mensch gelebt, der mehr von allem Niedrigen, Schlechten und Selbstsüchtigen frei gewesen wäre als Tressilian. Er hat immer sich selber vergessen, wenn er andern von Nutzen sein konnte. Ach! Und wie ist es ihm vergolten worden!« Mit Hast und Eifer suchten sie die paar Sachen zusammen, die die Gräfin mitnehmen mußte und die Jeanette geschickt und rasch zu einem kleinen Bündel zusammenschnürte. Sie vergaß dabei nicht die wertvollen Schmucksachen, die ihr gerade unter die Finger kamen, und vor allem ein kleines Kästchen voll Juwelen, die in künftiger Zeit ihr, wie sie klug bedachte, leicht gute Dienste erweisen könnten. Dann zog die Gräfin Leicester sich um und zog ein Kleid ihrer Zofe an, denn sie hielten es erforderlich, jedes äußre Merkmal zu vermeiden, das Aufmerksamkeit erregen könnte. Ehe diese Vorbereitungen beendet waren, war am sommerlichen Himmel der Mond aufgegangen, und im Hause war alles zur Ruhe – zum mindesten war es still in allen Gemächern. Der Flucht von Haus und Garten stand kein Hindernis entgegen, sofern es ihnen gelang, ungesehen fortzukommen. Die flüchtige Gräfin eilte mit ihrer Führerin auf dem verwilderten Pfade dahin, der einst eine Allee gewesen war. Zweige breitästiger Bäume griffen über ihm ineinander, und ein zweifelhaftes Licht warf die Strahlen des Mondes herein, wo die Axt Lichtungen im Walde geschlagen hatte. Wiederholt sperrten gefällte Bäume ihnen den Weg, und die Unannehmlichkeit solcher Hindernisse, die atemlose Hast, in der sie den ersten Teil ihres Weges zurückgelegt hatten, der aufreibende Wechsel von Furcht und Hoffnung erschöpften so völlig die Kraft der Gräfin, daß Jeanette den Vorschlag machen mußte, ein paar Minuten zu rasten, um erst wieder zu Atem und Fassung zu gelangen. Sie standen daher beide still unter dem Schatten einer mächtigen, alten, knorrigen Eiche und sahen unwillkürlich beide zurück zu dem Herrenhaus, dessen lange, dunkle Front in der finstern Ferne auftauchte und sich mit seinen Schornsteinen und Türmchen in scharfen Umrissen gegen den sommerlich blauen Nachthimmel abhob. Den zweiten Teil ihres Weges legten sie mit mehr Bedacht und auch leichter zurück. So fanden sie Muße zu Erwägungen, und Jeanette fragte nun ihre Herrin, wohin sie sich zu wenden gedenke. »Wahrscheinlich in Eures Vaters Haus,« setzte sie gleich hinzu, »dort könnt Ihr bestimmt auf Sicherheit und Schutz rechnen.« »Nein, Jeanette,« sagte die Lady traurig, »ich habe Lidcotehall verlassen, als mein Herz noch leicht und mein Name noch ehrlich war, und ich will nicht eher dorthin zurückkehren, bis Mylord es mir erlaubt und unsre Ehe öffentlich anerkannt hat und ich mit all dem Rang und all den Ehren, die er mir beschert hat, dort einziehen kann.« »Und wohin wollt Ihr denn, Mylady?« fragte Jeanette. »Nach Kenilworth, Mädchen,« sagte die Gräfin kühn und frei, – »ich will die Festlichkeiten sehen – die fürstlichen Feste – deren Zurüstungen das Land von einer Seite zur andern in Aufruhr bringen. Mich dünkt, wenn die Königin von England in den Hallen meines Gemahls den Festjubel genießt, wird die Gräfin von Leicester keine unziemliche Gästin sein.« »Ich bitte zu Gott, daß Ihr eine willkommne sein möget!« sagte Jeanette schnell. »Ich habe weiter keinen Wunsch,« sagte die Gräfin, »als mich in den Schutz meines Gemahls zu begeben. Die Niederträchtigkeit der Männer, mit denen er mich umgeben hat, hat mich aus dem Hause, das er mir angewiesen hat, vertrieben – aber in nichts sonst will ich seinen Befehlen zuwider handeln. Ich will mich an ihn allein wenden, ich will mich von ihm beschützen lassen, und ich will aus seinem Munde Weisungen entgegennehmen, wie ich mich in Zukunft zu verhalten habe. Und ich bin entschlossen, mein Schicksal mit einem Schlage zu erfahren, und zwar von meinem Manne selber; und ihn in Kenilworth aufzusuchen, ist das beste Mittel zu meinem Zweck.« Nach einer Weile fragte sie: »Bist Du auch vorsichtig gewesen, Jeanette, und hast diesem Führer, dem ich mich anvertrauen muß, nicht das Geheimnis meiner Lage verraten?« »Von mir hat er nichts weiter erfahren,« sagte Jeanette, »und ich glaube, er selber weiß auch nichts weiter, als was die Welt im allgemeinen von Eurer Lage vermutet.« »Und was ist das?« »Ihr hättet Euers Vaters Haus verlassen – aber ich kränke Euch, wenn ich weiter spreche ...« »Nein, sprich weiter,« sagte die Gräfin, »ich muß das Uebel ertragen lernen, das ich selber verschuldet habe. Denken also die Leute, ich sei die Maitresse Leicesters?« »Varneys, denken die meisten wohl gar,« erwiderte Jeanette, »und doch nennen einige ihn nur den Strohmann Seiner Lordschaft, aber sie wagen es nicht, diese Meinung allzu laut zu äußern, damit sie nicht wegen Beleidigung des Adels bestraft werden.« »Sie tun gut daran, leise zu sprechen,« sagte die Gräfin. »Denn wehe dem, der den edlen Dudley den Spießgesellen eines solchen elenden Schuftes wie Varney nennt! – Wir sind am Hintertor. – Ach, Jeanette, ich muß Dir Ade sagen. Weine nicht, mein gutes Mädchen, wir sehen uns wieder!« »Gott geb es, teure Lady!« sagte Jeanette. Nach harter Mühe hatte endlich der Schlüssel das Schloß der Hintertür bezwungen, und nicht ohne Schaudern sah die Gräfin sich jenseits der Mauern, die das strenge Geheiß ihres Gemahls ihr als die Grenze ihrer Spaziergänge bezeichnet hatte. Voller Angst auf ihr Erscheinen wartend, stand Wieland der Schmied, ein paar Schritte entfernt hinter einer Hecke am Wegesrande. »Ist alles sicher?« fragte Jeanette ihn ängstlich, während sie behutsam näher traten. »Alles,« erwiderte er, »ich habe nur kein Pferd für die Lady besorgen können, aber das macht nichts, sie muß auf meiner Mähre reiten und ich werde neben ihr her laufen, bis wir ein andres Pferd bekommen.« Die Gräfin wurde von Wieland aufs Pferd gehoben. »Ade! Und möge Gott mit Euch sein!« sagte Jeanette, wieder ihrer Herrin die Hand küssend, die ihren Segenswunsch mit stummer Liebkosung erwiderte. Dann rissen sie sich auseinander, und Jeanette rief Wieland noch zu: »Möge der Himmel mit Dir verfahren, wie Du treu oder falsch sein wirst gegen diese hilflose, unglückliche Dame!« »Amen, teuerste Jeanette!« erwiderte Wieland. Achtes Kapitel. Die Reisenden waren ohne Unterbrechung bis nach Donnington gekommen. Hier mußte die Gräfin sich ein wenig ausruhen, während Wieland mit seiner gewohnten Geschicklichkeit und Umsicht die Anstalten traf, die unerläßlich waren, wenn sie ihre Reisen auch fernerhin ohne Gefahren fortsetzen wollten. Er besorgte für sich und die Gräfin Kleider, die ihnen das Aussehen wohlhabender Landleute gaben, und bestimmte seine Gefährtin, daß sie sich, um möglichst alles Aufsehen zu vermeiden, für seine Schwester ausgeben sollte. Auch ein gutes Pferd, das mit dem seinen Schritt halten konnte, hatte er bald besorgt. Als die Gräfin sich nach einigen Stunden ruhigen Schlafes wieder bei Kräften fühlte, setzten sie die Reise am Nachmittag fort und schlugen den Weg über Coventry und Warwick nach Kenilworth ein. Es war ihnen aber nicht lange beschieden, zu reisen, ohne einer Gefahr zu begegnen. Der Wirt des Gasthofes in Donnington hatte ihnen mitgeteilt, daß eine lustige Gesellschaft soeben von Donnington aufgebrochen sei, die in Kenilworth Maskenspiele aufzuführen beabsichtige. Wieland kam sofort auf den Gedanken, sich dieser Truppe anzuschließen, sobald sie sie auf der Heerstraße einholen würden, denn er würde auf diese Weise, sagte er sich, weniger Aufsehen erregen, als wenn er mit der Dame allein reiste. Die Gräfin, der nur daran lag, Kenilworth so schnell als möglich zu erreichen, war ganz damit einverstanden. Sie trieben also ihre Pferde an, um die Schauspielertruppe zu erreichen und in ihrer Gesellschaft weiter zu reisen – und kaum wurden sie die Schar gewahr, die aus Reitern und ein paar Fußgängern bestand und eben auf der Spitze eines kleinen Hügels, eine halbe Meile von ihnen, hinzog – da erblickte Wieland, der unablässig in der Runde spähte, einen Reiter, der, von einem Diener begleitet, auf schnellem Pferde herankam. Wieland sah genauer hin und erblaßte. »Das ist Richard Varneys Renner – unter tausend Pferden möchte ich ihn erkennen – jetzt wird die Sache ernst.« »Zieht Euer Schwert,« antwortete die Lady, »und durchstoßt mir die Brust, ehe Ihr mich ihm in die Hände fallen laßt.« »Eher wollte ich ihn oder mich selber durchbohren. Aber Fechten ist nicht eben meine Stärke, und ich habe auch bloß ein verrostetes Rapier, und er hat doch sicher eine Klinge von Toledo. Außerdem ist noch ein Diener bei ihm – ich glaube, der Raufbold und Trunkenbold Lambourne – ich fürchte mich vor beiden nicht in meiner guten Sache – Euer Pferd könnte noch ein bißchen schneller laufen, wenn Ihr ihm die Sporen geben wolltet – doch nein, gebt ihm nicht die Sporen, es sieht sonst so aus, als ob wir uns vor ihnen fürchten wollten. Wenn wir nun die Truppe vor ihnen erreichen könnten, dann würden wir uns unter sie mischen und unbeachtet entkommen – es müßte denn sein, daß Varney ausgeritten ist, um uns zu verfolgen – und dann sei Gott mir gnädig!« Das Glück war ihnen günstig, und sie langten auf dem Gipfel des Hügels an und sahen, daß in einem kleinen Tale am andern Abhange des Hügels die Gesellschaft Halt gemacht hatte. Wieland schöpfte nun Hoffnung, daß sie sie erreichen würden, ehe Varney sie noch eingeholt hätte. Wieland war um so mehr in Sorge, als seine Gefährtin totenbleich geworden war und vor Entkräftung vom Pferde zu fallen drohte. Sie trieb aber trotzdem ihr Pferd so sehr zur Eile an, daß sie die Truppe im Tale erreichten, als Varney und Lambourne eben oben auf dem Hügel erschienen. In der kleinen Gesellschaft, die sich um einige in dem Tale gelegne Hütten gruppierte, schien große Verwirrung zu herrschen. Die Frauen liefen zu einer der Hütten aus und ein, und die Männer standen mit ratlosen Gesichtern herum. Wieland und seine Begleiterin hielten wie aus Neugierde an und mischten sich dann, ohne gefragt zu werden und selber zu fragen, unter die Gesellschaft, als hätten sie schon immer zu ihr gehört. Fünf Minuten mochten sie abseits von der Landstraße gestanden haben, als Lord Leicesters Stallmeister und Lambourne den Hügel herabgesprengt kamen, die Flanken der Pferde und die Sporen der Reiter trugen die blutigen Male fliegender Eile. An dem theatralischen Aufputz der Schar, die einen leichten, mit ihren szenischen Requisiten beladnen Karren mit sich führte, erkannten die Reiter sogleich, wen sie vor sich hatten und in welcher Absicht die Leute unterwegs waren. »Ihr geht nach Kenilworth, um dort Spiele aufzuführen?« fragte Varney. » Recte quidem, domine spectatissime ,« antwortete einer. »Und was zum Teufel bummelt Ihr hier?« entgegnete Varney. »Nur bei größter Eile könnt Ihr noch rechtzeitig nach Kenilworth kommen – morgen speist die Königin in Warwick zu Mittag – und Ihr Schelme macht hier Rast?« »Ei, mein Herr,« sagte ein kleiner Zwerg, der eine Larve mit zwei scharlachroten Hörnern vorm Gesicht trug und ein prallanliegendes, schwarzfarbnes Wams mit roten Strümpfen anhatte, während seine Schuhe die Form von gespaltnen Klauen zeigten, »der Teufel, mein Vater, zwingt uns hier Halt zu machen, denn er hat unsre Gesellschaft um einen Sprößling vermehrt.« »Du hast den Teufel im Leibe,« sagte Varney mit seinem sarkastischen Grinsen. »Und wie heißt denn die Teufelin, die sich die Zeit so schlecht ausgesucht hat?« » Gaudet nomine Sybillae ,« sagte der, der zuerst gesprochen hatte, »sie heißt Sybille Laneham und ist die Frau des Herrn Laneham –« »Des Pförtners vom Sitzungszimmer des Staatsrates,« erwiderte Varney, »das ist unverzeihlich von ihr, zumal sie doch schon darin genug Erfahrung hat, daß sie sich besser hätte vorsehen können. – Aber wer waren denn die Leute, ein Mann und eine Frau, die eben so eilig den Hügel hinaufritten? Gehören sie auch zu Eurer Gesellschaft?« Wieland wollte selber schon auf diese beängstigende Frage antworten, als der kleine Teufel ihm zuvorkam. »Mit Verlaub,« sagte er, indem er dicht an Varney herantrat und so leise redete, daß es niemand anders hören konnte, »der Mann ist unser Teufel senior , und er weiß Künste genug, daß er so ein Dämchen wie die Frau Laneham hundertmal ersetzen kann. Und die Weibsperson, das ist die kluge Frau, deren unsre leidende Gefährtin so dringend bedarf.« »So, so, Ihr habt die Hebamme holen lassen? Na, man sah es ihr an, daß sie es eilig hatte. Und somit, wies im Stück heißt: Gott sei bei Euerm Werke!« Mit diesen Worten gab er seinem Pferde die Sporen und galoppierte davon. Lambourne hinterdrein. Der schlaue Zwerg machte jetzt einen Luftsprung und näherte sich dem Pferde Wielands. »Ich habe nun gesagt, wer Ihr seid – nun sagt mir auch, wer ich bin.« »Entweder Dickie Flibbertitibitsch, mein Popanz, oder im Ernst ein kleiner Teufel.« »Du hasts getroffen,« erwiderte Richard Schlamm, »ich bin wahrhaftig Dein Popanz, Dein Flibbertitibitsch, und ich bin mit meinem gelahrten Lehrmeister aufgebrochen, wie ich Dir vorher gesagt habe, ob er wollte oder nicht. – Aber was hast Du da für eine Dame bei Dir? Ich sah, Du warst in der Klemme, als vorhin der Fremde nach Dir fragte – deshalb sprang ich ein und kam Dir zur Hilfe. Aber nun muß ich auch wissen, wer sie ist, lieber Wieland.« »Du sollst fünfzigerlei viel schönre Sachen wissen, mein liebes Kleinchen,« sagte Wieland, »vorderhand aber laß Dein Gefrage. Ihr wollt nach Kenilworth und dahin will ich auch, aus Liebe zu Deinen Geschichtchen und Deiner spaßhaften Gesellschaft.« »Als was willst Du denn mit uns reisen?« »Als Gaukler, Du weißt, das Handwerk versteh ich,« erwiderte Wieland. »Ja, aber die Dame?« antwortete Flibbertitibitsch, »ich denke doch, sie ist eine Dame – und Du bist in tausend Aengsten um sie in diesem Augenblick, das sehe ich Dir an Deinem fisprigen Benehmen an.« »Sie, mein Junge? Sie ist eine arme Schwester von mir,« sagte Wieland, »sie kann singen und die Laute spielen.« »Dann soll sie mir gleich was vorspielen,« sagte der Junge, »ich liebe das Lautenspiel.« »Meine Schwester ist von der Reise erschöpft und bedarf der Ruhe,« versetzte Wieland, und zwischen die Zähne brummte er: »Hol der Teufel den Kobold mit seiner Neugierde! Ich muß mir ihn bei guter Laune halten, sonst fahren wir nur um so schlechter.« Dann berichtete er dem Magister Feiertag von seinen Talenten als Gaukler und von der musikalischen Begabung seiner Schwester. Eine Probe seiner Geschicklichkeit wurde verlangt, die er so ausgezeichnet ablegte, daß die Gesellschaft entzückt war, solchen Zuwachs zu erhalten, und gern die Entschuldigung gelten ließ, die er vorgab, als auch eine Probedarbietung von seiner Schwester verlangt wurde. Die neuen Ankömmlinge wurden eingeladen, an der Mahlzeit teilzunehmen, die jetzt zubereitet wurde, und es bereitete Wieland nicht geringe Schwierigkeiten, sich mit seiner angeblichen Schwester während des Mahles ein wenig abseits zu halten. Er benutzte die Gelegenheit, sie zu ersuchen, daß sie auf kurze Zeit ihren Rang und ihren Schmerz vergessen und sich in die Gesellschaft der Leute mischen möge, mit denen sie reisen müßten, – denn nur so könnten sie hoffen, unentdeckt zu bleiben. Die Gräfin sah die Notwendigkeit ein, aber im weitern Verlauf ihrer Reise kam Wieland selber auf den Gedanken, sich insgeheim von der Gesellschaft zu trennen, weil ihm Dickie Schlamm in seiner zudringlichen Neugierde zu viel zu schaffen machte. »Deine Schwester, Wieland,« sagte er, »hat für eine Schmiedstochter einen hübschen Hals, und wenn man bedenkt, daß sie die Spindel gedreht hat, hat sie noch recht zierliche Finger, – ei, meiner Treu, ich will dran glauben, daß Ihr miteinander verwandt seid, wenn aus dem Krähenei mal ein Schwan auskriecht.« »Geh zu,« sagte Wieland, »Du bist ein fürwitziger Bengel und verdienst die Knute für Deine Frechheit.« »Schön,« sagte die Range und ging, »ich sage Dir weiter nichts, – denke dran, daß Du ein Geheimnis vor mir verbirgst, und wenn ich Dir das nicht gründlich versalze, so will ich nicht Richard Schlamm heißen.« Diese Drohung und der Umstand, daß Popanz während der weitern Reise sich fern von ihm hielt, beunruhigten Wieland sehr, und er veranlaßte seine angebliche Schwester, daß sie unter dem Vorwande der Erschöpfung den Wunsch aussprechen solle, ein paar Meilen vor der Stadt Warwick Rast zu machen mit dem Versprechen, am andern Morgen die Truppe wieder einzuholen. Eine kleine Dorfherberge gab ihnen Obdach, und mit geheimer Freude sah Wieland die ganze Gesellschaft, Dickie Schlamm eingeschlossen, nach einem höflichen Abschiedsgruß weiterwandern. »Morgen, gnädige Frau,« sagte er zu seiner Schutzbefohlenen, »wollen wir in aller Frühe aufbrechen, damit wir vor der großen Menge in Kenilworth eintreffen.« Die unglückliche Gräfin von Leicester war von ihrer Kindheit an von ihrer Umgebung mit ebenso grenzenloser wie unvernünftiger Nachsicht behandelt worden. Durch die natürliche Milde ihres Charakters blieb sie davor bewahrt, in anmaßendes und übellaunisches Wesen zu verfallen. Aber die Grille, aus der heraus sie den hübschen, schmeichlerischen Leicester dem ehrlichen Tressilian vorzog, von dessen hoher Ehrenhaftigkeit und Zuneigung sie selber so felsenfest überzeugt war – dieser verhängnisvolle Irrtum, der das Glück ihres Lebens zerrüttet hatte, hatte seinen Ursprung in der schlecht angebrachten Güte, mit der ihr in ihrer Kindheit die schmerzliche, doch höchst notwendige Lehre der Unterordnung und Selbstzucht erspart worden war. Dieselbe Duldsamkeit hatte zur Folge, daß sie nur gewöhnt gewesen war, Wünsche zu hegen und auszusprechen, während es andern überlassen blieb, sie zu erfüllen; und so fehlte es ihr am gefährlichsten Punkte ihres Lebens nicht nur an Geistesgegenwart, sondern sie war auch völlig unfähig, für sich selbst einen vernünftigen und klugen Plan ihres Verhaltens zu entwerfen. Mit zermalmender Wucht bedrückten diese Schwierigkeiten die unglückliche Dame an dem Morgen, der der Wendepunkt ihres Schicksals zu sein schien. Von jeder weitern Ueberlegung absehend, hatte sie nur gewünscht, in Kenilworth zu sein und mit ihrem Manne zusammenzukommen; und jetzt, da sie in beider Nähe war, drängten sich ihr tausend Bedenken zugleich auf, und sie sah sich von neuen großen Gefahren, teils wirklich, teils eingebildet, alle aber überspannt und gesteigert durch die völlig hilf- und ratlose Lage, umgeben. Es traf sich gut, daß Wieland, der von seinen frühern Wanderschaften und seinem unsteten Leben her fast ganz England kannte, genau mit den Nebenwegen wie den Hauptstraßen in der schönen Grafschaft Warwick vertraut war. Denn so groß war die Menge, die von allen Richtungen her nach Kenilworth drängte, um den Einzug Elisabeths in das Schloß ihres Lieblings zu sehen, daß auf den Hauptstraßen ein Fortkommen nicht möglich war und sie die auf Umwegen zum Ziele führenden Nebenwege benutzen mußten, wenn sie ohne Aufenthalt vorwärts kommen wollten. Die Zahlmeister der Königin hatten im ganzen Lande in Meiereien und Dörfern all die Dinge aufgekauft, die bei einer Reise der Königin in der Regel gebraucht wurden. Die Hausverwalter des Grafen Leicester hatten zu demselben Zwecke das Land durchstöbert, und viele seiner Freunde und Bundesgenossen von nah und fern benutzten die Gelegenheit, sich bei ihm in Gunst zu setzen, und schickten ihm große Massen an Proviant und Delikatessen aller Art, dazu Wild in großen Stücken und ganze Tonnen von den besten fremden und heimischen Weinen und Schnäpsen. So waren die Heerstraßen versperrt von großen Zügen von Ochsen, Schafen, Kälbern und Schweinen und von schwerbeladnen Karren, deren Achsen unter der Last von Weintonnen und Bierfässern und Kolonialwaren und geschossenem Wild und gesalznem Fleisch und Säcken voll Mehl, ächzten. Ununterbrochen fanden in dieser Folge von Wagenzügen Stockungen statt, wobei es zwischen den fluchenden Fuhrknechten oft gar zu Schlägereien kam. Hier waren ferner Schauspieler und Masken, Gaukler und Spezialitäten aller Art. In lustigen Banden zogen sie die Pfade, die nach dem »Palast zur fürstlichen Lust« führten. So hatten die fahrenden Sänger Kenilworth in den Liedern genannt, die schon als ein Vorgeschmack der dort erwarteten Festlichkeiten herausgebracht worden waren. Inmitten dieser buntscheckigen Prozession stellten Bettler ihre wirklichen oder vorgegebnen Gebrechen zur Schau – ein seltsamer, doch alltäglicher Kontrast zwischen den Eitelkeiten und dem Elend des Menschenlebens. Alle diese trieben dahin mit der Hochflut von Volk, das aus purer Neugierde zusammengeströmt war. Das Gedränge und der Wirrwarr war jedoch von frohlauniger und heitrer Art. Alle kamen herbei, um etwas zu sehen und sich zu vergnügen, und alle lachten über die kleinen Unannehmlichkeiten, die zu einer andern Zeit leicht böses Blut hätten machen können. Abgesehen von dem gelegentlichen Schimpfen jener leicht erregbaren Klasse, der Fuhrleute, waren die gemischten Töne, die aus dieser Menschenmasse emporstiegen, nur Laute der leichtsinnigen Fröhlichkeit und jener Ausgelassenheit, die sich im siebenten Himmel fühlt. Nichts bereitet einem in Trübsal versunknen Gemüt mehr Schmerz, als wenn es sich in eine Szene der Lustigkeit und Schwelgerei versetzt sieht, wo alles eine so mißtönende Begleitung zu den eignen Gefühlen abgibt. Die Gräfin von Leicester aber fühlte sich durch den Lärm und das wirre Treiben der bunten Szene abgelenkt von ihren eignen trüben Gedanken, und es war ihr bei dem Leben um sie her unmöglich, über ihr eignes Unglück nachzusinnen oder furchtbare Ahnungen ihres künftigen Schicksals wachzurufen. Sie reiste, wie im Traume befangen, und folgte blindlings der Führung Wielands, der mit großer Geschicklichkeit jetzt sich durch das Gedränge vorschob, jetzt Halt machte, bis sich eine neue günstige Gelegenheit bot, wieder ein Stück weiter vorzudringen, und oft auch von dem Hauptwege abbog und einen kleinen Umweg auf einem Nebenwege machte, der sie wieder auf die Hauptstraße brachte, nachdem sie ein beträchtliches Stück bequemer und schneller zurückgelegt hatten. Auf diese Weise umging er Warwick, in dessen Schlosse Elisabeth die verflossne Nacht verbracht hatte und wo sie bis zum Mittag – der damals in ganz England üblichen Essenszeit – bleiben wollte, um dann nach der Mahlzeit nach Kenilworth weiterzureiscn. Endlich kam das fürstliche Schloß in Sicht, an dessen Einrichtung und äußrer Umgebung der Graf von Leicester umfassende Verbesserungen hatte vornehmen lassen, die ihm die Summe von 60 000 Pfund Sterling – nach unsrem jetzigen Gelde nahezu eine halbe Million Mark – gekostet haben sollen. Die Außenmauer dieses herrlichen und gigantischen Baues umschloß sieben Morgen Land, einen Teil davon nahmen ausgedehnte Stallungen und ein Lustgarten ein, den Rest bildete der große Außenhof des edeln Schlosses. Das herrliche Gebäude selber, das nahe dem Mittelpunkt dieser umfangreichen Umhegung sich erhob, setzte sich aus einem gewaltigen Komplex von kastellartigen Bauten zusammen, die anscheinend zu verschiednen Zeitaltern entstanden waren. Jeder Teil der prachtvollen Gebäudemasse trug seinen Namen und sein Wappen nach einem mächtigen Häuptling, der schon längst dahingegangen war. Alle diese Einzelbauten waren um einen Innenhof herum errichtet. Eine große, wuchtige Feste, die die Zitadelle des Schlosses bildete, war von unbestimmtem, doch sicher sehr hohem Alter und trug den Namen Cäsar – vielleicht weil sie dem Turme dieses Namens im Tower von London ähnelte. Allen frühern Besitzern hatte Leicester es zuvorgetan, so fürstlich und mächtig sie auch gewesen waren. Er hatte ein neues riesiges Gebäude aufführen lassen, das jetzt unter seinen eignen Trümmern begraben liegt – ein Denkmal des Ehrgeizes seines Besitzers. Die äußre Mauer dieses königlichen Schlosses war an der Süd- und Westseite geziert und verteidigt zugleich durch einen teilweise künstlich angelegten See, über den Leicester eine prachtvolle Brücke hatte schlagen lassen, damit die Königin auf einem bisher noch unbetretnen Wege ins Schloß einzöge, anstatt auf dem gewöhnlichen Wege von der Nordseite her, über dem er ein Torhaus hatte errichten lassen, das noch vorhanden ist und sich an Größe und baulicher Schönheit mit dem Schlosse manches Barons aus dem Norden messen kann. Jenseits des Sees lag ein ausgedehntes Gehege voll Rot- und Damwild und aller andern Jagdbeute, überreich an hohen Bäumen, und von diesem Walde aus sah man die weithin sich streckende Front und die massigen Türme des Schlosses in Majestät und Schönheit emporragen. Um diesen fürstlichen Palast herum, wo Prinzen schlemmten und Helden fochten, bald im blutigen Ernst von Schlacht und Belagerung und bald in ritterlichen Spielen, wo Schönheit den Preis verteilte, den die Tapferkeit erworben hatte, ist jetzt alles Einöde. Das Bett des Sees ist nur ein von Binsen überwucherter Morast, und die wuchtigen Ruinen des Schlosses zeigen nur, was einst für Pracht hier gewesen, und der sinnende Besucher kann den Gedanken über den hinfälligen Wert menschlichen Besitzes und das Glück derer nachhängen, die ein bescheidnes Los in Zufriedenheit genießen. Mit ganz andern Gefühlen sah die unglückliche Gräfin von Leicester die grauen, massigen Mauern zum erstenmal über die schattigen Wälder hinweg ragen. Sie, die unbestrittne Gemahlin des großen Grafen, des Lieblings der Elisabeth von Englands mächtigen Günstlings, näherte sich ihrem Manne und der Königin, dieses Mannes unter dem Schutze mehr als der Führung eines armen Gauklers, und obwohl sie die unbestrittne Herrin dieses stolzen Schlosses war, deren flüchtigstes Wort hätte genügen müssen, die Tore in ihren schweren, wuchtigen Angeln sich drehen zu machen zu ihrem Einlaß, so konnte sie sichs doch nicht verhehlen, mit welchen Schwierigkeiten und Gefahren es für sie verknüpft war, in ihre eignen Hallen hineinzukommen. Gefahr und Schwierigkeiten schienen in der Tat mit jedem Augenblick zu wachsen und drohten endlich ihnen völligen Stillstand zu bereiten an dem großen Tore, das zu einem breiten, schönen Wege führte. Dieser Weg lief etwa zwei englische Meilen weit durch das Gehege, gewährte mehrere schöne Ansichten von dem Schloß und dem See und endete an der neu errichteten Brücke, über die die Königin bei diesem denkwürdigen Besuche das Schloß betreten sollte. Das Tor, das zu dieser Allee führte, fanden die Gräfin und Wieland von einer Abteilung berittner Garde-Yeomen der Königin bewacht, die kurzweg allen den Zutritt verwehrten außer den zu dem Feste geladnen Gästen oder solchen Personen, die in den geplanten lustigen Veranstaltungen eine Rolle spielen sollten. Das Gedränge an diesem Eingang war infolgedessen sehr groß, und Personen aller Art gaben alle möglichen Vorwände an, um hereingelassen zu werden. Die Wache hatte für all das ein taubes Ohr und wies alle schönen Worte und sogar annehmbare Trinkgelder mit dem Hinweis auf ihre strengen Befehle ab. Mit denen, die sich mit diesen Gründen nicht zufrieden gaben, gingen sie gröber um und trieben sie ohne Umstände zurück, indem sie mit ihren mächtigen Gäulen auf sie eindrängten oder ihnen derbe Hiebe mit den Kolben ihrer Karabiner versetzten. Wieland wußte nicht, auf welche Weise er Einlaß erlangen sollte, und überlegte eben noch in großer Ratlosigkeit, wie er es anstellen sollte, als der Führer der Abteilung ein Auge auf ihn warf und zu seinem nicht geringen Erstaunen ausrief: »Leute, macht Platz für den Burschen da im orangegelben Rock. Komm vor, Musjö Hanswurst, und mach schnell. Was im Namen des Teufels hat Dich aufgehalten? Komm vor mit Deinem Weiblein da!« Während der Führer diese dringende, wenn auch unhöfliche Aufforderung an Wieland richtete, die dieser kaum als ihm geltend auffassen mochte, machten die Yeomen schleunigst freie Bahn für ihn, und Wieland raunte nur noch schnell seiner Gefährtin zu, den Schleier dicht an das Gesicht zu ziehen, und ritt dann durch das Tor, ihr Pferd am Zügel führend. Aber er ritt mit so niedergeschlagnen Blicken herein und in seinem Gesicht kam Angst und Beklommenheit so deutlich zum Ausdruck, daß das Volk, empört darüber, daß dieser Mann einen Vorzug vor den andern haben sollte, ihm ein lautes Hohngelächter nachschickte. Also in das Gehege hineingelassen, ritten Wieland und seine Schutzbefohlne vorwärts und sannen, was wohl für Schwierigkeiten ihnen zunächst begegnen würden. Sie folgten der breiten Allee, an der zu beiden Seiten ein langes Spalier von Söldlingen Wache hielt – sie waren alle mit Schwertern und Partisanen bewaffnet und trugen die Livree des Grafen von Leicester mit den Kennzeichen Bär und Knotenstock, den Emblemen des Earls. Sie standen auf der ganzen Strecke vom Eingang in den Park bis zur Brücke in einem Zwischenraum von drei Fuß voneinander. Und als die Lady zuerst eine umfassende Ansicht des Schlosses hatte, als sie die stattlichen Türme emporragen sah, die lange, gebogne Linie der Außenmauern, die Zinnen und Türmchen und Plattformen erblickte, von denen manches herniederwallte – als sie das Gewoge von bunten Helmbüschen und Federn auf den Terrassen und Estraden gewahrte – da sank ihr beim Anblick all der ungewohnten Pracht das Herz, als wollte es aufhören zu schlagen, und sie fragte sich auf einen Augenblick, was sie denn Leicester geboten habe, daß sie es verdiente, die Herrin dieser fürstlichen Pracht zu sein. Aber ihr Stolz und Edelmut widerstanden dem Geflüster, das sie verzweifeln hieß. »Ich habe ihm,« sagte sie, »alles gegeben, was ein Weib zu geben hat. Namen und Ruf, Herz und Hand habe ich dem Herrn all dieser Pracht gegeben am Altar, und Englands Königin könnte ihm nicht mehr geben. Er ist mein Gemahl – ich bin sein Weib. – Die Gott vereint, kann der Mensch nicht auseinanderreißen. Kühn und beherzt will ich mein Recht beanspruchen, um so kühner, als ich so unerwartet und so verlassen ankomme. Ich kenne meinen edeln Dudley gut! Er wird wohl ein wenig zürnen, daß ich ihm nicht gehorcht habe – aber Amy wird weinen, und Dudley wird ihr verzeihen.« Aus diesen Betrachtungen schreckte sie ein Ruf des Erstaunens von ihrem Führer Wieland, der sich plötzlich von zwei dünnen, schwarzen Armen um den Leib gefaßt fühlte. Der, dem diese Arme gehörten, hatte sich von einer Eiche auf seines Pferdes Rücken herabgelassen, unter dem lauten Gelächter der Postenkette. »Dies muß der Teufel oder wieder Flibbertitibitsch sein!« rief Wieland, nachdem er vergebens versucht hatte, sich loszumachen und den Kobold, der sich an ihn klammerte, vom Pferde zu setzen. »Tragen die Eichen um Kenilworth solche Eckern?« »Freilich, Meister Wieland,« erwiderte sein unerwarteter Bundesgenosse, »und manche andern noch, die zu hart sind, als daß Du sie knacken könntest, wenn ichs Dich nicht lehrte. Wie wart Ihr wohl durchs Tor dort oben gekommen, wenn ich ihm nicht vorher gesagt hätte, daß unser erster Gaukler und Possenreißer nachkommen würde? Und hier habe ich nun auf Euch gewartet, und die andern werden wohl schon ganz aus dem Häuschen sein, weil ich nicht da bin.« »Na, Du bist ein Stück vom leibhaftigen Teufel selber, guter Kobold,« sagte Wieland. »Ich füge mich Dir und will Deinen Rat befolgen. Nur, wie Du mächtig bist, sei auch barmherzig!« Unter so unheilvollen Umständen und unter so seltsamer Gesellschaft näherte sich die Gräfin von Leicester zum ersten Male der prachtvollen Behausung ihres fast fürstlichen Gemahls. Zehntes Kapitel. Als die Gräfin von Leicester an dem Außentore des Schlosses von Kenilworth anlangte, fand sie den Turm, unter dem der breite Torweg hindurchführte, auf seltsame Weise bewacht, auf den Zinnen standen riesenhafte Wächter, die mit Keulen und Streitäxten und andern vorzeitigen Waffen ausgerüstet waren und die Soldaten König Arturs darstellen sollten. Einige dieser furchtbaren Kerle waren wirkliche Menschen in Maske und Stelzenfuß, andre waren bloße Puppen aus Pappe und Steifleinwand, die, von unten gesehen, mitten unter den lebenden aufgestellt, den beabsichtigten Eindruck vortrefflich erzielten. Aber der gigantische Torwart, der am Tore unten die Wache hielt, verdankte die imposante, fast furchtbare Wirkung seiner Gestalt keinerlei künstlichen Mitteln. Er war ein Mann, der mit seiner gewaltigen Gestalt und der Kraft seiner Muskeln und Sehnen den Riesen Goliath hätte darstellen können, ohne sich auch nur um die Höhe eines Absatzes dem Himmel näher zu bringen. Beine, Knie und Arme dieses Enakssohnes waren nackt, an den Füßen trug er Sandalen. Ein pralles, kurzärmeliges Wams von scharlachrotem Sammet bedeckte seinen Leib und einen Teil seiner Glieder, und an Stelle eines Mantels trug er auf der Schulter das Fell eines schwarzen Bären. Seine Waffe war eine schwere Keule mit Stahlspitzen. Als Wieland sich bescheiden näherte und an ihm vorbei wollte, als sei es ganz selbstverständlich, daß er hereingelassen würde, trat ihm der Riese in den Weg und rief mit donnernder Stimme: »Zurück!