Walter Scott Der Abt oder Maria Stuarts Glück und Ende Erster Band Roman in zwei Bänden. Erster Band. Erstes Kapitel. Unmerklich eilt die Zeit dahin, und stufenweis wandelt sie, wie die äußern Verhältnisse, Tracht und Sitten und Charakter. Ist der Mensch fünf Jahre älter geworden, so ist er ein andrer geworden, und doch derselbe geblieben: die Welt um ihn her hat sich nicht geändert, er sieht sie aus andern Gesichtspunkten an, er beurteilt Grundsätze und Handlungen anders. Halbert Glendinning und seine Frau waren um zweimal fünf Jahre älter geworden, seit wir sie in der Erzählung »Das Kloster« verließen, in der sie eine so hervorragende Rolle spielten. Das Band, das so glücklich für sie war, wie es gegenseitige Liebe nur immer zu schließen vermag, hatte sich nicht gelockert, aber ihr Glück war durch einen doppelten Umstand getrübt worden: einmal durch die wirtschaftliche Not, die über ganz Schottland hereingebrochen war, dann durch die zerrütteten Verhältnisse dieses unglücklichen Landes, in welchem ein Bürger den andern mit der Spitze seines Schwertes bedrohte. Gegen Murray hatte sich Glendinning bewährt, wie Murray es erwartet hatte: unwandelbar in der Freundschaft, tapfer im Kampfe, besonnen im Rat. Drum wurde er auch, war Gefahr im Anzuge, und das war nicht selten der Fall, von seinem Patron immer entboten zur Teilnahme auf Kriegszügen oder bei mühseligen Unternehmungen, wie er auch immer seinen Rat einholte bei den Ränken und Intrigen eines halb in Verwilderung versunknen Hofes. Daher kam es denn, daß Sir Halbert Glendinning -- denn er war inzwischen zur Ritterswürde gelangt -- oft und lange von seinem Schloß und seiner Gemahlin fern war, und der Umstand, daß ihre Ehe nicht mit Kindern gesegnet war, die während seines Fernseins die Herrin von Avenel hätten trösten können, war auch nicht danach beschaffen, ihr Mißvergnügen hierüber zu lindern. Sie lebte zu solchen Zeiten völlig abgeschieden von der Welt, im Bereiche der Wälle ihrer väterlichen Burg. Von Besuchen der Nachbarn untereinander war nicht die Rede, besondre Festlichkeiten ausgenommen, und auch dann beschränkte sich der Verkehr immer nur auf die allernächste Verwandtschaft. Bei der Schloßherrin von Avenel war solche aber nicht vorhanden, und die Damen der in der Schloßnachbarschaft sässigen Barone betrachteten sie nicht sowohl als Erbin von Avenel, als vielmehr als Frau eines Bauern, der als Sohn eines Kirchenvasallen durch Murrays launenhafte Gunst wie ein Pilz emporgeschossen war. Dieser Adelsstolz trat schärfer noch bei den Frauen zu Tage als bei den Männern, und nicht wenig trugen auch die Fehden der damaligen Zeit dazu bei, den zwischen den Geschlechtern vorhandnen Zwiespalt zu mehren, denn die meisten Adelinge des Südens waren auf Seite der Königin und auf das Uebergewicht Murrays in hohem Grade eifersüchtig. All diese Umstände trugen dazu bei, das Schloß Avenel für die Schloßherrin zu einem recht traurigen und einsamen Aufenthalte zu machen. Der Vorzug der Sicherheit wurde hierdurch freilich nicht verkümmert. Wie der Leser noch aus der Erzählung »Das Kloster« weiß, war es auf einer kleinen Insel in einem kleinen See erbaut, ein Dammweg bildete seinen einzigen Zugang, und ein doppelter Graben, der von zwei Zugbrücken verteidigt wurde, durchschnitt diesen Damm, so daß das Schloß für damalige Zeiten, wo man noch keine Geschütze kannte, als unbezwinglich galt. Ein halbes Dutzend Bewaffneter reichte aus, es vor Ueberrumpelung zu schützen, und bei ernsterer Gefahr wurde aus der männlichen Bewohnerschaft eines kleinen Dörfchens, das sich zwischen See und Hügel auf einer schmalen Landzunge, unfern der Stelle, wo der Dammweg das feste Land erreichte, unter Halberts wirksamer Förderung angesiedelt hatte, rasch ein Besatzungskorps herangezogen. Dem Schloßherrn von Avenel, dessen Leutseligkeit als Lehnsherr bekannt war, wurde es nicht schwer, Hörige zu finden. Seine Eigenschaft als Günstling des mächtigen Grafen von Murray, wie als kriegserfahrner Herr, war hierzu auch nur förderlich, denn wer unter seinem Banner sich niederließ, durfte auch rechnen, Schutz und Verteidigung zu finden. Auf dreißig rüstige Mannen durfte er auf diese Weise immer rechnen, und zur Verteidigung für seine Burg war diese Anzahl völlig hinreichend. Die Angehörigen der Dörfler fanden während solcher Zeit mit ihrem Vieh Zuflucht in den Schluchten der Berge und überließen es dem feindlichen Kriegsvolk, sich in den leeren Hütten zu behelfen. Bloß ein Mann verweilte, wenn auch nicht als regelmäßiger, so doch als häufiger Gast im Schlosse Avenel. Das war Heinrich Warden, der sich jetzt wieder frisch genug fühlte, das recht mühevolle Amt eines reformierten Geistlichen auf sich zu nehmen. Da er sich nun durch seinen Eifer mit mehreren angesehenen Adelingen und Parteiführern in Zwist gesetzt hatte, meinte er sich auf dem Rittersitze eines befreundeten Herrn, der obendrein Parteigänger eines Grafen von Murray war, am sichersten zu befinden. Demungeachtet unterließ er nicht, mit der Feder seiner Sache ebenso freudig und rührig zu dienen wie vordem mit der Zunge, und verfocht einen grimmigen Streit mit dem Abte Eustachius, ehedem Unterprior von Kennaquihr, über das sogenannte Meßopfer, der in einer Flut von Schriften und Gegenschriften schon eine Zeitlang die Gemüter lebhaft beschäftigte. Selbstverständlich kann nun aber solch schreibseliger Theologe auch keinen anziehenden Gesellschafter abgeben für eine einsame Dame. Sein strenges, in sich gekehrtes Wesen war vielmehr eher Ursache, die Düsterkeit im Schloß zu mehren, statt zu mindern. Die Aufsicht über die zahlreiche weibliche Dienerschaft machte die wichtigste Beschäftigung der Schloßherrin aus. Rocken und Spindel waren ihr ebenso vertraut wie die Bibel, und die einzige Zerstreuung, die sie sich gönnen durfte, war ein Spaziergang auf der Schloßmauer oder auf dem Dammwege oder dann und wann einmal, aber nicht oft, am Seeufer. Indessen war die Unsicherheit in jenen Zeiten so groß, daß der Turmwächter, wenn sie einmal den Einfall bekam, ihren Spaziergang ins Dörfchen auszudehnen, immer erst Weisung bekam, die Gegend fürsorglich abzuspähen, ob auch kein Feind in der Nähe sei, und vier bis fünf Mann sich bereit hielten, beim geringsten Anzeichen eines Ueberfalls aufzusitzen und zum Dorfe hinaus zu sprengen. So sah es im Schlosse von Avenel aus, als nach mehrwöchentlicher Abwesenheit der Heimkehr des Schloßherrn entgegengesehen wurde. Ein Tag um den andern verging, und der Ritter von Avenel, wie Sir Halbert Glendinning gemeinhin genannt wurde, kam nicht. Briefe zu schreiben war damals noch nicht Brauch. Der Ritter hätte auch, wenn er es gewollt hätte, sich der Hilfe eines Schreibers bedienen müssen. Zudem hatte man damals keinen regelmäßigen Beförderungsdienst, sondern war auf zufällige Gelegenheiten angewiesen, und es fiel niemand ein, von Zeit und Richtung einer Reise, die er vorhatte, etwas verlauten zu lassen, weil er dann mit ziemlicher Gewißheit hätte, drauf rechnen können, mehr Feinden als Freunden zu begegnen. Zufolgedessen war niemand auf dem Schlosse über den Tag genau unterrichtet, an welchem Sir Halbert eintreffen werde, aber die Frist, die seine Gemahlin sich ausgerechnet hatte, war schon lange verstrichen, und ihre Ungeduld weckte langsam Mißmut und Groll, und schwermütige Betrachtungen erfüllten ihr Gemüt. Es war ein schwüler Sommerabend, und die Sonne war schon ziemlich hinter den Bergen von Liddesdale verschwunden, die man im Westen aufsteigen sah, als die Dame sich zu einem Spaziergang längs der Zinnen, die an einer Reihe von Vordergebäuden entlang führten und auf breitem, bequemem Pfade zu gehen erlaubten, entschloß. Glatt wie ein Spiegel lag der See, kein Lüftchen kräuselte seine Fläche und die niedrigen Höhen, die ihn umfriedeten, zeigten in den Fluten ihr Abbild. Die Einsamkeit wurde nur gestört durch helle Kinderstimmen aus dem Dorfe oder durch einen fernen Hirtenruf. Dann und wann ließ eine Kuh ihre dumpfe Stimme hören, die Mägde zum Melken rufend, die mit der Gelte auf dem Kopfe unter hellklingendem Gesang zum Stalle zogen. Und sie gedachte an frühere Tage, als es ihre liebste Arbeit und ihre größte Freude war, der Frau Glendinning und der Magd Tibb Tacket beim Melkgeschäft an die Hand zu gehen. »Warum bin ich nicht die Bauerndirne gewesen, für die ich in aller Augen galt?« sprach sie bei sich; »wir hätten friedlich unser Leben in diesem Tale verlebt, Halbert und ich, ungestört von den Truggebilden der Furcht und des Ehrgeizes. Dann wäre Halberts höchster Stolz gewesen, Herr über die schönste Herde in Halidome zu sein, und keine andre Gefahr hätte er kennen gelernt, als einen Dieb aus unserm Grenzbezirk zu verscheuchen, auch wären wir nicht länger getrennt voneinander gewesen als Zeit notwendig war, einen Hirsch oder ein andres Standwild zu jagen. Aber ach! was wiegt das Blut auf, das Halbert vergossen hat, was macht die Gefahren wett, denen er entgegengeht, um Rang und Namen zu behaupten, die ihm wert sind, weil er sie durch mich besitzt, die wohl aber nimmer auf unsre Nachkommen sich fortpflanzen werden, denn mit mir muß der Name Avenel verlöschen!« Sie seufzte schwer, und sie blickte zum Seeufer hinunter, wo sich Kinder verschiedenen Alters die Zeit im lustigen Spiele damit vertrieben, ein geschickt aus Holz gezimmertes Schiffchen die Probefahrt machen zu lassen. »Warum hab ich nicht ein paar solcher Wildfänge?« sprach sie bei sich, denn die trübe Stimmung war noch immer nicht von ihr gewichen. »Die Leute, denen sie gehören, sind kaum im stande, sie zu ernähren und zu kleiden, und ich könnt sie aufziehn im Ueberfluß, aber mir ist der Muttersegen verschlossen!« Bitter fiel ihr dieser Gedanke aufs Herz, und Neid erfüllte ihre Seele. So tief ist dem Weibe das Sehnen und Verlangen nach einem Kinde eingeimpft! Schmerzvoll, wie ringend unter dem Uebermaß der trostlosen Empfindung, vom Himmel also gestraft zu sein, preßte sie die Hände ineinander. Ein großer Jagdhund, von der Windspiel-Rasse, kam zu ihr herangesprungen und leckte ihr, wie veranlaßt durch diese Gebärde, die Hände. Sie gab ihm die Liebkosung zurück, indem sie ihn am Kopfe kraute, aber ihre trübe Stimmung wollte nicht weichen. »Wolf,« sagte sie zu ihm, »bist ein, schönes Tier, ein edles Tier, aber ich wünsche mir Liebe und Zuneigung bessrer Art, so lieb ich ja auch dich habe.« In diesem Augenblick erklang vom See her angstvolles Wehgeschrei. Die Dame blickte voll Unruhe auf. Sie erkannte sogleich den Grund dazu, und war heftig erschrocken. Das kleine Schiffchen war in eine Untiefe getrieben und zwischen Wasserlilien hängen geblieben, und ein kecker, kleiner Kerl hatte sich ohne Zaudern ins Wasser hinein gewagt, um das Schiffchen heranzuholen, war aber, obwohl des Schwimmens kundig, mittwegs vom Ufer entweder mit der Brust an einen Felsen gestoßen oder von einem Krampfe befallen, kurz, schwebte in Gefahr zu ertrinken, denn er war schon ein paarmal unter Wasser geraten, hatte sich aber immer wieder in die Höhe gearbeitet; doch drohten ihn die Kräfte langsam zu verlassen, und nun erhoben seine Kameraden ein Zetermordio, aber keiner fand den Mut, ihm zu Hilfe, zu eilen. Die Dame schrie nun auch angsterfüllt um Hilfe, und befahl den ersten ihrer Leute, die sich daraufhin sehen ließen, das Boot herbeizuschaffen und dem Kinde zu Hilfe zu eilen. Das brauchte jedoch ein paar Minuten Zeit, denn das Boot lag in dem Kanal hinter dem Dammwege. In der Zwischenzeit verfolgte die Dame mit unsäglicher Pein die Anstrengungen des Knaben, sich über Wasser zu halten, aber es fing ihm sichtlich die Kraft zu schwinden an, und sicher wäre er untergegangen, ehe ihm Hilfe durch das Boot hätte werden können, wenn nicht plötzlich von andrer Seite her unvermuteter Beistand gekommen wäre. Das Windspiel, ein geübter Schwimmer, war mit einem Satze im See. Mit dem bewunderungswürdigen Instinkt, der diese Tiere auszeichnet, schwamm es direkt auf die Stelle hin, wo seine Hilfe von nöten war, packte den Knaben am Gesäß und zog ihn in der Richtung zum Dammwege hin, wo ihm zunächst fester Boden winkte. Inzwischen war das Boot herbeigekommen und traf den Hund mittwegs. Die Männer nahmen ihm seine Last ab und legten am Dammwege grade unterhalb des Schlosses an. Die Schloßherrin kam ihnen mit ein paar Mägden entgegen. Der Knabe, aus dem alles Leben gewichen zu sein schien, wurde ins Schloß getragen und auf ein Bett gelegt. Heinrich Warden, der nicht ohne einige Kenntnis in der Heilkunde war, ordnete die notwendigste Behandlung an, doch schien es lange, als wenn es nicht gelingen sollte, Leben in den Körper zurückzuführen. Die Dame sah mit gespannter Erwartung auf das bleiche schöne Gesicht des Knaben, der etwa zehn Jahre alt sein mochte. Er trug Sachen vom gröbsten Stoff, das lange gelockte Haar und der edle Ausdruck seiner Züge stimmten jedoch nicht mit dieser Dürftigkeit seines Aeußern überein. Kein stolzer Adeling hätte solches Kindes sich zu schämen gebraucht, jeder hätte sich glücklich geschätzt, solches Kind als Stammhalter und Erben sein eigen zu nennen. Noch immer betrachtete die Dame das schöne Kindergesicht, und noch immer zeigte es keine Spur von Leben wieder. Tiefer Ernst lagerte sich auf das freundliche Antlitz der holden Frau, und deutlich erkannte man, wie tief sie der Schmerz über dieses Unglück traf. Fast schien es, als solle alle Mühe verloren sein, die Heinrich Warden sich gab, fast schien es, als wenn sich der wackre Wolf umsonst bemüht hätte, da plötzlich trat ein leichter Anflug von Röte auf das Gesicht des Knaben, dann hob ein schwerer Seufzer die kleine Brust, und dann schlug er die Augen auf und streckte die Arme aus nach der Frau, die an seinem Bette stand, und stammelte das für jedes Frauenohr so süße Wort: »Mutter«. »Meine Gnädige,« sprach der Pfarrer, »Gott hat Euch ein Kind gesandt; Euch liegt es nun ob, das Kind zu erziehen, auf daß es dereinst nicht wünsche, in seiner Unschuld umgekommen zu sein.« »Dafür will ich sorgen,« erwiderte die Dame, umschlang das Kind und küßte und liebkoste es. So stürmisch war ihr Gemüt erregt worden durch den Schrecken, den sie ausgestanden hatte, und so stark war die Freude über solch unerwartete Rückkehr zum Leben. »Aber Du bist ja nicht meine Mutter,« sagte der Knabe, der nun auch das Bewußtsein wiederfand und trotz aller Schwäche doch Kräfte, genug besaß, die Liebkosungen der Schloßherrin von Avenel von sich abzuweisen. »Du bist doch nicht meine Mutter! ... Ach, ich habe keine Mutter, ich träumte nur, als hätte ich eine. »Den Traum, lieber Knabe, will ich Dir deuten,« sagte die Dame von Avenel, »ich selbst will Dir hinfort Mutter sein. O, hat mein Gott mich, nicht erhört und mein Sehnen endlich gestillt? hat er in seiner Gnade mir nicht, ein Wesen gesandt, dem ich all meine Liebe schenken soll?« Der Pfarrer wußte nicht recht, was er auf diesen leidenschaftlichen Gefühlsausbruch eines Frauenherzens antworten solle, der ihm im ersten Augenblick wohl überschwenglich erscheinen mochte. Jetzt wurde auch der große Jagdhund, der sich bei allen Mitteln, die man angewandt hatte, den toten Knaben, wieder zu sich zu bringen, ruhig verhalten hatte, ungeduldig und mochte nicht länger leiden, daß sich niemand um ihn mehr kümmerte, sondern fing an zu winseln und seine Herrin mit seinen Pfoten zu liebkosen. »Ja doch, ja doch,« sagte sie, »auch an dich soll die Reihe kommen, mein Getreuer,« sagte die Dame, »auch an dich soll gedacht werden, bist ja doch heute gar ein tapfrer Hund gewesen! hast solch liebem Knaben das Leben gerettet!« Aber Wolf war mit den Brosamen, die auf seinen Anteil kamen, gar nicht recht zufrieden, sondern winselte weiter und liebkoste die Herrin noch immer mit den Pfoten. Da er noch pitschnaß war, wurde es der Dame endlich lästig, und sie gab einem Diener Befehl, das Tier hinauszubringen. Trotzdem es aber ein Diener war, an den der Hund gewöhnt war, kehrte er sich so lange nicht an die von der Herrin gegebene Weisung, und ließ den Diener nicht an sich herankommen, bis die Herrin selbst zur Türe schritt und ihn hinauswies. Da wandte der Hund sich nach dem Bette um, auf dem der Knabe lag, halb seiner Besinnung wieder mächtig, halb noch in Fieberträumen befangen, erhob ein dumpfes, wildes Geheul, fletschte die Zähne, die dem Gebiß eines richtigen Wolfs an Stärke und Schärfe nur wenig nachstanden, drehte sich knurrend zu dem Diener herum und ließ sich herausbringen. »Merkwürdig,« meinte die Dame, »das Tier ist sonst so gutmütig, besonders gegen Kinder. Was kann ihn so erbittern gegen den kleinen Kerl, dem er doch das Leben gerettet hat?