Walter Scott Das schöne Mädchen von Perth. Einleitung Die Asch' erschlag'ner Könige ruht,     Wohin ich trete, hie, – Und dort der Todesschauplatz, wo     Zu weinen gelernt Marie.                           Capitain Majoribanks . Jedes Quartier in Edinburg hat etwas Besonderes, worauf es stolz ist, so daß die Stadt innerhalb ihres Bezirks (wofern man der Aussage der Einwohner hierüber Glauben schenkt) eben so reich an geschichtlichem Interesse als an Naturschönheiten ist. Unsere Lobsprüche hinsichtlich Canongate's lassen sich noch anderweit steigern. Das Schloß mag durch seine umfangreiche Aussicht und seine erhabene Lage über uns stehen; der Calton behauptet stets durch sein unübertreffliches Panorama den Vorrang, neuerdings noch erhöht durch die Zugabe von Thürmen, Triumphbögen und die Säulen seines Parthenon. Wir gestehen, daß Highstreet die ausgezeichnete Ehre genoß, durch Festungswerke vertheidigt zu sein, von denen wir keine Spur aufweisen können. Wir wollen uns nicht so weit herablassen, die Ansprüche emporgekommener Quartiere zu erwähnen, genannt die Alte Neustadt und die Neue Neustadt, nicht zu gedenken des besonders beliebten Moray-Platzes, der neuesten Neustadt von allen. Wir wollen uns einzig und allein unseres Gleichen gegenüberstellen, und zwar unseres Gleichen nur hinsichtlich des Alters, denn hinsichtlich der Würde erkennen wir nichts als unseres Gleichen an. Wir rühmen uns, der Hofbezirk der Stadt zu sein, den Palast und die Begräbnißüberreste der Fürsten umschließend, und daß wir im Stande sind, in einem, den minder ansehnlichen Quartieren der Stadt unbekannten Grade die düsteren und erhabenen Erinnerungen an die alte Größe zurückzurufen, welche innerhalb unserer ehrwürdigen Abtei herrschte seit der Zeit St. Davids, bis herab auf den Zeitpunkt, wo ihre verlassenen Hallen noch einmal die Freude begrüßte, und wo ihr lang verstummter Widerhall erweckt wurde durch den Besuch unseres gegenwärtigen erhabenen Fürsten. Mein langer Aufenthalt in der Nachbarschaft und mein ruhiges ehrbares Benehmen setzte mich in eine Art freundschaftliches Verhältniß mit der guten Mrs. Policy, der Hausverwalterin in dem interessantesten Theile des alten Gebäudes, genannt die Zimmer der Königin Maria. Aber ein Vorfall, der sich kürzlich ereignete, hat mir noch größere Vorrechte verschafft, so daß ich in der That, glaub' ich, das Wagstück Chatelet's bestehen könnte, welcher hingerichtet wurde, weil man ihn Nachts im Schlafgemach der Herrscherin Schottlands versteckt fand. Es traf sich, daß die gute Frau, deren ich erwähnte, ihrem Berufe gemäß einem Gecken aus London die Zimmer zeigte; – nicht einem jener stillen, stumpfen, gewöhnlichen Gäste, welche mit aufgesperrtem Munde und mit einem beifälligen »Hm« den eingelernten Worten der Cicerone lauschen. Ein solcher war's nicht – es war der muntere, gewandte Agent eines großen Hauses in der City, der keine Gelegenheit vorbeiließ, Geschäfte zu machen, wie er's nannte, d. h. die Waaren seiner Geschäftsfreunde loszuschlagen und zugleich für eigene Rechnung seinen Vortheil zu suchen. Hastig war er durch die Reihe der Zimmer geeilt, ohne die geringste Gelegenheit zu finden, ohne auf das zu kommen, was er als Hauptzweck seines Daseins betrachtete. Selbst die Geschichte von Rizzio's Ermordung hatte diesen Handelsapostel ungerührt gelassen, bis die Verwalterin, zur Bekräftigung ihrer Erzählung, auf die dunklen Blutflecken am Boden hindeutete. »Da sind die Flecken,« sagte sie; »nichts vermag sie von dem Orte zu tilgen – seit zweihundert und fünfzig Jahren sind sie dagewesen – und da werden sie bleiben, so lange die Dielen vorhanden sind – weder Wasser, noch sonst etwas kann sie von dem Orte wegbringen.« Nun handelte unser Geck neben andern Artikeln auch mit sogenannten Reinigungstropfen, und ein seit 250 Jahren vorhandener Flecken war interessant für ihn, nicht weil er von dem Blute des Lieblings einer Königin, der in ihrem Zimmer erschlagen ward, herrührte, sondern weil er ihm eine so vortreffliche Gelegenheit bot, die Wirksamkeit seines unübertrefflichen Reinigungselixirs zu bewähren. Auf die Knie stürzte unser Freund, aber weder vor Schrecken noch andächtiger Rührung. »Zweihundert und fünfzig Jahre, Ma'am, und nichts nimmt sie hinweg? Ei, und wenn es fünfhundert gewesen wären, ich hab' etwas in meiner Tasche, was sie in fünf Minuten beseitigen soll. Sehen Sie dies Elixir, Ma'am? Ich will Ihnen zeigen, daß der Flecken im Augenblick verschwindet.« Sonach befeuchtete er ein Ende seines Taschentuches mit dem Alles reinigenden Mittel und begann auf der Diele zu scheuern, ohne sich an die Gegenreden der Mrs. Policy zu kehren. Sie, die gute Seele, blieb eine Zeit lang stumm vor Bestürzung, gleich der Aebtissin zur heiligen Brigitta, als ein profaner Gast die Branntweinflasche, die man lange unter den Klosterreliquien als die Thränen der gepriesenen Heiligen gezeigt hatte, rein austrank. Die würdige Aebtissin von St. Brigitta erwartete wahrscheinlich die Dazwischenkunft ihrer Schutzheiligen – die von Holy-Rood mochte vielleicht hoffen, David Rizzio's Geist werde erscheinen, um die Entweihung zu verhüten. Aber Mrs. Policy verharrte nicht lange in dem Schweigen des Entsetzens. Sie erhob ihre Stimme und schrie so laut wie Königin Maria selber, als die schreckliche That vollbracht wurde – »Nun Alles hin und Alles aus!« rief sie. Ich machte gerade in der anstoßenden Gallerie meinen Morgenspaziergang, wo ich eben darüber nachdachte, warum die Könige von Schottland, deren Bilder ringsum hingen, Alle, einer wie der andere, mit einer Nase gemalt sein möchten, die wie ein Thürklopfer aussah – als, horch! die Wände noch ein Mal von solchem Geschrei widerhallten, wie es früher oft in den schottischen Palästen gehört wurde, wenn Klänge der Lust und Musik ertönten. Erschreckt durch den Lärm, der an einem so einsamen Orte beunruhigend war, eilte ich dem Orte zu, woher derselbe kam, und fand den Reisenden, der in der besten Meinung wie eine Hausmagd den Boden scheuerte, während ihn Mrs. Policy an den Rockschößen zerrte und sich umsonst bemühte, sein ruchloses Vorhaben zu hintertreiben. Es kostete mir einige Mühe, dem geschäftigen Reiniger von seidenen Strümpfen, gestickten Westen, Bratenröcken und Fichtenbrettern begreiflich zu machen, daß es gewisse Flecken in der Welt gebe, welche unauslöschlich bleiben müßten, wegen der Erinnerungen, die damit verknüpft wären. Unser guter Freund sah in jedem derartigen Dinge nur das Mittel, um die Tugend seiner gerühmten Waare darzulegen. Er begriff indeß, daß man ihm bei gegenwärtiger Gelegenheit nicht gestatten würde, die Kraft seiner Artikel weiter zu erproben, da zwei oder drei Einwohner erschienen, welche gleich mir drohten, in der Sache die Partei der Verwalterin zu ergreifen. Er nahm daher Abschied, indem er murmelte, daß er stets gehört habe, die Schotten wären unreinliche Leute; aber nie hab' er geglaubt, daß sie es so weit trieben, die Dielen ihrer Paläste blutbesudelt zu lassen, gleich Banquo's Geist, da es, um die Flecken zu beseitigen, nur hundert Tropfen des untrüglichen Reinigungselixirs kosten würde, bereitet und verkauft von den Herren Scrub und Rub, in Flaschen zu fünf und zehn Schilling, jede Flasche bezeichnet mit den Anfangsbuchstaben des Erfinders, um jeden Verfälscher hinsichtlich der gesetzlichen Strafe zu warnen. Befreit von der lästigen Gegenwart dieses Freundes der Reinlichkeit, war meine Freundin, Mrs. Policy, verschwenderisch mit Ausdrücken des Dankes, und gleichwohl ist ihre Erkenntlichkeit, statt sich, wie es meistens geht, durch diese Betheuerungen zu erschöpfen, im gegenwärtigen Augenblicke noch so lebendig, als wenn sie mir überhaupt nie Dank gesagt hätte. Der Erinnerung an diese Dienstleistung verdanke ich die Erlaubniß, beliebig diese verlassenen Gemächer zu durchwandern, gleich dem Schatten eines abgeschiedenen Kammerherrn, bald, wie es in dem alten irischen Liebe heißt: »Ob Dingen sinnend, welche längst vorüber,« bald dem Wunsche nachhängend, daß auch mich, wie zu manchen Romanschreiber, ein günstiges Ungefähr im verborgenen Fache eines alten Schrankes ein, wenn auch kaum zu entzifferndes Manuscript finden lassen möchte, enthaltend authentische Nachrichten über eine der merkwürdigen Thaten aus jenen wilden Tagen der unglücklichen Maria. Meine liebe Mrs. Baliol pflegte mit mir innig übereinzustimmen, wenn ich beklagte, daß derartige Geschenke nicht mehr zum Vorschein kämen, und daß ein Autor, dem am Seegestade die Zähne vor Frost klappern, diese sich eher ausbeißen könnte, eh' ihm eine Welle ein Kästchen mit einer Geschichte, wie die der Automaten, zuführte; daß er, durch ein paar hundert Gewölbe stolpernd, Arm' und Beine brechen könne, ohne etwas Anderes dort zu finden, als Ratten und Mäuse, und daß er ein halbes Dutzend alter Behausungen bewohnen könne, ohne ein anderes Manuscript zu erblicken, als die Rechnung für Kost und Wohnung jede Woche. Ein Milchmädchen könnte in diesen entarteten Tagen ebenso gut ihre Milchkammer in der Hoffnung waschen und putzen, in ihrem Schuh das feenhafte Sechspencestück zu finden. »Es ist eine traurige, aber nur allzuwahre Geschichte, Bester,« sagte Mrs. Baliol. »Ich bin überzeugt, daß wir Alle Gelegenheit haben, diesen vollkommenen Mangel an Hilfsquellen für eine erschöpfte Phantasie zu beklagen. Aber Sie haben vor allen Andern zumal das Recht, zu beklagen, daß die Feen Ihre Nachforschungen nicht begünstigten, da Sie der Welt doch den Beweis geliefert haben, daß die Zeiten des Ritterthums noch nicht vorüber sind, – Sie, der Ritter von Croftangry, der Sie der Heftigkeit des Londoner frechen Burschen widerstanden, zum Besten der schönen Dame Policy, und für das Andenken an Rizzio's Ermordung! Ist es nicht schade, Freund, da diese Ritterthat so ganz den Regeln gemäß war, ist es nicht schade, sag' ich, daß die Dame nicht etwas jünger und die Sage etwas älter war?« »Nun, was das Alter betrifft, wo eine Dame ihre Ansprüche an das Ritterthum verliert und kein Recht mehr hat, eines tapfern Ritters Gabe zu heischen, so überlasse ich die Entscheidung den Statuten des Ordens der irrenden Ritterschaft; aber für das Blut Rizzio's nehme ich den Handschuh auf und behaupte gegen Jedermann, daß die Flecken nicht aus neuerer Zeit herrühren, sondern in der That die Spuren jenes schrecklichen Mordes sind.« »Da ich die Ausforderung nicht annehmen kann, werther Freund, so begnüge ich mich, den Beweis zu fordern.« »Die Sage, die sich unverändert im Palast erhalten und die Uebereinstimmung der wirklichen Lage der Dinge mit jener Tradition.« »Deutlichere Erklärung, wenn's Ihnen gefällig ist.« »Sehr gern. – Es ist allgemeine Sage, daß, als Rizzio aus der Königin Zimmer hinweggeschleppt wurde, die Mörder, die sich in ihrer Wuth darüber stritten, wer ihm die meisten Wunden beibrächte, ihn an der Thür des Vorzimmers niederstachen. An diesem Orte wurde demnach das meiste Blut vergossen, und hier zeigt man noch die Flecken davon. Ferner melden die Geschichtschreiber, daß Maria fortwährend gebeten habe, man möchte Rizzio 's Leben schonen, indem sie ihre Bitten mit Geschrei und Ausrufungen mischte, bis sie, als man ihr die Versicherung gab, er sei bereits todt, die Augen trocknete und sagte: ›Ich werde nun auf Rache sinnen!‹« »Alles dies ist zugegeben.– Aber das Blut? Meinen Sie, daß es in so vielen Jahren nicht verwischt werden oder ganz verschwinden konnte?« »Ich werde sogleich darauf kommen. Die beständige Sage des Palastes berichtet, Maria habe alle Vorkehrungen verboten, die Zeichen der Mordthat zu entfernen, weil sie dieselben erhalten wollte, als Erinnerung an die Beschleunigung der beabsichtigten Rache. Aber es wird hinzugefügt, daß sie es für genügend fand, wenn sie wüßte, daß jene noch vorhanden wären, und weil sie nicht wünschte, die Spuren der Mordthat immer vor Augen zu haben, so befahl sie, einen Verschlag, wie man es nannte (d. h. eine einstweilige Bretterwand), einige Schritte von der Thüre im Vorzimmer anzubringen, so daß der Theil des Zimmers, worin die Blutspuren befindlich waren, von dem übrigen geschieden und dadurch sehr verdunkelt worden war. Diese Wand steht noch, und der Umstand, daß dadurch die Gestalt der Decke und Karnieße unregelmäßig gemacht wird, ist ein offenbarer Beweis, daß ein besonderes Ereigniß die Ursache war, warum man sie anbrachte, da sie die Verhältnisse des Gemachs stört, so wie die der Deckenverzierungen, und daß man demnach, als man sie gerade hier anfügte, keine andere Absicht haben konnte, als dem Auge einen widrigen Anblick zu entziehen. Dem Einwurfe, daß die Blutflecken mit der Zeit hätten verschwinden müssen, glaube ich entgegnen zu können, daß sie, da man unmittelbar nachdem das Verbrechen verübt worden, keine Vorkehrung traf, sie zu beseitigen, oder mit andern Worten, da man dem Blute Zeit gönnte, in das Holz einzudringen, unauslöschlich werden mußten. Abgesehen von dem Umstände, daß man bei uns in Schottland die Paläste zu jener Zeit nicht besonders reinlich hielt, und daß es damals noch kein Reinigungselixir gab, womit man Schwamm und Scheuerlappen unterstützen konnte, finde ich es höchst wahrscheinlich, daß die Spuren jener Mordthat sich sehr lange hätten erhalten können, selbst wenn Maria nicht gewünscht oder befohlen hätte, sie zu erhalten, sondern durch Herstellung eines Verschlags dem Auge zu verdecken. Mir sind mehrere Beispiele von ähnlichen Blutflecken bekannt, die sich viele Jahre hindurch erhalten haben, und ich zweifle, ob sie nach Verlauf einer gewissen Zeit auf andere Weise beseitigt werden könnten, als mit Hilfe eines Hobels. Hätte ein Seneschal, um das Interesse, welches diese Zimmer begleitet, zu erhöhen, durch Anwendung von Farbe und andere ähnliche Mittel die Nachwelt hintergehen wollen und zu diesem Ende die Flecken künstlich aufgetragen, so würde er, glaub' ich, den Schauplatz in das Schlafgemach der Königin verlegt und die Blutflecken an einer Stelle angebracht haben, wo sie einem Jeden deutlich in's Auge fallen mußten, statt sie hinter einer Bretterwand zu verstecken. Das Vorhandensein dieser Wand ist übrigens auch sehr schwer zu erklären, wenn man die gemeine Sage verwirft. Kurz, die Oertlichkeiten stimmen so sehr mit den Thatsachen der Geschichte zusammen, daß ich glaube, sie mögen wohl den Umstand mit dem Blute auf dem Fußboden bestätigen.« »Ich gesteh' Ihnen,« erwiderte Mrs. Baliol, »daß ich sehr geneigt bin, mich zu Ihrem Glauben zu bekehren. Wir sprechen von gemeiner Leichtgläubigkeit, ohne immer daran zu denken, daß es auch einen gemeinen Unglauben gibt, der es leichter findet, Thatsachen der Geschichte, wie der Religion zu bezweifeln, als sie zu untersuchen, und der die Schuld trägt, daß man darin eine Ehre sucht, ein starker Geist zu sein, sobald ein Gegenstand die beschränkte Einsicht des Zweiflers etwas übersteigt. Da wir nun über diesen Punkt mit einander im Reinen sind, und Sie, wie ich sehe, das ›Sesam thu' dich auf‹ besitzen, das uns diese geheimen Zimmer aufschließen kann,– welchen Gebrauch, wenn ich fragen darf, gedenken Sie dann von Ihrem Rechte zu machen?– Beabsichtigen Sie, diese Nacht im Schlafzimmer der Königin zuzubringen?« »Zu welchem Zweck, verehrte Freundin? – geschah' es, um den Schnupfen zu befördern, so dürfte dieser Ostwind die Absicht begünstigen.« »Den Schnupfen befördern – behüte Gott! das wäre schlimmer, als das Veilchen noch zu färben. Nein, wenn ich Ihnen empfahl, eine Nacht auf dem Lager der Rose von Schottland zuzubringen, so gedacht' ich Ihnen blos ein Mittel anzudeuten, um Ihre Einbildungskraft anzufeuern. Wer weiß, welche Träume eine Nacht, zugebracht in einem Palast voll so vieler Erinnerungen, hervorrufen könnte! Wer weiß, ob nicht die eiserne Thür an der Treppe zum Ausfallthore um die geheimnißvolle Mitternachtstunde sich öffnete, wie zur Zeit der Verschwörung; ob Sie nicht die Phantome der Mörder, verstohlenen Schrittes und schrecklichen Ansehens sich nahen sähen, um die tragische Scene nochmals vor Ihnen aufzuführen. Sehen Sie den wilden, fanatischen Ruthven dort kommen – den sein Haß und Parteigeist stärkte, eine Waffenrüstung zu tragen, deren Last Glieder gleich den seinen, entnervt durch schleichende Krankheit, hätte niederdrücken müssen. Sehen Sie, wie seine durch Leiden entstellten Züge unter dem Helme hervorgrinsen, gleich denen eines Leichnams, von einem Teufel beseelt, die Augen racheglühend, während auf dem Gesicht die Ruhe des Todes liegt. Dort erscheint die schlanke Gestalt des jungen Darnley, so schön in seinem Aeußern, als schwankend in seinem Entschlusse. Er naht, als trüge sein Fuß Bedenken, auf den Boden zu treten, mehr aber zögert er noch in seinem Vorhaben, da kindische Furcht bereits seine kindische Leidenschaft überwältigt. Er befindet sich in dem Falle eines ränkevollen Knaben, der Feuer an eine Mine gelegt hat, und, während er mit Reue und Furcht das Springen derselben erwartet, sein Leben darum gäbe, wenn er damit die Lunte löschen könnte, die seine eigne Hand entzündete. – Dort – dort – aber ich vergaß die Namen der andern würdigen Kehlabschneider. Helfen Sie mir nach, wenn Sie können.« »Beschwören Sie,« sagt' ich, »den Postulanten Georg Douglas, den Thätigsten der Bande. Lassen Sie ihn auf Ihr Gebot erscheinen – der ein Gut beanspruchte, welches er nicht besaß – in welchem das erlauchte Blut der Douglas floß, welches aber in seinen Adern durch Unrechtmäßigkeit befleckt ist. Malen Sie den Grausamen, den Verwegenen, den Ehrgeizigen – der Größe so nah und so abgesperrt von ihr – dem Reichthum so nah und von dessen Besitz so ausgeschlossen – ein politischer Tantalus, bereit Alles zu thun und zu wagen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen und seine zweideutigen Ansprüche geltend zu machen.« »Vortrefflich, mein lieber Croftangry! Aber was ist ein Postulant?« »O, verehrte Dame, Sie stören den Gang meiner Ideen. – Ein Postulant war, nach schottischer Redeweise, der Kandidat zu irgend einer Vergünstigung, die er noch nicht erhalten hatte. Georg Douglas, Rizzio's Mörder, war Postulant der Besitzungen der reichen Abtei Arbroath.« »Ich verstehe schon – wohlan, fahren Sie fort; wer kommt zunächst?« sprach Mrs. Baliol weiter. »Wer zunächst kommt? Jener große, hagere, wildaussehende Mann, mit der Büchse in der Hand, muß Andreas Ker von Faldonside sein, ein Brudersohn, glaub' ich, des berühmten Sir David Ker von Ceßford; sein Blick und Benehmen sind die eines Wegelagerers; sein Gemüth war so roh, daß er während des Getümmels im Kabinet sein geladenes Gewehr auf den Busen der jungen und schönen Königin setzte, der Königin, die überdies binnen wenigen Wochen Mutter werden sollte.« »Bravo, beau cousin! – Nun, nachdem Sie Ihren Geisterschwarm citirt haben, sind Sie hoffentlich nicht gesonnen, sie nach ihren kalten Betten zurückzusenden, um sich wieder zu wärmen? Sie werden sie in Thätigkeit setzen, und da Ihr unermüdlicher Kiel noch Absichten auf Canongate hat, so werden Sie wahrscheinlich diese seltsamste aller Tragödien zu einer Novelle, oder, wenn Sie wollen, zu einem Drama verarbeiten?« »Schlechtere – das heißt weniger interessante – Perioden der Geschichte hat man schon zur Unterhaltung der friedlichen Zeiten, welche darauf folgten, ausgewählt. Aber, meine Verehrte, die Ereignisse aus Maria's Tagen sind zu wohl bekannt, als daß sie für romantische Dichtung tauglich wären. Was könnte ein besserer Schriftsteller, als ich bin, der geschmackvollen und kräftigen Erzählung eines Robertson noch beifügen? Also lebt wohl, ihr Gesichte – ich erwache, wie John Bunian, »und betrachte Alles als einen Traum« – Nun, gut genug, daß ich ohne Hüftweh erwache, das höchst wahrscheinlich eine Folge meines Schlafs gewesen wäre, hätte ich das Bett der Königin Maria entweiht und als mechanisches Hilfsmittel gebraucht, um eine schlaffe Phantasie aufzurütteln.« »Damit ist es nicht abgemacht, Bester,« antwortete Mrs. Baliol; »Sie müssen all' diese Bedenklichkeiten beseitigen, wenn Sie die Rolle eines romantischen Geschichtsschreibers, die Sie übernommen haben, mit Glück spielen wollen. Was hat der klassische Robertson mit Ihnen zu thun? Das Licht, das er verbreitete, war das einer Lampe, um die dunklen Ereignisse der Vorzeit aufzuklären; das Ihrige ist eine Zauberlaterne, um Wunder zu schaffen, die nie wirklich da waren. Ein Leser von Verstand wundert sich nicht über ihre historischen Ungenauigkeiten; eben so wenig als er sich wundert, wenn er Kasperle im Puppentheater auf demselben Throne mit König Salomo in seiner Glorie sitzen sieht, oder ihn während der Sündfluth dem Erzvater zurufen hört: ›Gewaltig nebliges Wetter, Herr Noah.‹« »Mißverstehen Sie mich nicht, verehrte Dame,« sagt' ich; »ich kenne zur Genüge meine Freiheiten als Romanschreiber. Allein selbst der lügnerische Mr. Fagg, in Sheridans Nebenbuhlern, versichert uns, daß er sich zwar nie ein Bedenken darüber mache, auf Befehl seines Herrn eine Unwahrheit zu sagen, jedoch immer Gewissensbisse empfinde, wenn die Lüge an den Tag komme. Nun, dies ist der Grund, warum ich klüglich alle zu wohlbekannten geschichtlichen Pfade vermeide, wo Jedermann Wegweiser findet, deren Inschriften ihn belehren, wohin er sich zu wenden hat; ja, selbst Knaben und Mädchen, welche die Geschichten Englands durch Fragen und Antworten kennen lernen, lachen über einen armen Schriftsteller, wenn er vom Wege abweicht.« »Entmuthigen Sie sich doch nicht, lieber Christal. Es gibt eine Menge Wildnisse in der schottischen Geschichte, durch welche, wenn ich mich nicht sehr irre, noch keine sichern Pfade beschrieben wurden, und die man nur aus unvollkommener Ueberlieferung kennt, welche mit Wundern und Märchen die Perioden ausfüllt, in welchen man nichts von wirklichen Begebenheiten weiß. Ganz so sagt Matthias Prior: »Pfadlose Länder bevölkert der Geograph Anstatt der Städte nur mit Elephanten.« »Wenn dies Ihr Rath ist, verehrte Dame,« sagte ich, »so wird der Lauf meiner Geschichte diesmal in einer entfernten Zeit beginnen und in einer Provinz, die von meiner natürlichen Sphäre, Canongate, weit abliegt.« Unter dem Einfluß dieser Empfindungen war es, daß ich den folgenden historischen Roman begann, welcher, oft unterbrochen und bei Seite geschoben, gegenwärtig zu viel Umfang gewonnen hat, um überhaupt weggeworfen zu werden, obwohl es nicht besonders klug sein mag, ihn der Presse zu übergeben. Ich legte den handelnden Personen nicht den niederschottischen Dialekt, der jetzt gesprochen wird, in den Mund, weil unstreitig das Schottische jener Zeit dem Angelsächsischen sehr ähnlich war, bereichert durch einen Anflug des Französischen oder Normannischen. Diejenigen, welche den Gegenstand zu erforschen wünschen, mögen die Chronik von Winton und die Geschichte von Bruce durch den Archidiakonus Barbour zu Rathe ziehen. War auch meine eigne Kenntniß des Altschottischen hinreichend, um den Dialog in dessen Eigenthümlichkeiten zu kleiden, so würde doch eine Uebersetzung zu Gunsten der meisten Leser nöthig gewesen sein. Der schottische Dialekt mag daher unberücksichtigt bleiben, außer wo der Gebrauch eigentümlicher Wörter der Darstellung mehr Nachdruck oder Lebendigkeit geben kann. Erstes Kapitel. »Die Tiber schaut,« rief stolz der Römer, da Den breiten Ta er vor sich fluthen sah; Doch, welcher Schotte gäb' zurück den Gruß Und hieße Ta den kleinen Tiberfluß?                                           Ungenannter. Verlangte man von einem einsichtsvollen Fremden, unter allen Provinzen Schottlands die mannigfaltigste und schönste anzugeben, so würde er wahrscheinlich die Grafschaft Perth nennen. Ebenso wird der irgend einem andern Distrikt Caledoniens angehörende Schotte, obwohl seine Parteilichkeit ihn veranlaßt, seiner heimathlichen Grafschaft den ersten Platz einzuräumen, gewiß der von Perth den zweiten zugestehen, und so deren Bewohnern als gutes Recht zugeben, daß sie – ohne alles Vorurtheil – behaupten dürfen, Perthshire bilde den schönsten Theil des nordischen Königreichs. Es ist schon lange her, daß Lady Mary Wortley Montague, mit all' dem vortrefflichen Geschmack, welcher ihren Schriften eigen ist, die Meinung aussprach, daß der interessanteste Theil jedes Landes und welcher die mannigfachsten Schönheiten natürlicher Scenerie in höchster Vollkommenheit bietet, derjenige sei, wo die Berge sich auf die Ebene oder das flache Land absenken. Die malerischsten, wenn auch nicht die höchsten Berge, findet man gleichfalls in der Grafschaft Perth, die Flüsse finden ihre Bahn aus der Bergregion über die wildesten Abhänge und durch die romantischsten Thäler, welche das Hochland mit der Ebene verbinden. Außerdem mischt sich die Vegetation eines glücklichern Himmelsstrichs und Bodens mit den großartigen Merkmalen einer bergigen Landschaft, und Wälder, Haine und Dickichte umsäumen verschwenderisch den Fuß der Hügel, steigen die Schluchten empor und verbinden sich mit den Spitzen. In so begünstigten Gegenden ist es, wo der Reisende das findet, was der Dichter Gray oder irgend ein Anderer die »im Schooße des Schreckens liegende Schönheit« nannte. Ebenfalls ihrer vortheilhaften Lage wegen besitzt diese begünstigte Provinz eine Mannigfaltigkeit der angenehmsten Art. Ihre Seen, ihre Wälder und Berge können an Schönheit mit Allem wetteifern, was das Hochland bietet; während Perthshire mitten unter der romantischen Scenerie und in einigen damit zusammenhängenden Theilen viele fruchtbare und wohnliche Striche umschließt, die mit dem Reichthum des lustigen England selbst wetteifern können. Das Land war auch der Schauplatz vieler denkwürdiger Thaten und Ereignisse, theils von geschichtlicher Wichtigkeit, theils für den Dichter und Romantiker anziehend, obwohl nur aus volkstümlicher Ueberlieferung bekannt. In diesen Thälern war's wo die Sachsen aus der Ebene und die Gälen von den Bergen manch verzweifeltes und blutiges Treffen hielten, worin es oft unmöglich war zu entscheiden, ob der Kranz des Sieges der gepanzerten Ritterschaft des Niederlandes oder den mit Plaids gekleideten Clans, gegen die jene focht, gebührte. Perth, so ausgezeichnet durch die Schönheit seiner Lage, ist ein Ort von hohem Alterthum, und eine alte Sage hebt die Wichtigkeit der Stadt dadurch, daß sie deren Gründung durch die Römer behauptet. Diese siegreiche Nation wollte, sagt man, in dem viel prächtigern und besser schiffbaren Tay die Tiber wiedererkennen, und gab zu, daß die große Ebene, wohlbekannt unter dem Namen des North Inch, viel Ähnlichkeit mit ihrem Campus Martius habe. Die Stadt war oft die Residenz unserer Könige, die, obwohl sie keinen Palast zu Perth hatten, das Cistercienserkloster völlig genügend zur Aufnahme ihres Hofes fanden. Hier war's, wo Jakob I., einer der weisesten und besten unter den Königen Schottlands, als Opfer des Argwohns der rachsüchtigen Aristokratie fiel. Hier fand auch die geheimnißvolle Verschwörung von Gowrie statt, deren Schauplatz erst kürzlich durch die Zerstörung des alten Palastes, worin die Tragödie spielte, verschwunden ist. Die Antiquarische Gesellschaft in Perth hat, mit gerechtem Eifer für die Gegenstände ihres Forschens, einen genauen Plan dieses merkwürdigen Gebäudes herausgegeben, nebst einigen Bemerkungen über seinen Zusammenhang mit dem Berichte von der Verschwörung, die ebenso viel Genauigkeit als Treue enthalten. Eine der schönsten Aussichten, welche Britannien, vielleicht die Welt, gewähren kann, ist, oder war vielmehr diejenige, die man von einem Orte, die Wicks von Baiglie genannt, genoß: es war dies eine Art Nische, in welche der Reisende gelangte, nachdem er von Kinroß an eine weite Strecke wüsten und uninteressanten Landes durchzogen hatte. Von diesem Orte aus, der Spitze einer Anhöhe, die er allmälig erstiegen, sieht er zu seinen Füßen das Thal des Tay sich hinziehen, von jenem großen, schönen Strome bewässert, die Stadt Perth mit ihren zwei großen Ebenen oder Inches, ihren Kirchthürmen und hohen Gebäuden; die Berge Moncrieff und Kinnoul, die sich in ihren Felsmassen erheben, zum Theil mit Wald bewachsen; die reichen Ufer des Stromes, mit geschmackvollen Häusern geziert, und in der Ferne die hohen Grampischen Gebirge, den nördlichen Hintergrund dieser köstlichen Landschaft. Die Aenderung, die mit der Straße getroffen wurde, wobei jedoch der Verkehr sehr viel gewonnen hat, hat den Reisenden dieser großartigen Aussicht beraubt, und die Landschaft entfaltet sich mehr allmälig und theilweise dem Auge, obwohl sie auch so noch immer für äußerst schön gelten muß. Wie wir glauben, ist noch ein Fußpfad vorhanden, auf welchem man zu den Wicks von Baiglie gelangen kann; und wenn der Reisende sein Pferd oder sein Fuhrwerk verlassen und einige hundert Schritte zu Fuß gehen will, so kann er noch jetzt die Landschaft mit der Skizze vergleichen, die wir zu entwerfen versuchten. Aber den Reiz, welcher, aus Ueberraschung entspringend, den Genuß erhöht, sobald ein so köstlicher Anblick sich plötzlich bietet, wo man sie am wenigsten erwartete, und welcher Chrystal Croftangry bezauberte, als er die unvergleichliche Scene zum ersten Male schaute, diesen Reiz zu schildern vermögen wir ebenso wenig, als ihn der Reisende aus der Schilderung zu empfinden vermöchte. Kindisches Staunen war allerdings mit in meinem Entzücken, denn ich war nicht über fünfzehn Jahre alt; und da dies der erste Ausflug war, den ich auf meinem eigenen Rößlein machen durfte, so empfand ich auch die Freude der Unabhängigkeit, vermischt mit jenem Grade von Unruhe, welche der selbstgefällige Knabe empfindet, wenn er zum ersten Male seiner eigenen Leitung überlassen ist. Ich erinnere mich, daß ich, ohne zu wissen was ich that, die Zügel anzog, und auf die Scene vor mir hinstarrte, als fürchtete ich, sie möchte sich gleich jenen auf einem Theater verändern, bevor ich ihre verschiedenen Theile genau beobachten oder mich überzeugen konnte, daß es Wirklichkeit sei, was ich sah. Seit dieser Stunde, und es sind mehr als fünfzig Jahre seitdem verflossen, hat die Erinnerung an diese unvergleichliche Landschaft den stärksten Einfluß auf mein Gemüth gehabt, und hat ihre Stelle als eine Denkwürdigkeit behauptet, während Vieles von dem, was auf mein Geschick Einfluß hatte, dem Gedächtniß entflohen ist. Daher ist es natürlich, daß ich, während ich überlege, was ich der Unterhaltung des Publikums bieten könnte, eine Erzählung wähle, die mit der herrlichen Landschaft in Verbindung steht, welche auf meine jugendliche Einbildungskraft einen solchen Eindruck machte, und die vielleicht, hinsichtlich der Unvollkommenheiten meiner Dichtung, die Wirkung haben kann, welche Damen einem schönen Porzellangeschirr zuschreiben, um den Geschmack eines nicht vorzüglichen Thees zu erhöhen. Der Zeitpunkt, bei welchem ich beginnen will, ist indeß ein weit früherer, als irgend eines der denkwürdigen geschichtlichen Ereignisse, auf welche ich bereits anspielte, da sich die Vorgänge, welche ich berichten will, während der letzten Jahre des vierzehnten Jahrhunderts zutrugen, wo das schottische Scepter in der sanften, aber schwachen Hand Johann's ruhte, welcher, als er den Thron bestieg, den Namen Robert III. annahm. Zweites Kapitel. Sammtweichen Kuß beut auch ein Mund vom Lande; Zwar Lady nicht, flicht sie wohl süß're Bande.                                                   Dryden. Perth, welches sich, wie wir bereits erwähnten, so vieler Schönheiten der unbelebten Natur rühmt, hat zu keiner Zeit derjenigen Reize entbehrt, die zugleich anziehender und vergänglicher sind. Die Benennung, das schöne Mädchen von Perth , würde zu jeder Zeit eine hohe Auszeichnung gewesen sein und eine nicht geringe Uebermacht an Schönheit vorausgesetzt haben, da dort so Viele waren, um diesen beneideten Titel in Anspruch zu nehmen. Aber in den Zeiten des Lehnwesens, zu denen wir jetzt die Aufmerksamkeit des Lesers hinlenken, war leibliche Schönheit eine Eigenschaft von höherer Bedeutung, als es der Fall gewesen ist, nachdem der ritterliche Sinn großentheils erlosch. Die Liebe der alten Ritter war eine Art erlaubten Götzendienstes, welcher, wie man in der Theorie annahm, der Liebe des Himmels allein sich an Innigkeit nähern konnte, die ihr aber in der Wirklichkeit selten gleichkam. Gott und die Damen wurden gemeinsam in einem Athem angerufen; und Ergebenheit gegen das schöne Geschlecht ward dem Bewerber um die Würden des Ritterthums ebenso dringend zur Pflicht gemacht, als die, welche er dem Himmel schuldig war. In diesem Zeitalter war die Macht der Schönheit fast unbeschränkt. Sie konnte den höchsten Rang mit einem unermeßlich niedrigern gleichstellen. Es war unter der Regierung, welche jener Roberts III. vorherging, daß Schönheit allein ein Weib von niedrigem Stande und zweifelhaften Sitten auf den Thron von Schottland erhoben hatte; und viele Frauen, weniger glücklich oder minder klug, hatten vom Range von Concubinen zur Größe sich emporgeschwungen, was die Sitten der Zeit erlaubten und entschuldigten. Solche Beispiele hätten ein Mädchen von höherer Geburt, als Katharina oder Katie Glover war, die allgemein für das schönste Mädchen der Stadt und der Umgegend galt, geblendet. Der Ruf des schönen Mädchens von Perth hatte die Aufmerksamkeit der jüngern Ritter am königlichen Hofe auf sie gelenkt. Der Aufenthalt des Hofes war in Perth oder in dessen Umgebungen, und manche durch ritterliche Thaten ausgezeichnete Edle strengten sich mehr an, Proben ihrer Festigkeit im Reiten zu geben, wenn sie an der Thür des alten Simon Glover in der sogenannten Couvrefew oder Curfewstraße vorüberkamen, als sich bei den Turnieren auszuzeichnen, wo die edelsten Damen Schottlands Zeugen ihrer Geschicklichkeit waren. Aber die Tochter des Glover (Handschuhmachers)– denn, wie es bei Handwerkern und Künstlern jener frühen Zeit üblich, entlehnte ihr Vater, Simon, seinen Namen dem Gewerbe, welches er trieb– zeigte keine Neigung, auf die Artigkeiten der Herren zu achten, die sich von einem Range, der weit über dem ihrigen stand, zu ihr herabließen, und wenn sie auch, wie man annehmen darf, sich ihrer persönlichen Vorzüge genügend bewußt war, so schien sie doch zu wünschen, ihre Eroberungen auf diejenigen zu beschränken, die sich mit ihr in der gleichen Sphäre befanden. Auch ihre Schönheit, die in der That mehr geistig als körperlich war, hatte, ungeachtet der natürlichen Sanftheit und Güte ihres Charakters, mehr von Zurückhaltung als Fröhlichkeit in ihrem Gefolge, selbst wenn sie mit Ihresgleichen in Gesellschaft war, und der Eifer, mit welchem sie alle religiösen Pflichten erfüllte, brachte viel Leute zu dem Glauben, Katharina Glover hege im Stillen den Wunsch, sich von der Welt zurückzuziehen und sich in die Einsamkeit des Klosters zu begraben. Aber gesetzt auch, es wäre in der That ihre Absicht gewesen, ein solches Opfer zu bringen, so ließ sich doch nie annehmen, daß ihr Vater, der für reich galt und außer ihr kein Kind weiter hatte, freiwillig seine Zustimmung geben würde. In ihrem Entschlusse, die Höflichkeiten der artigen Höflinge zu vermeiden, ward die gefeierte Schönheit von Perth durch die Gesinnung ihres Vaters bestärkt. »Laß sie gehen,« sagte er, »laß sie gehen, Katharina, diese edlen Herren mit ihren munteren Rossen, ihren glänzenden Sporen, ihren Federhüten und wohlgepflegten Schnurrbärten; sie gehören nicht in unsern Stand und wir wollen uns nicht zu ihnen zu erheben suchen. Morgen ist St. Valentin, der Tag, an welchem jeder Vogel sein Weibchen wählt; aber du wirst weder den Hänfling mit dem Sperber, noch das Rothkehlchen mit dem Geier sich paaren sehen. Mein Vater war ein ehrsamer Bürger von Perth, und wußte die Nadel so gut zu führen wie ich. Wenn sich aber den Thoren unserer guten Stadt der Krieg nahte, warf er Nadel, Faden und Gemshaut weg, holte aus dem dunkeln Winkel, wo er sie aufgehängt hatte, Pickelhaube und Schild und nahm seine lange Lanze vom Kamine. Nenne mir Jemand einen Tag, wo ich oder er gefehlt hätten, wenn der Hauptmann Musterung hielt! So haben wir's gehalten, mein Mädchen, gearbeitet, um Brod zu gewinnen, und gefochten, es zu vertheidigen, und ich mag keinen Schwiegersohn, der sich einbildet mehr zu sein, denn ich; und was jene Herren und Ritter betrifft, so hoffe ich, du werdest dich stets erinnern, daß du zu niedrig bist, um ihre Gemahlin, und zu hoch, um ihre Buhldirne zu sein. Und nun lege deine Arbeit bei Seite, Mädchen, denn es ist heiliger Abend und es ziemt uns, in die Vesper zu gehen, um den Himmel zu bitten, daß er dir morgen einen guten Valentin sende.« Das schöne Mädchen von Perth legte demnach den prächtigen Jagdhandschuh, den sie für Lady Drummond stickte, bei Seite, warf ihr Festtagskleid um und machte sich bereit, ihren Vater in das Dominikanerkloster zu begleiten, welches nicht weit von der Curfewstraße, wo sie wohnten, entfernt lag. Unterwegs empfing Simon Glover, ein allgemein geachteter Bürger von Perth, der in den Jahren schon bedeutend vorgerückt war, aber auch seinen Reichthum mit seinen Jahren sich zugleich hatte mehren lassen, von Jung und Alt die Huldigungen, die seinem Sammtrock und seiner goldnen Kette zukamen, während vor Katharina's Reizen, obwohl durch ihren Mantel (ähnlich den noch in Flandern üblichen Mänteln) verhüllt, sich Jung und Alt verbeugte und die Mützen zog. Während das Paar Arm in Arm vorwärts ging, folgte ihnen ein hochgewachsener, hübscher, junger Mann, gekleidet in die einfachste Tracht, die jedoch seine wohlgeformten Glieder vortheilhaft hervorhob und edle, regelmäßige Züge blicken ließ, die neben dem reichgelockten Haar und der kleinen Scharlachmütze, welche zu diesem Kopfputz trefflich stand, noch angenehmer in's Auge fielen. Er hatte keine andere Waffe als einen Stab in der Hand (denn er war Lehrbursche beim alten Glover), und man hielt es nicht für schicklich, daß Leute seines Standes mit dem Degen oder Dolche bewaffnet in den Straßen erschienen, ein Vorrecht, welches die Jackmanns, d.h. die im besondern Dienst der Edlen stehenden Söldner, für sich allein in Anspruch nahmen. Er begleitete seinen Meister zur Kirche, einmal, weil er gewissermaßen sein Bedienter war, und sodann, um ihn zu vertheidigen, wenn dies die Umstände nöthig machen sollten; indeß ließ sich aus der Aufmerksamkeit, die er der Katharina Glover zollte, leicht abnehmen, daß vorzüglich ihr seine Dienste gelten sollten. Gewöhnlich fand sich jedoch keine Gelegenheit, seinen Diensteifer an den Tag zu legen; denn ein gemeinsames Gefühl der Achtung bewog die Begegnenden, dem Vater und der Tochter auszuweichen. Als sich aber die Stahlhauben, Barette und Federn der Knappen, Schützen und Reisigen unter der Menge zu zeigen begannen, ließen diejenigen, welche jene auszeichnenden Merkmale des Kriegergewerbes trugen, Sitten blicken, welche minder fein waren, als die der friedlichen Bürger. Mehr als einmal, wenn einer von jenen, sei es zufällig oder im Bewußtsein eingebildeter höherer Würde, auf der Seite der Mauer sich an Simon vorüberdrängte, runzelte der junge Lehrling drohend die Stirn, als brenne er vor Begierde, seinen Diensteifer für seine Gebieterin an den Tag zu legen. So oft Conachar, dies war des Jünglings Name, also that, erhielt er von seinem Meister einen Verweis, der ihm merken ließ, daß er sich in dergleichen nicht mischen sollte, bevor man seine Vermittlung verlange. »Närrischer Bursche,« sagte er, »bist du nicht lange genug in meiner Werkstatt gewesen, um zu wissen, daß aus einem Schlag eine Schlägerei entsteht, und daß ein Dolch so schnell durch die Haut fährt, als eine Nadel durch's Leder? Weißt du nicht, daß ich den Frieden liebe, ob ich gleich den Krieg nie gefürchtet habe, und daß ich mich wenig darum kümmere, auf welcher Seite der Straße ich und meine Tochter gehen, wenn wir nur ruhig und friedlich wandeln können?« Conchar entschuldigte sich mit dem Eifer, die Ehre seiner Meisters zu schirmen, aber diese Antwort genügte dem alten Bürger von Perth nicht.– »Was haben wir mit der Ehre zu schaffen?« sagte Simon Glover; »willst du in meinem Dienst bleiben, so mußt du ehrbar gesinnt sein und die Ehre den prahlerischen Thoren lassen, die Sporen an den Stiefeln und Stahl auf den Schultern tragen. Willst du dich mit ähnlichem Zierrath schleppen, so magst du's thun, aber in meinem Hause und in meiner Gesellschaft wird es nimmer geschehen.« Conachar schien durch diesen Vorwurf eher erbittert zu werden, als sich zu fügen. Aber ein Zeichen von Katharina, wofern die leichte Bewegung, die sie machte, indem sie den kleinen Finger aushob, wirklich ein solches war, machte auf den Jüngling mehr Eindruck, als die Vorwürfe seines erzürnten Meisters. Er legte die kriegerische Miene, die ihm natürlich anstand, bei Seite und wurde wieder der bescheidene Diener eines ruhigen Bürgers. Inzwischen holte die kleine Gesellschaft ein junger, schlanker Mann ein, in einen Mantel gehüllt, welcher einen Theil seines Gesichts beschattete oder verhüllte, was die Liebesritter jener Zeit häufig im Gebrauch hatten, wenn sie auf Abenteuer ausgingen und nicht erkannt sein wollten. Kurz, er schien ein Mann, welcher zu aller Welt sagen mochte: »ich wünsche für jetzt nicht erkannt und nicht meinem Titel gemäß angeredet zu sein; wie ich aber, außer mir selber, Niemand von meinem Thun Rechenschaft zu geben habe, nehme ich das Incognito nur der Form wegen an und kümmere mich wenig d'rum, ob Ihr mich kennt oder nicht.« Er kam an die rechte Seite Katharinens, die am Arm ihres Vaters hing, und mäßigte seine Schritte, als wolle er sich zu ihr gesellen. »Guten Abend, Vater!« »Dasselbe wünsch' ich Euer Gnaden und dank' Euch.– Darf ich Euch bitten, voranzugehen? Unser Schritt ist zu langsam für Euer Gnaden– unsere Gesellschaft zu gering für die des Sohnes Eures Vaters.« »Meines Vaters Sohn kann das am besten beurtheilen, Alter. Ich habe Geschäfte mit Euch zu besprechen, so wie mit meiner schönen St. Katharina hier, der lieblichsten und grausamsten Heiligen im Kalender.« »Mit aller Ehrerbietung, Mylord,« sagte der alte Mann, »möcht' ich Euch erinnern, daß heut der heilige Abend zu St. Valentinstag ist und also keine Zeit zu Geschäften, und daß ich Euer Gnaden Befehle durch einen Diener erhalten kann, so früh es Euch gefällig ist, sie zu senden.« »Es ist keine Zeit dazu, als die gegenwärtige,« sagte der beharrliche junge Mann, dessen Rang von der Art zu sein schien, daß er ihn aller Ceremonie überhob. »Ich wünsche zu wissen, ob das Koller von Büffelleder fertig ist, welches ich vor einiger Zeit bestellte; und Euch, schöne Katharina (hier sank seine Stimme zu einem Flüstern herab), bitte ich, mir zu sagen, ob Eure niedlichen Finger dabei geschäftig gewesen find, wie Ihr es verspracht? Doch ich darf Euch nicht befragen, denn mein armes Herz hat jeden Nadelstich empfunden, den Ihr dem Kleide, das es bedecken soll, gabt. Grausame, wie willst du die Qual des Herzens verantworten, das dich so innig liebt!« »Laßt mich Euch dringend ersuchen, Mylord,« sagte Katharina, »solche Worte zu unterlassen– es ziemt Euch nicht, so zu sprechen, noch mir, es anzuhören. Wir sind von geringem Stande, aber ehrbaren Sitten, und die Gegenwart des Vaters sollte das Kind gegen solche Reden, selbst von Euer Gnaden, schützen.« Dies sprach sie so leise, daß weder der Vater noch Conachar verstehen konnten, was sie sagte. »Wohl, Grausame,« antwortete der beharrliche Ritter, »ich will Euch jetzt nicht länger quälen, wofern Ihr Euch mir morgen an Eurem Fenster zeigen wollt, sobald die Sonne den ersten Blick über die östlichen Berge wirft, und wofern Ihr mir das Recht gebt, das Jahr hindurch Euer Valentin zu sein.« »Nicht doch, Mylord; mein Vater sagte mir so eben erst, daß sich keine Falken, geschweige denn Adler mit dem bescheidenen Hänfling paaren. Sucht Euch eine Hofdame, die Eure Begünstigung ehren wird;– mir– Eure Hoheit muß mir gestatten, die schlichte Wahrheit zu sagen– kann sie nur Unehre bringen.« Als sie so sagte, langte die Gesellschaft an der Kirchthüre an. »Euer Gnaden erlauben uns hier hoffentlich, uns von Euch zu verabschieden?« sagte der Vater. »Ich weiß recht gut, daß die Ungelegenheiten und Beschwerden, die Euer Vergnügen uns verursacht, Euch das Letztere nicht aufzugeben nöthigen; aber aus der Menge von Dienern, die an der Thür stehen, könnt Ihr abnehmen, daß in der Kirche noch andere Personen sind, die auch Ansprüche auf Respect, und selbst von Seiten Eurer Gnaden, haben.« »Ja– Respect; und wer hat denn vor mir Respect?« sagte der hochmüthige, junge Herr. »Ein erbärmlicher Handwerker und seine Tochter, nur zu sehr geehrt durch die Notiz, die ich nehme, haben die Unverschämtheit, mir zu sagen, daß meine Aufmerksamkeit sie entehrt. Gut, meine Prinzessin von Elennsleder und blauer Seide, ich will Euch das bereuen lassen.« Während er so murmelte, betraten der Handschuhmacher und seine Tochter die Dominikanerkirche, und ihr Begleiter Conachar, der ihnen sofort folgen wollte, stieß, vielleicht nicht zufällig, an den jungen Herrn. Der Ritter, aus seinen unangenehmen Gedanken erweckt, faßte, weil er sich vorsätzlich beleidigt glaubte, den jungen Mann an der Brust, schlug ihn und warf ihn unsanft zurück. Conachar stolperte und hielt sich mit Mühe aufrecht; dann fuhr er mit der Hand an die Seite, als suchte er einen Degen oder Dolch an der üblichen Stelle, machte, als er keinen von beiden fand, eine Geberde der Wuth und Erbitterung und ging in die Kirche. Inzwischen blieb der junge Ritter, die Arme über die Brust gekreuzt, stehen, und lächelte mit Verachtung, als wolle er seiner drohenden Miene Hohn sprechen. Nachdem Conachar verschwunden war, zog sein Gegner den Mantel dichter zusammen, so daß er sein Gesicht noch mehr verhüllte, und gab, indem er einen seiner Handschuhe abzog, ein Zeichen. Sofort traten zwei Andere zu ihm, die, gleich ihm vermummt, in einiger Entfernung seines Befehls gewärtig gewesen. Sie begannen ein lebhaftes Gespräch, worauf der junge Edle sich nach der einen, seine Freunde oder Diener sich nach der andern Seite entfernten. Simon Glover hatte, bevor er die Kirche betrat, einen Blick auf diese Gruppe geworfen, sodann aber seinen Platz unter der Gemeinde eingenommen, ehe sie sich getrennt hatten. Als er niederkniete, schien seine Miene anzudeuten, daß ihm eine schwere Last auf dem Herzen ruhe; als aber der Gottesdienst beendet war, erschien er frei von aller Sorge, als hätte er sich und seinen Kummer der Fügung des Himmels anheimgestellt. Das Hochamt wurde feierlich gehalten, und eine große Zahl Herren und Damen von hohem Rang war dabei anwesend. Man hatte zum Empfang des guten alten Königs selbst das Nöthige veranstaltet, allein ein Unwohlsein hatte Robert III. verhindert, der Messe beizuwohnen, wie er sonst pflegte. Als die Versammlung auseinander ging, blieb der Handschuhmacher mit seiner schönen Tochter noch eine Weile in der Kirche, um in einen Beichtstuhl zu treten. So war es Nacht geworden und die Straßen bereits einsam, als sie sich auf den Weg machten, um heimzukehren. Diejenigen, die sich noch jetzt in den Straßen umhertrieben, waren Nachtschwärmer, müßige, liederliche Diener stolzer Edelleute, welche häufig friedliche Vorübergehende zu beleidigen pflegten, weil sie auf Straflosigkeit rechneten, welche ihnen durch die Gunst, die ihre Herren bei Hofe genossen, gesichert sein konnte. Vielleicht geschah es aus Besorgniß eines Mißgeschicks solcher Art, daß Conachar, zu dem Handschuhmacher tretend, sagte: »Meister, geht schneller– man verfolgt uns.« »Verfolgt uns, sagst du? wer thut es, und wie Viele?« »Ein in seinen Mantel vermummter Mann, der uns folgt, wie unser Schatten.« »So werd' ich meinen Schritt in der Curfewstraße nicht ändern, und wenn der Beste käme, der sie je betrat.« »Aber er trägt Waffen,« sagte Conachar. »Wir ebenfalls, und Hände, Beine und Füße. Ei, Conachar, du fürchtest doch wohl nicht einen Mann?« »Fürchten!« antwortete Conachar, unwillig über den Verdacht; »Ihr sollt bald sehen, wie ich mich fürchte.« »Schon wieder aus dem rechten Wege, du närrischer Bursche – dein Gemüth kennt keinen Mittelweg, da gibt's keinen Anlaß, einen Streit anzufangen, wenn wir auch nicht davonrennen. Geh' du mit Katharina voraus und ich will deine Stelle einnehmen. Wir können so nahe an unserem Hause keiner Gefahr ausgesetzt sein.« Der Handschuhmacher blieb demnach zurück und bemerkte allerdings einen Mann, der ihnen dicht genug folgte, um, in Betracht der Stunde und des Orts, einigen Verdacht zu rechtfertigen. Wenn sie quer über die Straße gingen, so that der Fremde auch so, und beschleunigten oder hemmten sie ihre Schritte, so unterließ er nicht, desgleichen zu thun. Dieser Umstand wäre für Glover ganz unbedeutend gewesen, wenn er sich allein befunden hätte; aber die Schönheit seiner Tochter konnte diese zum Gegenstande verbrecherischer Absichten machen, besonders in einem Lande, wo die Gesetze denen, die sich nicht selber schützen konnten, nur schwachen Schutz gewährten. Indessen langte Conachar mit seiner schönen Gefährtin an der Hausthür an, die ihnen durch eine alte Magd geöffnet wurde, und nun war der Handschuhmacher aller Sorgen ledig. Um sich jedoch, sofern es geschehen könnte, zu versichern, ob er wirklichen Grund zu Besorgnissen gehabt habe, rief er dem, dessen Bewegungen ihn unruhig gemacht hatten, mit lauter Stimme zu; der Mensch blieb stehen, wiewohl er, wie es schien, sich im Schatten zu halten suchte. »Kommt vorwärts, mein Freund, und spielt nicht Versteckens; weißt du nicht, daß sie, die gleich Gespenstern im Finstern wandeln, sich wohl für den Gruß eines hübschen Stockes eignen? Vorwärts, sag' ich, und zeig' uns deine Gestalt, Mensch!« »Ei, das kann ich wohl, Meister Glover,« sagte eine der tiefsten Stimmen, die je auf eine Frage antworteten; »ich kann Euch meine Gestalt recht wohl zeigen, nur wünsche ich, sie könnte das Licht etwas besser vertragen.« »Meiner Seel'!« rief Simon, »die Stimme sollt' ich kennen! – Und bist du es, in deiner leibhaften Person, Harry Gow?– Nur wahrlich, mit trocknen Lippen darfst du nimmer an dieser Thür vorbei. Wie, Mann, die Abendglocke hat noch nicht geläutet, und hätte sie auch, so wäre das kein Grund, daß Vater und Sohn sich trennen sollten. Komm herein, Mensch; Dorothea soll uns was zu essen schaffen und wir wollen eine Kanne leeren, eh' du uns verläßt. Komm herein, sag' ich; meine Tochter Katie wird sich recht freuen, dich zu sehen.« Während dem hatte er die Person, die er so herzlich bewillkommte, in eine Art von Küche gezogen, die auch bei gewöhnlichen Gelegenheiten als Besuchszimmer diente. Die Zierde derselben waren Zinnteller, vermischt mit einem Paar Silberbechern, die, höchst sauber aufgestellt, eine Reihe von Gesimsen einnahmen, ähnlich denen eines Schenktisches, gewöhnlich »Vink« genannt. Ein gutes Feuer verbreitete, unterstützt von einer angezündeten Lampe, Licht und Freundlichkeit im Gemache, und ein angenehmer Duft von Speisen, die Dorothee bereitete, beleidigte durchaus nicht die Geruchsnerven derjenigen, deren Eßlust dadurch befriedigt werden sollte. Ihr unbekannter Begleiter stand nun in vollem Lichte unter ihnen, und obwohl sein Ansehen weder anständig noch hübsch war, so verdienten nicht allein Gesicht und Gestalt Aufmerksamkeit, sondern schienen sie gewissermaßen sogar zu fordern. Er war fast unter mittlerer Größe, aber die Breite seiner Schultern, Länge und Kräftigkeit der Arme, und das muskulöse Ansehen des ganzen Mannes, deuteten eine ungewöhnliche Stärke an und einen Körper, dessen Kraft durch beständige Uebung erhalten war. Seine Beine waren etwas gebogen, jedoch auf eine Art, die nichts Widriges hatte und sogar mit der Stärke seiner Glieder im Einklange zu stehen schien, obwohl sie ihrem Ebenmaße in gewissem Grade Eintrag thaten. Er trug ein Koller von Büffelleder und einen Gürtel, woran ein Schwert und ein Dolch befestigt waren, gleichsam zum Schütze der Börse, die, nach der üblichen Sitte des Bürgerstandes, gleichfalls am Gürtel hing. Sein schwarzes, krauses Haar war kurz verschnitten, der Kopf rund und wohlgebildet. Seine schwarzen Augen sprachen von Muth und Entschlossenheit, aber sonst schienen seine Züge eine mit Schüchternheit gepaarte gute Laune auszudrücken, und deuteten sichtbar die Freude an, seinen alten Freunden wieder zu begegnen. Abgesehen von dem, nur augenblicklichen, schüchternen Ausdruck, war die Stirne Harry Gow's, oder Schmieds (denn so ward er ohne Unterschied genannt), hoch und edel, aber der untere Theil des Gesichts war minder glücklich gebildet. Der Mund war groß und wohlversehen mit einer Reihe fester und schöner Zähne, deren Ansehen mit der Miene persönlicher Gesundheit und muskulöser Kraft im Einklänge stand, welche der ganze Körper anzeigte. Ein kurzer, dichter Bart und Schnurrbart, der kürzlich mit einiger Sorgfalt geordnet war, vollendeten das Gemälde. Er mochte das achtundzwanzigste Jahr noch nicht überschritten haben. Die Familie schien sehr wohl zufrieden mit dem unerwarteten Erscheinen eines alten Freundes. Simon Glover schüttelte ihm die Hand einmal über's andere, Dorothee machte ihre Komplimente, und selbst Katharina bot ihm von freien Stücken die Hand, welche Harry mit seiner kräftigen so fest hielt, als beabsichtigte er sie an die Lippen zu führen, aber nachdem er einen Augenblick gezögert, ließ er davon ab, aus Furcht, seine Freiheit möchte übel genommen werden. Nicht als ob von Seiten der kleinen Hand, welche in seiner gewaltigen lag, ein Widerstand stattgefunden hätte; aber es mischte sich mit dem Erröthen auf ihrer Wange ein Lächeln, welches die Verwirrung des artigen Herrn zu steigern schien. Ihr Vater aber rief, als er seines Freundes Bedenklichkeit sah, frei und offen: »Auf die Lippen, Mensch, auf die Lippen! und das ist ein Anerbieten, welches ich nicht Jedem machen würde, der meine Schwelle überschreitet. Aber, beim guten St. Valentin (dessen Festtag morgen anbricht), ich bin so froh, dich in der guten Stadt Perth wiederzusehen, daß es schwer zu nennen sein möchte, was ich dir abschlagen könnte.« Der Schmied– denn dies war, wie gesagt, das Gewerbe dieses stattlichen Handwerkers– ward dadurch ermuthigt, das schöne Mädchen bescheiden zu küssen, welches die Artigkeit mit einem zärtlichen Lächeln, wie es sich für eine Schwester gepaßt hätte, entgegennahm, indem sie zu gleicher Zeit sagte: »Laßt mich hoffen, daß ich einen reuigen, gebesserten Menschen in Perth wieder willkommen heiße.« Er hielt ihre Hand, als wollte er antworten, und ließ sie darauf plötzlich los, wie Einer, der in dem Augenblicke den Muth verliert; und indem er zurücktrat, wie erschrocken über das, was er gethan, glühte sein dunkles Gesicht vor Scham, gemischt mit Freude, während er sich am Feuer, der Stelle gegenüber, die Katharina einnahm, niedersetzte. »Rasch, Dorothee, beeile dich mit dem Essen, Alte;– und Conachar– wo ist Conachar?« »Er ist zu Bett gegangen, Herr, weil er Kopfweh hat,« sagte Katharina zögernd. »Geh', ruf ihn, Dorothee,« sagte der alte Glover; »er soll sich nicht gegen mich vergessen; sein hochländisch Blut ist vermuthlich zu vornehm, um einen Teller vorzusetzen oder ein Tischtuch zu breiten, und er gedenkt in unsere alte, ehrsame Zunft zu treten, ohne in allen Punkten schuldigen Gehorsams seinem Meister und Lehrer zu folgen! Geh', ruf' ihn, sag' ich; ich will nicht so vernachlässigt sein.« Dorothee hörte man alsbald die Treppe, oder wahrscheinlicher eine Leiter hinaufschreien, die zum Boden führte, wohin sich der Lehrling zur Unzeit zurückgezogen hatte; eine murmelnde Antwort ward vernommen und bald nachher erschien Conachar im Speisezimmer. Auf seinen stolzen, aber schönen Zügen lag eine düstere Wolke der Unzufriedenheit, und während er ein Tuch über den Tisch breitete, und Teller, Salz und Pfeffer und anderes Zubehör aufsetzte, kurz, die Pflichten eines heutigen Bedienten erfüllte, die nach der Sitte der Zeit jedem Lehrling oblagen, war er über die knechtischen Dienste, die er zu verrichten hatte, sichtbar aufgebracht und erbittert. Das schöne Mädchen von Perth betrachtete ihn nicht ohne Unruhe, als fürchtete sie, seine sichtbare üble Laune möchte die Unzufriedenheit seines Meisters erhöhen, und erst, nachdem Conachars Augen Katharinens Blick zum zweiten Male begegnet waren, konnte er's über sich gewinnen, seinen Widerwillen einigermaßen zu verbergen und eine größere Bereitwilligkeit bei Diensten, die er zu vollziehen hatte, an den Tag zu legen. Und hier müssen wir unserm Leser mittheilen, daß, obwohl die zwischen Katharina Glover und dem jungen Hochländer gewechselten Blicke anzeigten, daß sie an dem Lehrling einigen Antheil nehme, doch der aufmerksamste Beobachter in Verlegenheit gewesen wäre, wenn er hätte entdecken sollen, ob ihr Gefühl stärker war, als dasjenige, das bei einem Mädchen, gegenüber einem jungen Manne ihres Alters, mit dem sie unter einem Dache wohnt und in freundlichem Umgange lebt, sich von selber versteht. »Du hast eine lange Reise gemacht, Sohn Harry,« sagte Glover, der, obwohl durchaus nicht verwandt mit dem jungen Handwerker, ihn immer mit diesem freundlichen Namen nannte; »hast auch viele andere Flüsse gesehen, außer dem Tay, und manch' andere schöne Stadt, außer St. Johnston.« »Aber doch nichts, was mir halb so gut gefallen hätte, und auch nichts, was halb so werth wäre, mir zu gefallen,« antwortete der Schmied; »ich versichere Euch, mein Vater, als ich über die Wicks von Baiglie ging und unsere schöne Stadt vor meinen Blicken ausgebreitet sah, wie die Feenkönigin in einem Mährchen, die der Ritter auf einem Lager wilder Blumen eingeschlafen findet, da war mir's wie einem Vogel, der die ermatteten Schwingen sinken läßt, wenn er sich auf sein eigen Nest niedersenkt.« »Aha! du kannst also noch den Dichter spielen?« sagte der Handschuhmacher. »Ei, werden wir unsre Balladen und Rundgesänge wieder haben? unsere lustigen Weihnachtslieder und die fröhlichen Frühlingsgesänge?« »Solche Possen können wohl vorkommen, Vater,« sagte Harry, »obwohl das Blasen der Bälge und die Schläge der Hämmer auf den Ambos keine sehr passende Begleitung für den Minnesang sind; aber ich kann's nicht besser machen, da ich mein Glück versuchen muß, obwohl meine Verse schlecht sind.« »Wohlgesprochen – mein werther Sohn, sagte Glover, »und ich hoffe, deine Reise hat dir 'was eingetragen!« »Ei, sie war vortheilhaft, Vater – ich verkaufte das stählerne Panzerhemd um 400 Mark dem englischen Ritter Sir Magnus Redman. Er handelte gar nicht darum, nachdem ich ihm gestattet hatte, es durch einen Schwerthieb zu prüfen. Der bettelhafte, hochländische Räuber, der es bestellt hatte, wollte die Hälfte abdingen, obwohl es mich ein Jahr Arbeit gekostet hatte.« »Was hast du emporzufahren, Conachar?« sagte Simon, indem er sich an seinen hochländischen Schüler wendete. »Wirst du nie lernen das thun, was man dich heißt, ohne auf das zu horchen, was um dich her vorgeht? Was geht's dich an, wenn ein Engländer das für wohlfeil hält, was einem Schotten theuer dünken mag?« Conachar wandte sich, um zu sprechen; nach kurzem Nachdenken aber schlug er die Augen nieder und suchte die Ruhe wiederzugewinnen, welche die verächtliche Art, mit welcher der Schmied den Kunden aus dem Hochland erwähnt, gestört hatte. Harry fuhr fort, ohne irgend auf ihn zu achten. »Ich verkaufte zu hohem Preis einige Schwerter und Säbel, als ich zu Edinburg war. Man sah dort einem Kriege entgegen; und gefällt's Gott, ihn zu senden, so wird meine Waare ihren Preis werth sein. Dank dem heiligen Dunstan, der von unsrer Zunft war. Kurz, dieser Bursche da« (dabei legte er die Hand auf die Börse), »der, wie du weißt, Vater, etwas schlaff und mager war, als ich vor vier Monaten wegging, ist nun so rund und voll, wie ein sechswöchig Ferkel.« »Und jener andere lederscheidige Bursch mit eisernem Griff, der jenem zur Seite hängt,« sagte der Handschuhmacher, »ist der die ganze Zeit müßig gewesen? – Nun, lieber Schmied, gesteh' die Wahrheit – wie viel Balgereien hast du gehabt, seit du über den Tay gingst?« »Ach, jetzt thut Ihr mir Unrecht, Vater,« erwiderte der Waffenschmied mit einem Blick auf Katharina, »daß Ihr mich in solcher Gesellschaft so fragt. Ich mache Schwerter, aber ich überlasse Andern das Geschäft, sie zu brauchen. Nein, es kommt sehr selten vor, daß ich eine bloße Klinge in die Hand bekomme, außer um sie zu poliren oder zu schleifen. Und man verleumdete mich bei Eurer Tochter Katharina, daß sie glaubte, der ruhigste Bürger von Perth sei ein Händelmacher. Ich wollte nur, daß der Beste auf dem Kinnoul solch' ein Wort zu sagen wagte und kein Mensch dabei wäre, außer er und ich.« »Ja, ja,« sagte der Handschuhmacher lachend, »wir würden dann ein schönes Beispiel von Eurem geduldigen Wesen haben. – Ei, Harry, wie kannst du einem Manne, der dich so gut kennt, dergleichen Dinge sagen! Du siehst Katie an, als wüßte sie nicht, daß in diesem Lande der Mann eine starke Faust nöthig hat, wenn er sein Haupt ruhig schlafen legen will. Wohlan, gesteh' mir, ob du nicht eben so viele Rüstungen niedergeschlagen hast, als du verfertigt hast.« »Ei, der müßte ein schlechter Waffenschmied sein, Vater Simon, der nicht mit seinem eigenen Hiebe sein eigen Werk prüfen könnte. Würde ich nicht dann und wann einen Helm spalten, oder die Blöße eines Panzers entdecken, so wüßt' ich nicht, welchen Grad von Stärke ich den Rüstungen, die ich mache, zu geben habe, und würde Pfuschwerk liefern, wie sie die Edinburger Schmiede in die Welt zu schicken sich nicht schämen.« »Aha, nun wollt' ich eine goldne Krone d'ran setzen, daß du über den Punkt mit einem Edinburger Grobschmied einen Streit gehabt.« »Einen Streit! – nein Vater,« erwiderte der Waffenschmied von Perth; »aber eine Klinge hab' ich mit einem von ihnen auf St. Leonhards Berg gemessen für die Ehre meiner guten Stadt, das gesteh' ich. Gewiß meint Ihr nicht, daß ich in einen gemeinen Streit mit einem Zunftgenossen gerathe.« »Ei, ganz gewiß nicht. Aber wie kam Euer Zunftgenosse davon?« »Nun, wie Einer mit einem Blatt Papier auf der Brust vor'm Stich einer Lanze davon käme – oder vielmehr, er kam in Wahrheit überhaupt gar nicht davon; denn als ich ihn verließ, lag er in der Einsiedlerhütte, täglich den Tod erwartend, denn Pater Gervis sagte, er bereite sich auf den Himmel vor.« »Gut – und maßest du sonst noch die Klinge?« sagte der Handschuhmacher. »Ei, allerdings, ich schlug mich mit einem Engländer bei Berwick, wegen des alten Streites über die Obergewalt, wie sie es nennen – ich bin überzeugt, Ihr würdet mich von diesem Streit nicht zurückgehalten haben! – und ich war so glücklich, ihn am linken Knie zu verwunden.« »Wohlgethan bei St. Andreas! – Mit wem hattet Ihr zunächst zu thun?« sagte Simon, lachend über die Thaten seines friedfertigen Freundes. »Ich schlug mich mit einem Schotten im Torwood,« antwortete Harry Schmied, »wegen eines Streites, wer der bessere Fechter sei, was, Ihr wißt ja wohl, sich nicht ohne eine Probe entscheiden ließ. Der arme Schelm verlor zwei Finger.« »Gut genug für den friedlichsten Burschen in Perth, der nie ein Schwert anrührt, außer in seinem Berufe. – Wohlan, was gibt's sonst zu erzählen?« »Wenig – denn die Züchtigung eines Hochländers ist eine Sache, nicht der Rede werth.« »Warum hast du ihn gezüchtigt, o Mann des Friedens?« forschte der Handschuhmacher. »Aus keinem Grunde, so viel ich mich entsinne,« erwiderte der Schmied, »außer, weil er sich auf der Südseite der Stirlingbrücke zeigte.« »Nun, so trink' ich dir zu, und du bist mir willkommen nach all' diesen Thaten. – Conachar, rühr' dich. Laß die Kannen bereit sein, und du sollst einen Becher vom Nußbraunen für dich selbst haben, mein Junge.« Conachar schenkte das gute Getränk mit schuldigem Gehorsam für seinen Meister und Katharina ein. Aber so wie dies geschehen, stellte er den Krug auf den Tisch und setzte sich nieder. »Was soll das, Bursche? – ist dies deine Sitte? fülle meinem Gaste, dem ehrsamen Meister Harry Schmied!« »Meister Schmied mag sich selber einschenken, wenn er trinken will,« antwortete der junge Celte. »Der Sohn meines Vaters hat sich für einen Abend schon genug erniedrigt.« »Das heißt gut gekräht für einen jungen Hahn,« sagte Harry; »aber du hast so weit recht, mein Junge, daß der Mann verdient, Durstes zu sterben, der ohne Mundschenk nicht trinken will.« Aber sein Wirth ertrug den Trotz des jungen Lehrlings nicht so geduldig. »Nun, bei meinem ehrlichen Wort und dem besten Handschuh, den ich je machte,« sagte Simon, »du wirst ihn mit Getränk aus dem Becher und Krug versehen, wenn du und ich unter einem Dache schlafen sollen.« Finster erhob sich Conachar, nachdem er diese Drohung gehört, und näherte sich dem Schmied, der bereits einen Becher in der Hand hatte, und füllte diesen; während jedoch Harry den Arm hob, um den Becher zum Munde zu führen, that Conachar scheinbar einen falschen Tritt und stieß daran, daß das schäumende Ale dem Waffenschmied über Gesicht und Kleider floß. Gutmüthig, wie er trotz seiner Kampflust war, verlor derselbe bei solcher Herausforderung doch die Geduld, ergriff den Jüngling an der Kehle, die ihm unter die Hände kam, schnürte diese zusammen und rief, während er den Burschen zurückwarf: »Wär' dies an einem andern Orte geschehen, junger Galgenvogel, so hätt' ich dir die Ohren vom Kopfe geschnitten, wie ich Manchem von deinem Clan vor dir gethan.« Conachar erhob sich mit der Behendigkeit eines Tigers und rief: »Deß sollst du dich nicht noch einmal rühmen können!« Mit diesen Worten zog er ein kleines, scharf geschliffenes Messer aus dem Busen, stürzte auf Harry los und suchte es ihm über dem Schlüsselbein in den Hals zu stoßen, wodurch er ihn tödtlich verwundet haben würde; aber sein Gegner wußte ihm mit solcher Gewandtheit in den Arm zu fallen, daß die Spitze des Messers ihm blos die Haut streifte und ein wenig Blut floß. Den Arm des Lehrlings mit der einen Hand so fest wie mit einer Zange haltend, entwaffnete er ihn augenblicklich. Als sich Conachar in der Hand seines furchtbaren Gegners sah, fühlte er, wie Todesblässe die Röthe verdrängte, womit der Zorn seine Wangen gefärbt hatte, und blieb stumm vor Scham und Furcht. Endlich ließ der Schmied seinen Arm los und sagte mit Ruhe: »Gut für dich, daß du mich nicht zornig machen kannst – du bist nur ein Knabe, und ich, ein erwachsener Mann, hätte dich nicht reizen sollen. Aber laß dir's eine Warnung sein.« Conachar stand einen Augenblick, wie im Begriff zu erwidern, dann verließ er das Gemach, bevor Simon sich hinreichend gesammelt hatte, um zu sprechen. Dorothee lief hin und her nach Salben und heilsamen Kräutern. Katharina war bei dem Anblick des rieselnden Blutes in Ohnmacht gesunken. »Laßt mich Abschied nehmen, Vater Simon,« sagte Harry Schmied traurig; »ich hätte merken sollen, daß mein altes Geschick mit mir ginge, und daß ich Streit und Blutvergießen brächte, wo ich am meisten wünsche, Frieden und Glück zu bringen. Sorgt nicht um mich – seht nach der armen Katharina; das Entsetzen über solch' einen Vorgang hat sie getödtet und Alles durch meine Schuld.« »Deine Schuld, mein Sohn! – Es war die Schuld jenes hochländischen Mörders, mit dem mich ein Fluch beladen hat; aber morgen soll er nach seinen Bergen zurückgehen, oder das Stadtgefängniß kosten. Ein Angriff auf das Leben des Gastes seines Meisters, und zwar in seines Meisters Hause! – Es zerreißt alle Bande zwischen uns. Aber laßt mich nach Eurer Wunde sehen.« »Katharina,« wiederholte der Waffenschmied; »seht nach Katharina.« »Dorothee wird für sie sorgen,« sagte Simon; »Staunen und Schrecken tödten nicht – das thun Dolche und Messer. Und sie ist nicht mehr die Tochter meines Blutes, als du, mein lieber Harry, der Sohn meiner Neigung bist. Laß mich die Wunde sehen. Das Messer ist eine böse Waffe in eines Hochländers Hand.« »Es kümmert mich nicht mehr, als ob mich eine wilde Katze geritzt hätte,« sagte der Waffenschmied. »Und nun auf Katharinen's Wangen die Farbe zurückkehrt, sollt Ihr mich in einem Augenblick als gesunden Mann sehen. Er wandte sich nach einem Winkel, wo ein kleiner Spiegel hing, nahm schnell etwas trocknes Linnen aus seiner Börse, um es auf die leichte Wunde, die er empfangen, zu legen, und schlug das Lederkoller von Hals und Schultern zurück. Seine männlichen Formen traten nicht so auffallend hervor, als die Weiße seiner Haut an denjenigen Theilen seines Körpers, die nicht, wie seine Hände und sein Gesicht, dem Wechsel der Luft und den Folgen seines anstrengenden Handwerks ausgesetzt gewesen waren. Schnell verwendete er etwas Linnen, um das Blut zu stillen, und nachdem er mit etwas frischem Wasser alle Spuren, die jenes zurückgelassen, vertilgt hatte, knöpfte er das Koller wieder zu und wendete sich an Katharina, die, wenn auch noch bleich und zitternd, sich doch von ihrer Ohnmacht erholt hatte. »Werdet Ihr mir aber auch Verzeihung dafür gönnen, daß ich Euch in der ersten Stunde meiner Wiederkehr beleidigte? Der Bursche war thöricht, mich zu reizen, und doch war ich thörichter, mich von seines Gleichen reizen zu lassen. Euer Vater ist mir nicht böse, Katharina, und könnt Ihr mir verzeihen?« »Ich habe keinen Anlaß, zu verzeihen,« antwortete Katharina, »wo ich kein Recht habe, mich beleidigt zu fühlen. Wenn es meinem Vater beliebt, dieses Haus zum Schauplatz nächtlicher Händel zu machen, so muß ich sie mit ansehen – ich kann mir nicht helfen. Vielleicht war's unrecht von mir, daß ich ohnmächtig ward und wohl damit die Fortsetzung des ehrenwerthen Kampfes unterbrach. Meine Entschuldigung ist, daß ich kein Blut sehen kann.« »Und ist dies die Weise,« sagte ihr Vater, »mit welcher du meinen Freund nach langer Abwesenheit empfängst? Meinen Freund, sagt' ich? nein, meinen Sohn. Er entgeht der Ermordung von der Hand eines Burschen, von dem ich morgen das Haus säubern will, und du behandelst ihn, als hätt' er Unrecht gethan, indem er die Schlange von sich schleuderte, die ihn stechen wollte?« »Es ist nicht meine Sache, Vater,« erwiderte das Mädchen von Perth, »zu entscheiden, wer bei diesem Streite Recht oder Unrecht hatte; auch sah ich nicht genau genug, was geschah, um sagen zu können, wer angriff und wer sich vertheidigte. Aber gewiß wird unser Freund, Meister Harry, nicht läugnen, daß er in einer vollkommenen Atmosphäre von Streit, Blut und Händeln lebt. Er hört von keinem Fechter, dessen Ruhm er nicht beneidet und an dem er nicht seinen Muth prüfen muß. Er sieht keine Schlägerei, wo er nicht mitten drunter muß. Hat er Freunde, so kämpft er mit ihnen aus Liebe und um der Ehre willen – hat er Feinde, kämpft er mit ihnen aus Haß und Rache. Und Leute, die weder seine Freunde noch Feinde sind, bekämpft er, weil sie sich auf dieser oder jener Seite eines Flusses befinden. Seine Tage sind Kampftage und ohne Zweifel wiederholt er sie in seinen Träumen.« »Tochter,« sagte Simon, »deine Zunge spricht allzufrei. Streitigkeiten und Gefechte sind der Männer Sache und nicht der Frauen, und es ist nicht jungfräulich, daran zu denken und davon zu reden.« »Aber wenn sie so roh in unsrer Gegenwart geübt werden,« sagte Katharina, »so ist es ein bischen hart, zu verlangen, daß wir an etwas Anderes denken sollen. Ich will Euch zugeben, mein Vater, daß dieser tapfere Bürger von Perth einer der gutherzigsten Männer ist, der innerhalb unsrer Mauern lebt – daß er lieber hundert Schritte vom Wege gehen würde, eh' er einen Wurm träte – daß er ebenso ungern eine Spinne tödten würde, als wär' er ein Verwandter König Robert's, seligen Andenkens – daß er im letzten Streite vor seinem Abschiede mit vier Fleischern kämpfte, um sie zu hindern, einen armen Hund todt zu schlagen, der sich beim Stiergefecht nicht gut gehalten hatte, und daß er kaum dem Schicksale entging, welches sein Schützling hatte. Ich will Euch auch zugeben, daß Arme nie vor'm Hause des reichen Waffenschmieds vorübergehen, ohne Speise und Almosen zu empfangen. Aber was hilft dies Alles, wenn sein Schwert ebenso viele darbende Waisen und klagende Wittwen macht, als seine Börse unterstützt?« »Ach, Katharina, höre nur ein Wort von mir, ehe du beginnst, den Vorwürfen gegen meinen Freund freien Lauf zu lassen, die zwar scheinbar verständig klingen, während sie mit Allem, was wir um uns sehen und hören, doch in Wahrheit nicht zusammenstimmen. Was,« fuhr der Handschuhmacher fort, »pflegt unser König und unser Hof, unsere Ritter und Damen, unsere Aebte und Mönche und die Priester selbst am liebsten zu sehen? Ist es nicht das Schauspiel der Ritterlichkeit, wo sie den muthigen Thaten mannhafter Ritter beim Turnier zuschauen, den Thaten der Ehre und des Ruhms durch Waffen und Blutvergießen? Wodurch aber unterscheiden sich die Handlungen dieser edlen Ritter von demjenigen, was unser Harry Gow in seinem Kreise thut? Wer hat jemals sagen hören, daß er seine Stärke und Geschicklichkeit gemißbraucht habe, um Uebles zu thun oder Unterdrückung zu begünstigen, und wer weiß es nicht, wie oft er sich ihrer zur Unterstützung der guten Sache in unserer Stadt bediente? Solltest nicht du, vor allen andern Frauen der Stadt, dir eine Ehre daraus machen, daß ein Mann, der ein so gutes Herz und einen so kräftigen Arm besitzt, sich für deinen Verlobten erklärt hat? Auf was bilden sich denn die stolzesten Damen mehr ein, als auf die Tapferkeit ihres Liebhabers? Und hat der kühnste Ritter in Schottland ausgezeichnetere Thaten vollbracht, als mein wackerer Sohn Harry, wenn er auch von niedriger Herkunft ist? Kennt man ihn nicht im Niederland wie im Gebirg' als den besten Waffenschmied, der je ein Schwert verfertigt hat, als den besten Krieger, der je eins zog?« »Mein theuerster Vater,« antwortete Katharina, »Eure Worte widersprechen sich selbst, wenn Ihr Eurem Kinde erlauben wollt, so zu sprechen. Danken wir Gott und den guten Heiligen, daß wir in niederem, friedlichem Stande geboren sind, der uns der Aufmerksamkeit derjenigen überhebt, welche hohe Geburt und mehr noch der Stolz durch Werke blutgieriger Grausamkeit zum Ruhme führt, welche die Großen und Mächtigen ritterliche Thaten nennen. Eure Weisheit wird zugeben, daß es unverständig von uns wäre, uns mit ihren Federn zu schmücken und ihre prächtigen Kleider zu tragen; warum wollen wir also die Laster nachahmen, denen sie sich ohne Rückhalt hingeben? Warum wollen wir uns den Stolz ihres verhärteten Herzens und ihre unmenschliche Grausamkeit zu eigen machen, welcher ein Mord nicht allein Unterhaltung gewährt, sondern auch Gegenstand eiteln Ruhmes ist? Die, deren Rang blutige Huldigungen verlangt, mögen Ehre und Genuß darin finden, aber wir, die wir nicht zu jenen gehören, können nichts Besseres thun, als die Leiden der Opfer, welche jenen fallen, beklagen. Danken wir dem Himmel, daß er uns in niedrige Lage versetzte, weil wir dadurch der Versuchung überhoben sind. Aber vergebt mir, Vater, wenn ich die Grenzen meiner Pflicht überschritt, indem ich Euern Ansichten widersprach, die Ihr, mit so vielen Andern, über diesen Gegenstand hegt.« »Ja, du bist selbst mir zu geschwätzig, Mädchen,« sagte ihr Vater etwas mißlaunig. »Ich bin nur ein armer Handwerker, dessen bestes Wissen ist, den linken Handschuh vom rechten zu unterscheiden. Aber wenn du meine Vergebung haben willst, so sage meinem armen Harry ein tröstliches Wort. Dort sitzt er, verwirrt und außer Fassung durch die lange Predigt, die du gehalten, und er, dem ein Trompetenschall als Einladung zu einem Feste gilt, ist niedergeschlagen durch den Schall einer Kinderpfeife.« Der Waffenschmied hatte in der That, während er die Lippen, die ihm die theuersten, seinen Charakter auf die ungünstigste Weise schildern hörte, den Kopf auf seine gekreuzten Arme, die auf dem Tische lagen, sinken lassen, in der Stellung der tiefsten Niedergeschlagenheit, die nahe an Verzweiflung grenzte. »Ich wünsche zu Gott, mein theuerster Vater,« antwortete Katharina, »daß es in meiner Macht stände, Harry zu trösten, ohne die heilige Sache der Wahrheit zu verrathen, der ich vorhin das Wort geredet. Und ich kann– ja, ich muß dies können,« fuhr sie in einem Tone fort, der in Verbindung mit der vollendeten Schönheit ihrer Züge und der Begeisterung, mit der sie sprach, für Inspiration hätte gelten können. »Die Wahrheit des Himmels,« sagte sie in einem feierlichen Tone, »ward nie einem Munde, so schwach er auch sei, anvertraut, ohne ihm das Recht zu verleihen, Gnade zu verkünden, wenn er das Urtheil bekannt macht.– Steh' auf, Harry, steh' auf, edler, guter und großmüthiger, obgleich sehr verirrter Mann – deine Fehler sind die dieses grausamen und gefühllosen Zeitalters – deine Tugenden sind ganz dein.« Während sie so sprach, legte sie ihre Hand auf des Schmieds Arm, und diesen mit sanfter Gewalt, der er nicht zu widerstehen vermochte, unter seinem Kopfe wegziehend, zwang sie ihn, sie seine männlichen Züge und die Thränen sehen zu lassen, welche Katharinens Vorwürfe und andere Empfindungen, die sich ihm aufdrängten, hervorgerufen hatten. »Weine nicht,« sprach sie, »oder weine vielmehr,– aber weine gleich Jenen, welche Hoffnung haben. Entsage dem sündigen Stolz und Jähzorn, die dich am meisten plagen, wirf jene verfluchten Waffen von dir, deren verhängnißvoller, mörderischer Gebrauch dir eine leichte Versuchung bereitet.« »Ihr sprecht vergebens zu mir, Katharina,« erwiderte der Waffenschmied; »ich kann allerdings Mönch werden und mich von der Welt zurückziehen; aber so lang' ich in ihr lebe, muß ich mein Handwerk treiben, und so lang' ich für Andere Waffen verfertige, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, sie selbst zu gebrauchen. Ihr würdet mir nicht solche Vorwürfe machen, wüßtet Ihr, wie die Mittel, durch die ich meinen Unterhalt gewinne, von dem kriegerischen Geiste unzertrennlich sind, den Ihr mir zum Verbrechen macht, da er doch aus unvermeidlicher Nothwendigkeit hervorgeht. Während ich dem Schilde oder Panzer die erforderliche Festigkeit gebe, daß er den Hieben widerstehe, muß ich da nicht immer darauf denken, wie man diese führt, mit welcher Gewalt sie einschlagen, und wenn ich ein Schwert schmiede oder härte zum Kampfe, ist mir's da möglich, die Erinnerung an seinen Gebrauch zu vermeiden?« »Dann, mein lieber Harry, sagte das enthusiastische Mädchen, indem sie mit ihren niedlichen Händen die starke, nervige Faust des kräftigen Waffenschmieds ergriff, die sie nicht ohne Schwierigkeit aufhob, ohne daß der Schmied ihr widerstand, sondern sie ganz gewähren ließ– »dann werft die Kunst von Euch, die eine Schlinge der Versuchung für Euch ist. Entsagt der Verfertigung von Waffen, die nur dazu dienen können, das menschliche Leben zu verkürzen, das an sich schon zu kurz ist für die Reue, oder um durch ein Gefühl der Sicherheit diejenigen zu ermuthigen, welche ohnedies die Furcht abhalten konnte, sich der Gefahr bloßzustellen. Die Kunst, Waffen zu schmieden, sei's zum Angriff, sei's zur Vertheidigung, ist gleich strafbar für einen Mann, dessen heftiger Charakter in dieser Arbeit einen Fallstrick und Gelegenheit zum Sündigen findet. Entsagt also ganz der Kunst, Waffen zu schmieden, welcher Gattung sie auch sein mögen, und verdient Euch die Vergebung des Himmels, indem Ihr Allem abschwört, was Euch zu der Sünde verführen kann, die Ihr am leichtesten begeht.« »Und was,« murmelte der Waffenschmied, »soll ich für meinen Unterhalt thun, wenn ich der Kunst des Waffenschmiedens entsage, in welcher Harry vom Tay bis zur Themse bekannt ist?« »Eure Kunst selber,« sagte Katharina, »kann unschuldige und löbliche Zwecke erstreben. Wenn Ihr keine Schwerter und Schilde mehr schmiedet, so könnt Ihr den nützlichen Spaten, die friedliche Pflugschar und die Geräthschaften fertigen, die des Lebens Unterhalt gewinnen oder seine Freuden erhöhen helfen. Ihr könnt Riegel und Schlösser schmieden, um das Eigenthum des Schwachen gegen die Uebermacht des Stärkern und gegen die Angriffe der Räuber zu schützen. Die Menschen werden sich noch an dich wenden und belohnt wird dein bescheidener Fleiß–« Aber hier ward Katharina unterbrochen. Ihr Vater hatte die Reden gegen Krieg und Turniere mit einer Empfindung gehört, die, obwohl ihre Lehren neu für ihn waren, ihm sagte, daß sie trotzdem nicht ganz irrig sein möchten. Er wünschte sogar im Stillen, daß derjenige, der sein Schwiegersohn werden sollte, sich nicht aus freien Stücken den Gefahren aussetzen möchte, welchen sein unternehmender Geist und seine außerordentliche Stärke den Schmied bisher nur allzuleicht hatten entgegentreten lassen. So weit hätte er gewünscht, sollten Katharinens Worte auf das Gemüth ihres Verlobten wirken, der, wie er wußte, wo die Liebe im Spiele war, ebenso nachgiebig, als halsstarrig und unbeugsam blieb, wenn man ihn mit feindlichen Vorstellungen oder Drohungen angriff. Aber ihre Rede widersprach geradezu seinen Ansichten, als er sie darauf bestehen hörte, sein künftiger Schwiegersohn sollte ein Handwerk aufgeben, welches damals in Schottland das einträglichste war, und Harry von Perth mehr einbrachte, als jedem andern Waffenschmied des Königreichs. Er hatte eine undeutliche Vorstellung, daß es nicht schlimm gethan wäre, den Schmied von der Gewohnheit abzubringen, die Waffen allzuoft zu handhaben, ob es gleich auf der andern Seite seinem Stolze schmeichelte, mit einem Manne in näherer Verbindung zu stehen, der sie mit solcher Ueberlegenheit zu führen verstand, was in jener kriegerischen Zeit kein geringes Verdienst war. Als er aber hörte, wie seine Tochter ihrem Liebhaber als den kürzesten Weg, jene friedliche Stimmung des Gemüths zu gewinnen, den bezeichnete, daß er das einträgliche Handwerk aufgeben solle, worin es ihm Keiner gleichthat, und welches ihm bei den Fehden, die täglich stattfanden, und bei den häufigen Kriegen einen namhaften Gewinn sicherte, konnte er seinen Zorn nicht länger bemeistern. Kaum hatte Katharina ihrem Verlobten den Rath gegeben, Ackergeräthe zu fertigen, als ihr Vater, überzeugt, daß er recht habe, worüber er im Anfange der Rede seiner Tochter etwas zweifelhaft gewesen, sie mit den Worten unterbrach: »Schlösser und Riegel! Pflugscharen und Eggenzähne!– warum nicht lieber Schaufeln und Feuerzangen? da braucht' er weiter nichts, als einen Esel, der seine Waaren von Dorf zu Dorf trüge, und du könntest einen zweiten an der Halfter nachführen. Ei, Katharina, Mädchen, hast du den Verstand ganz verloren, oder meinst du, in diesem eisernen Jahrhundert werde man viele Leute finden, die ihr Geld für etwas Anderes ausgeben mögen, als für dasjenige, wodurch sie sich in den Stand gesetzt sehen, ihren Feinden das Leben zu nehmen oder das ihrige zu vertheidigen? Was wir gegenwärtig nöthig haben, thörichtes Mädchen, ist ein Schwert, uns zu schützen, keine Pflugschar, um die Erde zu öffnen und ihr die Saat anzuvertrauen, die wir vielleicht nimmer reifen sehen. Das tägliche Brod nimmt sich der Stärkere und lebt, der Schwache geht leer aus und stirbt Hungers. Glücklich, wer wie mein würdiger Sohn im Stande ist, sich seinen Unterhalt auf andere Weise zu gewinnen, als mit dem Schwert in der Hand, das aus seiner Werkstätte hervorgeht. Predige ihm den Frieden, so lange du magst– dagegen werd' ich nie etwas einwenden; aber dich dem ersten Waffenschmied in Schottland rathen hören, er solle keine Schwerter, Streitäxte und Rüstungen mehr fertigen, das heißt die Geduld selbst erschöpfen. Gehe mir aus den Augen! und morgen früh, wenn du das Glück hast, Harry Schmied zu sehen, was mehr ist, als dein Betragen verdient, so erinnere dich, daß du einen Mann siehst, der in Führung des Schwertes und der Streitaxt in Schottland seines Gleichen nicht hat, und der im Jahre fünfhundert Mark erwerben kann, ohne einen Feiertag zu entweihen.« Als die Tochter ihren Vater in so bestimmtem Tone sprechen hörte, verneigte sie sich ehrerbietig und zog sich ohne weitere Abschiedsworte nach ihrem Schlafgemach zurück. Drittes Kapitel. Woher kommt Schmied , ob Lord, ob Knapp', ob Ritter, Als von dem Schmied, der vor dem Amboß steht?                                                   Verstegan. Des Waffenschmieds Herz schwoll von verschiedenen widerstreitenden Empfindungen, so daß es den ledernen Koller sprengen zu wollen schien, unter welchem es verborgen lag. Er stand auf und streckte seine Hand dem Handschuhmacher entgegen, während er das Gesicht von ihm abkehrte, als wünsche er, daß man in seinen Mienen nicht seine Bewegung lesen möchte. »Wahrlich, hängt mich auf, wenn ich Euch jetzt Lebewohl sage, Mensch,« sprach Simon, seine Hand auf jene legend, die ihm der Waffenschmied entgegenhielt. »Unter einer Stunde mindestens will ich Euch die Hand nicht zum Abschied schütteln. Wartet einen Augenblick, Mann, und ich will Euch das Alles erklären. Gewiß werden einige Tropfen Blut aus der aufgeritzten Haut und etliche thörichte Worte von eines thörichten Mädchens Lippen Vater und Sohn nicht scheiden, wenn sie einander so lange nicht gesehen hatten? Bleib also, Mann, wenn dir etwas am Segen eines Vaters und des heiligen Valentin liegt, dessen heiliger Festabend heute ist.« Bald hörte man, wie der Handschuhmacher laut nach Dorothee rief, und nachdem dieselbe mit Schlüsseln geklimpert und Treppen auf- und abgelaufen, erschien sie mit drei großen Bechern von grünem Glas, was in jener Zeit für eine große und kostbare Seltenheit galt, und der Handschuhmacher folgte ihr mit einer großen Flasche, mindestens drei Quart unserer entarteten Zeit enthaltend. – »Da ist ein Glas Wein, Harry, mindestens die Hälfte älter, als ich selber; mein Vater erhielt ihn zum Geschenk vom alten wackern Crabbe, dem flämischen Ingenieur, der während der Minderjährigkeit David's II. Perth so tüchtig vertheidigte. Wir Handschuhmacher vermochten stets im Kriege etwas vor uns zu bringen, wenn dieser gleich nicht in so unmittelbarer Beziehung zu uns steht, wie zu Euch, die Ihr in Eisen und Stahl arbeitet. Mein Vater hatte sich die Gunst des alten Crabbe zu erwerben gewußt; ich will dir ein andermal sagen, bei welcher Gelegenheit und wie lange diese Flaschen eingegraben waren, um sie den englischen Plünderern zu entziehen. Ich will jetzt einen Becher auf das Wohl der Seele meines Vaters leeren – mögen ihm seine Sünden vergeben sein! Dorothee, du magst darauf Bescheid thun, dann kannst du in dein Schlafgemach gehen. Ich weiß, daß du die Ohren spitzest, Weib, aber ich habe zu sagen, was Niemand hören darf, außer Harry Schmied, mein angenommener Sohn.« Dorothee wagte nicht zu widersprechen, sondern nahm ihr Glas, oder vielleicht ihren Humpen, guten Muthes und zog sich sodann, wie ihr Herr befohlen hatte, in ihr Schlafgemach zurück. Die beiden Freunde blieben allein. »Es betrübt mich, Freund Harry,« sagte Simon, während er sein und seines Gastes Glas füllte, »es betrübt mich, bei meiner Seele, daß meine Tochter so übel gelaunt ist; aber es fällt auch, dünkt mich, ein Theil der Schuld auf dich. Warum kommst du mit Schwert und Dolch hierher, da du doch weißt, daß sie einfältig genug ist, den Anblick dieser Waffen nicht ertragen zu können? Erinnerst du dich nicht, daß du vor deiner Abreise nach Perth einen kleinen Streit mit ihr hattest, weil du dich nicht in die friedliche Tracht der ehrbaren Bürger kleiden willst, sondern immer bewaffnet sein mußt, wie die schurkischen Jackmans, die im Dienste des Adels stehen? Es ist wahrlich Zeit genug für einen friedsamen Bürger zu den Waffen zu greifen, wenn die Gemeindeglocke schallt, die uns in die Waffenrüstung ruft.« »Ach, mein guter Vater, das war nicht meine Schuld; aber kaum hatt' ich meinen Klepper verlassen, als ich hierher eilte, um Euch von meiner Rückkehr zu benachrichtigen und Euch um die Erlaubniß zu bitten, wenn's Euch gefällt, für dies Jahr Mistreß Katharinens Valentin zu sein. Nachdem ich von Mrs. Dorothee erfahren, daß Ihr Beide in die Dominikanerkirche gegangen waret, so entschloß ich mich, Euch dorthin zu folgen, theils, um mit Euch die Messe zu hören, und dann auch, möge mir's unsere liebe Frau und St. Valentin vergeben, um sie zu sehen, die so selten an mich denkt. Als Ihr in die Kirche ginget, sah ich drei Männer, die mir verdächtig schienen, während sie Euch und Katharina in's Auge faßten und sich mit einander beriethen; namentlich erkannte ich Sir John Ramorny trotz seiner Verkleidung recht gut, ungeachtet er ein sammetnes Band über dem einen Auge hatte und einen Mantel trug, wie ihn gewöhnlich die Diener haben. So dacht' ich, weil Ihr alt seid, Vater Simon, und der Lehrbursche mir etwas zu jung vorkam, um sich gut zu schlagen, ich würde wohl daran thun, Euch beim Nachhausegehen in der Stille zu folgen, weil ich nicht zweifelte, mit den Waffen, die ich trug, leicht einen Jeden, der Euch anzugreifen wagte, zurechtweisen zu können. Ihr habt, wie Ihr wißt, selber mich erkannt, und mich, ich mochte wollen oder nicht, eintreten heißen; sonst, das kann ich Euch versichern, wär' ich nicht vor Eurer Tochter erschienen, ohne vorher das Wams anzulegen, das ich mir in Berwick nach der neuesten Mode habe machen lassen, und hätte die Waffen, die sie nicht leiden kann, ihr nicht vor die Augen gebracht. Und gleichwohl, die Wahrheit zu sagen, haben so viele Leute, aus der oder jener Ursache, einen tödtlichen Haß auf mich geworfen, daß ich so gut als irgend ein Schotte nöthig habe, bei Nacht bewaffnet auszugehen.« »Das närrische Mädchen denkt daran nie,« sagte Simon Glover; »sie hat nicht so viel Verstand, zu erwägen, daß in unserm lieben Schottland Jeder das Recht und die Freiheit zu haben glaubt, sich selber Gerechtigkeit zu verschaffen. Aber Harry, mein Sohn, du thust Unrecht, daß du dir ihre Worte so zu Herzen nimmst. Ich habe dich kühn genug vor andern Mädchen gesehen – warum so still und wortkarg bei ihr?« »Weil sie verschieden von andern Mädchen ist, Vater Glover – weil sie nicht nur schöner, sondern auch klüger, höher, heiliger ist, und mir aus besserm Stoff gemacht zu sein scheint, als wir, die wir uns ihr nähern. Unter andern Mädchen kann ich den Kopf hoch tragen, wenn wir um den Maibaum tanzen; aber in Katharinens Nähe erscheine ich mir nur als ein gemeines, wildes Wesen, kaum werth, die Augen zu ihr zu erheben, und noch weniger, den Lehren, die sie mir gibt, zu widersprechen.« »Ihr seid ein unkluger Kaufmann, Harry Schmied,« erwiderte Simon, »und schätzt die Waaren zu hoch, die Ihr einkaufen wollt. Katharina ist ein gutes Mädchen und meine Tochter; aber wenn Ihr durch Eure Schüchternheit und Schmeichelei einen eingebildeten Affen aus ihr macht, so werdet weder Ihr noch ich unsere Wünsche erfüllt sehen.« »Ich fürchte es oft, mein guter Vater,« sagte der Schmied; »denn ich fühle, wie wenig ich Katharina verdiene.« »Ei was fühlen!« sagte der Handschuhmacher; »fühle für mich, Freund Schmied, für Katharina und für mich. Denke, wie das arme Kind vom Morgen bis zum Abend belagert wird, und von welchen Leuten, selbst wenn Thüren und Fenster geschlossen sind. Wir wurden heute von Einem bestürmt, der zu mächtig ist, als daß ich ihn nennen möchte – ja, und er hat seine üble Laune nicht zu bergen gesucht, als ich nicht dulden wollte, daß er in der Kirche während des Hochamts meiner Tochter Schmeicheleien vorschwatzte. Und so gibt's noch Viele, die sich ebenso ungeziemend benehmen. Daher hab' ich oft den Wunsch, Katharina möchte minder hübsch sein, daß sie diese gefährliche Bewunderung nicht erregte, oder etwas minder fromm, daß sie sich entschließen könnte, die ehrbare, zufriedene Hausfrau des wackern Harry Schmied zu werden, der sie gegen jede Unbilde der Ritterschaft des Hofes von Schottland schützen könnte.« »Und wenn ich's nicht thäte,« sagte Harry, eine Hand und einen Arm ausstreckend, deren Knochen und Muskeln einem Riesen anzugehören schienen, »so will ich nie mehr einen Hammer auf den Ambos fallen lassen. Ja, und wenn es dahin käme, so würde meine schöne Katharina einsehen, daß es nichts so gar Schlimmes ist, wenn ein Mann sich ein Bischen vertheidigen kann. Aber sie meint, glaub' ich, die Welt sei ein großer Dom, und Alle, die darin leben, müßten sich betragen, als wären sie bei einer ewigen Messe.« »Ja, in Wahrheit,« sagte der Vater, »sie übt einen seltsamen Einfluß auf diejenigen, die ihr nahen; – der hochländische Bursche, Conachar, der mir nun seit einigen Jahren zu schaffen macht, hat, wie du weißt, ganz die Art seiner Landsleute, und doch gehorcht er Katharinen auf das geringste Zeichen, und sie ist wirklich fast die Einzige im Hause, die ihn regieren kann. Sie gibt sich viel Mühe, ihn seine rauhen Hochlandsgewohnheiten ablegen zu lassen.« Hier ward Harry Schmied unruhig auf seinem Stuhle, er erhob die Flasche, stellte sie wieder hin und rief endlich: »Der Teufel hole den jungen Hochländerhund und seine ganze Sippschaft! Was braucht Katharina einen solchen Burschen zu unterweisen! Es wird ihr mit ihm gehen, wie mit dem jungen Wolf, den ich thörichter Weise als einen jungen Hund aufziehen wollte. Jedermann hielt ihn für zahm; aber in einem unglücklichen Augenblicke, da ich auf dem Berge Moncrieff mit ihm spazieren ging, warf er sich auf die Heerde des Laird und richtete unter dieser eine Verheerung an, die mir theuer zu stehen gekommen wäre, wenn der Laird nicht gerade eine Rüstung nöthig gehabt hätte. Daher wundert es mich, daß Ihr, Vater Glover, der Ihr doch ein Mann von Einsicht seid, diesen hochländischen Burschen – der seine Mucken hat, verlaßt Euch d'rauf – so nah' bei Katharina laßt, als wenn außer Eurer Tochter Niemand seine Schulmeisterin machen könnte.« »Pfui, mein Sohn, pfui, – Ihr seid jetzt eifersüchtig,« sagte Simon, »auf einen armen jungen Burschen, der sich, um Euch die Wahrheit zu sagen, hier nur aufhält, weil er auf der andern Seite des Gebirges nicht so gut leben kann.« »Ja, ja, Vater Simon,« entgegnete der Schmied, der all' die beschränkten Ansichten des Bürgers jener Zeit hatte, »fürchtete ich nicht, Euch zu beleidigen, so würde ich sagen, daß Ihr Euch mit jenem Volke draußen gar viel zu schaffen macht.« »Ich muß meine Rehhäute, Bockshäute, Elennshäute u. s. w. irgendwoher haben, mein guter Harry, und mit den Hochländern handelt sich's gut.« »Sie können gut mit sich handeln lassen,« erwiderte Harry trocken; »denn sie verkaufen blos gestohlene Waare.« »Nun gut – sei das, wie es wolle; es geht mich nichts an, woher sie das Thier haben, wenn ich nur die Häute bekomme. Aber, wie gesagt, gewisse Rücksichten nöthigen mich, den Vater des jungen Burschen zu verbinden, indem ich ihn im Hause behalte. Er ist auch nur ein halber Hochländer und hat gar nicht ihre ungeschlachte Art so ganz und gar; – überhaupt hab' ich ihn selten so heftig gesehen, wie er sich heute zeigte.« »Ihr konntet es auch nicht, wenn er nicht seinen Mann tödtete,« erwiderte der Schmied in demselben trockenen Tone. »Trotzdem, wenn Ihr es wünscht, Harry, will ich alle anderen Rücksichten bei Seite setzen, und den Burschen morgen früh ein anderes Quartier suchen lassen.« »Ach, Vater,« sagte der Schmied, »Ihr könnt glauben, daß dem Harry Gow nicht so viel an jener Bergkatze liegt, als an einer Kohle. Wahrlich, mich sollt' es nicht kümmern, seinen Clan das Schuhthor herab mit dem Slogangeschrei und klingendem Spiele kommen zu sehen; ich wollte fünfzig Klingen und Schilde finden, um sie schneller zurückzusenden, als sie kamen. Aber die Wahrheit zu sagen, so närrisch es auch klingen mag – es will mir nicht gefallen, den hartnäckigen Burschen so oft um Katharina zu sehen. Bedenkt, Vater Glover, daß Euer Handwerk Eure Hände und Augen in Anspruch nimmt, und daß Ihr demselben Eure ganze Aufmerksamkeit widmen müßt, selbst wenn der Taugenichts mit arbeitet, was, wie Ihr ja wißt, selten geschieht.« »Und das ist wahr,« sagte Simon; »er schneidet all' seine Handschuhe nur für die rechte Hand und konnte nie in seinem Leben ein Paar fertig machen.« »Ohne Zweifel sind seine Meinungen vom Zuschneiden anderer Art,« sagte Harry. »Aber mit Eurer Erlaubniß, Vater, wollt' ich nur sagen, daß er, ob er nun arbeitet oder nichts thut, keine schiefen Augen hat; seine Hände sind weder durch heißes Eisen verbrannt, noch durch Arbeit mit dem Hammer hart geworden; sein Haar ist nicht durch Rauch geschwärzt, noch am Ofen verbrannt, daß es einem Dachsfell ähnlicher sieht, als dem Haupthaar eines ehrlichen Christen. Mag nun Katharina eine noch so gute Tochter sein – und ich behaupte, sie ist die beste in ganz Perth – so muß sie doch sehen und wissen, daß dies Alles zwischen dem einen und dem andern Mann einen Unterschied machen muß, und daß der Vergleich nicht zu meinen Gunsten ausfällt.« »Hier deine Gesundheit von ganzem Herzen, Sohn Harry!« sagte der alte Mann, seinem Gefährten einen Becher und einen zweiten für sich selber füllend; »ich sehe, daß du, ein so guter Schmied du auch bist, doch das Metall nicht kennst, woraus Weiber gemacht sind. Du must dreister sein, Harry, und dich nicht benehmen, als gingest du zum Galgen, sondern als ein munterer Gesell, der weiß, was er werth ist, und sich von der besten der Töchter Eva's nicht überzeugen läßt. Katharina ist ganz wie ihre Mutter, und du irrst dich gewaltig, wenn du meinst, daß alle Weiber sich nur durch's Auge einnehmen lassen. Man muß auch ihr Ohr unterhalten, Mann. Eine Frau muß wissen, daß der, dem sie den Vorzug gibt, dreist und entschlossen ist, und die Gunst von zwanzig Andern gewinnen könnte, ob er sich gleich nur um die ihrige bewirbt. Glaube das einem Alten; die Weiber lassen sich öfter durch die Meinung Anderer bestimmen, als durch ihre eigne. Wenn Katharina fragt, wer der entschlossenste Mann in Perth sei, was wird sie zur Antwort erhalten? Harry, der Schmied. Wer der beste Waffenschmied, der je eine Wehr auf dem Ambos gehabt? Harry Schmied. Der gewandteste Tänzer? Der lustige Waffenschmied. Wer die besten Lieder singt? Harry Gow. Der beste Kämpfer, der mit Schwert und Schild am tüchtigsten umzugehen, ein Pferd zu bändigen und einen wilden Hochländer zurechtzuweisen versteht? Das bist du ebenfalls – immer wieder du – Keiner sonst als du. Und dir sollte sie den winzigen Hochländerknaben vorziehen? pfui, da könnte sie ebenso gut einen Blechhandschuh mit einem Rehfell überziehen! Ich sage dir, Conachar ist ihr gar nichts werth, höchstens, daß sie ihn aus den Krallen des Satans retten möchte, welcher meint, er sei ihm, wie die andern Hochschotten, verfallen. Der Himmel segne sie, das arme Geschöpf! sie möchte die ganze Menschheit auf bessere Gedanken bringen, wenn sie könnte.« »Was ihr ganz gewiß fehlschlagen wird« – sagte der Schmied, der, wie der Leser gemerkt haben kann, dem Geschlechte der Hochländer nicht gewogen war. »Ich möchte hier für den Satan wetten, von dem ich was verstehen muß, weil er ein Arbeiter im nämlichen Elemente wie ich ist, gegen Katharina – der Teufel wird den Tartan holen, das ist so gut wie gewiß.« »Ja, aber Katharina,« erwiderte der Handschuhmacher, »hat einen Beistand, von dem du wenig verstehst – Pater Clemens hat sich des jungen Burschen angenommen, und der fürchtet hundert Teufel so wenig, als ich eine Heerde Gänse.« »Pater Clemens?« sagte der Schmied; »Ihr macht immer einen neuen Heiligen in dieser guten Stadt St. Johnston. Bitt' Euch, wer mag der Teufelsbändiger sein? Einer Eurer Einsiedler, der sich zum heiligen Werke vorbereitet, wie ein Ringer zum Kampfe, und sich durch Fasten und Buße dazu geschickt macht – nicht so?« »Nein, das ist das Wunderbare bei der Sache,« sagte Simon; »Vater Clemens ißt, trinkt und lebt ganz wie die anderen Leute – trotzdem beobachtet er streng alle Regeln der Kirche.« »O, ich begreife! ein lustiger Priester, der lieber fröhlich als heilig lebt, – der am Abend vor Aschermittwoch eine Kanne leert, um sich für die Fasten zu stärken – ein Lebemann, der die artigsten Weiber der Stadt zur Beichte hört?« »Ihr seid immer noch im Irrthum, Schmied. Ich sag' Euch, meine Tochter und ich können weder einen Fastenden, noch einen vollen Heuchler ausstehen. Aber Pater Clemens ist weder der eine noch der andere.« »Aber was ist er denn, in des Himmels Namen?« »Einer, der entweder viel besser ist, als die Hälfte seiner Brüder von St. Johnston zusammengenommen, oder so vielmal schlimmer, als der Schlimmste von ihnen, daß es eine Sünde und Schande wäre, ihn im Lande zu dulden.« »Mich dünkt, es wäre leicht zu sagen, ob er der eine oder der andre ist,« sagte der Schmied. »Begnügt Euch, mein Freund,« sagte Simon, »zu wissen, daß, wenn Ihr Pater Clemens nach dem beurtheilt, was Ihr ihn thun sehet und sprechen hört, er Euch als der beste und wohlthätigste Mensch von der Welt erscheinen muß; denn er ist der Trost der Traurigen und der Rath der Dürftigen, der sicherste Führer des Reichen und des Armen bester Freund. Aber hört Ihr auf das, was die Dominikaner von ihm sagen, so ist er – benedicite! (hier bekreuzte sich der Handschuhmacher auf Stirn und Brust) ein schnöder Ketzer, der mittels irdischer Flammen zu denen geschickt werden sollte, welche ewig brennen.« Der Schmied bekreuzte sich gleichfalls und rief aus: – »Heilige Maria! Vater Simon, und Ihr, der Ihr so viel Einsicht und Verstand habt, daß man Euch den weisen Handschuhmacher von Perth nennt, Ihr duldet, daß Eure Tochter einen Menschen zum Beichtvater hat, der – alle Heiligen schützen uns! – mit dem bösen Feinde selber im Bunde stehen soll? Wie? ist es nicht der Priester, der im Meal-Vennel den Teufel beschwor, als Hodge Jackson's Haus von einem Sturmwind eingerissen wurde? Und erschien nicht der Teufel mitten im Tay mit einem Skapulier und grunzte im Wasser wie ein Meerschwein, an dem Morgen, als unsre schöne Brücke fortgerissen wurde?« »Ich kann nicht sagen, ob er's that oder nicht,« sagte der Handschuhmacher; »ich weiß nur, daß ich ihn nicht sah. Was Katharina betrifft, so kann man nicht sagen, daß Pater Clemens ihr Beichtvater sei, da dies der alte Pater Francis, der Dominikaner, ist, der ihr heute die Absolution ertheilt hat. Aber die Weiber sind bisweilen eigenwillig, und gewiß ist, daß sie öfter, als ich wünschte, mit Pater Clemens Verathung hält. Und doch ist er mir selber, so oft ich ihn gesprochen habe, so tugendhaft und fromm erschienen, daß ich ihm gern das Heil meiner Seele anvertrauen würde. Es sind schlimme Gerüchte über ihn bei den Dominikanern im Umlauf, das ist wahr; aber was geht das uns Laien an, mein Sohn? Leisten wir unsrer heiligen Mutter Kirche, was ihr gebührt, geben Almosen, beichten, thun die Buße, die uns auferlegt wird, und die Heiligen werden mit uns sein.« »Ja, sicherlich; und sie werden ein Einsehen haben,« sagte der Schmied, »wegen eines raschen und unglücklichen Schlages, den ein Mann in einem Kampfe austheilt, wenn er sich zu vertheidigen hat; und das ist das einzige Glaubensbekenntniß, mit dem ein Mann in Schottland leben kann, Eure Tochter mag darüber denken, wie sie will. Wahrlich, ein Mann muß zu fechten verstehen, oder sein Leben ist nur auf kurze Frist geliehen in einem Lande, wo Schläge so reichlich fallen. Fünf Rosenobel haben mir für den besten Mann, mit dem ich ein Unglück hatte, Sühne bei unserem Altar verschafft.« »So laß uns denn vollends unsere Flasche leeren,« sagte der alte Handschuhmacher; »denn ich höre vom Dominikanerthurm Mitternacht schlagen. Und nun hör' an, Sohn Harry: sei ganz früh an unserm Fenster, das gen Morgen sieht, und gib mir von deiner Ankunft ein Zeichen, indem du leise die Schmiedeweise pfeifst. Ich will dafür sorgen, daß Katharina zum Fenster heraussieht, und so erhältst du für den Rest des Jahres alle Vorrechte eines artigen Valentin; wenn du diese nicht zu deinem Vortheil nutzen kannst, so werde ich glauben müssen, daß, wenn du auch in die Löwenhaut gehüllt bist, dir die Natur doch die langen Ohren des Esels gelassen hat.« »Amen, Vater,« sagte der Waffenschmied; »ich wünsch' Euch herzlich gute Nacht und Gottes Segen auf Euer Dach und diejenigen, die es deckt. Ihr sollt des Schmieds Signal mit dem Hahnenschrei hören; ich werde gewiß den Herrn ›Hellsänger‹ beschämen.« So sprechend nahm er Abschied; und obwohl völlig furchtlos, ging er durch die verlassenen Straßen doch sehr vorsichtig nach seiner Behausung, welche im Mill Wind, am westlichen Ende von Perth, lag. \</leer\> Viertes Kapitel. Was all die Unruh' nun bedeuten mag? Nur eines armen, jungen Herzens Schlag. Dryden. Der muntere Waffenschmied war, wie man glauben kann, keineswegs träge in Vollzug der Weisung, die ihm sein künftiger Schwiegervater gegeben hatte. Er wandte mehr als gewöhnliche Sorgfalt auf seinen Anzug, indem er diejenigen Stücke, die ein kriegerisches Ansehen hatten, möglichst in Schatten stellte. Er war zu bekannt, um in einer Stadt gänzlich unbewaffnet zu gehen , wo er zwar viele Freunde, aber auch, in Folge seiner früheren Thaten, viele Todfeinde hatte, von denen, wie ihm wohlbewußt war, wenig Schonung zu erwarten stand, wenn sie Anlaß fanden, ihn vortheilhaft anzugreifen. Er trug deshalb unter seiner Kleidung ein Panzerhemd, welches so leicht und fügsam war, daß es ihm in seinen Bewegungen ebenso wenig hinderlich war, als eine Weste der neueren Zeit, während er sich gleichwohl völlig sicher damit fühlen konnte, da er jeden Ring daran selber geschmiedet und an einander gefügt hatte. Ueber dieser Rüstung hatte er, gleich den andern Bürgern seines Alters, die Hosen und das Wams der Niederländer, die zu Ehren des Feiertags von feinstem englischem Tuche, lichtblau mit schwarzem Taffet aufgeschlitzt und mit einer Stickerei von schwarzer Seide ausgenähet waren. Seine Stiefel waren von Korduan und sein Mantel, von derbem, grauem, schottischem Tuche, diente dazu, ein kurzes, im Gürtel steckendes Schwert zu verbergen. Dies war seine einzige Waffe zum Angriff, denn in der Hand trug er nur eine Stechpalme. Seine schwarze Sammetmütze war mit Stahl ausgelegt und zwischen dem Metall und seinem Kopfe mit Wolle gefüttert, so daß sie ein Mittel der Vertheidigung gab, worauf er sich verlassen konnte. Im Ganzen zeigte Harry, wie es ihm wohl zukam, das Ansehen eines reichen und angesehenen Bürgers, der in seiner Kleidung so viel Pracht entfaltete, als er durfte, ohne sich über seinen Stand zu erheben und in den des Adels einzugreifen. Auch hatte sein freies und männliches Benehmen, obwohl es seinen gänzlichen Gleichmuth hinsichtlich der Gefahr anzeigte, doch nicht die geringste Aehnlichkeit mit dem der Raufbolde und Prahler jener Zeit, mit denen man Harry bisweilen, jedoch mit Unrecht, verwechselte, weil man seine häufigen Händel einem heftigen Charakter zuschrieb, dessen Quelle aus dem Bewußtsein seiner persönlichen Stärke und seiner Geschicklichkeit in Führung der Waffen entspringen sollte. Seine Züge trugen vielmehr nur den Ausdruck gutmüthiger Offenheit, die nicht daran dachte, Jemand zu kränken, während sie gleichwohl keinen Angriff fürchtete. Nachdem er sich auf's Beste angekleidet, steckte der ehrsame Waffenschmied in den Busen, zunächst seinem Herzen (welches dabei heftig klopfte), ein kleines Geschenk, welches er lange schon für Katharina Glover angeschafft hatte, und das seine Eigenschaft als Valentin ihn bald berechtigen sollte ihr zu überreichen, so wie sie, es ohne Bedenken anzunehmen. Es war ein kleiner Rubin, in Form eines von einem goldnen Pfeil durchbohrten Herzens geschnitten, und in ein Kästchen aus Stahlringen von der feinsten Arbeit gefaßt, wie wenn es für einen König bestimmt gewesen wäre. – Rings um den Rand der Kapsel standen die Worte: »Der Liebe Pfeil Durchbohrt das Herz Trotz Panzers Erz.« Diese Devise hatte dem Waffenschmied einiges Nachdenken gekostet, und er war sehr zufrieden mit seiner Idee, weil sie anzudeuten schien, daß seine Kunst alle Herzen vertheidigen könne, außer sein eignes. Er hüllte sich in seinen Mantel und eilte durch die noch stillen Straßen, entschlossen, noch etwas vor dem Morgengrauen am bezeichneten Fenster zu erscheinen. In dieser Absicht ging er durch die Highstreet und wandte sich über den Platz, wo jetzt St. John's Kirche steht, um nach der Curfewstraße zu gehen; da schien es ihm, nach dem Ansehen des Himmels, als sei es mindestens um eine Stunde zu früh für seinen Zweck, und es sei besser, am Platze des Rendezvous nicht vor der bestimmten Zeit zu erscheinen. Andere Liebhaber mochten wahrscheinlich so gut als er beim Hause des schönen Mädchens von Perth auf der Lauer stehen, und er kannte seine Schwäche zu wohl, um nicht zu fühlen, daß er dann in Gefahr sei, mit ihnen Streit zu beginnen. »Ich habe den Vortheil,« dachte er, »daß Vater Simon mein Freund ist; und warum sollte ich meine Finger mit dem Blute armer Geschöpfe beflecken, die meiner Aufmerksamkeit nicht werth sind, weil sie minder glücklich sind, als ich? Nein, diesmal will ich klug sein und jede Versuchung zum Streite fern von mir halten. Ich will ihnen nur so viel Zeit gönnen, Händel mit mir zu suchen, als nöthig ist, das verabredete Zeichen zu geben, und von Vater Simon Antwort zu erhalten. Ich kann mir's nicht denken, wie er's angreifen wird, seine Tochter an's Fenster zu bringen. Ich fürchte, wenn sie seine Absicht wüßte, würde es Schwierigkeiten haben, sie zu erreichen.« Während diese Gedanken, wie sie einem Liebhaber eigen, durch sein Hirn zogen, mäßigte der Waffenschmied seinen Schritt, oft die Augen gen Osten wendend und das Firmament beobachtend, wo noch kein leiser grauer Streif erschien, um die Nähe der Frühdämmerung zu verkündigen, obwohl sie nicht fern, so daß es der Ungeduld des rüstigen Waffenschmieds vorkam, als zögere die Morgenröthe diesmal länger als gewöhnlich. Langsam ging er an der Mauer der St. Annenkapelle vorüber (wobei er nicht verfehlte, ein Kreuz zu schlagen und ein Ave zu sprechen, während er den geweihten Boden betrat), als eine Stimme, die hinter einem der Kapellenpfeiler hervorzukommen schien, sagte: »Er schlendert, da ihm noth thäte zu laufen.« »Wer spricht?« sagte der Waffenschmied, sich umschauend und etwas überrascht über eine in Ton und Ausdruck so unerwartete Stimme. »Thut nichts zur Sache, wer spricht,« antwortete dieselbe Stimme. »Beeile dich sehr, sonst wirst du kaum zur rechten Zeit kommen. Verschwende nicht Worte, sondern geh'.« »Heiliger oder Bösewicht, Engel oder Teufel,« sagte Harry, sich bekreuzend, »dein Rath geht mich zu nahe an, um vernachlässigt zu werden. Heiliger Valentin, leih' mir Schnelligkeit!« So sprechend, vertauschte er alsbald seinen langsamen Gang mit einem, dem wohl Wenige Schritt gehalten hätten, und im Augenblick befand er sich in der Curfewstraße. Er hatte noch keine drei Schritte gegen Simon Glover's Haus gethan, das in der Mitte der engen Straße lag, als zwei Männer, die sich zu beiden Seiten an der Mauer aufgestellt hatten, wie durch verabredete Bewegung auf ihn zukamen, um ihm den Weg zu vertreten; das unvollkommene Licht ließ ihn nur unterscheiden, daß sie das hochschottische Gewand trugen. »Räumt den Weg, Räuber,« sagte der Waffenschmied mit der tiefen Stimme, welche der Breite seiner Brust entsprach. Sie antworteten nicht, zum wenigsten nicht verständlich, aber er konnte sehen, daß sie ihre Schwerter zogen, in der Absicht ihm Gewalt entgegenzusetzen. Etwas Schlimmes vermuthend, ohne die Art desselben recht zu ahnen, entschloß sich Harry sofort, sich auf jeden Fall Bahn zu brechen und seine Geliebte zu vertheidigen, oder wenigstens zu ihren Füßen zu sterben. Er schlang seinen Mantel als Schild um seinen linken Arm und trat rasch und fest auf die beiden Männer zu. Der nächststehende führte einen Hieb gegen ihn, aber Heinrich, den Schlag mit dem Mantel parirend, schlug dem Menschen in's Gesicht und wußte ihn zu gleicher Zeit auf der Straße niederzuwerfen; fast im nämlichen Augenblick streckte er den Burschen, der ihm zur Rechten stand, mit einem Hieb seines Jagdmessers nieder, so daß er zu seinem Gefährten zu liegen kam. Inzwischen eilte der Waffenschmied unruhig vorwärts, wozu er guten Grund hatte, da die Straße von Fremden bewacht oder vertheidigt war, die sich solche Gewaltthaten erlaubten. Er hörte ein leises Flüstern am Hause des Handschuhmachers und gerade unter dem nämlichen Fenster, wo er gehofft hatte, Katharina zu erblicken und sich das Recht, ihr Valentin zu werden, zu erwerben. Er hielt sich auf der andern Seite der Straße, um die Anzahl und die Absichten derer, die sich hier befanden, zu erforschen. Aber einer von ihnen, die unter dem Fenster waren, hatte ihn gesehen oder gehört, lief, weil er ihn vermuthlich für eine der beiden Wachen hielt, über die Straße auf ihn zu und sagte mit halbunterdrückter Stimme: »Was bedeutet jener Lärm, Kenneth? Warum gabt Ihr nicht das Zeichen?« »Schurke,« sagte Harry, »Ihr seid entdeckt und sollt mit dem Leben bezahlen!« So sagend, führte er einen Hieb mit seiner Waffe gegen den Fremden, wodurch seine Drohung sich erfüllt haben würde, wenn der Mann nicht mit dem Arme den Hieb aufgefangen hätte, der seinem Haupte galt. Die Wunde mußte bedeutend sein, denn er wankte und fiel mit einem tiefen Seufzer. Ohne sich weiter um ihn zu kümmern, sprang Harry Schmied jetzt auf eine Schaar von Männern los, die, wie sich zeigte, damit beschäftigt waren, eine Leiter an das Fenster oben zu lehnen. Harry hielt sich nicht auf, sie zu zählen, bevor er an's Werk ging. Er erhob den Lärmruf der Stadt und gab das Zeichen, worauf sich die Bürger zu versammeln pflegen; damit warf er sich auf die Nachtschwärmer, deren einer bereits die Leiter erstieg. Der Schmied ergriff diese unten, warf sie auf das Pflaster, und indem er seinen Fuß auf den Körper des gestürzten Mannes setzte, hinderte er diesen aufzustehen. Die Genossen desselben griffen Harry heftig an, um ihren Gefährten zu befreien; aber sein Panzerhemd leistete ihm trefflichen Dienst, und reichlich gab er ihre Streiche zurück unter dem Rufe: »Helft, helft, es gilt St. Johnston! – Bogen und Klingen, brave Bürger! Man bricht in unsere Häuser im Schatten der Nacht!« Diese Worte, welche weit durch die Straßen hallten, waren von eben so vielen heftigen Hieben begleitet, die mit gutem Erfolg unter diejenigen ausgetheilt wurden, welche den Waffenschmied angriffen. Inzwischen begannen die Bürger aufzustehen und erschienen auf der Straße im Hemd, aber mit Schwertern und Schilden, einige auch mit Fackeln. Nun versuchten die Unbekannten zu entkommen, und dies gelang ihnen auch, bis auf denjenigen, der mit der Leiter umgeworfen worden war. Der muthige Waffenschmied hatte ihn in dem Augenblicke, wo er sich wieder aufrichtete, an der Kehle gefaßt und hielt ihn so fest, wie der Windhund den Hasen. Die andern Verwundeten waren von ihren Kameraden fortgetragen worden. »Hier ist ein Stück von Schurken, wie sie den Frieden der Stadt brechen,« sagte Harry zu den Nachbarn, die sich zu versammeln begannen; »eilt den Schuften nach. Sie können nicht alle davonkommen, denn ich habe einige von ihnen gezeichnet; das Blut wird euch auf ihre Spur führen.« »Einige hochländische Räuber,« sagten die Bürger – »auf und ihnen nach, Nachbarn!« »Ja, ja, nach! laßt mich den Burschen hier handhaben!« fuhr der Waffenschmied fort. Die Andern zerstreuten sich nach verschiedenen Richtungen, während ihre Fackeln leuchteten und ihr Geschrei durch den ganzen umliegenden Bezirk widerhallte. Unterdessen bat des Waffenschmieds Gefangener um Freiheit, indem er Versprechungen und Drohungen anwendete. »Wenn du ein Edelmann bist,« sagte er, »laß mich gehen, und was geschehen ist, soll vergeben sein.« »Ich bin kein Edelmann,« sagte Harry – »ich bin Harry vom Wynd, ein Bürger von Perth; und ich habe nichts gethan, was Vergebung bedarf.« »Schurke, du weißt nicht, was du gethan hast! Aber laß mich gehen, und ich will deine Mütze mit Goldstücken füllen.« »Ich will deine Mütze gleich mit einem gespaltenen Kopfe füllen,« sagte der Waffenschmied, »wenn du nicht als Gefangener ordentlich still hältst.« »Was gibt's da, mein Sohn Harry?« sagte Simon, der jetzt am Fenster erschien. – »Ich höre deine Stimme in einem andern Tone, als ich erwartete. – Was soll all' dieser Lärm; und warum versammeln sich die Nachbarn allesammt?« »Es hat eine Schaar Schufte Euer Fenster ersteigen wollen, Vater Simon; aber ich werde wohl bei einem von ihnen Gevatter stehen, den ich hier halte, fest, wie eine Zange das Eisen.« »Hört mich, Simon Glover,« sagte der Gefangene; »laßt mich nur ein Wort mit Euch insgeheim sprechen, und befreit mich aus der Haft dieses eisenhändigen, bleitöpfigen Tölpels, so will ich Euch zeigen, daß man Euch und den Eurigen kein Leid thun wollte; und ferner will ich Euch sagen, was Euch von großem Vortheil sein wird.« »Ich sollte diese Stimme kennen,« sagte Simon Glover, der jetzt mit einer Blendlaterne an die Thür kam. »Sohn Schmied, laß diesen jungen Mann mit mir reden. Er ist nicht gefährlich, verlass' dich daraus. Bleib' nur einen Augenblick, wo du bist, und laß Niemand in's Haus treten, weder zum Angriff noch zum Schutz. Ich stehe dafür, daß der Herr nur einen St. Valentinsscherz im Sinne hatte.« So sprechend zog der alte Mann den Gefangenen hinein und schloß die Thür, Harry ein wenig überrascht über das unerwartete Licht lassend, worin sein Schwiegervater die Sache erblickte. »Ein Scherz!« sagte er; »das wär' mir ein wunderlicher Scherz geworden, wenn sie in's Schlafzimmer seiner Tochter gekommen wären! Und geglückt war's ihnen, wäre die freundliche Stimme nicht gewesen, die mich hinterm Kapellenpfeiler hervor gewarnt hat. Diese Stimme, wofern es nicht die der gepriesenen St. Anna war – und wer bin ich, daß sie mich würdigte zu mir zu sprechen? – durfte sich dort ohne ihre Zustimmung nicht hören lassen, und ich gelobe ihr eine Wachskerze, so lang wie mein Jagdmesser. Ja, daß ich mein großes Schwert nicht bei mir hatte! Diese Jagdmesser sind zwar fein und zierlich, aber sie gehören eher in die Hand eines Knaben, als in die des Mannes. O, mein alter zweihändiger Trojaner, wärst du in meinen Händen gewesen, statt zu Häupten meines Bettes zu hängen, die Beine dieser Schufte hätten nicht so rasch laufen sollen! Aber ich sehe Fackeln und bloße Klingen. Heda! halt! Seid ihr für St. Johnston? – Wenn Freunde der guten Stadt, seid ihr willkommen.« »Wir waren nur Jäger ohne Beute,« sagten die Städter. »Wir folgten den Spuren des Blutes nach dem Begräbnißplatz der Dominikaner, und haben zwischen den Gräbern zwei von den Schuften gesehen, die einen dritten trugen, der vermuthlich von Euch einige Merkmale bekommen hatte, Harry; aber sie haben das Thor erreicht, eh' wir an sie kommen konnten. Sie zogen die Klosterglocke, – das Thor öffnete sich und weg waren sie. So sind sie in Sicherheit, und wir können wieder in unsere kalten Betten und uns wärmen.« »Ja,« sagte einer von der Schaar, »die guten Dominikaner haben immer einen Bruder, der wacht, damit er das Thor jeder armen bedrängten Seele, die Schutz in der Kirche sucht, öffnen kann.« »Ja, wenn die arme gejagte Seele gut dafür bezahlen kann,« sagte ein Anderer; »aber wahrlich, ist er arm am Beutel, wie am Geiste, so kann er außen stehen bleiben, bis die Hunde zu ihm herankommen.« Ein Dritter, der einige Minuten lang mit der Fackel auf den Boden geleuchtet hatte, blickte jetzt empor und sprach ebenfalls. Er war ein munterer, rascher, ziemlich korpulenter, kleiner Mann, genannt Oliver Proudfute, wohlhabend und von Geltung in seiner Zunft, welches die der Strumpfwirker war; daher sprach er als ein Mann von Gewicht. – Kannst du uns sagen, lustiger Schmied,« – denn sie erkannten einander bei den Fackeln, die in die Straßen gebracht wurden, – »welcher Art die Schelme waren, die den Aufruhr in unserer Stadt machten?« »Die zwei, die ich zuerst sah,« antwortete der Waffenschmied, »schienen mir, soviel ich unterscheiden konnte, hochländische Plaids zu tragen.« »Ganz wahrscheinlich,« antwortete ein anderer Bürger, den Kopf schüttelnd. »Es ist eine Schande, daß die Lücken in unseren Mauern nicht ausgebessert sind, und daß diese landstreicherischen Hochländerschufte ehrliche Männer und Frauen in jeder hinreichend finstern Nacht aus ihren Betten scheuchen können.« »Aber seht hier, Nachbarn,« sagte Oliver Proudfute, eine blutige Hand zeigend, die er vom Boden aufgehoben hatte; »wann gehörte eine Hand wie diese einem Hochländer? Sie ist groß, das ist wahr, und starkknochig, aber zart wie eine Frauenhand, mit einem Ringe, der wie eine brennende Kerze funkelt. Simon Glover hat wohl schon Handschuhe für diese Hand gemacht, wenn ich mich nicht sehr irre, denn er arbeitet für alle Hofleute.« Die Zuschauer begannen hier mit verschiedenen Bemerkungen das blutige Pfand zu betrachten. »Wenn das der Fall ist,« sagte einer, »so wird für Harry Schmied das Beste sein, ein paar flinke Fersen zu zeigen, da der Richter den Schutz eines Bürgerhauses schwerlich als Entschuldigung für das Abhauen einer Edelmannshand gelten lassen wird. Die Gesetze über Verstümmelung sind hart.« »Pfui über Euch, daß Ihr so sagen könnt, Michael Wabster,« antwortete der Strumpfwirker; »sind wir nicht Stellvertreter und Nachkommen der wackern, alten Römer, welche Perth so ähnlich als möglich ihrer eigenen Stadt erbauten? Haben wir nicht Urkunden von all' unsern erlauchten Königen, die uns für ihre getreuen Unterthanen erklärten ? Wolltet Ihr zusehen, daß wir unsern Rechten, Gerechtsamen, Freiheiten, unserer hohen, mittlern und niedern Gerichtsbarkeit und unserm Rechte entsagten, Geldbußen, Verpfändungen und selbst Todesstrafe zu verhängen, falls einer auf frischer That ertappt wird? Dürfen wir dulden, daß das Haus eines ehrbaren Bürgers angegriffen wird, ohne daß er dafür Genugthuung erhält? Nein, wackere Genossen, Mitbrüder und Bürger, der Tag soll eher nach Dunkeld zurückfließen, ehe wir uns solcher Ungerechtigkeit unterwerfen!« »Und wie können wir uns helfen?« sagte ein würdiger, alter Mann, der auf sein zweihändiges Schwert gelehnt stand – »was können wir thun?« »Wahrlich, Bailie Craigdallie, mich wundert, daß Ihr unter Allen die Frage thut. Ich wollte, wir gingen von hier Alle mit einander als brave Leute vor den König, selbst auf die Gefahr, seine Ruhe zu stören, stellten ihm vor, wie mißlich es für uns sei, zu gegenwärtiger Jahreszeit das Bett verlassen zu müssen, beinahe ohne alle andere Bedeckung, als das Hemd, zeigten ihm diese blutige Hand und bäten ihn, mit seinem königlichen Munde zu entscheiden, ob es recht und billig sei, daß seine getreuen Unterthanen durch die Ritter und Edeln seines ausschweifenden Hofes derartig behandelt werden. Und das hieße ich unsere Sache frisch verfechten.« »Frisch, sagst du?« erwiderte der alte Bürger; »ei, so frisch und warm, daß wir Alle vor Kälte sterben würden, Freund, ehe der Thürsteher den Schlüssel im Schloß umgedreht hätte, uns vor den König zu lassen. – Kommt, Freunde, die Nacht ist bitter. – Wir haben unsere Wache als Männer gehalten und unser wackerer Schmied hat zwei von denen, die uns eine Unbill anthun wollten, eine Lehre gegeben, die mehr fruchten wird, als zwanzig Bescheide des Königs. Morgen ist wieder ein Tag, da wollen wir wieder hier zusammenkommen, um über die Maßregeln Rath zu halten, die ergriffen werden müssen, um die Schurken zu entdecken und zu verfolgen. Und daher laßt uns jetzt gehen, bevor uns das Blut in den Adern erstarrt.« »Bravo, bravo, Nachbar Craigdallie – St. Johnston lebe hoch!« Oliver Proudfute hätte gern noch gesprochen, denn er war einer jener erbarmungslosen Redner, welche meinen, daß ihre Beredsamkeit alle Unbequemlichkeiten der Zeit, des Orts und der Umstände aufwiegt. Aber Keiner wollte mehr hören, und die Bürger zerstreuten sich nach ihren Häusern beim Lichte der Frühdämmerung, welche den Horizont zu färben begann.« Sie waren kaum gegangen, als sich die Thüre von Glovers Hause öffnete und der alte Mann, den Schmied bei der Hand nehmend, diesen hineinzog. »Wo ist der Gefangene?« fragte der Waffenschmied. » Er ist fort – entflohen – entkommen – was weiß ich von ihm?« sagte der Handschuhmacher. »Er entkam durch die Hinterthür und so durch den kleinen Garten. – Denkt seiner nicht, sondern kommt und seht die Valentine, deren Ehre und Leben Ihr diesen Morgen gerettet habt.« »Laßt mich nur die Waffe in die Scheide stecken,« sagte der Schmied – »laßt mich nur meine Hände waschen.« »Da ist kein Augenblick zu verlieren, sie ist auf und fast angekleidet. – Herein, Freund. Sie soll dich sehen mit deiner guten Wehr in der Hand und mit Schurkenblut an deinen Fingern, damit sie erkennt, was eines ächten Mannes Dienst werth ist. Sie hat mir den Mund nur zu lange mit ihrer Sprödigkeit und ihrer Bedenklichkeit geschlossen. Ich will, daß sie wisse, was eines braven Mannes Liebe gilt und eines kühnen Bürgers obendrein.« Fünftes Kapitel. Auf, schöne Dame, kämm' dein Haar, Komm in den Morgen frisch und klar; Auf, flieh' das Bett, die Stunden floh'n. Die Kräh'n umschrien den Thurm längst schon.                                           Joanna Baillie Durch den lärmenden Auftritt aus ihrer Ruhe emporgeschreckt, hatte das schöne Mädchen von Perth in athemloser Angst den Tönen der Gewaltthat und dem Geschrei gelauscht, welches sich auf der Straße erhob. Sie war im Gebet um Hilfe auf ihre Kniee gesunken, und als sie die Stimmen der Nachbarn und Freunde unterschied, die sich zu ihrem Schutze versammelten, blieb sie in derselben Stellung, um dem Himmel zu danken. Sie kniete noch, als der Vater ihren Kämpen, Harry Schmied, fast in das Zimmer stieß; der schüchterne Liebhaber blieb anfangs unter der Thür stehen, als fürchtete er zu beleidigen, und dann, als er ihre Lage bemerkte, aus Ehrfurcht vor ihrer Andacht. »Vater,« sagte der Waffenschmied, »sie betet – ich wage so wenig, sie anzureden, als einen Bischof, wenn er die Messe liest.« »Nun, wie du denkst, tapferer und muthiger Thor,« sagte der Vater; »und dann fügte er, seine Tochter anredend, hinzu: »man dankt dem Himmel am besten, meine Tochter, durch Dankbarkeit, die wir gegen unsre Mitmenschen an den Tag legen. Hier kommt das Werkzeug, durch welches dich Gott vom Tode oder vielleicht vor Entehrung, schlimmer als der Tod, errettete. Nimm ihn auf, Katharina, als deinen redlichen Valentin, und als den, in welchem ich meinen lieben Sohn zu sehen wünsche.« »Nicht so – Vater,« antwortete Katharina. »Ich kann jetzt Niemand sehen oder sprechen. Ich bin nicht undankbar – vielleicht bin ich dem Werkzeuge meiner Rettung nur zu dankbar; aber laßt mich dem Schutzheiligen danken, der mir zur rechten Zeit Hilfe sandte, und gebt mir nur einen Augenblick, meinen Anzug zu vollenden.« »Nun, bei Gott, Mädchen, es wäre hart, dir die Zeit zum Ankleiden zu versagen, denn seit zehn Tagen ist das die einige weibliche Rede, die du hast hören lassen. Wahrhaftig, Sohn Harry, ich wollte, meine Tochter erlebte die Zeit, um eine ganze Heilige zu werden, wo man sie als die heilige Katharina die Zweite kanonisiren wird.« »Ei, scherzt nicht, Vater; denn ich will schwören, sie hat mindestens schon einen aufrichtigen Verehrer, der sich ihrem Willen geweiht hat, so gut es ein sündiger Mensch vermag. – Lebe denn wohl für den Augenblick, schönes Mädchen,« schloß er, seine Stimme erhebend, »und der Himmel sende dir Träume, so friedlich als deine Gedanken im Wachen. Ich gehe, um deinen Schlummer zu behüten, und wehe dem, der ihn stören sollte!« »Ach, guter und tapferer Harry, dessen warmes Herz so im Widerspruch mit deiner rauhen Hand steht, laß dich selbst nicht wieder in nächtliche Händel ein; nimm aber den freundlichsten Dank, und zugleich versuche die friedlichen Gedanken zu gewinnen, die du mir zuschreibst. Am Morgen werden wir uns sehen, damit ich Euch meiner Dankbarkeit versichern kann; – lebt wohl!« »Und lebt wohl, Gebieterin und Licht meines Herzens!« sagte der Waffenschmied, und die Treppe niedersteigend, die nach Katharinens Gemach führte, war er im Begriff, auf die Straße zu eilen, als der Handschuhmacher ihn am Arm ergriff. »Der Kampf von heute Nacht,« sagte er, »wird mir das Waffenklirren angenehmer machen, als ich je dachte, wenn es meine Tochter zu Verstande bringt, Harry, und sie lehrt, was du werth bist. Bei St. Macgrider! Ich liebe sogar jene Nachtschwärmer, und mich dauert der arme Liebhaber, dessen Linke nie wieder einen Schild tragen wird. Ja, er hat das verloren, was er Zeit seines Lebens vermissen wird, vorzüglich so oft er seine Handschuhe anziehen will, – ja, er wird künftig meinem Handwerke nur halbe Gebühren zahlen. – Wahrlich, keinen Schritt aus diesem Hause heut' Nacht,« – fuhr er fort. »Ich sage dir, du sollst uns nicht verlassen, mein Sohn.« »Das gedenk' ich nicht. Aber mit Eurer Erlaubniß will ich auf der Straße Wache halten. Der Angriff könnte erneuert werden.« »Und wenn auch,« sagte Simon, »so wirst du hier besser im Stande sein, sie abzutreiben, wenn du die vortheilhafte Stellung im Hause hast. Diese Weise zu fechten schickt sich für uns Bürger am besten – die nämlich, hinter steinernen Mauern Widerstand zu leisten. Unsere Pflicht, zu wachen für Sicherheit, lehrt uns diesen Kunstgriff; überdieß sind genug wach und munter, um uns bis zum Morgen Frieden und Ruhe zu sichern. So komm denn herein.« Mit diesen Worten zog er Harry, der nicht ungern folgte, in dasselbe Gemach, wo sie zu Abend gespeist hatten, und wo die alte Frau, die munter war, weil sie gleich Andern der nächtliche Lärm gestört hatte, bald Feuer anmachte. »Und nun, mein tapfrer Sohn,« sagte der Handschuhmacher, »sprich, welch' Getränk du willst, die Gesundheit deines Vaters zu trinken?« Harry Schmied hatte sich mechanisch auf einen alten, schwarzen Stuhl von Eichenholz niedersinken lassen, und starrte nun auf das Feuer, welches seine mannhaften Züge mit rother Gluth bestrahlte; halblaut murmelte er zu sich selber: – »Guter Harry – braver Harry – ach! hätte sie nur gesagt; lieber Harry!« »Was sind das für Getränke?« sagte der alte Glover lachend. »Mein Keller weiß nichts von dergleichen; aber wenn ich mit Sekt, Rheinwein oder Gascogner dienen kann, ei, so sagt es nur, und die Flasche soll schäumen – das ist Alles.« »Den freundlichsten Dank,« sagte der Waffenschmied, noch immer sinnend, – »das ist mehr, als sie je vorher zu mir sagte – den freundlichsten Dank – wozu kann das führen?« »Gewiß zum Besten, Freund,« sagte der Handschuhmacher, »wenn du nur mit dir reden läßt und sagst, was du zum Morgentrunk haben willst.« »Was du willst, Vater,« antwortete der Waffenschmied gleichgiltig und verfiel wieder in die Betrachtung der Rede Katharinens. »Sie sprach von meinem warmen Herzen; aber sie sprach auch von meiner rauhen Hand. Was auf der Welt kann ich thun, um diese Fechterlaune los zu werden? Gewiß hieb' ich am besten meine Rechte ab und nagelte sie an eine Kirchthür, damit sie mich nie mehr Vorwürfen aussetzte.« »Ihr habt für eine Nacht Hände genug abgehauen,« sagte sein Freund, eine Flasche Wein auf den Tisch setzend. »Was quälst du dich selber, mein Sohn? Sie würde dich schon doppelt lieben, sähe sie nicht, wie du in sie verliebt bist. Aber es wird nun ernsthaft. Ich mag nicht Gefahr laufen, meine Werkstätte zerstört und mein Haus geplündert zu sehen von den wilden Dienern der Edelleute, weil man sie das schöne Mädchen von Perth zu nennen beliebt. Nein, sie soll wissen, daß ich ihr Vater bin, und ich will den Gehorsam haben, wozu mich Gesetz und Evangelium berechtigen. Ich will, sie soll dein Weib werden, Harry, mein Goldsohn – dein Weib, mein Bester, und das, ehe viele Wochen vergehen. Wohlan, das gilt deiner fröhlichen Hochzeit, wackrer Schmid!« Der Vater leerte einen großen Becher und füllte ihn dann für den Sohn seiner Wahl, der ihn langsam zum Munde erhob; dann, eh' er ihn an die Lippen gebracht hatte, stellte er ihn plötzlich wieder auf den Tisch und schüttelte das Haupt. »Nun, wenn du mir nicht bei solcher Gesundheit Bescheid thun willst, so weiß ich keine bessere,« sagte Simon. »Was magst du im Sinn haben, närrischer Bursche? Hier ist ein Fall vorgekommen, der sie gewissermaßen in deine Macht gibt, da von einem Ende der Stadt bis zum andern Jedermann sie verachten würde, wenn sie Nein spräche. Hier bin ich ihr Vater, der nicht nur seine Einwilligung zu der Heirath gibt, sondern Euch auch gern so fest verbunden sehen will, als je eine Nadel Bocksleder zusammenfügte. Und während so Glück, Vater und Alles auf deiner Seite ist, siehst du wie ein trauriger Liebhaber in einer Ballade aus, ähnlicher Einem, der sich in den Tay stürzen will, als Einem, der um ein Mädchen zu werben gedenkt, das du ohne Mühe haben kannst, wenn du nur den glücklichen Augenblick wählst.« »Ach, aber dieser glückliche Augenblick, Vater! Es scheint mir sehr die Frage, ob Katharina je einen solchen Moment in diesem Leben haben wird, um einen groben, unwissenden Mann, wie mich, anzuhören. Ich kann nicht sagen, wie es ist, Vater; anderswo kann ich mein Haupt kühn tragen, wie ein anderer Mann, aber bei Eurer frommen Tochter verliere ich Herz und Muth, und ich kann nicht umhin, zu denken, daß es eben so gut wäre, wie Tempelraub, wenn ich mir ihre Zuneigung erschliche. Ihre Gedanken sind zu sehr auf den Himmel gerichtet, um für einen Meinesgleichen verschwendet zu werden.« »Ganz wie es Euch beliebt, Harry,« sagte der Handschuhmacher. »Meine Tochter drängt sich auch so wenig auf, als ich – ein hübscher Antrag ist keine Ursache zum Krieg; – nur wenn Ihr meint, ich werde ihren närrischen Gedanken an ein Kloster nachgeben, so verlaßt Euch darauf, daß ich denselben nie Gehör geben werde. Ich liebe und ehre die Kirche,« sagte er, sich bekreuzend. »Ich entrichte gern und gehörig ihre Gebühren, Zehnten und Almosen; Wein und Wachs entricht' ich, wie ich sage, so genau, als irgend ein Mann von meinen Mitteln in Perth; aber ich kann der Kirche mein alleiniges und einziges Lämmchen, das ich habe, nicht geben. Ihre Mutter war mir auf Erden lieb und ist nun ein Engel im Himmel, Katharina ist Alles, was ich habe, um mich an den Verlust Jener zu erinnern; und geht sie in's Kloster, so wird es geschehen, wenn sich diese alten Augen auf ewig geschlossen haben, aber eher nicht. Was jedoch Euch betrifft, Freund Gow, so bitt' ich Euch, daß Ihr so thut, wie es Euch selber am besten gefällt. Ich will Euch wahrlich kein Weib aufzwingen.« »Ach, da schmiedet Ihr nun das Eisen zwei Mal,« sagte Harry. »So endigen wir immer, Vater; Ihr werdet auf mich böse, weil ich nicht thue, was mich zum glücklichsten Menschen machen würde, wenn ich es vermöchte. Wenn in meinem Herzen ein einziger Tropfen Blutes fließt, der nicht mehr Eurer Tochter als mir selber angehörte, so soll im Augenblick der schärfste Stahl, den ich jemals schmiedete, dasselbe durchbohren. Aber was fordert Ihr? Kann ich weniger Achtung vor ihr haben, als sie verdient, oder mich höher stellen, als ich bin? Was Euch leicht und einfach dünkt, ist für mich eben so schwierig, als ein Panzerhemd aus Hanf zu machen. – Aber dieß gilt Euer Wohl, Vater,« fügte er in heiterem Tone hinzu; »und hier das Wohl meiner schönen Heiligen und meiner Valentine, was hoffentlich für dieß Jahr Eure Tochter sein wird. Ich will Euch nicht länger abhalten, Euer Haupt auf's Kissen zu legen; dann führt mich an's Gemach Eurer Tochter, bittet sie für mich um Erlaubniß, eintreten und ihr einen guten Morgen wünschen zu dürfen, und der Heiterste will ich sein, den die Sonne in der Stadt und meilenweit ringsum begrüßen wird!« »Kein übler Rath, mein Sohn,« sagte der ehrliche Glover; »aber was werdet Ihr thun? willst du mir zur Seite liegen, oder Conachars Bett theilen.« »Keines von beiden,« antwortete Harry Gow; »ich würde Eure Ruhe nur stören; und mir ist dieser bequeme Stuhl ein Dunenbett werth, und wie eine Schildwache will ich schlafen, mit den Waffen an der Seite.« Bei diesen Worten legte er die Hand an's Schwert. »Ach, der Himmel gebe, daß wir keine Waffen mehr brauchen. – Gute Nacht, oder vielmehr guten Morgen, bis der Tag uns weckt – wer zuerst erwacht, mag den Andern rufen.« So schieden die beiden Bürger. Der Handschuhmacher ging in sein Bett, und, wie sich vermuthen läßt, zur Ruhe. Der Liebhaber war nicht so glücklich. Sein starker Körper ertrug leicht die Anstrengung, die er im Laufe der Nacht erduldet hatte, aber sein Geist war minder abgehärtet. In einer Beziehung war er nur der muthige Bürger seiner Zeit; stolz darauf, in der Kunst, die Waffen zu handhaben, sich ebenso auszuzeichnen, wie in der, sie zu fertigen, hatte seine Eifersucht gegen Handwerksgenossen, seine persönliche Stärke und Gewandtheit im Fechten ihn in viele Händel verwickelt, die ihn allgemein gefürchtet machten und ihm selbst viele Feinde zugezogen hatten. Er verband jedoch mit diesen Eigenschaften die Güte und Treuherzigkeit eines Kindes, und zugleich eine hohe Einbildungskraft und Begeisterung, die mit seinen Arbeiten am Herde oder seinen Kämpfen wenig im Einklang zu stehen schienen. Das Feuer und Ungestüm, welches er aus alten Balladen geschöpft hatte, oder aus Romanzen, der einzigen Quelle von Allem, was er wußte, hatten ihn vielleicht zum Theil zu manchen seiner Thaten begeistert, die für ihn häufig das Ansehen des Ritterthums hatten. Zum mindesten war er überzeugt, daß seine Liebe zu der schönen Katharina eine Zartheit hatte, wie sie dem niederen Knappen geziemt hätte, der, wenn man der Ballade glauben will, mit dem Lächeln der ungarischen Königstochter geehrt wurde. Seine Gefühle für sie waren eben so schwärmerisch, als hätten sie einen wahren Engel zum Gegenstande gehabt; und daher glaubte der alte Simon und Alle, die ihn beobachteten, seine Leidenschaft sei zu erhabener Art, als daß er sein Glück bei einem Mädchen machen könnte, das aus demselben Stoffe wie andere Sterbliche gemacht wäre. Sie irrten sich jedoch. So bescheiden und zurückhaltend Katharina war, besaß sie doch ein Herz, welches die Beschaffenheit und die Tiefe der Leidenschaft des Waffenschmieds fühlen und verstehen konnte; und ob sie nun diese erwiderte oder nicht, jedenfalls war sie doch auf die Anhänglichkeit des gefürchteten Harry Gow im Stillen eben so stolz, als es die Heldin eines Romans auf die Gesellschaft eines zahmen Löwen sein könnte, der ihr zu Schutz und Vertheidigung folgt. Mit Empfindungen der aufrichtigsten Dankbarkeit erinnerte sie sich, als sie am Morgen erwachte, der Dienste Harry's im Lauf der ereignißvollen Nacht, und ihr erster Gedanke war, wie sie ihm diese Empfindungen deutlich machen möchte. Hastig vom Lager aufstehend und fast über ihren Vorsatz erröthend, sagte sie zu sich selbst: »Ich bin kalt gegen ihn gewesen und vielleicht ungerecht; ich will nicht undankbar sein, obwohl ich seinen Wünschen nicht entsprechen kann; ich will nicht warten, bis mich mein Vater antreibt, ihn als meinen Valentin für das Jahr zu empfangen; ich will ihn aufsuchen und ihn selbst wählen. Ich habe andere Mädchen für kühn gehalten, wenn sie so etwas thaten; aber ich werde so meinen Vater am besten erfreuen und nur gegen den guten St. Valentin den schuldigen Brauch erfüllen, wenn ich mich diesem tapfern Manne dankbar bezeige.