Friedrich Wilhelm Joseph Schelling Von der Weltseele Eine Hypothese der höheren Physik zur Erklärung des allgemeinen Organismus Nebst einer Abhandlung über das Verhältnis des Realen und Idealen in der Natur oder Entwicklung der ersten Grundsätze der Naturphilosophie an den Prinzipien der Schwere und des Lichts Vorreden Vorrede zur ersten Auflage Von der Weltseele Welches die Absicht dieser Abhandlung sei, und warum sie diese Aufschrift an der Stirne trage, wird der Leser erfahren, wenn er das Ganze zu lesen Lust oder Neugierde genug hat. Nur über zwei Punkte findet der Verfasser nötig, zum voraus sich zu erklären, damit dieser Versuch nicht etwa mit Vorurteil aufgenommen werde. Der erste ist, daß keine erkünstelte Einheit der Prinzipien in dieser Schrift gesucht oder beabsichtigt wird. Die Betrachtung der allgemeinen Naturveränderungen sowohl als des Fortgangs und Bestands der organischen Welt führt zwar den Naturforscher auf ein gemeinschaftliches Prinzip , das zwischen anorganischer und organischer Natur fluktuierend die erste Ursache aller Veränderungen in jener und den letzten Grund aller Tätigkeit in dieser enthält, das, weil es überall gegenwärtig ist, nirgends ist, und weil es Alles ist, nichts Bestimmtes oder Besonderes sein kann, für welches die Sprache eben deswegen keine eigentliche Bezeichnung hat, und dessen Idee die älteste Philosophie (zu welcher, nachdem sie ihren Kreislauf vollendet hat, die unsrige allmählich zurückkehrt), nur in dichterischen Vorstellungen uns überliefert hat. Aber die Einheit der Prinzipien befriedigt nicht, woferne sie nicht durch eine unendliche Mannigfaltigkeit einzelner Wirkungen in sich selbst zurückkehrt. – Ich hasse nichts mehr als jenes geistlose Bestreben, die Mannigfaltigkeit der Naturursachen durch erdichtete Identitäten zu vertilgen. Ich sehe, daß die Natur nur in dem größten Reichtum der Formen sich gefällt, und daß (nach dem Ausspruch eines großen Dichters) selbst in den toten Räumen der Verwesung die Willkür sich ergötzt. – Das Eine Gesetz der Schwere, auf welches auch die rätselhaftesten Erscheinungen des Himmels endlich zurückgeführt werden, verstattet nicht nur, sondern bewirkt sogar, daß die Weltkörper in ihrem Lauf sich stören, und daß so in der vollkommensten Ordnung des Himmels die scheinbargrößte Unordnung herrsche. – So hat die Natur den weiten Raum, den sie mit ewigen und unveränderlichen Gesetzen einschloß, weit genug beschrieben, um innerhalb desselben mit einem Schein von Gesetzlosigkeit den menschlichen Geist zu entzücken. Sobald nur unsere Betrachtung zur Idee der Natur als eines Ganzen sich emporhebt, verschwindet der Gegensatz zwischen Mechanismus und Organismus, der die Fortschritte der Naturwissenschaft lange genug aufgehalten hat, und der auch unserm Unternehmen bei manchen zuwider sein könnte. Es ist ein alter Wahn, daß Organisation und Leben aus Naturprinzipien unerklärbar seien. – Soll damit so viel gesagt werden: der erste Ursprung der organischen Natur sei physikalisch unerforschlich, so dient diese unerwiesene Behauptung zu nichts, als den Mut des Untersuchers niederzuschlagen. Es ist wenigstens verstattet, einer dreisten Behauptung eine andere ebenso dreiste entgegenzusetzen, und so kommt die Wissenschaft nicht von der Stelle. Es wäre wenigstens Ein Schritt zu jener Erklärung getan, wenn man zeigen könnte, daß die Stufenfolge aller organischen Wesen durch allmähliche Entwicklung einer und derselben Organisation sich gebildet habe. – Daß unsere Erfahrung keine Umgestaltung der Natur, keinen Obergang einer Form oder Art in die andere, gelehrt hat – (obgleich die Metamorphosen mancher Insekten, und, wenn jede Knospe ein neues Individuum ist, auch die Metamorphosen der Pflanzen als analogische Erscheinungen wenigstens angeführt werden können) – ist gegen jene Möglichkeit kein Beweis; denn, könnte ein Verteidiger derselben antworten, die Veränderungen, denen die organische Natur, so gut als die organische, unterworfen ist, können (bis ein allgemeiner Stillstand der organischen Welt zustande kommt), in immer langem Perioden geschehen, für welche unsere kleinen Perioden (die durch den Umlauf der Erde um die Sonne bestimmt sind) kein Maß abgeben, und die so groß sind, daß bis jetzt noch keine Erfahrung den Ablauf einer derselben erlebt hat. Doch, verlassen wir diese Möglichkeiten und sehen, was denn überhaupt an jenem Gegensatz zwischen Mechanismus und Organismus Wahres oder Falsches ist, um so am sichersten die Grenze zu bestimmen, innerhalb welcher unsere Naturerklärung sich halten muß. Was ist denn jener Mechanismus, mit welchem, als mit einem Gespenst, ihr euch selbst schreckt? – Ist der Mechanismus etwas für sich Bestehendes, und ist er nicht vielmehr selbst nur das Negative des Organismus? – Mußte der Organismus nicht früher sein als der Mechanismus, das Positive früher als das Negative? Wenn nun überhaupt das Negative das Positive, nicht umgekehrt dieses jenes voraussetzt: so kann unsere Philosophie nicht vom Mechanismus (als dem Negativen), sondern sie muß vom Organismus (als dem Positiven) ausgehen, und so ist freilich dieser so wenig aus jenem zu erklären, daß dieser vielmehr aus jenem erst erklärbar wird. – Nicht, wo kein Mechanismus ist, ist Organismus, sondern umgekehrt, wo kein Organismus ist, ist Mechanismus. Organisation ist mir überhaupt nichts anderes als der aufgehaltene Strom von Ursachen und Wirkungen. Nur wo die Natur diesen Strom nicht gehemmt hat, fließt er vorwärts (in gerader Linie). Wo sie ihn hemmt, kehrt: er (in einer Kreislinie) in sich selbst zurück. Nicht also alle Sukzession von Ursachen und Wirkungen ist durch den Begriff des Organismus ausgeschlossen; dieser Begriff bezeichnet nur eine Sukzession, die innerhalb gewisser Grenzen eingeschlossen in sich selbst zurückfließt. Daß nun die ursprüngliche Grenze des Mechanismus empirisch nicht weiter erklärbar, sondern nur zu postulieren ist, werde ich in der Folge selbst durch Induktion zeigen; es ist aber philosophisch zu erweisen: denn da die Welt nur in ihrer Endlichkeit unendlich ist, und ein unbeschränkter Mechanismus sich selbst zerstören würde, so muß auch der allgemeine Mechanismus ins Unendliche fort gehemmt werden, und es wird so viele einzelne, besondere Welten geben, als es Sphären gibt, innerhalb welcher der allgemeine Mechanismus in sich selbst zurückkehrt, und so ist am Ende die Welt – eine Organisation , und ein allgemeiner Organismus selbst die Bedingung (und insofern das Positive ) des Mechanismus . Von dieser Höhe angesehen verschwinden die einzelnen Sukzessionen von Ursachen und Wirkungen (die mit dem Scheine des Mechanismus uns täuschen) als unendlich kleine gerade Linien in der allgemeinen Kreislinie des Organismus, in welcher die Welt selbst fortläuft. Was nun diese Philosophie mich gelehrt hatte, daß die positiven Prinzipien des Organismus und Mechanismus dieselben sind, habe ich in der folgenden Schrift aus Erfahrung – dadurch zu beweisen gesucht, daß die allgemeinen Naturveränderungen (von welchen selbst der Bestand der organischen Welt abhängt) uns zuletzt auf dieselbe erste Hypothese treiben, von welcher schon längst die allgemeine Voraussetzung der Naturforscher die Erklärung der organischen Natur abhängig gemacht hat. Die folgende Abhandlung zerfällt daher in zwei Abschnitte, wovon der erste die Kraft der Natur, die in den allgemeinen Veränderungen sich offenbart, der andere das positive Prinzip der Organisation und des Lebens aufzusuchen unternimmt, und deren gemeinschaftliches Resultat dieses ist, daß ein und dasselbe Prinzip die anorganische und die organische Natur verbindet . Die Unvollständigkeit unsrer Kenntnis der ersten Ursachen (wie der Elektrizität), die atomistischen Begriffe, welche mir hier und da im Wege waren (z.B. in der Lehre von der Wärme), endlich die Dürftigkeit herrschender Vorstellungsarten über manche Gegenstände der Physik (z.B. die meteorologischen Erscheinungen), hat mich im ersten Abschnitt zu manchen speziellen Erörterungen bald genötigt, bald verleitet – zu Erörterungen, die das Licht, welches ich über das Ganze zu verbreiten wünschte, zu sehr auf einzelne Gegenstände zerstreuten, so doch, daß es am Ende in einem gemeinschaftlichen Fokus wieder sich sammeln konnte. – Je weiter die Sphäre der Untersuchung beschrieben wird, desto genauer sieht man das Mangelhafte und Dürftige der Erfahrungen, die bis jetzt in ihren Umkreis fallen, und so werden wenige die Unvollkommenheit dieses Versuchs tiefer oder lebhafter als der Unternehmer selbst fühlen. * N. S. Diese Schrift ist nicht als Fortsetzung meiner Ideen zu einer Philosophie der Natur anzusehen. Ich werde sie nicht fortsetzen, ehe ich mich imstande sehe, das Ganze mit einer wissenschaftlichen Physiologie zu beschließen, die erst dem Ganzen Rundung geben kann. – Vorerst achtete ich es für Verdienst, in dieser Wissenschaft nur überhaupt etwas zu wagen, damit an der Aufdeckung und Widerlegung des Irrtums wenigstens der Scharfsinn anderer sich übe. – Ich muß jedoch wünschen, daß Leser und Beurteiler dieser Abhandlung mit den Ideen, welche in jener Schrift vorgetragen sind, bekannt seien. Das Befugnis, alle positiven Naturprinzipien als ursprünglich homogen anzunehmen, ist nur philosophisch abzuleiten. Ohne diese Annahme (ich setze voraus, daß man wisse, was eine Annahme zum Behuf einer möglichen Konstruktion sei) ist es unmöglich, die ersten Begriffe der Physik, z.B. der Wärmelehre, zu konstruieren. – Der Idealismus, den die Philosophie allmählich in alle Wissenschaften einführt (in der Mathematik ist er schon längst, vorzüglich seit Leibniz und Newton, herrschend geworden) scheint noch wenigen verständlich zu sein. Der Begriff einer Wirkung in die Ferne z.B., an welchen noch viele sich stoßen, beruht ganz auf der idealistischen Vorstellung des Raums; denn nach dieser können zwei Körper in der größten Entfernung voneinander als sich berührend, und umgekehrt, Körper, die sich (nach der gemeinen Vorstellung) wirklich berühren, als aus der Entfernung aufeinander wirkend vorgestellt werden. – Es ist sehr wahr, daß ein Körper nur da wirkt, wo er ist , aber es ist ebenso wahr, daß er nur da ist , wo er wirkt , und mit diesem Satz ist die letzte Brustwehr der atomistischen Philosophie überstiegen. – Ich muß mich enthalten, hier noch mehrere Beispiele anzuführen. Vorrede zur zweiten Auflage Hatte der Verfasser am Ende der Vorrede zur ersten Auflage die Dürftigkeit der damals bekannten Erfahrungen in bezug auf das, was er in der Natur mit leiblichen Augen zu sehen wünschte, anerkennen müssen, so ziemt es hier nicht minder, die wundervolle, Hoffnungen, welche im Jahr 1798 der größte Teil der damaligen Gelehrtenwelt für Torheit gehalten hatte, nicht allein erfüllende, sondern übertreffende Ausbreitung des Erfahrungskreises, welche man vorzüglich der Verfolgung Eines großen Phänomens zu danken hat, dankbar anzuerkennen. Bei der neuen Überarbeitung dieser Schrift ist mancher vergessene Keim wieder sichtlich geworden, der seitdem entfaltet wurde. Durch diese Bemerkung schien eine wiederholte Auflage dieser Schrift noch mehr gerechtfertigt zu werden, sowie der Verfasser wohl sagen darf, daß sie für ihn selbst durch die Erwähnung Winterls , des aufrichtigen und tiefschauenden Forschers, und die Meinung von ihrer Übereinstimmung mit seinen, auf ganz andern Wegen gefundenen Resultaten, welche er äußert, einen neuen Wert erlangt habe. Möge ihr nun ein solcher auch für das Publikum zuwachsen durch die Zugabe der auf dem Titel erwähnten Abhandlung. Wir können sie als einen reinen Abdruck der allgemeinsten Grundsätze jener Lehre angeben, welche unter dem Namen der Naturphilosophie zwar eine sehr schnelle Ausbreitung erhalten hat, aber wahrlich noch sehr wenig in ihrem Wesen erkannt worden ist. Diese Abhandlung ist geschrieben, nicht bloß um gelesen, sondern um studiert zu werden; das Abgebrochene und Kurze der Darstellung mag dienen, jene, welche das Letztere nicht vermögen, wenigstens von ihr abzuhalten. Sollten sie das Wort Band bemerken, dessen sich der Verfasser bedient, so ist zu wünschen, daß sie es nicht mit dem Winterlschen Ausdruck verwechseln und daraus wieder eine Gleichheit beider Ansichten auf ihre Weise inferieren; denn der interessante Parallelismus, der sich hier wirklich aufweisen ließe, ist für sie nicht vorhanden, und wäre ihnen schwer verständlich zu machen. [Übersicht] Abhandlung über das Verhältnis des Realen und Idealen in der Natur Über die erste Kraft der Natur. Der Dualismus in der Natur führt auf ein organisierendes Prinzip = Weltseele Das positive Prinzip = erste Kraft der Natur ist das unmittelbare Objekt der höheren Naturlehre. Das Phänomen dieses Prinzips ist eine Materie. Materialität des Lichts. Das Licht als Phänomen einer Entwicklung. Die allgemeine Duplizität der Materie (deren Voraussetzung eine allg. Identität). – Schlußsätze.     I. Erste Stufe der Entfaltung der Duplizität des Lichts, oder: Welche Phänomene zeigt das Licht an der Oberfläche der Körper?     II. Welche Wirkung zeigt das Licht auf die Körper selbst?         A. Die negative Materie des Lichts zeigt sich             1) an der langsamen Erwärmung der durchsichtigen Körper             2) an der desoxydierenden Wirkung des Lichts             3) an der schnellen Erwärmung der dunklen Körper         B. Theorie der Erwärmung (das Licht, indem es seine negative Materie verliert, verbindet sich mit einem andern Prinzip, das aber nur im Moment des Konflikts da ist)         C. Resultat: Das Licht das erste Prinzip der ganzen Natur (sowie in ihm der erste Anfang des allgemeinen Dualismus der Natur)         D. Konstruktion der Begriffe der Wärmelehre             1) Unterschied der absoluten Wärme und der spezifischen Wärme. Begriff der thermometrischen Wärme             2) Erklärung der absoluten Wärme             3) Die Gesetze, nach denen sich die absolute und die spezifische Wärine der Körper wechselseitig bestimmt             Begriff der Wärmekapazität eines Körpers.             4) Konstruktion des Verbrennens             5) Begriff der Wärmeleiter. Unterschied der quantitativen und qualitativen Kapazität.             6) Resultat: in jedem Körper ist ein der Wärmematerie ursprünglich verwandtes Prinzip             7) Erklärung der verschiedenen Grade der Brennbarkeit der Körper     III. Der Dualismus der Luftarten         1) Exposition dieses Dualismus         2) Widerlegung der gangbaren Ansicht         3) Beweis aus der Stickluft als einem besonderen Wesen     IV. Offenbarung des höheren Dualismus in der Elektrizität         1) Das bestimmte Wechselverhältnis der – und + Kraft         2) Erklärung des Wechselverhältnisses der Kräfte als eines allgemeinen Gesetzes. Zusammenhang mit dem Gesetz der Gravitation         3) Gesetz des Verhältnisses beider Elektrizitäten         4) Die spezifische Natur der elektrischen Materie etwas besonders (unabhängig von dem Verhältnis der beiden Elektrizitäten) zu Untersuchendes         5) Der Unterschied der beiden Elektrizitäten liegt in ihren ponderablen Basen. Untersuchung über die ponderable Basis der elektrischen Materie         6) Das Elektrisieren eine höhere Naturoperation als die Oxydationsprozesse         7) Wichtigkeit einer Theorie der Elektrizität für die Meteorologie. Nachweis des Zusammenhangs der Erzeugung der Elektrizität mit der Beschaffenheit der Atmosphäre     V. Die Polarität in der Erdatmosphäre         a) Das positive Prinzip         b) Das negative Prinzip         c) Möglichkeit weiterer Materien außerhalb des Wirkungskreises der Erde         d) Möglicher Einfluß höherer (immaterieller) Kräfte auf unsere Atmosphäre. Kritik der gewöhnlichen meteorologischen Begriffe. Hypothese zur Erklärung der Barometerveränderungen     VI. Bestimmung des Begriffs der Polarität         1) Verhältnis der Polarität (als engerer Sphäre) zum allgemeinen Dualismus. Erklärung der elektrischen Polarität (des Turmalin) aus der ungleichförmigen Erregbarkeit durch Wärme         2) Was hieraus folgt (die Wärme das Vermittelnde im Dualismus)         3) Gleiche Ursache der Erregbarkeit der magnetischen (wie der elektrischen) Polarität         4) Daher auch gleiche Art ihrer Entstellung (durch dens. Mechanismus). Weitere Schlüsse in bezug auf den Magnetismus         5) Die magnetische Kraft keine absolut innere, ein Prinzip, das außer dem Magnet         6) Nähere Bestimmung dieses Prinzips         7) Priorität der magnetischen Kraft vor der elektrischen         8) Verschiedenes Verhältnis der Körper zum Magnetismus         9) Anwendung dieser Ideen auf die Polarität der Erde         10) Resultat: das Gesetz der Polarität ein allgemeines Weltgesetz Über den Ursprung des allgemeinen Organismus I. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier II. Von den entgegengesetzten Prinzipien des tierischen Lebens     A. Der Grund des Lebens nicht einzig in der tierischen Materie     B. Der Grund des Lebens liegt ebensowenig ganz außerhalb der tierischen Materie     C. Der Grund des Lebens liegt in entgegengesetzten Prinzipien (einem außer dem Individuum u. einem in dem Individuum). – Corollarien         1) Das positive Prinzip in allen Wesen gleich, das negative verschieden: worin         2) Vereinigung der bisherigen Systeme der Physiologie         3) Unterscheidung der aktiven und passiven Organe III. Von den negativen Bedingungen des Lebensprozesses     1) Notwendige Voraussetzung eines permanenten Antagonismus der negativen Prinzipien – in der Pflanze     2) im Tiere. Der Prozeß selbst beruhend     3) auf der beständigen Störung und     4) der beständigen Wiederherstellung des (dynamischen) Gleichgewichts     5) Das (zufällige) Produkt des Prozesses         A. Die tierische Materie und deren Organisation                 Zusätze:             1. Die Unzerstörbarkeit der Organisation oder die Individualität im Produkt             2. Der Begriff der unendlichen Individualisierung             3. Das Gesetz der Individualisierung                 Beweise einer höheren absoluten Lebensursache.             4. Die Selbst-Regeneration des Organs             5. Die Widerstandskraft des Organismus         B. Die Vereinigung von Freiheit und (blinder) Gesetzmäßigkeit in der Organisierung der Körper             1. Der Bildungstrieb. Dieser setzt voraus             2. eine erste Ursache der Organisation             3.-5. Warum der Bildungstrieb nicht Erklärungsgrund der Organisation         C. Das beständige Individualisieren der Materie             1.-4. Wachstum und Fortpflanzung und ihr                 Verhältnis in bezug auf die Individualisierung             5. Allmählichkeit der Entwicklung             6. Die Trennung der Geschlechter letzter Schritt zur Individualisierung     6) Der Übergangsmoment im Prozeß – Gerinnung     7) Der Ernährungsprozeß     8) Dem Oxydations- ein beständiger Desoxydationsprozeß entsprechend     9)-10) Beständigkeit des Desoxydationsprozesses     11) Kontinuierlichkeit des Oxydationsprozesses IV. Von der positiven Ursache des Lebens     1) Der Umtrieb der animalischen Flüssigkeiten     2) Begriff der Irritabilität     3) Die Irritabilität gemeinsch. Produkt entgegengesetzter Prinzipien     4) Wie diese Prinzipien bei der Irritabilität wirken     5) Ursache der Irritabilität. Gegensatz der Irritabilität und Sensibilität.     6) Schlußsatz: Notwendigkeit Eines Naturprinzips (alle Funktionen des animalischen Prozesses Zweige – Erscheinungen – desselben)     7) Bestimmung dieses Naturprinzips:         a) es ist nicht wieder eine Kraft;         b) es ist = gemeinschaftliche Seele der Natur. Über das Verhältnis des Realen und Idealen in der Natur oder Entwickelung der ersten Grundsätze der Naturphilosophie an den Prinzipien der Schwere und des Lichts Das Dunkelste aller Dinge, ja das Dunkel selbst nach einigen, ist die Materie. Dennoch ist es eben diese unbekannte Wurzel, aus deren Erhebung alle Bildungen und lebendigen Erscheinungen der Natur hervorgehen. Ohne die Erkenntnis derselben ist die Physik ohne wissenschaftlichen Grund, die Vernunftwissenschaft selbst entbehrt des Bandes, wodurch die Idee mit der Wirklichkeit vermittelt ist. Ich nehme die Materie weder als etwas unabhängig von der absoluten Einheit Vorhandenes an, das man dieser als einen Stoff unterlegen könnte, noch auch betrachte ich sie als das bloße Nichts; sondern ich stimme im Allgemeinen mit jenem Ausspruch des Spinoza überein, welcher in einem seiner Briefe auf die Frage, ob aus dem bloßen Begriff der Ausdehnung (im Kartesianischen Sinn) die Mannigfaltigkeit der körperlichen Dinge a priori abgeleitet werden könne, antwortet: ich halte vielmehr die Materie für ein Attribut, das die unendliche und ewige Wesenheit in sich ausdrückt. Da übrigens ein jeder Teil der Materie für sich Abdruck des ganzen Universum sein muß, so kann sie wohl nicht bloß als Ein Attribut, das die unendliche Wesenheit ausdrückt, sondern sie muß als ein Inbegriff solcher Attribute betrachtet werden. Daß der Materie ein Gegensatz, eine Zweiheit zugrunde liege, hat schon das Altertum teils geahndet, teils erkannt. Daß diese durch ein Drittes in ihr aufgehoben sei und sie selbst daher eine geschlossene und in sich identische Triplizität darstelle, ist in aller Munde, seitdem diese Untersuchungen neuerdings angeregt worden sind. Dennoch behält die Tiefe dieses Gegenstandes einen unwiderstehlichen Reiz für den Betrachter, und zieht ihn immer wieder an, so lange wenigstens, als er sich nicht einbilden kann jene völlig erleuchtet zu haben, wie mir dies bis jetzt der Fall zu sein scheint. Aus diesem Gründe glaube ich weder etwas Unnötiges noch den Verstehenden Unerwünschtes zu leisten, wenn ich in einer einfachen Darstellung die Folgen meiner Untersuchungen zusammengedrängt mitteile, über die Prinzipien, deren endliches Resultat die Materie ist, im vollsten Sinne des Worts. Dieselben Prinzipien sind notwendig die der gesamten Natur und so zuletzt die des All selbst, und diesem nach mögen wir gleichsam sinnbildlich an der Materie das ganze innere Triebwerk des Universum und die höchsten Grundsätze der Philosophie selbst entwickeln. Wir hoffen, diese Entwicklung werde als keine fremdartige Zugabe erscheinen zu einer Schrift, welche keinen andern Wert hat als den einiger treuen, auf Anschauung gegründeten und durch die Folge gerechtfertigten Ahndungen über die allumfassende Bedeutung jenes Gesetzes des Dualismus, dem wir in den einzelnsten Erscheinungen ebenso bestimmt als im Ganzen der Welt begegnen. Schon der erste Blick in die Natur lehrt uns, was uns der letzte lehrt; denn auch die Materie drückt kein anderes, noch geringeres Band aus, als jenes, das in der Vernunft ist, die ewige Einheit des Unendlichen mit dem Endlichen. Wir erkennen in den Dingen erstens die reine Wesentlichkeit selbst, die nicht weiter erklärt werden kann, sondern sich selbst erklärt. Wir erblicken aber diese Wesentlichkeit nie für sich, sondern stets und überall in einem wundersamen Verein mit dein, das nicht von sich selbst sein könnte und nur beleuchtet ist von dem Sein, ohne je selbst für sich ein Wesentliches werden zu können. Wir nennen dieses das Endliche oder die Form. Das Unendliche kann nun nicht zu dem Endlichen hinzukommen; denn es müßte sonst aus sich selbst zu dem Endlichen herausgehen, d.h. es müßte nicht Unendliches sein. Ebenso undenkbar aber ist es, daß das Endliche zu dem Unendlichen hinzukomme; denn es kann vor diesem überall nicht sein, und ist überhaupt erst etwas in der Identität mit dem Unendlichen. Beide müssen also durch eine gewisse ursprüngliche und absolute Notwendigkeit vereinigt sein, wenn sie überhaupt als verbunden erscheinen. Wir nennen diese Notwendigkeit, so lange bis wir etwa einen andern Ausdruck derselben finden, das absolute Band, oder die Kopula. Und in der Tat ist klar, daß dieses Band, in dem Unendlichen selbst, erst das wahrhaft und reell Unendliche ist. Es wäre keineswegs unbedingt, stünde das Endliche oder Nichts ihm entgegen. Es ist absolut nur als absolute Verneinung des Nichts, als absolutes Bejahen seiner selbst in allen Formen, somit nur als das, was wir die unendliche Kopula genannt haben. Ebenso klar ist auch, daß die Vernunft nicht das wahrhaft und in jeder Beziehung Unbedingte erkennte, wenn sie das Unendliche nur im Gegensatz des Endlichen begriffe. Ist es nun jenem wesentlich, sich selbst in der Form des Endlichen zu bejahen, so ist eben damit zugleich diese Form, und da sie nur durch das Band ist, so muß auch sie selbst als Ausdruck desselben, d.h. als Verbundenes des Unendlichen und des Endlichen, erscheinen. Ebenso notwendig und ewig als diese beiden sind auch das Band und das Verbundene beisammen, ja die Einheit und das Zumalsein von diesen ist selbst nur der reale und gleichsam höhere Ausdruck jener ersten Einheit. Wird überhaupt erst das Band gesetzt, so müßte es sich selbst als Band aufheben, wenn es nicht das Unendliche wirklich im Endlichen, d.h. wenn es nicht zugleich das Verbundene setzte. Das Band und das Verbundene machen aber nicht ein gedoppeltes und verschiedenes Reales aus; sondern dasselbe, was in dem einen ist, ist auch in dem andern; das, wodurch das Verbundene auf keine Weise gleich ist dem Band, ist notwendig nichtig, da die Wesentlichkeit eben in der absoluten Identität des Unendlichen und des Endlichen, also auch in der des Bandes und des Verbundenen besteht. Wir können zwischen diesen beiden keinen andern Unterschied anerkennen, als den wir in dem Gesetz der Identität (wodurch die Verknüpfung des Prädizierenden mit dem Prädizierten als eine ewige ausgedrückt ist) finden können, je nachdem wir entweder auf die absolute Gleichheit, die Kopula selbst, oder auf das Subjekt und das Prädikat, als die Gleichgesetzten, reflektieren, und so wie diese mit jener zumal und untrennbar da sind, ebenso überhaupt das Verbundene mit dem Band. Das Band drückt in dem Verbundenen zugleich sein eignes in der Identität bestehendes Wesen aus. Dieses kann daher insofern als sein Abdruck betrachtet werden. Nehme ich aber von dem Abdruck hinweg, was er von demjenigen hat, von dem er der Abdruck ist, so bleiben nichts als lauter unwesentliche Eigenschaften zurück, nämlich die, welche er als bloßer Abdruck, leeres Schemen, hat; so daß also das Band selbst und der Abdruck nicht zwei verschiedene Dinge , sondern entweder nur ein und dasselbe Wesen auf verschiedene Weise angeschaut, oder das eine zwar ein Wesen, das andere aber ein Nichtwesen ist. Es ist derselbe Unterschied, welchen einige zwischen dem Esse substantiae und dein Esse formae gemacht haben, und von dem gleichfalls einzusehen ist, daß er kein reeller, sondern bloß ideeller Unterschied sei. Wir können das Band im Wesentlichen ausdrücken als die unendliche Liebe seiner selbst (welche in allen Dingen das Höchste ist), als unendliche Lust sich selbst zu offenbaren, nur daß das Wesen des Absoluten nicht von dieser Lust verschieden gedacht werde, sondern als eben dieses sich-selber- Wollen. Eben das sich – selbst – Bejahen ist, unangesehen der Form, das an sich Unendliche, welches daher nie und in nichts endlich werden kann. Das Absolute ist aber nicht allein ein Wollen seiner selbst, sondern ein Wollen auf unendliche Weise, also in allen Formen, Graden und Potenzen von Realität. Der Abdruck dieses ewigen und unendlichen sich – selber – Wollens ist die Welt. Seilen wir aber in diesem Abdruck der Welt auf das, was sie von dein Bande hat, und wodurch sie ihm gleich ist, das Positive in ihr, und nicht auf die unwesentlichen Eigenschaften: so ist sie von dem Absoluten selbst nicht verschieden, sondern nur die vollständige und in fortschreitender Entwicklung ausgebreitete Kopula. Und hier eben stehen wir an dem ersten und wichtigsten Punkte ihrer Entfaltung. Das Universum, d.h. die Unendlichkeit der Formen, in denen das ewige Band sich selbst bejaht, ist nur Universum, wirkliche Ganzheit (totalitas) durch das Band, d.h. durch die Einheit in der Vielheit. Die Ganzheit fordert daher die Einheit (identitas), und kann ohne diese auf keine Weise gedacht werden. Unmöglich aber wäre es auch, daß das Band in dem Vielen das Eine wäre, d.h. selbst nicht Vieles würde, wäre es nicht wieder in dieser seiner Einheit in der Vielheit, und eben deshalb auch im Einzelnen das Ganze. Die Einheit des Bandes fordert daher die durchgängige Ganzheit desselben, und kann ohne diese nicht gedacht werden. Identität in der Totalität, und Totalität in der Identität ist daher das ursprüngliche und in keiner Art trennbare oder auflösbare Wesen des Bandes, welches dadurch keine Duplizität erhält, sondern vielmehr erst wahrhaft Eins wird. Weder aus jener noch aus dieser allein kann die vollendete Geburt der Dinge begriffen werden, sondern nur aus dem notwendigen Einssein beider in allem und jedem wie in dem Bande selbst. Die Vollständigkeit der Bestimmungen in allem Wirklichen ist ganz gleich jener Vollendung des Ewigen selbst, kraft welcher es in der Identität das Ganze und in der Ganzheit das Identische ist. Die Formen, in denen das ewige Wollen sich selber will, sind für sich betrachtet ein Vieles; die Vielheit ist daher eine Eigenschaft der Dinge, die ihnen nur zukommt, abgesehen von dem Band; auch tut sie eben deshalb nichts zur Realität der Dinge hinzu und schließt nichts Positives in sich. Das Band ist in der Vielheit der Dinge die Einheit, und insofern die Negation der Vielheit für sich betrachtet. Von Gott sagt ein Ausspruch des Altertums: er sei dasjenige Wesen, das überall Mittelpunkt, auch im Umkreis ist, und daher nirgends Umkreis. Wir möchten dagegen den Raum erklären, als dasjenige, was überall bloß Umkreis ist, nirgends Mittelpunkt. Der Raum als solcher ist die bloße Form der Dinge ohne das Band, des Bekräftigten ohne das Bekräftigende: daher auch seine Unwesentlichkeit durch ihn selbst offenbar ist, indem er nichts anderes als die reine Kraft- und Substanzlosigkeit selbst bezeichnet. Man fordre nicht, daß wir den Raum erklären, denn es ist an ihm nichts zu erklären, oder sagen, wie er erschaffen worden, denn ein Nichtwesen kann nicht erschaffen werden. Das Band als das Gleiche und Eine in der Vielheit des Verbundenen negiert diese als für sich bestellende; es negiert daher zugleich den Raum als die Form dieses für-sich-Bestehens. Dies Band, das alle Dinge bindet und in der Allheit Eins macht, der überall gegenwärtige, nirgends umschriebene Mittelpunkt, ist in der Natur als Schwere. Indem aber das Band in der Schwere den Raum als Form des für-sich-Bestehens negiert, setzt es zumal die andere Form der Endlichkeit, die Zeit, welche nichts anderes ist denn die Negation des für-sich-Bestehens, und nicht sowohl von der Besonderheit der Dinge herkommt, wie der Raum, als vielmehr ein Ausdruck des Einen ist im Gegensatz des Vielen, des Ewigen im Widerspruch mit dem Nichtewigen. Das Band, das an sich das Ewige ist, ist in dem Verbundenen, als Verbundenen, die Zeit. Denn das Verbundene als ein solches ist jederzeit nur dieses = B; das Band aber als das Wesende von B ist zumal das Wesende, die unteilbare Kopula aller Dinge. Daher denn jenes (das Verbundene, als das Verbundene), von dem Ewigen (oder dem Band) gleichsam überschwellt, als ein bloßes Akzidens, und zeitlich gesetzt ist. Zeitlich ist nämlich alles, dessen Wirklichkeit von dem Wesen übertroffen wird, oder in dessen Wesen mehr enthalten ist, als es der Wirklichkeit nach fassen kann. Indem nach einer unvermeidlichen Notwendigkeit das Band des Ganzen auch das Wesen des einzelnen Verbundenen ist, beseelt es dieses unmittelbar; Beseelung ist Einbildung des Ganzen in ein Einzelnes. Als Beseelung wird es betrachtet, daß der Magnetstein das Eisen, das Elektron leichte Körper an sich zieht; aber ist es nicht unmittelbare Beseelung, daß jeder Körper, ohne sichtbare Ursache, gleichsam magischerweise, zum Zentrum bewegt wird? Diese Beseelung des Einzelnen durch die Kopula des Ganzen ist jedoch der Beseelung des Punkts zu vergleichen, wenn er in die Linie eintretend gedacht wird, und zwar vom Begriff eines Ganzen, der mehr enthält, als er (der Punkt) für sich selbst enthalten kann, durchdrungen wird, aber in diesem Durchgang auch sein unabhängiges Leben verliert. Das Sein des Verbundenen, als Verbundenen, ist daher ein der Natur und dem Begriff nach verschiedenes von dem des Bandes. Das Wesen des Bandes ist an sich selbst Ewigkeit, das Sein des Verbundenen aber für sich Dauer; denn seine Natur ist, von der einen Seite zwar zu sein, aber nur als dienend dem Ganzen, insofern also auch nicht zu sein. Das Verknüpfende dieses Widerspruchs in ihm selbst aber ist die Zeit. Das Band in B wird nicht bestimmt von dem Band in C, D u.s.f., denn es ist als jenes zumal dieses und nur ein durchaus unteilbares Band. Das Verbundene dagegen, als ein solches, wird notwendig bestimmt durch anderes Verbundenes, als ein solches (denn es ist mit ihm zu Einem Ganzen gefügt, nicht aber von sich selbst, sondern durch das Band), und unterliegt daher den Relationen zu anderem, mittelbar aber zu allen Dingen. Das Reale selbst aber in der Unwesentlichkeit der Zeit ist die ewige Kopula, ohne welche eine Zeit nicht einmal verfließen könnte. Das Wesen in der Zeit ist überall Mittelpunkt, aber nirgends Umkreis. Jeder Augenblick ist daher von der gleichen Ewigkeit wie das Ganze. Aus diesem Grunde erhellt, daß das Zeitleben jedes Dings an sich betrachtet von dem ewigen nicht verschieden, sondern selbst sein ewiges ist. Wie das Band eine ewige Wahrheit ist, so ist es auch als Wesen des Einzelnen nur eine ewige, nicht eine zeitliche Wahrheit. Das Dasein des Einzelnen kann in der Wahrheit des Bandes nicht mechanisch, sondern nur dynamisch oder der Idee nach begriffen sein, und ist darum unangesehen der Dauer in und mit dem Ganzen ewig. Setze, um dies deutlich zu machen (gleichsam mythischerweise es vorstellend, wie dies in den Lehren der Religion geschieht), die Zeit als abgelaufen und demnach nun als Ewigkeit: so setzest du dich selbst wieder in ihr. Diese Ewigkeit, die du nur als abgelaufene Zeit imaginierst, ist aber schon. Die Endlichkeit des Dings, d.h. des Verbundenen, ist, daß es nur daure und von der Allmacht der Kopula überwältigt vergehe. Aber seine Ewigkeit ist, daß es zum Ganzen gehört, und daß sein Dasein, so kurz oder lang es gedauert haben mag, in dem Ganzen als ein ewiges aufbewahrt ist. Der Ausdruck des Bejahtseins, des für-sich-Bestehens im Einzelnen ist die Ruhe; denn alles für sich selbst Bestehende ruht. Wie nun das Band als Schwere das Verbundene als für sich Bestehendes negiert, ebenso negiert es auch jene Ruhe, deren Nichtigkeit wir im Raume anschauen, indem es die Bewegung in die Ruhe setzt. Bewegung in der Ruhe ist daher an dem Einzelnen der Ausdruck des Bandes, sofern es Schwere, d.h. die Identität ist in der Totalität. An sich selbst aber stellt sich das Band in der Schwere aller Dinge dar als die unendliche und freie Substanz. Es hat nicht ein Sein und ein anderes Sein, d.h. Teile, sondern nur ein und dasselbe Sein. Es ist nicht umschrieben, weder von den Dingen, denn alle Dinge sind nur in ihm, es selbst aber ist in keinem andern, noch von sich selbst, denn es ist sich selbst unfaßlich, weil es nicht ein Gedoppeltes, sondern nur Eines ist. Als das, was in allen Dingen das Wesen ist, hat es notwendig selbst kein Verhältnis zu anderem, und da es ferner mit nichts anderem vergleichbar ist, so kommt ihm auch keine Größe zu; ebensowenig hat es ein Verhältnis zu der Große oder zu irgend einer Verschiedenheit der Dinge; denn es ist dasselbe göttliche Band im Kleinsten wie im Größten. Ebenso gibt es für das Band keine Leere noch Abstand, weder Nähe noch Ferne; denn es ist der überall gegenwärtige Mittelpunkt. Alles aber, was von dem Band gilt, gilt auch von dem All, welches nach dem Positiven betrachtet von dein Band selbst nicht verschieden ist. Wie könnten wir daher, wenn wir auch nur auf das Wesen in der Schwere sehen, von dem All die Frage aufwerten, ob es dem Raume nach endlich oder unendlich sei. Indem vielmehr der Gott in der Schwere sich überall als Mittelpunkt zeigt, und die Unendlichkeit seiner Natur, welche die falsche Imagination in endloser Ferne sucht, ganz in der Gegenwart und in jedem Punkte kundgibt, hebt er eben damit jenes Schweben der Imagination auf, wodurch sie vergebens die Einheit der Natur mit der Allheit und die Allheit mit der Einheit zu vereinigen sucht. Allgemein also ist die Schwere das Verendlichende der Dinge, indem sie in das Verbundene die Einheit oder innere Identität aller Dinge als Zeit setzt. Gerade in dieser Überwältigung oder Unterdrückung durch das Band wird das Verbundene des Gegenscheines fähig und geschickt zu der Abschaltung des Wesentlichen, wie der formlose Stoff nur in dem Maß, als er von dem Bildner bewältigt selbst gleichsam verschwindet, die Idea des Künstlers hervortreten läßt; oder wie da, wo der beständigste Wechsel des Verbundenen stattfindet, und dieses am meisten in seiner Nichtigkeit erscheint, im Organismus, am vollkommensten das Wesentliche (die Kopula) durchscheint und sichtbar wird; oder wie oft organische Wesen noch unmittelbar vor ihrem Vergehen den höchsten Lebensglanz von sich werfen. Alle Verwirklichung in der Natur beruht auf eben dieser Vernichtung, diesem durchsichtig – Werden des Verbundenen, als des Verbundenen, für das Band. Das Band verhält sich zu dem Verbundenen wieder, wie sich Bejahendes zu Bejahtem verhält, welche beide, wie gesagt, auf ebenso notwendige Weise beisammen sind, als in dem höchsten Vernunftsatz (A = A) mit der Kopula zugleich auch das Subjekt und Prädikat als verknüpfte sind. Aber das Band oder die Einheit in der Schwere setzt das Verbundene als bloß endlich, als nicht – ewig, und hinwiederum das Ewige in der Schwere ist nicht selbst wirklich oder objektiv, sondern nur das Bejahende oder Subjektive. Sollte also in dem Verbundenen selbst das Ewige als wirklich gesetzt sein: so müßte das Band, d.h. das Bejahende, in ihm selbst wieder bejaht, selbst wieder wirklich sein. Wie ist dies möglich? Wir haben nicht vergessen, daß das Ewige in der Schwere nur von Einer Seite betrachtet wurde, nämlich nur als die Identität in der Totalität. Das Ewige aber bejaht nicht allein sich selbst als die Einheit in der Allheit der Dinge (wodurch diese das bloße Verhältnis des Bejahten haben), sondern es bejaht auch dieses sein Bejahen aller Dinge wieder im Einzelnen, d.h. es setzt sich oder ist Allheit auch im Einzelnen, Totalität in der Identität. Inwiefern es nun nicht bloß Identität in der Totalität, sondern ebenso Totalität in der Identität und daher auch im Einzelnen ist: insofern ist es zuvörderst selbst erst vollendete Substanz, und insofern nur wird auch in dem Verbundenen als dein Verbundenen das Ewige entfaltet. Hat das Band als bloße Identität das für-sich-Bestehen der Dinge, und dadurch den Raum, negiert (denn nur das All ist wahrhaft geschieden und für sich, weil außer ihm nichts ist): so muß im Gegenteil das Band, als Totalität im Einzelnen, die Zeitlichkeit und Endlichkeit negieren; dafür aber an dem Ding das wirkliche für-sich-Sein und damit den realen Raum oder die Ausdehnung, die Simultaneität und mit Einem Wort dasjenige hervorrufen, wodurch es eine Welt für sich ist. Es ist hier der Ort, uns über das Verhältnis von Raum und Zeit in der Natur, und wie beide stets durcheinander negiert und endlich ausgeglichen werden, völlig zu erklären. Raum und Zeit sind zwei relative Negationen voneinander: in keinem von beiden kann daher etwas absolut Wahres sein, sondern in jedem ist eben das wahr, wodurch es das andere negiert. Der Raum hat für sich die Simultaneität, und gerade so weit als er Gegenteil der Zeit ist, so weit ist ein Schein der Wahrheit in ihm. Die Zeit im Gegenteil hebt das Auseinander auf und setzt die innere Identität der Dinge; dagegen bringt sie, das Nichtige des Raums negierend, selbst etwas Nichtiges mit, nämlich das Nacheinander in den Dingen. Das Unwesentliche des einen ist daher immer in dem andern negiert, und inwiefern das Wahre in jedem durch das andere nicht kann ausgelöscht werden, so ist in der vollkommenen relativen Negation beider durcheinander, d.h. in der vollkommenen Ausgleichung beider, zugleich das Wahre gesetzt. Wie nun das Ewige, als Einheit in der Allheit, die Schwere in der Natur ist, so folgt, daß dasselbe, auch als Allheit in der Einheit, überall gegenwärtig sei, im Teil wie im Ganzen, und die Dinge ebenso allgemein als die Schwere begreife. Wo sollten wir aber dieses zweite Wesen, wenn wir es anders so nennen dürfen, da es doch mit dem ersten nur ein und dasselbe ausmacht, finden, wenn nicht in jenem allgegenwärtigen Lichtwesen, in welches die Allheit der Dinge aufgelöst, dein Jupiter, von dem alles allerwärts erfüllt ist? Unvollkommen und nur von der einzelnen Erscheinung hergenommen könnte jener Ausdruck scheinen, doch kaum zu mißdeuten von dem, welchem der Alten Begriff von der Weltseele oder dem verständigen Äther bekannt ist, und der nur weiß, daß wir damit etwas weit Allgemeineres ausdrücken wollen, als was gewöhnlich durch das Licht bezeichnet wird. Wie also die Schwere das Eine ist, das, in alles sich ausbreitend, in diesem All die Einheit ist, so sagen wir im Gegenteil von dem Lichtwesen, es sei die Substanz, sofern sie auch im Einzelnen, also überhaupt in der Identität das All oder das Ganze ist. Das Dunkel der Schwere und der Glanz des Lichtwesens bringen erst zusammen den schönen Schein des Lebens hervor, und vollenden das Ding zu dem eigentlich Realen, das wir so nennen. Das Lichtwesen ist der Lebensblick im allgegenwärtigen Zentro der Natur; wie durch die Schwere die Dinge äußerlich Eins sind, ebenso sind sie in dem Lichtwesen als in einem innern Mittelpunkt vereinigt und sich selbst untereinander in dem Maß innerlich gegenwärtig, als jener Brennpunkt vollkommener oder unvollkommener in ihnen selbst liegt. Von diesem Wesen sagten wir, daß es die Zeit, als Zeit, im Verbundenen negiere. Wir erkennen dies schon in seinen einzelnen Erscheinungen auf vielfache Weise: im Klang, welcher, obschon der Zeit angehörig, doch in dieser gleichsam organisiert, eine wahre Totalität ist; am bestimmtesten in seiner reinsten Erscheinung, im Licht. Wenn Homeros die Schnelligkeit der Bewegung durch die Zeitlosigkeit des Gedankens beschreibt, welcher umherschweift, viele Länder der Erde im Nu durcheilend, so können wir die Zeitlosigkeit des Lichts in der Natur allein mit der des Gedankens vergleichen. Aber als inneres Wesen und als das andere Prinzipium des Einzelnen, entfaltet das Lichtwesen die in ihm gegenwärtige Ewigkeit und bringt auch das zur Erscheinung, wodurch es eine ewige Wahrheit hat, wodurch es selbst notwendig ist im All. Denn notwendig ist jedes Ding, nur sofern sein Begriff zumal der Begriff aller Dinge ist. Da die Bewegung eines Dings nichts anderes ist als der Ausdruck seines Bandes mit andern Dingen, so setzt das Lichtwesen, indem es dies Band in dem Ding selbst als objektiv entfaltet, nicht wie die Schwere die Bewegung in die Ruhe, sondern die Ruhe in die Bewegung und macht das Ding selbst in der Ruhe dennoch zum Spiegel des Ganzen. Dasselbe Prinzipium ist in jener allgemeinen Seele erkennbar, welche die Zeit durchdringt, das Zukünftige voraussieht, ahndet in den Tieren, das Gegenwärtige mit dem Vergangenen in Übereinstimmung setzt, und jene lose Verknüpfung der Dinge in der Zeit völlig aufhebt. Es ist unleugbar, daß neben dem äußeren Leben der Dinge sich ein innerliches offenbart, dadurch sie der Sympathie und Antipathie, so wie allgemein der Perzeption anderer, auch nicht unmittelbar gegenwärtiger Dinge fähig sind; unleugbar also, daß das allgemeine Leben der Dinge zugleich das besondere des einzelnen ist. Da dieses Prinzipium es ist, wodurch allgemein die Unendlichkeit der Dinge als Ewigkeit und Gegenwart gesetzt ist, so ist es zugleich dasjenige, welches in der Zeit das Bleibende, in dem allesumschließenden Kreis der Ewigkeit gleichsam einzelne Kreise, nämlich die größeren und kleineren Perioden bildet, das die Jahre, Monate und Tage schmückt; und sollten wir nicht mit Platon übereinstimmen, dieses allesordnende und bessernde Prinzip die allgemeine und allseitige Weisheit und die königliche Seele des Ganzen zu nennen? Auch das Lichtwesen aber ist, ebenso wie die Schwere, nur ein Abstraktum des alleinigen und ganzen Wesens; niemals und in keinem Ding der Natur sehen wir eines derselben für sich wirken, sondern das eigentliche Wesen der Dinge, wir mögen es nun in seiner schaffenden Wirksamkeit oder in dem Erschaffenen selbst betrachten, ist immer das Identische jener beiden, wie es nur als dieses von uns anfänglich erkannt wurde. Hier sehen wir also die erste Kopula zwischen dein Unendlichen und Endlichen vollständig auch in der Wirklichkeit entwickelt und in die höhere verwandelt, zwischen dem Unendlichen, sofern es die Einheit in der Allheit der Dinge, und demselben, sofern es die Allheit in der Einheit ist. In jedem von beiden liegt das ewige Band; jedes ist für sich absolut; aber sie selbst sind wieder durch das gleiche Band so verschlungen, daß sie selbst und das, wodurch sie vereinigt sind, nur ein und dasselbe unauflösliche Absolute ausmachen. Es ist eine und dieselbe Natur, welche auf gleiche Weise das Einzelne in dem Ganzen und das Ganze in dem Einzelnen setzt, als Schwere nach Identifikation der Totalität, als Lichtwesen nach Totalisierung der Identität tendiert. Der beiden Prinzipien ewiger Gegensatz und ewige Einheit erzeugt erst als Drittes und als vollständigen Abdruck des ganzen Wesens jenes sinnliche und sichtbare Kind der Natur, die Materie. Nicht eine Materie im Abstrakte, eine allgemeine, formlose oder unbefruchtete, sondern die Materie mit der Lebendigkeit der Formen zumal und so, daß auch sie wieder ein dreifältig ausgebreitetes und doch zu Einem unauflöslich verkettetes Ganzes ausmacht. Alle Formen, welche nach dem Wesen des Absoluten möglich sind, müssen auch wirklich sein (denn mit dem Band zumal ist notwendig das Verbundene), und da die Allheit, die Einheit und die Identität beider, jedes dieser drei für sich das ganze Absolute und doch keines ohne das andere ist, so ist klar, wie in jedem derselben das Ganze, nämlich die Allheit, die Einheit und die Identität beider enthalten und ausgedrückt sein müsse. So ist z.B. die Schwere für sich der ganze und unteilbare Gott, inwiefern er sich als die Einheit in der Vielheit, als Ewiges im Zeitlichen ausdrückt. Die Schwere für sich organisiert sich daher zu einer eigentümlichen Welt, in der alle Formen des göttlichen Bandes, aber unter dem gemeinschaftlichen Siegel der Endlichkeit begriffen sind. Die Schwere wirkt auf den Keim der Dinge hin; das Lichtwesen aber strebt die Knospe zu entfalten, um sich selbst anzuschauen, da es als das All in Einem, oder als absolute Identität, sich nur in der vollendeten Totalität selbst erkennen kann. Die Schwere wirkt auf Beschränkung des Raums, des für-sich-Bestehens hin, und setzt in dem Verbundenen das Nacheinander oder die Zeit, welche dem Raum eingeschwungen jenes bloß endliche Band des Zusammenhangs oder der Kohärenz ist. Im Reich der Schwere selbst also ist der Abdruck der Schwere das gesamte Feste oder Starre, in welchem der Raum von der Zeit beherrscht ist. Das Lichtwesen dagegen macht, daß das Ganze auch in dem Einzelnen sei. Im Reich der Schwere selbst ist daher der Abdruck des Lichtwesens, als des anderen Bandes, die Luft. Hier nämlich zeigt sich im Einzelnen das Ganze entfaltet, da jeder Teil absolut von der Natur des Ganzen ist, während das Dasein des Starren eben darauf beruht, daß die Teile relativ voneinander verschieden, sich polarisch entgegengesetzt seien. Ist also in dem gesamten Festen eigentlich die Zeit das Lebendige, so stellt dagegen das andere Reich, die Luft, in ihrer Freiheit und Ununterscheidbarkeit von dem Raum, das Bild der reinsten Simultaneität ungetrübt dar. Die absolute Kopula der Schwere und des Lichtwesens aber ist die eigentlich produktive und schaffende Natur selbst, zu der sich jene als die bloßen, wenn gleich wesentlichen, Attribute verhalten. Von dieser quillt alles, was uns in dem Verbundenen mit der Idee der Realität des Daseins erfüllt. Im Reich der Schwere ist als Abdruck dieses dritten Bandes, der eigentlichen Identität, dasjenige, in welchem das Urbild der Materie am reinsten dargestellt ist, das Wasser, das fürnehmste der Dinge, von dem alle Produktivität ausgeht, und in das sie zurückläuft. Von der Schwere als dem Prinzip der Verendlichung kommt ihm die Tropfbarkeit; von dem Lichtwesen, daß auch in ihm der Teil wie das Ganze ist. Auf diese drei Urformen also kommen alle Schöpfungen im Reich der Schwere zurück. Aber auch jeder einzelne Teil der Materie ist wieder ein Abdruck dieses dreigestalteten Ganzen, und stellt in den drei Dimensionen nur die auseinandergelegte dreifache Kopula dar, ohne deren Gegenwart (der Wirklichkeit oder der Potenz nach) keine Realität möglich ist. Die Betrachtung jener Formen in der Vereinzelung führt uns zu einer Vorstellung von der unorganischen oder unbelebten Natur. Aber sie sind in der Tat und in der wirklichen Natur nicht vereinzelt, sondern, wie sie dem Allgemeinen nach eins sind durch die Schwere, ebenso ihrer Besonderheit nach durch das Lichtwesen oder innere Zentrum der Natur, welches, selbst das All in Einem, sie, als Glieder eines organischen Leibes zur Totalität ihrer Differenzen entfaltet, zugleich in die Einheit und Ewigkeit seiner Selbstanschauung aufnimmt. Wie nämlich in der ersten Schöpfung das unendliche und unteilbare Wesen der Natur, sich selbst im Endlichen bejahend, dieses als ein zufälliges und zeitliches setzt, so ist dagegen in der gleich ewigen Zurücknahme der Allheit in die Einheit eben dieses Endliche in die Identität des Wesens verklärt und dadurch selbst wesentlich gesetzt. Von dieser Seite betrachtet, bilden die einzelnen Dinge der Natur nicht eine unterbrochene oder ins Endlose auslaufende Reihe, sondern eine stetige, in sich selbst zurückkehrende Lebenskette, in welcher jedes Glied zum Ganzen notwendig ist, wie es selbst das Ganze empfindet und keine Veränderung seines Verhältnisses erleiden kann, ohne Zeichen des Lebens und der Empfindlichkeit von sich zu geben. Die leisesten Veränderungen, z.B. bloß räumlicher Verhältnisse, haben in diesem lebensvollen Ganzen Erscheinungen von Wärme, Licht, Elektrizität zur Folge: so beseelt zeigt sich alles, ein so inniges Verhältnis des Teils zum Ganzen und des Ganzen zum Teil. Wenn das dem Verbundenen eingebildete Band in dem Zeitlichen das Ewige, in der Nicht-Totalität die Totalität zu erfassen sucht, so ist der Ausdruck dieses Strebens Magnetismus. Das Band im Gegenteil, wodurch das Zeitliche in das Ewige, die Differenz in die Identität aufgenommen ist, ist das allgemeine Band der Elektrizität. Das zeitliche Band (im Magnetismus) bewirkt abermals Identität, Einheit in der Vielheit; das ewige (in der Elektrizität) manifestiert die in der Einzelheit gegenwärtige Allheit: wo aber beide sich ausgleichen und aus beiden Banden ein Drittes wird, tritt die Produktivität der nun mit sich selbst organisch verflochtenen Natur abermals hervor, in den chemischen Schöpfungen und Umwandlungen, durch welche nun erst jeder Teil der Materie, sein eignes Leben zum Opfer bringend, in das Leben des Ganzen eintritt und ein höheres, organisches Dasein gewinnt. So also lebt das Wesen in sich geschlossen, das Einzelne zeugend, wandelnd, um im Zeitlichen die Ewigkeit abzuspiegeln, indes es selbst, aller Formen Kraft, Inhalt und Organismus, die Zeit in sich als Ewigkeit setzt und von keinem Wechsel berührt wird. Der Lebensquell der allgemeinen oder großen Natur ist daher die Kopula zwischen der Schwere und dem Lichtwesen; nur daß dieser Quell, von dem alles ausfließt, in der allgemeinen Natur verborgen, nicht selbst wieder sichtbar ist. Wo auch diese höhere Kopula sich selbst bejaht im Einzelnen, da ist Mikrokosmus, Organismus, vollendete Darstellung des allgemeinen Lebens der Substanz in einem besonderen Leben. Dieselbe alles enthaltende und vorsehende Einheit, welche die Bewegungen der allgemeinen Natur, die stillen und stetigen wie die gewaltsamen und plötzlichen Veränderungen nach der Idee des Ganzen mäßigt, und alles stets in den ewigen Kreis zurückführt – dieselbe göttliche Einheit ist es, welche, unendlich bejahungslustig, sich in Tier und Pflanze gestaltet und mit unwiderstehlicher Macht, ist der Moment ihres Hervortretens entschieden, Erde, Luft und Wasser in lebendige Wesen, Bilder ihres All-Lebens, zu verwandeln sucht. Diese höhere Einheit ist es, welche, die Totalität der Schwere und die Identität des Lichtwesens gleicherweise im Verbundenen entfaltend, beide als die Attribute von sich selbst setzt. Das Lichtwesen sucht im Verbundenen das Wesentliche, nämlich das Band; in gleichem Verhältnis als es dieses entfaltet, kann es selbst als das All in Einem eintreten und so die Welt im Kleinen vollendet darstellen. Das Leben des Organischen hängt zuvörderst an dieser Entfaltung des Bandes; daher der Pflanze unendliche Liebe zum Licht, indem in ihr vorerst nur das Band der Schwere sich lichtet. In demselben Verhältnis, in welchem das Band aufgeschlossen wird, fängt das Verbundene an unwesentlich zu werden, und wird einem immer größeren Wechsel unterworfen. Das Verbundene, als solches (die bloße Materie), soll nichts für sich sein; sie ist nur etwas als Ausdruck des Bandes, daher diese beständig wechselt, indes das Organ, d.h. eben das Band, die lebendige Kopula, die Idea selbst, wie durch göttliche Bekräftigung, besteht und immer dasselbe bleibt. Durch die gänzliche Verdrängung des Verbundenen, als des Verbundenen, und die Entwicklung oder Verwirklichung des Bandes, gelangt daher die Idea erst zu der vollendeten Geburt. Indem indes das Verbundene verschwindet, dagegen aber das Band lebendig hervortritt, erscheint in gleichem Verhältnis eben das, was auf der tieferen Stufe noch als ein Zufälliges erschien, als wesentlich; denn die Besonderheit des Verbundenen ist allein wesentlich und ewig in dem Band; wird daher dieses objektiv, wirklich gesetzt, so wird das Wirkliche, das zuvor unwesentlich schien, nun selbst wesentlich oder notwendig. Daher das Dasein des Organismus nicht auf der Materie als solcher, sondern auf der Form, d.h. eben demjenigen beruht, das in anderer Beziehung zufällig, hier aber wesentlich erscheint für die Existenz des Ganzen. Nicht minder aber als das Band der Schwere im Organismus entfaltet wird, hat auch das Lichtwesen, als das All in Einem, die ewige Ruhe in der ewigen Bewegung, im lebenden Wesen vollkommenere oder unvollkommenere Zentra gefunden. In steigender Entwicklung wird das Einzelne, ruhend jedoch, in der Tat gleich dem Ganzen, wie die Kraft eines jeden Punktes des Sehorgans die ganze himmlische Umwölbung faßt, und der Punkt gleich ist dem unendlichen Raume. Noch einmal hypostasiert sich hier die dreifache Kopula) und bildet sich jede in einer eigentümlichen Welt aus. Das dunkle Band der Schwere ist in den Verzweigungen des Pflanzenreichs gelöst und dem Licht aufgeschlossen. Die Knospe des Lichtwesens bricht in dem Tierreich auf. Die absolute Kopula, jener beider Einheit und Mittelpunkt, kann sich selbst nur in Einem finden, und sich nur von diesem Punkt aus, in wiederholter Entfaltung, aufs neue zu einer unendlichen Welt ausbreiten. Jenes Eine ist der Mensch, in welchem das Band das Verbundene vollends durchbricht und in seine ewige Freiheit heimkehrt. Beruht indes der Organismus im Allgemeinen auf der Wirklichkeit und Selbstbejahung der absoluten Kopula, so muß auch in jeder einzelnen Sphäre desselben der Gegensatz und die Einheit der beiden Prinzipien dargestellt sein. Die wahre Einheit der beiden Prinzipien ist aber die, bei welcher zugleich ihre Wesentlichkeit besteht. Wäre jedes von beiden nur durch ein Teilganzes, nicht aber durch ein Selbstganzes dargestellt, so wäre damit die Selbständigkeit eines jeden aufgehoben und jenes höchste Verhältnis einer göttlichen Identität ausgelöscht, deren Unterschied von einer bloß endlichen wir anderwärts schon dadurch erklärt haben, daß in ihr nicht Entgegengesetzte verbunden werden, die der Verbindung bedürfen, sondern solche, deren jedes für sich sein könnte und doch nicht ist ohne das andere. Dieses Verhältnis ist einzig in dem Gegensatz und der Einheit der Geschlechter dargestellt. Das Reich der Schwere, wie es im Ganzen und Großen sich in der Pflanzenwelt gestaltet, ist im Einzelnen durch das weibliche, das Lichtwesen durch das männliche Geschlecht personifiziert. Das göttliche Band, welches die beiden Prinzipien vermittelt und das ewig schaffende ist, wirkt im Tier- und Pflanzenreich, ohne sich zu erkennen (denn die Liebe erkennt sich selbst nur in Einem), mit blinder Gewalt das große Werk der Propagation. Das Verbundene wird hier selbst gleich dem Band schaffend, zeugend, bejahend sich selbst. Wie nun das dreifache Band der Dinge in dem Ewigen als Eins liegt und durch seine Einheit das Ganze hervorbringt, so gebiert jenes, da es durch die Menschennatur nur als im Vergänglichen sich selbst erkannt, als den vollkommenen und unvergänglichen Abdruck von sich selbst endlich den Weltbau, und die göttlichen allesaufnehmenden Gestirne, von deren Leben nach Würde zu reden eine größere Ausdehnung erfordert würde, als wir dieser Schrift bestimmt haben. Nur dies Eine, als das Nächste, sei hier bemerkt: daß Raum und Zeit, beide im Weltkörper wechselseitig durcheinander in ihrer Unwesentlichkeit negiert und somit wesentlich gesetzt, im Umlauf vollkommen ausgeglichen sind. Der Zweck der erhabensten Wissenschaft kann nur dieser sein: die Wirklichkeit, im strengsten Sinne die Wirklichkeit, die Gegenwart, das lebendige Da-sein eines Gottes im Ganzen der Dinge und im Einzelnen darzutun. Wie hat man nur je nach Beweisen dieses Daseins fragen können? Kann man denn über das Dasein des Daseins fragen? Es ist eine Totalität der Dinge, sowie das Ewige ist; aber Gott ist als das Eine in dieser Totalität; dieses Eine in Allem ist erkennbar in jedem Teil der Materie, alles lebt nur in ihm. Aber ebenso unmittelbar gegenwärtig und in jedem Teil erkennbar ist das All in Einem, wie es überall das Leben aufschließt und im Vergänglichen selbst die Blume der Ewigkeit entfaltet. Das heilige Band, durch welches die beiden ersten eins sind, empfinden wir in unserem eignen Leben und dessen Wechsel, z.B. von Schlaf und Wachen, wo es uns bald der Schwere heimgibt, bald dem Lichtwesen zurückstellt. Die All- Kopula ist in uns selbst als die Vernunft, und gibt Zeugnis unserem Geist. Hier handelt es sich nicht mehr von einer außer- oder übernatürlichen Sache, sondern von dem unmittelbar-Nahen, dem allein- Wirklichen, zu dem wir selbst mit gehören und in dem wir sind. Hier wird keine Schranke übersprungen, keine Grenze überflogen, weil es in der Tat keine solche gibt. Alles, was man gegen eine Philosophie, die vom Göttlichen