« »Hunde,« sagte der Pfarrer, »gleichen dem Menschen in seiner Schwachheit nur allzusehr, obgleich die Natur sie seltener irre führt als den armen Sterblichen sein Verstand, wenn er der eignen Kraft vertraut und der göttlichen Hilfe entraten zu können meint. Eifersucht ist dem Hunde nicht unbekannt, meine liebe Dame, er verrät sie oft, nicht nur der eignen Gattung gegenüber, wenn ihr Herr einen andern Hund bevorzugt, sondern sehr oft Kindern gegenüber, wenn sie Nebenbuhler in der Gunst ihrer Herren zu werden drohen. Ihr habt das Kind mit Liebkosungen überschüttet, und nun wittert er einen Gegenstand in ihm, der ihn aus Eurer Gunst verdrängen wird.« »Das ist ein wunderlicher Naturtrieb,« antwortete die Dame, »und aus dem Ernst mit dem Ihr auf die Frage eingeht, mein ehrwürdiger Freund, möchte, ich fast schließen, Ihr hieltet die wunderliche Eifersucht meines Lieblingshundes nicht bloß für vorhanden, sondern auch für begründet. Aber Ihr sprecht vielleicht im Scherz.« »Ich scherze nicht oft,« erwiderte der Pfarrer, »das Leben ward uns nicht gespendet, daß wir es vertun sollen in eitlem Spiele. Ihr solltet aus meiner Rede, sofern es Euch beliebte, für Euch die Lehre entnehmen, daß unsre schönsten Empfindungen, wenn wir uns ihnen im Uebermaß hingeben, andern Geschöpfen Leid bereiten können. Nur eins gibt es, dem wir nachhängen dürfen mit aller Stärke unsers Denkens und Empfindens, ohne daß wir zu befürchten brauchen, Uebermaß könne schaden, das ist die Liebe zu unserm Schöpfer.« »Aber dasselbe Gebot weist uns doch,« bemerkte die Dame, »auch auf die Liebe zu unserm Nächsten!« »Allerdings, meine Gnädige,« antwortete Warden, »aber unsre Liebe zu Gott soll ohne Schranken sein, ihn sollen wir lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit ganzem Gemüte. Die Liebe hingegen, die wir für unsern Nächsten haben sollen, ist einer genauen Begrenzung und Bestimmung unterworfen. Unsern Nächsten sollen wir lieben wie uns selbst, und außerdem erläutert uns noch das große Gesetz dieses Verhältnis durch die Beiworte: daß wir ihm tun sollen, wie wir wollen, daß er uns tue. Hier ist der schönsten unsrer Empfindungen eine Grenze gesteckt, ein Ziel gesetzt, soweit dieselben auf irdische, vergängliche Dinge gerichtet sind. Wir sollen unserm Nächsten, gleichviel welches sein Rang und seine Stellung sei, jenen Grad von Liebe oder Zuneigung zuwenden, den wir von ihm selbst erwarten, auf den wir von ihm als Gegenleistung rechnen können, wenn er im selben Verhältnis zu uns stände wie wir zu ihm. Daraus ergibt sich, daß weder Mann noch Weib, weder Sohn noch Tochter, weder Verwandter noch Freund uns zu Gegenständen abgöttischer Liebe werden sollen. Denn der Herr unser Gott ist ein starker und eifriger Gott, welcher nicht duldet, daß wir einem seiner Geschöpfe die Anbetung zollen, die Er, der uns schuf, für Sich erheischet. Ich sage Euch, meine Gnädige, auch die schönsten und reinsten unsrer Empfindungen, die uns am meisten zur Ehre gereichen, haben jenen, Uranstrich von Sünde, der uns bestimmen muß, Einhalt zu tun und uns zu besinnen, ob wir recht tun, uns ihnen hinzugeben bis zum Uebermaße.« »Ich verstehe den Sinn Eurer Worte nicht, hochwürdiger Herr,« erwiderte die Dame, »noch vermag, ich mir zu erklären, wie das, was ich zurzeit getan oder gesagt haben mag, solche Zurechtweisung, die einen Beigeschmack von Tadel zu haben scheint, verdienen kann.« »Verzeiht mir, bitte, meine Gnädige,« erwiderte Warden, »falls der Wunsch zu lehren mich über die Grenzen meiner Pflicht geführt haben sollte. Aber bedenket, ob bei dem feierlichen Gelöbnis, dem armen Kinde nicht bloß Beschützerin, sondern auch Mutter zu sein, Ihr Euch der Zustimmung jenes edlen Ritters, dessen Gemahlin Ihr seid, versichert halten dürfet. Die Zärtlichkeit, die Ihr dem unglücklichen und, wie ich gern gelten lasse, auch liebenswürdigen Kinde zuwendet, hat eine Regung in Eurem Lieblingshunde wachgerufen, die einem Vorwurfe nicht unähnlich ist. Gebt nun nicht Eurem edlen Gemahl noch Anlaß zu Mißvergnügen, zu Unzufriedenheit! Nicht bloß das Tier ist eifersüchtig auf die Neigungen derjenigen, denen sie ihre Zuneigung widmen, sondern auch der Mann.« »Hochwürdiger Herr, Ihr geht zu weit,« sagte die Dame, denn sie fühlte sich tief gekränkt. -- »Ihr seid lange Gast in unserm Schlosse gewesen, habt vom Schloßherrn wie auch von mir alle Achtung, Ehre und Liebe genossen, die wir Laien Eurem Stande schuldig sind. Aber ich wüßte nicht, daß ich Euch je ermächtigt hätte, in unsre ehelichen Verhältnisse Euch zu mischen oder über unser Leben als Mann und Frau zu richten. Ich möchte doch bitten, dies in Zukunft zu unterlassen.« »Meine Gnädige,« versetzte der Pfarrer mit einer den Angehörigen seines Standes damals eigentümlichen Unerschrockenheit, »seid Ihr meiner Erinnerungen müde, dann sehe ich, daß Euch und dem edlen Ritter, Eurem Gemahl, meine Dienste nicht länger mehr angenehm sind, daß meines Bleibens hier nicht länger mehr ist. Ich will also, indem ich die Fortdauer göttlichen Segens auf Euch und Euer Haus herabflehe, ausziehen, und wäre es selbst im härtesten Winter, nach jener Wüste jenseits der Berge, allein und ohne Beistand und in einem Zustande weit größerer Hilflosigkeit als damals, da ich zum ersten Male mit Euch zusammentraf im Tale von Glendearg. Aber so lange ich noch hier verweile, will ich Euch nicht abirren sehen vom rechten Pfade, nein, nicht um ein Haarbreit, ohne daß ich Euch die Warnerstimme eines Greises vernehmen lasse.« »Nicht so, hochwürdiger Herr! nicht so,« sagte die Dame, die den wackern Geistlichen liebte und schätzte, wenn ihr auch der übergroße Eifer, mit dem er seines Amtes waltete, oft nichts weniger als genehm war, »nicht so wollen wir scheiden, lieber Freund! Frauen sind lebhaft und übereilt in ihren Empfindungen, aber, glaubt mir, meine Wünsche und Pläne bezüglich dieses Knaben bewegen sich in einer Richtung, die sowohl Eure, wie meines Gemahls Beifall haben dürfte.« Der Pfarrer verbeugte sich und ging nach seiner Stube. Zweites Kapitel. Kaum hatte Warden das Zimmer verlassen, so überließ sich die Dame von Avenel ganz der Liebe und Zärtlichkeit, die der Anblick des Kindes, die plötzliche Gefahr und die so unvermutete Rettung in ihr wach gerufen hatten, und überhäufte den Knaben, seit sie frei war von priesterlicher Strenge, wie sie das Verhalten des Geistlichen auffaßte, mit Liebkosungen. Er hatte sich von den Folgen des Unglücks, das ihn betroffen hatte, halb und halb erholt und ließ sich die freundliche Behandlung der schönen Dame, wenn er auch seine Verwunderung darüber nicht verbarg, recht wohl gefallen. Das Gesicht der Dame war ihm völlig fremd und die Kleidung, die sie trug, so schön und kostbar, wie er sie in seinem Leben noch nie gesehen hatte. Aber der Knabe war von unerschrocknem Temperament und besaß jene den Kindern eigentümliche Gabe, rasch zu merken, wer es gut mit ihnen meint, in hervorragendem Grade. Das freundliche Wesen, das er infolgedessen zeigte, eroberte das Herz der Dame im Nu, und so fiel es ihr in der Tat schwer, sich von seinem Lager zu entfernen und ihm die Zeit zur Ruhe zu lassen, die ihm nach den schweren Minuten, die er nahe dem Ertrinken verlebt hatte, so not tat. »Wem gehört denn der kleine Knabe, den wir. dem Tode entrissen, haben?« so lautete die erste Frage, die die Dame von Avenel an ihre Kammerzofe Lilias richtete, als sie sich nach ihrem Zimmer zurückgezogen hatte. »Einer Greisin im Dorfe,« lautete die Antwort, »die grade beim Torwart unten ist, um sich nach ihm zu erkundigen. Ist es Euch genehm, meine Gnädige, daß sie eingelassen werde?« »Ob es mir genehm sei?« wiederholte mit scharfem Nachdruck die Dame. »Wie kannst Du daran zweifeln, Mädchen? Welche Frau könnte kein Mitleid haben mit der Todesangst, die eine Mutter fühlen muß, der der Verlust eines Kindes auf solche schreckliche Weise drohte?« »O, gnädige Frau sind in einem Irrtum,« erwiderte die Zofe, »die Frau ist viel zu alt, daß sie die Mutter dieses Knaben sein könnte. Eher vermute ich, daß sie die Großmutter ist oder sonst eine nahe Verwandte.« »Mag sie sein, wer sie wolle,« versetzte die Dame, »sie muß wohl tiefbekümmert sein, ist doch so lange Zeit schon verstrichen seit dem Unglück, und niemand hat ihr Nachricht über den Verlauf geben können! Geh gleich und bring sie her! Ich möchte gar zu gern wissen, wie es um den Knaben steht, wessen Kind er ist u. s. w.« Lilias verließ das Zimmer und kam bald wieder mit einem Weibe von ziemlich großer Figur, das zwar ärmlich gekleidet, aber weit sauberer aussah, als man sonst zu finden pflegt bei Leuten, die auf, grobe Kleidung angewiesen sind. Die Dame von Avenel erkannte die Gestalt auf den ersten Blick wieder. Sie hatte sie hin und wieder Sonntags in der Schloßkapelle gesehen, zu der die Mitglieder der Dorfgemeinde zum Gottesdienst und zu andern kirchlichen Handlungen Zutritt hatten. Ein Hauptaugenmerk des edlen Ritters von Avenel war die Verbreitung des protestantischen Glaubens in dem Bezirke des Landes, der seiner Machtbefugnis unterstand. Heinrich Wardens Predigten waren hierzu von großem Belang und von großer Wirkung auf das Gemüt seines alten Schulfreundes, des Abtes Eustachius, der sich dadurch immer zu neuem Disput angespornt fühlte und mehr denn einmal schon gedroht hatte, diese sichre Zufluchtsstatt der Ketzerei und des Unglaubens auszurotten mit Stumpf und Stiel. Aber trotz dieses Ingrimms, ja trotz aller Abneigung in der Gegend gegen den neuen Glauben fuhr Heinrich Warden in der Ausübung seiner Lehre fort und gewann alle Wochen für die reformierte Kirche, deren Diener er jetzt war, neue Anhänger. Unter diesen Proselyten befand sich auch die Greisin, und zwar gehörte sie zu den eifrigsten derselben. Schon wiederholt hatte die Schloßherrin sich erkundigen wollen, wer die große alte Frau mit dem vornehmen Wesen sei, wenn sie ihr unter den Mitgliedern der Kirchengemeinde aufgefallen war. Aber sie hatte immer nur gehört, es sei eine »Englische«, die sich seit einiger Zeit im Dorfe aufhalte, und weiter wußte niemand, über sie etwas zu sagen. Jetzt fragte sie die Frau, wer sie denn eigentlich sei. »Magdalene Gräme heiße ich,« erwiderte die Greisin, »und stamme von dem Grämen von Heathergill im Nikolswalde, einem Stamme sehr alter Herkunft.« »Und was tut Ihr hier, so fern von Eurer Heimat?« fragte die Dame weiter. »Ich habe keine Heimat,« versetzte Magdalene Gräme, »sie ist verwüstet worden durch Eure Grenzräuber, Mann und Sohn sind mir erschlagen worden, kein Tropfen Bluts ist gelassen worden in den Adern jemands von meiner Sippe.« »Zu solchen Zeiten wie den unsrigen kein so ungewöhnlicher Fall,« erwiderte die Schloßdame, »und in solch unruhigem Lande wie dem unsrigen erst recht nicht! Englische Hände haben an unserm Blute sich genau so schlimm vergangen, wie schottische Hände an englischem.« »Das dürft Ihr mit vollem Recht sagen, meine Dame,« erwiderte die Gräme, »erzählt man doch von einer Zeit, da dies Schloß nicht fest genug war, das Leben Eures Vaters zu retten oder Eurer Mutter und ihrem Kinde eine Zuflucht zu bieten. Warum fragt Ihr mich denn also, weshalb ich nicht in der eigenen Heimat und unter meinen Landsleuten lebe?« »Freilich war's eine überflüssige Frage, Frau Gräme, da doch die Not so oft treibt zur Heimatsflucht. Doch warum nahmet Ihr Zuflucht im Feindeslande?« »Meine Nachbarn waren Papisten und Meßkrämer, es hat aber dem Herrn im Himmel gefallen, mich zu erleuchten im Evangelium, und ich habe den Aufenthalt hier gesucht um des Predigers Warden willen, der zu so vieler armen Leute Trost das Wort Gottes lauter und wahr kündet.« »Seid Ihr arm?« fragte die Dame von Avenel weiter. »Ihr hört wohl nicht, daß ich um Almosen bäte?« versetzte die Engländerin. Eine Pause trat ein. Das Benehmen der Frau war, wenn nicht unehrerbietig, doch nicht im geringsten entgegenkommend. Sie mochte, wie man sah, von eigentlichem Verkehr nichts wissen. Die Dame von Avenel knüpfte die Unterhaltung wieder an über einen andern Gegenstand. »Ihr habt wohl gehört von der Gefahr, die Euer Knabe überstanden hat?« »Allerdings, meine Dame, ebenso, wie er durch Gottes gnädige Fügung errettet worden ist. Möge der Himmel fügen, daß er und ich Euch dankbar sein können.« »In welcher Verwandtschaft steht Ihr mit ihm?« »Ich bin seine Großmutter, meine Dame, mit Verlaub, und die einzige Frau, die ihm geblieben ist, Sorge für ihn zu tragen.« »Es muß doch für Euch eine große Sorge sein, den Knaben durchzubringen,« meinte die Dame. »Ich habe hierüber zu niemand geklagt,« antwortete die Gräme mit demselben Gleichklange der Stimme, wie sie alle bisherigen Fragen beantwortet hatte. »Wenn nun Euer Enkel Aufnahme finden könnte in einer vornehmen Familie, möchte das nicht von Vorteil sein für Euch und für ihn?« »Aufnahme fände in einer vornehmen Familie?« wiederholte die Gräme, indem sie sich zu voller Höhe reckte und die Brauen zusammenzog, bis eine finstre Falte sich tief in ihre Stirn grub, »und wozu? wenn ich bitten darf. Um der Page der gnädigen Frau zu sein oder der Jockei des gnädigen Herrn? um mit dem übrigen Gesinde sich um den Abhub von der Herrentafel zu zanken? Oder soll er von dem Gesichte der Gnädigen die Fliegen scheuchen mit dem Wedel, wenn sie schläft, oder ihr die Schleppe tragen, wenn sie spazieren geht, ihr den Teller reichen, wenn sie ißt? vor ihr herreiten oder hinter ihr hergehen? soll er plärren, wenn sie ihn hören will, und schweigen, wenn sie es befiehlt? Gleichwie der Adler von Helwellyn sich aufhockt und dreht und seine Stellung ändert, um zu zeigen, woher der Wind streicht, soll auch Roland Gräme tun und lassen, wie 's Eurer Laune beliebt?« Die Frau sprach so schnell und heftig, daß es war, als stände sie unter dem jähen Eindruck einer Furcht, daß dem Knaben eine größere Gefahr drohe, als wie er sie eben erst überstanden habe, und zwar gerade durch die Dame, in deren Obhut er sich befände. »Ihr mißversteht mich, liebe Frau,« sagte sie in besänftigendem Tone, »ich will ja nicht sagen, der Knabe solle in meinen Dienst treten, sondern in den Dienst meines Gemahls, des edelsten unsrer Ritter. Und wäre er der Sohn eines Grafengeschlechts, liebe Frau, so könnte ihm kein bessrer Unterricht werden in allem was Ritterspflicht und Rittertugend ist, als durch Sir Halbert Glendinning.« »Gewiß, gewiß,« rief die Greisin wieder in der gleichen Erregtheit wie vordem, nur noch mit bittrerem Hohne, »ich kenne solchen Dienstes Lohn, kenn ihn zur Genüge! glänzt der Harnisch nicht, wie er soll, setzt's ein Donnerwetter; ist der Gurt nicht straff gezogen, wie er gezogen sein soll, gibt's eine Dachtel; Prügel mit der Reitpeitsche, wenn die Jagdhunde nicht parieren wollen; Scheltworte, wenn die Jagd nicht gut ausfällt; wenn's der Herr befiehlt, soll der arme Kerl sich die Hände besudeln mit Tier- oder Menschenblut, soll das erste beste harmlose Wesen hinschlachten, soll Gottes Ebenbild austilgen, wenn's seinem Herrn ein Dorn im Auge ist, soll das Leben von Straßenräubern führen, von gemeinen Banditen, soll Hunger und Durst, Hitze und Kälte leiden, soll alle Entbehrungen eines Einsiedlers ertragen, nicht aus Liebe zu Gott, sondern im Dienste Satans; soll am Galgen verenden oder im ersten besten Winkeltreffen sich erschlagen lassen, soll das Leben verschlafen in bequemer Befriedigung der Fleischeslust, um zu erwachen in der ewigen Glut, die nimmer erlischt!« »Aber so redet doch nicht dergleichen abscheuliche Dinge!« sagte die Schloßdame, »Euer Enkel soll hier der Gefahr solch verruchten Lebens nicht ausgesetzt werden! Mein Gemahl ist bekannt als gerecht und milde gegen alle, die unter seinem Banner leben; und daß junge Leute an unserm Kaplan einen wenn auch strengen, so doch gerechten Lehrer und Führer haben, wißt Ihr so gut wie ich.