« Eilig warf sie ihre Kleider um, welche indeß nicht ganz in der gewohnten Weise geordnet waren, lief die Treppe hinab und öffnete die Thür des Zimmers, worin, wie sie vermuthete, ihr Liebhaber die Stunden nach dem Gefecht zugebracht hatte. Katharina hielt an der Thür inne und trug fast Bedenken, ihren Vorsatz auszuführen, der nicht nur erlaubte, sondern sogar erforderte, daß die Valentine des Jahres ihre Verbindung mit einem zärtlichen Kusse beginnen mußte. Man betrachtete es als eine besonders günstige Vorbedeutung, wenn der eine Theil den andern schlafend finden konnte, um ihn durch jene interessante Ceremonie zu erwecken. Nie bot sich eine schönere Gelegenheit, dieß geheimnißvolle Band zu knüpfen, als die, welche jetzt Katharina fand. Nach vielen und mannigfachen Gedanken war der muthige Waffenschmied endlich in dem Lehnstuhle, wo er sich niedergelassen, vom Schlaf überwältigt worden. Seine Züge hatten im Schlummer einen festern und männlichern Anstrich, als Katharina geglaubt hatte, die ihn bis jetzt immer nur sah, wie er zwischen Schüchternheit und Furcht, ihr zu mißfallen, schwankte, und daher gewohnt war, keinen besonders geistreichen Ausdruck in seinen Zügen zu entdecken. »Er sieht sehr ernst aus,« sagte sie; »wenn er unwillig werden sollte – und wenn er dann erwacht – wir sind allein – ob ich wohl Dorothee rufe – oder meinen Vater wecke – aber nein, es ist ein hergebrachter Brauch, und wird in aller jungfräulichen und schwesterlichen Liebe und Ehre geübt. Ich will nicht glauben, daß Harry es mißdeuten könne und kindische Schüchternheit soll meine Dankbarkeit nicht in Schlaf bringen.« So sagend, ging sie leichten, obwohl zögernden Schrittes durch das Zimmer, während sich bei ihrem Vorhaben ihre Wange dunkelroth färbte; und zu dem Stuhle des Schläfers schlüpfend, drückte sie einen Kuß auf seine Lippen, so leicht, als wäre ein Rosenblatt darauf gefallen. Der Schlummer mußte leicht gewesen sein, den eine solche Berührung unterbrechen konnte, und die Träume des Schläfers mußten mit der Ursache der Unterbrechung im Zusammenhange stehen, da Harry, sogleich sich erhebend, das Mädchen mit den Armen umfing und entzückt die Liebkosung zu erwidern suchte, welche seine Ruhe unterbrochen hatte. Aber Katharina widerstand seiner Umarmung, und da ihr Widerstreben mehr aus besorglicher Züchtigkeit, als aus falscher Scham zu entspringen schien, so ließ sie der schüchterne Liebhaber seiner Umarmung sich entwinden, aus der sie sonst, und wäre sie zehn Mal stärker gewesen, sich nicht hätte befreien können. »Nein, seid nicht böse, guter Harry,« sagte Katharina in dem freundlichsten Tone zu ihrem überraschten Liebhaber. »Ich habe St. Valentin sein Recht gethan, um zu zeigen, wie sehr ich den Freund schätze, den er mir für das Jahr gesendet hat. Laßt aber meinen Vater erst gegenwärtig sein, und ich will Euch nicht hindern, die Rache zu nehmen, zu welcher Ihr für den gestörten Schlaf berechtigt seid.« »Laßt dies kein Hinderniß sein,« sagte der alte Glover, entzückt in's Gemach eilend. – »Hin zu ihr, Schmied, hin zu ihr, und lehrt sie, was es heißt, einen Hund im Schlafe zu stören.« So ermuthigt umfaßte Harry, obwohl vielleicht mit minder beunruhigender Lebhaftigkeit, das erröthende Mädchen wieder mit seinen Armen, welche mit ziemlicher Huld gestattete, daß ihr Kuß erwidert und ein Dutzend Mal wiederholt ward, welches mit einer Energie geschah, sehr verschieden von der Art, durch welche eine so strenge Vergeltung verursacht war. Endlich wand sie sich wieder aus ihres Liebhabers Armen, und, als wäre sie erschrocken und reuevoll über das, was sie gethan, warf sie sich auf einen Stuhl und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. »Blick' auf, du thörichtes Mädchen.« sagte ihr Vater, »und schäme dich nicht, daß du die zwei glücklichsten Männer in Perth gemacht hast, da dein alter Vater einer von ihnen ist. Nie war ein Kuß so gut angebracht, und es war billig, daß er gehörig zurückgegeben wurde. »Blick' auf, mein Liebling, blick' auf, und laß mich nur ein Lächeln von dir sehen. Auf mein Ehrenwort, die Sonne, die jetzt über unsere schöne Stadt emporsteigt, kann mir nichts zeigen, was mich glücklicher machte. Wie,« fuhr er in scherzendem Tone fort, »glaubtest du Jamie Keddie's, des Schneiders, Ring zu besitzen und unsichtbar zu sein? Aber nein, meine Morgenfee: gerade als ich aufstehen wollte, hörte ich deine Kammerthür aufgehen und beobachtete dich, wie du die Treppe hinabstiegst – nicht um dich gegen diesen schlaftrunkenen Harry zu schützen, sondern mit eigenen erfreuten Blicken zu sehen, wie mein liebes Mädchen das that, was ihr Vater besonders wünschte. – Nun, herab mit den thörichten Händen, und wenn du auch ein Bischen erröthest, so schickt es sich nur desto besser zum St. Valentinsmorgen, denn da steht einer Mädchenwange das Roth vorzüglich.« Während Simon Glover sprach, zog er mit sanfter Gewalt die Hände herab, die der Tochter Gesicht verdeckten. Sie erröthete allerdings tief, aber es lag mehr als Mädchenscham in ihrem Gesicht und ihre Augen füllten sich schnell mit Thränen. »Wie! weinen, Kind?« fuhr der Vater fort, – nein, wahrlich, das ist mehr als vonnöthen; – Harry, hilf mir diesen kleinen Narren trösten.« Katharina gab sich Mühe, sich zu sammeln und zu lächeln, aber das Lächeln hatte einen melancholischen und ernsten Ausdruck. »Ich wollte nur sagen, Vater,« sagte das schöne Mädchen von Perth, indem sie sich wie vorher anstrengte, »daß ich, indem ich Harry Gow zu meinem Valentin wählte und ihm die Vorrechte und den Gruß am Morgen gab, gemäß hergebrachter Sitte, ihm nur meine Dankbarkeit bezeigen wollte für seinen mannhaften und treulichen Dienst, und Euch meinen Gehorsam. – Aber verleit' ihn nicht zu dem Glauben – und o! theuerster Vater, unterhalte nicht selbst eine Idee, daß ich mehr im Sinn hatte, als was das Versprechen, seine treue und geneigte Valentine das Jahr hindurch zu sein, von mir fordert.« »Ja – ja – ja – wir verstehen das Alles,« sagte Simon in dem besänftigenden Tone, mit welchem die Amme ein Kind beruhigt – »wir verstehen, was das bedeutet; genug für ein Mal; genug für einmal. Du sollst nicht erschreckt und übereilt werden. – Liebende, treue und aufrichtige Valentine seid Ihr, und alles Uebrige wird der Himmel und die Gelegenheit fügen. Nun, ich bitte dich, laß jetzt gut sein – ringe deine zarten Hände nicht, und fürchte jetzt keine weiteren Angriffe. Du hast wacker, vortrefflich gehandelt – und nun geh' hinaus zu Dorothee und rufe das faule Weib herbei; wir brauchen ein tüchtiges Frühstück nach einer Nacht voll Unruhe und einem freudigen Morgen; und deine Hand wird vonnöthen sein, für uns jene köstlichen Kuchen zu bereiten, die Niemand außer dir machen kann; und du darfst wohl ein Geheimniß daraus machen, in Betracht ihrer, die es dich lehrte. – Ach! Friede der Seele deiner theuersten Mutter,« fügte er mit einem Seufzer hinzu; »wie froh würde sie gewesen sein, hätte sie diesen glücklichen St. Valentinsmorgen sehen können!« Katharina ergriff die Gelegenheit, zu entkommen, welche ihr so gegeben ward, und schlüpfte aus dem Gemach. Harry kam es vor, als wäre die Sonne am Himmel zu Mittag verschwunden und als umlagere plötzlich Nacht den Erdkreis. Die Hoffnungen, die er, ermuthigt durch das vorhin Geschehene, gefaßt hatte, fingen bereits an zu sinken, wenn er an die plötzliche Veränderung in Katharinens Benehmen dachte, an ihre soeben vergossenen Thränen, an die sichtbare Angst, die ihre Züge verriethen und an die Besorgniß, mit welcher sie so bestimmt, als das Zartgefühl gestattete, erklärt hatte, daß die Schritte, die sie gethan, nur die Absicht gehabt hätten, der Sitte des Festes gehörig zu genügen. Der Vater bemerkte seine niedergeschlagene Miene etwas verwundert und mißvergnügt. »Im Namen des guten St. Johannes, was hat Euch befallen, daß Ihr ein Gesicht macht, so mürrisch wie eine Eule, da ein Bursche von deinem Geist, der das arme Mädchen wirklich so lieb hat, wie du vorgibst, lebendig sein sollte, wie eine Lerche?« »Ach, Vater!« erwiderte der niedergeschlagene Liebhaber, »es steht etwas auf ihrer Stirn geschrieben, was mir sagt, sie liebe mich wohl genug, um meine Valentine zu sein, vorzüglich da Ihr es wünscht – aber nicht genug, um mein Weib zu werden.« »Ei, daß dich die Pest, du kalter Bursche, der kein Herz hat,« antwortete der Vater. »Ich kann eines Weibes Stirn so gut und besser als du lesen, und ich sehe von diesen Dingen nichts auf der ihrigen. Was, zum Henker, Mensch! du lagst wie ein Lord im Lehnstuhl, in so tiefem Schlafe, wie ein Richter, während du als ein feuriger Liebhaber munter nach Osten gespäht hättest, um den ersten Sonnenstrahl zu erwarten. Aber dort lagst du jedenfalls schnarchend, und dachtest weder an sie noch sonst Etwas; und das arme Mädchen steht mit Tagesanbruch auf, damit ihr Niemand den kostbaren, wachsamen Valentin wegschnappen möchte, und sie weckt dich mit einem Kusse, der, so wahr mir St. Macgrider helfe, einem Ambos Leben eingehaucht hätte; aber du erwachst, um zu ächzen, zu klagen, zu seufzen, als ob sie ein glühend Eisen quer über deine Lippen gezogen hätte! Ich wünschte bei St. John, sie hätte die alte Dorothee statt ihrer geschickt und dich zum Valentin dieses Bündels dürrer Gebeine verpflichtet, das keinen Zahn im Munde hat. Sie wäre die beste Valentine von ganz Perth für einen so feigen Kampfhahn von Liebhaber gewesen.« »Was den feigen Kampfhahn betrifft,« antwortete der Schmied, »so gibts wohl zwanzig gute Hähne, deren Kämme ich rupfte und die dir sagen können, ob ich mich besiegen ließ oder nicht. Aber der Himmel weiß, daß ich mein Stück Feld, was ich als Bürger besitze, meine Esse, Blasbalg, Ambos und Alles, was ich habe, darum gäbe, könnt' ich diese Sache so betrachten wie Ihr. Aber ich rede nicht von ihrer Scham und ihrem Erröthen, sondern von der Blässe, die so schnell von ihren Wangen die Farbe vertrieb, und von den Thränen, die ihr in's Auge traten. Es war wie der Aprilschauer, der heranschleicht und den schönsten Morgen verdunkelt, der je über'm Tay aufging.« »Ei über die Possen,« erwiderte der Handschuhmacher; »weder Rom noch Perth wurden in einem Tage gebaut. Du hast tausend Mal Lachse gefischt und könntest klug geworden sein. Wenn der Fisch die Fliege ergriffen hat, so würde ein heftiger Zug der Schnur diese zerreißen und wäre sie aus Eisendraht; mäßige deine Hand, Mensch, laß den Fisch empor kommen; nimm dir Zeit und in einer halben Stunde wirst du ihn auf's Ufer legen. – Ein Anfang ist gemacht, so schön als du wünschen könntest, wenn du nicht erwartest, daß das arme Mädchen an dein Bett komme, wie sie an deinen Stuhl kam; und das ist nicht die Weise sittsamer Mädchen. Aber gib Acht, nachdem wir gefrühstückt haben, will ich dir Gelegenheit verschaffen, dein Herz auszusprechen; aber hüte dich, zu linkisch zu sein, oder sie zu sehr zu drängen. – Treib' sie in die Enge, aber laß ihr auch nicht zu viel Spielraum, und ich setze mein Leben für den guten Erfolg ein.« »Was ich auch thun kann; Vater,« antwortete Harry, »Ihr werdet stets den Tadel auf mich wälzen; entweder laß ich die Schnur zu schlaff, oder spanne sie zu heftig. Ich wollte das beste Panzerhemd d'rum geben, das ich je schmiedete, wenn die Schwierigkeit wirklich nur auf meiner Seite wäre; denn dann wäre um so mehr Hoffnung, sie zu beseitigen. Ich gestehe aber, daß ich nur ein Gimpel bin, wenn es gilt, eine Unterhaltung, wie in diesem Falle, einzuleiten.« »Komm mit mir in meine Werkstätte, mein Sohn, und ich will dich mit einem passenden Thema versorgen. Du weißt, daß das Mädchen, welches einen schlafenden Mann zu küssen wagt, ein Paar Handschuhe von ihm erhält. Komm zu meiner Werkstätte; du sollst ein Paar köstliche rehlederne haben, die ganz für ihre Hand und ihren Arm passen. – Ich dachte an ihre arme Mutter, als ich sie fertigte,« fügte der ehrliche Simon mit einem Seufzer hinzu; »und außer Katharina wüßt' ich kein Weib in Schottland, dem sie passen würden, obwohl ich den meisten der hohen Schönheiten am Hofe das Maß genommen habe. Komm mit mir, sag' ich, und du sollst einen Stoff zum Gespräch erhalten, wenn du nur Muth und Vorsicht genug zu der Werbung hast.« Sechstes Kapitel. Kein Mann soll Katharina's Hand erhalten.                   Die bezähmte Widerspenstige. Das Frühstück war bereit, und die zarten schmackhaften Kuchen, von feinem Mehl und Honig nach dem Familienrecepte gebacken, wurden nicht nur mit all der Parteilichkeit eines Vaters und eines Liebhabers gepriesen, sondern es ward ihnen auch volle Gerechtigkeit auf die Weise gethan, auf welche man die Güte eines Kuchens oder Puddings am besten beweist. Sie schwatzten, scherzten und lachten. Auch Katharina hatte ihren Gleichmuth wieder gewonnen, wo Frauen und Mädchen unsrer Zeit den ihrigen am ersten verlieren – in der Küche nämlich und in der Oberaufsicht der Hausangelegenheiten, worin sie ihres Gleichen suchte. Ich zweifle sehr, ob das Lesen Seneka's in gleichem Zeitraume in demselben Grade ihr Gemüth beruhigt haben würde. Die alte Dorothee setzte sich an das Tischende, wie es in jener Zeit Sitte war; und die beiden Männer waren so sehr eingenommen von ihrer eigenen Unterhaltung (und Katharina entweder mit der Beobachtung derselben oder ihren eigenen Beobachtungen so sehr beschäftigt), daß die alte Frau die Erste war, die des jungen Conachar Abwesenheit bemerkte. »Es ist wahr,« sagte der Meister Glover; »geh' und ruf' ihn, den müßigen Hochlandsburschen. Man sah ihn während des Kampfes in letzter Nacht nicht, wenigstens ich nicht. Bemerkte ihn Jemand?« Die Antwort war verneinend; und Harry bemerkte darauf: – »Es gibt Zeiten, wo die Hochländer versteckt sein können, wie ihr eigenes Rothwild, – ja, und auch vor der Gefahr ebenso schnell davonlaufen. Ich habe sie schon selber also thun sehen.« »Und es gibt Zeiten,« erwiderte Simon, »wo König Arthur und seine Tafelrunde ihnen nicht Stand halten könnten. Ich wünsche, Harry, Ihr sprächt etwas ehrerbietiger von den Hochländern. Sie sind oft in Perth, theils einzeln, theils zahlreich, und Ihr solltet Frieden mit ihnen halten, so lange sie Frieden mit Euch halten wollen.« Eine trotzige Antwort schwebte auf Harry's Lippen, aber er unterdrückte sie klüglich. »Ei, du weißt, Vater,« sagte er lächelnd, »daß wir Handwerker die Leute am liebsten haben, von denen wir leben; nun ist mein Handwerk, für die edeln Ritter, Knappen, Edelknechte und Andere zu arbeiten, die die Waffen, welche ich fertige, führen; natürlich ist's daher, daß ich die Ruthvens, die Lindsays, die Ogilvys, die Oliphants und so viele andere unserer tapfern, edlen Nachbarn, die in meinen Rüstungen gehen wie ebenso viele Paladine, dem hochländischen nackten Gesindel vorziehe, das uns nur zu schaden sucht, um so mehr, da in jedem Clan nicht fünf sind, die einen verrosteten Waffenrock haben, so alt als ihr Brattach (Banner); und der ist nur das Werk eines ungeschickten Schmieds aus ihrem Stamme, der nicht zu unserer ehrsamen Zunft gehört und auf seinen Ambos drauf los hämmert, wie vor ihm sein Vater. Ich sage, solche Leute kann ein ehrsamer Handwerker nicht mit günstigen Augen betrachten.« »Gut, gut,« antwortete Simon; »ich bitte dich, laß gerade jetzt die Sache ruhen, denn da kommt der saumselige Bursche; und obwohl es ein Feiertagsmorgen ist, so mag ich doch keine blutigen Puddings mehr.« Der Jüngling trat ein. Sein Gesicht war bleich, seine Augen roth, und sein ganzes Wesen zeigte eine große Unruhe. Er setzte sich an das untere Ende des Tisches, Dorothee gegenüber und bekreuzte sich, als schickte er sich an, sein Frühmahl zu nehmen. Da er sich selber nichts vorlegte, bot ihm Katharina einen Teller, worauf einige der Kuchen lagen, die so allgemein gelobt worden waren. Anfangs wies er ihre Gefälligkeit mißmuthig zurück; als sie aber ihr Anerbieten mit gutmüthigem Lächeln wiederholte, nahm er einen Kuchen in die Hand, zerbrach ihn und war im Begriff, einen Bissen zu essen, als ihm der Versuch zu peinlich zu werden schien, und er wiederholte ihn nicht noch ein Mal. »Ihr habt schlechten Appetit zu einem heiligen Valentinsmorgen,« sagte der gutgelaunte Meister; »und müßt Ihr, denk' ich, in letzter Nacht recht fest geschlafen haben, da Ihr, wie's scheint, von dem Lärm des Gefechts nicht gestört wurdet. Nun, ich dachte, ein munterer Hochländer müßte an seines Meisters Seite mit dem Dolch in der Hand stehen beim ersten Rufe der Gefahr, der sich eine Meile in der Runde erhebt.« »Ich hörte nur einen unbestimmten Lärm,« sagte der Jüngling, während sein Gesicht plötzlich wie eine glühende Kohle flammte, »und ich nahm ihn für das Geschrei einiger lustiger Nachtschwärmer; und solcher Thorheit wegen darf ich nach Eurem Geheiß weder Thür noch Fenster öffnen, oder das Haus beunruhigen.« »Gut, gut,« sagte Simon. »Ich dachte, ein Hochländer müßte den Unterschied zwischen Schwerterklirren und Harfenklängen, zwischen Kriegsgeschrei und Freudenrufe besser kennen. Aber laß es sein, Bursche; ich bin froh, daß du deine händelsüchtigen Sitten verlierst. Iß dein Frühstück, denn ich habe ein Geschäft für dich, was Eile erfordert.« »Ich habe schon gefrühstückt und bin selber sehr eilig. Ich will nach den Bergen. – Habt Ihr eine Botschaft an meinen Vater?« »Nein,« erwiderte der Handschuhmacher etwas überrascht; »aber bist du bei Sinnen, Bursche? oder welche Rache führt dich von der Stadt weg, gleich der Schwinge eines Wirbelwindes?« »Mein Auftrag ist plötzlich gekommen,« sagte Conachar, mit Mühe sprechend; ob aber wegen der zögernden Verlegenheit, mit welcher man eine fremde Sprache redet, oder ob aus anderem Grunde, ließ sich nicht leicht unterscheiden. «Es soll eine Versammlung stattfinden – eine große Jagd.« – – Er hielt inne. »Und wann wirst du von dieser prächtigen Jagd zurückkehren?« sagte sein Meister; »das heißt, wenn ich mir erlauben darf, zu fragen.« »Ich kann nicht bestimmt antworten,« erwiderte der Lehrling. »Vielleicht nie – wenn dies meinem Vater gefällt,« – fuhr Conachar mit angenommenem Gleichmuth fort. »Ich glaubte,« sagte Simon Glover ziemlich ernst, »daß alles dies bei Seite gelegt sein würde, als ich dich auf ernstliches Zureden in mein Haus nahm. Ich dachte, wenn ich es unternähme, was sehr ungern geschah, dich ein ehrlich Gewerbe zu lehren, wir würden nichts mehr von Jagen, oder Streitereien, oder Clanversammlungen und dergleichen Dingen hören?« »Man befragte mich nicht, als man mich hierherschickte,« sagte der Bursche hochmüthig. »Ich weiß nicht, welches die Bedingungen waren.« »Aber ich kann Euch sagen, Sir Conachar,« sagte der Handschuhmacher unwillig, «daß das keine ehrbare Art ist, wenn du dich einem ehrsamen Handwerker verdingtest und ihm mehr Felle verdarbst, als dein eigenes werth ist; und jetzt, nachdem du so weit bist, von einigem Nutzen zu sein, nach Belieben über deine Zeit verfügst, als wäre sie dein und nicht deines Meisters Eigenthum.« »Darüber rechnet mit meinem Vater ab,« antwortete Conachar; »er wird Euch genügend bezahlen – ein französisch Lamm (eine Goldmünze) für jedes Fell, was ich Euch verdarb, und eine fette Kuh oder einen Stier für jeden Tag, wo ich abwesend war.« »Macht's fertig mit ihm, Freund Glover – macht's fertig,« sagte der Waffenschmied trocken. »Du wirst wenigstens genügend, wenn auch nicht ehrlich bezahlt werden. Ich möchte gar gern wissen, wie viel Beutel geleert werden mußten, um den bocksledernen Sporran (die Hochländertasche) zu füllen, der Euch sein Geld so freigebig spendet, und von welchen Weiden die Ochsen stammen, die Euch von den Grampischen Bergschluchten geschickt werden sollen.« »Ihr erinnert mich, Freund,« sagte der hochländische Jüngling, sich übermüthig an den Schmied wendend, »daß ich auch mit Euch eine Rechnung abzumachen habe.« »Einen Schritt vom Leibe dann,« sagte Harry, seinen nervigen Arm ausstreckend, – »ich will nichts mehr mit dir zu schaffen haben – keine Geschichten mehr wie letzte Nacht. Mich kümmert ein Wespenstich wenig, aber ich mag mir das Insekt nicht nahe kommen lassen, wenn ich seine Nähe weiß.« Conachar lächelte verächtlich. »Ich wollte dir nichts zu Leide thun,« sagte er. »Meines Vaters Sohn that dir nur zu viel Ehre, solch gemeines Blut zu vergießen. Ich will Euch für jeden Tropfen zahlen, damit es trockne und mir die Finger nicht länger besudle.« »Ruhe, du prahlerischer Affe!« sagte der Schmied; »das Blut eines ächten Mannes läßt sich nicht nach Gold abschätzen. Die einzige Sühne würde sein, daß du eine Meile weit ins Niederland herabkämst mit zwei der stärksten Raufbolde deines Clans; und während ich sie ausbläute, wollt' ich dich der Züchtigung meines Lehrlings, des kleinen Janklin, überlassen.« Hier mischte sich Katharina ein. »Friede,« sagte sie, »mein wackerer Valentin, dem ich zu befehlen ein Recht habe; und auch Ihr haltet Friede, Conachar, der Ihr mir, als der Tochter Eures Meisters, gehorchen solltet. Es ist übel gethan, am Morgen das Schlimme wieder zu wecken, was in der Nacht in Schlaf gebracht war.« »So lebt denn wohl, Meister,« sagte Conachar, nachdem er den Schmied noch einmal voll Hohn angesehen, worauf der Letztere mit Lachen antwortete. »Lebt wohl! und ich dank' Euch für Eure Freundlichkeit, die größer war, als ich verdiente. Schien ich manchmal minder dankbar zu sein, so waren die Umstände schuld und nicht mein Wille. Katharine« – er warf auf das Mädchen einen Blick, der tiefe Aufregung verrieth und mannigfache Empfindungen zeigte. Er zögerte, als wollte er etwas sagen, und endlich wandte er sich ab mit dem einzigen Worte: »Lebt wohl!« Fünf Minuten später ging er mit Hochländerstiefeln an den Füßen und einem kleinen Bündel in der Hand zum nördlichen Thore von Perth hinaus und schlug den Weg nach den Hochlanden ein. »Dort geht Bettelwesen und Stolz genug für einen ganzen Hochländerclan,« sagte Harry. »Er spricht so gleichgültig von Goldstücken, wie ich es von Silberpfennigen könnte, und doch will ich schwören, daß der Daum von seiner Mutter gewirktem Handschuh den Schatz des ganzen Clans fassen könnte.« »Wohl möglich,« sagte der Handschuhmacher, über den Gedanken lachend; »seine Mutter war ein starkknochiges Weib, besonders in Fingern und Handgelenk.« »Und was das Vieh betrifft,« fuhr Harry fort, »so denk' ich, sein Vater und die Brüder stehlen gelegentlich nach einander die Schafe.« »Je weniger wir von ihnen reden, umso besser,« sagte der Handschuhmacher, wieder ernst werdend. »Brüder hat er nicht; sein Vater ist ein gewaltiger Mann – hat lange Arme – reicht so weit er kann, und hört auch so weit, daß es nicht nützlich ist, von ihm zu sprechen.« »Und doch hat er seinen einzigen Sohn in die Lehre zu einem Handschuhmacher in Perth verdungen?« sagte Harry. »Ei, ich sollte denken, das edle Gewerbe St. Crispins, wie man's nennt, hätte besser für ihn gepaßt; und wenn der Sohn eines großen Mac oder O ein Künstler werden sollte, so konnt' er's blos in dem Geschäfte, worin ihm Fürsten ein Beispiel geben.« Diese, obwohl ironische Bemerkung machte bei unserm Freund Simon das Gefühl der Würde seines Berufs rege, wodurch sich die Handwerker jener Zeit charakteristisch auszeichneten. »Ihr irrt, Sohn Harry,« erwiderte er mit großem Ernst; »die Handschuhmacher haben die ehrenvollere Zunft von beiden, weil sie für die Bequemlichkeit der Hände sorgen, während die Schuhmacher nur für die Füße arbeiten.« »Beide sind gleich nothwendige Glieder des menschlichen Körpers,« sagte Harry, dessen Vater ein Schuster gewesen. »Es mag so sein, mein Sohn,« sagte der Handschuhmacher; »aber beide sind nicht gleich ehrenvolle Gewerbe. Bedenkt, daß wir die Hände als Pfänder der Freundschaft und Treue brauchen, während die Füße kein solches Vorrecht haben. Brave Männer fechten mit ihren Händen, – Feiglinge brauchen ihre Füße zur Flucht. Ein Handschuh wird hoch getragen, einen Schuh tritt man in den Koth; – ein Mann grüßt seinen Freund mit der Hand; er verachtet aber einen Hund, oder einen, den er dem Hunde gleichstellt, mit einem Fußtritt. Ein Handschuh auf der Spitze eines Speers ist Zeichen und Pfand der Treue für die ganze weite Welt, wie ein niedergeworfener Handschuh das Zeichen ritterlichen Kampfes gibt; dagegen weiß ich keine andere Bedeutung für einen alten Schuh, außer etwa, daß manche Weiber ihn hinter einem Manne dreinwerfen, um ihm Glück zu bringen, ein Kunstgriff, für welchen ich in der That wenig Vertrauen hege.« »Wahrhaftig,« sagte der Schmied, unterhalten durch seines Freundes beredte Abhandlung über die Würde seines Handwerks, »ich bin nicht der Mann, darauf verlaßt Euch, der die Handschuhmacherzunft verachtet. Bedenkt, daß ich selber Blechhandschuhe mache. Aber die Würde Eures alten Gewerbes beseitigt meine Verwunderung nicht, daß der Vater dieses Conachar litt, daß sein Sohn die Kunst irgend eines Handwerkers aus dem Niederland lernte, da sie uns ja doch allesammt tief unter ihrem hohen Range halten, als wären wir ein Volk verächtlicher Taglöhner, unwürdig eines andern Schicksals, als übel behandelt und geplündert zu werden, so oft diese ohnehosigen Dunniewassals sichere Gelegenheit dazu sehen.« »Ja,« antwortete der Handschuhmacher, »aber es waren gewichtige Gründe für – für« – er hielt Etwas zurück, was auf seinen Lippen zu schweben schien, und fuhr fort: »für Conachars Vater vorhanden, also zu thun. – Nun, ich habe redliches Spiel mit ihm gehalten, und ich zweifle nicht, daß er sich auch ehrenhaft gegen mich benehmen wird. – Aber Conachars plötzlicher Abschied kommt mir etwas ungelegen. Er hatte gewisse Dinge zu besorgen. Ich muß in der Werkstätte nachsehen.« »Kann ich Euch helfen, Vater?« sagte Harry Gow, durch das ernste Benehmen seines Freundes getäuscht. »Ihr? nein« – sagte Simon mit einem trockenen Tone, welcher Harry die Einfalt seines Anerbietens so fühlbar machte, daß er bis unter die Stirn über seinen eigenen Stumpfsinn erröthete, in einer Sache, wo ihn die Liebe so leicht sein eignes Verfahren hätte errathen lassen sollen. »Du, Katharina,« sagte der Handschuhmacher, als er das Gemach verließ, »wirst deinen Valentin einige Minuten lang unterhalten und dafür sorgen, daß er nicht geht, bevor ich zurückgekehrt bin. – Komm mit mir, alte Dorothee, und rege deine Beine zu meinem Beistand.« Er verließ das Gemach und die Alte folgte ihm; Harry aber blieb bei Katharina ganz allein, fast zum ersten Mal in seinem Leben. Es fand eine Verlegenheit auf Seiten des Mädchens und eine Unbeholfenheit auf Seiten des Liebhabers statt, die wohl eine Minute währte; da rief Harry seinen Muth zusammen, zog die Handschuhe, womit ihn Simon versehen, aus seiner Tasche, und bat sie um Erlaubniß, daß Jemand, der diesen Morgen so schön begrüßt worden, die übliche Buße zahlen dürfte dafür, daß er in einem Augenblicke geschlafen, wo er den Schlummer eines ganzen Jahres darum gegeben hätte, eine einzige Minute wach zu sein. »Ach, aber die Erfüllung meines St. Valentinsrechts,« sagte Katharina, »bedingt keine solche Buße, wie Ihr zu zahlen wünscht, und ich kann daher nicht daran denken, sie anzunehmen.« »Diese Handschuhe,« sagte Harry, seinen Stuhl, während er sprach, Katharinen näher rückend, »wurden von Händen gefertigt, die Euch die theuersten sind; und seht, sie passen ganz für Euch.« Er breitete sie aus, während er sprach, und nahm ihren Arm in seine starke Hand, indem er die Handschuhe daran hielt, zu zeigen, wie schön sie paßten. »Seht diesen runden Arm,« sagte er, »seht diese kleinen Finger; denkt, wer diese Säume von Seide und Gold nähete, und bedenkt, ob der Handschuh und der Arm. welchem allein der Handschuh passen kann, getrennt bleiben sollen, weil der arme Handschuh das Mißgeschick hat, eine Minute im Besitz einer Hand gewesen zu sein, die so schwarz und rauh ist, wie die meine.« »Sie sind willkommen, da sie von meinem Vater kommen,« sagte Katharina; »und gewiß nicht minder, da sie von meinem Freunde kommen (auf dieses Wort legte sie einen Nachdruck), der mein Valentin und mein Beschützer ist.« »Laßt mich sie Euch anlegen,« sagte der Schmied, noch näher an ihre Seite rückend. »Sie mögen anfangs ein wenig knapp scheinen und Ihr werdet einige Hilfe brauchen.« »Ihr seid geschickt in Eurem Beistand,« guter Harry Gow,« sagte das Mädchen lächelnd, zu gleicher Zeit aber sich weiter von dem Liebhaber entfernend. »Wahrhaftig, nein,« sagte Harry, den Kopf schüttelnd, »meine Erfahrung beschränkt sich darauf, geharnischten Rittern Blechhandschuhe anzuziehen, weniger aber, Jungfrauen gestickte Handschuhe anzupassen.« »So will ich Euch nicht weiter bemühen und Dorothee soll mir helfen – obwohl keine Hilfe vonnöthen ist – meines Vaters Augen und Finger sind zuverlässig in seiner Kunst; welche Arbeit durch seine Hände geht, entspricht immer genau dem Maße.« »Laßt mich davon überzeugt werden,« sagte der Schmied; »laßt mich sehen, daß diese niedlichen Handschuhe genau zu den Händen passen, für die sie gemacht sind.« »Ein andermal, guter Heinrich,« antwortete das Mädchen. »Ich will die Handschuhe zu Ehren St. Valentins tragen und ebenso zu Ehren des Freundes, den er mir für das Jahr gesendet hat. Ich wünschte beim Himmel, ich könnte meinem Vater in wichtigern Angelegenheiten zu Willen sein – gegenwärtig vermehrt der Duft des Leders mir das Kopfweh, welches ich seit dem Morgen habe.« »Kopfweh, theuerstes Mädchen?« wiederholte ihr Liebhaber. »Wollt Ihr es Herzweh nennen, so werdet Ihr nicht Unrecht haben,« sagte Katharina mit einem Seufzer, und fuhr in einem sehr ernsten Tone zu sprechen fort. »Harry,« sagte sie, »vielleicht werde ich jetzt so kühn sein, als ich Euch diesen Morgen mich zu zeigen schien, denn ich beginne von einer Sache mit Euch zu reden, in der ich zuerst Euch hören und dann antworten sollte. Nach dem aber, was diesen Morgen geschehen ist, kann ich nicht umhin, mich zu erklären, wie ich gegen Euch gesinnt bin, ohne Gefahr zu laufen, daß Ihr mich mißverstehen möchtet. Nein, antwortet mir nicht, bis Ihr mich gehört habt. Ihr seid brav, Harry, mehr als die meisten Männer, ehrbar und zuverlässig, wie der Stahl, in dem Ihr arbeitet –« »Haltet, haltet ein, Katharina, um des Himmels Willen! Ihr sagtet in Betreff meiner nie so viel Gutes, außer um einen bittern Tadel einzuleiten, dessen Herold Euer Lob war. Ich bin ehrlich u. s. w. wolltet Ihr sagen, aber ein hitzköpfiger Händelsucher, ein gemeiner Klopffechter und Raufbold.« »Ich würde sowohl mich als Euch beleidigen, wollt' ich Euch so nennen. Nein, Harry, keinem gemeinen Raufbold, und trüg' er eine Feder auf der Mütze und goldene Sporen an den Fersen, würde Katharina Glover je die kleine Gunst erwiesen haben, die sie Euch heute freiwillig bot. Hab' ich auch manchmal ernstlich gerügt, daß Euer Sinn zum Zorn, Eure Hand zum Kampfe geneigt ist, so wollte ich damit im glücklichen Falle bewirken, daß Ihr die Sünden der Eitelkeit und leidenschaftlichen Hitze, deren Ihr Euch allzuleicht hingebt, hassen solltet. Ich sprach von diesem Gegenstande mehr, um Euer Gewissen anzuregen, als um meine Meinung auszusprechen. Ich weiß so gut als mein Vater, daß man in diesen unheilvollen, unruhigen Zeiten auf die Sitten unserer und selbst aller christlichen Völker sich berufen kann, um die Gewohnheit zu entschuldigen, von der unbedeutendsten Kleinigkeit Anlaß zu blutigem Streit zu nehmen, für die kleinste Kränkung sich furchtbar zu rächen, und sich der Ehre, oft der bloßen Ergötzlichkeit wegen einander den Hals zu brechen. Doch weiß ich auch, daß dies eben so viel Uebertretungen sind, wofür wir einst vor Gericht gezogen werden, und ich möchte Euch, mein tapferer, edler Freund, überzeugen, daß Ihr öfter dem Rathe Eures guten Herzens folgen und auf die Stärke und Gewandtheit Eures erbarmenlosen Armes minder stolz sein solltet.« »Ich bin – ich bin überzeugt, Katharina,« rief Harry aus; »deine Worte sollen fortan Gesetz für mich sein. Ich habe genug gethan, nur allzuviel, in der That, um meine Körperstärke und meinen Muth zu bewähren. Von Euch allein jedoch, Katharina, kann ich lernen besser zu denken. Bedenkt, meine schönste Valentine, daß mein Ehrgeiz, mich durch Waffenthaten auszuzeichnen, und mein kampflustiger Sinn, wenn ich so sagen darf, gegen meine Vernunft und meinen sanfteren Charakter nicht mit gleichen Waffen streiten; sie werden durch Ursachen, die mir unbekannt sind, geweckt und ermuthigt. Entsteht ein Streit, und ich soll, wie Ihr rathet, mich nicht darein mengen, – glaubt Ihr dann, es stehe mir frei, zwischen Krieg und Frieden zu wählen? Nein, bei der heiligen Maria! hundert Stimmen erheben sich ringsum, mich anzufeuern. »Was, Schmied! ist deine Klinge rostig?« sagt der Eine. »Harry Gow will diesen Morgen nichts von Händeln hören,« fügt ein Zweiter hinzu. »Schlage dich für die Ehre Perths,« sagt Mylord, der Profoß. »Harry nimmt's mit Allen auf, und ich wette einen Rosenobel für ihn' sagt vielleicht Euer Vater selber. Was soll nun ein armer Schelm, wie ich, thun, Katharina, wenn ihm so alle Welt in des Teufels Namen zusetzt, und auf der andern Seite keine Seele ist, die ihm nur ein Wort entgegensetzte?« »Nun, ich weiß, daß der Teufel Gehilfen genug hat, um seine Werke auszubreiten,« sagte Katharina; »aber es ist unsere Pflicht, seinen eiteln Gründen zu widerstehen, obwohl sie selbst von denjenigen vorgebracht werden mögen, denen wir Liebe und Ehrerbietung schuldig sind.« »Dann gibt es Minstrels mit ihren Romanzen und Balladen, welche jedes Mannes Ruhm darein setzen, Schläge zu empfangen und auszutheilen. Ihr könnt Euch nicht denken, Katharina, wie viele meiner Sünden der blinde Harry, der Minstrel, zu verantworten hat. Theile ich einen gutgeführten Hieb aus, so geschieht es nicht (St. Johann sei mein Zeuge!) um Jemand zu kränken, sondern nur, um wie William Wallace zu schlagen.« Des Minstrels Namensvetter sprach dies in einem Tone so reuevollen Ernstes, daß sich Katharina kaum eines Lächelns enthalten konnte; trotzdem aber versicherte sie ihn, daß die Gefährdung seines und des Lebens anderer Menschen keinen Augenblick für so unbedeutende Dinge in Betracht kommen dürfe.« »Ja, aber,« erwiderte Harry, durch ihr Lächeln kühn gemacht, »mich dünkt nun, die gute Sache des Friedens könne nicht besser gedeihen, als durch einen Verfechter. Denkt Euch z. B., ich könnte, wenn man mich drängt und treibt zu den Waffen zu greifen, ich könnte mich da erinnern, zu Hause einen Schutzengel zu haben, dessen Bild mir ganz leise zuzuflüstern schiene: \>Keine Gewalt, Harry, es ist meine Hand, die du mit Blut zu bedecken im Begriff bist. Begib dich in keine unnütze Gefahr, Harry; es ist meine Brust, die du ihr aussetzest.\< Solche Gedanken würden mehr Wirkung bei mir thun, als wenn jeder Mönch in Perth mir zuriefe: »Halt' die Hand zurück, bei Strafe des Kirchenbannes.« »Wenn eine Warnung der Art durch die Stimme schwesterlicher Freundschaft in dem Streite Gewicht haben kann,« sagte Katharina, »so denkt, daß Ihr im Streite diese Hand mit Blut färbt; daß, wenn Ihr Wunden empfangt, dies Herz verletzt wird.« Den Schmied ermuthigte der wirklich zärtliche Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden. »Und warum erstreckt Ihr Eure Theilnahme nicht um einen Grad über diese kalten Schranken hinaus? Warum, wenn Ihr so freundlich und großmüthig seid, zu bekennen, daß Ihr an dem armen unwissenden Sünder, der vor Euch steht, einigen Antheil nehmt, warum nehmt Ihr ihn dann nicht zugleich zu Eurem Schüler und Gatten an? Euer Vater wünscht es, die Stadt erwartet es; Handschuhmacher und Schmiede bereiten ihre Lustbarkeiten vor; und Ihr, blos Ihr, deren Worte so schön und freundlich sind, Ihr wollt Eure Zustimmung nicht geben!« »Harry,« sagte Katharina mit leiser und zitternder Stimme, »glaubt mir, ich sollte es für Pflicht halten, meines Vaters Befehle zu befolgen, wären nicht unüberwindliche Hindernisse gegen das Bündniß, welches er beabsichtigt.« »Aber erwägt – erwägt nur einen Augenblick. Ich habe wenig für mich selbst zu sagen im Vergleich zu Euch, die Ihr lesen und schreiben könnt. Aber dann wünschte ich lesen zu hören, und könnte Eurer süßen Stimme ewig lauschen. Ihr liebt die Musik, und ich lernte die Harfe spielen und singen, gleich andern Minstrels. Es macht Euch Vergnügen, mildthätig zu sein; ich habe die Mittel zu geben, ohne Gefahr mich zu entblößen; ich könnte täglich eben so viel Almosen geben, als ein Almosenpfleger gibt, ohne daß ich Etwas entbehrte. Euer Vater wird alt und kann nicht mehr arbeiten, wie seither; er könnte bei uns wohnen, denn ich betrachte ihn ganz als meinen Vater. Vor allen leichtsinnigen Händeln würd' ich mich ebenso hüten, wie davor, meine Hände in den Ofen zu stecken, und fiel es einem ein, uns anzugreifen, so würde er seine Waaren auf einen schlechtgewählten Markt bringen.« »Mögt Ihr all das häusliche Glück erfahren, welches Ihr Euch vorstellen könnt, Harry, – aber mit einer Glücklichern, als ich bin.« So sagte, oder vielmehr so schluchzte das schöne Mädchen von Perth, die zu ersticken schien in dem Versuche, ihre Thränen zurückzuhalten. »Ihr haßt mich also?« sagte der Liebhaber nach einer Pause. »Der Himmel sei mein Zeuge, nein!« »Oder liebt Ihr einen Andern, Bessern?« »Es ist grausam, zu fragen, was zu wissen Euch nicht nützen kann. Ihr seid aber ganz im Irrthum.« »Jene wilde Katze, Conachar, vielleicht?« sagte Harry. »Ich habe seine Blicke beobachtet.« »Ihr bedient Euch dieser peinlichen Lage, mich zu höhnen, Harry, obwohl ich es wenig verdient habe. Conachar gilt mir nichts mehr, als der Versuch, sein wildes Gemüth durch Unterweisung zu zähmen, mich veranlassen konnte, einigen Antheil an einer Seele zu nehmen, welche voll von Vorurtheilen und Leidenschaften war, und darin, Harry, Eurer eigenen glich.« »Dann muß es einer von den glänzenden Seidenwürmern vom Hofe sein,« sagte der Waffenschmied, dessen natürliche Gemüthshitze Täuschung und Ungewißheit entzündete; »einer von denen, welche glauben, sie müssen mit ihren langen Federn und glänzenden goldenen Sporen Alles gewinnen. Ich möchte ihn wohl kennen, der seine gewöhnlichen Genossinnen, die geschminkten, duftenden Hofdamen verläßt und schlichten Bürgermädchen nachläuft. Ich möchte seinen Namen und Beinamen wissen.« »Harry Schmied,« sagte Katharina, die Schwäche bezwingend, die sie für einen Augenblick zu überwältigen drohte, »dies ist die Sprache eines undankbaren Thoren, oder vielmehr eines Rasenden. Ich sagte Euch schon beim Beginn unseres Gesprächs, daß ich von Niemand eine höhere Meinung habe, als von dem, der nur mit jedem Worte, das er im Tone ungerechten Verdachts und grundlosen Zornes ausspricht, in meiner Achtung verliert. Ihr hattet nicht einmal das Recht, das zu erfahren, was ich Euch sagte, und ich bitt' Euch zu beachten, daß meine Gespräche Euch zu der Meinung kein Recht geben dürfen, daß ich Euch vor Andern bevorzuge, obwohl ich gestehe, daß ich keinen über Euch stelle. Es genüge Euch zu wissen, daß Euren Wünschen ein unbezwingliches Hinderniß im Wege steht, wie wenn ein Zauberer mein Schicksal gebunden hätte.« »Zauber wird gebrochen durch tüchtige Männer,« sagte der Schmied. »Ich wollte, es käme darauf an. Thorbiorn, der dänische Waffenschmied, sprach von einem Zauber, den er bei Fertigung von Brustharnischen anwende, indem er ein gewisses Lied singe, während das Eisen glüht. Ich sagte ihm, diese Runenverse wären kein Schutz gegen die Waffen, die man bei Loncarty führte – was weiter dabei vorkam, ist unnütz zu sagen; – aber der Harnisch und sein Träger, und der Arzt, der ihm die Wunde heilte, wissen, ob Harry Gow Zauber brechen kann oder nicht.« Katharina sah ihn an, als wollte sie zur Antwort eine kleine Mißbilligung der That, die er gewagt, geben, indem der tapfere Schmied sich nicht erinnert hatte, daß er sich damit immer ihren Tadel zuzog. Aber ehe sie ihren Gedanken Worte leihen konnte, steckte ihr Vater seinen Kopf durch die Thür. »Harry,« sagte er, »ich muß Eure angenehmen Angelegenheiten unterbrechen und Euch bitten, eilig in mein Arbeitszimmer zu kommen, um Euch über gewisse Dinge zu Rathe zu ziehen, die das Wohl der Stadt sehr nahe angehen.« Harry verließ, sich von Katharina verabschiedend, auf ihres Vaters Ruf das Gemach. Gewiß war es für ihr künftiges freundschafliches Verhältniß günstig, daß sie jetzt schieden, bei einer Wendung, welche das Gespräch wahrscheinlich hätte nehmen müssen. Denn wie der Werber begonnen hatte, die Weigerung des Mädchens für launenhaft und unerklärlich zu halten nach jener Ermuthigung, die sie, wie er glaubte, gewährt hatte, so betrachtete Katharina ihrerseits ihn vielmehr als Einen, der die bewiesene Gunst mißbrauche, denn als einen Mann, dessen Zartgefühl ihn solcher Gunst würdig mache. Aber es lebte in Beider Busen eine wechselseitige Zuneigung, welche am Schlusse des Streites gewiß wieder erwachen und das Mädchen veranlassen mußte, die Verletzung ihres Zartgefühls, so wie den Liebhaber, seine verschmähte Wärme der Leidenschaft zu vergessen. Siebentes Kapitel. Der Streit läßt künftig einmal Blut vergießen.                           Heinrich IV., erster Theil. Das Conclave der Bürger, die sich versammeln wollten, um den Anlauf der vorigen Nacht zu erforschen, war nun beisammen. Das Arbeitszimmer Simon Glovers war gedrängt gefüllt von Personen bedeutenden Ansehens, deren einige schwarze Sammtkleider und goldene Ketten am Halse trugen. Sie waren allerdings die Väter der Stadt, und es befanden sich Bailie's und Stadtvögte in ihrer Mitte. Es lagerte eine erzürnte, beleidigte und gewichtige Miene auf jeder Stirn, während sie sich flüsternd, theils laut, oder paarweise besprachen. Der Geschäftigste unter den Geschäftigen, der kleine bedeutende Helfer in voriger Nacht, Oliver Proudfute mit Namen und Strumpfwirker seines Gewerbes, fuhr unter der Menge hin und her, ganz nach der Weise einer Seemöve, die am meisten flattert und schreit beim Beginn des Sturmes, obwohl sich kaum begreifen läßt, was der Vogel Besseres zu thun haben könnte, als in sein Nest zu fliegen und ruhig zu bleiben, bis der Sturm vorbei ist. Sei dem wie ihm wolle, Meister Proudfute befand sich mitten unter der Versammlung, seine Finger an eines Jeden Rockknopf und seinen Mund an Jedermanns Ohr, indem er die umfaßte, die von gleicher Größe mit ihm waren, um seine Gedanken vertraulicher und geheimnißvoller zu äußern; dann stand er wieder auf den Zehen und bediente sich des Mantelkragens langer Leute, um ihnen ebenfalls seine Mittheilungen auf diese Art zufließen zu lassen. Er fühlte sich selber als einen Helden in der Angelegenheit voll Bewußtsein der Würde höherer Kenntniß der Sache, weil er Augenzeuge gewesen, und so war er sehr geneigt, den Antheil, den er dabei gehabt, über die Grenzen der Bescheidenheit und Wahrheit etwas auszudehnen. Man kann nicht sagen, daß seine Mittheilungen von Wichtigkeit und Werth gewesen wären, indem sie hauptsächlich aus Versicherungen bestanden, wie folgende: »Es ist Alles wahr, bei St. John. Ich war dabei und sah es selber – war der Erste, der auf den Lärm herbeieilte; und wär' ich und ein zweiter wackerer Bursche nicht gewesen, der zugleich anlangte, so hätten sie Simon Glover die Hausthür eingerannt, ihm die Kehle abgeschnitten und seine Tochter in die Gebirge fortgeschleppt. Es ist ein zu arges Verfahren – kann nicht geduldet werden, Nachbar Crookschank, – nicht ertragen, Nachbar Glas – ist nicht auszuhalten, Nachbar Balneaves, Rollock und Chrysteson. Es war ein Glück, daß ich und der tapfere Mensch dazu kam – nicht wahr, Nachbar und würdiger Bailie Craigdallie?« Diese Reden wurden von dem geschäftigen Strumpfwirker in verschiedene Ohren gestreut. Bailie Craigdallie, ein gewichtiger Zunftgenosse, derselbe, der gerathen hatte, die Berathung über den Vorfall in der Nacht auf diese Zeit und diesen Ort zu verschieben, ein großer, dicker, freundlicher Mann, befreite sich von der Hand des Zunftmeisters, der sich an seinem Mantelkragen festgekrallt hatte, fast auf gleiche Weise, wie ein muthiges Pferd die quälende Bremse abschüttelt, die es zehn Minuten plagte, und rief aus: »Stille, ihr guten Bürger; hier kommt Simon Glover, in welchem kein Mensch jemals Falschheit entdeckte. Wir werden die Unbilde aus seinem eigenen Munde erfahren.« Simon, der sich aufgefordert sah, seine Geschichte zu erzählen, that dies mit sichtbarer Verlegenheit, die er einem Widerstreben zuschrieb, daß die Stadt seinetwegen in tödtliche Fehde mit Jemand gerathen könne. Es war, so sagte er, ein Maskenstreich von Seiten der jungen Ritter am Hofe, und das Schlimmste, was dabei herauskommen möchte, sei, daß er Eisenstangen an seiner Tochter Fenster setzen werde, um ein ähnliches Possenspiel zu hindern. »Nun, wenn dies eine bloße Mummerei war,« sagte Craigdallie, »hat unser Mitbürger, Harry vom Wynd, sehr unrecht gethan, eines Edelmanns Hand wegen so harmlosen Scherzes abzuhauen, und die Stadt kann schwerer Buße dafür verfallen, wenn wir den Verstümmler nicht in Gewahrsam nehmen.« »Unsere liebe Frau verhüte das!« sagte der Handschuhmacher. »Wüßtet ihr, was ich weiß, so würdet ihr euch so sehr scheuen, euch in diese Sache zu mengen, als wär's glühend Eisen. Aber da ihr die Finger durchaus in's Feuer stecken wollt, so mag die Wahrheit gesagt werden. Und komme, was da wolle, so muß ich sagen, daß die Sache für mich und die Meinigen hätte sehr schlimm ablaufen können, wäre Harry Gow, der Waffenschmied, den ihr Alle kennt, nicht mit gelegener Hilfe gekommen.« »Und meine fehlte auch nicht,« sagte Oliver Proudfute, »obwohl ich gestehe, daß ich kein so ganz ausnehmender Fechter bin, wie unser Nachbar Harry Gow. – Ihr saht mich, Nachbar Glover, beim Anfang des Lärmes?« »Ich sah Euch nach dem Ende desselben, Nachbar,« antwortete der Handschuhmacher trocken. »Freilich, freilich; ich vergaß, daß Ihr in Eurem Hause wart, als die Hiebe begannen, und Ihr konntet nicht sehen, wer sie austheilte.« »Still, Nachbar Proudfute; ich bitt' Euch, still,« sagte Craigdallie, den das ewige Geschrei des würdigen Zunftmeisters sichtbar ermüdete. »Es ist etwas Geheimnißvolles dabei,« sagte der Bailie; »aber mich dünkt, ich komme dahinter. Unser Freund Simon ist, wie euch Allen bekannt, ein friedlicher Mann, einer, der sich lieber ein Unrecht anthun läßt, eh' er einen Freund oder eine ganze Nachbarschaft in Gefahr bringt, ihn zu rächen. Du, Harry, der du nie fehlst, wo die Stadt einen Vertheidiger braucht, sag' uns, was du von der Sache weißt.« Unser Schmied erzählte seine Geschichte auf dieselbe Weise, wie wir sie bereits kennen; und der geschäftige Strumpfwirker setzte wie vorher hinzu: »Und du sahst mich dabei, ehrlicher Schmied, nicht wahr?« »Ich wahrhaftig nicht, Nachbar,« antwortete Harry; »aber Ihr seid ein kleiner Mann, wie Ihr wißt, und ich kann Euch übersehen haben.« Diese Antwort erregte ein Gelächter auf Oliver's Kosten, welcher mit den Andern lachte, aber mürrisch hinzufügte: »Ich war bei alledem einer der Ersten, die zu Hilfe kamen.« »Ei, wo warst du denn alsdann, Nachbar?« sagte der Schmied; »denn ich sah dich nicht, und ich hätte den Werth der besten Waffenrüstung, die ich je machte, darum gegeben, einen so tapferen Burschen, wie dich, an meiner Seite zu haben.« »Ich war aber nicht weit davon, ehrlicher Schmied; und während du Schläge wie auf einen Ambos austheiltest, parirte ich die, welche die übrigen Schurken hinter deinem Rücken gegen dich führten; und aus dem Grunde sahst du mich nicht.« »Ich habe von Schmieden in alter Zeit gehört, die nur ein Auge hatten,« sagte Harry. »Ich habe zwei, aber sie sitzen mir beide vorn unter der Stirn, und daher konnt' ich nicht hinterrücks sehen, Nachbar.« »Die Wahrheit ist aber,« beharrte Meister Oliver, »daß ich dabei war, und ich will Meister Bailie meinen Bericht von der Sache geben; denn der Schmied und ich waren die ersten bei dem Lärm.« »Genug für jetzt,« sagte der Bailie, mit einer zum Schweigen mahnenden Geberde gegen Proudfute. »Die Erklärung Simon Glover's und Harry Gow's würden auch bei einer weniger glaublichen Sache hinreichen. Jetzt, ihr Meister, fragt sich, was wir thun sollen. All' unsere Rechte als Bürger sind verhöhnt und verletzt, und, wie ihr denken könnt, durch einen Mächtigen, denn ein Anderer hätte das nicht gewagt. Es ist hart für Fleisch und Blut, ihr Meister, wenn man sich solche Schmach gefallen lassen muß. Die Gesetze haben uns einen geringern Rang als den Fürsten und Edeln angewiesen; aber es ist gegen die Vernunft zu glauben, wir werden leiden, daß man unsere Häuser stürmt und die Ehre unserer Weiber und Töchter angreift, ohne daß wir Genugthuung suchen.« »Es läßt sich nicht ertragen!« antworteten die Bürger einmüthig. Hier legte sich Simon Glover mit sehr besorgter und unheilverkündender Miene in's Mittel. »Ich hoffe noch, es war Alles nicht so böse gemeint, als es uns scheint, meine würdigen Nachbarn; und was mich betrifft, so wollt' ich herzlich gern die Unruhe und Störung verzeihen, die meinem armen Hause widerfahren, wofern sich die schöne Stadt meinetwegen keine Unannehmlichkeit bereitet. Ich bitt' Euch, zu erwägen, welches die Ritter sind, die darüber entscheiden werden. Ich rede unter Nachbarn, Freunden, und also zu offenen Herzen. Der König, Gott segne ihn! ist so geschwächt an Körper und Geist, daß er uns an einen seiner Räthe weisen wird, zu einem großen Herrn, der gerade in Gunst bei ihm steht. – Er schickt uns vielleicht an seinen Bruder, den Herzog von Albany, der unser Gesuch um Schlichtung des Unrechts zum Vorwand nehmen wird, uns Geld abzupressen.« »Wir wollen keinen Albany zu unserm Richter!« antwortete die Versammlung ebenso einmüthig wie vorher. »Oder vielleicht,« setzte Simon hinzu, »wird er den Herzog von Rothsay die Sache übernehmen heißen; und der wilde junge Prinz wird die Ungebühr als etwas für seine lustigen Gefährten Passendes und als Stoff für seine Minstrels ansehen.« »Weg mit Rothsay! er ist zu fröhlich, um unser Richter zu sein,« riefen die Bürger wieder. Simon, ermuthigt, als er sah, daß er zu dem erwünschten Ziele gelangte, fügte, den gefürchteten Namen jedoch nur halblaut verkündend hinzu: »Würde euch der schwarze Douglas besser zusagen?« Eine Minute lang erfolgte keine Antwort. Sie sahen einander mit niedergeschlagener Miene und bleichen Lippen an. Harry Schmied aber sprach kühn und mit entschiedenem Tone die Gedanken aus, welche Alle hegten, obwohl ihnen sonst Keiner Worte zu geben wagte: – »Den schwarzen Douglas als Richter zwischen einem Bürger und einem Herrn, ja, einem Edelmann? ei wahrhaftig! – lieber den schwarzen Teufel aus der Hölle! Ihr seid wahnsinnig, Vater Simon, daß Ihr nur einen so tollen Vorschlag thun könnt.« Wieder trat eine Stille der Furcht und Ungewißheit ein, welche endlich Bailie Craigdallie unterbrach, der, den Sprecher sehr bedeutsam anblickend, erwiderte: »Ihr verlaßt Euch auf ein tüchtig Unterwams, Nachbar Schmied, sonst würdet Ihr nicht so kühn sprechen.« »Ich vertraue auf ein gutes Herz unter meinem Wams, wie ich's habe, Bailie,« antwortete der muthige Harry; »und obwohl ich nur wenig spreche, so soll mein Mund doch nimmer von irgend einem Euer Edeln verschlossen werden.« »Tragt ein dickes Wams, guter Harry, oder sprecht nicht so laut,« wiederholte der Bailie, im nämlichen bedeutsamen Tone. »Es gibt Grenzleute in der Stadt, die das blutige Herz auf der Schulter tragen. – Aber Alles dies fruchtet nichts. Was sollen wir thun?« »Kurze Rede, gute Rede,« sagte der Schmid. »Gehen wir zu unserm Profoß, Hilfe und Beistand von ihm zu fordern.« Ein Beifallsgemurmel lief durch die Versammlung und Oliver Proudfute rief: »Das hab' ich seit einer halben Stunde gesagt, und Keiner von euch wollte mich hören. Laßt uns zu unserm Profoß gehen, sagt' ich. Er ist selber ein Edler und muß in allen Dingen zwischen Stadt und Adel entscheiden.« »Still, Nachbarn, still; bedenkt, was ihr sagt oder thut,« sagte ein dünner, magerer Mann, dessen kleine Person an Gestalt noch kleiner und einem Schatten ähnlicher zu werden schien durch sein Bemühen, eine außerordentliche Beschaffenheit anzunehmen und sich selbst, in Uebereinstimmung mit seinen Reden, noch unbedeutender und unansehnlicher, als er von Natur war, zu machen schien. »Verzeiht mir,« sagte er, »ich bin ein armer Apotheker. Trotzdem bin ich in Paris erzogen und habe meine Humaniora und meinen cursus medendi so gut studirt, wie Manche, die sich gelehrte Aerzte nennen. Mich dünkt, ich kann diese Wunde untersuchen, und sie mit Erweichungen behandeln. Hier unser Freund Simon ist, wie Euch Allen bewußt, ein ehrenwerther Mann. Glaubt Ihr, er würde bei einer Sache, welche die Ehre seines Hauses so nahe betrifft, nicht am eifrigsten unter uns Allen auf strenge Maßregeln dringen? Da ihm aber, wie es scheint, nichts daran liegt, eine Klage gegen die Nachtschwärmer zu erheben, so erwägt, ob es nicht möglich sei, daß er seine besondern Gründe habe, die er nicht nennen mag, die Sache auf sich beruhen zu lassen? Mir kommt's nicht zu, Hand an die Wunde zu legen – aber, ach! wir wissen Alle, daß junge Mädchen das sind, was ich flüchtige Essenzen nenne. Gesetzt nun, ein ehrbares Mädchen läßt, versteht sich in aller Unschuld, am St. Valentinsmorgen ihr Fenster halb offen, auf daß ein liebender Kavalier, natürlich in allen Ehren, ihr Valentin werden könne; – gesetzt ferner, der Liebhaber werde entdeckt, – kann sie nicht einen Schrei thun, als hätte sie diesen Besuch nicht erwartet, und – und – stoßt Alles dies in einem Mörser und dann erwägt, ob es ein Stoff sein wird, um die Stadt in Allarm zu bringen?« Der Apotheker sprach seine Meinung auf die einschmeichelndste Weise aus; aber er schien noch unter sein natürliches Maß einzuschrumpfen, als er das Blut in die Wangen des alten Simon Glover steigen und das Gesicht des unerschrockenen Waffenschmieds vor Zorn stammen sah. Der Letztere trat vor, warf einen strengen Blick auf den erschrockenen Apotheker und brach in die Worte aus: »du wanderndes Gerippe! du schwindsüchtige Medicinalflasche! du Giftmischer von Handwerk! wenn ich glaubte, daß der Pesthauch deiner schändlichen Worte dem unbefleckten Rufe Katharina Glovers nur einen Augenblick schaden könnte, so würd' ich dich in deinem eigenen Mörser zu Pulver stoßen, elender Quacksalber! und deinen schlechten Leichnam mit Schwefelblume zersetzen, der einzigen reinen Medicin in deinem Laden, um eine Salbe für räudige Hunde daraus zu machen!« »Halt, mein Sohn Harry, halt!« rief der Handschuhmacher im Gefühle seiner Geltung; – »kein Mensch hat ein Recht, über diesen Punkt zu reden, außer ich. – Ehrenwerther Bailie Craigdallie, da man meine Geduld auf solche Weise auslegt, bin ich gezwungen, der Sache auf den Grund zu gehen, und mag auch der Erfolg lehren, daß wir besser gethan hätten, ruhig zu bleiben, so wird man wenigstens sehen, daß meine Tochter weder durch Thorheit, noch durch Leichtsinn Anlaß zu diesem großen Aergerniß gab.« Auch der Bailie legte sich in's Mittel. »Nachbar Harry,« sagte er, »wir kamen hieher, zu berathen, nicht um zu streiten. Als einer der Väter dieser guten Stadt befehl' ich Euch, jede übelwollende Gesinnung, die Ihr gegen Meister Apotheker Dwining hegen mögt, zu vergessen.« »Er ist ein zu armes Geschöpf, Bailie,« sagte Harry Gow, »als daß ich mit ihm kämpfen könnte – ich, der ich ihn und seinen Laden mit einem Schlage meines Hammers zertrümmern könnte « »Also still und hört mich,« sagte der Beamte. »Wir Alle glauben so fest an die Ehre des schönen Mädchens von Perth, wie an die unserer lieben Frau.« Hier bekreuzte er sich andächtig. »Was aber die Berufung auf unsern Oberrichter betrifft, seid Ihr Alle der Meinung, Nachbarn, daß man eine derartige Sache in seine Hände lege, während unser Gegner, wie zu fürchten, ein mächtiger Edler ist?« »Da der Oberrichter selber ein Edelmann ist« – quäkte der Apotheker, der sich einigermaßen von seinem Schrecken durch die Einmischung des Bailie erholt: – »Gott weiß es, ich bin nicht gesinnt, das Mindeste wider einen Herrn einzuwenden, dessen Vorfahren das Amt hatten, welches er seit vielen Jahren verwaltet – « »Durch freie Wahl der Bürger von Perth,« sagte der Schmied, den Sprecher mit seiner tiefen und entschiedenen Stimme unterbrechend. »Ja, gewißlich,« erwiderte der erschreckte Redner. »Durch die Stimme der Bürger. Wie sonst? – Ich bitt' Euch, Freund Schmied, unterbrecht mich nicht. Ich rede zu unserm ehrenwerthen Aeltesten, Bailie Craigdallie, wie mein bescheidener Verstand mir's eingibt. Ich sage, mag kommen was will, Sir Patrick Charteris ist doch immer ein Edelmann, und eine Krähe hackt der andern kein Auge aus. Er mag uns wohl in einer Fehde mit den Hochländern vertreten und Partei gegen sie nehmen, als unser Führer und Oberrichter; aber eine andere Frage ist, ob er, der sich in Seide trägt, Lust haben wird, gegen Herren in gestickten goldverbrämten Kleidern unsere Sache zu verfechten, wie er's gegen den Tartan und irischen Fries gethan hat. Nehmt eines Thoren Rath. Wir haben unser Mädchen gerettet, der meine Worte nimmer eine Schmach anthun sollten, so wahr ich nichts Schmachvolles weiß. Sie haben mindestens eines Mannes Hand verloren, Dank Harry Schmied –« »Und mir« – fügte der kleine, wichtige Strumpfwirker hinzu. »Und Oliver Proudfute, wie er uns sagt,« fuhr der Apotheker fort, welcher keines Mannes Anspruch auf Ruhm betritt, wenn er nur selber die gefahrvollen Pfade, die zu selbigem führten, nicht wandeln mußte. »Ich sage, Nachbarn, daß, da sie uns eine Hand als Pfand gelassen haben, nie mehr in die Curfewstreet kommen zu wollen, so wär' es, meiner schlichten Ansicht nach, das Beste, wenn wir unserm tapfern Mitbürger dankten und, da die Stadt die Ehre, jene Schurken aber den Verlust haben, über die Sache schwiegen, und nichts mehr darüber sagten.« Dieser friedliche Rath that bei einigen Bürgern Wirkung, welche begannen zu nicken und ausnehmend weise den Advokaten des Friedens betrachteten, mit welchem, trotz der letzten Beleidigung, Simon Glover ebenfalls übereinzustimmen schien. Nicht so jedoch Harry Schmied, welcher, bemerkend, daß Niemand das Wort führte, in seiner gewohnten freien Weise wieder zu sprechen begann. »Ich bin weder der Aelteste noch der Reichste unter Euch, Nachbarn, und darum gräme ich mich nicht. Die Jahre werden kommen, wenn man's erlebt, und ich kann erwerben und meinen Pfennig wie ein Anderer geben beim Feuer des Ofens und dem Blasen meiner Bälge. Aber Niemand sah mich je träge, wenn unserer guten Stadt durch Wort oder That Unrecht geschah und in der Macht der Zunge und des Armes eines Mannes stand, dafür Recht zu schaffen. Daher werd' ich eine solche Schmach nicht ruhig ansehen, wenn ich was Besseres vermag. Ich werde selbst den Oberrichter aufsuchen und wenn ich allein hingehen müßte. Er ist allerdings ein Ritter und ein Edelmann, wie Jeder weiß, von Vater auf Sohn, seit der Zeit Wallace's, der den Urgroßvater des Sir Patrick in dieses Land eingeführt hat. Wär' er aber auch der stolzeste Edle im Lande, er ist Oberrichter in Perth und muß für Erhaltung der Rechte und Freiheiten der Stadt wachen. Ja, und ich bin überzeugt, er wird es thun; ich hab' ihm einen Stahlpanzer gemacht, und weiß so ziemlich, welcher Art das Herz ist, das er decken soll.« »Allerdings,« sagte der Bailie Craigdallie, »bei Hofe würden wir ohne den Sir Patrick Charteris zu nichts kommen; die schnelle Antwort würde sein: Geht zu Eurem Oberrichter, Ihr grobes Volk! Wenn Ihr daher, Nachbarn und Mitbürger, mir zur Seite stehen wollt, so will ich und unser Apotheker Dwining, nebst Simon Glover, dem wackern Schmied und dem tapfern Oliver Proudfute als Zeugen des Unfugs, sogleich nach Kinfauns gehen und mit Sir Patrick im Namen der guten Stadt reden.« »Nein,« sagte der friedliche Mann der Medicin, »laßt mich daheim, ich bitt' Euch; mir fehlt die Kühnheit, vor einem Ritter zu sprechen.« »Schadet Alles nichts, Nachbar, Ihr müßt mit,« sagte Bailie Craigdallie. »Die Stadt hält mich bei meinen sechzig Jahren für einen Hitzkopf – Simon Glover ist die beleidigte Partei – wir Alle wissen, daß Harry Gow mit seinem Schwerte mehr Harnische zerhaut, als er mit seinem Hammer schmiedet – und unser Nachbar Proudfute, – der, wie er selber sagt, beim Anfang und Ende jedes Kampfes in Perth ist, – ist natürlich ein Mann der That. Wir müssen zum wenigsten Einen unter uns haben, der zu Frieden und Ruhe ermahnt, und du, Apotheker, mußt der Mann sein. Fort denn, Ihr Herren, die Stiefeln an und zu Pferde – fix und fertig! – beim östlichen Thor kommen wir zusammen – das heißt nämlich, wenn es Euch gefällt, Nachbarn, uns die Sache anzuvertrauen.« »Besseres ließ sich nicht sagen, und wir Alle genehmigen es,« sagten die Bürger. »Wenn der Oberrichter unsere Partei nimmt, wie die Stadt mit Recht erwarten kann, so nehmen wir's mit dem Besten von ihnen auf.« »Nun gut, Nachbarn,« sagte der Bailie. »Wie gesagt, so gethan. Ich habe übrigens auf diese Stunde den ganzen Rath der Stadt zusammenberufen, und ich zweifle nicht,« dabei sah er sich in der Gesellschaft rings um, »daß, da so viele Anwesende dafür sind, daß man sich mit dem Oberrichter berathe, der Rest denselben Beschluß fassen werde. Daher, Nachbarn und Bürger der guten Stadt Perth – zu Pferde, wie ich gesagt habe, und versammelt Euch am östlichen Thore.« Ein allgemeines Beifallrufen schloß die Sitzung dieses geheimen Rathes, und sie gingen auseinander, die Abgeordneten, um sich zur Reise zu bereiten, und die Andern, um ihren ungeduldigen Weibern und Töchtern die Maßregeln zu berichten, die getroffen waren, um ihre Gemächer in Zukunft gegen das Eindringen von Liebhabern zu ungelegener Stunde sicher zu stellen. Während man die Klepper sattelt und der Rath der Stadt bespricht oder vielmehr in gesetzlicher Form feststellt, was die leitenden Mitglieder bereits angenommen hatten, mag es zur Unterrichtung mancher Leser nothwendig sein, in bestimmteren Ausdrücken auseinander zu setzen, was im Laufe der frühern Erörterung nur oberflächlich angedeutet ward. Es war die Sitte dieser Periode, als die Stärke der lehnsherrlichen Aristokratie die Rechte der königlichen Städte Schottlands und deren Privilegien häufig verhöhnte, daß sich diese Städte, wo es thunlich war, ihren Oberrichter, d. h. die höchste obrigkeitliche Person, nicht aus dem Stande der Kaufleute, Krämer und Bürger wählten, welche die Stadt selbst bewohnten und die gewöhnliche Obrigkeit bildeten, sondern aus den Edeln oder Baronen in der Umgegend der Stadt; man erwartete von dem, der auf diesen hohen Posten erhoben worden, daß er die Stadt bei Allem, was ihre Interessen anlangte, bei Hofe vertrat, ihre Truppen befehligte, mochten sie nun für die Krone ziehen, oder eine Privatfehde der Stadt auszufechten haben, und daß er jene mit seinen eigenen Vasallen verstärkte. Der auf solche Weise gewährte Schutz blieb nicht immer unbelohnt. Oefters benutzten die Oberrichter ihre Stellung auf eine unverantwortliche Weise, ließen sich Güter und Häuser, die der Gemeinde gehörten, abtreten, und machten sich oft für die geleisteten Dienste von den Bürgern auf Kosten des öffentlichen Eigenthums sehr theuer bezahlt. Andere begnügten sich mit dem Beistande der Bürger in ihren Privatfehden und mit den andern Zeichen der Achtung und Erkenntlichkeit, welche die untergebenen Städte ihnen gern zollten, um sich ihres thätigen Beistandes im Falle der Noth zu versichern. Dem Baron, der der gewöhnliche Beschützer einer Stadt war, wurden diese freiwilligen Opfer ohne Bedenken dargebracht, und er vergalt sie dadurch, daß er die Rechte der Stadt schirmte, im Rathe durch seine Beredtsamkeit und durch kühne Thaten im Felde. Die Bürger der Stadt, oder, wie sie lieber sagten, der guten Stadt Perth, hatten seit mehreren Generationen einen Beschützer und Oberrichter solcher Art in dem edlen Hause der Charteris, Herren von Kinfauns, in der Nähe der Stadt gefunden. Kaum ein Jahrhundert (zur Zeit Roberts III.) war verschwunden, seit der Erste dieser ausgezeichneten Familie sich auf dem festen Schlosse niedergelassen hatte, das ihm damals gehörte, so wie das malerische und fruchtbare Gebiet ringsum. Aber die Geschichte dessen, der sich so angesiedelt hatte, an sich schon ritterlich und romantisch, war geeignet, die Niederlassung eines Fremden in dem Lande zu erleichtern, wohin das Schicksal ihn geführt hatte. Wir erzählen sie, wie sie eine alte Sage gibt, welche große Wahrscheinlichkeit hat und vielleicht begründet genug ist, um in ernsteren Geschichtsbüchern, als das vorliegende, eine Stelle zu finden. Während der kurzen Laufbahn des berühmten Patrioten Sir William Wallace, und als seine Waffen für eine Zeit lang die englischen Eindringlinge aus seinem Vaterlande vertrieben hatten, soll er mit einigen vertrauten Freunden eine Fahrt nach Frankreich unternommen haben, um zu versuchen, ob seine persönliche Gegenwart (denn er war in allen Ländern seiner Tapferkeit wegen geachtet) den König von Frankreich bestimmen könnte, ein Corps Hülfstruppen nach Schottland zu schicken, oder einen andern Beistand, um den Schotten zu Wiedergewinnung ihrer Unabhängigkeit zu verhelfen. Der schottische Held befand sich an Bord eines kleinen Fahrzeugs und steuerte nach dem Hafen von Dieppe, als in der Ferne ein Segel erschien, welches die Seefahrer anfangs mit Furcht und Besorgniß, und endlich mit Bestürzung und Schrecken betrachteten. Auf Wallace's Frage, woher ihre Bestürzung rühre, unterrichtete ihn der Kapitän, daß das große Schiff, welches in der Absicht, das ihrige zu entern, auf sie lossteure, einem berühmten Korsaren gehöre, der eben durch seinen Muth und seine körperliche Stärke, wie durch sein beständiges, sich immer gleich bleibendes Glück berüchtigt sei. Der Befehlshaber sei ein französischer Edelmann, genannt Thomas de Longueville, und gehöre zu den Piraten, die sich für Freunde des Meeres und für Feinde aller derer erklärt haben, die auf diesem Elemente segeln. Er greife die Schiffe aller Nationen an, plündere sie, gleich einem der nordischen Seekönige, wie man sie nannte, deren Herrschersitz auf den Wogengebirgen war. Der Schiffsherr fügte hinzu, kein Fahrzeug könne dem Räuber durch die Flucht entgehen, so schnell sei sein Schiff; und keine noch so kühne Bemannung könne hoffen, ihm zu widerstehen, wenn er, nach seiner gewohnten Weise zu fechten, sich an der Spitze seiner Leute an Bord stürze. Wallace lächelte bitter, während der Herr des Schiffes mit Unruhe im Gesicht und Thränen in den Augen ihm die Gewißheit vorstellte, daß sie Gefangene des rothen Räubers sein würden, ein Name, den Longueville erhielt, weil er gewöhnlich eine blutrothe Flagge entfaltete, die er bereits aufgezogen hatte. »Ich will den Kanal von diesem Räuber säubern,« sagte Wallace. Dann rief er zehn oder zwölf seiner eigenen Gefährten zusammen, Boyd, Kerlie, Seton und Andere, denen der Kampf der verzweifelten Schlacht wahre Lebenslust dünkte, und befahl ihnen, sich zu waffnen und sich platt auf's Verdeck zu legen, daß man sie nicht sehen könnte. Desgleichen ließ er alle Seeleute unter's Verdeck gehen, außer diejenigen, die durchaus nöthig waren, um das Schiff zu lenken, und befahl dem Schiffsherrn bei Todesstrafe so zu steuern, daß es scheine, als flöhen sie, und daß der rothe Räuber leicht an's Fahrzeug kommen könne; damit legte er sich selbst auf's Verdeck, damit durchaus nichts verriethe, daß man Widerstand zu leisten gedenke. Nach einer Viertelstunde legte des Räubers Schiff an Wallace's Fahrzeug an und der rothe Räuber warf seine Enterhaken aus, um sich der Beute zu versichern, und sprang, vom Kopf bis zu den Füßen gewaffnet, an Bord; seine Leute folgten und erhoben, als wären sie des Sieges schon gewiß, ein furchtbares Geschrei. Aber die bewaffneten Schotten richteten sich plötzlich auf und der rothe Räuber fand unerwartet, daß er es mit Leuten zu thun hatte, die den Sieg als ausgemachte Sache betrachteten, wenn es jeder nur mit zwei oder drei Gegnern zu thun hatte. Wallace warf sich selber auf den Räuberkapitän, und nun begann zwischen den Beiden ein so fürchterlicher Kampf, daß die Uebrigen zu fechten aufhörten, um Jenen zuzusehen, indem sie, wie es schien, durch stillschweigende Uebereinkunft die Entscheidung des Ganzen den zwei tapfern Anführern überließen. Der Räuber focht so gut, als es nur einem Manne möglich war; aber Wallace besaß mehr als gewöhnliche Kraft; er schlug dem Piraten das Schwert aus der Hand und bedrängte ihn so sehr, daß dieser kein anderes Mittel wußte, dem Tode zu entgehen, als daß er sich auf seinen Gegner stürzte, um ihn vielleicht im Ringen niederzuwerfen. Jedoch auch dies mißlang. Mit den Armen einander umschlungen haltend, fielen Beide auf das Verdeck nieder; aber Wallace behielt die Oberhand, faßte den Ringkragen des Gegners und drückte ihn, obwohl er vom besten Stahle gefertigt, so stark zusammen, daß dem Räuber das Blut aus Augen, Mund und Nase strömte, und er nur durch Zeichen um sein Leben bitten konnte. Seine Leute warfen ihre Waffen weg und baten um Gnade, als sie ihren Führer so hart bedrängt sahen. Der Sieger schenkte ihnen allen das Leben, nahm aber ihr Fahrzeug in Besitz und behielt sie als Gefangene. Als er des französischen Hafens ansichtig ward, beunruhigte Wallace diesen Ort, indem er des Räubers Farben entfaltete, als käme Longueuille, um die Stadt zu plündern. Die Glocken wurden geläutet, Hörner erschallten und die Bürger eilten zu den Waffen, als sich die Scene änderte. Der schottische Löwe auf seinem goldenen Schild erhob sich über des Räubers Flagge, und verkündigte, daß der Befreier Schottlands sich nahe, wie ein Falke mit seiner Beute in den Klauen. Er stieg mit seinem Gefangenen an's Land und brachte denselben an den französischen Hof, wo auf Wallace's Bitten der König de Longueville alle Seeräubereien, die er begangen hatte, verzieh, ihn sogar zum Ritter schlug und ihm anbot, in seine Dienste zu treten. Aber der Seeräuber hatte mit seinem edlen Besieger eine so innige Freundschaft geschlossen, daß er Wallace's Schicksal theilen wollte. Er kehrte mit ihm nach Schottland zurück, focht in vielen blutigen Schlachten an seiner Seite und gab Proben einer Tapferkeit, die nur jener des schottischen Helden nachstand. Aber sein Schicksal war glücklicher als das seines Freundes. Durch Schönheit ausgezeichnet, so wie durch Stärke und Muth, gewann Sir Thomas de Longueville die Gunst eines Fräuleins aus dem alten Hause der Charteris, das ihn zum Gatten wählte und ihm das schöne Schloß Kinfauns und die zu dieser Baronie gehörigen Besitzungen zubrachte. Ihre Nachkommen nannten sich Charteris, wie ihre Ahnen von mütterlicher Seite, die früheren Besitzer ihrer Güter, geheißen hatten, obgleich der Name Thomas de Longueville bei ihnen in derselben Achtung stand. Das große zweihändige Schwert, womit er die Feinde im Kampfe niedermähete, wird noch von der Familie aufbewahrt. Eine andere Nachricht ist, daß der Familienname de Longueville's selbst Charteris war. Die Herrschaft ging später auf das Haus Blair über und ist jetzt Eigenthum des Lord Gray. Diese Barone von Kinfauns verwalteten seit mehreren Generationen von Vater auf Sohn das Amt der Oberrichter von Perth; die Nachbarschaft des Schlosses und der Stadt machte diese Einrichtung zu wechselseitiger Unterstützung sehr erwünscht. Der Sir Patrick dieser Erzählung hatte schon mehrmals an der Spitze der Einwohner von Perth gegen die immer wiederkehrenden Streifzügler vom Hochlande und gegen andere fremde und einheimische Feinde gefochten. Allerdings ward er auch nicht selten mit unbedeutenden, nichtssagenden Klagen behelligt, die man ohne Noth seiner Entscheidung vorlegte. Daher kam es, daß man ihm zuweilen den Vorwurf machen hörte, er sei zu stolz als ein Edler und zu gleichgültig als ein Reicher, und gebe sich zu sehr den Freuden der Jagd und der Gastfreiheit hin, als daß er sich bei jedem Anlaß so thätig hätte zeigen können, wie die schöne Stadt es wünschte. Aber trotz dem, daß dies einigen leichten Unwillen erregte, pflegten die Bürger doch bei jedem ernstlichen Grunde zur Besorgniß an ihren Oberrichter zu gehen, und fanden bei ihm warme Unterstützung mit Rath und That. Achtes Kapitel. Es haben den Gau von Annandale,     Die edlen Johnstones inn'; Sie waren dort wohl tausend Jahre,     Und bleiben noch tausend d'rin.                                   Alte Ballade. Nachdem wir so den Charakter und Beruf Sir Patrick Charteris, des Oberrichters von Perth, im letzten Kapitel gezeichnet haben, kehren wir nun zu der Gesandtschaft zurück, welche sich am östlichen Thore versammeln wollte, um mit ihren Beschwerden sich zu jenem Würdenträger nach Kinfauns zu begeben. Zuerst erschien Simon Glover auf einem sanften Zelter, welcher bisweilen die Ehre genoß, die schönere Person wie die leichtere Last der reizenden Tochter zu tragen. Glovers Mantel verhüllte ihm den untern Theil des Gesichts, sei es, um seinen Freunden anzudeuten, sie sollten, während er durch die Straßen ritt, ihn durch keine Frage aufhalten, sei es wegen der gerade eingetretenen Kälte. Auf seiner Stirn war eine bedeutende Unruhe zu lesen, als wäre ihm die Sache, worin er sich verwickelt sah, immer schwieriger und gefährlicher vorgekommen, jemehr er sie genauer erwog. Er grüßte nur durch stillschweigende Geberden seine Freunde, als sie sich auf dem Sammelplatz einfanden. Ein starker Rappe von der alten Gallowayrasse, nicht höher als vierzehn Hände, aber hochschulterig, stark von Gliedern, wohlgestaltet und gutgenährt, trug den wackern Schmied zum Ostthore. Ein Kenner des Thiers hätte in seinem Auge einen Funken der Falschheit bemerken können, die sich nicht selten mit der kräftigsten, ausdauerndsten Gestalt paart; aber das Gewicht des Reiters, seine geschickte Hand und die Art, wie er im Sattel saß, so wie die Erfahrung, die das Pferd erst kürzlich während einer langen Reise gemacht, hatten seine Widerspenstigkeit wenigstens für den Augenblick gezähmt. Ihn begleitete der ehrsame Strumpfwirker, der, da er ein kleiner, ziemlich dicker Mann war, wie ein rother Knäuel (denn er war in einen Scharlachmantel gehüllt, worüber eine Jagdtasche hing) auf einen großen Sattel gepackt war, worauf er mehr hing, als saß. Der Sattel, der den Reiter trug, war mit einem Gurt auf den Rücken einer niederländischen Stute befestigt, die den Rücken wie ein Kameel in die Höhe zog, und deren Füße, mit langen, dichten Haaren bewachsen, sich in einen breiten Huf endigten. Der Kontrast zwischen dem Pferd und dem Reiter war so außerordentlich, daß, während die Vorübergehenden, die seiner ansichtig wurden, sich wunderten, wie der Eine den Andern habe besteigen können, seine Freunde nicht ohne Besorgnisse waren, er möchte abgeworfen werden; denn die Beine des so hoch sitzenden Reiters reichten nicht bis an den untern Saum seines Sattels. Er hatte abgewartet, bis der Schmied sich auf den Weg machte, um diesem sich anzuschließen, denn Oliver Proudfute war der Meinung, daß Männer der That sich vortheilhafter zeigen könnten, wenn sie beisammen wären, und er gerieth in Entzücken, als ein Spötter aus der niedern Volksklasse Ernst genug hatte, laut auszurufen, ohne geradezu zu lachen: »Dort reitet der Stolz von Perth – dort reiten die tapfern Bürger, der wackere Schmied vom Wynd und der kühne Strumpfwirker!« Es ist wahr, der Bursche, der so sprach, gab dabei seines Gleichen einige deutsame Winke; da aber der Strumpfwirker diese Geberden nicht sah, so warf er jenem großmüthig einen Silberpfennig zu, um seine Achtung für kriegerische Leute aufzumuntern. Dies Geschenk machte, daß ihnen eine Schaar Knaben folgte, lachend und jubelnd, bis Harry Schmied, sich umwendend, den vordersten von ihnen zu peitschen drohte; sie warteten nicht, bis er diese Absicht ausführte. »Hier sind wir, die Zeugen,« sagte der kleine Mann auf dem großen Pferde, als sie zu Simon Glover am Ostthore kamen; »aber wo sind Jene, die uns beistehen sollen? Ach, Bruder Harry! Das Ansehen ist eine Last, passender für einen Esel, als für ein muthig Pferd; es hindert nur die Bewegungen so junger Burschen, wie Ihr und ich.« »Ich wünschte, Euch immer ein wenig von dieser Last tragen zu sehen, werther Meister Proudfute,« erwiderte Harry Gow, »wär's auch nur, um Euch im Sattel festzuhalten; denn Ihr schwankt umher, als machtet Ihr einen Tanz auf Eurem Sitze, ohne die Beine dazu zu brauchen.« »Ja, ja; ich hebe mich in den Steigbügeln, um die Stöße zu vermeiden. Meine Stute hat einen grausam harten Trab; aber sie hat mich in Feld und Wald getragen und durch manch' gefährliche Bergschlucht; so trennen wir uns nie, ich und Jesabel – ich nenne sie Jesabel nach der Prinzessin von Kastilien.« »Isabelle, meint Ihr wahrscheinlich,« antwortete der Schmied. »Ja – Isabelle oder Jesabel, – Alles gleich, wie Ihr wißt. Aber dort kommt endlich Bailie Craigdallie, mit dem armen, feige kriechenden Geschöpf, dem Apotheker. Sie haben zwei Stadtwächter mit ihren Partisanen, vermutlich als Leibwache für sich, mitgebracht. – Wenn ich irgend ein Ding vor Allem hasse, so ist es ein kriechender Schuft, wie der Dwining!« »Hütet Euch, daß er so was nicht von Euch hört,« sagte der Schmied. »Ich sage dir, Strumpfwirker, daß mehr Gefahr in jenem dünnen Gerippe liegt, als in zwanzig tapferen Kerls, wie Ihr selbst.« »Pfui, Schmied! Ihr wollt mit mir spaßen,« sagte Oliver; – indeß dämpfte er seine Stimme und blickte auf den Apotheker, als wollte er entdecken, in welchem Gliede oder Zuge seines abgezehrten Gesichts und Körpers sich etwa die gedrohte Gefahr zeige; und nachdem seine Prüfung ihn wieder sicher gemacht, antwortete er kühn: »Schwerter und Schilde, Freund! mit einem Dutzend solcher wie Dwining nehm' ich's auf. Was könnt' er einem Manne, der Blut in den Adern hat, thun?« »Er könnte ihm eine Dosis Arznei geben,« antwortete der Schmied trocken. Sie hatten keine Zeit zu fernerem Gespräch, denn Bailie Craigdallie hieß sie die Straße nach Kinfauns einschlagen, und gab selber das Beispiel dazu. Während sie in mäßigem Schritt vorwärts zogen, drehte sich das Gespräch um den Empfang, den sie beim Oberrichter zu erwarten hätten, und um die Theilnahme, die dieser an der vorzutragenden Sache zeigen möchte. Der Handschuhmacher befand sich, wie es schien, in einem Zustande gänzlicher Niedergeschlagenheit, und äußerte sich mehrmals auf eine Weise, die andeutete, daß er noch gewünscht hätte, man möchte die Sache auf sich beruhen lassen. Er sprach sich indeß nicht ganz klar aus, vielleicht aus Furcht, man möchte, wenn er sich's allzudeutlich merken ließe, daß er lieber sähe, wenn die strafbare Unternehmung mit Stillschweigen übergangen würde, nächtheilige Folgerungen für den Ruf seiner Tochter daraus ziehen. Dwining schien seine Meinung zu theilen, sprach aber vorsichtiger als am Morgen. »Nach Allem,« sagte der Bailie, »wenn ich alles das Gute erwäge, was von der lieben Stadt zum Lord Oberrichter gekommen, kann ich nicht denken, daß er sich uns abgeneigt zeigen werde. Mehr als ein Boot, mit Bordeauxwein beladen, hat den südlichen Strand verlassen, um seine Last unter Schloß Kinfauns auszuladen. Ich habe einiges Recht, davon zu reden, weil ich die Ladung besorgte. »Und,« sagte Dwining mit seiner quäkenden Stimme, »ich könnte reden von auserlesenen Confekten, seltenen Confituren, feinem Gebäck und selbst den köstlichen sogenannten Zuckerhüten, die dorthin gingen wegen einer Hochzeit, einer Taufe oder dergleichen. Aber freilich, Bailie Craigdallie, der Wein ist getrunken, das Confekt gegessen, und man vergißt das Geschenk, wenn der Duft davon verschwunden ist. Ach, Nachbar! das Banket von letzter Weihnacht ist vergessen wie der Schnee des letzten Jahres.« »Aber es gab auch Handschuhe, mit Goldstücken gefüllt,« sagte die Magistratsperson. »Ich muß ja wissen, wer sie gemacht hat,« sagte Simon, dessen Berufsgedanken sich mit Allem mischten, was sonst seinen Geist beschäftigen mochte. »Einer war ein Jagdhandschuh für Mylady. Ich macht' ihn etwas weit. Ihre Gnaden waren aber nicht unzufrieden damit, in Betracht des Futters.« »Nun gut,« sagte Bailie Craigdallie, »um so mehr red' ich wahr; und wenn er nicht mehr daran denkt, so ist der Oberrichter schuld und nicht die Stadt; er konnte das Gold weder essen noch trinken in der Gestalt, wie er's bekam.« »Ich könnte auch von einer tüchtigen Rüstung sprechen,« sagte der Schmied; »aber, Cogan, na schire! wie John, der Hochländer, sagt, – ich denke, der Herr von Kinfauns wird seine Pflicht bei der Stadt in Frieden und Krieg erfüllen; und es ist unnütz, die guten Thaten der Stadt nachzurechnen, bevor wir ihn undankbar dafür sehen.« »So mein' ich's,« schrie unser Freund Proudfute vom Gipfel seiner Stute. »Wir wackern Degen können uns nicht so erniedrigen, daß wir Wein und Nüsse nachzählen, wenn von einem Freunde, wie Sir Patrick Charteris, die Rede ist. Nein, glaubt mir, ein guter Waidmann, wie Sir Patrick, wird das Recht, im Gebiete der Stadt jagen zu dürfen, als eine hohe Gunst würdigen, die, Seine Majestät den König ausgenommen, keinem Lord oder Bürger gewährt wird, außer unserm Oberrichter allein.« Während der Strumpfwirker sprach, hörte man zur Linken ein Geschrei: »So, so – wau wau – hau!« welches der Ruf eines Jägers zu seinem Falken ist. »Mich dünkt, es übt soeben ein Mensch das Vorrecht, wovon Ihr sprecht, welcher weder König noch Oberrichter scheint,« sagte der Schmied. »Ja, wahrlich, ich seh' ihn,« sagte der Strumpfwirker, welcher glaubte, es biete sich eine Gelegenheit dar, um Ehre einzulegen. »Du und ich, wackerer Schmied, wollen hin und ihn zur Rede setzen.« »Nun vorwärts also,« sagte der Schmied; und sein Gefährte spornte seine Stute und ritt fort, gar nicht zweifelnd, daß Gow ihm dicht folge. Aber Craigdallie hielt Harry's Pferd beim Zügel. »Bleibt bei der Fahne,« sagte er; »laßt uns sehen, wie's unserm leichten Reiter geht. Wenn er sich eine Beule holt, wird er für diesen Tag ruhiger.« »Nach dem, was ich schon sehe,« sagte der Schmied, »kann er leicht dazu kommen. Jener Kerl, der so unverschämt stehen bleibt, uns zu betrachten, als wär' er auf der rechtmäßigsten Jagd von der Welt begriffen – ich erkenn' ihn an seinem Klepper, seiner rostigen Pickelhaube mit der Hahnenfeder, und dem langen zweihändigen Schwerte, als Einen, der im Dienste eines Lords im Süden steht, – Leute, die dem Südland so nahe wohnen, daß sie den Harnisch immer umgeschnallt haben, und die eben so gern Schläge austheilen, als lange Finger machen. Während sie so den Erfolg dieses Zusammentreffens besprachen, begann der tapfere Strumpfwirker Jesabel langsam laufen zu lassen, damit der Schmied, den er noch hinter sich glaubte, ihn einholen, und entweder vorangehen oder wenigstens neben ihm reiten möchte. Als er ihn aber in einer Entfernung von einigen hundert Schritten bei der Gruppe der Gefährten halten sah, fing der Held von Perth, wie der alte spanische General, an, vor den Gefahren zu zittern, denen sein verwegener Geist ihn entgegenführen konnte. Jedoch entmuthigte ihn der Gedanke wieder, daß seine Freunde nahe waren, und da er hoffte, ihre Anzahl werde dem einzelnen Wilddiebe Furcht einflößen, und da er sich schämte, von einem Unternehmen abzulassen, wozu er sich selber erboten, so widerstand er der starken Versuchung, seine Jesabel herumzuwerfen und so schnell als möglich zu den Freunden zurückzukehren, unter deren Schutz er gern gewesen wäre. Er rückte also dem Fremden näher, und seine Besorgnisse stiegen sehr, als er diesen in raschem Trabe auf seinem Klepper heraneilen sah. Sobald er diese offenbar offensive Bewegung bemerkte, blickte unser Held mehrmals über seine linke Schulter zurück, als wollte er das Feld wegen des Rückzugs recognosciren und machte inzwischen geradezu Halt. Aber der Philister kam über ihn, eh' sich der Strumpfwirker für Kampf oder Flucht entscheiden konnte, und es war ein verdächtig aussehender Philister. Seine Gestalt war hager und groß, sein Gesicht bezeichneten einige entstellende Narben und der ganze Mann sah einem solchen Menschen ähnlich, der gewohnt ist zu sagen: »Steh' und gib her, was du hast.« Die Person begann die Unterhaltung, indem sie in einem Tone, so schlimm wie der Blick, rief: »Der Teufel führt Euch Kuckuck her; warum reitet Ihr über den Moor, um meine Jagd zu stören?« »Würdiger Fremdling,« sagte unser Freund im Tone friedlicher Vorstellung, »ich bin Oliver Proudfute, ein Bürger von Perth, und ein Mann von Ansehen; und dort ist der würdige Adam Craigdallie, der älteste Bailie der Stadt, mit dem tapferen Waffenschmied Harry Gow und einigen andern bewaffneten Männern, die wissen möchten, wie Ihr heißt und wie es kommt, daß Ihr auf dem Stadtgebiete jagt. Indeß kann ich Euch versichern, daß sie durchaus nicht im Sinne haben, mit einem Edelmanne oder Fremden wegen dieses zufälligen Eingriffs Streit anzufangen. Nur sind sie nicht gewohnt, diese Erlaubniß zu geben, wenn man sie nicht geziemend darum ersucht; und – und – darum wünsch' ich Euren Namen zu wissen, werther Herr.« Die trotzige und verächtliche Miene, womit der Falkner während dieser Rede Oliver Proudfute betrachtet hatte, entmuthigte Letztern sehr, und änderte den Ton der Frage gänzlich, die, war Harry Gow bei ihm, wahrscheinlich ganz anders geklungen hätte. Der Fremde erwiderte sie, da sie gelind war, mit einer höchst verdächtigen Miene, wodurch ihn die Narben seines Gesichtes noch wilder erscheinen ließen. »Ihr wollt meinen Namen wissen? – mein Name ist der Teufels-Dick von Hellgarth, wohlbekannt in Annandale als ein edler Johnstone. Ich begleite den tapfern Laird von Wamphray, der mit seinem Vetter, dem muthigen Lord von Johnstone, reitet, welcher mit dem mannhaften Grafen von Douglas zieht; und der Graf und der Lord und der Laird und ich, der Knappe, lassen unsere Falken fliegen, wo wir unsere Beute finden, und fragen Niemand, über dessen Feld wir reiten.« »Ich will Eure Botschaft ausrichten, Sir,« erwiderte Oliver Proudfute ziemlich sanft; denn er fing an, sich das Unternehmen eifrigst vom Halse zu wünschen, welches er so vorschnell unternommen, und er war im Begriff, sein Pferd umzuwenden, als der Mann von Annandale hinzufügte: »Und das nehmt noch mit, damit Ihr Euch merkt, Ihr seid dem Teufels-Dick begegnet, und damit Ihr Euch ein andermal zu hüten wißt, die Jagd eines Mannes zu stören, der den geflügelten Sporn auf der Schulter trägt.« Mit diesen Worten gab er einige harte Schläge mit seiner Reitgerte dem unglücklichen Strumpfwirker auf Kopf und Leib. Einige von ihnen trafen Jesabel, die, sich rasch umwendend, ihren Reiter auf den Moor legte und zur Gesellschaft der Bürger zurückkehrte. Der so niedergeworfene Proudfute begann in nicht sehr männlichem Tone um Hülfe zu rufen und fast im nämlichen Athem um Gnade zu bitten; denn sein Gegner war, sobald er ihn am Boden sah, abgestiegen und hielt ihm die Spitze eines kleinen Jagdmessers an die Kehle, während er die Tasche des unglücklichen Bürgers plünderte und sogar seine Jagdtasche untersuchte, die er trug, und schwur, er wolle sich mit ihrem Inhalte dafür entschädigen, daß seine Jagd gestört worden. Er riß heftig an dem Gürtel, den unterlegenen Strumpfwirker noch mehr durch sein gewaltthätiges Verfahren erschreckend, da er sich nicht die Mühe nahm, die Schnalle zu lösen, sondern zerrte, bis der Riemen riß. Offenbar aber enthielt sie nichts nach seinem Geschmack. Er warf sie verächtlich weg und ließ zugleich den abgesetzten Reiter aufstehen, während er selbst seinen Klepper bestieg und nach Olivers Gefährten sah, die sich jetzt näherten. Als sie ihren Abgeordneten fallen sahen, hatten sie gelacht; so sehr hatte die Prahlerei des Strumpfwirkers seine Freunde zum Scherze geneigt gemacht, als sie, wie sich Harry Schmied ausdrückte, ihren Oliver einem Roland begegnen sahen. Als man aber sah, wie des Strumpfwirkers Gegner über jenen herfiel und ihn in der beschriebenen Weise behandelte, konnte sich der Waffenschmied nicht länger halten. »Mit Erlaubniß, guter Meister Bailie, ich kann's nicht mit ansehen, daß unser Mitbürger geschlagen und geplündert wird, und vielleicht vor unsern Augen ermordet. Das betrifft unsere gute Stadt; und wenn es des Nachbars Proudfute Unglück ist, so ist's unsere Schande. Ich muß ihm zu Hilfe.« »Wir alle wollen ihm zu Hilfe kommen,« antwortete Bailie Craigdallie; »aber schlage Keiner zu ohne mein Geheiß. Wir haben mehr Fehden vor uns, wie zu fürchten steht, als Kraft, sie zu gutem Ende zu bringen. Und daher befehl' ich euch Allen und besonders Euch, Harry vom Wynd, im Namen der guten Stadt, daß Ihr keinen Hieb außer zur Nothwehr thut.« Sonach rückten Alle miteinander vor, und das Erscheinen einer solchen Anzahl vertrieb den Räuber von seiner Beute. Er stand indeß, um sie zu betrachten, in einiger Entfernung, gleich dem Wolf, der, obwohl er sich vor den Hunden zurückzieht, nicht zu unbedingter Flucht gebracht werden kann. Als Harry diesen Stand der Dinge sah, spornte er sein Pferd und eilte den Uebrigen weit voraus, nach dem Schauplatze von Oliver Proudfute's Mißgeschick. Das Erste, was er that, war, daß er Jesabel am Zügel ergriff, das Zweite, daß er sie ihrem Herrn wieder zuführte, der die Kleider ganz mit Koth überzogen und Thränen in den Augen, die ihm Schmerz und Verdruß entlockt hatten, auf ihn zukam. Der Anblick, den er darbot, war von seiner sonstigen wichtigen und anmaßenden Miene so verschieden, daß der ehrliche Schmied nicht umhin konnte, einiges Mitleid mit dem kleinen Mann zu fühlen und sich Vorwürfe zu machen, daß er ihn solchem Unfall ausgesetzt hatte. Es gibt wohl Niemand, glaub' ich, den ein übel abgelaufener Scherz nicht ergötzt. Der Unterschied ist nur, daß ihn der Boshafte ohne unangenehme Nebenempfindung genießt, während der Wohlwollende bald die lächerliche Seite der Sache vergißt und nur Mitgefühl für den Schmerz des Leidenden behält. »Laßt mich Euch wieder auf Euren Sattel helfen, Nachbar,« sagte der Schmied, während er zugleich abstieg und Oliver auf seinen Kriegssattel klettern half, wie es ein Affe etwa gethan hätte. »Gott mag Euch verzeihen, Nachbar Schmied, daß Ihr nicht hinter mir kamet! Ich würde es nicht geglaubt haben und hätten mir's hundert glaubwürdige Zeugen zugeschworen.« Dies waren die ersten Worte, gesprochen mehr im Schmerz als Zorn, womit der gemißhandelte Oliver seinen Gefühlen Luft machte. »Der Bailie hielt mein Roß beim Zaume; und überdies,« fuhr Harry mit einem Lächeln fort, welches selbst sein Mitleid nicht unterdrücken konnte, »dachte ich, Ihr hättet mir die Beeinträchtigung Eures Ruhmes vorgeworfen, wenn ich Euch gegen einen einzelnen Mann zu Hilfe gekommen wäre! Der Schuft gewann den Vortheil über Euch, weil Euer Pferd nicht pariren wollte.« »Das ist wahr – das ist wahr,« sagte Oliver, der die Entschuldigung eifrig aufgriff. »Und dort steht der Schurke und freut sich über das gestiftete Unheil und triumphirt über Eure Niederlage, wie der König in der Romanze, der die Geige spielte, während eine Stadt brannte. Komm' du mit mir und du sollst sehen, wie wir mit ihm umspringen – wahrlich, fürchte nicht, daß ich dich diesmal im Stiche lasse.« So sprechend ergriff er Jesabel am Zügel und während er ihr zur Seite galoppirte, ohne Oliver Zeit zu einer Weigerung zu lassen, eilte er auf Teufels-Dick zu, welcher auf dem Gipfel einer Anhöhe in einiger Entfernung Halt gemacht hatte. Indessen klatschte der edle Johnstone, sei es, daß er sah, der Kampf würde ungleich werden, oder daß er für einen Tag genug gethan zu haben meinte, in die Hände, streckte, als wollte er seinem Gegner Trotz bieten, die Arme aus, und lenkte dann sein Pferd in das nahe Moor, worin er sich instinktmäßig, wie eine wilde Ente, zu bewegen schien, wobei er sein Federspiel um seinen Kopf schwang und seinem Falken pfiff, während jedes andere Pferd und jeder andere Reiter sogleich bis an den Sattelgurt versunken wäre. »Das ist ein vollkommener Moorreiter,« sagte der Schmied. »Dieser Kerl wird fechten oder fliehen, wie es ihm behagt, und ihn zu verfolgen nützt nicht mehr, als eine wilde Gans zu jagen. Wahrscheinlich hat er Euren Beutel genommen, denn sie gehen selten fort, ohne die Hände voll zu haben.« »Ja – ja – ja,« sagte Proudfute in traurigem Tone; »er hat mir den Beutel genommen – aber daran liegt wenig, da er mir die Jagdtasche gelassen hat.« »Ei wahrlich, die Jagdtasche wäre ein Siegeszeichen für ihn gewesen, gewiß – eine Trophäe, wie es die Minstrels nennen.« »Es liegt noch mehr daran, als das, Freund,« sagte Oliver bedeutsam. »Nun, das ist gut, Nachbar; mir ist's lieb, daß ich Euch wieder in Eurem würdevollen Tone reden höre. Munter! Ihr habt des Burschen Rücken gesehen und die Trophäen wiedergewonnen, die Ihr verlort, als er im Vortheil gegen Euch war.« »Ach, Harry Gow – Harry Gow!« sagte der Strumpfwirker und hielt mit einem tiefen Seufzer inne, der fast wie ein Schluchzen klang. »Was gibt's denn?« fragte sein Freund. »Womit quält Ihr Euch nun selber?« »Ich habe einigen Verdacht, mein theuerster Freund Harry Schmied, daß der Bursche floh aus Furcht vor Euch und nicht vor mir.« »Denkt das nicht,« antwortete der Waffenschmied; »er sah zwei Männer und floh, und wer kann sagen, ob er wegen des einen oder des andern floh? Ueberdies kennt er aus Erfahrung Eure Stärke und Gewandtheit; wir Alle sahen, wie Ihr stießt und kämpftet, als Ihr am Boden laget.« »That ich das?« sagte der arme Proudfute; »ich erinnere mich nicht – aber ich weiß, daß das meine starke Seite ist – ich bin stark, wenn's darauf ankommt. Aber sahen es auch Alle?« »Alle so gut wie ich,« sagte der Schmied, die Neigung zum Lachen unterdrückend. »Aber du wirst sie daran erinnern?« »Ganz gewiß,« antwortete der Schmied; »und auch an dein letztes verzweifeltes Nachsetzen. Merkt, was ich dem Bailie Craigdallie sagen werde, und macht's Euch zu nutze.« »'s ist nicht darum, daß ich ein Zeugniß zu meinen Gunsten brauchte, denn ich bin von Natur so tapfer, wie die meisten Männer in Perth – sondern nur« – hier hielt der Mann des Muthes inne. »Aber was denn?« fragte der muthige Waffenschmied. »Nur, daß ich mich vor dem Todtgeschlagenwerden fürchte. Mein artiges Weib und meine jungen Kinder zu verlassen, Ihr seht wohl, das wäre ein trauriger Wechsel, Schmied. Ihr werdet dies erfahren, wenn Ihr selber in dem Falle seid, und Euer Muth wird dann schwächer werden.« »Das kann wohl sein,« sagte der Waffenschmied nachsinnend. »Dann bin ich so gewöhnt an den Gebrauch der Waffen und habe so guten Athem, daß Wenige es mit mir aufnehmen. Seht hier,« sagte der kleine Mann, indem er seine Brust wie die eines Huhns am Bratspieß ausdehnte und die Hände darauf legte, »hier ist Raum genug für die Luft.« »Ich darf wohl sagen, Ihr seid langathmig – zum wenigsten beweisen's Eure Reden –« »Meine Reden? – Ihr seid ein Spaßvogel – aber ich habe die Schilderei von einem Dromond den Fluß herauf von Dundee geschafft.« »Die Schilderei von einem Dromond!« rief der Waffenschmied. »Nun, Freund, das wird Euch mit dem ganzen Clan in Fehde verwickeln – der meines Wissens nicht der am wenigsten rachsüchtige im Lande ist.« »Heiliger Andreas, Mann, Ihr mißversteht mich! – Ich meine einen Dromond, d. h. ein großes Schiff. Ich habe diese Schilderei in meinem Hofe befestigt und gemalt und ausgebessert, daß das Ding wie ein Sultan oder Saracene aussieht, und daran üb' ich meinen Athem und brauche mein zweihändig Schwert auf Hieb und Stoß stundenlang dagegen.« »Das muß Euch mit dem Gebrauch Eurer Waffen vertraut machen,« sagte der Schmied. »Ja freilich thut es das – und manchmal setz' ich eine Mütze (versteht sich eine alte) auf meines Sultans Haupt und spalte sie mit einem so gewaltigen Hieb, daß der Ungläubige wahrlich bald nur noch die Hirnschale übrig haben wird.« »Das ist nicht gut, denn Ihr werdet Eure Uebung verlieren,« sagte Harry. – »Aber was sagt Ihr, Strumpfwirker? Ich will einmal meine Pickelhaube und meinen Harnisch anlegen, und Ihr sollt auf mich hauen, wenn Ihr mir erlaubt, mit einem großen Schwert zu pariren und die Hiebe zurückzugeben. Was meint Ihr dazu?« »Das geht auf keinen Fall, mein lieber Freund. Ich würde Euch zu viel Schaden thun; – überdies fecht' ich, die Wahrheit zu gestehen, viel freier gegen einen Helm oder Mütze, wenn sie auf meinem hölzernen Sultan sitzt – denn da bin ich gewiß, sie 'runter zu hauen. Seh' ich aber eine Feder darauf schwanken, zwei feurige Augen unter dem Visir hervorblitzen und die ganze Gestalt hier und dorthin tanzen, da ist allerdings meine Hand weniger fest.« »Also, wenn die Leute still hielten, wie Euer Sultan, so würdet Ihr den Tyrannen mit ihnen spielen, Meister Proudfute?« »Mit der Zeit und durch Uebung könnt' ich es wohl,« antwortete Oliver. – »Aber hier kommen wir zu den Andern; Bailie Craigdallie sieht böse aus – aber seine Art zornig zu sein, schreckt mich nicht.« Der freundliche Leser muß sich erinnern, daß, sobald der Bailie und seine Gefährten sahen, wie der Schmied zum besiegten Strumpfwirker kam und der Fremde sich zurückzog, sie nicht weiter für nöthig hielten, Oliver zu Hilfe zu eilen, in der Hoffnung, die Gegenwart des gefürchteten Harry Gow werde Jenen hinreichend sicherstellen. Sie schlugen daher wieder den geraden Weg nach Kinfauns ein, weil sie sich ihres Auftrages möglichst bald entledigen wollten. Da eine geraume Zeit verflossen war, bis der Strumpfwirker und der Schmied wieder zu ihnen stießen, fragte der Bailie, sich vorzüglich an Harry wendend, warum sie die kostbare Zeit mit Verfolgung des Falkners verschwendet hätten? »Alle Heiligen, meine Schuld war's nicht, Meister Bailie,« erwiderte der Schmied. »Wenn Ihr einen gemeinen niederländischen Windhund mit einer hochländischen Wolfsdogge paart, so dürft Ihr jenen nicht schelten, wenn er beiher läuft, wohin diese ihn zieht. Ganz so ist mir's mit meinem Nachbar Oliver Proudfute gegangen. Kaum war er wieder aufgestanden, so warf er sich wie der Blitz auf sein Pferd, und ergrimmt über die Feigheit, womit der Räuber seinen Sturz benutzt hatte, eilte er ihm nach wie ein Dromedar. Ich mußte ihm wohl folgen, theils um einen zweiten Fall zu verhüten, theils um unsern Beschützer, unsern tapfern Freund zu vertheidigen, wenn ihm dort oben auf der Anhöhe ein Hinterhalt gelegt worden wäre. Aber der Schurke, der im Gefolge eines Lords von den Marches ist und einen geflügelten Sporn auf der Schulter trägt, floh vor unserm Nachbar, wie die Funken vom Feuersteine.« Der Senior Bailie von Perth lauschte mit Staunen der Sage, welche Harry Gow zu verbreiten beliebte; denn obwohl ihm wenig an der Sache lag, hatte er doch immer an der Wahrheit der romantischen Thaten des Strumpfwirkers gezweifelt, die er nun doch in gewissem Grade für richtig halten mußte. Der schlaue alte Glower durchschaute die Sache besser. »Ihr werdet den alten Strumpfwirker toll machen,« flüsterte er Harry zu; »er wird mit seiner Klapper lärmen, als wär's eine Stadtglocke an einem Freudenfeste, während er der Ordnung und des Anstandes wegen ganz still sein sollte.« »O, bei unserer lieben Frau, Vater,« erwiderte der Schmied, »ich liebe den armen kleinen Prahlhans, und mag nicht daran denken, ihn reuig und schweigend beim Oberrichter zu sehen, während alle Uebrigen, und besonders der giftige Apotheker, ihre Meinung sagten.« »Du bist ein allzuguter Bursche, Harry,« antwortete Simon. »Merk' aber den Unterschied zwischen diesen beiden Männern. Der harmlose kleine Strumpfwirker nimmt die Miene eines Drachen an, um seine natürliche Feigheit zu verstecken, während der arglistige Apotheker sich bemüht, schüchtern, muthlos und bescheiden zu scheinen, um seine gefährliche Gemüthsart zu bergen. Die Natter ist nicht minder tödtlich, weil sie unter einen Stein kriecht. Ich sage dir, Sohn Harry, daß, bei all' seinen kriechenden Blicken und schüchternen Worten, dies elende Gerippe Unheil mehr liebt, als es Gefahr fürchtet. – Aber hier stehen wir vor des Oberrichters Schloß. Und Kinfauns ist ein stattlicher Ort, und es gereicht der Stadt zum Vortheil, den Eigner eines so tüchtigen Schlosses zur obersten Magistratsperson zu haben.« »In der That eine hübsche Burg,« sagte der Schmied, auf den breitfluthenden Tay blickend, der unter der Höhe hinfloß, worauf das Schloß stand, gleich seinem modernen Nachfolger, und wie die Königin des Thales erschien, obschon auf der andern Seite des Flusses die starke Mauer von Elcho ihr den Vorrang streitig machen zu wollen schien. Indeß war Elcho um diese Zeit ein friedliches Kloster, und hinter den Mauern, die es umschlossen, lebten keusche Jungfrauen, die der Welt und ihren Genüssen entsagt hatten. »Ein tüchtiges Schloß,« sagte der Waffenschmied, wieder auf die Thürme von Kinfauns blickend, »es ist Brustwehr und Panzer des schönen Gebietes des Tay; es müßte manche gute Klinge schartig werden, ehe man ihm beikommen könnte.« »Der Pförtner von Kinfauns, der aus der Ferne die Personen und den Stand der Nahenden erkannte, hatte bereits das Hofthor zu ihrem Eintritt geöffnet, nachdem er Sir Patrick Charteris hatte melden lassen, daß der älteste Bailie von Perth mit mehreren anderen Bürgern dieser Stadt sich dem Schlosse nähere. Der Ritter, der gerade auf die Falkenjagd gehen wollte, empfing diese Nachricht etwa auf die Weise, wie ein Gutsherr in unserer Zeit, wenn ein ungelegener Besuch gemeldet wird, d. h. er wünschte im Stillen die Gäste zu allen Teufeln, während er laut befahl, sie mit gebührendem Anstand und aller Höflichkeit zu empfangen. Den Dienern befahl er, Wildpret und kaltes Fleisch im großen Saale aufzustellen, und seinem Kellermeister, einige Tonnen anzuzapfen, und seine Pflicht zu thun; denn wenn die gute Stadt dann und wann seinen Keller füllte, so waren die Bürger stets ebenso bereit, seine Flaschen leeren zu helfen. Die guten Bürger wurden ehrerbietig in den Saal geführt, wo der Ritter, in einem Reitkleide und Stiefeln bis in die Mitte der Schenkel, sie mit einem Gemisch von Höflichkeit und oberherrlicher Herablassung empfing; er wünschte sie dabei in den Grund des Tay, weil sie ihn in einem Vergnügen störten, dem er den Morgen hatte widmen wollen. Er ging ihnen bis in die Mitte des Saales mit entblößtem Haupte und den Hut in der Hand entgegen, und begrüßte sie ungefähr so: – »Ah, Meister Bailie Craigdallie, ehrenwerther Simon Glover, Väter der guten Stadt – und Ihr, mein gelehrter Apotheker – und Ihr, tapferer Schmied, – und auch Ihr, mein muthiger Strumpfwirker, der mehr Köpfe spaltet, als er Mützen verfertigt, – was schafft mir das Vergnügen, so viel Freunde zu so gelegener Stunde bei mir zu sehen? Ich wollte auf die Falkenjagd, und eure Gesellschaft wird den Genuß noch erhöhen – (bei Seite: ich hoffe zu unsrer lieben Frau, daß sie die Hälse brechen!) – das heißt, wenn die Stadt keinen Auftrag für mich hat – Gilbert, du Schelm, spute dich mit dem Wein. – Aber ich hoffe, euer Geschäft ist nicht ernsterer Art, als zu versuchen, ob der Malvasier hier seinen Wohlgeschmack behalten hat?« Die Abgeordneten der Stadt erwiderten ihres Oberrichters Höflichkeiten durch Verbeugungen und Kratzfüße, die mehr oder minder charakteristisch waren. Die Verbeugung des Apothekers war die tiefste, und die des Schmieds die ungezwungenste. Wahrscheinlich kannte er seinen eignen Werth als Mann des Schwertes. Der Bailie antwortete im Namen der Andern. »Sir Patrick Charteris und unser edler Lord Oberrichter,« sagte Craigdallie würdevoll, »wäre unsere Absicht nur, Gebrauch von der Gastlichkeit zu machen, mit der Ihr uns schon oft empfangen habt, so hätte uns das Gefühl des Schicklichen gelehrt, wie sonst auf eine Einladung zu warten. Was die Falkenjagd anlangt, so haben wir deren für einen Morgen schon genug gehabt, denn wir stießen unterwegs auf einen Burschen, der im Stadtgebiet jagte und der unsern Freund Oliver oder Proudfute, wie er genannt wird, aus dem Sattel geworfen und gemißhandelt hat, einzig darum, weil er ihn in Eurem und der Stadt Namen fragte, wer oder was er sei, daß er sich so viel herausnehme.« »Und was sagte er von sich?« fragte der Oberrichter. »Bei St. John! ich will ihn meine Jagd achten lehren!« »Mit Eurer Gnaden Erlaubniß,« sagte der Strumpfwirker, »er nahm seinen Vortheil über mich wahr. Aber ich stieg hernach wieder auf und setzte ihm muthig nach. Er nennt sich Richard der Teufel.« »Wie, mein Freund? Auf den die Lieder und Romanzen gemacht sind?« sagte der Oberrichter. »Ich dachte, dieses Burschen Namen wäre Robert.« »Ich denke, das sind verschiedene Leute, Mylord; ich nannte den Kerl blos beim vollen Namen, denn eigentlich nannte er sich den Teufels-Dick und sagte, er sei ein Johnstone und im Gefolge des Lords gleichen Namens. Aber ich hetzte ihn tüchtig und jagte ihm meine Jagdtasche wieder ab, die er mir bei meinem Unfall abgenommen.« Sir Patrick schwieg einen Augenblick. »Wir haben,« sagte er dann, »vom Lord von Johnstone und seinen Begleitern gehört. Es kommt wenig dabei heraus, wenn man sich mit ihnen einläßt. – Schmied, sagt mir, habt Ihr das ruhig angesehen?« »Ja, freilich wohl, Sir Patrick; meine Vorgesetzten befahlen mir, nicht zu Hilfe zu kommen.« »Nun, wenn du ruhig geblieben bist,« sagte der Oberrichter, »so seh' ich nicht ein, warum wir unruhig werden sollten; besonders da Meister Oliver Proudfute, obwohl anfangs im Nachtheil, wie er sagt, seine Ehre und die der Stadt rettete. Aber hier kommt endlich der Wein. Schenkt meinen guten Freunden und Gästen ein, bis es überläuft. Auf das Wohl von St. Johnston und ein fröhlicher Willkommen euch Allen, meine wackern Freunde! Und nun setzt euch und eßt einen Bissen, denn die Sonne steht hoch und ihr muntern Leute werdet lange nichts genossen haben.« »Bevor wir essen, Mylord Oberrichter,« sagte der Bailie, »laßt uns den dringenden Grund unseres Kommens berichten, welchen wir noch nicht berührt haben.« »Nein, ich bitte, Bailie,« sagte der Oberrichter, »laßt das, bis ihr gegessen habt. Eine Beschwerde gegen die übermüthigen Jackmen und Diener der Edeln, die in den Straßen der Stadt Ball spielten, oder sonst so eine hübsche Sache?« »Nein, Mylord,« sagte Craigdallie ernst und fest. »Die Herren der Jackmen sind's, über die wir klagen, weil sie Ball mit der Ehre unserer Familien spielten, und so wenig Umstände mit unserer Töchter Schlafkammern machen, als wären sie in einem Bordell zu Paris. Eine Schaar Nachtschwärmer, – Hofleute und Männer von Rang, wie nur zu viel Grund zu glauben ist, – versuchten in letzter Nacht die Fenster in Simon Glovers Hause zu ersteigen; sie standen mit gezogenen Wehren zu ihrer Verteidigung, als sie durch Harry Schmied gestört wurden, und sie kämpften, bis sie von den erwachten Bürgern vertrieben wurden.« »Wie?« sagte Sir Patrick, den Becher niedersetzend, den er eben erheben wollte. »Teufel, beweist mir das, und bei der Seele Thomas von Longueville's, mit meiner besten Macht will ich euch beistehen und sollt' es mir Leben und Land kosten. – Wer bezeugt das? – Simon Glover, man kennt Euch als ehrlichen und behutsamen Mann – nehmt Ihr die Wahrheit dieser Beschuldigung auf Euer Gewissen?« »Mylord,« sagte Simon, »versteht wohl, daß ich nicht freiwillig in dieser wichtigen Sache als Kläger auftrete. Nur die Ruhestörer selbst haben dabei den Schaden gehabt. Ich fürchte, nicht blos große Macht konnte sie zu solcher ungesetzlichen Tollkühnheit ermuthigen; und ich möchte nicht gern Anlaß geben, daß sich zwischen meiner Vaterstadt und einem mächtigen Edlen eine gefährliche Fehde erhöbe. Aber man hat angedeutet, wenn ich mich lässig zeigte, hierin zu klagen, so gäb' ich gleichsam zu erkennen, daß meine Tochter einen solchen Besuch erwartete, was völlig unwahr ist. Daher, Mylord, will ich Ew. Gnaden den ganzen Hergang der Sache nach Wissen und Gewissen erzählen und Eurer Weisheit die Entscheidung, was zu thun sei, überlassen.« Dann erzählte er, Punkt für Punkt, Alles, was er von dem Ueberfalle gesehen hatte. Sir Patrick Charteris, mit vieler Aufmerksamkeit zuhörend, schien besonders verwundert über das Entkommen des Mannes, der gefangen worden war. »Seltsam,« sagte er, »daß Ihr ihn nicht festhieltet, als Ihr ihn hattet. Saht Ihr ihn nicht genau genug an, um ihn wieder zu erkennen?« »Ich hatte nur das Licht einer Laterne, Mylord Oberrichter; und entkommen lassen mußt' ich ihn, da ich ja allein war und alt bin. Dennoch würd' ich ihn gehalten haben, hätte ich nicht das Geschrei meiner Tochter im obern Zimmer gehört; und eh' ich von dort zurückkam, war der Mann durch den Garten entflohen.« »Nun, Waffenschmied, als ein wahrhafter Mann und guter Krieger,« sagte Sir Patrick, »erzählt mir, was Ihr von der Sache wißt.« Harry Gow gab in seiner entschiedenen Redeweise eine kurze, aber klare Schilderung der ganzen Sache. Der ehrsame Proudfute, der zunächst aufgerufen wurde, begann seinen Bericht mit einer wichtigern Miene: »Indem ich von dem schrecklichen und erstaunlichen Tumult innerhalb der Stadt rede, kann ich allerdings, das ist wahr, nicht mit Harry Gow sagen, daß ich den ersten Anfang sah. Aber es läßt sich nicht läugnen, daß ich einen großen Theil des Endes betrachtete, und daß ich den kräftigsten Beweis zur Ueberführung der Bösewichter beibrachte.« »Und welcher ist das, Mann?« sagte Sir Patrick Charteris. »Verliert keine Zeit mit langen Reden. Was ist's?« »Ich habe Ew. Gnaden in dieser Tasche mitgebracht, was einer der Schurken zurückließ,« sagte der kleine Mann. »Es ist eine Trophäe, die ich, in voller ehrlicher Wahrheit, zwar bekenne nicht selbst gewonnen zu haben, bei welcher ich aber doch den Ruhm in Anspruch nehme, daß ich sie mit der Geistesgegenwart sicherte, die wenige Männer unter leuchtenden Fackeln und klirrenden Waffen bewahren. Ich sicherte sie, Mylord, und hier ist sie.« So sprechend, zog er aus der bereits erwähnten Jagdtasche die erstarrte Hand, die auf dem Schauplatze des Gefechts gefunden ward. »Ei, Strumpfwirker,« sagte der Oberrichter, »ich glaube, Ihr seid Mann genug, um eines Schurken Hand zu sichern, nachdem sie vom Körper gehauen ist. – Was sucht Ihr so geschäftig in Eurer Tasche?« »Es muß darin sein – es war darin – ein Ring, Mylord, der an dem Schurkenfinger stak. Ich fürchte, ich war vergeßlich und ließ ihn zu Hause, denn ich nahm ihn ab, um ihn meiner Frau zu zeigen, daß sie sich nichts aus der todten Hand machte, wie denn Weiber dergleichen Anblick nicht lieben. Ich dachte aber doch, ich hätt' ihn wieder an den Finger gesteckt. Trotzdem muß er, glaub' ich, zu Hause sein. Ich will darnach zurückreiten und Harry Schmied wird mit mir traben.« »Wir werden Alle mit dir traben,« sagte Sir Patrick Charteris, »da ich selber nach Perth will. Seht, ehrenwerthe Bürger und gute Nachbarn von Perth, Ihr mögt geglaubt haben, es liege mir nichts an Euren leichten Beschwerden und Klagen wegen des Bruchs Eurer Privilegien, z. B. was die Jagd aus Eurem Revier betrifft, das Ballspiel der Edelknappen in den Straßen und dergleichen. Aber bei der Seele Thomas Longueville's, Ihr werdet Patrick Charteris nicht träge finden in einer so wichtigen Sache. – Diese Hand,« fuhr er, das getrennte Glied in die Höhe haltend, fort, »gehört Einem, der keine Handarbeit verrichtete. Wir wollen sie an einem Orte aufstecken, wo der Eigner sie erkennen und beanspruchen kann, wenn seine Kameraden der Nachtschwärmerei noch einen Funken Ehre in sich haben. – Hört Ihr, Gerard – laßt gleich ein Paar Dutzend tüchtiger Leute aufsitzen und Panzer und Speer mit sich nehmen. Inzwischen, Nachbarn, wenn eine Fehde hieraus entspringt, was sehr wahrscheinlich ist, müssen wir einander beistehen. Wenn mein armes Haus angegriffen wird, wie viel Leute werdet Ihr mir zuführen?« Die Bürger sahen Harry Gow an, an den sie sich instinktmäßig bei derartigen Erörterungen wendeten. »Ich will,« sagte er, »dafür stehen, daß fünfzig tüchtige Bursche beisammen sind, ehe die Stadtglocke zehn Minuten geläutet hat; tausend werden in Zeit von einer Stunde da sein.« »Es ist gut,« antwortete der ritterliche Oberrichter; »und im Fall der Noth will ich der guten Stadt mit so viel Mannschaft zu Hilfe kommen, als ich auftreiben kann. Und nun, gute Freunde, steigen wir zu Pferde.« Neuntes Kapitel. Weiß ich, wie diese Ding' ich schlichten soll, Die so verworren sich mir aufgedrängt – Nimmer, glaubt mir – Richard II. Es war kurz nach Mittag am St. Valentinstag, als der Prior der Dominikaner in seinem Berufe als Beichtiger beschäftigt war, und zwar vor einem Beichtenden von nicht geringem Ansehen. Dieser war ein ältlicher Mann von gutem Aeußern, blühende Gesundheit ruhte auf seinem Gesicht, welches ein ehrwürdiger weißer Bart umzog, der bis auf die Brust niederhing. Die großen und klaren blauen Augen, mit der hohen, breiten Stirn, drückten Würde aus; aber sie war von einer Art, daß sie mehr gewohnt schien, freiwillige Huldigungen zu empfangen, als sie, im Fall der Weigerung, zu erzwingen. Der gutmüthige Ausdruck war so groß, daß er fast eine Einfalt oder Charakterschwäche anzudeuten schien, die ihn unfähig machte, Zudringlichkeit zurückzuweisen oder Widerstand zu bewältigen. Auf seinen grauen Haaren ruhte ein kleiner goldener Kranz oder eine Krone über einer blauen Binde. Sein Rosenkranz bestand aus dicken, ziemlich plump gearbeiteten Kügelchen, war aber mit schottischen Perlen verziert, die sich durch Größe und Schönheit auszeichneten. Außerdem trug er keinen Schmuck, und seine ganze Kleidung bestand aus einem langen Gewand von karmoisinrother Seide und einem Gürtel von derselben Farbe. Nachdem er gebeichtet, erhob er sich nicht ohne Mühe von dem gestickten Kissen, worauf er gekniet hatte, und ging, auf einen Ebenholzstock mit einem Rabenschnabel gestützt, mit sichtbarer Anstrengung und hinkend auf einen Prunksessel zu, der unter einem Thronhimmel stand, und den man für ihn in das große hohe Gemach, worin er sich befand, neben das Kamin gestellt hatte. Dies war Robert, der Dritte dieses Namens und der Zweite der unglücklichen Familie Stuart, welcher den schottischen Thron einnahm. Er hatte viele Tugenden und war nicht ohne Talent; aber zu seinem großen Unglück, welches mehrere Prinzen dieses, von so vielfachem Mißgeschick heimgesuchten Hauses mit ihm theilten, waren seine vorzüglichen Eigenschaften nicht von der Art, daß sie ihn befähigt hätten, die Rolle zu spielen, wozu ihn seine Geburt berufen. Der König eines so rauhen Volkes, wie damals die Schotten waren, hätte ein tapferer, rüstiger Krieger sein müssen, der geleistete Dienste freigebig belohnte, die Verbrechen streng bestrafte, und dessen ganzes Wesen Furcht und Liebe zugleich einflößen konnte; aber Robert des Dritten Eigenschaften waren das Gegentheil von alledem. Er hatte zwar in seiner Jugend mehreren Schlachten beigewohnt, aber wenn er darin auch keine Schmach ärntete, so hatte er doch nie die ritterliche Begierde nach Krieg und Wagstücken, und das glühende Verlangen, sich durch gefährliche Thaten berühmt zu machen, an den Tag gelegt, welches man damals von Allen erwartete, die von edler Geburt waren und Ansprüche auf Ansehen machten. Ueberdies war seine kriegerische Laufbahn sehr kurz. Im Getümmel eines Turniers erhielt der junge Graf von Carrick, dies war sein damaliger Titel, einen Schlag vom Pferde des Sir James Douglas von Dalkeith, in Folge dessen er zeitlebens lahm blieb, und völlig unfähig, ferner Theil am Kriege zu nehmen oder an kriegerischen Spielen und Turnieren, die ein Bild von jenem waren. Da Robert nie große Neigung zu solchen Uebungen bewiesen hatte, so bedauerte er wahrscheinlich nicht sehr, bei dergleichen Scenen keine Rolle spielen zu können. Aber dieser Unfall oder vielmehr die Folgen desselben setzten ihn in den Augen eines stolzen Adels und eines kriegerischen Volkes herab. Er mußte die wichtigen Regierungsgeschäfte bald einem Gliede seiner Familie, bald einem Andern überlassen, manchmal mit dem Titel Reichsstatthalter, und stets mit der solchem Range gebührenden Gewalt. Seine väterliche Liebe hätte ihn wohl bestimmt, einen Theil derselben seinem ältesten Sohne, einem talentvollen jungen Manne zu übertragen, den er zum Herzog von Rothsay ernannte, um ihm einen Rang zu verleihen, wodurch er dem Throne so nahe als möglich gebracht wurde; aber der junge Prinz hatte einen zu leichten Sinn und eine zu schwache Hand, um das Scepter mit Würde zu führen. Er liebte zwar die Macht, aber Vergnügungen waren seine Hauptleidenschaft, und zum Aergerniß des Volkes war der Hof Zeuge mannichfacher Liebeshändel, die sich der Prinz gestattete, dessen Aufführung für die Jugend des Landes ein Muster der Tugend und Ehrbarkeit hätte sein sollen. Das ungebundene und ungebührliche Benehmen des Herzogs von Rothsay war in der öffentlichen Meinung um so tadelnswerther, als er ein verheiratheter Mann war; obwohl Manche, auf die seine Jugend, Heiterkeit, Huld und Gutmüthigkeit Einfluß hatten, der Meinung waren, daß gerade die Verhältnisse seiner Ehe seinen Ausschweifungen zur Entschuldigung dienen könnten. Sie erinnerten sich, daß seine Vermählung ganz das Werk seines Oheims, des Herzogs von Albany, gewesen war, durch den sich der schwache, blödsinnige König meist leiten ließ, und der, wie man allgemein glaubte, dem Geiste seines Bruders eine den Interessen und Hoffnungen des künftigen Thronerben schädliche Richtung zu geben suchte. Durch die Intriguen Albany's wurde die Hand des Prinzen gleichsam an den Meistbietenden verkauft, denn er gab öffentlich zu verstehen, derjenige schottische Große, dessen Tochter die bedeutendste Mitgift erhielte, dürfe hoffen, der Schwiegervater des Herzogs von Rothsay zu werden. Bei dem erfolgten Streite um den Vorrang wurde Georg, Graf von Dunbar und March, der für sich oder durch seine Vasallen einen großen Theil der östlichen Grenzen besaß, den andern Bewerbern vorgezogen, und seine Tochter wurde mit wechselseitiger Zustimmung des jungen Paares dem Herzog von Rothsay verlobt. Aber eine dritte Partei mußte noch befragt werden, und das war kein Anderer, als der furchtbare Archibald, Graf von Douglas, zu fürchten wegen der Ausdehnung seiner Besitzungen, wegen seiner zahlreichen Aemter und Gerichtsbarkeiten und wegen seiner Weisheit und seines Muthes, vereint mit unbändigem Stolze und einer ungewöhnlichen Rachlust. Auch war der Graf dem Throne nahe verwandt, indem ihm die älteste Tochter des regierenden Königs vermählt war. Nach der Verlobung des Herzogs von Rothsay mit des Grafen von March Tochter trat Douglas auf, als ob er gezögert hätte, an der Verhandlung Theil zu nehmen, um zu zeigen, daß sie ohne ihn nicht abgeschlossen werden könne, um den Contrakt ungiltig zu machen. Er bot seine Tochter Marjory mit einer noch bedeutenderen Mitgift an, als der Graf von March versprochen hatte, und Albany, durch seine Habsucht und die Furcht vor Douglas beherrscht, machte seinen Einfluß auf den blödsinnigen Monarchen geltend und bestimmte ihn, dem Grafen von March das Wort zu brechen und seinem Sohne Marjory Douglas zu geben, eine Frau, die dieser nicht lieben konnte. Die einzige Entschuldigung, die man gegen den Grafen von March vorbrachte, war, daß die Verlobung des Prinzen mit Elisabeth von Dunbar die Zustimmung des Parlaments nicht erhalten habe, und so lange diese Bestätigung fehle, Verträge der Art nicht bindend seien. Der Graf war sehr erbittert über den ihm und seiner Tochter angethanen Schimpf, und man glaubte allgemein, er sinne auf Rache, wozu ihm das Ansehen, in dem er an der englischen Grenze stand, leicht die Mittel leihen zu müssen schien. Inzwischen machte der Herzog von Rothsay, aufgebracht, daß man seine Hand und seine Neigungen dieser Staatsintrigue geopfert habe, seinem Mißvergnügen Luft, indem er seine Gemahlin vernachlässigte, seinen furchtbaren und gefährlichen Schwiegervater verachtete und selbst dem Ansehen des Königs wenig Achtung bezeigte, auch gar keine der Vorstellungen seines Oheims Albany anhörte, den er als erklärten Feind betrachtete. Unter diesen Familienmißhelligkeiten, die sich auch auf seine Räthe und die Verwaltung erstreckten, so daß sich überall die schlimmen Folgen der Uneinigkeit und des Zwiespalts zeigten, ließ sich der schwache König eine Zeitlang durch den Rath seiner Gemahlin, der Königin Annabella, einer Tochter des edlen Hauses von Drummond, leiten. Mit hohem Scharfsinn und Festigkeit des Charakters ausgestattet, steckte sie dem Leichtsinn eines Sohnes, der sie achtete, einigermaßen Schranken, und hielt nicht selten den wankenden Sinn ihres königlichen Gemahls aufrecht. Aber nach ihrem Tode glich der Fürst einem Schiffe, das die Anker verloren hat und von entgegengesetzten Strömungen hin- und hergeworfen wird. Man konnte sagen, daß Robert seinen Sohn leidenschaftlich liebte, daß er eine furchtsame Achtung gegen den Charakter seines Bruders Albany hegte, der freilich viel fester war, als sein eigener; daß Douglas ihm eine fast instinktmäßige Furcht einflößte, und daß er an der Treue des kühnen, aber unbeständigen Grafen von March zweifelte. Die Empfindungen, die er gegen diese verschiedenen Personen hegte, verflossen so in einander, daß sie von Zeit zu Zeit ganz anders erschienen, als sie wirklich waren. Der letzten Gewalt, die über sein lenksames Gemüth ausgeübt worden war, nachgebend, wurde der König, nachdem er ein nachsichtiger Vater gewesen, streng und selbst grausam, sein Vertrauen auf seinen Bruder verwandelte sich in Mißtrauen, und der sonst so sanfte, gütige Monarch zeigte sich als eifersüchtigen, eigennützigen Tyrannen. Wie das Kamäleon trug sein schwaches Gemüth die Farbe des stärkern Geistes, von dem er sich für den Augenblick lenken ließ. Wenn er dem Rathe eines Gliedes seiner Familie nicht mehr folgte, um sein Ohr dem eines Andern zu erschließen, so war es nicht ungewöhnlich, eine gänzliche Aenderung der Verwaltung eintreten zu sehen: ein Wechsel, eben so unehrenvoll für den Charakter des Königs, als gefährlich für das Wohl des Staates. Eine natürliche Folge war, daß die Geistlichkeit der katholischen Kirche Einfluß auf einen Mann erlangte, der die besten Absichten hatte, aber dabei einen gänzlichen Mangel an festen Entschlüssen. Es quälte Robert nicht nur das peinliche Bewußtsein der Fehler, die er wirklich begangen hatte, sondern auch die Furcht, die ein abergläubisches Gemüth immer mit Bangigkeit erfüllt. Wir brauchen daher kaum noch hinzuzusetzen, daß die Geistlichen der verschiedenen Orden keinen geringen Einfluß auf einen so schwachen Fürsten ausübten, obwohl dies ein Einfluß war, dem in jener Zeit Wenige entgingen, so fest und entschlossen sie sich auch in ihren weltlichen Angelegenheiten zeigen mochten. – Wir kehren nun von dieser langen Abschweifung zurück, ohne welche unsere Erzählung nicht recht verständlich werden konnte. Der König hatte sich mühsam und ungraziös zu dem Polsterstuhle bewegt, der unter einem Thronhimmel für ihn bereit stand, und auf welchen er sich behaglich niederließ, gleich einem bequemen Manne, der eine Zeitlang in einer gezwungenen Stellung verharrt hatte. Als er saß, drückten die ehrwürdigen Züge und die sanfte Miene des Greises nichts als wohlwollende Güte aus. Der Prior, in einer Stellung tiefer Ehrerbietung, die sein von Natur stolzes Ansehen barg, vor dem Sessel des Königs stehend, war ein Mann zwischen vierzig und fünfzig Jahren, aber noch keines seiner Haare hatte die natürliche schwarze Farbe verloren. Verständige Züge und ein lebhafter Blick verriethen die Talente, durch die sich der ehrwürdige Prior auf den hohen Posten gehoben hatte, den er bei seinem Orden, und man kann hinzusetzen, im Staatsrathe bekleidete, wo er nicht selten von ihnen Gebrauch machte. Die Hauptzwecke, welche Erziehung und Gewohnheit ihn verfolgen lehrten, waren Vermehrung der Güter und Reichthümer der Kirche und Unterdrückung der Ketzerei, ein Ziel, zu dessen Erreichung er alle Mittel anwandte, die ihm seine Stellung an die Hand gab; aber durch die Aufrichtigkeit seines Glaubens und treue Befolgung der Vorschriften der Sittlichkeit, die ihn im gewöhnlichen Leben leiteten, machte er seiner Religion Ehre. Die Fehler, welche Prior Anselm zu unseligen Irrthümern und selbst zur Grausamkeit verleiteten, müssen vielleicht dem Geiste seiner Zeit und seines Standes zugeschrieben werden – seine Tugenden waren sein eigen. »Nachdem dies geschehen,« sagte der König, »und die erwähnten Ländereien durch meine Schenkung diesem Kloster gesichert sind, seid Ihr dann der Meinung, Vater, daß ich hinreichend in der Gunst unserer heiligen Mutter Kirche stehe, um mich ihren gehorsamen Sohn zu nennen?« »Gewiß, mein König,« sagte der Prior; »wollte Gott, daß all' ihre Kinder zum Sakrament der Beichte ein eben so lebendiges Bewußtsein ihrer Fehler brächten, und eben so viel guten Willen, sie abzubüßen. Aber ich spreche diese tröstlichen Worte, Sir, nicht zu Robert, dem König von Schottland, sondern nur zu meinem demüthigen und andächtigen Beichtkinde, Robert Stuart von Carrick.« »Ihr überrascht mich, Vater,« antwortete der König. »Mein Gewissen macht mir wenig Vorwürfe für das, was ich in meinem königlichen Berufe gethan, denn ich pflege dabei weniger meiner eigenen Meinung, als der Stimme der weisesten Räthe zu folgen.« »Eben darin liegt die Gefahr, mein König,« erwiderte der Prior. »Der heilige Vater erkennt in jedem Worte, jedem Gedanken, jeder Handlung bei Euch den gehorsamen Diener der heiligen Kirche. Aber es gibt schlimme Räthe, die der Eingebung ihrer schlechten Herzen folgen, während sie die Güte und Lenksamkeit ihres Monarchen mißbrauchen, und unter dem Scheine, seinen zeitlichen Interessen zu dienen, Schritte thun, die seinem ewigen Wohle nicht förderlich sein können.« König Robert erhob sich in seinem Stuhle und nahm eine gebietendere Miene an, die er, obwohl sie ihm zukam, selten zu zeigen pflegte. »Prior Anselm,« sagte er, »wenn Ihr in meinem Benehmen Etwas entdeckt habt, sei es in meinem königlichen oder in meinem Stande als Privatmann, was solchen Tadel nach sich ziehen kann, wie Eure Worte andeuten, so ist es Eure Pflicht, offen zu sprechen, und ich befehle Euch, so zu thun.« »Mein König, es soll Euch gehorcht werden,« antwortete der Prior mit leichter Verbeugung. Dann erhob er sich, und indem er die Würde seines kirchlichen Ranges annahm, sagte er: »Hört von mir die Worte unsers heiligen Vaters, des Papstes, des Nachfolgers St. Peters, dem die Schlüssel gegeben sind, beides, zu binden und zu lösen: Warum, Robert von Schottland, hast du nicht gesetzt auf den Stuhl des heiligen Andreas, Henry von Warstlaw, den der Papst empfahl, um jenen Sitz einzunehmen? Warum thust du Bekenntniß mit deinen Lippen, als gehorsamer Diener der Kirche, wenn deine Handlungen die Verstocktheit und den Ungehorsam deines Innern kund thun? Gehorsam ist besser denn Opfer.« »Sir Prior,« sagte der Monarch, in einem Tone, der seinem hohen Range zukam, »wir können uns wohl erlassen, Euch über diesen Gegenstand zu antworten, da die Sache uns und die Staaten unsers Reichs betrifft, nicht aber unser persönliches Gewissen angeht.« »Ach!« sagte der Prior, »und wessen Gewissen wird sie am jüngsten Tage angehen? Wer von Euren kühnen Lords oder reichen Bürgern wird sich dann zwischen den König und die Strafe stellen, die er verwirkt hat, indem er ihrer weltlichen Politik in geistlichen Angelegenheiten folgte? Wisse, mächtiger König, daß, wäre auch die ganze Ritterschaft deines Reiches aufgestellt, um dich vor dem Donnerkeil zu schirmen, daß sie doch verzehrt werden würde, wie trockenes Pergament von der Gluth eines Ofens.« »Guter Vater Prior,« sagte der König, auf dessen schüchternes Gewissen eine solche Sprache selten verfehlte großen Eindruck zu machen, »Ihr redet sicherlich zu streng in dieser Sache. Es war während meiner letzten Unpäßlichkeit, als der Graf von Douglas als Statthalter die königliche Gewalt in Schottland ausübte, daß sich das Hinderniß gegen die Aufnahme des Primaten unglücklicherweise erhob. Tadelt mich daher nicht um dessen willen, was sich ereignete, als ich die Angelegenheiten des Reichs nicht leiten konnte, und meine Macht einem Andern anvertrauen mußte.« »Eurem Unterthan, Sire, habt Ihr genug gesagt,« erwiderte der Prior. »Aber wenn sich das Hinderniß während der Statthalterschaft des Grafen Douglas erhob, so wird der Legat Seiner Heiligkeit Euch fragen, warum es nicht sofort verschwand, als der König die Zügel der Gewalt wieder in seine Hand nahm? Der schwarze Douglas kann viel thun, mehr als ein Unterthan in seines Herrn Reiche sollte thun können; aber er kann sich nicht zwischen Ew. Majestät und Euer Gewissen stellen, oder Euch von den Pflichten gegen die heilige Kirche entbinden, die Euch Euer Stand als König auferlegt.« »Vater,« sagte Robert mit einiger Ungeduld, »Ihr seid zu streng in dieser Sache und solltet zum wenigsten eine gelegene Zeit erwarten, bis wir Frist zur Erwägung einer Abhilfe haben. Solche Streitfälle sind häufig unter der Regierung unserer Vorfahren vorgekommen, und unser königlicher und seliger Vorfahr, der heilige David, entsagte seinen Vorrechten als Monarch nicht, ohne sie vertheidigt zu haben, obwohl er sich dadurch mit dem heiligen Vater selbst in Streit verwickelte.« »Und darin war dieser große und gute König weder fromm noch heilig,« sagte der Prior; »und daher ward er in die Macht seiner Feinde gegeben, als er sein Schwert gegen die Banner St. Peters, St. Pauls und St. Johannes von Beverley erhob, in dem Kriege, der noch der Standartenkrieg heißt. Gut war es für ihn, daß, gleich seinem Namensvetter, dem Sohn Isai's, seine Sünde auf Erden bestraft ward, um nicht gegen ihn zu zeugen am schrecklichen Tage des jüngsten Gerichts.« »Wohl, guter Prior – wohl – genug davon für diesmal. Der heilige Stuhl soll, Gott geb' es, nicht Ursache haben, sich über mich zu beklagen. Ich nehme unsere Liebe Frau zum Zeugen, daß ich nicht um die Krone, die ich trage, die Bürde auf mich nehmen möchte, unsere Mutter Kirche zu beleidigen. Wir fürchteten immer, daß der Graf von Douglas seine Blicke zu sehr auf den Ruhm und die zeitlichen Güter dieses vergänglichen und flüchtigen Lebens richte, um überhaupt die Ansprüche zu kennen, welche die künftige Welt an uns hat.« »Es ist nicht lange her,« sagte der Prior, »daß er sich mit einer Schaar von tausend Gefährten im Kloster von Aberbrothock Quartier erzwang, und der Abt ist genöthigt, ihn mit Allem für Roß und Mann zu versorgen, der Graf nennt dies eine Uebung der Gastfreiheit, die er mit Recht von einer Stiftung erwarte, zu welcher seine Vorfahren beigetragen hätten. Gewiß besser wäre es, dem Douglas seine Ländereien zurückzugeben, als solche Erpressung zu dulden, welche mehr der unbändigen Zügellosigkeit eines hochländischen Räubers gleicht, als dem Benehmen eines christlichen Barons.« »Die schwarzen Douglase,« sagte der König mit einem Seufzer, »sind ein Geschlecht, welches keinen Widerspruch hören mag. Aber, Vater Prior, ich bin vielleicht selbst so ein Zudringlicher; denn ich bin schon lange bei Euch gewesen, und meine Gefährten, obwohl nicht so zahlreich, wie jene des Douglas, sind trotzdem ihrer genug, um Euch mit ihrem täglichen Unterhalt zu belästigen. Und obwohl unser Befehl ist, Euren Aufwand so viel als möglich zu erleichtern, so wäre es doch, wenn wir Euch belästigen, gerathen, uns endlich zu entfernen.« »Nun, das verhüte unsre liebe Frau!« sagte der Prior, der, wenn auch begierig nach Macht, doch nichts Niedriges und Habsüchtiges in seinem Charakter hatte, sondern sogar eine vorzügliche Großmuth und Freundlichkeit besaß; »sicherlich kann das Dominikanerkloster seinem Fürsten die Gastfreiheit gewähren, die das Haus jedem Wanderer, weß Standes er auch sei, bietet, den die armen Diener unsers Schutzheiligen bewirthen. Nein, mein königlicher Herr, kommt mit einem zehn Mal größern Gefolge, als jetzt, und es soll kein Körnchen Hafer, kein Bund Stroh, kein Stück Brod und kein Pfund Fleisch mangeln. Ein Anderes ist's, die Einkünfte der Kirche, die ansehnlicher sind, als die Mönche wünschen dürfen oder nöthig haben, dazu zu verwenden, mit geziemender Achtung Ew. Majestät zu empfangen, ein Anderes, sie sich von rohen, gewaltthätigen Menschen entrissen zu sehen, deren Liebe zum Raub keine andern Schranken kennt, als den Umfang ihrer Gewalt.« »Nun wohl, guter Prior,« sagte der König; »lenken wir nun unsere Gedanken einen Augenblick von Staatsangelegenheiten ab; – könnt Ihr, ehrwürdiger Herr, uns berichten, wie die guten Bürger von Perth ihren Valentinstag begonnen haben? Verliebt und fröhlich, und hoffentlich friedlich?« »Was das Verliebte betrifft, mein König, so versteh' ich wenig von solchen Dingen. Hinsichtlich des Friedlichen, so kamen drei oder vier Männer, zwei schrecklich verwundet, diesen Morgen vor Tagesanbruch, um das Recht des Heiligthums in Anspruch zu nehmen, verfolgt von schreienden Bürgern in ihren Hemden mit Knitleln, Piken, Streitäxten und zweihändigen Schwertern, indem immer Einer lauter als der Andere rief: schlagt zu, schlagt todt! Ja, sie waren nicht zufrieden, als unser Pförtner und Wächter ihnen sagte, daß die Verfolgten Zuflucht beim Altar der Kirche gefunden, sondern fuhren einige Minuten lang fort, zu lärmen und gegen das hintere Thor zu schlagen, verlangend, daß die Leute, die sich vergangen, ihnen ausgeliefert werden sollten. Ich fürchtete, ihr wilder Lärm möchte Ew. Majestät Ruhe stören und Euch in Schrecken setzen.« »Meine Ruhe hätte gestört werden können,« sagte der Monarch; »aber daß das Geschrei mich erschreckt hätte – ach! ehrwürdiger Vater, in Schottland giebt es blos einen Platz, wo der Schrei des Opfers und die Drohungen des Unterdrückers nicht gehört werden – und der, Vater, ist – das Grab.« Der Prior stand in ehrerbietigem Schweigen, die Gefühle des Monarchen theilend, dessen Herzenssanftmuth so schlecht mit dem Zustande und den Sitten seines Volkes übereinstimmte. »Und was ward aus den Flüchtlingen?« fragte Robert, nachdem er eine Minute geschwiegen. »Sie wurden, Sire,« sagte der Prior, »vor Tagesanbruch, wie sie wünschten, entlassen; wir schickten vorher hinaus, um gewiß zu sein, daß kein Hinterhalt ihrer Feinde in der Nähe sei, und darauf zogen sie ihres Weges in Frieden.« »Ihr wißt nicht,« forschte der König, »wer die Männer waren, oder warum sie Zuflucht bei Euch suchten?« »Der Grund,« sagte der Prior, »war ein Streit mit den Bürgern der Stadt; aber wie er entstand, ist uns nicht bekannt. Der Brauch unseres Hauses ist, vierundzwanzig Stunden hinter einander Zuflucht im Heiligthum St. Dominikus zu gewähren, ohne daß währenddem an die Unglücklichen eine Frage gerichtet würde, wer dort Schutz suche. Wenn sie längere Zeit zu bleiben wünschen, muß der Grund ihrer Flucht zur Freistätte in's Klosterbuch eingetragen werden; und, Preis sei unserm Heiligen, viele Personen entkamen der Schwere des Gesetzes durch diesen zeitweiligen Schutz, die wir, wenn wir den Charakter ihrer Verbrechen wußten, wohl selbst ihren Verfolgern pflichtgemäß hätten ausliefern müssen.« Während der Prior sprach, schwebte dem Monarchen ein dunkler Gedanke vor, daß das so streng geübte Privilegium der Freistätte den Lauf der Gerechtigkeit in seinem Reiche unziemlich unterbrechen müsse. Er unterdrückte aber dies Gefühl, als wäre es eine Eingebung des Satans gewesen, und gab sich Mühe, daß ihm kein Wort entschlüpfe, dem Geistlichen zu verrathen, daß ein so profaner Gedanke je in seinem Busen aufgestiegen sei; im Gegentheil, er eilte, auf einen andern Gegenstand zu kommen. »Die Sonne,« sagte er, »bewegt sich recht langsam. Nach der schlimmen Nachricht, die Ihr mir gegeben habt, erwarte ich die Lords meines Raths früher, um ihnen wegen dieses unseligen Tumultes Aufträge zu ertheilen. Schlimm war das Geschick, welches mir das Scepter über ein Volk gab, unter welchem ich, wie es scheint, der einzige Mann bin, welcher Ruhe und Frieden wünscht!« »Die Kirche wünscht stets Ruhe und Frieden«, fügte der Prior hinzu, der auch nicht duldete, daß selbst eine so allgemeine Bemerkung des armen Königs bedrücktem Gemüth entschlüpfe, ohne für die Ehre der Kirche eine sichernde Klausel beizufügen. »So ist unsere Meinung auch nur,« sagte Robert. »Aber, Vater Prior, Ihr werdet zugeben, daß die Kirche, wenn sie Streit unterdrückt, wie ohne Zweifel ihre Absicht ist, der geschäftigen Hausfrau gleicht, die den Staub in Bewegung setzt, den sie hinweg fegen will.