Walter Scott Der Pirat – Erster Band Seeroman. Erstes Kapitel. Die lange, schmale, unregelmäßige Insel, gewöhnlich als weitgrößte der ganzen Inselflur, Festland von Shetland genannt, endigt, wie den Seeleuten in diesem das Thule des Altertums umflutenden stürmischen Meeren sattsam bekannt ist, in einer Klippe von furchtbarer Höhe, Sumburgh-Head genannt, die, von wilder Brandung umtost, gegen Süd-Osten die äußerste Spitze der Insel, den Roost von Sumburgh bildet. Auf der Landseite ist das Vorgebirge mit kurzem Grase bedeckt und läuft steil in eine schmale, von vielen kleinen Buchten zerrissene Landzunge aus. Ein norwegischer Häuptling oder nach andern Nachrichten, wie der Name Jarlshof schließen läßt, ein alter Graf von den Orkney-Inseln, hatte diese Landzunge zu seinem Wohnsitz gewählt, der aber schon lange verlassen ist. Trieb-Sand hat die Trümmer begraben. Zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts stand jedoch ein Teil des Grafenschlosses noch und war sogar in bewohnbarem Zustande; es war ein rohes Gebäude aus unbehauenen Steinen mit einigen kleinen, ohne alle Regelmäßigkeit eingefügten Fenstern. Die früher vorhanden gewesenen Wirtschaftsgebäude mit den Räumen für Gefolge und Dienerschaft waren aber verfallen, die Balken zu Brennholz oder anderen Zwecken verbraucht; die Mauern stellenweise eingestürzt. In geringer Entfernung vom Schlosse, in geringerer noch vom Meeresufer, wo die Bucht sich zu einem primitiven Hafen breitet, in welchem drei bis vier Fischerboote lagen, standen ein paar elende Hütten, von den Jarlshofer Bauern bewohnt, die den ganzen Bezirk von dem Gutsherrn unter ziemlich drückenden Bedingungen gepachtet hatten. Der Grundherr selbst, ein ehrlicher, gerader shetländischer Edelmann von leidenschaftlichem Temperament, ein großer Freund von Geselligkeit, doch frei und offen, großmütig gegen seine Untertanen und wohlwollend gegen Fremde, wohnte in einem anderen, freundlicheren Teile der Insel und besuchte Sumburgh-Head nur selten. Er stammte von einer alten, edlen norwegischen Familie ab, was ihn bei den niedern Klassen um so beliebter machte, als sie meistens gleichen Ursprungs sind, während die Lairds oder Grundeigentümer in der Regel Schotten sind, und damals noch als fremde Eindringlinge, die sich des Landbesitzes zu Unrecht erfreuten, angesehen wurden. Magnus Troil, der jetzige Grund- und Schloßherr, der seine Abstammung von dem Gründer von Jarlshof herleitete, vertrat diese Anschauung in ganz besonderem Maße. Die jetzigen Bewohner Jarlshofs hatten mancherlei Wohlwollen von seiner Seite erfahren, und Herr Mertoun, der jetzt in dem alten Schlosse wohnte, war, als er ein Paar Jahre vor dem Beginn dieser Geschichte nach Shetland kam, von ihm mit all der herzlichen Gastfreundschaft empfangen worden, die der ganzen Inselflur eine hohe Berühmtheit schafft. Woher er käme, wohin er ginge, warum er hierher käme, wie lange er bleiben würde, danach fragte ihn niemand. Völlig fremd kam er her, und doch wurde er von allen Insulanern zu Gaste geladen, und in jedem Haus konnte er bleiben, so lange er wollte, lebte darin wie ein Mitglied der Familie, bis er es für gut hielt, ein anderes Haus mit seiner Gegenwart zu beglücken. Wohl möglich, daß mancher Shetländer gern gewußt hätte, wie es um seinen Gast stand, aber zu fragen hätte jeder als Verstoß wider die Gebote der Gastfreundschaft angesehen; der Gast selbst aber tat nicht das geringste, solche Neugierde, wo sie vorhanden war, zu befriedigen. Was wirklich von ihm bekannt war, läßt sich kurz zusammenfassen: Mertoun war nach Lerwick, das sich zu dieser Zeit zu entwickeln anfing, aber noch nicht zur Hauptstadt der Inselflur erklärt worden war, auf einem holländischen Schiffe gekommen, in Begleitung eines hübschen Knaben von ungefähr vierzehn Jahren, der für seinen Sohn galt. Mertoun selbst mochte über vierzig Jahre alt sein; der holländische Schiffer, mit dem er kam, hatte ihn bei einigen Bekannten eingeführt, von denen er gegen Wacholder und Gewürze shetländische Ochsen, geräucherte Gänse und Strümpfe von Schafwolle einhandelte, und obgleich Mynheer nur sagen konnte: »Dat Mynheer syne Passagie wie een Gentleman betalt heft, en heft eenen Kruitz-Dollar außerdem aan het Schepsvolk gegeven,« so hatte das doch vollauf genügt, den Fremden einzuführen, und der Kreis, in welchem er Zugang gefunden, erweiterte sich um so schneller, je schneller man sich überzeugte, daß der fremde Ankömmling im Besitz bedeutender Kenntnisse sei. Zumeist freilich sah man ihn düster und in sich gekehrt. Vor geräuschvoller Fröhlichkeit floh er augenblicklich, und selbst Anlässe von stillerer Freude übten in der Regel keine andere Wirkung auf ihn, als daß sie seine trübe Stimmung erhöhten. Frauen wohnt gemeinhin eine besondere Sucht inne, Geheimnisse auszuspionieren und Kummer zu lindern, vornehmlich wenn es sich um einen Mann von leidlichem Aeßern und in den besten Jahren handelt. Es darf mithin wohl angenommen werden, daß sich unter den blondlockigen und blauäugigen Töchtern von Thule recht wohl eine gefunden hätte, den geheimnisvollen, träumerischen Fremdling mit ihrem Troste zu beglücken, hätte er nur irgendwie merken lassen, daß ihm an solchem Liebesdienste was gelegen sei; leider schien er aber von Personen jenes Geschlechts, dessen Trost und Mitgefühl wir sonst in jeder Bedrängnis, geistiger oder leiblicher Art, gern in Anspruch nehmen, nicht allein nichts wissen zu wollen, sondern sogar alle Berührung mit ihnen zu meiden. Abgesehen von diesen Eigenheiten, hatte Mertoun noch eine, die seinem wichtigsten Freunde und Gönner unangenehmer als alle übrigen waren. Der shetländische Magnat war nämlich der Meinung, ein Glas Genever sei ein Spezifikum gegen Sorgen und Trübsal aller Art. Zu solchen Mitteln nahm aber Herr Basil Mertoun nie seine Zuflucht, denn er beschränkte sich ausschließlich auf Quellwasser und ließ sich weder durch Bitten noch durch Ueberredung bestimmen, ein stärkeres Getränk zu kosten. Solche Gewohnheit hielt aber Magnus Troil für einen Verstoß gröbster Art gegen die alten nordischen Geselligkeitsregeln, die er seinerseits so gewissenhaft beobachtete, daß es sich, wenn er auch, seiner Rede nach, noch nie betrunken zu Bette gegangen war, doch schwerlich hätte beweisen lassen, daß er an einem einzigen Tag im Jahre sich in wirklich nüchternen Zustande schlafen gelegt hätte. Die Frage, was an dem Fremden für das Mißvergnügen, das seine Sittenstrenge und Enthaltsamkeit hervorriefen, schadlos halten konnte, wäre mithin nicht ungerechtfertigt gewesen: erstlich einmal hatte er das ganze Wesen eines Menschen, der nicht zur Durchschnittssorte gehört, und wenn auch nichts die Meinung weckte, daß er reich sei, so ließ sich doch aus seiner Lebensweise schließen, daß er kein armer Schlucker sei. Zudem besaß er eine hübsche Unterhaltungsgabe, sobald er, wie schon bemerkt, Lust hatte, sie zu entfalten; was aber hauptsächlich an ihm fesselte, war das undurchdringliche Geheimnis, das ihn umschwebte, und das durch eine gewisse Rätselhaftigkeit seiner äußern Erscheinung verstärkt wurde. Bestehen aber blieb trotz allem, daß sein Charakter von dem seines Wirtes so grundverschieden war, daß Magnus Troil nichts weniger als unangenehm überrascht wurde, als eines Abends, nach einem zweistündigen Beisammensein, wobei nichts gesprochen, aber Branntwein und Quellwasser getrunken worden, der Gast seinen Wirt darum anging, den verlassenen Jarlshof unterhalb von Sumburgh als Pächter beziehen zu dürfen. Magnus dachte bei sich, daß er auf diese Weise den Pachthof, der ihm lästig genug war, zugleich mit dem verdrießlichen Temperenzlergesicht, das ihm noch lästiger war, los würde, meinte aber, ihm der Höflichkeit halber vorstellen zu sollen, daß er sich dort nicht bloß mit sehr kümmerlicher Einrichtung behelfen, sondern auch darein werde finden müssen, außer Möwen und Schreigänsen keine lebende Seele meilenweit um sich zu haben und sich an sauren Kohlrüben satt zu essen. »Verehrter Freund,« antwortete Mertoun, »was Besseres hätten Sie mir als Empfehlung des von mir erkorenen Wohnsitzes gar nicht sagen können; ein Obdach für mich und den Knaben ist alles, was ich suche. Nennt also den Pachtschilling, den Ihr fordert, Herr Troil!« »Pachtschilling?« entgegnete der Shetländer, »na, der kann für ein altes Haus, das seit meiner Mutter, Gott hab' sie selig, leer gestanden, so groß nicht sein, und was das Obdach betrifft, so sind die Mauern dick genug und halten wohl noch manches Unwetter aus. Aber der Himmel behüt Euch, Herr Mertoun; bedenkt, was Ihr vorhabt. Selbst für unsereinen wäre es schon ein sonderbarer Entschluß, in Jarlshof zu wohnen; aber nun gar für Euch, der Ihr doch anders woher seid, ob nun aus England, Schottland oder Irland.« »Das tut auch nichts zur Sache,« sagte Mertoun kurz. »Nein, natürlich nicht, keine Heringsschuppe,« versetzte der Laird; »nur will ich sagen, daß Ihr mir um so lieber seid, weil Ihr kein Schotte seid, – wofür ich Euch nun einmal nicht halte ... Die kommen hergeschwärmt wie die Bratgänse; wer nur etwas dort ist, der bringt eine ganze Kumpanei mit und setzt sich fest bei uns, denn keiner mag nach seinen dürren Hoch- oder sumpfigen Unterlanden zurück, wenn er erst einmal unser shetländisches Rindfleisch gekostet und unsere schönen Buchten und Seen gesehen hat. Nein, Sir,« fuhr Magnus mit Wärme fort, von Zeit zu Zeit einen derben Schluck zu sich nehmend, doch nur als Mittel, den Zorn gegen die Eindringlinge zu stärken – »nein, Sir, mit der alten Zeit ist's vorbei und mit Brauch und Sitte auf dieser Inselflur nicht minder, die wir Troils lange vor der Zeit des Turf-Einar bewohnten, der zuerst die Kunst gelehrt hat, Torf statt Holz zu brennen, und dessen Name die dankbare Nachwelt mit der Entdeckung selbst verknüpft hat.« Mertoun nahm mit Vergnügen wahr, daß sich der Herr über Jarlshof jetzt im richtigen Fahrwasser befand – wußte er doch im voraus, daß er nun der Mühe überhoben sei, zur Unterhaltung beizusteuern, und seinen eigenen düsteren Gedanken nachhängen könne. Als Magnus Troil jedoch in der Schilderung dieser »glücklicheren alten Zeit« zu dem betrübsamen Schlusse gekommen war, »wie sehr wahrscheinlich es sei, daß im nächsten Jahrhundert kaum ein Mark, ja kaum ein Ure von Land mehr im Besitze der norwegischen Einwohner, der wahren Udallers von Shetland, Allodial-Besitzer von Shetland, die ihren Grund und Boden noch nach altem norwegischen Rechte inne haben, nicht nach dem später eingeführten schottischen Lehnsrechte sein würde,« fiel ihm plötzlich ein, daß er selbst es mit einem Ausländer zu tun habe, und er hielt plötzlich inne.. »Wenn ich das sage,« suchte er sich zu verbessern, »geschieht's nicht, weil ich etwas dawider hätte, daß Ihr Euch auf meinem Gute niederlassen wollt, Mertoun, – aber was Jarlshof betrifft – so kann ich bloß wiederholen, daß es dort sehr unwirtlich und unwohnlich ist – besonders für einen Mann wie Euch, der aus besserm Klima kommt ... Bedenkt, daß nicht einmal Shetländer dort hausen mögen ... Aber Mertoun, dies Glas auf Eure Gesundheit!« – »Aus dem Klima, Herr,« antwortete Mertoun, »mache ich mir nichts, wenn nur Luft genug da ist, meine Lungen zu füllen; ob es welche von Arabien oder von Lappland ist, darnach frage ich nicht.« – »Luft könnt Ihr genug haben,« erwiderte Magnus, »sie ist zwar etwas feucht, wie Fremde meinen; wir aber wissen, was dagegen gut ist – Eure Gesundheit, Mertoun! – Trinken müßt Ihr schon noch lernen und eine Pfeife rauchen auch; aber wenn Ihr dies beides könnt, dann werdet Ihr shetländische Luft für besser als arabische finden. Habt Ihr denn schon Jarlshof gesehen?« – Der Fremde schüttelte den Kopf, – »Nun,« sagte Magnus, »dann habt Ihr auch keinen Begriff von dem, was Ihr unternehmt. Von einer bequemen Lage, wie hier am Ufer eines Salzwassersees, wo Euch die Heringe bis vor die Tür schwimmen, dürft Ihr dort nichts erwarten. Dort seht Ihr nichts als wilde Wellen über kahle Felsen stürzen, und die Strömung von Sumburgh, die in einer Stunde fünfzehn Knoten macht.« – »Um so weniger wird man dann was vom Strome menschlicher Leidenschaft dort spüren,« sagte Mertoun. – »Außer Gekrächz von Kormoranen und Seemöwen hört Ihr dort nichts von Tagesanbruch bis zu Sonnenuntergang.« – »Das lasse ich mir lieber gefallen, Freund,« erwiderte der Fremde, »als Geschwätz von Weiberzungen.« – »Aha,« meinte der Normanne, »Ihr hört wohl grade meine kleine Gesellschaft, Minna und Brenda, mit Eurem Mordaunt im Garten singen? Nun, ihre Stimmchen höre ich doch noch lieber als die Feldlerche, die ich einst in Caithneß gehört, oder die Nachtigall, von der ich gelesen habe ... Was werden die Mädchen bloß angeben, wenn ihr Spielkamerad nicht mehr da ist?« – »Sie müssen sich behelfen, Freund,« antwortete Mertoun, »an Spiegefährten fehlt's doch Frauenzimmer nie im Leben, und an solchen, die sie an der Nase führen können, erst recht nicht – doch die Frage ist, Troil, wollt Ihr mir Jarlshof in Pacht überlassen?« – »Gern, da Ihr doch einmal auf das öde Nest versessen seid!« – »Und der Pachtschilling?« fragte Mertoun weiter. »Der Pachtschilling?« wiederholte Magnus, »hm – ja, Ihr müßt halt noch das Fleckchen haben, das mal als Garten galt, und seinen Anteil an Seathold und für einen Sixpenny Mark Landes, damit die Bauern für Euch fischen können; ich meine, acht Pfund Butter und acht Schillinge bar im Jahre dürften Euch nicht zu hoch erscheinen?« Mertoun ging diese billigen Bedingungen ohne weiteres ein und nahm nun seinen Wohnsitz auf dem einsamen Schlosse, das wir zu Anfang dieses Kapitels beschrieben haben, und fand sich auch, allem Anschein nach, ganz gut darin zurecht. Zweites Kapitel. Die wenigen Bewohner von Jarlshof vernahmen die Kunde, daß sich ein Herr von höherem Range in dem alten Gebäude niederlasse, das sie noch immer das Schloß nannten, nicht ohne Besorgnis; denn damals war, – im Gegensatze zu jetzt – die Anwesenheit eines Vornehmen im Lande fast unausbleiblich mit schweren Lasten verknüpft, wofür die sogenannten Lehensrechte der Vorwände genug boten. Die Leute fanden indes bald heraus, daß Basil Mertoun zu jenen gefürchteten Erpressern nicht gehörte, sondern sich mit seinem Vermögen, mochte es nun gering oder bedeutend sein, einrichtete, was ihm um so leichter fiel, als er sich einer höchst mäßigen Lebensweise befleißigte. Bücher und physikalische Instrumente, die er hin und wieder von London erhielt, schienen auf gewissen Reichtum zu deuten, wie man ihn in dieser Inselflur nicht kannte; anderseits aber war der Tisch in Jarlshof um nichts besser gedeckt, als bei den andern shetländischen Grundbesitzern. Die Dörfler kümmerten sich wenig um ihren Schloßpächter, sobald sie gemerkt hatten, daß ihre Verhältnisse sich durch seine Gegenwart eher verbesserten als verschlechterten; und befaßten sich jetzt nur noch mit der Frage, wie sie ihn am besten betrügen und übervorteilen könnten, – was sich der Fremde eine Zeitlang mit wahrer philosophischer Gleichgültigkeit gefallen ließ. Ein Vorfall, der sich zutrug, zeigte aber seinen Charakter bald in einem neuen Lichte, und tat aller Betätigung auf diesem Boden mit einemmal Einhalt. In der Küche des Schlosses gab es nämlich eines Tages Streit zwischen einer alten Dame, die Mertoun als Haushälterin eingesetzt hatte, und Sweyn Erikson, einem so echten Shetländer, wie je einer ein Boot auf offener See gerudert hat, und dieser Streit drang bis zu Mertouns Ohren, der gerade mit Auspacken von Büchern beschäftigt war, auf die er länger, als gerechnet, hatte warten müssen. Unwillig stieg er die Treppe hinab und nahm zu dem Zank so entschiedene Stellung, daß die Parteien, trotz aller Ausflüchte, die Ursache desselben schließlich nicht verheimlichen konnten, obgleich er darüber entstanden war, was der Wirtschafterin von dem Betrage zufallen sollte, den der Fischer für nach Jarlshof gelieferten Kabliau forderte. Mertoun blickte erst die beiden Gauner mit der äußersten Verachtung an; dann sagte er zu der Haushälterin: »Du verläßt auf der Stelle Jarlshof, nicht weil Du eine Lügnerin und undankbare Person bist – denn diese Eigenschaften kleben Dir an wie der Name Weib – sondern weil Du in meinem Hause lauter zu sein Dich erfrechst, als es die Not erfordert. – Und Du, elender Wicht, meinst wohl, einen Fremden so leicht übers Ohr zu hauen, wie Du einem Wale die Haut von den Rippen streifst, denkst aber nicht daran, daß ich sehr wohl weiß, welche Rechte mir Dein Herr, Magnus Troil, über Dich eingeräumt hat. Aber zu Deinem Schaden sollst Du erfahren, daß ich Dich in Deiner Ruhe ebenso leicht stören kann, als Du mich in meiner Muße. Nicht einen unter euch soll es geben, der sich freuen soll, mich um mein Geld betrogen zu haben – aber noch weniger einen, der sich sollte rühmen können, mit seinem nordischen Geschrei, das sich abscheulicher anhört als Möwengekrächz, mich in meiner Muße gestört zu haben.« Sweyn meinte seine Ungehörigkeit am besten durch die demütige Bitte gut zu machen, der gnädige Herr möge den Kabeljau umsonst behalten und die Sache auf sich beruhen lassen; Mertoun aber warf in hellem Zorne dem Fischer erst sein Geld an den Kopf, dann ihn selbst samt seinen Fischen zum Jarlshofe hinaus. Der Fischer ließ sich nicht Zeit, Geld oder Fische aufzuheben, sondern rannte spornstreichs nach dem kleinen Dorfe, um seinen Kameraden zu erzählen, wie es ihm mit Mertoun ergangen, und sie vor allem, was nach Uebervorteilung aussehe, ernstlich zu warnen, da sie sonst Gefahr liefen, von ihm ohne Rechtsspruch gehängt oder geköpft zu werden. Ins Dorf hinunter kam auch die vom Jarlshof gejagte Haushälterin, um mit ihren Verwandten, (denn sie stammte aus dem Dorfe) Rücksprache zu nehmen, wie sie sich zu verhalten hätte, die einträgliche Stelle wieder zu bekommen. Aber aller Weisheit reichte hierzu nicht aus, und Swertha, so hieß die Person, – nahm in ihrer Not Zuflucht zu Mordaunt, bei dem sie sich durch ihre Kenntnis alter nordischen Balladen und grauer Mären von den Troils oder Zwergen in Gunst gesetzt hatte, mit denen die abergläubische Vorzeit so manche einsame Höhle und manches dunkle Tal in Dunrochneß, wie jeden andern Distrikt in Shetland, bevölkerte ... »Swertha,« sagte der Jüngling zu ihr, »viel werde ich wohl kaum für Dich tun können, wohl aber magst Du für Dich selbst sprechen. Meines Vaters Zorn gleicht dem der alten Kämpen, von denen Du manchmal singst.« – »Ja, ja, Fisch meines Herzens« – rief die Alte in weinerlichem Pathos – »die Berserker! – Die Berserker! Sie lebten vor der gepriesenen Zeit des heiligen Olaf und rannten sich, wenn sie in Raserei waren, Schwerter, Speere, Harpunen in den Leib, waren aber, wenn der Grimm verraucht war, schwach und wandelbar wie Wasser.« »Vater denkt auch nicht mehr an seinen Zorn, sobald er verraucht ist, und hat viel von einem Berserker an sich,« sagte Mordaunt hierauf. »So aufgebracht er heute gewesen, morgen weiß er schon nichts mehr davon! Daß er aber noch keine andere Frau für Dich genommen, weiß ich, und daß wir noch keinen Bissen warmes Essen genossen, seit Du weggegangen, sondern nur von dem kalten Zeug gelebt haben, das gerade noch da war, weiß ich auch. Verlaß Dich darauf, Swertha, wenn Du dreist aufs Schloß gehst und Deine Arbeit wie gewöhnlich verrichtest, wird Vater Dir nicht ein Wort sagen.« Swertha hatte anfangs keine Lust, sich diesem kühnen Rate gemäß zu verhalten, war ihr doch Herr Basil Mertoun in seinem Zorne schier vorgekommen wie der höllische Feind; der Sohn sprach ihr aber Mut zu, und so entschloß sie sich endlich, in ihrer Haustracht, auf die Herr Mertoun so viel hielt, ins Schloß zurückzuschleichen und ihre Arbeit wieder zu verrichten, ganz so, als ob sie den Dienst keine Stunde verlassen hätte. Am ersten Tage ließ sich Swertha mit keinem Blicke vor dem Schloßherrn sehen, machte aber mit aller ihr zu Gebote stehenden Kunst, eine warme Schüssel zurecht, die ihrer Meinung nach die beste Empfehlung für sie nach dreitägigem Fasten sein müßte. Als ihr nun Mordaunt sagte, der Vater hätte von einer Veränderung im Essen scheinbar gar nichts bemerkt, und als sie nun gar sah, daß der Herr, wenn er an ihr vorbeikam, sie gar nicht zu beachten schien, kam sie auf den Gedanken, daß die ganze Sache dem Herrn und Gebieter schon aus dem Gedächtnis entschwunden sein müsse. Als sie aber am dritten oder vierten Tage mit der andern Magd in Disput geriet und dabei laut zu wettern anfing, kam der Herr, wie zufällig, vorbei, warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu und sprach mit einem Tone, der Swerthas Zunge wochenlang im Zaume hielt, nichts weiter als: »Nimm Dich in acht!« So eigentümlich Mertoun seinen Haushalt zu führen schien, genau so verfuhr er bei der Erziehung seines Sohnes. Nur selten zeigte er ihm väterliche Zuneigung, und doch schien es, als wenn ihm Mordaunts Erziehung das wichtigste Geschäft seines Lebens wäre. Bücher, ihm den gewöhnlichen Wissensunterricht zu geben, besaß er genug, und an Kenntnissen dazu fehlte es ihm auch nicht; auch war er die Ruhe selbst, forderte aber von seinem Zöglinge Aufmerksamkeit und Fleiß – ohne welche beiden Eigenschaften kein gedeihlicher Unterricht möglich ist. Ließ es Mordaunt daran fehlen, so geriet sein Vater bald in jene böse Stimmung, die seine Umgebung als »seine schwarze Stunde« zu bezeichnen liebte. Dann zog er sich, um seinen Aerger mit sich zu verarbeiten, in ein abgelegenes Gemach zurück, das selbst Mordaunt nicht betreten durfte, und wo er dann tage-, selbst wochenlang in Abgeschiedenheit zubrachte, bloß sich zeitweilig sehen ließ, um das Nötigste zu essen oder, in einen dunklen Schiffermantel gehüllt, am stürmischen Gestade oder auf öder Heide, wo er sicher war, niemandem zu begegnen, seinen düstern Gedanken nachzuhängen. Je älter Mordaunt wurde, desto mehr Verständnis gewann er für solche Verzweiflungsanfälle und für die Mittel und Wege, seinem unglücklichen Vater vor unzeitiger Störung, die ihn zur Wut reizen konnte, zu bewahren. Mordaunt merkte, daß die Anfälle bei weitem länger dauerten, wenn er ihm zufällig vor die Augen kam, und daß es das klügste für ihn war, dann Jarlshof und den Bezirk ganz zu verlassen, bis die finstere Stunde vorüber war. Oft zog er an solchen Tagen mit jüngeren Männern aus dem Dorfe auf Unternehmungen aus, gegen die das gefährliche Gewerbe eines Meerfenchelsammlers ein Spaziergang auf ebener Erde ist – oder er beteiligte sich an mitternächtlichen Ausflügen auf die Abhänge der steilen Klippen, um Eier oder Junge von Seevögeln auszunehmen, und legte hierbei eine Gewandtheit und Geistesgegenwart an den Tag, die bei einem so jungen, nicht im Lande geborenen Manne selbst alte Leute in Staunen setzte. Zu anderen malen zog er mit Sweyn und anderen Fischern auf hohe See, lernte unter ihrer Leitung das Boot führen, während ihm von den alten Seebären, die unter sich noch die alte Nornensprache redeten, alte norwegische Sagas erzählt wurden von Seekönigen, Zwergen, Riesen und Zauberern, die nach Mordaunts Meinung den klassischen Geschichten des Altertums um nichts nachstanden, wenn sie nicht gar Vorzüge von ihnen hatten. Oft bezeichneten ihm die Fischer die Gegend um ihn her, die Bucht, in der sie eben fuhren, die oft der Schauplatz blutiger Seegefechte gewesen, als den Schauplatz dieser wilden Dichtungen, oder einen kaum sichtbaren Steinhaufen, der sich auf einem weit in die See hinausragenden Vorgebirge erhob, als Dun oder Schloß eines hochgebietenden Grafen oder mächtigen Piraten, – oder den einsamen Stein auf wüstem Moor als das Grab eines Volkshelden, – oder eine wild umtoste Höhle, in der eine große Zauberin gehaust hatte. Auch der Ozean mit seinen grundlosen Tiefen und geheimnisvollen Höhen barg nach den Erzählungen Sweyns und anderer, in den Sagen und Legenden bewanderten Schiffer seltsame Wunder und Geheimnisse, die neuere Schiffahrer geringschätzig ignorieren, deren Wirkung aber durch das düstre Dämmerlicht, in das die Inseln den größten Teil des Jahres über gehüllt waren, um kein geringes vermehrt wurde. In der vom Monde beleuchteten Bucht, an deren Ufer die Wellen sich kräuselten, huschte noch immer das Meerfräulein im Mondlicht hin, hörte man es nach wie vor mit seiner dem klagenden Winde sich vermählenden Stimme von unterirdischen Wundern singen oder künftige Ereignisse künden. In der Tiefe des nördlichen Ozeans ruhte noch immer der Kraken, dieses gewaltigste aller lebenden Ungetüme, und oft, wenn eine Nebelwand das Meer in der Ferne bedeckte, sah der Blick des erfahrenen Bootsmannes die Fühlhörner des ungeheuren Leviathan in den Nebelwolken schwanken, und setzte dann Ruder ein und Segel auf, um nicht von der wilden Strömung, die von der gewaltigen Masse im Meere hervorgerufen ward, wenn sie hinunter in die Tiefe ging, mit seinem gebrechlichen Nachen in den Bereich der Fangarme des Ungeheuers verstrickt zu werden. Auch die Seeschlange, die aus der Tiefe des Meeres emporstieg, und ihren ungeheuren, mit einer Mähne, wie die eines Streitrosses, bedeckten Hals bis zu den Wolken hinaufreckte, die sich, mit ihren großen glänzenden Augen mastenhoch emporragend, nach Beute oder Opfern umsah, war ihnen wohlbekannt. Bei den gemächlicheren Zerstreuungen der fröhlichen, wenn auch strengen Winterzeit, in welcher hier alle Arbeit ruht, dagegen die menschliche Tugend der Geselligkeit erstaunliche Vielseitigkeit entfaltet, war niemand froher und heiterer als der junge Mertoun, der, sobald seines Vaters Gemütszustand ihm Abwesenheit rätlich erscheinen ließ, von Haus zu Haus ging, überall gern gesehen und sich niemals nötigen ließ, weder zu Gesang noch zu Tanz oder Sport ... Ein Boot oder – wie es sich oft traf bei ungünstigem Wetter – ein Pferd aus den herumirrenden Herden, die hier zu jedermanns freiem Gebrauch sind, trug ihn von einer gastlichen Wohnung zur andern. Es gab keinen auf der ganzen Inselflur, der es ihm in dem kriegerischen Schwerttanz zuvortat, einer Art sportlicher Uebung, die noch von den alten Norwegern stammte. Auf dem Gue und der gewöhnlichen Geige verstand er all die melancholischen und leidenschaftlichen Weisen zu spielen, an denen die Bewohner von Shetlands Inseln so überreich sind, und denen er, um die Einförmigkeit zu mildern, oft frischere Sänge aus dem schottischen Norden einflocht, in deren Vortrag er kein geringer Meister war. Auch das Amt des Skudder oder Anführers übernahm er immer willig und mit hohem Geschick, wenn es galt, einem Laird oder Udaller als »Guizards» in Masken und Larven einen Ausflugsbesuch zu machen. Dann brachte er von Haus zu Haus, wohin er kam, Freude, und ließ Bedauern zurück beim Scheiden. So wurde Mordaunt überall bekannt und wußte sich beliebt zu machen, wohin er kam. Am häufigsten war er Gast im Hause von Magnus Troil, dem Wirte und Gönner seines Vaters. Daß es aber nicht bloß die freundliche Weise des alten Recken war, die ihn hierher zog, daß er nicht bloß gern dem braven Udaller guten Tag sagte, dessen Stimme so mächtig dröhnte, daß sie in grauer Vorzeit zur Feier der Wiederkehr des Yue, des größten Festes der Goten, Staat hätte machen können – sondern daß ihn noch anderes Metall kräftiger anzog aus jüngeren Herzen, deren Willkommen, wenn auch nicht so laut, doch ebenso freundlich war wie das des Udallers – das ist ein Thema, dessen Behandlung sich für keinen Kapitelschluß schickt. Drittes Kapitel. Der beiden Töchter Magnus Troils, Minna und Brenda mit Namen, haben wir schon erwähnt. Ihre Mutter hatte das Zeitliche vor vielen Jahren gesegnet. Sie waren inzwischen zu stattlichen Mädchen herangewachsen, von denen die ältere achtzehn Jahre alt, also etwa zwei Jahre jünger als Mordaunt Mertoun war, die zweite siebzehn Jahre zählte. Sie waren die Freude des Vaters und das Licht seiner Augen, und wenn er ihnen auch auf so nachsichtige Weise Freiheit und Willen ließ, daß seiner Ruhe leicht hätte Gefahr entstehen können, so hatte doch bisher die grenzenlose Liebe, mit der sie ihm anhingen, jeglichen Anlaß hierzu im Keime erstickt. So verschieden sie ihrem Gemüt und ihrer Gestalt nach waren, war doch die Familienähnlichkeit nicht zu verkennen. Die Mutter der Mädchen war eine Schottin, aus den Hochlanden von Sutherland, und Tochter eines edlen Häuptlings, der während der Fehden des 17. Jahrhunderts aus seinem Lande vertrieben wurde und Schutz auf diesen friedlichen Inseln gefunden hatte, wo, trotzdem Armut das Erbteil und Abgeschiedenheit das Los der Bewohner war, doch Hader und Zwietracht fremde Gäste waren. Dem alten Saint-Clair – so hieß der Häuptling – ging der Verlust seiner heimatlichen Burg mit ihren Clansleuten und allen ritterlichen Ehren tief zu Herzen, so daß er bald, nicht lange nach seiner Ankunft in Shetland, in das Grab stieg. Die Schönheit seiner Tochter hatte Magnus Troil in Fesseln geschlagen. Er fand Gehör, und sie wurde die Seine, starb jedoch schon im fünften Jahre ihrer glücklichen Ehe. Minna hatte von der Mutter die hohe Gestalt und die dunklen Augen, die rabenschwarzen Locken und die feingeschwungenen Brauen geerbt: Merkmale dafür, daß sie nach einer Seite hin mit dem alten Blut von Thule nicht in Verwandtschaft stand. Auf ihrer Wange – weiß, doch nicht bleich – lag ein so leiser, zarter Hauch von rosiger Röte, daß bei vielen die Rede ging, sie erinnere zu stark an die Lilie. Aber in dieser Vorherrschaft der blassern Blume,lag nichts von Krankhaftigkeit, sondern es war die wahre, natürliche Farbe der Gesundheit, die zu den Gesichtszügen, aus denen ein hochsinniger Geist sprach, so recht zu passen schien. Brenda, die jüngere, war eine andere, aber ebenso liebliche, ebenso reine, unschuldige Schönheit. Ihre reichen Locken hatten jenes lichte Braun, dem der vorübergehende Sonnenstrahl einen Goldglanz verleiht, das aber sogleich wieder verdunkelt, sobald der Strahl verschwunden ist. Ihre Augen, ihr Mund, die schönen Zähne, die frische, doch nicht zu dunkle Glut einer jugendlichen Gesundheit, welche ihre schneeweiße Haut färbte, gaben Zeugnis von ihrer echt skandinavischen Abkunft. Ihre feenhafte Gestalt, nicht zu hoch, wie die ihrer Schwester, aber von größerem Ebenmaß, ein sorgloser, kindlich-leichter Schritt, ein Auge, das auf jedem Gegenstand wahrer Fröhlichkeit mit Freude weilte, waren Vorzüge, die jene der Schwestern – trotzdem dieselben wahrlich nicht geringer waren – doch in Schatten stellten. Bei aller Verschiedenheit der Gemütsart dieses lieblichen Schwesternpaares konnte aber in der Liebe zum Vater keine der andern den Vorrang streitig machen. Brendas Frohsinn übertrug sich auf jede Verrichtung, auf jedes Vorkommnis des täglichen Lebens, während die stillere Art der Schwester eher dazu neigte, dem Vergnügen und der Freude, wenn nicht Einhalt zu tun, so doch nicht Förderung angedeihen zu lassen. Bücher waren ihr liebere Freunde als Menschen, und ihre Kenntnisse gingen über ihre Sphäre; Shetland bot damals nur geringe Gelegenheit, sich Wissen anzueignen, und Magnus Troil war, wie wir ihn beschrieben haben, nicht der Mann, in dessen Hause sich die Mittel zum Erwerbe desselben fanden. Aber das Buch der Natur, dieses edelste der Bücher, das der Mensch immer anstaunen und bewundern muß, selbst wenn er es nicht versteht, lag vor Minna offen dar. Die Pflanzen dieser wilden Gegenden, die Muscheln an der Küste und die an Gattungen überreiche gefiederte Welt, die diese Klippen und Horste bewohnt, waren Minna Troil ebenso bekannt, wie dem erfahrensten Jäger. Sie hatte eine scharfe Beobachtungsgabe, ein sehr gutes Gedächtnis und ließ sich von anderen Gefühlen nicht ablenken, wenn sie sich mit etwas Bestimmtem befaßte. Für die einsame düstere Naturschönheit der shetländischen Inselwelt hatte sie eine tiefe Empfindung. Das Meer in all seinen Gestaltungen erhaben-grauser und doch wieder heilig-stiller Art; die von dem endlosen Wogengebraus widerhallenden furchtbaren Klippen; das Schnarren, Krächzen, Schreien und Quieken der Seevögel hatte fast in jedem Wechsel der Jahreszeit für Minna besonderen Reiz; in der dem romantischen Geschlechte, aus dem ihre Mutter entsprossen, eigentümlichen Schwärmerei gestaltete sich die Liebe zur Natur bei ihr zu einer Leidenschaft, die nicht allein ihre Seele auszufüllen, sondern zuzeiten in die stärkste Begeisterung versetzen konnte ... Was ihre Schwester nur mit momentanem Schauer oder einem geringen Grade von dauernder Erregung ergriff, beschäftigte Minnas Phantasie tage- und wochenlang, und zwar nicht allein in dem Stillschweigen der Nacht, sondern auch in den der Unterhaltung geweihten Stunden, so daß sie mit ihren Gedanken, wenn sie, wie ein schönes Marmorbild, in ihrem häuslichen Kreise dasaß, in weiter Ferne, an der wilden Seeküste und in den noch wilderen Bergen ihrer Inselflur schweifte. Und dabei verstand sie es doch, wie nur wenige, die Unterhaltung eigentümlich lebendig zu gestalten, so daß man ihr unwillkürlich, wenn auch vielleicht nicht so ungeteilte Liebe, wie ihrer jüngeren fröhlichen, lieblichen Schwester, so doch eine hohe Achtung, unter ihrer schlichten Umgebung fast Ehrfurcht, entgegenbrachte. So waren Minna und Brenda nicht allein aller Bekannten Lust und Freude, sondern der Stolz der ganzen Inselflur, deren Bevölkerung durch die Abgeschiedenheit ihrer Lage und die schöne Sitte der Gastfreiheit zu einer echten Gemeinschaft mit biblischem Sinne vereinigt war. Lord Byron hätte seine herrlichen Verse Sie wallt in Schönheit, gleich der Nacht, Wenn am reinen Himmel blinkt Sternenlicht, Des Schattens Reiz, des Lichtes Pracht Vereint sich in ihrem schönen Gesicht. Sie hat, was die Nacht so zauberisch macht, Den sanften Schein, der dem Tage gebricht. auf Minna Troil dichten können. Der Vater liebte beide Mädchen so zärtlich, daß niemand zu sagen vermocht hätte, welche von beiden er lieber hätte, es sei denn, daß er auf Spaziergängen die ernstere Tochter lieber um sich hatte, sein fröhlicheres Kind dagegen lieber am häuslichen Herde sah; oder daß er Minnas Gesellschaft vorzog, wenn er traurig, Brendas, wenn er fröhlich war. Seltsamer aber war es noch, daß Mordaunt Mertoun seine Neigung mit derselben Unparteilichkeit, wie der Vater, zwischen den zwei lieblichen Schwestern zu teilen schien. Von seinem Knabenalter an war er, wie oben erzählt, ein häufiger Gast in Magnus Troils Haus in Burgh Westra, obgleich es an zwanzig Stunden vom Jarlshof entfernt war. Die Gegend zwischen diesen beiden Orten war hügelig und teilweis von lockerem, weichem Moor bedeckt, auch häufig von Buchten oder Meresarmen zerrissen, die auf beiden Seiten in die Insel einschnitten, so daß der Weg in der späteren Jahreszeit sehr beschwerlich, ja gefährlich war; dennoch konnte man, sobald es seines Vaters Gemütszustand ihm zum Bedingnis machte, sicher sein, Mordaunt am nächsten Tage in Burgh Westra zu finden, wohin er seinen Weg in weit kürzerer Zeit zurücklegte, als der flinkste Eingeborene gebraucht hätte. So gewöhnte man sich auf Shetland, ihn für einen Verehrer einer der Töchter Magnus Troils anzusehen, und wenn man erwog, mit welcher Liebe der alte Udaller an dem Jüngling hing, so konnte niemand zweifeln, daß er ihm eine seiner Töchter zur Frau geben würde, mit soviel Grund und Boden, felsigem Moorland und Küstenfischereien, als ihr an Mitgabe zufiele, mit Aussicht bei seinem Ableben auf das halbe Barvermögen des alten Hauses Troil, eine Beigabe, die gewiß nicht zu verachten war, so daß sich niemand dagegen verschloß, eine sehr vernünftige Spekulation darin zu erblicken. Aber den Hauptpunkt, für welche der beiden Jungfrauen Mordaunt sich eigentlich erklären werde, konnten auch die scharfsinnigsten Köpfe nicht ausfindig machen, schien er sich doch im allgemeinen nicht anders gegen sie zu benehmen wie ein zärtlicher und liebevoller Bruder gegen zwei gleich liebe Schwestern. Viertes Kapitel. Der Frühling war weit vorgerückt, als Mordaunt nach einer in Burgh Westra lustig verlebten Woche sich unter Darlegung der Notwendigkeitsgründe für seine Rückkehr nach Jarlshof von der Familie verabschiedete. Diese Notwendigkeit wurde aber von den Mädchen und noch entschiedener von Magnus Troil selbst in Frage gestellt, mit dem Bemerken, daß, wenn ihn sein Vater sehen wolle, was übrigens nicht glaubhaft sei, dieser sich ja nur in Sweyns Boot zu werfen oder, wenn er die Landkreise vorziehe, – auf einen Gaul zu setzen brauche, und dann nicht allein seinen Sohn, sondern zwanzig andere Leute noch herzlicher erfreuen würde dadurch, daß er sich endlich mal wieder sehen ließe. Mordaunt ließ das alles gern gelten, meinte aber, daß sein Vater sich nun einmal mit andern Leuten nicht zurechtfände, und daß es schon darum nicht angehe, länger zu bleiben; zumal man, wenn man warten wollte, bis sein Vater nach Burgh Westra käme, wohl eher erleben würde, Kap Sumburgh zu sehen als ihn. – »Oho, das dürfte wohl ein beschwerlicher Gast sein,« sagte Magnus; »aber wollt Ihr nicht wenigstens heute noch mit uns zu Mittag essen? Die Familien von Muneß-Quendale und Therelivoe kommen, und wohl auch sonst noch mancher, außer den dreißig, die vergangene Nacht in unserem Hause waren, so daß wir Strohschütten werden legen müssen, um allen eine Unterkunft zu bieten. – Und bei dem allen wollt Ihr fehlen?« – »Und abends gibt's Tanzvergnügen,« fügte Brenda in neckischem Tone hinzu; »und die jungen Leute von Paba sollen den Schwertertanz tanzen; wer soll mit ihnen, Schottland zur Ehre, ringen, wenn Ihr fehlt?« – »Es gibt noch manchen guten Tänzer auf dem Festlande, Brenda,« antwortete Mordaunt, »und wo es die gibt, da wird Brenda nach wie vor den Besten finden. Ich muß mich nun schon heute abend in die Wildnis von Dunrochneß trollen.« – »Tue es nicht, Mordaunt,« sagte Minna, die inzwischen ängstlich aus dem Fenster geblickt hatte; »geh heut nicht durch die Wildnis von Dunrochneß.« – »Und warum gerade heute nicht?« fragte Mordaunt lachend. »Der Frühnebel liegt schwer über der Inselflur. Noch haben wir seit Tagesanbruch Fitful-Head nicht sehen können. Die Vögel fliegen unruhig zur Küste, die Fuchsgans sieht im Nebel so groß aus wie der Kormoran, und die Erd- und Stoßmöwen flüchten sich zwischen die Klippen.« – »Und die halten, weiß Gott! einen Sturm besser aus als eine Fregatte,« sagte der Vater; »wenn die so stechen und fischen, Mordaunt, setzt's schlimmes Wetter.« – »Bleib also hier,« sagte Minna. »Sieh, obgleich die Jahreszeit noch nicht weit vorgerückt ist, ist die Luft doch schwül und drückend, dabei so ruhig, daß sich kein Halm auf der Heide rührt. Bleibe bei uns, Mordaunt; denn alles läßt auf ein so schlimmes Wetter schließen, wie wir es lange nicht erlebten.« – »Desto eher muß ich gehen,« behauptete Mordaunt, dessen scharfem Blicke diese Anzeichen auch nicht entgangen waren. »Wird's zu arg, so kehr' ich nachts in Stourbourgh ein.« – »Wie,« sagte Magnus: »Ihr wollt uns verlassen, und bei des neuen Kämmerlings neuem schottischen Substituten bleiben, der uns shetländische Wilde neue Sitten lehren soll? Wenn Du aus dem Tone pfeifst, Junge, dann geh in Gottes Namen!« – »Nein,« sagte Mordaunt, »ich bin nur neugierig, die neuen Ackerbauwerkzeuge zu sehen, die er mit herübergebracht hat,« – »Ja, ja, Wunderdinge machen Narren stutzen. Mich soll's wundern, was er mit seinem neuen Pfluge gegen unsre shetländischen Felsen ausrichten wird.« – »Ich will meinen Weg über Stourbourgh nehmen,« fagte der Jüngling, um den Vorurteilen seines Gönners gegen alle Neuerungen nicht allzu schroff gegenüber zu treten; »wegblasen wird mich der Sturm wohl nicht, und wenn's Regen gibt, was wohl wahrscheinlich ist, werde ich wohl auch nicht zu Wasser werden.« – »So nimm Dich wenigstens recht in acht, da Du doch einmal gehen willst,« sagten beide Schwestern zugleich. Aller Warnungen ungeachtet, nahm Mordaunt Abschied, doch außer stande, einen schmerzlichen Seufzer zu unterdrücken, als er auf die Behaglichkeit ringsumher zurückblickte, den dicken Rauch aus den Schornsteinen steigen sah und dann die unfreundliche, einsame Behausung in Jarlshof und die düstre Schwermut seines Vaters mit der traulichen Wohnstätte und Herzlichkeit der lieben Menschen in Parallele stellte, von denen er eben den Fuß hinweg setzen wollte. Die Zeichen für das Einsetzen des Sturmes mehrten sich. Mordaunt war noch keine drei Stunden gegangen, als die Luft, die am Morgen bleischwer gewesen war, auf einmal in wilde Bewegung geriet, und bald tobte und brüllte der Sturm mit aller Wut eines nordischen Orkanes; mit furchtbarer Gewalt schlug er gegen die Hügel und Felsen und in Strömen goß der Regen nieder, eine förmliche Wand bildend, die es dem Wanderer unmöglich machte, die Richtung seines Weges zu verfolgen, gab es doch von gebahnten Straßen noch nicht die leiseste Spur, und wurde die Wegstrecke doch von Seen, Morästen, Pfühlen und Fenns fortwährend unterbrochen. Die Bäche waren zu Strömen angeschwollen, deren Fluten vom Sturme hochgepeitscht wurden und die Luft mit einem Gestöber von Salzwasser erfüllt, das ihm ins Gesicht schlug und als Zeichen dafür gelten mußte, daß Springfluten vom rasenden Meere herüber sich mit den Wassermengen der inländischen Seen und Ströme vermischt hatten. In diesem grausen Aufruhr der Elemente bahnte sich Mordaunt kühn den Weg. Er fühlte, daß sein Leben in der schwersten Gefahr stand, daß er alle Kraft und Klugheit daran setzen müsse, es zu retten; aber er fühlte auch den stolzen Triumph, den jedes Aufgebot von Kraft, um schwere Gefahr zu überwinden, in der menschlichen Seele weckt ... »Sie sollen in Burgh Westra von mir nicht hören,« dachte er bei sich »wie von des alten albernen Ringan Ewerson Boot, das zwischen Reede und Hafendamm verloren ging.« So schritt er mutig weiter, bauend auf dem ihm eigenen Scharfblick für alle Kennzeichen der Naturvorgänge, denn alle örtlichen Merkmale, wie Feld, Berg und Vorgebirge waren in Nebel und Dunkelheit gehüllt; aber lange Bekanntschaft mit diesen wilden Gegenden hatte ihn selbst den kleinsten Gegenstand ins Auge fassen gelehrt, der ihm unter solchen Umständen zur Richtschnur dienen konnte. Und doch drohte all seine Erfahrung und Entschlossenheit an den wilden Umständen seiner Lage zu scheitern, da er, trotz äußerster Anstrengung, nur langsam durch die ausgetretenen Bäche und doppelt tiefen Moräste, die ihn zu häufigen Umwegen zwangen, vorwärts kommen konnte. Aber er bestand den schweren Kampf mit Sturm, Regen und Ungemach, und sah, nur ein einziges Mal vom Wege abgekommen, endlich das Haus von Stourbourgh oder Hafra vor sich, mit welchem Namen man den Aufenthaltsort des Herrn Triptolemus Yellowley bezeichnete, des erwählten Abgeordneten des Kämmerlings von Orkney und Shetland, eines sehr klugen und weitsichtigen Mannes, der in das Ultima Thule der Römer einen Geist des Fortschrittes zu verpflanzen gedachte, wie er sich in dieser früheren Zeit kaum in Schottland selbst zu äußern anfing. Das Haus des würdigen Mannes war auf einige Meilen weit der einzige Zufluchtsort, den Mordaunt vor dem wütenden Sturme zu finden hoffen durfte, und als er nun im vollsten Vertrauen, hier Einlaß zu finden, auf die Tür zuschritt und diese nicht allein eingeklinkt, (was das Wetter entschuldigen konnte), sondern sogar verriegelt fand, – ein, wie Magnus Troil schon erwähnt hatte, auf den Inseln beinahe unbekannter Fall – war er nicht erstaunt (denn der Ausdruck war zu gelind), sondern verblüfft. Er klopfte, rief, schlug gegen die Tür, warf mit Steinen dagegen – alles umsonst: Die Tür blieb verschlossen. Minute auf Minute verrann, ohne daß er aufhörte, seiner Ungeduld durch Lärm Luft zu machen, und ohne daß ihm irgend eine Antwort zu teil wurde – und diese Zeit wollen wir benutzen, den Leser über Triptolemus Yellowley, und darüber, wie er zu diesem sonderbaren Namen kam, zu unterrichten. Der Vater von Triptolemus, der alte Jasper Yellowley, war, obgleich am Fuße des Roseberry-Gipfels geboren, von einem schottischen Grafen bewogen worden – da der Ort für den pfiffigen Yorkshirer selbst zu weit nördlich lag – einen Pachthof in den Mearns zu übernehmen; aber hier bot der rüstige Pächter umsonst alle Anstrengung und wirtschaftlichen Kenntnisse auf, dem kalten Boden und feuchten Klima Erfolge abzuringen. Gelungen wäre es ihm schließlich trotz allem, wenn ihn nicht die Lage seines Pachthofes an der Grenze vom Grampian-Gebirge unaufhörlich den Einfällen der »Plaid-Leute« ausgesetzt hätte, die im Bereiche desselben wohnten, und darüber geriet Jasper Yellowley bald in Armut. Aber seine roten Wangen unb sein kräftiger Körperbau führten ihm das Herz der Jungfer Barbara Clinkscale zu: der Tochter des verstorbenen und Schwester des jetzt lebenden Mannes dieses Namens. Da das Haus Clinkscale immer schottischen Stolz gewahrt und sich durch schottische Sparsamkeit ausgezeichnet hatte, wurde dieser Ehe in der Gegend nichts weniger als Beifall gezollt. Aber Jungfer Baby besaß ein Vermögen von 2000 Mark, über das sie schalten und walten konnte, war resoluten Sinnes und seit wenigstens zwanzig Jahren (so versicherte wenigstens der Notar, der den Kontrakt aufsetzte), major und sui juris und heiratete, allen Vor- und Nachreden zum Trotz, den wackern Freisassen aus Yorkshire. Ihr Bruder und ihre engern Verwandten kehrten sich von ihr nicht bloß verdrossen ab, sondern sagten sich fast vollständig von ihr los. Aber Haus Clinkscale hatte, wie damals jede schottische Familie, noch viele andere Verwandte – die nicht so heikel waren – Vettern im zehnten und sechzehnten Grade, die nicht nur Baby Yellowley nach wie vor als ihre Verwandte anerkannten, sondern sich auch herabließen, Bohnen und Speck mit ihrem Manne zu essen, ein Gericht, das die Schotten damals ebenso verabscheuten wie die Juden. Ja sie hätten ihre Freundschaft sogar gern durch ein Darlehen noch enger mit ihm geknüpft, hätte sich nicht seine wackere Ehehälfte, die sich, wie kaum eine Frau in den Mearns, kein X für ein U machen ließ, strikte dagegen ausgesprochen. Ebenso hatte sie die Gastfreundschaft, die der junge Deelbelicket und der alte Dougald Baresword, Laird von Bandybrawl, und andere in Anspruch zu nehmen sich erdreisteten, klugerweise nicht geweigert, sondern vielmehr dazu benutzt, Unterhandlungen mit den händelsüchtigen Leuten jenseits des Eairn anzuknüpfen, die, sobald sie inne wurden, daß Yellowleys, die sie sonst ungestraft geplündert, jetzt mit »wohlbekannten und in der Kirche und auf dem Markte begrüßten Leuten« verwandt seien, sich sofort mit einer mäßigen Abfindungssumme für Raub und Ueberfall einverstanden erklärten. Durch diesen glücklichen Erfolg wurde Jasper mit dem Pantoffelregiment seiner Frau ausgesöhnt, trotzdem sich dasselbe noch sehr verschärfte, als sich fand, daß sie guter Hoffnung sei. In diesem gesegneten Zustande hatte Frau Jellowley nämlich einen merkwürdigen Traum: bei schwangeren Müttern vor der Geburt bekanntlich ein häufiges Vorkommnis. Sie träumte, daß sie glücklich von einem Pfluge entbunden worden, der von drei Joch Ochsen aus Angushire gezogen wurde; natürlich setzte sie sich flugs mit drei Gevatterinnen hin, um zu beraten, was solcher Traum wohl bedeuten möchte. Der alte Jasper wagte nach langem Zögern und unter vielem Stocken und Stottern sich dahin zu äußern, daß sich solch Traumgesicht wohl mehr auf vergangene Begebenheiten beziehe als auf vorhandene zu deuten sei – und wohl darauf zurückzuführen sein möge, daß die Nerven seiner Frau dadurch in Aufruhr geraten seien, daß sie seinem eigenen großen Pfluge mit den sechs Ochsen begegnete. Aber die drei Gevatterinnen erhoben gegen solche Auslegung solches Geschrei, daß Jasper die Finger in die Ohren stecken und aus der Stube laufen mußte. »Da hör ihn einer« sagte eine Alte aus Nord-Schottland, »seine Ochsen sind ihm seine Götzen wie das Kalb von Bethel! Nein, nein – kein irdischer Pflug ist's, hinter dem der Knabe (denn ein Knabe wird's) hergehen wird, sondern ein geistiger Pflug, – den der Knabe einst auf der Kanzel führen wird.« »Ihr seid des Teufels mit Euren überspannten Ideen,« sagte die alte Frau Glenprosing: »er soll sich wohl um seinen Kopf predigen, wie James Guthrie der Gottesmann? Nein, nein, davon darf keine Rede sein! er soll einen sichern Lebenspfad wandeln.« – Der Meinungszwist zwischen den beiden Sibyllen wurde mit jedem Augenblick heftiger (wobei das kreisende Zimmtwasser wie Oel auf die Flamme wirkte), als Jasper mit der Pflugreute hereinkam und auf eine Weile Stille schuf. Ich weiß nicht, ob aus Ungeduld, ein dem Anschein nach zu einem hohen, geheimnisvollen Berufe bestimmtes Wesen an das Licht der Welt zu bringen, geschah, was nun folgte – oder ob die arme Frau Yellowley sich über den Lärm entsetzt hatte, der in ihrer Gegenwart entstand: genug, es befiel sie ein plötzliches Unwohlsein, und bald ging die Rede, daß sie sich bei weitem schlechter befinde, als sich – wie die Redensart immer lautet – »den Umständen nach erwarten ließe,« Sie nahm, da sie noch ihr Bewußtsein hatte, diesen Zufall wahr, um von ihrem mitfühlenden Gatten zwei Versprechen zu erhalten, erstens: daß er den Knaben, dessen Geburt ihm dem Anschein nach so teuer zu stehen kommen sollte, einen Namen beilege, der mit ihrem Traum im Einklang stehe, und zweitens: daß er den Knaben für die geistliche Laufbahn bestimmte. Der kluge Yorkshirer, in der Meinung, daß die Frau unter so bewandten Umständen allerdings ein Recht zu Vorschriften habe, willigte in alles. Wirklich kam auch ein Knabe zur Welt; aber die Mutter war mehrere Tage lang so schwach, daß sie sich nicht darum bekümmern konnte, ob ihren Wünschen gewillfahrt worden sei oder nicht. Als sie sich zu erholen anfing, wurde ihr mitgeteilt, daß das Kind in der Taufe, die man schnell vornehmen zu müssen für geraten erachtet hatte, den Namen Triptolemus bekommen habe, da der Pfarrer, ein in den Klassikern belesener Herr, sich dahin geäußert habe, daß dieser Name die von ihr gestellte Bedingung erfülle, indem er auf Pflug und dreifaches Ochsengespann deute – aber Frau Yellowley war mit der Art, wie man ihrem Wunsche gerecht geworden, nicht so ganz zufrieden; da aber Brummen hier wenig half, ließ sie sich den heidnischen Namen gefallen und suchte die Wirkungen, die er auf Geschmack und Ansichten des Täuflings hervorbringen könnte, durch eine Erziehung aufzuheben, die ihm alle Gedanken an Pflugeisen, Pflugsterze und dergleichen mit dem sklavischen Pflugplacke in Bezug stehende Dinge fernhalten sollte. Jasper, der weise Yorkshirer, lachte sich aber ins Fäustchen, denn er meinte, der kleine Trip werde wohl kaum zu jenen »Aepfeln gehören, die weit vom Stamme fielen,« vielmehr eher nach ihm, als dem wackeren Freisassen, arten, als in das zwar edle, aber scharfe Blut des Hauses Clinkscale schlagen, und nahm mit heimlicher Freude wahr, daß das bekannteste Wiegenlied nach der Melodie des Liedes: »Der Landmann hat viel Freude«, gesungen wurde, und daß die ersten Worte, die das Kind lallte, die Namen seiner drei Ochsen waren; ja daß der Knabe Hausbier gern trank und schottisches ausspuckte, – und daß, wenn kein anderes Mittel, ihn zur Ruhe zu bringen, mehr anschlagen wollte, ein Zaum, mit dem man ihm vor dem Ohre klingelte, die gewünschte Wirkung nie versagte. Auf diese Anzeichen hin verschwor er sich hoch und heilig, sein Junge würde ein echter Yorkshirer werden, und der Mutter, wie ihrer Clinkscaler Sippschaft, ein derbes Schnippchen schlagen. Ein Jahr nach des Trips Geburt gab Frau Yellowley einer Tochter das Leben, die nach ihr Barbara getauft wurde, und schon in frühester Kindheit durch die spitzige Nase und dünnen Lippen erkennen ließ, daß sie eine echte Clinkscale werden würde, auch in der späteren Kindheit diese Erwartung durch die Gier noch rechtfertigte, mit der sie nach allem, besonders aber ihres Brüderchens Spielsachen, griff, wie auch durch die Neigung, bei der geringsten oder auch gar keiner Veranlassung zu beißen, zu kneifen oder zu kratzen. – Der junge Triptolemus bekam vom Pfarrer soviel Unterricht, wie dieser geben konnte, und wurde, als Zeit und Stunde kam, nach Saint-Andrews zur Vollendung seiner Studien gesandt. Wohl zog er dorthin, nahm aber wehmütige Erinnerungen mit an Vaters Pflug, Vaters Eierkuchen und Vaters Hausbier, wofür ihm das Dünnbier des »College,« wie schon dessen Spottname »Dünnpfiff« andeutete, nur schwachen Ersatz bot. Indessen machte er Fortschritte in der Wissenschaft, wobei sich aber eine bestimmte Vorliebe bei ihm für diejenigen alten Schriftsteller, die sich den Ackerbau zur Domäne ihrer Kunst erkoren, nicht verkennen ließ. So war die »Bucolica« des Virgil sein Lieblingsbuch, und dessen »Georgica« wußte er sogar auswendig – aber die »Aeneide« konnte er nicht ausstehen und haßte besonders die berühmte Zeile, die einen Angriff der Reiterei malt, weil er das darin vorkommende Wort »putrem« Quadrupedumque putrem sonitu quatit ungula campum so auslegte, daß die Reiterei in ihrer grimmen Hitze über ein frisch gedüngtes und gepflügtes Feld hinweggaloppiert sei. Unter den Helden und Philosophen des Altertums war der römische Zensor Cato sein ausgesprochener Liebling, doch nicht wegen seiner Sittenstrenge, sondern wegen seiner Abhandlung » de re rustica .