« Die Greisin schien mit sich zu Rate zu gehen; wenigstens fuhr sie fort: »Ihr habt des einzigen Umstands Erwähnung getan, der im stande sein könnte, bestimmend auf mich zu wirken. Denn ich muß bald von hinnen, so hat's die Erscheinung gekündet. Ich muß weg ... weg ... mein Verhängnis jagt mich ... Wollt Ihr schwören, Euch des Kindes anzunehmen wie Eures eignen, dann will ich drein willigen, mich auf eine gewisse Zeit von ihm zu trennen. Vor allem gelobt mir, daß er den Unterricht des frommen Mannes nicht missen soll, der die Wahrheit des Evangeliums so hoch erhoben hat über das armselige Wissen und Lehren jener armseligen Tröpfe, mit der Tonsur, jener Klosterbrüder und Mönche und Kuttenträger!« »Beruhigt Euch, liebe Frau,« sagte die Schloßherrin, »es soll für den Knaben gesorgt werden, wie wenn er mein Fleisch und Blut wäre. Sagt, ob Ihr ihn nicht sehen wollt?« »Nein,« versetzte die Gräme strengen Tones. »Es ist schon genug, wenn man scheiden muß. Ich ziehe fort, weil mein Beruf mich ruft. Ich mag das Herz nicht erweichen durch Wehklagen und Flennen, als sei ich eine von denen, die einen Ort verlassen, ohne daß die Pflicht sie ruft.« »Wollt Ihr nicht eine Unterstützung annehmen, die Euch die Wanderschaft erleichtert?« fragte die Dame von Avenel, indem sie ihr zwei Sonnenkronen in die Hand drückte. »Bin ich vom Stamme Kains, daß Ihr das eigne Fleisch und Blut abfeilschen wollt durch sündiges Gold, stolze Dame?« fragte die Gräme. »So habe ich es nicht gemeint, Frau,« erwiderte freundlich die Dame, »auch bin ich die stolze Dame nicht, wie Ihr meint. Wäre mir Demut nicht angeboren, so hätt mich das eigne Schicksal sie wohl gelehrt.« Es schien, wie wenn die Greisin von ihrem strengen Tone nachlassen wolle. »Ihr seid von edlem Blute,« sagte sie, »sonst hätte unsre Zwiesprache so lange nicht gedauert. Für edles Blut,« setzte sie hinzu, und ihre hohe Gestalt reckte sich noch höher, »ist Stolz so schicklich wie für den Helm die Feder. Aber dieses Gold müßt Ihr schon wieder an Euch nehmen. Denn ich brauche es nicht .. Lebt wohl und haltet Wort. Laßt die Tore öffnen und die Brücken niedergehen. Ich will noch in dieser Nacht fort. Wenn ich wiederkehre, dann werde ich strenge Rechenschaft von Euch fordern, denn ich lasse das Kleinod meines Lebens in Euren Händen, und bis ich Roland Gräme wiedergesehen habe, wird der Schlaf mein Auge fliehen, wird Trank und Speise mich nicht erquicken, wird keine Ruhe meine Kraft erneuern ... und nun lebt nochmals wohl, ich scheide.« »Verneigt Euch, Frau,« sagte die Zofe zu der Frau, als sie das Gemach verlassen wollte ohne alle Bezeigung von Höflichkeit, »verneigt Euch und bedankt Euch bei Euer Gnaden für die Güte, die sie Euch erweist, denn so gebührt es sich für Euch.« Da drehte die Greisin sich plötzlich um und fuhr die aufdringliche Zofe an: »Mag sie sich verneigen vor mir, und dann will ich ihr dafür danken. Weshalb soll ich mich beugen vor ihr? Etwa weil sie ein seidnes Mieder anhat und ich eins aus Drillich? -- Still, mein Persönchen, still! Der Rang des Mannes bestimmt den Rang des Weibes, und wer einen Bauernsohn heiratet, die bleibt eine Bauersfrau, und wär sie auch eines Königs Tochter.« Die Zofe wollte der Greisin zornig antworten, aber die Schloßherrin legte ihr Stillschweigen auf und hieß sie die Greisin heil und gesund nach dem Festlande bringen. »Die, und heil und gesund?« rief die Zofe, während die Gräme aus dem Gemache schritt, »in den See soll man sie schmeißen, dann wird sich ja zeigen, ob sie eine Hexe ist oder nicht! sagen tut's ja jeder drüben im Seedorf und beschwören würde es auch jeder. Wie Euer Gnaden sich den Hochmut von solchem Weibe so lange hat bieten lassen, muß mich wirklich wundern.« Aber die Befehle der Schloßdame wurden pünktlich erfüllt, und die Greisin aus dem Schlosse geführt, dann aber ihrem Schicksal überlassen. Die Greisin hielt Wort; noch in derselben Nacht, in der dieses Gespräch stattgefunden hatte, verließ sie das Dörfchen, ohne daß jemand gefragt hätte, wohin sie des Wegs ziehe. Die Dame von Avenel ließ sich erkundigen, unter welchen Umständen sie ins Dorf gekommen sei, konnte aber weiter nichts in Erfahrung bringen, als daß sie die Witwe eines Mannes von Rang und Bedeutung unter den »Grämen« sein müsse, die zur damaligen Zeit »das bestrittene Land« bewohnten, unter welchem man einen Landstrich verstand, der zwischen Schottland und England häufig der Anlaß zu Streit und Fehde gewesen war, und daß sie bei einer solchen um Land und Mann gekommen sei. Wie sie ins Dörfchen gekommen sei, konnte niemand sagen, auch nicht, in welcher Absicht, einige hielten sie für eine Hexe, andre für eine versteckte Katholikin. Sie redete in einer geheimnisvollen Zunge und hatte eine Art und ein Benehmen an sich, das jedermann abstieß. Alles, was sich aus den Reden der Leute entnehmen ließ, schien darauf hinzudeuten, daß sie unter dem Einfluß eines Zaubers oder Gelübdes stand, denn sie redete oft, als handle sie nach einer starken, von außen auf sie einwirkenden Macht. Aber welcher Art dieselbe war, darüber konnte sich niemand eine Meinung bilden. Das waren nun freilich nicht Auskünfte, die einen befriedigenden Schluß gestatteten. Aber weiteres in Erfahrung zu bringen, wollte, wie gesagt, nicht gelingen. In den Grenzstrichen war damals zwischen den Bewohnern häufiger Wechsel, so daß der Anblick flüchtiger Leute nicht dazu angetan war, Verwunderung zu wecken. Man gab ihnen, was man entbehren konnte, wenn es auch nicht viel war, denn man hatte in der Regel selbst bloß so viel, wie man grade brauchte. Aber man stand unter dem Eindruck, daß man morgen, was man heute verweigere, selbst brauchen könne, und das war der eigentliche Trieb, der über Not und Elend am besten hinweghalf. So war Magdalene ins Dorf gekommen und so schied sie wieder aus dem Dorfe, ohne daß jemand hätte erfahren können wohin; wie ein Schattenbild war sie erschienen und wie ein Schattenbild verschwand sie wieder aus der Gegend des Schlosses. Der Knabe, der auf so merkwürdige Weise der Schloßherrin zugeführt worden war, wurde mit einem Male ihr ausgesprochner Liebling. Und wie hätte es anders kommen sollen? Durch ihn schwand das düstre Einerlei, unter dessen Banne die Schloßherrin bisher gestanden hatte. Ihm in all den Dingen Unterweisung zu geben, die sie verstand, wurde ihr eine unsägliche Freude. Ueber seinen Spielen und andern Zerstreuungen zu wachen, bildete für sie eine Lieblingsbeschäftigung. Der junge Roland war für die Dame von Avenel, was dem unglücklichen Gefangnen in seinem Kerker die Blume ist, die einsam auf seinem Fenstersimse blüht, und die er hegt und pflegt sorgfältiger als sein Leben; sie besaß an ihm ein Wesen, das ihre Fürsorge nicht allein in Anspruch nahm, sondern auch vergalt und lohnte, so daß sie also, während sie ihm einerseits ihre Neigung zuwandte, anderseits sich ihm gewissermaßen zu Dank verpflichtet fühlte, weil er sie aus dem öden Einerlei erlöste, zu welchem sie verurteilt war, sobald ihr Mann nicht auf dem Schlosse sich aufhielt. -- Aber selbst die Anmut ihres neuen Lieblinges war nicht im stande, die Besorgnisse zu verscheuchen, die das Ausbleiben ihres Mannes in ihrem Herzen wachrief. Endlich, endlich kam ein Reitknecht, der die Meldung vom Schloßherrn brachte, daß er noch am Hofe von Holyrood aufgehalten sei, daß ihm so ernste Geschäfte oblägen, daß er noch einige Zeit von seinem Schlosse fernbleiben müsse; aber auch die Zeit, die er als äußerste Frist für sein Fernhalten bezeichnet hatte, verstrich, und er kam nicht und kam nicht. Und so folgte auf den Sommer der Herbst, und auf den Herbst der Winter, und Sir Halbert Glendinning hatte noch immer den Weg zum Schlosse nicht zurückgefunden. Drittes Kapitel. »So? Soldat willst Du auch werden, Roland?« fragte die Dame von Avenel, während sie, auf einer steinernen Ruhebank sitzend, dem Knaben zusah, wie er mit einem langen Stecken die Exerzitien der Schildwache nachmachte, die bald ihre Lanze schulterte, bald hinter sich her schleifte. »Jawohl, gnädige Frau,« versetzte der Knabe, denn er war schon vertrauter geworden und gab auf alle Fragen schnell und frisch Antwort, »ich will Soldat werden, denn noch nie hat ein Adeling gelebt, der sich nicht mit dem Schwert gegürtet hätte!« »Du und Edelmann?« meinte die Zofe Lilias, die wie gewöhnlich den Dienst bei der Schloßherrin hatte, »so einer, wie man ihn aus jeder Bohnenstange sich schneiden kann.« »Still, Lilias, schilt mir den Jungen nicht!« sagte die Dame von Avenel, »denn ich glaube ganz bestimmt, daß er aus edlem Blute stammt. Sieh doch nur, wie er sich verfärbt bei Deinem Spott!« »Wenn es nach mir ginge,« meinte die Zofe, »dann sollt ein strammes Birkenreis ihm die Blässe bald aus dem Gesichte treiben!« »Aber, Lilias,« sagte die Dame, »fast sollte man meinen, das Kind hätte Dir was zu leide getan ... oder gönnst Du ihm die Gunst nicht, die ich ihm schenke, weil Du meinst, sie entginge Dir?« »Da sei der Himmel vor, gnädige Herrin,« erwiderte die Zofe, »ich bin, gedankt sei Gott, zu lange im Dienst bei vornehmen Herrschaften gewesen, um mich in Widerspruch zu ihren Grillen und Launen zu setzen. Ob sich die Herrschaft interessiert für einen Hund oder einen Vogel oder einen Jungen, das ist mir alles ganz egal.« Lilias war eine von jenen verwöhnten Kammerzofen, die sich mehr herauszunehmen, als sich manche Herrin mit Maß und Vernunft anzuhören vermag. Aber die Dame von Avenel pflegte, was ihr nicht gefiel zu überhören, und so tat sie es auch in diesem Falle. Sie nahm sich vor, den Knaben der Obhut der Zofe zu entziehen und sich hinfort selbst mehr um ihn zu bekümmern. Sie war der bestimmten Meinung, daß er von edlem Blute abstammen müsse, denn wie besäße er sonst eine so edle Gestalt und so vornehme, ansprechende Züge? ... Nicht minder ließen sein Ungestüm, das ihn zuweilen befiel, die Verachtung jeder Gefahr, das Widerstreben gegen jeden Zwang darauf schließen, daß er nicht von bäurischer Herkunft war. Nach dieser Ueberzeugung richtete sie ihr Verhalten hinfort ein. Die andre Dienerschaft, die nicht so ungebundnen Sinnes war wie die Zofe, verhielt sich wie sich Dienervolk in der Regel zu verhalten pflegt: sie suchte sich gemäß den Neigungen, von denen sich die Schloßherrin leiten ließ, zu verhalten. Der Knabe hingegen eignete sich bald jene überlegene Miene an, die sich leicht einzufinden pflegt, wenn jemand fortwährend unterwürfige Leute um sich sieht. Ihm schien Befehlen zur zweiten Natur zu werden, und es fiel ihm nicht schwer, für seine Grillen und Launen Beachtung nicht allein zu erwarten, sondern auch zu erlangen. Allerdings war der Pfarrer der Mann, solche Miene von Ueberlegenheit, wie sie Roland sich anmaßte, in ihre Schranken zu verweisen, und er hätte ihm solchen Dienst ganz sicher auch recht gern erwiesen, aber einige wichtige Auseinandersetzungen mit seinen Kollegen hatten ihn eine Zeitlang vom Schlosse fern gehalten. Auf solche Weise hatten sich die Dinge im Schlosse gestaltet, als vom Seeufer herauf Hornstöße erschallten, die von den Turmzinnen lustig erwidert wurden. Die Dame von Avenel erkannte das Hornsignal ihres Mannes und stürzte zum Fenster. Ein Trupp von etwa dreißig Lanzenträgern, voran ein Mann mit fliegender Fahne, zog an den ausgefransten Ufern entlang zum Dammwege hin. Allen voran, im Abstande mehrerer Ellen, ritt ein Mann in glänzender Rüstung, auf der sich die Oktobersonne in Tausenden von Strahlen brach, und selbst auf den großen Abstand hin erkannte die Dame an dem stolzen Federbusche, der ihre Leibfarben, mit einem Palmenzweig geschränkt, zeigte, an der stolzen, festen Haltung und an dem würdevollen Anstand des Reiters ihren Gemahl, Sir Halbert Glendinning. Die erste Regung, die die Dame von Avenel fühlte, war grenzenlose Freude. Dann beschlich sie eine unbestimmte Furcht, ihrem Gemahl möchte es nicht recht sein, daß sie den Knaben aufs Schloß genommen; noch ängstlicher aber wurde sie, wenn sie daran dachte, wie sie den Knaben bevorzugt und verhätschelt hatte, denn sie wußte recht gut, wie sehr ihr Mann in allen Dingen ein Freund der goldnen Mittelstraße war. Sie faßte deshalb einen raschen Entschluß, des Vorfalls mit dem Knaben erst am andern Morgen Erwähnung zu tun, und gab der Zofe die Weisung, sich mit ihm aus dem Zimmer zu begeben. Aber der verzogene Knabe, der schon öfter einmal seinen Willen durchgesetzt hatte und eine besondre Freude daran fand, sich in ein Ansehen zu setzen -- eine Schwäche, die er mit andern vornehmen Leuten teilt -- sagte laut und entschieden: »Aber, gnädige Dame, ich will doch den tapfern Kriegsmann, der so stolz über die Zugbrücke reitet, auch mit ansehn -- warum soll ich denn mit der Lilias in das finstre Turmzimmer hinauf? ... Nein, dorthin gehe ich nicht mit ... ganz gewiß nicht! ganz gewiß nicht!« »Roland,« sagte die Dame von Avenel streng, »Du darfst jetzt nicht bleiben.« »Ich will aber bleiben,« versetzte eigensinnig der Knabe, denn er merkte, daß er schon wieder bei der Dame gewann. »Roland, was ist das für ein Benehmen,« fuhr die Dame fort, strengern Tones, als sie sonst dem Knaben gegenüber ihn anzuschlagen pflegte -- »wie kannst Du mir gegenüber sagen, Du willst? Ich sage Dir doch, Du mußt mit Lilias mitgehen.« »Nein, ich muß nicht,« rief der Knabe, »weil ich nicht will! Muß ist kein Wort, das sich für eine Frau schickt, aber will ein Wort, das sich für den Mann schickt.« »Du wirst ja ein ganz ungezogenes Bürschchen, Roland,« verwies ihn die Dame ... »Lilias, bring ihn sofort aus der Stube!« »Daß mein junges Herrchen dem alten noch einmal werde Platz machen müssen,« meinte die Zofe schnippisch, »das hab ich mir immer gedacht, und nun kommt's schneller, als ich dachte.« »Sie liebt es ja auch, recht naseweis zu sein, Jungfer,« sagte die Dame von Avenel. »Haben wir etwa Mondwechsel, daß Ihr Euch alle so vergeßt?« Lilias sagte nichts, sondern führte den Knaben hinweg, der zu stolz war, einen Widerstand fortzusetzen, der keinen Zweck hatte, aber einen Blick auf seine Wohltäterin schoß, der deutlich erkennen ließ, wie gern er auf seinem Willen bestanden hätte, wenn Aussicht vorhanden gewesen wäre, ihn durchzusetzen. Noch rötete Mißmut die Wangen der Dame von Avenel, noch hatte sie die ungetrübte Heiterkeit der Seele nicht wiedergefunden, als ihr Gemahl, ohne Helm, aber mit den übrigen Waffen, angetan, eintrat. Seine Gemahlin dachte, als sie seiner ansichtig wurde, an nichts andres mehr; sie flog ihm entgegen, umschlang seine stahlbedeckte Brust mit ihren Armen und küßte sein kriegerisches, männliches Gesicht mit einer Inbrunst, die nicht bloß auffällig, sondern in höherm Grade noch aufrichtig war. Sir Halbert gab ihr Umarmung und Kuß mit gleicher Innigkeit zurück, denn wenn auch vielleicht die Zeit, die seit ihrer Vereinigung verstrichen war, die romantische Glut ihrer Liebe vermindert hatte, so war an ihre Stelle eine Zuneigung getreten, die mehr auf Vernunft fußte, und die wiederholte Abwesenheit des Ritters von seinem Schloß und seiner Gattin hatte verhütet, daß diese Zärtlichkeit nicht in Gleichgültigkeit überging. Als die ersten Begrüßungen gewechselt waren, blickte die Dame von Avenel ihrem Gemahl liebevoll ins Antlitz und sagte: »Aber, Halbert, ich finde, Du hast Dich recht verändert. Hast Du etwa heut einen weiten Ritt gemacht, oder ist Dir nicht wohl gewesen?« »Ich hab mich nie unwohl befunden, Maria, die ganze Zeit, seit ich weg bin,« erwiderte Sir Halbert, »und ein starker Ritt kommt bei mir alle Tage vor. Das weißt Du doch. Wer als Adeling geboren ist, der mag das Leben in den Mauern seines Schlosses verträumen. Wer aber sich den Adel selbst erworben hat, darf nie aus den Steigbügeln, sondern muß zeigen, daß er seines Adels auch würdig ist.