« Auf diese Bemerkung würde der Prior Etwas erwidert haben, aber die Thür des Saales öffnete sich, und ein Kammerdiener meldete den Herzog von Albany. Zehntes Kapitel. Edler Freund! Schilt ihre Luft nicht, gestern war sie traurig. Und kann es morgen auch sein. Joanna Bailie. Der Herzog von Albany hieß, gleich seinem königlichen Bruder, Robert. Der Taufname des Letztern war Johann gewesen, bis er den Thron bestieg; der Aberglaube der Zeit bemerkte, daß der Name mit Mißgeschick verknüpft gewesen im Leben und der Regierung Johanns von England, Johanns von Frankreich und Johann Baliol's von Schottland. Man beschloß daher, daß, um dem bösen Omen vorzubeugen, der neue König sich Robert nennen solle, ein Name, welcher für Schottland durch die Erinnerung an Robert Bruce theuer war. Wir erwähnen dies aus Rücksicht auf das Vorhandensein zweier Brüder von gleichem Taufnamen in einer Familie, was jedenfalls eben so ungewöhnlich war, wie heutzutage. Albany, gleichfalls ein bejahrter Mann, schien nicht mehr als der König zu kriegerischen Unternehmungen geneigt. Hatte er aber keinen Kriegsmuth, so hatte er die Klugheit, den Mangel jener Eigenschaften zu verstecken und zu umhüllen, überzeugt, daß dieser Fehler, wenn man ihn auch nur ahnte, alle Pläne stürzen würde, die sein Ehrgeiz entworfen. Auch war er stolz genug, im äußersten Falle Tapferkeit zu zeigen, wenn diese ihm gleich nicht eigenthümlich war, und besaß so viel Herrschaft über sich, um seine Nervenreizbarkeit zu verbergen. Uebrigens war er ein gewandter Staatsmann, ruhig, kalt und schlau; seine Blicke waren immer auf das Ziel gerichtet, das er zu erreichen wünschte, wenn es noch in weiter Ferne lag, und er verlor es nie aus dem Gesicht, wenn gleich die Krümmungen des Weges, den er einschlug, oft nach ganz entgegengesetzter Richtung führen zu müssen schienen. In seiner Person glich er dem König, denn sein Wuchs und seine Haltung war eben so edel und majestätisch; was er jedoch vor dem ältern Bruder voraus hatte, war, daß er nicht gebrechlich und im Allgemeinen gewandter und lebhafter war. Seine Kleidung war reich und gewählt, wie sie sein Alter und Rang forderte, und gleich seinem königlichen Bruder trug er gar keine Waffen, indem ein Besteck kleiner Messer an seinem Gürtel den Ort einnahm, wo sonst ein Dolch stak, sobald man kein Schwert trug. Bei des Herzogs Eintritt zog sich der Prior, eine ehrerbietige Verbeugung machend, nach einer Vertiefung des Saales zurück, etwas entfernt vom Sitze des Königs, um die Unterhaltung der Brüder nicht durch Gegenwart einer dritten Person zu stören. Es muß hier erwähnt werden, daß die Vertiefung durch ein Fenster gebildet wurde, welches sich an der innern Fronte der Klostergebäude befand, die man Palast nannte, weil sich die schottischen Könige häufig hier aufhielten, obwohl gewöhnlich der Prior oder Abt hier wohnte. Das Fenster, über dem Haupteingange zu den königlichen Gemächern gelegen, sah auf den innern Hof des Klosters, der zur Rechten durch die lange, prächtige Kirche, zur Linken durch ein Gebäude begrenzt wurde, worin sich die Zellen, das Refektorium, die Probstei und andere Zimmer befanden. Diese ganze Partie stand abgesondert von dem Flügel, den König Robert mit seinem Hofstaat einnahm. Eine vierte Reihe von Gebäuden, deren äußere Fronte gegen Morgen lag, bestand aus einem großen Hospitium zur Aufnahme der Fremden oder Pilger, und aus den Magazinen für die großen Vorräthe, deren die glänzende Gastfreiheit der Dominikaner bedurfte. Ein hohes Gewölbe führte durch die östliche Fronte in den innern Hof, es lag gerade dem Fenster gegenüber, an welchem der Prior Amseln stand, und er konnte durch die dunkle Halle sehen und die Lichtstrahlen bemerken, die durch das östliche, offenstehende Thor in das Gewölbe hineinfielen, aber wegen der Höhe und Tiefe desselben konnte er das gegenüberliegende Portal nur undeutlich unterscheiden. Es ist nothwendig, diese Oertlichkeiten zu merken. Wir kehren zurück zu der Unterhaltung zwischen den fürstlichen Brüdern. »Mein lieber Bruder,« sagte der König, den Herzog von Albany zurückhaltend, als dieser ihm die Hand küssen wollte; »mein lieber, lieber Bruder, wozu diese Förmlichkeit? Sind wir nicht Beide Söhne desselben Stuart von Schottland und derselben Elisabeth More?« »Ich habe nicht vergessen, daß dem also ist,« sagte Albany, sich aufrichtend; »aber ich darf, bei aller Vertraulichkeit gegen den Bruder, die Ehrerbietung nicht vernachlässigen, die dem König gebührt.« »O, wahr, sehr wahr, Robin,« antwortete der König. »Der Thron gleicht einem hohen und dürren Felsen, auf dem nie eine Blume oder Staude Wurzel fassen kann. Alle freundlichen Gefühle, alle zärtlichen Neigungen versagt man einem König. Ein König darf einen Bruder nicht an sein Herz drücken – er darf seiner Zärtlichkeit gegen einen Sohn nicht nachgeben!« »Das ist in mancher Hinsicht das Loos der Größe, Sire,« antwortete Albany; »aber der Himmel, der von Ew. Majestät Sphäre die Glieder Eurer eigenen Familie etwas entfernte, hat Euch ein ganzes Volk zu Euren Kindern gegeben.« »Ach, Robert!« antwortete der Monarch, »Euer Herz ist besser geeignet für die Pflichten eines Monarchen, als das meine. Ich sehe von der Höhe, auf welche das Schicksal mich stellte, auf die Menge, die ihr meine Kinder nennt – ich liebe sie, ich will ihnen wohl – aber ihrer sind viel und sie sind fern von mir. Ach! selbst der Geringste von ihnen hat ein geliebtes Wesen, das er an's Herz drücken kann, und dem er die Zärtlichkeit eines Vaters weihen darf; aber Alles, was ein König einem Volke geben kann, ist ein Lächeln, wie es die Sonne den Schneegipfeln der Grampischen Gebirge schenkt, so fern und so wirkungslos! Ach, Robin, unser Vater pflegte uns zu liebkosen, und wenn er uns schalt, so geschah es mit freundlichem Tone; doch war er Monarch so gut als ich, und warum sollte mir nicht erlaubt sein, gleich ihm, meinen armen verlorenen Sohn durch Zärtlichkeit so gut als durch Strenge zu bessern?« »Wäre Zärtlichkeit nie versucht worden, mein König,« erwiderte Albany im Tone eines Menschen, der eine Meinung ausspricht, deren Aeußerung ihn schmerzt, »so müßte allerdings zuerst von sanften Mitteln Gebrauch gemacht werden. Ew. Majestät können am besten urtheilen, ob man diese Mittel nicht schon lange genug angewendet hat, und ob Strenge nicht wirksamer wäre. Es steht ausschließlich in Eurer königlichen Macht, gegen den Herzog von Rothsay die Maßregeln zu nehmen, die Ihr für sein und des Reiches Bestes am geeignetsten haltet.« »Das ist unfreundlich, Bruder,« sagte der König; »Ihr zeigt mir den schmerzlichen Weg, den ich betreten soll, aber Ihr bietet mir keine Unterstützung dabei.« »Ueber meine Unterstützung hat Ew. Majestät stets zu gebieten,« erwiderte Albany; »würde es aber mir unter allen andern Männern anstehen, Euch zu harten Maßregeln gegen Euren Sohn und Erben anzutreiben? Mir, auf den im Falle des Erlöschens Eurer königlichen Familie, was Gott verhüte, diese verhängnißvolle Krone übergehen würde? Würde nicht der gewaltthätige March und der stolze Douglas sagen und denken, Albany habe den Samen der Zwietracht gestreut zwischen seinen Bruder, den König, und den Erben des Thrones von Schottland, um zu diesem den Weg seinem eigenen Hause zu bahnen? Nein, mein König – ich kann Eurem Dienste mein Leben opfern, aber ich darf meine Ehre nicht in Gefahr bringen.« »Ihr habt Recht, Robin, Ihr habt sehr Recht,« erwiderte der König, der sich beeilte, den Worten seines Bruders seine eigene Deutung zu geben. »Wir dürfen nicht dulden, daß diese mächtigen und gefährlichen Lords merken, es sei ein Zwiespalt in der königlichen Familie. Das ist vor Allem zu verhüten, und daher wollen wir noch ein Mal Nachsicht versuchen in der Hoffnung, Rothsay von seinen Verirrungen zurückzubringen. Ich bemerke manchmal an ihm Funken von Verstand, die ihn liebenswürdig machen; er ist jung, sehr jung, er ist Prinz und das wilde Feuer der Jugend lodert bei ihm noch in voller Kraft. Wir wollen Geduld mit ihm haben, wie ein guter Reiter mit einem unlenksamen Roß. Laßt diesen leichten Sinn austoben, und Niemand wird dann zufriedener mit ihm sein, als Ihr. Ihr habt mir schon manchmal vorgeworfen, ich sei zu zurückgezogen, zu still, – Rothsay hat diese Fehler nicht.« »Ich wette mein Leben, daß er sie nicht hat,« antwortete Albany trocken. »Und es mangelt ihm ebenso wenig Verstand, als Lebendigkeit,« fuhr der König fort, der die Sache seines Sohnes gegen den Bruder verfocht. »Ich habe nach ihm geschickt, damit er heute dem Rathe beiwohne, und wir werden sehen, wie er seiner Pflicht nachkommt. Ihr selber gebt zu, Robin, daß dem Prinzen weder Scharfsinn noch Gewandtheit zu Geschäften fehlen, wenn er aufgelegt ist, sich damit zu befassen.« »Ohne Zweifel fehlt es ihm nicht daran, mein König,« erwiderte Albany, »wenn er aufgelegt ist, sich damit zu befassen.« »So sag' ich,« entgegnete der König; »und es freut mich herzlich, daß Ihr mir beistimmt, Robin, bei dem armen unglücklichen jungen Manne noch ein Mal Nachsicht anzuwenden. Er hatte keine Mutter mehr, um seine Sache bei einem unwilligen Vater zu vertreten. Daran muß man sich erinnern, Albany.« »Ich hoffe,« sagte Albany, »das Verfahren, welches Eurer Majestät Gefühl am angenehmsten ist, werde sich als das weiseste und beste bewähren.« Der Herzog durchschaute ganz gut die einfache Kriegslist, wodurch sich der König den Schlüssen seiner Bemerkungen zu entziehen, und, unter dem Vorwande seiner Genehmigung, einen entgegengesetzten Weg einzuschlagen suchte, als der ihm empfohlen worden. Aber obwohl er sah, daß er ihn nicht bewegen konnte, den angegebenen Weg einzuschlagen, so mochte er doch nicht alle Hoffnung aufgeben, entschlossen, eine bessere Gelegenheit zu erwarten, die ihm die Mißhelligkeiten zwischen dem König und dem Prinzen bald gewähren sollten. Inzwischen rief König Robert, aus Furcht, sein Bruder möchte den verhaßten Gegenstand, dem er soeben entgangen, wieder aufnehmen, laut den Prior der Dominikaner herbei. »Euer Posten beherrscht den Schloßhof, ehrwürdiger Vater. Ich höre Pferdegetrappel. Seht aus dem Fenster und sagt uns, wer kommt. Ist es nicht Rothsay?« »Der edle Graf von March mit seinem Gefolge,« sagte der Prior. »Ist sein Gefolge stark?« fragte der König. »Betreten seine Leute den Hof?« Im nämlichen Augenblicke flüsterte Albany dem König zu: »Fürchtet nichts – die Brandanen So hießen die Bewohner der Insel Bute, aus denen die königliche Leibwache bestand. Eures Hauses stehen unter den Waffen.« Der König nickte dankend, während der Prior vom Fenster die Frage beantwortete: »Der Graf ist begleitet von zwei Pagen, zwei Herren und vier Knechten. Ein Page folgt ihm auf der Haupttreppe und trägt seiner Herrlichkeit Schwert. Die andern halten im Hofe, und – Benedicite! was ist das? – Hier ist eine wandernde Sängerin, die sich mit ihrer Laute unter den königlichen Fenstern zum Gesang anschickt, im Kloster der Dominikaner, wie sie es im Hofe einer Schenke könnte. Ich will sie sogleich fortweisen lassen.« »Nicht so, Vater,« sagte der König. »Laßt mich für die arme Pilgerin bitten. Die sogenannte ›fröhliche Kunst‹, welche sie treibt, ist trübselig vereint mit der Armuth und dem Elend, wozu dies wandernde Geschlecht der Minstrels verdammt ist. Darin gleicht es den Königen, die allenthalben auf ihrem Wege mit Freuden empfangen werden und umsonst nach dem friedlichen Glücke seufzen, das der ärmste Landmann im Schooße seiner Familie genießt. Die wandernde Sängerin soll nicht fortgewiesen werden, Vater; laßt sie, wenn sie will, vor den Dienern und Reitern im Hofe singen. Vielleicht wird dadurch verhütet, daß sie handgemein werden, wie sie pflegen, die so wilden und feindseligen Herren angehören.« So sprach der wohlwollende und gemüthsschwache Fürst, und der Prior verbeugte sich gehorsam. Während er sprach, trat der Graf von March in den Audienzsaal, gekleidet in die gewöhnliche Rittertracht der Zeit, und den Dolch an der Seite. Er hatte den Edelknaben, der sein Schwert trug, im Vorzimmer gelassen. Der Graf war ein wohlgebauter, schöner Mann von blühendem Aussehen, sein Haar dicht und blond, und seine glänzenden blauen Augen funkelten wie die eines Adlers; in seinem, übrigens angenehmen, Betragen entwickele er einen reizbaren, jähzornigen Charakter, und seine Stellung in der Welt als angesehener, mächtiger Lehnsherr gab ihm nur zu viel Freiheit, seinen Leidenschaften nachzuhängen. »Es freut mich, Euch zu sehen, Mylord von March,« sagte der König mit huldvoller Verbeugung. »Ihr seid lange nicht in unserm Rathe gewesen?« »Mein Lehnsherr,« antwortete March mit einer tiefen Verbeugung vor dem König, und einem stolzen und förmlichen Gruße gegen den Herzog von Albany, »wenn ich in Eurer Majestät Rathe fehlte, so geschah es, weil angenehmere und ohne Zweifel gewandtere Räthe meine Stelle einnahmen. Ich komme nur, Eurer Majestät zu sagen, daß die Nachrichten, die ich von der englischen Grenze erhalten habe, es nöthig machen, daß ich ohne Verzug auf meine Güter zurückkehre. Ihr habt Euren Bruder, den weisen, klugen Herzog von Albany, mit dem Ihr Beschlüsse fassen könnt, und den mächtigen, tapferen Grafen Douglas, sie auszuführen. Ich kann nur in meinem Gebiete Dienste leisten, und bin entschlossen, mit Eurer Majestät Erlaubniß sofort dorthin zurückzukehren, um mein Amt als Wächter der östlichen Grenze zu versehen.« »Ihr werdet nicht so unfreundlich gegen uns sein, Vetter,« erwiderte der sanfte Monarch. »Es sind schlimme Zeitungen vorhanden. Die unseligen Hochlandclans fangen wieder an, sich offen zu empören, und die Ruhe des Hofes heischt die Unterstützung unserer besten Räthe und tapfersten Barone, um zu vollziehen, was wir zu thun Willens sind. Der Nachkomme Thomas Randolphs wird gewiß den Enkel Robert Bruce's in solcher Zeit nicht verlassen.« »Ich lasse bei ihm den Nachkommen des weltberühmten James von Douglas,« antwortete March. »Es ist seiner Herrlichkeit Stolz, daß er nie den Fuß in den Steigbügel setzt, ohne daß tausend Reiter zugleich mit ihm als tägliche Leibwache aufsitzen, und ich glaube, die Mönche von Aberbrothock werden das beschwören. Gewiß, die Ritter von Douglas vermögen besser einen Haufen empörter Hochländer zurückzuschlagen, als ich den englischen Bogenschützen und der Macht Henry Hotspurs Widerstand zu leisten. Ueberdies ist hier seine Hoheit, der Herzog von Albany, der für die Sicherheit Ew. Majestät so gut sorgt, daß er Eure Brandanen unter die Waffen treten läßt, wenn sich ein gehorsamer Unterthan der Residenz seines Königs nähert mit einem armseligen halben Dutzend Reiter, dem Gefolge des geringsten Barons, der eine Burg und tausend Acker dürres Land besitzt. Wenn man solche Vorsichtsmaßregeln trifft, wo sich nicht der geringste Schein von Gefahr zeigt – denn ich hoffe, daß man keine von mir befürchtete – da wird Eure königliche Person vor wirklicher Gefahr gewiß sicher bewacht sein.« »Mylord von March,« sagte der Herzog von Albany, »die geringsten der Barone, von denen Ihr sprecht, lassen ihre Begleiter unter die Waffen treten, selbst wenn sie ihre liebsten und nächsten Freunde hinter der Eisenpforte ihres Schlosses empfangen; und wenn es unsrer lieben Frau gefällt, werd' ich nicht minder für die Sicherheit der Person des Königs sorgen, als sie für ihre eigene thun. Die Brandanen sind des Königs unmittelbares Gefolge und seine Leibwache, und hundert von ihnen ist nur eine schwache Bedeckung für einen König, da Ihr selbst, Mylord, so wie der Graf von Douglas, oft mit zehn Mal mehr reitet.« »Edler Herzog,« erwiderte March, »wenn es der Dienst des Königs erfordert, kann ich mit zehn Mal so viel Leuten, als Ihr nanntet, reiten; nie aber that ich es in verräterischer Absicht gegen den König, oder aus Stolz, um es andern Edlen zuvorzuthun.« »Bruder Robert,« sagte der König, der immer eifrig Frieden zu stiften suchte, »Ihr thut Unrecht, einen Verdacht gegen Mylord von March anzudeuten; und Ihr, Vetter March, laßt der Weisheit meines Bruders keine Gerechtigkeit widerfahren. – Aber hört – um dies mißliche Gespräch zu unterbrechen, – ich vernehme keinen ungefälligen Gesang. Ihr kennt die fröhliche Kunst, Mylord von March, und habt sie gern. – Tretet an jenes Fenster, neben den frommen Prior, an den wir keine Frage über weltliche Vergnügungen richten mögen; und darum sollt Ihr uns sagen, ob die Musik und der Gesang verdienen von uns gehört zu werden. Die Worte sind französisch, glaub' ich – meines Bruders von Albany Urtheil gilt in solchen Dingen nichts – daher sollt Ihr, Vetter, uns sagen, ob die arme Sängerin eine Belohnung verdient. Unser Sohn und Douglas werden gleich hier sein, und dann, wenn unser Rath versammelt ist, wollen wir ernstere Dinge verhandeln.« Mit einer Art von Lächeln auf seinem stolzen Gesicht ging March in die Fenstervertiefung und stand dort schweigend neben dem Prior, gleich Einem, der, während er des Königs Befehle gehorcht, die ängstliche Vorsicht, die diesen veranlaßte, durchschaute, womit der Monarch einen Streit zwischen ihm und Albany abzuwenden suchte. Die Weise, welche auf einer Laute gespielt wurde, war anfangs fröhlich und heiter, mit einem Anflug der lebendigen Art der Troubadours. Allmälig aber wurden die Töne des Instrumentes und die weibliche Stimme, die sie begleiteten, klagend und gedehnt, als dämpfte sie das schmerzliche Gefühl der Sängerin. Der beleidigte Graf, welcher Art auch seine vom König gerühmte Kennerschaft in solchen Dingen sein mochte, zollte, wie sich denken läßt, der Musik der Sängerin wenig Aufmerksamkeit. Sein stolzes Herz kämpfte zwischen der seinem Souverain schuldigen Treue, so wie der Liebe, die noch in seinem Busen für den gutmüthigen König lebte, und dem Verlangen nach Rache, welches sein getäuschter Ehrgeiz und die Schmach erweckte, die ihm widerfuhr, als Marjory Douglas statt seiner verlobten Tochter die Braut des muthmaßlichen Thronerben wurde. March hatte die Fehler und Tugenden der unentschlossenen Charaktere, und selbst wenn er sich vom König in der Absicht beurlaubt hätte, die ihm geschworene Treue zu brechen, hätte er, auf seinen Gütern angelangt, über ein so strafbares, so gefahrvolles Unternehmen nicht mit sich in's Reine kommen können. Solche gefährliche Gedanken beschäftigten ihn, während das Lied der Sängerin begonnen hatte; aber Gegenstände, die seine Aufmerksamkeit mächtiger fesselten, während die Sängerin fortfuhr, nahmen den Gang seiner Gedanken ein, und richteten sie auf das, was im Klosterhofe vorging. Der Gesang war in provençalischem Dialekt, wohlverstanden bei allen europäischen, und besonders dem schottischen Hofe, als Sprache der Dichtkunst. Das Lied war indeß einfacher, als gewöhnlich bei den Troubadours, und glich mehr der Weise eines normannischen Minnesängers. Es lautete in unserer Sprache etwa so: Das Lied der armen Louise. Arme Louise! Tagelang Geht stets durch Hütt' und Schloß ihr Gang! Da warnt ihr Spiel und ihr Gesang: Vorm Waldpfad, Mädchen, sei euch bang', Denkt an Louise. Arme Louise! Glühend bricht Der Sonne Gluth auf Wang' und Gesicht, Nah' war der Waldpfad, kühl und dicht, Wo Vogelsang beim Bächlein spricht Froh zu Louise. Arme Louise! Des Bären Brut Hat nie hier im schönen Hain geruht; Kein Wolf weilt hier an Naches Fluth – Doch besser wär's, tränken sie das Blut Der armen Louise. Arme Louise! Im Waldesgrün Naht ihr ein Jäger schön und kühn; In Seid' und Gold – die Augen sprühn – Manch süßes Wort macht heiß erglühn Die arme Louise. Arme Louise! Nicht Angst noch Pein Hat dir gemacht des Goldes Schein; Denn Frieden, wie ihn Engel leihn, Und Kindesunschuld waren dein, Arme Louise! Arme Louise! Hin ist dein Gut! Weiß nicht, ob List es stahl, ob Gluth. Gabst du es, nahm's des Räubers Wuth? Doch nun ist Elend das ganze Gut Der armen Louise! Arme Louise! Nach Hilfe streckt Sie die Hand nicht aus; von der Lust geweckt Sei kein Fröhlicher, durch sie geschreckt – Denn der Himmel tröstet, die Erde deckt Die arme Louise. Kaum war das Lied beendigt, als der König, besorgt, daß sich der Streit zwischen seinem Bruder und dem Grafen von March wieder entspinnen möchte, dem Letztern zurief: »Was haltet Ihr von der Musik, Mylord? – ich denk' es selber hier in der Ferne vernommen zu haben, es war ein lebendiges, angenehmes Lied.« »Mein Urtheil ist nicht von Belang, Herr; aber die Sängerin kann meinen Beifall entbehren, da sie den seiner Hoheit, Rothsay's, des ersten Kenners in Schottland, erhalten zu haben scheint.« »Wie!« sagte der König unruhig, »ist mein Sohn unten?« »Er sitzt zu Pferde neben der Sängerin,« sagte March mit einem boshaften Lächeln, »offenbar eben so angezogen durch ihre Unterhaltung, wie durch ihre Musik.« »Wie ist das, Vater Prior?« sagte der König. Aber der Prior zog sich vom Fenster zurück. »Mein König, ich will Dinge nicht ansehen, deren Bericht mir schwer fallen würde.« »Wie verhält sich das?« sagte der König, dessen Gesicht von Röthe bedeckt war, während er im Begriff schien, aufzustehen; doch besann er sich anders, vielleicht weil er nicht gern einen ungeziemenden Streich des wilden jungen Prinzen mit ansehen wollte, den mit nöthiger Strenge zu strafen er nicht über's Herz bringen konnte. Dem Grafen von March schien es Freude zu machen, ihm das zu melden, was er wahrscheinlich nicht gern wissen wollte. »Mein König,« rief er, »es wird immer besser. Die Sängerin hat nicht nur das Ohr des Prinzen von Schottland eingenommen, wie das jedes Knechtes und Reiters im Hofe, sondern sie hat auch die Aufmerksamkeit des schwarzen Douglas gefesselt, den wir noch nicht als Bewunderer der fröhlichen Kunst kannten. Aber wahrlich, mich wundert seine Ueberraschung nicht, denn der Prinz hat die schöne Künstlerin von Laute und Gesang mit einem Beifallskusse belohnt.« »Wie?« rief der König, »treibt David von Rothsay Possen mit einer Sängerin, und in Gegenwart des Vaters seines Weibes? – Geht, mein guter Vater Abt, ruft den Prinzen sogleich hierher. – Geht, mein theuerster Bruder« – und als Beide das Gemach verlassen hatten, fuhr der König fort: – »geht, guter Vetter von March – das wird Unheil geben, ich bin deß gewiß. Ich bitt' Euch, geht, Vetter, und unterstützt des Herrn Priors Bitten mit meinem Befehl.« »Ihr vergeßt, mein König,« sagte March im Tone eines schwer beleidigten Mannes, »daß der Vater Elisabeths von Dunbar ein unpassender Vermittler zwischen Douglas und seinem königlichen Schwiegersohn wäre.« »Ich bitt' Euch um Verzeihung, Vetter,« sagte der sanfte alte Mann; »ich gestehe, es ist Euch ein Unrecht geschehen – aber mein Rothsay wird ermordet werden – ich muß selber gehen.« Als er sich aber hastig von seinem Stuhle erhob, that der arme König einen falschen Tritt, stolperte und fiel hart auf eine solche Weise auf den Boden, daß sein Haupt gegen die Ecke des Stuhles stieß, den er verlassen, und er ward eine Minute lang ohnmächtig. Der Anblick dieses Unfalles überwältigte sogleich March's Zorn und machte sein Herz weich. Er eilte zu dem gefallenen Monarchen, half ihm wieder auf seinen Sitz und wandte dabei auf die zarteste und ehrerbietigste Weise solche Mittel an, als ihm am passendsten schienen, sein Bewußtsein zurückzurufen. Robert öffnete seine Augen und starrte verstört umher. »Was ist geschehen? – sind wir allein? – wer ist bei uns?« »Euer ergebener Unterthan, March,« erwiderte der Graf. »Allein mit dem Grafen von March!« wiederholte der König, während sein noch immer gestörter Geist mit einiger Unruhe den Namen eines mächtigen Vasallen vernahm, den er tödtlich beleidigt zu haben glauben mußte. »Ja, mein gnädiger König, mit dem armen Georg von Dunbar, von dem Viele Ew. Majestät Uebles beibringen, obwohl er Eurer königlichen Person treuer erfunden werden wird, als Jene.« »Fürwahr, Vetter, es ist Euch zu viel Unrecht geschehen; und glaubt mir, wir wollen auf Entschädigung denken –« »Wenn Ew. Majestät darauf denkt, so kann es noch geschehen,« unterbrach ihn der Graf, die Hoffnung festhaltend, die ihm sein Ehrgeiz eingab, »der Prinz und Marjory Douglas sind nahe verwandt – die Dispensation von Rom ward nicht in gehöriger Form gewährt – Ihre Heirath kann nicht rechtmäßig sein – der Papst, der mehr für einen so guten Fürsten thun wird, kann dies unchristliche Bündniß aufheben, hinsichtlich des frühern Kontraktes. Bedenkt wohl, mein König,« fuhr der Graf fort, indem sich auf's Neue ehrgeizige Gedanken in ihm regten, welche die unerwartete Gelegenheit, seine Sache persönlich zu vertreten, in ihm erweckt hatte, – »bedenkt Eure Wahl zwischen Douglas und mir. Er ist roh und mächtig, das ist wahr; aber Georg von Dunbar trägt die Schlüssel Schottlands an seinem Gürtel und könnte eine Armee vor die Thore von Edinburg führen, ehe Douglas die Grenzen von Cairntable verließ, um ihr zu begegnen. Euer königlicher Sohn liebt meine arme verlassene Tochter und haßt die stolze Marjory von Douglas. Eure Majestät kann seine geringe Achtung für sie aus seinem Betragen gegen eine gemeine Sängerin in Gegenwart ihres Vaters ersehen.« Der König hatte bisher der Rede des Grafen mit der verstörten Empfindung eines furchtsamen Reiters zugehört, den ein hartnäckig Pferd trägt, dessen Lauf er weder hemmen noch leiten kann. Aber die letzten Worte erweckten in seiner Erinnerung das Bewußtsein der unmittelbaren Gefahr des Sohnes. »Ach ja, sehr wahr – mein Sohn – der Douglas – O, mein theuerster Vetter, verhütet Blutvergießen, und Alles soll nach Eurem Willen geschehen. – Horcht, da findet ein Getümmel statt – das war Schwerterklirren!« »Bei meinem Ritterwort – das ist wahr!« sagte der Graf, aus dem Fenster auf den innern Klosterhof hinabschauend, der jetzt von bewaffneten Leuten und geschwungenen Schwertern angefüllt war und vom Klirren der Waffen widerhallte. Der hochgewölbte Eingang war gedrängt voll von Kriegern, und es schien, als würden Hiebe gewechselt zwischen Einigen, die sich bemühten, das Thor zu schließen, und Andern, die hineinzudringen suchten. »Ich will sogleich gehen,« sagte der Graf von March, »und diesen plötzlichen Zwist bald dämpfen. Bescheidentlich bitt' ich Eure Majestät, an das zu denken, was ich vorzuschlagen die Kühnheit hatte.« – »Ich will – ich will, lieber Vetter,« sagte der König, der kaum wußte, was er versprochen hatte. – »Aber verhütet Tumult und Blutvergießen!« Elftes Kapitel. Schön ist das Mädchen, es umzieht Ein sonnig Lächeln sie von Weitem; Die Wolke trüber Sorge sieht Man in der Näh' sich drüber breiten. Lucinda, eine Ballade. Wir müssen hier ein wenig bestimmter die Ereignisse verfolgen, die nicht recht genau vom Fenster des königlichen Saales gesehen und noch ungenauer von Denen berichtet wurden, die Zeugen derselben waren. Das bereits erwähnte Mädchen hatte sich an einen Ort gestellt, wo zwei breite Stufen, die den Zugang zu der großen Treppe bildeten, ihr den Vortheil darboten, anderthalb Schuh höher zu stehen, als die im Hofe, von denen sie gehört zu werden wünschte. Sie trug die Kleidung ihres Standes, welche, mehr prachtvoll als reich, die Gestalt mehr hervortreten ließ, als andere Frauenkleider jener Zeit. Neben ihr lag ihr Mantel und Körbchen, das ihre kleine Garderobe enthielt; ein kleiner französischer Hühnerhund saß als Wächter daneben. Ein azurblaues, silbergesticktes Jäckchen, vorn geöffnet, zog die Taille der Sängerin zusammen und ließ mehrere seidene Westchen von verschiedener Farbe blicken, deren Zuschnitt die Umrisse der Schultern und der Brust bezeichnete. Eine kleine silberne Kette um den Hals verlor sich darunter und erschien von Neuem, um eine Medaille vom nämlichen Metall zu zeigen, die den Hof oder die Sängergesellschaft ankündigte, wo das Mädchen ihre Grade in der »Fröhlichen Kunst« erhalten hatte. Ein kleiner Beutel hing an einem blauen Bande von der Schulter an der linken Seite herab. Ihre gebräunte Gesichtsfarbe, die schneeweißen Zähne, die glänzenden schwarzen Augen und Rabenlocken sagten, daß ihre Heimath im fernen Süden Frankreichs lag, und das schalkhafte Lächeln und Grübchenkinn trug denselben Charakter. Ihr schönes, um eine kleine goldene Nadel gelocktes Haar war von einem golddurchwirkten Netz zusammengehalten. Ein kurzes Röckchen mit Silberborde, welches dem Jäckchen entsprach, rothe Strümpfe, die bis zur Mitte des Beines sichtbar waren und kurze Stiefel von spanischem Leder vollendeten ihren Putz, der zwar nicht neu, aber festlich und mit großer Sorgfalt erhalten war. Sie schien etwa fünfundzwanzig Jahr alt zu sein, aber vielleicht hatten Mühseligkeiten und Wanderungen der Zeit vorgegriffen und die Frische ihrer Jugend beeinträchtigt. Wir sagten, das Benehmen der Sängerin sei lebhaft gewesen und wir können hinzufügen, daß ihr Lächeln und ihre Antworten schnell waren. Aber ihre Fröhlichkeit war erzwungen, weil diese eine der Haupteigenschaften eines Standes war, der unter seine Unannehmlichkeiten auch die zählte, daß er häufig nöthigte, den Kummer des Herzens unter einem Lächeln zu verbergen. Dies schien Louisens Fall zu sein, die, weil sie wirklich die Heldin ihrer eigenen Ballade war, oder aus irgend einem andern Grunde zur Traurigkeit, oft wider Willen eine Folge schwermüthiger Gedanken ausdrückte, welche die von Ausübung der fröhlichen Kunst geforderte Lebhaftigkeit des Geistes mäßigten. Auch fehlte ihr das kecke, freche Lachen der Frauen ihres Standes, die nie in Verlegenheit waren, auf eine unschickliche Geberde zu antworten, oder das Gelächter gegen Einen zu richten, der sie unterbrach oder störte. Es mag hier bemerkt sein, daß diese Klasse von Frauen, in damaliger Zeit sehr zahlreich, unmöglich in besonderer Achtung stehen konnte. Sie waren indeß durch die Sitten der Zeit geschützt; und von der Art waren die Freiheiten, die sie besaßen durch die Gesetze der Chevalerie, daß nichts seltener war, als diese irrenden Damen sich über erlittene Kränkungen und Unrecht beklagen zu hören. Ohne Gefahr gingen sie an Orten ab und zu, wo bewaffnete Männer wahrscheinlich blutigen Widerstand gefunden hätten. Aber, obwohl, ihrer Kunst zu Ehren, geduldet und geschützt, führten doch die Minstrels beiderlei Geschlechts, wie die wandernden Musikanten und Schauspieler der neuen Zeit, ein zu ungeordnetes und armseliges Leben, um ein geachteter Theil der Gesellschaft zu sein. Ja, unter den strengern Katholiken galt ihr Beruf für unerlaubt. So war das Mädchen, welches, die Laute in der Hand und auf der erwähnten geringen Erhöhung stehend, gegen die Umstehenden vortrat und sich als Meisterin der fröhlichen Kunst darstellte, dazu erkoren und berechtigt durch das Zeugniß eines Hofes der Liebe und Musik, der zu Aix in der Provence unter dem Vorsitze der Blüthe der Ritterschaft, des tapfern Grafen Aymer, gehalten worden. Und sie bat nun die, durch die weite Welt wegen ihrer Tapferkeit und Artigkeit bekannten schottischen Ritter, einer armen Fremden den Versuch zu gestatten, ihnen durch ihre Kunst einige Unterhaltung zu gewähren. – Die Liebe zum Gesang war damals, wie die Liebe zum Ruhme, allgemeine Leidenschaft; die Jeder zur Schau trug, er mochte sie haben oder nicht; daher wurde der Vorschlag Louisens allgemein angenommen. In diesem Augenblick hielt ein alter Mönch, der sich unter den Zuhörern befand, es für nöthig, das Mädchen zu erinnern, daß, weil sie in Mauern geduldet werde, wo man nicht gewohnt sei, Personen ihres Standes zu empfangen, er hoffe, es werde nichts gesagt oder gesungen werden, was mit dem heiligen Charakter des Ortes im Widerspruch stände. Die Sängerin neigte das Haupt tief, schüttelte die Rabenlocken und bekreuzte sich ehrerbietig, als bekenne sie die Unmöglichkeit einer solchen Uebertretung, und darauf begann sie das Lied von der armen Louise, welches wir am Schlusse des letzten Kapitels mittheilten. Kaum hatte sie begonnen, als sie ein Geschrei unterbrach: »Platz – Platz – Raum für den Herzog von Rothsay!« »Ei, übereilt Niemand meinetwegen,« sagte ein artiger junger Kavalier, der auf einem edlen arabischen Hengste erschien, den er mit vieler Grazie regierte, obwohl durch so leichte Führung der Zügel, so unmerklichen Druck der Seiten des Pferdes, daß das Thier aus freiem Willen weiter zu gehen und einen Reiter zu tragen schien, der zu nachlässig war, um sich selber deshalb zu bemühen. Des Prinzen Anzug, obwohl sehr reich, war mit großer Nachlässigkeit angelegt. Seine Gestalt, obgleich er nicht groß und seine Glieder schwächlich waren, war vorzüglich schön; und nicht minder hübsch waren seine Gesichtszüge. Aber auf seiner Stirn lag ein bleiches verstörtes Wesen, welches eine Folge von Sorge oder Ausschweifung war, oder von beiden zerstörenden Ursachen zugleich. Seine Augen waren eingesunken und trübe, wie von einem Gelage der letzten Nacht, während seine Wange von unnatürlicher Röthe flammte, sei es, daß die Wirkung bacchanalischer Orgien noch nicht verschwunden, oder daß ein Morgentrunk angewendet worden war, um die Folgen der nächtlichen Ausschweifung zu beseitigen. So war der Herzog von Rothsay und Erbe der schottischen Krone zugleich ein Anblick der Theilnahme und des Mitleides. Alle zogen die Mützen und machten ihm Platz, während er gleichgiltig wiederholte: »Nichts übereilt – ich werde bald genug den Ort erreichen, der mich ruft. – Was ist das? ein Mädchen von der fröhlichen Kunst? Ja, bei St. Giles! und eine hübsche Dirne obendrein. Wartet, meine lustigen Leute; Minnesang ward nie durch mich gestört. – Eine gute Stimme, bei allen Heiligen! Fang' das Lied von vorn an, mein Liebchen.« Louise kannte den Mann nicht, von dem sie angeredet ward; aber die Achtung, die ihm alle zollten und die leichte und gleichgiltige Manier, wie er sie aufnahm, zeigten ihr, daß sie von einem hochgestellten Manne angeredet wurde. Sie begann ihr Lied wieder und sang besser; der junge Prinz wurde gegen den Schluß der Ballade nachdenklich, aber er pflegte traurige Eindrücke nicht lange festzuhalten. »Das ist ein traurig Lied, mein nußbraunes Mädchen,« sagte er, indem er der jungen Sängerin unter's Kinn griff und sie beim Kragen ihres Kleides hielt, was nicht schwer war, da er dicht neben den Stufen, wo sie stand, zu Pferde saß. »Aber ich wette, Ihr habt fröhlichere Lieder, ma bella tenebrosa; ja, und könnt in einer Laube so gut singen, als im Freien, und bei Nacht so gut, als bei Tage.« »Ich bin keine Nachtigall, Mylord,« sagte Louise, die sich bemühte, einer Galanterie zu entgehen, die schlecht für Ort und Umstände paßte, eine Ungehörigkeit, wogegen er, der sie anredete, ganz gleichgiltig zu sein schien. »Was hast du da, Liebchen?« setzte er hinzu, seine Hand vom Kragen nach dem Beutel bewegend, den sie trug. Louise war froh, von seiner Hand frei zu sein, indem sie den Knoten des Bandes löste und den kleinen Beutel in des Prinzen Hand ließ, wobei sie, weit genug zurücktretend, antwortete: »Nüsse, Mylord, vom letzten Frühling.« Der Prinz nahm eine Hand voll Nüsse heraus. »Nüsse, Kind! – sie werden deine Elfenbeinzähne brechen – deiner artigen Stimme schaden,« sagte Rothsay, eine Nuß, gleich einem Dorfschuljungen, mit den Zähnen aufknackend. »Es sind nicht die Wallnüsse meiner sonnigen Heimath, Mylord,« sagte Louise; »aber sie hängen tief und die Armen können sie erreichen.« »Ihr sollt Etwas haben, was besser für Euch ist, mein armes wanderndes Aeffchen,« sagte der Herzog in einem Tone, worin mehr Gefühl lag, als in der gezierten und vornehmen Artigkeit seiner ersten Anrede. In diesem Augenblicke, als er sich wandte, um von einem Begleiter seine Börse zu fordern, begegnete der Prinz dem strengen und durchbohrenden Blicke eines großen schwarzen Mannes, der auf einem gewaltigen eisengrauen Hengste saß, und mit seinem Gefolge den Hof betreten hatte, während der Herzog von Rothsay mit Louise beschäftigt war. Jener blieb jetzt erstaunt und fast versteinert vor Ueberraschung und Zorn bei dem unziemlichen Schauspiel. Wer auch den schwarzen Douglas noch nie gesehen hatte, der würde ihn an seiner schwarzbraunen Farbe, seinem riesigen Wuchs, seinem Koller von Büffelhaut und seiner Miene voll Muth, Festigkeit und Scharfsinn, vermischt mit unbändigem Stolze, erkannt haben. Der Verlust eines Auges in der Schlacht, obwohl beim ersten Anblick nicht bemerkbar, da der verletzte Augapfel dem andern ähnlich geblieben war, gab dem ganzen Gesichte einen strengen und unbeweglichen Ausdruck. Das Zusammentreffen des königlichen Schwiegersohnes mit seinem furchtbaren Schwiegervater geschah unter Umständen, welche die Aufmerksamkeit aller Anwesenden darauf lenkten, und die Zuschauer erwarteten den Erfolg mit Schweigen, und hielten den Athem an, damit ihnen nichts von dem, was vorginge, entgehen möchte. Als der Herzog von Rothsay den Ausdruck sah, den die strengen Züge Douglas' zeigten, und bemerkte, daß der Graf nicht die geringste Bewegung zu ehrerbietigem oder nur höflichem Gruße machte, schien er entschlossen, ihm zu zeigen, wie wenig er seine mißfälligen Blicke zu beachten geneigt sei. Er nahm die Börse von dem Kämmerer. »Da, hübsches Kind,« sagte er, »ich gebe dir ein Goldstück für das Lied, das du mir gesungen hast, ein zweites für die Nüsse, die ich dir entwendet habe, und ein drittes für den Kuß, den du mir geben wirst. Denn wisse, artiges Kind, wenn schöne Lippen (und deine können in Ermanglung besserer so heißen) süße Musik zu meinem Vergnügen machen, so habe ich St. Valentin geschworen, sie an die meinigen zu drücken.« »Mein Gesang ist fürstlich bezahlt,« – sagte Louise, zurückbebend; »meine Nüsse sind um einen guten Preis verkauft – weiterer Handel, Mylord, würde für Euch nicht passen und mir nicht ziemen.« »Wie, Ihr thut spröde, meine Nymphe von der Landstraße?« sagte der Prinz verächtlich. »Wißt, Mädchen, daß Euch Einer um eine Gunst bittet, der keine Weigerung gewohnt ist.« »Es ist der Prinz von Schottland – der Herzog von Rothsay« – sagten die Hofleute rings zu der erschreckten Louise, das zitternde junge Weib vorwärts drängend; »Ihr müßt ihn nicht böse machen.« »Aber ich kann Eure Herrlichkeit nicht erreichen,« sagte sie schüchtern, »Ihr sitzt zu hoch zu Rosse.« »Muß ich absteigen,« sagte Rothsay, »so wird die Buße um so schwerer sein – warum zittert die Dirne? Stelle deinen Fuß auf die Spitze meines Stiefels und reich mir die Hand – so war's brav!« Er küßte sie, während sie so in der Luft schwebend auf seinem Fuße und von ihm gehalten, stand; und dabei sagte er: »Da ist dein Kuß, und da ist meine Börse, ihn zu bezahlen; und um dich ferner zu ehren, wird Rothsay deinen Beutel für immer tragen.« Er ließ das erschrockene Mädchen auf den Boden springen, und wandte seine Blicke von ihr, um sie verächtlich auf den Grafen Douglas zu lenken, als wollte er sagen: »Alles dies thu' ich trotz Euch und Eurer Tochter Ansprüchen.« »Beim heiligen Zaum von Douglas!« sagte der Graf, sich nach dem Prinzen drängend, »dies ist zu viel, unbärtiger Knabe, ebenso weit entfernt von Verstand, als Ehre! Ihr wißt, welche Rücksichten Douglas' Hand zurückhalten, sonst hättet Ihr nimmer gewagt – « »Könnt Ihr mit Schnellkugeln spielen, Mylord?« sagte der Prinz, eine Nuß auf das zweite Glied seines Zeigefingers legend, und sie mit dem Daumen fortschnellend. Die Nuß traf Douglas' breite Brust, welcher einen furchtbaren Ausruf des Zornes hören ließ, unartikulirt, aber ähnlich dem Gebrüll eines Löwen an Tiefe und Härte. »Ich bitt' Euch um Verzeihung, mächtiger Lord,« sagte der Herzog von Rothsay höhnend, während alle Anwesenden zitterten; »ich dachte nicht, daß Euch meine Kugel verwunden könnte, da Ihr ein Büffelkleid tragt. Hoffentlich traf ich doch Euer Auge nicht?« Der Prior, der, wie wir im letzten Kapitel sahen, vom König abgeschickt wurde, hatte sich indessen durch die Menge gedrängt, und indem er Douglas' Zügel auf eine Weise ergriff, daß er nicht vorwärts konnte, erinnerte er ihn, daß der Prinz der Sohn seines Souverains und der Gemahl seiner Tochter sei. »Fürchtet nichts, Sir Prior,« sagte Douglas. »Ich verachte den kindischen Knaben zu sehr, als daß ich nur einen Finger gegen ihn erheben sollte. Aber ich will Beleidigung mit Beleidigung vergelten. – Hier, wer von Euch den Douglas liebt, – jagt mir diese Bettlerin aus dem Hofe und laßt sie geißeln, damit sie sich bitterlich bis an ihr Ende erinnern möge, daß sie einem unehrerbietigen Knaben das Mittel gab, Douglas zu beleidigen!« Vier oder fünf vom Gefolge traten sogleich vor, um Befehle zu vollziehen, die selten umsonst ertheilt wurden, und schwer würde Louise für ein Vergehen gebüßt haben, wozu sie die unschuldige, unbewußte und unfreiwillige Ursache war, wäre der Herzog von Rothsay nicht dazwischen getreten. »Das arme Mädchen fortjagen!« sagte er mit tiefem Unwillen; »sie peitschen, weil sie meinem Befehl gehorchte! – Jage deine eigenen unterdrückten Vasallen, roher Graf! – geißele deine eigenen schlechten Hunde – aber hütet Euch, daß Ihr wie einen Hund den behandelt, dem Rothsay das Haupt streichelte, geschweige denn ein Mädchen, dessen Lippen er geküßt hat!« Bevor Douglas eine Antwort geben konnte, die jedenfalls herausfordernd gewesen wäre, erhob sich jener große Tumult am äußern Klosterthor, den wir bereits erwähnten, und Männer zu Pferd und zu Fuß begannen hastig herein zu stürzen, nicht eigentlich unter einander fechtend, aber jedenfalls auf unfriedliche Weise. Eine der streitenden Parteien waren, wie es schien, Lanzknechte des Douglas, kenntlich durch das Zeichen des blutigen Herzens, die andere Partei bestand aus Bürgern der Stadt Perth. Es schien, daß sie außerhalb des Thores ernstlich gekämpft hatten, aber aus Ehrfurcht vor dem geweihten Boden senkten sie ihre Waffen, als sie eintraten, und beschränkten ihren Streit auf einen Wortkrieg und Schimpfreden. Der Tumult hatte die gute Wirkung, den Prinzen und Douglas in dem Augenblicke zu trennen, wo der Leichtsinn des Einen und der Stolz des Andern sie zur größten Heftigkeit getrieben hatte. Aber von allen Seiten erschienen nun Friedenstifter. Der Prior und die Mönche warfen sich unter den Haufen und geboten im Namen des Himmels und der Ehrerbietung, die man heiligen Orten schuldig sei, bei Strafe der Excommunication, Frieden. Man gab ihren Bitten nach. Der Herzog von Albany, der von seinem Bruder gleich im Anfang des Zankes abgeschickt worden war, kam in diesem Augenblicke herbei. Er wandte sich sogleich an Douglas und beschwor ihn leise, seine Hitze zu mäßigen. »Beim heiligen Zaum von Douglas, ich will Rache!« sagte der Graf. »Kein Mensch soll sich des Lebens freuen, nachdem er Douglas beleidigt hat.« »Ei, so mögt Ihr Euch zu passender Zeit rächen,« sagte Albany; »aber laßt Euch nicht nachsagen, daß der große Douglas, wie ein zänkisches Weib, weder Zeit noch Ort zur Rache zu wählen gewußt habe. Bedenkt, daß Alles, was wir gethan haben, auf dem Punkt steht, durch einen unseligen Umstand gestört zu werden. Georg von Dunbar hat eine geheime Audienz bei dem guten Manne gehabt, und währte sie auch nur fünf Minuten, so fürcht' ich, er hat den König vermocht, eine Verbindung aufzulösen, die wir mit so viel Mühe zu Stande brachten. Die Bestätigung von Rom ist noch nicht erlangt.« »Ach Possen!« antwortete Douglas hochmüthig. – »Sie wagen nicht, sie aufzulösen.« »Nicht, so lange Douglas kraftvoll und im Besitze seiner Macht ist,« sagte Albany. »Aber, edler Graf, kommt mit mir, und ich will Euch zeigen, wie Ihr im Nachtheil seid.« Douglas stieg ab und folgte seinem schlauen Gefährten schweigend. In einem untern Saale sahen sie die Reihen der Brandanen unter Waffen, wohlgerüstet mit Pickelhauben und Panzerhemden. Ihr Hauptmann, der Albany achtungsvoll grüßte, schien ein Gespräch mit ihm zu wünschen. »Wie steht's, Mac Louis?« sagte der Herzog. »Man sagt uns, der Herzog von Rothsay sei beleidigt worden, und ich kann die Brandanen kaum hier zurückhalten.« »Tapferer Mac Louis,« sagte Albany, »und Ihr, meine wackern Brandanen, der Herzog von Rothsay, mein Neffe, befindet sich so wohl, als ein Ritter nur sein kann. Ein kleiner Streit war, aber Alles ist beigelegt.« Er fuhr fort, den Grafen von Douglas weiter zu führen. »Ihr seht, Mylord,« sagte er ihm leise, »daß, wenn das Wort Verhaftung einmal ausgesprochen würde, man leicht gehorchen möchte, und Ihr wißt, daß Eurer Gefährten zu wenig zum Widerstande sind.« Douglas schien sich für diesmal aus Nothwendigkeit in Geduld zu fügen. »Wenn meine Zähne,« sagte er, »auch die Lippen durchbeißen sollten, ich will schweigen, bis die Stunde zum Sprechen kommt.« Georg von March hatte inzwischen das leichtere Geschäft, den Prinzen zu beruhigen. »Mylord von Rothsay,« sagte er, sich mit ernster Würde nähernd, »ich brauche Euch nicht zu sagen, daß Ihr mir einige Ehrerstattung schuldig seid, obwohl ich Euch nicht persönlich für den Bruch des Contrakts anklage, der den Frieden meiner Familie störte. Laßt mich Euch bei der Achtung beschwören, die Eure Hoheit einem gekränkten Manne schuldig ist, für jetzt diesen ärgerlichen Streit zu vergessen.« »Mylord, ich schulde Euch viel,« erwiderte Rothsay; »aber dieser übermüthige und herrschsüchtige Lord hat meine Ehre verletzt.« »Mylord, ich kann nur hinzufügen, Euer königlicher Vater ist unwohl – ist vor Furcht wegen Eurer Hoheit Sicherheit ohnmächtig geworden.« »Unwohl!« erwiderte der Prinz – »der freundliche, gute alte Mann – ohnmächtig, sagt Ihr, Mylord von March? – ich werde im Augenblick bei ihm sein.« Der Herzog von Rothsay sprang aus dem Sattel auf den Boden und eilte wie ein Windspiel in den Palast, als eine schwache Hand seinen Mantel faßte und die zarte Stimme einer knieenden Frau ausrief: »Schutz, mein edler Prinz! – Schutz für eine hilflose Fremde!« »Weg mit der Hand, Landstreicherin!« sagte der Graf von March, die stehende Sängerin bei Seite drängend. Aber der sanftere Prinz blieb stehen. »Es ist wahr,« sagte er, »ich habe die Rache eines unbarmherzigen Teufels auf dies arme Wesen gelenkt. O Himmel! Welch' ein Leben führ' ich, verhängnißvoll für Alle, die sich mir nahen! – Was ist in der Eile zu thun? – Sie darf nicht nach meinen Gemächern gehen – und all' meine Leute sind geborne Schufte. – Ha! du neben mir, wackerer Harry Schmied? Was machst du hier? »Es ist so eine Art von Gefecht gewesen, Mylord,« antwortete unser Bekannter, der Schmied, »zwischen den Bürgern und den südländischen Burschen, die mit dem Douglas reiten; und wir haben sie bis zum Thore der Abtei gejagt.« »Das freut mich – das freut mich. Und Ihr klopftet die Schufte hübsch aus?« »Hübsch? fragt Eure Hoheit?« sagte Harry. »Ei ja! wir waren allerdings stärker an Zahl; aber keine Reiter sind besser bewaffnet, als die dem blutigen Herzen folgen. Und daher haben wir sie in einer Hinsicht hübsch geklopft; denn wie Eure Hoheit weiß, ist es der Schmied, der Kriegsleute macht, und Männer mit guten Waffen wiegen ganze Schaaren auf.« Während sie so schwatzten, kehrte der Graf von March, der mit Einem in der Nähe des Palastthores gesprochen hatte, in ängstlicher Eile zurück. »Mylord Herzog! – Mylord Herzog! – Euer Vater hat sich erholt, und wenn Ihr nicht sehr eilt, so wird Mylord von Albany und der Douglas sein Ohr in Besitz nehmen.« »Und wenn sich mein königlicher Vater erholt hat,« sagte der leichtsinnige Prinz, »und hält, oder will Rath halten mit meinem gnädigen Oheim und dem Grafen Douglas, so schickt es sich weder für Eure Herrlichkeit noch für mich, uns einzudrängen, bevor wir gerufen werden. Daher hab' ich Zeit, meine kleinen Geschäfte mit meinem wackern Waffenschmied hier zu besprechen.« »Betrachtet es Eure Hoheit so?« sagte der Graf, dessen sanguinische Hoffnungen auf Hofgunst zu schnell erweckt waren und ebenso rasch gedämpft wurden, – »dann gebt nur Georg von Dunbar auf.« Er eilte mit düsterer mißvergnügter Miene hinweg; und so machte sich, zu einer Zeit, wo die Aristokratie den Thron so sehr beschränkte, der Erbe desselben die zwei mächtigsten Edelleute Schottlands zu Feinden, indem er den Einen durch verachtenden Trotz, den Andern durch fehlerhaften Leichtsinn beleidigte. Indeß bemerkte er kaum des Grafen von March Abschied oder fühlte sich vielmehr erleichtert von seiner Zudringlichkeit. Der Prinz ließ sich in ein müssiges Gespräch mit dem Waffenschmied ein, dessen Geschick in seiner Kunst ihn mit vielen der vornehmsten Lords bei Hofe persönlich bekannt gemacht hatte. »Ich hatte dir Etwas zu sagen, Schmied – kannst du einen gebrochenen Ring in meinem Mailänder Panzer wieder einsetzen?« »So gut, mit Eurer Hoheit Erlaubniß, als meine Mutter eine Masche in einem Netz wieder aufnehmen konnte – der Mailänder wird mein Werk von seinem eigenen nicht unterscheiden.« »Gut, aber das war's nicht, was ich dir jetzt sagen wollte,« sagte der Prinz, sich besinnend. »Diese arme Sängerin, guter Schmied, muß in Sicherheit gebracht werden. Du bist Mann genug, um für jede Frau ein Ritter zu sein, und du mußt sie zu einem sichern Orte geleiten.« Harry Schmied war, wie wir gesehen haben, rasch und kühn genug, wo es Waffen zu führen galt; aber er hatte auch den Stolz eines ehrbaren Bürgers und wollte sich nicht gern in Dinge einlassen, die bei dem anständigen Theile seiner Mitbürger für zweideutig gelten konnten. »Mit Eurer Hoheit Erlaubniß,« sagte er, »ich bin nur ein armer Handwerker. Aber obwohl mein Arm und Schwert dem König zu Befehl stehen, sowie auch Eurer Hoheit, so bin ich doch, verzeiht mir, kein Knappe für Damen. Eure Hoheit wird unter Eurem eigenen Gefolge Ritter und Herren finden, die recht gern den Sir Pandarus von Troja spielen werden – es ist eine zu ritterliche Rolle für den armen Harry vom Wynd.« »Hm – ha!« sagte der Prinz. »Meine Börse, Edgar« – (sein Diener flüsterte ihm Etwas zu) – »freilich, freilich, ich gab sie der armen Dirne. – Ich weiß genug von Eurem Gewerbe, Sir Schmied, und von Gewerbsleuten im Allgemeinen, um überzeugt zu sein, daß man keine Falken mit leeren Händen lockt; aber ich denke, mein Wort mag für den Werth einer guten Rüstung gelten, und soviel will ich dir, mit Dank obendrein, für den kleinen Dienst zahlen.« »Eure Hoheit mag andere Handwerker kennen,« sagte der Schmied; »aber mit Erlaubniß, sie kennt Harry Gow nicht. Er gehorcht Euch, wenn es eine Waffe zu machen oder auszubessern gilt, aber er versteht nichts von diesem Schürzendienst.« »Höre, du Maulthier von Perth,« sagte der Prinz, jedoch während er sprach, über das Zartgefühl des ehrsamen Bürgers lächelnd, – »die Dirne geht mich so wenig an, wie dich. Aber in einem müssigen Augenblicke, wie Euch die Umstehenden erzählen können, wenn Ihr's nicht selber saht, gab ich ihr im Vorbeigehen einen Kuß, was der armen Unglücklichen wahrscheinlich das Leben kosten wird. Hier ist nicht Einer, dem ich ihren Schutz anvertrauen kann gegen die Gürtelriemen und Bogenstränge, womit die Gränzbestien, die Douglas folgen, sie zu Tode schlagen werden, da es sein Wille so ist.« »Wenn die Sache so ist, Herr, so hat sie Anspruch auf jedes ehrlichen Mannes Schutz; und da sie einen ordentlichen Rock trägt – obwohl ich wollte, er wäre länger und von minder phantastischem Schnitt – so will ich für ihre Sicherheit stehen, so gut dies ein einzelner Mann kann. Aber wohin soll ich sie bringen?« »Ja wahrhaftig, das kann ich nicht sagen,« antwortete der Prinz. »Bringt sie nach Sir John Ramorny's Wohnung – aber, nein, nein – er ist krank, und überhaupt sind da Gründe – bring' sie zum Teufel, wenn du willst, aber nur in Sicherheit, und du verbindest David von Rothsay.« »Mein edler Prinz,« sagte der Schmied, »ich denke – mit allem Respekt, daß ich ein schutzloses Weib der Fürsorge des Teufels immer eher als Sir John Ramorny anvertrauen könnte. Aber obwohl der Teufel ein Feuerarbeiter ist, wie ich, so kenn' ich doch seinen Aufenthalt nicht, und hoffe ihn mit Hilfe der heiligen Kirche in gebührender Entfernung von mir zu halten. Und wie kann ich sie überhaupt durch dies Gedränge oder durch die Straßen in einem solchen Narrenkleide führen? Das ist die große Frage.« »Was das Verlassen des Klosters anlangt,« sagte der Prinz, »so wird dieser gute Mönch« (dabei ergriff er den Nächsten bei der Kapuze), »Vater Niclas oder Bonifacius –« »Der arme Bruder Cyprian, zu Eurer Hoheit Befehl,« sagte der Pater. »Ja richtig, Bruder Cyprian,« fuhr der Prinz fort, »ja, Bruder Cyprian wird Euch durch den geheimen Gang lassen, den er kennt, und ich werd' ihn wieder sehen, um eines Prinzen Dank dafür zu zahlen.« Der Geistliche neigte sich einwilligend, und die arme Louise, die während des Streites von einem Sprecher auf den andern geblickt hatte, sagte hastig: »Ich will diesem guten Manne mit meinem thörichten Anzug kein Aergerniß geben – ich habe einen Mantel, den ich gewöhnlich trage.« »Nun also, Schmied, du hast eines Mönchs Kapuze und einen Weibermantel, um dich d'runter zu bergen. Ich wollte, all' meine Schwachheiten wären so gut verhüllt! Lebe wohl, wackerer Bursche; ich werde dir später danken.« Damit, als fürchtete er einen neuen Einwand von Seiten des Schmieds, eilte er in den Palast. Harry Gow blieb erstaunt über das Geschehene stehen, da er sich ein Geschäft auferlegt sah, das nicht nur sehr gefährlich war, sondern auch Anstoß erregen konnte, was Beides, verbunden mit dem großen Antheil, den er nach gewohnter Raschheit am Gefechte genommen, ihm nicht geringen Schaden bei Verfolgung des eifrig erstrebten Zieles bringen konnte. Gleichwohl ein schutzloses Wesen der Mißhandlung barbarischer Galwegier und zügelloser Gefährten des Douglas zu überlassen, war ein Gedanke, den sein männliches Herz keinen Augenblick hegen konnte. Aus dieser Betrachtung ward er durch die Stimme des Mönchs erweckt, der, seine Worte mit der Gleichgültigkeit äußernd, welche die heiligen Väter gegen alle weltlichen Angelegenheiten hatten oder heuchelten, ihm zu folgen bat. Der Schmied setzte sich mit einem Seufzer, der mehr einem Schluchzen glich, in Bewegung, und offenbar wenig auf des Mönchs Bewegungen achtend, folgte er diesem in einen Gang und durch eine Hinterthür, die der Priester, sich noch ein Mal umschauend, offen ließ. Ihnen folgte Louise nach, die eilend ihr kleines Bündel ergriffen und ihren kleinen vierbeinigen Gefährten gerufen hatte. Hastig folgte sie auf dem Pfade, der sie einem Orte entgehen ließ, wo ihr kurz zuvor eine große und unvermeidliche Gefahr zu drohen schien. Zwölftes Kapitel. Es sprach die alte Wirthin nun, Die mürrisch g'nug erschien: »Mocht' Euer Vater je dies thun, So war es schlimm für ihn.« Lucky Trumbull. Die Gesellschaft war jetzt durch einen geheimen Gang in die Klosterkirche gelangt, deren äußere Thüren, gewöhnlich offen stehend, in Folge des letzten Tumultes für Jedermann verschlossen waren, da die Aufrührer beider Parteien sich bemüht hatten, aus anderen Gründen, als denen der Andacht, hineinzudringen. Sie gingen durch die düstern Gänge, deren Gewölbe von dem schweren Tritte des Waffenschmieds widerhallten, aber stumm blieben durch den Sandalentritt des Mönchs und den leichten Schritt der armen Louise, die vor Furcht wie vor Kälte außerordentlich zitterte. Sie sah, daß weder ihr geistlicher, noch ihr weltlicher Führer freundlich auf sie blickten. Der Erstere war ein strenger Mann, dessen Miene zeigte, er betrachte den unglücklichen Wanderer mit Verachtung und Abscheu; während der Letztere, obwohl, wie wir sahen, einer der gutmüthigsten Menschen von der Welt, gegenwärtig doch ernst bis zur Härte war, und nicht wenig mißvergnügt, daß er eine Rolle zu spielen genöthigt war, ohne, wie er wohl einsah, sie ablehnen zu können. Sein Mißfallen an diesem Geschäfte erstreckte sich sogar auf seinen unschuldigen Schützling, und er sagte im Stillen zu sich, während er sie verächtlich betrachtete: – »Eine hübsche Bettlerkönigin, um mit ihr durch die Straßen von Perth zu wandern, ich, ein ehrsamer Bürger! Diese phantastische Schöne muß einen so saubern Ruf haben, als ihre ganze Brüderschaft, und ich bin gut daran, wenn meine Chevalerie zu ihrem Besten zu Katharina's Ohr gelangt! Eher dürft' ich einen Mann erschlagen haben, und wär' er der Beste von Perth; und, bei Hammer und Nägeln! ich wollt' es auf erfolgte Beleidigung lieber gethan haben, als diese Bagage durch die Stadt führen.« Vielleicht ahnte Louise den Grund der Unruhe ihres Begleiters, denn sie sagte, furchtsam und zögernd: »Werther Herr, wär' es nicht besser, ich blieb' einen Augenblick in der Kapelle und nähme meinen Mantel um?« »Hm, Liebchen, das ist nicht übel,« sagte der Waffenschmied; aber der Mönch sprach dagegen, indem er zugleich den Finger verbietend erhob. »Die Kapelle des heiligen Madox ist kein Ankleidezimmer für Gaukler und Landstreicher, um sich dort zu putzen. Ich will dir gleich einen Ort zeigen, der besser für deinen Stand paßt.« Das arme junge Weib senkte ihr gedemüthigtes Haupt und kehrte von der Kapellenthür, der sie sich genähert hatte, mit dem tiefen Gefühle der Erniedrigung zurück. Ihr kleiner Hund schien aus seiner Herrin Blick und Benehmen zu ahnen, daß sie auf diesem heiligen Boden unberechtigte Eindringlinge waren, denn er senkte die Ohren und fegte den Boden mit dem Schwanze, während er leise und dicht hinter Louisens Füßen hinlief. Der Mönch ging ohne Aufenthalt vorwärts. Sie stiegen eine breite Treppe hinab und gingen durch ein Labyrinth unterirdischer, matt erhellter Gänge. Als sie durch ein niedrig gewölbtes Thor kamen, wandte sich der Mönch um und sagte, in demselben strengen Tone wie vorher, zu Louisen: – »Dort, Tochter der Thorheit, ist ein Ankleidezimmer, wo viele vor Euch ihre Kleider abgelegt haben!« Dem geringsten Zeichen mit rascher und furchtsamer Bereitwilligkeit folgend, eilte sie durch die offene Thür, kehrte aber sogleich entsetzt zurück. Es war ein Beinhaus, halb angefüllt mit alten Schädeln und Knochen. »Ich fürchte mich, dort mein Kleid zu wechseln, und allein – aber wenn Ihr, Vater, es befehlt, so möge es geschehen.« »Ei, du Kind der Eitelkeit, die Reste, die du siehst, sind nur der irdische Theil derer, die in ihrer Zeit zu weltlicher Lust anführten oder ihr folgten. Und so wirst auch du sein, wegen all' deines Leichtsinns und Wanderns, deines Singens und Klimperns; du, und alle solche Diener leichtfertiger und weltlicher Lust, müßt diesen armseligen Gebeinen gleich werden, die deine eitle Weichlichkeit fürchtet und anzusehen scheut.« »Sprecht nicht von eitler Weichlichkeit, ehrwürdiger Vater,« antwortete die Sängerin, »denn der Himmel weiß, ich beneide die Ruhe dieser armen gebleichten Reste; und wenn ich, meinen Leib darauf legend, ohne Sünde meinen Zustand dem ihrigen gleich machen könnte, so würde ich den Beinhaufen zu meiner Ruhestatt wählen vor dem sanftesten und schönsten Kissen in Schottland.« »Sei geduldig und komm',« sagte der Mönch in milderem Tone; »der Schnitter darf die Arbeit nicht verlassen, bis Sonnenuntergang das Zeichen gibt, daß das Tagewerk vorüber ist.« Sie gingen vorwärts. Bruder Cyprian öffnete am Ende einer langen Gallerie ein kleines Gemach oder vielleicht eine Kapelle, denn es war mit einem Kruzifix geschmückt, vor welchem vier Lampen brannten. Alle neigten und bekreuzten sich, und der Priester sagte zur Sängerin, auf das Kruzifix zeigend: »Was sagt dies Zeichen?« »Daß Er den Sünder so gut wie den Gerechten zu sich ladet.« »Ja, wenn der Sünder von seiner Sünde abläßt,« sagte der Mönch, dessen Stimme offenbar milder war. »Bereite dich hier zu deiner Reise.« Louise blieb ein paar Augenblicke in der Kapelle und erschien sogleich wieder in einem Mantel von grobem grauem Tuch, worein sie sich dicht gehüllt hatte, indem sie soviel von ihrer auffallenden Kleidung, als die Zeit gestattete, in das Körbchen gelegt, welches zuvor ihren gewöhnlichen Anzug enthielt. Der Mönch entriegelte sogleich eine Thür, welche in's Freie führte. Sie befanden sich in dem Garten, der das Kloster der Dominikaner umgab. »Das südliche Thor ist nur verriegelt und ihr könnt unbemerkt hindurch,« sagte der Mönch. »Gott segne dich, mein Sohn; und er segne auch dich, unglückliches Kind. Gedenke, wo du deine eitlen Gewänder ablegtest und hüte dich, sie je wieder anzuthun!« »Ach, Vater!« sagte Louise, »könnte die arme Fremde die einfachen Bedürfnisse des Lebens durch eine ehrenvollere Beschäftigung gewinnen, so möchte sie gern dieser eitlen Kunst entsagen. Aber – –« Aber der Mönch war verschwunden, ja, dieselbe Thür, durch die sie eben gekommen, schien auch verschwunden zu sein, so merkwürdig war sie durch einen beweglichen Pfeiler, wie unter den reichen gothischen Mauerzierrathen versteckt. »Hier ist nun freilich ein Weib durch die geheime Thür herausgelassen,« dachte Harry. »Gebe der Himmel, daß die guten Väter keines wieder einlassen. Der Ort scheint ganz geeignet zum Versteckenspielen. – Aber, Benedicite, was ist nun zu thun? Ich muß die Dirne so geschwind als möglich loswerden – und ich muß sie in Sicherheit bringen. Denn mag sie eigentlich sein, wie sie will, sie sieht so sittsam aus, nunmehr sie ehrbare Kleidung trägt, als daß sie die Mißhandlung des wilden Schotten von Galloway oder die der Teufelslegion von Liddell verdienen sollte.« Louise stand da, als wartete sie, welchen Weg Harry sie führen werde. Ihr kleiner Hund, erleichtert durch den Wechsel der dunklen unterirdischen Wölbung mit der freien Luft, sprang in wilden Sätzen durch die Gänge und hüpfte an seiner Gebieterin empor; ja er umkreiste auch, obwohl schüchterner, des Schmiedes Füße, um auch diesem seine Zufriedenheit auszudrücken und seine Gunst zu gewinnen. »Nieder, Charlot, nieder!« sagte die Sängerin. »Du freuest dich, wieder im hellen Sonnenlicht zu sein; aber wo werden wir die Nacht ruhen, mein armer Charlot?« »Und nun, Mistreß,« sagte der Schmied – nicht unfreundlich, denn dies lag nicht in seiner Natur, aber kurz, wie Einer, der ein unangenehmes Geschäft zu endigen wünscht, – »wohin liegt Eure Straße?« Louise blickte zu Boden und schwieg. Auf's Neue gedrängt, zu sagen, welchen Weg sie geführt zu sein wünschte, blickte sie wieder abwärts und erklärte, sie könne es nicht sagen. »Kommt, kommt,« sagte Harry, »ich versteh' Alles – ich bin ein munterer Bursch' gewesen – ein Wildfang zu meiner Zeit – aber 's ist am besten, man ist offen. Wie die Sachen jetzt mit mir stehen, so bin ich seit vielen, vielen Monaten ein anderer Mann; und daher, meine Gute, müssen Ihr und ich uns vielleicht eher trennen, als sich ein junges hübsches Weib wie Ihr eigentlich trennen möchte von – einem ansehnlichen jungen Burschen.« Louise weinte still, die Augen immer noch zu Boden gesenkt, wie Jemand, der eine Beleidigung fühlt, worüber er kein Recht hat sich zu beklagen. Endlich, als sie merkte, daß ihr Führer ungeduldig ward, sagte sie mit gebrochener Stimme: »Edler Sir –« »Sir gehört für einen Ritter,« sagte der ungeduldige Bürger, »und edel für einen Baron. Ich bin Harry vom Wynd, ein ehrsamer Handwerker und von freier Zunft.« »Nun, guter Handwerker,« sagte die Sängerin, »Ihr beurtheilt mich hart, aber ohne scheinbaren Grund. Ich wollte Euch sogleich von meiner Gesellschaft befreien, die vielleicht guten Männern wenig Ehre bringt, wüßt' ich nur, wohin ich gehen sollte.« »Zum nächsten Jahrmarkt oder Feste gewiß,« sagte Harry rauh, indem er nicht zweifelte, daß ihre Traurigkeit nur verstellt sei, um ihn zu fesseln, und vielleicht auch, weil er fürchtete, selbst in Versuchung zu gerathen; »und es ist das Fest des heiligen Madox zu Auchterarder. Gewiß wirst du den Weg dorthin recht gut finden.« »Aftr – Auchter –« wiederholte die Sängerin, vergebens mit ihrer südlichen Zunge die Celtischen Laute versuchend. »Man sagt mir, meine armen Lieder würden nicht verstanden, wenn ich jenen schrecklichen Bergen näher käme.« »Wollt Ihr also in Perth bleiben?« »Aber wo wohnen?« sagte die Fremde. »Ei, wo wohntet Ihr die letzte Nacht?« erwiderte der Schmied. »Ihr wißt sicherlich, woher Ihr kommt, obwohl Ihr zweifelhaft scheint, wohin Ihr gehen sollt.« »Ich schlief im Hospitium des Klosters. Aber ich ward nur mit großer Schwierigkeit zugelassen und man befahl mir, nicht wiederzukommen.« »Nein, sie werden Euch nimmer aufnehmen, da Ihr des Douglas Zorn auf Euch geladen, das ist nur zu wahr. Aber der Prinz erwähnte Sir John Ramorny's – ich kann Euch durch Seitengassen zu seiner Behausung führen, – obwohl dies kein Geschäft für einen ehrlichen Bürger ist, und meine Zeit drängt.« »Ich will gehen, wohin es sei – ich weiß, ich bin ein Aergerniß und eine Last. Es gab eine Zeit, wo es anders war. – Aber wer ist dieser Ramorny?« »Ein artiger Ritter, der ein munteres Junggesellenleben führt, und Knappe und Privado, wie man sagt, des jungen Prinzen ist.« »Wie! des wilden, höhnischen jungen Mannes, der Anlaß zu jenem Skandal gab? – O, bringt mich nicht dorthin, guter Freund! Ist keine christliche Frau da, die einem armen Wesen in ihrem Stall oder ihrer Scheune für eine Nacht Ruhe gönnen möchte? Ich will mit Tagesanbruch fortgehen. Ich habe Gold und ich will Euch auch bezahlen, wenn Ihr mich wohin führen wollt, wo ich sicher vor dem wilden Schwärmer bin und vor den Dienern des schwarzen Barons, in dessen Blicken der Tod lag.« »Behaltet Euer Gold für die, die es brauchen, Mistreß,« sagte Harry, und bietet nicht ehrlichen Händen das Geld an, was durch Lautenspiel, Fiedeln, Tanzen und vielleicht schlimmeres Handwerk gewonnen ist. Ich sag' Euch geradezu, Mistreß, ich lasse mich nicht bethören. Ich bin bereit, Euch zu jedem sichern Orte zu führen, den Ihr nennt, denn mein Versprechen ist so fest, wie eine Eisenspange. Aber Ihr macht mich nicht glauben, als wüßtet Ihr nicht wohin. Ihr seid nicht so jung in Eurem Gewerbe, um nicht zu wissen, daß es Wirthshäuser in jeder Stadt gibt, zumal in einer Stadt wie Perth, wo Euresgleichen Herberge für Geld finden kann, wenn Ihr nicht einen mehr oder weniger großen Dummkopf findet, der Eure Zeche bezahlt. Wenn Ihr Geld habt, Mistreß, so hab' ich wenig Sorge um Euch; und in der That seh' ich wenig mehr als Vorwand in dem übertriebenen Kummer und der Furcht, allein zu sein, bei Jemand von Eurem Beruf.« Nachdem er so, wie er glaubte, angezeigt hatte, er lasse sich durch die gewöhnlichen Künste einer Sängerin nicht täuschen, ging er einige Schritte vorwärts, indem er sich einbildete, er handle so am weisesten und klügsten; er konnte sich aber nicht enthalten, zurückzusehen, wie Louise seinen Abschied ertrüge, und war betroffen, als er bemerkte, daß sie auf ein Beet gesunken war, die Arme auf den Knieen und das Haupt auf den Armen ruhend, in einer Lage, welche die höchste Verzweiflung ausdrückte. Der Schmied suchte sein Herz zu verhärten, »'s ist Alles Schein,« sagte er, »die Dirne kennt ihr Geschäft – ich will drauf schwören, bei St. Ringan.« In diesem Augenblicke zerrte Etwas am Saume seines Kleides, und als er sich umsah, erblickte er den kleinen Hund, der sogleich, als wollte er seiner Gebieterin Sache vertreten, sich auf die Hinterbeine stellte und zu tanzen begann, zu gleicher Zeit winselnd und nach Louise zurücksehend, als wollte er für seine verlassene Herrin Mitleiden erregen. »Armes Thier,« sagte der Schmied, »auch du verstellst dich vielleicht nur, denn du thust nur, was man dich gelehrt hat. – Doch, da ich dies arme Wesen zu schützen versprach, so darf ich sie nicht in einer Ohnmacht verlassen, wenn es eine ist, geschah' es auch nur aus Menschlichkeit.« Als er umkehrte und sich seiner beschwerlichen Bürde näherte, erkannte er sogleich an ihrer veränderten Gesichtsfarbe, daß sie entweder wirklich sehr unwohl sei, oder eine Macht der Verstellung besitze, wie kein Mann, ja vielleicht keine Frau begreifen könnte. »Junges Weib,« sagte er mit mehr Freundlichkeit, als er bisher an den Tag zu legen vermocht hatte, »ich will Euch offen sagen, wie es mit mir steht. Es ist heute St. Valentinstag, und der Sitte nach muß ich ihn bei meiner schönen Valentine zubringen. Aber Schläge und Streit haben den ganzen Morgen weggenommen, bis auf eine armselige halbe Stunde. Nun könnt Ihr wohl einsehen, wo mein Herz und meine Gedanken sind, und wo, wär' es auch nur der Höflichkeit wegen, mein Leib sein sollte.« Die Sängerin lauschte und schien ihn zu begreifen. »Wenn Ihr ein ächter Liebender seid, und eine keusche Valentine zu besuchen habt, so verhüte Gott, daß Meinesgleichen Euch eine Störung bereiten sollte. Denkt nicht mehr an mich. Ich will diesen großen Fluß als Führer zum Meere nehmen, wo sich, wie man sagt, ein Hafen befindet; von dort will ich nach dem schönen Frankreich segeln, und noch ein Mal meine Heimath begrüßen, wo der roheste Bauer das ärmste Weib nicht so kränken würde.« »Ihr könnt heute nicht nach Dundee gehen,« sagte der Schmied. »Die Leute des Douglas sind auf beiden Seiten des Flusses in Bewegung, denn der Lärm vom Morgen muß sie schon erreicht haben; und den ganzen Tag, und den nächsten, und die ganze Nacht, die dazwischen ist, während sie sich zu ihres Führers Fahne sammeln, wie Hochländer zum feurigen Kreuz. Seht Ihr jene fünf oder sechs Männer, die so rasch am andern Ufer des Flusses reiten? Das sind Leute von Annandale; ich kenne sie an ihren langen Lanzen und an der Art, wie sie sie tragen. Ein Mann von Annandale läßt seinen Speer nie rückwärts hängen, sondern trägt die Spitze immer aufwärts oder vorwärts.« »Und was ist mit ihnen?« sagte die Sängerin. »Sie sind Bewaffnete und Krieger – sie werden mich meiner Laute und meiner Hilflosigkeit wegen schonen.« »Ich will ihnen nichts Böses nachsagen,« antwortete der Schmied. »Wäret Ihr in ihren eigenen Thälern, würden sie Euch gastfrei behandeln und Ihr hättet nichts zu fürchten; aber jetzt sind sie im Felde. Alles ist Fisch, was in ihr Netz kommt. Es gibt unter ihnen welche, die Euch das Leben nehmen würden Eurer goldnen Ohrringe wegen. Ihre ganze Seele ruht in ihren Blicken, um Beute zu sehen, und in ihren Händen, um sie zu ergreifen. Sie haben keine Ohren, um Lieder zu hören, oder auf eine Bitte um Gnade zu horchen. Ueberdies haben sie einen Befehl von ihrem Führer hinsichtlich Eurer, und der Befehl ist von einer Art, daß er sicher befolgt wird. Ach, großen Herren schenken sie eher Gehorsam, wenn es heißt, brennt eine Kirche nieder, als wenn sie sagen, baut eine auf.« »Dann,« sagte die Sängerin, »ist das Beste, ich setze mich hin, um zu sterben.« »Sprecht nicht so,« erwiderte der Schmied. »Wenn ich nur ein Nachtquartier für Euch erlangen könnte, so führte ich Euch morgen an die Treppe bei unsrer lieben Frau, von wo die Fahrzeuge stromab nach Dundee gehen, und übergebe Euch Jemand am Bord, der für Eure Sicherheit sorgte, damit Ihr gute Bewirthung und freundliche Behandlung fändet.« »Guter – trefflicher – großmüthiger Mann!« sagte die Sängerin. »Thut das, und wenn die Gebete und Segenswünsche einer armen Unglücklichen je den Himmel erreichen, so werden sie für Euch emporsteigen. Wir werden uns an jener Hinterpforte treffen, um die Zeit, wo die Boote abgehen.« »Das ist um sechs Uhr Morgens, so wie der Tag anbricht.« »Also geht nur zu Eurer Valentine; – und wenn sie Euch liebt, o, so hintergeht sie nicht.« »Ach, armes Mädchen! ich fürchte, Täuschung hat dich in diesen Zustand gebracht. Aber ich darf Euch nicht so unversorgt verlassen. Ich muß wissen, wo Ihr die Nacht zubringen werdet.« »Sorgt nicht darum,« erwiderte Louise. – »Der Himmel ist hell. – Es gibt Büsche und Gesträuche genug am Flusse; Charlot und ich können wohl für eine Nacht ein Blätterlager als Schlafgemach nehmen; und morgen werd' ich, mit Eurer versprochenen Hilfe, aus dem Bereich der Kränkung und Beleidigung kommen. O, die Nacht vergeht bald, wenn man Hoffnung auf den Morgen hat! – Zögert Ihr noch, während Eure Valentine auf Euch wartet? Ei, ich werde Euch nur für einen lauen Liebhaber halten, und Ihr wißt, was der Tadel eines Minstrels gilt.« »Ich kann Euch nicht verlassen, Mädchen,« antwortete der Waffenschmied. »Es wäre geradezu Mord, ließ' ich Euch die Nacht unter der Strenge eines schottischen Februarwindes zubringen. Nein, nein, – mein Wort wär' auf diese Weise schlecht gehalten; und lief' ich Gefahr, Tadel zu ärnten, so wär's gerechte Strafe, daß ich übel von Euch dachte und Euch durch ein Betragen kränkte, das Ihr gewißlich nicht verdient. Kommt mit mir, Mädchen – Ihr sollt für die Nacht sicher wohnen, was auch daraus werde. Es wär' ein schlechtes Kompliment für meine Katharina, ließ ich ein armes Geschöpf umkommen, um mich eine Stunde früher ihrer Gesellschaft zu freuen.« So sprechend, und indem er sich gegen jede Ahnung der üblen Folgen stählte, die eine solche Maßregel haben könnte, entschloß sich her mannhafte Schmied, der Verläumdung Trotz zu bieten und der Fremden in seinem eigenen Hause eine Zuflucht für die Nacht zu geben. Es muß noch bemerkt werden, daß er dies mit großem Widerstreben und nur in einer Art von Begeisterung des Wohlwollens that. Bevor unser wackerer Sohn des Vulkan dem schönen Mädchen von Perth seine stete Verehrung weihte, stellte ihn eine gewisse natürliche Wildheit des Charakters unter den Einfluß der Venus so gut wie unter den des Mars; und es war nur die Folge redlicher Neigung, die ihn gänzlich von solchen ungebundenen Freuden abgelenkt hatte. Er war daher mit Recht eifersüchtig auf seinen neuerworbenen Ruf der Beständigkeit, den sein Betragen gegen die arme Fremde dem Verdachte aussetzen konnte – auch fürchtete er sich vielleicht selbst ein wenig vor Versuchung – und besonders verzweifelte er darüber, daß er so viel vom St. Valentinstage verlor, den der Brauch nicht nur erlaubte, sondern selbst verpflichtete bei der Genossin des Jahres zuzubringen. Die Reise nach Kinfauns, und die mancherlei folgenden Vorgänge hatten den Tag weggenommen und es war nun fast Vesperzeit. Als könnte er durch eiligen Schritt die Zeit einbringen, die er für einen Gegenstand verwenden mußte, der jenem, welcher ihm am Herzen lag, so fremd war, ging er durch den Dominikanergarten, betrat die Stadt, und, indem er den Mantel dicht um den untern Theil seines Gesichtes schlug und zur Verhüllung des obern die Mütze herunterzog, lief er mit der nämlichen Eile weiter durch die Straßen und Gäßchen, indem er sein Haus auf dem Wynd zu erreichen hoffte, ohne bemerkt zu werden. Als er aber seinen Weg so rasch zehn Minuten lang verfolgt hatte, begann er zu glauben, sein Schritt möchte für das junge Weib zu scharf sein. Er sah sich daher mit einer Art von Ungeduld um. die sich aber bald in Reue verwandelte, als er sie fast ganz erschöpft vor übermäßiger Anstrengung sah. »Ei, wahrlich, wär' ich doch werth als wilde Bestie aufgehängt zu werden,« sagte Harry zu sich selbst. »Und hätt' ich noch größere Eile, könnte das dem armen Geschöpf Flügel geben? Und sie hat noch dazu Gepäck zu tragen! Ich bin ein ungeleckter Bär, das ist gewiß, sobald sich's um Weiber handelt; und immer werd' ich Unrecht thun, wenn ich den besten Willen habe, gut zu sein. – Hört, Mädchen, laßt mich das Zeug für Euch tragen. Wir kommen dann schneller vorwärts.« Die arme Louise würde widersprochen haben, aber ihr Athem war zu erschöpft, als daß sie hätte sprechen können; sie gestattete daher ihrem gutmüthigen Beschützer, den kleinen Korb zu nehmen; als dies der Hund sah, lief er vor Harry hin, richtete sich auf, schüttelte die Vorderpfoten und winselte leise, als wollte er auch getragen sein. »Ei nun, so muß ich dich wohl auch schleppen,« sagte der Schmied, welcher sah, wie ermüdet das Thier war. »Pfui, Charlot!« sagte Louise; »du weißt, daß ich selber dich tragen werde.« Sie bemühte sich, den kleinen Hund zu fangen, aber er entkam ihr, und indem er an die andere Seite des Schmieds ging, erneuerte er seine Bitten um Aufnahme. »Charlot hat Recht,« sagte der Schmied; »er weiß am besten, wer ihn tragen kann. Dies thut mir kund, mein artig Kind, daß Ihr nicht immer der Träger Eurer Sachen selber wart. Charlot weiß was zu erzählen.« Eine solche Todesblässe überzog der armen Sängerin Gesicht, während Harry sprach, daß er genöthigt war, sie zu unterstützen, damit sie nicht zu Boden fiel. Sie erholte sich indeß nach wenig Augenblicken wieder, und mit matter Stimme bat sie ihren Führer, weiter zu gehen. »Nun, nun,« sagte Harry, als sie ihren Weg fortsetzten, »haltet Euch an meinem Mantel oder an meinem Arm, wenn Euch das besser forthilft. Wir geben einen schönen Anblick; und hätt' ich noch eine Fiedel oder Guitarre auf dem Rücken, wir glichen dem lustigsten Paar Landstreicher, das je vor einem Schloßthor anklopfte. – Bei allen Nägeln,« so dachte er bei sich selbst, »wenn mir ein Nachbar mit diesem Pack Lumpen auf dem Rücken begegnete, einen Hund unterm Arm, und solch ein Mädchen am Mantel hängend, er dächte nicht anders, als ich sei Komödiant geworden. Nicht um den besten Harnisch, woran ich je den Hammer legte, möcht' ich, daß mir einer unserer zungenfertigen Nachbarn in diesem Aufzug begegnete; das wär' ein Spaß, der von St. Valentin bis Lichtmeß währte.« Beunruhigt durch diese Gedanken, schlug der Schmied, obwohl auf Gefahr einen weit längern Weg, als er wünschte, durchlaufen zu müssen, den entlegensten Pfad ein, den er finden konnte, um die Hauptstraßen zu vermeiden, die noch immer von Menschen angefüllt waren wegen des letzten Tumultes. Aber zum Unglück half ihm seine Vorsicht nichts. Denn als er aus einer Gasse herausging, begegnete er einem in einen Mantel gehüllten Manne, der auch nicht erkannt sein zu wollen schien, obwohl die hagere, dünne Gestalt, die Spindelbeine, die sich unter dem Mantel zeigten, und die kleinen trüben Augen, die oben über dieses Kleid hervorblinzelten, den Apotheker so deutlich ankündigten, als hätte er seinen Namen auf der Mütze getragen. Diese unerwartete und unangenehme Begegnung setzte den Schmied in Verwirrung. Die Flucht schickte sich nicht für seinen kühnen, entschlossenen Charakter. Er wußte, daß dieser Mann so verleumderisch als neugierig, und besonders, daß er ihm sehr abgeneigt war. Es blieb also nur ein Mittel, aus der Verlegenheit zu kommen, und Harry hoffte, der Apotheker werde ihm eine Gelegenheit geben, ihm den Hals umzudrehen, damit er seiner Verschwiegenheit sicher wäre. Aber weit entfernt, Etwas zu thun oder zu sagen, was so zum Aeußersten führen konnte, schien der Apotheker, als er seinem starken Nachbar sich so nahe gegenüber sah, daß Erkennung unvermeidlich blieb, diese so kurz als möglich zu machen. Ohne daß er des Schmieds Begleiterin große Aufmerksamkeit zu schenken schien, ließ er im Vorbeigehen die Worte fallen, während er nach dem ersten Moment der Begegnung keinen Blick weiter schenkte: – »Einen recht lustigen Feiertag für Euch, Schmied! Wie, du führst dein Mühmchen, die hübsche Mistreß Joan Letham, mit ihrem Bündel vom Wasser herauf – gewiß erst von Dundee, nicht wahr? Ich hörte, daß man sie bei dem alten Schuster erwartete.« Während er so sprach, sah er weder rechts noch links, dankte noch für ein »Gott grüß' Euch!« das ihm der Schmied mehr zugemurmelt als gerufen, und verschwand auf seinem Wege, wie ein Schatten. »Hole mich der Satan, wenn ich diese Pille verschlucken kann,« sagte Harry Schmied, »wie schön sie auch immer vergoldet sein mag. Der Schuft hat ein scharfes Auge, wenn es Weiber betrifft, und kann eine wilde Ente von einer zahmen unterscheiden, so gut als irgend einer in Perth. – Er wäre der letzte in der guten Stadt, um saure Pflaumen für Birken zu nehmen, oder meine dicke Muhme Joan für dies phantastische Stück Eitelkeit. Mir ist, als hätt' ich ihn sagen hören: Ich will nicht sehen, was Ihr mir verbergen wollt – und er thut recht daran, da er sich leicht einen gebrochenen Schädel kaufen könnte, wenn er sich in meine Angelegenheit mischte – und daher wird er seinetwegen stumm sein. Aber wer kommt nun wieder? – Bei St. Dunstan! der schwatzhafte, prahlerische, feige Schuft, Oliver Proudfute!« Es war in der That der kühne Strumpfwirker, dem sie zunächst begegneten, und der, die Mütze auf einer Seite und die Weise des Liedchens, »Du bleibst zu lang' beim Krug, Tom, Tom,« summend, deutlich anzeigte, daß er sein Mahl nicht trocken gehalten hatte. »He, mein wackerer Schmied!« sagte er, »fang' ich dich auf die Weise? – Wie kann sich ächter Stahl biegen? – Kenn Vulkan, wie der Minnesänger spricht, Venus mit ihrer eigenen Münze zahlen? – Wahrlich, du wirst das Jahr ein hübscher Valentin sein, da du den Festtag so lustig anfängst.« »Hört, Oliver,« sagte der mißvergnügte Schmied, »schließt Eure Augen und geht Eures Wegs, Alter. Und merkt wohl, rührt Eure Zunge nicht um das, was Euch nichts angeht, wenn Euch eine ganze Reihe Zähne in Eurem Kopfe lieb sind.« »Ich aus der Schule schwatzen? – Ich plaudern, und noch dazu gegen meinen Kampfgefährten? – Ich veracht' es – ich würd' es nicht einmal meinem hölzernen Sultan sagen. – Ei, ich kann auf einem Winkel ein so lustiger Bruder sein, als du, Freund, – und da ich gerade daran denke, ich will mit gehen, wir wollen eins mit einander trinken und deine Delila soll uns dazu ein Lied singen. Ha! ist's Euch nicht recht so?« »Trefflich,« sagte Harry, der sich die ganze Zeit über sehnte, seinen Kampfgefährten niederzuschlagen, aber klüglich einen friedlichern Weg wählte, um seine lästige Gegenwart loszuwerden. – »Ja vortrefflich! – Ich kann deinen Beistand brauchen – denn hier sind fünf oder sechs vom Douglas vor uns – sie werden gewiß versuchen, einem armen Bürger wie mir die Dirne abzunehmen, daher freut mich's, den Beistand eines so tapfern Mannes wie du zu haben.« »Dank' Euch – dank' Euch,« antwortete der Strumpfwirker; »aber wär's nicht besser, ich liefe, ließe die Gemeindeglocke läuten und holte mein großes Schwert?« »Ja, ja – geht heim so schnell Ihr könnt, und sagt nichts von dem, was Ihr gesehen habt.« »Wer, ich? – nein, fürchtet mich nicht. Pah! ich hasse das Plaudern.« »Also fort mit Euch, – ich höre Waffen klirren.« Dies belebte und bewegte die Fersen des Strumpfwirkers, welcher, der vermeinten Gefahr den Rücken kehrend, einen Schritt annahm, daß der Schmied nicht zweifeln konnte, er werde bald zu Hause sein. »Wieder eine schwatzhafte Elster,« dachte der Waffenschmied; »aber auch ihn hab' ich im Garne. Die Minstrels haben eine Fabel von einem Vogel, der sich mit eines andern Federn schmückte, – nun, Oliver ist derselbe Vogel, und, bei St. Dunstan! wenn sich seine Schwätzerzunge auf meine Kosten erlustigt, so will ich ihn rupfen, wie nur je ein Falke das Rebhuhn. Und das weiß er.« Während sich ihm solche Gedanken aufdrängten, hatte er fast das Ziel seiner Wanderung erreicht; und während die Sängerin noch an seinem Mantel hing, erschöpft, theils aus Furcht, theils vor Müdigkeit, langte er endlich auf der Mitte des Wynd an, den seine eigene Wohnung zierte, und von dem er, der Unsicherheit zufolge, die damals in Anwendung von Familiennamen herrschte, seinen eigenen Zunamen ableitete. Hier brannte an Werkeltagen ein Ofen, und vier halbnackte Bursche betäubten die Nachbarschaft durch den Lärm des Hammers und Amboßes. Aber am St. Valentinstag war kein Handwerker bei der Arbeit, und jetzt waren diese Leute auswärts auf ihren eigenen Wegen der Andacht oder des Vergnügens. Das Haus neben der Schmiede gehörte Harry eigenthümlich, und obwohl es klein war und in einer engen Straße lag, war doch ein großer Garten mit Obstbäumen dahinter, und es bot im Ganzen eine angenehme Wohnung. Der Schmied, statt zu klopfen oder zu rufen, was die Nachbarn an Thür und Fenster gezogen haben würde, zog einen Hauptschlüssel von seiner eigenen Arbeit hervor, damals eine große und beneidete Merkwürdigkeit, und öffnete die Thür seines Hauses, worauf er die Gefährtin in die Wohnung führte. Das Gemach, welches Harry und die Sängerin aufnahm, war die Küche, die unter Leuten vom Stande des Schmiedes als Wohnzimmer diente, obwohl Einige, wie Simon Glover, auch ein Speisezimmer hatten, getrennt von dem, worin ihre Speisen bereitet wurden. Im Winkel dieses Gemachs, welches außerordentlich sauber gehalten war, saß eine alte Frau, deren sorgfältige Kleidung und die Nettigkeit, mit welcher sie den Scharlachplaid auf dem Kopfe trug, so daß er zu beiden Seiten auf die Schultern fiel, einen höhern Rang angedeutet haben könnte, als den der Luckie Shoolbred, der Haushälterin des Schmieds. Aber dieser und kein anderer war ihr Titel; und da sie der Frühmesse nicht beigewohnt hatte, saß sie ruhig beim Feuer, während ihr halbgebeteter Rosenkranz über den Arm hing; ihr halblautes Gebet hielt oft auf den Lippen still, und ihre halbgeschlossenen Augen schlummerten, während sie den erwartete, dessen Amme sie gewesen, ohne die Stunde errathen zu können, wo er zurückkehren würde. Sie fuhr beim Geräusch seines Eintrittes empor und wandte ihr Auge auf die Gefährtin, zuerst mit einem Blick des höchsten Staunens, welches sich allmälig in den Ausdruck des höchsten Mißvergnügens verwandelte. »Nun, die Heiligen schützen mein Augenlicht, Harry Schmied!« – rief sie sehr andächtig aus. »Amen von ganzem Herzen. Schnell ein Bißchen zu essen, gute Amme, denn ich fürchte, diese Fremde wird nur leicht zu Mittag gespeist haben.« »Und ich bitte nochmals, daß unsere Frau mein Augenlicht schütze vor den schnöden Blendwerken des Satans.« »So sei es, sag' ich Euch, gute Frau. Aber wozu all dies Bitten und Beten? Hört Ihr mich nicht? oder wollt Ihr nicht thun, was ich Euch heiße?« »Er muß es doch selber sein, wie's auch zugehe! Aber o! Er sieht dem bösen Feinde ähnlicher, da ihm ein solch Gepäck am Mantel hängt. – O, Harry Schmied! Die Leute nannten Euch um geringere Dinge einen wilden Burschen; aber wer hätte je gedacht, daß Harry ein liederlich Weibsstück unter das Dach bringen könnte, das seine würdige Mutter deckte, und wo seine eigene Amme dreißig Jahre lang gewohnt hat!« »Haltet Ruhe, alte Frau, und seid vernünftig,« sagte der Schmied. »Diese Sängerin ist kein Liebchen für mich, noch für sonst Jemand, den ich kenne; aber sie geht morgen früh mit dem Boten nach Dundee, und wir müssen sie bis dahin beherbergen.« »Beherbergen!« sagte die alte Frau. »Ihr mögt solchem Vieh Quartier geben, wenn es Euch gefällt, Harry Wynd; aber dasselbe Haus soll nicht die liederliche Dirne und mich beherbergen, darauf verlaßt Euch.« »Eure Mutter ist böse auf mich,« sagte Louise, das Verhältniß der Andern mißdeutend. »Ich will nicht bleiben, um ihr Aergerniß zu geben. Wenn ein Stall vorhanden ist, so wird er ein genügendes Lager für mich und Charlot gewähren.« »Ja, ja; ich denke, an solches Quartier seid Ihr am besten gewöhnt,« sagte Frau Shoolbred. »Hört, Amme Shoolbred,« sagte der Schmied; »Ihr wißt, ich liebe Euch um Euretwillen selbst, und meiner Mutter wegen; aber bei St. Dunstan! der ein Heiliger meines eigenen Gewerbes war, ich will in meinem Hause zu befehlen haben; und wenn Ihr keinen bessern Grund, als Euren unsinnigen Verdacht, vorbringt, indem Ihr mich verlaßt, so mögt Ihr erwägen, wie Ihr Euch die Thür öffnen wollt, wenn Ihr zurückkehrt; denn ich werd' Euch nicht dabei helfen, das sag' ich Euch.« »Ei nun, mein Sohn, dies soll mich nie zwingen, den ehrlichen Namen dranzuwagen, den ich sechzig Jahre bewahrte. Es war nie Eurer Mutter Sitte, und soll nie die meine sein, Landstreicher und Bänkelsängerinnen aufzunehmen; und ich brauche nicht lange nach einer Wohnung zu suchen, wenn ich nicht will, daß mich dasselbe Dach mit einer solchen Prinzessin deckt.« Damit begann die strenge Hofmeisterin in großer Eile ihren Tartanmantel zurecht zu legen, um fortzugehen, indem sie ihn so weit vorzog, daß er ihre weiße Linnenhaube deckte, deren Saum ihr runzeliges, aber frisches und gesundes Gesicht umzog. Darauf ergriff sie einen Stab, den treuen Gefährten ihrer Gänge, und ging auf die Thür zu, als der Schmied zwischen sie und den Ausgang trat. »Wartet wenigstens, Alte, bis wir abgerechnet haben. Ich bin Euch noch Lohn schuldig.« »Und das ist wieder ein Traum Eures eigenen thörichten Kopfes. Welchen Lohn soll ich von dem Sohne Eurer Mutter nehmen, die mich nährte und kleidete, als wär' ich eine Schwester gewesen?« »Und das lohnt Ihr gut, Amme; Ihr verlaßt ihr einzig Kind, da es Euch am nöthigsten braucht.« Dies schien das hartnäckige alte Weib zur Ueberlegung zu bringen. Sie blieb stehen und sah abwechselnd ihren Herrn und die Sängerin an; dann schüttelte sie das Haupt und schien sich wieder nach der Thür bewegen zu wollen. »Ich nehme blos die arme Pilgerin unter mein Dach,« sagte der Schmied, »um sie vor Gefängniß und Geißel zu schützen.« »Und warum sollt Ihr sie schützen?« sagte die unerbittliche Frau Shoolbred. »Ich kann sagen, sie hat Beides verdient, so gut nur je ein Dieb einen Hanfkragen verdiente.« »Mag sie das, oder mag sie nicht. Aber sie kann nicht verdienen, zu Tode gegeißelt oder eingekerkert zu werden, bis sie verhungert; und dies Loos finden Alle, auf die der schwarze Douglas böse ist.« »Und den schwarzen Douglas wollt Ihr beleidigen einer Sängerin wegen? Das wird noch die schlimmste von Euren Fehden werden. – Ach, Harry Gow, es ist so viel Eisen in Eurem Kopf, als in Eurem Ambos!« »Ich habe das selber manchmal gedacht, Mistreß Shoolbred; aber bekomm' ich bei dieser neuen Gelegenheit ein Paar Hiebe, so weiß ich nicht, wer mich pflegen soll, wenn Ihr von mir lauft, wie eine aufgescheuchte wilde Gans. Ja, noch mehr, wer soll meine hübsche Braut empfangen, die ich dieser Tage auf den Wynd zu bringen denke?« »Ach, Harry, Harry!« sagte die alte Frau kopfschüttelnd; »das ist nicht die Art, um eines ehrsamen Mannes Haus für eine junge Braut zu bereiten. Ihr solltet Euch mit Sittsamkeit und Anstand betragen, und nicht liederlich und üppig.« »Ich sage Euch noch ein Mal, das arme Wesen geht mich nichts an. Ich wünsche nur, daß sie in Sicherheit sei; und ich denke, der kühnste Gränzbewohner in Perth wird den Riegel meiner Thür so gut achten, wie das Thor von Carlisle Castle. – Ich gehe jetzt hinab zu Sim' Glovers – ich kann wohl die ganze Nacht dort bleiben, denn der hochländische Bursche ist nach den Bergen gelaufen, wie ein junger Wolf, und also ist dort ein Bett frei und Vater Simon wird es mich gern benutzen lassen. Ihr werdet bei diesem armen Wesen bleiben, sie speisen und während der Nacht schützen, und ich werde sie vor Tage abrufen; und wenn du willst, kannst du selber mit ihr zum Boote gehen, und so wird dein letzter Blick zugleich mit dem meinigen sie beobachten.« »Das klingt wohl etwas vernünftig,« sagte Frau Shoolbred; »obwohl mir ein Räthsel ist, warum Ihr Euren Ruf wegen eines Wesens in Gefahr bringt, die für einen Silberpfennig und noch weniger ein Quartier finden würde.« »Habt darin Vertrauen zu mir, gute Alte, und begegnet dem Mädchen freundlich.« »Freundlicher als sie's verdient, verlaßt Euch darauf; und wirklich, obwohl ich wenig Gefallen an der Gesellschaft solchen Viehes finde, glaube ich doch, sie wird mir weniger Leid zufügen können, als Euch – sie müßte denn eine Hexe sein, was wohl der Fall sein kann, da der Teufel sehr mächtig ist bei Allen, die so ein Landstreicherleben führen.« »Sie ist nicht mehr eine Hexe, als ich ein Zauberer,« sagte der ehrliche Schmied; »ein armes trauriges Wesen, die, wenn sie Uebles gethan hat, nur zu bitter dafür gestraft wurde. Seid freundlich gegen sie; – und Ihr musikalisches Mädchen – ich will Euch morgen früh rufen und zum Strande führen. Diese alte Frau wird Euch freundlich behandeln, wenn Ihr nichts zu Ihr sagt, außer was für ehrsame Ohren paßt.« Die arme Sängerin hatte dem Gespräche zugehört, ohne mehr davon zu verstehen, als den allgemeinen Inhalt; denn obwohl sie englisch gut sprach, hatte sie doch die Sprache in England selbst gelernt, und der nördliche Dialekt war damals, wie jetzt, von einem breitern und rauhern Charakter. Sie sah indeß, daß sie bei der alten Frau bleiben sollte, und freundlich ihre Arme auf der Brust übereinander legend, beugte sie bescheiden ihr Haupt. Dann sah sie auf den Schmied mit dem Ausdrucke tiefen Dankgefühls, erhob darauf ihre Augen gen Himmel, nahm seine duldsame Hand und schien im Begriff, die kräftigen Finger zu küssen, zum Zeichen tiefer und inniger Dankbarkeit. Aber Frau Shoolbred erlaubte der Fremden nicht, auf diese Weise ihre Gefühle auszudrücken. Sie drängte sich zwischen beide und sagte, Louisen bei Seite schiebend: »Nein, nein, solche Sachen mag ich nicht leiden. Geht in die Kaminecke, Mistreß, und wenn Harry Schmied fort ist, so könnt Ihr, wenn Ihr einmal Hände küssen müßt, die meinen küssen, so lang's Euch gefällt. – Und Ihr, Harry, macht, daß Ihr zu Sim' Glovers kommt, denn wenn die artige Mistreß Katharina von der Gesellschaft hört, die ihr heimgeführt habt, so dürfte sie so wenig Freude daran haben, als ich. – Nun, wie steht es? – ist der Mensch von Sinnen? – wollt Ihr ohne Euren Schild ausgehen, und die ganze Stadt ist in Aufruhr?« »Ihr habt Recht, Frau,« sagte der Waffenschmied; und den Schild über seine breiten Schultern werfend, verließ er sein Haus, ohne eine weitere Frage abzuwarten. Dreizehntes Kapitel. Wie in der Mitternacht der Pibroch tönt So wild und schrill! Doch gleich dem Hauch, der füllt Die Bergespfeife, füllt den Bergbewohner Der wilde Muth der Heimath. Byron. Wir müssen die tiefer gestellten Personen unsers historischen Drama's nun verlassen, um den Vorfällen zu folgen, welche unter denen von höherem Range und größerer Bedeutung vorgingen. Wir gehen von der Hütte eines Waffenschmieds in den Staatsrath eines Monarchen, und fassen unsere Geschichte in dem Augenblicke auf, wo, nachdem der Tumult unten beruhigt war, die zornigen Führer vor den König gerufen wurden. Sie traten ein, mißvergnügt und mit finstern Mienen, Jeder viel zu ausschließlich mit den vermeintlich erlittenen Kränkungen erfüllt, um fähig zu sein, auf vernünftige Gründe hören zu können. Nur Albany, ruhig und schlau, schien so weit gefaßt, um ihr Mißbehagen für seine eigenen Pläne zu nützen, und jeden Zufall so zu wenden, daß er seinen indirekten Absichten förderlich sein müßte. Des Königs Unentschlossenheit, die selbst an Furchtsamkeit grenzte, hinderte ihn nicht, äußerlich das für seine Stellung geziemende Benehmen zu zeigen. Blos wenn er hart bedrängt ward, wie bei dem letzten Auftritt, verlor er seine scheinbare Fassung. Ueberhaupt konnte er wohl von seinen Plänen abgelenkt werden, aber selten von seinem würdevollen Betragen. Er empfing Albany, Douglas, March und den Prior (die übelgewählten Glieder seines bunt zusammengesetzten Rathes) mit einer Mischung von Artigkeit und Hoheit, die jeden hochmüthigen Pair erinnerte, daß er vor seinem Monarchen stand und ihn zu gebührender Ehrerbietung nöthigte. Nachdem er ihre Grüße angenommen, bedeutete sie der König, sich zu setzen, und sie gehorchten soeben seinem Befehl, als Rothsay eintrat. Mit Anstand trat er zu dem Vater hin und, auf dessen Fußschemel kniend, erbat er sich seinen Segen. Robert versuchte mit einer Miene, unter welcher Zärtlichkeit und Kummer schlecht versteckt waren, ein vorwurfsvolles Gesicht zu zeigen, als er die Hände auf des jungen Mannes Haupt legte und mit einem Seufzer sagte: »Gott segne dich, mein leichtsinniger Sohn, und mache dich in künftigen Jahren zu einem weiseren Manne!« »Amen, mein theuerster Vater!« sagte Rothsay mit einem so gefühlvollen Tone, wie er ihn oft in seinen besseren Augenblicken hören ließ. Dann küßte er die königliche Hand mit der Ehrfurcht eines Sohnes und Unterthans, und statt einen Platz am Rathstische einzunehmen, blieb er hinter des Königs Stuhl in einer solchen Stellung, daß er, wenn er wollte, dem König in's Ohr flüstern konnte. Der König gab zunächst dem Prior von St. Dominikus ein Zeichen, seine Stelle an der Tafel einzunehmen, auf welcher Schreibmaterialien lagen, die von allen anwesenden Unterthanen, Albany ausgenommen, der Geistliche allein zu handhaben verstand. Dann eröffnete ihnen der König den Zweck der Zusammenkunft, indem er mit vieler Würde sagte: »Unser Geschäft, Mylords, betrifft jene unseligen Aufstände in den Hochlanden, die, wie wir durch unsere letzten Boten erfahren, auf dem Punkte sind, die Verwüstung und Zerstörung des Landes selbst bis auf wenige Meilen von diesem unserem Hofe zu veranlassen. Aber so nahe diese Empörung ist, so hat unser schlimmes Geschick und die Anreizung schlechter Menschen doch noch eine nähere erweckt, indem sie Streit und Zwiespalt zwischen die Bürger von Perth und die Leute, welche zum Gefolge Eurer Herrlichkeiten und anderer Ritter und Edeln gehören, geworfen haben. Ich muß mich daher zuerst an Euch selbst wenden, Mylords, um zu hören, warum unser Hof durch so ungebührliche Streitigkeiten beunruhigt wird, und durch welche Mittel sie unterdrückt werden könnten? – Bruder von Albany, sagt Ihr uns zuerst Eure Meinung über diese Sache.« »Sir, unser königlicher Herr und Bruder,« sagte der Herzog, »da ich in Gegenwart von Eurer Majestät Person war, als der Streit begann, so kenn' ich seinen Ursprung nicht.« Und was mich betrifft,« sagte der Prinz, »ich hörte kein schlimmeres Kriegsgeschrei, als einer Sängerin Ballade, und sah keine gefährlichern Geschosse fliegen, als Haselnüsse.« »Und ich,« sagte der Graf von March, »konnte nur begreifen, daß die muthigen Bürger von Perth einige Schufte hetzten, die das blutige Herz auf ihre Schulter gesetzt hatten. Sie liefen zu schnell, als daß sie wirklich die Leute des Grafen Douglas hätten sein können. Douglas verstand den Spott, erwiderte aber nur durch einen jener versengenden Blicke, durch die er seinen tödtlichen Haß anzudeuten pflegte. Er sagte indeß mit stolzer Ruhe: »Mein König muß natürlich einsehen, daß es Douglas ist, der auf jene schwere Anklage zu antworten hat; denn wann gab es Streit oder Blutvergießen in Schottland, daß nicht schnöde Zungen einen Douglas oder einen von Douglas' Leuten als Ursache davon angegeben hätten? Wir haben hier gute Zeugen. Ich spreche nicht von Mylord Albany, der nur sagte, daß er, wie ihm zukommt, bei Eurer Majestät war. Und ich sage nichts von Mylord von Rothsay, der, wie seinem Range, seinem Alter und Verstande zukommt, mit einer fahrenden Musikantin Nüsse knackte. – Er lächelt – hier darf er sagen, was ihm beliebt – Ich werde eine Pflicht nicht vergessen, die er vergessen zu haben scheint. Aber hier ist Mylord von March, der meine Begleiter vor den Tölpeln von Perth fliehen sah! Ich kann diesem Grafen sagen, daß die Männer mit dem blutigen Herzen nur vorrücken und weichen, wenn ihr Führer es befiehlt oder das Wohl von Schottland es fordert.« »Und ich kann antworten –« rief der ebenso stolze Graf von March, dem das Blut in's Gesicht stieg, als der König ihn unterbrach: – »Friede! zornige Herren,« sagte der König, »und bedenkt, in wessen Gegenwart ihr seid! – Und Ihr, Mylord von Douglas, sagt uns, wenn Ihr könnt, die Ursache dieses Aufruhrs und warum Eure Gefährten, deren gute Dienste im Allgemeinen wir anerkennen müssen, so thätig bei einem Privatstreit waren?« »Ich gehorche, Mylord,« sagte Douglas, leicht mit dem Haupte, das sich selten beugte, nickend. »Ich ging von meiner Wohnung im Karthäuserkloster durch die Highstreet von Perth mit Einigen von meinem gewöhnlichen Gefolge, als ich Einige von der schlechtern Bürgerklasse sich um das Kreuz drängen sah, an welches dieser Anschlag und was sich dabei befand, angenagelt war.« Er zog aus einer Tasche im Busen seines Büffelwamses eine menschliche Hand und ein Stück Pergament. Der König war erschrocken und unruhig. »Leset,« sagte er, »guter Vater Prior und laßt den häßlichen Anblick entfernen.« Der Prior las eine Bekanntmachung folgenden Inhalts: – »In Betracht, daß das Haus eines Bürgers von Perth in letzter Nacht, dem Abend vor St. Valentin, durch eine Schaar liederlicher Nachtschwärmer vom Gefolge eines der Fremden, die jetzt in dieser guten Stadt wohnen, angegriffen ward, wobei man einem der gesetzwidrigen Ruhestörer in dem erfolgten Kampfe diese Hand abhieb: so haben Oberrichter und Magistrat verordnet, daß diese Hand zur Schmach und Schande derer, die solchen Streit veranlaßten, an dieses Kreuz genagelt werde. Und sollte einer von ritterlicher Abkunft behaupten, daß dieses unser Verfahren unrecht sei, so will ich Patrick Charteris von Kinfauns, Ritter, dies Blatt mit ritterlichen Waffen in den Schranken rechtfertigen; oder wenn Einer von geringerer Herkunft läugnen sollte, was hier gejagt ist, so soll er einen Bürger der guten Stadt Perth, seinem Stande gemäß, zur Entgegnung bereit finden. Und so schütze Gott und St. John die gute Stadt!« »Ihr werdet Euch nicht wundern, Mylord,« begann Douglas wieder, »daß, als mein Almosenier mir den Inhalt eines so unverschämten Blattes vorgelesen hatte, ich durch einen meiner Knappen eine für die Ritterschaft und den Adel Schottlands so schmachvolle Trophäe abreißen ließ. Darauf nahmen sich, wie es scheint, einige jener rohen Bürger die Freiheit, die Hintersten meines Zuges zu beschimpfen und zu höhnen; diese griffen sie zu Pferde an und würden den Streit bald beendigt haben, hätt' ich ihnen nicht bestimmt befohlen, sie sollten mir so ruhig folgen, als der schuftige Pöbel gestatten würde. Und so langten sie hier scheinbar als fliehende Leute an, während sie, hätt' ich befohlen, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, die elende Stadt an vier Ecken angezündet und die unverschämten Bursche, gleich jungen Füchsen in einem brennenden Dickicht, erstickt haben würden.« Es herrschte Stille, nachdem Douglas gesprochen hatte, bis der Herzog von Rothsay, seinen Vater anredend, antwortete: – »Da der Graf von Douglas die Macht besitzt, die Stadt anzuzünden, wo Eure Majestät ihren Hof hält, sobald nur der Oberrichter und er wegen eines nächtlichen Tumults oder wegen der Ausdrücke eines Anschlags uneins sind, so sollten wir ihm wohl Alle recht dankbar sein, daß er nicht auch den Willen hat, also zu thun.« »Der Herzog von Rothsay,« sagte Douglas, der entschlossen schien, sich zu mäßigen, »mag Grund haben, dem Himmel in einem ernsteren Tone zu danken, als er's jetzt thut, daß der Douglas eben so treu als mächtig ist. Dies ist eine Zeit, wo sich die Unterthanen in allen Ländern gegen das Gesetz auflehnen; wir hörten von den Insurgenten der Jacquerie in Frankreich; von Jack Straw, Hob Miller und Pfarrer Ball bei den Engländern; und wir können überzeugt sein, daß Brennstoff genug da ist, um solches Feuer zu fangen, wenn es sich zu unsern Grenzen erstreckte. Wenn ich sehe, wie Bauern Edelleute fordern und Hände des Adels an ihr Stadtkreuz nageln, so will ich nicht sagen, ich fürchte Meuterei – das würde unwahr sein – aber ich sehe sie kommen und will ihr wohlbereitet entgegen treten.« »Und warum sagt Mylord Douglas,« antwortete der Graf von March, »diese Ausforderung rühre von den Bauern her? Ich sehe Sir Patricks Namen darauf, und er ist, denk' ich, nicht aus gemeinem Blute. Douglas selbst könnte, da er die Sache mit so viel Wärme behandelt, Sir Patricks Handschuh aufheben, ohne seine Ehre zu bestecken.« »Mylord von March,« erwiderte Douglas, »sollte nur von dem sprechen, was er versteht. Ich bin nicht ungerecht gegen den Nachkommen des rothen Räubers, wenn ich sage, er wiegt zu leicht gegen den Douglas. Der Erbe Thomas Randolphs dürfte bessere Ansprüche auf seine Anwort haben.« »Und, bei meiner Ehre, ich werde nicht unterlassen, um die Gnade zu bitten,« sagte der Graf von March, seinen Handschuh abziehend. »Halt, Mylord,« sagte der König. »Thut uns nicht so grobes Unrecht an. Euch hier zu tödtlicher Fehde herauszufordern; bietet vielmehr Eure bloße Hand in Freundschaft dem edlen Grafen, und umarmt Euch zum Zeichen beiderseitiger Treue für die Krone Schottlands.« »Nicht so, mein König,« antwortete March; »Eure Majestät kann mir gebieten, den Handschuh zurückzunehmen, denn dieser und die ganze Rüstung steht zu Eurem Befehl, so lang' ich meine Grafschaft von der Krone Schottland zu Lehen trage – aber wenn ich Douglas umarme, so muß es mit gepanzerter Hand geschehen. Lebt wohl, mein König. Mein Rath frommt hier nichts, ja, er wird so ungünstig aufgenommen, daß ferneres Weilen vielleicht meiner Sicherheit nicht förderlich wäre. Möge Gott Eure Hoheit vor offenen Feinden und verräterischen Freunden bewahren! – Ich gehe nach meinem Schlosse Dunbar, von wo Ihr, denk' ich, bald Nachrichten erhalten werdet. Auch Ihr lebt wohl, Mylords von Albany und Douglas; Ihr spielt ein hohes Spiel, seht zu, daß es gut abläuft. – Lebt wohl, armer, leichtsinniger Prinz, der Ihr wie ein Reh im Bereich eines Tigers scherzt! – Lebt Alle wohl – Georg von Dunbar sieht das Uebel, das er nicht heilen kann. – Adieu Euch Allen.« Der König würde gesprochen haben, aber die Laute erstarben ihm auf der Zunge, als er von Albany einen Blick erhielt, der ihn zum Schweigen ermahnte. Der Graf von March verließ das Gemach, die stummen Grüße der Glieder des Rathes empfangend, die er einzeln angeredet hatte, außer von Douglas, der sein Lebewohl mit einem Blicke verachtenden Trotzes erwiderte. »Der Elende geht, um uns den Engländern zu verrathen,« sagte er; »sein Stolz beruht auf dem Besitz der vom Meere ausgewaschenen Burg, die unsere Feinde in Lothian einführen kann. – Nein, seid nicht besorgt mein König, ich werde halten, was ich sage – indeß ist es noch Zeit. Sprecht nur das Wort, mein König – sagt nur ›Verhaftet ihn‹, und March soll auf seiner verrätherischen Reise nicht bis über den Earn kommen.« »Nein, tapferer Graf,« sagte Albany, der mehr wünschte, daß die beiden mächtigen Lords einander das Gegengewicht halten möchten, als daß Einer eine entschiedene Uebermacht erlangen sollte; »das hieße zu unbedacht verfahren. Der Graf von March kam hierher unter des Königs sicherem Geleit, und dies zu brechen dürfte sich nicht mit meines königlichen Bruders Ehre vertragen. Wenn jedoch Eure Herrlichkeit einen einzelnen Beweis geben könnte –« Hier wurden sie durch Trompetenschall unterbrochen. »Seine Hoheit von Albany ist heut ungewöhnlich bedenklich,« sagte Douglas; »aber es nützt nichts, Worte zu verschwenden – die Zeit ist vorbei – dies sind March's Trompeten, und ich glaube, sobald er das südliche Thor hinter sich hat, wird er im Fluge reiten. Wir werden bald von ihm hören; und wenn es ist, wie ich vermuthe, so werden wir ihn nur mit ganz England im Gefolge wiedersehen.« »Nein, laßt uns Besseres von dem edlen Grafen hoffen,« sagte der König, keineswegs unzufrieden, daß der Streit zwischen March und Douglas scheinbar die Spuren des Zwistes zwischen Rothsay und seinem Schwiegervater verwischt hatte; »er hat ein feuriges, aber kein böses Gemüth. – In einigen Punkten ist er – ich will nicht sagen gekränkt – aber getäuscht worden – und Etwas muß man dem Zorne des edlen Blutes, welches große Macht besitzt, nachsehen. Aber, Dank dem Himmel, Alle von uns, die zurückblieben, sind von einer Gesinnung, und ich darf sagen von einer Familie; so kann nun wenigstens unser Rath nicht durch Uneinigkeit beeinträchtigt werden. – Vater Prior, ich bitt' Euch, nehmt Euer Schreibmaterial, denn Ihr müßt, wie gewöhnlich, der Geheimschreiber unsers Rathes sein. – Und nun an's Werk, Mylords – zuerst wollen wir den hochländischen Streit in Erwägung ziehen.« »Zwischen dem Clan Chattan und dem Clan Quhele,« sagte der Prior. »Derselbe ist, wie uns die letzten Nachrichten von unsern Brüdern zu Dunkeld melden, im Begriff, in eine furchtbarere Fehde auszubrechen, als je zwischen diesen Belialskindern stattfand, die von nichts sprechen, als von gegenseitiger gänzlicher Vernichtung. Ihre Schaaren sammeln sich auf beiden Seiten, und jeder Verwandte bis zum zehnten Grade muß sich beim Brattach seines Stammes stellen, oder er verfällt der Strafe von Feuer und Schwert. Das feurige Kreuz hat in jeder Richtung wie ein Meteor geleuchtet, und fremde und unbekannte Stämme jenseit des fernen Murray Frith erweckt – mög' uns der Himmel und St. Dominikus schützen! Aber wenn Eure Herrlichkeiten kein Mittel gegen das Uebel finden können, so wird es sich weit und breit erstrecken und das Erbtheil der Kirche muß allenthalben der Wuth dieser Amalekiter ausgesetzt sein, bei denen so wenig Ehrfurcht vor dem Himmel ist, als Erbarmen oder Liebe für ihre Nachbarn. – Behüt' uns unsre liebe Frau! – Wir hören, einige von ihnen sind vollkommene Heiden und beten Mahound und Termagaunt an. »Mylords und Vettern,« sagte Robert, »Ihr habt gehört, wie dringend der Fall ist, und mögt wohl meine Meinung zu kennen wünschen, bevor Ihr berathet, was Eure eigene Klugheit andeuten wird. Und fürwahr, mir fällt kein besseres Mittel bei, als zwei Abgeordnete zu senden, mit Vollmacht von uns, ihre Streitigkeiten zu schlichten, und zu gleicher Zeit ihnen zu gebieten, im Namen des Gesetzes die Waffen niederzulegen und alle Gewaltstreiche gegen einander zu unterlassen.« »Ich pflichte Eurer Majestät Vorschlag bei,« sagte Rothsay; »und ich hoffe, der gute Prior wird sich nicht weigern, bei diesem Friedenswerk das ehrwürdige Amt eines Gesandten zu übernehmen. Und sein würdiger Bruder, der Abt des Karthäuserklosters, wird sich um eine Ehre streiten, die gewiß der großen Armee der Märtyrer zwei vorzügliche Rekruten zuführen wird, da die Hochländer wenig den Unterschied zwischen Geistlichen und Laien bei den Abgesandten, die Ihr ihnen schickt, beachten werden.« »Mein königlicher Herr von Rothsay,« sagte der Prior, »wenn mir die gepriesene Krone des Märtyrerthums bestimmt ist, so werd' ich ohne Zweifel den Weg geführt werden, auf dem ich sie erlangen soll. Inzwischen mag Euch, wenn Ihr im Scherz redet, der Himmel verzeihen und Euch erleuchten, um zu begreifen, daß es Euch besser anstehen würde, mit Euren Waffen die Besitzthümer der Kirche zu schützen, die in so großer Gefahr sind, als Euren Witz im Scherz gegen ihre Diener zu erproben.« »Ich scherze gar nicht,« sagte der junge Mann gähnend; »auch hab' ich keine Abneigung, die Waffen zu ergreifen, nur daß sie eine etwas beschwerliche Tracht sind, und im Februar ein Pelzmantel besser gegen das Wetter schützt, als ein Stahlharnisch. Und es ist mir so unangenehm, in diesem rauhen Wetter eine kalte Rüstung anzulegen, daß ich wollte, die Kirche sendete eine Kompagnie ihrer Heiligen (auch gibt es ja einige Hochländische, die in jener Gegend wohl bekannt und sicher an's Klima gewöhnt sind), um ihre eigenen Schlachten zu kämpfen, gleich dem lustigen St. Georg von England. Aber ich weiß nicht, wie es zugeht, wir hören von ihren Wundern, wenn man sie anredet, von ihrer Rache, wenn man das Gebiet der Kirche verletzt, Alles nur, um uns zur Freigebigkeit anzureden, und gleichwohl, wenn nur eine Schaar von zwanzig Hochländern kommt, sind Glocken, Bücher und Kerzen zu nichts nutze, und der geharnischte Baron ist genöthigt, die Kirche im Besitz der Ländereien zu erhalten, die er ihr gegeben hat, gleich als ob er noch die Früchte von ihnen ärntete.« »Sohn David,« sagte der König, »du gestattest deiner Zunge eine ungebührliche Freiheit.« »Ei, Sir, ich bin stumm,« erwiderte der Prinz. »Ich wollte Eure Hoheit gar nicht stören, auch dem Vater Prior nichts Unangenehmes sagen, der, mit so viel Wundern zu seiner Verfügung, wie es scheint, einer Handvoll hochländischer Räuber nicht entgegentreten will.« »Wir wissen,« sagte der Prior mit unterdrücktem Unwillen, »aus welcher Quelle diese schnöden Grundsätze geflossen find, die wir mit Entsetzen aus dem Munde hören, der sie jetzt ausspricht. Wenn Prinzen mit Ketzern verkehren, so wird ihr Gemüth wie ihre Sitten verdorben. Sie zeigen sich auf den Straßen als die Gefährten von Masken und schlechten Dirnen, und im Rathe als Spötter gegen die Kirche und heilige Gegenstände.« »Ruhig, guter Vater!« sagte der König. »Rothsay soll Buße thun für seine eiteln Reden. Ach! laßt uns Rath pflegen auf freundliche Art, und nicht wie ein meuterischer Haufe Schiffsvolk in einem sinkenden Fahrzeuge, wenn Jeder mehr mit seinen Nachbarn zu hadern strebt, als den Bemühungen des verlassenen Schiffsherrn, der das Schiff erhalten will, beizustehen. – Mylord von Douglas, Euer Haus hat selten gefehlt, wenn die Krone von Schottland weisen Rath oder männliche Hilfe forderte; ich hoffe, Ihr werdet uns in dieser Verlegenheit Hilfe leihen?« »Ich kann mich nur wundern, daß diese Verlegenheit vorhanden sein soll,« antwortete der stolze Douglas. »Als mir die Statthalterschaft des Königreichs anvertraut ward, kamen einige der wilden Clans von den Grampischen Bergen herab. Ich bemühte den Rath nicht wegen der Sache, sondern ließ den Sheriff, Lord Ruthven, mit der Macht der Ebene zu Pferde steigen – mit den Hay's, den Lindsay's, den Ogilvie's und andern Edelleuten. Beim heiligen Zaum! wenn die Stahlkleider dem Mantel begegneten, da wußten die Räuber, wozu Lanzen gut waren und ob Schwerter Schneiden hatten oder nicht. Dreihundert ihrer besten Köpfe blieben, außer dem ihres Häuptlings, Donald Cormac, auf dem Moor von Thorn und im Rochinroywalde; eine gleiche Anzahl ward aufgehängt am Galgen, der noch den Namen von dem Henker hat, der das Werk dort verrichtete. Auf solche Weise muß man in meiner Heimath mit Dieben umgehen; und wenn sanftere Mittel bei solchen Schurken bessern Erfolg haben, so tadelt Douglas nicht, daß er seine Meinung sagte. – Ihr lächelt, Mylord von Rothsay. Darf ich fragen, ob Ihr ein zweites Mal Euren Scherz mit mir treiben wollt, bevor ich Euch für das erste Mal geantwortet habe?« »Ei, seid nicht böse, mein guter Lord von Douglas,« erwiderte der Prinz, »ich lächelte nur bei dem Gedanken, wie Euer fürstliches Gefolge zusammenschrumpfen würde, wenn es jedem Diebe ginge, wie den armen Hochländern.« Der König mischte sich wieder ein, um eine zornige Antwort des Grafen zu verhüten. »Eure Herrlichkeit,« sagte er zu Douglas, »räth weise, daß wir den Waffen vertrauen sollen, wenn jene Leute gegen unsere Unterthanen auf die schöne glatte Ebene kommen; aber die Schwierigkeit ist, ihren Unordnungen Einhalt zu thun, so lange sie hinter ihren Bergen stecken. Ich brauche Euch nicht zu sagen, daß der Clan Chattan und Clan Quhele große Verbindungen sind, jeder aus mannigfachen Stämmen bestehend, die sich vereinigt haben, im allgemeinen Kriege zu den Waffen zu greifen; noch jüngst haben ihre Zwistigkeiten allenthalben Blut vergossen, wo sie einander einzeln oder in Masse trafen. Das ganze Land ist durch ihre rastlosen Fehden in Stücke gerissen.« »Ich kann das Schlimme davon nicht sehen,« sagte Douglas; »die Schufte werden einander vernichten, und das Wild der Hochlande wird sich mehren, wie sich die Menschen vermindern. Wir werden als Jäger die Uebung gewinnen, die wir als Krieger verlieren.« »Sagt vielmehr, die Wölfe werden sich mehren, wie sich die Menschen vermindern,« erwiderte der König. »Nun meinetwegen,« sagte Douglas; »besser wilde Wölfe, als wilde Räuber. Unterhaltet starke Truppen längs der Earischen Grenze, um das ruhige von dem unruhigen Lande zu trennen. Beschränkt das Feuer des Bürgerkriegs auf die Hochlande; laßt seine unbezähmbare Wuth sich austoben und es wird bald aus Mangel an Material ausbrennen. Die Ueberlebenden werden gedemüthigt sein und einem Flüstern Eurer Majestät mehr gehorchen, als ihre Väter oder die jetzt lebenden Schurken Euren strengsten Befehlen.« »Das ist ein weiser, aber kein frommer Rath,« sagte der Prior, sein Haupt schüttelnd; »ich kann's nicht auf mein Gewissen nehmen, ihn anzuempfehlen. Es ist Weisheit, aber es ist die Weisheit des Achitophel, schlau zugleich und grausam.« »So sagt mir mein Herz,« – sagte der König, seine Hand auf die Brust legend; – »mein Herz sagt mir, daß an jenem furchtbaren Tage die Frage an mich gerichtet werden wird: ›Robert Stuart, wo sind die Unterthanen, die ich dir gab?‹ Es sagt mir, daß ich für Alle verantwortlich bin, Sachsen und Gälen, Niederland, Hochland und Grenzland; daß man mich nicht blos um die fragen wird, die Güter und Kenntnisse besitzen, sondern auch um die, welche stahlen, weil sie arm, und sich empörten, weil sie unwissend waren.« »Eure Majestät spricht wie ein christlicher König,« sagte der Prior. »Aber Ihr führt das Schwert so gut wie das Scepter, und dies gegenwärtige Uebel ist von einer Art, daß es das Schwert heilen muß.« »Hört, Mylords,« sagte der Prinz, aufblickend, als hätte er plötzlich einen glücklichen Gedanken, – »Gesetzt, wir gäben diesen wilden Bergbewohnern einen Unterricht in der Chevalerie? Es wäre nicht schwer, die beiden großen Führer, den des Clans Chattan und den Häuptling des nicht minder edeln Geschlechts Clan Quhele, dazu zu bringen, daß sie sich gegenseitig auf Leben und Tod herausforderten. Sie könnten sich hier in Perth schlagen; wir würden ihnen Waffen und Pferde leihen; so würde ihr Streit mit dem Tode des einen oder wahrscheinlich beider Schurken (denn beide, denk' ich, würden ihre Hälse beim ersten Angriff brechen,) erlöschen. Der fromme Wunsch meines Vaters, Blut zu schonen, wäre erfüllt und wir hätten das Vergnügen, dem Zweikampfe zweier wilden Ritter zuzusehen, die zum ersten Mal in ihrem Leben Hosen trügen und auf Rossen säßen, was seit König Arthurs Zeit nicht erhört ist.« »Schämt Euch, David!« sagte der König. »Macht Ihr das Unglück Eurer Heimath und die Verlegenheit unsrer Räthe zum Gegenstande von Späßen?« »Wenn Ihr verzeihen wollt, königlicher Bruder,« sagte Albany, »ich denke, obwohl mein Neffe diesen Gedanken in scherzhafter Weise ausgesprochen hat, so kann man doch daraus Etwas entnehmen, was bei dieser schlimmen Angelegenheit viel helfen würde.« »Guter Bruder,« erwiderte der König, »es ist unfreundlich, Rothsay's Thorheit durch weitere Verfolgung seines unzeitigen Scherzes deutlicher darzustellen. Wir wissen, daß die Hochlandclans nicht unsere ritterlichen Bräuche haben, auch nicht die Kleidung oder Weise zu solchem Kampfe.« »Wahr, Eure Majestät,« antwortete Albany; »aber ich rede nicht Spott, sondern vollen Ernst. Allerdings haben die Hochländer nicht unsere Form und Weise in den Schranken zu kämpfen, aber sie haben die, welche eben so wirksam zur Zerstörung menschlichen Lebens ist; und wird so das tödtliche Spiel gespielt und der Preis gewonnen und verloren, was liegt dann daran, ob diese Gälen mit Schwert und Lanze fechten, wie es Rittern ziemt, oder mit Sandsäcken, wie die englischen Bauern, oder ob sie sich mit Messern und Dolchen nach ihrer rohen Art die Gurgel abschneiden? Ihr Gebrauch, wie der unsere, vertraut jeden Streit und Rechtsfall der Entscheidung eines Kampfes. Sie sind so eitel als kühn, und der Gedanke, sich vor den Augen Eurer Majestät und des Hofes schlagen zu dürfen, wird sie gleich bestimmen, ihre Streitigkeit auf das Loos eines Kampfes auszusetzen, selbst wenn man ihnen, ihrer Sitte entgegen, die Gesetze auflegt oder die Zahl der Kämpfer bestimmt. Wir werden Sorge tragen, sie dem Hofe nicht anders als unbewaffnet und in zu kleiner Anzahl sich nähern zu lassen, als daß sie wagen könnten, uns zu beunruhigen. Und wenn wir auf unserer Hut sind, so wird, je größer die Anzahl der Kämpfer ist, um so bedeutender das Blutbad unter ihren tapfersten und wildesten Leuten wenden, und um so größer die Aussicht auf lange Ruhe der Hochlande.« »Dies wär' eine blutige Politik, Bruder,« sagte der König; »und nochmals sag' ich, daß sich mein Gewissen nicht mit dem Blutbade jener rohen Leute befreunden kann, die wenig besser sind, als finstere Heiden.« »Und ist ihr Leben kostbarer,« fragte Albany, »als das der Edeln und Ritter, die mit Eurer Majestät Zustimmung so häufig in den Schranken fechten dürfen, sei es, um Rechtsstreitigkeiten beizulegen, oder nur um Ruhm zu erwerben?« Der so hart bedrängte König hatte wenig gegen eine Sitte zu sagen, so sehr geduldet nach den Gesetzen des Reichs und der Gewohnheit der Ritterschaft; und er erwiderte nur: Gott weiß, ich habe eine solche Erlaubniß, wie Ihr mir vorhaltet, immer nur mit größtem Widerstreben ertheilt; und nie sah ich Edelleute im Streite Blut vergießen, ohne daß ich wünschte, es mit meinem eignen zu sühnen.« »Aber, mein gnädiger Herr,« sagte der Prior, »es scheint, wenn wir ein Verfahren, wie das des Lord Albany, nicht gutheißen, so müssen wir zu dem des Douglas unsere Zuflucht nehmen; wir müssen dann, auf Gefahr einer zweifelhaften Schlacht und mit der Gewißheit, viele treffliche Unterthanen zu verlieren, das mittelst der Niederlandsschwerter thun, was jene wilden Bergbewohner sonst mit ihrer eigenen Hand vollbringen. – Was sagt Mylord Douglas zu der Politik des Herzogs von Albany?« »Douglas,« sagte der hochmüthige Lord, »rieth nie, daß Etwas durch Politik geschehe, was man mit offener Gewalt erlangen kann. Er bleibt bei seiner Meinung, und ist bereit, an der Spitze seiner eigenen Leute, nebst denen der Barone von Perthshire und von der Ebene in's Feld zu ziehen, um entweder diese Hochländer zur Vernunft oder Unterwerfung zu bringen, oder den Körper eines Douglas in ihren wilden Einöden zurückzulassen.« »Es ist ritterlich gesprochen, Mylord von Douglas,« sagte Albany; »und wohl möchte sich der König auf Euer unerschrockenes Herz verlassen und auf den Muth Eurer entschlossenen Gefährten. Aber seht Ihr nicht, wie bald Ihr anderswohin gerufen werden könnt, wo Eure Dienste Eurem Könige und Schottland nützlicher sein werden? Habt Ihr nicht das finstere Gesicht gesehen, mit dem der ungestüme Graf March unsern Fürsten seiner Treue versicherte, so lange er Vasall der Krone Schottlands sei? und habt Ihr nicht selber gefürchtet, er möge beabsichtigen, sich England zu ergeben? Andere, minder mächtige und berühmte Herren können sich mit den Hochländern messen; aber wenn March die Percy's und ihre Engländer in's Reich führt, wer soll sie verjagen, wenn Douglas anderswo ist?« »Mein Schwert,« antwortete Douglas, »ist stets zum Dienst Seiner Majestät, sei es an der Grenze oder in den tiefsten Schluchten der Hochlande. Ich habe die Rücken der stolzen Percy und Georgs von Dunbar schon gesehen und kann sie wohl wiedersehen. Und wenn es dem König gefällt, daß ich Maßregeln ergreife gegen den wahrscheinlichen Bund eines Fremden und eines Verräthers, so gesteh' ich, daß, eh' ich einer geringern oder schwächern Hand das wichtige Werk der Beruhigung der Hochlande anvertraue, ich mich lieber zu Gunsten der Politik des Herzogs von Albany ausspreche und zugebe, daß diese Wilden sich einander vernichten, ohne die Barone und Ritter mit der Mühe zu beladen, sie zu jagen.« »Mylord von Douglas,« sagte der Prinz, der entschlossen schien, keine Gelegenheit vorbeizulassen, wo er seinen hochmüthigen Schwiegervater necken konnte, »will uns anderen armen Bewohnern der Ebene nicht einmal den Ruhm lassen, den wir auf Kosten der hochländischen Räuber erlangen könnten, während er schon in Gedanken eine Aernte von Siegen auf Kosten der Engländer sammelt; aber Percy hat den Rücken gewisser Leute so gut gesehen, als Douglas, und ich hörte sagen, daß oft die, welche nach Wolle ausgingen, selber geschoren zurückkämen.« »Ein Sprichwort,« sagte Douglas, »welches wohl für einen Prinzen paßt, der mit dem Beutel einer wandernden Dirne an der Mütze, den er als Gunstzeichen erhalten, von Ehre spricht.« »Entschuldigt, Mylord,« sagte Rothsay; «Leute, die unpassend heiratheten, werden gleichgiltig in der Wahl derjenigen, die sie par amours lieben. Der Hund an der Kette muß nach dem nächsten Knochen greifen.« »Rothsay, mein unglücklicher Sohn!« rief der König. »Bist du rasend? oder willst du das volle Ungewitter des Mißfallens eines Königs und Vaters auf dich lenken?« »Ich bin stumm,« erwiderte der Prinz, »auf Eurer Majestät Befehl.« »Nun wohl, Mylord von Albany,« sagte der König, »da Euer Rath so ist, und da schottisches Blut fließen muß, wie, ich bitt' Euch, sollen wir jene wilden Leute dahin bringen, daß sie ihren Zwist, wie Ihr vorschlagt, schlichten?« »Das, mein König,« sagte Albany, »muß das Ergebniß reiferer Erwägung sein. Aber das Werk wird nicht schwierig sein. Gold wird nöthig sein, um einige der Barden, der vorzüglichen Räthe und Wortführer zu bestechen. Den Häuptlingen beider Bündnisse aber muß man andeuten, daß, wofern sie nicht auf diese freundliche Anordnung eingehen –« »Freundliche, Bruder?« sagte der König mit Nachdruck. »Ja, freundliche, mein König,« erwiderte sein Bruder, »da es besser wäre, das Land erlangte Frieden auf Kosten etlicher zwanzig Hochländer, als daß der Krieg fortdauerte, bis eben so viele Tausend Menschen durch Schwert, Feuer, Hunger und alle Uebel des Bürgerkrieges umgekommen sind. Um auf unsern Plan zurückzukommen, so denk' ich, die erste Partei, welcher der Vorschlag gemacht wird, nimmt ihn mit Freuden an, und die andere schämt sich dann der Weigerung, ihre Sache der Tapferkeit der muthigsten Krieger anzuvertrauen. Haß und Eitelkeit werden sie hindern, unsere Beweggründe zu errathen, und sie werden hitziger sein, sich in Stücke zu hauen, als wir, sie aufzumuntern. Bis ich jedoch meinen Zweck so weit erreicht habe, daß mein Rath von Nutzen sein kann, will ich mich zurückziehen.« »Wartet noch einen Augenblick,« sagte der Prior, »denn ich habe Euch etwas Schlimmes mitzutheilen, von so düsterer und schrecklicher Art, daß Euer Gnaden frommes Herz seine Möglichkeit kaum begreifen wird; und ich entdecke es mit Schmerz, weil es so gewiß, als ich ein unwürdiger Diener des heiligen Dominikus bin, die Ursache von dem Zorn des Himmels gegen das unglückliche Land ist, einem Zorne, durch den unsere Siege in Niederlagen, unsere Freude in Trauer verwandelt, unser Rath durch Uneinigkeit gestört und unser Land vom Bürgerkrieg verzehrt wird.« »Sprecht, ehrwürdiger Prior,« sagte der König; »sicherlich, wenn die Ursache solcher Uebel in mir oder in meinem Hause liegt, so will ich sogleich Sorge tragen, daß sie entfernt werde.« Er sprach diese Worte mit schwankender Stimme und erwartete ängstlich des Priors Antwort, ohne Zweifel aus Furcht, daß er Rothsay einer neuen Thorheit oder eines neuen Fehlers beschuldigen werde. Seine Besorgnisse täuschten ihn vielleicht, wenn er glaubte, er sähe des Geistlichen Blick einen Augenblick auf dem Prinzen ruhen, bevor er mit feierlicher Stimme sagte: – »Ketzerei, mein edler und gnädiger König, Ketzerei ist unter uns. Sie reißt Seele um Seele von der Heerde, wie Wölfe aus den Hürden Lämmer stehlen.« »Es sind genug Hirten, um die Heerde zu bewachen,« antwortete der Herzog von Rothsay. »Hier sind allein vier Klöster von Ordensgeistlichen bei der armen Heerde von Perth, ungerechnet die Weltgeistlichen. Mich dünkt, eine so wohl besetzte Stadt kann es mit einem Feinde aufnehmen.« »Ein Verräther in einer Besatzung, Mylord,« antwortete der Prior, »kann viel thun, die Sicherheit einer Stadt zu vernichten, die von Legionen bewacht ist; und wenn der eine Verräther entweder aus Leichtsinn, oder Liebe zum Neuen, oder sonst einem Grunde von denen geschützt und gehegt wird, die ihn am eifrigsten aus der Festung jagen sollten, so wird seine Gelegenheit, Unheil zu stiften, unberechenbar vermehrt.« »Eure Worte scheinen auf einen hier Anwesenden zu zielen, Vater Prior,« sagte Douglas; »wenn auf mich, so thun sie mir schnödes Unrecht. Ich weiß wohl, daß der Abt von Aberbrothock einige übelgemeinte Beschwerden geführt hat, weil ich sein Vieh nicht zu zahlreich für seine Heerden werden ließ, und nicht duldete, daß die Getreidehaufen die Klosterscheuern zerdrückten, während unsere Leute an Fleisch und ihre Pferde an Hafer Mangel hatten. Aber mich dünkt, diese fruchtbaren Weiden und Felder seien von meinen Vorfahren dem Kloster Aberbrothock nicht in der Absicht geschenkt worden, daß ihre Nachkommen mitten in diesem Ueberfluß Hungers sterben sollten. Das soll nicht geschehen, bei der heiligen Jungfrau! Aber was Ketzerei und falsche Lehre betrifft,« fügte er, mit der breiten Hand heftig auf die Tafel schlagend, hinzu, »wo ist der, welcher Douglas anzuklagen wagt? Es mißfällt mir, wenn man arme Leute wegen leichtsinniger Gedanken verbrennt; aber mein Arm und Schwert werden immer bereit sein, den christlichen Glauben zu schützen.« »Mylord, ich zweifle nicht,« sagte der Prior; »das ist stets bei Eurem edlen Hause der Fall gewesen. Was des Abts Beschwerden betrifft, so verschieben wir die auf einen andern Tag. Was wir aber jetzt wünschen, ist, daß einem der ersten Großen des Staates eine Vollmacht gegeben werde, sich mit den Gliedern der heiligen Kirche zu dem Zwecke zu vereinigen, mit Gewalt, wenn es nöthig wäre, die Untersuchungen zu unterstützen, welche der ehrwürdige Offizial der Grenzen und andere Prälaten, unter denen auch ich Unwürdiger sein werde, über die neuen Lehren anzustellen beabsichtigen, welche die Reinheit des Glaubens verderben und die Einfältigen irre leiten, dem heiligen Vater und seinen ehrwürdigen Vorgängern zum Trotze.« »Laßt den Grafen von Douglas königliche Vollmacht hierzu erhalten,« sagte Albany; »und laßt keine Ausnahme von seiner Gerichtsbarkeit stattfinden, außer was die königliche Person betrifft. Was mich selbst anlangt, obwohl ich gewiß bin, nie, weder in That, noch Gedanken, eine Lehre, welche die heilige Kirche nicht billigt, angenommen oder begünstigt zu haben, würde ich doch erröthen, eine Freiheit aus dem königlichen Blute von Schottland herzuleiten und in Anspruch zu nehmen, aus Furcht, den Schein auf mich zu werfen, als suchte ich Zuflucht wegen eines so schrecklichen Verbrechens.« »Ich will damit nichts zu thun haben,« sagte Douglas; »gegen die Engländer und den Verräther March zu ziehen ist Beschäftigung genug für mich. Ueberdies bin ich ein ächter Schotte und will nicht, daß die schottische Kirche sich noch mehr unter Roms Joch beuge, und die Krone eines Barons sich vor der Bischofsmütze und Kapuze demüthige. Also, edler Herzog von Albany, setzt nur Euren Namen in die Vollmacht, und ich bitte Euer Gnaden, den Eifer der mit Euch verbundenen Glieder der heiligen Kirche zu mäßigen, daß man die Grenze nicht überschreitet; denn der Geruch eines Scheiterhaufens am Tay würde Douglas zurückführen von den Mauern von York.« Der Herzog beeilte sich, den Grafen zu versichern, daß die Vollmacht mit Milde und Mäßigung vollzogen werden sollte. »Ohne Frage,« sagte König Robert, »muß die Vollmacht umfassend sein; und vertrüge es sich mit der Würde der Krone, so wollten wir selbst uns ihrer Gerichtsbarkeit nicht entziehen. Wir hoffen jedoch, daß, während die Blitze der Kirche gegen die schnöden Urheber dieser abscheulichen Ketzereien gerichtet werden, Maßregeln der Milde und des Mitleidens hinsichtlich der unglücklichen Opfer ihrer Vorspiegelungen getroffen werden.« »So hält es die heilige Kirche stets, Mylord,« sagte der Prior der Dominikaner. »Nun, dann fertige man die Vollmacht mit gehöriger Sorgfalt aus im Namen unseres Bruders Albany und Anderer, die dazu passend sein werden,« sagte der König. – »Und nun laßt uns unsern Rath aufheben; Rothsay, komm' du mit mir und leih' mir deinen Arm, – ich habe mit dir allein zu sprechen.« »Holla!« – rief hier der Prinz in dem Tone, in welchem er ein dressirtes Pferd angeredet haben würde. »Was bedeutet diese Rohheit, junger Mensch?« sagte der König. »Wirst du nie Vernunft und Anstand lernen?« »Glaubt nicht, daß ich Anstoß geben wollte, mein König,« sagte der Prinz; »aber wir gehen auseinander, ohne zu erfahren, was hinsichtlich des seltsamen Abenteuers mit der todten Hand geschehen soll, welche der Douglas so artig aufgehoben hat. Wir werden hier in Perth unbehaglich sitzen, wenn wir in Zwist mit den Bürgern leben.« »Ueberlaßt das mir,« sagte Albany. »Mit einigen Geschenken an Land und Geld und viel schönen Worten mögen sich die Bürger für diesmal begnügen; aber es wäre gut, den Baronen und ihren Leuten, welche am Hofe sein müssen, zu empfehlen, daß sie den Frieden in der Stadt achteten.« »Gewiß, so wollen wir's haben,« sagte der König; »man ertheile sogleich deshalb strenge Befehle.« »Das heißt den Burschen zu viel Gnade erweisen,« sagte Douglas; »aber es ist Eurer Majestät Wille. Ich erlaube mir, mich zurückzuziehen.« »Doch nicht, bevor Ihr eine Flasche Gascognerwein gekostet habt, Mylord?« sagte der König. »Verzeiht,« erwiderte der Graf; »ich bin nicht durstig und ich trinke nicht aus Mode, sondern entweder aus Bedürfniß oder Freundschaft.« So sprechend, ging er fort. Der König, als ob erleichtert durch seine Entfernung, wandte sich an Albany und sagte: »Und nun, Mylord, sollten wir unsern jungen Rothsay hier ausschelten; er hat uns aber so gut im Rathe gedient, daß wir seine Verdienste als Sühne seiner Thorheiten nehmen können.« »Mich freut, das zu hören,« antwortete Albany mit einer Miene voll Mitleid und Ungläubigkeit, als wüßte er nichts von den vermeinten Diensten. »Ei, Bruder, Ihr seid befangen,« sagte der König; »denn ich will nicht glauben, daß Ihr eifersüchtig seid. Bemerktet Ihr nicht, daß Rothsay der Erste war, der die Art, wie die Hochlande zu beruhigen, angab; was Eure Erfahrung allerdings in eine bessere Form brachte und was allgemein gebilligt ward? – und selbst jetzt hätten wir uns getrennt, einen Hauptgegenstand unerwogen lassend, hätte er uns nicht an den Streit mit den Bürgern erinnert.« »Ich zweifle nicht, mein König,« sagte der Herzog von Albany mit beipflichtendem Tone, der, wie er sah, erwartet wurde, »daß mein königlicher Neffe bald mit seines Vaters Weisheit wetteifern wird.« »Oder,« sagte der Herzog von Rothsay, »ich kann es vielmehr leichter finden, von einem andern Gliede meiner Familie den glücklichen und bequemen Mantel der Heuchelei zu leihen, der alle Laster deckt; und dann kommt es wenig darauf an, ob sie vorhanden sind oder nicht.« »Mylord Prior,« sagte der Herzog, den Dominikaner anredend, »wir bitten Ew. Ehrwürden, uns einen Augenblick allein zu lassen. Der König und ich haben dem Prinzen Etwas zu sagen, was keinen andern Zuhörer, selbst Euch nicht, zuläßt.« Der Dominikaner verbeugte sich und ging. Als die beiden königlichen Brüder und der Prinz allein waren, schien der König im höchsten Grade verlegen und betrübt; Albany düster und gedankenvoll; Rothsay bemühte sich indeß, einige Besorgniß unter dem gewöhnlichen Anschein von Leichtsinn zu bergen. Es herrschte ein minutenlanges Schweigen. Endlich sprach Albany: »Königlicher Bruder,« sagte er, »mein fürstlicher Neffe nimmt jede Ermahnung, die aus meinem Munde kommt, mit so viel Mißtrauen auf, daß ich Eure Majestät selbst bitten muß, sich die Mühe zu nehmen und ihm zu sagen, was er jedenfalls wissen muß.« »Es muß wohl eine unerfreuliche Mittheilung sein, die Mylord von Albany nicht in verzuckerte Worte hüllen kann,« sagte der Prinz.« »Still mit deiner Frechheit, junger Mann,« antwortete der König erzürnt. »Ihr fragtet soeben nach dem Streite mit den Bürgern. – Wer veranlaßte diesen Zwist, David? – Welche Leute waren es, die das Fenster eines friedlichen Bürgers und Unterthans erstiegen, die Nacht mit Fackeln und Geschrei störten und unsre Unterthanen in Gefahr und Schrecken setzten?« »Mehr in Furcht als Gefahr, denk' ich,« antwortete der Prinz; »aber wie kann ich vor allen Andern sagen, wer die nächtliche Störung machte?« »Einer von deinem Gefolge war dabei,« fuhr der König fort; »ein Mann des Belial, den ich zu gebührender Strafe ziehen lassen werde.« »Ich habe meines Wissens keinen Diener, der fähig wäre, Eurer Majestät Mißfallen zu verdienen,« entgegnete der Prinz. »Ich will keine Ausflüchte hören, junger Mensch. – Wo warst du am St. Valentinsabend?« »Es steht zu hoffen, daß ich dem guten Heiligen diente? wie ein frommer Mann es soll,« antwortete der junge Mann mit gleichgiltigem Tone. »Will mein königlicher Neffe uns sagen, wie sein Stallmeister am heiligen Abend beschäftigt war?« sagte der Herzog von Albany. »Sprich, David, – ich befehle dir zu sprechen« – sagte der König. »Ramorny war in meinem Dienst beschäftigt – ich denke, diese Antwort wird meinem Oheim genügen.« »Aber sie will mir nicht genügen,« sagte der unwillige Vater. »Gott weiß, ich liebte nie Menschenblut zu vergießen, aber dieses Ramorny Kopf will ich haben, wenn das Gesetz ihn geben kann. Er ist der Aufmunterer und Theilnehmer all' deiner zahllosen Laster und Thorheiten gewesen. Ich will dafür sorgen, daß das nicht mehr der Fall sei. – Ruft Mac Louis, mit einer Wache!« »Thut einem unschuldigen Manne kein Unrecht,« fiel der Prinz ein, gern zu jedem Opfer bereit, um seinen Liebling vor der gedrohten Gefahr zu schützen, – »ich verpfände mein Wort, daß Ramorny Geschäfte für mich hatte, also bei diesem Streite nicht betheiligt sein konnte.« »Falscher, zweideutiger Mensch!« sagte der König, dem Prinzen einen Ring zeigend, »sieh' da Ramorny's Siegelring, den er in dem schmählichen Streite verlor! Er fiel in die Hände eines von Douglas Leuten und ward durch den Grafen meinem Bruder übergeben. Sprich nicht für Ramorny, denn er stirbt; und geh du aus meinen Augen und bereue die verbrecherischen Gedanken, die dich vor mir mit einer Unwahrheit im Munde stehen ließen. – O, schäme dich, David! schäme dich! als ein Sohn hast du deinen Vater belogen, als ein Ritter das Haupt deines Ordens.« Der Prinz stand schweigend, vom Gewissen getroffen und seines Unrechts bewußt. Dann ließ er den ehrenhaften Gefühlen, die ihm im Grunde wirklich eigen, ihren Lauf, und warf sich zu des Vaters Füßen. »Der lügenhafte Ritter,« sagte er, »verdient Degradation, der treulose Unterthan den Tod; aber ach! laßt den Sohn vom Vater Verzeihung für den Diener erbitten, der ihn nicht zum Vergehen führte, sondern der sich widerstrebend auf des Herren Befehl selbst hinein stürzte! Laßt mich die Last meiner eigenen Thorheit tragen, aber schont diejenigen, die mehr meine Werkzeuge als meine Genossen waren. Erinnert Euch, Ramorny ward von meiner frommen Mutter in meinen Dienst gebracht.« »Nenne sie nicht, David, ich verbiet' es dir!« sagte der König; »sie ist glücklich, daß sie das Kind ihrer Liebe nimmer doppelt entehrt, durch Verbrechen und Lüge, vor sich stehen sah.« »Ich bin in der That unwürdig, sie zu nennen,« sagte der Prinz; »und doch, mein theurer Vater, muß ich in ihrem Namen um Ramorny's Leben bitten.« »Wenn ich meinen Rath bieten dürfte,« sagte der Herzog von Albany, welcher sah, daß bald eine Versöhnung zwischen Vater und Sohn stattfinden würde, »so möcht' ich rathen, daß Ramorny aus des Prinzen Hofstaat und Dienst entlassen würde, und zwar mit einer solchen Strafe, als seine Unklugheit verdienen dürfte. Mit seiner Ungnade wird das Volk zufrieden sein und die Sache wird sich leicht beilegen oder unterdrücken lassen, wenn seine Hoheit nicht versucht, den Diener zu beschützen.« »Willst du, mir zu Liebe, David,« sagte der König, mit zitternder Stimme und einer Thräne im Auge, »den gefährlichen Mann entlassen? Mir zu Liebe, der ich dir das Herz aus meinem Busen nicht verweigern könnte?