« Gleichzeitig stieß er seine Keule auf den Boden mit solcher Gewalt, daß das Pflaster Funken sprühte und der Torweg von dem Krach dröhnte. Wieland folgte dem Rate Dickies und erklärte, er gehöre zu einer Schauspielertruppe, die ihn nicht entbehren könne – er sei durch Zufall zurückgehalten worden und habe nachkommen müssen – und manches dergleichen. Aber der Wärter blieb unerbittlich, bis Dickie Schlamm Wieland ins Ohr flüsterte: »Nur ruhig, ich weiß, wo ihn der Schuh drückt und werde ihn im Augenblick kirre machen.« Er sprang zum Pferde hinab, schlüpfte zu dem Pförtner hin, zupfte ihn an seinem Bärenfell, daß er seinen großen Kopf herabbücken mußte, und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der schreckliche Ausdruck im Gesicht des Riesen wich auf der Stelle, er warf seine Keule auf den Boden und hob Dickie Schlamm so hoch empor, daß der Kleine sich Hals und Beine hätte brechen können, wenn die mächtigen Arme ihn hätten fallen lassen. »Stimmt schon,« rief er mit donnernder Stimme frohlockend aus, »stimmt schon, mein kleiner Knirps – aber wer zum Teufel hat es denn Dir sagen können?« »Das laßt Euch nicht bekümmern,« sagte Flibbertitibitsch, »aber –« und er sah auf Wieland und die Dame und dämpfte seine Stimme zu unhörbarem Geflüster, was ihm nicht sehr schwer fiel, da der Riese ihn zu seiner Bequemlichkeit dicht an sein Ohr hielt. Der Pförtner streichelte dann Dickie zärtlich und setzte ihn auf den Boden, mit derselben Sorgfalt, mit der eine fürsorgliche Hausfrau eine chinesische Tasse, die schon einen Sprung hat, auf den Kaminsims stellt, und rief gleichzeitig Wieland und seiner Dame zu: »Herein mit Euch – herein mit Euch – und seht Euch vor, daß Ihr nicht noch einmal zu spät kommt, wenn ich gerade die Wache habe.« »Ja, ja, herein,« sagte Popanz, »ich muß noch ein kleines Weilchen bei meinem ehrlichen Riesen Goliath bleiben, aber ich bin gleich wieder bei Euch und geh Euerm ganzen Geheimnis auf den Grund, und wäre es so tief und so dunkel wie das Burgverließ.« »Das glaub ich gern,« sagte Wieland, »aber das Geheimnis wird bald meiner Obhut entrückt sein, und dann schert es mich nicht, ob Du oder sonstwer es weiß.« Sie passierten nun den Eingangsturm, der die Bezeichnung Galerieturm führte. So hieß er, weil die ganze Brücke von dem Eingangsturm bis zu einem andern Turm auf der gegenüberliegenden Seite des Sees, dem sogenannten Mortimerturm, zu einem geräumigen Turnierplatz hergerichtet war, der etwa hundertunddreißig Ellen in der Länge und zehn in der Breite maß, mit dem feinsten Sand bestreut und an beiden Seiten durch starke und hohe Palisaden geschützt war. Die breite, schöne Galerie, von der aus die Damen die auf dieser Arena veranstalteten Ritterspiele mitansehen sollten, war an der Nordseite des nach ihr bekannten Außenturmes errichtet. Unsre Reisenden ritten langsam über die Brücke oder den Turnierplatz, und langten am Mortimerturm an, durch den der Zugang zu dem Außenhof des Schlosses führte. Das Tor hier war von vielen Hütern in prunkvollen Livreen bewacht, die sie aber ungehindert passieren ließen. Sie gelangten in tiefer Stille in den großen Außenhof des Schlosses und hatten nun voll vor sich den mächtigen fürstlichen Komplex mit all seinen stattlichen Türmen, jedes Tor stand offen, wie zum Zeichen unbeschränkter Gastlichkeit, und die Räume waren dicht gefüllt mit edeln Gästen und ihren Dienern, Vasallen und Untertanen aller Art. Mitten in dieser prächtigen, vielbelebten Szene hielt Wieland an und sah auf die Dame, als warte er auf ihre Befehle, was fernerhin getan werden solle, da ja das Ziel nun glücklich erreicht war. Da sie schwieg, wartete Wieland ein Weilchen und dann fragte er sie rund heraus, was sie weiter befehle. Sie hob die Hand an die Stirn, als sammle sie Gedanken und Entschlüsse, und antwortete leise und gedämpft, in dem Flüstern eines, der im Traume spricht: »Befehle? Ich kann in der Tat ein Recht beanspruchen, hier zu befehlen. Doch, wer wird mir gehorchen?« Dann hob sie plötzlich den Kopf, als habe sie einen entschiednen Vorsatz gefaßt, und redete einen schmuck gekleideten Diener an, der eben mit geschäftiger Miene durch den Hof ging: »Halt da,« sagte sie, »ich wünsche den Earl of Leicester zu sprechen.« »Wen?« versetzte der Mann, erstaunt über das Begehren. Dann sah er die bescheidne Ausrüstung der Dame an, die ihn in so herrischem Tone anredete, und setzte in wegwerfendem Tone hinzu: »Ei, was haben wir denn da für eine Tollhäuslerin, die an einem Tage wie heute Mylord zu sprechen wünscht?« »Freund,« sagte die Gräfin, »sei nicht so unverschämt. Was ich mit dem Earl zu sprechen habe, duldet keinen Aufschub.« »Da müßt Ihr Euch schon einen andern für Euern Auftrag aussuchen, und wäre die Sache noch so dringend,« sagte der Bursche. »Ich sollte Mylord von der königlichen Seite Ihrer Majestät wegrufen? Ein Peitschenhieb wär meine Antwort. – Mich wunderts, daß unser alter Pförtner solch Gesindel nicht mit seiner Keule wegjagt, statt daß ers hereinläßt.« Ein paar Leute blieben stehen, als der Diener so zu schimpfen anfing, und Wieland, um sich und die Dame besorgt, wandte sich rasch an einen, der am höflichsten aussah, schob ihm ein Geldstück in die Hand und besprach sich kurz mit ihm, ob nicht ein zeitweiliger Unterschlupf für die Dame zu haben sei. Der Mann, mit dem er sprach, hatte, wie es schien, kraft seines Amtes etwas zu sagen und tadelte die andern wegen ihrer Unhöflichkeit. Er befahl einem der Burschen, die Pferde der Fremden zu besorgen, und ersuchte sie, ihm zu folgen. Sie traten durch den großen Torweg in den Innenhof des Schlosses und wurden von ihrem Führer nach einem kleinen, aber starken Turme geleitet, der die Nordostecke des Gebäudes einnahm, welches an die große Halle grenzte. Den untern Teil dieses Turmes bewohnten Haushaltsbeamten Leicesters, aber im obern Stock, zu dem man auf einer engen Wendeltreppe gelangte, lag eine kleine, achteckige Kammer, die bei dem augenblicklichen großen Bedarf an Unterkunft zur Aufnahme von Gästen hergerichtet worden war, obwohl das Gerücht ging, daß dieser Raum als Kerker für eine unglückliche Person gedient habe, die hier ermordet worden sei. Die Sage nannte diesen Gefangnen Mervyn, und nach ihm war auch der Turm genannt. Es stand ein Bett im Zimmer, und es waren mancherlei andre Vorbereitungen zum Empfange von Gästen getroffen worden, die die Gräfin jedoch kaum beachtete – ihr fiel es vor allem auf, daß auf dem Tische ein Schreibzeug stand – was man in Schlafstuben der damaligen Zeit selten fand – und sofort kam ihr der Gedanke, an Leicester zu schreiben und verborgen zu bleiben, bis sie Antwort von ihm erhalten hätte. Der Mann, der sie in diesen behaglichen Raum gebracht hatte, fragte höflich Wieland, dessen Freigebigkeit er kennen gelernt hatte, ob er noch etwas für ihn tun könnte. Auf den zarten Wink hin, daß eine kleine Erfrischung sehr erwünscht sei, führte er den Schmied sofort in das Vorratsgewölbe, wo Speisen aller Art in gastlicher Fülle für alle, die danach fragen mochten, aufgestellt waren. Wieland erhielt bereitwilligst ein paar leichte Bissen, wie sie seiner Meinung nach dem geschwundnen Appetit der Lady am besten zusagen würden, und er ließ die Gelegenheit nicht vorübergehen, selber eine kräftigere und reichlichere Mahlzeit einzunehmen. Dann kehrte er in das Turmgemach zurück, wo die Gräfin ihren Brief an Leicester eben beendet hatte. An Stelle eines Siegels und seidnen Fadens hatte sie ihn mit einer Flechte ihres eignen schönen Haares zugebunden, die sie zu einem sogenannten »Knoten wahrer Liebe« zusammengeschlungen hatte. »Guter Freund,« sagte sie zu Wieland, »den mir Gott in meiner äußersten Not gesandt hat, ich ersuche Dich, diesen Brief an den Earl of Leicester zu besorgen; es wird die letzte Mühe sein, die Ihr um eine unglückliche Dame haben sollt. Mag der Brief aufgenommen werden, wie er wolle,« setzte sie hinzu mit einem Ausdruck zwischen Furcht und Hoffnung, »Du guter Bursche, sollst keine Not mehr mit mir haben. Aber ich hoffe das Beste, und wenn je eine Dame einen armen Mann reich gemacht hat, so hast Du es sicher von meiner Hand verdient, wenn mir jemals das Glück wieder lächelt. Gib, ich bitte Dich, den Brief Lord Leicester nur persönlich in die Hand und merke wohl, wie er ihn aufnimmt.« Daß die Dame, statt nach ihrer Flucht aus Cumnorplace sich zu ihrem Vater zu begeben, was doch das Natürlichste gewesen wäre, und so sich der Macht derer zu entziehen, die sie in so dringende Gefahr gebracht hatten, im Gegenteil sich hatte nach Kenilworth bringen lassen, vermochte Wieland sich nur so zu erklären, daß sie die Absicht habe, sich unter den Schutz Tressilians zu stellen und die Königin selber um Beistand anzurufen. Anstatt aber dieses natürliche Verfahren zu wählen, vertraute sie ihm jetzt einen Brief an Leicester an, unter dessen Gutheißung, wenn nicht ausdrücklicher Beeinflussung ihr all das Uebel zugefügt worden war, das sie bereits erlitten hatte. Dies erschien Wieland als ein unsichres und obendrein gefährliches Verfahren, und Wieland erkannte sogleich, daß er sich erst den Rat und Beistand eines Beschützers sichern müßte, ehe er diesen Auftrag ausführen konnte, ohne dabei die Dame und sich selber in ernste Gefahr zu bringen. Er beschloß daher, ehe er den Brief an Leicester bestellte, Tressilian aufzusuchen und ihn von der Ankunft der Dame in Kenilworth in Kenntnis zu setzen. Auf diese Weise entledigte er sich aller weitern Verantwortlichkeit und übertrug die Aufgabe, die unglückliche Dame zu führen und zu schützen, auf den Gönner, der ihm zuerst den Auftrag erteilt hatte, der Dame seine Dienste zu widmen. Elftes Kapitel. In dem wirren Treiben, von dem das Schloß erfüllt war, eine besondre Person herauszufinden, war nicht leicht, indessen erfuhr Wieland durch indirekte Fragen, die er vorsichtig stellte, Tressilian müsse bei einer großen Schar von Herren im Gefolge des Grafen von Sussex sein, der an diesem Morgen nach Kenilworth gekommen und von Leicester mit großer Ehrerbietung empfangen worden sei. Beide Earls seien aber jetzt mit Edelleuten, Rittern und Herren der Königin nach Warwick entgegengeritten, um sie nach Kenilworth zu begleiten. Wie andre großen Ereignisse hatte sich auch die Ankunft der Königin von Stunde zu Stunde verzögert, und ein Bote, der atemlos herankam, meldete, daß die Majestät – zurückgehalten von dem Wunsche, die Huldigung ihrer Untertanen, die sich in Warwick zusammengedrängt hätten, entgegenzunehmen – erst in der Dämmerstunde nach Kenilworth kommen würde. Diese Nachricht ließ nun denen, die in der Erwartung auf eine augenblickliche Ankunft der Königin sich schon die Rollen zurechtgelegt hatten, die sie bei der Feierlichkeit zu spielen hatten, noch eine kurze Frist; und als Wieland ein paar Reiter in das Schloß hereinkommen sah, hoffte er schon, Tressilian wäre darunter. Aber während er noch eifrig nach dem ausspähte, den er doch nicht sehen konnte, wurde er von jemand, vor dem er am liebsten sich nicht hier hätte sehen lassen, am Aermel gezupft. Dies war Dickie Schlamm oder Flibbertitibitsch, und was Wieland auch innerlich empfinden mochte, so hielt er es doch für nötig, über das unerwartete Zusammentreffen Freude zu bekunden. »Ei, Du bist es, mein kleiner Kobold? Sage mir doch nur, wie bist Du denn mit dem dickköpfigen Riesen fertig geworden?« »Das ist mein Geheimnis,« versetzte der kleine Kerl. »Aber sagt mir doch, wollt Ihr mir nicht die Geschichte von dieser Dame, Eurer Schwester, erzählen, die ebenso wenig Eure Schwester ist wie ich?« »Was könnte Dir das nützen?« fragte Wieland. »O, steht es so zwischen uns?« fragte der Junge, »na, ich kümmre mich ja nicht weiter drum – bloß wenn ich ein Geheimnis wittre, so versuche ich im guten oder im bösen dahinter zu kommen, und somit guten Abend.« »Nein, aber lieber Dickie,« sagte Wieland, der die rastlose Ränkesucht des Knaben zu gut kannte, um nicht sich vor seiner Feindschaft zu fürchten, – »warte doch, lieber Dickie, – reiß nicht so kurzweg vor Deinen alten Freunden aus! – Du sollst alles, was ich über die Dame selber weiß, eines Tages ja schon noch erfahren!« Aber Richard Schlamm war schon mit einem Luftsprung aus dem Torweg, lief mit der ihm eigentümlichen außerordentlichen Geschwindigkeit über die Brücke auf den Galerieturm zu und war im Augenblick verschwunden. Tressilian aber, den Wieland hier so ängstlich erwartete, war schon auf anderm Wege wieder ins Schloß gelangt. Allerdings war er mit der Kavalkade des Earls nach Warwick geritten. Als er aber Varney unter Leicesters Gefolge sah, und dieser sich ihm zu nähern und ihn anzureden schien, hielt er es für geraten, ein solches Zusammentreffen jetzt zu vermeiden. Er war daher wieder zu Pferde gestiegen und nach Kenilworth zurückgeritten, das er auf einem fernen Umwege erreichte und durch eine kleine Pforte in der Westmauer betrat, zu der man ihn als einen der Anhänger des Grafen von Sussex ohne weitres hineinließ – denn Leicester hatte befohlen, gegen Sussex und seine Leute die weitgehendste Höflichkeit zu üben. So kam es, daß er Wieland nicht traf, der ihn ungeduldig erwartete, und den er selber ebenso sehnlichst zu sehen wünschte. Nachdem er sein Pferd seinem Diener übergeben hatte, erging er sich ein Weilchen im Lustgarten, mehr um in verhältnismäßiger Einsamkeit seinen Gedanken nachzuhängen, als um die einzigen Schönheiten der Natur und der Kunst zu bewundern, die die Großartigkeit Leicesters hier zusammen gebracht hatte. Während es in allen andern Teilen des Schlosses lärmte, war der Garten still, und nur die Blätter rauschten, die Insassen eines großen Vogelkäfigs zwitscherten um die Wette mit ihren glücklichern Gefährten, die noch unter freiem Himmel wohnten, und die Springbrunnen plätscherten, die, von Bildwerken phantastischer und grotesker Art in die Luft geschleudert, lautlos in die großen Becken von italienischem Marmor zurückfielen. Tressilian riß sich aber endlich aus seiner traurigen Verlorenheit, und um sich selber zu andern Gedanken zu zwingen, verließ er den Lustgarten, um sich unter die lärmende Menge auf den Wällen zu mischen. Aber als er das lustige Stimmengewirr und das Lachen und die Musik hörte, fühlte er ein unzähmbares Widerstreben, und es war ihm unmöglich, sich in dieser Gesellschaft zu verlieren; so beschloß er, auf das ihm zugewiesne Zimmer zu gehen und sich mit Studien zu befassen, bis das Läuten der großen Schloßglocke die Ankunft Elisabeths verkünden würde. Tressilian schritt daher zu dem dritten Stock vom Mervynsturm hinauf und klinkte an der Tür des kleinen Gemachs, das ihm zuerteilt worden war – er war erstaunt, es abgeschlossen zu finden. Aber es fiel ihm ein, der Kammerdiener hatte ihm einen Schlüssel gegeben und ihm geraten, bei dem jetzigen Wirrwarr im Schlosse seine Tür möglichst immer verschlossen zu halten. Diesen Schlüssel steckte er jetzt ins Schloß, der Riegel sprang auf, und er trat ein. Im selben Augenblick sah er eine Frauengestalt in dem Zimmer sitzen und erkannte in ihr Amy Robsart. Das Erstaunen der Gräfin war kaum geringer, obwohl sie von Wieland gehört hatte, daß er im Schlosse sei. Sie war aufgesprungen und stand ihm jetzt gegenüber, die Blässe auf ihren Wangen war einer tiefen Röte gewichen. »Tressilian,« sagte sie endlich. »Wie kommt Ihr hierher?« »Nein, wie kommt Ihr hierher, Amy?« entgegnete Tressilian. »Es sei denn, um endlich die Hilfe anzurufen, die, soweit das Herz und der Arm eines Menschen reichen können, Euch auf der Stelle erwiesen werden soll?« Sie schwieg einen Augenblick, und dann antwortete sie in mehr traurigem als ärgerlichem Tone: »Ich bedarf keiner Hilfe, Tressilian, und es gereichte mir eher zum Schaden als zum Nutzen, wenn Ihr mir irgendwelche Dienste anbieten wolltet. Glaubt mir, ich bin in der Nähe eines Mannes, der durch Gesetz und Liebe verpachtet ist, mich zu beschützen.« »Der Schurke hat Euch also die klägliche Gerechtigkeit angedeihen lassen, die allein noch in seiner Macht war,« sagte Tressilian, »und ich sehe vor mir die Gattin dieses Varney?« »Varneys Gattin!« versetzte sie mit allem Nachdruck der Verachtung. »Mit welchem gemeinen Namen, Herr, brandmarkt Eure Frechheit die – die – die –« Sie stockte und sah zu Boden, während die zornige Rede ihr auf den Lippen erstarb, und schwieg voller Verwirrung, denn sie dachte gleich daran, was für verhängnisvolle Folgen es haben könne, wenn sie den Satz mit den Worten »die Gräfin von Leicester« vollendete. Das wäre ein Verrat des Geheimnisses, von dem das Glück ihres Gatten abhing, wie er ihr selber versichert hatte – das hieße es nicht nur Tressilian, sondern auch Sussex und der Königin und dem ganzen versammelten Hofe verraten. »Nimmer,« dachte sie, »will ich das Schweigen brechen, das ich versprochen habe. Lieber will ich jeden Verdacht auf mich fallen lassen.« Die Tränen traten ihr in die Augen, während sie schweigend vor Tressilian stand. Er sah sie voller Schmerz und Mitleid an und sagte: »Amy, Amy, Eure Augen widersprechen Eurer Zunge. Diese spricht von einem Beschützer, der willens und im stande sei, Euch zu behüten, und jene sagen mir, daß Ihr zu Grunde gerichtet und verlassen seid von dem Elenden, an den Ihr Euch gehängt habt.« Sie sah ihn mit einem Blick voll funkelnden Zornes an, den die Tränen nicht verschleierten, aber sie wiederholte nur die Worte: »Von dem Elenden!« mit dem Nachdruck der Entrüstung. »Ja, von dem Elenden!« sagte Tressilian; »denn wenn er etwas Bessers wäre, warum seid Ihr hier und allein in meinem Zimmer? Warum sind nicht die erforderlichen Vorbereitungen für einen ehrenvollen Empfang getroffen worden?« »In Eurem Zimmer?« wiederholte Amy. »In Eurem Zimmer? Das soll sofort von meiner Gegenwart befreit werden.« Sie eilte auf die Tür zu, aber der betrübende Gedanke an ihre Verlassenheit bedrückte sie sogleich wieder, und sie blieb auf der Schwelle stehen und setzte in unsäglich leidensvollem Tone hinzu: »Wehe! Ich vergaß – ich weiß ja gar nicht, wohin ich gehen soll.« »Ich durchschaue das alles,« sagte Tressilian und sprang an ihre Seite und führte sie zu dem Stuhle zurück, auf den sie niedersank, »Ihr bedürft der Hilfe – Ihr bedürft des Schutzes, wenn Ihr es auch nicht zugeben wollt, und Ihr sollt dessen nicht lange bedürftig bleiben. An meinen Arm gelehnt, neben mir als dem Vertreter Euers ausgezeichneten, vom Herzeleid gebrochnen Vaters, sollt Ihr an der Schwelle des Schloßtores vor Elisabeth treten, und die erste Tat, die sie in den Hallen von Kenilworth tun soll, wird ein Akt der Gerechtigkeit gegen ihr Geschlecht und ihre Untertanen sein. Im starken Vertrauen auf meine gute Sache und die Gerechtigkeit der Königin soll die Macht ihres verhätschelten Günstlings meinen Entschluß nicht erschüttern. Ich will auf der Stelle Sussex aufsuchen.« »Um alles nicht!« rief die Gräfin bestürzt – sie fühlte, daß es vor allem notwendig war, Zeit zum mindesten zur Ueberlegung zu gewinnen. »Tressilian, Ihr wart sonst immer edelmütig, – gewährt mir eine Bitte und glaubt mir, wenn es Euer Wunsch ist, mich vor Elend und Wahnsinn zu retten, so werdet Ihr durch das Versprechen, das ich von Euch erbitte, mehr für mich tun, als Elisabeth mit all ihrer Macht kann.« »Bittet mich um alles, wofür Ihr triftige Gründe angeben könnt,« sagte Tressilian, »doch verlangt nicht von mir ...« »O, setzt Eurer Güte keine Grenzen, lieber Edmund!« rief die Gräfin aus, – »einst lag es Euch ja am Herzen, daß ich Euch so nennen sollte – schränkt nicht Eure Güte durch Gründe ein! Denn meine Seele ist eitel Wahnsinn, und die Tollheit muß die Ratschläge leiten, die allein mir helfen können.« »Wenn Ihr so wirr und wild redet,« sagte Tressilian, während er abermals über dem Erstaunen seinen Entschluß und seinen Schmerz vergaß, »so muß ich Euch in der Tat für unfähig halten, für Euch selber zu überlegen und zu handeln.« »O nein!« rief sie aus und sank vor ihm auf ein Knie, »ich bin nicht von Sinnen – ich bin nur ein unsäglich unglückliches Geschöpf, und durch die allerseltsamsten Umstände werde ich in den Abgrund gezogen, vom Arme dessen, der eben mich davor bewahren will – eben Euch, Tressilian, den ich geehrt, hochgeschätzt – wenn auch nicht geliebt habe – und doch auch geliebt, ja, auch geliebt, Tressilian – wenn auch nicht so, wie Ihr es wünschtet.« Es lag in ihrer Stimme und in ihrem Wesen eine Energie – eine Selbstbeherrschung – ein Sichhingeben – ein unbegrenztes Vertrauen auf seine Großmut, daß er tief gerührt war. Er hob sie auf und bat sie in gebrochnen Lauten, sich zu trösten. »Ich kann mich,« sagte sie, »ich will mich nicht trösten, ehe Ihr mir nicht meine Bitte gewährt! Ich will so deutlich sprechen, wie ich darf – ich erwarte jetzt die Befehle eines Mannes, der ein Recht hat, mir Befehle zu erteilen – die Einmischung eines dritten, besonders Eurer Person, Tressilian, wäre mein Verderben – mein gänzliches Verderben. Wartet nur vierundzwanzig Stunden, und es kann sein, daß die arme Amy in der Lage sein wird, zu zeigen, daß sie Eure uneigennützige Freundschaft schätzt und zu belohnen weiß – daß sie selber glücklich und auch in der Lage ist, Euch glücklich zu machen – es ist sicherlich der Mühe wert, sich auf so kurze Zeit zu gedulden.« Tressilian schwieg und erwog im Geiste die verschiednen Möglichkeiten, die eine energische Einmischung seinerseits mehr schädlich als vorteilhaft gestalten könnten, er bedachte auch, daß sie in den Mauern von Kenilworth sei und daß sie zum mindesten vor allen Unbilden solange gesichert sei, als das Schloß durch die königliche Gegenwart geehrt und durch die königlichen Wachen geschützt sei – und er war im Grunde selber der Meinung, daß er ihr mehr einen bösen als einen guten Dienst erwiese, wenn er das in ihrer Sache von ihm an Elisabeth gerichtete Gesuch jetzt durch sie selber vertreten ließ. »Amy,« sagte er, indem er seine traurigen und ausdrucksvollen Augen auf sie heftete, während sie die ihrigen in ihrem Uebermaß von Zweifel, Furcht und Ratlosigkeit zu ihm aufschlug, »ich habe immer erkannt, wenn andre Euch kindisch und eigensinnig nannten, es lag unter diesem äußern Anschein von jugendlicher und eigenwilliger Torheit tiefes Gefühl und kraftvoller Verstand. Und auf diese beiden will ich vertrauen und auf die Zeit von vierundzwanzig Stunden Euer Schicksal in Eure eignen Hände legen, ohne mich mit Worten oder Taten einzumischen.« »Versprecht Ihr mir das, Tressilian?« fragte die Gräfin. »Ist es möglich, daß Ihr jetzt noch so großes Vertrauen zu mir haben könnt? Versprecht Ihr, so wahr Ihr ein Edelmann und ein Ehrenmann seid, Euch weder durch Reden noch durch Handlungen in meine Angelegenheiten zu mischen, auch wenn Ihr sonst etwas hören und sehen mögt, was Euch zur Anteilnahme reizen könnte? Wollt Ihr mir so weit vertrauen?« »Ich will es – bei meiner Ehre,« sagte Tressilian, »aber wenn diese Zeit um ist –« »Wenn diese Zeit um ist,« sagte sie, ihm ins Wort fallend, »könnt Ihr nach Gutdünken und ganz nach Euerm eignen Urteil handeln.« »Kann ich sonst nichts für Euch tun, Amy?« fragte Tressilian. »Nichts,« sagte sie, »nichts als mich verlassen – sofern Ihr mir Euer Zimmer auf vierundzwanzig Stunden abtreten könnt.« »Das ist höchst wundersam!« rief Tressilian. »Was könnt Ihr zu hoffen haben in einem Schlosse, wo Ihr nicht einmal über ein Zimmer gebieten könnt?« »Sucht nicht nach Gründen, sondern verlaßt mich,« sagte sie, und als er langsam und widerstrebend ging, setzte sie hinzu: »Edler Edmund! Die Zeit kommt wohl noch, wo Amy zeigen kann, daß sie Deine edle Zuneigung verdient hat.« Zwölftes Kapitel. Als Tressilian in seltsamer Erregung kaum ein paar Stufen der Wendeltreppe herabgestiegen war, begegnete er zu seinem großen Erstaunen und Mißbehagen Michael Lambourne, der ihm mit so unverschämt vertraulicher Miene entgegentrat, daß Tressilian sich fast versucht sah, ihn die Treppe hinunterzuwerfen. Aber er besann sich, daß Amy, um die allein er besorgt war, Unannehmlichkeiten haben könne, wenn er sich zu dieser Zeit und an diesem Orte zu irgendwelcher Gewalttat hinreißen ließ. Er sah daher Lambourne nur starr an, wie einen, der gar nicht wert ist, bemerkt zu werden, und versuchte an ihm vorbeizukommen ohne irgend ein Zeichen des Erkennens. Aber Lambourne, der bei der überreichen Gastlichkeit dieses Tages nicht verfehlt hatte, einen gehörigen Humpen Wein zu trinken, wenn auch noch nicht so viel, daß er völlig betrunken gewesen wäre – war nicht in der Laune, sich von irgendwem über die Achsel behandeln zu lassen. Ohne die geringste Verlegenheit hielt er Tressilian auf der Wendeltreppe an und redete ihn an, als wenn er auf vertrautem Fuße mit ihm stände: »Was? doch kein böses Blut zwischen uns wegen alter Geschichten, Meister Tressilian? – Nein, ich bin einer, der eine Freundlichkeit länger behält als einen Streit – ich will Euch den Beweis liefern, daß ich es ehrlich und gut mit Euch gemeint habe.« »Ich wünsche keine Vertraulichkeit von Eurer Seite,« sagte Tressilian. »Verkehrt Ihr mit Euresgleichen.« »Nu, gleich wieder hui, hui!« sagte Lambourne. »Nur gemach! Wie doch die nobeln Herren, die ohne Frage aus dem Porzellan der Erde gemacht sind, verächtlich auf den armen Michael Lambourne herabsehen! Ihr wollt den Heiligen spielen, Meister Tressilian, und vergeßt, daß Ihr doch eben zur Schmach für das Schloß Mylords in Eurem Schlafzimmer selber ein Weibchen habt, ha ha ha! Hab ich Euch erwischt, Junker Tressilian?« »Ich weiß nicht, was Ihr wollt,« sagte Tressilian, aber er mußte doch annehmen, daß dieser unverschämte Gesell Kenntnis von Amys Anwesenheit in seinem Zimmer erlangt haben müsse. »Aber wenn Ihr hier auf die Zimmer aufzupassen habt, und ein Trinkgeld haben wollt, so ist hier eins, dafür laßt Ihr wohl mein Zimmer unbehelligt?« Lambourne sah das Geldstück an und steckte es in die Tasche. »Ich weiß nicht,« sagte er, »aber durch ein freundliches Wort hättet Ihr vielleicht mehr bei mir erreicht als durch dieses glänzende Stückchen. Aber im Grunde – wer mit Gold bezahlt, bezahlt gut, und Lambourne ist nie ein Spielverderber gewesen. Leben und leben lassen, das ist mein Motto. Aber wenn ich Euer Geheimnis bewahre, Meister Tressilian, so könnt Ihr mich wenigstens anständig angucken – der beste unter uns, seht Ihr, macht gern mal so ein kleines Späßchen – und so macht mit Euerm Zimmer, was Ihr wollt, und mit dem Vögelchen drin auch – Michael Lambourne schert sich den Kuckuck drum!« »Macht Platz!« sagte Tressilian, der nicht länger seine Frechheiten mit anhören konnte, »Ihr habt Euer Trinkgeld!« »Hm!« machte Lambourne, während er aus dem Wege trat, aber er brummte zwischen den Zähnen, Tressilians Worte wiederholend: »Macht Platz – hm! – Ihr habt Euer Trinkgeld – hm – aber es macht nichts – ein Spielverderber bin ich nicht – aber ein räudiger Hund bin ich auch nicht.« Er sprach desto lauter, je mehr Tressilian, vor dem er im Grunde Angst hatte, sich entfernte: »Ich bin kein räudiger Hund, das laßt Euch gesagt sein, mein Meister Tressilian. Und ich will mir die Dirne mal angucken, die Ihr da so behaglich in dem alten Geisterzimmer einquartiert habt – vielleicht fürchtet sie sich vor Gespenstern und schläft nicht gern allein. Na gut – durch diese glückliche Entdeckung habe ich Meister Tressilian mit Kopf und Kragen in der Hand, das eine steht fest – und ich will zusehen, ob ich diese Dulcinea von ihm zu sehen bekomme, das ist auch abgemacht!« Dreizehntes Kapitel. Tressilian begab sich, im Zweifel darüber, ob er Amy Robsart recht getan oder nicht, in den äußern Schloßhof, wo er dem Schmied in den Weg lief, der, als er ihn sah, den Ruf ausstieß: »Gott sei Dank, Herr, daß ich Euch treffe!« Dann raunte er ihm ängstlich und behutsam die weitern Worte ins Ohr: »Herr, Herr, die Dame von Cumnorplace ist entflohen!« »Sie ist jetzt im Schlosse,« erwiderte Tressilian, »ich habe sie gesehen und gesprochen. ... Hat sie aus freier Wahl in meinem Zimmer Zuflucht gesucht?« »Nein,« erwiderte Wieland, »aber es war mir nicht möglich, sie anderweit sicher unterzubringen; ich war froh, noch einen von der Hausverwaltung zu finden, der wußte, welches Euer Zimmer war. Die Dame weiß nicht, was sie will ... sie mag nichts hören von Eurer Hilfe ... sie befiehlt, daß Euer Name nicht genannt werde, und will sich in Lord Leicesters Hände begeben. ... Ich habe mir auch fest vorgenommen, wenn ich das Schreiben an Lord Leicester abgegeben habe, keinen Augenblick länger im Schlosse zu verweilen. Ich will bloß, ehe ich es abgebe, Eure Befehle hören. ... Da, hier ist es ... aber hol mich der Teufel! ... Doch nein! ... Ich muß es wahrhaftig in dem Hundeloche oben haben liegen lassen, auf dem Heuboden, wo ich schlafen soll.« Tressilian geriet völlig aus seiner gewöhnlichen Ruhe. »Tod und Teufel!« schrie er, »Du wirst doch nicht verloren haben, wovon mehr abhängig ist, als tausend solcher Leben wie das Deine?« »Verloren? Ich?« antwortete Wieland rasch, »das wär ein schlimmer Spaß! ... Nein, Herr, ich habs fürsorglich verwahrt bei meinem Nachtzeug und manch andern Dingen, die ich brauche. Ich hol es auf der Stelle.« »Tu das,« versetzte Tressilian, »sei treu und pünktlich, und es soll Dein Schade nicht sein. ... Bekäme ich aber Ursache, Dir zu mißtrauen, dann wäre ein toter Hund besser dran denn Du.« Wieland ging, wie es den Anschein hatte, mit Zuversicht und Vertrauen hinweg, im Grunde seines Herzens aber fühlte er Furcht und Zagen. Der Brief war, das begriff er jetzt, in Verlust geraten, und wenn er Tressilian noch nicht die Wahrheit gesagt hatte, so war es nur darum nicht geschehen, weil er dessen heftigen Zorn hatte beschwichtigen wollen. ... Der Brief war verloren, konnte in schlimme Hände geraten und dann würde ganz gewiß die ganze Intrige, in die er verwickelt war, zu Tage kommen; und wie er sich dann noch verborgen halten solle, gleichviel, wie es ausginge, dazu sah Wieland keine rechte Möglichkeit mehr. »Ich will auf ihr Zimmer gehen,« sprach Wieland bei sich, »und ihr sagen, wie es mir mit ihrem Briefe ergangen ist; wenn sie es für gut und recht erachtet, so kann sie mir ja einen andern schreiben.« Schleichend und spähend wie eine Katze, die einer Beute nachläuft, suchte sich Wieland durch die Höfe und Gänge seinen Weg zu dem Zimmer der Gräfin, darauf bedacht, selbst ungesehen zu bleiben und doch alles bemerkend, was sich um ihn her befand oder begab. So gelangte er durch den äußern und innern Schloßhof und durch den gewölbten Gang, der zwischen der langen Reihe von Küchen und der großen Halle hin zu der kleinen Wendeltreppe lief, auf der man zu den Gemächern im Mervynsturme kam. Froh, den mancherlei Gefahren glücklich entronnen zu sein, die ihm auf diesem Wege drohten, stieg er eben, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf, als er, einer halboffnen Tür gegenüber, ziemlich nahe der Treppenwand, den Schatten eines Mannes gewahrte. Vorsichtig zog er sich zurück, ging wieder auf den innern Hof hinunter und dort eine Viertelstunde etwa auf und ab, die ihm aber lang wie eine Stunde zu dauern schien ... dann begab er sich wieder in den Turm zurück, in der Hoffnung, das Feld dort nun frei zu finden. Er gelangte, ohne etwas zu gewahren, zu der verdächtigen Stelle ... dort sah er keinen Schatten ... er machte noch ein paar Schritte, ohne recht zu wissen, da die Tür noch immer offenstand, ob er weiter oder wieder zurückgehen solle ... als die Tür plötzlich weit aufgerissen wurde und Michael Lambourne auf den verblüfften Wieland zuschoß. »Wer zum Teufel bist Du, und was hast Du in diesem Teile des Schlosses zu schaffen? Marsch hinein in diese Stube, damit wir den Fall untersuchen.