« Die Dame von Avenel blickte ihren Gemahl liebevoll an, wie wenn sie versuchen wollte, in seiner Seele zu lesen, denn der Ton, in welchem die Worte gesprochen worden waren, war nicht frei von einer gewissen Entmutigung. Sir Halbert Glendinning war noch der gleiche wie früher, und doch ein andrer geworden, als er in früheren Jahren gewesen war. Die heiße Ungebundenheit war verschwunden, um der ruhigen, strengen Haltung des Kriegs- und Staatsmannes das Feld zu räumen. Die Sorge hatte die edlen Züge gefurcht, über die sonst jede Gemütsbewegung spurlos hinweg zog, wie leichtes Gewölk über sommerlichen Himmel. Die Stirn war höher und kahler geworden, die dunklen Locken wallten wohl noch immer dicht um das Haupt, an den Schläfen waren sie aber, wenn noch nicht verschwunden, so doch merklich dünner geworden, eine Wirkung nicht sowohl der verwichenen Jahre, als vielmehr des Druckes, den die Stahlhaube übte. Den Bart trug er der herrschenden Sitte gemäß dicht und kurz, in Zwickelbartform, und spitz zulaufend. Die von Sturm und Regen gebräunte Wange hatte ihren jugendlichen Glanz verloren, kündete aber von gestählter Manneskraft. Mit einem Worte, Sir Halbert Glendinning war ein Ritter, wie geschaffen, zur Rechten eines Königs zu reiten, das Banner eines Königs im Felde zu tragen, der Berater eines Königs im Frieden zu sein. Und doch lagerte jetzt über diesen stolzen Zügen eine Niedergeschlagenheit, deren er sich vielleicht selbst gar nicht recht bewußt war, die aber dem scharf beobachtenden Blicke der zärtlichen Frau nicht entging. »Es ist etwas vorgegangen oder soll etwas vorgehen,« sagte die Dame von Avenel, »denn solcher Unmut umwölkt nicht grundlos Deine Stirn; ich fürchte, es ist ein Unglück im Anzuge gegen uns selbst oder gegen unser Vaterland.« »Es hat sich nichts Neues ereignet, nicht daß ich wüßte,« versetzte Sir Halbert; »aber es gibt wenig Unglück, das sich nicht in unserm unglücklichen, durch schweren Zwist geschiedenen Reiche befürchten ließe.« »Du machst mich nicht irre,« sagte die Gattin. »Ich sehe es Dir an, daß sich etwas Unangenehmes ereignet haben muß. Sonst hätte Lord Murray Dich nicht so lange in Holyrood festgehalten. Es muß eine ernste Sache gewesen sein, für die ihm Dein Rat von Wichtigkeit war.« »Ich bin nicht in Holyrood gewesen, Maria,« versetzte der Ritter, sondern mehrere Monate außerhalb des Landes.« »Außerhalb unsers Landes,« rief die Dame, »und Du hast mir keine Botschaft gesandt?« »Was konnte die Nachricht Dir frommen? sie hätte Dich doch höchstens in Sorge und Herzeleid gestürzt!« versetzte der Ritter. »Deine Besorgnis hätte den leisesten Hauch, der über Deinen kleinen See hier gestrichen wäre, zu einem rasenden Orkan entfacht.« »Also über See bist Du gewesen?« fragte die Dame von Avenel erschrocken. »Deine Heimat hast Du verlassen, hast an fernen Gestaden geweilt, wo man die schottische Sprache nicht versteht und spricht?« »Freilich, freilich,« antwortete Sir Halbert, mit zärtlichem Getändel ihre Hand erfassend und streichelnd, »solche bewundernswerte Tat habe ich vollbracht, drei Tage und drei Nächte habe ich mich auf dem Meere schaukeln lassen, und bloß ein dünnes Brett hat mich von den Wellen geschieden.« »Wie konntest Du die göttliche Vorsehung so in Versuchung setzen, Halbert?« fragte die Dame voll stillen Vorwurfs. »Ich hab Dich nie gedrängt, das Schwert von der Hüfte zu lösen oder die Lanze beiseite zu tun; hab Dich nie gebeten, die Hand in den Schoß zu legen, wenn Dich Geschäfte riefen. Aber sind Schwert und Lanze nicht Gefahren genug für einen Mann? Mußtest Du auch noch das grimmige Meer dazu gesellen?« »Wir haben in Deutschland und in den Niederlanden, Maria,« nahm der Ritter wieder das Wort, »Männer mit uns verbunden im gleichen Glauben, denen es nützlich erschien, mit uns in ein Bündnis zu treten. Zu einigen bin ich gesandt worden in vertraulicher Angelegenheit. Wohlbehalten bin ich an ihrem Gestade gelandet und wohlbehalten heimgekehrt. Aber schwerere und mannigfachere Gefahren birgt das Leben zwischen hier und Holyrood, als in allen Gewässern, die die niederländischen Gestade bespülen.« »Und Land und Volk, Halbert, sind wie Schottland und die Schotten? ebenso gutmütig? Und wie sind sie gegen Fremde?« fragte Maria. »Holland ist mächtig durch seinen Reichtum, Maria,« antwortete Sir Halbert, »der alle andren Völker schwächt, aber schwach in den Künsten des Kriegs, die alle andren Völker stark machen.« »Ich verstehe Deine Rede nicht,« versetzte die Dame. »Der Sinn des Holländers ist bloß auf Erwerb gerichtet, Maria, und zur Kriegsführung wirbt er sich fremdes Kriegsvolk, und durch fremdes Kriegsvolk verteidigt er seinen Reichtum. Er baut Dämme am Gestade des Meeres, zum Schirm für sein Land, und aus den Scharen der Schweizer und Deutschen holt er sich die Besatzung dazu. So ist der Holländer mächtig in seiner Ohnmacht, denn eben der Überfluß, der den Machtvollern zum Raube reizt, bewaffnet fremde Mannen in holländischem Dienst.« »Solch feige Knechte!« rief die Dame von Avenel empört, denn sie war die echte Schottin damaliger kriegerischen Zeit, »Hände haben sie und gebrauchen sie nicht? Abschlagen sollte man sie ihnen unterm Ellbogen!« »Nicht doch,« wagte ihr Gemahl, »ihre Hände dienen dem Vaterlande nicht minder, wenn auch in anderer Weise. Schau hin auf diese kahlen Hügel, Maria, auf dieses tiefgewundne Tal, durch das eben die Herde von ihrer magern Weide heimkehrt. Die Hand des fleißigen Niederländers würde diese Berge mit Wald bedecken, ließe Getreide aufsprießen, wo wir jetzt bloß dürre Heide sehen. Mir tut's weh, Maria, wenn ich die Blicke auf dieses Land lenke, und mir vorstelle, welchen Reichtum ihm Menschen bringen könnten, wie ich sie jüngst kennen gelernt habe, Männer, die nicht nach eitlem Ahnenruhme trachten, nicht nach der blutigen Ehre, sich in täglicher Fehde aufzureiben dürsten, die ihr Land bewohnen, nicht um seinen Wohlstand zu hindern und zu unterdrücken, sondern ihn zu erhalten und zu fördern.« »Solche Kultur, wie es dort wohl heißt, lieber Halbert, wäre hier wenig am Platze,« bemerkte Maria, »denn die uns feindlichen Engländer würden sie verwüsten, ehe sie aus dem gröbsten heraus wäre, und der erstbeste Nachbar, der mehr Reiter besäße als der andre, würde die Saaten, die Deinen Schweiß gekostet haben, niedermähen! Warum willst Du Dich deshalb grämen? Das Geschick, das Dir Schottland als Vaterland gab, gab Dir auch Kopf und Herz und Hand, Dich als Schotte zu behaupten, wie es einem Schotten geziemt.« »Mir gab es keine Ursache, mich als Schotte zu behaupten,« versetzte Halbert, langsam durch das Zimmer schreitend. »Mein Arm hat sich hervorgetan in jedem Kampfe, meine Stimme hat sich vernehmen lassen bei jeder Beratung, und selbst die Weisesten verschmähten nicht meinen Rat. Der schlaue Lethington, der düstre Morton pflogen mit mir geheimen Rat, und Grange und Lindsay haben nicht in Abrede gestellt, daß ich in jeder Feldschlacht meinen Mann gestellt habe, wie es einem Ritter zukommt. Aber laß die Zeit der Not, in der sie mich brauchen, vorüber sein, und keiner von ihnen wird sich des unbekannten Herrn von Glendinning, der über keine Ahnen verfügt, noch erinnern.« Das Gespräch hatte eine Wendung genommen, die die Dame von Avenel immer scheute, denn der Rang, in den ihr Mann erhoben worden war, die Gunst, deren er sich bei dem Grafen von Murray, dem mächtigsten Manne im Reiche, erfreute, sowie die Eigenschaften, die ihn zu diesen Auszeichnungen befähigt hatten, konnten begreiflicherweise den Neid, mit dem man ihn betrachtete, nicht vermindern, sondern nur vermehren. Zog man doch vor allem die niedrige Herkunft in Betracht, neben der die persönlichen Tugenden, durch die er sich emporgerungen hatte, in den Augen seiner Zeitgenossen zu einem Nichts zusammenschrumpften. Die ihm angeborene Charakterfestigkeit befähigte ihn nicht dazu, die in der öffentlichen Meinung als feststehend erachteten Vorzüge einer hohen Abkunft als geringwertig anzusehen, ja es gab Augenblicke, -- so leicht finden eifersüchtige Grillen Eingang auch in die edelsten Gemüter -- wo es ihn bitter verdroß, daß sein Ansehen als Besitzer von Avenel darin fußte, daß er es bloß besaß, als Erbe seiner Frau. Er war nicht so ungerecht, solcher Regung die Herrschaft über sein Gemüt zu lassen, aber so recht los wurde er diese Regung eigentlich nie, und das entging der Aufmerksamkeit seiner Gemahlin nicht. »Wären wir mit Kindern gesegnet,« sagte sie dann bei sich, »die sich in die Vorteile meiner Abkunft und in die Tugenden des Vaters hätten teilen können, dann hätten solche schmerzlichen Empfindungen unser Glück nicht einen Augenblick gestört. Aber solcher Segen ist uns nun einmal versagt geblieben.« Es war mithin nicht zu verwundern, daß es die Dame von Avenel nicht gern sah, wenn ihr Gemahl die Rede auf dieses Thema brachte, das ihrem Verdruß so reiche Nahrung gab. Und wie jedesmal, so suchte sie auch jetzt diesen Gedanken eine andre Richtung zugeben. »Wo ist denn Wolf?« rief da plötzlich der Ritter, »ich habe ja den Kerl noch mit keinem Blick gesehen, und sonst war er doch immer der erste, der mir entgegensprang!« »Wolf liegt an der Kette,« antwortete die Dame mit einem Anflug von Verlegenheit, von der sie sich vielleicht selbst kaum einen rechten Grund hatte angeben können. »Er benahm sich recht garstig gegen meinen Pagen.« »Wolf an der Kette? Wolf hätte sich unfreundlich gegen einen Pagen benommen?« rief Sir Halbert Glendinning, »Wolf ist doch niemals gegen jemand unfreundlich gewesen, und die Kette lähmt entweder seinen Mut oder macht ihn wild ... Heda, macht mir auf der stelle meinen Hund los von der Kette!« Sofort wurde sein Befehl vollzogen, und der große Hund kam ins Zimmer hinein gerast, warf durch seine unbändigen Sprünge alles in den buntesten Haufen, so daß es Alias, die alles wieder in Ordnung zu bringen hatte, nicht zu verargen war, daß sie vor sich hin brummte: »Der Hund des Laird ist grade so abscheulich wie der Page der gnädigen Frau.« »Und was ist denn das für ein Page?« fragte der Ritter, durch die Bemerkung der Zofe wieder auf diesen Gegenstand hingelenkt, »den jeder hier mit meinem alten Freund und Liebling zusammenzustellen scheint? Seit wann erhebst Du Anspruch auf das Vorrecht einen Pagen zu halten ... und wer ist der Knabe?« »Ich denke doch, Du wirst Deiner Frau gleiches vergönnen, Hillbert, wie es andern Frauen ihres Standes auch vergönnt wird,« sagte die Dame, nicht ohne zu erröten. »Das ist selbstverständlich, Maria,« versetzte der Ritter, »es genügt vollständig, daß Du Dir solch einen Diener wünschest. Aber unnützes Gesinde zu halten ist nie meine Sache gewesen, und ich meine, es stehe den stolzen englischen Damen vielleicht an, sich solch ein Bürschchen zu halten, das ihnen die Schleppe nachträgt, Kühlung zuweht und die Laute schlägt, aber unsre schottische Jugend müsse für Lanze und Steigbügel erzogen werden.« »Es war ja doch bloß ein Scherz, mein Gemahl,« bemerkte die Dame, »daß ich den Knaben meinen Pagen nannte. Es ist ja bloß ein kleiner Waisenjunge, den wir vom Tode des Ertrinkens retteten, und den ich seit der Zeit aus Mitleid im Schlosse behalte habe ... Lilias, geh und hol den kleinen Roland her!« Alsbald trat nun Roland herein und eilte an die Seite der Dame, sich an den Falten ihres Kleides festzuhalten suchend. Dann wandte er sich um und staunte, nicht ohne Furcht, die stattliche Gestalt des Ritters an. »Roland,« sagte die Dame, »geh hin und küsse dem edlen Ritter die Hand! Bitt ihn darum, daß er Dir seinen Schutz gewährt.« Aber Roland gehorchte der Dame nicht, sondern fuhr fort, sich dichter an sie drängend, starr und furchtsam auf den Ritter zu blicken. »Geh doch hin zu dem Ritter und küß ihm die Hand, Knabe,« mahnte ihn die Dame. »Ich küsse niemand die Hand, außer Euch, gnädige Dame!« sagte Roland Gräme. »Nicht doch, Kind,« sagte die Dame, »tu', wie Dir geheißen wird, und sei artig zu dem Ritter ... Er ist durch Deine Anwesenheit geängstigt,« sagte sie, ihn gegen ihren Gemahl in Schutz nehmend, »aber ist es nicht ein hübsches Kind?« »Auch Wolf,« sagte Sir Halbert, »ist ein hübscher Hund,« und dabei streichelte er seinen ungeschlachten Liebling, »und hat vor Deinem neuen Liebling den Vorzug, daß er tut, was man ihm befiehlt, und nicht hört, wenn man ihn lobt.« »Nun, Halbert, jetzt bist Du böse auf mich!« sagte die Dame, »und doch, hast Du dazu Grund? Ein armes Waisenkind zu unterstützen ist doch kein Unrecht, und was einem der Zuneigung wert erscheint, dem darf man doch auch gut sein. Aber Du hast in Edinburg den Herrn Warden gesprochen, und der war schon hier auf den armen Jungen nicht zu best zu sprechen.« »Meine geliebte Maria,« erwiderte ihr Gatte, »Herr Warden weiß zu genau, in welchem Verhältnis wir zueinander stehen, als daß er sich beikommen ließe, sich in Deine oder meine Dinge zu mischen. Ich tadle Dich doch auch nicht, daß Du freundlich gegen den Knaben bist. Durchaus nicht. Ich meine nur, in Rücksicht auf seine Herkunft wäre es richtiger, ihn mit einem bescheidneren Maße von Zärtlichkeit zu behandeln und ihn nicht so zu verwöhnen, daß er die Tauglichkeit verliert für die beschränkteren Verhältnisse, die ihm für sein Leben nun einmal angewiesen bleiben.« »Aber, Halbert, sieh doch nur das Kind an!« versetzte die Dame, »hat er denn nicht ganz das Aussehen, als sei er vom Himmel zu etwas Besserm ausersehen als einem bloßen Bauern? Kann er nicht ebensogut, wie andre Menschen auch, sich aus einer beschränkten Lage zu Ansehen und Ehre emporarbeiten?« Sie hatte den Satz kaum ausgesprochen, als sie inne wurde, einen Fauxpas gemacht zu haben. Sie brach jäh ab, und tiefe Röte zog über ihr Gesicht, während sich auf das von Sir Halbert düstre Wolken zu lagern schienen. Aber nur für einen kurzen Augenblick, denn jede Annahme, als habe seine Frau ihn kränken wollen, war ihm ebenso unmöglich, wie die Worte, die sie eben gesprochen, auf die Goldwage zu legen. »Tue ganz, wie es Dir genehm ist,« sagte er, »ich bin Dir zuviel schuldig, als daß ich Dir auch das Geringste nicht sollte gönnen wollen, was Deine einsame Lebensweise einigermaßen erträglich zu machen vermag. Mach aus dem Jungen, was Dir gefällt. Ich will Dir nicht dawider sein. Aber behalte immer in Deiner Erinnerung, daß er Dein Pflegesohn ist und nicht meiner! Vergiß nicht, daß er kräftige Glieder hat, den Menschen zu dienen, und einen Geist und eine Zunge, um Gott zu ehren. Erziehe ihn treu gegen seinen Herrn und gegen den Himmel! Im übrigen verfüge über ihn ganz nach Deinem Belieben, er ist Deine Sache und soll es bleiben.« Dieses Zwiegespräch entschied über das Schicksal Roland Grämes, von dem hinfort der Ritter von Avenel wenig Kenntnis nahm, während die Schloßherrin ihm nach wie vor vieles nachsah und allerhand Gunst zuwandte, die Dienerschaft hingegen zwischen Schloßherrn und Schloßherrin balanzierte, freundlich mit dem Jungen tat, wenn es die Dame, ihn ignorierte, wenn es der Herr von Avenel sah. Und so wuchs Roland Gräme zum Jüngling heran, frei von der strengen Zucht, unter der er sonst, als Diener eines Herrn von Stande, der in jenem Zeitalter herrschenden Strenge gemäß gestanden hätte. Viertes Kapitel. Unter den gleichen Verhältnissen war Roland in sein siebzehntes Lebensjahr getreten, als ihn an einem Morgen in aller Frühe sein Weg in die Falknerei Sir Halbert Glendinnings führte, wo er nachsehen wollte, wie es einem Nestfalken ging, den er aus einem berühmten Horste der Umgegend selbst gehoben hatte. Er fand hier jedoch keine Ursache, mit der Abwartung des Lieblingsvogels zufrieden zu sein, und stellte den Burschen des Falkners, der sich besser um ihn hätte kümmern sollen, zur Rede. Da sich der Junge hierzu nicht still verhielt, versetzte ihm Roland ein Paar Püffe, und auf sein Geschrei hierüber kam der Falkner selbst, ein Engländer von Geburt mit Namen Adam Woodcock, herbei und verwies Roland, seinen Burschen zu schlagen, was er, wenn's nötig sei, schon selbst zu besorgen wisse. »Ihn und Dich prügle ich,« rief Roland heftig, »wenn Du Dich nicht besser um das zu kümmern weißt, was Deines Amts ist. Ist das wohl eine Art, einen Nestfalken mit ungewaschnem Fleisch zu füttern? Er soll mir wohl die Räude kriegen?« »Sei doch nicht so vorlaut, Rolandchen,« erwiderte der Falkner spöttisch, »bist doch selbst noch ein kleines Nestkücken, und was verstehst du groß von der Fütterei? Ein ungewaschner Vogel muß auch noch ungewaschnes Fleisch haben, denn gewaschnes verträgt er erst, wenn er flügge ist, andernfalls kriegt er den Pips, und das weiß jeder, der einen Geier von einem Falken zu unterscheiden weiß.« »Du falscher englischer Kujon, bist ja selbst so faul, daß Du Dich den Geier drum kümmerst, was Dein Junge macht. Schlafen und saufen, das ist Deine liebste Arbeit, und Dich weißbrennen, wenn Dein Junge was anrichtet, das verstehst Du freilich!