« »Es soll geschehen, mein Vater – sogleich geschehen,« erwiderte der Prinz; und die Feder ergreifend, schrieb er hastig die Entlassung Ramorny's aus seinem Dienste und übergab sie Albany's Händen. »Ich wollte, ich könnte all' Eure Wünsche so leicht erfüllen, mein königlicher Vater,« fügte er hinzu, sich wieder zu des Königs Füßen werfend, der ihn aufhob und zärtlich in seine Arme schloß. Albany sah mißmuthig drein, schwieg jedoch; und erst nach ein oder zwei Minuten sagte er: »Nachdem diese Sache so glücklich beigelegt ist, so erlaub' ich mir Eure Majestät zu fragen, ob es Euch gefällt, dem Vesperdienst in der Kapelle beizuwohnen?« »Allerdings,« sagte der König. »Muß ich nicht dem Himmel meinen Dank sagen, der die Einigkeit in meiner Familie hergestellt hat? Ihr werdet mit uns gehen, Bruder?« »Wenn es Euch gefällt, meine Abwesenheit zu gestatten, nein,« sagte der Herzog. »Ich muß mich mit Douglas und Anderen über die Art verständigen, wie wir jene Hochlandsgeier locken können.« Albany zog sich zurück, um seinen ehrsüchtigen Plänen nachzusinnen, während Vater und Sohn dem Gottesdienste beiwohnten, um dem Himmel für ihre glückliche Versöhnung zu danken. Vierzehntes Kapitel. Wollt Ihr geh'n in's Hochland, Lizzy Lyndesay, Geht Ihr mit mir in's Hochland fort? Wollt Ihr geh'n in's Hochland, Lizzy Lyndesay, Meine liebe Braut zu sein dort? Alte Ballade. Ein früheres Kapitel begann mit der königlichen Beichte; wir wollen nun dem Leser eine ähnliche Situation vorführen, obwohl Schauplatz und Personen ganz anderer Art waren. Statt eines dunklen gothischen Klostergemachs liegt eine der schönsten Aussichten in Schottland am Fuße des Berges Kinoul vor uns gebreitet, und unter einem Felsen, der die Aussicht nach jeder Richtung beherrscht, saß das schöne Mädchen von Perth, mit der Miene andächtiger Aufmerksamkeit den Lehren eines Karthäusermönchs in seinem weißen Gewande und Scapulier lauschend, welcher seine Rede mit einem Gebet schloß, in welches seine Schülerin andächtig einstimmte. Als sie ihre Andacht beendigt hatten, blieb der Priester eine Zeitlang sitzen, die Augen auf den herrlichen Anblick geheftet, dessen Schönheiten selbst die frühe und rauhe Jahreszeit nicht beeinträchtigte, und so währte es einige Zeit, eh' er seine aufmerksame Gefährtin anredete. »Wenn ich,« sagte er endlich, »das reiche und mannigfache Land betrachte, mit seinen Schlössern, Klöstern, Kirchen, stattlichen Palästen, fruchtbaren Feldern, ausgedehnten Wäldern, und dem herrlichen Strome, so weiß ich nicht, meine Tochter, ob ich mehr die Güte Gottes, oder die Undankbarkeit der Menschen bewundern soll. Er hat uns die Schönheit und Fruchtbarkeit der Erde gegeben, und wir haben den Schauplatz seiner Güte zu einem Beinhaus und Schlachtfeld gemacht. Er hat uns Macht über die Elemente gegeben und Geschick, Häuser zur Bequemlichkeit und zum Schutz zu errichten, und wir haben sie in Höhlen für Räuber und Mörder verwandelt.« »Aber sicherlich, Vater, ist auch Raum für die Ruhe,« erwiderte Katharina, »selbst in der herrlichen Gegend, die wir vor uns sehen. Jene vier schönen Klöster, mit ihren Kirchen und ihren Thürmen, welche die Bürger mit eherner Stimme rufen, daß sie ihrer religiösen Pflicht gedenken; – ihre Bewohner, die sich von der Welt abschieden, von weltlichen Bestrebungen und Freuden, um sich dem Dienste des Himmels zu weihen, – Alles bezeugt, daß, wenn Schottland ein blutiges und sündiges Land ist, es doch eingedenk der Pflichten ist, welche die Religion von dem Menschen erfüllt sehen will.« »Freilich, Tochter,« antwortete der Priester, »was du sagst, scheint Wahrheit; und doch wird, in der Nähe betrachtet, auch viel der von dir beschriebenen Ruhe als trügerisch erfunden werden. Es ist wahr, es gab eine Zeit in der christlichen Welt, wo gute Menschen, die sich selbst durch das Werk ihrer Hände erhielten, sich versammelten, nicht um gemächlich zu leben oder sanft zu schlafen, sondern um einander im christlichen Glauben zu stärken und sich zu Lehrern des Wortes für das Volk zu bilden. Ohne Zweifel finden sich immer noch solche in den heiligen Gebäuden, die wir jetzt sehen. Aber es ist zu fürchten, daß die Liebe Vieler erkaltet ist. Unsere Geistlichen sind reich geworden, sowohl durch Geschenke frommer Personen, als durch Bestechungen, welche schlechte Menschen in ihrer Unwissenheit gaben, in dem Wahne, sie könnten die Verzeihung durch Schenkungen an die Kirche erkaufen, während sie doch der Himmel nur wahren Reuigen bietet. Und so, wie die Kirche reich ward, wurden zum Unglück ihre Lehren dunkel und unklar, wie man ein Licht minder sieht, wenn es auf einer goldumflochtenen Leuchte steckt, als wenn man es durch ein einfaches Glas schimmern sieht. Gott weiß es, wenn ich diese Dinge betrachte und tadle, so ist es nicht Folge des Verlangens nach Absonderung oder weil ich gern ein Lehrer in Israel werden möchte; sondern weil die Gluth in meinem Busen brennt, und nicht dulden will, daß ich schweige. Ich gehorche den Regeln meines Ordens und entziehe mich selbst seinen strengen Vorschriften nicht. Mögen sie wesentlich zu unserm Heil oder bloße Formeln sein, angenommen, um den Mangel wahrer Buße und aufrichtiger Andacht zu ersetzen, ich habe doch versprochen, ja gelobt, sie zu beobachten; und sie werden von mir um so mehr geachtet werden, weil ich sonst der Rücksicht auf mein irdisches Behagen beschuldigt werden könnte, da doch der Himmel mein Zeuge ist, wie gering ich achte, was ich zu thun oder zu dulden berufen werde, wenn die Reinheit der Kirche nur hergestellt oder die Zucht der Priesterschaft wieder in ursprünglicher Einfachheit eingeführt würde.« »Aber, mein Vater,« sagte Katharina, eben dieser Meinungen wegen nennen Euch die Menschen einen Lollhard und Wicklesiten und sagen, es sei Euer Wunsch, Kirchen und Klöster zu zerstören und die Religion des Heidenthums herzustellen.« »Eben darum, meine Tochter, bin ich genöthigt, Zuflucht in Bergen und Felsen zu suchen, und muß mich gegenwärtig begnügen, unter den rauhen Hochländern zu leben, die in dem Grade dem Stande der Gnade näher sind, denn Jene, die ich verließ, als ihre Verbrechen der Unwissenheit und nicht der Ueberhebung entspringen. Ich werde nicht unterlassen, die Mittel zu suchen, ihrer Grausamkeit zu entgehen, die mir der Himmel bieten wird; denn so lange dieselben sich finden, werd' ich es für ein Zeichen nehmen, daß ich noch eine Pflicht zu erfüllen habe. Aber wenn es meines Herrn Wille ist, so weiß Er, wie gern Clemens Blair ein elendes Leben auf Erden niederlegen wird, in demüthiger Hoffnung auf einen glücklichen Wechsel im Jenseits. – Aber warum blickst du so ängstlich nach Norden, mein Kind? – deine jungen Augen sind schärfer als die meinen – siehst du Jemand kommen?« »Ich sehe, Vater, nach dem hochländischen Jünglinge Conachar, der dein Führer nach den Bergen sein wird, wo sein Vater dir einen sichern, wenn auch rauhen Aufenthalt gewähren kann. Dies hat er oft versprochen, wenn wir von Euch und Euren Lehren sprachen – ich fürchte, er ist jetzt in Gesellschaft, wo er sie bald vergessen wird.« »Der Jüngling hat Funken der Gnade in sich,« sagte Vater Clemens; »obwohl die Leute seines Stammes meist zu sehr ihren wilden und trotzigen Sitten ergeben sind, um mit Geduld die Beschränkungen der Religion oder gesellschaftlicher Gesetze zu ertragen. – Du hast mir nie erzählt, Tochter, wie dieser Jüngling, allen Gewohnheiten der Stadt wie der Berge entgegen, in deines Vaters Hause einen Aufenthalt fand?« »Alles, was ich über diese Angelegenheit weiß,« sagte Katharina, »ist, daß sein Vater ein Mann von Ansehen unter jenen Bergbewohnern ist, und daß er als eine Gunst von meinem Vater, der in seinem Geschäft mit ihnen zu thun hatte, verlangte, diesen Jüngling eine Zeitlang bei sich zu behalten, und es sind nur zwei Tage vergangen, seit sie sich trennten, als Conachar nach seinen Bergen heimkehrte.« »Und warum hat meine Tochter,« forschte der Priester, »solch' eine Verbindung mit diesem Hochlandsjüngling unterhalten, daß sie zu ihm zu schicken wußte, wenn sie seinen Dienst für mich wünschte? Gewiß, es ist viel Einfluß für ein Mädchen über einen solchen wilden Bergbewohner.« Katharina erröthete und antwortete zögernd: »Wenn ich irgend Einfluß auf Conachar hatte, so ist der Himmel mein Zeuge, daß ich ihn blos nützte, um sein trotziges Gemüth mit den Regeln bürgerlichen Lebens zu befreunden. Es ist wahr, ich habe lange erwartet, daß Ihr, mein Vater, zur Flucht genöthigt sein würdet, und daher hatt' ich mit ihm verabredet, daß er mich an dieser Stelle treffen sollte, sobald er einen Boten mit einem Zeichen von mir erhielte, den ich gestern abgefertigt habe. Der Bote war ein behender Jüngling seines Clans, den er bisweilen brauchte, um Aufträge nach den Hochlanden zu senden.« »Und soll ich demnach glauben, meine Tochter, daß dieser Jüngling, der so schön von Gestalt, dir nur insofern werth war, als du wünschtest, sein Gemüth zu erleuchten und seine Sitten zu bilden?« »So ist es, mein Vater, und nicht anders,« antwortete Katharina; »und vielleicht war es nicht gut, so vertraulich mit ihm zu sein, selbst zu seinem Unterricht und zu seiner Besserung. Aber weiter erstreckte sich unser Umgang nie.« »Dann hab' ich mich geirrt, meine Tochter, denn ich glaubte neuerdings an dir einen Wechsel deines Vorsatzes und einige verlangende Blicke auf diese Welt bemerkt zu haben, die du einst zu verlassen entschlossen warst.« Katharina senkte das Haupt und erröthete tiefer denn je, während sie sagte: »Ihr selbst, Vater, pflegtet mir die Annahme des Schleiers zu widerrathen.« »Auch billige ich sie jetzt noch nicht, mein Kind,« sagte der Priester. »Die Ehe ist ein ehrbarer Stand, bestimmt vom Himmel als geziemendes Mittel zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts; und ich las nie in der heiligen Schrift, was Menschensatzungen seitdem geltend machten in Betreff der höhern Würde des ehelosen Standes. Aber ich bin eifersüchtig auf dich, mein Kind, wie ein Vater auf seine einzige Tochter, damit du dich nicht einem deiner Unwürdigen hingibst. Ich weiß, daß dein Vater, minder schwierig, als ich es deinetwegen sein würde, die Bewerbungen des tapfern und muthigen Tollkopfs, den sie Harry vom Wynd nennen, billigt. Er ist reich, das mag sein, aber er liebt eitle und wüste Gesellschaft – ist ein gemeiner Klopffechter, der Menschenblut wie Wasser vergossen hat. Kann ein solcher ein passender Gefährte für Katharina Glover sein? – und doch sagt das Gerücht, daß sie bald verbunden werden würden.« Das Gesicht des schönen Mädchens von Perth ward bald blaß, bald roth, während sie hastig erwiderte: »Ich denke nicht an ihn; zwar ist es wahr, daß jüngst einige Artigkeiten unter uns stattgefunden haben, theils, weil er meines Vaters Freund und dann, weil er, der Sitte der Zeit gemäß, mein Valentin ist.« »Dein Valentin, mein Kind?« sagte Vater Clemens. »Und kann deine Sittlichkeit und Klugheit so sehr mit dem Zartgefühl deines Geschlechts Scherz treiben, daß du dich in eine solche Beziehung mit einem solchen Manne, wie dieser Handwerker, stelltest? – Meinst du, daß dieser Valentin, ein frommer Heiliger und christlicher Bischof, der er gewesen sein soll, je eine thörichte und unziemliche Sitte erfand, die ihren Ursprung wahrscheinlich in der heidnischen Verehrung der Flora und Venus hat, als die Sterblichen ihren Leidenschaften göttliche Namen gaben und sie zu üben statt zu bezwingen strebten?« »Vater,« sagte Katharina in einem unzufriedenern Tone, als sie je gegen den Karthäuser angenommen, »ich weiß nicht, warum Ihr mich so hart wegen Beobachtung eines allgemeinen Brauchs tadelt, den die Sitte gestattet und meines Vaters Erlaubniß billigt? Es scheint mir nicht freundlich, daß Ihr mich so herabsetzt.« »Vergib mir, Tochter,« antwortete der Priester sanft, »wenn ich dich beleidigte. Aber dieser Harry Gow oder Schmied ist ein wilder, zügelloser Mann, dem Ihr keinen außergewöhnlichen Grad von Vertrauen und Aufmunterung gewähren könnt, ohne Euch noch schlimmerer Verurtheilung auszusetzen, – es müßte denn allerdings Eure Absicht sein, ihn zu heirathen, und zwar recht bald.« »Sprecht nicht mehr davon, mein Vater,« sagte Katharina. »Ihr martert mich mehr, als Ihr es wünschen könnt; und ich könnte gereizt werden, anders zu antworten, als mir ziemt. Vielleicht hab' ich bereits Grund genug gehabt, zu bereuen, daß ich eine eitle Sitte beobachtete. Jedenfalls glaubt, daß mir Harry Schmied nichts gilt; und daß selbst der unbedeutende Umgang, der vom Valentinstag herrührte, völlig abgebrochen ist.« »Es freut mich, das zu hören, meine Tochter,« erwiderte der Karthäuser; »ich muß nun über etwas Anderes mit dir sprechen, was mich noch besorgter deinetwegen macht. Du kannst nicht unbekannt damit sein, obwohl ich wünschte, es wäre unnöthig, von einer so gefährlichen Sache zu reden, selbst unter diesen Felsen, Klippen und Steinen. Aber es muß gesagt sein. – Katharina, du hast einen Liebhaber unter Schottlands vornehmsten Söhnen?« »Ich weiß es, Vater,« antwortete Katharina ruhig. »Ich wollte, es wäre nicht so.« »Das wollt' auch ich,« sagte der Priester, »wenn ich in meiner Tochter nur das Kind der Thorheit sähe, wie die meisten Mädchen ihres Alters sind, zumal wenn sie das schlimme Geschenk der Schönheit besitzen. Da aber deine Reize, um mich des Ausdrucks einer eiteln Welt zu bedienen, einen Liebhaber so hohen Ranges an dich fesselten, so weiß ich, daß deine Tugend und Klugheit den Einfluß über des Prinzen Gemüth, den deine Schönheit gewann, behaupten werden.« »Vater,« erwiderte Katharina, »der Prinz ist ein zügelloser Liebhaber, dessen Liebe nur meine Schmach und mein Verderben beabsichtigt. Könnt Ihr, der Ihr so erschrocken schient über die Unvorsichtigkeit, womit ich die Bewerbungen eines Mannes annahm, dessen Rang dem meinigen gleich ist, jetzt mit Billigung von der anstößigen Leidenschaft sprechen, die der Thronerbe Schottlands für mich zu erklären wagt, da Ihr doch wißt, daß er vor zwei Nächten in Begleitung der Genossen seiner Ausschweifung mich aus dem Hause meines Vaters entführt hätte, wäre ich nicht durch den kühnen Harry Schmied gerettet worden, der, wenn auch allzu gereizt, der Gefahr bei der leichtesten Gelegenheit zu trotzen, doch auch immer bereit ist, sein Leben zum Schutze der Unschuld oder zum Widerstand gegen Unterdrückung zu wagen! Es ist meine Pflicht, ihm diese Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.« »Ich muß wohl Etwas von der Sache wissen,« sagte der Mönch, »da meine Stimme es war, die ihn Euch zu Hilfe sandte. Ich hatte die Gesellschaft gesehen, als ich an Eurer Thür vorüber ging, und eilte, die bürgerliche Macht zum Beistand zu rufen, als ich eine Gestalt langsam mir entgegenkommen sah. Aus Furcht, es möchte dies ein Hinterhalt sein, verbarg ich mich hinter einem der Kirchenpfeiler von St. Johann und erkannte, als ich aufmerksamer hinsah, Harry Schmied. Es war mir leicht zu errathen, wohin er ging, und ich sagte ihm, was ich gesehen hatte, auf eine Art, die seine Eile verdoppelte.« »Ich bin Euch verpflichtet, Vater,« sagte Katharina; »aber Alles dies und des Herzogs von Rothsay eigene Sprache gegen mich zeigt nur, daß der Prinz ein liederlicher junger Mann ist, der das Aeußerste nicht scheuen wird, was eine müßige Leidenschaft zu befriedigen verspricht, sei es auch auf Kosten des unglücklichen Gegenstandes. Sein Abgesandter Ramorny hatte sogar die Unverschämtheit, mir zu sagen, mein Vater würde zuerst dabei leiden, wenn ich lieber die Gattin eines ehrlichen Mannes, als die unwürdige Buhlerin eines vermählten Fürsten würde. Ich sehe kein anderes Mittel, als den Schleier zu nehmen, oder meinen und meines Vaters Untergang zu wagen. Selbst wenn keine andern Gründe vorhanden wären, würde der Schrecken, den mir die Drohungen eines unglücklicherweise zum Halten seines Wortes so fähigen Menschen einflößen, hinreichend sein, um zu hindern, daß ich die Gattin eines ehrlichen Mannes werde; denn damit würd' ich nur seinem Mörder die Thür öffnen. O, guter Vater, welch' ein Loos! und welches Unglück werd' ich wahrscheinlich meinem liebreichen Vater bereiten, wie Jedem, mit dem ich mein unglückliches Schicksal theilen könnte!« »Sei guten Muthes, meine Tochter,« sagte der Mönch; »es gibt Trost für dich auch auf dem äußersten Gipfel dieses anscheinenden Unglücks. Ramorny ist ein Schurke und mißbraucht das Ohr seines Herrn; der Prinz ist zwar zerstreut und leichtsinnig, aber wenn mein graues Haar nicht getäuscht wird, so wird sich sein Charakter bald ändern. Man hat ihm die Niederträchtigkeit seines Günstlings gezeigt, und er bereut sehr, dessen schlechten Rathschlägen gefolgt zu sein. Ich glaube, oder ich bin vielmehr überzeugt, daß seine Leidenschaft für Euch reiner und edler werden wird, und daß die Lehre, die er von mir über die Verderbniß der Kirche und der Zeit erhalten hat, in sein Herz dringen und Früchte darin erzeugen soll, worüber die Welt staunen und sich freuen wird; wofern nur dein Mund ihm die nämlichen Lehren wiederholt. Alte Prophezeihungen sagen, daß Rom durch die Rede eines Weibes fallen soll.« »Das sind Träume, Vater,« sagte Katharina; »die Traumgebilde eines Mannes, dessen Gedanken zu viel bei bessern Gegenständen weilen, als daß er über die gemeinen Angelegenheiten der Erde richtig urtheilen könnte. Wenn wir lange in die Sonne gesehen haben, so kann uns alles Andere nur undeutlich erscheinen.« »Du bist zu vorschnell, meine Tochter,« sagte Clemens, »und ich will dich davon überzeugen. Die Aussichten, die ich dir eröffnen will, würden sich nicht für ein Gemüth ziemen, welches geringern Sinn für Tugend oder mehr Ehrgeiz besäße. Vielleicht ist es selbst unpassend, sie vor dir zu entfalten; aber mein Vertrauen auf deine Klugheit und deine Grundsätze ist stark. Wisse denn, daß es sehr wahrscheinlich ist, die Kirche von Rom werde das Bündniß lösen, das sie selbst schuf, und die Ehe des Herzogs von Rothsay mit Marjory Douglas aufheben.« Hier hielt er inne. »Und wenn die Kirche Macht und Willen hat, dies zu thun,« erwiderte das Mädchen, »welchen Einfluß kann die Scheidung des Herzogs von seinem Weibe auf das Geschick der Katharina Glover haben?« Sie blickte den Priester bei diesen Worten ängstlich an und es machte ihm, wie es schien, einige Mühe, seine Antwort zu finden, denn er blickte zu Boden, während er ihr erwiderte: »Was that Schönheit für Katharina Logie? wenn uns unsere Väter nicht falsch berichtet haben, so ließ sie sie den Thron David Bruce's theilen.« »Lebte sie glücklich, oder starb sie betrauert, guter Vater?« fragte Katharina in demselben ruhigen und festen Tone. »Sie brachte ihr Bündniß aus weltlichem und vielleicht sündlichem Ehrgeiz zu Stande,« erwiderte Vater Clemens; »und sie fand ihren Lohn in Eitelkeit und Unruhe des Geistes. Hätte sie aber in der Absicht geheirathet, daß das gläubige Weib den ungläubigen Gemahl bekehren oder den Zweifelnden stärken solle, was wäre dann ihr Lohn gewesen? Liebe und Ehre auf Erden und ein Erbtheil im Himmel bei Königin Margaretha und den Heldinnen, welche die Pflegemütter der Kirche waren.« Bisher hatte Katharina auf einem Steine zu den Füßen des Priesters gesessen, und sie blickte dabei zu ihm empor, wenn sie hörte oder redete; jetzt aber, als wäre sie durch das Gefühl einer zwar ruhigen aber bestimmten Mißbilligung begeistert, stand sie auf, und die Hand gegen den Mönch ausstreckend, während sie sprach, redete sie ihn mit einer Miene und einem Tone an, die einem Cherub hätten gehören können, der so schonend als möglich die Gefühle des Sterblichen beklagt, dessen Irrthümer er tadeln soll: »Und ist es wirklich so?« sagte sie, »und kann so viel von den Wünschen, Hoffnungen und Vorurtheilen der elenden Welt ihn beschäftigen, der vielleicht morgen berufen wird, sein Leben zu beschließen dafür, daß er sich der Verderbniß einer entarteten Zeit und gesunkenen Priesterschaft widersetzte? Ist es der tugendhafte, der strenge Vater Clemens, der seinem Kinde räth, nach einem Throne und einem Bette zu streben, die nur durch eine niedrige Ungerechtigkeit gegen die frei werden können, die sie bereits besitzt? Ist es der weise Reformator der Kirche, der seine Plane auf so vergängliche Grundlagen stützt? Seit wann, guter Vater, hat der leichtsinnige Prinz sein Betragen geändert und den Wunsch ausgesprochen, um die Tochter eines Handwerkers von Perth ehrlich zu werben? Zwei Tage müssen diese Veränderung hervorgebracht haben; denn kaum ist dieser kurze Zeitraum verflossen, seit er meines Vaters Haus mitten in der Nacht, und in ärgerer Absicht als ein elender Räuber, angriff. Und glaubt Ihr, wenn auch Rothsay's Herz ihn an eine seiner Geburt so wenig würdige Heirath denken ließe, glaubt Ihr, er könnte sie durchsetzen, ohne zugleich seinen Thron und sein Leben zu wagen, wenn er damit zugleich das Haus des Grafen von March und das von Douglas beleidigte? O, Vater Clemens, wo waren Eure Grundsätze, wo Eure Klugheit, als sie duldeten, daß Ihr Euch zu so seltsamem Traume verirrtet, und dem geringsten Eurer Schüler das Recht gabt, Euch so zu tadeln?« Des alten Mannes Augen füllten sich mit Thränen, als Katharina, sichtbar schmerzlich bewegt durch das, was sie gesagt, endlich schwieg. »Durch den Mund der Kinder und Säuglinge,« sagte er, »hat der Herr die getadelt, die für Weise zu ihrer Zeit galten. Ich danke dem Himmel, daß er mich bessere Gedanken gelehrt hat, als mir meine Eitelkeit eingab, und zwar durch die Stimme einer freundlichen Ermahnerin. – Ja, Katharina, ich darf mich künftig nicht wundern, wenn ich die, die ich schon so streng richtete, um weltliche Macht kämpfen und zugleich die Sprache eines geistlichen Eifers führen sehe. Ich danke dir, Tochter, für deine heilsame Mahnung, und dem Himmel, daß er sie durch deine Lippen, und nicht durch die eines strengeren Richters sendete.« Katharina hatte ihr Haupt erhoben, um zu antworten, und bat den alten Mann, dessen Demüthigung sie schmerzte, sich zu trösten, als ihre Augen auf einem Gegenstand in ihrer Nähe haften blieben. Unter den Felsstücken, die den einsamen Ort umgaben, lagen zwei einander so nahe, daß sie einst ein einziger Stein gewesen und durch heftigen Sturm oder Erdbeben getrennt worden zu sein schienen. Zwischen ihnen sah man eine etwa vier Fuß breite Oeffnung unter Steinmassen. Eine Eiche wuchs aus dieser hervor und zeigte so phantastische Gestalten, als die Pflanzenwelt nur hervorzubringen vermag. Die Wurzeln hatten sich in tausend verschiedenen Richtungen hervorgedrängt und suchten in den Felsenspalten die nöthige Nahrung; ihre ungleichen Windungen boten denselben Anblick dar, wie die ungeheuren Schlangen des indischen Inselmeeres. In dem Augenblick, als Katharinens Blicke auf dieses seltsame Gewirr von Zweigen und Wurzeln fielen, bemerkte sie plötzlich zwei Augen, so funkelnd, wie die eines wilden Thieres. Sie schauderte zusammen und zeigte den Gegenstand mit dem Finger ihrem Gefährten, ohne zu sprechen. Als sie aufmerksam hinsah, entdeckte sie einen buschigen Bart und rothes Haar, die vorher hinter dem Gestrüpp versteckt gewesen. Als er sich beobachtet sah, trat der Hochländer, denn ein solcher war es, aus seinem Schlupfwinkel hervor. Es war ein Mann von riesigem Wuchs, gehüllt in einen roth, grün und violett gewürfelten Plaid, worunter er eine Jacke von Büffelhaut trug. Bogen und Pfeile hingen über die Schultern, sein Haupt war unbedeckt, welchem ein buschiges Haar, dessen verworrene Locken den Flechten der Irländer glichen, statt der Mütze diente. Am Gürtel hing Schwert und Dolch, und in der Hand trug er eine dänische Streitaxt, die in neuerer Zeit Lochaberaxt genannt ward. Ihm folgten aus dem natürlichen Thore nach einander noch vier Männer, von ähnlicher Gestalt und auf gleiche Weise gekleidet und bewaffnet. Katharina war zu sehr an den Anblick der Bergbewohner in solcher Nähe von Perth gewöhnt, als daß sie Unruhe hätte empfinden können, wie es bei einem andern Mädchen der Ebene bei solcher Gelegenheit hätte der Fall sein müssen. Sie sah mit ziemlicher Ruhe diese riesigen Gestalten einen Halbkreis um sie und den Mönch schließen; sie hefteten ihre großen Augen auf sie, welche, wie sie vermuthete, eine wilde Bewunderung ihrer Schönheit ausdrückten. Sie begrüßte die Männer mit leichtem Kopfnicken und sprach unvollkommen die gewöhnlichen Begrüßungsworte der Hochländer aus. Der Aelteste, der die Schaar führte, beantwortete den Gruß und wurde darauf still und unbeweglich. Der Mönch nahm seinen Rosenkranz und auch Katharina fühlte einen eigenen Schauder um ihrer persönlichen Sicherheit willen, und trat, um sogleich zu wissen, ob sie und der Mönch den Ort frei verlassen dürften, vor, als wollte sie den Berg hinabsteigen. Als sie aber durch die Linie gehen wollte, die die Bergbewohner gezogen hatten, streckte jeder seine Streitaxt aus und füllte den Raum, durch den sie gehen konnte. Ein wenig betroffen, aber nicht erschreckt, denn sie konnte nicht denken, daß etwas Schlimmes beabsichtigt werde, setzte sie sich auf eines der zerstreuten Felsstücke, und bat den neben ihr stehenden Mönch, guten Muthes zu sein. »Wenn ich fürchte,« sagte der Vater Clemens, »ist es nicht für mich selbst; denn ob ich von den Aexten dieser wilden Menschen erschlagen werde, wie ein Stier, der, zur Arbeit nicht mehr tüchtig, zum Schlachten verurtheilt wird, oder ob sie mich mit ihren Bogensehnen binden und denen überliefern, die mir das Leben mit umständlicherer Grausamkeit nehmen, kann mich wenig kümmern, wenn sie nur dich, theuerstes Kind, unverletzt entkommen lassen.« »Wir haben,« erwiderte das Mädchen von Perth, »durchaus nichts Uebels für uns zu fürchten, und hier kommt Conachar, uns dessen zu versichern.« Doch während sie dies sagte, traute sie fast ihren Augen nicht, so verändert war Benehmen und Aufzug des hübschen, stattlichen und fast prächtig gekleideten Jünglings, der, gleich einem Rehbock, von einer beträchtlichen Felshöhe niederspringend, so eben vor Katharinen erschien. Seine Kleidung war von demselben Stoffe, wie die der andern Hochländer, von denen wir soeben sprachen, aber am Hals und den Ellbogen durch ein Halsband und Armringe von Gold befestigt. Sein Harnisch war glänzend wie Silber polirt, die Arme mit Schmuck beladen, die Mütze, außer der Adlerfeder, die den Häuptling bezeichnete, mit einer goldenen Kette geschmückt, die mehrmals um sie herumlief und an einer mit Perlen besetzten Agraffe befestigt war. Die Schnalle, die den Tartanmantel oder Plaid, wie man es jetzt nennt, über der Schulter festhielt, war aus Gold künstlich gearbeitet. Er hatte keine andern Waffen, als einen kleinen, tannenen Stab mit zurückgebogener Spitze in der Hand. Sein Gang und Benehmen, sonst Mißmuth und Kummer ausdrückend, den ihm seine Erniedrigung machte, zeigte jetzt seine Kühnheit, seine Anmaßung und seinen Stolz. Er blieb mit einem selbstgenügsamen Lächeln vor Katharinen stehen, als wär' er sich seines verbesserten Aeußern wohlbewußt, und wartete, bis sie ihn erkennen würde. »Conachar,« sagte Katharina, die diesen Zustand zu unterbrechen wünschte, »sind das deines Vaters Leute?« »Nein,« schöne Katharina,« erwiderte der junge Mann; »Conachar ist nicht mehr, außer in Hinsicht des Unrechts, das er erfuhr, und der Rache, die es erheischt. Ich bin Jan Eachin Mac Jan, Sohn des Häuptlings des Clans Quhele. Ich habe meine Federn, wie Ihr seht, mit meinem Namen getauscht. Und diese Leute sind nicht meines Vaters Gefolge, sondern das meine. Ihr seht sie nur zur Hälfte versammelt; es ist eine Schaar, die aus meinem Pflegevater und acht Söhnen besteht; meine Leibwache und die Kinder meines Gürtels, die nur athmen, um meinen Willen zu vollziehen. Aber Conachar,« fügte er mit milderer Stimme hinzu, »lebt wieder, sobald Katharina ihn zu sehen wünscht; er ist in den Augen aller Andern der junge Häuptling des Clans Quhele, aber bei ihr so demüthig und unterwürfig, als da er Simon Glovers Lehrling war. Seht, dies ist der Stab, den ich von Euch an dem Tage erhielt, als wir zusammen an den sonnigen Abhängen von Lednoch Haselnüsse suchen gingen, als der Herbst jung war in dem verflossenen Jahre. Ich würde ihn, Katharina, nicht für den Befehlshaberstab meines Stammes hingeben.« Während Eachin so sprach, überlegte Katharina im Stillen, ob sie nicht unvorsichtig gehandelt habe, den Beistand eines kühnen jungen Mannes zu suchen, der ohne Zweifel stolz war, durch seine plötzliche Erhebung aus einem knechtischen Zustande zu einem solchen, der, wie sie überzeugt war, ihm einen ausgedehnten Einfluß über die gesetzlose Menge seiner Anhänger gab. »Ihr fürchtet Euch doch nicht vor mir, schöne Katharina?« sagte der junge Häuptling, ihre Hand ergreifend. »Ich ließ meine Leute hier einige Minuten vor mir erscheinen, um zu sehen, wie Ihr deren Anwesenheit ertragen könntet; und mich dünkt, Ihr betrachtet sie, als wäret Ihr zu eines Häuptlings Gemahlin geboren.« »Ich habe keinen Grund, Beleidigungen von Hochländern zu fürchten,« sagte Katharina fest; »besonders weil ich dachte, Conachar sei bei ihnen. Conachar hat aus unserm Becher getrunken und von unserm Brod gegessen; und mein Vater hat oft mit den Hochländern gehandelt, und nie fand Beleidigung und Zwist zwischen ihm und ihnen statt.« »Nicht?« erwiderte Hektor, denn so lautet Eachin in unserer Sprache, »wie! niemals, als er die Partei des Gow Chrom (krummbeinigen Schmieds) nahm gegen Eachin Mac Jan? – Sagt nichts, dies zu entschuldigen, und glaubt, es wird Eure eigene Schuld sein, wenn ich je wieder darauf anspiele. Aber Ihr wollt mir einen Befehl geben – sprecht, und es soll Euch gehorcht werden.« Katharina beeilte sich zu antworten; denn es war Etwas in des jungen Mannes Benehmen und Sprache, was sie eine Abkürzung der Unterredung wünschen ließ. »Eachin,« sagte sie, »da Conachar nicht mehr Euer Name ist, Ihr solltet merken, daß ich, als ich einen Dienst erbat, mich an meines Gleichen zu wenden glaubte, und nicht ahnte, daß ich eine Person von höherer Gewalt und Bedeutung ansprach. Ihr, so gut wie ich, seid diesem guten Manne für religiösen Unterricht verpflichtet. Er ist jetzt in großer Gefahr; schlechte Menschen haben ihm falsche Beschuldigungen aufgebürdet, und er wünscht in Sicherheit und Verborgenheit zu bleiben, bis der Sturm vorüber sein wird.« »Ha! der gute Vater Clemens? Ja, der würdige Geistliche that viel für mich, und mehr, als mein rauhes Gemüth zu nützen verstand. Es soll mich freuen, Jemand aus der guten Stadt Perth zu sehen, der einen Mann verfolgt, welcher Mac Jan's Mantel berührt hat!« »Es dürfte nicht gut sein, sich so sehr darauf zu verlassen,« sagte Katharina. »Ich zweifle nicht an der Macht Eures Stammes, aber wenn der schwarze Douglas sich in eine Fehde einläßt, so läßt er sich nicht durch einen hochländischen Plaid abschrecken.« Der Hochländer verbarg sein Mißvergnügen über diese Rede mit einem erzwungenen Lachen. »Der Sperling,« sagte er, »der dem Auge nah' ist, scheint größer als ein Adler, der über'm Bengoil schwebt. Ihr fürchtet die Douglas sehr, weil sie Euch zunächst sitzen. Aber sei das, wie es wolle – Ihr glaubt nicht, wie weit sich unsere Thäler und Wälder jenseits der dunklen Berge erstrecken, die Ihr dort in der Ferne seht. Ihr meint die ganze Welt sei an den Ufern des Tay. Dieser gute Mönch wird Felsen sehen, die ihn gegen ein ganzes Heer dieses Douglas schützen können; er wird Männer gewahr werden, die im Stande sind, ihn noch ein Mal vom Süden der Grampischen Berge zurückzuwerfen. – Aber warum sollen wir nicht Alle beisammen sein? Ich kann eine Schaar nach Perth schicken, die Euern Vater sicher hierher bringt. Er kann jenseit Loch Tay den alten Handel fortsetzen. – Ich werde nur keine Handschuhe machen, sondern ich werde Eurem Vater Häute geben, aber keine mehr schneiden, außer so lange sie auf des Geschöpfes Rücken sind.« »Mein Vater wird einmal kommen und Euern Haushalt sehen, Conachar – Hektor wollt' ich sagen. – Aber die Zeiten müssen ruhiger sein, denn es ist Fehde zwischen den Bürgern und den Edelleuten, und man spricht von Krieg, der in den Hochlanden ausbrechen werde.« »Ja, bei unsrer lieben Frau! Katharina; und wär' es nicht eben wegen des Hochlandskrieges, Ihr dürftet Euern Besuch in den Hochlanden nicht so aussetzen, meine schöne Gebieterin. Aber das Volk der Hügel soll sich nicht länger in zwei Nationen spalten. Sie werden als Männer fechten um die Oberherrschaft, und wer sie erlangt, wird mit dem König von Schottland als Standesgenosse, nicht wie mit einem Höhern sprechen. Bete, daß der Sieg Mac Jon zufällt, meine fromme Katharina, denn du wirst für Einen beten, der dich innig liebt.« »Ich will für das Recht beten,« sagte Katharina; »oder vielmehr, ich will bitten, daß überall Friede sei. – Lebt wohl, guter und trefflicher Vater Clemens; glaub', ich werde nie deine Lehren vergessen – gedenke meiner in deinen Gebeten. – Aber wie wirst du eine so mühsame Reise aushalten können? »Sie sollen ihn tragen, wenn es nöthig wird,« sagte Hektor, »wofern wir weit gehen müssen, ohne ein Pferd für ihn zu finden. Aber Ihr – Katharina – es ist weit von hier nach Perth. Laßt mich Euch bis dorthin begleiten, wie ich gewohnt war.« »Wenn Ihr so wäret, als Ihr gewohnt wäret, so würde ich Eure Begleitung annehmen. Aber goldene Schnallen und Armbänder sind gefährliche Gesellschaft, wenn die Lanzen von Liddesdale und Annandale so dicht auf der Straße reiten, wie die Blätter am Allerheiligenfest; und zwischen Hochlandtartans und Stahlharnischen findet keine friedliche Begegnung statt.« Sie wagte diese Bemerkung, da sie glaubte, daß der junge Eachin die Gewohnheiten noch nicht ganz hinter sich hatte, die er in seinem niedern Stande angenommen, und daß, obwohl er kühne Worte brauchte, er doch nicht tollkühn genug sein würde, der Ueberzahl Trotz zu bieten, die ihm begegnet wäre, wenn er sich der Stadt genähert hätte. Sie schien richtig geurtheilt zu haben, denn nach einem Abschied, wobei sie es dahin brachte, daß statt ihres Mundes ihre Hand geküßt wurde, nahm sie allein ihren Weg nach Perth und sah die Hochländer, als sie hinter sich schaute, einen beschwerlichen, steilen Weg einschlagen und sich nach Norden wenden. Sie fühlte sich zum Theil befreit von ihrer Unruhe, so wie die Entfernung zwischen ihr und jenen Männern wuchs, deren Handlungen sich allein nach dem Willen ihres Häuptlings richteten, welcher ein wilder, ungestümer Jüngling war. Sie fürchtete auf ihrem Rückwege nach Perth keine Beleidigung von den Kriegsleuten beider Parteien, die ihr begegnen konnten: denn die Gesetze des Ritterthums waren damals ein mehr zuverlässiger Schutz für ein Mädchen von ehrbarem Betragen, als eine Begleitung von Bewaffneten; aber entferntere Gefahren beunruhigten ihr Herz. Die Bewerbungen des Prinzen hatten einen furchtbaren Charakter angenommen, seit sein unwürdiger Günstling ihr, wenn sie bei ihrer Ziererei, wie er's nannte, beharren würde, zu drohen gewagt hatte. Solche Drohungen in diesem Jahrhundert und aus solchem Munde waren ein ernstlicher Gegenstand des Schreckens; – Conachars Ansprüche an ihre Liebe, die er in seinem dienstbaren Zustande kaum unterdrückt hatte, jetzt aber laut aussprach, wurden ein neuer Zuwachs zu ihrer Unruhe. Die Hochländer hatten bereits mehr als einen Einfall in Perth unternommen; mehrere Bürger, aus ihren eigenen Häusern weggeführt, waren gefangen worden, oder in den Straßen der Stadt unter dem Claymore gefallen. Außerdem fürchtete sie die Zudringlichkeit ihres Vaters zu Gunsten des Schmieds, dessen unwürdiges Betragen am Valentinstag ihr hinterbracht worden war. Wäre er auch nicht schuldig gewesen, sie hätte doch nicht gewagt, ihm Gehör zu geben, denn immer klangen ihr Ramorny's schreckliche Drohungen in den Ohren. Diese Gefahren, diese Furcht flößten ihr mehr als je den Wunsch ein, den Schleier zu nehmen; aber sie sah keine Möglichkeit, ihres Vaters Einwilligung zu dem einzigen Schritte zu erlangen, von welchem sie Frieden und Schutz erwartete. Der Gang dieser Verhandlungen läßt uns nicht erkennen, ob sie sehr bedauerte, daß sie Gefahren begleiteten, weil sie das schöne Mädchen von Perth war; dies war ein Punkt, der anzeigte, daß sie noch nicht ganz ein Engel war; und vielleicht war ein zweiter der Umstand, daß, trotz Harry's wirklichen oder angeblichen Vergehungen, sich ein Seufzer aus ihrem Busen stahl, wenn sie an den St. Valentinsabend dachte. Fünfzehntes Kapitel. O, einen Trank, der vermöchte Ein banges Herz in Schlaf zu senken! Bertha. Wir haben die Geheimnisse der Beichte gezeigt; die des Krankenzimmers sind uns nicht verborgen. In einem dunklen Gemach, wo Salben und Arzneiflaschen kund thaten, daß der Arzt in seinem Berufe thätig gewesen, lag eine große, hagere Gestalt auf einem Bette, mit einem Nachtgewand umgürtet, Schmerz auf dem Antlitz, während tausend stürmische Leidenschaften im Busen wühlten. Alles im Gemach zeigte einen reichen, verschwenderischen Mann an. Henbane Dwining, der Apotheker, der die Pflege des Kranken zu haben schien, schlich mit schlauem, katzenartigem Schritt aus einem Winkel des Zimmers in den andern, indem er geschäftig Arzneien mischte und Verbände bereitete. Der kranke Mann stöhnte ein paar Mal, worauf der Apotheker sich dem Bette näherte und fragte, ob diese Töne ein Zeichen körperlichen Schmerzes oder der Gemüthsbewegung wären. »Beides, du Giftmischer,« sagte Sir John Ramorny; »und weil ich mit deiner verfluchten Gesellschaft belästigt bin.« »Wenn das Alles ist, so kann ich Euer Gnaden von einem dieser Uebel durch sofortige Entfernung meiner Person befreien. Dank den Fehden dieser wilden Zeit, hätt' ich zwanzig Hände, statt dieser zwei armen Diener meiner Kunst (dabei zeigte er seine dürren Hände), so wäre Beschäftigung genug für sie vorhanden; gutbezahlte Beschäftigung überdies, wo sich Dankesworte und Geldstücke streiten, wer von beiden meine Dienste am besten lohnt; während Ihr, Sir John, an Eurem Wundarzte den Zorn auslaßt, den ihr allein gegen den Urheber Eurer Wunde richten solltet.« »Schuft, es ist unter meiner Würde, dir zu antworten,« sagte der Kranke; »aber jedes Wort deiner boshaften Zunge ist ein Dolch, der Wunden beibringt, die aller Arznei Arabiens Trotz bieten.« »Sir John, ich verstehe Euch nicht; aber wenn Ihr diesen heftigen Ausbrüchen der Wuth Raum gestattet, so kann nur Fieber und Entzündung die Folge sein.« »Warum sprichst du denn auf eine Weise, die mein Blut erhitzt? Warum sprichst du den Gedanken aus, deine werthlose Kunst könne mehr Hände brauchen, als die Natur dir gab, während ich, ein Ritter und Edelmann, verstümmelt bin, wie ein Krüppel?« »Sir John,« erwiderte der Wundarzt, »ich bin kein Gottesgelehrter und auch kein sehr hartnäckiger Anhänger an manche Dinge, welche die Theologen uns sagen. Doch kann ich Euch erinnern, daß es Euch ziemlich gut gegangen ist; denn wenn der Hieb, der Euch diesen Schaden gebracht hat, Euern Hals getroffen hätte, wie er doch beabsichtigte, so hätt' er Euer Haupt von den Schultern getrennt, statt ein minder bedeutendes Glied zu amputiren.« »Ich wollte, so wär's geschehen, Dwining – ich wollte, der Hieb hätte getroffen, wie es beabsichtigt war. Dann hätte ich nicht gesehen, wie ein Plan, so fein gesponnen, wie der meine, durch die rohe Gewalt eines betrunkenen Kerls zerrissen ward. Dann wär' ich nicht mehr da, um Rosse zu sehen, die ich nicht besteigen kann – Schranken, die ich nicht mehr beschreiten kann – Glanz, den zu theilen ich nicht hoffen kann, oder Schlachten, worin ich nicht mitkämpfen kann. Ich würde nicht, mit eines Mannes Leidenschaft für Macht und Streit, unter den Weibern Platz nehmen müssen, verachtet von ihnen noch dazu als ein ohnmächtiger Krüppel, unfähig zu werben und zu erlangen die Gunst ihres Geschlechts.« »Gesetzt, dies wäre Alles so, so will ich doch Eure Herrlichkeit zu bemerken bitten,« erwiderte Dwining, sich noch immer mit Anordnung der Verbände beschäftigend, »daß Eure Augen, die Ihr mit Eurem Kopfe verloren haben müßtet, Euch, da sie erhalten sind, noch eine ebenso große Aussicht auf Vergnügen bieten, als Euch das des Ehrgeizes, des Sieges in den Schranken oder in der Schlacht, oder selbst die Liebe der Weiber gewähren könnte.« »Mein Verstand ist zu umdüstert, um dich verstehen zu können, Arzt,« erwiderte Ramorny. »Welches ist das köstliche Schauspiel, das mir in meinem Schiffbruch aufbewahrt bleibt?« »Das werthvollste, was die Menschheit kennt,« erwiderte Dwining; und dann fügte er im Tone eines Liebenden, der den Namen seiner Geliebten ausspricht und seine Leidenschaft zu ihr durch die Stimme ausdrückt, hinzu: » Rache !« Der Kranke hatte sich auf seinem Kissen erhoben, etwas begierig nach der Lösung des Räthsels seines Arztes. Er legte sich wieder nieder, als er die Erklärung vernommen, und nach einer kurzen Pause fragte er: »In welchem christlichen Collegium lerntet Ihr diese Moral, guter Meister Dwining?« »In keinem christlichen Collegium,« antwortete der Arzt; »denn obwohl sie in den meisten heimlich angenommen ist, wird sie doch in keinem offen und männlich anerkannt. Aber ich habe unter den Weisen Granada's studirt, wo der Maure mit seiner Feuerseele seinen tödtlichen Dolch hoch emporhebt, wenn er von seines Feindes Blute träuft und die Lehre preist, die der bleiche Christ übt, obwohl er sie feigherzig nicht zu nennen wagt.« »Du bist also ein Schurke von größerer Seele, als ich dir zutraute,« sagte Ramorny. »Laßt das sein,« antwortete Dwining. »Die stillen Wasser sind die tiefsten, und der Feind ist am meisten zu fürchten, der nie droht, als bis er schlägt. Ihr Ritter und Waffenleute geht mit dem Schwerte in der Hand gerad' auf Euer Ziel los. Wir, die wir Gelehrte sind, gewinnen unser Ziel mit geräuschlosem Schritt und auf Umwegen, kommen aber deshalb ebenso sicher dazu.« »Und ich,« sagte der Ritter, »der ich zur Rache schritt mit stahlgeharnischtem Fuß, der alles Echo ringsum weckte, soll mich nun eines solchen Pantoffels bedienen, wie der deine? Ha!« »Wer die Kraft nicht hat,« sagte der schlaue Apotheker, »muß durch Geschick seinen Zweck erreichen.« »Und sage mir aufrichtig, Apotheker, warum du mir diese Teufelslectionen halten willst? Warum willst du mich schneller und eifriger zu meiner Rache drängen, als ich dir aus eignen Antrieb dazu bereit scheine? Ich bin alt in der Weltkenntnis Freund; und ich weiß, daß ein Mensch wie du nicht umsonst Worte fallen läßt oder sich in das gefährliche Vertrauen von Männern wie ich drängt, es sei denn, daß er selber einen Vortheil dabei im Auge hat. Was liegt dir an dem Wege, sei er blutig oder friedlich, den ich unter diesen Umständen verfolgen mag?« »Um offen zu reden, edler Ritter, obwohl ich das selten zu thun pflege,« antwortete der Arzt, »mein Weg der Rache ist mit dem Eurigen ein und derselbe.« »Mit dem meinigen, Mensch?« sagte Ramorny mit dem Ausdrucke verächtlichen Staunens. »Ich dächte, der läge hoch über deine Region. Du suchst dieselbe Rache mit Ramorny?« »Ja, allerdings,« erwiderte Dwining; »denn der grobe Schmied, unter dessen Hiebe Ihr gelitten habt, hat mir oft mit Trotz und Beleidigung begegnet. Er hat mich im Rathe gehindert und bei der Ausführung verachtet. Seine rohe und vorschnelle Einfalt ist ein lebendiger Vorwurf für die Feinheit meiner natürlichen Sinnesart. Ich fürchte ihn und ich hasse ihn.« »Und Ihr hofft einen thätigen Helfer an mir zu finden?« sagte Ramorny in demselben Tone der Geringschätzung wie vorher; »aber wißt, der Handwerker steht viel zu tief, um der Gegenstand meines Hasses oder meiner Furcht zu sein. Er wird jedoch nicht frei ausgehen. Wir hassen den Wurm nicht, der uns gestochen hat, wenn wir ihn gleich abschütteln und zertreten könnten. Ich kenne den Schuft längst; er versteht die Waffen zu führen und ist einer der Freier dieser verächtlichen Puppe, wie ich hörte, deren Reize uns zu der weisen und hoffnungsvollen Unternehmung verlockten. Teufel, die ihr diese Unterwelt regiert, aus welch übertriebener Bosheit habt ihr beschlossen, daß die Hand, die die Lanze gegen das Herz eines Prinzen gerichtet hat, wie ein junger Baum durch den Arm eines Elenden und während einer nächtlichen Ausschweifung abgehauen wurde! Wohl, Arzt, so weit ist unser Weg derselbe, und du magst glauben, daß ich diese Natter zertreten werde, wenn es dir gefällt. Aber glaube nicht, mir zu entkommen, wenn dieser Theil meiner Rache vollbracht ist, was sehr leicht und schnell geschehen sein wird.« »Vielleicht wird es gar nicht so schnell geschehen sein,« sagte der Apotheker; »denn wenn Euer Gnaden mir glauben, so wird sich wenig Leichtigkeit und Gefahrlosigkeit dabei finden, wenn man sich mit ihm einläßt. Er ist der stärkste, kühnste und geschickteste Fechter in Perth und in der ganzen Umgegend.« »Fürchte nichts; ihm wird begegnet werden und hätte er die Kraft Simsons. Aber dann merke dir! Hoffe nicht meiner Rache zu entgehen, wenn du nicht mein fügsamer Gehilfe in der Scene sein wirst, die darauf folgt. Höre wohl, ich wiederhole dir's, ich habe nicht auf einer maurischen Schule studiert, ich habe vielleicht eine weniger unbegrenzte Rachgier als du, aber ich will auch mein Theil haben. Aufgemerkt, Arzt, so lang' ich mich dir entdecke! Aber hüte dich vor Verrath, denn so mächtig deine Teufelskunst ist, du bist doch von einem geringern Teufel unterrichtet als ich. Höre, – der Herr, dem ich durch Tugend und Laster, vielleicht für meinen guten Namen mit zu viel Eifer, aber doch mit unerschütterlicher Treue gedient, – derselbe Mann, dessen rasender Thorheit zu schmeicheln ich diesen unersetzlichen Verlust erlitt, ist, um den Bitten eines fast kindischen Vaters zu gehorchen, im Begriff, mich aufzuopfern, mir seine Gunst zu entziehen, und mich der Gnade eines heuchlerischen Verwandten zu überlassen, mit dem er sich auf meine Kosten versöhnen will; wenn er bei diesem undankbaren Plane beharrt, so werden deine Mauren, deren Farbe schwärzer ist, als der Rauch der Hölle, erröthen, ihre Rache übertroffen zu sehen; aber ich will ihm noch Raum zu Ehre und Rettung geben, eh' ich meiner ganzen, erbarmungslosen Wuth mich überlasse. – Nun, so weit hast du mein Vertrauen. – Hier die Hand auf den Handel – meine Hand, sag' ich? Wo ist die Hand, die für Ramorny's Wort bürgen sollte? Sie ist an den Schandpfahl genagelt, oder mit Verachtung den Straßenhunden vorgeworfen, die sie vielleicht eben verzehren! – Lege also nur deine Finger auf diesen verstümmelten Stumpf und schwöre, mir in meiner Rache zu dienen, wie ich dir in der deinigen. – Nun, Herr Arzt, Ihr werdet blaß! – Kann der, der dem Tode zuruft: »Halt ein!« oder »rücke vor!« kann der zittern an ihn zu denken oder ihn nennen zu hören? Ich habe Euern Lohn nicht erwähnt, denn Einer, der die Rache an sich selbst liebt, braucht keine weitere Bestechung – doch, wenn weite Ländereien und große Geldsummen deinen Eifer in einer tüchtigen Sache steigern können, so glaube mir, sie sollen nicht mangeln.« »Das stimmt etwas mit meinen bescheidenen Wünschen überein,« sagte Dwining; »der arme Mensch ist in dieser geschäftigen Welt niedergedrängt wie ein Zwerg im Getümmel und so unter die Füße getreten – die Reichen und Mächtigen erheben sich wie Riesen über dem Druck und sind behaglich, während Alles ringsum durcheinander geht.« »Dann sollst du dich erheben, Arzt, so hoch dich Gold nur heben kann. Diese Börse ist gewichtig, aber sie ist nur eine Abschlagszahlung deines Lohnes.« »Und jener Schmied? mein edler Wohlthäter« – sagte der Arzt, während er das Geschenk einsteckte – »der Harry vom Wynd oder wie er heißen mag – würde nicht die Nachricht, daß er für seine That gebüßt, besser den Schmerz von Euer Gnaden Wunde lindern, als der Balsam von Mekka, womit ich sie salbte?« »Er ist unter Ramorny's Gedanken; und ich fühle nicht mehr Unwillen gegen ihn, als ich gegen die willenlose Waffe zürne, die er schwang. Aber dein Haß eben ist es, der sich an ihm befriedigen soll. Wo trifft man ihn gewöhnlich?« »Das habe ich auch überlegt,« sagte Dwining. »Den Versuch bei Tage und in seinem eigenen Hause zu machen, wäre zu offen und gefahrvoll, denn er hat fünf Leute, die mit ihm in der Schmiede arbeiten, vier davon sind starke Kerle, und alle lieben ihren Herrn. Bei Nacht wär' es kaum minder verzweifelt, denn seine Thüren sind gut verwahrt mit Eichenbalken und eisernen Riegeln, und ehe die Befestigungsmittel dieses Hauses bewältigt werden könnten, würde sich die Nachbarschaft zu seiner Rettung erheben, vorzüglich, weil sie sehr beunruhigt sind seit dem Vorfall in der Valentinsnacht.« »O ja, freilich, Apotheker,« sagte Namorny, »denn auch du spielst ja Betrug mit mir – du kanntest meine Hand und Siegelring, wie du sagtest, als man diese Hand auf die Straße geworfen fand, gleich den ekelhaften Ueberresten einer Fleischbank, – warum, wenn du das wußtest; gingst du mit diesen narrenköpfigen Bürgern, um beim Patrick Charteris Rath zu holen, dem man die Sporen von den Fersen hauen sollte, weil er Gemeinschaft mit schmutzigen Bürgern hält, und den du hierher brachtest mit den Narren, um die leblose Hand zu entehren, die, wäre sie an ihrer gewohnten Stelle gewesen, er nicht werth wäre im Frieden zu berühren oder im Kriege zu fühlen?« »Mein edler Gönner, sobald ich Grund hatte, zu glauben, daß Ihr der Dulder wäret, so wandte ich all' meine Ueberredungskunst an, um sie von Verfolgung der Fehde zurückzuhalten; aber der prahlerische Schmied und einige andere Hitzköpfe schrieen nach Rache. Euer Gnaden weiß vielleicht, daß der Bursche sich zum Ritter des schönen Mädchens von Perth aufwirft und glaubt, es gehöre zu seiner Ehre, alle Streitigkeiten ihres Vaters auszufechten: aber ich habe ihm seinen Markt in diesem Viertel verleidet und das ist schon ein Vorspiel der Rache.« »Wie meint Ihr das, Wundarzt?« sagte der Kranke. »Euer Gnaden werden wissen,« sagte der Apotheker, »daß der Schmied nicht eingezogen lebt, sondern ein verliebter, lustiger Bursch' ist. Ich begegnete ihm am Valentinstag einige Zeit nach dem Kampfe zwischen den Bürgern und dem Gefolge des Douglas; ja ich begegnete ihm, wie er mit einer Sängerin durch Straßen und Gäßchen schlich, und Gepäck und Laute der Dirne auf dem einen Arme trug, während sie selber an dem andern hing. Was denken Euer Gnaden davon? Ist das nicht ein schmucker Knappe, eines Prinzen Liebe zum schönsten Mädchen in Perth hinderlich zu sein, die Hand eines Ritters und Barons abzuhauen und den Kammerdiener einer wandernden Sängerin zu machen, Alles im Laufe von vierundzwanzig Stunden?« »Wahrlich, ich denke besser von ihm, da er so viel ritterlichen Humor zeigt, obwohl er ein Bauer ist,« sagte Ramorny. »Ich wollte, er wäre ein gewissenhafter Mensch statt eines lustigen Burschen, dann hält' ich mehr Neigung, deine Rache zu unterstützen; – und solch' eine Rache! Rache an einem Schmied – im Streite eines erbärmlichen Arbeiters in altem Leder! Pfui! – und doch soll die Rache vollkommen genommen werden, du hast sie, denk' ich, durch deine eignen Manöver schon begonnen.« »Nur in geringem Grade,« sagte der Apotheker; – »ich sorgte dafür, daß zwei oder drei der berüchtigtsten Klatschgevatterinnen in der Curfewstreet, denen es nicht gefällt, daß Katharina das schöne Mädchen von Perth heißt, die Geschichte ihres treuen Valentins erfuhren. Sie fielen so hitzig über die Lockspeise her, daß sie, statt die Sache zu bezweifeln, sogar darauf schwuren, als wären sie Augenzeugen gewesen. Der Liebhaber kam eine Stunde nachher zum Vater, und Ihr könnt Euch denken, wie ihn Glover empfing, denn das Mädchen selber wollt' ihn gar nicht ansehen. Und so seht Ihr, daß ich einen Vorschmack der Rache hatte. Ich hoffe, den vollen Dank ans den Händen Euer Gnaden zu erhalten, wenn wir ein brüderliches Bündniß schließen, welches –« »Brüderlich!« sagte der Ritter verächtlich. »Aber sei es so; die Priester sagen, wir wären Alle von gemeiner Erde. Ich weiß es nicht – mir scheint da einiger Unterschied zu sein; aber die bessere Form wird der schlechteren Wort halten und du sollst deine Rache haben. Rufe meinen Pagen hierher.« Ein junger Mann erschien auf den Ruf des Arztes aus dem Vorzimmer. »Eviot,« sagte der Ritter, »ist Bonthron da? und ist er nüchtern?« »So nüchtern, als Schlaf ihn nach einem gehörigen Trinken machen kann,« antwortete der Page. »Dann hol' ihn hierher und verschließ' die Thür.« Ein schwerfälliger Tritt näherte sich alsbald dem Gemach und ein Mann trat ein, dessen Mangel an Höhe durch Breite der Schultern und Stärke des Armes ausgeglichen schien. »Es ist ein Mann vorhanden, mit dem du dich messen mußt, Bonthron,« sagte der Ritter. Des Mannes grobe Züge glätteten sich und er zeigte ein zufriedenes Grinsen. »Dieser Arzt wird dir den Mann zeigen. Nimm den Vortheil der Zeit, des Ortes und der Umstände wahr, um den Erfolg zu sichern; und denke nicht, daß du an den schlechtesten kommst, denn der Mann ist der kampffertige Schmied vom Wynd.« »Das wird eine böse Geschichte,« murmelte der Mörder; »denn wenn mein Hieb fehlt, so kann ich mich selber als einen todten Mann ansehen. Ganz Perth spricht von des Schmieds Gewandtheit und Stärke.« »Nimm zwei Gehilfen mit dir,« sagte der Ritter. »Nein,« sagte Bonthron. »Wollt Ihr Etwas verdoppeln, so mag es der Lohn sein.« »Rechne auf doppelten,« sagte sein Herr; »aber sieh' zu, daß dein Werk gehörig vollzogen wird.« »Verlaßt Euch auf mich, Ritter – ich habe selten gefehlt.« »Benutze dieses weisen Mannes Rath,« sagte der verwundete Ritter, auf den Arzt zeigend. »Und merke wohl! erwarte, bis er zum Vorschein kommt – und trinke nicht, bevor das Geschäft abgemacht ist.« »So soll's geschehen,« sagte der finstere Trabant; »mein eigen Leben hängt davon ab, daß mein Hieb fest und sicher ist. Ich weiß, mit wem ich's zu thun habe.« »So geh, bis er dich ruft, und halte Axt und Dolch in Bereitschaft.« Bonthron nickte und zog sich zurück. »Will Euer Gnaden wagen, solch ein Werk einer einzigen Hand anzuvertrauen?« sagte der Mediciner, als der Mörder das Gemach verlassen hatte. »Darf ich Euch bitten, daran zu denken, daß Jener vor zwei Nächten sechs gerüstete Männer niederwarf?« »Fragt mich nicht, Sir Apotheker; ein Mann wie Bonthron, der Zeit und Ort kennt, ist zwei Dutzend wüster Schwärmer werth. – Ruft Eviot. – Zuerst sollst du deine Heilkräfte üben, und zweifle nicht, daß du beim ferneren Werk von Einem unterstützt werden wirst, der dir in der Kunst plötzlicher und unerwarteter Zerstörung gleichkommt.« Der Page Eviot erschien auf des Apothekers Ruf wieder und half auf ein Zeichen seines Herrn dem Wundarzt Sir John Ramorny's verwundeten Arm neu verbinden. Dwining betrachtete den nackten Stumpf mit einer Art berufsmäßigem Behagen, ohne Zweifel auf dem boshaften Vergnügen beruhend, welches sein schlechtes Gemüth an Schmerz und Unglück seiner Mitmenschen fand. Der Ritter heftete eine Weile seine Augen auf den furchtbaren Anblick und ließ, dem Gewichte seines körperlichen oder geistigen Schmerzes erliegend, trotz aller Mühe, es zu unterdrücken, ein Stöhnen vernehmen. »Ihr seufzt, Sir,« sagte der Wundarzt, in einem sanft einschmeichelnden Tone, während er jedoch die Lippen zu einem vergnügten, mit Hohn gemischten Lächeln verzog, welches seine gewohnte Verstellung nicht ganz bergen konnte, – »Ihr seufzt – aber tröstet Euch. Dieser Harry Schmied versteht sein Geschäft – sein Schwert erreicht so gut das Ziel, wie sein Hammer den Ambos. Hätte ein minder geschickter Mann den unseligen Streich geführt, so hätt' er nur den Knochen beschädigt und die Muskeln zerrissen; meine ganze Kunst wäre nutzlos gewesen; aber Harry Schmied macht saubere Wunden, seine Amputationen sind so leicht zu heilen, als wenn mein eigenes Messer sie gemacht hätte. In einigen Tagen seid Ihr, wenn Ihr die Verordnungen Eures Arztes sorgfältig befolgt, im Stande, auszugehen.« »Aber meine Hand – der Verlust meiner Hand –« »Der kann eine Zeit lang verborgen bleiben,« sagte der Mediciner; »ich habe einige geschwätzige Narren gewonnen, denen ich im Vertrauen sagte, die gefundene Hand sei die Eures Stallknechts, des schwarzen Quentin, und Eure Gnaden wissen, daß er nach Fife gereist ist, und zwar auf eine Weise, die die Sache glaublich macht.« »Freilich wohl,« sagte Ramorny, »kann dies Gerücht die Wahrheit eine kurze Zeit verbergen. Aber was hilft der kurze Verzug?« »Es kann verborgen bleiben, wenn Ihr Euch eine Zeitlang vom Hofe zurückzieht, und dann, wenn neue Ereignisse die Erinnerung an gegenwärtigen Streit verdunkelt haben, kann man vielleicht sagen, die Wunde käme von einem Lanzenstich oder von einem Armbrustbolzen. Euer Knecht wird einen geeigneten Vorwand finden und für die Wahrheit der Sache stehen.« »Der Gedanke macht mich rasend,« sagte Ramorny, wieder seufzend vor innerem und äußerem Schmerze. »Aber ich sehe kein anderes Mittel.« »Es gibt kein anderes,« sagte der Wundarzt, dessen schlechtem Gemüthe seines Herrn Trauer köstliche Nahrung war. »Inzwischen wird man glauben, Ihr seid in Folge einiger Quetschungen und aus Kummer über den Entschluß des Prinzen, Euch nach Herzog Albany's Rath seine Gunst zu entziehen und aus seinem Dienste zu verabschieden, auf das Zimmer beschränkt; und das ist ja öffentlich bekannt.« »Schurke, du folterst mich!« rief der Kranke. »Im Ganzen,« sagte Dwining, »seid Ihr dennoch gut weggekommen, und, außer was den Verlust Eurer Hand betrifft, wofür es kein Mittel gibt, solltet Ihr Euch eher freuen, als beklagen; denn kein Chirurg in Frankreich oder England könnte die Operation besser vollbracht haben, als dieser Kerl mit seinem scharfen Hiebe.« »Ich weiß vollkommen, was ich ihm zu danken habe,« sagte Ramorny, seinen Zorn bekämpfend und Ruhe affectirend; »und wenn Bonthron ihn nicht mit einem eben so scharfen Hiebe bezahlt und die Hilfe des Wundarztes unnöthig macht, so sagt, daß John von Ramorny keine Verbindlichkeit lösen kann.« »Da sprecht Ihr, wie es Euch ziemt, edler Ritter!« antwortete der Apotheker. »Und ferner laßt mich sagen, daß die Geschicklichkeit des Operateurs umsonst gewesen wäre und der Blutverlust Eure Adern erschöpft hätte, wäre nicht der Verband und die blutstillenden Mittel der guten Mönche gewesen, so wie die armen Dienste Eures demüthigen Unterthanen Henbane Dwinings.« »Still!« rief der Kranke, »mit deiner unglückweissagenden Stimme und deinem noch schlimmer klingenden Namen! – Mir ist, während du von den Qualen sprichst, die ich erlitten, wie wenn sich meine zerschnittenen Nerven streckten und zusammenzögen, als regierten sie noch die Finger, die einst einen Dolch führen konnten.« »Dies,« erklärte der Arzt, »ist, mit Euer Gnaden Erlaubniß, eine Erscheinung, die uns Aerzten wohlbekannt ist. Es gab unter den alten Weisen einige, welche glaubten, es bestehe zwischen den Nerven eines abgenommenen Gliedes und dem Theile, von dem es getrennt wurde, noch eine Sympathie, und in einem Falle, wie z. B. der Eurige ist, können die Finger, die Ihr nicht mehr habt, beben und sich zusammenziehen, gleichsam um dem Antriebe zu entsprechen, der aus ihrer Sympathie mit der Lebenskraft des Gliedes hervorgeht, dem sie angehört haben. Könnten wir die Hand wieder bekommen, die gegenwärtig an das Stadtkreuz genagelt oder unter des schwarzen Douglas Obhut ist, so möchte ich die merkwürdige Erscheinung beobachten; aber ich glaube, man würde eben so sicher das Glied den Klauen eines hungrigen Adlers entreißen.« »Und du könntest eben so sicher deine boshaften Scherze an einem verwundeten Löwen üben, als an John von Ramorny!« sagte der Ritter, sich in unbezähmbarem Zorn aufrichtend. »Schurke! thu' deine Pflicht; und bedenke, daß ich, wenn meine Hand keinen Dolch mehr fassen kann, über hundert andere gebieten kann.« »Der Anblick einer einzigen zornig erhobenen wäre genügend,« sagte Dwining, »die Lebenskraft Eures Chirurgen zu vernichten. Aber wer,« fügte er dann in einem halb einschmeichelnden, halb höhnischen Tone hinzu, »wer würde dann die heiße und brennende Qual lindern, die mein Gönner jetzt leidet, und die ihn selbst gegen seinen armen Diener aufbringt, weil er die Regeln der Heilkunst erwähnt, die ohne Zweifel gegen die Kunst, Wunden zu schlagen, so verächtlich ist?« Dann, als wage er nicht länger mit der Laune des gefährlichen Kranken zu spielen, machte sich der Arzt ernstlich daran, die Wunde zu salben und legte einen wohlriechenden Balsam darauf, dessen Duft das Zimmer durchströmte und statt der brennenden Hitze eine erquickende Kühlung ertheilte; dieser Wechsel war dem fieberglühenden Kranken so angenehm, daß, wie er vorher vor Schmerz gestöhnt, er nun nicht umhin konnte, vor Vergnügen zu seufzen, während er auf seine Kissen zurücksank, um der Ruhe zu genießen, welche der Verband bewirkte. »Eure ritterliche Herrlichkeit weiß nun, wer Euer Freund ist,« sagte Dwining; »hättet Ihr einem raschen Antriebe nachgegeben und gesagt: ›schlagt mir den werthlosen Quacksalber todt,‹ wo würdet Ihr dann in den vier Meilen Britanniens den Mann gefunden haben, der Euch solche Linderung brachte?« »Vergeßt meine Drohungen, guter Arzt,« sagte Ramorny, »und hütet Euch, mich in Versuchung zu führen. Ein Mann wie ich will keinen Scherz über seine Qualen. Behalte deine Spöttereien für die Elenden im Spital.« Dwining wagte nichts mehr zu sagen, sondern goß einige Tropfen aus einer Phiole, die er aus der Tasche nahm, in einen kleinen Becher voll Wein mit Wasser gemischt. »Dieser Trank,« sagte der kunstreiche Mann, »soll Euch einen Schlaf schenken, der nicht unterbrochen werden darf. »Der Zeitraum der Wirkung ist ungewiß – vielleicht bis morgen.« »Vielleicht für immer,« sagte der Kranke. »Sir Apotheker, kostet mir sogleich diesen Trank, sonst geht er nicht über meine Lippen.« Der Arzt gehorchte ihm mit verächtlichem Lächeln. »Ich würde gern das Ganze austrinken; aber der Saft dieses indischen Gummi's bringt eben so gut dem gesunden, wie dem kranken Menschen Schlaf, und der Beruf des Arztes will, daß ich munter sei.« »Ich bitt' Euch um Verzeihung, Herr Arzt,« sagte Ramorny, die Augen niederschlagend, als schäme er sich, Argwohn gezeigt zu haben. »Es ist keine Verzeihung nöthig, wo man sich nicht beleidigt fühlen kann,« antwortete der Arzt. »Ein Insekt muß einem Riesen danken, daß er nicht darauf tritt. Doch, edler Ritter, Insekten wissen so gut zu schaden, als Aerzte. Was würde es mir, außer einem unruhigen Augenblicke, gekostet haben, den Balsam zu vergiften, den ich auf Eure Wunde legte, und dadurch Euern Arm bis zur Schulter brandig und Euer Blut zu einer verdorbenen Gallerte zu machen? Wer hätte mich gehindert, noch feinere Mittel anzuwenden, und Euer Gemach mit Essenzen zu vergiften, vor denen das Lebenslicht immer dunkler und dunkler flackert, und zuletzt wie eine Kerze im trüben Dunst einer unterirdischen Höhle erlischt? Ihr achtet meine Macht zu gering, wenn Ihr nicht wißt, daß meine Kunst mir noch mächtigere Zerstörungskreise leiht; aber der Arzt tödtet den Kranken nicht, von dessen Großmuth er lebt; und zumal den, dessen Nase die Hoffnung der Rache athmet, den geschworenen Verbündeten, der seinen eigenen Plan begünstigt, wird er noch weniger vernichten. – Doch, noch ein Wort; – sollte es nöthig werden, Euch zu wecken – denn welcher Mann in Schottland kann sich acht Stunden ununterbrochener Ruhe versprechen? – dann riecht an die starke Essenz, welche diese Büchse enthält. – Und nun lebt wohl, Herr Ritter; und könnt Ihr Euch mich nicht als einen Mann von strengem Gewissen denken, so erkennt zum Mindesten meine Vernunft und meinen Scharfsinn an.« Mit diesen Worten verließ der Apotheker das Gemach, indem seine gewöhnliche, niedrige und kriechende Miene etwas veredelt erschien, wie im Bewußtsein eines Sieges über seinen gebieterischen Kranken. Sir John Ramorny blieb zurück, in unangenehme Betrachtungen versunken, bis er die unmerklichen Wirkungen des einschläfernden Trankes zu empfinden begann. Er raffte sich für einen Augenblick empor und rief seinen Pagen. »Eviot! holla! Eviot! – ich habe unrecht gethan, mich diesem giftigen Quacksalber so weit zu entdecken – Eviot!« Der Page trat ein. »Ist der Apotheker fort?« »Ja, Euer Gnaden.« »Allein oder in Begleitung?« »Bonthron sprach leise mit ihm und folgte ihm fast auf dem Fuße – auf Euer Gnaden Befehl', denk' ich.« »Leider, ja – er geht, um einige Heilmittel zu holen – er wird bald zurückkehren. Wenn er betrunken ist, so laß ihn nicht in mein Gemach, und dulde nicht, daß er mit Jemand spricht. Er schwatzt, wenn sein Hirn vom Trinken umnebelt ist. Er war ein seltener Bursche, bis ihm eines Engländers Axt die Hirnschale traf; aber seit der Zeit schwatzt er närrisch, sobald ein Becher über seine Lippen gelaufen. – Sagte der Arzt dir etwas, Eviot?« »Nichts; er wiederholte nur seinen Befehl, Euer Gnaden nicht zu stören.« »Dem mußt du sicher gehorchen,« sagte der Ritter. »Ich fühle Schlaf kommen, den ich seit der unseligen Verwundung nicht genoß. – Wenigstens war's nur ein Augenblick, wenn ich schlief. Hilf mir das Kleid ablegen, Eviot.« »Möge Gott und die Heiligen Euch gute Ruhe senden, Mylord,« sagte der Page, der sich zurückzog, nachdem er seinem verwundeten Herrn den verlangten Beistand geleistet. Als Eviot das Zimmer verließ, murmelte der Ritter, dessen Hirn sich mehr und mehr verwirrte, des Pagen Abschiedsgruß vor sich hin. »Gott – Heilige – ich habe unter solchem Segen gesund geschlafen. Aber nun – ich denke, wenn ich nicht zur Erfüllung meiner stolzen Hoffnungen auf Macht und Rache aufwache, so ist der beste Wunsch für mich, daß der Schlummer, der nun auf mein Haupt fällt, der Vorläufer des Schlafes wäre, der meine geliehenen Kräfte wieder zum ursprünglichen Nichtsein zurückbringt – ich kann nicht weiter darüber denken.« So sprechend, fiel er in einen tiefen Schlaf. Sechzehntes Kapitel. Zu Fastnacht, als wir lustig waren. Schottisches Lied. Die Nacht, welche auf Ramorny's Krankenbett sank, sollte keine ruhige sein. Zwei Stunden waren seit dem Abendgeläute vergangen, welches damals um sieben Uhr stattfand, und Alle hatten sich in jener alten Zeit zur Ruhe begeben, außer solche, die Andacht, oder Beruf, oder Ausschweifung munter erhielt; da es nun der Abend vor Fastnacht war, so waren die Orte der Fröhlichkeit von jenen dreien bei weitem am meisten bevölkert. Das Volk hatte sich den ganzen Tag über beim Ballspiel ergötzt und ermüdet; die Ritter und Edeln hatten Hahnenkämpfe gehalten oder der üppigen Musik der Minstrels gelauscht, während die Bürger sich an Speckkuchen und fetter Brodsuppe gelabt hatten, – es war dies nämlich die Brühe, in welcher man gesalzenes Rindfleisch abgekocht, und worein man gerösteten Gries streute, ein Gericht, welches auch noch jetzt dem einfachen, altschottischer Sitte getreuen Gaumen nicht unangenehm ist. Diese Uebungen und Speisen waren dem Festtag eigenthümlich, auch war es strenge Regel, daß jeder gute Katholik am Abend so viel Bier und Wein trank, als er sich verschaffen konnte, und, wenn er jung und gewandt war, auf dem Ball tanzte oder unter den maurischen Tänzern eine Figur abgab, deren Kleidung in Perth, wie an anderen Orten, höchst seltsam war, und die sich durch Gewandtheit und Behendigkeit auszeichneten. Dieser Lustigkeit ließ man unter dem Vorwande freien Lauf, daß das große Fasten mit all' seinen Beschwerden und Entbehrungen nahe, und daß es daher klug sei, so viel Lust als möglich zu genießen und sich alle erdenklichen Thorheiten zu verzeihen, als man in dem kurzen Zeitraume vor dem Beginn jenes begehen konnte. Die üblichen Vergnügungen hatten stattgefunden, und in den meisten Theilen der Stadt war die gewöhnliche Ruhe eingetreten. Besonders angelegen hatte es sich der Adel sein lassen, eine Erneuerung des Zwistes zwischen seinem Gefolge und den Bürgern der Stadt zu verhüten; so waren die Lustbarkeiten mit weniger Unfällen als sonst vorübergegangen, indem man nur drei Todte und einige gebrochene Glieder zählte, was aber so unbedeutende Leute betraf, daß man es nicht näherer Nachfrage werth hielt. Der Karneval schloß im Allgemeinen ruhig, aber an einigen Orten hatte man die Lust noch nicht eingestellt. Eine Gesellschaft Schwärmer, die man besonders bemerkt und mit Beifallruf begleitet hatte, schienen ihre Lustbarkeit ungern zu schließen. Die Entry (Liste der Tänzer), wie man es nannte, bestand aus dreizehn Personen, gleichmäßig gekleidet, in dicht anschließenden Wämsern von Gemsleder, seltsam gezeichnet und gestickt. Sie trugen grüne Mützen mit silbernen Troddeln, rothe Bänder, weiße Schuhe, an Knieen und Knöcheln kleine Schellen und ein bloßes Schwert in der Hand. Diese geschmückte Schaar hatte vor dem König den Schwerttanz aufgeführt, der im Zusammenschlagen der Waffe und einem Wechsel seltsamer Stellungen bestand. Sie waren eben im Begriff, ihre Geschicklichkeit zum zweiten Male vor Simon Glovers Thür zu zeigen, ließen für sich und die Zuschauer Wein bringen und tranken laut jubelnd auf das Wohl des schönen Mädchens von Perth. Der alte Simon erschien an der Thür seiner Wohnung, um die Artigkeit seiner Mitbürger anzuerkennen, und dagegen den Wein zu Ehren der lustigen Mohrentänzer von Perth umgehen zu lassen. »Wir danken dir, Vater Simon,« sagte eine Stimme, die in einem künstlichen Gequik den Ton des Oliver Proudfute schlecht zu verbergen strebte. »Aber ein Anblick deiner lieblichen Tochter wäre unserem jungen Blut süßer gewesen, als ein ganzes Faß voll Malvasier.« »Ich dank' euch, Nachbarn, für euer Wohlwollen,« erwiderte der Handschuhmacher. »Meine Tochter ist nicht wohl und kann nicht in die kalte Nachtluft kommen – aber wenn dieser fröhliche Herr, dessen Stimme ich kennen sollte, in mein armes Haus kommen will, so wird sie ihm den Dank für die Uebrigen übertragen.« »Bringt ihn uns in Greif's Schenke,« riefen die übrigen Tänzer ihrem begünstigten Gefährten zu; »denn dort wollen wir Kehraus machen und die Gesundheit der schönen Katharina noch einmal trinken.« »Ich bin in einer halben Stunde bei euch,« sagte Oliver, »und will sehen, wer die größte Flasche leert oder das lauteste Lied singt. Ja, ich will so lustig sein zum Schluß des Karnevals, als sollte sich mit den Fasten mein Mund für immer schließen.« »So lebt wohl,« riefen seine Genossen im Mohrentanz; »lebt wohl, lustiger Strumpfwirker, bis wir uns wiedersehen.« Die Mohrentänzer setzten also ihren Zug fort, tanzend und singend, während sie, von vier Musikanten geführt, hingingen, und Simon Glover ihren Koryphäen in sein Haus zog und ihm einen Stuhl an das Feuer rückte. »Aber wo ist Eure Tochter?« sagte Oliver. »Sie ist der Magnet für uns tapfere Degen.« »Ei, sie hütet wirklich ihr Zimmer, Nachbar Oliver; »und, um offen zu sprechen, sie hütet ihr Bett.« »Ei, dann will ich hinauf und sie in ihrem Kummer sehen – Ihr habt meinen Zug gestört, Gevatter Glover, und Ihr seid mir Ersatz schuldig; ein lustiger Degen, wie ich, will nicht Beides, das Mädchen und das Glas, verlieren. – Sie hütet das Bett wirklich? Mein Hund und ich besuchen dir Zu gern nur kranke Mädchen hier; Wenn krank sie und am Sterben sind, Dann kommt mein Hund und ich geschwind. Und sterb' ich, wie es doch muß sein, So scharrt mich unter'm Bierfaß ein; Verschlung'nen Arm's ruht sicherlich Und traulich dann mein Hund und ich.« »Kannst du nicht einen Augenblick ernst sein, Nachbar Proudfute?« sagte der Handschuhmacher; »ich habe ein Wort mit dir zu reden.« »Ernst?« antwortete der Gast; »ei, ich bin den ganzen Tag ernst gewesen – ich kann kaum den Mund aufthun, ohne daß etwas von Tod, Begräbniß und dergleichen herauskommt – das sind die ernstesten Gegenstände, die ich kenne.« »Bei St. John, Mensch!« sagte der Handschuhmacher, »bist du dem Tode geweiht?« »Nein, ganz und gar nicht – 's ist nicht mein eigener Tod, den diese düsteren Gedanken anzeigen – ich habe ein gutes Horoscop und werde noch fünfzig Jahre leben. Aber es ist das Geschick des armen Schelms – des Douglassöldners, den ich im Gefecht am Valentinstag niederschlug – er starb letzte Nacht – das ist's, was mir auf der Seele lastet und düstere Gedanken weckt. Ach, Vater Simon, wir Kriegsleute, die wir Blut in unserem Zorn vergießen, haben manchmal finstere Gedanken – ich wünsche bisweilen, daß mein Messer nichts als verworrene Fäden zerschnitten hätte.« »Und ich wünsche,« sagte Simon, »das meine hätte nichts als Bockleder zerschnitten, denn es schnitt bisweilen in meinen eigenen Finger. Aber du kannst deine Gewissensbisse jetzt sparen; in dem Gefechte ward nur ein Mann gefährlich verwundet, der, welchem Harry Schmied die Hand abhieb, und er hat sich wieder erholt. Sein Name ist der schwarze Quentin, einer aus Sir John Ramorny's Gefolge. Man hat ihn insgeheim nach seiner Heimath Fife geschickt. »Was, der schwarze Quentin? – ei, das ist derselbe Mann, den Harry und ich, als wir dicht beisammen standen, im nämlichen Augenblicke trafen, nur daß mein Hieb etwas früher fiel. – Ich fürchte, es wird weitere Fehde nach sich ziehen, und der Oberrichter theilt meine Meinung. – Und er hat sich erholt? Ei, dann will ich fröhlich sein, und da du mich nicht sehen lassen willst, wie Katharina ihr Nachtkleid steht, so will ich nach dem Greif zu meinen Mohrentänzern.« »Nein, wartet einen Augenblick. Du bist ein Kamerad Harry Wynds, und hast ihm den Dienst erwiesen, ein paar Thaten für ihn zu verrichten, wie unter anderen diese letzte. Ich wollte, du könntest ihn von anderen Beschuldigungen reinigen, womit ihn das Gerücht beladen hat.« »Nun, ich will beim Griff meines Schwertes schwören, daß sie falsch sind, wie die Hölle, Vater Simon. – Wie! Degen und Schilder! Sollen Männer des Schwertes einander im Stich lassen?« »Ei, Nachbar Strumpfwirker, sei geduldig; du möchtest dem Schmied einen Dienst thun, und du bist so auf dem rechten Wege. Ich suche deinen Rath hinsichtlich dieser Angelegenheit – nicht als hielte ich dich für den weisesten Kopf in Perth, denn wenn ich das sagte, so würd' ich lügen.« »Ja, ja,« antwortete der selbstzufriedene Strumpfwirker; – »ich weiß, was Ihr mir zur Last legt – Ihr kalten Köpfe denkt, wir Hitzköpfe sind Narren. – Ich habe die Leute den Harry Wynd wohl zwanzig Mal so nennen hören.« »Narr genug und kalt genug reimt sich fast zusammen,« sagte der Handschuhmacher; »du bist gutmüthig und liebst deinen Kameraden. Es steht mit uns und ihm jetzt übel,« fuhr Simon fort. »Du weißt, daß von einer Heirath zwischen meiner Tochter und Harry Gow die Rede gewesen ist?« »Ich habe so ein Lied gehört seit dem St. Valentinsmorgen – Ach! der das schöne Mädchen von Perth gewinnt, muß ein glücklicher Mann sein – und doch verdirbt die Ehe manchen hübschen Burschen – ich selber bedaure fast – « »Bitte, laß dein Bedauern für diesmal sein, Freund,« unterbrach ihn der Handschuhmacher etwas kurz. »Ihr müßt wissen, Oliver, daß einige der schwatzhaften Weiber, die alle Angelegenheiten in der Stadt zu ihren eigenen machen, Harry beschuldigt haben, er gebe sich mit Sängerinnen und dergleichen ab. Katharina nahm es sich zu Herzen, und ich hielt mein Kind für beleidigt, weil sich Harry gar nicht betrug, wie es einem Valentin ziemte, sondern am nämlichen Tag, wo er der alten Sitte gemäß die beste Gelegenheit hatte, mit meiner Tochter von seiner Liebe zu reden, eine unanständige Gesellschaft vorzog. Auch versagte ich ihm, da er Abends sehr spät zu mir kam, die Thür, und wie ein alter Narr bat ich ihn, in sein Haus zu der Gesellschaft zurückzugehen, aus der er herkomme. Ich habe ihn seitdem nicht gesehen und fange an, meine Hitze für vorschnell zu halten. Katharina ist meine einzige Tochter, aber lieber wollt' ich sie im Grabe sehen, als einem Liederlichen geben. Indes kenne ich Harry Gow wie meinen eigenen Sohn, ich kann nicht glauben, daß er uns beleidigen wollte, und ohne Zweifel läßt sich der ihm aufgebürdete Fehler zu seinem Vortheil erklären. Man rieth mir, mich an Dwining zu wenden, der dem Schmied auf dem Spaziergang mit seiner Genossin begegnete. Wenn ich dem Apotheker glaube, so war es Harry's Muhme, Joan Letham. Aber du weißt, daß der Quacksalber immer mit seinem Gesicht diese Sprache redet und mit seiner Zunge eine andere. – Nun, du Oliver, hast, wie ich denke, zu wenig Witz – ich meine zu viel Ehrbarkeit – um die Wahrheit zu belügen, und da Dwining mich merken ließ, daß auch du sie gesehen hast –« »Ich sie gesehen, Simon Glover? Wird Dwining sagen, daß ich sie sah?« »Nein, nicht so ganz bestimmt – aber er sagt, Ihr erzähltet ihm, daß Ihr den Schmied in solcher Gesellschaft getroffen.« »Er lügt, und ich will ihn in einem Mörser zerstampfen!« sagte Oliver Proudfute. »Wie? Erzähltet Ihr ihm nichts von einer solchen Begegnung?« »Und wenn ich es nun that?« sagte der Strumpfwirker. »Schwur er nicht, daß er keinem Sterblichen je wieder sagen wolle, was ich ihm mittheilte? Und daher macht' er sich, indem er Euch die Sache erzählte, zum Lügner.« »Also trafst du den Schmied,« sagte Simon, »nicht mit einem so lockern Gepäck, wie das Gerücht sagt?« »Ei, zum Henker, nein – vielleicht war's so, vielleicht nicht. Denkt, Vater Simon, ich bin seit vier Jahren ein Ehemann, und könnt Ihr von mir denken, ich könne mich an die Knöchel einer Sängerin, an ihren Fuß, an die Stickerei ihres Rockes und solches Zeug erinnern? Nein, ich überlasse das unverheiratheten jungen Burschen, wie mein Gevatter Harry.« »Der Schluß ist also,« sagte der Handschuhmacher sehr mißmuthig, »Ihr begegnetet ihm doch am St. Valentinstag auf offener Straße spazierend –« »Nicht doch, Nachbar; ich traf ihn in dem entferntesten und dunkelsten Gäßchen von Perth, eilig seinem Hause zusteuernd mit Sack und Pack, welches er, als galanter Bursch, aus dem Arme trug, den kleinen Hund auf dem einen, während ihm die Donna – mir kam sie recht hübsch vor – am andern hing.« »Nun, bei St. John!« sagte der Handschuhmacher, »diese Schmach könnte einen Christenmenschen seinen Glauben verläugnen und Mahomed in seinem Zorn anbeten lassen! Aber er hat meine Tochter zum letzten Mal gesehen. Ich sähe lieber, sie ginge mit einem barfüßigen Räuber nach den Hochlanden, als daß sie Einen heirathete, der auf solche Weise Ehre und Anstand vergessen kann. – Es ist aus mit ihm!« »Ei, ei, Vater Simon,« sagte der freisinnige Strumpfwirker; »Ihr betrachtet die Welt nicht aus dem Standpunkte jungen Blutes. Sie waren nicht lange beisammen, denn – die Wahrheit zu sagen, ich gab ein Bischen auf ihn Achtung – ich traf ihn vor Sonnenaufgang, seine irrende Dirne nach unserer Frauen Treppe führend, damit sich die Dirne auf dem Tay einschiffen sollte; und ich weiß gewiß – denn ich erkundigte mich – daß sie nach Dundee absegelte. So seht Ihr also, es war nur eine kleine Jugendverirrung.« »Und er kam hierher,« sagte Simon bitter, »und bat um Zutritt bei meiner Tochter, während ihn daheim seine Buhlerin erwartete! Lieber wollt' ich, er hätt' ein Dutzend Menschen erschlagen! – Das wäre nicht der Rede werth, am wenigsten bei dir, Oliver Proudfute, der, wenn du nicht so Einer bist, wie er, doch dafür gehalten sein möchte. Aber –« »Ei, nehmt die Sache nicht so ernstlich,« sagte Oliver, der zu erwägen begann, welches Unheil sein Geschwätz wahrscheinlich für seinen Freund anstiften mußte, und welche Folgen Harry Gows Mißfallen haben werde, wenn er hinter die Eröffnung käme, die er mehr aus Herzensalbernheit als in böser Absicht gemacht hatte. »Bedenkt,« fuhr er fort, »daß solche Thorheiten der Jugend zuzuschreiben sind. Gelegenheit reizt die Menschen zu solchen Vergehungen und das Geständniß wird sie auslöschen. Ich scheue mich nicht, dir zu sagen, daß, obwohl mein Weib eine so hübsche Frau ist, als die Stadt nur eine hat, ich doch selber –« »Still, thörichter Prahler!« sagte der Handschuhmacher hoch erzürnt; »Deine Liebschaften und deine Schlachten sind beide gleich apokryphisch. Wenn du einmal lügen mußt, was, wie mich dünkt, in deiner Natur liegt, kannst du nicht wenigstens eine Lüge erfinden, die dir Ehre macht? Glaubst du nicht, daß ich in dein Herz sehe, wie ich das Licht durch das Horn einer schlechten Laterne sehe? Glaubst du nicht, daß ich weiß, du elender Weber schmutzigen Garns, wie du nicht mehr wagtest, durch deine eigene Thür zu gehen, wenn dein Weib gehört hätte, wessen du dich rühmst? Daß du nicht den Muth hättest, dein Schwert mit einem zwölfjährigen Knaben zu kreuzen, der das seine zum ersten Mal in seinem Leben zöge? Bei St. John, es hieße Euch für die Mühe Eurer Klatschereien zahlen, deinem Weibe die Kunde deiner lustigen Streiche zuzuschicken.« Der Strumpfwirker fuhr bei dieser Drohung zusammen, wie wenn ein Armbrustbolzen, da er's am wenigsten erwartete, an seinem Kopf vorbeigepfiffen wäre. Mit zitternder Stimme erwiderte er: »Ei, guter Vater Glover, du nimmst dir zu viel heraus auf Kosten deines grauen Haares. Erwäge, guter Nachbar, du bist zu alt, um dich mit einem jungen Kriegsmann zu messen. Und was meine Magda betrifft, so kann ich dir trauen, denn ich weiß, daß sich Keiner weniger scheut, als du, den Frieden einer Familie zu stören.« »Deine Dummheit vertraue nicht länger auf mich,« sagte der erzürnte Handschuhmacher; »aber schaffe dich selbst und das Ding, welches du einen Kopf nennst, aus meinem Bereich, oder ich borge fünf Minuten meiner Jugend zurück und breche dir den Schädel!« »Ihr habt einen lustigen Fastnachtabend gehalten, Nachbar,« sagte der Strumpfwirker, »und ich wünsche Euch einen ruhigen Schlaf; wir werden morgen bessere Freunde sein.« »Aus meinem Hause heut' Nacht!« sagte der Handschuhmacher. »Ich schäme mich, daß eine so thörichte Zunge, wie die deine, mich so aufzubringen vermochte. – Narr – Thier – klatschzüngiger Thor!« sprach er für sich weiter, sich selber in einen Stuhl werfend, als der Strumpfwirker verschwand; »daß ein Kerl, der aus Lügen besteht, keine finden kann, wenn es gilt, die Schmach eines Freundes zu verbergen? Und ich, wer bin ich, daß ich wünschte, die ungeheure Schmach, die mich und meine Tochter traf, entschuldigt zu sehen? Und doch, ich dachte so gut von Harry, daß ich alle Lügen zu glauben bereit war, die der prahlerische Esel hätte erfinden können. Nun wohlan! Es ist nicht der Mühe werth, daran zu denken. Unser ehrlicher Name muß bleiben und sollte auch Alles sonst zu Grunde gehen.« Während der Handschuhmacher sich über die unwillkommene Bestätigung des Gerüchtes moralisirte, das er gern für unwahr gehalten hätte, hatte der verwiesene Mohrentänzer Muße, in der beruhigenden Luft einer kalten und finstern Februarnacht über die Folgen von des Handschuhmachers ungezähmtem Zorne nachzudenken. »Aber er ist nichts,« dachte er bei sich, »gegen den Zorn Harry Wynds, der einen Menschen um weit Geringeres getödtet hat, als die Erregung von Zwiespalt zwischen ihm und Katharina, so wie dem hitzigen alten Vater. Gewiß, ich hätte lieber Alles läugnen sollen. Aber die Lust, als ein gewandter Galan zu scheinen, – der ich in der That bin – überwältigte mich. Thu' ich gut, im Greif das Fest zu beschließen? Magda wird lärmen, wenn ich nach Hause komme. Doch, heut' ist ja Fastnacht, da darf ich mir schon was erlauben. Da fällt mir ein guter Gedanke bei: ich gehe nicht zum Greif, ich will mich zum Schmied begeben; er muß daheim sein, da ihn heut' noch Niemand gesehen hat. Ich will Frieden mit ihm zu machen suchen und ihm meine Vermittelung beim Handschuhmacher antragen. Harry ist ein ehrlicher, gerader Bursch, und obwohl ich gestehen muß, daß er bei einem Tumult tüchtiger ist, als ich, so kann ich doch im Wortstreit machen, was ich will. – Die Straßen sind jetzt ruhig, die Nacht ist finster, und ich verberge mich leicht, wenn mir Jemand begegnet. Ja, ich will zum Schmied gehen – und, wenn ich mir seine Freundschaft erhalte, den alten Simon auslachen. St. Ringan bringe mich sicher durch diese Nacht, und ich will mir die Zunge lieber ausreißen, eh' sie meinen Kopf wieder in solche Gefahr bringen soll! Jener alte Bursche glich, als sein Blut wallte, eher einem Menschen, der Büffelkoller durchhaut, als einem Gemsfellschneider.« Mit diesen Betrachtungen wandelte der gewaltige Oliver eilig, doch so geräuschlos wie möglich, nach dem Wynd, wo, wie unsere Leser wissen, der Schmied seine Wohnung hatte. Aber das böse Geschick ließ nicht ab, ihn zu verfolgen. Als er sich nach der hohen oder Hauptstraße wandte, hörte er einen musikalischen Akkord, begleitet von einem lauten Jubel, in der Nähe. »Meine lustigen Genossen, die Mohrentänzer,« dachte er; »ich kenne des alten Jeremias Geige unter hundert andern. Ich will mich über die Straße wagen, eh' sie herankommen – wenn man mich erspäht, werden sie denken, ich habe ein besonderes Abenteuer, und das wird meine Ehre als wackerer Raufbold erhöhen.« Mit diesem Verlangen nach Auszeichnung unter den Fröhlichen und Tapfern, welches jedoch im Innern klügere Betrachtungen bekämpften, machte der Strumpfwirker einen Versuch, über die Straße zu gehen. Aber die Nachtschwärmer, wer sie auch sein mochten, waren von Fackeln begleitet, deren Licht auf Oliver fiel, dessen hellfarbiges Kleid ihn um so leichter sichtbar machte. Der allgemeine Ruf; »Ein Fang! ein Fang!« übertäubte den Gesang des Minstrels, und bevor der Strumpfwirker entscheiden konnte, ob es besser sei, zu stehen oder zu fliehen, ergriffen ihn zwei gewandte junge Männer, gehüllt in phantastische Maskengewänder, wilde Menschen vorstellend und große Keulen tragend, die in tragischem Tone sagten: »Ergib dich, Mann der Schellen und des Bombasts; ergib dich auf Gnad' und Ungnade, oder du bist nur ein todter Mohrentänzer.« »Wem soll ich mich ergeben?« sagte der Strumpfwirker mit bebender Stimme; denn obwohl er sah, daß er's mit einer Gesellschaft Masken zu thun hatte, welche nur Vergnügen suchten, so bemerkte er doch zu gleicher Zeit, daß sie weit über seinem Stande waren, und er verlor die Kühnheit, die nöthig war, seine Rolle in einem Spiele zu unterstützen, wobei der Schwächere wahrscheinlich am schlechtesten wegkommen mußte. »Du raisonnirest, Sclave?« antwortete eine der Masken; »soll ich dir zeigen, daß du ein Gefangener bist, indem ich dir zugleich die Bastonade gebe?« »Ganz und gar nicht, Gewaltiger aus Indien,« sagte der Strumpfwirker; »wahrlich, ich stehe Euch durchaus zu Befehl.« »So komm,« sagten Jene, die ihn gefangen hatten, »komm, und huldige dem Kaiser der Gaukler, dem König der Springer und dem Großherzog der finstern Stunden, und erkläre, mit welchem Rechte du so anmaßend warst, zu singen und zu tanzen und Schuhleder in seinen Bereich zu tragen, ohne ihm Tribut zu geben. Weißt du nicht, daß du die Strafe des Hochverraths verwirkt hast?« »Das wäre hart, dünkt mich,« sagte der arme Oliver, »da ich nicht wußte, daß Se. Majestät diesen Abend die Herrschaft übte. Aber ich will gern das Vergnügen büßen, wenn die Börse eines armen Strumpfwirkers es vermag, einige Kannen Wein oder so etwas als Strafe zu entrichten.« »Bringt ihn vor den Kaiser!« schrie man allgemein; und der Mohrentänzer ward vor die schmächtige, aber hübsche und leichte Gestalt eines jungen Mannes gestellt, welcher prächtige Kleider, Gürtel und eine Tiara von Pfauenfedern trug, die man damals als große Seltenheit aus Indien brachte. Eine kurze Jacke schloß sich unter der Brust über einem Leopardenfell; im Uebrigen war er mit fleischfarbener Seide bedeckt und sah einem indischen Fürsten ganz ähnlich; er trug Sandalen, die mit scharlachrothen Seidenbändern befestigt waren, und eine Art Fächer, wie die Damen damals brauchten, ebenfalls aus Pfauenfedern bestehend, die in einem Büschel zusammenstanden. »Was für einen Patron haben wir da,« fragte der indische Häuptling, »der es wagt, die Mohrenglocken an die Knöchel eines dummen Esels zu binden? – Hört Ihr, Freund, Euer Kleid macht Euch zu unserem Unterthan, da unser Reich sich über's ganze Narrenland erstreckt, umfassend Gaukler und Minstrels jeder Gattung. – Wie, ist die Zunge gefesselt? Er braucht Wein – gebt ihm eine Nußschale voll Sect!« Eine gewaltige Kürbisflasche voll Sect ward den Lippen des Flehenden geboten, während dieser Fürst der Schwärmer ihn ermahnte: – »Knack' mir diese Nuß und mach' es hübsch und ohne Grimassen.« Aber wie gern auch Oliver einen guten Schluck dieses trefflichen Weines genossen hätte, so erschreckte ihn doch die Menge, die er bewältigen sollte. Er that einen Zug und bat dann um Gnade. »Mit Eurer fürstlichen Erlaubniß, ich habe noch weit zu gehen, und wenn ich Eurer Majestät Huld völlig genießen wollte, wofür Ihr meinen schuldigen Dank annehmen mögt, so würd' ich nicht im Stande sein, über den nächsten Graben zu schreiten.« »Bist du im Stande, dich als lustiger Bruder zu betragen? Nun, thu' einen Sprung – ha! eins – zwei – drei – vortrefflich! – noch einmal – gebt ihm den Sporn – (hier gab ein Trabant des Indiers Oliver einen leichten Schwertstreich) – nein, das war das Beste von Allem – er sprang wie eine Katze in der Dachrinne! Gebt ihm die Nuß noch einmal – nun, keinen Zwang, er hat seine Buße gezahlt, und verdient nicht nur freie Entlassung, sondern Belohnung. Knie nieder, knie, und steh' auf Sir Ritter von der Kürbißflasche! Wie heißt du? Leih' mir Einer von Euch ein Rapier.« »Oliver, wenn's Euer Gnaden gefällt – Eurer Majestät, wollt' ich sagen.« »Oliver, Mann? na, dann bist du schon einer der zwölf Pairs, und das Schicksal ist unserer beabsichtigten Beförderung zuvorgekommen. Aber steh' auf, werther Sir Oliver Strohkopf, Ritter des ehrenwerthen Ordens vom Tanzschuh. – Steh' auf im Namen des Unsinns, und geh' deinen eignen Schlichen nach und der Teufel geh' mit dir.« Mit diesen Worten gab der Fürst der Schwärmer mit flacher Klinge des Strumpfwirkers Schultern einen Schlag, und Oliver sprang mit mehr Behendigkeit, als er bisher gezeigt hatte, auf seine Füße und tanzte, angetrieben durch das Lachen und Halloh, das sich hinter ihm erhob, an des Schmieds Hause an, so eilend, wie ein gejagter Fuchs bei seiner Höhle. Erst als der in Furcht gejagte Strumpfwirker einen Schlag an die Thür gethan hatte, besann er sich, daß er vorher hätte überlegen sollen, auf welche Art er sich bei Harry einführen und wie er dessen Vergebung für die unbedachten Mittheilungen bei Simon Glover erlangen könnte. Man antwortete nicht auf sein erstes Klopfen, und vielleicht hätte in dem Augenblick, da all' diese Betrachtungen in seinem erschreckten Gemüthe sich erhoben, der Strumpfwirker seinen Plan aufgegeben, aber ein ferner Schall von Gesang weckte seine Besorgnisse, wieder in die Hände der lustigen Masken zu fallen, denen er entgangen war, und er erneuerte sein Klopfen am Thor der Schmiedswohnung mit hastiger, obwohl zitternder Hand. Dann vernahm er die tiefe, aber wohlklingende Stimme Harry Gow's, der von innen rief: – »Wer klopft zu dieser Stunde? – und was ist Euer Begehr?« »Ich bin's – Oliver Proudfute,« erwiderte der Strumpfwirker; »ich hab' Euch einen lustigen Spaß zu erzählen, Gevatter Harry.« »Bring' deine Narrheit auf einen andern Markt. Ich bin in keiner scherzhaften Laune,« sagte Harry; »geh' fort. – Ich will heut' Nacht Niemand sehen.« »Aber, Gevatter – guter Gevatter,« antwortete der Kriegsheld außen, »ich bin von Schurken bedrängt und bitte um den Schutz deines Hauses.« »Narr, der du bist!« erwiderte Harry; »kein Hahn vom Düngerhof, der schlechteste, der an diesem Fastnachtabend gekämpft hat, würde seine Federn gegen einen solchen feigen Vogel, wie du bist, sträuben!« In diesem Augenblick ertönte wieder Gesang, und zwar, wie der Strumpfwirker merkte, viel näher, wodurch seine Besorgniß auf's Höchste stieg; mit einer Stimme, welche unverkennbar die größte Furcht ausdrückte, rief er: – »Um unserer guten Gevatterschaft und der Liebe unserer lieben Frau willen, laßt mich ein, Harry, wenn Ihr mich nicht als blutigen Leichnam an Eurer Thür finden wollt, erschlagen von dem blutgierigen Douglas!« »Das würde eine Schande für mich sein,« dachte der gutmüthige Schmied; »und er kann allerdings in wirklicher Gefahr sein. Es streifen Falken umher, die auf einen Sperling so gut wie auf einen Reiher stoßen.« Mit diesen Gedanken, halb gemurmelt, halb gesprochen, that Harry seine wohlbefestigte Thür auf, um die Wahrheit der Gefahr zu untersuchen, bevor er seinen unwillkommenen Gast in sein Haus treten ließ. Aber während er sich in der Straße umsah, um zu erkennen, wie die Sachen ständen, schlüpfte Oliver in das Haus wie ein gehetztes Reh in ein Dickicht, und ließ sich bei des Schmieds Küchenfeuer nieder, bevor Harry die Straße auf- und absehen und sich überzeugen konnte, daß den besorgten Flüchtling keine Feinde verfolgten. Er schloß daher seine Thür und kehrte in die Küche zurück, unzufrieden, daß er seine melancholische Einsamkeit hatte stören lassen, indem er Befürchtungen theilte, die doch, wie er denken konnte, bei seinem furchtsamen Mitbürger so leicht zu erregen waren. »Wie nun?« sagte er kalt genug, als er den Strumpfwirker ruhig an seinem Herde sitzen sah. »Was sind das für thörichte Possen, Meister Oliver? – ich sehe Niemand in der Nähe, der Euch Etwas zu Leide thun will.« »Gib mir was zu trinken, guter Gevatter,« sagte Oliver, »ich bin von der Eile erschöpft, mit der ich hierher zu kommen suchte.« »Ich habe geschworen,« sagte Harry, »daß dieß keine lustige Nacht in diesem Hause sein soll – ich bin in meinen Werkeltagskleidern, wie Ihr seht, und halte Fasten, wozu ich guten Grund habe, statt des Festes. Ihr habt genug getrunken für den Festabend, denn die Zunge ist Euch bereits schwer. Wenn Ihr noch mehr Bier oder Wein wollt, müßt Ihr anderswohin gehen.« »Ich habe schon mehr als genug gehabt,« sagte der arme Oliver, »und wäre fast darin ersäuft worden. – Die verfluchte Kürbißflasche! – einen Trunk Wasser, guter Gevatter! – Darum laßt Ihr mich doch nicht umsonst bitten? oder, wenn Ihr wollt, einen Becher Dünnbier.« »Nun, wenn das Alles ist,« sagte Harry, »das soll nicht fehlen. Aber es muß viel gewesen sein, was dich dahin brachte, um solchen Trank zu bitten.« So sprechend füllte er eine Quartflasche aus einem Fasse, das in der Nähe stand, und setzte sie seinem Gaste vor. Oliver nahm sie sogleich, führte sie mit zitternder Hand zum Munde, und schlürfte den Inhalt mit Lippen, die vor Aufregung bebten, und obwohl das Getränk so dünn war, als er verlangt hatte, so war er doch so erschöpft von der Furcht wegen Angriffen und von früheren Gelagen, daß, als er die Flasche auf den Eichentisch setzte, er einen tiefen Seufzer der Beruhigung hören ließ und schwieg. »Nun, jetzt habt Ihr Euern Trunk gehabt, Gevatter,« sagte der Schmied, »was bedürft Ihr sonst? Wo sind die, die Euch bedrohten? Ich konnte Niemand sehen.« »Nein – aber es waren zwanzig, die mich nach dem Wynd verfolgten,« sagte Oliver. »Als sie uns aber beisammen sahen, so verloren sie freilich den Muth, der Alle gegen Einen von uns gebracht hätte.« »Ei, treib' keinen Scherz, Freund Oliver,« erwiderte sein Wirth. »Dazu bin ich nicht aufgelegt.« »Ich scherze nicht, bei St. John von Perth. Ich bin angehalten und schnöde behandelt worden (dabei fuhr seine Hand über den angegriffenen Theil), und zwar durch den tollen David von Rothsay, den tobenden Ramorny und die Anderen. Sie ließen mich eine Viertelstonne Malvasier trinken.« »Du redest thöricht, Mensch, – Ramorny ist krank und dem Tode nah', wie der Apotheker überall erzählt; sie, und zumal Ramorny, können gewiß um Mitternacht nicht aufstehen, um solche Possen zu treiben.« »Ich kann's zwar nicht behaupten,« erwiderte Oliver; »aber ich sah die Gesellschaft bei Fackellicht, und ich kann einen körperlichen Eid schwören, daß ich sie an den Mützen erkannte, die ich seit dem Unschuldigen-Kindeltag für sie gemacht habe. Sie sind wunderlich geformt und ich muß doch mein eigenes Gewebe kennen.« »Nun, es kann dir ein Leid zugefügt worden sein,« antwortete Harry. »Wenn du in wirklicher Gefahr bist, so will ich dir hier ein Bett machen lassen. Aber Ihr müßt Euch sogleich hineinlegen, denn ich bin nicht aufgelegt zum Plaudern.« »Ach, ich würde dir für ein Nachtquartier sehr danken, aber meine Magda wird böse – das heißt, nicht böse, denn darnach frag' ich nichts – aber, die Wahrheit zu sagen, sie ist gar zu besorgt in einer lustigen Nacht wie diese, da sie weiß, mein Sinn gleicht dem deinigen – ein Wort und ein Hieb.« »Nun, dann geh' heim,« sagte der Schmied, »und zeig' ihr, daß ihr Schatz in Sicherheit ist, Meister Oliver – die Straßen sind ruhig – und um offen zu reden: ich möchte allein sein.« »Ach, ich hab' aber noch über wichtige Dinge mit dir zu reden,« erwiderte Oliver, der sich scheute zu bleiben, und doch auch nicht gern gehen wollte. »Es hat Lärm gegeben in unserm Stadtrath wegen der Geschichte vom Valentinsabend. Der Oberrichter sagte mir vor kaum vier Stunden, der Douglas und er wären übereingekommen, die Fehde durch einen Kämpfer von jeder Partei zu entscheiden, und es werde unser Bekannter, der Teufels-Dick, seinen Adel bei Seite setzen und die Sache des Douglas und der Edelleute verfechten. Obwohl ich nun der ältere Bürger bin, so will ich doch gern um unsrer alten Liebe und Freundschaft willen dir den Vorrang lassen, und mich mit dem bescheidenen Amte des Sekundanten begnügen.« Harry Schmied, obwohl ungehalten, konnte doch kaum ein Lächeln unterdrücken. »Wenn es das ist, was deine Ruhe stört und dich um Mitternacht von deinem Bette fern hält, so will ich die Sache abmachen. Du sollst den dir angebotenen Vorzug nicht einbüßen. Ich habe einige Dutzend Zweikämpfe durchgefochten – nur allzuviel. Du bist, denk' ich, blos deinem hölzernen Sultan begegnet – es wäre unbillig – ungerecht – unfreundlich – wenn ich dein freundliches Anerbieten mißbrauchte. So geh' heim, guter Freund, und laß nicht die Furcht, Ruhm einzubüßen, deinen Schlummer stören. Ruhe in der Ueberzeugung, daß du der Anforderung antworten wirst, wozu du das Recht hast, da dich der grobe Reiter beleidigte.« »Sehr dankbar, herzlichen Dank,« sagte Oliver, sehr verlegen durch seines Freundes unerwartete Nachgiebigkeit. »Du bist der gute Freund, wie ich dich immer kannte. Aber ich hege zu viel Freundschaft für Harry Schmied, als er für Oliver Proudfute. Ich schwöre bei St. John, ich will nicht zu deinem Nachtheil in diesem Streite fechten. Das ist nun ausgesprochen und die Versuchung kann mir nichts mehr anhaben, da du mich nicht meineidig sehen sollst und gäb' es zwanzig Duelle zu bestehen.« »Hör',« sagte der Schmied, »bekenne, daß du Furcht hast, Oliver. Sage gleich die ehrliche Wahrheit, oder ich lasse dich das Duell ausfechten, so gut du kannst.« »Ei, guter Gevatter,« erwiderte der Strumpfwirker, »du weißt, ich fürchte mich nie. Aber, in Wahrheit, Jener ist ein verzweifelter Schurke; und da ich ein Weib habe – die arme Magda, du weißt ja – und kleine Familie, und du –« »Und ich,« antwortete Harry heftig, »habe keine, und nie werd' ich eine haben.« »Ei, wirklich – so ist es allerdings – und daher wollt' ich, du föchtest lieber diesen Kampf als ich.« »Nun, bei unserer lieben Frau, Gevatter!« antwortete der Schmied, »du bist leicht fertig! Wisse, du thörichter Bursche, daß Sir Patrick Charteris, der immer ein lustiger Mann ist, nur mit dir gespaßt hat. Meinst du, er würde die Ehre der Stadt auf deinen Kopf wagen? oder daß ich dir den Vorrang lassen würde, wo es eine solche Sache gilt? Nun gut, geh' heim, laß dir von Magda eine warme Nachtmütze um den Kopf binden; nimm ein gutes Frühstück und ein Glas Branntwein, und du wirst im Stande sein, morgen deinen hölzernen Dromond oder Sultan, wie du ihn nennst, zu bekämpfen, das einzige Wesen, welches je deine Hiebe treffen werden.« »Ach, wie du sprichst, Kamerad!« antwortete Proudfute, sehr erleichtert, aber doch für nöthig erachtend, den Beleidigten zu spielen. »Ich kümmere mich nicht um deine schlechte Laune; es ist gut für dich, daß du meine Geduld nicht so weit erschöpfen kannst, um mit dir zu streiten. Genug – wir sind Gevattern und das ist dein Haus. Warum sollten die beiden besten Klingen in Perth einander bekämpfen? Ei, ich kenne deine üble Laune und kann sie verzeihen. – Aber ist die Fehde wirklich aufgehoben?« »So vollkommen, als je ein Hammer einen Nagel befestigte,« sagte der Schmied. »Die Stadt hat dem Johnston eine Börse Gold gegeben, daß er sie nicht eines Ruhestörers, genannt Oliver Proudfute, beraubte, als er ihn in seiner Gewalt hatte; und dieses Gold kauft für den Oberrichter die Insel Steepleß, die ihm der König schenkt, denn der König zahlt Alles in der Länge. Und so bekommt Sir Patrick den hübschen Inch, der seiner Wohnung gegenüberliegt, und alle Ehre auf beiden Seiten ist gerettet, denn was dem Oberrichter gegeben wird, wird, versteht sich, der Stadt gegeben. Ueberdieß hat Douglas die Stadt verlassen, um gegen die Engländer zu marschiren, die, wie man sagt, von dem treulosen Grafen von March über die Grenze gerufen sind. So ist die gute Stadt ihn und sein Gefolge los.« »Aber, in St. Johns Namen, wie ist das Alles zugegangen?« sagte Oliver; »und kein Mensch hat davon gesprochen?« »Nun sieh', Freund Oliver, dieß, denk' ich, ist der Fall gewesen. Der Kerl, dem ich eine Hand abhieb, soll nur ein Diener Sir John Ramorny's gewesen sein, der nach seiner Heimath Fife geflohen ist, wohin auch Sir John selber verbannt worden mit voller Zustimmung jedes ehrlichen Mannes. Nun, Alles, was Sir John Ramorny betrifft, geht auch einen viel größern Mann an – ich glaube, so etwas sagte Simon Glover dem Sir Patrick Charteris. Wenn es sich verhält, wie ich vermuthe, so darf ich nur dem Himmel und allen Heiligen danken, daß ich den auf der Leiter nicht prügelte, als ich ihn gefangen nahm.« »Und auch ich danke dem Himmel und allen Heiligen auf's Beste,« sagte Oliver. »Ich stand hinter dir, wie du weißt, und –« »Nichts mehr davon, wenn du klug bist – es gibt Gesetze gegen die, welche Fürsten schlagen,« sagte der Schmied; am besten ist's, man rührt das Hufeisen nicht eher an, als bis es kalt geworden. Alles ist nun beigelegt.« »Wenn das ist,« sagte Oliver, zum Theil verlegen, noch mehr aber ermuthigt durch die Kunde, die er vom besser unterrichteten Freunde erhielt, »so hab' ich Grund, mich über Sir Patrick Charteris zu beklagen, daß er mit der Ehre eines ehrlichen Bürgers Scherz treibt, während er selber Oberrichter unserer Stadt ist.« »Thu' es, Oliver; fordere ihn heraus, und er wird seinem Diener befehlen, die Hunde auf dich zu hetzen. – Aber wohlan, die Nacht rückt vor, seid Ihr zu Ende?« »Nun, ich hätte dir noch ein Wort zu sagen, guter Gevatter. Aber zuerst noch einen Becher Eures kalten Bieres.« »Die Pest auf dich, du Narr! Du machst, daß ich dich hinwünsche, wo kalte Getränke selten sind. – Da, leere das Faß aus, wenn du Lust hast.« Oliver nahm die zweite Flasche, trank aber, oder schien vielmehr sehr langsam zu trinken, um Zeit zu gewinnen zur Ueberlegung, wie er den zweiten Gegenstand der Unterhaltung einleiten könne, der bei des Schmiedes gegenwärtigem reizbarem Zustande sehr kitzlich schien. Endlich fand er nichts Besseres, als gleich auf die Sache los zu gehen mit den Worten: »Ich habe heute Simon Glover gesehen, Gevatter.« »Gut,« sagte der Schmied in einem leisen, tiefen und ernsten Tone. »Und wenn du ihn sahst, was geht es mich an?« »Nichts, nichts,« antwortete der eingeschüchterte Strumpfwirker. »Ich dachte nur, Ihr möchtet gern wissen wollen, daß er mich genau fragte, ob ich Euch am Valentinstage, nach dem Lärm bei den Dominikanern, gesehen habe und in welcher Gesellschaft.« »Und ich wette, du sagtest ihm, daß du mich mit einer Sängerin in jenem dunkeln Gäßchen gesehen?« »Du weißt, Harry, ich habe keine Gabe, zu lügen; aber ich brachte Alles bei ihm in's Gleiche.« »Wie, ich bitt' Euch!« sagte der Schmied. »Ei nun, so! – Vater Simon, sagt' ich, Ihr seid ein alter Mann und kennt unsere Beschaffenheit nicht, in deren Adern die Jugend wie Quecksilber fließt. Ihr meint nun, es lieg' dem Harry an jenem Mädchen, sagt' ich, und daß er sie in irgend einem Winkel hier in Perth habe? Keineswegs; ich weiß, sagt' ich, und will einen Eid drauf schwören, daß sie am nächsten Morgen in aller Frühe aus seinem Hause nach Dundee abreiste. Ha! Hab' ich dir in der Noth geholfen?« »Wahrlich, das scheint mir so, und wenn in diesem Augenblick noch Etwas meine Unruhe und meinen Kummer mehren könnte, so ist es, daß, während ich so tief im Sumpfe stecke, ein Esel wie du seinen plumpen Fuß auf meinen Kopf stellt, um mich gänzlich versinken zu lassen. Nun mach', daß du fort kommst, und mögest du solches Glück haben, als deine klatschhafte Laune verdient; dann denk' ich, wird man dich mit gebrochenem Halse in der nächsten Gasse finden. – Mach', daß du fortkommst, oder ich werfe dich mit dem Kopfe voran aus der Thür.« »Ha, ha!« lachte Oliver sehr gezwungen, »wie kannst du so unzart sein! Aber, Gevatter Harry, willst du mich in deinem Trübsinn nicht nach meinem Hause in Meal Vennal begleiten?« »Zum Teufel, nein!« antwortete der Schmied. »Ich will dir Wein vorsetzen, wenn du mitgehst,« sagte Oliver. »Ich will dir Prügelsuppe vorsetzen, wenn du bleibst,« sagte Harry. »Nun, dann will ich dein Büffelwams anziehen und die Stahlhaube aufsetzen und deinen starken Schritt annehmen, und deinen Pibroch; ›Gebrochene Beine zu Loncarty,‹ pfeifen; und wenn sie mich für dich nehmen, so werden vier auf einmal sich nicht an mich wagen.« »Nimm Alles oder was du willst in des Satans Namen! aber geh' nur.« »Gut, gut, Harry, wir sehen uns, wenn du besser aufgelegt bist,« sagte Oliver, der die Kleidung angelegt hatte. »Geh' – und mög' ich dein narrenhaftes Gesicht nie wiedersehen!« Oliver befreite endlich seinen Wirth, indem er fortging, so gut er konnte, den festen Schritt und die kühne Haltung seines unerschrockenen Gefährten nachahmend, und einen Pibroch pfeifend, der die Niederlage der Dänen zu Loncarty enthielt und welchen er aufgeschnappt hatte, weil er eine Lieblingsweise des Schmieds war, den er, so gut er konnte, zu seinem Vorbilde nahm. Aber, als der unschuldige, obwohl eingebildete Bursch' den Wynd an der Stelle verließ, wo er sich mit der Highstreet verbindet, empfing er von hinten einen Hieb, gegen den seine Blechhaube keinen Schutz lieh, und er todt auf den Platz fiel; ein Versuch, Harry's Namen zu murmeln, von welchem er stets Schutz erwartete, bewegte noch seine sterbende Zunge. Siebzehntes Kapitel. Ei, ich will dich zu einem jungen Prinzen machen. Falstaff. Wir kehren zu der fröhlichen Schaar zurück, die vor einer halben Stunde mit so geräuschvollem Applaus Olivers Behendigkeit angesehen hatte, die letzte Probe, die der arme Strumpfwirker je davon ablegen sollte. Auch seinen hastigen Rückzug, den ihr wilder Jubel anfeuerte, hatten sie gesehen. Nachdem sie genugsam gelacht, setzten sie ihren fröhlichen Weg jubelnd und scherzend fort, manche der ihnen Begegnenden anhaltend und erschreckend; aber man muß gestehen, alles dieß, ohne Jemand ernstlich zu kränken, sei es an der Person oder an der Ehre. Endlich gab ihr Führer, von seinen Streifereien ermüdet, seinen lustigen Leuten ein Zeichen, sich dicht um ihn zu versammeln. »Wir, meine tapferen Herzen und weisen Räthe, sind,« sagte er, »der wirkliche König über alle in Schottland, die des Beherrschens würdig sind. Wir scheuchen die Stunden, wenn der Becher kreist und wenn die Schönheit gefällig wird, wenn der Scherz erwacht und der Ernst auf seinem Bette schnarcht. Wir überlassen unserm Viceherrscher, dem König Robert, das mühevolle Geschäft, ehrsüchtige Edle unter seiner Macht zu erhalten, die Habgier der Geistlichen zu befriedigen, wilde Bergbewohner zu demüthigen und blutige Händel auszugleichen. Und da unser Rath das Reich der Freude und Lust ist, so ist es billig, daß wir all' unsere Kräfte vereinigen, um denen von unsern Unterthanen zu Hilfe zu kommen, die durch unglückliches Geschick im Kerker der Sorge und Krankheit liegen. Ich spreche hauptsächlich von Sir John, den man gemeinhin Ramorny nennt. Wir haben ihn seit dem Tumult in der Curfewstraße nicht gesehen; und obwohl wir wissen, daß er bei jener Sache ein wenig gelitten hat, können wir doch nicht begreifen, warum er nicht kommt, uns zu huldigen, wie es dem treuen Vasallen geziemt. – Hierher, unser Herold von der Kürbißflasche, habt Ihr Sir John zu diesem Abendfeste gesetzmäßig geladen?« »Ich that es, Herr.« »Und verkündigtet Ihr ihm, daß wir für diese Nacht sein Verbannungsurtheil aufhoben, damit, weil höhere Mächte die Sache geordnet haben, wir wenigstens einen fröhlichen Abschied von einem alten Freunde nehmen könnten?« »Das hab' ich ausgerichtet, Herr, antwortete der Gauklerherold. »Und sandte er kein Wörtchen schriftliche Antwort, er, der sich so sehr rühmt, ein gelehrter Schreiber zu sein?« »Er war zu Bett', Mylord, und ich konnte ihn nicht sehen. So viel ich weiß, hat er sehr eingezogen gelebt, weil er einige körperliche Verletzungen hat, unzufrieden mit Eurer Hoheit Ungnade ist und Beleidigungen in den Straßen fürchtet, da er nur mit Mühe den Bürgern entkam, als die Kerls ihn und zwei Diener in das Dominikanerkloster verfolgten. Die Diener sind auch nach Fife entfernt worden, damit sie nichts ausplaudern.« »Nun, das war weise gehandelt,« sagte der Prinz, – der, wie wir dem einsichtsvollen Leser nicht zu sagen brauchen, mit besserem Rechte so genannt ward, als es ihm die lustige Nacht gewährte, – »es war vorsichtig gehandelt, leichtzüngige Gefährten aus dem Wege zu schaffen. Aber Sir John's Abwesenheit von diesem feierlichen, schon so lang' angeordneten Feste ist Meuterei und Aufkündigung des Gehorsams. Wenn aber der Ritter wirklich Gefangener der Krankheit und Melancholie ist, so müssen wir ihn mit einem Besuche erfreuen, denn es gibt kein besseres Mittel gegen solche Krankheiten, als unsere Gegenwart und einen sanften Kuß der Kürbißflasche. – Vorwärts, Knappen, Musikanten, Wachen und Hofleute! Tragt hoch das große Emblem unserer Würde. – Auf mit dem Kürbiß, sag' ich! und laßt die Träger der Tonnen, mit deren Blut wir unsern Becher füllen, ihres festen Zustandes gemäß erwählt sein. Die Last ist schwer und kostbar, und wenn unser Gesicht nicht getrübt ist, scheinen sie mehr zu schwanken und zu straucheln als uns wünschenswerth ist. Nun, vorwärts, ihr Herren, und laßt unsere Musikanten recht laut und lustig spielen.« Vorwärts zogen sie mit jubelnder Lust und Freude, während die zahlreichen Fackeln ihr rothes Licht gegen die kleinen Fenster der engen Straßen warfen, aus welchen Hausherren in der Nachtmütze, bisweilen ihre Weiber daneben, verstohlen vorguckten, um zu sehen, welcher wilde Lärm die friedlichen Straßen zu so ungewohnter Stunde störte. Endlich hielt der muntere Zug vor Sir John Ramorny's Hausthür, die durch einen kleinen Hof von der Straße getrennt war. Hier klopften sie, donnerten und halloheten, Rache drohend dem Widerspenstigen, der die Thüren nicht öffnen wollte. Die geringste Strafe, die angedroht ward, war Einkerkerung in ein leeres Faß im Burgverließ des Schlosses des Fürsten Kurzweil, d.h. im Bierkeller. Aber Eviot, Ramorny's Page, hörte und kannte wohl den Charakter der Zudringlichen, die so kühn anpochten, und er hielt es für besser, in Betracht der Lage, worin sein Herr sich befand, keine Antwort zu geben, in der Hoffnung, die jungen Thoren würden ihres Weges gehen; denn er wußte wohl, daß es ein vergeblicher Versuch sein würde, sie von ihrem Vorsatz abzubringen. Da das Gemach seines Herrn auf einen kleinen Garten ging, so dachte der Page, er würde durch das Geräusch nicht geweckt werden. Er vertraute der Stärke des äußeren Thores und beschloß, sie klopfen zu lassen, bis sie von selbst müde würden oder ihr Rausch vorüber wäre. Die lüderliche Gesellschaft schien sich auch wirklich bald durch das Geschrei und die Anstrengungen erschöpfen zu müssen, die sie mit Anschlagen an die Pforte machten, als ihr scheinbarer Fürst, oder vielmehr derjenige, der unglücklicher Weise nur zu gewiß ihr Gebieter war, sie als traurige und träge Verehrer des Gottes des Weines und der Lust schalt. »Bringt,« sagte er, »unsern Schlüssel herbei – dort liegt er, und wendet ihn bei dieser rebellischen Pforte an.« Der Schlüssel, auf den er zeigte, war ein großer Balken, der an einer Seite der Straße lag, nach der gewöhnlichen Nachlässigkeit, welche eine schottische Stadt jener Zeit charakterisirte. Die jauchzenden Leute aus Indien hoben ihn alsbald auf ihre Arme und stießen, ihn mit vereinigter Kraft unterstützend, damit so gewaltsam gegen das Thor, daß Riegel, Angel und Pfosten krachten und zu weichen schienen. Eviot wartete diesen äußersten Fall nicht ab; er kam in den Hof herab, und nachdem er der Form wegen einige Fragen gethan, hieß er den Pförtner das Thor öffnen, wie wenn er jetzt erst die nächtlichen Gäste erkannt hätte. »Treuloser Sklave eines untreuen Herrn!« sagte der Prinz. »Wo ist unser pflichtvergessener Unterthan, Sir John Ramorny, der unserem Rufe nicht gehorcht hat?« »Mylord,« sagte Eviot, sich zugleich in Rücksicht auf die wirkliche, wie auf die angenommene Würde des Anführers verbeugend; – »mein Herr ist gerade jetzt sehr unwohl – er hat einen Schlaftrunk genommen – und – Eure Hoheit muß mich entschuldigen, wenn ich meine Pflicht erfülle, indem ich sage, er kann ohne Lebensgefahr für ihn nicht gesprochen werden.« »Still! rede mir nicht von Gefahr, Herr Teviot – Cheviot – Eviot – wie heißt Ihr doch? – aber zeige mir deines Herrn Gemach, oder vielmehr öffne mir die Thür seiner Wohnung, und ich werde mich schon selber zurechtfinden. – Tragt die Kürbißflasche hoch, meine wackeren Gefährten, und seht zu, daß ihr keinen Tropfen des Getränkes verschüttet, welches der große Bacchus uns gesendet hat, um alle Krankheiten des Leibes und Sorgen des Gemüths zu heilen. Bringt sie vorwärts, sag' ich, und laßt uns das heilige Gefäß sehen, welches so köstliche Flüssigkeit einschließt.« Der Prinz trat somit in das Haus und eilte, mit dem Innern bekannt, die Stufen empor, gefolgt von Eviot, der vergeblich um Ruhe bat, und so stürzte er mit den übrigen Schwärmern in's Gemach des verwundeten Herrn der Wohnung. Wer es selber erfahren hat, trotz folternden Körperschmerzes mittelst eines starken Opiats zum Schlaf gezwungen zu sein, bis er durch Lärm und Gewalt aus dem unnatürlichen Zustande der Empfindungslosigkeit erweckt ward, in welchen ihn die Macht der Arznei gebracht hatte, kann im Stande sein, den verwirrten und unruhvollen Gemüthszustand Sir John Ramorny's und die Qualen seines Körpers sich vorzustellen, die beide gegenseitig auf einander wirkten. Nehmen wir zu diesen Empfindungen noch das Bewußtsein des verbrecherischen Befehls, den er gegeben hatte und der wahrscheinlich schon vollzogen war, so können wir uns ein Erwachen denken, dem der ewige Schlaf vorzuziehen wäre. Der Seufzer, den er beim ersten Schmerzgefühl hören ließ, hatte etwas so Schauerliches, daß selbst die leichtsinnigen, jungen Leute einige Minuten still blieben. Ohne die Lage zu ändern, die er während des Schlafes auf seinem Bette eingenommen hatte, sah der Kranke sich düsteren Blickes in dem mit phantastischen Gestalten gefüllten Zimmer um und sagte, noch halb besinnungslos, zu sich selbst: »Ist denn demnach fürwahr so, und die Sage ist wahr! Diese sind Teufel und ich bin für immer verdammt? Das Feuer ist nicht äußerlich, aber ich fühl' es – ich fühl' es am Herzen – es brennt, wie wenn ein sieben Mal geheizter Ofen im Innern wirkte!« Während er schreckliche Blicke um sich warf und einen Theil seines Bewußtseins zu erringen strebte, näherte sich Eviot dem Prinzen und bat ihn, auf die Knie fallend, die Anwesenden das Gemach räumen zu lassen. »Es kann,« sagte er, »meinem Herrn das Leben kosten.« »Keine Furcht, Eviot!« erwiderte der Herzog von Rothsay: »wär' er auch an den Pforten des Todes. Hier ist Etwas, was die Teufel ihre Beute zu verlassen zwingt. – Bringt die Kürbißflasche, Ihr Herren.« »Es ist Tod für ihn, wenn er in diesem Zustande trinkt,« sagte Eviot; »wenn er Wein trinkt, stirbt er.« »Es muß Jemand für ihn trinken, er wird durch einen Stellvertreter geheilt – und möge unser großer Bacchus dem Sir John Ramorny Trost, Erhebung des Herzens, Erleichterung der Lunge und schöne Einbildungskraft schenken, welches seine erlesensten Gaben sind, während der treue Diener, der für ihn trinkt, Ekel, Unbehaglichkeit, Nervenreizung, Trübung der Augen und Hirnklopfen haben wird, womit unser großer Meister Gaben begleitet, die uns sonst den Göttern zu ähnlich machen würden. – Was meint Ihr, Eviot? wollt Ihr der treue Diener sein, der zu seines Herrn Besten und als sein Stellvertreter trinkt? Thut dieß, und wir werden uns begnügen, Abschied zu nehmen, denn uns dünkt, daß unser Unterthan etwas gräßlich aussieht.« »Ich würde Alles thun, was in meiner geringen Macht steht,« sagte Eviot, »um meinen Herrn vor einem Tranke zu bewahren, der sein Tod sein kann, und Eure Hoheit vor dem Bewußtsein, ihn veranlaßt zu haben. Aber hier ist Jemand, der sich mit Freuden diesem Geschäft unterziehen und Eurer Hoheit obendrein danken wird. »Wen haben wir da?« sagte der Prinz. »Einen Fleischer – und mich dünkt, direkt von seinem Geschäft? Treiben Fleischer ihr Geschäft am Fastnachtsabend? Pfui, wie er nach Blut riecht!« Diese Worte galten Bonthron, der, theils verwundert über den Tumult im Hause, wo er Alles finster und still zu finden erwartete, und theils vom Weine betäubt, den der Elende in großer Masse getrunken, auf der Schwelle der Thür stand, den Auftritt vor sich anstarrend, sein Büffelwams mit Blut bedeckt und eine blutige Axt in der Hand, so daß er einen schrecklichen und widerlichen Anblick für die Schwärmer darbot, welche, obwohl sie nicht sagen konnten warum, Furcht und Unbehagen bei seiner Anwesenheit empfanden. Als sie diesem unsaubern und gräßlich aussehenden Wilden die Kürbißflasche näherten und als er eine, wie es schien, mit Blut besudelte Hand darnach ausstreckte, rief der Prinz: »Hinab mit ihm! laßt den Elenden nicht in unserer Gegenwart trinken; sucht ein ander Gefäß für ihn, als unsern heiligen Kürbiß, das Zeichen unserer Freuden – ein Sautrog wäre besser, wenn er zu haben wäre. Fort mit ihm! Man ertränke ihn zur Buße für seines Herrn Nüchternheit. – Laßt mich mit Sir John Ramorny und seinem Pagen allein; bei meiner Ehre! mir gefallen jenes Schurken Blicke nicht.« Das Gefolge des Prinzen verließ das Gemach und nur Eviot blieb zurück. »Ich fürchte,« sagte der Prinz, sich dem Bette mit anderem Betragen, als er bisher gezeigt, nähernd, »ich fürchte, mein lieber Sir John, daß dieser Besuch unwillkommen war; aber es ist Eure eigene Schuld. Obwohl Ihr unsere alte Gewohnheit kennt und die Pläne für den Abend selber entwerfen halfet, seid Ihr uns doch nicht nahe gekommen seit dem St. Valentinstag – es ist nun Fastnacht und die Entfernung ist offener Ungehorsam und Verrath an unserm Königreiche der Lust und den Statuten der Kürbisflasche.« Ramorny erhob sein Haupt und heftete einen wirren Blick auf den Prinzen; dann gab er Eviot ein Zeichen, ihm Etwas zu trinken zu geben. Der Page reichte ihm einen großen Becher Arznei, welche der Kranke mit Gier und zitternder Hast verschlang. Dann brauchte er wiederholt die aufreizende Essenz, die ihm zu dem Zwecke der Arzt zurückgelassen, und schien seine zerstreuten Sinne zu sammeln. »Laßt mich Euern Puls fühlen, lieber Ramorny,« sagte der Prinz; »Ich versteh' Etwas von der Heilkunst – Wie, Ihr reicht mir die linke Hand, Sir John? – Das ist gebührlich weder nach den Regeln der Arzneikunst, noch nach denen der Höflichkeit.« »Die Rechte hat bereits ihr Letztes in Eurer Hoheit Diensten gethan,« murmelte der Kranke mit leiser und gebrochener Stimme. »Wie meint Ihr das?« sagte der Prinz. »Ich weiß, daß dein Diener, der schwarze Quentin, eine Hand verlor; aber er kann mit der andern so viel stehlen, daß er an den Galgen kommt, und also leidet sein Schicksal keine Aenderung.« »Jener Bursche hatte den Verlust nicht in Eurer Hoheit Dienst – ich hab' ihn – John von Ramorny.« »Ihr!« sagte der Prinz; »Ihr scherzt mit mir, oder das Opiat beherrscht Eure Vernunft noch.« »Wenn der Saft aller Mohnköpfe Aegyptens in einem Tranke gemischt wäre,« sagte Ramorny, »er würde den Einfluß auf mich verlieren, wenn ich das sehe.« Er zog seinen rechten Arm unter der Bettdecke hervor und streckte ihn, in den Verband eingewickelt, dem Prinzen entgegen, während er sagte: »Wäre das abgenommen und entfernt, so könnte Eure Hoheit sehen, daß nur ein blutiger Stumpf von einer Hand übrig blieb, stets bereit, das Schwert auf Eurer Hoheit leisesten Befehl zu ziehen.« Rothsay bebte entsetzt zurück. »Dies,« sagte er, »muß gerächt werden!« »Zum kleinen Theil ist es gerächt,« sagte Ramorny; »das heißt, mir war, als hätt' ich soeben Bonthron gesehen – oder war es der Traum der Hölle, der sich zuerst vor meiner Seele zeigte, als ich erwachte, und mir ein ähnliches Bild heraufbeschwor? Eviot, rufe das Ungeheuer – das heißt, wenn er im Stande ist, zu erscheinen.« Eviot ging und kehrte sogleich mit Bonthron zurück, den er von der Strafe (die ihm gar nicht unangenehm) einer zweiten Kürbißflasche Weins rettete, nachdem der rohe Mensch die erste verschlungen hatte, ohne eine sichtbare Aenderung seines Betragens zu zeigen. »Eviot,« sagte der Prinz, »laß mir die Bestie nicht zu nahe kommen. Meine Seele schaudert vor ihm zurück vor Furcht und Ekel; in seinen Blicken ist etwas meiner Natur Fremdes, und ich bebe davor, wie vor einer widerlichen Schlange, vor welcher ein innerer Trieb zurückdrängt.« »Erst hört ihn sprechen, Mylord,« antwortete Ramorny; »spräche nicht ein Weinrausch, so könnte Niemand weniger Worte brauchen. – Bist du an ihn gekommen, Bonthron?« Der Wilde erhob seine Axt, die er noch in der Hand hielt und senkte sie mit der Schneide abwärts. »Gut. Wie erkanntest du deinen Mann? – Ich höre, daß eine finstere Nacht ist.« »An Gesicht und Stimme, Kleidung, Gang und Pfeifen.« »Genug, geh' fort! – und, Eviot, laß ihn Gold und Wein haben, um sein viehisches Verlangen zu befriedigen. – Geh' fort! – und geh' du mit ihm.« »Und wessen Tod ist erfolgt?« fragte der Prinz, befreit von dem Gefühle des Abscheus und Ekels, worunter er litt, so lange der Mörder da war. »Ich hoffe, das ist nur ein Scherz? Sonst muß ich es eine voreilige und grausame That nennen. Wem ward das bittere Loos, durch den blutigen und wilden Sklaven hingeschlachtet zu werden?« »Ein wenig Besserer, als er selbst,« sagte der Kranke; »ein elender Handwerker, dem indeß das Schicksal die Macht gab, Ramorny zu einem verstümmelten Krüppel zu machen – ein Fluch folge seiner schlechten Seele! – Sein elendes Leben ist für meine Rache nur, was ein Tropfen Wasser für einen Ochsen sein würde. Ich muß mich kurz fassen, denn meine Gedanken verwirren sich wieder; es ist nur die Noth, die sie beisammen hält, wie ein Köcher ein Bündel Pfeile. Ihr seid in Gefahr, Mylord – ich spreche aus sicherer Ueberzeugung – Ihr habt Douglas getrotzt und Euern Oheim beleidigt – Eures Vaters Unwillen erregt – obwohl das nur Kleinigkeit gegen das Uebrige ist.« »Es schmerzt mich, meines Vaters Unwillen erregt zu haben,« sagte der Prinz, über den nun berührten wichtigern Gegenständen eine so unbedeutende Sache, wie den Mord eines Handwerkers, gänzlich vergessend, »wenn es in der That so ist. Aber wenn ich lebe, soll Douglas' Macht gebrochen werden, und die Schlauheit Albany's soll diesem wenig frommen!« »Ja, wenn – wenn! Mylord!« sagte Ramorny; »mit solchen Gegnern, wie Ihr habt, müßt Ihr Euch nicht auf wenn und aber verlassen – Ihr müßt Euch gleich entschließen zu schlagen oder erschlagen zu werden.« »Wie meint Ihr das, Ramorny? Euer Fieber macht Euch toll,« antwortete der Herzog von Rothsay. »Nein, Mylord,« sagte Ramorny, »stände meine Raserei auch auf dem höchsten Punkte, dennoch würden die Gedanken, die jetzt durch meine Seele ziehen, sie rechtfertigen. Es kann sein, daß Schmerz über meinen eigenen Verlust mich verzweifelt macht, daß Besorgniß für Eurer Hoheit Sicherheit mich kühne Pläne unterhalten läßt; aber ich habe die volle Urtheilskraft, womit der Himmel mich begabte, wenn ich Euch sage, daß, wenn Ihr je die Krone Schottlands tragen, ja, noch mehr, wenn Ihr einen zweiten St. Valentinstag sehen wollt, Ihr müßt – « »Was werd' ich müssen, Ramorny?« sagte der Prinz mit würdevoller Miene; »nichts meiner Unwürdiges hoff' ich!« »Gewiß nichts, was für einen Prinzen Schottlands unwürdig oder unschicklich ist, wenn die blutbefleckten Jahrbücher unseres Landes die Wahrheit sagen; aber Etwas, was wohl die Nerven eines Fürsten der Gaukler und Narren erschüttern dürfte.« »Du bist streng, Sir John Ramorny,« sagte der Herzog von Rothsay mit dem Ausdrucke des Mißfallens; aber du hast dein Recht, uns zu tadeln, theuer durch den Verlust erkauft, den du in unserem Dienste erlitten.« »Mylord von Rothsay,« sagte der Ritter, »der Arzt, der diesen verstümmelten Stumpf verband, sagte mir, je mehr ich den Schmerz seines Messers empfände, um so stärker sei die Hoffnung auf Heilung. Ich werde daher nicht anstehen, Eure Gefühle zu verletzen, weil ich dadurch Euch zu einer Einsicht bringen kann, die nothwendig für Eure Sicherheit ist. Eure Hoheit ist zu lange der Zögling fröhlicher Thorheit gewesen; Ihr müßt jetzt männliche Klugheit annehmen oder wie ein Schmetterling zermalmt werden im Schooße der Blume, an der Ihr Euch weidet.« »Ich glaube Eure Sittenlehren zu kennen, Sir John; Ihr seid der fröhlichen Thorheit müde, – die Geistlichen nennen sie Laster, – und Ihr sehnt Euch nach einem etwas ernsteren Verbrechen. Nun, ein Mord oder ein Blutbad würde den Geschmack der Ausschweifungen erhöhen, wie der Geschmack der Olive den Wein würzt; aber meine schlimmsten Thaten sind nur lustige Schelmerei; mich freut ein blutiger Handel nicht, und es empört mich, zu sehen oder zu hören, selbst wenn er nur in Betreff des gemeinsten Sklaven geübt wurde. Sollte ich je den Thron einnehmen, so werd' ich wahrscheinlich, wie mein Vater vor mir, meinen eigenen Namen aufgeben und mich zu Ehren des Bruce ,Robert nennen – nun, und wenn dies geschieht, so soll jeder Schotte seine Flasche in der einen Hand haben und die andere um seines Mädchens Nacken legen, und die Mannhaftigkeit soll durch Küsse und Becher, nicht durch Dolche und Schwerter erprobt werden; und auf mein Grab werden sie schreiben: ›Hier liegt Robert, der Vierte seines Namens. Er gewann nicht Schlachten gleich Robert dem Ersten. Er erhob sich nicht von einem Grafen zum König, wie Robert der Zweite. Er gründete keine Kirchen, wie Robert der Dritte, sondern begnügte sich zu leben und zu sterben als König braver Leute!‹ Von all' meinen Vorgängern der letzten zwei Jahrhunderte würde ich nur beneiden den Ruhm des Alten Königs Coul Der führt' ›ne tücht'ge Bowle.‹ »Mein gnädiger Herr,« sagte Ramorny, »laßt mich Euch erinnern, daß Eure fröhlichen Schwärmereien ernste Uebel erzeugen. Hätt' ich diese Hand im Gefecht verloren, um Eurer Hoheit einen wichtigen Vortheil über Eure allzumächtigen Feinde zu verschaffen, so würde mich der Verlust weniger schmerzen. Aber von Helm und Harnisch zum Schlafrock und zur Nachtmütze gebracht zu sein –« »Ei, laßt das jetzt endlich, Sir John« – unterbrach ihn der leichtsinnige Prinz – »wie kannst du so unwürdig handeln, und mir fortwährend die blutige Hand vor Augen halten, wie Gaskhall's Geist seinen Kopf dem Sir William Bruce zuwarf? Bedenke, du bist unvernünftiger, als Fawdyon selbst, denn ihm hatte Wallace im Zorn den Kopf abgehauen, während ich gern Alles hingäbe, dir die verlorene Hand wieder zu schaffen. Weil dies aber nicht sein kann, will ich dir eine andere dafür machen lassen, wie die stählerne Hand des Ritters von Carselogie, mit der er seine Freunde grüßen, seiner Gattin die Hand drücken, seinen Gegnern stehen und Alles thun konnte, was man mit einer Hand aus Fleisch und Blut verrichtet. Glaubt mir nur, John Ramorny, wir haben viel Ueberflüssiges an uns; der Mensch könnte mit einem Auge sehen, mit einem Ohre hören, mit einer Hand fühlen, mit einem Nasenloch riechen, und warum sollten wir das Alles doppelt haben, wenn nicht, um im Nothfall das Eine durch das Andere zu ersetzen? Ich kann es wenigstens nicht begreifen.« Sir John Ramorny wandte sich mit einem leisen Seufzer von dem Prinzen ab. »Ei, Sir John,« sagte der Herzog, »ich bin ganz ernst. Ihr kennt die Wahrheit der Sage von der Stahlhand des Carselogie besser, als ich, da er Euer eigener Nachbar war. Zu seiner Zeit konnte das merkwürdige Werk nur in Rom gefertigt werden; aber ich wette um hundert Mark mit Euch, laßt den Waffenschmied von Perth nur das Modell haben, so wird Harry vom Wynd es so gut zu Stande bringen, als es alle Schmiede von Rom unter dem Segen aller Cardinäle im Stande wären.« »Ich könnt' es wagen, Eure Wette anzunehmen, Mylord,« antwortete Ramorny bitter, »aber da ist keine Zeit zu Spaßen. – Ihr habt mich auf Befehl Eures Oheims aus Eurem Dienste entlassen?« »Auf Befehl meines Vaters,« antwortete der Prinz. »Dem Eures Oheims Befehle unverletzlich sind,« erwiderte Ramorny. »Ich bin ein schmachbeladener Mann, bei Seite geworfen, wie ich nun meinen rechten Handschuh wegwerfen kann, als ein unnützes Ding. Aber mein Kopf könnte Euch nützen, obwohl meine Hand fort ist. Ist Eure Hoheit geneigt, mir in einer wichtigen Sache einen Augenblick Gehör zu schenken? – Denn ich bin sehr erschöpft und fühle meine Kräfte schwinden.« »Sprecht nach Gefallen,« sagte der Prinz; »dein Verlust verpflichtet mich, dich zu hören; dein blutiger Stumpf ist ein Scepter, mir zu gebieten; sprich also, aber sei gnädig im Gebrauch deines Vorrechts.« »Ich will kurz sein, sowohl meinet- als Euretwegen; in der That, ich habe nur wenig zu sagen. Douglas stellt sich sofort an die Spitze seiner Vasallen. Er will im Namen König Roberts dreißigtausend Grenzer versammeln, die er bald nachher in's Innere führen will, um zu verlangen, daß der Herzog von Rothsay seine Tochter wieder annehme, oder vielmehr ihr den Rang und die Rechte seiner Gemahlin wieder einräume. König Robert wird sich allen Bedingungen fügen, die den Frieden sichern können. – Was wird der Herzog thun?« »Der Herzog von Rothsay liebt den Frieden,« sagte der Prinz stolz; »aber er fürchtete nie den Krieg. Eh' er jenes stolze Weib an Tisch und Bett zurücknimmt, auf Befehl ihres Vaters, so muß Douglas König von Schottland sein.« »Sei dem so – aber selbst dies ist die minder drängende Gefahr, vorzüglich da mit offener Gewalt dabei gedroht wird, denn der Douglas thut nichts im Geheimen.« »Was ist das Drängendere, das uns zu dieser späten Stunde wach hält? ich bin ein müder Mann, du ein Verwundeter, und selbst die Kerzen schimmern, als wären sie unseres Gesprächs müde.« »So sagt mir, wer ist es, der dies Königreich von Schottland beherrscht?« sagte Ramorny. »Robert, der Dritte seines Namens,« sagte der Prinz, die Mütze abnehmend, während er sprach; »und mög' er lange das Scepter führen!« »Ja und Amen,« antwortete Ramorny; »aber wer führt den König Robert und schreibt fast jede Maßregel vor, die der gute König ergreift?« »Mylord von Albany, wollt Ihr sagen,« erwiderte der Prinz. »Ja, es ist wahr, mein Vater wird fast durchaus durch die Rathschläge seines Bruders geleitet; auch dürfen wir ihn unserm Gewissen nach nicht tadeln, Sir John Ramorny, denn er hat wenig Beistand von Seiten seines Sohnes.« »Laßt uns ihm jetzt beistehen, Mylord,« sagte Ramorny. »Ich besitze ein schreckliches Geheimniß – Albany hat mit mir unterhandeln wollen, ihm beizustehen gegen Eurer Hoheit Leben! Er bietet volle Verzeihung des Vergangenen – hohe Gunst für die Zukunft.« »Wie, Mann – mein Leben? Ich hoffe indeß, du meinst nur mein Königreich? Es wäre gottlos! – er ist meines Vaters Bruder – sie saßen auf den Knieen ein und desselben Vaters. – Schweig', Mensch! welche Thorheiten kann man einem Kranken weißmachen!« »Weißmachen, in der That!« sagte Ramorny. »Es ist mir neu, mich leichtgläubig genannt zu hören. Aber der Mann, durch den mir Albany seine Versuchungen mittheilte, ist Einer, dem Alle glauben, sobald er ein Unheil anzeigt – selbst die Arzneien, die seine Hände bereiten, haben einen giftigen Beigeschmack.« »Still! solch ein Sklave würde einen Heiligen verleumden,« erwiderte der Prinz. »Du bist genarrt worden, Ramorny, so schlau du auch bist. Mein Oheim von Albany ist ehrsüchtig und möchte für sich und sein Hans mehr Macht und Reichthum sichern, als er mit Grund beanspruchen kann. Aber zu vermuthen, er könnte seines Bruders Sohn entthronen oder ermorden – Pfui, Ramorny! laß mich nicht das alte Sprichwort erwähnen: ›Wer Böses thut, fürchtet Böses‹ – es ist Euer Argwohn, nicht Eure Ueberzeugung, was aus Euch redet.« »Eure Hoheit befindet sich in unseliger Täuschung – ich will zu Ende reden. Der Herzog von Albany ist allgemein gehaßt wegen seiner Habsucht und seines Geizes – Eure Hoheit mag vielleicht beliebter sein, als – Ramorny hielt inne und der Prinz ergänzte ruhig: »beliebter, als geachtet? so will ich es eben haben, Ramorny.« »Zum wenigsten,« sagte Ramorny, »seid Ihr mehr geliebt als gefürchtet, und das ist keine sichere Lage für einen Prinzen. Aber gebt mir Euer ritterliches Ehrenwort, daß Ihr das nicht ahnden wollt, was ich als guten Dienst zu Eurem Besten unternehme, und leihet mir Euer Siegel, um Freunde in Eurem Namen zu werben, und der Herzog von Albany soll keine Autorität am Hofe gewinnen, bis die verlorene Hand, die einst an diesem Stumpfe saß, wieder mit dem Leibe vereinigt sein wird, um den Befehlen meines Geistes wieder zu gehorchen.« »Ihr werdet nicht wagen, Eure Hände in königliches Blut zu tauchen?« sagte der Prinz sehr ernst. »Pfui, Mylord – auf keine Weise – Blut braucht nicht vergossen zu werden, das Leben kann, ja wird von selber erlöschen. Aus Mangel an Oel, oder weil es nicht vor einem Windstoß geschützt wird, stirbt das zitternde Licht der Lampe. Dulden, daß ein Mensch stirbt, heißt nicht ihn tödten.« »Freilich – ich vergaß diese Politik. – Nun wohl, angenommen, mein Oheim fährt nicht fort zu leben. – ich denke, so müssen die Worte heißen. – Wer beherrscht dann den schottischen Hof?« »Robert der Dritte, mit Beistimmung, Rath und Ansehen des mächtigen David, Herzogs von Rothsay, Statthalter des Königreichs und Alter Ego; – zu dessen Gunsten gewiß der gute König, müde der Anstrengungen und Mühen der Herrschaft, geneigt sein wird, abzudanken. Also lebe lange unser tapferer, junger Monarch, König Robert der Dritte! Ille, manu fortis, Anglis ludebit in hortis.« »Und unser Vater und Vorgänger,« sagte Rothsay, »wird fortleben, für uns zu beten als unser Kaplan, wofür er das Privilegium erhält, sein graues Haar nicht früher ins Grab zu legen, als der Lauf der Natur es will. – Oder treffen ihn gleichfalls einige jener Vernachlässigungen, in Folge deren Leute aufhören, fortzuleben, und vertauscht er die Mauern eines Gefängnisses oder Klosters, was jenem ähnlich, mit der dunklen und ruhigen Zelle, wo, wie die Priester sagen, die Schlechten aufhören Unruhe zu stiften und wo die Müden ruhen?« »Ihr redet im Scherz, Mylord,« erwiderte Ramorny. »Den guten alten König zu kränken, wäre ebenso unnatürlich als unklug.« »Warum davor zurückbeben, Mensch,« antwortete der Prinz mit strenger Mißbilligung, »wenn dein ganzer Plan eine Lehre unnatürlichen Verbrechens, gemischt mit kurzsichtigem Ehrgeiz ist? – Wenn der König von Schottland kaum seinen Edeln die Spitze bieten kann, selbst jetzt, da er ihnen ein ehrenhaftes, unbeflecktes Banner entgegenstellt, wer wird seinem Fürsten folgen, der durch den Tod seines Oheims und die Einkerkerung seines Vaters befleckt ist? Wahrlich, Mensch, deine Politik könnte einen heidnischen Divan, geschweige denn einen christlichen Staatsrath empören. – Du warst mein Vormund, Ramorny, und vielleicht könnte ich mich mit Recht auf deinen Unterricht und dein Beispiel bei den meisten Thorheiten berufen, die man mir vorwirft. Vielleicht wär' ich ohne dich nicht hier um Mitternacht in der Maske der Narrheit (dabei blickte er auf seine Kleidung), um einen ehrsüchtigen Wüstling anzuhören, der mir vorschlägt, meinen Oheim zu ermorden und den besten der Väter zu entthronen. Weil es aber doch mein Fehler so gut als der deine ist, wenn ich mich in diesen Abgrund gesenkt habe, wäre es ungerecht, daß du allein dafür leidest. Aber erneuere diese gehässigen Anträge nicht, bei Gefahr deines Lebens! Denn ich verklage dich bei meinem Vater, beim Herzog von Albany, bei ganz Schottland! Jedes Kreuz auf den Märkten der verschiedenen Städte wird dann ein Stück von dem Leichnam des Verräthers tragen, der dem Thronerben von Schottland solch schauderhaften Rath zu geben gewagt hat. Ich hoffe zu deiner Ehre, daß das Fieber deiner Wunde und der berauschende Einfluß des Trankes, der auf dein krankes Gehirn wirkte, dich diese Nacht über die gewöhnlichen Grenzen geführt hat.« »Wirklich, Mylord,« sagte Ramorny, »wenn ich irgend Etwas gesagt habe, was Eure Hoheit so sehr aufbringen konnte, so muß es aus übermäßigem Eifer geschehen sein, gemischt mit Schwäche der Urtheilskraft. Gewiß werde ich am wenigsten unter allen Menschen ehrgeizige Pläne zu meinem eigenen Vortheil ersinnen. Ach! all' meine Aussichten sind ja nur, Lanze und Sattel mit Brevier und Beichtstuhl zu tauschen. Das Kloster zu Lindores muß den verstümmelten und verachteten Ritter von Ramorny aufnehmen, der dort Muße genug haben wird, über den Text nachzudenken: \>Vertraue keinem Fürsten.\<« »Das ist ein kluger Vorsatz,« sagte der Prinz, und er soll gewiß gefördert werden. Ich dachte, wir würden uns nur auf einige Zeit trennen – jetzt muß es für immer geschehen. Gewiß, nach einem solchen Gespräch, wie wir's hielten, ist es gerathen, daß wir getrennt leben. Doch das Kloster von Lindores oder welch' anderes Haus dich aufnimmt, soll von uns reich begabt und hoch begünstigt werden. – Und nun, Sir John von Ramorny, schlaft – schlaft – und vergeßt die verhängnißvolle Unterhaltung, wobei, hoff' ich, mehr das Fieber der Krankheit und des Weines das Wort führte, als unsere eigenen Gesinnungen. – Leuchtet zur Thür vor, Eviot!