« »Ich bin kein Hund, der auf jedermanns Pfiff angekrochen kommt,« erwiderte Wieland, eine Zuversicht heuchelnd, die durch das Zittern seiner Stimme Lügen gestraft wurde. »So? Meinst Du, den Ton anschlagen zu sollen?« schrie Lambourne, ... »heda, Lorenz Staples, hierher, hierher!« Ein ungeschlachter Kerl von ungeschlachtem Aussehen und weit über sechs Fuß Höhe wurde in der Tür sichtbar, und Lambourne fuhr fort, zu Wieland gewandt: »Willst Du gern hier in den Turm, so sollst Du ihn auch gründlich kennen lernen! Zwölf Fuß unterm Bett des Sees sollst Du Dein Quartier bekommen, und für gute Gesellschaft, fidele Kröten, Schlangen und dergleichen, ist Sorge getragen ... drum gib Antwort, wenn ich Dich noch einmal frage im guten, wer Du bist und was Dein Begehr hier ist?« Der Schmied dachte bei sich: Schlägt die Kerkerpforte einmal hinter Dir zu, so bist Du ein verlorner Mann; drum meinte er, es sei klüger, klein beizugeben und er sagte: »Wer ich bin? Ein armer Teufel von Gaukler ... einer von denen, die Euer Gestrengen gestern im Weatherleygrunde getroffen haben.« »Und welchen Gauklerstreich hast Du hier vor? Hier in dem Turme? ... Deine Bande liegt doch drüben bei Clintons.« »Meine Schwester wollt ich mal besuchen,« erwiderte der Gaukler, »sie ist droben in Herrn Tressilians Zimmer.« »Aha!« sagte Lambourne lachend, »das kann stimmen! Auf Ehre! für einen Fremden macht es sich der Herr Tressilian sehr bequem, das muß man sagen ... sein Zimmer versieht er mit allerhand Kram! auch mit lebendigem! ... Du, Lorenz, das setzt mal eine feine Sache mit diesem Herrn Tressilian, die manch einem recht kommen und manch einem den Beutel füllen wird mit seinen Goldstücken. ...« Dann wandte er sich wieder zu Wieland und rief: »Ich sage Dir, Bursche, Miezchen einen Wink zu geben, daß sie sich auf und davon macht, das soll Dir nicht gelingen ... die müssen wir hier in ihrem Bauer fangen. ... So, drum mach, daß Du mit Deinem Schafsgesicht weiterkommst, oder ich schmeiß Dich zum Turmfenster hinunter ... Du kannst dann sehen, wie Du unten Deine Knochen zusammenfindest.« Dann drehte er sich um zu seinem Helfer: »Lorenz, schaff mir den Kerl aus den Augen.« Lorenz packte den Gaukler, der keinen Widerstand versuchte, beim Kragen, während sich Lambourne eiligen Schrittes zu der versteckten Pforte begab, durch die Tressilian ins Schloß gelangt war und die nicht weit vom Mervynsturme, in der Mauer nach Westen zu, lag. Raschen Schrittes mußte nun Wieland den Raum zwischen Turm und Hinterpforte durchlaufen, und vergebens sann er unterwegs, um auf eine List zu kommen, durch die er der armen Dame hätte helfen können, für die er, all der Gefahr ungeachtet, in der er schwebte, das innigste Mitleid fühlte. Als er aber zum Schlosse hinausgeführt wurde und Lambourne hinter sich her fluchen hörte, daß er im untersten Verließ verschmachten solle, wenn er sich noch einmal einfallen ließe, den Fuß aufs Schloß hinauf zu setzen, da hob er die Hände und Augen empor zum Himmel, wie wenn er Gott zum Zeugen anrufen wolle dafür, daß er, was in seinen Kräften gestanden, gewagt habe für die unglückliche Dame ... und dann wandte er dem Schlosse den Rücken, um sich fern von Kenilworth anderswo einen, wenn auch weniger vornehmen, so doch sicherern Zufluchtsort zu suchen. Lambourne und Lorenz sahen dem Schmied eine Zeitlang nach. Dann begaben sie sich zurück zum Turme. Vierzehntes Kapitel. Als Wieland von ihm gegangen war, war Tressilian unschlüssig, was er tun sollte. Da kamen Raleigh und Blount, Arm in Arm, zu ihm, ihrer Gewohnheit nach in eifrigem Zwiegespräch begriffen. In der augenblicklichen Stimmung hatte Tressilian kein großes Verlangen nach ihrer Gesellschaft, aber es war unmöglich, ihnen jetzt aus dem Wege zu gehen; und verpflichtet, wie er durch sein Versprechen war, sich Amy nicht zu nähern oder einen Schritt in ihrem Dienste zu tun, fühlte er sehr wohl, daß er nichts Bessres tun könnte, als sich in die Gesellschaft zu mischen und nach außenhin von der Angst und Unschlüssigkeit, die ihm schwer auf dem Herzen lastete, so wenig wie möglich merken zu lassen. Er machte daher aus der Notwendigkeit eine Tugend und begrüßte seine Kameraden. »Ich bin durch ein eigentümliches Mißverständnis um mein Zimmer gekommen,« sagte Tressilian dann. »Eben wollte ich Dich auffordern, Raleigh, mir in Deinem Gemach Quartier zu geben.« »Von Herzen gern,« erwiderte Raleigh. »Ich wohne allerliebst. Fürstlich hat Leicester für uns gesorgt.« »Was hat die Königin solange in Warwick aufgehalten?« fragte Tressilian. »Eine Menge Narrenspossen,« antwortete Blount. »Ansprachen, Schauspieler, Hunde und Bären und Männer, die Affen aus sich gemacht haben und so weiter – ich wundre mich nur, daß die Königin es hat aushalten können. Aber kommt, laßt uns auf den Galerieturm gehen!« Sie schritten über die lange Brücke und den Turnierplatz und stellten sich mit andern Edelleuten vor das Außentor des Galerie- und Eingangsturmes auf. Sie mochten ihrer etwa vierzig sein – eine erlesne Schar vom ersten Range nächst der Ritterschaft – und ordneten sich in Doppelreihen zu beiden Seiten des Tores, wie eine Ehrenwache innerhalb der dichten Hecke von Piken und Partisanen, die von Leicesters Söldlingen gebildet wurde. Die Edelherren trugen keine Waffen außer ihren Degen und Dolchen. Diese Junker waren so bunt herausgeputzt, wie die Phantasie es sich nur erdenken kann, und da die Mode der Zeit eine Entfaltung großer Pracht gestattete, so war nichts zu sehen als Sammet und Gold und Silber und Bänder und Federn und Edelsteine und goldne Ketten. Obwohl viel ernsterer Kummer ihn drückte, fühlte Tressilian doch ein leichtes Unbehagen, als er in seinem, wenn auch hübschen, so doch von dem letzten Ritt bestaubten Reitanzug – Raleigh und Blount hatten sich umgezogen und ihre Reitröcke gegen prächtige Kleider umgetauscht – sich inmitten dieser geputzten Herren erblickte, unter denen er sich doch recht unwürdig vorkam. Dies wurde ihm umsomehr zum Bewußtsein, als er sah, daß seine Freunde sich über seine unpassende Kleidung wunderten, während die Anhänger Leicesters verächtliche Bemerkungen darüber hören ließen. Es war die Dämmerstunde eines Sommerabends des 9. Juli 1575, die Sonne war seit einiger Zeit schon untergegangen, und alles erwartete voll Spannung die unmittelbare Ankunft der Königin. Die Menge stand schon seit einigen Stunden versammelt, und ihre Zahl nahm noch immer zu. Eine reichliche Verteilung von Erfrischungen, darunter Rinderbraten und Bier, das in Fäßchen an verschiednen Stellen des Weges stand, hatte die Bevölkerung in guter Stimmung erhalten, daß sie für die Königin und ihren Günstling durchs Feuer gegangen wäre, – eine Ergebenheit, die leicht im Kurse hätte fällen können, wenn zu dem Warten auch noch das Fasten hinzugekommen wäre. Das Volk vertrieb sich die Zeit mit Kreischen und Lärmen und tollen Spielen, und auf Feldern und Wegen herrschte ein Höllenlärm. Der größre Teil der Volksmassen stand am Jagdtore. Da mit einem Male sah man einzelne Raketen in die Luft steigen, und im selben Augenblicke, weithin über See und Feld hörbar, erklang das Läuten der großen Schloßglocke. Totenstille herrschte für einen Augenblick, dann erscholl ein so lautes vielstimmiges Jubelgeschrei, daß das Land auf Meilen in der Runde widerhallte. Die am Wege dicht aufgestellten Wachen griffen das Geschrei auf, das wie ein Lauffeuer nach dem Schlosse hinzog und allen darinnen verkündete, daß Königin Elisabeth in Kenilworth eingezogen sei. Alle Musik verstummte sofort im Schlosse, und auf den Zinnen gab Artillerie eine Salve ab; aber der Lärm von Trommeln und Trompeten und selbst der Kanonendonner war nur schwach zu hören inmitten des Gebrülls und des andauernden Willkommengeschreis der Menge. Als der Lärm allmählich nachließ, wurde vom Parktore her ein breiter Lichtschein sichtbar, der im Näherkommen greller noch und breiter wurde und sich auf der schönen Allee entlang bewegte, die von beiden Seiten mit Söldlingen Leicesters besetzt war. An diesem Spalier entlang lief jetzt die Parole: »Die Königin! Die Königin! Ruhe! und Stillgestanden!« Und heran kam die Kavalkade, beleuchtet von zweihundert dicken Wachsfackeln, in den Händen von ebenso vielen Reitern, die ein Licht wie das des hellen Tages um die ganze Prozession verbreiteten, vor allem aber um die Hauptgruppe, deren Mittelpunkt die Königin selber im prunkvollsten Staate und im Glanze von tausend Juwelen bildete. Sie saß auf einem milchweißen Pferde, das sie mit besondrer Grazie und Würde lenkte, und in ihrer edeln, stattlichen Haltung erkannte man die Tochter von hundert Königen. Die Hofdamen, die neben ihrer Majestät ritten, hatten besondre Sorge dafür getragen, daß ihr Aeußres nicht prächtiger sei, als ihrem Range und der Gelegenheit eben entsprach, sodaß kein geringres Licht in dem Lichtkreise des königlichen Glanzes auffallen konnte. Aber ihre persönlichen Reize und die Pracht, durch die sie bei aller aus kluger Rücksicht auf die Majestät beobachteten Einschränkung doch ausgezeichnet waren, ließen in ihr die » crême « eines für Glanz und Schönheit so weit berühmten Königreiches erkennen. Die Herrlichkeit der Höflinge, die nicht durch die den Damen aus Klugheit gebotne Rücksicht beeinträchtigt war, zeigte sich in noch unbegrenzterm Maße. Leicester, der wie ein goldnes Bildnis von Juwelen und goldnem Zierat glitzerte, ritt zur rechten Hand der Königin, in seiner Eigenschaft als Wirt wie als Stallmeister zu diesem bevorzugten Platz berechtigt. Das schwarze Pferd, das er ritt, hatte nicht ein einziges weißes Haar am Leibe und war einer der berühmtesten Renner von Europa, den der Earl für diesen königlichen Besuch besonders zu hohem Preise gekauft hatte. Wie das edle Tier, ungeduldig über den langsamen Gang des Zuges, den prachtvollen Nacken bog und in das silberne Gebiß knirschte, das seinen Ungestüm zügelte, flog ihm der Schaum vom Maule und befleckte seine wohlgeformten Glieder wie mit Flecken von Schnee. Wohl geziemte dem Reiter der hohe Platz, den er innehatte, und dem Rosse, das er ritt, denn kein Mann in England oder vielleicht in Europa war vollendeter in der Reitkunst und allen andern zu seinem Stande gehörenden Fertigkeiten als Dudley. Er war barhäuptig, wie alle Höflinge im Zuge, und das rote Fackellicht schien auf seine langen, lockigen Flechten schwarzen Haares und auf seine edeln Züge, an deren Schönheit nur der strengste Kritiker den herrischen Fehler – wie man es hätte nennen können – einer zu hohen Stirn gerügt hätte. An diesem stolzen Abend hatten diese Züge nur den Ausdruck der dankbaren Besorgnis eines Untertanen, der sich erkenntlich für die hohe Ehre erzeigen will, die die Königin ihm erweist, und den Stolz und die Befriedigung, die einem so ruhmvollen Moment entsprachen. Doch wenn auch das Auge und die Miene nur Gefühle ausdrückten, die der Gelegenheit angemessen waren, bemerkten doch einige von den persönlichen Begleitern des Earls, daß er ungewöhnlich blaß war, und sie äußerten gegeneinander ihre Besorgnis, er mute sich mehr zu, als seiner Gesundheit zuträglich sei. Varney folgte dicht hinter seinem Herrn als der erste im persönlichen Dienste des Grafen, und ihm war auch Seiner Lordschaft schwarze Sammetmütze anvertraut, die mit einer Schnalle von Diamanten und einer weißen Feder verziert war. Er behielt seinen Herrn beständig im Auge und war vielleicht von allen Dienern Seiner Lordschaft am meisten in Sorge, daß die Kraft und Energie seines Herrn erfolgreich diesen so so aufregenden Tag überstehen möge. Denn obwohl Varney eines der wenigen – der sehr wenigen moralischen Ungeheuer war, denen es gelingt, die Gewissensbisse ihrer Brust in Schlaf zu wiegen, so wußte er doch, daß in der Brust seines Gönners schon das Feuer, das nie gelöscht wird, erwacht war, daß sein Gebieter inmitten all der Pracht und Herrlichkeit schon das Nagen des Wurmes fühlte, der nicht stirbt. Der Zug von Herren und Damen, der unmittelbar der Person der Königin folgte, bestand aus den tapfersten und schönsten ihres Geschlechts – den höchsten Edelherren und den weisesten Räten des großen Reiches. Dahinter kam eine zahlreiche Schar von Rittern und Edeln, deren Rang und Geburt – ob noch so hoch – doch schon wieder in Schatten gestellt war, wie sie denn auch hier in zweiter Reihe kamen. Unter den Klängen einer rauschenden Musik sprengte die Kavalkade durch das Tor des Galerieturmes. Auf das Spiel dieser Kapelle antworteten wieder andre von verschiednen Teilen der Schloßmauern her und wieder andre aus dem Jagdgehege – wenn die Töne der einen noch in der Luft zitterten, und in leisem Widerhall verklangen, fiel auch schon von andrer Seite her wieder neue Musik ein. Wie durch Zauberei hervorgerufen, schienen diese Töne bald ganz dicht in der Nähe zu erklingen, bald hallten sie wider, durch die Ferne gedämpft, bald zogen sie leise und süß dahin, als würde die Entfernung noch mehr vergrößert, bis nur noch die letzten hingezognen Laute das Ohr erreichen konnten. Unter dieser zauberhaften Musik ritt die Königin über die lange Brücke, die vom Galerieturm bis zum Mortimerturm sich erstreckte und die schon tageshell war, so viele Fackeln waren zu beiden Seiten an den Palisaden festgemacht worden. Die meisten der Edelleute saßen hier ab und schickten ihre Pferde in die nahe Ortschaft Kenilworth, um der Königin zu Fuße zu folgen, was auch die Herren taten, die am Galerieturm sie empfangen hatten. Bei dieser Gelegenheit wie auch bei verschiednen Anlässen am Abend richtete Raleigh ein paar Worte an Tressilian und wunderte sich nicht wenig über seine unbestimmten, unbefriedigenden Antworten. Wenn er dann bedachte, daß Tressilian sein Zimmer ohne einen triftigen Grund aufgegeben hatte, daß er vor der Königin in so unordentlichem Anzuge erschienen war, wo die hohe Frau doch leicht daran hatte Anstoß nehmen können, so erwachte in ihm der Argwohn, sein Freund leide unter einer zeitweiligen Geistesstörung. Kaum hatte inzwischen die Königin die Brücke betreten, so war hier für ein neues Schauspiel gesorgt. Die Musik hatte das Zeichen gegeben, daß die Königin schon auf der Brücke sei, und es erschien ein Floß, das zu einer kleinen treibenden Insel ausgeschmückt war und von mannigfachen Fackeln beleuchtet war. Die Insel war umgeben von schwimmenden als Seepferde zurecht geputzten Stöcken, auf denen Tritonen, Nereiden und andre sagenhafte Gottheiten der Seen und Flüsse saßen. Sie kam hinter einem Versteck hervor und trieb langsam über den See hin, nach dem andern Ende der Brücke. Auf dem Eiland erschien ein schönes Weib, das in einen meerfarbnen Mantel von Seide gekleidet war und an den nackten Armen und Füßen große goldne Bänder trug. In dem langen schwarzen Haar trug sie eine Krone aus künstlichem Mistelzweig und in der Hand einen Stab aus Ebenholz mit silberner Spitze. Zwei Nymphen in derselben antiken, mystischen Tracht saßen neben ihr. Dieses Maskenspiel war so geschickt angeordnet, daß die Frau vom treibenden Eiland nach effektvoller, malerischer Fahrt mit ihren zwei Dienerinnen gerade in dem Augenblick am Mortimerturm anlangte, als Elisabeth dort eintraf. Das Fabelwesen richtete nun eine wohlentworfne Ansprache an die Königin. Sie sei die berühmte Jungfrau vom See, die in den Geschichten des Königs Arthur erscheine und deren Schönheit zu mächtig für die Weisheit und den Zauber Merlins gewesen sei. Seit dieser Zeit sei sie in ihrem kristallnen Reiche verblieben, und so viel berühmte und mächtige Männer auch seitdem in Kenilworth gewesen seien, sie habe ihretwegen doch nie ihr Haupt über den Wasserspiegel erhoben, in dem ihr kristallner Palast verborgen sei. Aber der größte Gast, den je Kenilworth gesehen, sei jetzt erschienen, und sie komme nun, in Huldigung und Treue die unvergleichliche Elisabeth zu bewillkommnen. Die Königin nahm die Ansprache huldvoll entgegen, und als die Jungfrau vom See verschwand, erschien Arion, der sich unter den Meergöttern befand, auf seinem Delphin. Aber Lambourne, der diese Rolle an Stelle des verjagten Wieland auf sich genommen hatte, war halb erfroren von dem langen Aufenthalt in einem Element, auf das er überhaupt nicht gut zu sprechen war, auch konnte er seine Rede nicht auswendig. Er half sich also mit Unverschämtheit aus der Verlegenheit, riß schließlich seine Maske ab und schwur: Zum Kuckuck! er wäre weder Arion noch Orion, sondern der ehrliche Michael Lambourne, der vom Morgen bis in die Mitternacht auf das Wohl Ihrer Majestät getrunken hätte und ihr jetzt ein herzliches Willkommen im Schlosse Kenilworth zurufe. Die Windbeutelei wirkte besser, als es die Ansprache, die er halten sollte, gekonnt hätte. Die Königin lachte herzlich und schwur (ihrerseits zur Erwiderung), er hätte die besten Worte gesprochen, die sie heute noch vernommen hätte. Lambourne, der sogleich erkannte, daß ihm sein Witz mit heiler Haut davon geholfen hatte, sprang ans Ufer, gab seinem Delphin einen Tritt und erklärte, er wolle sich nie wieder mit Fischen abgeben, höchstens bei Tische. Als die Königin nun in das Schloß hineintreten wollte, wurde zum Schlusse noch das wunderbare Feuerwerk zu Wasser und zu Lande abgebrannt, das Meister Laneham, den der Leser schon kennen gelernt hat, in überschwenglicher Sprache beschrieben hat. »So zahlreich flammten brennende Kugeln auf,« schreibt Meister Laneham, »so zahlreich schossen funkelnde Steine empor und Lauffeuer prasselte und Feuerfunken hagelten hernieder und Donnerbolzen blitzten knatternd auf, so ununterbrochen, so furchtbar und mit solcher Wucht, daß die Erde bebte und das Wasser in brausendem Gischt emporstieg.« Fünfzehntes Kapitel All die herrlichen Festlichkeiten, die zu Ehren der Anwesenheit der Königin zu Kenilworth gefeiert wurden, haarklein zu beschreiben, kann nicht unsre Absicht sein. Es mag vielmehr genügen, zu bemerken, daß Ihre Majestät unter flammendem Feuerwerk durch den Mortimerturm im Schlosse Kenilworth ihren Einzug hielt, daß ihr dort Götter und Göttinnen des heidnischen Altertums Gaben darreichten und Glückwünsche darbrachten, und daß sie, durch solch mythologisches Spalier, endlich zu der großen Schloßhalle gelangte, die zu ihrem Empfange mit den kostbarsten Seidentapeten ausgeschlagen war, in der ein wahres Meer von Wachskerzen strahlte und die erfüllt war von den herrlichsten Wohlgerüchen und von der lieblichsten Musik. Am obersten Ende dieses Prachtsaales stand ein Baldachin von wunderbarer Schönheit über einem Königsthrone, und ein köstliches Portal öffnete den Zugang zu einer langen Flucht von Gemächern, die für den Aufenthalt der Königin und ihrer Hofdamen bestimmt und auf das eleganteste und schönste hergerichtet waren. Nachdem der Earl of Leicester die Königin zum Throne geleitet hatte, ließ er sich vor ihr auf ein Knie nieder und dankte ihr auf das wärmste und innigste für diese höchste Ehre, die eine Monarchin einem Untertan erweisen könne. Der Anblick dieses vor seiner Herrscherin knieenden Edelmanns war so berückender Art, daß sie sich versucht fühlte, den Auftritt länger auszudehnen, als eigentlich notwendig war; und ehe sie Leicester aufhob, fuhr sie ihm mit der Hand über das Haupt, so nahe und so dicht über seine langen, gewellten und wohlriechenden Haare, daß es fast so aussah, als hätte sie diese Handbewegung gar zu gern in eine Liebkosung verwandelt. Endlich hob sie ihn auf, und als er nun neben ihr an dem Throne stand, gab er ihr Kenntnis von all den Vorkehrungen und Anordnungen, die zu ihrer Unterhaltung und Freude getroffen worden waren. Sodann bat der Graf die Königin um die Erlaubnis, sich mit den Edelleuten, die den Tag über Dienst bei ihr getan, auf kurze Zeit entfernen zu dürfen, um sich umzukleiden. Nach empfangner Erlaubnis zog er sich mit den Herren vom engern Gefolge zurück, während jene andern Herren, die schon vor ihr auf dem Schlosse eingetroffen waren und bereits hofmäßige Tracht trugen, nun ihrerseits sich um den Thron gruppierten, aber, da sie zumeist nur den zweiten Rang bekleideten, in gemessner Entfernung. Das scharfe Auge der Königin entdeckte bald Walter Raleigh unter ihnen nebst einigen andern Herren, die ihr schon vorgestellt waren. Sie winkte die Herren huldvoll zu sich heran und richtete gnädig das Wort an sie, besonders an Raleigh, der ihr durch das Abenteuer mit dem Mantel noch lebhaft in der Erinnerung stand. Auf Tressilian, dessen schlichte Tracht gegen die Pracht und Eleganz der andern unvorteilhaft abstach, zeigend, fragte sie: »Wer ist denn jener etwas ungehobelt aussehende Mensch?« »Ein Poet, mit Eurer Majestät gnädigem Verlaub.« Elisabeth lächelte und fuhr fort: »Ich fragte nach dem Namen des wunderlichen Menschen und nicht nach seinem Stande.« »Tressilian ist sein Name,« antwortete Raleigh mit innerlichem Widerstreben, denn er ersah aus der Art und Weise, wie sich Elisabeth nach seinem Freunde erkundigte, nicht viel Erfreuliches für ihn voraus. »Tressilian!« antwortete Elisabeth, »o! also der Menelaos unsrer Romanze! Hm, er hat sich in ein Gewand gesteckt, das wohl nicht angetan sein dürfte, seine holde und falsche Helena in seine Arme zurückzuführen; weißwaschen könnte sie sich damit schon! ... Und wo ist Farnham, oder wie er heißt ... Mylord Leicesters Gefolgsmann meine ich ... der Paris dieser Devonshire-Idylle?« Mit noch größerm Widerstreben zeigte nun Raleigh auf Varney, auf dessen äußre Erscheinung sein Schneider alle erdenkliche Sorgfalt verwandt hatte, und nannte seinen Namen. Die Königin ließ den Blick von einem aus den andern gleiten und sagte dann: »Wie mir scheint, ist dieser Herr Tressilian einer von jenen Kavalieren, die unser weiser Chaucer für zu gelehrt hält, daß sie klug sein könnten. Jedenfalls ist es ihm gar nicht eingefallen, vor wem er heut erscheinen soll. Was hingegen diesen Varney anbetrifft, so erinnre ich mich, daß es ein Musje mit aalglatter Zunge ist, der seine Worte sehr fein zu drechseln weiß, und da fürchte ich freilich, daß die schöne Dame, die sich auf solch unangenehme Weise entfernt hat, nicht ohne Ursache dazu gewesen ist.« Raleigh wagte hierauf keine Antwort, da er wußte, daß es dem Freunde wenig helfen werde, wenn er den königlichen Worten widerspräche; zudem neigte er der Ansicht zu, daß es schließlich das beste sei, wenn die ganze Angelegenheit, an die sich Tressilian umsonst mit ganzer Seele klammerte, durch die Macht der Königin einfür allemal aus der Welt geschafft würde. Während diese Gedanken ihm durch sein reges Gehirn schossen, öffnete sich die untre Tür der Halle; und Leicester, in Begleitung einiger Herren von seinem Gefolge, trat wieder in die Halle von Kenilworth. Der königliche Günstling erschien jetzt ganz in Weiß gekleidet, in Schuhen aus weißem Sammet, in Strümpfen, aus weißer Seide gewirkt, darüber kurze Beinkleider aus weißem Sammet, die bis zu halber Schenkelhöhe mit weißen Silberstreifen geschlitzt waren. Sein Wams war aus silberfarbner Seide, die darunter prall sitzende Weste aus weißem Sammet, mit Silber und weißen Perlen überreich gestickt. Auch der Gürtel und die Scheide seines Schwertes waren aus weißem Sammet, der Gürtel mit güldner Schnalle, die Scheide mit güldnem Beschlag. All diese Pracht umfloß ein weißer Atlasmantel, fußbreit mit güldner Stickerei besetzt, und die um das Knie geschlungne Kette des Hosenbandordens, mit dem azurblauen Bande selbst, setzte dem Anzug des Earl of Leicester, der seine schöne Gestalt und das Ebenmaß seiner Glieder vorzüglich heraushob, und den edlen Ausdruck des Antlitzes erheblich steigerte, die Krone auf. Kurz, wer ihn sah, mußte zugestehen, niemals einen schönern Mann gesehen zu haben. Der Earl of Sussex war nicht minder elegant gekleidet, die übrigen Edelleute desgleichen; aber an Pracht und Leibesanmut übertraf sie doch alle Lord Leicester. Elisabeth empfing den Lord mit großer Huld. »Wir haben einen Akt königlicher Justiz zu vollziehen,« sprach Elisabeth, »der Uns sowohl als Frau wie in dem Charakter einer Mutter und Hüterin des britischen Volkes obliegt.« Ein unwillkürlicher Schauder überrieselte Leicester, als er sich tief verbeugte zum Zeichen seines Gehorsams gegen die Gebieterin, und einen ähnlichen Frostschauer empfand wohl auch Varney, dessen Augen an diesem Abend fast ununterbrochen auf seinen Gönner gerichtet waren. Aus der Veränderung, die Leicesters Züge zeigten, so geringfügig sie im Grunde genommen war, schloß er sogleich auf das Thema, wovon bei der Königin die Rede war. Leicester war sich jedoch insoweit schlüssig geworden, wie er es in seiner Zweizüngigkeit für den Fall für notwendig hielt; und als Elisabeth fortfuhr: »Von Tressilian und Varney sprechen Wir,« und ihm die Frage stellte: »Ist die Lady zur Stelle?« ... hielt er die Antwort bereit: »Huldvolle Fürstin! Nein, sie ist nicht zur Stelle.« Die Königin runzelte die Brauen und zog die Lippen zusammen. »Unsre Befehle, Mylord, waren streng und bestimmt,« lautete ihre Antwort. »... und wären auch gehorsam erfüllt worden, gnädigste Fürstin,« erwiderte Leicester, »wären sie auch nur als leisester Wunsch verlautbart. Aber ... Varney, tritt vor ... dieser Edelmann wird Eurer Majestät die Ursache melden, warum die Dame – –« (er konnte seine rebellische Zunge nicht dazu bringen, statt der beiden letzten Worte zu sagen: seine Frau) »warum die Dame nicht vor königlicher Majestät erscheinen kann.« Varney trat vor und meldete mit geläufiger Zunge, was er tatsächlich selbst glaubte, daß sich »die Betreffende – –« (in Leicesters Gegenwart wollte er sie auch nicht »seine Frau« nennen) – – in völliger Unmöglichkeit, vor der königlichen Majestät zu erscheinen, befände. »Hier,« setzte er hinzu, »sind Atteste, gegeben von einem höchst gelehrten Arzte, dessen Tüchtigkeit und Ehrenhaftigkeit meinem gnädigen Herrn sattsam bekannt sind, sowie von einem rechtschaffnen, frommen Protestanten, einem gewissen Tony Foster, dem Herrn, in dessen Hause sie zurzeit sich aufhält, Atteste, aus denen königliche Majestät ersehen, daß sie an einer Krankheit leidet, die es ihr absolut unmöglich macht, solche Reise aus der Gegend von Oxford hierher zu machen.« »Das ändert freilich die Sache,« sprach die Königin, indem sie die Atteste aus Varneys Hand nahm und durchsah... »Tressilian soll vortreten.... Junker Tressilian, Wir empfinden für Eure Lage ein tiefes Mitgefühl, zudem es scheint, als ob Euer Herz innig an dieser Amy Robsart oder Varney hängt. Unsre Macht ist, dank Gott und dem willigen Gehorsam eines in Liebe ergebnen Volkes, vielvermögend, indessen gibt es Dinge, bis zu denen heran sie nicht reicht. Zum Beispiel sind Wir außer stande, einem losen jungen Dinge zu gebieten, Du mußt den und den Mann lieben, oder ihr vorzuschreiben, das Wams des oder des Hofmanns muß Dir besser gefallen als das jenes andern; desgleichen sind Wir außer stande, Krankheiten zu gebieten, wie zum Beispiel im vorliegenden Falle, der die Dame in die absolute Unmöglichkeit versetzt, hier zu erscheinen, wie Wir es gewünscht und auch befohlen haben. Hier sind die ärztlichen Atteste, wie auch diejenigen von dem Manne, in dessen Hause sie zurzeit weilt.« »Mit königlicher Majestät Verlaub,« nahm nun Tressilian das Wort, voller Hast und in seiner Beunruhigung wegen der Folgen dieses an der Königin begangnen Betrugs, zum Teil wenigstens, des Amy gegebnen Versprechens eingedenk, »diese Atteste sprechen nicht die Wahrheit.« »Wie, Junker!« sprach die Königin, »Zweifel an Lord Leicesters Wahrhaftigkeit? Doch Ihr sollt volles Gehör finden. Vor Unserm Throne wird der niedrigste Unsrer Untertanen Gehör finden wider den höchsten und der unbekannteste wider den begünstigtsten. Drum sollt Ihr unumschränktes Gehör finden, doch hütet Euch, Dinge auszusprechen, für die es Euch an gutem Zeugnis gebricht. Nehmt diese Atteste zur Hand, prüft sie fürsorglich und sagt ehrlich und männlich, ob Ihr ihre Wahrheit anzufechten vermöget, und auf grund welches Zeugnisses?« Während dieser Worte der Königin bestürmten das Gemüt des unglücklichen Tressilian das gegebne Versprechen und seine Folgen, und ein schwerer Kampf war es, den seine Empfindungen kämpften, einen Betrug zu entschleiern, den ihm die eignen Augen offenbart hatten; ein Kampf, so schwer, daß über sein ganzes Wesen eine Unentschlossenheit und Unsicherheit kamen, die sowohl die Königin als die übrigen Anwesenden gegen ihn einnahmen. Er wandte die Papiere um und um in der Hand, wie wenn er von Blödsinn geschlagen wäre und gar nicht die Fähigkeit besäße, sie auf ihren Inhalt hin zu prüfen. Die Ungeduld der Königin zeigte sich immer deutlicher. »Ihr seid ein gelehrter Herr, Junker,« sprach sie, »und, wie mir zu Ohren gekommen, von einiger Bedeutung; doch scheint es Euch eigentümlich schwer zu fallen, Geschriebnes zu lesen? Wie lautet Eure Meinung über diese Atteste? Sind sie echt oder falsch?« »Majestät,« nahm jetzt Tressilian das Wort, mit sichtlicher Verlegenheit und Unsicherheit, der Folge seiner Unruhe darüber, daß es ihm geschehen könne, etwas für richtig anzuerkennen, dessen Richtigkeit er dann widerrufen müsse, und doch auch andrerseits beherrscht von dem Bemühen, das Amy gegebne Wort zu halten und ihr dadurch Zeit zu schaffen, daß sie ihre Angelegenheit nach eignem Willen führen könne. »Majestät, Euer Gnaden verlangen von mir, Echtheit von Attesten zu beweisen, was doch Sache sein müßte derer, die diese Papiere beibringen.« »Hm, hm, Tressilian, Du bist ebenso sehr Kritiker wie Poet,« sagte die Königin, indem sie einen Blick des Mißbehagens auf ihn heftete, »Uns will bedünken, da diese Atteste vorgelegt werden in dem Schlosse des edlen Earl und in seiner Gegenwart, und da seine Edlen mit ihrer Ehre für die Echtheit derselben sich verbürgt haben, dürften Wir weitern Zeugnisses nicht bedürfen ... und solches Zeugnis müsse auch genügend sein für Dich. ... Da Du indessen so sehr am Förmlichen klebst, ... so möge Varney oder vielmehr Lord Leicester – denn die Angelegenheit berührt zunächst doch Euch« – (und ob auch diese Worte gewissermaßen nebenher gesprochen wurden, schnitten sie doch dem Earl wie ein Messer in die Brust) – »Lord Leicester sagen, welches Zeugnis er hat für die Echtheit dieser Atteste?« Varney beeilte sich, dem Lord zuvorzukommen. »Mit Verlaub, huldvolle Majestät, der junge Lord of Oxford, der hier zugegen ist, kennt die Handschrift des Herrn Anthony Foster und auch ihn selbst persönlich.« Der Earl of Oxford, ein junger Sausewind, dem Foster wiederholt Geld und Wucherzins geliehen, sagte nun zufolge dieser Aufforderung aus, daß er genannten Mann als einen reichen und unabhängigen Freisassen kennte, und bezeugte die Echtheit seiner Handschrift. »Und wer verbürgt die Echtheit des ärztlichen Zeugnisses?« fragte die Königin. »Alasko, dünkt mich, ist sein Name.« Masters, der Leibarzt der Königin, mehr wie gern geneigt, durch sein Zeugnis Leicester zu nützen, dagegen dem Earl of Sussex und seiner Partei zu schaden, deponierte, daß er sich wiederholt mit dem Doktor Alasko über schwierige Fälle unterhalten habe, und schilderte ihn als einen höchst gewissenhaften und außerordentlich tüchtigen Mann, wenn er auch keine regelmäßige Praxis ausübe. Der Earl of Huntingdon, Schwager des Lord Leicester, und die alte Gräfin Rutland, priesen auch noch Alaskos Verdienste, und beide erkannten die zierliche, italienische Handschrift auf dem Atteste als dieselbe, in welcher sie die Rezepte von ihm geschrieben bekommen hätten. »Und nun dächte ich, Herr Tressilian,« sprach die Königin, »Wir dürften diese Angelegenheit als erledigt beiseite legen... Wir wollen noch heute abend einiges veranlassen, was den alten Herrn Robsart mit dieser Heirat auszusöhnen vermag. Ihr habt Eure Pflicht tapfrer erfüllt, als manch andrer an Eurer Statt es vermocht hätte; aber Wir müßten nicht selbst Weib sein, wollten Wir mit den Wunden, die treue Liebe schlägt, kein Mitgefühl haben. Darum verzeihen Wir Euch Eure Kühnheit ebenso wohl wie Eure ungebürsteten Stiefel, die trotz der Parfüms, mit denen Lord Leicester diese Halle erfüllt hat, unsre Geruchsnerven auf das unangenehmste berühren.