handelt, oder auch wohl gegen mißverstandene und sich selbst mißverstehende Versuche einer solchen vorlängst vorgebracht hat, ist gegen uns völlig eitel; und wann wird endlich eingesehen werden, daß gegen diese Wissenschaft, welche wir lehren und deutlich erkennen, Immanenz und Transzendenz völlig und gleich leere Worte sind, da sie eben selbst diesen Gegensatz aufhebt, und in ihr alles zusammenfließt zu Einer Gott-erfüllten Welt? Eine vielfältige Erfahrung hat mich gelehrt, daß den meisten das größte Hindernis der Auffassung und des lebendigen Verständnisses der Philosophie ihre unüberwindliche Meinung ist, daß der Gegenstand derselben in einer unendlichen Ferne zu suchen sei; wodurch es geschieht, daß während sie das Gegenwärtige anschauen sollten, sie alle Anstrengung des Geistes nötig haben, um sich einen Gegenstand zu schaffen, von welchem in der ganzen Betrachtung gar nicht die Rede ist. So unmöglich es nun dem, welcher von diesem Irrwahn noch besessen wird, sein muß, die Wahrheit in dieser Sache zu sehen, so einfach und klar im Gegenteil erscheint sie demjenigen, der entweder nie davon ergriffen, oder durch ein Glück seiner Natur, oder auf andere Weise, davon geheilt worden ist. In dieser Philosophie finden keine Abstraktionen statt, als welche man vermöge jenes Wahns in sie hineinlegt. Von allem, was Vernunft als ewige Folge von dem Wesen Gottes erkennt, ist in der Natur nicht allein der Abdruck, sondern die wirkliche Geschichte selbst enthalten. Die Natur ist nicht bloß Produkt einer unbegreiflichen Schöpfung, sondern diese Schöpfung selbst; nicht nur die Erscheinung oder Offenbarung des Ewigen, vielmehr zugleich eben dieses Ewige selbst. Je mehr wir die einzelnen Dinge erkennen, desto mehr erkennen wir Gott, sagt Spinoza, und mit stets erhöhter Überzeugung müssen wir auch jetzt noch denen, welche die Wissenschaft des Ewigen Stichen, zurufen: Kommet her zur Physik und erkennet das Ewige! Die Ordnung und Verkettung der Natur würde auch derjenige nicht anders aussprechen können, welcher nur mit reinem Sinn und heitrer Einbildungskraft sie betrachtet; ja, wollte er das Wesen dieser Welt in Worte fassen und aufrichtig aussprechen, er würde als bloßer Anschauer keinen andern Ausdruck desselben finden, als den wir gefunden haben. Die Bildungen der sogenannten unbelebten Natur werden ihn zwar, der Ferne wegen, in der sie uns die Substanz zeigen, die Kraft derselben nur als ein tiefverschlossenes Feuer ahnden lassen; aber auch hier, in Metallen, Steinen, ist in der ungemessenen Macht, von der alles Dasein ein Ausdruck ist, der gewaltige Trieb zur Bestimmtheit, ja zur Individualität des Daseins unverkennbar. Wie aus einer unabsehlichen Tiefe emporgehoben erscheint ihm die Substanz schon in Pflanzen und Gewächsen (in jeder Blume, die ihre Blätter auseinander breitet, scheint sich ein Prinzip nicht bloß Eines Dings, sondern vieler Dinge zu fassen), bis in tierischen Organismen hypostasiert das erst grundlose Wesen dem Betrachter immer näher und näher tritt, und ihn aus öffnen, bedeutungsvollen Augen anblickt. Immer zwar scheint es noch ein Geheimnis zurückbehalten zu wollen und nur einzelne Seiten von sich selbst zu offenbaren. Aber wird nicht auch ihn, den bloßen Betrachter der Werke, eben diese göttliche Verwirrung und unfaßliche Fülle von Bildungen, nachdem er alle Hoffnung aufgegeben sie mit dem Verstande zu begreifen, zuletzt in den heiligen Sabbat der Natur einführen, in die Vernunft, wo sie, ruhend über ihren vergänglichen Werken, sich selbst als sich selbst erkennt und deutet. Denn in dem Maß, als wir selbst in uns verstummen, redet sie zu uns. Über die erste Kraft der Natur Veniet tempus, quo ista, quae nunc latent, in lucem dies extrahat et longioris aevi diligentia. Ad inquisitionem tantorum una aetas non sufficit. – Itaque per successiones ista longas explicabuntur. Veniet tempus, quo posteri tarn aperta nos nesciisse mirentur. Seneca Nat. Qu. VII. Jede in sich selbst zurückkehrende Bewegung setzt, als Bedingung ihrer Möglichkeit, voraus eine positive Kraft, die (als Impuls ) die Bewegung anfacht (gleichsam den Ansatz zur Linie macht), und eine negative , die (als Anziehung ) die Bewegung in sich selbst zurücklenkt (oder sie verhindert in eine gerade Linie auszuschlagen). In der Natur strebt alles kontinuierlich vorwärts ; daß dies so ist, davon müssen wir den Grund in einem Prinzip suchen, das, eine unerschöpfliche Quelle positiver Kraft, die Bewegung immer von neuem anfacht und ununterbrochen unterhält. Dieses positive Prinzip ist die erste Kraft der Natur . Aber eine unsichtbare Gewalt führt alle Erscheinungen in der Welt in den ewigen Kreislauf zurück. Daß dies so ist, davon müssen wir den letzten Grund in einer negativen Kraft suchen, die, indem sie die Wirkungen des positiven Prinzips kontinuierlich beschränkt, die allgemeine Bewegung in ihre Quelle zurückleitet. Dieses negative Prinzip ist die zweite Kraft der Natur. Diese beiden streitenden Kräfte zugleich in der Einheit und im Konflikt vorgestellt, führen auf die Idee eines organisierenden , die Welt zum System bildenden Prinzips . Ein solches wollten vielleicht die Alten durch die Weltseele andeuten. Die ursprünglich-positive Kraft, wenn sie unendlich wäre, fiele ganz außerhalb aller Schranken möglicher Wahrnehmung . Durch die entgegengesetzte beschränkt, wird sie eine endliche Größe – sie fängt an Objekt der Wahrnehmung zu sein, oder sie offenbart sich in Erscheinungen . Das einzig- unmittelbare Objekt der Anschauung ist das Positive in jeder Erscheinung. Auf das Negative (als die Ursache des bloß Empfundenen ) kann nur geschlossen werden. Das unmittelbare Objekt der höheren Naturlehre ist daher nur das positive Prinzip aller Bewegung, oder die erste Kraft der Natur . Sie selbst, die erste Kraft der Natur, verbirgt sich hinter den einzelnen Erscheinungen , in denen sie offenbar wird, vor dein begierigen Auge. In einzelnen Materien ergießt sie sich durch den ganzen Weltraum. Um diesen Proteus der Natur , der unter immer veränderter Gestalt in zahllosen Erscheinungen immer wiederkehrt, zu fesseln, müssen wir die Netze weiter ausstellen. Unser Gang sei langsam, aber desto sicherer. Die Materie, die in jedem System vom Zentrum gegen die Peripherie strömt, das Licht , bewegt sich mit solcher Kraft und Schnelligkeit, daß einige sogar an seiner Materialität gezweifelt haben, weil ihm der allgemeine Charakter der Materie, die Trägheit, abgehe. Aber allem Anschein nach kennen wir das Licht nur in seiner Entwicklung , höchstwahrscheinlich ist es auch nur in diesem Zustand ursprünglicher Bewegung fähig unser Auge als Licht zu rühren. Nun ist aber jede Entwicklung und jedes Werden einer Materie von eigentümlicher Bewegung begleitet. Wenn nun ein außerordentlich hoher, jedoch endlicher Grad der Elastizität augenblicklich erzeugt wird, so wird derselbe das Phänomen einer höchst elastischen Materie geben, die, weil das Wesen der Elastizität ausdehnende Kraft ist, in einem Raume sich verbreitet, der dem Grade dieser Kraft proportional ist. Dies wird den Schein einer freien Bewegung dieser Materie geben, gleichsam als ob sie vom allgemeinen Gesetze der Trägheit ausgenommen, in sich selbst die Ursache ihrer Bewegung hätte. Allein diese Bewegung, so groß und schnell wir sie auch annehmen, unterscheidet sich doch von jeder andern, wodurch in irgend einer Materie ein Gleichgewicht der Kräfte entsteht, nur dem Grade nach. Denn lassen wir etwa jene elastische Materie ohne allen Widerstand, den ein minder elastischer Körper durch seine Undurchdringlichkeit oder durch seine Anziehungskraft ihrer Verbreitung entgegensetzen könnte, in einem völlig leeren Raum sich ausbreiten, so müßte sie, da der Grad ihrer Elastizität doch ein endlicher ist, und die Elastizität jeder Materie in demselben Verhältnis abnimmt, in welchem der Raum, durch den sie sich verbreitet, zunimmt, doch endlich einen Grad der Verbreitung erreichen, bei welchem ihre allmählich verminderte Elastizität in ein relatives Gleichgewicht mit ihrer Masse käme, und so Ruhe , d.h. einen permanenten Zustand der Materie, möglich machte. Das Licht also, obgleich es sich mit wunderbarer Schnelligkeit bewegt, ist doch deswegen nicht mehr und nicht weniger träg , als jede andere Materie, deren Bewegung kein Gegenstand der Wahrnehmung ist. Denn daß ich es gleich anfangs sage, absolute Ruhe in der Welt – ist ein Unding , alle Ruhe in der Welt ist nur scheinbar, und eigentlich nur ein Minus, keineswegs aber ein gänzlicher Mangel der Bewegung (= 0). Die Bewegung des Lichts also ist eine ursprüngliche Bewegung; die jeder Materie, als solcher , zukommt, nur daß sie, sobald die Materie einen permanenten Zustand erreicht hat, mit einem Minimum von Geschwindigkeit geschieht, zu welchem das Licht gleichfalls gelangen würde, sobald seine ursprünglichen Kräfte ein gemeinschaftliches Moment erreicht hätten. Denn jede Materie erfüllt ihren bestimmten Raum nur durch eine Wechselwirkung entgegengesetzter Kräfte; daß sie also denselben Raum permanent erfüllen, d.h. daß der Körper in seinem Zustand beharrt, kann man nicht erklären, ohne jene Kräfte als in jedem Moment gleich tätig anzunehmen, wodurch denn das Unding von absoluter Ruhe von selbst verschwindet. Jede Ruhe, also auch jedes Beharren eines Körpers ist lediglich relativ . Der Körper ruht in bezug auf diesen bestimmten Zustand der Materie; solange dieser Zustand fortdauert (solange z.B. der Körper fest oder flüssig ist), werden die bewegenden Kräfte den Raum mit gleicher Quantität , d.h. sie werden denselben Raum ausfüllen, und insofern wird der Körper zu ruhen scheinen, obgleich, daß dieser Raum kontinuierlich erfüllt wird, nur aus einer kontinuierlichen Bewegung erklärbar ist. Daß also das Licht nach allen Seiten sich in Strahlen verbreitet, muß daraus erklärt werden, daß es in beständiger Entwicklung und in der ursprünglichen Verbreitung begriffen ist. Daß auch das Licht zu relativer Ruhe gelange, kann man schon daraus schließen, daß das Licht einer unendlichen Menge von Sternen seine Bewegung nicht bis zu uns fortpflanzt. Das Interesse der Naturwissenschaft ist, nichts Schrankenloses zuzulassen, keine Kraft als absolut, sondern jede derselben immer nur nur als die negative ihrer Entgegengesetzten anzusehen (erste Aufl.) im Konflikt mit ihrer entgegengesetzten anzusehen. Nun mögen wir auch, welche von diesen Kräften wir wollen, zu dem höchstdenkbaren Grad anwachsen lassen, so werden wir es doch bis zur absoluten Negation ihrer entgegengesetzten nimmermehr bringen können. Daher das Bestreben derjenigen, welche die allgemeine Schwere von dem Stoß einer unbekannten Materie ableiten, die die Körper gegeneinander treibt, völlig eitel ist; denn diese Materie, da sie schwermachend ist, ohne doch selbst schwer zu sein, müßte man sich als eine absolute Negation der Attraktivkraft vorstellen; als solche aber würde sie aufhören ein Gegenstand möglicher Konstruktion zu sein, sie würde sich in der allgemeinen Repulsivkraft gleichsam verlieren, und ließe zur Erklärung der allgemeinen Schwere kein materielles Prinzip, sondern nur die dunkle Idee einer Kraft überhaupt übrig, was man doch eben durch jene Annahme vermeiden wollte. Was das Licht in den Schranken der Materie zurückhält, was seine Bewegung endlich und zum Gegenstand der Wahrnehmung macht, ist ist seine Ponderabilität (erste Auflage). das, wodurch alle Materie endlich ist, die Attraktivkraft. Wenn einige Naturlehrer das Licht selbst oder einen Teil desselben als imponderabel annehmen, so sagen sie damit nichts, als daß im Licht eine große Expansivkraft (bei welcher, als einer ursprünglichen, zuletzt alle unsere Erklärungen stehen bleiben) wirksam sei. Allein da diese Expansivkraft niemals über die Schranken der Materie treten, d.h. niemals absolut werden kann, so kann die Schwere in einer Materie, wie im Licht, zwar als verschwindend , niemals aber als völlig verneint betrachtet werden. Es ist insofern gar nicht widersinnig, eine negative Schwere des Lichts zu behaupten; denn da dieser aus der Mathematik entlehnte Ausdruck nicht eine bloße Negation , sondern immer eine wirkliche Entgegensetzung anzeigt, so ist negative Anziehung in der Tat nichts mehr und nichts weniger als reale Zurückstoßung , so daß jener Ausdruck weiter nichts sagt, als was man schon längst wußte, daß im Licht eine repulsive Kraft wirksam sei. Soll aber dadurch etwa eine Ursache angedeutet werden, durch welche das absolute (nicht das spezifische) Gewicht der Körper vermindert werden könne, so ist der Begriff einer solchen Ursache längst in das Reich der Hirngespinste verwiesen. Wenn sonach kein Grad der Elastizität der höchstmögliche, und über jeden möglichen Grad höhere Grade, zwischen jedem gegebenen Grad aber und der gänzlichen Negation alles Grads unzählige Zwischengrade gedacht werden können, so kann auch jede noch so elastische Materie als das mittlere Verhältnis eines höheren und niedereren Grads, d.h. als zusammengesetzt aus beiden, angesehen werden. Ob wir gerade die Mittel haben eine solche Materie chemisch zu zerlegen, darauf kommt es nicht an; genug wenn eine solche Zerlegung möglich ist, und wenn die Natur Mittel haben kann sie zu bewirken. Wir würden also (auch wenn die Farben der Körper nicht eine Zerlegung des Lichts anzeigten) das Licht nicht als ein einfaches Element, sondern als Produkt aus zwei Prinzipien Materien. Erste Auflage. ansehen, davon das eine, elastischer als das Licht, die positive (nach de Luc das fluidum deferens), das andere, seiner Natur nach minder elastisch, die negative (ponderable), Zusatz der ersten Auflage. Materie des Lichts heißen kann. Die positive Materie des Lichts ist in bezug auf das Licht der letzte Grund seiner Expansibilität und insofern absolutelastisch, obgleich wir sie gar nicht als Materie denken können, ohne auch ihre Elastizität wieder als endlich, d.h. sie selbst als zusammengesetzt anzusehen. Es ist erstes Prinzip der Naturlehre, kein Prinzip als absolut anzusehen, und als Vehikel jeder Kraft in der Natur ein materielles Prinzip anzunehmen. Die Naturlehre hat, wie durch einen glücklichen Instinkt, diese Maxime standhaft befolgt, und von jeher lieber unbekannte Materien zur Erklärung der Naturerscheinungen vorausgesetzt, ehe sie zu absoluten Kräften ihre Zuflucht nahm. Dabei zeigt sich nun auffallend der Vorteil des Begriffs ursprünglicher Kräfte , den die dynamische Philosophie in die Naturwissenschaft eingeführt hat. Sie dienen nämlich ganz und gar nicht als Erklärungen , sondern nur als Grenzbegriffe der empirischen Naturlehre, wobei die Freiheit der letztern nicht nur nicht gefährdet, sondern sogar gesichert wird, weil der Begriff von Kräften, da jede derselben eine Unendlichkeit möglicher Grade zuläßt, deren keiner ein absoluter (der absolut-höchste oder niedrigste) ist, ihr einen unendlichen Spielraum eröffnet, innerhalb dessen sie alle Phänomene empirisch , d.h. aus der Wechselwirkung verschiedener Materien , erklären kann. Zwar hat sich die Naturlehre dieser Freiheit der Erklärung von jeher bedient, ohne sich doch je gegen den Vorwurf des Willkürlichen derselben schützen zu können, welcher von nun an ganz wegfällt, da nach Prinzipien einer dynamischen Philosophie außerhalb der Sphäre bekannter Materien noch ein weiter Raum für andere, unbekannte, übrig bleibt, die man doch nicht für erdichtet ausgeben kann, sobald nur der Grad ihrer Energie als proportional mit wirklich beobachteten Erscheinungen angenommen wird. Soviel zur Berichtigung der gewöhnlichen Vorstellungen. Wenn ich die Materialität des Lichts behaupte, so schließe ich damit die entgegengesetzte Meinung nicht aus, diese nämlich, daß das Licht das Phänomen eines bewegten Mediums sei. Ich habe in den Ideen zu einer Philosophie der Natur die Frage aufgeworfen: Sollte sich das Licht von der Sonne bis zu uns nicht durch Zersetzung fortpflanzen? Ich meinte, ob man die Newtonsche und Eulersche Theorie vom Licht nicht vereinigen könnte. In der Tat, was wollen Newtons Anhänger? – Eine Materie, die eigentümlicher Verhältnisse zu den Körpern, also auch eigentümlicher Wirkungen fähig ist. Und was will dagegen Euler und wer ihm beistimmt? – Daß das Licht bloßes Phänomen eines bewegten, erschütterten Mediums sei. Muß nun aber die Erschütterung notwendig mechanisch sein, wie Euler will? Wer kann beweisen, daß nicht zwischen Erd' und Sonne eine Materie ausgegossen ist, die durch Wirkung der Sonne dekomponiert wird, und könnten nicht diese Dekompositionen bis in unsere Atmosphäre sich fortpflanzen, da in ihr selbst eine Quelle des Lichts ist? Auf diese Art hätten wir, was Newton will, eine eigentümliche Lichtmaterie, die sogar chemischer Verhältnisse fähig ist, und was Euler will, eine Fortpflanzung des Lichts durch bloße Erschütterung eines zersetzbaren Mediums. Soviel mir bekannt ist, gestehen beide, Newtons sowohl als Eulers Anhänger, daß jede dieser Theorien ihre eigentümlichen Schwierigkeiten hat, denen die entgegengesetzte ausweicht. Wäre es daher nicht besser getan, diese Meinungen, anstatt sie wie bisher einander entgegenzusetzen, lieber als wechselseitige Ergänzungen voneinander zu betrachten, um so die Vorteile beider in Einer Hypothese zu vereinigen? Ein Hauptbeweis für diese neue Theorie ist, daß alles Licht, das wir kennen, doch nur Phänomen einer Entwicklung ist. Denn 1. Gesetzt auch, daß das Licht, das jetzt eben bei uns anlangt, dasselbe ist, das vor etwas weniger als acht Minuten von der Sonne ausstrahlte, so können wir, wie bereits gezeigt worden, die Verbreitung des Lichts nach allen Seiten nicht erklären, ohne diese Bewegung als eine ursprüngliche anzunehmen. Ursprüngliche Bewegung aber ist in einer Materie nur so lange, bis sie ein dynamisches Gleichgewicht erreicht hat, d.h. so lange, als sie noch im Werden begriffen ist. Also ist wohl alles Licht, das unser Organ rührt, ein solches, das noch im Zustand der Entwicklung ist. 2. Daß wirklich das Licht der Sonne bloßes Phänomen einer steten Dekomposition ihrer Atmosphäre ist, hat Herschel zu einem hohen Grad der Wahrscheinlichkeit gebracht (Philosoph. Transact. for the year 1795. Vol. I.). Der Einfachheit der Mittel nach, welche wir die Natur zu ihren größten und ausgebreitetsten Wirkungen anwenden sehen, können wir jene Vermutung um so eher auf alle selbstleuchtenden Körper des Weltsystems ausdehnen, als manche Phänomene ihres Lichts einen solchen Ursprung zu verraten scheinen, wovon späterhin ein Mehreres. Da ich sah, daß Herr Herschel selbst, um seine Hypothese vom Ursprung des Sonnenlichts wahrscheinlicher zu machen, sich auf Lichtentwicklungen in unserer Erdatmosphäre (auf das Nordlicht, das oft so groß und glänzend ist, daß es wahrscheinlich vom Monde aus gesehen werden kann, auf das Licht, das oft in heitern mondlosen Nächten den Himmel überzieht usw.) berufen hatte, wurde ich in der Vermutung, daß wohl alles Licht durch Erschütterung eines leicht zersetzbaren Mediums sich fortpflanze, noch mehr bestärkt (s. die Ideen zu einer Phil. d. Natur S. 36 [S. 200 dieses Bandes]). Ich habe seitdem Lichtenbergs Meteorologische Phantasien aus Gelegenheit der Herschelschen Hypothese gelesen, und auch durch diese schien mir eine solche Hypothese eher bestätigt als widerlegt zu werden. 3. Es ist jetzt ausgemacht, daß das Licht, das beim Verbrennen der Körper zum Vorschein kommt, aus der umgebenden Luft, und zwar aus demjenigen Teil derselben entwickelt wird, der von seiner Wirksamkeit zur Beförderung aller Lebensfunktionen den Namen Lebensluft (aër vitalis) erhalten hat. Schon zum voraus läßt sich vermuten, daß wohl alles Licht, das wir zu erregen imstande sind, aus der Lebensluft seinen Ursprung nimmt. Ich habe in der angeführten Schrift behauptet, daß das System der neuern Chemie, sobald es die gehörige Ausdehnung erhalte, gar wohl zum allgemeinen Natursysteme heranwachsen könnte. Die gegenwärtige Schrift soll die Probe eines solchen ausgedehnteren Gebrauchs geben. Die Entdeckungen über die Eigenschaften des gaz oxygène hätten längst darauf aufmerksam machen sollen, daß das Oxygene, wenn es das ist, wofür man es schon jetzt ausgibt, wohl noch mehr als nur das sein werde. Auch hat man bereits dem ponderabeln Grundstoff der Lebensluft die wunderbarsten Wirkungen in der Natur zuzuschreiben angefangen. Dagegen ist eine, wie mir dünkt, sehr wahre Bemerkung gemacht worden, daß es widersinnig sei, einem an sich toten Körper, dergleichen das sogenannte Oxygene ist, solche Gewalt zuzutrauen. (Man s. z.B. was Brandis sagt in dem Versuch über die Lebenskraft S. 118). Was an jener Entdeckung der Chemie das Wichtigste ist, ist die stete Koexistenz jenes Grundstoffs mit der energischen Materie , die sich im Licht offenbart, so daß man vor jetzt wenigstens alles Recht hat, ihn eigentlich als diejenige Materie anzusehen, welche die Natur den steten Wirkungen eines ätherischen, überall verbreiteten Fluidums entgegensetzt. Da die Lebensluft eine zusammengesetzte Materie ist, und da alle Flüssigkeiten angesehen werden müssen als zusammengesetzt aus einem ursprünglich-elastischen Fluidum und einer ponderabeln Materie, so können wir hier, da wir uns im Gebiete einer hohem Wissenschaft befinden, die Bildersprache der Chemie verlassen, und den sogenannten Sauerstoff als die negative Materie der Lebensluft ansehen, die sich beim Verbrennen mit dem Körper verbindet, während die positive unter der Gestalt des Lichts davongeht. – Der Kürze halber werden wir das Licht durch + O, das Oxygene selbst aber durch – O bezeichnen (vorausgesetzt jedoch, daß man dabei noch nicht an + E und – E denke). Wenn sonach die Lebensluft die Quelle des Lichts, und das – O die ponderable Materie ist, wodurch ein frei zirkulierendes , um die Weltkörper ausgegossenes , höchst elastisches Fluidum in seinen Bewegungen beschränkt und an die gravitierenden Körper gleichsam gefesselt wird, so hört insofern die alte , von Des Cartes, Huygens, Euler neu hervorgesuchte Lehre von einem allgemein verbreiteten Äther zum Teil wenigstens auf hypothetisch zu sein , und was auch Newton am Ende seiner Optik nur zu vermuten wagte, wird vielleicht noch zur Evidenz gebracht werden. Was wir Licht nennen, ist nun selbst: das Phänomen einer höhern Materie, die noch vielfacher anderer Verbindungen fähig ist, und mit jeder neuen Verbindung auch eine andere Wirkungsart annimmt. Im Licht, obgleich es das einfachste Element zu sein scheint, muß nichtsdestoweniger eine ursprüngliche Duplizität angenommen werden; wenigstens scheint das Licht der Sonne die einzige Ursache zu sein, die alle Duplizität auf Erden anfacht und unterhält. Im Licht, so wie es von der Sonne ausströmt, scheint nur Eine Kraft zu herrschen, aber ohne Zweifel tritt es in der Nähe der Erde mit entgegengesetzten Materien zusammen, und bildet so, da es selbst einer Entzweiung fähig ist, mit ihnen zugleich die ersten Prinzipien des allgemeinen Dualismus der Natur . Ein solcher Dualismus aber muß angenommen werden, weil ohne entgegengesetzte Kräfte keine lebendige Bewegung möglich ist Reelle Entgegensetzung aber ist nur da denkbar, wo die Entgegengesetzten dennoch zugleich in einem und demselben Subjekt gesetzt sind. »Reelle Entgegensetzung ist aber nur zwischen Größen Einer Art denkbar«. Erste Auflage. . Die ursprünglichen Kräfte (auf welche endlich alle Erklärungen zurückkommen) wären sich nicht entgegengesetzt, wenn sie nicht ursprünglich Tätigkeiten einer und derselben Natur wären, die nur in entgegengesetzten Richtungen wirken. »wenn sie nicht ursprünglich eine und dieselbe (positive) Kraft wären, die nur in entgegengesetzten Richtungen wirkt«. Erste Auflage. Eben deswegen ist es notwendig, alle Materie als der Substanz nach homogen zu denken; denn nur, insofern sie homogen ist mit sich selbst , ist sie einer Entzweiung, d.h. einer reellen Entgegensetzung, fähig. Jede Wirklichkeit aber setzt schon eine Entzweiung voraus. Wo Erscheinungen sind, sind schon entgegengesetzte Kräfte. Die Naturlehre also setzt als unmittelbares Prinzip eine allgemeine Duplizität , und um diese begreifen zu können, eine allgemeine Identität Statt »Identität« und »Duplizität« oder »Differenz« hat hier und im unmittelbar Folgenden die erste Ausgabe: »Homogeneität« und »Heterogeneität«. der Materie voraus. Weder das Prinzip absoluter Differenz noch das absoluter Identität ist das wahre; die Wahrheit liegt in der Vereinigung beider . Die Vor diesem Satz steht Auflage 1 noch der Satz: »Ohne ursprüngliche Heterogeneität würde keine partielle Bewegung in der Welt möglich sein. Denn«... entgegengesetzten Kräfte haben ein notwendiges Bestreben, sich ins Gleichgewicht , d.h. ins Verhältnis der mindesten Wechselwirkung , zu setzen; mithin würde, wenn nicht im Universum die Kräfte ungleich verteilt wären, oder wenn das Gleichgewicht nicht kontinuierlich gestört würde, zuletzt auf allen Weltkörpern alle partielle Bewegung erlöschen, und nur die allgemeine Bewegung fortdauern, bis endlich vielleicht auch diese toten unbelebten Massen der Weltkörper in Einen Klumpen zusammenfielen, und die ganze Welt in Trägheit versänke. Damit in der Welt die Kräfte ungleich verteilt seien, muß eine ursprüngliche Heterogeneität der Weltkörper in jedem System postuliert werden. Es muß Ein Prinzip sein, das auf jedem untergeordneten Weltkörper den Konflikt einzelner Materien nicht nur anfacht, sondern auch durch kontinuierlichen Einfluß unterhält. Wäre dieses Prinzip gleichförmig im Universum verteilt, so würde es sich bald mit den entgegengesetzten Kräften ins Gleichgewicht setzen. Es muß also den einzelnen Weltkörpern anderwärts her und von außen zuströmen, es muß in jedem System nur Ein Körper sein, der dieses Prinzip immer neu erzeugt und allen übrigen zusendet. Es ist gar kein Zweifel, daß die selbstleuchtenden Körper des Weltsystems diese Eigenschaft einer Qualität verdanken, die ihnen eigentümlich ist, und die sie gleich anfangs bei der allgemeinen Präzipitation aus dem gemeinschaftlichen Auflösungsmittel, die der Weltbildung voranging, erhielten. Insofern hat die Meinung, daß das Licht der Sonnen aus ihrem Schöße selbst erzeugt werde, immer noch sehr viel für sich. Oder sollten die Sonnen nur die Lichtmagneten des Universum sein, und alles Licht, das die Natur erzeugt, aus allen Räumen um sich sammeln? – Sollte es außer Planeten und Sonnen eine dritte Klasse von Körpern geben, die ausdrücklich zu solchen Prozessen bestimmt sind, durch welche die Natur immer neue Lichtmaterie erzeugt (etwa die Kometen)? – Wenn man sich die Welt »einen Augenblick als endlich denkt, so muß man glauben, daß von dem Punkt aus, wo das gemeinschaftliche Zentrum hinfällt«. Erste Auflage. als in sich selbst geschlossen denkt, so muß man glauben, daß von jedem Punkt aus, wo ein Zentrum hinfällt, ein stets erneuerter, unerschöpflicher Strom positiver Materie ausgehe. – Lamberts Gründe, daß der Weltkörper, der im Zentrum des Weltsystems kreise, dunkel sein müsse, sind sie überzeugend? – Jener Stern, der im sechzehnten Jahrhundert plötzlich in der Cassiopeja erschien, einen Monat lang heller als der Sirius glänzte, und nachdem er auf Einmal, wie aus dem Nichts entstanden war, allmählich abnahm, immer schwächere Farben zeigte, und zuletzt ganz verschwand, oder jener Stern, den im Anfang des folgenden Jahrhunderts Kepler nahe den Fersen des Schlangenträgers sah, der einen beständigen Farbenwechsel (durch beinahe alle Farben des Regenbogens hindurch) zeigte, im Ganzen aber weiß war – nach Keplers Aussage das glänzendste Phänomen des Fixsternen-Himmels – waren es etwa, wie Kant vermutet, erloschene aus ihrem Schutt wieder auflebende Sonnen, oder waren sie der Schauplatz irgend eines andern großen Prozesses, durch welchen die Natur in den Tiefen des Universum neues Licht erzeugte? Wenigstens, wenn (nach Herschel) die Lichtentwicklung in der Sonne nur ein atmosphärischer Prozeß ist, so muß sich ein Grund angeben lassen, warum nur die Sonnenatmosphären in Lichtentwicklungen ausbrechen. Müßte man annehmen, daß ursprünglich allein um die Sonnenkörper jenes elastische Wesen angehäuft war, aus welchem die Natur Licht entwickelt, und daß das Dasein dieser Materie in den Atmosphären untergeordneter Weltkörper nur dem langen Einfluß der Sonne zu verdanken ist? Wenigstens ist die Quelle des Lichts in unserer Atmosphäre nicht rein und unvermischt vorhanden. Wer weiß, ob die Sonnen nicht von einer völlig reinen Luft umflossen sind, während ein eigentümliches Prinzip die Atmosphären der Planeten verhindert in Lichtentwicklungen auszubrechen? – Dort in der Nähe der Sonne würde ein unveränderlich-reines durch kein feindseliges Prinzip bedrohtes Licht leuchten. Würde es durch stete Zersetzungen aus einem luftartigen Wesen entwickelt, so müßte man sich dieses mit einem außerordentlich hohen Grad von Elastizität begabt denken, da die Sonnen als die größten Massen jedes Systems bei dem ursprünglichen Übergang von flüssigem in festen Zustand die größte Quantität elastischer Materien freigemacht haben. Dazu kommt ohne Zweifel die Wirkung der Schwere, welche diese Lufthülle der Sonne in einer großen Zusammendrückung erhält und ihre ursprüngliche Elastizität zu einem außerordentlich hohen Grade vermehrt. Es ist bekannt, daß die Intensität des Lichts bei seiner Entwicklung dem Grad der Elastizität der Luft, aus der es sich entwickelt, gemäß ist, was man bei großer Kälte erfährt, wenn alle Feuer heller brennen, Entzündungen schneller sich verbreiten, durch die geringste Reibung elektrisches Licht entwickelt wird, und selbst die Erdatmosphäre gegen die Pole hin in elektrischen Strahlen ausströmt. Wenn also um die Zentralkörper ein luftförmiges Wesen von so hohem Grade der Elastizität ausgegossen wäre, daß es von selbst in Lichtentwicklungen ausbräche, so würden beständige Lichtströme von ihnen aus nach allen Richtungen sich verbreiten, und ein ätherisches Meer die leeren Räume des ganzen Systems, dessen Mittelpunkt sie einnehmen, erfüllen, ja wohl gar in die Räume entfernterer Systeme sich ausbreiten. Denn, wenn das entwickelte Licht nicht eher zur Ruhe kommt, als bis seine allmählich abnehmende Elastizität seiner Masse das Gleichgewicht hält, so wird der Raum, den es bei seiner Ruhe einnimmt, seiner Elastizität proportional sein. Elastizität aber kann dem Grade nach ins Unendliche wachsen, und so groß angenommen werden, als es zu Erklärung der Erscheinungen notwendig ist. Die elastische Materie also, die aus dem Umkreis unserer Sonne sich entwickelt, kann in einem steten, ununterbrochenen Strom bis zu unserer Atmosphäre sich ausbreiten. Die tägliche Umwälzung der Erde wird zwar einen Wechsel von Tag und Nacht notwendig machen, aber nicht verhindern, daß nicht das Licht anderer, weit entfernterer Sonnen den Zusammenhang zwischen ihrer und unserer Atmosphäre unterhalte. So wie die Halbkugel, die wir bewohnen, sich gegen unsere Sonne kehrt, werden auch größere Lichtströme sie durchdringen und das Phänomen des Tages bewirken. Ein gemeinschaftliches Medium wird unser ganzes Planetensystem erfüllen; jeder einzelne Weltkörper wird sich von dem allgemeinen Licht so viel zueignen, als der Qualität seiner Materien nach möglich ist, nirgends aber im ganzen Planetensystem wird ein Hiatus, oder ein Raum sein, der nicht: von der gemeinschaftlichen Atmosphäre aller erfüllt wäre. Wenn endlich auch die Fixsterne noch zu einem hohem System gehören, das von einem gemeinschaftlichen Zentralkörper regiert wird, so wird auch die Atmosphäre dieses Systems eine gemeinschaftliche sein. Also steht die Atmosphäre jeder Sonne wieder mit der Atmosphäre eines höhern Systems in Berührung, und das ganze Licht, das durch die Welt sich verbreitet, ist das gemeinschaftliche Licht einer allgemeinen Weltatmosphäre . Wenn indes eine ursprüngliche Verschiedenheit zwischen den Weltkörpern stattfindet, so kann das allgemeine Licht nicht gleichförmig verteilt sein, es muß aus allen Räumen der Welt den Sonnen , und nur von diesen aus den Planeten zuströmen. Ohne Zweifel aber sind es nicht einzelne, divergierende Strahlen nur, die von der Sonne zu uns gehen, es ist die zersetzte Sonnenatmosphäre selbst , die als ein stetiges Ganzes bis zu uns sich ausbreitet. Das Phänomen des Tages ist nicht durch eine zufällige Zerstreuung des Lichts begreiflich. Seitdem in der Nähe dunkler Körper selbst eine Quelle des Lichts sich gebildet hat, sollte nicht diese durch den Einfluß der Sonne zugleich in Bewegung gesetzt werden? Der Konflikt elastischer Materien in unserm Luftkreis kann erst dann eintreten, wenn unser Erdball durch fremden Einfluß in einen selbstleuchtenden Körper verwandelt, zugleich Sonne und Planet ist, und so heterogene Eigenschaften in sich vereinigt. Es ist aber nicht genug, daß das positive Prinzip im einzelnen Planetensystem nur ungleich verbreitet ist. Wenn es einem untergeordneten Weltkörper gleichförmig zuströmte, würde auf ihm bald eine allgemeine Gleichförmigkeit entstehen, die zuletzt sich in einer allgemeinen Auflösung endigte. Das Licht könnte auf die untergeordneten Weltkörper nicht wirken, wenn nicht auf ihnen eine Kraft verbreitet wäre, die, durch das Licht erregbar, ihm ursprünglich verwandt sein muß. Daß aber nicht ein fortdauerndes Übergewicht dieser Naturkraft durch den Einfluß des Sonnenlichts entstehe, dafür ist durch den Weltbau selbst, durch den Wechsel des Tags, der Nacht, der Jahreszeiten, ja selbst durch die Form der Planeten gesorgt, da, analogisch nach der Form unserer Erde zu urteilen, ohne Zweifel auf allen, wo die Lichtstrahlen am senkrechtesten auffallen (gegen den Äquator hin), die größte Masse angehäuft ist; während sie da, wo jene schiefer auffallen (gegen die Pole hin) allmählich sich abplatten. Die positive Ursache aller Bewegung ist die Kraft, die den Raum erfüllt . Soll Bewegung unterhalten werden, so muß diese Kraft erregt werden. »Aber nur endliche Kräfte wirken aufeinander«. Zusatz der 1. Auflage. Das Phänomen jeder Kraft ist daher eine Materie . Das erste Phänomen der allgemeinen Naturkraft, durch welche Bewegung angefacht und unterhalten wird, ist das Licht . Was von der Sonne zu uns strömt (da es die Bewegung erhält) erscheint uns als das Positive , was unsere Erde (als bloß reagierend ) jener Kraft entgegensetzt, erscheint uns als negativ . Ohne allen Zweifel ist, was auf der Erde den Charakter des Positiven trägt, ein Bestandteil des Lichts ; zugleich mit ihm gelangen zu uns die positiven Elemente der Elektrizität und des Magnetismus. Das Positive an sich selbst ist absolut-Eines , daher die uralte, zu keiner Zeit erloschene Idee einer Urmaterie (des Äthers), die, wie in einem unendlichen Prisma gebrochen, in zahllose Materien (als einzelne Strahlen) sich ausbreitet. Alle Mannigfaltigkeit in der Welt entsteht erst durch die verschiedenen Schranken , innerhalb welcher das Positive wirkt. Die Faktoren der allgemeinen Bewegung auf Erden sind das Positive , was von außen uns zuströmt, und das Negative , was unserer Erde angehört. Dieses, durch positive Kraft entwickelt, ist einer unendlichen Mannigfaltigkeit fähig. Wo eine Naturkraft Widerstand findet, bildet sie sich eine eigentümliche Sphäre, das Produkt ihrer eignen Intensität und des Widerstands, den sie findet. Die positive Kraft erst erweckt die negative. Daher in der ganzen Natur keine dieser Kräfte ohne die andere da ist. In unserer Erfahrung kommen so viel einzelne Dinge (gleichsam einzelne Sphären der allgemeinen Naturkräfte) vor, als es verschiedene Grade der Reaktion negativer Kräfte gibt. Was unserer Erde angehört, hat alles eine gemeinschaftliche Eigenschaft, diese, daß es dem positiven Prinzip, das von der Sonne uns zuströmt, entgegengesetzt ist. In dieser ursprünglichen Antithese liegt der Keim einer allgemeinen Weltorganisation. Diese Antithese wird von der Naturlehre schlechthin postuliert. Sie ist keiner empirischen, sondern nur einer transzendentalen Ableitung fällig. Ihr Ursprung ist in der ursprünglichen Duplizität unsers Geistes zu suchen, der nur aus entgegengesetzten Tätigkeiten ein endliches Produkt konstruiert. Die, welche sich an das Experimentieren halten, wissen von jener Antithese nichts, obgleich sie nicht leugnen können, daß ihre Konstruktionen der Naturerscheinungen (z.B. des Verbrennens) ohne einen solchen – wenn nicht erfahrungsmäßig erweisbaren, doch notwendig zu postulierenden Konflikt ganz und gar unverständlich sind. Die, welche jene Antithese schlechthin aufstellen (z.B. in der Theorie des Verbrennens) setzen sich dem Vorwurf aus, daß sie hypothetische Elemente erdichten, wo sie experimentieren sollten. Dieser Widerspruch kann nur durch eine Philosophie der Natur ausgeglichen werden. Die experimentierenden Physiker haben recht, sich bloß an das Positive zu halten, denn dieses allein ist unmittelbar-anschaulich und erkennbar. Die, welche einer größern Ansicht der Natur fähig sind, müssen sich nicht scheuen zu bekennen, daß sie das Negative erschlossen haben. Es ist deswegen um nichts weniger reell als das Positive. Denn wo das Positive ist, ist eben deswegen auch das Negative. Weder dieses noch jenes ist absolut und an sich da. Eine eigne, abgesonderte Existenz erhalten beide nur im Moment des Konflikts; wo dieser aufhört, verlieren sich beide ineinander. Auch das Positive ist nicht wahrnehmbar ohne Gegensatz; und indem man sich der unmittelbaren Anschauung des Positiven rühmt, setzt man selbst das Negative voraus. So, als Newton das negative Prinzip der allgemeinen Weltbewegung, die Anziehungskraft, aufstellte, leugnete er nicht, sondern behauptete , daß es ein erschlossenes Prinzip sei. Er versuchte nicht, es in der Anschauung unmittelbar darzustellen, sondern postulierte es, weil ohne dasselbe auch das unmittelbar-angeschaute Positive nicht möglich wäre. Sogar gestand er, daß dieses Prinzip, wenn es anschaulich wäre, bloß scheinbar, und anstatt wirkliche Anziehungskraft zu sein, nur das täuschende Spiel einer stoßenden, schwermachenden Materie sein müßte, d.h. er zeigte, daß das Verlangen, in der Anziehungskraft etwas Positives zu erkennen, ein eitles und auf ungereimte Begriffe führendes Verlangen sei. Lasset uns also gleich anfangs feierlich Verzicht tun auf eine physikalische Erklärung jenes allgemeinen Konfliktes negativer Prinzipien mit positiven, aus welchem allein ein System der Natur harmonisch sich entwickelt. Und damit unsere Philosophie in den Gründen ihrer Behauptungen auch nicht gegen die experimentierende Physik zurückstehe, lasset uns dieser durch eine vollständige, alle Phänomene umfassende Induktion beweisen, daß ihre einseitige Erklärungsart ohne innern Gegensatz (den Quell aller Lebendigkeit) zu tun hat, in der Tat zu nichts führt, »daß ihre einseitige Erklärungsart, da sie nicht wagt über das Gesehene oder mit Händen Gegriffene hinauszugehen, in der Tat zu nichts führt«. Erste Ausgabe. und keine Konstruktion der ersten Erscheinungen der Natur möglich macht. Daß das Licht die erste und positive Ursache der allgemeinen Polarität sei; daß kein Prinzip Polarität erregen könne , ohne in sich selbst eine ursprüngliche Duplizität zu haben; endlich, daß reelle Entgegensetzung nur zwischen Dingen Einer Art und gemeinschaftlichen Ursprungs möglich ist, wird als erwiesen vorausgesetzt. I. [Erste Stufe der Entfaltung der Duplizität des Lichts] Welche Duplizität nun im Licht sei, können allein Phänomene lehren, welche das Licht in Berührung mit verschiedenen Körpern zeigt. Das Licht kann seine zusammengesetzte Beschaffenheit nicht entfalten, als wo es auf Körper stößt, die zu seinen Elementen ein verschiedenes Verhältnis haben. Auf der ersten Stufe der Entfaltung offenbart es sich durch Phänomene, die nur der Oberfläche der Körper angehören. Einige Körper verändern die Natur des Lichts zunächst ihrer Oberfläche nicht. Solche Körper heißen durchsichtig. Daß es Körper gibt, durch welche Lichtstrahlen nach allen Richtungen hindurchfahren, ist nach den gewöhnlichen Vorstellungsarten unerklärbar, denn wie sollten jene doch nach allen Richtungen geradlinige Durchgänge finden? Das Phänomen der Durchsichtigkeit ist aus der Porenphilosophie unerklärbar, und der evidenteste Beweis, daß alle Undurchdringlichkeit relativ ist, ja daß ohne Zweifel im Licht eine Kraft wirkt, der keine Substanz der Natur absolut impermeabel ist. Wenn man auf das Entstehen durchsichtiger Körper zurücksieht, so findet man, daß bei ihrem Ursprung schon eine dem Licht verwandte Materie ins Spiel kam. Die Verglasung ist die Wirkung eines heftigen Feuers. Metallkalke, d.h. Metalle, die mit Oxygene verbunden sind, wenn sie einem verstärkten Feuer ausgesetzt werden, verglasen sich bis zur völligen Durchsichtigkeit. Das Wunderbarste ist, daß höchst undurchsichtige Körper, wie Metalle, durch Säuren aufgelöst, in einer völlig durchsichtigen Flüssigkeit verschwinden. Das Wasser hat als Hauptbestandteil das Oxygene in sich, und ist in der Tat nichts anderes als der verbrannte Wasserstoff. Die Luft, die uns umgibt, ist zum Teil gaz oxygène, und die positive Materie des Lichts ohne Zweifel das, was allen luftförmigen Flüssigkeiten die Permanenz gibt. Es scheint also, daß die durchsichtigen Körper der beständigen Aktion jener ätherischen Materie ausgesetzt seien, die gewöhnlich mit dem Oxygene in Verbindung tritt, und daß ein eigentümliches Licht, von dem diese Körper kontinuierlich durchdrungen sind, nur den Stoß eines Strahls erwartet, um die Bewegung nach allen Richtungen fortzupflanzen. Man kann als Gesetz aufstellen, daß kein Körper durchsichtig ist, der in hohem Grade verbrennlich »in hohem Grade«, Zusatz der späteren Auflagen. ist, oder genauer, der gegen das Oxygene eine starke Anziehung beweist. Man kann umgekehrt als Gesetz aufstellen, daß jeder Körper, der in hohem Grade oxydabel (verkalkbar) ist, in dem Maße , als er sich mit dem Oxygene durchdringt, durchsichtig wird. Man muß hieraus schließen, daß das Licht selbst Oxygene oder ein demselben analoges Prinzip in sich hat, »daß das Licht selbst Oxygene mit sich führt«. Erste Ausgabe. und daß es diesem Element einen Teil seiner Eigenschaften verdankt. Denn das Licht durchdringt, als Licht, keinen Körper, der das Oxygene anzieht, und umgekehrt, jeder Körper, der vom Oxygene durchdrungen ist (also gegen dasselbe keine Anziehung mehr beweist), pflanzt das Licht durch sich fort. Das Licht, sagten wir oben, verdankt seine Expansivkraft einem positiven Prinzip, dieses werden wir Äther nennen, seine Materialität »Ponderabilität (Materialität)«. Ausgabe 1, in der auch die Schlußworte »oder ein dem Oxygene entsprechendes Prinzip ist« fehlen. einem negativen Prinzip; wir haben so eben gefunden, daß dieses Prinzip das Oxygene, oder ein dem Oxygene entsprechendes Prinzip ist. Das Licht ist uns also keineswegs einfach, sondern ein Produkt des Äthers und des Oxygenes . Jenen werden wir die positive, dieses die negative Materie des Lichts nennen (+ O und – O). Ein Körper, sobald er oxydiert ist, beweist gegen das – O ein Minus von Anziehung, oder, was dasselbe ist, Zurückstoßung . Da nun ein Körper in dem Maße durchsichtig wird, als er vom – O durchdrungen ist, und in dem Maße undurchsichtig , als er das – O anzieht, so ergeben sich die beiden Gesetze: 1. Ein Körper zieht in dem Maße die positive Materie des Lichts an, als er die negative zurückstößt , und umgekehrt: 2. Ein Körper stößt in dem Maße, als er die negative Materie des Lichts anzieht, die positive zurück. Gesetze, aus welchen erhellt, war wir a priori behauptet haben, daß im Licht selbst Duplizität und ein ursprünglicher Konflikt der Elemente ist. Das Licht ist nur vermittelst seines expandierenden Prinzips einer Fortpflanzung fähig. Durchsichtige Körper durchdringt es, nur insofern diese seine positive Materie anziehen; zum voraus können wir erwarten, daß diese positive, im Licht wirksame Materie das Prinzip der allgemeinen dynamischen Gemeinschaft in der Welt sei, dem ebendeshalb nichts absolut undurchdringlich ist (s. oben). »dem eben deshalb nichts absolut undurchdringbar ist (s. oben)«. Zusatz der späteren Auflagen. In eben dem Maße, als ein durchsichtiger Körper die positive Materie des Lichts anzieht, stößt er die negative zurück. – Es ist daher zu erwarten, daß bei jedem Durchgang durch einen durchsichtigen Körper der Lichtstrahl gleichsam in seine Elemente getrennt wird. Brechung ist Anziehung. Stärker gebrochen also erscheint in der Ordnung des Farbenbilds ein dem Äther näher verwandter Strahl; minder gebrochen und vom Einfallslot abgetrieben, der Strahl, der der negativen Materie des Lichts näher verwandt ist. Die Farbenstrahlen bezeichnen also nur die verschiedenen Verhältnisse , welche zwischen der positiven und negativen Materie des Lichts möglich sind. Der weiße Strahl ist nicht ursprünglich aus den sieben einfachen Farbenstrahlen zusammengesetzt, obgleich er zu so viel Strahlen im Prisma verbreitet wird. Daraus, daß kein prismatischer Strahl weiter veränderlich ist, kann auf keine absolute Einfachheit desselben geschlossen werden. Jeder einzelne prismatische Strahl muß nach demselben Gesetz, nach welchem der weiße Strahl im ersten Prisma gespalten wurde, im zweiten zu einem neuen Farbenbilde verbreitet werden. Dem prismatischen Strahl eine absolute Unveränderlichkeit zuschreiben, heißt eine Qualitas occulta behaupten. Jeder prismatische Strahl ist veränderlich, aber nur so, daß diese Veränderung weiter kein Gegenstand der Wahrnehmung ist. Der weiße Strahl ist also nicht mehr und nicht weniger zusammengesetzt als alle übrigen; in allen Strahlen drückt sich ein besonderes Verhältnis der imponderabeln und ponderabeln Materie des Lichts aus. Die weiße Farbe drückt nur das mittlere Verhältnis aller übrigen aus. Wenn diese alle sich durchdringen , reduzieren sie sich wechselseitig auf den Mittelgrad der Elastizität ; es entsteht – wenn ich so sagen darf – eine neutralisierte Farbe, das chemische Mittel aller übrigen. Umgekehrt sind auch alle einzelnen Farben nur durch Abweichung vom gemeinschaftlichen Medium (dem weißen Licht) möglich. II. [Welche Wirkung zeigt das Licht auf die Körper selbst?] Es war uns vorerst nur darum zu tun, die Duplizität, welche wir im Licht voraussetzen mußten, erfahrungsmäßig zu erforschen. Die Entdeckung, daß eine ätherische Materie im Licht mit dem Oxygene sich verbindet, ist ein Leitfaden, der uns aus dem Labyrinth der verwickeltsten Phänomene sicher herausführen wird. Wir konnten vorerst nur die Phänomene, welche das Licht an der Oberfläche der Körper zeigt, in Betrachtung ziehen. Jetzt erst fragt sich, welche Wirkungen das Licht auf die Körper selbst ausübe. Vorerst muß hier die verschiedene Beschaffenheit der Körper in Betrachtung gezogen werden. A. 1. Wir haben erwiesen, daß alle durchsichtigen Körper die negative Materie des Lichts zurückstoßen, und daß sie ebendeswegen, weil sie dem Licht das Oxygene nicht entziehen können, durchsichtig sind. Eben diese durchsichtigen Körper nun können vom Licht beinahe gar nicht, oder nur äußerst langsam erwärmt werden. Wenn das Licht an sich warm wäre , d.h. wenn es durch Mitteilung erwärmte, wie war es doch möglich, daß es auf Körper, die von ihm nach allen Richtungen durchdrungen werden, nicht erwärmend wirkte? Durch eine Glasplatte kann man sich vor der Wirkung eines starken Wärme- oder Feuerstroms sichern. Es ist sehr auffallend, daß das Thermometer auf den höchsten Bergen vom Lichte so wenig affiziert wird, wo doch nach Herrn v. Saussures Versicherung die scheinbare Hitze der Sonnenstrahlen den Reisenden oft beinahe unerträglich ist. Die Ursache muß darin liegen, daß unser Körper eine Fähigkeit hat, die dem Glas abgeht, diese, durch Wärme erregbar zu sein. Der Grund der Erwärmung liegt also nicht im Licht allein, und schon hier offenbart sich das Dasein eines negativen Prinzips, mit welchem allein das positive Prinzip des Lichts Wärme bildet. Man hat alle möglichen Ursachen aufgesucht, aus welchen die heftige Kälte auf hohen Bergen sich erklären ließe. Man hat angemerkt, daß die Luft in einer solchen Höhe außerordentlich verdünnt ist. Allein aus demselben Grunde werden auch die Sonnenstrahlen in der Atmosphäre solcher Höhen weniger Widerstand finden, und sollten also, wenn sie für sich allein die Wärme bilden könnten, auch desto energischer diese hervorbringen. »in der Atmosphäre solcher Höhen weniger zerstreut, und sollten daher energischer wirken.« Erste Auflage. Ich räume gerne ein, daß die mildere Temperatur tiefer liegender Gegenden zum Teil daraus erklärbar ist, daß sie mit der ganzen Masse des Erdkörpers in näherer Verbindung sind, während hohe Berge nur vermittelst ihres Fußes mit der Erde zusammenhängen, übrigens aber frei in der Luft schweben. (S. Delamethries Theorie der Erde, 1. Tl. Deutsche Übers. S. 130). Man bemerkt wirklich, daß die Kälte um so beträchtlicher ist, je freier gleichsam der Berg schwebt. Quito liegt 1457 Toisen über der Meeresfläche, und doch ist die Temperatur daselbst sehr gemäßigt, weil dieser Berg auf einer großen Masse von Bergen ruht; ein frei stehender Pic (wie der von Teneriffa) würde in derselben Höhe die größte Zeit des Jahrs wenigstens mit Schnee bedeckt sein. – Allein ein Berg, so frei er auch immer in der Luft schweben mag, ist doch immer selbst eine so beträchtliche Masse, daß er, besonders da er die Sonnenstrahlen aus der ersten Hand hat, Wärme genug zurückhalten und verbreiten könnte, wenn nicht in ihm selbst ein Grund läge, der dieses unmöglich machte. Dieser Grund ist ohne Zweifel folgender. Da auf den höchsten Bergen ursprünglich reiche Quellen und überhaupt eine Menge Wasser vorhanden war, so mußte der erste Winter schon sie mit einer ansehnlichen Eismasse ringsum bepanzern, da hingegen in tiefer liegenden Regionen nur einzelne Gegenden von Eis überzogen wurden. Das Eis aber ist der stärkste Schirm gegen die Wärme, da es als ein durchsichtiger Körper das Licht unverändert durchläßt, und als ein Spiegel es unverändert zurückwirft. Der Berg also, der einmal ringsum mit Eis bedeckt war, konnte selbst keine Wärme annehmen, und von der Erde, von der er sich so weit entfernte, nur wenig Wärme erhalten. Man sieht, daß diese Ursache fortwirkend sein mußte, da die beständige Kälte jener Gegenden alles Wasser, das sie durch Schnee und Regen erhielten, und selbst dasjenige, was einige Stunden Sonnenschein geschmolzen hatten, in neues Eis verwandelte, – daß so zuletzt jene Eismassen sich selbst vermehrten und erhielten, indem sie den Kern des Bergs als eine unüberwindliche Brustwehr gegen allen Einfluß des Lichts verteidigten. Diese Hypothese wird sehr bestätigt durch einen Versuch, den Herr v. Saussure im 4. Teil seiner Alpenreisen § 932 erzählt. Er ließ einen hölzernen Kasten verfertigen, der innerlich mit doppelten Wänden von schwarzem Kork ausgeschlagen war; diesen Kasten verschloß er mit drei sehr durchsichtigen Eisscheiben, durch welche das Sonnenlicht in den Kasten dringen konnte. Er trug diese Maschine 1403 Toisen hoch über die Meeresfläche auf den Gipfel des Cramont, und sah hier, daß in dem Kasten die Wärme so sehr anwuchs, daß das Thermometer am Boden bis auf 70 Grad stieg, obgleich die äußere Temperatur nur 4 Grade betrug. Ein anderer Beweis von der Verschiedenheit der Wirkung des Lichts auf durchsichtige und dunkle Körper ist das bekannte Experiment, da man ein Stückchen Holz in ganz durchsichtiges Wasser legt, und einen Brennspiegel so stellt, daß der Brennpunkt unter die Oberfläche des Wassers auf das Holz fällt. Das Wasser wird nicht im geringsten erhitzt, dagegen wird das Holz von innen heraus verkohlt, weil die äußern Teile durch das Wasser gleichsam geschützt sind. 2. Auf Körper, welche nicht bis zur Verglasung oxydiert sind, wirkt das Licht desoxydierend . So entzieht es den metallischen Kalken allmählich ihr Oxygene und macht sie dadurch wieder brennbar . Auf solche Körper wirkt das Licht nicht erwärmend , weil sie unfähig sind ihm seine negative Materie zu entziehen. Hier zeigt sich noch deutlicher, daß »einen Körper erwärmen« und »seine negative Materie verlieren« beim Licht eins und dasselbe ist. Wir werden diesen Satz bald weiter verfolgen. Das Licht hat ausschließlich die Fähigkeit, oxydierte Körper wiederherzustellen. Die Wärme bewirkt dasselbe, aber nicht ohne Beitritt eines dritten Stoffes, der das Oxygene aufnimmt; die Wärmematerie selbst hat für das Oxygene keine Kapazität; es ist die Materie, die dem Licht angehört. Das Licht nimmt es auf, für sich selbst, und zersetzt es ohne Mitwirkung eines Dritten. Man setze oxygenierte Salzsäure dem Lichte aus, so wird sie ihr überflüssiges – O verlieren; das Licht bildet mit demselben Lebensluft, es wird gemeine Salzsäure zurückbleiben. Man setze dieselbe in einer mit schwarzem Papier bedeckten Bouteille der Wärme aus, so wird sie in Gasgestalt versetzt (ihr Zustand verändert), nicht aber dekomponiert werden. Alle mit – O tingierten oder durchdrungenen Körper sind entweder weiß, oder sie werfen den minder brechbaren, z.B. roten Strahl zurück, wie der Quecksilberkalk. (Man erinnere sich, in welch' genauem Zusammenhang die Stärke der Brechung des Lichts in durchsichtigen oder halbdurchsichtigen Körpern mit der Inflammabilität steht). Die Körper, durch Berührung des Lichts desoxydiert, nehmen wieder dunklere Farben an. So wird der weiße Silberkalk, dem Licht ausgesetzt, schwärzlich usw. 3. Auf alle undurchsichtigen, dunkelfarbigen und verbrennlichen Körper wirkt das Licht erwärmend. Die Erfahrungen, welche diesen Satz bestätigen, sind zu allgemein bekannt, als daß sie angeführt zu werden brauchten. Daß Körper dunkle Farben zeigen, und daß sie durch das Licht stärker erwärmt werden, hängt von einer gemeinschaftlichen Ursache ab, davon , daß sie in diesem Zustand gegen die negative Materie des Lichts große Anziehung beweisen. Daß diese Ursache die wahre sei, erhellet unter anderem daraus, daß eben diese Körper auch im Brennpunkt leichter sich entzünden, als Körper von hellerer Farbe, davon nichts zu sagen, daß wohl alle Farbe einer schwachen Phosphoreszenz der Körper zuzuschreiben ist, die durch die stete Einwirkung des Lichts auf ihre Oberfläche erregt wird. B. Wir haben jetzt den Grundsatz gefunden: daß das Licht die Körper in dem Grade erwärmt, als diese fähig sind, ihm seine negative Materie zu entziehen. Nun ist aber jede Wirkung in der Natur Wechselwirkung . Also kann das Licht seine negative Materie nicht verlieren, ohne zugleich mit einem andern Prinzip in Verbindung zu treten. Dieses Prinzip, wenn es auch in der Anschauung nicht darstellbar ist, muß doch notwendig vorausgesetzt, also postuliert werden. Da alle verbrennlichen Körper eine solche Wirkung auf das Licht äußern, so muß es ein diesen Körpern gemeinschaftliches Prinzip sein. Dieses Prinzip aber darf nicht (wie die Verteidiger des Phlogiston getan haben) als Bestandteil in den Körpern vorausgesetzt werden, denn es existiert ganz und gar nicht an sich , es existiert nur im Gegensatz gegen das Oxygene des Lichts, und drückt überhaupt nichts aus als einen Wechselbegriff. Es existiert als solches gar nicht, als im Augenblick des Konflikts , den das Licht in jedem phlogistischen Körper erregt, indem es ihn erwärmt. Im Gegensatz gegen dieses Prinzip kann das Oxygene (das in bezug auf die positive Materie des Lichts negativ war) einen positiven Charakter annehmen. Das Phlogiston ist insofern nichts mehr und nichts weniger, als das Negative des Oxygenes , woraus denn erhellt, daß es absolut und an sich nicht unterscheidbar ist. »absolut und an sich gedacht, nichts ist«. Erste Auflage. Nachdem wir uns so bestimmt haben, werden wir auch künftig uns dieses Begriffs bedienen, ohne zu fürchten, daß man uns deswegen den Verteidigern des Phlogistons (als eines besondern, in den Körpern vorhandenen Grundstoffs, welcher Begriff freilich ganz leer ist) beizählen werde. C. Hier hätten wir nun den ersten Anfang des allgemeinen Dualismus der Natur. Wir haben zwei Materien, die sich allgemein und durchgängig entgegengesetzt sind. Damit aber zwischen beiden reelle Entgegensetzung möglich sei, müssen sie Dinge einer Art sein. Dies sind sie nun, insofern beide (Oxygene und Phlogiston) die negativen Materien desselben positiven Prinzips sind, das sich im Licht und in der Wärme offenbart. Wir erkennen zum voraus in diesem Prinzip das erste Prinzip der ganzen Natur, dem kein Körper unzugänglich ist. Körper, die das Licht nicht zu verändern fähig sind, durchdringt es als Licht ; Körper, die seine Natur verändern, durchdringt es als Wärme . So sind alle Körper der steten Einwirkung des Äthers ausgesetzt; ja dieses Prinzip scheint alle Körper ursprünglich, durchsichtige als Licht, undurchsichtige als Wärme, zu durchdringen. D. Jetzt erst werden alle Begriffe der Wärmelehre einer Konstruktion fähig. 1. Ein Körper kann nicht erwärmt heißen dadurch, daß Wärmematerie in seinen Poren sich verteilt; auch kann der Körper nicht erwärmt heißen, insofern er von Wärmematerie durchdrungen wird, sondern nur insofern er Wärmematerie zurückstößt . Nun findet aber Zurückstoßung nur zwischen positiven Kräften statt, die in entgegengesetzter Richtung wirken. Es muß also in jedem Körper, der erwärmt heißt, weil er Wärmematerie zurückstößt , ein Prinzip liegen, das dem positiven Prinzip der Wärme ursprünglich verwandt ist. Hier stoßen wir also abermals auf die Idee einer ursprünglichen Homogeneität aller Materie , ohne welche wir auch gar nicht erklären können, wie Materie auf Materie wirkt. Wenn es eine Urmaterie gibt, die (damit eine dynamische Gemeinschaft aller Substanzen in der Welt sei) alle Körper, entweder als Licht oder als Wärme , durchdringt, so müssen auch alle Körper, die nicht vom Licht durchdrungen (undurchsichtig) sind, von Wärmematerie ursprünglich durchdrungen sein, die zu ihrem Wesen so notwendig gehört, als das Licht zum Wesen durchsichtiger Körper. Die Quantität des positiven Wärmeprinzips , von dem jeder phlogistische Körper ursprünglich durchdrungen ist, bestimmt den Grad seiner absoluten Wärme . Ob man durch diesen Ausdruck bisher denselben Begriff bezeichnet hat, oder nicht, kümmert mich nicht; genug, wenn der Begriff selbst war, und der Ausdruck dem Begriff adäquat ist. Von der absoluten Wärme eines phlogistischen Körpers (als welche sein Wesen ausmacht) unterscheide ich genau die Quantität freier Wärme, die er dem allgemein zirkulierenden Wärmefluidum verdankt, das durch den steten Einfluß des Lichts auf undurchsichtige Körper und andere Ursachen (vorzüglich Kapazitätsveränderungen) immer neu erzeugt wird. Diese freiverbreitete Wärmematerie, da sie äußerst elastisch ist, erhält sich selbst in einem steten Gleichgewicht. Dieses Gleichgewicht wird nur gestört durch die eigentümliche Beschaffenheit der Körper, wovon der eine die Wärmematerie in größerer Quantität als der andere fesselt, so daß verschiedene Körper bei gleichen Massen deswegen nicht auch gleiche Quantitäten dieser Wärmematerie enthalten. Die Quantität freier Wärmematerie, welche jeder Körper als eine eigentümliche Atmosphäre um sich sammelt, bestimmt seine spezifische Wärme. Da die Körper nach ihrer verschiedenen Beschaffenheit von dem freiverbreiteten Wärmefluidum verschiedene Quantitäten sich zueignen, so wird in jedem System von Körpern nur dadurch ein neues Gleichgewicht der Wärme entstehen, daß verschiedene Körper durch verschiedene Quantitäten Wärmematerie doch alle gleich erwärmt werden: dieses Gleichgewicht heiße ich das Gleichgewicht der Temperatur . Den Grad nun, in welchem jeder Körper erwärmt ist, oder die Temperatur des Körpers, abstrahiert von der Quantität Wärmematerie, welche nötig war ihm diese Temperatur zu erteilen, heiße ich seine thermometrische Wärme. Hieraus ergibt sich nun der wichtigste Satz der Wärmelehre , durch welche die neuere Physik in diese dunkle Gegend so viel Licht gebracht hat, nämlich, daß durch die thermometrische Wärme eines Körpers die Quantität seiner spezifischen Wärme ganz und gar unbestimmt bleibt , daß also verschiedene Körper bei gleicher thermometrischer Wärme dennoch ganz verschiedene Quantitäten spezifischer Wärme enthalten können, oder daß das Gleichgewicht der Temperatur in einem System von Körpern kein absolutes , sondern nur ein relatives Gleichgewicht ist. Es fragt sich nun, in welchem Verhältnis die spezifische Wärme eines Körpers zur absoluten stehe. 