« »Ist der Page der gnädigen Dame etwa mit Arbeit so überhäuft, daß er ein Recht hätte, mich zu hofmeistern? Ich hab drei Falkenhecken zu beschicken, und das gibt für einen Mann schon Arbeit so viel, wie er haben muß. Und was meine englische Herkunft angeht, so ist die wohl immer noch edler, als wenn ich wie Du hinterm Zaune geboren wäre. Soll Dich der Geier holen dafür, daß Du als gemeiner Geier so gern den Edelfalken herausbeißen mochtest.« Die Antwort hierauf war eine derbe Ohrfeige, die so sicher gezielt war, daß sie den Falkner direkt in den Trog hinein warf, worin die Falken sich badeten. Adam Woodcock war wie vom Teufel besessen wieder auf den Beinen und hatte nach einem Knüppel gegriffen, den er auf Roland hob, und hätte diesen sicher nicht schlecht traktiert, hätte er nicht im Nu die Hand am Dolche gehabt und bei allem, was ihm heilig sei, geschworen, ihn kalt zu machen, wenn er sich erfrechen wollte, einen Schlag nach ihm zu führen. Der Lärm war so laut geworden, daß sich andre Personen vom Hausgesinde einfanden, darunter der Hausverwalter Wingate, eine Respektsperson sondergleichen, wie die goldne Kette, die er um den Hals trug, und der weiße Stab in seiner Hand deutlich bekundeten. Sobald er sich zeigte, wurde zwischen den streitigen Parteien Ruhe, nichtsdestoweniger hielt es der »Majordomus« für angezeigt, Roland Gräme Vorhaltungen über die unziemliche Art, wie er mit dem Gesinde umgehe, zu machen. »Es sei recht schade,« schloß er seinen Sermon, »daß der Schloßherr grade wieder auf einer seiner Ritterfahrten abwesend sei; dessen dürfe der jugendliche Unband sich aber versichert halten, daß seines Bleibens auf dem Schlosse nicht mehr lange sein werde, wenn er sich so etwas herausnehmen wolle in Gegenwart des Schloßherrn. Seine Pflicht sei es jedoch, von diesem Vorfalle der Schloßherrin Kenntnis zu geben, und das wolle er auch auf der Stelle tun.« »Recht so, recht so,« rief die Dienerschaft, »die Schloßherrin mag darüber entscheiden, ob man gegen uns wegen eines Wortes zuviel gleich den Dolch vom Leder ziehen darf, und ob sich das verträgt mit der Gottesfurcht, die sonst im Hause herrscht!« Roland, das Ziel dieses allgemeinen Unwillens, schob den Dolch in die Scheide, warf einen geringschätzigen Blick auf die um ihn her stehenden Leute, schob beiseite, wer ihm nicht freiwillig Platz machte, und ging. »In diesem Baume mag ich nicht nisten,« brummte der Falkner, »wenn solcher Spatz uns über den Kopf wachsen soll.« »Mich hat er gestern mit der Reitpeitsche geschlagen,« sagte einer von den Reitknechten, »weil dem Wallach der Schweif nicht so gestutzt war, wie er es wollte.« »Und ich sag Euch,« fiel die Waschfrau ein, »keine Minute besinnt er sich, uns Vettel und Schlampe zu titulieren, wenn sich auch nur ein unsaubres Fleckchen an seiner Halskrause vorfindet.« Der allgemeine Refrain lautete: »Wenn Herr Wingate es nicht der Dame von Avenel meldet, dann ist keines Bleibens mehr hier in diesem Schlosse.« Herr Wingate schien sich aber, je mehr die Dienerschaft in ihn einredete, desto reiflicher zu überlegen, ob es auch für ihn geraten sei, um eines Falkners willen Stellung bei der Schloßherrin gegen ihren ausgesprochnen Günstling zu nehmen. Da kam er aber der Zofe Lilias ins Gehege, die sich unter keinen Umständen die Gelegenheit entgehen lassen mochte, »dem Teufelspagen« eins auszuwischen, dem sie noch immer den alten Groll nachtrug. »Ich meine bloß,« sagte der Majordomus auf ihren Vorhalt, daß er in solchen Dingen viel zu wenig seine Würde zu wahren wisse, »daß es keinem gut bekommen ist im Leben, wenn er die Partie der Dame gegen den Herrn nahm, aber miserabel ist's immer solchen gegangen, die es mit dem Herrn gegen die Dame hielten.« »Also sollen wir uns, Mann oder Weib, Hahn oder Henne, von solch jungem Schößling ankrähen lassen? ... Nichts da, und wenn ich zuerst von allen mir das Maul verbrennen soll. Soviel wenigstens erhoffe ich von Euch, Herr Wingate, daß Ihr, wenn die gnädige Frau sich nach dem Sachverhalt erkundigt, der Wahrheit gemäß berichten werdet, wie Ihr den Fall hier mit eignen Augen mit angesehen habt.« »Der Wahrheit gemäß zu berichten, wenn ich von der Schloßherrin nach dem Verlaufe des Auftritts gefragt werde, ist meine Pflicht und Schuldigkeit, Jungfer Lilias, immer freilich solche Fälle ausgenommen, in denen sich die Wahrheit nicht sagen läßt, ohne Unheil und Unsegen über mich selbst wie über das Gesinde im allgemeinen zu bringen.« »Aber der grüne Junge gehört nicht zum Gesinde und ist auch mit keinem vom Gesinde befreundet. Drum weiß ich, daß es Euch wohl kaum beikommen dürfte, Euch durch Parteinahme für ihn mit dem ganzen Hauspersonal in Feindschaft zu setzen.« »Glaubt mir, Jungfer Lilias, von Herzen gern bisse ich zu, wenn ich die rechte Zeit zum Beißen für gekommen erachten könnte.« »Genug, genug, Wingate,« versetzte die Zofe, »da die Dinge so stehen, soll ihm bald sein letztes Brot im Schlosse gebacken sein. Sofern die Herrin binnen jetzt und zehn Minuten nicht selbst sich danach erkundigt, was es denn gegeben habe, so rück ich ihr selbst damit vor die Ohren, oder ich will nicht länger mehr Lilias Bradbourne sein.« Sie ließ keine Zeit verstreichen, um ihren Plan zur Ausführung zu bringen, sondern wußte es einzurichten, daß ihre Herrin bald merkte, ihre Zofe wollte etwas sagen, fände aber nicht die rechte Veranlassung oder die rechten Worte, es anzubringen. Lilias kannte infolge der vielen Jahre, die sie um die Schloßherrin gelebt hatte, dieselbe wie »einen bunten Dreier.« Neugierig war auch sie, wie alle Evastöchter, und so dauerte es nicht lange, bis sie sich erkundigte, was es denn mit dem komischen Wesen der Zofe auf sich habe. Die aber ließ eine Weile fragen und fragen, ohne mit der Sprache herauszurücken, seufzte bloß und verdrehte die Augen, meinte, man müsse eben das Beste hoffen, daß es nicht noch schlimmer werde, und reizte natürlich auf diese Weise die Herrin bald so, daß sie die Geduld verlor und der Zofe befahl, ihr offen und unverblümt zu sagen, wie es sich um die Sache verhalte, mit der die Zofe in Gedanken so lebhaft beschäftigt sei. »Gott sei Dank, die Ohrenbläserei ist mir immer zuwider gewesen, und als Zuträgerin habe ich mich noch nie ausgewiesen. Ich habe auch noch keinem mißgönnt, was er besser hatte als ich, und hab's mir auch noch nie angelegen sein lassen, jemand bei der Herrschaft anzuschwärzen ... und bis jetzt ist's ja, Gott sei Dank, im Schlosse noch immer gegangen ohne Mord und Totschlag ...« »Ohne Mord und Totschlag?« wiederholte die Schloßherrin, »was sollen solche Worte aus solcher Närrin Munde? ... Das laß Dir gesagt sein, Lilias, sofern Du Dich nicht deutlicher ausdrückst, so hab ich Dir was zugedacht, was Dir kaum Freude bereiten dürfte.« »Nun, gnädige Herrin,« hub die Zofe an, »sofern Ihr mir befehlt, die Wahrheit zu sagen, dürft Ihr denn auch nicht ungehalten sein, die Wahrheit zu hören! und dürft mir nicht gram werden, wenn ich was sage, das Euren Ohren nicht angenehm klingt.« »Was ist's, das Du sagen willst und zu sagen so hinhältst?« fuhr die Herrin sie an. »Nun, gnädige Frau, der Roland hat bloß dem Adam Woodcock eins mit dem Dolche versetzt ...« »Gott im Himmel!« rief die Dame von Avenel, »ist der Mann erstochen?« »Nein, gnädige Herrin, so schlimm ist's zum Glück nicht ausgegangen, aber geschehen wär's wohl, wenn nicht so schnell andre beigesprungen wären. Na, vielleicht ist's der gnädigen Herrin recht so, daß der junge Herr nach uns armem Bedientenvolk sticht und haut und schlägt.« »Was läßt Du Dir denn beikommen, mein Püppchen?« rief die Schloßherrin, »Du wirst ja recht naseweis! Geh hin zum Hausmeier und sage ihm, er solle sich ja auf der Stelle zu mir herbemühen.« Lilias ließ sich das nicht zweimal sagen, sondern lief zum Herrn Wingate und meldete ihm, was die Herrin ihr befohlen. Aber sie unterließ es nicht, ihm zuzuraunen: »So! nun ist der Stein ins Rollen gebracht. Sorgt bloß, daß er nicht unterwegs wo hängen bleibt.« Der Hausmeier, ein gar kluger Mann, blinzelte der Zofe wohl zu, hütete sich aber vor jedem Worte und trat gleich darauf, entschlossen, sich der äußersten Vorsicht zu befleißigen, mit einer ehrfürchtigen Verbeugung bei der Schloßherrin ein. »Wingate,« fragte die Dame kurz, »was ist das für Ordnung im Schloß in Abwesenheit des Schloßherrn, daß seine Dienerschaft mit Knütteln und Dolchen aufeinander losschlägt, wie in einer Diebes- und Mörderhöhle? ist der verwundete Mann noch am Leben? und was ist aus dem unseligen Knaben geworden?« »Zurzeit, gnädigste Herrin, ist überhaupt niemand verwundet und in Gefahr ist auch noch keines Menschen Leben,« versetzte der Hausmeier ... »es übersteigt aber meinen Wissensbereich, wenn ich sagen sollte, wieviel am Ende bis zum Passahfeste noch verwundet werden können, wenn nicht ernstliche Maßregeln getroffen werden, den jungen Menschen in Räson zu halten. Man muß ja gelten lassen, daß er ein ganz hübscher junger Mensch ist,« setzte er sich selbst verbessernd hinzu, »und geschickt in all seinem Tun ist er auch, aber leider zu vorschnell im Handeln, es scheint, als jucke es ihm in den Fingerspitzen, wenn er die Reitpeitsche in der Hand oder den Dolch in der Scheide fühlt.« »Und wessen Schuld ist das als Eure?« sagte die Dame erzürnt. »Ihr solltet ihn Bessres gelehrt haben, als sich herumzustreiten und seine Meinung mit dem Dolche zu verfechten.« »Wenn es Euer Gnaden belieben mich in solcher Weise zu tadeln, so muß ich es über mich ergehen lassen, das steht außer Zweifel. Aber erlauben werdet Ihr mir wohl mögen darauf hinzuweisen, daß ich seiner Waffe den Weg aus der Scheide nicht zu wehren vermag, wenn ich sie ihm nicht nehmen oder festnageln darf. Denn das ginge noch über die Kunst des Raimund Lullus, der auch das Quecksilber nicht in seiner Röhre zum Stillstande hat bringen können.« »Laßt mir den Raimund Lullus aus dem Spiele,« erwiderte die Dame von Avenel, der nun die Geduld riß. »Aber schickt mir den Kaplan her! Ihr wachst mir alle über den Kopf, infolge der leider so häufigen Abwesenheit meines Herrn und Gemahls. Möchte Gott es geben, daß seine Geschäfte ihm bald längeres Verweilen in seinem Haus und Hof gestatteten, denn es geht wirklich über meine Kräfte, allem immer so allein vorzustehen.« »Verhüt's Gott, daß es Eure ernstliche Meinung sei, was Ihr jetzt ausgesprochen habt,« sagte der Hausmeier, »denn Eure alten Diener sollten doch hoffen dürfen, nach so langen Jahren eifrigen Dienstes Gerechtigkeit zu finden. Zum wenigsten verdienen sie darum nicht Mißtrauen, weil sie nicht im stande sind, den Mutwillen eines jungen Brausekopfs im Banne zu halten.« »Laßt mich allein,« sagte die Dame von Avenel, »Sir Halbert ist jeden Tag zu erwarten, er mag diese Sache selbst untersuchen. Ihr braucht mir weiter nichts darüber zu sagen, denn ich weiß wohl, daß Ihr gewissenhaft und pünktlich seid, und daß der junge Bursche leicht über die Stränge schlägt. Immerhin kann ich mich der Meinung nicht verschließen, daß Ihr ihm hauptsächlich darum so gram seid, weil er sich meiner Gunst zu erfreuen hat.« Der Majordomus verneigte sich und ging, nachdem ihm die Dame den Versuch, sich gegen die letzte Insinuation zu verwahren, direkt untersagt hatte. Darauf erschien der Kaplan, aber auch von ihm bekam die Dame keinen Trost. Sie fand ihn im Gegenteil nur geneigt, die Unruhe, die der Jüngling im Schlosse stifte, einzig und allein auf Schuld ihrer allzu großen Milde gegen ihn zu setzen. »Es wäre wohl besser gekommen, gnädigste Herrin,« sagte Warden, »wenn Ihr meinen ersten Worten mehr Gehör gewährt hättet. Ein Uebel an der Quelle zu hemmen ist leicht, aber eine mühsame Sache ist es, sich dagegen zu stemmen, wenn es zum wilden Gießbach angeschwollen ist -- Euch aber, edle und verehrte Dame, und ich nenne Euch so nicht, weil es dem höflichen Brauch entspricht, sondern weil es meine tiefste Ueberzeugung ist, weil ich Euch immer lieben und ehren konnte als eine edle vortreffliche Frau, Euch aber sage ich, daß es Euch zu Unrecht beliebt hat, den Knaben aus seinem Stande zu einem Stande emporzuheben, der sich dem Eurigen nähert.« »Was wollt Ihr damit sagen, hochwürdiger Herr?« fragte die Dame, »ich habe den Knaben zum Pagen genommen ... liegt etwas hierin, was sich mit meinem Stand und Charakter nicht vertrüge?« »Eure wohltätige Absicht, meine Gnädige, verkenne ich nicht,« sagte der hartnäckige Priester, »Euch des jungen Menschen anzunehmen; auch Eure Befugnis, dem Knaben das müßige Amt eines Pagen zu geben, lasse ich gelten, ob es auch über meine Weisheit hinausgeht zu erforschen, was aus einem Jungen, wenn seine Erziehung ausschließlich in Frauenhand gelegt wird, anders soll werden können als ein auf eitle Dinge eingebildeter Fant. Aber entschiedenen Tadel muß ich Euch aussprechen deswegen, weil Ihr es unterließet, ihn über die Gefahren, die solcher Stand für ihn birgt, aufzuklären und seinen von Natur herrschsüchtigen und heftigen Sinn zu bändigen.« »Herr Barden, sagte die Dame, tiefgekränkt, »Ihr seid ein alter Freund meines Gemahls und Eure Liebe zu ihm und seinem Hause halte ich für ehrlich und aufrichtig. Aber ich muß Euch sagen, daß ich solch herben Vorwurf nicht von Euch erwartete, wenn ich um Euren Rat bat. Habe ich den armen, verwaisten Knaben mehr geliebt als andre seines Standes, so verdient solche Irrung meines Dafürhaltens solch scharfer Zurechtweisung nicht, und wenn strengere Zucht am Platze war, so sollte nicht außer Berücksichtigung bleiben, daß ich doch nur ein Weib bin und daß es dem Freunde wohl besser hätte anstehen dürfen, mich über Fehler, die mir als Frau dabei unterlaufen sind, zu belehren statt zu schmälen. Indessen lassen wir diese Auseinandersetzungen! Es ist ein Herzenswunsch von mir, diese Zwistigkeiten beseitigt zu, sehen, ehe mein Gemahl zurück ist -- -- -- er ist häuslichem Zwist abhold, und ich möchte nicht, daß er die Meinung bekommt, daß solcher Zwist ausgehe von jemand, der sich meiner Gunst erfreut hat. Was ratet Ihr mir zu tun, hochwürdiger Herr?« »Entlaßt den Burschen aus Eurem Dienste, gnädige Dame,« versetzte der Pfarrer. »Das könnt Ihr nicht von mir verlangen, weder als Christ noch als Mann, der seine Nächsten liebt,« erwiderte die Dame von Avenel: »ein Wesen soll ich von mir weisen, das keinen Beschützer hat, dem meine Gunst, mögt Ihr sie auch unbedacht nennen, so manchen Feind erweckt hat?« »Ihr braucht ja Eure Hand nicht gleich von ihm zu ziehen, wenn Ihr ihn anderswohin in Dienst gebt oder zu einem Berufe bestimmt, der seinem Charakter und Stande sich besser schickt,« antwortete der Pfarrer. »An anderm Ort, in andrer Sphäre kann er ein nützliches Glied der Gesellschaft werden, hier aber ist er bloß Friedensstörer und Stein des Anstoßes. Ich lasse gern gelten, daß der junge Mensch Fähigkeiten besitzt, aber an Fleiß fehlt es ihm entschieden. In Leyden an der Universität ist meines Wissens das Amt eines Unterpedellen frei. Ich will ihm gern Empfehlungsschreiben dorthin mitgeben. Neben freiem Unterricht, sofern er sich dieses Vorteils versichern will, erhält er fünf Mark jährlichen Sold und einen abgetragnen Anzug von einem der Professoren, die an der Universität lesen.« »Das wird wohl nicht das richtige sein, lieber Herr,« erwiderte die Dame von Avenel, und sie konnte kaum ein Lächeln unterdrücken, »indessen soll die Sache in reifliche Erwägung genommen werden. Euch jedoch bitte ich, hochwürdiger Herr, der Dienerschaft ihre Pflichten gegen Gott und ihre Dienstherrschaft in recht nachdrücklicher Weise einzuschärfen, damit uns solche Auftritte in Zukunft erspart bleiben.« »Ich werde tun nach Eurem Befehle,« versetzte Heinrich Warden, »und sofern mir der liebe Gott nicht seinen Segen vorenthält, wird es wohl gelingen, den Wolf aus dem Schafstalle zu jagen.« Er wählte für seine nächste Predigt den Text: »Und wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen,« und eiferte gegen alle die Sünder, die nach einer Waffe greifen, die der Mensch ersann, um offne Feindseligkeit zu üben, um sich auf gewalttätige Weise zu einem Vorteil zu helfen, der ihm auf ehrliche und grade Weise nicht werden könne. Dann eiferte er gegen diejenigen, die sich solcher Waffen bedienen, trotzdem sie im Dienste von Frauen stehen und in den Zimmern von ehrenwerten Damen die Aufwartung zu befolgen haben, die also milden Sinnes sein sollten und doch in die Sünde des Zornes verfallen, und sich dadurch zu weibischen Zwittern machten, daß sie zur Hinterlist und Feigheit des Weibes noch die Schwächen und Leidenschaften ihrer Natur als Männer gesellten.