« Also die Königin. Aber Tressilian hatte sich in dieser Zeit gesammelt, so verblüfft er auch im ersten Augenblick gewesen war über die bodenlose Frechheit solchen Betrugs, der tatsächlich den Sieg davontrug über die mit eignen Augen gesehne Wahrheit. Er stürzte vorwärts, sank vor der Königin auf die Knie und faßte das königliche Gewand am Saume. »So wahr Ihr eine christliche Frau seid, Madame,« rief er, »und so wahr Ihr gekrönte Königin seid, gleiche Gerechtigkeit zu üben gegen alle Eure Untertanen, gleichwie Ihr vor Gott Gehör zu finden hoffet an jenem letzten Gericht, vor dem wir alle erscheinen müssen, gewährt mir eine geringe Bitte! Entscheidet in dieser Sache nicht so schnell! Gewährt mir bloß vierundzwanzig Stunden Frist, und ich gelobe, in dieser kurzen Zeit Zeugnis beizubringen, das unwiderruflich beweisen soll, daß diese Atteste, welche aussagen, die unglückliche Dame sei krank in Cumnorplace verblieben, falsch sind wie die Hölle.« »Laßt mein Gewand los,« rief Elisabeth, empört über solche Heftigkeit, obgleich zu viel von Löwennatur ihr eigen war, als daß sie hätte Furcht empfinden sollen ... »der Mensch muß von Sinnen sein ... der witzige Mussje, mein Patchen Harrington mag ihn in seinen Strophen des Orlando furioso besingen! ... und doch, bei dem Licht der Sonne! es liegt etwas Seltsames in dieser Heftigkeit seiner Bitte – sprecht Tressilian! was willst Du tun, wenn die vierundzwanzig Stunden um sind und Du kannst solch feierlich bezeugte Tatsache, wie die Krankheit dieser Dame, nicht entkräften?« »Mein Haupt will ich dann auf den Block legen,« versetzte Tressilian fest. »Pst, pst!« rief die Königin, »Du sprichst, bei Gott! wie ein Narr. Welch Haupt fällt in England, als durch richterlichen Spruch? Ich frage Dich, Mann ... wenn Du Verstand hast, mich zu verstehen, ... dann antworte mir: Willst Du, falls der Beweis Dir nicht, gelingt, mir einen triftigen Grund angeben, warum Du Dich darin eingelassen hast?« Tressilian überlegte und zögerte wiederum mit der Antwort, weil er sich sagte, daß sich innerhalb der begehrten Frist am Ende Amy Robsart mit ihrem Gemahl wieder aussöhnen könne, und daß es dann seinerseits ihr den schlimmsten Dienst erwiesen hieße, wollte er die sämtlichen Umstände vor Elisabeth wieder aufrollen und dartun, wie diese weise und eifersüchtige Königin durch falsches Zeugnis irregeführt worden sei. Das Bewußtsein dieser schwierigen Lage brachte von neuem in seine Miene, seine Stimme, seine Haltung den frühern hohen Grad von Verlegenheit zurück; er zauderte, sah zu Boden, blickte auf die Königin, die ihre Frage mit strenger Stimme und blitzendem Auge wiederholte, und gab dann zu mit unsichern Worten: »Daß es ja doch sein könne – daß er nicht positiv sagen könne – indessen würde er unter gewissen Umständen und Bedingungen die Ursachen und Gründe nennen können, die ihn zu solcher Handlungsweise bestimmt hatten.« »Nun, bei König Heinrichs Seele!« rief die Königin, »das ist entweder Raserei oder Schurkerei! ... Sieh, sieh, Raleigh, Dein Freund ist gar zu bäuerisch-dichterisch angehaucht für eine Umgebung wie diese. Führe ihn anderswo hin, denn auf den Höhen vom Parnaß oder im Sankt Lukas-Spital ist kein Platz für seine hochfliegenden Ideen. ... Du selbst aber komm sogleich zurück, wenn er in schicklichen Gewahrsam gebracht worden ist. ... Wir hätten die Schönheit gar zu gern gesehen, die solches Unheil im Kopfe eines Weisen anzurichten vermochte.« Tressilian suchte noch einmal an die Königin das Wort zu richten, aber Raleigh fiel ihm, gehorsam dem Befehle derselben, in den Arm, und zog ihn halb, halb führte er ihn mit Hilfe Blounts aus der Halle. Draußen hieß er Blount den Freund, der sich mit solchem Ungeschick benommen, in die für den Earl of Sussex und sein Gefolge bestimmten Räume führen und befahl, nötigenfalls ihm einen Mann als Wache dort zu lassen. Tressilian folgte Blount ohne Widerstand in Raleighs Zimmer, wo er bald selbst einsah, daß keine Vorstellungen und Auseinandersetzungen ihm Beistand und Hilfe von Freunden früher verschaffen konnten, als bis die Zeit, in der er alles Handeln zu unterlassen versprochen hatte, verstrichen sei. Mit Mühe gelang es ihm, von Blount zu erreichen, daß er ihm die Schmach einer Ueberwachung ersparte. Sechzehntes Kapitel. »Eine traurige Sache,« sprach die Königin, als Tressilian aus der Halle geführt worden war, »mit anzusehen, wie eines weisen und gelehrten Menschen Verstand so kläglich zerrüttet werden kann. Indessen gibt Uns dieser vor der Öffentlichkeit geführte Beweis seiner Gehirnschwäche die Zuversicht, daß seine Anklage und der von ihm behauptete Sachverhalt müßig waren; und darum, Mylord of Leicester, gedenken Wir Eures frühern Ansuchens zu gunsten Eures Gefolgsmanns Richard Varney, dessen getreue Dienste und Fähigkeiten, da sie für Euch von Nutzen sind, von Uns belohnt werden sollen; wissen Wir doch aus häufiger Erfahrung, wie sehr alles, was Euch angehört, auch Unsern Diensten treu und ergeben ist und von Nutzen. Und Wir wollen Eurem Diener auch darum diese Ehre erweisen, weil Wir Gast sind unter dem Dach Eurer Herrlichkeit und Euch, wie Wir fürchten, viel Last und Ungemach dadurch bereiten. Um deswillen wollen wir den wackern, greisen Ritter von Devon, dessen Tochter er zum Weibe genommen hat, erfreuen und zufrieden stellen, in der Hoffnung und Erwartung, daß dieses Zeichen Unsrer Huld und Gnade, das Wir ihm erweisen wollen, ihn aussöhnen werde mit seinem Schwiegersohne. ... Mylord Leicester, Euer Schwert!« Der Graf löste sein Schwert vom Gürtel, faßte es an der Spitze und reichte der Königin den Griff, indem er sich auf ein Knie niederließ. Die Königin nahm langsam das Schwert, zog es aus der Scheide und betrachtete, während die Damen sich schaudernd abwandle, mit seltsamen Blicken die fein damaszierte Klinge. »Wär ich als Mann geboren,« sprach sie, »so hätte, glaub ich, kein einziger meiner Vorfahren sein gutes Schwert besser geliebt als ich. Doch auch als Weib lieb ich das Schwert und möchte wohl, gleich jener Zauberfee, von der ich in italienischen Versen gelesen, mir das Haar kämmen und frisieren in solchem Spiegel wie diesem. ... Richard Varney, tritt heran und knie nieder! Im Namen Gottes und des heiligen Georg, Wir schlagen Dich zum Ritter! Sei getreu, tapfer und glücklich! ... Und nun steh auf, Sir Richard Varney!« Varney stand auf und verneigte sich tief zum Zeichen des Gehorsams und Dankes gegen eine Herrscherin, die ihn in solcher Weise und so hoch geehrt hatte. »Der Sporn soll Euch morgen in der Kapelle überreicht werden,« sprach die Königin, »woselbst auch die andern rituellen Bräuche stattfinden sollen, die zu dieser feierlichen Handlung gehören. Denn Wir wollen Sir Richard Varney einen Ehrengenossen geben und fordern zu diesem Zwecke Unsern Vetter von Sussex auf, Uns einen Namen in Vorschlag zu bringen.« Der edle Earl of Sussex, der seit seiner Ankunft auf dem Schlosse Kenilworth, ja wohl seit Beginn dieser Sommerreise, sich in einer, Lord Leicester untergeordneten Stellung befunden hatte, zeigte ein düstres Aussehen ... ein Umstand, der der Königin nicht entgangen war. In der Hoffnung, die Wolken zu verscheuchen, die sich auf seiner Stirn gelagert hatten, und getreu ihrem Prinzip, durch Wechsel ihrer Gunstbezeigung die Gemüter in Eifersucht zu halten, winkte sie jetzt den Grafen zu ihrem Throne. Sussex nahte ihr schnell, und auf die aus königlichem Munde wiederholte Frage, wen er zu dieser weitern Ehrung vorschlagen wolle, erbat er mit höherm Grade von Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit als Politik und Klugheit die Auszeichnung durch den Ritterschlag für den Junker Tressilian, dessen tapferm Arme er sein Leben verdanke, und der ein ausgezeichneter Soldat und Gelehrter, auch von tadellosem Geschlecht stamme, »bloß,« sagte er, »fürchte er, die Ereignisse dieses letzten Abends ...«, und hier hielt er inne. »Ich bin erfreut, daß Eure Lordschaft so rücksichtsvoll denkt,« sprach Elisabeth; »die Ereignisse dieses Abends dürften jedoch Uns bei Unsern Untertanen, wollten Wir diesen Augenblick erwählen zu solchem Gnadenbeweise für ihn, wohl in demselben Lichte von Gehirnschwäche erscheinen lassen, wie sie diesem armen Menschen zu eigen ist, denn Wir rechnen sein Benehmen ihm nicht an als Bosheit ...« Die Herzogin von Rutland half dem Earl aus der Verlegenheit. Sie las es der Königin vom Gesichte ab, daß sie darauf gerechnet hatte, der Earl werde Walter Raleigh zum Ritter vorschlagen und hierdurch einem Herzenswunsch von ihr entgegenkommen. Die Herzogin nahm, nachdem es den beiden Grafen als Repräsentanten des Hofadels vergönnt worden, je einen Kandidaten für die Ritterwürde in Vorschlag zu bringen, das gleiche Recht für die Namen bei Hofe in Anspruch und erbat die hohe Auszeichnung für den Junker Walter Raleigh. ... »Seine Herkunft, seine Taten, seine Gewandtheit und stete Bereitwilligkeit, Unserm Geschlecht mit dem Schwerte oder der Feder zu dienen, machen ihn solcher Auszeichnung vor allen andern würdig.« »Ich danke Euch, meine schönen Damen,« sprach die Königin mit Lächeln, »und gewähre gern Eure Bitte. ... Der im Scherz zum Ritter vom schmutzigen Mantel erhobne Junker soll also heute zum wirklichen Ritter geschlagen werden.« Walter Raleigh trat, auf einen Wink der Königin, zum Throne heran und empfing mit dem Schwerte des Earls of Sussex von der Hand der jungfräulichen Königin den Ritterschlag, der wohl nie einem edleren und würdigern Untertan zur Auszeichnung geworden war. Der Ruf zum Bankett ertönte, und auf dieses Zeichen hin begab sich die Hofgesellschaft durch den innern Schloßhof nach dem neuen Gebäude, woselbst sich das große Bankettzimmer befand. Dort war, mit einer dem festlichen Anlaß angemessnen Pracht, die Tafel hergerichtet worden. Auf eine eingehende Schilderung dieses festlichen Abends dürfen wir verzichten. Wie großartig es dabei zuging, mag der Leser daraus ersehen, daß der Earl of Leicester, als er sich endlich zurückziehen konnte, wie betäubt zusammenbrach, und daß es seinem Vertrauten, dem neuen Ritter Richard Varney, längere Zeit große Mühe kostete, ihn so weit wieder zu sich zu bringen, daß er im stande war, sich mit ihm zu unterhalten. Varney hatte seinen glänzenden Galaanzug abgelegt und stand im einfachen Rock bereit, seinen Gönner beim Schlafengehen zu bedienen. »Ei, ei,« fügte lächelnd der Earl of Leicester, als er die Müdigkeit einigermaßen bekämpft hatte, »Euer neuer Rang schickt sich kaum zu der Niedrigkeit solcher Dienstleistung.« »Sollte dieser Rang mich von Mylord trennen,« sagte Varney, »oder zwischen Mylord und mir eine Kluft bringen, so würde ich lieber auf die Ritterschaft verzichten.« »Du bist ein dankbarer Gesell,« versetzte Leicester, »doch kann ich nicht dulden, daß Du etwas verrichtest, was Dich in den Augen Deiner Mitmenschen herabsetzen müßte.« Indessen litt er, während er so sprach, ohne Weigerung die Dienstleistungen Varneys, der sich übrigens so emsig und eifrig um den Earl bemühte, daß es tatsächlich den Anschein hatte, als hätte er wirkliche Freude an diesen Verrichtungen. »Was die Leute sagen,« erwiderte er auf Lord Leicesters Aeußerung, »danach frage ich wenig oder gar nicht, besonders darum nicht, weil meiner Meinung nach ... erlaubt mir, bitte, die Halskette zu lösen... hier im Schlosse zurzeit kaum jemand weilen dürfte, der nicht die Ueberzeugung mit mir teilte, daß es sich binnen kurzem Männer von weit höherm Rang als ich zur Ehre anrechnen werden, Eure gräflichen Gnaden beim Zubettgehen zu bedienen.« »Freilich hätte das der Fall sein können,« erwiderte der Graf mit unwillkürlichem Seufzer, um sodann hinzuzusetzen, »meinen Schlafrock, Varney... ich will einen Blick in die Nacht hinaus tun.... Ist nicht jetzt Vollmond?« »Dem Kalender nach, denke ich, ja,« antwortete Varney. In dem Gemach war ein Fenster mit abschüssigem Boden, durch das man auf den Balkon hinaus gelangte, einen kleinen steinernen Vorbau, wie man sie in gotischen Bauwerken in der Regel findet. Der Graf öffnete dies Fenster und trat in die frische Luft hinaus. Von dem Platz aus, wo er nun stand, hatte man einen weiten Blick über den See und die angrenzende Waldung. Der Vollmond spiegelte sich in den blauen Fluten und schimmerte durch die Zweige der Eichen und Ulmen im Park. Alles schien wie in Schlummer versunken, nur von Zeit zu Zeit klang der Ruf der Wächter herüber, denn Leibgardisten waren ständig bei der Königin; dazwischen Hundegebell in der Ferne, von der Meute herrührend, die durch die Stallknechte und Jäger zu der glänzenden Jagd in Bereitschaft gehalten wurde, die auf dem Programm des nächsten Tages stand. Lord Leicester blickte zu dem blauen Himmelsgewölbe auf, und in seinen Gebärden wie auf seinem Gesicht kam angstvolle Freude zum Ausdruck, während Varney, der in dem dunklen Raume verblieben war, ohne selbst bemerkt zu werden, mit heimlicher Genugtuung seinen Gönner beobachtete, wie er die Arme gen Himmel streckte, mit Gebärden so eindringlicher Art, daß es aussah, als wolle er die Sterne zu sich herunter ziehen. »Ihr fernen Kreise lebendigen Feuers,« so lautete die leise Anbetung der Gestirne in Leicesters Munde... »schweigend vollendet ihr euren geheimnisvollen Lauf, aber des Menschen Weisheit gab euch eine Stimme. Kündet mir also, zu welchem Ausgang meine hohe Laufbahn führt! Wird die Größe, die ich erstrebe, leuchten und dauern und alles überragen gleich der eurigen? oder soll ich ausersehen sein zu einem zwar glänzenden, aber bloß kurzen Lauf durch nächtliches Dunkel, um dann zur Erde niederzusinken, gleich dem wertlosen Staube einer verpuffenden Rakete?« In tiefem Schweigen blickte er ein paar Minuten zum Himmel hinauf; dann schritt er in das Gemach zurück, wo Varney dem Anschein nach sich damit befaßt hatte, das Geschmeide des Grafen in eine Kassette zu legen. »Was sagt Alasko von meinem Horoskop?« fragte Leicester. »Schon einmal sagtet Ihr es mir; doch ist es mir entfallen, weil ich zu wenig von dieser Kunst halte.« »Daß Euer Stern jetzt im Mittagskreise flammt, und der widrige Einfluß ... einfachre Ausdrücke braucht er nun einmal nicht, ... wenn auch noch nicht völlig zerstört, sich doch in sich selbst verzehrt oder, so sagte er wohl, in retrograder Bewegung sich befinde.« »Genau so ist es,« erwiderte Leicester, auf ein Blatt mit astrologischen Exempeln blickend, das er in der Hand hielt; »der stärke Einfluß gewinnt die Oberhand und die schlimme Stunde zieht, so scheint es mir, vorüber. Helft mir, Sir Richard, den Schlafrock auszuziehen ... und verweilt, sofern es Eurer Ritterschaft nicht zu beschwerlich ist, noch eine Weile hier, bis ich mich in den Schlaf gefunden habe. Der Lärm heute hat, wie ich fürchte, mein Blut in Feuer gejagt, denn es rast mir wie siedendes Blei durch die Adern ... noch einen Augenblick verzeiht, bitte ... ich möchte meine Lider, ehe ich sie schließe, schwer, recht schwer im Kopfe fühlen.« Varney half dem Grafen beim Zubettgehen und stellte eine Nachtlampe von gediegnem Silber auf den marmornen Tisch, der zu Häupten des Lagers stand. Dann legte er ein kurzes, breites Schwert daneben. Entweder um das Licht der Lampe nicht zu sehen, oder um sein Gesicht dem Blicke Varneys zu entziehen, zog Leicester die seidnen, mit Gold durchwirkten Vorhänge zu, so daß sein Kopf ganz im Schatten lag. »Varney,« hub der Graf endlich an, nachdem er eine Weile vergebens gewartet hatte, daß der neue Ritter, der sich an das Kopfende des Bettes gesetzt hatte, die Unterhaltung anfangen werde, »die Leute sprechen also von der Gunst, die mir die Königin erwiesen?« »Gewiß, mein gütiger Herr,« versetzte Varney. »Wie wäre das auch anders möglich, da sie Euch doch so offen auszeichnet!« »Ich weiß, was ich davon zu denken habe,« erwiderte der Graf voller Ungeduld, »wenn Du auch Deine Worte heute abend mit ganz besondrer Vorsicht setzest ... Du willst mir plausibel machen, es stände nur bei mir, mich mit der Königin zu vermählen.« »Das sagt Ihr, Mylord; aber über meine Lippen ist es nicht gekommen!« erwiderte Varney, »doch gleichwohl, wer es sagt, im großen England sagen es von hundert Menschen neunundneunzig.« »Ja, aber,« sagte Leicester, indem er sich in seinem Bette auf die andre Seite wandte, »dieser hundertste weiß es besser. Du zum Beispiel kennst das Hindernis, das sich nicht überspringen läßt.« »Und doch muß es, wenn die Sterne wahr reden, übersprungen werden,« sagte Varney mit Sammlung und Ruhe. »Du hast recht,« erwiderte Leicester, sich abermals im Bette umdrehend. »Die Welt wünscht diese Verbindung. Es ist Nachricht an mich gelangt, von den reformierten Gemeinden Deutschlands, aus den Niederlanden, aus der Schweiz ... und alle sprechen es übereinstimmend aus, daß Europas Sicherheit davon abhängig sei. ... Frankreich wird nicht dagegen sein, und in Schottland erblickt die herrschende Partei ihr größtes Glück in dieser Verbindung, während Spanien sie fürchtet ... aber nicht zu hindern vermöchte ... und doch weißt Du, Varney, daß sie nicht stattfinden kann!« »Daß ich nicht wüßte, Mylord!« sagte Varney, ... »die Gräfin ist unpäßlich.« »Schurke!« rief Leicester, indem er auf seinem Lager emporsprang und nach dem Schwerte griff, das neben ihm auf dem Nachttische lag, »zielen dorthin Deine Gedanken? ... Einen Mord begingest Du doch nicht?« »Für wen oder was haltet Ihr mich, Mylord?« sagte Varney, indem er sich der Ueberlegenheit eines zu Unrecht verdächtigen Unschuldigen versicherte, »ich habe nichts gesagt, was zu dieser furchtbaren Anschuldigung, die Eurer Heftigkeit enteilt, auch nur das leiseste Recht gäbe! Ich habe bloß gesagt, die Gräfin ist unpaß ... und mag sie zehnmal Gräfin sein und noch so liebenswert sein und noch so sehr geliebt werden ... unsterblich machen könnt Ihr sie nicht. ... Warum also sollte sie nicht sterben können und Eure Hand wieder frei und ledig machen?« »Hinweg! Hinweg! ... Hiervon kein Wort mehr!« rief Leicester. »Gute Nacht, Mylord!« sagte Varney, indem er sich stellte, als fasse er die Worte des Grafen als Befehl, sich zu entfernen; aber Leicesters Stimme störte ihn in seinem Vorhaben. »Auf solche Weise entschlüpfest Du mir nicht, Sir Narr,« rief er; »die neue Würde hat Dir, wie mir scheint, das Gehirn verschoben. Gestehe, daß Du von unmöglichen Dingen gesprochen hast, als ob es möglich sei, daß sie geschehen könnten.« »Mylord, Gott schenke Eurer schönen Gräfin recht langes Leben!« erwiderte Varney. »Ich sehe aber nicht ein, wie Ihr nicht dessenungeachtet König von England werden könntet. Hat man nicht oft schon gehört von Heiraten zur linken Hand, die in andern Ländern geschlossen werden zwischen Personen ungleichen Standes? Heiraten, die den Gatten nicht gehindert haben, nachher eine seinem Stande angemessenere Heirat einzugehen?« »Daß so etwas in Deutschland geschehen sei, ist allerdings verlautet,« meinte Leicester. »Der reizenden Gesponsin, die Ihr aus wahrer Liebe erkoren habt, gehören die geheimen Stunden Eurer Zärtlichkeit, Eurer Erholung,« fuhr Varney fort. »Dabei könnt Ihr jedoch der Königin alle gebührende Aufmerksamkeit widmen ... es gehört nichts weiter dazu, als eine offne Stirn und geschlossne Lippen! Ueberlaßt es mir, Euch eine geschützte Laube zu bauen, zu der keine eifersüchtige Königin den Eingang finden soll!« Leicester schwieg eine Weile, tat einen tiefen Seufzer und sprach sodann: »Sir Richard Varney, gute Nacht! Was Ihr andeutet, ist unmöglich. ... Indessen verzeiht noch einen Augenblick! Wißt Ihr mir zu sagen, warum Tressilian heute vor der Königin in solch geringem Anzuge erschien?« Varney lachte höhnisch. »Recht gemacht hat ers, glaube ich. Wie sollte er anders tun, sein Herz zu trösten? ... Er hat doch einen Kameraden, einen weiblichen Geschlechts ... eine Jungfer oder so etwas wie die Frau oder Schwester eines Komödianten mit aufs Schloß gebracht ... hat sie mit bei sich im Mervynskäfig, wo ich ihn aus gewissen Gründen persönlicher Natur untergebracht habe.« »Eine Jungfer? ... sagtest Du? ... meinst Du, eine Buhlerin?« »Jenun, Mylord! Bliebe wohl eine andre in eines ledigen Herrn Gemache?« »Meiner Treu! zur rechten Zeit erzählt am rechten Orte, gäbe das eine, gar köstliche Anekdote!« sagte Leicester. »Ich habe diesen Bücherwürmern und Stubenhockern, diesen heuchlerischen, gleisnerischen Tugendbolden nie im Leben getraut ... gut, gut! Junker Tressilian beliebt mit meinem Hause ein wenig keck umzuspringen! ... Wenn ich die Augen darüber zudrücke, so verdankt er es lediglich gewissen Rücksichten, gewissen Erinnerungen. ... Ich möchte ihm nicht weher tun als schon geschehen.... Behalt ihn indessen im Auge, Varney!« »Eben weil ich meinte, daß dies von nöten sei, habe ich ihn im Mervynsturme untergebracht...« versetzte Varney, »dort bewacht ihn mein, wenn auch immer betrunkner, so doch immer getreuer und wachsamer Michael Lambourne, den ich Eurer Hoheit empfohlen hatte.« »Hoheit?« wiederholte Leicester... »was ist der Sinn solches Beiworts in Deinem Munde?« »Es entfuhr mir unbewußt, Mylord und doch klingt es so durchaus natürlich, daß ich es nicht zurücknehmen kann.« »Deine eigne Erhöhung hat Dir das Gehirn verdreht,« sagte Leicester mit Lachen. »Neue Ehren berauschen wie junge Weine.« Seinem Gönner gute Nacht wünschend, verließ Varney das Gemach. Siebzehntes Kapitel. Unsre Erzählung kehrt nunmehr zurück zum Mervynskäfig, dem Gemach oder vielmehr Gefängnis der unglücklichen Gräfin Leicester, die eine geraume Weile ihre Ungeduld und Bangigkeit zu beherrschen suchte. Sie sagte sich, daß es wohl möglich sei bei solchem Wirrwarr, solcher Anstrengung, daß ihr Brief nicht gleich in die Hände ihres Mannes habe kommen können, daß es leicht auch einige Zeit dauern könne, bis ihr Mann sich von seinem Amte bei der Königin frei machen könne, um zu ihr nach dem Mervynsturme zu kommen. »Vor Abend will ich, gar nicht auf ihn rechnen,« sprach sie bei sich, »es läßt sich wohl denken, daß er sich von seinem königlichen Gaste nicht entfernen kann, selbst um nach mir zu sehen. Wenn es ihm möglich ist, wird er früher da sein. Das weiß ich. Aber wie gesagt, vor Einbruch des Abends will ich nicht auf ihn rechnen.« Und dennoch wartete sie auf ihn, wartete auf ihn die ganze Zeit, während sie sich fortwährend vom Gegenteil zu überzeugen suchte; jedes eilige Geräusch von all den Hunderten, die zu ihren Ohren drangen, klang ihr wie Leicesters rascher Schritt, wenn er die Treppe hinauf rannte, um in ihre Arme zu fliegen. Die körperliche Anstrengung, die Amy in der letzten Zeit zu ertragen gehabt, zusammen mit der bei solch grausamem Zustande von Ungewißheit natürlichen Gemütserregung begann allmählich auf ihr Nervensystem zu wirken, und die Furcht, es könne ihr langsam die Kraft ausgehen, das, was ihr vielleicht noch bevorstände, zu tragen, fing an, sie zu beschleichen. Indessen war ihr, wenn auch durch zu nachsichtige, manchmal wohl weichliche Erziehung geschädigt, eine große Gemütsstärke von Natur eigen, und zu ihr trat ein durch ihre Teilnahme der Jagden des Vaters gestählter Körper. Sie gebot zufolgedessen über eine äußerst kräftige Gesundheit und nahm jetzt alle Kräfte zusammen, um keine seelische Erschlaffung und keine Nervenschwäche aufkommen zu lassen. Als jedoch vom Cäsarsturm herab, der unfern von dem als Mervynsturm bekannten stand, die große Schloßglocke die Ankunft des königlichen Zuges durch mächtige Pulse verkündete, da drang ihr Schall so scharf zu ihren Ohren und schnitt ihr so schmerzvoll durch die Seele, daß sie angstvoll zusammenfuhr und sich kaum wehren konnte, bei jedem dröhnenden Schlag der unbarmherzigen Glocke aufzuschreien. Gleich nachher schoß der Widerschein flammenden Feuerwerks zu den Fenstern des kleinen Gemachs herein, dasselbe taghell erleuchtend, daß es der einsamen Frau zu Mute ward, als stiege jede Rakete dicht neben ihr empor und ströme ihr Feuer dicht neben ihr aus, und als fühle sie dessen Hitze in allen Gliedern. Sie zwang sich zum Aufstehen und kämpfte all den wunderlichen Schreckenstanz, den die Feuergebilde vor ihrem geistigen Auge aufführten, mit Gewalt nieder, trat zum Fenster und blickte hinaus, starr und unverwandt, auf eine Szene, die zu jeder andern Zeit ihr Herz sicher weniger mit Furcht als mit Freude erfüllt hätte. »Großer Gott im Himmel droben!« rief sie leise vor sich hin, »wie gleicht doch dieser vergängliche Glanz dem Flitter meiner eignen Hoffnungen! Ein einziger Funke, der im Nu verschlungen wird von Finsternis ringsum, ein flüchtiger Strahl, der für einen Augenblick emporschießt, um desto tiefer zu fallen! O, Leicester! Ist es denn möglich, nach alledem, was Du gesprochen, was Du geschworen hast, Deine Amy sei Dein Leben, Dein alles, Deine Liebe ... ist es denn möglich, daß Du der Zauberer seiest, auf dessen Wink all diese Wunderwerke erstehen? und daß ich, Deine Amy, ihnen zuschaue als Verstoßne, als Turmgefangne?« ... Von allen Seiten her erklang jetzt Musik, von fern her und aus der Nähe, daß es war, als sei nicht das Schloß allein, sondern die ganze Umgegend der Schauplatz des herrlichen Festes zu Ehren königlich britischer Majestät. Aber der einsamen Frau führte die Musik keine Freude ins Herz, sondern nur den gleichen schmerzlichen Gedanken näher und näher, und als nach langer, langer Zeit das Echo der Klänge erstarb, da war es der Gräfin, als stürbe auch in ihrem Herzen alles, alles dahin, was dort von Lust und Freude geherrscht hatte; und sie trat, düstrer, schmerzlicher betroffen als je, zurück vom Fenster, zurück in das kleine Gemach und dessen Dunkelheit.... Es war Nacht geworden, wohl stand der Mond am Himmel, aber sein Licht erhellte den Raum, der ihr als Aufenthalt angewiesen worden war, nur spärlich. Seitdem Tressilian so leicht Zutritt zu ihm, trotzdem er von innen verschlossen war, sich hatte schaffen können, traute sie dem Schlüssel nicht mehr, der im Schlosse steckte. Aber das einzige, was sie zur Mehrung ihrer Sicherheit tun konnte, beschränkte sich darauf, daß sie einen Tisch vor die Tür rückte. Sicher, durch das Geräusch geweckt zu werden, das entstehen müsse, wenn jemand versuchen sollte, heimlich eindringen zu wollen, aufs höchste abgespannt und erschöpft, gab sie endlich dem Drange nach Ruhe Folge und trat zu ihrem Lager; und die Forderung der Natur, nachdem die Arme noch lange wach gelegen, noch lange gewartet hatte, überwand endlich Liebe, Herzeleid und Furcht, ja selbst die Pein der Ungewißheit... und Amy schlief ein.... Ja, Amy schlief. Ein paar Stunden lang schlief sie und träumte ... zuerst, daß sie in Cumnorplace sei und lausche auf den leisen Pfiff, durch den sich Leicester anzumelden pflegte, wenn er plötzlich auf einem seiner heimlichen Ritte im Schlosse erschien.... Aber ihr war es dann mit einem Male, wie wenn das leise Pfeifen sich wandle zum gewaltig dröhnenden Hornsignal... und dann war es ihr, als wenn sie zu einem Fenster hinliefe, das nach dem Hofe hinuntersähe,... und nun sah sie im Hofe Menschen über Menschen... und alle trugen Trauergewänder, und der Pfarrer stand in ihrer Mitte und hielt eine Rede... und als sie zuhörte, da ward sie inne, daß es eine Grabrede war... und dann sah sie Mumblazen in der Tracht eines alten Wappenherolds, mit einem Wappenschild, das er vor sich her trug, und das die bekannten Verzierungen zeigte, Totenschädel, Gebeine und Stundengläser ... aber das Wappen selbst konnte sie nicht erkennen, sie sah nur, daß es eine Grafenkrone trug. ... Der alte Mann sah sie an mit gespenstischem Lächeln und fragte: »Amy, sind sie etwa nicht richtig quadriert?« ... und dann begannen die Hörner wieder zu schmettern ... es war ein trauriger, wilder Totenmarsch ... und Amy erwachte. ... Sie fuhr empor von ihrem Lager ... deutlich hörte sie jetzt den Hörnerruf, der die Bewohner zu einer Hirschjagd im nahen Walde lud. Amy lauschte den Klängen ... sie sah die ersten Strahlen des Sommermorgens durch das Gitter ihres Fensters dringen ... und nun besann sie sich, mit einer Empfindung quälender Angst, wo sie war und in welcher Lage sie war. ... »Er denkt nicht an mich,« sprach sie zu sich.... »nicht nahen wird er mir.... Eine Königin ist bei ihm zu Gaste, und was kümmert es da ihn, ob und in welchem Winkel seines mächtigen Schlosses ein elendes Weib wie ich in Zweifeln schmachtet und Herzeleid und Qual erliegt?« ... Da ... ein Geräusch an der Tür ... leise, wie wenn jemand versuchte, sie behutsam zu öffnen ... und eine unsägliche Empfindung, halb Freude, halb Furcht, erfüllte ihr Herz ... mit einem Sprung war sie bei der Tür und rückte den Tisch hinweg, den sie aus Vorsicht davor gestellt hatte ... dann schloß sie auf, ... doch fragte sie, auch jetzt noch vorsichtig: »Bist Du es, Geliebter?« »Jawohl, meine Gräfin!« flüsterte es draußen zur Antwort. Sie riß die Tür auf und mit dem Schrei: »Leicester!« flog sie dem Mann in die Arme, der draußen stand, in seinen Mantel gehüllt, und Einlaß begehrte. »Nein – – nicht ganz Leicester,« antwortete Michael Lambourne, denn er war es, indem er die Liebkosungen mit roher Gewalt zurückgab, ... »nicht ganz Leicester, meine holde, bis über die Ohren verliebte Herzensherzogin, aber ein Mann so gut und stark wie er.« Mit einem Uebermaß von Kraft, dessen sie sich zu keiner andern Zeit fähig gehalten hätte, machte die Gräfin sich los von dem unheiligen und entheiligenden Griffe des trunknen Wüstlings und flüchtete nach der Mitte ihres Gemachs, wo ihr Verzweiflung den Mut lieh, stehen zu bleiben. Lambourne fiel, als er eintrat, der Mantel vom Gesicht ... und die Gräfin erkannte nun den verworfnen Diener Varneys ... die allerletzte Person, seinen Herrn selbst ausgenommen, von der sie sich hier hätte entdeckt sehen mögen. Aber sie war noch immer eingehüllt in ihren Reisemantel, und da Lambourne in Cumnorplace kaum in ihre Nähe gekommen war, hoffte sie, ihm weniger bekannt zu sein als er ihr ... welch letzteres ja auch nicht der Fall gewesen wäre, hätte ihn ihr nicht Jeanette einmal gezeigt, wie er über den Hof ging, und dann erzählt, was für ein schlechter Mensch er sei. Lambourne warf, als er ins Gemach trat, die Tür hinter sich ins Schloß, dann schlug er die Arme übereinander, wie wenn er der Verzweiflung spotten wollte, die sich Amys bemächtigt hatte. Dann sprach er höhnisch: »Höre, was ich Dir sage, Du holdeste Kallipolis, oder verliebteste aller verlumpten Gräfinnen und göttlichste aller in finstern Ecken sich herumquetschenden Herzensherzoginnen – – wenn Du Dir noch so viel Mühe gibst, Dich aufzublähen, wie ein angeschossner Fasan, um mir die Freude, Dich zu fangen, noch zu erhöhen, so ist es doch gescheiter, Du sparst Dir solches! Deine erste Art und Weise ist mir weit lieber ... und Deine jetzige paßt mir dagegen ganz und gar nicht ...« (bei diesen Worten machte er taumelnd einen Schritt auf sie zu) »... paßt mir so wenig ... Tod und Teufel! ist das hier ein wackliger Fußboden! ... da kann sich ja der feinste Herr den Hals brechen, wenn er nicht wie ein Seiltänzer auf dem Seile tanzen kann ...« »Zurück!« rief die Gräfin, »keinen Schritt näher heran, oder es ist um Dich geschehen!« »Was? um mich geschehen? hahaha! und keinen Schritt weiter? hahaha! kannst Du noch einen bessern Schatz verlangen als den ehrlichen Michael Lambourne? ... Ich bin in Amerika gewesen, Mädel, wo das Gold wächst wie Heu, und hab eine stramme Kahnladung davon mit rübergebracht –« »Lieber Freund!« sprach die Gräfin, aufs äußerste erschrocken über die freche, zudringliche Weise des Menschen ... »ich bitt' Dich, geh und laß mich!« »Daran solls nicht fehlen, Schatz, wenn wir einander satt haben ... aber kein Tüttelchen früher, hörst Du?« ... und er faßte sie beim Arme, während sie, außer stande, sich länger zu wehren, einen Schrei über den andern ausstieß ... »Na, schrei, so viel Du willst,« rief er und hielt sie noch immer fest, »ich hab die See brüllen hören beim wildesten Wetter, und wenn ein Weibsbild ein bißchen quiekt, so klingt mir das kaum anders, als wenn eine Katze miaut! ... Hol mich der Teufel, ich hab an die fünfzig oder hundert schreien hören, als wir mal eine Stadt stürmten.« Das Geschrei der Gräfin brachte aber eine, wenn auch unerwartete Hilfe herbei in der Person des Lorenz Staples, der in seiner Stube unten das Geschrei gehört hatte und noch gerade zurecht kam, um die Gräfin vor Entdeckung, wenn nicht gar roher Gewalttat zu schützen. Lorenz war auch betrunken, noch von der letztdurchzechten Nacht her; glücklicherweise zeigte sich sein Rausch aber in ganz andrer Weise, wie bei Lambourne. »Was ist das hier für ein Mordsspektakel? bei mir im Turme?« rief er, »was? ein Mannsbild und ein Weibsbild zusammen in derselben Zelle? Das geht wider das Reglement ... unter meinem Szepter muß Ordnung herrschen! beim Sankt Petrus in Ketten!