2. Ich muß mich vorerst über den Begriff der absoluten Wärme der Körper näher erklären, um so mehr, da dieser Begriff bisher gar nicht oder nur äußerst dunkel vorhanden war. Diese Erklärung wird nach Begriffen einer dynamischen Philosophie geschehen, die allein imstande ist die Hauptbegriffe der Wärmelehre zu konstruieren. Das Positive in der Welt ist absolut-Eines . Aber das Positive kann nicht anders als unter Schranken erscheinen. Wie die Natur den ursprünglich ausbreitenden Kräften Schranken gesetzt habe, läßt sich nicht weiter erklären, weil die Möglichkeit einer Natur selbst von dieser ursprünglichen Beschränkung des Positiven abhängt. Denn setzen wir, daß die Materie ins Unendliche sich ausbreiten könnte, so würde für unsere Anschauung nichts als ein unendlicher Porus – ein unendlich-leerer Raum, d.h. Nichts , übrig bleiben. Alle einzelnen Dinge haben das Positive gemein ; nur aus den verschiedenen Bestimmungen und Beschränkungen des Positiven entwickelt sich eine Mannigfaltigkeit verschiedener Dinge. Nun muß es aber für unsere Erfahrung in jedem System ein Extrem geben, oder wenigstens können wir uns ein idealisches Extrem denken; alle einzelnen Materien können gedacht werden als diesem Extrem in verschiedenem Grade sich annähernd. Laßt uns diese Annäherung Reduktion heißen, so werden alle Materien nur in verschiedenem Grade reduziert , d.h. sie werden voneinander nicht durch dunkle oder absolute Qualitäten , sondern durch Gradverhältnisse unterschieden sein. So verliert sich zuletzt alle Heterogeneität der Materie in der Idee einer ursprünglichen Homogeneität aller positiven Prinzipien in der Welt. Selbst jener ursprünglichste Gegensatz, der den Dualismus der Natur zu unterhalten scheint, verschwindet in dieser Idee. Man kann die Haupterscheinungen der Natur ohne einen solchen Konflikt entgegengesetzter Prinzipien nicht konstruieren. Aber dieser Konflikt ist nur da im Moment der Erscheinung selbst. Jede Kraft der Natur weckt die ihr entgegengesetzte. Diese existiert nicht an sich , sondern nur in diesem Streit, und nur dieser Streit ist es, der ihr eine momentane abgesonderte Existenz gibt. Sobald dieser Streit aufhört, verschwindet sie, indem sie in die Sphäre der allgemeinen Identität zurücktritt. »in die Sphäre homogener Kräfte zurücktritt«. Erste Auflage. So kann die Theorie des Verbrennens nicht vollständig konstruiert werden, ohne dem positiven Prinzip (der Lebensluft) ein negatives Prinzip (im Körper) entgegenzusetzen. Beide aber sind nur wechselseitig in bezug aufeinander, positiv und negativ , d.h. sie treten in dieses Verhältnis (der reellen Entgegensetzung) erst im Moment des phlogistischen Prozesses. Abstrahiert von diesem Prozesse unterscheiden sie sich voneinander nur durch Gradverhältnisse. So kann man z.B. dem Oxygene der neueren Chemie an sich keine absolute Qualität zuschreiben, obgleich es in der Erscheinung eine Qualität zeigt, die keine andere Materie zeigt. Um dies deutlicher vorzustellen, lasset uns ein idealisches Extrem der Verbrennlichkeit denken. Verbrennlichkeit aber ist ein Begriff, der überhaupt ein bloßes Verhältnis bezeichnet. Ein Körper verbrennt, wenn er diejenige Materie anzieht, die mit dem Elemente des Lichts allgemein, also auch in unserer Atmosphäre verbunden ist. Stünde nun über dieser Materie eine andere, dem Äther näher verwandte, so würde sie selbst in die Klasse der brennbaren Stoffe herabsinken. Es ist also natürlich, daß diejenige Materie, die selbst auf dem höchsten Grade der Brennbarkeit (in einem gegebenen System von Materie) steht, nicht mehr brennbar, sondern diejenige Materie sei, mit der alle anderen verbrennen. So müssen wir uns nun auch denken, daß eine und dieselbe Materie bei einem bestimmten Grad der Qualität Licht , bei einem andern Wärmematerie bilde. Wenn wir noch überdies eine ursprüngliche Einheit aller positiven Prinzipien in der Welt denken, so werden alle einzelnen Materien vermöge dessen, was an ihnen positiv ist, dem Licht oder der Wärmematerie verwandt sein. Auf diese Art können wir uns also das positive Prinzip phlogistischer Körper als Wärmematerie vorstellen, so daß alle brennbaren Stoffe nichts anders wären als eine in verschiedenem Grad verdichtete und in verschiedenem Grad auflösbare Wärmematerie . Sonach müßte jedem brennbaren Körper ein besonderer Grad absoluter Wärme zugeschrieben werden. Dieses absolute Wärmeprinzip des Körpers nun kann durch äußern Einfluß, des Lichts z.B., in verschiedenem Grade erregt werden. Je höher der Grad dieses absoluten Wärmeprinzips in einem Körper ursprünglich ist, desto erregbarer ist es, und desto stärker stößt es fremde Wärmematerie zurück. Dieses Gesetz macht es nun möglich, dem Begriff von Wärmekapazität (einem bis jetzt gehaltlosen Begriff) reelle Bedeutung zu verschaffen. 3. Wenn die Temperatur in einem System verschiedener Körper gleich ist, unerachtet die Mengen ihrer spezifischen Wärmematerie ungleich sind, so kann der Grund des Gleichgewichts der Temperatur nur darin liegen, daß das absolute Wärmeprinzip des einen Körpers ursprünglich energischer ist, und durch geringere Quantitäten mitgeteilter Wärme in gleiche Bewegung gesetzt wird, als das absolute Wärmeprinzip des andern. Wir werden also zwei Gesetze aufstellen, nach welchen die absolute und spezifische Wärme der Körper wechselseitig sich bestimmen, nämlich wie daß die spezifischen Wärmen verschiedener Körper sich umgekehrt verhalten wie ihre absoluten , und umgekehrt, daß die absoluten Wärmen sich umgekehrt verhalten die spezifischen. Diese beiden Gesetze lassen uns schon zum voraus einen Blick auf den Zusammenhang der ganzen Natur werfen. Wir sehen hier eine außerordentlich elastische Materie, die zwischen allen Körpern verteilt ist und ein gemeinschaftliches Medium bildet, durch welches die Veränderung, die in einem Körper vorgeht, dem andern in einer beträchtlichen Entfernung fühlbar wird. Vermöge dieser unsichtbaren Materie stehen alle phlogistischen Körper in dynamischer Gemeinschaft. Diese Materie ist so durchdringend, daß das Innere keines Körpers ihr verschlossen ist. Sie stellt ein Medium vor, das selbst durch die festesten Körper stetig und ununterbrochen hindurchgeht. Diese Materie wird nur durch sich selbst im Gleichgewicht erhalten. Wenn also verschiedene Körper untereinander ein Gleichgewicht der Wärme unterhalten, so kann dies nicht erklärt werden, ohne in diesen Körpern selbst ein positives Prinzip anzunehmen, das mit der allgemein verbreiteten Wärmematerie in stetigem und dynamischem Zusammenhang steht. Wenn die spezifische Wärme eines Körpers sich umgekehrt verhält wie seine absolute, so sieht man schon hieraus, daß die spezifische Wärme nicht bloß mechanisch (mittelst seiner leeren Zwischenräume), sondern dynamisch vermöge seiner Qualitäten mit dem Körper zusammenhängt. Der Körper, in dem das ursprüngliche Wärmeprinzip erregbarer ist, stößt die fremde Wärme stärker zurück, als ein anderer, in dem jenes Prinzip weniger rege gemacht wird. Der letztere Körper, sagt man, hat größere Kapazität für die Wärme als der erstere. Dieser Ausdruck ist: nicht passend, weil er den Körper als absolut-passiv dabei vorstellt. Absolute Passivität aber ist ein Begriff, der gar keiner Konstruktion fähig ist. Rezeptivität, Kapazität usw. an sich sind sinnlose Begriffe, und haben nur insofern Bedeutung, als man sich darunter nicht eine absolute Negation , sondern nur ein Minus von Aktivität denkt. Aber auch der Körper, der die größte Wärmekapazität hat, stößt fremde Wärmematerie zurück, nur daß er es mit geringerer Kraft tut, als der Körper von geringerer Kapazität, der nicht etwa, wie man gewöhnlich sich vorstellt, der fremden Wärme verschlossen ist, sondern der mit eigentümlicher Kraft sie zurückstößt, oder der auf ihn zuströmenden Wärmematerie die erregte Elastizität seines eigentümlichen Wärmeprinzips entgegensetzt. Wir verstellen also unter Wärmekapazität eines Körpers nur das Minus von Zurückstoßungskraft, das er gegen fremde Wärmematerie äußert . Nachdem wir das Wort so bestimmt haben, werden wir es ohne Furcht mißverstanden zu werden fernerhin brauchen. Wir gehen nun zur Erörterung der oben aufgestellten Gesetze zurück. Erstens behaupten wir: die spezifische Wärme eines Körpers beim Gleichgewicht der Temperatur, oder die Kapazität desselben, wenn dieses Gleichgewicht gestört wird, verhalte sich umgekehrt wie seine absolute Wärme, oder wie der Grad der Erregbarkeit seines ursprünglichen Wärmeprinzips. Der Begriff der Wärmekapazität ist eine Klippe, woran die atomistische Physik scheitern muß, die dürftigen Erklärungen, die sie von der spezifischen Wärme usw. zu geben genötigt ist, sind die nächsten Vorboten ihres Untergangs. Crawford , der zuerst deutlicher als alle andern den Satz erwies, daß es eine spezifische Wärme der Körper gebe, und so viele andere scharfsinnige Männer, die ihm hierin nachfolgten, haben durch diesen Satz allein zur Vorbereitung einer dynamischen Naturwissenschaft mehr getan, als sie selbst ahnen oder beabsichtigen konnten. Man sieht, daß die Körper von geringerer Kapazität, indem sie die Wärmematerie zurückstoßen, sie gegen Körper von größerer Kapazität treiben, und daß so endlich ein Gleichgewicht entstehen muß, weil die spezifische Wärme in einem System von Körpern sich im umgekehrten Verhältnis ihrer Zurückstoßungskraft an sie verteilt, nicht als ob die Körper von großer Kapazität keine Zurückstoßungskraft äußerten, sondern, weil diese Zurückstoßungskraft, an sich schon schwächer, durch die Zurückstoßungskraft der Körper von geringerer Kapazität überwältigt wird. Es erhellt hieraus, daß jeder Körper in bezug auf seine spezifische Wärme in einem gezwungenen Zustand ist, worin ihn die Körper, mit denen er in Zusammenhang steht, erhalten, daher er diesen Zustand so bald verläßt, als sich sein Verhältnis zu den andern Körpern ändert. Zweitens behaupten wir, daß hinwiederum die absolute Wärme eines Körpers beim Gleichgewicht der Temperatur sich umgekehrt verhalte wie seine spezifische, und bei gestörtem Gleichgewicht umgekehrt wie seine Kapazität. Wir setzen voraus, daß phlogistisieren und desoxygenieren Wechselbegriffe sind, wovon der eine gerade so viel als der andere bedeutet, so wie umgekehrt oxygenieren und dephlogistisieren eins und dasselbe ist. Nun ist der Grad der absoluten Wärme eines Körpers gleich dem Grade seiner phlogistischen Beschaffenheit. Also werden wir das oben aufgestellte Gesetz auch so ausdrücken können: Die spezifische Wärme eines Körpers beim Gleichgewicht der Temperatur steht im geraden Verhältnis mit dem Grad seiner Oxydation, und im umgekehrten mit dem Grad seiner Desoxydation. Ich setze hierbei immer voraus, daß man die Terminologie der Chemie verstehe. Wir haben dieses Gesetz ganz und gar a priori gefunden; der Leser wird zu unserer Art zu philosophieren Zutrauen fassen, wenn er sieht, daß dieses so gefundene Gesetz mit der Erfahrung vollkommen übereinstimmt. Die allgemeine Folge des Verbrennens (d.h. der Oxydation) ist die vergrößerte Wärmekapazität des Körpers oder, was dasselbe ist, die verminderte Zurückstoßung, welche der Körper in diesem Zustande gegen fremde Wärmematerie beweist. Nach Crawford (in seiner Schrift on animal heat, 2. Ausg. S. 287) ist die Wärmekapazität des Eisens 1/8; des Eisenkalks 1/6; die des Kupfers 1/6; des Kupferkalks 1/4; die des Bleis 1/28; des Bleikalks 1/15; die des Zinns 1/14; des Zinnkalks 1/10. Man bemerke, daß die Versuche hierüber mit der möglichsten Genauigkeit angestellt wurden. 4. Dieses Gesetz: daß mit der Oxydation die Zurückstoßungskraft des Körpers gegen die Wärme vermindert wird, öffnet uns den Weg zu einer vollständigen Konstruktion des Verbrennens als einer chemischen Erscheinung. Jedem Verbrennen geht eine Erhöhung der Temperatur vorher. Durch diese wird die Zurückstoßungskraft des Körpers erregt, und somit seine Kapazität vermindert. Denn was heißt einen Körper erwärmen? Nichts anders als sein ursprüngliches Wärmeprinzip bis zu dem Grade erregen, daß es die fremde gegen den Körper strömende Wärmematerie zurückwirft. Indem der Körper dies tut, fühlen wir uns durch ihn erwärmt; er treibt die Wärme gegen Körper von größerer Kapazität, z.B. das Thermometer (das also nicht die Wärmequantität anzeigt, die ein Körper enthält , sondern die, welche er zurückstößt ). Nun muß es aber in jedem Körper ein Maximum jener Zurückstoßung geben. Diese Grenze der Erregbarkeit oder dieses Minus von Zurückstoßungskraft ist das negative Prinzip , das bei jedem Prozeß des Verbrennens dem positiven Prinzip (außer dem Körper) gegenüberstellt. Denn sobald die Zurückstoßungskraft des Körpers bis zum höchsten Grade erregt ist, und das Gleichgewicht der Kräfte im Körper schlechthin gestört wird, eilt die Natur es wiederherzustellen, was nicht anders geschehen kann als dadurch, daß die Zurückstoßungskraft des Körpers bis zu einem (relativen) Minimum vermindert, oder daß seine Kapazität zu einem (relativen) Maximum vermehrt wird. Dies geschieht durch das Verbrennen. Die Kapazität des Körpers wird vermehrt, und: der Körper durchdringt sich mit dem Oxygene, sagt gerade dasselbe. Vergrößerung der Kapazität und Verbrennen des Körpers ist ein und dasselbe Phänomen. Man sieht hieraus, daß den neueren Verteidigern des Phlogiston eine bei weitem philosophischere Idee vorschwebte, als man ihnen insgemein zutraut: diese, daß der Körper sich beim Verbrennen nicht absolut- passiv verhalten könne, und daß bei jedem phlogistischen Prozeß eine Wechselwirkung stattfinden müsse. In der Tat ist auch die Anziehung, welche der Körper gegen das Oxygene beweist, nichts anderes als ein Maximum von Zurückstoßungskraft gegen die Wärme, das der Körper erreicht hat. Ein Körper, der durch kein Mittel bis zu diesem Maximum gebracht werden könnte, wäre schlechterdings unverbrennlich. Was also alle verbrennlichen Körper gemein haben, ist eine gewisse Grenze der phlogistischen Erregbarkeit. Man kann diese Eigenschaft der Körper, nur bis zu einem gewissen Grade erregbar zu sein, ihr Phlogiston , oder auch ihr negatives Wärmeprinzip nennen. Ein solches negatives Prinzip ist notwendig, um das Phänomen des Verbrennens zu konstruieren. Ich brauche nicht zu erinnern, wie weit entfernt diese Theorie von dem unphilosophischen Gedanken ist, die Ursache der Verbrennlichkeit in einem besonderen Bestandteil der phlogistischen Körper zu suchen. Wenn nun oxydierte Körper eine größere Wärmekapazität beweisen, so geschieht dies nicht etwa, als ob sie in diesem Zustande eine positive Anziehung gegen die Wärmematerie bewiesen. Ich habe schon oben bemerkt, daß die Körper von größerer Zurückstoßungskraft die Wärmematerie gegen Körper von minderer Zurückstoßungskraft treiben. Die Wärmematerie kann daher Körpern, die vom Oxygene durchdrungen sind, nur adhärieren, sie kann (ohne Mitwirkung eines dritten Körpers, der jenen Körpern das Oxygene entzieht) nicht chemisch wirken, ihr Wärmeprinzip (das gleichsam neutralisiert ist) nicht erregen, also auch nicht zurückgestoßen werden. Sie adhäriert also solchen Körpern nicht durch wirkliche Verwandtschaft, sondern nur, weil sie von ihnen nicht zurückgestoßen und von andern (phlogistischen) Körpern gegen sie getrieben wird. 5. Zuletzt lasset uns aus den bisherigen Prinzipien Gesetze herleiten, nach welchen die verschiedene Wärmeleitungskraft der Körper bestimmt werden kann. Wärmeleiter sind mir solche Körper, deren eignes Wärmeprinzip, durch Wirkung der Wärmematerie erregt, diese forttreibt und zurückstößt. Nichtleiter der Wärme, an welchen sich die Wärmematerie nur durch ihre eigne Elastizität fortbewegt (mit andern Worten: solche, die sich gegen die Wärme neutral verhalten). Ich wünsche, daß meine Leser sich während des Folgenden die Bedeutung merken, die ich diesen Worten gebe. Denn es gehört nur geringe Belesenheit dazu, um zu wissen, daß sie von verschiedenen Schriftstellern in ganz verschiedenem Sinne gebraucht werden. Wenn man z.B. die Leitungskraft der Körper nach der Schnelligkeit schätzt, mit der sie einen erwärmten Körper erkälten, so ist z.B. das Wasser ein weit besserer Wärmeleiter als das Quecksilber. Ich verbinde aber mit jenem Worte einen ganz andern Sinn. Das Wasser ist mir kein Wärmeleiter, denn es verhält sich gegen die Wärme ganz neutral, stößt sie nicht fort, wie das Quecksilber, und hat insofern größere Kapazität . Nach jenen Schriftstellern ist die Leitungskraft der Körper gleich ihrer Kapazität, meinem Begriff nach verhält sie sich umgekehrt wie ihre Kapazität. So sind alle durchsichtige, d.h. solche Körper, durch welche das Licht fortgepflanzt wird, Nichtleiter der Wärme, entweder weil sie gar kein phlogistisch- erregbares Prinzip enthalten, oder weil wenigstens dieses Prinzip in ihnen neutralisiert ist. Die Kapazität des Wassers verhält sich zu der des Quecksilbers, wie 28:1. Daß das inflammable Prinzip des Wassers durch Oxygene neutralisiert ist, sieht man daraus, daß es die Natur des Lichts nicht verändert. Auf Nichtleiter also wird die Wärme nur quantitativ wirken, sie wird bloß ausdehnen oder den Zustand der Körper verändern, ohne eine Qualität zu geben oder zu nehmen. Aller Analogie nach verbindet sich die Wärme, die das Eis in Wasser verwandelt, mit dem letztern nicht als absolute, sondern nur als spezifische Wärme. Doch scheint die Wärme, welche dem Eis Flüssigkeit gibt, das Verhältnis seiner beiden Bestandteile zu ändern. Wasser bricht das Licht stärker als Eis. Man weiß, in welchem Zusammenhang die Stärke der Brechung mit der Inflammabilität steht. – Die Wärme, die sich mit dem schmelzenden Eis verbindet, kann nicht auf das Thermometer wirken, sie ist wie verschwunden (daher Dr. Blacks latente Wärme). Die Ursache ist, daß das Schmelzen des Eises selbst Ausdruck der unterliegenden Zurückstoßungskraft gegen die Wärme ist, »daß das Eis keine Zurückstoßungskraft gegen die Wärmematerie beweist«. Erste Auflage. und daß es also so lange Wärme aufnimmt, bis durch diese Wärme selbst seine Zurückstoßungskraft erst erregt wird. Es ist also unmöglich, daß es mit dieser Wärme auf andere Körper, etwa aufs Thermometer, wirke. Erst »Erst nachdem es ganz flüssig geworden, ist seine Zurückstoßungskraft erregt«. Erste Auflage. durch mitgeteilte Wärme kann es allmählich erhitzt, d.h. dahin gebracht werden, daß es aufs Thermometer wirkt. Wird der Wärmestrom so verstärkt, daß er die Zurückstoßungskraft des Wassers aufs neue überwältigt, so dringt er in das Wasser ein, verbreitet es zu Dampf , und ändert so seinen Zustand abermals ohne ihm eine Qualität zu geben oder zu nehmen . Die Wärme kann also weder mit dem Wasser noch mit dem Wasserdampf chemisch vereinigt sein; denn Festigkeit, Flüssigkeit, Dampfgestalt des Wassers sind bloß relative Zustände (keine Veränderungen seiner Qualitäten), Zustände, die man noch überdies als gezwungen ansehen kann; denn wäre das Wasser nicht in einer Temperatur, in welcher ihm andere Körper von minderer Kapazität eine beträchtliche Wärme zutreiben, so war' es Eis , und läge nicht die Atmosphäre auf ihm, so war' es Dampf . Daß die Wärme, welche dem Eis mitgeteilt wird, nicht als Wärme auf andere Körper wirkt, kommt nicht daher, daß es vom Eis chemisch gebunden, sondern daher, daß das Eis in diesem Zustand unfähig ist, der Zurückstoßungskraft, welche andere Körper gegen die Wärme äußern, das Gleichgewicht zu halten, oder sie gar zu überwältigen . Hier sehen wir also, daß das Wort Kapazität zweierlei bedeuten kann, die Kapazität des Volumens und die Kapazität der Grundstoffe , oder kürzer: quantitative und qualitative Kapazität. Nach der atomistischen Philosophie ist freilich alle Kapazität nur quantitativ . Es ist zu bedauern, daß bei der Undeutlichkeit der Begriffe, welche so lange Zeit über diese Gegenstände geherrscht haben, keiner der großen Physiker, denen wir die wichtigsten Entdeckungen über die Natur der Wärme verdanken, den eigentlichen Unterschied der spezifischen und der quantitativen Kapazität scharf genug gesehen und bestimmt hat, wodurch in ihren Angaben große Verwirrung entstanden ist. Gleichwohl zeigt sich dieser Unterschied sehr deutlich. Auf jeden Körper, welches chemische Verhältnis er auch gegen die Wärmematerie zeige, wirkt die Wärme quantitativ , d.h. durch Vergrößerung seines Volums , Veränderung seines Zustandes . Dies ist gleichsam die allgemeine Wirkungsart der Wärme; bei Körpern aber, die gegen die Wärme ein besonderes Verhältnis zeigen, ist diese Veränderung des Volums nur die äußere Erscheinung gleichsam der Veränderung, welche die Wärme durch besondere Wirkungsart im Innern des Körpers bewirkt. Dies erhellt daraus, daß diese Veränderung des Volums der Körper durch die Wärme nicht immer im Verhältnis ihrer Dichtigkeit , wie man sonst erwarten müßte, sondern in einem gewissen Verhältnis mit ihrer spezifischen Kapazität geschieht. Man muß hier auf zweierlei Rücksicht nehmen. Wenn man die Wärme , welche zu den Versuchen über die Ausdehnbarkeit der Körper angewandt wird, dem Grade nach als gleich annimmt, so muß man nicht nur auf das Volum , zu dem sie ausgedehnt werden, sondern auch auf die Zeit , innerhalb welcher es geschieht, Rücksicht nehmen. Zieht man nun 1. das Volum in Betrachtung, so scheint es allerdings, daß Körper durch dieselbe Wärme im umgekehrten Verhältnis ihrer Dichtigkeit ausgedehnt werden. So wird brennbare Luft durch dieselbe Wärme mehr ausgedehnt als gemeine Luft, gemeine Luft mehr als Weingeist, Weingeist mehr als Wasser, Wasser mehr als Quecksilber. Dies ist ganz so, wie man es zum voraus erwarten mußte. Nimmt man nun aber 2. auf die Zeit Rücksicht, in welcher diese Ausdehnung erfolgt, so daß man außer der Wärme auch den Grad der Ausdehnung als gleich annimmt, so zeigt sich dabei ein ganz anderes Verhältnis. Quecksilber, weit dichter als Wasser, braucht weniger Zeit, auf einen bestimmten Grad ausgedehnt zu werden, als Wasser, dieses wieder mehr Zeit als Weingeist, der weniger dicht ist als das Wasser. Lavoisier , nachdem er über die Ausdehnbarkeit flüssiger Körper durch die Hitze eine Reihe mühsamer Versuche angestellt hatte, wurde durch dieses besondere Verhältnis des Volums, zu welchem, und der Zeit, in welcher Flüssigkeiten ausgedehnt werden, so befremdet, daß er es nicht wagte, irgend eine Theorie aus seinen Versuchen herzuleiten. Nach den Grundsätzen, welche wir bisher über die Wirkungsart der Wärme aufgestellt haben, kann uns ein solches besonderes Verhältnis nicht unerwartet sein. Daß Körper von ursprünglich-höherer Elastizität (von geringerer Dichtigkeit) durch gleiche Wärme stärker ausgedehnt, d.h. elastischer werden als solche, die ursprünglich weniger elastisch sind, kann uns nicht befremden. Wenn also die Wärme zu verschiedenen Körpern ein verschiedenes, spezifisches oder qualitatives Verhältnis hat, so kann sich diese Verschiedenheit, die Wärme , und das Volum der Ausdehnung als gleich gesetzt, in der Tat durch nichts als die Verschiedenheit der Zeiten , in welcher gleiche Wärmequantitäten gleiche Wirkungen hervorbringen, offenbaren. Das besondere , spezifische Verhältnis der Wärme zu verschiedenen Körpern hängt nun ganz und gar von dem Grade der Erregbarkeit des ursprünglichen Wärmeprinzips dieser Körper ab. Es ist natürlich, daß Körper, in welchen das ursprüngliche Wärmeprinzip erregbarer ist, wenn sie mit andern Körpern, in welchen dasselbe minder erregbar ist, durch gleiche Wärme zu gleichem Volum ausgedehnt werden, dieses Volum in kürzerer Zeit annehmen müssen. So ist das Quecksilber zwar dichter , aber zugleich ursprünglich- phlogistischer , als das Wasser, es wird also durch gleiche Wärme in kürzerer Zeit zu einem gleichen Volum mit dem Wasser ausgedehnt werden. Ebenso ist der Weingeist zwar weniger dicht , dagegen aber ursprünglich erregbarer durch Wärme, als das Wasser; kein Wunder, daß die Zeit , in der er durch gleiche Wärme zu gleichem Volum mit dem Wasser ausgedehnt wird, gar nicht das Verhältnis seiner Dichtigkeit beobachtet. 6. Ich glaube, daß nach so vielfachen Beweisen kein Zweifel übrig bleiben kann, daß nicht in jedem phlogistischen Körper ein ursprüngliches Prinzip liege, das, durch fremde Wärme in verschiedenem Grade erregbar, eigentlich dasjenige ist, was die Wanne in verschiedenem Grade zurückstößt. Es ist ohnehin allen gesunden Prinzipien zuwider, einen Körper bei irgend einer Veränderung, die er erleidet, als lediglich passiv anzunehmen. Wie ein Körper die Wärme mit eigentümlicher Kraft zurückstoßen kann, begreife ich nicht, wenn nicht diese Kraft selbst durch Wärme erregbar ist. Und da in der ganzen Natur jene elastische Materie, die wir Wärmestoff nennen, nur durch sich selbst im Gleichgewicht erhellten, nur durch sich selbst beschränkt werden kann, so begreife ich wiederum nicht, wie ein Körper mit so großer Kraft auf die Wärmematerie zurückwirkt, wenn nicht in ihm selbst ein Prinzip liegt, das, der Wärmematerie ursprünglich verwandt , allein fähig ist sie in ihrer Bewegung aufzuhalten, oder ihr eine Bewegung in entgegengesetzter Richtung einzudrücken. Wenn die Wärme im Körper selbst ein ursprüngliches Prinzip erregt, d.h. wenn sie chemisch, dynamisch auf ihn wirkt, so wird dadurch ein Bestreben zur Zersetzung in ihm hervorgebracht werden. Ist die Materie zusammengesetzt aus homogenem , nur spezifisch verschiedenem phlogistischem Stoff, so wird die Zersetzung durch bloße Wärme bewirkt werden können, weil die verschiedenen Bestandteile eine verschiedene Erregbarkeit durch Wärme, und also auch einen verschiedenen Grad der Volatilität haben. So sind Öle als Produkte aus Wasser- und Kohlenstoff, so Pflanzen und überhaupt alle Zusammensetzungen phlogistischer Stoffe durch bloße Wärme zersetzbar. Ganz anders ist es mit Körpern, die aus heterogenem Stoffe bestehen. Ist ein Körper in oxydiertem Zustande, so kann die Wärmematerie für sich wohl eine Veränderung der quantitativen , nicht aber der qualitativen Kapazität bewirken. So wird Wasser durch Wärme ins Unendliche ausdehnbar, nicht aber zersetzbar sein, wofern nicht die Wahlanziehung einer dritten Materie hinzukommt. (Ein Satz, der gegen manche meteorologische Vorstellungsarten sehr beweisend ist). Das Vehikel der Wärmematerie im Wasser ist nur das Hydrogene , das Oxygene kann davon nicht affiziert werden. Die Wärmematerie wird sich des Hydrogenes bemächtigen und es in den Zustand der Zersetzbarkeit bringen. Aber nur erst, wenn eine dritte Materie hinzukommt, welche das Oxygene aus der Verbindung mit dem Hydrogene reißt, wird das letztere dem Impuls der Wärmematerie folgen. Das Wasser wird reduziert (desoxydiert), es entsteht entzündliche Luft (gaz hydrogène); diese wird eine weit geringere qualitative, aber eine größere quantitative Kapazität haben als das Wasser, mit andern Worten, indem das Wasser das Oxygene verliert, wird seine Zurückstoßungskraft gegen die Wärmematerie vergrößert, unerachtet es dem Volum nach jetzt weit mehr Wärmematerie aufnehmen kann. Das gerade Gegenteil geschieht, wenn der Körper phlogistisch ist und mit der atmosphärischen Luft in Berührung steht; denn nun wird jede Erhöhung der Temperatur die qualitative Kapazität des Körpers bis zu einem Maximum vermindern, bei welchem er das Oxygene anzieht. Man bemerke, wie überall Wärme- und Sauerstoff sich entgegengesetzt sind und in jedem Phänomen einander ablösen , wenn ich so sagen darf. In dem Grade, in welchem der Körper erwärmt ist, d.h. die Wärmematerie zurückstößt, zieht er das Oxygene an. Das Maximum der Zurückstoßung des einen ist das Maximum der Anziehung des andern. Sobald dieses Maximum erreicht ist, ändert sich die Szene. Denn sobald das Oxygene an den Körper tritt, wird die qualitative Kapazität des Körpers vermehrt, d.h. mit andern Worten, sobald der Körper das Maximum der Anziehung gegen das Oxygene erreicht hat, erreicht er zugleich das Minimum der Zurückstoßung gegen den Wärmestoff , dessen er fähig ist. Man sieht, daß diese Vorstellungsart auf weit philosophischere Begriffe führt, als die Vorstellungsart der Antiphlogistiker, die aus der Chemie in der Tat allen Dualismus verbannen. 7. Jetzt sehen wir uns auch instand gesetzt, den verschiedenen Grad der Brennbarkeit verschiedener Körper zu erklären. Zu erklären sage ich; denn daß man sagt, die Körper haben größere oder geringere Verwandtschaft zum Oxygene, heißt die Sache nicht erklären. Denn davon nichts zu sagen, daß das Wort Verwandtschaft überhaupt nichts erklärt, – so ist ja eben diese verschiedene Verwandtschaft der Körper zum Oxygene dasjenige, was man erklärt haben will. Wenn sich der verbrennende Körper beim Prozeß wirklich so passiv verhielte, als manche einseitige Antiphlogistiker glauben, so ließe sich gar kein Grund angeben, warum nicht alle Körper bei gleicher Temperatur und alle mit derselben Leichtigkeit verbrennen. Es muß als Grundsatz angenommen werden, daß der Körper nur dann mit dem Oxygene sich verbindet, wenn seine Zurückstoßungskraft gegen die Wärme ihr Maximum erreicht hat (oder: wenn sein ursprüngliches Wärmeprinzip bis zum höchsten Grade erregt ist). Denn sobald seine Zurückstoßungskraft der fremden Wärmematerie nicht mehr das Gleichgewicht hält, muß seine Kapazität vermehrt werden, oder, was dasselbe ist, er muß sich mit dem Oxygene verbinden. Die verbrennlichsten Körper also sind diejenigen, deren Zurückstoßungskraft am ehesten überwältigt ist, oder deren ursprüngliches Wärmeprinzip am ehesten das Maximum der Erregung erreicht. In einigen Körpern ist die ursprüngliche Zurückstoßungskraft so gering, daß sie bei der niedrigsten Temperatur schon sich mit dem Oxygene verbinden, oder, was dasselbe ist, eine größere Kapazität annehmen. Es wird auch umgekehrt gelten, nämlich daß diejenigen Körper durch Wärme am stärksten erregbar sind, welche am schwersten verbrennen (wie die Metalle). Auf das Thermometer kann nur diejenige Wärme wirken welche vom Körper zurückgestoßen wird. Der Grad also, in welchem ein Körper durch eine bestimmte Quantität Wärmematerie erwärmt wird, ist gleich dem Grad seiner Zurückstoßungskraft gegen die Wärme, oder gleich seiner Erregbarkeit durch Wärme. Es werden also durch gleiche Quantitäten Wärme von allen Körpern diejenigen am stärksten erwärmt, welche am schwersten verbrennen . Auch folgt aus dem Vorhergehenden das Gesetz: daß ein Körper von doppelter Erregbarkeit durch einfache Erhöhung der Temperatur in gleichem Grad erhitzt wird, als durch doppelte Erhöhung der Temperatur ein Körper von einfacher Erregbarkeit , oder: daß die einfache Erhöhung der Temperatur bei, doppelter Erregbarkeit des Körpers (in bezug auf das Thermometer) der doppelten Erhöhung der Temperatur bei einfacher Erregbarkeit des Körpers gleich gilt . Man setze die Erregbarkeit des Wassers = 1, die des Leinöls = 2, so wird das Wasser durch die doppelte Quantität mitgeteilter Wärme nicht stärker erhitzt, als das Leinöl durch die einfache, oder, wenn man die Wärmequantität, welche beiden mitgeteilt wird, als gleich annimmt, wird sich der Grad ihrer Erwärmung verhalten wie ihre Erregbarkeit = 1 : 2. Wenn Wärmeleiter solche Körper sind, welche durch eigentümliche Zurückstoßungskraft die Wärmematerie fortbewegen, so wird auch die Leitungsfähigkeit der Körper sich verhalten wie ihre Erregbarkeit, und umgekehrt wie ihre Kapazität. (Es brauchen einige Schriftsteller das Wort Kapazität als gleichbedeutend mit dem Wort Leitungsfähigkeit . Es ist aber widersinnig zu sagen, daß ein Körper um so größere Leitungsfähigkeit habe, je mehr er Wärme aufzunehmen, d.h. zurückzuhalten, fähig sei). Mit diesem Gesetz stimmt die Erfahrung vollkommen überein. Wärmeleiter sind nur phlogistische Körper, weil diese allein durch Wärme erregbar sind. Unter den phlogistischen Körpern werden diejenigen die besten Wärmeleiter sein, die im höchsten Grade erregbar sind, d.h. nach dem Obigen, die am schwersten verbrennen, die Metalle, und unter diesen z.B. das Silber usw. Die schlechtesten Wärmeleiter diejenigen, die durch Wärme am wenigsten erregbar sind, d.h. die leicht verbrennlichen Körper, wie Wolle, Stroh, Federn usw. Doch hat wahrscheinlich auf die Leitungskraft dieser Körper noch ein anderes Verhältnis Einfluß, wovon nachher. Ich bemerke nur noch, daß die Entdeckung des Grafen Rumford , daß diese Materien Nichtleiter sind für geringere, Leiter aber für größere Grade von Wärme, ein neuer Beweis ist, daß die Leitungskraft der Körper von dem Grad ihrer Erregung abhängig ist. Nichtleiter der Wärme sind alle dephlogistisierten oder oxydierten Körper, wie Metallkalke. In allen diesen Körpern ist nur geringe Zurückstoßungskraft gegen die Wärme erregbar. Vollkommene Nichtleiter der Wärme sind das Wasser und die Luft, versteht sich die reine Luft (denn kohlengesäuertes oder entzündliches Gas sind allerdings Wärmeleiter. Die eingeschlossene Luft eines Orts, in welchem viele Menschen sich befinden, wird zuletzt glühend heiß). Es ist eine merkwürdige Entdeckung des Grafen Rumford , die er in seinen Experiments upon heat in den Philos. Transact. Vol. LXXXII, P. I. zuerst mitgeteilt und durch sinnreiche Versuche außer Zweifel gesetzt hat, daß die gemeine Luft für die Wärme undurchdringlich sei, daß zwar jedes einzelne Luftteilchen Wärme aufnehmen und durch Bewegung andern mitteilen könne, daß aber die Luft in Ruhe , d.h. ohne daß ihre Teilchen eine relative Bewegung haben, die Wärmematerie nicht fortpflanze. Dies heißt nun gerade nicht mehr und nicht weniger, als daß die Luft keine eigentümliche Zurückstoßungskraft gegen die Wärme äußere, sondern sie nur fortpflanze, insofern sie selbst durch eine äußere Ursache in Bewegung gesetzt wird. Ich wüßte nichts, wodurch ich die oben gegebene Definition eines Wärmeleiters und Nichtleiters besser erläutern könnte. Ich habe soeben bemerkt, daß die Leitungskraft mancher leichtverbrennlichen Körper, wie der Wolle, der Federn usw., geringer sei, als man sie, ihrer schwachem Erregbarkeit unerachtet, doch erwarten sollte. Das Rätsel löst sich durch eine andere Beobachtung des Grafen Rumford . Er hat gefunden, daß die geringere Leitungskraft der Materien, die wir zur Bedeckung und Bekleidung anwenden, nicht sowohl von der Feinheit oder der besondern Disposition ihres Gewebes, als von einem gewissen Grad der Anziehung, den diese Materien gegen die umgebende Luft beweisen, abhängig sei. Vermöge dieser Anziehung hält eine solche Materie die Luft mit mehr oder weniger Hartnäckigkeit zurück, selbst dann, wann sie durch eine momentane Ausdehnung ärostatisch leichter wird als die umgebende Luft, und also sich erheben und die Wärme, von der sie ausgedehnt wurde, mit sich wegführen sollte. (Man begreift daraus, warum oft bei gemäßigter Temperatur der Luft ein Wind weit mehr erkältet, als die ruhige, aber äußerst kalte Luft). Am deutlichsten sieht man diese Eigenschaft leichtverbrennlicher Körper, die Luft um sich her zu sammeln, an dem sogenannten Hexenmehl (semen lycopodii). Man weiß, daß dieses Mehl beinahe keine Nässe annimmt; es schwimmt nicht nur auf dem Wasser, sondern es schützt auch, auf dessen Oberfläche ausgebreitet, die Hand, die man ins Wasser taucht, vor aller Feuchtigkeit; den Grund davon muß man in der Luftschichte suchen, die jedes einzelne Körnchen dieses Staubes umgibt; denn, wenn man ein Glas voll dieses Staubes auf den Boden eines mit Wasser angefüllten Gefäßes unter den Rezipienten der Luftpumpe bringt, füllt im Augenblick, da man den Druck der Atmosphäre wiederherstellt, das Wasser in dem Glas alle Zwischenräume des Staubs aus, und macht ihn naß wie jede andere Materie; trocknet man ihn nachher, so nimmt er wieder seine Luftbedeckung an, und mit dieser auch wieder die charakteristische Eigenschaft, der Nässe zu widerstehen. (Man sehe eine Anmerkung des Herrn Pictet zu dem Auszug aus des Grafen Rumford Abhandlung in der Bibliothèque britannique, redigée à Genève par une société de gens de lettres T. I, p. 27.) Vorausgesetz auch, daß die leichtverbrennlichen Substanzen, deren wir uns zum Schutz gegen die Kälte bedienen, die vollkommensten Nichtleiter der Wärme wären (was man doch aller Analogie nach nicht annehmen kann), so ist doch die wirkliche Solidität dieser Substanzen in Vergleichung der Zwischenräume, die sie leer lassen, so gering, daß sie, wenn sie nicht auf die Luft selbst einen Einfluß hätten, wodurch die freie Bewegung derselben in jenen Zwischenräumen und auf ihrer Oberfläche verhindert wird, unmöglich die Wärme so zurückhalten könnten, wie sie es wirklich tun. Wenn es nun erwiesen ist, daß die Luft nicht durch eine eigentümliche Zurückstoßungskraft auch in der Ruhe , sondern nur insofern sie selbst bewegt wird, die Wärme fortpflanzt, und wenn es ferner erweisbar ist, daß jene Substanzen durch die Anziehung, welche sie gegen die umgebende Luft beweisen, eine relative Bewegung der letztern verhindern, so wird man die geringe Leitungskraft jener Materien nicht allein von ihrer schwachem Erregbarkeit, sondern noch vorzüglich von dem Schirm, den die Luft um sie her bildet, ableiten müssen: das letztere aber läßt sich leicht erweisen. Es gewährt einen schönen Anblick, wenn man feines Pelzhaar unter Wasser getaucht unter den Rezipienten einer Luftpumpe bringt. Jedes einzelne Haar zeigt in dem Verhältnis, als die Luft verdünnt wird, seiner ganzen Länge nach eine unzählige Menge Luftblasen nacheinander, die ebenso vielen mikroskopischen Perlen gleichen. Ich füge eine Bemerkung hinzu, wodurch, wie ich glaube, die Sache noch mehr erläutert wird. Man sieht leicht ein, daß die Natur, wenn sie den Tieren zu ihrer Bedeckung Substanzen gegeben hätte, die vollkommene Wärmeleiter sind, sehr grausam gehandelt hätte. Aber man bemerkt nicht so leicht, daß es ebenso grausam gewesen wäre, ihnen vollkommene Nichtleiter , oder Substanzen von großer Kapazität, zur Bedeckung zu geben. Die Natur mußte die Tiere mit einer Bedeckung von geringer Kapazität umgeben, denn eine Bedeckung von großer Kapazität hätte ihnen alle eigentümliche Wärme geraubt und nicht Zurückstoßungskraft genug gehabt, um die vom Körper ausströmende Wärme gegen ihn zurückzutreiben. Denn der Körper kann durch natürliche oder künstliche Bedeckung nur insofern erwärmt werden, als diese der vom Körper ausströmenden Wärme das Gleichgewicht zu halten imstande ist. Allein hinwiederum hätten Substanzen von geringerer Kapazität als Wärmeleiter die Wärme nicht nur gegen den Körper zurück, sondern auch vom Körper hinweg getrieben, wenn die Natur nicht in einem umgebenden Medium das Mittel gefunden hätte, die Fortpflanzung der Wärme in dieser Richtung zu verhindern. Diesen Zweck hat sie dadurch erreicht, daß sie die Tiere in ein Medium versetzte, das nicht nur ein vollkommener Nichtleiter ist, sondern auch von den leichtverbrennlichen Substanzen, aus denen die tierischen Bedeckungen bestehen, auf besondere Art angezogen und so modifiziert wird, daß es alle Fortpflanzung der Wärme in der entgegengesetzten Richtung des Körpers beinahe unmöglich macht. Der Pelz z.B., mit dem vorzüglich die Tiere der kälteren Klimate versehen sind, beweist gegen die umgebende Luft eine Anziehung, die stark genug ist, der spezifischen Leichtigkeit dieser durch die eigne Wanne des Tiers ausgedehnten Luftteilchen das Gleichgewicht zu halten, und so zu verhindern, daß sie die eigne Wärme des Tiers nicht fortführen. Diese Bedeckung, welche die Luft um sie bildet, ist eigentlich die Beschirmung, welche das Tier vor dem Einfluß der äußeren Kälte schützt, oder, eigentlicher zu sagen, ihm seine innere Wärme erhält. »Man sieht daraus«, sagt der Graf Rumford , »warum das längste, feinste und gedrängteste Pelzwerk das wärmste ist (und, kann man hinzusetzen, warum Feinheit und Länge dieser tierischen Bedeckungen mit der Kälte der Himmelsstriche zunimmt); man sieht, wie der Pelz des Bibers, der Fischotter und anderer vierfüßiger Tiere, welche im Wasser leben, wie die Federn der Wasservögel, unerachtet der großen Kälte und der Leitungsfähigkeit (Kapazität) des Mittels, in dem sie leben, die Wärme dieser Tiere im Winter erhalten können; die Verwandtschaft der Luft mit ihrer Bedeckung ist so groß, daß sie durch das Wasser nicht verdrängt wird, sondern hartnäckig ihren Platz behauptet, und zu gleicher Zeit das Tier vor der Nässe und der Erkältung bewahrt«. Ich habe mit Absicht länger bei diesen Betrachtungen verweilt, weil sie mir der offenbarste Beweis von der Richtigkeit des Begriffs zu sein scheinen, den ich oben von der Leitungsfähigkeit der Körper aufgestellt habe. Der Graf Rumford hat es unterlassen, den Grund anzugeben, warum die (gemeine) Luft für die Wärme undurchdringlich ist, oder warum sie die Wärme nicht durch eigentümliche Bewegung fortpflanzt. Wenn die oben aufgestellten Grundsätze richtig sind, so ist dieser Grund nicht schwer zu finden. Die gemeine Luft ist von dem Oxygenegas durchdrungen. Dieses ist nach den obigen Prinzipien durch Wärme nicht erregbar, oder es beweist keine eigentümliche Zurückstoßungskraft gegen die Wärmematerie. Der evidenteste Beweis davon ist, daß die Körper, sobald sie sich mit dem Oxygene verbinden, eine weit größere Kapazität annehmen. Ich fasse um so eher Zutrauen zu dieser Erklärung, da derselbe Graf Rumford durch neuere Versuche überzeugt worden ist, daß das Wasser gerade so wie die atmosphärische Luft fremde Wärme nicht durch eine eigentümliche Propulsionskraft, sondern nur durch relative Bewegung seiner einzelnen Teilchen fortpflanzt. Er hat die Natur gleichsam über der Tat belauscht, indem er Mittel fand, die entgegengesetzten Ströme im erhitzten Wasser zu beobachten, wodurch sich die Wärme allmählich in der ganzen Masse verbreitet. Er hat bemerkt, daß, was die Verbreitung der Wärme durch die Luft erschwert, z.B. Federn, auch die Verbreitung der Wärme durchs Wasser verhindert. (Man s. die weitläufigere Nachricht hievon in v. Crell's chemischen Annalen 1797, 7. und 8. Heft.) Der Graf Rumford glaubt sich durch diese Entdeckung zu dem allgemeinen Satz berechtigt, » daß alle Arten von Flüssigkeiten dieselbe Eigenschaft haben, Nichtleiter der Wärme zu sein« (a. a. O. S. 80), ja sogar zu der Vermutung, » das wahre Wesen der Flüssigkeit möchte wohl darin bestehen, daß die Elemente derselben alle fernere Umtauschung oder Mitteilung der Wärme unmöglich machen« (a. a. O. S. 157). Ich habe aber Grund zu glauben, daß weitere Versuche, die dieser ebenso tätige als sinnreiche Naturforscher ohne allen Zweifel anstellen wird, ihn nötigen werden, jene Behauptung auf die dephlogistischen oder dephlogistisierten (durch Oxygene neutralisierten) Flüssigkeiten einzuschränken. Ein Hauptbestandteil des Wassers ist das Oxygene. Diese Materie ist es, was dem Hydrogene zugleich mit seiner phlogistischen Beschaffenheit auch die Erregbarkeit durch Wärme und mit ihr die Fähigkeit raubt, Wärmematerie durch eigentümliche Zurückstoßungskräfte fortzupflanzen . Vielleicht gelingt es uns in der Folge unserer Untersuchungen wahrscheinlich zu machen, daß die Anziehung, welche leichtverbrennliche Substanzen gegen die atmosphärische Luft beweisen, nicht nur die relative Bewegung der Luftteilchen verhindert, wie der Graf Rumford behauptet, sondern noch überdies durch eine besondere Modifikation die atmosphärische Luft auch der geringen Leitungsfähigkeit beraubt, welche sie noch ihrer Vermischung mit dem Stickgas verdankte. Die Eigenschaft des Wassers, Nichtleiter der Wärme zu sein, reizt ebenso zu Betrachtungen über die allgemeine Ökonomie der Natur, als dieselbe Eigenschaft der Luft. Hr. de Luc , als er durch Versuche ein Fluidum finden wollte, das im Verhältnis der Wärmegrade sich ausdehnte, war sehr erstaunt, als er das große Mißverhältnis wahrnahm zwischen der Ausdehnung, welche das Wasser, und der, welche andere Flüssigkeiten durch Wärme erlangen. Wenn man die Ausdehnung, zu welcher das Wasser und das Quecksilber im Übergang vom Gefrier- zum Siedepunkt gelangen, in 800 gleiche Teile teilt, und die korrespondierenden Grade dieser Ausdehnung in beiden vergleicht, so findet man, daß das Quecksilber vom Eispunkt an bis zu dem höchsten Wärmegrad, der beim Anfang der Vegetation an der Oberfläche der Erde herrscht (ungefähr = 10° eines 80 teiligen Thermometers) um 100, das Wasser aber nur um 2 jener 800 Teile ausgedehnt wird, daß von diesem Punkt an bis zu dem herrschenden Wärmegrad im Sommer (ungefähr = 25°) das Quecksilber sich um 150, das Wasser nur um 71 jener 800 Teile ausdehnt. Also folgt das Wasser bei seiner Ausdehnung gar nicht dem Verhältnis der Erwärmung, denn die ersten Grade seiner Ausdehnung wenigstens sind in Vergleichung der letztern höchst unbeträchtlich. Hr. de Luc wurde in Bewunderung gesetzt, als er bedachte, daß das Wasser die Flüssigkeit ist, die am meisten auf der Erde verbreitet, in allen Substanzen enthalten, das Vehikel aller vegetabilischen und tierischen Nahrung, in allen Gefäßen, welche dazu dienen, enthalten ist; daß also, wenn das Wasser ein »turbulentes«. Zusatz der ersten Ausgabe. in seinen Ausdehnungen rapides Fluidum wäre, keine Organisation der Erde bestehen könnte. * Ich denke, daß man es der vorgetragenen Wärmetheorie als. Verdienst anrechnen wird, Worten, die bisher nichts als dunkle Qualitäten ausgedrückt haben (wie dem Wort Kapazität), durch Zurückführung der Wirkung, die sie bezeichnen, auf physikalische Ursachen reale Bedeutung verschafft zu haben. Ich hoffe, daß man diese Theorie nicht durch die bisherigen Theorien bestreiten werde, denn eben das ist der Zweck dieser Theorie, das Schwankende der bisherigen Begriffe aufzudecken. Wer übrigens diese Theorie verwirren will, hat leichte Arbeit, wenn er nur die bisherige Unbestimmtheit des Wortes Kapazität und mehrerer anderer gehörig zu benutzen weiß, welches zu verhüten ich doch mein Mögliches getan habe. III. [Der Dualismus der Luftarten] Allmählich mannigfaltiger und bestimmter entwickelt sich der allgemeine Dualismus der Natur . 1. Wenn das positive Prinzip der Bewegung mit dem Licht zu uns strömt, und die negativen Prinzipien der Erde eigen sind, so ist zum voraus zu erwarten, daß das allgemeine Medium, das unsern Erdkörper umgibt, eine ursprüngliche Heterogeneität der Prinzipien andeuten werde. Die Erfahrung kommt hier freiwillig gleichsam unsern Ideen entgegen. »Wenn man sieht, wie die Erfahrung freiwillig gleichsam unsern Ideen entgegenkommt, muß man aufhören in seinen Behauptungen furchtsam zu sein«. Erste Auflage. Daß in unserer Luft die entgegengesetzten Prinzipien des Lebens vereinigt seien, hat die Erfahrung gelehrt, noch ehe die wahren Prinzipien des allgemeinen Dualismus aufgestellt waren. Wie durch einen glücklichen Instinkt ist dieser allgemeine Gegensatz bereits in die Sprache der Chemie und Physik übergegangen, welche unsere atmosphärische Luft aus dem positiven und dem negativen Prinzip des Lebens – dem belebenden und dem azotischen Stoff zusammensetzt. 2. Daß unsere Atmosphäre ein bloßes Gemenge zweier heterogener Luftarten (der Lebens- und Stickluft) sei, ist ein armseliger Behelf unserer Unwissenheit. (Vgl. die Ideen zur Philosophie der Natur S. 40 [oben S. 209].) Daß beide Luftarten beim Verbrennen sich scheiden, ist freilich gewiß; dies beweist aber nur, daß das eine Prinzip der atmosphärischen Luft beim Verbrennen aus ihr als eine Luftart abgeschieden wird, nicht aber daß beide Prinzipien ursprünglich als Luftarten vereinigt waren. Wie kommt es wenigstens, daß die azotische Luft nur beim Verbrennen ihrer eigentümlichen Leichtigkeit folgt (wenn Schwefelfaden von verschiedener Höhe unter der Glocke in gemeiner Luft angezündet werden, erlöschen die niedrigsten zuletzt); warum sondert sich diese Luftart nicht von selbst von der bei weitem schwereren Lebensluft ab und erhebt sich gleich dem entzündlichen Gas in höhere Regionen ? – Von den Winden , welche nach Herrn Girtanners Meinung (in den Anfangsgründen der antiphlogistischen Chemie S. 65) diese Mengung beider Luftarten befördern und unterhalten, könnte man eher das Gegenteil erwarten. Wie kommt es wenigstens, daß die atmosphärische Luft in ganz verschiedenen Gegenden der Erde (die höchsten Berge etwa ausgenommen) sich so gleichförmig bleibt, und auch das Eudiometer hartnäckig und fast zu jeder Zeit dasselbe Verhältnis der beiden Luftarten anzeigt? oder welche Naturkraft verhindert es, daß unsere atmosphärische Luft nicht durch Verbindung beider heterogenen Grundstoffe in eine luftförmige Salpetersäure übergeht? 3. Bisher haben wir nur Einen Hauptgegensatz gekannt zwischen der positiven und negativen Ursache des Verbrennens. In der atmosphärischen Luft scheint sich ein ganz neuer Gegensatz hervorzutun. Die Stickluft kann nicht den sauren Luftarten beigezählt werden. Gleichwohl gehört sie auch nicht in die Klasse der brennbaren . Nur durch den elektrischen Funken gelingt es, die Basis beider Luftarten, aus welchen die atmosphärische Luft zusammengesetzt sein soll, zu einer schwachen Säure zu verbinden. Die Stickluft ist ein Wesen eigner Art. Man muß also zum voraus erwarten, daß zwischen beiden Luftarten ein weit höheres Verhältnis herrsche, als dasjenige, was beim Verbrennen stattfindet. IV. [Offenbarung des höheren Dualismus in der Elektrizität] Sollte ein solches Verhältnis beim Elektrisieren offenbar werden? Das Elektrisieren kann, wie aus mehreren Versuchen erweisbar ist, keine Art von Verbrennung sein, was selbst Lavoisier vermutet hatte; das Elektrisieren gehört in eine höhere Sphäre der Naturoperationen als das Verbrennen. 1. Man muß als ersten Grundsatz in der Elektrizitätslehre einräumen, daß keine Elektrizität ohne die andere da ist noch da sein kann . Aus diesem Grundsatz, der in diesem Fall durch die Erfahrung auffallender als bei andern Phänomenen bestätigt wird, läßt sich am bestimmtesten endlich der Begriff positiver und negativer Kräfte ableiten. Weder positive noch negative Prinzipien sind etwas an sich oder absolut-Wirkliches . Daß sie positiv oder negativ heißen, ist Beweis, daß sie nur in einem bestimmten Wechselverhältnis existieren. Sobald dieses Wechselverhältnis aufgehoben wird, verschwindet alle Elektrizität. Eine Kraft ruft die andere hervor, eine erhält die andere, der Konflikt beider allein gibt jedem einzelnen Prinzip eine abgesonderte Existenz. Wir haben oben bei der Theorie des Verbrennens ein solches Wechselverhältnis aufgestellt. Als das positive Prinzip des Verbrennens haben wir das Oxygene angenommen. Allein es ist klar, daß dieses Oxygene ganz und gar nicht an sich existiert, und deshalb auch in der Anschauung für sich nicht darstellbar ist. Es existiert als solches nur im Augenblick des Wechselverhältnisses zwischen ihm und dem negativen Prinzip des verbrennlichen Körpers. Nur wenn die Rupulsivkraft des Körpers bis zum relativen Maximum erregt ist, tritt es an den Körper, um ein relatives Minimum der Repulsivkraft wiederherzustellen. Sobald der Prozeß vorbei ist, existiert das Oxygene nirgends mehr als solches, sondern ist mit dem verbrannten Körper identifiziert. – Ebenso das Phlogiston , oder das negative Prinzip des Verbrennens. Nur im Augenblick, da der Körper bis zum höchsten Grade erregt ist, erscheint es (es kündigt sich durch die Veränderung der Farbe an, die man am Körper wahrnimmt, unmittelbar ehe er brennt), denn es drückt selbst nichts anderes aus als die Grenze der phlogistischen Erregbarkeit des Körpers. 2. Da in der Natur ein allgemeines Bestreben nach Gleichgewicht ist, so erweckt jedes erregte Prinzip notwendig und nach einem allgemeinen Gesetze das entgegengesetzte Prinzip, mit welchem es im Gleichgewicht steht. Man hat nicht Unrecht, dieses Gesetz als eine Modifikation des allgemeinen Gesetzes der Gravitation anzusehen; es ist wenigstens mit dem Gesetz der allgemeinen Schwere von einem gemeinschaftlichen höheren Gesetze abhängig. Man muß annehmen, daß in jedem chemischen Prozesse ein solcher Dualismus entgegengesetzter, wechselseitig-erregter Kräfte herrsche. Denn in jedem chemischen Prozesse entstehen Qualitäten, die vorher nicht da waren, und die ihren Ursprung bloß dem Bestreben entgegengesetzter Kräfte sich ins Gleichgewicht zu setzen verdanken. Es ist von jeher der Ehrgeiz der Philosophen und Physiker gewesen, den Zusammenhang zu erforschen, in welchem die chemische Anziehung der Körper mit der allgemeinen Anziehung stehe. Man muß behaupten, daß beide Anziehungen unter demselben ursprünglichen Gesetze stehen, diesem nämlich, daß die Materie überhaupt ihre Existenz im Raume durch ein kontinuierliches Bestreben nach Gleichgewicht offenbare, ohne welches alle Stoffe einer Zerstreuung ins Unendliche ausgesetzt wären. Was die chemische Anziehung von der allgemeinen unterscheidet, ist nur die eigentümliche Sphäre , in welche die Körper, zwischen denen sie stattfindet, durch besondere Naturoperationen gleichsam erhoben, und dadurch den Gesetzen der allgemeinen Schwere entzogen werden. Alle Körper, insofern ihre Kräfte ein relatives Gleichgewicht erreicht haben, gehören dem allgemeinen System der Schwere an. Dadurch, daß zwei Körper einer im andern das Gleichgewicht der Kräfte stören, nehmen sie sich wechselseitig aus diesem allgemeinen System hinweg. Jede zwei Körper, die miteinander in chemischer Wechselwirkung stehen, bilden von dem ersten Augenblick ihrer Wechselwirkung an ein besonderes, eignes und für sich bestehendes System, und kehren erst, nachdem sie sich wechselseitig auf ein gemeinschaftliches Moment der Kraft reduziert haben, unter das Gesetz der allgemeinen Schwere zurück. Nicht also weil beide Elektrizitäten einander entgegengesetzt sind, ziehen sie sich an, sondern umgekehrt, weil sie sich anziehen, sind sie sich entgegengesetzt. Jede erregte Kraft erweckt eine andere, durch welche sie zum Gleichgewicht zurückgebracht wird (gegen welche sie sonach gravitiert). Diese muß notwendig die entgegengesetzte der ersten sein, weil nach einem allgemeinen Gesetze zwischen verschiedenen Materien nur dann Anziehung ist, wenn das quantitative Verhältnis der Grundkräfte in der einen das umgekehrte von demselben Verhältnis in der andern ist (Ideen z. Ph. d. N. S. 236 [Ob. S. 414]). 3. Man kann auf diese Art a priori ein Gesetz des Verhältnisses beider Elektrizitäten (ohne ihre spezifische Beschaffenheit näher erforscht zu haben) aufstellen. Wenn man jede Materie als Produkt einer expandierenden und als »jede Materie (ihrer Elastizität nach)...und (ihrer Masse nach) als«. Erste Auflage. Produkt einer anziehenden Kraft betrachten kann, so gilt es als allgemeines Gesetz: daß die Materie von einfacher Masse mit doppelter Elastizität der Materie mit einfacher Elastizität und doppelter Masse gleich gilt. (Dieses Gesetz ist in den Sätzen aus der Naturmetaphysik von Eschenmayer aus den ersten Prinzipien abgeleitet.) So drückt die dort aufgestellte Formel 2 E. M = 2 M. E das Gleichgewicht der beiden elektrischen Materien aus. 4. Aus dem Begriff einer realen Entgegensetzung (so wie derselbe in der Mathematik gebraucht wird) folgt unmittelbar, daß beide entgegengesetzte Größen wechselseitig in bezug aufeinander negativ oder positiv sein können. Die Zeichen ± drücken nicht irgend eine bestimmte (spezifische) Beschaffenheit der beiden Elektrizitäten, sondern nur das Verhältnis der Entgegensetzung aus, in welchem sie stehen. Die spezifische Natur der elektrischen Materie also (welche Stoffe in ihr wirksam seien), ist der Gegenstand einer besondern experimentierenden Untersuchung. 