« Bei diesen Worten heftete er die Blicke unverwandt auf die Stelle, wo der Page Roland zu Füßen seiner Gebieterin mit einem zierlichen Dolch in karmesinrotem Gürtel saß. Die Wirkung, die die auf diesen Hauptsätzen beruhende Philippika des Pfarrers gegen Roland Gräme auf die kleine Gemeinde hervorbrachte, war erstaunlich. Die Dame von Avenel schien zugleich betroffen und verletzt, die Dienerschaft vermochte kaum ihre Freude über diese Donnerkeile zu, verstecken die Zofe Lilias warf den Kopf in die Höhe, daß er schier in Gefahr geriet, aus dem Halsgelenk zu gleiten, und der Hausmeier heftete in dem eifrigen Bemühen, strenge Neutralität. zu wahren, seine Blicke auf ein altes Wappenschild an der andern Mauerseite. Der mißliebige Gegenstand dieser Strafrede geriet in heftigen Zorn darüber, daß er dem Spott und Tadel der ganzen Dorfgemeinde auf solche Weise öffentlich ausgesetzt werde, ballte die Faust und fuhr unwillkürlich wieder nach der Waffe, die den Unwillen des Kanzelredners so heftig erregt hatte. Dunkle Röte stieg auf seine Wangen, aus seinen Lippen dagegen wich alle Farbe, und als der Pfarrer in immer heftigerer Weise zu eifern fortfuhr und seinem Grimm gegen ihn in immer schärfern Ausdrücken Luft machte, da sprang er, von der Besorgnis befallen, er könne sich an heiliger Stätte zu einem Racheakt hinreißen lassen, von dem Polster auf, auf dem er saß, und verließ eiligen Schrittes die Kapelle. Der Pfarrer schwieg nun eine Weile. Dann aber hub er an in langsamer feierlicher Weise, um den schweren Bann zu künden: »Hinweg von uns ist er gegangen, weil er keiner war von den Unsern, weil er den Stachel fühlte, der wider ihn löckte. Das Schaf entfloh der Hürde und gab sich selbst preis dem Wolfe, weil es sich nicht bequemen mochte zu dem stillen Wandel, den der große Hirt uns auferlegt. Ach, meine Lieben in Christo, hütet Euch vor dem Zorn, hütet Euch vor dem Stolz, jener todbringenden, verderblichen Sünde, die sich unsern verblendeten Augen so oft im Lichtgewande zeigt. Was ist irdische Ehre? Stolz! Was sind irdische Gaben und Vorzüge? Stolz und Eitelkeit! Stolz zerrte den Lucifer vom Himmel zur Tiefe der Hölle, Stolz und Eigendünkel entzündeten das flammende Schwert, das uns aus dem Paradiese entgegenblitzt, Stolz machte Adam zum Sterblichen und müden Wandrer auf dem Erdenrund, Stolz brachte die Sünde unter uns. Drum reißt ihn heraus mit der Wurzel, nehmt Euch das Beispiel dieses kläglichen Sünders zu Herzen, der eben unsre Gemeinde verlassen, ergreifet die Mittel der Gnade, ehe der andre Tag erscheint, ehe Euer Gewissen wie mit Feuerbränden ausgetrocknet ist, ehe Eure Ohren Taubheit verschließt, ehe Euer Herz verhärtet wie der härteste Mühlstein. Ringet und überwindet! wachet und betet! Aber für den, der heute von Euch ging, für den hebet die Hand nicht mehr! ihn laßt laufen und dort sich Wohnstatt und Mitmenschen suchen, wo die Sitte herrscht, mit dem Dolche auf seinen Mitmenschen loszugehen. Wehe, wehe über den Sünder!« Lebhaft erregt verließ auch die Dame von Avenel die Kirche. Sie war erzürnt auf den Pfarrer, daß er eine Privatsache, an der sie selbst in nicht geringer Weise beteiligt war, zum Thema für seine Predigt genommen hatte; aber sie wußte, daß sich der Mann in seinem christlichen Eifer hierzu für berechtigt hielt, entsprechend dem Brauche, der zur damaligen Zeit in der christlichen Kirche herrschte. Schweren Kummer bereitete ihr das eigenwillige Benehmen ihres Lieblings. Daß er auf eine so auffallende Weise aller Rücksicht ins Gesicht schlug, die er auf ihre Gegenwart hätte nehmen müssen, obendrein an einer so heiligen Stätte, gegen die zu jener Zeit solcher Verstoß als schwere Versündigung galt: das mußte auch ihr als ein Zeichen seines unfügsamen Geistes gelten, das mußte auch in ihren Augen die Nachreden für wahr erscheinen lassen, die im Hause über ihn geführt wurden. ... Und doch bemächtigte sich ihrer der Gedanke an den elternlosen Jüngling, der ihr so manche Stunde der Einsamkeit verscheucht, so manche frohe Minute bereitet hatte, wieder mit solcher Zärtlichkeit, mit solcher Inbrunst, daß sie sich nicht entschließen konnte, zu lassen von ihm, der ihr immerdar vorkam, wie ihr vom Himmel gesendet, auf daß er die Leeren ausfülle, die ihr das Leben so traurig gestalteten. ... Nein! sie wollte ihn nicht von sich lassen, so lange er nicht selbst den Schutz von sich weisen sollte, den sie ihm bislang in so reichem Maße gespendet hatte; und in der Absicht, darüber zur Gewißheit zu gelangen, in welchem Maße sie sich hierzu noch für berechtigt halten dürfe, ließ sie Roland Gräme zu sich bescheiden. Fünftes Kapitel. Roland Gräme kam nicht gleich, sondern ließ eine Zeit warten. Die Botin, die ihm den Bescheid bringen sollte, hatte zuerst an seiner Tür geklinkt, ohne Zweifel in der liebevollen Absicht, sich an der Verwirrung des Schuldigen zu weiden und zu beobachten, wie er sich verhalte. Aber Roland hatte den Riegel vorgeschoben, und dies kleine Stück Eisen hinderte sie daran. Lilias klopfte nun und rief ein paarmal hintereinander: »Roland Gräme! Roland Gräme!« dann (mit Nachdruck auf dem Worte »Herr«) -- »Herr Roland Gräme« -- dann fragte sie: »Aber fehlt Euch denn was, Gräme? und wollt Ihr nicht öffnen, Roland? seid Ihr etwa in stillem Gebet begriffen, das Ihr so plötzlich im Stich gelassen? Redet doch, was los ist! wenn Ihr Euch noch einmal so in der Kirche aufführt, dann wird der Herr Pfarrer wohl Sorge tragen müssen, daß Ihr in einem eingefriedeten Raum zu sitzen kommt, damit Euer Benehmen nicht der ganzen Gemeinde zum Aergernis werde!« Aber Roland Gräme rührte sich nicht in seiner stillen Klause. Die Zofe begann nun das Thema fallen zu lassen, das bisher ihren Rufen zu Grunde gelegen hatte, und fragte kurz und grob: »Heda! Ihr junger Mensch dadrinnen, Ihr sollt auf der Stelle Bescheid geben, ob Ihr zur Schloßherrin kommen wollt oder nicht. Sie schickt mich her, Euch zu ihr zu holen!« »Was sagt Eure Herrin?« fragte jetzt der Page von drinnen. »Schockschwerenot!« rief die Zofe ärgerlich, »da steht man wie ein Ochs am Scheunentor! Könnt Ihr denn nicht aufmachen und Bescheid geben?« »Der Name Eurer Herrin ist ein zu schöner Deckmantel für Eure Frechheit,« sagte der Page, noch immer von drinnen. ... »Sagt mir kurz, was die Dame von Avenel will.« »In ihrem Kabinett sollt Ihr Euch sogleich einfinden,« rief ihm die Zofe zu. »Die Schloßherrin wird Euch wohl einige Winke geben wollen, wie Ihr Euch künftighin in der Kirche zu verhalten habt.« »Sagt der Dame von Avenel,« erwiderte Roland Gräme, daß ich sogleich zu ihren Diensten stehen werde; Ihr aber macht, daß Ihr von meiner Tür wegkommt.« »Ist das ein Flegel!« brummte die Zofe und ging; ihrer Herrin aber meldete sie, daß Roland Gräme sich bei ihr einfinden werde, sobald es ihm genehm sein werde. »Wie?« fragte die Schlußherrin, »rührt der Zusatz von ihm her oder von Dir?« »Je nun, gnädigste Herrin,« antwortete die Zofe, die eigentliche Frage umgehend, »es hörte sich so an, wie wenn er noch ganz andre Dinge auf den Lippen hätte; ich hielt es aber für besser, nicht erst zu warten, bis er sie gesagt hätte. Aber da ist er ja schon und kann Euch selbst Rede und Antwort stehen.« Roland Gräme trat stolzer, und mit tieferer Röte auf den Wangen als sonst, in das Zimmer. Aus seiner Haltung sprach Verlegenheit, aber nicht Furcht oder Reue. »Junger Mann,« redete die Schloßherrin ihn an, »was soll ich wohl von Eurer heutigen Aufführung denken?« »Wenn sie Euch gekränkt hat, meine gnädigste Herrin, so betrübt mich das sehr,« erwiderte der Jüngling. »Ueber die Kränkung können wir schweigen,« antwortete die Dame von Avenel, »aber Ihr habt Euch eine Aufführung zu schulden kommen lassen, die Euren Herrn sehr erzürnen wird. Wie konntet Ihr so gewalttätig handeln gegen Eure Dienstgenossen und so unehrerbietig gegen Gott und seinen Stellvertreter? »Ich muß hierauf sagen, gnädigste Herrin,« antwortete Roland Gräme, »daß es mich aufrichtig betrübt, Euch gekränkt zu haben, aber dies ist's, was mich in diesem Falle mit Schuld belastet, und was mich mit Reue erfüllt. Zu dem weitern aber wollt Ihr gelten lassen, daß mich Sir Halbert Glendinning nicht seinen Diener nennt, und ich ihn nicht meinen Herrn ... er hat kein Recht, mich zu schelten darum, weil ich einen frechen Lümmel züchtigte, wie es ihm gebührte. Ebensowenig fürchte ich den Zorn des Himmels, weil ich einem Pfaffen zu verstehen gab, daß ich seine Einmischung in meine persönlichen Angelegenheiten mit Verachtung zurückweise.« Vor diesem Auftritt hatte die Dame von Avenel an ihrem Lieblinge wohl Aeußerungen knabenhaften Mutwillens und Auflehnung gegen jeden Tadel und Vorwurf bemerkt, aus seinem jetzigen Benehmen leuchtete ein ernster und fester Charakter hervor, und sie wußte eine Zeitlang nicht, wie sie ihm entgegentreten sollte, denn er schien über Nacht zum Manne gereift zu sein, dem es an Kühnheit und Entschlossenheit nicht gebrach. Dann aber sagte sie mit der ihm eigentümlichen Würde: »Solche Sprache gegen mich, Roland? Geschieht es in der Absicht, mir die Gunst zu verleiden, die ich auf Dich verwendet habe? Erklärst Du Dich deshalb für frei jeglicher Herrschaft des Himmels und der Erde? Hast Du vergessen, wer Du warst, und vergißt Du, in welche Lage Du gelangen mußt, wenn Du meines Schutzes entbehrst?« »Gnädigste Herrin, ich habe nichts von alledem vergessen,« versetzte der Page, »nur zu lebhaft steht alles in meinem Gedächtnis. Ich bin mir wohlbewußt, daß ich ohne Euch in den blauen Fluten dort umgekommen wäre, und daß ich Eurer Güte und Liebe viel, sehr viel zu verdanken habe. Glaubt nicht, meine Dame, ich sei hierfür undankbar, aber ich habe hier doch auch manches ertragen müssen, was ich nicht ertragen hätte, wäre es nicht geschehen um Euretwillen.« »Um meinetwillen?« wiederholte die Dame von Avenel, »habe ich Dir jemals zugemutet, etwas zu ertragen, was sich mit den Gefühlen der Dankbarkeit und Erkenntlichkeit nicht vertrüge, die ich bei Dir voraussetzen mußte?« »Ihr seid zu gerecht, gnädige Frau, daß Ihr von mir fordern könntet, ich solle dankbar sein gegen die kalte, mit Widerwillen gepaarte Verachtung, mit der mich Euer Gemahl ständig behandelt hat; Ihr seid zu gerecht, daß Ihr von mir Dankbarkeit erwarten könntet für die ständigen Aeußerungen von Hohn und Mißgunst, mit denen mich andre in so überreichem Maße bedacht haben, oder gar etwa für die Bußpredigt, die mir der Herr Schloßkaplan heute gehalten hat!« »Hat jemand wohl je solche Reden vernommen?« fragte die Zofe, indem sie die Hände zusammenschlug und die Augen gen Himmel hob; »redet er nicht, als sei er ein Grafensohn oder die letzte Auslese eines edlen Ritters?« Der Page würdigte sie keiner Antwort, sondern warf nur einen Blick tiefer Verachtung auf sie. Ihre Herrin, aber, die sich ernstlich gekränkt fühlte und um der Torheit des Jünglings willen doch Sorge fühlte, schlug den gleichen Ton an. »Roland, Du vergißt Dich in der Tat auf so seltsame Weise, daß ich mich versucht fühle, Deinen Dünkel in ernster Weise zu dämpfen, und zwar dadurch, daß ich Dich auf den Platz zurückversetze, der Dir im Leben und in der Welt zukommt.« »Das beste wäre wohl, die gnädige Herrin spedierte ihn als die gleiche Bettelbrut wieder zum Schlosse hinaus, als die er seinen Weg hineingefunden hat,« rief Lilias. »Lilias braucht eine derbe Ausdrucksweise,« meinte die Schloßherrin, »aber die Wahrheit spricht sie. Ich bin nicht der Meinung, daß es gut sei, ferner Rücksicht auf den Stolz zu nehmen, der Dir den Kopf, wie es scheint, so stark verdreht hat. Dadurch, daß ich Dich mit schönen Kleidern herausgeputzt habe und als Sohn eines Edelmannes behandelte, hast Du völlig vergessen, aus welch niedrigem Blute Du stammst.« »Mit Verlaub, gnädigste Dame,« nahm jetzt der Page das Wort, »die Zofe hat nicht die Wahrheit gesprochen, und Euer Gnaden ist über meine Abkunft nicht das geringste bekannt. Ihr seid mithin keineswegs berechtigt, mit solch verächtlichen Worten davon zu sprechen. Ich bin keine Bettelbrut, denn meine Großmutter ist nie jemand um ein Almosen angegangen, weder hier noch anderwärts. Wir sind verjagt worden von Haus und Hof, ein Fall, der in unsrer Zeit durchaus nicht vereinzelt dasteht, und den auch andre Leute erlebt haben. War doch auch Schloß Avenel mit seinen Türmen und seinem See nicht immer fest genug, seine Bewohner vor Jammer und Elend zu schützen.« »Ist das eine Frechheit!« rief die Zofe, »unsrer Herrin das Unglück ihres eignen Hauses in Erinnerung zu bringen!« »Dieser Punkt wäre allerdings besser unbemerkt geblieben,« sagte die Schloßherrin, durch diese Anspielung sichtlich betroffen. »Es war notwendig, gnädige Frau, dies zu erwähnen, wenn ich mich rechtfertigen sollte,« sagte der Page, »sonst hätte ich gewiß nicht von Dingen gesprochen, die für Eure Ohren nicht angenehm zu hören sind. Daß ich indes nicht von niedriger Herkunft bin, das dürft Ihr mir wohl glauben, wenn ich auch nicht sagen kann, woher ich stamme, aber das hat mir die einzige Verwandte gesagt, die ich gekannt habe, und das hat sich in mein Herz geprägt und wird aus meinem Herzen nicht schwinden. Und demnach verdiene ich die Behandlung, wie sie Leuten von Herkunft gehört.« »Und auf solche unbestimmte Andeutung hin,« sagte die Dame, »meinst Du Anspruch zu haben auf all die Rücksichten und Vorrechte, die einem hohen Rang und einer vornehmen Geburt zustehen? Geh, geh, Bursche, und halte Einkehr, oder unser Hausmeier soll Dir sagen, daß einem vorlauten Bengel wie Dir die Hosen noch straff gezogen werden müssen. Dir gegenüber ist viel zu viel Nachsicht geübt worden.« »Eher soll der Herr Hausmeier meinen Dolch zwischen seinen Rippen fühlen, als daß mich ein Schlag von ihm trifft. Ich merke schon, meine gnädige Dame, ich habe zu lange unter weiblichem Pantoffel gestanden und zu lange einem silbernen Pfeifchen pariert. Es wird gut sein, Ihr seht Euch nach einem andern Burschen um, der sich dazu besser eignet als ich, mag er auch von Geburt und Sinn so niedrig sein, daß er sich von Eurem Hausgesinde allen Spott und Hohn einsteckt und einen Lehnsmann der Kirche für seinen Herrn ansieht.« »Es geschieht mir recht, daß mich solche Kränkung jetzt aus Deinem Munde trifft,« sprach tief errötend die Dame von Avenel; »warum habe ich Deinen Trotz so lange genährt und Deine Unarten so ruhig mitangesehen! Geh Deiner Wege, Bursche; noch heute nacht verläßt Du das Schloß! Die Mittel zum Unterhalt, bis Du ein Unterkommen gefunden hast, will ich Dir geben, sofern Du nicht in Deinem Dünkel alles verschmähst außer Mitteln, die Du Dir durch Gewalttätigkeiten verschaffen kannst. ... Fort, sage ich, Bursche! und komm mir nicht wieder vor die Augen!« Der Page warf sich, von schrecklicher Angst ergriffen, der Dame zu Füßen. »Meine teure, innig verehrte Herrin --« Hub er an, war aber außer stande, eine Silbe weiter zu sprechen. »Steh auf, Bursche,« rief die Dame von Avenel unwillig, »und nimm die Hand von meinem Mantel. Heuchelei ist eine zu schnöde Hülle für Undank.« »Ich bin weder des Undanks fähig noch der Heuchelei,« sagte der Page, indem er mit einem Ungestüm aufsprang, wie es seinem heftigen Temperament angemessen war. »Meint nicht, ich wolle um Erlaubnis betteln, hier bleiben zu dürfen. Mein Entschluß, Avenel den Rücken zu wenden, steht schon lange fest, und nie werde ich es mir verzeihen, daß ich es darauf ankommen ließ, daß Ihr mir das Wort: »Fort!« früher gesagt habt, als ich Euch Lebewohl geboten habe. Ich sank vor Euch auf die Kniee, um Euch um Verzeihung zu bitten wegen eines ungestümen Wortes aus meinem Munde, das den Weg in einem hohen Grade von Unmut über meine Lippen nahm, das ich aber nicht hätte aussprechen sollen. Um andre Gnade wollte ich nicht bitten und um andre Gnade bitte ich nicht, denn Ihr habt mir der Gnaden schon zuviel erwiesen, aber ich wiederhole, daß Euch besser bekannt ist, was Ihr selbst getan, als was ich geduldet habe.« »Roland,« nahm jetzt die Dame in einem sanfteren Tone das Wort, denn die Liebe zu dem schönen Jüngling brach wieder hindurch, »wenn Du meintest, daß man Dich nicht angemessen behandle oder gar Dich beleidige, so war es Deine Pflicht, Dich an mich zu wenden. Unrecht hinzunehmen, war so wenig Deine Sache, wie Dir ein Recht zustand, es selbst zu ahnden, denn Du standest unter meinem persönlichen Schutze.