« So hatte er auch immer die Cicero-Worte im Munde: jam neminem antepones Catoni. Von Palladius und Terentius Varro hielt er wohl was, aber Calumella kam nie aus seiner Tasche. Ebenso interessierten ihn auch in den Kalendern der Gegenwart nicht die eitlen Prophezeihungen politischer Ereignisse, sondern bloß die Nachrichten über praktischen Bodenbau, über diejenigen Düngemethoden, die eine gute Ernte erwarten ließen, über die beste Zeit zum Säen und über die Wetteraussichten für die einzelnen Monate, wie z. B. daß es, wenn es dem Himmel gefällt, im Januar schneien werde, und daß der Verfasser seinen Ruf verpfänden wolle, daß es im Juli viel Sonnenschein geben werde. Obgleich der Rektor von St.-Leonard mit dem ruhigen, fleißigen Triptolemus zufrieden war und ihn seines viersilbigen Namens mit der lateinischen Endung nicht eben für unwürdig hielt, mochte ihm seine allzu große Vorliebe für die Ackerbauschriftsteller durchaus nicht gefallen, schmeckte sie ihm doch, wie er sagte, gar zu sehr nach Erde, wenn nicht nach etwas noch Aergerem. Aber Triptolemus Yellowley beharrte eigensinnig bei seiner Richtung, so daß ihm beispielsweise die Schlacht von Pharsalia nicht deswegen merkwürdig war, weil sie über die Freiheit der Welt entschied, sondern weil ihm die reiche Ernte vorschwebte, die die emathischen Gefilde im nächsten Jahre zufolge des starken Blutdungs gegeben haben müßten. Nie war er dahin zu bringen, von vaterländischer Dichtkunst auch nur eine einzige Zeile zu lesen, ausgenommen den alten Tusser, dessen »hundert Regeln« über gute Landwirtschaft er auswendig wußte, sowie Piers, des Pflügners »Vision«, die er, durch den Titel angezogen, begierig von einem Hausierer kaufte, aber schon nach den ersten zwei Seiten als eine freche, sich unangemessenen Namens bedienende Schmähschrift ins Feuer warf. Aus der ganzen Gottesgelahrtheit interessierten ihn bloß die Bibelworte, daß der Mensch sein Brot im Schweiße des Angesichtes zu essen verdammt sei – und dieses Bibelwort bestimmte ihn auch zu dem Entschlusse, streng danach zu handeln, fleißige Arbeit mit seinen Händen zu tun und auf geistige Grübelei zu verzichten. So kam es denn mit der Zeit, daß seine Fortschritte in der Gelehrsamkeit, und die Art, wie er die erworbenen Kenntnisse verwerten zu wollen schien, den ehrgeizigen Hoffnungen der Mutter nicht eben schmeichelten. Freilich erhob er keinen Widerspruch gegen die Zumutung, Geistlicher zu werden; nur stellte er Gewährung freien Wortes zur Bedingung und daß er sechs Tage in der Woche das Feld bauen dürfe, mithin bloß jeden siebenten zu predigen brauche, wie daß er nach der Predigt mit irgend einem fetten Vogt oder Laird zu Mittag essen, nach dem Tische eine Pfeife rauchen, einen Krug Bier trinken und dann sich insgeheim über das unerschöpfliche Thema: »Quid faciat laetas segetes,« verbreiten dürfe. Hierzu gehörte aber, abgesehen von dem Besitz einer Pfarre, die keiner erlangen konnte, der sich nicht in die Lehren der bischöflichen Kirche und andere Greulichkeiten der Zeit fügte, Geld und andere Förderung, und ob, wenn sich Trips brave Mutter – wenn er die Förderung fand – wirklich entschlossen hätte, sich von dem Gelde zu trennen, oder ob ihr schließlich Geld doch wichtiger gewesen wäre als aller Presbyterianismus, bleibt wohl für alle Zeiten fraglich insofern, als es dem Schicksal gefiel, ihren Eifer nicht auf eine so harte Probe zu stellen. Sie starb nämlich, ehe ihr Sohn seine Studien vollendet hatte: ein Verlust, der ihren Gatten tiefer betrübte, als man erwarten konnte. Der erste Schritt, den der alte Jasper nach endlich erlangter Haus-Autonomie tat, war, daß er den Sohn von St.-Andrews heimrief, damit er ihm bei seinen häuslichen Arbeiten zur Hand gehe. Nun hätte man meinen sollen, daß Triptolemus, der nun in die Praxis übertragen sollte, was er in der Theorie so emsig studiert, sich (um ein Gleichnis zu brauchen, das er gewiß für sehr treffend gehalten hätte) wie ein Füllen auf der Weide vorkommen würde. Doch was sind Gedanken, was sind Hoffnungen beim Geschlechte des Menschen! Ein lachender Philosoph, der Demokrit unserer Zeit, hat einmal das menschliche Leben mit einer arg durchlöcherten Tafel verglichen, bei der für jedes Loch ein genau passender Stift vorhanden sei. Da aber diese Stifte schnell und ohne Bedacht in die Löcher gesteckt würden, bliebe dem Zufall ein so freies Spiel, daß es zu den seltsamsten Mißgriffen käme. – »Denn,« schließt der Philosoph mit kräftigem Pathos, »wie oft sehen wir nicht, daß ein runder Mensch in einem dreieckigen Loche steckt?« Diese neue Erklärung der Zufallslaunen erregte bei jedem Anwesenden ein krampfhaftes Gelächter, einen fetten Gemeindevorstand ausgenommen, der, den Fall persönlich nehmend, versicherte, mit solcher Sache sei nicht zu spaßen. Um nun dies treffliche Gleichnis weiter zu führen, muß ich sagen, daß es mir vorkommt, als sei Triptolem aus dem Sacke mit Stiften wenigstens um ein Jahrhundert zu früh ins Leben geschüttet worden. Hätte er zu unseren Lebzeiten die Weltbühne betreten, d. h. während der letzten dreißig bis vierzig Jahre, geblüht, so wäre er sicher stellvertretender Vorsitzender irgend einer großen Ackerbau-Gesellschaft geworden. Eine solche Stelle hätte ihm nicht entgehen können, und wäre von ihm auch gerecht ausgefüllt worden, denn in der Materie selbst war er gründlich zu Hause – besser als mancher Herzog oder Lord, den man zum wirklichen Vorsitzenden macht, obgleich er manchmal kaum zu unterscheiden weiß zwischen einem Karrengaul und einem Gaul mit Karren, Aber ach! Triptolemus Yellowley war, wie schon bemerkt, wenigstens um ein Jahrhundert zu früh auf die Welt gekommen, und statt in einen bequemen Fauteuil mit bequemen Armstützen gesetzt zu werden, damit er, mit dem Hammer in der Faust und einem Glase Portwein vor sich, einen Spruch ausbringe »auf Ackerbau, Viehzucht und verwandte Zweige«, wurde er von seinem Vater an den Pflug gestellt und mußte Ochsen führen, deren Rücken er aber, statt mit der Peitsche, viel lieber mit dem Tranchiermesser bearbeitet hätte. Der alte Jasper führte bald bittere Klage, daß sein gelahrter Sohn (den er »im abgekürzten Verfahren« immer nur »Tolimus« nannte) wohl die herrlichsten Reden über Gemeindeweiden, Koppel und Wechselwirtschaft, Freizucht und Inzucht zu halten wisse, daß aber unter seinen Händen gar nichts gedeihen wolle. Schlimmer aber wurde es in dieser Hinsicht noch, als Vater Jasper nach einigen Jahren durch das Alter gezwungen wurde, dem akademischen Jünger die Zügel zu überlassen. Als ob die Natur einen untilgbaren Groll gegen ihn hegte, hatte er eine der schlechtesten, undankbarsten Pachtungen in den »Mearns« bekommen, einen Fleck tatsächlich, der alles hervorzubringen schien, nur nichts von all dem, was ein Landmann braucht. Disteln, die dürres, Farnkräuter, die sumpfiges Land, Nesseln, die Kalkboden verraten sollen, – wuchsen in Hülle und Fülle – Furchen und Steine gab es im Ueberfluß; und auch an Quellen mangelte es nicht, bloß brachen sie nur überall dort aus der Erde, wo sie wenig oder gar nicht am Platze waren. Vergebens mühte sich der arme Triptolemus, bald nach diesem bald nach jenem Rezepte, den Boden, nach Maßgabe seiner Eigenschaft, zu bewirtschaften. Aber er gewann weder die Butter aufs Brot, noch das Brot zur Butter – und abgesehen von einem halben hundert Morgen eingehegten Landes, auf das schon sein Vater all seine Arbeitskraft und Arbeitslust beschränkt hatte, gab es kaum noch einen Winkel in der ganzen Pachtung, der zu etwas anderem gut war, als Geräte darauf zu zerbrechen, oder Vieh darauf zu Tode zu schinden. Was einkam, ging für Unterhaltungskosten der Pachtung und mit Experimenten drauf, zu denen sich Triptolemus nie nötigen ließ. Hätte er in unserer Zeit gelebt, so hätte es mit ihm gar bald ein Ende gehabt. Ein sogenannter Bank-Kredit, hinter dem ein kurzer Wechselkredit, im Verein mit einem Leben in dulce jubilo gekommen wäre, hätte da Hof, Ernte und Viehstand bald unter Sequester gebracht. Zur damaligen Zeit aber ging es mit dem Zugrunderichten noch nicht so geschwind. In dieser Hinsicht standen nämlich sämtliche schottische Pächter so ziemlich auf der gleichen Stufe, so daß es ebenso schwer war, in die Höhe zu kommen wie sich den Hals zu brechen; sie befanden sich eben durchweg in jener Situation, worin es keinen Kredit, also an allen Ecken Not und Jammer gibt, worin aber, da keiner Schulden machen, auch keiner bankerott werden, also höchstens eben verhungern kann. Was Triptolemus, trotz aller Experimente, noch leidlich vorm letzten Radikalmittel bewahrte, waren die Ersparnisse, die seine Schwester Barbara durch ihre beispiellose Praxis im Haushalt und durch ihren unverwüstlichen Fleiß machte: Eigenschaften, die jenem Philosophen, der den Satz predigte: Schlaf sei nur ein Begriff und Essen eine Gewohnheit, – als lebendige Beweismittel hätten gelten können. Barbara Yellowley war früh auf, ging spät schlafen und stand bei ihren mit Arbeit überlasteten Mägden in dem Rufe, es an Wachsamkeit mit jedem Hunde, ja jeder Katze aufzunehmen. Satt zu werden schien sie an Luft – und vermißte diese leibliche Tugend zu ihrem größten Aerger an ihrem Bruder und ihrem Instvolk. Aber nie wäre es ihr einmal eingefallen, ein Stück Vieh zu schlachten, um dem Bruder einen frohen Tag zu machen: ein Glück, daß derselbe nachgiebigern Sinnes war und sich leicht lenken ließ, mithin sich bald an diese immerwährende Karenz gewöhnte und sich schon glücklich schätzte, wenn er zu seinem Haferkuchen ein Stückchen Butter bekam und, da die Wohnung an den Ufern des Esk lag, dem schlimmen Zwange entging, an den sieben Tagen der Woche immer sechs Lachse essen zu müssen. Trotzdem nun Barbara alle Ersparnisse zu der Wirtschaftsmasse schlug und der Brautschatz der Mutter nach und nach mit draufging, näherte sich doch endlich der Augenblick, wo es unmöglich schien, den Kampf gegen die »ungünstigen Gestirne des Triptolemus« (wie er selbst immer die natürliche Folge seiner unvernünftigen Spekulationen nannte) weiterzuführen. Zum Glück für Triptolemus und Barbara stieg im bösesten dieser bösen Momente ein Gott zu ihrem Beistand vom Himmel nieder, oder – um nüchtern zu sprechen, – dem edlen Lord, dem die Pachtung gehörte, gefiel es in seinem, von sechs Läufern bedienten Sechsspänner sich im vollen Prunk des siebzehnten Jahrhunderts nach seinem Landsitze kutschieren zu lassen. Dieser Standesherr war der Sohn jenes Edelmannes, der den alten Jasper aus Yorkshire von den »Mearns« weg und hierher gelockt hatte, und, gleich seinem Vater ein Mann voller Pläne und Entwürfe. Er hatte aber im Zeitenlaufe insofern gut für sich gesorgt, als er sich auf eine gewisse Reihe von Jahren die selbständige Verwaltung der entfernten Orkney- und Shetland-Inseln gegen Entrichtung eines geringen Pachtgroschens, mit der Befugnis den Titel eines Lord-Kämmerlings zu führen, zu verschaffen gewußt hatte. Seine Herrlichkeit meinte nun, und zwar ganz richtig, daß zu solchem Titel auch Mittel gehörten, und daß die Mittel erst reichlich fließen könnten, wenn der Anbau der Kronländereien aus den Orkney-Inseln und auf Shetland melioriert würde – er blies also mit unserem Freunde Triptolemus in das gleiche Horn, und da ihm Triptolemus auch sonst einigermaßen bekannt war, kam ihm der Einfall, seine Pläne durch diesen in die Praxis zu überführen. Er ließ ihn also nach dem Herrenhause holen und war mit der Art, wie unser Freund das Thema erfaßte, so zufrieden, daß er keine Minute säumte, sich solches wichtigen Beistandes zu versichern. Die Bedingungen, die er Triptolemus einräumte, der durch langjährige Erfahrung einen dunklen Begriff bekommen hatte, daß es bei aller Geschicklichkeit schließlich doch besser sei, wenn Mühe und Gefahr auf Kosten eines Unternehmers gingen, stellten denselben willig zufrieden. Dafür wußte Trip die Aussichten auf Profit so rosig zu malen, daß dem Lord-Kämmerling alle Lust, seine Beamten auf Teilnahme am Gewinn zu stellen, – abhanden kam, weil er nämlich, nach Abzug des guten Gehalts für seinen Verwalter, alles selbst zu schlucken für vorteilhafter fand. Barbara wäre, als sie von dem glücklichen Abkommen Kunde bekam, am liebsten an die Decke gesprungen, wenn sich solche Motion mit ihren Ansichten von Sittsamkeit vertragen hätte. Triptolemus seinerseits war nun, während er die nötigen Ackerbauwerkzeuge bestellte, die bei dem Inselvolk eingeführt werden sollten, eine Zeitlang Stammgast in jedem Wirtshause. Heutzutage würden sich dieselben freilich gar wunderlich ausnehmen, aber alles ist nun einmal relativ, und die schwere Karrenladung, die man den alten schottischen Pflug nennt, wäre einem schottischen Pächter jener Zeit nicht minder schnurrig vorgekommen, als Helm und Harnisch eines Soldaten aus der Zeit des Cortez den Regimentern unsrer Armee. Dennoch eroberte Cortez Mexiko, und der alte Schottenpflug wäre für den Ackerbau in Thule keine unwesentliche Verbesserung gewesen. Weshalb Triptolemus den Aufenthalt in Shetland dem auf den Orkney-Inseln vorzog, ist nie bekannt geworden. Vielleicht hat er die Bewohner dieser Infelflur für simpler und fügsamer gehalten, als sie es sind: vielleicht hat er auch Haus und Pachtung – die in der Tat leidlich waren – denen vorziehen zu sollen gemeint, die er auf Pomona hätte wählen können. In Hafra – oder, wie es dann und wann, nach den Ueberbleibseln einer Piktenfeste, die fast dicht beim Wohnhause lagen, auch hieß, Stourbourgh – nahm des Lord-Kämmerlings Substitut in der Fülle seiner Machtvollkommenheit sein Domizil, mit dem festen Entschlusse, seinem Namen dadurch Ehre zu machen, daß er die Shetlander durch Vorschrift und Beispiel einer besseren Kultur entgegenführte. Fünftes Kapitel. Wir können nur hoffen, daß den freundlichen Leser der letzte Teil des vorigen Kapitels nicht gelangweilt haben möge – soviel aber dürfen wir als gewiß annehmen, daß seine Ungeduld nicht so groß gewesen sein kann, wie die des jungen Mertoun, der – während Blitz auf Blitz folgte, der Wind, von einem Punkte der Windrose zum andern laufend, mit der Gewalt eines Orkans wehte, und der Regen in Strömen floß – an das Tor von Stourbourgh donnerte, dabei rief und schrie, ohne zu begreifen, wie man einem Fremden bei so furchtbarem Wetter den Eintritt wehren könne. Zuletzt aber wurde er inne, daß alles Lärmen unnütz sei, und nun trat er soweit vom Hause zurück, daß er die Schornsteine genau sehen konnte; und was sah er da zu seinem namenlosen Entsetzen? daß keine Spur von Rauch aufstieg, obgleich es nahe an Mittag war, damals die Essenszeit auf dieser Inselflur. Jetzt trat nun an Stelle der Ungeduld Teilnahme und Besorgnis; denn an die unbedingte Gastfreiheit der shetländischen Inseln gewöhnt, konnte er keine andere Erklärung für den Fall finden, als daß die Familie, die hier ihren Sitz hatte, von einem schweren, unerklärbaren Unglück heimgesucht worden sei. So sah er sich nun nach einem Platze um, von wo aus sich in das Haus eindringen lasse, um über die Lage der Bewohner Klarheit und für sich selbst Obdach und Unterkunft zu gewinnen. Aber seine Bekümmernis war ebenso grund- und zwecklos wie seine Hast, denn Triptolemus und seine Schwester hatten sein Klopfen und Rufen recht gut gehört und sich schon geraume Zeit heftig darum gezankt, ob sie das Tor öffnen sollten oder nicht. Barbara oder, wie sie von Triptolemus genannt wurde, Baby Yellowley wollte von Gastfreundschaft nichts wissen, war vielmehr von Cauldshouters, ihrem Pachthof in den »Mearns«, her allem vagierenden Volk in der schlimmsten Erinnerung; kein Bettler, Hausierer oder Kesselflicker, selbst der verschlagenste nicht, konnte sich rühmen, die Klinke des Tors dort offen gefunden zu haben. Das folgende Gespräch zwischen Bruder und Schwester wird über die Gründe, die zum Zank zwischen ihnen führten, Aufschluß geben können. »Der Himmel gebe seinen Segen,« sagte Triptolemus, in der alten Schulausgabe seines Vergil blätternd; »das ist 'mal wieder ein Tag, um Gerste zu säen; sagte nicht schon der weise Mantuaner: ventis surgentibus ? Wie es im Gebirge heult – wie es von den Küsten schallt! Aber – Baby, wo sind die Wälder? Wo finde ich nemorum murma hier in unsrem neuen Wohnsitze?« »Was hast Du wieder für dummes Zeug im Kopfe?« rief Baby, den Kopf aus einem finstern Loch in der Küche hervorsteckend, wo sie irgend ein häusliches Geschäft verrichtet hatte. Triptolemus, mehr aus Gewohnheit als Absicht das Wort an sie richtend, hatte kaum ihre spitze, rote Nase, ihre funkelnden grauen Augen und scharfen Züge erblickt, als ihm auch schon beifiel, daß ihr solche Frage kaum recht kommen würde, und es ihm rätlicher bedünkte, sich lieber einer neuen Flut von Scheltworten auszusetzen, als das Gespräch von neuem zu beginnen, »Nun, Yellowley,« sagte Baby, in die Mitte der Stube tretend, »warum denn solch Geschrei nach mir? Du solltest doch wissen, daß ich noch mitten in der Arbeit stecke.« »Ach, ich habe eigentlich gar keinen Grund, Baby, Dich zu behelligen; ich dachte nur, an Meer und Wind und Regen fehlte es uns freilich nicht – wohl aber an Holz! Wo ist das Holz, Baby? he! sag es nur, wo ist das Holz?« »Das Holz?« wiederholte Baby, – »ginge ich damit nicht haushälterischer um als Du, Bruder, dann gebe es in der Nähe wohl bald kein Holz weiter als den Klotz, den Du als Kopf auf Deinen Schultern trägst. – Meinst Du aber das Treibholz, das gestern angeschwommen, so sind zwölf Lot davon heute früh auf Deine Suppe gegangen – ich freilich meine, daß sich jeder sparsame Mensch statt mit Suppe auch mit Drammock einrichten könnte, statt daß man zum Mehl auch noch Feuerung wegen des bißchens Frühstücks verbrauchen muß.« »Du meinst Baby,« sagte Triptolemus, der nach seiner Weise auch einmal, wenn auch nur trocken, scherzen konnte, »wer Feuer hat, soll nicht essen, und wer zu essen hat, soll kein Feuer anmachen, da beides zu viel des Guten für einen Tag sei? Nun, daß Du uns vor Kälte und Hunger nicht unice contextu umkommen lassen willst, freut mich wenigstens; aber wenn ich Dir die Wahrheit gestehen soll, so habe ich mir mein Lebtag aus rohem Mehl in kaltem Wasser nichts gemacht – ich lobe mir nun einmal was Warmes.« »Schlimm und dumm genug von Dir,« sagte Baby. »Könntest Dir mit der warmen Suppe auch Sonntags genügen lassen und in der Woche Drammock essen – wozu die Schleckerei? es ist doch bloß ein kurzes Stück, wo's gut schmeckt! und dann gibt's manchen, der ganz anders aussieht wie Du, und sich doch alle Finger nach einem Teller Suppe lecken würde.« »Da sei Gott vor, Schwester!« erwiderte Triptolemus; »dann braucht' ich doch weder Feld zu bestellen, noch den Pflug zu spannen, sondern könnt mich ruhig hinlegen und auf den Tod warten; denn soviel, daß ganz Shetland sich ein Jahr an Mehl satt essen könnte, haben wir im Hause – und Du willst mir nicht einmal einen Teller warmer Suppe gönnen, trotzdem ich Dir doch über jeden Pfennig Rechenschaft ablegen muß?« »Still! halte Deine geschwätzige Zunge,« sagte Baby, indem sie einen scheuen Blick durch die Stube warf; »wahrhaftig, Du bist gerade der Rechte, davon zu sprechen, was wir im Hause haben, und alles zusammenzuhalten und über allem die Augen zu halten! – Horch! So wahr ich lebe, draußen klopft jemand.« »Dann geh und mach auf, Baby,« sagte der Bruder, froh, daß sich ein Umstand fand, der dem Gespräch ein Ende machte. »Gehen und aufmachen?« wiederholte Baby, böse, erschrocken und schadenfroh zu gleichen Teilen – »so? gehen und aufmachen? Ich soll wohl Räuber ins Haus lassen, damit sie uns das bißchen noch wegschleppen, was wir haben?« »Räuber?« fragte Triptolemus, »ei, Baby, in Shetland gibt's ihrer kaum oder gerade soviel, als Weihnachten Lämmer. Ich hab's Dir doch schon oft genug gesagt, daß es hier keine Hochländer gibt, die uns in Angst setzen könnten. In Shetland herrschen Ruhe und Ehrlichkeit. O, fortunati nimium! « »Und was soll Dir Sankt Ninian nützen, Triptolemus?« sagte die Schwester, sein Zitat für die Anrufung eines Landes-Heiligen haltend. »Es gibt hier ebenso böse Leute wie im Hochlande; erst gestern ist ein halb Dutzend verdächtiger Kerle um unser Haus geschlichen, mit allerhand seltsamem Werkzeug in den Händen, Walfischmessern, wie sie sagten, aber Hirschfängern so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Ehrliches Volk führt doch solche Geräte nicht!« Das Klopfen und Rufen draußen wurde immer deutlicher; die Geschwister sahen einander erschrocken und ängstlich an. »Wenn sie von unserm Silber was gehört haben,« sagte Baby, deren rote Nase blau vor Schrecken wurde, »so sind wir verlorene Leute.« »Und wer spricht jetzt, wo er still sein sollte?« sagte Triptolemus. »Geh ans Schiebfenster und sieh nach, wieviel es ihrer sind, während ich die alte Entenflinte lade; – aber geh wie auf Eiern.« Baby schlich ans Fenster und meldete, es sei nur einer draußen zu sehen, ein junger Mensch, der aber lärmte und schrie, als ob er toll wäre ... Wieviel noch im Hinterhalt lägen, könne sie nicht sagen. »Im Hinterhalt? – Dummes Zeug!« sagte Triptolemus und legte den Ladestock, den er mit zitternder Hand ergriffen hatte, weg ... »Ich stehe dafür, daß keiner weiter zu sehen und zu hören ist; wer soll's denn sein, als irgend ein armer Schelm, den der Sturm überfallen hat und der ein Obdach sucht? Mach auf, Baby, Du tust ein christliches Werk.« »Tut er aber ein christliches Werk, so zum Fenster hereinzukommen?« sagte Baby und schrie jämmerlich auf, als Mordaunt, der ein Fenster eingeschlagen hatte, jetzt mit einem Satze in die Stube sprang, am ganzen Leibe triefend wie ein Flußgott. Triptolemus legte die Flinte an, die er noch nicht geladen hatte, – da aber rief der Fremde: »Halt! halt! halt! – Was soll das heißen, bei einem Wetter, wie es draußen tobt, die Tür zu verriegeln und die Flinte auf Menschen anzulegen, als ob es Seehunde wären?« »Und wer seid Ihr, Freund, und was wollt Ihr?« fragte Triptolemus, das Gewehr absetzend. »Was ich will,« sagte Mordaunt; »alles mögliche! Essen, trinken, Feuer, ein Bett für die Nacht, und morgen einen Klepper, mich nach Jarlshof zu bringen.« »Und Du sagst, es gebe keine Räuber oder Freibeuter auf Shetland?« fragte Baby schnippisch den Bruder ... »Hat jemals so ein Plaidmann von Lochnaben freier herausgeschrieen, was er verlange? Ohne Umstände, Freund,« fügte sie hinzu, sich an Mordaunt wendend: »zieht Euer Schild ein und geht Eurer Wege! Dieses Haus gehört dem Verwalter Seiner Herrlichkeit und ist keine Herberge, sei es für Bekannte, sei es für Freibeuter.« Mordaunt lachte ihr ins Gesicht ... »O, gehen,« sagte er, »in solchem Wetter? Wofür haltet Ihr mich? Etwa für eine Solandsgans oder einen Kormoran, daß ich mich, weil ihr in die Hände schlagt und wie eine Besessene schreit, aus dem Hause und wieder in das Wetter hinausscheuchen lassen soll?« »Und so wollt Ihr wirklich, junger Mann,« sagte Triptolemus im vollsten Ernste, nolens volens , d. h. ob mit, ob ohne unseren Willen, in unserem Hause bleiben?« »Wollen?« wiederholte Mordaunt; »welches Recht hab ich, hier etwas zu wollen? Hört Ihr nicht den Donner? Hört Ihr nicht den Regen? Seht Ihr nicht den Blitz? Und wißt Ihr nicht, daß dies auf viele Meilen in der Runde das einzige Haus ist? Hört einmal, guter Herr, und Ihr, gute Frau, das mag wohl schottischer Spaß sein, aber ich versichere Euch, in shetländischen Ohren klingt er sehr übel. Das Feuer habt Ihr auch ausgehen lassen, und meine Zähne klappern vor Kälte im Munde. Aber das will ich bald in Ordnung bringen.« Mit diesen Worten ergriff er die Feuerzange, scharrte die glühende Asche auf dem Herde zusammen, brachte den Torf, der, wie die sparsame Hauswirtin gerechnet hatte, noch mehrere Stunden Glut halten sollte, erblickte in einem Winkel den Vorrat von Treibholz, den Baby unzenweis zu verbrauchen gedachte, schleppte ein paar Blöcke heran und warf sie in den Herd, der über eine so ungewohnte Zubuße so lustig wurde, daß er dicke Rauchwolken, wie man sie seit vielen Tagen in Hafra nicht gesehen, zum Schornstein heraussspie. Während der ungebetene Gast sich benahm, als ob er zu Hause sei, trieb Baby den Bruder in einem fort, ihn zum Hause hinauszujagen. Aber Triptolemus fühlte hierzu weder Mut noch Neigung; zumal die muskelhaften Glieder Mordaunts, die in dem Matrosen-Anzuge doppelte Stärke verrieten, keinen günstigen Ausgang eines etwaigen Kampfes zu versprechen schienen. – Mordaunts dunkles, blitzendes Auge, sein schön geformter Kopf, seine muntern Gesichtszüge, sein dichtgelocktes dunkles Haar, seine kühnen, freien Blicke bildeten einen auffallenden Gegensatz zu dem Wirte, in dessen Nähe er sich so selbständigerweise begeben. Triptolemus war ein kurzer, plumper, watschelbeiniger Schüler der Ceres, mit aufgestülpter, an der Spitze von Kupfer gefärbter Nase, die auf gelegentlichen Verkehr mit Gott Bacchus hinzuweisen schien; sonst ein ehrlicher, gutmütiger Wicht, der von seinem Gast rasch die Meinung gewann, daß ihn keinerlei schlimme Absicht herführe. Die Schwester hätte noch soviel hetzen können, so wäre es ihm doch schwerlich eingefallen, einem Jünglinge von so einnehmendem Aeußern ein so vernünftiges, durch die Not so tiefbegründetes Verlangen nicht zu erfüllen – und so überlegte er nur, wie er sich am besten, statt als rauher Schirmherr seiner Burg gegen unbefugten Zuspruch, als gastfreien Wirt aufspielen könne – als Baby, vor Staunen über Mordaunts unerhörten Freimut im Tun und Reden ganz außer sich, wieder zum Worte griff ... »Wahrhaftig, Bursche,« sagte sie zu Mordaunt, »blöde bist Du nicht, ein solches Feuer anzuzünden, und noch dazu vom besten Holze; Dir ist wohl Torf nicht einmal gut genug?« »Euch hat's ja doch nicht viel gekostet,« erwiderte Mordaunt munter – »und was Euch das Wasser umsonst bringt, solltet Ihr dem Feuer nicht vorenthalten – die stattlichen Eichenklötze haben hienieden den letzten Dienst getan zu Lande und Wasser, denn sie konnten unter den braven Leuten, mit denen das Boot bemannt war, nicht mehr zusammenhalten.« »Das mag wohl sein,« erwiderte Baby, etwas milder gestimmt, »es muß ja auf dem Meere schrecklich gehaust haben. Setzt Euch und wärmt Euch, da das Holz nun doch einmal brennt.« »Ja, ja,« sagte Triptolemus, »solch helles Feuer zu sehen, wärmt einem Herz und Leib. Seit ich von Culdacres fort bin, hab ich keins wieder gesehen von solcher Art.« »Und sollst es auch so bald nicht wiedersehen,« sagte Baby, »es müßte denn sein, daß das Haus in Brand geriete oder eine Kohlengrube entdeckt werde.« »Und warum sollte keine Kohlengrube entdeckt werden?« rief der Verwalter triumphierend. »Warum in Shetland nicht, so gut wie in Fife, da der Kümmerling jetzt einen umsichtigen, besonnenen Mann meines Wissens an Ort und Stelle hat, die nötigen Nachforschungen anzustellen? Beides sind ja doch Fischerplätze!« »Ich muß Dir nun sagen, Triptolemus,« antwortete seine Schwester, die freilich triftige Gründe hatte, vor brüderlichen Spekulationen auf der Hut zu sein, »daß, wenn Du dem Lord gar so viele schöne Aussichten eröffnest, unseres Bleibens hier wahrscheinlich nicht lange sein wird. Versprechen bedingt halten, mein Lieber.« »Und warum sollte ich nicht halten, was ich verspreche,« versetzte Triptolemus. »Dir ist freilich wohl noch nie in den Kopf gekommen, daß es auf Orkney eine Gegend gibt, die Ophir, oder so ungefähr, heißt; warum könnte nicht Salome seine Schiffe und Sklaven dahin geschickt haben, um vierhundert und fünfzig Talente zu holen? Ich sollte meinen, daß dieser weise König über Juda am besten hat wissen müssen, wohin er sich zu wenden hatte; und an die Bibel, Baby, glaubst Du doch hoffentlich noch?« Baby wurde durch die Berufung auf die Heilige Schrift – so wenig am Platze sie auch sein mochte, – zur Ruhe verwiesen und brummte bloß noch ein ungläubiges, verdrossenes Hm hm! – während Triptolemus, zu Mordaunt gewendet, fortfuhr: »Ja, Ihr sollt sehen, was selbst in einem so kümmerlich bedachten Lande wie dem unsrigen, alles anders werden kann, wenn Bargeld hineingesteckt wird – von Kupfer oder Eisenstein habt Ihr auf diesen Inseln wohl noch nie was vernommen?« Mordaunt sagte, seines Wissens gäbe es Kupfer in der Nähe der Klippen von Kings-Bourgh. »Ja, und Kupferschaum auch auf dem Loch Swana, junger Mann! Aber von Euch jungem Volk ist ja der dümmste, Eures Wissens, noch immer klüger als Männer von meinem Alter und Schlage.« Baby, die den Jüngling die ganze Zeit über aufmerksam im Auge behalten, trat ihm jetzt auf eine dem Bruder gänzlich unerwartete Weise zu Hilfe. »Es wäre wohl gescheiter, Trip,« sagte sie, »dem jungen Menschen trockene Kleider und etwas Essen zu geben, als ihm solchen Wind vorzumachen, für den doch das Wetter schon zur Genüge gesorgt hat. – Auch einen Schluck möcht er wohl nehmen, wenn Du ihm einen anbötest?« – Triptulemns, ganz verwundert über solches Ansinnen, ging mit sich zu Rate, kam aber zu dem gleichen Schlusse und führte den Jüngling in eine andere Stube, gab ihm dort Kleider von sich und ließ ihn allein, sich umzuziehen, während er selbst nach der Küche zurückkehrte, außer stande, für die ungewöhnliche Anwandlung von Gastfreundschaft bei der Schwester eine Erklärung zu finden ... »Das ist doch kurz vor ihrem Tode,« sagte er, immerhin ein wenig ängstlich, »und wenn ich auch bei ihrem Ableben Erbe ihres mütterlichen Vermögens werde, sollte es mir doch leid um sie sein, denn sie hält das Hauswesen gut in Ordnung, wenn auch das Wort auf ihr Regiment zutrifft: je straffer der Gurt, desto fester der Sattel.« In der Küche angelangt, fand Triptolemus neue Nahrung für seine Ahnungen, denn Barbara war eben damit beschäftigt, eine geräucherte Gans, die mit anderen ihres Geschlechtes schon lange im Schornstein gehangen, in einen Kochtopf zu hängen ... »Einmal muß sie doch gegessen werden,« hörte er sie nun gar murmeln, »warum sollte also der arme Mensch sie nicht verzehren?« »Schwester,« rief Triptolemus, »Topf und Backschüssel zugleich am Herde? »Was haben wir denn für einen Tag heut?« – »Einen Tag, wie ihn die Israeliten bei den Fleischtöpfen Aegyptens hatten, Triptolemus; aber Du weißt ja nicht, wen Du an diesem gesegneten Tage in Deinem Hause als Gast siehst!« »Nein, das weiß ich freilich nicht,« sagte Triptolemus; »so wenig als ich ein Pferd kennen würde, das ich nie vorher gesehen. Ich hätte den Burschen für einen Hausierer gehalten, aber er hat kein Bündel bei sich und ist von guter Art und Sitte.« »Du weißt wahrhaftig keinen Deut mehr als Deine Ochsen,« eiferte Baby. »Kennst Du Tronda Dronsdaughter nicht?« – »Tronda Dronsdaughter?« wiederholte Triptolemus; »die muß ich doch kennen, wenn ich ihr täglich zwei Pfennige schottisch für Arbeit in unserm Hause bezahle? trotzdem sie freilich arbeitet, als ob sie sich die Finger dabei verbrennte! Wahrhaftig, lieber gäbe ich einem schottischen Mädchen einen Grot englisches Silbergeld.« »Das erste kluge Wort, das Du an diesem gesegneten Morgen gesprochen! Nun, Tronda kennt den Burschen und hat mir oft von ihm erzählt. Den stillen Mann von Sumbourgh nennt man seinen Vater; aber trotzdem soll er, heißt's, ein boshafter Kerl sein.« »Still – dummes Zeug! Mit dergleichen Geschwätz sind die Leute gleich bei der Hand, wenn sie arbeiten sollen – da finden sie immer schnell was heraus, das ihnen nicht paßt.« »Schon gut, Bruder; mußt bloß nicht denken, Du seiest allein gescheit, weil Du in St.-Andrews Lateinisch gelernt,« sagte Baby; »kannst mir aber mit all Deiner Weisheit wohl nicht sagen, was der Bursch um den Hals hat?« »Ein Barcelona-Halstuch!« rief Baby, lauter als bisher; dann aber schnell wieder die Stimme senkend, als fürchte sie, belauscht zu werden; »eine goldene Kette hat er um, sage ich Dir!« »Eine goldene Kette!« rief Triptolemus. »Gewiß, Freund, und wie gefällt Dir das? Bei den Leuten heißt's, wie Tronda erzählt, der Zwerg-König hätte sie dem stillen Manne von Sumbourgh gegeben.« »Entweder rede vernünftig oder spiele die stille Frau,« versetzte anspielend Triptolemus. »Aus all Deinen Worten geht für mich weiter nichts hervor, als daß der Bursche des fremden Mannes Sohn ist; und aus all Deinem Tun ersehe ich nichts andres, als daß Du ihm die Gans gibst, die bis zu Michaelis aufbewahrt werden sollte.« »Je nun, Bruder, wir müssen doch was tun, uns Freunde zu machen; und der Bursche,« setzte Baby hinzu (denn auch sie war nicht ganz der Vorliebe ihres Geschlechts für ein hübsches Aeußere ledig) – »hat wirklich ein hübsches Gesicht.« »Du hättest,« sagte Triptolemus, »wohl sein, wie manches andere hübsche Gesicht ungetröstet an Deiner Tür vorbei gehen lassen – wenn nicht die goldene Kette wäre.« »Gewiß, gewiß!« antwortete Barbara; »oder sollt ich unser bißchen Hab und Gut jedem Bettler und Landstreicher an den Hals werfen, den sein Weg an einem Regentag bei uns vorüberführt? Der Bursche hier hat aber einen guten Namen im ganzen Lande, und Tronda sagt, er würde eine Tochter des reichen Udallers Magnus Troil heiraten, und der Hochzeitstag solle gleich festgesetzt werden, sobald er sich eins von den beiden Mädchen ausgesucht habe – und was sollte wohl werden, wenn wir ihn nicht ordentlich bewirten wollten, trotzdem wir ihn nicht eingeladen haben?« »Der beste Grund,« sagte Triptolemus, »einen Menschen ins Haus zu lassen, ist immer, daß man sich nicht getraut, ihm zu sagen, daß er gehen soll. Da wir indes hier einen Mann von Stand vor uns haben, soll er auch wissen, mit wem er in meiner Person zu hat.« Und so ging er an die Tür und rief: »Heus tibi, Dave«! »Adsum!« antwortete der Jüngling, in die Stube tretend. »Hm!« sagte der gelehrte Triptolemus, »also in humanioribus nicht unbewandert? Ich will ihm aber weiter auf den Zahn fühlen. – Versteht Ihr was vom Landbau, junger Mann?« »Nein, Herr, denn ich lernte nur das Meer pflügen und auf Klippen ernten.« »Das Meer pflügen?« sagte Triptolemus; »Meer ist eine Furche, die der Egge wenig bedarf, und was Eure Ernte auf den Klippen betrifft, so, glaube ich, meint Ihr die jungen Möwen, oder wie Ihr sie nennt? Das ist aber eine Ernte, die der Vogt verbieten sollte, denn nirgends kann sich ein ehrlicher Mensch den Hals leichter brechen! Ich gestehe, für das Vergnügen, zwischen Himmel und Erde an einem Seile zu schweben, habe ich kein Verständnis, es sei denn, der Galgen käme in Betracht.« »Nun, versuchen könntet Ihr es immerhin einmal,« antwortete Mordaunt; »ich für mein Teil kann mir kaum etwas Großartigeres denken, als in freier Luft zwischen Klippe und Ozean zu schweben, an einem Seile, das kaum dicker als ein Seidenfaden erscheint, und mit dem Fuß auf einem Steine knapp so groß, daß eine Möwe drauf nisten könnte, einzig angewiesen auf Eure behenden Glieder und Euren klaren Kopf – mit der Zuversicht, verloren zu sein, wenn Euch Kopf und Glieder verlassen – das bedeutet wohl etwa soviel, als frei von der Erde sein, die Euer Fuß berührt.« Triptolemus schüttelte zu dieser begeisterten Schilderung eines Zeitvertreibs, der so geringen Reiz für ihn besaß, bedenklich den Kopf, aber seine Schwester, des Jünglings funkelndes Auge und selbstbewußte Haltung würdigend, rief nicht ohne Wärme: »Ei, Du bist wirklich ein braver Junge!« »Ein braver Junge!« wiederholte Yellowley, »ein braver Ganter, meine ich, sei ein besserer Name für jemand, der in der Luft herumtost, während er ruhig auf terra firma bleiben könnte. . . . Aber nun kommt, hier ist zwar kein Ganter, sondern eine Gans, die uns, sofern sie gut gekocht ist, besser munden soll. Gib uns Teller und Salz, Baby – zwar, an Salz wird's der Gans nicht fehlen – aber ein schöner Bissen ist's doch, und ich denke, die Shetländer sind die einzigen Leute in der Welt, die sich solchen Gefahren aussetzen, um Gänse zu fangen und nachher, wenn sie sie haben, zu kochen.« »Allerdings,« sagte seine Schwester, – und das war das einzige, worin sie an diesem Tage übereinstimmten, – »einer Hausfrau in Angus oder auf den Mearns möchte es wunderlich vorkommen, eine Gans kochen zu sollen, solange es noch Bratspieße auf Erden gibt . . . Aber was ist denn das wieder?« rief sie, mit lebhaftem Unwillen zur Tür hin blickend; »weiß Gott! die Türen dürfen bloß offen sein, so kommen auch Hunde – und wer hat Dem da hereingewinkt?« »Ich,« antwortete Mordaunt; »es kann doch Euer Wille nicht sein, einen armen Kerl in solchem Wetter vor der Tür stehen zu lassen? – Aber hier ist was, das Feuer zu schüren,« rief er, den eichenen Riegel von der Tür wegziehend und auf den Herd werfend, von dem ihn aber Jungfrau Baby mit beispiellosem Grimme wegriß, keifend: »Es ist Treibholz, von bester Art, und er hantiert damit, als ob es Kienspan wäre! – Ei, und wer seid Ihr denn, wenn's beliebt?« – setzte sie hinzu, sich zu dem Fremden wendend, der jetzt an den Herd trat; »weiß Gott, ein Bettelwicht, wie mir sobald keiner vor die Augen gekommen.« »Ich bin ein Jagger, zu Befehl,« – versetzte der ungebetene Gast, ein kleiner, stämmiger Mann von gewöhnlichem Aussehen, der in der Tat viel von einem Hausierer an sich hatte, die man auf dieser Inselflur »Jagger« nennt – »und nie bin ich an einem böseren Tage unterwegs gewesen, – Dem Himmel sei Dank für Feuer und Obdach!« Mit diesen Worten zog er einen Schemel zum Feuer und setzte sich ohne weiteres nieder. Jungfer Baby schnitt ein Gesicht, ähnlich dem eines Falken, der auf seine Beute schießt, und wollte ihrem Aerger gerade in grimmigen Worten Luft machen, als eine alte, halb verhungerte Dienerin – die oben erwähnte Tronda, die bis jetzt in einem fernen Winkel des Hauses gesteckt hatte, in die Stube gehinkt kam und Rufe ausstieß, die zu neuer Unruhe Anlaß zu geben schienen. »Ach, gnädiger Herr!« – »ach, gnädige Herrin!« weiter konnte sie im ersten Augenblicke nichts über die Lippen bringen: dann kamen noch die abgebrochenen Worte: »Das Beste im Hause! Das Beste auf den Tisch! Und doch wird alles nicht reichen; denn die alte Norna vom Fitful-Head kommt, das schrecklichste Weib auf den Inseln!« »Wo mag sie bloß herumgeirrt sein?« – fragte Mordaunt, nicht erschrocken wie die alte Magd, aber im höchsten Grade verwundert – »doch wozu diese Frage? je schlimmer das Wetter, desto sicherer ist die Norna auf der Landstraße zu finden.« »Was für eine Landstreicherin kommt uns da wieder auf den Hals?« rief Baby, durch diese Menge von Gästen schier um den Verstand gebracht, in heller Verzweiflung – »aber sie sollen bald aufhören, mich zu scheren, falls mein Bruder noch einen Funken Raison im Leibe hat – und wenn's auch nur ein Halseisen noch in Galloway gibt.« »Das Eisen, das die Norna von Fitful halten soll, hat nie den Amboß gesehen,« sagte die Magd; »sie kommt – sie kommt – um Gottes willen, seid freundlich zu ihr, oder wir bekommen keinen Haspel Garn mehr glatt.« Eine Frau, so groß, daß sie mit der Haube fast bis znr Tür reichte, setzte den Fuß über die Schwelle und machte das Zeichen des Kreuzes. Dann sprach sie mit feierlicher Stimme: »Der Segen Gottes und des heiligen Ronald sei mit der offenen Tür, aber beider Fluch und mein Fluch treffe den Geizigen!« »Wer seid Ihr, daß Ihr in anderer Leute Haus so laut Fluch und Segen sprecht? Was ist das für ein Land, wo die Leute keine Viertelstunde ruhig sitzen und dem Himmel dienen können, ohne daß Landstreicher und Landläufer und Bettelvolk einander jagen, wie eine Flucht wilder Gänse?« Die Worte kamen, wie der Leser errät, aus Barbaras Munde; von welcher Wirkung sie aber auf die Fremde waren, ließe sich höchstens vermuten, denn die Magd, wie auch Mordaunt wandten sich, um einen Ausbruch ihres Unwillens zu verhüten, gleichzeitig zu ihr – die Magd auf norwegisch, Mordaunt auf englisch – mit den Worten: »Es sind Fremde, Norna, die Dich weder dem Namen noch dem Wesen nach kennen – auch sind ihnen die Gebräuche unseres Landes fremd, und wir müssen ihnen darum Mangel an Gastfreundschaft nachsehen.« »Ich weiß nichts von solchem Mangel, junger Mann,« sagte Triptolemus. » Miseris succurrere, disco – die Gans, die bis zu Michaelis im Schornsteine räuchern sollte, kocht jetzt für Euch im Topfe; und hätten wir zwanzig Gänse, so fänden wir auch, merke ich, Mägen für sie; aber das muß alles besser werden.« »Was alles muß besser werden, schmutziger Sklav?« sagte die Fremde, sich mit einem Tone an ihn wendend, der ihn erschreckte – »bring nur Deine neugestalteten Pflugeisen, Spaten und Eggen her, und vernichte die Werkzeuge unserer Väter, von der Pflugschar bis zur Mäusefalle; aber vergiß nicht darüber, daß Du in einem Lande bist, das einst von den blondhaarigen Kämpen des Nordens erobert wurde; in einem Lande, wo das Gastrecht als heilig gilt. – Hüte Dich, sage ich Dir, vor Norna, denn so lange sie noch von der Spitze des Fitful-Head auf das unermeßliche Gewässer hinausschaut, erinnert noch immer etwas an die einstige Stärke und Macht des edlen Geschlechtes, von welchem wir stammen ... und wenn auch die Männer von Thule aufgehört haben, Kämpen zu sein und den Raben für Fressen zu sorgen, so haben doch die Weiber die Künste nicht vergessen, die ihre Ahnfrauen zu Königinnen und Seherinnen machten.« Die Frau, die diese seltsamen Worte sprach, setzte durch ihre Erscheinung in nicht geringere Verwunderung als durch ihre Anmaßung und den selbstbewußten Klang ihrer Stimme. Dem letztern, wie ihrer Gestalt und ihrem Gesicht, nach hätte sie Wohl als Bonduca der Briten, oder als Belleda oder Aurinia der alten Goten auf jeder Bühne gelten können; wenn auch ihre edlen, scharfen Züge durch die. strenge Witterung des Landes, der sie sich beständig aussetzte, stark gelitten hatten. Alter, wohl auch Kummer hatten das Feuer ihres dunkelbraunen Auges, dessen Farbe sich fast schon dem Schwarz näherte, gemildert und ihr jetzt von der Gewalt des Sturmes arg zerzaustes Haar mit weißgrauem Schnee bestreut. Ihr Oberkleid aus grobem, dunkelfarbigem Kleide, »Wadmaral« genannt, damals auf den shetländischen Inseln wie auch in Island und Norwegen in starkem Gebrauch, triefte von Wasser. Als sie es von sich warf, kam ein kurzes Wams aus dunkelblauem Samt, mit Figuren bedruckt, zum Vorschein; die dazu gehörige Unterjacke war von hochroter Farbe und mit verblichener Silber-Stickerei besetzt; ihr Gürtel war mit Silber-Zieraten, die Gestalt der Himmelszeichen nachahmend, benäht, und ihre blaue Schürze, mit ähnlichen Zeichen bestickt, bedeckte einen Rock von hochrotem Tuche. Starke, dicke Schuhe von halb gegerbtem Leder, wie man sie anders auf der shetländischen Inselflur nicht kannte, waren mit Riemen, wie die der römischen Kothurne, über Strümpfen aus scharlachroter Wolle festgemacht: in dem Gürtel trug sie eine Waffe seltsamen Aussehens, die als Opfermesser oder Dolch gelten konnte, je nachdem sie dem, der sie betrachtete, als Priesterin oder Zauberin galt. In der Hand hielt sie einen auf allen vier Seiten gleichen eckigen Stab mit eingegrabenen römischen Schriftzügen und Bildern, einen der immerwährenden Kalender darstellend, dessen sich die alten Skandinavier bedienten, der aber von abergläubischen Menschen eher für einen Zauberstab gehalten wurde. So sah sie aus, die Norna vom Fitful-Head, von fast allen Insulanern mit Scheu, von nicht wenigen mit Ehrfurcht betrachtet, und in keinem andern Teile Schottlands, – wo damals ein krasser Hexenglaube wütete, – Ware sie den grausamen Richtern entronnen, die oft mit absoluter Machtvollkommenheit ausgerüstet waren, um alle, die,der Zauberei angeklagt waren, zu prozessieren, zu foltern und den Flammen zu überliefern, Shetland bildete eben noch eine kleine Welt für sich, wo von dem alten norwegischen Aberglauben nur das übrig geblieben war, was den Hauptteil des alten skandinavischen Glaubens ausmachte, Wenn hiernach die Eingeborenen von Thule auch zugaben, daß Zauberer ihre Wunder zum Teil durch einen Bund mit dem Satan verrichten, so herrschte doch auch der frömmere Glaube, daß es Zauberer gäbe, die mit Geistern von weniger schlimmer Art zusammen hausten: mit den allen Zwergen, die in Shetland Trows oder Brows hießen, wie auch mit Feen jüngeren Datums. Zu denen, die mit solch wesenlosen Geistern verkehrten, gehörte auch Norna, die von einer Familie stammte, die seit undenklicher Zeit den Ruf genoß, im Besitz übernatürlicher Gaben zu stehen, und nach einer der Schicksalsschwestern, die den Faden des menschlichen Lebens spinnen, genannt wurde. Sechstes Kapitel. Kurz vor Nornas Eintritt hatte sich der Sturm einigermaßen gelegt; sonst wäre es ihr wohl nicht möglich gewesen, den Weg hierher zu finden. Kaum jedoch hatte sie unvermuteterweise die Gesellschaft vemehrt, die der Zufall in Triptolemus' Wohnung geführt, als auch der Sturm von neuem einsetzte, ja noch rasender tobte als vordem und so wild um das Gebäude raste, daß die Bewohner jeden Augenblick unter ihren Trümmern begraben zu werden fürchteten. Baby-Barbara machte ihrer Furcht durch laute Ausrufungen Luft: »Gott schütze uns – der jüngste Tag bricht an – solch ein Land, wo es bloß Hexen und Zauberer gibt! – – Und Du, Schafskopf!« fügte sie hinzu, ihren Bruder meinend – denn ihr Grimm machte sich immer in Anwandlungen von Bosheit Luft – »Du mußt die schönen Mearns verlassen und hierher ziehen, wo man nichts im Hause hat als freches Bettlervolk und draußen nichts als des Himmels Zorn!« »Schwester Baby,« antwortete der gekränkte Landwirt, »alles wird anders und besser werden; bloß nicht,« fügte er halblaut hinzu – »die üble Laune einer bösen Sieben, deren Mundwerk selbst bei solchem Sturm nicht Ruhe halten kann.« Magd und Hausierer überboten sich unterdes, Norna gut zuzureden, doch in Worten, von denen der Hausherr nichts verstand, da sie der norwegischen Sprache angehörten. Norna hörte sie an, aber stolz, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken; dann sagte sie laut auf englisch: »Ich will nicht! Und wenn dies Haus morgen in seinen Trümmern läge, was würde die Welt einbüßen an dem wirren Pläneschmied und an dem Knauservolk, das jetzt darin haust? Sind sie hergekommen, unsere shetländischen Sitten zu wandeln, so mögen sie auch kosten, was shetländischer Sturm ist. – Wer nicht mit untergehen will, der verlasse dies Haus.« Der Hausierer nahm sein Bündel und warf es auf den Rücken; die Magd nahm den Mantel um die Schultern; und beide schienen das Haus verlassen zu wollen. Triptolemus Yellowley, auf den dies Verhalten nicht ohne Eindruck blieb, fragte Mordaunt schüchtern und mit vor Furcht zitternder Stimme: ob er glaube, daß wirklich Gefahr im Spiele sei? »Ich kann's nicht sagen,« versetzte der Jüngling, »aber solchen Sturm habe ich noch nie erlebt. Norna kann uns am besten Auskunft geben, wann er sich legen wird, denn auf dieser Inselflur versteht sich niemand besser auf die Witterung als sie.« »Und sonst traust Du ihr nichts zu, der Norna?« antwortete die Sybille; »doch wisse, daß ihre Macht sich nicht auf so engen Kreis beschränkt! Höre mich, Mordaunt, Jüngling aus fremdem Lande, aber mit wohlwollendem Herzen – gedenkst Du, die dem Verderben geweihte Stätte mit denen zu verlassen, die sich jetzt dazu anschicken, oder nicht?« »Nein, Norna, ich werde den Fuß nicht hinweg setzen,« erwiderte Mordaunt; »ich kenne die Gründe nicht, die Dich bestimmen, mich zu solchem Entschlusse zu bringen, und auf Deine dunklen Drohungen hin aus einem Hause zu gehen, in dem man mich bei solchem Unwetter gastfreundlich aufgenommen, steht mir nicht nach dem Sinne.« »Er ist doch wirklich ein braver Junge,« sagte Baby, die bei aller engherzigen, neidischen Gemütsart noch immer nicht aller höheren Empfindung bar, wenn auch im Augenblicke durch die gespenstischen Drohungen der Hexe eingeschüchtert war – »er verdiente gut und gern, wenn ich sie nur hätte, ein ganzes Dutzend Gänse, gekocht oder gebraten. Er ist sicherlich aus edlem Geschlecht, und Bauernblut fließt nicht in seinen Adern.« »Junger Mordaunt, höre auf meine Worte,« rief Norna, »und geh von hinnen! Das Schicksal verfolgt Großes mit Dir. Bleib nicht in dieser Hütte, um unter ihren kläglichen Trümmern, mit ihren noch kläglicheren Bewohnern, begraben zu werden, deren Leben so gering ist wie Hauslauch auf ihrem Dache.« »Ich – ich – ich werde gehen,« sagte Yellowley, der sich zwar bis hierher als Weiser und Gelehrter benommen, aber um den Ausgang dieses Abenteuers sich zu ängstigen anfing, zumal das Haus alt war und unter den Stößen des Windes in allen Fugen krachte. »Und warum?« fragte die Schwester; »der Fürst der Finsternis hat hoffentlich noch nicht soviel Macht über die, die nach Gottes Ebenbild geschaffen sind, daß ein gutes Haus über ihren Häuptern zusammenbrechen sollte, weil ein Bettelweib, wie diese,« – (hier warf sie einen furchtbaren Blick auf Norna) – »uns mit ihren frechen Worten gebieten zu können glaubt, als ob wir Hunde wären, die zu ihren Füssen kröchen.« »Ich wollte,« sagte Triptolemus, sich seiner Furcht schämend ... »bloß nach der Gerste sehen, die der Sturm doch ganz umgelegt haben muß; aber wenn die ehrliche Frau bei uns bleiben will, so wäre es wohl das beste, wir setzten uns alle zusammen ruhig nieder, bis das Wetter die Arbeit wieder gestattet.« »Ehrliche Frau!