« »Mach, daß Du die Stiege hinunterkommst, besoffnes Biest!« schrie Michael Lambourne, »siehst Du nicht, daß wir beide, die Dame und ich, was vorhaben, wozu man keinen Zeugen braucht?« »Braver Herr! würdiger Herr!« flehte die Gräfin, sich an den Schließer wendend, »errettet mich von ihm! um der göttlichen Barmherzigkeit willen.« »Sie spricht artig und lieb,« sagte der Schließer, »da muß man ihr schon helfen. ... Laß das Weib los, oder ich schlage Dir den Schädel mit meinem Schlüsselbunde ein!« »Da mach ich doch schneller aus Deinem Bauchfell einen Blutkuchen!« schrie Lambourne und legte die Linke an den Degen, wahrend er mit der Rechten noch immer die Gräfin festhielt. ... Da packte der Schließer Lambourne am Arm, daß er den Dolch nicht ziehen konnte, und als Lambourne mit ihm rang und ihn von sich abzuschütteln suchte, machte die Gräfin ihrerseits eine heftige Anstrengung; und es gelang ihr, die Hand aus dem Handschuh zu ziehen, den Lambourne noch immer festhielt ... mit einem Ruck war sie frei und zur Stube hinaus und rannte die Stiege hinunter, während sie im selben Augenblick zwei schwere Körper niederschlagen hörte, mit einer Wucht, die ihr Entsetzen noch erhöhte. Die Außenpforte bot ihrer Flucht kein Hindernis, denn sie war, um Lambourne einzulassen, geöffnet und von diesem offen gelassen worden. Glücklich gelangte sie von da in den Lustgarten, der ihrem hastigen Blicke als derjenige Ort erschien, wo sie vor Verfolgung am geschütztesten sein dürfte. Zwischen den vielen Lauben, Bäumen, Bildsäulen, Springbrunnen einen Platz zu finden, wo sie sich verbergen könne, bis jemand käme, dem sie sich in ihrer schrecklichen Lage offenbaren dürfte und durch dessen Vermittlung sich eine Zusammenkunft mit dem Grafen erlangen ließe, das könnte, sagte sie sich, an solchem Orte nicht allzu schwer sein.... »Wenn ich bloß meinen Führer wiederfände,« dachte sie; »dann erführe ich doch, ob er meinen Brief abgegeben hat. Oder wenn ich wenigstens Tressilian träfe! ... nun, ich will warten und hoffen ... unter so vielen menschlichen Wesen wird sich ja doch ein mildes Herz finden, das ermessen und mitfühlen kann, was mein armes Herz so schwer bedrückt!« Freilich, es gingen viele im Garten auf und ab ... aber ... das waren immer solche, die das Herz voller Freude hatten ... die zusammen lachten und scherzten und allerhand Kurzweil trieben ... wie sollten die Sinn und Gefühl haben für Leid? ... Das Versteck, das sich die Gräfin ausgesucht hatte, war recht geeignet, sie vor andrer Blicke zu schützen. Es war eine mit Moosbänken versehne Grotte, in deren Hintergrunde eine Fontäne spielte. Wenn sie sich dort aufhielt, so konnte sie, ohne bemerkt zu werden, abwarten, bis der Zufall eine einzelne Person herführte, die es vielleicht für geraten hielt, sich zu entdecken. Auf solchen Zufall wartend, trat sie hinter die Fontäne und blickte in den hellen Spiegel ihrer Flut, erschreckend über das eigne Bildnis, denn ihre Erscheinung war durch die letzterlebten Stunden in ihrer Schönheit um vieles gemindert worden. Aber der helle Wasserspiegel ermöglichte ihr eine rasche Toilette, und als sie damit fertig war, setzte sie sich auf eine der Moosbänke, harrend, daß ihr das Schicksal einen Ausweg zeigen oder einen Beschützer zuführen werde. Achtzehntes Kapitel. Es traf sich an diesem denkwürdigen Morgen, daß eine der ersten, die in aller Frühe im vollen Jagdschmuck aus ihrem Zimmer trat, die Fürstin selber war, der all diese Lustbarkeiten galten, Englands jungfräuliche Königin. Sie hatte kaum einen Schritt über die Schwelle ihres Gemaches getan, als Leicester auch schon an ihrer Seite war und ihr den Vorschlag machte, bis zur Beendung der Jagdrüstungen den Lustgarten zu besichtigen. Sie gingen selbander zu dieser neuen Stätte der Augenweide – gelegentlich stützte Leicesters Arm die Königin, wo lange Reihen von Stufen – damals eine beliebte Zierde in Gärten – sie von Terrasse zu Terrasse führten. Die begleitenden Hofdamen waren klug genug, nicht in der Nähe der Königin zu bleiben, obwohl sie sie nicht aus den Augen ließen, und so wurde das Gespräch zwischen der Königin und dem Grafen weder gestört noch belauscht. Was sie miteinander sprachen, ist im einzelnen nicht überliefert worden. Noch die, die sie aus einiger Entfernung beobachteten – und die Augen von Höflingen und Hofdamen sind sehr scharf – , waren der Meinung, daß noch nie die hohe Würde, die Elisabeth sonst in Gebärde und Gang bewahrte, so offenkundig sich habe gehen lassen und Unentschlossenheit und zärtliche Vergessenheit verraten habe. Ihr Schritt war nicht nur langsam, sondern auch unsicher – etwas ganz ungewohntes in ihrer Haltung. Ihre Augen waren auf den Boden geheftet – ja, einige wollten sogar eine Träne in ihrem Auge und eine Röte auf ihren Wangen gesehen haben. Zu welchen Schlüssen diese Beobachtungen führten, ist klar, und wahrscheinlich waren diese Schlüsse auch nicht völlig grundlos. Edelmänner so gut wie Schäferburschen sagen in solchem kritischen Augenblick mehr, als sie eigentlich wollten, und Königinnen so gut wie Dorfschönen hören länger zu, als sie sollten. So hatte Elisabeth mit mehr Gunst als sonst den romantischen Galanterien gelauscht, mit denen sie immer angeredet zu sein liebte, und der Graf ging aus Eitelkeit oder aus Ehrgeiz oder aus beidem immer mehr aus sich heraus, bis die Sprache der Liebe selber von seinen Lippen kam. »Nein, Dudley,« sagte Elisabeth, doch in gebrochnem Tone, »nein, ich muß die Mutter meines Volkes sein. Andre Bande, die die niedrige Maid glücklich machen, sind der Landesherrin versagt. Nein, Leicester – drängt nicht weiter in mich. Wäre ich wie andre und stünde es mir frei, mir mein eignes Glück auszusuchen – dann, ja dann! – aber es kann nicht, kann nicht sein. Schiebt die Jagd auf – schiebt sie auf eine halbe Stunde auf und verlaßt mich, Mylord.« »Wie, Euch verlassen, Majestät?« sagte Leicester. »Hat mein Wahnwitz Euch beleidigt?« »Mit nichten, Leicester!« antwortete die Königin rasch. Wahnwitz ist es wirklich und darf nicht wieder aufgebracht werden. Geht – aber geht nicht weit von hier – und bis dahin laßt niemand mich stören.« Während sie so sprach, verneigte Dudley sich tief und zog sich leise und wie tief betrübt zurück. Die Königin sah ihm nach und murmelte vor sich hin: »Wäre es möglich – wäre es doch nur möglich! Doch nein – nein – Elisabeth muß allein Englands Frau und Mutter sein!« Das Gemüt dieser Elisabeth Englands mochte wohl durch diese Unterredung ein wenig aus seinem Gleichgewicht gebracht worden sein – aber dank ihrer Festigkeit und Entschlossenheit hatte sie bald ihre natürliche Stimmung wieder erlangt. Als sie mit langsamem Schritt sich dem Innern der Grotte näherte, hatte ihr Gesicht wieder seinen würdevollen Blick und ihre Miene wieder ihren herrischen Ausdruck erlangt. Da sah die Königin, daß eine weibliche Gestalt neben und zum Teil hinter einer Alabastersäule stand, an deren Fuß der helle Springbrunnen emporstieg, der in der innersten Tiefe der von Halbdunkel erfüllten Grotte sprudelte. Im Nähertreten blieb sie im Zweifel, ob sie eine Statue oder eine Gestalt von Fleisch und Blut vor sich hätte. Die unglückliche Amy stand regungslos – sie verlangte danach, ihre Hilflosigkeit einer ihres Geschlechts mitzuteilen, und empfand doch auch Furcht vor der erhabnen Gestalt, die sich ihr näherte, und in der ihre Furcht, obwohl ihr Auge sie noch nie erschaut hatte, sie doch sofort die Person erkennen ließ, die sie wirklich war. Amy war von ihrem Sitze aufgestanden in der Absicht, die Dame anzureden, die allein und – wie sie zuerst dachte – zu so gelegner Stunde die Grotte betrat. Aber als sie daran dachte, daß Leicester immer mit größter Unruhe davon gesprochen hatte, die Königin könne einmal von ihrer heimlichen Ehe etwas erfahren, und als sie immer mehr die Ueberzeugung gewann, daß die Person, die sie vor sich sah, Elisabeth selber sei – da blieb sie stehen – einen Fuß vor und einen zurückgesetzt, Arme, Haupt und Hände völlig regungslos und die Wange so bleich wie die Alabastersäule, an der sie lehnte. Auch als Elisabeth bis auf ein paar Schritte herangekommen war, blieb sie noch im Zweifel, ob sie sich nicht getäuscht habe. Sie blieb daher stehen und heftete auf die interessante Erscheinung ihr fürstliches Auge so fest und scharf, daß das Erstaunen, das Amy in Regungslosigkeit hatte verharren lassen, der Furcht wich und sie unter dem gebietenden Blick der Fürstin allmählich den Blick niederschlug und das Haupt senkte. Bei dieser tiefen und langsamen Neigung des Hauptes blieb aber doch ihre Gestalt sonst ohne Bewegung und ihr Mund ohne Laut. Die Kleidung und das Kästchen, das sie instinktiv in der Hand hielt, brachten Elisabeth natürlich auf die Vermutung, die Person, die sie erblickte, sei eine Darstellerin in einem Maskenspiele, wie deren schon verschiedne zu ihrer Huldigung veranstaltet worden waren, und das arme Mädchen hätte, aus Furcht vor ihrer Nähe, entweder ihre Rolle vergessen oder den Mut verloren, sie zu spielen. Sie sagte daher im Tone herablassender Güte: »Wie, Du schöne Nymphe dieser Grotte, hat Dich ein Zauber im Bann oder bist Du von dem bösen Hexenmeister, den die Menschen Furcht nennen, mit Taubheit geschlagen?« Anstatt zu antworten, fiel die unglückliche Gräfin vor der Königin auf die Knie, ließ ihr Kästchen aus der Hand fallen, schlug die Hände ineinander und sah zu der Königin empor, mit einem Ausdruck der Angst und der flehentlichen Bitte, der Elisabeth sichtlich rührte. »Was soll das bedeuten,?« sagte sie. »Du bist in größrer Erregung, als dem Anlaß entspräche. Steh auf, Mädchen – was willst Du von Uns?« »Schutz, hohe Frau,« stammelte die unglückliche Bittstellerin. »Den genießt jede Tochter Englands, solange sie seiner würdig ist,« versetzte die Königin; »aber Dein Unglück scheint eine tiefere Wurzel zu haben als die vergessne Rolle. Warum und in welcher Sache begehrst Du Unsern Schutz?« Amy bemühte sich, schnell darüber klar zu werden, was sie am besten sagen würde, um sich vor den drohenden Gefahren zu schützen, die sie umgaben, ohne ihren Gemahl, zu gefährden, aber in dem Chaos, das ihr Gemüt bedrückte, fand sie keinen klaren Gedanken und konnte, auf die wiederholte Frage der Königin nur antworten: »Ach! ich weiß es nicht!« »Das ist Torheit, Mädchen,« sagte Elisabeth ungeduldig. »Wir find nicht gewöhnt, so oft Fragen zu stellen, ohne eine Antwort zu erhalten.« »Ich bitte – ich flehe um Schutz –« stammelte die unglückliche Gräfin, »um Euern huldvollen Schutz gegen – gegen einen gewissen Varney.« Sie würgte an dem verhängnisvollen Wort, das die Königin sofort aufgriff. »Was Varney? – Ritter Richard Varney – der Diener Lord Leicesters? – was, Mädchen, seid Ihr ihm? was ist er Euch?« »Ich – ich – war seine Gefangne – und er trachtet mir nach dem Leben – und ich bin geflüchtet...« »Um Euch unter meinen Schutz zu begeben, ohne Frage,« sagte Elisabeth. »Du sollst ihn haben, – das heißt, wenn Du dessen würdig bist, denn wir wollen dieser Sache auf den Grund gehen. – Du bist,« fügte sie und heftete auf die Gräfin einen Blick, der ihr bis ins Tiefste der Seele dringen zu sollen schien, »Du bist Amy, die Tochter des Ritters Sir Hugh Robsart von Lidcotehall?« »Vergebt mir, vergebt mir, meine huldvolle Fürstin!« sagte Amy und fiel abermals auf die Knie. »Was sollte ich Dir vergeben, törichtes Mädchen?« fragte Elisabeth, »daß Du die Tochter Deines Vaters bist? Du bist nicht recht klar im Kopfe, wie mir scheint. Na, ich sehe, ich muß die Geschichte stückweis aus Dir herausholen. Du hast Deinen alten, ehrenwerten Vater betrogen ... Dein Blick gesteht es ... Du hast Junker Tressilian hintergangen ... Dein Erröten bekennt es ... und hast eben diesen Varney geheiratet.« Amy sprang auf und unterbrach die Königin rasch: »Nein, hohe Frau, nein – so wahr ein Gott über uns ist, ich bin nicht die Frau dieses verächtlichen Sklaven – dieses ausgemachten Schurken! Ich bin nicht die Frau Varneys! Eher möchte ich die Braut des Todes selber sein.« Ihrerseits bestürzt durch Amys Heftigkeit, stand die Königin einen Augenblick still und sagte dann: »Nun, Gott erbarme sich, Weib! – ich sehe, Dein Mundwerk ist flott genug, wenn das Thema Dir zusagt! Sage mir, Weib – denn bei Gottes Tage, ich will es wissen – wessen Weib oder Maitresse bist Du? – Sprichs aus und sei geschwind – Du möchtest eher mit einer Löwin spielen können als mit Elisabeth.« Durch diesen harten Befehl getrieben, wie durch unwiderstehliche Gewalt zu dem Abgrund gezogen, den sie sah, aber nicht vermeiden konnte, – stammelte Amy schließlich in größter Verzweiflung: »Der Graf von Leicester weiß alles.« »Der Graf von Leicester!« rief Elisabeth in höchstem Erstaunen, – »der Graf von Leicester!« wiederholte sie, und ihr Zorn entfachte sich. »Weib, Du bist dazu gedungen worden – Du verleumdest ihn – er gibt sich nicht mit solchen Frauenzimmern ab, wie Du eins bist. Du bist erkauft worden, den edelsten Lord und den wahrherzigsten Edelmann Englands zu verunglimpfen. Aber wenn er auch Unsre rechte Hand oder Uns noch teurer wäre, Du sollst Gehör finden, und zwar in seinem Beisein. Komm mit mir – komm augenblicklich mit mir!« Entsetzt wich Amy zurück – eine Bewegung, die die in Zorn entflammte Königin als Schuldbewußtsein auslegte. Elisabeth trat rasch zu ihr, faßte sie am Arme und eilte mit fliegenden, langen Schritten aus der Grotte heraus und die Hauptallee des Lustgartens entlang, die entsetzte Gräfin hinter sich herziehend, die sie noch immer am Arme hielt und die bei der größten Anstrengung nur knapp mit der empörten Königin Schritt halten konnte. Leicester stand in diesem Augenblick inmitten einer glänzenden Gruppe von Lords und Ladys, die unter einem Säulengange am Ende der Allee sich versammelt hatte. Die Gesellschaft war hier zusammen gekommen, um die Befehle der Königin vor Beginn der Jagd entgegenzunehmen, und man kann sich ihr Erstaunen denken, als sie Elisabeth statt in ihrem gewohnten, gemessen würdevollen Schritte in solcher Hast unter sie treten sahen, daß sie in ihrer Mitte stand, ehe sie sie noch gewahr geworden waren. Sie sahen mit Furcht und Ueberraschung, daß ihr Gesicht von Zorn und Aufregung gerötet war, daß ihr Haar bei dem raschen Gange sich aufgelöst hatte und daß ihre Augen wild flammten. Nicht weniger erstaunt waren sie über die Erscheinung der blassen, erschöpften, halb toten und doch liebreizenden Frauensperson, die die Königin mit starkem Griff bei der Hand hielt, während sie mit der andern Hand die Lords und Ladys zur Seite winkte, die auf sie zudrängten in dem Glauben, sie sei plötzlich irre geworden. »Wo ist Mylord von Leicester?« fragte sie in einem Tone, der die umstehenden Lords mit Schauder erfüllte. »Tretet vor, Mylord von Leicester.« Wenn mitten am heitersten Sommertage, wenn alles in der Runde hell und lachend dreinschaut, ein Donnerkeil vom blauen Himmelsgewölbe herunterfiele und die Erde zu den Füßen eines sorglosen Spaziergängers zerrisse, so könnte der die rauchende Kluft, die unerwartet vor ihm gähnte, nicht mit halb so jähem Erstaunen und Grausen betrachten, wie Leicester bei dem Anblick empfand, der sich ihm so plötzlich darbot. Er hatte eben die halb ausgesprochnen, halb angedeuteten Glückwünsche der Höflinge zu der großen Gunst, die die Königin ihm erwiese, entgegengenommen, und er hatte in politischer Ziererei so getan, als streite er ab, was sie zu verstehen gaben, oder als verstünde er es nicht, und während noch ein gedämpftes, doch stolzes Lächeln um seine Lippen spielte, schoß die Königin in wildestem Ingrimm in den Kreis hinein; mit der einen Hand stützte und hielt sie, anscheinend ohne geringste Anstrengung, die bleiche, sinkende Gestalt seines halbtoten Weibes, und mit dem Finger der andern Hand deutete sie auf das verzerrte Gesicht und fragte mit einer Stimme, die in den Ohren der bestürzten Staatsmänner wie die Trompete des jüngsten Gerichts erklang: »Kennst Du dieses Weib?« Wie beim Trompetenstoß des jüngsten Gerichts die Schuldigen zu den Bergen rufen werden, daß sie über ihnen zusammenstürzen sollen, so flehte in seinen innersten Gedanken Lord Leicester zu dem prächtigen Bogen empor, den er in seinem Stolze erbaut hatte, er möge sein festes Gefüge sprengen und sie alle unter seinen Trümmern begraben. Aber das Bauwerk stand fest, und der stolze Herr selber ließ sich vor Elisabeth, wie von unsichtbarer Hand niedergedrückt, auf ein Knie nieder und senkte den Blick tief auf die Marmorsteine, auf denen sie stand. »Leicester,« sagte Elisabeth mit vor Leidenschaft zitternder Stimme, »könnte ich glauben, daß Du mich hintergangen hast – mich, Deine Königin, – mich, Deine vertrauensvolle, Dir nur zu sehr geneigte Herrin – könnte ich glauben, Du hättest mir den gemeinen und undankbaren Betrug angetan, den Deine Verwirrung vermuten läßt, – bei allem, was heilig ist, Dein Haupt sollte fallen!« Leicester hatte zwar kein Bewußtsein der Unschuld, das ihn stützen konnte, aber er hatte doch Stolz, er erhob langsam Stirn und Gesicht und antwortete: »Mein Haupt kann nur fallen durch Urteil meiner Peers – und an sie will ich mich wenden, nicht an eine Fürstin, die mir meine treuen Dienste so vergilt.« »Was! Mylords!« sagte Elisabeth und sah sich um. »Man bietet uns wohl gar Trotz – Trotz in demselben Schlosse, das Wir diesem stolzen Manne verliehen haben? – Mylord von Shrewsbury, Ihr seid Marschall von England, verhaftet ihn wegen Hochverrats.« »Wen meint Eure Majestät?« fragte Shrewsbury höchst erstaunt, denn er war eben erst hinzugekommen. »Wen sollt ich meinen, als den Verräter Dudley, Grafen von Leicester! Vetter von Hunsdon, laßt sofort Eure Wache ins Gewehr treten und nehmt ihn auf der Stelle in Gewahrsam. – Hört Ihr, Schurke, beeilt Euch!« Hunsdon, ein rauher, alter Soldat, der mit den Boleyns verwandt war und sich daher mehr erlauben konnte, als mancher andre, erwiderte: »Und vielleicht wirft Eure Majestät mich morgen in den Tower, wenn ich mich gar zu sehr beeilte. Ich ersuche Euch, habt Geduld!« »Geduld?« rief die Königin. »Gottes Leben! Nennt mir das Wort nicht! Du weißt nicht, wessen er schuldig ist!« Amy, die jetzt ein wenig zu sich gekommen war und erkannte, daß ihr Gatte von dem Zorne der gekränkten Herrscherin auf das schwerste bedroht war, vergaß augenblicklich das erlittne Unrecht und die eigne Gefahr, warf sich der Königin zu Füßen, umarmte ihre Knie und rief: »Er ist schuldlos, hohe Frau – er ist schuldlos – niemand kann dem Grafen von Leicester etwas zur Last legen.« »Ei, Du Affe,« antwortete die Königin, »hast Du nicht selber gesagt, der Earl of Leicester wisse um Deine ganze Geschichte?« »Sagt ich so?« wiederholte die unglückliche Amy, »wenn ich es tat, so hab ich ihn schändlich verleumdet. So Gott mein Richter ist, er hat nie daran gedacht, mir ein Leid zuzufügen.« »Weib!« sagte Elisabeth, »ich will wissen, wer Dich hierzu gebracht hat, oder mein Zorn – und der Zorn von Königen ist ein loderndes Feuer – soll Dich verzehren wie Reisig im Ofen!« Als die Königin diese Drohung aussprach, rief der gute Engel in Leicester seinen Stolz zu Hilfe und hielt ihm die gänzliche Verworfenheit vor, die er in alle Ewigkeit auf sich lüde, wenn er sich so weit erniedrigte, unter der edelsinnigen Fürsprache seiner Frau Schutz zu suchen und sie an seiner Statt der Rache der Königin zu überliefern. Er hatte schon das Haupt erhoben, um mit der Würde eines Ehrenmannes seine Ehe zu bekennen und selber als Beschützer der Gräfin aufzutreten – da stürzte Varney – der, wie es schien, dazu geboren war, der böse Genius seines Herrn zu sein, – in die Versammlung hinein, mit allen Zeichen der Verwirrung und Bestürzung in Antlitz und Gebärde. »Was drängt Ihr Euch so unanständig hervor?« fragte Elisabeth. Mit der Miene eines von Schmerz und Verwirrung völlig niedergeschmetterten Mannes warf sich Varney ihr zu Füßen und rief: »Vergebung, meine Königin, Vergebung! – oder laßt wenigstens Eure gerechte Strafe auf mich fallen, der sie verdient hat, aber verschont meinen edeln, meinen großmütigen, meinen unschuldigen Gönner und Herrn!« Amy, die noch immer kniete, sprang auf, als sie den Mann, den sie am tiefsten haßte, so dicht neben sich erblickte, und wollte zu Leicester flüchten, aber die Unsicherheit und Furchtsamkeit, die seine Miene wieder angenommen hatte, als das Erscheinen seines Vertrauten eine neue Wendung herbeizuführen schien, scheuchte sie zurück und sie stieß einen schwachen Schrei aus und bat Ihre Majestät, sie im tiefsten Verließ des Schlosses einzukerkern, sie wie den schlimmsten Verbrecher zu behandeln, – »nur erspart mir, was mich noch vollends um den Verstand bringen wird, den Anblick dieses unsagbar schlechten, schamlosen Schurken!« »Und warum, Püppchen?« fragte die Königin, »was hat dieser falsche Ritter, wie Du ihn nennst, Du getan?« »O, Schlimmres, als Leid, hohe Frau, und Schlimmres als Beleidigung – er hat Zwietracht gesät, wo Friede sein sollte. Ich werde wahnsinnig, wenn ich ihn noch länger sehe.« »Mich dünkt, Du bist, schon geistesgestört,« antwortete die Königin. »Mylord von Hunsdon, nehmt Euch des armen Weibes an und haltet sie in sicherm, aber ehrenvollem Gewahrsam, bis wir sie zu sehen begehren.« Der Ritter führte die Unglückliche fort, die keinen Widerstand leistete, halb ohnmächtig, wie sie war. Die Königin sah ihr nach – mit der ihr eignen, Selbstbeherrschung, unter den Vorzügen eines Monarchen einer der ersten, hatte sie schon jeden äußern Schein von Gemütserregung verwischt und schien alle Erinnerung an ihren leidenschaftlichen Ausbruch tilgen zu wollen. Sie lächelte huldvoll und ließ die Blicke umherschweifen, um denen des Grafen von Leicester zu begegnen. Doch fand sie ihn noch nicht in der Stimmung, das nahegelegte Anerbieten einer Versöhnung anzunehmen. Sein Blick war auch mit verspäteter Reue der hingesunknen Gestalt gefolgt, die Hunsdon eben weggebracht hatte; jetzt haftete sein Auge finster auf dem Boden, aber mehr – so wenigstens kam es Elisabeth vor – mit dem Ausdruck eines, der eine ungerechte Kränkung erfahren hat, als voller Schuldbewußtsein. Sie wandte ärgerlich das Gesicht von ihm ab und sagte zu Varney: »Sprecht, Ritter Richard, und erklärt diese Rätsel – Ihr seid bei Vernunft und habt auch noch den Gebrauch Eurer Zunge – was wir sonst hier vergebens zu suchen scheinen.« Bei diesen Worten warf sie Leicester einen verdrießlichen Blick zu, wahrend der verschlagne Varney sich beeilte, sein Märchen vorzubringen. »Eurer Majestät scharfes Auge,« sagte er, »hat bereits die grausame Krankheit meiner geliebten Frau entdeckt. Unglücklich, wie ich bin, wollte ich nicht ein ärztliches Attest darüber ausgestellt sehen, da ich zu verbergen strebte, was nun in um so fatalerer Weise doch offenbar geworden ist.« »So ist sie geisteskrank?« fragte die Königin, »in der Tat, wir haben das selber vermutet – Ihr ganzes Benehmen verriet es. Aber wie ist sie hierher gekommen? Warum habt Ihr sie nicht in sicherm Gewahrsam gehalten?« »Meine huldvolle Königin,« sagte Varney, »der würdige Herr, unter dessen Obhut ich sie gelassen habe, Anton Foster, ist soeben erst hier angekommen, so schnell Mann und Pferd reisen können, um mich von ihrer Flucht in Kenntnis zu setzen, die sie mit der, vielen solchen Kranken eignen Schlauheit ins Werk gesetzt hat. Er ist hier, wenn er gehört werden soll.« »Laßt das auf ein andermal,« sagte die Königin. »Aber Ritter Richard, wir beneiden Euch nicht um Euer häusliches Glück, Eure Lady schalt garstig auf Euch und schien bei Euerm Anblick in Ohnmacht fallen zu wollen.« »Es liegt in der Natur dieser geisteskranken Personen,« erwiderte Varney, »daß sie in ihrem Wahn sich am erbittertsten gegen die kehren, die sie in ihren lichtern Momenten am meisten lieben.« »Wir haben das allerdings auch schon gehört,« sagte Elisabeth, »und glauben, was Ihr sagt.« »Möge es denn Eurer Majestät gefallen,« sagte Varney, »zu befehlen, daß meine unglückliche Frau unter die Obhut ihrer Freunde zurückgebracht werde.« Leicester fuhr jetzt auf, aber er zwang sich, ruhig zu bleiben, wahrend Elisabeth scharf antwortete: »Ihr seid etwas zu eilig, Varney. Wir wollen uns erst einen Bericht über den Gesundheits- und Geisteszustand der Dame von unserm Leibarzt Masters abstatten lassen und dann bestimmen, was zu geschehen hat. Ihr sollt jedoch Erlaubnis haben, sie zu sehen, so daß – wenn ein ehelicher Zwist zwischen Euch bestehen sollte, – das soll ja auch bei einem Liebespaar mal vorkommen, soviel Wir gehört haben – Euch versöhnen könnt, ohne weitern Skandal für unsern Hof und ohne weitre Schererei für uns.« Varney verneigte sich tief und antwortete nichts weiter. Elisabeth sah wieder auf Leicester und sagte in einem Tone der Herablassung, der nur aus herzinnigster Anteilnahme kommen konnte: »Zwietracht findet ihren Weg sogar in friedliche Klöster wie in enge Familien, und Wir fürchten, unsre Wachen und Türhüter können sie schwerlich von unserm Hofe fernhalten. Mylord von Leicester, Ihr zürnt uns, und Wir haben ein Recht, auch Euch zu zürnen. Wir wollen die Rolle eines Löwen übernehmen und der erste sein, der vergibt.« Es kostete Leicester einige Mühe, eine glatte Stirn zu zeigen, aber er sagte, er habe nicht das Glück zu vergeben, denn die, die ihn dazu auffordre, stünde zu hoch, als daß er sich je von ihr beleidigt fühlen könne. Elisabeth schien mit dieser Antwort zufrieden und gab Befehl zum Beginn der Jagd. Neunzehntes Kapitel. Die Rückkehr der Königin nach Kenilworth erfolgte erst nach einer langen und höchst erfolgreichen Frühjagd, an die sich ein Festmahl schloß, das nicht minder lange dauerte; und erst nach Schluß desselben konnte sich Leicester unter vier Augen mit Varney treffen. Aus seinem Munde erfuhr er die sämtlichen Einzelheiten der Flucht der Gräfin, wie sie nach Kenilworth durch Foster berichtet worden waren, der sich, in seiner Angst vor den Folgen selbst nach dem Schlosse auf den Weg gemacht hatte. Da Varney sich in seiner Darstellung weislich hütete, von jenen Praktiken ein Wort zu sagen, die gegen die Gesundheit der Gräfin unternommen worden waren, und deren Kenntnis sie zu dem verzweifelten Schritte getrieben hatte, war Leicester, der infolgedessen nur annehmen konnte, sie habe so gehandelt bloß aus maßloser Ungeduld, sich die ihrem Range gebührenden Ehren zu verschaffen, nicht wenig erregt über den Leichtsinn, mit dem sich seine Gemahlin über die von ihm gegebnen Anordnungen hinweg- und sich selbst dem Zorne der Königin ausgesetzt hatte. »Wir werden,« suchte Varney ihn zu beruhigen, »über das alles noch leidlich hinwegkommen, wenn Mylady sich bestimmen läßt, die Rolle anzunehmen, die die Zeit befiehlt.« »Das trifft allerdings nur zu sehr zu, Sir Richard,« erwiderte Leicester. »Es gibt hier tatsächlich kein andres Heilmittel. Ich habe sie in meiner Gegenwart als Deine Frau anreden hören, ohne zu widersprechen. Sie muß den Namen tragen, bis sie von Kenilworth weg ist.« »Und hernach auch noch lange, meine ich,« erwiderte Varney, und sogleich setzte er hinzu: »denn ich kann nur hoffen, daß es noch lange dauern möge, bis sie den Titel einer Lady Leicester fühlen wird ... ich fürchte, vielleicht so lange, wie die Königin leben wird. ... Aber Eure Herrlichkeit ist am besten Richter, denn Ihr allein wißt doch, wie Ihr mit der Königin daran seid.« Leicester seufzte und schwieg eine Weile, ehe er Antwort gab. »Varney, Du bist, wie ich denke, mir treu, und ich will Dir alles sagen. So fest, wie ich stand, stehe ich nicht mehr. Ich habe bei Elisabeth ... unter welch wahnsinnigem Impulse, weiß ich nicht ... über ein Thema gesprochen, das sich nicht aufgeben läßt, wenn nicht jedes weibliche Gefühl auf das empfindlichste getroffen werden soll, und das ich doch weder weiter verfolgen kann, noch verfolgen will. Die Königin kann mir niemals, niemals verzeihen, daß ich sie bestimmt habe zu solcher Nachsicht gegen menschliche Schwächen, und daß ich Zeuge dieser Nachsicht gewesen.« »Wir müssen etwas tun, Mylord, und zwar rasch,« sagte Varney. »Es läßt sich nichts tun unsrerseits,« antwortete Leicester in großer Verlegenheit, »ich gleiche jemand, der lange gestrebt hat, einen gefährlichen Abhang zu erklimmen, und der knapp vor dem Gipfel, wenn er bloß noch den letzten schlimmen Schritt zu machen hat und nicht mehr zurück kann, sich jäh im Lauf gehemmt sieht. Ueber mir sehe ich den Gipfel und unter mir den Abgrund, in den ich stürzen muß, sobald mich Schwindel packt und es mir nicht mehr möglich ist, auf meinem gefahrvollen Standpunkte mich zu halten.« »Denkt besser von Eurer Lage, Mylord,« erwiderte Varney, »probieren wir das Mittel, mit dem Ihr Euch eben einverstanden erklärtet. Halten wir Eure Heirat geheim vor Elisabeth, und es kann sich alles ganz gut machen. Ich will sogleich selbst zu unsrer Dame gehen. Ich bin ihr verhaßt, weil sie richtig argwöhnt, daß ich Eurer Herrlichkeit im Punkte jener Rechte, die sie für sich beanspruchen zu dürfen meint, zum Widerspruch geraten habe. Aber ich schere mich nicht darum, ob sie mich haßt oder nicht; bloß hören soll sie mich und zeigen will ich ihr, aus welchen Gründen sie sich dem Drucke der Zeit fügen muß! und es ist mir nicht im geringsten zweifelhaft, daß ich Euch ihr Einverständnis mit allen Maßregeln, die ergriffen werden müssen, bringen werde.« »Nein, Varney,« sagte Leicester, »darüber, was zu geschehen hat, habe ich selbst schon nachgedacht, und ich werde persönlich mit Amy sprechen.« Jetzt kam die Reihe, Furcht für die eigne Person zu empfinden, an Varney. Bisher hatte er seine Rolle, nur um seines Gönners willen Furcht zu empfinden, äußerst geschickt gespielt. »Eure Herrlichkeit wird doch nicht selbst mit der Dame reden?« »Es ist mein fester Vorsatz,« erwiderte Leicester; »hol mir einen von den Dienerschaftsmänteln; die Schildwache soll mich für einen Eurer Diener halten. Du hast ja das Recht, zwanglos bei ihr zu verkehren.« »Aber, Mylord!« ... »Ich mag kein Aber hören,« versetzte Leicester, »so soll es sein und nicht anders. Hunsdon schläft meines Wissens im Sankt Lowes-Turm. Von diesen Räumen aus können wir zu ihr gelangen, ohne Gefahr, von jemand getroffen zu werden. Zudem ist Hunsdon wohl eher auf meiner als auf andrer Seite und schwerfällig genug, um alles für richtig zu nehmen, was ich ihm sage. ... Hol mir auf der Stelle den Mantel!« Varney blieb nichts andres übrig, als zu gehorchen. Binnen wenigen Minuten stand Leicester in den Dienermantel gehüllt da, zog die Mütze über die Stirn und folgte Varney durch den geheimen Gang, der das Schloß mit Hunsdons Gemächern verband, wo kaum Gefahr bestand, jemand zu begegnen, und der auch düster genug war, um alle Neugierde illusorisch zu machen. Sie gelangten zu einer Pforte, durch die sie schritten, und die sie hinter sich abschlossen. »Nun steh uns bei, ehrlicher Teufel, wenn es solch einen gibt,« sagte Varney vor sich hin, »und hilf Deinem Sohne aus der Patsche, denn mein Boot fährt in der Brandung.« Gräfin Amy saß mit aufgelöstem Haar und losem Gewande auf einem Ruhebett. Tiefer Kummer stand auf ihrem Gesicht, und jäh schreckte sie empor, als die Tür aufging. Jäh wandte sie sich um, und als sie Varney sah, rief sie: »Elender, kommst Du, eine neue Bosheit zu vollführen?« Leicester fiel ihr in die Rede. »Mit mir, Madame, habt Ihr zu sprechen,« rief er in einem Tone, der mehr zürnend als liebevoll klang, indem er den Mantel abwarf und einen Schritt vortrat. »Wie auf einen Zauberschlag wandte sich Amys Blick und Wesen, als sie diese Stimme hörte. »Dudley!« schrie sie, »Dudley! kommst Du endlich?« Wie ein flinkes Reh war sie an seiner Seite, umschlang seinen Hals mit den Armen und überhäufte ihn, Varneys Anwesenheit nicht achtend, mit den innigsten Liebkosungen. Leicester meinte ihr zürnen zu müssen, aber sein Zorn verflog, als er das herrliche Weib ansah, wie Spreu vor dem Winde. Als der erste Freudenrausch vorüber war, sah sie ihn schärfer an, und nun sah sie die Wolken, die auf seiner Stirn lagerten. »Dudley,« rief sie voller Angst, »Dudley, bist Du krank?« »Nicht körperlich ... aber, Amy, ach, Amy!« sprach er, »Du hast mich ins Verderben gestürzt!« »Dudley,« rief sie erschreckt, »ich Dich ins Verderben? wie sollte ich Dir Leid antun können, da ich Dich doch mehr liebe als mich selbst.