5. Aus demselben Begriff folgt a priori, daß die beiden Elektrizitäten etwas Gemeinschaftliches haben müssen, weil nur Größen einer Art sich reell-entgegengesetzt sein können. Dieses Gemeinschaftliche bei der elektrischen Materie ist die expandierende Kraft des Lichts. Unterscheiden also können sich beide nur durch ihre ponderablen Basen. Untersuchung über die ponderable Basis der elektrischen Materie Es ist das Hauptverdienst der experimentierenden Physik, daß sie allmählich alle verborgenen Ursachen verbannt hat, und in den Körpern nichts zuläßt, was nicht aus ihnen sichtbar entwickelt wird, oder durch Zersetzung darstellbar ist. Wenn man bedenkt, daß die älteste und eben deswegen natürlichste Meinung die wirksamsten Materien überall verbreitet annahm, wird man die Entdeckung, daß die Quelle des Lichts in der umgebenden Luft liege, als den ersten Anfang zur Rückkehr zu dem ältesten und heiligsten Naturglauben der Welt ansehen. Gleichwohl ist diese Untersuchung durch die Bemühung eines ganzen Zeitalters noch nicht zur Vollendung gebracht worden. Viele Phänomene machen geneigt zu glauben, daß das Licht noch ganz anderer Verbindungen und Kombinationen fähig ist, als man bisher entdeckt oder auch nur geglaubt hat. Wenn die Quelle alles Lichts, das wir entwickeln können, in der Lebensluft zu suchen ist, so müßte auch die elektrische Materie ihren Ursprung einer Zerlegung dieser Luft verdanken. Eine Menge Phänomene bestätigen diese Voraussetzung. – Daß die elektrische Materie ein zusammengesetztes Fluidum, daß sie ein Produkt der Lichtmaterie und irgend einer andern vor jetzt noch unbekannten Materie sei, setze ich als bewiesen und ausgemacht voraus. Auch betrachte ich Franklins Hypothese, daß ein Körper positiv -elektrisch ist, wenn er einen Überfluß, negativ -elektrisch, wenn er einen Mangel an elektrischer Materie hat, als längst widerlegt. Davon nichts zu sagen, daß sie äußerst dürftige Vorstellungen veranlaßt und auf atomistische Begriffe führt, ohne welche man gar nicht erklären kann, wie durch den Mechanismus des Reibens in dem einen Körper ein Überfluß, im andern ein Mangel an elektrischer Materie entstehe, so ist diese Hypothese ganz und gar außerstande, die chemischen Verhältnisse , von welchen es neuern Entdeckungen zufolge abhängt, ob ein Körper negativ oder positiv -elektrisch wird, begreiflich zu machen; auch hat weder Franklin noch irgend einer seiner Anhänger einen positiven Beweis für diese Hypothese vorgebracht, den einzigen ausgenommen, daß die Elektrizität immer in Einer Richtung vom positiv- zum negativ-elektrischen Körper wirke, eine Behauptung, die man späterhin als falsch befunden hat. Viele Erscheinungen, deren Anzahl durch genaue Beobachtung leicht vermehrt werden kann, vorzüglich die Phänomene der Leidener Flasche, beweisen, daß bei den elektrischen Phänomenen Bewegungen in entgegengesetzter Richtung stattfinden, daß also + E und – E reell – und positiv - entgegengesetzte Prinzipien sind. Wenn es nun zwei wirkliche und einander entgegengesetzte elektrische Materien gibt, wodurch unterscheiden sich beide voneinander? Antwort : Nur durch ihre ponderablen Grundstoffe . Erste Auflage: »ponderable Basen« statt »Grundstoffe«, ebenso im gleich folgenden. Hier sind wieder zwei Fälle möglich. Entweder sie unterscheiden sich bloß durch das quantitative Verhältnis ihrer Grundstoffe zum Licht; Oder ihre Grundstoffe sind spezifisch voneinander verschieden. Die erste Annahme habe ich in den Ideen zur Philosophie der Natur mit Gründen unterstützt. Eine Materie, könnte man sagen, von so großer Kraft, als die elektrische, kann durch die geringste Verschiedenheit in ihren innern Verhältnissen eine so verschiedene Natur annehmen, daß sie den Schein zweier ursprünglich einander entgegengesetzter elektrischer Materien gibt, obgleich es dieselbe Materie ist, die in beiden nur auf verschiedene Weise modifiziert und mit sich selbst gleichsam entzweit erscheint. Der richtig-aufgefaßte Begriff reeller Entgegensetzung macht es notwendig, mit Franklin als Ursache der elektrischen Erscheinungen ein homogenes Wesen anzunehmen, unerachtet eben dieser Begriff nötigt, mit Symmer anzunehmen, daß, wo ein elektrischer Konflikt ist, auch zwei voneinander verschiedene und nur wechselseitig in bezug aufeinander positive oder negative, an sich selbst aber positive Prinzipien im Spiel seien. Allein die elektrischen Materien könnten einem Fluidum ihren Ursprung verdanken, das, obgleich aus heterogenen, ja entgegengesetzten Stoffen zusammengesetzt, doch Ein homogenes Wesen vorstellte und nur beim Elektrisieren zerlegt würde. Die allgemeine Analogie läßt a priori erwarten, daß die beiden wechselseitig durcheinander erregten elektrischen Materien sich durch spezifisch verschiedene Stoffe voneinander unterscheiden. Welche Materie nun beim Elektrisieren zerlegt werde, ist vielleicht möglich zu finden, wenn wir die Art und den Mechanismus der Zerlegung untersuchen. Es ist allgemein bekannt, daß durch Reiben Wärme erregt wird. Auf diese Tatsache könnten wir uns im gegenwärtigen Fall berufen, auch wenn wir außerstande wären sie selbst zu erklären. Daß auch die Wärme beim Reiben ihren Ursprung einer mechanischen Luftzersetzung verdanke, wie ich sonst geglaubt, und wie unter andern auch Hr. Pictet vermutet hatte, ehe ihn einige Versuche vom Gegenteil überzeugten, glaube ich jetzt nicht mehr. Denn es könnte keine Wärmematerie aus der Luft frei werden, ohne daß die umgebende Luft eine gleichzeitige Veränderung erlitte. Eine solche Veränderung nehmen wir nun allerdings wahr, sobald der Körper elektrisch wird. Van Marum hat gezeigt, daß die elektrische Materie die Wirkungsart der Wärme annehmen kann, und auch Pictet (in seinem Versuche über das Feuer § 162) vermutet, daß die durch Reiben erregte elektrische Materie die Entwicklung der Wärmematerie befördere. Es ist sehr natürlich, daß die einmal entwickelte elektrische Materie auch als Wärme wirkt. Aber durch Reiben wird Wärme erregt, ehe noch Elektrizität erregt wird, und die vorhergehende Erwärmung eines Körpers scheint eher selbst die Bedingung zu sein, unter welcher er elektrisch wird. Wenn die Erwärmung eines Körpers durch Reiben einer mechanischen Luftzerlegung zuzuschreiben wäre, so müßte ein stärkeres Reiben auch eine größere Erwärmung zuwege bringen. Herr Pictet hat hiervon gerade das Gegenteil gefunden. Baumwolle, die nur sehr leicht und an wenigen Punkten die Thermometerkugel berührte, bewirkte durch ein sehr gelindes Reiben, daß das Thermometer in kurzer Zeit um 5 – 6 Grade stieg, während die härtesten Substanzen aneinander gerieben eine höchst unbeträchtliche Wärme erzeugten. Es muß aber hierbei die idio-elektrische Beschaffenheit der Baumwolle und des Glases in Betrachtung gezogen werden. Die harten Substanzen, die Hr. Pictet zum Reiben anwandte, waren alle mehr oder weniger elektrische Leiter, also würde am Ende gerade dieses Experiment für eine Luftzersetzung als Ursache der Wärmeerregung beweisen. Daß in verdünnter Luft durch gleiches Reiben weit mehr Wärme erregt wird als in verdichteter Luft, ist eine äußerst merkwürdige Beobachtung des Hrn. Pictet . Soll man glauben, daß die verdünnte Luft leichter zerlegt wird als die verdichtete? Oder soll man sich an das Verhalten der Elektrizität in verdünnter Luft erinnern? Es ist allgemein angenommen, daß die verdünnte Luft ein besserer Leiter der Elektrizität ist als die verdichtete. Oder soll man glauben, daß die umgebende Luft, wenn sie unter der Glocke verdünnt wird, der spezifischen Wärme der Körper weniger das Gleichgewicht zu halten imstande ist als in ihrem dichteren Zustand? Sobald der Körper bis zu einem gewissen Grade erhitzt ist, erlangt er eine gewisse Verwandtschaft zum umgebenden Oxygene; er könnte so die Luft, die ihn umströmt, zu elektrischer Materie modifizieren. Indes muß auch der Druck , dem die Luft zwischen den reibenden Körpern ausgesetzt ist, die elektrische Zerlegung befördern. Das Elektrisieren wäre insofern eine chemische Zerlegung der Lebensluft, weil eine Erwärmung des Körpers und eine Vergrößerung seiner Anziehungskraft gegen das Oxygene seinem elektrischen Zustand vorangeht. Es wäre eine mechanische Zerlegung, insofern das bloße Reiben dabei mitwirkt. Alle Beobachtungen über Erregung elektrischer Beschaffenheit weisen darauf hin, daß die elektrischen Erscheinungen in den allgemeinen Verkehr zwischen Licht und Wärme und die allgemeinen Verhältnisse der Körper zu der allgemein verbreiteten elastischen Materie, von der sie umgeben sind, eingreifen. Ich sehe nicht ein, warum man für diese Theorie nicht die Aufmerksamkeit der Naturforscher fordern darf. Wenn man die elektrische Materie aus hypothetischen Elementen zusammensetzt, so erklärt man eben damit, daß sich diese Theorie aller Prüfung entziehen wolle. Gegenwärtige Hypothese, die kein unbekanntes Element zuläßt, scheut die Prüfung nicht; einige Versuche sind hinreichend, sie außer Zweifel zu setzen, oder von Grund aus und für immer zu widerlegen. Da auch beim Verbrennen eine Zerlegung der Lebensluft vorgeht, so fragt sich, wie und wodurch das Elektrisieren vom Verbrennen sich unterscheiden würde, vorausgesetzt, daß das Erstere auch eine bloße Zerlegung der Lebensluft wäre, oder wie sich ± O von ± E unterscheide. Beim Verbrennen wird die Lebensluft in zwei voneinander absolut -verschiedene Materien zerlegt. Die Zeichen ± O können also nicht eine reale Entgegensetzung andeuten, denn diese ist nur zwischen Dingen Einer Art. Auf jeden Fall hätte also ± E eine ganz andere Bedeutung als ± O, diese nämlich, daß die beiden elektrischen Materien einander reell-entgegengesetzt, und durch das umgekehrte quantitative Verhältnis des imponderablen und ponderablen Stoffes sich unterscheiden. Daß regelmäßig beim Elektrisieren solche entgegengesetzte Materien entstehen, ließe sich erklären, weil nach einem notwendigen Gesetze jede aus dem Gleichgewicht getretene Kraft ihre entgegengesetzte erweckt. Allein man kann zum voraus kaum glauben, daß die Heterogeneität des Mediums, in welchem elektrisiert wird, auf die Erregung heterogener Elektrizitäten gar keinen Einfluß habe. Wo übrigens Licht ist, ist auch Oxygene, und so ist diese Materie gewiß ein Bestandteil beider elektrischer Materien, wenn man nicht etwa annehmen will, daß eine derselben erst im Durchgang durch die Sauerstoffluft Lichterscheinungen zeige. Daß aber eine von beiden sich durch den größern quantitativen Anteil an Oxygene unterscheide, ist für mich dadurch schon ausgemacht, daß Erwärmung beim Reiben mit ins Spiel kommt, »daß Erwärmung (durch Reiben z.B.) allgemeines Mittel der elektrischen Erregung ist«. Erste Auflage. da ein Körper nie erwärmt wird, ohne daß er zum Oxygene ein besonderes Verhältnis annehme. Das Verbrennen ist eine totale Zerlegung in zwei absolut -verschiedene Materien, zwischen welchen daher keine reale Entgegensetzung möglich ist. Das Elektrisieren ist eine partielle Zerlegung der Lebensluft, wobei die beiden elektrischen Materien als gemeinschaftlichen Bestandteil das Licht erhalten. Wenn die beiden elektrischen Fluida nichts anderes sind als ein auf entgegengesetzte Art modifiziertes Licht, so wird das elektrische Fluidum auch großenteils wenigstens den verschiedenen Verhältnissen folgen, die zwischen dem Licht und den Körpern stattfinden. Es ist bekannt, daß in der Regel alle durchsichtigen , d.h. alle solchen Körper, die die positive Materie des Lichts anziehen, durch Reiben positiv -elektrisch werden. Daraus würde folgen, daß die elektrische Materie, die den durchsichtigen Körpern eigentümlich ist, der positiven Materie des Lichts näher verwandt sein muß, als die elektrische Materie, die den undurchsichtigen Körpern eigen ist. Daß das Glas z.B. seine positive Elektrizität seiner Durchsichtigkeit (seinem Verhältnis zum + O des Lichts) verdankt, ist wohl dadurch außer Zweifel gesetzt, daß das mattgeschliffene oder durch langes Reiben oder auf irgend eine andere Art undurchsichtig gewordene Glas mit sehr vielen Substanzen negativ -elektrisch wird. Ja, man kann aus dieser Tatsache noch weiter schließen, daß beide elektrische Materien sich auf jeden Fall voneinander durch das verschiedene quantitative Verhältnis ihrer expandierenden Kraft zur ponderablen Basis unterscheiden. Denn offenbar sind beide Elektrizitäten dem Licht verwandt, der Unterschied liegt nur in dem Mehr oder Weniger . Denn es hängt nur von dem Mehr oder Weniger der Durchsichtigkeit ab, ob ein Körper positiv- oder negativ- elektrisch wird. In der Regel werden alle undurchsichtigen , leichtverbrennlichen Körper mit Glas gerieben negativ -elektrisch. Die wenigen Ausnahmen dieser Regel lassen sich erklären, ohne daß man nötig hätte das Prinzip aufzugeben; durchsichtigen (festen) Körpern (dem Eis sogar, nach Hrn. Achard , bei einer Kälte von 20 Graden unter dem Eispunkte) ist die positive, undurchsichtigen (leichtverbrennlichen), im Konflikt mit jenen, die negative Elektrizität eigentümlich. Es fragt sich, wie diese Eigentümlichkeit zu erklären sei – Der Leser wird sich erinnern, daß, wie der Graf Rumford erwiesen hat, alle leichtverbrennlichen Substanzen die Luft auf eine besondere Art um sich sammeln. Da man dies nicht anders als aus ihrer Verbrennlichkeit , d.h. aus ihrer großen Verwandtschaft zum – O erklären kann, so ist zum voraus zu vermuten, daß die Luft, die sie um sich sammeln, reine Lebensluft ist, die sie von der azotischen, mit der sie verbunden war, abscheiden; ja man wird sogar geneigt zu glauben, daß manche Körper zunächst ihrer Oberfläche durch ihre große Verwandtschaft zum – O die Lebensluft in einen der Zersetzung nahen Zustand bringen, und nur einen fremden Druck oder eine Vergrößerung ihrer Verwandtschaft zum – O erwarten, um die Luft elektrisch zu zerlegen. Man begreift daraus leichter, warum die Luft, welche solche Substanzen zunächst umgibt, keine Leitungskräfte für Wärme zeigt; zufolge der Prinzipien wenigstens, die wir oben festgesetzt haben, ist das Oxygene überall der Grund vermehrter Kapazität. Allein was mehr als alles andere beweisend ist, ist die Erfahrung, daß solche Substanzen, wie z.B. Seide unter Wasser, dem Licht ausgesetzt, die reinste Lebensluft geben . Es ist nicht nötig zu erinnern, daß an eine Zerlegung des Wassers, oder an irgend eine andere Quelle dieser Luft als die Oberfläche der verbrennlichen Substanz, zu denken, schlechterdings unmöglich ist. Ich gestehe, daß mir nach diesen Betrachtungen die alte Einteilung der Körper in selbstelektrische (idioëlectrica) und unelektrische (anelectrica, symperielectrica) bei weitem wahrer und vielen andern Erscheinungen analoger dünkt, als einige neuere Naturlehrer uns bereden wollen. Wenn jene Substanzen ihre Luftbedeckung der Verwandtschaft zum – O verdanken, so muß zunächst ihrer Oberfläche das – O am stärksten angezogen werden, so doch, daß sich nicht vom + O trenne (was beim Verbrennen geschieht), es wird also dort eine Materie sich sammeln, die zwischen – O und + O in der Mitte schwebt, kurz eine Materie, wie wir uns die negative elektrische ungefähr denken können. So sehe ich mich auf einem neuen Wege wieder zu demselben Satz geführt, den ich in den Ideen zur Philos. der Natur (S. 55 ff. [Oben S. 26]) von einer ganz andern Seite gefunden zu haben glaubte, nämlich: daß von zwei Körpern immer derjenige negativ-elektrisch wird, der die größere Verwandtschaft zum – O hat . Da nun gegen diese Behauptung mehrere Zweifel erhoben worden sind, so halte ich es für nötig sie hier zu beantworten. Es ist 1. gewiß, daß leichtverbrennliche , d.h. dem – O sehr verwandte Substanzen mit völlig durchsichtigem, wenigstens nicht mattgeschliffenem Glas gerieben, immer – E zeigen. Eine Ausnahme von dieser Regel findet nur in dem Falle statt, wenn das Glas mit weißfarbigen Substanzen, z.B. mit weißem Flanell, gerieben wird. (Dies hat Cavallo gefunden, man s. seine Abh. von der Elektrizität , deutsche Übers. S. 324). Nun gilt aber ein weißfarbiger Körper in bezug auf das – O dem durchsichtigen Körper ganz gleich. Beide stoßen das – O zurück (die weißfarbige Substanz, weil ihre Oberfläche mit Oxygene tingiert ist), und beide ziehen das + O gegen das Glas treibe und sich selbst das + O aneigne. Ich wünschte, daß künftig bei allen Versuchen dieser Art die Farbe der Körper bestimmt würde, die, wie ich zeigen werde, den größten Einfluß dabei behauptet. Es steht also wenigstens der Satz fest: Der Körper, der das – O zurückstößt, zeigt beim Elektrisieren + E, vorausgesetzt, daß er mit einem andern verbunden sei, der das – O weniger als er zurückstößt, oder dasselbe gar anzieht. Ich könnte mich mit diesem Satz begnügen und die zweifelhafte Untersuchung, welches elektrische Verhältnis zwischen Körpern stattfinde, die beide dem – O verwandt sind, ganz vorbeigehen. Denn ob es gleich sehr natürlich ist und zum voraus zu erwarten sein sollte, daß von zwei verbrennlichen Körpern immer derjenige – E zeigte, der zum – O die größere Verwandtschaft hat, so findet doch dieser Satz in der Anwendung große Schwierigkeiten, a) weil die Grade der Verwandtschaft der Körper zum – O höchst unbestimmt und zwischen einigen Körpern wirklich von unbestimmbar kleiner Differenz sind. Es geschieht aus eben dem Grunde sehr oft, daß Körper, die eine gleiche Verwandtschaft zum – O haben, eine höchst unbeträchtliche Elektrizität zeigen. Eine vollkommene Zerlegung der elektrischen Materie ist nur dann möglich, wenn ein Körper von großer Verwandtschaft zum – O mit einem Körper von großer Verwandtschaft zum + O gerieben wird. Nur in diesem Fall können sich die beiden elektrischen Materien vollkommen scheiden und an beide Körper verteilen. So war es van Marum unmöglich, eine Scheibe von mattgeschliffenem Glas durch das Reiben mit Quecksilber auch nur im geringsten zu elektrisieren, was um so auffallender war, da sonst das Quecksilber als ein sehr guter Reiher sich zeigte. Man sollte sich also, wenn von einem allgemeinen Grundsatz die Rede ist, nach welchem bestimmt werden soll, welcher von zwei aneinander geriebenen Körpern – E zeigen werde, nur an die entscheidenden Beispiele halten, wo die erregte Elektrizität stark genug und von zufälligen kleinen Umständen weniger abhängig ist. Denn b) es kommt wirklich bei dem elektrischen Verhältnis zweier Körper auf Kleinigkeiten an, die, weil man sie übersieht, den Schein einer Ausnahme von der Regel geben, im Grunde aber die vollkommenste Bestätigung der Regel sind. So kann ein Körper, der sonst geringere Verwandtschaft zum – O zeigt als ein anderer, in diesem Falle gerade mehr erwärmt sein, und also in diesem Falle das – O stärker anziehen, und, wie es der Regel nach sein soll, – E zeigen, während er ein anderes Mal bei gleicher Erwärmung beider Körper + E zeigt, abermals wie es der Regel nach sein soll. So kann ein Körper, der an sich weniger verbrennlich ist, eine rauhere Oberfläche haben als der andere, er wird durch das Reiben stärker erhitzt und zeigt – E, da er der Regel nach, alles übrige gleich gesetzt, + E zeigen sollte. So hängt das elektrische Verhältnis der Körper großenteils von der relativen Stärke des Drucks ab, den sie erleiden. Z.B. wenn über ein seidenes Band ein anderes ihm völlig ähnliches so weggezogen wird, daß es immer seiner ganzen Länge nach dieselbe Stelle des andern Bandes reibt, so ist natürlich, daß diese beständig geriebene Stelle stärker erwärmt wird, als das Band, das seiner ganzen Länge nach gerieben wird, daß also jene Stelle das – O stärker anzieht, und, wie es sein soll, – E zeigt. Auf solche Untersuchungen kann die experimentierende Physik sich einlassen; dem Philosophen ist es um allgemeine Gesetze zu tun. Durch kleine Umstände kann wohl der Fall , niemals aber die Regel selbst , welche auf größeren Analogien beruht, unmerklich verändert werden. Indes zeigt auch ein flüchtiger Blick auf die gewöhnlichen Tabellen, daß die Regel wirklich in den meisten Fällen der Veränderlichkeit der Umstände unerachtet doch eintrifft, nämlich: 2. daß von zwei verbrennlichen Körpern , alle anderen Umstände gleich gesetzt, derjenige, welcher die größere Verwandtschaft zum – O hat oder durch das Reiben erlangt, regelmäßig – E zeigt. Wenn man Extreme vergleicht, wie Metalle und Schwefel, wird dieser Satz durchgängig bestätigt. Wo nur der Unterschied der Körper selbst stark genug markiert ist, zeigt sich auch der Unterschied ihrer Elektrizitäten sehr deutlich. Es ist kein Wunder, daß bei Körpern, die dem – O ganz oder beinahe gleich verwandt sind, dieser Unterschied von kleinen unbemerklichen Umständen abhängig oder auch ganz dunkel und undeutlich werden muß. Es wird niemand leugnen, daß Metalle ein geringeres Bestreben zeigen sich mit dem Sauerstoff der Lebensluft zu verbinden als z.B. Schwefel; denn daß einige Metalle der atmosphärischen Luft ausgesetzt, oxydiert werden (rosten), kommt höchstwahrscheinlich von einer Zerlegung des atmosphärischen Wassers her. Es scheint, daß das Oxygene in konkreterer Gestalt weit stärker auf Metalle wirkt, als in Gasgestalt. Ich bin weit entfernt zu leugnen, daß nicht auch die Metalle, so wie ohne Zweifel alle Körper, eine eigentümliche Atmosphäre um sich bilden; ich leugne auch nicht, daß sie in großem Grade das – O anziehen; ich behaupte nur, daß sie es weniger anziehen als verbrennlichere Substanzen. Nun zeigen auch wirklich Metalle, mit den meisten verbrennlichen Körpern gerieben, positive Elektrizität. Sie werden nur negativ mit Glas (auch dem mattgeschliffenen), mit weißer Seide, mit dem weißen Fell eines Tiers usw., positiv dagegen mit Harz, schwarzer Seide usw. Schwefel hingegen zeigt hartnäckig mit jeder andern Substanz – E. Ja die (negativ-) elektrische Beschaffenheit des Schwefels ist so stark, daß er Monate lang, wenn die Elektrizität einmal in ihm erregt ist, eine elektrische Atmosphäre um sich zeigt, zum deutlichsten Beweis, daß alle diese Körper eine idioelektrische Natur haben. Welche kleine Umstände auf das elektrische Verhältnis verschiedener Körper Einfluß haben, sieht man aus den spielenden Versuchen, die vorzüglich Symmer mit Bändern von verschiedener Farbe angestellt hat. Ein schwarzes seidenes Band und ein weißes, zwischen den Fingern gerieben, zeigen, jenes – E, dieses + E. Ich habe schon oben gesagt, daß Körper mit weißgefärbter Oberfläche, ebenso wie durchsichtige Körper, das – O zurückstoßen und das + O anziehen. Daher kommt es, daß das schwarze Band, das auch im Brennpunkt leichter sich entzündet, weil es das – O stärker anzieht, mit einem weißen immer negativ -elektrisch wird. Ein weißes Band auf einen schwarzen Strumpf gelegt und mit einem schwarzen Strumpf gerieben, wird positiv. Ein weißes Band mit schwarzem warmen Sammet gerieben, wird positiv, ein schwarzes mit weißem Sammet gerieben, negativ. (Man findet diese und ähnliche Versuche in den Philosoph. Transact Vol. LI, P. I. no 36.) Ich brauche nicht zu wiederholen, daß die schwarze Farbe das beständige Zeichen phlogistischer Beschaffenheit (d.h. einer großen Verwandtschaft zum – O) ist. Da wo die verbrennlichen Körper näher aneinander grenzen und ihre Unterschiede ineinander verfließen, scheint oft bloß die Farbe ihr elektrisches Verhältnis zu bestimmen. Daß z.B. Wolle mit so vielen Körpern, mit mattgeschliffenem Glas, Harz, Siegellack, Holz usw. + E zeigt, kommt aller Wahrscheinlichkeit nach daher, daß man gewöhnlich weiße Wolle gebraucht hat, ebenso beim Papier und bei andern Substanzen, wo man bisher immer die Farbe umbestimmt gelassen hat. Doch vielleicht tritt hierbei noch ein anderes Verhältnis ein, worauf uns die verschiedene elektrische Leitungskraft der Körper aufmerksam machen muß. Wenn wir dem oben aufgestellten Begriff von Leitungskraft treu bleiben wollen, so sind elektrische Nichtleiter alle diejenigen Körper, die gegen + O oder – O eine große Kapazität beweisen. Das Glas, das vom + O (dem Licht) durchdrungen wird, der Schwefel, die Wolle und andere leichtverbrennliche Körper, die sich mit dem – O durchdringen, und diese Materie, selbst im gewöhnlichen Zustand, als eine eigentümliche Atmosphäre um sich sammeln, sind Nichtleiter der positiven sowohl als negativen Elektrizität. Körper, die sich gegen die elektrische Materie neutral verhalten, sind Halbleiter , wohin man vorzüglich das Wasser rechnen kann, das zwar ein Leiter, aber ein schlechterer Leiter der Elektrizität ist. An solchen Körpern bewegt sich die elektrische Materie nur vermöge ihrer eigenen Elastizität fort. Leiter der Elektrizität sind solche Körper, die die elektrische Materie durch eine eigentümliche Bewegung (Zurückstoßung) fortpflanzen. Es ist sehr merkwürdig, daß kein elektrischer Leiter phosphoresziert , daß kein leichtverbrennlicher Körper im gewöhnlichen Zustand die elektrische Materie leitet, daß aber auch kein verbrannter (mit dem – O verbundener) Körper ein elektrischer Leiter ist. Aus dem letzten Umstand hat Priestley (Observations on different kinds of air II, 14) geschlossen, daß die Körper ihre leitende Eigenschaft dem Phlogiston verdanken. »Hätte ich noch im Wasser«, sagt er, »Phlogiston gefunden, so würde ich geschlossen haben, es gebe in der Natur keine leitende Kraft, die nicht die Folge einer Verbindung dieses Prinzipiums mit irgend einem Grundstoffe wäre. Metalle und Holzkohlen stimmen damit genau überein. Sie leiten, solange sie Phlogiston enthalten, sie leiten nicht mehr, sobald man ihnen dasselbe entzieht«. In einer Anmerkung setzt er alsdann hinzu: »Da ich seit dieser Zeit gefunden habe, daß ein langes Hin- und Herschütteln der Luft im Wasser dieselbe verderbt, so daß alsdann kein Licht mehr in ihr brennt, welches genau die Wirkung einer jeden Zersetzung des Phlogiston ist, so schließe ich nun, daß der angeführte Grundsatz allgemein wahr sei«. (Man vgl. Cavallo a. a. O. S. 94.) Allein Priestley hat hierbei den Umstand übersehen, daß die Körper wirklich nicht bloß im Verhältnis des Grads ihrer phlogistischen Beschaffenheit Leiter der Elektrizität sind, sondern daß hier ein kombiniertes Verhältnis eintritt. Ich werde dies weiter erklären. Idioelektrisch sind Körper nur, wenn sie das + O der elektrischen Materie nicht in eben dem Grade zurückstoßen, als sie die ponderable Materie anziehen. Elektrische Leiter hingegen sind alle solche Körper, die in eben dem Grade, in welchem sie die ponderable Materie anziehen, das + O der Elektrizität zurückstoßen. Mit diesem Grundsatz stimmt die Erfahrung überein. Die Metalle leiten die Elektrizität im umgekehrten Verhältnis ihrer Schmelzbarkeit durch den elektrischen Funken , oder was dasselbe ist, im umgekehrten Verhältnis ihrer Durchdringlichkeit für das + O der Elektrizität . (Denn sie können durch den elektrischen Funken nur insofern geschmolzen werden, als das elektrische Licht sie durchdringt, weil [nach der obigen Theorie] phlogistisiertes Licht = Wärmematerie ist, und kein Körper anders als durch Wirkung der Wärmematerie schmelzbar ist.) Van Marum hat gefunden, daß von allen Metallen das Kupfer am wenigsten durch Elektrizität schmelzbar ist. (Man sehe seine Beschreibung einer großen Elektrisiermaschine usw. erste Fortsetzung S. 4.) Eisen , wenn es auch zu dick ist durch den Funken geschmolzen zu werden, wird wenigstens glühend, Kupfer nur, wenn es sehr dünn ist. (Das. S. 8.) Dieses Metall nun, das für das elektrische Licht am undurchdringlichsten scheint, ist nach van Marum (a. a. O. S. 33) zugleich der beste Leiter der Elektrizität. Man weiß, daß Metalle (im metallischen Zustande) überhaupt dem Licht impermeabel sind, daß sie, wenn nur ihre Oberfläche gilt poliert ist, das Licht in großer Quantität und mit großer Kraft zurückstoßen. Dagegen scheinen andere, in gewöhnlichem Zustand undurchsichtige Körper im elektrischen Zustand für das Licht in gewissem Grade permeabel zu werden, und gerade diese Körper sind Nichtleiter der Elektrizität. Wenn man Glaskugeln, in denen die Luft verdünnt ist, inwendig so mit Siegellack überzieht, daß sie nur um ihre Pole auf einige Zoll weit ohne Überzug und also durchsichtig sind, so bemerkt man mit Erstaunen, daß die Hand, welche sie von außen reibt, durch den Überzug von Siegellack hindurch bis auf ihre kleinsten Züge sichtbar wird. Vielleicht ist die größere Permeabilität für das + O die Ursache, warum einige verbrennliche Körper vor andern von gleicher Verbrennlichkeit, mit diesen gerieben, die positive Elektrizität sich aneignen. Was ganz klar wird, ist, daß die idioelektrischen Körper nicht sowohl wegen ihrer Verwandtschaft zum – O, als weil sie für das + O durchdringlicher sind, die Elektrizität zurückhalten. Dies ist ganz, wie wir es erwarten mußten, da die elektrische Materie eigentlich nur dem + O ihre Expansibilität verdankt. Das Gesetz also, nach welchem die Körper negativ- elektrisch werden, ist von dem, nach welchem sie Leiter oder Nichtleiter der Elektrizität sind, ganz verschieden. Negativ -elektrisch werden die Körper im Verhältnis ihrer Anziehungskraft gegen das – O. Sobald diese Anziehungskraft einen gewissen Grad übersteigt, hören sie auf idioelektrisch zu sein, und werden Leiter der Elektrizität. Idioelektrisch werden sie nur bei einem Grade der Anziehung gegen das – O, der nicht in eine Zurückstoßung gegen das + O ausschlägt. Daher werden idioelektrische Körper durch Erwärmung, d.h. durch Vergrößerung ihrer Anziehungskraft gegen das – O, elektrische Leiter, nicht weil sie jetzt das – O stärker anziehen, sondern weil sie in gleichem Verhältnis das + O stärker zurückstoßen. Das Glas zeigt vielleicht eben deswegen eine so große Verschiedenheit in Ansehung seiner Fähigkeit, elektrisch zu werden. Priestley hat gefunden, daß die nächste Ursache dieser Verschiedenheit darin liegt, daß die Oberfläche von neugeblasnem Glase sich einigermaßen leitend verhält (History and present state of electricity p. 588). Nollet will dasselbe von frischgegossenem Harz und Wachskuchen wahrgenommen haben. Vielleicht, daß sie erst allmählich eine gewisse Permeabilität für das Licht erlangen. Doch hat van Marum nichts Ähnliches bemerkt. Jetzt scheint erklärt, warum alle leichtschmelzbaren und leichtverbrennlichen Substanzen negativ- idioelektrisch sind. Sie sind negativ-elektrisch, weil sie leicht verbrennlich sind, idio -elektrisch, weil sie leicht schmelzbar , d.h. dem Licht durchdringlich sind. Es ist erklärt, warum durchsichtige , unverbrennliche Körper positiv-idio elektrisch sind. Sie sind positiv- elektrisch, weil sie unverbrennlich sind, oder mit andern Worten, weil sie das – O zurückstoßen, idio elektrisch, weil sie in demselben Verhältnis durchsichtig sind, oder mit andern Worten das + O anziehen. Es ist endlich erklärt, warum alle verbrennlichen aber schwerflüssigen Substanzen, wie die Metalle, Leiter der Elektrizität sind. Sie leiten die Elektrizität, weil sie nicht nur verbrennlich sind, d.h. das – O anziehen, sondern weil sie auch schwerflüssig , d.h. für das + O in hohem Grade impermeabel sind. Es ist äußerst merkwürdig, daß nach demselben Gesetze, nach welchem die Kapazität eines Körpers für die Wärme vermehrt oder vermindert wird, auch seine Kapazität für die Elektrizität vermehrt oder vermindert wird. Ein Körper heißt in dem Grade erhitzt, als er die Wärmematerie zurückstößt. So leiten elektrische Leiter, wenn sie erhitzt werden, noch besser; Halbleiter werden durch Erwärmung vollkommene Leiter, Nichtleiter wenigstens Halbleiter der Elektrizität. In eben dem Verhältnis, in welchem ein Körper mit dem – O sich verbindet, wird seine Kapazität für die Wärmematerie vermehrt. Ebenso verlieren die besten elektrischen Leiter, die Metalle, durch Verkalkung ihre Zurückstoßungskraft gegen die Elektrizität, und werden in eben dem Verhältnis idioelektrisch , als sie von dem – O durchdrungen oder dem Zustand der Verglasung nahegebracht werden. Ist irgend etwas beweisend für die Identität der positiven Materie des Lichts , der Wärme und der Elektrizität , so ist es diese Übereinstimmung der Gesetze, nach welchen sie in diesen verschiedenen Zuständen, deren sie fähig ist, von den Körpern angezogen oder zurückgestoßen wird. Ich habe diese Übereinstimmung nicht gesucht, sie hat sich mir selbst angeboten. Ich bin überzeugt, daß wer das in der Natur immer wiederkehrende Wechselverhältnis zwischen dem Oxygene und der Wärme richtig aufgefaßt hat, mit demselben den Schlüssel zur Erklärung aller Hauptveränderungen der Körper gefunden hat. Man sollte denken, daß so viele Analogien über die Quelle der elektrischen Erscheinungen nicht zweifelhaft lassen können. Jene Analogien aber sind nur da für den, der sie aufzufassen fähig ist, für diesen sind sie oft beweisender als selbst angestellte Versuche; Versuche aber sind allgemein -überzeugend. Alle bisher angestellten Versuche aber reichen noch bei weitem nicht hin, irgend eine Theorie außer Zweifel zu setzen. Neue und bis jetzt unbekannte Versuche werden die Sache zur Entscheidung bringen, wenn erst irgend ein Chemiker entschlossen ist, der Lavoisier der Elektrizität zu werden. 6. Ich kann und will mir selbst nicht bergen, wie unvollständig die voranstellende Untersuchung ist, da sie uns höchstens nur über das Wesen der einen von beiden elektrischen Materien Aufschluß gibt. Ich kann mich nämlich, je länger ich darüber nachdenke, immer weniger überreden, daß in den beiden elektrischen Materien kein anderer Stoff außer dem Oxygene tätig sei. Ich glaube zuerst gefunden zu haben, daß das elektrische Verhältnis der Körper sich nach ihrer verschiedenen Verwandtschaft zum Oxygene richtet. Ich wünsche aber nichts mehr, als daß irgend ein höheres Verhältnis entdeckt werde. Versuche haben über den elektrischen Dualismus noch nichts Entscheidendes gelehrt. Ich glaube aber a priori zu wissen, daß in den elektrischen Erscheinungen ein Konflikt zweier Materien sich offenbart, deren Verhältnis ein höheres ist, als das zwischen Oxygene und phlogistischer Materie stattfindet, oder deutlicher, daß das Elektrisieren etwas ganz anderes ist als ein Verbrennen . Das Azote , so wie es in der Atmosphäre vorkommt, ist kein brennbarer Stoff. Eben deswegen ist es vielleicht derjenige Bestandteil der atmosphärischen Luft, der sie einer elektrischen Zerlegung fähig macht. Einer phlogistischen Zerlegung wäre sie fähig, auch wenn sie reine Lebensluft wäre. Wer weiß, ob in reiner Lebensluft überhaupt Elektrizität erregbar ist, oder ob wenigstens in einem solchen Medium beide Elektrizitäten erweckt werden können. So lange, bis wirkliche Versuche uns eines Bessern belehren oder gar vom Gegenteil überzeugen, werde ich immer geneigt sein, zu glauben, daß die ursprüngliche Heterogeneität der atmosphärischen Luft (in welcher bis jetzt allein experimentiert worden ist) mit der Heterogeneität der beiden elektrischen Materien in irgend einem noch unbekannten Zusammenhang stehe. Wenn man bedenkt, daß im elektrischen Prozeß ein Dualismus sich offenbart, daß derselbe Dualismus in der animalischen Natur (deren ersten Entwurf gleichsam die atmosphärische Luft enthält) wiederkehrt, so wird man zum voraus geneigt, die Zusammensetzung der atmosphärischen Luft für etwas weit Höheres zu halten, als man gewöhnlich sich einbildet. Vielleicht, daß es neuen und bis jetzt ununternommenen Versuchen aufbehalten ist, uns über die Natur der Stickluft, die jetzt noch so gut als verborgen ist, Aufschlüsse zu geben. Solange man uns diese wunderbare und gleichförmige Vereinigung ganz heterogener Materiell in der atmosphärischen Luft nicht gründlicher als durch eine Vermengung zweier heterogener Luftarten erklären kann, betrachte ich, der zahlreichen Versuche der Chemie unerachtet, die Luft, die uns umgibt, als die unbekannteste, und beinahe möchte ich sagen, rätselhafteste Substanz der ganzen Natur. Sollte das Azote der Atmosphäre wirklich nur zu dem Ende da sein, daß nicht eine reine Ätherluft unsere Lebenskraft erschöpfe, oder sollte die Stickluft noch unbekannte Eigenschaften und irgend einen positiven Zweck haben? Die französischen Chemiker haben neuerdings gefunden, daß das Atmen in reinem Sauerstoffgas nicht mehr Luft zersetzt als das Atmen in gemeiner Luft, und doch hat das fortgesetzte Einatmen reiner Luft so gefährliche Folgen für den tierischen Körper. Sind denn die Erfahrungen über das Leuchten des Phosphors im Stickgas schon alle hinlänglich erklärt und auf die Seite gebracht? Wie, wenn ein Element der elektrischen Materie im Stickgas enthalten wäre? – Die leuchtenden Wolken, welche der Phosphor in diesem Gas aussendet und durch den ganzen Raum des Rezipienten verbreitet, haben sie nicht Ähnlichkeit mit dem elektrischen Licht in luftverdünntem Raum? Sollte wenigstens das Azote die Bedingung sein, unter welcher allein aus der Lebensluft entgegengesetzte elektrische Materien entwickelt werden können, so wie Göttlings Versuchen zufolge die Gegenwart der Stickluft die notwendige Bedingung ist, ohne welche der Phosphor bei niedriger Temperatur nicht leuchtet, ein Phänomen, das wohl auch eigentlich noch nicht erklärt ist? Sollten nicht Versuche, in dieser Rücksicht angestellt, selbst über die bis jetzt unbekannte Zusammensetzung des Phosphors Aufschluß geben? Wird ein Element der elektrischen Materie vielleicht aus dem Phosphor selbst entwickelt, wenn er in Stickluft leuchtet? Woher der Phosphorgeruch, der sich in einem Zimmer verbreitet, wo man elektrisiert? Große Chemiker vermuten, daß ein Hauptbestandteil des Phosphors Azote (Phosphorogène?) sei. Woher die große Quantität Phosphor, die im tierischen Körper kontinuierlich erzeugt wird? Ehe man in verschiedenen Luftarten , erst in reiner Lebensluft , dann in Stickgas , dann in einer aus beiden Gasarten in verschiedenem Verhältnis gemischten Luft elektrisiert hat, ist selbst die Theorie des Lichts und des Verbrennens, wie viel mehr die Theorie der Elektrizität unvollständig und ungewiß. Ehe man erst die Wirkung der negativen so gut als der positiven Elektrizität auf verschiedene Substanzen, und vorzüglich auf verschiedene Luftarten geprüft hat, kann man aus den einseitigen Experimenten, welche bis jetzt mit positiver Elektrizität angestellt wurden, auf die Natur der elektrischen Materie überhaupt keine sicheren Schlüsse machen. Wenn es zwei ganz entgegengesetzte elektrische Materien gibt, werden sie nicht ganz verschiedener Wirkungen fähig sein? Achard sah geschmolzenen Schwefel durch elektrische Schläge alkalisch werden (v. Humboldt, über die gereizte Nerven- und Muskelfaser S. 446). Diese Erfahrung leidet mehrere Erklärungen. Wie aber, wenn das Azote, oder ein Element desselben, in die elektrische Materie einginge, welche Bestätigung fände hierdurch der Gedanke der neuern Chemiker, das Azote als das principe alcaligène anzusehen! Welch ein durchgreifender Dualismus alsdann! In der Atmosphäre wären das positive und negative Prinzip des Lebens, positive und negative elektrische Materie, oxygène und alcaligène, ein Gegensatz, der sich in der ganzen Natur (zuerst zwischen Säuren und Alkalien) wiederfindet. Es ist wahr, daß einigen Experimenten zufolge, die ich im Anhang zu diesem Abschnitt zugleich mit den merkwürdigsten Versuchen, die Natur der elektrischen Materie betreffend, anführen werde, das elektrische Wesen keinen phlogistischen Stoff mit sich führen sollte. Aber das Azote , so wie es in der Atmosphäre vorhanden ist, ist auch kein phlogistischer Stoff. Der elektrische Funken nur schlägt eine schwache Salpetersäure nieder aus einem Gemisch von reiner und azotischer Luft. Eben jene Erfahrung ist ein Beweis, daß das Elektrisieren in eine weit höhere Sphäre der Naturoperationen gehört als die Oxydationsprozesse. Denn beim Elektrisieren zeigt sich keine Spur einer schon vorhandenen oder erst erzeugten Säure. 7. Die Erzeugung der Elektrizität im Großen hängt so sehr zusammen mit der Beschaffenheit der Atmosphäre und den merkwürdigsten Revolutionen derselben, daß eine neue und auf genaue Versuche gebaute Theorie der Elektrizität endlich vielleicht auch über den dunkelsten Teil der Naturlehre, die Meteorologie , einen neuen Tag heraufführen würde. Die Frage, welche ich in den Ideen zur Philosophie der Natur aufgeworfen habe, durch welche Mittel die Natur dieselbe (chemische) Beschaffenheit der atmosphärischen Luft, der zahllosen Veränderungen in ihr unerachtet, kontinuierlich zu erhalten weiß, ist meines Erachtens von der höchsten Wichtigkeit, aber aus allen Tatsachen und Theorien der bisherigen Physik unbeantwortlich. Vielleicht sind eben jene Veränderungen in dem Luftkreis selbst das Mittel, durch welches die Natur die glückliche Proportion der Mischung unserer atmosphärischen Luft kontinuierlich zu erhalten weiß. Wie wenn Elektrizität aus einer Veränderung dieser Proportion entstünde, und wenn eben deswegen eine elektrische Explosion das Mittel wäre sie wiederherzustellen? Verkündet nicht die allgemeine Bangigkeit, die den großen elektrischen Explosionen vorangeht, eine veränderte Mischung der allgemeinen Luft, und das freiere Atmen der ganzen lebendigen Natur nach jedem Gewitter die wiederhergestellte Proportion in diesem allgemeinen Medium des Lebens? Verrät nicht das Steigen des Barometers und die auf jedes Gewitter erfolgende erfrischende Kühle eine Vermehrung des Sauerstoffs in der Atmosphäre, da von diesem allein die Wärmekapazität der Luft abhängt? (Vgl. oben S. 524 ff.) Die Quelle der Elektrizität, die aus der Gewitterwolke sich entladet, liegt, so wie die Quelle des Regens, den sie ergießt, außer ihr. Dies hat de Luc erwiesen. So wäre also der Regen nur das Phänomen einer allgemeinen Kapazitätsveränderung der Luft , und die Wolke nur der Vorhang , der uns jenen großen atmosphärischen Prozeß verbirgt, der die Ordnung der Natur wiederherstellt. Es ist kein Wunder, daß die bisherigen Vermutungen über den Ursprung der atmosphärischen Elektrizität die Dürftigkeit der Vorstellungsart mit den bisherigen Hypothesen über den Ursprung des Regens geteilt haben. Wenn die Wolken nichts weiter sind als präzipitierte Wasserdünste , so ist der Gedanke, die elektrische Materie mit dem Wasser von der Erde aufsteigen und mit ihm zur Erde zurückkehren zu lassen, allerdings der natürlichste Gedanke. Volta nahm an, daß Wasser in Dunst verwandelt eine größere Kapazität für die elektrische Materie erlange und umgekehrt. Das erstere schloß er aus einigen Versuchen, denen zufolge das Wasser ein Gefäß, aus dem es verdünstet, negativ -elektrisch zurückläßt. Man sieht leicht, daß er hierbei die Franklinsche Hypothese im Sinn hatte. Überdies hat Saussüre gefunden, daß das Gefäß, aus welchem Wasser verdünstet, beinahe ebenso oft positive Elektrizität erlangt. So gemein auch die Behauptung ist, daß mit jeder Erzeugung von Dünsten oder Dämpfen Elektrizität entstehe, so wünsche ich doch, daß man genau zusehe, ob nicht in den meisten Fällen, wo sich beim Verdünsten Elektrizität zeigte, eine Zerlegung des Wassers mit im Spiel war . * Saussüre hat über die Erzeugung der Elektrizität durch Verdampfung folgende interessante Versuche gemacht. Wasser, in einen bis zum Glühen erhitzten Schmelztiegel von Eisen gegossen, erzeugte Elektrizität, anfangs + E, dann – E bis zum höchsten Grad, den die Elektrizität in dieser Aufeinanderfolge erreichte, darauf o, endlich wieder + E. – Ganz verschieden fiel derselbe Versuch aus, als er zum zweitenmal mit demselben Gefäß angestellt wurde. Die Elektrizität war beständig positiv. (Vielleicht weil das Gefäß beim zweiten Versuch eine vollkommenere Zerlegung des Wassers zu bewirken fähig war.) Ein dritter Versuch, der in einem kleinen Schmelztiegel von Kupfer angestellt wurde, gab beständig + E; da der Versuch wiederholt wurde, anfänglich – E, dann + E bis ans Ende. Ein kleiner Schmelztiegel von Silber zeigte bei dem nämlichen Versuch das erste Mal beständig – E, dann + E, darauf o. Im dritten Versuch erhielt man eine weit stärkere Elektrizität, anfänglich – E, wobei die Korkkugeln des Elektrometers um 3 1/2 Linien auseinander gingen, hernach + E, wo dieselben von 7/10 einer Linie bis zu 6 Linien auseinander getrieben wurden. – In einem Schmelztiegel von Porzellan erhielt man durch denselben Versuch immer – E. Aus diesen Erfahrungen zieht Saussüre (Voy. dans les Alpes T. III, § 809 – 822) folgenden Schluß: »l'électricité est positive avec les corps capables de décomposer l'eau (tels, que le fer et le cuivre), et negative avec ceux, qui ne causent aucune alteration «. Bis hierher, wie mir dünkt, ganz gut. Saussüre schließt weiter: »Je serois donc porté à regarder le fluide électrique comme le résultat de l'union de l'élément du feu avec quelque autre principe, qui ne nous est pas encore connu. Ce seroit un fluide analogue à l'air inflammable , mais incomparablement plus subtil. – Le fluide électrique serait produit comme le gaz inflammable par la décomposition de l'eau. – Suivant ce système losque l'opération, qui convertit l'eau en vapeur, produit en même temps une décomposition , il s'engendre du fluide électrique etc.« Gegen diese Hypothese kann man einwenden, daß man bei so vielen Experimenten über die Wasserzerlegung; z.B. wenn das Wasser durch glühende eiserne Röhren getrieben wird, immer brennbare Luft (gaz hydrogène) erhält, daß also die elektrische Materie, die dabei mit zum Vorschein kommt, nicht auch brennbares Gas sein, oder aus demjenigen Bestandteil des Wassers entspringen kann, der dieses Gas bildet. Saussüre könnte sich zwar auf einen Versuch berufen, den er a. a. O. erzählt, nämlich, als er in eine Eisengranate von 3 1/2 Zoll Diameter, nachdem sie bis zum Weißglühen erhitzt war, Wasser goß, zeigte sich an ihrer Öffnung eine sehr lebhafte Flamme – offenbar die Flamme des gaz hydrogène, das, mit der atmosphärischen Luft in Berührung, durch das Glühen des Eisens entzündet wurde. » Solange ,« sagt S., » als die Flamme erschien, war keine Elektrizität zu spüren, im Augenblick, da sie verschwand, zeigte sich Elektrizität.« Allein als die Granate Zeichen von Elektrizität zu geben anfing, entwickelte sich ohne Zweifel auch noch brennbares Gas, nur daß es nicht mehr entzündet wurde, weil die Granate jetzt nicht mehr so stark als vorher glühte; daß aber keine Elektrizität sich zeigte, solange das entwickelte Gas in Flamme geriet, ist sehr begreiflich, weil Flamme und Rauch vorzüglicher Leiter der Elektrizität sind. Eher also bin ich geneigt zu glauben, daß die Quelle der Elektrizität, die bei diesen Versuchen zum Vorschein kommt (nicht in dem brennbaren Bestandteil, sondern) im Oxygene des Wassers zu suchen ist. Das Wasser wird in die zwei Luftarten , in brennbares und in Sauerstoffgas , zerlegt: daß entzündliches Gas sich entwickelt, hat S. selbst gefunden. Also muß dabei auch Sauerstoffgas entstehen; dieses, indem es einen Teil seiner ponderabeln Basis an das glühende Metall abgibt, muß, wenn unsere obige Theorie richtig ist, dadurch zu elektrischer Materie modifiziert werden. Warum jetzt + E, jetzt – E erscheint, kann Saussüre nicht ohne neue Hypothesen erklären. Nach unserer Hypothese könnte es bloß von dem Grade der Oxydation abhängen, dessen das Metall fähig ist, ob es das Sauerstoffgas zu positiver oder zu negativer elektrischer Materie modifiziert; und so stimmen freilich auch diese Versuche mit der Voraussetzung überein, daß beide elektrischen Materien nichts anderes sind als ein zerlegtes Oxygene. Indes verlangen alle diese Versuche eine neue Prüfung. Warum gibt die Kohle (wenn sie isoliert ist) immer – E bei der Verdampfung? Dieses Phänomen ist schwer zu erklären nach unserer Hypothese; schwerer noch nach der Saussüreschen . * Wenn wir mit Volta annehmen wollen, daß die atmosphärische Elektrizität nur durch die Präzipitation der Wasserdünste erzeugt werde, wie wollen wir etwa erklären, daß bei der heitersten Luft, vorzüglich im Winter (wo bei weitem weniger Ausdünstung ist), eine weit größere Menge elektrischer Materie als im Sommer zur Erde herabkommt? (»En été l'électricité de l'air serein est beaucoup moins forte, qu'en hiver.« Saussure § 802). Es ist merkwürdig, daß die elektrische Irritabilität der Luft mit der Kälte des Himmelsstrichs und der Jahrszeit (wo bei trockener Witterung das Oxygene in der Atmosphäre konzentriert ist) auffallend zunimmt. – (Über die elektrische Beschaffenheit der russischen Atmosphäre hat Äpinus einige interessante Beobachtungen in seinem Brief an Dr. Guthrie mitgeteilt). – Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß zwischen der chemischen Beschaffenheit des Luftkreises, der atmosphärischen Elektrizität, den Barometer- und Witterungsveränderungen künftig irgend ein Zusammenhang entdeckt werde. Um dieselbe Zeit, wenn das Barometer in unsern Gegenden fällt, bei einer zum Regen geneigten warmen Witterung, verschwindet allen Beobachtungen zufolge oft alle atmosphärische Elektrizität (als ob sie zur Bildung des Regens verwandt würde). Warum wird oft in einer feuchten Luft alle elektrische Erregung unmöglich gemacht? – Daß die Luft ein elektrischer Leiter wird, erklärt die Sache nicht Denn wo keine Elektrizität erregt wird, kann auch keine fortgeleitet werden. Der Regen fällt, und mit ihm kommt eine große Menge elektrischer Materie zur Erde herab. Zu gleicher Zeit gewinnt der Luftkreis wieder seine vorige Schwere; sowie der Himmel heiter wird, ist die atmosphärische Elektrizität beständig ( Saussüre und alle Meteorologen haben gefunden, daß die Elektrizität der heitern Luft niemals = o ist). Wenn man bedenkt, daß die Schwere der atmosphärischen Luft großenteils von dem quantitativen Verhältnis des Sauerstoffs und des Stickstoffs in ihr abhängt; wenn man ferner bedenkt, daß ohne allen Zweifel eine Quelle der Elektrizität im Sauerstoff zu suchen ist; daß unmittelbar vor jedem Regen die Schwere der Luft vermindert und gewöhnlich auch die atmosphärische Elektrizität schwächer wird; daß regelmäßig nach gefallenem Regen die Schwere der Luft und mit ihr die Elektrizität sich wiederherstellt: so kann man sich den Gedanken an irgend einen Zusammenhang jener Erscheinungen, auch wenn man ihn sich selbst oder andern nicht völlig entwickeln kann, doch nicht versagen. Wenn auch in der Nähe der Erde ein solches verändertes Verhältnis der beiden Bestandteile unserer Atmosphäre unmittelbar vor dem Regen sich nicht im Eudiometer darstellen läßt, so beweist dies nicht, daß in Gegenden, wohin kein Experiment reicht, in der eigentlichen Region des Regens, nicht unmittelbar vor dem Regen eine unverhältnismäßige Quantität Sauerstoffluft auf irgend eine unbekannte Weise verschwinden, und indem der Regen fällt, wieder erzeugt werden könne. Ohnehin sprechen noch andere Erscheinungen, z.B. der oft so schnelle Wechsel von Kälte und Wärme, für ein schnelles Entstehen und Verschwinden von Sauerstoff in der Atmosphäre, wenn dieser (nach dem obigen) der Grund der Wärmekapazität der Luft ist. Woher z.B. die unverhältnismäßig-schnelle Zunahme der Kälte unmittelbar vor Aufgang der Sonne? V. [Die Polarität in der Erdatmosphäre] Es ist erstes Prinzip einer philosophischen Naturlehre, in der ganzen Natur auf Polarität und Dualismus auszugehen. Wenn die Erdatmosphäre ein Produkt heterogener Prinzipien ist, sollten nicht alle Veränderungen in ihr dem allgemeinen Gesetze des Dualismus unterworfen sein, so daß positive und negative atmosphärische Prozesse sich kontinuierlich das Gleichgewicht halten? Vielleicht daß alle diese Fragen ihre Antwort in einer höheren Physik finden, die eben da aufhört , wo die jetzige Physik anfängt . Was Baco schon gewünscht hat, daß die Aufmerksamkeit der Naturforscher sich immer mehr auf die Betrachtung der allgemein verbreiteten ätherischen Prinzipien wende, geht jetzt allmählich in Erfüllung. Die tiefere Kenntnis unsrer Atmosphäre wird den Schlüssel zu einer ganz neuen Naturlehre geben. Durch die Atmosphäre geht der allgemeine Kreislauf, in welchem die Natur fortdauert; in ihr als geheimer Werkstätte wird vorbereitet, was der Frühling Entzückendes oder der Sommer Schreckendes hat; in ihr endlich sieht der begeisterte Naturforscher schon den ersten Ansatz und gleichsam den Schematismus aller Organisation auf Erden. a. Vorerst bin ich lange begierig gewesen zu erfahren, durch welche Mittel in unserm Luftkreis jener Grundstoff immer erneuert werde, der, in jeden Prozeß der Natur verschlungen, endlich verzehrt werden müßte, hätte die Natur nicht für einen stets neuen Zufluß desselben gesorgt. Da die Vegetation auf der Erde niemals stillsteht, so muß unaufhörlich eine Menge Lebensluft aus den Pflanzen fast aller Klimate sich entwickeln. Wir können selbst annehmen, daß die Luft auf diesem Wege in sehr großer Quantität entwickelt wird, wenn wir bedenken, welche Menge Licht ein einziger Baum, dessen dichtes Laubwerk keinen Strahl durchläßt, an einem einzigen Sommertage auffängt. Da die Vegetation auf der einen Seite der Erde eben beginnt, wenn sie auf der andern erstirbt, so werden die großen Winde, die sich um diese Zeit gewöhnlich erheben, die entwickelte Lebensluft von der einen Seite der Erde zur andern führen, und so müßte in jeder Jahrszeit die Beschaffenheit der Atmosphäre in jedem Himmelsstrich, im Ganzen genommen, sich gleich bleiben. Allein wenn man erwägt, daß das Atmen der Tiere und das, seit Prometheus, auf Erden nicht erloschene Feuer, in jeder Jahreszeit ohne Zweifel ebensoviel reine Luft verzehrt, als die Vegetation im Frühling und Sommer entwickelt; wenn man bedenkt, daß jene Luft vielleicht bestimmt ist in ganz anderer Gestalt zur Erde zurückzukehren, und daß die Natur sie zu Prozessen anwenden kann, von denen wir noch höchst unvollständige Kenntnis haben: so wird es immer wahrscheinlicher, daß jener Grundstoff zugleich mit dem Äther des Lichts von der Sonne ausströme, und daß so eigentlich jenes wohltätige Gestirn die Ursache ist, die unsern Luftkreis täglich neu verjüngt, und was er durch zahlreiche chemische Prozesse verliert, ihm aufs neue zuführt. b. Wenn das positive Prinzip des Lebens uns von der Sonne zuströmt, so muß das negative Prinzip (das Azote) die eigentümliche Atmosphäre der Erde ausmachen. Welches die ursprüngliche Natur dieses Prinzips sei, können wir jetzt nicht mehr ausmachen, da ohne Zweifel, nachdem unser Luftkreis durch den Zusammenfluß entgegengesetzter Atmosphären sich gebildet hat, seine Natur durch den Einfluß des Lichts modifiziert worden ist. Ohne Zweifel hat mit ihm das Licht zuerst die Prinzipien der allgemeinen Polarität gebildet, die jetzt allgemein verbreitet sind, und deren bloßes Residuum die Luftarten sind, die wir jetzt in der Atmosphäre finden. Was die Erfahrung uns unmittelbar gelehrt hat, ist nur, daß heterogene Prinzipien in unsrer Atmosphäre vereinigt sind; alles weitere besteht aus bloßen Schlüssen . Hätten unsere Untersuchungen eine andere Wendung genommen, vielleicht kennten wir jetzt die Atmosphäre nicht als ein Gemenge aus Lebens- und Stickluft, sondern als ein Produkt entgegengesetzter elektrischer Materien , und künftigen Versuchen wäre es vielleicht aufbehalten zu entdecken, daß diese beiden Materien sich auch als zwei heterogene Luftarten darstellen lassen. Unsere Untersuchungen scheinen den entgegengesetzten Gang genommen zu haben. Daß wir bis jetzt die atmosphärische Luft nur als ein Gemenge zweier Luftarten kennen, kommt bloß daher, daß wir sie bisher höchst einseitig durch keine anderen als phlogistische Prozesse untersucht haben. c. Was außer dem Wirkungskreis unsrer Erde fluktuiert, wissen wir nicht, und diese Unwissenheit wird unsere Naturlehre in beständiger Unvollkommenheit erhalten. Wenn aber alle expansiven Materien, wo sie keinen Widerstand finden, ihren eignen Ausbreitungskräften folgen, so muß der leere Raum innerhalb jedes Sonnensystems mit Materien von verschiedenem Grad der Elastizität erfüllt sein. Es ist möglich, daß das Licht nicht die einzige Materie ist, die von der Sonne ausströmt. Wenn dieses Element wegen der außerordentlichen Intensität seiner ausbreitenden Gewalt durch eigne Kraft bis zur Erde sich fortpflanzt, so erwarten vielleicht minder expansive Erste Auflage: »vielleicht flüchtigere«. Materien ein leitendes Medium, um durch dasselbe bis zu uns fortgepflanzt zu werden, und vielleicht wird selbst durch Einwirkung des Lichts auf die Erde und ihren Luftkreis erst ein solches Medium gebildet. Vielleicht, daß in den Höhen der Atmosphäre, wohin nur im Sommer etwa Wolken sich erheben, in jenen Gegenden, wohin die Alten den Sitz der Götter verlegten – Quas neque concutiunt venti neque nubila nimbis Adspergunt – semperque innubilus aether Integit et large diffuso lumine ridet, – unsere Atmosphäre ein leichtzersetzbares Wesen berührt, das, sobald es ein leitendes Medium findet, erst in der Nähe unsrer Erde jene zerstörende Gewalt annimmt, die wir im Gewitter bewundern. Die Quelle mancher meteorischer Erscheinungen wenigstens liegt in einer Luftgegend, wohin sich allen Berechnungen zufolge unsere Atmosphäre nicht erheben, sollte. So sah z.B. Halley , der Astronom, im Monat März des Jahrs 1719 ein Meteor, ähnlich den Feuerkugeln, dergleichen man oft in den tiefem Luftregionen sieht, in einer Höhe, die nach seiner Berechnung 69 – 73 ½ engl. Meilen von der Erde entfernt ist. Den Diameter der Kugel berechnete er zu 2800 Yards, die Schnelligkeit ihrer Bewegung zu 300 engl. Meilen in einer Minute. Noch entfernter, genauen Berechnungen nach gegen 90 engl. Meilen von der Erde, sah man in England ein ebenso großes Meteor, das 1000 Meilen in einer Minute zu durchlaufen schien, am 18. August 1785. Beide Meteore, vorzüglich aber das von 1719, zeigten einen weit helleren Glanz, als Nordlichter zu zeigen pflegen, ohne wie diese in feurigen Strahlen auszuströmen. Beide waren von Explosionen und einer über ganz England hörbaren Erschütterung der Atmosphäre begleitet. Wollte man den gewöhnlichen Berechnungen trauen, so müßten diese Phänomene in einer 300 000 mal dünnem Luft, als diejenige ist, in welcher wir atmen, d.h. in einem so gut als völlig leeren Raume, der weder eine so große Flamme zu unterhalten noch den Schall mit solcher Gewalt fortzupflanzen fähig wäre, erfolgt sein. Gleichwohl kann man auch nicht annehmen, daß die Atmosphäre in einer solchen Höhe eine Dichtigkeit habe, die so großen Wirkungen proportional wäre. Man wird also annehmen müssen, daß in entfernteren Luftregionen irgend ein Fluidum zirkuliert, das in verschiedenem Verhältnis der Atmosphäre beigemischt, plötzlicher Veränderungen fähig, durch irgend eine Ursache schnell verdichtet und wieder ausgedehnt, sich mit gewaltigen Explosionen zersetzt und seine Verwandtschaft mit der Ursache des Lichts durch glänzende Phänomene beweiset. d. Welchen großen Einfluß mag die Berührung verschiedener Medien, oder die schnelle Erzeugung und Entwicklung spezifisch verschiedener Materien in den Höhen des Luftkreises auf die Veränderungen unsrer Atmosphäre haben! – Die eigentliche Kraft der Natur wohnt nicht in der starren Materie, Erste Auflage: »toten Materie«. aus der die Masse der Weltkörper geballt ist, denn diese ist nur der Niederschlag des allgemeinen chemischen Prozesses, der die edleren Materien von den unedleren schied. Die Räume, durch welche die Masse der Weltkörper gleichförmig verbreitet war, sind durch dieses Fällen der grobem Materie nicht leer geworden, sondern erst alsdann haben sich die expansiven Flüssigkeiten freier und ungehinderter durch alle Räume der Welt verbreitet; in diesen Regionen eigentlich liegt der unerschöpfliche Quell positiver Kräfte, die in einzelnen Materien nach allen Richtungen sich verbreiten und Bewegung und Leben auf den festen Weltkörpern erzwingen und unterhalten. Was jeder einzelne Weltkörper sich von solchen Materien aneignen kann, sammelt er um sich als Atmosphäre, die jetzt für ihn der unmittelbare Quell aller belebenden Kräfte wird, obgleich ihr selbst diese Kräfte nur aus einem Quell zuströmen, der in weit entfernteren Regionen liegt, wohin nur unsere Schlüsse, nicht aber unsere Beobachtungen reichen. Die Fülle von Kraft, die, in den Tiefen des Universums immer neu erzeugt, in einzelnen Strömen sich vom Mittelpunkt gegen den Umkreis des Weltsystems ergießt, einzig und allein nach demjenigen schätzen wollen, was wir durch einseitige Versuche aus unsrer Atmosphäre entwickeln, verrät die Dürftigkeit der Begriffe, die von den einzelnen, in einem kleinen Kreise nur beobachteten Wirkungen, zu der Größe der letzten Ursache sich zu erheben unfähig sind. Doch geschehen schon in unsrer grobem Atmosphäre Dinge, welche zu erklären man vergebens sich anstrengt, solange die dürftigen Begriffe unsrer (soeben erst entstandenen) Chemie das Blei sind, das den Flug unserer Untersuchungen an der Erde zurückhält. Wenn man erst die Unvollständigkeit dieser Begriffe einsehen wird, wird man auch dem Skeptizismus eines de Luc Gerechtigkeit widerfahren lassen, der nur die mangelhaften und oberflächlichen Vorstellungen bestritten, zugleich aber die Aussicht auf bei weitem umfassendere und höhere Naturerklärungen eröffnet hat. Kein Teil der Naturlehre zeigt auffallender als die Meteorologie, wie wenig unsere Experimente zureichen, den Gang der Natur im Großen zu erforschen. Es ist nützlich, ein solches Beispiel in einer Schrift aufzustellen, welche durch eine vollständige Induktion das Unbefriedigende der bisher bloß experimentierenden Physik darzutun bestimmt ist. Kritik der gewöhnlichen meteorologischen Begriffe Der Anfang und Grund aller seichten meteorologischen Begriffe ist die fixe Idee einer Auflösung des Wassers in der Luft , wovon man doch bis jetzt noch keinen