« wiederholte Baby; »spitzbübische Hexe, sag lieber« – dann sich direkt gegen Norna wendend, rief sie: »Hinweg, Abscheuliche! hinweg aus einem ehrlichen Hause, oder Schande möge mich treffen, wenn ich nicht den Hammer nach Dir werfe!« Norna warf ihr einen Blick tiefster Verachtung zu, trat zum Fenster und schien sich in tiefe Betrachtungen des Himmels zu versenken. Tronda, die alte Magd, aber trat zu ihrer Gebieterin und bat sie um alles dessen willen, was einem Manne oder einer Frau teuer sei, Norna vom Fitful-Head nicht zu erzürnen ... »Auf dem Festlande von Shetland,« sagte sie, »gibt's keine Frau, die, gleich ihr, auf einer der Wolken dort so sicher reiten kann, wie ein Mann auf einem Pferde.« »Hoffentlich sehe ich sie noch auf einer Teertonne reiten,« sagte Baby-Barbara, »die sicher das beste Roß für sie abgäbe.« Noch einmal warf Norna der grimmen Baby Yellowley einen Blick unaussprechlichen Hohnes zu; dann trat sie zu dem gegen Nordwesten, woher der Wind jetzt zu kommen schien, liegenden Fenstern, stand eine Zeitlang mit gekreuzten Armen da, den Blick zu dem bleifarbigen, von wildem Gestöber verfinsterten Himmel gerichtet, und sah dem Kampfe der Elemente zu, wie jemand, dem derselbe nichts Neues ist, wie der Kabbalist auf den Geist blickt, den er zwar gerufen hat, der aber, wie er wohl weiß, nichtsdestoweniger seinem Worte gehorchen muß. Die Anwesenden standen in verschiedenen Stellungen, wie sie den Empfindungen entsprachen, die ihre Herzen füllten, um sie her; Mordaunt, obgleich nicht gleichgültig gegen die Gefahr, in der er sich befand, weniger angstvoll als erwartungsvoll, hatte er doch von Nornas Gewalt über die Elemente schon vernommen und erhoffte sich jetzt eine Gelegenheit, sich selbst ein Urteil darüber, ob dies Gerücht wahr oder unwahr sei, zu bilden; – Triptolemus Jellowley, eigentlich mehr erschrocken als neugierig, sicherlich aber betroffen über diese die Grenzen seiner Philosophie weit überschreitenden Wahrnehmungen, – Baby-Barbara, seine Schwester, weder neugierig noch erschrocken, vielmehr noch erboster als bisher, denn aus ihren scharfen Augen und von ihren dünnen, Zusammengepreßten Lippen sprühte der wildeste Zorn; – der Hausierer und die alte Tronda, beide von dem festen Glauben beherrscht, daß das Haus nicht einstürzen würde, solange die gefürchtete Norna unter seinem Dache weilte, aber bereit, es auf der Stelle mit ihr zu verlassen. Nachdem Norna eine Zeitlang, ohne sich zu rühren, im tiefsten Schweigen den Himmel betrachtet hatte, streckte sie auf einmal, mit langsamer, majestätischer Gebärde, ihren Stab von schwarzem Eichenholz gegen die Himmelsgegend aus, aus welcher der Sturm am stärksten wehte, und erhob ihre Stimme, umtobt von seinem wildesten Gebrüll, zu einer norwegischen Beschwörung, die sich noch jetzt auf der Insel Nist unter dem Namen des Gesanges der Reim-Kennar erhalten hat. Kühner Aar aus fernem Nordwest, Der in der Kralle führt den Donnerkeil, Du, des rauschende Flügel zur Wut den Ozean treiben, Vernichter der Herden, Zerstörer der Schiffe, – Gleicht dein Gekreisch auch dem Schrei erliegenden Volkes, Deiner Flügel Rauschen dem Getös von zehntausend Wogen, Dennoch höre in deinem Zorn, deiner Hast – Höre die Stimme der Reim-Kennar! Du trafst die Fichten von Drontheim; Gebrochen liegen die grünen Häupter neben den Stämmen. Du trafst den Wanderer auf dem Meere, Die schlanke, starke Barke des furchtlosen Ruderers, Und gestrichen hat sie ihr Segel von dir, Das vor keiner Königsflotte sich hätte geneigt; – Du trafst den Turm, der in die Wolken streckt sein Haupt, Den starken festen Turm der Earle aus der Vorzeit, Und der Schlußstein des Turmes Liegt auf dem gastlichen Herd. Doch auch du sollst innehalten, stolzer Bezwinger der Wolken, Wenn du hörest die Stimme der Reim-Kennar. Genug des Wehs hast auf dem Meer du gestiftet. – Die Witwe ringt die Hände an der Bucht; – Genug des Wehs hast dem Land du gebracht, und Verzweifelnd kreuzt der Landmann die Arme; – Endige das Schlagen deiner Flügel, Laß das Meer ruhn in seiner finstern Kraft; Endige das Blitzen deiner Augen, Laß den Donnerkeil still in der Rüstkammer Odins. – Sei still auf mein Geheiß, Renner nordwestlichen Himmels, Schlafe auf Nornas, der Reim-Kennar, Ruf! Mordaunt liebte, wie schon bemerkt, die romantische Dichtkunst des norwegischen Landes und die romantischen Begebenheiten; es wird darum niemand wundern, daß er dem wilden Sänge der Seherin mit Begeisterung lauschte, der dem wildesten Winde der Windrose gesungen wurde. Wohl hatte er in dem Lande, wo er so lange gewohnt, von runischen Reimen und nordischen Zaubersprüchen schon viel vernommen; und doch hätte ihm der Glaube, der Sturm, der eben noch so wild geweht, werde wirklich vor Nornas Versen schweigen, sicherlich gefehlt! Nichtsdestoweniger konnte er sich der Wahrnehmung nicht verschließen, daß die Gewalt des Sturmes nachließ, daß die furchtbare Gefahr, mit der er drohte, überstanden zu sein schien – zwar glaubte er nicht an übernatürliche Gaben der seltsamen Frau, aber für wahrscheinlich hielt er es, daß sie den Ausgang schon seit einiger Zeit aus Zeichen erkannt hatte, die den Augen solcher, die noch nicht lange im Lande lebten, oder die auf Naturerscheinungen wenig oder gar nicht achteten, verschlossen bleiben mußten. Die übrigen Anwesenden waren der Meinung eines übernatürlichen Zusammenhanges der Dinge zugänglicher – Tronda und der Hausierer waren von Nornas Macht über die Elemente längst überzeugt; Triptolemus und Barbara starrten einander verwundert und erschrocken an, besonders als während der Pausen, die Norna in ihrem Beschwürungssange machte, der Sturm zusehends nachließ. Auf die letzten Strophen folgte lange Stille; dann setzte Norna, doch mit weicherer Modulation von Stimme und Melodie, von neuem ein: Aar der fernen nördlichen Gewässer, Du vernahmst der Reim-Kennar Gesänge. Rafftest auf ihr Wort dein weites Segel, Faltetst friedlich es an deinen Seiten. Segen ruh' auf deinem Pfade! Wenn du auf aus deinem Horste steigst, Sei dein Schlummer sanft in schwarzen Meeres Höhle! Ruhe, bis das Fatum dich erwecke, Aar der fernen nordischen Gewässer, Du vernahmst der Reim-Kennar Gesänge. »Das wäre ein Lied, das Korn zu bewahren,« flüsterte der Landwirt der Schwester zu, »wir müssen ihr zureden, Baby – vielleicht lehrt sie uns das Geheimnis für hundert Pfund schottisch.« »Für hundert schottische Tröpfe,« erwiderte Baby; »biete ihr fünf Mark klingende Münze! Alle Hexen, die ich gekannt, waren arm wie Hiob.« Norna, als ob sie ihre Gedanken erriete, – was vielleicht auch der Fall war, – blickte wieder verächtlich über sie hinweg, trat zu dem Tische, den Barbara zu dem kargen Mahle hergerichtet, füllte aus dem irdenen Kruge eine hölzerne Schale mit Hausbier, brach von einem Gerstenkuchen ein winziges Stück und wandte sich, als sie gegessen und getrunken, zu ihren unfreundlichen Wirten. »Für die Erfrischung, die ich zu mir genommen, sage ich Euch kein Dankeswort,« rief sie, »denn Ihr habt sie mir nicht angeboten, und Dank, einem Geizhals erstattet, gleicht dem Himmelstau, der auf steinige Klippen fällt. Beide können nichts dort finden, was sie erfrischen könnte. Aber,« fügte sie hinzu, einen ledernen Beutel, der groß und schwer zu sein schien, aus der Rocktasche ziehend, »bezahlen will ich Euch mit dem, was Euch lieber sein, was Euch mehr gelten wird als die Dankbarkeit aller Leute von Hialtland. Der Norna vom Fitful-Head sollt Ihr nicht nachreden, sie habe von Eurem Brote gegessen und aus Eurem Becher getrunken, und Euch dann in Sorge ums Geld, daß sie Euch schuldig wurde, verlassen.« Bei diesen Worten legte sie eine kleine alte Münze, auf der halb verwischt das Bildnis irgend eines alten nordischen Königs zu erkennen war, auf den Eßtisch nieder. Die Geschwister verwahrten sich mit Eifer gegen diese Zumutung; Triptolemus sagte, »er hätte kein Wirtshaus,« und Barbara: »Ist das Weib von Sinnen? wer hätte je gehört, daß Clincscalter Leute sich Speise und Trank bezahlen ließen?« »Oder anders gegeben hätten, als um Gottes willen« – brummte ihr Bruder vor sich hin; »bleib dabei, Schwester, bleib dabei!« »Was schwatzest Du da wieder, Tropf?« sagte die liebreiche Schwester; »gib dem Weib die Münze wieder und freu Dich so heil davonzukommen; morgen ist sie vielleicht ein Stück Schiefer oder etwas Aergeres geworden.« Der ehrliche Triptolemus nahm die Münze vom Tische, um sie der Sibylle wiederzugeben, konnte aber seines Staunens nicht Herr werden, als er das Gepräge darauf sah. Mit zitternder Hand reichte er sie der Schwester. »Ja,« sprach die Seherin abermals, als ob sie die Gedanken des erstaunten Paares auf ihren Gesichtern zu lesen vermöchte: »Ihr habt die Münze schon früher gesehen – gebt wohl acht, wie ihr sie braucht! – Geizigem Volk und Leuten kleinlicher Gesinnung bringt sie keinen Segen. Sie ward, wenn auch in Gefahr, so doch mit Ehren gewonnen, und ist gespendet worden, freigebig und in Ehren. Der Schatz, der unter kaltem Herde liegt, wird dereinst, gleich dem vergrabenen Talent, Zeugnis ablegen wider seine habsüchtigen Besitzer.« Diese letzte dunkle Anspielung schien die Angst und Verwunderung der Geschwister auf den Höhepunkt zu steigern. Der Bruder stammelte etwas, das sich wie eine Einladung anhörte, Norna möge in ihrem Hause übernachten oder doch wenigstens zum »Mittagessen«, oder, wie Barbara sich, als sie die große Gesellschaft und den kargen Inhalt im Topfe erwog, verbesserte, zu einem »Imbiß« bleiben ... »Ich esse nicht hier, und ich schlafe nicht hier,« versetzte Norna; »ja, ich enthebe Euch nicht allein meiner Gegenwart, sondern werde Euch auch von Euren unwillkommenen Gästen befreien. – Mordaunt,« fügte sie hinzu, an den Jüngling sich wendend, »die schwarze Stunde ist vorüber, und Dein Vater erwartet Dich am Abend.« »Führt Dich Dein Weg dorthin?« fragte Mordaunt; »ich will nur einen Bissen essen und Dir dann auf dem Wege Stütze sein, gute Mutter. Die Bäche müssen ausgetreten, die Wege werden voller Gefahren sein.« »Unsere Wege liegen nach verschiedener Richtung,« versetzte die Sibylle, »und Norna bedarf auf ihrem Wege keines sterblichen Armes als Stütze. Gen Osten ziehe ich –zu Menschen, die meine Bahn zu ebnen wissen. Du aber, Bryce Snailsfoot,« wandte sie sich zu dem Hausierer, »eile nach Sumbourgh; der Roost wird Dir reiche Ernte, des Einbringens wohl wert, bereitet haben; es wird viel gute Ware auf neuen Eigentümer warten, und der einst in banger Sorge war, schläft ruhig im Meer und läßt Ballen und Kisten ans Ufer treiben.« »Nun, gute Mutter,« antwortete Snailsfoot, »mir zuliebe wünsche ich niemand den Tod und bin der Vorsehung schon dankbar, wenn sie meinem geringen Gewerbe geringes Gedeihen schenkt. Aber freilich, des einen Verlust ist des andern Gewinn, und da Stürme das Land zerschellen, ist's nur recht und billig, daß die See uns segnet. So will ich denn, wie Ihr Mutter, ein Stück Brot und einen Schluck dazu nehmen, den guten Leuten hier guten Tag sagen und danken, und mich dann, Eurem Rate gemäß, auf den Weg nach Jarlshof machen.« »Ha,« sagte die Seherin, »wo Aas ist, sammeln sich die Adler, und wo ein Wrack am Ufer liegt, kommt der Hausierer eilends daher, wie der Haifisch, der auf die Kadaver lauert.« Bryce Snailsfoot, der Hausierer, verstand den Vorwurf – wenn ein solcher in den Worten der Seherin lag – nicht recht; denn sein Geist befaßte sich schon mit dem Profit, der ihm winkte; und während er nach Quersack und Elle griff, fragte er mit einer, in einem von der Kultur noch unbeleckten Lande nicht auffälligen Familiarität den jungen Mordaunt, ob er ihn begleiten wollte. »Ich will noch bei Herrn Yellowley zu Mittag essen und also erst in einer halben Stunde aufbrechen.« »So will ich immer gehen,« sagte der Hausierer, murmelte einen kurzen Segen, nahm, wie Babys scharfe Augen richtig schätzten, ungefähr zwei Drittel von dem Brote, tat einen langen Zug aus dem Bierkruge, schob eine Handvoll kleiner Fische, in Shetland »Silloch« genannt, die die Magd eben auf den Tisch gesetzt, in die Tasche und verließ hierauf die Stube. »Fürwahr,« sagte Barbara, entrüstet ob solcher Plünderung, »Hausierermagen kann viel vertragen; schade, schade, daß hierzulande die Gesetze gegen die Landstreicherei so milde gehandhabt werden ... Daß man seine Tür anständigen Leuten nicht verschließen würde,« sagte sie, den Blick auf Mordaunt richtend, »besonders nicht, wenn ein Wetter haust, als sollte das jüngste Gericht anbrechen, versteht sich von selbst ... Aber da steht ja die arme Gans noch immer auf dem Tische.« Mordaunt lachte über dieses Mitleid mit einem Wesen, das schon geraume Zeit in der Räucherkammer gehangen, rückte einen Sessel heran und sah sich nach Norna und dem Hausierer um, die aber beide verschwunden waren, »Gut, daß sie fort ist, das böse Weib,« sagte Baby; »hat sie uns doch, zur ewigen Schande, das Geldstück dagelassen!« »Still, um Himmels willen,« rief Tronda Dronsdaughter, »wer weiß, wo sie im Augenblicke sein mag: wenn wir sie auch nicht sehen, so hört sie uns doch vielleicht!« Barbara sah sich erschrocken um, gewann aber auf der Stelle die Herrschaft wieder über sich, denn, wenn sie auch heftigen Sinnes war, so gebrach es ihr doch an Beherztheit und Mut nicht. – »Ich hab sie gehen heißen,« sagte sie, »und tue auch jetzt nicht anders, – mag sie mich hören oder sehen oder schon weit weg sein über Block und Stein. Und Du, einfältiger Tropf,« fuhr sie den Bruder an, »stehst da und glotzest? – willst in St.-Andrews studiert haben? lateinische Humanität, wie Du es nennst? und fürchtest Dich vor dem Gewäsch eines alten Bettelweibs? Sprich Dein bestes Dankgebet aus dem Kollegium, Trip, und mag sie eine Hexe sein oder nicht, das Mittagessen soll sie uns nicht verderben; und daß wir uns an ihrem Gelde bereichert hätten, soll niemand uns nachsagen können. Ich will es einem Armen geben, das heißt nach meinem Tode vermachen, bis dahin aber als Heckpfennig verwahren; das heißt doch nicht, es wie gewöhnliches Geld brauchen! Sag also Dein bestes Tischgebet her, Trip, und laß uns essen und trinken.« »Weit besser wär es, Ihr betetet zu St.-Ronald und würfet einen Sixpence über die linke Schulter, Herr,« sagte Tronda. »Damit Du ihn aufnehmen könntest, he?« rief die ewig schnippische Barbara; »denn bis Du auf andere Weise so viel verdientest, möcht's wohl sein Weilchen dauern. – Setz Dich, Trip, und laß das alberne Ding schwatzen!« »Ob albern oder klug,« antwortete Yellowley beklommen; »sie weiß doch mehr, als mir lieb ist; und dann, was sie über den Herd sagte; – ich kann wahrlich nicht umhin, Schwester, zu denken« – »Wenn Du nicht umhin kannst, zu denken,« erwiderte Baby, wieder schnippisch, »dann halte wenigstens den Mund – das wirst Du wohl können?« Trip erwiderte hierauf nichts, sondern setzte sich zu dem kärglichen Mahle, verhielt sich aber als Wirt aufs herzlichste gegen seinen Gast, den ersten, der ungebeten gekommen, und den letzten, der sie verließ. Fische und Gans verschwanden so schnell, daß Tronda an dem Gerippe, das für sie bestimmt war, kaum noch etwas zum Knabbern fand. Triptolemus langte zum Abschluß des Mahles die Branntweinflasche aus dem Schrankwinkel; aber Mordaunt, mäßig wie sein Vater, sprach ihr wenig oder gar nicht zu, zumal die Begegnung mit Norna, und was er aus ihrem Munde vernommen, sein Verlangen, nach Hause zu gelangen, heftig erregt hatte, und ihm das Haus, trotz aller jetzt in solchen Flor getretenen Gastfreundlichkeit, keine Lust zu längerem Verweilen machte. Er nahm deshalb das Anerbieten seines Wirtes, dessen Kleider anzubehalten, mit dem Versprechen an, sie gegen die seinigen abholen zu lassen, und nahm freundlichen Abschied von Wirt und Wirtin, welch letztere sich über den Verlust ihrer Gans damit tröstete, daß sie wenigstens einem schmucken Jüngling zu gute gekommen war. Siebentes Kapitel. Zwischen Stourbourgh und Jarlshof lagen zehn »stramme Meilen schottisch« – und wenn auch dem jungen Wanderer nicht, all jene Hindernisse in den Weg traten, die Tam–o'–Shanter auf seinem berühmten Rückmarsch vom Ayr begegneten, – so brauchte er doch soviel Zeit, die, die er fand, zu überwinden, daß er erst gegen elf Uhr nachts Jarlshof erreichte. – Rings um das Haus war alles still und finster, und er bekam erst Antwort, als er ein paarmal unter Swerthas Fenster gepfiffen hatte. »Wer klopft denn zu solcher nächtlichen Stunde?« fragte sie, nachdem sie beim ersten Tone noch traumumfangen gemeint hatte, der junge Walfischfahrer sei es wieder, der einst vor vierzig Jahren bei ihr »gefensterlt« und sich immer durch Pochen gemeldet hatte – beim zweiten Schlag munter geworden war – und beim dritten sich erinnerte, daß Johnie Fraja schon viele, viele Jahre unter Grönlands Eise begraben liege. – »Ich bin's,« antwortete der Jüngling. »Und warum kommt Ihr nicht herein? Die Tür ist ja nur eingeklinkt, und im Herde glimmt Torf und ein Span liegt auch daneben.« »Ganz gut und schön,« versetzte Mordaunt, »aber ich wollte wissen, wie es dem Vater geht.« »Wie immer geht's – gefragt hat er nach Euch, der brave Herr – Ihr solltet doch nicht so weite und lange Spaziergänge machen, junger Herr.« »Die finstere Stunde ist vorüber, Swertha?« fragte er. »Jawohl, Herr Mordaunt,« antwortete die Haushälterin, »der Vater ist sogar recht vernünftig und gutmütig. Ich habe gestern zweimal mit ihm gesprochen; zuerst gab er die höflichste Antwort; dann sagte er, ich möchte ihn in Ruhe lassen, und da sagte ich mir, aller guten Dinge seien doch immer drei – und versuchte es noch einmal, aber da schalt er mich einen schwatzhaften alten Drachen.« »Genug, Swertha, genug,« rief Mordaunt, »nun steh aber auf und schaffe mir etwas zu essen, denn ich habe sehr schlecht heute zu Mittag gegessen.« »Dann seid Ihr gewiß bei den neuen Leuten in Stourbourgh gewesen, denn ich wüßte sonst kein Haus auf all unsern Inseln, wo man Euch nicht das Beste vom Besten gäbe. Habt Ihr Norna vom Fitful-Head gesehen? Sie ging heute früh nach Stourbourgh, ist aber am Abend zurückgekommen.« »Zurückgekommen? Also hier? Aber wie hat sie drei reichliche Meilen in so kurzer Zeit zurücklegen können?« »Wer kann denn sagen, wie sie Wege zurücklegt?« antwortete Swertha. – »Aber gehört hab ich's mit eigenen Ohren, wie sie es dem Ranzelmann sagte, sie ginge heute nach Burgh-Westra, um mit Minna Troil zu sprechen, daß sie aber in Hafra – denn Stourbourgh nennt sie es nie – was gesehen hätte, das sie wieder hierher zurückzukommen bestimmte. Aber geht nur herein, Ihr sollt schon was zu essen finden.« Mordaunt ging nach der Küche, und Swertha sorgte für ein reichliches, wenn auch einfaches Mahl, das ihn für die karge Stourbourgher Kost schadlos hielt. Frühzeitig stand Mordaunt auf, aber doch, da er sich etwas erschöpft fühlte, später als gewöhnlich, so daß er, was sonst nicht der Fall war, seinen Vater bereits in dem Zimmer fand, wo sie zu essen pflegten. »Du bist gestern nicht dagewesen, Mordaunt,« sagte der Vater, denn der Sohn wartete ehrfurchtsvoll, bis er angesprochen wurde – er war über acht Tage abwesend gewesen, hatte aber wiederholt bemerkt, daß seinem Vater, wenn er in seiner trüben Stimmung war, der richtige Zeitbegriff abhanden kam. Er sagte also einfach »Ja« auf die Frage des Vaters. »Bist in Burgh-Westra gewesen, nicht wahr?« fragte der Vater wieder. »Ja!« antwortete Mordaunt wieder. Der Vater ging eine Zeitlang schweigend auf und ab – mit einem Gesicht so düster, wie wenn er wieder in seine Trübnis verfallen wollte. Plötzlich aber wandte er sich gegen seinen Sohn mit der Frage: »Magnus Troil hat zwei Töchter, – sie müssen schon erwachsen sein und gelten für schön; nicht wahr?« »Ja, Vater, man hört so,« sagte Mordaunt, verwundert, daß der Vater sich nach Angehörigen eines Geschlechtes erkundigte, dem er im allgemeinen nicht wohlgesinnt war – aber seine Verwunderung wuchs noch bei der weitern Frage aus Vaters Munde, die ebenso kurz wie die erste gestellt wurde ... »Und welche hältst Du für die schönere?« »Ich, Vater,« antwortete der Sohn, nicht ohne Verlegenheit; »wahrhaftig! darüber kann ich nicht urteilen; ich habe noch keinmal darüber nachgedacht – sind doch beides hübsche Mädchen.« »Du weichst der Frage aus, Mordaunt, und doch habe ich vielleicht Gründe, die es mir wünschenswert erscheinen lassen, Deinen Geschmack zu kennen. Unnütze Worte mache ich nicht gern. Ich frage Dich noch 'mal, welche von Magnus Troils Töchtern hältst Du für die schönere?« »Aber, Vater« – antwortete Mordaunt – »Sie stellen mir solche Frage doch nur aus Scherz?« »Junger Mensch,« entgegnete Mertoun, dessen Augen ungeduldig zu rollen anfingen, »ich frage nie zum Scherz, verlange aber Antwort auf meine Frage.« »Ja, da wird mir die Antwort schwer, Vater, wenn nicht unmöglich,« sagte Mordaunt, »denn, wie gesagt, sie sind beide hübsch, jede auf ihre Art – doch sich durchaus nicht ähnlich – Minna ist dunkel und ernster als ihre Schwester, aber nicht grämlich oder gar düster.« »Hm,« sagte der Vater: »Du bist ernst gezogen; also gefällt Dir Minna am besten?« »Nein, Vater, ich kann ihr keinen Vorzug vor Brenda, ihrer Schwester, geben, die fröhlich ist wie ein Lamm am Frühlingsmorgen; nicht so groß wie ihre Schwester, doch ebenso schön gebaut und eine vortreffliche Tänzerin.« »Die sich am besten schickte, einen jungen Menschen, dem bei seinem trübsinnigen Vater zu Hause die Zeit lang wird, aufzuheitern,« sagte Mertoun. Mordaunt war es an seinem Vater gewöhnt, daß er ein Thema, das seiner Gedankenrichtung wenig entsprach, nach allen Seiten hin ausspann; er begnügte sich deshalb noch einmal, zu sagen, daß die beiden Mädchen Muster von Schönheit seien, daß er sie aber nie miteinander in Parallele gestellt habe, und daß mithin manch anderer vielleicht besser auf solche Frage Antwort geben könnte als er, zumal er bei keiner eine auszeichnende Eigenschaft zu nennen wüßte, die nicht durch eine andere Eigenschaft der andern aufgewogen würde. Wohl möglich, daß die Ruhe, mit der Mordaunt diese Antwort gab, dem Vater die gewünschte Befriedigung nicht brachte; Swertha trat aber jetzt mit dem Frühstück ein, und Mordaunt langte trotz der späten Stunde so kräftig zu, daß der Vater bald einsehen lernte, die Fragen, die er ihm gestellt, gälten ihm weit geringer. Die Hand über die Augen haltend, sah er dem Jüngling unverwandt zu; keine Bewegung desselben verriet indes Befangenheit oder das Bewußtsein, beobachtet zu werden; alles vielmehr an ihm war frei, ungezwungen, offen... »Sein Gemüt ist noch rein und lauter,« sagte Mertoun vor sich hin; »seltsam, daß ein hübscher, munterer, junger Mensch in seinen Verhältnissen Schlingen entgangen sein sollte, in denen sich doch die ganze Welt fängt.« Nach beendigter Mahlzeit hieß der Vater nicht, wie es sonst bei ihm Gewohnheit war, den Sohn zu diesem oder jenem Studium greifen, sondern nahm Hut und Stock, forderte Mordaunt auf, mit ihm aufs Vorgebirge hinauszuwandern, da er sich das Meer ansehen wolle, das von dem Sturme des vorigen Tages noch in großer Bewegung sein müßte. Mordaunt, noch in dem Alter, wo der Mensch alle sitzende Arbeit gern mit Beschäftigung im Freien vertauscht, sprang sogleich auf, des Vaters Befehl zu gehorchen; und nach wenigen Minuten schon stiegen sie den Hügel hinan, der von der Landseite her einen langen, steilen, mit Gras bestandenen Abhang bildete, vom Gipfel aber zum Meere hinunter in einem schroffen, grausigen Schlunde abstürzte. Es war ein wunderschöner Tag – die Luft ging nur leise noch, so daß sich die Wölkchen, die noch am Himmel sichtbar waren, kaum bewegten – über der kahlen endlosen Landschaft lag etwas wie ein Zauber, der – eine Wirkung des Wechsels zwischen Licht und Schatten, – ihr zeitweilig etwas von der Mannigfaltigkeit eines wohlausgebauten Kulturbodens lieh, und doch war alles bloß wildes Moor, und Felsen und Buchten breiteten sich immer weiter vor ihnen aus, je höher sie hinanklommen. Der Vater blieb oft stehen und sah sich um – eine Zeitlang glaubte der Sohn, in der Absicht, die Schönheit des Bildes zu genießen, während des Steigens aber ward er inne, daß des Vaters Atem kürzer und seine Schritte schwank und schwer wurden; nicht ohne Unruhe erkannte er, daß ihn das Bergsteigen stärker angriff als ehedem. Ohne ein Wort zu sprechen, reichte er ihm den Arm, und schweigend nahm der Vater die dargebotene Hilfe, indes nur einige Minuten; denn plötzlich, beinahe rauh, stieß er den Sohn von sich, und als ob ihm irgend ein Gedanke, der ihm einfiel, doppelte Kräfte liehe, stieg er mit so großen und schnellen Schritten weiter hinauf, daß es dem Sohne schwer wurde, ihm zur Seite zu bleiben. Er kannte den Vater zur Genüge und wußte, daß ihn derselbe, trotz aller Fürsorge, die er auf seine Erziehung wandte, eigentlich nicht liebte – der Vater aber schien den garstigen Eindruck nicht zu bemerken, den seine Unfreundlichkeit auf die Empfindungen seines Sohnes hervorbrachte. Sie hatten inzwischen den Kamm erreicht. Hier blieb der Vater stehen und sagte in einem gleichgültigen Tone, der sich nicht natürlich anhörte: »Mordaunt, da Dir so wenig daran liegt, auf diesen wilden Inseln zu bleiben, hast Du wohl schon daran gedacht, Dich einmal in der Welt umzusehen?« »Ich könnte nicht sagen, Vater,« erwiderte Mordaunt, »daß mir solcher Einfall schon einmal gekommen wäre.« »Und warum nicht, Junge?« fragte der Vater; »ich dächte, in Deinem Alter wäre er nur natürlich. Mir wenigstens konnte, als ich so alt war wie Du, das schöne lachende England kaum genügen, geschweige denn solches Torfmoor wie dieses.« »Shetland zu verlassen, Vater, ist mir nie in den Sinn gekommen,« versetzte Mordaunt, »ich fühle mich hier wohl und glücklich und habe Freunde. Und auch Dir, Vater, möchte ich wohl zuweilen fehlen ...« »Daß Du aus Liebe zu mir hier bleibst oder bleiben wollest,« erwiderte der Vater barsch, »wirst Du mir doch nicht einreden wollen?« »Warum nicht, Vater?« sagte Mordaunt ruhig – »ich hielt es für Kindespflicht und habe, wie ich hoffe und wünsche, bis jetzt nicht dagegen verstoßen.« »Ja so,« wiederholte der Vater in gleichem Tone, »Deine Pflicht – Deine Kindespflicht – ist's ja auch Hundespflicht, an demjenigen Diener vom Hause zu hängen, der ihn füttert.« »Und tut er nicht immer so?« sagte Mordaunt. »Ja doch,« sagte der Vater, den Kopf abwendend, »aber zu wedeln pflegt er nur bei Leuten, die ihn liebkosen.« »Ich kann mich nicht besinnen,« sagte der Sohn, »daß ich es an Liebe hätte fehlen lassen.« »Nichts mehr davon,« rief Mertoun kurz; »wir haben beide lang füreinander getan, was sein mußte, und – wir müssen uns nun trennen, – brauchen wir Linderung im Trennungsschmerze, mag dieser Gedanke sie uns geben.« »Ich werde nie ermangeln, Ihren Wünschen gerecht zu werden,« sagte Mordaunt, mit der Aussicht, die Welt zu sehen, nicht unzufrieden; »ich soll doch sicher mit einer Walfischfahrt den Anfang machen?« »Walfischfahrt?« wiederholte der Vater: »ei, das wäre der rechte Weg, die Welt zu sehen; aber Du redest, wie Du es verstehst – lassen wir die Sache! Wo hast Du in dem Sturme gestern Unterkommen gefunden?« »In Stourbourgh, beim neuen Verwalter aus Schottland,« »Ein pedantischer, überspannter Pläneschmied,« sagte Mertoun; »und wen trafst Du dort?« »Seine Schwester,« erwiderte Mordaunt; »und die alte Norna vom Fitful-Head.« »Was! die Norna? die soviel Zaubersprüche kennt?« versetzte Mertoun mit höhnischem Lächeln, »die den Wind wenden kann, wenn sie ihr Kopftuch auf die Seite zieht, wie König Erich, wenn er die Mütze wendete? Die Frau macht große Touren – wie geht es ihr? Hat sie schon Reichtümer damit erworben, daß sie denen, die in den Hafen einlaufen wollen, günstigen Wind verkauft?« »Ich weiß es nicht, Vater,« sagte Mordaunt, den gewisse Erinnerungen abhielten, auf diese Stimmung einzugehen. »Du meinst, die Sache sei zu ernst für Scherze, vielleicht auch die Ware zu gering, sich darum zu härmen,« fuhr Mertoun mit dem gleichen Spott fort, »besinne Dich aber genauer! Wird nicht alles in der Welt gekauft und verkauft; warum nicht der Wind, wenn der Kaufmann Käufer dafür finden kann? Die Erde ist verpachtet, von ihrer Oberfläche bis zu den Bergwerken in ihrem Innersten; das Feuer und die Mittel, es zu nähren, werden gekauft und verkauft; die Armen, die das wilde Meer mit ihren Netzen durchschiffen, bezahlen das Vorrecht des Ertrinkens mit einem Zoll . . . Weshalb sollte die Luft von dem allgemeinen Handel ausgeschlossen bleiben? Alles über der Erde hat seinen Preis, seine Käufer, seine Verkäufer. In vielen Läden verkaufen Dir die Priester einen Teil des Himmels, – in allen Ländern sind die Menschen bereit, die Hölle zu kaufen für Gesundheit, Reichtum, Gewissensfreiheit: warum sollte Norna nicht auch den Handel treiben, der ihr paßt?« »Ich wüßte keinen Grund dagegen,« versetzte Mordaunt, »nur meine ich, es wäre besser, sie schlüge ihre Ware in kleinen Mengen los. Gestern trieb sie Großhandel, und wer sich mit ihr einließ, bekam für sein Geld zu viel.« »So ist es,« sagte der Vater, am Rande des wilden Vorgebirges stehen bleibend, das sie erreicht hatten; »die Spuren davon sind noch sichtbar!« Als Vater und Sohn von der aus weichem, bröckligem Sandstein bestehenden Höhe auf das Meer hinunterschauten, schlug die Flut noch dröhnend wider das Ufer, und das Auge schwindelte, wenn es in die Wogen hinabblickte, die allem, was in ihre Gewalt geriet, mit jäher Zerstörung drohten. Der Anblick der Natur in ihrer Pracht, in ihrer Schönheit, oder in ihrem Schrecken hat immer etwas Ueberwältigendes, dessen Eindruck selbst die Gewohnheit nicht schwächen kann; und Vater und Sohn setzten sich auf die Klippe, dem ungemessenen Kampf der Wogen, die noch immer gegen den Schlund des Ufers rasten, zuzuschauen. Auf einmal sprang Mordaunt, dessen Auge schärfer, dessen Aufmerksamkeit wahrscheinlich reger war, als die seines Vaters, empor und rief: »Gott im Himmel, ein Fahrzeug im Rooft!« Mertoun blickte nach Nordwesten und sah einen Gegenstand in der schäumenden Flut... »Es zeigt kein Segel,« sagte er, und gleich darauf, als er durch sein Fernglas gesehen hatte, fügte er hinzu: »Es ist entmastet und liegt als Wrack auf dem Wasser.« »Und treibt auf Sourbourgh-Head zu,« rief Mordaunt entsetzt, »ohne jede Hilfe, das Vorgebirge zu umschiffen.« »Es liegt tot,« sagte der Vater, »wahrscheinlich ist es von der Mannschaft verlassen.« »An einem Tage, wie gestern,« sagte Mordaunt, »in einem Sturm wie gestern, wo kein offenes Boot die See halten konnte, müßten alle, auch die besten Leute, die je ein Ruder geführt, in die Tiefe gegangen sein.«, »Sehr wahrscheinlich,« erwiderte sein Vater mit ernster Fassung, »aber später oder früher hätten doch alle untergehen müssen. Was liegt daran, ob der große Vogelsteller, dem nichts entrinnt, sie auf einmal oder einzeln in seine Krallen bekam? Was liegt daran? Schiffsdeck und Schlachtfeld haben nicht mehr Gefahr für uns als Tisch und Bett, und der Mensch entgeht dem einen nur, um, bis er im andern stirbt, ein armseliges Dasein weiter zu fristen. Ich wollte, die Stunde wäre auch für mich schon da! ... Kind, Du wunderst Dich über solche Betrachtungen, weil Dir das Leben noch neu ist; doch auch mit Deinen Gedanken werden sie, ehe Du mein Alter erreichst, verwachsen sein.« »Ein solcher Widerwille gegen das Leben,« erwiderte Mordaunt, »ist doch nicht eine notwendige Folge vorgerückten Alters?« »Für solche, die Verstand genug besitzen, es nach dem wirklichen Werte zu schätzen, doch!« antwortete Mertoun; »solche wie Magnus Troil, die infolge ihrer tierischen Neigungen Geschmack an der Sinnesbefriedigung finden, werden vielleicht, wie die Tiere, schon durch das Dasein an sich satt.« Mordaunt gefiel weder Rede noch Beispiel. Er war der Ansicht, daß ein Mann, der seine Pflichten gegen andere so redlich erfüllte wie der gute alte Udaller, auf seinen Platz an der Sonne ganz ebensoviel, wenn nicht größeres Anrecht habe als andere, die mit Fühllosigkeit prunkten. Aber er wußte, daß Disputieren den Vater aufbrachte; deshalb schwieg er und wendete seine Aufmerksamkeit abermals auf das Wrack. Mehr als Wrack war es wohl kaum, was jetzt in der Mitte der Strömung trieb, dem Fuße der Klippe zu, an deren Rand sie standen. Aber geraume Zeit verging noch, bis sie das Ding wirklich erkennen konnten, das sie zuerst nur als schwarzen Fleck im Wasser gesehen hatten – das, näher kommend, Aehnlichkeit mit einem Walfisch aufwies, der bald die Rückenflosse über das Wasser hebt, bald seine große schwarze Seite zeigt, – das aber jetzt deutlich die Gestalt eines Schiffes zeigte, das von den gewaltigen Wogen, die es der Küste zutrugen, bald über den Spiegel des Meeres gehoben, bald in seine Tiefen hinuntergerissen wurde. Es war ein Schiff von zwei- bis dreihundert Tonnen, zur Verteidigung eingerichtet, denn man konnte die Stückpforten sehen; in dem Sturme am vorigen Tage mochte es die Masten verloren haben, und trieb nun voll Wasser auf den Wellen, eine Beute ihrer Wut. Die Mannschaft schien die Unmöglichkeit, das Schiff zu lenken oder durch Pumpen zu retten, erkannt und in den Booten Zuflucht gesucht zu haben, ihr Schiff seinem Schicksal überlassend ... Und doch konnten Mertouns, Vater und Sohn, nicht ohne ein Gefühl von Beklommenheit dies Schiff betrachten, jenes seltene Meisterstück menschlichen Geistes, das den Sohn der Erde zum Herrn über die Welt macht, das ihn in stand setzt, mit Wind und Sturm auf den Wogen zu kämpfen, und doch jeden Augenblick in Gefahr setzt, von ihnen zerschellt und verschlungen zu werden. Jetzt kam sie heran, die große, schwarze Masse, mit jeder Fadenlänge an Größe wachsend, auf einer mächtigen Woge getragen, die jetzt samt ihrer Last gegen den Felsen prallte; die Elemente hatten über das Werk von Menschenhand den Sieg errungen – noch einmal trat das zertrümmerte Schiff in seiner vollen Größe in Sicht, als es wider die Wand getragen wurde – als aber die Woge zurück von der Wand prallte, trug sie kein Schiff mehr, nur Balken, Planken, Tonnen, Trümmer ... Da war es Mordaunt mit einem Male, als sähe er auf einer Planke oder einem Fasse einen Menschen abwärts von der Hauptströmung auf eine seichtere Stelle zu treiben, wo sich die Wellen mit geringerm Ungestüm brachen ... »Er lebt noch – er kann noch gerettet werden!« rief der Jüngling – in der andern Sekunde schwang er sich von der Platte auf einen Vorsprung, – mehr einem Sturze glich der Schwung als einem Sprunge – und, die Spalten, Risse, Zacken des Felsens benutzend, klomm er hinunter in die Tiefe. »Halt, unbesonnener Knabe!« rief der Vater, »dieses Wagestück bringt Dir den Tod .. Halt, ich befehle es Dir – und nimm den sichern Pfad zur Linken.« Aber Mordaunt war schon zu weit vorwärts gedrungen, um noch zurück zu können ... »Und warum sollte ich ihn hindern?« sagte der Vater, dessen strenge Denkweise keine Sorge aufkommen ließ. »Fände er jetzt den Tod in dem edlen großen Gefühle, durch Aufgebot seiner besten Kräfte die Rettung eines Mitmenschen versucht zu haben – fände er jetzt den Tod: entrönne er dann nicht Menschenhaß, Gewissensbissen, Alter, und der Empfindung der von Seele und Leib schwindenden Kraft? – Aber den Blick muß ich von dem Vorgange abwenden – denn ich kann nicht Zeuge sein, wie diese jugendliche Flamme jäh verlischt.« Er trat von dem Abhange zurück, in eine Spalte zur Linken, »Erichs Stufen« genannt, die zwar weder sicher noch bequem, aber der einzige Pfad war, den die Bewohner von Jarlshof einschlugen, wenn sie an den Fuß des Felsens gelangen wollten. Lange vor Mertoun, der nun das obere Ende des Pfades erreichte, hatte sein kühner, gewandter Sohn das gefahrvolle Unternehmen vollführt, das er begonnen – alle Schwierigkeiten, die er auf der Höhe nicht geahnt, bis zur grausen Tiefe hinunter besiegend – mehr denn einmal glitt sein Fuß auf der weichen, bröckligen Masse; Blöcke, auf denen er fußen wollte, rutschten mehr denn einmal und rollten in das Meer oder stürzten ihm nach, als ob sie ihn mit sich reißen wollten ... Sieben lange, bange Minuten, – dann stand er am Fuße der Klippe auf einem kleinen, von Steinen, Sand und Kies gebildeten Vorsprung, der sich in die See, die den Fuß der Klippe bespülte, hinausstreckte, – bis hin zu dem Fuße zur Linken, den »Erichs-Stufen«, auf denen sein Vater den Abstieg versuchte. Als das Schiff zerschellte, hatte das Meer alles verschlungen, was nach dem letzten Stoße noch auf den Wellen trieb, ein paar Trümmer ausgenommen, die ein starker Strudel dort an das Land geworfen hatte, wo Mordaunt jetzt stand. Darunter entdeckte sein scharfes Auge bald das Ding, das zuerst seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und das er jetzt in der Nähe wirklich für einen Menschen in verzweifeltster Lage erkannte – der die Arme krankhaft um den Pfosten geschlungen hielt, an den er sich im Augenblick des Ertrinkens geklammert hatte, – dem das Bewußtsein fehlte, – der keiner Bewegung mehr fähig war – und dessen Tod jetzt unvermeidlich schien. Mordaunt sah es – Mordaunt sah die Woge nahen, die den Unglücklichen ins Meer hinaus führen mußte, wenn sie ihn beim Rückprall von der Felswand faßte – und im andern Momente rang Mordaunt mit der Brandung um den Körper; aber die Stärke der zurückrollenden Wogen war größer, als er gerechnet hatte, er mußte einen harten Kampf bestehen für sein eigenes und des Fremden Leben, um nicht in das offene Meer hinausgetrieben zu werden, wo er, trotzdem er ein gewandter Schwimmer war, von der Flut unrettbar entweder zerschmettert oder in die Tiefe hinunter gerissen worden wäre .. doch Mordaunt hielt stand mit übermenschlicher Kraft – und entrang der Flut den Leib; denn ehe die zweite Welle zum Angriff wiederkehrte, hatte er Leib und Planke auf den Streifen trocknen Sandes gezogen, der ihm am Fuße der Klippe als erster Standort gedient hatte ... Wie aber den Funken des verlöschenden Lebens festhalten – wie ihn anfachen – wie den Unglücklichen, den fast schon Todesstarre befallen, – an einen sicheren Ort schaffen? Das waren Fragen, auf die Mordaunt keine Antwort fand. Er blickte zur Spitze der Klippe hinauf, wo er den Vater zurückgelassen, und rief diesen um Beistand an; sein Auge aber konnte ihn nicht entdecken, und nur Geschrei von Seevögeln gab ihm Antwort ... Noch einmal blickte er den Schiffbrüchigen an; er trug ein nach der Art jener Zeit reich mit Tressen besetztes Kleid, feines Linnen und Ringe an den Fingern: Dinge, welche bewiesen, daß es ein Mann von hohem Range sei; sein bleiches, entstelltes Gesicht zeigte Jugend und Anmut; er atmete noch, aber so schwach, daß man kaum eine Spur von Hauch bemerken konnte; das Leben schien nur noch an einem dünnen, dünnen Faden zu hängen, der zu zerreißen drohte, wenn er nicht bald Halt fand oder verstärkt würde. Ihm die Halsbinde lösen, das Gesicht gegen den Wind drehen, ihn mit den Armen stützen, war alles, was Mordaunt zu seinem Beistande tun konnte, während er sehnlichst nach jemandem ausschaute, der ihm hälfe, den Unglücklichen an einen sichern Platz zu schleppen ... Da sah er einen Mann langsam und vorsichtig am Ufer entlangkommen. Im ersten Augenblick meinte er, es sei sein Vater; doch gleich darauf fiel ihm ein, daß dieser den weiteren Weg, den er genommen, noch nicht zurückgelegt haben könnte; er sah nun auch, daß der Mann kleiner war; und bald erkannte er nun den Hausierer, den er tags vorher in Hafra getroffen und schon bei frühern Gelegenheiten kennen gelernt hatte. »Holla, Bryce! hierher, Bryce!« rief er, so laut er konnte – der Hausierer aber dachte nur an Trümmer, die er aus dem Meere fischen könne – und schien der Rufe nicht zu achten; als er aber endlich Mordaunt nahe genug war, daß er dessen Rufe nicht mehr ungehört verhallen lassen konnte, hob er nicht die Hand zur Hilfe, sondern öffnete den Mund, um Mordaunt zu schmähen ... »Seid Ihr toll?« rief er; »habt Ihr darum solange auf Shetland gelebt, daß Ihr es wagen wollt, einen Ertrinkenden zu retten? Wißt Ihr nicht, daß er Euch gewiß ein Leid zufügt, wenn Ihr ihn wieder ins Leben zurückbringt? – Kommt, Mordaunt, und leiht mir Eure Hilfe zu besserer, klügerer Tat! Laßt uns ein Paar von den Kisten am Ufer bergen, ehe andere sie uns wegfischen, und teilen, was Gott uns spendet, und ihm danken für seine Gnade.« Mordaunt, mit dem sonderbaren Aberglauben nicht unbekannt, der in früheren Zeiten wirklich unter den niederen Shetländern herrschte, und vielleicht um so mehr Anhänger fand, als er zum Vorwand dienen konnte, unglücklichen Opfern des Meeres Beistand zu versagen, während man ihre Güter plünderte, – Murdaunt folgte dem Blicke des ehrlichen Handelsmannes und sah nun eine große, starke Schiffskiste, die aus fremdem, scheinbar indischem Holze gezimmert und das Meisterwerk irgend eines Zimmermanns in fernen Landen zu sein schien; denn ihr durch Messingplatten wohlverwahrtes starkes Schloß widerstand allen Anstrengungen des kleinen Mannes, dem es inzwischen gelungen war, sie aus dem Meere ans Land zu ziehen, und allerhand Versuche machte, sie zu öffnen, bis er zuletzt Hammer und Meißel aus seinem Sacke langte und die Haspen loszuschlagen anfing. Mordaunt, außer sich über die Selbstsucht und Unbarmherzigkeit Snailsfoots, griff nach einem neben ihm treibenden Querholz, bettete den Schiffbrüchigen sanft auf den Sand und trat mit drohender Miene auf den Hausierer zu... »Auf der Stelle hilfst Du mir, den Unglücklichen ins Leben zurückrufen, oder ich zerschlage Dir nicht bloß alle Knochen im Leibe, sondern zeige Dich Unmenschen bei Magnus Troil als Strandräuber an, damit er Dich auspeitschen lasse und von Shetland verbanne.« Eben hatte sich der Deckel von der Kiste gelöst, und allerhand schöne Sachen, zu Lande wie auf See gut brauchbar – Hemden einfach und mit Spitzen-Manchetten, ein silberner Kompaß, ein Degen mit silbernem Griffe, und andere Gegenstände von Wert, – traten vor die gierigen Augen des Hausierers, der sich über ihren Handelswert keine Sekunde im Zweifel befand – da drang ihm Mordaunts Drohung in die Ohren – und fuchswild, sich über solch schöner Beute gestört zu sehen, wollte er eben aufspringen und seinen Degen ziehen, der zugleich Stoß und Hiebdegen war – schon hatte Mordaunt seine Drohung, grimmiger als zuvor, wiederholt und den Hausierer, der zwar klein, aber ein starker vierschrötiger Wicht war und noch in der Vollkraft der Jahre stand, zudem besser bewaffnet war als er, von neuem aufgefordert, ihm bei der Bergung des Schiffbrüchigen zu helfen – schon hatte Bryce Snailsfoot, nach trotziger Antwort, daß er sich das Fluchen verbiete und nicht Hand an sich legen lasse, eher dem jungen Grünschnabel einen Denkzettel geben wolle, an dem er von heute bis Weihnachten zu knabbern haben solle – schon war Mordaunt im Begriff, es darauf ankommen zu lassen und den Mut des Hausierers auf die Probe zu stellen, – als plötzlich hinter ihm eine Stimme ein lautes »Halt!« rief. Es war die Stimme der Norna vom Fitful-Head ... Unbemerkt von dem in Streit geratenen beiden Männern, hatte die Seherin sich ihnen genähert. Laut wiederholte sie »Halt!« und wandte sich drohend an Bryce Snailsfoot: »Leiste dem jungen Mordaunt den Beistand, den er begehrt; denn ich sage Dir, daß Dir besserer Vorteil daraus erwachsen wird als aus der Beute, die Deine Augen blendet.« »Es ist Leinwand von feinstem Gewebe,« sagte der Hausierer, der schon eins der Hemden mit jener Kennermiene befühlt hatte, mit der Frauen und Sachverständige ein Gewebe taxieren; »stark wie Doppelleinwand. Immerhin will ich Euch, Mutter, zu Willen sein; hätt ich ja auch schon dem jungen Herrn seinen Willen getan,« setzte er hinzu, seinen bisherigen Trotz aufgebend und einen dienstwilligen Ton anschlagend, wie er ihn gegen seine Kunden brauchte, »hätte er bloß nicht gar so gotteslästerliche Flüche ausgestoßen.« Eine Flasche aus der Tasche ziehend, näherte er sich dem Schiffbrüchigen ... »Branntwein von bester Sorte,« sagte er, »und wenn ihn der nicht wieder ins Leben ruft, so weiß ich nicht, was wir machen sollen.« Als wenn er den heilsamen Trank auf seine Güte hin erst noch einmal erproben wolle, setzte er zunächst die Flasche an die eigenen Lippen und wollte eben dem Manne ein Paar Tropfen einträufeln, als er auf einmal mit der Hand zurückfuhr und sagte: »Norna, Ihr bürgt mir für alles, was mir durch ihn und seinetwegen geschehen könnte, wenn ich ihm helfe? – Ihr wißt selbst am besten, Mutter, was für Rede bei den Leuten umgeht.« Statt einer Antwort nahm ihm Norna die Flasche aus der Hand und rieb dem Schiffbrüchigen Schläfe und Hals, während sie Mordaunt sagte, wie er ihm den Kopf halten müsse, damit er das geschluckte Seewasser von sich geben könne. Eine Weile sah der Hausierer, ohne ein Hand zu rühren, der Arbeit der beiden zu; dann sagte er: »Na, die schlimmste Gefahr ist ja hinter mir, da er ja nicht mehr im Wasser, sondern am Ufer liegt; am meisten zu fürchten haben ja immer die, die einen Schiffbrüchigen zuerst anfassen. Aber man kann doch nicht mit ansehen, wie dem armen Menschen die Ringe in die Finger schneiden; seine Hand ist ja schon blau, wie ein Krabbenbuckel vorm Kochen.« Mit diesen Worten nahm er eine der kalten Hände, deren Zittern eine Spur von zurückkehrendem Leben verriet, und machte sich an sein Werk der Barmherzigkeit, die Ringe, die ihm von Wert Zu sein schienen, dem Ohnmächtigen von den Fingern zu ziehen. »Wenn Dir dein Leben lieb ist, laß ab,« rief Norna, ernst die Hand aufhebend, »oder ich gebe Dir was zu kosten, das Dir das Wandern auf unserer Inselflur versalzen soll.« »Um Gottes willen, Mutter, kein Wort mehr,« antwortete der Hausierer. »Ich will ja alles tun, was Ihr fordert. Es wäre gar zu großes Unglück für mich, wenn ich nicht meinen Handel weiter treiben könnte, der mir mein ehrliches Brot bringt und auch mir sichert, was uns die Vorsehung an die Küste treibt.« »Dann sei ruhig,« erwiderte die Frau; »und nimm den Mann auf Deine breiten Schultern. An seinem Leben ist viel gelegen, und Dein Lohn soll Dir werden.« »Lohn tut freilich not,« versetzte der Hausierer, dessen Blicke wieder auf der Kiste und ihrem reichen Inhalt ruhten; »denn ich habe heute mehr eingebüßt, als ich gebraucht hätte, um für den Rest meines Lebens ein Mann zu werden, der sich sehen lassen könnte. Statt dessen muß nun alles hier liegen bleiben, bis es die nächste Flut in die Strömung reißt, hinter denen her, die gestern noch Herren darüber waren.« »Sei unbesorgt,« sagte Norna »zu statten kommen wird's schon jemand! Sieh, da kommen schon die Aasvögel, die kein minder scharfes Auge haben als Du.« Der Hausierer sah, tief aufseufzend, Leute aus Jarlshof zum Strande rennen, die sich ihren Anteil an der Beute sichern wollten, die der Sturm ihnen beschert hatte ... »Ja, ja,« sagte er, »die Jarlshofer werden bald aufgeräumt haben, sind sie doch weit und breit bekannt dafür, daß sie keine verweste Ratte zurücklassen – dabei hat keiner von ihnen eine Bohne Verstand für die Ware, die ihm in den Schoß fällt, wie zum Beispiel der alte Ranzelmann Neil Ronaldson, der keinen Fuß zur Predigt hebt, aber zehn Meilen weit humpelt, wenn er hört, daß sein Schiff auf den Strand geraten.« Norna schien aber solche Gewalt über den Hausierer zu besitzen, daß er nicht mehr zauderte, den Mann, der jetzt deutliche Spuren von zurückkehrendem Leben gab, auf die Schultern zu nehmen, und mit Mordaunts Hilfe am Strande entlangtrug. Einen Moment lang schlug der Fremde die Augen auf, hob die Hand, um auf die Kiste zu zeigen, und schien etwas stammeln zu wollen, worauf Norna sagte: »Schon gut, schon gut! sie soll nicht abhanden kommen,« An den Erichs-Stufen, die sie hinansteigen mußten, trafen sie die Leute von Jarlshof, die in entgegengesetzter Richtung gekommen waren und Norna ehrerbietig, zum Teil auch scheu und ängstlich, Platz machten. Kaum ein paar Schritte waren sie hinter ihnen, als Norna sich umdrehte und dem Ranzelmanne, der sich – trotzdem die Angelegenheit mehr in Brauch und Sitte, als auf gesetzlichem Boden fußte, – den Leuten aus dem Orte angeschlossen hatte, zurief: »Neil Ronaldson, höre, was ich dir sage: Von dem Kasten dort, dessen Deckel eben abgesprengt worden, wird nichts genommen! Du stehst mir dafür, daß er unversehrt nach Deinem Hause in Jarlshof gebracht wird. Des Todes ist, der einen Blick hineintut!« »Euer Wille soll unser Gesetz sein, Mutter,« sagte Ronaldson; »ich stehe dafür ein, daß alles geschehen soll, wie Ihr es wünschet,« Weit hinter den andern aus dem Dorfe her kam eine Greisin gehumpelt, im lauten Selbstgespräch ihre Gebrechlichkeit verwünschend, aber mit aller Kraft, deren ihr Körper noch fähig war, dem Strande zustrebend, um sich ihrem Teil an der Beute zu sichern. Zu seinem nicht geringen Erstaunen erkannte jetzt Mordaunt in ihr seines Vaters alte Haushälterin ... »Ei, ei, Swertha,« rief er; »was willst Du so weit vom Hause?« »Ich wollte bloß nach dem alten Herrn sehen und nach Euer Gnaden,« antwortete Swertha, betreten wie eine arme Sünderin, die auf frischer Tat ertappt worden – sie hatte wohl auch Ursache zu Furcht, denn Mordaunts Vater hatte sich wiederholt sehr mißfällig über den Brauch geäußert, dem auch sie jetzt frönte. Aber Mordaunt war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, als daß er sich lange mit ihr hätte aufhalten sollen. – »Hast Du meinen Vater gesehen, Swertha?« fragte er. »Ja,« antwortete diese. »Der Herr wollte die Erichs-Stufen hinunterklettern – was aber sein Tod gewesen wäre, denn das ist kein Weg für Leute von seinem Alter. Er ist meinem Rate gefolgt und heimgegangen – und um Euch zu sagen, junger Herr, daß Ihr Euch in das Herrenhaus begebt, und nach ihm seht – bin ich hier.« »Ist Vater nicht wohl?« rief Mordaunt, sich jetzt der Schwäche erinnernd, die er auf dem Frühgange mit dem Vater an ihm bemerkt hatte. »Gar nicht wohl – gar nicht wohl,« ächzte Swertha, wehleidig den Kopf schüttelnd. – »Kreideweiß hat er ausgesehen – und da fällt's ihm noch ein, die Riva hinabzusteigen!« »Geh heim, Mordaunt,« – sagte Norna, die das Gespräch mit angehört hatte. – »Ich werde dafür sorgen, daß dem Schiffbrüchigen alle Pflege zuteil werde. Du triffst ihn, wenn Du ihn sehen willst, beim Ranzelmann; mehr als Du für ihn getan, kannst Du ja doch nicht tun!« Mordaunt fühlte die Wahrheit dieser Worte und eilte, Swertha befehlend, mitzukommen, schnellen Schrittes nach Hause. Die Greisin humpelte unwillig hinter ihrem Herrn her; kaum aber war er aus Sehweite, so machte sie Kehrt, vor sich hin brummend: »Was? die beste Gelegenheit, die mir seit Jahren geboten worden, zu einem neuen Mantel und Rock zu kommen, sollte ich mir rauben lassen? – Nein, da sei Gott vor! So reich gesegnet ist unser Strand nicht! Wir haben ja solch Schiff nicht mehr zerschellen sehen seit König Karls Zeiten.