« Eviot rief die Begleiter des Prinzen herbei, die, erschöpft von den Genüssen des Abends, auf der Treppe und in der Vorhalle eingeschlafen waren. »Ist Niemand unter Euch nüchtern?« sagte der Herzog von Rothfay, dem der Anblick seiner Gefährten widerlich war. »Nicht Einer – nicht Einer,« antworteten die Leute mit trunkenem Jubel; »Keiner von uns ist Verräther am Kaiser der lustigen Leute!« »Und also sind Alle von Euch in Bestien verwandelt?« sagte der Prinz. »Aus Gehorsam und in Nacheiferung Eurer Hoheit,« antwortete ein Bursche; »oder wenn wir ein wenig Eurer Hoheit nachstehen, so wird ein Zug aus der Flasche –« »Still, Vieh!« sagte der Herzog von Rothsay: »Ist Keiner von Euch nüchtern? sag' ich.« »Ja, mein edler Fürst,« war die Antwort; »hier ist ein falscher Bruder, der Engländer Watkins.« »So komm her, Watkins, und trag' mir eine Fackel. Gib mir auch einen Mantel und eine andere Mütze, und nimm das dumme Zeug da weg,« mit diesen Worten warf er seine Federkrone weg; »könnt' ich doch all' meine Thorheiten so leicht wegwerfen. – Engländer Watkins, begleite mich allein und Ihr Uebrigen endet Eure Lust und legt Eure Masken ab; der Karneval ist vorüber und das Fasten hat begonnen.« »Unser Monarch dankt diese Nacht früher als gewöhnlich ab,« sagte Einer von dem Schwarme; da aber der Prinz keine weitere Aufmunterung gab, so bemühten sich diejenigen, die jetzt der Tugend der Nüchternheit entbehrten, sie nachzuahmen, so gut sie konnten, und sämmtliche wilde Lärmer begannen das Ansehen einer Anzahl anständiger Personen anzunehmen, die, welche von einem Rausche unversehens befallen, ihren Zustand zu bemänteln bemüht sind, indem sie eine doppelte Portion von Förmlichkeit im Benehmen blicken lassen. Inzwischen ließ sich der Prinz, nachdem er hastig seine Kleidung verändert, durch den einzigen nüchternen Mann der ganzen Gesellschaft zur Thür leuchten, wäre aber auf dem Wege dorthin fast über den schlafenden Körper des rohen Bonthron gestolpert. »Wie – begegnet uns das erbärmliche Thier noch ein Mal?« sagte zornig und voll Ekel der Prinz. »Hier, stoße Einer von Euch den Elenden in den Pferdetrog, damit er ein Mal in seinem Leben rein gewaschen wird.« Während das Gefolge seinen Befehl vollzog, indem sie sich eines Brunnens im äußeren Hofe bedienten, und während Bonthron eine Strafe erlitt, der er nicht anders zu widerstehen vermochte, als durch inarticulirtes Stöhnen und Grunzen, wie es ein Bär hören läßt, setzte der Prinz seinen Weg nach seinen Gemächern fort, die in einem Hause, Constables Lodgings genannt, befindlich waren, welches den Grafen von Errol gehörte. Unterwegs fragte der Prinz, um seine Gedanken von den unangenehmen Gegenständen abzulenken, seinen Gefährten, wie es käme, daß er nüchtern sei, während sich die Uebrigen so sehr mit Getränken beladen hätten. »Mit Eurer Hoheit Erlaubniß,« erwiderte der Engländer Watkins, »ich gestehe, es war sehr frei von mir, nüchtern zu sein, wenn Euer Gnaden Wille war, daß Euer Gefolge betrunken sein sollte; aber da Alle Schotten waren, außer mir, so hielt ich es nicht für klug, in ihrer Gesellschaft betrunken zu werden; sie können mich kaum ausstehen, wenn wir Alle nüchtern sind; und wenn der Wein die Oberhand erhielte, möchte ich ihnen eine offene Meinung sagen und mit so viel Stöcken bezahlt werden, als Leute in der guten Gesellschaft sind.« »Also bist du entschlossen, nie einem der Gelage unseres Hauses beizuwohnen?« »Mit Eurer Gunst, allerdings; wenn Eure Hoheit nicht etwa will, daß die Uebrigen Eures Gefolges einen Tag nüchtern bleiben, damit sich Will Watkins einmal ohne Lebensgefahr betrinken kann.« »Solch' eine Gelegenheit kann sich finden. – Wo dienest du, Watkins?« »Im Stall, mit Eurer Erlaubnis.« »Unser Kämmerer soll dich als Yeoman der Nachtwache in's Haus aufnehmen. Du gefällst mir, und es ist gut, einen nüchternen Burschen im Hause zu haben, wenn er's auch nur wegen Furcht vor'm Tode ist. Bleib' daher unserer Person nahe, und Nüchternheit wirst du als eine einträgliche Tugend erkennen lernen.« Inzwischen ward den Leiden des Krankenzimmers Sir John Ramorny's eine Last von Sorge und Furcht zugesellt. Seine Betrachtungen, verwirrt durch das Opiat, geriethen in große Unruhe, als der Prinz, in dessen Gegenwart er dieselbe mit Gewalt bezwungen, das Gemach verlassen hatte. Sein Verstand, den er während des Gespräches vollkommen besessen hatte, verließ ihn plötzlich. Er träumte verwirrt, daß er in großer Gefahr sei, da der Prinz sein Feind geworden war und er ihm ein Geheimniß anvertraut hatte, das ihm das Leben kosten konnte. In dieser Lage des Leibes und der Seele ist es kein Wunder, daß seine Träume schreckhaft wurden, oder vielmehr sein kranker Geist die phantasmagorischen Gestalten sah, die durch häufigen Gebrauch des Opiums erregt werden. Er glaubte den Schatten der Königin Annabella neben seinem Bette stehen und den einfachen, tugendhaften und unschuldigen Jüngling ihm abfordern zu sehen, den sie ihm als solchen anvertraut hatte. »Du hast ihn leichtsinnig, lüderlich und lasterhaft gemacht,« sagte der Schatten der bleichen Majestät. »Aber ich danke dir, John von Ramorny, der du undankbar gegen mich, treulos deinem Wort und verrätherisch meinen Hoffnungen bist. Dein Haß soll dem Uebel entgegenarbeiten, das deine Freundschaft anrichtete. Und wohl hoffe ich, daß, nun du nicht mehr sein Rathgeber bist, eine herbe Strafe auf Erden meinem unglücklichen Kinde Gnade und Aufnahme in einer bessern Welt gewähren werde.« Ramorny streckte die Arme nach seiner Wohlthäterin aus und bemühte sich, Zerknirschung und Reue zu äußern; aber die Miene der Erscheinung ward immer düsterer und ernster, bis es nicht mehr die der verstorbenen Königin war, sondern das finstere und stolze Gesicht des schwarzen Douglas darstellte – dann das schüchterne und kummervolle Antlitz König Roberts, der über die nahende Endschaft seines königlichen Hauses zu trauern schien – und endlich eine Gruppe phantastischer Gesichter, theils häßlich, theils lächerlich, die sich in unnatürliche und abenteuerliche Formen verzerrten und verwandelten, als spotteten sie seines Bemühens, einen genauen Begriff ihrer Züge zu erlangen. Achtzehntes Kapitel. Ein blutig Land, wo kein Gesetz das Leben sichert. Byron. Der Morgen des Aschermittwochs begann kalt und bleich, wie gewöhnlich zu solcher Jahreszeit in Schottland, wo das schlechteste und unfreundlichste Wetter oft in den Frühlingsmonden eintritt. Es war ein frostiger Tag, und die Bürger hatten die Folgen der Schwelgerei des vorigen Festtags zu verschlafen. Die Sonne stand daher bereits seit einer Stunde am Horizonte, eh' sich das Leben allgemein unter den Bewohnern von Perth regte, so daß es einige Zeit nach Tagesanbruch geschah, daß ein Bürger, der zur Frühmesse ging, des unglücklichen Proudfute Körper auf dem Gesicht über'm Rinnstein liegen sah, ganz in der Lage, wie er (unsere Leser erriethen dies bereits) unter dem Streiche Anthony Bonthrons, des »Gürtelburschen«, d. h. des Vollstreckers der Befehle Sir John Ramorny's, gefallen war. Dieser frühmuntere Bürger war Allan Greif, so genannt, weil er Herr der Greifschenke war, und der Lärm, den er erhob, führte bald schlaftrunkene Nachbarn und allmälig einen Auflauf von Bürgern zusammen. Anfangs erhob sich, wegen des wohlbekannten Büffelwamses und der rothen Feder auf der Blechhaube, ein Geschrei, der tapfere Schmied liege dort erschlagen. Dies falsche Gerücht erhielt sich eine Weile, denn der Wirth des Greifs, der selber Magistratsperson war, wollte den Körper nicht anrühren oder aufheben lassen, bis der Bailie Craigdallie ankäme, so daß Niemand das Gesicht zu sehen bekam. »Dies ist eine Angelegenheit der guten Stadt, meine Freunde,« sagte er; »und wenn es der muthige Schmied vom Wynd ist, der hier liegt, so lebt kein Mensch in Perth, der nicht Gut und Blut wagen wird, um ihn zu rächen. Seht ihr, die Schurken haben ihn von hinten getroffen, denn zehn schottische Meilen in der Runde ist kein Mensch, weder Edler noch Bauer, weder Hochländer noch Niederländer, der ihm von Angesicht zu Angesicht in so schnöder Absicht begegnet wäre. O, brave Männer von Perth, die Blüthe eurer Mannheit ist niedergehauen, und das durch eine schlechte und verrätherische Hand!« Ein wildes Geschrei der Wuth erhob sich unter dem Volke, welches sich schnell versammelte. »Wir wollen ihn auf unsere Schultern nehmen,« sagte ein starker Fleischer; »wir wollen ihn vor den König in's Dominikanerkloster tragen.« »Ja, ja,« antwortete ein Grobschmied, »weder Pforte noch Riegel soll uns vom König zurückhalten; weder Mönch noch Messe soll unsern Vorsatz hindern. Ein besserer Waffenschmied führte nie den Hammer über'm Ambos!« »Zu den Dominikanern! zu den Dominikanern!« rief das versammelte Volk. »Bedenkt, Bürger,« sagte ein Anderer; unser König ist ein guter König und liebt uns wie seine Kinder. Der Douglas und der Herzog von Albany sind es, die den guten König Robert die Klagen seines Volkes nicht hören lassen.« »Sollen wir uns wegen des Königs Herzenssanftmuth in unseren eigenen Straßen erschlagen lassen?« sagte der Fleischer. »Der Bruce hielt's anders. Will uns der König nicht schützen, müssen wir uns selber schützen. Zieht die Sturmglocke, jede Glocke, die einen Ton gibt. Ruft und schont nichts, – die Jagd St. Johnstons ist los!« »Ja,« rief ein anderer Bürger, »und laßt uns zu Douglas' und Albany's Häusern, daß wir sie bis auf den Grund niederbrennen. Laßt das Feuer weit und breit verkünden, daß Perth seinen tapfern Harry Gow zu rächen verstand! Er hat zwanzig Mal für das Recht der guten Stadt gekämpft – laßt uns zeigen, daß wir einmal fechten können, um sein Unrecht zu rächen. Hallo ho! brave Bürger, St. Johnstons Jagd ist los!« Dies Geschrei, der wohlbekannte Lärmruf unter den Einwohnern von Perth, den man selten hörte, außer in Fällen allgemeinen Aufruhrs, hallte von Mund zu Munde wieder, und einige benachbarte Kirchthürme, deren sich die wüthenden Bürger, sei es mit Zustimmung der Priester oder trotz deren Widerstand, bemächtigt hatten, begannen die verhängnisvollen Lärmsignale zu entsenden, wobei die Glocken, wie man sagte, da die gewöhnliche Aufeinanderfolge der Klänge umgekehrt war, rückwärts geläutet wurden. Während die Menge dichter wurde und das allgemeine Geschrei immer lauter, behielt Allan Greif, ein dicker Mann mit tiefer Stimme, und angesehen bei Hohen und Niedern, seinen Posten beim Leichnam, rief laut der Menge zu, zurückzutreten und die Ankunft der Magistratspersonen zu erwarten. »Wir müssen in der Sache nach der Ordnung verfahren, ihr Meister; müssen unsere Obrigkeit an unserer Spitze haben. Sie ist gehörig gekoren und erwählt auf unserem Rathhause, gute und, würdige Männer; wir wollen uns nicht Aufrührer oder müßige Störer von des Königs Frieden nennen lassen. Bleibt still stehen und macht Platz, denn dort kommt Bailie Craigdallie, ja, und der ehrsame Simon Glover, dem die gute Stadt sehr verpflichtet ist. Ach, ach! meine lieben Mitbürger, seine schöne Tochter war gestern Abend eine Braut – diesen Morgen ist das schöne Mädchen von Perth Wittwe geworden, bevor sie ein Weib gewesen!« Dieser neue Grund zum Mitgefühl steigerte die Wuth und den Schmerz der Menge um so mehr, da sich viele Weiber nunmehr eingefunden hatten, welche das Lärmgeschrei der Männer nachriefen. »Ja, ja! St. Johnstons Jagd ist los: für das schöne Mädchen von Perth und den tapfern Harry Gow! Auf, auf! Mann für Mann! Spart keine Hiebe! – Zu den Ställen! – zu den Ställen! Wenn das Pferd weg ist, nützt der Kriegsmann nichts! Haut die Knechte und Yeomen nieder! Lähmt, verstümmelt die Rosse! Tödtet die schlechten Knappen und Pagen! Die stolzen Ritter mögen uns zu Fuße begegnen, wenn sie's wagen!« »Sie wagen's nicht, sie wagen's nicht!« antworteten die Männer; »ihre Stärke liegt in Roß und Rüstung, und doch haben die hochmüthigen und undankbaren Schurken einen Mann erschlagen, dessen Geschick als Waffenschmied weder in Mailand noch Venedig übertroffen ward. Zu den Waffen! Zu den Waffen, brave Bürger! St. Johnstons Jagd ist los!« Unter diesem Geschrei gewannen die Magistratspersonen und die vornehmen Einwohner mit Mühe Platz, um den Leichnam zu untersuchen; sie hatten den Stadtschreiber bei sich, der ein amtliches Protokoll führen, oder, wie man es noch nennt, eine Untersuchung des Thatbestandes aufsetzen sollte. Die Menge fügte sich diesem Verzug mit einer Geduld und Ordnung, welche den Nationalcharakter eines Volkes stark bezeichnete, dessen Zorn immer um so gefährlicher war, da es, ohne von seinen Racheplänen abzugehen, jede Weitläufigkeit, die zu ihrer sichern Ausführung nöthig ist, mit vollkommener Ruhe erträgt. Man empfing daher die Obrigkeit mit lautem Freudengeschrei, unter welchem sich aber dennoch die Rachelust äußerte, und zugleich mit ehrerbietiger Unterwürfigkeit gegen die Beschützer, durch deren Hülfe sie ihren Zweck auf gesetzlichem und rechtlichem Wege zu erreichen versichert waren. Während diese Laute des Willkommens noch unter der Menge ertönten, die nun die sämmtlichen angrenzenden Straßen erfüllte, und während man tausend verschiedene Gerüchte empfing und weitertrug, ließen die Väter der Stadt den Leichnam aufheben und genauer untersuchen; da erkannte man sofort und verkündigte alsbald die Wahrheit, daß es nicht der Leichnam des so allgemein und wegen der damals achtungswerthesten Eigenschaften mit vollem Recht geliebten Waffenschmieds, Harry's vom Wynd, sondern der eines weit geringer geachteten Mannes, obwohl er nicht ohne Verdienst in der Gesellschaft war, des lustigen Strumpfwirkers Oliver Proudfute. Der Zorn des Volkes war so sehr auf den Gedanken zusammengedrängt, sein tapferer, unerschrockener Vertheidiger, Harry Gow, sei das Opfer, daß die Widerlegung dieses Gerüchts hinreichte, seine Wuth zu stillen, während wahrscheinlich, hätte man den armen Oliver gleich im ersten Augenblick erkannt, aus jedem Mund der Racheruf erschollen wäre, wie um Harry vom Wynd. Die Verkündigung dieser unerwarteten Neuigkeit erweckte sogar Anfangs ein Gelächter im Volke, so nahe grenzt das Komische mit dem Schrecklichen zusammen. »Die Mörder haben ihn ohne Zweifel für Harry Schmied gehalten,« sagte Greif, »was für ihn bei diesen Umständen ein großer Trost gewesen sein muß.« Aber die Ankunft anderer Personen auf dem Schauplatze stellte dessen tragischen Charakter bald wieder her. Neunzehntes Kapitel. Wer läßt die Glocke ziehen? – Teufel, ha! Die Stadt steht auf. – Othello, 2. Aufzug, 3. Scene. Die verworrenen Gerüchte, die sich durch die Stadt verbreiteten, verursachten, da sogleich darauf die Sturmglocken ertönten, allgemeine Bestürzung. Die Ritter und Edeln kamen mit ihrem Gefolge auf verschiedenen Sammelplätzen zusammen, wo man sich am füglichsten vertheidigen konnte, und bald erreichte der Lärm den königlichen Palast, wo der junge Prinz einer der Ersten war, die erschienen, um nöthigenfalls den alten König vertheidigen zu helfen. Die Scene der vorigen Nacht lag ihm noch im Gedächtniß, und indem er sich der blutbefleckten Gestalt Bonthrons erinnerte, ahnte er, wiewohl nur unbestimmt, daß des Schurken That mit diesem Aufruhr im Zusammenhang stünde. Das darauf folgende und interessantere Gespräch mit Sir John Ramorny hatte indeß so viel Eindruck gehabt, daß dadurch, außer der unbestimmten Erinnerung an eine geschehene Mordthat, alle Spuren von dem, was er über die blutige That des Meuchelmörders undeutlich gehört hatte, verlöscht worden waren. Um seines Vaters willen griff er mit seinem eigenen Gefolge zu den Waffen, welches in glänzender Rüstung, die Lanzen in den Händen, ein ganz anderes Ansehen hatte, als in vergangener Nacht, wo sie als berauschte Bacchusverehrer erschienen. Der gute alte Monarch empfing dies Zeichen kindlicher Liebe und Dankbarkeit, und zeigte stolz seinen Sohn dem bald nachher eintretenden Herzog von Albany. Er ergriff Jeden bei der Hand. »Wir sind nun hier drei Stuarts,« sagte er, »so unzertrennlich wie das heilige Kleeblatt; und da man sagt, wer dies heilige Kraut trage, könne dem Zaubertrug spotten, so können wir, so lange wir einander treu sind, der Bosheit und Feindschaft Trotz bieten.« Der Bruder und der Sohn küßten die freundliche Hand, die die ihrigen drückte, während Robert sein Vertrauen auf ihre Liebe ausdrückte. Der Kuß des Jünglings war diesmal aufrichtig gemeint; der des Bruders war der Kuß des abtrünnigen Judas. Inzwischen setzte die Glocke der St. Johanniskirche unter Andern auch die Bewohner der Curfewstraße in Bewegung. Im Hause Simon Glovers war die alte Dorothee Glover, wie man sie nannte (denn auch sie entlehnte den Namen von dem Geschäft, welches sie unter ihres Herrn Auspicien trieb), die Erste, die den Lärm vernahm. Obgleich sie gewöhnlich etwas taub war, so blieb doch ihr Ohr immer für schlimme Neuigkeiten so scharf, als der Geruch eines Geiers für das Aas; denn Dorothee, sonst ein treues fleißiges und selbst liebevolles Wesen, hatte den starken Hang, traurige Gerüchte zu sammeln und auszubreiten, der sich unter den niederen Klassen so häufig findet. Wenig gewohnt, angehört zu werden, lieben sie die Aufmerksamkeit, die eine tragische Geschichte dem Erzähler sichert, und freuen sich vielleicht der Gleichheit, in welche das Mißgeschick die, welche sonst über ihnen stehen, auf eine Zeit lang mit ihnen setzt. Dorothee hatte kaum ein kleines Bündel der draußen umherfliegenden Gerüchte zusammengerafft, als sie in ihres Meisters Schlafgemach sprang, der das Privilegium des Alters und des Festtags benutzte, um länger als gewöhnlich zu schlafen. »Da liegt er, der wackere Mann!« sagte Dorothee halb schreiend, halb im kläglichen Tone des Mitgefühls, – da liegt er, sein bester Freund ist erschlagen, und er weiß so wenig davon, wie das neugeborene Kind, das Leben von Tod nicht zu unterscheiden versteht.« »Was gibt's?« sagte der Handschuhmacher, im Bett emporfahrend, – »was gibt es, Alte? Ist meine Tochter wohl?« »Alte!« sagte Dorothee, die, nachdem sie den Fisch am Haken hatte, ihn ein Bischen zappeln lassen wollte. »Ich bin nicht so alt,« sagte sie, aus dem Gemach springend, »um an dem Orte zu bleiben, wo ein Mann unangekleidet aus dem Bett steigt –« Und sogleich hörte man sie in der Ferne unten im Wohngemach melodisch zum Scharren ihres Besens singen. »Dorothee – Nachteule – Teufel, – sage nur, ob meine Tochter wohl ist!« »Ich bin wohl, mein Vater!« antwortete das schöne Mädchen von Perth, aus ihrem Schlafgemach rufend: »vollkommen wohl; was gibt es aber, um unserer lieben Frau willen? Die Glocken läuten rückwärts, und auf den Straßen ist Geschrei und Lärm.« »Ich will den Grund sogleich hören. – Schnell, Conachar, binde mir sogleich die Bänder – ach, ich vergaß, – der Hochländer ist weit jenseits Fortingall. – Geduld, Tochter, ich werde dir sogleich Nachricht bringen.« »Ihr braucht Euch darum nicht zu eilen, Simon Glover,« rief das hartnäckige alte Weib; »das beste und Schlimmste davon könnt Ihr hören, eh' Ihr einen Fuß über Eure Schwelle setzt. Ich weiß die ganze Geschichte draußen; denn, dachte ich, unser Herr ist so eigensinnig, daß er hinauslaufen wird, um die Sache zu hören, was es auch sei; und so macht' ich mich selber auf den Weg und mußte mich nach allem erkundigen, weil er sonst seine alte Nase mitten hinein stecken würde, um sich kneipen zu lassen, ohne zu wissen, warum.« »Und was ist es für eine Neuigkeit, Alte?« sagte der ungeduldige Glover, noch immer eifrig beschäftigt mit hundert Bändern und Nesteln, mittelst deren das Wams an die Hosen befestigt wurde. Dorothee ließ ihn in seinem Werke fortfahren, bis sie merkte, daß es bald vollendet sein müßte, und sie voraussah, wenn sie das Geheimniß nicht selbst erzählte, würde ihr Herr draußen in Person nach dem Grund der Unruhe forschen. Sie rief daher weinend aus: »Ach, ach! Ihr könnt nicht sagen, daß es meine Schuld ist, wenn Ihr schlimme Neuigkeiten hört, bevor Ihr in der Frühmesse gewesen seid. Ich wollte es vor Euch verbergen, bis Ihr Gottes Wort gehört hättet; aber da Ihr's einmal hören müßt: Ihr habt den treuesten Freund verloren, der je einem andern die Hand reichte, und Perth hat den tapfersten Bürger zu betrauern, der je ein Schwert in die Hand nahm!« »Harry Schmied! Harry Schmied!« riefen Vater und Tochter zugleich. »Ach, ja freilich, da habt Ihr's denn endlich,« sagte Dorothee; »und wessen Schuld ist es, als Eure eigene? – Ihr machtet so viel Wesens darum, daß er eine Sängerin begleitet, wie wenn er mit einer Jüdin gegangen wäre.« Dorothee würde noch lange fortgefahren haben, aber Ihr Herr rief seiner Tochter, die noch in ihrem eigenen Gemach war, zu: »Es ist Unsinn, Katharina, – nur das Geschwätz einer alten Thörin. So Etwas ist nicht geschehen. Ich will dir sogleich die Wahrheit bringen;« und seinen Stab ergreifend, eilte der alte Mann an Dorothee vorüber hinaus auf die Straße, wo das Gedränge des Volkes sich nach der Highstreet bewegte. Dorothee murmelte inzwischen zu sich selbst: »Dein Vater ist ein kluger Mann, nimm sein eigenes Wort dafür. Er wird bald mit einem Schaden aus dem Getümmel kommen, und dann wird's heißen, Dorothee, gib Leinwand, Dorothee, streiche das Pflaster; aber jetzt ist's nichts als Unsinn, Lüge und Unmöglichkeit, was aus Dorotheens Munde kommen kann. – Unmöglich! Meint der alte Mann, Harry Schmieds Kopf sei so hart wie sein Ambos, und ein ganzer Hochländerclan könne d'rauf klopfen?« Hier ward sie durch eine Engelsgestalt unterbrochen, die aber mit irren, verstörten Augen, todtenbleicher Wange, aufgelöstem Haar und in fast bewußtlosem Zustande erschien und die Alte aus ihrer mißvergnügten Laune aufschreckte. »Unsere liebe Frau behüte mein Kind!« sagte sie. »Warum seht Ihr so verstört aus?« »Sagtet Ihr nicht, es sei Jemand todt?« sagte Katharina mit einer ängstlichen Unsicherheit der Sprache, wie wenn sie die Organe der Rede und des Gehörs nur unvollkommen in der Gewalt hätte. »Todt, freilich! Ja, ja, todt genug; Ihr werdet ihn nicht noch ein Mal betrüben können.« »Todt!« wiederholte Katharina, mit derselben Unsicherheit in Stimme und Benehmen. »Todt – erschlagen – und von den Hochländern?« »Ja, das denk' ich sicherlich, durch Hochländer – die gesetzlosen Schurken. Wer schlägt denn sonst die meisten Leute todt, außer etwa dann und wann, wenn die Bürger Händel haben und einer den andern tödtet, oder wenn die Ritter und Edelleute Blut vergießen. Aber so viel weiß ich, diesmal waren's die Hochländer. Der Mann fand sich nicht in Perth, vornehm oder gering, der Mann gegen Mann sich an Harry Schmied wagen durfte. Man hat ungleiches Spiel mit ihm getrieben; das werdet Ihr sehen, wenn man der Sache auf den Grund kommt.« »Hochländer!« wiederholte Katharina, als käme ihr ein Gedanke, der ihren Geist beunruhigte. »Hochländer! – O Conachar! Conachar!« »Wahrlich! und ich kann sagen, Ihr seid auf den rechten Mann gefallen, Katharina. Sie zankten, wie Ihr sahet, am St. Valentinsabend und rangen mit einander. Ein Hochländer hat ein langes Gedächtnis für dergleichen. Gib ihm zu St. Martin eine Ohrfeige, so wird's seine Wange zu Pfingsten empfinden. Aber was könnte die langbeinigen Schufte heruntergeführt haben, um ihr blutiges Werk in der Stadt zu verüben?« »Weh' mir, ich war es,« sagte Katharina; »ich brachte die Hochländer herunter – ich schickte nach Conachar – ja, sie haben ihm aufgelauert – aber ich war's, die sie in die Nähe ihrer Beute brachte. Aber ich will mit meinen eigenen Augen sehen – und dann – werden wir Etwas thun. Sag' meinem Vater, ich werde bald zurück sein.« »Seid Ihr wahnwitzig, Mädchen?« rief Dorothee, als Katharina nach der Hausthür eilte. »Ihr werdet doch nicht auf die Straße laufen mit dem Haar, das Euch so über's Gesicht herabhängt; in diesem Anzug, die man Euch das schöne Mädchen von Perth nennt? – Herrgott, aber sie ist schon auf der Straße, komme was da wolle, und der alte Glover wird so toll sein, als hätt' ich sie mit Gewalt mir nichts dir nichts zurückhalten können. – Das ist ein schöner Aschermittwochmorgen! – Was soll man anfangen? Wenn ich meinen Meister unter der Menge suchen wollte, so könnte ich im Getümmel zertreten werden, und man würde um das alte Weib wenig Jammer erheben. – Und soll ich Katharinen nachlaufen, die mir lange aus den Augen und viel leichter zu Fuße ist, als ich? – So will ich lieber hinaus zum Barbier Nicol und dem die Geschichte erzählen.« Während die wackere Dorothee ihren klugen Entschluß zur Ausführung brachte, lief Katharina durch die Straßen von Perth auf eine Weise, wodurch sie in jedem andern Augenblick die Aufmerksamkeit Aller auf sich gezogen hätte, welche sie mit unbedachter Heftigkeit eilen sahen, verwirrt und ganz ohne den gewohnten ruhigen Anstand des Ganges und Benehmens, und ohne Plaid, Schürze oder Mantel, welche »gute Frauen« von anständigem Ruf und ehrbarem Stande immer trugen, wenn sie ausgingen. Aber im allgemeinen Schrecken, da sie Alle nach der Ursache des Tumultes forschten oder dieselbe erzählten, während die Meisten sie verschieden angaben, machte die Nachlässigkeit ihrer Kleidung und der Mangel an Fassung auf Niemand Eindruck, und man ließ sie auf dem gewählten Pfade forteilen, ohne sie mehr als die übrigen Weiber zu bemerken, die, von ängstlicher Neugier oder Furcht getrieben, gekommen waren, um nach der Ursache des allgemeinen Lärms zu fragen – vielleicht um Freunde zu suchen, für deren Sicherheit sie besorgt waren. Während Katharina ihren Weg verfolgte, empfand sie den ganzen seltsamen Einfluß der aufregenden Scene, und nur mit Mühe enthielt sie sich, die Klagen und das Jammergeschrei zu wiederholen, welches um sie her widerhallte. Inzwischen eilte sie rasch vorwärts, wie von einem Traume befangen, im unheimlichen Gefühle furchtbaren Unglücks, ohne daß sie sich desselben bestimmt und deutlich bewußt war, das aber den schrecklichen Gedanken einschloß, der Mann, der sie so innig liebte, dessen gute Eigenschaften sie so hochschätzte, und der ihr, wie sie jetzt fühlte, theurer war, als sie sich vorher gestanden hatte, sei ermordet, und sie wahrscheinlich schuld an seinem Tode. Die Verbindung zwischen Harry's vermeintlichem Tode und dem Einfall Conachars und seiner Begleiter, ob sie gleich im Augenblicke der höchsten Aufregung den Gedanken gefaßt hatte, hatte doch hinlängliche Wahrscheinlichkeit, um für wahr zu gelten, selbst wenn ihr Verstand fähig gewesen wäre, die Glaubwürdigkeit des Umstandes zu untersuchen. Ohne zu wissen, was sie außer dem allgemeinen Verlangen, das Schlimmste von dem schrecklichen Gerüchte zu erfahren, noch suchte, eilte sie dem Orte zu, den ihre Gefühle am vorigen Tage sie unter allen am meisten zu meiden veranlaßt hätten. Wer hätte am Fastnachtabend die stolze, furchtsame, schüchterne, streng anständige Katharine Glover überreden können, daß sie vor der Messe am Aschermittwoch durch die Straßen von Perth rennen würde, sich Bahn suchend durch Tumult und Verwirrung, mit aufgelöstem Haar, ungeordneter Kleidung, um das Haus desselben Liebhabers aufzusuchen, der, wie sie glauben mußte, sie durch Unterhaltung einer unanständigen und frechen Liebschaft so arg und schwer vernachlässigt und beschimpft hatte? Und doch war es so. Und da sie in der Eile die freieste Straße, wie durch Instinkt, einschlug, gelangte sie, die Hauptstraße, wo das Gedränge am größten war, vermeidend, durch dieselben engen Gassen an der Nordseite der Stadt auf den Wynd, durch welche Harry früher Louisen begleitet hatte. Aber selbst diese verhältnißmäßig einsamen Gassen waren jetzt mit Leuten gefüllt, so allgemein war der Lärm. Katharina Glover drängte sich durch sie, während diejenigen, welche sie bemerkten, einander ansahen und aus Mitleid mit ihrem Unglück den Kopf schüttelten. Endlich stand sie, ohne bestimmtes Bewußtsein ihrer Absicht, vor des Liebhabers Thür und klopfte an. Die Stille, welche dem Schall ihres heftigen Klopfens folgte, steigerte die Unruhe, welche sie zu dieser verzweifelten Maßregel getrieben hatte. »Oeffne, – öffne, Harry!« rief sie. »Oeffne, wenn du noch lebst! – Oeffne, wenn du nicht Katharina Glover todt auf deiner Schwelle finden willst!« Während sie so wahnsinnig schrie, zu Ohren, die, wie man sie glauben lehrte, der Tod verschlossen hatte, öffnete der angerufene Liebhaber in Person eben noch zeitig genug, um die zu Boden Sinkende aufzufangen. Das Uebermaß freudigen Entzückens über ein so unerwartetes Ereigniß, kam nur dem Staunen gleich, welches ihm verbot, Alles für wirklich zu halten, so wie seiner Unruhe über die geschlossenen Augen, die halboffenen, bleichen Lippen, die völlige Abwesenheit der Farbe und das scheinbar gänzliche Stocken des Athems. Harry war, trotz des allgemeinen Lärmens, welcher schon seit geraumer Zeit an sein Ohr gedrungen, daheim geblieben, fest entschlossen, sich nicht in Händel zu mischen, die er meiden konnte; und nur in Folge eines Aufrufs von Seiten des Magistrats, dem er als Bürger gehorchen mußte, geschah es, daß er Schwert und Schild von der Wand genommen und im Begriff war, zum ersten Male unfreiwillig zu gehen und den Dienst zu erfüllen, zu dem ihm seine Bürgerpflicht rief. »Es ist hart,« sagte er, »in alle Fehden der Stadt gedrängt zu werden, da das Kriegshandwerk Katharinen so zuwider ist. Gewiß gibt es genug Dirnen in Perth, die zu ihren Geliebten sagen: Geh' hinaus, thu' muthig deine Pflicht, und werb' um deiner Dame Gunst! Und doch schickten sie nicht nach ihren Liebhabern, sondern nach mir, der nicht die Schuldigkeit eines Mannes thun, und eine Sängerin schützen, noch die Pflicht eines Bürgers erfüllen kann, der für die Ehre seiner Stadt kämpft, ohne daß mich diese eigensinnige Katharina behandelt, als wäre ich ein Hurer und Raufbold!« Dies waren die Gedanken, die seinen Kopf beschäftigten, als er, um auszugehen, seine Thür öffnete, und nun das Wesen, welches seinen Gedanken das theuerste war, obwohl er's jetzt am wenigsten zu sehen erwartete, in seine Arme sinken sah. Sein aus Staunen, Freude und Besorgniß gemischtes Gefühl beraubte ihn nicht der Geistesgegenwart, welche der Vorfall erforderte. Katharine Glover in Sicherheit zu bringen und sie zum Bewußtsein zu rufen, daran dachte er zuerst, bevor er dem Rufe des Magistrates folgte, wie dringend dieser auch gewesen sein mochte. Er trug seine liebliche Bürde, leicht wie eine Feder, aber köstlicher wie dieselbe Quantität Goldes, in ein kleines Schlafgemach, welches seine Mutter inne gehabt hatte. Es war das passendste für einen Kranken, da es nach dem Garten ging und vom Toben des Aufruhrs fern lag. »Hierher, Amme – Amme Shoolbred – komm schnell – komm, es gilt Tod und Leben – hier braucht Jemand deine Hülfe!« Die Alte trabte herbei. »Wenn es nur Jemand wäre, der dich aus dem Handel ziehen könnte – denn auch sie war von dem Lärm erweckt worden, – aber wie groß war ihr Staunen, als sie, mit Liebe und Ehrerbietung auf das Bett ihrer verstorbenen Gebieterin gelegt und unterstützt von den athletischen Armen ihres Pflegesohnes, die leblose Gestalt des schönen Mädchens von Perth vor sich sah. »Katharina Glover!« sagte sie; »und heilige Mutter Gottes – eine Sterbende, glaub' ich gar!« »Nicht doch, Alte,« sagte ihr Pflegesohn; »das theure Herz schlägt – der süße Athem kommt und kehrt wieder! komm du, du kannst ihr geschickter helfen als ich – bring' Wasser – Essenzen – was deine alte Kunst nur schaffen kann. Der Himmel legte sie nicht in meine Arme, um zu sterben, sondern zu leben für sich und mich!« Mit einer Behendigkeit, die ihr Alter nicht erwarten ließ, sammelte Anna Shoolbred die Mittel, um die Ohnmächtige zu beleben; denn, gleich vielen Frauen jener Zeit, verstand sie, was in solchen Fällen zu thun war, ja, sie war sogar kundig, Wunden von gewöhnlicher Art zu behandeln, und die kriegerischen Neigungen ihres Pflegesohnes hatten sie darin in beständiger Uebung erhalten. »Nun, Harry,« sagte sie, »laß meine Kranke aus deinen Armen – obwohl sie die Umarmung werth ist – und mache deine Hände frei, um mir mit dem Nöthigen zu helfen. – Nun, ich bestehe nicht darauf, daß Ihr auch ihre Hand fahren laßt, wenn Ihr sanft darauf schlagen wollt, so wie die im Krampfe gebogenen Finger sich lösen.« »Ich ihre zarte, schöne Hand schlagen!« sagte Harry; »Ihr könntet mich ebenso ein Wasserglas mit einem Schmiedehammer schlagen heißen, als ihre schöne Hand mit meinen hornharten Fingern klopfen. – Aber die Finger lösen sich, und wir werden ein besseres Mittel finden, als Schlagen.« Er drückte seine Lippen auf die hübsche Hand, deren Bewegung das wiederkehrende Leben anzeigte. Einige tiefe Seufzer folgten und das schöne Mädchen von Perth öffnete die Augen, heftete sie auf den Geliebten, der neben dem Bett knieete, und sank wieder auf's Kissen zurück. Da sie ihre Hand dem Drucke des Liebenden nicht entzog, so müssen wir mit billiger Nachsicht glauben, die Rückkehr des Bewußtseins sei nicht so vollkommen gewesen, daß sie bemerkte, wie er den Vortheil mißbrauchte, und sie abwechselnd an seine Lippen und an seine Brust drückte. Zugleich müssen wir gestehen, daß während dieses Rückfalles das Blut ihre Wangen röthete und ihr Athem einige Minuten tief und unregelmäßig war. Der Lärm vor der Thür begann jetzt viel lauter zu werden und Harry ward bei all' seinen verschiedenen Namen gerufen: Schmied, Gow und Harry vom Wynd, gleichwie die Heiden ihre Götter bei verschiedenen Namen anzurufen pflegten. Endlich nahm die Menge draußen, wie portugiesische Katholiken, wenn sie sich in Bitten an ihre Heiligen erschöpft haben, ihre Zuflucht zu tadelnden Ausrufungen. »Daß Euch der Kuckuck, Harry! Ihr seid ein unwürdiger Mann, Eurem Bürgereide treulos, und ein Verräther der guten Stadt, wenn Ihr nicht sogleich herauskommt!« Es schien, daß die Bemühungen der Amme Shoolbred in so weit erfolgreich waren, daß Katharinens Sinne sich einigermaßen sammelten; denn indem sie ihr Gesicht mehr gegen das des Geliebten wandte, als ihre frühere Lage gestattete, ließ sie ihre rechte Hand auf seine Schulter fallen, während sie die linke in der seinigen ließ und ihn leicht zurückzuhalten schien, indem sie sagte: »Geh' nicht, Harry – bleib bei mir – sie wollen dich tödten, diese blutigen Menschen!« Es schien, daß diese zarte Anrede (darauf gegründet, daß sie den Geliebten lebend fand, den sie nur als Leichnam zu erblicken erwartet hatte), obwohl sie ganz leise und fast unvernehmbar gesprochen ward, doch wirksamer war, Harry Wynd in seiner gegenwärtigen Stellung zurückzuhalten, als der wiederholte Ruf so vieler Stimmen draußen, um ihn die Treppe hinabzubringen. »Alle Heiligen, Bürger,« rief ein kühner Mann seinen Gefährten zu, »der trotzige Schmied treibt Scherz mit uns! Laßt uns in's Haus dringen und ihn herausschleppen.« »Bedenkt, was Ihr thun wollt,« sagte ein vorsichtigerer Angreifer; »der Mann, der in Harry Gow's Wohnung eindringt, mag wohl mit heiler Haut in's Haus gehen, wird aber gehörig für den Wundarzt zurecht gemacht herauskommen. – Aber hier kommt Einer, der ein gutes Recht hat, uns bei ihm zu vertreten und dem Abtrünnigen Vernunft beizubringen.« Die Person, auf die sich dies bezog, war Niemand anders, als Simon Glover. Er hatte den verhängnißvollen Ort erreicht, wo des unglücklichen Strumpfwirkers Körper lag, und zwar gerade zu rechter Zeit, um zu seinem größten Troste, da derselbe auf Befehl des Bailie Craigdallie umgedreht wurde, die Züge des armen Prahlers Proudfute zu entdecken, während das Volk den Lieblingskämpen Harry Schmied erwartete. Ein Gelächter, oder wenigstens etwas dem Aehnliches, verbreitete sich unter denen, die daran dachten, wie sehr sich Oliver um den Ruf eines Raufboldes bemühte, so fremd er seinem natürlichen Charakter auch war, und sie bemerkten, er sei eines Todes gestorben, der eher seinen Ansprüchen, als seiner Gemüthsart entspreche. Aber diese unzeitige spaßhafte Stimmung, die an die Rohheit der Zeit erinnert, verstummte plötzlich vor der Stimme, dem Jammer und Wehklagen einer Frau, die sich durch die Menge drängte mit dem Ausrufe: »O mein Gatte! – mein Gatte!« Man machte der Trauernden Platz, welche von einigen Freundinnen begleitet war. Magda Proudfute war bisher nur als eine hübsche, schwarzhaarige Frau bekannt gewesen, die man für eingebildet und stolz gegen diejenigen hielt, welche ihr niederer und ärmer als sie selbst dünkten, und als Gebieterin ihres verstorbenen Gatten, den sie schnell nöthigte, den Kamm sinken zu lassen, wenn sie ihn zur Unzeit krähen hörte. Aber nun, unter dem Einflusse des mächtigen Schmerzes, zeigte sie einen weit mehr Achtung gebietenden Charakter. »Lacht ihr,« sagte sie, »ihr unwürdigen Bürger von Perth, weil einer eurer Mitbürger sein Blut in den Rinnstein vergossen hat? – oder lacht ihr, weil das Todesloos meinen Gatten traf? Wie hat er das verdient? – Unterhielt er nicht ein ehrsames Haus durch seinen eigenen Fleiß, und einen anständigen Tisch, wo der Kranke willkommen war und der Arme Erquickung fand? – Lieh er nicht den Bedürftigen, – stand er seinen Nachbarn nicht bei als ein Freund, und hielt auf Recht und Gerechtigkeit wie eine Obrigkeit?« »Es ist wahr, es ist wahr,« antworteten die Versammelten; »sein Blut ist unser Blut, so gut, als wär' es das Harry Gow's.« »Ihr redet wahr, Nachbarn,« sagte Bailie Craigdallie; »und die Sache darf nicht abgethan werden, wie die vorige – Bürgerblut darf nicht ungerächt in unsern Gassen fließen, als wär' es Pfützenwasser, sonst werden wir bald den breiten Tay dunkelroth damit gefärbt sehen. Aber dieser Schlag war nimmer dem armen Manne zugedacht, auf den er gefallen ist. Jedermann weiß, was Oliver Proudfute war, wie groß er sprach und wie wenig er that. Er hat Harry Schmieds Wams, Schild und Helm. Die ganze Stadt kennt sie so gut, als ich, da ist kein Zweifel. Er hatte die Manier, wie ihr wißt, dem Schmied Alles nachzuthun. So hat Jemand, blind vor Wuth oder Rausch, den unglücklichen Strumpfwirker getroffen, den Niemand fürchtete oder haßte, oder sich um ihn überhaupt kümmerte, statt des tapferen Schmieds, der zwanzig Fehden unter den Händen hat.« »Was ist nun zu thun, Bailie?« rief die Menge. »Das, meine Freunde, wird eure Obrigkeit für euch beschließen, da wir uns sogleich versammeln werden, wenn Sir Patrick Charteris hierher kommt, was bald geschehen wird. Indessen laßt den Wundarzt Dwining dies arme Stück Erde untersuchen, daß er sage, wie er zu seinem schlimmen Tode kam, und dann laßt ihn in einen reinlichen Sarg, wie es einem ehrsamen Bürger ziemt, vor den Hochaltar der Kirche St. John's stellen, des Schutzpatrons der guten Stadt. Hütet Euch vor Geschrei und Lärm; und jeder Waffenfähige, der der guten Stadt wohl will, halte seine Waffen bereit und sei fertig, sich beim Schall der Glocke des Stadthauses in der Highstreet einzufinden, damit wir entweder den Tod unseres Mitbürgers rächen, oder das Loos annehmen, das uns der Himmel sendet. – Inzwischen meidet jeden Streit mit den Rittern und ihrem Gefolge, bis wir den Unschuldigen von dem Schuldigen unterscheiden. – Aber wo bleibt denn der kühne Schmied? Er ist gleich bereit bei Unruhen, wo man seine Gegenwart nicht verlangt, und er fehlt, wenn er mit derselben der guten Stadt dienen kann? – Was fehlt ihm, weiß es Niemand? Hat er am Fastnachtsabend geschwärmt?« »Er ist vielmehr krank oder mürrisch, Meister Bailie,« sagte einer von den Mairs oder Gerichtsdienern; »denn obwohl er zu Hause ist, wie seine Leute sagen, will er uns doch weder antworten noch einlassen.« »Mit Eurer Erlaubniß, Meister Bailie,« sagte Simon Glover, »will ich selber gehen, Harry Schmied zu holen. Ich habe einen kleinen Streit mit ihm abzumachen. Und gepriesen sei unsre Frau, die es so gefügt hat, daß ich ihn lebend finde, wie ich vor einer Viertelstunde nimmer erwartet hätte!« »Bringt den trotzigen Schmied zum Rathhause,« sagte der Bailie, als sich ein reitender Yeoman durch die Menge drängte und ihm zuflüsterte: – »Hier ist ein guter Bursch', welcher sagt, daß der Ritter von Kinfauns durch's Thor zieht.« So standen die Dinge, als Simon Glover, wie bereits erwähnt, vor Harry Gow's Hause erschien. Nicht gehemmt durch die Betrachtungen des Zweifels und der Besorgniß, welche auf die Andern Einfluß hatten, ging er nach dem Wohnzimmer; und nachdem er die Stimme der Frau Shoolbred vernommen, nahm er das Vorrecht der genauen Bekanntschaft in Anspruch, in's Schlafgemach hinaufzugehen, öffnete mit der leichten Entschuldigung, »bitt' um Verzeihung, guter Nachbar,« die Thür und trat in das Gemach, wo ihn ein seltsamer und unerwarteter Anblick überraschte. Beim Ton seiner Stimme wurde die schöne Katharina viel schneller belebt, als die Arzneien der Frau Shoolbred dies hätten bewirken können, und die Blässe ihres Gesichts wechselte plötzlich mit einer tiefen Glut der lebhaftesten Röthe. Sie stieß ihren Liebhaber mit beiden Händen zurück, die sie bis jetzt, aus Bewußtlosigkeit oder aus einer durch die Vorfälle des Morgens erweckten Neigung ganz seinen Liebkosungen überlassen hatte. Harry Schmied, dessen Schüchternheit wir kennen, strauchelte im Aufstehen, und Niemand in der Gesellschaft war ohne Verlegenheit, außer Frau Shoolbred, die sich das Vergnügen machte, unter einem Vorwand den Andern den Rücken zu kehren, um auf ihre Kosten zu lachen, was sie nicht langer zurückhalten konnte; und der Handschuhmacher, dessen Staunen, obwohl groß, doch von kurzer Dauer war, stimmte fröhlich mit ein. »Nun, bei St. John,« sagte er, »ich glaubte diesen Morgen einen Anblick zu haben, der mich vom Lachen heilen würde, mindestens bis nach dem Fasten; aber das würde mich zum Lachen bringen und läg' ich im Sterben. Nun, da steht der ehrsame Harry Schmied, den man als todt beweint und von jedem Thurm in der Stadt ausläutet, lebendig, lustig und, nach seinem rothen Gesicht zu urtheilen, so weit vom Tode, als irgend Einer von Perth. Und da ist meine köstliche Tochter, die gestern Abend von Nichts sprechen wollte, als von der Schlechtigkeit der Wichte, die eitlem Spielwerk nachlaufen und Sängerinnen schützen, – ja, sie, die St. Valentin und St. Cupido zugleich trotzte, – sie ist hier, so viel ich sehe, selbst in ein lustiges Mädchen verwandelt. Wahrlich, mich freut es, zu sehen, daß Ihr, meine gute Frau Shoolbred, die keine Unordnung duldet, selbst bei der Liebesangelegenheit waret.« »Ihr thut mir Unrecht, mein theuerster Vater!« sagte Katharina, im Begriff zu weinen. »Ich kam mit ganz anderen Erwartungen hierher, als Ihr vermuthet. Ich kam nur, weil – weil –« »Weil du einen todten Liebhaber zu finden dachtest,« sagte ihr Vater; »und du hast einen lebendigen gefunden, der die Zeichen deiner Achtung annehmen und sie erwidern kann. Nun, wär' es nicht eine Sünde, so könnt' ich in meinem Herzen dem Himmel danken, daß du endlich bei dem Geständniß überrascht worden bist, du sei'st ein Weib – Simon Glover verdient nicht eine vollkommen Heilige zur Tochter zu haben. – Nein, blicke nicht so flehentlich, erwarte kein Erbarmen von mir! ich will blos versuchen, nicht lustig zuzusehen, wenn du deine Thränen stillen oder gestehen willst, daß es Freudenthränen sind.« »Müßte ich wegen eines solchen Geständnisses sterben,« sagte die arme Katharina, »ich wüßte nicht, wie ich sie nennen sollte. Glaubt nur, lieber Vater, und laßt auch Harry glauben, daß ich nie hierher gekommen wäre, wenn nicht – wenn nicht –« »Wenn du nicht bedacht hättest, Harry könnte nicht zu dir kommen,« sagte ihr Vater. »Und nun reicht euch die Hände in Frieden und Eintracht, und vertragt euch, wie Valentine sollen. Gestern war Fastnacht, Harry – wir wollen glauben, daß du deine Thorheiten gebeichtet hast, daß dir Absolution geworden und daß du von aller Schuld, womit du beladen warst, befreit bist.« »Ei, da Ihr darauf kommt, Vater Simon,« sagte der Schmied, »nun Ihr kalt genug seid, mich zu hören, so kann ich beim Evangelium schwören und kann meine Amme, Frau Shoolbred, zum Zeugen ausrufen –« »Nein, nein,« sagte der Handschuhmacher, »warum Zwistigkeiten aufstören, die ganz vergessen sein sollten?« »Hört Ihr, Simon! – Simon Glover!« dies schallte nun von unten herauf. »Ja, Sohn Harry,« sagte der Handschuhmacher ernst, »wir haben jetzt ein ander Geschäft vor uns. Ihr und ich müssen sogleich vor den Rath; Katharina wird hier bei Frau Shoolbred bleiben, die sie bis zu unsrer Rückkehr unter ihre Obhut nehmen wird; und dann, Harry, wollen wir Beide, da die Stadt unruhig ist, sie nach Hause führen, und es würden tollkühne Männer sein, die uns in den Weg träten.« »Ei, mein lieber Vater,« sagte Katharina mit einem Lächeln, »jetzt übernehmt Ihr ja Oliver Proudfute's Amt. Dieser tapfere Bürger ist Harry's Waffenbruder.« Ihres Vaters Gesicht verdüsterte sich. »Du hast ein verletzendes Wort gesprochen, Tochter; aber du weißt nicht, was geschehen ist. Küss' ihn Katharina, zum Zeichen der Vergebung.« »Nicht doch,« sagte Katharina; »ich habe ihm bereits zu viel Gunst erwiesen. Wenn er das irrende Mädchen sicher daheim sieht, wird Zeit genug sein, den Lohn zu fordern.« »Unterdessen,« sagte Harry, »will ich als Euer Wirth in Anspruch nehmen, was Ihr unter anderer Bedingung nicht gewähren wollt.« Er umfing das schöne Mädchen mit den Armen, und es ward ihm erlaubt, den Kuß zu nehmen, den sie zu geben sich weigerte. Als sie mit einander die Treppe hinabstiegen, legte der alte Mann seine Hand auf des Schmieds Schulter und sagte: »Harry, meine theuersten Wünsche sind erfüllt; aber die Heiligen wollten, daß das in einer schlimmen und schrecklichen Stunde geschehen sollte.« »Ja,« sagte der Schmid; »aber du weißt, Vater, wenn die Aufstände in Perth häufig sind, so währen sie doch selten lange.« Darauf öffnete er eine Thür, die aus dem Hause nach der Schmiede führte und rief: »Hierher, Kameraden, Anton, Cuthbert, Dingwell und Ningan! Keiner von euch gehe fort, bis ich zurückkehre; seid so treu, wie die Waffen, die ich euch schmieden lehrte; eine französische Krone und einen schottischen Festtag für euch, wenn ihr meinem Befehle gehorcht. Ich lasse einen großen Schatz unter eurer Obhut. Bewacht die Thüren gut – laßt den kleinen Jenkin den Wynd auf- und abgehen und haltet eure Waffen bereit, wenn sich Jemand dem Hause nähert. Oeffnet die Thüren Niemand, bis Vater Glover oder ich zurückkommt; es betrifft mein Leben und Glück.« Die starken, schwarzen Riesen, die er anredete, antworteten: »Tod Jedem, der's versucht!« »Meine Katharina ist nun so sicher,« sagte er zu ihrem Vater, »als wenn zwanzig Mann ihretwegen ein königlich Schloß besetzen. Wir werden durch den Garten viel ruhiger nach dem Rathhause gelangen.« Er führte den Begleiter daher durch einen kleinen Obstgarten, wo die Vögel, die während des Winters von dem gutmüthigen Handwerker geschützt und gefüttert worden waren, in der frühen Jahreszeit das ungewisse Lächeln einer Februarsonne mit einigen schwachen und abgebrochenen melodischen Lauten begrüßten. »Hört diese Minstrels, Vater,« sagte der Schmied; »ich lachte ihrer diesen Morgen in der Bitterkeit meines Herzens, weil die kleinen Wichte sangen, während so viel Winter vor ihnen liegt. Aber nun, dünkt mich, könnte ich einen frohen Chor anstimmen, denn ich habe meine Valentine, wie sie den ihrigen; und was auch Schlimmes morgen vor mir liegen mag, heut' bin ich der glücklichste Mann in Perth, Stadt und Grafschaft.« »Doch muß ich Eure Freude hemmen,« sagte der alte Glover, »obwohl, der Himmel weiß es, ich sie theile. – Der arme Oliver Proudfute, der harmlose Narr, den Ihr und ich so gut kannten, ist diesen Morgen todt auf der Straße gefunden worden.« »Blos halb todt betrunken, hoff' ich?« sagte der Schmied; »nun, eine Kraftbrühe und ein Stück von Schürzenpredigt werden ihn wieder zum Leben bringen.« »Nein, Harry, nein. Er ist erschlagen – erschlagen mit einer Streitaxt oder einer ähnlichen Waffe.« »Unmöglich!« erwiderte der Schmied; »er war schnellfüßig genug, und würde nicht um ganz Perth sich auf seine Hände verlassen haben, wenn er sich mit den Fersen helfen konnte.« »Es war ihm keine Wahl gegeben. Der Hieb ist ihm in's Genick gegeben worden; er, der ihn schlug, muß ein kleinerer Mann als Jener selbst gewesen sein, und brauchte eine Reiterstreitaxt oder eine ähnliche Waffe, denn eine Lochaberaxt hätte den obern Theil des Kopfes treffen müssen – aber dort liegt er todt, zerschmettert, möcht' ich sagen, mit einer schrecklichen Wunde.« »Das ist unbegreiflich,« sagte Harry Wynd. »Er war um Mitternacht in meinem Hause, in einem Mohrentänzerkleide; er schien vom Trinken zu kommen, wenn er auch nicht zum Uebermaß getrunken hatte. Er sagte mir eine Geschichte, wie er von Schwärmern verfolgt und in Gefahr sei; aber ach! Ihr kennt ihn; ich dachte, es sei ein prahlerischer Einfall, wie er ihn oft in der Trunkenheit hatte; und, verzeihe mir die barmherzige Jungfrau! ich ließ ihn unbegleitet gehen, was ein unmenschliches Unrecht war. Der heilige John sei mein Zeuge! ich wäre mit jedem hilflosen Wesen gegangen, und um so viel eher mit ihm, der so oft mit mir an einem Tische saß und aus einem Becher trank. Wer in aller Welt hätte daran gedacht, ein so einfältiges Geschöpf zu kränken, das Niemand beleidigte, außer durch leere Prahlereien!« »Harry, er trug deine Blechhaube, dein Büffelwams, deinen Schild – wie kam er dazu?« »Ei, er verlangte die Sachen für die Nacht und ich war unwohl und froh, seiner Gesellschaft los zu werden; denn ich feierte den Tag nicht und wollte ihn auch nicht feiern wegen unseres Mißverständnisses.« »Es ist die Meinung des Bailie Craigdallie und all' unserer weisesten Räthe, daß der Hieb dir zugedacht war, und daß es dir zukommt, die gehörige Rache für unsern Mitbürger zu nehmen, der den Tod erlitt, den man dir zugedacht hatte.« Der Schmied schwieg eine Zeitlang. Sie hatten nun den Garten verlassen und wandelten in einem einsamen Gäßchen, durch welches sie sich dem Rathhause nähern wollten, ohne der Beobachtung oder müßigen Fragen ausgesetzt zu sein. »Du schweigst, mein Sohn, und doch haben wir Zwei viel zu sprechen,« sagte Simon Glover. »Bedenke, daß die verwittwete Frau Magdalena, wenn sie Grund hat, Jemand des Unrechts, das ihr und ihren Waisen geschehen ist, zu zeihen, ihr Recht nach Sitte und Herkommen durch einen Kämpen behaupten muß. Denn wer der Mörder auch sei, wir wissen genug von dem Gefolge dieser Edeln, um versichert zu sein, daß der Verdächtige sich auf den Zweikampf berufen wird, vielleicht in Verspottung derer, die sie die feigen Bürger nennen. So lang' wir Männer sind mit Blut in unseren Adern, darf dies nicht geschehen, Harry Wynd.« »Ich sehe, wohin Ihr mich ziehen wollt, Vater,« antwortete Harry niedergeschlagen; »und St. John weiß, ich habe einen Ruf zur Schlacht so gern gehört, als ein Kriegsroß je die Trompete. Aber bedenkt, Vater, wie ich Katharinens Gunst öfters verlor, und fast verzweifeln mußte, sie wiederzugewinnen, weil ich, so zu sagen, zu schnell fertig mit meinen Händen bin. Jetzt ist all' unser Streit zu Ende und die Hoffnungen, die heute morgen nach menschlichem Denken gar zu weit lagen, stehen näher und glänzender, als je; muß ich nun, mit dem Versöhnungskuß der Theuren auf den Lippen, mich von Neuem in Gewaltthat stürzen, was sie, wie Ihr wohl wißt, auf's Schwerste beleidigen wird?« »Es ist schwer für mich, dir zu rathen, Harry,« sagte Simon; »aber das muß ich dich fragen: habt Ihr, oder habt Ihr nicht Grund zu glauben, daß dieser arme unglückliche Oliver für Euch angesehen worden ist?« »Ich fürcht' es nur zu sehr,« sagte Harry. »Man hielt ihn mir etwas ähnlich, und der arme Narr hatte sich bemüht, meine Geberden und meinen Gang nachzuäffen, ja, selbst die Weisen, die ich zu pfeifen pflege, um dadurch eine Aehnlichkeit zu erhöhen, die ihm theuer zu stehen gekommen ist. Ich habe Widersacher genug, in der Stadt wie auf dem Lande, die mir nachstellen können; und er hatte, denk ich, keine.« »Nun, Harry, ich weiß nicht, ob meine Tochter nicht beleidigt sein wird. Sie hat viel mit Pater Clemens verkehrt und hat Begriffe über Frieden und Vergebung empfangen, die, wie mich dünkt, schlecht für ein Land passen, wo die Gesetze uns nicht schützen können, wenn wir nicht den Muth haben, uns selber zu schützen. Wenn Ihr Euch zu dem Kampfe entschließt, so will ich mein Bestes thun, sie zu überreden, daß sie die Sache betrachtet, wie die übrigen Weiber in der Stadt; und seid Ihr entschlossen, die Sache ruhen zu lassen – bleibt der Mann ungerächt, der sein Leben für Euch verloren hat – die Wittwe und die Waisen ohne Ersatz für den Verlust eines Gatten und Vaters – nun, so will ich gerecht gegen Euch sein und denken, daß ich Euch wenigstens wegen Eurer Geduld nicht geringer achten darf, da sie der Liebe zu meiner Tochter entsprang. Aber, Harry, wir müssen uns in diesem Falle aus der lustigen St. Johnston entfernen, denn hier werden wir nur eine entehrte Familie sein.« Harry seufzte tief und schwieg einen Augenblick, dann erwiderte er: »Ich möchte lieber todt, als entehrt sein, und sollt' ich sie auch nie wiedersehen! War' es gestern Abend gewesen, so war' ich dem Besten jener Kriegsleute so freudig begegnet, als ich je bei einem Maibaum tanzte. Aber heute, wo sie zum ersten Male sich benahm, als spräche sie: ,Harry Schmied, ich liebe dich! Vater Glover, es ist sehr hart. Doch es ist Alles meine eigne Schuld! Dieser arme, unglückliche Oliver! ich hätt' ihm den Schutz meines Daches gewähren sollen, als er mich in seiner Todesangst darum bat; oder wär' ich mit ihm gegangen, dann hätt' ich sein Schicksal verhindert oder getheilt. Aber ich höhnte ihn, lachte ihn aus, überhäufte ihn mit Schmähungen, obwohl die Heiligen wissen, daß ich sie nur im Aerger der Ungeduld aussprach. Ich trieb ihn aus meinem Hause, da ich wußte, er sei hilflos, um dem Schicksal entgegenzugehen, welches vielleicht mir zugedacht war. Ich muß ihn rächen oder auf ewig entehrt sein. Seht, Vater – man hat einen Mann genannt, der so hart wie der Stahl, worin ich arbeite. – Weint Stahl je Thränen, gleich diesen? – Schande für mich, daß ich sie vergieße!« »Es ist keine Schande, mein theuerster Sohn,« sagte Simon; »du bist so mild, als tapfer, und ich habe das stets gewußt. Es gibt noch eine Auskunft für uns. Es wird vielleicht Niemand entdeckt, auf dem ein Verdacht haftet, und wenn kein solcher gefunden wird, kann der Zweikampf nicht stattfinden. Es ist ein arges Ding, zu wünschen, daß unschuldig Blut nicht gerächt werde. Aber wenn der Vollbringer des schändlichen Mordes für jetzt verborgen bleibt, so wirst du mit dem Geschäft verschont, die Rache zu suchen, die der Himmel sicherlich zur gehörigen Zeit nehmen wird.« Während sie so sprachen, langten sie auf dem Punkte der Highstreet an, wo das Rathhaus lag. Als sie die Thür erreichten und sich Bahn durch die Menge machten, welche die Straße erfüllte, fanden sie die Zugänge durch eine auserlesene Schaar bewaffneter Bürger und etwa fünfzig Lanzen des Ritters von Kinfauns besetzt, der mit seinen Verbündeten, den Gray's, Blair's, Moncrieff's und Anderen eine beträchtliche Reiterschaar nach Perth geführt hatte, wovon diese ein Theil waren. Sobald der Handschuhmacher und der Schmied erschienen, wurden sie in das Zimmer geführt, wo die Magistratspersonen versammelt waren. Zwanzigstes Kapitel. Ein Weib steht draußen um Gerechtigkeit, Beraubt des Gatten, trostlos und verlassen. Bertha. Das Rathszimmer von Perth bot ein seltsames Schauspiel dar. In einem düsteren Gemache, schlecht und ungehörig durch zwei Fenster von verschiedener Gestalt und ungleicher Größe erleuchtet, war um eine große Eichentafel eine Gruppe Männer versammelt, von denen diejenigen, welche die höheren Sitze einnahmen, Kaufleute waren, das heißt Gildebrüder oder Inhaber von Kaufläden; in anständiger Kleidung, wie sie ihrem Stande gebührte, saßen sie bei einander, aber die Meisten von ihnen trugen, wie der Regent York, »Kriegszeichen um die bejahrten Nacken«, nämlich Halsbänder und Wehrgehänge, woran ihre Waffen hingen. Die niederen Plätze um den Tisch nahmen die Handwerker und Künstler ein, die Vorsitzenden oder Diakonen, wie man sie nannte, der arbeitenden Klassen, in ihren gewöhnlichen Kleidern, die aber doch etwas besser geordnet waren, als sonst. Diese trugen auch noch verschiedene Waffenstücke. Einige hatten die schwarze Jacke oder das Wams mit rautenförmigen kleinen Eisenplatten besetzt, die, am obern Winkel befestigt, in Reihen über einander hingen, und, jeder Bewegung des Körpers folgend, eine sichere Schutzrüstung bildeten. Andere hatten Büffelkoller, die, wie schon erwähnt wurde, einem Schwerthiebe oder einem mäßig starken Lanzenstoße widerstehen konnten. Unten an dieser von so verschiedener Gesellschaft umgebenen Tafel saß Sir Louis Lundin, kein Kriegsmann, sondern Priester und Pfarrer von St. Johns, in seinem kirchlichen Gewande, Feder und Tinte vor sich. Er war der Stadtschreiber und erhielt, wie damals alle Priester (die man deswegen des Papstes Ritter nannte), den ehrenvollen Titel Dominus , was verkürzt in Dom oder Don, oder übersetzt in Sir, der Titel war, welcher der weltlichen Ritterschaft zukam. Auf einem erhöhten Sitze oben an der Rathstafel saß Sir Patrick Charteris, in vollständiger, glänzend polirter Rüstung; ein seltsamer Contrast gegen die bunte Mischung kriegerischer und friedlicher Anzüge der Bürger, die nur gelegentlich zu den Waffen gerufen wurden. Das Benehmen des Oberrichters war, indem es zugleich die innige Verbindung, welche gegenseitiges Interesse zwischen ihm, der Stadt und der Obrigkeit hervorbringen mußte, vollkommen zuließ, wohlberechnet, um die Ueberlegenheit hervorblicken zu lassen, welche ihm kraft seines edlen Blutes und ritterlichen Ranges die Meinung des Zeitalters über die Glieder der Versammlung gab, in welcher er den Vorsitz führte. Zwei Knappen standen hinter ihm, deren einer des Ritters Fahne, der andere seinen Schild mit dem Wappenzeichen trug, welches eine Hand war, die einen Dolch oder ein kurzes Schwert hielt, mit dem stolzen Wahlspruch: Dies ist mein Freibrief! Ein schöner Page zeigte das lange Schwert seines Herrn und ein anderer seine Lanze, welche ritterliche Schmuck- und Standeszeichen um so sorgfältiger zur Schau gestellt waren, da der Herr, dem sie angehörten, beschäftigt war, sein Amt als Stadtobrigkeit auszuüben. An seiner eigenen Person schien der Ritter von Kinfauns etwas steife Vornehmheit zu affectiren, die seinem offenen und jovialen Charakter nicht natürlich war. »Nun, seid ihr endlich angekommen, Harry Schmied und Simon Glover?« sagte der Oberrichter. »Wißt, daß ihr uns lange auf euer Erscheinen habt warten lassen. Sollte dies wieder geschehen, wenn wir diese Stelle einnehmen, so werden wir euch eine solche Buße auflegen, deren Zahlung euch kein Vergnügen machen wird. Genug – keine Entschuldigungen. Sie werden jetzt nicht verlangt, und ein anderes Mal nicht angenommen. Wißt, meine Herren, daß unser ehrwürdiger Schreiber der Läng' und Breite nach aufgesetzt hat, was ich euch jetzt in der Kürze sagen will, damit ihr seht, was man, insbesondere von Euch, Harry Schmied, verlangt. Unser verstorbener Mitbürger Oliver Proudfute wurde, gleich beim Eingang in den Wynd, todt in der Highstreet gefunden. Es schien, daß er durch einen schweren Hieb mit kurzer Axt von hinten und unvermerkt erschlagen worden sei; und die That, durch welche er fiel, kann nur eine schändliche und vorsätzliche Mordthat genannt werden. So viel vom Verbrechen. Der Thäter kann nur durch die Umstände angezeigt werden. Es wird in dem Protocoll des ehrwürdigen Sir Louis Lundin bemerkt, daß verschiedene wohlberufene Zeugen unsern verstorbenen Mitbürger noch spät in die Entry der Mohrentänzer, zu der er gehörte, bis zu Simon Glovers Haus in Curfewstreet begleiten sahen, wo sie ihren Tanz aufführten. Auch ist angezeigt, daß er sich nach einigem Gespräch mit Simon Glover dort von der übrigen Schaar trennte und der Gesellschaft versprach, in der Greifschenke mit ihnen zur Beschließung des Festes zusammenzukommen. – Nun, Simon, ich frage Euch, ist die Angabe richtig, so viel Ihr wißt? Und ferner, was war der Inhalt des Gespräches zwischen Euch und dem verstorbenen Oliver Proudfute?« »Mylord Oberrichter und sehr ehrenwerther Sir Patrick,« antwortete Simon Glover, »Ihr und dieser ehrwürdige Rath werdet wissen, daß, wegen gewisser Gerüchte, die über Harry Schmieds Benehmen entstanden waren, zwischen mir und einer andern Person meiner Familie und besagtem hier anwesenden Schmied ein Zwist vorgekommen war. Da nun dieser unser armer Mitbürger Oliver Proudfute bei Verbreitung jener Gerüchte thätig gewesen, wie überhaupt dergleichen Plauderei seine Sache war, so wechselten wir einige Worte darüber; und er ging von mir, wie ich glaube, in der Absicht, Harry Schmied zu besuchen, denn er verließ die Mohrentänzer, wie es scheint, mit dem Versprechen, sie, wie Eure Herrlichkeit sagt, in der Greifschenke wiederzufinden, um den Abend zu beschließen. Aber was er wirklich that, weiß ich nicht, da ich ihn nie wieder lebend sah.« »Es ist genug,« sagte Sir Patrick, »und stimmt mit Allem überein, was wir gehört haben. Nun, werthe Herren, finden wir unseren armen Mitbürger zunächst umgeben von einer Schaar von Schwärmern und Masken, die sich in der Highstreet versammelt hatten, von denen er schimpflich gemißhandelt ward, indem sie ihn zwangen, auf der Straße niederzuknieen und dort gegen seinen Willen eine ungeheure Menge Wein zu trinken, bis er ihnen endlich durch die Flucht entkam. Diese Gewaltthat geschah mit gezogenen Schwertern, lautem Geschrei und Fluchen, so daß die Sache die Aufmerksamkeit verschiedener Personen auf sich zog, die, von dem Lärm beunruhigt, aus den Fenstern sahen, so wie auch einiger Vorübergehenden, die, aus dem Lichte der Fackeln tretend, um nicht ebenso gemißhandelt zu werden, der schlimmen Behandlung unsers Mitbürgers in der Hauptstraße der Stadt zusahen. Und obwohl jene Menschen verkleidet waren und Masken trugen, so war doch ihre Mummerei wohlbekannt, denn es waren prächtige Masken, die vor einigen Wochen auf Befehl Sir John Ramorny's, Stallmeisters Seiner königlichen Hoheit des Herzogs von Rothsay, königlichen Prinzen von Schottland, verfertigt wurden.« Ein tiefer Seufzer ging durch die Versammlung. »Ja, so ist es, brave Bürger,« fuhr Sir Patrick fort; »unsere Nachforschungen haben uns zu Schlüssen geführt, die traurig und schrecklich sind. Aber wie Niemand mehr den Punkt bedauern kann, bei dem sie sich wahrscheinlich endigen werden, als ich, so kann auch Niemand ihre Folgen mehr fürchten. Es ist einmal so – verschiedene Handwerker, die daran gearbeitet haben, beschrieben den für Sir Ramorny's Maske bestimmten Schmuck genau so, wie ihn einer von den Männern trug, die man Oliver Proudfute mißhandeln sah. Und ein Handwerker, Wingfield, der Federschmücker, der die Schwärmer sah, als unser Mitbürger in ihrer Gewalt war, bemerkte, daß sie die Gürtel und Kronen von bunten Federn trugen, die er selber im Auftrage von des Prinzen Stallmeister gemacht hatte. – Vom Augenblicke seiner Flucht vor diesen Schwärmern verlieren wir jede Spur von Oliver; aber wir können beweisen, daß die Masken zu Sir John Ramorny gingen, wo sie nach einigem Zögern eingelassen wurden. Es verlautet, daß du, Harry Schmied, unsern unglücklichen Mitbürger sahest, nachdem er in den Händen jener Schwärmer gewesen war. – Was ist Wahres an der Sache?« »Er kam zu meinem Hause auf dem Wynd,« sagte Harry, »etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht; und ich ließ ihn ein, wiewohl etwas ungern, da er den Karneval gefeiert hatte, während ich daheim geblieben war; es ist schlechtes Reden, sagt das Sprichwort, zwischen einem vollen Manne und einem Nüchternen.« »Und in welchem Zustande schien er, als du ihn einließest?« sagte der Oberrichter. »Er schien,« antwortete der Schmied, »außer Athem, und sagte wiederholt, daß er von Nachtschwärmern bedroht sei. Ich achtete darauf wenig, denn er war stets ein schüchterner, verzagter, obwohl gutdenkender Mann, und ich glaubte, er spräche mehr aus Einbildung als nach der Wirklichkeit. Aber stets werd' ich es mir als ein Verbrechen anrechnen, daß ich ihm nicht meine Begleitung schenkte, um die er bat; und wenn ich lebe, will ich zur Buße für meine Schuld Messen stiften.« »Beschrieb er diejenigen, von denen er beleidigt worden war?« sagte der Oberrichter. »Nachtschwärmer in Maskenkleidern,« erwiderte Harry. »Und äußerte er die Besorgniß, bei seiner Rückkehr wieder mit ihnen zusammenzukommen?« fragte Sir Patrick weiter. »Er spielte besonders darauf an, daß man ihm auflauere, was ich für Einbildung hielt, da ich Niemand auf der Straße bemerkt hatte.« »Erhielt der Mann auf keinerlei Art Hülfe von dir?« sagte der Oberrichter. »Ja,« erwiderte der Schmied; »er vertauschte sein Mohrenkleid mit meiner Pickelhaube, Büffelwams und Schild, die, wie ich höre, bei dem Leichnam gefunden wurden; und ich habe zu Hause seine Mohrenmütze und Schellen, nebst dem Rock und anderem Zubehör. Er wollte mir meine Waffen zurückschicken und seine Maske heute dafür in Empfang nehmen, hätten die Heiligen das gestattet.« »Nachher saht Ihr ihn nicht wieder?« »Nie, Mylord.« »Noch ein Wort,« sagte der Oberrichter. »Habt Ihr irgend einen Grund, zu glauben, daß der Hieb, der Oliver Proudfute tödtete, einem andern Manne zugedacht war?« »Allerdings,« antwortete der Schmied; »aber es ist zweifelhaft und kann gefährlich sein, einen solchen Verdacht, der nur auf Vermuthung beruht, auszusprechen.« »Sprecht ihn aus, bei Eurem Bürgereid – wem, meint Ihr, war der Schlag zugedacht?« »Wenn ich sprechen muß,« erwiderte Harry, »so glaub ich, Oliver Proudfute erfuhr das Geschick, welches mich selbst treffen sollte; um so eher, da Oliver in seiner Thorheit davon sprach, meinen Gang ebenso wie meine Kleider annehmen zu wollen.« »Habt Ihr mit Jemand Fehde, daß Ihr eine solche Vermuthung hegt?« sagte Sir Patrick Charteris. »Zu meiner Schmach und Schande sei es gesagt, daß ich Fehde mit Hochland und Niederland, Engländern und Schotten, Perth und Angus habe. Ich glaube nicht, daß der arme Oliver Fehde mit einem neugebornen Küchlein hatte. – Ach! er war desto besser bereit zu schnellem Tode!« »Hört, Schmied,« sagte der Oberrichter, »antwortet mir genau – ist Grund zur Fehde zwischen Sir John Ramorny's Hause und Euch?« »Ja, sicherlich, Mylord. Man sagt jetzt allgemein, daß der schwarze Quentin, der seit einigen Tagen jenseit des Tay nach Fife gegangen ist, der Eigenthümer der Hand war, die man am Abend vor St. Valentin in Curfewstreet fand. Ich war es, der diese Hand mit einem Streiche meines Schwertes abhieb. Da dieser schwarze Quentin ein Kammerdiener Sir Johns und sehr vertraut mit ihm war, so muß ja wohl Fehde zwischen mir und seines Herrn Leuten sein.« »Das sieht wahrscheinlich aus, Schmied,« sagte Sir Patrick Charteris. – »Und nun, gute Bürger und weise Rathsherren, haben wir zwei Vermuthungen, die beide zum nämlichen Schlusse führen. Die Masken, die unsern Mitbürger angriffen und auf eine Art mißhandelten, von der sein Leichnam noch einige Spuren trägt, können ihrem vormaligen Gefangenen, als er nach Hause ging, begegnet sein und ihre Mißhandlung mit seinem Tode geendigt haben. Er selbst äußerte gegen Harry Gow, es möchte ihm so gehen. Ist dies der Fall, so müssen einer oder mehrere von Sir John Ramorny's Dienern die Mörder gewesen sein. Aber ich halte es für wahrscheinlicher, daß etliche der Schwärmer auf dem Orte zurückblieben oder wieder dorthin kamen, vielleicht mit veränderter Maske, und daß diesen Leuten (denn Oliver selbst würde, in seiner eigenen Person auftretend, nur ein Gegenstand des Spottes gewesen sein) seine Erscheinung in Schmieds Kleidung oder gar mit dessen Gang, wie er sich vornahm, ein Gegenstand tiefen Hasses war; so daß sie, ihn allein sehend, eine gewisse und sichere Art wählten, eines so gefährlichen Feindes los zu werden, als welcher der Harry Wynd Allen bekannt ist, die nicht gut mit ihm stehen. So führt die nämliche Reihe von Gedanken wieder auf Sir Ramorny's Leute, als die Schuldigen. Wie denkt ihr davon, ihr Herren? Dürfen wir sie des Verbrechens anklagen?« Die Magistratspersonen flüsterten mehrere Minuten unter einander und erwiderten dann durch die Stimme des Bailie Craigdallie: »Edler Ritter und würdiger Oberrichter, – wir stimmen ganz dem bei, was Eure Weisheit in Betreff dieser dunkeln und blutigen Angelegenheit gesprochen hat; auch zweifeln wir nicht an Eurem Scharfsinn, der auf den Antheil und die Mitwissenschaft Sir John Ramorny's an der Schurkerei hindeutet, die unsern verstorbenen Mitbürger entweder in seinem eigenen Charakter und auf seine eigene Rechnung, oder indem man ihn für unsern tapfern Mitbürger, Harry vom Wynd, hielt, geschah. Aber Sir John hält zu seinem eigenen Behuf und als Stallmeister des Prinzen viele Dienerschaft, und da die Anklage wahrscheinlich durch gänzliches Läugnen abgewiesen werden wird, so möchten wir fragen, was wir dann zu thun haben werden? – Es ist wahr, wenn wir ein Gesetz fänden, nach dem wir sein Haus anzünden, und Alles was d'rinnen ist, niedermachen dürften, so würde das alte Sprichwort: ›Kurze Rede, gute Rede‹, hier gute Anwendung finden; denn ein elenderes Gesindel von Gotteslästerern, Mördern und Weiberschändern findet man nirgends, als in Ramorny's Bande. Aber ich zweifle, ob die Gesetze eine so kurze und schnelle Vollziehung ertrügen; und nichts von alle dem, was ich hörte, wird einem einzelnen oder einigen bestimmten Individuen das Verbrechen aufbürden können.« Bevor der Oberrichter antworten konnte, stand der Stadtschreiber auf und bat, seinen ehrwürdigen Bart streichend, um Erlaubniß zu sprechen, die alsbald gewährt ward. »Brüder,« sagte er, »sowohl zu unserer Väter Zeit, als in der unsern hat Gott, wenn man sich recht zu ihm wandte, sich herabgelassen, die Verbrechen des Schuldigen und die Unschuld dessen zu offenbaren, der zu unbedacht angeklagt ward. Laßt uns unsern souverainen Herrn, den König Robert, der, wenn die Bösen sich nicht einmischen und seine guten Absichten verkehren, ein so gerechter und gnädiger Fürst ist, als unsere Jahrbücher in einer langen Reihe aufweisen, laßt uns ihn im Namen der schönen Stadt und aller Gemeinen Schottlands bitten, er möge uns nach der Weise unserer Vorfahren die Mittel geben, den Himmel um Licht in dieser dunkeln Mordgeschichte anzurufen. Wir fordern die Probe des ›Sarg-Rechts‹, oft gewährt in den Tagen der Vorfahren unsers Königs, gebilligt durch Bullen und Dekretatien und gebraucht von dem mächtigen Kaiser Karl dem Großen in Frankreich, von dem König Arthur in Britannien, von Gregor dem Großen und dem mächtigen Achaius in unserem Lande Schottland.« »Ich habe von diesem Sarg-Rechte gehört, Sir Louis,« sagte der Oberrichter, »und ich weiß, das wir's unter den Privilegien der guten Stadt haben; aber ich bin etwas unvollkommen bewandert in den alten Gesetzen, und möchte Euch bitten, uns etwas genauer davon zu unterrichten.« »Wir werden den König bitten,« sagte Sir Louis Lundin, »wenn mein Rath angenommen wird, daß der Leichnam unseres ermordeten Mitbürgers in die hohe St. Johnskirche gebracht werde, wo gehörig Messen gelesen werden für das Heil seiner Seele und die Entdeckung seines schändlichen Mörders. Indessen müssen wir einen Befehl erhalten, daß Sir John Ramorny eine Liste aller seiner Diener abgebe, die in der Nacht vom Fastendienstag auf Aschermittwoch in Perth waren, und daß er verbindlich gemacht werde, an gewissem Tag und Stunde, die noch zu nennen sind, sie in der hohen St. Johnskirche zu stellen. Dort muß dann einer nach dem andern am Sarg unseres ermordeten Mitbürgers vorbeigehen und in der vorgeschriebenen Form Gott und seine Heiligen um Zeugniß anrufen, daß er an dem Mord, mittelbar oder unmittelbar, unschuldig ist. Und glaubt mir, was durch zahlreiche Beispiele bewiesen ist, wenn der Mörder sich durch einen solchen Ausruf wird sicher stellen wollen, so wird die Antipathie zwischen dem leblosen Körper und der Hand, von welcher der Schlag kam, der ihn von der Seele trennte, noch ein unvollkommenes Leben erwecken, unter dessen Einfluß die Adern des Todten das Blut hervortreiben, das so lange stillstand. Oder, um sicherer zu sprechen, es gefällt dem Himmel, durch eine plötzliche Einwirkung, die uns unbegreiflich ist, diese Art der Entdeckung der Bosheit desjenigen uns zu gewähren, der das Ebenbild seines Schöpfers entstellte.« »Ich habe von diesem Rechte sprechen hören,« sagte Sir Patrick, »und es wurde zu Bruce's Zeiten geübt. Dies ist gewiß keine unpassende Zeit, um durch eine so geheimnißvolle Untersuchungsweise die Wahrheit zu suchen, zu der uns gewöhnliche Mittel keinen Weg öffnen, da eine allgemeine Anklage der Dienerschaft Sir John Ramorny's ohne Zweifel durch ein allgemeines Läugnen zurückgewiesen würde. Aber ich muß unsern ehrwürdigen Stadtschreiber, Sir Louis, noch weiter fragen, wie wir hindern sollen, daß der Schuldige in der Zwischenzeit entkommt?« »Die Bürger werden auf der Mauer strenge Wache halten, Zugbrücken sollen aufgezogen und Fallgatter niedergelassen werden, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang; und starke Patrouillen sollen die Nacht durch unterhalten werden. Diese Wache werden die Bürger gern unterhalten, um das Entkommen des Mörders ihres Mitbürgers zu hindern.« Die übrigen Räthe stimmten diesem Vorschlage durch Wort und Zeichen bei. »Ferner,« sagte der Oberrichter, »was ist zu thun, wenn Einer der verdächtigen Dienerschaft sich weigert, die Probe des Sarg-Rechts zu bestehen?« »So kann er den Zweikampf in Anspruch nehmen,« sagte der ehrwürdige Stadtschreiber, »und zwar mit einem Gegner seines Standes; denn der Angeklagte hat bei der Berufung auf's Gottesgericht freie Wahl der Ordalien. Verweigert er aber Beides, so wird er für schuldig gehalten und bestraft.« Die weisen Herren des Raths waren einmüthig der Meinung des Oberrichters und Stadtschreibers, und beschlossen in aller Förmlichkeit, den König, als Herrn des Rechtes, zu bitten, daß man den Mord ihres Mitbürgers der alten Sitte gemäß untersuchen dürfe, die notwendig bei Mordthaten die Wahrheit an's Licht bringen mußte, eine Meinung, die bis gegen das Ende des siebenzehnten Jahrhunderts als ausgemacht galt. Aber bevor die Versammlung auseinander ging, hielt Bailie Craigdallie noch für nöthig, zu fragen, wer der Kämpe der Magda oder Magdalene Proudfute und ihrer Kinder sein solle. »Das bedarf nicht vieler Fragen,« sagte Sir Patrick Charteris; »wir sind Männer und tragen Schwerter, die Jedem von uns über'm Kopfe zerbrochen werden sollten, der sie nicht zum Besten der Wittwe und Waisen unseres ermordeten Mitbürgers und zu muthiger Rache seines Todes ziehen wollte. Wenn Sir John Ramorny selbst die Untersuchung übel aufnimmt, so wird Patrick Charteris von Kinfaus auf Leben und Tod mit ihm kämpfen, so lange Mann und Roß stehen und Lanze und Klinge halten. Ist aber der Ausforderer bürgerlichen Standes, so ist's billig, daß Magdalena Proudfute ihren Kämpen unter den tapfersten Bürgern von Perth wähle, und Schmach und Schande brächt' es der guten Stadt für immer, wenn sie Einen fände, der Verräther und Feigling genug wäre, nein zu sagen. Bringt sie hierher, daß sie ihre Wahl treffe.« Harry Schmied hörte dies mit einer traurigen Ahnung, daß des armen Weibes Wahl auf ihn fallen, und daß seine neuliche Versöhnung mit der Geliebten vernichtet werden würde, indem er sich in einen neuen Streit einließ, dem zu entgehen er kein ehrenvolles Mittel sah, und der unter anderen Umständen von ihm als glorreiche Gelegenheit wäre begrüßt worden, sich im Angesicht von Hof und Stadt auszuzeichnen. Er wußte wohl, daß unter Pater Clemens' Leitung Katharina das Gottesgericht durch Zweikampf eher für eine Beleidigung der Religion, als für eine Berufung auf die Gottheit halten, und es keineswegs als vernünftig anerkennen würde, daß man sich auf die Stärke des Armes oder die Waffengewalt als einen Beweis sittlicher Schuld oder Unschuld verlasse. Er hatte daher von ihrer eigenthümlichen, durch ihre Feinheit über die Zeit, in der sie lebte, erhabenen Meinung in dieser Angelegenheit viel zu fürchten. Während ihn diese streitenden Gefühle schmerzlich berührten, trat Magdalena, die Wittwe des gemordeten Mannes, in den Gerichtssaal, in einen Trauerschleier gehüllt und begleitet und geführt von fünf oder sechs guten (d. h. achtbaren) Franen, in dasselbe Trauergewand gekleidet. Eine ihrer Begleiterinnen hielt ein Kind auf den Armen, das letzte Pfand von des armen Oliver ehelicher Liebe. Eine andere führte ein kleines, trippelndes Geschöpf von etwa zwei Jahren, welches mit Staunen und Furcht bald auf die schwarze Kleidung, in die man es gehüllt hatte, bald auf die Scene um sich her sah. Die Versammlung erhob sich, um die Gruppe zu empfangen, und begrüßte sie mit dem Ausdrucke des tiefsten Mitgefühls, was Magdalena, obwohl die Gattin des armen Oliver, mit einer Würde erwiderte, die sie vielleicht von dem Uebermaß ihres Schmerzes entlehnte. Sir Patrick Charteris trat hierauf vor und nahm mit der Artigkeit eines Ritters gegen eine Frau und eines Beschützers gegen eine unglückliche, gekränkte Wittwe die Hand des armen Weibes, indem er ihr kurz erklärte, wie die Stadt die gehörige Rache für den Mord ihres Gatten verfolgen würde. Nachdem er sich mit einer Milde und Freundlichkeit, die sonst nicht in seinem Benehmen lag, versichert hatte, daß die unglückliche Frau seine Meinung vollkommen begriff, sagte er laut zur Versammlung: »Gute Bürger von Perth und freie Männer der Gilden und Zünfte, merkt auf das, was geschehen soll, denn es betrifft eure Rechte und Freiheiten. Hier steht Magdalena Proudfute, welche die gebührende Rache für den Tod ihres, wie sie sagt, von Sir John Ramorny schmählich ermordeten Gatten zu verfolgen gedenkt, was sie durch das Gottesgericht des Sarges oder durch den Leib eines Mannes zu erweisen erbötig ist. Daher mache ich, Patrick Charteris, ein gegürteter Ritter und freigeborner Edelmann, mich anheischig, in ihrem gerechten Kampfe zu streiten, so lange Mann und Roß aushalten, wenn Jemand meines Standes den Handschuh aufhebt. – Was sagt Ihr, Magdalena Proudfute, wollt Ihr mich zu Eurem Kämpen annehmen?« Die Wittwe antwortete mit Mühe: »Ich kann keinen edlern wünschen.« Sir Patrick nahm nun ihre rechte Hand in die seinige, und, indem er sie auf die Stirne küßte, denn so war der Brauch, sagte er feierlich: »So möge mir Gott und St. John in meiner Noth helfen, wie ich meine Pflicht als Euer Kämpe thun werde, ritterlich, treu und mannhaft. Geht nun, Magdalena, und wühlt nach Belieben unter den Bürgern der guten Stadt, ob gegenwärtig oder abwesend, einen aus, dem Ihr Euern Kampf zu übertragen wünscht, wenn der, gegen den Ihr klagt, unter meinem Stande sein sollte.« Aller Augen richteten sich auf Harry Schmied, den die allgemeine Stimme bereits als den in jeder Hinsicht hierbei passendsten Kämpen bezeichnet hatte. Aber die Wittwe wartete nicht auf das, was die Blicke Aller sagten. Sobald Sir Patrick ausgesprochen hatte, ging sie durch den Saal zu der Stelle, wo am untern Ende der Tafel der Waffenschmied unter Männern seines Standes stand, ergriff ihn bei der Hand und sagte: »Harry Gow, oder Schmied, guter Bürger und Zunftgenosse, mein – mein – « Gatte, wollte sie sagen, aber sie brachte das Wort nicht hervor; sie war genöthigt, sich anders auszudrücken. »Er, der geschieden ist, liebte und lobte Euch vor allen Männern; daher ziemt es sich, daß du den Streit für seine Wittwe und Waisen ausfechten wirst.« Wäre eine Möglichkeit gewesen, was in diesem Zeitalter nicht der Fall war, daß Harry einem Auftrage, wozu ihn Alle zu bestimmen schienen, entgehen und ausweichen konnte, so war doch jeder Wunsch und Gedanke daran abgeschnitten, als die Wittwe ihn anzureden begann; und kein Befehl des Himmels hätte einen stärkern Eindruck auf ihn machen können, als die Bitte der unglücklichen Magdalena. Ihre Hindeutung auf seine genaue Bekanntschaft mit dem Abgeschiedenen rührte ihn in der Seele. Während Olivers Leben lag ohne Zweifel etwas Albernes in seiner übertriebenen Vorliebe für Harry, was, wenn man die völlige Verschiedenheit ihres Charakters betrachtete, wahrhaft lächerlich war. Aber alles dies war nun vergessen, und Harry, seinem natürlichen Feuer nachgebend, erinnerte sich nur noch, daß Oliver sein Freund und Bekannter war, ein Mann, den er so sehr liebte und ehrte, als er fähig war, solche Gefühle für einen Mann zu hegen; und besonders dachte er daran, daß viel Grund zu dem Verdachte vorhanden war, der Ermordete sei als Opfer eines für Harry bestimmten Streiches gefallen. Es geschah daher mit einer Lebhaftigkeit, die er eine Minute vorher kaum hätte zeigen können, und die ein trauriges Vergnügen auszudrücken schien, daß der Waffenschmied, nachdem er seine Lippen auf die kalte Stirn der unglücklichen Magdalena gedrückt, erwiderte: »Ich, Harry, der Schmied, wohnhaft auf dem Wynd in Perth, ehrsamer Mann, treu und frei geboren, übernehme das Amt eines Kämpen für diese Wittwe Magdalena und diese Waisen, und will in ihrer Sache bis auf den Tod kämpfen mit jedem Manne meines eigenen Standes, so lange ich athmen werde. So helfe mir in meiner Noth Gott und St. John!« Hier erhob sich unter den Zuhörern ein halb unterdrücktes Geschrei, welches die Theilnahme anzeigte, die alle Anwesenden an der Verfolgung des Streites hegten, so wie ihr Vertrauen auf den Ausgang desselben. Sir Patrick Charteris machte sodann Anstalt, zum König zu gehen und um Erlaubniß zu bitten, die Untersuchung der Ermordung Oliver Proudfute's, der Form des Sarg-Rechts gemäß, und, wenn dies nothwendig, des Zweikampfes, verfolgen zu dürfen. Er vollbrachte dies Geschäft, nachdem sich der Stadtrath aufgelöst hatte, in einer geheimen Audienz beim König, der von diesen neuen Unruhen mit vielem Kummer hörte, und für Sir Patrick und die betheiligten Parteien den nächsten Morgen nach der Messe als Zeit bestimmte, seinen Willen im Staatsrathe zu vernehmen. Inzwischen ward ein königlicher Diener nach den »Constable's Lodgings« abgeschickt, um die Liste der Dienerschaft Sir John Ramorny's zu fordern und ihm nebst seinem ganzen Gefolge bei schwerer Strafe zu befehlen, in Perth zu bleiben, bis des Königs Wille Weiteres verfügen würde. Einundzwanzigstes Kapitel. In Gottes Namen, Schranken und Alles ist bereit; So geht an's Werk. – Es schütze Gott das Recht! Heinrich IV. Im nämlichen Rathssaale des Klosterpalastes der Dominikaner saß König Robert mit seinem Bruder Albany, dessen affectirte Tugendstrenge und wirkliche List und Verstellung so viel Einfluß auf den schwachen Monarchen übten. Es war allerdings natürlich, daß ein Mann, der die Dinge selten in ihren wirklichen Formen und Umrissen sah, sie aus dem Gesichtspunkte betrachtete, unter welchem sie ihm durch einen kühnen, listigen Mann gezeigt wurden, der das Vorrecht einer so nahen Verwandtschaft in Anspruch nahm. Immer besorgt hinsichtlich seines irregeleiteten, unglücklichen Sohnes, bemühte sich nun der König, Albany mit sich gleicher Meinung zu machen, indem er Rothsay von einer Theilnahme an des Strumpfwirkers Tode freisprach in Bezug auf die Andeutung, die Sir Patrick Charteris Seiner Majestät deswegen gegeben hatte. »Dies ist eine unselige Sache, Bruder Robin,« sagte er, »ein höchst unseliger Vorfall, und wird wohl Zwist und Streit zwischen Adel und Volk hier anstiften, wie sie in vielen freien Ländern einander bekriegt haben. Mir ist nur etwas daran tröstlich, und das ist, daß Sir John Ramorny seine Entlassung aus dem Dienste des Herzogs von Rathsay erhalten hat, und man daher nicht sagen kann, er oder Jemand von seinen Leuten, die diese blutige That verübt haben (wenn sie fürwahr verübt worden ist), sei dazu von meinem armen Sohne ermuthigt oder aufgehetzt worden. Ich bin gewiß, Bruder, Ihr und ich können es bezeugen, wie bereitwillig er auf meine Bitten wegen des Streites in Curfewstreet Ramorny aus seinem Dienste entlassen hat.« »Ich erinnere mich dessen,« sagte Albany; »und ich hoffe wohl, daß die Verbindung zwischen dem Prinzen und Ramorny nicht erneuert worden sei, seit er sich Eurer Majestät Wünschen zu fügen schien.« »Zu fügen schien – die Verbindung erneuert?« sagte der König; »wen meint Ihr mit diesen Ausdrücken, Bruder? Gewiß, als David mir versprach, er wolle sich, wenn die unselige Sache in Curfewstreet nur unterdrückt und verborgen bliebe, von Ramorny entfernen, da man ihn für einen Rathgeber hielt, der fähig sei, ihn in ähnliche Thorheiten zu verwickeln, und zufrieden sein, wenn wir ihn verbannten oder sonst eine beliebige Strafe ihm auflegten, – gewiß, Ihr könnt nicht zweifeln, daß seine Geständnisse da aufrichtig waren, und daß er sein Versprechen halten wird? Wißt Ihr nicht mehr, daß auf Euern Rath, man solle statt der Verbannung eine schwere Geldbuße auf seine Güter in Fife legen, der Prinz selber zu sagen schien, Verbannung werde besser für Ramorny, wie für ihn selbst sein?« »Ich erinnere mich dessen wohl, mein königlicher Bruder. Auch könnt' ich wahrlich nicht von Ramorny vermuthen, daß er so viel Einfluß auf den Prinzen habe, nachdem er dazu beitrug, ihn in eine so gefährliche Lage zu versetzen, hätte es nicht, wie Eure Majestät bemerkte, mein königlicher Neffe selbst gestanden, daß Jener, wenn man ihn am Hofe ließe, noch immer sein Benehmen leiten könnte. In diesem Falle hätte ich bedauert, auf Geldstrafe statt der Verbannung angetragen zu haben. Aber diese Zeit ist vorüber, und es ist neues, für Eure Majestät, für Euern königlichen Erben und das ganze Königreich gefahrvolles Unheil geschehen.« »Was meint Ihr, Robin?« sagte der schwache König. »Bei dem Grabe unserer Eltern! bei der Seele Bruce's, unseres unsterblichen Ahnen! ich beschwöre dich, mein theuerster Bruder, Mitleid mit mir zu haben. Sage mir, welches Uebel droht meinem Sohne oder meinem Königreiche?« Das Gesicht des Königs, vor Besorgniß zitternd, und seine Augen, von Thränen gefeuchtet, waren auf seinen Bruder gerichtet, welcher sich Zeit zur Ueberlegung zu nehmen schien, eh' er erwiderte: »Mylord, die Gefahr liegt hier. Eure Majestät glaubt, der Prinz habe keinen Theil an diesem zweiten Angriffe gegen die Bürger von Perth – den Mord des gemeinen Strumpfwirkers, um dessen Tod sie schreien wie ein Schwarm Möven um ihren Kameraden, wenn eine von der lärmenden Brut vom Pfeil eines Knaben niedergestreckt ist.« »Ihr Leben,« sagte der König, »ist ihnen selbst und ihren Freunden theuer, Robin.« »Gewiß, ja, mein König; und sie machen es auch uns theuer, ehe wir uns wegen des geringsten Blutstropfens mit den Schuften verständigen können. – Aber, wie ich sagte, Eure Majestät glaubt, der Prinz habe keinen Theil an diesem letzten Mord; – ich will nicht versuchen, Euern Glauben in diesem zarten Punkte zu erschüttern, sondern ich will mich bemühen, Euern Glauben zu theilen. Eure Meinung ist für mich Richtschnur. Robert von Albany wird nie anders denken, als Robert vom großen Schottland.« »Dank, Dank Euch,« sagte der König, seines Bruders Hand erfassend. »Ich wußte daß Eure Liebe dem armen, leichtsinnigen Rothsay Gerechtigkeit werde widerfahren lassen, der Euch selber so viel Ungelegenheit bereitet, daß er kaum die Gefühle verdient, die Ihr für ihn hegt.« Albany hatte in seinen Vorsätzen eine so unerschütterliche Festigkeit, daß er den brüderlichen Händedruck des Königs zu erwidern vermochte, während er die Hoffnungen des nachsichtigen, schwachen, alten Mannes bei der Wurzel ausriß. »Aber ach!« fuhr der Herzog mit einem Seufzer fort, »dieser grobe, rücksichtslose Ritter von Kinfauns und seine händelsüchtige Bürgerheerde werden die Sachen nicht so ansehen wie wir. Sie haben die Kühnheit, zu sagen, dieser tolle Kerl sei von Rothsay und seinen Genossen mißhandelt worden, denn sie haben ihn maskiert auf den Straßen, lärmend und Männer und Weiber anhaltend, genöthigt zu tanzen oder eine ungeheure Menge Wein zu verschlucken, nebst anderen Thorheiten, die ich nicht erzählen mag, gesehen, und sie fügen hinzu, die ganze Gesellschaft habe sich zu Sir John Ramorny begeben, sei mit Gewalt in sein Haus gebrochen, um dort ihr Bacchanal zu schließen, was hinreichenden Grund zu dem Glauben giebt, die Entlassung Sir Johns aus des Prinzen Dienst sei nur ein Kunstgriff gewesen, um das Volk zu täuschen. Und darum behaupten sie, wenn in dieser Nacht durch Sir John Ramorny oder seine Leute etwas Schlimmes geschehen sei, so habe ohne Zweifel der Herzog von Rothsay doch wenigstens darum gewußt, wenn er es auch nicht guthieß.« »Albany, das ist schrecklich!« sagte der König; »wollen sie einen Mörder aus meinem Sohne machen? Wollen sie behaupten, mein David beflecke seine Hände mit schottischem Blut ohne Zweck oder Ursache? Nein, nein, – sie werden nicht so ungeheure Verläumdung erfinden, die handgreiflich und unglaublich ist.« »Verzeiht, mein König,« antwortete der Herzog von Albany; »sie sagen, die Ursache des Streites in Curfewstreet und dessen Folgen gehörten dem Prinzen weit mehr an, als Sir John, da Niemand vermuthet und noch weniger glaubt, das jenes hoffnungsvolle Unternehmen zum Vergnügen des Ritters von Ramorny geschah.« »Du treibst mich zum Wahnsinn, Robin!« sagte der König. »Ich bin stumm,« antwortete sein Bruder; »ich sagte nur meine arme Meinung, wie Eure Majestät befahl.« »Du meinst es gut, ich weiß es,« sagte der König; »aber statt mich durch Eröffnung des unvermeidlichen Unglücks in Stücke zu zerreißen, wär' es nicht freundlicher, Robin, mir zu zeigen, wie man demselben entgehen könnte?« »Gewiß, mein König; da aber der einzige Weg des Entkommens rauh und schwierig ist, so ist es nöthig, daß Eure Majestät erst die absolute Nothwendigkeit seiner Benutzung begreift, bevor Ihr ihn nur beschreiben hört. Der Chirurg muß seinen Kranken erst von dem unheilbaren Zustande eines zerschmetterten Gliedes überzeugen, eh' er die Ablösung erwähnen darf, obwohl sie das einzige Mittel ist.« Der König gerieth bei diesen Worten auf einen Grad von Unruhe und Unwillen, wie ihm sein Bruder nicht zugetraut hatte. »Zerschmettertes und abgestorbenes Glied! Mylord von Albany! Ablösung das einzige Mittel? – Das sind unverständliche Worte, Mylord. – Wenn du sie auf unsern Sohn Rothsay anwendest, so magst du sie bis auf den Buchstaben gut machen, wenn du die Folgen nicht bitter bereuen willst.« »Ihr versteht mich zu buchstäblich, mein königlicher Herr,« sagte Albany. »Ich sprach nicht von dem Prinzen in so ungeziemenden Ausdrücken; denn ich nehme den Himmel zum Zeugen, daß er mir als der Sohn eines geliebten Bruders theurer ist, als wär' er mein eigner Sohn. Aber ich sprach mit Rücksicht auf seine Lostrennung von seinen Thorheiten und Eitelkeiten des Lebens, welche nach dem Ausspruche frommer Männer abgestorbenen Gliedern ähnlich sind, und gleich ihnen abgeschnitten und von uns geworfen werden sollten, als Gegenstände, die unsern Fortschritt zum Bessern hemmen.« »Ich verstehe – du willst, daß dieser Ramorny, den man für das Werkzeug der Thorheiten meines Sohnes hielt, vom Hofe verbannt werde,« sagte der getröstete Monarch, »bis diese unseligen Aergernisse vergessen und unsere Unterthanen geneigt sind, unsern Sohn mit anderen und vertrauensvolleren Augen zu betrachten.« »Das wäre guter Rath, mein König; aber der meine ging ein wenig – ein klein wenig – weiter. Ich würde den Prinzen selbst für eine kurze Zeit vom Hofe entfernen.« »Wie, Albany! mich von meinem Kinde trennen, meinem Erstgebornen, dem Lichte meiner Augen, und – so leichtsinnig er ist – dem Liebling meines Herzens! – O! Robin! ich kann nicht, und ich will nicht.« »Ei, ich gab nur den Rath, Mylord. – Ich fühle, welche Wunde ein solches Verfahren dem Herzen eines Vaters schlagen muß, denn bin ich nicht selbst Vater?« Und er senkte seinen Kopf, wie in hoffnungsloser Verzweiflung. »Ich könnt' es nicht überleben, Albany. Wenn ich bedenke, daß selbst unser eigener Einfluß auf ihn (der zwar bisweilen in unserer Abwesenheit vergessen, doch immer wirksam, wenn er bei uns ist), durch Euren Plan gänzlich wegfiele, in welche Gefahren könnt' er sich nicht stürzen? Ich könnte während seiner Abwesenheit nicht schlafen – ich würde sein Todesseufzen in jedem Lüftchen hören; und Ihr, Albany, obwohl Ihr es eher verbergt, würdet doch fast ebenso besorgt sein.« So sprach der gefällige Monarch, der gern seinen Bruder versöhnen und sich täuschen wollte, indem er es für gewiß annahm, daß eine Zuneigung, von der keine Spur vorhanden war, zwischen Oheim und Neffen bestände. »Eure väterlichen Besorgnisse werden zu leicht erregt, Mylord,« sagte Albany. »Ich schlage nicht vor, des Prinzen Bewegungen seinem eigenen zügellosen Belieben zu überlassen. Ich meine, der Prinz müßte für eine kurze Zeit unter einen passenden Zwang gestellt werden. – Man sollte ihm einen ehrwürdigen Rath zur Aufsicht geben, der für sein Benehmen und seine Sicherheit verantwortlich wäre, wie ein Hofmeister für den Zögling.« »Wie! ein Hofmeister! und in Rothsay's Alter?« rief der König; »er ist zwei Jahre über die Grenze, bis zu welcher unsere Gesetze die Unmündigkeit erstrecken.« »Die weisern Römer,« sagte Albany, »erstreckten sie vier Jahre über die Zeit, welche wir dafür annehmen; und um deutlich zu reden, das Recht der Beaufsichtigung sollte dauern, bis sie nicht mehr nöthig wäre; und sonach müßte die Zeit je nach dem Charakter verschieden sein. Da ist der junge Lindsay, Graf von Crawford, der, wie man sagt, Ramorny bei dieser Ausforderung vertritt, – er ist ein Bursch von fünfzehn, mit den tiefen Leidenschaften und der entschlossenen Festigkeit eines Mannes von dreißig Jahren, während mein königlicher Neffe, bei liebenswürdigeren und edleren Eigenschaften des Verstandes und Herzens, zuweilen im dreiundzwanzigsten die üppigen Launen eines Knaben zeigt, gegen den der Zwang nur Güte ist. – Und seid nicht traurig, mein Fürst, daß es so ist, oder zornig, daß Euer Bruder die Wahrheit sagt, denn die besten Früchte reifen am langsamsten, und die besten Rosse machen dem Bereiter am meisten zu schaffen, der sie zum Schlachtfeld oder für die Schranken erzieht.« Der Herzog hielt inne, und nachdem er einige Minuten König Robert in einem Nachdenken gelassen, welches er nicht zu unterbrechen versuchte, sagte er in lebhaftem Tone: »Aber, seid guten Muthes, mein edler König. Der Streit kann vielleicht ohne weiteres Gefecht und ohne Schwierigkeit abgemacht werden. Die Wittwe ist arm, denn ihr Gatte war, so viel er auch arbeitete, eitel und verschwenderisch. Die Sache läßt sich daher vielleicht mit Geld abmachen, und den Betrag einer Buße kann man von Ramorny's Gütern erheben.« »Nein, das wollen wir selber besorgen,« sagte König Robert, begierig die Hoffnung auf einen friedlichen Schluß des unerfreulichen Streites ergreifend. »Ramorny's Aussichten werden durch seine Verbannung vom Hofe und seine Entlassung aus dem Hause des Prinzen zerstört, und es wäre unedel, einen Fallenden zu beschweren. – Aber hier kommt unser Schreiber, der Prior, um uns zu sagen, daß die Stunde des Rathes naht. – Guten Morgen, mein würdiger Vater.« »Benedicte, mein königlicher Herr!« antwortete der Abt. »Nun, guter Vater,« fuhr der König fort, »wir können, ohne auf Rothsay zu warten, für dessen Uebereinstimmung mit unseren Beschlüssen wir bürgen, die Geschäfte unseres Reiches beginnen. Was wißt Ihr von Douglas?« »Er ist in seinem Schlosse Tantallon eingetroffen, mein König, und hat einen Boten mit der Nachricht gesendet, daß, obwohl der Graf von March in düsterer Abgeschlossenheit in seiner Veste Dunbar bleibt, sich doch seine Gefährten und Freunde sammeln und ein Feldlager bei Coldingham bilden, wo sie, wie man glaubt, die Ankunft eines starken Heeres der Engländer erwarten wollen, das Hotspur und Sir Ralph Percy an der englischen Grenze zusammenziehen.« »Das sind kalte Neuigkeiten,« sagte der König; »und Gott möge Georg von Dunbar vergeben! – Der Prinz trat bei diesen Worten ein, und er fuhr fort – »ha! bist du endlich da, Rothsay? – ich sah dich nicht in der Messe.« »Ich war diesen Morgen ein Müßiggänger,« sagte der Prinz, »weil ich eine schlaflose und fieberische Nacht gehabt habe.« »Ah, thörichter Bursche!« antwortete der König; »wärst du nicht am Fastnachtabend schlaflos gewesen, so wärst du die Nacht des Aschermittwochs nicht vom Fieber geplagt.« »Ich will Eure Gebete nicht unterbrechen, mein König,« sagte der Prinz leicht. »Eure Majestät ruft den Himmel an für einen – einen Feind wahrscheinlich, denn denen kommen Eure Gebete häufig zu gut.« »Setze dich und sei still, thörichter Jüngling!« sagte sein Vater, während sein Blick zugleich auf dem hübschen Gesicht und der anmuthigen Gestalt seines Lieblings ruhte. Rothsay zog einen Schemel zu den Füßen seines Vaters und ließ sich nachlässig darauf nieder, worauf der König weiter sprach: »Ich bedaure, daß der Graf von March, nachdem er von mir mit der Zusicherung der Vergütung für Alles, worüber er sich beklagen konnte, weggegangen, fähig gewesen sein sollte, sich mit Northumberland gegen sein eigenes Vaterland zu verschwören – ist es möglich, daß er an unserer Absicht zweifelte, unser Wort zu erfüllen?« »Ich will für ihn antworten, nein!« sagte der Prinz; »March zweifelte nie an Eurem Wort. Wahrlich, es mag ihm wohl fraglich gewesen sein, ob Eure erfahrenen Räthe Eurer Majestät die Macht lassen würden, es zu halten.« Robert der Dritte hatte in hohem Grade die furchtsame Politik angenommen, sich zu stellen, als höre er Ausdrücke nicht, die, wenn sie gehört wurden, selbst in seinen Augen eine Kundgebung des Mißfallens erforderten. Er fuhr daher in seiner Rede fort, ohne des Sohnes Worte zu bemerken; aber im Stillen vermehrte Rothsay's Raschheit das Mißfallen, welches sein Vater gegen ihn zu unterhalten begann. »Es ist gut, daß Douglas an den Grenzen ist,« sagte der König. »Seine Brust ist, wie die seiner Vorfahren, immer das beste Bollwerk Schottlands gewesen.« »Dann weh' uns, wenn er dem Feinde den Rücken wendet!« sagte der unverbesserliche Rothsay. »Wagst du den Muth des Douglas zu verdächtigen?« erwiderte der König, höchst aufgebracht. »Kein Mensch stellt des Grafen Muth in Frage,« sagte Rothsay; »er ist so sicher wie sein Stolz; – aber sein Glück ist etwas zu bezweifeln.« »Bei St. Andreas, David!« rief sein Vater, »du bist wie eine Eule! – jedes deiner Worte bedeutet Streit und Unglück.« »Ich schweige, Vater!« antwortete der Jüngling. »Und welche Neuigkeiten von den hochländischen Unruhen?« fuhr der König, sich an den Prior wendend, fort. »Ich hoffe, sie haben eine günstige Gestalt angenommen,« antwortete der Geistliche. »Das Feuer, welches das ganze Land bedrohte, wird wahrscheinlich mit dem Blute von vierzig bis fünfzig Räubern gelöscht werden; denn die zwei großen Bündnisse haben in feierlichem Waffenvertrage beschlossen, ihren Streit mit den von Eurer Majestät genannten Waffen in Eurer königlichen Gegenwart, an einem von Euch bestimmten Orte, am nächsten dreißigsten März, dem Palmsonntag, zu entscheiden. Die Zahl der Kämpfer ist auf dreißig von jeder Seite beschränkt, und das Gefecht geht bis zum letzten Hauch, weshalb sie Eure Majestät demüthig und ehrerbietig ersuchen und bitten, daß Ihr an diesem Tage Euer königliches Vorrecht, den Kampf durch Hinunterwerfen Eures Scepters oder durch den Ruf: »Ho!« zu endigen, väterlich außer Kraft setzen wollt, bis die Schlacht gänzlich zu Ende gekämpft ist.« »Die wilden Barbaren!« rief der König; »wollen sie unser bestes und theuerstes Vorrecht beschränken, das, einem Streite Einhalt zu thun und einer Schlacht Stillstand zu gebieten? – Wollen sie den einzigen Beweggrund entfernen, der mich zu dem schlächtermäßigen Schauspiel ihres Kampfes bringen könnte? – Wollen sie wie Menschen fechten oder wie ihre eigenen Bergwölfe?« »Mylord,« sagte Albany; »der Graf von Crawford und ich haben uns angemaßt, ohne Euch zu befragen, jene Artikel zu ratificiren, da uns dringende Gründe die Annahme zu fordern schienen.« »Wie! der Graf von Crawford!« sagte der König. »Mich dünkt, er ist ein junger Rath in so ernsten Angelegenheiten.« »Er ist,« erwiderte Albany, »trotz seiner jungen Jahre so geachtet unter seinen hochländischen Nachbarn, daß ich ohne seine Hilfe und seinen Einfluß wenig bei ihnen hätte ausrichten können.« »Hör' dies, junger Rothsay!« sagte der König vorwurfsvoll zu seinem Erben. »Ich bedaure Crawford, Sir.« erwiderte der Prinz. »Er hat zu früh einen Vater verloren, dessen Rathschläge in einer solchen Zeit, wie diese, besser gewesen sein würden.« Der König wendete sich zunächst mit einem triumphirenden Blicke gegen Albany wegen der kindlichen Zuneigung, die sein Sohn durch seine Antwort an den Tag gelegt hatte. Albany fuhr ungerührt fort. »Es ist nicht das Leben dieser Hochländer, sondern ihr Tod, welcher dem schottischen Staate nützlich sein wird; und allerdings schien es dem Grafen von Crawford und mir höchst wünschenswerth, daß der Streit ein Vernichtungskampf werde.« »Wahrlich,« sagte der Prinz, »wenn die jugendliche Politik Lindsay's eine solche ist, so wird er nach zehn oder zwölf Jahren ein gnädiger Gebieter sein! Zum Henker mit einem Knaben, der ein hartes Herz hat, bevor er Haar über der Lippe trägt! Besser, er hätte sich zu Fastnacht mit Hahnkämpfen begnügt, als Pläne zu schmieden, wie zum Palmsonntag Menschen sich niedermetzeln sollen, wie wenn es einen wälschen Kampf gälte, wo Alle bis zum Tode streiten müssen.« »Rothsay hat Recht, Albany,« sagte der König: »es wäre unschicklich für einen christlichen Monarchen, in diesem Punkte nachzugeben. Ich kann nicht billigen, daß Menschen kämpfen, bis sie wie Vieh im Schlachthaus zusammengehauen sind. Der Anblick würde mich krank machen und das Scepter würde meiner Hand entfallen, blos weil mir die Kraft fehlte, es zu halten.« »Es würde unbeachtet fallen,« sagte Albany. »Laßt mich Eure Majestät bitten, zu bedenken, daß Ihr nur ein königliches Vorrecht aufgebt, das Euch, wenn Ihr es ausübt, keine Achtung brächte, da ihm nicht gehorcht würde. Würde Eure Majestät das Scepter niederwerfen, wenn der Kampf tobt und das Blut dieser Männer heiß ist, so würde es nicht mehr Achtung finden, als wenn ein Sperling den Strohhalm, den er zu Neste trägt, unter eine Heerde kämpfender Wölfe fallen läßt. Nichts wird sie trennen, als die Ermordung Aller; und besser, sie geben sich den Tod unter einander, als daß sie ihn von den Kriegsleuten erhalten, die sie auf Eurer Majestät Befehl zu trennen suchten. Ein Versuch, Frieden durch Gewalt zu erhalten, schiene ihnen ein für sie gelegter Hinterhalt, beide Parteien würden sich dagegen vereinigen, das Morden wäre dasselbe und die gehofften friedlichen Folgen verloren.« »Es ist nur zu viel Wahrheit in dem, was Ihr sagt, Bruder Robin,« erwiderte der lenksame König. »Es hilft wenig, das zu befehlen, was ich nicht erzwingen kann; und obwohl ich das Unglück habe, dies jeden Tag meines Lebens zu thun, so ist es doch nicht nöthig, vor dem Volke, das sich zum Zuschauen hinzudrängt, ein so öffentliches Schauspiel königlicher Ohnmacht zu geben. Laßt also diesen Wilden ihren blutigen Willen gegen einander bis auf das Aeußerste; ich will nicht versuchen, Etwas zu verbieten, was ich nicht hindern kann. – Der Himmel helfe diesem unglücklichen Lande! Ich will in mein Betgemach und für dasselbe beten, da es mir versagt ist, ihm mit Kopf und Hand zu helfen. Vater Prior, ich bitte um Euern Arm.« »Aber Bruder,« sagte Albany, »verzeiht mir, wenn ich Euch erinnere, daß wir die Sache zwischen den Bürgern von Perth und Ramorny hören müssen, wegen des Todes eines Bürgers –« »Wahr, wahr,« – sagte der Monarch, sich wieder setzend; – »noch mehr Gewaltthat – noch mehr Kampf – o Schottland, Schottland! wenn das beste Blut deiner tapferen Söhne deinen dürren Boden bereichern könnte, welches Land auf Erden würde dich an Fruchtbarkeit übertreffen! Wann hat man einen Schotten weißes Haar tragen sehn, es sei denn ein Unglücklicher, wie dein König, den seine Ohnmacht vor dem Morden schützt, um die Blutscenen zu sehen, denen er kein Ziel setzen kann? – Laßt sie eintreten – haltet sie nicht auf. Sie sind auf Mord erhitzt, und beneiden einander jeden frischen Athemzug aus ihres Schöpfers lieber Luft. Der Dämon des Streites und Mordes besitzt das ganze Land.« Während sich der sanfte Fürst mit einer Miene voll Zorn und Ungeduld, die ihm nicht sehr gewöhnlich war, auf seinem Stuhle zurücklegte, wurde die Thür am untern Ende des Saales geöffnet, und es trat aus der Gallerie, in welche sie führte, und wo man im Hintergrunde eine Wache der Brandanen aufgestellt sah, in Trauerprocession die Wittwe des armen Oliver Proudfute, von Sir Patrick Charteris mit so viel Ehrerbietung geführt, als wäre sie eine Lady vom ersten Range gewesen. Hinter ihnen kamen zwei ehrbare Frauen, die Gattinnen von Stadtbeamten, in Trauerkleidern, die eine das kleine Kind tragend und die andere das ältere führend. Der Schmied folgte in seiner besten Kleidung, eine Trauerschürze über dem Koller tragend. Den trauernden Zug schlossen der Bailie Craigdallie und ein anderer Beamter. Des guten Königs vorübergehende Heftigkeit verschwand sofort, als er auf das blasse Gesicht der kummervollen Wittwe sah und die Bewußtlosigkeit der unschuldigen Waisen betrachtete, die einen so großen Verlust erlitten hatten; und als Sir Patrick Charteris der Wittwe niederknien half und sich selbst, sie immer noch bei der Hand haltend, auf ein Knie niederließ, fragte der König mitleidig nach ihrem Namen und Geschäft. Sie gab keine Antwort, sondern murmelte Etwas, auf ihren Führer blickend. »Sprecht für das arme Weib, Sir Patrick Charteris,« sagte der König, »und berichtet uns, weshalb sie vor uns tritt.« »Mit Eurer Erlaubniß, mein König,« antwortete Sir Patrick aufstehend, »diese Frau und diese unglücklichen Kinder klagen bei Eurer Hoheit gegen Sir John von Ramorny, Ritter, daß durch ihn oder durch Jemand aus seinem Hause ihr vormaliger Gatte, Oliver Proudfute, Freier und Bürger von Perth, in den Straßen der Stadt am Abend des Fastendienstags oder am Morgen des Aschermittwochs erschlagen wurde. »Frau,« erwiderte der König mit vieler Leutseligkeit, »du bist sanft schon deines Geschlechts wegen und solltest gerade durch deine Trauer barmherzig sein; denn unser eigenes Unglück sollte uns, – ja, ich glaube, macht uns wirklich gegen Andere barmherzig; dein Gatte hat nur den Weg betreten, der uns Allen angewiesen ist.« »In diesem Falle,« sagte die Wittwe, »muß sich mein König erinnern, daß es ein kurzer und blutiger war.« »Ich gestehe, daß arg mit ihm verfahren ward. Aber da ich unfähig war, ihn zu schützen, wie es allerdings meine königliche Pflicht war, so bin ich bereit zur Sühne, dich und diese Waisen zu unterstützen, und zwar so gut oder vielmehr besser, als Ihr in den Tagen Eures Gatten lebtet; laß du nur von dieser Anklage ab und gib keinen Anlaß, noch mehr Blut zu vergießen. Bedenke, ich lasse dir die Wahl zwischen Barmherzigkeit und Rache, und die zwischen Fülle und Armuth.« »Es ist wahr, mein König, wir sind arm,« antwortete die Wittwe mit unerschütterter Festigkeit; »aber ich und meine Kinder werden uns eher mit den Thieren des Feldes nähren, ehe wir um den Preis des Blutes meines Gatten leben. Ich verlange den Kampf durch meinen Kämpen, so wahr Ihr gegürteter Ritter und gekrönter König seid.« »Ich wußte, so würd' es kommen!« sagte der König leise zu Albany. »In Schottland sind die ersten Worte, die ein Kind stammelt, und die letzten des sterbenden Graukopfes: Kampf, Blut, Rache. Weitere Worte fruchten nichts. – Laßt die Vertheidigung vor.« Sir John Ramorny trat in das Gemach. Er war in einen langen Pelzmantel gekleidet, wie Männer vom Stande trugen, wenn sie unbewaffnet waren. Verborgen durch die Falten des Besatzes, wurde sein verwundeter Arm durch eine Schärpe oder Schlinge von rother Seide gehalten, und mit dem linken Arm stützte er sich auf einen Jüngling, der, kaum über die Knabenjahre hinaus, auf der Stirn die tiefe Spur frühen Denkens und frühreifer Leidenschaft trug. Es war der gepriesene Lindsay, Graf von Crawford, der in seinen späteren Tagen durch den Beinamen des »Tigergrafen« bekannt war und das große, reiche Thal von Strathmore mit der unbeschränkten Macht und unbarmherzigen Grausamkeit eines Lehnstyrannen beherrschte. Zwei oder drei Edelleute, seine oder des Grafen Freunde, unterstützten Sir John Ramorny durch ihre Gegenwart bei dieser Gelegenheit. Die Anklage wurde wiederholt und von Seiten des Beschuldigten kurzweg durch Läugnen abgewiesen, und die Kläger erboten sich sofort, ihre Versicherung durch Berufung auf das Gottesgericht des Sargrechts zu erweisen. »Ich bin nicht gebunden,« antwortete Sir John Ramorny, »mich diesem Gericht zu unterwerfen, da ich durch das Zeugniß meines ehemaligen königlichen Herrn darthun kann, daß ich in meiner eigenen Behausung war und auf meinem Bette krank lag, zu der Zeit, wo dieser Oberrichter und diese Bailie's behaupten, daß ich ein Verbrechen begangen habe, wozu ich nie Willen oder Versuchung hatte. Ich kann daher kein gerechter Gegenstand des Verdachtes sein.« »Ich kann bezeugen,« sagte der Prinz, »daß ich in derselben Nacht, wo dieser Mord geschah, Sir John Ramorny sah und mit demselben einige Gegenstände in Betreff meines Haushaltes besprach. Daher weiß ich, daß er krank war und die fragliche That nicht in Person begehen konnte. Aber ich weiß nichts von der Beschäftigung seiner Leute und will es nicht auf mich nehmen, zu sagen: daß Einer von ihnen nicht das angeschuldigte Verbrechen begangen haben könne.« Sir John Ramorny hatte während des Anfangs dieser Rede mit trotziger Miene um sich geschaut, wurde aber durch Rothsay's letzte Worte etwas verwirrt. »Ich danke Eurer Hoheit,« sagte er mit einem Lächeln, »für Euer behutsames und beschränktes Zeugniß für mich. Er war weise, der da schrieb: \>Setze dein Vertrauen nicht auf Fürsten!\<« »Wenn Ihr kein anderes Zeugniß Eurer Unschuld habt, Sir John Ramorny,« sagte der König, »so können wir hinsichtlich Eurer Diener der beleidigten Wittwe und den Waisen, den Klägern, den Beweis durch das Gottesgericht des Sargrechts nicht verweigern, wenn nicht Einer von ihnen das des Zweikampfes vorziehen sollte. Was Euch selbst betrifft, so seid Ihr durch des Prinzen Zeugniß von der Anklage befreit.« »Mein König,« antwortete Sir John, »ich kann selbst für die Unschuld meines Gefolges und meiner Diener bürgen.« »Ei, so könnte ein Weib oder ein Mönch sprechen,« sagte Sir Patrick Charteris. »In ritterlicher Sprache: willst du, Sir John von Ramorny, für dein Gefolge mit mir kämpfen?« »Der Oberrichter von Perth hätte nicht Zeit gehabt, das Wort Zweikampf zu nennen,« sagte Ramorny, »eh' ich ihn angenommen hätte. Aber ich bin jetzt nicht fähig, eine Lanze zu führen.« »Das freut mich; mit Eurer Gunst, Sir John – dann wird um so weniger Blutvergießen sein,« sagte der König. »Ihr müßt daher Eure Leute nach Eures Verwalters Haushaltbuch in der großen Kirche St. Johns stellen, damit sie in Gegenwart Aller, die es angeht, sich von der Anklage reinigen können. Sorgt dafür, daß ein Jeder von ihnen zur Zeit des Hochamtes erscheint, wenn Eure Ehre nicht arg befleckt sein soll.« »Sie werden sämmtlich erscheinen,« sagte Sir John Ramorny. Dann verbeugte er sich tief vor dem König, wendete sich an den jungen Herzog von Rothsay, zu dem er, gleichfalls mit ehrerbietiger Begrüßung, so daß er's allein hören konnte, sagte: »Ihr habt mich großmüthig behandelt, Mylord! – Ein Wort von Euern Lippen konnte diesen Streit geendet haben, und Ihr weigertet Euch, es zu sprechen!« – »Bei meinem Leben,« flüsterte der Prinz, »ich sprach, so weit es die äußerste Grenze von Wahrheit und Gewissen erlaubten. Ich denke, du konntest nicht erwarten, daß ich Lügen für dich schmieden sollte; – und überdies, John, entsinne ich mich in meinen verworrenen Erinnerungen dieser Nacht eines schlächtermäßigen Kerls mit einer Streitaxt, dem es ganz ähnlich sah, daß er jenen Nachtstreich begangen! – Ha! traf ich es, Sir Ritter?« Ramorny gab keine Antwort, sondern wendete sich so hastig ab, als hätte plötzlich Jemand seinen verwundeten Arm gedrückt, und erreichte mit dem Grafen von Crawford seine Wohnung wieder. Letzterem, obwohl er zu nichts weniger als zu einem Gelage aufgelegt war, mußte er eine glänzende Mahlzeit bieten, um einigermaßen den Beistand anzuerkennen, den der junge Edelmann ihm gewährt hatte. Einundzwanzigstes Kapitel. Groß war er in Quacksalbereien; Viel' mordet' er durch Arzeneien. Dunbar. Als nach einer Mahlzeit, deren Verlängerung für den verwundeten Ritter eine Folter war, der Graf von Crawford endlich zu Pferde stieg, um sich nach seiner fernen Wohnung im Schlosse Dupplin zu begeben, wo er sich als Gast aufhielt, zog sich der Ritter von Ramorny in sein Schlafgemach zurück, gepeinigt von Körperschmerz und Seelenangst. Hier fand er Henbane Dwining, von dem er in Betreff des Trostes für beiderlei Schmerz sein hartes Geschick abhängig machte. Der Arzt hoffte in seiner erheuchelten tiefsten Demuth seinen gereizten Kranken fröhlich und glücklich zu sehen. »Fröhlich, wie ein toller Hund!« sagte Ramorny, »und glücklich wie der Elende, den die Bestie gebissen hat und der die Nähe der rasenden Tollheit zu fühlen beginnt. Der rohe Knabe Crawford sah meinen Schmerz und ersparte mir keinen einzigen Trunk. Wahrlich, ich müsse ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen! Wenn ich ihm und der Welt Gerechtigkeit hätte widerfahren lassen, so hätt' ich ihn aus dem Fenster geworfen, und eine Laufbahn gekürzt, die, wenn er fortfährt, wie er begonnen hat, ein Quell des Elends für ganz Schottland, besonders aber für die Taygegend sein wird. – Nimm dich in Acht, wenn du die Bänder abnimmst, Chirurg; die Berührung des Flügels einer Fliege auf dem rohen, glühenden Stumpf wäre ein Dolchstich für mich.« »Fürchtet nichts, mein edler Herr,« sagte der Wundarzt mit einem schluchzenden Lachen der Freude, welches er umsonst unter dem Tone erheuchelten Mitgefühls zu verbergen strebte. »Wir wollen frischen Balsam auflegen, und – hi, hi, hi! – Euer Gnaden von der Reizung befreien, die Ihr so standhaft ertraget.« »Standhaft, Mensch?« sagte Ramorny, vor Schmerz knirschend; »ich ertrage sie, wie ich die sengenden Flammen des Fegefeuers ertragen würde – der Knochen scheint glühendes Eisen zu sein – deine fette Salbe wird zischen, wenn sie auf die Wunde fällt – und doch ist das December-Eis verglichen der Fiebergluth meiner Seele!« »Wir wollen zuerst unsere Erleichterung auf den Körper anwenden, mein edler Gönner,« sagte Dwining; »und wird dann, mit Eurer Herrlichkeit Erlaubniß, Euer Diener seine Kunst auch an dem beunruhigten Gemüth versuchen. – Obwohl ich glaube, daß die geistige Qual einigermaßen von der Reizung der Wunde abhängt, so hoffe ich doch, die körperlichen Schmerzen werden bald gelindert sein und die stürmischen Gefühle sich dann vielleicht von selber legen.« »Henbane Dwining,« sagte der Kranke, als er den Schmerz seiner Wunde nachlassen fühlte, du bist ein kostbarer und unschätzbarer Wundarzt, aber Einiges ist über deine Macht. – Du kannst das körperliche Gefühl dieser rasenden Schmerzen stillen, aber du kannst mich nicht lehren den Spott des Knaben zu ertragen, den ich erzog, den ich liebte, Dwining – ich liebte ihn, zärtlich liebte ich ihn! Meine schlimmsten Thaten geschahen, um seinen Lastern zu schmeicheln, und er weigerte mir ein Wort seines Mundes, wo ein solches mir diese Last abgenommen hätte. Er lächelte – ich sah ihn lächeln, als der elende Oberrichter, der Genosse und Schutzpatron erbärmlicher Bürger, mich herausforderte, mich, den dieser herzlose Prinz unfähig machte, Waffen zu führen. – Eh' ich das vergesse oder vergebe, sollst du selbst Verzeihung der Beleidigungen predigen! – Und dann die Sorgen für morgen. – Glaubst du, Henbane Dwining, daß sich in aller Wahrheit die Wunde des gemordeten Leichnams öffnen und Tropfen frischen Blutes bei des Mörders Annäherung vergießen werde?« »Ich kann's nicht sagen, Mylord, außer nach dem Gerücht,« sagte Dwining, »welches die Sache bestätigt.« »Der viehische Bonthron,« sagte Ramorny, »ist durch die Furcht vor so Etwas beunruhigt und spricht davon, daß er lieber den Zweikampf bestehen wolle. Was meinst du? – er ist ein Kerl von Stahl!« »Des Waffenschmieds Geschäft ist's, mit Stahl umzugehen,« antwortete Dwining. »Wenn Bonthron fiele, es sollte mich wenig schmerzen,« sagte Ramorny, »obwohl ich eine nützliche Hand entbehren würde.« »Ich denke wohl, Eure Herrlichkeit wird sie nicht so wie die in Curfewstreet verlorne tragen – entschuldigt den Scherz – hi, hi, hi! – aber welches sind die nützlichen Eigenschaften eines Kerls wie Bonthron?« »Die eines Bullenbeißers,« antwortete der Ritter; »er zerreißt, ohne zu bellen.« »Ihr fürchtet nicht sein Geständnis?« sagte der Arzt. »Wer kann sagen, was Furcht vor dem nahenden Tode im Stande ist?« erwiderte der Kranke. »Er hat bereits eine Schüchternheit gezeigt, die seiner gewöhnlichen Gemüthsrohheit ganz fremd ist; er, der seine Hände kaum waschen mochte, nachdem er einen Mann erschlagen, fürchtet sich nun, einen todten Körper bluten zu sehen.« »Nun,« sagte der Wundarzt, »ich muß Etwas für ihn thun, wenn ich kann, da es zur Förderung meiner Rache geschah, daß er jenen Streich führte, obwohl er zum Unglück hintraf, wohin er nicht treffen sollte.« »Und wessen Schuld war das, furchtsamer Schuft,« sagte Ramorny, »außer deine eigene, der ein schlechtes Reh für einen Hirsch erster Größe ansah?« »Benedicite, edler Herr,« erwiderte der Mediciner; »wollt Ihr, daß ich, der ich wenig mehr außer Kammerdienst verstehe, ein so geschickter Waidmann sei, als Ihr selber, daß ich unterscheide Hirsch und Hindin, Bock und Kuh im Walde um Mitternacht? Ich war nur ein wenig im Zweifel, als ich die Gestalt im Mohrentänzerkleide an uns vorbei nach des Schmieds Wohnung im Wynd eilen sah, und doch wußte ich nicht ganz, ob es unser Mann war, denn er schien mir zu klein. Aber als er wieder herauskam nach der Zeit, die man zum Kleiderwechseln etwa braucht, und mit Büffelwams und Pickelhaube weiter schritt, nach der gewöhnlichen Weise des Waffenschmieds pfeifend, da gesteh' ich, daß ich mich irrte, super totam materiem, und ließ Eurer Herrlichkeit Bullenbeißer auf ihn los, der seine Pflicht ganz richtig that, wenn er gleich das unrechte Thier traf. Ich bin daher entschlossen, wenn der verfluchte Waffenschmied unsern armen Freund nicht auf dem Flecke todt schlägt, wenn die Kunst es vermag, zu sorgen, daß dem Kettenhund nichts Schlimmes begegne.« »Das wird deine Kunst auf die Probe stellen, Mann der Medicin,« sagte Ramorny; »denn wisse, das Schlimmste beim Kampfe ist, daß unser Kämpe, wenn er nicht sogleich in den Schranken todtgeschlagen ist, bei den Fersen fortgeschleppt und ohne Ceremonie an den Galgen geknüpft wird, als des Mordes überwiesen; und wenn er dort etwa eine Stunde lang wie eine lose Troddel gebaumelt hat, so wirst du, denk ich, wohl schwerlich im Stande sein, seinen gebrochenen Hals zu heilen.« »Ich bin, mit Eurer Herrlichkeit Erlaubniß, anderer Meinung,« antwortete Dwining ruhig. »Ich will ihn vom Fuße des Galgens in das Land der Feen tragen, wie König Arthur, oder Sir Hyon von Bordeaux, oder Ugero der Däne; oder ich will ihn eine Anzahl Minuten oder Stunden am Galgen hängen lassen und dann ihn vor den Augen Aller weghaschen, so leicht, wie der Wind ein dürres Blatt fortweht.« »Das ist leere Prahlerei, Sir Arzt,« sagte Ramorny. »Der ganze Pöbel von Perth wird ihn zum Galgen begleiten, Einer immer begieriger als der Andere, den Diener eines Edelmanns sterben zu sehen, und zwar für den Mord eines dummköpfigen Bürgers. Tausend von ihnen werden den Galgen umringen.« »Und wären es zehntausend,« sagte Dwining; »sollte ich, der ich hochgelehrt bin, der ich in Spanien und selbst in Arabien studirte, nicht fähig sein, die Augen dieser säuischen Bürgerheerde zu täuschen, während der geringste Gaukler, der je Taschenspielerei trieb, selbst die scharfe Aufmerksamkeit Eurer höchst scharfsichtigen Ritterschaft hintergehen kann? Ich sage Euch, ich will sie so überlisten, als besäße ich Keddie's Ring.« »Wenn du Wahrheit redest,« antwortete der Ritter, »und ich denke, du wagst nicht mit mir über dergleichen zu spaßen, so mußt du des Satans Beistand haben, und ich will nichts mit ihm zu thun haben. Ich verachte ihn und trotze ihm.« Dwining mußte seinem innerlichen Lachen nachgeben, als er hörte, wie sein Gönner seinen Trotz gegen den bösen Feind aussprach, und wie er ihn bekräftigte, indem er ein Kreuz schlug. Er bezwang sich indeß, als er Ramorny's Miene sehr ernst werden sah, und sagte mit ziemlichem Ernste, obwohl etwas unterbrochen durch die nothwendige Anstrengung, seine lustige Stimmung zu unterdrücken: Verbindung mit Andern, höchst frommer Sir, Verbindung ist die Seele der Gauklerkunst. Aber – hi, hi, hi! – ich habe nicht die Ehre – hi, hi, hi! – ein Verbündeter des Herrn zu sein, von dem ihr sprecht – an dessen Existenz ich – hi, hi, hi! – nicht sehr glaube – obwohl Eure Herrlichkeit ohne Zweifel bessere Gelegenheit zur Bekanntschaft hat.« »Fahre fort, Schurke, aber ohne diesen Spott, sonst sollst du theuer dafür zahlen.« »Ich will es, Allermuthigster,« erwiderte Dwining. »Wißt, daß ich auch meinen Verbündeten habe, sonst wäre meine Kunst wenig werth.« »Und wer mag der sein, ich bitt' Euch?« »Stephan Smotherwell, mit Eurer Gnaden Erlaubniß, Nachrichter dieser schönen Stadt. Mich wundert, daß ihn Eure Herrlichkeit nicht kennt.« »Und mich wundert, daß deine Schuftigkeit ihn nicht von seinem Handwerk aus kennt,« erwiderte Ramorny; »aber ich sehe, deine Nase ist nicht aufgeschlitzt, deine Ohren nicht abgeschnitten, und wenn deine Schultern gebrandmarkt sind, so bist du so klug, ein hochkragiges Wams zu tragen.« »Hi, hi! Ihr beliebt zu spaßen,« sagte der Arzt. »Nicht persönliche Umstände erwarben mir die genaue Bekanntschaft Stephan Smotherwells, sondern ein gewisser Handel zwischen uns, wobei ich, mit Eurer Erlaubniß, gewisse Summen Silbers für die Leiber, Köpfe und Glieder derer gebe, die mit Hilfe Freund Stephans sterben.« »Elender!« rief der Ritter voll Abscheu, »geschieht es, um Tränke und Mittel der Hexerei zu bereiten, daß Ihr die erbärmlichen Reste der Sterblichkeit einhandelt?« »Hi, hi, hi! – nein, mit Eurer Herrlichkeit Erlaubniß,« antwortete der Mediciner, sehr ergötzt von der Unwissenheit seines Gönners: »aber wir, die wir Ritter der Lanzette sind, sind gewohnt, uns sorgsam im Schneiden an den Gliedern todter Menschen zu üben und nennen dies Section, woran wir durch Untersuchung eines todten Gliedes lernen, wie eines zu behandeln ist, das einem lebenden Menschen angehört und das auf irgend eine Art beschädigt ist. Ach, wenn Eure Herrlichkeit mein armes Laboratorium sähe, so könnte ich Euch Köpfe und Hände, Füße und Lungen zeigen, von denen man glaubt, sie seien längst im Sarg verfault. Den Schädel Wallace's, von der Londoner Brücke gestohlen; das Herz Sir Simon Frasers, der Niemand fürchtete; den lieblichen Schädel der schönen Katie Logie – o hätt' ich nur das Glück gehabt, die ritterliche Hand meines verehrten Gönners zu retten.« »Fort mit dir, Sklave! willst du mir mit deinem Katalog von Abscheulichkeiten Ekel bereiten? – Sage mit einem Worte, was du willst. Wie kann dein Handel mit dem Henker mir von Nutzen sein oder meinem Diener Bonthron helfen?« »Ei, ich empfehle das Eurer Herrlichkeit nicht, außer im äußersten Nothfall,« erwiderte Dwining. »Aber wir wollen annehmen, der Kampf sei vorbei und unser Hahn geschlagen. Nun müssen wir ihm zuerst die Gewißheit beibringen, daß, wenn er nicht siegt, wir ihn wenigstens vom Henker retten werden, vorausgesetzt, daß er nichts gesteht, was Eurer Herrlichkeit Ehre beeinträchtigen kann.« »Ja! – ja, da fällt mir ein Gedanke ein,« sagte Ramorny. »Wir können mehr als das thun – wir können ein Wort in Bonthrons Mund legen, das beunruhigend genug für ihn sein soll, den ich als Ursache meines Mißgeschicks verfluchen muß. Laß uns zum Stall des Hundes gehen und ihm erklären, was für jeden Fall zu thun ist. Können wir ihn überreden, dem Sargrecht zu stehen, so ist das eine bloße Posse und wir sind sicher. Nimmt er den Kampf an, so ist er wild wie ein gehetzter Bär, wird vielleicht seinen Gegner überwältigen und wir sind mehr als sicher – wir sind gerächt. Wenn Bonthron selbst besiegt wird, so führen wir deinen Plan aus, und machst du es gut, so geben wir ihm an, was er zu beichten hat, nehmen den Vortheil davon, den ich dir nachher erklären werde, und thun einen Riesenschritt in der Rache. – Immer bleibt noch ein Wagniß. Denke dir unsern Bullenbeißer tödlich verwundet in den Schranken, wer wird ihn hindern, eine Art von Beichte zu heulen, verschieden von der, die wir ihm anempfehlen?« »Wahrlich, das kann sein Arzt,« sagte Dwining. »Laßt mich ihn warten und gebt mir Gelegenheit, nur einen Finger auf seine Wunde zu legen, und vertraut mir, er wird kein Vertrauen täuschen.« »Nun, er ist ein bereitwilliger Teufel, den man weder zu treiben noch zu drängen braucht!« sagte Ramorny. »Wie ich hoffe, dies in Eurer Herrlichkeit Dienst nie zu brauchen.« »Wir wollen unsern Gehilfen nun unterrichten,« fuhr der Ritter fort, »Wir werden ihn willig finden; denn ein Hund, wie er's ist, weiß den, der ihn füttert, von dem, der ihn prügelt, zu unterscheiden; und einen vormaligen königlichen Herrn von mir haßt er tief wegen kränkender Behandlung und schmachvoller Ausdrücke, die er von ihm erfuhr. Ich muß auch weiter mit dir über deine Kunstgriffe sprechen, wie der Bullenbeißer aus den Händen der Bürgerheerde zu retten ist.« Wir überlassen dies würdige Freundespaar ihren geheimen Praktiken, deren Erfolge wir später sehen werden. Sie waren, obwohl verschiedenen Standes und Charakters, doch so geeignet zu Anlegung und Ausführung verbrecherischer Plane, als das Windspiel zum Zerreißen des Tieres, das der Spürhund aufjagt, oder dieser zum Aufsuchen der Beute, die der scharfsehende Windhund mit dem Auge entdeckt. Stolz und Selbstsucht waren Beiden eigen; aber wegen Verschiedenheit des Standes, der Erziehung und der Anlagen hatten sie das verschiedenste Ansehen in den beiden Individuen angenommen. Nichts konnte dem hochfahrenden Ehrgeize des begünstigten Höflings, des glücklichen Liebhabers und kühnen Kriegers weniger ähnlich sein, als der unterwürfige, anspruchslose Mediziner, der, selbst wenn er beleidigte, zu schmeicheln und zu unterhalten schien, während er im Innern der Seele sich überlegener Einsicht bewußt war, – einer Macht der Wissenschaft wie des Verstandes, der die rohen Edeln seiner Zeit tief unter ihn stellte. Henbane Dwining kannte diese höhere Stellung so gut, daß er oft wie Einer, der wilde Thiere hält, zu seinem Vergnügen den stürmischen Zorn eines Mannes, wie Ramorny, zu erregen wagte, wohl wissend, daß er mit seiner Unterwürfigkeit dem Sturm entgehen würde, den er erregt hatte, wie ein indianischer Knabe seinen leichten Kahn, den seine Zerbrechlichkeit selbst schützt, in die wilde Brandung treibt, worin das Boot eines Kauffahrers sicher scheitern würde. Daß der Lehensbaron den niederen Arzneikünstler verachtete, war natürlich; aber Ramorny fühlte trotzdem den Einfluß, den Dwining auf ihn hatte, und wurde im Kampfe des Verstandes oft von ihm besiegt, wie die wildesten Sprünge eines feurigen Rosses von einem zwölfjährigen Knaben, der Reiten gelernt hat, überwunden werden. Die Verachtung Dwinings gegen Ramorny aber war weit weniger eingeschränkt. Er betrachtete den Ritter im Vergleich mit sich als Einen, der sich kaum über das Thier erhob, und zwar im Stande sei zu verderben, wie der Stier mit den Hörnern, der Wolf mit den Zähnen, aber von gemeinen Vorurtheilen unterjocht, ein Sklave des Pfaffenthums sei, – ein Ausdruck, in welchen Dwining alles Religiöse mit einschloß. Im Ganzen glaubte er, Ramorny sei von der Natur zu seinem Knechte bestimmt, um nach dem Golde zu graben, das er anbetete und dessen habsüchtige Verehrung sein größter Fehler, aber nicht sein schlimmstes Laster war. Er vertheidigte diese schmähliche Neigung vor sich selber dadurch, daß er sich überredete, sie habe ihren Ursprung in der Liebe zur Macht. »Henbane Dwining,« sagte er, während er entzückt auf die Schätze sah, die er im Stillen gehäuft hatte, und die er von Zeit zu Zeit besuchte, »ist kein dummer Geizhals, der diese Stücke wegen ihres goldigen Glanzes liebt; es ist die Macht, mit der sie ihren Besitzer begaben, die ihn zu ihrem Anbeter wirbt. Was gibts, das dir durch sie nicht zu Gebote steht? Liebst du Schönheit und bist gemein, häßlich, schwach und alt – hier ist eine Lockspeise, der die schönsten Falken zufliegen werden. Bist du schwächlich, kraftlos, der Unterdrückung des Mächtigen unterworfen? hier ist das, was jene bewaffnet, die mächtiger sind, als dein kleiner Tyrann. Bist du glänzend in Wünschen und verlangst Pracht und äußeren Schein des Reichthums? Diese dunkle Kiste enthält manche weite Strecke von Thal und Hügel, manch' schönen Wald und Tausende voll Vasallen. Wünschest du Hofgunst, geistliche oder weltliche? Das Lächeln der Könige, die Verzeihung der Päpste und Priester für alle Verbrechen, und die Erlaubniß, welche arme, von Priestern bethörte Seelen aufmuntert, neue zu wagen, – all' diese heiligen Antriebe zum Laster kannst du um Geld kaufen. Selbst Rache, von der man sagt, daß sie die Götter sich vorbehalten, ohne Zweifel, weil sie der Menschheit einen so süßen Bissen beneiden – selbst Rache kann man dafür haben. Aber sie ist auch durch höheren Verstand zu gewinnen, und das ist die edlere Art, sie zu erlangen. Ich will daher meinen Schatz zu anderem Gebrauche sparen und die Rache ohne Geld ausüben, oder vielmehr, ich will die Wollust vermehrten Reichthums dem Triumph vergoltener Beleidigung beifügen.« So dachte Dwining, als er, heimgekehrt von seinem Besuche bei Sir John Ramorny, das für seine verschiedenen Dienste empfangene Gold der Masse seines Schatzes hinzufügte; und nachdem er ein paar Minuten das Ganze betrachtet hatte, drehte er den Schlüssel seiner verborgenen Schatzkammer und ging fort, seine Kranken zu besuchen; er wich dabei Jedem aus, dem er begegnete, verbeugte sich und zog die Mütze vor dem ärmsten Bürger, der eine kleine Bude besaß, ja, vor den Handwerkern, die ihr tägliches Brod durch harte Arbeit verdienten. »Thoren,« war der Gedanke seines Herzens, während er so höflich war, »niedrige, verstandlose Handwerker! wüßtet ihr, was dieser Schlüssel öffnen kann, welches schlechte Wetter vom Himmel würde euch hindern, eure Mützen zu ziehen? Welcher schmutzige Graben in eurem elenden Dorfe wäre ekelhaft genug, daß ihr euch besännet, vor dem Besitzer solchen Reichthums niederzufallen und anzubeten? Aber ich will euch meine Macht fühlen lassen, wenn gleich es mir gefällt, sie zu verbergen. Ich will ein Zauberteufel eurer Stadt sein, weil ihr mich nicht zur Obrigkeit gewählt habt. Wie der Alp will ich auf euch liegen und doch unsichtbar bleiben. – Auch dieser elende Ramorny, der, weil er eine Hand verloren hat, wie ein elender Handwerker um den einzigen schätzbaren Theil seines Leibes gekommen ist, er häuft beleidigende Reden auf mich, wenn irgend Etwas, das er sagen kann, im Stande ist, einen so festen Geist, wie den meinigen, zu erhitzen. Aber während er mich einen Schurken, Elenden und Sklaven nennt, handelt er so klug, als wollte er sich damit erlustigen, mir Haare aus dem Kopfe zu ziehen, während meine Hand seine Herzfasern festhält. Jede Beleidigung kann ich augenblicklich mit Körperschmerz und Seelenqual bezahlen – und – hi, hi! – ich häufe keine langen Rechnungen bei seiner Herrlichkeit, das muß ich gestehen.« Während der Mediciner so seinen teuflischen Gedanken nachhing und in seiner kriechenden Manier die Straße entlang wandelte, hörte er hinter sich ein Geschrei weiblicher Stimmen. »Ach, dort ist er, unsere Frau sei gelobt! – Da ist der hilfreichste Mann in Perth!« sagte eine Stimme. »Sie mögen von Rittern und Königen sprechen, wegen der Sühne, wie sie's nennen – aber mir bringt den würdigen Meister Dwining, den Apotheker, Gevatterin,« erwiderte eine andere. Im nämlichen Augenblicke war der Arzt umringt und von den Rednerinnen, ehrsamen Frauen der guten Stadt Perth, angehalten. »Wie – was gibt es?« sagte Dwining; »wessen Kuh hat gekalbt?« »Es ist nicht von Kalben die Rede,« sagte eine der Frauen, »sondern von einem armen, vaterlosen, sterbenden Kinde; so kommt mit uns fort, denn unser Vertrauen steht auf Euch, wie Bruce zu Donald von den Inseln sagte.« » Opiferque per orbem dicor ,« sagte Henbane Dwining. » Woran wird das Kind sterben?« »An der Bräune – an der Bräune!« schrie eine der Gevatterinnen; »das unschuldige Kind krächzt wie ein Rabe.« » Cyanche trachealis – diese Krankheit macht's kurz. Zeigt mir gleich das Haus,« fuhr der Arzt fort, der gewohnt war, seine Kunst trotz seines natürlichen Geizes und seiner natürlichen Bosheit freigebig und menschlich zu üben. Da wir keinen besseren Grund bei ihm vermuthen können, so war sein Hauptmotiv wahrscheinlich Eitelkeit und die Liebe zu seiner Kunst. Trotzdem hätte er seinen Beistand in gegenwärtigem Falle abgelehnt, hätte er gewußt, wohin die Gevatterinnen ihn führten, um bei Zeiten eine genügende Entschuldigung zu finden. Aber ehe er merkte, wohin es ging, ward der Arzt in das Haus des verstorbenen Oliver Proudfute gedrängt, woher er den Gesang der Frauen vernahm, während sie den Leichnam des weiland Strumpfwirker für die Ceremonie des nächsten Morgens wuschen und kleideten. Von dem Gesang mag man folgende Verse als eine moderne Nachahmung betrachten: 1. Wesen unsichtbar und leicht, Das schon in der Luft entweicht, Gern doch schwebend immerdar Um die Form, die dein hier war; 2. Ruh' im Fluge deiner Schwingen, Ob nun links, ob rechts sie dringen, Geh' 's der Höh', der Tiefe zu: Auf der grausen Grenze ruh'! 3. Um die That zu rächen, die Vor der Zeit dich wegtrieb hie, Bleib' geheime Kraft nun doch Ueber Blut und Hirn dir noch. 4. Siehst du die Gestalt dann steh'n, Die dein brechend Aug' geseh'n, – Wird der Fußtritt nah' dir kommen, Der dein sterbend Ohr vernommen. 5. Dann werden Sympathien sich regen, Das Fleisch erbeben, der Nerv bewegen, Die Wund' erneut ihre starre Fluth Und jeder Tropfen schreit: Blut für Blut! So verhärtet er auch war, fühlte der Arzt doch einen Widerwillen, über die Schwelle des Mannes zu gehen, zu dessen Tod er so unmittelbar, obwohl, was die Person betraf, aus Versehen beigetragen hatte. »Laßt mich geh'n, ihr Frauen,« sagte er, »meine Kunst kann nur den Lebendigen helfen – die Todten sind über unserer Macht.« »Ach, aber Euer Kranker ist hier oben – die jüngste Waise – « Dwining war gezwungen, in's Haus zu gehen; aber er staunte, als, da er kaum über die Schwelle getreten, die Gevatterinnen, die beim Leichnam beschäftigt waren, plötzlich in ihrem Gesange innehielten, während eine zur andern sagte: »Um Gotteswillen, wer trat ein? – Das war ein großer Blutstropfen!« »Nicht doch,« sagte eine andere Stimme, »es ist ein Tropfen des flüssigen Balsams.« »Nein, Gevatterin, es war Blut – ich frage, wer gerade jetzt in's Haus trat?« Eine sah aus dem Gemach nach dem kleinen Eingang hinaus, wo Dwining, unter dem Vorwande, er könne die Treppe, die in den oberen Theil des Trauerhauses führte, nicht recht sehen, seinen Schritt absichtlich verzögerte, verwirrt durch das, was er von der Unterhaltung vernommen. »Ach, es ist nur der würdige Meister Henbane Dwining,« sagte eine der Sybillen. »Nur Meister Dwining?« erwiderte jene, die zuerst gesprochen, in beistimmendem Tone; »unser bester Helfer in der Noth? – dann ist es sicherlich nur Balsam gewesen.« »Nun,« sagte die andere, »es kann trotzdem Blut gewesen sein – denn der Arzt wurde, seht ihr, als man den Körper fand, vom Magistrat beauftragt, die Wunde mit seinen Instrumenten zu untersuchen, und wie kann der arme todte Körper wissen, daß das in guter Absicht geschah?« Ja freilich, Gevatterin; und da der arme Gevatter Oliver oft Freunde für Feinde ansah, als er noch lebte, so kann man nicht denken, daß sein Urtheil nun schärfer geworden.« Dwining hörte nichts mehr, da er genöthigt ward, hinauf in eine Art Dachstube zu steigen, wo Magdalena auf ihrem verwittweten Bett saß, ihr Kind an die Brust drückend, welches, bereits schwarz im Gesicht und den schnappenden krächzenden Ton ausstoßend, der die Krankheit charakterisirt, auf dem Punkte schien, sein kurzes Dasein zu schließen. Ein Dominikaner saß neben dem Bett, das andere Kind in seinen Armen haltend, wahrend er von Zeit zu Zeit ein Wort geistlichen Trostes zu sprechen schien oder eine Bemerkung über die Krankheit des Kindes machte. Der Arzt warf auf den guten Pater nur einen Blick voll der unaussprechlichen Verachtung, welche wissenschaftliche Menschen gegen Unkundige hegen. Sein eigener Beistand war plötzlich und wirksam; er nahm das Kind der verzweifelnden Mutter weg, entblößte ihm den Hals und öffnete eine Ader, die, da sie frei blutete, den kleinen Kranken sofort erleichterte. In kurzer Frist verschwand jedes gefahrdrohende Symptom, und Dwining, nachdem er die Ader verbunden, legte das Kind wieder in die Arme der halb besinnungslosen Mutter. Des armen Weibes Schmerz um ihres Gatten Verlust, den die äußerste Gefahr des Kindes zurückgedrängt hatte, kehrte auf's Neue mit der Kraft eines geschwellten Waldstroms zurück, welcher den Damm durchbrochen hat, der seine Wellen eine Zeitlang aufhielt. »O, gelehrter Herr,« sagte sie, »Ihr seht ein armes Weib nur noch vor Euch, die Ihr einst reicher kanntet – aber die Hände, die meinen Armen dies Kind wiedergeben, dürfen nicht leer aus meinem Hause gehen. Großmüthiger, freundlicher Meister Dwining, nehmt den Rosenkranz meines seligen Gatten an – er ist aus Ebenholz und Silber – er liebte solche Sachen so hübsch zu haben, wie ein Edelmann – und ähnlicher war er auch immer einem Edelmann, als seines Gleichen, und nun ist es ihm so gegangen.