verständlichen Begriff zu geben imstande war. Durch welche Kraft löset die Luft das Wasser auf? und verhält sich das letztere so ganz passiv, als man sich vorstellt? Ich behaupte aber, daß keine Materie einer Auflösung in der andern fähig ist, ohne daß beide von einer gemeinschaftlichen Kraft durchdrungen werden. Einige Naturforscher haben wohl eingesehen, daß der gemeine Begriff von Auflösung ganz und gar nichts bedeute, solange man nicht eine Ursache dieses Prozesses angeben könne. Für diese Ursache nahmen sie den Wärmestoff , und machten dadurch die Sache schwankender noch und dreimal Ungewisser. – So erklärt z.B. Saussüre , er glaube nicht, daß die Luft das Wasser unmittelbar auflöse, vielmehr glaube er, daß das Wasser nur darum einer Auflösung in der Luft fähig sei, weil es durch das Feuer in einen elastischen Dunst verwandelt werde (Versuch über die Hygeometrie §191). Einen Schritt weiter ging Pictet: durch Versuche im luftleeren Raum hatte er sich überzeugt, daß die Wärme – oder Feuer-Materie die einzige wirkende Kraft sei , die die Phänomene der Ausdünstung hervorbringe, und daß die Luft dabei nur wenig oder gar nicht beschäftigt sei ( Versuch über das Feuer § 111). Wenn Saussüre erweisen könnte, daß Wärmematerie das Wasser chemisch auflösen und in einen permanent-elastischen Dunst verwandeln könne, würden alle Einwendungen de Lucs gegen ihn ihre Kraft verlieren. Aber der Natur des Wassers nach ist es ganz und gar unmöglich, daß die Wärmematerie mit ihm ein chemisches Produkt bilde. Ich habe den Grund davon in der dephlogistisierten . Beschaffenheit des Wassers gefunden (S. 65 ff. dieser Schrift [oben S. 515 ff.]). Nur wenn das Wasser phlogistisiert wird, geht es in eine Gasart über, die jetzt keine Eigenschaft mit dem Wasser oder Wasserdampf gemein hat, und permanent-elastisch ist. Da die Wärmematerie dem Wasser nicht vermöge chemischer Verwandtschaft anhängt, so folgt, daß sie sich von ihm trennen muß, sobald nicht mehr Körper von geringerer Kapazität sie gegen das Wasser treiben oder zwingen dem Wasserdampf anzuhängen. Kein chemischer Prozeß geht vor, ohne daß Qualitäten entstehen oder vernichtet werden. Materien, die sich durchdringen sollen, müssen eine gemeinschaftliche Qualität erlangen, was nicht geschehen kann, ohne daß beide ihre individuellen Qualitäten verlieren. So sind mit jeder chemischen Auflösung fester Körper Entwicklungen von Gasarten verknüpft, bei jeder Gasentwicklung aber bleibt ein Residuum zurück; beim Übergang des Wassers in Dampfgestalt findet sich nichts Ähnliches, und überhaupt ist kein chemischer Prozeß eine bloße Veränderung des Zustandes . Durch Wärmematerie also kann das Wasser nur in Dunst aufgelöst werden, und wenn man auch nur dieses von der Auflösung des Wassers im Großen begreiflich machen könnte! Welche Hitze ist nicht in der Äolipila nötig, um das Wasser in Dampfgestalt zu versetzen? Da zwischen Wärmematerie und Wasser gar kein chemischer Zusammenhang ist, so kann eine Verbindung zwischen beiden nur erzwungen sein. Das Wasser als Dampf befindet sich in einem gezwungenen Zustand, den es verläßt, sobald es in eine Region kommt, wo die Wärmematerie nicht von allen Seiten zurückgestoßen, freier sich verbreiten kann. Selbst der tropfbar-flüssige Zustand des Wassers ist nur in einer bestimmten Temperatur und in einem System von Körpern von hinlänglicher Zurückstoßungskraft gegen die Wärme möglich. Nicht durch Wärme, sondern durch eigne expansive Kräfte würde sich das Wasser zu Dunst ausbreiten, wenn der Druck der Atmosphäre aufgehoben würde. Solange dieser Druck fortdauert, ist die Dampfgestalt kein natürlicher , also auch kein permanenter Zustand des Wassers. Die freiwillige Ausdünstung, welche zu jeder Zeit und in jeder Temperatur im Gange ist, muß durch eine ganz andere Ursache als die Wärme unterhalten werden. Denn auch das Eis dunstet aus in einer Temperatur unter dem Gefrierpunkt . Dies muß Saussüre selbst einräumen (a. a. O. § 251). Es ist sehr natürlich, daß Wärme die Ausdünstung befördert , aber daß sie fähig sei, das Wasser in der Atmosphäre so aufzulösen, daß es aufs Hygrometer zu wirken aufhört , hat Saussüre mit nichts erwiesen. Wenn das Wasser in der Atmosphäre nur als Dunst aufgelöst wird, muß es auch die unterscheidenden Eigenschaften des Dunstes behalten, d.h. es muß aufs Hygrometer7 wirken, und zwar im Verhältnis mit der größern oder geringern Quantität, in der es verdunstet ist. Wo nun Wasser in der Atmosphäre existiert ohne diese Eigenschaft, da kann es nicht als Dunst, sondern es muß in irgend einer andern Form (nach Herrn de Luc in Luftform ) existieren. Nun hört aber wirklich das von der Erde beständig aufsteigende Wasser in der Atmosphäre auf das Hygrometer zu affizieren. Wenn es als Dampf aufgelöst würde, so müßte bei schönem Wetter, wenn von dem Ozean oder von der wassergetränkten Erde eine ungeheure Wassermenge aufsteigt, die Luft immer feuchter und feuchter werden bis zu einem Maximum von Feuchtigkeit, wie unter dem Rezipienten der Luftpumpe. Statt dessen wird selbst in Luftschichten über der See sowohl als dem festen Lande die Atmosphäre bei schönem Wetter nicht feuchter, sondern trockener und immer trockener. Auf dem Gipfel des Buet bemerkte de Luc zuerst einen Grad von Trockenheit in der Luft, der bei der nämlichen Temperatur im Tale unerhört ist. Es hatte einige Zeit vorher geregnet, das Tal und die benachbarten Berge waren von Wasser getränkt, dazu kam noch die Ausdünstung des Eises. Während de Luc auf dem Gletscher war, entstanden der Trockenheit unerachtet Wolken in der Luftschichte, in welcher er sich befand, sie rollten um den Berg herum, bald dehnten sie sich weiter aus gegen die Ebene hin, und wuchsen so schnell, daß de Luc es ratsam fand herabzusteigen, während das Hygrometer immer auf Trockenheit zuging; bald darauf war der Gletscher mit Wolken bedeckt; noch ehe Herr de Luc seine Wohnung erreicht hatte, regnete es aus der nämlichen Luftgegend, die kaum vorher so trocken gewesen war, mit großer Heftigkeit die Nacht hindurch und einen Teil des folgenden Tags. Diesen Erfahrungen hat man großenteils nichts als allgemeine und vage Begriffe von Auflösung entgegengesetzt. Nur Herr Pictet unternahm es, die Schlüsse des Herrn de Luc durch ein Experiment zu entkräften. Er bemerkte, daß, während aus einem mit Wasserdünsten angefüllten Ballon, da er aus einer Temperatur von + 4° in die Temperatur des Gefrierpunkts gebracht wurde, Tautropfen an den innern Wänden des Ballons sich ansetzten, wider all sein Erwarten das Hygrometer sehr schnell der Trockenheit zuging. »Hier hätten wir also, sagt er, dem Ansehen nach einen Fall, wo das Hygrometer gegen den Trockenheitspunkt desto mehr hinrückte, je stärker der Wasserdunst, in dem es eingetaucht war, erkaltete« (Versuch usw. § 111). Die Erklärung, welche dieser Experimentator von dem beobachteten Phänomen gibt, ist folgende: Solange der Ballon in gleicher Temperatur bleibt, befindet sich die Wärmematerie, welche die Wasserdünste aufgelöst hat, im Gleichgewicht, und der Dunst durchdringt das Haar hygrometrisch. In dem Augenblick aber, da man den Apparat in eine niedrigere Temperatur bringt, wird das Gleichgewicht gestört, das Feuer bestrebt sich es wiederherzustellen, und fließt augenblicklich aus dem Mittelpunkt des Ballons nach außen zu; es verläßt das Haar, führt einen Teil der elastischen wässerichten Dünste (die es an der inneren Oberfläche als Tautropfen niedersetzt) mit sich fort. Das Hygrometer geht der Trockenheit zu, weil die Dünste, die es befeuchtet hatten, plötzlich ausströmen (§113) . Unsere experimentierenden Naturforscher vergessen sehr oft, daß ein Experiment in ihren umbratischen Gemächern unter ganz andern Umständen als im weiten Raume des Himmels von der Natur selbst angestellt wird. Daß das Hygrometer auf Trockenheit zugehen muß, wenn die sich ausbreitende Wärmematerie die feuchten Dünste von ihm hinwegführt , begreift man sehr wohl. Aber es sollte erklärt werden, warum das Hygrometer nach Herrn de Lucs Beobachtung auf Trockenheit zugeht, wenn wirklich eine Präzipitation des Wassers aus der Luft vorgeht. Diese aber hatte in dem erzählten Experiment nicht wirklich , sondern nur scheinbar statt. Denn, daß an der innern Oberfläche Tautropfen sich ansetzten, kam nur daher, weil die Wärme (das fortleitende Fluidum) die Dünste, welche es vom Hygrometer wegführte, nicht durch das Glas hindurch mit sich nehmen konnte. Wenn etwa Herr Pictet von seinem Experiment auf die Operationen der Natur im Großen schließen wollte, so würde seine Erklärung sich selbst widersprechen. Denn wenn bei der Präzipitation des Wasserdunstes aus der Luft so viel Wärmematerie frei wird, als nötig ist der Feuchtigkeit der Luft in bezug auf das Hygrometer das Gleichgewicht zu halten, so müßte diese Wärmematerie auch hinreichen das Wasser in Dampfgestalt zu erhalten, wie dies wirklich auch in Herrn Pictets Experiment der Fall war, da die Wassertropfen nur deswegen niedergeschlagen wurden, weil sie nicht zugleich mit ihrem fortleitenden Fluidum durch das Glas dringen konnten. Ohnehin, daß bei jeder Präzipitation eines Wasserdampfs Wärmematerie frei wird, wissen wir gar wohl. Aber eben das wollen wir erklärt haben, wie und durch welche Ursachen der Wasserdunst beim Regen seine Wärmematerie verliert. Ihr greift die Sache sehr klug an; ihr gebt uns ein begleitendes Phänomen statt der Ursache ; wir bitten euch aber, uns erst das begleitende Phänomen selbst zu erklären, ehe ihr es zur Dignität einer Ursache erhebt; wir denken aber, daß die angebliche Ursache euch ebenso schwer zu erklären sein wird, als die angebliche Wirkung , und daß ihr durch eine solche Erklärung eigentlich gar nichts erklärt, – sondern die Frage nur zurückgeschoben habt. Mit dem Regen kommt immer zugleich Wärme zur Erde herab. Wenn die Wärme nach unten strömt – (in andern Fällen soll diese Materie einer direction antigrave folgen) – ist etwa in diesem Fall ebenso, als wenn ihr den mit Dünsten erfüllten Ballon aus dem warmen Zimmer ins kalte bringt, das Gleichgewicht der Wärme gestört worden? Dann müßte wohl die untere Luftregion, gegen welche die Wärme sich ausbreitet, vor dem Regen plötzlich erkaltet sein; statt dessen aber erfährt man, euren Experimenten zum Trotz, daß vor dem Regen immer die Wärme zunimmt. Ihr habt in eurer ganzen Atmosphäre nichts als Wärme, Luft und Wasser. Wenn nun der Wasserdunst, damit er als Regen niederfalle, erst seine Wärmematerie verlieren muß, nennt uns doch die Substanz, die ihm diese Wärmematerie entzieht, und könnt ihr das nicht, so gesteht, daß ihr das Dunkle aus dem noch Dunklern erklären wollt. Es ist eine sehr große Frage, die man ganz und gar übersehen zu haben scheint, ob nicht, anstatt daß die Wärmematerie das fortleitende Fluidum des Dunstes ist, der Dunst vielmehr (insofern er durch freiwillige Ausdünstung gebildet wird) das fortleitende Fluidum der Wärme sei, und umgekehrt, ob Wasser in Regen niederfällt, weil es seine Wärmematerie verliert, oder ob es vielmehr seine Wärmematerie verliert, weil es durch irgend eine andere Ursache (welche es sei) in Regen präzipitiert wird. Mit andern Worten, es ist zweifelhaft, ob die (quantitative) Kapazität des Wassers vermindert wird, weil seine Wärmematerie frei, – oder ob diese vielmehr frei wird, weil (durch irgend eine Ursache) die Kapazität des Wassers vermindert wird. Wenn im Regen nur das Wasser niederfällt, das durch Wärme verdünstet wurde, welchen Unterschied gibt es alsdann zwischen Regen und Tau , und warum geht nicht jeder Tau besonders in heißen Erdstrichen, wo die Nächte oft außerordentlich kalt und die Verdunstung durch Wärme sehr stark ist, in Regen über? Daß der Tau ein Niederschlag des durch Wärme verdunsteten Wassers ist, kann man begreiflich machen, weil regelmäßig mit dem Anfang des Taus eine Vermehrung der Kälte verbunden ist. Es ist bekannt, daß in heißen Klimaten der Tau bei weitem reichlicher fällt, als in kalten oder gemäßigten. Wenn also der Regen nicht etwas ganz anderes und weit mehr ist als der Tau, so müßte in den heißen Erdstrichen, wo den Tag über eine beständige Ausdünstung im Gange ist, auch der Regen viel häufiger fallen. Statt dessen ist in jenen Gegenden der Regen auf eine bestimmte Zeit eingeschränkt, und den größten Teil des Jahrs über ist der Himmel heiter und wolkenlos. In den gemäßigten Himmelsstrichen geschieht von dem allen gerade das Gegenteil. Man muß zugeben, daß mit den atmosphärischen Prozessen, die in Regen sich auflösen, regelmäßig Barometerveränderungen verbunden sind. Daß beide Phänomene in irgend einem geheimen Zusammenhang stehen, kann man schon daraus schließen, daß in jenen Erdstrichen, wo alle atmosphärischen Veränderungen regelmäßiger geschehen, wo das ganze Jahr in die trockene und nasse Jahreszeit eingeteilt ist, die Barometerveränderungen äußerst geringe ausfallen, während in den kaltem Zonen, wo die Regenzeit bei weitem unregelmäßig verteilt ist, auch das Barometer weit häufigeren, regelloseren und größeren Veränderungen unterworfen ist. Wenn nun der Regen sich vom Tau gar nicht unterscheidet (wie das der gemeinen Regentheorie zufolge der Fall ist), wie kommt es, daß, während der Tau niederfällt, keine Veränderung der Atmosphäre sich am Barometer erkennen läßt? »Sieht man nicht überall, sagt Saussüre selbst (in der angef. Sehr. S. 333), wie nach einem schönen Sommertage, an welchem die Luft überaus rein und trocken gewesen ist, dennoch ein häufiger Tau niederfällt, der die Luft von einer großen Trockenheit zur äußersten Feuchtigkeit bringt, da mittlerweile das Barometer keine oder so geringe Veränderung erleidet, daß man sie einzig und allein der abwechselnden Temperatur zuschreiben muß? Und dieser Tau wird in einer großen Höhe wahrgenommen; in den gebirgigsten Gegenden sind die Reife das Verderbnis der höchsten Grasweiden. Hier setzet sich der Tau nicht bloß auf die Wiesen, sondern auch an die dürrsten Felsen, die nicht die geringste Feuchtigkeit hergeben können. Die Erfahrung, welche hierin mit der Theorie übereinstimmt, beweist demnach, daß die Abkühlung bei Sonnenuntergang die in der Luft aufgelösten Dünste niederschlägt, vornehmlich, wenn die Luft durch diese Abkühlung zum Punkte der Sättigung gebracht wird. Die weil also der Wechsel von Entwickeln und Verdichten einer so großen Menge Dünste am Barometer keine, oder wenigstens sehr geringe Veränderung hervorbringt, muß man nicht einräumen, daß derselbe keine so große Wirkung auf dieses habe, um unter die Ursachen seiner Veränderungen gerechnet zu werden?« Es sei mir erlaubt, weiter zu schließen: dieweil aber doch mit dem Entstehen des Regens in unsern Regionen regelmäßig Barometerveränderungen verbunden sind, muß man nicht daraus folgern, daß der Regen wenigstens das begleitende Phänomen einer weit höheren atmosphärischen Veränderung (als der Tau) und etwas mehr als bloße Entwicklung oder Präzipitation von Wasserdünsten ist? Ich weiß nicht, was diesem Schluß entgegengesetzt werden könnte. Erste Ausgabe: »was klarer und evidenter wäre, als dieser Schluß«. Die größte Feuchtigkeit der Luft beim Niederschlagen der Dünste ist von keinen Barometerveränderungen begleitet. Sogar muß Saussüre selbst zugeben, der Unterschied zwischen der Dichtigkeit der trockenen und der feuchten Luft erkläre nicht einmal zwei Linien Veränderung im Barometer, und, setzt er hinzu, man sollte daraus 21 oder 22 zu Genf, und mehr als 30 im nördlichen Europa erklären können? ( Versuch über die Hygrometrie S. 329). Herr de Luc , nachdem er alle vorhergehenden Hypothesen über die Ursache der Barometerveränderungen als unzulänglich und unbefriedigend dargestellt hatte, hoffte sie durch die Voraussetzung, daß die wässerichten Dünste die Luft spezifisch leichter machen, erklären zu können; allein Saussüre hat diese Annahme durch Experimente widerlegt, und de Luc selbst sah sich in seinem neuern Werk über die Meteorologie genötigt sie zurückzunehmen. Wenn es sonach bis jetzt keinem Naturforscher gelungen ist, die Quantität der wässerichten Dünste in der Luft mit der Schwere der Atmosphäre, d.h. mit dem Fallen oder Steigen des Barometers, in irgend ein Verhältnis zu bringen, so muß dem Regen regelmäßig ein höherer atmosphärischer Prozeß vorangehen, welcher zugleich die Ursache der Barometerveränderungen ist, die den kommenden Regen verkündigen. Es begegnet dem Naturlehrer, der, unfähig zu Schlüssen auf höhere Ursachen, bei dem Phänomen, wie er sagt, stehen bleibt, gar oft, daß er koexistierende Erscheinungen für Ursache und Wirkung voneinander hält. Die Präzipitation des Wasserdunstes aus der Luft aber kann mit dem Fallen des Barometers in keinem Kausalzusammenhang stehen, denn sehr oft fällt das Barometer kurz ehe es regnet, noch beim höchsten Grad der Trockenheit, umgekehrt fängt sehr oft während des Regens noch das Barometer an zu steigen. Es scheint, daß die bloße Auflösung der Luft in Regen schon die natürliche Schwere der Atmosphäre hergestellt hat, noch ehe der Regen ganz gefallen ist. Wir werden also nicht irren, wenn wir eine gemeinschaftliche, höhere Ursache aufsuchen, welche zugleich die Schwere der Luft vermindert und den Regen bildet , den Regen niederschlägt und die Schwere der Luft wiederherstellt . Hypothese zur Erklärung der Barometer Veränderungen Ich kann mir nicht anmaßen, die unmittelbare Ursache der Barometerveränderungen angeben zu wollen. Aber folgender Schluß scheint mir evident zu sein: Was man auch von außen in die Atmosphäre kommen läßt, wässerichte Dünste, oder phlogistische Ausdünstungen (aus welchen Pignotti die meteorologischen Veränderungen erklären wollte), oder irgend andere Stoffe, reicht erwiesenermaßen nicht hin, auch nur eine geringe, geschweige denn eine beträchtliche Veränderung der Luftschwere zu erklären. Die Ursache dieser Veränderlichkeit ihrer Schwere muß sonach in der Luft selbst, in dem Verhältnis ihrer ursprünglichen Elemente gesucht werden. Nach den vorhergehenden Untersuchungen können wir behaupten, daß entgegengesetzte (heterogene) Materien vereinigt unsere Atmosphäre bilden. Die Erhaltung des für Leben und Vegetation notwendigen Verhältnisses positiver und negativer Prinzipien muß Gegenstand der Hauptoperationen der Natur sein. Diese Operationen kündigen sich als meteorologische Veränderungen an. Die beständige Entwicklung positiver und negativer Materien in verschiedenem quantitativem Verhältnis wird, da dieser Prozeß in der Atmosphäre selbst vorgeht, die Luftschwere verändern, so daß die Luft an Gewicht gewinnt oder verliert, je nachdem das negative oder positive Prinzip reichlicher entwickelt wird. Was ich für diese Meinung anführen kann, ist (außer dem, daß sonst keine Hypothese hinreicht alle Phänomene zu erklären) hauptsächlich folgendes: 1. Daß der Barometer unter dem Äquator so geringe Veränderung zeigt, und daß dagegen diese Veränderungen größer und häufiger werden, je mehr man sich den Polen nähert, erklärt sich aus unsrer Hypothese, wenn man die Polarität der Erde bedenkt, da beständig positive und negative Ströme nach entgegengesetzten Richtungen sich begegnen, die innerhalb der Wendekreise sich eher im Gleichgewicht erhalten als außerhalb derselben. Alle entgegengesetzten Kräfte wirken gegen einen gemeinschaftlichen Schwerpunkt. Da offenbar entgegengesetzte Materien in unsrer Atmosphäre sich das Gleichgewicht halten (wenigstens muß man einräumen, daß die Erde entgegengesetzte elektrische und magnetische Pole hat), so muß irgendwohin das Zentrum fallen, auf welches sie beide hinwirken. Dieses Zentrum aber muß, da negative und positive Prinzipien kontinuierlich in verschiedener Quantität entwickelt werden, beständig verändert und gleichsam verlegt werden. Doch ist es natürlich, daß es immer innerhalb der Wendekreise und nie außerhalb derselben fällt; daher das beinahe beständige atmosphärische Gleichgewicht, das in diesen Gegenden sich durch die Unveränderlichkeit der Barometerhöhe ankündigt. Mancher Naturforscher würde diesen Grund vielleicht keiner Aufmerksamkeit wert halten, wenn ich nicht anführen könnte, daß dasselbe Verhältnis der Entfernung vom Äquator sich auch bei der Abweichung der Magnetnadel zeigt; da unter dem Äquator die Abweichung nie mehr, als höchstens 15° westlich oder östlich beträgt, während es näher gegen die Pole Orte gibt, wo die Abweichung über 58° und 60° steigt. Man muß, wenn man richtige Begriffe hat, zugestehen, daß zu jeder Zeit auf der Erde irgendwo ein magnetischer Indifferenzpunkt ist; daß aber dieses Zentrum sehr veränderlich ist, erhellt aus der beständigen Abweichung der Magnetnadel. 2. Die Barometerveränderungen lassen sich nach dieser Hypothese am leichtesten in Zusammenhang bringen mit dem Wechsel der Jahreszeiten . Man weiß, daß zur Zeit der Herbst- und Frühlingsnachtgleichen (zu derselben Zeit, da positive und negative Elektrizität gegen die Pole hin in Nord- und Südlichtern ausströmt) die Barometerveränderungen am regellosesten geschehen. Da ohne allen Zweifel der Einfluß der Sonne die Ursache ist, welche den beständigen Konflikt positiver und negativer Prinzipien in der Atmosphäre unterhält, so ist natürlich, daß in jeder Gegend der Erde, ausgenommen diejenigen, wo Tag und Nacht immer gleich sind (unter dem Äquator), der Übergang jeder Jahreszeit in die andere (da das positive Prinzip von der Sonne entweder reichlicher oder sparsamer zuzuströmen anfängt) mit einer Revolution, d.h. mit einer allgemeinen Störung des Gleichgewichts positiver und negativer Prinzipien in der Atmosphäre, d.h. (nach der Hypothese) mit Veränderungen der Luftschwere, verbunden ist. 3. Die nächste Ursache der Barometerveränderungen also ist das gestörte Verhältnis entgegengesetzter Prinzipien »heterogener Materien«. Erste Ausgabe. in der Atmosphäre; der Regen aber nur die koexistente Erscheinung jener Veränderungen; daher unter dem Äquator, wo das atmosphärische Gleichgewicht nie gestört wird, fast immer, außerhalb der Wendekreise aber zuweilen wenigstens Regen fällt, den keine oder sehr geringe Veränderung am Barometer anzeigt. 4. Warum aber nun doch näher gegen die Pole Regen sehr oft mit Barometerveränderungen koexistiert, läßt sich nur daraus erklären, daß mit der Revolution der Atmosphäre, die sich durch das Fallen des Barometers ankündigt, gewöhnlich auch eine Zersetzung jenes expansiven Prinzips verbunden ist, das die Ursache der Ärisation des Wassers, und, wenn es zersetzt wird, die Ursache des Regens ist. Dieses Prinzip aber selbst bestimmen, oder erklären zu wollen, durch welchen Prozeß die Natur jene Zersetzung expansiver Prinzipien bewirkt, wäre eine zu große Dreistigkeit, da jener Prozeß in einer Region vor sich geht, wohin zu dringen bis jetzt noch keinem menschlichen Auge vergönnt war. 5. Es ist mir genug, wenn ich erwiesen habe, daß die Barometer- und mittelbar auch die Witterungsveränderungen die Folge eines höheren atmosphärischen Prozesses seien – eines durch die allgemeine Ausdünstung vielleicht gestörten, und durch den umgekehrten Prozeß wiederhergestellten Verhältnisses der heterogenen Prinzipien, aus welchen unsere Atmosphäre immerfort sich bildet, und welche vielleicht nur in der Nähe der Erde zu zwei entgegengesetzten Luftarten verdichtet erscheinen. Obgleich wegen der Mangelhaftigkeit unserer Kenntnisse die Erklärung beim Allgemeinen stehen bleiben muß, so eröffnet sie wenigstens Aussichten auf weit höhere Ursachen. Ist es zu verwundern, daß die bisherigen meteorologischen Erklärungen, da sie eine höchst einförmig wirkende Ursache dabei als wirksam angeben, weit unter den großen Erscheinungen bleiben mußten, welche eher auf ein allgemeines, über die ganze Erde herrschendes Gesetz als auf irgend eine untergeordnete Ursache hindeuten? Ich bin zufrieden, wenn das Bisherige auch nur so viel erweist, daß die Barometerveränderungen dem allgemeinen Gesetz der Polarität der Erde unterworfen sind. VI. [Bestimmung des Begriffs der Polarität] Es ist Zeit den Begriff der »Polarität« genauer zu bestimmen. 1. Daß in der ganzen Natur entzweite, reell-entgegengesetzte Prinzipien wirksam sind, ist a priori gewiß; diese entgegengesetzten Prinzipien in Einem Körper vereinigt, erteilen ihm die Polarität; durch die Erscheinungen der Polarität lernen wir also nur gleichsam die engere und bestimmtere Sphäre kennen, innerhalb welcher der allgemeine Dualismus wirkt. Wenn bei der elektrischen Erregung zwei heterogene Körper aneinander gerieben werden, verteilt sich die positive und negative Elektrizität an beide . Setzen wir nun, daß in einem und demselben Körper eine solche ursprüngliche Heterogeneität wäre, so daß beide Elektrizitäten zugleich auf seiner Oberfläche erregbar wären, so würde diesem Körper elektrische Polarität zukommen. Das allgemeine Mittel der elektrischen Erregung ist Erwärmung , und zwar, weil immer beide Elektrizitäten zugleich erregt werden, ungleichförmige Erwärmung ; daher das Gesetz, daß von zwei aneinander geriebenen Körpern der am wenigsten erwärmte (z.B. Glas) positive, der am meisten erwärmte (z.B. Schwefel) negative Elektrizität erhält. Diese ungleichförmige Erregbarkeit durch Wärme findet sich nun in Einem Körper beim Turmalin , und ohne Zweifel noch bei mehreren andern ihm ähnlichen Körpern. Es ist gewiß, daß der Turmalin, solange er in einerlei Grad der Wärme erhalten wird, keine Spur von Elektrizität zeigt, daß er aber elektrisch wird, wenn man ihn erwärmt oder erkältet . Der Grund dieses Phänomens kann nur darin gesucht werden, daß der Turmalin durch gleiche Wärmegrade doch nicht gleichförmig , sondern an einem Pol stärker als am andern erhitzt wird , oder daß seine Pole eine ungleiche Wärmekapazität haben. Wirklich zeigen sich die entgegengesetzten Elektrizitäten am Turmalin niemals auf seiner ganzen Oberfläche, sondern nur in der Gegend zweier entgegengesetzter Punkte, die man seine Pole nennen kann. Daß aber wirklich dieser Stein seine elektrische Polarität der ungleichförmigen Erregbarkeit (durch Wärme) verdankt, erhellt daraus, daß seine Pole, wenn er erkältet wird, ihre Elektrizitäten vertauschen ; daß also derjenige Pol, der durch positive Erwärmung negativ -elektrisch wurde, durch negative Erwärmung positiv -elektrisch wird. 2. Aus dieser einfachen Tatsache lassen sich nun schon mehrere interessante Sätze herleiten. a) Wir sehen, daß die Wärme die allgemeine Ursache ist, welche allen Dualismus anfacht und unterhält, daß wir also sehr recht hatten, sie gleichsam als das vermittelnde Zwischenglied positiver und negativer Prinzipien in der Welt anzusehen. Es ist jetzt einleuchtend, warum jedem Verbrennen eine Erhöhung der Temperatur vorangehen muß, warum Elektrizität nie erregt wird, ohne daß durch Reiben oder irgend eine andere Ursache eine ungleichförmige Erwärmung hervorgebracht wird, usw. b) Da aber die Erwärmung eines Körpers etwas lediglich Relatives ist, und da es von seiner spezifischen Beschaffenheit (seiner Kapazität) abhängt, in welchem Grade er durch eine bestimmte Wärmequantität erhitzt werde, so wird ein Dualismus der Prinzipien auf doppelte Art erregbar sein: zwischen zwei Körpern, entweder wenn sie ursprünglich heterogen sind und durch gleiche Ursache nicht in gleichem Grade erhitzt werden, oder wenn sie ursprünglich homogen , aber durch ungleich -wirkende Ursachen (z.B. ungleiche Quantitäten von Wärme) erhitzt werden; in Einem Körper aber, entweder wenn in ihm eine ursprüngliche Heterogeneität vorhanden ist, oder wenn er ungleichförmig erhitzt wird. c) Man muß folgenden Grundsatz der Erregbarkeit des Dualismus aufstellen: Wird in einem Körper durch positive Erwärmung das negative Prinzip erregt, so muß durch negative Erwärmung (Erkältung) das positive erregt werden, und umgekehrt. d) Es folgt hieraus, daß in jedem Körper durch ungleichförmige Erwärmung Polarität , und durch ungleichförmige Erkältung ein Wechsel der Polarität hervorgebracht werden kann. 3. Es ist äußerst merkwürdig, daß ohne allen Zweifel im Turmalin elektrische und magnetische Polarität koexistiert, nicht nur deswegen, weil er, in viele kleine Stücke zerschlagen, an jedem einzelnen noch dieselbe Polarität zeigt, die er auf der ganzen Oberfläche zeigte, sondern auch, weil er wirklich (wenigstens nach Brugmanns Beobachtungen) vom Magnete gezogen wird. Man wird dadurch im voraus geneigt zu glauben, daß dieselbe ursprüngliche Heterogeneität , welcher der Turmalin seine elektrische Polarität verdankt, auch die Ursache seiner magnetischen Polarität sei . Man wird geneigt zu glauben, daß nach demselben Gesetz , nach welchem die elektrische Polarität in einem Körper erregt wird, auch die magnetische erregbar ist. Für diese Vermutung aber sprechen noch andere Tatsachen. a) Man weiß, daß jede ungleichförmige Erschütterung , daß vorzüglich ungleichförmige Erwärmung dem Eisen (auch andern metallischen Substanzen) magnetische Eigenschaften mitteilt; z.B. man erhitzt eine eiserne Stange und richtet sie perpendikulär auf, so werden ihre beiden Enden ungleichförmig erkalten und Polarität zeigen. Diese Tatsache stimmt nun ganz mit dem oben (2 d) aufgestellten Gesetz der elektrischen Polarität überein. b) Saussüre hat gefunden, daß nichts so sehr die Kraft des Magnets schwächte als die Wärme; schon die Differenz eines halben Grads Reaum. hat Einfluß aufs Magnetometer. »Depuis cinq ans, sagt Saussüre , que cet instrument est construit, j'ai beaucoup observé sa marche; j'ai vu, que la force attractive varie, que la cause la plus générale de ces variations est la chaleur, que le barreau aimanté perd de sa force, quand la chaleur augmente, et la reprend quand elle diminue« (Voy. dans l. A. Vol. II, § 459). Man kann dieses Phänomen nicht anders als aus dem oben (2 d) aufgestellten Gesetz vom Wechsel der Polarität erklären. Derselbe Pol, der durch positive Erwärmung negativ magnetisch wird, wird durch negative Erwärmung positiv magnetisch. Gesetzt nun, das Gewicht befinde sich am negativen Pol, so wird er durch Einfluß der Wärme positiv magnetisch, und verliert in diesem Übergang seine Kraft, die er wieder erhält, sobald durch Erkältung seine positive Eigenschaft wiederhergestellt wird. c) Die elektrische Materie ist ihrer Natur nach entgegengesetzter Wirkungen fähig, weil sie überall die entgegengesetzte Kraft weckt. So werden durch den elektrischen Funken Metalle oxydiert und desoxydiert, das Wasser dekomponiert und rekomponiert. So wird ohne Zweifel durch den positiv-elektrischen Funken, wenn er den positiven Pol trifft, der negative Magnetismus, wenn er den negativen trifft, der positive erweckt. – Daher werden durch den elektrischen Funken die Pole des Magnets umgekehrt. Doch scheinen die Versuche noch nicht hinlänglich vermannigfaltigt zu sein. Es könnte sich hier ein großer Unterschied negativer und positiver Elektrizität zeigen; auch ist es wohl nicht gleichgültig, durch welchen Pol der elektrische Funken (je nachdem er positiv oder negativ ist) einströmt; man könnte hierdurch entdecken, welcher der Pole des Magnets positiv, welcher negativ ist. 4. Wenn es einmal ausgemacht ist, daß die magnetische Polarität nach demselben Gesetze erregt wird als die elektrische, so ist ferner auch kein Zweifel, daß sie auf dieselbe Art und durch denselben Mechanismus entsteht wie diese. Um zu erklären, wie ein Körper verbrenne oder elektrisch werde, mußten wir erstens ein positives Prinzip außer dem Körper (als Ursache des Verbrennens und der elektrischen Beschaffenheit), neben diesem aber ein negatives Prinzip im Körper annehmen, durch welches wir eigentlich nichts andeuteten, als das Minus von Zurückstoßungskraft, das der Körper im Zustand der phlogistischen oder elektrischen Erregung gegen die positive Ursache des Verbrennens oder der Elektrizität beweist. Wir werden also bei der magnetischen Erregung erstens ein negatives Prinzip im Magnet annehmen, vermöge dessen er mit der positiven Ursache des Magnetismus in dynamischer Gemeinschaft steht. Wo jenes negative Prinzip fehlt, wird sich gar kein Magnetismus offenbaren. Diesem negativen Prinzip werden wir ein positives außer dem Magnet vorhandenes Prinzip entgegensetzen. Dieses Prinzip ferner muß in sich selbst heterogen und einer Entzweiung fähig sein. Dieser positiven Duplizität in der Ursache des Magnetismus werden wir eine negative Duplizität im Magnet selbst entgegenstellen, vermöge welcher dieser gegen das eine Element des Magnetismus geringere Zurückstoßungskraft beweist als gegen das andere. Durch diese Vorstellungsart haben wir folgendes gewonnen. a) Wir können die Ursache des Magnetismus als eine überall verbreitete Ursache ansehen, die auf alle Körper kontinuierlich wirkt, alle Körper durchdringt, ihre Duplizität aber nur an solchen offenbart, die zu ihren Elementen ein verschiedenes Verhältnis haben. b) Wir verbannen dadurch den toten Begriff der Anziehung (welche der Magnet gegen die magnetische Materie beweisen soll) ein Begriff, der sich mit der außerordentlichen Wirksamkeit des magnetischen Prinzips schlecht verträgt, das ohne Zweifel kontinuierlich neu erzeugt und entwickelt, allgemein und auf alle Körper wirkt, eigentümliche Bewegung aber nur da zu erregen fähig ist, wo es ein Minus von Zurückstoßungskraft findet. So vorteilhaft für die Konstruktion aller Erscheinungen ist der Begriff einer allgemeinen dynamischen Gemeinschaft in der Welt, vermöge welcher die überall verbreiteten durchdringenden Ursachen überall Bewegung hervorbringen, wo das Gleichgewicht gestört ist, und gleichsam besondere Sphären sich bilden, innerhalb welcher sie wirksam sein können. 5. Wenn als Vehikel jeder endlichen Kraft eine Materie angenommen werden muß, so können wir auch dieser Annahme zur Erklärung der magnetischen Erscheinungen nicht entbehren, obgleich daraus nicht folgt, daß wir eine im eigentlichen Sinn magnetische (d.h. dem Magnet eigentümliche ) Materie anzunehmen das geringste Recht haben. Daß ein positives Prinzip außer dem Magnet ihn in Bewegung setzt, die Ursache seiner Polarität ist, muß auch aus folgenden Erfahrungen geschlossen werden. a) Wäre die magnetische Kraft eine absolut-innere Kraft, so müßte die Anziehungskraft des Eisens sowohl als des Magnets ein bestimmtes Verhältnis zu ihrer Masse zeigen. Ein solches aber zeigt sich bei keinem von beiden. Wenn man verschiedene nicht magnetisierte, gleich lange, aber ungleich dicke Eisenstäbe mit dem einen Pol des Magnets in Berührung bringt, so wächst die Anziehung des Magnets gegen diese Stäbe, je dicker der Stab ist, aber nur bis zu einer gewissen Grenze , so daß über diese Grenze hinaus die Anziehung keinen Zuwachs weiter erleidet, wenn auch die Dicke des Stabes wächst ( Häuy bei Prevost über den Ursprung der magnetischen Kräfte § 116). – Saussüre bemerkt schon (in seinen Voy. dans l. A. Vol. I, § 83), daß zwei ungleiche Massen von Eisen auf den Magnet in einem Verhältnis wirken, das dem Verhältnis ihrer Oberflächen weit näher kommt als dem Verhältnis ihrer Massen . – Man hat allgemein bemerkt, daß unter Magneten von gleicher Güte die kleinen im Verhältnis ihres Gewichts bei weitem mehr Kraft haben als die großen (ohne Zweifel weil es eine Grenze der magnetischen Durchdringlichkeit gibt, die nie überschritten wird). Aber man hat nicht so allgemein bemerkt, daß bei ganz ähnlichen Magneten von gleicher Masse ihre Anziehungskräfte sich verhalten wie ihre Oberflächen. Daniel Bernoulli , in einem von Saussüre angeführten Brief an Trembley, behauptet gefunden zu haben, daß die absolute Kraft der künstlichen Magneten immer zunimmt wie die Kubikwurzeln der Quadrate des Gewichts, was ebensoviel ist, als im Verhältnis ihrer Oberflächen. b) Nur die Möglichkeit einer allgemeinen Weltordnung kann nicht mehr aus materiellen Prinzipien erklärt werden, weil solche Prinzipien selbst schon eine Weltordnung voraussetzen, innerhalb welcher sie allein möglich sind. Allein innerhalb des allgemeinen Systems organisieren sich gleichsam einzelne Sphären der allgemeinen Naturkräfte, innerhalb welcher diese den Schein ebensovieler spezifisch-verschiedener Materien annehmen. Nur die allgemeine Weltbewegung ist von ewigen und unveränderlichen Ursachen abhängig; veränderliche Ursachen aber verraten materielle Prinzipien; so die magnetischen Abweichungen, die man nicht erklären kann, ohne dabei eine Materie als wirksam anzunehmen, die entwickelt oder zur Ruhe gebracht, zersetzt und wieder zusammengesetzt wird, und (gleich der atmosphärischen Elektrizität) entsteht und verschwindet. 6. Es fragt sich nur, welche spezifische Beschaffenheit man dem materiellen Prinzip des Magnetismus zuschreiben müsse? Man muß beklagen, daß die Schranken der magnetischen Kraft keine Mannigfaltigkeit von Experimenten und keine vergleichende Untersuchung verstatten. Wenn es möglich wäre jene Schranken zu durchbrechen, wenn es vorerst nur gelänge die magnetischen Eigenschaften an mehreren Körpern als bisher zu entdecken, wie sehr würde dadurch schon das Feld der Möglichkeiten erweitert, wie viel Raum für vergleichende Untersuchung gewonnen! Wenn es gelänge die kleinsten Grade der magnetischen Kraft (so etwa wie der elektrischen) noch bemerklich zu machen, würde man nicht finden, daß sie jedem Körper der Natur, wenn auch in unendlich-kleinem Grade, beiwohnt? Wenn man erst Vergleichungen anstellen könnte, sollte sich nicht finden, daß die magnetische Kraft bei weitem nicht so einförmig wirkt, als es uns jetzt scheint, da wir nur das Eisen mit dem Eisenerz, das wir Magnet nennen, vergleichen können? – Sollte sich dann nicht finden, daß vielleicht jeder Körper, wie das Eisen, sein Erz , d.h. einen Körper hat, der für ihn ein Magnet ist? Liegt der Grund, warum man bisher weniger Entdeckungen in diesem Felde gemacht hat, eben darin vielleicht, daß man noch nicht für jeden Körper seinen Magnet gefunden hat? So ist für den Humboldtschen Serpentinstein nur das magnetische, nicht auch das unmagnetische Eisen ein Magnet. Sollte es nicht einen Unterschied von idiomagnetischen und symperimagnetischen Körpern geben? Bis jetzt ist nicht Ein entscheidender Versuch bekannt, der auf die spezifische Natur des magnetischen Prinzips schließen ließe. Vairo , Professor an der Akademie zu Neapel, soll gefunden haben, daß in der Hundsgrotte (grotta del Cane) in der Nähe von Neapel der Magnet seine gewohnte Wirkung auf das Eisen verliert, daß in derselben die Magnetnadel viel weiter von Norden abweicht, als in der gewöhnlichen Luft, auch, was besonders merkwürdig ist, daß in derselben keine elektrische Kraft erregt werden kann. (Man s. Jansens Briefe über Italien, vornehmlich den gegenwärtigen Zustand der Arzneikunde, und die Naturgeschichte betreffend , 1. Teil, S. 363). Man weiß seit den Versuchen, die Murray mit der Luftart dieser Grotte angestellt hat, daßsie ein kohlensaures Gas ist. (Man s. v. Crells neueste Entdeckungen in der Chemie , T. 3, S. 118). Sollte die Unmöglichkeit, die Elektrizität in diesem Luftraume zu erwecken, der in ihm wahrscheinlich herrschenden Feuchtigkeit zuzuschreiben sein? – Aber wie will man erklären, daß der Magnet dort seine Kraft verliert? Etwa daraus, daß er schnell rostet ? – Dies ist doch unwahrscheinlich. Man weiß allerdings, daß Eisen, wenn es desoxydiert wird, vom Magnet stärker als vorher angezogen wird (s. z.B. Saussüre V. d. l. A. Vol. II, § 425). Auf der magnetreichen Insel Elba müssen gute Magnete gegraben werden, denn die, welche an der Sonne liegen, verlieren allmählich ihre magnetische Eigenschaft ( Swinburnes Reisen durch beide Sizilien, übersetzt von Forster , T. I, S. 35). Es erhellt daraus allerdings, daß irgend ein eigentümliches Verhältnis des Magnets zu dem Oxygene der Atmosphäre, oder zum Äther, der mit ihm in Verbindung tritt, zugleich die Ursache seiner Eigenschaften enthalte. Diese Entdeckung lehrt uns aber nichts mehr, als was wir schon a priori einsehen konnten. 7. Man muß zugeben, daß die magnetische Kraft zu den durchdringenden gehört, und insofern bei weitem ursprünglicher ist als die elektrische . Denn diese häuft sich nur auf der Oberfläche der Körper an, und wird, wo sie ein leitendes Medium berührt, abgeleitet, ohne daß der Körper selbst verändert würde, der Magnet aber scheint auf andere Körper nur durch Verteilung (Erregung ), nie durch Mitteilung zu wirken. Seine eigentümliche Kraft kann ihm nicht durch äußere , sondern nur durch penetrierende Ursachen entrissen werden. Das Prinzip des Magnetismus muß also zu den elementarischen , d.h. denjenigen Materien gerechnet werden, für welche kein Körper undurchdringlich ist. Als solche Materien kennen wir bis jetzt nur Licht und Wärme, wissen aber, daß sie diese ihre gemeinschaftliche Eigenschaft einem höheren Prinzip verdanken, das zuverlässig auch in den magnetischen Erscheinungen wirksam ist. Es läßt sich in der Welt überhaupt kein dynamischer Zusammenhang denken, ohne daß man eine ursprüngliche Homogeneität aller Materie annehme. Wir sind genötigt, die positive Materie, die sich im Licht und in der Wärme offenbart, als das allgemeine Auflösungsmittel aller Materie anzusehen. Wenn nun der grobe Stoff, ehe er in einzelne Materien überging, durch den Weltraum gleichförmig verbreitet und im Äther (als dem menstruum universale ) aufgelöst war, so mußte alle Materie in ihm sich ursprünglich durchdringen, so wie man in jeder vollkommenen Solution mehrerer Materien durch ein gemeinschaftliches Mittel eine wechselseitige Durchdringung annehmen muß, weil die Auflösung nur dann vollkommen ist, wenn sie durchaus homogen , d.h., wie Kant bewiesen hat, wenn in ihr kein unendlich kleiner Teil anzutreffen ist, der nicht aus dem Auflösungsmittel und dem aufzulösenden Körper zusammengesetzt wäre. Als die grobe Masse aus der gemeinschaftlichen Solution niedergeschlagen wurde, entstanden heterogene Materien, die unfähig waren sich ferner zu durchdringen, da sie diese Eigenschaft nur dem gemeinschaftlichen Auflösungsmittel verdankten. Für dieses aber müssen alle Materien noch jetzt in hohem Grade durchdringlich, ja sogar durch fortwährende Aktion auflöslich sein, wie auch die Erfahrung lehrt, da die härtesten Substanzen an der Luft endlich verwittern, andere auf andere Weise durch unbekannte Naturoperationen allmählich zerstört werden. Wenn nun das magnetische Prinzip (vermöge seiner durchdringenden Kraft) dem Äther verwandt wäre, so müßte es auch weit allgemeiner wirksam, ja es müßte (so scheint es) keine Substanz der Natur sein, die nicht durch dieses Prinzip in Bewegung gesetzt würde. Obgleich wir also bis jetzt nur wenige Substanzen des Mineralreichs kennen, die magnetische Eigenschaften zeigen, müssen wir doch behaupten, daß, da der Magnetismus eine allgemeine Naturkraft ist, kein Körper in der Welt absolut-unmagnetisch sei, ebenso wie kein Körper absolut-durchsichtig oder undurchsichtig, absolut-warm oder kalt ist. 8. Ohne Zweifel sind alle Körper von der Ursache des Magnetismus durchdrungen; aber Polarität erteilt sie nur denen, die zu ihren Elementen ein ungleichförmiges Verhältnis haben; der Duplizität des positiven Prinzips muß eine Duplizität des negativen Prinzips im Körper gegenüberstehen. Der magnetische Turmalin z.B. beweist durch die entgegengesetzten Elektrizitäten auf seiner Oberfläche eine ursprüngliche Heterogeneität seiner Elemente. Wir müssen hierauf sehr aufmerksam werden, wenn wir bedenken, daß der Turmalin zwischen den beiden Klassen idioelektrischer Körper gleichsam in der Mitte steht. Positiv-idioelektrische Körper sind in der Regel durchsichtig. Negativ-idioelektrische in der Regel undurchsichtig . Der Turmalin gehört zu den halbdurchsichtigen Körpern, er ist dadurch gleichsam in eine höhere Sphäre versetzt, unter der jene beiden Klassen idioelektrischer Körper begriffen sind; sehr natürlich, daß er auch beide Elektrizitäten in sich vereinigt, und mit diesen zugleich magnetische Polarität annimmt. Wenn alle Körper in gewissem Grade magnetisch sind, sollte sich die Polarität nicht vorzüglich an allen halbdurchsichtigen Körpern zeigen? Sollten nicht wohl alle Edelsteine, die so wie der Turmalin durch Erwärmung entgegengesetzte Elektrizitäten annehmen, auch magnetische Eigenschaften zeigen? Man muß zu genauen Untersuchungen hierüber den Topas (den brasilianischen und syrischen), den Boraxspat und alle die Körper empfehlen, die mit dem Turmalin jene Eigenschaft (der elektrischen Polarität) gemein haben. Die Wirkung des Granats auf die Magnetnadel hat schon Saussüre bemerkt. »Un de nos grénats, erzählt er, du poids de cinq grains commençoit à agir sur l'aiguille aimantée à la distance de deux lignes. – Je l'ai fait rougir, j'ai jeté sur lui de la cire, et j'ai ainsi rendu le phlogistique à quelquesunes de ses parties extérieures; alors il a agi sur l'aiguille à la distance de trois lignes 1/4.« – Daß der Grund dieser Erscheinung nicht in eingesprengten Eisenteilchen liegen könne, erhellt aus folgendem: »On ne s'étonne pas, sagt Saussüre , de voir nos grénats impurs et presque opaques contenir du fer attirable par l'aimant, mais on sera peut-être surpris de voir les grénats orientaux, soit rouges, soit oranges, soit violets, présenter tous le même phénomène. J'ai vu un grénat syrien du poids de dix grains de la plus grande beauté, et de la plus parfaite transparence , qui fait mouvoir sensiblement l'aiguille aimantée à deux lignes de distance. – J'ai trouvé aussi des cailloux, dans lesquels la matière du grénat est dispersée en masses non crystallisées, on reconnoit alors cette matière à sa couleur – – et à son action sur l'aiguille aimantée.« (Voy. dans l. A. Vol. I, § 84, 85). Da alle Durchsichtigkeit nur relativ und die Grenze zwischen durchsichtigen und halbdurchsichtigen Körpern unbestimmt ist – sollten nicht alle durchsichtigen Körper »solche wenigstens, die nie dem Feuer ausgesetzt wurden«. Zusatz der letzten Ausgabe. in einigem Grade magnetische Polarität zeigen? Sollten nicht alle idioelektrischen Substanzen magnetische Eigenschaften zeigen, wenn in ihnen eine ursprüngliche Verschiedenheit der Qualität herrschte? Geht vielleicht die magnetische Eigenschaft allmählich in die idioelektrische über? 9. Die bisher vorgetragenen Ideen auf die Erde angewandt, muß der Grund ihrer Polarität in ihrer ursprünglichen Bildung gesucht werden. Wenn es erlaubt ist, vom Kleinen aufs Große analogisch zu schließen, so muß der ursprüngliche Grund in einer Ungleichförmigkeit ihrer Bildung gesucht werden. Wie ungleichförmige Erschütterung, Erkältung usw., dem Eisen magnetische Eigenschaften mitteilt, so ist es glaublich, daß die Erde einer ähnlichen Ursache, z.B. daß sie bei ihrer ursprünglichen Bildung an einem Pol schneller als am andern erkaltete, ihre Polarität verdankt. Nach Büffon ist es der Südpol; er erklärt daraus, warum die Wasser ihre erste Richtung nach Süden zu genommen haben (Epoques de la nature p. 167). Tiefere geognostische Untersuchungen würden vielleicht zeigen, daß ursprünglich schon ein magnetischer oder elektrischer Strom den großen Lagen oder Schichten der Erde eine bestimmte Richtung gegen die Pole gegeben hat, ungefähr so wie die magnetische Anziehung, oder ein elektrischer Strom, wenn er durch Eisenfeile geleitet wird, ihr eine regelmäßige Stellung gibt. Wenn diese Richtung der großen Erdschichten nicht allgemein bemerklich ist, so muß man den Grund in den späteren Revolutionen, in Überschwemmungen und der großen Gewalt des Wassers suchen, das allmählich erst sich seinen regelmäßigen Lauf bahnte und die großen Beete bereitete, in denen jetzt das Meer eingeschlossen ist. Indes wäre ohne allen Zweifel die magnetische Kraft der Erde schon längst erloschen, wenn nicht eine kontinuierlich wirkende Ursache sie immer von neuem anfachte. Diese Ursache ist die Sonnenwärme, die ohne allen Zweifel beide Hemisphären ungleichförmig erhitzt, da eine ursprüngliche Heterogeneität beider wohl begreiflich ist. Es ist bekannt, daß unter gleichen Graden der Breite in der nördlichen Halbkugel eine größere mittlere Wärme herrscht als in der südlichen. Aepinus (in seinem Tentamen theoriae electricitatis et magnetismi) erklärt dieses Phänomen aus der astronomischen Wahrheit, daß in den nördlichen Gegenden die Dauer der warmen Jahreszeiten die der kalten Jahreszeiten ungefähr um sieben Tage übertrifft. »Es ist klar, sagt er, daß das Gegenteil in der südlichen Halbkugel stattfindet; die kalte Jahreszeit übertrifft dort die warme um ungefähr sieben Tage. Also verbreitet die Sonne jährlich über die nördliche Halbkugel eine Wärme, die ungefähr um 1/14, oder 1/16 Teil größer ist, als die, welche sie über die südliche Halbkugel verbreitet. Es ist also nicht wunderbar, daß sich während einer langen Reihe von Jahrhunderten durch diese Ursache in unsern Gegenden eine Wärme angehäuft habe, die hinreichend ist, um in der Temperatur der beiden Halbkugeln einen Unterschied hervorzubringen.« – (Vgl. Prevost vom Ursprung der magnetischen Kräfte. Deutsche Übers., S. 161). Ich bemerke, daß wohl nicht nur die ungleichen Summen von Wärme, die jährlich über die beiden Halbkugeln verbreitet werden, sondern daß vorzüglich die Ungleichförmigkeit der täglichen Erleuchtung und Erwärmung die Polarität der Erde immer neu anfachen muß; die Koexistenz der elektrischen und magnetischen Polarität am Erdkörper (ich setze voraus, daß Nord- und Südlichter für elektrische Erscheinungen gelten) erlaubt uns, auf ihn alle Analogien des Turmalins, und insbesondere das oben aufgestellte Gesetz vom Wechsel der Polarität anzuwenden, der freilich wohl nie ganz erfolgen kann (obgleich nach Lichtenberg bisweilen eine Verwechslung der elektrischen Pole der Erde vorzugehen scheint), die aber doch die Ursache der täglichen sowohl als jährlichen Abweichung sein kann, da diese nach einer unleugbaren Regelmäßigkeit in ihrer täglichen Abweichung dem Wechsel des Tags und der Nacht, in der jährlichen dem Wechsel der Jahreszeiten folgt, wobei freilich noch die Störungen in Betrachtung gezogen werden müssen, die den magnetischen Strom an vielen Orten der Erde, besonders wo große Eisengruben sind (z.B. in der Nähe der Insel Elba), von seiner Richtung ableiten. 10. Die erste Wirkung der Sonne auf die Erde war ohne Zweifel die, daß sie ihre magnetische Eigenschaft erweckte, und so ist wohl das Gesetz der Polarität ein allgemeines Weltgesetz , das in jedem einzelnen Planetensystem auf jedem untergeordneten Körper ebenso wirksam ist, als in unserem Planetensystem auf der Erde. Einen schwachen Schimmer von Hoffnung, das Phänomen der allgemeinen Schwere auf physikalische Ursachen zurückzuführen, könnten diejenigen, die mit solchen Hoffnungen sich tragen, in dieser Idee erblicken: da auch die magnetische Gravitation mechanisch (aus Stoß) gar nicht, sondern nur dynamisch (durch eine Ursache, die in die Ferne Bewegung mitteilt), erklärbar ist, so würden sie wenigstens durch die Annahme einer solchen Ursache der allgemeinen Schwere die gesunde Philosophie nicht so sehr vor den Kopf stoßen, als durch die Hypothese schwermachender Körperchen . Ich bemerke nur noch, daß das positive Element des Magnetismus zuverlässig dasselbe ist, das im Licht sich offenbart; daß aber ohne Zweifel die magnetische Polarität der Erde die ursprünglichste Erscheinung des allgemeinen Dualismus ist, der in der Physik weiter nicht abgeleitet, sondern schlechthin vorausgesetzt werden muß, und der in der elektrischen Polarität schon auf einer viel tieferen Stufe erscheint, bis er endlich in der Heterogeneität zweier Luftarten in der Nähe der Erde, und zuletzt in den belebten Organisationen (wo er eine neue Welt bildet), – für das gemeine Auge wenigstens – verschwindet. Über den Ursprung des allgemeinen Organismus Sicelides Musae, paullo majora canamus. Virgil I. Vom ursprünglichsten Gegensatz zwischen Pflanze und Tier Man hat neuerlich oft gesagt, Vegetation und Leben seien als chemische Prozesse anzusehen; mit welchem Recht, werde ich späterhin untersuchen. Es ist auffallend übrigens, daß man diesen Gedanken nicht benutzt hat, um aus ihm den ursprünglichsten Unterschied des vegetativen und animalischen Lebens abzuleiten. Vorerst kennen wir zwei Hauptprozesse, von welchen die meisten Veränderungen der Körper in der anorgischen Natur abhängig sind, Prozesse, die auf jenen durch die ganze Natur herrschenden Gegensatz zwischen dem positiven und negativen Prinzip des Verbrennens sich beziehen. Die Natur, welche sich in Mischungen gefällt, und ohne Zweifel in einer allgemeinen Neutralisation enden würde, wenn sie nicht durch den steten Einfluß fremder Prinzipien ihr eigen Werk hemmte, erhält sich selbst im ewigen Kreislauf, da sie auf der einen Seite trennt, was sie auf der andern verbindet, und hier verbindet, was sie dort getrennt hat. So ist ein großer Teil ihrer Prozesse dephlogistisierend , diesen aber halten beständige phlogistisierende Prozesse das Gleichgewicht, so daß niemals eine allgemeine Uniformität entstehen kann. Wir werden daher vorerst zwei Hauptklassen von Organisationen annehmen, davon die erste in einem von der Natur unterhaltenen Desoxydationsprozeß , die andere in einem kontinuierlichen Oxydationsprozeß Ursprung und Fortdauer findet. Wir haben schon oben erinnert, daß oxydieren und dephlogistisieren, phlogistisieren und desoxydieren Wechselbegriffe sind, die in bezug aufeinander wechselseitig positiv und negativ sein können, wovon aber keiner etwas anderes als ein bestimmtes Verhältnis ausdrückt. So wird also, wo die Natur einen Reduktions – oder Desoxydationsprozeß unterhält, kontinuierlich phlogistische Materie erzeugt , was bei den Pflanzen unleugbar ist; denn diese, dem Licht, d.h. dem allgemeinen Mittel der Reduktion , entzogen, werden bleich und farbelos ; sobald sie dem Licht ausgesetzt werden, gewinnen sie Farbe , der offenbarste Beweis, daß phlogistischer Stoff in ihnen bereitet wird. Dieser (als das negative Prinzip) tritt hervor, sowie das positive verschwindet, und umgekehrt; und so existiert in der ganzen Natur keines dieser Prinzipien an sich , oder außerhalb des Wechselverhältnisses mit seinem entgegengesetzten. So wie die Vegetation in einer steten Desoxydation besteht, wird umgekehrt der Lebensprozeß in einer kontinuierlichen Oxydation bestehen; wobei man nicht vergessen darf, daß Vegetation und Leben nur im Prozesse selbst bestehen, daher es Gegenstand einer besonderen Untersuchung ist, durch welche Mittel die Natur dem Prozeß Permanenz gebe, durch welche Mittel sie verhindere, daß es z.B. im tierischen Körper, solange er lebt, nie zum endlichen Produkt komme; denn es ist offenbar genug, daß das Leben in einem steten Werden besteht, und daß jedes Produkt , eben deswegen weil es dies ist, tot ist; daher das Schwanken der Natur zwischen entgegengesetzten Zwecken, das Gleichgewicht konträrer Prinzipien zu erreichen, und doch den Dualismus (in welchem allein sie selbst fortdauert) zu erhalten, in welchem Schwanken der Natur (wobei es nie zum Produkt kommt) eigentlich jedes belebte Wesen seine Fortdauer findet. Zusatz Seitdem man entdeckt hat, daß die Pflanzen dem Licht ausgesetzt Lebensluft aushauchen , und daß dagegen die Tiere beim Atmen Lebensluft zersetzen und eine irrespirable Luftart aushauchen, hat man, bei dieser ursprünglich-inneren Verschiedenheit beider Organisationen, nicht mehr nötig, äußere Unterscheidungsmerkmale aufzusuchen, z.B. (nach Hedwig ), daß die Pflanzen nach der Befruchtung ihre Zeugungsteile verlieren; um so mehr, da alle diese Merkmale, wie die Unwillkürlichkeit der Pflanzenbewegungen (z.B. bei Aufnahme der Nahrung , da nach Boerhaves sinnreichem Ausdruck die Pflanze den Magen in der Wurzel, das Tier die Wurzel im Magen hat), oder die Nervenlosigkeit der Pflanzen – alle zusammen aus jenem ursprünglichen Gegensatz erst abgeleitet werden müssen, wie ich im folgenden zeigen werde. Es erhellet nämlich zum voraus, daß, wenn die Pflanze das Lebensprinzip aushaucht, das Tier es zurückhält, im letztern bei weitem mehr Schein der Spontaneität und Fähigkeit seinen Zustand zu verändern sein muß als im erstern. Ferner, daß das Tier, da es das Lebensprinzip (durch Luftzersetzung) in sich selbst erzeugt , von Jahreszeit, Klima usw. bei weitem unabhängiger sein muß als die Pflanze, in welcher das Lebensprinzip nur durch den Einfluß des Lichts (aus dem Nahrungswasser) entwickelt und durch denselben Mechanismus, durch welchen es entwickelt wird, auch kontinuierlich ausgeführt wird. Die Vegetation ist der negative Lebensprozeß . Die Pflanze selbst hat kein Leben , sie entsteht nur durch Entwicklung des Lebensprinzips, und hat nur den Schein des Lebens im Moment dieses negativen Prozesses. In der Pflanze trennt die Natur, was sie im Tier vereinigt . Das Tier hat Leben in sich selbst , denn es erzeugt selbst unaufhörlich das belebende Prinzip, das der Pflanze durch fremden Einfluß entzogen wird. Wenn übrigens die Vegetation der umgekehrte Prozeß des Lebens ist, so wird man uns verstatten, im folgenden unsere Aufmerksamkeit hauptsächlich auf den positiven Prozeß zu richten, um so mehr, da unsere Pflanzenphysiologie noch höchst mangelhaft, und da es natürlicher ist, das Negative durch das Positive, als das Positive durch das Negative zu bestimmen. II. Von den entgegengesetzten Prinzipien des tierischen Lebens Der Begriff Leben soll konstruiert werden , d.h. er soll als Naturerscheinung erklärt werden. Hier sind nur drei Fälle möglich: A. Entweder, der Grund des Lebens liegt einzig und allein in der tierischen Materie selbst. Diese Annahme widerlegt sich von selbst durch die gemeinsten aller Erfahrungen, da offenbar genug äußere Ursachen zum Leben mitwirken. – In diesem Sinn hat auch wohl kein vernünftiger Mensch jenen Satz behauptet. Es geschieht aber oft, daß, wenn die Frage für eines Menschen Verstand zu hoch ist, die Frage herabgestimmt wird, und einen beliebigen Sinn erhält, in welchem sie freilich leicht beantwortlich, aber nun auch eine ganz andere Frage ist. Es ist nicht davon die Rede, daß das Leben von Stoffen abhängig ist, welche von außen dem Körper zugeführt werden, z.B. durch das Atmen, durch Nahrung usw., denn die Aufnahme dieser Stoffe setzt schon das Leben selbst voraus. Wir wissen wohl, daß unsere Fortdauer an der Luftzersetzung hängt, welche in unsern Lungen vorgeht, aber diese Zersetzung ist selbst schon eine Funktion des Lebens : ihr sollt uns aber das Leben selbst, sollt uns einen Anfang des Lebens begreiflich machen. Der eigentliche Sinn des oben aufgestellten Satzes müßte also der sein, die erste Ursache (nicht die untergeordneten Bedingungen) des Lebens liegt in der tierischen Materie selbst , und dieser so bestimmte Satz müßte, wenn er auch aus Erfahrung unwiderleglich wäre, doch von einer gesunden Philosophie a priori verneint werden. Es ist der Gipfel der Unphilosophie, zu behaupten, das Leben sei eine Eigenschaft der Materie, und gegen das allgemeine Gesetz der Trägheit anzuführen, daß wir doch das Beispiel einer Ausnahme – an der belebten Materie finden. Denn entweder nimmt man in den Begriff der tierischen Materie schon die Ursache des Lebens, welche kontinuierlich auf die tierische Substanz (also auch in der tierischen Materie) wirkt, auf , und dann hat man freilich beim Analysieren leichte Arbeit; es ist aber nicht von einer Analyse , sondern von einer ( synthetischen ) Konstruktion des Begriffs tierisches Leben die Rede. Oder man nimmt an, daß es gar keiner positiven Ursache des Lebens bedürfe, sondern daß allbereits im tierischen Körper alles so zusammengemengt und zusammengemischt sei, daß daraus von selbst Mischungsveränderungen, und aus diesen Kontraktionen der tierischen Materie erfolgen, ungefähr so wie ein bestimmtes Gemenge von Mittelsalzen von selbst sich zerlegt (wie das wirklich die Meinung des berühmten Herrn Reil in Halle zu sein scheint). – Wenn dies der Sinn jener Behauptung ist, so bitte ich, daß man vor allen Dingen uns folgende Fragen beantworte. Wir wissen wohl (man erlaube uns erst einen festen Standpunkt zu nehmen, denn wir können bei den Physiologen, mit welchen wir zu tun haben, selbst keinen bestimmten Begriff von Chemie und chemischen Operationen voraussetzen), wir wissen wohl, daß verschiedene Substanzen, wenn sie miteinander in Berührung kommen, sich wechselseitig in Bewegung setzen (der klarste Beweis übrigens, daß sie träg sind, denn sie bewegen sich nicht einzeln , sondern nur indem sie miteinander in Wechselwirkung stehen). – Wir wissen auch, daß diese Bewegung, die der ruhende Körper in ruhenden hervorbringt, nicht nach Gesetzen des Stoßes erklärbar ist, auch können wir die Anziehung, die sie gegeneinander beweisen, in kein Verhältnis mit ihrer spezifischen Schwere bringen. (Was soll man von Naturphilosophen denken, die alles im tierischen Körper durch Wahlanziehung geschehen lassen, Wahlanziehungen selbst aber als Äußerungen der Schwerkraft ansehen!). – Wir suchen daher eine andere Erklärung dieser Erscheinungen auf, und behaupten, daß sie in eine höhere Sphäre der Naturoperationen, als die, welche Gesetzen des Stoßes oder der Schwere unterworfen sind, gehören. Wir behaupten, die Materie selbst sei nur ein Produkt entgegengesetzter Kräfte; wenn diese in der Materie ein Gleichgewicht erreicht haben, sei alle Bewegung entweder positiv (Zurückstoßung), oder negativ (Anziehung); nur wenn jenes Gleichgewicht gestört werde, sei die Bewegung positiv und negativ zugleich , es trete dann eine Wechselwirkung der beiden ursprünglichen Kräfte ein; – eine solche Störung des ursprünglichen Gleichgewichts geschehe bei den chemischen Operationen, und darum sei jeder chemische Prozeß gleichsam ein Werden neuer Materie, und was uns die Philosophie a priori lehre, daß alle Materie ein Produkt von entgegengesetzten Kräften sei, werde in jedem chemischen Prozeß anschaulich . Wir gewinnen durch diese Vorstellungsart selbst einen höheren Begriff von chemischen Operationen, und damit auch mehr Recht, diese auf Erklärung einiger animalischer Prozesse analogisch anzuwenden. Denn alle wahren Physiologen sind einig, daß die animalischen Naturoperationen nicht aus Gesetzen des Stoßes oder der Schwere erklärbar sind. Dasselbe aber ist der Fall mit den chemischen Operationen, daher wir zum voraus eine geheime Analogie beider vermuten können. Dazu kommt, daß das Wesen der Organisation in der Unzertrennlichkeit der Materie und der Form besteht – darin , daß die Materie, die organisiert heißt, bis ins Unendliche individualisiert ist; wenn also vom Entstehen der tierischen Materie die Rede ist, verlangt man, daß eine Bewegung gefunden werde, in welcher die Materie eines Dings zugleich mit seiner Form entsteht. Nun ist aber überhaupt die ursprüngliche Form eines Dings nichts für sich Bestehendes, so wenig als die Materie; beide müssen also durch eine und dieselbe Operation entstehen . Materie entsteht aber nur, wo eine bestimmte Qualität erzeugt wird, denn die Materie ist nichts von ihren Qualitäten Verschiedenes. Materie sehen wir also nur in chemischen Operationen entstehen ; chemische Operationen also sind die einzigen, aus welchen wir die Bildung einer Materie zu bestimmter Form begreifen können. Man irrt daher nicht, wenn man in den chemischen Durchdringungen den geheimen Handgriff der Natur zu erkennen glaubt, dessen sie sich bei ihrem beständigen Individualisieren der Materie (in einzelnen Organisationen) bedient. Es ist deswegen kein Wunder, daß man von den ältesten Zeiten an, da man die chemischen Kräfte der Materie zuerst kennen lernte, darin gleichsam die gegenwärtige Natur zu erkennen glaubte. »Nichts«, sagt ebenso schön als wahr Hr. Baader in seinen gedankenvollen Beiträgen zur Elementarphysiologie , »nichts kommt dem Enthusiasm (der freilich meist in schwärmenden Unsinn ausartete), und der besondern Naturandacht gleich, die in den ältesten Betrachtungen chemischer Naturoperationen atmet; auch sind die Früchte bekannt, welche wir diesem Enthusiasm verdanken, und das entgegengesetzte maschinistische System hat nichts dem Ähnliches aufzuweisen«. – Wir sind also gar nicht gemeint, chemische Analogien bei Erklärung der animalischen Prozesse auszuschließen, wir werden vielmehr den Assimilations- und Reproduktionsprozeß einzig und allein aus solchen Analogien erklären, obgleich wir bekennen müssen, daß auch das ein bloßer Behelf der Unwissenheit ist (weil uns die chemischen Operationen vor jetzt bekannter sind als die animalischen), indem es weit natürlicher wäre, anstatt Vegetation und Leben chemische Prozesse zu nennen, umgekehrt vielmehr manche chemische Prozesse unvollkommene Organisationsprozesse zu nennen, da es begreiflicher ist, wie der allgemeine Bildungstrieb der Natur endlich in toten Produkten erstirbt , als wie umgekehrt der mechanische Hang der Natur zu Kristallisationen sich zu vegetativen und lebendigen Bildungen hinauf läutert . Dies vorausgesetzt, bitten wir, daß man uns folgende Fragen beantworte: 1. Wir räumen ein nicht nur, sondern wir behaupten , daß die Bildung tierischer Materie nur nach chemischen Analogien erklärbar ist, wir sehen aber, daß diese Bildung, wo sie geschieht, immer das Leben selbst schon voraussetzt . Wie könnt ihr also vorgeben, durch euren chemischen Wortapparat (denn mehr ist es nicht) das Leben selbst zu erklären? Das Leben ist nicht Eigenschaft oder Produkt der tierischen Materie, sondern umgekehrt die Materie ist Produkt des Lebens . Der Organismus ist nicht die Eigenschaft einzelner Naturdinge , sondern umgekehrt, die einzelnen Naturdinge sind ebenso viele Beschränkungen oder einzelne Anschauungsweisen des allgemeinen Organismus . »Ich weiß nichts Verkehrteres, als das Leben zu einer Beschaffenheit der Dinge zu machen, da im Gegenteil die Dinge nur Beschaffenheiten des Lebens , nur verschiedene Ausdrücke desselben sind; denn das Mannigfaltige kann im Lebendigen allein sich durchdringen und Eins werden «. ( Jacobis David Hume S. 171.) Die Dinge sind also nicht Prinzipien des Organismus, sondern umgekehrt, der Organismus ist das Prinzipium der Dinge . Das Wesentliche aller Dinge (die nicht bloße Erscheinungen sind, sondern in einer unendlichen Stufenfolge der Individualität sich annähern) ist das Leben ; das Akzidentelle ist nur die Art ihres Lebens, und auch das Tote in der Natur ist nicht an sich tot – ist nur das erloschene Leben . Die Ursache des Lebens mußte also der Idee nach früher da sein als die Materie, die (nicht lebt , sondern) belebt ist; diese Ursache muß also auch nicht in der belebten Materie selbst, sondern außer ihr gesucht werden. 