« So schnell die Beine sie tragen wollten, und von dem willigen Geist gestützt, der ihr schwaches Fleisch besiegte, hatte sie bald den Strand erreicht, wo der Ranzelmann, sich selbst die Taschen füllend, die andern mahnte redlich zu teilen und auch der Armen und Blinden zu gedenken, damit Gott, wie er andächtig bemerkte, ihre Küste auch weiter segne. – Achtes Kapitel. Mordaunt hatte den Jarlshof bald erreicht. Hastig trat er ein und schweren Herzens, denn was er am Morgen am Vater wahrgenommen, konnte die Besorgnis, die Swertha durch ihre Worte wachgerufen, nicht verringern. Er fand den Vater in seiner Stube, erschöpft wohl, aber nicht krank – und bald wußte er, daß Swertha ihn bloß in Angst versetzt hatte, um ihn loszuwerden. »Wo ist der Schiffbrüchige, an dessen Rettung Du Dein Leben wagtest?« fragte der Vater. »Norna hat ihn in Obhut, Vater,« antwortete Mordaunt; »sie weiß Bescheid in solchen Fällen und mit solchen Kranken.« »Also Quacksalberin und Hexe zugleich?« sagte der Vater; »desto besser! da brauchen sich andere nicht zu bemühen; Swertha sagte, der Mensch habe alle Glieder gebrochen – drum ging ich heim, um Verbandzeug zu holen.« Mordaunt wußte, daß der Vater den Gegenstand nicht weiter verfolgen werde, und da es weder nützlich noch rätlich war, es mit Swertha zu verderben, oder dem Vater neuen Grund zu einer seiner trüben Stimmungen zu schaffen, nahm er sich vor, reinen Mund zu halten, der Haushälterin aber unter vier Augen strenge Vorhaltungen zu machen. Es war schon spät, als Swertha, ein großes Bündel schleppend, das ihren Beuteteil bergen mochte, stark ermüdet heimkam, Mordaunt suchte sie sogleich auf, um sie wegen der falschen Mitteilungen zu schelten, mit denen sie den Vater und ihn hintergangen, allein die würdige Alte blieb ihm die Antwort nicht schuldig, »Das Verbandzeug,« sagte sie, »hätte sie nicht für den Schiffbrüchigen, sondern für den jungen Herrn selbst vom Herrn Vater holen lassen; es sei ihr ganz grün und blau vor Augen geworden, als sie ihn wie eine wilde Katze an den Klippen habe klimmen sehen – es wäre ihr nicht anders gewesen, als daß sie ihn schon mit zerschmetterten Gliedern am Strande hätte liegen sehen – und daß der Vater seinerseits nicht wohl gewesen und kreideweiß ausgesehen habe, lasse sich doch auch jetzt noch nicht in Abrede stellen.« »Aber, Swertha,« sagte Mordaunt, sobald sie ihn zu Worte kommen ließ, »wie kamst Du heute morgen zu den Erichs-Stufen? Du solltest doch daheim am Spinnrade sitzen! Und doch machst Du Dir um meinen Vater und mich alle diese unnötige Mühe? Was ist denn in dem Bündel, Swertha? Du hast gewiß wider das Gesetz gesündigt und bist an den Strand gelaufen, um aus dem Schiffbruche Beute zu holen?« »Der Himmel behüte Euer Antlitz, und der Segen des heiligen Ronald sei mit Euch!« sagte Swertha in einem Tone, halb schmeichelnd, halb mutwillig: »Ihr werdet einem armen Geschöpfe doch nicht verargen, wenn es sich was Gutes antun kann – werdet auch nicht haben wollen, daß soviel Gut auf dem Sande vermodern soll? ... Was hab ich denn groß für meine Mühe? Ein paar Ellen Kammertuch und ein Paar Stück grobes Zeug – die Starken und Dreisten nehmen ja immer in der Welt das meiste und beste für sich!« »Freilich, Swertha,« sagte Mordaunt, »und für Dich ist's insofern noch schlimmer, als Du in dieser ebensogut wie in jener Welt Deine Strafe dafür bekommst, daß Du arme Seeleute geplündert, statt ihnen zu helfen!« »Wer wird denn aber ein altes Weib, wie mich, um ein paar Lumpen willen strafen? Vom Grafen Patrick ist viel Böses gesagt worden, aber das Strandrecht hat er streng geschützt und scharfe Gesetze dagegen erlassen, daß Schiffern, die in die Brandung gerieten, Beistand und Hilfe geleistet werde. Seevolk verliert doch, – wie Bryce, der Hausierer, sagt – alles Recht von dem Augenblick an, da ihr Kiel den Sand streift; außerdem sind sie mausetot, die armen Leute, und haben keinen Anteil mehr an irdischem Hab und Gut – nicht mehr, fürwahr, als die Grafen und Könige des Meeres zu den Zeiten der Norweger, die ihre Schätze in Gräbern und Grabstätten verscharrten. Habe ich Euch schon von Olaf Trygarson erzählt, der fünf goldene Kronen mit ins Grab nahm?« »Nein, Swertha,« sagte Mordaunt, dem es jetzt zur Freude gereichte, die verschlagene alte Diebin zu quälen; »davon hast Du mir noch kein Wort erzählt; aber ich sage dagegen Dir, daß der Fremde, den Norna mit ins Dorf genommen hat, morgen wohl frisch genug sein dürfte sich nach seinem Schiffsgut umzusehen.« »Wer wird ihm dann sagen, Kind, wohin es gekommen?« erwiderte Swertha, ihm schlau ins Gesicht sehend – »ich habe noch – wie ich Euch sagen will – ein schönes Stück Seidenzeug übrig, aus dem sich für die Festlichkeit, die Ihr vorhabt, eine schöne Weste schneidern läßt.« Mordaunt konnte sich des Lachens über die List nicht länger enthalten, mit der die Alte ihn zu ködern suchte; er hieß sie das Mittagessen herrichten und begab sich zum Vater zurück, den er noch auf demselben Platze fast in derselben Stellung, wie er ihn verlassen, fand. Sobald sie gegessen hatten, sagte Mordaunt, »er wolle ins Dorf gehen, um sich nach dem Schiffbrüchigen zu erkundigen.« Der Vater nickte beifällig. »Er mag es kaum bequem dort unten haben, Vater,« meinte Mordaunt – und der Vater erwiderte mit nichts darauf, außer daß er zum zweitenmal nickte. – »Dem Aeußern nach,« fuhr Mordaunt fort, »muß es ein Mann von guter Herkunft sein; aber wenn auch die armen Leute unten getan haben werden, was in ihren Kräften steht, so wär's doch bei seinem schwachen Zustande gut, man ...« – »Ich weiß, was Du sagen willst,« unterbrach ihn der Vater; »Du meinst, wir sollten etwas zu seiner Hilfe tun? Nun, so geh zu ihm und frag' ihn, ob ihm mit Geld gedient sei? Was er fordert, soll er haben; aber den Fremden in mein Haus nehmen und Verkehr mit ihm pflegen, das kann ich nicht und mag ich nicht. Wozu habe ich mich auf die äußerste Grenze der britischen Inseln geflüchtet? weil ich keine Menschen mehr sehen will, weil mich kein Mensch mehr belästigen soll weder mit seinem Glück noch mit seinem Unglück. So, und nun geh, – warum bleibst Du noch? Sorge, daß der Mann aus der Gegend kommt; ich will niemand um mich sehen als die Gesichter dieser Bagage hier, von der ich recht gut weiß, daß und wie sie mich betrügt – was ich aber hinnehme als ein Uebel, das zu klein ist, um mich darüber zu ärgern.« Mit diesen Worten warf er dem Sohne seine Börse hin und winkte ihm, sich schnell zu entfernen. Mordaunt war bald unten im Dorfe und in der düstern Hütte Neil Ronaldsons, des Ranzelmanns, wo er den Schiffbrüchigen auf derselben Kiste, die des frommen Hausierers Raubgier wachgerufen, sitzen sah. Der Ranzelmann selbst war nicht zu Hause, sondern wieder am Strande, die Beute gerecht unter die Bewohnerschaft zu verteilen – wobei es natürlich Klagen über Klagen ob ungleicher Verteilung setzte, zu deren Schlichtung die weise, wohlbedächtige Magistratsperson all ihre Umsicht aufbieten mußte. Margery Bimbister, des Ranzelmannes würdige Ehehälfte, führte Mordaunt zu ihrem Gaste. »Hier ist der junge Mertoun,« sagte sie ohne irgendwelche Umstände, »vielleicht nennt Ihr ihm Euren Namen, den Ihr uns so hartnäckig verschwiegt. Uebrigens hätten wir, wäre er nicht gewesen, wohl kaum etwas von Euch gehört.« Der Fremde stand auf, schüttelte Mordaunt die Hand und sagte, daß er schon gehört habe, daß er ihm Leben und Kiste zu verdanken hätte ... »Das übrige fliegt wohl schon in der weiten Welt herum,« setzte er hinzu; »denn die Jarlshofer Leute sind, wie ich merke, flinker hinter Beute her als der Teufel beim Sturme!« »Und wozu hat Eure Steuermannskunst Euch genützt, wenn Ihr Euer Schiff nicht vom Sumburgh-Head abhalten konntet?« sagte Margery; »daß Sumburgh-Head zu Euch gekommen wäre, habt Ihr gewiß nicht gerechnet.« »Laß uns einen Augenblick allein, Margery,« sagte Mordaunt; »ich habe mit dem Herrn zu reden.« »Herrn!« wiederholte Margery mit eigentümlicher Betonung; »nicht als ob der Mann nicht gut genug aussehe« – fügte sie hinzu, ihn abermals von oben bis unten musternd – »ich sehe bloß nicht viel von einem Herrn an ihm.« – Mordaunt aber gewann, als er den Fremden jetzt musterte, eine andere Meinung – es war ein Mann von mehr als Mittelgröße und von kräftigem, stattlichem Wuchs, und an seinem kecken, sonnverbrannten schönen Gesichte meinte Mordaunt, – so wenig er auch bislang von der Welt gesehen, – den Seemann zu erkennen, der schon manchen Himmelsstrich befahren ... Mordaunt erkundigte sich nach seinem Befinden, und der Fremde sagte fröhlich und guter Dinge, ein paar Stunden ruhigen Schlafes würden ihn schon wieder herstellen; aber voll Erbitterung sprach er von der Habsucht und Neugier des Ranzelmanns und seiner Ehehälfte. »Dieses geschwätzige Weib,« sagte er, »hat mich von früh bis spät mit Fragen gequält nach meinem Namen, nach dem Schiffsnamen, und nach was weiß ich sonst noch! Ich dächte, sie könnte zufrieden sein mit dem, was auf sie gekommen. Ich war der eigentliche Herr des gescheiterten Schiffes und habe kaum mehr behalten als meine Kleider. Gibt es denn gar keine Obrigkeit hier in diesem wüsten Lande, die einem beispränge in solcher Not?« Mordaunt nannte Magnus Troil, den vornehmsten Grundbesitzer, auch Faud, den Bezirksrichter, als die Personen, von denen sich am ehesten Hilfe erwarten ließe – indem er seinerseits bedauerte, daß ihn seine Jugend, seinen Vater aber die Eigenschaft eines in Zurückgezogenheit lebenden Fremden verhindere, ihm zu dem gewünschten Schutz zu helfen. »Ihr habt mehr als genug getan,« versetzte der Seemann; »hätte ich aber noch fünf von den vierzig handfesten Kerlen, die jetzt den Fischen zur Speise geworden, so sollte mich der Teufel nicht dahin bringen, da um Gerechtigkeit zu betteln, wo ich sie mir durch eigne Kraft verschaffen könnte.« »Vierzig Mann!« wiederholte Mordaunt; »für ein Schiff von der Größe des Eurigen eine starke Bemannung!« »Aber doch nicht so stark, wie sie hätte sein sollen! Wir führten zehn Kanonen, die Jagdstücke ungerechnet. Unser Kreuzzug auf dem großen Ozean hatte aber unsere Mannschaft geschwächt und uns mit Gütern überladen. Sechs von unsern Kanonen waren als Ballast am Bord ... Hätte ich noch Leute genug gehabt, so wäre dieses Pech nicht über mich gekommen! So aber war alles durch die Arbeit an den Pumpen erschöpft, stürzte auf die Boote und ließ mich auf dem Schiffe im Stiche; nun, ihren Lohn dafür haben sie schon, und ich brauche ihnen ihre Schlechtigkeit nicht mehr nachzutragen. – Die Boote kippten, und alle ersoffen – mich aber, mich rettete das Schicksal – durch Eure Hand!« »Ihr kommt von Norden? Von Westindien?« »Ja wohl, das Schiff war »die gute Hoffnung«, von Bristol, ein Kaper, hatte auf dem spanischen Meere Glück sowohl im Handel als bei bei der Kaperei, aber mit dem Schiffe ist auch das Glück futsch! – Mein Name ist Clement Cleveland; ich war Kapitän und, wie schon gesagt, Miteigentümer des Schiffes, bin aus Bristol gebürtig, wo mein Vater auf dem Zollhause eine bekannte Figur war – der alte Wem Cleveland von College-Green.« Mordaunt, obgleich er aus diesen Auskünften die gewünschte Befriedigung nicht fand, meinte doch zu weiterer Frage kein Recht zu haben – aus dem Benehmen des Fremden sprachen Trotz und Rauheit, wozu ihn freilich die Umstände berechtigten, war er doch von seiten der Inselbewohner stark geschädigt worden; Mordaunt aber hatte ihm das Leben gerettet – und doch schien der Fremde seine Vorwürfe auch gegen ihn zu richten; ungewiß, ob er besser täte, sich zu entfernen, statt ihn wiederholt seines guten Willens zu versichern, saß er schweigend Cleveland gegenüber, der seine Gedanken zu erraten schien, denn er fügte augenblicklich in einem entschuldigenden Tone hinzu: »Ich bin ein schlichter Mann, Mertoun, – denn wie ich höre, ist das Euer Name, – und zugrunde gerichtet obendrein, und so etwas gibt den Menschen eben kein besseres Wesen. Aber Ihr habt freundlich an mir gehandelt, und so will ich Euch, ehe ich gehe, meine Jagdflinte schenken; sie schießt einem Hochländer auf achtzig Schritte hundert Schrotkörner durch die Mütze, und auf hundertundfünfzig Yards hab ich 'mal einen Stier damit niedergeknallt, denn sie läßt sich auch mit Kugeln laden. Ich hab der Flinten noch mehr; drum nehmt diese als Andenken von mir.« »Das hieße ja, mich am Strandgute bereichern,« meinte Mordaunt lachend. »Keineswegs!« sagte Cleveland, einen Kasten öffnend, worin mehrere Flinten und Pistolen lagen; »Ihr seht, ich habe meine Gewehrschatulle gerettet, wie meine Kleider; und das habe ich der großen alten Frau in der dunklen Takelage zu danken. Unter uns gesagt,« fügte er mit gedämpfter Stimme, und nachdem er sich vorsichtig umgesehen, hinzu, »dies wiegt alles auf, was ich verloren habe; denn wenn ich in Gegenwart dieser Landgauner von Ruin rede, so ist das nicht buchstäblich zu nehmen. Nein, hier ist noch etwas, womit man mehr tun kann, als Seevögel schießen.« Hierbei zog er einen groben Schrotbeutel hervor, auf dem mit großen Buchstaben die Worte »grobes Schrot« standen, und zeigte Mordaunt, daß er mit spanischen Pistolen und Portugalesen (wie man damals die großen Portugiesischen Goldstücke nannte) bis an den Rand gefüllt war ... »Nein, nein,« fügte er mit schlauem Lächeln hinzu; »ich habe noch Ballast genug, mein Schiff wieder in See zu bringen. Und nun, wollt Ihr das Gewehr nehmen?« »Da Ihr es mir geben wollt,« erwiderte Mordaunt lachend, »von Herzen gern. Ich wollt Euch gerade in meines Vaters Namen« – fügte er hinzu, die Börse vorweisend, »fragen, ob Ihr von solchem Ballast, wie Ihr sagt, etwas brauchen könnt.« »Ich danke Euch, aber Ihr seht, ich bin versorgt damit – nehmt meine alte Gefährtin mit dem Wunsche, daß sie Euch so gut diene, wie mir; aber eine so gute Reise, wie ich, werdet Ihr wohl nie mit ihr machen! Ihr könnt doch schießen?« »Einigermaßen,« sagte Mordaunt, die Flinte – ein schönes spanisches Rohr, mit Gold ausgelegt, von kleinem Kaliber und ungewöhnlicher Länge – mit Bewunderung betrachtend. »Schrot,« sagte der Kapitän, »hält keine Flinte besser zusammen, und mit der Kugel könnt Ihr einen Seehund im Meere auf zweihundert Yards von der starren Küste aus schießen. Aber ich wiederhole es, die Dienste, die sie mir geleistet, wird sie Euch schwerlich je leisten.« »Ich werde sie wohl auch nicht so geschickt brauchen können,« meinte Mordaunt. »Hm, vielleicht nicht,« sagte Cleveland; »aber darüber wollen wir nicht reden. – Was sagt Ihr dazu, daß ich mit ihr den Mann vom Steuerrade schoß, gerade als wir einen Spanier enterten? Ha! das war der Mühe wert; eine starke Brigantine war's, el Sante Francisco – und nach Portobello mit Gold und Negern unterwegs; das kleine Stückchen Blei brachte zwanzigtausend Pistolen ein.« »Ich habe solch Wildbret bislang noch nicht erlegt,« sagte Mordaunt. »Nun, alles zu seiner Zeit, man kann nicht die Anker lichten, so lange Ebbe ist. Aber Ihr seid ein rüstiger, schmucker, reger Bursche! Möcht's Euch was schaden, 'mal eine Fahrt nach solchem Zeug zu machen?« Dabei griff er nach seinem vollen Geldbeutel. »Mein Vater meint, ich solle mir die Welt ansehen,« sagte Mordaunt, dem solche Einladung von einem Manne, den er für einen echten Seemann hielt, nicht wenig schmeichelte. »Die Absicht zeugt von klugem Sinne,« erwiderte der Kapitän, »und ehe ich die Anker lichte, will ich nicht unterlassen, ihm meinen Besuch zu machen. Ich habe noch einen Kameraden in diesen Gewässern und brenne drauf, ihn zu sehen. Der Sturm hat uns auseinander getrieben; sein Schiff wird mich wohl aufsuchen; es müßte denn ebenfalls zu David Jones eingegangen sein. – Aber es war in besserem Stande als wir, und hatte keine so schwere Fracht – dürfte also den Sturm ausgehalten haben. Ihr sollt eine Hängematte an Bord haben, und auf einer einzigen Fahrt will ich Euch zum tüchtigen Seefahrer machen,« »Ich hätte nichts dawider,« antwortete Mordaunt, der gern mehr von der Welt gesehen hätte, als was er bisher davon kannte – »die Entscheidung aber gehört meinem Vater.« »Vater? Bah!« rief Kapitän Cleveland; »aber Ihr habt recht,« fügte er hinzu, sich schnell zusammennehmend; »ich bin eben schon so lange zur See, daß ich mir gar nicht vorstellen kann, daß außer Kapitän und Steuermann noch jemand das Recht habe, zu denken. Aber Ihr habt recht. Ich will auf der Stelle zu dem alten Herrn gehen und mit ihm reden. Er wohnt wohl in dem schönen, neumodischen Hause, etwa eine Viertelmeile von hier, wie?« »In der alten Ruine, die kaum noch Haus genannt zu werden verdient, wohnt er allerdings,« sagte Mordaunt, »nimmt aber keine Besuche an.« »Dann müßt Ihr selbst die Sache ausmachen, denn ich kann unter dieser Breite nicht länger bleiben. Euer Vater ist, wie ich merke, keine obrigkeitliche Person, und so muß ich mich wohl zu dem Magnus – wie heißt er? – bemühen, der zwar nicht Sheriff ist, ihn aber vertritt, oder so was – nicht? Dieses Strandgesindel hat mir ein Paar Dinge geraubt, die ich wiederhaben muß – das andere mögen sie ins Teufels Namen behalten! Wollt Ihr mir, nur als Ausweis, einen Brief an diesen Magnus mitgeben?« »Das wird nicht nötig sein,« sagte Mordaunt; »Euer Schiffbruch wird Euch Ausweis genug sein, und Appell an Hilfe ist dort nie umsonst. – Aber ein paar Worte kann ich Euch schon mitgeben.« »Hier ist Schreibzeug,« sagte der Seemann, verschiedenes Gerät aus seiner Kiste nehmend – »ich will inzwischen, da einmal zu löschen angefangen worden, die Luken vernageln und die Ladung sichern,« Während Mordaunt seinem alten Freunde Magnus Troil die Umstände kurz auseiauandersetzte, unter denen Kapitän Cleveland an die Küste der Insel geworfen worden, griff dieser – nachdem er soviel Kleidungsstücke und Wäsche, nebst einigen andern unentbehrlichen Dingen aus der Kiste genommen, als ein Ranzen fassen konnte – zu Hammer und Nägel, vernagelte die Kiste auf kunstgerechte Weise und schnürte sie noch mit einem festen Stricke, den er nach Seemannsart drehte und knotete. »Ich lasse das alles unter Eurer Aufsicht,« sagte er, »alles bis auf das hier,« indem er auf Hirschfänger und Pistole Zeigte, »was vielleicht die Gefahr, mich von meinen Portugalesern trennen zu sollen, vorbeugen könnte.« »Kapitän Cleveland,« erwiderte Mordaunt, »Waffen werdet Ihr schwerlich hierzulande brauchen, denn mit einem Beutel voll Geld könnte jedes Kind von Sumbourgh-Head nach Unst auf dem Festlande hinübergehen, ohne daß ihm jemand was zuleide täte.« »Eine dreiste Rede, Jüngling,« hohnlachte der Kapitän – »in Betracht der Vorgänge draußen!« »O,« sagte Mordaunt, nicht ohne Verlegenheit, »was mit der Flut an das Land kommt, hält man hier für rechtmäßiges Eigentum.« »Nun,« erwiderte der Kapitän lachend – »keine so üble Meinung, zu der man sich gegebenfalls auch bekennen könnte. Sollten Eure braven Insulaner aber denken, Festland möchte sie ebenso, wie die See, mit billigem Eigentum zu versorgen haben, so werde ich Hirschfänger und Pistole zu brauchen wissen. . . Meine Kiste also hebt Ihr bei Euch auf, bis Ihr von mir hört?« »Wollt Ihr zu Wasser fort oder zu Lande?« fragte Mordaunt. »Zu Wasser?« rief Cleveland, »in solcher Nußschale? Nein, nein! zu Lande – immer zu Lande – sobald ich Schiff und Strich und Mannschaft nicht kenne.« Hierauf schieden sie: Cleveland bekam einen Führer nach Burgh-Westra, und seine Kiste ließ Mordaunt nach Jarlshof bringen. Neuntes Kapitel. Am andern Morgen ließ sich Mordaunt leichter bereit finden, auf seines Vaters Fragen über den schiffbrüchigen Seemann Antwort zu geben. Aber nur weniges war nötig gewesen, um den Vater dahin zu bringen, daß er sich mit finsterm Gesicht vom Sessel erhob, ein paarmal die Stube auf und ab schritt und sich in das innere Zimmer begab, in welchem er immer dann Zuflucht suchte, wenn ihn seine trüben Stimmungen befielen. Gegen Abend ließ er sich aber wieder sehen, und zwar ohne alle Spur eines Anfalls, und Mordaunt natürlich nahm sich in acht, den Gegenstand, der ihn so heftig ergriffen hatte, aufs neue zu berühren. Mordaunt mußte sich also seine Meinung über den neuen Bekannten, den ihm das Meer zugesendet, selbständig bilden, – und war begreiflicherweise nicht wenig erstaunt, zu einem Resultat zu gelangen, das für den Fremden durchaus nicht günstig ausfiel. Es kam ihm vor, als läge in dem ganzen Wesen des Mannes etwas Abstoßendes. Leugnen ließ sich freilich nicht, daß er ein schöner Mann war mit freiem, einnehmendem Wesen; was aber Mordaunt nicht behagte, war die Anmaßung, die aus jeder Miene, jeder Gebärde sprach, aus jedem Worte herausklang. Auch an dem Besitz der Jagdflinte konnte er, trotzdem er ein eifriger Jäger war und sich viel mit ihr befaßte, so rechte Freude nicht gewinnen, da er sich gewisser Bedenklichkeiten über die Art, wie er zu ihr gelangt war, nicht erwehren konnte, zumal es ihm so vorkam, als möchte der Kapitän sie als eine Art Trinkgeld ansehen für den Dienst, den der Zufall ihm leisten ließ. Ein glücklicher Jagdtag söhnte ihn indessen mit dem Besitz der Flinte aus; die Empfindung aber, daß es eine recht simple und verächtliche Sache sei, Möwen und Seehunde zu erlegen, wenn man sich an Franzosen und Spanier wagen, Schiffe entern und Steuermänner wegschießen konnte, wollte ihn freilich nicht verlassen. Sein Vater hatte davon gesprochen, daß er die Inseln verlassen sollte, und in seiner Unkenntnis des Lebens wußte er von keiner andern Betätigung für seine Kraft als derjenigen, die ihm das ihm von Kindheit an vertraute Meer bot. Früher hatte sein Ehrgeiz nach nichts Höherem gestrebt, als an den Mühsalen und Gefahren eines grönländischen Fischfangs teilzunehmen, denn solche Fahrt war für Shetländer der Inbegriff aller Lebensweisheit, In neuerer Zeit, wo der Krieg wieder ausgebrochen war, hatten die Taten eines Francis Drake, Kapitäns Morgan und anderer kühner Abenteurer, deren Geschichten er von Bryce Snailsfoot in Heften kaufte, tiefen Eindruck auf sein Gemüt gemacht, und Clevelands Anerbieten, ihn mit zur See zu nehmen, ging ihm öfter wieder durch den Kopf, wenn auch die Freude über solche Aussicht durch den Zweifel einigermaßen gedämpft wurde, ob er auch lange mit seinem künftigen Befehlshaber auskommen werde, denn darüber, daß er kein umgänglicher Herr, sondern vielmehr ein recht schlimmer Tyrann sein möchte, hegte er keinerlei Zweifel, Und doch malte er sich in lebhaften Farben die Freude aus, mit der er sich einschiffen würde, wenn er vom Vater die Erlaubnis bekäme – was er alles von neuen Ländern, Menschen, Dingen sehen, wieviel Abenteuer er bestehen, wieviel Heldentaten er verrichten werde, wie stolz Magnus Troil von Burgh-Westra und dessen liebliches Töchterpaar auf ihn sein würde! Oft stand Mordaunt auf dem Punkte, seinem Vater die Unterredung mitzuteilen, die er mit Cleveland gehabt, ihm die Vorschläge auseinanderzusetzen, die ihm der Seemann gemacht habe; allein die kurze, allgemeine Auskunft, die er am ersten Morgen über den Lebensgang des Mannes gegeben, war von so nachteiligem Eindruck auf das Gemüt des Vaters gewesen, daß Mordaunt den Mut nicht mehr fand, darauf zurückzukommen, sondern so lange zu warten sich vornahm, bis das andere Schiff ankäme, von dem der Kapitän gesprochen hatte. Aber Tage wurden zu Wochen, Wochen zu Monaten, und noch immer verlautete nichts wieder von Cleveland; bloß von Bryce Snailsfoot hörte er gelegentlich einmal, daß Cleveland in Burgh-Westra sei und dort wie zur Familie gehörig angesehen werde. Diese Kunde hatte ihn, trotzdem die auf den Inseln übliche Gastfreiheit es bei Magnus Troils Vermögen und Neigung als etwas ganz Natürliches erscheinen ließ, daß der Kapitän bei der Familie blieb, bis er sich für etwas anderes entschied, nicht wenig in Verwunderung gesetzt, zumal es ihm nicht recht erklärlich war, weshalb Cleveland nicht nach einer der nördlichen Inseln gegangen, um sich nach jenem andern Schiffe zu erkundigen, oder seinen Aufenthalt nicht lieber in Lerwick nähme, wohin Fischerboote oft Nachrichten von den Küsten und Häfen von Schottland und Holland brachten. Und warum ließ er die Kiste nicht holen, die er in Jarlshof zurückgelassen? Und dann, meinte Mordaunt, wäre es doch der Höflichkeit angemessen gewesen, wenn der Fremde ihm, wenn auch nur kurzen, Bescheid hätte zukommen lassen zum Beweise dafür, daß er sich seiner noch erinnere. Dazu kamen noch andere, nicht minder unangenehme Betrachtungen, zu denen sich ebenfalls kein Schlüssel finden ließ. Bis zur Ankunft des fremden Mannes war nicht eine Woche vergangen, ohne daß Mordaunt einen freundlichen Gruß oder ein Andenken von Burgh-Westra erhielt, und es hatte nie an einem Vorwande seitens der Schwestern, den Verkehr aufrecht zu erhalten, gefehlt, wie auch der biedre alte Udaller für ihn immer einen Gruß, wenn nicht gar eine kleine Spende, übrig gehabt oder ihn hatte einladen lassen, so bald wie möglich nach Burgh-Westra zu kommen und so lange wie möglich in Burgh-Westra zu bleiben. Das war in den letzten Wochen alles anders geworden, und kein Bote mehr war von Burgh-Westra nach Jarlshof gekommen, Mordaunt hatte diese Veränderung schmerzlich empfunden und hatte es schließlich nicht verwinden können, Bryce Snailsfoot auszufragen, – allerdings mit Gleichgültigkeit und Kälte – was es Neues im Lande gäbe. »Viel, gar viel,« versetzte der Gefragte, »und gar Großes, Wichtiges! Der verrückte Kerl, der neue Verwalter, will andre Bismars und Ließpfunde einführen, aber Magnus Troil, unser würdiger Vogt, hat geschworen, ehe er sie gegen die Schnellwage eintauschte, lieber den Verwalter vom Brassa-craig in die Tiefe zu schleudern.« »Weiter nichts?« fragte Mordaunt teilnamhslos. »Nun, ich dächte, das wäre genug,« rief der Hausierer. »Wie sollen die Leute kaufen und verkaufen, wenn sich die Gewichte ändern?« »Freilich,« sagte Mordaunt; »aber von fremden Schiffen an der Küste habt Ihr nichts gehört?« »Sechs holländische Dogger liegen vor Brassa, und, wie ich höre, eine Art von Galliote, mit hohem Verdeck und Obergaffsegel, wahrscheinlich aus Norwegen, in der Bucht von Scalloway.« »Keine Kriegsschiffe oder Schaluppen?« »Nein, nicht daß ich wüßte,« sagte der Hausierer, »seitdem das Transportschiff, der Geier, mit den gepreßten Leuten unter Segel gegangen ist,« »Gibt es in Burgh-Westra nichts Neues? Ist die Familie wohlauf?« »Alles wohl und munter; es scheint sogar, manchmal zu munter, denn mit dem fremden Kapitän, der vor einiger Zeit in Sumbourgh-Head auf den Sand geriet – wo es ihm wohl nicht so lustig zu Mute gewesen sein mag, – nimmt der Jubel kein Ende – und das Tollen und Tanzen die ganze Nacht nicht!« »Tollen und Tanzen die ganze Nacht!« wiederholte Mordaunt, und es überkam ihn nicht eben die rosigste Laune – »und mit wem tanzt der Kapitän?«, »Ei, ich denke, mit wem's ihm paßt,« antwortete lachend der Hausierer; »tanzt doch jeder dort nach seiner Pfeife! Ich freilich kann nicht viel davon reden, denn mir ginge es wider mein Gewissen, Tanz und Spiel lange mit anzusehen. Die Leute sollten doch bedenken, daß alles Leben nur an dünnem Faden hängt . . . Aber,« lenkte er ein, »ich sollte wohl auch nicht vergessen, daß Ihr selbst jung seid, und selbst gern tanzt und spielt, Herr Mertoun? Ich bin nun einmal ein alter Mann und muß mein Gewissen rein halten. Aber bei dem Tanze, den es am Johannis-Abend in Burgh-Westra geben wird, seid Ihr wohl dabei – wie? und ohne einigem Zierat wird's dabei dann wohl nicht abgehen – he? ich meine, Beinkleider, Westen und dergleichen. Ich habe Zeug aus Flandern!« und damit legte er seinen Kram auf den Tisch und fing an auszupacken. »Tanz?« wiederholte Mordaunt; »am St.-Johannis-Abend? Sollt Ihr etwa mich einladen, Bryce?« »Daß ich nicht wüßte,« fagte der Hausierer –, »aber Ihr wißt ja, daß Ihr dort immer willkommen seid. Der Kapitän macht den Vortänzer, wie sie es nennen, den Rädelsführer sozusagen.« »Hol' ihn der Teufel!« sagte Mordaunt, zornig auffahrend. »Alles zu seiner Zeit,« sagte der Hausierer; »nur nichts übereilen; der Teufel kommt schon an die Reihe – laßt's nur gut sein! Aber wenn Ihr auch so ungebärdig dabei ausseht wie eine Wildkatze – wahr bleibt's doch, was ich sage. Hat mir der Kapitän doch – – ich weiß nicht recht, wie er heißt – schon eine Weste abgekauft, von einer Sorte, die ich Euch zeigen will, Purpur mit goldenem Paspel, und schön gestickt; und für Euch hätte ich ein Stück, das dazu paßt, mit grünem Grunde; und wenn Ihr neben ihm Euch sehen lassen wollt, dann müßt Ihr gerade so etwas kaufen, denn das Gold glänzt, selbst jetzt noch, am meisten in den Augen der Mädchen. Seht einmal her,« fügte er hinzu, »wie es im Lichte aussieht; ... kommt direkt von Antwerpen... und ist doch billig – kostet nur vier Taler; dem Kapitän gefiel das Zeug so, daß er mir einen Jakobsd'or hinwarf mit den Worten, ich möchte den Rest nur in Teufels Namen behalten!« Mordaunt wandte ihm den Rücken, schlug die Arme übereinander und ging im Zimmer auf und ab ... »Nicht einmal eingeladen,« sprach er vor sich hin, »und ein Fremder als König des Festes....« Er sprach die Worte so oft und so laut, daß Bryce den Sinn wohl oder übel erraten mußte. »Na, die Einladung, Herr Mordaunt, wird wohl noch kommen,« meinte er. »Es ist also gesprochen worden von mir?« fragte Mordaunt, »Ganz bestimmt sagen kann ich's nicht,« versetzte Bryce, »aber warum den Kopf so finster wegwenden wie ein Seehund, wenn er vom Ufer geht? Ich hab doch deutlich gehört, daß alles junge Volk aus der Gegend dort sein wird – da werden sie doch Euch alten, wohlbekannten Freund und leichtfüßigsten Tänzer nicht zurücklassen? Ich glaube bestimmt, daß Ihr so gut als eingeladen seid! Versorgt Euch nur mit einer Weste, denn schmuck und stattlich wird dort sicher alles sein, – der Herr sei der Gesellschaft gnädig!« Mit seinen grünen, gläsernen Augen folgte er allen Bewegungen Mordaunts, der, in tiefes Nachdenken versunken, auf und ab schritt. Der Hausierer mochte wohl mit Claudio denken, daß der meiste Grund zu Kummer im Leben Geldmangel sei, und sagte deshalb nach einer abermaligen Pause: »Ihr braucht deshalb nicht den Kopf hängen zu lassen, Herr Mordaunt, denn, wenn mir auch der Kapitän gezahlt hat für die Ware, was sein mußte, so werde ich es doch mit Euch als einem guten Freunde und Kunden nicht so scharf nehmen, sondern den Preis nach Eurem Beutel einrichten, wenn's sein muß, mit der Bezahlung auch bis St. Martin oder Lichtmeß warten, Leben und leben lassen, Herr Mordaunt, – der Himmel bewahre mich davor, jemand zu drücken, am wenigsten einen, der mich auch schon hat verdienen lassen. Schließlich könnt Ihr mir ja für den Wert auch Federn oder Otternhäute oder Pelzwerk liefern; versteht es doch niemand besser als Ihr, dergleichen aufzutreiben. Vielleicht habt Ihr auch von dem Schießpulver noch, das ich Euch vor ein paar Jahren verkaufte? Es war von der besten Marke, und ich verkaufe es nur an gute Schützen. Wenn Ihr also etwas habt, das Ihr gegen die Weste geben wollt, so bin ich zum Tauschen bereit; werdet Ihr doch gewiß auf St.-Johannis nach Burgh-Westra geladen und dann nicht schlechter aussehen wollen als der Kapitän. Das schickte sich wenigstens nicht recht.« »Dort sein will ich wenigstens, ob ich geladen werde oder nicht,« sagte Mordaunt, plötzlich stehen bleibend und dem Hausierer das Stück Zeug aus der Hand reißend – »und wie Ihr ganz richtig sagt, Ehre will und muß ich dort schon einlegen!« »Nur sachte, Herr Mordaunt,« rief der Hausierer; »Ihr geht ja mit dem feinen Seidenzeuge um, als ob es ein Stück grober Wadmoral wäre! Dabei kostet's vier Taler; soll ich's ankreiden?« »Nein!« rief Mordaunt heftig, nahm seine Börse heraus und warf Bryce Snailsfoot das Geld hin. »Der Himmel segne Euch das Zeug und mir das Silber,« sagte der Hausierer, vergnügt sein Geld einstreichend, »und bewahre uns beide vor irdischer Eitelkeit und Begierde!..... Aber, Herr! – warum drückt Ihr denn das Seidenzeug so zusammen wie ein Heubündel?« In diesem Augenblick trat Swertha herein, und Mordaunt, als ob er das gekaufte Zeug schnell wieder los sein wolle, warf es ihr nachlässig hin und hieß sie es wegpacken, nahm aus der Ecke seine Jagdflinte, riß sein Jagdzeug von der Wand und stürzte aus dem Zimmer, ohne dem Hausierer, der noch Seehundsfell, »so Weich wie Rehleder, aus dem sich Riemen und Futteral zu der Flinte fertigen ließe,« anpreisen wollte, noch einen Blick zu schenken. Mit seinen grünen blinzelnden Augen sah der Hausierer dem unwirschen Jüngling eine kurze Weile nach . . Auch Swertha war verwundert, daß er so wild hinausstürmte, und meinte, »der junge Herr müsse nicht recht bei Sinnen sein!« »Nicht recht bei Sinnen?« wiederholte der Hausierer, »der wird noch so wild werden wie sein Vater nur je gewesen . . . Das merkt man doch wohl schon, wenn jemand mit einem Stück Zeug, das vier Taler kostet, so herumwirft, als wenn es Quark wäre!« »Vier Taler der grüne Lappen?« rief Swertha, den Händler bei dem Worte fassend, das ihm so unversehens entschlüpft war; »Na, da habt Ihr Euer Heu ja herein! Da weiß man wirklich nicht, über wen man sich mehr wundern soll, über den Betrogenen oder über den Betrüger.« »Ich habe ja nicht gesagt, daß es ihn ganze vier Taler kostet,« sagte Bryce, »und wenn auch nun, so ist es doch, meine ich, dem jungen Herrn sein Geld, und alt genug, um sich zu kaufen, was ihm gefällt, ist er, meine ich, auch – zudem ist das Zeug unter Brüdern wert, was er dafür gegeben, und mehr.« »Nun, nun,« versetzte Swertha kaltblütig, »der Vater ist ja auch noch da – wollen doch 'mal hören, was der dazu sagt.« »Hoffentlich tut Ihr mir so etwas nicht an, Frau Swertha,« rief, klein beigebend, der Händler – »das wäre zum wenigsten ein schlimmer Dank für den schönen Oberrock, den ich Euch von Lerwick mitgebracht habe.« »Und für den Ihr gewiß einen schönen Batzen fordern werdet,« sagte Swertha; »was Ihr mit schönen Worten und guten Werken im Schilde führt, weiß man ja doch!« »Na, gebt mir dafür, was Euch recht scheint – oder wir lassen's anstehen, bis Ihr 'mal etwas für die Wirtschaft oder den gnädigen Herrn zu kaufen habt, dann kann ja alles auf eine Rechnung kommen.« »So will ich's mir gefallen lassen, Bryce Snailsfoot;« sagte Swertha, »zumal wir bald neues Tischzeug brauchen werden; denn da keine Frau im Hause ist, können wir nicht spinnen, mithin auch nicht eigenes Zeug fertigen.« »Das heißt man,« sagte der Hausierer, »nach den Worten leben: »Gehet zu denen, die da kaufen und verkaufen« – Bibeltexte haben doch immer guten Nutzen.« »Und mit einem klugen Manne, der aus allem sein Pfeifchen zu schneiden weiß, im Verkehr zu sein, ist, – wenn nicht von Nutzen, doch eine Freude,« erwiderte lachend die Hausverwalterin; »und wenn ich mir das Westenzeug genauer ansehe – na, so möcht ich jetzt selber sagen, daß es seine vier Taler wohl wert ist.« Zehntes Kapitel. Inzwischen stürmte Mordaunt, dem verwundeten Hirsche gleich den Schmerz, den ihm der Pfeil bereitet, durch schnellen Lauf zu ersticken suchend, über die Heide und durch das wilde Moor, in seinem Stolze durch das, was er vom Hausierer vernommen, auf das tiefste verletzt – um so tiefer als es durch die Zweifel, die durch das unfreundliche Stillschweigen der Leute von Burgh-Westra in ihm geweckt worden, volle Bestätigung erhielt. Er, in seinen eigenen Augen von der Höhe herabgesunken, auf welcher er als erster unter der Jugend der Insel gestanden, fühlte aber nicht bloß Demütigung, sondern Kränkung und Beleidigung: die beiden schönen Schwestern, um deren Lächeln alle buhlten, mit denen er auf so freundlichem Verkehrsfuß gestanden, daß man ihn schon auf der ganzen Inselflur für einen Freier gehalten – auch sie schienen seiner vergessen zu haben? auch ihnen bedeutete er auf einmal so wenig, daß er nicht einmal mehr als gewöhnlicher Bekannter galt? Selbst der alte Udaller, dessen biederes, aufrichtiges Wesen ihn immer so angeregt und angezogen hatte, schien ebenso wandelbar und veränderlich zu sein wie seine Töchter! Ach, der arme Mordaunt hatte mit dem Lächeln seiner Huldinnen auch die Wohlgeneigtheit seines eifrigen Gönners, des mächtigsten auf der ganzen Inselflur, verloren! Ohne auf den Weg zu achten, eilte Mordaunt, getrieben von dem Verlangen, diesen peinvollen Gedanken zu entrinnen, mit verdoppelten Schritten durch eine Gegend weiter, wo weder Hecken, noch Mauern, noch Zäune den Wanderer aufhielten, bis der Weg ihn an eine einsame Stätte führte, wo zwischen steilen, mit Heidekraut bewachsenen Hügeln, die sich jäh bis zum Wasserrande hinunterzogen, einer der kleinen Sühwasserseen lag, deren es auf den shetländischen Inseln so viele gibt, und deren Ufer die Quellen und Bäche und Flüßchen bilden, die das Land bewässern und die kleinen Mühlen bewegen, auf denen die Inselbewohner ihr Korn mahlen. Es war ein milder Sommertag; die Strahlen der Sonne wurden, wie es in Shetland nicht zu den Seltenheiten gehört, durch einen silbernen Nebel, der den starken Gegensatz von Licht und Schatten in der Atmosphäre aufhebt und selbst dem Mittag die ruhige Färbung der Abenddämmerung leiht, gebrochen und gemildert. Der kleine See, kaum dreiviertel Stunden im Umkreise, lag in tiefer Ruhe; kein Hauch kräuselte seine Fläche, die nur gestört wurde, wenn einer der vielen Wasservögel, die über ihr strichen, beutesuchend tauchte. Die Tiefe gab dem Wasser die blaugrüne Farbe, die dem See den Namen des »grünen« gab, – und in diesem Augenblick bildete er einen so vollkommenen Spiegel für die Hügel ringsherum, daß sich das Wasser von dem Lande kaum unterscheiden ließ; ia, die Dämmerung die der dünne Nebel verbreitete, hätte einen Fremden schwerlich vermuten lassen, daß ein Wasserspiegel vor ihm lag. Die ungemeine Heiterkeit des Wetters, die durch die Ruhe der Atmosphäre und das tiefe Schweigen der Elemente noch erhöht wurde, lieh der ganzen Szenerie einen seltsamen Reiz, und ein einsameres Stück Erde wäre kaum auffindbar oder nur denkbar gewesen; neigten sich doch selbst die Wasservogel, in so großer Menge sie hier auch weilten, in tiefer Ruhe über die schweigende Flut. Ohne zu zielen, ohne irgend etwas zu bezwecken, ja fast ohne zu wissen oder zu denken, was er tat, legte Mordaunt die Flinte an die Wange und schoß über den See. Der grobe Schrot kräuselte die stille Fläche wie Hagelschauer; von den Hügeln schallte der Knall zurück; die Wasservögel schwirrten, unregelmäßige Kreise ziehend, zu engeren Schwärmen zusammen, und tausendfältig verschiedenes Geschrei, vom tiefen Baß der weißen Sturmmöwe bis zu den klagenden Lauten der Winter- und isländischen Möwen, erfüllte die Luft. »Ja, ja,« rief Mordaunt, den lärmenden Tieren mit einem Gefühl von Erbitterung nachschauend, das er, so geringen Zusammenhang es auch mit ihr auswies, gern auf die gesamte Natur übertragen hätte; – »taucht, schreit, lärmt, soviel ihr wollt, weil euch was der Quere kam, das eure Ruhe störte – weil ein Ton euch schreckte, den ihr nicht gewöhnt seid! Ja, ja, auf diesem runden Erdenball gibt's viele wie euch; aber ihr sollt wenigstens lernen,« fügte er hinzu, die Flinte wieder ladend, »daß mit einem fremden Anblick, fremden Klange und fremder Bekanntschaft zuweilen auch Gefahr verbunden ist. – Doch, warum Zorn an harmlosen Tieren auslassen?« setzte er nach einer kurzen Pause hinzu, »mit den Freunden, die mich vergaßen, mich vergessen konnten, haben doch sie nichts zu schaffen! Ach, und ich liebte sie alle so innig, – und nun müssen sie mich um des ersten besten Fremden willen, den ein Zufall an die Küste wirft, aus ihrer Erinnerung streichen – müssen sie mich so bald aufgeben und im Stiche lassen?« Er stand, auf seine Flinte gestützt, versunken in diese schmerzvollen Betrachtungen, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter fühlte. Sich umdrehend, erblickte er die Norna vom Fitful-Head, in ihren dunklen weiten Mantel gehüllt. Vom Hügel aus hatte sie ihn gesehen, und war zum See durch eine kleine Felsschlucht herabgestiegen, die sie seinen Blicken entzog – war ihm mit unhörbaren Schritten so nahe gekommen, daß sie ihn berühren konnte. Mordaunt war von Natur weder furchtsam noch abergläubisch, auch für sein Alter belesener, als man gewöhnlich findet; aber es wäre doch einem Wunder nahe gekommen, zumal auf Shetland und ausgangs des siebzehnten Jahrhunderts, wenn er schon jene Philosophie besessen hätte, die selbst in Schottland erst zwei Generationen später Eingang fand. Wohl fühlte er Zweifel an der Möglichkeit übernatürlicher Gaben, wohl hielt er Norna für kein anderes als menschliches Wesen mit menschlichen Schwächen und Tugenden – aber vom Zweifel zum Unglauben stieg auch er nicht; auch ihm galt Norna, trotz aller Vorbehalte seiner Vernunft, als eine Frau, begabt mit einer seltenen Geistesstärke und, dem Anscheine nach, enthoben aller Rücksicht auf irdischen Zwang. Von Jugend auf in dieser Meinung befangen, konnte er dieses geheimnisvolle Wesen, das jetzt so jäh vor ihm auftauchte und ihn so finster und ernst betrachtete, wie die Schicksals-, ihre Namens-Schwestern, die jungen Kämpen betrachteten, die sie auserwählt hatten, das Gastmahl Odins zu teilen, – nicht anders als mit banger Unruhe anstarren; und manch anderer als er, an seiner Stelle hier an dem einsamen Strande des grünen Seees, hätte gebebt und gezittert angesichts solcher bösen Prophetin, die ihm als ein Anzeichen des Unglücks erscheinen mußte. »Ich bringe Dir kein Unglück, Mertoun,« sagte sie, denn sie mochte in den Blicken des jungen Mannes wohl etwas, wie abergläubische Ahnungen, lesen – »Ich habe Dir nie welches zugefügt und werde Dir nie welches zufügen.« »Das fürchte ich nicht,« entgegnete Mordaunt, einer Besorgnis Herr zu werden suchend, deren unmännliche Art er schmerzlich fühlte – »und warum sollte ich, Mutter, mich fürchten? Weiß ich denn nicht, daß Ihr mir immer freundlich gesinnt wart!« »Und doch, Mordaunt, bist Du kein Shetländer, kein Mann von unserer Flur – aber selbst denen nicht, Mordaunt, die um Magnus Troils Herd herum sitzen, selbst jenen nicht vom Blute des edlen Abkömmlings der alten Jarls von Orkney – will ich wohler als Dir, wackerer, hochherziger Jüngling ... – Als ich Dir die Zauberkette um den Hals hing – die, wie auf den Inseln alle wissen, von keiner irdischen Hand verfertigt wurde, sondern von den Draus in den geheimen Werkstätten ihrer Höhlen – zähltest Du kaum fünfzehn Jahre, und standest doch schon auf der Jungfrauen-Klippe von Northmaven, die vor Dir nur der gehäutete Fuß der Sturmmöwe betrat, – hattest Deinen Nachen doch schon in die tiefste Höhle von Brinnastir gelenkt, wo der Haafefisch Der große Seehund oder das Seekalb, das die einsamsten Schluchten zu seinem Aufenthalt wählt vorher in Finsternis schlummerte. Darum, Mordaunt Mertoun, gab ich Dir jenes edle Geschenk, damit Dich jedes Auge auf diesen Inseln als seinen Sohn oder Bruder betrachte, hochbegabt vor allen andern Jünglingen, und als den Günstling jener Frau, deren Stunde der Macht erscheint, wenn Tag und Nacht sich vermählen.« »Ach, Mutter,« sagte Mordaunt, »Eure freundliche Gabe mag mir wohl Gunst verschafft haben, aber sie hat sie mir nicht zu erhalten vermocht, wenn ich selbst nicht schuld trage an ihrem Verluste – aber was ist gelegen an Menschengunst? Ich will lernen, mich ebensowenig auf andere zu stützen, wie sie auf mich. Mein Vater sagt, ich solle diese Inseln bald verlassen, darum Mutter Norna, will ich Euch Eure Zauberkette zurückgeben, die einem andern wohl besseres und dauernderes Glück bringen mag als mir.« »Verachte die Gabe nicht, wenn sie auch stammt vom namenlosen Geschlecht,« sagte Norna zürnend, ging aber sogleich aus dem Mißmut, der sie erfüllte, zu wehmütigem Ernst über und setzte hinzu: »Verachte sie nicht, Mordaunt, doch vergöttere sie auch nicht! Setz Dich auf jenen grauen Stein! und ich will, so viel ich vermag, ablegen, was mich von der großen Menge scheidet, und zu Dir reden wie eine Mutter zu ihrem Kinde.« Das Zittern ihrer Stimme, verursacht durch den Kummer, der ihr Herz erfüllte, im Verein mit der erhabenen Weise ihrer Sprache und ihrer Haltung, konnte nicht anders, als Mordaunts Gemüt tief ergreifen; er setzte sich auf den Felsblock, auf den sie gezeigt hatte, und der zusammen mit andern von gleicher Größe von dem Felshange, an dessen Fuße er lag, bis an den Wasserrand geschleudert worden war. Norna setzte sich ihm gegenüber, knapp drei Fuß von ihm entfernt, auf einen andern Block, legte ihren Mantel so über den Kopf, daß fast nur Stirn, Augen und eine Locke ihres grauen Haares sichtbar blieben, und nahm nun in einem Tone, aus dem jene eingebildete Wichtigkeit, worin sich verworrene Geister so oft gefallen, aber auch ein ungewöhnlicher tief eingewurzelter Seelenschmerz sprach, wieder das Wort... »Ich war,« hub sie an, »nicht immer, was ich jetzt bin; war nicht immer die Weise, Mächtige, Gebietende, vor der die Jugend Scheu, das Alter Achtung hegt. Es hat auch eine Zeit gegeben, wo Frohsinn nicht verstummte, wenn ich mich zeigte – wo ich der menschlichen Leidenschaften, menschlicher Freude und menschlichen Kummers, teilhaftig war – eine Zeit, da auch mir Beistand und Hilfe lieb und wert war – da ich Freude fand an müßigem Tand, an müßigem Lachen und müßigem Weinen – ach! was gäbe die Norna vom Fitful-Head darum, wieder das glückliche, harmlose Mädchen zu sein, das sie in jenen Tagen war! Mordaunt, sei nachsichtig mit mir; denn Du hörst Klagen aus meinem Munde, die nie ein sterbliches Wort vernahm, die kein sterbliches Ohr wieder vernehmen soll...« Und ihren magern, verdorrten Arm ausstreckend, rief sie: »Ha! Ich will sein, wozu die Göttin des Schicksals mich bestimmte: Königin und Schirmherrin über diese wilden, vernachlässigten Inseln, – ich will Norna sein, deren Fuß keine Woge netzen darf, ohne ihre Erlaubnis, deren Gewand der Wirbelwind schont, während er die Dächer von den Sparren reißt. Mordaunt Mertoun, sei mir Zeuge! – Du vernahmst meine Worte in Hafra – Du sahst, wie der Sturm vor ihnen wich, Mordaunt, sprich und sei mir Zeuge!« Ihr zu widersprechen, jetzt, wo die höchste Begeisterung sie zu dem höchsten Begriffe von ihrer Höhe trug, wäre Mordaunt, selbst wenn er noch fester, als tatsächlich, überzeugt gewesen, daß nicht eine mit übernatürlicher Gewalt begabte, sondern eine von Wahnsinn geschlagene Frau vor ihm stände, nicht möglich gewesen, weil es ihm zu hart, zu grausam bedünkt hätte. Drum antwortete er: »Ja, Norna – ich hörte Deinen Sang und sah, wie der Sturm sich legte.« »Wie der Sturm sich legte?« rief Norna aus, mit ihrem Stab aus schwarzem Eichenholz ungeduldig den Boden stampfend – »Mordaunt, Du sprichst nur halbe Wahrheit; der Sturm schwieg plötzlich – schwieg in kürzerer Zeit als das Kind, das die Wärterin beschwichtigt. Indessen, – Mordaunt – Du kennst wohl meine Macht, weißt aber nicht, und kein Sterblicher weiß es und soll es je erfahren, welchen Preis diese Macht mich kostete! Nein, Mordaunt, nicht um der hohen Gewalt willen, die die alten Norweger besaßen, als ihre Banner noch von Nordlands Bergen bis Palästina wehten, nicht um all dessen willen, was der gesamte Erdball birgt, vertausche Deinen Seelenfrieden gegen solche Größe, wie sie Norna eigen!« Bei diesen Worten setzte sie sich wieder auf den Felsen, zog den Mantel über das Gesicht, stützte den Kopf auf die Hand und schien, nach den krampfhaften Bewegungen ihrer Brust zu schließen, bitterlich zu weinen. »Norna, Mutter,« rief Mordaunt, hielt aber inne, denn er wußte nicht, was er zum Tröste der unglücklichen Frau sagen sollte, – »gute Norna,« hub er wieder an, »sollte auf Eurem Gemüte Schweres lasten, das Euch beunruhigt, – wäre es dann nicht besser, Ihr ginget zu dem Pfarrer von Dunroßneß? Die Leute sagen, Ihr seiet seit vielen Jahren in keiner christlichen Gemeinde gewesen, – das ist nicht gut und nicht recht, Norna! – Ihr seid um Eurer Kunst willen, körperliches Leid zu heilen, auf der ganzen Inselflur bekannt; wenn aber die Seele krank ist, dann sollen wir uns auch an den Seelenarzt wenden.« Norna hatte sich langsam aus der gebückten Stellung, in der sie bisher gesessen, aufgerichtet, warf jetzt den Mantel zurück und rief mit schäumender Lippe, blitzendem Auge und weit ausgestrecktem Arme – in einem Tone, der keiner menschlichen Stimme, sondern dem Schrei eines geängstigten Tieres glich: »Ich soll zu einem Priester gehen? mit einem Priester sprechen? ... Soll denn der fromme Mann vor Schrecken des Todes sein? Soll, wenn ich in eine christliche Gemeinde trete, das Dach auf sie niederstürzen? soll ihr Blut sich mit ihrer Andacht mischen?« Die ungewöhnliche Heftigkeit der Unglücklichen brachte Mordaunt auf einen in diesem abergläubischen Lande, zu jener abergläubischen Zeit allgemein verbreiteten Glauben... »Unglückselige!« rief er, »Hast Du Dich wirklich mit den Mächten der Finsternis verbündet, warum solltest Du nicht bereuen können? Doch tue, was Du willst, als Christ kann und darf ich nicht länger in Deiner Nähe weilen. Da, nimm Deine Gabe wieder zurück,« setzte er hinzu, indem er ihr die Kette wiedergeben wollte; »ist mir vielleicht auch nicht Böses schon durch sie entstanden, – auf Gutes werde ich nie durch sie rechnen dürfen!« Norna hatte, vielleicht durch den Ausdruck des Schreckens, der aus Mordaunts Gesicht sprach, ihre Ruhe wieder gefunden ... »Törichter Knabe,« sprach sie, »höre, was ich Dir jetzt sage – zu denen, die mit dem Freunde des Menschengeschlechtes einen Bund geschlossen oder durch seine Hilfe Wissen und Macht erhalten, gehöre ich nicht – und obgleich die überirdischen Mächte durch ein Opfer gewonnen wurden, das die menschliche Zunge nie aussprechen kann, so ist doch, Gott weiß es, meine Schuld an diesem Ort nicht größer als die des Blinden, der von dem Abhang stürzt, den er weder sehen, noch meiden konnte. Mordaunt Mertoun, verlaß mich nicht in dieser schwachen Stunde! Bleibe bei mir, bis die Versuchung gewichen ist, oder ich stürze mich in jenen See, um meiner Gewalt und meinem Elende zugleich ein Ende zu machen.« Mordaunt, der dieses seltsame Weib nie anders als – zufolge des Wohlwollens, das sie ihm schon früh erwiesen – mit Zuneigung betrachtet hate, ließ sich leicht bestimmen, ihr weiter zuzuhören, hoffte er doch, daß sie ihrer Bewegung nach und nach Herr werden würde! Und diese Hoffnung sollte ihn nicht trügen, denn früher, als er gedacht, schien sie den Sieg über sich errungen zu haben und redete jetzt wieder in ihrer sonstigen festen, gebietenden Weise. »Nicht von mir, Mordaunt, wollte ich mit Dir sprechen, als ich von dem Gipfel jenes grauen Felsens dort zu Dir herniederstieg, steht doch mein Schicksal unabänderlich fest in Freud und Leid – habe ich für mich selbst doch wenig noch zu wünschen oder hoffen: aber für die, die sie liebt, hegt Norna vom Fitful-Head noch immer die Empfindungen, die sie an das Menschengeschlecht ketten. Höre mich, ich kenne einen Adler, den stolzesten, der in luftigen Höhen baut, und in dieses Adlers Horst hat sich ein Otter geschlichen... Willst Du den Wurm zertreten und die edle Brut des Gebieters der nordischen Himmel retten?« »Du mußt deutlicher sprechen, Norna, wenn ich Dich verstehen soll,« sagte Mordaunt. »Denn Rätsel kann ich nicht lösen.« »Wohl denn, ohne Gleichnis – Du kennst die Familie von Burgh-Westra – die lieblichen Töchter des wackern alten Udallers – Minna und Brenda – meine ich. Du kennst und liebst sie...« »Ich kenne sie, Mutter,« erwiderte Mordaunt; »und ich habe sie geliebt, niemand weiß das besser als Ihr.« »Sie einmal gekannt haben,« sagte Norna mit Wärme, »heißt, sie immer gekannt haben; und wer sie einmal geliebt hat, der liebt sie für immer.