« Mit diesen Worten drückte sie in stummem Schmerze den Rosenkranz ihres abgeschiedenen Gatten an Brust und Lippen, und fuhr fort, ihn Dwinings Händen aufzudringen. »Nehmt ihn,« sagte sie, »um der Liebe dessen willen, der Euch so lieb hatte. – Ach, er pflegte immer zu sagen: wenn je ein Mensch vom Rande des Grabes zurückgebracht werden könnte, so müßte es mit Meister Dwinings Beistande geschehen. – Und sein eigenes Kind ist diesen gepriesenen Tag zurückgebracht und er liegt dort starr und steif, und unterscheidet nicht mehr Gesundheit und Krankheit! Ach, wie wehe ist mir! wehe! – Aber nehmt den Rosenkranz und denkt an seine arme Seele, so oft er durch Eure Finger geht; er wird um so eher aus dem Fegfeuer erlöst werden, wenn gute Leute für sein Heil beten.« »Nehmt Euern Rosenkranz wieder, liebe Frau – ich verstehe keine Gaukelei – kann keine Beschwörungsformeln,« sagte der Arzt, der, bewegter als seine rohe Natur ahnen ließ, sich Mühe gab, die Annahme des Unheil bedeutenden Geschenkes abzulehnen. Aber seine letzten Worte gaben dem Geistlichen Aergerniß, an dessen Gegenwart er nicht dachte, da er sie aussprach. »Wie, Herr Arzt!« sagte der Dominikaner; »nennt Ihr Gebete für die Todten Gauklerpossen? Ich weiß, daß Chaucer, der englische Dichter, von Euch Medicinern sagt, Euer Studium betreffe nur wenig die Bibel. Unsere Mutter, die Kirche, war neuerdings eingeschlummert, aber ihre Augen sind nun wieder geöffnet, um Freunde von Feinden zu unterscheiden; und seid versichert –« »Ach, ehrwürdiger Vater,« sagte Dwining, »Ihr beurtheilt mich zu hart. Ich sagte, ich könnte keine Wunder thun und wollte hinzufügen, daß, da die Kirche gewiß dergleichen verrichten kann, dieser reiche Rosenkranz in Eure Hände gelegt werden möchte, um ihn so anzuwenden, daß er der geschiedenen Seele den meisten Vortheil bringe.« Er legte den Rosenkranz in des Dominikaners Hand und entfloh aus dem Hause der Trauer. »Das war ein wunderlicher Besuch,« sagte er zu sich selbst, als er wohlbehalten hinaus war. »Mir gelten solche Dinge so wohlfeil, wie irgend Einem; aber obwohl es nur eine thörichte Grille ist, bin ich doch froh, des schreienden Kindes Leben gerettet zu haben. – Aber ich muß zu meinem Freunde Smotherwell, den ich ohne Zweifel in Betreff Bonthrons auf meine Seite bringe; und so werde ich bei dieser Gelegenheit zwei Leben retten und habe nur eins zerstört.« Kap. Nr. 22 ist nicht vorhanden. Druckfehler. Anm. d. Korr. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Sieh! blutgebadet liegt er dorten, Die Wunde schreit empor; Vom Himmel Rache fleh'n die Pforten Des Blutes nach wie vor. Uranus und Psyche. Die hohe Kirche St. Johns in Perth war, als die des Schutzheiligen der Stadt, vom Magistrat gewählt worden, weil die Gemeinde hier am meisten Raum fand zur Feierlichkeit des Gottesgerichts. Die Kirchen und Klöster der Dominikaner, Karthäuser und anderer Ordensgeistlichen waren vom Könige und Edelleuten reich begabt worden, und darum war es der allgemeine Ruf des Stadtrathes, man müsse »ihrem eigenen, guten alten St. John,« dessen Gunst sie sich sicher glaubten, vertrauen und ihn den neuen Patronen vorziehen, für welche die Dominikaner, Karthäuser, Karmeliter und Andere rings um die gute Stadt neuere Sitze gestiftet hatten. Der Streit zwischen Ordens- und Weltgeistlichen erhöhte die Eifersucht, welche die Wahl des Ortes bestimmte, auf dem der Himmel in Folge gerader Berufung auf göttliche Entscheidung eine zweifelhafte Schuld durch eine Art Wunder erklären sollte; und der Stadtschreiber gab sich so viel Mühe, die St. Johnskirche vorgezogen zu sehen, als wäre in der Versammlung der Heiligen eine Partei für und eine andere gegen das Interesse der guten Stadt Perth gewesen. Mannigfach waren daher die kleinen Intriguen, die man wegen der Bestimmung einer Kirche anlegte und hintertrieb. Aber der Magistrat beschloß, in Betracht, daß diese Sache die Ehre der Stadt sehr nahe betreffe, mit klugem Vertrauen auf die Gerechtigkeit und Unparteilichkeit ihres Heiligen, den Erfolg von St. Johns Einfluß abhängig zu machen. Es wurden daher nach gehaltenem Hochamte, mit der größten Feierlichkeit, deren die Umstände die Ceremonie fähig machten, und nachdem die versammelte Menge wiederholt feurig zum Himmel gebetet, die Vorbereitungen getroffen, um das direkte Urtheil des Himmels wegen der geheimnißvollen Ermordung des unglücklichen Strumpfwirkers anzurufen. Der Schauplatz zeigte jene imponirende Feierlichkeit, welche die Gebräuche der katholischen Kirche hervorzubringen so geeignet sind. Das östliche Fenster, reich und bunt gemalt, strömte eine Fluth mannigfachen Lichtes auf den Hochaltar nieder. Auf dem vor diesem stehenden Sarge waren die sterblichen Reste des Ermordeten ausgestreckt, die Arme über die Brust gelegt, die Hände gefaltet mit aufwärts gekehrten Fingerspitzen, als wollte der empfindungslose Erdenkloß noch selber den Himmel um Rache gegen diejenigen anrufen, welche den unsterblichen Geist so gewaltsam von seiner verstümmelten Wohnung getrennt hatten. Nahe bei der Bahre stand der Thron, welcher Robert von Schottland und seinen Bruder Albany trug. Der Prinz saß auf einem niedrigern Stuhl zur Seite des Vaters; eine Anordnung, die einige Aufmerksamkeit erregte, da Albany's Sitz wenig verschieden von dem des Königs war und der bestimmte Erbe, obwohl volljährig, im Angesicht des versammelten Volkes von Perth unter seinen Oheim gestellt zu sein schien. Der Sarg war so gestellt, daß er den Anblick des darin liegenden Körpers dem größten Theile der in der Kirche versammelten Menge frei ließ. Am obern Ende des Sarges stand der Ritter von Kinfauns, der Ausforderer, und am untern Ende der junge Graf von Crawford, der den Vertheidiger vorstellte. Das Zeugniß des Herzogs von Rothsay zur Reinigung, wie man es nannte, des Sir John Ramorny hatte diesen von der Nothwendigkeit befreit, sich selber dem Gottesgerichte zu unterwerfen, und seine Krankheit diente ihm als Grund, zu Hause zu bleiben. Seine Dienerschaft mit Einschluß derjenigen, die zwar unmittelbar Sir John bedienten, doch unter die Leute des Prinzen gehörten, aber ihre Entlassung noch nicht erhalten hatten, belief sich auf acht bis zehn Personen, die man meist für verworfene Menschen hielt, und die daher wohl fähig geachtet werden konnten, im Rausche des festlichen Abends den Strumpfwirker ermordet zu haben. Sie waren in einer Reihe an der linken Seite der Kirche aufgestellt und trugen weiße, dem Büßerkleide ähnliche Gewänder. Aller Augen waren auf sie gerichtet, und mehrere von der Bande waren so außer Fassung, daß unter den Zuschauern ein lebhaftes Vorurtheil von ihrer Schuld entstand. Der Mörder selbst aber hatte ein Gesicht, das ihn nicht verrathen konnte – einen düstern, dunkeln Blick, den weder Festmahl noch Weinbecher beleben und den die Gefahr der Entdeckung und des Todes nicht niederschlagen konnte. Wir haben bereits die Lage des Leichnams erwähnt. Das Gesicht war unbedeckt, und ebenso Brust und Arme. Der Rest des Körpers war in das feinste Linnen gehüllt, so daß, wenn Blut von irgend einem Theile floß, der bedeckt war, es sogleich offenbar werden mußte. Nachdem das Hochamt gehalten, dem eine feierliche Anrufung der Gottheit folgte, daß es ihr gefallen möge, den Unschuldigen zu schützen und den Schuldigen bekannt zu machen, wurde Eviot, Sir John Ramorny's Page, aufgerufen, sich dem Gottesurtheil zu unterwerfen. Er trat mit unsicherem Schritte vor. Vielleicht glaubte er, seine innere Ueberzeugung, daß Bonthron der Mörder sei, werde hinreichen, ihn des Mordes theilhaft zu machen, wenn er gleich keinen wirklichen Antheil daran hätte. Er blieb vor dem Sarge stehen, und seine Stimme bebte, als er bei Allem schwur, was in sieben Tagen und sieben Nächten erschaffen worden, beim Himmel, bei der Hölle, bei seinem Theil am Paradies, bei dem Gott und Schöpfer der Welt, daß er unschuldig und frei sei von der blutigen That an dem Leichnam, der vor ihm lag, und auf dessen Brust er zur Bekräftigung dessen das Zeichen des Kreuzes machte. Es erfolgte nichts. Der Körper blieb steif wie zuvor; die geronnenen Wunden gaben kein Zeichen von Blut. Die Bürger sahen einander mit Gesichtern voll unangenehmer Täuschung an. Sie hatten sich von Eviot's Schuld überredet und ihr Verdacht war durch sein unentschlossenes Benehmen bestärkt worden. Ihr Erstaunen über sein freies Ausgehen war daher das größte. Die anderen Diener Ramorny's faßten Muth und traten, den Eid zu leisten, mit einer Kühnheit vor, die immer stieg, wenn einer von ihnen die Probe bestanden hatte; sie wurden durch die Stimme der Richter von jedem Verdacht, der auf sie wegen Oliver Proudfute's Tod geworfen worden, für frei und unschuldig erklärt. Aber es war noch eine Person, die an diesem steigenden Vertrauen keinen Theil nahm. Der Name »Bonthron – Bonthron!« tönte drei Mal durch die Hallen der Kirche; aber er, dem er gehörte, beantwortete den Ruf nicht anders, als durch eine scharrende Bewegung der Füße, als hätte ihn plötzlich eine Lähmung befallen. »Sprich, Hund,« flüsterte Eviot, »oder mache dich zum Tode eines Hundes fertig!« »Aber des Mörders Hirn war so verstört durch das Schauspiel vor ihm, daß die Richter, sein Benehmen betrachtend, schwankten, ob man ihn vor den Sarg schleppen lassen oder das Urtheil der Schuld verkündigen solle; und erst, als man ihn das letzte Mal fragte, ob er sich dem Gottesurtheil unterziehen wollte, antwortete er mit seiner gewöhnlichen Kürze: »Ich will nicht; – was weiß ich, welche Gauklerpossen man braucht, um eines armen Mannes Leben zu nehmen? – ich erbiete mich zum Zweikampf mit Jedem, der sagt, daß ich jenen Leichnam verletzte.« Und gemäß der üblichen Form warf er seinen Handschuh auf den Boden der Kirche. Harry Schmied trat vor, begleitet vom Beifallgemurmel seiner Mitbürger, welches selbst die ehrwürdige Stätte nicht völlig unterdrücken konnte; und des Schurken Handschuh aufhebend, den er in seine Mütze legte, warf er dagegen den seinigen nach üblicher Form als Unterpfand des Kampfes hin. Aber Bonthron hob ihn nicht auf. »Er ist mir nicht gleich,« brummte der Wilde, »kann auch meinen Handschuh nicht aufheben. Ich diene dem Prinzen von Schottland im Gefolge seines Stallmeisters. Der Kerl ist ein elender Handwerker. Hier unterbrach ihn der Prinz. »Du dienst mir, Schuft! ich entlasse dich aus der Stelle meines Dienstes. – Nimm ihn unter deine Hand, Schmied, und schlag' ihn, wie du je einen Ambos schlugst. – Der Schurke ist sowohl schuldig als feig. Es macht mir übel, ihn nur anzusehen; und wenn mein königlicher Vater mich hören will, so läßt er den Parteien zwei hübsche, schottische Aexte geben, und wir wollen sehen, wer von ihnen der Bessere ist, eh' der Tag noch eine halbe Stunde älter wird.« Dem stimmte rasch der Graf von Crawford und Sir Patrick Charteris bei, die Pathen beider Parteien, welche, da die Kämpfer Männer niederen Standes waren, übereinkamen, daß sie in Stahlhauben, Büffelwämsern und mit Aexten fechten sollten; und das so bald, als sie sich zum Kampfe bereiten könnten. Die Schranken wurden in den Kürschnerhöfen, einem benachbarten Grundstücke, errichtet, welches die Innung besaß, von der es den Namen hatte, und die schnell einen Raum, dreißig Fuß lang und fünfundzwanzig breit, für die Kämpfer errichtete. Dorthin drängten sich Edle, Priester und Volk, – Alle, außer dem alten König, der, solche Blutscenen verabscheuend, sich in seinen Palast zurückzog, und dem Lord Großconnetable von Errol, zu dessen Amt es eigentlich gehörte, die Aufsicht über den Kampfplatz übergab. Der Herzog von Albany beobachtete den ganzen Vorgang mit scharfem und listigem Auge. Sein Neffe betrachtete die Sache mit der Gleichgiltigkeit, die seinem Charakter eigen war. Als die Kämpfer in den Schranken erschienen, konnte nichts überraschender sein, als der Contrast zwischen dem männlichen, fröhlichen Gesichte des Schmieds, dessen leuchtendes, helles Auge schon von dem Siege zu strahlen schien, den er erwartete, und der düstern, niedergeschlagenen Miene des thierischen Bonthron, der einem Nachtvogel glich, welcher aus dem Schutze seines finstern Schlupfwinkels an das Sonnenlicht gejagt wird. Sie beschworen beide die Wahrheit ihrer Sache, Harry Gow mit heiterem, männlichem Vertrauen, Bonthron mit hündischer Frechheit, was den Herzog von Rothsay nöthigte, dem Großconnetable zu sagen: »Hast du je, mein lieber Errol, eine solche Mischung von Bosheit, Grausamkeit und, wie mich dünkt, auch Furcht gesehen, als in dieses Kerls Gesicht?« »Er ist nicht hübsch,« sagte der Graf, »aber ein so kräftiger Bursche, wie ich je einen sah.« »Ich wette ein Oxhost Wein mit Euch, mein guter Lord, daß er den Tag verliert. Harry der Waffenschmied ist so stark als er, und weit gewandter. Und dann seht sein kühnes Benehmen! Es ist Etwas in dem andern Kerl, was Abscheu einflößt. Laßt sie sogleich aneinander, mein lieber Connetable, denn mich ekelt, ihn anzusehen.« Der Großconnetable wandte sich darauf an die Wittwe, die, in tiefer Trauer und ihre Kinder neben sich, einen Platz in den Schranken einnahm: – »Frau, seid Ihr bereit, diesen Mann, Harry Schmied, als Euern Kämpen in dieser Sache anzunehmen?« »Ich thu es – ich thu es, sehr gern,« antwortete Magdalena Proudfute; »und mag der Segen Gottes und St. Johns ihm Kraft und Glück geben, da er für vaterlose Waisen kämpft!« »Dann erkläre ich dies für geschlossenes Kampffeld,« sagte der Connetable laut. »Niemand wage, bei Gefahr seines Lebens, diesen Streit durch Wort, Rede oder Blick zu unterbrechen. – Tönt, Trompeten, und fechtet, Kämpfer!« Die Trompeten schmetterten und die Kämpfer naheten von den entgegengesetzten Enden der Schranken, mit festem, ruhigem Schritte, sahen einander aufmerksam an, wohlgeübt, aus der Bewegung des Auges die Richtung zu erkennen, nach welcher der Schlag fallen soll. Sie standen, als sie nahe genug waren, still und versuchten mehr als eine Finte, um die Gewandtheit und Wachsamkeit des Gegners zu erproben. Endlich, entweder dieser Bewegungen müde oder aus Furcht, in diesem Streit seine ungeheure Kraft von der Gewandtheit des Waffenschmieds überwunden zu sehen, hob Bonthron die Axt zu einem senkrechten Schlage, mit der ganzen Kraft seiner stämmigen Arme das Gewicht der niederfahrenden Waffe verstärkend. Der Schmied aber beugte dem Hiebe durch eine Bewegung seitwärts aus, denn der Streich war zu gewaltig, um durch irgend Etwas aufgehalten zu werden, das er zu seiner Hemmung hätte thun können. Ehe Bonthron sich wieder decken konnte, schleuderte ihm Harry einen Seitenhieb auf den Stahlhelm, der ihn zu Boden streckte. »Bekenne oder stirb,« sagte der Sieger, seinen Fuß auf den Körper des Besiegten und ihm die Axt an die Kehle setzend, welche in einer Spitze dolchartig endete. »Ich will bekennen,« sagte der Schurke, wild aufwärts gen Himmel starrend. »Laß mich aufstehen.« »Nicht, bis Ihr Euch ergeben habt,« sagte Harry Schmied. »Ich ergebe mich,« murmelte Bonthron wieder, und Harry rief laut, daß sein Gegner unterlegen sei. »Die Herzöge von Rothsay und Albany, der Großconnetable und der Dominikanerprior betraten nun die Schranken und fragten Bonthron, ob er sich als besiegt bekenne. »Ja,« antwortete das Ungeheuer. »Und als schuldig der Ermordung Oliver Proudfute's?« »Ich bin's – aber ich nahm ihn für einen Andern.« »Und wen dachtest du zu erschlagen?« sagte der Prior; »gesteh', mein Sohn, und verdiene deine Verzeihung in einer andern Welt; denn in dieser hast du wenig mehr zu thun.« »Ich hielt den Erschlagenen,« sagte der besiegte Kämpfer, für den, dessen Hand mich niedergeworfen hat, dessen Fuß mich jetzt drückt.« »Gepriesen seien die Heiligen!« sagte der Prior; »nun mögen Alle, die an der Kraft des heiligen Gottesgerichts zweifeln, die Augen über ihren Irrthum öffnen. Seht, er ist in die Schlinge gefallen, die er dem Unschuldigen legte.« »Ich sah den Mann kaum jemals zuvor,« sagte der Schmied. »Ich that ihm oder den Seinen nie ein Unrecht. – Fragt ihn, wenn es Euch gefällt, ehrwürdiger Herr, warum er mich meuchlerisch zu erschlagen gedachte.« »Es ist eine Frage, die sich ziemt,« antwortete der Prior. »Gib Ehre, dem sie gebührt, mein Sohn, wenn es auch zu deiner Schmach offenbart werden mag. Aus welchem Grunde wolltest du diesem Waffenschmied auflauern, der sagt, er habe dich nie gekränkt?« »Er hat ihn beleidigt, dem ich diente,« antwortete Bonthron; »und ich unternahm die That auf seinen Befehl.« »Auf wessen Befehl?« fragte der Prior. Bonthron schwieg einen Augenblick, dann brummte er: »er ist zu mächtig, als daß ich ihn nennen könnte.« »Hör', mein Sohn,« sagte der Geistliche, »warte nur eine kurze Stunde, und die Mächtigen und Geringen dieser Erde werden dir wie ein leerer Schall sein. Die Schleife wird eben bereitet, um dich zum Richtplatze zu schleppen. Daher, Sohn, bitte ich dich noch ein mal, dein Seelenheil zu berathen, indem du Gott die Ehre gibst und die Wahrheit sagst. War es dein Herr, Sir John Ramorny, der dich zu einer so schändlichen That trieb? »Nein,« antwortete der verworfene Schurke, »es war ein Größerer als er.« Und zugleich wies er mit dem Finger nach dem Prinzen. »Elender!« sagte der erstaunte Herzog von Rothsay; »wagst du, anzudeuten, ich habe dich angereizt?« »Ihr selbst, Mylord,« antwortete der schamlose Schuft. »Stirb in deiner Lüge, schamloser Sklave!« sagte der Prinz; und sein Schwert ziehend, würde er seinen Verleumder durchbohrt haben, hätte sich nicht der Großconnetable mit Wort und That dazwischen gelegt. »Eure Hoheit muß mir verzeihen, wenn ich mein Amt verwalte – dieser Schuft muß den Händen des Henkers übergeben werden. Er darf nicht von einem Andern, am wenigsten von Eurer Hoheit abgethan werden.« »Wie! edler Graf,« sagte Albany laut und mit großer, wahrer oder angenommener Bewegung, »wollt Ihr den Hund lebendig von hier lassen, um der Leute Ohren mit falschen Anklagen gegen den Prinzen von Schottland zu vergiften? – Ich sage, haut ihn auf der Stelle in Stücke.« »Eure Hoheit wird mir verzeihen,« sagte der Graf von Errol; »ich muß ihn schützen, bis sein Urtheil vollzogen ist.« »Dann laßt ihn sofort wegschleppen,« sagte Albany. – »Und Ihr, mein königlicher Neffe, warum steht Ihr so starr vor Staunen? Ruft Eure Entschlossenheit zurück – sprecht mit dem Gefangenen – schwört – bezeugt bei Allem, was heilig ist, daß Ihr nichts von dieser Schandthat wißt. – Seht, wie die Leute einander ansehen und heimlich flüstern. – Diese Lüge breitet sich wahrlich schneller aus als das Evangelium. – Sprecht zu ihnen, königlicher Vetter, gleichviel, was Ihr sagt, wenn Ihr nur standhaft im Läugnen seid.« »Wie, Sir,« sagte Rothsay, aus seinem Schweigen des Staunens und der Betäubung emporfahrend und sich stolz gegen seinen Oheim wendend: »Wollt Ihr, daß ich mein königliches Wort gegen das eines verworfenen Ungeheuers verpfände? Laßt diejenigen, welche glauben können, der Sohn ihres Souveräns, der Nachkomme Bruce's, sei fähig, dem Leben eines armen Handwerkers einen Hinterhalt zu legen, laßt die sich des Gedankens freuen, des Schurken Rede sei wahr.« »Das will ich nicht, was mich anlangt,« sagte der Schmied offen. »Ich that nie Etwas, außer was ehrenhaft war, gegen seine königliche Hoheit den Herzog von Rothsay, und nie erfuhr ich etwas Unfreundliches in Wort, Blick oder That von ihm; und ich kann nicht glauben, daß er so etwas Schlechtes bezweckt habe.« »War es ehrenhaft, daß Ihr seine Hoheit von der Leiter warft, in Curfewstreet am Valentinsabend?« sagte Bonthron; »oder meint Ihr, diese Gunstbezeugung sei freundlich oder unfreundlich aufgenommen worden?« Dies war so kühn gesagt und erschien so glaublich, daß es des Schmieds Meinung von des Prinzen Unschuld erschütterte. »Ach, Mylord,« sagte er, schmerzlich auf Rothsay blickend, »könnte Eure Hoheit eines armen Mannes Leben suchen, weil er so seine Pflicht für ein hilfloses Mädchen erfüllte? – Ich wollte lieber in diesen Schranken gestorben sein, als leben, um dies von Bruce's Erben sagen zu hören!« »Du bist ein guter Mensch, Schmied,« sagte der Prinz; »aber ich kann nicht erwarten, daß du weiser urtheilen sollst, als Andere. – Fort mit dem Verbrecher zum Galgen und knüpft ihn lebendig auf, wenn Ihr wollt, daß er Lüge ausspreche und Aergerniß über uns verbreite bis zum letzten Augenblick seines Daseins!« Mit diesen Worten wandte sich der Prinz aus den Schranken, indem er's verschmähte, der düsteren Blicke, die sich auf ihn richteten, zu achten, während die Menge ihm langsam und widerstrebend Platz machte, und über ein tiefes, hohles Murmeln oder Seufzen, welches seinen Weggang begleitete, Staunen oder Mißfallen zu äußern. Nur wenige seiner vertrauten Diener begleiteten ihn vom Kampfplatze, obwohl mehrere vornehme Männer in seinem Gefolge gekommen waren. Selbst die niederen Bürger hörten auf dem unglücklichen Prinzen zu folgen, dem sein früherer zweifelhafter Ruf schon vorher oft den Vorwurf der Unbesonnenheit und des Leichtsinns zugezogen hatte, und um den sich jetzt ein finsterer Verdacht der schrecklichsten Art zu lagern schien. Er lenkte seinen langsamen und gedankenvollen Schritt nach der Kirche der Dominikaner; aber die schlimmen Neuigkeiten, die sprüchwörtlich schnell fliegen, hatten seines Vaters Ruhesitz erreicht, bevor er selbst erschien. Als der Herzog von Rothsay in den Palast trat und nach dem Könige fragte, wurde er durch die Botschaft überrascht, er sei in tiefer Berathung mit dem Herzog von Albany, der sogleich zu Pferde steigend, als der Prinz die Schranken verließ, das Kloster vor ihm erreicht hatte. Er wollte eben, das Vorrecht seines Ranges und seiner Geburt geltend machend, in das königliche Gemach treten, als Mac Louis, der Befehlshaber der Brandanenwache, ihm in den ehrerbietigsten Ausdrücken meldete, er habe besondern Befehl, ihm den Zutritt zu verbieten. »Geh' wenigstens, Mac Louis, und laß sie wissen, daß ich ihren Willen erwarte,« sagte der Prinz. »Wenn mein Oheim die Macht wünscht, des Vaters Zimmer gegen den Sohn zu verschließen, so wird es ihm angenehm sein, zu wissen, daß ich wie ein Bedienter im Vorsaal warte.« »Mit Eurer Erlaubniß,« sagte Mac Louis zögernd, »wenn Eure Hoheit sich nur gerade jetzt zurückziehen und eine Weile geduldig warten wollte, so will ich Euch Nachricht senden, wenn der Herzog von Albany geht; und ich zweifle nicht, daß dann Seine Majestät Euch vorlassen werde. Jetzt – Eure Hoheit muß mir verzeihen – ist es unmöglich, Euch Zutritt zu gestatten.« »Ich verstehe Euch, Mac Louis; aber trotzdem geh' und gehorche meinem Befehl.« Der Offizier ging also und kehrte mit der Nachricht zurück, der König sei unwohl und im Begriff, sich in sein Privatzimmer zurückzuziehen; aber der Herzog von Albany werde dem Prinzen von Schottland sogleich aufwarten. Es verging indeß eine volle halbe Stunde, ehe der Herzog von Albany erschien, – ein Zeitraum, den Rothsay theils in müssigem Geschwätz mit Mac Louis und den Brandanen hinbrachte, je nachdem der Leichtsinn oder die Reizbarkeit seines Gemüthes die Oberhand behielt. Endlich kam der Herzog und mit ihm der Lord Großconnetable, dessen Gesicht großen Kummer und Verlegenheit ausdrückte. »Lieber Neffe,« sagte der Herzog von Albany, »es schmerzt mich, zu sagen, daß meines königlichen Bruders Meinung ist, es werde zur Ehre der königlichen Familie das Beste sein, daß Eure königliche Hoheit sich eine Zeitlang zu der Abgeschiedenheit der Wohnung des Großconnetabels entschlösse, und den edlen Grafen hier als Euern hauptsächlichsten, wo nicht einzigen Gesellschafter annähme, bis die ärgerlichsten Gerüchte, die heute verbreitet wurden, widerlegt oder vergessen sind.« »Wie ist das, Mylord von Errol?« sagte der Prinz erstaunt. »Soll mir Euer Haus ein Gefängniß und Eure Herrlichkeit mein Kerkermeister sein?« »Die Heiligen verhüten das, Mylord,« sagte der Graf von Errol; »aber es ist meine unglückliche Pflicht, den Befehlen Eures Vaters zu gehorchen, indem ich Eure königliche Hoheit eine Zeitlang als unter meiner Obhut stehend betrachte.« »Der Prinz – der Erbe von Schottland unter der Obhut des Großconnetable's! – Was für ein Grund ist dazu vorhanden? Ist die schändliche Rede eines überführten Verbrechers von genügender Kraft, um mein königliches Wappen zu beflecken?« »So lange solche Beschuldigungen nicht widerlegt und geläugnet sind, mein königlicher Neffe,« sagte der Herzog von Albany, »werden sie das eines Monarchen beflecken.« »Geläugnet, Mylord?« rief der Prinz; »wer behauptet sie? nur ein Elender, der zu schmachvoll ist, selbst durch sein eigenes Geständniß, um nur einen Augenblick glaubwürdig zu sein, wär' auch nur eines Bettlers und nicht eines Prinzen Charakter verdächtigt. – Holt ihn hierher – laßt ihm die Folter zeigen; Ihr werdet ihn bald die Verläumdung widerrufen hören, die er zu äußern wagte.« »Der Galgen hat sein Werk zu sicher gethan, als daß Bonthron noch Gefühl für die Folter hätte,« sagte der Herzog von Albany. »Er ist seit einer Stunde hingerichtet.« »Und warum so eilig, Mylord?« sagte der Prinz; »wißt Ihr, daß das wie ein Kunstgriff aussieht, um meinen Namen zu beflecken?« »Es ist allgemeiner Brauch – der im Kampfe des Gottesgerichts geschlagene Kämpfer wird sogleich aus den Schranken zum Galgen gebracht. – Und doch, lieber Neffe,« fuhr der Herzog von Albany fort, »wenn Ihr die Anschuldigung fest und keck geläugnet hättet, würde ich es für recht gehalten haben, den Elenden zu weiterer Untersuchung leben zu lassen, da aber Eure Hoheit schwieg, so hielt ich es für's Beste, das Aergerniß mit dem Athem dessen zu ersticken, der es ausgesprochen.« »Heilige Maria, Mylord, dies ist aber zu beleidigend! Hieltet Ihr, mein Oheim, mich der Ausübung einer so unnützen und unwürdigen That für schuldig, als sie der Sklave bekannte?« »Es kommt mir nicht zu, über die Sache mit Eurer Hoheit zu streiten; sonst würde ich fragen, ob Ihr auch den fast ebenso unwürdigen, obwohl minder blutigen Angriff auf das Haus in Curfewstreet läugnen wollt? – Seid nicht böse mit mir, Neffe; aber fürwahr, Eure zeitweilige Entfernung vom Hofe, wär' es auch nur, so lange sich der König in dieser Stadt aufhält, wo so großes Aergerniß gegeben worden, wird unumgänglich gefordert.« Rothsay schwieg, als er diese Anrede vernahm, und den Herzog auf ganz eigentümliche Weise anblickend, erwiderte er: »Oheim, Ihr seid ein guter Jäger. Ihr habt Eure Netze sehr geschickt aufgestellt; aber Ihr würdet Euch trotzdem getäuscht haben, wenn der Hirsch nicht freiwillig hineingestürzt wäre. Gott sei mit Euch, und mögt Ihr den Nutzen davon haben, den Eure Maßregeln verdienen! Sagt meinem Vater, ich gehorche ihm. – Mylord Großconnetable, ich erwarte Euern Befehl, um Euch in Eure Wohnung zu begleiten. Da ich einmal in Verwahrung sein muß, so hätte ich keinen freundlichern und artigern Hüter wünschen können.« Nachdem sich so das Gespräch zwischen Oheim und Neffen geschlossen, zog sich der Prinz mit dem Grafen von Errol nach seinen Gemächern zurück; die Bürger, denen sie auf den Straßen begegneten, traten, wenn sie den Herzog von Rothsay erblickten, zur Seite, um der Nothwendigkeit zu entgehen, den zu grüßen, welchen sie jetzt auch als einen grausamen, nicht mehr blos leichtsinnigen Wüstling betrachten mußten. Des Connetables Wohnung nahm den Besitzer und seinen fürstlichen Gast auf, Beide froh, die Straßen zu verlassen, aber nicht zufrieden mit der Lage, die Beide im Hause sich gegenüber einnehmen mußten. Wir müssen zu den Schranken zurückkehren nach beendigtem Kampfe, als sich die Edelleute zurückgezogen hatten. Die Menge trennte sich nun in zwei bestimmte Haufen. Der an Zahl kleinere, aber zu gleicher Zeit durch Achtbarkeit ausgezeichnetere bestand aus der besseren Klasse der Einwohner von Perth, die dem Sieger und sich unter einander zu dem rühmlichen Ziele Glück wünschten, zu dem ihr Streit mit dem Adel geführt worden sei. Die Obrigkeit war so stolz darauf, daß sie Sir Patrick Charteris bat, eine Mahlzeit im Rathssaale anzunehmen, wozu auch vorzüglich Harry, der Held des Tages, eingeladen wurde, oder vielmehr Befehl erhielt, dabei zu erscheinen. Er hörte mit großer Verlegenheit diese Aufforderung, denn sein Herz war, wie leicht zu glauben ist, bei Katharina Glover. Aber Simon Glovers Rath gab den Ausschlag. Dieser alte und ächte Bürger hatte eine natürliche und geziemende Ehrfurcht vor dem Magistrate der guten Stadt; er unterhielt eine hohe Achtung für alle Ehren, die aus dieser Quelle floßen, und glaubte, sein künftiger Schwiegersohn würde Unrecht thun, sie nicht dankbar anzunehmen. »Denke nicht daran, dich einer solchen Feierlichkeit fern zu halten, Sohn Harry,« war sein Rath. »Sir Patrick Charteris wird selbst dort sein, und ich denke, es ist eine seltene Gelegenheit für dich, sein Wohlwollen zu erwerben. Vielleicht bestellt er bei dir eine neue Rüstung, und ich hörte selber den würdigen Bailie Craigdallie sagen, daß man davon rede, die Rüstkammer der Stadt neu auszustatten. Du mußt die guten Geschäfte nicht vernachlässigen, da du nun eine größere Familie unterhalten wirst.« »Still, Vater Glover,« antwortete der niedergeschlagene Sieger. »Es fehlt mir nicht an Kunden – und du weißt, daß sich Katharina über meine Abwesenheit wundern und sich allerlei Klatschereien von Spieldirnen und dergleichen erzählen lassen wird.« »Fürchte das nicht,« sagte der Handschuhmacher; »aber geh' als gehorsamer Bürger, wohin deine Vorgesetzten dich verlangen. Ich läugne nicht, daß dir's einige Mühe kosten wird, mit Katharina wegen dieses Zweikampfes Frieden zu schließen; denn sie hält sich in solchen Dingen für klüger, als König und Staatsrath, Kirche und Geistliche, Oberrichter und Bailies. Aber ich will den Streit selbst führen und so für dich arbeiten, daß, wenn sie dich auch morgen etwas mißgelaunt empfängt, dies in Thränen und Lächeln wegschmelzen soll, wie ein Aprilmorgen, der mit mildem Regen anfängt. Also fort mit dir, mein Sohn, und sei morgen früh nach der Messe bereit.« Der Schmied sah sich, obwohl mit Widerstreben, genöthigt, den Gründen seines künftigen Schwiegervaters nachzugeben, und einmal entschlossen, die ihm von den Vätern der Stadt bestimmte Ehre anzunehmen, zog er sich aus der Menge zurück und eilte nach Hause, um seine besten Kleider anzulegen; in diesen begab er sich nachher sogleich auf's Rathhaus, wo die schwere Eichentafel unter den gewaltigen Schüsseln mit Thaysalmen und köstlichen Seefischen aus Dundee sich zu beugen schien, Leckerbissen, welche die Fastenzeit erlaubte, und wobei es weder an Wein und Bier noch Meth fehlte, um sie hinunterzuspülen. Die »Aufwartenden oder Stadtmusikanten« spielten während des Mahles, und während der Pausen ihrer Musik erzählte Einer von ihnen sehr ausdrucksvoll die lange poetische Geschichte von der Schlacht zu Blackearnside, gefochten von Sir William Wallace und seinem unerschrockenen Hauptmann und Freunde, Thomas von Longueville, gegen den englischen General Sewart – eine allen Gästen ganz bekannte Begebenheit, der sie aber doch, nachsichtiger als ihre Enkel, zuhörten, wie wenn sie allen Reiz der Neuheit gehabt hätte. Es lag ohne Zweifel ein Kompliment für die Ahnen des Ritters von Kinfauns und anderer Familien von Perth in den Stellen, bei denen sich ein lauter Beifallruf erhob, indeß man einander gewaltig zutrank auf das Gedächtniß der Helden, die dem Kämpfer von Schottland zur Seite gestanden hatten. Harry Wynds Gesundheit wurde mit wiederholtem Jubel ausgebracht, und der Oberrichter verkündigte öffentlich, der Magistrat würde darüber berathen, wie man ihm am besten ein ausgezeichnetes Vorrecht oder einen ehrenvollen Lohn geben könnte, um zu zeigen, wie hoch seine Mitbürger seine muthigen Thaten schätzten. »Nein, mit Eurer Erlaubniß, nehmt es nicht so, würdige Herren,« sagte der Schmied in seiner gewohnten geraden Weise, »damit die Leute nicht sagen, der Muth müsse selten in Perth sein, wenn sie einen Mann belohnen, der für das Recht einer verlassenen Wittwe kämpft. Es sind gewiß viele Dutzend braver Bürger in Perth, die das Tagewerk so gut als ich, oder besser als ich gethan Hütten. Denn wahrlich, ich hätte jenen Helm zerschmettern sollen wie einen irdenen Topf, und es wäre auch geschehen, war' es nicht einer gewesen, den ich selbst für Sir John Namorny machte. Aber wenn der Stadt mein Dienst irgend eines Lohnes werth dünkt, so halte ich ihn für weit mehr als abgetragen durch jede Hülfe, die Ihr aus dem Gemeindegute zur Unterstützung der Wittwe Magdalena und ihrer armen Waisen geben wollt.« »Das mag wohl geschehen,« sagte Sir Patrick Charteris, »und doch kann die schöne Stadt reich genug bleiben, um ihre Schuld dem Harry Wynd abzutragen, über den jeder von uns ein besserer Richter ist, als er selbst, den eine unnütze Zartheit verdiendet, die man Bescheidenheit nennt. – Und wenn die Stadt zu arm dazu ist, so wird der Oberrichter seinen Theil tragen. Des Räubers goldene Engel sind noch nicht alle davongeflogen.« Die Becher kreisten nun unter dem Namen eines Trostbechers für die Wittwe, und schäumten dann noch einmal auf das glückliche Gedächtniß des ermordeten Oliver, der nun so tapfer gerächt war. Kurz, es war ein so fröhliches Mahl, daß Alle übereinstimmten, es habe nichts gefehlt, um es vollkommen zu machen, als die Gegenwart des Strumpfwirkers, dessen Unfall die Zusammenkunft veranlaßte, und der sonst immer für den Spaß bei solchen festlichen Versammlungen gesorgt hatte. Wäre seine Anwesenheit möglich gewesen, bemerkte der Bailie Craigdallie trocken, so würde er gewiß den Erfolg des Tages in Anspruch genommen und sich der Rache seines eigenen Mordes gerühmt haben. Beim Schalle der Vesperglocke brach die Gesellschaft auf; einige der ernster Gestimmten gingen zum Abendgebet, wo sie, mit halb geschlossenen Augen und strahlenden Gesichtern, einen höchst rechtgläubigen und erbaulichen Theil einer Fastenpredigt bildeten; Andere gingen nach ihren Wohnungen, um dort im Familienkreise von dem Kampfe und Gastmahle zu erzählen; Einige aber ohne Zweifel zu der ungebundenen Freiheit einer Schenke, deren Thür die Fastenzeit nicht so fest schloß, als die Kirche verlangte. Harry kehrte, warm vom guten Wein und vom Beifall seiner Mitbürger, in den Wynd zurück und schlief ein, um von vollkommenem Glück und Katharina Glover zu träumen. Wir haben gesagt, daß sich nach Entscheidung des Kampfes die Zuschauer in zwei Haufen theilten. Von diesen folgten der achtbarere Theil dem Sieger in fröhlichem Zuge, während die Mehrzahl, oder was man den Pöbel nennen konnte, den besiegten und verurtheilten Bonthron begleitete, der nach entgegengesetzter Richtung und in ganz anderer Absicht wegzog. Was man immer zwischen dem Anziehenden eines Trauerhauses und eines Gastmahles unter andern Umständen für einen Vergleich anstellen mag, ist es doch zu errathen, was mehr Zuschauer herbeilockt, wenn es sich fragt, ob wir Zeugen fremden Elends sein oder einem Mahle zusehen wollen, woran wir nicht Theil nehmen. Dieser Wahrheit gemäß begleitete der bei weitem größere Theil der Einwohner von Perth den Karren, woraus der Verbrecher zur Hinrichtung geführt wurde. Ein Mönch saß auf demselben Karren neben dem Mörder, und letzterer ließ nicht ab, gegen jenen unter dem Siegel der Beichte dieselbe Behauptung zu wiederholen, die er aus dem Kampfplatze geäußert hatte, und die den Herzog von Rothsay beschuldigte, der Anstifter des Hinterhalts gewesen zu sein, wobei der unglückliche Strumpfwirker gefallen war. Dieselbe Lüge verbreitete er unter der Menge, indem er mit unverschämter Frechheit denen, die dem Karren am nächsten waren, versicherte, er verdanke seinen Tod der Bereitwilligkeit, womit er die Befehle des Herzogs von Rothsay erfüllt habe. Eine Zeitlang wiederholte er finster und tückisch diese Worte, wie Einer, der einen Auftrag ausrichtet, oder wie ein Bettler, der seinen Worten durch Wiederholung Glauben verschaffen will, während er überzeugt ist, daß sie ihn nicht verdienen. Aber als er die Augen erhob und in der Ferne die dunkle Gestalt des Galgens, wenigstens vierzig Fuß hoch, nebst der Leiter und dem unseligen Strick, senkrecht aufsteigen sah, wurde er plötzlich still, und der Mönch konnte bemerken, daß er sehr zitterte. »Tröste dich, mein Sohn,« sagte der gute Priester, »Ihr habt die Wahrheit bekannt und erhaltet Absolution. Eure Reue wird nach ihrer Aufrichtigkeit angenommen werden; und obwohl Ihr ein Mann von blutigen Händen und grausamen Herzens gewesen, werdet Ihr doch durch die Bitten der Kirche in gehöriger Zeit aus den Flammen des Fegefeuers erlöst werden.« Diese Zusicherungen waren mehr geeignet, den Schrecken des Schuldigen zu mehren, als zu mindern, da ihn Zweifel beunruhigten, ob die für seine Rettung vom Tode angegebene Weise gewiß auch wirksam sein möchte, so wie die Besorgniß, ob man sie auch zu seinen Gunsten in Anwendung bringen möchte; denn er kannte seinen Herrn gut genug, um von der Gleichgültigkeit überzeugt zu sein, womit er Einen opfern würde, der bei künftiger Gelegenheit ein gefährliches Zeugniß gegen ihn ablegen könnte. Sein Loos war indeß besiegelt und es galt kein Entkommen mehr. Sie näherten sich langsam dem verhängnißvollen Baume, der an einem Ufer des Flusses, etwa eine halbe (englische) Meile von den Mauern der Stadt errichtet war; eine Stätte, die gewählt war, damit der Leichnam des Elenden, der als Futter für die Raben hier bleiben mußte, aus der Ferne in jeder Richtung gesehen werden konnte. Hier übergab der Priester Bonthron dem Henker, der ihm auf die Leiter steigen half und allem Anschein nach den üblichen Formen des Gesetzes gemäß verfuhr. Er schien eine Minute mit dem Tode zu ringen, hing aber bald still und leblos. Der Henker, nachdem er länger als eine halbe Stunde auf dem Posten gewartet, wie wenn er den letzten Lebensfunken erlöschen lassen wollte, verkündete den Bewunderern solcher Schauspiele, daß die Eisen für das beständige Aufhängen des Leichnams nicht in Bereitschaft wären, und daß die Schlußceremonie, die Ausweidung und endliche Befestigung an den Galgen, erst am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang vorgenommen werden könne. Trotz der frühen Stunde, die er nannte, hatte Meister Smotherwell doch eine ansehnliche Begleitung des Pöbels zum Richtplatze, um das Schlußverfahren der Gerechtigkeit mit ihrem Opfer anzusehen. Aber groß war das Staunen und der Unwille dieser Liebhaber, als sie sahen, daß der todte Körper vom Galgen entfernt war. Sie waren jedoch nicht lange ohne einen Einfall, um die Ursache des Verschwindens zu erklären. Bonthron war der Diener eines Barons gewesen, dessen Güter in Fife lagen, und war selbst ein Eingeborner dieser Provinz. Was war natürlicher, als daß einige Leute aus Fife, deren Boote häufig den Fluß befuhren, heimlich den Körper ihres Landsmannes von dem Orte der Schande entfernt hatten? Die Menge machte ihrer Wuth gegen Smotherwell Luft, daß er sein Werk nicht am vorigen Abend vollendet habe; und hätte er und sein Gehülfe sich nicht in ein Boot begeben und über den Tay geflüchtet, so wären sie Gefahr gelaufen, zu Tode gesteinigt zu werden. Das Ereigniß war indeß zu sehr im Geiste jener Zeit, um Verwunderung zu erregen. Die wirkliche Ursache desselben wollen wir im folgenden Kapitel erklären. Vierundzwanzigstes Kapitel. »Für Hunde Galgen – frei laßt Menschen geh'n.« Heinrich IV. Die Umstände einer Erzählung dieser Art müssen zu einander passen, wie der Bart eines Schlüssels zu seinem Schlosse. Der Leser, wie gefällig er auch sei, wird sich nicht für verpflichtet halten, mit der bloßen Thatsache zufrieden zu sein, daß die und jene Ereignisse stattfanden, obwohl er meist im gewöhnlichen Leben nichts weiter von den Dingen erfährt, die um ihn her vorgehen; aber er wünscht, da er zur Unterhaltung liest, das innere Getriebe zu kennen, welches die Ereignisse veranlaßt. Dies ist eine rechtmäßige und vernünftige Neugier. Denn Jedermann hat das Recht, das Werk seiner eigenen Uhr zu öffnen und zu untersuchen, da es zu seinem besonderen Gebrauch zusammengesetzt ist, obwohl ihm nicht gestattet wird, in das Innere der Uhr zu dringen, die zum allgemeinen Nutzen auf dem Kirchthurm angebracht ist. Es würde daher unhöflich sein, wenn ich meinen Lesern einen Zweifel ließe hinsichtlich der Hülfe, welche den Mörder Bonthron vom Galgen befreite: – ein Ereigniß, welches einige der Bürger von Perth dem bösen Feind zuschrieben, während Andere sich damit begnügten, es durch das natürliche Mißfallen der Landsleute Bonthrons zu erklären, die ihn nicht über dem Ufer des Flusses, als einen für ihre Provinz schmachvollen Anblick, hängen sehen wollten. Um Mitternacht nach dem Tage, an welchem die Hinrichtung stattgefunden, und während die Bewohner Perths in tiefem Schlafe lagen, gingen drei Männer, in ihre Mäntel gehüllt und eine Blendlaterne tragend, die Gänge eines Gartens hinab, der von dem Hause Sir John Ramorny's nach dem Ufer des Tay führte, wo ein kleines Boot an einer Landungsstelle oder einem kleinen vorspringenden Pfeiler angelegt war. Der Wind seufzte tief und melancholisch durch die laublosen Büsche und Sträucher, und ein bleicher Mond watete , wie man es in Schottland nennt, durch Wolkenzüge, die Regen zu drohen schienen. Die drei Personen betraten das Boot mit großer Vorsicht, um der Beobachtung zu entgehen. Einer von ihnen war ein großer, starker Mann, ein anderer klein und gebeugt, der dritte von Mittelgröße und scheinbar jünger, als seine Gefährten, wohlgestaltet und gewandt. So viel ließ das unvollkommene Licht entdecken. Sie setzten sich in das Boot und lösten es vom Pfeiler. »Wir müssen es mit dem Strome treiben lassen, bis wir die Brücke hinter uns haben, wo die Bürger noch Wache halten; und ihr kennt das Sprichwort: Ein Pfeil von Perth fliegt vollkommen,« sagte der Jüngste von der Gesellschaft, welcher das Amt des Steuermannes versah und das Boot vom Pfeiler stieß, während die Anderen die Ruder nahmen und mit aller Vorsicht ruderten, bis sie die Mitte des Stromes erreichten; dann strengten sie sich nicht weiter an, legten sich auf die Ruder und vertrauten dem Steuermann, daß er sie mitten im Strome hielte. Auf diese Weise kamen sie unbemerkt und unbeachtet unter dem stattlichen gothischen Bogen der alten Brücke hindurch, erbaut durch Robert Bruce im Jahre 1329, und weggerissen durch eine Ueberschwemmung 1621. Obwohl sie die Stimmen einer Bürgerwache hörten, die, seit diese Unruhen begonnen, allnächtlich auf diesem wichtigen Punkte unterhalten ward, so wurden sie doch nicht angerufen; und als sie weit genug stromunter waren, um von diesen nächtlichen Wachen nicht mehr gehört zu werden, begannen sie zu rudern, aber immer mit Vorsicht, und zu reden, obwohl mit leisen Stimmen. »Ihr habt ein neues Gewerbe gefunden, Kamerad, seit ich Euch verließ,« sagte einer der Ruderer zum andern. »Ich verließ Euch, mit der Pflege eines kranken Ritters beschäftigt, und finde Euch, um einen todten Körper vom Galgen zu holen.« »Einen lebenden Körper, mit Eurer Erlaubniß, Sir Buncle; sonst verfehlt mein Geschäft seinen Zweck.« »So hör' ich, Meister Apotheker; aber bei all' Eurer Gelehrsamkeit, wenn Ihr mir Euren Kunstgriff nicht sagt, so erlaub' ich mir, am Erfolge zu zweifeln.« »Ein einfaches Kunststück, Sir Buncle, welches wahrscheinlich einem so scharfsinnigen Genie, wie dem Euren, nicht gefallen wird. Die schwebende Lage des menschlichen Körpers, die der gemeine Mann Aufhängen nennt, bewirkt den Tod durch Schlagfluß, – das heißt, da das Blut durch die zusammengepreßten Adern nicht zum Herzen zurückkehren kann, stürzt es nach dem Gehirn und der Mensch stirbt. Desgleichen, und dies trägt zur Auflösung bei, erhalten die Lungen nicht mehr den nöthigen Zufluß von Lebensluft, wegen des Stricks, der um den Körper gebunden ist; und daher stirbt der Leidende.« »Ich verstehe das recht gut – aber wie will man eine solche Blutströmung nach dem Gehirn hindern, Sir Apotheker?« sagte die dritte Person, die kein Anderer war, als Ramorny's Page, Eviot. »Ei nun,« erwiderte Dwining, »dann hängt man den Menschen auf solche Weise auf, daß die Halsarterien nicht gedrückt werden, und das Blut wird nicht im Gehirn bleiben, und der Schlagfluß wird nicht eintreten; und ferner, wenn die Brust nicht eingebunden wird, so werden die Lungen mit Luft versorgt; mag der Mensch nun mitten im Himmel hängen, oder auf festem Boden stehen.« »Alles dies begreif' ich,« sagte Eviot; »wie aber diese Vorsichtsmaßregeln im Einklang stehen mit der Vollziehung des Urtheils zum Hängen, das ist es, was mein dummes Gehirn nicht fassen kann.« »Ach! guter Jüngling, deine Pagenschaft hat einen tüchtigen Kopf verdorben. Hättest du mit mir studirt, du würdest noch weit schwierigere Dinge gelernt haben. Aber mein Kunstgriff ist dieser: Ich verschaffte mir gewisse Bänder, aus demselben Stoffe gemacht, wie Eure Pferdegurte, junger Page, und dabei sorgt' ich besonders dafür, daß sie von einer Art waren, die, wenn sie angespannt sind, nicht zusammenschrumpft; denn das würde mein Experiment verderben. Eine Schleife von solchem Band wird unter jeden Fuß gezogen und läuft an jeder Seite an dem Bein herauf, bis zu einem Gürtel, woran sie befestigt ist; mit diesem Gürtel sind verschiedene Schnüre, die Brust und den Rücken hinab, verbunden, um das Gewicht zu theilen, und so sind noch verschiedene Mittel vorhanden, den Leidenden leichter zu machen; doch das Hauptsächlichste ist dies: Die Stricke oder Bänder sind an ein stählernes Halsband befestigt, das nach Außen gekrümmt ist und etliche Haken hat, damit der Strick, den der freundliche Henker um diesen Theil der Vorrichtung, statt um den bloßen Hals des Verurtheilten legt, desto sicherer sei. Wird so der Dulder von der Leiter geworfen, so findet er sich nicht an seinem Halse, seht Ihr wohl, sondern an einem stählernen Ringe aufgehängt, der die Schlingen hält, in welchen seine Füße stehen, und auf welchen sein Gewicht eigentlich ruht, das jedoch durch ähnliche Unterstützungen unter jedem Arme vermindert wird. Da nun so weder Ader noch Luftröhre zusammengepreßt ist, so wird der Mensch eben so frei athmen, und sein Blut, die Furcht und Neuheit der Lage ausgenommen, eben so leicht fließen, als das Eure, Herr Page, wenn Ihr in Euren Steigbügeln aufrecht steht, um ein Schlachtfeld zu übersehen.« »Meiner Treu, ein hübscher und seltener Einfall!« sagte Buncle. »Nicht wahr?« fuhr der Arzt fort, »und wohl werth, solchen hochstrebenden Geistern, wie Euch, bekannt zu sein, da man nicht wissen kann, zu welcher Höhe Sir John Ramorny's Jünger es bringen; und wenn sie eine solche ist, daß man nothwendig an einem Strick herabsteigen muß, dann werdet Ihr meine Zurüstung passender finden, als das gewöhnliche Verfahren. Freilich müßt Ihr auch ein Wams mit hohem Kragen haben, um den Stahlring zu verbergen; und vor Allem so einen bonum socium wie Smotherwell, um die Schlinge anzulegen.« »Niedriger Giftkrämer,« sagte Eviot, »Männer unseres Berufs sterben auf dem Schlachtfelde!« »Ich will mir indeß die Lehre merken,« erwiderte Buncle, »für den Fall einer Verlegenheit. – Aber welch' eine Nacht muß der blutige Galgenstrick Bonthron gehabt haben, wenn er einen Tanz zu der Musik seiner eigenen Fesseln mitten in der Luft hält, während ihn der Nachtwind hin und her schaukelt!« »Es wär' ein gutes Werk, ihn dort zu lassen,« sagte Eviot; »denn sein Absteigen vom Galgen wird ihn nur zu neuen Mordthaten ermuthigen. Er kennt nur zwei Elemente: Trunkenheit und Blutvergießen.« »Vielleicht wäre Sir John Ramorny Eurer Meinung gewesen,« sagte Dwining; »aber zuvor hätte man dem Schuft die Zunge abschneiden müssen, sonst würde er wundervolle Geschichten aus seiner luftigen Höhe erzählen. Und es sind auch noch andere Gründe vorhanden, die Eure Tapferkeit nicht zu wissen braucht. In Wahrheit, ich selber habe ihm großmüthig gedient, denn der Kerl ist so stark, wie das Edinburger Schloß, und seine Anatomie würde jeder andern im chirurgischen Saale zu Padua gleichgekommen sein. – Aber sagt mir, Mr. Buncle, welche Neuigkeiten habt Ihr von dem tapfern Douglas?« »Mögen sie erzählen, die sie wissen,« sagte Buncle; »ich bin der dumme Esel, der die Botschaft hört und nichts von ihrem Inhalt weiß. Desto besser für mich vielleicht. Ich trug Briefe vom Herzog von Albany und von Sir John Ramorny zu Douglas, und er sah schwarz wie ein Nordsturm, als er sie öffnete. – Ich brachte ihnen Antwort vom Grafen, zu welcher sie lächelten, wie die Sonne, wenn ein Gewitter zu Ende geht. Wendet Euch an Eure Ephemeriden, Arzt, und beschwört Euch die Bedeutung.« »Mich dünkt, ich kann das thun, ohne viel Verstand aufzuwenden,« sagte der Chirurg; »aber dort seh' ich im bleichen Mondlicht unsern Lebendigtodten. Sollte er einen zufällig Vorübergehenden angeschrieen haben, so wäre das eine seltsame Unterbrechung einer Nachtreise, von der Höhe solch' eines Galgens begrüßt zu werden. – Hört, mich dünkt, ich höre sein Stöhnen durch's Pfeifen des Windes und das Kettenrasseln. So – hübsch sacht – macht das Boot mit dem Haken fest – gebt den Korb mit meinen Sachen heraus – es wäre besser, wir hätten ein wenig Feuer, aber der Schein möchte uns Beobachtung zuziehen. Kommt, meine tapfern Männer, marschirt sacht, denn wir sind am Fuße des Galgens. – Folgt mit der Laterne – ich hoffe, die Leiter ist dageblieben.« »Singt, drei lust'ge, drei lustige Männer, Drei lustige Männer sind wir, Du auf dem Land, und ich auf dem Sand, Und Jack am Galgenholz hier.« Und als sie dem Galgen naheten, konnten sie deutlich Seufzer hören, obwohl in sehr leisem Tone. Dwining wagte ein paar Mal leise zu husten, um ein Zeichen zu geben; aber er erhielt keine Antwort. »Wir sollten so schnell als möglich machen,« sagte er zu seinen Gefährten, »denn unser Freund muß in extremis sein, da er auf das Zeichen, das die Ankunft der Hülfe verkündet, nicht antwortet. – Kommt, gehen wir an's Werk. Ich will zuerst die Leiter hinauf und den Strick abschneiden. Folgt ihr nach einander und haltet den Leichnam fest, daß er nicht fällt, wenn die Schlinge los ist. Greift ihn fest, die Bänder werden Euch dabei dienen. Denkt, daß er, spielt' er auch heut' Nacht die Eule, doch keine Flügel hat; und vom Stricke fallen, könnte so gefährlich sein, als hineinfallen.« Während er so mit höhnischem Scherz redete, stieg er die Leiter empor, und nachdem er sich überzeugt, daß die Kriegsleute, die ihm folgten, den Körper hielten, zerschnitt er den Strang und half dann die fast leblose Gestalt des Verbrechers unterstützen. Durch eine geschickte und kräftige Bewegung ward der Körper Bonthrons sicher auf den Boden gebracht, und nachdem man sich überzeugt, daß, wenn auch nur schwach, Leben vorhanden sei, brachte man ihn an den Rand des Flusses, wo, vom Ufer verdeckt, die Gesellschaft sich am besten der Beobachtung entzog, während der Arzt die nöthigen Mittel anwendete, womit er sich versehen hatte, um das Leben zurückzurufen. Zu diesem Ende befreite er die gerettete Person zuerst von den Fesseln, die der Henker absichtlich nicht verschlossen hatte, und zugleich nahm er ihm die verwickelten Bänder und Stricke ab, an welchen er aufgehängt war. Es dauerte einige Zeit, bis Dwinings Bemühungen Erfolg hatten; denn trotz der Kunst, mit der seine Maschine zusammengefügt war, hatten die Stricke, die den Körper tragen sollten, sich so beträchtlich zusammengezogen, daß die Empfindung des Erstickens sehr bedeutend wurde. Aber die Geschicklichkeit des Arztes siegte über alle Hindernisse, und Bonthron gab, nachdem er genießt und mit einigen kurzen Zuckungen sich ausgestreckt hatte, entschiedene Lebenszeichen von sich; denn er ergriff die Hand des Arztes, der ihm eben starke Wasser auf Brust und Hals träufelte, und nahm, die Flasche an die Lippen haltend, fast mit Gewalt einen beträchtlichen Schluck von ihrem Inhalt. »Es ist Spiritus, doppelt abgezogen,« sagte der erstaunte Operateur, »und würde einem Andern die Kehle aufschwellen und den Magen verbrennen. Aber dieses außerordentliche Vieh gleicht allen andern menschlichen Geschöpfen so wenig, daß es mich nicht wundern soll, wenn es ihn zum vollen Besitz seines Verstandes bringt.« Bonthron schien dieß zu bestätigen; er fuhr mit einem seltsamen Krampfe empor, setzte sich aufrecht, starrte umher und zeigte einiges Bewußtsein des Lebens. »Wein – Wein,« waren die ersten Worte, die er hervorbrachte. Der Arzt gab ihm einen Schluck Arzneiwein mit Wasser gemischt. Er wies ihn zurück mit dem schmählichen Beiworte, »Gossenjauche,« und äußerte wieder die Worte: »Wein – Wein!« »Nun, so nimm ihn zu dir, in's Teufels Namen,« sagte der Arzt, »denn Niemand als er kann deine Natur beurtheilen.« Ein Zug, lang und tief genug, um den Verstand anderer Leute zu verwirren, erwies sich wirksam, den des Bonthron vollkommener zurückzurufen, obwohl er keine Erinnerung dessen zeigte, was mit ihm geschehen oder wo er war, und in seiner kurzen und düsteren Weise fragte, warum er so in der Nacht an den Fluß geschafft worden sei. »Wieder ein Spaß des wilden Prinzen, um mich zu ertränken, wie er vorher that – Nägel und Blut, aber ich wollte – « »Halt Ruhe,« unterbrach ihn Eviot, »und sei dankbar, ich bitte dich, wenn du Dankbarkeit fühlen kannst, daß dein Leib nicht ein Schmaus der Raben ist, und deine Seele an einem Orte, wo Wasser zu selten ist, um dich hineinzutauchen.« »Ich fange an, mich zu besinnen,« sagte der Schurke, die Flasche zum Munde führend, die er mit einem langen und herzlichen Kusse begrüßte und leer zu Boden setzte; dann ließ er den Kopf auf die Brust hängen und schien nachzusinnen, um seine verworrenen Erinnerungen zu sammeln. »Wir können den Erfolg seiner Betrachtungen nicht abwarten,« sagte Dwining, »er wird besser, wenn er geschlafen hat. – Auf, Freund! Ihr habt einige Stunden in der Luft geritten – versucht, ob das Wasser nicht ein leichteres Fortkommen bietet. – Ihr tapferen Leute müßt mir an die Hand gehen. Ich kann diese Masse so wenig erheben, als ich einen geschlachteten Ochsen in den Armen tragen könnte.« »Steh' aufrecht auf deinen eigenen Füßen, Bonthron, da wir dich auf selbige gestellt haben,« sagte Eviot. »Ich kann nicht,« antwortete der Patient. »Jeder Tropfen Blut kribbelt in meinen Adern wie mit Nadelspitzen, und meine Kniee weigern sich, ihre Bürde zu tragen. Was soll das Alles bedeuten? Das ist eine deiner Finten, du hündischer Arzt!« »Ja, ja, so ist es, wackerer Bonthron,« sagte Dwining, »ein Kunstgriff, den du mir danken wirst, wenn du ihn erst erkennst. Inzwischen strecke dich in dem Boote dort nieder und laß mich diesen Mantel um dich wickeln.« Man half Bonthron darauf in's Boot und legte ihn dort so bequem hin, als die Umstände es erlaubten. Er erwiderte ihre Aufmerksamkeiten mit einigen Aeußerungen, die dem Gebrumme eines Bären glichen, der ein Lieblingsfutter bekommen hat. »Und nun, Buncle,« sagte der Chirurg, »kennt Eure Tapferkeit ihren Auftrag. Ihr sollt diese lebendige Ladung auf dem Flusse nach Newburgh führen, wo Ihr mit ihm verfahrt, wie Ihr wißt; inzwischen sind hier seine Fesseln und Bänder, die Zeichen seiner Haft und Befreiung. Bindet sie zusammen und werft sie in den tiefsten Strudel, den Ihr findet; denn fände man sie bei Euch, so würden sie Geschichten gegen uns erzählen. Dieser leichte, leise Windhauch aus Westen wird Euch gestatten, ein Segel zu gebrauchen, sobald es Tag wird und Ihr müde seid, zu rudern. – Eure andere Tapferkeit, Master Page Eviot, muß sich begnügen, mit mir zu Fuße nach Perth zurückzukehren, denn hier trennt sich unsere schöne Gesellschaft. – Nimm die Laterne mit dir, Buncle, denn du wirst sie besser brauchen, als wir, und sieh', daß du mir meine Flasche zurücksendest.« Während die Fußgänger nach Perth zurückkehrten, drückte Eviot seinen Glauben aus, daß sich Bonthrons Verstand nie von der Erschütterung, die ihm der Schrecken eingeflößt, erholen würde, welcher bei ihm alle Fähigkeiten des Geistes, und besonders das Gedächtniß gestört zu haben schien. »Es ist dem nicht so, mit Eurer Erlaubniß, Herr Page,« sagte der Arzt. »Bonthrons Verstand, wie er nun ist, hat einen soliden Charakter – er wird nur hin und her schwanken, wie ein Pendel, welches in Bewegung gesetzt worden ist, um dann in seinem gewöhnlichen Schwerpunkt zu ruhen. Das Gedächtniß ist von allen unsern Geisteskräften diejenige, die am leichtesten aufgehoben wird. Ein schwerer Rausch oder tiefer Schlaf zerstört es gleich, und doch kehrt es zurück, wenn der Trunkene nüchtern wird, oder der Schläfer erwacht. Der Schrecken bringt bisweilen ähnliche Wirkungen hervor. Ich kannte einen Verbrecher zu Paris, der zum Tode durch den Strang verurtheilt war, und demnach sich dem Urtheil unterzog; er zeigte keine besondere Furcht auf dem Schafott, sondern sprach und betrug sich, wie andere Leute in ähnlichem Zustand pflegen. Der Zufall that für ihn, was ein kleiner pfiffiger Streich für unsern liebenswürdigen Freund, von dem wir uns eben trennten, gethan hat. Er wurde von der Leiter geworfen und seinen Freunden übergeben, ehe sein Leben erloschen war, und ich hatte das Glück, ihn wieder herzustellen. Aber obgleich er im Uebrigen wieder gesund wurde, erinnerte er sich doch seines Leidens und Todesurteils nur wenig. Von seiner Beichte am Morgen der Hinrichtung – hi, hi, hi! – (seine gewöhnliche Weise, zu lachen) wußte er kein Wort mehr. Er wußte nicht mehr, wie er das Gefängniß verließ – nichts mehr von dem Greveplatz, wo er hingerichtet wurde – nichts mehr von den frommen Reden, womit er – hi, hi, hi! – so viele gute Christen – hi, hi, hi! – erbaute. Nichts von dem Hinaufsteigen auf den unseligen Baum, noch wie er den unseligen Strick nahm; von Allem hatte mein Auferstandener nicht die geringste Erinnerung. – Aber hier sind wir an dem Punkte, wo wir uns trennen müssen, denn es wäre nicht gut, wenn wir, einer Wache begegnend, beisammen gesehen würden; auch wäre es klug, wenn wir durch verschiedene Thore in die Stadt gingen. Mein Beruf entschuldigt mein Kommen und Gehen zu jeder Zeit. Ihr, tapferer Page, werdet eine solche Erklärung abgeben, als genügend scheinen mag.« »Meinen Willen werd' ich eine genügende Entschuldigung sein lassen, wenn man mich fragt,« sagte der hochmüthige, junge Mann. »Doch wo möglich will ich Aufenthalt vermeiden. Der Mond ist ganz verdunkelt und die Straße so schwarz wie ein Wolfsrachen.« »Fort,« sagte der Arzt, »darum kümmere sich Euer Muth nicht; wir werden gar bald dunklere Pfade betreten.« Ohne nach der Bedeutung dieses Unglück weissagenden Spruches zu fragen und überhaupt im Stolze und Leichtsinne seines Charakters kaum darauf hörend, schied Ramorny's Page von seinem scharfsinnigen und gefährlichen Begleiter, und Jeder schlug seinen eigenen Weg ein. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Der echten Liebe Pfad ist selten sanft. Shakespeare. Die ahnungsvolle Besorgniß unseres Waffenschmieds hatte ihn nicht getäuscht. Als der gute Handschuhmacher von seinem künftigen Schwiegersohne schied, fand er, was er allerdings erwartet hatte, daß seine schöne Tochter nicht günstig für ihren Liebhaber gestimmt war. Aber obwohl er einsah, daß Katharina kalt, zurückhaltend, gesammelt war, den Anschein irdischer Leidenschaft abgelegt hatte, und mit einer, wenn auch nicht offen gezeigten Verachtung der glänzendsten Beschreibung lauschte, die er ihr von dem Kampfe auf dem Kürschnerhofe machte, so war er doch entschlossen, ihrem veränderten Benehmen nicht die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, sondern von ihrer Verbindung mit Harry als von einer Sache zu sprechen, die natürlich stattfinden würde. Endlich, als sie, wie bei einer früheren Gelegenheit, zu bemerken begann, daß ihre Neigung zu dem Waffenschmied nicht über die Grenzen der Freundschaft gehe, – daß sie entschlossen sei, nie zu heirathen, – daß das angebliche Gottesgericht eine Verspottung des göttlichen Willens und menschlicher Gesetze sei, wurde der Handschuhmacher natürlicher Weise zornig. »Ich kann deine Gedanken nicht lesen, Mädchen; auch glaub' ich nicht, errathen zu können, durch welche schnöde Bethörung es kam, daß du einen erklärten Liebhaber küssest, – dich von ihm küssen lässest, – zu seinem Hause rennst, wenn ein Gerücht seinen Tod ansagt, und in seine Arme fliegst, da du ihn allein findest. Alles dieß steht einem Mädchen sehr wohl an, die bereit ist, ihren Eltern in einer von ihrem Vater gebilligten Partie zu gehorchen; aber solche Zeichen der Vertraulichkeit einem Manne gespendet, den ein junges Mädchen nicht achten kann, und entschlossen ist, nicht zu heirathen, sind unschicklich und unweiblich. Du bist bereits mit deinen Gunstbezeugungen gegen Harry Schmied verschwenderischer gewesen, als deine Mutter, Gott segne sie, gegen mich war, eh' ich sie heirathete. Ich sage dir, Katharina, dieses Spiel mit der Liebe eines ehrlichen Mannes ist Etwas, das ich weder dulden kann, noch will, noch darf. Ich habe meine Zustimmung zu der Heirath gegeben, und ich bestehe darauf, daß sie sofort stattfinde, und daß du morgen Harry Wynd als einen Mann empfängst, dessen Gattin du nächstens sein sollst.« »Eine Macht, höher als die Eurige, Vater, wird nein sagen,« erwiderte Katharina. »Ich will es d'rauf wagen; meine Macht ist eine gesetzliche, die eines Vaters über ein Kind, und ein irrendes Kind,« antwortete ihr Vater. »Gott und Menschen erkennen meine Macht an.« »Dann mög' uns der Himmel helfen!« sagte Katharina; »denn wenn Ihr hartnäckig auf Eurer Absicht beharrt, sind wir Alle verloren.« »Wir können keine Hülfe vom Himmel erwarten,« sagte der Handschuhmacher, »wenn wir mit Unklugheit handeln. Ich bin selbst Gottesgelehrter genug, um das zu wissen; und daß dein grundloser Widerstand gegen meinen Willen sündlich ist, wird dir jeder Priester sagen. Ja, und noch mehr als das, du hast wegwerfend von der gepriesenen Berufung auf Gott im Gottesgerichtskampfe gesprochen. Hüte dich! denn die heilige Kirche ist erwacht, ihre Heerde zu wahren und Ketzerei durch Feuer und Schwert auszurotten. Darin warn' ich dich!« Katharina ließ eine unterdrückte Aeußerung hören, und indem sie sich mit Mühe zwang, ruhig zu erscheinen, versprach sie ihrem Vater, daß, wenn er sie mit einer weiteren Erörterung des Gegenstandes bis zum nächsten Morgen verschonen wollte, sie dann mit ihm sprechen werde, entschlossen, ihre Gedanken völlig auszusprechen. Mit diesem Versprechen mußte sich Simon Glover zufrieden geben, obwohl äußerst besorgt wegen der verschobenen Erklärung. Es konnte nicht Leichtsinn oder Wankelmuth des Charakters sein, was seine Tochter bewog, so anscheinend unbeständig gegen den Mann seiner Wahl zu verfahren, den sie noch kürzlich so unzweideutig auch für den Mann der ihrigen erklärt hatte. Welch' äußere Macht stark genug sein konnte, ihre so bestimmt ausgesprochenen Entschlüsse binnen vierundzwanzig Stunden zu verändern, war ihm ein vollkommenes Räthsel. »Aber ich will so hartnäckig sein, als sie sein kann,« dachte der Handschuhmacher, »und sie soll entweder Harry Schmied ohne weiteren Verzug heirathen, oder der alte Simon Glover will einen genügenden Grund für das Gegentheil hören.« Der Gegenstand ward im Laufe des Abends nicht mehr berührt; aber in der Frühe des nächsten Morgens, gleich mit Sonnenaufgang, kniete Katharina vor dem Bette, in welchem ihr Vater noch schlummerte. Ihr Herz schlug, als ob es springen wollte, und ihre Thränen rollten zahlreich auf ihres Vaters Gesicht. Der gute, alte Mann erwachte, blickte empor, bekreuzte seines Kindes Stirn und küßte sie zärtlich. »Ich verstehe dich, Katie,« sagte er; »du bist gekommen, um zu beichten, und ich hoffe, du wirst einer schweren Buße durch Aufrichtigkeit entgehen wollen.« Katharina schwieg einen Augenblick. »Ich brauche nicht zu fragen, mein Vater, ob Ihr Euch des Karthäusermönchs Clemens und seiner Lehren und Predigten erinnert; Ihr standet ihm in der That so oft darin bei, daß Ihr wohl wissen müßt, daß Euch die Leute einen seiner Bekehrten, und mit größerem Rechte auch mich also nannten.« »Ich weiß Beides,« sagte der alte Mann, sich auf den Ellbogen stützend; »aber ich fordere das schnöde Gerücht heraus, zu beweisen, daß es je seine ketzerischen Ansichten annahm, obwohl ich gern seine Reden hörte über das Verderbniß der Kirche, der übeln Herrschaft der Edelleute, die schmachvolle Unwissenheit der Armen, wenn er, wie es mir schien, bewies, daß die ganze Tugend unseres Staates, seine Kraft und Ehre, unter der Bürgerschaft der besseren Klasse sei, was ich als eine gute, der Stadt vortheilhafte Lehre annahm. Und wenn er nicht die rechte Lehre predigte, warum ließen es ihm seine Obern im Karthäuserkloster zu? Wenn die Hirten den Wolf im Schafskleide unter die Heerde werfen, so können sie die Schafe nicht tadeln, wenn sie zerrissen werden.« »Sie duldeten sein Predigen, ja, sie munterten es auf,« sagte Katharina, »so lange die Laster der Laien, die Anmaßungen der Edeln und die Unterdrückung der Armen der Gegenstand seines Tadels waren, und sie freuten sich über das Volk, das, zu der Karthäuserkirche sich drängend, alle andern Klöster verließ. Aber die Heuchler – denn das sind sie – verbanden sich mit den anderen Brüderschaften zur Anklage ihres Predigers Clemens, als er von der Schilderung der Verbrechen des Staates auf die Darstellung des Stolzes, der Unwissenheit und der Schwelgerei der Geistlichen selbst überging, und von ihrem Durst nach Gewalt, ihrer angemaßten Macht über das Gewissen der Menschen und ihrem Verlangen nach Vermehrung des weltlichen Reichthums sprach.« »Um Gottes Willen, Katharina,« sagte ihr Vater, »sprich heimlich; deine Stimme erhebt sich und du redest bitter; – deine Augen leuchten. Diesem Eifer für das, was dich nicht mehr als Andere angeht, verdankst du es, daß böswillige Personen dir den gehässigen und gefährlichen Namen einer Ketzerin geben.« »Ihr wißt, ich sage weiter nichts, als die Wahrheit,« sagte Katharina, »und was Ihr selbst oft zugestanden habt.« »Bei Nadel und Bockfell! nein,« antwortete der Handschuhmacher hastig; »willst du, daß ich zugestehe, was mich Leib und Leben, Hab und Gut kosten kann? denn es ist Vollmacht ertheilt worden, Ketzer einzuziehen und zu untersuchen, denen man alle neuerliche Tumulte und Zwistigkeiten zur Last legt; daher sind wenig Worte die besten, Mädchen. Ich stimme stets dem alten Dichter bei: »Das Wort ist Knecht, frei sind Gedanken, D'rum rath' ich, halt' die Zung' in Schranken.« »Der Rath kommt zu spät, Vater,« antwortete Katharina, auf einen Stuhl neben des Vaters Bett niedersinkend. »Die Worte sind gesprochen und gehört worden; und es wird geklagt gegen Simon Glover, Bürger in Perth, daß er unehrerbietige Reden über die Lehre der heiligen Kirche geführt – « »So wahr ich von Messer und Nadel lebe,« fiel Simon ein, »es ist eine Lüge! Ich war nie so thöricht, zu sprechen von dem, was ich nicht verstand.« »Und die Gesalbten der Kirche lästerte, beide, Ordens- wie Weltgeistliche,« fuhr Katharina fort. »Ei, die Wahrheit will ich nie läugnen,« sagte der Handschuhmacher; »ein müßiges Wort kann ich auf der Bierbank gesprochen haben, oder bei einem Schoppen Wein, oder in sicherer Gesellschaft; aber sonst ist meine Zunge nicht von der Art, um meinen Kopf in Gefahr zu stürzen.« »So glaubt Ihr, mein theuerster Vater; aber Eure geringste Rede ist erspäht worden, Eure bestgemeinten Worte hat man verdreht, und Ihr seid im Verruf als grober Spötter gegen Kirche und Geistliche, der gegen dieselben Gespräche mit lockern und liederlichen Leuten gehalten, wie z. B. der verstorbene Oliver Proudfute war, der Schmied Harry vom Wynd und Andere; ein Mann, der die Lehren des Pater Clemens empfiehlt, den sie auf sieben Hauptketzereien anklagen und mit Stab und Speer suchen, um ihn zum Tode zu bringen. – Aber dieß,« sagte Katharina knieend und aufwärtsblickend mit der Miene einer jener schönen Heiligen, welche die Katholiken durch die schönen Künste darstellten, – »dieß werden sie nimmer thun. Er ist aus dem Netze des Jägers entkommen; und, ich danke dem Himmel, es geschah durch meine Hülfe.« »Durch deine Hülfe, Mädchen – bist du wahnsinnig?« sagte der erstaunte Handschuhmacher. »Ich will nicht läugnen, worauf ich stolz bin,« antwortete Katharina; »es geschah durch mich, daß Conachar veranlaßt ward, mit einer Anzahl Leute hierher zu kommen und den alten Mann, der nun weit jenseit der hochländischen Grenze ist, wegzuführen. »O, mein vorschnelles – mein unglückliches Kind!« sagte der Handschuhmacher; »wagtest du, die Flucht eines der Ketzerei Angeklagten zu unterstützen und bewaffnete Hochländer aufzufordern, sich in die Verwaltung der Gerechtigkeit in der Stadt zu mischen? Ach, du hast dich gegen beide, die Gesetze der Kirche und des Reiches, vergangen. Was – was würde aus uns werden, wenn dies bekannt würde?« »Es ist bekannt, mein theurer Vater,« sagte das Mädchen mit Festigkeit; »bekannt sogar denen, die die bereitwilligsten Rächer der That sein werden.« »Das muß eine leere Einbildung sein, Katharina, oder ein Streich jener heuchlerischen Priester und Nonnen; es stimmt nicht mit deiner neulichen frohen Bereitwilligkeit, Harry Schmied zu heirathen.« »Ach, theuerster Vater, gedenkt der schrecklichen Ueberraschung, welche das Gerücht seines Todes veranlaßte, und des freudigen Staunens, ihn lebend zu finden; und laßt es Euch nicht wunderbar scheinen, wenn ich unter Eurem Schutze mir mehr zu sagen erlaubte, als meine Ueberlegung rechtfertigte. Aber damals wußte ich noch nicht das Schlimmste und hielt die Gefahr für übertrieben. Ach! ich wurde gestern schrecklich enttäuscht, als die Aebtissin selbst hierher kam und mit ihr der Dominikaner. Sie zeigten mir den schriftlichen Auftrag, mit dem großen Siegel von Schottland, Ketzerei auszuforschen und zu bestrafen; sie zeigten mir Euren und meinen Namen in der Liste verdächtiger Personen; und unter Thränen, fürwahr unter Thränen beschwor mich die Aebtissin, ein furchtbares Schicksal abzuwenden, indem ich mich eilig in das Kloster flüchtete; und der Mönch gab sein Wort, daß Ihr nicht belästigt werden solltet, wenn ich nachgäbe. »Der böse Feind hole sie Beide als weinende Krokodille!« sagte der Handschuhmacher. »Ach,« erwiderte Katharina, »Beklagen oder Zürnen wird uns wenig helfen; aber Ihr seht, ich hatte wirklichen Grund für meine gegenwärtige Unruhe.« »Unruhe! nenn' es äußerstes Verderben. – Ach, mein leichtsinniges Kind, wo war deine Klugheit, als du blindlings in eine solche Schlinge fielst?« »Hört mich, Vater,« sagte Katharina; »noch eine Art der Rettung ist möglich; es ist eine, die ich oft vorgeschlagen, und für die ich immer umsonst um Eure Erlaubniß bat.« »Ich verstehe dich – das Kloster,« sagte ihr Vater. »Aber Katharina, welche Aebtissin oder Priorin würde wagen –« »Ich will Euch das erklären, Vater, und will Euch auch die Umstände zeigen, welche mich unentschlossen und wankelmüthig in einem Grade erscheinen ließen, der mir von Euch und Andern Tadel zuzog. Unser Beichtvater, der alte Pater Francis, den ich aus dem Dominikanerkloster auf Euren Befehl wählte –« »Ja, allerdings,« unterbrach sie der Handschuhmacher; »und ich rieth und befahl dir so, um das Gerücht zu beseitigen, daß dein Gewissen ganz unter der Leitung des Pater Clemens stehe.« »Gut, dieser Pater Francis hat mich mehrmals gedrängt und aufgefordert, über Dinge mit ihm zu sprechen, mittelst deren er von mir Etwas über den Karthäuserprediger zu erfahren gedachte. Der Himmel vergebe mir meine Blindheit! Ich fiel in die Schlinge, sprach offen, und da er sanft in mich drang, wie Einer, der gern überzeugt sein wollte, sprach ich sogar warm zur Vertheidigung dessen, was ich andächtig glaubte. Der Beichtvater zeigte nicht sein wahres Gesicht und verrieth nicht seine geheime Absicht, bis er Alles wußte, was ich ihm sagen konnte. Dann aber drohte er mir mit weltlicher Strafe und ewiger Verdammniß. Hätten seine Drohungen mich allein betroffen, so hätte ich standhaft bleiben können; denn ihre Grausamkeit auf Erden könnte ich erdulden, und an ihre Macht jenseit dieses Lebens glaube ich nicht.« »Um des Himmels willen,« sagte der Handschuhmacher, der nun im Stillen bei jedem neuen Worte die wachsende, äußerste Gefahr seiner Tochter erkannte, »hüte dich, die heilige Kirche zu lästern – deren Waffen so schnell treffen, als ihre Ohren scharf hören.« »Für mich,« sagte das Mädchen von Perth, wieder emporblickend, »würden die Schrecken der gedrohten Anzeige nicht erheblich sein; aber als sie davon sprachen, dich, mein Vater, in meine Anklage zu verwickeln, so gesteh' ich, daß ich zitterte und zu unterhandeln wünschte. Der Aebtissin Martha, vom Nonnenkloster zu Elcho, die eine Base von meiner Mutter war, erzählte ich mein Unglück, und sie gab mir das Versprechen, daß sie mich aufnehmen wollte, wenn ich weltlicher Liebe und Heirathsgedanken entsagen, und den Schleier in ihrer Schwesterschaft nehmen würde. Sie sprach ohne Zweifel über den Gegenstand mit dem Dominikaner Francis, und Beide sangen dasselbe Lied. »Bleib' in der Welt,« sagten sie, »und dein Vater und du werden als Ketzer in Untersuchung kommen – nimm den Schleier, und die Irrthümer Beider sollen vergeben und vergessen sein.« Sie sprachen nicht einmal von einem Widerruf der Irrlehren; Alles sollte still sein, wenn ich nur in das Kloster träte.« »Ich zweifle nicht – ich zweifle nicht,« sagte Simon; »man hält den alten Handschuhmacher für reich, und sein Reichthum würde seiner Tochter in's Kloster von Elcho folgen, bis auf das, was die Dominikaner für sich in Anspruch nähmen. Dieß also ist dein Beruf zum Schleier – dieß sind deine Einwendungen gegen Harry Wynd?« »In der That, Vater, von allen Seiten drängte man, und mein eignes Herz war ziemlich einverstanden. Sir John Ramorny bedrohte mich mit der mächtigen Rache des jungen Prinzen, wenn ich fortführe, seine schnöde Bewerbung zurückzuweisen – und was den armen Harry betrifft, so hab' ich erst ganz kürzlich zu meinem eignen Staunen bemerkt, – daß, – daß ich seine Tugenden mehr liebe, als mir seine Fehler mißfallen. Ach, diese Entdeckung hat mir meinen Abschied von der Welt nur schwerer gemacht, als wenn ich geglaubt hätte, blos dich zu beklagen.« Sie stützte das Haupt mit der Hand und weinte bitterlich. »Dieß ist Alles Thorheit,« sagte der Handschuhmacher. »Nie war eine Noth so groß, daß ein weiser Mann nicht Rath finden könnte, wenn er kühn genug ist, darnach zu handeln. Dieß war nie das Land oder Volk, über welches die Priester im Namen Roms herrschen konnten, ohne ihre Anmaßung eingeschränkt zu sehen. Wenn sie jeden ehrlichen Bürger strafen dürften, welcher sagt, daß die Mönche Geld lieben und daß das Leben etlicher von ihnen den Lehren, die sie predigen, Schande mache, so würde es wahrlich Stephen Smotherwell nicht an Geschäften fehlen, – und wenn alle thörichten Mädchen von der Welt sich absondern wollten, weil sie den Irrlehren eines beliebten Predigermönchs folgen, so müßten sie die Nonnenklöster erweitern, und die Schwestern auf leichtere Bedingungen aufnehmen. Unsere Rechte sind von unserm guten alten Fürsten oft gegen den Papst selbst vertheidigt worden; und wenn er sich anmaßte, sich in die weltliche Regierung zu mischen, so fehlte es nicht an einem schottischen Parlament, das ihm seine Pflicht in einem Briefe vorhielt, den man in Lettern von Gold hätte schreiben dürfen. Ich habe den Brief selbst gesehen, und ob ich ihn gleich nicht lesen konnte, so machte mir doch der Anblick der Siegel der hochwürdigen Prälaten, der edlen und treuen Barone, die daran hingen, das Herz vor Freude hüpfend. Du hättest mir dieß Geheimniß nicht vorenthalten sollen, mein Kind; doch es ist nicht Zeit, dir deinen Fehler vorzurücken. Geh' hinunter, hole mir Etwas zu essen. Ich will mich sogleich zu Pferde setzen und zu unserm Lord Oberrichter reiten, und seinen Rath suchen, und wie ich glaube seinen Schutz, nebst dem anderer treuherziger schottischer Edeln, die einen ehrlichen Mann eines leeren Wortes wegen nicht niedertreten lassen.« »Ach, mein Vater,« sagte Katharina, »es war gerade diese Heftigkeit, die ich fürchtete. Ich wußte, daß, wenn ich mich bei Euch beklagte, bald Feuer und Flamme sein würde, wie wenn die Religion, obwohl vom Vater des Friedens uns gesendet, nur die Mutter der Zwietracht sein sollte – und daher könnte ich jetzt – selbst jetzt – die Welt aufgeben und mich mit meinem Schmerze unter die Schwestern von Elcho zurückziehen, wollet Ihr mich nur das Opfer sein lassen. Tröstet nur, Vater, den armen Harry, wenn wir auf ewig geschieden sein werden – und laßt ihn – laßt ihn nicht zu hart von mir denken – sagt, Katharina werde ihn nie mehr mit ihren Ermahnungen plagen, aber sie wolle ihn nie in ihren Gebeten vergessen.« »Das Mädchen hat eine Zunge, die einen Türken zum Weinen brächte,« sagte ihr Vater, indem seine eignen Augen denen seiner Tochter nachahmten. »Aber ich will jenem Einverständniß zwischen der Nonne und dem Mönch nicht nachgeben, die mir mein einzig Kind rauben wollen. – Geh', Mädchen, und laß mich ankleiden; sei bereit, mir in Allem zu gehorchen, was ich zu deiner Sicherheit zu empfehlen habe. Packe einige Kleider zusammen und was du von Werth hast – auch nimm den Schlüssel zu meinem eisernen Kasten, den mir Harry Schmied gab, und theile das Gold, was du darin findest, in zwei Portionen, – stecke die eine in eine Börse für dich und die andere in den ausgenähten Gürtel, den ich zum Reisen machte. Damit sind wir versorgt, wenn das Schicksal uns trennen sollte; dann möge der Himmel geben, daß der Wirbelwind das welke Laub nehme und das grüne schone! Laß sogleich mein Pferd satteln und den weißen Zelter, den ich gestern für dich kaufte, in der Hoffnung, dich nach der St. Johnskirche mit Mädchen und Frauen als eine so fröhliche Braut reiten zu sehen, wie noch keine über die heilige Schwelle ging. Aber das Geplauder hilft nichts. – Geh' und gedenke, daß die Heiligen denen helfen, die sich selbst helfen wollen. Kein Wort mehr – fort, sag' ich, – nur jetzt keinen Eigensinn. Der Steuermann läßt nur bei ruhigem Wetter den Schiffsjungen mit dem Ruder spielen; aber bei meiner Seele, wenn der Wind heult und die Wellen steigen, steht er selber am Steuer. Fort; kein Widerspruch.« Während die schöne Katharina damit beschäftigt war, ihres Vaters Aufträge zu besorgen, und der gute alte Handschuhmacher sich hastig ankleidete, wie ein Mensch, der im Begriff ist, eine Reise anzutreten, hörte man den Hufschlag eines Rosses in der engen Straße. Der Reiter war in seinen Reitermantel gehüllt, den Kragen aufgeschlagen, als wollte er den untern Theil des Gesichts verbergen, und die Mütze über die Stirn gezogen, indeß eine große Feder das Gesicht von oben verdeckte. Er sprang vom Pferde, und Dorothee hatte kaum Zeit, seine Frage zu beantworten, ob der Handschuhmacher in seinem Zimmer sei, als der Fremde schon die Treppe bestiegen hatte, und in das Schlafgemach getreten war. Simon, erstaunt und erschreckt und in der Stimmung, in diesem frühen Besuch einen Gerichtsdiener oder Forderer zu sehen, der ihn und seine Tochter festnehmen wollte, war sehr erfreut, in dem Fremden, als er die Mütze abnahm und den Mantelkragen vom Gesicht zurückschlug, den ritterlichen Oberrichter der guten Stadt zu erkennen, dessen Besuch zu jeder Zeit eine ungewöhnliche Gunst war, aber zu solcher Stunde etwas Wunderbares, und, hinsichtlich der Zeitumstände, selbst etwas Schreckendes hatte. »Sir Patrick Charteris!« – sagte der Handschuhmacher – »diese hohe Ehre für Euern armen Diener –« »Still,« sagte der Ritter, »es ist keine Zeit zu leeren Höflichkeiten. Ich kam hierher, weil ein Mann in gefährlichen Umständen sein eigener sicherster Page ist, und ich kann mich nicht länger aufhalten, als dich fliehen zu heißen, guter Glover, da heut' im Rathe Vollmacht ertheilt werden wird, dich und deine Tochter unter Anklage der Ketzerei zu verhaften; Verzug wird euch Beiden gewiß eure Freiheit, vielleicht euer Leben kosten.« »Ich habe so etwas vernommen,« sagte der Handschuhmacher, »und wollte diesen Augenblick nach Kinfauns, um meine Unschuld bei dieser schmählichen Anklage darzulegen, Eurer Herrlichkeit Rath zu erbitten und Euren Schutz zu erflehen.« »Deine Unschuld, Freund Simon, wird dir bei vorurtheilsvollen Richtern nur wenig helfen; mein Rath ist, mit einem Worte, zu fliehen und bessere Zeiten abzuwarten. Was meinen Schutz betrifft, so müssen wir warten, bis die Flut abnimmt, eh' er dir von Nutzen sein kann. Aber wenn du einige Tage oder Wochen verborgen bleiben kannst, so zweifle ich kaum daran, daß die Pfaffen, welche, in einer Hofintrigue mit dem Herzog von Albany vereint, und den Verfall der reinen katholischen Lehre als einzigen Grund des gegenwärtigen Staatsunglückes angebend, für jetzt wenigstens unwiderstehliche Gewalt über den König haben, werden nachgeben müssen. Indessen wisse, daß König Robert nicht nur diesen allgemeinen Befehl zur Untersuchung der Ketzerei bekräftigt, sondern auch die päpstliche Ernennung Henry Wardlaws zum Erzbischof von St. Andrews und Primas von Schottland bestätigt hat, und somit Rom die Freiheiten und Vorrechte der schottischen Kirche überläßt, die seine Vorfahren seit Malcolm Canmore's Zeiten so kühn vertheidigt haben. Seine tapferen Väter würden eher einen Bund mit dem Teufel unterschrieben, als in einer solchen Sache den Ansprüchen nachgegeben haben.« »Ach, und welche Hilfe?« »Keine, alter Mann, außer in einer plötzlichen Hofveränderung,« sagte Sir Patrick. »Der König ist nur wie ein Spiegel, der, selbst kein Licht habend, mit immer gleicher Bereitwilligkeit zurückstrahlt, was ihm gerade nahe kommt. Jetzt, obgleich der Douglas mit Albany sich verbunden hat, ist doch der Graf den hohen Ansprüchen dieser herrschsüchtigen Priester ungünstig, und liegt mit ihnen wegen der Erpressungen im Streit, die sein Gefolge an dem Abt von Aberbrothock verübt hat. Er wird mit zahlreicher Heeresmacht zurückkommen, denn das Gerücht sagt, der Graf von March sei vor ihm geflohen. Kehrt er zurück, so ist die Welt verändert, denn seine Gegenwart wird Albany im Zaume halten; besonders sind viele Edle und ich selbst, wie ich Euch im Vertrauen sage, entschlossen, sich mit ihm zur Vertheidigung des allgemeinen Rechts zu verbinden. Deine Verbannung wird daher mit seiner Rückkehr an den Hof enden; du mußt dir aber einen einstweiligen Schlupfwinkel suchen.« »Was das betrifft, Mylord,« sagte der Handschuhmacher, »so kann mir's nicht fehlen, da ich gerechten Anspruch auf den Schutz des großen Hochländerhäuptlings Gilchrist Mac Jan, Häuptling des Clans Quhele, habe.« »Nun, wenn du seinen Mantel fassen kannst, so brauchst du keine weitere Hilfe – weder niederländische Geistliche noch Laien finden einen freien Lauf der Gerechtigkeit jenseit der hochländischen Grenze.« »Aber mein Kind, edler Sir – meine Katharina?« sagte der Handschuhmacher. »Laßt sie mit Euch gehen, Mann. Der Graddankuchen wird ihre weißen Zähne erhalten, die Ziegenmilch wird ihr das Blut wieder in die Wange treiben, welches diese Unruhe verbannt hat; und selbst das schöne Mädchen von Perth kann sanft genug auf einem Bett von hochländischen Kräutern schlafen.« »Nicht aus so eitlen Rücksichten, Mylord, trag' ich Bedenken,« sagte der Handschuhmacher. »Katharina ist die Tochter eines schlichten Bürgers und ist nicht eigensinnig, was Nahrung und Wohnung anlangt. Aber der Sohn Mac Jans ist mehrere Jahre Gast in meinem Hause gewesen, und ich muß gestehen, daß ich ihn meine Tochter (die so gut wie verlobte Braut ist) auf eine Weise betrachten sah, die, obwohl ich es nicht fürchtete in diesem Hause in Curfewstreet, mich für die Folgen in einem hochländischen Thale besorgt macht, wo ich keinen Freund habe, Conachar aber viele.« Der ritterliche Oberrichter antwortete mit einem langen pfeifenden Tone. – »Ja, in dem Falle rath' ich dir, sie in's Nonnenkloster zu Elcho zu senden, wo die Aebtissin, wenn ich mich nicht irre, Eure Verwandte ist. Ja, sie hat es selber gesagt und fügte hinzu, sie liebte ihre Muhme nebst Allem, was zu dir gehört, Simon.« »Allerdings, Mylord, glaub' ich, daß die Aebtissin so viel Achtung für mich hegt, daß sie gern den Schutz meiner Tochter übernehmen würde, und dazu mein ganzes Hab und Gut in ihre Schwesterschaft. – Wahrlich, ihre Zuneigung ist etwas anhänglicher Art, und würde ungern das Anvertraute, weder die Tochter noch die Aussteuer, fahren lassen.« Der Ritter pfiff wieder bedenklich: »Bei dem Thane's-Kreuz. Mann, das ist ein schwer zu windender Knäul. Aber nie soll man sagen, das schönste Mädchen von Perth sei in ein Kloster gesperrt worden, wie eine Henne in einen Käfig, während sie im Begriff ist, den kühnen Bürger Harry Wynd zu heirathen. Das soll man nicht erzählen, so lang' ich Gürtel und Sporen trage und Oberrichter von Perth heiße.« »Aber wie helfen, Mylord?« fragte der Handschuhmacher. »Wir müssen Alle unser Theil an der Sache nehmen. Wohlan, setzt Euch sammt Eurer Tochter sogleich zu Pferde. Ihr sollt mit mir reiten, und wir wollen sehen, wer Euch finster anzublicken wagt. Die Forderung ist noch nicht gegen dich erlassen, und wenn sie einen Gerichtsboten nach Kinfauns schicken, ohne Vollmacht von des Königs eigener Hand, so schwör' ich bei des rothen Räubers Seele! daß er seine Schrift fressen soll, Wachs und Pergament mit einander. Zu Pferde! zu Pferde! und (sich an Katharina wendend, die so eben eintrat) auch Ihr, mein artiges Kind, »Zu Pferd und fürchtet Niemand's Droh'n, Wer Chartres traut, ist sicher schon!« – Binnen zwei Minuten saßen Vater und Tochter zu Pferde, Beide auf des Oberrichters Weisung einen Pfeilschuß weit vor ihm reitend, damit es nicht schiene, sie gehörten zu seiner Gesellschaft. Mit einiger Eile zogen sie durch das östliche Thor und ritten rasch vorwärts, bis man sie nicht mehr sehen konnte. Sir Patrick folgte gemächlich; als er aber der Wache aus dem Gesicht war, spornte er sein Roß und holte bald den Handschuhmacher und Katharina ein, wo denn ein Gespräch erfolgte, welches Licht auf einige frühere Vorgänge dieser Geschichte wirft. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Heil, Land der Bogenschützen! Söhne Jener, Die es verschmäht, den Nacken Rom zu beugen – O schönster Theil des meerumwallten Albion! Albania (1737). »Ich habe eine Weise entdeckt,« sagte der wohlmeinende Oberrichter, »auf welche ich euch Beide ein paar Wochen gegen die Bosheit eurer Feinde sichern will, da ich wenig zweifle, die Hofwelt bald verändert zu sehen. Aber damit ich um so eher entscheiden kann, was zu thun sei, so sagt mir offen, Simon, von welcher Art Eure Verbindung mit Mac Jan ist, die Euch veranlaßt, so unbeschränktes Vertrauen auf ihn zu setzen. Ihr seid ein genauer Beobachter der Stadtgesetze und kennt die strengen Strafen, die sie solchen Bürgern verkündigen, die mit den Hochländerclans Verkehr und Verbindung haben.« »Allerdings, Mylord; aber es ist Euch auch bekannt, daß unsere Zunft, die in Schaf-, Hirsch- und anderem Leder arbeitet, ein Privilegium und Erlaubniß hat, mit den Hochländern zu verkehren, da wir durch jene Leute uns am raschesten mit den Mitteln versorgen können, unser Geschäft zum großen Vortheil der Stadt zu betreiben. So habe ich viele Geschäfte mit jenen Leuten gehabt, und ich kann es bei meiner Seligkeit versichern, daß Ihr nirgends billigere und ehrlichere Handelsleute findet, bei denen ein Mann leichter einen guten Pfennig erschwingen könnte. Ich habe zu meiner Zeit verschiedene weite Reisen in's Hochland gemacht, nur auf das Wort ihrer Häuptlinge, und nie traf ich ein seinem Worte treueres Volk, wenn man es einmal dahin bringen kann, es für Einen zu verpfänden, und was den hochländischen Häuptling Gilchrist Mac Jan betrifft, obwohl er rasch zum Todtschlag und feuersprühend gegen die ist, mit denen er in Todfehde begriffen ist, Keinen, der einen ehrlichern und geradern Pfad ginge.« »Das ist mehr, als ich jemals hörte,« sagte Sir Patrick Charteris. »Doch ich habe auch Etwas von den hochländischen Brauseköpfen vernommen.« »Sie zeigen eine andere und eine sehr verschiedene Gunst ihren Freunden, als ihren Feinden, wie Eure Herrlichkeit sehen wird,« sagte der Handschuhmacher. »Indeß, sei dem wie ihm wolle, es gelang mir, Gilchrist Mac Jan in einer wichtigen Sache zu dienen. Es ist etwa achtzehn Jahre her, daß der Clan Quhele und der Clan Chattan in Fehde begriffen waren, wie sie überhaupt selten Frieden haben, und der erstere eine Niederlage erlitt, die beinahe die Familie seines Häuptlings Mac Jan ausrottete. Sieben seiner Söhne fielen in und nach der Schlacht, er selbst mußte fliehen und sein Schloß wurde eingenommen und den Flammen übergeben. Seine Gattin, die gerade der Niederkunft nahe war, floh in den Wald, von einem treuen Diener und seiner Tochter begleitet. Hier gebar sie in Kummer und Elend einen Knaben, und da der elende Zustand der Mutter sie unfähig machte, das Kind zu säugen, so wurde es mit der Milch eines Rehes ernährt, das der Jäger, der sie begleitete, in einem Garn lebendig gefangen hatte. Nicht lange nachher schlug Mac Jan in einer zweiten Schlacht dieser Clans seine Feinde und nahm das verlorene Land wieder in Besitz. Mit unerwartetem Entzücken fand er Gattin und Kind noch am Leben, von denen er nichts mehr als die gebleichten Beine zu sehen gehofft hatte, von denen die Wölfe und wilden Katzen das Fleisch gefressen hätten. »Aber ein starkes und gebieterisches Vorurtheil, wie es oft von jenen wilden Leuten unterhalten wird, hinderte den Häuptling, sich des vollen Glückes zu erfreuen, welches die Rettung seines einzigen Sohnes begründete. Es existirte eine alte Prophezeiung unter ihnen, daß die Macht des Stammes durch einen unter einem Hollunderbusch gebornen Knaben fallen werde, den ein weißes Reh säugte. Der Umstand traf zum Unglück für den Häuptling genau mit der Geburt des einzigen Kindes zusammen, das ihm übrig blieb, und die Aeltesten des Clans forderten von ihm, daß der Knabe entweder sogleich ermordet, oder wenigstens aus dem Gebiete des Stammes entfernt und in Dunkelheit auferzogen werde. Gilchrist Mac Jan mußte nachgeben, und da er den letztern Vorschlag wählte, wurde das Kind unter dem Namen Conachar in mein Haus gebracht, in der Absicht, wie man anfangs wollte, ihm alle Kunde zu verbergen, wer und woher er sei, oder welche Ansprüche auf Macht er über ein zahlreiches und kriegerisches Volk habe. Aber wie die Jahre dahinrollten, wurden die Aeltesten des Stammes, die so viel Ansehen besessen hatten, durch den Tod weggerafft oder durch Alter unfähig gemacht, sich in die öffentlichen Angelegenheiten zu mischen. Auf der anderen Seite wuchs der Einfluß Gilchrist Mac Jans durch seine glücklichen Kämpfe gegen den Clan Chattan, in welchem er die Gleichheit zwischen den beiden streitenden Bündnissen, wie sie vor der unglücklichen Niederlage bestand, von der ich Eurer Herrlichkeit erzählt, wiederherstellte. Als er so fest saß, wünschte er natürlich, seinen einzigen Sohn an seine Brust und in sein Haus zurückzubringen; deswegen ließ er mich den jungen Conachar; wie man ihn nannte, mehr als ein Mal in's Hochland schicken. Er war ein Jüngling, ganz dazu gemacht, durch Gestalt und edles Benehmen das Herz seines Vaters zu gewinnen. Endlich errieth, wie ich glaube, der junge Mann das Geheimniß seiner Geburt, oder es wurde ihm sonst mitgetheilt; und der Widerwille, den der stolze hochländische Bursche immer vor meinem ehrlichen Gewerbe gezeigt hatte, wurde sichtbarer, so daß ich nicht einmal wagte, meinen Stab über seinen Rücken zu legen, aus Furcht, er möchte mich mit einem Dolchstoß, als gälische Antwort auf eine sächsische Anrede, empfangen. Dann wünschte ich ihn los zu sein, um so mehr, da er so viel Ergebung gegen Katharina zeigte, die sich in der That vorsetzte, den Aethiopier zu waschen und einem wilden Hochländer Milde und Sitte zu lehren. Sie weiß selber, wie es endete.« »Ei, mein Vater,« sagte Katharina, »es war gewiß nur eine Handlung des Erbarmens, den Brand aus dem Feuer zu reißen.« »Aber keine besondere Handlung der Weisheit,« sagte ihr Vater, »da du die eigenen Finger dabei dem Brande aussetztest. – Was sagt Mylord zu der Sache?« »Mylord möchte das schöne Mädchen von Perth nicht beleidigen,« sagte Sir Patrick; »und er kennt wohl die Reinheit und Wahrheit ihres Gemüths. Und doch muß ich nothwendig sagen, wäre dieser Pflegesohn des Rehes runzelig, hager, plump und rothhaarig gewesen, wie einige Hochländer, die ich kannte, so wär' es die Frage, ob das schöne Mädchen von Perth so vielen Eifer auf seine Bekehrung verwendet hätte; und wäre Katharina so alt, runzelig und von Jahren gebeugt gewesen, wie das alte Weib, das mir die Thür diesen Morgen öffnete, so möcht' ich meine goldenen Sporen gegen ein paar hochländischer Holzschuhe wetten, daß der wilde Rehbock nie mehr ihren Lectionen gelauscht haben würde. – Ihr lacht, Glover, und Katharina erröthet vor Unwillen. Laßt das sein, es ist der Lauf der Welt.« »Die Art, Mylord, auf welche die Weltmenschen ihre Nachbarn beurtheilen,« sagte Katharina etwas geärgert. »Ach, schöne Heilige, vergebt einen Scherz,« sagte der Ritter; »und du, Simon, sag' uns, wie die Geschichte endete – mit Conachars Flucht nach den Hochlanden, vermuthlich?« »Mit seiner Rückkehr dahin,« sagte der Handschuhmacher. »Es war vor einigen Jahren ein Kerl in Perth, eine Art Bote, der kam und ging unter mancherlei Vorwand, war aber in der That das Mittel der Mittheilung zwischen Gilchrist Mac Jan und seinem Sohne, dem jungen Conachar, oder, wie er nun heißt, Hektor. Von diesem Burschen erfuhr ich im Allgemeinen, daß die Verbannung des Dault an Neigh Dheil, oder des Pflegesohnes des weißen Rehes, vom Stamme wieder in Erwägung gezogen sei. Sein Pflegevater, Torquil von der Eiche, der alte Jäger, erschien mit acht Söhnen, den schönsten Männern des Clans, und forderte die Aufhebung des Verbannungsurtheils. Er sprach mit um so größerem Ansehen, da er selbst ein Taitschatar oder Seher war und im Rufe stand, mit der unsichtbaren Welt Verkehr zu haben. Er versicherte, eine Zauberformel vollbracht zu haben, genannt Tin-Egan , durch welche er einen Teufel beschwor, von dem er ein Geständniß erpreßte, daß Conachar, nun Eachin oder Hektor Mac Jan genannt, der einzige Mann in dem bevorstehenden Kampfe zwischen den feindlichen Clans sei, der ohne Blut und Flecken wegkommen würde. Daher bewies Torquil von der Eiche, daß die Gegenwart des vom Schicksal bestimmten Mannes nothwendig sei, um den Sieg zu sichern. ›So gewiß weiß ich dies,‹ sagte der Jäger, ›daß, wo nicht Eachin an seiner Stelle in den Reihen des Clans Quhele kämpft, weder ich, sein Pflegevater, noch einer meiner acht Söhne eine Waffe in dem Streite erheben wird.‹ »Diese Rede ward mit großer Unruhe aufgenommen, denn der Abgang von neun Männern, den muthigsten ihres Stammes, war ein ernstlicher Unfall, zumal wenn der Kampf, wie das Gerücht bereits geht, durch eine kleine Anzahl von jeder Seite entschieden werden sollte. Der alte Aberglaube hinsichtlich des Pflegesohns des weißen Rehes wurde von einem neuen Vorurtheil überwogen, und der Vater ergriff die Gelegenheit, dem Clan seinen langverborgenen Sohn vorzustellen; das jugendliche, aber schöne und lebendige Gesicht desselben, sein stolzes Benehmen und seine gewandten Glieder erregten die Aufmerksamkeit der Männer des Clans, die ihn als den Erben und Abkömmling ihres Häuptlings, trotz des unglücklichen Vorzeichens, das seine Geburt und Säugung begleitete, empfingen. »Aus dieser Erzählung, Mylord,« fuhr Simon Glover fort, »kann Eure Herrlichkeit leicht ersehen, warum ich selbst einer guten Aufnahme unter dem Clan Quhele sicher sein konnte; und ebenso seid Ihr im Stande zu beurtheilen, daß es sehr unbedacht von mir sein würde, Katharina dorthin zu führen. Und dies, Mylord, ist die schwerste meiner Sorgen.« »So wollen wir dir die Last erleichtern,« sagte Sir Patrick; »und, guter Glover, ich will für dich und dieses Mädchen Etwas wagen. Meine Verbindung mit Douglas gibt mir einigen Einfluß bei Majory, der Herzogin Rothsay, seiner Tochter, der vernachlässigten Gemahlin unseres leichtsinnigen Prinzen. Verlasse dich darauf, guter Glover, daß unter ihrem Schutze deine Tochter so sicher sein wird, als in einem verschanzten Schlosse. Die Herzogin lebt gegenwärtig zu Falkland, einem Schlosse, das ihr der Herzog von Albany, dem es gehört, zu ihrer Bequemlichkeit geliehen hat. Ich kann kein Vergnügen versprechen, schönes Mädchen; denn die Herzogin Majory von Rothsay ist eine unglückliche und daher mürrische, stolze und übermüthige Frau, die des Mangels an anziehenden Eigenschaften sich bewußt und daher eifersüchtig auf alle Mädchen ist, die diese besitzen. Aber sie ist ihrem Worte treu, hat einen edlen Muth, und würde den Papst oder Prälaten in den Schloßgraben werfen lassen, wenn er eine Person unter ihrem Schutze verhaften wollte. Ihr werdet daher ganz sicher sein, obwohl Euch Behaglichkeit fehlen mag.« »Ich habe keinen weitern Anspruch,« sagte Katharina; »und tief fühle ich die Güte, die mir so ehrenvollen Schutz zu gewähren bereit ist. Ist sie hochmüthig, so will ich mich erinnern, daß sie eine Douglas ist und das Recht hat, so stolz als irgend eine Sterbliche zu sein – ist sie mürrisch, so will ich bedenken, daß sie unglücklich ist – und ist sie über Gebühr launenhaft, so will ich nicht vergessen, daß sie mich schützt. Bekümmert Euch nicht länger um mich, Mylord, wenn Ihr mich unter den Schutz der edlen Lady gebracht habt. – Aber daß mein armer Vater dem wilden und gefährlichen Volke ausgesetzt sein soll!« »Denke nicht daran, Katharina,« sagte der Handschuhmacher; »ich bin so vertraut mit Holzschuhen und Farrenkraut, als hätte ich sie selber getragen. Ich fürchte nur, die entscheidende Schlacht möchte vorfallen, bevor ich dieses Land verlassen kann; und wenn der Clan Quhele die Schlacht verliert, so kann ich durch das Unglück meiner Beschützer leiden.« »Wir müssen dafür sorgen,« sagte Sir Patrick; »verlaßt Euch auf mich, ich werde für Eure Sicherheit denken. – Aber welche Partei, glaubt Ihr, wird siegen?« »Offen zu reden, Mylord Oberrichter, ich glaube, der Clan Chattan wird den Kürzern ziehen; jene neun Söhne des Waldes bilden fast ein Drittel der Schaar, die den Häuptling vom Clan Quhele umgibt, und es sind unerschrockene Streiter.« »Und Euer Lehrling, meint Ihr, er werde stehen?« »Er ist heiß wie Feuer, Sir Patrick,« antwortete der Handschuhmacher, »ist aber eben so beweglich, wie Wasser. Trotzdem scheint er, wenn er leben bleibt, dereinst ein tüchtiger Mann werden zu wollen.« »Aber für jetzt hat er immer noch Etwas von der Milch des weißen Rehes, nicht wahr, Simon?« »Er hat wenig Erfahrung, Mylord,« sagte der Handschuhmacher, »und ich brauche einem gerühmten Krieger, wie Ihr, nicht zu sagen, daß wir mit der Gefahr vertraut sein müssen, eh' wir mit ihr, wie mit einer Geliebten, scherzen können.« Diese Unterhaltung brachte sie eilig nach Schloß Kinfauns, wo es, nach eingenommener Erfrischung, nöthig ward, daß Vater und Tochter schieden, um ihre besonderen Zufluchtsorte zu suchen. Dann erst war es, daß Katharina, als sie sah, wie ihres Vaters Besorgnis um sie alle Gedanken an seinen Freund zusammengedrückt hatte, wie im Traume den Namen »Harry Gow« fallen ließ. »Freilich, ja freilich!« fuhr der Vater fort; »er muß unsere Absichten kennen.« »Ueberlaßt das mir,« sagte Sir Patrick. »Ich will keinem Boten vertrauen, will auch keinen Brief senden, weil, wenn ich einen schreiben, er ihn vermuthlich nicht lesen könnte. Er wird unterdessen besorgt sein, aber ich will morgen bei Zeiten nach Perth reiten und ihn mit Eurem Vorhaben bekannt machen.« Die Zeit der Trennung nahete nun. Es war ein bitterer Augenblick; aber der männliche Charakter des alten Bürgers und die fromme Ergebung Katharinens in den Willen der Vorsehung machten ihn leichter, als sich erwarten ließ. Der gute Ritter drang, wiewohl auf die freundlichste Weise, auf die Abreise, und ging selbst so weit, dem Bürger ein Darlehen von einigen Goldstücken zu bieten, was zu einer Zeit, wo das Geld so selten war, als das non plus ultra der Achtung angesehen werden mußte. Der Handschuhmacher versicherte ihn jedoch, daß er reichlich versehen sei, und reiste in nordwestlicher Richtung ab. Der gastliche Schutz Sir Patrick Charteris' wurde seinem schönen Gaste nicht minder bewiesen. Sie wurde der Fürsorge einer Hausmeisterin, die das Hauswesen des guten Ritters besorgte, übergeben, und war genöthigt, mehrere Tage in Kinfauns zu bleiben, weil der Fährmann vom Tay, Kitt Stenshaw, der sie überfahren sollte, und auf den der Ritter viel Vertrauen setzte, Hindernisse und Zögerung verursachte. So wurden Vater und Kind getrennt in einem Augenblicke großer Gefahr und Bedrängniß, noch gesteigert durch Umstände, von denen sie nichts zu wissen schienen, und die gleichwohl die Möglichkeit der Rettung, die ihnen blieb, sehr beeinträchtigen konnten. Siebenundzwanzigstes Kapitel. »Also that Augustin« – »So?« sagt' er, – »Nun, Mag's Augustin für mich denn wieder thun.« Pope's Prolog in den »Canterbury Tales« von Chaucer. Der Lauf unserer Geschichte wird sich am besten verfolgen lassen, wenn wir Simon Glover begleiten. Es ist nicht unsere Absicht, genau die örtlichen Grenzen der beiden streitenden Clans anzugeben, zumal da sie von den Geschichtschreibern nicht genau bezeichnet werden, welche die Schilderungen dieser merkwürdigen Fehde lieferten. Es genügt, zu sagen, daß das Gebiet des Clans Chattan sich weit und breit ausdehnte, indem es Caithneß und Sutherland umfaßte und als unumschränkten Häuptling den mächtigen Grafen der letztern Grafschaft hatte, genannt Mohr ar chat (die große Katze). So gehörten im Allgemeinen die Keths, die Sinclairs, die Guns und andere Familien und Clans von bedeutender Macht zu diesem Bündnisse. Diese waren jedoch nicht in den gegenwärtigen Streit verwickelt, der sich auf den Theil des Clans Chattan beschränkte, der die ausgedehnten Bergdistrikte von Perthshire und Inverneßshire inne hatte, die einen großen Theil dessen bilden, was man die nördlichen Hochlande nennt. Es ist wohl bekannt, daß zwei große Clans, von denen man ohne Zweifel weiß, daß sie zu dem Clan Chattan gehörten, die Mac Phersons und die Mac Intosches, bis auf diesen Tag streiten, welcher ihrer Häuptlinge an der Spitze dieses Badenochzweiges des großen Bündnisses stand, und Beide nahmen in spätern Zeiten den Titel eines Häuptlings (captain) von Clan Chattan an. Non nostrum est. – Jedenfalls aber muß in Badenoch das Bündniß gewesen sein, so weit es in die von uns behandelte Fehde verwickelt war. Von dem feindlichen Bunde von Clan Quhele haben wir noch minder genaue Nachricht, aus Gründen, die sich in der Fehde herausstellen werden. Einige Schriftsteller haben ihn mit dem zahlreichen und mächtigen Stamme des Mac Kay für ein und dasselbe gehalten. Beruht dies auf gutem Grunde, was zu bezweifeln ist, so müssen die Mac Kays ihre Wohnsitze seit der Regierung Roberts II. verändert haben, da man sie nun (als Clan) in den äußerst nördlichen Theilen Schottlands, in den Gegenden von Roß und Sutherland findet. Wir können daher in der Geographie unserer Geschichte nicht so klar sein, als wir wünschten. Es genüge, zu bemerken, daß der Handschuhmacher, eine nordwestliche Richtung einschlagend, eine Tagreise gegen das Land Breadalbane zog, von wo er das Schloß zu erreichen hoffte, wo Gilchrist Mac Jan, Häuptling des Clans Quhele und Vater seines Zöglings Conachar, sich gewöhnlich aufhielt, umgeben von barbarischem Pomp und einem Ceremoniell, welches zu seinen stolzen Ansprüchen paßte. Wir brauchen uns nicht bei einer Schilderung der Mühen und Schrecknisse einer solchen Reise aufzuhalten, wo man den Weg durch Einöden und Gebirge suchen mußte, bald an steilen Abhängen emporsteigend, bald in unzugängliche Moräste hinabstürzend, und oft unterbrochen durch große Bäche, ja selbst Flüsse. Aber all' diese Gefahren hatte Simon Glover, um ehrlichen Gewinn zu suchen, schon vorher bestanden, und es ließ sich nicht annehmen, daß er sie scheute oder fürchtete, wo Freiheit, ja selbst das Leben der Preis war. Die Gefahr von Seiten der kriegerischen und uncivilisirten Bewohner dieser Einöden würde einem Andern mindestens eben so furchtbar erschienen sein, als die Gefahren der Reise. Aber Simons Kenntniß der Sitten und Sprachen des Volkes machte ihn auch in diesem Punkte sicher. Ein Anspruch auf die Gastfreundschaft der wildesten Gälen war nie erfolglos, und der Kerl, der unter andern Umständen einen Menschen um die silberne Schnalle seines Mantels ermordet hätte, würde sich selbst einer Mahlzeit beraubt haben, um den Reisenden, der an der Thür seiner Hütte um Gastfreundschaft bat, zu erquicken. Die Reisekunst war, so vertrauensvoll und unvertheidigt als möglich zu erscheinen; deswegen trug der Handschuhmacher durchaus keine Waffen, reiste ohne den mindesten Anschein von Vorsicht, und hatte sich nur zu hüten, nichts, was die Begierde aufregen konnte, zu zeigen. Eine andere Regel, deren Beobachtung er für klug hielt, war, mit jedem Wanderer, dem er begegnete, Gemeinschaft zu vermeiden, außer so weit es den Wechsel der gegenseitigen Höflichkeit im Grüßen betraf, welche die Hochländer selten unterlassen. Aber auch für diese vorübergehenden Grüße boten sich nur wenig Gelegenheiten dar. Das immer einsame Land schien jetzt ganz verlassen, und selbst in den kleinen Straths oder Thälern, welche er zu durchwandern Gelegenheit hatte, waren die Dörfer leer und die Einwohner hatten sich in Wälder und Höhlen zurückgezogen. Dies war leicht zu erklären, wenn man die bevorstehenden Gefahren einer Fehde erwog, die nach der Erwartung Aller das allgemeinste Signal zu Plünderung und Raub, wodurch je das unglückliche Land verwüstet wurde, werden mußte. Simon begann, über diesen Zustand der Verwüstung beunruhigt zu werden. Er hatte ein Mal Halt gemacht, seit er Kinfauns verließ, um seinen Klepper ruhen zu lassen; und nun begann er besorgt zu werden, wie er die Nacht zubringen solle. Er hatte deswegen auf die Hütte eines alten Bekannten gezählt, den man Niel Booshalloch (oder den Kuhhirten) nannte, weil er zahlreiche Viehheerden, die dem Häuptlinge des Clan Quhele gehörten, hütete, wozu er ein Gut an den Ufern des Tay, nicht weit von der Stelle, wo der Fluß den See desselben Namens verläßt, inne hatte. Von diesem alten Wirthe und Freunde, mit welchem er manchen Handel um Felle und Pelzwerk geschlossen hatte, hoffte der Handschuhmacher den gegenwärtigen Zustand des Landes, die Erwartung über Krieg und Frieden und die besten Maßregeln zu seiner Sicherheit zu erfahren. Man muß sich erinnern, daß die Nachricht des zur Verminderung der Ausdehnung der Fehde eingegangenen Kampfvertrags Königs Robert erst den Tag vorher, ehe der Handschuhmacher Perth verließ, mitgetheilt worden war, und erst einige Zeit nachher bekannt gemacht wurde. »Wenn Niel Booshalloch seine Wohnung gleich den Uebrigen verlassen hat, so bin ich am Ende schön angekommen,« dachte Simon, »da ich nicht nur den Vortheil seines guten Rathes entbehre, sondern auch seinen Einfluß bei Gilchrist Jan; überdies auch ein Nachtquartier und Abendessen.« So denkend, erreichte er den Gipfel eines schwellenden grünen Hügels und sah den prächtigen Anblick des Taysees unter sich, eine unermeßliche Platte polirten Silbers, seine dunklen Haideberge und laublosen Eichenwälder, die dem mit Arabesken gezierten Rahmen eines prächtigen Spiegels glichen. Gegen Naturschönheiten stets gleichgültig, war es Simon Glover besonders jetzt, und der einzige Theil der herrlichen Landschaft, worauf er den Blick heftete, war der Winkel oder Vorsprung eines Wiesenlandes, wo der Fluß Tay, in stolzer Fülle aus seinem väterlichen See hervorrauschend und um ein etwa eine Meile breites Thal sich im Bogen wälzend, seinen großen Lauf südostwärts beginnt, wie ein Eroberer und Gesetzgeber, um ferne Lande zu unterjochen und zu bereichern. Auf der einsamen Stelle, welche reizend zwischen See, Berg und Strom liegt, erhob sich später das lehensherrliche Schloß, der Ballongh, welches in unserer Zeit dem prächtigen Palaste des Grafen von Breadalbane Platz gemacht hat. Aber die Campbells, obwohl sie bereits eine bedeutende Macht in Argyleshire erlangt hatten, hatten sich doch nicht so weit ostwärts bis zum Taysee ausgedehnt, dessen Ufer, sei es durch Recht oder durch bloße Besitzergreifung, damals der Clan Quhele besaß, der seine auserlesensten Heerden darauf werden ließ. In diesem Thale also, zwischen dem Fluß und dem See, zwischen ausgedehnten Wäldern von Eichen, Haselbüschen, Eschen und Lerchenbäumen, erhob sich die niedrige Hülle Niel Booshallochs, eines ländlichen Eumäus, dessen gastlicher Schornstein reichlichen Rauch aufsteigen ließ, zur großen Beruhigung Simon Glovers, indem er sonst genöthigt gewesen wäre, nicht zu seinem besonderen Vergnügen die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen. Er erreichte die Thür der Hütte, pfiff, schrie und machte seine Ankunft bekannt. Es erhob sich ein Gebell von Hunden, und alsbald trat der Herr der Hütte hervor. Es lag viel Sorge auf seiner Stirn, und er schien beim Anblick Simon Glovers zu erschrecken, obgleich der Hirt Beides, so gut er konnte, verbarg; denn nichts galt in diesem Lande für unhöflicher, als wenn der Wirth in Blick oder Miene Etwas zeigte, was den Besuch zu dem Gedanken verleiten konnte, daß seine Ankunft unangenehm oder auch nur unerwartet sei. Das Pferd des Reisenden wurde in einen Stall gebracht, der beinahe zu niedrig war, um es aufzunehmen, und der Handschuhmacher selbst wurde in das Haus Booshallochs geführt, wo ihm nach der Sitte des Landes Brod und Käse vorgesetzt wurde, während man nahrhaftere Speisen bereitete. Simon, der all' ihre Gewohnheiten verstand, wollte die offenbaren Zeichen von Traurigkeit auf der Stirne seines Wirthes und der Familie desselben nicht bemerken, bis er der Form wegen Etwas gegessen hatte, worauf er die allgemeine Frage that, was es Neues im Lande gäbe? »So schlechte Neuigkeiten, als je genannt wurden.« sagte der Hirte; »unser Vater ist nicht mehr.« »Wie?« sagte Simon, höchlich beunruhigt, »ist der Häuptling des Clans Quhele todt?« »Der Häuptling des Clans Quhele stirbt nie,« antwortete der Booshalloch; »aber Gilchrist Mac Jan starb vor zwanzig Stunden, und sein Sohn Eachin Mac Jan ist nun Häuptling.« »Was, Eachin – das ist Conachar – mein Lehrling.« »So wenig als möglich von diesem Gegenstande, Bruder Simon,« sagte der Hirte. »Ihr müßt Euch erinnern, Freund, daß Euer Gewerbe, das wohl gut ist, um in der hübschen Stadt Perth zu leben, etwas zu handwerksmäßig ist, um am Fuße des Ben Lawers oder an den Ufern des Taysees sehr geachtet zu sein. Wir haben nicht einmal ein gälisches Wort, um einen Handschuhmacher damit zu bezeichnen.« »Es wäre auch seltsam, wenn Ihr's hättet, Freund Niel,« sagte Simon trocken, »da Ihr so wenig Handschuhe zu tragen habt. Ich glaube, es gibt keine im ganzen Clan Quhele, außer die, welche ich selbst Gilchrist Mac Jan schenkte, dem Gott gnädig sei, der sie als etwas Vorzügliches schätzte. Sehr tief bedaure ich seinen Tod, denn ich kam in wichtigen Geschäften zu ihm.« »Ihr thätet besser, Eures Pferdes Kopf morgen früh südwärts zu wenden,« sagte der Hirte. »Das Leichenbegängniß wird gleich stattfinden, und es muß ohne viel Ceremonie geschehen; denn es soll eine Schlacht zwischen dem Clan Quhele und dem Clan Chattan gefochten werden, dreißig Kämpfer von jeder Seite, und zwar am nächsten Palmsonntag; und wir haben wenig Zeit übrig, um die Todten zu beklagen oder die Lebenden zu ehren.« »Aber meine Angelegenheiten sind so wichtig, daß ich den jungen Häuptling nothwendig sehen muß, wär' es auch nur auf eine Viertelstunde,« sagte der Handschuhmacher. »Höre, Freund,« erwiderte sein Wirth. »ich denke, dein Geschäft ist, entweder Geld einzusammeln oder Handel zu treiben. Nun, wenn der Häuptling dir etwas für Erziehung oder dergleichen schuldig ist, so verlang' es nicht von ihm zu einer Zeit, wo er alle Schätze des Stammes zu prächtigen Waffenrüstungen und Kleidern für seine Mitkämpfer bedarf; denn wir müssen jenen stolzen Bergkatzen so begegnen, daß sie sehen, wie hoch wir über ihnen stehen. Aber wenn du kommst, um Handel mit uns zu schließen, so ist deine Zeit noch schlimmer gewählt. Du weißt, daß du bereits von Vielen unseres Stammes beneidest wirst, wie du den jungen Häuptling erzogen hast, ein Geschäft, welches den Besten des Clans übertragen zu werden pflegt.« »Aber, bei St. Maria, Mann!« rief der Handschuhmacher, »die Leute sollen sich erinnern, daß mir das Geschäft nicht als eine Gunst übertragen wurde, um die ich warb, sondern daß es von mir nur ungern und nur auf Bitten, zu meiner nicht geringen Verlegenheit, angenommen ward. Dieser euer Conachar, oder Hektor, oder wie ihr ihn nennt, hat mir Rehhäute im Betrage vieler schottischen Pfunde verdorben.« »Da hast du nun wieder,« sagte der Booshalloch, »ein Wort gesprochen, was dir das Leben kosten kann; – jede Anspielung auf Felle oder Häute, zumal auf Rehhäute, kann dich in höchste Gefahr bringen. Der Häuptling ist jung und eifersüchtig auf seinen Rang – Niemand kennt den Grund besser, als du, Freund Handschuhmacher. Er wünschte natürlich, daß Alles, was sich auf den Widerspruch gegen seine Erbfolge und auf seine Verbannung bezieht, gänzlich vergessen werde; und er wird den nicht lieben, der das Gedächtniß seiner Leute zu Etwas zurückruft, oder sein eigenes zurückzwingt, dessen Beide mit Widerwillen gedenken. Denke, wie sie in solcher Zeit auf den alten Glover von Perth sehen werden, bei welchem der Häuptling so lange Lehrling war! – Nun, nun, alter Freund, Ihr habt Euch darin geirrt. Ihr seid zu eilig, die aufgehende Sonne anzubeten, während ihre Strahlen noch am Rande des Horizonts stehen. Komm, wenn sie höher am Himmel emporgestiegen ist, und du sollst an der Wärme ihrer Mittagshöhe Theil haben.« »Niel Booshalloch,« sagte der Handschuhmacher, »wir sind alte Freunde gewesen, wie du sagst; und da ich dich für einen Treuen halte, will ich offen zu dir sprechen, obwohl, was ich sage, gefährlich sein könnte, wenn ich es Andern deines Clans mittheilte. Du glaubst, ich komme hieher, um Vortheil von deinem jungen Häuptling zu ziehen, und es ist natürlich, daß du das glaubst. Aber in meinen alten Tagen verlasse ich nicht meine Kaminecke in Curfewstreet, um mich an den Strahlen der glänzendsten Sonne zu wärmen, die je über hochländisches Heidekraut schien. Die Sache ist aber, ich komme in Noth hieher – meine Feinde haben sich über mich gesetzt und mich solcher Verbrechen angeklagt, deren ich selbst in Gedanken nicht schuldig bin. Trotzdem ist wahrscheinlich das Urtheil über mich gefällt, und ich habe nur die Wahl, zu fliehen oder zu bleiben, um zu sterben. Ich komme nun zu Eurem Häuptling, der bei mir in seiner Noth Zuflucht fand, von meinem Brode aß und aus meinem Becher trank. Ich verlange Zuflucht bei ihm, die ich, wie ich hoffe, nur kurze Zeit brauchen werde.« »Das macht die Sache anders,« erwiderte der Hirte. »So anders, daß, wenn Ihr um Mitternacht an Mac Jans Thür kämt mit dem Kopfe des Königs von Schottland in Eurer Hand und tausend Mann hinter Euch, um sein Blut zu rächen, daß ich nicht glaube, es würde seiner Ehre zuträglich sein, Euch Schutz zu versagen. Und was Eure Schuld oder Unschuld betrifft, so thut die nichts zur Sache – oder vielmehr, er sollte Euch um so eher schützen, wenn ihr schuldig, denn Eure Noth und seine Gefahr wären in diesem Falle um so größer. Ich muß gleich zu ihm, damit ihm keine vorschnelle Zunge Eure Ankunft hier ohne den Grund derselben meldet.« »Schade, daß ich dich bemühe,« sagte der Handschuhmacher: »aber wo liegt der Häuptling?« »Er hat sein Quartier etwa zehn Meilen von hier, und ist beschäftigt mit Angelegenheiten des Leichenbegängnisses und mit Vorbereitungen zum Kampfe – die Todten zum Grabe, die Lebenden zur Schlacht zu führen.« »Es ist ein weiter Weg, und wird Euch, um zurückzukehren, die ganze Nacht kosten,« sagte der Handschuhmacher; »und ich bin überzeugt, daß Conachar, wenn er weiß, ich sei es, der –« »Vergiß Conachar,« sagte der Hirte, den Finger auf die Lippen legend. »Und was die zehn Meilen betrifft, so sind die nur ein Hochländersprung, wenn Einer eine Botschaft zwischen seinem Freunde und seinem Häuptling trägt.« So sprechend und den Reisenden der Obhut seines ältesten Sohnes und seiner Tochter überlassend, verließ der behende Hirte sein Haus zwei Stunden vor Mitternacht, und kehrte lange vor Sonnenaufgang dahin zurück. Er störte seinen ermüdeten Gast nicht; als aber der alte Mann am Morgen aufstand, machte er ihm bekannt, daß das Begräbniß des verstorbenen Häuptlings am nächsten Tage stattfinden werde, und daß, obwohl Eachin Mac Jan einen Sachsen nicht zu dem Leichenbegängniß einladen könne, er sich doch freuen würde, denselben beim darauf folgenden Gastmahl zu empfangen. »Sein Wille muß befolgt werden,« sagte der Handschuhmacher, halb lächelnd über den Wechsel des Verhältnisses zwischen ihm und seinem Lehrling. »Der Mann ist jetzt der Gebieter, und ich hoffe, er wird sich erinnern, daß, als die Sachen anders zwischen uns standen, ich mein Ansehen nicht unfreundlich übte.« »Fürwahr, Freund!« rief der Booshalloch, »je weniger du davon sprichst, um so besser. Du wirst finden, daß du Eachin ein recht willkommener Gast bist, und der Teufel auf den, der dich in seinen Grenzen zu stören wagt. Aber leb' wohl; denn ich muß, wie es sich ziemt, zum Begräbniß des besten Häuptlings gehen, den der Clan je besaß, und des weisesten Führers, der je den süßen Zweig (Myrte) auf seine Mütze steckte. Leb' wohl auf kurze Zeit, und wenn du auf den Gipfel des Tom-an-Lonach hinter dem Hause gehen willst, so wirst du einen prächtigen Anblick haben und einen Coronach hören, der bis zur Spitze des Ben Lawers schallt. In drei Stunden wird ein Boot in einem kleinen Kanal etwa eine halbe Meile westwärts vom Ausfluß des Tay dich erwarten.« Mit diesen Worten nahm er Abschied, begleitet von seinen drei Söhnen, um das Boot zu bemannen, in welchem er sich zu den andern Leidtragenden gesellen wollte, und zwei Töchtern, deren Stimmen nöthig waren, um in die Klage einzustimmen, die gesungen oder vielmehr geschrieen wurde bei solchen Anlässen allgemeiner Trauer. Als sich Simon Glover allein befand, ging er zum Stall, um nach seinem Pferde zu sehen, welches er wohl versorgt fand mit Graddan oder Brod aus geschrotener Gerste. Diese Güte würdigte er vollkommen, denn er wußte, daß die Familie wahrscheinlich wenig von diesem Leckerbissen für sich übrig hatte, bis die nächste Ernte dürftigen Vorrath einbrächte. Mit Viehfutter waren sie wohl versehen, und der See gab ihnen Ueberfluß an Fischen für ihre Fastenspeise, welche sie nicht streng hielten; aber Brod war ein seltener Artikel im Hochland. Die Moore lieferten weiches Heu, obwohl nicht von der besten Art, aber die schottischen Pferde waren, wie ihre Reiter, an harte Kost gewöhnt. Handschuh, denn dies war der Name des Pferdes, hatte den Stall voll getrocknetes Farrenkraut als Streu und war außerdem so wohl versorgt, als es hochländische Gastfreundschaft vermochte. Simon Glover, der so seinen eigenen schmerzlichen Gedanken überlassen war, blieb, nachdem er die Bequemlichkeit seines stummen Reisegefährten gesehen, nichts übrig, als des Hirten Rath zu befolgen; und indem er gegen den Gipfel einer Anhöhe, genannt Tom-an-Lonach oder Berg der Eibenbäume, emporstieg, erreichte er nach halbstündiger Wanderung den Gipfel, und konnte den weitausgedehnten See, den die Anhöhe mit der trefflichsten Aussicht beherrschte, überschauen. Einige bejahrte und zerstreute Eichenbäume rechtfertigten noch immer den Namen des schönen grünen Hügels. Aber eine weit größere Anzahl war in der kriegerischen Zeit dem allgemeinen Verlangen nach Bogenstäben als Opfer gefallen; denn der Bogen war die gewöhnliche Waffe der Bergbewohner, obgleich ihre Bogen wie ihre Pfeile an Gestalt und Form, besonders an Wirksamkeit denen des lustigen England weit nachstanden. Die noch übrigen schwarzen und zerstreuten Eiben glichen den Resten eines gesprengten Heeres, die in Unordnung einen günstigen Posten einnehmen, mit dem festen Vorsatz, bis auf den letzten Blutstropfen auszuhalten. Hinter dieser Anhöhe, aber losgerissen von ihr, erhob sich ein höherer Hügel, zum Theil mit Gestrüpp bedeckt, zum Theil in Weidetriften sich öffnend, wo das umherirrende Vieh zwischen den Quellen und Sümpfen, von denen jetzt frisches Gras aufkeimte, dürftige Nahrung fand. Die entgegengesetzte oder nördliche Küste des Sees bot eine Aussicht dar, die weit mehr jener von den Alpen aus glich, als die, auf welcher der Handschuhmacher stand. Wälder und Gesträuche stiegen an den Seiten der Berge empor und verschwanden unter den Windungen, die die Schluchten bildeten, welche sie von einander trennten; aber weit über diese Proben eines erträglichen natürlichen Bodens erhoben sich die dunkeln und nackten Gebirge selbst in der schwarzgrauen Oede der Jahreszeit. Einige waren spitz, andere breitgipfelig, einige felsig und steil, andere von sanfteren Umrissen; und der Clan der Titanen schien von ihren eigenen Häuptlingen beherrscht zu sein – dem finstern Berge Ben Lawers und der noch erhabeneren Höhe des Ben Mohr, hoch über die andern emporragend, und deren Gipfel einen blendenden Schneehelm weit in den Sommer hinein und bisweilen das ganze Jahr hindurch tragen. Doch zeigten die Grenzen dieser wilden Waldungen, wo die Berge zu dem See sich hinabsenkten, selbst in jener frühen Zeit viele Spuren menschlicher Wohnungen. Dörfer zeigten sich, besonders an dem nördlichen Seeufer, halb in den kleinen Schluchten verborgen, aus denen Nebenflüßchen in den Taysee strömten, die, wie so Manches auf Erden, von weitem einen schönen Anblick darboten, in der Nähe aber, wegen des Mangels an Bequemlichkeiten, wie sie selbst indianische Wigwams bieten, ekelhaft und abschreckend waren. Sie waren von einem Geschlecht bewohnt, das weder den Boden anbaute, noch um die Genüsse, die der Gewerbfleiß verschafft, sich bekümmerte. Die Weiber, die sonst mit Liebe und selbst zarter Achtung behandelt wurden, verrichteten alle durchaus nöthigen häuslichen Arbeiten. Die Männer übten, außer dem verhaßten Gebrauch eines schlechtgeformten Pflugs, oder noch gewöhnlicher eines Spatens, mit dem sie murrend und wie mit einer Sache umgingen, die weit unter ihnen stände, kein anderes Geschäft, als das Hüten ihrer schwarzen Rinderheerden, worin ihr Reichthum bestand. Außerdem jagten, fischten oder streiften sie immer, während der kurzen Friedenszeit, zum Zeitvertreib; plünderten mit frecher Zügellosigkeit und fochten mit stolzer Erbitterung zur Zeit des Krieges, der, mocht' er nun öffentlich oder Privatfehde, von größerer oder geringerer Ausdehnung sein, das eigentliche Geschäft ihres Lebens bildete, und das einzige, welches sie ihrer würdig achteten. Der prächtige Busen des Sees selbst gewährte einen entzückenden Anblick. Seine stattliche Breite, nebst seinem Ausgang in einen vollen und schönen Strom, ward noch malerischer durch eine jener Inseln, die oft so glücklich in den schottischen Seen gelegen sind. Die Ruinen dieser Inseln, jetzt fast formlos und mit Holz überwachsen, erhoben sich in der Zeit, von welcher wir sprechen, zu den Thürmen und Zinnen einer Abtei, wo die Reste Sibilla's, Tochter Heinrichs I. von England und Gemahlin Alexanders I. von Schottland, ruhten. Diese heilige Stätte wurde genug in Ehren gehalten, um der Ruheplatz der Reste des Häuptlings vom Clan Quhele zu sein, wenigstens bis die Entfernung der Gefahr, die jetzt so nahe drohte, es erlauben würde, seinen Leichnam in ein ausgezeichnetes Kloster im Norden zu bringen, wo er schließlich bei all' seinen Ahnen ruhen sollte. Eine Anzahl Boote stieß von verschiedenen Punkten des nahen und ferneren Gestades ab, viele Trauerfahnen entfaltend, und andere mit ihren verschiedenen Pfeifern, die von Zeit zu Zeit einige Töne schrillen, traurigen und beklagenden Charakters hören ließen, und dem Handschuhmacher somit anzeigten, daß die Ceremonie vor sich gehen sollte. Diese Klagetöne waren nur das Vorspiel der Instrumente in Vergleich mit der allgemeinen Klage, die sogleich erhoben werden sollte. Weit vom See herauf hörte man einen feinen Ton, der aus den entfernten und abgelegenen Thälern zu kommen schien, aus denen der Dochart und der Lochy ihre Fluthen in den Taysee ergießen. Es war an einem wilden, unzugänglichen Orte, – wo die Campells in einer spätern Zeit ihre starke Veste Finlayrigg gründeten, – daß der muthige Gebieter des Clans Quhele seinen letzten Athemzug that; und um seinem Leichenbegängniß die gebührende Feierlichkeit zu geben, ward sein Körper nun den See herab nach der Insel geführt, die seine einstweilige Ruhestätte sein sollte. Die Leichenflotte, von des Häuptlings Boote, aus welchem eine ungeheure schwarze Fahne wallte, geführt, hatte mehr als zwei Drittel des Weges zurückgelegt, ehe man von der Anhöhe, wo Simon Glover stand, die Feierlichkeit übersehen konnte. Sobald der entfernte Klageton des Coronach, der von den Leuten auf der Leichenbarke ausging, gehört wurde, schwiegen auf einmal alle geringern Wehklagen, wie der Rabe zu krächzen und der Habicht zu pfeifen aufhört, wenn das Geschrei des Adlers gehört wird. Die Boote, welche auf dem See, wie eine Heerde Wasservögel, zerstreut umhergefahren waren, zogen sich nun mit einer Art von Ordnung zusammen, damit die Leichenflotte voran ginge und sie selbst an ihre gehörigen Plätze kämen. Indessen wurde der durchdringende Ton der Kriegspfeifen lauter und lauter, und das Geschrei von den zahllosen Booten, die demjenigen folgten, aus dem das schwarze Banner des Häuptlings wehete, erhob sich in wildem Einklang zu dem Tom-an-Lonach, auf dem Glover das Schauspiel betrachtete. Die Galeere, welche den Zug anführte, trug auf dem Hintertheil ein Gerüst, worauf in weiße Leinewand gewickelt, das Gesicht blos, der Leichnam des gestorbenen Häuptlings ausgestellt war. Sein Sohn und die nächsten Verwandten befanden sich auf dem Fahrzeuge, während eine große Menge Boote jeder Art, so viel ihrer auf dem Taysee selbst, oder auf Landwegen vom Earnsee oder sonst woher zusammengebracht werden konnten, zum Theil schwachgebaute Fahrzeuge, hinten nachfolgten. Es waren selbst Curraghs hier, aus Ochsenhäuten bestehend, die man nach der Art der alten Britten über Weidenstämme spannte; Einige vertrauten sich sogar Flößen, die man aus dem nächsten, dem besten Holze so leicht zusammengefügt hatte, daß es wahrscheinlich wurde, es dürften, ehe die Reise zu Ende sei, einige der Clansleute den verstorbenen Häuptling in die Geisterwelt begleiten. Als die Hauptflottille der kleinern Gruppe von Booten, die sich am Ende des Sees sammelten und von der kleinen Insel abfuhren, zu Gesicht kam, begrüßten sie einander mit einem Geschrei, so laut und allgemein und in einem so seltsam verlängerten Tonfall endend, daß nicht allein das Wild meilenweit in der Runde aus seinen Klüften aufgeschreckt ward, sondern selbst das an die Stimme des Menschen gewöhnte Hausvieh all' den panischen Schrecken empfand, den das menschliche Geschrei auf wildere Stämme macht, und von seinen Weiden in Moräste und Gebüsche floh. Durch diese Klänge aus ihrem Kloster gerufen, begannen die Mönche, welche die kleine Insel bewohnten, aus ihrem niedrigen Thore zu treten, mit Kreuz und Fahne und mit so viel kirchlicher Pracht, als sie zu entfalten vermochten; zu gleicher Zeit mischte sich der Klang ihrer Glocken, deren das Gebäude drei besaß, das Todtengeläute über den weiten See hallend, welches in's Ohr der nun schweigenden Menge tönte, mit dem feierlichen Gesange der katholischen Kirche, den die Mönche in ihrer Prozession anstimmten. Verschiedene Ceremonien fanden Statt, während die Verwandten des Verblichenen den Leichnam an's Land trugen, auf eine hierzu längst geweihte Bank legten und dem alten Brauche gemäß den Deafil um ihn machten. Als der Leichnam aufgehoben wurde, um in die Kirche getragen zu werden, brach ein neues Geschrei von der versammelten Menge aus, in welchem die tiefe Stimme der Krieger und das gellende Klagegeschrei der Weiber mit der zitternden Stimme der Greise und dem stammelnden Geschrei der Kinder sich verband. Der Coronach wurde wieder und zum letzten Male geschrieen, als der Leichnam in das Innere der Kirche gebracht wurde, wo nur die nächsten Verwandten des Verblichenen und die ausgezeichnetsten Führer des Clans eintreten durften. Das letzte Wehgeschrei war so schrecklich laut und von so viel hundert Echos beantwortet, daß der Bürger von Perth unwillkürlich seine Hände zu den Ohren erhob, um einen so durchdringenden Schall abzuhalten, oder wenigstens zu dämpfen. Er behielt diese Stellung, während Habichte, Eulen und andere Vögel, durch das wilde Geschrei gestört, anfingen sich in ihre Schlupfwinkel zu setzen, als beim Wegziehen seiner Hand eine Stimme dicht neben ihm sagte: »Haltet Ihr dies, Simon Glover, für eine Hymne der Demuth und des Lobes, womit es ziemt, einen armen verlorenen Mann, ausgeworfen aus seiner irdischen Hülle, vor's Angesicht seines Schöpfers zu senden?« Der Handschuhmacher drehte sich um, und es ward ihm nicht schwer, in dem alten Manne, der mit langem weißem Barte dicht neben ihm stand, an dem hellen sanften Auge und der wohlwollenden Miene, den Karthäusermönch Vater Clemens wiederzuerkennen, der nicht mehr seine klösterlichen Kleider trug, sondern in einen Friesmantel gehüllt war und eine Hochländermütze trug. Man muß sich erinnern, daß der Handschuhmacher diesen Mann mit einem aus Achtung und Mißfallen gemischten Gefühle betrachtete, – mit Achtung, die sein Verstand der Person und dem Charakter des Mönchs nicht versagen konnte, und mit Mißfallen, welches aus Pater Clemens eigenthümlichen Lehren entstand, welche die Ursache der Verbannung seiner Tochter und seiner eigenen Bedrängniß waren. Es war daher nicht mit dem Gefühle reiner Zufriedenheit, daß er den Gruß des Paters erwiderte, und er sagte auf die wiederholte Frage, was er von dem Leichenbegängniß halte, das auf so wilde Art vollzogen werde: – »Ich weiß nicht, mein guter Vater; aber diese Leute thun ihre Pflicht gegen den verstorbenen Häuptling nach der Gewohnheit ihrer Vorfahren. Sie wollen den Schmerz über den Verlust ihres Freundes ausdrücken und ihr Gebet zum Himmel für ihn erheben, und was mit gutem Willen geschieht, muß, wie mich dünkt, günstig aufgenommen werden. Wäre es anders gewesen, so denk' ich, sie wären schon längst zu etwas Besserem erleuchtet worden.« »Du täuschest dich,« antwortete der Mönch. »Gott hat sein Licht unter uns Alle gesendet, obwohl in verschiedenem Maße; aber der Mensch schließt absichtlich die Augen und zieht Finsterniß vor. Dies umnachtete Volk mischt mit dem Ritual der römischen Kirche die alten heidnischen Ceremonien seiner Väter, und vereinigt so mit den Abscheulichkeiten einer durch Reichthum und Macht verdorbenen Kirche die grausamen und blutigen Gebräuche des rohen Heidenthums.« »Vater,« sagte Simon kurz, »mich dünkt, Eure Gegenwart wäre nützlicher in jener Kapelle, um Euren Brüdern bei Verrichtung ihres kirchlichen Amtes zu helfen, als um den Glauben eines demüthigen, obwohl unwissenden Christen, wie ich bin, zu stören und wankend zu machen.« »Und warum, guter Bruder, sollte ich deine Glaubensgrundsätze wankend machen wollen?« antwortete Clemens. »So wahr mir der Himmel helfe, wäre mein Herzblut nöthig, um die Seele eines Menschen an die heilige Religion, die er bekennt, zu knüpfen, es sollte dafür frei verströmen.« »Eure Rede ist schön, Vater, ich gesteh' es,« sagte der Handschuhmacher; »aber wenn ich die Lehre nach den Früchten beurtheile, so hat mich der Himmel durch die Hand der Kirche gestraft, indem ich darauf hörte. Eh' ich Euch hörte, war mein Beichtvater wenig bekümmert, obwohl ich gestehen möchte, daß ich etwa ein Wort auf der Bierbank habe fallen lassen, wenn auch ein Mönch oder eine Nonne der Gegenstand sein mochte. Als ich einmal den Pater Hubert einen bessern Hasen- als Seelenjäger genannt hatte, so beichtete ich es dem Pfarrer Weinsauf, welcher lachte und mich eine Rechnung zur Buße bezahlen ließ, – oder wenn ich sagte, der Pfarrer Weinsauf sei seinem Becher treuer, als seinem Brevier, so beichtete ich es beim Vater Hubert, und ein neuer Falkenhandschuh machte Alles wieder gut; so lebte ich, mein Gewissen und Mutter Kirche in Friede, Freundschaft und gegenseitiger Verträglichkeit miteinander. Aber seit ich Euch gehört habe, Vater Clemens, ist diese angenehme Verbindung in Stücke gebrochen, und nichts donnert in mein Ohr, als Fegfeuer in jener und Scheiterhaufen in dieser Welt. Darum geht weg von mir, Vater Clemens, oder sprecht mit Solchen, die Eure Lehre verstehen können. Ich habe nicht das Herz, ein Märtyrer zu werden, und habe nie in meinem Leben Muth genug gehabt, ein Licht mit den Fingern zu putzen; und, die Wahrheit zu gestehen, ich bin gesonnen, nach Perth zurückzugehen, beim geistlichen Gerichtshof mir Verzeihung auszuwirken, meinen Scheiterhaufen zum Zeichen des Widerrufs an den Fuß des Galgens zu tragen und mir den Namen eines guten Katholiken wieder zu erkaufen, wäre es auch um den Preis alles weltlichen Reichthums, der mir übrig ist.« »Ihr seid unwillig, mein theuerster Bruder,« sagte Clemens; »und einer geringen irdischen Gefahr und eines geringen irdischen Verlustes wegen gereuen Euch die guten Gedanken, die Ihr einst unterhieltet.« »Ihr könnt leicht so sprechen, Vater Clemens, da Ihr, wie ich denke, schon längst dem Reichthum und den Gütern der Welt entsagt habt und vorbereitet seid, das Leben, wenn es verlangt wird, für die Lehre, die ihr predigt und glaubt, hinzugeben. Ihr seid so bereit, das Pechhemd und die Schwefelmütze anzulegen, als ein nackter Mann, in sein Bett zu gehen, und es könnte scheinen, Ihr hättet nicht viel mehr Widerwillen gegen die Ceremonie. Aber ich habe noch immer Etwas, was mir anhängt. Mein Reichthum ist noch mein eigen, und ich danke dem Himmel, daß er ein anständiges Auskommen gewährt – mein Leben ist überdies das eines gesunden alten Mannes von sechzig, der nicht eilen will, es zu Ende zu bringen. – Und wär' ich auch so arm, wie Hiob, und am Rande des Grabes, müßt' ich nicht immer an meiner Tochter hängen, der Eure Lehren schon so theuer zu stehen gekommen sind?« »Deine Tochter, Freund Simon,« sagte der Karmeliter, »kann wirklich ein Engel auf Erden genannt werden.« »Ja; und weil sie auf Eure Lehren hörte, Vater, wird sie nun wahrscheinlich bald ein Engel im Himmel heißen, und aus einem feurigen Wagen dorthin geschickt werden.« »Ach, mein guter Bruder,« sagte Clemens, »ich bitte dich, laß ab von dem zu sprechen, wovon du wenig verstehst. Da es Zeitverschwendung wäre, dir das Licht zu zeigen, gegen welches du sprichst, so höre nur, was ich in Betreff deiner Tochter zu sagen habe, deren zeitliches Glück, obwohl ich es durchaus nicht gegen das geistige abwägen möchte, trotzdem dem Clemens Blair so theuer ist, als ihrem eigenen Vater.« Thränen standen dem alten Manne im Auge, während er sprach, und Simon Glover war etwas erweicht, als er ihn wieder anredete. »Man könnte dich, Vater Clemens, für den freundlichsten und liebenswürdigsten Mann halten; wie kommt es denn, daß deinen Schritten allgemeines Mißfallen folgt, wohin du sie auch wenden magst? Ich wollte mein Leben wetten, du hast bereits jenes Dutzend armer Mönche in ihrem wasserumgürteten Käfig zu beleidigen versucht, und sie haben dir deshalb die Theilnahme am Leichenbegängniß verboten!« »Allerdings, mein Sohn,« sagte der Karthäuser, »und ich zweifle, daß ihre Bosheit mich länger in diesem Lande dulden wird. Ich sagte nur einige Worte über den Aberglauben und die Thorheit, St. Fillians Kirche zu besuchen, um mittelst ihrer Glocke Diebstahl zu entdecken – wahnsinnige Kranke in seinem Teiche zu baden, um ihre Geistesschwachheit zu heilen – und siehe, die Verfolger haben mich aus ihrer Gemeinschaft gestoßen, wie sie mich bald aus diesem Leben stoßen werden.« »Da habt Ihr's nun,« sagte der Handschuhmacher; »seht, wie es mit einem Manne geht, der keine Warnung hören kann. Nun, Vater Clemens, die Leute werden mich nicht ausstoßen, so lang' ich nicht Euer Gefährte bin; ich bitte Euch daher, sagt mir, was Ihr von meiner Tochter zu sagen habt, und laßt uns weniger Nachbarn sein, als wir's gewesen sind.« »Nun, Bruder Simon, so hab' ich dir dies bekannt zu machen. Dieser junge Häuptling, der von Stolz auf seine eigene Macht und Ehre aufgeblasen ist, liebt einen Gegenstand mehr denn Alles, und das ist Eure Tochter.« »Ha, Conachar!« rief Simon. »Mein entlaufener Lehrling wagt, zu meiner Tochter emporzusehen!« »Ach,« sagte Clemens, »wie fest sitzt Euer weltlicher Stolz, ganz wie Epheu, der sich an die Mauer klammert und nicht abgelöst werden kann! – Empor sehen zu deiner Tochter, guter Simon? Ach nein! der Häuptling des Clans Quhele, groß, wie er ist, und größer, als er bald zu sein erwartet, blickt nieder zur Tochter des Bürgers von Perth und glaubt sich dadurch erniedrigt. Aber, um seinen eigenen profanen Ausdruck zu brauchen, Katharina ist ihm theurer, als das Leben hier und der Himmel jenseits – er kann nicht ohne sie leben.« »So mag er sterben, wenn er will,« sagte Simon Glover, »denn sie ist einem ehrsamen Bürger von Perth verlobt; und mein Wort möcht' ich nicht brechen, um meine Tochter zur Braut des Prinzen von Schottland zu machen.« »Ich dachte, daß Ihr so antworten würdet,« erwiderte der Mönch; »ich wollte, werther Freund, du könntest in deinen geistlichen Angelegenheiten nur einen Theil des kühnen und entschlossenen Muthes anwenden, womit du deine weltlichen Geschäfte leitest.