« »Und wenn mir Unrecht widerfuhr von Personen, die Ihr liebtet, sollte ich dann Eure Ruhe stören durch ewige Klagen, durch Klatscherei und Zwischenträgerei? Nein, gnädige Herrin, lieber trug ich, was mir widerfuhr, in Ruhe und ohne Murren. Ich hätte es nicht über das Herz bringen können, Euch fort und fort in den Ohren zu liegen mit meinem Leid, dazu verehrte ich Euch zu innig. Und darum, gnädigste Herrin, ist es gut, daß wir scheiden. Ich eigne mich nicht dazu, so lange mich in Gunst zu wiegen, bis mich Verleumdungen von Subjekten aus dieser Gunst verdrängen. Ich werde immer zum Himmel flehen, daß er sein reiches Segensfüllhorn über Euch ausschütte und, um Euretwillen, auch über alle diejenigen, die Euch teuer sind.« Er war schon bis zur Tür gegangen, da rief ihn die Schloßherrin von Avenel zurück. Der Page blieb stehen, und die Dame sagte: »Daß ich Dich ohne Mittel zum Unterhalt ziehen lassen sollte, kann weder meine Absicht gewesen sein, noch entspräche es der Billigkeit, und wenn meine Unzufriedenheit mit Dir größer noch wäre als sie ist. Also nimm hier diese Börse!« »Bitte um Eure gütige Nachsicht, gnädigste Herrin,« sagte der Jüngling, »aber laßt mich scheiden mit dem Bewußtsein, daß mir die Erniedrigung, Almosen entgegenzunehmen, erspart geblieben ist. Selbst angenommen, meine bescheidnen Dienstleistungen hätten wettmachen können, was Ihr an Kost und Kleidung für mich aufgewandt habt, so bleibe ich Euch noch immer Schuldner für die Rettung meines Lebens, und das allein schon ist eine Schuld, die ich zeitlebens nicht zu tilgen im stande wäre. Drum nehmt Eure Börse wieder zu Euch, meine gnädigste Herrin, und laßt mich gehen mit dem Bewußtsein, daß Ihr nicht im Zorne von mir scheidet.« »Nein, Roland, nicht im Zorne wollen wir scheiden,« wiederholte die Dame, »aber in schwerer Sorge um Deines Starrsinns willen sehe ich Dich ziehen. Nimm hier das Geld, Du wirst es brauchen können.« »Möge Gott Euch segnen, beste Herrin, für und für, aber dies Geld kann ich nicht nehmen. Ich habe Kräfte genug, mir Geld zu verdienen, und auch an Freunden fehlt es mir nicht so völlig wie Ihr zu meinen scheint. Vielleicht kommt einmal noch eine Zeit, da ich meine Dankbarkeit auf andre Weise zu bezeigen vermag als durch bloße Worte.« Er ließ sich auf ein Knie nieder und küßte die Hand, die sie ihm nicht entzog. Dann verließ sie schnellen Schrittes das Zimmer. Die Dame von Avenel stand ein paar Augenblicke da, so bleichen Gesichts und so unsichrer Haltung, daß sie einer Ohnmacht nahe zu sein schien. Die Zofe wollte ihr zu Hilfe eilen, aber die Dame winkte ihr, sich zu entfernen. Sie faßte sich schnell und begab sich in ihre Gemächer. Früh am Morgen nach diesem Auftritte verließ der in Ungnade gestürzte Liebling der Dame von Avenel das Schloß, in welchem er den Stoff noch zu mancher Unterhaltung zwischen der ihm aufsässigen Dienerschaft liefern sollte, und wanderte fürbaß, ohne alles Ziel. Das Boot, worin er über den See gesetzt war, hatte er nach der vom Dörfchen am weitesten abgelegnen Stelle gerudert, um über die Richtung, die er einschlüge, völlige Ungewißheit bestehen zu lassen. In seinem Stolze sagte er sich, daß er als Ausgewiesener bei den Dörflern nur Verwunderung, höchstens noch Mitleid wecken werde, und von beidem mochte er nichts wissen. Anderseits mußte er sich sagen, daß jeder Beistand, der ihm etwa geleistet werde, zu den Ohren der Leute auf dem Schlosse den Weg und dort mißgünstige Deutung finden könne. Ein nichtiger Vorgang sollte ihn bald lehren, daß er sich um seiner Freunde am jenseitigen Ufer willen keine Sorge zu machen brauche. Ein junger Mensch, um ein Paar Jahre älter als er, begegnete ihm, der sich früher, als Roland noch in Gunst bei seiner Herrin stand, überglücklich gefühlt hatte, wenn er an Rolands Spielen und Zerstreuungen hatte teilnehmen dürfen, wenn auch nur in der untergeordneten Rolle eines jugendlichen Dienstmannes. Er kam mit der schmeichlerisch-frohen Miene eines sklavischen Freundes auf ihn zu und sagte ihm guten Morgen. »Ei, ei, Junker Roland, unterwegs auf dieser Seeseite und schon so früh und ohne Hund und Falken?« »Falken und Hund,« erwiderte Roland, »werde ich wohl kaum wieder Halloh rufen. Ich bin weg vom Schlosse, das heißt, ich bin auf dem Wege wo anders hin.« Ralph Fischer -- so hieß der junge Mensch -- war höchlich verwundert. »Wie? also im Begriff, in die Dienste des Ritters zu treten?« das Panzerhemd wollt Ihr anlegen und die Lanze nehmen?« »Nein, so ist's nicht gemeint,« versetzte Roland, »ich stehe im Begriff, den Dienst auf dem Schlosse Avenel ganz aufzugeben.« »Und wohin, gedenkt Ihr den Fuß zu setzen?« fragte der junge Dörfler. »Darauf läßt sich so schnell nicht antworten, wie es sich fragen läßt,« sagte Roland Gräme, »darüber bin ich noch nicht mit mir einig.« »Nun, nun, es wird wohl auf eins herauskommen, wohin Ihr Euch wendet,« meinte Ralph Fischer, »denn die gnädige Dame von Avenel wird ja nicht vergessen haben, Euch Euer Wams tüchtig mit Geld zu Polstern.« »Niedriger Sklave,« versetzte Roland stolz, »meinst Du, ich ließe mich traktieren von einer Frau, die mich in Mißgunst fallen ließ und mich von sich wies um der Klatschereien einer Zofe und eines salbadernden Pfaffen willen? Am kleinsten Bissen Brot, den sie mir noch gegeben hätte, wär ich erstickt.« Ralph gaffte seinen einstigen Gespielen an mit einer Miene, die halb Staunen, halb Geringschätzung kündete. »Na, was geht's, mich an?« sagte er dann, »jeder muß am besten wissen, was ihm frommt und wie er mit seinem Magen zurecht kommt. Aber ich wär froh gewesen, wenn ich so ins Blaue hinein laufen müßt, es hätt sich jemand gefunden, der mir die Taschen voll machen wollte. Ist's Euch vielleicht recht, auf eine Nacht mit mir beim Vater zu bleiben? freilich bloß auf eine Nacht, denn morgen kommt Onkel Menelaus mit seinem Jungen zu mir und da ist's dann vorbei mit dem Platze ... aber auf eine Nacht, wie gesagt ...« Der Page fühlte sich, da das Anerbieten in so wegwerfendem Tone und mit solcher Einschränkung gemacht wurde, mehr verletzt dadurch als erfreut und erwiderte: »Lieber schlaf ich aus offner Heide, wie bei geringerer Veranlassung schon in so manch andrer Nacht,« sagte er stolz, »als in Eures Vaters verräucherter Dachstube, die doch nach Torf und Branntwein stinkt wie ein Hochschottenplaid.« »Das könnt Ihr ganz halten, wie Ihr wollt,« versetzte Ralph, »ich denk aber, es wird sich wohl noch mit dem spröden Wesen legen und seid Ihr erst mal ein paarmal ohne Obdach gewesen, dann wird Euch wohl eine Streu mit ein bißchen Torfqualm und einem Schnaps dazu gar so Unrecht nicht sein. Bedanken wenigstens hättet Ihr Euch schon können, wenn Euch jemand was anbietet, denn es ist schließlich nicht jedermanns Sache, sich Scherereien auszusetzen wegen eines aus dem Dienst entlassenen Lakeien.« »Ralph,« versetzte Gräme, »vergiß doch lieber nicht, daß Du die Reitpeitsche, die ich noch in der Hand halte, schon ein paarmal gekostet hast. Es könnte Dir wohl noch einmal passieren.« Ralph, ein strammer, untersetzter Bursche, der sich seiner Kräfte sattsam bewußt war und es sich wohl zutraute, einen Kampf mit dem Junker bestehen zu können, lachte ob der Drohung desselben hell auf. »Was mich schlug, war der Stiel, die Hand tat dazu nicht viel,« sagte er und lachte hell auf. »Der Reim paßt so gut, wie wenn er in einer Ballade stände. Ich will Euch bloß sagen, junges Herrchen, wenn ich mir den Stiel von Eurer Peitsche hab gefallen lassen, dann war's um der Schloßherrin willen, bei der ich's nicht verderben wollte, aber jetzt wüßte ich nicht was mich abhalten sollte, alte Rechnungen hier mit dem Haselstocke wettzumachen und Euch fühlen zu lassen, daß ich nicht Eure Knochen, mein junger Herr Roland, sondern bloß Eure Livree hab schonen wollen.« So ergrimmt auch Roland über diese bäurische Frechheit war, so riet ihm doch in diesem Falle die Klugheit, sich in die Gefahr eines Streits mit dem um so viel stärkeren Menschen nicht einzulassen, und während sein Widersacher ihn mit höhnischem Lachen zum Kampfe herausforderte, wurde ihm die Bitternis seiner gegenwärtigen Lage nur allzu bewußt und er brach in heftiges Weinen aus, außer stande, die Tränen zu verbergen. Selbst dem rauhen Bauernburschen ging der Schmerz des ehemaligen Gefährten nahe. »Herr Roland,« sagte er gutmütig, »es war ja nicht so gemeint, und weh tun hab ich Euch nicht wollen, ganz gewiß nicht, schon um der alten Bekanntschaft willen nicht. Aber laßt Euch eins raten! Ehe Ihr von Eurer Reitpeitsche zu reden anfangt, dann seht Euch lieber den Kerl zuvor an, ob er nicht ein paar Zoll länger ist als Ihr und nicht bloß ein paar solche Spindelchen von Armen hat wie Ihr ... Aber, horch! da hör ich doch Adam Woodcok den Falken rufen! ... Kommt mit, Page, Zum Vater, wir wollen uns einen vergnügten Nachmittag machen; kehrt Euch nicht an das bißchen Torfqualm und an den Fusel! Wer weiß, ob sich nicht ein ganz anständiges Mittel zu Brot und Auskommen für Euch dabei finden läßt, wenn es auch eine gar schwere Sache heutzutage ist, ein Unterkommen zu finden.« Roland fühlte sich so tief unglücklich, daß er kein Wort zur Antwort fand, sondern noch immer die Hand vor die Augen hielt, um die Tränen nicht sehen zu lassen, die ihm nach wie vor über die Wangen rannen. Ralph aber fuhr fort in dem Tone, der seiner Meinung nach der rechte war, ihn zu trösten: »Seht, Freund, als Ihr noch Liebling der Gnädigen wart, da haben die Leute gesagt, Ihr seiet stolz, haben Euch für einen Papisten gehalten und alles mögliche. Drum müßt Ihr nun, da Ihr auf eignen Füßen stehn wollt, Euch befleißigen, recht hübsch manierlich und gesellig zu werden, auch mal ein gutes Wort jemand zu sagen wissen, müßt beim Prediger in die Nachmittagsbetstunde gehen, und dergleichen. Und wenn er sagt, Ihr hättet gesündigt, dann müßt Ihr mit dem Kopf unters Wasser fahren, und wenn Euch mal ein Adeling eins mit der Gerte überzieht, dann müßt Ihr Euch nicht mucksen, sondern bloß sagen, schönen Dank, daß Ihr mir das Wams ausgeklopft habt, oder so etwas, wie ich's ja auch mit Euch gemacht habe ... Aber da pfeift Adam schon wieder mit der Schalmei. Ich will Euch unterwegs alle Schliche lehren, wie man's machen muß, um durch die Welt zu kommen.« Roland Gräme hatte sich inzwischen wieder so weit beruhigt, daß es ihm gelang, eine gleichgültige Miene zu machen, und er erwiderte: »Nun, ich weiß, daß es noch andre Wege gibt, und selbst wenn das nicht der Fall wäre, so möcht ich in Eure Fußtapfen doch nicht treten.« »Wie gesagt, Herr Roland,« versetzte der Bauernbursche, »ganz wie Ihr wollt und denkt. Es muß jeder am besten wissen, wie er sich sein Leben einrichtet. Ich mag Euch nichts dreinreden. Noch einen Händedruck, Kamerad, um der alten Bekanntschaft willen. Was? auch nicht? Na, ein Dickkopf läßt sich eben von nichts abbringen, drum lebt wohl, noch einen guten Morgen auf den Weg!« »Guten Morgen!« sagte Roland hastig, »guten Morgen!« während der Bauer sich schnell entfernte, offenbar froh, jemand los zu sein, der nichts mehr hatte, sich nützlich zu erweisen, aber einem leicht Dinge zumuten konnte, die einem Ungelegenheiten machen konnten. Als sich sein Gemüt einigermaßen beruhigt hatte, trat die Erinnerung an seine Wohltäterin und an ihre Güte ihm wieder vor die Seele, und alle Kränkung, die er ihr angetan hatte, zeigte sich ihm jetzt in den schwärzesten Farben. Wie oft hatte sie ihn nicht in Schutz genommen gegen die Ränke andrer, und nie würde sie aufgehört haben es zu tun, hätte nicht er in seinem Uebermaß von Trotz und Herrschsucht sie vor die Notwendigkeit gestellt, die schützende Hand von ihm zu ziehen. »Ja,« rief er bei sich, »und wenn ich auch Unwürdiges gelitten habe, so war es doch nur der verdiente Lohn für meinen Undank. War es wohl recht von mir, ihre Gastfreundschaft anzunehmen, mich mit mehr als mütterlicher Liebe von ihr behandeln zu lassen und ihr zu verschweigen, daß ich andern Glaubens bin als sie? ... Aber sie soll es noch hören, daß ich katholischen Glaubens bin, und daß ein Katholik ganz ebenso dankbar sein kann wie ein Puritaner, daß ich wohl unbesonnen war, aber nicht schlecht von Charakter, daß ich sie immer hochgeachtet habe, ihr immer in Liebe zugetan blieb, selbst in den zornigsten Augenblicken, daß ich wohl unüberlegt handeln konnte, aber nicht undankbaren Herzens bin.« Während diese Gedanken ihm durch den Sinn gingen, drehte er sich um und wandte die Schritte wieder dem Schlosse zu. Dann aber kam der Gedanke an den Hohn, mit dem ihm die Dienerschaft begegnen würde, und dämpfte die erste schnelle Regung von Reue, die ihn überkommen hatte. Hätten diese gemeinen Seelen denn andre Gründe für seine Umkehr finden können, als daß er um Verzeihung für sein unartiges Benehmen bitten, daß er sich wieder ins Schloss einvettern wolle? Er mäßigte wohl die Schnelligkeit seines Schrittes, blieb aber nicht stehen. »Mögen sie sagen, was sie wollen, mögen sie mit dem Finger weisen, mögen sie reden von Hochmut, der vor dem Falle kommt, und was sonst noch, ich will es nicht achten, ich will es ansehn als eine Buße, die mir gebührt, und will alles mit Geduld tragen. Aber wenn auch sie, meine Gönnerin, mich für so niedrig und schwachherzig ansehen sollte, daß ich nicht käme, bloß sie um Verzeihung zu bitten, sondern um mir wieder Vorteile zu schaffen, die mir ihre Gunst bisher gewahrte -- das vermöchte ich nicht zu ertragen, das will und werde ich nicht ertragen!« Er blieb stehen, und sein Stolz raunte ihm zu, daß er sich durch solchen Schritt weniger die Gunst der Dame von Avenel als ihre Geringschätzung verschaffen werde, und während er so stand und sann, da glitt ein Gegenstand an ihm vorbei, so dicht, daß er ihm die Augen blendete und die Feder seines Hutes streifte. Es war der Lieblingsfalke Sir Halberts, der seinen Kopf umflatterte und die Aufmerksamkeit des Pagen, der so oft mit ihm in den Wald hinaus gewandert war, auf sich lenken zu wollen schien. Roland ließ den gewohnten Lockruf ertönen, und sogleich setzte sich der Falke auf den ausgestreckten Arm des Pagen und fing sich zu putzen an und heftete von Zeit zu Zeit einen scharfen, funkelnden Blick aus den nußbraunen Augen auf ihn, wie wenn er fragen wollte, warum er ihn nicht mit der sonstigen Zärtlichkeit behandle. »Ach, mein schöner Demant!« sagte da Roland zu dem Falken, wie wenn ihn der Vogel verstände, »wir müssen uns nun fremd werden. Hast manchen schönen Fang für mich gemacht, hast manchen kräftigen Reiher in den Sand gestreckt! aber das ist nun alles vorbei, denn für mich, schöner Demant, gibt es nun keine Beize mehr!« »Ei, und warum nicht, Herr Roland,« sagte ein Stimme, und Roland erkannte sie als die Stimme Adam Woodcocks, des Falkners, der eben hinter Erlenbüschen hervortrat, die ihn Rolands Blicken verborgen hatten, »warum sollte es für Euch keine Beize mehr geben? Was wäre denn das ganze Leben ohne das edle Weidwerk?« Er sprach's in zutraulichem, freundlichem Tone, aber die Erinnerung an den Zwist, den sie zusammen vor so kurzer Zeit erst gehabt, und an die Folgen, die für ihn so einschneidender Art gewesen waren, lähmte Roland die Zunge »Herr Roland, meint Ihr denn als halber Engländer, ein ganzer Engländer wie ich könne Groll gegen Euch bewahren jetzt, da Ihr in Not und Verdruß seid? Das sähe doch den Schotten zu ähnlich, meinen Herrn natürlich ausgenommen, die von Gesicht freundlich tun und mit dem Herzen falsch sein können, die einem alles nachtragen, bis ihren Reden nach die rechte Stunde da ist; die mit Euch aus der gleichen Schüssel essen, mit Euch aus dem gleichen Becher trinken und beizen und jagen, und schließlich, wenn sich ein günstiger Anlaß bietet, eine alte Rechnung, die Ihr längst vergessen habt, mit der Dolchspitze ausgleichen! ... Drüben in Yorkshire hat man für solche Schulden kein Gedächtnis. Nein, mein junger Kamerad, Ihr habt mir wohl derb eins ausgewischt, aber es kann wohl sein, daß ich es von Euch noch lieber hingenommen hab als von jedem andern, denn Ihr habt wenigstens gute Kenntnisse von der Falkenbeize, wenn ich auch inbetreff des Auffütterns von Nestfalken andrer Meinung bin als Ihr. Drum gebt mir die Hand, Kamerad, und hegt nicht weiter gegen mich Groll.