« »Ich möchte Dich nicht schelten, Amy,« erwiderte der Graf, »aber hast Du nicht all meine Befehle mißachtet? ... und setzt Deine Anwesenheit in diesem Orte nicht Dich und mich in ernste Gefahr?« »Wirklich? ist dies der Fall, Mylord?« rief sie ängstlich; »o, warum bin ich dann noch hier? Ach, wüßtet Ihr, Dudley, welche Angst und Pein mich von Cumnor-Place weggetrieben! doch ich will nichts sagen von mir ... bloß eins, daß ich nicht gern wieder dorthin möchte, wenn es sich irgendwie vermeiden ließe ... nein, nicht wieder dorthin! nicht wieder dorthin – doch wenn es Eure Sicherheit notwendig machen sollte ...« »Wir wollen uns auf einen andern Aufenthalt für Euch besinnen,« erwiderte Leicester, »Ihr sollt Euch auf eins meiner Schlösser im Norden begeben, Amy ... als – – nun, Amy, es wird notwendig sein, doch nur auf wenige, sehr wenige Tage – – als Varneys Frau.« »Wie, Mylord of Leicester!« rief die Lady, sich aus seiner Umarmung frei machend ... »Ihr stellt Eurer Gattin, Eurem Eheweib vor Gott, das Ansinnen, das entehrende Ansinnen, sich als die Frau eines andern Mannes auszugeben? und gar eines Menschen, wie dieses Varney?« »Madame, ich spreche im Ernst – Varney ist mein getreuer Diener, mein erprobter und ehrlicher Diener, der in meine tiefsten Geheimnisse eingeweiht ist ... Besser, ich verlöre meine rechte Hand, als seine Dienste in solcher Zeit wie dieser! Ihr habt keine Ursache, ihn so zu schelten, wie Ihr jetzt tut.« »Ich könnte jemand anschuldigen, Mylord,« versetzte die Gräfin, »und ich sehe ihn erbeben, diesen jemand, so fest und sicher er sich stellt. Aber jemand, der Euch so nötig ist, wie die rechte Hand, ist frei jedweder Anschuldigung durch mich. Möge er Euch treu sein, möge er wahr gegen Euch sein! und damit er sich so erweise, vertraut ihm nicht allzu viel! Doch genug! verlaßt Euch, Mylord, daß ich mit ihm nicht gehe, außer Ihr treibt mich mit Gewalt ... und daß ich ihn nie, nie als meinen Gemahl weder erkenne noch nenne, und wenn alles, alles sich gegen mich ...« »Es ist ja nur ein zeitweiliger Behelf ...« sagte Leicester, verdrießlich über ihre Weigerung, »aber notwendig zu unser beider Sicherheit, die gefährdet worden ist durch Euch, durch Eure Launen, durch Euren vorzeitigen Wunsch, eine Stellung zu bekleiden, zu der ich Euch erhoben, doch nur unter der Bedingung, daß unsre eheliche Verbindung eine Zeitlang verborgen bleiben sollte. Mißfällt Euch mein Vorschlag, dann ruft Euch ins Gedächtnis, daß Ihr selbst die Veranlassung dazu geschaffen habt. Es gibt kein andres Mittel ... Ihr müßt tun, was Eure ungeduldige Torheit selbst notwendig gemacht hat ... ich befehle es Euch.« »Ich vermag Euren Befehl, Mylord,« erwiderte die Gräfin, »mit denen der Ehre und des Gewissens nicht in Einklang zu bringen, und werde Euch in diesem Falle nicht gehorchen! Ihr mögt die eigne Ehre weiter aufs Spiel setzen, bis zur Ehrlosigkeit, dem Ende, zu welchem solche krumme Wege immer führen ... ich aber will und werde nichts tun, was meine eigne Ehre im geringsten gefährden könnte! Wie möchtet Ihr mich je als Eure Gattin anerkennen wollen, wenn ich im Lande herumziehen wollte als das Weib eines ... Subjektes wie dieses Varney?« »Mylord,« mischte hier sich Varney ein, »Mylady ist leider von zu feindseliger Gesinnung gegen mich erfüllt, als daß sie Vorschlägen zustimmen könnte, die aus meinem Munde kommen; immerhin finden sie doch vielleicht eher ihren Beifall als die, die sie jetzt vernommen hat. Mylady hat viel Vertrauen zu Herrn Tressilian; ich glaube, sie könnte ihn leicht dazu bestimmen, sie zurück nach ihrem väterlichen Herrensitze zu führen; in Libcote-Hall könnte sie doch ganz gut die Zeit verweilen, die verstreichen muß, bis das Geheimnis verlautbart werden darf.« Leicester schwieg, stand aber da und schaute gespannten Blickes auf Amy ... Argwohn und Unwillen erglühten zugleich in seinem Blicke. Die Gräfin sprach nichts weiter als: »O, wollte Gott, ich wäre in meines Vaters Hause! ... als ich den Fuß hinaussetzte, da dachte ich kaum, daß ich die Ruhe meines Gemüts und meine Ehre hinter mir lassen würde!« Varney fuhr in einem Tone, der verriet, daß er sich seiner Sache sicher fühlte, fort: »Zweifelsohne wird solcher Schritt es notwendig machen, daß gewisse fremde Personen Einblick in die Angelegenheiten Mylords gewinnen – – doch dürfte die Frau Gräfin ohne Frage für Junker Tressilians Schweigen ebenso einstehen, wie für dasjenige ihres Vaters und ihrer andern Angehörigen ...« »Still, Varney!« rief Leicester, »mein Dolch soll Dir in die Geweide fahren, wenn Du noch einmal Tressilian als Träger meiner Angelegenheiten nennst!« »Und weshalb nicht?« fragte die Gräfin ... »sie müßten denn in seiner Hand nicht anders ruhen denn in den Händen dieses Menschen! ... doch kenne ich Junker Tressilian als einen Mann von unbefleckter Ehre ... Mylord, Mylord, blickt mich nicht so finster an ... es ist die Wahrheit, und mein Mund ists, aus dem sie Euch klingt ... Um Euretwillen tat ich Tressilian einst weh ... ich mag nicht weiter unrecht an ihm tun dadurch, daß ich schweige, wenn seine Ehre in Betracht steht. ... Ich kann es unterlassen,« setzte sie hinzu mit einem Blick auf Varney, »der Heuchelei die Maske wegzureißen, aber ich werde nicht zugeben, daß Tugend in meiner Gegenwart geschmäht werde.« Eine Totenstille trat jetzt ein. Leicester stand verdrießlich, aber unschlüssig da, der schwachen Füße, auf denen seine Sache stand, sich mehr als bewußt, während Varney mit erheucheltem Schmerze und erheuchelter Demut die Blicke zum Erdboden niederschlug. Ruhigen Schrittes, mit edler Würde im Blick und im Wesen, trat Amy auf den Grafen zu. ... Umsonst rang ihre starke Liebe mit ihrer Festigkeit, die ihr Wahrhaftigkeit und Rechtsbewußtsein liehen, zu gunsten des geliebten Mannes. »Ihr habt Eure Meinung ausgesprochen, Mylord,« sagte sie, »in einem Falle von solcher heiklen Art, daß ich mich leider außer stande sehe, Euch zu Willen zu sein. Dieser Edel ... Mensch, will ich sagen ... hat einen andern Ausweg angedeutet, gegen den ich nichts zu sagen wüßte, außer daß er Euch mißfällt. Gefällt es Eurer Lordschaft, anzuhören, was ein junges, schüchternes Weib, doch Euer Euch in innigster Liebe zugetanes Weib in diesem Falle schlimmer Bedrängnis rät?« Leicester schwieg, aber er neigte vor der Gräfin das Haupt, wie zum Zeichen, daß sie nicht behindert werde, fortzufahren. »Zu all diesem Herzeleid hat bloß eines geholfen, das ist die Unwahrhaftigkeit, die geheimnisvolle Doppelzüngigkeit, in die Euch zu hüllen, Ihr verleitet worden seid. Befreit Euch mit einem einzigen Ruck aus diesen unwürdigen Netzen, Mylord! Seid ein echter englischer Edelmann, Ritter und Graf, der Wahrheit als das Fundament aller Ehre ansieht und aufrecht hält und dem diese Ehre so teuer ist wie der Atem seiner Lungen. Nehmt Euer von Unglück geschlagnes Weib an der Hand, tretet mit ihr vor den Thron Eurer Königin ... bekennet, daß Ihr in einem Augenblick des Rausches, bewogen durch ihre vermeintliche Schönheit, von der jetzt wohl niemand mehr auch nur die Trümmer zu erkennen vermöchte ... Amy Robsart Eure Hand zum Bunde fürs Leben gegeben habt! ... Damit werdet Ihr mir Gerechtigkeit verschaffen, Mylord, und Eurer Ehre desgleichen; und sollte alsdann Gesetz oder Gewalt von Euch fordern, daß Ihr Euch von mir lossagt, so werde ich mich dem nicht widersetzen ... weil ich mich dann, wenn auch gebrochnen Herzens, mit Ehren in jenen Schatten zurückbegeben kann, wohin Ihr mich weiset. ... Dann, Mylord, habt bloß ein Weilchen noch Geduld .... und Amy wird Euch nicht lange mehr im Wege stehen ... weder Euch noch Eurer strahlenden Zukunft!« Dem Grafen schienen die Schuppen von den Augen zu fallen ... wie erschüttert stand er da ob dieses Uebermaßes von Würde, das aus diesen Worten der edlen Frau zu ihm sprach ... »Ich bin Deiner, Amy, nicht würdig,« sprach er; »wie konnte ich alles, was Ehrgeiz zu bieten vermag, einsetzen gegen ein Herz wie Deines? Eine schwere Buße harrt meiner, da ich vor meinen höhnischen Feinden und meinen verblüfften Freunden alle Maschen meiner trügerischen Gelbsucht aufdecken muß. ... Und die Königin? ... Doch mag sie mir das Haupt vom Rumpfe schlagen lassen, wie sie gedroht hat!« »Euer Haupt, Mylord?« sagte die Gräfin; »weil Ihr Euch jene Freiheit nahmt, die jedem britischen Untertan gehört, ein Weib Euch zu nehmen, wie es Eurem Herzen gefiel? ... Pfui! eben dieses Mißtrauen gegen die Gerechtigkeit der Königin, diese Furcht vor einer eingebildeten Gefahr ist es, was Euch abgelenkt hat von dem Pfade der Wahrheit, der immer sowohl der beste wie auch der sicherste ist.« »Ach, Amy, Du weißt wenig!« sagte Dudley, aber sogleich tat er sich Einhalt und fügte hinzu: »Doch sie soll in mir kein wehrloses, bequemes Opfer ihrer Rache finden gleich Norfolk ... nein! ich habe Freunde, habe Verbündete ... Amy! sei ohne Furcht! Du sollst Dudley würdig sehen des Namens, den er trägt! ... Laß mich gehen; ich muß mich auf der Stelle in Verkehr setzen mit jenen Freunden, auf die ich mich am festesten verlassen kann; denn wie die Dinge zurzeit stehen, könnte ich leicht Gefangner werden in meinem eignen Schlosse!« »O, mein lieber Lord,« flehte Amy. »Erhebt nicht die Fahne des Aufruhrs in friedlichem Staate! Es gibt keinen Freund, der Euch bessern Dienst leisten könnte, als Eure eigne Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit, als Eure eigne Ehre! Nehmt bloß sie zu Hilfe, und Ihr seid sicher vor Neid und Bosheit! Verzichtet auf sie, und alle Verteidigung wird Euch nichts nützen. ... Wahrheit, mein edler Lord, kennt in der Malerei keine Waffen!« »Aber Weisheit, Amy, trägt schwere Rüstung!« erwiderte Leicester. »Rechte nicht mit mir über die Mittel, die ich gebrauchen werde, meine Beichte abzulegen ... denn so muß ich sagen. ... Bei aller Vorsicht, die ich walten lassen werde, wird es mir an Gefahr nicht fehlen ... Varney, wir müssen fort! Amy, lebe wohl! ich will Dich mein nennen um einen Preis und eine Gefahr, deren einzig und allein Du wert und würdig bist! ... Du sollst bald weiter von mir hören!« Er umschlang sie innig, wickelte sich in seinen Mantel wie vorhin und begleitete Varney aus dem Gemache. Der letztere, als er den Fuß hinaussetzte, verbeugte sich tief und blickte, als er sich aufrichtete, die Gräfin mit merkwürdigem Ausdruck an, wie wenn er sehen wollte, bis zu welchem Grade er selbst in die Versöhnung einbezogen sei, die zwischen seinem Gönner und der Gräfin eben stattgefunden hatte. Die Gräfin aber sah auf die Stelle, wo er stand, nicht als ob er dort stünde, sondern als ob statt seiner die Luft dort wäre. ... »Sie hat mich aufs Aeußerste gebracht,« zischte er, ... »sie oder ich! Noch immer hat mich was ... obs Furcht war oder Mitleid ... bestimmt, das Aeußerste zu meiden ... jetzt ists entschieden ... sie oder ich muß fallen!« Dieweil er so sprach; ward er zu seinem Staunen eines Jungen ansichtig, den die Schildwache zu Leicester geführt hatte, und mit dem jetzt Leicester sprach. Varney war einer von jenen Politikern, die auch die geringfügigste Ursache nicht ohne Erwägung lassen. Er fragte die Wache, was der Junge gewollt habe, und bekam zur Antwort, daß ihr der Junge ein Kästchen habe geben, das sie aber nicht habe annehmen wollen, weil es der Gräfin habe gebracht werden sollen. Seine Neugierde wurde vollauf befriedigt, denn als er jetzt zu dem Grafen trat, hörte er ihn zu dem Jungen sagen: »Gut, Junge, das Paket wird besorgt werden.« Darauf erreichten Leicester und Varney raschen Schrittes das Gemach des Grafen, auf demselben Wege, der sie nach dem Sankt Lowes-Turme geführt hatte. Zwanzigstes Kapitel. Kaum angelangt in seinem Kabinett, nahm Leicester seine Schreibblätter aus der Tasche und begann, halb zu Varney gewandt, halb zu sich selbst sprechend, die folgenden Zeilen zu Papier zu bringen: »Von den vielen Männern Englands, die eng mit mir verbunden sind, vornehmlich jenen, die in hohem Amt und hohen Würden sind, sodann den vielen andern, die, wenn sie die Blicke rückwärts lenken und der Dienste gedenken, die ich ihnen erwiesen, anderseits vorwärts auf die Gefahren, die ihnen wohl selbst winken, werden meiner Ansicht nach etwelche sein, die mich im Kampfe nicht im Stiche lassen. ... Jedenfalls sei meinerseits alles, Personen und Verhältnisse, sorgsam erwogen. Hätten gegen diese Grundregel alles Handelns mein Vater und mein Großvater nicht gefehlt, so hätten sie ihr Haupt nicht auf den Block zu legen brauchen. ... Aber, Varney, warum so traurig? Gibt Euch der neue Rang, der neue Geist der Ritterschaft nicht kräftigere Impulse, wenn ein edler Kampf begonnen werden soll? ... Oder bedeutet Dein Seufzer, daß Du es vorziehen möchtest, diesem Kampf den Rücken zu wenden? ... Dann sag es rund heraus, es steht Dir nichts im Wege, das Schloß zu verlassen, und, sofern Dir dies das Liebere ist, Dich meinen Feinden anzuschließen.« »Nicht also, Mylord,« erwiderte sein Vertrauter, »Varney wird an Eurer Seite fechten oder sterben. Jedoch vergebt mir, wenn ich aus Liebe zu Euch in stärkerm Grade, als Euer edles Herz es Euch erlaubt, die unentrinnbaren Schwierigkeiten sehe, von denen Ihr umgeben seid. Ihr seid stark, Mylord, und mächtig; aber, vergönnt mir dies Wort, ohne Euch dadurch gekränkt zu fühlen, Ihr seid beides nur durch den Abglanz königlicher Gnade! So lange Ihr Elisabeths Günstling seid, so lange seid Ihr alles, bis auf das Wort, gleich einem wirklichen Souverän. Aber laßt sie die Ehren, die sie auf Euch gehäuft, von Euch nehmen, so wird der Kürbis des Propheten nicht rascher vertrocknen, als Eure Macht und Eure Größe dahinschwinden werden. ... Gedenket jener, die vor Euch einen schlimmen Ausweg fanden! ... Vergeßt nicht, daß dieser Thron nicht ist wie andre, die durch ein Komplott mächtiger Edelleute gestürzt werden konnten; die breiten Fundamente, die ihn stützen, sind die wahre, tiefe Liebe des Volkes zu seinen Herrschern, die unausrottbare Anhänglichkeit und hohe Achtung, die im Volksherzen zum angestammten Throne wohnt. Ihr könnt ihn teilen mit Elisabeth, sofern Ihr wollt; doch weder Eure noch eine andre Macht, gleichviel ob einheimisch oder fremd, wird ihn stürzen oder nur erschüttern.« Er hielt inne und Leicester schleuderte seine Schreibblätter auf die Erde. Eine Pause trat ein, die endlich durch Varney aufgehoben wurde, der in folgender Weise fortfuhr: »So ist es denn zu jenem Punkte gekommen, den ich immer gefürchtet habe. Ich muß entweder gleich einem undankbaren Stück Vieh den Sturz des besten und gütigsten aller Herren mit ansehen, oder ich muß reden und sagen, was ich in tiefste Vergessenheit hätte begraben oder durch einen andern Mund als meinen künden lassen mögen.« »Was redest Du? oder was willst Du sagen?« versetzte der Graf. ... »Wir haben keine Zeit, um Worte zu vergeuden, denn der Augenblick drängt zum Handeln.« »Was ich sagen will, ist bald gesagt, Mylord,« antwortete Varney, »gäb Gott, es wär so schnell beantwortet! ... Die einzige Ursache zum drohenden Bruche mit der Königin ist Eure Ehe mit Amy ... ists so oder nicht?« »Du weißt, daß es so ist,« erwiderte Leicester ... »wozu also die fruchtlose Frage?« »Verzeiht, Mylord, die Nutzanwendung folgt. Es wagt ein Mann sein Land und Leben, um einen reichen Edelstein zu wahren; doch wärs zuerst nicht klug zu prüfen, ob nicht ein Flecken daran haftet?« »Was soll die Rede?« fragte Leicester, die Augen scharf auf seinen Parteigänger gerichtet, »von wem wagst Du zu sprechen?« »Von wem? nun, von der Gräfin ... von Lady Amy, Mylord ... von der ich zu meinem Unglück sprechen muß und sprechen werde, sollten mir auch Eure Herrlichkeit meinen Eifer mit dem Tode lohnen.« »Der kann Dir von meiner Hand sicher sein,« erwiderte der Graf; »doch sprich weiter, anhören will ich Dich.« »Dann, Mylord, will ich kühn sein, will für mein Leben reden wie für das Eurige. Mir behagt das Getue und Gehabe dieser Dame mit diesem ewigen Edmund Tressilian schon lange nicht. Ihr kennt ihn, Mylord. Ihr wißt, daß er früher sich für sie interessiert hat. Ihr wißt, daß es Eurer Lordschaft nicht so leicht wurde, ihn bei ihr auszustechen. Ihr kennt den Eifer, mit welchem er die Sache dieser Dame wider mich betrieben hat, während er doch die Absicht verfolgte, Eure Lordschaft zu einem Einbekenntnis dessen, was ich Eure unglückliche Heirat nennen muß, zu treiben ... derselben Sache also, zu der Euch ohne Rücksicht auf jede persönliche Gefahr Eurer Lordschaft auch diese Dame drängt.« Leicester lächelte gezwungen. »Du meinst es gut, mein wackrer Sir Richard! und möchtest, dünkt mich, die eigne wie jedes andern Ehre opfern, um mich vor dem zu bewahren, was Du für einen so gräßlichen Schritt hältst. Aber laß nicht aus den Augen,« ... diese Worte sprach er mit furchtbarer Strenge, ... »daß Du von der Gräfin Leicester sprichst.« »Das halte ich wohl im Auge,« versetzte Varney; »doch ich spreche zur Wohlfahrt des Grafen von Leicester. Meine Rede steht aber erst im Anfang. Ich muß alles Ernstes glauben, daß dieser Tressilian, seit er für die Sache der Gräfin eingetreten, mit ihr in ständiger Beziehung gewesen ist.« »Aus Dir spricht Wahnsinn, Varney,« rief Leicester, »dieweil Du das Gesicht eines Pfaffen zeigst ... . Wo oder wie hätten sie zusammenkommen können?« »Mylord,« erwiderte Varney, »unseligerweise kann ich darüber nur allzu genau berichten. Kurz vorher, ehe in Tressilians Namen die Bittschrift an die Königin gelangte, traf ich ihn, zu meiner namenlosen Verwunderung, an der Hinterpforte, die aus dem Herrenhause nach Cumnor-Place führt.« »Du trafst ihn? Schurke! und warum schlugst Du ihn nicht nieder?« schrie Leicester. »Ich zog mein Schwert, und er auch, Mylord; und wäre nicht mein Fuß ausgeglitten, so wäre der Junker vielleicht kein Anstoß mehr auf dem Pfade Eurer Lordschaft.« Leicester schien vor Staunen sprachlos. Endlich antwortete er: »Was für andre Beweise hast Du, Varney, außer Deiner eignen Behauptung?.... denn wie ich schrecklich strafen will, so will ich kalt und nüchtern prüfen. Beim heiligen Himmel! ... doch nein, nein! ich will kalt und nüchtern, kalt und nüchtern prüfen.« Er wiederholte diese Worte mehr als einmal, als läge in ihrem Klange eine besonders sänftigende Wirkung; dann preßte er die Lippen aufeinander, wie wenn er fürchtete, es könne ihm irgend ein heftiges Wort enteilen ... und dann fragte er zum andern Male: »Was hast Nu weiter für Beweise?« »Genug, Mylord,« antwortete Varney, »und mehr! . . . Ich wünschte, ich besäße sie allein, denn bei mir lägen, sie begraben für ewig. Aber mein Diener Lambourne war Zeuge des ganzen Vorgangs und die eigentliche Ursache, daß Tressilian nach Cumnor-Place kam. Eben darum habe ich ihn in meine Dienste genommen und auch im Dienste behalten, trotzdem er ein Lüdrian ist.« Er unterbreitete nun Lord Leicester, wie leicht es sei, durch das Zeugnis von Anthony Foster, dem noch die bekräftigenden Aussagen all der in Cumnor-Place befindlichen Nebenpersonen zur Seite stünden, den Beweis für die Zusammenkunft der Gräfin mit Tressilian zu erbringen. In seiner ganzen Erzählung ließ er sich auf keinerlei Fabel ein, sondern hielt sich an den Sachverhalt, wie er sich zugetragen, bloß daß er durchblicken ließ, die Unterredung zwischen der Gräfin und Tressilian könne wohl langer als ein paar Minuten gedauert haben, wenn es auch in Wahrheit nicht der Fall war. »Wie kannst Du zweifeln, daß diese Zusammenkunft nicht in allen Ehren stattfand? Mich dünkt, die Gattin des Earl of Leicester dürfe wohl kurze Zeit mit einem Edelmanne wie Tressilian zusammen sein, ohne daß es mich beleidigen müsse oder mein Ansehen benachteiligen könne?« »Allerdings, Mylord, und wenn ich gemeint hatte, es könne sich anders in dieser Hinsicht verhalten, so würde ich nicht Hüter des Geheimnisses gewesen sein. Aber hier liegt der Hase im Pfeffer! Tressilian verläßt das Schloß nicht, ohne mit einem armen Menschen, dem Gastwirt im Dorfe, einen schriftlichen Verkehr zu verabreden, dessen Zweck kein andrer ist, als Mittel und Wege zu vereinbaren, die Lady von dort wegzuschaffen. Er schickt einen Boten hin, als Hausierer verkleidet, dem es gelingt, sich im Schlosse einzuschleichen; es gelingt dem Boten, die Lady zu sehen und zu sprechen ... und sie fliehen miteinander und erreichen auch dieses Schloß, wo die Gräfin Leicester Zuflucht fand ... ich darf nicht sagen, wo?« »Rede! ich befehle es Dir!« rief Leicester streng; »sprich, so lange ich noch Verstand besitze, Dich anzuhören!« »Wenn es denn sein muß,« erwiderte Varney, »nun, die Dame ist sogleich zu Herrn Tressilian geeilt und dort, teils in seiner Gesellschaft, teils allein, mehrere Stunden geblieben. Ich erzählte Euch, Tressilian habe eine Liebste bei sich, ... ließ mir aber wenig träumen, wer diese Liebste sei ...« »Amy, wolltest Du sagen? wie?« antwortete Leicester, »aber es ist gelogen! es ist falsch! es stinkt nach Höllenqualm!« schrie Leicester, wie außer sich ... »Nimmermehr!! Nimmermehr!! ... Beweise, Beweise! gib mir Beweise!« »Carrol, der Hausverwalter, hat sie gestern nachmittag auf eignes Begehren dorthin geführt ... Lambourne und der Schließer fanden sie heute morgen dort ...« »War Tressilian bei ihr?« fragte Leicester wild. »Nein, Mylord,« entgegnete Varney ... »Eure Lordschaft erinnert sich wohl, daß Tressilian gewissermaßen Stubenarrest hatte unter Obhut von Nikolaus Blunt ...« »War es Carrol und den andern Kerlen bekannt, wen sie vor sich hatten?« fragte Leicester. »Nein, Mylord,« versetzte Varney, »Carrol und der Schließer hatten die Gräfin nie zuvor gesehen, und Lambourne hat sie in ihrer Verkleidung nicht erkannt; aber als er sie hindern wollte, das Gemach zu verlassen, blieb ein Handschuh in seiner Hand zurück, den Eure Lordschaft, meine ich, wohl wiederkennen wird ...« Er gab den Handschuh dem Grafen; er trug das gräfliche Wappen mit dem Bären und dem Knotenstock in Perlen gestickt. »Ja, den Handschuh erkenne ich als den der Gräfin,« sagte Leicester, »waren sie doch ein Geschenk von mir! der andre saß auf ihrem Arm, den sie heute morgen um meinen Hals legte ...« und wilde Erregtheit sprach aus diesen Worten. »Eure Lordschaft kann ja die Lady selbst befragen,« fuhr Varney fort, »ob, was ich berichte, auf Wahrheit beruht.« »Nicht nötig, nicht nötig!« rief der Graf, der, wie auf die Folter gespannt, tief aufstöhnte ... dann rief er: »Wie mit feuriger Schrift steht es vor meinen Augen und blendet mich! Ich sehe ihre Schande ... ich kann nichts andres sehen ... und, grundgütiger Himmel! um dieses schändlichen Weibes willen stand ich im Begriff, das Leben so vieler Freunde in Gefahr zu setzen! das Fundament eines geheiligten Thrones zu erschüttern! ein friedliches Land mit Feuer und Schwert zu überziehen! ... der gnädigen Fürstin, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin, Gram und Herzeleid zu bereiten! ... und das alles um eines Weibes willen, das mit meinen Feinden unter einer Decke steckt ... das mich hintergeht mit meinem schlimmsten Widersacher! ... Und Du, Schurke, warum hast Du Dein Maul nicht früher aufgetan?« »Mylord! eine Träne hätte wohl alles gut gemacht ...« meinte mit leisem Hohne Varney. ... »Und doch,« klagte der Graf, »so jung, so schön! so wunderschön! so liebevoll, so innig kosend! und so falsch! so falsch!« ... der Graf schlug die Hände vor das Gesicht ... dann schrie er: »Ha! ich sehe alles! alles! den Stand und Titel des ehrlichen Narren mochte sie nicht missen, der sie geheiratet hat! und wenn mich mein Wahnsinn dazu getrieben hätte, Aufruhr ins Land zu bringen ... wenn mein Haupt, wie die Königin heute morgen gedroht hat, auf dem Block gefallen wäre, dann wäre das reiche Wittum ihr in den begehrlichen Schoß gefallen ... dann wäre der bettelarme Tressilian reich und glücklich gewesen. ... Darum, bloß darum wollte sie mich in Gefahr jagen, weil doch alles nur ausfallen konnte nach ihrem Wunsche, nach ihrem Plane! ... Varney, kein Wort mehr von ihr! ... Rede mir nichts von Verzeihung! ... sie ist gerichtet! bloß ihr Blut kann meine Schmach abwaschen ... ihr Blut will ich ... ihr Blut!« Mit diesem Schrei stürzte er aus dem Zimmer, dessen Tür er hinter sich abschloß und verriegelte. Einundzwanzigstes Kapitel. Man erinnerte sich später oft, daß während der Schlußfestlichkeiten an diesem ereignisvollen Tage Lord Leicester und Sir Varney die Rollen gewechselt zu haben schienen. Varney, der sonst immer nur als Mann für Rat und Tat, für ernste Verhandlungen und kühne Pläne gegolten hatte, und sich von geselligen Freuden gewissermaßen aus Prinzip fernzuhalten pflegte, war der ausgesprochne »Ladiesman« geworden, der dem Gotte des Frohsinns in so ungebundner Weise huldigte, daß er es dreist mit dem lustigsten Kameraden hätte aufnehmen können, und daß alle Welt sich vor Staunen ob solcher Gemütswandlung gar nicht zu fassen vermochte; aber Varney war nun einmal ein Mann der vielseitigsten Fähigkeiten, der sicher das Zeug in sich gehabt hätte, eine hervorragende Erscheinung seines Zeitalters zu werden, wäre nicht der Hang zur Schlechtigkeit und zu gemeiner Intrige so eigentümlich stark bei ihm ausgeprägt gewesen. In völlig anderm Lichte zeigte sich Lord Leicester, der sonst als galanter Höfling allabendlich den Sieg davontrug über die gesamte elegante Herrenwelt, die gleich ihm die Damen umschwirrte; Lord Leicester, der immer fröhliche, immer lustige und immer dienstbeflissne »Galanthomme« sprach und bewegte sich schwerfällig und mühsam, gleich ob sein Wille alle Kraft verloren hätte über seine schöne Gestalt und seinen schönen Geist. Die seltsame Wirkung, die diese Gemütswandlung auf sein Benehmen und Wesen und auf die Unterhaltung ausübte, entging begreiflicherweise jener Fürstin nicht, die als die klügste und gebildetste ihrer Zeit galt. So klar es auch am Tage lag, daß sich Elisabeth bemühte, die Ursache hierzu in der Heftigkeit der Zurechtweisung zu suchen, die sie dem Grafen am Morgen dieses Tages erteilt hatte, und so beflissen sie sich zeigte, ihm Zeit und Gelegenheit zur Sammlung zu geben, statt eine schon des öftern bemerkte Unaufmerksamkeit und Vernachlässigung zu strafen, wozu sie sich sonst wahrlich nicht nötigen ließ, ... so ließ sich nichtsdestoweniger voraussehen, daß Elisabeth endlich doch die Geduld ausgehen und daß sie dem unhöflichen Benehmen des Höflings mit Strenge ein Ziel setzen werde, ... da wurde der Graf in ein Nebenzimmer gerufen mit dem Bescheide, daß Varney dort auf ihn warte. Zweimal ließ er sich rufen, ehe er aufstand, um der Aufforderung zu folgen; als er, wie instinktiv, jäh inne hielt und sich dann umdrehte, die Königin um Erlaubnis, sich zu entfernen, bittend. »Geht, geht, Mylord,« sprach diese; »Wir wollen Uns wohl denken, daß Unsre Gegenwart mancherlei plötzliche und unvermutete Zwischenfälle veranlassen mag, die augenblickliche Abhilfe erheischen. Indessen möchten Wir doch, sofern Ihr darauf rechnet, daß Wir noch länger Euer Gast bleiben, den Wunsch aussprechen, künftighin Eure Aufmerksamkeit weniger auf Unsre Bewirtung gerichtet zu halten als darauf, daß Ihr Uns ein freundliches Gesicht zeigt, ... was Wir leider heute recht sehr vermißt haben ...« Leicesters ganze Antwort auf diese Rüge war eine stumme Verbeugung. An der Tür des Nebengemachs erwartete ihn Varney, der ihn hastig auf die Seite zog und ihm zuraunte: »Mylord, alles steht gut.« »Hat Masters sie gesehen?« fragte der Graf. »Ja, Mylord! seine Meinung ist, sie leide an Gehirnaffektion und werde am besten aufgehoben sein bei ihren Angehörigen. Die Gelegenheit, sie unserm Plane gemäß fortzuschaffen, ist also da.« »Aber Tressilian!« sagte Leicester. »Er soll erst später hören, daß sie fort ist,« erwiderte Varney; »heute abend soll sie reisen und morgen wollen wir uns mit ihm befassen.« »Nein, bei meiner Seele!« rief Leicester, »ich will mich rächen an ihm mit eigner Hand!« »Ihr, Mylord, an solch unbedeutendem Menschen wie Tressilian? ... Nein, Mylord, es ist schon lange sein Wunsch, sich fremde Länder anzusehen. Ueberlaßt ihn mir! Ich will Sorge tragen, daß er den Heimweg nicht mehr finde, daß es ihm vergehe, den Klatschbruder zu spielen.« »Nicht so, beim Himmel! Varney, nicht so!« rief Leicester ... »unbedeutend nennst Du einen Feind, der im stande war, mich so tief zu verletzen, daß mein ganzes Leben hinfort eine Kette von Jammer und Reue sein wird? ... Nein! ehe ich mich des Rechtes der Rache an ihm begebe, werfe ich mich vor den Thron und bekenne der Königin die ganze Wahrheit, auf daß sie mich räche an diesem Elenden!« Varney bemerkte mit Unruhe diesen maßlosen Grimm des Lords gegen den Junker, der erwarten ließ, daß dieser Entschluß zur Tat werden könne, wenn ihm nicht nachgegeben würde. Aber in diesem äußersten Augenblick der Bedrängnis kam Varney der Gedanke zu einem verwegnen Beginnen, zu einem rücksichtslosen Versuche, auch jetzt noch die Gewalt über den Lord in den Händen zu behalten. Er führte den Grafen vor einen Spiegel mit den Worten: »Mylord, betrachtet Euer Bild, ob ein Mann, dessen Züge von solcher Leidenschaft verzerrt sind, in solcher höchsten Bedrängnis im stande ist, einen Entschluß für sich zu fassen.« »Was soll das heißen, Mensch?« herrschte der Graf ihn an, »was machst Du aus mir?« und entsetzt über die Wandlung, die mit ihm vorgegangen, empört über die Verwegenheit seines Untergebnen, fuhr er mit der Hand nach dem Schwerte. ... »Bin ich Dein Untergebner? bin ich der Diener meines Dieners?« »Nein, Mylord!« erwiderte Varney fest und bestimmt; »aber seid Herr über Euch selbst und über Eure Leidenschaft! ... ich, Mylord, geboren als Euer Diener, schäme mich Eures kläglichen Verhaltens bei solch rasendem Wettersturm ... gehet hin zu Elisabeth, werfet Euch zu ihren Füßen, bekennt Eure Heirat! beschuldigt Euer Weib und ihren Liebsten des Ehebruchs, und nennt Euch selbst vor allen Grafen und Großen des Reiches als den Narren, den Tropf, den Esel, der eine Landpomeranze geheiratet hat und von ihr und ihrem Gimpel Hörnerschmuck bekommen hat. ... Geht, geht, Mylord! aber nehmt vorerst Abschied von Richard Varney und all den Wohltaten, die Ihr auf ihn gehäuft. ... Er diente dem edeln, stolzen, hochherzigen Leicester, aber dem kleinmütigen Lord, den jede Widerwärtigkeit erschüttert, der sich in seinen Entschlüssen von jeder Leidenschaft leiten läßt, dem dient kein Richard Varney! über solchem Leicester steht ein Varney so hoch an Sinn, wie er dem Range nach ihm untergeordnet ist!« Dem Lord ward es zu Mute, als wenn seine letzte Stütze von ihm weiche; dieses Uebermaß erheuchelter Größe überwand seinen ruhigen Sinn ... er streckte die Hände nach Varney aus und rief: »Varney! Varney! verlaß mich nicht; geh nicht von mir! was begehrst Du, daß ich tue?« »Sei wieder Leicester, mein edler Herr,« sagte Varney, indem er die Hand des Grafen an seine Lippen führte; »sei wieder, was Du warst! gebiete jenen Stürmen der Leidenschaft, die niedrige Gemüter zu Boden werfen! ... Seid Ihr der erste, dem sein Weib Hörner aufsetzte? ... wollt Ihr solcher Bagatelle wegen den Verstand verlieren? weil Ihr nicht weiser waret als der größte Weltweise? ... Denkt, sie habe nicht existiert, löscht ihr Bild aus Eurem Gedächtnis, als unwürdig ihres Platzes dort! ... Bleibt bei Eurem kraftvollen Entschlusse von heute morgen, den ich mit Eifer und Mut ausführen will ... laßt sie sterben! sie hat den Tod verdient!« Während Varney so sprach, hielt ihn der Graf an der Hand fest, biß die Lippen aufeinander und zog die Stirn in finstre Falten ... aber es dauerte noch eine geraume Zeit, nachdem Varney ausgeredet hatte, bis Leicester im stande war, mit fester Stimme, ruhig und sicher zu sagen: »Es sei, wie Du sprichst! sie sterbe! doch ... eine Träne ... sie sei mir vergönnt!« »Nein, Mylord,« fiel ihm Varney ins Wort ... denn an den zuckenden Wimpern erkannte er, daß der Graf einer heftigen Erregung sich überlassen wollte ... »nein! keine Träne! zum Flennen ist jetzt der Moment nicht geeignet ... denken wir nun an Tressilian!« »Wahrlich, das ist ein Name, geeignet, Tränen in Blut zu verwandeln! Varney, ich habe mir den Fall noch einmal überdacht und bin entschlossen, fest entschlossen ... Tressilian gehört mir ... Tressilian fällt nur durch meinen Arm!