2. Gesetzt, wir geben euch zu, das Leben bestehe in einem chemischen Prozeß, so müßt ihr einräumen, daß kein chemischer Prozeß permanent ist, und daß die endliche Wiederherstellung der Ruhe bei jedem solchen Prozeß verrät, daß er eigentlich nur ein Bestreben nach Gleichgewicht war. Chemische Bewegung dauert nur so lange, als das Gleichgewicht gestört ist . Ihr müßt also vorerst erklären, wie und wodurch die Natur im animalischen Körper das Gleichgewicht kontinuierlich gestört erhält, wodurch sie die Wiederherstellung des Gleichgewichts hemmt , warum es immer nur beim Prozesse bleibt und nie zum Produkt kommt; an das alles aber scheint man bis jetzt nicht gedacht zu haben. 3. Wenn alle Veränderungen im Körper ihren Grund in der ursprünglichen Mischung der Materie haben, wie kommt es, daß dieselben Veränderungen, z.B. die Zusammenziehungen des Herzens, kontinuierlich wiederholt werden, da (ex hypothesi) durch jede Zusammenziehung eine Veränderung der Mischung vorgeht, also nach der ersten Zusammenziehung schon keine andere mehr erfolgen sollte, weil ihre Ursache (die eigentümliche Mischung des Organs) nicht mehr da ist? 4. Wie bewirkt die Natur, daß der chemische Prozeß, der im animalischen Körper im Gange ist, nie die Grenzen der Organisation überschreite ? Die Natur kann (wie man gegen die Verteidiger der Lebenskraft mit Recht behauptet), kein allgemeines Gesetz aufheben, und wenn in einer Organisation chemische Prozesse geschehen, so müssen sie nach denselben Gesetzen, wie in der toten Natur, erfolgen. Wie kommt es, daß diese chemischen Prozesse immer dieselbe Materie und Form reproduzieren, oder durch welche Mittel erhält die Natur die Trennung der Elemente, deren Konflikt das Leben, und deren Vereinigung der Tod ist? 5. Allerdings gibt es Substanzen, die durch die bloße Berührung chemisch aufeinander wirken; aber es gibt auch Verbindungen und Trennungen, welche erst durch äußere Mittel, z.B. Erhöhung der Temperatur usw. bewirkt werden. Ihr sprecht vom Lebensprozeß, nennt uns doch die Ursache dieses Prozesses! Was bringt in der tierischen Organisation gerade diejenigen Stoffe zusammen, aus deren Konflikt das endliche Resultat, tierisches Leben , hervorgeht, oder welche Ursache zwingt die widerstrebenden Elemente zusammen, und trennt diejenigen, welche nach Vereinigung streben ? Wir sind überzeugt, daß einige dieser Fragen einer Beantwortung fähig sind, aber auch, daß die ganze chemische Physiologie, solange sie diese Fragen nicht wirklich beantwortet, ein bloßes Spiel mit Begriffen ist, und keinen reellen Wert, ja nicht einmal Sinn und Verstand hat. Wir müssen aber bekennen, daß wir uns bis jetzt vergeblich nach einer solchen Beantwortung gerade bei denjenigen umgesehen haben, die sich mit ihrer chemischen Physiologie am meisten wissen. B. Oder, der Grund des Lebens liegt ganz und gar außerhalb der tierischen Materie. Man könnte eine solche Meinung denjenigen zuschreiben, die den letzten Grund des Lebens allein in den Nerven suchen, und diese durch eine äußere Ursache in Bewegung setzen lassen. Allein die meisten von Hallers Gegnern, die den Grund des Lebens, welchen dieser in der Irritabilität der Muskeln suchte, allein in die Nerven versetzen, lassen wenigstens mit ihm das Nervenprinzip im Körper selbst (sie wissen nicht wie) erzeugt werden. Da aber die Annahme eines solchen Nervenprinzips von Tag zu Tag hypothetischer wird (weil kein Mensch begreiflich machen kann, wie es im tierischen Körper erzeugt werde), und da ohnehin das, was Prinzip des Lebens ist, nicht selbst Produkt des Lebens sein kann, so müßten jene Physiologen am Ende doch auf eine äußere Ursache der Nerventätigkeit zurückkommen, und wenn sie den Grund des Lebens allein in den Nerven suchen, auch behaupten, daß der Grund des Lebens ganz und gar außer dem Körper liege. Liegt aber der Grund des Lebens ganz außerhalb des tierischen Körpers, so muß dieser in Ansehung des Lebens als absolut-passiv angenommen werden. Absolute Passivität aber ist ein völlig sinnloser Begriff. Passivität gegen irgend eine Ursache bedeutet nur ein Minus von Widerstand gegen diese Ursache. Jedem positiven Prinzip in der Welt steht eben deswegen notwendig ein negatives entgegen: so entspricht dem positiven Prinzip des Verbrennens ein negatives Prinzip im Körper, dem positiven Prinzip des Magnetismus ein negatives im Magnet. Der Grund der magnetischen Erscheinungen liegt weder im Magnet, noch außer dem Magnet allein. So muß dem positiven Prinzip des Lebens außer der tierischen Materie ein negatives Prinzip in dieser Materie entsprechen, und so liegt auch hier, wie sonst, die Wahrheit in der Vereinigung der beiden Extreme. C. Der Grund des Lebens ist in entgegengesetzten Prinzipien enthalten, davon das eine (positive) außer dem lebenden Individuum, das andere (negative) im Individuum selbst zu suchen ist. Korollarien 1. Das Leben selbst ist allen lebenden Individuen gemein, was sie voneinander unterscheidet, ist nur die Art ihres Lebens. Das positive Prinzip des Lebens kann daher keinem Individuum eigentümlich sein, es ist durch die ganze Schöpfung verbreitet, und durchdringt jedes einzelne Wesen als der gemeinschaftliche Atem der Natur. – So liegt – wenn man uns diese Analogie verstattet – was allen Geistern gemein ist, außerhalb der Sphäre der Individualität (es liegt im Unermeßlichen, Absoluten ); was Geist von Geist unterscheidet, ist das negative, individualisierende Prinzip in jedem. So individualisiert sich das allgemeine Prinzip des Lebens in jedem einzelnen lebenden Wesen (als in einer besondern Welt) nach dem verschiedenen Grad seiner Rezeptivität. Die ganze Mannigfaltigkeit des Lebens in der ganzen Schöpfung liegt in jener Einheit des positiven Prinzips in allen Wesen und der Verschiedenheit des negativen Prinzips in einzelnen ; und darum hat jener aufgestellte Satz die Wahrheit in sich selbst, auch wenn er nicht durch alle einzelnen Erscheinungen des Lebens, so wie sie in jedem Individuum sich offenbaren, bestätigt würde. 2. Ich kann nicht weiter gehen, ohne noch mit Wenigem zu sagen, wie in dem aufgestellten Satz die bisherigen Systeme der Physiologie sich vereinigen und zusammentreffen. Vorerst gebührt dem großen Haller der Ruhm, daß, ob er sich gleich von der mechanischen Philosophie nicht völlig losmachen konnte, durch ihn doch zuerst ein Prinzip des Lebens aufgestellt wurde, das aus mechanischen Begriffen unerklärbar ist, und für welches er einen Begriff aus der Physiologie des innern Sinns entlehnen mußte. Mag es sein, daß Hallers Prinzip in der Physiologie eine Qualitas occulta vorstellt, er hat doch durch diesen Ausdruck schon die künftige Erklärung des Phänomens selbst gleichsam vorausgesehen, und stillschweigend vorausgesagt, daß der Begriff des Lebens nur als absolute Vereinigung der Aktivität und Passivität in jedem Naturindividuum konstruierbar ist. Haller wählte also für seine Zeit das wahrste und vollkommenste Prinzip der Physiologie, da er einerseits die mechanische Erklärungsart verließ (denn im Begriff der Reizbarkeit liegt schon, daß sie aus mechanischen Ursachen unerklärbar ist), ohne doch andererseits mit Stahl in hyperphysische Erdichtungen auszuschweifen. Hätte Haller an eine Konstruktion des Begriffs von Reizbarkeit gedacht, so hätte er ohne Zweifel eingesehen, daß sie ohne einen Dualismus entgegengesetzter Prinzipien , und also auch ohne einen Dualismus der Organe des Lebens , nicht denkbar ist; dann hätte er gewiß auch die Nerven bei den Phänomenen der Reizbarkeit nicht als müßig angenommen, und dadurch unserm Zeitalter den Zwiespalt erspart, der sich zwischen seinen (zum Teil wahrhaft abergläubischen) Anhängern und den einseitigen Verteidigern Einer , in den Nerven allein wirksamen, Lebenskraft erhoben hat. Dieser Streit kann nicht anders als durch Vereinigung beider , in ihrer Absonderung falschen , Prinzipien geschlichtet werden; diese Vereinigung hat zuerst Pfaff in seiner Schrift über tierische Elektrizität und Reizbarkeit (S. 258) aus Erfahrungsgründen unternommen, und dadurch, wie ich glaube, zum voraus die Grenzen beschrieben, innerhalb welcher alle Erklärungen tierischer Bewegungen stehen bleiben müssen. Da eben diese Notwendigkeit der Vereinigung beider Prinzipien zur möglichen Konstruktion des Begriffs von tierischem Leben aus Prinzipien a priori abgeleitet werden kann, so hat man hier ein auffallendes Beispiel des Zusammentreffens der Philosophie und der Erfahrung an Einem Punkt, dergleichen wohl künftig mehrere gefunden werden dürften. 3. a) Auf welche Organe die positive, erste Ursache des Lebens kontinuierlich und unmittelbar einwirkt, dieselben Organe werden als aktive , diejenigen aber, auf welche sie nur mittelbar (durch die erstern) einwirkt, als passive Organe vorgestellt werden müssen (Nerven und Muskeln). b) Die Möglichkeit des Lebensprozesses setzt voraus: aa) eine Ursache , die durch kontinuierlichen Einfluß den Prozeß immer neu anfacht und ununterbrochen unterhält, eine Ursache also, die nicht in den Prozeß selbst (etwa als Bestandteil) eingehen, oder durch den Prozeß erst erzeugt werden kann. bb) Zum Prozeß selbst gehören als negative Bedingungen alle materiellen Prinzipien , deren Konflikt (Trennung oder Vereinigung) den Lebensprozeß selbst ausmacht . Der Satz gilt auch umgekehrt: Alle Prinzipien, die in den Lebensprozeß selbst eingehen, (z.B. das Oxygene, Azote usw.) können nicht als Ursachen , sondern nur als negative Bedingungen des Lebens angesehen werden. c) Das positive Prinzip des Lebens muß Eines, die negativen Prinzipien müssen mannigfaltig sein. So viele mögliche Vereinigungen dieses Mannigfaltigen zu einem Ganzen, so viel besondere Organisationen, deren jede eine besondere Welt vorstellt. Die negativen Prinzipien des Lebens haben alle das Gemeinschaftliche, daß sie zwar Bedingungen , aber nicht Ursachen des Lebens sind; als ein Ganzes gedacht, sind sie die Prinzipien der tierischen Erregbarkeit . Anmerk . Der Schottländer Joh. Brown läßt zwar das tierische Leben aus zwei Faktoren (der tierischen Erregbarkeit und den erregenden Potenzen , exciting powers) entspringen, was allerdings mit unserm positiven und negativen Prinzip des Lebens übereinzustimmen scheint; wenn man aber nachsieht, was Brown unter den erregenden Potenzen versteht, so findet man, daß er darunter Prinzipien begreift, die unsrer Meinung nach schon zu den negativen Bedingungen des Lebens gehören, denen also die Dignität positiver Ursachen des Lebens nicht zugeschrieben werden kann. Gleich im zweiten Kapitel seines Systems nennt er als die erregenden Potenzen Wärme, Luft, Nahrungsmittel , andere Materien, die in den Magen genommen werden, Blut , die vom Blut abgeschiedenen Säfte usw.! (J. Browns System der Heilkunde , übersetzt von Pfaff S. 3). Man sieht hieraus, daß man dem Schottländer allzu viel zutraut, wenn man glaubt, er habe sich zu den höchsten Prinzipien des Lebens erhoben; vielmehr ist er auf einer untergeordneten Stufe stehen geblieben. Sonst hätte er nicht sagen können: »Was Erregbarkeit sei, wissen wir nicht, auch nicht, wie sie von den erregenden Potenzen affiziert wird. – Wir müssen uns hierüber sowohl, als über andere ähnliche Gegenstände, bloß an die Erfahrung halten, und sorgfältig die schlüpfrige Untersuchung über die im allgemeinen unbegreiflichen Ursachen, jene giftige Schlange der Philosophie, vermeiden« (S. 6). Man sieht aus diesen, wie aus vielen andern Stellen Browns , daß er an ein Substrat der Erregbarkeit gedacht hat, was freilich ein ganz unphilosophischer Begriff ist, über welchen etwas Philosophisches vorbringen zu wollen, allerdings ein schlüpfriges Unternehmen wäre. – Die Sache ist diese: Erregbarkeit ist ein synthetischer Begriff , er drückt ein Mannigfaltiges negativer Prinzipien aus; als solchen aber nimmt ihn Brown nicht an, denn sonst hätte er ihn auch analysieren können. Brown denkt sich darunter das schlechthin-Passive im tierischen Leben. Etwas schlechthin- Passives aber ist in der Natur ein Unding. Nimmt man aber den Begriff als synthetisch an, so drückt er nichts aus als das Gemeinschaftliche (den Komplexus) aller negativen Bedingungen des Lebens , worunter denn auch Browns erregende Potenzen fallen, daher für das eigentliche positive Prinzip des Lebens noch der Raum offen bleibt. Es läßt sich aus dieser Verwechslung der erregenden Potenzen mit der positiven Ursache des Lebens am natürlichsten das Handgreifliche Erste Ausgabe: »das Krasse«. in Browns Vorstellung vom Leben, und das Krapulöse seines ganzen Systems erklären, das auch Hr. Baader (in seinen Beiträgen usw. S. 58) bemerkt. Hier ist übrigens nur von Brown als Physiologen die Rede, wozu ihn seine Anhänger gemacht haben; als Nosologe (was er allein sein wollte ) wird sein Verdienst immer mehr anerkannt werden, da die unmittelbare Quelle aller Krankheiten doch in den negativen Bedingungen des Lebens zu suchen ist, von welchen auch Brown seinen ganzen Einteilungsgrund der Krankheiten hergenommen hat. III. Von den negativen Bedingungen des Lebensprozesses 1. Die negative Bedingung des Lebensprozesses ist ein Antagonismus negativer Prinzipien der durch den kontinuierlichen Einfluß des positiven Prinzips (der ersten Ursache des Lebens) unterhalten wird. Soll dieser Antagonismus im lebenden Wesen permanent sein, so muß das Gleichgewicht der Prinzipien in ihm kontinuierlich gestört werden. Davon kann nun der Grund abermals nicht im lebenden Individuum selbst liegen. Es zeigt sich hier aufs neue der ursprüngliche Gegensatz zwischen Pflanze und Tier. Da in der Pflanze ein desoxydierender Prozeß unterhalten wird, so wird das Gleichgewicht in der Pflanzenorganisation gestört werden, durch eine Ursache, welche allgemein fähig ist, Oxygene zu entwickeln. Eine solche ist das Licht . Jedermann weiß, der Prozeß der Vegetation in einer Zerlegung des Wassers besteht, da das dephlogistisierende Prinzip aus der Pflanze entwickelt wird, während das Brennbare in ihr zurückbleibt. In dem Maße, als durch Einfluß des Lichts Lebensluft aus der Pflanze entwickelt wird, zieht sie auf ihrer ganzen Oberfläche Feuchtigkeit an; der Prozeß scheint sich so von selbst fortzusetzen, weil das Gleichgewicht kontinuierlich gestört und kontinuierlich wiederhergestellt wird. Der Einfluß des Lichts ist daher ( in der Regel ) erste Bedingung aller Vegetation. Ich bemerke, daß man deswegen doch irren würde, das Licht für die Ursache der Vegetation zu halten; das Licht gehört nur zu den erregenden Potenzen , nur zu den negativen Bedingungen des Vegetationsprozesses, dessen Ursache eine ganz andere sein muß, was z.B. daraus sehr klar wird, daß das Aufsteigen des Wassers in den Pflanzen weder durch den Einfluß des Lichts noch durch die Reizbarkeit der Pflanzengefäße erklärbar ist, da diese Reizbarkeit selbst nur unter Bedingung einer positiven, auf sie kontinuierlich einwirkenden, und vom Licht verschiedenen Ursache erklärbar ist, da bei unveränderter Struktur der Kanäle, ja selbst bei fortdauernder Elastizität der Luftgänge usw. doch, wenn die Pflanze (man weiß nicht wie) abstirbt, alle Bewegung in ihr aufhört, daher selbst die Pflanzenphysiologen, denen wir die genaueste Kenntnis der mikroskopischen Pflanzengefäße verdanken, am Ende »auf die bewegende und fortstoßende Kraft (womit freilich der Naturlehre wenig gedient ist) und das Lebensprinzip zurückkommen, welches durch eine wohlgeordnete Bewegung alles, was in der Pflanze vorgeht, bewirkt«. (S. Hedwig de fibrae vegetabilis ortu, p. 27. v. Humboldts Aphorismen aus der chemischen Physiologie der Pflanzen, S. 40.) 2. Das gerade Gegenteil von dem, das bei der Pflanze geschieht, muß beim Tier stattfinden. Da das tierische Leben ein dephlogistisierender Prozeß ist, so muß das Gleichgewicht der negativen Prinzipien im Tier durch Aufnahme und Bereitung phlogistischer Materie kontinuierlich gestört werden, deswegen allein schon das Tier scheinbar- willkürlicher Bewegung fähig sein muß. Die beiden negativen Prinzipien des Lebens im tierischen Körper sind daher phlogistische Materie und Oxygene (gleichsam die Gewichte am Hebel des Lebens), das Gleichgewicht beider muß kontinuierlich gestört und wiederhergestellt werden. Dies ist nicht möglich, als dadurch, daß das Tier in eben dem Verhältnis, in welchem es phlogistische Materie bereitet, auch das Oxygene im Atmen zersetzt, und umgekehrt. Daß wirklich zwischen der Quantität der Luftzersetzung und der Quantität des phlogistischen Prozesses im tierischen Körper ein genaues Wechselverhältnis stattfinde, daran lassen eine Menge Erfahrungen nicht zweifeln. Die Quantität der Luftzersetzung in den Tieren richtet sich überhaupt nicht sowohl nach der Quantität ihrer Masse , als der Quantität des Lebensprozesses in ihnen. So geht in den Lungen der beweglicheren Tiere, z.B. des Vogels, eine verhältnismäßig weit größere Luftzersetzung vor, als in der Lunge der trägeren , aber an Masse vor andern hervorragenden Tiere. Die Quantität der Nahrung, deren ein Tier bedarf, richtet sich ebensowenig regelmäßig und genau nach seiner Masse : das träge Kamel kann auf der Reise in der Wüste tagelang den Hunger ertragen, das schneller atmende Pferd verlangt weit schnelleren Ersatz des schneller verzehrten phlogistischen Stoffs. – Jedes Tier zersetzt oder verdirbt im Zeitpunkt der Verdauung weit mehr Luft als im Zustand des Hungers. Ist ein Übergewicht des dephlogistisierenden Prinzips im Körper, so entsteht (nach Girtanner ) jene tierische Unbehaglichkeit, die man Hunger nennt; das Tier, indem es mit scheinbarer Willkür den Hunger stillt, folgt nur einem notwendigen Gesetze, kraft dessen das Gleichgewicht der negativen Prinzipien des Lebens kontinuierlich wiederhergestellt werden muß. Durch Stillung des Hungers erhält das phlogistische Prinzip das Übergewicht; das Atmen reicht (bei schnell verdauenden Tieren) allein nicht hin, das Gleichgewicht wiederherzustellen, es entsteht Durst , der durch Wasser (als Vehikel des dephlogistisierenden Prinzips), am schnellsten aber durch säuerliche , immer zugleich kühlende Getränke (- man erinnere sich, daß das Oxygene allgemeiner Grund der vermehrten Wärmekapazität ist -) gestillt wird; und so erhält sich der Antagonismus der negativen Prinzipien des Lebens durch einen steten Wechsel des Übergewichts des einen über das andere. 3. Das Gleichgewicht der negativen Prinzipien des Lebens soll immer gestört und immer wiederhergestellt werden. Es muß also vorerst die phlogistische Materie, die durch die Nahrung in den Körper kommt, aufgelöst, die Bestandteile, welche schwerer sich mit dem Oxygene verbinden, müssen ausgeführt werden, und nur diejenigen zurückbleiben, welche dem Oxygene stärker das Gleichgewicht halten. Durch welche Operationen die Natur diese Auflösung bewirkt, wissen wir nicht bestimmt anzugeben, aber wir können schon jetzt alle Stufen der Auflösung bezeichnen, welche der Nahrungsstoff im Körper durchläuft. Die Nahrung der Tiere ist entweder vegetabilisch, oder animalisch; die Hauptbestandteile der vegetabilischen Nahrung sind Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, in der animalischen Nahrung ist neben diesen der Stickstoff überwiegend. Das erste Geschäft der Natur ist, diese verschiedenen Stoffe aus ihrer Verbindung zu setzen, im Organ der Verdauung schon scheint sich der Wasserstoff von den übrigen Bestandteilen loszumachen. Bei dieser Trennung wirken, man weiß nicht durch welchen Mechanismus, schon die lymphatischen Gefäße mit, die, was der Assimilation näher ist, sogleich absorbieren. Im Unterleib zuerst scheint der Kohlenstoff entwickelt zu werden, wozu vorzüglich die Milz dient, in welcher das Blut im Durchgang seine Farbe in Schwarz verändert (vgl. Ploucquets Skizze der Physiologie , §927); darauf scheint in der Leber die innige Vereinigung des Kohlenstoffs und Wasserstoffs vorzugehen, woraus ein öl (womit die Galle am meisten Ähnlichkeit hat), und die erste Grundlage des tierischen Fetts erzeugt wird, das vorzüglich in der Leber sich absondert. Endlich scheint in der Bereitung des sogenannten Milchsafts schon der gerinnbare Teil (der Stickstoff) hervorstechend zu werden; im Durchgang durch die lymphatischen Gefäße, vorzüglich in den Drüsen, scheint noch das bereitete Öl abgesetzt zu werden; endlich ergießt sich der Strom in das Blut, wo die Säfte die höchste Bildung der Stufe erreichen, und aus welchem unmittelbar die festen Teile des Körpers anschließen. Indes wird im Durchgang durch die verschiedenen Gefäße die Mischung des Bluts kontinuierlich wieder verändert; vorzüglich scheint es während seines Umlaufs sich mit Kohlenstoff zu beladen, der endlich durch die letzte Veranstaltung der Natur (die Berührung des Oxygenes in den Lungen) von ihm losgerissen wird. Offenbar ist, daß alle Operationen der Natur, die der Assimilation vorangehen, die Trennung des Stickstoffs (als Hauptbestandteils der tierischen Materie) von den übrigen Stoffen der Nahrung zum Zweck haben. Der Mechanismus der Animalisation scheint sonach vorzüglich darin zu bestehen, daß im Durchgang der Nahrungssäfte durch verschiedene Organe allmählich der Stickstoff vor den übrigen Stoffen das Übergewicht erlangt. So weit hat uns die neuere Chemie sicher geführt. (Man s. Fourcroys vortreffliche Abhandlung über die Entstehung tierischer Substanzen in der chemischen Philosophie , Deutsch übers., S. 149.) Es ist uns aber nicht genug, zu wissen, daß es so ist: wir verlangen zu wissen, warum es notwendig so sein , und nicht anders sein kann; die Antwort auf diese Frage geben unsere oben aufgestellten Prinzipien. 4. Die Natur eilt, das Gleichgewicht der negativen Prinzipien im Körper, sobald es gestört ist, Wiederherzustellen. Dieses Gleichgewicht aber kann nur ein dynamisches Gleichgewicht sein, von der Art, wie das Gleichgewicht der Temperatur in einem System von Körpern (nach der oben vorgetragenen Erklärung). Setzen wir, daß in einem System von Körpern die Wärmequantität durch äußeren Einfluß vermehrt würde, so könnte die Natur doch das Gleichgewicht erhalten, wenn sie in beständig gleichem Verhältnis die Wärmekapazität der Körper vermehrte. Im tierischen Körper nun sucht die Natur das Gleichgewicht zwischen dem Oxygene und dem phlogistischen Stoff kontinuierlich zu erhalten. Da nun in eben dem Verhältnis, als phlogistischer Stoff in den Körper aufgenommen wird, Oxygene im Atmen zersetzt wird, so scheint der ganze Prozeß der Animalisation im lebenden Körper darauf auszugehen, seine Kapazität für das Oxygene bis zu dem Grade zu vermehren, da beide entgegengesetzten Prinzipien einander vollkommen das Gleichgewicht halten. Dies geschieht, indem dem Körper kontinuierlich Stickstoff zugesetzt wird. Im gesunden Körper müßte die Natur dieses Gleichgewicht nach vollbrachtem Assimilationsprozeß regelmäßig erreichen. Da aber das eine jener negativen Prinzipien (das Oxygene) dem Körper immer neu zugeführt wird, so kann das Gleichgewicht nur momentan sein, und muß, sobald es erreicht ist, auch wieder gestört werden, in welcher kontinuierlichen Wiederherstellung und Störung des Gleichgewichts eigentlich allein das Leben bestellt. Daß nun die Natur, indem sie dem Körper kontinuierlich Stickstoff zusetzt (worin allein eigentlich das Wesen der Ernährung besteht), wirklich den Zweck, das Gleichgewicht der negativen Prinzipien des Lebens wiederherzustellen, erreiche, erhellt aus folgenden Bemerkungen: Der Stickstoff, so wie er in der Atmosphäre verbreitet ist, ist kein brennbarer Stoff, und es ist bis jetzt nur durch den elektrischen Funken möglich gewesen, ihn mit dem Oxygene zu verbinden. Ob etwas Ähnliches im Körper vorgehe, lassen wir vorerst dahingestellt, bemerken aber, daß eben dieser Stoff, bis zu einem gewissen Grade oxydiert, die größte Kapazität für den Sauerstoff erlangt, so daß er ihn (wie in der Salpeterluft) durch bloße Berührung, in großer Quantität, und mit großer Schnelligkeit zersetzt. So hat also die Natur, indem sie die Quantität des Stickstoffs im Körper vermehrt, keine andere Absicht, als das dynamische Gleichgewicht der negativen Lebensprinzipien im Körper wiederherzustellen, da dieser Stoff vor allen andern geschickt ist, das Oxygene zu fesseln. Durch welchen Mechanismus, und auf welche Art dies geschehe, lasse ich vorerst dahingestellt. – Irre ich mich, oder hat sie durch diese Anstalt zugleich den ersten Grund zur Irritabilität , der hervorstechendsten Eigenschaft der tierischen Materie, gelegt? * Anmerk . Wenn man überlegt, daß der Dunst , der unsern Erdball umgibt, die beiden Elemente, deren Konflikt das Leben auszumachen scheint, auf ebenso unbekannte Weise in sich vereinigt, als es der tierische Körper tut, so sieht man erst, welcher Sinn darin liegt, daß (nach Lichtenbergs Ausdruck) alles – (das Schönste wenigstens, was die Erde hat) – aus Dunst zusammengeronnen ist. In der Tat, wenn das Geheimnis des Lebens in einem Konflikt negativer Prinzipien liegt, davon das eine gegen das Leben (azotisch) anzukämpfen, das andere das Leben immer neu anzufachen scheint, so hat die Natur in der Atmosphäre schon den Entwurf des allgemeinen Lebens auf Erden niedergelegt, und der Mensch, wenn er nicht aus dem Erdenkloß gebildet sein will, muß wenigstens bekennen, daß er den ätherischen Ursprung, den er seinem Geschlechte zueignen möchte, mit der ganzen belebten Schöpfung teilt. Da das positive Prinzip des Lebens und des Organismus absolut Eines ist, so können sich die Organisationen eigentlich nur durch ihre negativen Prinzipien unterscheiden. Die neuere Chemie nennt als das negative Prinzip der Vegetation den Kohlenstoff ; da aber dieser (ursprünglich wenigstens) ohne Zweifel selbst Produkt der Vegetation war, so ist kaum zu zweifeln, daß der brennbare Bestandteil des Wassers eigentlich das ursprünglich-negative Prinzip der Vegetation ist, woraus die Analogie entsteht, daß das über die ganze Erde verbreitete Wasser den ersten Entwurf aller Vegetation ebenso, wie die überall gegenwärtige Luft den ersten Entwurf alles Lebens , in sich enthält. Wenn die Natur in toten Substanzen (wie im Wasser und der atmosphärischen Luft) eine Vereinigung entgegengesetzter Prinzipien erreicht hat, so hat sie in organisierten Wesen diese Vereinigung wieder aufgehoben; Vegetation und Leben aber besteht nur im Prozeß der Trennung und Verbindung selbst , und die vollbrachte Trennung, so gut als die vollbrachte Vereinigung , ist der Anfang des Todes . Der über die ganze Natur verbreitete Dualismus der Elemente schließt sich demnach, wie in einem engern Kreis, in den Organisationen der Erde, wie wir vor jetzt durch folgendes Schema anschaulich machen können: Stickluft   Lebensluft    brennbare Luft Azote    Oxygene    Hydrogene Atmosphärische Luft Wasser 1 1 Tierisches Leben Pflanzenleben (durch Zersetzung der Lebensluft und Erzeugung von Wasser , im Atmen, in der Ausdünstung usw.) (durch Zersetzung des Wassers und Erzeugung von Lebensluft , im Ausatmen usw.) 5. Der unmittelbare Zweck der Natur bei dem jetzt beschriebenen Prozesse ist nur der Prozeß selbst , ist nur die beständige Störung und Wiederherstellung des Gleichgewichts der negativen Prinzipien im Körper: was in diesem Prozesse unter der Hand gleichsam entsteht , ist für den Prozeß selbst zufällig , und nicht unmittelbarer Zweck der Natur. A. 1. Vorerst kann die Natur die materiellen Prinzipien des Lebens den allgemeinen Gesetzen nicht entziehen, die sie selbst der Materie ursprünglich eingedrückt hat. Der belebten Materie wohnt also wie jeder andern ein kontinuierliches Bestreben nach Gleichgewicht bei; wo aber das Gleichgewicht erreicht ist, ist Ruhe . Es muß also in jedem Körper, in welchem die Natur einen organisierenden Prozeß unterhält, ein Ansatz toter Masse geschehen können ( Wachstum, Ernährung ). Dieser Ansatz aber ist nur das begleitende Phänomen des Lebensprozesses , nicht der Lebensprozeß selbst . Der Ursprung der tierischen Materie im Lebensprozeß ist sonach ganz und gar zufällig , und so muß es auch (dem Begriff der Organisation nach) sein, Ernährung und Ansatz der toten Masse (welche durch ihr Gewicht endlich das Leben selbst unterdrückt, wenn es nicht unter andern Zufällen früher erliegt, als das Verhältnis der festen Teile zu den flüssigen im Körper übermäßig zunimmt) sind eine blinde Naturwirkung, die wider die eigentliche Absicht, und gleichsam wider den Willen der Natur (invita natura), als eine Folge, die sie nicht verhindern kann, aus notwendigen in der anorgischen wie in der organischen Welt herrschenden Gesetzen hervorgeht. 2. Gleichwohl überläßt die Natur die organische Materie nicht ganz den toten Kräften der Anziehung, sondern in diesem Streben und Widerstreben der trägen, nach Gleichgewicht verlangenden Materie, und der belebenden, das Gleichgewicht hassenden Natur, wird die tote Masse gezwungen, wenigstens in bestimmter Form und Gestalt anzuschließen, welche eben deswegen der menschlichen Urteilskraft als Zweck der Natur erscheint, da diese Form nicht entstehen konnte, als indem die Natur die entgegengesetzten Elemente solange wie möglich auseinander hielt , und so sie zwang, ihren Händen nicht anders als unter einer bestimmten (ihren Zwecken scheinbar angemessenen) Form gleichsam zu entwischen. Daher erklärt sich die absolute Vereinigung von Notwendigkeit und Zufälligkeit in jeder Organisation. Daß tierische Materie überhaupt entsteht, kann uns nicht als Zweck der Natur erscheinen, weil ein solches Entstehen nur nach blinden notwendigen Gesetzen geschieht. Daß aber diese Materie zu bestimmter Gestalt sich bildet, können wir uns nur als zufälligen Naturerfolg, und insofern nur als Zweck einer personifizierten Natur denken, weil der Naturmechanismus eine bestimmte Bildung nicht notwendig hervorbringt. Der eigentlich- chemische Prozeß des Lebens erklärt uns also nur die blinden und toten Naturwirkungen, welche im belebten Körper wie im toten erfolgen, nicht aber wie die Natur selbst in diesen toten Wirkungen blinder Kräfte im belebten Wesen noch gleichsam ihren Willen behält, was sich durch die zweckmäßige Bildung der tierischen Materie verrät, und offenbar nur aus einem Prinzip erklärbar ist, das außer der Sphäre des chemischen Prozesses liegt und in ihn nicht eingeht. Zusätze 1. Wenn wir dem Ursprung des Begriffs von Organisation nachforschen, finden wir Folgendes. Im Naturmechanismus erkennen wir (solange wir ihn nicht selbst als ein Ganzes betrachten, das in sich selbst zurückkehrt ) eine bloße Aufeinanderfolge von Ursachen und Wirkungen, deren keine etwas an sich Bestehendes, Bleibendes, Beharrliches – kurz nichts ist, das eine eigne Welt bildete , und mehr als bloße Erscheinung wäre, die nach einem bestimmten Gesetze entsteht und nach einem andern Gesetze wieder verschwindet. Wenn aber diese Erscheinungen gefesselt würden , oder wenn die Natur selbst die materiellen Prinzipien, die sonst nur in einzelnen Erscheinungen vorüberschwinden, innerhalb einer bestimmten Sphäre zu wirken zwänge, so würde diese Sphäre etwas Bleibendes und Unveränderliches ausdrücken . Das Perennierende wären dann nicht die Erscheinungen innerhalb dieser Sphäre (denn diese würden auch hier entstehen und verschwinden, verschwinden und wieder entstehen), sondern das Perennierende wäre die Sphäre selbst , innerhalb welcher jene Erscheinungen begriffen sind: diese Sphäre selbst könnte nicht bloße Erscheinung sein, denn sie wäre das, was im Konflikt jener Erscheinungen entstanden ist, das Produkt , und gleichsam der Begriff (das Bleibende ) jener Erscheinungen. Was Begriff ist, ist eben deswegen etwas Fixiertes, Ruhendes , das Monument vorüberschwindender Erscheinungen; das Veränderliche in jenem Produkt wären die Erscheinungen , deren Produkt es ist; das Unveränderliche wäre allein der Begriff (einer bestimmten Sphäre), den jene Erscheinungen kontinuierlich auszudrücken nezessitiert sind; es wäre in diesem Ganzen eine absolute Vereinigung des Veränderlichen und des Unveränderlichen . Da das (nichterscheinende) Unwandelbare in diesem Ding nur das Produkt (der Begriff ) der zusammenwirkenden Ursachen ist, so kann es nicht selbst wieder etwas sein, das nur durch seine Wirkungen unterschieden wird, es muß etwas sein, das einen unterscheidenden Charakter in sich selbst hat , und das an sich selbst , abstrahiert von allen Wirkungen , die es hat, das ist, was es ist , kurz etwas in sich selbst Ganzes und Beschlossenes (in se teres atque rotundum). Da der Begriff dieses Produkts nichts Wirkliches ausdrückt, als insofern er der Begriff zusammenwirkender Erscheinungen ist, und da umgekehrt diese Erscheinungen nichts Bleibendes (Fixiertes) sind, als insofern sie innerhalb dieses Begriffs wirken, so muß in jenem Produkt Erscheinung und Begriff unzertrennlich vereinigt sein . Das Unwandelbare in diesem Produkt ist allerdings nur der Begriff , den es ausdrückt: da aber Materie und Begriff in diesem Produkt unzertrennlich vereinigt sind, so muß auch in der Materie dieses Produkts etwas Unzerstörbares liegen. Die Materie aber ist an sich unzerstörbar . An dieser ursprünglichen Unzerstörbarkeit der Materie hängt alle Realität, hängt das Unüberwindliche in unserm Erkenntnis. Von dieser (transzendentalen) Unzerstörbarkeit der Materie aber kann hier nicht die Rede sein. Es muß sonach von einer empirischen Unzerstörbarkeit, d.h. von einer solchen, die nicht der Materie, als solcher, sondern die dieser Materie, als einer bestimmten , zukommt, die Rede sein. Das aber, was eine Materie zu einer bestimmten Materie macht, ist entweder ihr Inneres , ihre Qualität , oder ihr Äußeres , ihre Form und Gestalt . Jede innere (qualitative) Veränderung der Materie aber offenbart sich äußerlich durch den veränderten Grad ihrer Kohärenz . Ebenso kann Form und Gestalt der Materie nicht verändert werden, ohne daß ihre Kohärenz , zum Teil wenigstens, aufgehoben werde. Der gemeinschaftliche Begriff für die Zerstörbarkeit einer bestimmten Materie, als solcher, ist also die Veränderlichkeit ihrer Kohärenz , oder ihre Teilbarkeit (daher auch keine chemische Auflösung ohne vollbrachte Teilung ins Unendliche denkbar ist). Also kann die Materie jenes Produkts nur insofern unzerstörbar sein, als sie schlechthin unteilbar ist, nicht als Materie überhaupt (denn insofern muß sie teilbar sein), sondern als Materie dieses bestimmten Produkts , d.h. insofern sie diesen bestimmten Begriff ausdrückt. Sie muß also teilbar sein und unteilbar zugleich , d.h. teilbar und unteilbar in verschiedenem Sinne . Ja sie muß in einem Sinne unteilbar sein, nur insofern sie im andern teilbar ist. Sie muß teilbar sein, wie jede andere Materie, ins Unendliche, unteilbar, als diese bestimmte Materie , gleichfalls ins Unendliche, d. h. so, daß durch unendliche Teilung kein Teil in ihr angetroffen werde, der nicht noch das Ganze vorstellte, auf das Ganze zurückwiese. Der unterscheidende Charakter dieses Produkts (das, was es aus der Spare bloßer Erscheinungen hinweg nimmt) ist sonach seine absolute Individualität . Es muß unteilbar sein (dem Begriff nach), nur insofern es teilbar ist (der Erscheinung nach). Es müssen also Teile in ihm unterscheidbar sein. Teile aber (es ist nicht von Elementen die Rede, denn diese, obgleich die gemeine Physik diese Vorstellung hat, sind nicht Teile , sondern das Wesen der Materie selbst) lassen sich nur unterscheiden durch Form und Gestalt . Der erste Übergang zur Individualität ist also Formung und Gestaltung der Materie. Im gemeinen Leben wird alles, was von sich selbst oder durch Menschenhand Figur erhalten hat, als Individuum betrachtet oder behandelt. Es ist sonach a priori abzuleiten, daß jeder feste Körper eine Art von Individualität hat, sowie, daß jeder Übergang aus flüssigem in festen Zustand mit einer Anschießung , d.h. Bildung zu bestimmter Gestalt , verbunden ist; denn das Wesen des Flüssigen besteht eben darin, daß in ihm kein Teil angetroffen werde, der vom andern durch Figur sich unterscheide (in der absoluten Kontinuität, d.h. Nichtindividualität seiner Teile), dagegen je vollkommener jener Prozeß des Übergangs ist, desto entschiedener die Figur des Ganzen nicht nur, sondern auch der Teile. (Es ist aus der Chemie bekannt, daß keine regelmäßige Kristallisation sich bildet, als wenn sie ruhig geschieht, d. h. wenn der freie Übergang der Materie vom flüssigen in festen Zustand nicht gestört wird.) Es ist merkwürdig, daß auch der allgemein angenommene Sprachgebrauch (gegen welchen einige neuerdings ohne Aufmerksamkeit auf seinen guten Grund sich aufgelehnt haben) die materiellen Ursachen, in welchen kein Teil unterscheidbar ist, mit dem Namen von Flüssigkeiten belegt hat: so spricht man allgemein von elektrischer, magnetischer Flüssigkeit (fluide électrique, magnétique). Die menschliche Kunst besteht darin, der rohen Materie nicht sowohl – Unzerstörbarkeit, als Zerstörbarkeit zu erteilen, d.h. sie kann die Unzerstörbarkeit, welche die Natur in allen ihren Produkten erreicht, nur bis zu einer gewissen Grenze erreichen. Man sagt von keiner rohen Materie, daß sie zerstörbar ist, als insofern sie durch menschliche Kunst eine bestimmte Form erhalten hat. Der Altertumskenner versteht sich darauf (oder tut wenigstens, als ob er sich darauf verstünde), aus einem abgerissenen Kopf nicht nur die Bildsäule, der er angehörte, sondern oft sogar das Zeitalter der Kunst zu bestimmen, in welches er gehört. Indes geht diese Erkennbarkeit des Ganzen aus dem Teil , die bei Naturprodukten (wenn selbst das bewaffnete Auge ihr nicht weiter zu folgen vermag, doch für ein schärferes, durchdringenderes Auge) ins Unendliche geht, bei Kunstprodukten niemals ins Unendliche, wodurch sich eben die Unvollkommenheit menschlicher Kunst verrät, die nicht wie die Natur durchdringende, sondern nur oberflächliche Kräfte in ihrer Gewalt hat. Hier standen in der ersten Ausgabe noch folgende Sätze: »Die Natur allein erteilt ihren Produkten Unzerstörbarkeit , oder was dasselbe ist, Zerstörbarkeit ins Unendliche . (Es liegt in den Tiefen des menschlichen Geistes der Grund, warum alles Unendliche, da eine absolute Unendlichkeit in uns und außer uns nie wirklich sein kann, als eine empirische Unendlichkeit, als Unendlichkeit in der Zeit konstruiert werden muß).« So sagt jener Begriff der Unzerstörbarkeit jeder Organisation nichts anders, als daß in ihr ins Unendliche kein Teil angetroffen wird, in welchem nicht das Ganze gleichsam fortdauerte, oder aus welchem nicht das Ganze erkennbar wäre. – Erkennbar aber ist eins aus dem andern, nur insofern es Wirkung oder Ursache dieses andern ist. Daher folgt denn auch aus dem Begriff der Individualität die doppelte Ansicht jeder Organisation, die als idealisches Ganzes die Ursache aller Teile (d.h. ihrer selbst als realen Ganzen), und als reales Ganzes (insofern sie Teile hat) die Ursache ihrer selbst als idealischen Ganzen ist, worin man dann ohne Mühe die oben aufgestellte absolute Vereinigung des Begriffs und der Erscheinung (des Idealen und Realen) in jedem Naturprodukt erkennt, und auf die endliche Bestimmung kommt, daß jedes wahrhaft individuelle Wesen von sich selbst zugleich Wirkung und Ursache sei . Ein solches Wesen aber, das wir betrachten müssen, als ob es von sich selbst zugleich Ursache und Wirkung sei, heißen wir organisiert (die Analysis dieses Begriffs hat Kant in der Kritik der Urteilskraft gegeben), – daher was in der Natur den Charakter der Individualität trägt, eine Organisation sein muß , und umgekehrt. 2. In jeder Organisation geht die Individualität (der Teile) bis ins Unendliche. (Dieser Satz, wenn er auch nicht als konstitutives Prinzip aus Erfahrung erweisbar ist, muß wenigstens als Regulativ jeder Untersuchung zugrunde gelegt werden; selbst im gemeinen Leben urteilen wir, daß eine Organisation um so vollkommener ist, je weiter wir diese Individualität verfolgen können). Das Wesen des organisierenden Prozesses muß also im Individualisieren der Materie ins Unendliche bestehen. Nun ist aber kein Teil einer Organisation individuell , als insofern in ihm noch das Ganze der Organisation erkennbar und gleichsam ausgedrückt ist. Dieses Ganze besteht aber selbst nur in der Einheit des Lebensprozesses . Es muß also in jeder Organisation die höchste Einheit des Lebensprozesses in Ansehung des Ganzen und zugleich die höchste Individualität des Lebensprozesses in Ansehung jedes einzelnen Organs herrschen. Beides aber läßt sich nicht vereinigen, als wenn man annimmt, daß ein und derselbe Lebensprozeß in jedem einzelnen Wesen sich ins Unendliche individualisiere . Wir müssen es vorerst dahingestellt sein lassen, diesen Satz physiologisch begreiflich zu machen; er steht a priori fest, und damit genügt uns hier. Aber es liegt in diesem Satz ein anderer eingewickelt, um den es uns eigentlich hier zu tun ist. »Die Individualität jedes Organs ist nur erklärbar aus der Individualität des Prozesses, durch den es erzeugt wird.« – Nun erkennen wir aber die Individualität eines Organs teils an seiner ursprünglichen Mischung , teils an seiner Form und Gestalt , oder vielmehr, ein individuelles Organ ist nichts anderes als diese bestimmte individuelle Mischung verbunden mit dieser bestimmten Form der Materie. Also kann Mischung so wenig als Form der Organe Ursache des Lebensprozesses sein, sondern umgekehrt, der Lebensprozeß selbst ist Ursache der Mischung sowohl als der Form der Organe . Es ist also klar, daß, wenn wir eine Ursache (nicht die Bedingungen ) des Lebensprozesses aufsuchen wollen, diese Ursache außerhalb der Organe zu suchen ist, und eine viel höhere sein muß, als Struktur oder Mischung der letztern, die selbst erst als Wirkung des Lebensprozesses betrachtet werden muß. Da übrigens des Lebensprozeß selbst nur in der kontinuierlichen Störung und Wiederherstellung des Gleichgewichts der negativen Prinzipien des Lebens besteht, und da eben diese Prinzipien die Elemente aller Mischungen sind, die in der tierischen Organisation vorgehen, so ist der Lebensprozeß eigentlich nur die unmittelbare Ursache der individuellen Mischung der tierischen Organe, und nur dadurch , daß er die widerstrebenden Elemente in bestimmter Mischung zusammen zwingt, zugleich mittelbare Ursache der Form aller Organe; woraus denn der Satz sich ergibt, daß die Eigenschaften der tierischen Materie im ganzen sowohl als in einzelnen Organen nicht von ihrer ursprünglichen Form, sondern daß umgekehrt die Form der tierischen Materie im ganzen sowohl als in einzelnen Organen von ihren ursprünglichen Eigenschaften abhängig sei, ein Satz, womit der Schlüssel zur Erklärung der merkwürdigsten Phänomene im organischen Naturreich gefunden ist, und welcher erst eigentlich die Organisation von der Maschine unterscheidet, in welcher die Funktion (die Eigenschaft) jedes einzelnen Teils von seiner Figur abhängig ist, da umgekehrt in der Organisation die Figur jedes Teiles von seiner Eigenschaft abhängt. Anmerk . Wir können jetzt von dem genommenen Standpunkt aus die verschiedenen Stufen bezeichnen, über welche allmählich die Physiologie bis auf unsere Zeit emporgestiegen ist. Die tötenden Einflüsse, welche die atomistische Philosophie nicht sowohl auf einzelne Sätze der Naturwissenschaft, als auf den Geist der Naturphilosophie im Ganzen gehabt hat, äußerten sich auch in der Physiologie dadurch, daß man den Grund der vorzüglichsten Erscheinungen des Lebens in der Struktur der Organe suchte (so hat selbst Haller noch die Irritabilität der Muskeln aus ihrer eigentümlichen Struktur erklärt), eine Meinung, die (wie so viele atomistische Vorstellungsarten) schon durch die gemeinsten Erfahrungen widerlegt werden konnte (z.B. daß bei völlig unveränderter Struktur aller Organe der Tod plötzlich erfolgen kann); nichtsdestoweniger sind noch bis auf die neuesten Zeiten bei vielen Physiologen Leben und Organisation gleichbedeutend. Die unmerkliche Umänderung des philosophischen Geistes, die allmählich zu einer totalen Revolution der philosophischen Denkart sich anschickte, zeigte sich bereits in einzelnen Produkten (z.B. Blumenbachs Bildungstrieb, dessen Annahme ein Schritt außerhalb der Grenzen der mechanischen Naturphilosophie und aus der Strukturphysiologie nicht mehr erklärbar war, daher es wohl kommen mag, daß man bis auf die neueste Zeit keine Reduktion desselben auf natürliche Ursachen versucht hat), als zu gleicher Zeit die neuen Entdeckungen der Chemie die Naturwissenschaft immer mehr vom atomistischen Weg ablenkten und den Geist der dynamischen Philosophie durch alle Köpfe verbreiteten. Man muß den chemischen Physiologen den Ruhm lassen, daß sie zuerst, obgleich mit dunklem Bewußtsein, über die mechanische Physiologie sich erhoben haben und wenigstens so weit vorgeschritten sind, als sie mit ihrer toten Chemie kommen konnten. Sie haben wenigstens zuerst den Satz als Prinzip aufgestellt (obgleich sie ihm in ihren Behauptungen nicht getreu blieben), daß die Form der Organe nicht die Ursache ihrer Eigenschaften, sondern daß umgekehrt ihre Eigenschaften (ihre Qualität, chemische Mischung) die Ursache ihrer Form seien. Hier scheint ihre Grenze gewesen zu sein. Als chemische Physiologen konnten sie nicht weiter als bis zu den chemischen Eigenschaften der tierischen Materie zurückgehen. Der Philosophie war es aufbehalten, den Grund auch von diesen noch in höheren Prinzipien aufzusuchen und so die Physiologie endlich ganz über das Gebiet der toten Physik zu erheben. Die Unzertrennlichkeit der Materie und Form (welche das Wesen der organisierten Materie ausmacht) scheint sich übrigens in der anorgischen Natur schon an manchen Produkten zu offenbaren, da viele (wenn ihre Bildung nicht gestört wird) unter einer ihnen eignen Form sich kristallisieren. Wenn spezifisch verschiedene Materien, z.B. verschiedene Salze, die aus einem gemeinschaftlich Auflösungsmittel unter gleichen Umständen sich scheiden, jedes in seiner eigentümlichen Form anschießt, so kann man den Grund dieser Erscheinung in nichts anderem als der ursprünglichen Qualität , und zwar, da das positive Prinzip aller Kristallisation ohne Zweifel dasselbe ist, in einer ursprünglichen Verschiedenheit ihres negativen Prinzips suchen. – Alle Kristallisationen (mit Häuy) als sekundäre Bildungen anzusehen, die aus der verschiedenen Anhäufung primitiver, unveränderlicher Gestalten entspringen, ist, wenn auch gleich ein solcher Ursprung mathematisch sich konstruieren läßt, doch nur ein scharfsinniges Spiel, da von keiner auch noch so einfachen Bildung bewiesen werden kann, daß sie nicht selbst noch sekundär sei. 3. Wenn Form und Gestalt der Organe Folge ihrer Qualitäten ist, so fragt sich, wovon diese zunächst abhängen? – Zunächst abhängig sind sie von dem quantitativen Verhältnis der Elemente ihrer Mischung. Es kommt darauf an, welches der ursprünglichen Elemente in ihnen das Übergewicht hat (ob Stickstoff, oder Sauerstoff, oder Kohlenstoff usw.), oder ob wohl gar nur eines derselben in ihnen herrschend ist. Daß alle Verschiedenheit der Organe bloß auf den möglichen Kombinationen dieser Urstoffe im tierischen Körper beruhe, kann um so weniger bezweifelt werden, da schon eine Art von Stufenfolge der Organe von denen an, die am wenigsten Stickstoff enthalten, bis zu denen, welche (der eigentliche Sitz der Irritabilität) am meisten davon enthalten müssen, wahrnehmbar ist, wie ich unten erweisen werde. So wird man in der Folge nicht nur durch chemische Analyse der einzelnen tierischen Teile, sondern vorzüglich durch Beobachtung ihrer Funktionen das Verhältnis ihrer Mischung hinlänglich genau bestimmen können. – Ich kann hier nicht umhin, zu bemerken, daß, da der Unterschied der Tiere und Pflanzen nur darin besteht, daß jene das negative Lebensprinzip zurückhalten, diese es aushauchen , die Natur den Übergang von Pflanzen zu Tieren nicht durch einen Sprung machen konnte, sondern daß in diesem Übergang von Vegetation zum Leben allmählich zu den Elementen der Vegetation ein Stoff hinzukommen mußte, der sie fähig machte, das negative Prinzip des Lebens zurückzuhalten. Dieser Stoff ist der Stickstoff , der in unsrer Atmosphäre, man weiß nicht wie, mit Oxygene verbunden, und selbst durch Kunst kaum frei von Oxygene darstellbar, eine hartnäckige Verwandtschaft zu dieser Materie durchgängig beweist. Man sieht jetzt ein, warum der Stickstoff eigentlich das Element ist, das die tierische Materie vor der vegetabilischen auszeichnet. Man darf jetzt nur annehmen, daß in den Lungen dieses Element bis zu einem gewissen Grade mit Sauerstoff durchdrungen sei, um begreifen zu können, wie in diesem Organ durch bloße Berührung eine Luftzersetzung vorgehen könne, da eben dieser Stoff, bis zu einem gewissen Grade oxydiert, das Oxygene mit so großer Gewalt an sich reißt. Daß aber mit der verschiedenen Kombination der Elemente regelmäßig auch eine eigentümliche Form der Kristallisation verbunden sein müsse, ist a priori nicht nur, sondern aus vielen Erfahrungen bekannt, da beinahe alle (mineralischen) Kristallisationen, so wie sie in der Natur erzeugt werden, ihre Kristallisationsfähigkeit den verschiedenen Elementen verdanken, mit denen sie gemischt sind, und die durch Kunst von ihnen getrennt werden. Anmerk . Daß der Stickstoff eigentlich dasjenige ist, was die Tiere fähig macht das negative Lebensprinzip zurückzuhalten, sieht man daraus, daß auch Vegetabilien, die, wie Morcheln und Champignons (Agaricus campestris) und die meisten Schwämme, in deren Mischung sehr viel Stickstoff eingeht (daher die Nahrhaftigkeit dieser Gewächse), in Ansehung der Respiration mit den Tieren insofern übereinkommen, als sie die reinste Luft verderben und irrespirable Luft aushauchen (s. v. Humboldts Aphorismen usw., S. 107. Dess. Flora Friberg, S. 174 und über die gereizte Nerven- und Muskelfaser , S. 176 ff.). Durch Schwefel- und Salpetersäure, scheint es, können beide in eine ähnliche Substanz wie die tierische Materie verwandelt werden (a. a. O. S. 177.) 4. Da die Quelle alles Nahrungsstoffes im Blut liegt, da jedes Organ eine eigentümliche Mischung hat und aus jener allgemeinen Quelle nur das an sich zieht, was diese Mischung zu erhalten fähig ist, so muß angenommen werden, daß das Blut in seinem Kreislauf durch den Körper kontinuierlich seine Mischung verändere , womit auch die Erfahrung übereinstimmt, da das Blut aus keinem Organ ohne sichtbare Veränderung heraustritt. Allein da der Grund dieser Veränderung im Organ zu suchen ist, so muß man auch voraussetzen, daß im Organ eine Ursache wirke, die es fähig macht, das durchströmende Blut auf bestimmte Art zu entmischen , und so zugleich sich selbst auf bestimmte Art zu regenerieren . Diese Ursache nun kann nicht wieder in den negativen Lebensprinzipien, nicht in einem Prinzip, das durch den Lebensprozeß selbst erst erzeugt oder zersetzt wird, also abermals nur in einem höheren Prinzip gesucht werden, das außerhalb der Sphäre des Lebensprozesses selbst liegt , und nur insofern die erste und absolute Ursache des Lebens ist. Anmerk . Hier stehen wir also wieder an den Grenzen, über die wir mit der toten Chemie nicht hinaus können. – Welcher Physiologe von Anbeginn an ist stumpfsinnig genug gewesen, nicht einzusehen, daß der Assimilations- und Nutritionsprozeß im tierischen Körper auf chemische Art geschehe? Die unbeantwortete Frage war nur die : durch welche Ursache jener chemische Prozeß unterhalten, und durch welche Ursache er immerfort so ins Unendliche individualisiert werde, daß aus ihm die kontinuierliche Reproduktion aller einzelnen Teile (in beständig gleicher Mischung und Form) erfolgen könne. Jetzt treiben einige ein leeres Spiel mit ihnen selbst unverständlichen Worten: tierische Wahlanziehung, tierische Kristallisation usw., ein Spiel, das nur deswegen neu scheint, weil ältere Physiologen sich scheuten, Naturwirkungen , von denen niemand zweifelt, daß sie geschehen, deren Ursache aber ihnen (sowie diesen neueren Physiologen) unbekannt war, als letzte Ursachen aufzustellen. 