« »Sie einmal geliebt haben, Mutter, heißt, ihnen Gutes für immer wünschen,« erwiderte der Jüngling; »nichts weiter. Wenn ich offen mit Dir reden soll, Norna, so haben mich die Leute von Burgh-Westra jüngst völlig vernachlässigt. Aber gib mir Mittel, ihnen zu helfen, und ich will Dir beweisen, wie dankbar ich bin für erwiesenes Wohlwollen, wie rasch ich Kälte vergesse, die auf das Wohlwollen folgte.« »Wohl gesprochen,« sagte Norna; »und ich will Dich auf die Probe stellen; Magnus Troil nährt eine Schlange an seinem Busen, und seine lieblichen Töchter werden den Künsten eines Niederträchtigen zur Beute fallen.« »Ihr meint den Fremden – den Cleveland?« fragte Mordaunt. »Ich meine den Fremden, der sich diesen Namen gibt, den Fremden, den wir wie ein Bündel Seetang am Fuße des Vorgebirgs von Hafra fanden. Mir sagte die Stimme meines Herzens, ich solle ihn der Flut lassen – Du ersticktest die Stimme in mir – jetzt aber bereue ich, ihr nicht Folge geleistet zu haben.« »Ich aber,« sagte Mordaunt, »kann nicht bereuen, meine Schuldigkeit als Christ getan zu haben. Und welches Recht hätte ich zu wünschen, daß die Sache anders läge, als sie liegt? Wenn Minna, Brenda, Magnus und die übrigen den Fremden lieber haben als mich, so habe ich kein Recht, mich dadurch gekränkt, zu fühlen; wollte ich mich mit ihm vergleichen, verdiente ich ausgelacht zu werden.« »Gut; ich glaube, sie sind Deiner uneigennützigen Freundschaft trotz allem auch wert.« »Ich aber, Mutter, sehe bei dem allen nicht,« fuhr Mordaunt fort, »worin ich den Leuten nützlich sein kann. Eben habe ich von Bryce Snailsfoot erfahren, daß dieser Cleveland in Burgh-Westra alles gilt. Wo ich nicht willkommen bin, möchte ich mich weder eindrängen, noch mein bescheidenes Verdienst dem eines andern Mannes an die Seite stellen. Er kann ihnen von Schlachten erzählen, ich nur von Vogelnestern – er kann ihnen sagen, wieviel er Franzosen erschossen hat, ich nur, wieviel Seehunde – er trägt prächtige Kleider und hat ein männlich-schönes Gesicht; ich gehe schlicht und sehe schlicht aus.« »Du tust Dir unrecht,« sagte Norna; »Dir selbst, und noch größeres den beiden Mädchen, Minna und Brenda; verlaß Dich nicht auf des Hausierers Rede, denn er ist wie der gierige Walfisch und taucht um der kleinsten Münze willen, die ein Fischer in das Meer wirft, unter. Gewiß ist aber, daß dieser schlimme Mensch daran schuld ist, daß Du bei Magnus Troil nicht mehr so gut angeschrieben stehst, wie früher. Er mag sich aber in acht nehmen, denn ich lasse ihn nicht außer acht!« »Und warum,« – fragte Mordaunt – »sagt Ihr Magnus Troil nicht das, was Ihr mir soeben gesagt habt?« »Weil die,« erwiderte Norna, »welche sich selbst weise dünken, nur durch Erfahrung klug werden. Erst gestern hab ich mit Magnus gesprochen, und was hat er mir zur Antwort gegeben? Gute Norna,du wirst alt! – Und das hab ich mir von jemand anhören müssen, der durch so viel so enge Bande an mich gefesselt ist –, hab's anhören müssen von dem Abkömmlinge der alten Norwegsgrafen – von Magnus Troil – und das hat er jemand zuliebe gesagt, den das Wasser wie Seegras ausspie! Da er den Rat der Alten verschmäht, mag er sich raten lassen von den Jungen; es ist aber nur recht und in Ordnung, daß er seiner eigenen Torheit nicht überlassen wird... Geh also an des Täufers Fest, wie sonst, nach Burgh-Westra.« »Man hat mich nicht geladen – denkt nicht an mich – sieht mich vielleicht gar nicht einmal an, wenn ich komme; und doch war ich, Mutter, wenn ich die Wahrheit sagen soll, dorthin unterwegs.« »Es war ein guter, vernünftiger Einfall von Dir,« sagte Norna; »wir besuchen den Freund, wenn er körperlich leidet; warum sollten wir ihn unbesucht lassen bei seelischem Leide? Geh hin nach Burgh-Westra! geh! Vielleicht treffen wir uns dort; jetzt aber scheiden sich unsere Wege... Gott befohlen! doch sprich zu niemandem von dieser Begegnung.« Sie trennten sich. Mordaunt, die Augen auf Norna gerichtet haltend, blieb an dem See stehen, bis ihre hohe, dunkle Gestalt sich in den Krümmungen des Tales, das sie durchschritt, verlor; dann kehrte er, willens einen Rat zu befolgen, der mit seinen Wünschen in so völligem Einklänge stand, nach dem Vaterhause zurück. Elftes Kapitel. Der festliche Tag nahte, und noch immer war keine Einladung nach Burgh-Westra gekommen für denjenigen Gast, ohne den noch vor kurzer Zeit auf der Insel kein Fest hätte begangen werden können. Dagegen war überall von nichts anderm die Rede als von dem Gerücht, daß Kapitän Cleveland bei den Leuten von Burgh-Westra in höchste Gunst gelangt sei: ein Wandel, über den die alte Haushälterin mit dem alten Ranzelmann den Kopf um die Wette schüttelte. Sie sowohl als er gaben Mordaunt durch Winke und Fingerzeige zu verstehen, daß er an diesem Wandel ganz allein schuld trage, da er nicht nötig gehabt hätte, den Fremdling auf Gefahr des eignen Lebens von der Klippe zu retten, von der ihn die nächste Flut doch weggespült hätte ... »Es hat noch niemand Segen gebracht,« sagte Swertha, »dem Meere wider Willen zu sein; aber,« wandte sie sich an den Ranzelmann, »was sagt Ihr zu dem Kerl, dem Cleveland, der unserm Mordaunt so im Lichte steht? und zu Magnus Troil, der unserm Mordaunt noch am letzten Pfingsttage für die Zierde von Shetland erklärte?« »Es kann ihm nicht von Vorteil sein, dieser Unbestand,« meinte der Ranzelmann mit weiser Miene; »es kommt mir aber vor, Swertha, daß auch die Klügsten – (und dazu rechne ich mich doch auch) – wie richtige Strohköpfe handeln und Sachen machen, ganz ebenso unnütz und überflüssig, als wenn ich versuchen wollte, über die Spitze vom Sumbourgh zu klettern. Es ist mir selbst im Leben ein paarmal so gegangen – aber was dabei herauskommt, werden wir bald sehen – was Gutes, wie gesagt, wird's schwerlich sein.« »Nein, nein, was Gutes kann's nicht sein – da habt Ihr recht.« Diese schlimmen Weissagungen, die sich von Zeit zu Zeit mit ziemlicher Regelmäßigkeit wiederholten, blieben auf Mordaunt nicht ohne Einfluß. Wenn er auch nicht meinte, daß die unliebsame Situation, in der er sich jetzt befand, seinem Liebeswerke unbedingt hätte folgen müssen, so war es ihm doch zu Mute, als ob ein Zauber von ungekannter Art und Macht auf ihm laste, als ob eine Gewalt, der er nicht gebieten könne, auf sein Schicksal in herber Weise einwirke. Trotzdem stand sein Entschluß, zum Johanis-Abend nach Burgh-Westra zu wandern, um so fester, als er die Ueberzeugung hatte, daß sich dort etwas Ungewöhnliches, mit seinen künftigen Aussichten und Lebensplänen in unmittelbarem Zusammenhange Stehendes ereignen müsse. Da es sich aber traf, daß sein Vater zurzeit von seinen trüben Stimmungen verschont war, mußte Mordaunt ihn von dem Gange, den er nach Burgh-Westra vorhatte, benachrichtigen. Der Vater verlangte den Grund zu wissen, der ihn dazu bestimmte. »Alles Inselvolk wird dort versammelt sein,« erwiderte der Jüngling. »Und Du willst bei der Zahl der Narren und Toren nicht fehlen? Nun, dann geh, aber nimm Dich auf dem Wege, den Du vorhast, in acht. Ein Sturz von den Klippen von Fula könnte nicht gefährlicher sein.« »Darf ich nach dem Grund solcher Warnung fragen?« versetzte Mordaunt, indem er die Schranken der Zurückhaltung durchbrach, die zwischen ihm und seinem sonderbaren Vater lagen. »Magnus Troil hat zwei Töchter. Junge Leute Deines Alters betrachten solch flatterhafte Beigabe zum menschlichen Leben im selben Verhältnis der Neigung wie der Verwünschung in spätern Tagen. Ich sage Dir, nimm Dich in acht vor ihnen. So gewiß, wie Sünde und Tod durch das Weib in die Welt kamen, so gewiß sind auch ihre süßen Worte und ihre noch süßeren Blicke das Verderben und der Untergang derjenigen, die darauf bauen.« Der Widerwille des Vaters gegen das weibliche Geschlecht war für Mordaunt nichts Neues; aber noch nie bisher hatte er den Vater auf solche bestimmte, kräftige Weise sich darüber äußern hören. Er sagte drauf, »daß Magnus Troils Töchter ihm nicht mehr gälten als alle übrigen Frauenzimmer auf den Inseln, zumal sie ohne alle Ursache die Freundschaft mit ihm abgebrochen hätten.« »Und um sie wieder anzuknüpfen, gehst Du hin?« fragte der Vater. »Unbedachte Mücke, Du hast einmal die Kerze umschwärmt, ohne Dir die Flügel zu verbrennen, und bist nicht zufrieden? fühlst Dich nicht wohl in diesem gefahrlosen Dunkel? sondern mußt zur Flamme zurück, damit sie Dich doch verzehre? ... Aber wozu Worte verlieren? Das Schicksal ist unabwendlich. Also geh, wohin es ruft!« Am andern Tage, dem nächsten vor dem Feste, machte Mordaunt sich auf den Weg, im Geiste bald mit dem Rate der greisen Norna, bald mit den Warnungen des Vaters, bald mit den bösen Weissagungen Swerthas und Ronaldsons befaßt – und außer stande, sich des Trübsinns zu erwehren, mit dem die Zusammenwirkung dieser drei Faktoren ihn zu umnachten drohte. Es war ein recht schönes, ruhiges Wetter. Mordaunt setzte seine Wanderung mit einer körperlichen Leichtigkeit und Frische fort, die zu seiner seelischen Mühsal in einem höchst auffälligen Gegensatz stand – in einem auffälligeren aber noch zu den schlimmen Strapazen seiner letzten Wanderung in umgekehrter Richtung zwischen den beiden Oertlichkeiten – nichtsdestoweniger fiel der Vergleich nicht zu Gunsten der jetzigen aus. »Letztmals,« sagte er zu sich selbst, »war meine Brust dem Winde bloßgestellt, das Herz darin war aber heiter und glücklich. Wie glücklich wollte ich sein, wenn ich jetzt dasselbe unbefangene Gefühl wieder hätte! was früge ich nach einem neuen Kampf mit dem Sturme?« Gegen Mittag langte er in Hafra an, der Wohnung, wie sich der Leser erinnern wird, des geistreichen Triptolemus Yellowley. Diesmal hatte Mordaunt sich so eingerichtet, daß er die Gastfreundschaft dort – um derentwillen das Haus auf der ganzen Insel nicht wenig berüchtigt war, nicht in Anspruch zu nehmen brauchte. Um aber der Höflichkeit Genüge zu tun, vielleicht auch, um sich auf andere Gedanken zu bringen, sprach Mordaunt in dem Hause vor und fand es zu seiner nicht geringen Verwunderung in der lebhaftesten Aufregung. Triptolemus polterte in großen Reiterstiefeln die Treppe auf und ab und schrie seiner Schwester und seiner Magd Tronda Fragen zu, die von den beiden Frauen mit lautem Gekreisch beantwortet wurden. Endlich erschien Jungfer Baby selbst, in ein weites Gewand gehüllt, das man als »Josephskittel« zu nennen liebte, und das einst grün gewesen war, jetzt aber durch Flecken und Flicken dem Kittel des Patriarchen, in welchem er als Knabe von seinen Brüdern nach Aegypten verschachert wurde, so ähnlich geworden war wie ein Ei dem andern. Dazu trug sie einen Hut mit kirchturmartigem Deckel auf dem Kopfe – wahrscheinlich vor langen Jahren in einem Augenblicke gekauft, als Eitelkeit den Sieg über die Habsucht davontrug, – mit einer Feder drauf, die soviel Wind und Regen ausgehalten zu haben schien, als hätte sie einer Seemöwe als Fittich gehört, – vollendete ihren Anzug, wozu noch eine mit Silber beschlagene altmodische Peitsche kam, die sie in der Hand trug. Der Anzug und eine beispiellose Aufregung in Haltung und Wesen verrieten die Absicht zu einer Reise oder Ortsveränderung ... Baby-Barbara war auch die erste, deren Mordaunt ansichtig wurde doch begrüßte sie ihn augenscheinlich mit sehr gemischten Gefühlen ... »Gott steh uns bei!« rief sie, »ist das nicht der muntere Bursch mit der Kette um den Hals, der unsere Gans verschlang wie eine Seelerche?« Der goldenen Kette, die damals auf ihr Gemüt so tief eingewirkt, galten ihre ersten Worte; dem frühen Hinübergange der Räuchergans die zweite Hälfte ihrer Rede – den Schluß derselben bildete die Bemerkung: »Leben und Seligkeit möcht ich drauf wetten, daß er den gleichen Weg mit uns geht.« »Ich will nach Burgh-Westra, Jungfer Yellowley,« sagte Mordaunt. »Uns soll es nur lieb sein, wenn Ihr Euch uns anschließt,« versetzte sie; »zum Essen ist's wohl noch zu früh? Gerstenkuchen und Hausbier könnt Ihr haben. Mit vollem Magen wandern ist zwar nicht gut, – und den Appetit für das Fest, wo doch alles vollauf sein wird, verdirbt man sich durch vorherige Mahlzeit auch.« Mordaunt holte seinen eigenen Mundvorrat aus seinem Ränzel, versicherte, sie nicht abermals belästigen zu wollen, bat sie vielmehr bei ihm zuzulangen. Der arme Triptolemus, der nur selten ein halb so gutes Mittagessen bekam, als seines Gastes Imbiß war, fiel über die appetitlichen Speisen her, wie Sancho Pansa über den Schaum von Gamachos Kessel, und selbst Barbara konnte der Versuchung, einen Kosthappen zu nehmen, nicht widerstehen; was sie damit zu rechtfertigen suchte, daß sie um der Reise willen und weil man mit Holz in einem so kalten Lande haushälterisch umgehen müßte – es nicht erst für nötig gehalten hätte, Feuer anzumachen, deshalb aber mit Essen »heute« ein wenig knapp dran sei – anderseits doch einmal sehen möchte, ob man im schottischen Norden das Fleisch ebenso pökle wie hier. Als dieser »Imbiß aus dem Stegreif« verspeist war, drang Triptolemus darauf, die Reise anzutreten, und jetzt wurde es Mordaunt klar, daß die Freundlichkeit, mit der ihn Jungfer Baby begrüßt, nichts weniger als frei von eigennützigen Regungen war; denn weder sie noch ihr gelehrter Bruder mochten sich gern in die Wildnis Shetlands ohne Führer wagen, und dangen sie auch nur einen Taglöhner dazu, so ging dabei – außer dem Trinkgeld, um das sie nicht herumgekommen wären – auch noch ein voller Tagelohn verloren. Mordaunt kam ihnen mithin höchst gelegen, denn als Spender solchen Imbisses obendrein mußte er so willkommen erscheinen wie nur je ein Gast an ihrer Tür, die sich ja sonst am liebsten jedem verschloß; Herr Yellowley freute sich außerdem darauf, in seinem jungen Begleiter einen willigen Hörer für all die »Melilvrationspläne« zu finden, mit denen er sich in Gedanken trug. Da Verwalter und Schwester nicht wandern, sondern reiten wollten, galt es nun, auch ihren Führer beritten zu machen, was aber keinerlei Schwierigkeit bot, denn in Shetland laufen der rauhhaarigen Gäule mit kurzen Beinen und langem Rücken genug frei auf den Mooren herum – wie schon einmal bemerkt, frei zu jedermanns Gebrauch – ja die Sache bot um so weniger Schwierigkeiten, als zwei solche Gäule schon für das Geschwisterpaar eingefangen und reisefertig gemacht worden waren. Der eine, dazu ersehen, die süße Bürde von Jungfer Baby zu tragen, hatte einen gewaltigen Quersattel von hohem Alter, eine Masse von Kisten und Polstern, unter der auf allen Seiten eine Schabracke aus alten Teppichen herabhing, die,ursprünglich für ein Pferd von normaler Größe bestimmt, den kleinen Shetland-Klepper von den Ohren bis zum Schweife und vom Widerrist bis zum Hufe bedeckte, so daß nichts frei blieb als der Kopf, der aus diesen Umhüllungen keck hervorblickte, wie der Löwe auf einem Wappen aus einem Busch. Mordaunt hob die schöne Jungfer nach Rittersitte auf den Gaul, und mit einiger Anstrengung gelang es ihm auch, sie wohlbehalten auf den Gipfel des bergartigcn Sattels zu setzen. Inzwischen hatte ihr Bruder Triptolemus sich auf seinen Gaul, wenn auch nicht geschwungen, so doch hinauf »gekrabbelt« – und da er, des heitern Wetters ungeachtet, einen großen Mantel über seine andern Kleidungsstücke geworfen hatte, war sein Klepper fast noch dichter verhüllt als der seiner Schwester, leider aber so wild und widerspenstig, daß er unter dem Gewicht seines Reiters, in völliger Mißachtung der Yorkshirer Abstammung desselben, Lust bekam zu allerhand Kapriolen und Courbetten, die Triptolemus zu keinem festen Sitze in seinem Sattel kommen ließen; da nun das Pferd selbst nur bei genauem Hinsehen zu entdecken war, konnte man sich in einigem Abstande zu dem Wahn versucht fühlen, seine Sprünge als die freiwilligen Bewegungen des Reiters, die er mit seinen eigenen, ihm von der Natur verliehenen Beinen machte, anzusehen – was aber zusammen mit dem verzweifelten Gesichtsausdruck von dem armen Triptolemus einen so lächerlichen Eindruck gab, als Sancho Panso neben Don Quixote nur je gemacht haben dürfte. Mordaunt, dem weder zur Klepperwahl noch zur Beschaffung von Reitzeug Zeit blieb, der statt des letztern sich gar mit einem bloßen Stricke begnügen mußte, hielt trotzdem wacker Schritt mit dem würdigen Geschwisterpaar, und Triptolemus Jellowley, außer sich vor Freude, seinen Führer so schnell beritten zu sehen, nahm sich im stillen vor, diesen rohen Gebrauch, Reisenden zu einem Pferde zu verhelfen, ohne dabei den Eigentümer um Erlaubnis zu fragen, nicht eher abzuschaffen, als bis er selbst eine Herde Pferde besäße – und man also an ihm das Recht der Vergeltung ausüben könnte. Weniger nachsichtig aber bewies sich Triptolemus gegen andere Bräuche auf den Inseln; in der wilden, bergigen Gegend, durch die ihn Mordaunt führte, gab es tatsächlich keinen Platz, der in seiner lebendigen Einbildungskraft nicht Verbesserungsideen geweckt hätte. Bald wollte er durch eine kaum gangbare Schlucht, in der die zuverlässigen Gäule, die sie ritten, kaum einen Fuß vor den andern setzen konnten, eine Fahrstraße legen; an die Stelle der aus Lehm und aus trockenem Gestein errichteten Skios oder Hütten, in denen die Eingeborenen ihre Fische einsalzten, bessere Häuser setzen; bald wollte er das alte Shetländer Hausbier durch gutes Ale ersetzen oder Wälder pflanzen wo nie ein Baum wuchs, oder nach ergiebigen Bergwerken suchen an Stellen, wo ein paar dänische Schildlinge schon als halbes Vermögen galten. Von all diesen Reformen und manch andern mehr sprach er mit dem größten Vertrauen und erhoffte sich das Beste von der Unterstützung und dem Beistande, den er von den höhern Klassen, und namentlich von Magnus Troil, dazu erwartete. »Ehe wir einige Stunden älter geworden,« sagte er, »will ich dem Manne meine Ansichten auseinandergesetzt haben, und Ihr sollt sehen, mit welchem Danke er sich gegen einen Mann äußern wird, der den Schatz seiner Kenntnisse dergestalt mehren hilft.« »Ich würde Euch doch raten, nicht allzufest darauf zu bauen,« sagte Mordaunt; »Magnus Troil geht gern seinen eigenen Weg und zwar auf den hier zu Lande gewohnten Bahnen. Ich meine, ehe Ihr Magnus bewegen könnt, norwegische gegen schottische Sitten zu vertauschen, lehrt Ihr eher ein Pferd wie einen Seehund unter Wasser gehen; und doch ist er vielleicht bei aller Anhänglichkeit an alte Gebräuche in seiner Freundschaft eben so wandelbar wie andre.« » Heus, tu inepte !« rief der Student von St.-Andrews; »anhänglich oder nicht, was will das sagen? Stehe ich nicht hier an meinem Platze, und habe ich nicht die Gewalt? Möchte sich ein Vogt herausnehmen, mit mir, dem Vertreter des Kämmerlings der Orkney- und Shetlandsinseln, über Gründe zu disputieren?« »Nichtsdestoweniger,« versetzte Mordaunt, »möchte ich raten, nicht zu rasch gegen die Vorurteile dieses Mannes ins Feld zu rücken; hat doch Magnus Troil von Geburt an bis zu diesem Tage keinen größern Mann als sich, und keinen über sich gesehen! hat auch nie in seinem Leben Geduld gehabt, lange Auseinandersetzungen anzuhören; daher ist es möglich, daß er Euren Reform-Ideen den Krieg erklärt, ehe Ihr Zeit gefunden habt, ihn von ihren Vorteilen zu überzeugen.« »Wie meint Ihr das, junger Mann?« fragte Triptolemus; – »sollte es wirklich jemand hier geben, verblendet genug, seine Augen gegen die beklagenswerten Mängel des Ackerbaus, wie er hier getrieben wird, zu verschließen? . . . Kann ein Mensch,« fügte er, die Stimme verstärkend, hinzu, »oder auch nur ein Vieh ein Ding ansehen, das die Leute hier Kornmühle nennen, ohne daß einen das Korn erbarmt, das einem so elenden Werkzeuge anheimfällt? Wozu wenigstens fünfzig solcher Mühlen nötig sind, dazu genügte eine einzige schöne, stattliche Mühle, deren Klappern durch das ganze Land gehört würde, und die das Mehl zu Viertelmetzen auf einmal zum Mahlloche herausschüttete.« »Ja, ja, Bruder,« sagte seine Schwester, »Du redest klug wie immer: Recht viel Kosten, recht viel Ehre, – das sind so Deine Worte! Aber kommt es Dir denn nie in den Sinn, Mensch, daß hier jeder seine Handvoll Mehl mahlt, ohne sich um Wind- und Wasser- und was sonst für Mühlen zu kümmern? Wie oft hast Du mit Leuten über Mahlgroschen und Mahlgedinge herumgestritten, ohne daß Du was erzieltest? – Wie sollen denn die armen Leute hier soviel Geld aufbringen, sich andere Mühlen zu bauen, als sie brauchen?« Der Landwirt wollte seiner Schwester nochmals allerhand weise Worte über die Mängel und Schwächen der auf Shetland üblichen Mahlmethode sagen, als sein Klepper unruhig zu werden anfing... »Der Teufel muß in dem Biest stecken!« brummte Triptolemus – »das Biest« aber steckte jetzt – vielleicht weil es sich über die geringschätzige Weise verdroß, wie sein Herr sich über die Inseln äußerte – den Kopf zwischen die Beine, warf seinen Reiter in den kleinen Bach, der die von ihm geschmähte kleine Maschine trieb, entwand sich dem Mantel, worin er mit steckte, und rannte mit zornigem Gewieher, und in einem fort ausschlagend, in sein wildes Moor zurück. Mordaunt, über den Unfall herzlich lachend, half dem alten Manne auf die Füße, während ihm seine Schwester spöttisch gratulierte, daß er nur in einen seichten shetlandischen Bach, und in keinen tiefen schottischen Mühlgraben, gefallen sei. Triptolemus, den Spott keiner Antwort würdigend, rief, sobald er wieder auf den Füßen stand, sich geschüttelt und davon überzeugt hatte, daß ihn die Falten seines Mantels in dem wasserarmen Bache vor Nässe geschützt hatten: »Ich will Hengste aus Lanarckshire, Zuchtstuten aus Ayrshire kommen lassen, und nicht eine von diesen verwünschten Mißgeburten soll mir auf den Inseln bleiben, ehrlichen Leuten die Hälse zu brechen; verlaß Dich drauf, Baby, die Inseln säubere ich von diesem Plunderzeug!« »Gescheiter wär's,« antwortete Baby, »Du wändest das Wasser aus Deinem Mantel!« Mordaunt gab sich die größte Mühe, aus einer Herde, die in einiger Entfernung graste, ein anderes Pferd zu fangen – zum Glück fand er eins von ruhigerem Temperament als das entwichene. Aus Binsen drehte er schnell einen Strick zusammen, der dem verdutzten Triptolemus als Zügel dienen mußte – dann setzte er Triptolemus auf den langen Rücken seiner neuen, kurzbeinigen Rosinante. Ein Gutes hatte das Abenteuer aber für Triptolemus gehabt: es hatte niederschlagend auf seinen Geist gewirkt, so daß er auf ganzen fünf Meilen kaum ein Wort sprach, trotzdem seine Schwester Barbara in allen Tonarten über den Verlust des schönen Reitzeugs jammerte, das ganze achtzehn Jahre gehalten habe und nun wohl nie wieder zu sehen sein werde – ja ihm schließlich sogar eine lange Predigt über die Sparsamkeit hielt, zu der sie ihn – um den Schaden wieder hereinzubringen – anhalten wollte. Mordaunt, – der jetzt, wo er Burgh-Westra immer näher kam, sich mit den beiden Mädchen mehr befaßte als mit den Auseinandersetzungen der alten Jungfer darüber, ob Dünnbier gesünder sei als starkes Ale, und ob, wenn ihr Bruder sich bei seinem Falle den Knöchel verletzt habe, Schwarzwurzel mit Butter wirksamer sei als alle Doktoren-Tropfen der Welt, – unterbrach sie nur selten. Indessen wichen nun die traurigen Moore, über die der Weg bis jetzt geführt, einer lieblichern Szenerie: ein See, oder vielmehr ein weit ins Land hinein laufender Meeresarm, von ebenen, fruchtbaren Getreidefeldern umschlossen, wie sie Triptolemus Vellowley auf Shetland noch nicht gesehen, kam in Sicht, – und inmitten dieses kleinen, shetländischen Eden oder Goschen stand, gegen Norden und Osten durch eine Reihe von mit Heidekraut bedeckten Hügeln wohlgeschützt, das Herrenhaus von Burgh-Westra, von dem aus sich eine prächtige Aussicht auf den See und das Meer, wie auf die Inseln und fernen Berge bot. Dicke Rauchsäulen, die aus dem Schornsteine desselben, wie auch aus denen der Hütten im Dorfe aufstiegen, verrieten, daß die Zurüstungen zu dem Feste im vollsten Gange waren und sich nicht bloß auf Magnus Troils Wohnstätte, sondern auf die ganze Nachbarschaft erstreckten. Zwölftes Kapitel. Wenn schon der Geruch, der aus den Essen zu den öden Hügeln rings um das Herrenhaus herum emporstieg, – (nach Baby-Barbaras Meinung) – die Hungrigen hätte speisen können, so hätte der in der Gegend herrschende Lärm ebenso sicher Tauben das Gehör wiedergeben können. Scharen von Bekannten und Freunden trafen ein – die Gäule wurden freigelassen und rannten wieder nach allen Richtungen hinaus auf die Moore, auf die bekannten Weidestellen. Die in Booten von fernern Inseln herkamen, gingen in einem kleinen bequemen Hafen, der sich bis zu dem Dorfe und dem Hause hinzog, vor Anker. Da sie, um sich guten Tag zu sagen, oft stehen blieben, konnte Mordaunt jeden einzelnen auf dem Wege zum Herrenhause, das, allem Reichtum und aller Gastfreiheit seines Besitzers zum Trotz, für die vielen Gäste kaum groß genug schien, eingehend mustern. Aus den wirren Tönen der Freude und des Willkommens, mit denen jede neue Gruppe begrüßt wurde, glaubte Mordaunt lautes Lachen aus dem Munde des Hausherrn herauszuhören; doch fragte er sich mit wachsender Beängstigung, ob ebensolch herzlicher Empfang, wie den andern Gästen, auch ihm zuteil werden würde. Bald drangen nun auch Geigenklänge zu ihnen – die Spieler probten und stimmten ihre Instrumente, unruhig dem Anfange der Festlichkeit entgegensehend – der Koch und seine Gehilfen schrieen durcheinander, eifrig in der Bereitung dessen, was die Gäste erfreuen und laben sollte. Mittlerweile waren die drei neuen Gäste, jeder von seinen eigenen Gedanken erfüllt, vor dem Herrenhaus angekommen. Was Mordaunt beschäftigte, das wissen wir; – Baby-Barbara ging ganz in dem Kummer und Staunen auf darüber, daß wirklich der Speisen so viele bereitet worden, wie zur Sättigung der vielen Menschen nötig seien, die sie um sich her so laut lärmen hörte, – daß wirklich soviel Geld dafür bereit sei, und dafür ausgegeben werden könne, und gern dafür ausgegeben würde – und sie mußte sich Zwang antun, daß ihr beim Anblick solcher Verschwendung nicht unwohl werde; – ihr Bruder dagegen, da sie nun mitten auf dem Hofe des Herrenhauses standen, wo all das primitive Gerät umherlag, dessen der Shetländer Landmann sich damals noch bediente: der einsterzige Pflug der Twixar zum Stechen des Torfs und der Frachtschlitten, der zu allerhand Transport benutzt wurde – kurz, alles das, was Gewohnheit und Leben Shetland von Schottland scheidet – Triptolemus geriet ob des Anblicks solcher Urwüchsigkeit in Hitze, dem kühnen Krieger gleich, dessen Blut zu wallen anfängt, wenn er die Waffen und Feldzeichen des Feindes sieht, mit dem er kämpfen soll. Seines großen Vorhabens eingedenk, die Sitten auf dieser Inselflur zu verfeinern, den Landbau ihrer Bevölkerung zu meliorieren, neue Werkzeuge anstatt der alten einzuführen – kurz, – neuen Geist hierher zu tragen – fühlte Triptolemus den Hunger – die erklärliche Folge solch weiten Rittes – kaum und sah dem Mittagsmahle, trotzdem es so beschaffen sein würde, wie er es kaum im Leben genossen, – mit einem nur matten Interesse entgegen. » Jacta est alea, « brummte er vor sich hin, »dieser Tag soll mir zeigen, ob die Shetländer meiner Anstrengungen wert, oder ob ihre Gemüter des weitern Anbaues gleich unfähig sind, wie ihre Torfmoore. Aber wir wollen vorsichtig zu Werke gehen und die passende Zeit abwarten, bevor wir das Thema anschneiden. Ein paar Bissen von dem appetitlichen Rostbraten, der uns winkt, werden die schickliche Einleitung zu meinem Plane, die Zucht des Tiers, von dem es stammt, zu bessern, abgeben,« Mittlerweile waren die Gäste an der niedrigen, aber langen Front des Herrenhauses, dessen Ausbau in verschiedene Jahre zu fallen schien, je nachdem die Familie seines Besitzers größere Räume zum Bedingnis machte, angelangt. Unter einem breiten, großen Vorbau, der mit zwei starken, mit Schnitzwerk verzierten Säulen getragen wurde, von Schiffen stammend, die an der Küste gestrandet waren, stand, die zahlreichen Gäste zu empfangen und zu bewillkommnen, die nach und nach eintrafen, Magnus Troil in dem weiten, blauen, altväterischen Rocke, der, mit Scharlach abgefüttert, und mit goldenen Tressen auf den Nähten und an den großen Aufschlägen besetzt, zu seiner kernhaften Figur mit dem derben, männlichen, wettergebräunten Gesicht so trefflich paßte. Ehrwürdiges Silberhaar, in reicher Fülle unter dem goldenen Tressenhut hervorwallend, hinten leicht durch ein Band gehalten, wies auf sein vorgerücktes Alter. Eine leichte Wolke des Mißvergnügens schien über seine Stirn zu fliegen, als er die kleine Gruppe sah, die wir vom Sumbourgh-Head hierher begleitet haben; und als er Triptolemus Yellowley entgegentrat, schien er zu doppelter Größe zu wachsen. »Seid willkommen, Herr Yellowley,« sprach er den Verwalter des Lord-Kämmerlings an, freundlich wohl, und doch nicht ganz mit der Herzlichkeit, die er andern Gästen gegenüber gezeigt hatte – »willkommen in Westra! Der Wind hat Euch an eine rauhe Küste verschlagen, und wir Eingeborenen müssen bemüht sein, Euch die Meinung, die Ihr von ihr habt, zu bessern ... Ach! wohl Eure Schwester? Jungfrau Barbara Yellowley? Nun, Ihr vergönnt mir wohl die Gunst eines nachbarlichen Grußes?« und mit einer kecken, eigenmächtigen Höflichkeit, die man in unserer überfeinen Zeit vergeblich suchen würde, drückte er auf die verwelkte Wange der Jungfrau einen Willkommsgruß, der von ihr mit jüngferlich-schüchternem, doch mildem Lächeln hingenommen wurde. Dann fiel sein starrer Blick auf Mordaunt, und ohne ihm die Hand zu bieten, sprach er in einem Tone, der eine tiefe Bewegung verriet: »Auch Ihr sollt willkommen sein, Herr Mordaunt.« Mordaunt, durch die Kälte solchen Empfangs gekränkt, versetzte: »Hätte ich mich des Gegenteils versehen zu müssen gemeint, so wäre ich nicht gekommen; immer ist es es, wenn ich mich darin geirrt habe, noch Zeit zur Umkehr.« »Junger Mann,« sagte Magnus; »daß vor dieser Tür niemand umkehren darf, ohne den Eigentümer zu beleidigen, wißt Ihr besser als jeder andere; drum bitte ich, daß Ihr die Fröhlichkeit meiner Gäste nicht durch unzeitige Empfindlichkeit stört. Magnus Troils Willkommen gilt allen, die seiner Stimme Klang – und er reicht weit – vernehmen. Kommt herein, Ihr werten Gäste, und laßt uns sehen, welchen Empfang die Frauen im Hause uns bereiten werden.« Indem er sein weiteres Verhalten nun so einrichtete, daß Mordaunt sich weder zurückgesetzt noch bevorzugt dünken konnte, geleitete er seine Gäste in die beiden großen Vorhallen, die in seinem Hause die Stelle eines Salons vertraten und mit Gästen aller Art schon angefüllt waren. Das einfache Mobiliar trug das Gepräge der Eigentümlichkeit dieser wilden Inseln. Magnus Troil, gleich den meisten aus der besseren Klasse der shetländischen Grundbesitzer ein Freund aller Bedrängten, hatte wiederholt Gut und Ansehen eingesetzt, Schiffbrüchige zu beschützen – leider aber war Unglück zur See an dieser gefahrvollen Insel so häufig, daß auch dem aufopferungsfreudigsten Menschen Lust und Mut dazu hätten ausgehen können; es wurde aber auch soviel herrenloses Gut an den Strand dabei getrieben, daß mancher Ersatz für die Mühsal sich mit den Jahren angefunden hatte. Die Stühle z.B., manche darunter von fremder Arbeit, wiesen deutlich auf frühere Verwendung in Schiffskabinen hin; auch die Spiegel und Schränke, unter den letzteren welche aus einem Holze, das niemand auf den Inseln kannte, waren offenbar zum Schiffsgebrauch angefertigt; selbst die Scheidewand zwischen den beiden Zimmern schien aus der Querwand eines großen Fahrzeuges zu stammen und von einem tischlernden Inselbewohner plump eingeschoben worden zu sein. Für einen Fremden wären diese Wahrzeichen menschlichen Elends ein zu starker Gegensatz gegen den frohen Anlaß gewesen, der die Leute heute hier zusammenführte; diese selbst aber waren mit der Ursache solches Elends zu innig vertraut, um sich in ihrem Taumel dadurch stören oder beirren zu lassen. Der jüngere Teil der Gesellschaft war über Mordaunts Eintritt vor Freude schier außer sich. Alle gaben ihrer Verwunderung darüber, daß er sich so lange nicht habe sehen lassen, unverhohlenen Ausdruck, aber keiner war – wie man recht gut sah – der Meinung, daß der Grund dazu in irgendwelchen Differenzen zwischen ihm und der Familie läge. Hierdurch wurde dem Jüngling die Sorge um wenigstens einen Punkt, wenn nicht genommen, so doch gemildert. Mochten die Leute von Burgh-Westra noch so tiefe Vorurteile gegen ihn gefaßt haben, so hatte er wenigstens nicht den Kummer, in den Augen der Gesellschaft an Ansehen eingebüßt zu haben, und er brauchte sich, wenn eine Auseinandersetzung nötig war, mit einer solchen nur auf die Familie zu beschränken. Trotz alledem sah er noch immer dem Augenblick mit Bangen entgegen, der ihn dem Schwesternpaare gegenüber führen würde – den beiden Mädchen, denen er in so inniger Freundschaft angehangen hatte. Nachdem er sich von seiner Reisegesellschaft, die wie Kletten an ihm hing, dadurch frei gemacht, daß er sie mit einigen Familien in Beziehung setzte, und andern Bekannten gegenüber sein langes Wegbleiben durch den Gesundheitszustand seines Vaters erklärlich gemacht, bahnte er sich einen Weg durch die verschiedenen Gruppen zur Tür eines kleinen Zimmers, das Minna und Brenda nach ihrem eigenen Geschmack eingerichtet hatten und als ihr besonderes Besitztum betrachteten. Mordaunt hatte nicht geringen Anteil an der besonderen Ausstattung dieses Raumes, der ihm während seines letzten Aufenthaltes in Burgh-Westra eben so offen gestanden, wie den Eigentümerinnen selbst. Jetzt aber hatten die Zeiten sich dermaßen geändert, daß er den Finger auf der Klinke hielt, unschlüssig, ob er ihn aufdrücken solle, oder nicht, bis endlich Brenda: »Nur herein!« rief in einem Tone, der sich anhörte, als ob sie am liebsten den Besuch, der sich mit Klopfen meldete, gar nicht sähe oder schnell los sein möchte. Indes trat Mordaunt auf diesen Ruf ein. Minna und Brenda saßen zusammen mit Cleveland, dem fremden Kapitän, und einem behenden alten Männchen, dessen Auge noch all die Geistesfrische verriet, die ihn in tausenderlei Schicksalen eines wechselvollen schwankenden Lebens aufrecht erhalten hatte und seine treue Begleiterin im hohen Alter geblieben war. In der Neugierde, mit der er, während er jetzt bescheiden zur Seite trat, Mordaunts Begegnung mit dem lieblichen Schwesternpaare beobachtete, lag ein gewisser Grad von Schlauheit und Pfiffigkeit. Abgesehen davon, daß die beiden Mädchen die Beklommenheit über die veränderten Umstände, unter denen sie sich wiedersahen, nicht so gut verbergen konnten wie Magnus Troil, sondern vielmehr, als sie sich zur Begrüßung erhoben, lebhaft erröteten, ließ sich kaum ein Unterschied zwischen ihrem und des Vaters Wesen merken; Mordaunt unterließ es, sowohl die Hand zum Gruße zu heben, als – wie es die damalige Zeit, wenn nicht forderte, doch erlaubte, – die Wange zum Kusse zu reichen; und so fand die Begegnung förmlich und kalt statt, wie unter flüchtigen Bekannten. Das leichte Rot, das die Wange der ältern Schwester gefärbt hatte, war so schnell wieder verschwunden wie der flüchtige Gedanke, der es hervorgerufen. Ruhig und kalt stand sie im andern Augenblicke vor Mordaunt, die gewöhnlichen, artigen Redensarten, die derselbe verlegen stotterte, mit besonnener Zurückhaltung erwidernd. Brenda, die jüngere, schien, wenigstens den äußern Merkmalen nach, tiefer ergriffen. Ueber ihr Gesicht flog eine tiefere Röte, die sich auf Hals und auch den obern Teil ihres schön geformten Busens übertrug: zwar versuchte sie es nicht, die verlegenen Worte zu erwidern, die Mordaunt an sie besonders richtete; aber sie sah ihn mit Augen an, aus denen Verdruß und etwas wie wehe Erinnerung an frühere Zeiten sprachen. Mordaunt fühlte auf der Stelle, daß er der ältern Schwester gleichgültig geworden, daß es ihm aber noch möglich sei, die mildergesinnte Brenda sich freundlich gestimmt zu erhalten: und so wunderlich beschaffen ist das Menschenherz – während er bisher den beiden Mädchen mit gleicher Liebe zugetan war, schien ihm jetzt an der Gunst der ältern, eben weil sie sich von ihm wandte, mehr zu liegen als an der jüngern, die sich ihm freundlicher zeigte. Aus diesen Gedanken wurde er durch Cleveland gerissen, der ihn mit militärischer Verve als seinen Lebensretter bewillkommte – nachdem er, wie er sagte, mit Erfüllung dieser Pflicht nur solange gewartet, wie ihm nötig erschienen, um die Begrüßung mit den beiden Töchtern des Hauses vorbeizulassen. Er trat Mordaunt mit solcher Freundschaft entgegen, daß es diesem nicht möglich war, – trotzdem er sich nicht verhehlte, daß niemand anders als der Kapitän schuld an der Verstimmung zwischen ihm und den Leuten von Burgh-Westra sei – anders als höflich zu erwidern. Da trat das alte Männchen, dessen wir oben erwähnten, auf Mordaunt zu, nahm ihn bei der Hand, küßte ihn auf die Stirn und sagte – seinen Fragen gleich selbst die Antworten gesellend: »Wie die Zeit in Burgh-Westra dahineilt! Fragst Du so, mein Fürst der Felsen und Klippen? Nun, wie sollte sie anders vergehen als auf den leichten Flügeln, die Schönheit und Freiheit ihr leihen?« »Und Witz und Gesang mit, mein guter Freund,« versetzte Mordaunt, halb im Ernst, halb im Schmerz, des Greises Hand herzlich schüttelnd – »wie könnten sie fehlen, wo Claudius Halcro weilt?« »Spotte nicht, lieber Gesell,« versetzte das Männchen – »ist Dein Fuß erst einmal so schwer und müde, Dein Witz so schal wie meiner, Deine Kehle so verstimmt wie meine ...« »Wie könnt Ihr Euch selbst nur solches Unrecht antun, guter Meister?« antwortete Mordaunt, seines alten Freundes Wunderlichkeiten zu dem Versuch einer Unterhaltung benutzend, die der Spannung dieser seltsamen Zusammenkunft ein Ende machen und Zeit zur Aufklärung schaffen sollte, ehe er eine Erklärung über das veränderte Betragen der Familie forderte. – »Sprecht nicht so,« fuhr er fort, »die Zeit, Freund, legt nur leise ihre Hand auf die Barden. Hab ich nicht öfter schon aus Eurem Munde vernommen, daß der Sänger die Unsterblichkeit seines Sanges teile?« »Was uns jetzt mehr interessiert, lieber Halcro,« bemerkte der Kapitän lächelnd, »ist das Lied, das wir einstudieren sollen, und das Ihr uns noch einmal vorspielen müßt.« »Das Lied können wir jetzt doch nicht mehr brauchen,« sagte Halcro; »nachdem unser Mordaunt da ist, der erste Sänger auf unseren Inseln – wär's im Chor oder Solo. Wenn Mordaunt Mertoun nicht mitsingt, rühr' ich den Bogen nicht mehr an. Wie ist denn Deine Ansicht, meine schöne Nacht? Und deine, süße Dämmerung?« setzte er hinzu, die beiden Mädchen meinend, denen er schon lange diese allegorischen Namen beigelegt hatte. »Herr Mordaunt Mertoun,« sagte Minna, »ist zu spät gekommen, um an unserem Chor bei dieser Festlichkeit noch teilzunehmen – schade, aber ändern läßt sich nichts mehr daran.« »Wie? Was?« erwiderte Halcro hastig, »Zu spät? und ihr habt euer ganzes Leben Musik zusammen gemacht? Glaubt mir, Kinder, die alten Weisen sind die besten, und alte Freunde die zuverlässigsten. Herr Cleveland hat einen schönen Baß, keine Frage; aber über eine von den zwanzig hübschen Arien, die ihr singen könnt, und in denen sich Mordaunts Tenor so lieblich mit euren eigenen Zauberstimmen vereinigt, geht doch nichts – Meine liebliche Dämmerung ist gewiß mit mir der gleichen Meinung?« »Vater Halcro,« sagte Brenda, deren Wangen sich, weniger vor Scham als aus Unwillen, abermals röteten – »in einem ärgern Irrtum als diesem habt Ihr Euch in Eurem ganzen Leben nicht befunden!« »Aber was geht denn bloß vor?« sagte das alte Männchen, plötzlich innehaltend und von einem zum andern blickend. – »Was soll das heißen? Eine bewölkte Nacht und ein feuerroter Morgen? Das deutet auf schlimm Wetter! Sagt mir doch, ihr jungen Frauenzimmer, auf welcher Seite liegt die Beleidigung? Ich muß fast fürchten, bei mir selbst, wird den Alten doch gemeinhin die Schuld am Zwiste der Jungen beigemessen!« »Euch, Vater Halcro, trifft keine Schuld,« sagte Minna, indem sie aufstand und die Schwester beim Arme nahm, »wenn sich von Schuld überhaupt sprechen läßt,« »So muß ich fürchten, Minna,« rief Mordaunt, indem er den Ton leichten Scherzes anzuschlagen suchte, »daß der neue Gast das Aergernis ins Haus gebracht hat?« »Wenn man kein Aergernis nimmt,« versetzte Minna mit ihrem gewohnten Ernst, »so kann auch die Rede nicht davon sein, wer es gegeben!« »Aber, Minna,« rief Mordaunt, »kannst Du wirklich so mit mir sprechen? Und Du, Brenda, willst mich auch verurteilen, ohne mir zu ehrlicher, offener Rechtfertigung Zeit zu lassen?« »Wir dürfen denen, die uns so zu tun befohlen,« versetzte Brenda fest, wenn auch mit gedämpfter Stimme, »den Gehorsam nicht weigern, denn sie müssen am besten wissen, was sich für uns schickt . . . Schwester, wir sind, meine ich, schon zu lange hier und werden anderswo vermißt werden. Herr Mertoun wird es uns nicht verübeln, daß wir gehen – hat solcher Tag für uns der Lasten doch gar viel!« Die Schwestern standen auf und legten ihre Arme ineinander. Halcro suchte umsonst sie zurückzuhalten, indem er in theatralischer Pose rief: »Nun, Tag und Nacht, das ist doch wunderseltsam!« Dann drehte er sich zu Mordaunt herum und rief: »Auch sie sind dem Geiste der Veränderlichkeit unterworfen; und auch sie bezeugen, daß Meister Spenser recht hat, wenn er sagt: »Bei allem, was da lebt, mehr oder minder, Herrscht Wandel und behält das Feld.« »Kapitän Cleveland, wißt Ihr, was diese beiden Heldinnen verdrossen haben könnte?« wandte er sich nun an diesen. »Wer an solche Untersuchung seine Zeit setzt, wird sich ebenso verrechnen,« erwiderte Cleveland, »wie einer, der begründen wollte, warum der Wind von einem Strich zum andern umsetzt. Wäre ich an Herrn Mordaunts Stelle, so vergönnte ich den stolzen Dingern keine weitere Frage mehr.« »Ein freundschaftlicher Rat, Kapitän,« versetzte Mordaunt, »und mir nicht weniger wert, weil er ungefragt erteilt wurde. Doch eine Frage erlaubt mir: warum seid Ihr selbst so gleichgültig gegen die Meinung Eurer Freundinnen, wie ich es sein soll?« »Was meint Ihr? doch mich nicht?« rief der Kapitän mit unbefangener Gleichgültigkeit. »Ich habe noch kein Frauenzimmer gesehen, das wert gewesen wäre, sich seiner zu erinnern, nachdem der Anker gelichtet war; – am Lande ist's ein ander Ding, am Lande lach' ich, tanz' und lieble ich, mit zwanzig Mädchen, wenn sie wollen, möchten sie auch nur halb so hübsch sein wie die, die uns eben verlassen haben, und scher mich den Geier drum, wenn sie den Kurs ändern mit jedem Bootsmannspfiff. Schön ist's ja nicht, aber wetten möcht ich drauf, daß ich genau so schnell umsetzte wie sie!« An dem Troste, daß das Uebel, woran man leide, nicht viel an sich habe, findet man als Patient niemals recht Trost. Mordaunt verspürte Lust, es dem Kapitän übel zu nehmen, daß er seine Verlegenheit bemerkte und seine Meinung ihm aufdringen wollte; drum versetzte er auch scharf: »daß solche Weise sich für solche schicke, denen die Kunst zu eigen sei, sich überall beliebt zu machen, gleichviel wohin der Zufall sie verschlüge, und die dreist an einem Ort verlieren könnten, weil sie sicher wären, an einem andern wieder zu gewinnen...« Das war ironisch gesagt; allein, die Wahrheit zu gestehen, der Mann, dem die Rede galt, besaß eine größere Weltkenntnis und wußte recht gut, was sein Äeußeres wert sei – und gerade der Umstand, daß er sich seines äußeren Verdienstes bewußt war, machte, daß seine Dazwischenkunft doppelt unangenehm wirkte, ja im höchsten Maße verdroß. Jung, hübsch und keck, stand ihm die Maske seemännischer Derbheit vortrefflich und schickte sich vielleicht besonders gut zu den einfachen Sitten des abgelegenen Landes, in welchem er sich aufhielt . . . So begnügte er sich auch bei dieser Gelegenheit, über Mordaunts sichtbare Verstimmung gutmütig zu lächeln ... »Ihr grollt mir, Freund,« sagte er; »aber daß ich noch einmal böse auf Euch würde, dazu bringt Ihr es nicht – hätten mich doch aller hübschen Frauen Hände, die ich im Leben gedrückt, nicht aus dem Roost von Sumburgh aufgefischt! Scheltet mich also nicht, denn Halcro ist mein Zeuge, daß ich Flagge und Marssegel gestrichen habe, und, wenn Ihr mir auch eine volle Lage geben solltet, mit keinem einzigen Schusse erwidern kann.« »Stimmt, Mordaunt, stimmt,« sagte Halcro; »und Du mußt Dich schon mit Kapitän Cleveland aussöhnen. Um Weibergrillen sich mit einem Freunde zu veruneinigen, ist nie geraten ... und wären Weiber immer gleicher Laune, wo, zum Geier! kämen dann die vielen Lieder auf sie her?« »Aber Euer Lied, Halcro, Euer Lied,« rief, ihm schnell ins Wort fallend, Kapitän Cleveland. »Das Lied?« fragte Halcro, den Kapitän am Kopfe fassend, denn, da ihm während seiner Märchen die Leute gern wegliefen, war er immer auf der Suche nach einem Halte, sie daran zu verhindern. »Das Lied? Nun, Ihr sollt es hören, wenn Ihr einen Augenblick still halten wollt, und Du mit, Mordaunt Mertoun; hab' ich doch fast ein halbes Jahr lang kein Wort von Dir gehört – oder willst Du mir etwa auch weglaufen?« Und flugs hielt er ihn auch mit der andern Hand fest. »Nun,« sagte der Seemann, »jetzt hat er uns beide ins Schlepptau genommen; nun müssen wir ihn schon zu Ende hören, und wenn er gleich einen Faden spinnt, zäher als ein alter Matrose auf Mitternachtswache.« »Aber nun still, und laßt bloß einen von uns das Wort allein reden,« sagte der Dichter in befehlendem Tone, während seine beiden Zuhörer sich resigniert in die unvermeidliche Notwendigkeit fügten, die Erzählung, die nun kommen mußte, anzuhören. »Ich werde es euch haarklein erklären,« fuhr Halcro fort. »Durch die Welt geworfen ward ich wie viele andere junge Burschen, den Lebensunterhalt zu verdienen; aber ich wußte mich, Gottlob, mit allem zu behelfen, blieb auch den Musen zugetan und schlug mich durch, bis mein Vetter, der alte Laurence Linklutter, starb und mir ein Stückchen Insel hinterließ, nackt und bloß wie der Parnassus selbst. – Was tut's – habe ich doch einen Pfennig auszugeben, einen andern noch in meinem Geldbeutel, einen Pfennig den Armen mitzuteilen, und ein Bett und eine Flasche für einen Freund, wie Ihr erfahren sollt, wenn Ihr nach Beendigung der Festlichkeit mit mir kommen wollt. – Aber wo bin ich denn in meiner Geschichte stehen geblieben?« »Nahe beim Hafen, hoffe ich,« antwortete Cleveland; aber Halcro erzählte viel zu gern, als daß ihn selbst der deutlichste Wink hätte zurückschrecken sollen. »Ach, ja,« fuhr er mit dem selbstzufriedenen Gesicht eines Mannes fort, der den Faden seiner Erzählung wiedergefunden zu haben glaubt; »ich war in meiner Wohnung in Russel-Street, bei dem alten Timotheus Thimblethwaite, damals der berühmteste Schneidermeister in der ganzen Stadt. Er arbeitete für alle geistreichen Männer und für die dummen Glückspilze obendrein, und ließ die einen für die anderen bezahlen. Nie schlug er einem witzigen Kopf Kredit ab, außer im Scherz oder um eine geistreiche Antwort von ihm zu erhalten; auch stand er mit allem, was der Bekanntschaft in der Stadt wert war, in Briefwechsel. Zu mir hatte er besonderes Zutrauen, und ich habe für das Zimmer, das ich bei ihm bewohnte, zwei Monate lang in der Kreide gestanden. Zwar zeigte ich mich ihm auch gefällig, nicht etwa, daß ich für ihn zugeschnitten oder genäht hätte, was für einen Mann aus guter Familie nicht anständig gewesen wäre, aber ich – je nun, ich zog ihm seine Rechnungen aus – hielt seine Bücher in Ordnung und ...« »Und trug den Kunden die Kleider zu, und bekam Wohnung dafür, nicht wahr?« unterbrach ihn Cleveland. »Nein, nein, Gott bewahre! nichts dergleichen,« erwiderte Halcro. »Aber Ihr bringt mich ganz aus meiner Geschichte heraus, wo bin ich denn gleich stehen geblieben?« »Möge der Teufel Euch wieder auf das Fahrwasser helfen,« rief der Kapitän, seinen Rockknopf gewaltsam aus der Hand des Erzählers befreiend, »ich habe keine Zeit länger zuzuhören,« und eilte zum Zimmer hinaus. »Ein alberner Mensch, dem alle Erziehung fehlt,« sagte Halcro, ihm nachblickend; »was Magnus Troil und die albernen Dirnen Großes an ihm finden, möchte ich wirklich wissen, – von den langen Geschichten von Abenteuern und Seegefechten ist jedes Wort ohne Zweifel eine Lüge . . . aber ich sehe, auch Du bist ungeduldig, das Ende von meiner Erzählung zu vernehmen – nun, wo bin ich denn stehen geblieben?« »Ich fürchte, wir müssen es bis nach Tische aussetzen, lieber Meister,« sagte Mordaunt, der ebenfalls auf seinen Rückzug bedacht war, ihn aber auf anständigere Weise zu bewerkstelligen suchte als Cleveland. »Nein, nein, guter Junge!« entgegnete hierauf besorgt der Greis, »laufe nicht auch Du mir davon, – sieh, ich habe schon manchen sauren Gang in meinem Leben getan, aber meine Schritte wurden immer leichter, wenn ich mich auf den Arm eines alten Freundes, wie Du mir einer bist, stützen konnte.« So sprechend, ließ er das Kleid des Jünglings fahren, und seine Hände in seinen Arm lehnend, suchte er ihn noch fester an sich zu ziehen; Mordaunt aber, der seine Poesie mehr liebte als seine Prosa, erinnerte ihn an jenes Lied, das er gedichtet haben wollte, als er den Inseln zum erstenmal Lebewohl sagte! Halcro aber, der ihn nicht fortlassen mochte, ging gern darauf ein, griff – denn er war auch ein halber Musikus – jetzt zu einer Art von Laute und sprach: »Ich lernte sie spielen von demselben Mann, der sie den ehrlichen Shadwell lehrte, von eben dem, den man den dicken Tom nannte; Du wirft Dich seiner wohl noch erinnern, Mordaunt? Aber was war es denn, was ich singen wollte? – ach, richtig! Den Abschied an das Mädchen von Northmaven – an die arme Betsy Stimbister, die ich in den Versen Mary genannt.« So sprechend, sang er nach einem kurzen Vorspiel, mit leidlicher Stimme und nicht ohne Geschmack: Lebewohl Dir, Nortmäven, Hoch, Hillswick, auch Dir! Der Ruhe Deiner Häfen, Deiner Stürme Revier – Jedem Lüftchen, wie's immer Die Küste umzieht; Dir, Mary, die nimmer Mein Auge mehr sieht. Euch Wogen, die mächtig Einst Hakon gezähmt, Ob schäumend ihr prächtig Die Felswand verbrämt. – Mag schau'n doch hinüber Schon Mary Dein Blick, Dein Herzinnig-Lieber Kehrt nimmer zurück. Deine Schwüre, sie dringen Nicht mehr in mein Ohr. Kannst, Falsche, sie singen Den Seefrauen vor. Laß schallen sie fleißig Auf Fels und auf Meer, Doch einen, den weiß ich, Der hört sie nicht mehr. O, gäb's eine Insel. Ob wüst und verheert, Wo Weibergewinsel Den Mann nicht betört! – Zu stark war die Lockung Für sterblichen Sinn; Den Anker der Hoffnung, Dort senk ich ihn hin. »Ich sehe, Du bist bewegt, mein junger Freund,« sprach Halcro, als er sein Lied geendet, »ja, ja, so ging es fast allen, die es hörten. Worte und Musik, beide sind von mir, und ohne viel von dem Geist zu sprechen, liegt doch darin eine gewisse Einfachheit, eine Wahrheit, die den Weg zu dem Herzen finden müssen. Selbst Dein Vater vermag ihnen nicht zu widerstehen, und der hat doch ein Herz, so gepanzert gegen Poesie, daß selbst Apollo nur vergeblich einen Pfeil dagegen abdrückte. Aber er hat gewiß in seiner Jugend viel Unglück mit den Weibern gehabt, denn das geht deutlich aus dem Groll hervor, den er gegen sie hegt. – Keinen gibt's unter uns, den nicht einmal eine ähnliche Wunde geschmerzt hätte. – Aber, komm jetzt, guter Junge! Schon versammeln sie sich in der Halle, Männer und Weiber, – ob sie gleich Plagen für uns sind, kämen wir doch schlecht ohne sie zurecht: aber da tönt die verwünschte Glocke schon wieder. Wir müssen gehen – tut nichts – heute gegen Abend wird sich schon irgendwo ein ruhiger Winkel finden, wo ich Dir dann alles übrige erzählen werde.