« »Das ist hirnverbrannt, Mylord! indessen Lord Leicester ist zu mächtig mir gegenüber, als daß ich es zu hindern vermöchte ... daß ich Euch den Weg der Rache versperren könnte ... Meinetwegen also ... doch wartet Zeit und Gelegenheit ab!« »Hast Du noch weitres zu sagen, Varney?« fragte der Graf. »Um Euern Siegelring muß ich Euch bitten,« erwiderte Varney finster, »zum Beweise meiner Vollmacht der Dienerschaft gegenüber.« Leicester gab ihm den Ring, mit dem er gewöhnlich Befehle unterzeichnete, mit einem geisterhaften Blicke, und leise, mit einem gräßlichen Tone, sagte er zu ihm: »Varney, was Du vollbringen willst, vollbringe schnell!« Mittlerweile hatte die lange Abwesenheit des Schloßherrn im Saale Verwunderung und Unruhe erregt, und als sie ihn jetzt wieder eintreten sahen als den alten, elastischen und liebenswürdigen Earl, wie sie ihn bisher immer gekannt hatten, da war die Freude allgemein. Und Leicester war der Mahnung seines Vasallen eingedenk und machte den kühnen Worten desselben Ehre. Der Königin gegenüber erwies er sich wieder ganz als derjenige ihrer Höflinge, der ihren Charakter am tiefsten studiert hatte. Er nahm sich in acht, die Düsterkeit seines Wesens überschnell abzulegen, sondern ließ in ihrer Nähe eine sanfte Schwermut zu Tage treten. Elisabeth lauschte seinen Worten wieder wie bezaubert, ihre Eifersucht schwand, ihr Entschluß, aller Geselligkeit zu entsagen und sich einzig und allein der Sorge um ihre Untertanen und den Regierungsgeschäften zu widmen, wurde wankend ... und Dudleys Stern stand noch einmal hoch am Himmel höfischer Gunst.... Zweiundzwanzigstes Kapitel. »Ich wünschte mit Euch unter vier Augen zu sprechen.« Die Worte waren an sich einfach, aber Lord Leicester war in so fieberhafter Erregung, daß er hinter den alltäglichsten Ereignissen Unheil witterte. Er wandte sich hastig zu dem Manne, der ihn ansprach. Er hatte nichts Absonderliches an sich, trug ein Wams von schwarzer Seide, einen kurzen Mantel und eine schwarze Maske vorm Gesicht. »Wer seid Ihr, und was wollt Ihr von mir?« fragte Leicester. »Nichts Böses, Mylord,« antwortete die Maske, »sondern nur etwas, was zum Guten und zur Ehre gedeihen kann, wenn Ihr nur meine Absicht recht versteht. Aber ich muß mit Euch ganz allein sprechen.« »Ich kann mit keinem namenlosen Fremden sprechen,« antwortete Leicester, von einem geheimen Entsetzen vor dem Verlangen des Fremden erfüllt, »und die mich kennen, müssen sich eine andre gelegnere Zeit zu einer Unterredung aussuchen.« Er wollte hinwegeilen, aber die Maske hielt ihn zurück. »Wer mit Eurer Lordschaft von dem spricht, was Eure Ehre erheischt, hat ein Recht über Eure Zeit zu verfügen, was für Beschäftigungen Ihr auch um seinetwillen aufschieben müßt.« »Wie! Meine Ehre? Wer wagts, sie anzutasten?« sagte Leicester. »Euer eignes Benehmen könnte Gründe, sie anzuklagen, an die Hand geben, Mylord, und gerade darüber wollte ich mit Euch reden.« »Ihr seid unverschämt,« sagte Leicester, »und mißbraucht die Freiheit, die die Gastlichkeit allen hier gewährt. Ich will Euern Namen wissen.« »Edmund Tressilian von Cornwallis,« antwortete die Maske. »Meine Zunge ist vierundzwanzig Stunden lang durch ein Versprechen gebunden gewesen – die Zeit ist um – ich spreche jetzt und erweise Eurer Lordschaft die Gerechtigkeit, mich zuerst an Euch zu wenden.« Das jähe Erstaunen, das Leicesters innerstes Herz durchdrang, als er diesen Namen von der Stimme des Mannes genannt hörte, den er am meisten haßte und von dem er sich so tief beleidigt wähnte, zwang ihn für einen Augenblick in starre Regungslosigkeit hinein – gleich darauf aber wich es einem so heißen Durst nach Rache, wie der Pilger in der Wüste nach Wasser empfindet. Ihm blieb nur noch so viel Verstand und Geistesgegenwart, dem dreisten Schurken nicht auf der Stelle ins Herz zu stoßen, der ihn ins Verderben gebracht hatte und nun auch noch mit so frecher Stirn sein Spiel mit ihm trieb.... Aber er war entschlossen, für den Augenblick sich seine wilde Erregung nicht merken zu lassen, um Tressilians Vorhaben ganz zu durchschauen und sich seine eigne Rache zu sichern – daher antwortete er mit erzwungner Ruhe: »Und was begehrt Junker Edmund Tressilian von mir?« »Gerechtigkeit, Mylord,« antwortete Tressilian, ruhig aber fest. »Gerechtigkeit,« sagte Leicester, »alle Menschen haben Anspruch darauf, Ihr vor allen, Junker Tressilian, und seid versichert, sie soll Euch werden.« »Ich erwarte nichts weniger von Eurem Edelsinn,« antwortete Tressilian, »aber die Zeit drängt, und ich muß Euch heute abend sprechen. Darf ich Euch auf Eurem Zimmer aufsuchen?« »Nein,« versetzte Leicester barsch, »nicht unter einem Dach – und gar unter meinem eignen Dache – wir wollen uns unterm freien Himmelsgewölbe treffen.« »Ihr seid verstimmt, Mylord, oder schlecht auf mich zu sprechen,« erwiderte Tressilian, »doch liegt kein Anlaß vor, weshalb Ihr mir grollen solltet. Der Ort gilt mir gleich, so Ihr mir nur eine halbe Stunde ungestörter Rücksprache gönnt.« »Es wird eine kürzere Zeit genügen, glaub ich,« antwortete Leicester. »Trefft mich im Lustgarten, wenn die Königin sich auf ihr Zimmer begeben hat.« »Einverstanden,« sagte Tressilian und zog sich zurück, während durch Leicesters Seele eine Art Entzücken ging. »Der Himmel,« sagte er zu sich selber, »ist mir wenigstens günstig und gibt mir den Elenden in die Hand, der mich in diese tiefe Schande gestürzt hat!« An Elisabeths Seite fuhr Leicester fort, seine Rolle geistreich zu spielen, so schwere Seelenangst auch auf ihm lastete. Elisabeth fühlte sich in seiner Gesellschaft so wohl, daß die Schloßglocke Mitternacht schlug, ehe sie sich zurückzog, ein bei ihrer ruhigen und regelmäßigen Zeiteinteilung ungewöhnlicher Vorfall. Ihr Aufbruch war natürlich das Zeichen zu allgemeinem Abschluß des Festtages, und die Gesellschaft begab sich an die verschieden Ruheplätze, um von der Kurzweil des verwichnen oder von den Freuden des morgenden Tages zu träumen. Der unglückliche Schloßherr und Gastgeber des rauschenden Festes zog sich in ganz andern Gedanken zurück. Er befahl dem Diener, der ihm aufwartete, auf der Stelle Varney zu ihm zu schicken. Der Diener kam zurück und meldete, Sir Richard Varney hatte das Schloß durch die Hinterpforte mit drei andern Personen, von denen eine in einer von Pferden getragnen Sänfte sich befunden habe, verlassen. »Ich glaubte, er werde bis Tagesanbruch warten,« sagte Leicester; »ist keiner von den Dienern zurückgeblieben?« »Michael Lambourne, Mylord,« sagte sein Kammerdiener, »war nicht zu finden, als Ritter Richard Varney aufbrach; sein Herr war sehr erzürnt, daß er nicht zur Stelle war. Eben sah ich, daß er sein Pferd sattelte, um ihm nachzugaloppieren.« »Heiß ihn sofort hierherkommen,« sagte Leicester, »er soll etwas an seinen Herrn bestellen.« Der Diener verließ das Zimmer und Leicester schritt ein Weilchen in tiefem Sinnen hin und her. »Varney ist übereifrig,« sagte er, »er hat es allzu eilig. Er liebt mich – aber er verfolgt auch seine eignen Zwecke dabei – und verfolgt sie unerbittlich. – Wohl! sie soll bestraft werden, aber es soll mit mehr Besonnenheit geschehen. Ich fühle schon die Ahnung, übergroße Eile würde die Flammen der Hölle in meinem Busen entfachen. Nein! – ein Opfer ist genug auf einmal, und dieses Opfer harrt meiner schon.« Er ergriff das Schreibzeug und warf in Eile die Worte hin: »Ritter Richard Varney! – Wir haben uns entschlossen, die Eurer Sorgfalt anvertraute Angelegenheit, aufzuschieben und befehlen Euch aufs strengste, in Beziehung auf die Gräfin nichts weiter vorzunehmen, bis unsre nähern Befehle einlaufen werden. Wir befehlen ferner Eure augenblickliche Rückkehr nach Kenilworth, sobald Ihr die Euch Anvertraute sicher untergebracht habt. Sollte Euer derzeitiger Auftrag Euch länger zurückhalten, als wir denken, so gebieten wir, uns Siegelring zurückzuschicken durch einen zuverlässigen Eilboten, denn wir brauchen ihn dringend. Strengen Gehorsam in diesen Dingen von Euch fordernd und Euch Gottes Huld anempfehlend, verbleiben wir Euer guter Freund und Herr R. Leicester.« Gegeben auf unserm Schlosse Kenilworth, am 10. Juli im Jahre des Heils 1575. Als Leicester diese Order geschrieben und gesiegelt hatte, trat Michael Lambourne, vom Diener eingelassen, herein, gestiefelt und gespornt, mit einem Reitmantel, einem breiten Gürtel und einer Filzkappe, ganz wie ein Kurier.« »Was für Dienst hast Du zu versehen?« fragte der Earl. »Ich bin Stallmeister beim Stallmeister Eurer Lordschaft,« antwortete Lambourne mit seiner gewohnten Unverschämtheit. »Zügle Deine kecke Zunge, Bursche,« sagte Leicester; »wie bald kannst Du Deinen Herrn eingeholt haben?« »In einer Stunde, Mylord, wenn Mann und Pferd stand halten,« sagte Lambourne, indem er an Stelle seiner mißglückten Vertraulichkeit die tiefste Ehrfurcht annahm. »Bring diesen Brief rasch und zuverlässig in Ritter Richard Varneys Hände!« »Reicht mein Auftrag nicht weiter?« fragte Lambourne. »Nein,« antwortete Leicester, »aber es liegt mir sehr viel daran, daß er sorgfältig und rasch vollzogen werde.« »Ich will es weder an Sorgfalt fehlen lassen, noch Pferdefleisch schonen,« antwortete Lambourne und verabschiedete sich sogleich. »Das ist also das Ende meiner Privataudienz, von der ich so viel erhofft habe!« brummte er vor sich hin, als er durch den langen Gang ging und die Treppe hinunter stampfte. »Gott verdamm mich! ich hatte darauf gerechnet, daß der Graf sich in irgend einem geheimen Anschlag meiner bedienen wollte – und die ganze Sache ist weiter nichts wie die Bestellung eines Briefes. Na, gemacht werden solls trotzdem, Das Kind muß kriechen, ehe es laufen kann, und der Neuling im Hofdienst auch. Ich will doch aber mal einen Blick in den Brief hineinwerfen, den er so nachlässig gesiegelt hat.« Als er es getan hatte, schlug er die Hände zusammen und rief entzückt: »Die Gräfin! die Gräfin! – Nun hab ich das Geheimnis, das mein Glück machen oder mich ruinieren soll!« Lambourne und der Kammerdiener hatten kaum das Zimmer verlassen, so begann Leicester seine Kleidung gegen ein ganz schlichtes Gewand umzutauschen, warf den Mantel um, ergriff eine Lampe und ging durch den geheimen Verbindungsgang nach einer kleinen Hinterpforte, die in den Hof führte, ganz in der Nähe des Eingangs zum Lustgarten. Der Vollmond warf jetzt sein Licht herab, daß es fast tageshell war. Die weißen Marmorstatuen glänzten in dem blassen Licht, wie weiß verhüllte, den Gräbern entstiegne Geister, und die Springbrunnen sandten ihre Wasserstrahlen empor, als trachteten sie, ihr Wasser von dem Mondlicht bestrahlen zu lassen, ehe sie in Schauern von funkelndem Silber in ihre Becken niedersanken. An ganz andre Dinge als an Mondlicht und Wasserfall denkend, schritt der erhabne Leicester langsam von einem Ende der Terrasse zum andern, dicht in den Mantel gehüllt, das Schwert unterm Arme. Endlich erblickte er eine männliche Gestalt, die langsam auf ihn zukam. Als sie sich gegenüber standen, machte Tressilian eine tiefe Verbeugung, die der Earl mit stolzem Kopfnicken erwiderte, wobei er begann: »Ihr habt mich um eine Unterredung gebeten, Herr, hier bin ich und bin ganz Ohr.« »Mylord,« sagte Tressilian, »es ist mir so sehr ernst um das, was ich zu sagen habe, und es liegt mir soviel daran, ein geduldiges, nein, günstiges Ohr zu finden, daß ich mich dazu bereit finde, mich gegen all das zu verteidigen, weshalb Euer Lordschaft mir unfreundlich gesonnen sein möchte. Ihr haltet mich für Euern Feind?« »Habe ich dazu nicht triftigen Grund?« antwortete Leicester, da er sah, daß Tressilian innehielt und auf eine Antwort wartete. »Ihr tut mir unrecht, Mylord. Ich bin wohl ein Freund des Earls of Sussex, doch mit nichten ein Anhänger seiner Partei, und seit einiger Zeit kümmre ich mich um das Hofleben und seine Intrigen nicht mehr, da sie weder meinem Temperament noch meinem Geiste zusagen.« »Glaubs gern,« antwortete Leicester; »es gibt andre Beschäftigungen, die eines Gelehrten würdig sind – und für einen solchen hält ja die Welt den Junker Tressilian. Schließlich hat, wie der Ehrgeiz, auch die Liebe ihre Intrigen.« »Ich bemerke, Mylord,« entgegnete Tressilian, »Ihr legt noch immer großes Gewicht auf mein früheres Verhältnis zu der unglücklichen jungen Dame, von der ich sprechen will, und Ihr denkt vielleicht, ich nähme mich ihrer Sache mehr aus Eifersucht als aus bloßem Gerechtigkeitssinne an.« »Einerlei, was ich denke,« sagte der Earl, »fahrt fort. Ihr habt bisher nur von Euch selber gesprochen – ohne Zweifel – – ein wichtiges und würdiges Thema, das aber doch am Ende mich nicht so tief interessieren kann, daß ich mir deshalb die Nachtruhe soll entgehen lassen. Erspart mir weitre Vorreden, Herr, und kommt zur Sache, wenn Ihr in der Tat etwas zu sagen, habt, was mich angeht. Wenn Ihr fertig seid, habe ich meinerseits ein Wörtchen zu reden.« »So will ich denn ohne weitres zur Sache kommen, Mylord,« antwortete Tressilian; »und da es Eurer Lordschaft Ehre betrifft, werdet Ihr Eure Zeit nicht für vergeudet achten, indem Ihr mir zuhört. Ich habe ein Gesuch an Eure Lordschaft wegen der unglücklichen Amy Robsart, deren Geschichte Euch nur zu wohl bekannt ist. Ich bedaure es tief, daß ich nicht von vornherein gleich diesen Weg eingeschlagen und Euch zum Richter zwischen mir und dem Schurken aufgerufen habe, von dem sie beleidigt worden, geschändet worden ist. Mylord, sie hat sich selber aus einer widerrechtlichen und mit Gefahren für sie verbundnen Einkerkerung befreit im Vertrauen auf den Eindruck, den ihr persönlicher Widerspruch auf ihren unwürdigen Ehemann machen würde, und sie hat mir ein Versprechen abgenommen, daß ich nicht zu ihren Gunsten mich einmischen wolle, in dem Bemühen, ihre Rechte geltend zu machen.« »Ha!« sagte Leicester, »denkt daran, mit wem Ihr sprecht.« »Ich spreche von ihrem unwürdigen Mann, Mylord,« wiederholte Tressilian, »und bei aller Hochachtung kann ich nicht geringre Worte brauchen. Die unglückliche junge Frau ist jetzt versteckt worden, wohin weiß ich nicht, aber jedenfalls an irgend ein einsames Versteck, wo sich besser schlimme Pläne ausführen lassen. Das muß geändert werden, Mylord, – ich sage das als Bevollmächtigter ihres Vaters – und diese unglückselige Heirat muß vor der Königin anerkannt und nachgewiesen werden, die Dame muß von jedem Zwange befreit und ihr wieder volle Selbständigkeit eingeräumt werden. Und erlaubt mir zu sagen, daß an der Erfüllung dieser höchst gerechten Forderungen die Ehre Eurer Lordschaft in hervorragendem Maße, mehr als die irgend eines andern unter den Beteiligten, interessiert ist.« Der Graf stand wie versteinert, als er den Mann, von dem er sich so tief beleidigt wähnte, mit so großer Gelassenheit die Sache seiner strafbaren Geliebten verfechten hörte, als wäre sie ein unschuldiges Weib und er der uneigennützige Fürsprecher. Es nahm ihn im höchsten Maße wunder, daß Tressilian mit solcher Wärme den Rang für sie forderte, den sie entehrt hatte, die Vorteile für sie in Anspruch nahm, die sie ohne Zweifel mit dem Liebhaber teilen sollte. Tressilian hatte ein Weilchen schon geschwiegen, ehe der Graf sich von seiner Verblüffung erholte. »Ich habe Euch angehört, Junker Tressilian,« sagte dieser jetzt, »ohne Euch zu unterbrechen, und ich danke Gott, daß meine Ohren noch nie zuvor von den Worten eines so dreisten, abgefeimten Schurken geklungen haben. Freilich kommt es eher der Geißel eines Henkers zu, Euch zu züchtigen, als dem Schwerte eines Edelmannes, doch trotzdem – Schurke, zieh und wehr Dich Deines Lebens!« Mit diesen Worten ließ er den Mantel fallen, versetzte Tressilian mit dem noch in der Scheide steckenden Degen einen heftigen Stoß, zog blank und ging sofort in Fechterstellung. Die wilde Wut seiner Rede erfüllte zuerst Tressilian seinerseits mit ebenso großem Erstaunen, wie es Leicester über seine Worte empfunden hatte. Aber das Erstaunen wich auf der Stelle dem Zorn, als den unverdienten Beleidigungen ein Schlag folgte, der sofort jeden andern Gedanken, als den an augenblicklichen Zweikampf verjagte. Tressilians Schwert war im Nu aus der Scheide, und wenn er vielleicht auch im Gebrauch der Waffe Leicester nicht gewachsen war, so verstand er doch sie so gut zu führen, daß der Kampf mit hohem Mute begann, um so mehr, als er vorderhand der ruhigere von beiden war, – denn er konnte nicht umhin, Leicesters Verhalten aus tatsächlichem Wahnsinn oder einer schweren Täuschung zu erklären. Ein paar Minuten kämpften sie mit gleicher Gewandtheit und gleichem Glück, bis bei einem heftigen Ausfall, den Leicester erfolgreich parierte, Tressilian sich eine Blöße gab. Der Graf schlug ihm den Degen aus der Hand und streckte ihn zu Boden. Mit einem grimmigen Lächeln hielt er die Spitze seines Rapiers seinem gefallnen Gegner an die Kehle, stellte ihm den Fuß auf die Brust und hieß ihn die an ihm verübten bübischen Schandtaten bekennen und sich zum Tode bereiten. »Ich habe keine Schandtaten, nicht einmal ein Unrecht zu bekennen, das ich an Euch verübt hätte,« antwortete Tressilian, »und bin besser zum Tode bereitet als Ihr. Braucht Euern Vorteil, wie Ihr wollt, und möge Gott Euch vergeben! Ich habe Euch hierzu keine Veranlassung gegeben.« »Keine Veranlassung!« rief der Graf aus, »keine Veranlassung! – doch warum rede ich erst noch mit solch einem Sklaven? – Stirb als Lügner, der Du Dein Leben lang gewesen bist!« Er hatte den Arm zurückgezogen, um den Todesstoß zu tun – da wurde er plötzlich von hinten festgehalten. Voller Wut drehte der Earl sich um, das unerwartete Hindernis abzuschütteln, und sah zu seiner Verwunderung, daß ein seltsamer Knabe ihm in den Arm gefallen war und ihn mit solcher Hartnäckigkeit festhielt, daß er ihn nur mit großer Anstrengung von sich abwehren konnte. Inzwischen hatte Tressilian sich erhoben und seine Waffe wieder ergriffen. Leicester wandte sich mit einem Ausdruck ungeschwächter Wildheit gegen ihn, und der Kampf hätte mit größrer Verzweiflung auf beiden Seiten wieder begonnen, hatte nicht der Junge sich an Leicesters Knie geklammert und ihn in schrillem Tone beschworen, ihn nur einen Augenblick anzuhören, ehe er weiter föchte. »Steh auf und laß mich los!« sagte Leicester, »sonst beim Himmel durchstoß ich Dich mit diesem Rapier! Wie kommst Du dazu, meiner Rache in den Weg zu treten!« »Ich muß! ich muß!« rief der unerschrockne Knabe. »Meine Torheit hat ja den Anlaß zu diesem blutigen Streite zwischen Euch herbeigeführt. Und vielleicht gar noch schlimmeres Unheil. O, wenn Ihr je wieder den Frieden eines unschuldigen Gemüts zu genießen hofft, wenn Ihr je wieder in Ruhe und ohne die Qual der Gewissensbisse zu schlummern hofft, dann nehmt Euch nur soviel Zeit, diesen Brief zu lesen, und dann handelt, wie Ihr es für gut haltet.« Mit diesen Worten, die er in ernstem, dringendem Tone vorbrachte, und die durch das Mienenspiel seines absonderlichen Gesichtes einen gespenstischen Nachdruck erhielten, hielt er Leicester ein Päckchen hin, das mit einer langen Flechte von schönem, hellbraunem Frauenhaar zugebunden war. Außer sich vor Ingrimm, ja fast blind vor Wut, seine geplante Rache so seltsam vereitelt zu sehen, konnte doch der Earl of Leicester diesem absonderlichen Bittsteller nicht widerstehen. Er riß ihm den Brief aus der Hand, sah die Aufschrift und erblaßte – löste mit zitternder Hand den Knoten, der das Schreiben zusammenhielt, – überflog den Inhalt und taumelte zurück und wäre hingestürzt, hätte nicht ein Baumstamm ihm Halt gegeben. Hier lehnte er ein Weilchen, das Auge auf den Brief geheftet, die Schwertspitze gegen den Boden gekehrt, als habe er ganz die Gegenwart eines Gegners vergessen. Tressilian indessen erkannte in dem Knaben seinen alten Bekannten Nickie, dessen Gesicht niemand so bald vergaß, der es einmal gesehen hatte; aber wie er hierher kam in einem so kritischen Moment, warum er in so energischer Weise eingegriffen hatte, und vor allem, wie es kam, daß seine Einmischung einen so mächtigen Eindruck auf Leicester machte, das waren Fragen, die er nicht enträtseln konnte. Aber der Brief war an sich mächtig genug, noch wunderbarere Wirkung zu tun. Es war derselbe, den die unglückliche Amy an ihren Gatten geschrieben hätte, in welchem sie ihm erklärte, aus welchem Grunde und in welcher Weise sie aus Cumnorplace geflüchtet war, ihm mitteilte, daß sie nach Kenilworth gekommen sei, um sich seines Schutzes zu erfreuen, und ferner die Umstände anführte, die sie gezwungen hätten, in Tressilians Zimmer Zuflucht zu suchen, ihn gleichzeitig ernstlich bittend, ihr unverzüglich ein passenderes Obdach anzuweisen. Der Brief schloß mit den ernsthaftesten Versicherungen innigster Liebe und gänzlicher Unterwerfung unter seinen Willen in allen Dingen und mit der flehentlichen Bitte, nicht wieder unter die Obhut oder in die Gewalt Varneys gegeben zu werden. Der Brief entfiel Leicester, als er ihn gelesen hatte. »Nehmt meinen Degen,« sagte er, »Tressilian, und durchbohrt mir das Herz, wie ich eben jetzt das Eure habe durchbohren wollen.« »Mylord,« sagte Tressilian, »Ihr habt mir schweres Unrecht getan, aber etwas in meiner Brust hat mir stets zugeflüstert, daß es aus grundsätzlichem Irrtum geschah.« »Ja, aus Irrtum in der Tat!« rief Leicester und reichte ihm den Brief. »Man hat mich dahin gebracht, daß ich einen Ehrenmann für einen Schurken hielt und das reinste, beste Geschöpf für eine falsche, verworfne Metze! – Unglücksknabe, woher kommt dieser Brief jetzt erst, und wo hat der Ueberbringer sich herumgetrieben?« »Ich getrau mich nicht, es Euch zu sagen, Mylord,« sagte der Junge und zog sich zurück, wie um sich seinem Bereich zu entziehen. – »Aber hier kommt der Bote selber.« In diesem Augenblick kam Wieland herbei, und von Leicester befragt, berichtete er in Eile über die Flucht mit Amy, – die bübischen Taten, die sie zur Flucht getrieben hatten, – ihr dringendes Verlangen, sich unter den Schutz ihres Mannes selber zu begeben. »Die Schurken!« rief Leicester. »Doch o! der schlimmste von allen, Varney! – und eben jetzt ist sie in seiner Gewalt!« »Doch nicht – ich hoffe es zu Gott,« fiel Tressilian ein, »mit irgendwelchen Befehlen gefährlicher Art?« »Nein, nein, nein!« rief der Earl rasch. »Ich sagte wohl etwas im Wahnsinn, aber ich habe es widerrufen, voll widerrufen durch einen Eilboten – und sie ist jetzt – sie muß jetzt in Sicherheit sein.« »Ja,« sagte Tressilian, »sie muß in Sicherheit sein, und ich muß davon überzeugt sein, daß sie es ist. Mein Streit mit Euch ist beendet, Mylord; aber es hat ein andrer zu beginnen mit dem Verführer Amy Robsarts, der sein Verbrechen unter dem Mantel des schändlichen Varney versteckt hat.« »Mit dem Verführer Amys?« wiederholte Leicester mit Donnerstimme. »Sagt, mit ihrem Gatten! – mit ihrem mißleiteten, blind gemachten, unwürdigen Gatten! Sie ist so gewiß Gräfin von Leicester, wie ich Graf bin. Gerechtigkeit soll ihr werden in jeder Weise.« »Mylord,« entgegnete Tressilian ruhig, »ich will Euch nicht beleidigen und bin weit entfernt, Streit mit Euch zu suchen. Aber meine Pflicht gegen Sir Hugh Robsart zwingt mich, diese Sache unverzüglich vor die Königin zu bringen, damit der Rang der Gräfin in ihrer Gegenwart anerkannt werde,« »Das werdet Ihr nicht nötig haben, Herr,« versetzte der Graf hochmütig. »Erdreistet Euchs ja nicht, Euch da hineinzumischen. Nur Dudleys Stimme soll Dudleys Schmach verkünden. – Elisabeth selber will ich es sagen, und dann nach Cumnorplace – es geht um Leben und Tod!« Mit diesen Worten eilte er davon. »Nehmt mich mit, Herr Tressilian,« sagte der Knabe, als auch dieser sich zum Gehen anschickte, »meine Geschichte ist noch nicht zu Ende, und ich bedarf Eures Schutzes.« Unterwegs gestand der Junge mit tiefer Zerknirschung, daß er, um sich an Wieland zu rächen, weil ihm dieser das Geheimnis der Lady nicht offenbart hatte, diesem den Brief entwendet hatte, den er in Amys Auftrag an den Grafen von Leicester hatte abgeben sollen. Er hatte ihn eigentlich bloß bis zum Abend behalten wollen, da er darauf rechnete, dann Wieland wiederzusehen, der ja bei dem Festspiele den Arion hatte spielen sollen. Wieland aber war nicht gekommen, da er ja inzwischen von Lambourne zum Schlosse hinausgejagt worden war. Er hatte weder Wieland noch Tressilian finden können, und da er einen Brief bei sich trug, der an keine geringre Person als den Grafen von Leicester gerichtet war, so begann er ernstlich zu befürchten, sein Streich möchte böse Folgen haben. Ein paarmal hatte er versucht, bei Leicester vorgelassen zu werden, allein sein schnurriges Gesicht und seine unscheinbare Erscheinung bewirkten stets, daß die unverschämten Diener ihn wieder abwiesen. Einmal aber hätte er doch bald das Glück, gehabt, als er beim Umherirren in der Grotte das Kästchen gefunden hatte, das, wie er wußte, der unglücklichen Gräfin gehörte – denn er hatte es auf der Reise in ihren Händen gesehen. Vergebens hatte er es versucht, es Tressilian oder der Gräfin zurückzugeben, und schließlich hatte er es Leicester selber in die Hand gegeben, den er in der Verkleidung unglücklicherweise nicht erkannt hatte.« Endlich hatte der Knabe gehofft, sein Ziel zu erreichen, als er den Grafen nach dem Ausgang der Halle hatte gehen sehen. Er hatte ihn eben anreden wollen, als Tressilian ihm zuvorkam, und der Knabe hatte nun gehört, daß sie sich verabredet hatten, sich im Lustgarten zu treffen. So hatte er sich entschlossen, auch dorthin zu gehen, weil er darauf rechnete, dem Grafen beim Hin- oder Rückweg den Brief in die Hand drücken zu können. Zu seiner großen Verwunderung hatte er während des Festspiels auch Wieland unter der Menge erblickt, zwar tief verkleidet, aber doch nicht geschickt genug, daß das scharfe Auge Dickies ihn nicht hätte erkennen sollen. Sie gingen miteinander und schütteten ihr Herz gegeneinander aus. Wer Junge gestand Wieland den ganzen Sachverhalt ein, und der Schmied erzählte ihm, wie sehr er um die unglückliche Dame besorgt sei und daß er in seiner Angst zurückgekehrt sei, weil er erfahren habe, daß Varney und Lambourne Kenilworth in der Nacht verlassen hätten. So waren nun beide in den Lustgarten geeilt, und der schnellfüßige Dickie war vorweg gelaufen und kam gerade zur rechten Zeit, um Tressilian das Leben zu retten. Er war mit seinem Bericht gerade fertig, als sie am Galerieturm anlangten. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Elisabeth ging in heftiger Erregung auf und nieder, die zu verhehlen sie sich keinerlei Mühe gab, während einige ihrer klügsten und vertraulichsten Berater ängstliche Blicke miteinander austauschten, aber sich still verhielten, bis ihr Zorn verraucht wäre. Vor dem leeren Staatssessel, in dem sie gesessen hatte und der halb beiseite geschoben worden war, so heftig war sie aufgesprungen, kniete Leicester mit gekreuzten Armen und zu Boden gesenktem Blick, still und regungslos wie ein Steinbild auf dem Grabmal. Neben ihm stand Lord Shrewsbury, zurzeit Marschall von England, den Amtsstab in der Hand – der Degen war dem Grafen abgenommen und lag vor ihm auf dem Boden. Dieses Bild bot sich den Augen des halb verwunderten, beklommnen Tressilian, als er, von Ihrer Majestät herbefohlen, in die große Halle trat. »So, Herr!« rief die Königin und ging dicht auf Tressilian zu, auf den Boden stampfend, ganz in der Art ihres Vaters, »Ihr habt um diese saubre Geschichte gewußt – Ihr seid ein Helfershelfer bei diesem Betrug gewesen, der mir angetan worden ist – Ihr seid vor allem daran schuld, daß Wir unrecht getan haben!« Tressilian ließ sich vor der Königin auf ein Knie nieder, denn sein Verstand ließ ihn erkennen, wie gefährlich es sei, der gereizten Fürstin gegenüber sich jetzt zu verteidigen. »Seid Ihr stumm?« fuhr sie fort. »Habt Ihr von dieser Sache gewußt – Ihr wißt von dieser Sache – oder etwa nicht?« »Nicht, gnädige Fürstin, daß diese arme Dame Gräfin von Leicester war.« »Noch soll sie jemand als solche kennen,« sagte Elisabeth. »Tod meines Lebens! Gräfin von Leicester! – Frau Amy, Dudley, sag ich – und froh soll sie sein, wenn sie nicht bald Ursache hat, sich die Witwe des Verräters Dudley zu nennen.« »Majestät,« sagte Leicester, »verfahrt mit mir, wie Ihr wollt, doch seid nicht ungerecht gegen diesen Mann, – er hat es in keiner Weise verdient.« »Und wird es besser um ihn stehen, da Du ein Wort für ihn einlegst?« sagte die Königin, verließ Tressilian, der langsam sich erhob, und stürzte auf Leicester zu, der noch immer kniete, »wird es deshalb besser um ihn stehen, Du doppelt Falscher – Du doppelt Meineidiger? – weil Du ein Wort für ihn einlegst, dessen Schandtat mich lächerlich gemacht hat vor meinen Untertanen und mir selber verhaßt? Ich könnte mir die Augen zerreißen, daß sie so blind gewesen sind!« Burleigh William Cecil, Lord Burleigh, der größte Staatsmann dieses Zeitalters, auf dessen Willen vor allem die Größe und die bleibenden Verdienste der Regierung Elisabeths zurückzuführen sind. Er ist trotz des Wankelmutes und der Launenhaftigkeit der Königin auf Grund seiner staatsmännischen Einsicht und Unentbehrlichkeit vierzig Jahre lang leitender Minister geblieben. wagte hier einzusprechen. »Hohe Frau,« sagte er, »bedenkt, daß Ihr eine Königin seid – Königin von England – Mutter Euers Volkes. Gebt Euch nicht diesem wilden Sturm der Leidenschaft preis!« Elisabeth wandte sich zu ihm um, während wirklich eine Träne in ihrem stolzen, zornigen Auge blitzte. »Burleigh,« sagte sie, »Du bist ein Staatsmann – Du kannst nicht begreifen, was für Schmach, was für Unglück dieser Mann, auf mich gehäuft hat!« Mit äußerster Behutsamkeit – mit tiefster Ehrfurcht faßte Burleigh sie bei der Hand, da, er sah, daß in diesem Augenblick ihr Herz zum Zerspringen voll war, und führte sie von den andern weg an ein Fenster. »Hohe Frau,« sagte er, »ich bin ein Staatsmann, aber ich bin auch ein Mensch und ein Mann – ein Mann, in Euerm Dienst ergraut, der keinen Wunsch auf Erden hat, als Euer Glück und Euern Ruhm – ich bitte Euch, faßt Euch.« »Ah, Burleigh,« sagte sie, »Du weißt nicht –« Und Tränen fielen ihr auf die Wangen. »Ich weiß – ich weiß, verehrte Fürstin, doch hütet Euch, daß Ihr nicht andern einen Anlaß gebt, zu vermuten, was sie nicht wissen.« »Ha!« sagte Elisabeth und hielt inne, als wenn eine neue Gedankenreihe ihr plötzlich durch den Kopf ginge. »Burleigh, Du hast recht, – Du hast recht – alles andre, nur nicht die Schande – alles andre, nur keine Schwäche eingestehen – alles andre lieber, als die Genasführte – die Hintergangne – Gottes Tod! das nur zu denken, macht verrückt!« »Seid nur Ihr selber, meine Königin,« sagte Burleigh, »und erhebt Euch hoch über eine Schwäche, der nie ein Engländer seine Elisabeth für fähig halten wird, wenn sie nicht selber im Ungestüm ihrer Enttäuschung ihn auf den Gedanken bringt.« »Was für eine Schwäche, Mylord?« versetzte Elisabeth hochmütig. »Wollt auch Ihr mir zu verstehen geben, daß die Gunst, die ich diesem stolzen Verräter dort erwies, aus einer tiefern Quelle entsprungen sei ...« Aber hier vermochte sie den stolzen Ton nicht länger beizubehalten und setzte in weichem, traurigem Tone hinzu: »Doch was sollte ich mich bemühen, selbst Dich zu täuschen. Du mein guter und weiser Diener!« Burleigh neigte sich und küßte ihr die Hand voll Zärtlichkeit – und – ein in den Annalen der Höfe seltner Vorfall – eine Träne wahrer Sympathie fiel aus dem Auge des Ministers auf die Hand der Königin. Elisabeth wandte sich von Burleigh ab und durchmaß mit festen Schritten ein paarmal die Halle, bis ihre Züge die gewohnte Würde und ihre Haltung die ihr eigne Erhabenheit wiedergewonnen hatten. Dann näherte sie sich Leicester und sagte voller Ruhe: »Mylord von Shrewsbury, Wir erklären Euern Gefangnen für frei. – Mylord von Leicester, erhebt Euch und nehmt Euer Schwert auf – eine Haft von einer Viertelstunde unterm Gewahrsam unsers Marschalls, Mylord, erachten wir für keine zu schwere Ahndung für solche monatelang uns erwiesne Falschheit. Wir wollen nun hören, was weiter aus dieser Sache geworden ist.« Dann setzte sie sich in ihren Sessel und sagte: »Ihr, Tressilian, tretet vor und sagt, was Ihr wißt.