« »Still – still, Vater Clemens!« antwortete der Handschuhmacher; »wenn du in dies Kapitel geräthst, so riechen deine Worte nach brennendem Pech, und diesen Duft lieb' ich nicht. Was Katharina betrifft, so muß ich mich benehmen, so gut ich kann, um den jungen Würdenträger nicht zu beleidigen; aber es ist gut für mich, daß sie weit außer seinem Bereich ist.« »Dann muß sie in der That fern sein,« sagte der Karmeliter. »Und nun, Bruder Simon, da du es für gefährlich hältst, mich und meine Meinungen anzuerkennen, so muß ich allein mit meinen Lehren und den Gefahren gehen, die sie auf mich ziehen. Aber sollte Euer Auge, minder verblendet, als es jetzt durch weltliche Hoffnung und Furcht ist, je einen Blick auf ihn wenden, der bald von Euch gerissen sein kann, so erinnert Euch, daß Clemens Blair durch nichts als sein tiefes Gefühl der Wahrheit und Wichtigkeit der Lehre, die er vortrug, dazu gebracht werden konnte, dem Stolze der Mächtigen und Verhärteten entgegenzutreten, ja ihn herauszufordern, die Furcht des Argwöhnischen und Schüchternen aufzuschrecken, in der Welt umher zu gehen, an der er keinen Theil hatte, und für wahnsinnig gehalten zu werden, weil er, wo möglich, Gott Seelen gewinnen wollte. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich Alles, was recht ist, thun will, um die Liebe und das Gefühl meiner Mitmenschen zu gewinnen! Es ist keine leichte Sache, von dem Würdigen als ein Angesteckter vermieden, von den Pharisäern des Tages als ein Ungläubiger verfolgt, mit Abscheu und Verachtung von dem Pöbel, der mich für einen Wahnsinnigen hält, dessen unglückliches Ende er erwartet, angesehen zu werden. Aber mögen auch alle diese Uebel hundertfach vermehrt werden, das Feuer in mir darf nicht verlöschen, und die innere Stimme, die mich sprechen heißt, muß Gehorsam finden. Wehe mir, wenn ich nicht das Evangelium predige, selbst wenn ich es am Ende mitten unter des Scheiterhaufens Flammen predigen sollte!« So sprach dieser kühne Zeuge; einer von denen, die der Himmel von Zeit zu Zeit aufstehen ließ, eine Darlegung des unverfälschten Christenthums, von der Zeit der Apostel bis zu den Tagen, wo, durch die Erfindung der Buchdruckerkunst begünstigt, die Reformation in vollem Glanze ausbrach, in den unwissendsten Zeitaltern zu bewahren, und den darauffolgenden zu überliefern. Die selbstsüchtige Klugheit des Handschuhmachers wurde seinen eigenen Augen enthüllt, und er kam sich selbst verächtlich vor, als er den Karmeliter in aller Heiligkeit der Entsagung sich von ihm wenden sah. Er empfand sogar eine momentane Neigung, dem Beispiele des Predigers der Menschenliebe und des uneigennützigen Eifers zu folgen; aber der Gedanke fuhr nur wie ein Blitzstrahl durch ein finsteres Gewölbe, wo nichts liegt, um den Strahl aufzufangen; und langsam stieg er den Hügel hinab in einer andern Richtung, als der des Karthäusers, indem er ihn und seine Lehren vergaß, und sich in sorgenvolle Gedanken über seines Kindes Schicksal und sein eigenes versenkte. \</p\> \<p\>\&nbsp;\</p\> \<p\> Achtundzwanzigstes Kapitel. Braucht der Eroberer mehr, als daß ihn groß Der feile Griffel der Geschichte heißt, Und auf dem Grab' ein stattlich Denkmal bloß? Nicht minder warm hofft' er, Gut barg wie Muth ein Geist. Byron. Nachdem das Leichenbegängniß vorüber war, bereitete sich dieselbe Flottille, die in feierlicher und düsterer Pracht den See herabgefahren war, mit wehenden Fahnen und jeder Aeußerung von Lust und Freude zurückzukehren; denn es war nur kurze Zeit vorhanden, um Festlichkeiten zu feiern, da der furchtbare Kampf zwischen dem Clan Quhele und dessen gefürchtetsten Nebenbuhlern so nahe bevorstand. Man hatte daher beschlossen, daß das Leichenfest mit dem der Einführung des jungen Häuptlings verbunden werden sollte. Man hatte einige Einwendungen gegen diese Anordnung, die eine üble Vorbedeutung enthalten sollte, gemacht. Auf der andern Seite aber hatte sie etwas Empfehlendes für sich, gemäß den Sitten und der Gefühlsweise der Hochländer, die bis auf diesen Tag gewohnt sind, in gewissem Grade feierliche Freude mit ihrer Trauer und etwas Melancholisches mit ihrer Freude zu verbinden. Die gewöhnliche Abneigung, an die Geliebten zu denken oder von ihnen zu sprechen, die man verlor, ist diesem ernsten und enthusiastischen Volke minder bekannt, als andern. Man hört nicht nur die Jüngeren (wie es überall gewöhnlich ist) die Verdienste und den Charakter der Aelteren erwähnen, die, dem Laufe der Natur nach, vor ihnen abgeschieden sind; sondern der verwaiste Theil redet auch im gewöhnlichen Gespräch von dem verlorenen Gatten, und, was noch befremdender ist, die Eltern spielten oft auf die Stärke und Schönheit des Kindes an, welches sie begraben haben. Die schottischen Hochländer scheinen die Trennung der Freunde durch den Tod als etwas minder Unbedingtes und Vollständiges zu betrachten, als wofür man in andern Gegenden sie hält, und sie sprechen von den theuren Verwandten, die vor ihnen in's Grab gesenkt wurden, als hätten sie eine lange Reise angetreten, in der sie ihnen bald selbst folgen müßten. Das Leichenfest, welches eine allgemeine Sitte durch ganz Schottland war, wurde daher nach der Meinung derer, die daran Theil hatten, bei der gegenwärtigen Gelegenheit nicht unschicklich mit den Festlichkeiten verbunden, welche die Erbfolge der Häuptlingschaft feierten. Die Barke, die den Todten nur erst zu Grabe getragen, führte nun den jungen Mac Jan zu seinem neuen Herrschersitz, und die Minstrels ließen ihre fröhlichsten Weisen ertönen, da sie kaum noch die schmerzlichsten Todtenlieder, als sie Gilchrist zu Grabe begleiteten, gesungen hatten. Von der begleitenden Flottille erschollen Töne des Triumphs und Jubels, statt der Klagetöne, welche eben noch den Wiederhall des Tay-Sees aufgestört hatten; und tausend Stimmen begrüßten den jugendlichen Häuptling, der auf dem Hintertheile des Schiffes stand, vollständig bewaffnet, in der Blüthe der Jugend, Schönheit und Kraft, an der nämlichen Stelle, wo kaum vorher seines Vaters Leichnam ausgestreckt lag, und umgeben von triumphirenden Freunden, wie jener von verzweifelnden Leidtragenden. Ein Boot hielt ganz nahe bei dem Ehrenschiff der Flottille. Torquil von der Eiche, ein grauer Riese, war Steuermann, und seine acht Söhne, die alle größer als ein gewöhnlicher Mann waren, führten die Ruder. Wie ein gewaltiger und werthgehaltener Wolfshund, von der Kuppel gelöst und um seinen gütigen Herrn herumspringend, fuhr das Boot der Pflegebrüder bald auf der einen, bald auf der andern Seite der Häuptlingsbarke vorbei, und ruderte auch um sie herum, im Uebermaß der Freude; wodurch zugleich die Brüder, mit der eifersüchtigen Wachsamkeit des genannten Thieres für jedes andere Boot der Flottille es gefährlich machten, so nahe an sie zu kommen, weil es sonst befürchten mußte, durch ihre heftigen und rastlosen Manövers in Grund gebohrt zu werden. Zu einem hohen Range im Clan durch die Erbfolge ihres Pflegebruders im Oberbefehl des Clans Quhele erhoben, bezeugten sie durch jene lärmende und beinahe schreckliche Weise ihren besondern Antheil an ihres Häuptlings Triumph. Weit hinten und mit ganz andern Gefühlen, wenigstens auf Seiten Eines in der Gesellschaft, kam das kleine Boot, worin, bemannt vom Booshalloch und einem seiner Söhne, Simon Glover ein Reisender war. »Wenn wir bis an's Ende des See's sollen,« sagte Simon zu seinem Freunde, »so werden wir kaum in mehreren Stunden dort sein.« Aber als er so sprach, ließ die Mannschaft des Bootes der Pflegebrüder auf ein Zeichen von des Häuptlings Galeere die Ruder ruhen, bis des Booshallochs Boot heran kam, und indem sie ein Seil von Leder an Bord warfen, welches Niel an der Spitze seines Fahrzeugs befestigte, setzten sie ihre Ruder wieder in Bewegung; und trotzdem, daß sie das kleine Boot im Schlepptau hatten, flogen sie doch über den See fast mit derselben Schnelligkeit wie zuvor. Das Fahrzeug wurde mit einer Geschwindigkeit fortgezogen, die es in Gefahr zu setzen schien, unter das Wasser gerissen zu werden oder das Vordertheil von den übrigen Balken zu trennen. Simon Glover sah mit Besorgniß die rücksichtslose Heftigkeit ihres Laufes, und daß der Rand des Bootes bisweilen nur ein oder zwei Zoll über dem Wasser war; und obwohl sein Freund Niel Booshalloch ihn versicherte, daß Alles zu seiner besondern Ehre geschehe, so wünschte er doch herzlich das sichere Ende der Reise. Dies ward erreicht, und zwar viel eher, als er ahnte; denn der Ort der Festlichkeiten war nicht vier Meilen von der Begräbnißinsel entfernt, und so gewählt, daß er zu der Reise des Häuptlings paßte, die dieser südwärts antreten wollte, sobald das Bankett vorüber sein würde. Eine Bucht auf der Südseite des Taysees bot eine schöne Bank funkelnden Sandes dar, wo die Boote leicht landen konnten, und eine trockene, mit Rasen bedeckte Weide, die für die Jahreszeit ziemlich grün war, rings um welche sich hohe Ufer, mit Gebüschen bedeckt, erhoben, woselbst die verschwenderischen Zurüstungen, die zum Mahle gemacht worden, sichtbar waren. Die Hochländer, wohlbekannt als geübte Zimmerleute, hatten eine lange Halle oder ländlichen Speisesaal errichtet, fähig, zweihundert Menschen zu fassen, nebst einer Anzahl kleinerer Hütten ringsum, die zu Schlafgemächern bestimmt schienen. Die Pfeiler, Kuppeln und Sparren des einstweiligen Saales waren aus Bergfichten, die ihre Rinde noch trugen. Das Getäfel der Seiten war von Brettern oder Balken desselben Materials, von laubigen Zweigen der Tannen und anderer immergrüner Bäume, die der benachbarte Forst bot, durchzogen, während die Hügel eine Menge Haidekraut hergegeben hatten, um das Dach zu bilden. In diesen Waldpalast waren die bedeutendsten Personen eingeladen, um das hohe Fest zu feiern. Andere, minder bedeutende, sollten in langen Schuppen speisen, die mit weniger Sorgfalt gebaut waren; und Tafeln von Rasen oder rauhen Brettern, die in der freien Luft standen, wurden der zahllosen Menge angewiesen. In einiger Entfernung sah man Haufen von glühenden Kohlen oder brennendem Holz, um welche zahllose Köche arbeiteten, lärmten und sich tummelten, wie ebenso viele Teufel, die in ihrem natürlichen Elemente sind. Gruben, die in den Hügel eingegraben und von heißen Steinen umgeben waren, dienten dazu, eine ungeheure Anzahl von Rindfleisch, Hammeln und Wildpret zu braten – hölzerne Spieße trugen Schafe und Gemsen, welche ganz geröstet wurden. Andere wurden in Stücke geschnitten und in Kessel geworfen, die aus des Thieres eigenen Häuten gemacht, schnell zusammengenäht und mit Wasser gefüllt waren; während eine große Anzahl Hechte, Forellen, Lachse und Schare mit mehr Umständlichkeit in glühender Asche geröstet wurden. Der Handschuhmacher hatte viele hochländische Gastmähler gesehen, aber nie eins, dessen Zubereitungen eine so barbarische Verschwendung zeigten. Er hatte indeß wenig Zeit, die Scene ringsum zu bewundern, denn sobald sie auf der Bank landeten, bemerkte der Booshalloch mit einiger Verlegenheit, daß, da sie nicht zur Tafel des Gebieters gebeten waren, zu welcher er eine Einladung erwartet zu haben schien, sie am besten thun würden, sich einen Platz in den niedern Hütten oder Buden zu sichern; er trat mit seinem Gaste den Weg dorthin an, als ihn einer von den Leibwachen anhielt, der das Amt eines Ceremonienmeisters zu versehen schien, und ihm Etwas in's Ohr flüsterte. »So dacht' ich,« sagte der Hirt, sehr getröstet, »ich dachte, daß weder der Fremde noch der Mann von meinem Amte von der Haupttafel ausgeschlossen sein könnte. Sie wurden daher in die große Halle geführt, in welcher lange Reihen von Tischen meist schon von Gästen eingenommen waren, während diejenigen, welche den Dienst versahen, ihnen reichlichen aber rohen Vorrath des Mahles vorsetzten. Der junge Häuptling, obwohl er gewiß den Hirten und den Handschuhmacher eintreten sah, grüßte doch Keinen von Beiden besonders, und ihre Plätze wurden ihnen in einer entfernten Ecke angewiesen, weit unter dem Salzfaß (einer großen alterthümlichen Silberschüssel), dem einzigen Gegenstande von Werth, den die Tafel zeigte, und der von dem Clan wie eine Art Palladium betrachtet wurde, gezeigt und gebraucht nur bei den feierlichsten Gelegenheiten, wie bei der gegenwärtigen. Der Booshalloch, etwas unzufrieden, flüsterte, als er seinen Platz einnahm, Simon zu: »Die Zeiten haben sich geändert, Freund. Sein Vater, dessen Seele ruhen möge, würde uns Beide angesprochen haben; aber das sind schlechte Sitten, die er im Niederlande unter Euch Sachsen gelernt hat.« Auf diese Bemerkung hielt der Handschuhmacher eine Erwiderung nicht für nöthig; statt derselben betrachtete er das Immergrün und besonders die Felle und andern Zierrathen, womit das Innere der Halle geschmückt war. Der merkwürdigste Theil dieser Zierrathen war eine Anzahl hochländischer Panzerhemden, nebst Stahlhauben, Streitäxten und zweihändigen Schwertern, die rings um den obern Theil des Gemachs hingen, zugleich neben reichverzierten Schildern. Jedes Panzerhemd hing über einer wohlgeputzten Hirschhaut, welche die Rüstung vortheilhaft zeigte und sie zugleich vor dem Rauche schützte. »Dies,« flüsterte der Booshalloch, »sind die Waffen der erwählten Streiter des Clans Quhele. Es sind, wie du siehst, neunundzwanzig, und Eachin selbst ist der dreißigste, der seine Rüstung heut' trägt, sonst würden dreißig dahängen. Und er hat überhaupt keinen so guten Harnisch bekommen, als er am Palmsonntag tragen sollte. Jene neun Harnische von so bedeutender Größe sind für die Leichtach oder Leibwache, von der man so viel erwartet.« »Und jene hübschen Hirschhäute,« sagte Simon, in welchem der Geist seines Berufes beim Anblick der Güter seines Gewerbes erwachte, – »glaubt Ihr, der Häuptling werde geneigt sein, sie zu verkaufen? Man sucht sie zu den Wämsern, welche die Ritter unter der Rüstung tragen.« »Bat ich Euch nicht,« sagte der Booshalloch, »nichts von dem Gegenstande zu erwähnen?« »Ich sprach von den Panzerhemden,« sagte Simon, – »darf ich fragen, ob eines davon von unserm berühmten Perther Waffenschmied, genannt Harry vom Wynd, gefertigt ist?« »Du fragst unglücklicher, als vorher,« sagte Niel; »jenes Mannes Name ist für Eachins Gemüth wie ein Wirbelwind auf dem See; doch weiß Niemand, aus welchem Grunde.« »Ich kann mir's denken,« dachte unser Handschuhmacher, sprach aber den Gedanken nicht aus; und nachdem er zwei Mal unerfreuliche Gegenstände der Unterhaltung berührt hatte, schickte er sich, gleich den Uebrigen um ihn her, an, das Mahl zu genießen, ohne einen neuen Gegenstand anzuregen. Wir haben so viel von den Zurüstungen gesagt, daß der Leser daraus schließen kann, daß das Fest hinsichtlich der Beschaffenheit der Speisen von der rohesten Art war, indem es hauptsächlich aus großen Fleischstücken bestand, die mit wenig Rücksicht auf die Fastenzeit verzehrt wurden, obwohl mehrere der Mönche des Inselklosters die Tafel durch ihre Gegenwart ehrten und weiheten. Die Schüsseln waren von Holz, ebenso die mit Reifen umgebenen Kelche oder Becher, aus welchen die Gäste ihr Getränk und die Fleischbrühe, die man für etwas Leckerhaftes hielt, tranken. Es waren auch verschiedene Milchspeisen da, die man hochschätzte und aus ähnlichen Gefäßen genoß. Brod war der seltenste Artikel bei der Mahlzeit; aber der Handschuhmacher und sein Wirth wurden mit einigen dünnen Stückchen, die besonders zu ihrem Gebrauch gereicht wurden, versehen. Beim Essen, wie es durch ganz Britannien der Fall war, gebrauchten die Gäste ihre Messer, genannt Skenes, oder die großen Dolche, welche Dirks hießen, ohne sich durch den Gedanken stören zu lassen, daß sie vielleicht ganz anderen oder verderblichen Zwecken dienen könnten. Am obern Ende der Tafel stand ein leerer Sessel, ein oder zwei Stufen über dem Boden erhaben. Er war mit einem Baldachin von Hollunder- und Epheuzweigen überdeckt, und dabei lehnte ein Schwert in der Scheide und ein zusammengefaltetes Banner. Dies war der Sitz des verstorbenen Häuptlings gewesen, der ihm zu Ehren leer blieb. Eachin nahm einen niedrigen Stuhl zur Rechten des Ehrenplatzes ein. Der Leser würde sich sehr irren, wenn er aus dieser Schilderung die Vermuthung herleiten wollte, als hätten sich die Gäste wie eine Heerde hungriger Wölfe betragen, die auf ein ihnen seltenes Mahl losstürzten. Im Gegentheil, der Clan Quhele betrug sich mit der Art höflicher Zurückhaltung und Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse Anderer, welche oft bei Urvölkern, besonders solchen, die stets unter Waffen sind, gefunden wird, weil eine allgemeine Beobachtung der Regeln der Höflichkeit nothwendig ist, um Streit, Blutvergießen und Mord zu verhüten. Die Gäste nahmen die Plätze ein, die von Torquil von der Eiche, der als Marschall Taeh , d.h. Tafelmeister, auftrat, durch die Berührung mit einem weißen Stabe, ohne ein Wort zu sprechen, ihnen angewiesen wurden. Als so die Gesellschaft in Ordnung saß, wartete man geduldig aus die angewiesene Portion, die von dem Leichtach unter sie vertheilt wurde; die tapfersten Männer oder ausgezeichnetsten Krieger des Stammes wurden doppelt versehen, was man bezeichnend Bieyfir oder Antheil eines Mannes nannte. Als die Tafelmeister Jedermann bedient sahen, nahmen sie selbst ihre Plätze beim Gastmahl ein, und wurden mit einer dieser größeren Portionen versehen. In die Nähe jedes Mannes wurde Wasser gestellt, und eine Handvoll weiches Moos diente als Tafeltuch, so daß die Hände, wie bei einem morgenländischen Mahl, so oft gewaschen wurden, als die Gerichte wechselten. Zur Unterhaltung recitirte der Barde das Lob des verstorbenen Häuptlings und drückte das Vertrauen des Clans auf die aufblühenden Tugenden des Nachfolgers aus. Der Seanachin recitirte die Genealogie des Stammes, die sie bis zum Geschlecht der Dalriads zurückführten; die Harfner spielten im Saale, während die Kriegspfeifen draußen die Menge ergötzten. Die Unterhaltung unter den Gästen war ernst, würdevoll und höflich – kein Scherz überschritt die Grenzen eines freundlichen Spaßes, nur berechnet, ein flüchtiges Lächeln zu erregen. Man erhob die Stimmen nicht und kein Streit fand statt; und Simon Glover hatte hundert Mal mehr Lärm bei einem Innungsmahl in Perth gehört, als bei dieser Gelegenheit zweihundert wilde Hochländer erregten. Selbst das Getränk schien die Gesellschaft nicht über den Ton anständigen Ernstes aufzuregen. Es war von verschiedener Art – Wein erschien in sehr geringer Menge und ward nur den vorzüglichsten Gästen gereicht, unter deren geehrte Zahl wieder Simon Glover gehörte. Der Wein und die beiden Weizenbrote waren in der That die einzigen Zeichen von Beachtung, die er während des Mahles erfuhr; aber Niel Booshalloch, eifersüchtig für seines Herrn Ruf der Gastfreundschaft, verfehlte nicht, sie als Beweise hoher Auszeichnung zu rühmen. Gebrannte Wasser, die man später so allgemein im Hochland gebrauchte, waren vergleichungsweise damals unbekannt. Der Usquebaugh ging in geringer Menge herum und wurde durch eine Abkochung von Safran und andern Kräutern noch reizender gemacht, so daß er mehr einem medicinischen Trank, als einem Getränk für die Mahlzeit glich. Cider und Meth sah man ebenfalls, aber Bier, welches in großer Menge dazu gebraut war und ohne alle Einschränkung floß, war das allgemeine Getränk, und ward mit einer Mäßigung getrunken, die unter den neuern Hochländern weit minder bekannt ist. Ein Becher auf das Andenken des verstorbenen Häuptlings war der erste Toast, der feierlich nach vollendeter Mahlzeit ausgebracht wurde; und ein tiefes Gemurmel von Segenswünschen wurde von der Gesellschaft gehört, während die Mönche allein, ihre vereinigten Stimmen erhebend, Requiem aeternam dona , sangen. Eine ungewöhnliche Stille folgte, wie wenn etwas Außerordentliches erwartet würde, als Eachin mit kühnem und männlichem, doch bescheidenem Anstand sich erhob und, indem er den leeren Thronsessel einnahm, mit Würde und Festigkeit sagte: »Diesen Sitz und meines Vaters Erbtheil nehme ich als mein Recht in Anspruch – so helfe mir Gott und St. Barr!« »Wie willst du deines Vaters Kinder beherrschen?« sagte ein alter Mann, der Oheim des Verstorbenen. »Ich will sie mit meines Vaters Schwert vertheidigen und Gerechtigkeit unter meines Vaters Banner für sie üben.« Der alte Mann zog mit zitternder Hand das gewichtige Schwert aus der Scheide, und indem er es bei der Klinge hielt, bot er der Hand des jungen Häuptlings den Griff; zu gleicher Zeit entfaltete Torquil von der Eiche das Banner des Stammes und schwenkte es wiederholt über Eachins Haupt, der mit seltenem Anstand und Gewandtheit, als vertheidigte er die Fahne, den großen Claymore schwang. Die Gäste erhoben ein gellendes Geschrei, um ihre Beistimmung zur Wahl des patriarchalischen Häuptlings, der ihre Huldigung in Anspruch nahm, zu bezeugen, und kein Anwesender war geneigt, vor dem schönen und gewandten Jüngling an die traurigen Weissagungen zu erinnern. Als er in flammender Rüstung, auf das lange Schwert gestützt, und durch würdevolle Bewegungen den Zuruf, der die Luft innen, außen und ringsumher durchbrach, anerkennend dastand, war Simon Glover versucht zu zweifeln, ob diese männliche Gestalt derselbe Jüngling sei, den er oft mit wenig Umständen behandelt hatte, und begann, die Folgen davon einigermaßen zu fürchten. Ein allgemeiner Gesang der Minstrels folgte dem Zuruf, und Fels und Wald erklangen von Harfen und Pfeifen, wie kurz vorher von Wehklagen und Jammer. Es würde ermüdend sein, wenn wir den Fortgang des Einweihungsfestes verfolgen oder die Trinksprüche einzeln anführen wollten, die den ehemaligen Helden des Clans und besonders den neunundzwanzig tapfern Streitern gebracht wurden, welche in dem bevorstehenden Kampfe unter den Augen und der Führung ihres jungen Häuptlings fechten sollten. Die Sänger nahmen in den alten Zeiten mit ihrer Kunst verbundenen prophetischen Charakter an, und wagten den ausgezeichnetsten Sieg zuzusichern und die Wuth vorauszusagen, mit welcher der blaue Falke, das Zeichen des Clans Quhele, die Bergkatze, das wohlbekannte Zeichen des Clans Chattan, in Stücke reißen würde. Sonnenuntergang war nahe, als eine Bowle, genannt der Gnadenbecher, aus Eichenholz und mit Silber eingefaßt, zum Zeichen der Trennung um die Tafel ging, obwohl es Jedem freistand, noch länger zu zechen oder sich sogleich in eine der äußern Hütten zu begeben. Was Simon Glover betraf, so führte ihn der Booshalloch in eine der kleinen Hütten, die für einen Einzelnen eingerichtet zu sein schien, und ein Bett von Haidekraut und Moos enthielt, so gut es die Jahreszeit gestaltete, und ein reicher Vorrath solcher Leckerbissen, als das gehaltene Gastmahl gewährte, zeigte, daß alle Sorgfalt für des Bewohners Bequemlichkeit beobachtet worden. »Verlaß diese Hütte nicht,« sagte der Booshalloch zu seinem Freunde und Schutzbefohlenen, indem er Abschied nahm; »dies ist dein Ruheplatz; aber in einer solchen geräuschvollen Nacht gehen die Gemächer verloren, und wenn der Dachs sein Loch verläßt, kriecht der Fuchs hinein.« Simon Glover war diese Einrichtung keineswegs unangenehm. Er war vom Geräusche des Tages ermüdet und sehnte sich nach Ruhe. Nachdem er daher einen Bissen gegessen, was sein Appetit kaum nöthig machte, und einen Becher Wein getrunken, um sich zu erwärmen, murmelte er sein Abendgebet, hüllte sich in seinen Mantel und legte sich auf ein Lager, welches durch alte Bekanntschaft ihm bequem und vertraut war. Das Summen und Murmeln, ja selbst das gelegentliche Geschrei von einigen der Gäste, welche draußen fortfuhren zu schwärmen, unterbrach seine Ruhe nicht lange; und nach etwa zehn Minuten war er eingeschlafen, als wenn er in seinem eigenen Bette in Curfewstreet gelegen hätte. Neunundzwanzigstes Kapitel. Stets weilt er bei meiner Tochter. Hamlet Zwei Stunden vor dem Hahnschrei ward Simon Glover durch eine wohlbekannte Stimme geweckt, die ihn beim Namen rief. »Wie, Conachar!« rief er, indem er aus dem Schlaf emporfuhr; »ist der Morgen schon so weit vorgerückt?« und als er die Augen erhob, stand die Person, von der er träumte, vor ihm; und im nämlichen Augenblicke, während er sich rasch der Vorgänge des gestrigen Tages erinnerte, sah er mit Staunen, daß die Erscheinung die Gestalt behielt, die der Schlaf ihr gegeben, denn es war nicht der in Stahl gehüllte Hochländerhäuptling mit dem Claymore in der Hand, wie er ihn am vorigen Abend gesehen, sondern Conachar aus der Curfewstreet in seinem bescheidenen Lehrlingskleide, eine Eichengerte in der Hand haltend. Ein Gespenst würde unsern Perther Bürger nicht mehr überrascht haben. Als er so verwundert hinstarrte, kehrte der Jüngling ein Stück angezündetes Kienholz, welches er in einer Laterne hatte, gegen ihn und erwiderte auf seinen Ausruf: »Freilich, Vater Simon; es ist Conachar, gekommen, um unsere alte Bekanntschaft zu erneuern, jetzt, wo unser Gespräch am wenigsten Aufmerksamkeit erregen wird.« So sprechend setzte er sich auf einen Holzblock, der die Stelle eines Stuhles versah, und indem er die Laterne daneben stellte, fuhr er im freundlichsten Tone fort: »Ich habe deine Speise manchen Tag genossen, Vater Simon – ich hoffe, es hat dir in meinem Hause nichts gemangelt?« »Ganz und gar nicht, Eachin Mac Jan« – antwortete der Handschuhmacher, – denn die Einfachheit der celtischen Sprache und Sitten verwirft alle Ehrentitel; »es war sogar zu gut für diese Fastenzeit und viel zu gut für mich, da ich mich bei dem Gedanken schämen muß, wie hart es Euch in Curfewstreet ergangen ist.« »Nur zu gut, um Euer eignes Wort zu brauchen,« sagte Conachar, »für die Wünsche eines unnützen Lehrlings und für die Bedürfnisse eines jungen Hochländers. Wenn aber gestern, wie ich hoffe, vollauf Speise vorhanden war, fandet Ihr nicht, guter Glover, einigen Mangel an höflichem Willkommen? Entschuldigt es nicht, – ich weiß, es war der Fall. Aber ich bin jung an Ansehen bei meinen Leuten und ich darf nicht zu früh ihre Aufmerksamkeit auf die Zeit meines Aufenthalts im Niederland ziehen, die ich indeß nimmer vergessen kann.« »Ich verstehe den Grund recht wohl,« sagte Simon; »und daher geschah es ungern und nur gezwungen, daß ich so zeitig einen Besuch hier machte.« »Still, Vater, still! Es ist gut, daß Ihr kamt, Etwas von meinem hochländischen Glanze zu sehen, während er noch schimmert; kommt nach Palmsonntag wieder, und wer weiß, wen oder was Ihr in dem Gebiete finden mögt, welches wir jetzt noch besitzen! Die wilde Katze kann ihre Wohnung gemacht haben, wo jetzt der Festsaal Mac Jans steht.« Der junge Häuptling schwieg und drückte das Ende der Gerte an seine Lippen, als wollte er sich verbieten, mehr zu sagen. »Das steht nicht zu fürchten, Eachin,« sagte Simon auf die unbestimmte Weise, in welcher laue Tröster sich bemühen, die Aufmerksamkeit ihrer Freunde von der Betrachtung einer unvermeidlichen Gefahr abzulenken. »Es ist zu fürchten und es ist Gefahr des äußersten Verderbens,« antwortete Eachin; »und es ist bestimmte Gewißheit großen Verlustes vorhanden. Mich wundert, daß sich mein Vater diesem schlauen Vorschlage Albany's gefügt hat. Ich wollte, Mac Gillie Ehattahan stimmte mit mir überein: dann, statt unser bestes Blut gegenseitig zu verschwenden, gingen wir zusammen hinunter nach Strathmore, und würden tödten und Besitz nehmen. Ich würde zu Perth herrschen und er zu Dundee, und das ganze weite Land sollte unser sein, bis zu den Ufern des Busens vom Tay. Das ist die Politik, die ich von Eurem alten grauen Kopfe lernte, Vater Simon, wenn ich hinter deinem Rücken den Teller hielt und deinem Abendgespräch mit Bailie Craigdallie zuhörte.« »Die Zunge wird mit Recht ein unbändiges Glied genannt,« dachte der Handschuhmacher. »Da hab' ich dem Teufel ein Licht hingehalten, um ihm den Weg zum Unheil zu zeigen.« »Aber laut sagte er blos: »Diese Pläne kommen zu spät.« »Zu spät allerdings!« antwortete Eachin. »Die Verträge zum Kampfe sind mit unsern Unterschriften und Siegeln gezeichnet; der glühende Haß des Clans Quhele und des Clans Chattan ist durch wechselseitige Verhöhnungen und Prahlereien zur unlöschbaren Flamme angefacht. Doch, die Zeit ist vorüber. – Nun zu deinen eigenen Angelegenheiten, Vater Glover. Es ist die Religion, die dich hieher brachte, wie ich von Niel Booshalloch höre. Wahrlich, so weit ich deine Vorsicht kannte, konnte ich nicht ahnen, daß du in Streit mit der Mutter Kirche geriethest. Was meinen alten Bekannten, Vater Clemens, betrifft, so ist der Einer von denen, die nach der Krone des Martyrthums jagen und glauben, ein Pfahl, mit lodernden Flammen umgeben, sei der Umarmung würdiger, als eine liebende Braut. Er ist ganz ein irrender Ritter, der seine religiösen Ansichten vertheidigt und kämpft, wohin er nur kommt. Er hat schon einen Streit mit den Mönchen der Sybilleninsel drüben über einen Lehrpunkt – hast du ihn gesehen?« »Ja,« antwortete Simon; »aber wir sprachen wenig mit einander, weil die Zeit drängte.« »Er hat vielleicht gesagt, daß es eine dritte Person gibt (wie mich dünkt, wahrscheinlich ein wahrhafterer Flüchtling der Religion wegen, als du, ein kluger Bürger, oder er, ein zänkischer Prediger), die recht herzlich willkommen sein würde, unsern Schutz zu theilen? Du schweigst, Mann, und willst mich nicht verstehen – deine Tochter Katharina?« Die letzten Worte des jungen Häuptlings wurden englisch gesprochen; auch setzte er das Gespräch in dieser Sprache fort, als fürchtete er belauscht zu werden, – und in der That auch wie unter dem Einflusse eines unfreiwilligen Schwankens. Meine Tochter Katharina,« sagte der Handschuhmacher, indem er daran dachte, was ihm der Karthäuser gesagt, »befindet sich wohl und sicher.« »Aber wo und bei wem?« sagte der junge Häuptling. »Und warum kam sie nicht mit Euch? Meint Ihr, der Clan Quhele habe nicht Matronen, so thätig wie die alte Dorothee, deren Hand einst meine Ohren bediente, um die Tochter von ihres Häuptlings Meister zu pflegen?« »Ich danke Euch nochmals,« sagte der Handschuhmacher, »und zweifle weder an Eurer Macht, noch an Eurem Willen, meine Tochter zu schützen, so wie mich selbst. Aber eine edle Lady, die Freundin des Sir Patrick Charteris, hat ihr einen sichern Zufluchtsort geboten, ohne daß sie sich der Gefahr einer mühsamen Reise durch ein ödes und unruhiges Land aussetzte.« »O, hm! – Sir Patrick Charteris,« sagte Eachin in zurückhaltenderem und gemessenerem Tone – »er muß allen andern Männern vorgezogen werden, ohne Zweifel; er ist Euer Freund, nicht wahr?« Simon Glover hatte Lust, diese Anmaßung eines Jünglings zu bestrafen, der vier Mal des Tages gescholten worden war, weil er auf die Straße lief, um Sir Patrick Charteris vorbeireiten zu sehen; aber er unterdrückte eine heftige Antwort und sagte einfach: »Sir Patrick Charteris ist seit sieben Jahren Oberrichter von Perth; und wahrscheinlich ist er es noch, da die Magistratspersonen nicht in den Fasten, sondern zu Martini erwählt werden.« »Ach, Vater Glover,« sagte der Jüngling in einem freundlicheren und vertrauteren Tone, »Ihr seid die prächtigen Schauspiele und Aufzüge in Perth so gewohnt, daß Euch im Vergleich damit unser barbarisches Fest nur wenig freuen wird. Was hieltest du von unsrer gestrigen Feierlichkeit?« »Sie war edel und ergreifend,« sagte der Handschuhmacher, »und vorzüglich für mich, der ich Euren Vater kannte. Als Ihr auf dem Schwerte ruhtet und um Euch schautet, war mir, als säh' ich meinen alten Freund Gilchrist Mac Jan, an Jahren und Kraft verjüngt, von den Todten erstanden.« »Ich spielte meine Rolle dabei kühn, denk' ich; und ließ wenig von dem elenden Lehrling blicken, den Ihr behandeltet wie – gerade wie er's verdiente.« »Eachin gleicht Conachar,« sagte der Handschuhmacher, »nicht mehr, als ein Salm einem Lachs, obwohl die Leute sagen, beide wären derselbe Fisch in verschiedenem Zustande; oder als ein Schmetterling einer Raupe gleicht.« »Glaubst du, daß ich, als ich die Macht übernahm, die alle Weiber lieben, selbst ein Gegenstand war, auf dem eines Mädchens Auge ruhen möchte? – Um offen zu sprechen, was würde Katharina von mir bei dem Feste gedacht haben?« »Jetzt kommen wir zu den Untiefen,« dachte Simon Glover, »und ohne recht vorsichtige Lenkung werden wir auf den Sand gerathen.« »Die meisten Weiber lieben Pracht, Eachin; aber ich denke, meine Tochter Katharina macht eine Ausnahme. Sie würde sich freuen über das Glück ihres Hausfreundes und Spielgenossen; aber sie würde den prächtigen Mac Jan, Häuptling des Clans Quhele, nicht höher schätzen als den verwaisten Conachar.« »Sie ist stets großmüthig und uneigennützig,« erwiderte der junge Häuptling. »Ihr aber, Vater, habt die Welt viele Jahre länger gesehen, als sie, und könnt besser beurtheilen, was Macht und Reichthum denen nützen, die sie besitzen. Ueberlegt und sprecht aufrichtig, was würden Eure eigenen Gedanken sein, wenn Ihr Eure Katharina unter jenem Baldachin stehen sähet, mit der Macht über hundert Berge und dem ergebenen Gehorsam von zehntausend Vasallen; und als Preis dieser Vorzüge ihre Hand in der des Mannes, welcher sie über Alles in der Welt liebt?« »Das heißt in Eurer eigenen, Conachar?« sagte Simon. »Ja, nennt mich Conachar – ich liebe den Namen, da er es war, unter dem mich Katharina kannte.« »Nun also aufrichtig,« sagte der Handschuhmacher, indem er sich bemühte, seine Antwort so wenig als möglich verletzend zu geben, »mein innerster Gedanke würde der ernste Wunsch sein, daß ich mich mit Katharina in unserm bescheidenen Hause in Curfewstreet befände, wo Dorothee unser einziger Vasall wäre.« »Und zugleich der arme Conachar, hoff' ich? Ihr würdet ihn nicht in einsamer Größe wollen vertrauern lassen.« »Ich würde,« antwortete der Handschuhmacher, »dem Clan Quhele, meinen ältesten Freunden, nicht so Uebles wünschen, daß sie im Augenblicke der Gefahr eines tapfern, jungen Häuptlings beraubt würden, und dieser Häuptling um den Ruhm käme, den er an ihrer Spitze im bevorstehenden Kampfe erlangen soll.« Eachin biß sich auf die Lippe, um seine gereizten Gefühle zu verbergen, während er erwiderte: – »Worte, Worte – leere Worte, Vater Simon. Ihr fürchtet den Clan Quhele mehr, als Ihr ihn liebt, und Ihr glaubt, ihr Unwille würde fürchterlich sein, wenn ihr Häuptling die Tochter eines Bürgers von Perth heirathen würde.« »Und wenn ich einen solchen Ausgang fürchte, Hektor Mac Jan, habe ich nicht Grund dazu? Welchen Ausgang haben ungleiche Heirathen gehabt im Hause Mac Callanmore's, in dem der mächtigen Mac Leans, ja, in dem der Lords der Inseln selbst? Was ist je daraus entstanden, außer Trennung und Enterbung – bisweilen noch ein schlimmeres Geschick für den ehrgeizigen Eindringling? Ihr könntet mein Kind nicht vor einem Priester heirathen und könntet sie Euch nur an die linke Hand trauen lassen; und ich« – er unterdrückte den heftigen Ton, den der Gegenstand forderte, und schloß: – »und ich selbst bin ein ehrlicher, obwohl niedriger Bürger von Perth, der eher wünschte, sein Kind wäre die rechtmäßige und unzweideutige Gattin eines Bürgers von meinem Range, als das geduldete Kebsweib eines Fürsten.« »Ich will Katharina vor dem Priester und vor der Welt heirathen, – vor dem Altar und vor den schwarzen Steinen von Jona,« sagte der ungestüme, junge Mann. »Sie ist die Geliebte meiner Jugend, und es gibt kein Band der Religion und Ehre, womit ich mich nicht binden will! Ich habe mein Volk geprüft. Wenn wir diese Schlacht gewinnen – und mit der Hoffnung, Katharina zu gewinnen, werden wir sie gewinnen – so sagt mir mein Herz – werde ich so sehr Herr ihrer Neigungen sein, daß, wenn mir's gefiele, eine Braut aus dem Armenhause zu nehmen, sie diese begrüßen würden, als wäre sie eine Tochter Mac Callanmore's. – Aber Ihr verwerft mein Gesuch?« sagte Eachin ernst. »Ihr legt mir beleidigende Worte in den Mund,« sagte der alte Mann, »und könnt mich sofort dafür bestrafen, weil ich ganz in Eurer Macht bin. Aber mit meiner Zustimmung soll meine Tochter nie heirathen, außer in ihrem eigenen Stande. Ihr Herz würde brechen unter den beständigen Kriegen und blutigen Scenen, welche mit Eurem Schicksal verknüpft sind. Wenn Ihr sie wirklich liebt und Euch ihrer Furcht vor Streit und Kampf erinnert, so werdet Ihr nicht wünschen, sie dem Gewühl kriegerischer Schrecknisse auszusetzen, in die Ihr, gleich Eurem Vater, unvermeidlich und fortwährend verwickelt sein werdet. Wählt eine Gattin unter den Töchtern der Hochländerhäuptlinge, mein Sohn, oder der stolzen Edeln des Niederlands. Ihr seid schön, jung, reich, hochgeboren und mächtig, und werdet nicht vergebens werben. Ihr werdet Eine bereitwillig finden, die sich Eurer Siege freuen und Euch selbst im Unterliegen freundlich sein wird. Für Katharina würde das Eine so schrecklich wie das Andere sein. Ein Krieger muß einen Stahlhandschuh tragen – ein Handschuh von Bockleder würde binnen einer Stunde zerreißen. Eine dunkle Wolke zog über das Gesicht des jungen Häuptlings, das kurz zuvor noch so feurig war. »Lebe wohl,« sagte er, einzige Hoffnung, die mir zu Ruhm oder Sieg geleuchtet haben könnte!« – Er blieb eine Zeitlang still, tief nachdenkend, mit niedergeschlagenen Angen, gesenkter Stirn und verschlungenen Armen. Endlich erhob er seine Hände und sagte: »Vater – denn ein solcher seid Ihr mir gewesen, – ich bin im Begriff, Euch ein Geheimniß mitzutheilen. Vernunft und Stolz rathen beide mir Schweigen an, aber das Schicksal zwingt mich, und ihm muß ich gehorchen. Ich bin im Begriff, Euch in das tiefste und theuerste Geheimniß einzuweihen, welches ein Mann dem Manne anvertrauen kann. Aber hütet Euch – ende dieses Gespräch auch wie es wolle – hütet Euch, je eine Silbe von dem zu verrathen, was ich Euch nun anvertrauen will; denn wißt, thätet Ihr dieß auch im entferntesten Winkel Schottlands, so hab' ich Ohren, es selbst dort zu hören, und eine Hand und einen Dolch, um des Verräthers Busen zu erreichen. – Ich bin – aber das Wort will nicht heraus.« »So sprecht es nicht,« sagte der vorsichtige Handschuhmacher: »ein Geheimniß ist nicht mehr sicher, sobald es über die Lippen des Eigentümers gegangen ist; und ich wünsche nicht ein so gefährliches Vertrauen, womit Ihr mich bedroht.« »Ja, aber ich muß sprechen und Ihr müßt hören,« sagte der Jüngling. »Seid Ihr, Vater, in diesem Zeitalter des Kampfes selbst ein Streiter gewesen?« »Ein einzig Mal,« erwiderte Simon, »als die Südländer die gute Stadt angriffen. Ich ward aufgerufen, meinen Theil an der Vertheidigung zu nehmen, wie meine Bürgerpflicht gebot, gleich der anderer Zunftgenossen, die verpflichtet sind, Wache zu halten.« »Und wie fühltet Ihr Euch bei der Sache?« fragte der junge Häuptling. »Was thut das bei der gegenwärtigen Angelegenheit?« sagte Simon etwas erstaunt. »Viel, sonst hätte ich die Frage nicht gethan,« antwortete Eachin im Tone des Hochmuthes, den er bisweilen annahm. »Ein alter Mann wird leicht dazu gebracht, von alten Zeiten zu reden,« sagte Simon, der, nach kurzer Ueberlegung, das Gespräch nicht ungern von seiner Tochter ablenkte; »und ich muß daher gestehen, daß meine Gefühle sehr verschieden von dem hohen, freudigen Vertrauen, ja dem Vergnügen waren, womit ich andere Männer zur Schlacht gehen sah. Mein Leben und Beruf waren friedlich, und wiewohl ich den Muth eines Mannes nicht entbehrte, wenn die Zeit es verlangte, so hab' ich doch selten schlechter geschlafen, als die Nacht vor jenem Treffen. Meine Gedanken waren gequält von den Geschichten, die uns (mit ziemlicher Wahrheit) von den sächsischen Bogenschützen erzählt wurden; wie sie ellenlange Pfeile abgeschossen und Bogen gebrauchten, ein Drittel länger als die unsern. Als ich in einen unruhigen Schlaf gesunken war, so fuhr ich empor und erwachte, wenn nur ein Strohhalm des Lagers meine Seite berührte, weil ich glaubte, es führe mir ein englischer Pfeil in den Leib. Am Morgen, als ich vor großer Müdigkeit wirklich einzuschlafen begann, ward ich durch den Schall der Gemeindeglocke erweckt, welche die Bürger zu den Mauern rief: – nie vorher oder nachher schien mir ihr Klang einer Todtenglocke so ähnlich.« »Fahrt fort, was geschah weiter?« fragte Eachin. »Ich legte meinen Harnisch an,« sagte Simon, »da es so sein mußte – empfing den Segen meiner Mutter, einer hochherzigen Frau, die von der guten Stadt sprach. Dieß ermuthigte mich und ich fühlte mich noch kühner, als ich mich unter den Reihen der anderen Gewerbe befand, lauter Bogenschützen, denn du weißt, die Bürger von Perth sind geschickt in dieser Waffe. Wir wurden auf den Mauern vertheilt, mehrere Ritter und Knappen in guter Rüstung waren unter uns gemischt, die ein kühnes Ansehen zeigten, vielleicht auf ihre Harnische vertrauend, und uns zu unserer Ermutigung sagten, sie würden mit ihren Schwertern und Äxten jeden niederhauen, der seinen Posten zu verlassen suchte. Mir selbst versicherte dies freundlich der alte Kämpe von Kinfauns, wie man ihn nannte, unsers guten Sir Patricks Vater, damals unser Oberrichter. Er war ein Enkel des roten Räubers, Toms von Longueville, und ein Mann, der sein Wort hielt, welches er an mich besonders richtete, weil mich eine so unbehagliche Nacht blässer als gewöhnlich gemacht haben mochte; überdies war ich nur ein junger Bursche.« »Und steigerte seine Bemerkung Eure Furcht oder Eure Entschlossenheit?« sagte Eachin, der sehr aufmerksam schien. »Meine Entschlossenheit,« antwortete Simon; »denn ich glaube, nichts ist im Stande, einen Mann so kühn zu machen, daß er einer nahe vor ihm liegenden Gefahr trotzt, als die Kenntnis einer andern dicht hinter ihm, die ihn vorwärts stößt. Nun, ich erstieg die Mauern mit erträglichem Mute und ward mit Andern auf den Späh-Turm gestellt, weil man mich als guten Schützen kannte. Aber es überlief mich kalt, als ich die Engländer in größter Ordnung, die Bogenschützen voraus und die Schwerbewaffneten dahinter, in drei starken Kolonnen zum Angriff vorwärts marschieren sah. Sie kamen mit festem Schritt, und Einige von uns hätten gern auf sie geschossen, aber es war streng verboten, und wir waren genötigt, bewegungslos zu bleiben und uns hinter der Brustwehr, so gut wir konnten, zu schützen. Als die Engländer ihre langen Reihen in Linien aufstellten, und jeder seinen Platz wie durch Zauberei einnahm, und sich durch große Schilder, Pavessen genannt, die sie vor sich pflanzten, deckte, fühlte ich einen seltsamen kurzen Atem, und wünschte nach Hause zu gehen, um ein Glas Branntwein zu trinken. Aber als ich zur Seite sah, erblickte ich den tapfern Kämpen von Kinfauns, wie er einen großen Bogen spannte, und ich dachte, es sei schade, den Bolzen gegen einen treuherzigen Schotten zu verlieren, wenn so viele Engländer da wären; so blieb ich, wo ich war, da ich mich in einem bequemen Winkel, von zwei Brustwehren gebildet, befand. Die Engländer rückten dann vor und zogen ihre Sehnen an, – nicht an der Brust, wie Eure hochländischen Bursche, sondern am Ohr, und sandten eine Ladung Schwalbenschwänze ab, bevor wir St. Andreas rufen konnten. Ich zuckte, als ich sie ihre Geschosse spannen sah, und ich glaube, ich fuhr zusammen, als die Pfeile anfingen, gegen die Brustwehr zu rasseln. Aber als ich umher sah und Keinen außer John Squallit, den Stadtausrufer, verwundet erblickte, dessen Backen von einem ellenlangen Pfeile durchbohrt waren, faßte ich mir ein Herz, und schoß mit bestem Willen und wohlgezielt. Ich schoß auf einen kleinen Mann, der gerade von hinten neben seinem Schild hervorguckte, und durchbohrte mit einem Pfeil seine Schulter. Der Oberrichter rief: ›Gut getroffen, Simon Glover!‹ – ›St. John für seine eigene Stadt, meine Zunftgenossen!‹ rief ich, obwohl ich damals nur ein Lehrling war. Und, wenn Ihr mir's glauben wollt, im Verfolg des Treffens, welches mit dem Abzuge der Feinde endete, zog ich so ruhig die Sehne und schoß die Pfeile ab, als hätt' ich auf Scheiben, statt auf Menschenbusen geschossen. Ich gewann einigen Ruhm, und habe nachher stets gedacht, daß ich ihn im Falle der Nothwendigkeit (denn bei mir war dieß nie Sache freier Wahl) nicht wieder verlieren würde. – Und dieß ist Alles, was ich von kriegerischer Erfahrung sagen kann. Andere Gefahren hab' ich erlebt, die ich als kluger Mann zu vermeiden strebte, oder denen ich, wenn sie unvermeidlich waren, als ein beherzter begegnete. Anders kann ein Mann in Schottland nicht leben oder sein Haupt emporheben.« »Ich verstehe Eure Erzählung,« sagte Eachin; »aber ich finde es schwer, Euch die meinige glaublich zu machen, da ihr das Geschlecht, dem ich entsprossen bin, als ein tapferes kennt, und besonders da ich der Sohn dessen bin, den wir heute in das Grab legten – wohl ihm, daß er nun dort liegt, wo er nimmer hören wird, was Ihr jetzt hören sollt! Seht, mein Vater, das Licht, welches ich trage, wird niedrig und dunkel, und in wenigen Minuten wird es erlöschen – aber bevor es stirbt, wird die häßliche Geschichte erzählt sein. – Vater, ich bin ein Feiger! Endlich ist es ausgesprochen, und das Geheimniß meiner Schmach besitzt ein Anderer!« Der junge Mann sank in eine Art Ohnmacht zurück, die seine Herzensangst bei der traurigen Mittheilung hervorbrachte. Der Handschuhmacher, gerührt sowohl durch Furcht als Mitleid, bemühte sich, ihn in's Leben zurückzurufen, und zwar gelang ihm dieß, doch konnte er ihn nicht beruhigen; er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und seine Thränen flossen reichlich und bitterlich. »Um unserer Frau willen, faßt Euch,« sagte der alte Mann, »und widerruft das schnöde Wort! Ich kenn' Euch besser, als Ihr selbst – Ihr seid kein Feiger, sondern nur zu jung, unerfahren, ja, und etwas zu schnell in der Einbildungskraft, um die feste Tapferkeit eines bärtigen Mannes zu besitzen. Ich wollte das keinen andern Mann von Euch sagen hören, Conachar, ohne ihn der Lüge zu zeihen – Ihr seid kein Feiger – ich habe Funken hohen Muthes bei Euch sprühen sehen, selbst bei geringfügigem Anlaß.« »Hohe Funken von Stolz und Leidenschaft!« sagte der unglückliche Jüngling; »aber wann saht Ihr sie unterstützt durch die Entschlossenheit, die sie halten sollte? Die Funken, von denen Ihr sprecht, fielen auf mein feiges Herz, wie auf ein Stück Eis, welches kein Feuer fangen kann – wenn mich beleidigter Stolz zum Streite trieb, so bestimmte mich meine Geistesschwäche im nächsten Augenblicke zur Flucht.« »Mangel an Gewohnheit,« sagte Simon; »durch das Ueberklettern von Mauern lernen junge Leute Abhänge ersteigen. Beginnt mit geringen Fehden – übt täglich die Waffen Eurer Heimath im Turnier mit Euren Leuten.« »Und welche Muße hab' ich dazu?« rief der junge Häuptling, emporfahrend, als wäre seiner Einbildungskraft etwas Schreckliches begegnet. »Wie viel Tage liegen zwischen dieser Stunde und Palmsonntag, und was soll da geschehen? – Eingeschlossene Schranken, von denen sich niemand entfernen kann, schlimmer daran als der arme Bär, der an seine Stange gefesselt ist. Sechzig Männer, die besten und mutigsten (einen ausgenommen!), welche Albyn von seinen Bergen herniedersenden kann, alle dürsten nach der Andern Blut, während ein König und Tausende umher, wie bei einem Schauspiel, mit Jubel zusehen, um ihre teuflische Wut aufzuregen. Hiebe fallen dicht und Blut strömt dicker, schneller, röter, – sie stürzen auf einander wie Wahnsinnige – sie zerreißen einander wie wilde Bestien. – Die Verwundeten werden unter den Füßen ihrer Gefährten zu Tode getreten! Blut strömt, die Arme werden schwach – aber da gilt kein Vertrag, kein Waffenstillstand, keine Unterbrechung, während die verstümmelten Elenden noch am Leben sind! Da verkriecht man sich nicht hinter Brustwehren, streitet nicht mit Geschossen, – Mann steht gegen Mann, bis die Hände sich nicht mehr erheben können, um den gräßlichen Kampf fortzusetzen! – Wenn solch ein Schlachtfeld in der Einbildung so schrecklich ist, was meint Ihr, soll es in der Wirklichkeit sein?« Der Handschuhmacher blieb schweigend. »Ich wiederhole, was meint Ihr?« »Ich kann Euch nur bedauern, Conachar,« sagte Simon. »Es ist hart, der Abkömmling eines großen Geschlechtes zu sein – der Sohn eines edlen Vaters – der geborene Führer einer tapfern Schaar – und doch die Eigenschaft zu entbehren oder sich ihren Mangel einzubilden (denn noch immer glaub' ich, der Fehler liegt mehr an einer lebhaften Phantasie, welche die Gefahr überschätzt), die jeder Streithahn besitzt, der eine Handvoll Korn wert ist, jeder Hund, der einen Knochen verdient. Aber wie kommt es, daß Ihr mit einem solchen Bewußtsein der Schwäche im Kampfe eben jetzt Euch erbietet, Eure Herrschaft mit meiner Tochter zu teilen? Eure Macht hängt von Eurer Tapferkeit in diesem Kampfe ab, und dabei kann Euch Katharina nicht helfen.« »Ihr irrt Euch, alter Mann,« erwiderte Eachin; nähme Katharina die aufrichtige Liebe, die ich für sie hege, freundlich auf, so würd' es mich mit dem Feuer eines Streitrosses gegen die Reihe der Feinde treiben. So überwältigend auch mein Bewußtsein der Schwäche ist, der Gedanke, daß Katharina mich sähe, würde mir Kraft geben. Sagt doch, – o sagt doch, sie solle mein sein, wenn der Kampf gewonnen ist, und selbst Gow Chrom, dessen Herz ein Stück mit seinem Ambos ist, würde nimmer so leicht zur Schlacht gehen, wie ich alsdann! Eine starke Leidenschaft wird durch eine andere besiegt.« »Das ist Thorheit, Conachar. Vermag nicht die Erinnerung an Euren Vortheil, Eure Ehre, Eure Verwandten so viel, um Euren Muth aufzustacheln, als die Gedanken an ein schwarzäugig Mädchen? Pfui über dich, Mann!« »Ihr sagt mir nur, was ich mir selbst gesagt habe – aber es ist umsonst,« erwiderte Eachin mit einem Seufzer. »Nur während sich der schüchterne Hirsch mit der Hündin paart, ist er verzweifelt und gefährlich. Sei es die Körperbeschaffenheit – komme es, wie unsere hochländischen Cailliachs sagen werden, von der Milch des weißen Rehes – komme es von meiner friedlichen Erziehung und Eurer strengen Zucht – komme es, wie Ihr glaubt, von einer überspannten Phantasie, welche die Gefahr noch gefährlicher malt und gräßlicher macht, als sie wirklich ist. ich weiß das nicht zu entscheiden. Aber ich kenne meine Schwäche, und – ja, ich muß es aussprechen! – ich fürchte so sehr, sie nicht besiegen zu können, daß, fänden meine Wünsche Eure Billigung unter solcher Bedingung, ich selbst hier stillstehen, dem angenommenen Range entsagen und mich zu einem niedern Leben zurückziehen würde.« »Wie, am Ende Handschuhmacher werden, Conachar?« sagte Simon; »dieß übertrifft die Legende von St. Crispin. Nein, nein, Eure Hand ist dazu nicht geschaffen; Ihr sollt mir keine Rehhäute mehr verderben.« »Scherzt nicht,« sagte Eachin, »ich bin ernst. Wenn ich nicht arbeiten kann, will ich Reichthum genug bringen, um ohne sie zu leben. Sie werden mich bei Horn und Kriegspfeife als einen Elenden ausrufen – mögen sie dieß thun – Katharina wird mich um so mehr lieben, wenn ich die Pfade des Friedens denen des Blutvergießens vorzog, und Vater Clemens wird uns lehren, der Welt Bedauern und Verzeihung zu schenken, die uns mit Vorwürfen beladen wird, die nicht verwunden. Ich werde der glücklichste aller Menschen sein – Katharina wird alles genießen, was unbegrenzte Liebe ihr bieten kann, und wird befreit sein von der Besorgniß vor Schauspielen und Tönen des Schreckens, die Euer schlechtgewählter Gatte ihr bereiten würde; und Ihr, Vater Glover, solltet Eure Kaminecke einnehmen, als der glücklichste und geehrteste Mann, der je – « »Haltet ein, Eachin – ich bitte Euch, haltet ein,« sagte der Handschuhmacher; »der Kienspan, mit welchem dieß Gespräch endigen muß, brennt sehr schwach, und ich möchte ein Wort zur Erwiderung sprechen, schlicht und ehrlich, wie es am besten ist. Wenn es Euch auch quälen oder in Wuth setzen mag, laßt mich diese Träume enden, indem ich Euch mit einem Worte sage – Katharina kann nie die Eure werden. Ein Handschuh ist das Zeichen der Treue, und ein Mann von unserer Zunft darf daher noch weniger als ein anderer die seinige brechen. Katharina's Hand ist versprochen – einem Manne versprochen, den Ihr hassen mögt, aber auch ehren müßt – Harry dem Waffenschmied. Die Heirath ist ihrem Stande gemäß, ihren gegenseitigen Wünschen angemessen, und ich habe mein Wort gegeben. Es ist am besten, gerade herauszusprechen, rächt meine Weigerung, wie Ihr wollt – ich bin ganz in Eurer Gewalt. – Aber Nichts soll mich wortbrüchig machen.« Der Handschuhmacher sprach so entschieden, weil er aus Erfahrung wußte, daß das sehr reizbare Gemüth seines früheren Lehrlinges in den meisten Fällen einer ernsten und entschiedenen Entschlossenheit nachgab. Aber gedenkend, wo er war, sah er mit einem Gefühle der Furcht die erlöschende Flamme ausfahren und einen starken Blitz auf Eachins Gesicht werfen, der blaß wie der Tod war, während sein Auge rollte, gleich dem eines Rasenden in seiner Fieberwuth. Das Licht sank plötzlich nieder und erlosch, und Simon fühlte einen augenblicklichen Schrecken, er möchte mit dem Jüngling um sein Leben zu kämpfen haben, den er gewaltthätiger Handlungen fähig kannte, wenn er heftig erregt war, obwohl seine Natur nur kurze Zeit die Maßregeln unterstützen konnte, die seine Leidenschaft ergriff. Er wurde durch die Stimme Eachins beruhigt, der in rauhem und verändertem Tone murmelte: »Bedenkt, was wir diese Nacht gesprochen, mit ewigem Schweigen – brächtest du's an den Tag, so wäre dir besser, du grübest dein eigen Grab.« So sagend, öffnete er die Thür der Hütte, durch welche ein Strahl des Mondes eindrang. Die Gestalt des fortgehenden Häuptlings zeigte sich einen Augenblick darunter, dann schloß sich die Thür, und die Hütte blieb in Finsterniß. Simon Glover fühlte sich erleichtert, als eine Unterhaltung, die Verletzung und Gefahr mit sich brachte, so friedlich geendet war. Aber er blieb tief ergriffen von der Lage Hektor Mac Jans, den er selbst erzogen hatte. »Das arme Kind,« sagte er, »zu einer erhabenen Stelle berufen zu werden, nur um mit Verachtung sie zu verlassen! Was er mir sagte, wußt' ich zum Theil, da ich oft bemerkte, daß Conachar aufgelegter war zu zanken, als zu fechten. Aber diese überwältigende Schwachherzigkeit, die weder Scham noch Nothwendigkeit bezwingen kann, kann ich, obwohl ich kein Sir William Wallace bin, nicht begreifen. Und sich zum Gemahl meiner Tochter anzubieten, als ob eine Braut Muth für sich und den Bräutigam gewährte! Nein, nein, – Katharina muß einen Mann heirathen, zu dem sie sagen kann: Gemahl, schone deinen Feind! – nicht einen solchen, zu dessen Trost sie schreien muß: Großmüthiger Feind, schone meines Gatten!« Ermüdet von solchen Betrachtungen, entschlief der alte Mann endlich. Am Morgen ward er durch seinen Freund, den Booshalloch geweckt, der ihm, mit etwas langem Gesicht, vorschlug, zu seiner Wohnung auf der Wiese beim Ballough zurückzukehren. Er entschuldigte, daß der Häuptling Simon Glover diesen Morgen nicht sehen könne, weil er mit den Vorbereitungen zum Kampfe beschäftigt sei. Eachin Mac Jan halte den Aufenthalt am Ballough am sichersten für Simon Glovers Gesundheit, und habe Befehl gegeben, für seinen Schutz und seine Bequemlichkeit alle Sorge zu tragen. Nie! Booshalloch verbreitete sich über diese Umstände, um die Vernachlässigung zu bemänteln, die darin lag, daß der Häuptling seinen Gast ohne besondere Audienz entließ. »Sein Vater, sagte der Hirt, verstand es besser. Aber wo sollte er Sitten gelernt haben, der arme Mensch, da er unter Euch Perthern Bürgern aufwuchs, die, außer Euch, Nachbar Glover, der gälisch so gut spricht wie ich, ein Volk sind, welches keine Höflichkeit erlernen kann!« Simon Glover empfand, wie man wohl glauben kann, den Mangel an Achtung nicht, den sein Freund hinsichtlich seiner andeutete. Im Gegentheil zog er den Aufenthalt des guten Hirten sehr gern der geräuschvollen Gastfreundschaft des täglichen Festes beim Häuptling vor, selbst wenn auch nicht soeben mit Eachin ein Gespräch über einen Gegenstand vorgekommen wäre, dessen Erneurung ihm höchst peinlich sein mußte. Daher zog er sich ruhig zum Ballough zurück, wo, wenn er nur von Katharina's Sicherheit überzeugt gewesen wäre, seine Zeit angenehm genug hinzubringen war. Sein Vergnügen war, den See in einem kleinen Kahne zu befahren, den ein Hochländerknabe lenkte, während der alte Mann angelte. Er landete häufig auf der kleinen Insel, wo er auf dem Grabe seines alten Freundes, Gilchrist Mac Jan, seinen Gedanken nachhing, und die Mönche sich zu Freunden machte, indem er dem Prior Handschuhe von Marderfell und den niederen Dienern jedem dergleichen aus dem Felle einer wilden Katze schenkte. Das Schneiden und Nähen dieser kleinen Geschenke vertrieb ihm die Zeit nach Sonnenuntergang, während die Familie des Hirten sich um ihn versammelte, seine Geschicklichkeit bewundernd, und den Geschichten und Liedern lauschend, mit welchen der alte Mann einen langen Abend zu vertreiben wußte. Man muß gestehen, daß der vorsichtige Glover den Umgang des Pater Clemens mied, den er irrig mehr als den Urheber seines Mißgeschickes, denn als den schuldlosen Theilnehmer betrachtete. »Ich will nicht,« dachte er, »seinen Grillen zu gefallen, die Freundschaft dieser guten Mönche verlieren, die mir einst nützlich sein kann. Ich habe, denk' ich, genug durch seine Predigten gelitten. Sie haben mich wenig weiser, aber viel ärmer gemacht. Nein, nein, Katharina und Clemens mögen denken, wie sie wollen; doch werd' ich die erste Gelegenheit ergreifen, mich einer gehörigen Buße im härenen Rock zu unterwerfen, und eine tüchtige Strafe zahlen, um wieder mit der ganzen Kirche einig zu werden.« Mehr als vierzehn Tage waren vergangen, seit der Handschuhmacher zu Ballough angekommen war, und es begann ihn zu wundern, daß er nichts von Katharina und Harry Wynd gehört hatte, dem, wie er glaubte, der Oberrichter Grund und Ziel seiner Reise mitgetheilt hatte. Er wußte, daß sich der muthige Schmied nicht in das Land des Clans Quhele wagen durfte, wegen verschiedener Fehden mit den Einwohnern und mit Eachin selbst, so lange er den Namen Conachar trug; doch aber, dachte der Handschuhmacher, könne Harry Mittel finden, ihm eine Botschaft oder ein Zeichen durch einen der verschiedenen Boten zu schicken, die zwischen dem Hofe und dem Hauptquartier des Clan Quhele hin und her gingen, um über die Bedingungen des bevorstehenden Kampfes, den Marsch der Parteien nach Perth, und andere Umstände, die vorläufig geordnet werden mußten, zu unterhandeln. Man war nun in der Mitte des März und der verhängnißvolle Palmsonntag nahete schnell. Während die Zeit so hinschlich, hatte der verbannte Handschuhmacher seinen ehemaligen Lehrling auch nicht ein einzig Mal zu Gesicht bekommen. Die Sorgfalt, die man anwendete, um seine Bedürfnisse und Bequemlichkeit in jeder Hinsicht zu befriedigen, zeigte, daß er nicht vergessen war; wenn er jedoch des Häuptlings Horn durch die Wälder schallen hörte, pflegte er gewöhnlich seinen Weg nach entgegengesetzter Richtung einzuschlagen. Eines Morgens fand er sich jedoch unerwartet in Eachins unmittelbarer Nähe, und hatte kaum Zeit, ihm auszuweichen; dieß ging so zu. Als Simon gedankenvoll durch eine kleine Waldlichtung schlenderte, die von allen Seiten von hohen Waldbäumen, gemischt mit Unterholz, umgeben war, brach ein weißes Reh aus dem Dickicht, verfolgt von zwei Jagdhunden, von denen einer es bei der Hüfte, der andere bei der Kehle packte, und es bis auf eine Ackerlänge von dem Handschuhmacher schleppte, der über das plötzliche Ereigniß etwas erschrak. Der nahe und gellende Schall eines Hornes und das Bellen eines Spürhundes ließen Simon merken, daß die Jäger nahe und dem Thiere auf der Spur waren. Ein Hallorufen und den Lärm von Männern, die durch das Gebüsch eilten, hörte er in der Nähe. Ein wenig Ueberlegung hätte Simon gelehrt, daß es das Beste sei, stehen zu bleiben oder langsam sich zurückzuziehen, und Eachin ihn erkennen zu lassen oder nicht, wie es ihm beliebte. Aber sein Wunsch, dem Jüngling aus dem Wege zu gehen, war ihm zu einer Art von Instinkt geworden, und in dem Schrecken, ihn so nahe zu finden, versteckte sich Simon unter einen Haselbusch, der mit Stechpalmen durchwachsen war und ihn ganz verbarg. Kaum war dieß geschehen, so sprang Eachin, roth vor Anstrengung, aus dem Dickicht in die Lichtung, begleitet von seinem Pflegevater Torquil von der Eiche. Letzterer warf mit gleicher Anstrengung das kämpfende Thier auf den Rücken, und indem er dessen Vorderfüße in der rechten Hand hielt, während er auf den Leib kniete, bot er sein Messer mit der linken dem jungen Häuptling, damit er des Thieres Kehle durchschneiden möchte. »Es geht nicht, Torquil; verrichte dein Amt und versuch' es selber. Ich darf das Ebenbild meiner Pflegemutter nicht tödten.« Dies ward mit einem melancholischen Lächeln gesprochen, während zu gleicher Zeit eine Thräne in des Sprechers Auge stand. Torquil starrte einen Augenblick seinen jungen Häuptling an, zog dann sein scharfes Waidmesser quer über des Thieres Kehle mit einem so heftigen und schnellen Schnitt, daß die Waffe bis auf den Kinnbacken ging. Dann stand er auf und sagte, nachdem er wieder einen langen Blick auf seinen Häuptling geheftet: »Was ich diesem Reh gethan habe, würde ich jedem lebendigen Wesen thun, dessen Ohr meinen Pflegesohn ein weißes Reh nennen und das Wort mit Hektors Namen paaren gehört hätte!« Hatte Simon keinen Grund gehabt, sich vorher zu verbergen, so gab ihm einen sehr dringenden diese Rede Torquils. »Es kann nicht verborgen sein, Vater Torquil,« sagte Eachin; »es wird Alles offen an den Tag kommen.« »Was wird herauskommen? was will an den lichten Tag?« fragte Torquil erstaunt. »Es ist das unselige Geheimniß,« dachte Simon, »und wenn jetzt dieser gewaltige Geheimerath nicht schweigen kann, wird man vermuthlich mich verantwortlich machen, daß Eachins Schmach bekannt geworden ist.« Indem er so ängstlich dachte, bediente er sich zugleich seiner Stellung, um so viel als möglich zu sehen, was zwischen dem betrübten Häuptling und dessen Vertrauten vorging, indem ihn derselbe Geist der Neugier antrieb, der uns in den wichtigsten wie in den kleinsten Verhältnissen des Lebens lenkt, und der sich bisweilen in Gesellschaft großer persönlicher Furcht befindet. Während Torquil dem lauschte, was Eachin ihm mittheilte, sank der junge Mann in seine Arme und schloß, sich auf seine Schulter stützend, seine Beichte, indem er Jenem in's Ohr flüsterte. Torquil schien mit solchem Staunen zuzuhören, daß er unfähig war, seinen Ohren zu trauen. Als wollte er sich überzeugen, daß es Eachin sei, der spreche, hob er allmälig den Jüngling aus seiner lehnenden Stellung auf, hielt ihn an der Schulter ein wenig von sich, indem er ein Auge auf ihn heftete, welches durch die Wunder, die er vernahm, zugleich erweitert und in Stein verwandelt zu sein schien. So wild wurde des Alten Gesicht, nachdem er die geflüsterte Mittheilung gehört hatte, daß Simon fürchtete, er werde den Jüngling als einen Entehrten von sich schleudern, in welchem Fall er aus dem Gebüsch, das ihn versteckte, sich erhoben und seine Entdeckung so peinlich als gefährlich gemacht hätte. Aber die Heftigkeit Torquils, der seinen Pflegesohn mit der doppelten leidenschaftlichen Zärtlichkeit liebte, die solche Verwandtschaft im Hochlande stets begleitet, nahm eine andere Wendung. »Ich glaub' es nicht!« – rief er; »es ist falsch von deines Vaters Kind; – falsch von deiner Mutter Sohn; am falschesten von meinem Pflegesohn! ich verpfände mich dem Himmel und der Hölle, und will gegen Jedermann den Kampf bestehen, der es wahr nennen wird! Du bist durch einen bösen Blick bezaubert, mein Liebling, und die Schwäche, die du Feigheit nennst, ist das Werk der Zauberei. Ich erinnere mich der Keule, die in deiner Geburtsstunde, jener Stunde des Schmerzes und der Freude, die Fackel ausschlug. Aber sei fröhlich, mein Geliebter! Du sollst mit mir nach Jona, und der gute St. Columbus, mit der ganzen Schaar gesegneter Heiligen und Engel, die je dein Geschlecht begünstigten, wird dir das Herz des weißen Rehes nehmen und dir das zurückgeben, welches sie dir gestohlen haben.« Eachin hörte zu, mit einem Blicke, als hätte er gern den Worten des Trösters glauben mögen. »Aber, Torquil,« sagte er, »gesetzt auch, dies hälfe uns, so ist doch der verhängnißvolle Tag nahe, und wenn ich in die Schranken gehe, fürcht' ich, wir werden Schande haben.« »Es kann nicht sein – es wird nicht!« sagte Torquil, – »die Hölle soll nicht so weit herrschen – wir wollen dein Schwert in geweihtes Wasser tauchen, Eisenkraut, St. Johnskraut und Eschenlaub in deinen Helm stecken. Wir wollen dich umringen, ich und deine acht Brüder – du sollst sicher sein, wie in einem Schloß.« Der hilflose Jüngling murmelte wieder Etwas, was Simon wegen des leisen Tones, in dem es gesprochen ward, nicht verstehen konnte, während Torquils antwortende tiefe Stimme voll und deutlich in sein Ohr tönte. »Ja, es kann eine Möglichkeit vorhanden sein, dich von dem Kampfe zurückzuziehen. Du bist der Jüngste, der das Schwert ziehen soll. Nun höre mich, und du wirst erfahren, was es heißt, die Liebe eines Pflegevaters zu besitzen, und wie weit sie selbst die Liebe der Blutsfreunde übertrifft. Der Jüngste auf der Liste des Clans Chattan ist Ferquhard Day. Sein Vater erschlug den meinigen und das rothe Blut siedet heiß zwischen uns – ich sah den Palmsonntag als das Ziel an, das es kühlen sollte. – Aber höre, – man hätte denken sollen, das Blut in den Adern dieses Ferquhard Day und in den meinigen würde, wenn man es in dasselbe Gefäß brächte, sich nicht vermischen; doch hat er seine Neigung auf meine einzige Tochter Eva geworfen – das schönste unserer Mädchen. Denke, mit welchen Gefühlen ich das hörte. Es war, als hätte ein Wolf aus den Wäldern von Ferragon gesagt: »Gib mir deine Tochter zum Weibe, Torquil!« – Meine Tochter denkt nicht so, sie liebt Ferquhard und weint aus Furcht vor dem nahen Kampfe ihre Farbe und Gesundheit weg. Laß sie ihm ein günstiges Zeichen geben und ich weiß, er wird Haus und Hof vergessen, dem Schlachtfeld entsagen und mit ihr zur Wüste fliehen.« »Wenn er, der Jüngste der Kämpfer des Clans Chattan, abwesend ist, kann ich, der Jüngste des Clans Quhele, wegen der Nichttheilnahme entschuldigt werden?« sagte Eachin, über das gemeine ihm zur Rettung gebotene Mittel erröthend. »Sieh nun zu, mein Häuptling,« sagte Torquil, »und beurtheile meine Gesinnungen gegen dich – Andere könnten dir ihr eigenes Leben und das ihrer Söhne geben – ich opfere dir die Ehre meines Hauses.« »Mein Freund, mein Vater,« wiederholte der Häuptling, Torquil an seine Brust drückend, »welch' ein niedriger Elender bin ich, daß ich feigherzig genug bin, mich deines Opfers zu bedienen!« »Sprich nicht davon – die Bäume haben Ohren. Laß uns zurück zum Lager und unsere Knaben nach dem Wilde schicken. – Fort, Hunde, und folgt uns auf der Ferse.« Der Spürhund hatte, zum Glück für Simon, seine Nase in das Blut des Rehes getaucht, sonst könnte er des Handschuhmachers Spur im Dickicht gefunden haben; da aber sein schärferer Geruch verloren war, so folgte er ruhig mit den übrigen Hunden. Als man die Jäger nicht mehr sah und hörte, stand der Handschuhmacher, sehr erleichtert durch ihren Abschied, auf, und begann sich in entgegengesetzter Richtung, so schnell es sein Alter erlaubte, davon zu machen. Sein erster Gedanke war die Treue des Pflegevaters. »Das wilde Hochländerherz ist ächt und treu. Jener Mann gleicht eher den Riesen in den Romanzen, als einem Menschen unseres Schlages; und doch könnten sich Christen ein Beispiel an seiner Anhänglichkeit nehmen. Obwohl es ein einfältiger Versuch ist, einen Mann aus der Reihe der Feinde zu beseitigen, als ob nicht zwanzig der wilden Katzen bereit sein würden, seine Stelle zu füllen.« So dachte der Handschuhmacher, der nicht wußte, daß die strengsten Befehle erlassen waren, welche jedem der streitenden Clans geboten, ihre Freunde, Verbündete und Untergebene eine Woche vor und eine Woche nach dem Kampfe nicht auf fünfzig Meilen von Perth kommen zu lassen; eine Verordnung, die durch bewaffnete Mannschaft unterstützt wurde. Sobald unser Freund Simon bei der Wohnung des Hirten anlangte, fand er andere Neuigkeiten für sich. Vater Clemens hatte sie überbracht, der in einem Pilgergewand kam, bereit seine Rückkehr nach dem Süden anzutreten, und mit dem Wunsche, von seinem Gefährten in der Verbannung Abschied zu nehmen oder ihn zum Begleiter zu gewinnen. »Aber was,« sagte der Bürger, »hat Euch so plötzlich verleitet, in das Reich der Gefahr zurückzukehren?« »Habt Ihr nicht gehört,« sagte Vater Clemens, »daß, nachdem March und seine englischen Verbündeten sich vor dem Grafen Douglas nach England zurückgezogen haben, der gute Graf es übernommen hat, das Unglück des Staates zu beseitigen, und daß er an den Hof Briefe geschrieben hat, welche die Aufhebung des hohen Gerichtshofes gegen Ketzerei als eine Störung des menschlichen Gewissens verlangen – daß die Ernennung Henry's von Wardlaw zum Prälaten von St. Andrews dem Parlament übertragen werden solle, nebst verschiedenen anderen Dingen, die den Gemeinen erfreulich sind? Nun haben sich die meisten Edeln, die mit dem König zu Perth sind, und unter ihnen Sir Patrick Charteris, Euer würdiger Oberrichter, für die Vorschläge des Douglas erklärt. Der Herzog von Albany hat seine Beistimmung gegeben, ob aus gutem Willen oder aus Staatsklugheit, kann ich nicht sagen. Der gute König ist leicht zu milden und gütigen Maßregeln zu überreden. Und so sind die Zähne der Unterdrücker in ihren Höhlen in Stücke gebrochen und die Beute ist ihren räuberischen Klauen entrissen. Wollt Ihr mit mir nach dem Niederlande, oder noch eine Weile hier bleiben?« Niel Booshalloch ersparte seinem Freunde die Mühe der Antwort. »Er habe des Häuptlings Befehl,« sagte er, »zu sagen, daß Simon Glover bleiben solle, bis die Streiter zur Schlacht hinabgezogen wären.« In dieser Antwort sah der Bürger etwas mit seiner eigenen vollkommenen Freiheit nicht Uebereinstimmendes; aber er kümmerte sich jetzt wenig darum, da es eine gute Ausrede gab, nicht mit dem Geistlichen zu reisen. »Ein vorzüglicher Mann,« sagte er zu seinem Freunde Niel Booshalloch, sobald Vater Clemens Abschied genommen hatte, »ein großer Gelehrter und großer Heiliger. Es ist schade, daß er nicht mehr in Gefahr ist, verbrannt zu werden, da seine Predigt am Pfahle Tausende bekehren würde. O, Niel Booshalloch! Vater Clemens' Scheiterhaufen würde ein süßduftendes Opfer sein und ein Leuchtthurm für alle gläubigen Christen. Aber wozu würde der Brand eines gemeinen unwissenden Bürgers, gleich mir, dienen? Man gibt nicht altes Handschuhleder für Weihrauch und unterhält auch nicht Leuchtthürme mit ungegerbten Fellen, denk' ich? Aufrichtig zu sprechen, hab' ich zu wenig Gelehrsamkeit und zu viel Furcht, um Ruhm bei der Affaire zu ärnten, und daher würde ich, wie man bei uns sagt, beides, den Schaden und den Spott, haben.« »Da habt Ihr Recht,« sagte der Hirt. Dreißigstes Kapitel. Wir müssen zu den Personen unserer dramatischen Erzählung zurückkehren, die wir in Perth ließen, als wir den Handschuhmacher und seine schöne Tochter nach Kinfauns begleiteten und von diesem gastfreundlichen Hause den Weg Simons nach dem Taysee verfolgten; der Prinz, als die Hauptperson, nimmt zunächst unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Dieser rasche und unbedachte junge Mann ertrug mit einiger Ungeduld seinen abgeschiedenen Aufenthalt beim Lord Großconnetable, dessen sonst immer angenehme Gesellschaft ihm blos deswegen nicht zusagte, weil er einigermaßen seinen Hofmeister machte. Erzürnt gegen seinen Oheim, und unzufrieden mit seinem Vater, sehnte er sich natürlich nach der Gesellschaft Sir John Ramorny's, von dem er so lange gewohnt war Unterhaltung zu erlangen, und von dem er sich, so beleidigend er diesen Vorwurf auch finden mochte, hatte leiten und beherrschen lassen. Er sandte ihm daher eine Einladung, ihn zu besuchen, wenn seine Gesundheit es erlaubte; und deutete ihm an, er möge zu Wasser sich nach einem kleinen Pavillon in des Großconnetables Garten begeben, der, wie Sir Johns eigener, an den Tay stieß. Bei der Erneuerung einer so gefährlichen Verbindung bedachte Rothsay nur, daß er Sir John Ramorny's freigebiger Freund gewesen, während Sir John Ramorny, als er die Einladung erhielt, sich nur der launischen Beleidigungen seines ehemaligen Gebieters, des Verlustes seiner Hand, der Leichtigkeit, womit diesen der Prinz betrachtete, und der Bereitwilligkeit erinnerte, mit welcher Rothsay ihn hinsichtlich der Ermordung des Strumpfwirkers im Stich gelassen hatte. Er lachte bitter, als er des Prinzen Brief las. »Eviot,« sagte er, »bemanne ein starkes Boot mit sechs zuverlässigen Leuten, – zuverlässige Leute, merke dir's – verliere keinen Augenblick; und heiße Dwining sogleich hieher kommen. – Der Himmel lächelt uns, mein wackerer Freund,« sagte er zum Arzt. »Ich zermarterte eben mein Gehirn, wie ich Zutritt zu dem wankelmüthigen Burschen erhalten könnte, und hier schickt er eine Einladung.« »Hm! – ich sehe die Sache deutlich,« sagte Dwining. »Der Himmel lächelt zu manchen mißlichen Vorfällen – hi, hi,hi!« »Thut nichts, die Schlinge ist bereit; und es ist auch Köder d'ran, mein Freund, womit man den Burschen aus einem Heiligthum locken würde, wenn ihn auch ein Trupp mit gezogenen Schwertern auf dem Kirchhof erwartete. Doch ist das kaum nöthig. Sein eigener Ueberdruß würde den Streich vollbracht haben. Halt deine Sachen bereit – du gehst mit uns. Schreib ihm, da ich es nicht kann, daß wir sogleich kommen, seine Befehle zu hören, und schreibe gut. Er liest gut und das verdankt er mir.« »Er wird Euer Schuldner für fernere Kenntnisse sein, bevor er stirbt – hi, hi, hi! aber ist Euer Handel mit dem Herzog von Albany gewiß?« »Genug, um meinen Ehrgeiz, deine Habsucht und unser Beider Rache zu befriedigen. In's Boot, in's Boot, schnell; Eviot soll einige Flaschen des auserlesensten Weines und etwas kalte Küche hineinschaffen.« »Aber Euer Arm, Sir John? Schmerzt er Euch nicht?« »Das Beben meines Herzens bringt den Schmerz meiner Wunde zum Schweigen. Es schlägt, als wollt' es mir die Brust sprengen.« »Behüte der Himmel!« – sagte Dwininig, und leise fügte er hinzu: »Das würde einen seltsamen Anblick geben. Ich möchte es wohl gern seciren, aber sein steiniger Stoff würde meine besten Instrumente verderben.« Nach wenigen Minuten waren sie im Boote, während ein rascher Bote dem Prinzen die Nachricht brachte. Rothsay saß beim Connetable, nachdem sie ihr Mittagsmahl gehalten. Er war düster und schweigend, und der Graf hatte so eben gefragt, ob er wünsche, daß abgetragen werde, als ein dem Prinzen übergebener Brief sofort dessen Miene veränderte. »Wie Euch beliebt,« sagte er. »Ich gehe zum Pavillon im Garten, – versteht sich mit Erlaubniß Mylord des Connetables, – um meinen ehemaligen Stallmeister zu empfangen.« »Mylord?« sagte Lord Errol. »Ja, Mylord; muß ich zwei Mal um Erlaubniß bitten?« »Keineswegs, Mylord,« antwortete der Connetable. »Erinnert sich aber Eure königliche Hoheit, daß Sir John Ramorny – –« »Doch nicht die Pest hat, hoff' ich?« erwiderte Rothsay. »Nun, Errol, Ihr möchtet gern den gewissenhaften Gefangenenwärter machen; aber das widersteht Eurer Natur – lebt wohl auf eine halbe Stunde.« »Eine neue Thorheit!« sagte Errol, als der Prinz, einen Thürflügel des Saales im Erdgeschoß, wo sie saßen, öffnend, hinaus in den Garten ging. »Eine neue Thorheit, diesen Schurken zu seinem Rathe zurückzurufen. Aber er ist bethört.« Der Prinz sah inzwischen zurück und sagte eilig: »Euer Gnaden guter Haushalt wird ein paar Flaschen Wein und eine kleine Collation in dem Salon für uns haben? Ich liebe das al Fresko des Flusses.« Der Connetable verbeugte sich und gab die nöthigen Befehle, so daß Sir John die Materialien eines guten Mahles bereit fand, als er die Barke verließ und in den Pavillon trat. »Es betrübt mein Herz, Eure Hoheit unter Aufsicht zu sehen,« sagte Ramorny, indem er geschickt eine Miene des Mitleids annahm. »Die Betrübniß deines Herzens betrübt das meine,« sagte der Prinz. »Freilich hat mich hier Errol, der ein recht biederherziger Lord ist, so ermüdet mit ernsten Blicken und gewissermaßen auch ernsten Lehren, daß es mich zu dir zurücktrieb, du Böser, von dem ich zwar nichts Gutes erwarte, aber vielleicht doch einige Unterhaltung erlange. Doch eh' wir weiter sprechen: – es war eine schlechte That, die am Fastenabend, Ramorny. Ich hoffe, du hast sie nicht angegeben.« »Bei meiner Ehre, Mylord, ein bloßer Irrthum des rohen Bonthron. Ich gab ihm zu verstehen, daß der Kerl einige Hiebe verdiene, durch den ich die Hand verlor; und seht, mein Schuft begeht einen doppelten Mißgriff. Er nimmt den einen Mann für den andern und statt des Knittels gebraucht er die Axt.« »Gut, daß es nicht weiter kam. Was liegt viel am Strumpfwirker; aber nie hätt' ich Euch vergeben, wenn der Waffenschmied fiel – der hat seines Gleichen nicht in Britannien. – Aber ich hoffe, man hängte den Schurken hoch genug?« »Wenn dreißig Fuß genügen,« erwiderte Ramorny. »Pah! nichts mehr von ihm,« sagte Rothsay; »sein elender Name macht den guten Wein nach Blut schmeckend. – Und was gibt's Neues in Perth, Ramorny? – Wie steht es mit den Bona Rodas und den lustigen Freunden?« »Es gibt nicht viel Lustigkeit, Mylord,« antwortete der Ritter. »Aller Augen sind auf die Bewegungen des schwarzen Douglas gerichtet, der mit fünftausend auserlesenen Kriegern kommt, uns Alle zurecht zu bringen, als gäb' es ein zweites Otterburn für ihn. Man sagt, er soll wieder Statthalter werden. Gewiß ist, daß sich Viele für seine Partei erklärt haben.« »Also ist es Zeit, daß meine Füße frei werden,« sagte Rothsay, »sonst kann ich einen schlimmeren Gefangenwärter als Errol finden.« »Ach, Mylord! wärt Ihr einmal von diesem Orte weg, so könntet Ihr das Haupt so kühn erheben, wie Douglas.« »Ramorny,« sagte der Prinz ernst, »ich habe nur eine dunkle Erinnerung von Etwas Furchtbarem, was Ihr mir einmal vorgeschlagen habt. Hütet Euch vor solchem Rath. Ich möchte frei sein – ich möchte über meine Person selbst verfügen können; aber nie will ich die Waffen gegen meinen Vater erheben, noch gegen die, auf die er sich verläßt. »Nur hinsichtlich der persönlichen Freiheit Eurer Hoheit erlaubte ich mir zu sprechen,« antwortete Ramorny. »Wär' ich an Eurer Stelle, ich begäbe mich in das gute Boot, das auf dem Tay liegt und zöge ruhig hinunter nach Fife, wo Ihr viele Freunde habt, und Falkland in Besitz nehmen könnt. Es ist ein königliches Schloß; und obwohl es der König Eurem Oheim geschenkt hat, so kann, selbst wenn das Geschenk nicht bestritten werden dürfte, doch Eure Hoheit sicherlich sich des Wohnsitzes eines so nahen Verwandten bedienen.« »Er hat sich des meinen frei bedient,« sagte der Herzog, »wie das königliche Gut von Renfrew beweist. Aber halt, Ramorny – halt – hört' ich nicht Errol sagen, daß die Lady Marjory Douglas, die sie Herzogin von Rothsay nennen, in Falkland ist? Ich möchte nicht bei dieser Dame wohnen und ebensowenig sie durch Vertreibung beleidigen.« »Die Dame war dort, Mylord,« erwiderte Ramorny; »aber ich habe sichere Nachricht, daß sie gegangen ist, ihren Vater zu besuchen.« »Ha! um Douglas gegen mich aufzubringen? oder vielleicht, ihn anzuflehen, daß er meiner schone, vorausgesetzt, daß ich auf meinen Knieen an ihr Bett komme, wie uns Pilger erzählen, daß es Emire und Admirale thun müssen, denen ein türkischer Sultan seine Tochter zur Ehe gibt? Ramorny, ich will nach des Douglas eigenem Worte handeln: ›es ist besser, die Lerche singen, als die Maus quiken zu hören!‹ Ich will Fuß und Hand aus den Fesseln befreien.« »Kein Ort ist dazu besser, als Falkland,« erwiderte Ramorny. »Ich habe genug guter Yeomen, um den Platz zu behaupten; und sollte Eure Hoheit ihn verlassen wollen, so bringt ein kurzer Ritt Euch in drei Richtungen zur See.« »Ihr habt recht. Aber wir werden dort vor langer Weile sterben. Weder Freunde, Musik, noch Mädchen – ha!« sagte der leichtsinnige Prinz. »Verzeiht mir, edler Herzog; aber obwohl die Lady Marjory Douglas, gleich einer irrenden Dame in den Balladen, fortgegangen ist, um Hilfe bei ihrem tapferen Vater zu suchen, so ist doch, ich kann wohl sagen, ein liebenswürdigeres, jedenfalls aber ein jüngeres Mädchen, entweder bereits in Falkland oder bald unterwegs dorthin. Eure Hoheit hat das schöne Mädchen von Perth nicht vergessen?« »Die artigste Dirne in Schottland vergessen? – Nein – so wenig du die Hand vergessen hast, die du im Gefechte in Curfewstreet am Valentinsabend hattest.« »Die Hand, die ich hatte? – Eure Hoheit wollte sagen, die Hand, die ich verlor. So gewiß ich sie nimmer wieder gewinnen werde, ist Katharina Glover zu Falkland, oder wird bald dort sein. Ich will Eurer Hoheit nicht schmeicheln, indem ich sagte, sie erwarte Euch dort – in der That, sie will sich dort selbst unter den Schutz der Lady Marjory stellen.« »Die kleine Verrätherin,« sagte der Prinz – »auch sie stellt sich gegen mich? Sie verdient Strafe, Ramorny.« »Ich hoffe, Ihr werdet ihr eine sanfte Strafe auferlegen,« erwiderte der Ritter. »Meiner Treu, ich hätte schon längst ihr Beichtvater sein mögen, aber ich habe sie immer spröde gefunden.« »Die Gelegenheit fehlte, Mylord,« erwiderte Ramorny, »und gerade jetzt drängt die Zeit.« »Ei, ich bin nur zu bereit zu einer Narrheit; – aber mein Vater – « »Er ist persönlich wohl,« sagte Ramorny, »und so frei, als er sein kann; während Eure Hoheit – « »Fesseln brechen muß, eheliche und wirkliche – ich weiß es. – Dort kommt Douglas mit seiner Tochter an der Hand, so hochmüthig und von so rauhen Zügen, wie er selbst, außer was das Alter anlangt.« »Und zu Falkland sitzt einsam die schönste Dirne Schottlands,« sagte Ramorny. »Hier ist Buße und Haft, dort ist Freude und Freiheit.« »Du hast gesiegt, höchstweiser Rath,« erwiderte Rothsay; »aber merk' dir's, es wird die letzte meiner Thorheiten sein.« »So hoff' ich,« erwiderte Ramorny; »denn wenn Ihr in Freiheit seid, so könnt Ihr einen guten Vergleich mit Eurem königlichen Vater schließen.« »Ich will ihm schreiben, Ramorny – schafft Schreibmaterial herbei – doch nein – ich kann meine Gedanken nicht in Worte bringen – schreibe du.« »Eure königliche Hoheit vergißt –« sagte Ramorny, auf seinen verstümmelten Arm deutend. »Ach! über Eure verwünschte Hand. Was können wir thun?« »Wenn es Eurer Hoheit gefällt,« antwortete sein Rathgeber, »Euch der Hand des Arztes Dwining zu bedienen – er schreibt wie ein Gelehrter.« »Weiß er Etwas von dem Stande der Dinge? Kennt er sie?« »Vollkommen,« sagte Ramorny; und zum Fenster tretend rief er Dwining aus dem Boote. Er trat vor den Prinzen von Schottland, schleichend, als wenn er auf Eiern ginge, mit niedergeschlagenen Augen und mit einem Körper, der vor Ehrfurcht zusammengeschrumpft schien. »Hier, Bursche, ist Schreibzeug. Ich will dich versuchen – du kennst die Sache – stelle mein Benehmen meinem Vater in einem guten Lichte dar.« Dwining setzte sich und schrieb binnen wenigen Minuten einen Brief, den er Sir John Ramorny einhändigte. »Ei, der Teufel hat dir geholfen, Dwining,« sagte der Ritter. »Hört, mein theurer Herr: – Verehrter Vater und königlicher Herr, – wißt, daß wichtige Rücksichten mich veranlassen, von diesem Eurem Hofe Abschied zu nehmen, indem ich meinen Aufenthalt in Falkland nehmen will, sowohl als dem Besitzthum meines theuersten Oheims Albany (mit dem ich nach Eurer Majestät Wunsch im besten Einvernehmen stehen soll), wie auch dem Wohnsitze Einer, der ich zu lange entfremdet gewesen bin, und mit der ich fortan das Gelöbniß treuester Zuneigung zu tauschen eile.« Der Herzog von Rothsay und Ramorny lachten laut, und der Arzt, der seiner eigenen Schrift zugehört hatte, als wäre sie ein Todesurtheil, erhob, durch ihren Beifall ermuthigt, die Augen, indem er ganz leise sein »hi, hi!« hören ließ, worauf er wieder ernst und schweigend war, als fürchte er die Grenzen ehrerbietigen Respekts überschritten zu haben. »Bewundernswerth!« sagte der Prinz – »vortrefflich! Der alte Mann wird Alles dies der sogenannten Herzogin von Rothsay hinterbringen. – Dwining, du solltest ein Geheimschreiber Seiner Heiligkeit des Papstes sein, der bisweilen, wie man sagt, einen Schreiber braucht, welcher ein Wort mit zweierlei Deutung aufzusetzen versteht. Ich will es unterschreiben und das Lob dafür ärnten.« »Und nun, Mylord,« sagte Ramorny, den Brief siegelnd, und ihn liegen lassend, »wollt Ihr nicht in's Boot?« »Nicht eher, als bis mein Kammerdiener mit einigen Kleidern und nothwendigen Sachen kommt – auch mögt Ihr meinen Vorschneider rufen.« »Mylord,« sagte Ramorny, »die Zeit drängt und Vorbereitungen werden nur Argwohn erregen. Eure Dienstleute werden Euch morgen mit den Sachen folgen. Für diese Nacht wird Euch hoffentlich mein armer Dienst bei Tafel und Schlafgemach genügen.« »Nun, diesmal bist du der vergeßliche,« sagte der Prinz, den verwundeten Arm mit seiner Reitgerte berührend. »Bedenke, Mann, du kannst weder einen Kapaun vorschneiden, noch eine Schleife binden – ein guter Vorschneider oder Mundschenk!« Ramorny lächelte mit Wuth und Schmerz; denn seine Wunde, obwohl in der Heilung begriffen, war noch sehr empfindlich und selbst die Bewegung eines Fingers dagegen machte ihn zittern. »Gefällt es Eurer Hoheit nicht, in's Boot zu gehen?« »Nicht, bis ich Abschied vom Lord Connetable genommen. Rothsay darf nicht, wie ein Dieb aus dem Gefängniß, aus Errols Hause davonschleichen. Ruft ihn hierher.« »Mylord Herzog,« sagte Ramorny, »es könnte unserm Plane gefährlich sein.« »Zum Teufel mit Gefahr, deinem Plane und dir! – ich muß und will gegen Errol handeln, wie es uns Beiden gebührt.« Der Graf trat auf des Prinzen Ruf herein. »Ich bemühte Euch hieher, Mylord,« sagte Rothsay mit der würdevollen Artigkeit, die er so wohl anzunehmen verstand, »um Euch für Eure Gastfreundschaft und gute Gesellschaft zu danken. Ich kann mich derselben nicht länger erfreuen, weil mich dringende Angelegenheiten nach Falkland rufen.« »Mylord,« sagte der Großconnetable, »ich hoffe, Eure Hoheit erinnert sich, daß Ihr in Haft seid.« »Wie! – in Haft! Wenn ich ein Gefangener bin, redet deutlich, – wo nicht, so nehm' ich mir die Freiheit abzureisen.« »Ich wünschte, Eure Hoheit erbäte Seiner Majestät Erlaubniß zu dieser Reise. Es wird großes Mißfallen erregen.« »Meint Ihr, Mißfallen gegen Euch, Mylord, oder gegen mich?« »Ich habe bereits gesagt, Eure Hoheit sei hier in Haft; seid Ihr aber entschlossen, sie zu brechen, so hab' ich keine Vollmacht – Gott verhüte das – Euch gegen Eure Neigung zu zwingen. Ich kann Eure Hoheit nur dringend bitten, um Eurer selbst willen –« »Was meinen eigenen Vortheil anlangt, bin ich der beste Richter – guten Abend Euch, Mylord.« Der leichtsinnige Prinz begab sich mit Dwining und Ramorny in's Boot, und da keine andere Dienerschaft vorhanden war, stieß Eviot das Fahrzeug ab, welches mit Hilfe von Segel, Ruder und Ebbe schnell den Tay hinabfuhr. Eine Zeitlang erschien der Herzog von Rothsay schweigend und unmuthig, und seine Gefährten unterbrachen auch nicht seine Betrachtungen. Endlich erhob er sein Haupt und sagte: »Mein Vater liebt einen Scherz, und wenn Alles vorbei ist, wird er diesen Streich nicht ernster aufnehmen, als er's verdient – eine Jugendthorheit, die er betrachten wird, wie er andere betrachtete. – Dort, meine Herren, zeigt sich der alte Sitz von Kinfauns, über den Tay drohend empor ragend. Nun sag' mir, John Ramorny, wie hast du das schöne Mädchen von Perth aus den Händen jenes hartköpfigen Oberrichters bekommen können? Denn Errol theilte mir das Gerücht mit, sie sei unter seinem Schutze.« »Das war sie allerdings, Mylord, in der Absicht, der Obhut der Herzogin übergeben zu werden, – ich meine der Lady Marjory von Douglas. Nun hat dieser stierköpfige Oberrichter, der jedenfalls nur ein plumpes Stück von Tapferkeit ist, wie die meisten seines Gleichen, einen Diener von einiger List und Schlauheit, den er bei allen Dingen braucht, und dessen Rathschläge er gewöhnlich als seine eigenen betrachtet. Will ich mich eines Landbarons bemächtigen, so wend' ich mich an solch' einen Vertrauten, der in gegenwärtigem Falle Kitt Henschaw heißt, ein alter Tayschiffer, welcher, nachdem er zu seiner Zeit bis Campvere gefahren, jetzt bei Sir Patrick Charteris die Achtung behauptet, die einem Manne gebührt, der ferne Länder gesehen hat. Diesen seinen Agenten hab' ich zum meinigen gemacht, und habe durch ihn verschiedene Entschuldigungen angebracht, um die Abreise Katharinens nach Falkland aufzuschieben.« »Und in welcher guten Absicht?« »Ich weiß nicht, ob es klug ist, dies Eurer Hoheit zu sagen, da Ihr meine Absichten mißbilligen könntet – ich dachte, die Beamten der Commission für Erforschung ketzerischer Meinungen sollten das schöne Mädchen zu Kinfauns finden, und da unsere Schöne eine eigensinnige Abtrünnige von der Kirche ist, so schloß ich, daß der Ritter gewiß sein Theil an den Bußen und Confiscationen, die man verhängen wollte, haben werde. Die Mönche waren eifrig genug, an ihn zu kommen, weil sie häufig Streit mit ihm über den Salmenzehnten gehabt hatten.« »Aber warum wolltest du des Ritters Vermögen zu Grunde richten und das schöne junge Weib vielleicht auf den Scheiterhaufen bringen?« »Pah, Mylord Herzog! – Die Mönche verbrennen nie hübsche Mädchen. Eine alte Frau könnte in einiger Gefahr gewesen sein; und was den Lord Oberrichter betrifft, wie man ihn nennt, so wär' es eine Buße für die unnütze Beleidigung gewesen, die er mir in der St. Johnskirche anthat, wenn man ihm einige seiner fetten Aecker genommen hätte.« »Mich dünkt, John, das wäre nur niedrige Rache,« sagte Rothsay. »Beruhigt Euch, Mylord. Wer sich nicht Recht mit der Hand verschaffen kann, muß den Kopf brauchen. – Nun, diese Möglichkeit entschwand durch des hartköpfigen Douglas Erklärung zu Gunsten der zarten Gewissen; und dann, Mylord, fand der alte Henschaw weiter keinen Einwand gegen die Reise des schönen Mädchens von Perth nach Falkland, – nicht um die eigensinnige Gesellschaft der Lady Marjory zu theilen, wie Sir Patrick Charteris und sie selbst dachte, sondern um Eurer Hoheit die Langeweile zu vertreiben, wenn wir von der Jagd im Parke zurückkommen.« Wieder entstand eine lange Pause, während welcher der Prinz in tiefes Sinnen versunken schien. Endlich sagte er: »Ramorny, ich habe ein Bedenken bei der Sache; aber wenn ich es dir nenne, wird der Teufel der Sophisterei, von dem du besessen bist, es mir ausreden, wie schon mit vielem Andern geschehen. Dies Mädchen ist, eines ausgenommen, das schönste von allen, die ich je sah oder kannte; und ich liebe sie um so mehr, weil sie einige Züge von – Elisabeth von Dunbar hat. Aber sie, ich meine Katharina Glover, ist verlobt, und soll jetzt mit Harry dem Waffenschmied verheirathet werden, einem Handwerksmann, unübertroffen in seiner Kunst, und einem Krieger, der noch nie besiegt ward. Diese Intrigue ausführen, hieße einem braven Manne zu viel Unrecht thun.« »Eure Hoheit wird nicht erwarten, daß ich mich sehr um Harry Schmieds Vortheil kümmere,« sagte Ramorny, auf seinen verwundeten Arm sehend. »Bei St. Andreas mit seinem Kreuz, dieses dein Mißgeschick wird mir zu sehr vorgerückt, John Ramorny! Andere begnügen sich, einen Finger in Jedermanns Schüssel zu stecken, aber du mußt die ganze blutige Hand hineinwerfen. Es ist geschehen und läßt sich nicht ändern – laß es vergessen sein.« »Ei, Mylord, Ihr spielt häufiger darauf an, als ich,« antwortete der Ritter, – allerdings spottweise; während ich – aber ich kann von der Sache schweigen, wenn ich sie auch nicht vergessen kann.« »Nun wohl, ich sage dir, daß ich eine Bedenklichkeit bei diesem Anschlag habe. Erinnerst du dich, als wir einmal zum Spaß hingingen, um Vater Clemens predigen zu hören oder vielmehr die schöne Ketzerin zu sehen, daß er rührend wie ein Minstrel vom reichen Manne sprach, der des armen Mannes einziges Lamm wegnahm?« »Eine wichtige Sache in der That,« antwortete Sir John, »daß der älteste Sohn vom Weibe dieses Kerls den Prinzen von Schottland zum Vater haben sollte! Wie viele Grafen würden sich dies Loos für ihre schönen Gräfinnen wünschen! und wie Viele, die so gutes Glück gehabt haben, schlafen darum kein Haar schlechter!« »Und dürft' ich mir anmaßen, zu sprechen,« sagte der Arzt, »so ertheilen die alten Gesetze Schottlands solch ein Recht jedem Lehnsherrn über seine weiblichen Unterthanen, obwohl Mangel an Feuer und Liebe zum Gelde es Viele für Gold hingeben ließ.« »Ich brauche keine Gründe, daß ich freundlich gegen ein hübsches Weib sein soll; aber diese Katharina ist immer kalt gegen mich gewesen,« sagte der Prinz. »Ei, Mylord,« sagte Ramorny, »wenn Ihr, jung, hübsch und ein Prinz, Euch nicht einem schönen Weibe angenehm zu machen wißt, so hab' ich nichts weiter zu sagen.« »Und wär' es nicht eine allzugroße Kühnheit für mich, noch ein Mal zu reden,« sagte der Arzt, »so würde ich sagen, daß ganz Perth weiß, daß der Gow Chrom nie des Mädchens Wahl war, sondern ihr vom Vater aufgezwungen ward. Ich weiß ganz gewiß, daß sie ihn mehrmals zurückwies.« »Nun, wenn du mich dessen versichern kannst, so ist es eine ganz andere Sache,« sagte Rothsay. »Vulkan war ein Schmied so gut wie Harry Wynd; er warb um Venus, und unsere Chroniken sagen uns, was dabei herauskam.« »So möge Lady Venus lange leben und verehrt werden,« sagte Sir John Ramorny; »und glücklich sei der artige Ritter Mars, der geht, um ihre Göttlichkeit zu werben!« Das Gespräch nahm für einige Minuten eine heitere und tändelnde Richtung; aber der Herzog von Rothsay ließ es bald fallen. »Ich habe,« sagte er, »die Luft des Gefängnisses dort zurückgelassen, und doch will mein Muth nicht aufleben. Ich fühle die matte, nicht unangenehme, aber doch melancholische Stimmung, die uns befällt, wenn uns Bewegung fehlt, oder Vergnügen übersättigt hat. Eine Musik, sich zum Ohr stehlend, nicht laut genug, um uns den Blick erheben zu lassen, wäre ein Götterfest.« »Eure Hoheit braucht Ihre Wünsche nur auszusprechen, und die Nymphen im Tay werden so gefällig sein, wie die Schönen am Strande. – Horcht – das ist eine Laute.« »Eine Laute!« sagte der Herzog von Rothsay lauschend; »so ist's, und mit seltner Kunst gespielt. Dieses Tonfalls sollt' ich mich erinnern. Lenkt das Boot dahin, woher die Musik tönt.« »Es ist der alte Henschaw,« sagte Ramorny, »der stromauf fährt – heda, Schiffer!« Der Bootsmann beantwortete den Gruß und legte sich an die Barke des Prinzen. »Oho! meine alte Freundin!« sagte der Prinz, der Gestalt und Kleidung der französischen Sängerin Louise wieder erkannte. »Ich denke, ich bin dir Etwas schuldig, weil ich dir mindestens Schrecken verursachte am St. Valentinstag. Komm in dies Boot, sammt Laute, Hund, Gepäck und Allem – ich will dich in einer Dame Dienst bringen, die selbst deinen Hund mit Kapaun und Kanariensekt füttern wird.« »Ich hoffe, Eure Hoheit wird bedenken – « sagte Ramorny. »Ich will nichts als mein Vergnügen bedenken, John. Bitte, sei so gefällig und bedenke das ebenfalls.« »Wollt Ihr mich fürwahr in einer Lady Dienst bringen?« sagte die Sängerin, »und wo wohnt sie?« »Zu Falkland,« antwortete der Prinz. »O, ich habe von der großen Lady gehört!« sagte Louise; »und wollt Ihr mich wirklich in den Dienst Eurer königlichen Gemahlin bringen?« »Ich will's, bei meiner Ehre – sobald ich sie als solche anerkenne – merk' diesen Vorbehalt, John,« sagte er leise zu Ramorny. Die Personen, die im Boote waren, hörten die Kunde, und da sie schlossen, es sei eine Aussöhnung zwischen dem königlichen Paar im Werke, ermahnten sie Louise, ihr Glück zu benutzen und in's Gefolge der Herzogin von Rothsay zu treten. Mehrere boten ihr eine Belohnung für die Ausübung ihres Talents. Während dieses kurzen Aufenthalts flüsterte Ramorny Dwining zu: »Bring' einen Einwand zum Vorschein, Schuft. Diese Zugabe ist zu viel. Wecke deinen Witz, unterdessen will ich ein Wort mit Henschaw sprechen.« »Dürft' ich mir anmaßen, zu sprechen,« sagte Dwining, »als Einer, der seine Studien in Arabien und Spanien gemacht hat, so würd' ich sagen, Mylord, daß sich die Seuche in Edinburg gezeigt hat, und daß es gewagt sein dürfte, wenn Ihr diese junge Fremde in Eurer Hoheit Nähe kommen ließt.« »Ach! was geht es dich an,« sagte Rothsay, »ob ich mich lieber durch die Pest oder durch den Apotheker vergiften lassen will? Thut es auch dir Noth, meine Laune zu trüben?« Während der Prinz so die Gegenreden Dwinings zum Schweigen brachte, hatte Sir John einen Augenblick gewonnen, um von Henschaw zu erfahren, daß die Entfernung der Herzogin von Rothsay aus Falkland immer noch tiefes Geheimniß sei, und daß Katharina Glover dort an diesem Abend oder am nächsten Morgen ankommen werde, in der Erwartung, unter der edlen Dame Schutz zu kommen. Der Herzog von Rothsay, tief in Gedanken versunken, empfing diese Nachricht so kalt, daß Ramorny sich die Freiheit nahm, zu tadeln. »Dies, Mylord,« sagte er, »heißt das verzogene Kind des Glückes spielen. Ihr wünscht Freiheit – sie kommt. Ihr wünscht Schönheit – sie erwartet Euch, nur eben so viel zögernd, um das Gut um so köstlicher zu machen. Selbst Eure geringsten Wünsche scheinen dem Schicksal Gesetz zu sein; denn Ihr wünscht Musik, während sie am fernsten scheint, und Laute und Gesang sind Euch zur Hand. Diese Dinge, so gesendet, sollte man genießen, sonst gleichen wir nur eigensinnigen Kindern, die das Spielzeug von sich werfen, nach welchem sie sich krank geweint haben.« »Um Vergnügen zu genießen, Ramorny,« sagte der Prinz, »muß man Schmerz empfunden haben, wie man fasten muß, um guten Appetit zu gewinnen. Wir, die wir Alles nach Wunsch haben können, genießen das wenig, was wir besitzen. Siehst du jene dichte Wolke, die im Begriff ist, sich in Regen aufzulösen? Sie scheint mir zu ersticken – das Wasser sieht dunkel und trübe – das Ufer scheint seine Schönheit verloren zu haben –« »Mylord, verzeiht Eurem Diener,« sagte Ramorny. »Ihr gebt einer mächtigen Einbildungskraft nach, so wie ein ungeschickter Reiter einen feurigen Hengst sich bäumen läßt, bis er zurückfällt und den Herrn erdrückt. Ich bitt' Euch, schüttelt diese Schlaffheit von Euch. Soll die Sängerin ein wenig musiciren?« »Sie mag's thun – aber es muß melancholisch sein, alles Lustige würde in diesem Augenblicke mein Ohr beleidigen.« Das Mädchen sang ein trauriges normannisches Lied; die Worte, von denen Folgendes eine Nachahmung ist, wurden in einer ebenso schwermüthigen Weise gesungen. Ja, seufze jetzt, – Noch ein Mal magst du ringsum schau'n Auf Himmel, Land, auf Strom und Au'n; Dein Leben schließt und Todesgrau'n Naht dir zuletzt. Ja, ruhe so, Und da dein Puls noch zittert bang', Stimm' an der Mönch der Messe Sang, Dumpf schall' der Todtenglocke Klang – Dein Leben floh. Nichts, was dir droht! Es ist ein Schmerz, ein Beben dann, Gluth, die in Kälte bald zerrann, Ein Ende jeden Weh's sodann, Denn du bist todt. Der Prinz machte keine Bemerkung über die Musik, und das Mädchen setzte, auf Ramorny's Wink, von Zeit zu Zeit ihren Gesang fort, bis der Abend niedersank mit Regen, erst leis und sanft, endlich aber in Strömen und von einem kalten Winde begleitet. Der Prinz hatte weder Mantel noch Decke, und düster wies er den zurück, welchen ihm Ramorny bot. »Es paßt nicht für Rothsay, Eure abgelegten Kleider zu tragen, Sir John; – diesem geschmolzenen Schnee, den ich nun bis auf's Mark dringen fühle, setzt' ich mich durch Eure Schuld aus. Warum unterstandet Ihr Euch, das Boot zu lösen, ohne meine Diener und Geräthschaften?« Ramorny wagte keine Entschuldigung; denn er wußte, daß sich der Prinz in einer solchen Laune befand, wo es ihm angenehmer war, seine Beschwerden zu behaupten, als sich mit einer vernünftigen Entschuldigung zum Schweigen bringen zu lassen. In trübem Schweigen oder unter verhaltenem Aerger kamen sie bei dem Fischerdorf Newburgh an. Die Gesellschaft landete und fand Pferde bereit, die Ramorny längst für diese Gelegenheit in Bereitschaft gehalten hatte. Der Prinz spottete bitter über ihre Gestalt, und drückte diesen Spott bald in offenen Worten, bald in Seitenhieben gegen Ramorny aus. Endlich stiegen sie auf und ritten durch die finstere Nacht und den fallenden Regen, indeß der Prinz immer mit rastloser Eile voranjagte. Die Sängerin, die auf seinen ausdrücklichen Befehl gleichfalls ein Pferd bekommen hatte, begleitete sie und hielt, glücklicherweise an strengeres Wetter gewöhnt, die Anstrengungen des nächtlichen Rittes so fest wie die Männer aus. Ramorny war genöthigt, sich neben dem Prinzen zu halten, da er nicht wenig in Angst war, dieser möchte in seiner mürrischen Laune ganz von ihnen wegreiten, in das Schloß irgend eines ergebenen Barons fliehen und so der Schlinge entgehen, die sie ihm gelegt hatten. Er litt daher unaussprechlich während des Rittes, sowohl körperlich, wie im Innern. Endlich nahm der Wald von Falkland sie auf, und ein Strahl des Mondes zeigte das düstere und hohe Schloß, ein Eigenthum der Krone, obwohl auf eine Zeitlang dem Herzog von Albany geschenkt. Auf ein Zeichen senkte sich die Zugbrücke. Fackeln strahlten im Hofe, Diener waren bereit, und der Prinz, dem man vom Pferde half, wurde in ein Gemach geführt, wo Ramorny und Dwining ihn bedienten, und baten, den Rath des Arztes anzunehmen. Der Herzog von Rothsay wies den Vorschlag zurück, befahl stolz, sein Bett zu bereiten, und nachdem er eine Zeitlang in seinen nassen Kleidern frierend bei einem großen Feuer gestanden, zog er sich in sein Gemach zurück, ohne von irgend Jemand Abschied zu nehmen. »Ihr seht nun die eigensinnige Laune des kindischen Burschen,« sagte Ramorny zu Dwining; »könnt Ihr Euch wundern, wenn ein Diener, der so viel für ihn gethan hat, wie ich, eines solchen Herrn müde wird?« »Nein, wahrhaftig,« sagte Dwining, »dies und die versprochene Grafschaft von Lindores würde Jedermanns Treue erschüttern. Aber was werden wir diesen Abend mit ihm beginnen? Er hat, wenn Wange und Auge wahr reden, den Grund des Fiebers in sich, was unser Werk leicht machen wird, während es eine Wirkung der Natur scheint.« »Es ist eine Gelegenheit verloren,« sagte Ramorny; »aber wir müssen unsern Streich verzögern, bis er jene Schönheit, Katharina Glover, gesehen hat. Sie kann hernach bezeugen, daß sie ihn in völliger Gesundheit sah, kurz vorher, und Herr aller seiner Bewegungen – Ihr versteht mich?« Dwining nickte bejahend und fügte hinzu: »Es ist keine Zeit verloren, denn es macht wenig Schwierigkeit, eine Blume verwelken zu lassen, die erschöpft ist, weil sie zu früh erblühte.« \</p\> \<p\>\&nbsp;\</p\> \<p\> Einunddreißigstes Kapitel. Fürwahr, er war ein schamlos wilder Mann, Ergeben schnöder Lust und Becherklang; Nur wenig war's, was seine Gunst gewann; Nur üpp'ge Dirnen, lock're Brüder dann, Und wilde Zecher auch von hoh' und nieder'm Rang. Byron. Mit dem nächsten Morgen hatte sich die Laune des Herzogs von Rothsay verändert. Er beklagte sich allerdings über Schmerz und Fieber, aber dies schien ihn mehr anzuregen, als zu bewältigen. Er war freundlich gegen Ramorny, und obwohl er nichts von der Angelegenheit des vorigen Abends sagte, war es doch klar, daß er sich dessen erinnerte, was er aus dem Gedächtniß seiner Gefährten auszulöschen wünschte – der üblen Laune, die er da entfaltet hatte. Er war artig gegen Jeden, und scherzte mit Ramorny hinsichtlich der Ankunft Katharinens; »Wie erstaunt wird die hübsche Spröde sein, sich in einem Haushalt von Männern zu befinden, während sie erwartete, unter die Hüte und Hauben der Kammerfrauen Lady Marjory's zu kommen. Du hast wohl wenig vom zarten Geschlecht in deinem Haushalt, Ramorny?« »Meiner Treu, Keine außer der Sängerdirne und einer oder zwei unentbehrlichen Mägden. Beiläufig, sie fragt besorglich nach der Gebieterin, die Eure Hoheit ihr versprochen – soll ich sie entlassen, um mit Muße einer neuen Herrin nachzujagen?« »Nicht doch, sie wird zu Katharinens Unterhaltung dienen. Und hört, wär' es nicht gut, das spröde Mädchen mit einiger Mummerei zu empfangen?« »Wie meint Ihr das. Mylord?« »Du begreifst schwer, Mensch – Wir wollen sie nicht enttäuschen, da sie die Herzogin von Rothsay zu finden hofft – Ich will Herzog und Herzogin in eigener Person sein.« »Noch begreif' ich nicht.« »Keiner ist dümmer als ein Witziger,« sagte der Prinz, »wenn er nicht gleich auf die Spur kommt. Meine sogenannte Herzogin ist in großer Eile von hier weggelaufen, als ich herangekommen bin. Wir haben beide unsere Kleider zurückgelassen. Es ist genug weiblicher Flitterstaat in der Kleiderkammer, die an mein Schlafgemach stößt, um damit einen ganzen Karneval zu versorgen. Seht, ich will die Lady Marjory spielen, mit einem Trauerschleier und einem Weidenkranz auf diesem Ruhebett liegend, um mich als Verlassene darzustellen; du, John, wirst für ihre Galwegische Ehrendame, die Gräfin Hermigild, starr und steif genug aussehen, und Dwining soll die alte Hekate, ihre Amme, vorstellen, nur hat sie mehr Bart auf der Oberlippe, als Dwining im ganzen Gesicht und auf dem Kopfe zusammengenommen. Er sollte den Vorzug eines Bartes haben, um sie gehörig zu spielen, Hole deine Küchenmägde und was du von erträglichen Pagen bei dir hast, um meine Kammerfrauen zu machen. Hörst du? – es muß gleich geschehen.« Ramorny eilte in's Vorzimmer, um Dwining des Prinzen Plan zu melden. »Sieh zu, wie du den Narren bei Laune erhältst,« sagte er; »mir liegt nichts dran, wie wenig ich ihn sehe, da ich weiß, was geschehen soll.« »Vertraut Alles mir an,« sagte der Arzt, die Schulter emporziehend. »Was ist das für ein Schlächter, der des Lammes Kehle abschneiden kann, und sich fürchtet, sein Blöken zu hören?« »Still, fürchte nichts für meine Beständigkeit. – Ich kann nicht vergessen, daß er mich so rücksichtslos in's Kloster gesteckt hätte, als wenn er den Schaft einer zerbrochenen Lanze wegwärfe. An's Werk – doch halt – bevor du diese thörichte Mummerei besorgst, muß Etwas geschehen, um den dickköpfigen Charteris zu täuschen. Wahrscheinlich wird er, im Glauben, die Herzogin von Rothsay sei noch hier mit Katharina Glover in ihrem Gefolge, mit Dienstanerbietungen daher kommen, und das zu einer Zeit, wo, wie ich dir nicht zu sagen brauche, seine Gegenwart unbequem wäre – fürwahr, dies ist um so wahrscheinlicher, da die Leute der großen und zarten Fürsorge für das Mädchen von Seiten des eisenköpfigen Ritters einen wärmern Namen geben.« »Mit diesem Winke überlaßt mir's allein, gegen ihn zu wirken. Ich will ihm einen solchen Brief schicken, daß er für diesen Monat sich ebenso bereit zu einer Reise nach der Hölle, als nach Falkland halten wird. – Könnt Ihr mir den Namen des Beichtvaters der Herzogin sagen?« »Waltheof, ein Kapuziner.« »Genug – also an's Werk.« Binnen wenigen Minuten, denn er war ein Schreiber von seltener Gewandtheit, vollendete Dwining einen Brief, den er Ramorny einhändigte. »Dies ist vortrefflich, und würde dein Glück bei Rothsay gemacht haben – ich denke, ich hätte zu eifersüchtig sein sollen, um dich in seinen Dienst zu bringen, außer jetzt, da seine Tage sich schließen.« »Les't es laut,« sagte Dwining, »damit wir urtheilen können, ob sich's gut ausnimmt.« Und Ramorny las wie folgt: – »Auf Befehl unserer hohen und mächtigen Prinzessin Marjory, Herzogin von Rothsay u.s.w., thun wir, Waltheos, unwürdiger Bruder des Ordens St. Franciscus, dir, Sir Patrick Charteris, Ritter von Kinfauns, zu wissen, daß sich Ihre Hoheit sehr über die Unbedachtsamkeit wundert, mit welcher Ihr derselben ein Weib geschickt habt, über deren Ruf sie nur bedenklich urtheilen kann, da sie sieht, daß dieselbe länger als eine Woche ohne alle Noth in deinem eigenen Schloß wohnte, ohne irgend andere weibliche Gesellschaft, als Mägde; von diesem schnöden Betragen hat sich das Gerücht schon durch Fife, Angus und Perthshire verbreitet. Trotzdem hat Ihre Hoheit in Betracht der menschlichen Schwachheit die Buhlerin nicht mit Nesseln peitschen oder sonst harte Buße thun lassen; sondern da zwei gute Brüder ans dem Kloster Lindores, die Väter Thickscull und Dundermore, durch besondern Befehl in's Hochland gerufen wurden, hat Ihre Hoheit das Mädchen deren Sorge übergeben, um sie zu ihrem Vater zu führen, der, wie sie hört, sich am Taysee aufhält, unter dessen Schutz sie eine für ihre Fähigkeiten und Gewohnheiten passendere Lage finden wird, als im Schloß Falkland, so lange Ihre Hoheit, die Herzogin von Rothsay, darin wohnt. Sie hat den besagten ehrwürdigen Brüdern aufgetragen, das Mädchen so zu behandeln, daß sie zur Erkenntniß der Sünde der Unenthaltsamkeit komme, und sie empfiehlt dir Beichte und Buße. – Unterzeichnet: Waltheof, auf Befehl einer hohen und mächtigen Prinzessin,« u.s.w. Als er geendet hatte, rief Ramorny: »Trefflich, trefflich! Dieser unerwartete Tadel wird Charteris toll machen! Er hat dieser Lady lange eine Art Huldigung bewiesen, und sich nun der Unenthaltsamkeit verdächtig zu finden, während er das volle Lob einer barmherzigen That erwartete, wird ihn ganz verwirren. Und, wie du sagst, es wird lange dauern, eh' er hierher kommt, nach der Dirne zu sehen, oder der Dame aufzuwarten. – Aber fort zu deiner Mummerei, während ich das bereite, was der Mummerei für immer ein Ende machen soll.« Es war eine Stunde vor Mittag, als Katharina, begleitet vom alten Hendschaw und einem Reitknecht des Ritters von Kinfauns, vor dem Schloß Falkland anlangte. Das große Banner, welches herniederwehte, trug das Wappen Rothsay's, alle Diener, die erschienen, trugen die Hausfarben des Prinzen, Alles den allgemeinen Glauben bestärkend, daß die Herzogin noch dort wohne. Katharinens Herz schlug, denn sie hatte gehört, die Herzogin habe so gut den Stolz, als den hohen Muth des Hauses Douglas, und sie war ungewiß über die Art ihrer Aufnahme. Beim Eintritt in's Schloß bemerkte sie, daß die Dienerschaft minder zahlreich war, als sie erwartet hatte, aber da die Herzogin ganz zurückgezogen lebte, ward sie dadurch wenig befremdet. In einer Art Vorzimmer begegnete ihr ein kleines altes Weib, die vom Alter tiefgebeugt schien und sich auf einen Ebenholzstab stützte. »Gewißlich bist du willkommen, liebe Tochter,« sagte sie, Katharina begrüßend, »und, wie ich wohl sagen kann, in einem betrübten Hause; und ich hoffe (dabei grüßte sie noch ein Mal), du wirst meiner edeln und königlichen Tochter, der Herzogin, ein Trost sein. Setz' dich, mein Kind, bis ich gesehen habe, ob Mylady Zeit hat, dich zu empfangen. Ach, mein Kind, du bist sehr schön, in der That, wenn dir nur unsere Frau ein Herz gegeben hat, das einem so schönen Leibe gleichkommt.« Damit kroch die nachgemachte Alte in's nächste Zimmer, wo sie Rothsay in dem herbeigeschafften Maskenstaat fand, so wie Ramorny, der keinen Theil an der Mummerei genommen, in seinem gewöhnlichen Anzuge. »Du bist ein köstlicher Schuft, Sir Doctor,« jagte der Prinz; »bei meiner Ehre, ich glaube, du könntest in deinem Herzen Lust haben, das ganze Spiel, Liebhaberrolle und Alles, selber durchzuspielen.« »Wär' es auch nur, um Eurer Hoheit die Mühe zu sparen,« sagte der Arzt, mit seinem gewöhnlichen unterdrückten Lachen. »Nein, nein,« sagte Rothsay, »ich werde nie deine Hilfe brauchen, Mann – und sage mir nun, wie seh' ich aus, so auf dem Kissen ruhend – schmachtend und damenartig, nicht?« »Etwas zu schön von Farbe und von zu sanften Zügen für die Lady Marjory von Douglas, wenn ich mich unterfangen darf, das zu sagen,« sagte der Apotheker. »Fort, Schuft, und führe das schöne Eisstück ein – fürchte nicht, daß sie sich über meine Weiblichkeit beklagen soll – und du; Ramorny, geh' ebenfalls.« Als der Ritter das Zimmer durch die eine Thür verließ, führte das nachgeahmte alte Weib Katharina Glover durch die andere herein. Das Zimmer war sorgfältig in Zwielicht gehüllt, so daß Katharina ohne den mindesten Argwohn die anscheinend weibliche Gestalt auf dem Bette liegen sah. »Ist es das Mädchen?« fragte Rothsay mit einer natürlich zarten Stimme, die er nun sorgfältig nur flüsternd hören ließ. – Laß sie näher treten, Griselda, und unsere Hand küssen.« Die vermeinte Amme führte das zitternde Mädchen zur Seite des Bettes und ließ sie niederknieen. Katharina that dies und küßte mit vieler Demuth und Einfalt die behandschuhte Hand, welche die falsche Herzogin ihr entgegenhielt. »Fürchte dich nicht,« sagte dieselbe musikalische Stimme; »in mir siehst du nur ein trauriges Beispiel der Eitelkeit menschlicher Größe – glücklich diejenigen, mein Kind, deren Stand sie unter die Stürme des Staates stellt.« Während er so sprach, legte er die Arme um Katharinens Nacken und zog sie gegen sich, als wollte er sie zum Zeichen des Willkommens küssen. Aber der Kuß ward mit einem Eifer gegeben, der so sehr die Rolle der schönen Besitzerin überschritt, daß Katharina, in der Meinung, die Herzogin sei von Sinnen, laut aufschrie. »Still, Närrin! ich bin es – David von Rothsay.« Katharina sah umher – die Amme war gegangen, und indem der Herzog den Schleier abriß, sah sie sich in der Gewalt eines kühnen jungen Wüstlings. »Nun sei Gott mit mir!« sagte sie; »und er wird es, wenn ich mich nicht selbst verlasse!« Als dieser Entschluß in ihrer Seele erwachte, unterdrückte sie ihre Neigung zu schreien, und bemühte sich, so viel als möglich ihre Furcht zu verbergen. »Der Scherz ist ausgespielt,« sagte sie mit so viel Festigkeit, als sie annehmen konnte; »darf ich bitten, daß Eure Hoheit mich nun loslassen?« denn noch immer hielt er ihren Arm. »Nein, meine hübsche Gefangene, wehre dich nicht – Warum dich fürchten?« »Ich wehre mich nicht, Mylord. Da es Euch beliebt, mich zu halten, so will ich Euch durch Widerstand nicht reizen, mich übel zu behandeln und Euch selbst Qual zu bereiten, sobald Euch Zeit zum Ueberlegen wird.« »Warum, Verrätherin, hast du mich Monate lang gefangen gehalten,« sagte der Prinz; »und du willst dich von mir nicht einen Augenblick halten lassen?« »Dies wäre Artigkeit, Mylord, geschäh' es in den Straßen von Perth, wo ich zuhören oder entfliehen könnte, nachdem ich gehört – hier ist es Tyrannei.« »Und wenn ich dich gehen ließe, wohin willst du fliehen?« sagte Rothsay. »Die Brücken sind empor – die Fallgitter nieder – und meine Leute sind außerordentlich taub gegen die Klagen eines eigensinnigen Mädchens. Sei daher freundlich, und du sollst wissen, was es heißt, einem Prinzen gefällig sein.« »Also laßt mich los, Herr, und hört, wie ich von Euch an Euch selbst appellire – von Rothsay an den Prinzen von Schottland. – Ich bin die Tochter eines niedern, aber ehrlichen Bürgers. Ich bin, wie ich fast sagen kann, die Gattin eines braven und wackern Mannes. Wenn ich Eurer Hoheit irgend eine Aufmunterung dazu, was Ihr gethan habt, gab, so ist es ohne Absicht geschehen. So gewarnt, bitte ich Euch, Eure Gewalt über mich zu vergessen, und mich abziehen zu lassen. Eure Hoheit kann nichts von mir erlangen, außer durch Mittel, die ebenso unwürdig des Ritters wie des Mannes wären.« »Ihr seid kühn, Katharina,« sagte der Prinz; »aber weder als Ritter noch als Mann kann ich vermeiden, eine Ausforderung anzunehmen. Ich muß Euch lehren, wie gefährlich solche Ausforderungen sind.« Während er so sprach, versuchte er seine Arme wieder um sie zu legen; aber sie entwand sich der Umarmung und fuhr im nämlichen Tone fester Entschiedenheit fort: »Meine Kraft, Mylord, ist eben so groß, um mich in einem ehrenhaften Streite zu vertheidigen, als die Eurige sein kann, um mich in höchst unehrenhafter Absicht anzugreifen. Beschämt nicht Euch und mich, indem ihr es zum Kampfe kommen laßt. Ihr könnt mich durch Schläge betäuben oder Beistand rufen, um mich zu überwältigen; außerdem aber werdet Ihr Euern Zweck verfehlen.« »Zu welchem Barbaren willst du mich machen?« sagte der Prinz. »Die Gewalt, die ich brauchen möchte, ist keine andere, als welche Frauen entschuldigt, wenn sie ihrer Schwachheit nachgeben.« Er setzte sich in einiger Aufregung nieder. »Dann bewahrt sie,« sagte Katharina, »für jene Frauen, die solch' eine Entschuldigung wünschen. Mein Widerstand ist der des entschlossensten Muthes, welcher je durch Ehrliebe und Furcht vor Schande eingeflößt ward. Ach, Mylord, könnt' es Euch gelingen, so würdet Ihr nur jedes Band zwischen mir und dem Leben zerreißen – zwischen Euch selbst und der Ehre. Ich wurde falsch hieher gelockt, durch welche List, weiß ich nicht; aber müßte ich entehrt von hier weggehen, so wär' es, um jedem Lande in Europa den Zerstörer meines Glückes anzuzeigen. Ich nähme den Wanderstab in die Hand, und wo nur die Ritterlichkeit geehrt würde, oder Schottlands Name gehört worden wäre, da würde ich den Erben von hundert Königen, den Sohn des gütigen Robert Stewart, den Nachkommen des Helden Bruce – einen falschen, treulosen Mann nennen, unwerth der Krone, die ihn erwartet, und der Sporen, die er trägt. Jede Dame im weiten Europa hielt' Euren Namen für zu schlecht für ihren Mund – jeder würdige Ritter hielt' Euch für einen verworfenen Elenden, der dem ersten Waffengelübde, dem Schutze der Frauen und der Vertheidigung des Schwachen, treulos geworden.« Rothsay nahm seinen Sitz wieder ein und betrachtete sie mit einer Miene, worin Unwillen mit Bewunderung gemischt war. »Ihr vergeßt, zu wem Ihr sprecht, Mädchen. Wißt, die Auszeichnung, die ich Euch erwies, ist eine, wofür sich Hunderte, deren Schleppe Ihr zu tragen geboren seid, sich dankbar fühlen würden.« »Noch einmal, Mylord,« begann Katharina wieder, »behaltet solche Gunst für Jene, welche sie schätzen, oder vielmehr bewahrt Eure Zeit und Gesundheit für andere und edlere Bestrebungen, – für die Vertheidigung Eures Vaterlandes und das Glück Eurer Unterthanen. Ach, Mylord! wie gern möchte ein jauchzendes Volk Euch zu seinem Oberherrn annehmen! – Wie freudig würden sie Euch umringen, zeigtet Ihr ihnen den Wunsch, sie zu führen gegen die Unterdrückung der Mächtigen, die Gewaltthat der Gesetzlosen und die Tyrannei der Heuchler.« Der Herzog von Rothsay, dessen tugendhafte Gefühle eben so leicht erregt wurden, als sie schwanden, war gerührt durch die Begeisterung, mit welcher sie sprach. »Verzeih' mir, wenn ich dich beunruhigte, Mädchen,« sagte er; »du bist zu edelsinnig, um das Spielwerk flüchtiger Lust zu sein, wozu dich mein Irrthum bestimmte; und ich hätte Euch, wäre auch Eure Geburt Eures edlen Geistes und Eurer großen Schönheit würdig, ich hätte Euch kein Herz zu geben; und nur Huldigung des Herzens darf um ein Mädchen werben, wie du bist. Aber meine Hoffnungen sind verwelkt, Katharina – das einzige Mädchen, das ich liebte, wurde mir durch den Willen der Staatskunst entrissen und mir ein Weib aufgedrungen, die ich immer verabscheuen müßte, und besäße sie selbst die milde Sanftmuth, die allein ein Weib in meinen Augen liebenswürdig macht. Auch meine Gesundheit schwindet in der Jugend hin, und Alles, was mir übrig bleibt, ist, so viel Blumen zu pflücken, als ich auf meinem kurzen Wege zum Grabe erlangen kann. Sieh meine schwindsüchtige Wange – fühle, wenn du willst, meinen unterbrochenen Pulsschlag, und bemitleide und entschuldige mich, wenn ich, dessen Rechte als Fürst und Mensch man geraubt und mit Füßen getreten hat, oft gleichgiltig gegen die Rechte Anderer bin, und dem selbstsüchtigen Verlangen nachgebe, dem Wunsche eines flüchtigen Augenblicks zu genügen.« »O, Mylord!« rief Katharina mit der Begeisterung, welche ihrem Charakter eigen war – »ich bitte Euch, mein theurer Herr – denn theuer muß der Erbe Bruce's jedem Kinde Schottlands sein – laßt mich Euch nicht solche Worte sprechen hören! Euer ruhmwürdiger Ahn trug Verbannung, Verfolgung, die Nacht des Hungers und den Tag des ungleichen Kampfes, um sein Vaterland zu befreien – übt die nämliche Selbstverläugnung, um Euch selbst frei zu machen. Entreißt Euch denen, die ihren Weg zur Größe durch Nährung Eurer Laster gebahnt finden. Mißtraut dem finstern Ramorny! Ihr kennt ihn nicht, das weiß ich! – Ihr könnt ihn nicht kennen. Aber der Elende, der die Tochter auf die Bahn der Schande drängen will, indem er das Leben des alten Vaters bedroht, ist alles Schlechten fähig – Alles fähig, was verräterisch ist!« »That Ramorny dies?« sagte der Prinz. »Er that es allerdings, Mylord, und er wagt nicht, es zu läugnen.« »Es soll untersucht werden,« antwortete der Herzog von Rothsay; »ich habe aufgehört, ihn zu lieben; aber er hat meinetwillen viel gelitten, und ich muß sehen, daß seine Dienste ehrenvoll belohnt werden.« »Seine Dienste! O, Mylord, wenn Chroniken wahr sprechen, so legten solche Dienste Troja in Trümmer und gaben Spanien den Ungläubigen in die Hände.« »Still, Mädchen; sprich mit Mäßigung, ich bitte dich,« sagte der Prinz, aufstehend; »unser Gespräch endigt hier.« »Noch ein Wort, Mylord, Herzog von Rothsay,« sagte Katharina mit Lebhaftigkeit, während ihr schönes Gesicht dem eines warnenden Engels glich – »ich kann nicht sagen, was mich antreibt, so kühn zu sprechen, aber das Feuer brennt in mir und will herausbrechen. Verlaßt dies Schloß ohne eine Stunde zu zögern! Die Luft ist ungesund für Euch. Entlaßt diesen Ramorny, bevor der Tag zehn Minuten älter ist! Seine Gesellschaft ist höchst gefährlich.« »Welchen Grund habt Ihr, dies zu sagen?« »Keinen besonderen,« sagte Katharina, über ihren eigenen Eifer betroffen, – »keinen vielleicht, außer meine Besorgniß für Eure Sicherheit.« »Auf leere Besorgniß darf der Erbe von Bruce nicht achten. Wie, heda! wer wartet draußen?« Ramorny trat ein und verbeugte sich tief vor dem Herzog und dem Mädchen, die er wahrscheinlich zur Stelle einer Lieblingssultanin bestimmt glaubte, und folglich zu höflicher Aufwartung berechtigt.« »Ramorny,« sagte der Prinz, »ist unter der Dienerschaft irgend eine anständige Frau, welche tauglich ist, dieser Jungfrau aufzuwarten, bis wir sie hinsenden können, wohin sie zu gehen wünscht?« »Ich fürchte,« antwortete Ramorny, »wenn es Eurer Hoheit nicht mißfällt, die Wahrheit zu hören, daß Euer Haushalt in dieser Hinsicht schlecht versehen ist; und um die Wahrheit zu sagen, die Sängerin ist die Anständigste unter uns.« »Also laßt sie diesem jungen Mädchen aufwarten, da keine Bessere vorhanden ist. – Habe Geduld, Mädchen, auf einige Stunden.« Katharina entfernte sich. »Wie, Mylord, – scheidet Ihr so bald von dem schönen Mädchen von Perth? Das ist, in der That, der Uebermuth des Sieges.« »Hier ist weder von Sieg noch von Niederlage die Rede,« erwiderte der Prinz trocken. »Das Mädchen liebt mich nicht; auch liebe ich sie nicht genug, um mich hinsichtlich ihrer Bedenklichkeiten zu quälen.« »Der keusche jungfräuliche Malcolm lebt in einem seiner Nachkommen wieder auf!« sagte Ramorny. »Begünstigt mich, Sir, mit einem Stillstand Eures Witzes, oder mit einem andern Gegenstand für denselben. Es ist Mittag, glaub' ich, und Ihr werdet mich verbinden, wenn Ihr die Mahlzeit auftragen laßt.« Ramorny verließ das Zimmer, aber Rothsay glaubte ein Lächeln auf seinem Gesichte zu entdecken, und der Gegenstand für den Spott dieses Mannes zu sein, machte ihm nicht geringe Pein. Er rief indeß den Ritter zu seiner Tafel und erwies selbst Dwining dieselbe Ehre. Die Unterhaltung war lebendigen und muntern Charakters, ein Ton, den der Prinz förderte, als wollte er dadurch seine sittliche Strenge an diesem Morgen gut machen, die Ramorny, welcher in alten Geschichten belesen war, die Kühnheit hatte, mit der Enthaltsamkeit Scipio's zu vergleichen. Die Mahlzeit wurde, trotz des Herzogs schwankender Gesundheit, übermüthiger Weise weit über die Grenzen der Mäßigung hinausgezogen; und, geschah es nun blos wegen der Stärke des Weines, den er trank, oder wegen seiner schwachen Constitution, oder auch, was am wahrscheinlichsten ist, weil der letzte Wein, den er genoß, von Dwining eine Beimischung erhielt, kurz, der Prinz fiel zuletzt in einen tiefen Schlaf, aus dem ihn zu wecken unmöglich schien. Sir John Ramorny und Dwining trugen ihn in sein Gemach, ohne fremde Hilfe, außer von einer dritten Person, die wir später nennen werden. Am nächsten Morgen ward verkündigt, der Prinz sei von einer ansteckenden Krankheit ergriffen, und um zu verhüten, daß sich dieselbe unter die Dienerschaft verbreite, ward Niemandem gestattet, ihm aufzuwarten, außer seinem ehemaligen Stallmeister, dem Arzt Dwining und dem bereits erwähnten Diener; Einer von ihnen schien stets in dem Zimmer zu bleiben, während die Andern eine gewisse Vorsicht hinsichtlich ihrer Gespräche mit den übrigen Hausgenossen beobachteten, und zwar so streng, daß sie den Glauben aufrecht hielten, er liege gefährlich an einer ansteckenden Krankheit darnieder. Zweiunddreißigstes Kapitel. In langen Winternächten sitz' am Feuer Mit guten alten Leuten, und laß dir erzählen Von längst entschwundner, jammervoller Zeit; Und eh' du gute Nacht sagst, zur Vergeltung Erzähl' du ihnen mein betrübtes Ende. König Richard II. Akt V. Scene l. Sehr anders aber war das Schicksal des irregeleiteten Erben von Schottland gewesen, als man es in der Stadt Falkland ausstreute. Sein ehrgeiziger Oheim hatte seinen Tod beschlossen, als einziges Mittel zur Beseitigung der ersten und furchtbarsten Schranke zwischen seiner eigenen Familie und dem Throne. James, der jüngere Sohn des Königs, war nur ein Knabe, der mit mehr Muße leicht beseitigt werden konnte. Ramorny's Aussichten aus größere Macht und die Rachlust, die er seit Kurzem gegen seinen Gebieter nährte, machten ihn zum bereitwilligen Werkzeug für Rothsay's Untergang. Dwining leitete dabei seine Habsucht und natürliche Bosheit. Man beschloß mit der berechnendsten Grausamkeit, alle Mittel zu vermeiden, die Zeichen gewaltsamen Todes hinterlassen würden, und das Leben durch Entziehung jedes Heilmittels für einen schwachen und angegriffenen Körper von selber erlöschen zu lassen. Der Prinz von Schottland sollte nicht ermordet werden, wie Ramorny sich bei einer andern Gelegenheit ausgedrückt hatte, – er sollte nur aufhören zu leben. Rothsay's Schlafgemach im Schlosse Falkland war zur Ausführung eines so schrecklichen Planes wohlgeeignet. Eine kleine schmale Treppe, deren Vorhandensein man kaum gewahrte, und die eine Fallthüre im Zimmer schloß, führte durch einen Gang in die unterirdischen Kerker des Schlosses, durch welchen der Schloßherr insgeheim und verkleidet die Bewohner dieser furchtbaren Region besuchen konnte. Auf dieser Treppe brachten die Verruchten den besinnungslosen Prinzen in den tiefsten Kerker des Schlosses, so weit in den Eingeweiden der Erde, daß kein Geschrei und Stöhnen vernommen werden konnte, während die Stärke der Thüren und der Schlösser, auch wenn der Eingang entdeckt worden wäre, lange Zeit der Gewalt getrotzt hätte. Bonthron, der nur zu diesem Zwecke vom Galgen gerettet wurde, war das thätige Werkzeug der unmenschlichen Grausamkeit Ramorny's gegen seinen verführten und verrathenen Herrn. Dieser Elende besuchte den Kerker zu der Zeit, als des Prinzen Lethargie zu weichen begann und als er, zur Besinnung erwachend, tödtliche Kälte empfand, unfähig sich zu regen und belastet mit Ketten, die ihm kaum gestatteten, sich auf dem feuchten Stroh zu erheben, auf welches er gelegt war. Sein erster Gedanke war, er sei in einem fürchterlichen Traume – sein nächster ließ ihn die Wahrheit dunkel ahnen. Er rief, lärmte, schrie endlich wie rasend – aber keine Hilfe kam und nur das Kerkergewölbe antwortete. Das Werkzeug der Hölle hörte dieses Schreien der Verzweiflung und berechnete es kalt gegen die Vorwürfe und den Hohn, womit Rothsay seine ahnungsvolle Abneigung gegen ihn ausgedrückt hatte. Als der unglückliche Jüngling erschöpft und hoffnungslos schwieg, beschloß der Grausame, sich seinem Gefangenen zu zeigen. Die Schlösser rasselten und der Riegel fiel; der Prinz stand auf, so weit es seine Ketten erlaubten – ein rother Lichtstrahl, gegen den er die Augen schloß, strömte durch's Gewölbe, und als er sie wieder öffnete, sah er die scheußliche Gestalt eines Mannes, den er für todt halten mußte. Er sank voll Entsetzen zurück. »Ich bin verurtheilt und verdammt!« rief er; »und der abscheulichste Teufel in den höllischen Regionen ist gesendet, mich zu quälen!« »Ich lebe, Mylord,« sagte Bonthron; »und damit Ihr leben und Euch des Lebens freuen mögt, so gefall' es Euch, aufzustehen und Eure Lebensmittel zu essen.« »Befreie mich von diesen Eisen,« sagte der Prinz, – »erlöse mich aus diesem Kerker, – und, ein Hund wie du bist, sollst du der reichste Mann in Schottland sein.« »Gäbt Ihr mir das Gewicht Eurer Ketten in Gold,« sagte Bonthron, »ich möchte doch lieber das Eisen an Euch sehen, als selber den Schatz haben! – Aber blickt auf – Ihr wart gewohnt, ein gutes Mahl zu lieben – seht, wie ich für Euch gesorgt habe.« Der Elende entfaltete mit teuflischer Freude ein Stück rohen Felles, worein das Bündel, das er unterm Arme trug, gewickelt war, und indem er das Licht darüber hin und her bewegte, zeigte er dem unglücklichen Prinzen einen frisch vom Rumpfe gehauenen Stierkopf, was in Schottland als sicheres Zeichen des Todes bekannt war. Er legte ihn zu Füßen des Bettes oder vielmehr der Streu, worauf der Prinz lag. »Seid mäßig in Eurer Nahrung,« sagte er; »es wird wahrscheinlich lange dauern, eh' Ihr ein anderes Gericht bekommt.« »Sage mir nur eins, Elender,« sagte der Prinz. »Weiß Ramorny um diesen Streich?« »Wie wärest du sonst hieher gelockt worden? Arme Schnepfe, du bist gefangen!« antwortete der Mörder. Mit diesen Worten schloß sich die Thür, die Riegel hallten und der unglückliche Prinz blieb in Finsterniß, Einsamkeit und Elend. »O mein Vater! – mein prophetischer Vater! – Der Stab, auf dem ich lehnte, hat sich in der That als Speer erwiesen!« – Wir wollen bei den folgenden Stunden, ja Tagen voll leiblichem Schmerz und Seelenverzweiflung nicht weilen. Aber es war nicht der Wille des Himmels, daß ein so großes Verbrechen ungestraft verübt werden sollte. Katharina Glover und die Sängerin, vernachlässigt von den anderen Hausgenossen, welche mit den Nachrichten von des Prinzen Krankheit beschäftigt schienen, durften indeß das Schloß nicht eher verlassen, als bis man sehen würde, wie diese schreckliche Krankheit sich ende, und ob sie wirklich ansteckend sei. Zur Gesellschaft beiderseitig gezwungen, wurden die Mädchen einander Gefährtinnen, wo nicht Freundinnen, und die Verbindung wurde noch etwas enger, als Katharina fand, daß es dieselbe Sängerin war, derentwillen Harry Wynd bei ihr in Ungnade fiel. Sie vernahm nun seine gänzliche Unschuld und hörte begeistert das Lob, womit Louise ihren tapfern Beschützer überhäufte. Auf der andern Seite verweilte die Sängerin, welche Katharina's höhern Stand und Charakter wohl anerkannte, gern bei einem Gegenstande, der ihr zu gefallen schien, und zeigte ihre Dankbarkeit gegen den tapfern Schmied in der Wiederholung des kleinen Liedes: »Du, kühn, voll Muth,« welches lange ein Lieblingslied in Schottland war. Du, kühn, voll Muth, Mit blauem Hut, In dem nie Lüg' und Furcht geruht! Deß Herzen stets sein Wort war werth, Deß Hand getreu war seinem Schwert – Durchsuch' Europa fern und nah, Der Blauhut ist bei mir nur da! Ich sah wohl Deutschlands muth'ge Schaar – Sah Frankreichs tapfre Ritter zwar, Bei Schwert und Lanze groß, fürwahr! Ich sah wohl Englands tapfern Sohn Und seiner braunen Streitaxt Droh'n. Ob Frankreich schön und England frei: Der Blauhut wohnt doch mir nur bei! Kurz, obwohl Louisens verrufene Beschäftigung unter anderen Umständen für Katharina ein Hinderniß gewesen wäre, freiwillig ihre Gesellschaft zu theilen, so fand sie in ihr doch, bei ihrem gezwungenen Zusammensein, eine bescheidene und gefällige Gefährtin. Sie verlebten auf diese Weise vier oder fünf Tage, und um so viel als möglich das Angaffen oder auch wohl die Unarten der Diener zu vermeiden, bereiteten sie sich ihre Nahrung auf ihrem Zimmer. Wenn es durchaus nöthig war, mit den Leuten zu verkehren, so übernahm Louise, die sich mehr zu helfen wußte, aus Gewohnheit und um Katharinen zu gefallen, das Geschäft, vom Küchenmeister das Nöthige zu ihrem kleinen Mahl zu holen und mit der Geschicklichkeit ihrer Heimath zu bereiten. Die Sängerin war in dieser Absicht am sechsten Tage ein wenig vor Mittag weggegangen, und das Verlangen nach frischer Luft, die Hoffnung, etwas Salat oder Küchenkraut, oder doch einige zeitige Blumen zu finden, um damit ihren Tisch zu schmücken, hatte sie in den Schloßgarten gelockt. Sie trat wieder in's Gemach, bleich wie Asche und gleich Espenlaub zitternd. Ihr Schrecken ging sogleich auf Katharinen über, die kaum Worte fand, zu fragen, welch' neues Unglück sich ereignet habe. »Ist der Herzog von Rothsay todt?« »Schlimmer! Sie lassen ihn lebendig verhungern!« »Du bist wahnsinnig, Mädchen!« »Nein, nein, nein!« sagte Louise, außer Athem, und ihre Worte so schnell hervorbringend, daß Katharina sie kaum verstehen konnte. »Ich suchte nach Blumen, weil Ihr gestern sagtet, Ihr liebtet sie – mein armer kleiner Hund, der sich in ein Gebüsch von Eiben und Hollunder drängte, das aus einigen alten Ruinen nahe bei der Schloßmauer wuchs, kam winselnd und heulend zurück – ich schlich mich hin, um zu sehen, was der Grund sei, und o! ich hörte das Stöhnen eines im Todeskampfe begriffenen Menschen, aber so schwach, daß es aus der Tiefe der Erde selbst herauszukommen schien. Endlich merkte ich, daß es aus einer kleinen Mauerspalte hervorkam, und als ich das Ohr dicht an die Oeffnung legte, hört' ich deutlich des Prinzen Stimme sagen: \>Es kann nun nicht lange dauern;\< und dann versank er in Etwas, wie ein Gebet.« »Gnädiger Himmel! – spracht Ihr zu ihm?« »Ich sagte: Seid Ihr's, Mylord? und die Antwort war: \>Wer verhöhnt mich mit dem Titel?\< – Ich fragte ihn, ob ich ihm helfen könnte, und er antwortete mit einer Stimme, die ich nimmer vergesse: \>Nahrung! – Nahrung! – ich sterbe vor Hunger!\< – Es kam ich hieher, es Euch zu erzählen. – Was kann geschehen? Sollen wir Lärm im Hause machen?« »Ach! das hieße ihn wahrscheinlicher verderben, als ihm helfen,« sagte Katharina. »Und was sollen wir dann thun?« sagte Louise. »Ich weiß noch nicht,« antwortete Katharina, entschlossen und kühn bei plötzlichen Vorfällen, obwohl sie ihrer Gefährtin bei gewöhnlichen Gelegenheiten an Erfindungsgabe nachstand. »Ich weiß noch nicht – aber Etwas wollen wir thun – das Blut der Bruce soll nicht hilflos sterben.« So sagend ergriff sie die kleine Schüssel, die ihre Suppe enthielt und das Fleisch, womit sie bereitet war, steckte einige dünne Kuchen, die sie gebacken hatte, in die Falten ihres Mantels, und indem sie ihrer Gefährtin winkte, mit einem Gefäß voll Milch, ebenfalls einem Theile ihrer Mahlzeit, zu folgen, eilte sie nach dem Garten. »So, will unsre schöne Vestalin fortgehen?« sagte der einzige Mann, dem sie begegnete, und der einer von den Dienern war; Katharina aber ging ohne Blick und Antwort vorüber und erreichte den kleinen Garten ohne fernere Störung. Louise zeigte ihr einen Trümmerhaufen, der, mit Gebüsch bedeckt, dicht an der Schloßmauer lag. Wahrscheinlich war es ursprünglich ein Vorsprung des Gebäudes gewesen, und der enge Spalt, der mit dem Kerker in Verbindung stand, um Lust zuzuführen, hatte sich darin geendet. Aber die Oeffnung war durch den Verfall etwas erweitert und ließ einen trüben Lichtstrahl hinab, obwohl derselbe nicht von denen bemerkt werden konnte, die den Ort mit Fackellicht besuchten. »Hier herrscht Todtenstille,« sagte Katharina, nachdem sie aufmerksam einen Augenblick gelauscht hatte. – »Himmel und Erde, er ist dahin!« »Wir müssen Etwas wagen,« sagte ihre Gefährtin, und ließ die Finger über die Saiten ihrer Laute laufen. Ein Seufzer war die einzige Antwort aus der Tiefe des Kerkers. Darauf wagte Katharina zu sprechen. »Ich bin hier, Mylord – ich bin hier, mit Nahrung und Getränk.« »Ha, Ramorny? – der Scherz kommt zu spät – ich sterbe,« war die Antwort. »Sein Hirn ist verwirrt, und kein Wunder,« dachte Katharina; »aber so lange Leben da ist, kann auch Hoffnung sein.« »Ich bin's, Mylord, Katharina Glover – ich habe Nahrung, wenn ich sie sicher zu Euch bringen könnte.« »Der Himmel segne dich, Mädchen! ich dachte, die Qual sei vorüber, aber es glüht wieder in mir bei dem Worte Nahrung.« »Die Nahrung ist hier, aber wie, ach! wie kann ich sie Euch mittheilen? Der Spalt ist so eng, die Mauer so dick! Doch es gibt ein Mittel – ich hab' es! – Schnell, Louise, schneide mir einen Weidenzweig, den längsten, den du findest.« Die Sängerin gehorchte, und mittelst eines Spaltes an dem Ende der Ruthe sendete Katharina mehrere Stücke der weichen Kuchen, in Brühe getaucht, hinab, die zugleich als Speise und Getränk dienten. Der junge unglückliche Mann aß wenig und mit Mühe, flehte aber tausendfachen Segen herab auf das Haupt seiner Trösterin. »Ich hatte dich zur Sklavin meiner Laster bestimmt,« sagte er, »und doch suchst du die Erhalterin meines Lebens zu werden! Aber hinweg und rette dich selbst.« »Ich kehre mit Nahrung zurück, sobald ich Gelegenheit finde,« sagte Katharina, eben als die Sängerin sie am Aermel zupfte und bat, zu schweigen und still zu stehen. Beide verbargen sich unter die Ruinen, und sie hörten die Stimmen Ramorny's und des Arztes, die sich leise unterhielten. »Er ist stärker, als ich dachte,« sagte der Erstere in tiefem, krächzendem Tone. »Wie lange hielt Dalwolsy aus, als ihn der Ritter von Liddesdale in seinem Schloß von Hermitage einkerkerte?« »Vierzehn Tage,« antwortete Dwining; »aber er war ein starker Mann und hatte einigen Beistand durch Korn, welches aus einer Kornkammer über seinem Gefängniß fiel.« »Wär' es nicht besser, die Sache schnell zu enden? Der schwarze Douglas kommt diesen Weg. Er ist nicht in Albany's Geheimniß. Er wird den Prinzen sehen wollen, und Alles muß vorüber sein, eh' er kommt.