« Dreizehntes Kapitel. Die reichbesetzte Tafel im Herrenhause, die Unzahl von Gästen, die sich in der Halle gütlich taten, ,die weit größere Zahl von minder angesehenen Freunden, Bekannten und Dienern aller Art, die draußen bewirtet wurden, wie auch die Menge von ärmeren, weniger beachteten Besuchern, die von allen Ortschaften auf zwanzig Meilen in der Runde herbeigeströmt waren, um sich von dem alten Udaller bewirten zu lassen – dies alles setzte Triptolemus Yellowley in Erstaunen und weckte in ihm Zweifel, ob es auch geraten sei, dem gastfreien Spender aller dieser Herrlichkeiten eine gänzliche Umwandlung der Sitten und Gebräuche seines Landes in Vorschlag zu bringen. Freilich war er klug genug, sich zu sagen, daß ihm all die anwesenden Gäste, den freigebigen Wirt nicht ausgenommen, dessen übertriebene Gastfreundschaft, nach Yellowleys Ansicht, für praktischen Sinn nicht sonderlich sprach, »das Wasser nicht reichen« konnten. Aber jeder Amphitryon übt, so lange man bei ihm speist, eine gewisse Herrschaft über die Gemüter seiner Gäste, und lassen Speise und Trank nichts zu wünschen, so muß man zu seinem Verdrusse, wenn nicht seiner Demütigung wahrnehmen, daß weder Gelehrtheit noch Kunst, ja nicht einmal äußerer Rang solchem Spender gegenüber die gewohnte und auch natürliche Herrschaft geltend machen können – wenigstens nicht früher, als bis der Kaffee serviert worden ist, Triptolemus fühlte das recht wohl; nichtsdestoweniger ließ es ihm keine Ruhe, die großen Worte, die er seiner Schwester und seinem Reisegefährten gegenüber gebraucht hatte, wenigstens einigermaßen zu ihrem Rechte zu verhelfen, hatte er sie doch immer schon verstohlen von der Seite angeguckt, um zu ermitteln, ob er nicht in ihrer Achtung schon dadurch, daß er seine verheißene Strafpredigt über die auf Shetland noch vorhandene Rückständigkeit in allen Dingen noch immer nicht hielte, gesunken wäre. Aber Baby-Barbara hatte viel zu viel zu rechnen und zu überschlagen, was bei solchem Mahle, wie sie es wahrscheinlich noch nie gesehen, vergeudet würde, und viel zu viel sich zu verwundern über die Gleichgültigkeit des Wirtes gegen die beispiellosen Verstöße, die seine Gäste sich gegen alle Regeln der Höflichkeit zu Schulden kommen ließen, indem sie bald Wein über Wein, bald allerhand neue Schüsseln, die sehr gut für den Abendtisch hätten bleiben können, verlangten, zudem mit der größten Ungeniertheit, als ob schon ein halbes Dutzend andere Gäste darüber her gewesen wäre. Was die sparsame Schwester ebenfalls nicht wenig verdroß, war, daß sich kein Mensch – auch der Wirt nicht – darum kümmerte, ob die Schüsseln auch wirklich leer, die Teller auch richtig abgegessen würden – usw. – kurz, Baby-Barbara war von diesen ihrem Sinne näher liegenden Dingen, die in ihren Augen nicht bloß aller häuslichen, sondern auch aller gesellschaftlichen Sitte Hohn sprachen, so alteriert, daß sie sich nicht darum scherte, ob ihr Bruder die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, in ihrer ganzen Größe, und jetzt oder später, durchführen werde oder nicht. Auch Mordaunt Mertoun hatte ganz andere Dinge im Kopfe, als Abschaffung shetländischer Rückständigkeit, Einführung neuer Pflugmethoden usw. Er saß zwischen zwei schönen Mädchen von Thule, die ohne Groll darüber, daß er erst vor kurzem noch den Töchtern des Udallars den Hof gemacht, sich königlich darüber freuten, daß er ihnen jetzt mehr Aufmerksamkeit erwies als jenen, daß er sich beim Essen als ihren Ritter aufspielte, und daß sie mit aller Wahrscheinlichkeit rechnen durften, von ihm am Abend zu Tanze geführt zu werden. Mordaunt indessen ließ, während er seinen schönen Nachbarinnen alle Aufmerksamkeit erwies, zu denen gesellschaftliche Pflichten nötigten, die ihm abspenstig gewordenen Freundinnen, wenn er es sich auch nicht merken ließ, nicht aus dem Auge, so wenig wie ihren Vater. Allein, wenn er auch in den Gesichtszügen Minnas wie Brendas manches zu lesen meinte, was ihm Anlaß zu peinlichen Betrachtungen gab, so zeigte der alte Udallar keinerlei Unterschied gegen früher, es sei denn, daß man in seiner Fröhlichkeit ein gewisses lärmendes Uebermaß hätte finden wollen. Kapitän Cleveland saß zwischen den beiden Schwestern und überbot sich in Aufmerksamkeiten gegen sie; Mordaunt seinerseits saß so, daß er alles bemerken konnte, was zwischen ihnen vorging, auch manches von dem hören konnte, was zwischen ihnen gesprochen wurde. Zumeist schien aber Cleveland sich um die ältere Schwester zu bemühen, was der jüngeren, deren Auge, und zwar sichtlich wiederholt mit einem Ausdrucke von Bedauern, wenn nicht gar wehmütiger Erinnerung an frühere, freundlichere Tage, nach der Stelle hin schweifte, wo Mordaunt saß, vielleicht nicht so recht auffiel, während es diesen mit Staunen und Verdruß erfüllte, daß gerade die ältere, ernstere Schwester, die Freundin der Einsamkeit und des Wissens, die so gern allein durch die stillen Täler wandelte, die aller lauten, seichten Fröhlichkeit so abhold war, deren Charakter, um es kurz zu fassen, im schroffen Gegensatze zu einem Manne, wie diesem kecken, rauhen, oberflächlichen Kapitän Cleveland stand, ihm trotzdem nicht allein Auge und Ohr lieh, während er neben ihr bei Tische saß, sondern dies mit einem so ungeteilten Interesse tat, daß Mordaunt, der ihr Wesen und ihre Art doch recht gut kannte, sich der Vermutung, daß der Fremde sich ihrer Gunst in hohem Maße erfreue, nicht länger verschließen konnte... Grimm und Haß gegen den Mann, der ihn aus diesem Herzen verdrängt hatte einerseits, Zorn über den Unbedacht des Mädchens anderseits, entflammten sein Herz. Und doch waren beide Empfindungen so scharf-subjektiver Art, daß sie nicht als unbedingt gerecht bestehen konnten; denn als Nebenbuhler urteilte er zu streng über den Kapitän. War auch sein Verhalten zu ungezwungen, um nicht zu sagen ungeschliffen, so hatte dies bei so einfachen Leuten, wie den damaligen Bewohnern der Shetlandsinseln, wenig auf sich; anderseits waren die derbe Offenheit bei diesem Seemanne, sein natürlicher Scharfsinn, sein absonderlicher Humor und das blinde Vertrauen auf sich selbst, Eigenschaften, die bei dem schönen Geschlecht gemeinhin Glück machen. Weit mehr aber irrte er noch in der Ansicht, daß ein solcher Mann einem Mädchen wie Minna Troil wegen der Widersprüche, die ihrer beider Charakter aufwies, zuwider sein müßte. Bei einer größern Dosis von Weltkenntnis hätte er sich vielmehr gesagt, daß Sympathien keimen nicht bloß zwischen Personen von scharf abweichender Gesichtsfarbe und Gestalt, sondern vielleicht noch öfter zwischen Personen von abweichenden Anschauungen, anderer Geschmacksrichtung, anderer Beschäftigung, anderer Sinnesart – ja, ich meine nicht über das Ziel hinauszuschießen, wenn ich behaupte, daß zwei Dritteile der menschlichen Ehen zwischen Individuen geschlossen werden, die – a Priori zu urteilen, – durchaus nichts aufweisen können, was sie für einander geschaffen erscheinen ließe. Es wird nicht schwer halten, einen sittlichen Grund für dieses scheinbare Mißverhältnis in der weisen Einrichtung der Vorsehung aufzufinden, deren Absicht es ohne Zweifel ist, in der menschlichen Gesellschaft im allgemeinen ein Gleichgewicht von Witz, Gelehrsamkeit und liebenswürdigen Eigenschaften aller Art aufrecht zu erhalten. Denn was wäre die Welt, wenn sich nur Verstand mit Verstand, Gelehrsamkeit mit Gelehrsamkeit, Liebenswürdigkeit mit Liebenswürdigkeit, ja Schönheit nur mit Schönheit paarten. Springt es nicht in die Augen, daß, wenn die auf niedrigeren Stufen stehenden Mitglieder der menschlichen Gesellschaft: als Toren, Unwissende, Pöbelhafte und Mißgestalten (beiläufig gesagt, bei weitem der größere Teil) zu einer ausschließlichen Verbindung untereinander verdammt wären, diese sowohl dem Innern, als dem Aeußern nach, endlich zu Orang-Utans herabsinken würden? – Wenn wir also Strenges mit Zartem sich Paaren sehen, dürfen wir allerdings das Schicksal des leidenden Teils bedauern, müssen aber darum nicht weniger das geheimnisvolle Wirken einer weisen Vorsehung bewundern, die das moralische Gute und Böse im Leben gleichmäßig verteilt, die einer durch die Sinnesart ihres Oberhauptes unglücklichen Familie durch die Frau einen Zusatz von edlerem Blute spendet, um den Nachkommen wenigstens von einer Seite jene Sorgfalt und Liebe zu sichern, die den Gesetzen der Natur nach von beiden Teilen ausgeübt werden sollten. Ohne diese häufigen Verbindungen, – in welchem Mißverhältnis sie uns auch auf den ersten Blick erscheinen mögen, könnte die Welt das nicht sein, wozu sie von der ewigen Weisheit bestimmt ward: ein Ort der Prüfungen und der Leiden, wo selbst die ärgsten Uebel gemildert werden durch Palliative, die sie für geduldige und demutsvolle Seelen erträglich machen; hingegen auch die höchsten Segnungen von einer unentbehrlichen Mischung von Bitterkeit nicht frei bleiben. Kein Sterblicher, selbst in der glücklichsten Ehe und im Besitz eines wirklich geliebten Gegenstandes, findet alle die Eigenschaften vereint, deren Besitzes er sich vermutet hatte; sondern gelangt zuletzt immer zu der Ueberzeugung, daß er allzuhohen Hoffnungen Raum gegeben und das Luftschloß seines Glücks auf einem Regenbogen erbaut hatte, der sein Dasein nur der augenblicklichen Beschaffenheit der Atmosphäre verdankte. So hätte auch Mordaunt, wäre er mit der Welt und mit dem Lauf menschlicher Dinge mehr bekannt gewesen, sich wenig darüber gewundert, daß ein Mann wie Cleveland, hübsch, kühn und lebhaft, – ein Mann, der viele Gefahren bestanden hatte und doch nur wie im Scherze davon erzählte, einem Mädchen von Minnas phantasiereichem Gemüt als das Ideal eines Mannes erscheinen mußte; zumal die derbe Offenheit seines Wesens, wenn auch fern von Feinheit, doch auch ebenso entfernt von Heuchelei zu sein schien und ihm, trotzdem sein Sinn von äußerem Zwange keineswegs eingeengt zu sein schien, doch natürlicher Verstand und Lebensart genug eigen zu sein schienen, den guten Eindruck, den er einmal hervorgebracht, wenigstens, was das Aeußere betraf, aufrecht zu erhalten. Da wir nun einmal eine gewisse Vorliebe fühlen für die dunkelgelockte Schönheit, von der hier die Rede, so haben wir uns diese Abschweifung erlaubt, um eine Weise zu rechtfertigen, die, wie wir gern zugeben, in einer Erzählung wie der vorliegenden, nicht recht natürlich scheinen mag, obgleich sie im allgemeinen Leben häufig genug getroffen wird – Minnas scheinbare Ueberschätzung nämlich der Talente und Vorzüge eines hübschen jungen Mannes, der ihr seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit widmete, und dessen Huldigung ihr den Neid fast aller ledigen weiblichen Wesen ihrer Kreise eintrug. Jedenfalls trifft, wenn Leser oder Leserin den Charakter des Mädchens trotz all dem hier Gesagten, noch immer nicht anders als im Widerspruch zur Natur finden sollten, nicht uns die Schuld, die wir die Tatsachen nur berichten, wie wir sie finden, und erheben keinen Anspruch auf die Befugnis des Erzählers, Vorgänge, die von der Natur abzuweichen scheinen, derselben näher zu bringen oder das unbeständigste aller in der Schöpfung vorhandenen Dinge, das Herz eines schönen und bewunderten weiblichen Wesens beständig zu machen. Die Notwendigkeit, jene Lehrmeisterin aller freien Künste, kann uns auch zu Schülern in der Verstellungskunft machen; und Mordaunt, obgleich noch Neuling im Leben, ließ sich nicht nötigen, aus ihrem Unterricht Nutzen zu ziehen. Es lag klar am Tage, daß er, um das Benehmen derjenigen, auf die seine Aufmerksamkeit gerichtet war, beobachten zu können, sein eigenes im Zaume halten und sich, wenn auch nur zum Schein, mit seinen beiden Nachbarinnen so angelegentlich unterhalten müsse, daß Minna und Brenda die Ueberzeugung gewannen, er sei gegen alles, was ihn sonst umgab, völlig gleichgültig. Das offene, heitere Wesen der beiden Mädchen Maddie und Clara Greatsettars, die als reiche Erbinnen auf der Insel bekannt waren und sich glücklich schätzten, den wachsamen Augen ihrer alten Tante, der Lady Glowrowrum, entronnen zu sein, kamen Mordaunts Bemühen, sich zu amüsieren, auf halbem Wege entgegen, und bald war man in einer lustigen Unterhaltung begriffen; dabei unterließ Mordaunt, soviel Witz er auch den jungen Damen gegenüber aufbot, nicht, von Zeit zu Zeit, wenn auch nur verstohlene, Blicke hinüber nach den Töchtern von Magnus Troil zu senden, – und immer noch schien es, als ob Minna, ausschließlich mit ihrem Nachbar Cleveland beschäftigt, für nichts anderes um sie her Aug und Ohr habe, Brenda hingegen, je mehr seine Aufmerksamkeit sich von ihnen abwandte, desto schwermütiger und ängstlicher auf die Gruppe schaute, zu der Mordaunt jetzt gehörte. Die Verlegenheit und Unruhe, die er in diesen Blicken bemerkte, rührten sein Herz, und er nahm sich vor, jede Gelegenheit wahrzunehmen, die sich ihm zu einer Verständigung mit ihr bot. Fiel ihm doch auch ein, was ihm Norna gesagt, daß die beiden liebenswürdigen Mädchen in Gefahr schwebten, den Ränken des kühnen, unternehmenden Fremden zum Opfer zu fallen – und diese Erinnerung führte ihn zu dem Entschlüsse, alles an die Entlarvung dieses Menschen und die Rettung der Freundinnen zu setzen. Während er noch mit solchen Gedanken beschäftigt war, wurde das Zeichen gegeben, das den weiblichen Teil der Gesellschaft von der Tafel entfernte. Minna neigte, mit der ihr eignen Anmut und edlen Haltung, ihr Haupt gegen die Gesellschaft im allgemeinen, fügte aber einen freundlichern und besondern Ausdruck hinzu, als ihre Blicke Cleveland begegneten. Brenda machte mit einem Erröten, das, wenn sie den Augen anderer ausgesetzt war, jede, selbst die unbedeutendste ihrer Bewegungen zu begleiten pflegte, eine ähnliche, durch ihre Verlegenheit aber ungeschickter ausfallende Verbeugung, und wieder glaubte jetzt Mordaunt zu bemerken, daß ihr Auge ihn in der Mitte dieser zahlreichen Gesellschaft suchte; zum erstenmal wagte er es, ihrem Blicke zu begegnen, ja ihn zu erwidern; ein Unterfangen, das die Glut auf den Wangen des Mädchens Wohl zu steigern, aber einen Anflug von Mißvergnügen darüber zu breiten schien. Die Männer gaben sich den Freuden des Bechers mit allem Eifer hin, den die Sitte jener Zeit verlangte. Magnus Troil munterte durch Lehre und Beispiel auf, die Zeit zu benutzen, da man ja, sagte er, bald von den Frauen zum Tanze gerufen werden würde. Zugleich winkte er einem alten grauköpfigen Diener in Schifferstracht, der neben anderen Geschäften auch das eines Kellners versah ... »Erik Scambester,« sagte er zu ihm, »hat der muntere Seemann von Canton seine Ladung an Bord?« – »Bis unter Deck, Herr!« antwortete der Ganymed von Burgh-Westra, »mit gutem Branntwein, Jamaikazucker, portugiesischen Zitronen, Muskatnüssen, Schiffszwieback und Quellwasser.« Eine Lachsalve begrüßte diesen regelmäßig wiederkehrenden Scherz zwischen Udaller und Kellermeister, die ständige Vorrede und Einleitung zu einer Punsch-Bowle von ungewöhnlicher Größe, vor Jahren gestiftet von einem Kapitän der westindischen Kompagnie, der auf der Heimfahrt von China durch widrigen Wind nach Norden und in die Bucht von Lerwick verschlagen worden war, wo er, ohne es mit den Abgaben dafür allzu genau zu nehmen, einen Teil der Ladung losgeschlagen hatte. Für mancherlei Gefälligkeit, die Magnus Troil dem Kapitän erwiesen hatte, war ihm von diesem bei der Abfahrt die mächtige Bowle zum Präsent gemacht worden, unter deren Last der alte Erik Scambester zu erliegen drohte, bei deren Anblick aber allgemeiner Jubel erschallte. Gästen, die sich in der Nähe dieses Punschmeeres befanden, wurde ihr Anteil von der gastfreien Hand des Udallars in großen Pokalen dargereicht, während die entfernteren, ihre Becher vermittels einer köstlichen silbernen Schale füllten, scherzweise die »Schaluppe« genannt, die dann und wann herumgereicht wurde und durch ihre Reisen zu manchen Spaßen Anlaß gab. Der Handel der Shetländer mit fremden und aus Westindien zurückkehrenden Schiffen hatte längst bei ihnen den allgemeinen Gebrauch des trefflichen Getränkes eingeführt, mit dem jetzt »der muntere Seemann von Canton« so reich beladen war; auch verstand kein Mann von der Inselgruppe von Thule besser die reichen Ingredienzien zu mischen als der alte Erik Scambester, bekannt auf der ganzen Inselflur unter dem Namen »der Punschmacher.« Das edle Getränk begann seine »illuminierende« Wirkung zu äußern, so daß es nicht lange mehr dauerte, bis allerhand alte nordische Trinkgesänge angestimmt wurden, aus denen sich erkennen ließ, daß die Shetländer, wenn auch infolge mangelnder Uebung der kriegerischen Tugenden verlustig, die ihre Ahnen in so hohem Maße auszeichneten, wenigstens noch immer an jenen Freuden Walhallas regen und kräftigen Anteil nehmen konnten, die durch den übermäßigen Genuß von Met und Hausbier geweckt und durch Odin denen verheißen wurden, die mit ihm sein skandinavisches Paradies teilten. Auch der Schüchterne fand schließlich beim Klang der Becher und Lieder Mut, und der Wortkarge wurde geschwätzig, bis zuletzt niemand mehr zuhörte, sondern alle durcheinander schwatzten. Jeder ritt sein Steckenpferd und ließ sich als fescher und schneidiger Reiter bewundern: so der kleine Barde, der sich dicht an unsern Freund Mordaunt drängte, in der offenkundigen Absicht, ihn über all seine Bekanntschaft mit den großen Geistern der Zeit zu unterrichten – so auch Triptolemus Yellowley, dessen Courage wuchs, als er die Scheu überwunden hatte, in die ihn Magnus Troils Reichtum und die Ehrerbietung, die ihm von allen Gästen bezeugt wurde, versetzten – und der es nun unternahm, mit all den Meliorationsideen, mit denen er sich unterwegs seinem Reisegefährten gegenüber gebrüstet, hervorzutreten, ohne an der verwunderten Miene des Udallars Anstoß zu nehmen. Diese Ideen aber, wie auch die Aufnahme, die ihnen von seiten Magnus Troils zuteil wurde, müssen wir in das nächste Kapitel verweisen. Vierzehntes Kapitel. Wir verließen die Gesellschaft bei dem Zechgelage, in wilder Ausgelassenheit. Mordaunt, der wie sein Vater den Becher mied, nahm keinen Teil an der Fröhlichkeit, die der »muntre Seemann« mitsamt der »Schaluppe« verbreitete, bildete aber in seiner Trübnis ein um so willigeres Objekt für den redseligen Halcro, der sich an ihn anklammerte, wie die der Beute sichre Nebelkrähe an das sieche Lamm. Aber wie alles in der Welt, hätte auch Halcros Bericht über seinen freundlichen Schneiderwirt in Russel-Street mit allen Anhängseln über Kleidung und Moden und den Lebensbeschreibungen von fünf seiner engern Verwandten sein Ende gefunden, wäre er nicht durch Magnus Troils überlaute Stimme kurz vorher jäh unterbrochen worden .... »Was hat denn bloß unsern alten Magnus so in Hitze gebracht? Man sollte schier meinen, als wolle er seine Stimme gegen einen Sturm aus Nordwest versuchen!« meinte Halcro bei sich, Ueberlaut schrie er freilich, der alte Udaller, als ihm die Geduld riß bei den Meliorationsplänen, die ihm der Lord-Kämmerlings-Substitut jetzt rücksichtlos aufdrängen wollte... »Bäume, Herr Kämmerlingsknecht,« rief er: »kein Wort mag ich davon hören... wir fragen den Teufel danach und wenn kein einziger auf der Insel wächst, hoch genug, daß ein Narr daran baumeln könnte. Wir wollen bloß Bäume haben, wie sie in unseren Häfen wachsen – Raaen aus Zweigen und Tauwerk als Blätter,« »Aber die Austrocknung des Braebaster-Sees, von der ich sprach, Magnus Troil,« versetzte der beharrliche Verwalter, »und die meiner Ansicht nach von äußerster Wichtigkeit ist? ... Es gäbe zwei Wege, sie zu bewirken: die Ableitung des Wassers ins Linklater-Tal oder durch Stauung des Scalmester-Baches . . .« »Ich wüßte noch einen dritten Weg, Herr Yellowley,« fiel ihm Magnus Troil ins Wort. »Ich nicht, beim besten Willen nicht,« entgegnete Triptolemus mit einer Harmlosigkeit, wie sie kein Spaßvogel sich besser bei jemand wünschen kann, den er abtrumpfen will; »weil doch der Braebaster-Hill gegen Süden, die Anhöhe gegen Norden aber, deren Namen ich nicht behalten kann –« »Nichts von Hügeln und Höhen, Herr Yellowley,« unterbrach ihn Magnus Troil, »einen dritten Weg noch gibt es, den See abzuleiten, und kein anderer soll, so lange ich lebe, versucht werden. Der Lord Kämmerer und ich, sagt Ihr, wären die gemeinschaftlicher Besitzer davon – mag sein! – Seht, jeder von uns braucht nur eine gleiche Quantität Branntwein, Zitronensaft und Zucker in den See zu tun, – ein Paar Schiffsladungen reichten hin dazu – und wenn wir dann alle muntern Udallars rund herum zu Gaste bitten, so wird, ich stehe Euch dafür, in vierundzwanzig Stunden trockner Grund und von dem Braebaster keine Spur mehr zu sehen sein.« Ein lautes Beifallsgelächter antwortete auf diesen für Zeit und Ort so gut gewählten Scherz und brachte Triptolemus zum Schweigen. Eine lustige Gesundheit ward ausgebracht, ein munteres Lied angestimmt – das »Schiff« lud wieder aus – die »Schaluppe« machte ihre Runde, – das Duett zwischen Magnus Troil und Triptolemus, das durch seine überwiegende Lautheit die Aufmerksamkeit der Gesellschaft während eines Augenblickes ausschließlich beschäftigt hatte, ging in dem allgemeinen Gesprächschaos unter, und der, Poet Halcro suchte sich der Ohren seines jungen Freundes Mordaunt wieder zu bemächtigen. »Wo blieb ich denn?« fragte er in einem Tone, der seinem ermüdeten Zuhörer deutlicher verkündetem, als Worte es zu tun vermocht hätten, wieviel von seiner Geschichte noch zu erzählen übrig sei ... »Ach ja, ich weiß schon – wir standen gerade vor der Tür des Kaffeehauses der hitzigen Köpfe – damals hielt es ein gewisser – – – Aber die Schwerenot!« rief er ärgerlich, »hier kann man kein vernünftiges Wort mehr sprechen, – hol' der Henker den Kerl aus Schottland! Er liegt sich schon wieder mit Magnus Troil in den Haaren.« So war es in der Tat ... Fragen und Antworten, Bemerkungen und Erwiderungen wurden so lebhaft gegen einander ausgetauscht, daß der Disput einem Musketenfeuer nicht unähnlich war. »Ei, so nehmt doch Vernunft an, Herr!« rief der Udallar, »und wenn Vernunft nicht zulangt, so wollen wir Euch mit Reimen dienen – Heda, kleiner Freund Halcro!« Der kleine Sänger, mitten in dem zweiten Anfang seiner Erzählung gestört, fuhr bei dem Rufe auf, schnitt ein schlaues Gesicht, schlug mit der Hand auf den Tisch und markierte seine Bereitwilligkeit, seinem Wirte, wie es einem wohlgezogenen Gaste geziemt, den Rücken zu decken. Triptolemus erschrak ob dieser Verstärkung seines Gegners, hielt wie ein vorsichtiger General mit dem Angriff inne, den er auf Shetlands Rückständigkeit unternommen, und schwieg, bis er durch die beleidigende Frage des alten Udallars gereizt wurde: »Wo sind denn nun Eure Gründe, Herr Yellowley, womit Ihr mich vor einem Augenblick noch taub zu machen bemüht wart?« »Nur Geduld,« versetzte der Ackerbauer, »was in der Welt könnt Ihr oder sonst jemand zur Verteidigung des Dinges sagen, das Ihr in diesem verblendeten Lande Pflug nennt? Selbst die wilden Hochländer in Caithreß und Sutherland können mit ihrem armseligen Werkzeuge mehr ausrichten!« »Aber was habt Ihr denn daran auszusetzen, Herr!« fragte der Udallar, »laß mich Euren Tadel hören. Er pflügt unser Land, was verlangt Ihr mehr?« »Nur einen Stiel hat er,« antwortete Triptolemus. »Und wer zum Teufel,« rief der Poet, indem er sich bemühte, schlau dabei auszusehen, »wird zwei Stelzen nehmen, wenn er mit einer fortkommen kann?« »Oder sagt,« fuhr Magnus Troil fort, »wie wäre es dem armen Neil aus Lupneß, der bei einem Sturz von der Klippe von Neckbreckan einen Arm verlor, möglich, einen zweistieligen Pflug zu regieren?« »Das Geschirr ist von rohem Seehundsfell,« sprach Triptolemus weiter. »So spart man das verarbeitete Leder,« entgegnete Magnus Troil. »Er wird von vier armseligen Ochsen gezogen, die nebeneinander gespannt sind, und zwei Weiber müssen hinterdrein gehen, um die Furchen mit Schaufeln vollends zu stande zu bringen.« »Trinkt einmal drauf, Herr Yellowley,« erwiderte der Udallar, »und laßt's Euch nicht verdrießen. – Unser Vieh ist zu mutig, als daß man eins hinter das andere spannen könnte; unsere Männer sind zu wohlerzogen, als daß sie die Feldarbeit ohne ihre Weiber verrichten möchten; unser Pflug pflügt unser Land – unser Land trägt uns Gerste; wir brauen unser Bier, essen unser Brot, und heißen Fremde dazu willkommen. Auf Euer Wohlsein, Herr Yellowley!« Dies wurde in einem Tone gesprochen, der den Streit als beendigt zu erklären schien, und sogleich flüsterte auch Halcro seinem Freunde Mordaunt ins Ohr: »Die Sache ist abgemacht, und wir können nun wieder zu unserm Thema zurückkehren. – Ach richtig! wo blieb ich denn gleich? – Tim Timblethwaite schritt durch die Menge, kühn wie ein Löwe, und ich hinterher, ein kleines Päckchen unter meinem Arm, das ich zu tragen übernommen hatte, teils um meinem Hauswirt gefällig zu sein, denn der Ladendiener war gerade nicht bei der Hand, teils aber auch, daß ich um so sicherer eingelassen würde, denn nicht jedermann hatte Zutritt, wie begreiflich.« – Aber schon wieder wurde die Erzählung durch die laute Stimme des alten Udallars abgebrochen ... »Ich will nichts weiter davon hören, Verwalter,« rief er. »So möchte ich doch wenigstens noch etwas über die Pferdezucht sagen,« versetzte Triptolemus in einem fast um Gnade flehenden Tone ... »Eure Pferde hier, mein werter Herr! gleichen an Größen den Katzen und an Wildheit den Tigern,« »Was ihre Größe betrifft,« erwiderte Magnus, »so kann man um so leichter auf und ab kommen –« (wie Triptolemus diesen Morgen selbst erfahren, dachte Mordaunt) »wem sie zu wild sind, der braucht sie ja nicht zu besteigen.« Selbstbewußtsein verhinderte Yellowley, hierauf etwas zu erwidern. Er richtete einen kläglichen Blick auf Mordaunt, wie wenn er ihn bitten wollte, seinen Sturz von heute früh geheim zu halten; und der Udaller, seinen Vorteil gewahrend, ob ihm gleich die Ursache desselben nicht bekannt war, setzte ihm zu wie ein Mann, der sein ganzes Leben hindurch nicht gewohnt gewesen, Widerstand zu begegnen oder gar zu dulden.« »Beim Blute St. Magnus des Märtyrers,« rief er aus, »Ihr seid ein schlauer Gesell, Herr Verwalter! Da kommt Ihr zu uns her aus einem fremden Lande, kennt weder unsere Gesetze, unsere Sitten, noch unsere Sprache, und doch wollt Ihr das Land regieren und uns alle zu Euren Sklaven machen.« »Zu meinen Schülern nur, werter Herr!« sagte Yellowley, »und das allein zu Eurem eigenen Vorteil,« »Wir sind zu alt, um in die Schule zu gehen,« antwortete der Shetländer. »Noch einmal laßt Euch sagen, wir wollen unser Korn säen und ernten, wie es unsere Väter getan – unser Brot essen, und unsere Türen offen halten wie sie. Fehlt's noch irgendwo in unseren Sitten, so werden wir das schon bei Zeit und Gelegenheit richtig ausgleichen. – Aber des gesegneten Täufers Feiertag wurde für fröhliche Herzen und flinke Beine geschaffen. Wer noch ein Wort von Gründen, wie Ihr es zu nennen beliebt, oder von ähnlichen Dingen spricht, soll ein Maß Seewasser verschlucken, – mein Wort drauf! – Und nun hier das gute Schiff, der muntere Seemann von Canton, noch einmal gefüllt zum Nutzen derer, die ihm treu bleiben! den andern sei es überlassen, sich nach dem Fiedelbogen der Geiger zu drehen, die uns da eben lustig aufgefordert haben. Allen Mädchen brennt's schon unter den Füßen, dafür stehe ich. – Nun, Herr Yellowley, ein freundlich Gesicht! – wie! spürt Ihr etwa die Wirkung »des munteren lustigen Seemanns,« – (und in der Tat zeigte Triptolemus etwas Unsicherheit in seinen Bewegungen, als er aufstand, um seinen Wirt zu begleiten) – »aber schadet nicht, wir wollen Euer schwaches Untergestell doch zum Tanzen bringen; – komm, komm, faß mich an, Triptolemus, – sonst trippelst Du, alter Triptolemus, ha, ha ha ha!« Und nun segelte der mächtige, von Wind und Wetter mitgenommene Rumpf des Udallers, wie ein Kriegsschiff, das hundert Stürmen getrotzt, mit seinem Gaste im Schlepptau davon. Der größere Teil der Gesellschaft folgte ihrem Führer mit lautem Jubel; und nur einige, dem Becher sehr ergebene Trinker blieben zurück, die Wahl, die ihnen ihr Wirt gelassen, benutzend, um den muntern Seemann seiner neuen Ladung zu entledigen und die Becher fleißig zu leeren aufs Wohl des abwesenden Wirtes und auf das seines Hauses, was nebst andern freundlichen Wünschen als eine Apologie für den immer neu gefüllten Becher angesehen werden konnte. Die übrigen erreichten bald den Tanzraum, einfach wie die Sitte der Zeit und des Landes. Gesellschafts- und Tanzsäle, außer in den Häusern der Adeligen, waren selbst in Schottland noch unbekannt; um so mehr war dies in Shetland der Fall; aber ein langes, niedriges, unregelmäßiges Gemach, dann und wann als Waren-Niederlage oder als Aufbewahrungsort für allerhand Gerät benutzt, war der ganzen Jugend von Dunroßneß als der Schauplatz jener fröhlichen Tänze bekannt, die bei Magnus Troils Festlichkeiten immer unter Freude und Jubel stattfanden. Der erste Anblick dieses Raumes hätte eine Tanzgesellschaft der Gegenwart sicher zurückgeschreckt. Es war, wie gesagt, ein niedriger Raum, spärlich durch Lampen, Lichter, Schiffslaternen und ähnliche verschiedenartige Beleuchtungsanstalten erhellt, die nur ein dämmerndes Licht, sowohl auf den inneren freien Raum als auf die rund umher aufgehäuften Waren und Gerätschaften, Erntefrüchte, für den Wintervorrat angesammelt, oder Gegenstände warfen, die Neptun auf Kosten verunglückter Schiffe gezollt hatte, oder im Tausch gegen Fische oder andere Produkte seiner Besitzungen dem Hausherrn zugefallen waren, der, wie die meisten Eigentümer damaliger Zeit, zugleich Kaufmann und Landwirt war. Alle diese Kisten, Kasten und Ballen waren nun beiseite geschoben und aufeinander gehäuft worden, um Platz für die tanzenden Paare zu schaffen, die leicht und froh, als wäre ihnen der glänzendste Saal im Kirchspiel von St. James eingeräumt gewesen, ihre Nationaltänze mit liebenswürdigster Grazie aufführten. Die dem Tanze zuschauende Greisengruppe mit ihren stark knochigen, durch den Kampf mit den Elementen verhärteten Gesichtern, dem rauhen Haar und Bart, den viele noch nach altnorwegischem Brauch trugen, sah ganz aus wie eine Schar ältlicher, die Spiele der Seenymphen belauschenden Tritonen. Die jungen Leute dagegen waren ungemein hübsch, schlank und wohlgebaut; die Männer mit langem, schönem Haar und von frischer roter Gesichtsfarbe, die bei dem weiblichen Teil in ein Kolorit voll unendlicher Zartheit überging. Bei ihrem guten musikalischen Gehöre begleiteten sie das Spiel eines Musikchors, dessen Klänge sich wohl anhörten, aufs genaueste, während die Alten entweder kritische Betrachtungen über die Tänzer anstellten, oder auch, von dem noch immer umherkreisenden Becher belebt, mit den Füßen den Takt traten. Mordaunt blickte auf die Szene allgemeiner Freude mit schmerzlichem Gedanken an die bevorzugte Stelle eines Vortänzers, die ihm früher immer zugefallen war und die jetzt dem Kapitän Cleveland gehörte. Bemüht indessen, diese Kränkung sich nicht merken zu lassen, trat er jetzt zu seinen niedlichen Nachbarinnen, die ihn bei Tische so gern gesehen hatten, in der Absicht, eine von ihnen zum Tanz aufzufordern; aber die strenge alte Tante, die schon erwähnte Lady Glowrowrum, war durchaus nicht geneigt, die bei Tische geführte Unterhaltung weiter spinnen zu lassen, sondern erklärte Mordaunt, nachdem sie ihm für seine Artigkeit gedankt, daß ihre beiden Nichten, die mißvergnügt und schweigend neben ihr saßen, schon für den ganzen Abend versagt seien; was er aber bald als Ausflucht erkannte, denn die beiden Schwestern nahmen gleich darauf an dem Tanze teil mit den ersten besten Tänzern, die sie dazu aufforderten. Erbittert über diese offenbare Feindschaft, und nicht willens, sich einer zweiten solchen Kränkung auszusetzen, zog sich Mordaunt vom Tanze zurück, mischte sich unter die Zuschauer am untern Ende und versuchte dort, den Beobachtungen anderer entzogen, das Gefühl seiner Kränkung mit aller Philosophie seines Alters, nämlich gar keiner, – zu bekämpfen. Fünfzehntes Kapitel. Der Jüngling, sagt Moralist Johnson, kümmert sich nicht um das Steckenpferd des Knaben, der Mann nicht um die Geliebte des Jünglings; und Mordaunt, da er sich von dem fröhlichen Tanze ausgeschlossen sah, mag manchem Leser lächerlich erscheinen, und dennoch würde sich derselbe in einer ähnlichen Stimmung befinden, wenn er sich in einem geselligen Kreise, freilich anderer Art, plötzlich von dem gewöhnlichen Platze, den er in demselben behauptete, verdrängt sähe. Es fehlte indes auch nicht an Unterhaltung für solche Gäste, die entweder dem Vergnügen des Tanzes abhold oder so unglücklich gewesen waren, keine Tänzerin nach ihrem Gefallen zu finden. Halcro, jetzt vollkommen in seinem Elemente, hatte ein Auditorium um sich versammelt, dem er seine Dichtungen, mit dem ganzen Enthusiasmus des alten ruhmgekrönten, von ihm vergötterten Dryden vordeklamierte, und von dem er dagegen all jene Lobsprüche entgegennahm, die dem Rezitator eigener Gedichte wenigstens so lange, als seine Ohren sich noch im Bereich der Kritik befinden, gespendet zu werden pflegen. Halb zuhörend, halb in seine eigenen Betrachtungen versunken, stand Mordaunt Mertoun nahe der Zimmertür und in der äußersten Reihe des kleinen Kreises, der sich um den alten Halcro gebildet hatte, während dieser – nach einer dumpfen, wilden, einförmigen Weise, die nur zuweilen durch die Bemühung des Sängers, gewissen Stellen eine größere Anziehungskraft oder Nachdruck zu geben, Veränderung erlitt – die folgende Nachahmung eines nordischen Kriegsgesanges vortrug: Blutrot sieht man die Sonne aufgeh'n, Bang, drückend ist des Windes Weh'n; Von Klippen steigt der Aar empor, Der Wolf kommt aus der Kluft hervor; Es späht der Hund aus dem Versteck, Der Rabe lauscht auf seinem Fleck; Man hört nur Kreischen, Krächzen, Stöhnen, Und jedes sagt in wilden Tönen: Ei, bald zum Totenmahl es geht! Des blonden Harold Flagge weht! Die Mähne fliegt im Winde wild, Es glänzt der Helm, es blitzt der Schild, Und mancher Arm die Streitaxt schwingt, Die durch den Wald von Lanzen dringt. Der Rosse Wiehern, Waffenklang Tönt durch die dichten Reih'n entlang; Führer rufen, Cymbeln klingen, Laut hört man den Barden singen: Kommt, Ihr Tapfern, Mann bei Mann; Norweger! kommt zum Kampf heran! Denkt nicht an Schlummer, nicht ans Mahl, Erwäget Vorteil nicht, noch Zahl; Muntre Schnitter, kommt, zu mäh'n Die Halm' im Tal und auf den Höh'n; Dicht oder dünn, hart oder weich, Fall' alles unter Eurem Streich. Vorwärts mit der breiten Schneide, Bringt der Ernte blut'ge Beute! Vorwärts, Fußvolk, – Reitersmann! Auf, Norweger! – Mutig dran! Die Ihr gewählet Kampf und Schlacht, Euch Odins Tochter treu bewacht, Hört, was sie Euch prophezeit: Sieg und Reichtum, Herrlichkeit Und Walhallas rauschend Heil Wird Euch Tapfern dann zu Teil; Der Tafel und des Kampfes Freuden Wird Euch die Ewigkeit bereiten: Zum Angriff, Fußvolk, Reiterei; Kämpft wie Norweger, sterbet frei! »Die armen, unglücklichen, verblendeten Heiden,« sagte Triptolemus mit tiefem Seufzer, »da sprechen sie von ihren ewig gefüllten Metkrügen, und ich zweifle, ob sie auch nur ein Stückchen Landes bearbeiten könnten!« »Um so gescheitere Gesellen sind's gewesen, Nachbar Yellowley,« erwiderte der Poet, »wenn sie Bier ohne Gerste zu brauen verstanden.« »Gerste! hilf Himmel!« rief der Ackerbauer, »wer hörte je von Gerste hierzulande? Vierzeiliges armseliges Zeug ist alles, was sie haben, und ein Wunder ist's, daß sie je eine Aehre davon sahen. Da pflügt ihr das Land mit einem winzigen Dinge, das ihr einen Pflug nennt, – ebensogut könntet ihr es mit den Zähnen eines Kammes aufwühlen; ja, wenn man so einen echt schottischen Pflug sieht, mit einem Kerl wie Simson zwischen den Stielen, der ein Gewicht darauf legt, stark genug, einen Berg niederzudrücken, und mit zwei stattlichen Ochsen und eben so vielen breitbrüstigen Pferden bespannt, wer so etwas gesehen, kann von andern Dingen schwatzen, als von diesen alten Geschichten von Krieg und Blutvergießen, dessen die Welt schon zuviel gesehen hat.« »Ketzerei ist es,« rief der kleine Poet, sich aufblähend, als ob die Verteidigung der ganzen Inselflur auf seinen Schultern ruhe, »sein Vaterland nennen zu hören, wenn man nicht zu seiner Verteidigung bereit ist. Es gab eine Zeit, wo wir, wenn wir auch nicht gutes Bier und guten Aquavit zu brauen verstanden, doch gar wohl wußten, wo wir sie für uns bereits fertig fanden. Aber jetzt sind die Abkömmlinge von Seekönigen, Kämpen und Berserkern nicht mehr imstande, ihre Schwerter zu gebrauchen, gerade als ob es lauter Weiber waren.« »Gesprochen wie ein Engel! Du edelster aller Poeten!« rief Cleveland, der sich während einer kleiner Tanzpause dem kleinen Kreise genähert hatte, der dieses Gespräch führte, – »Die alten Kämpen, von denen Ihr uns gestern abend erzähltet, waren kräftige Gesellen, Freunde der See, und Feinde von allem, was darauf schiffte – Männer, deren Taten Stoff für die Harfe boten . . Ihre Schiffe mögen plump gewesen sein, aber wenn es wahr ist, daß sie damit bis nach der Levante segelten, so haben sicher seit Menschengedenken bessere Burschen wohl nie ihre Segel aufgezogen.« »Ja, ja,« versetzte Halcro, »in jenen Tagen konnte niemand sein Leben und sein Eigentum sein nennen, war sein Wohnsitz nicht wenigstens zwanzig Meilen von der blauen See entfernt. Wurden doch in allen Kirchen Europas öffentliche Gebete gehalten für die Befreiung vom Joch der Normannen. Und nun soll nicht einmal unsere Gerste ohne schottischen Beistand wachsen« – (bei diesen Worten warf er einen sarkastischen Blick auf den Verwalter) – »ich wollte, ich sähe die Zeit kommen, wo wir wieder unsere Waffen wider die Welt kehren können.« »Fürwahr, gesprochen wie ein Held,« sagte Cleveland. »Ja, ja,« fuhr der kleine Barde fort, »ich wollte, unsere Barken, einst die Meerdrachen der Welt, glitten noch einmal mit der rabenschwarzen Flagge über die Fluten, die Verdecke von glänzenden Waffen starrend, statt mit Stockfischen bedeckt, – mit unsern furchtlosen Händen dasjenige erringend, was der geizige Boden verweigert – jeden alten Groll, jede neue Beleidigung vergeltend – ernten, wo wir nicht gesäet, einsammeln, wo wir nimmer gepflanzt – froh und lachend durchs Leben ziehend, selbst dann noch lächelnd, wenn wir von hinnen gerufen werden.« So sprach Claus Halcro in einer gewiß ganz nüchternen Stimmung, seufzte doch sein ohnehin nicht zu den stärksten gehörendes Gehirn unter der Last von fünfzig gut eingetrichterten Gesängen nebst fünf Pokalen »Usquebaugh« und Branntwein. Cleveland klopfte ihm, halb im Ernste, halb im Scherze, wieder auf die Schulter, und wiederholte sein: »Gesprochen wie ein Held.« »Gesprochen wie ein Narr, so ist meine Meinung,« rief Magnus Troil, dessen Aufmerksamkeit durch die Heftigkeit des kleinen Poeten ebenfalls rege gemacht worden war, – »wo wollt Ihr denn kreuzen und gegen wen? wir alle, denke ich, sind Untertanen Eines Reiches, und ich gebe Euch zu bedenken, daß Euer Zug Euch leicht an den Galgen bringen könnte. Ich mag die Schotten nicht – nehmt's nicht übel, Herr Yellowley – das heißt, ich möchte sie ganz gut leiden, wenn sie ruhig in ihrem eigenen Lande blieben und uns mit unsern Sitten und Gebräuchen zufrieden ließen – dann sollten sie bis zum jüngsten Tage vor mir Ruhe haben. Mit dem, was uns, wie das Sprichwort sagt, die See spendet und das Land spendet, und was ehrliche Nachbarn uns verzehren helfen, sind wir, beim heiligen Magnus! meiner Meinung nach, fast zu glücklich.« »Ich weiß, was der Krieg ist,« nahm ein alter Mann das Wort, »und ich möchte ebenso lieb durch den Roost von Sumbourgh in einer Muschelschale oder einem noch armseligern Fahrzeug schiffen, als mich noch einmal hineinwagen.« »Und welche Kriege sahen Eure Tapferkeit?« fragte Halcro, der, ob er gleich aus Achtung seinem Wirte nicht widersprechen mochte, doch aber nicht der Mann war, so schnell seinen Satz aufzugeben. »Ich wurde gepreßt,« antwortete der alte Triton, »um unter Montrose zu dienen, als er ums Jahr 1651 hierher kam, und einen Teil von uns, mir nichts dir nichts, hinwegführte, damit uns in den Wildnissen von Strathnavern die Kehlen abgeschnitten würden. – Nie werde ich es vergessen, wie schlimm wir mit Lebensmitteln daran waren, – was hatte ich nicht gegeben für einen Mundvoll von Burgh-Westras Roastbeef – oder für ein Gericht saure Fische? – Wenn unsere Hochländer so eine Trift Ochsen einbrachten, machten wir keine Umstände damit, schossen und schlugen drauf los, jagten das Fell ab, brieten und rösteten, so wie es jedem zur Hand kam, bis wir, gerade wenn unsere Bärte am fettesten waren, plötzlich – Gott sei bei uns – ein Pferdegetrappel hörten – dann fielen einige Schüsse –eine ganze Salve folgte, – und wenn uns dann die Offiziere zu stehen geboten, die meisten von uns aber sich nach dem Wege umsahen, auf dem sie am leichtesten davon laufen konnten, brachen sie plötzlich herein, zu Pferde und zu Fuß, den alten John Urry oder Hurry, wie sie ihn nannten, an ihrer Spitze, – und jagten uns; und wir fielen, dicht wie die Stiere, die vor fünf Minuten unter unsern Schüssen und Schlägen dahinstürzten.« »Und Montrose,« fragte die sanfte Simme der reizenden Minna, »und was ward aus Montrose, und wie benahm er sich?« »Wie ein Löwe, der mit dem Jäger kämpft,« erwiderte der Alte, »aber ich blickte nicht zweimal nach seinem Wege, denn der meine lag hinter den Hügeln.« »Ihr verließet ihn also?« fragte Minna mit einem Tone tiefster Verachtung. »Es war nicht meine Schuld,« entgegnete der Alte, etwas außer Fassung; »auch war ich dort nicht aus freier Wahl; überdies, was hätte ich auch ausrichten können? liefen doch alle übrigen wie Schafe davon.« »Ihr hättet mit ihm in den Tod gehen müssen,« sagte Minna. »Um mit ihm in unsterblichen Liedern, bis in alle Ewigkeit zu leben,« fügte Claud Halcro hinzu. »Ich danke Euch, Miß Minna,« erwiderte der einfache Shetländer; »und auch Euch, alter Freund Claud! – Aber ich mag doch lieber Eure Gesundheit lebendig in diesem Becher trinken, denn als Toter von Euch besungen werden um der Ehre willen, daß ich vierzig oder fünfzig Jahre früher starb. – Aber was half es auch? Kampf oder Flucht war alles eins; – sie fingen Montrose, trotz seiner Heldentaten, und auch mich, der durchaus keine Heldentaten vollbrachte; er, der arme Teufel wurde gehangen, mich aber« – »Euch peitschten sie doch und salzten Euch ein,« rief Cleveland, dem bei der Erzählung des feigen Shetländers der Geduldsfaden riß. »Ei was, Pferde peitscht man und salzt Rindfleisch ein,« sagte Magnus. »Ihr glaubt doch nicht etwa, mit Eurer Schiffsherrnmiene unserm guten alten Nachbar Haagen die Schamröte ins Gesicht zu jagen, weil er froh ist, daß er nicht vor vierzig oder fünfzig Jahren totgeschlagen ward? Ihr habt zwar auch dem Tode ins Antlitz geschaut, mein mutiger junger Freund! aber mit den Augen eines jungen Mannes, der sich gern berühmt machen wollte; wir aber sind ein friedfertiges Volk, – friedfertig, so lange jemand friedfertig sein kann, das heißt, bis jemand unverschämt genug ist, uns oder unsern Nachbarn unrecht zu tun; geschieht das aber, so dürfte sich vielleicht das Blut in unsern Adern nicht viel kühler zeigen als das der alten Skandinavier, denen wir unsere Namen und unsere Abkunft verdanken. – Fort also jetzt zum Schwerttanz, damit sich die Fremden, die sich in unserer Mitte befinden, überzeugen, daß unsere Schwerter und unsere Hände einander durchaus nicht fremd geworden sind.« Aus einer alten Waffenkiste wurde jetzt ein Dutzend Säbel vorgeholt, deren Rostfarbe bewies, wie selten sie ihre Schneiden verließen. Damit bewaffnete sich eine gleiche Zahl junger Shetländer, an die sich unter der Anführung von Minna Troil, sechs junge Mädchen anschlossen. Das Musikchor stimmte sofort eine Melodie an, derjenigen der alten Kriegstänze gleich, wie sie vielleicht noch jetzt auf diesen entlegenen Inseln gebräuchlich sind. Der Anfang war anmutig und majestätisch; die Jünglinge hielten ihre Schwerter erhoben, ohne sonderliche Bewegung; aber die Musik und die damit übereinstimmenden Gebärden der Tänzer wurden allmählich immer belebter; sie schlugen mit ihren Schwertern taktmäßig gegeneinander, mit einer Gewalt, die diese Uebung in den Augen des Zuschauers als höchst gefährlich erscheinen ließ; obgleich die Sicherheit und die Genauigkeit, mit der die Tänzer im Takt blieben, die Gefahrlosigkeit der Schwertschläge verbürgten. Der am meisten bewunderte Teil der Darstellung aber war der Mut der Tänzerinnen, die, von den Schwertmännern umgeben, bald den Sabinerinnen in der Gewalt der Römer glichen; bald aber auch wieder, sich unter den stählernen Bogengang bewegend, den die Jünglinge gebildet, indem sich ihre Schwerter über den Häuptern ihrer schönen Tänzerinnen kreuzten, – jenen Amazonen glichen, die sich zuerst in dem phyrrischen Tanze den Begleitern des Theseus anschlossen. Aber am vorteilhaftesten zeichnete sich unstreitig Minna Troils Gestalt aus, die ganz dazu geschaffen schien, und daher von Halcro schon längst »Schwertkönigin« genannt worden war. Als letzte von allen blieb sie, als die Musik verklungen war, der Tanzregel gemäß, einen Augenblick lang auf dem Schauplatze, während die übrigen Tänzer und Tänzerinnen, die jetzt von ihrer Seite wichen, die Leibwache einer Fürstin zu sein schienen, die, sich auf ihren Wink entfernend, sie auf eine Weile in Einsamkeit läßt. Tief errötend, als schäme sie sich, der Gegenstand ungeteilter und allgemeiner Aufmerksamkeit gewesen zu sein, reichte sie mit vielem Anstande dem Kapitän Cleveland die Hand, der, obgleich er an dem Tanze keinen Anteil genommen, dennoch jetzt seine Pflicht erfüllte und sie zurück zu ihrem Sitze geleitete. Als sie an Mordaunt vorübergingen, glaubte dieser zu bemerken, daß Cleveland seiner schönen Gefährtin etwas ins Ohr flüsterte, und daß ihre eilige Antwort von einer noch größeren Verwirrung begleitet war als sie noch vor kurzem, wo sie den Blicken der ganzen Gesellschaft ausgesetzt war, an den Tag gelegt hatte. Mordaunts Argwohn wurde dadurch ungemein geweckt, denn er kannte Minnas Charakter gar wohl und wußte recht gut, mit welcher Gleichgültigkeit sie bei anderen Gelegenheiten Schmeicheleien aufzunehmen pflegte, die ihr bei ihrer Schönheit und ihrer Lage ungemein häufig gespendet wurden. »Wäre es möglich? Sollte sie wirklich diesen Fremden lieben?« war der erste trübe Gedanke, der jetzt in Mordaunts Gemüt emporstieg; – »und wenn dem so ist, was geht es mich an?« war der zweite, dem auf der Stelle die Betrachtung folgte, daß, obgleich er nie andere Rechte als die eines Freundes begehrte, die ihm jetzt entzogen schienen, er dennoch in Rücksicht auf dieses frühere Verhältnis Grund habe, über sie traurig und gegen sie aufgebracht zu sein, daß sie ihre Neigung an einen Menschen wegwerfe, den er derselben nicht würdig hielt. Es mochte ungefähr um Mitternacht sein, als ein Pochen an der Pforte des Herrenhauses, von Musik begleitet, die Ankunft neuer Gäste verkündete, denen, der gastfreien Sitte dieses Landes gemäß, sofort die Türen geöffnet wurden. Sechzehntes Kapitel. Die neuen Ankömmlinge waren, wie es bei solchen Festlichkeiten häufig, fast durch die ganze Welt zu geschehen pflegt, unter einer Art von Maskentracht versteckt, in der Absicht, jene Tritonen und Meermädchen vorzustellen, mit denen die alten Sagen und der Volksglaube die nördlichen Gewässer bevölkert. Die ersteren, von den Shetländern jener Zeit Schaupeltins genannt, wurden von jungen, grotesk gekleideten Männern, mit falschem Haar und langen Bärten von Flachs, dargestellt; sie trugen Kränze von Schilf, mit Muscheln und andern Seeerzeugnissen verziert, mit denen auch ihre hellblauen und grünlichen Mäntel, von grobem selbstgemachten Zeuge, geschmückt waren. Sie hielten Fischspeere und andere sinnbildliche Zeichen ihrer vorgeblichen Abkunft in den Händen, unter denen der klassische Geschmack von Claud Halcro, von dem dieser Zug geordnet wurden, die Muschelhörner keineswegs vergessen hatte, die zum großen Verdruß derjenigen, die in der Nähe standen, dann und wann von einigen der Seegötter laut und heiter geblasen wurden. Die Nereiden und Wassernymphen dieses Aufzugs zeigten wie gewöhnlich etwas mehr Geschmack hinsichtlich ihrer Kleidung und ihres Schmucks, als bei ihren männlichen Begleitern sichtbar war. Ein phantastischer Putz von grüner Seide und ähnlichen kostbaren Gegenständen war ersonnen worden, um dem Begriff, den man von den Seebewohnern hegte, so viel wie möglich zu entsprechen, zugleich aber auch, um die Gestalten der schönen Darstellerinnen in dem vorteilhaftesten Lichte zu zeigen; die Bänder von Muscheln, die Nacken, Arme und Knöchel der Jungfrauen schmückten, waren hie und da mit echten Perlen verziert, und das Ganze bot einen Anblick dar, der selbst dem Hofe der Amphitrite nicht zur Unzierde gereicht hätte, zumal ihm die langen vollen Locken, die blauen Augen, das schöne Kolorit und die lieblichen Gesichtszüge der Mädchen von Thule noch wesentlich zu statten kamen. Claud Halcros Muse, immer tätig bei solchen Gelegenheiten, hatte für einen passenden Gesang gesorgt, der abwechselnd von den Nereiden oder Meermädchen und von den Meermännern oder Tritonen gesungen wurde. 1. Das Meermädchen. Klaftertief aus Meeresnacht, Wo wir Perlenkränze schlingen, Und was kühn der Held vollbracht Gern in unsern Liedern singen, Wo wir hausen, und die Winde Leis in unser Ohr nur wehn, Wie die Seufzer, die so linde Um der Teuren Liebe flehn. Kinder Thules! dorther steigen Wir aus dunkler Flut empor, Einend uns mit Eurem Reigen, Und mit Eurem Freudenchor! 