« Tressilian erzählte seine Geschichte freimütig – er unterdrückte nach Möglichkeit alles, was für Leicester nachteilig war, und verschwieg ihren Zweikampf ganz. Sie schwieg, als Tressilian geendet hatte. »Wir wollen diesen Wieland,« sagte sie, »in Unsre Dienste nehmen und den Knaben zur Lehre in Unser Sekretariat geben, daß er künftig mit Briefen diskret umzugehen weiß. Ihr, Tressilian, habt unrecht getan, daß Ihr uns nicht die ganze Wahrheit mitgeteilt habt, und Euer Versprechen, dies nicht zu tun, war unklug und pflichtvergessen. Da Ihr aber nichtsdestoweniger der unglücklichen Dame Euer Wort gegeben hattet, so gehörte es sich für Euch als Mann und Edelherrn natürlich, es auch zu halten, und alles in allem sprechen Wir Euch Unsre Hochachtung aus für Euer charaktervolles Verhalten in dieser Sache. – Mylord von Leicester, nun ist die Reihe an Euch, Uns die Wahrheit zu sagen – es wird Euch Mühe kosten, denn es ist Euch letzterzeit zu fremd geworden.« Durch eine Reihe von Fragen entzog sie ihm nun die ganze Geschichte, wie sein Verhältnis mit Amy Robsart begonnen – wie sie sich geheiratet hatten – wie die Eifersucht ihn ergriffen hatte – aus welchen Gründen – und noch viele Einzelheiten. Die Beichte – denn so ließ es sich nennen – wurde Leicester stückweis abgerungen, war aber im ganzen der Wahrheit entsprechend, abgesehen davon, daß er von seinem stillschweigenden Einverständnis mit den Anschlägen Varneys auf das Leben der Gräfin nichts erwähnte. Aber wenn er gehofft hatte, recht bald von der Königin entlassen zu werden, um nach Cumnorplace eilen zu können, so hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Allerdings war seine Gegenwart Galle und Wermut für seine ihm sonst so wohlgesonnene Gebieterin. Da sie aber auf keine andre Weise sich an ihm rächen konnte und doch wohl bemerkte, daß sie ihrem falschen Verehrer durch ihr genaues Verhör Qualen bereitete, so fuhr sie darin fort und achtete des Schmerzes, den sie selber dabei empfand, ebensowenig, wie der Wilde sich drum kümmert, wie seine eignen Hände von den glühenden Zangen versengt werden, mit denen er seinem gefangnen Feinde das Fleisch zerreißt. ... Endlich gab, wie ein gehetztes Wild, das sich zum Widerstande wendet, der hochmütige Lord zu erkennen, daß seine Geduld erschöpft sei. »Hohe Frau,« sagte er, »ich habe schweren Tadel verdient – mehr als selbst Euer gerechter Zorn ausgesprochen hat. Doch, hohe Frau, laßt mich sagen, daß meine Schuld wohl unverzeihlich, doch nicht grundlos gewesen ist. Wenn Schönheit und entgegenkommende Würde das schwache Herz eines menschlichen Wesens bezwingen konnten, so darf ich dies wohl als Ursache dafür anführen, daß ich mein Geheimnis vor Eurer Majestät verborgen habe.« Die Königin war über diese Antwort, die Leicester in leisem nur für sie hörbaren Tone vorbrachte, so verblüfft, daß sie für den Augenblick schwieg, und der Graf hatte die Kühnheit, seinen Vorteil zu verfolgen. »Eure Gnade, die schon so viel verziehen hat, wird mir auch, wenn ich um Eure königliche Barmherzigkeit flehe, die Worte verzeihen, an denen Ihr gestern doch kaum Anstoß genommen habt.« Die Königin heftete die Augen auf ihn und erwiderte: »Nein, beim Himmel, Mylord, Eure Frechheit übersteigt die Grenzen der Möglichkeit und der Geduld. Aber es soll Euch nichts nützen! – Hollah, Ihr Herren, kommt alle herbei und hört die Neuigkeit! Mylord von Leicesters heimliche Heirat hat mich um einen Gemahl und England um einen König gebracht. Seine Lordschaft sind patriarchalisch in Ihren Neigungen – ein Weib auf einmal ist nicht genug, und so hat er Uns die Ehre, ihm an die linke Hand angetraut zu werden, zugedacht. Nun, ist dies nicht zu unverschämt? – kaum ein paar Zeichen der Hofgunst habe ich ihm erwiesen, und schon maßt er sich an, zu denken, meine Hand und unsre Krone lägen für ihn nur zum Zugreifen da! – Ihr aber, denkt besser von mir, und ich kann diesen ehrgeizigen Mann bemitleiden, wie ein Kind, dem eine Seifenblase in den Händen zerplatzt. Wir gehen in den Audienzsaal. Mylord von Leicester, Wir gebieten Euch, in Unsrer nächsten Nähe zu bleiben.« Alles war in gespannter Erwartung, und wie groß war das Erstaunen, als die Königin zu ihrer nächsten Umgebung sagte: »Die Feste in Kenilworth sind noch nicht beendet, Mylords und Ladies, wir haben noch die Hochzeit des edeln Besitzers zu feiern.« Allgemeine Verwunderung tat sich kund. »Es ist wahr, bei Unserm königlichen Wort,« sagte die Fürstin, »er hat dieses Geheimnis sogar vor uns geheim gehalten, bloß um uns an diesem Ort und zu dieser Stunde damit zu überraschen. Ich sehe, Ihr sterbt vor Neugierde, die glückliche Braut kennen zu lernen. Es ist Amy Robsart, dieselbe, die in dem festlichen Mummenschanz von gestern als Gattin seines Dieners Richard Varney aufgetreten ist.« »Um Gotteswillen, Majestät,« sagte der Graf und näherte sich ihr mit einer Mischung von Demut, Groll und Scham, indem er so leise sprach, daß kein andrer es hörte, »nehmt mein Haupt, wie Ihr in Euerm Zorn drohtet, aber erspart mir diesen Hohn! – Martert einen zu Grunde gerichteten Mann nicht – tretet nicht einen zermalmten Wurm!« »Einen Wurm, Mylord?« erwiderte die Königin im selben Tone, »nein, eine Schlange, das ist ein edleres Reptil und paßt auch besser zum Gleichnis – die erfrorene Schlange, die, wir Ihr ja auch wißt, an einem gewissen Busen erwärmt worden ist ...« »Um Euretwillen – um meinetwillen, hohe Frau,« flüsterte der Graf, »solange noch eine Spur Vernunft mir erhalten bleibt.« »Sprecht laut, Mylord,« sagte Elisabeth, »und tretet ein wenig weiter weg, so es Euch gefällt – Ihr habt einen so heißen Atem, daß unsre Halskrause darunter leidet. – Was habt Ihr uns zu fragen?« »Ich bitte um Erlaubnis,« sagte der unglückliche Earl demütig, »nach Cumnorplace zu reiten.« »Wohl, um Eure Braut heimzuholen? Nun ja, das ist nur in der Ordnung – denn wie Wir gehört haben, ist sie dort nicht eben in guter Obhut. Aber, Mylord, Ihr geht nicht in Person dorthin – Wir haben damit gerechnet, ein paar Tage in Euerm Schlosse Kenilworth zu verleben, und es wäre gegen die Höflichkeit, Uns hier ohne Wirt zu lassen. Tressilian soll an Eurer Statt nach Kenilworth gehen, und mit ihm ein Herr, der auf Unsern Dienst vereidigt ist, damit Mylord von Leicester nicht wieder auf seinen alten Nebenbuhler eifersüchtig wird. Wen möchtet Ihr mithaben?« Tressilian nannte Raleigh. »Ei ja,« sagte die Königin, »da habt Ihr eine gute Wahl getroffen. Er ist ein junger Ritter, und eine Dame aus einem Gefängnis zu befreien, ist ein ganz passendes, ernstes Abenteuer. – Cumnorplace ist nämlich nicht viel besser als ein Gefängnis, müßt Ihr wissen, Mylords und Ladies. Außerdem sind ein paar Missetäter dort, die Wir gern in sicherm Gewahrsam hätten. Es soll ein Haftbefehl gegen Richard Varney und den Ausländer Alasko ausgestellt werden. Nehmt ausreichende Begleitschaft mit, Ihr Herren! bringt die Lady in allen Ehren her – und verliert keine Zeit – Gott mit Euch!« Sie verneigten sich und verließen den Saal. Wer soll beschreiben, wie der Rest dieses Tages in Kenilworth verbracht wurde? Die Königin, die nur zu dem Zwecke dageblieben zu sein schien, um den Earl of Leicester zu peinigen und zu verspotten, zeigte in dieser weiblichen Kunst der Rache ebenso viel Geschick, wie in der Wissenschaft, ihr Volk weise zu regieren. Die Gesellschaft der Höflinge paßte sich dieser neuen Stimmung schnell an, und während der Graf inmitten seiner eignen festlichen Vorbereitungen einherschritt, lernte der Lord von Kenilworth schon das Los eines in Ungnade gefallnen Höflings kennen in der geringen Achtung und dem kalten Benehmen der rasch entfremdeten Freunde und in dem schlecht verhohlnen Triumph der anerkannten offnen Feinde. Sussex, bei dem militärischen Freimut seiner Natur, Burleigh und Walsington in ihrer scharfsinnigen und weitblickenden Umsicht, und einige von den Namen waren die einzigen, die gegen ihn noch das gleiche Benehmen, wie am Morgen, zeigten. So sehr war Leicester gewöhnt gewesen, Hofgunst als sein eigentliches Lebenselement zu betrachten, daß alle andern Empfindungen einstweilen in dem Schmerze versanken, den sein hochmütiger Geist über die kleinlichen Kränkungen und ausgesuchten Vernachlässigungen empfand, die ihm jetzt zuteil wurden. Als er aber sich für die Nacht in sein Zimmer zurückgezogen hatte, fiel ihm die lange, schöne Haarflechte ins Auge, mit der einst Amy ihren Brief zugebunden hatte, und wie ein Gegenzauber rief sie alle edlern und natürlicheren Gefühle in seinem Herzen wach. Er küßte sie tausendmal und fühlte sich im stande, sich über die Rache, die Elisabeth an ihm zu üben geruhte, hoch hinwegzuheben, indem er sich in würdevolle, ja fürstliche Abgeschiedenheit mit der schönen und geliebten Gefährtin seines künftigen Lebens zurückzöge. Am folgenden Tage zeigte sich denn auch der Graf in so würdevoller Gleichmütigkeit, er war so besorgt, daß es seinen Gästen an nichts fehlen sollte, es schien ihm dabei aber doch so gleichgültig, wie sie sich gegen ihn benahmen, und er hielt sich in so respektvoller Entfernung von der Königin, deren quälende Mißgunst er aber so geduldig ertrug, daß Elisabeth ihr Benehmen gegen ihn änderte. Sie blieb zwar kalt und unnahbar, verschonte ihn aber mit direkten Schmähungen. Kurz, binnen vierundzwanzig Stunden hatten die Dinge sich so sehr geändert, daß erfahrerere und scharfblickendere Höflinge es für sehr wahrscheinlich hielten, daß Leicester wieder in Gnade aufgenommen werden würde und demgemäß ihr Betragen gegen ihn einrichteten. Es ist indessen an der Zeit, diesen Intrigen jetzt den Rücken zu kehren und Tressilian und Raleigh auf ihrer Reise zu folgen. Die Truppe bestand aus sechs Personen: denn außer Wieland hatten sie einen königlichen Gerichtsvollzieher und zwei stämmige Diener mit. Alle waren wohlbewaffnet und ritten, so schnell er bei möglichster Rücksicht auf die Pferde irgend ging. Sie versuchten, über Varney und seine Reisebegleitung Erkundigungen einzuziehen, konnten aber nichts erfahren, da Varney bei dunkler Nacht gereist war. In einem kleinen Dorfe, zwölf englische Meilen von Kenilworth, kam ein armer Geistlicher, der Seelsorger des Oertchens, aus einer Hütte heraus und fragte, ob einer von den Herren etwas von der Medizin verstünde, um nur schnell einmal einen Mann zu untersuchen, der im Sterben läge. Der in Hausmitteln kundige Wieland versprach, sein Bestes zu tun, und während der Pfarrer ihn an den Ort führte, erfuhr er, der Mann sei auf der Landstraße gefunden worden und der Pfarrer hätte ihn in seinem Hause aufgenommen. Er hätte eine Schußwunde, die offenbar tödlich sei; ob er sie aber in einem Kampfe oder von Räubern empfangen habe, hätte er noch nicht von ihm erfahren können, da er im Fieber läge und nur unzusammenhängendes Zeug spräche. Wieland hatte kaum das dunkle, niedrige Gemach betreten, und kaum hatte der Pfarrer den Vorhang zurückgezogen, so erkannte er in den verzerrten Zügen des Kranken das Gesicht Michael Lambournes. Unter dem Vorwand, er müsse noch etwas holen, was er brauche, benachrichtigte Wieland rasch seine Reisegefährten von dem seltsamen Vorfall, und voll böser Ahnungen eilten Tressilian und Raleigh in das Haus des Pfarrers, den Sterbenden zu sehen. Der Elende lag schon im Todeskampf, aus den ihn auch ein tüchtigerer Arzt als Wieland nicht mehr hätte erretten können, denn die Kugel war ihm gerade durch den Leib gegangen. Er war aber teilweise bei Bewußtsein, denn er erkannte Tressilian und machte Zeichen, daß er sich über sein Bett neigen möchte. Tressilian tat es, und nach undeutlichem Gemurmel, in welchem die Namen Varney und Lady Leicester allein verständlich waren, hieß Lambourne ihn sich beeilen, sonst würde er zu spät kommen. Dann schien er in Delirien zu verfallen, und es war nichts mehr aus ihm herauszubekommen, als daß er noch bat, Giles Gosling, dem Wirt vom »Schwarzen Bären«, seinem Oheim, die Nachricht zu bringen, er wäre schließlich doch »nicht in seinen Schuhen« gestorben. in seinen Schuhen sterben bedeutet im englischen Sprachgebrauch soviel wie gehängt werden. A.d.Ü. Letztes Kapitel. Mit der Vollmacht des Grafen und der Erlaubnis der Königin versehen, sich vor einer Entdeckung seines Betruges zu sichern, indem er die Gräfin von Kenilworth wegbrachte, hatte Varney erst am frühen Morgen aufbrechen wollen, dann aber war ihm eingefallen, daß der Graf vielleicht wieder andern Sinnes werden und noch eine Unterredung mit der Gräfin nachsuchen könne; und er beschloß, durch sofortigen Aufbruch jeder Möglichkeit einer Aenderung, die dann wahrscheinlich zu seiner Entdeckung und seiner Vernichtung hätte führen können, vorzubeugen. Die Gräfin war ohne Widerstreben in die Sänfte gebracht worden. Sie sah zu ihrer Beruhigung, daß Foster und ein andrer Diener neben der Sänfte herritten, während der gefürchtete und verabscheute Varney sich mehr im Hintergrunde hielt. Als der Weg um den See herumging, bemühte sie sich, die stattlichen Türme, die ihren Gatten Herrn nannten, im Auge zu behalten; als aber dies infolge der Richtung des Weges nicht länger möglich war, sank sie in die Sänfte zurück und befahl sich dem Schütze der Vorsehung. Als Varney sich im Hintergrunde hielt und schließlich ein Stück zurückblieb, verfolgte er dabei nicht bloß den Zweck, die Gräfin nicht zu beunruhigen, sondern er wollte mit Lambourne allein und ohne Zeugen sprechen, sobald dieser sie eingeholt hätte. Er kannte diesen Mann als flink, entschlossen, habgierig und frei von Furcht selbst vor Blutvergießen und hielt ihn für den passendsten Helfershelfer in seinen ferneren Plänen. Aber zehn englische Meilen hatten sie zurückgelegt, ehe sie den hastigen Hufschlag hinter sich hörten und von Lambourne eingeholt wurden. Varney empfing seinen verworfnen Diener mit heftigen Vorwürfen. »Besoffner Schurke,« rief er, »Deine Faulheit und blödsinnige Völlerei werden Dir noch einen Strick drehen, und mir sollts recht sein, wenn es bald geschähe.« Lambourne, dem der Kamm geschwollen war, nicht nur von einem gewaltigen Humpen Wein her, sondern vor allem seit seinem vertraulichen Auftrag in Leicesters geheimen Angelegenheiten, nahm diesen Schimpf nicht mit der gewohnten Demut hin. – Er wolle sich keine Frechheiten gefallen lassen, meinte er, nicht von dem besten Ritter, der je Sporen getragen hätte. Lord Leicester habe ihn in wichtiger Angelegenheit zurückbehalten, und das müsse Varney genügen, der selber nur ein Diener wäre wie er. Varney war nicht wenig überrascht, als er diesen unverschämten Ton hörte. Aber er schrieb ihn dem Schnaps zu und tat so, als achte er gar nicht darauf. Wann begann er Lambourne auszuhorchen, ob er wohl zur Mithilfe bereit sei, ein Hindernis auf dem Wege des Earl of Leicester zu den höchsten Würden wegzuräumen, der dann seinen treuen Anhängern jeden Wunsch erfüllen würde. Und als Michael Lambourne sich so stellte, als verstünde er nicht, was er meinte, sagte er deutlich, »die in der Sänfte da« sei das Hindernis, das er aus dem Wege geräumt wissen möchte. »Sehr Ihr, Ritter Richard und so weiter,« sagte Michael, »einer ist klüger, wie der andre, das ist eins, und der eine ist schlechter, als der andre, das ist noch eins. Ich weiß besser als Ihr, wie Mylord über diese Sache denkt – denn er hat mir in dieser Sache volles Vertrauen geschenkt. Hier sind seine Befehle, und seine letzten Worte waren: Michael Lambourne, denn Seine Lordschaft spricht zu mir wie ein echter Edelmann und gebraucht nicht Worte, wie besoffner Schurke oder solche Gemeinheiten, wie sie Leute in den Mund nehmen, die sich noch nicht in ihre neuen Würden hineingefunden haben, – Varney, sagte er, muß meiner Gräfin die höchste Ehrerbietung erweisen – ich vertrau es Euch an, Lambourne, sagte Seine Lordschaft, sich darum zu kümmern, und Ihr müßt mir meinen Siegelring von ihm auf alle Fälle zurückbringen.« »Ah,« versetzte Varney, »hat er das wirklich gesagt? Ihr wißt also um alles?« »Alles – alles – den ganzen Betteltanz, – und das Gescheiteste für Euch wäre, Ihr machtet Mich Euch zum Freunde, solange noch schönes Wetter zwischen uns herrscht.« »Und war niemand weiter zugegen, als Mylord sprach?« fragte Varney. »Kein lebendes Wesen,« erwiderte Lambourne, »meint Ihr, Mylord würde so wichtige Dinge einem andern noch anvertrauen, als einem so erprobten Mann der Tat wie mir?« »Sehr wahr,« sagte Varney, und er machte eine Pause und sah vor sich hin auf den mondhellen Pfad. Sie ritten über eine weite, offne Heide. Die Sänfte war wenigstens eine englische Meile von ihnen, so daß sie von dort aus nicht gesehen und gehört werden konnten. Er sah hinter sich, und soweit die Strahlen des Mondes die Ferne erhellten, war kein menschliches Wesen in Sicht. Dann sprach er weiter: »Und wollt Ihr nun Euch gegen Euern Herrn wenden, der Euch doch in diese Laufbahn der Hofgunst sozusagen gebracht hat – dessen Lehrling Ihr gewesen seid, Michel – durch den Ihr die Tiefen und Klippen der Hofintrige kennen gelernt habt?« »Laßt nur das Gemichel, verstanden!« sagte Lambourne. »Vor meinen Namen läßt sich ebenso gut ein »Herr« setzen, wie vor jeden andern, und wenn ich ein Lehrling gewesen bin, so ist meine Lehrzeit jetzt um, und ich bin entschlossen, mich selbständig zu machen.« »So nimm erst Dein Handgeld, blödsinniger Wicht!« rief Varney und schoß mit einer Pistole, die er seit einiger Zeit in der Hand gehalten hatte, Lambourne durch den Leib. Der Elende fiel vom Pferde ohne einen Laut, und Varney sprang ab, durchsuchte seine Taschen und zog das Futter nach außen, daß es aussehen sollte, als wäre er von Räubern überfallen worden. Er nahm das Päckchen des Grafen an sich, worum ihm vor allem zu tun war, aber er nahm auch Lambournes Börse, die noch ein paar Goldstücke enthielt. Er hielt sie in der Hand, bis er an einen kleinen Fluß kam, der den Weg kreuzte, und hier schleuderte er sie ins Wasser, so weit sein Arm schleudern konnte. Ein solcher sonderbarer Bodensatz von Gewissen bleibt schließlich doch, wenn es auch gänzlich abgestorben scheint, und so hätte auch dieser grausame und gewissenlose Mensch sich für erniedrigt gehalten, hätte er die wenigen Goldstücke des Elenden, den er so ohne alle Umstände kalt gemacht hatte, zu sich gesteckt. Der Mörder säuberte den Lauf und das Schloß seines Pistols von den Spuren des Schusses und lud es von neuem, dann ritt er gemächlich hinter der Sänfte her. – Er beruhigte, sich damit, daß er einen lästigen Zeugen seiner Ränke – den Ueberbringer von Befehlen, die zu befolgen er nicht gewillt war, und die er daher auch gar nicht erhalten haben wolle, aus dem Wege geräumt hatte. Nach einer Weile holte Varney die Sänfte ein. »Was macht sie?« fragte er. »Sie schläft,« sagte Foster, »ich wollte, wir wären daheim – ihre Kräfte sind erschöpft.« »Ruhe wird ihr gut tun,« antwortete Varney, »sie soll bald fest und lang schlafen. Wir dürfen sie nicht wieder in ihre Zimmer bringen, sondern in die feste Kammer, wo Du Dein Gold aufbewahrst.« »Mein Gold?« rief Anton höchst bestürzt. »Was soll ich denn für Gold haben? Gott helfe mir, ich habe kein Gold!« »Nun, Du stumpfsinniges Vieh, wer denkt denn an Dein Gold? Wenn mir was dran gelegen wäre, hätte ich nicht hundert bessre Wege, dazu zu gelangen? Mit einem Worte, Dein Schlafzimmer, das Du so trefflich mit Sicherheitsvorkehrungen versehen hast, muß vorderhand ihr Aufenthaltsort sein, und dafür sollst Du, Du Sklave, auf ihren Daunen schlafen. Ich sage Dir, der Graf wird keinen Pfifferling mehr nach dem reichen Mobiliar der vier Zimmer fragen.« Diese letzte Bemerkung machte Foster gefügig, und er bat nur um Erlaubnis, vorauszureiten, um alles herzurichten. Als sie in Cumnorplace anlangten, fragte die Gräfin angelegentlich nach Jeannette, und war sehr betrübt, als sie vernahm, daß sie auf die Dienste dieses lieben Mädchens von nun an verzichten müsse. »Sie ist bei ihrer Tante,« sagte Foster grob, »meine Tochter ist mir lieb und wert, gnädige Frau, und ich will sie vor Hofskandalen bewahren – sie hat davon schon zuviel gesehen,« Die erschöpfte Gräfin gab keine Antwort und drückte nur den Wunsch aus, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen. »Ja, ja, das ist nur vernünftig,« murmelte Foster, »aber mit Verlaub, Ihr kommt nicht in Eure hübschen Puppenstübchen da – heute nacht sollt Ihr in sichrerem Gewahrsam schlafen.« »Ich wollt, es war in meinem Grabe,« sagte die Gräfin. Foster nahm ein Licht und führte Amy in einen Teil des Gebäudes, wo sie noch nie gewesen war. Eines von den alten Weibern schritt mit einer Lampe voran. Sie stiegen eine sehr hohe Treppe hinan, überschritten eine kurze Galerie aus schwarzem Eichenholz, die sehr eng war und an deren Ende eine starke, eichne Tür in das Gemach des Geizhalses führte, das in seiner Einrichtung äußerst primitiv war und in allem bis auf den Namen einem Gefängnis glich. Foster blieb an der Tür stehen und gab der Gräfin die Lampe, die alte Frau ließ er nicht herein. Die Gräfin nahm sie rasch, riegelte die Tür zu und versicherte sie. Varney hatte unterdessen unten gelauert; als er aber hörte, daß sie die Tür verschlossen hatte, kam er auf den Zehenspitzen herauf, und Foster winkte ihm zu und zeigte ihm mit großer Selbstgefälligkeit eine versteckte Mechanik, mittels deren mit großer Leichtigkeit und ganz geräuschlos ein Teil der hölzernen Galerie wie eine Zugbrücke herabzulassen war, so daß zwischen der Tür des Schlafzimmers und der Treppruhe der hohen Stiege, die zu ihm hinaufführte, jede Verbindung abgeschnitten war. Das Tau, an dem diese Mechanik geführt wurde, war in der Regel in das Gemach hineingeleitet, da es ja Fosters Zweck war, sich vor einem Einbruch von außen zu sichern. Jetzt aber, wo es darauf ankam, die Gefangne völlig abzuschneiden, war das Tau nach der Treppruhe hinübergeführt und wurde dort festgemacht, nachdem Foster die unvermutete Falltür herabgelassen hatte. Varney betrachtete diese Mechanik mit großer Aufmerksamkeit und sah mehrmals in den Abgrund hinab, der unten gähnte. Es war ein schwarzes und anscheinend sehr tiefes Loch, und ging, wie Foster seinem Gefährten flüsternd mitteilte, fast bis in die tiefsten Gewölbe des Schlosses. Varney warf noch einmal einen langen, starren Blick in den Schlund und folgte dann Fostern in den bewohntern Teil des Herrenhauses. Varney ersuchte Foster, etwas zu essen und einen guten Wein zu bringen. »Ich will Alasko holen,« sagte er. »Wir haben Arbeit für ihn und müssen ihn bei guter Laune halten.« Foster seufzte, aber er widersprach nicht. Das alte Weib versicherte, Alasko hätte, seit ihr Herr fort sei, kaum etwas gegessen oder getrunken, er halte sich fortwährend in seinem Laboratorium eingeschlossen. Varney ergriff ein Licht und ging, um den Alchimisten zu holen. Er kehrte nach ziemlich langer Abwesenheit zurück, kreidebleich, aber mit seinem gewohnten Grinsen. »Unser Freund,« sagte er, »ist futsch.« »Was sagt Ihr, ist er tot?« rief Anton Foster. »Mausetot,« sagte Varney. »Und schon hübsch angeschwollen im Gesicht und am ganzen Leibe. Er hatte eine seiner Teufelsmedizinen gemischt, und dabei ist ihm die Glasmaske, die er immer trug, vom Gesicht gefallen, und so ist ihm das feine Gift ins Gehirn gedrungen und hat ihm den Garaus gemacht.« »Sankta Maria!« rief Foster. »Ich meine, Gott in seiner Barmherzigkeit, bewahre uns vor Habsucht und Todsünde!« »Es war ein Anblick zum Gruseln!« sagte Varney. »Er sah aus, wie ein Kadaver, der schon drei Tage auf dem Rade gelegen hat. – Prr! gib mir einen Becher Wein! Mir ist der Appetit verdorben von dem Gestank. Ich habe das Fenster aufgebrochen und die Luft hereingelassen – es roch nach Schwefel und es war ein erstickender Dunst, als wenn der Teufel dagewesen wäre.« »Und kann es nicht wirklich der Teufel selber gewesen sein?« sagte Foster. »Ich habe gehört, er ist mächtig bei solchen Leuten.« »Du aber bist völlig sicher vor ihm, sei getrost,« antwortete Varney. »Denn der Satan hat in letzter Zeit zwei gute Happen gekriegt.« »Wieso zwei Happen?« fragte Foster. »Wie meint Ihr das?« »Das werdet Ihr rechtzeitig erfahren,« sagte Varney, »und dann ist noch ein andrer Bissen – denn Du wirst doch denken können. Sie wird ein ganz ausgezeichneter Leckerbissen für den Gaumen des bösen Feindes sein – sie wird mit Psalmen und Harfen und Seraphim empfangen werden.« »Gott! Sir Richard! muß denn das geschehen?« »Freilich, Anton, sonst bekommst Du im Leben kein Freigut,« erwiderte sein unbeugsamer Gefährte. »Ich habe immer vorhergesehen, daß es noch darauf hinauslaufen würde,« sagte Foster. »Aber wie denn, Sir Richard, wie denn? nicht um die ganze Welt zu gewinnen. Möchte ich Hand an sie legen.« »Ich kann Dich nicht tadeln,« sagte Varney, »ich würde es selber nur mit Widerstreben vollziehen – es fehlt uns jetzt Alasko und sein Mannah bitter, ja, und der Hund Lambourne obendrein.« »Ja, wo bleibt Lambourne nur?« »Frage nicht weiter,« sagte Varney, »Du wirst ihn eines Tages schon noch sehen, wenn Dein Glaube zutrifft. Aber zu unsrer wichtigen Angelegenheit. Ich will Dich lehren, wie man einen Vogel fängt – die Falltür von Dir da oben – der feine Mechanismus von Dir da – der sieht doch von außen ganz fest und ungefährlich aus, wenn auch unter ihm die Stützen weggenommen find, was?« »Gewiß,« sagte Foster, »solange niemand drauftritt.« »Aber wenn die Dame darüber weg zu entfliehen versuchte,« versetzte Varney, »so würde Ihr Gewicht die Falle zum Einstürzen bringen?« »Dazu genügt schon das Gewicht einer Maus,« sagte Foster. »Ei, dann stirbt sie bei einem Fluchtversuch, und wie könntet Ihr, ehrlicher Tony, oder ich es ändern? Laßt uns zu Bett, morgen wollen wir unsern Plan ausführen.« Am folgenden Tage rief mit Anbruch des Abends Varney seinen, Spießgesellen zur Ausführung des Planes herbei. Der aus Kenilworth mitgebrachte Mann und Fosters alte Diener wurden mit einem erfundenen Auftrag weggeschickt, und Foster selber besuchte erst noch einmal die Gräfin in ihrem Kerker. Sie hatte sich mit so großer Sanftmut und Geduld in ihre Einsamkeit gefügt, daß sein Herz gerührt wurde und er ihr ernsthaft anempfahl, ja nicht, aus welchem Anlaß es auch sei, die Schwelle ihres Gemaches zu überschreiten, ehe Lord Leicester da sei. Amy versprach es, und Foster kehrte zu seinem hartgesottnen Kumpan zurück; er hatte sein Gewissen um die Hälfte der gefährlichen Last, die darauf lag, erleichtert. Er ließ die Tür der Gräfin von außen unverschlossen und zog unter Varneys Aufsicht die Stützen weg, die die Falltür hielten. Dann gingen sie, unten den Erfolg ihres Beginnens abzuwarten. Aber sie warteten lange vergebens, und endlich rief Varney aus: »In der Tat, noch nie hat ein Weib eine so günstige Gelegenheit zur Flucht unbenutzt gelassen.« »Vielleicht ist sie entschlossen,« sagte Foster, »auf die Rückkehr ihres Mannes zu warten.« »Gewiß, gewiß!« sagte Varney und stürzte hinaus. »Daran hatte ich nicht gedacht.« Gleich darauf hörte Foster den Tritt eines Pferdes im Schloßhof und ein Pfeifen, ähnlich dem gewöhnlichen Signal des Grafen – einen Augenblick später öffnete sich die Tür zum Zimmer der Gräfin und im selben Augenblick wich die Falltür. Es ging ein Geräusch, als wenn ein Körper tief fällt, – ein schwaches Stöhnen – und alles war vorüber. Zur gleichen Zeit rief Varney zum Fenster herein in einem Tone, der ein unbeschreibliches Gemisch von Grausen und Scherz war: »Ist der Vogel gefangen – ist die Tat getan?« »O Gott vergebe uns!« rief Anton Foster. »Ei, Du Esel,« sagte Varney. »Deine Arbeit ist beendet und der Lohn Dir sicher; sieh in das Gewölbe – was siehst Du?« »Nur einen Haufen von weißen Kleidern, wie eine Schneewehe,« sagte Foster; »o, Gott! sie bewegt den Arm!« »Wirf irgendwas auf sie hinunter! Deine Goldkiste, Tonichen, die ist ja schwer.« »Varney, Du bist der eingefleischte Satan!« versetzte Foster. »Es braucht nichts weiter – sie ist tot. O, wenn es Gerechtigkeit gibt im Himmel, Du wirst Deiner Strafe nicht entgehen! – Du hast sie zu grunde gerichtet, indem Du Dich gerade einer Regung ihrer reinen Liebe bedient hast! das heißt das Kind mit der Milch der Mutter vergiften!« »Du bist ein fanatischer Esel,« erwiderte Varney. »Laß uns daran denken, wie wir die Sache bekannt machen – der Leichnam hat zu bleiben, wo er ist.« Aber ihrer Verruchtheit war ein Ziel gesetzt; denn während sie sich noch berieten, stürzten Tressilian und Raleigh herein, nachdem sie von dem alten Diener eingelassen worden waren, dessen sie sich in dem Dorfe versichert hatten. Anton Foster flüchtete bei ihrem Eintritt, und da er jeden Winkel und jeden Gang in den verschlungnen Gewölben des alten Hauses kannte, entging er jeder Verfolgung. Aber Varney wurde auf dem Fleck festgenommen, und anstatt Zerknirschung über seine Untat zu bekunden, schien es ihm noch ein teuflisches Vergnügen zu bereiten, ihnen die Ueberreste der ermordeten Gräfin zu zeigen, während er sie gleichzeitig herausforderte, ihm zu beweisen, daß er an ihrem Tode schuldig sei. Der verzweifelte Schmerz Tressilians beim Anblick der zermalmten Reste eines vor kurzem noch so liebreizenden und geliebten Wesens war so tief, daß Raleigh sich gezwungen sah, ihn mit Gewalt von der Stelle zu bringen, während er selbst alles, was geschehen sollte, anordnete. Bei einem zweiten Verhör machte Varney gar kein Geheimnis aus dem Verbrechen und seinen Beweggründen. Aus seinen weitern Aeußerungen glaubte man vermuten zu sollen, daß er Selbstmord begehen wolle, und man nahm ihm daher alles ab, was ihm zur Ausführung dieses Vorsatzes hätte dienen können. Aber er trug beständig ein sehr starkes Gift bei sich, das ihm wohl Alasko bereitet haben mochte. Dies nahm er über Nacht zu sich und am andern Morgen fand man ihn tot in seiner Zelle. Er schien keine Todesqual gelitten zu haben, denn sein Gesicht zeigte noch den Ausdruck von grinsendem Sarkasmus, den es im Leben zur Schau getragen hatte. Was aus seinem Spießgesellen geworden war, blieb lange unbekannt. Cumnorplace wurde gleich nach dem Morde verlassen, denn in der Nähe der sogenannten Lady-Dudley-Kammer behaupteten die Diener Stöhnen und Geschrei und unnatürliche Laute zu hören. Nach einiger Zeit wurde Jeanette, als immer noch nichts von ihrem Vater verlautete, Besitzerin seines Besitztums und übertrug dies mit ihrer Hand an Wieland den Schmied, der jetzt ein Mann in fester Stellung war und im Haushalt der Königin Elisabeth einen guten Posten hatte. Aber als sie schon ein paar Jahre lang tot waren, stellte ihr ältester Sohn und Erbe Nachforschungen in der Gegend von Cumnorplace an und entdeckte einen geheimen, von einer eisernen Tür verschlossnen Gang, der hinter dem Bett der Lady-Dudley-Kammer anfing und in eine Zelle hinunterführte. Hier fand er eine eiserne Kiste voll Gold und ein menschliches Gerippe, das darüber gestreckt war. Nun war es klar, was aus Anton Foster geworden war. Er hatte sich in diese Höhle geflüchtet, aber er hatte den Schlüssel der Springfeder vergessen, und da er nicht wieder hatte entkommen können, nachdem er das Gold gerettet hatte, um das er sein Seelenheil verkauft hatte, war er jämmerlich umgekommen. Ohne Frage war das Gestöhn und Geschrei, das die Diener vernommen hatten, nicht bloß eingebildet, sondern kam von diesem Elenden, der in seiner Todesangst um Rettung und Hilfe schrie. Die Nachricht von dem entsetzlichen Schicksal der Gräfin gebot den Festlichkeiten zu Kenilworth jähen Einhalt, Leicester zog sich vom Hofe zurück und überließ sich eine Zeitlang ganz seiner Reue. Da aber Varney in seiner letzten Erklärung darauf bedacht gewesen war, nichts dem Grafen Nachteiliges zu sagen, so wurde Leicester von allen bemitleidet. Endlich rief die Königin ihn an den Hof zurück, und er war noch einmal ausgezeichnet als Staatsmann und Günstling. Seine fernere Laufbahn ist geschichtlich bekannt. Aber in seinem Tode schien doch eine Art Vergeltung zu liegen, denn dem allgemeinen Gerücht nach starb er am Genuß eines Giftes, das ihm von einer andern Person zugedacht war. Sir Hugh Robsart starb bald nach seiner Tochter und vermachte sein Besitztum Tressilian. Aber weder die Aussicht, auf dem Lande ein unabhängiges Leben zu führen, noch die Versprechungen höfischer Gunst rissen ihn aus seiner tiefen Schwermut heraus. Wohin er auch ging, überall glaubte er den entstellten Körper seiner jungen und einzigen Geliebten zu sehen. Endlich begleitete er seinen Freund Raleigh auf einer Expedition nach Virginien, und jung an Jahren, doch alt an Leid, ist er vorzeitig in diesem fremden Lande gestorben. Ende.