5. Wie wollen etwa jene Physiologen die Impetuosität der Naturtriebe erklären, die, wenn sie nicht befriedigt werden, den Menschen zu den rasendsten Handlungen und zum Wüten gegen sich selbst fortreißen? Haben sie Ugolinos und seiner Söhne Hungertod bei den Dichtern gelesen? – Oder wie wollen sie die schreckliche Kraft erklären, mit der die Natur, wenn etwa ein verborgenes Gift die erste Quelle des Lebens anzugreifen droht, diesen widerstrebenden Stoff den eigentümlichen Gesetzen der tierischen Organisation zu unterwerfen arbeitet? Viele Gifte dieser Art scheinen auf die tierischen Stoffe assimilierend zu wirken. Nach Gesetzen der toten Chemie müßte ein gemeinschaftliches Produkt aus beiden entstehen, mit welchem vielleicht das Leben nicht bestehen könnte, aber gegen welches tote Kräfte nicht mit Gewalt ankämpfen würden. Was tut hier die Natur? – Sie setzt alle Instrumente des Lebens in Bewegung, um die Assimilationskraft des Gifts zu unterdrücken und unter die assimilierenden Kräfte des Körpers zu zwingen. Nicht Wirkung des Giftes, sondern eine dem lebenden Körper eigne Kraft ist es, was diesen Kampf veranlaßt, der oft mit dem Tode, oft mit der Genesung endet. Es ist hieraus (so scheint mir) klar genug, daß die toten chemischen Kräfte, die im Assimilationsprozeß wirken, selbst eine höhere Ursache voraussetzen, von der sie regiert und in Bewegung gesetzt werden. B. Überhaupt scheint es mir, daß die meisten Naturforscher bis jetzt noch den wahren Sinn des Problems vom Ursprung organisierter Körper verfehlt haben. Wenn ein Teil derselben eine besondere Lebenskraft annimmt, die als eine magische Gewalt alle Wirkungen der Naturgesetze im belebten Wesen aufhebt, so heben sie eben damit alle Möglichkeit die Organisation physikalisch zu erklären a priori auf. Wenn dagegen andere den Ursprung aller Organisation aus toten chemischen Kräften erklären, so heben sie eben damit alle Freiheit der Natur im Bilden und Organisieren auf. Beides aber soll vereinigt werden. 1. Die Natur soll in ihrer blinden Gesetzmäßigkeit frei : und umgekehrt in ihrer vollen Freiheit gesetzmäßig sein, in dieser Vereinigung allein liegt der Begriff der Organisation. Die Natur soll weder schlechthin gesetzlos handeln (wie die Verteidiger der Lebenskraft, wenn sie konsequent sind, behaupten müssen), noch schlechthin gesetzmäßig (wie die chemischen Physiologen behaupten), sondern sie soll in ihrer Gesetzmäßigkeit gesetzlos, und in ihrer Gesetzlosigkeit gesetzmäßig sein . Das aufzulösende Problem also ist dieses: wie die Natur in ihrer blinden Gesetzmäßigkeit einen Schein der Freiheit behaupten, und umgekehrt, indem sie frei zu wirken scheint, doch nur einer blinden Gesetzmäßigkeit gehorchen könne . Für diese Vereinigung von Freiheit und Gesetzmäßigkeit haben wir nun keinen andern Begriff, als den Begriff Trieb . Anstatt also zu sagen, daß die Natur in ihren Bildungen zugleich gesetzmäßig und frei handle, können wir sagen, in der organischen Materie wirke ein ursprünglicher Bildungstrieb , kraft dessen sie eine bestimmte Gestalt annehme, erhalte und immerfort wiederherstelle. 2. Allein der Bildungstrieb ist nur ein Ausdruck jener ursprünglichen Vereinigung von Freiheit und Gesetzmäßigkeit in allen Naturbildungen, nicht aber ein Erklärungsgrund dieser Vereinigung selbst. Auf dem Boden der Naturwissenschaft (als Erklärungsgrund ) ist er ein völlig fremder Begriff, der keiner Konstruktion fähig, wenn er konstitutive Bedeutung haben soll, nichts anderes als ein Schlagbaum für die forschende Vernunft, oder das Polster einer dunklen Qualität ist, um die Vernunft darauf zur Ruhe zu bringen. Dieser Begriff setzt organische Materie schon voraus, denn jener Trieb soll und kann nur in der organischen Materie wirksam sein. Dieses Prinzip kann also nicht eine Ursache der Organisation anzeigen, vielmehr setzt dieser Begriff des Bildungstriebs selbst eine höhere Ursache der Organisation voraus ; indem man diesen Begriff aufstellt, postuliert man auch eine solche Ursache, weil dieser Trieb ohne organische Materie, und diese ohne eine Ursache aller Organisation selbst nicht denkbar ist. Weit entfernt also der Freiheit der Naturforschung Eintrag tun zu wollen, muß dieser Begriff sie vielmehr erweitern, weil er aussagt, daß der letzte Grund der Organisation, worauf man in der organischen Materie selbst kommt, organische Materie schon voraussetzt , also nicht die erste Ursache der Organisation sein kann, die eben deswegen, wenn sie aufgesucht werden soll, nur außer ihr aufgesucht werden kann. Wenn der Bildungstrieb die organische Materie ins Unendliche fort schon voraussetzt, so sagt er als Prinzip nichts anderes, als, daß wenn man die erste Ursache der Organisation in der organisierten Materie selbst suchen wollte, diese Ursache in der Unendlichkeit liegen müßte. Eine Ursache aber, die in der Unendlichkeit liegt, ist soviel als eine Ursache, die nirgends liegt, sowie, wenn man sagt, der Punkt, wo zwei Parallellinien zusammentreffen, liege in der Unendlichkeit, dies ebensoviel heißt, als liege er nirgends. Also liegt in dem Begriffe des Bildungstriebs der Satz: daß die erste Ursache der Organisation in der organisierten Materie selbst ins Unendliche fort, d. h. überhaupt nicht zu finden sei, daß also eine solche Ursache , wenn sie gefunden werden solle (worauf die Naturwissenschaft nimmermehr Verzicht tut), außerhalb der organisierten Materie gesucht werden müsse , und so kann der Bildungstrieb in der Naturwissenschaft nie als Erklärungsgrund, sondern nur als Erinnerung an die Naturforscher dienen, eine erste Ursache der Organisation nicht in der organisierten Materie selbst (etwa in ihren toten, bildenden Kräften), sondern außer ihr aufzusuchen. Anmerk . Daß der Urheber dieses Begriffs selbst dieses dabei gedacht, bin ich weit entfernt zu behaupten, genug wenn aus seinem Begriffe folgt, was ich daraus abgeleitet habe. – Dieser Begriff, an die Stelle der Evolutionstheorie gesetzt, hat zuerst den Weg möglicher Erklärung, (den jene Theorie zum voraus abschnitt) geöffnet. Denn daß er diesen Weg aufs neue versperren und selbst als erster Erklärungsgrund habe dienen sollen, kann ich nicht glauben, obgleich manche (denen ein solcher Erklärungsgrund ganz bequem dünkt) es zu glauben scheinen. Diesen ist der Bildungstrieb letzte Ursache des Wachstums, der Reproduktion usw.; wenn aber jemand über diesen Begriff hinausgeht und fragt, durch welche Ursache denn der Bildungstrieb in der organisierten Materie selbst kontinuierlich unterhalten werde, so bekennen sie ihre Unwissenheit und verlangen, daß man mit ihnen unwissend bleibe. – Einige wollen sogar gefunden haben, daß selbst Kant in der Kritik der Urteilskraft einer solchen Bequemlichkeit der Erklärung Vorschub tue. Auf die Versicherungen übrigens, daß es unmöglich sei, über den Bildungsgrad hinauszugehen, antwortet man am besten dadurch, daß man darüber hinausgeht. 3. Ich bin vollkommen überzeugt, daß es möglich ist, die organisierenden Naturprozesse auch aus Naturprinzipien zu erklären. Die Bildung des tierischen Stoffs würde ohne Einfluß eines äußeren Prinzips nach toten chemischen Kräften geschehen, und bald einen Stillstand des Naturprozesses herbeiführen, wenn nicht ein äußeres, dem chemischen Prozeß nicht unterworfenes Prinzip kontinuierlich auf die tierische Materie einwirkte, den Naturprozeß immer neu anfachte, und die Bildung des tierischen Stoffs nach toten chemischen Gesetzen kontinuierlich störte ; nun aber, wenn ein solches Prinzip vorausgesetzt wird, können wir erstens die blinde Gesetzmäßigkeit der Natur in allen Bildungen aus den dabei mitwirkenden chemischen Kräften der Materie, die Freiheit in diesen Bildungen aber oder das Zufällige in ihnen aus der in bezug auf den chemischen Prozeß selbst zufälligen Störung der eigentümlichen Bildungskräfte des tierischen Stoffs durch ein äußeres, vom chemischen Prozeß selbst unabhängiges Prinzip, wie mir scheint, vollkommen erklären. 4. Wäre der Bildungstrieb absoluter Grund der Assimilation des Wachstums, der Reproduktion usw., so müßte es unmöglich sein ihn weiter zu analysieren; er ist aber ein synthetischer Begriff, der, wie alle Begriffe dieser Art, zwei Faktoren hat, einen positiven (das Naturprinzip , durch welches die tote Kristallisation der tierischen Materie kontinuierlich gestört wird), und einen negativen (die chemischen Kräfte der tierischen Materie). Aus diesen Faktoren allein ist der Bildungstrieb konstruierbar. – Wär' er aber ein absoluter Grund, der selbst keiner weitem Erklärung fähig wäre, so müßte er der organisierten Materie überhaupt, als solcher, beiwohnen, und in allen Organisationen sich mit gleicher Kraft äußern, so wie die Schwere als Grundeigenschaft allen Körpern gleich zukommt. Nun zeigt sich aber doch z.B. in Ansehung der Reproduktionskraft verschiedener Organisationen die größte Verschiedenheit, zum Beweis, daß dieser Trieb selbst von zufälligen Bedingungen abhängig (also nicht absoluter Grund) ist. 5. Das gleichförmige Wachstum des ganzen Körpers kann nicht erklärt werden, ohne jedem Organ eine eigentümliche (spezifische) Assimilationskraft zuzuschreiben; diese selbst aber ist abermals eine Qualitas occulta, wenn nicht eine erhaltende Ursache derselben außer der Organisation angenommen wird. Nun kann man als Gesetz aufstellen, daß ein Organ um so schwerer wieder erstattet wird, je mehr es spezifische Assimilationskraft hatte . Wäre der Bildungstrieb absoluter Grund der Reproduktion, so ließe sich kein Grund dieser verschiedenen Leichtigkeit angeben, mit der ein Organ vor dem andern wiederhergestellt wird. Wenn aber dieser Trieb einerseits von dem kontinuierlichen Einfluß eines positiven Naturprinzips auf die Organisation, andererseits von den chemischen Eigenschaften der organischen Materie abhängig ist, so sieht man ein, daß, je eigentümlicher und individueller die (chemische) Mischung und die Form eines Organs ist, desto schwieriger auch die Wiedererstattung sein muß. Daher verrät die Erstattungskraft nicht sowohl große Vollkommenheit als Unvollkommenheit einer Organisation. Wäre der Bildungstrieb absolut, so müßte die Reproduktion in allen ihren Formen allgemeine Eigenschaft organischer Teile sein, und in der angezeigten Form nicht nur die Eigenschaft solcher Organisationen, in welchen keine hervorstechende Individualität der Organe (der Qualität und Form nach) anzutreffen ist. Der letzte Periode lautet in der ersten Ausgabe: »Die Reproduktionskraft ist daher keine allgemeine Eigenschaft der organisierten Materie, wie man gewöhnlich annimmt, und wie man annehmen müßte, wenn der Bildungstrieb absolut (nicht von Bedingungen abhängig) wäre; sie ist nur die Eigenschaft solcher Organisationen, in welchen keine hervorstehende Individualität der Organe (der Qualität und Form nach) anzutreffen ist; sie äußert sich nur da, wo sie in der Beschaffenheit der Organisation selbst keinen Widerstand findet.« Man betrachte den Körper der Polypen. Der ganze Körper dieser wegen ihrer unzerstörbaren Reproduktionskraft so berühmten Geschöpfe ist beinahe durchgängig homogen ; hier sticht kein Organ vor dem andern hervor; hier ist keine prononzierte Gestalt; der ganze Polyp scheint ein Klumpen zusammengeronnener Gallerte zu sein; seine ganze Textur besteht bloß aus gallertigen Körnchen, die durch eine zartere gemeinschaftliche, abermals gallertige Grundlage zusammengehalten werden (s. Blumenbach über den Bildungstrieb S. 88). Eben diese Polypen, wenn sie einen Teil des Körpers (denn kaum kann man bei ihnen von Organ reden) wiedererstatten, nehmen den Stoff dazu aus der Materie ihres ganzen übrigen Körpers , zum Beweis, daß ihre Reproduktionsfähigkeit von der Homogeneität der Materie abhängt, aus welcher ihr ganzer Körper besteht. »Man kann dabei sehr deutlich bemerken, daß die neuergänzten Polypen bei allem reichlichen Futter doch weit kleiner sind als vorher, und ein verstümmelter Rumpf, sowie er die verlorenen Teile wieder hervortreibt, auch in gleichem Maße einzukriechen und kürzer und dünner zu werden scheint« ( Blumenbach S. 29). Welche hervorstechende Individualität der Organe dagegen bei all denen Organisationen, die verlorene Glieder nicht wiederersetzen! Und nimmt nicht auffallend die Fähigkeit der Wiederergänzung ab, wie die Individualität der Organe (und also auch die Heterogeneität ihrer Mischung und daraus resultierende Verschiedenheit ihrer Gestalt ) ins Unendliche zunimmt? Ja sehen wir nicht, wie in einer und derselben Organisation die Stärke der Reproduktionskraft abnimmt, wie die Individualität und Festigkeit der Organe allmählich zunimmt? Daß (nach Blumenbach ) die Stärke des Bildungstriebs im umgekehrten Verhältnis mit dem Alter abnimmt, läßt sich nicht anders erklären, als weil mit dem Alter zugleich jedes Organ immer mehr individualisiert wird; denn erfolgt nicht der Tod vor Alter allein wegen der zunehmenden Starrheit der Organe, welche die Kontinuität der Lebensfunktionen unterbricht, und indem sie das Leben vereinzelt , das Leben des Ganzen unmöglich macht? – Sehen wir nicht endlich, daß die Organe, denen wir wegen der Wichtigkeit ihrer Funktionen auch die vollkommenste und unzerstörbarste Individualität zuschreiben müssen, wie das Gehirn, von der Natur bei der ersten Formation schon am bestimmtesten vor allen andern ausgezeichnet werden, und daß eben diese Organe am wenigsten der Wiedererstattung fähig sind? Nach Haller bemerkt man, sobald man etwas am Embryo unterscheiden kann, daß der Kopf und vorzüglich die zerebrösen Teile desselben verhältnismäßig am größten, der Körper und die einzelnen Glieder klein sind. Am Gehirn bemerkt man endlich die konstanteste Bildung, an allen andern weniger individualisierten Teilen weit häufigere und auffallendere Varietäten. (Vergl. Blumenbach S. 107.) Aus all diesem nun ist (so scheint mir) klar, daß die Reproduktionskraft überhaupt nicht eine absolute, sondern eine von veränderlichen Bedingungen abhängige Kraft sei, also ohne Zweifel selbst ein materielles Prinzip als ihre erste Ursache voraussetze. C. Sehen wir nicht offenbar, daß alle Operationen der Natur in der organischen Welt ein beständiges Individualisieren der Materie sind? – Die gewöhnlich vorgegebene allmähliche Veredlung und Läuterung der Nahrungssäfte in den Pflanzen ist nicht anderes als ein solches fortschreitendes Individualisieren. Je reichlichere und rohere Säfte der Pflanze zuströmen, desto üppiger und ausgebreiteter ist ihr Wachstum; dieses Wachstum ist nicht Zweck der Natur, es ist nur Mittel , um die höheren Entwicklungen vorzubereiten. 1. Sobald der Samen sich entwickelt, sehen wir erst die Pflanze in Blätter und Stengel sich ausbreiten, und je reichere Nahrungssäfte ihr zugeführt werden, desto länger kann man sie bei diesem Wachstum erhalten, und den Gang der Natur, welche auf das endliche Individualisieren aller Nahrungssäfte, wenn sie nicht gestört wird, unaufhaltsam hinarbeitet, hemmen. Wenn erst die Säfte hinlänglich verbreitet sind, so sehen wir die Pflanze im Kelch sich zusammenziehen , darauf sich in den Blumenblättern wieder ausbreiten. Endlich erreicht die Natur die größte Individualisierung, welche in Einem Pflanzenindividuum möglich ist, durch die Bildung entgegengesetzter Geschlechtsteile. Denn mit der letzten Stufe, welche die Natur abermals durch einen Wechsel von Ausdehnung und Zusammenziehung endlich in der Frucht und dem Samen erreicht, ist schon der Grund eines neuen Individuums gelegt, an welchem die Natur ihr Werk von vorne wiederholt. »So vollendet sie in kontinuierlichem Wechsel von Ausdehnung und Zusammenziehung das ewige Werk der Fortpflanzung durch zwei Geschlechter« (J. W. v. Goethes Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären . 1790). 2. Es kann also als Gesetz aufgestellt werden, daß das letzte Ziel der Natur in jeder Organisation das allmähliche Individualisieren ist (was in diesem fortschreitenden Individualisieren gleichsam beiläufig entsteht, ist in bezug auf diesen Zweck der Natur schlechthin zufällig ); denn sobald in einer Organisation die höchste Individualisierung erreicht ist, muß sie nach einem notwendigen Gesetz ihre Existenz einem neuen Individuum übertragen, und umgekehrt, die Natur läßt es in der Pflanze nicht zur Fortpflanzung kommen, ehe sie in ihr die höchste Individualisierung erreicht hat. Daher ist das allmählich fortschreitende Wachstum, da die sprossende Pflanze von Knoten zu Knoten, von Blatt zu Blatt sich fortsetzt, nichts anderes als das Phänomen der allmählichen Individualisierung, und insofern eine und dieselbe Naturoperation mit der Fortpflanzung selbst. (Vergl. Goethe § 113.) 3. Hier sehen wir also die Kontinuität des Zusammenhangs zwischen Wachstum und Fortpflanzung aller Organisationen. Da wir in der Entwicklung belebter Organisationen eben dieselbe Ordnung der Natur erkennen (denn die Ausbildung der Geschlechtsteile und der Zeugungskraft ist der Zeitpunkt des stillstehenden Wachstums; die Tiere, die mit Pflanzen am meisten Ähnlichkeit haben, z.B. die Insekten, die wie die Pflanzen erst durch Metamorphosen ihre Zeugungsteile erhalten, sterben ab, wie die Blume, sobald das Zeugungsgeschäft vollbracht ist): so müssen wir es als allgemeines Naturgesetz ansehen, daß das Wachstum aller Organisationen nur ein fortschreitendes Individualisieren ist, dessen Gipfel in der ausgebildeten Zeugungskraft entgegengesetzter Geschlechter erreicht wird . 4. Es ist eine und dieselbe Entwicklung , wodurch beide Geschlechter entspringen: dies ist bei den Pflanzen in die Augen fallend. Die Trennung in zwei Geschlechter geschieht nur auf verschiedenen Stufen der Entwicklung. Je höher die Individualität ist, zu der der Keim der künftigen Pflanze hinaufgebildet ist, desto früher trennen sich die Geschlechter (an zwei Stämme verteilt). Bei andern wird der Grad der Individualisierung, bei welchem entgegengesetzte Geschlechter entstehen, später erreicht, doch noch ehe der Kelch zur Blume sich entfaltet; die beiden Geschlechter sind dann auf verschiedenen Blumen, doch in Einem Individuum vereinigt. Endlich auf der letzten (obersten) Stufe ist die Trennung der Geschlechter mit der Entfaltung der Blume gleichzeitig, und bestätigt der einfache Entwicklungsgang jeder Pflanze, daß Wachstum und Fortpflanzung beide nur die Phänomene eines unaufhaltsamen Naturtriebs sind, die Organisation ins Unendliche zu individualsieren, womit die allgemeine Beobachtung übereinstimmt, daß in denjenigen Organisationen, die die hervorstechendste Individualität haben, das Geschlecht am spätesten ausgebildet wird, und umgekehrt, daß die frühere Ausbildung des Geschlechts auf Kosten der Individualität geschieht. 5. Wenn wir nun auf die Ursachen dieser allmählichen Entwicklung seilen, so ist klar, daß z.B. die Pflanze auf jeder höheren Stufe der Entwicklung sich auf einem höheren Grade der Reduktion (oder Desoxydation ) befindet, den sie endlich mit der Ausbildung der Frucht gleichzeitig erreicht. Vorerst breitet sich die werdende Pflanze in Blätter aus, das erste Triebwerk der Ausbauchung, denn durch die Blätter allein eigentlich verdünstet die Lebensluft; das Produkt der Reduktion offenbart sich auf der ersten Stufe an der Blume (die ihre Farbe dem Sauerstoff verdankt, und indem sie kontinuierlich verderbliche Luft aushaucht, verrät, daß sie jenen belebenden Stoff in sich zurückhält), endlich auf der höchsten Stufe in der Frucht , welche, nachdem sie alle Nahrungssäfte aus der Pflanze angezogen, die Pflanze selbst völlig desoxydiert zurückläßt. Anmerk . Die Knospe schon, sobald sie gebildet ist, kann als ein von der Mutterpflanze ganz und gar verschiedenes und für sich bestehendes Individuum angesehen werden, wie Darwin in seiner Zoonomie (übersetzt von Brandis , S. 182) sehr schön bewiesen hat. So viel Knospen auf dem Bäume, so viel neue Individuen. – Daß übrigens die Natur erst mit der Knospe die erste Stufe der Individualität erreicht, erhellt aus den Phänomenen der Inokulation, da die Beschaffenheit des Stamms für die Bildung der Frucht ganz gleichgültig erscheint. Die verschiedene Beschaffenheit der Frucht ist ganz und gar von dem verschiedenen Grad des Reduktionsprozesses, der ihrer Bildung voranging, abhängig, was man z.B. daraus sieht, daß durch Zusatz von Sauerstoff eine vegetabilische Säure in die andere verwandelt wird. – Die Pflanzen selbst unterscheiden sich nur durch den verschiedenen Grad der Reduktion des Nahrungswassers in ihnen. Man muß bemerken, daß es unendliche Grade der Desoxydation gibt und daß kein Grad der äußerste ist. Die verbrennlichsten dunkelfarbigen Gewächse sind, wie die Tiere von dunklerer Farbe, den heißen Klimaten eigen; die aromatischen Gewächse, welche in unserm Himmelsstrich gedeihen, lieben die Hitze des sandigen Erdreichs. Der Ölbaum wächst am besten auf trockenem und steinigem Boden, die edelste Rebe auf felsigem Grund, zum Beweis, daß die Veredlung der Pflanzensäfte allein vom Grade des Reduktionsprozesses in der Pflanze abhängt. 6. Die Trennung in zwei Geschlechter ist in der Natur ebenso notwendig als das Wachstum, denn sie ist nur der letzte Schritt zur Individualisierung ; da ein und dasselbe bisher homogene Prinzip in zwei entgegengesetzte Prinzipien auseinander geht. Wir können uns nicht erwehren, auch die Trennung in zwei Geschlechter nach den allgemeinen Grundsätzen des Dualismus zu erklären. Wo die Natur das Extrem der Heterogeneität (des gestörten Gleichgewichts) erreicht hat, kehrt sie nach einem notwendigen Gesetze zur Homogeneität (zur Wiederherstellung des Gleichgewichts) zurück. Nachdem die Prinzipien des Lebens in einzelnen Wesen bis zur Entgegensetzung individualisiert sind, eilt die Natur durch Vereinigung beider Geschlechter die Homogeneität wiederherzustellen. – Das Gesetz, nach welchem der Staubbeutel der Blume sich der weiblichen Narbe nähert und nach vollbrachter Befruchtung von ihr zurückgestoßen wird, ist nur eine Modifikation des allgemeinen Naturgesetzes, nach welchem auch entgegengesetzt-elektrische Körperchen erst sich anziehen, und nachdem sie homogene Elektrizitäten ineinander erweckt haben, sich fliehen. Selbst das Insekt, das von der einsamen männlichen Blüte den befruchtenden Staub zur weiblichen trägt, folgt hierbei nur einem notwendigen Trieb, der es von der einen zur andern führt. Wenn wir auch die Prinzipien, die in entgegengesetzten Geschlechtern sich trennen, nicht materiell angeben können, oder wenn selbst unsere Einbildungskraft dieser ins Unendliche gehenden Individualisierung der Prinzipien nicht zu folgen vermag, so liegt doch ein solcher Dualismus in den ersten Prinzipien der Naturphilosophie; denn daß nur Wesen, welche zu Einer physischen Gattung gehören, miteinander fruchtbar sind, und umgekehrt, welcher Grundsatz das oberste Prinzip aller Naturgeschichte ist (s. Girtanner über das Kantische Prinzip der Naturgeschichte , S. 4 ff.) folgt nur aus dem allgemeinen Grundsatz des Dualismus (der in der organischen wie in der anorgischen Natur sich bestätigt), daß nur zwischen Prinzipien Einer Art reelle Entgegensetzung ist . Wo keine Einheit der Art ist , ist auch keine reelle Entgegensetzung , und wo keine reelle Entgegensetzung ist, keine zeugende Kraft . Da übrigens die Natur in der organischen Welt keine Neutralisierung duldet, so wird durch Vereinigung entgegengesetzter Prinzipien ihr individualisierender Trieb rege; indem sie das Verhältnis beider Prinzipien stört (durch welche Mittel es nun geschehe), entsteht ihr »– zufällig und unter der Hand gleichsam (so muß es dem Begriff der Organisation nach sein).« Zusatz der ersten Auflage. ein neues Individuum; welches Prinzip in dieser Operation das Übergewicht erlange, erscheint uns als zufällig , als notwendig aber, daß das Übergewicht eines Prinzips über das andere sich durch eine verschiedene Bildung verrate, welches ohne Zweifel ebenso natürlich ist, als daß auf dem mit Bernsteinpulver bestreuten Harzkuchen andere Figuren mit positiver, andere mit negativer Elektrizität gezeichnet werden. 6. Jede Bildung in der organischen wie in der anorgischen Natur geschieht durch einen Übergang der Materie aus flüssigem in festen Zustand. Dieser Übergang heißt vorzugsweise bei tierischen Flüssigkeiten – Gerinnung . Es ist merkwürdig, daß im Blut (der unmittelbaren Quelle aller Nahrungssäfte) schon gleichsam der Dualismus der Hauptorgane des tierischen Körpers erkennbar ist. Das Blut, sobald es aus den Gefäßen geflossen ist, trennt sich freiwillig in zwei verschiedene Bestandteile, den Blutkuchen und das Blutwasser. Es scheint ausgemacht, daß der erstere die Bestandteile des Muskelfleisches enthält. Die Meinung, als ob das Blut außer dem Körper durch Verlust der Wärme gerinne, ist schon von Hewson und später von Parmentier und Deyeux widerlegt worden. (Man s. in Reils Archiv für die Physiologie Band 1 Heft 2, ihre Abhandlung über das Blut , S. 125.) Die letztgenannten Schriftsteller behaupten, daß die Entweichung eines eigentümlichen Lebensprinzips die Ursache der Gerinnung sei. Die gewisseste Ursache der Gerinnung ist wohl das Oxygene . Denn es ist allgemein bekannt, daß alle tierischen Flüssigkeiten, z.B. die Milch, mit Säuren behandelt gerinnen; die Butter sondert sich von der Milch nur durch Wirkung des atmosphärischen Oxygenes ab. Der Nasenschleim erlangt durch Einfluß des in der Luft konzentrierten Oxygenes Festigkeit, und ist so die Ursache des Schnupfens, den man auch durch Einatmen der Dämpfe von oxygenierter Salzsäure künstlich hervorbringen kann. (S. eine Abhandlung von Fourcroy und Vauquelin a. a. O. drittes Heft, S. 48 ff.) Auch die Tränen gerinnen durch Behandlung mit oxygenierter Salzsäure, durch Behandlung mit Alkalien werden sie flüssiger. Mit der Gerinnung ist immer zugleich die Scheidung des Blutkuchens vom Blutwasser verbunden. Es scheint, daß durch Berührung des Oxygenes das Neutralitätsverhältnis dieser beiden Substanzen im Blut aufgehoben wird, und daß nun die Gerinnung des roten und fadenartigen Teils erfolgt. Denn so viel ist ausgemacht, daß alle, vorzüglich Mineralsäuren, die Gerinnung des Bluts befördern. Dagegen wird das Blut durch Berührung sauerstoffleerer Medien, z.B. von Hydrogenegas, flüssiger und weniger gerinnbar (Hamilton annales de chimie T. V.). Das Merkwürdigste aber ist, daß Neutralsalze die Gerinnung des Bluts völlig verhindern, so daß es alsdann durch kein Mittel weiter zum Gerinnen zu bringen ist. Aus dieser Tatsache erhellt, daß der Gerinnung des Bluts eine Scheidung der beiden Bestandteile (des Blutkuchens und des Blutwassers) vorangehen muß. Das letztere enthält reines, freies Alkali, denn es färbt den Veilchensirup grün ( Reils Archiv a. a. O. S. III). Daraus erhellt meines Erachtens, daß im Blut des lebenden Körpers Sauerstoff und Alkali sich das Gleichgewicht halten, und daß jedes Gerinnen oder Anschießen zu festen Teilen mit einer Störung dieses Gleichgewichts verbunden ist. – Ich betrachte diese Idee als die erste Grundlage einer Theorie des Nutritionsprozesses. Wenn der rote Teil des Bluts die Elemente der Muskeln enthält, so ist wahrscheinlich jedes Anschießen fester Teile im Muskel mit Entwicklung von Sauerstoff verbunden, wodurch die erste Anlage zur Irritabilität gemacht wird. Die Grundlage aller weißen Organe des tierischen Körpers, also vorzüglich der Nerven, ist Gallerte . Der fadenartige Teil des Bluts nun enthält nach Parmentier, Deyuex, Fourcroy (a. a. O. S. 116) keine Gallerte. Die Elemente der Nervenfieber müssen also in einem andern Teil des Bluts, im sogenannten Blutwasser enthalten sein. So ist es auch, die Gallerte ist allein dem Blutwasser eigentümlich. In demselben ist sie mit Alkali verbunden, und verliert durch sich als Gallerte zu zeigen. »Wo sie also als Gallerte sich zeigt (in der Nervenfiber), muß Alkali frei werden.« Zusatz der ersten Auflage. Die Entmischung des Bluts in entgegengesetzte Bestandteile, die kontinuierliche Zusammenziehung und damit verbundene des Lebens (der Muskeln und Nerven) ist sonach ohne Zweifel ein und derselbe Prozeß. »Wer sich an die von Humboldt entdeckte Wirkung der Säuren und Alkalien auf Muskeln und Nerven bei den galvanischen Versuchen erinnert, wird diese Vermutung vielleicht nicht ganz uninteressant finden.« Zusatz d. ersten Aufl. 7. Da (dem Bisherigen zufolge) in jeder Organisation der Lebensprozeß einen Ansatz toter Masse, als Caput mortuum, zurückläßt, so kann die Natur dem Lebensprozeß nicht Permanenz geben, als insofern sie ihn immer von vorne wiederholt , d.h. durch stete Zersetzung und Wiederersetzung der Materie . Es mußte also in jedem belebten Körper ein steter Wechsel der Materie unterhalten werden, wenn auch nicht die tote Masse an sich schon einer beständigen Zersetzbarkeit unterworfen wäre, da sie sich in einem gezwungenen Zustand befindet, den sie, wenigstens sobald das Leben erloschen ist, freiwillig verläßt. Es gehört also zur Möglichkeit des Lebens eine stete Aufeinanderfolge zersetzender und wiederersetzender Prozesse , worin die tierische Materie doch nicht den blinden Gesetzen der chemischen Verwandtschaft allein, sondern dem Einfluß der positiven Ursache des Lebens gehorcht, die es im lebenden Körper nicht zur totalen Auflösung kommen läßt. Daß aber auch aus Erfahrungsgründen ein solcher kontinuierlicher Wechsel der tierischen Materie angenommen werden muß, ist in dem Versuch über die Lebenskraft von Brandis evident erwiesen. 8. Nun ist ohne Zweifel mit jedem Anschießen fester Teile (welches durch Gerinnung geschieht) Entwicklung von Oxygene verbunden, mit dem das Blut durch die Respiration versehen wird. Wo nun auch dieses aus dem Blut entwickelte Oxygene hinkomme, so müßten die Organe, welche es durchdringt, endlich damit überladen (suroxydés) werden, und das Anschießen fester Teile, d.h. der Ernährungsprozeß müßte endlich ganz stillstehen , wenn nicht durch einen umgekehrten Prozeß das Oxygene wieder ausgeführt und die Kapazität der Organe wiederhergestellt würde. Also können wir a priori beweisen, daß dem Oxydationsprozeß , welcher im tierischen Körper beständig im Gange ist, ein beständiger Desoxydationsprozeß entgegengesetzt sein müsse, wodurch wir endlich auf eine höhere Bestimmung des Begriffs von Leben kommen, welches diesem nach in einer Aufeinanderfolge einzelner Prozesse besteht, deren jeder der umgekehrte oder negative des vorhergehenden ist. Es fragt sich jetzt nur, ob sich wirklich ein solcher beständiger Desoxydationsprozeß im lebenden Körper a posteriori auffinden läßt? 9. Die Erfahrung scheint freiwillig uns entgegenzukommen. Man hat schon lange davon geredet, und man kann es als ausgemacht ansehen, daß das Oxygene bei der Irritabilität eine bedeutende Rolle spielt. Man wußte nur nicht anzugeben, wie das Oxygene dabei wirksam sei. Nach unsrer Vorstellungsart hat es dabei eine bloß sekundäre Rolle. Jede Zusammenziehung ist eine Desoxydation ; wir können uns vorerst vorstellen, daß durch jede Desoxydation das Volum des Organs, in welchem sie vorgeht, vermindert werde, um zu begreifen, wie ein solcher Prozeß eine Zusammenziehung bewirken könne. 10. Es soll in alle Funktionen des Lebens Kontinuität gebracht werden, eine Funktion soll in die andere eingreifen, eine die andere kontinuierlich reproduzieren. – Wie das Gehen ein beständig verhindertes Fallen, so das Leben ein beständig verhindertes Erlöschen des Lebensprozesses. Die tierischen Funktionen müssen in bezug aufeinander wechselseitig positiv und negativ sein. So ist uns Irritabilität vorerst nichts anderes als der negative Nutritionsprozeß . Nur insofern die Irritabilität der umgekehrte Prozeß der Nutrition ist, ist sie im System des animalischen Lebens notwendig, und als solche konnten wir sie a priori ableiten. Unmittelbare Beweise für unsere Behauptung aber sind folgende: a) Je mehr Reizbarkeit in einem lebenden Wesen, desto mehr Bedürfnis der Nahrung. Ein Tier, das viele Bewegung hat, hat viel Appetit und bleibt dabei mager. Zugleich ist in ihm der Atem schneller, das Blut kehrt öfter zu den Lungen zurück, um sich mit dem Oxygene zu beladen, das es dem ganzen Körper mitteilt; in eben dem Verhältnis aber wird auch das Bedürfnis der Nahrung größer (man s. Brandis über die Lebenskraft § 16). Man sieht also, daß durch Irritabilität die Wirkung der Nutrition aufgehoben wird, und umgekehrt. b) Die Muskeln selbst bilden sich erst allmählich durch viele Bewegung. Was als halbflüssige Lymphe um alle Organe ausgegossen ist, scheint durch häufige Übung der Muskeln (die regelmäßig mit Desoxydation verbunden ist), sich immer mehr in festes derbes Muskelfleisch zusammenziehen, wodurch der ausgearbeitete Körper und das prononzierte Muskelsystem entsteht, das wir zum Teil an den männlichen Figuren der Alten bewundern. Wo also viel Muskelbewegung ist, nährt sich der Muskel stärker, wie es unsern Prinzipien nach sein muß, wenn die Nutrition der umgekehrte Prozeß der Irritabilität ist. c) Hinwiederum, wo wenig Muskelbewegung und Reizbarkeit ist, wird der Körper mit Oxygene überladen, ein Zustand, der sich durch das Fettwerden ankündigt. Jedermann weiß, daß Ruhe bei häufiger Nahrung fett macht, und daß gewöhnlich mit zunehmendem Fett die Reizbarkeit abnimmt. Das tierische Fett aber ist nichts anderes als eine Art von ölichter Materie, die sich an den Endungen der Schlagadern, so weit als möglich vom Mittelpunkt der Bewegung entfernt, durch einen beträchtlichen Zusatz von Sauerstoff zu Fett bildet (s. Fourcroys chemische Philosophie , übersetzt von Gehler , S. 156). Daß zur Bildung des Fetts der Sauerstoff verwendet werde, sieht man auch daraus, daß das Organ, welches bestimmt ist, das Fett aus dem Blute abzusondern, bei Neugeborenen, die durch willkürliche Bewegung keine Oxygene zersetzen konnten, unverhältnismäßig groß ist, und daß man dieselbe Beschaffenheit dieses Organs bei Tieren findet, die bei der Eingeschränktheit ihrer Respiration träg, empfindlich und fast leblos sind (s. Vauquelin über die Leber des Rochen in den Ann. de Chim. Vol. X. und in Reils Archiv Bd. I, Heft 3, S. 54). Es ist hier nicht der Ort, weiter auszuführen, welche Folgen aus dieser Vorstellungsart in Ansehung des Ursprungs mancher Krankheiten gezogen werden können; ich begnüge mich hier, bewiesen zu haben, daß die Irritabilität ursprünglich nichts anderes als der umgekehrte Prozeß der Nutrition ist. Anmerk . Es erhellt aus dem Bisherigen, daß es falsch ist, wenn Girtanner ganz allgemein sagt: Was die Quantität des Oxygenes im Körper vermehrt, vermehrt die Irritabilität, da vielmehr umgekehrt, was die Irritabilität vermehrt, das Oxygene im Körper vermindert (mager macht), und was die Irritabilität vermindert, das Oxygene im Körper anhäuft (fett macht). Hätte Girtanner dies bemerkt, so hätte er auch weiter geschlossen, daß das Oxygene nicht einziger Grund , oder gar die erste Ursache der Irritabilität sein könne, da, anstatt daß die Irritabilität von der Quantität des Oxygenes im Körper abhängig ist, umgekehrt vielmehr die Quantität des Oxygenes im Körper von der Quantität der Irritabilität abhängt. Ich gestehe, daß mir die von Hrn. Girtanner angestellten Versuche nichts weniger als beweisend (für seine Hypothese) vorkommen; desto beweisender aber für einen Anteil des Oxygenes an dem Phänomen der Irritabilität ist die Menge von Tatsachen aus der gemeinen Erfahrung , die er in seiner Abhandlung gesammelt hat. Dieser Tatsachen sind wirklich (noch außer denen von Girtanner angeführten) so viele, daß man Mühe hat, eine Auswahl zu treffen. Ich will hier nur an die außerordentlich schnelle und von auffallenden Symptomen begleitete Erschöpfung aller Muskelkräfte auf einer Höhe von 1400-1500 Toisen über der Meeresfläche erinnern. Eine solche hatte Bouguer schon auf den Cordilleren empfunden, sie aber für eine gewöhnliche Folge der Ermüdung gehalten; allein Saussüre (Voy. d. l. A. Vol. II, § 559) hat unwidersprechlich bewiesen, daß diese Erschöpfung ganz eigner Art – eine absolute Unmöglichkeit sich zu bewegen ist, die doch (wie das bei der Ermüdung nicht geschieht) durch kurze Ruhe auf einige Augenblicke wieder aufgehoben wird. Dieser Zustand ist wohl nicht allein, wie Saussüre meint, aus der Erschlaffung des Gefäßsystems – (womit sich die gleichzeitig eintretende Tätigkeit der Arterien, und der ungewöhnlich schnelle Blutumlauf ebensowenig als die schnelle Wiederherstellung der Muskelkraft durch kurze Ruhe verträgt) – oder aus dem verminderten Druck der äußern Luft, die den ausbreitenden Kräften des Körpers das Gleichgewicht nicht zu halten vermag, sondern weit eher aus dem Mangel des Sauerstoffs in jenen Höhen zu erklären, da die Luft daselbst nicht nur verdünnt, sondern auch durch das von stehendem Gewässer immer aufsteigende entzündliche Gas verdorben ist. (Man vergl. Volta Lettere sull' aria inflammabile nativa della palludi, Como 1777). Wirklich hat Saussüre durch eudiometrische, auf dem Gipfel der höchsten Alpen angestellte Versuche gefunden, daß auf ihnen die Luft bei weitem weniger rein ist als auf den mittleren Höhen. 11. Hier haben wir nun zuerst eine ganze bestimmte Aktion , die aus den negativen Lebensprinzipien nicht mehr erklärbar ist, nämlich eine Ursache, durch welche der umgekehrte Prozeß der Oxydation im lebenden Körper kontinuierlich unterhalten wird, und die also nicht im Oxygene oder irgend einem andern sekundären Prinzip gesucht werden kann. Hätte der Physiolog, der zuerst das Oxygene als Lebensprinzip nannte, die Frage sich aufgeworfen, wie das Oxygene Ursache der Irritabilität sein könne, so hätte ihn die Untersuchung von selbst auf die Entdeckung geführt, daß das Oxygene nur das negative Prinzip der Irritabilität sein könne, und also eine positive, höhere Ursache dieses Phänomens selbst voraussetze. – Indes kann weder die plebejische Art, wie einige Hasser des Neuen jene Hypothese angegriffen, noch der vornehme Ton, den einige andere, ohne daß sie etwas Besseres an ihre Stelle zu setzen wüßten, und während sie blind herumtappen, ob etwa der glückliche Zufall eines Versuchs ihnen die Wahrheit in die Hand spielen werde, gegen jene keck entworfene Hypothese angenommen haben, ihr den Ruhm rauben, wenigstens der erste Versuch einer Anreihung dieses Naturphänomens an chemische Verhältnisse gewesen zu sein. Es ergeben sich nun aus unsern bisherigen Untersuchungen von selbst folgende Hauptsätze: a) Der Begriff des Lebens (und also auch der Irritabilität ) ist nur aus entgegengesetzten Prinzipien konstruierbar . Dieser Satz ist a priori gewiß (oben II. c). Hieraus folgt aa) für jene Hypothese, daß allerdings ein eigentümliches negatives Prinzip der Irritabilität angenommen werden muß, wofür nun noch andere aus der Erfahrung hergenommene Gründe sprechen, welche Pfaff in seiner vortrefflichen Untersuchung über die Reizbarkeit (in der Schrift über tierische Elektrizität , S. 279 ff.) angeführt hat; bb) gegen jene Hypothese, daß ein negatives Prinzip der Irritabilität allein nicht hinreicht, dieses Phänomen zu erklären. b) Die Irritabilität ist im System des Lebens nur insofern notwendig, als sie in einem Desoxydationsprozeß besteht (ich bediene mich indes des kurzem Ausdrucks, ihn näher zu bestimmen wird tiefer unten der Ort sein); woraus denn abermals folgt aa) für jene Hypothese, daß das Oxygene bei der Irritabilität allerdings eine Rolle spielt, wofür noch andere Gründe sprechen, die Pfaff a. a. O. angeführt hat, und die hauptsächlich folgende sind: α die Menge von Blutgefäßen , die in den Muskeln sich verbreiten, und deren Stelle bei den Pflanzen die Luftgefäße vertreten; β die Lähmung , welche im Muskel, wenn man seine Arterie unterbindet, ebensogut, als wenn man seine Nerven durchschneidet, erfolgt; γ die Zerstörung der Reizbarkeit durch starke (allgemeine oder örtliche) Verblutung , sowohl als durch Einspritzen mephitischer Luftarten (vorzüglich solcher, die das Oxygene absorbieren, wie die Salpeterluft) ins Blut. Dies alles beweist, daß in den Tieren durch das Blut (das in den Lungen die Luft berührt), in den Pflanzen durch die Luftgefäße ein Prinzip herbeigeführt werden muß, das zur Irritabilität notwendig ist, und das sonach kein anderes sein kann als das atmosphärische Oxygene . Anmerk . Sonderbarer »Jede Stahlschere wird galvanisiert , wenn ihre Enden die entgegengesetzten Pole eines Magnets berühren.« Zusatz der ersten Auflage. hat leicht niemand diese Theorie bestritten, als der gelehrte Hr. Reil in Halle. »Wenn wir«, sagt er in seinem Archiv I. Bd., 3. Heft, S. 173, »irgend einen körperlichen Stoff als Prinzip der Kontraktilität annehmen, so sollte doch wohl derselbe die Erscheinungen, die man ihm zuschreibt, auch dann, wenn er für sich und abgesondert ist, in vollem Maße besitzen .- Allein wir finden in der Natur keinen Stoff, der für sich und abgesondert die Phänomene, die wir tierische Kontraktilität nennen, hervorbrächte. Der Sauerstoff hat für sich weder Irritabilität noch Kontraktilität « – welche Argumentation ohne Zweifel ebenso scharfsinnig ist, als wenn man dem Antiphlogistiker einwenden wollte: »Wenn wir irgend einen körperlichen Stoff als Prinzip des Verbrennens annehmen wollten, so sollte doch wohl derselbe die Erscheinungen der Brennbarkeit auch dann, wenn er für sich und abgesondert ist , besitzen. – Allein der Sauerstoff zeigt an sich und abgesondert die Eigenschaft der Brennbarkeit ganz und gar nicht , also kann er auch nicht Prinzip des Verbrennens sein«. – Diese Physiologen werden nicht müde zu wiederholen, daß alle Veränderungen im lebenden Körper von Mischungsveränderungen abhängen: gleichwohl wollen sie nicht, daß man diese Mischungsveränderungen bestimmt angebe, sondern daß man unter vagen und allgemeinen Begriffen, die sie aus der Chemie entlehnen, ohne sie erklären zu können, herumtappe, oder mit leertönenden Worten sich begnüge. Einigermaßen indes trifft jener Einwurf die voreiligen Erklärer, die das Oxygene als alleinige Ursache der Irritabilität (ohne das Wie dabei erklären zu können) angeben. Unsere Erklärungsart entgeht diesen Einwendungen. bb) gegen jene Hypothese, daß das Oxygene bei der Irritabilität nur eine sekundäre Rolle spielt, da die Irritabilität ein desoxydierender Prozeß ist; daher die eigentliche Ursache (das positive Prinzip) der Irritabilität nicht Oxygene , sondern ein demselben gerade entgegengesetztes Prinzip sein muß. * Es war bisher einzig darum zu tun, zu beweisen, daß was man bis jetzt für Prinzip des Lebens ausgegeben, nur zu den negativen Bedingungen des Lebens gehöre. Wir haben durch eine vollständige Induktion gezeigt, daß die chemisch-physiologischen Vorstellungsarten immer noch das positive Prinzip und die eigentliche Ursache des Lebens unbestimmt lassen. Es liegt uns jetzt ob zu zeigen, daß mit der Annahme eines solchen Prinzips erst alle animalischen Prozesse vollständig erklärbar werden, und so können wir, indem wir das positive Prinzip des Lebens in seinen verschiedenen Funktionen betrachten, durch allmähliche Approximation dahin gelangen, zu bestimmen, welches seine Natur , und welches sein Ursprung sei? IV. Von der positiven Ursache des Lebens 1. Das Erste, was wir als Funktion des Lebensprinzips ansehen müssen, ist der rastlose Umtrieb, in welchem es die tierischen Flüssigkeiten erhält; denn das Flüssige hat die Natur als das eigentliche Element des Lebens jedem Lebendigen als das Innerste zugeteilt, wodurch der Körper, der als starr sonst überall nur Gefäß und Gerüste ist, eigentlich erst zum beseelten wird ( Baaders Beiträge zur Elementarphysiologie , S. 47). Nun sehen wir, daß, wo ein Teil des Körpers vor dem andern gereizt wird, eine Anschwellung, d.h. ein Zuströmen tierischer Flüssigkeiten stattfindet. Dies läßt sich nun nicht anders erklären, als wenn man annimmt, daß durch jeden Reiz im gereizten Organ eine vermehrte Kapazität für das negative Lebensprinzip, das dem Blut anhängt, entsteht (denn nur das Blut, das die Arterien führen, wird nicht durch mechanische oder hydrauliche Kunst fortgepreßt, dagegen hinter dem dunkelgefärbten Blut der Venen Klappen sich schließen, um seinen Rückfluß vom Herzen zu verhindern), ungefähr so, wie in einem System von Körpern, wenn das Gleichgewicht der Temperatur gestört wird, die Wärmematerie dem Körper zuströmt, dessen Kapazität vermehrt ist. Nur dadurch allein wird der lebende Körper zum System , d.h. zu einem in sich selbst beschlossenen Ganzen . – Der Umtrieb des Bluts würde diesemnach abhängen von einem beständigen Wechsel entgegengesetzter Prozesse, deren einer durch das positive Prinzip vermittelst der Nerven, der andere durch das Blut als Vehikel des negativen Prinzips unterhalten wird. Daß ein solcher Wechsel im lebenden Körper kontinuierlich stattfinde, und daß durch diesen Wechsel allein die Bewegung der animalischen Flüssigkeiten vollständig erklärt wird, werden uns bald noch andere Erfahrungen lehren. 2. Um nämlich begreifen zu können, wie aus der gemeinschaftlichen Quelle der Nahrung jedes Organ sich dasjenige zueigne, was seine Mischung und Form zu erhalten fähig ist, mußten wir annehmen, daß jedes Organ eine eigentümliche Fähigkeit habe, das Blut während seines Umlaufs auf bestimmte Art zu entmischen. Die Physiologen haben den Grund dieser spezifischen Assimilationskraft in einer spezifischen Reizbarkeit jedes Organs gesucht. Wir wollen uns an diesen Begriff halten, und nur suchen ihn auf natürliche Ursachen zurückzuführen, und so (da er bis jetzt eine wahrhafte Qualitas occulta ist) wo möglich verständlich zu machen. A. Folgende Sätze werden vorausgesetzt: 1. Es muß außer dem lebenden Körper ein Prinzip angenommen werden, das die Kapazität der Organe für das negative Lebensprinzip beständig unterhält. 2. Jenes Prinzip aber wird nicht auf alle Organe gleich wirken, also auch nicht in allen gleiche Kapazität für das Oxygene hervorbringen; es wird jedem Organ eine spezifische Kapazität erteilen: diese spezifische Kapazität für das Oxygene ist nun das, was man spezifische Reizbarkeit nennen kann. B. Es ist nun weiter nicht schwer einzusehen, wie von der spezifischen Kapazität eines Organs für das Oxygene seine spezifische Assimilationskraft abhängig sein könne. Denn a) dieses Prinzip allein gibt allen tierischen Flüssigkeiten Konsistenz (Festigkeit). Mit jedem oxydierenden Prozeß in der lebenden Fiber ist also auch ein Anschießen fester Teile verbunden. – Um sich die Sache durch Analogien deutlich zu machen, denke man sich, daß das positive Prinzip als positive Elektrizität wirke, so wird, indem es auf die lebende Fiber wirkt, eine bestimmte Kapazität für das Oxygene in ihr entstehen (so wie wenn Metalle durch positive Elektrizität in Lebensluft verkalkt werden), und gleichzeitig und im Verhältnis mit der entstandenen Kapazität wird eine Absorption von Oxygene aus dem Blute, und damit ein Anschießen fester Teile stattfinden. – Ich sage nicht, daß das Lebensprinzip positive Elektrizität sei , ich brauche nur dieses Beispiel, um mich verständlich zu machen. b) Nun ist ferner die eigentümliche Mischung jedes Organs von dem quantitativen Verhältnis des Sauerstoffs zu den übrigen Stoffen in ihm abhängig. Mithin hängt am Ende die Regeneration jedes Organs von seiner spezifischen Kapazität für den Sauerstoff, d.h. von seiner spezifischen Reizbarkeit ab, und so hat die Natur durch das einfachste Mittel dem Lebensprozeß Permanenz gegeben, dadurch daß sie dem Nutritionsprozeß den Irritabilitätsprozeß gegenüber stellte. 3. a) Es ist nämlich schon lange davon die Rede, daß in der irritabeln Fiber ein beständiger phlogistischer Prozeß unterhalten werde, oder mit andern Worten, daß das Oxygene bei der Irritabilität tätig sei. Alle Physiologen aber, welche einen solchen phlogistischen Prozeß im lebenden Körper annehmen, sind in Verlegenheit nicht nur das Wie , sondern vorzüglich auch die Ursache der bestimmten Quantität dieses Prozesses anzugeben. Brandis z.B. in seinem oft angeführten Versuch usw. § 18 sagt: »daß dieser phlogistische Prozeß in der lebendigen Faser nicht größer werde, als er sein darf, um die organische Fiber nicht zu zerstören, hängt von der geringen Menge Sauerstoff ab, die jedesmal dabei vorrätig ist«. – Allein man sieht leicht, wie unbefriedigend diese Erklärung ist. Es ist also offenbar, daß man, um einen solchen kontinuierlichen Oxydationsprozeß zu begreifen, eine Ursache annehmen muß, die ihm zum voraus seine Quantität bestimmt , welches nun keine andere sein kann, als, wie wir gleich anfangs behauptet haben, ein desoxydierendes Prinzip, dergestalt, daß der Grad der Oxydation in jeder einzelnen Fiber gleich ist dem Grad der Oxydation , die ihr voranging. b) Allein nun entsteht ganz natürlich die Frage: was bestimmt hinwiederum den Grad dieser Desoxydation? – Wir haben oben (2) vorausgesetzt, das positive Prinzip wirke nicht gleich auf alle Organe, und dadurch entstehe eine spezifische Kapazität derselben für das negative Prinzip. Aber, wird man fragen, was bestimmt denn den Grad, in welchem das positive Prinzip auf die Organe wirkt? und wenn wir diese Frage beantworten wollen, – sehen wir uns in einem unvermeidlichen Zirkel befangen, der uns jedoch nicht ganz unerwartet sein kann. Der Gegenstand unsrer Untersuchung ist der Ursprung des Lebens . Das Leben aber besteht in einem Kreislauf , in einer Aufeinanderfolge von Prozessen, die kontinuierlich in sich selbst zurückkehren , so daß es unmöglich ist anzugeben, welcher Prozeß eigentlich das Leben anfache , welcher der frühere , welcher der spätere sei. Jede Organisation ist ein in sich beschlossenes Ganzes, in welchem alles zugleich ist, und wo die mechanische Erklärungsart uns ganz verläßt, weil es in einem solchen Ganzen kein Vor und kein Nach gibt. Wir können also nicht besser tun als zu behaupten, daß keiner jener entgegengesetzten Prozesse den andern , sondern daß sie sich beide wechselseitig bestimmen , beide sich wechselseitig das Gleichgewicht halten. Wenn nun der positive Prozeß durch den negativen, der negative durch den positiven bestimmt ist, so ergibt sich von selbst der Satz: Je geringer die Kapazität für das positive Prinzip in einem Organ, desto geringer auch die Kapazität für das negative, und umgekehrt, je größer die Kapazität für das negative Prinzip in einem Organ, desto größer auch die Kapazität für das positive. Es fragt sich, wonach die Kapazität eines Organs für das positive und negative Prinzip geschätzt werden könne? Das positive Prinzip wirkt vermittelst der Nerven auf die irritabeln Organe. Je weniger also Nerven zu einem Organ gehen, desto geringer seine Kapazität für das Oxygene, und je geringer seine Kapazität für das Oxygene, desto notwendiger (der Willkür weniger unterworfen) der desoxydierende Prozeß in ihm, desto rastloser seine Irritabilität . In dem Herzen wird durch das einströmende arterielle Blut das Gleichgewicht der Mischung kontinuierlich gestört, weil seine Kapazität für das negative Prinzip so gering ist; völlig unwillkürlich also ist der entgegengesetzte Prozeß in ihm beständig im Gange, und dieser Muskel selbst heißt deswegen ein unwillkürlicher Muskel. – Die Nerven des Herzens sind so zart und sparsam, daß man neuerdings sogar an ihrer Existenz zu zweifeln angefangen hat ( Behrends Diss. qua probatur, cor nervis carere, in Ludwig . Script. Neurol. min. T. III, p. 1 ff.). Durch dieses Mittel hat die Natur erreicht, daß dieser Muskel einzig und allein dem animalischen Impuls gehorche, weil ein Tropfen oxygenierten Bluts das Gleichgewicht seiner Mischung zu stören imstande ist. Denn daß die Knoten des Interkostalnerven, dessen Zweige zum Herzen gehen, diesen Muskel der Willkür entziehen, indem sie als untergeordnete Gehirne seinen Zusammenhang mit dem Hauptgehirn unterbrechen, ist zwar ein sinnreicher, aber unwahrer Gedanke, da auch Nerven, die zu willkürlichen Muskeln gehen, solcher Knoten nicht entbehren. Nun wird aber auch der umgekehrte Satz gelten: Je mehrere und größere Nerven zu einem Organ gehen, desto größer seine Kapazität für das Oxygene, und je größer seine Kapazität für das Oxygene, desto geringere Notwendigkeit und Unwillkürlichkeit in seinen Irritabilitätsäußerungen (durch welche nämlich Oxygene zersetzt wird). Zu den am meisten der Willkür unterworfenen Organen gehen die meisten und größten Nerven. Haller schon bemerkt, daß nach dem Daumen allein mehr Nerven gehen, als nach dem unermüdlich-reizbaren Herzen. Wenn die unwillkürlichen Muskeln durch ein Atom von Oxygene zu Bewegungen gereizt werden (das ausgeschnittene Herz eines Tiers belebt oft ein einziger Lufthauch aufs neue), so scheint dagegen eine gewisse Quantität jenes Prinzips nötig, die willkürlichen Bewegungen zu unterhalten, daher die Ermüdung der willkürlichen. Organe, die Notwendigkeit der Ruhe , und die temporäre Aufhebung aller willkürlichen Bewegungen im Schlaf . Wenn die Natur die Irritabilität der unwillkürlichen Muskeln vom animalischen Prozeß abhängig gemacht hat, so hat sie dagegen von der Irritabilität der willkürlichen Organe umgekehrt den animalischen Prozeß abhängig gemacht. – Gelähmte Glieder werden welk, schlaff, und schwinden sichtbar. Da durch jede Muskelbewegung die Kapazität der Organe für das negative Prinzip vermehrt wird, und da jede Entwicklung desselben aus dem Blut mit einer partiellen Gerinnung verbunden ist, so erklärt sich hieraus, warum in den am meisten geübten Organen (dem rechten Arm z.B., dem rechten Fuß usw.) die Muskeln nicht nur, sondern selbst die Arterien und alle übrigen Teile fester, größer und stärker werden. Endlich, da die Natur diese Bewegungen nicht vom animalischen Prozeß abhängig machen konnte, mußte die Ursache derselben in eine höhere, vom animalischen Prozeß unabhängige Eigenschaft (die Sensibilität) gelegt werden. Anmerk . Strenger, als hier geschehen ist, können sich willkürliche und unwillkürliche Organe nicht entgegengesetzt werden, da auch auf unwillkürliche, wie das Herz, die Willkür in Leidenschaften einigen Einfluß hat, und dagegen willkürliche Organe (vielleicht, weil ihre Kapazität für das negative Prinzip bis zu einem hohen Grade vermindert wird) in schrecklichen Krankheiten in unwillkürliche übergehen. Wenn wir innerhalb des Kreises bleiben, der uns durch den Begriff Leben gezogen ist, sehen wir nun doch, daß die unwillkürlichen Bewegungen durch das negative Prinzip angefacht werden, und daß das Gegenteil bei den willkürlichen statthabe: daß aber beide doch nur durch entgegengesetzte Prinzipien möglich sind. Damit stimmen die Erscheinungen der Zusammenziehung des Herzens vollkommen überein: die Herzkammern ziehen sich nicht sogleich, nachdem das Blut in sie eingeströmt ist, zusammen. Diese Beobachtung (die Hallern so viel zu schaffen machte) beweist augenscheinlich, daß nicht das negative Prinzip (des Bluts) für sich die Zusammenziehung bewirke, sondern daß die Wirkung eines andern (des positiven) Prinzips hinzukommen muß, um die Zusammenziehung wirklich zu machen. Wenn das Oxygene allein Grund der Reizbarkeit des Herzens wäre, so müßte dieser Muskel endlich mit Oxygene überladen werden. Das Oxygene aber dient nur, das Herz zur Zusammenziehung tüchtig zu machen. Durch jede Zusammenziehung (deren Ursache in einem weit höheren Prinzip zu suchen ist) verliert es das Oxygene wieder, und so kann derselbe Prozeß immer neu wiederholt werden, da er sonst, wenn nicht ein entgegengesetzter ihm das Gleichgewicht hielte, bald stille stehen würde. 4. Es ist jetzt wohl entschieden, daß die Irritabilität gemeinschaftliches Produkt entgegengesetzter Prinzipien ist, noch nicht aber, wie diese Prinzipien bei der Irritabilität wirken. Wenn man sich unter der Zusammenziehung eines Organs nur eine chemische Reduktion (ungefähr wie die Reduktion der Metallkalke durch den elektrischen Funken) vorstellen wollte, so würde man daraus zwar eine Verminderung des Volums im irritierten Organ nicht aber die Elastizität erklären können, mit welcher das Organ sich zusammenzieht. Es ist daher Zeit, die toten Begriffe zu verlassen, welche durch die Ausdrücke: phlogistischer Prozeß usw. über den Ursprung der Irritabilität erregt werden. a) Daß das Oxygene dabei tätig ist, beweist so wenig, daß in der Irritabilität ein phlogistischer Prozeß statthabe, als daß ein solcher in der Elektrizität stattfindet, weil die Lebensluft dabei mit ins Spiel kommt. Zudem ist schon oben bemerkt worden, daß das Azote, die Grundlage aller irritabeln Organe, kein an sich brennbarer Stoff ist, d.h. daß er sich nicht wie die eigentlich verbrennlichen Substanzen mit dem Oxygene verbindet, woraus von selbst folgt, daß wohl auch das Verhältnis beider Stoffe in der Irritabilität ein weit höheres ist, als das in phlogistischen Prozessen stattfindet. – Eben jene eigentümliche Beschaffenheit des Azotes enthält ohne Zweifel den Grund, warum es beinahe ausschließlicher Anteil der tierischen Materie ist. Dies erhellt auch aus folgenden Bemerkungen unwidersprechlich. Die Grundlage aller weißen Organe, z.B. der Nerven, ist Gallerte , sie enthalten kein Azote, und sind höchstwahrscheinlich eben deswegen die Organe, welche die Natur den Muskeln, als dem Sitz der Irritabilität, entgegengesetzt hat. Dagegen ist der Eiweißstoff , die Grundlage der Membranen, Sehnen, Knorpeln, schon empfänglicher für das Oxygene und durch Säuren gerinnbar. Endlich der fadenartige Teil des Bluts, die Grundlage der Muskeln, enthält die größte Menge Stickstoff, wodurch jene eine ganz eigentümliche Kapazität für das Oxygene erlangen und der eigentliche Sitz der Irritabilität werden. Es ist überdies nicht schwer eine Stufenfolge der allmählichen Fortbildung der tierischen Materie bis zur Irritabilität zu bemerken. Die erste Anlage dazu erkennt man schon in der Gerinnbarkeit der flüssigen Teile (die ohne Zweifel der Gegenwart des Stickstoffs zuzuschreiben ist), auf einer höheren Stufe zeigt sie sich in der von Blumenbach außer Zweifel gesetzten Kontraktilität des Zellgewebes , endlich auf der höchsten Stufe in der Reizbarkeit der Muskeln. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß ebenso das negative Lebensprinzip, das der ersten Grundlage der tierischen Materie als toter Sauerstoff anhängt, allmählich zu negativer Elektrizität sich fortbilde, als welche es zur Substanz der Muskeln, als eigentliches Prinzip der Irritabilität, gehört. Anmerk . Wie irgend ein in der anorgischen Natur vorhandenes Prinzip in den tierischen Organen Ursache eigentümlicher Erscheinungen (z.B. der Irritabilität) sein könne, wäre freilich schwer zu begreifen, wenn man nicht annähme, daß es zu dem tierischen Stoff auch ein ganz eigentümliches und besonderes Verhältnis annehme. Daß nun z.B. das Prinzip der Irritabilität ein solches ganz eignes Verhältnis zum tierischen Stoff habe, ist sogar durch Erfahrungen ausgemacht. Hr. v. Humboldt hat gefunden, daß alle Schwammarten (d.h. Vegetabilien, die viel Stickstoff enthalten), und die im Zustande der Fäulnis einen kadaverösen, tierischen Geruch von sich geben, ebenso vollkommene Leiter in der galvanischen Kette sind als wirkliche tierische Organe. Daß sie ihre Leitungskraft nicht ihrer Feuchtigkeit verdanken, hat Hr. v. H. außer Zweifel gesetzt. »Sie leiten (sagt er in dem Werk über die gereizte Muskel- und Nervenfaser , S. 173) nicht wie nasse Leinwand und alle wasserhaltigen Substanzen, sondern wegen der eigentümlichen Mischung ihrer Faser, wegen der fast tierischen Natur ihrer Lymphe«. – Eben dieser Naturforscher hat ein, wie mir dünkt, höchst merkwürdiges Gesetz gefunden und durch Experimente bestätigt, nämlich, daß eine vegetabilische oder tierische Flüssigkeit als ein desto wirksamerer Leiter des Galvanismus erscheint, je mehr sie belebt ist, d.h. je weniger ihre Elemente nach den von uns erkannten Gesetzen der chemischen Affinität gemischt sind (a. a. O. S. 151). Ich glaube, daß es nach solchen Entdeckungen nicht mehr als Erdichtung anzusehen ist, wenn man, wie die in dieser Rücksicht über die chemischen Physiologen weit erhabenen Verteidiger der Lebenskraft , den allgemein verbreiteten Naturprinzipien in der belebten Organisation eine ganz andere Wirksamkeit zuschreibt, als sie in der anorgischen Natur zeigen. Eben daraus folgt aber auch, daß wir, um das tierische Leben zu erklären, nicht nötig haben, unbekannte Prinzipien oder dunkle Qualitäten zu fingieren. b) Leicht und natürlich ist es nun, weiter zu schließen: die Irritabilität ist gemeinschaftliches Produkt entgegengesetzter Organe , also ohne Zweifel auch entgegengesetzter Prinzipien . Da nun ein allgemeiner Dualismus der Prinzipien auch in der anorgischen Natur herrscht, so können wir, wenn nur das Eine Prinzip der Irritabilität bekannt ist, keck auf sein entgegengesetztes schließen. Wenn nun das negative Prinzip aus dem allgemeinen Medium des Lebens stammt, so ist wohl auch das positive durch dasselbe verbreitet. Es verkünden viele Erscheinungen das Dasein entgegengesetzter Prinzipien in der Atmosphäre. Um nur Eines zu nennen, so muß, da die negative Elektrizität atmosphärischen Ursprungs ist, auch ein ähnlicher Ursprung der positiven vermutet werden. Die Analogie läßt sich wirklich sehr weit treiben. Es ist an sich schon schwer zu glauben, daß die Heterogeneität der Elemente der atmosphärischen Luft, die im elektrischen Dualismus ohne Zweifel sich offenbart (oben S. 547 ff.), nicht auch auf die entgegengesetzten Prinzipien der Irritabilität einigen Bezug habe, so etwa, daß das durch die Atmosphäre verbreitete positive Prinzip auf ähnliche Weise, wie es z.B. durch den Mechanismus des Reibens zu + E modifiziert wird, im tierischen Körper zum positiven Prinzip der Irritabilität modifiziert werde. Allein wir müssen gestehen, daß alle diese Vermutungen höchst ungewiß sind, und daß durch Erfahrungen bis jetzt nichts erwiesen ist, als daß jede Irritabilitätsäußerung von einer chemischen Veränderung der irritabeln Organe begleitet sei , deren Bedingungen jedoch bis jetzt nicht erforscht sind. Anmerk. Daß der letzte Grund der galvanischen Erscheinungen in den irritabeln Organen selbst liege , scheint jetzt durch die Humboldtschen Versuche entschieden, und so wäre Galvanis große Entdeckung wieder in die Dignität eingesetzt, die ihr Voltas Scharfsinn zu rauben drohte. Daß die galvanischen Zuckungen von einer chemischen Veränderung der Organe begleitet seien, ist aus vielen Erfahrungen gewiß, da z.B. Exzitatoren, die zuvor unwirksam waren, nach wirksamen angewandt, wieder Zuckungen erregen, wenn der Prozeß einmal im Gang ist, und die galvanisierten Teile früher in Fäulnis übergehen, als die nicht galvanisierten. – Wenn man sich nun eine solche Veränderung als bewirkt unter der bestimmten Form des Galvanismus anders nicht zu erklären weiß, so kann man sich vorstellen, daß dabei eine Anziehung in entgegengesetzter Richtung stattfindet, und wenn man von der Wirkung einer solchen Anziehung handgreifliche Beispiele verlangt, in die Chemie blicken, wo man eine Menge Fälle finden wird, da zwei Körper nicht eher sich wechselseitig dekomponieren, als bis die Wirkung eines dritten hinzukommt. Folgende von Herrn v. Humboldt (S. 473) angeführte Beobachtung, die zwar nicht unmittelbar, aber doch mittelbar für den Galvanismus interessant ist, mag als Beispiel dienen. »Zwei homogene Zinkplatten mit Wasser befeuchtet aufeinander gelegt haben auf das Wasser keine Wirkung. Legt man auf dieselbe Art Zink und Silber zusammen, so wird das Wasser vom Zink zerlegt .« – Was hier das (in seinen Elementen heterogene Wasser zwischen entgegengesetzten Metallen ist) ist das (in sich selbst heterogene) tierische Organ zwischen beiden; wie dieses wird auch jenes zwischen beiden dekomponiert oder – galvanisiert, denn beides ist gleichbedeutend. Wenn man mir nun weiter verstatten will, über diese Phänomene meine Meinung zu sagen, so wünschte ich, daß man sich vorerst an die entschiedensten und evidentesten Versuche hielte, und die weniger evidenten eher nach jenen, als umgekehrt jene nach diesen beurteile. Das Evidenteste in diesen Versuchen ist nun wohl, daß die heterogensten Metalle zwischen Muskel und Nerv die heftigsten Zuckungen erregen. – Wie wirken diese Metalle ? – Dies ist die große Frage, deren Beantwortung ohne Zweifel die allgemeinste Formel für alle Fälle geben würde. – Die Metalle können auf die Organe a) nicht durch Mitteilung wirken, so etwa, daß sie entgegengesetzte Elektrizitäten in die Organe leiteten. Denn, außerdem daß eine solche eigentümliche Elektrizität der Metalle nicht erweislich ist, wäre es in der Tat schwer zu begreifen, wie durch Unterbindung selbst mit feuchten, leitenden Substanzen der Lauf der Elektrizität gehemmt werden könne. b) Auch können die Metalle nicht wirken dadurch, daß sie schon vorhandene entgegengesetzte Prinzipien in M. und N. verbinden (wie etwa nach der Flaschentheorie der Bologner Schule), denn sonst würden heterogene Metalle nicht stärker wirken als homogene. Dieser letzte Umstand muß vor allem erklärt werden. Eine Theorie, die diese Forderung nicht erfüllt, erklärt gar nichts; Voltas Theorie hat sie erfüllt, allein nach Humboldts neuen Entdeckungen ist sie als zweifelhaft zu betrachten, und Humboldts eigne Theorie beruht auf einer bloßen Möglichkeit und erklärt einige Phänomene in der Tat gar nicht . c) Es bleibt nichts übrig, als daß die Metalle dadurch wirken, aa) daß sie etwas in den Organen selbst erst erwecken ; bb) dadurch, daß sie in M. und N. entgegengesetzte Prinzipien erwecken, wobei man nun gar nicht nötig hat an ein ausströmendes galvanisches Fluidum zu denken. Die Möglichkeit einer solchen Erweckung – (nach der atomistischen Philosophie freilich kann ein Körper auf den andern überhaupt nur durch Mitteilung wirken) – kann nun doch nach Wells und Humboldts Experimenten nicht mehr geleugnet werden, die sogar die Metalle selbst galvanisiert , d.h. einem durch das andere Exzitationskraft erteilt haben (vgl. den letztern, S. 242); oder glaubt man etwa, daß hier ein Metall dem andern auch einen unbekannten Stoff mitteile? – Muß man nicht glauben, daß Zink und Silber, wenn sie durch einen metallischen Bogen verbunden worden, ineinander dieselbe Veränderung hervorbringen, die sie in dem zwischen ihnen eingeschlossenen Organ (der Zunge oder dem Muskel) hervorbringen, obgleich diese Veränderung sich nicht durch Bewegungen offenbart? Welche Veränderungen Körper durch bloße Berührung ineinander hervorbringen, sehen wir in den meisten Fällen nicht, weil wir weder Instrumente noch Organe haben, die uns dies anzeigen: in diesem Fall zeigt es uns das reizbarste aller Organe an. Der Galvanismus ist also etwas weit Allgemeineres, als man gewöhnlich sich vorstellt. – Die Analogien drängen sich auf. Wenn man eine (dünne) idioelektrische Platte auf der einen Seite mit Wolle reibt und auf der andern während des Reibens den Finger aufsetzt, wird die eine Seite der Platte positiv -, die andere negativ -elektrisch. So, wenn die galvanische Kette sich schließt, treten die Elemente des Galvanismus (man verzeihe uns diesen Ausdruck, den wir bloß brauchen, um uns verständlich zu machen), an N. und M. gleichsam als entgegengesetzten Polen der Irritabilität auseinander38. – Dieser Satz: daß heterogene Metalle entgegengesetzte Beschaffenheiten in N. und M. – (einen Dualismus der Prinzipien) – erwecken, oder wieder trennen, was im Leben kontinuierlich getrennt wird (Ideen zur Ph. d. Nat . S. 64 [dieses Bandes S. 233]), muß als Prinzip aller weiteren Untersuchung zugrunde gelegt werden. Da nämlich der letzte Grund der galvanischen Erscheinungen in der (durch kein Mittel auszuschließenden) ursprünglichen Heterogeneität der Organe , wodurch diese einer wechselseitigen Erregung fähig werden, zu suchen ist, so läßt sich begreifen, daß wenn auch nur homogene Metalle oder feuchte Teile die Kette zwischen N. und M. schließen (wobei diese nur als Fortsetzungen von N. und M. dienen), oder wenn der Nerv auf den entblößten Muskel mittelst einer isolierenden Substanz zurückgeworfen wird (ein Versuch, der fast immer, und oft lange Zeit gelingt), oder wenn auch gar keine Kette Nerv und Muskel verbindet, z.B. wenn der einfache isolierte Nerv an einem Punkt nur mit Zink oder Silber berührt wird (ein Versuch, der sehr oft gelingt, und von dem die Humboldtschen Versuche [Fig. 9 ff.] ohne Kette bloße Modifikationen sind) – daß, sage ich, in allen diesen Fällen Zuckungen entstehen können , weil diese leiseste Veränderung des Nerven den Dualismus der Prinzipien in N. und M. und dadurch den Prozeß wieder anfachen kann, der sogar oft freiwillig geschieht, wenn das sich selbst überlassene Organ ohne äußeren Stimulus, von selbst gleichsam sich entladend, in Zuckungen gerät. Erst, wenn diese allgemeinen Prinzipien des Galvanismus im Reinen sind, wird es Zeit sein, nun dem Materiellen in diesen Erscheinungen emsig nachzuspüren, wobei nun vorzüglich die entgegengesetzte chemische Beschaffenheit der Exzitatoren (die man von bloßen Leitern genau unterscheiden muß) in Betrachtung gezogen werden kann, z.B. ihr entgegengesetztes Verhältnis zum Sauerstoff und zur Elektrizität, da jetzt nach dem, was Hr. v. Humboldt hierüber gesagt hat (S. 124 seines oft angeführten Werks), auch der Braunstein nicht mehr als Ausnahme von der Regel (daß kein Körper, der nicht zum Oxygene Verwandtschaft hat und die Elektrizität leitet, Exzitator des Galvanismus ist), angeführt werden kann. Am nächsten zum Ziel müßte es wohl führen, sich die Exzitatoren selbst nach Analogien zu erfinden (wie z.B. Schwefelleber am Nerv, Salzsäure am Muskel), worin Humboldt einen vortrefflichen Anfang gemacht hat, durch die (freilich nach meinen eignen Experimenten noch nicht ganz ins Reine gebrachte) Entdeckung der entgegengesetzten Wirkung, die Alkalien und Säuren auf N. und M. haben, wo man den Dualismus der Prinzipien gleichsam mit Händen greift – in der Atmosphäre ist das principe oxygène und alcaligène, der Galvanismus erregt auf der Zunge sauren und alkalinischen Geschmack, je nachdem Silber oder Zink oben liegt; denn daß einige den alkalinischen durch Silber erregten Geschmack nur für einen schwächeren säuerlichen ausgeben, rührt von einer Täuschung her, weil jener Geschmack bei Aufhebung des Kontakts wirklich in den entgegengesetzten übergeht, aus demselben Grund ohne Zweifel, aus welchem, wenn Silber am Nerven und Zink am Muskel außer Kontakt kommen , ebenso gut Zuckungen entstehen, als wenn sie sich berühren . – Pfaff (über tierische Elektrizität , S. 74) hat schon das Gesetz gefunden: daß diejenigen Armaturen, welche an die Nerven angebracht, mit ihren entgegengesetzten schwächer wirken, als wenn diese an die Nerven angebracht werden, auch dann Zuckungen erregen, wenn die Muskelexzitatoren mit ihnen außer Berührung kommen – ein Satz, der sich auch bei dem Blitzversuch bestätigt, da, wenn Zink auf der Zunge, Silber zwischen der Oberlippe liegt, der Blitz, auch bei Aufhebung des Kontakts, bei umgekehrter Ordnung der Metalle nur bei der ersten Berührung erfolgt – ein Satz, worin ich den Keim einer künftigen Theorie des Galvanismus (die gewiß zustande kommt) erkenne, und der mit einigen andern Sätzen in genauem Zusammenhang steht, z.B. daß die Exzitatoren, welche zum Oxygene die größte Verwandtschaft haben, am Nerven die heftigsten Zuckungen, zwischen der Oberlippe, wenn die entgegengesetzten Metalle an der Zunge liegen, den stärksten Blitz verursachen, daß aber, wenn die Armaturen oft verwechselt werden, die Zuckungen am ausdauerndsten sind, dagegen z.B. Zink a. N., Silber a. M., wenn sie nicht verwechselt werden, erst die heftigsten Zuckungen erregen, bald die Irritabilität erschöpfen. – In solchen kleinen, leicht übersehenen Beobachtungen liegt für den vorurteilsfreien Kopf, der, wenn ich sagen darf, mit keuschen Sinnen an die Untersuchung geht, die einfache lautere Wahrheit, die Einmal an den Tag gebracht, für die ganze Physiologie ein neues, kaum geahntes, Licht aufstellen wird. 5. Die Irritabilität ist gleichsam der Mittelpunkt, um den alle organischen Kräfte sich sammeln; ihre Ursachen entdecken, hieße das Geheimnis des Lebens enthüllen und den Schleier der Natur aufheben. a) Wenn die Natur dem animalischen Prozeß die Irritabilität entgegensetzte , so hat sie hinwiederum der Irritabilität die Sensibilität entgegengesetzt . Die Sensibilität ist keine absolute Eigenschaft der tierischen Natur, sie ist nur als der Gegensatz Erste Ausgabe: »als das Negative «. der Irritabilität vorstellbar. Daher so wenig Irritabilität ohne Sensibilität, als Sensibilität ohne Irritabilität. Auf Sensibilität wird überhaupt nur geschlossen aus eigentümlichen und willkürlichen Bewegungen, die ein äußerer Reiz im Lebenden hervorbringt. Auf das Lebende wirkt das Äußere anders als auf das Tote, das Licht ist nur für das Auge Licht; auf diese Eigentümlichkeit der Wirkungen aber, welche ein äußerer Reiz auf das Lebende hat, kann nur aus der Eigentümlichkeit der Bewegungen , welche darauf erfolgen, geschlossen werden. Also ist dem Tier durch die Sphäre möglicher Bewegungen auch die Sphäre möglicher Empfindungen bestimmt. So vielerlei willkürlicher Bewegungen das Tier fähig ist, ebenso vielerlei sensibler Eindrücke, und umgekehrt. Durch die Sphäre seiner Irritabilität also ist dem Tier die Sphäre seiner Sensibilität, und umgekehrt durch die Sphäre seiner Sensibilität die Sphäre seiner Irritabilität bestimmt. Eben dadurch nämlich – um es mit Einem Worte zu sagen – unterscheidet sich das Lebende vom Toten, daß dieses jedes Eindrucks fähig ist, diesem aber eine bestimmte Sphäre eigentümlicher Eindrücke durch seine eigne Natur zum voraus bestimmt ist . Im Tier nämlich ist ein Trieb zur Bewegung, aber die Richtung dieses Triebs ist ursprünglich unbestimmt . Nur insofern der Trieb zur Bewegung ursprünglich im Tier ist, ist es der Sensibilität fähig, denn Sensibilität ist nur das Negative jenes Triebs . Daher erlischt zugleich mit dem Trieb zur Bewegung auch die Sensibilität (im Schlaf), und umgekehrt, mit wiederkehrender Sensibilität stellt sich auch der Trieb zur Bewegung wieder ein. Träume sind die Vorboten des Erwachens . Die Träume des Gesunden sind Morgenträume . – Sensibilität also ist im Tier nur, insofern in ihm Trieb zur Bewegung ist. Dieser Trieb aber geht ursprünglich (wie jeder Trieb) auf ein Unbestimmtes. Bestimmt wird ihm seine Richtung nur durch den äußern Reiz. Irritabilität also, ursprünglich das Negative des animalischen Prozesses , ist das Positive der Sensibilität . Fassen wir endlich Irritabilität und Sensibilität in einem Begriff zusammen, so entsteht der Begriff des Instinkts (denn der Trieb zur Bewegung, durch Sensibilität bestimmt, ist Instinkt ), und so wären wir denn durch allmähliche Trennung und Wiedervereinigung entgegengesetzter Eigenschaften im Tier auf die höchste Synthesis gekommen, in welcher das Willkürliche und Unwillkürliche, Zufällige und Notwendige der tierischen Funktionen vollkommen vereinigt ist. Anmerk . Da unsere gegenwärtige Untersuchung den rein physiologischen Standpunkt genommen hat, so kann hier nicht umständlicher ausgeführt werden, wie der Satz: »Sensibilität ist nur das Umgekehrte der Irritabilität« – philosophisch weiter und tiefer greift, als manchem erst scheinen möchte. Das Tier sieht und hört nur vermittelst seines Instinkts – ( Leibniz sagt irgendwo, daß auch die Tiere erhabenere Vorstellungen haben, weil sie der Eindrücke des Lichts empfänglich seien; allein das Licht auch ist für das Tier nur ein Medium seines Instinkts , und als solches erscheint es nur einem höheren Sinne). – Ebenso sieht und hört der Mensch, was er sieht und hört, nur vermittelst eines höheren Instinkts, der, wo er vorzugsweise auf das Große und Schöne gerichtet ist, Genie heißt; überhaupt ist alles Erkennen das Negative eines (vorausgesetzten) Positiven; der Mensch erkennt nur das, was er zu erkennen Trieb hat; es ist vergebliche Arbeit, Menschen etwas verständlich zu machen, was zu verstehen sie gar keinen Drang haben. – So sammelt sich endlich das Mannigfaltige in jedem Naturwesen im Instinkt , als der alles belebenden Seele, ohne deren Antrieb nie ein in sich selbst vollendetes Ganzes zustande käme. b) Außerdem, daß Sensibilität überhaupt nicht als absolute Eigenschaft der tierischen Natur vorstellbar ist, zeigt auch die Erfahrung nicht nur, daß die Sensibilität dem animalischen Prozeß Abbruch tut, sondern auch, daß im einzelnen Individuum mit unnatürlich wachsender Irritabilität (in hitzigen Krankheiten) die Sensibilität verloren geht oder zerrüttet wird, und daß auch in der Reihe der belebten Wesen die Sensibilität im umgekehrten Verhältnis der Irritabilität wächst und abnimmt. Wenn nach dem oben (S. 647) aufgestellten Gesetz die Willkür der Bewegungen in einem Organ wie die Anzahl und Größe seiner Nerven zunimmt, so ist klar, daß das von Sömmering entdeckte Gesetz, daß mit der verhältnismäßigen Dicke und Größe der Nerven die intellektuellen Anlagen abnehmen ( Sömmering de basi encephali, p. 17. Über die körperliche Verschiedenheit des Negers vom Europäer , S. 59) nichts anderes sagt, als daß die Sensibilität im umgekehrten Verhältnis der Irritabilität wachse und abnehme . So hat also die Natur, indem sie die Bewegung der Willkür ganz zu überantworten schien, sie durch Erhöhung der Sensibilität der Willkür wieder entzogen ; denn die Bewegungen der empfindlichsten Tiere sind auch am wenigsten willkürlich , und umgekehrt, die größte Willkür der Bewegungen ist in den trägen Geschöpfen. So nimmt mit steigender Sensibilität des Nervensystems das Willkürliche (Abgemessene) der Bewegungen durch die ganze Reihe der Organisationen, und sogar in Individuen derselben Gattung (nach Verschiedenheit des Geschlechts, Klimas, Temperaments usw.) regelmäßig ab. c) Da nun Steigen und Fallen der Irritabilität dem Fallen und Steigen der Sensibilität parallel geht, und diese sonach nur das Umgekehrte von jener ist, so wären, wenn nur die materiellen Prinzipien der Irritabilität gefunden wären, eben damit auch die materiellen Prinzipien der Sensibilität gefunden, was nun auch durch unmittelbare Erfahrungen bestätigt wird, da dieselbe Ursache, welche tierische Bewegungen hervorbringt (der galvanische Reiz z.B.) auch Sensationen verursacht. Anmerk . Das Allgemeinste, was man über die Ursachen der Sensibilität jetzt schon sagen kann, ist, daß auch in ihnen ein Dualismus der Prinzipien herrschen muß, und so wäre vom Licht an, – das an jedem einzelnen Strahl eine doppelte Seite zeigt ( Newton , Optic.III, quaest. 26) und an heterogenen Rändern wie an entgegengesetzten Polen auseinander tritt – (nach Goethes Beiträgen zur Optik ) bis zum höchsten, was die Natur erreicht hat (der Sensibilität), ein Gesetz – ein allgemeines Auseinandergehen in entgegengesetzte Prinzipien herrschend. Die Naturforscher scheinen sich gescheut zu haben, in dieses innere Heiligtum der Natur mit Experimenten zu dringen, so gering ist noch unsere Kenntnis von dem edelsten Organ, das über den animalischen Prozeß erhaben, durch seine Natur und Mischung ohne Zweifel gegen jede Teilnahme an demselben neutralisiert (gesichert), zum eigentlichen Sitz des Denkens von jeher bestimmt schien. Gleichwohl ist die Bildung und Organisation dieses auf den ersten Anblick einer unorganischen Masse ähnlichen Eingeweides bis in das Kleinste so konstant und gleichförmig, daß man zum voraus eine große Mannigfaltigkeit von Funktionen, zu denen es bestimmt ist, zu erwarten Grund hat. Der Hauptgrund aber, warum auf dem Wege der Erfahrung in dieser Gegend noch so wenig erforscht ist, ist ohne Zweifel das Vorurteil, daß ein solcher Gegenstand für den menschlichen Geist überhaupt unerforschlich sei. Hierüber nur so viel: Nach Prinzipien der Transzendentalphilosophie ist davon, wie Vorstellungen auf materielle Organe, z.B. das Gehirn, wirken, so wenig ein verständlicher Begriff möglich, als davon, wie umgekehrt materielle Ursachen auf eine Intelligenz einwirken. Diejenigen, welche eine Wechselwirkung zwischen Geist und Körper dadurch begreiflich zu machen glauben, daß sie zwischen beide feine, ätherische Materien als Medium treten lassen, sind wahrhaftig nicht scharfsinniger, als jener, der glaubte, wenn man nur einen recht weiten Umweg machte, müßte man endlich zu Land – nach England kommen. – Die Philosophie, solcher Behelfmittel der Trägheit müde, hat sich eben deswegen von dem Empirismus losgerissen und die Funktionen der Intelligenz rein-transzendental zu betrachten angefangen. Es bleibt den Physikern nichts übrig, als hinwiederum an ihrem Teil die Funktionen des animalischen Lebens rein-physiologisch zu betrachten. Ihre Sorge ist das nicht, wie endlich diese ganz entgegengesetzte Ansicht der Dinge zu einer gemeinschaftlichen sich vereinigen werde. Auf diese rein-physiologische Ansicht suche ich die Untersuchung über tierische Sensibilität einzuschränken, indem ich sie als das Entgegengesetzte der Irritabilität aufstelle, denn nur wenn sie dieses ist, hat man Hoffnung, auch ihre Funktionen endlich auf Bewegungen zurückführen zu können, was man zwar von jeher – aber immer vergebens – versucht hat. 6. Da es nun dem Bisherigen zufolge unleugbar ist, daß im lebenden Wesen eine Stufenfolge der Funktionen statthat, da die Natur dem animalischen Prozeß die Irritabilität, der Irritabilität die Sensibilität entgegenstellte, und so einen Antagonismus der Kräfte veranstaltete, die sich wechselseitig das Gleichgewicht halten, indem, wie die eine steigt, die andere fällt, und umgekehrt, so wird man auf den Gedanken geleitet, daß alle diese Funktionen nur Zweige einer und derselben Kraft seien , und daß etwa das Eine Naturprinzip, das wir als Ursache des Lebens annehmen müssen, in ihnen nur als in seinen einzelnen Erscheinungen hervortrete , ebenso wie ohne Zweifel ein und dasselbe allgemeinverbreitete Prinzip im Licht, in der Elektrizität usw. nur als in verschiedenen Erscheinungen sich offenbart. Anmerk . Da große Naturforscher zu demselben Resultat auf anderem Wege gelangt sind, so kann man zu dieser Idee um so kecker Zutrauen fassen. Besonders bestätigt sie sich durch Betrachtung der fortschreitenden Entwicklung der organischen Kräfte in der Reihe der Organisationen, worüber ich den Leser auf die schon im Jahr 1793 erschienene Rede des Hrn. Professor Kielmeyer über diesen Gegenstand verweise, eine Rede, von welcher an das künftige Zeitalter ohne Zweifel die Epoche einer ganz neuen Naturgeschichte rechnen wird. 7. Auf der tiefsten Stufe würde sich dieses Prinzip in dem allgemeinen Bildungstrieb offenbaren, den wir als Prinzip aller Organisation voraussetzen müssen; denn die Bildungskraft , die auch der toten Materie zukommt, allein konnte nur tote Produkte erzeugen. Die ursprünglichste Anlage der Materie zur Organisation liegt allerdings in den bildenden Kräften, die der Materie als solcher zukommen, weil ohne sie gar kein Ursprung einer durch Figur und Kohäsion unterscheidbaren Materie denkbar ist. Eben deswegen aber, weil die Bildungskraft auch in der anorgischen Natur herrschend ist, muß zu ihr in der organischen Natur ein Prinzip hinzukommen, das diese über jene erhebt. – Es fragt sich, wie die allgemeine Bildungskraft der Materie in Bildungstrieb übergehe? Im Begriffe des Bildungstriebs liegt, daß die Bildung nicht blind, d.h. durch Kräfte, die der Materie als solcher eigen sind, allein geschehe, sondern daß zu dem Notwendigen , was in diesen Kräften liegt, das Zufällige eines fremden Einflusses hinzu komme, der, indem er die bildenden Kräfte der Materie modifiziert, Erste Ausgabe: »stört«. sie zugleich zwingt, eine bestimmte Gestalt zu produzieren. In dieser eigentümlichen Gestalt, die die Materie sich selbst überlassen nicht annimmt, liegt eben das Zufällige jeder Organisation, und dieses Zufällige der Bildung eigentlich wird durch den Begriff des Bildungs triebs ausgedrückt. Die Bildungs kraft wird also zum Bildungs trieb , sobald zu der toten Wirkung der ersten etwas Zufälliges, etwa der störende Einfluß eines fremden Prinzips hinzukommt. Dieses fremde Prinzip kann nun nicht wieder eine Kraft sein; denn Kraft überhaupt ist etwas Totes ; dieses Tote aber, was in bloßen Kräften liegt, soll eben hier ausgeschlossen werden. Der Begriff Lebenskraft ist sonach ein völlig leerer Begriff. Ein Verteidiger dieses Prinzips hat sogar den klugen Gedanken, sie als ein Analogen der Schwerkraft anzusehen, die man ja, sagt er, auch nicht weiter erklären könne! Das Wesen des Lebens aber besteht überhaupt nicht in einer Kraft , sondern in einem freien Spiel von Kräften , das durch irgend einen äußern Einfluß kontinuierlich unterhalten wird. Das Notwendige im Leben sind die allgemeinen Naturkräfte, die dabei im Spiel sind; das Zufällige, das durch seinen Einfluß dieses Spiel unterhält, muß ein besonderes , d.h. mit andern Worten ein materielles Prinzip sein. Organisation und Leben drücken überhaupt nichts an sich Bestehendes, sondern nur eine bestimmte Form des Seins, ein Gemeinsames aus mehreren zusammenwirkenden Ursachen aus. Das Prinzip des Lebens ist also nur die Ursache einer bestimmten Form des Seins, nicht die Ursache des Seins selbst (denn eine solche ist gar nicht zu denken). Die Kräfte also, die während des Lebens im Spiel sind, sind keine besonderen , der organischen Natur eignen Kräfte; was aber jene Naturkräfte in das Spiel versetzt, dessen Resultat Leben ist, muß ein besonderes Prinzip sein, das die organische Natur aus der Sphäre der allgemeinen Naturkräfte gleichsam hinwegnimmt, und was sonst totes Produkt bildender Kräfte wäre, in die höhere Sphäre des Lebens versetzt. So allein erscheint der Ursprung aller Organisationen als zufällig , wie es dem Begriff der Organisationen nach sein soll; denn die Natur soll sie nicht notwendig hervorbringen; wo sie entsteht, soll die Natur frei gehandelt haben; nur insofern die Organisation Produkt der Natur in ihrer Freiheit (eines freien Naturspiels) ist, kann sie Ideen von Zweckmäßigkeit aufregen, und nur insofern sie diese Ideen aufregt, ist sie Organisation . Jenes Prinzip nun, da es Ursache des Lebens ist, kann nicht hinwiederum Produkt des Lebens sein. Es muß also mit den ersten Organen des Lebens in unmittelbarer Beziehung stehen. Es muß allgemein verbreitet sein, obgleich es nur da wirkt, wo es eine bestimmte Rezeptivität findet. So ist die Ursache des Magnetismus überall gegenwärtig, und wirkt doch nur auf wenige Körper. Der magnetische Strom findet die unscheinbare Nadel auf dem offenen, freien Meer so gut als im verschlossenen Gemach, und wo er sie findet, gibt er ihr die polarische Richtung. So trifft der Strom des Lebens, von wannen er komme, die Organe, die für ihn empfänglich sind, und gibt ihnen, wo er sie trifft, die Tätigkeit des Lebens. Dieses Prinzip nun ist in seinen Wirkungen allein durch die Rezeptivität des Stoffes beschränkt, mit dem es sich identifiziert hat, und je nach Verschiedenheit dieser Rezeptivität mußten verschiedene Organisationen entstehen. Eben deswegen ist jenes Prinzip, obgleich aller Formen empfänglich, doch ursprünglich selbst formlos ( amorphon ) und nirgends als bestimmte Materie darstellbar. So konnte sich jenes allgemeine Prinzip des Lebens in einzelnen Wesen individualisieren , sowie durch Überlieferung durch alle Geschlechter hindurch in ununterbrochenem Zusammenhang bleiben mit allen lebenden Wesen. – Das Prinzip des Lebens ist nicht von außen in die organische Materie (etwa durch Infusion) gekommen – (eine geistlose, doch weitverbreitete Vorstellung) –, sondern umgekehrt, dieses Prinzip hat sich die organische Materie angebildet . So indem es in einzelnen Wesen sich individualisierte und hinwiederum diesen ihre Individualität gab, ist es zu einem aus der Organisation selbst unerklärbaren Prinzip geworden, dessen Einwirkung nur als ein immer reger Trieb dem individuellen Gefühl sich offenbart. Dieses Prinzip, da es Ursache des Lebens ist, kann nun nicht als Bestandteil in den Lebensprozeß eingehen; keiner chemischen Verwandtschaft unterworfen, ist es das Unveränderliche ( aphtharton ) in jedem Organisierten. – Davon freilich kann nicht die Rede sein, daß dieses Prinzip die toten Kräfte der Materie im lebenden Körper aufhebe , wohl aber, daß es 1. diesen toten Kräften eine Richtung gebe, die sie, sich selbst überlassen, in einer freien ungestörten Bildung , nicht genommen hätten: 2. daß es den Konflikt dieser Kräfte, die, sich selbst überlassen, sich bald in Gleichgewicht und Ruhe versetzt hätten, immer neu anfache und kontinuierlich unterhalte. Da dieses Prinzip, als Ursache des Lebens, jedem Auge sich entzieht, und so in sein eigen Werk sich verhüllt, so kann es nur in den einzelnen Erscheinungen, in welchen es hervortritt, erkannt werden, und so steht die Betrachtung der anorgischen so gut wie der organischen Natur vor jenem Unbekannten stille, in welchem die älteste Philosophie schon die erste Kraft der Natur vermutet hat. Alle Funktionen des Lebens und der Vegetation stehen mit den allgemeinen Naturveränderungen in solchem Zusammenhang, daß man das gemeinschaftliche Prinzip beider in einer und derselben Ursache suchen muß. Wir sehen, daß der reichlichere Zufluß des Lichts eine allgemeine Bewegung in der organischen Natur zur Folge hat, die man doch nicht dem unmittelbaren Einfluß des Lichts selbst, soweit wir seine Kräfte kennen, sondern eher einem Prinzip zuschreiben kann, das allgemein verbreitet ist, und aus dem vielleicht selbst erst durch unbekannte Operationen das Licht erzeugt wird, so wie hinwiederum dieses dazu dient, jenes Prinzip immer neu anzufachen. Es ist auffallend wenigstens, daß, unerachtet die Quelle des Lichts nicht versiegt und in der Beschaffenheit der Luft und der Witterung keine bemerkliche Veränderung vorgegangen ist, manche Jahre doch durch allgemeinen Mißwachs und gehemmten Fortgang der Vegetation sich auszeichnen. Die Ursachen der meteorologischen Veränderungen sind noch nicht erforscht und ohne Zweifel in höheren Prozessen zu suchen; eben diese Veränderungen nun beweisen auf den sensibeln Körper eine Wirkung, die man aus der chemischen oder hygrometrischen Beschaffenheit der Luft nicht zu erklären weiß. – Es ist also anzunehmen, daß außer den Bestandteilen der Atmosphäre, die wir chemisch darstellen können, in ihr ein besonderes Medium verbreitet sei, durch welches alle atmosphärischen Veränderungen dem lebenden Körper fühlbar werden. – Wenn die Atmosphäre mit Elektrizität überladen ist, verraten fast alle Tiere eine besondere Bangigkeit, während des Gewitters gelingen die galvanischen Versuche besser, stärker leuchtet der Hunter'sche Blitz, unerachtet kein Grund ist zu glauben, daß die Elektrizität unmittelbar Ursache dieser Erscheinungen sei. Den Ausbruch großer Erdbeben hat, mit veränderter Farbe des Himmels, Traurigkeit und selbst das Wehklagen mancher Tiere verkündet, als ob dieselbe Ursache, welche Berge verschüttet und Inseln aus dem Meere emporhebt, auch die atmende Brust der Tiere höbe – Erfahrungen; die man nicht erklären kann, ohne eine allgemeine Kontinuität aller Naturursachen und ein gemeinschaftliches Medium anzunehmen, durch welches allein alle Kräfte der Natur auf das sensible Wesen wirken. Da nun dieses Prinzip die Kontinuität der anorgischen und der organischen Welt unterhält und die ganze Natur zu einem allgemeinen Organismus verknüpft, so erkennen wir aufs neue in ihm jenes Wesen, das die älteste Philosophie als die gemeinschaftliche Seele der Natur ahndend begrüßte, und das einige Physiker jener Zeit mit dem formenden und bildenden Äther (dem Anteil der edelsten Naturen) für Eines hielten. Anhang Nachträge und Belege zum ersten Abschnitt Zu S. 496. Hr. Richter in seiner Phlogometrie nimmt als negative Materie des Lichts den Brennstoff an, und läßt die Farben aus den verschiedenen Verhältnissen des Lichtstoffs zum Brennstoff entstehen; diese Verhältnisse hat er sogar in Buchstabenfunktionen ausgedrückt, worin ihm nun auch Hr. Voigt in einer Abhandlung über farbiges Licht usw. in Grens Journal nachgefolgt ist. Da die Farben der Körper so genau mit den Graden ihrer phlogistischen Beschaffenheit übereinstimmen, so sieht man, daß beide Vorstellungsarten gleich viel für sich haben, nur daß die unsrige an die Stelle des hypothetischen Brennstoffs das gewisse Oxygene setzte. Hier folgte in der ersten Ausgabe noch der weitere Nachtrag: » Zu ders. Seite . Daß kein geteilter Strahl im zweiten Prisma weiter verändert wird, hat lange den Glauben an die Zusammengesetztheit des Lichts aus sieben ursprünglich-verschiedenen Strahlen erhalten, und diese Vorstellung hatte etwas Anziehendes, weil sie unsere Begriffe von der Mannigfaltigkeit der Natur, selbst im scheinbar Einfachsten, zu erweitern schien. Allein der Begriff der absoluten Einfachheit ist schon an sich falsch in der wahren Physik. Überdies wenn die Farbenstrahlen voneinander nur durch verschiedene quantitative Verhältnisse sich unterscheiden, muß jeder noch als zusammengesetzt, jeder also auch als teilbar im Prisma betrachtet werden, wenn auch diese Teilbarkeit in der Anschauung nicht darstellbar ist.« Zu S. 500. Ich betrachte es wirklich als noch unausgemacht, ob nicht das farbige Licht auch derjenigen Körper, die man gewöhnlich nicht zu den Phosphoren rechnet, ein diesen Körpern eigentümliches Licht sei. Da in der Natur nur graduale Verschiedenheit stattfindet, so ist sehr denkbar, daß die farbigen Körper sich von den sogenannten Lichtmagneten nur durch einen geringeren Grad der Phosphoreszenz unterscheiden, und daß mit den schwarzen Körpern erst die Eigenschaft der Phosphoreszenz aufhört. Es gibt weder absolutes Licht noch absolutes Dunkel. Selbst in der dunkelsten Nacht nicht hören die Körper auf schwach zu leuchten. Wenn unser Auge dieses schwache Licht nicht sammelt, so tut es doch das Auge der Albinos, der Nachtvögel, der Raubtiere usw. Ein heftiger plötzlicher Schrecken verwandelt oft schnell unsere Augen in Lichtsammler , daß sie alle Gegenstände erleuchtet sehen und selbst die kleinsten unterscheiden. ( Goth. Magaz. für das Neueste aus der Phys. Bd. II, S. 155.) – Das Licht verändert die Farbe der meisten Körper, teils indem es sie zunächst ihrer Oberfläche schwach oxydiert (wodurch die Farben immer heller werden), teils indem es sie phlogistisiert (denn das Licht hat nach der verschiedenen Beschaffenheit der Körper ganz verschiedene Wirkungen auf sie). – Viele Körper zeigen Phosphoreszenz erst, wenn sie bis zu einem gewissen Grade kalziniert sind. So zeigen Austerschalen, wenn sie mit Salpetersäure – oft auch, wenn sie nur mit Feuer behandelt werden – prismatische Farben, lebhafter als der Regenbogen. – Überhaupt ist es nun nach Wilson ausgemacht, daß in künstlicher Nacht beinahe jeder Körper phosphoresziert. – Daß dieses eigentümliche Licht atmosphärischen Ursprungs ist, erhellt aus manchen Erfahrungen, die man in Scherers Nachträgen zu seinen Grundzügen der neuen chem. Theorie S. 86 ff. gesammelt findet. Da nun noch viele andere Phänomene, z.B. die Verschiedenheit des eigentlich reflektierten (von polierter Oberfläche unter einem Winkel, der dem Einfallswinkel gleich ist, zurückgeworfenen) Lichts vom farbigen Licht (denn warum ist jenes Licht nicht auch farbig ? – daß die Oberfläche poliert ist, erklärt nur, warum es nicht nach allen Seiten zerstreut, nicht aber warum es nicht farbig wird) – ferner die Verschiedenheit des Refraktions- und Reflexionslichts durchsichtiger Körper, welche Newton schon zu Hypothesen eines vom Licht verschiedenen (ätherischen) Mediums führte, dafür sprechen, daß die Empfindung der Farbe durch ein ganz anderes Mittel, als durch das fremde , von der Oberfläche der Körper zurückgeworfene Licht erregt wird (um so mehr, da nach Newton die Reflexion so gut als die Refraktion nicht auf der Oberfläche selbst geschieht), – dies alles zusammengenommen macht wahrscheinlich, daß durch das Sonnenlicht ein eigentümliches, durch die Atmosphäre verbreitetes Medium angeregt wird, in bezug auf welches die Erde Ein großer Lichtmagnet ist, und das man als die wahre Ursache aller optischen Phänomene ansehen kann, durch welches allein auch Körper in die Ferne sichtbar werden. – Etwas Ähnliches hat schon Joh. Mayow angenommen, s. seine Tractatus quinque etc. p. 205. Zu S. 509. Daß die Wärmekapazität der Körper mit der Oxydation zunehme – dieses Gesetz hat schon Hr. von Humboldt aufgestellt, wie ich aus seinem Werk über den Galvanismus S. 120 ersehe. – Ob derselbe Schriftsteller auch den Grund dieses Gesetzes angegeben habe (wie das in der gegenwärtigen Schrift geschehen ist), weiß ich nicht. Zu S. 531 ff. Einige Experimente, die Natur der elektrischen Materie betreffend . A. Versuche über das Elektrisieren in verdünnter Luft und in verschiedenen Luftarten I. Versuche in verdünnter Luft Der Ruhm, zuerst unter der Glocke der Luftpumpe elektrisiert zu haben, gebührt dem berühmten 's Gravesande , dem hierin van Marum nachfolgte. Man sehe des Letztern Abhandlung über das Elektrisieren , deutsche Übersetzung, S. 69 ff. Was durch den Versuch des Letztem entschieden ist, daß die Luft, obgleich in hohem Grade verdünnt, doch elektrische Erregung verstattet , mit diesem Satze stimmen viele andere Erfahrungen überein; daß man aber daraus nichts gegen unsere Hypothese vom Ursprung der elektrischen Erscheinungen folgen könne, davon überzeugen mich folgende Gründe: a) die Luft kann nur bis zu einem gewissen Grade verdünnt werden. b) Daß im völlig luftleeren Raum keine elektrische Erregung möglich ist, beweisen die Barometer, die, wenn nur das Vakuum in ihnen erreicht ist, nicht leuchten. c) Van Marum selbst bemerkt, die elektrischen Funken in verdünnter Luft seien nicht so häufig als in freier Luft, aber sie seien viel länger und breiten sich mehr in einzelnen Strahlen aus . (Man erinnere sich hier an das Verhalten der mitgeteilten Elektrizität in verdünnter Luft, wie z.B. eine Glasröhre, in der die Luft verdünnt ist, durch einen kleinen Funken mit einem strahlenden Lichte völlig erfüllt wird usw.) Es ist wahrscheinlich, daß die Ursache dieser Verbreitung die größere elektrische Leitungskraft der verdünnten Luft ist. d) Es sind doch Erfahrungen vorhanden, welche beweisen, daß nur ein gewisser Grad der Luftverdünnung noch Erreichung von Funken verstattet. » Barletti «, so erzählen Brugnatellis Annali di Chim. T. V., »hat in Gegenwart der berühmtesten italienischen Naturlehrer die Versuche von Hawkesbee, Musschenbroek und Nollet wiederholt und gefunden, daß im ganz luftleeren Raume Stahl an Stein gerieben keine Funken , höchstens ein mattes Leuchten zeigt und keinen Eisenkalk gibt«. Vgl. Scherers Nachträge zu den Grundzügen der neuen ehem. Theorie, S. 207. Pictet (Versuch über das Feuer . Deutsche Übersetzung, S. 189) hatte die Luft unter der Glocke so weit verdünnt, daß sie nur noch eine 4 Linien hohe Quecksilbersäule hielt. Er meinte anfänglich das Reiben der beiden Substanzen, die er dazu anwandte (eine Schale von gehärtetem Stahl und ein Stück Diamantspat), die in freier Luft Funken erregten und Strahlenbüschel zeigten, habe nicht einmal Licht , geschweige denn Funken erregt; da er aber den Versuch in einer vollkommenen Dunkelheit abermals vornahm, bemerkte er an den Berührungspunkten nur einen phosphorartigen Schein , demjenigen ähnlich, den man beim Aneinanderschlagen harter Steine in der Dunkelheit erblickt. II. Versuche in verschiedenen Luftarten 1. Wenn die elektrische Materie nur zerlegtes Oxygene ist, so muß sie in der Lebensluft weit stärker als in der gemeinen atmosphärischen Luft erregt werden. 2. Wenn beim Elektrisieren irgend eine andere Materie, z.B. das Azote, ins Spiel kommt, so kann in reiner Lebensluft keine Elektrizität erregt werden. 3. Wenn zum Elektrisieren die Gegenwart der Lebensluft erforderlich ist, so muß es unmöglich sein, Elektrizität in mephitischen Luftarten zu erregen. Diese drei Sätze wird man von selbst zugeben. Die ersten Versuche über die Erregung der Elektrizität in verschiedenen Medien hat van Marum gemacht. Es ist sehr zu bedauern, daß seine Versuche nicht mit der Präzision angestellt sind, die man jetzt, nachdem man die genauesten Versuche über das Verbrennen als Muster vor sich hat, zu verlangen berechtigt ist; daß man z.B. bei seiner Art, die Glocke der Luftpumpe mit einer besonderen Luftart zu füllen, nicht versichert ist, daß die atmosphärische Luft völlig ausgeschlossen wurde. Gleichwohl ist dies eine unnachläßliche Bedingung der Genauigkeit dieser Versuche, wodurch sie freilich um vieles beschwerlicher werden. Es bleibt daher nach van Marums Versuchen immer zweifelhaft, ob, wenn durch irgend eine Luftart das Elektrisieren nicht verhindert wurde, der Grund davon nicht in der atmosphärischen Luft lag, mit welcher jene Luftart vermischt blieb. Es ist daher kein Wunder, daß seine Resultate widersprechend sind, z.B. aus einigen Versuchen zieht er selbst (S. 96) den Schluß, daß alle sauren Luftarten, wenn sie mit der gemeinen vermischt werden die Erweckung der elektrischen Materie verhindern, in einem andern Versuch aber geschieht die Erweckung der elektrischen Materie in kohlensaurem Gas (fixer Luft) ebenso gut als in der gemeinen Luft. Indes sind doch diese Versuche bei all ihrer Unvollkommenheit merkwürdig, weil sie zeigen, wie viel man von vollkommeneren Versuchen zu erwarten berechtigt ist. Ich werde daher die merkwürdigsten anführen. 1. Versuche mit sauren Luftarten a) Mit kohlensaurem Gas. aa) Van Marum füllte die ausgepumpte Glocke »mit der Luft aus der Mitte eines Torfkohlenfeuers«. Da die Glocke zum Teil davon erfüllt war, ward noch einige elektrische Kraft erweckt, ob sie gleich kaum den sechsten Teil derjenigen, welche man in freier Luft mit derselben Maschine erhalten konnte, betrug; als aber die Glocke ganz mit dieser Luft angefüllt wurde, geschah gar keine Erweckung mehr . – NB. Van Marum hatte sich vorher überzeugt, daß diese Luft kein Leiter der elektrischen Materie sei. bb) Van Marum füllte die ausgepumpte Glocke mit einer Luft, welche er durch einen Aufguß von Vitriolsäure auf Kalk erhalten hatte. Seiner Beschreibung nach bleibt es sehr zweifelhaft, ob es ihm bei diesem Versuch gelang die gemeine Luft ganz auszuschließen. Der Erfolg war, daß die Erweckung in dieser Luft völlig so (also auch ebenso stark?) als in der atmosphärischen Luft geschah . Hier sind also widersprechende Resultate. b) Mit Salpeterdämpfen. Van Marum stellte »den dampfenden Salpetergeist« unter die große Glocke, unter welcher die Elektrisiermaschine stand, und sah, » daß die Erweckung der elektrischen Materie dadurch augenblicklich merklich vermindert wurde. Nach Verlauf einer Minute war die Erweckung schon über die Hälfte vermindert, und innerhalb drei Minuten schon so ganz gehemmt , daß der Deckel, dem die Elektrizität des Reibzeugs mitgeteilt wurde, nicht imstande war, den geringsten Leinwandsfaden in einer sehr geringen Entfernung anzuziehen«. NB. Van Marum hatte sich überzeugt, daß die Salpeterdämpfe nicht leiten . c) Mit kochsalzsaurer Luft. Der Erfolg war derselbe wie beim vorhergehenden Versuch; dieses Gas bewies sich nicht als einen Leiter der elektrischen Materie; aber es widerstand der Erweckung derselben ebenso geschwind und vollkommen als der Dampf des rauchenden Salpetergeistes. 2. Versuch mit entzündlicher Luft Da der Ausgang dieses Versuchs merkwürdig war, so will ich van Marums eigne Erzählung davon hersetzen. »Wir verdünnten die Luft unter der Glocke, in welcher die Elektrisiermaschine stand, aufs Äußerste, und füllten sie nachmals mit entzündlicher (aus Eisenfeile mit verdünnter Vitriolsäure entwickelter) Luft an. Da aber diese Vermischung eine merkliche Wärme annimmt, so gab das Wasser, womit die Vitriolsäure verdünnt worden war, vielen Dampf von sich, der zugleich mit der brennbaren Luft der Eisenfeile in die Glocke drang und die innere Seite des Zylinders beschlug. Wir stellten den ganzen Apparat vors Feuer, während daß wir auf der andern Seite, welche vom Feuer ab stand, ein Gefäß mit Kohlen setzten. Aber ob wir gleich zwo ganzer Stunden damit fortfuhren, konnten wir doch die Glocke nicht inwendig allenthalben von der Feuchtigkeit befreien. Da wir keine Hoffnung hatten unsern Zweck zu erreichen, so hielten wir es für ratsam, die Glocke während der Nacht der kalten Luft auszusetzen (das Fahrenh. Thermometer stand auf 13°), und vermuteten, so wie alles Glas, so feucht es auch ist, durch die Kälte trocken wird, auch unsere Glocke auf diese Weise inwendig von ihrer Feuchtigkeit zu befreien. – Am folgenden Morgen, als ich die Glocke rundum sorgfältig betrachtete, konnte ich keine Feuchtigkeit mehr daran bemerken; worauf ich denn alsobald versuchen wollte, wie es nun mit der Erweckung der elektrischen Materie in dieser Luft beschaffen sei, und siehe da, nachdem ich die Scheibe drei- bis viermal umgedreht hatte, entstand – um diese Scheibe eine schwache blaue Flamme, welche, indem sie sich augenblicklich in der ganzen Glocke verbreitete, dieselbe mit einer Gewalt zerschmetterte , daß der Schlag, ob er gleich in einem Oberzimmer geschah, die Glasfenster des ganzen Hauses, und selbst im Keller, mit ebenso vieler Gewalt erschütterte, als ob eine ansehnliche Menge Pulver angesteckt worden wäre«. Die übrigen Umstände kann man in der angeführten Schrift S. 93 ff. lesen. Ich bemerke nur so viel. – Daß dieses Gas sich entzündete, ist Beweis genug, daß es mit atmosphärischer Luft vermischt war, weil nur eine solche Vermischung eine Explosion möglich macht. »Die Erzählung van Marums muß für künftige Versuche große Vorsicht empfehlen, besonders, wenn es wahr ist, daß jeder Körper beständig eine eigentümliche Lufthülle um sich hat, und also wohl auch in unvermischtem brennbarem Gas eine Explosion veranlassen kann.« Zusatz der ersten Auflage. B. Versuche über die Wirkungen der Elektrizität I. Auf verschiedene Luftarten Unter allen Versuchen, welche van Marum in seiner Beschreibung der großen Elektrisiermaschine im Teylerschen Museum zu Harlem angestellt hat, scheinen mir diese über die Wirkung des elektrischen Strahls auf verschiedene Luftarten bei weitem die lehrreichsten. 1. Auf eine Mischung von Lebensluft und Stickluft Schon im Jahr 1785 hat Cavendish bekannt gemacht, daß aus einer solchen Mischung durch den elektrischen Funken eine schwache Salpetersäure niedergeschlagen werde. Die Versuche, welche nachher van Marum anstellte, stimmen in der Hauptsache mit dieser Entdeckung überein (s. die angef. Beschr ., erste Forts ., S. 38). – Die Erklärung dieses Experiments ist allgemein bekannt. 2. Auf reine Lebensluft Das Quecksilber, womit die Glocke gesperrt ist, wird verkalkt , die Lebensluft verhältnismäßig und fortgehend vermindert ( van Marum , S. 39). Es ist merkwürdig, daß diese Luftart durch den elektrischen Strahl ebenso sehr, nur langsamer, vermindert wird, wenn sie mit Wasser gesperrt wird (S. 40). Sollte die positiv-elektrische Materie im Durchgang durch Lebensluft erst Oxygene aufnehmen? Diese Voraussetzung hat sehr viel für sich. Wenn das Elektrisieren eine Art von Verbrennen wäre, so müßte reine Lebensluft, durch welche ein elektrischer Funken schlägt, phlogistisiert werden. Allein die Luft, die in den eben angeführten Versuchen zurückgeblieben war, zeigte, mit dem Eudiometer untersucht, keine merkliche – (also doch einige? – und welche?) – Verschiedenheit von nicht-elektrisierter Luft (a. a. O. S. 41). Durch reine Lebensluft ging 15 Minuten der elektrische Strahl und verminderte ihr Volumen von 2 1/2 auf 2 1/8 Zoll, ohne daß an der Lackmustinktur, womit die Luft gesperrt war, die geringste Veränderung vorging ( Das .). Die elektrische Materie kann also weder, wie einige Schriftsteller glauben, eine schon gebildete Säure, noch einen Stoff mit sich führen, der etwa erst im Augenblicke der elektrischen Explosion oxydiert würde . Eine Säure entsteht nur dann, wenn der elektrische Funken durch eine Mischung von Sauerstoffluft mit einem Gas, das eine säurefähige Basis hat, geleitet wird. 3. Auf reine Stickluft wirkt der elektrische Funken ausdehnend . Man kann nicht glauben, daß dabei eine Vermehrung der Grundstoffe dieser Luftart vorgegangen ist, denn sie zieht sich nachher wieder zu ihrem vorigen Volum zusammen (a. a. O.). Dasselbe geschieht mit kohlensaurer Luft (s. van Marums ersten Teil , S. 27). Es wäre interessant, die Stickluft, welche der elektrische Funken ausdehnt, im Eudiometer zu untersuchen (ob sie sich da wieder zusammenzieht?), auch zu sehen, ob der Phosphor in ihr nicht leuchtet. 4. Auf Salpeterluft wirkt die Elektrizität als ein Zersetzungsmittel . Die salpetersaure Luft scheint auf bloße Stickluft reduziert zu werden (a. a. O. S. 42). 5. Auf entzündliche Luft Nachdem der Strahl 10 Minuten lang durch solche Luft gegangen war, konnte man doch an der Lackmustinktur, mit der die Glocke gesperrt war, nicht die geringste Veränderung bemerken (S. 42). Die Elektrizität vermindert das Volum der brennbaren Luft nicht (wie geschehen müßte, wenn sie etwa mit der letzteren zu Wasser zusammenträte). – Vielmehr wurde nach van Marum (a. a. O.) auch diese Luftart durch den elektrischen Strahl ausgedehnt. Was aber sehr merkwürdig ist, ist, daß doch die Elektrizität auf entzündliche Luft dephlogistisierend zu wirken scheint. Durch den elektrischen Strahl wurde solche Luft in 15 Minuten von 3 Zoll auf 10 vermehrt: diese so ausgedehnte Luft hatte alle Entzündbarkeit verloren (a. a. O. S. 43). Diese Erfahrung scheint bis jetzt unerklärbar zu sein, könnte aber, weiter verfolgt, wichtig werden. II. Auf Metalle 1. Verkalkung derselben in verschiedenen Luftarten Die meisten Metalldrähte von gewisser Dicke und Länge verwandeln sich, wenn die Entladung durch sie hindurch geht, in einen dicken Rauch, worin man zugleich Fäden und Flocken aufsteigen sieht, die augenscheinlich aus dem Kalke des Metalls bestehen. In Ansehung der Leichtigkeit oder Schwierigkeit der Verkalkung der Metalle durch Elektrizität beobachtet man die nämliche Stufenfolge, wie bei ihrer Verkalkung durch Feuer. Am leichtesten wird Blei und Zinn, schwerer schon Eisen, Messing, Kupfer, noch schwerer Silber verkalkt. Die verschiedenen Grade der Oxydation, d.h. die größeren oder geringeren Quantitäten des Oxygenes, das die Metalle aufnehmen, sind von verschiedenen Farben begleitet, die sie nach der Verkalkung annehmen oder auf dem Papier zurücklassen. Folgende Sätze sind die wichtigsten für unsern gegenwärtigen Zweck: a) Keine Verkalkung eines Metalls durch Elektrizität geschieht, ohne daß damit eine Absorption von Oxygene aus der Luft verbunden wäre . – Dieser Satz beweist nichts gegen die Voraussetzung, daß das Oxygene ein Bestandteil der elektrischen Materie sei; denn nachdem durch den elektrischen Funken die Kapazität der Metalle für das Oxygene vermehrt ist, ist es natürlich, daß sie noch mehr von diesem Stoffe aus der Luft aufnehmen. Wirklich bemerkt man, b) daß die Metalle durch die Elektrizität in einem höheren Grade oxydiert werden als durch Feuer : dies sieht man aa) daraus, daß die Glühhitze der Metallkügelchen, die durch die elektrische Ladung gebildet werden, weit stärker ist, als die Glühhitze, welche eben diese Metalle durch das Feuer annehmen können. (Man s. van Marum a. a. O. S. 10.) bb) Daraus, daß die Metalle durch Elektrizität oxydiert weit hellere Färben annehmen, als wenn sie im Feuer verkalkt werden. Es ist bekannt, daß die Metalle im Verhältnis des Grads ihrer Oxydation farbiger werden. (Man sehe die Kupfer, die dem angeführten Werke van Marums beigefügt sind.) Ohne Zweifel würde sich dieser Satz auch bestätigen, wenn man gleiche Massen, durch Feuer und Elektrizität verkalkt, mit der Wage untersuchte. cc) Daraus, daß kein Metall (das Blei ausgenommen) durch Elektrizität in reiner Lebensluft stärker als in gemeiner Luft verkalkt wird. Dies ist nicht erklärbar, ohne anzunehmen, daß die elektrische Materie selbst Oxygene mit sich führt, oder daß sie wenigstens in der gemeinen Luft alles Oxygene vom Azote scheidet und um das Metall, das verkalkt werden soll, gleichsam sammelt. Ich wiederhole die Frage, die ich schon in den Ideen zur Ph. d. N. getan habe, ob sich bei der Verkalkung kein Unterschied der negativen und positiven Elektrizität zeigt? c) Auch durch Elektrizität kann kein Metall in einer Luftart, die kein Oxygene enthält, verkalkt werden . In Salpeterluft kann ein Metall durch Elektrizität verkalkt werden, weil sie jene Luftart zersetzt und ihr das Oxygene entzieht. – Ebenso im Wasser (wenn man 1/8 von der Länge nimmt, die in freier Luft verkalkt werden kann). Daß auch hier eine Zersetzung des Wassers vorgehe, beweist das (bei noch unvollkommenen Versuchen) erhaltene brennbare Gas. Ob in Luftarten, die von Oxygene rein sind, eine Verkalkung durch Elektrizität möglich sei, ist noch sehr zweifelhaft. In Stickgas wenigstens gelang es van Marum auch dann nicht, wenn er den Draht nur halb so lang nahm, als er denselben in atmosphärischer Luft verkalken konnte (a. a. O. S. 25). Ob der Versuch in reinem entzündlichen Gas angestellt worden ist, weiß ich nicht. – Vielleicht würde mit negativer Elektrizität gelingen, was mit positiver nicht gelungen ist. – Hat vielleicht der Physiker Charles , der sogar Platina und Gold in brennbarer Luft verkalkt haben will, mit negativer Elektrizität experimentiert? – 2. Reduktion der Metalle Es fragt sich, ob Metalle durch Elektrizität in sauerstoffleeren Luftarten nicht leichter als in andern reduziert werden? Ich kenne hierüber keinen entscheidenden Versuch. Es ist leichter zu erklären, wie Metalle durch Elektrizität verkalkt , als wie sie durch dieselbe reduziert werden. Indes tut die positive elektrische Materie hierbei nichts anderes, als was das Licht auch, nur langsamer, tut. Es ist bekannt, daß die metallischen Halbsäuren durch Berührung des Lichts allmählich desoxydiert werden. Sollten nicht die Metalle leichter verkalkt werden durch negative , leichter reduziert durch positive Elektrizität? 3. Schmelzung der Metalle Es scheint, daß die Metalle durch Elektrizität auf andere Weise als durch Feuer geschmolzen werden. Van Marum hat in Ansehung der verschiedenen Schmelzbarkeit der Metalle durch Elektrizität wenig Übereinstimmung gefunden mit ihrer verschiedenen Schmelzbarkeit durch Feuer. (Man s. die angef. Schr. S. 4.) Zu S. 535. Einige Versuche sind hinreichend, sie außer Zweifel zu setzen oder zu widerlegen . In dem Jahr, da diese neue Auflage erscheint, nachdem aber längst höhere Ansichten dieser Gegenstände durch Wissenschaft und Erfahrung zu entschieden dargetan sind, als daß Experimente dieser Art wohl weiter als zur Untersuchung der äußeren und negativen Bedingungen der Elektrizitätserregungen dienen könnten, hat die Königl. Sozietät der Wissenschaften in Göttingen die Erweckung der Elektrizität in verschiedenen Luftarten zum Gegenstand einer Preisaufgabe gemacht. Zu S. 538. Daß das hier aufgestellte Prinzip schon wegen des unbestimmten Ausdrucks der größeren Verwandtschaft, welcher ebenso viel bedeuten kann als: größere Leichtigkeit des Verbrennens, oder vielmehr als: Aufnehmungsfähigkeit einer größeren Quantität Sauerstoffs, beträchtliche Modifikationen leiden müsse, ist von selbst klar. Welches Gesetz der elektrischen Verhältnisse der Körper aber sich durch die Galvanisch-Volta'schen Versuche ausgesprochen habe, ist entweder zu bekannt, oder, inwiefern es dies nicht und noch zweifelhaft sein sollte, zu weitläuftig, um hier exponiert zu werden. Dieser und der unmittelbar vorhergehende Passus (zu S. 535 und zu S. 538) sind in den späteren Auflagen hinzugekommen. Zu S. 555. Was mir, als ich diese Stelle niederschrieb, noch problematisch schien, ob die Witterungsveränderungen sich durch ein verändertes Verhältnis der beiden Grundbestandteile der Atmosphäre im Eudiometer darstellen lassen, hat sich inzwischen doch als möglich gezeigt. In Herrn v. Zachs geographischen Ephemeriden , April 1798, S. 497 ff. stehen einige hierher gehörige Beobachtungen des Herrn von Humboldt , die ich mit seinen eignen Worten hier anführe. »Das Wasser ist die Hauptquelle des Sauerstoffgehaltes im Dunstkreise; im Nebel finde ich diesen Gehalt sehr groß, ebenso, wenn es taut – das Schneewasser enthält nach Hassenfraz in seinen Zwischenräumen fast reine Lebensluft«. »Bildet sich dagegen Wasser aus Luft im Dunstkreise – Schnee oder Regen –, so zeigen meine Eudiometer gleich weniger Lebensluft . – Das pflanzenlose Meer hat die reinste Luft, wegen der Verdampfung und Wasserzersetzung, und in dem feuchten London ist die Luft an Sauerstoff reicher als in den Toskanischen Fluren«. Es wäre also jetzt durch Versuche sogar darstellbar, daß der Regen ein höherer atmosphärischer Prozeß ist. – Da gewöhnlich mit dem Regen die Barometer fallen, so wäre nun dieses Fallen leicht aus der Verminderung des Sauerstoffs im Dunstkreis zu erklären (vgl. oben S. 555), wenn nicht das Gesetz der Polarität, dem die Barometerveränderungen offenbar folgen (S. 569), auf etwas noch Höheres hinwiese. Auf eine Verminderung des Sauerstoffgehalts der Atmosphäre und auf Zersetzungen der beiden Luftarten deuten nun auch andere Phänomene, z.B. die oft so schnell (ohne Nebel und Feuchtigkeit) veränderte Durchsichtigkeit der Luft, vorausgesetzt, daß die Luft ihre Durchsichtigkeit dem Oxygene verdankt (oben S. 494). Beim Sirocco schwanken alle Gestirne, die Strahlenbrechung wird vermindert: wirklich ist beim Sirocco mehr Stickluft im Dunstkreis, oft 0,03 weniger Oxygene. – Größer wird die Strahlenbrechung nach Untergang der Sonne bei zunehmender Kühle (welche immer anzeigt, daß das Oxygene in der Luft konzentriert ist, oben S. 555). In unsern Gegenden macht oft der Südwind die Luft, indem er sie erwärmt (das Verhältnis des Oxygenes in ihr vermindert), undurchsichtiger. – Man kann wohl nach solche Beobachtungen nicht mehr zweifeln, daß alle meteorologischen Veränderungen aus höheren Ursachen zu erklären sind, als bisher zu gescheiten pflegt. (vgl. Schelling-W Bd. 1, S. 441 ff.)