2. Der Triton. Vom Bänd'gen wilder Rosseschar, Deren Wut die Woge hebt, Wo vor unserm Wink sogar Selbst des Ozeans Schlange bebt; Wo, wenn Hai- und Walfisch streiten, Unser Muschelhorn erklingt, Wo wir Grabesglocken läuten, Wenn der Seemann untersinkt. Kinder Thules! dorther zogen Wir zu Eurem Lustverein, Unser Zug schnitt in die Wogen Pfluggleich tiefe Furchen ein! 3. Das Meermädchen und die Tritonen Eure Jubeltöne klingen, Bis in unsre dunkle Nacht. Denn der Wonne Klänge dringen Selbst durch wilde Wogenmacht. Ob wir in der Tiefe schweben, Ist doch Freude unser Ziel, Euren Frohsinn zu beleben, Sind wir hier mit Sang und Spiel. Kinder Thules, seht, wir steigen Aus der Meeresnacht empor, Einen uns mit Euren Reigen Und mit Eurem Freudenchor! Der Schlußchor wurde von sämtlichen Tänzern gesungen, diejenigen ausgenommen, die Muschelhörner bliesen. Dichtung sowohl als Vortrag fand bei allen, die von solchen Dingen Kenner zu sein glaubten, großen Beifall, vor allem aber bei Triptolemus Yellowley, dessen Ohr seine Lieblingsworte »Pflug und Furche« aufgefangen hatte und bei seiner Voreingenommenheit nur nach ihrer buchstäblichen Bedeutung begreifen konnte. Er erklärte daher laut und rief Mordaunt zum Zeugen: daß, obgleich es Sünde sei, so viel Flachs in Bärten und Perücken zu verschwenden, dieser Gesang dennoch die einzigen vernünftigen Worte enthalte, die er den ganzen langen Tag über gehört habe. Mordaunt aber hatte keine Zeit, dieser Aufforderung Genüge zu leisten, denn er war beschäftigt, mit größter Aufmerksamkeit die Bewegungen einer der weiblichen Masken zu beobachten, die ihm beim Eintritt ein Zeichen gegeben, und obgleich er nicht wußte, wer sie sein könnte, war er sich doch sofort klar, daß er eine Mitteilung von Wichtigkeit von ihr zu erwarten hatte. Die Sirene, die seinen Arm berührt und ihn dabei scharf angesehen hatte, war mit weit größerer Sorgfalt als alle übrigen gekleidet und in einen weiten, ihre Gestalt völlig verbergenden Mantel gehüllt, ihr Gesicht aber durch eine seidene Larve bedeckt. Mordaunt bemerkte, wie sie sich nach und nach von den übrigen Masken absonderte und endlich, gleichsam um Luft zu schöpfen, an die offenstehende Türe trat, dort wieder ernst auf ihn blickte und dann, in einem Augenblick, wo die ganze Aufmerkfamkeit der Gesellschaft mit den übrigen Masken beschäftigt war, schnell das Gemach verließ. Mordaunt säumte nicht, seiner geheimnisvollen Führerin zu folgen, die jetzt einen Augenblick lang still stand, um ihn den Weg, den sie nahm, erkennen zu lassen, dann schnellen Schrittes dem Seearm zueilte, der jetzt vor ihnen lag, und dessen kleine Sammetwellen im vollen Mondschein kräuselnd plätscherten. Der Glanz desselben, vereint mit dem starken, in der Tag- und Nachtgleiche des Sommers in diesen Regionen gewöhnlichen Zwielicht, ließ die Abwesenheit der Sonne nicht vermissen, deren Untergang auf den Wellen noch sichtbar war, während gegen Osten der Morgen schon zu dämmern begann. Mordaunt fand daher keine Schwierigkeit, seine verkleidete Führerin im Auge zu behalten, die leichten Fußes über Höhen und Tiefen voraneilte und, sich zwischen den Felsen durchwindend, den Weg nach einem einsamen Plätzchen einschlug, das, zur Zeit seines frühern Verkehrs auf Burgh-Westra, durch ihn selbst angelegt worden und von den Töchtern Magnus Troils bei günstiger Witterung gern als Aufenthalt benutzt wurde. Hier also sollte die Erklärung stattfinden; denn die Maske hemmte ihre Schritte und ließ sich nach kurzem Zögern hier nieder. Anfangs hatte er unter der Maske Norna vermutet, aber die hohe Gestalt und ihr langsamer majestätischer Gang waren von dem Wuchs und Wesen der schöner geformten Sirene völlig verschieden, die ihm mit so leichten Schritten vorangeeilt war, als sei sie tatsächlich eine Nereide, die zu lange auf dem Lande verweilt hatte und, jetzt Amphitritens Unwillen fürchtend, eilig in die Fluten zurückzukehren bemüht war. Da es nicht Norna war, konnte es, so dachte er, niemand anders als Brenda sein; und als sie Platz genommen und ihr Gesicht von der Larve befreit hatte, sah er, daß es wirklich Brenda war. Mordaunt hatte wahrlich nichts verbrochen, weshalb er ihre Gegenwart zu fürchten gehabt hätte, und dennoch, so stark ist der Einfluß der Schamhaftigkeit auf die unverdorbene Jugend beider Geschlechter, fühlte er jetzt ganz die Verlegenheit eines Menschen, der sich plötzlich vor einer, von ihm wirklich gekränkten Person befindet. Brenda zeigte nicht weniger Verwirrung. Da sie aber diese Zusammenkunft veranlaßt und die Ueberzeugung hatte, daß sie nur von kurzer Dauer sein konnte, war sie selbst wider Willen genötigt, die Unterredung zu beginnen. »Mordaunt,« begann sie zaudernd, »Sie werden erstaunt sein, Herr Mertoun! daß ich mir diese ungewöhnliche Freiheit genommen.« Erst seit heute morgen, Brenda,« erwiderte Mordaunt, »konnte irgend ein Beweis von Freundschaft und Vertraulichkeit, von Dir oder Deiner Schwester, mir seltsam erscheinen. Weit mehr war ich darüber verwundert, von Dir ohne Grund so lange gemieden zu werden, als daß es mich in Erstaunen setzen könnte, wenn Du mir jetzt eine Unterredung erlaubst. Sprich, in des Himmels Namen, Brenda, womit habe ich Dich beleidigt, und weshalb stehen wir auf diesem ungewöhnlichen Fuße?« »Reicht es denn nicht hin,« antwortete Brenda, vor sich niederblickend, »wenn ich sage, daß es mein Vater so will.« »Nein, nein,« rief Mertoun, »das reicht nicht hin – Dein Vater kann nicht so plötzlich seine Meinung von mir und sein Betragen gegen mich, ohne irgend eine schreckliche Täuschung geändert haben. Ich beschwöre Dich, mir darüber Aufschluß zu geben, denn ich will in Eurer Achtung weniger gelten als der elendste Bursche auf diesen Inseln, wenn ich nicht beweise, daß dieser Wandel Eurer Meinung nur durch irgend einen schändlichen Betrug oder durch ein außerordentliches Mißverständnis veranlaßt wurde.« »Es mag so sein,« sagte Brenda – »ja, ich hoffe, daß dem so ist – und daß ich es hoffe, möge diese, von mir veranlaßte, geheime Zusammenkunft beweisen. Aber es ist schwer, – ja es ist mir unmöglich, die Ursache der schlimmen Meinung meines Vaters aufzuklären. Norna hat darüber kühn mit ihm gesprochen; sie gingen, wie ich fürchte, unzufrieden auseinander, und dazu konnte wahrlich den Anlaß nicht eine unbedeutende Ursache geben.« »Ich habe bemerkt,« entgegnete Mordaunt, »daß Dein Vater ungemein viel auf Nornas Rat hält, und nachgiebiger gegen ihre Eigenheiten als gegen die anderer ist. – Ich habe es bemerkt, obgleich er den übernatürlichen Kräften, die sie sich anmaßt, eben keinen Glauben beimißt.« »Sie sind weitläufig verwandt,« antwortete Brenda, »und waren Jugendfreunde, – ja man hat sogar, wie ich gehört habe, gemeint, daß sie einander heiraten würden. Aber Nornas Sonderbarkeiten zeigten sich gleich nach dem Tode ihres Vaters; und so war die Sache zu Ende, wenn wirklich etwas dran war. Gewiß aber ist es, daß mein Vater noch immer große Sympathie für sie hegt; und so ist es, wie ich fürchte, ein sicheres Zeichen, wie tief seine Vorurteile gegen Dich eingewurzelt sein müssen, daß sie in dieser Rücksicht gewissermaßen in Streit geraten sind.« »Segen über Dich, Brenda, daß Du selbst sie Vorurteile nanntest, « rief Mertoun mit Wärme und Innigkeit – »Tausendfacher Segen über Dich!« – stets hattest Du ein sanftes Herz, und selbst den Schein der Unfreundlichkeit konntest Du nicht lange zur Schau tragen.« »Nur ein Schein war es in der Tat,« sagte Brenda, nach und nach in den Ton der Vertraulichkeit übergehend, in dem sie sich von Kindheit an zu unterhalten gewohnt waren; »nie konnte ich denken, Mordaunt – nie ernstlich glauben, daß Du von mir oder von Minna unfreundlich gesprochen.« »Und wer wagt es, zu behaupten, daß ich es getan?« rief Mordaunt, der ganzen Lebhaftigkeit seines Charakters Raum gebend; »wer wagt es, ohne zu fürchten, daß ich ihm die Zunge ausreiße? Beim heiligen Magnus, dem Märtyrer, ich will die Habichte damit füttern!« »Nicht so,« entgegnete Brenda, »Deine Heftigkeit ängstigt mich und wird mich zwingen, Dich zu verlassen.« »Mich verlassen,« erwiderte Mordaunt, »ohne mir die Lästerung und den Namen des schändlichen Verleumders zu nennen?« »Ach, mehrere sind's,« sagte Brenda, »die meinem Vater eine Meinung beigebracht haben – von der ich selbst Dir nichts sagen kann – aber mehr als einer behauptet« – »Und wären ihrer hundert, Brenda, es soll ihnen sämtlich geschehen, wie ich gesagt – heiliger Märtyrer! mich anzuklagen, daß ich unfreundlich von denjenigen gesprochen hätte, die ich auf der Erde am meisten achte und schätze. – Zurück ins Haus will ich in diesem Augenblick, und Dein Vater soll mir vor aller Welt Gerechtigkeit widerfahren lassen.« »Geh nicht, um des Himmels willen, geh nicht!« sagte Brenda, »willst Du mich nicht zu dem elendsten Geschöpf auf dieser Welt machen.« »So sage mir wenigstens,« antwortete Mordaunt, »ob ich recht rate, wenn ich diesen Cleveland als einen jener Menschen nenne, die mich verleumdeten?« »Nein, nein!« rief Brenda lebhaft, »Du rennst von einem Irrtum in einen andern, noch gefährlichern; Du sagst, Du seist mein Freund; – auch ich bin bereit, Deine Freundin zu sein: – sei nur einen Augenblick ruhig, und höre, was ich Dir zu sagen habe; – unsere Unterredung hat schon zu lange gewährt, und jeder neue Moment bringt neue Gefahr.« »So sage mir denn,« sprach Mordaunt, dessen Hitze sich durch die Angst und den Kummer des Mädchens abkühlte, »was verlangst Du von mir? Sei überzeugt, daß Du nichts fordern kannst, was ich nicht nach allen meinen Kräften zu erfüllen bereit wäre.« »Höre also – der Kapitän, dieser Cleveland« – »Also der, beim Himmel, dacht' ich's doch!« rief Mordaunt, »eine Stimme in meinem Innern rief mir zu, daß dieser Elende, auf eine oder die andere Weise, die Ursache aller dieser Mißverständnisse sei!« »Wenn Du nicht auf einen Augenblick ruhig und geduldig sein kannst,« erwiderte Brenda, »so muß ich Dich auf der Stelle verlassen; – was ich sagen wollte, hat keinen Bezug auf Dich – aber auf jemand anders – mit einem Wort, auf meine Schwester Minna. – Ueber ihre Abneigung gegen Dich habe ich nichts zu sagen, aber von den Aufmerksamkeiten, die er ihr bezeigt, muß ich eine ängstliche Geschichte erzählen.« »Diese Aufmerksamkeiten springen in die Augen,« sagte Mordaunt, »und wenn meine Augen mich nicht trügen, sind sie auch willkommen, wenn sie nicht etwa gar erwidert werden.« »Das ist eben die Ursache meiner Angst,« antwortete Brenda; »auch auf mich hatten das Aeußere, das offene Wesen und die romantische Unterhaltung dieses Mannes Eindruck gemacht.« »Sein Aeußeres!« fiel Mordaunt ein; »zwar ist er wohlgebaut und seine Gesichtszüge sind wohlgestaltet; aber, Mädchen, ich habe schönere Gesichter auf Borough-Moor hängen sehen. Nach seinem Benehmen mag er Kapitän eines Freibeuters, und seiner Unterredung nach, der Trompeter seines eigenen Puppenspiels sein; denn er spricht fast von nichts anderm als von seinen eigenen Taten.« »Du irrst,« erwiderte Brenda; »nur zu gut erzählt er von dem, was er gesehen und erfahren hat; überdies war er wirklich in vielen fernen Ländern und bei mancher kühnen Tat, und er weiß davon mit eben so vielem Geiste, als großer Bescheidenheit zu sprechen. Man glaubt den Blitz zu sehen und den Donner der Kanonen zu hören. Auch versteht er noch von andern Dingen zu reden: von den herrlichen Früchten und Bäumen anderer Gegenden, und wie die Menschen dort das ganze Jahr hindurch eine Kleidung tragen, kaum halb so warm als unsre Sommertrachten.« »Auf mein Wort, er versteht die Kunst, junge Mädchen zu unterhalten,« erwiderte Mordaunt. »Allerdings,« sagte Brenda mit großer Schlichtheit; »anfangs, glaube es mir, gefiel er mir besser als meiner Schwester; aber wenn sie auch weit klüger ist als ich, habe ich dagegen mehr Welterfahrung als sie; denn ich habe mehrere Städte gesehen, einmal schon war ich in Kirckwall und dreimal in Lerwick, als die holländischen Schiffe dort vor Anker lagen – und so irre ich mich nicht so leicht in Menschen.« »Und was, Brenda,« fragte Mordaunt, »ließ Dich denn weniger vorteilhaft von dem jungen Manne denken, dessen Wesen so einnehmend schien?« »Ei,« entgegnete Brenda nach kurzem Besinnen, »er war sonst munterer, und seine Erzählungen nicht so schwermütig und schrecklich; auch lachte und tanzte er mehr.« »Und tanzte wohl damals mehr mit Brenda als mit ihrer Schwester?« fügte Mordaunt hinzu. »Das weiß ich nicht mehr so recht,« sagte Brenda ausweichend, »aber die Wahrheit zu sagen, ich hatte keinen Argwohn gegen ihn, so lange er uns beiden gleiche Aufmerksamkeiten bewies, denn damals konnte er uns nicht mehr sein als Du, Mordaunt, oder der junge Swaraster oder sonst irgend ein junger Mann auf der Insel.« »Aber warum,« fragte Mordaunt, »kannst Du denn nicht geduldig ihn in ein näheres Verhältnis mit Deiner Schwester treten sehen? – Er ist reich, oder scheint es wenigstens zu sein. Du sagst, er sei gebildet und angenehm; was kannst Du von einem Liebhaber Minnas mehr verlangen?« »Mordaunt, Du vergißt, wer wir sind!« sprach das Mädchen, sich ein Ansehen von Wichtigkeit gebend, das ihrem einfachen Wesen ebenso lieblich stand, wie der Ton, in dem sie bisher gesprochen; »dieses Shetland hier ist unsre eigne kleine Welt, vielleicht, wenigstens wie die Fremden behaupten, kleiner als andere Teile der Erde, aber es ist unsre eigene Welt; und wir, die Töchter von Magnus Troil, behaupten den ersten Rang darin. Schlecht nur stünde es uns, meiner Meinung nach, wollten wir uns, die wir von Seekönigen und Jarls abstammen, an den ersten besten Fremden wegwerfen, der, dem Eidervogel gleich; im Frühling an unsere Küste fliegt und sie im Herbst wieder verläßt, ohne daß wir wissen, von woher er gezogen kam, noch wohin er seinen Weg wieder genommen.« »Und dennoch vielleicht einen shetländischen Goldvogel mit hinweglockt,« fügte Mordaunt hinzu. »Ich will keinen Scherz über solche Dinge,« antwortete Brenda unwillig, »Minna ist, wie ich, die Tochter von Magnus Troil, dem Beschützer der Fremden, aber dem Vater von Hialtland. Er spendet ihnen die Gastfreiheit, deren sie bedürfen, aber selbst der stolzeste von ihnen mag sich nicht einbilden, daß es ihm gelingen würde, sich mit Troils Hause zu verbinden.« Sie sprach dies in einem ungemein lebhaften Tone, den sie indes sogleich milderte, als sie fortfuhr: »Nein, Mordaunt, glaube nicht, daß Minna fähig wäre, das, was sie ihrem Vater und dem Blute desselben schuldig ist, so weit zu vergessen, daß sie auch nur dächte, sich mit diesem Cleveland zu vermählen – aber sie könnte ihm vielleicht ihr Ohr so lange leihen, als hinreichend wäre, ihr künftiges Glück zu zertrümmern. Ihr Gemüt ist von der Art, daß gewisse Gefühle tief in dasselbe eindringen. – Erinnere Dich, wie Ulla Storlson Tag für Tag den Gipfel vom Voßdale-Head bestieg, um nach dem Schiff ihres Geliebten auszuschauen, das nimmer wiederkehren sollte. Wenn ich an ihre langsamen Schritte denke, an ihre bleiche Wange, an ihr Auge, das, einer Lampe gleich, der es an Oel gebricht, immer mehr und mehr erlosch – wenn ich mich erinnere, mit welchen Blicken voll flüchtiger Hoffnung sie jeden Morgen die Klippe hinanstieg, und wie sich tiefe Verzweiflung auf ihrer Stirn gelagert hatte, wenn sie heimkehrte – wenn ich an alles dieses denke, kann es Dich wundern, wenn ich für Minna fürchte, deren Herz geschaffen ist, mit einer ähnlichen, tief eingewurzelten Treue eine Liebe zu nähren, die hineingepflanzt werden möchte?« »Ich wundere mich nicht länger,« rief Mordaunt, an der Angst des armen Mädchens innigen Anteil nehmend; denn außer dem Zittern ihrer Stimme ließ ihn auch das Dämmerlicht eine Träne erblicken, die ihrem Auge entperlte, als sie jenes Bild entwarf, in dem ihre Phantasie das zukünftige Schicksal ihrer Schwester zeigte. »Ich wundere mich nicht, daß Du fühlst und fürchtest, wie es Dir die reinste Zuneigung gebietet, und wenn Du mir nur anzugeben vermagst, wie und auf welche Weise ich Deiner Schwesterliebe zu dienen vermag, so sollst Du mich bereit finden, mein Leben, wenn es not tut, eben so leicht daran zu wagen, als ich bereitwillig war, die Klippe zu erklimmen, um für Euch die Eier der Seevögel heranzuholen; und glaube mir, was auch immer Deinem Vater oder euch beiden, gesagt worden, daß auch nur der geringste Gedanke von Nichtachtung und Unfreundlichkeit in Rücksicht auf Euch bei mir geherrscht habe, ist falsch, falsch wie der Böse es nur ersinnen konnte.« »Ich glaube Dir,« sagte Brenda und reichte ihm ihre Hand; »ich glaube Dir, und meine Brust ist leichter, jetzt, da sich mein Vertrauen zu einem so vieljährigen Freunde erneuert hat; wie Du uns helfen kannst, weiß ich nicht; aber auf den Rat Nornas, ja ich kann wohl sagen, auf ihr Gebot, war es, daß ich diese Mitteilung gewagt habe; und ich wundere mich fast selbst,« fuhr sie fort, »daß ich den Mut dazu gefunden. Du weißt nun alles, was ich Dir von der Gefahr, in der Minna schwebt, zu erzählen vermag. Beobachte diesen Cleveland – aber hüte Dich vor Streit mit ihm, denn gegen ihn, den erfahrenen Krieger, würdest Du unfehlbar den kürzeren ziehen.« »Daß dies ausgemacht sei, will mir nicht einleuchten,« rief der Jüngling. »Mit gesunden Gliedern, einem Herzen voll Mut, den mir Gott verliehen, und in einer guten Sache obendrein, fürchte ich mich vor keinem Streite, den Cleveland mit mir anfangen könnte.« »Wenn also nicht um Deinetwillen,« erwiderte Brenda, »doch um Minnas Wohl – meines Vaters und meinetwegen, vermeide jeden Zwist mit ihm und begnüge Dich damit, ihn zu beobachten und womöglich zu erforschen, wer er eigentlich ist, und was seine Absichten gegen uns sein mögen. Er sprach davon, sich nach den Orkney-Inseln begeben zu wollen, um sich nach seinem zweiten Schiffe umzusehen, aber Tage vergehen und Wochen, und noch immer macht er keine Anstalt zu seiner Abreise, und während er meinem Väter bei der Flasche Gesellschaft leistet und Minna mit romantischen Geschichten von fremden Völkern und fernen Kriegen in wilden unbekannten Gegenden unterhält, eilt die Zeit hin, und der Fremde, von dem wir nichts wissen, als daß er ein Fremder ist, schließt sich nach und nach immer vertraulicher und enger unserm Kreise an. – Und nun Lebewohl! Norna hofft den Frieden zwischen meinem Vater und Dir zustande zu bringen, und wünscht, Du solltest Burgh-Westra morgen noch nicht verlassen, wie kalt auch immer mein Vater und Minna gegen Dich sich verhalten mögen. Auch ich,« fuhr sie fort, ihm ihre Hand hinreichend, »darf dem unwillkommenen Gaste nur ein kaltes Gesicht zeigen; aber im Herzen sind wir einander immer Freund, Brenda und Mordaunt. Und nun trennen wir uns, denn wir dürfen nicht zusammen gesehen werden.« Noch einmal bot sie ihm ihre Hand, schnell aber zog sie diese lächelnd und errötend mit einiger Verwirrung zurück, als der Jüngling von einem natürlichen Gefühl hingezogen ward, sie an seine Lippen zu drücken. Einen Augenblick lang bemühte er sich, sie zurückzuhalten, denn diese Zusammenkunft hatte für ihn einen großen Zauber, den er früher, so oft er auch schon mit Brenda allein gewesen, noch nie empfand; aber sie machte sich von ihm los, und indem sie ihm noch ein Lebewohl zuwinkte, bezeichnete sie ihm einen andern Pfad als den, den sie einzuschlagen im Begriff stand, und dem Hause zueilend, verschwand sie hinter den Anhöhen. Mordaunt blickte ihr in einem ihm bis jetzt fremd gebliebenen Seelenzustande nach: die zweifelhafte neutrale Straße zwischen Liebe und Freundschaft mag jemand lange in Sicherheit wandeln, bis jählings die Aufforderung, die Oberherrschaft der einen oder der andern Macht anzuerkennen, an ihn herantritt. Da trifft es sich denn nicht selten, daß, wer sich jahrelang für einen bloßen Freund gehalten, sich jählings in einen Liebhaber umgewandelt sieht. – Daß sich eine solche Wendung von diesem Tage an in Mordaunts Gefühlen vollzog, wenn er auch ihre Natur nicht genau unterscheiden konnte, ließ sich erwarten. Er sah sich plötzlich mit argloser Offenheit von einem liebenswürdigen und reizenden Mädchen ins Vertrauen gezogen, von dem er sich noch vor kurzer Zeit verachtet und zurückgesetzt glaubte; und wenn etwas diesen an sich selbst schon so wunderbaren und erfreulichen Wandel noch berauschender machen konnte, so war es die harmlose Schlichtheit Brendas, die über alles, was sie sagte und tat, einen unwiderstehlichen Zauber verbreitete. Auch der Schauplatz, auf welchem sich die Handlung abspielte, mochte seine Wirkung geäußert haben, obgleich es seiner Hilfe eigentlich nicht bedurfte. Immerhin nimmt ein liebliches Gesicht sich im Schimmer des Mondes noch lieblicher aus, und eine süße Stimme klingt in dem Raunen und Lispeln einer Sommernacht noch süßer. Mordaunt, der unterdessen ins Haus zurückgekehrt war, befand sich demnach in der schicklichen Stimmung, mit ungewöhnlicher Geduld und Gefälligkeit einer enthusiastischen Deklamation, wie Claud Halcro, dessen Feuer für diesen Gegenstand, durch einen kurzen Gang in freier Luft – zu dem Zweck unternommen, Alkoholdunst, der sein Hirn umnebelte, verdunsten zu lassen – geweckt worden war, sie jetzt an den Mond richtete, mit aufmerksamem Ohr zu lauschen. »Die Sonne, mein Sohn!« sprach er, »ist jedes armseligen Taglöhners Taglaterne, – da steigt sie glänzend im Osten auf, um eine ganze Welt zur Arbeit und zum Elende zu wecken, während der heitere Mond zur Freude und Liebe winkt.« »Und zur Narrheit, sofern man ihn nicht verleumdet,« entgegnete Mordaunt, um doch etwas zu sagen. »Mag sein,« erwiderte Halcro, »treibt er doch nicht zur melancholischen Narrheit. Die Bewohner dieser mühseligen Welt, junger Freund, sind viel zu ängstlich bemüht, ihr bißchen Verstand zusammenzuhalten. Oft bin ich ein Simpel genannt worden, und bin doch durch die Welt gekommen, als hätte ich doppelt soviel Verstand gehabt. Aber – halt, wo blieb ich denn? ja, ja, ganz recht, beim Monde, – er ist die wahre Seele der Liebe und der Poesie. Ich frage: mag es wohl je einen Verliebten gegeben haben, der nicht in einem Sonnett sein: »O, Du!« zu seinem Lobe ertönen ließ?« »Der Mond,« nahm der Verwalter, dessen Junge nachgerade auch zu lallen anfing, das Wort, »reift das Korn, wie die alten Leute sagen, auch füllt er die Nüsse, was aber von geringerer Bedeutung ist – sparge nuces, pueri .« »Bravo, bravo,« rief Magnus Troil, der jetzt sein volles Maß hatte, »der Verwalter spricht Griechisch! Bei den Gebeinen meines heiligen Namensvetters St. Magnus, er soll unsre Schaluppe voll Punsch ganz allein leeren, wenn er uns nicht gleich auf der Stelle ein Lied zum besten gibt.« »Zuviel Wasser tut dem Müller Schaden,« antwortete Triptolemus, »mein Gehirn bedarf des Austrocknens weit eher als einer noch größeren Zufuhr geistiger Getränke.« »So singt denn,« rief der Hauswirt in gebietender Weise, »denn hier darf niemand eine andre Sprache reden, als ehrlich Norwegisch, lustig Holländisch oder Dänisch, oder wenn es nicht anders sein kann, allenfalls breit Schottisch. Also die Schaluppe her, Erik Scambester, und fülle sie bis zum Rande, als Ersatz für den Aufschub!« Aber bevor das Schiffchen den Ackerbauer erreichen konnte, der es unterwegs und in kurzen Wendungen auf sich los lavieren sah, (denn auch Scambester steuerte bereits nicht mehr in gerader Richtung), machte dieser den verzweiflungsvollen Versuch, ein Yorkshirer Erntelied zu singen oder vielmehr zu krähen, das sein Vater hin und wieder, wenn er ein wenig angetrunken war, anzustimmen pflegte; die klägliche Miene des Sängers und die Mißtöne seiner Stimme bildeten zu der Fröhlichkeit der Worte und der Melodie einen so großartigen Kontrast, daß der ehrliche Triptolemus seinen Zuhörern fast den gleichen Spaß gewährte, wie ein lustiger Kopf, wenn er an irgend einem Jubeltage im Sonntagskleide seines Großvaters erscheinen wollte. Dieser Scherz beschloß den Abend, denn selbst der rüstige Magnus, der viel vertragen konnte, unterlag der Macht des Schlummergottes. Die Gäste Zogen sich zurück, so gut sie konnten, jeder in die für ihn bestimmte Schlafstelle, und nach kurzer Zeit ruhte das Herrenhaus von Burgh-Westra, noch vor wenigen Augenblicken der Schauplatz lärmenden Jubels, in tiefster Stille. Siebzehntes Kapitel. Gewöhnlich mangelt dem Morgen nach einer Festlichkeit, wie wir sie soeben beschrieben haben, etwas von der Würze, die den Jubel des verwichenen Abschieds erhöhte. In den sogenannten feinen Zirkeln werden diese langsam hinschleichenden Momente von den Gästen gemeinhin auf ihren Zimmern verlebt. Daß auf Burgh-Westra keine solche Verkehrspause stattfand; daß vielmehr schon drei Stunden, nachdem man auseinandergegangen war, die Mädchen mit ihren etwas bleichern Wangen, der ältere Teil der weiblichen Gesellschaft aber gähnend und sich die Augen reibend, aufgefordert wurden, sich wieder in den Kreis der Manner zu mischen, die sämtlich etwas wie einen Brummschädel sich geholt hatten, wird man uns wohl ohne besondere Versicherung glauben. Erik Scambester hatte alles getan, was nur ein Mann tun konnte, die Langeweile des Morgenmahls zu verscheuchen. Die Tafel seufzte fast unter der Last des nach shetländischer Weise zubereiteten Rauchfleisches, – zu dem sich Pasteten und allerhand Gebackenes, desgleichen Fische, auf jede erdenkliche Art zugerichtet, gesellten; ja selbst an ausländischen Delikatessen, wie Tee, Kaffee, Schokolade fehlte es nicht; denn durch ihre Lage waren die Inseln, wie wir bereits anderswo erwähnten, frühzeitig mit allerhand fremden Luxusartikeln bekannt geworden, von denen man damals kaum in Schottland etwas wußte. Auch an allerhand geistigen Getränken herrschte kein Mangel: Da war der starke irländische Usquebaugh, der echte Nautz, veritabler Schiedam, Aquavit von Chaitneß und Goldwasser von Danzig; Rum von ehrwürdigem Alter, nebst Herzstärkungen von den westindischen Inseln, des selbstgebrauten Ale, der deutschen Mumme und des Braunbiers gar nicht zu erwähnen. Daß aber der Anblick all dieser guten Dinge den Appetit der ermüdeten Gäste reizte und ihren Geist auffrischte, wird kaum als Wunder gelten. Die jungen Männer begannen sogleich ihre Gefährtinnen vom vorigen Abend aufzusuchen und die leichte Unterhaltung wieder aufzunehmen, bei welcher die Nacht so schnell geschwunden war; während Magnus von seinen rüstigen alten norwegischen Verwandten unterstützt, den ältern und ernstern Teil der Gäste durch Wort und Beispiel aufforderte, mit all den guten Dingen, die vor ihnen die Tafel füllten, gehörig aufzuräumen und selbst mit dem besten Beispiel voranging. Aber trotz allem blieb bis zum Mittagessen noch eine große Zeitspanne, denn selbst das längste Frühstück kann doch nicht gut länger als eine Stunde währen, und es war zu befürchten, daß Claud Halcro bemüht sein möchte, die Leere des Vormittags mit einem poetischen Vortrage auszufüllen. Der Zufall befreite jedoch die Gäste von Burgh-Westra von dieser drohenden Gefahr, indem er ihnen einen Stoff zu ihrer Unterhaltung sandte, völlig für ihren Geschmack und ihre Sitten geeignet. Mit Eilschritten nämlich und funkelnden Augen schien jetzt Erik Scambester, mit einer Harpune in der Hand, und verkündete der Gesellschaft, daß ein Walfisch am Ufer sei. Allgemeiner Jubel erschallte, und im Nu waren die mutigen Söhne von Thule auf den Beinen, dem Ungeheuer, das ihnen die See zu so gelegner Zeit Zur Unterhaltung gesandt hatte, »den Wind abzufangen.« Die zahlreichen Vorratskammern von Burgh-Westra wurden eilig nach Harpunen, Säbeln, Piken und Hellebarden durchwühlt; andere mußten sich mit Heugabeln, Spießen oder was sonst an spitzen und scharfen Dingen vorhanden war, begnügen. So in aller Schnelligkeit bewaffnet, eilte eine Schar unter dem Befehl des Kapitäns Cleveland, die in dem kleinen Hafen liegenden Boote zu bemannen, während die übrigen zu Lande nach dem Kriegsschauplatz strömten. Triptolemus wurde hierdurch in einem Angriffsplane unterbrochen, den auch er auf die Geduld der Shetländer entworfen hatte, und der in einer Vorlesung über Ackerbau und die Bodenbeschaffenheit der Inseln bestehen sollte: daß er nur sehr geringen Anteil an der Lustbarkeit nahm, die seinen gelehrten Vortrag so plötzlich störte, wird man sich denken können, und er hätte sich selbst nicht einmal dazu verstanden, dem Vorgänge zuzuschauen, wäre er nicht dazu von seiner Schwester Baby angetrieben worden. »Ei, so troll Dich doch, Faulpelz!« rief die alle Vorteile berechnende Person, – »wer weiß, ob das Fett nicht frisch ganz gut schmeckt, und ob man so nicht die Butter sparen kann?« Ob die Aussicht, frischen Walfischtran statt Butter zu genießen, den Eifer des gelehrten Triptolemus spornte, wissen wir nicht; da es nun aber einmal nicht anders sein konnte, schwang er seine ländliche Waffe und schritt dem Ufer zu, um auch an dem Kampfe mit dem Walfische teilzunehmen. Die Lage, in die sein Mißgeschick den ungetümen Herrn gebracht, war für das Unternehmen der Inselbewohner vorzüglich günstig. Eine Flut von ungewöhnlicher Höhe hatte den Wal über eine breite Sandbank in die Bucht getragen, in der er jetzt lag. So wie das Wasser flacher zu werden begann, hatte er allerhand verzweiflungsvolle Experimente gemacht, über die seichte Stelle hinweg tieferes Wasser zu gewinnen; aber seine Lage war durch dieses Bemühen eher schlimmer als besser geworden. In diesem Augenblick nahte sich ihm der Feind. Die ersten Glieder bestanden aus den jungen, kühnen, auf mannigfaltige Weise bewaffneten Männern, während, ihren kühnen Mut anzuspornen, die jungen Mädchen und ältern Personen beider Geschlechter ihre Plätze zwischen den Felsen nahmen, die über den »Kriegsschauplatz« hinaushingen. Da die Boote ein kleines Vorgebirge zu umschiffen hatten, bevor sie an die Mündung der Bucht herankommen konnten, lag denen, die zu Lande marschierten, die Aufgabe ob, Stärke und Lage des Feindes, dem man zugleich zur See und zu Lande an den Leib gehen wollte, zu rekognoszieren. Dieses Amt wollte der mutige, erfahrene General keinem andern überlassen; auch machten ihn äußere Erscheinung und Klugheit zu diesem Ehrenposten vorzüglich geeignet. Statt des goldumtreßten Hutes trug er jetzt eine Mütze von Bärenfell, den blauen Rock, mit rotem Futter und Borden und Troddeln besetzt, hatte er mit einem Wams aus rotem Flanell, an dem sich Knöpfe von schwarzem Horn befanden, vertauscht; darüber trug er eine Art Hemd aus Seehundsfellen, wie sie bei den Eskimos, und zuweilen auch bei den grönländischen Walfischjägern gebräuchlich sind. Wasserstiefel von gewaltigem Umfange vollendeten seinen Anzug; ein mächtiges Walfischmesser schwang er in der Hand, und doch mußte er sich bei näherer Untersuchung sagen, daß die Jagd, zu der er seine Freunde geführt, in so großem Einklange sie auch mit dem Umfange seiner Gastfreiheit stehen mochte, dennoch leicht von besonderen Gefahren und Schwierigkeiten begleitet sein könne. Das Tier, mehr als sechzig Fuß lang, hatte sich in eine Vertiefung der Bucht hineingewälzt, worin es die Rückkehr der Flut abzuwarten schien, die ihm wahrscheinlich sein Instinkt verbürgte. Erfahrene Haupunierer hielten einen Kriegsrat, worin beschlossen wurde, ihm ein Tau um den Schwanz zu befestigen, wodurch man hoffen durfte, seine Flucht, wenn die Flut eher wiederkehren sollte, als man mit ihm fertig geworden, zu verhindern. Drei Boote wurden zu diesem nicht eben leichten Stück Arbeit bestimmt; eins wollte der alte Udallar selbst befehligen, während Cleveland und Mertoun die beiden andern führen sollten. Alles eilte nun zum Strande, die Ankunft der Boote erwartend. Während dieser Pause hatte Triptolemus Yellowley den ungeheuren Umfang des Walfischs mit scharfem Auge taxiert ... Nach seiner Meinung, sagte er, könnte kein Gespann von sechs oder wenn man die kleinen Tiere dieser Insel nähme, von sechzig Ochsen solche gewaltige Masse ans Ufer ziehen. So unbedeutend wie diese Betrachtung an sich erscheinen mag, lag doch etwas darin, was das Blut des alten Udallars in Bewegung setzte. Er warf einen jähzornigen Blick auf Triptolemus und fragte: »Was zum Teufel kommt's drauf an, und wenn hundert Ochsen das Tier nicht ans Land schaffen könnten?« Herrn Yellowley gefiel freilich der Ton nicht, in welchem die Frage gestellt wurde; dennoch meinte er, es seiner Würde und seinem Nutzen schuldig zu sein, die folgende Antwort darauf zu geben: – »Ei, wißt Ihr doch ebensogut wie ich selbst, Herr Magnus Troil, und wie jedermann, der auch nur das Geringste von solchen Dingen versteht, daß ein Wal, den man mit sechs Ochsen nicht ans Land ziehen kann, ein Eigentum des Admirals wird? und daß diese Würde sich eben jetzt in den Händen jenes edlen Lords befindet, der auch zugleich Lord-Kämmerer dieser Inseln ist, dürftet Ihr wohl ebensogut wissen wie ich!« »Und ich sage Euch, Herr Triptolemus Yellowley!« erwiderte der Udallar, – »wie ich es Eurem Herrn sagen würde, wenn er zur Stelle wäre, – daß jedermann, der sein Leben wagt, den Fisch ans Ufer zu bringen, gleichen Anteil bei der Teilung haben soll, wie es unsere alten und löblichen norwegischen Gebräuche wollen; ja selbst, wenn nur ein Weib das Tau berührt, soll es teil daran haben, und was mehr ist, ihr ungebornes Kind, wenn sie anders sich zu einem solchen bekennt.« Dieser strenge Grundsatz von Unparteilichkeit verursachte unter den Männern ein lautes Gelächter, unter den Weibern leichte Verlegenheit. Der Verwalter hielt es aber unvereinbar mit seiner Würde, sich sogleich gefangen zu geben ...» Suum cuique tribuito , ich muß auf Mylords und meine eigenen Rechte sehen,« sagte er. »So, müßt Ihr das?« entgegnete Magnus. »Nun denn, bei den Gebeinen des Märtyrers, hier soll kein anderes Teilungsgesetz gelten als das von Gott und St.Olav eingesetzte, das hier herrschte, lange bevor wir von Admiral, Kämmerer oder dergleichen zu hören bekamen. Jedermann soll teil haben, der Hand anlegt, sonst niemand! – Also auch Ihr, Herr Verwalter, sollt arbeiten wie andre, und Euch glücklich schätzen, mit den andern zu teilen . . . Hinein ins Boot mit Euch!« (denn die bemannten Boote hatten jetzt das Vorgebirge umschifft) – »und ihr, junge Burschen da vorn, macht Platz für den Verwalter, – er soll, beim Himmel, den ersten Speerwurf tun!« Die laute gebieterische Stimme des alten Udallars litt keinen Widerspruch, und Triptolemus, obgleich ihm die Geschichte so jählings auf den Hals kam, sah ein, daß er sich werde fügen müssen; noch immer aber versuchte er mit einer Stimme, aus der man den durch Furcht gedämpften Verdruß heraushörte, die Sache ins Lächerliche zu ziehen, als ihm die Schwester ins Ohr tuschelte: – »Wie? Du willst den Anteil fahren lassen, da der lange shetländische Winter vor der Tür ist, wo der hellste Tag im Dezember nicht so klar ist als eine mondlose Nacht in den Mearns?« Diese wirtschaftliche Weisheit, im Verein mit der Scheu vor der Gefahr, sich ins Licht eines Feiglings zu setzen, brachte den Ackerbauer in Hitze, so daß er seine Mistgabel schwang und mit einem Satze ins Boot sprang, an Neptun mit dem Dreizack erinnernd. Die drei zu diesem gefährlichen Dienst bestimmten Boote, nahten sich jetzt der schwarzen Masse, die sich ohne jedes Lebenszeichen wie eine kleine Insel in einer Vertiefung der Bucht emporhob. Schweigend und mit aller Vorsicht, die das gefährliche Abenteuer forderte, gelang es den mutigen Jägern nach ein paar mißlungenen Versuchen, das Kabeltau um den Körper des noch immer betäubt scheinenden Ungeheuers zu schlingen und die Enden ans Ufer zu schaffen, wo hundert Hände bereit waren, dieselben in Sicherheit zu bringen. Aber noch ehe diese Arbeit vollbracht war, begann die Flut zu steigen, und der Udallar rief: »Ans Werk, ans Werk! sonst macht die Wassertiefe den Wal flott und führt ihn in offene See – der Verwalter soll die Ehre des ersten Wurfes haben.« Der tapfere Triptolemus, dem die Geduld, mit der sich der Wal das Tau um den Schweif werfen ließ, keine sonderlich große Meinung von seiner Stärke und Gefährlichkeit beigebracht, erlaubte sich die Rede, »der Wicht besitze nicht mehr Griebs und wohl auch nicht mehr Behendigkeit als eine schwarze Ackerschnecke,« und meinte auf gar kein ferneres Angriffssignal warten zu sollen, sondern schleuderte seine Mistgabel mit aller Kraft nach dem unglücklichen Tier, von dem sich die Boote noch nicht so weit entfernt hatten, als zu ihrer Sicherheit nötig war. Magnus Troil, der nur mit dem Verwalter gescherzt, aber die Absicht hatte, den ersten Wurf einer geschickten Hand anzuvertrauen, hatte kaum Zeit zu rufen: »Rührt euch, Jungens, oder wir werden alle fortgespült!« als das Ungeheuer, von dem Wurfe des Verwalters aus seiner Untätigkeit aufgejagt, mit einem Getöse ähnlich dem Geräusch einer Dampfmaschine einen gewaltigen Wasserstrom in die Luft blies und die Wellen mit seinem Schwanze zu peitschen begann. Das Boot, worin Magnus saß, wurde von einem Regenschauer von Seewasser überschüttet, und Triptolemus, der seinen vollen Anteil davon bekam, wurde von den Folgen seiner Heldentat so in Staunen und Schrecken versetzt, daß er rücklings unter die Füße der Bootsmannschaft purzelte. Mehrere Minuten lag er unter den Füßen seiner Gefährten, bis diese endlich ihre Ruder beilegten, um das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Hierauf gebot er ihnen, ans Land zu steuern und den unbedachten Menschen, der die ganze Jagd in solche zweifelhafte Bedingungen gestürzt, ans Land zu setzen. Unterdes hatten die andern Boote sich in sichere Position gebracht, und von dort, so wie vom Lande aus, wurden nun auf den ungetümen Bewohner der Tiefe Wurfpfeile, Harpunen und Speere geschleudert, Gewehre abgeschossen und alle möglichen Mittel gebraucht, seine Kräfte in fruchtloser Wut zu erschöpfen. Sobald das Tier merkte, daß es von Untiefen eingeschlossen und das um seinen Körper geschlungene Tau ihn in seinen Bewegungen hemmte, sandte es Ströme über Ströme in die Luft, die aber bereits mit Blut gemischt waren und die Wellen hochrot zu färben begannen. Unterdes verdoppelten die Leute ihre Anstrengungen, dem in seiner Todesangst furchtbaren Ungetüme die tiefste Wunde beizubringen. Der Kampf schien seinem Ende zu nahen; wohl machte das Tier noch wütende Versuche, sich zu befreien; doch seine Kräfte schienen schon so erschöpft, daß man hoffen durfte, es in Besitz zu bringen, da es auch mit Wahrnehmung der schon bedeutend gestiegenen Flut nicht mehr werde entkommen können. Magnus Troil gab nun das Signal, dem Walfisch zu Leibe zu gehen ... »Drauf nun, ihr Jungens,« rief er, »er ist schon zahm. – Und Ihr, Herr Verwalter, schaut Euch nach dem Wintervorrat für Eure Lampen in Hafra um! – Dichter heran, Bursche!« Aber schon waren die beiden ersten Boote seinem Willen zuvorgekommen; und Mordaunt, von dem Verlangen beseelt, Cleveland zu übertreffen, hatte mit Aufwand aller Kraft einen Speer in den Körper des Wales gebohrt. Dieser aber, gleich einer Nation, deren Quellen durch allerhand Unglück erschöpft zu sein scheinen, raffte alle ihm übrige Kraft zu einer einzigen furchtbaren Anstrengung zusammen, sandte noch einen starken, mit Blut vermischten Strom in die Luft, sprengte das dicke Tau, das seinen Körper umschlungen hielt, wie einen Faden, warf mit einem Schlage seines Schweifes Mordaunts Boot um, schoß über die von der Flut nun hochbedeckte Sandbank und gewann, mit einem ganzen Walde von Speeren und Harpunen, eine blutige Spur hinter sich ziehend, die hohe See. »Da geht Euer Oelkrug hin, Yellowley,« rief Magnus; »Ihr müßt nun Hammeltalg brennen oder im Dunkeln zu Bett gehen.« »Aber wo ist denn Mordaunt?« fragte Halcro mit lauter Stimme; und alsbald sah man, daß der Jüngling, von dem umschlagenden Boote betäubt, nicht wie seine Gefährten das Ufer erreicht hatte, sondern bewegungslos in den Wellen trieb. Wir haben des seltsamen, unmenschlichen Vorurteils schon Erwähnung getan, das die Shetländer abhielt, Menschen, die sich in Gefahr des Ertrinkens befanden, Beistand zu leisten. Drei Männer waren jedoch über diesen Aberglauben erhaben: Claud Halcro, der sich sogleich von einer niedrigen Klippe hinab in die Wellen stürzte, ohne – wie er späterhin versicherte – daran zu denken, daß er des Schwimmens unkundig sei, und der sich, als ihm dies einfiel, sogleich bemühte, die Klippe wiederzugewinnen, von der er herabgesprungen war, und herzlich froh war, nach einem einzigen Tauchversuch wieder auf trockenem Lande zu sein; – Magnus Troil, aus dessen redlichem Gemüt, als er die Gefahr des Jünglings bemerkte, aller Groll im Nu wich und der sich ebenfalls ins Wasser stürzen wollte, aber von Erich Scambester zurückgehalten wurde... »Halt, Herr! – halt!« rief der treue Diener, »da hat ihn Kapitän Cleveland beim Kragen; laßt die beiden Fremden sich nur einander helfen, und wartet ruhig das Ende ab! Das Licht dieses Landes soll nicht in Gefahr kommen, für seinesgleichen zu verlöschen. Halt, Herr! sage ich, die See ist keine Punschbowle, aus der man einen Menschen, wie ein Stück geröstetes Brot, mit einem Löffel herausfischen kann.« Diese Warnung wäre aber bei Magnus vergeblich gewesen, hätte er nicht bemerkt, daß Cleveland tatsächlich aus dem Boote gesprungen war und Mordaunt schon über Wasser hielt. Aber sowie die Gefahr vorüber war, erstarb auch des ehrlichen Udallars Trieb, Hilfe zu leisten; und sich der wirklichen oder vermeintlichen Ursache seiner Kälte gegen Mordaunt wieder erinnernd, machte er sich von seinem Kellermeister los, wandte sich unmutig von dem Ufer und schalt Erik einen alten Narren, daß er glauben könne, es läge ihm was daran, ob der junge Bursche niedersinke oder nicht. Trotz dieser scheinbaren Gleichgültigkeit aber konnte Magnus doch nicht umhin, einen Blick über die Köpfe des Kreises zu werfen, der sich um Mordaunt, als er ans Ufer gebracht wurde, bildete, emsig bemüht, ihn wieder ins Leben zu rufen; und nicht eher vermochte er den Schein völliger Sorglosigkeit anzunehmen, als bis der Jüngling sich langsam wieder aufrichtete. Nun erst, nachdem er noch diejenigen, die dem Jüngling ein Glas Branntwein gereicht, ausgescholten hatte, schritt er mürrisch von dannen, als sei ihm das Schicksal desselben völlig gleichgültig. Die Weiber, die wie immer bemüht waren, ihren Empfindungen Luft zu machen, aber auch diejenigen ihrer Genossinnen zu kontrollieren, sahen recht gut, daß Minna Troil bleich war wie der Tod und hörten recht gut, daß Brenda lautes Schreckensgeschrei ausstieß; aber wenn auch mancherlei Winke und Anspielungen fielen, daß alte Freunde nicht so leicht vergessen werden könnten, so herrschte doch allgemein die Meinung unter ihnen, daß weniger als solche Beweise von Teilnahme nicht zu erwarten gewesen seien angesichts der Lebensgefahr, in der sich der Gespiele ihrer Jugend befunden. Aber auch ihre Teilnahme ließ nach, als sich Mordaunt zu erholen begann und sein Bewußtsein völlig wiedergewonnen hatte, so daß er, als er die Augen aufschlug, bloß Claud Halcro und ein paar andere Mitglieder der Gesellschaft um sich sah. Zehn Schritte von ihm stand Cleveland, Haar und Kleider durchnäßt, mit einem so seltsamen Ausdruck im Gesichte, daß Mordaunts Aufmerksamkeit auf der Stelle rege wurde. Sein Mund verzog sich zu einem unterdrückten Lächeln, und in seinen Augen lag ein stolzer Blick, der zugleich Freude über die Befreiung von einer drückenden Last und ein Gemisch von gesättigtem Haß zu verkünden schien. Claud Halcro unterließ nicht, Mordaunt zu sagen, daß er Cleveland sein Leben verdanke; worauf der Jüngling, alle andern Gefühle erstickend, aufsprang, auf seinen Retter zueilte und als Beweis seiner wärmsten Erkenntlichkeit die Hand ihm entgegenstreckte. Aber erstaunt blieb er stehen, als Cleveland, ein paar Schritte zurücktretend, die Arme übereinanderschlug und ihm seine Hand weigerte. Auch Mordaunt trat jetzt zurück und sah voll Verwunderung auf dieses unziemliche Benehmen und auf die fast beleidigenden Blicke, mit denen der Seemann, der bisher eher eine freimütige Herzlichkeit oder doch wenigstens ein offenes Wesen gezeigt hatte, jetzt, nachdem er ihm einen so wichtigen Dienst leistete, seinen Dank abweisen zu wollen schien. »Es ist genug,« sagte Cleveland, Mordaunts Ueberraschung gewahrend, »und unnötig wäre es, mehr davon zu reden. Ich habe meine Schuld zurückgezahlt. Wir sind nun quitt.« »Wir sind nicht quitt, Kapitän,« antwortete Mertoun, »Sie haben Ihr Leben gewagt, um das für mich zu tun, was ich für sie ohne Gefahr unternahm; außerdem«, fuhr er fort, gleichsam in der Absicht, dem Gespräch eine lustigere Wendung zu geben, »habe ich ja Ihre Jagdflinte schon bekommen.« »Der Feigherzige nur,« antwortete Cleveland, »bringt Gefahr in Anschlag. Mir war sie eine stete Begleiterin im Leben, und oft ist sie mit mir auf schlimmerer Fahrt gewesen; – Gewehre hab ich überdies genug; und wenn Sie wollen, so können Sie sich leicht darüber belehren, wer sie am besten zu gebrauchen versteht!« In seinem Tone lag etwas, was Murdaunt ungemein auffiel: die Vorbedeutung des Bösen, wie Hamlet sagt. Cleveland nahm sein Erstaunen wahr, trat dicht zu ihm heran und sagte, doch mit leiserer Stimme: »Auf Deiner Hut, junger Mann! Bei uns Glücksrittern herrscht, wenn wir ein und dasselbe Wild verfolgen und einer dem andern den Wind wegnimmt, der Brauch, sechzig Schritte am Ufer hinzugehen mit einem Paar gezogener Läufe, die immer auf und dabei sind, Streit zu schlichten.« »Ich verstehe Sie nicht, Kapitän Cleveland,« sagte Mordaunt. »Das glaube ich gern,« antwortete der Kapitän, indem er ihm mit einem fast spöttischen Lächeln den Rücken kehrte. Mordaunt sah, wie er sich unter die übrigen Gäste mischte, und gleich darauf an Minnas Seite war, die ihm mit heißem Blick für seine mutige Tat zu danken schien, trat. »Wäre es nicht um Brendas willen,« dachte Mordaunt, »so möchte ich fast wünschen, er hätte mich in den Wellen gelassen; denn niemand scheint sich viel darum zu kümmern, ob ich lebe oder tot bin. – Zwei Gewehre sechzig Schritt am Ufer entlang, – wäre es so gemeint? Nun, er soll mich bereit finden, aber nicht an dem Tage, an dem er mein Leben mit Gefahr seines eigenen rettete.« Während er so dastand und sann, flüsterte Scambester dem Poeten ins Ohr: »Wenn die Burschen einander kein Leid zufügen, gibt es keinen alten Glauben mehr. Mordaunt zog Cleveland aus der Flut, – nun ja! – Cleveland hat zum Dank dafür den ganzen Sonnenschein von Burgh-Westra auf sich gezogen; und denkt einmal, was das heißt, die Gunst in einem Hause zu verlieren, wo der Punschkessel nimmer kalt wird! – Nun aber, da Cleveland wiederum ein solcher Narr war, den Mordaunt aus den Wellen zu ziehen, gebt acht, ob er ihm nicht kleine Schillochs für Stockfisch verkaufen wird ... Na, schaden kann's ihm nicht!« »Und warum,« fragte Halcro, »wünscht Ihr dem guten, jungen Manne Böses, der fünfzigmal mehr wert ist als der andere?« »Jeder hat seine Meinung,« erwiderte Erik; »Mordaunt trinkt bloßes Wasser, wie sein Haifisch von Vater; Cleveland aber greift nach seinem Glase wie ein ordentlicher Kerl!« »Recht geschlossen, nach Deiner Weise,« sagte Halcro, und die Unterredung abbrechend, schritt er dem Herrenhause von Burgh-Westra zu, wohin auch die sämtlichen Gäste jetzt zurückkehrten, die lebhaft diskutierten über die verschiedenen Zufälle der Walfischjagd, denn der Unmut darüber, daß das Tier dennoch ihren Angriffen entgangen, war begreiflicherweise sehr lebhaft. »Hoffentlich,« sagte Magnus, »erfährt Kapitän Donderdrecht von Rotterdam nie etwas von dieser Geschichte, sonst würde er Donner und Blitz darauf schwören, daß wir nur Flundern zu fischen verstehen.« Achtzehntes Kapitel. Fortuna, die auch zuweilen ein Gewissen zu haben scheint, war dem gastfreien Udallar einigen Ersatz schuldig und vergütete demnach an Burgh-Westra das Mißgeschick der verunglückten Walfischjagd, indem sie noch am Abend desselben Tages, an dem dieser Vorfall sich abspielte, niemand Geringeres als den Hausierer oder reisenden Handelsmann, wie er sich selbst zu nennen pflegte, Bryce Snailsfoot, seinen Weg dahin nehmen ließ. Mit großem Pomp langte er an, er selbst auf einem Klepper, und sein Warenpack, fast doppelt so groß als gewöhnlich, auf einem zweiten, der von einem barfüßigen und barhäuptigen Jungen geführt wurde. Bryce wurde, da er sich als den Ueberbringer wichtiger Neuigkeiten ankündigte, in das Speisezimmer geleitet, wo man ihm – (denn man rechnete damals noch nicht so wie heute mit dem persönlichen Ansehen) – den Platz an einem Seitentische anwies und ihm Speise und Trank reichlich vorsetzte. Ohne zuvor seinen Hunger und Durst zu stillen, berichtete er mit jener Wichtigkeit, die weite Reisen zu verleihen pflegen, daß er erst gestern von Kirckwall, der Hauptstadt der Orkney-Inseln, nach Lerwick, aber schon gestern bis hierher marschiert wäre, wenn es nicht vom Fitful-Head her stark gestürmt hätte. »Hier hatten wir keinen Wind,« sagte Magnus. »Ich weiß jemand, der da nicht geschlafen hat,« erwiderte der Hausierer, »und ihr Name fängt mit einem R. an, aber Gott wacht über uns alle.« »Aber die Neuigkeiten von Orkney, Bryce, statt da viel von einer Handvoll Wind zu schwätzen!« »Solche Neuigkeiten,« entgegnete Bryce, »sind hier nicht seit dreißig Jahren gehört worden, – nicht seit Cromwells Zeit.« »Es ist doch nicht eine neue Revolution dort im Werk?« fragte Halcro. »Wie? Ist vielleicht König Jakob zurückgekommen, wie weiland der muntere König Karl?« »Neuigkeiten sind's,« antwortete der Hausierer, »mehr wert als zwanzig Könige und zwanzig Königreiche obendrein; brachten uns Staatsveränderungen je was Gutes? und doch haben wir schon ein Dutzend bald große, bald kleine, erlebt.« »Ist etwa ein Indienfahrer nordum gekommen?« fragte Magnus Troil. »Ihr kommt dem Dinge schon näher, Herr!« sagte der Hausierer; »aber ein Indienfahrer ist es nicht, sondern ein trefflich bewaffnetes Schiff, bis unter das Deck mit Waren gefüllt, die so wohlfeil weggehen, daß ein bescheidener Mann, wie ich, seinen Kunden rund im Lande recht billige Preise stellen kann; und das werdet Ihr selbst sehen, wenn ich meinen Pack geöffnet haben werde, den ich leichter hinwegzuführen hoffe, als ich ihn hergebracht.« »Ihr müßt gar wohlfeil eingekauft haben, Bryce, wenn Ihr billige Preise stellt,« sagte der Udaller; »aber was für ein Schiff war es denn?« »Darüber kann ich keine genaue Auskunft geben, denn ich habe mit niemandem gesprochen als dem Kapitän, der ein verschwiegener Mann war; aber es kommt von den spanischen Besitzungen, denn es hat Seide, Atlas, Tabak und Wein an Bord; und Zucker, und mancherlei schöne Dinge von Silber und Gold, und Goldstaub obendrein.« »Und von welcher Bauart ist's?« fragte Cleveland, der sehr aufmerksam zu werden schien. »Ein großes Schiff ist's,« antwortete der Handelsmann, »wie ein Schoner gebaut und bemastet, segelt wie ein Delphin, sagt man, und führt zwölf Kanonen.« »Habt Ihr den Namen des Kapitäns vernommen?« fragte Cleveland in leiserem Tone weiter, als er gewöhnlich zu sprechen pflegte. »Ich hab ihn schlechtweg Herr Kapitän tituliert,« erwiderte Bryce, »denn es ist Gesetz bei mir, Leute, mit denen ich Geschäfte treibe, nie mit Fragen zu belästigen; freilich gibt's manchen Kapitän, mit Eurer Erlaubnis, Kapitän Cleveland, dem es nicht behagt, wenn man seinen Namen seinem Titel anhängt; aber, sobald man weiß, welchen Handel man schließt, braucht man dann den Namen des Verkäufers kennen?« »Bryce Snailsfoot ist ein vorsichtiger Mann,« bemerkte der Udallar lachend; »er weiß, daß ein Narr mehr fragen kann, als ein kluger Mann zu beantworten Lust hat.« »Ich habe in meinem Leben schon manchen schönen Handel gemacht,« entgegnete der Hausierer, »und weiß nicht, welchen Nutzen es bringen kann, immer gleich mit dem Namen der Leute herauszuplatzen; aber ich kann den Kapitän jenes Schiffes als einen braven und auch freundlichen Befehlshaber rühmen, und sein Schiffsvolk hält er in strammer Disziplin, läßt kaum einen Mann ans Land, ohne daß der Bootsmann dabei ist, aber das ist ein Brummbär, rauher als je einer das Verdeck betrat; das ganze Schiffsvolk hat vor ihm genau soviel Furcht, wie vor dem Kapitän selbst.