« Sie gingen in ihrem düsteren und verhängnißvollen Gespräch vorüber. »Nun gewinnen wir das Schloß,« sagte Katharina zu ihrer Gefährtin, als sie sah, daß Jene den Garten verlassen hatten. »Ich hatte einen Plan der Flucht für mich – ich will ihn in einen der Rettung des Prinzen verwandeln. Die Schaffnerin betritt das Schloß zur Vesperzeit und läßt gewöhnlich ihren Mantel in dem Gange, während sie die Milch zum Küchenmeister trägt. Nimm du den Mantel, hülle dich darein und gehe kühn am Wächter vorbei; er ist gewöhnlich betrunken um diese Stunde, und du wirst, gleich der Melkerin, ungefragt durch Thor und Brücke kommen, wenn du dich nur mit Selbstvertrauen benimmst. Dann eile zum schwarzen Douglas, er ist unsere nächste und einzige Hilfe.« »Aber,« sagte Louise, »ist er nicht jener schreckliche Lord, der mich mit Schmach und Strafe bedrohte?« »Glaube mir,« sagte Katharina, »Leute wie du und ich bleiben nie eine Stunde in Douglas' Gedächtniß, weder im Guten noch im Bösen. Sag' ihm, daß sein Schwiegersohn, der Prinz von Schottland, stirbt – verrätherisch verhungert – im Schloß Falkland, und du wirst nicht allein Gnade, sondern Lohn erwerben.« »Ich frage nicht nach Lohn,« sagte Louise, »die That wird sich selbst belohnen. Aber mich dünkt, zu bleiben ist gefährlicher als zu gehen. – Laß mich daher bleiben und den unglücklichen Prinzen ernähren; Ihr aber geht fort, um Hilfe zu bringen. Wenn sie mich vor Eurer Rückkehr tödten, so lass' ich Euch meine arme Laute und bitt' Euch, freundlich mit meinem armen Charlot zu sein.« »Nein, Louise,« erwiderte Katharina, »Ihr seid eine privilegirtere und erfahrenere Wandererin, als ich – geht Ihr – und wenn Ihr mich todt bei Eurer Rückkehr findet, was wohl möglich ist, so gebt meinem armen Vater diesen Ring und eine Locke meines Haares, und sagt ihm, Katharina starb, während sie Bruce's Blut erretten wollte. Und diese andere Locke gebt Harry; sagt, daß Katharina zuletzt seiner gedachte, und daß, wenn er sie für zu bedenklich hielt hinsichtlich des Blutes Anderer, er erkennen möge, daß es nicht geschah, weil sie ihr eigenes hochschätzte.« Sie schluchzten, einander in den Armen liegend, und die Stunden bis zum Abend verflossen mit Berathungen, wie man auf bessere Weise den Gefangenen mit Nahrung versehen könne, und mit Verfertigung einer Röhre, die aus ineinandergeschobenem Schilfrohr bestand, mittelst deren man ihm Flüssigkeit zuführen konnte. Die Glocke der Dorfkirche von Falkland läutete zur Vesper. Die Schaffnerin trat mit ihren Gefäßen ein, um die Milch für den Haushalt abzuliefern und Neuigkeiten zu erzählen und zu hören. Sie war kaum in die Küche getreten, als die Sängerin sich noch ein Mal in Katharinens Arme warf, sie ihrer unwandelbaren Treue versicherte und, das Hündchen unterm Arm, still die Treppe hinunterschlich. Einen Augenblick später sah die athemlose Katharina sie, in der Schaffnerin Mantel gehüllt, ruhig über die Zugbrücke gehen. »Nun,« sagte der Wächter. »Ihr kehrt heute früh zurück, May Bridget? Wenig Spaß im Schloß – ja, Weib! – kranke Zeiten sind traurige Zeiten.« »Ich habe mein Kerbholz vergessen,« sagte die schnell besonnene Französin, »und komme wieder, eh' man einen Milcheimer ausschöpft.« Sie ging weiter, vermied das Dorf Falkland und schlug einen Fußpfad ein, der durch den Park führte. Katharina athmete frei und pries Gott, als sie sie in der Ferne verschwinden sah. Noch eine ängstliche Stunde dauerte es, bis man die Flucht der Sängerin entdeckte. Dies geschah, sobald die Schaffnerin, die sich eine Stunde zu einem Geschäft genommen hatte, wozu zehn Minuten genügten, zurückkehren wollte, und fand, daß Jemand ihren grauen Friesmantel weggenommen hatte. Sogleich wurde genaue Untersuchung angestellt; endlich erinnerten sich die Mägde der Sängerin und wagten zu flüstern, dieser könne es wohl eingefallen sein, ein altes Kleid für ein neues auszutauschen. Der Wächter wurde streng befragt und gab an, er habe die Schaffnerin gleich nach der Vesperglocke hinausgehen sehen, und als diese selbst es läugnete, sagte er, so könne es kein Anderer, als der Teufel gewesen sein. Da indeß die Sängerin nicht gefunden werden konnte, so ließen sich die wirklichen Umstände der Sache leicht ahnen, und der Hausverwalter ging, um Sir John Ramorny und Dwining zu benachrichtigen (die jetzt fast nie getrennt waren), daß eine ihrer weiblichen Gefangenen entflohen sei. Jeder Umstand erweckt den Argwohn des Schuldigen. Sie sahen einander mit unzufriedenen Gesichtern an, und begaben sich sofort mit einander in Katharinens niederes Gemach, um sie wo möglich mit der Untersuchung über Louisens Verschwinden zu überraschen. »Wo ist Eure Gefährtin, Mädchen?« sagte Ramorny in strengem und ernstem Tone. »Ich habe keine Gefährtin hier,« antwortete Katharina. »Keine Ausflucht,« erwiderte der Ritter; »ich meine die Sängerin, die jüngst mit Euch dies Zimmer bewohnte.« »Sie ist fort, sagt man mir,« – sagte Katharina, »fort seit einer Stunde.« »Und wohin?« sagte Dwining. »Wie,« antwortete Katharina, »soll ich den Weg wissen, den eine Wandererin von Handwerk wählen mag? Sie war ohne Zweifel des einsamen Lebens müde, welches so verschieden ist von den Scenen der Festlichkeit und des Tanzes, zu denen sie ihr Beruf oft führt. Sie ist fort, und dabei nur zu bewundern, daß sie so lange dageblieben ist.« »Dies ist also Alles,« sagte Ramorny, »was Ihr uns berichten könnt?« »Alles, was ich Euch zu berichten habe, Sir John,« antwortete Katharina mit Festigkeit; »und wenn der Prinz selber fragte, ich könnt' ihm nicht mehr sagen,« »Es ist wenig Gefahr, daß er Euch wieder die Ehre anthun werde, in Person mit Euch zu reden,« sagte Ramorny, »selbst wenn Schottland dem Unglück entgeht, durch seinen Tod elend zu werden.« »Ist der Herzog von Rothsay so sehr krank?« fragte Katharina. »Keine Hilfe, außer im Himmel,« antwortete Ramorny, emporblickend. »So möge von dort doch Hilfe kommen,« sagte Katharina, »wenn menschliche Hilfe nichts vermag.« »Amen!« sagte Ramorny mit dem entschiedensten Ernst, während Dwining ein Gesicht schnitt, welches dies Gefühl auch ausdrücken sollte, obwohl es ihm einen peinlichen Kampf zu kosten schien, sein höhnisches, aber leises Triumphgelächter zu unterdrücken, welches besonders durch Alles, was eine religiöse Färbung hatte, erregt ward. »Und Menschen sind es – irdische Menschen und nicht eingefleischte Teufel, die so den Himmel anrufen, während sie tropfenweise das Lebensblut ihres unglücklichen Herrn verschlingen!« murmelte Katharina, als ihre beiden betroffenen Inquisitoren das Gemach verließen. – »Warum schläft der Donner? – aber er wird bald rollen, und o! möge es geschehen, sowohl zu erhalten als zu strafen.« Nur die Stunde des Mittagessens gewährte eine Zeit, wo, da Alles im Schlosse mit der Mahlzeit beschäftigt war, Katharina glaubte, sie hätte die beste Gelegenheit, sich zum Mauerspalt zu wagen, ohne besondere Gefahr zu fürchten. Während sie auf die Stunde wartete, bemerkte sie einige Bewegung im Schlosse, das seit der Einkerkerung des Herzogs von Rothsay still wie das Grab gewesen war. Das Fallgatter wurde niedergelassen und aufgezogen, und unter das Krachen der Maschine mischte sich Rossegetrappel, und Bewaffnete auf dampfenden und schnaubenden Pferden ritten ab und zu. Sie sah auch von ihrem Fenster, daß alle Diener, die ihr in die Augen fielen, bewaffnet waren. Bei alle dem klopfte ihr Herz stark, denn es ließ das Nahen der Hilfe hoffen, und überdies ließ das Getümmel den kleinen Garten einsamer als je. Endlich erschien die Mittagsstunde; sie hatte Sorge getragen, unter dem Vorwand ihrer eigenen Bedürfnisse, denen der Küchenmeister gern zu genügen schien, sich solche Speisen zu verschaffen, die sich am leichtesten zu dem unglücklichen Gefangenen bringen ließen. Sie flüsterte, um ihm ihre Gegenwart zu melden – keine Antwort erfolgte; – sie sprach lauter, aber noch blieb Alles still. »Er schläft,« – diese Worte murmelte sie halblaut und mit einem Schaudern, dem ein Zusammenfahren und ein Schrei folgte, als eine Stimme hinter ihr erwiderte: »Ja, er schläft; aber für immer.« Sie sah sich um. Sir John Ramorny stand hinter ihr in voller Rüstung, aber das Visir seines Helms war offen, und zeigte ein Gesicht, ähnlicher dem eines Sterbenden, als eines Mannes, der fechten will. Er sprach mit ernstem Tone, der zwischen dem des ruhigen Beobachters eines merkwürdigen Vorfalles und dem des thätigen Teilnehmers und Gehilfen dabei in der Mitte lag. »Katharina,« sagte er, »Alles ist wahr, was ich Euch sage. Er ist todt – Ihr habt Euer Bestes für ihn gethan – Ihr könnt nicht mehr thun.« »Ich will nicht – ich kann es nicht glauben,« sagte Katharina. »Der Himmel erbarme sich meiner! Es würde mich an der Vorsehung zweifeln lassen, zu denken, daß ein so großes Verbrechen vollbracht werden konnte.« »Zweifle nicht an der Vorsehung, Katharina, obwohl sie duldete, daß der Verworfene durch seine eigenen Rathschläge fiel. Folge mir – ich habe zu sagen, was dich angeht. – Folge mir, sag' ich,« (denn sie zögerte,) »wenn du es nicht vorziehst, der Gnade des rohen Bonthron und des Arztes Henbane Dwining überlassen zu bleiben.« »Ich will Euch folgen,« sagte Katharina. »Ihr könnt mir nicht mehr thun, als Euch gestattet wird.« Er führte sie nach dem Schlosse und erstieg Treppe nach Treppe, Leiter nach Leiter. Katharinens Entschlossenheit wich. »Ich will nicht weiter folgen,« sagte sie. »Wohin wollt Ihr mich führen? – Wenn zu meinem Tode, so kann ich hier sterben.« »Blos zu den Zinnen des Schlosses, Thörin,« sagte Ramorny, eine verriegelte Thür weit aufsperrend, die sich nach dem gewölbten Dache des Schlosses öffnete, wo man sogenannte Mangonels (Kriegsmaschinen, um Steine oder Pfeile zu werfen) und tüchtige Armbrüste rüstete, auch Steine zusammenhäufte. Aber die Vertheidiger waren an Zahl nicht über zwanzig, und Katharina glaubte Furcht und Unentschlossenheit unter ihnen zu bemerken. »Katharina,« sagte Ramorny, »ich darf diesen Posten nicht verlassen, der nothwendig zu meiner Verteidigung ist; aber ich kann hier so gut als anderswo mit Euch reden.« »So redet,« antwortete Katharina, – »ich bin bereit, Euch zu hören.« »Ihr habt Euch in ein blutiges Geheimniß gedrängt, Katharina. Habt Ihr Festigkeit genug, es zu bewahren?« »Ich versteh' Euch nicht, Sir John,« antwortete das Mädchen. »Seht Ihr. Ich habe erschlagen – ermordet, wenn Ihr wollt – meinen ehemaligen Herrn, den Herzog von Rothsay. Der Funke von Leben, den Eure Freundlichkeit nähren wollte, war leicht erstickt. Seine letzten Worte lauteten an seinen Vater. Ihr seid ohnmächtig – rafft Euch zusammen – Ihr habt mehr zu hören. Ihr kennt das Verbrechen, aber Ihr kennt nicht den Anlaß. Seht, dieser Handschuh ist leer – ich verlor meine rechte Hand für ihn; und als ich nicht mehr für seinen Dienst taugte, ward ich wie ein abgelebter Hund weggeworfen, mein Geschick verspottet, mir ein Kloster empfohlen, statt der Schlösser und Paläste, die meine natürliche Sphäre waren! Daran denkt – habt Mitleid und steht mir bei.« »Auf welche Weise könnt Ihr Beistand von mir verlangen?« sagte das zitternde Mädchen; »ich kann weder Euren Verlust ersetzen, noch Euer Verbrechen tilgen.« »Du kannst schweigen, Katharina, über das, was du in jenem Dickicht gesehen und gehört hast. Es ist nur eine kurze Vergeßlichkeit, die ich von dir verlange, auf deren Worte man, wie ich weiß, hören wird, mögt Ihr nun sagen, es geschah oder es geschah nicht. Das Wort deiner marktschreierischen Gefährtin, der Fremden, wird Niemand einer Nadelspitze werth achten. Willst du mir dies zugestehen, so nehme ich dein Versprechen für meine Sicherheit und öffne den Anrückenden das Thor. Versprichst du mir nicht Sicherheit, so vertheidige ich das Schloß, bis Alle gefallen sind, und schleudere dich rücklings von diesen Zinnen. Ja, sieh' sie nur an – es ist kein Sprung, dem man leicht Trotz bietet. Sieben Treppen gingst du mit Anstrengung und athemlos heran, aber du sollst in kürzerer Zeit vom Giebel bis auf den Grund kommen, als du einen Seufzer ausstößt! Sprich das Wort, schönes Mädchen; denn Ihr sprecht mit Einem, der Euch nicht gern schaden möchte, aber bei seinem Vorsatze beharrt.« Katharina stand erschrocken und unfähig, einem Menschen zu antworten, der ihr so verzweifelt schien; aber die Antwort ward ihr erspart, indem Dwining sich näherte. Er sprach mit derselben Demuth, die stets sein Benehmen auszeichnete, und mit seinem gewöhnlichen ironischen Lachen, welches jenes Benehmen Lügen strafte. »Ich thue Unrecht, edler Sir, daß ich mich zu Euch dränge, während Ihr mit einem schönen Mädchen beschäftigt seid. Aber ich komme, um eine kleine Frage zu thun.« »Sprich, Quäler!« sagte Ramorny. »Schlimme Nachrichten sind Scherz für dich, selbst wenn sie dich selber angehen, wofern sie nur auch Andere betreffen.« »Hm, – hi, hi! – ich wünschte nur zu wissen, ob Eure Herrlichkeit das ritterliche Geschäft der Vertheidigung des Schlosses mit einer einzigen Hand unternehmen will – ich bitt' um Verzeihung – ich meinte mit Eurem einzigen Arm? Die Frage ist der Rede werth, denn ich werde bei der Vertheidigung für wenig gut sein, außer wenn Ihr die Belagerer dahin bringen könnt, Arznei zu nehmen – hi, hi, hi ! und Bonthron ist so betrunken, als Bier und gebranntes Wasser ihn machen können – und Ihr, Er und Ich machen die ganze Besatzung aus, die zum Widerstand aufgelegt ist.« »Wie! – wollen die andern Hunde nicht fechten?« sagte Ramorny. »Man sah nimmer Leute, die weniger Lust dazu zeigten,« antwortete Dwining, »niemals; aber da kommt ein Paar von ihnen. – Venit extrema dies. – Hi, hi, hi!« Eviot und sein Gefährte Buncle näherten sich nun mit düsterer Entschlossenheit im Gesicht, gleich Männern, welche den Entschluß gefaßt haben, der Macht zu widerstehen, welcher sie lange gehorchten. »Wie steht's?« sagte Ramorny, ihnen entgegentretend. »Warum von eurem Posten? – Warum hast du die Warte verlassen, Eviot? – Und du anderer Bursch', trug ich dir nicht auf, nach den Mangonelen zu sehen?« »Wir haben Euch Etwas zu sagen, Sir John Ramorny,« antwortete Eviot. »Wir werden in dieser Fehde nicht fechten.« »Wie – meine eigenen Knappen meistern mich?« rief Ramorny. »Wir waren Eure Knappen und Pagen, Mylord, während Ihr in des Herzogs von Rothsay Diensten standet – man erzählt, der Herzog lebe nicht mehr – wir wünschen die Wahrheit zu wissen.« »Welcher Verräther wagt solche Lügen auszustreuen!?« sagte Ramorny. »Alle, welche ausgegangen sind, den Park zu besetzen, Mylord, und unter Andern bringe ich selbst dieselbe Nachricht zurück. Die Sängerin, welche das Schloß gestern verließ, hat das Gerücht überall ausgestreut, der Herzog von Rothsay sei ermordet oder dem Tode nah. Der Douglas zieht gegen uns mit einer starken Macht –« »Und ihr, Feiglinge, macht Euch ein müßig Gerücht zu nutze, um euern Herrn zu verlassen?« sagte Ramorny unwillig. »Mylord,« sagte Eviot, »laßt Buncle und mich den Herzog von Rothsay sehen, und seine persönlichen Befehle zur Vertheidigung des Schlosses empfangen, und wenn wir dann nicht bis zum Tode in diesem Kampfe fechten, so will ich mich gern auf den höchsten Thurm hängen lassen. Aber wenn er an natürlicher Krankheit gestorben ist, so wollen wir das Schloß dem Grafen von Douglas übergeben, der, wie man sagt, des Königs Statthalter ist – oder wenn, was der Himmel verhüte! – dem edlen Prinzen Arges widerfuhr, so wollen wir uns nicht in die Schuld verwickeln, indem wir die Waffen zum Schutze der Mörder brauchen, mögen sie sein, wer sie wollen.« »Eviot,« sagte Ramorny, seinen verstümmelten Arm erhebend, »wäre dieser Handschuh nicht leer, so hättest du's nicht erlebt, zwei Worte voll Unverschämtheit auszusprechen.« »Sei dem wie ihm wolle,« antwortete Eviot, »wir werden nur unsere Pflicht thun. Ich bin Euch lange gefolgt, Mylord, aber hier halt' ich den Zügel an.« »So fahrt denn wohl, und ein Fluch treff' euch Alle!« rief der erbitterte Baron. »Laßt mein Pferd vorführen!« »Unsere Tapferkeit ist im Begriff, davon zu laufen,« sagte der Apotheker, der dicht an Katharinens Seite geschlichen war, eh' sie es merkte. »Katharina, du bist eine abergläubische Närrin, wie die meisten Weiber; trotzdem hast du einigen Verstand, und ich spreche mit dir als einer Person, die mehr versteht, als die Büffel, die um uns herum weiden. Diese stolzen Barone, die nur so über die Welt wegschreiten, was sind sie am Tage des Unglücks? – Spreu vor'm Wind! Laßt ihre Schmiedehammerhände oder ihre Säulenfüße Schaden nehmen, und bah! – die Ritter sind weg – Herz und Muth ist ihnen nichts, Kraft und Glieder Alles; – gebt ihnen Thieresstärke, was sind sie anders, als wüthende Stiere? – nehmt diese weg und Euer ritterlicher Held kriecht auf dem Boden, wie ein lahmes Thier. Nicht so der Weise; so lang' ein Körnchen Verstand einem verwachsenen oder verstümmelten Körper übrig bleibt, soll sein Geist so stark sein, denn je. – Katharina, diesen Morgen sann ich auf Euern Tod; aber mich dünkt, es freut mich jetzt, daß Ihr noch lebt, um zu erzählen, wie der arme Mediciner, der Pillenvergolder, der Mörselstößer, der Gifthändler seinem Schicksal begegnete, in Gesellschaft mit dem tapfern Ritter von Ramorny, jetzigem Baron und künftigem Grafen von Lindores – Gott segne seine Herrlichkeit!« »Alter Mann,« sagte Katharina, »wenn du in der That dem Tage deines verdienten Schicksals so nahe bist, so wären andere Gedanken weit heilsamer, als die ruhmredigen Schwätzereien einer eitlen Philosophie. – Frage nach einem frommen Manne –« »Ja,« sagte Dwining verächtlich, »mich an einen fetten Mönch wenden, der – hi, hi, hi! – das barbarische Latein nicht versteht, was er auswendig hersagt. Der würde ein passender Rathgeber für Einen sein, der in Spanien und Arabien studirt hat! Nein, Katharina, ich will einen Beichtvater wählen, den man gern ansieht, und Ihr sollt mit dem Amte beehrt werden. – Nun, seht dort seine Tapferkeit – seine Augenbrauen tropfen vor Feuchtigkeit, seine Lippen beben vor Angst – hi, hi, hi! – – denn seine Tapferkeit bittet ihre ehemaligen Diener um das Leben, und hat nicht Beredtsamkeit genug, um sie zu bereden, sie entschlüpfen zu lassen. Seht, wie die Fibern seines Gesichts arbeiten, indeß er die undankbaren Bestien anfleht, die er mit Wohlthaten überhäuft hat, ihm nur eine so kurze Lebensfrist zu geben, als die Jagdhunde dem Hasen, wenn die Menschen ihm tüchtig nachsetzen. Seht auch die finstern, niedergeschlagenen, hündischen Gesichter, womit die schurkischen Knechte, zwischen Furcht und Schande schwankend, ihrem Herrn diese elende Frist versagen. Solche Wesen hielten sich für höher, als ein Mann wie ich! Und Ihr, thörichtes Mädchen, denkt so gemein von Eurer Gottheit, daß Ihr Elende wie sie für das Werk der Allmacht haltet!« »Nein! böser Mensch, nein!« sagte Katharina mit Wärme; »der Gott, den ich verehre, schuf diese Menschen mit der Fähigkeit, ihn zu erkennen und anzubeten, ihre Mitgeschöpfe zu schützen und zu schirmen, Frömmigkeit und Tugend zu üben. Ihre eigenen Laster und die Versuchungen des Bösen haben sie so gemacht, wie sie jetzt sind. O, nimm diese Lehre auf in dein Herz von Diamant! der Himmel machte dich klüger als deine Nebenmenschen, gab dir Augen, um in die Geheimnisse der Natur zu sehen, einen scharfen Verstand und eine geschickte Hand; aber dein Stolz hat all' diese schönen Gaben vergiftet und einen gottlosen Atheisten aus einem Mann gemacht, der ein christlicher Weiser hätte sein können!« »Atheist, sagst du?« antwortete Dwining; »vielleicht hab' ich Zweifel in dieser Sache – aber sie werden bald gelöst sein. Dort kommt Einer, der mich, wie zuvor Tausende, an den Ort geschickt hat, wo sich alle Geheimnisse aufklären werden.« Katharina folgte dem Auge des Arztes nach den Waldlichtungen und sah, daß sie von einer Reiterschaar bedeckt waren, die im vollen Galopp anrückte. In ihrer Mitte wehte eine Fahne, die, obwohl Katharina ihr Wappen nicht sehen konnte, doch durch ein Gemurmel ringsum als die des schwarzen Douglas anerkannt wurde. Sie machten einen Pfeilschuß vom Schlosse halt, und ein Herold mit zwei Trompetern ritt an das Hauptthor, wo er nach einem lautschmetternden Trompetenstoß Einlaß begehrte für den hohen und gefürchteten Archibald, Grafen von Douglas, Lordstatthalter des Königs, derzeit mit unumschränkter Vollmacht Seiner Majestät versehen; zugleich wurde allen Bewohnern bei Strafe des Hochverraths befohlen, die Waffen niederzulegen. »Hört Ihr?« sagte Eviot zu Ramorny, der düster und unentschlossen dastand. »Wollt Ihr die Uebergabe des Schlosses befehlen, oder muß ich – « »Nein, Schurke!« unterbrach ihn der Ritter, »bis an's Ende will ich Euch befehlen. Oeffnet die Thore, laßt die Brücke nieder und übergebt das Schloß dem Douglas.« »Nun, das kann man doch eine tapfere That aus freiem Willen nennen,« sagte Dwining. »Just, wie wenn die metallenen Dinger, die seit einer Minute schreien, sich anmaßten, die Töne sich selber beizulegen, die ein dickbackiger Trompeter hineingeblasen hat.« »Elender Mensch,« sagte Katharina, »entweder schweigt, oder wendet Eure Gedanken auf die Ewigkeit, an deren Rande Ihr steht.« »Und was geht das dich an?« antwortete Dwining. »Du, Dirne, kannst nicht umhin, zu hören, was ich dir sage, und du wirst es wieder erzählen, weil dein Geschlecht keins von beiden lassen kann. Perth und ganz Schottland sollen wissen, welch einen Mann sie in Henbane Dwining verloren haben.« Das Geklirr der Waffe verkündigte nun, daß die neuen Ankömmlinge abgestiegen waren und das Schloß betreten hatten, während sie die kleine Besatzung entwaffneten. Graf Douglas erschien selbst mit einigen seiner Leute auf den Zinnen, und wies sie an, Ramorny und Dwining gefangen zu nehmen. Andere schleppten aus einem Winkel den betäubten Bonthron. »Diese Drei waren's, denen die Wache des Prinzen allein übertragen war während seiner angeblichen Krankheit?« sagte Douglas, eine Untersuchung fortsetzend, die er im Saale des Schlosses begonnen hatte. »Kein Anderer sah ihn, Mylord!« sagte Eviot, »obwohl ich meine Dienste anbot.« »Führt uns in des Herzogs Zimmer und bringt die Gefangenen mit – es soll sich auch ein Weib im Schlosse befinden, wenn man sie nicht ermordet oder hinweggezaubert hat – die Gefährtin der Sängerin, welche die erste Nachricht brachte.« »Sie ist hier, Mylord,« sagte Eviot, Katharinen vorführend. Ihre Schönheit und Rührung machten selbst auf den unempfindlichen Grafen einigen Eindruck. »Fürchte nichts, Mädchen,« sagte er, »du hast Lob und Belohnung verdient. Sage mir, wie wenn du dem Himmel beichtetest, Alles, wovon du im Schlosse Zeuge gewesen.« Mit einigen Worten berichtete Katharina die furchtbare Geschichte. »Es stimmt,« sagte Douglas, »mit der Erzählung der Sängerin Punkt für Punkt überein. – Nun zeigt uns des Prinzen Zimmer.« Sie gingen nach dem Gemach, wo der unglückliche Herzog von Nothsay angeblich gewohnt hatte; aber der Schlüssel war nicht zu finden, und der Graf konnte nur Zutritt erlangen, indem man die Thür sprengte. Beim Eintritt entdeckte man den abgezehrten und schmutzigen Körper des Prinzen, wie in Eile auf's Bett geworfen. Die Absicht der Mörder war offenbar gewesen, den Leichnam so in Stand zu setzen, daß er einem längst Gestorbenen ähnlich sehe; aber sie waren durch die Unruhe, die Louisens Flucht veranlaßt hatte, gestört worden. Douglas betrachtete den Leichnam des verführten Jünglings, dessen wilde Leidenschaften und Launen ihn zu dieser verhängnißvollen und vorzeitigen Katastrophe gebracht hatten. »Ich hatte Beleidigungen zu rächen,« sagte er; »aber ein Anblick wie dieser verbannt alle Erinnerung an Beleidigungen!« »Hi, hi! – er hätte geordnet werden sollen,« sagte Dwining, »um Eurer Herrlichkeit mehr zu gefallen; aber Ihr kamt plötzlich über uns, und eilige Herren verursachen schlechten Dienst.« Douglas schien nicht zu hören, was sein Gefangener sagte, so eifrig prüfte er die verfallenen und zerstörten Züge und steifen Glieder des Leichnams vor ihm. Katharina, überwältigt von Unwohlsein und Ohnmacht, erhielt endlich Erlaubniß, sich von dem furchtbaren Anblick zurückzuziehen, und fand durch Verwirrung aller Art den Weg nach ihrem früheren Gemach, wo Louise, die indeß zurückgekehrt war, sie in die Arme schloß. Die Untersuchungen Douglas' schritten fort. Man fand, daß die starre Hand des Prinzen eine Haarlocke krampfhaft umfaßt hielt, an Farbe und Stärke dem kohlschwarzen verworrenen Haar Bonthrons gleich. So, obwohl Hunger das Werk begonnen hatte, schien es doch, daß Rothsan's Tod endlich durch Gewalt vollständig herbeigeführt worden sei. Die geheime Treppe des Kerkers, wozu die Schlüssel an des untergeordneten Mörders Gürtel gefunden wurden, – die Lage des Gewölbes, seine Verbindung mit der äußern Luft durch den Mauerspalt, das elende Strohlager mit den Fesseln, die sich noch vorfanden, – Alles bestätigte vollkommen die Erzählung Katharinens und der Sängerin. »Wir wollen keinen Augenblick zögern,« sagte der Douglas zu seinem nahen Verwandten, dem Lord Balveny, sobald sie aus dem Kerker zurückkehrten. »Fort mit den Mördern! hängt sie über die Zinnen.« »Aber, Mylord, ein Verhör möchte doch erforderlich sein,« antwortete Balveny. »Zu welchem Zweck?« antwortete Douglas. »Ich habe sie Kraft meines Rechts und Amts gefangen. Meine Vollmacht gestattet sofortige Hinrichtung. Doch halt – haben wir nicht einige Leute aus Jedwood unter unsern Truppen?« »Eine Menge Turnbulls, Rutherfords, Ainslies und so fort,« sagte Balveny. »Ruft mir eine Anzahl von ihnen herbei; sie sind sämmtlich gute und ehrliche Leute, außer daß sie ein Bischen zu ihrem Unterhalt stehlen. Laßt sie diese Schurken hinrichten, während ich einen Gerichtshof im großen Saale halte, und wir wollen versuchen, ob der Gerichtshof oder der Profoß eher fertig wird; wir wollen Jedwood-Gerechtigkeit üben – schnell hängen und nach Muße untersuchen.« »Doch halt, Mylord,« sagte Ramorny, »Ihr möchtet Eure Eile bereuen – wollt Ihr mir ein Wort in's Ohr erlauben?« »Nicht um die Welt!« sagte Douglas; »sprich es aus, was du zu sagen hast, vor Allen, die hier sind.« »So wißt denn Alle,« sagte Ramorny laut, »daß dieser edle Graf Briefe vom Herzog Albany und mir hat, ihm durch jenen feigen Ausreißer Buncle übergeben, – laßt ihn läugnen, wenn er's kann – welche die Entfernung des Herzogs vom Hofe auf einige Zeit anrathen, sowie seine Gefangenschaft in diesem Schlosse.« »Aber kein Wort davon,« erwiderte Douglas, ernst lächelnd, »daß man ihn in einen Kerker werfen sollte – verhungern – erdrosseln. – Fort mit den Elenden, Balveny, sie verderben Gottes Luft zu lange!« Die Gefangenen wurden nach den Zinnen geschleppt. Aber während die Mittel der Hinrichtung zubereitet wurden, drückte der Apotheker einen so glühenden Wunsch aus, Katharina noch einmal zu sehen, wie er sagte, zum Heil seiner Seele, daß das Mädchen in der Hoffnung, seine Hartnäckigkeit habe sich noch in der letzten Stunde geändert, noch ein Mal hinauf ging, um eine Scene zu sehen, vor welcher ihr Herz zurückschauderte. Ein einziger Blick zeigte ihr Bonthron in gänzliche, trunkene Fühllosigkeit versunken, Ramorny seiner Rüstung beraubt, und umsonst bemüht, seine Angst zu verbergen, während er mit einem Priester sprach, um dessen Beistand er gebeten hatte, und Dwining als denselben unterwürfigen, demüthigen, kriechenden Burschen, wie sie ihn vorher gesehen hatte. Er hielt in der Hand eine kleine, silberne Feder, womit er auf ein Stück Pergament schrieb. »Katharina,« sagte er, – »hi, hi, hi! – ich wünsche zu dir über die Natur meines religiösen Glaubens zu sprechen.« »Wenn das deine Absicht ist, warum verlierst du Zeit mit mir? – sprich mit diesem frommen Vater.« »Der fromme Vater,« sagte Dwining, »ist hi, hi! – bereits ein Verehrer der Gottheit, welcher ich gedient habe. Ich zieh' es daher vor, dem Altar meines Götzen einen neuen Verehrer in dir zu geben, Katharina. Dies Stück Pergament wird dir den Weg zu meiner Kapelle zeigen, wo ich oft in der Stille gebetet habe. Ich hinterlasse dir als ein Vermächtniß die Götzenbilder, die sie enthält, blos weil ich dich etwas minder hasse und verachte, als andere alberne Elende, die ich bisher Mitgeschöpfe zu nennen genöthigt war. Und nun fort! – Oder bleib und sieh, ob das Ende des Quacksalbers sein Leben Lügen straft.« »Unsere Frau verhüt' es!« sagte Katharina. »Nun,« sagte der Arzt, ich habe nur ein einzig Wort zu sagen, und jenes Edelmanns Herrlichkeit mag es hören, wenn er will.« Lord Balveny näherte sich mit einiger Neugier; denn die unerschrockene Entschlossenheit eines Mannes, der nie ein Schwert geschwungen oder eine Rüstung getragen, und von Person ein elender Zwerg war, schien ihm Etwas wie Zauberei zu sein. »Ihr seht dies elende Werkzeug,« sagte der Verbrecher, die silberne Feder zeigend. »Mittelst dieser kann ich selbst der Macht des schwarzen Douglas entgehen.« »Gebt ihm weder Tinte noch Papier,« sagte Balveny hastig, »er will einen Zauber schreiben.« »Nicht doch, mit Eurer Weisheit und Tapferkeit Erlaubniß – hi, hi, hi! – « sagte Dwining mit seinem gewöhnlichen Lachen, während er das Ende der Feder losschraubte und daraus ein Stück Schwamm oder etwas Aehnliches, nicht größer als eine Erbse, hervorzog. »Nun, merkt auf! – – « sagte der Gefangene und nahm es zwischen die Lippen. Die Wirkung war augenblicklich. Er lag als Leichnam vor ihnen, die höhnische Verachtung auf dem Gesichte. Katharina schrie auf und floh, indem sie hastig hinabeilte, um einem so schrecklichen Anblicke zu entgehen. Lord Balveny war einen Augenblick starr und dann rief er: »Das kann Hexerei sein! hängt ihn über die Mauern lebendig oder todt. Wenn sich sein schlechter Geist nur auf einige Zeit zurückgezogen hat, so mag er zu einem Körper mit umgedrehtem Halse zurückkehren.« Man gehorchte seinem Befehl. Darauf wurden Ramorny und Bonthron zur Hinrichtung gefühlt. Der Letztere ward gehangen, bevor er völlig zu begreifen schien, was mit ihm geschah. Ramorny, bleich wie der Tod, aber mit demselben Stolze, der sein Verderben herbeigeführt hatte, berief sich auf seine Ritterwürde und verlangte das Vorrecht, mit dem Schwert enthauptet zu werden und nicht durch den Strang zu sterben. »Der Douglas ändert nie sein Urtheil,« sagte Balveny. »Aber dir sollen all deine Rechte werden. – Schickt den Koch mit einem Hackmesser hieher.« Der geforderte Diener erschien auf seinen Ruf. »Weshalb zitterst du, Bursche?« sagte Balveny; »hier, hau' mir mit deinem Messer dieses Mannes goldene Sporen von seinen Fersen – und nun, John Ramorny, bist du nicht mehr ein Ritter, sondern ein Schurke – zum Strang' mit ihm, Profoß! hängt ihn zwischen seine Gefährten, und wo möglich höher als sie.« Eine Viertelstunde nachher ging Balveny hinab, um Douglas zu sagen, daß die Verbrecher hingerichtet wären. »Dann hat die Untersuchung keinen weitern Nutzen,« sagte der Graf. »Was meint Ihr, liebe Männer des Gerichts, waren jene Leute des Hochverraths schuldig? ja oder nein?« »Schuldig!« rief das nachträgliche Gericht mit erbaulicher Einmüthigkeit; »wir brauchen kein weiteres Zeugniß.« »Laßt trompeten, und dann zu Roß nur mit unserm Gefolge; und laßt Jedermann über das hier Vorgegangene schweigen, bis das Verfahren dem König vorgelegt ist, was nicht füglich geschehen kann, bevor der Kampf am Palmsonntag gefochten und beendigt ist. Wählt unser Gefolge und sagt, daß Jeder, der, mag er mit uns gehen oder hier bleiben, plaudert, sterben muß.« Nach wenigen Minuten saß Douglas zu Pferde, nebst dem für seine Person erwählten Gefolge. Boten wurden an seine Tochter, die verwittwete Herzogin von Rothsay, mit der Weisung geschickt, sie solle ihren Weg nach Perth nehmen, über die Küste von Lochleven, ohne sich Falkland zu nähern; zugleich wurden ihrer Obhut Katharina Glover und die Sängerin übergeben, als Personen, deren Sicherheit er wünschte. Als sie durch den Wald ritten, sahen sie zurück und betrachteten die drei hängenden Körper, die gleich Flecken die Mauern des alten Schlosses verdunkelten. »Die Hand ist gestraft,« sagte Douglas; »aber wer wird den Kopf anklagen, auf dessen Weisung die That verübt ward?« »Ihr meint den Herzog von Albany?« sagte Balveny. »Ja, Vetter; und hörte ich auf die Mahnungen meines Herzens, so würde ich ihn der That beschuldigen, die er, wie ich überzeugt bin, angab. Aber es ist kein Beweis da, außer starkem Verdacht, und Albany hat die zahlreichen Freunde des Hauses Stuart an sich gefesselt, denen allerdings die Schwachheit des Königs und die lüderlichen Sitten Rothsay's keinen andern Führer übrig ließen. Breche ich daher das Band, welches mich seit Kurzem mit Albany verknüpft, so ist die Folge ein Bürgerkrieg, das Verderblichste für das arme Schottland, so lang' es ein Einfall des thätigen Percy bedroht, dem die Verrätherei March's Vorschub leistet. Nein, Balveny, – die Strafe Albany's muß dem Himmel bleiben, der zu seiner Zeit ihn und sein Haus richten wird.« Dreiunddreißigstes Kapitel. Die Stund ist nah'; ein jedes Schwert Ist scharf, die Herzen schlagen; Wer sterben kann, wer Flucht begehrt: Das Morgenlicht wird's sagen. Sir Edwald. Wir müssen nun unsere Leser erinnern, daß Simon Glover und seine schöne Tochter aus ihrer Wohnung geeilt waren, ohne Zeit zu haben, Harry Schmied ihren Abschied oder den beunruhigenden Grund desselben zu melden. Als daher der Liebende am Morgen nach ihrer Flucht in Curfewstreet erschien, empfieng er statt des herzlichen Willkomms des ehrsamen Bürgers und des halb fröhlichen, halb tadelnden Aprilgrußes, der ihm von Seiten der lieblichen Tochter versprochen war, nur die niederschlagende Kunde, sie sei mit ihrem Vater auf Befehl eines Fremden, der sich sorgfältig vermummt gehalten habe, früh abgereist. Dann gefiel es Dorotheen, deren Talente für Erzählung von Unglücksfällen und Mittheilungen ihrer Ansichten hierüber der Leser schon kennt, noch beizufügen, sie zweifle nicht, daß ihr Herr und ihre junge Gebieterin in's Hochland gereist seien, um einen Besuch zu vermeiden, der ihnen seit ihrer Abreise von einigen Gerichtsdienern gemacht worden sei, die im Namen eines vom König niedergesetzten Gerichtshofes das Haus durchsucht, alle Behältnisse, von denen man dachte, sie könnten Papiere enthalten, versiegelt, und gerichtliche Vorladungen für Vater und Tochter hinterlassen hätten, an einem bestimmten Tage, bei Strafe des Bannes, vor dem Gerichtshofe zu erscheinen. Alle diese beunruhigenden Nachrichten bemühte sich Dorothee in den düstersten Farben zu malen, und der einzige Trost, den sie dem geängstigten Liebhaber gab, war der, daß sie ihm sagte, ihr Herr habe ihr aufgetragen, ihm zu sagen, er möchte ruhig in Perth bleiben, und er würde bald Kunde von ihnen erhalten. Dies hintertrieb des Schmieds ersten Entschluß, ihnen sogleich nach den Hochlanden zu folgen und Theil an dem Schicksale zu nehmen, welches ihnen drohen möchte. Als er sich aber seiner öfteren Fehden mit mehreren aus dem Clan Quhele erinnerte und besonders seines persönlichen Zwistes mit Conachar, der nun zu einem ersten Häuptling erhoben war, konnte er bei näherer Ueberlegung nur glauben, daß sein Eindringen in ihre Zufluchtsstätte wahrscheinlich eher die Sicherheit, deren sie sich sonst dort erfreuen konnten, stören, als ihnen nützlich sein möchte. Simons Freundschaft mit dem Häuptling des Clans Quhele war ihm wohlbekannt, und er vermuthete mit Recht, der Handschuhmacher werde dort einen Schutz finden, den seine eigene Ankunft nur stören konnte, da seine Hitze ihn ohne Zweifel in einen Streit mit dem ganzen Clan zorniger Hochländer verwickeln würde. Zugleich schlug sein Herz vor Unwillen, wenn er dachte, daß Katharina nun ganz in der Gewalt des jungen Conachar sei, der gewißlich sein Nebenbuhler war, und nun so viele Mittel hatte, seine Bewerbung zu unterstützen. Wie, wenn der junge Häuptling die Sicherheit des Vaters von der Gunst der Tochter abhängig machte! Er setzte kein Mißtrauen in Katharinens Liebe, aber ihre Denkart war so uneigennützig und ihre Liebe zu ihrem Vater so innig, daß, wenn ihre Liebe gegen seine Sicherheit oder vielleicht sein Leben in die Wage gelegt würde, ein schwerer und schrecklicher Zweifel waltete, ob erstere sich nicht als zu leicht bewähren möchte. Von Gedanken gequält, bei denen wir nicht verweilen dürfen, beschloß er daher, zu Hause zu bleiben, seine Angst so gut als möglich zu unterdrücken und die versprochene Nachricht von dem Alten zu erwarten. Sie kam, befreite ihn aber nicht von seiner Besorgniß. Sir Patrick Charteris hatte das Versprechen nicht vergessen, dem Schmied den Plan der Flüchtlinge mitzutheilen. Aber bei dem Getümmel, welches die Bewegungen der Truppen veranlaßte, konnte er die Nachricht nicht selbst überbringen. Er vertraute daher seinem Geschäftsträger, Kitt Henschaw, das Geschäft an. Aber dieser würdige Mann war, wie der Leser weiß, von Ramorny gewonnen, dem daran lag, Jedermann, besonders aber einem so thätigen und kühnen Liebhaber, wie Harry, den wahren Aufenthalt Katharinens zu verbergen. Henschaw sagte daher dem geängstigten Schmied, sein Freund, der Handschuhmacher, sei sicher in den Hochlanden, und obwohl er von Katharina etwas zurückhaltender sprach, sagte er doch wenig, was der Meinung widersprechen konnte, sie theile, gleich Simon, den Schutz des Clans Quhele. Aber er wiederholte im Namen Sir Patricks die Versicherung, daß Vater und Tochter sich wohlbefänden, und Harry für sein eigenes Interesse und ihre Sicherheit am besten sorgen würde, wenn er ruhig bliebe, und den Lauf der Begebenheiten abwartete. Daher beschloß Harry Gow geängstigten Herzens ruhig zu bleiben, bis er gewissere Nachricht erhalten würde, und beschäftigte sich mit der Vollendung eines Panzerhemdes, welches das härteste und polirteste sein sollte, das seine geschickten Hände je verfertigt hatten. Diese Uebung seiner Kunst gefiel ihm besser, als irgend etwas Anderes, das er hätte treiben können, und diente ihm zur Entschuldigung dafür, daß er sich in seiner Werkstatt einschloß und die Gesellschaft mied, in welcher täglich müßige Gerüchte umliefen, die ihn nur in Verlegenheit setzen und verwirren konnten. Er beschloß, auf Simons Achtung, auf die Treue seiner Tochter und die Freundschaft des Oberrichters zu vertrauen, der seine Tapferkeit im Kampfe mit Bonthron so sehr lobte, und von dem er glaubte, er würde ihn in dieser äußersten Noth nicht verlassen; die Zeit ging jedoch Tag für Tag hin, und erst als der Palmsonntag nahe war, gedachte Sir Patrick Charteris, da er wegen einiger Anordnungen zu dem bevorstehenden Kampfe nach Perth geritten war, dem Schmied vom Wynd einen Besuch zu machen. Er betrat seine Werkstatt mit einer mitleidigen Miene, die ihm ungewöhnlich war und die Harry sogleich auf schlimme Nachricht gefaßt machte. Der Schmied erschrak und der erhobene Hammer zögerte, auf das heiße Eisen zu fallen, während der bewegte Arm, der ihn schwang, erst so stark wie der eines Riesen, so machtlos ward, daß Harry nur mit Mühe die Rüstung auf den Boden legen konnte, statt sie aus der Hand fallen zu lassen. »Mein armer Harry,« sagte Sir Patrick, »ich bringe Euch nur kalte Neuigkeiten – sie sind indeß ungewiß; und wenn sie wahr, sind sie von der Art, daß tapfere Männer, wie du, sie sich nicht zu sehr zu Herzen nehmen dürfen.« »In Gottes Namen, Mylord,« sagte Harry, »ich hoffe, Ihr bringt keine schlimmen Nachrichten von Simon Glover und seiner Tochter?« »Von ihnen selbst nicht,« sagte Sir Patrick; »sie sind sicher und wohl. Aber was dich betrifft, Harry, so sind meine Neuigkeiten kälter. Kitt Henschaw hat, denk' ich, dir gemeldet, daß ich bemüht war, Katharina Glover in sichern Schutz im Hause einer vornehmen Dame, der Herzogin von Rothsay, zu bringen. Aber sie hat das Gesuch abgelehnt und ist zu ihrem Vater in's Hochland geschickt worden. Das Schlimmste kommt nun. Du wirst gehört haben, daß Gilchrist Mac Jan todt und daß sein Sohn Eachin, der in Perth als Lehrling des alten Simon unter dem Namen Conachar bekannt war, jetzt Häuptling des Clans Quhele ist; und ich hörte von einem meiner Leute, es gehe unter den Mac Jans ein starkes Gerücht, der junge Häuptling suche die Hand Katharinens zur Ehe. Meine Leute erfuhren dies übrigens als ein Geheimniß, so lang' sie im Land von Breadalbane waren, um einige Rüstungen zu dem Kampfe zu machen. Die Sache ist ungewiß; aber, Harry, sie sieht wahrscheinlich aus.« »Sah' Euer Herrlichkeit Diener Simon Glover und seine Tochter?« sagte Harry, nach Athem ringend und hustend, um das Uebermaß seiner Aufregung vor dem Oberrichter zu verbergen. »Das nicht,« sagte Sir Patrick; »die Hochländer schienen argwöhnisch und wollten ihm nicht gestatten, den alten Mann zu sprechen, und er fürchtete, sie aufmerksam zu machen, wenn er Katharinen zu sehen verlangte. Ueberdies spricht er nicht gälisch und Jener, von dem er die Nachricht erhielt, nicht viel englisch, und also kann ein Mißverständniß obwalten. Trotzdem geht ein solches Gerücht, und ich hielt es für's Beste, Euch davon zu sagen. Aber Ihr dürft gewiß sein, daß die Hochzeit nicht Statt finden kann, ehe die Sache vom Palmsonntag vorüber ist, und ich rathe Euch, keinen Schritt zu thun, bis wir die Umstände näher erfahren; denn Gewißheit, wär's auch die schmerzlichste, ist wünschenswerth. – Geht Ihr nach dem Rathhause,« setzte er nach einer Pause hinzu, »um über die Herstellung der öffentlichen Schranken auf dem nördlichen Anger zu sprechen? Ihr werdet dort willkommen sein.« »Nein, guter Lord!« »Nun, Schmied, ich schließe aus Eurer kurzen Antwort, daß Ihr unzufrieden über diese Sache seid; aber nach Allem sind ja die Weiber Wetterhähne, das bleibt wahr. Salomo und Andere haben es vor Euch erfahren.« Damit entfernte sich Sir Patrick Charteris, völlig überzeugt, das Amt eines Trösters auf die befriedigendste Weise versehen zu haben. Mit ganz andern Empfindungen betrachtete der unglückliche Liebhaber die Nachrichten und den tröstenden Commentar. »Der Oberrichter,« sagte er bitter zu sich selbst, »ist ein trefflicher Mann; wahrlich, er hält seine Ritterwürde so hoch, daß, wenn er Unsinn spricht, ein armer Mann es für Verstand halten muß, ebenso wie er abgestandenes Bier loben muß, wenn es ihm in Seiner Herrlichkeit Silberkrug gereicht wird. Wie würde Alles dies unter andern Umständen klingen? Gesetzt, ich wollte den steilen Abhang des Corrichi Dhu herab, und eh' ich an den Felsenvorsprung käme, begegnete mir Mylord Oberrichter und riefe: ›Harry, dort ist ein tiefer Abgrund, und es thut mir leid, Euch sagen zu müssen, daß Ihr gerade hineinstürzt; aber seid nicht traurig, der Himmel kann einen Stein oder Busch geben, der Euch aufhält. Indeß dacht' ich, es würde Euch tröstlich sein, das Schlimmste zu wissen, was Ihr bald sehen werdet. Ich weiß nicht, wie viel Hundert Fuß tief der Abgrund ist, aber Ihr könnt Euch davon überzeugen, sobald Ihr unten seid, denn Gewißheit ist Gewißheit. Und hört, wann kommt Ihr zum Kegelspiel?‹ Und solch Geschwätz statt eines freundlichen Versuchs, den Hals des armen Burschen zu retten! Wenn ich daran denke, könnt' ich rasend werden, meinen Hammer nehmen und rings umher Alles zusammenschlagen. Aber ich will ruhig sein, und wenn dieser hochländische Habicht, der sich einen Falken nennt, auf meine Turteltaube stößt, soll er erfahren, ob ein Bürger von Perth einen Bogen spannen kann oder nicht.« Es war nun der Donnerstag vor dem verhängnißvollen Palmsonntag und man erwartete, daß die Kämpfer beider Parteien am nächsten Tage ankommen würden, damit sie den Sonnabend als Rasttag hätten, um sich zu erquicken und zum Kampfe vorzubereiten. Zwei oder drei von jeder Partei wurden abgeordnet, um Anweisung über die Lagerung ihrer kleinen Schaar einzuholen, und was noch sonst von Befehlen nöthig war. Harry war daher nicht überrascht, einen großen, starken Hochländer um die Gasse, in welcher er wohnte, in der Art schleichen zu sehen, wie die Bewohner eines wilden Landes die Eigenheiten eines gebildeten untersuchen. Des Waffenschmieds Herz erhob sich gegen diesen Mann wegen seines Landes, gegen das unser Perther Bürger ein natürliches Vorurtheil hegte, und besonders, da er die Kleidung des Clans Quhele an ihm wahrnahm. Der in Silber gearbeitete Zweig von Eichenlaub bezeichnete ihn als einen von der Leibwache des jungen Häuptlings, auf deren Anstrengung im nächsten Kampfe ihr Clan so viel Vertrauen setzte. Nachdem Harry so viel bemerkt hatte, zog er sich in seine Schmiede zurück, denn der Anblick des Mannes machte seine Leidenschaft rege; und da er wußte, daß die Hochländer zu einem öffentlichen Kampfe verpflichtet waren und keine untergeordnete Fehde ausmachen durften, beschloß er, auch allen freundlichen Verkehr mit ihm zu meiden. Nach wenigen Minuten indeß, flog die Thür der Schmiede auf, und der Gäle trat mit flatterndem Tartan, was seine natürliche Größe noch erhöhte, und mit dem stolzen Schritt eines Mannes, der sich höherer Würde bewußt ist, als Alle, die ihm begegnen, herein. Er stand, sich umschauend, da, und schien zu erwarten, daß man ihn mit Verwunderung empfange. Aber Harry hatte durchaus keine Neigung, seiner Eitelkeit zu schmeicheln, und fuhr fort, ein Bruststück zu hämmern, welches auf seinem Ambos lag, als wäre er seines Gastes Gegenwart nicht gewahr. »Ihr seid der Gow Chrom ?« (der krummbeinige Schmied) sagte der Hochländer. »Die krummbeinig zu werden wünschen, nennen mich so,« antwortete Harry. »Will nicht beleidigen,« sagte der Hochländer; »aber sie selbst kommt, eine Rüstung zu kaufen.« »Sie selbst mag dann mit ihren bloßen Beinen wieder abziehen,« antwortete Harry, – »ich habe keine zu verkaufen.« »Wenn nicht in zwei Tagen Palmsonntag wäre, würde sie selbst Euch ein ander Lied singen lehren,« erwiderte der Gäle. »Und am heutigen Tage,« sagte Harry mit derselben verächtlichen Gleichgültigkeit, »bitt' ich Euch, mir aus dem Lichte zu gehen.« »Ihr seid ein unhöflicher Mann; aber sie selbst ist auch Fir nan ord ; und sie weiß, der Schmied ist trotzig, wenn das Eisen heiß ist.« »Wenn sie selbst ein Hammermann ist, so kann sie ihren Harnisch selber machen,« bemerkte Harry. »Und sie selbst würde das thun, und Euch nimmer um die Sache angehen; aber man sagt, Gow Chrom , Ihr pfeift und singt Weisen über die Schwerter und Harnische, die Ihr schmiedet, welche solche Kraft haben, daß die Klingen Stahl durchhauen, wie Papier, und Panzer und Harnisch Stahllanzen zurückweisen, als wären es Nadeln.« »Man sagt Eurer Unwissenheit allen Unsinn, den Christenmenschen nicht glauben mögen,« sagte Harry. »Ich pfeife bei meinem Werk, was mir einfällt, wie ein ehrlicher Handwerksmann, und gewöhnlich ist es die Hochlandsweise: Hoch auf die Houghmansstufen ! Mein Hammer geht von selber nach dieser Weise.« »Freund, es ist müssig Spiel, ein Roß zu spornen, wenn seine Beine gefesselt sind,« sagte der Hochländer stolz. »Sie selbst kann gerade jetzt nicht fechten und also ist's nicht artig, sie so zu reizen.« »Bei Nagel und Hammer, da habt Ihr Recht,« sagte der Schmied, seinen Ton ändernd. »Aber sagt es heraus, Freund, was ist's, was Ihr von mir haben wollt? Ich habe nicht Lust, zu plaudern.« »Einen Harnisch für ihren Häuptling, Eachin Mac Jan,« sagte der Hochländer. »Ihr seid ein Hammermann, sagt Ihr? Versteht Ihr Etwas davon?« sagte unser Schmied, den Harnisch aus einem Kasten hervorholend, womit er sich in der letzten Zeit beschäftigt hatte. Der Gäler betrachtete ihn mit einer Verwunderung, die mit etwas Neid gemischt war. Neugierig betrachtete er jeden Theil des Werkes, und endlich erklärte er es für das beste Waffenstück, welches er je gesehen. »Hundert Kühe und Stiere und eine gute Heerde Schafe würde Euch ein zu leichtes Gebot sein?« sagte der Hochländer, um einen Versuch zu machen; »aber sie selbst wird dir nicht weniger bieten, komme sie dazu wie sie wolle. »Es ist ein schönes Gebot,« erwiderte Harry; »aber Gold und Gut erkauft diesen Harnisch nicht. Ich muß mein eigenes Schwert an meiner eigenen Rüstung versuchen können; und ich gebe dieses Stahlkleid Keinem, als wer mir im freien Felde auf drei Hiebe und einen Stoß stehen will; auf diese Bedingungen gehört sie Eurem Häuptling.« »Oho, Mann – nehmt einen Trunk und geht zu Bett«, sagte der Hochländer mit großer Verachtung. »Seid Ihr toll? Meint Ihr, der Häuptling des Clans Quhele würde kämpfen und balgen mit einem niedrigen Perther Bürgerleib wie Ihr? Still, Mann, und hört. Sie selbst will Euch mehr Ehre anthun, als Eurem Geschlecht je gebührte. Sie selbst will mit Euch um den schönen Harnisch fechten.« »Sie muß erst beweisen, daß sie mir gleich ist,« sagte Harry mit spöttischem Lächeln. »Wie, ich, Einer von Eachin Mac Jans Leibwache, und dir nicht gleich?« »Ihr könnt mich versuchen, wenn Ihr wollt. Ihr sagt, Ihr seid ein Fir nan ord – wißt Ihr, wie man einen Schmiedehammer wirft?« »Ei, freilich – fragt Ihr den Adler, ob er über den Ferragon fliegen kann?« »Aber bevor Ihr mit mir streitet, müßt Ihr erst einen Wurf mit Einem von meiner Leibwache versuchen. – Dunter, stelle dich für die Ehre von Perth! – Und nun, Hochländer, da steht eine Reihe Hämmer – nimm, welchen du willst, und laß uns zum Garten gehen.« Der Hochländer, der Norman nan Ord oder Normann vom Hammer hieß, bewies sein Recht zu diesem Titel, indem er den größten Hammer wählte, worüber Harry lächelte. Dunter, der starke Gefährte des Schmieds, that, was man einen ungeheuren Wurf nennt; aber der Hochländer, der sich verzweifelt anstrengte, warf einige Fuß weiter und sah Harry mit triumphirender Miene an, worüber dieser wieder lächelte. »Wollt Ihr's besser machen?« sagte der Gäle, dem Schmied den Hammer bietend. »Nicht mit diesem kindischen Spielzeug,« sagte Harry, »was kaum Gewicht genug hat um gegen den Wind zu fliegen. – Janniken, hole meinen Simson; oder helf' Einer von Euch dem Jungen, denn Simson ist etwas schwer.« Der jetzt beigebrachte Hammer war um die Hälfte schwerer als jener, den der Hochländer schon von ungewöhnlichem Gewicht erwählt hatte. Norman stand erstaunt; aber noch mehr war er's, als Harry seine Stellung nahm, das gewichtige Stück weit hinter seine Hüfte schwang und seiner Hand entgleiten ließ, als würd' es von einer Wurfmaschine geschleudert. Die Luft stöhnte und pfiff, während die Masse hindurch flog. Endlich fiel sie nieder und das Eisen einen Fuß tief in die Erde, eine volle Elle jenseits des Wurfes von Norman. Der gedemüthigte und besiegte Hochländer ging zu dem Orte, wo die Waffe lag, hob sie auf, wog sie staunend in der Hand und prüfte sie genau, als erwartete er mehr, als einen gewöhnlichen Hammer darin zu entdecken. Endlich kehrte er mit melancholischem Lächeln zum Eigenthümer zurück, achselzuckend und kopfschüttelnd, als der Schmied ihn fragte, ob er seinen Wurf nicht übertreffen wolle. »Norman hat bei dem Spiele bereits zu viel verloren,« erwiderte er. »Sie hat ihren eignen Namen, der Hammerer, verloren. Aber arbeitet Ihr selbst, der Gow Chrom , auf dem Ambos mit dieser Pferdelast Eisen?« »Ihr werdet sehen, Bruder,« sagte Harry, nach der Schmiede vorangehend. »Dunter,« sagte er, »zieh' mir diese Stange aus dem Ofen;« und Simson erhebend, wie er den ungeheuren Hammer nannte, bog er das Metall mit hundert Streichen von der Rechten zur Linken, – jetzt mit der rechten Hand, jetzt mit der linken, dann mit beiden, mit so viel Kraft und Geschick, daß er ein kleines, aber schön geformtes Hufeisen in der Hälfte der Zeit vollendete, die ein gewöhnlicher Schmied mit einem bequemen Werkzeuge gebraucht hätte. »Ei, ei!« sagte der Hochländer, »und warum wolltet Ihr mit unserm jungen Häuptling fechten, der weit über Euern Stand ist, wenn Ihr auch der beste Schmied seid, der je mit Wind und Feuer arbeitete?« »Hört an!« sagte Harry – »Ihr scheint ein guter Bursche, und ich will Euch die Wahrheit sagen: Euer Herr hat mich beleidigt, und ich gebe ihm diesen Harnisch umsonst, wenn er mit mir kämpfen will.« »Ei, wenn er Euch beleidigt hat, muß er sich Euch stellen,« sagte der Leibgardist. »Einen Mann beleidigen, das nimmt die Adlerfeder von des Häuptlings Mütze, und wäre er der Erste in den Hochlanden, was Eachin allerdings ist, er müßte mit dem Manne fechten, den er beleidigt hat, oder es fällt eine Rose aus seinem Kranze.« »Wollt Ihr ihn dazu bewegen,« sagte Harry, »nach dem Kampfe am Sonntag?« »O, sie selbst wird ihr Bestes thun, wenn die Falken nicht die Gebeine ihrer selbst abzufressen bekommen; denn Ihr müßt wissen, Bruder, daß Clan Chattans Klauen sehr tief bohren.« »Auf diese Bedingung gehört die Rüstung Eurem Häuptling,« sagte Harry; »aber ich will ihn vor König und Hof entehren, wenn er den Preis nicht zahlt.« »Keine Furcht, keine Furcht; ich selbst will ihn zum Kampfe führen,« sagte Norman; »gewißlich.« »Ihr werdet mir einen Gefallen thun,« erwiderte Harry; »und damit Ihr Eures Versprechens gedenken mögt, will ich Euch diesen Dolch schenken. Seht – wenn Ihr ihn gehörig gebraucht und zwischen Harnisch und Kragen Eures Feindes setzt, so wird der Wundarzt unnöthig sein.« Der Hochländer war verschwenderisch mit seinen Danksagungen und nahm Abschied. »Ich hab' ihm den besten Harnisch gegeben, den ich je machte,« sagte der Schmied, seine Freigebigkeit fast bereuend, »und zwar für den armseligen Preis, daß er seinen Häuptling auf einen Kampfplatz mit mir bringen will; dann mag Katharina dem gehören, der sie tapfer gewinnen kann. Aber sehr fürcht' ich, der Jüngling wird einen Ausweg finden, er müßte denn am Palmsonntag solches Glück haben, daß er einen zweiten Kampf wagt. Das ist indeß eine Hoffnung; denn schon oft hab' ich einen unreifen Burschen nach seinem ersten Kampfe emporschießen sehen, von einem Zwerge zu einem Riesentödter.« So erwartete Harry mit wenig Hoffnung aber größter Entschlossenheit die Zeit, die sein Schicksal entscheiden sollte. Was ihn das Schlimmste besorgen ließ, war das Schweigen des Handschuhmachers und seiner Tochter. »Sie schämen sich,« sagte er, »mir die Wahrheit zu gestehen und daher schweigen sie.« Am Freitag Mittag kamen die beiden Schaaren, jede dreißig Mann stark, welche die streitenden Clans vertraten, bei den verschiedenen Punkten an, wo sie zur Erholung Halt machen sollten. Der Clan Quhele wurde gastlich in der reichen Abtei Scone bewirthet, während der Oberrichter die Gegner in seinem Schlosse Kinfauns aufnahm. Die äußerste Sorgfalt ward angewendet, um beide Parteien mit der pünktlichsten Aufmerksamkeit zu behandeln und keinen Anlaß zu geben, daß sie sich über Parteilichkeit beklagen könnten. Alle Punkte der Etikette wurden indessen von dem Lord Großconnetable, Grafen Errol, und dem Grafen von Crawford geordnet, indem Ersterer für den Clan Chattan sprach, während der Letztere des Clans Quhele Vertreter war. Boten gingen beständig von dem einen Grafen zum andern, und sie hielten mehr als sechs Zusammenkünfte in dreißig Stunden, ehe das Ceremoniel des Kampfes vollständig geordnet werden konnte. Unterdessen befahl, für den Fall einer Erneuerung alten Streites, wozu viel Samen zwischen den Bürgern und ihren hochländischen Nachbarn vorhanden war, eine Bekanntmachung den Bürgern, sich nicht über eine halbe Meile dem Orte zu nähern, wo die Hochländer einquartiert waren, während hinsichtlich der Letztern die bestimmten Streiter genöthigt waren, eine Annäherung an Perth ohne besondere Erlaubniß zu meiden. Truppen waren zur Vollziehung des Befehls aufgestellt, die ihre Pflicht so gewissenhaft thaten, daß sie selbst Simon Glover, einen ächten Bürger von Perth, hinderten in die Stadt zu kommen, weil er gestand, mit Eachin Mac Jan's Kämpfern angelangt zu sein und ein Plaid nach ihrem Muster trug. Dies machte es dem Handschuhmacher unmöglich, Harry Wynd aufzusuchen und ihn von Allem, was seit ihrer Trennung vorgegangen, genau zu unterrichten; ein Gespräch, dessen Stattfinden das Ende unserer Erzählung wesentlich geändert haben würde. Am Sonnabend Nachmittag kam noch Jemand an, der die Stadt fast ebensosehr interessirte, als die Vorbereitungen zum bevorstehenden Kampfe. Dies war der Graf von Douglas, der durch die Stadt ritt mit einer Schaar von nur dreißig Reitern, von denen aber Alle Ritter und Herren des ersten Ranges waren. Aller Augen folgten diesem gefürchteten Grafen, wie man den Flug des Adlers durch die Wolken verfolgt, unfähig, den Lauf von Jupiters königlichem Vogel zu erkennen, aber schweigend, aufmerksam und so ernst in der Betrachtung, als könnte man den Grund errathen, warum er am Firmamente dahin eilt. Er ritt langsam durch die Stadt und zog durch das nördliche Thor hinaus. Am Dominikanerkloster stieg er ab und verlangte den Herzog von Albany zu sehen. Der Graf wurde sogleich eingeführt und vom Herzog auf eine Weise empfangen, die einnehmend und gefällig sein sollte, aber beim ersten Anblick Verstellung und Unruhe verrieth. Nachdem die ersten Begrüßungen vorüber, sagte der Graf mit großem Ernst: »Ich bringe Euch traurige Nachrichten. Euer königlicher Neffe, der Herzog von Rothsay, ist nicht mehr, und ich fürchte, er ist durch schändliche Anschläge zu Grunde gegangen.« »Anschläge!« sagte der Herzog verwirrt, »was für Anschläge? – Wer wagt Anschläge gegen den Erben des schottischen Thrones?« »Es ist nicht meine Sache, diese Zweifel zu erklären,« sagte Douglas – aber die Leute sagen, der Adler ward mit einem Pfeil getödtet, der mit seiner eigenen Schwinge befiedert war, und der Eichstamm ward durch einen Keil des nämlichen Holzes gespalten.« »Graf von Douglas,« sagte der Herzog von Albany, »ich verstehe keine Räthsel.« »Und ich gebe keine aus,« sagte Douglas hochfahrend. »Eure Hoheit wird Umstände in diesen Papieren finden, die des Durchlesens werth sind. Ich will eine halbe Stunde nach dem Klostergarten gehen und dann wieder zu Euch kommen.« »Ihr geht nicht zum König, Mylord?« fragte Albany. »Nein,« antwortete Douglas; »ich hoffe, Eure Hoheit wird mir beistimmen, daß wir dies große Familienunglück unserem Monarchen verbergen, bis die Sache des morgenden Tages entschieden ist.« »Gern stimm' ich bei,« sagte Albany. »Wenn der König von diesem Verluste hörte, könnte er nicht Zeuge des Kampfes sein; und wenn er nicht in Person erscheint, werden die Leute sich wahrscheinlich weigern zu fechten, und die ganze Sache ist aufgelöst. Ich bitte, setzt Euch, Mylord, während ich diese traurigen Papiere in Betreff des armen Rothsay lese.« Er ging die Papiere in seinen Händen durch, einige flüchtig überlaufend und auf andern weilend, wie wenn ihr Inhalt von größter Wichtigkeit wäre. Als er fast eine Viertelstunde auf diese Weise zugebracht hatte, erhob er die Augen und sagte sehr ernst: »In diesen höchst traurigen Dokumenten ist wenigstens der Trost, daß ich nichts darin sehen kann, was die Spaltungen im Staatsrath erneuern dürfte, die durch den letzten feierlichen Vertrag zwischen Eurer Herrlichkeit und mir beigelegt wurden. Mein Unglücklicher Neffe sollte demzufolge bei Seite gebracht werden, bis die Zeit ihm mehr Ernst und Urtheilskraft gäbe. Er ist jetzt durch das Schicksal entfernt, das unserer Absicht hierbei zuvorkam und unser Handeln unnöthig machte.« »Wenn Eure Hoheit,« erwiderte der Graf, »nichts sieht, was das gute Einverständniß zwischen uns stört, auf dem die Ruhe und Sicherheit Schottlands beruht, so bin ich kein so schlechter Freund meines Vaterlandes, um dergleichen zu suchen.« »Ich versteh' Euch nicht, Mylord von Douglas,« sagte Albany schnell. »Ihr urtheilt zu rasch, wenn Ihr meint, ich würde mich von Eurer Herrlichkeit beleidigt fühlen, weil Ihr Eure Macht als Statthalter gebrauchtet, und die elenden Mörder auf meinem Gebiete zu Falkland straftet. Glaubt, ich bin vielmehr Eurer Herrlichkeit Dank schuldig, daß Ihr mir die Bestrafung der Elenden abnahmt, da es mir das Herz gebrochen hätte, sie nur zu sehen. Das schottische Parlament wird ohne Zweifel ihre ruchlose That untersuchen, und glücklich schätz' ich mich, daß das Racheschwert in der Hand eines so gewichtigen Mannes, wie Eure Herrlichkeit, war. Unser Beschluß ging, wie Ihr Euch erinnern werdet, nur bis zum Vorschlag der Haft unseres unglücklichen Neffen, bis einige Jahre ihn Klugheit gelehrt hätten.« »Dies war allerdings Eurer Hoheit Vorschlag, wie er mir ausgedrückt wurde,« sagte der Graf; »das kann ich bezeugen.« »Nun, edler Graf, dann kann uns kein Tadel treffen, weil Schurken zu ihrem eigenen rachsüchtigen Zwecke unserer guten Absicht ein Ziel gesetzt haben.« »Das Parlament wird nach seiner Weisheit entscheiden,« sagte Douglas. »Was mich anlangt, mein Gewissen spricht mich frei.« »Und meines beruhigt mich,« sagte der Herzog feierlich. »Nun, Mylord, was die Vormundschaft des Knaben Jakob anlangt, der seines Vaters Erbe sein soll, wie steht es damit?« »Der König muß das entscheiden,« sagte Douglas, den das Gespräch ungeduldig machte. »Meinetwegen wohne er, wo es sei, nur nicht zu Stirling, Doune oder Falkland.« Damit verließ er das Gemach sofort. »Er ist fort,« murmelte der schlaue Albany, »und er muß mein Verbündeter sein – doch er fühlt sich geneigt, mein Todfeind zu werden. Gleichviel – Rothsay schläft bei seinen Vätern – Jakob kann bald folgen, und dann – vergütet eine Krone meine Verlegenheiten.« \</p\> \<p\>\&nbsp;\</p\> \<p\> Vierunddreißigstes Kapitel.\</f\> – Dreißig gegen Dreißig fochten in Schranken Zu Perth eines Tags unweit der Dominikaner. Wyntoun. Palmsonntag dämmerte nun. In einer früheren Periode der christlichen Kirche würde es für eine des Bannes würdige Entweihung gegolten haben, wenn man einen Tag der Passionswoche zu einem Kampfe benutzt hätte. Die römische Kirche hatte, zu ihrer unendlichen Ehre, entschieden, daß während der heiligen Osterzeit, wo der Mensch aus seinem gefallenen Zustande erlöst worden, das Kriegsschwert in der Scheide ruhen und zornige Fürsten die Zeit achten sollten, welche Gottesfriede hieß. Die wilde Heftigkeit der letzten Kriege zwischen Schottland und England hatte alle Rücksicht auf diese sittliche und religiöse Anordnung vernichtet. Sehr oft mißbrauchte eine Partei die feierlichsten Gelegenheiten zu einem Angriff, weil sie einander in frommer Andacht und unvorbereitet zur Vertheidigung zu finden hofften. So war der Gottesfriede, den man früher der Zeit, wo er galt, angemessen fand, unterbrochen, und es war selbst nicht ungebräuchlich, die heiligen Feste der Kirche zur Entscheidung der Kampfprobe zu wählen, mit welcher der bevorstehende Streit eine bedeutende Aehnlichkeit hatte. In gegenwärtigem Falle wurden indeß die Pflichten des Tages mit üblicher Feierlichkeit beobachtet, und die Kämpfer selbst nahmen daran Theil. Eibenzweige in den Händen tragend, als die passendsten Stellvertreter der Palmenzweige, zogen sie ehrfurchtsvoll nach dem Dominikaner- und Karthäuserkloster, um das Hochamt zu hören und sich wenigstens durch einen Anschein von Frömmigkeit auf den blutigen Streit des Tages vorzubereiten. Daher war wohl dafür gesorgt, daß sie während dieses Zuges einander selbst nicht so nahe kamen, daß eine Partei die Sackpfeifen der andern hören konnte; denn es war gewiß, daß sie gleich Streithähnen, die auffordernd einander ankrähen, sich gesucht und angegriffen hätten, ehe man auf dem Kampfplatz anlangte. Die Bürger von Perth drängten sich auf den Straßen, den ungewöhnlichen Aufzug zu sehen, und erfüllten die Kirche, worin die Clans ihre Andacht verrichteten, um ihr Benehmen zu beobachten und aus ihrem Äußern die Wahrscheinlichkeit des Sieges für die eine Partei zu erkennen. Ihr Benehmen in der Kirche war, so selten sie auch sonst ähnliche Orte besuchten, höchst würdig, und es waren, trotz ihrer wilden und ungebändigten Natur, doch wenige Hochländer, die Verwunderung oder Neugier blicken ließen. Sie schienen es unter ihrer Würde zu achten, Staunen oder Überraschung bei vielen Dingen zu äußern, die sie wahrscheinlich zum ersten Male erblickten. Hinsichtlich des Ausganges des Streites wagten selbst nur wenige der kompetentesten Richter eine Meinung auszusprechen; obwohl die große Gestalt Torquils und seiner acht gewaltigen Söhne Einge, die sich für Kenner menschlicher Kraft hielten, geneigt machte, dem Clan Quhele den Vortheil zuzusprechen. Die Meinung des weiblichen Geschlechts wurde hauptsächlich durch die schöne Gestalt, die edlen Züge und das ritterliche Benehmen Eachin Mac Jans bestimmt. Mehr als Eine glaubte sich seiner Züge zu erinnern, aber sein glänzender Kriegeranzug machte den niedrigen Lehrling des Handschuhmachers unkenntlich in dem jungen Hochländerhäuptling, außer für eine Person. Diese Person war, wie man vermuthen kann, der Schmied vom Wynd, der voran unter der Menge gewesen war, welche sich drängte, die tapferen Streiter des Clans Quhele zu sehen. Mit gemischten Gefühlen von Mißfallen, Eifersucht und einer Art Bewunderung betrachtete er den Lehrling des Handschuhmachers, der seine gemeine Kleidung abgelegt hatte und als ein Häuptling glänzte, der durch sein schnelles Auge und ritterliches Benehmen, die edle Stirn und den stolzen Nacken, die glänzende Rüstung und die wohlgebauten Glieder als ein Mann erschien, der wohl verdiente, den ersten Rang unter Männern einzunehmen, die erwählt waren, für die Ehre ihres Stammes zu leben oder zu sterben. Der Schmied konnte kaum glauben, daß er denselben leidenschaftlichen Knaben sah, den er von sich geschüttelt hatte, wie etwa eine Wespe, die ihn stach, und den er aus bloßem Mitleiden nicht zu Boden trat. »Er sieht stattlich aus mit meinem schönen Harnisch,« so murmelte Harry für sich, »den besten, den ich je machte. Ständ' ich aber mit ihm zusammen, wo keine Hand hälfe, kein Auge zusähe, bei Allem, was heilig ist in dieser Kirche, der gute Harnisch sollte dann zu seinem Eigner zurückkehren! Alles, was ich werth bin, wollte ich um drei oder vier schöne Hiebe auf seine Schulter geben, um mein bestes Werk zu verderben; aber solches Glück wird mir nimmer zu Theil. Entkommt er aus dem Kampfe, so ist der Ruhm seines Muthes so gegründet, daß er es wohl verachten kann, sein neues Glück durch Zweikampf mit einem armen Bürger, wie ich, in Gefahr zu setzen. Er wird mir einen Kämpfer stellen, und zwar meinen Zunftgenossen, den Hammerer, wobei mein ganzer Gewinn sein kann, einen Hochländer Ochsen vor den Kopf zu schlagen. Wenn ich nur Simon Glover sehen könnte! – Ich will nach der andern Kirche, um ihn zu suchen, denn sicherlich muß er aus dem Hochland herunter sein.« Die Gemeinde ging aus der Kirche der Dominikaner, als der Schmied seinen Entschluß faßte, den er eilig auszuführen trachtete, indem er sich so schnell durch die Menge drängte, als die Gelegenheit und die Würde des Ortes gestattete. Indem er sich Bahn durch's Gedränge machte, kam er auf einmal so nahe an Eachin, daß ihre Augen sich begegneten. Des Schmieds kühnes, braunes Gesicht färbte sich wie das glühende Eisen, das er bearbeitete, und behielt die dunkle Röthe mehrere Minuten. Eachin's Züge glühten von der helleren Glut des Zornes, und ein Blick voll feurigen Hasses schoß aus seinen Augen. Aber das schnelle Erröthen schwand in aschgraue Blässe und sein Auge mied sogleich den unwilligen, aber festen Blick, der ihm begegnete. Torquil, dessen Auge seinen Pflegesohn nie verließ, sah seine Aufregung und schaute ängstlich um sich, um den Grund zu entdecken. Aber Harry war bereits fern, und eilte weiter nach dem Karthäuserkloster. Auch hier war der heutige Gottesdienst geendet, und die, welche vor Kurzem zum Andenken der großen Begebenheit, welche Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen brachte, Palmen getragen hatten, strömten auf den Kampfplatz, theils in der Absicht, ihren Mitmenschen das Leben zu nehmen, oder es selbst zu verlieren, theils den tödtlichen Kampf mit dem rohen Vergnügen zu betrachten, das die Heiden an den Gefechten ihrer Gladiatoren fanden. Die Menge war so groß, daß jede andere Person gezweifelt haben würde, hindurchzukommen. Aber die allgemeine Ergebung, die man Harry vom Wynd schenkte, als dem Kämpfer von Perth, und das allgemeine Bewußtsein, er sei fähig, sich den Weg zu erzwingen, veranlaßte Alle, ihm Platz zu machen, so daß er sich ganz dicht bei den Streitern des Clans Chattans befand. Ihre Pfeifer zogen an der Spitze ihres Zuges. Hierauf folgte das wohlbekannte Banner, die springende Bergkatze darstellend, mit der geeigneten Warnung: »Rühre die Katze nicht ohne den Handschuh an.« Der Häuptling folgte mit erhobenem zweihändigen Schwerte, als wollte er das Sinnbild seines Stammes beschützen. Er war ein Mann von mittlerer Größe, mehr als fünfzig Jahre alt, der aber weder in Mienen noch Gestalt eine Abnahme oder ein Zeichen des Alters verrieth. Sein dunkelrothes krauses Haar war zum Theil mit grauen Locken gemischt, aber sein Schritt und seine Bewegung waren so leicht im Kampfe, auf der Jagd, oder im Tanze, als wär' er noch nicht über das dreißigste Jahr hinaus. Ans seinem grauen Auge glänzte ein wildes Feuer des Muthes mit Trotz verbunden, aber Weisheit und Erfahrung wohnte augenscheinlich auf seiner Stirn, seinen Brauen und Lippen. Die erwählten Streiter folgten ihm paarweise. Es war ein ängstlicher Zug auf den Gesichtern von Vielen bemerkbar, denn sie hatten diesen Morgen die Abwesenheit eines Mannes aus der bestimmten Zahl bemerkt, und in einem so verzweifelten Kampfe schien dieser Verlust Allen bedeutend, außer dem hochherzigen Häuptling Mac Gillie Chattanach. »Sagt den Sachsen nichts von seiner Abwesenheit,« sagte dieser kühne Führer, als man ihm die Verminderung seiner Schaar berichtete. »Die falschen niederländischen Zungen könnten sagen, daß Einer vom Clan Chattan ein Feiger war, und daß die Uebrigen vielleicht seine Flucht begünstigt haben, um einen Vorwand zur Vermeidung des Kampfes zu finden. Ich weiß, daß Ferquhard Day sich gewiß in den Reihen zeigen wird, ehe wir zum Kampfe bereit sind; oder wenn das nicht geschieht, bin ich nicht Mannes genug für Zwei vom Clan Quhele? oder würden wir nicht lieber Fünfzehn gegen Dreißig kämpfen, als den Ruhm verlieren, den dieser Tag uns bringt?« Der Stamm vernahm mit Beifall die muthige Rede seines Führers, doch blickten Manche besorgt umher, in der Hoffnung, den Flüchtigen zurückkehren zu sehen, und vielleicht war der Häuptling der Einzige in der muthigen Schaar, den der Umstand gar nicht kümmerte. Sie zogen vorwärts durch die Straßen, ohne Etwas von Ferquhard Day zu sehen, der viele Meilen jenseits der Berge beschäftigt war, eine solche Entschädigung für den Verlust der Ehre zu empfangen, als glückliche Liebe gewähren konnte. Mac Gillie Chattanach zog voran, ohne seine Abwesenheit zu bemerken, wie es schien; er betrat den nördlichen Anger, eine schöne Ebene dicht bei der Stadt, die zu den Waffenübungen der Bürger eingerichtet war. Diese Fläche war auf einer Seite von dem tiefen wogenden Tay bespült. Hier war ein starker Pallisadenzaun errichtet, der von drei Seiten einen Platz von hundertundfünfzig Yards Länge und vierundsiebzig Yards Breite umschloß. Die vierte Seite der Schranken hielt man durch den Fluß für hinreichend gedeckt. Ein Amphitheater für die Zuschauer lief rings um die Schranken, welches einen großen Raum für Bewaffnete zu Roß und Fuß und für die gemeinen Zuschauer frei ließ. Am Ende der Schranken war eine Reihe erhöhter Balkone für den König und den Hof, so sehr mit ländlichem Laubwerk und vergoldeten Zierrathen geschmückt, daß der Platz bis auf den heutigen Tag die goldene oder vergoldete Laube heißt. Die hochländischen Musiker, welche die geeigneten Pibrochs oder Schlachtweisen der jederseitigen Partei gespielt hatten, schwiegen, als sie den Anger betraten, denn so lautete der gegebene Befehl. Zwei stattliche aber bejahrte Krieger, jeder das Banner seines Stammes tragend, schritten an die entgegengesetzten Seiten der Schranken und steckten ihre Standarten in die Erde, bereit, die Zuschauer eines Gefechtes zu sein, woran sie nicht Theil nahmen. Die Pfeifer, die gleichfalls neutral im Kampfe sein sollten, nahmen ihre Plätze bei ihren Brattachs ein. Die Menge empfing beide Schaaren mit dem allgemeinen Geschrei, womit sie bei ähnlichen Gelegenheiten diejenigen begrüßt, von deren Bemühungen sie Unterhaltung, oder, wie sie sich ausdrückt, Spaß erwartet. Die erwählten Kämpfer erwiderten diesen Gruß nicht, sondern jede Schaar begab sich nach entgegengesetzten Seiten der Schranken, wo sich Eingänge befanden, durch die sie in's Innere gelassen werden sollten. Eine starke Abtheilung Bewaffneter bewachte jeden Eingang; und der Graf Marschall auf der einen, der Lord Großconnetable auf der andern Seite untersuchten sorgfältig jeden Einzelnen, ob er die gehörigen Waffen, nämlich Helm, Panzer, zweihändiges Schwert und Dolch führe. Auch zählten sie beide Schaaren, und groß war der Schrecken des Volkes, als der Graf von Errol die Hand emporhielt und rief: – »Ho! – der Kampf kann nicht beginnen, denn dem Clan Chattan fehlt ein Mann.« »Was thut das?« sagte der junge Graf von Crawford; »sie hätten besser zählen sollen, ehe sie von Hause gingen.« Der Graf Marschall stimmte indeß dem Connetable bei, daß das Gefecht nicht vor sich gehen könne, bis die Ungleichheit beseitigt sei, und allgemein regte sich die Besorgniß unter der versammelten Menge, daß nach all' den Zurüstungen kein Kampf stattfinden werde. Von allen Anwesenden waren vielleicht nur Zwei, die sich bei der Aussicht, daß der Kampf vertagt werden solle, freuten; und diese waren der Häuptling des Clans Quhele und der weichherzige König Robert. Inzwischen begegneten sich die beiden Häuptlinge, jeder von einem besondern Freund und Rathgeber begleitet, in der Mitte des Platzes, während ihnen in der Berathung, was zu thun sei, der Graf Marschall, der Lord Großconnetable, der Graf Crawford und Sir Patrick Charteris beistanden. Der Häuptling des Clans Chattan erklärte, daß er gern und willig auf der Stelle kämpfen wolle, ohne Rücksicht auf die ungleiche Zahl. »Das,« sagte Torquil von der Eiche, »wird der Clan Quhele nimmer zugeben. Ihr könnt nimmer bei uns Ehre gewinnen mit dem Schwerte, und sucht nur eine Ausflucht, um, wenn ihr geschlagen seid (was geschehen wird, wie ihr wißt), sagen zu können, dies sei wegen der kleinen Zahl geschehen. Aber ich thue einen Vorschlag – Ferquhard Day war der Jüngste eurer Schaar, Eachin Mac Jan ist der Jüngste der Unsern – wir wollen ihn für den Mann weglassen, der dem Kampfe entflohen ist.« »Ein höchst unbilliger und ungerechter Vorschlag,« rief Toshach Beg, der Secundant, wie man ihn nennen konnte, Mac Gillie Chattanachs. »Das Leben des Häuptlings ist für den Clan der Lebensodem, und nimmer dulden wir, daß unser Häuptling den Gefahren ausgesetzt werde, welche der Häuptling des Claus Quhele nicht theilt.« Torquil sah mit großer Besorgniß, daß sein Plan scheitern wollte, als man diesen Einwand gegen Hektors Wegbleiben aus dem Kampfe machte; und er sann nach, wie sich sein Vorschlag unterstützen ließe, als sich Eachin selbst einmischte. Seine Furchtsamkeit war, wie man bemerken muß, nicht von der schmutzigen und selbstsüchtigen Art, die diejenigen, welche von ihr angesteckt sind, ruhig der Schande sich unterziehen läßt, ehe sie sich in Gefahr wagen. Er war im Gegentheil von moralischem Muthe beseelt, aber durch körperliche Anlage feig, und die Scham, den Kampf zu meiden, war in dem Augenblicke mächtiger, als die Furcht vor demselben. »Ich will,« sagte er, »nichts von einem Plane hören, der während des glorreichen Kampfes dieses Tages mein Schwert ruhig in der Scheide läßt. Wenn ich jung in Waffen bin, so sind genug tapfere Männer um mich, denen ich nachahmen kann, wenn ich ihnen nicht gleichzukommen vermag.« Er sprach diese Worte mit einem Feuer, das auf Torquil und vielleicht auf den jungen Häuptling selbst Eindruck machte. »Nun, Gott segne dein edles Herz,« sagte der Pflegevater zu sich selbst. »Ich wußte gewiß, daß der schnöde Zauber gebrochen werden würde, und daß der träge Geist, der ihn gefangen hielt, beim Klange der Pfeife und beim ersten Wehen des Brattach weichen müßte!« »Hört mich, Lord Marschall,« sagte der Connetable. »Die Stunde des Kampfes kann nicht länger verschoben werden, denn es ist hoch am Mittag. Laßt den Häuptling des Clan Chattan die übrige halbe Stunde nützen, um einen Vertreter für seinen Flüchtling zu finden; kann er's nicht, so mögen sie fechten, wie sie dasteh'n.« »Ich bin's zufrieden,« sagte der Marschall, »wiewohl, da Keiner von seinem eigenen Clan näher als fünfzig Meilen ist, ich nicht einsehe, wie Mac Gillie Chattanach einen Helfer finden soll.« »Das ist seine Sache,« sagte der Großconnetable; »aber wenn er einen hohen Lohn bietet, so gibt's genug rüstige Yeomen um die Schranken, die froh sein werden, ihre Glieder in einem solchen Kampfspiel zu regen. Ich selber, wenn Stand und Amt es erlaubten, würde gern unter diesen wilden Burschen fechten, und es mir zur Ehre anrechnen.« Sie theilten ihre Entscheidung den Hochländern mit, und der Häuptling des Clans Chattan erwiderte: »Ihr habt unparteiisch und edel geurtheilt, Mylord, und ich halte mich für verpflichtet, Eurer Weisung zu folgen. – So macht bekannt, Herolde, daß wenn Einer an den Ehren und Schicksalen des Clans Chattan heute Theil nehmen will, er sofort eine Goldkrone erhalten und die Freiheit haben soll, bis auf den Tod in meinen Reihen zu fechten.« »Ihr seid etwas karg mit Eurem Schatze, Häuptling,« sagte der Graf Marschall; »eine Goldkrone ist ein geringer Lohn für einen solchen Kampf.« »Wenn Jemand da ist, der um Ehre fechten will,« erwiderte Mac Gillie Chattanach, »so ist der Preis hoch genug; und ich kann den Dienst eines Kerls nicht brauchen, der sein Schwert allein für Gold zieht.« Die Herolde schritten vor, gingen halb um die Schranken herum und hielten von Zeit zu Zeit still, um nach dem erhaltenen Befehl den Aufruf hören zu lassen, ohne daß sich bei irgend Jemand die mindeste Neigung zu zeigen schien, der Werbung folgen zu wollen. Einige spotteten über die Armseligkeit der Hochländer, die einen so niedrigen Preis für einen so verzweifelten Dienst boten. Andere waren unwillig, daß sie das Blut der Bürger so niedrig anschlugen. Keiner zeigte die mindeste Neigung, das Anerbieten anzunehmen, bis der Lärm des Ausrufers Harry vom Wynd erreichte, der, von Zeit zu Zeit mit dem Bailie Craigdallie sprechend, oder vielmehr zerstreut anhörend, was ihm diese Magistratsperson erzählte, an den Schranken stand. »Ha! was rufen sie aus?« rief er. »Ein freigebiges Anerbieten von Seiten Mac Gillie Chattanachs,« sagte der Wirth aus dem Greif; »derselbe bietet eine Goldkrone Jedem, der es heute mit der wilden Katze halten und sich in ihrem Dienst ein Bißchen todtschlagen lassen will! Das ist Alles.« »Wie!« rief der Schmied eifrig, »fordern sie einen Mann, um gegen den Clan Quhele zu fechten?« »Ja, das thun sie wahrhaftig,« sagte Greif; »aber ich denke, solche Narren werden sie in Perth nicht finden.« Er hatte das Wort bereits gesagt, als er sah, wie der Schmied mit einem Sprunge in den Schranken stand und sagte: »Hier bin ich, Sir Herold, Harry vom Wynd, bereit zum Kampfe auf Seiten des Clans Chattan.« Ein Schrei der Verwunderung lief durch die Menge, während die ersten Bürger nicht den geringsten Grund finden konnten für Harry's Benehmen, und daher schlossen, sein Kopf müsse ganz verdreht vor Kampflust sein. Der Oberrichter war besonders betroffen. »Du bist toll!« sagte er, »Harry! Du hast weder ein zweihändiges Schwert, noch Panzer.« »Freilich nicht,« sagte Harry, »denn ich trennte mich von einem Panzer, den ich für mich gemacht, und ließ ihn jenem hübschen Häuptling des Clans Quhele, der bald auf seinen Schultern fühlen soll, mit was für Hieben ich an meinen Ringen rassele! Was das zweihändige Schwert anlangt, so wird mir dieser Kindersäbel genügen, bis ich mir eine schwerere Waffe erbeute.« »Das darf nicht geschehen,« sagte Errol. »Hör', Waffenschmied, bei St. Maria, du sollst meinen Mailänder Harnisch und mein gutes spanisches Schwert haben.« »Ich danke Eurer Herrlichkeit, Sir Gilbert Ray; aber die Wehr, womit Euer tapferer Ahn die Schlacht von Loncarty gewann, würde mir wohl auch genügen. Ich bin wenig gewöhnt an Schwert oder Harnisch, die ich nicht selber gemacht habe, weil ich nicht genau weiß, welche Hiebe der Eine aushält, ohne zu brechen, oder der Andere austheilt, ohne zu springen.« Der Lärm hatte sich unterdessen unter der Menge verbreitet und war in die Stadt gedrungen, daß der tapfere Schmied im Begriff sei, ohne Rüstung zu fechten, als, just wie sich die verhängnißvolle Stunde näherte, der gellende Schrei eines Weibes gehört ward, welches sich schreiend durch die Menge drängte. Das Volk gab ihrer Zudringlichkeit Raum und sie trat, athemlos vor Eile, unter der Last eines Harnisches und großen zweihändigen Schwertes heran. Man erkannte bald Oliver Proudfute's Wittwe, und die Rüstung, die sie trug, war Harry Schmieds eigene, die ihr Gatte an dem armseligen Abend seiner Ermordung getragen, die natürlich mit dem Leichnam nach Hause gebracht worden war, und die nun durch die Anstrengungen der dankbaren Wittwe in dem Augenblick in die Schranken gebracht wurde, da so erprobte Waffen sehr wichtig für ihren Besitzer waren. Harry empfing mit Vergnügen die wohlbekannte Rüstung, und die Wittwe nahm, nachdem sie zitternd vor Hast sie ihm anlegen geholfen, mit den Worten Abschied: »Gott mit dem Kämpfer für Wittwen und Waisen, und Unglück Allen, die ihm entgegenstehen!« Sich vertrauensvoll in seiner wohlerprobten Rüstung fühlend, schüttelte sich Harry, als wollte er das Stahlkleid am Körper anschmiegen lassen, und das große zweihändige Schwert entblößend, schwang er es über seinem Kopfe, die Luft, welche dabei pfiff, in Form einer Achte durchschneidend, und zwar mit so leichter und gewandter Hand, daß man sah, wie kräftig und geschickt er die gewichtige Waffe zu führen verstand. Die Kämpfer erhielten nun Befehl, in Ordnung um die Schranken zu ziehen, so jedoch, daß sie einander nicht begegneten, während sie, bei der goldenen Laube, wo der König saß, vorübergehend, sich verbeugten. Während dieser Zug Statt fand, verglichen die meisten Zuschauer wieder neugierig die Gestalt, Glieder und Sehnen der beiden Parteien und bemühten sich, den wahrscheinlichen Ausgang des Streites vorauszusagen. Eine hundertjährige Fehde, mit all ihren Angriffen und Wiedervergeltungen, concentrirte sich im Busen eines jeden Streiters. Ihre Mienen schienen zum wildesten Ausdruck des Stolzes, Hasses und des verzweifelten Entschlusses, bis auf's Aeußerste zu kämpfen, gebracht zu sein. Die Zuschauer murmelten freudig Beifall, in hochgespannter Erwartung des blutigen Spieles. Wetten wurden geboten und angenommen über den Streit im Allgemeinen und die Thaten einzelner Kämpfer. Der helle, freie und stolze Blick Harry Schmieds machte ihn zum Liebling aller Anwesenden, und ungleiche Wetten wurden darauf eingegangen, daß er drei Gegner tödten würde, ehe er selbst fiele. Kaum war der Schmied zum Kampfe gerüstet, als der Befehl der Anführer die Kämpfer an ihre Plätze stellte, und in demselben Augenblick hörte er Simon Glovers Stimme aus dem Volke, das vor Erwartung schwieg, rufen : »Harry Schmied, Harry Schmied, welcher Wahnsinn hat dich befallen?« »Ja, er will seinen hoffnungsvollen Schwiegersohn retten, das heißt nämlich aus des Schmieds Händen,« war Harry's erster Gedanke – sein zweiter war, sich umzudrehen und ihn anzureden – und sein dritter, daß er unter keinem Vorwande die Schaar verlassen könnte, zu der er sich gesellt, ja, daß es auch nicht mit der Ehre verträglich sei, wenn er wünsche, das Gefecht zu verschieben. Er wendete sich daher dem Werke dieser Stunde zu. Beide Parteien waren von ihren Häuptlingen in drei Linien, jede zu zehn Mann, getheilt. Sie waren neben einander gestellt, daß zwischen den Einzelnen immer Raum genug blieb, um ein Schwert zu schwingen, dessen Klinge, ohne den Griff, fünf Fuß lang war. Die zweite und dritte Reihe diente als Rückhalt, wenn die erste unglücklich war. Rechts in der Schlachtordnung des Clans Quhele stand der Häuptling Eachin Mac Jan, in der zweiten Reihe zwischen zweien seiner Pflegebrüder. Vier von ihnen nahmen die rechte Seite der ersten Linie ein, indeß der Vater und zwei andere Brüder den Rücken des geliebten Häuptlings deckten. Torquil besonders hielt sich ganz nahe an Eachin, um ihn zu schirmen. So stand dieser mitten unter den neun stärksten Männern seiner Schaar, indem er vier treffliche Vertheidiger vor sich, einen auf jeder Seite und drei hinter sich hatte. Die Linien des Clans Chattan waren genau auf die nämliche Weise geordnet, nur daß der Häuptling das Centrum der mittelsten Reihe einnahm, statt zur äußersten Rechten zu stehen. Dies bewog Harry Schmied, der unter den beiden Schaaren nur einen Feind sah, und zwar den unglücklichen Eachin, vorzuschlagen, daß er in die erste Reihe des linken Flügels des Clan Chattan gestellt würde. Aber der Anführer mißbilligte dies, und nachdem er Harry erinnert hatte, daß er ihm Gehorsam schuldig sei, weil er Sold von ihm erhalte, befahl er ihm, den Platz in der dritten Linie gerade hinter ihm selbst einzunehmen, ein Ehrenplatz, den Harry nicht ablehnen konnte, obwohl er ihn mit Widerstreben einnahm. Als die Clans so einander gegenüber aufgestellt waren, zeigten sie ihre Fehdelust und ihre Begier zum Kampfe durch ein wildes Geschrei an, welches, vom Clan Quhele ausgestoßen, der Clan Chattan zur Antwort wiederhallen ließ, indem Alle zu gleicher Zeit ihre Schwerter schüttelten und einander drohten, als wenn sie die Einbildungskraft ihrer Gegner besiegen wollten, bevor sie den Streit wirklich begönnen. In diesem Augenblicke der Prüfung wurde Torquil, der nie für sich selbst gefürchtet hatte, von Unruhe ergriffen, hinsichtlich seines Pflegesohnes, tröstete sich jedoch, indem er bemerkte, daß er eine entschlossene Miene zeigte, und daß die wenigen Worte, die er zu seinem Clan sprach, kühn geäußert wurden und wohlberechnet waren, sie zum Kampfe zu ermuthigen, da sie seinen Entschluß ausdrückten, ihr Schicksal zu Tod oder Sieg zu theilen. Aber es war keine Zeit zu fernerer Beobachtung. Die Trompeten des Königs tönten zum Angriff, die Sackpfeifen ließen ihre schmetternden, betäubenden Töne hören, und die Streiter, in regelmäßiger Ordnung vorschreitend und ihren Schritt bis zum schnellen Laufe beschleunigend, trafen mitten im Kampfplatze zusammen, wie ein wüthender Landstrom der nahenden Meerfluth begegnet. Einige Augenblicke schienen die vordersten Reihen, mit ihren langen Schwertern gegen einander hauend, in einer Folge einzelner Kämpfe begriffen; aber die zweite und dritte Reihe kamen von beiden Seiten, angetrieben durch die Gier des Hasses und den Durst nach Ehre, drängten sich durch die Zwischenräume und machten die Scene zu einem lärmenden Chaos, über dem die gewaltigen Schwerter stiegen und sanken, einige immer blinkend, andere von Blut überströmt; sie schienen bei der seltsamen Schnelle, mit der sie geschwungen wurden, eher durch verwickelte Maschinen in Bewegung gesetzt, als durch Menschenhände geführt zu werden. Einige der Streiter, die sich zu sehr zusammengedrängt hatten, um diese großen Waffen zu gebrauchen, hatten bereits zu ihren Dolchen ihre Zuflucht genommen, und sich bemüht, ihren Gegnern auf den Leib zu kommen. Indessen floß eine Menge Blut, und das Stöhnen der Fallenden begann sich mit dem Geschrei der Fechtenden zu mischen, das nach der bei den Hochländern zu allen Zeiten waltenden Sitte kaum ein Geschrei, sondern mehr ein gellendes Gekreisch genannt werden konnte. Die von den Zuschauern, deren Augen an solche Blutscenen am besten gewöhnt waren, konnten jedoch keinen Vortheil aus irgend einer Seite entdecken. Der Kampf schwankte in der That in verschiedenen Zwischenräumen vorwärts und zurück; aber es war nur augenblicklicher Sieg, den die Partei, die ihn gewann, fast augenblicklich durch eine ähnliche Anstrengung der andern wieder verlor. Die wilden Töne der Pfeifen wurden noch immer unter dem Tumulte gehört und reizten die Wuth der Kämpfer. Auf einmal bliesen jedoch, wie auf gegenseitige Uebereinkunft, die Instrumente zum Rückzug; dieser ward durch klagende Töne ausgedrückt, welche eine Todtenweise für die Gefallenen zu sein schienen. Die Parteien trennten sich von einander, um einige Minuten Athem zu schöpfen. Die Augen der Zuschauer betrachteten mit Vergnügen die zerrissenen Rüstungen der Kämpfer, als sie sich aus dem Kampfe zurückzogen; aber es war ihnen immer noch unmöglich, zu entscheiden, wer den größten Verlust erlitten hatte. Es schien, als habe der Clan Chattan weniger Leute verloren, als sein Gegner; aber dagegen zeigten die blutigen Plaids und Waffenröcke seiner Schaar (denn von beiden Seiten hatten Mehrere die Mäntel weggeworfen) mehr Verwundete, als der Clan Quhele. Ungefähr zwanzig von beiden Seiten lagen todt oder sterbend auf dem Felde; abgehauene Arme und Beine, bis auf das Rückgrat gespaltene Köpfe, tiefe Hiebe durch die Schulter bis in die Brust zeigten auf einmal die Wuth des Kampfes, die Furchtbarkeit der gebrauchten Waffe, und die verhängnißvolle Stärke der Arme, die sie führten. Der Häuptling des Clans Chattan hatte den entschlossensten Muth gezeigt und war leicht verwundet. Auch Eachin hatte, von seiner Leibwache umringt, tapfer gefochten. Sein Schwert war blutig, sein Benehmen kühn und kriegerisch, und er lächelte, als der eine Torquil ihn in die Arme schloß, und mit Lob und Segnungen überhäufte. Die beiden Häuptlinge zogen, nachdem sie ihre Gefährten zehn Minuten lang hatten Athem schöpfen lassen, wieder in ihre Reihen auf, die fast um ein Drittel ihrer ursprünglichen Anzahl vermindert waren. Sie wählten nun ihre Stelle näher am Flusse, als wo sie zuvor einander begegnet waren, da der erste Kampfplatz mit Todten und Verwundeten bedeckt war. Einige der letzteren sah man von Zeit zu Zeit sich erheben, um dem Kampfe ein wenig zuzusehen, zurücksinken und meist an Blutverlust durch die fürchterlichen Wunden sterben, die ihnen der Claymore geschlagen hatte. Harry Schmied zeichnete sich leicht aus durch seine Niederlandskleidung, sowie durch sein Zurückbleiben auf der Stelle, wo man zuerst gefochten hatte, und wo er, auf seinem Schwert lehnend, neben einem Leichnam stand, dessen mit der Mütze bedeckter Kopf durch die Gewalt des Hiebes, der ihn abgehauen, zehn Yards weit vom Rumpfe geschleudert war, und der das Eichenlaub, die eigenthümliche Auszeichnung der Leibwache Eachins, trug. Seit er diesen Mann erschlug, hatte Harry keinen Hieb mehr gethan, sondern sich begnügt, viele abzuwehren, die auf ihn geführt wurden, und einige, die auf den Häuptling gezielt waren. Mac Gillte Chattanach ward unruhig, als, nachdem er seinen Leuten das Zeichen sich zu ordnen gegeben hatte, dieser gewaltige Streiter fern von den Reihen blieb und wenig Neigung zeigte, sich zu ihm zu gesellen. »Was hast du, Mann?« sagte der Häuptling. »Kann ein so starker Leib einen gemeinen und feigen Geist haben? Komm und nimm am Kampfe Theil.« »Ihr habt mich vorhin nur einen Miethling genannt,« erwiderte Harry – »bin ich ein solcher,« auf den kopflosen Leichnam deutend, »so hab' ich für meinen Tagelohn genug gethan.« »Wer mir dient, ohne die Stunden zu zählen,« erwiderte der Häuptling, »den belohn' ich, ohne die Arbeit nachzurechnen.« »Dann fecht' ich,« sagte der Schmied, »als ein Freiwilliger, und auf dem Posten, der mir am besten gefällt.« »Das kommt Alles auf Euch an,« sagte Mac Gillie Chattanach, der es für gut hielt, einen so vielversprechenden Bundesgenossen bei Laune zu erhalten. »Es ist genug,« sagte Harry, und seine schwere Waffe schulternd, gesellte er sich eilig zu den übrigen Streitern, und stellte sich dem Häuptling des Clans Quhele gegenüber. Da geschah es zum ersten Male, daß Eachin einige Unsicherheit zeigte. Er hatte Harry längst als den besten Streiter betrachtet, den Perth und die Umgegend in die Schranken bringen könnte. Sein Haß gegen ihn als Gegner mischte sich mit der Erinnerung, wie leicht derselbe unlängst, obwohl unbewaffnet, seinen plötzlichen, verzweifelten Angriff vereitelt hatte, und als er ihn die Augen auf sich heften und das blutige Schwert in der Hand, offenbar auf einen Zweikampf mit ihm sinnen sah, da sank sein Muth und er zeigte ein Beben, welches seinem Pflegevater nicht entging. Es war ein Glück für Eachin, daß Torquil in Folge seines eigenen Charakters und desjenigen der Personen, mit denen er gelebt hatte, nicht im Stande war, den Gedanken zu begreifen, daß Einer seines eigenen Stammes, und zumal sein Häuptling und Pflegesohn, Mangel an persönlichem Muthe haben könne. Hätte er dies gewußt, sein Schmerz und seine Wuth hätten ihn zum Aeußersten getrieben, Eachin das Leben zu nehmen, um ihn vor Befleckung seiner Ehre zu bewahren. Aber sein Geist verachtete den Gedanken, sein Pflegesohn könne ein Feigling sein, weil ihm dies unnatürlich und entsetzlich schien. Daß er unter dem Einfluß eines Zaubers stehe, war eine Lösung des Räthsels, die der Aberglaube eingab, und nun fragte er ängstlich und mit flüsternder Stimme Hektor: »Verdunkelt jetzt der Zauber deinen Geist, Eachin?« »Ja; o, ich Elender!« antwortete der unglückliche Jüngling; »und dort steht der schändliche Zauberer!« »Wie!« rief Torquil, »und du trägst einen von ihm gemachten Harnisch? – Norman, elender Bursche, warum brachtest du diesen verfluchten Panzer?« »Wenn mein Pfeil fehlgegangen ist, so kann ich nur mein Leben hinterdrein schießen,« antwortete Norman nan Ord. »Steht fest, Ihr sollt mich den Zauber brechen sehen.« »Ja, steh' fest,« sagte Torquil. »Er mag ein schnöder Zauberer sein; aber mein eigenes Ohr hörte und meine eigene Zunge hat es gesagt, daß Eachin die Schlacht gesund, frei und unverwundet verlassen solle – laßt uns den sächsischen Hexenmeister sehen, der das Lügen strafen kann. Er mag ein starker Mann sein, aber der schöne Stamm der Eiche soll fallen, Stock und Zweige, eh' er einen Finger an meinen Pflegesohn legt; umringt ihn, meine Söhne, – Bas air son Eachin! « Die Söhne Torquils riefen jauchzend die Worte nach, die bedeuten: »Tod für Hektor!« Ermuthigt durch ihre Ergebenheit, raffte sich Eachin wieder zusammen und rief kühn den Musikern seines Clans zu: »Seid suas!« d. h. spielt auf! Der wilde Pibroch tönte wieder zum Angriff, aber die beiden Parteien näherten sich einander langsamer, als das erste Mal, als Männer, die den gegenseitigen Muth kannten und achteten. Harry Wynd ging, in seiner Ungeduld, den Streit zu beginnen, vor den Clan Chattan voraus, und winkte Eachin, heranzukommen. Norman sprang aber vorwärts um seinen Pflegebruder zu bedecken, und es fand eine allgemeine, obwohl nur momentane Pause Statt, wie wenn beide Parteien den Ausgang dieses Zweikampfes als Vorbedeutung für das Schicksal des Tages erwarten wollten. Der Hochländer rückte vor, das Schwert hoch erhoben, als wolle er eben den Hieb führen; als er aber noch eine Schwertlänge von seinem Gegner entfernt war, warf er die lange schwere Waffe von sich, sprang leicht über des Waffenschmieds Schwert, als dieser nach ihm hieb, zog seinen Dolch und stieß, da er Harry so nahe kam, ihm diese Waffe (sein eigenes Geschenk) seitwärts nach dem Halse, indem er den Stoß abwärts nach der Brust lenkte und zu gleicher Zeit laut rief: »Ihr lehrtet mich den Stoß!« Aber Harry Wynd trug seinen eigenen guten Harnisch, doppelt geschützt durch eine Lage harten Stahls. Wäre er minder sicher gerüstet gewesen, so waren seine Kämpfe auf ewig aus. Jetzt aber war er nur leicht verwundet. »Narr!« erwiderte er, dem Norman mit dem Knopf seines langen Schwertes einen Hieb gebend, daß er zurücktaumelte, »ich lehrt' Euch den Stoß, aber nicht das Pariren;« und damit führte er einen Hieb auf den Gegner, der ihm durch den Helm den Schädel spaltete, und schritt über den Leichnam dem jungen Häuptling entgegen, der nun frei vor ihm stand. Aber die kräftige Stimme Torquils donnerte: »Far eil son Eachin!« (ein Anderer für Hektor!) und die beiden Brüder, die ihres Häuptlings Seiten deckten, stürzten gegen Harry vor und zwangen ihn, indem Beide zugleich eindrangen, sich zu vertheidigen. »Vorwärts, Stamm der Tigerkatze!« rief Mac Gillie Chattanach; »rettet den tapfern Sachsen; laßt diese Kerls eure Klauen fühlen!« Bereits sehr verwundet schleppte sich der Häuptling hin zu des Schmieds Beistand, und hieb einen der Leibwache nieder, von dem er angegriffen ward. Harry's eigenes Schwert befreite ihn von dem andern. »Reist air son Eachin!« (wieder für Hektor!) rief der treue Pflegevater. »Bas air son Hektor!« (Tod für Hektor!) antworteten noch zwei seiner ergebenen Söhne, und stellten sich der Wehr des Schmiedes und derjenigen entgegen, die ihm zu Hilfe gekommen waren; während Eachin, sich nach dem linken Flügel des Kampfes bewegend, minder furchtbare Gegner suchte, und indem er einige Tapferkeit zeigte, die sinkenden Hoffnungen seiner Gefährten wieder belebte. Die beiden Kinder der Eiche, die diese Bewegung deckten, theilten das Schicksal ihrer Brüder, denn das Geschrei des Häuptlings von Chattan hatte einige der Tapfersten auf diese Seite des Kampfes gezogen. Torquils Söhne fielen nicht ungerächt, sie hinterließen furchtbare Zeichen ihrer Schwerter an den Leibern der Lebenden und Todten. Aber die Nothwendigkeit, ihre ausgezeichnetsten Krieger um den Häuptling zu stellen, war dem allgemeinen Ausgange des Kampfes nachtheilig, und so klein war nun die Zahl, die noch focht, daß man leicht sah, der Clan Chattan habe noch fünfzehn Mann, obwohl meist verwundet, der Clan Quhele aber nur zehn, wovon vier, worunter auch Torquil, die Leibwache des Anführers bildeten. Sie fochten und kämpften trotzdem, und so wie ihre Kraft abnahm, schien ihre Wuth zu steigen. Harry Wynd, an mehreren Stellen verwundet, war noch immer bemüht, die Schaar kühner Herzen zu durchbrechen oder zu vernichten, die um den Gegenstand seines Zornes focht. Aber immer wurde des Vaters Ruf: »ein Anderer für Hektor!« mit der verhängnißvollen Antwort freudig erwidert: »Tod für Hektor!« und obwohl der Clan Quhele nun so klein an Zahl war, schien der Kampf doch noch zweifelhaft. Es war nur körperliche Erschlaffung, die zu einer neuen Pause nöthigte. Der Clan Chattan zählte nun noch zwölf Mann, aber zwei oder drei waren kaum fähig, zu stehen, ohne sich auf ihre Schwerter zu lehnen. Dem Clan Quhele waren fünf geblieben; Torquil und sein jüngster Sohn, Beide leicht verwundet, waren darunter. Eachin allein war bis jetzt, durch die Sorgfalt, womit alle gegen ihn gerichteten Hiebe aufgefangen wurden, noch unverletzt. Die Wuth beider Parteien war durch Erschöpfung in düstere Verzweiflung übergegangen. Sie wankten wie im Schlaf durch die Leichname der Erschlagenen, und starrten sie an, als wollten sie ihren Haß gegen die lebenden Feinde durch den Anblick der verlorenen Freunde beleben. Bald nachher sah die Menge die Ueberlebenden des verzweifelten Kampfes sich zusammenziehen, um den Vernichtungskampf am Ufer des Flusses zu erneuen, da der Ort weniger schlüpfrig von Blut war, und minder bedeckt mit Körpern der Erschlagenen. »Um Gottes willen – um der Gnade willen, die wir täglich erflehen,« sagte der sanftmüthige alte König zum Herzog von Albany, »laßt das enden! Warum soll man diese elenden Ueberreste der Menschheit ihre Schlächterei vollenden lassen? – Gewiß werden sie sich lenken lassen, und auf mäßige Bedingungen Frieden schließen.« »Beruhigt Euch, mein König,« sagte sein Bruder. »Diese Leute sind die Pest des Niederlandes. Beide Häuptlinge leben noch – wenn sie unverletzt davon kommen, ist das ganze Tagewerk weggeworfen. Denkt an Euer dem Rathe gegebenes Versprechen, daß Ihr nicht Halt rufen wolltet.« »Ihr zwingt mich zu einem großen Verbrechen, Albany, sowohl als König, der seine Unterthanen schützen sollte, wie als Christ, der seine Mitgläubigen achtet.« »Ihr urtheilt falsch, Mylord,« sagte der Herzog; »diese sind keine liebenden Unterthanen, sondern ungehorsame Rebellen, wie Mylord von Crawford bezeugen kann; und sie sind noch weniger Christen, denn der Prior der Dominikaner wird Euch für mich versichern, daß sie mehr als halbe Heiden sind.« Der König seufzte tief. »Ihr müßt Euren Willen haben, und seid zu weise für mich, um Euch zu bestreiten. Ich kann mich nur abwenden und meine Augen schließen vor dem Anblick und dem Getöse eines Blutbades, welches mich krank macht. Aber ich weiß wohl, daß Gott mich selbst dafür strafen wird, daß ich Zeuge dieser Verwüstung menschlichen Lebens bin.« »Tönt, Trompeten,« sagte Albany; »ihre Wunden erstarren, wenn sie länger zaudern.« Während dies geschah, umarmte und ermuthigte Torquil seinen jungen Häuptling. »Widersteh' der Hexerei nur noch einige Minuten! Sei guten Muthes – du wirst davonkommen ohne Wunde und Narbe, ohne Hieb oder Schaden. Sei guten Muthes!« »Wie kann ich guten Muthes sein,« sagte Eachin, »während meine tapfern Verwandten nach einander vor meinen Füßen starben? – Alle starben für mich, der ich nimmer ihre Liebe im Geringsten verdienen konnte!« »Und wozu sind sie geboren, außer für ihren Häuptling zu sterben?« sagte Torquil mit Fassung. »Warum klagen, daß der Pfeil nicht wieder in den Köcher zurückkehrt, wenn er nur das Ziel trifft? Sei fröhlich – hier ist Tormot und ich nur wenig verwundet, während die wilden Katzen sich durch die Ebene schleppen, als wären sie halb erwürgt von den Dachshunden – nur Einer steht noch muthig, und der Tag soll Euer sein, obwohl es sein kann, daß Ihr allein am Leben bleibt. – Spielleute, blas't zum Angriff!« Die Pfeifer beider Parteien bliesen zum Angriff, und die Streiter mischten sich im Kampfe, zwar nicht mit derselben Kraft, aber mit ungeschwächter Hartnäckigkeit. Es gesellten sich auch die zu ihnen, deren Pflicht es war, neutral zu bleiben, die sich dazu aber nun unfähig fanden. Die beiden alten Kämpfer, welche die Fahnen trugen, waren allmälig von den äußersten Enden der Schranken vorgerückt und näherten sich jetzt dem Boden des Kampfes. Als sie das Blutbad näher sahen, wurden sie beiderseits von dem Wunsche angetrieben, ihre Brüder zu rächen oder sie nicht zu überleben. Wüthend griffen sie einander mit den Lanzen an, woran die Fahnen befestigt waren, kamen einander nach einigen tödtlichen Stößen auf den Leib, und wurden handgemein, immer ihre Fahnen tragend, bis sie in der Hitze des Streites endlich zusammen in den Tay stürzten, wo sie nach dem Gefecht, Jeder den Andern fest in die Arme drückend, gefunden wurden. Die Wuth des Kampfes, der Wahnsinn rasender Verzweiflung ergriff sofort die Spielleute. Die beiden Pfeifer, die während des Kampfes ihr Aeußerstes gethan hatten, den Muth ihrer Brüder aufrecht zu erhalten, sahen jetzt den Kampf wegen Mangels an Menschen fast geendigt. Sie warfen ihre Instrumente von sich, stürzten mit ihren Dolchen verzweifelt auf einander los, und da sich Jeder mehr bemühte, seinen Gegner niederzustoßen, als sich selber zu schützen, so wurde der Pfeifer des Clans Quhele sogleich getödtet und der des Clans Chattan tödtlich verwundet. Der Letztere ergriff trotzdem seine Pfeife, und die Weise des Clans ließ ihre schwindenden Töne über den Clan Chattan vernehmen, so lange der sterbende Pfeifer noch Athem hatte. Das Instrument, welches er gebrauchte, oder wenigstens den Theil desselben, den man den Sänger nannte, wird in der Familie eines hochländischen Häuptlings noch bis auf den heutigen Tag aufbewahrt, und wird sehr in Ehren gehalten unter dem Namen Federan Dhu oder der schwarze Sänger . Unterdessen war im letzten Angriff der junge Tormot, geweiht, gleich seinen Brüdern, von seinem Vater Torquil dem Schutze des Häuptlings, durch das schonungslose Schwert des Schmieds tödtlich verwundet worden. Die zwei Andern, die vom Clan Quhele noch übrig, waren gleichfalls gefallen, und Torquil erzwang sich mit seinem Pflegesohn und dem verwundeten Tormot den Rückzug vor acht bis zehn vom Clan Chattan, machte am Ufer des Flusses Halt, während die Feinde sich anstrengten, sie zu überwältigen, soweit es ihre Wunden erlaubten. Torquil hatte eben die Stelle erreicht, wo er stehen wollte, als der Jüngling Tormot niederfiel und starb. Sein Tod entlockte dem Vater den ersten und einzigen Seufzer, den er an dem ganzen ereignißreichen Tage ausgestoßen hatte. »Mein Sohn Tormot!« sagte er, »mein jüngster und liebster! Aber wenn ich Hektor rette, so rett' ich Alle. – Jetzt, mein theurer Pflegesohn, hab' ich für dich Alles gethan, was ein Mensch thun kann, außer das Letzte. Laß mich dir diese unheilvolle Rüstung abthun, und lege du die des Tormot an; sie ist leicht und wird dir wohl passen. Während du dies thust, will ich auf diese verstümmelten Menschen stürzen, und ihnen so viel als möglich zu schaffen machen. Ich glaube, ich werde nur wenig zu thun haben, denn sie folgen einander wie lahme Stiere. Wenigstens, Liebling meiner Seele, wenn ich dich nicht retten kann, zeig' ich dir doch, wie ein Mann sterben soll.« Wahrend Torquil so sprach, löste er die Schnallen von des jungen Häuptlings Rüstung, in dem einfältigen Glauben, daß er so die Schlingen zerreißen könnte, womit Furcht und Zauberei sein Herz umfangen hatten. »Mein Vater, mein Vater, o, mehr als mein Vater!« sagte der unglückliche Eachin. – »Bleib' bei mir! – Mit dir an meiner Seite kann ich bis auf's Aeußerste fechten.« »Es ist unmöglich,« sagte Torquil. »Ich will die Herankommenden aufhalten, während du den Harnisch anlegst. Gott segne dich ewig, Geliebter meiner Seele!« Darauf stürzte, sein Schwert schwingend, Torquil von der Eiche vorwärts mit demselben furchtbaren Kriegsruf, der so oft über das blutige Feld getönt hatte: » Bas air son Eachin! « – Die Worte erschallten drei Mal mit Donnerstimme, und jedesmal, wenn er seinen Kriegsruf schrie, schlug er einen vom Clan Chattan nieder, so wie er sie nach einander auf ihn zuwankend traf. – »Wackrer Kampf, Habicht! – gut geflogen, Falke!« rief die Menge, als sie die Anstrengungen sah, die noch in der letzten Stunde das Schicksal des Tages zu verändern drohten. Plötzlich schwieg das Geschrei, und es folgte darauf ein so furchtbares Schwerterklirren, als hätte der ganze Kampf sich in der Person Harry Wynds und Torquils von der Eiche erneuert. Sie hieben und stießen, als hätten sie heut' zum ersten Mal ihre Klingen gezogen, und ihre Hartnäckigkeit war gegenseitig, denn Torquil erkannte den bösen Zauberer, der seinen lieben Sohn behext hatte, und Harry sah den Riesen vor sich, der während des ganzen Kampfes die Absicht vereitelt hatte, um deren willen allein er bei der Schaar der Streitenden stand. Sie fochten mit einer Gleichheit, die vielleicht nicht stattgefunden hätte, wäre nicht Harry, etwas stärker verwundet, als sein Gegner, seiner gewohnten Behendigkeit einigermaßen beraubt gewesen. Inzwischen ward Eachin, als er sich allein fand, und einen unordentlichen und Vergeblichen Versuch machte, seines Pflegebruders Rüstung anzulegen, durch eine Regung von Schaam und Verzweiflung ermuthigt, und eilte vorwärts, um seinem Pflegevater in dem schrecklichen Kampfe beizustehen, bevor ein Anderer vom Clan Chattan herankommen konnte. Als er noch fünf Yards entfernt und fest entschlossen war, an dem tödtlichen Gefechte Theil zu nehmen, fiel sein Pflegevater, vom Halsbein bis fast in die Brust gespalten, und murmelte mit dem letzten Athemzug: Bas airson Eachin! – Der unglückliche Jüngling sah den Fall seines letzten Freundes, und in demselben Augenblicke den Todfeind, der ihn durch den ganzen Kampf gejagt hatte, eine Schwertlänge von sich, die ungeheure Waffe schwingend, mit welcher er sich durch so viele Hindernisse den Weg zu seinem Leben gehauen hatte. Vielleicht war dies genug, um seine körperliche Sicherheit auf den höchsten Grad zu steigern, oder vielleicht erinnerte er sich in demselben Augenblicke, daß er ohne Schutzwaffen war, und daß eine feindliche Linie, zwar verwundet und langsam, aber rache- und blutgierig, heranrückte. Es genügt zu sagen, daß sein Herz ermattete, seine Augen dunkelten, seine Ohren klangen, sein Hirn schwindelte – alle anderen Gedanken gingen unter in der Furcht vor augenblicklichem Tode; und einen unwirksamen Hieb gegen den Schmied führend, vermied er den, welcher auf ihn gerichtet war, indem er rückwärts sprang, und ehe Jener seine Waffe wieder erheben konnte, hatte sich Eachin in den Taystrom gestürzt. Ein schmähendes Geschrei folgte ihm, als er über den Fluß schwamm, obwohl vielleicht nicht ein Dutzend von denen, die darein stimmten, in gleichen Umständen sich anders benommen hätten. Harry sah dem Flüchtling schweigend und staunend nach, konnte aber die Folgen seiner Flucht nicht sehen, wegen der Ohnmacht, die ihn zu überwältigen schien, sobald die Aufregung des Streites vorüber war. Er setzte sich auf das Rasenufer und bemühte sich, diejenigen seiner Wunden zu stillen, die am stärksten bluteten. Die Sieger wurden allgemein beglückwünscht. Der Herzog von Albany und Andere gingen hinab, den Kampfplatz zu besehen, und Harry Wynd wurde mit besonderer Achtung geehrt. »Wenn du mir folgen willst, guter Bursch',« sagte der schwarze Douglas, »so will ich deinen Ledergurt mit einem Rittergürtel vertauschen, und dein bürgerliches Besitzthum mit einem Land von hundert Pfund, um deinen Rang zu behaupten.« »Ich danke Euch bescheidentlich, Mylord,« sagte der Schmied abweisend; »aber ich habe schon Blut genug vergossen, und der Himmel hat mich gestraft, indem ich den einzigen Zweck verfehlte, um deßwillen ich an dem Kampfe Theil nahm.« »Wie, Freund?« sagte Douglas. »Fochtest du nicht für den Clan Chattan, und hat dieser nicht einen ruhmvollen Sieg errungen?« » Ich focht auf meine eigene Hand ,« sagte der Schmied gleichgiltig; und die Redensart ist noch sprichwörtlich in Schottland. Der gute König Robert kam nun auf einem ruhigen Zelter heran, denn er hatte die Schranken in der Absicht betreten, um nach den Verwundeten sehen zu lassen. »Mylord von Douglas,« sagte er, »Ihr plagt den armen Mann mit zeitlichen Dingen, da er doch nur kurze Zeit zu haben scheint, um sich mit geistlichen zu beschäftigen. Hat er keine Freunde hier, die ihn hinbringen können, wo für seine körperlichen Wunden, so wie für das Heil seiner Seele gesorgt werden kann?« »Er hat so viel gute Freunde, als gute Menschen in Perth sind,« sagte Sir Patrick Charteris; »und ich halte mich selbst für einen seiner genauesten Freunde.« »Ein Bauer wittert immer den Bauer heraus,« sagte der stolze Douglas, sein Pferd seitwärts lenkend; »das Anerbieten des Ritterschlags vom Schwert des Douglas hätte ihn von den Pforten des Todes zurückgerufen, wenn ein Tropfen edlen Bluts in seinem Leibe flöße.« Ohne den Spott des mächtigen Grafen zu beachten, stieg der Ritter von Kinfauns ab, um Harry in seine Arme zu nehmen, da er nun in wirklicher Ohnmacht zurücksank. Aber daran hinderte ihn Simon Glover, der mit andern angesehenen Bürgern jetzt in die Schranken trat. »Harry, mein geliebter Sohn Harry!« sagte der alte Mann, »o, was verführte dein Herz zu diesem unseligen Streite! – Sterbend – sprachlos?« »Nein – nicht sprachlos,« antwortete Harry. – »Katharina –«. Er konnte nichts weiter hervorbringen. »Katharina ist wohl, hoff' ich, und sie wird die Deinige – das heißt, wenn –« »Wenn sie am Leben ist, willst du sagen, alter Mann,« sagte Douglas, der, obwohl etwas beleidigt durch Harry's Abweisen seines Anerbietens, doch zu großmüthig war, um nicht an dem Vorgehenden Antheil zu nehmen. – »Sie ist wohl, wenn Douglas' Banner sie schützen kann – wohl, und soll reich werden. Douglas kann denen Reichthum geben, die ihn mehr schätzen als Ehre.« »Für ihre Sicherheit, Mylord, laßt den herzlichen Dank und die Segnungen eines Vaters den edlen Douglas begleiten; was Reichthum betrifft, so sind wir reich genug – Gold kann meinen geliebten Sohn nicht ersetzen.« – »Wunderlich!« sagte der Graf – »ein gemeiner Bursch' weist den Adel von sich – ein Bürger verachtet Gold!« »Mit Eurer Herrlichkeit Gunst,« sagte Sir Patrick, »ich, der ich Ritter und Edelmann bin, erlaube mir zu sagen, daß ein so wackerer Mann, wie Harry Wynd, Ehrentitel verachten kann – und ein so ehrenwerther Mann, wie dieser würdige Bürger, kann das Gold missen.« »Ihr thut wohl, Sir Patrick, für Eure eigne Stadt zu sprechen, und das deut' ich nicht übel,« sagte Douglas. »Ich zwinge meine Güte Niemand auf. – Aber,« fügte er, zu Albany flüsternd, hinzu, »Eure Hoheit muß dem König diesen blutigen Anblick entziehen, denn er muß heut' Abend das wissen, was mit dem Morgengrauen über ganz Schottland schallen wird. Dieser Kampf ist beendigt. Aber selbst ich beklage, daß so viele brave Schotten erschlagen liegen, deren Schwerter in der Schlacht für ihres Vaterlandes Sache hätten entscheidend werden können.« Mit Mühe führte man König Robert vom Kampfplatze; Thränen rannen ihm über die gefurchten Wangen und den weißen Bart, als er Alle ringsum, Edle und Priester, beschwor, daß man für die Leiber und Seelen der wenigen überlebenden Verwundeten sorgen und den Erschlagenen ein ehrenvolles Begräbniß geben möchte. Die Anwesenden versprachen mit Eifer Beides, und erfüllten ihr Wort treulich und fromm. So endete dieser berühmte Streit auf dem nördlichen Anger von Perth. Von vierundsechzig tapfern Männern (mit Einschluß der Spielleute und Fahnenträger), die mannhaft auf das unselige Schlachtfeld geschritten waren, blieben nur sieben lebendig, die man in Sänften, in einem von den um sie her Sterbenden und Todten wenig verschiedenen Zustande, und gemischt mit ihnen in dem traurigen Zuge, welcher sie von der Scene des Kampfes führte, hinwegbrachte. Eachin allein war ohne Wunden und ohne Ehre geblieben. Es bleibt nur übrig, zu sagen, daß kein Mann vom Clan Quhele den blutigen Kampf überlebte, außer der flüchtige Häuptling, und die Folge der Niederlage war die Auflösung ihres Bundes. Die Clans, aus denen er bestand, sind jetzt nur Gegenstand der Vermuthungen des Alterthumsforschers, denn nach diesem verhängnißvollen Streite sammelten sie sich nie wieder unter derselben Fahne. Der Clan Chattan hingegen fuhr fort zu wachsen und zu blühen, und die besten Familien der nördlichen Hochlande rühmen sich ihrer Herkunft vom Geschlecht der Bergkatze. Fünfunddreißigstes Kapitel. Während der König langsam nach dem Kloster zurückritt, welches er damals inne hatte, fragte Albany mit beunruhigter Miene und zitternder Stimme den Grafen von Douglas: »Wird Eure Herrlichkeit nicht, da Ihr jenes traurige Schauspiel in Falkland saht, die Nachricht meinem unglücklichen Bruder mittheilen?« »Nicht um das weite Schottland,« sagte Douglas. »Lieber wollt' ich aus Schußweite vor hundert Tynedaler Bogenschützen meine Brust entblößen. Nein, bei der Heiligen von Douglas! ich könnte nur sagen, daß ich den unglücklichen Todten sah. Wie er seinen Tod fand, kann Eure Hoheit vielleicht besser erklären. Wär' es nicht um March's Aufruhr und den englischen Krieg, so würd' ich meine Meinung vielleicht aussprechen.« So sagend und sich vor dem König verbeugend, ritt der Graf fort nach seiner eigenen Wohnung und überließ es Albany, die Geschichte zu erzählen, so gut er könnte. »Der Aufruhr und der englische Krieg!« sagte der Herzog zu sich selbst, – »ja, und dein eigenes Interesse, stolzer Graf, herrschsüchtig wie du bist, wagst du nicht von dem meinigen dich zu trennen. Nun, da das Geschäft mir zufällt, muß und will ich es vollenden.« Er folgte dem Könige nach seinem Gemache. Der König sah ihn mit Staunen an, nachdem er seinen gewöhnlichen Sitz eingenommen. »Dein Gesicht ist schrecklich, Robin,« sagte der König. »Ich wünschte, du überlegtest reiflicher, wenn Blut vergossen werden soll, da die Folgen dich so gewaltig angreifen. Und dennoch, Robin, liebe ich dich um so mehr, weil dein freundlicher Charakter sich bisweilen selbst durch deine überlegte Politik zeigt.« »Ich wollte zu Gott, mein königlicher Bruder,« sagte Albany mit halberstickter Stimme, »daß das blutige Feld, welches wir sahen, das Schlimmste wäre, was wir heut' zu sehen oder zu hören hätten. Ich wollte mich wenig bekümmern wegen des wilden Volks, das dort wie Aas aufgehäuft liegt. Aber« – er hielt inne. – »Wie!« rief der König erschreckt. – »Welch' neues Unglück? – Rothsay? – Es muß sein – ist es Rothsay? – Sprich es aus! – Welch' neue Thorheit hat er begangen? – Welches frische Unheil?« »Mylord – mein König – Thorheit und Unheil sind nun vorbei mit meinem unglücklichen Neffen.« »Er ist todt! – er ist todt!« rief der angsterfüllte Vater. »Albany, als dein Bruder beschwör' ich dich – aber nein, ich bin dein Bruder nicht mehr! Als dein König, finsterer, verschlagener Mann, fordre ich dich auf, das Aergste zu sagen!« Albany stotterte: – »Die einzelnen Umstände sind mir nur unvollkommen bekannt – gewiß aber ist, daß mein unglücklicher Neffe letzte Nacht in seinem Zimmer von plötzlicher Krankheit getödtet gefunden ward – wie ich hörte.« »O, Rothsay! – O, mein geliebter David! – Wollte Gott, ich wäre für dich gestorben – mein Sohn – mein Sohn –« So sprach, in den begeisterten Worten der Schrift, der hilflose und beraubte Vater, seinen grauen Bart und das weiße Haar zerraufend, während Albany, sprachlos und vom Gewissen getroffen, den Sturm seines Schmerzes nicht zu unterbrechen wagte. Aber der Schmerzenskampf des Königs ging fast sogleich in Wuth über – eine Stimmung, so entgegengesetzt der Sanftheit und Schüchternheit seiner Natur, daß Albany's Gewissensbisse durch seine Furcht betäubt wurden. »Und dies,« sagte der König, »dies ist das Ende deiner sittlichen Sprüche und religiösen Maßregeln! – Aber der bethörte Vater, der den Sohn in deine Hände gab, der das unschuldige Lamm dem Schlächter übergab, ist ein König! Und du sollst es auf deine Kosten erfahren. Soll der Mörder in Gegenwart seines Bruders stehen – befleckt mit dem Blute seines Brudersohnes? Nein! – Wer ist draußen? – Mac Louis! – Brandanen! Verrätherei! – Mord! – Zu den Waffen, wenn ihr den Stuart liebt!« Mac Louis stürzte mit Mehreren von der Leibwache in's Gemach. »Mord und Verrath!« rief der arme König. »Brandanen, euer edler Prinz –« hier unterbrachen Schmerz und Zorn auf einen Augenblick die schreckliche Kunde, die er machen wollte. Endlich fand er die gehemmte Sprache wieder – »sogleich eine Axt und einen Block in den Hof! – Verhaftet« – das Wort erstarb ihm, während er sprechen wollte. »Wen verhaften, mein edler König?« – sagte Mac Louis, der, bemerkend, daß der König von einer heftigen Leidenschaft ergriffen war, wie sie der Sanftmuth seines gewöhnlichen Benehmens fremd war, fast vermuthete, sein Hirn sei durch die ungewöhnlichen Schrecken des gesehenen Kampfes verwirrt worden, – »wen soll ich verhaften, mein König?« sagte er. »Hier ist Niemand, außer Eurer Majestät königlicher Bruder von Albany.« »Ja wohl,« sagte der König, dessen kurzer Anfall rachgierigen Zornes bald schwand. »Ja wohl, Niemand als Albany – Niemand, außer meiner Eltern Kind – Niemand, als mein Bruder. – O Gott! mache mich fähig, die sündige Leidenschaft zu ersticken, die in diesem Busen glüht – Sancta Maria! ora pro nobis!« Mac Louis warf einen Blick der Verwunderung auf den Herzog von Albany, der sich bemühte, seine Verwirrung unter dem Scheine tiefen Mitleids zu verbergen und dem Offizier zuflüsterte: »Das große Unglück war zu gewaltig für seinen Verstand.« »Welches Unglück, ich bitt' Eure Hoheit?« erwiderte Mac Louis. »Ich habe von keinem gehört.« »Wie? – nichts gehört vom Tode meines Neffen Rothsay?« »Der Herzog von Rothsay todt, Mylord von Albany?« rief der treue Brandane mit dem höchsten Schrecken und Entsetzen. – »Wann, wie und wo?« »Vor zwei Tagen – das Wie ist unbekannt – zu Falkland.« Mac Louis starrte den Herzog einen Augenblick an; dann sagte er mit glühendem Auge und entschlossener Miene zum König, der tief in Andacht versunken schien: – »Mein König, vor wenig Minuten ließt Ihr ein Wort – ein einzig Wort – unausgesprochen. Laßt es über Eure Lippen gehen, und Euer Wille ist Gesetz für Eure Brandanen!« »Ich betete gegen Versuchung, Mac Louis,« sagte der König gebrochenen Herzens, »und Ihr bringt sie mir wieder. Wollt Ihr einen Wahnsinnigen mit einem bloßen Schwert bewaffnen? Aber o! Albany! mein Freund, mein Bruder, mein Herzensberather! – wie, wie konntest du das über's Herz bringen?« Albany, welcher sah, daß des Königs Stimmung milder war, erwiderte mit mehr Festigkeit als vorher: – »Mein Schloß hat keine Wehr gegen die Macht des Todes – ich habe nicht den schnöden Verdacht verdient, den Eurer Majestät Worte enthalten. Ich verzeihe ihn dem Schmerz eines verwaisten Vaters. Aber ich bin bereit, bei Kreuz und Altar zu schwören – bei meinem Theil an der Erlösung, bei den Seelen unsrer königlichen Eltern –« »Sei still, Robert,« sagte der König; »füge nicht Meineid zum Mord. – Und geschah dies Alles, um der Krone und dem Scepter einen Schritt näher zu kommen? Nimm sie sogleich, Mensch; und magst du fühlen, wie ich es fühlte, daß sie von glühendem Eisen sind! – O! Rothsay, Rothsay! Du entgingst zum wenigsten dem Loose, ein König zu sein!« »Mein König!« sagte Mac Louis, »laßt mich Euch erinnern, daß Krone und Scepter Schottlands, sobald Eure Majestät aufhört sie zu tragen, dem Rechte Prinz Jakobs gebühren, welcher seines Bruders Rechte erbt.« »Ja, Mac Louis,« sagte der König hastig, »und auch seines Bruders Gefahren wird das arme Kind erben! Dank, Mac Louis, Dank – Ihr habt mich erinnert, daß ich noch auf Erden zu thun habe. Laß deine Brandanen unter die Waffen treten, so schnell du kannst. Laß keinen Menschen zu uns, dessen Treue dir nicht bekannt ist. Keinen besonders, der mit dem Herzog von Albany verkehrt hat – diesen Mann mein' ich, der sich meinen Bruder nennt! Laß sogleich meine Sänfte bereit halten. Wir wollen nach Dunbarton, Mac Louis, oder nach Bute. Abhänge, Wogen und meine Brandanenherzen sollen das Kind vertheidigen, bis wir Meere zwischen dasselbe und seines grausamen Oheims Ehrgeiz bringen können. – Lebe wohl, Robert von Albany – lebe wohl für immer, du hartherziger, blutiger Mann. Genieße den Theil der Gewalt, den dir Douglas gestatten mag. – Aber suche nicht mein Angesicht wiederzusehen, noch weniger, dich meinem noch übrigen Kinde zu nähern! Denn zur Stunde, wo du das thust, haben meine Wachen Befehl, dich mit ihren Partisanen niederzuschlagen! – Mac Louis, sorge, daß diese Weisung gegeben wird.« Der Herzog von Albany verließ das Gemach, ohne weitere Entschuldigung und Antwort zu versuchen. Was folgt, ist Gegenstand der Geschichte. Im nächsten Parlament bewog der Herzog von Albany diese Versammlung, ihn für unschuldig am Tode Rothsay's zu erklären, während er zu gleicher Zeit sein Schuldbewußtsein dadurch zeigte, daß er Ablaß oder Verzeihung für dieses Vergehen annahm. Der unglückliche und bejahrte König verschloß sich in sein Schloß Rothsay in Bute, um den verlorenen Sohn zu betrauern und mit fieberhafter Aengstlichkeit über das Leben des ihm gebliebenen zu wachen. Als die beste Maßregel für des jungen Jakobs Sicherheit schickte er ihn nach Frankreich, um ihn am dortigen Hofe erziehen zu lassen. Aber das Fahrzeug, auf dem der Prinz von Schottland absegelte, wurde von einem englischen Kreuzer genommen, und obgleich zwischen beiden Königreichen Friede war, hielt ihn doch Heinrich IV. unedler Weise gefangen. Dieser letzte Schlag brach dem unglücklichen König Robert III. gänzlich das Herz. Die Rache folgte, wenn gleich langsamen Schrittes, der Verrätherei und Grausamkeit seines Bruders. Robert von Albany's eignes graues Haar ging zwar in Frieden zu Grabe, und er übertrug seine schlecht erworbene Regentschaft seinem Sohne Murdoch; aber neunzehn Jahre nach dem Tode des alten Königs kehrte Jakob I. nach Schottland zurück, und Herzog Murdoch von Albany ward mit seinen Söhnen auf's Schaffot geführt, um seines Vaters Schuld und seine eigene zu sühnen. Sechsunddreißigstes Kapitel. Ein ehrlich Herz, in welchem ruht Betrug und Falschheit nimmer, Hat, trotz des Glückes Wankelmut, Doch Grund zu lächeln immer. Burns. Wir kehren nun zu dem schönen Mädchen von Perth zurück, die von der schrecklichen Scene in Falkland auf Douglas' Befehl fortgeschickt worden war, um unter den Schutz seiner Tochter, der nun verwittweten Herzogin von Rothsay, gestellt zu werden. Dieser Dame einstweilige Residenz war ein frommes Haus, genannt Campsie, dessen Ruinen noch eine malerische Lage am Tay einnehmen. Es erhob sich auf dem Gipfel eines steilen Felsens, der sich an dem fürstlichen Strome hinabsenkt, wo dieser besonders merkwürdig ist durch den Wasserfall, genannt Campsie Linn, dessen Fluthen hier stürmisch über eine Reihe Basaltfelsen stürzen, die den Strom hemmen, gleich einem von Menschenhänden errichteten Damm. Entzückt von einer so romantischen Stelle, führten die Mönche der Abtei Cupar hier ein Gebäude auf, einem unbekannten Heiligen, Namens Hunnand, geweiht, und sie pflegten sich zur Erholung oder Andacht hierher zurückzuziehen. Es hatte seine Pforten bereits geöffnet, um die edle Dame aufzunehmen, die jetzt seine Bewohnerin war, als sich das Land unter der Gewalt des mächtigen Lord Drummond, Douglas' Bundesgenossen, befand. Hier wurden des Grafen Briefe der Herzogin von dem Anführer der Schutzwache übergeben, die Katharinen und die Sängerin nach Campsie begleitet hatte. So viel sie auch Grund haben mochte, sich über Rothsay zu beklagen, sein furchtbares, unerwartetes Ende erschütterte die edle Lady tief und sie brachte die Nacht größtentheils damit zu, daß sie ihrem Schmerze nachhing und im Gebete lag. Am nächsten Morgen, dem des denkwürdigen Palmsonntags, ließ sie Katharina Glover und die Sängerin vor sich kommen. Der Muth der beiden jungen Mädchen war sehr gesunken und erschüttert durch die schrecklichen Auftritte, in welche sie jüngst verwickelt gewesen, und die äußere Erscheinung der Herzogin Marjory war, gleich der ihres Vaters, mehr geeignet, Furcht einzuflößen, als Vertrauen. Sie sprach trotz ihres Schmerzes freundlich, und erfuhr von Jenen Alles, was sie in Bezug auf das Schicksal ihres verirrten, unbesonnenen Gemahls zu erzählen hatten. Sie schien dankbar für Katharinens und der Sängerin gefahrvolle Bemühungen, Rothsay von seinem entsetzlichen Schicksal zu retten. Sie lud sie zur Theilnahme an ihrem Gebet ein, und um die Zeit des Mittagsmahles bot sie Beiden ihre Hand zum Kuß und überließ sie ihrer eigenen Erholung mit der Versicherung ihres wirksamen Schutzes, besonders für Katharinen, der, wie sie sagte, auch ihres Vaters Schutz mit einschlöße, und eine Mauer für Beide sein würde, so lange sie selbst lebte. Sie verließen die verwittwete Prinzessin und nahmen ein Mahl mit ihren Fräulein und Lady's, die alle in ihrer tiefen Trauer einen gemessenen Ernst zeigten, der das leichte Herz der Französin erkältete und selbst dem ernsteren Charakter der Katharina Glover Zwang auflegte. Die Freundinnen, denn so dürfen wir sie nun nennen, sahen es daher gern, der Gesellschaft dieser Personen, die sämmtlich geborne Edeldamen, entgehen zu können, weil dieselben eine Bürgerstochter und eine wandernde Sängerin für schlechte Gesellschaft hielten, und sie gern weggehen sahen, um in der Nähe des Klosters zu spazieren. Ein kleiner Garten mit seinen Gebüschen und Fruchtbäumen erstreckte sich von einer Seite des Klosters bis an den Abhang, von dem er nur durch eine kleine Mauer getrennt war, die so niedrig auf dem Rande des Felsens stand, daß das Auge die Höhe der Klippen wohl messen und die kämpfenden Fluten betrachten konnte, welche über den Felsen unten kochten, sprudelten und schäumten. Das schöne Mädchen von Perth und ihre Begleitung wandelten langsam auf einem Pfade, der an dieser Mauer hinlief, betrachteten die romantische Aussicht und gedachten, wie schön sie sein müsse, wenn der nahende Sommer den Hain mit Blättern kleiden würde. Einige Zeit beobachteten sie ein tiefes Schweigen. Endlich erhob sich der frohe und kühne Sinn der Sängerin über die Umstände, in denen sie gewesen war und in denen sie sich jetzt befand. »Lasten die Schrecken Falklands, schönes Mädchen, noch immer auf deinem Geiste? Suche sie zu vergessen, gleich mir; wir können des Lebens Pfad nicht leicht wandeln, wenn wir von unsern Mänteln nicht die Regentropfen schütteln, so wie sie fallen.« »Diese Schrecknisse sind nicht zu vergessen,« antwortete Katharina. »Aber gegenwärtig ist mein Gemüth um meines Vaters Sicherheit besorgt; und ich kann nicht umhin, zu bedenken, wie viele tapfere Männer in diesem Augenblicke die Welt verlassen mögen, nur sechs Meilen oder nicht viel weiter von uns entfernt.« »Ihr meint den Kampf zwischen sechzig Streitern, wovon uns Douglas' Reiter gestern sagten? Das wäre ein Schauspiel für eine Sängerin. Doch, über meine weibischen Augen! sie könnten nie gekreuzte Schwerter sehen, ohne erschreckt zu werden. Aber sieh – sieh dort, Katharina, sieh dort! dieser fliegende Bote bringt gewiß Nachricht vom Kampfe.« »Mich dünkt, ich sollte ihn kennen, der so stürmisch läuft,« sagte Katharina, – »aber wenn er es ist, an den ich denke, so verfolgen ihn seltsame Gedanken.« Während sie sprach, richtete der Eilende seinen Lauf nach dem Garten. Louisens kleiner Hund lief ihm entgegen, heftig bellend, kam aber bald zurück, um winselnd und heulend hinter seine Gebieterin zu schleichen; denn selbst Thiere können unterscheiden, wenn Menschen von der wüthenden Kraft unwiderstehlicher Leidenschaft getrieben sind, und fürchten sich, ihrem Laufe entgegen zu treten. Der Flüchtling stürzte in rastloser Eile in den Garten. Sein Kopf war unbedeckt, sein Haar flatterte, sein reicher Mantel und alle andern Kleider schienen vor Kurzem durchnäßt worden zu sein. Seine ledernen Stiefel waren zerschnitten und zerrissen, und seine Füße färbten den Rasen mit Blut. Sein Gesicht war wild, entstellt und hoch erhitzt, oder, wie die schottische Redeweise es nennt, sehr erhoben. »Conachar!« sagte Katharina, als er herankam, scheinbar ohne zu sehen, was vor ihm war; wie Hasen, von denen man sagt, daß sie nichts sehen, wenn sie von Hunden hart verfolgt werden. Aber plötzlich hielt er an, als er seinen eigenen Namen hörte. »Conachar,« sagte Katharina, »oder vielmehr Eachin Mac Jan – was bedeutet das? – hat der Clan Quhele eine Niederlage erlitten?« »Ich habe solche Namen geführt, wie mir dies Mädchen gibt,« sagte der Flüchtling nach momentanem Besinnen. »Ja, ich hieß Conachar, als ich glücklich war, und Eachin, als ich mächtig war. Aber jetzt habe ich keinen Namen und es gibt keinen solchen Clan, von dem du sprichst; und du bist ein thörichtes Mädchen, von dem zu sprechen, was nicht ist, und zu Einem, der nicht existirt.« »Ach! Unglücklicher –« »Und warum unglücklich, ich bitt' Euch!« rief der Jüngling. »Wenn ich ein Feiger und Schurke bin, beherrschen nicht Feigheit und Schurkerei die Elemente? – Habe ich nicht dem Wasser getrotzt, ohne daß es mich hinabriß, und die Erde getreten, ohne daß sie sich öffnete, mich zu verschlingen? Und ein Sterblicher sollte sich meinen Absichten widersetzen?« »Ach, er rast!« sagte Katharina. »Eile, um Hilfe zu rufen. Er wird mir nichts thun. Aber ich fürchte, er wird sich selbst ein Leid thun. Sieh, wie er auf den tobenden Wasserfall hinabstarrt.« Die Sängerin eilte zu thun, was ihr aufgetragen war, und Conachars halb wahnsinniger Geist schien durch ihre Abwesenheit beruhigter. »Katharina,« sagte er, »nun sie fort ist, will ich sagen, daß ich dich kenne – ich kenne deine Liebe zum Frieden und deinen Haß gegen den Krieg. Aber höre – ich habe, eh' ich einen Hieb auf meinen Feind führte, lieber Alles geopfert, was einem Manne das Theuerste ist – ich habe Ehre, Ruhm und Freunde verloren; und was für Freunde!« (Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen.) – »O, ihre Liebe ging über Weiberliebe! warum sollt' ich meine Thränen bergen? – Alle kennen meine Schande – Alle sehen meinen Schmerz. Ja, Alle könnten ihn sehen, aber wer möchte Mitleid haben? – Katharina, als ich wie ein Toller das Thal hernieder rannte, riefen Männer und Weiber Schmach über mich! – Der Bettler, dem ich ein Almosen zuwarf, um mir einen Segen zu erkaufen, warf mir's verächtlich zurück mit einem Fluch über den Feigen! Jede Glocke tönte nur: Schande dem elenden Schurken! Die wilden Thiere in ihrem Schreien und Brüllen – die tobenden Winde in ihrem Brausen und Heulen – die wilden Fluthen in ihrem Rauschen und Toben riefen: Schmach über den Feigling! – Die treuen Neun verfolgen mich noch; sie rufen mit schwacher Stimme: ›Führe nur einen Hieb zu unserer Rache, wir Alle starben für dich!‹« Während der unglückliche Jüngling so raste, hörte man ein Rascheln im Gebüsch. »Es gibt nur einen Weg!« rief er, auf die Mauer springend, aber mit einem ängstlichen Blicke nach dem Dickicht, durch welches einige Diener schlichen, in der Absicht, ihn zu ergreifen. Aber in dem Augenblicke, wo er eine menschliche Gestalt aus dem Gebüsch hervorkommen sah, schlug er die Hände wild über dem Kopf zusammen und mit dem Rufe: » Bas air Eachin !« stürzte er die Höhe hinunter in den tobenden Wasserfall. Es ist unnöthig, zu sagen, daß jeder feste Gegenstand durch einen solchen Fall in Stücke zerschmettert werden mußte. Aber der Strom war angeschwollen und die Reste des unglücklichen Jünglings wurden nie gesehen. Die wechselnde Sage hat die Geschichte auf mehrfache Weise ergänzt. Eine Nachricht sagt, daß der junge Häuptling des Clans Quhele wohlbehalten ans Ufer schwamm, weit unterhalb Campsie Linn, und daß er, trostlos in der Einöde von Rannoch irrend, dem Vater Clemens begegnete, der seinen Wohnsitz in der Wildniß als Einsiedler genommen hatte, nach der Weise der alten Culdees. Er bekehrte, sagt man, den trostlosen und reuigen Conachar, der mit ihm in seiner Zelle lebte, seine Andacht und seine Entbehrungen theilend, bis der Tod Beide nach einander wegraffte. Eine andere, wunderbarere Sage deutet an, daß er vom Daione-Shie oder Feen-Volke dem Tode entrissen ward, und daß er nun noch immer durch Wald und Wildniß wandert, bewaffnet wie ein alter Hochländer, das Schwert aber in der linken Hand tragend. Das Gespenst zeigt sich stets in tiefem Gram. Bisweilen scheint er im Begriff, den Reisenden anzufallen, flieht aber stets, wenn man ihm muthig entgegentritt. Diese Sagen gründen sich auf zwei besondere Punkte in seiner Geschichte – seine erwiesene Furchtsamkeit und seinen Selbstmord; beides Umstände, die in der Geschichte eines Hochländerhäuptlings fast ohne Beispiel sind. Nachdem Simon Glover dafür gesorgt, daß sein Freund Harry in seinem eigenen Hause in Curfewstreet gehörige Pflege fand, langte er am nämlichen Abend zu Campside an und fand seine Tochter sehr fieberkrank in Folge der Auftritte, die sie jüngst erlebt hatte, und besonders des Endes ihres ehmaligen Spielgenossen. Die Zuneigung der Sängerin machte diese zu einer so aufmerksamen und sorglichen Pflegerin, daß der Handschuhmacher sagte: es solle nicht seine Schuld sein, wenn sie je die Laute wieder berührte, außer zu ihrem eigenen Vergnügen. Es währte einige Zeit, ehe Simon wagte, seiner Tochter von Harry's letztem Streit und seinen schweren Wunden zu sagen, und er nützte möglichst den vortheilhaften Umstand, daß ihr treuer Liebhaber Ehre und Reichthum zurückgewiesen habe, um kein Kriegsmann von Profession zu werden und Douglas zu folgen. Katharina seufzte tief und schüttelte das Haupt über die Geschichte des blutigen Palmsonntags auf dem nördlichen Anger. Offenbar aber hatte sie erwogen, daß die Menschen selten in Civilisation und Verfeinerung den Begriffen ihrer eigenen Zeit vorschreiten, und daß ein kühner und ausschweifender Muth, wie der Harry Schmieds, in den eisernen Tagen, in welchen sie lebte, der Schwäche vorzuziehen sei, welche Conachars unglückliches Ende herbeiführte. Wenn sie noch irgend Bedenklichkeiten bei der Sache hatte, so wurden sie bei Zeiten durch Harry's Berichtigungen beseitigt, sobald die hergestellte Gesundheit ihn fähig machte, seine eigene Sache zu vertreten. »Ich sollte erröthen, zu gestehen, Katharina, daß der Gedanke an Kampf mich krank macht. Jenes letzte Schlachtfeld zeigte Metzelei genug, um einen Tiger zu befriedigen. Daher bin ich entschlossen, mein Schlachtschwert aufzuhängen und es nie wieder zu ziehen, außer gegen die Feinde Schottlands.« »Und sollt' es Schottland verlangen,« sagte Katharina, »so will ich dir's umschnallen.« »Und Katharina,« sagte der freudige Handschuhmacher, »wir wollen reichlich Seelenmessen für die bezahlen, welche durch Harry's Schwert gefallen sind; das wird nicht nur Geisterspuk verhüten, sondern uns auch wieder mit der Kirche befreunden.« »Zu diesem Zweck, Vater,« sagte Katharina, »können die Schätze des elenden Dwining verwendet werden. Er hat sie mir vermacht, aber ich denke, Ihr möchtet sein schnödes Blutgeld nicht mit unserm ehrlich Erworbenen mischen.« »Ebenso gern möcht' ich die Pest in mein Haus bringen,« sagte der entschlossene Handschuhmacher. Die Schätze des bösen Apothekers wurden daher unter die vier Klöster vertheilt, und nie fand wieder ein leiser Verdacht Statt hinsichtlich der Rechtgläubigkeit des alten Simon oder seiner Tochter. Harry und Katharina wurden vier Monate nach der Schlacht auf dem Nordanger verbunden, und nie führten die Innungen der Handschuhmacher und Schmiede ihren Schwerttanz so stattlich auf, als bei der Hochzeit des kühnsten Bürgers und des schönsten Mädchens von Perth. Zehn Monden später füllte ein munteres Kind die wohlbereitete Wiege und Louise wiegte es nach der Weise: Treu und voll Muth. Mit blauem Hut. Die Namen der Pathen des Kindes sind aufbewahrt, nämlich »Ein hoch und mächtiger Lord, Archibald Grav von Douglas, Ein edel und frommer Ritter, Herr Patrick Charteris von Kinfauns, und Eine gnädige Prinzessin, Marjory, Wittib des erlauchten Herren David, weiland Herzogen von Rothsay.« Unter solcher Gönnerschaft hebt sich eine Familie schnell, und mehrere der geachtetsten Häuser in Schottland, besonders aber in Perthshire, und viele Männer, ausgezeichnet in Künsten und Waffen, erinnern sich mit Stolz ihrer Herkunft von dem Gow Chrom und dem schönen Mädchen von Perth .