« »Das muß Hawkins sein oder der Teufel,« sagte Cleveland. »Meinetwegen, Herr Kapitän!« erwiderte der Hausierer, »der oder der, vielleicht auch von beiden etwas. Wollt Euch aber erinnern, daß Ihr, und nicht ich, ihm diesen Namen beigelegt habt.« »Kapitän Cleveland,« nahm der Udallar das Wort, »sollte das wohl das andere Schiff sein, von dem Ihr spracht?« »Dann muß ihm das Glück günstig gewesen sein, seitdem wir uns verließen. – Sprach das Schiffsvolk etwa vom Verlust eines andern?« »Das allerdings,« sagte Bryce, »sie haben etwas von einem Gefährten geredet, der in diesen Gewässern zu David Jones hinabgestiegen sei.« »Und teiltet Ihr ihnen denn mit, was Euch davon bekannt?« fragte der Udallar. »Ja, daß ich ein Narr gewesen wäre,« erwiderte der Hausierer. »Hätten sie gewußt, was aus dem Schiffe geworden, wäre ihre zweite Frage ohne Zweifel nach der Landung gewesen, und da hätte ich leicht ein bewaffnetes Schiff an die Küste ziehen können, entschlossen, die armen Leute hier mit Nachforschungen über die armseligen Dinge zu quälen, die die See ans Ufer warf!« »Das ungerechnet, was etwa in Eurem eigenen Pack davon gefunden worden wäre,« sagte Magnus Troil, eine Bemerkung, die ein allgemeines Gelächter hervorbrachte ... Ihr mögt immerhin lachen, meine Freunde,« fuhr er nach einer Weile mit ungewöhnlich ernstem Tone fort: »Aber es bleibt dennoch eine Sache, die dem Lande Schimpf und Schande bringt; und bis wir gelernt haben werden, die Rechte derjenigen, die durch Wind und Wellen leiden, zu respektieren, verdienen wir allen Plack von seiten der Fremden, die uns regieren.« Alles ließ ob dieser Zurechtweisung die Köpfe hängen. Bei einigen, selbst aus der bessern Klasse, rührte sich vielleicht das Gewissen; Cleveland aber erwiderte in lustigem Ton: »Wenn es meine Kameraden sind, so stehe ich dafür, daß sie Euch hier nicht um einiger Kisten, Hängematten und ähnlicher Lumpereien wegen beunruhigen werden, die der Strom aus meinem armen Wrack ans Land gespült haben mag. Was kümmert es sie, ob der Plunder dem Hausierer hier oder dem Meeresgrund oder dem Teufel anheimfiel? Also aufpaßt Bryce, und den Frauen Deine Ladung gezeigt! vielleicht findet sich einiges drunter, was ihnen gefällt.« »Es kann nicht das andere Schiff sein,« flüsterte Brenda ihrer Schwester zu, »er zeigte sonst mehr Freude über die Nachricht.« »Es muß das seine sein,« antwortete Minna, »denn ich sah seine Augen funkeln, wie wenn er gedacht haben mag, daß er nun wieder mit den Genossen seiner Gefahren vereint sein werde.« »Vielleicht,« sprach die Schwester etwas leiser, »hat er auch gedacht, daß er Shetland bald wieder verlassen könne? Herzensempfindungen nach Blicken zu beurteilen, ist immer schwer.« »So urteile wenigstens nicht unfreundlich über Empfindungen eines Freundes,« sagte Minna, »und irrst Du Dich dann, so trifft Dich keine Schuld,« Während dieses Gesprächs war der Hausierer beschäftigt, die reichlich sechs Yards lange, durch Knoten und Schnallen sorgfältig verwahrte, aus gegerbten Seehundsfellen bestehende Hülle von seinem Pack zu lösen: eine Arbeit, in der er durch Fragen über das Schiff durch den Udallar und andere des öftern unterbrochen wurde. »Waren die Offiziere oft am Lande? und wie wurden sie von den Bewohnern von Kirckwall aufgenommen?« fragte Magnus Troil. »Sehr gut,« antwortete der Handelsmann, »auch waren der Kapitän und einige seiner Leute zu etlichen Festlichkeiten und Tänzen geladen, die in der Stadt abgehalten wurden; dort aber sind Worte gefallen, über den Zoll, über königliche Rechte und dergleichen, und einige der vornehmein Einwohner, die sich als Obrigkeitspersonen oder dergleichen vorstellten, gerieten in Wortwechsel mit dem Kapitän, der von all dergleichen nichts hören wollte; seitdem spricht er davon, sein Schiff nach Stromneß oder Langhope bringen zu wollen, denn es lag gerade unter den Kanonen der Batterie von Kirkwall. Aber vor Ende des Sommermarkts wird's mit der Abfahrt wohl nichts werden.« »Die Leute auf Orkney,« bemerkte Magnus, »legen es ja schon immer drauf an, das schottische Joch sich selbst schwerer zu machen. Nicht genug, daß wir Schätzung und Steuer bezahlen, wie es unter unfrei alten norwegischen Regierung Sitte und Gebrauch war, sie wollen uns auch noch Zölle und Königssporten auferlegen. Ein ehrlicher Mann muß gegen dergleichen Unwesen ankämpfen; ich habe es mein ganzes Leben lang getan, und will es auch bis an mein Ende nicht anders halten.« Ein lauter Jubel und Beifallsruf ertönte von seiten der Gäste, die wenigstens Zum Teil mit ihrem vaterländisch denkenden Wirte inbetreff der öffentlichen Abgaben zufriedener schienen als mit seinem Vorbehalte inbetreff des Strandgutes. Minna aber, in ihrem weiblichen Sinne über die Meinung des Vaters hinausgehend, flüsterte ihrer Schwester zu, bloß der allzu nachgiebige Geist der Inselbewohner sei Ursache gewesen, daß die Gelegenheit, sich von dem schottischen Joche zu befreien, zu der ein Zufall erst vor kurzem noch günstigen Anlaß gegeben hätte, ungenützt geblieben sei, »Warum,« fuhr sie fort, – und Cleveland hörte, was sie sagte, recht gut – »sollten wir nicht, unter den mannigfachen Veränderungen der jüngsten Zeit, bemüht gewesen sein, unter die Herrschaft von Dänemark, unserm eigentlichen Vaterlande, zurückzukehren? Dazu wäre es jetzt noch Zeit, wenn sich nicht die angesehnern Familien von Orkney durch Freundschafts- und Verwandtschaftsbande mit diesen arroganten Fremdlingen vermischt und hierdurch die Stimme des altnordischen Bluts, das in ihren Adern rollt, erstickt hätten.« Die letzten Worte dieser patriotischen Rede hatten das Ohr unseres Freundes Triptolemus erreicht, der gegen ein protestantisches Regiment solche Voreingenommenheit hegte, daß er fast unwillkürlich rief: »Ja, ja, wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen – aber bitte recht sehr um Verzeihung, Jungfer Minna, wenn ich hiermit etwas spreche, was Euch mißfällt ... Ein gar musterhaftes Land muß es aber sein, wo sich der Vater gegen die Sporteln und die Tochter gar gegen den Thron des Königs erklärt. So etwas kann, meiner Meinung nach, nur am Baum und Stricke enden.« »Bäume, Herr Verwalter, sind bei uns selten,« erwiderte Magnus, »und was wir an Tauen und Stricken haben, brauchen wir für unsere Fahrzeuge, können also nichts davon für Hemdkragen entbehren.« »Und wer sich unterfängt,« nahm Kapitän Cleveland das Wort, »an den Worten dieser jungen Dame Aergernis zu nehmen, täte klüger, Ohren und Zunge auf andere, weniger gefährliche Weise zu beschäftigen.« »Ja, ja,« sprach Triptolemus, »Wahrheit liegt dem Stolzen immer so schwer im Magen wie nasser Klee der Kuh; zumal in einem Lande, wo junge Burschen immer die Hand am Messer haben, sobald ein Mädchen nur ein schiefes Gesicht macht. Doch was läßt sich auch von Leuten anders erwarten, die nicht einmal einen ordentlichen Pflug haben.« »Hört einmal, Herr Yellowley,« erwiderte der Kapitän lächelnd, »hoffentlich rechnen Sie meine Art und Weise nicht zu den Mißbräuchen, die Sie hier abschaffen wollen? Das wäre ein gefährliches Experiment!« »Auch wohl ein schwieriges,« fügte Triptolemus trocken hinzu; »aber habt vor meinen Reformen keine Angst, Kapitän Cleveland; sie richten sich bloß gegen die Menschen und Dinge auf festem Lande. Um die Seeverhältnisse schere ich mich nicht.« »So laß uns Freunde sein, alter Schollenkleber,« rief der Kapitän ... »Und nun heran, Freund Bryce, – mach Dein Tau los – und heran ihr alle und laßt uns sehen, ob sich etwas in seiner Ladung befindet, der Mühe wert, daß man es sich ansieht.« Mit stolzem, zugleich aber auch schlauem Lächeln packte der listige Hausierer allerhand Waren aus von weit besserer Qualität, als sie sonst in seinem Warenballen zu stecken pflegten, wie vornehmlich Stoffe und Stickereien von ungemeiner Schönheit und Seltenheit, die mit einer Pracht und Kunst nach fremdem Arabeskenmustern gewebt waren, daß sie recht wohl verwöhntere Augen, als der einfachen Bewohner Thules hätten blenden können. Alles schaute und bewunderte, während Jungfer Baby-Barbara die Hände zusammenschlug, beteuernd: es sei ja schon Sünde, auf solchen Luxus die Augen zu heben – geschweige denn sich nach dem Preise solcher Dinge zu erkundigen. Andere ließen sich dadurch aber nicht abschrecken, mit dem Hausierer zu handeln, und was er für seine Ware forderte, bewegte sich in so mäßigen Grenzen, daß man wirklich vermuten durfte, er müsse sehr wohlfeil eingekauft haben. Infolgedessen und weil man in Shetland, wie überall, der klugen Menschen genug hat, die mehr, um sich einen guten Handel nicht entgehen zu lassen, als aus wirklichem Bedarf kaufen, fand der Hausierer schnell Kunden über Kunden. So erstand die Lady Glowrowrum allein sieben Unterröcke und ein Dutzend Brusttücher, und mehrere andere der anwesenden Matronen folgten diesem weisen Sparsamkeits-Exempel. Auch der greise Udallar zeigte sich als reger Käufer; der beste Kunde von allen aber, zumal in Artikeln, die bei den Schönen Gefallen wecken konnten, war Kapitän Cleveland, der in dem Warenballen des Hausierers aufräumte, mit seinen Präsenten die gesamte Weiblichkeit, vorzüglich aber des Udallars Töchterpaar bedenkend. »Ich fürchte,« sagte Magnus Troil, »daß Eure Freigebigkeit uns nötigen dürfte, mit Eurem baldigen Verlust zu rechnen.« »Darauf kann ich nichts sagen,« erwiderte nicht ohne Verlegenheit der Mann, dem diese Worte galten – »kann ich doch aus der Ferne nicht beurteilen, ob das angekommene Schiff meine Kameraden gebracht hat oder nicht. – Ich muß nach Kirckwall hinüber, zu sehen, wie es sich verhält; rechne aber bald wieder hier zu sein, um – wenn es nicht anders sein kann – Euch allen Lebewohl zu sagen.« »Ich muß zum Markte hin, um mit den Kaufleuten den letzten Fischfang abzurechnen,« erwiderte nach kurzem Ueberlegen der Udallar, »Und habe meinen Kindern schon lange versprochen, sie einmal zur Marktzeit mit nach Kirckwall zu nehmen. Da könnt Ihr ja mit uns hinfahren. Vielleicht haben Eure Kameraden, oder wenn sie es nicht sein sollten, die fremden Seefahrer Waren an Bord, die mir anstehen? In meiner Brigg soll eine Hängematte für Euch bereit sein.« Cleveland war hierüber so erfreut, daß er die Schätze, die der Hausierer bei sich führte, mit freigebigen Händen unter die Gesellschaft verteilte. Jungfer Baby konnte, ob dieser »Verschwendung« – wie sie solche Freigebigkeit auffaßte – nicht umhin, ihrem Bruder ins Ohr zu flüstern, daß der junge Herr, wenn er mit dem Geld so um sich werfen könne, in seinem zerschellten Schiff eine bessere Reise gemacht haben müsse als alle Schiffer von Dundee wahrend der vollen letzten zwölf Monate. Aber ihre grillige Laune wurde ungemein gemildert, als Cleveland, dessen Absicht es an diesem Abend zu sein schien, sich bei jedermann in das beste Licht zu setzen, sich ihr mit einem Kleidungsstück näherte, das dem Schnitte nach aussah wie ein schottischer Mantel, aber ein so feines Gewebe zeigte, daß man Eiderdaunen zu berühren glaubte. Er nannte es eine Mantilla, die von den spanischen Damen getragen würde, und der Jungfer Baby, da sie ihr vortrefflich stünde, bei den starken Nebeln auf Shetland recht dienlich sein würde. Jungfer Baby nahm mit aller Süßigkeit, deren ihr Gesicht fähig war, das Präsent nicht nur an, sondern räumte dem Spender sogar das Recht ein, es ihr über die hohen, spitzen Schultern zu hängen; von denen, wie Claud Halcro meinte, der Mantel wie von zwei Kleiderpflöcken gehalten wurde. Während der Kapitän diesen Höflichkeitsakt zur allgemeinen Belustigung der Gesellschaft vollzog, erstand Mordaunt ein goldenes Kränzlein, das er Brenda bei schicklicher Gelegenheit einzuhändigen dachte. Auch Claud Halcro zeigte Verlangen, eine silberne Dose von antiker Form für Schnupftabak einzuhandeln, von dem er ein starker Konsument war. Aber der Sänger verfügte nie viel über courante Münze und hatte auch auf seiner Lebenswanderung nur wenig Gelegenheit gehabt, solche zu sammeln; Bryce aber, der bisher nie anders als gegen bares Geld verkauft hatte, versicherte, daß der geringe Verdienst bei diesen seltenen und ausgewählten Waren es ihm nicht erlaube, Kredit zu geben. Mordaunt erriet aus ihrem Flüstern, – wobei der Barde sehnsuchtsvoll den Finger nach der in Rede stehenden Dose ausstreckte, auf die der vorsichtige Hausierer aber die ganze Hand drückte, wie wenn er befürchtete, sie mochte Flügel bekommen, um in Claud Halcros Tasche zu fliegen, – um was sich beider Reden drehten, und legte, als er dies bemerkte, um seinem alten Bekannten eine Freude zu machen, – den für die Dose geforderten Preis auf den Tisch mit den Worten, daß er nicht zugeben würde, daß Halcro die Dose bezahle, da er sich vorgenommen habe, ihm ein Präsent damit zu machen. »Ei, ich will Dich nicht berauben, junger Freund,« versetzte der Poet, »aber wenn ich die Wahrheit sagen soll, so erinnert die Dose mich ungemein an die meines ruhmgekrönten Kollegen John Dryden, aus der ich einmal die Ehre hatte, eine Prise zu bekommen: weshalb ich auch meinen Zeigefinger und Daumen an der rechten Hand höher achte als sonst einen Teil meines Körpers; nur darfst Du nichts dawider haben, daß ich Dir das Geld Zurückzahle, wenn meine Erkaster Stockfische zu Markte kommen.« »Macht das unter euch ab, ihr Herren, wie ihr wollt,« sagte der Hausierer, indem er Mordaunts Geld einstrich, »die Dose ist verkauft und bezahlt,« »Und wie könnt Ihr noch einmal verkaufen, was Ihr schon verkauft habt?« mischte sich Cleveland Plötzlich in das Gespräch. Alle staunten über diese ganz unerwartete Dazwischenkunft Clevelands, der – als er sich von Jungfer Baby abwandle, nicht ohne sichtlichen Groll bemerkte, welche Artikel Bryce soeben losschlug. Auf diese kurze, heftige Frage erwiderte der Hausierer, der einem so guten Kunden nicht zu widersprechen wünschte, nur: »Gott sei mein Zeuge, daß er niemand habe zu nahe treten wollen.« »Wie, nicht zu nahe treten?« rief der Seemann, »und doch über mein Eigentum verfügen?« So sprechend, streckte er seine Hand nach den in Rede stehenden Gegenständen aus ... »Auf der Stelle zahlt dem jungen Manne das Geld zurück, und haltet ein andermal Euren Kurs mehr auf der Mittagslinie der Ehrlichkeit.« Verwirrt und zögernd zog der Hausierer seinen ledernen Geldbeutel hervor, um Mordaunt das Geld wiederzugeben, das er vor einem Augenblick von ihm empfangen hatte; aber der Jüngling war damit nicht zufrieden. »Die Ware,« sagte er, »ist verkauft und bezahlt, – das waren. Eure eigenen Worte, hier in Herrn Halcros Gegenwart, und ich werde nicht dulden, daß weder Ihr noch sonst jemand Hand an mein Eigentum lege.« »Ihr Eigentum, junger Mann?« fragte Cleveland, »es ist das meinige, – ich sprach mit Bryce darüber einen Augenblick, bevor ich mich vom Tische entfernte,« »Ich – ich – ich hatte nicht recht gehört,« sagte Bryce, dem es sehr daran lag, keine von den beiden Parteien zu beleidigen. »Kommt, kommt,« rief der alte Udaller, »wir wollen keinen Streit um solche Narrenspossen; man ruft uns ohnehin bald in die Tanzstube, und dorthin wollen wir alle in guter Laune kommen – Bryce soll die Sachen bis morgen behalten; ich werde dann bestimmen, wem sie gehören sollen.« Der Udaller war in seinem Hause unumschränkter Gebieter; die beiden jungen Männer mußten sich, mit so finsteren Blicken sie einander auch betrachteten, darein fügen, verließen aber in verschiedener Richtung den Raum. Selten nur gleicht der zweite Tag eines verlängerten Festes dem ersten. Geist und Körper, gleich ermüdet, stehen zu der erneuten Lust und Beweglichkeit in keinem Verhältnis; und so wurde auch der Tanz in Burgh-Westra heut mit weit weniger Lebhaftigkeit aufgeführt als gestern. Noch war es eine ganze Stunde bis Mitternacht, als der alte Magnus Troil unter Klagen über die schlimme Zeit und dem Wunsche Worte leihend, auf die Shetländer »von heute« etwas von der eignen Kraft übertragen zu können, das Signal zum allgemeinen Aufbruch geben mußte. Gerade in diesem Augenblick zog Halcro seinen Freund Mordaunt beiseite, um ihm zu sagen, daß er von Cleveland etwas an ihn auszurichten habe. »Eine Herausforderung ohne Zweifel!« rief Mordaunt, und sein Herz begann stürmisch zu pochen. »Eine Forderung!« wiederholte Halcro, »wer hörte je von einer solchen auf diesen ruhigen Inseln? Sehe ich aus wie ein Bote solcher Kundschaft? und gar an Dich? Nein – ich glaube, dem Kapitän steht der Sinn nur nach den Dingen, die Du ausgesucht hast.« »Er soll sie nicht haben, das schwöre ich Euch,« rief Mordaunt, »Höre mich an,« erwiderte Halcro, »es scheint, daß er sie nach den darauf befindlichen Zeichen und Wappen als sein einstiges Eigentum wiedererkannt hat. Solltest Du mir nun diese Dose geben, wie Du versprochen, so würde ich, wie ich Dir unumwunden sage, sie ihrem Eigentümer zurückgeben,« »Und Brenda würde vielleicht dasselbe tun,« dachte Mordaunt, aber schnell entgegnete er: »Ich habe mich eines Bessern bedacht, alter Freund! Cleveland soll die Dinge haben, auf die er einen so großen Wert setzt, aber nur unter einer Bedingung.« »Du wirst noch alles mit Deinen Bedingungen verderben,« sagte Halcro. »Hört mich geduldig an. Meine Bedingung ist, daß er die Sachen in Tausch für die Jagdflinte nimmt, die ich von ihm erhielt, so daß jede gegenseitige Verbindlichkeit aufgehoben wird,« sagte Mordaunt. »Ich sehe, wohin Du willst; Du magst also dem Hausierer sagen, daß er die Sachen an Cleveland ausfolge; die Bedingungen soll dieser schon durch mich erfahren; sonst möcht der ehrliche Bryce zu zweimaliger Bezahlung kommen, statt einer, und ich glaube, sein Gewissen würde ziemlich ruhig dabei sein.« Mit diesen Worten ging Halcro zu Cleveland, wahrend Mordaunt zu dem Hausierer trat, der sich als eine gewissermaßen privilegierte Person unter die Menge am Ende des Gemachs gemischt hatte und ihm den Auftrag gab, die streitigen Gegenstände Cleveland auszufolgen, sobald sich eine Gelegenheit dazu böte. »Ihr habt recht, Herr Mordaunt,« erwiderte Bryce, »Ihr seid ein kluger, verständiger junger Mann, – eine ruhige Antwort wendet den Verdruß ab, – und ich meinerseits will Euch gern wieder gefällig sein, wo ich es irgend kann; denn zwischen dem Udaller von Burgh-Westia und Kapitän Cleveland ist man, wie zwischen Teufel und See, wenn auch der erstere Eure Partei vielleicht zuletzt genommen hätte, denn er ist ejn Mann, der die Gerechtigkeit liebt.« »Aus der Ihr Euch nicht viel zu machen scheint, Bryce,« sagte Mordaunt, »sonst hätte es zu gar keinem Streite kommen können, denn das Recht war auf meiner Seite, und Ihr hättet nur die Wahrheit zu bezeugen brauchen.« »Ich muß allerdings gestehen, Herr Mordaunt,« sagte der Hausierer, »daß Ihr einen Schatten von Recht für Euch hattet; aber die Gerechtigkeit, mit der ich zu schaffen habe, betrifft nur meinen Handel; meine Elle hat die gehörige Länge; auch verkaufe ich alles nach rechtem Maß und Gewicht. Aber mit der Gerechtigkeit zwischen Menschen und Menschen habe ich nichts zu schaffen, etwa wie ein Vogt oder sonst eine Obrigkeitsperson.« »Das verlangt auch niemand von Euch, aber ein Zeugnis hättet Ihr nach Eurem Gewissen ablegen sollen,« antwortete Murdaunt, weder mit dem Benehmen des Hausierers während des Streits, noch mit den Rechtfertigungsgründen seines Betragens zufrieden. Bryce Snailsfoot war jedoch im Antworten nicht verlegen ... »Mein Gewissen, Herr Mordaunt,« erwiderte er, »ist so zart, wie es nur bei einem Manne meiner Art sein kann, aber etwas schüchterner Natur.« »Ihr seid auch nicht gewohnt, sonderlich auf seine Stimme zu achten, nicht wahr?« »Eure eigne Brust beweist das Gegenteil,«,versehte Bryce in zuversichtlicherm Tone. »Meine Brust?« fragte Mordaunt etwas verdrießlich, »was hat die mit Euch zu tun?« »Ich spreche nur von Eurer äußern Brust, Herr Mordaunt. Wer die schöne Weste sieht, die Ihr tragt, muß sich doch sagen, daß sie Euch um vier Taler nur ein gewissenhafter, billiger Mann verkaufen konnte. Drum fülltet Ihr nicht so böse auf mich sein, weil ich in Eurem törichten Zank mit dem Kapitän einen Mund voll Atem gespart habe.« »Ich böse auf Euch,« wiederholte Mordaunt verächtlich, »seid ruhig, mit Euch suche ich keine Händel,« »Nun, das freut mich,« versetzte der Wanderer, »ich suche mit niemandem Differenz, am wenigsten mit einem alten Kunden; und wenn Ihr meinem Rate folgen wollt, so fangt keinen mit Kapitän Cleveland an. Er sieht ganz so aus, wie einer von den Haudegen und Eisenfressern, die da nach Kirckwall gekommen sind, und die einen Menschen eben so leicht totschlagen, wie wir einen Walfisch schnellen.« Die Gesellschaft war inzwischen auseinander gegangen. Mordaunt, den vorsichtigen Rat des Hausierers belächelnd, wünschte ihm gute Nacht und begab sich nach seiner Schlafstelle, die ihm von Erik Scambester, der neben dem Amte eines Kellersmeisters auch das eines Kämmerers versah, in einem der äußeren Gebäude angewiesen wurde, wo man in einem Zimmer oder vielmehr in einem Kämmerchen, eine Hängematte für ihn bereitet hatte. Neunzehntes Kapitel. Die beiden Schwestern bewohnten dasjenige Zimmer im Hause, das vor dem Tode ihrer Mutter das Schlafzimmer ihrer Eltern gewesen, ihrem Vater aber durch den frühen Heimgang seiner Gattin verleidet worden war. Sie hatten sie nach ihrem eignen Geschmack hergerichtet und ausgeschmückt, wie es der Sitte der Inseln entsprach, und seit ihrer Kindheit war es ihnen die vertraute Stätte gewesen, wo sie ihre Gedanken und Pläne einander vertraut, wo sie gelebt und gewebt hatten. Erst seitdem Cleveland sich im Herrenhause aufhielt, war hierin Wandel eingetreten; denn seitdem waren Gedanken bei ihr eingekehrt, die der Mensch für sich behält. Minna hatte, was andern weniger interessierten Beobachtern vielleicht entgangen war, gar wohl bemerkt, daß Brenda von Cleveland keine so hohe Meinung hatte wie sie; und Brenda ihrerseits hielt dafür, daß Minna die Vorurteile, die jetzt gegen Mordaunt in ihres Vaters Herzen wohnten, zu schnell zu den ihrigen gemacht habe. Seitdem hatten die beiden Schwestern die Empfindung, daß sie einander nicht mehr das seien, was sie sich gewesen waren, und wenn sie sich auch alle Mühe gaben, sich hierüber hinwegzutäuschen, so konnten sie einander nicht verhehlen, daß das alte Vertrauen erschüttert, wenn nicht gar auf immer zerstört war. Die Reise nach Kirckwall, noch dazu während des Marktes, da Menschen aus alten Schichten der Inseln dorthin strömten, war eine so wichtige Begebenheit in ihrem sonst so einfachen, einförmigen Leben, daß sie noch vor wenigen Monaten die halbe Nacht durchwacht hätten, um über alles zusammen zu plaudern, was sich dort erwarten ließe, was sich dort ereignen könnte. Jetzt aber fand der Fall kaum Erwähnung, ganz als ob man Furcht hätte, das Thema könnte Zwist unter ihnen veranlassen, oder zu einer offneren Aussprache führen, als man beiderseits wünschte – zumal jede der Schwestern edel genug war, sich die Schuld an dieser Entfremdung beizulegen. In der Nacht, von der wir hier berichten, wurden beide. Schwestern von Träumen heimgesucht, die, obgleich verschieden, wie ihr Charakter und Gemüt, dennoch von einer seltsamen Aehnlichkeit waren: Minna träumte, sie befände sich an dem einsamsten abgelegensten Ort vom Ufer, Swartaster genannt, wo die rastlose Arbeit der Wellen in einem talkartigen Felsen eine jener unterirdischen Höhlen, von den Inselbewohnern »Halier« genannt, gegraben hatte, wohin die Flut ab und zu strömte. Viele von diesen Höhlen senken sich zu unergründlicher Tiefe und sind sichere Zufluchtsorte für Seehunde und Wasserraben. Unter ihnen war die Höhle von Swartaster, für die unzulänglichste gehalten ihrer vielen scharfen Winkel und Krümmungen, wie auch der darin versunkenen Felsstücke halber. Aus dem grauenvollen Schlunde dieser Höhle glaubte Minna in ihrem Traum eine Seefrau hervorschweben zu sehen, mit Kamm und Spiegel in der Hand, die mit ihrem langen schuppigen Schwanze die Wogen um sich her peitschte, und Minna zu sich zu winken schien, während die wilden Töne ihrer Stimme wie in prophetischen Klängen Unheil und Weh verkündeten. Brendas Traum war von ganz anderer, wenn auch nicht minder schwermütiger Art. Sie saß, wie es ihr vorkam, in ihrem Lieblingsgemach, umgeben von ihrem Vater und einem Teil ihrer liebsten Freunde, unter denen Mordaunt Mertoun nicht fehlte. Sie wurde aufgefordert zu singen und bemühte sich, den Kreis um sich her mit einem muntern Lied zu unterhalten, das sie mit einem solchen Erfolge vortrug, daß lautes Lachen und Beifallrufen ihr lohnte. Da aber schien ihr die Stimme plötzlich versagen zu wollen, und es war ihr, als ob dieselbe ihr selbst zum Trotz in jene melancholischen Tone übergehen wollte, in denen Norna vom Fitful-Head zuweilen ein Runenlied anstimmte, ähnlich denen, die von Priestern der grauen Heidenzeit bei ihren grauen Opfermahlen Odins oder Thors Schreckensaltar gesungen wurden. Zuletzt schreckten die Schwestern fast im gleichen Augenblick aus dem Schlafe, mit einem lauten Schrei der Furcht schlugen sie die Arme fest umeinander. Ihre Phantasie aber hatte sie nicht getauscht; ähnliche Töne, wie sie sie zu hören geglaubt hatten, waren wirklich erklungen, und wohlbekannt war ihnen die Stimme; ihr Schrecken und Staunen war darum kaum geringer, als sie Norna vom Fitful-Head am Kamin erblickten, in welchem während des Sommers eine eiserne, wohlgefüllte Lampe stand, die zur Winterzeit einer wärmenden Holz- oder Torfglut Platz machen mußte. Sie war in ihren langen, weiten Mantel gehüllt und bewegte ihren Körper langsam hin und her gegen die bleiche Flamme der Lampe, wobei sie in einem dumpfen, trauervollen und fast überirdischen Tone die folgenden Verse sang: Viel Meilen weit in die See entlang, Durch Strom und Brandung zog ich her; Was Meer hört meinen Runensang, Und seine Woge braust nicht mehr. Wie unterm Hammerschlag das Erz, Sinkt auf mein Wort die Woge hin, Doch das weit wild're Menschenherz Gehorcht allein dem Eigensinn. Nur eine Stund' im Jahr ist mein, Wo ich mein Leid verkünden kann; Wenn hier erlöscht der Lampenschein, Auch ihre kurze Frist verrann. Ihr Töchter Magnus, drum entsteigt Dem Lager Eurer nächt'gen Ruh'; Zu Ende bald das Licht sich neigt, Erwacht, hört meiner Rede zu! Norna war, wie gesagt, zwar beiden Schwestern wohlbekannt, dennoch aber konnten sie eine, obgleich verschiedenartige Gemütsbewegung bei ihrem so unerwarteten Anblick in dieser nächtigen Stunde nicht unterdrücken. Im Glauben an Nornas übernatürliche Kräfte wichen sie ungemein voneinander ab. Minna war, obgleich sie geistig ihrer Schwester überlegen sein mochte, mit einer außerordentlich reichen Phantasie begabt und Erzählungen von Wundern und übernatürlichen Vorgängen leichter zugänglich; – Brenda hingegen hatte bei allem Frohsinn einen schwachen Hang zur Satire, der sie oft in Versuchung setzte, über Dinge, die Minna zu Traumgebäuden fügte, zu lächeln; auch ließ sie sich gleich allen muntern Gemütern nicht leicht durch großtuerisches Wesen imponieren, hingegen, da ihre Nerven schwächer und reizbarer waren als die ihrer Schwester, zuweilen von der Sucht verleiten, Ideen zu hegen, die ihre Vernunft verwarf. Bei solchen Gelegenheiten pflegte dann Claud Halcro, wenn die Rede auf Sagen kam, die um Burgh-Westra herum spielten, zu sagen: Minna glaube daran, ohne zu zittern, Brenda aber zittere davor, ohne daran zu glauben. Unter dem Einflusse so verschiedenartiger Gefühle wollte Minna, als der erste Schreck vorüber war, von ihrem Lager aufspringen, um Norna zu begrüßen; Brenda aber, die in Norna, wenn nicht eine Geisteskranke, doch eine rätselhafte Erscheinung sah, hielt die Schwester zurück, und flüsterte ihr zu, daß sie um Hilfe rufen wolle. Aber Minnas Gemüt war, unter dem Eindruck, daß das Schicksal der Schwestern einer Krisis zutreibe, in zu großer Erregung, als daß sie den furchtsamen Aeußerungen ihrer Schwester hätte Folge leisten mögen; sie entwand sich ihren Armen, warf ein leichtes Nachtgewand über, schritt mutig durch das Gemach, mehr von Erwartung als Furcht beherrscht, und redete die seltsame Besucherin auf folgende Weise an: »Wenn Eure Sendung uns betrifft, Norna, wie Eure Worte zu verkünden scheinen, so ist wenigstens eine von uns bereit, Eure ehrfurchtsvolle und furchtlose Zuhörerin zu sein.« »Norna, liebe Norna,« flehte mit zitternder Stimme Brenda, – die der Schwester, weil sie sich allein auf ihrem Lager nicht mehr sicher glaubte, gefolgt war und die jetzt hinter ihrer Schwester stand, das Gewand derselben mit beiden Händen festhaltend, – »Norna, liebe Norna,« fuhr sie fort, »was Du auch zu sagen vorhast, laß es bis morgen. Ich will Euphane Fea, die Haushälterin, rufen, daß sie Dir ein Lager für die Nacht bereite.« »Ich brauche kein Lager,« antwortete die nächtliche Besucherin, »meine Augen schließen sich nicht; sie wachten, wenn Sandbänke und Felsenmassen zwischen Burgh-Westra und Orkney sich erhoben und verschwunden – sie sahen wie die Klippe von Hoy in das Meer hinabstürzte, und wie der Felsen Hengcliff daraus emporstieg, und dennoch schloß der Schlummer sie nicht, und nimmer wird er sie schließen, bis mein Geschäft vollendet. Setze Dich also, Minna, und auch Du, furchtsame Brenda, setz Dich, während ich die Flamme meiner Lampe anfache. – Legt Eure Kleider an, denn die Erzählung ist lang, und noch bevor sie zu Ende sein wird, werdet Ihr vor Schlimmerem als Kälte zittern.« »Ach, um Gottes willen, liebe Norna!« bat Brenda, »laß es, bis es Tag geworden ... Bald muß es ja zu dämmern beginnen. Ist's etwas Grauenvolles, was Du sagen willst, so erzähle es bei Tage, doch nicht beim Dämmerschein der blauen Lampe.« »Ruhig, Du Törin!« gebot der nächtliche Gast: »nicht bei Tag kann Norna eine Geschichte erzählen, vor der selbst die Sonne am Himmel erlöschen würde, und mit der alle Hoffnungen jener Hunderte von Booten, die noch vor Mittag dieses Ufer verlassen werden, um die Tiefe des Meeres nach Fischen zu durchwühlen, wie auch die ihrer Familien, die vergebens ihre Rückkehr erwarten, untergehen müßten. Der böse Geist, den meine Worte wecken werden, muß, wenn er seinem Felsen entsteigt, um sich an den Schreckenstönen zu lechzen, die ihm Wonne und Entzücken sind, seine schwarzen Schwingen über ein schiff- und bootfreies Meer bewegen.« »Nehmt Rücksicht auf Brendas Furcht, gute Norna,« sprach die ältere Schwester, »oder verschiebt wenigstens Eure schreckliche Mitteilung bis zu einer geeigneteren Zeit und Stunde.« »Nein, Mädchen,« erwiderte Norna ernst, »nein, was ich zu erzählen habe, taugt nicht für ein Tageslicht, sondern muß noch erzählt werden, so lange noch diese Lampe brennt, die aus dem Galgenseilen des grausamen Lords von Woodensvoe, der seinen Bruder ermordete, geformt wurde... Seht, sie brennt schon dunkler, und doch darf meine Erzählung nicht länger währen als ihre Flamme. Setzt Euch dorthin, ich nehme meinen Platz Euch gegenüber und stelle die Lampe in unsere Mitte, denn den Bereich ihres Schimmers darf kein böser Geist überschreiten.« Die Schwestern gehorchten; Minna warf einen schnellen, scheuen, aber doch festen Blick um sich, wie wenn sie das Wesen, das Nornas Worten zufolge in ihrer Nähe hausen sollte, suchte, während Brendas Furcht mit Verdruß und Ungeduld gemischt schien. Norna schenkte ihrem Benehmen keine Aufmerksamkeit, sondern begann ihre Erzählung mit folgenden Worten: »Ihr wißt, meine Töchter, daß wir Blutsverwandte sind, aber in welchem Grade, ist Euch unbekannt; denn früher schon herrschte Feindschaft zwischen Eurem Großvater und dem Manne, der das Unglück hatte, mich Tochter zu nennen. Ich will ihn Erlend, bei seinem Taufnamen, nennen; denn den, der unsere Verwandtschaft bezeichnet, darf ich ihm nicht beilegen. Euer Großvater Olau war Erlends Bruder. Als aber die weitläufigen Besitzungen ihres Vaters Rolf Troil, eines der reichsten und mächtigsten Abkömmlinge des alten norwegischen Stammes, unter den Brüdern verteilt wurden, erhielt Erlend die Güter seines Vaters auf Orkney, Olav aber diejenigen, die auf Hialtland gelegen waren. Hierüber entstand Uneinigkeit zwischen den Brüdern; denn Erlend glaubte, ihm sei unrecht geschehen; und als das obere Gericht Lawthing der höchste Gerichtsort des Landes, welcher noch jetzt auf den Orkney- und Shetlands-Inseln besteht und, seiner Verfassung nach, das rohe Bild eines Parlaments bietet die Teilung bestätigte, ging er zornig nach Orkney, verwünschte Hialtland und seine Bewohner, – verfluchte seinen Bruder und sein Blut. Aber die Liebe zu den Klippen und Felsen war noch immer in Erlends Seele herrschend, und er schlug seinen Wohnsitz auf, nicht etwa auf den freundlichen Hügeln von Orphir oder in den grünen Ebenen von Gramesay, sondern auf der wilden und felsenreichen Insel Hoy, deren Klippen sich wie die von Foulah und Feroe bis in die Wolken erheben. Dem unglücklichen Erlend waren alle Legenden und Sagen bekannt, die die Skalden und Barden hinterlassen haben; und mich in dieser Wissenschaft, die uns beiden so teuer zu stehen kommen sollte, zu unterrichten, war die hauptsächlichste Beschäftigung seiner alten Tage. Ich lernte jeden einsamen Hügel, jeden Steinhaufen besuchen, wußte die Geschichten zu erzählen, die mit ihnen zusammenhängen, und verstand mit Versen zu seinem Lobe den Geist des zornigen Kriegers zu besänftigen. Mir waren die Orte bekannt, wo man einst dem Thor und Odin geopfert; ich kannte die Opfersteine, wo das Blut vergossen war, wo die finstern Priester standen und die stolzen Häuptlinge, die den Willen des Götzenbildes vernahmen, und die Menge untergeordneter Anbeter, die mit Schrecken zuschauten. Jene Orte, die der furchtsame Landmann am meisten scheute, hatten keine Schrecken für mich; ich wagte mich in ihren Zauberkreis; ich traute mich, bei der magischen Quelle gut zu schlummern. Zu meinem Unglücke aber fühlte ich mich besonders zu dem Zwerggestein hingezogen, einer Reliquie des Altertums, auf die die Fremden mit Neugierde, die Eingeborenen aber mit Entsetzen blicken. Ein ungeheures Bruchstück eines Felsens ist es, das in einem wilden Tal voll Steinen und Abgründen an einem einsamen Orte unten am Fuße des Ward-Felsens von Hoy liegt. Sein Inneres bietet zwei Ruhestätten dar, von keiner irdischen Hand ausgehauen, und ein schmaler Gang trennt beide. Der Eingang liegt Wind und Wetter offen; daneben aber liegt noch jener ungeheure Stein, der, den Aushöhlungen nach, die noch am Eingänge sichtbar sind, einst dazu gedient hat, diesen seltsamen Wohnsitz zu öffnen und zu verschließen, und den jener mächtige Zwerg der nordischen Sagen, Trolld mit Namen, zu seiner Lieblingsresidenz erbaute. »Mir graute vor Trollds Erscheinung nicht, wie den Schäfern, die diesen Ort noch immer meiden, denn mein Herz und meine Hand, Minna, waren kühn und schuldlos wie die Deinen. Aber in meinem kindischen Mut war ich zu anmaßend, und der Durst nach unerreichbaren Dingen trieb mich, wie unsere Stammmutter, die Erkenntnis selbst auf verbotenen Wege zu suchen. Mich verlangte nach der Macht der Voluspae, jener begabten Frauen unseres Geschlechts: gleich ihnen wünschte ich den Elementen gebieten und die Geister längst entschlafener Höhlen hervorrufen zu können, um von ihnen den Bericht ihrer kühnen Taten und Kunde von ihren verborgenen Schätzen zu erhalten. Oft wenn ich bei dem Zwerggestein weilte, die Augen auf den Ward-Felsen gerichtet, der sich über dieses grauenvolle Tal erhebt, sah ich in der Mitte des dunklen Gesteins jenen wundervollen Karfunkel, der wie rote Glut demjenigen erscheint, der von unten hinaufsieht, aber sogleich dem unsichtbar wird, dessen kühner Fuß es wagt, die Höhe zu erklimmen, der er seinen Glanz verdankt. An der Westseite des Zwerggesteins nämlich erhebt sich ein ungemein hoher, steiler Felsen, Ward Hill genannt, nahe an dessen Gipfel in den Monaten Mai, Juni und Juli gegen Mittemacht etwas Glänzendes und Schimmerndes sichtbar wird, das man oft selbst in weiter Entfernung bemerken lann. In früherer Zeit war sein Glanz stärker als jetzt, und obgleich schon mancher Fuß den Felsen erkletterte, um dem schimmernden Gegenstände nachzuspüren, ward doch noch nie etwas dergleichen gefunden. Der gemeine Mann spricht wie von einem zaubervollen Karfunkel davon; ich aber halte es für ein über die Felsenfläche weggleitendes Wasser, das, wenn es von der Sonne zu solcher Zeit beschienen wird, einen so wundervoll glänzenden Widerschein von sich gibt Meine eitle Jugendbrust verlangte nach der Entschleierung dieses und hundert anderer Geheimnisse, die mir in den Sagen, die ich von Erlend erlernte, mehr angedeutet als erklärt wurden; und in meinem übermütigen Sinne forderte ich den Herrn des Zwerggesteins auf, Mir zur Erreichung jener, für bloß Sterbliche unzugänglichen Kenntnisse Beistand zu leisten.« »Und der böse Geist vernahm Euren Ruf?« fragte Minna, der während dieser Erzählung das Blut zu starren begann. »Still,« gebot Norna mit gedämpfter Stimme, »erzürne ihn nicht durch Vorwürfe, – er ist bei uns – eben jetzt hört er uns,« – Brenda stand erschrocken auf. – »Ich will nach Euphanens Kammer,« rief sie, »mögt Ihr beide Eure Geschichten von Kobolden und Zwergen, so viel Ihr Luft habt, weiter erzählen; ich fürchte mich zu keiner andern Zeit vor ihnen, aber um Mitternacht und bei diesem bleichen Lampenschimmer mag ich nichts davon hören.« Schon wollte sie das Zimmer verlassen, als Minna aufsprang und sie zurückhielt. »Ist das Brendas Mut,« sprach Minna, »Brenda, die allen Sagen unserer Väter von übernatürlichen Wundern mit Unglauben begegnet? Was Norna mitzuteilen hat, betrifft vielleicht das Schicksal unsres Vaters und seines Hauses! – wenn ich zuhören kann, im Vertrauen darauf, daß Gott und meine Unschuld jeden bösen Einfluß von mir abwenden, hast Du, Brenda, die Du an keinen solchen Einfluß glaubst, um so weniger Ursache zu zittern. Glaube mir, der Schuldlose braucht sich nimmer zu fürchten.« »Gefahr mag immerhin nicht vorhanden sein,« erwiderte Brenda, unfähig ihren natürlichen Hang zur Munterkeit zu unterdrücken, »aber wie jenes alte Scherzbuch sagt, große Furcht ist doch dabei. Minna,« fuhr sie flüsternd fort, »ich will doch lieber bei Dir bleiben, als Dich mit der furchtbaren Alten allein lassen; auch müßte ich über eine dunkle Treppe und über einen langen Gang, um bis zu Euphanen zu kommen, sonst hätte ich sie hierher geschafft, noch ehe fünf Minuten vergangen wären.« »Rufe niemand her, Mädchen, bei Gefahr Deines Lebens,« rief Norna, »und unterbrich meine Geschichte nicht, noch einmal, denn nicht weiter erzählen darf ich sie, sobald das magische Licht hier erloschen sein wird.« »Nun, Gott sei gedankt,« flüsterte Brenda vor sich hin, »die Flamme brennt nur noch matt in der Lampe; ich hätte wohl Lust, ihr den Rest zu geben, aber dann würde Norna mit uns im Dunkeln allein sein, und das wäre noch schlimmer.« So sprechend, ergab sie sich in ihr Schicksal und nahm ihren Platz wieder ein, entschlossen, Nornas fernerer Geschichte mit allem nur erdenklichen Gleichmut zuzuhören. Norna aber begann auf folgende Weise wieder: »An einem heißen Sommertag, gerade als ich gegen Mittag bei dem Zwerggestein weilte, meine Blicke auf den wundervollen Karfunkel gerichtet haltend, der seinen geheimnisvollen Glanz vom Wardfelsen zu mir herabsandte, beklagte ich mehr als je das unzulängliche menschlicher Wissenschaft, und wie unwillkürlich sprach ich die Worte einer alten Sage aus: »Seid, Felsenbewohner, dem Rufe hold, Haims der Weise, mächt'ger Trolld, Die Ihr das schwache Weib oft geehrt, Jenen Zauberstab, den ihr gewährt Mit gebietender Hand zu schwingen, Weises und Starkes kühn zu vollbringen, Und des Sturmes Wut zu empören Und des Ozeans Welle zu wehren; Ruhig noch? fehlt Euch die Macht, Die Euch einst eigen um Mitternacht? Seid Ihr nicht die Starten mehr, Wie, verkläng Eu'r Name leer? Schwand er leicht hin durch die Luft Wie des Morgens Nebelduft?« »Ich hatte,« fuhr Norna fort, »kaum diese Worte ausgesprochen, als der Himmel, der bisher ungewöhnlich heiter gewesen war, sich plötzlich so verdunkelte, daß es eher Mitternacht als Mittag zu sein schien. Ein einziger Blitzstrahl zeigte mir die wüste Landschaft, von Gestein, Heidekraut, Morästen und Abgründen rund um mich her; und ein einziger furchtbarer Donnerschlag rief alle Echos des Wardfelsens wach, die den Schall rastlos widerhallten, so daß es schien, als ob ein von dem Schlage losgerissenes Felsstück über Klippen und Felsen in das Tal hinabrollte. In demselben Augenblick begann der Regen so heftig zu strömen, daß ich mich, um Schutz davor zu, finden, durch die niedrige Oeffnung in das Innere des geheimnisvollen Gesteins flüchten mußte. Ich setzte mich auf das größere Steinlager am obern Ende der Felsenhöhle und versank, die Augen auf den kleinern Ruhesitz mir gegenüber richtend, in tiefes Sinnen über Ursprung und Art meiner seltsamen Zuflucht. War es wirklich, wie die Skalden berichten, das Werk jenes mächtigen Trollds? Oder, das Grabmal irgend eines skandinavischen Häuptlings, der hier mit seinen Waffen und Reichtümern, ja vielleicht mit seinem geopferten Weibe begraben ward, auf daß alles, was er im Leben am liebsten hatte, auch im Tode nicht von ihm getrennt würde? Oder der Wohnort eines frommen Eremiten aus späterer Zeit? Öder vielleicht das Werk irgend eines wandernden Künstlers, vom Zufall oder einer Grille zu diesem Unternehmen geführt? Ich schildere Euch die Gedanken, die damals meine Seele durchflogen, damit Ihr Euch überzeugt, daß dasjenige, was nun folgt, nicht die Vision einer in Vorurteilen befangenen, erregten Einbildungskraft, sondern eine ebenso wirkliche als schreckensvolle Erscheinung war. ... Der Schlaf war während meiner Betrachtungen nach und nach auf mich herabgesunken, als mich ein zweiter Donnerschlag plötzlich aus meinem Schlummer aufschreckte, und als ich meine Augen aufschlug, sah ich bei dem Dämmerlicht, dem die obere Oeffnung Zugang ließ, die unförmige und undeutliche Gestalt Trollds des Zwerges, mir gegenüber auf dem kleineren Steinlager, das sein viereckiger, mißgestalteter Körperklumpen ganz auszufüllen schien. Ich war bestürzt, aber nicht erschrocken, denn das Blut des alten Geschlechts von Lochlin floß warm in meinen Adern. Er sprach, aber seine Worte waren so altnorwegisch, daß nur wenige, außer meinem Vater und mir, ihren Inhalt verstanden hätten, – Worte, wie sie auf diesen Inseln gesprochen wurden, noch bevor Olav das Kreuz auf die Ruinen des Heidentums pflanzte. Auch ihr Sinn war dunkel und unverständlich, wie der, den die heidnischen, Priester im Namen ihrer Götzenbilder von dem Helga-Fels Geheiligte Berge, von den skandinavischen Priestern zu ihrem Gottesdienste gebraucht herab vor der versammelten Menge auszusprechen pflegten. Er lautete, wie folgt: Zehn Säcula schon sah ich fliehen, Seitdem ein Gast den Felsensäulen Genaht, um meine Macht zu teilen. – Besucher mein, Sollst mir willkommen sein; Hochherzige Maid, Vernimm den Bescheid: Macht, von Dir begehrt, Ueber Woge und Wind, Sie sei Dir gewährt, Du mutiges Kind; Auf Felsen und Buchten, I n bergigen Schluchten, Auf jeglichen Höh'n, Wo Winde nur wehn, An jeglichem Strand Im nordischen Land, Doch hemmt so lange noch tatlose Ruh' Dein Heldenbemühn, Bis Deinem Lebensspender Du Genommen, was er Dir verlieh'n! »Ich antwortete ihm ungefähr auf dieselbe Weise, denn der Geist der alten Skalden unseres Geschlechts ruhte auf mir, und weit entfernt, das Gespenst zu fürchten, mit dem ich mich in einem so engen Raum eingeschlossen befand, fühlte ich ganz jenen hohen Mut, der die alten Kämpen und Druiden zum Kampf gegen die unsichtbare Welt beseelte, wenn sie der Meinung waren, daß die Erde ihnen fortan seine Feinde mehr darbieten könne, würdig von ihnen bezwungen zu werden. Ich antwortete ihm also folgendes: »Dunkel sind Deine Worte, Du, der Du häufest im Stein, Doch wer Dich sucht an diesem Orte, Nennt Furcht nicht sein. Mag immerhin werden Das Schlimmste mein Teil, Die Qual ist auf Erden, Im Tod nur ist Heil!« »Der Dämon schielte nach mir, wie bestürzt und zugleich überwältigt, dann hüllte er sich in einen dicken, schwefelartigen Dampf und war vor meinen Augen verschwunden. Bis zu diesem Augenblick hatte ich nichts von Furcht gefühlt, nun aber ergriff sie mich, und ich eilte hinaus in die freie Luft, wo der Sturm vorüber und alles wieder heiter war. Nach einer kurzen atemlosen Pause flog ich heim, über die Worte der Erscheinung nachsinnend, die ich, wie es zuweilen zu gehen pflegt, damals nicht so deutlich in mein Gedächtnis zurückrufen konnte als späterhin. Es mag seltsam erscheinen, daß ein solcher Vorfall mit der Zeit, wie ein kurzer nächtlicher Traum, aus meiner Seele entschwinden konnte, – aber dennoch war dem so. Ich überredete mich selbst, es sei nur ein Spiel meiner Phantasie gewesen, – ich glaubte, zuviel in der Einsamkeit gelebt und mich zu sehr den durch meine Lieblingsstudien veranlaßten Empfindungen überlassen zu haben. Ich gab meine bisherigen Beschäftigungen einige Zeit lang auf und mischte mich unter die Jugend meines Alters. Bei einem Besuch in Kirckwall lernte ich Euren Vater kennen, den Geschäfte dorthin geführt hatten. Leicht wurde es ihm, in dem Hause der Verwandten wo ich mich aufhielt, Zutritt zu erhalten; man wünschte dort, wo möglich unsere Familien auszusöhnen. Euren Vater, Mädchen, hat die Zeit im Grunde mehr gestählt, als verändert. Es war dieselbe männliche Gestalt, dieselbe altnordische Offenheit der Sitte und des Herzens; derselbe redliche Mut und dasselbe ehrliche Wesen, vereint mit dem jugendlichen Scharfsinn, dem Wunsche zu gefallen, der Lust an allem und der Lebhaftigkeit des Geistes, die nie den Frühling unseres Daseins überlebt. Aber obgleich er der Liebe wert war, und ob auch Erlend schriftlich seine Neigung billigte, gab er dennoch einer andern – einer Fremden, Minna, einer unheilbringenden Fremden, – mit einem einnehmenden Wesen, und mit Künsten begabt, die den einfachen Sitten Deines Vaters unbekannt waren, den Vorzug. – Ja, so war's, und er wandelte in unserer Mitte wie ein Wesen aus einem erhabnem Geschlecht. – Ihr staunt mich an, gleichsam als sei es seltsam, daß sich die Aufmerksamkeit eines solchen Liebhabers auf mich lenken konnte; Wohl bietet Nornas Gestalt jetzt nichts mehr, was an die Reize von Ulla Troil erinnern könnte. – Der Wandel des belebten Körpers zum Leichnam ist kaum furchtbarer und schärfer, als der, den ich erfahren habe, die ja noch auf Erden wandelt. Schaut mich an, Mädchen – schaut mich an bei diesem dämmernden Lampenschein, – könnt Ihr glauben, daß diese widerwärtigen, vom Wetter verwüsteten Gesichtszüge – diese Augen, die durch das Anschauen von Schreckensgebilden fast zu Stein geworden, – diese graue Locke, die sich nur noch wie der Wimpel eines untersinkenden Schiffes bewegt, – daß sie, und die, der sie angehören, einst der Gegenstand zärtlicher Liebe sein konnten? – Aber die sinkende Flamme beginnt zu verlöschen, während ich meine Schande verkünde! – Wir liebten uns heimlich – wir sahen uns heimlich, bis ich ihm den letzten Beweis von unheilbringender, schuldiger Liebe gab! – Und nun wirf Deinen magischen Schimmer – breite noch einen Augenblick Deinen im Verlöschen so mächtigen Schein – gebiete ihm, der in unserer Nähe schwebt, halte seine dunklen Schwingen von dem Kreise fern, den Du beleuchtest – nur einen Augenblick leuchte noch, bis das Schlimmste erzählt ist, und dann sinke, wenn Du willst, in ein Dunkel zurück, schwarz wie die Nacht meines Kummers und meiner Schuld.« Während sie so sprach, regte sie die verlöschende Flamme der Lampe wieder an und fuhr dann mit hohler Stimme und abgebrochenen Worten fort: »Ich darf keine Zeit mit Worten verlieren. – Meine Liebe Wurde entdeckt, aber nicht meine Schuld. Erlend langte zornig auf Pomona an und führte mich in unsere einsame Wohnung auf der Insel Hoy. Er gebot mir, meinen Geliebten nicht wiederzusehen und Magnus, dem er die Beleidigungen meines Vaters verzeihen wollte, als meinen Gatten zu empfangen. Ach, ich verdiente leider nicht mehr seine Zuneigung – mein einziger Wunsch war, der Wohnung meines Vaters zu entfliehen und meine Schande in den Armen meines Geliebten zu verbergen. Ich muß ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, – er war treu – nur allzu treu – seine Untreue hätte mich den Verstand kosten können; die unglücklichen Folgen seiner Treue kosteten mich zehnfach mehr.« Sie hielt inne; nach einer kurzen Pause aber fuhr sie im wilden Tone des Wahnsinns fort: »Sie hat mich zu der mächtigen, verzweiflungsvollen Herrscherin über Meer und Wind gemacht!« Wieder hielt sie inne und fügte gefaßter hinzu: »Mein Geliebter kam heimlich nach Hoy, um mit mir über die Mittel zu meiner Flucht zu beraten; ich versprach ihm eine Zusammenkunft, um den Zeitpunkt zu verabreden, wann sein Schiff in die Meerenge einlaufen sollte. Ich verließ das Haus um Mitternacht.« Hier schien sie kaum Atem schöpfen zu können, und nur langsam, fuhr sie in ihrer Erzählung fort: »Ich verließ das Haus um Mitternacht – mein Weg führte mich bei meines Vaters Stube vorüber; ich sah die Tür offen, – ich glaubte, er bewache uns, und damit das Geräusch meiner Schritte ihn nicht aus seinem Schlummer wecke, schloß ich die unglückselige Tür – eine unbedeutende Handlung – aber Gott im Himmel, welche Folgen hatte sie! – Am Morgen war das Gemach mit einem erstickenden Dampfe angefüllt – mein Vater war tot – tot durch mich! – tot durch meinen Ungehorsam, tot durch meine Schande! – Alles, was jetzt folgt, ist Nacht und Finsternis – ein gräßlicher, erstickender, furchtbarer Nebel hüllte alles ein, was ich tat und sprach, alles was getan und gesprochen wurde, bis ich überzeugt war, daß mein Schicksal erfüllt sei, und ich nur einherschritt als das kalte schreckensvolle Wesen, das Ihr jetzt in mir erblickt, die Gebieterin der Elemente, – die Teilnehmerin an der Macht jener Wesen, denen der Mensch und seine Leidenschaften eine Lust gewähren, derjenigen vergleichbar, die der Fischer bei dem Schmerze des Haifisches empfindet, wenn er ihm die Augen ausbohrt, und ihn noch einmal seinem Elemente überläßt, um in Blindheit und Todesangst die Wellen noch einmal zu durchschneiden. Sie, die Ihr vor Euch seht, Mädchen, ist von den Torheiten frei, deren Spiel Eure Herzen sind. – Ich bin es, die das Opfer brachte – ich bin es, die ihrem Lebensspender dasjenige raubte, was er ihr gab. – Das dunkle Wort ist durch meine Tat ausgelegt, und ich bin der Menschheit entnommen worden, um an Macht, aber auch an Jammer und Elend bevorzugt zu sein vor anderen.« Als sie dieses sprach, flammte die Lampe, die bisher nur geglimmt hatte, plötzlich noch einmal hell auf, dann schien sie verlöschen zu wollen ... »Nichts mehr nun,« rief Norna, sich selbst unterbrechend, – »er kommt – er kommt. – Genug, daß Ihr mich kennt und das Recht, das mir zusteht, Euch Zu raten und Euch zu gebieten. – Nahe Dich jetzt, stolzer Geist! wenn Du willst.« So sprechend, löschte sie die Lampe aus und verließ mit dem ihr eigentümlichen feierlichen Ernste, wie Minna aus dem abgemessenen Schall ihrer Schritte wahrzunehmen meinte, den Raum. Ende des ersten Bandes.