« Wenngleich sich Rolands Blut gegen die vertrauliche Weise des Falkners auflehnte, so war er doch außer stande, der treuherzigen Offenheit desselben zu widerstehen, und indem er sich mit der einen Hand das Gesicht verdeckte, streckte er die andre dem Manne entgegen und erwiderte seinen freundschaftlichen Druck. »Na,« sagte Adam Woodcock, »jetzt kommt's doch von Herzen, ich hab's ja doch immer gesagt, das Herz bei Euch sei gut, wenn Ihr auch ein Stück vom Teufel in Euch hättet. Ich war mit dem Falken unterwegs, um Euch zu suchen, und der ungeschlachte Lümmel dort sagte mir's, wohin Ihr den Flug genommen hättet. Von der Geiersbrut im Dorfe habt Ihr immer zuviel gehalten, Herr Roland, und ich Hab mit angesehn, was zwischen Euch passiert ist. Mit einem Donnerwetter hab ich den Kerl auf den Trab gebracht, als er sich an mich heranmachen wollte ... Und nun, Herr Roland, wohin soll Euer Flug sich wenden?« »Wie es dem Herrn droben gefällt, Woodcock,« versetzte der Page mit einem Seufzer. »Na, Kamerad, deshalb nicht so trübe dreingeschaut!« sagte der Falkner, »wer weiß, ob Ihr nicht bald weit bessern Aufflug nehmt, als es hier hätt sein können! Seid Ihr nicht mehr Page, so seid Ihr Euer freier Herr, könnt hingehn, wohin es Euch Paßt, und tun, was Ihr wollt. Und könnt Ihr Euch nicht mehr so schön kleiden, so braucht Ihr auch nicht mehr nach der Pfeife zu tanzen. Es hat eben immer jegliches Ding seinen Vorteil und seinen Nachteil. Und was Euch noch in der Zukunft gebacken wird, wer kann's wissen? Sir Halbert, mit Verlaub, denn er ist jetzt mein Brotherr, soll auch mal froh gewesen sein, daß er als Förster bei seinem Herrn ankam, und jetzt ist er Ritter und hat seine eigne Jagd und Hund und Falken und den Adam Woodcock als Falkner noch obendrein!« »Recht habt Ihr, Woodcock,« antwortete der Jüngling, dem das Blut die Wangen färbte, »höher schwingt sich der Falkner ohne die Schellen und wenn sie gleich aus Silber wären!« »Nun, das war auch recht gesagt, Herr Roland,« versetzte der Falkner, »aber nun noch einmal, wohin soll's gehen?« »Ich wollte nach der Abtei Kennaquheir hinüber,« sagte Roland, »und den Abt Ambrosius um Rat fragen.« »Nun, dann Glück auf den Weg,« erwiderte der Falkner, »aber Ihr werdet die Mönche wohl in einiger Unruhe finden, denn wie das Gerücht geht, so droht das Volk, sie aus ihren Klöstern und Zellen zu jagen, weil es der Meinung ist, sich ihren Spuk nun lange genug mit angesehen zu haben. Und wenn ich die Wahrheit sagen soll, so bin ich unumwunden der gleichen Meinung.« »Dann wird's für den Pater Ambrosius um so erwünschter sein, einen Freund bei sich zu haben!« meinte Roland entschlossenen Tones. »Aber, mein jugendlicher Unverzagt, für besagten Freund wohl weniger angenehm, denn er könnte grade hinzukommen, wenn die Schläge am dichtesten fallen, und das ist doch allemal die böseste Zeit des Kampfes.« »Furcht davor, daß mich Schläge treffen könnten, wird mich nicht abhalten,« sagte Roland, »aber ich befürchte, ich könnte den Brüdern zur Last fallen, wenn ich den Vater Ambrosius aufsuche. Ich will heute in St. Cuthberts Zelle nächtigen, der Pater dort gibt mir schon Unterstand, und morgen früh will ich beim Pater Ambrosius im Kloster anfragen lassen, ob ich ihm recht komme.« »Bei unsrer lieben Frau,« erwiderte der Falkner, »kein übler Gedanke!... und nun noch eins,« -- aber hier ging die bisherige Frische und Ungezwungenheit seines Wesens in etwas wie unbeholfene Verlegenheit über -- »Ihr wißt wohl, daß ich eine Futterschleppe für meine Falken bei mir trage, aber wißt Ihr auch, womit sie ausgefüttert ist . . he?« »Doch wohl mit Leder,« meinte Roland, verwundert darüber, daß Woodcock bei einer Frage von so einfacher Natur solch merkwürdige Verlegenheit zeigte. »Mit Leder, meint Ihr?« wiederholte Woodcock, »nein, aber mit Silber. Da seht,« und bei diesen Worten wies er auf einen verborgnen Schlitz in der Tasche ... hier stecken dreißig Heinrichsgroschen, echt wie sie nur je in den Tagen des lustigen Heinz geschlagen worden sind, und zehn davon könnt Ihr haben, wenn's Euch recht ist ... und nun ist's runter vom Herzen, Gott sei gedankt!« Rolands erster Gedanke war, das Anerbieten abzuweisen, aber er besann sich auf das Gelübde der Demut, das er sich vor wenigen Augenblicken selbst geleistet hatte, und antwortete dem Falkner mit aller Unbefangenheit, die ihm zur Verfügung stand, daß er das Anerbieten nicht von sich weisen wolle, wenn es auch sonst wider seine Anschauungen laufe. Unterlassen konnte er jedoch nicht, seinen Stolz wenigstens durch die Bemerkung zur Geltung zu bringen, daß er suchen werde, diese Schuld so schnell wie möglich wieder auszugleichen. »Damit haltet's nur nach Eurem Belieben, ich tret Euch nicht drum auf die Zehen,« erwiderte der Falkner treuherzig, indem er die zehn Silberstücke dem Pagen gewissenhaft in die Hand zählte; dann aber setzte er hinzu mit der alten Fröhlichkeit seines Wesens: »So, Herr Roland! und nun könnt Ihr den Tanz mit dem Leben wagen! ... denn wer noch weiß, wie man einen Gaul sattelt und einen Hund hetzt und in ein Horn stößt und Schwert und Tartsche führt und einen Falken beizt, dabei ein gutes Paar Schuhe und ein grünes Wams und zehn Heinrichsgroschen im Sack hat, der kann's mit ansehn. Und nun laßt's Euch gut draußen gehen, Herr Roland. Gott befohlen!« Mit diesen Worten drehte er sich um, wie wenn ihm dran läge, jedem Schön Dank! seines Kameraden zu entgehen, und ließ Roland allein. Sechstes Kapitel. Die Klause des heiligen Cuthbert, wie sie allgemein in der Gegend hieß, und zu der jetzt Roland Gräme die Schritte lenkte, war ein Absenker der stattlichen Abtei von Kennaqhuair und lag in nordwestlicher Richtung ein paar Wegstunden von ihr entfernt. Die Umgegend wies manche jener angenehmen Dinge auf, die der wohlerfahrene katholische Geistliche bei der Wahl der Oertlichkeit für seine Andachtsstätten niemals außer acht läßt. Eine Heilquelle war vorhanden, die natürlich unter den Schutz eines Heiligen gestellt wurden war und eine gewisse Einnahmequelle sicherte, da keinem Sterblichen ihre Segnungen zu teil wurden, der nicht für den Kaplan einen Obolus übrig hatte. Dann waren ein paar Streifen bebaubaren Bodens vorhanden, die dem Kaplan die Anlage eines Gemüsegartens möglich machte. Hinter der Klause erhob sich eine kleine Höhe, die sie gegen Nord- und Ostwinde schützte, aber den Südwinden offen hielt, zugleich Aussicht in ein wildromantisches Tal gewährte, in welchem ein muntrer Bach entlang floß, in regem Kampfe wider alles sich ihm in den Weg legende Gestein. Die Bauart war einfacher Art und fast roh zu nennen, ein kleines gotisches Gebäude mit zwei Stübchen, von denen eines dem Priester als Wohnung, das andre als Kapelle diente. So lange die katholische Religion die Oberhand hatte, war die Anwesenheit des Geistlichen für diese Grenzgegend von mancherlei Wohltat gewesen, denn es durften nur wenige damals riskieren, sich so nahe an die Grenze zu setzen. Seit aber die protestantische Lehre sich immer weiter ausbreitete, hatte es der Geistliche für angemessen erachtet, in strenger Abgeschiedenheit zu leben und sich aller Aufmerksamkeit so viel wie möglich zu entziehen. Der Anblick, den die Klause bot, als Roland Gräme sie erreichte, bewies jedoch deutlich, daß all seine Vorsicht zuletzt gar nichts genutzt hatte. Im ersten Augenblick dachte der Page, an die Pforte um Einlaß zu klopfen, aber im andern Augenblick sah er, daß sie offen stand und aus den Angeln gehoben war. Hierdurch beunruhigt und da er keinerlei Geräusch hörte, meinte er, es möge klüger sein, sich erst draußen ein wenig umzusehen, ob alles geheuer sei, ehe er sich in das Innere wagte. Die Blumen, die an der Mauerkante geblüht hatten, waren ausgerissen, das kleine Gitterfenster neben der Pforte war eingedrückt, die Wege im Garten waren Zertreten, Spuren von Hufen und Stiefeln sah man überall. Sogar die Heilquelle war der Verwüstung nicht entgangen, der Bogen, unter dem sie hervorsprudelte, war zerschlagen, die Steine, aus dem er errichtet worden war, hatten die Vandalen vor die Quelle gewälzt, wie um sie zu verstopfen; vom Dache der Kapelle war ein ganzes Stück abgelöst worden, so daß der Regen frei ins Innere strömen konnte, und als nun Roland Gräme sich entschloß, den Fuß ins Innere der Ruine zu setzen, da sah er die wenigen Gerätschaften des Klausners in Scherben am Buden liegen; und was irgend brennbar gewesen war, das hatte einem Feuer zur Nahrung gedient, das in einem Winkel angesteckt worden war, darunter auch das uralte, roh gezimmerte Bildnis des Heiligen Cuthbert, das in halb verkohlten Stücken zwischen der Asche lag. In dem kleinen Raume, der als Kapelle gedient hatte, war der Altar umgestürzt, die vier großen Steine, aus denen er bestanden hatte, lagen auf dem Boden umher, das große steinerne Kruzifix war in den Garten hinaus geschleudert worden, wo es, in drei Stücke zerschellt, auf dem Sande lag. Aber wie von höherer Hand erhalten, war die Form, die es von dem Bildhauer erhalten hatte, noch deutlich, zu erkennen, und die drei Bruchstücke lagen so beieinander, daß Roland Gräme, der mit Grausen dieses gottesschänderische Werk sah, auf der Stelle die Möglichkeit, das Kruzifix wieder aufzurichten, erkannte. Mit einer Kraft, deren er sich nie zuvor für fähig erachtet hatte, gelang ihm das Werk. Zuerst hob er den untern Kreuzbalken am einen, sodann am andern Ende in die Höhe, dann fügte er die beiden Ränder in den Säulenfuß ein, aus dem sie herausgerissen worden waren, dann stellte er es aufrecht und fügte die drei zerschlagenen Stücke so aneinander, daß sie einigermaßen zusammenhielten. Wie er noch bei der mühsamen Arbeit war, klang hinter ihm eine ihm bekannte Stimme in hellem, fast schrillem Tone: »Das hast Du brav gemacht, Du guter und getreuer Knecht! O, so meinem Kinde wieder zu begegnen, das war die stille, aber heiße Sehnsucht meiner alten, müden Augen.« Tief erstaunt drehte Roland sich um und sah vor, sich die hoheitsvolle Gestalt der Magdalene Gräme stehen, in ein weites schwarzes Gewand gehüllt, das dem Pilgergewande sich nur so weit näherte, wie es in einem Lande geraten erschien, wo der Verdacht, katholischen Glaubens zu sein, von großer Gefahr für die persönliche Sicherheit werden konnte. Roland lag im nächsten Augenblick der Frau zu Füßen. Aber sie hob ihn sogleich auf und schloß ihn in die Arme, zärtlich und liebevoll, aber nicht ohne eine an Strenge grenzende Würde. »Du hast Deinen Glauben treu bewahrt, selbst unter ketzerischer Umgebung, und trotzdem Du noch Jüngling bist .... Du hast Dein und mein Geheimnis treu und fest bewahrt, auch unter Deinen Feinden. Damals als ich vom Schlosse schied, ohne Dich noch einmal zu selben, habe ich bittre Tränen vergossen, nicht sowohl weil Dein leibliches Leben in Gefahr geschwebt hatte, als vielmehr Deine Seele in Gefahr kam ... aber Du hast Dich als treu bewährt. Kniee nieder vor dem heiligen Bilde, das böse Menschen verlästern und höhnen. Kniee nieder und preise die Engel für die Gnade, die sie Dir erwiesen haben dadurch, daß sie Dich vor dem Gift des Aussatzes bewahrten, das an dem Hause haftet, in welchem Du erzogen wurdest.« »Wenn ich zurückgekehrt bin, Mutter, denn so muß ich Euch nennen,« erwiderte Roland Gräme, »Eurem Wunsche gemäß, so müßt Ihr es den Bemühungen des Paters Ambrosius danken, durch dessen Unterricht Eure Lehren in mir gefestigt wurden und der mich lehrte, gläubig und verschwiegen zu sein.« »Sei er gesegnet dafür!« antwortete die Gräme, »gesegnet, wohin ihn sein Weg führt... aber über Deine Abkunft war ihm nichts bekannt!« »Davon konnte doch ich ihm nichts sagen,« versetzte Roland, »denn nur dunkel konnte ich aus Euren Andeutungen den Schluß ziehen, daß Sir Halbert Glendinning mir mein Erbe vorenthält, und daß ich so edlen Blutes bin, wie nur je in eines schottischen Adelinges Adern fliehen kann. Solche Dinge vergißt man nicht, aber nähere Aufklärung möchte ich nun von Euch erwarten.« »Du sollst nicht umsonst darum bitten, nur warte die Zeit ab!« lautete die Antwort aus dem Munde der Greisin. »Aber, mein Sohn, es geht die Rede, Du seiest kühn und schnell, und Jünglingen solchen Temperaments vertraut man nicht ohne weiteres Dinge an, die sie leicht in heftige Erregung setzen können.« »Sprecht lieber, Mutter, ich sei schlafmützig und kalt,« entgegnete Roland Gräme; »könnt Ihr Euch vergegenwärtigen, welches Maß von Geduld und Mäßigung dazu notwendig war, es jahrelang mit anzusehen, wie meine Religion in den Staub gezogen wurde, und doch dem Gotteslästerer den Dolch nicht ins Herz zu stoßen!« »Tröste Dich, mein Kind,« versetzte die Gräme, »es sind große Dinge im Werke und Du -- ja, Du sollst das Deinige beitragen, sie zu befördern ... Du hast also den Dienst der Dame von Avenel verlassen?« »Entlassen aus dem Dienste bin ich, Mutter, erleben Hab ich es müssen, daß man mich gehen hieß, als sei ich der geringste ihrer Dienerschaft.« »Um so besser, mein Kind,« versetzte sie, »so ist Dein Herz gestählt zu dem, was geschehen muß!« »Nur gegen die Dame von Avenel möge nichts unternommen werden,« sagte der Page, »doch scheinen Wort und Blick von Euch es zu verraten. Ich hab ihr Brot gegessen, ich hab ihrer Güte vieles zu danken ... ich will sie nicht kränken oder beleidigen, noch weniger aber zum Verräter an ihr werden.« »Hiervon später, mein Sohn,« sagte sie, »doch merke Dir, darüber, was Deine Pflicht gebeut, Bedingungen zu machen, kommt Dir nicht zu, auch nicht zu sagen, das paßt mir zu tun, und jenes nicht ... Nein, Roland, die Verworfenheit dieses Geschlechts können weder Gott noch Menschen länger ertragen. Siehst Du hier diese Trümmer? weißt Du, was sie bedeuten? Und meinst Du, es stehe Dir zu, einen Unterschied in dieser Rotte zu machen, auf der des Himmels Fluch lastet, daß sie alles zertrümmern und lästern und verleugnen, was noch zu glauben und zu verehren wert und geboten ist?« Mit einer Miene schwärmerischer Andacht neigte sie das Haupt zu dem zertrümmerten Bilde, erhob die linke Hand in der Weise jemands, der ein Gelübde tut, und fuhr dann fort: »Du heiliger Gottesmann, in dessen entweihtem Tempel wir stehen, sei mir Zeuge, daß mein Haß nicht diese Menschen verfolgt, um mich selbst zu rächen, so wenig wie ich aus Gunst oder irdischer Zuneigung zu einem unter ihnen meine Hand von der Pflugschar ziehen will, wenn sie über die dem Verderben geweihte Furche hinziehen soll. Sei mir des Zeuge, Du Heiliger! der Du einst selbst landesflüchtiger Pilger warest, wie jetzt wir -- sei mir des Zeuge, Du heilige Gottesmutter und Himmelskönigin! -- seid mir des Zeugen, Ihr Heiligen und Engel!« Gespenstisch sah sie aus, wie sie dastand mit den gen Himmel gerichteten Augen und den über die Schultern wallenden langen grauen Locken, die der Wind von Zeit zu Zeit hob, daß sie flatternd wie Schleichen und Nattern in der Luft umherschossen. Roland war von früher her gewöhnt, daß sie nicht litt, über das was sie im Schilde führte, gefragt zu werden. Auch drang sie selbst nicht weiter in ihn, sondern schlug, nachdem sie sich bekreuzigt hatte, die Hände zusammen zu frommem Gebet und wandte sich dann mit ruhiger, dem gewöhnlichen Verkehrston angemessener Stimme zu Roland: »Deines Bleibens kann hier nicht lange sein. Du mußt schon morgen von hier fort. Für diese Nacht, wirst Du freilich ein hartes Lager haben, mit dem sich Deine durch weichen Pfühl verwöhnten Glieder kaum werden zufrieden erklären wollen.« »Mutter,« sagte Roland, »als wir umherzogen, war ich Jäger und Fischer und Vogelsteller. Und von denen, die solchem Berufe angehören, ist jeder an rauhes Nachtlager gewöhnt. Ich kann hart liegen, ohne daß es mich hart zu sein dünkt.« »Und was wirst Du essen?« fragte sie, als sie aus der Kapelle in die verödete Priesterzelle traten. »Armes Kind, für solch weite Reise hast Du Dich schlecht vorgesehen! Dabei fehlt es Dir auch an der Fähigkeit, Dir auf geschickte Weise über Mangel hinwegzuhelfen. Aber unsre liebe Frau hat Dir eine Gefährtin beigesellt, die mit dem Mangel in aller Gestalt vertraut ist, wie sie es früher war mit Pracht und Ueberfluß. ... Mit dem Mangel, Robert, finden sich all die Künste und Fertigkeiten ein, die ihn Vater nennen!« Mit dienstfertigem Eifer, der von der schwärmerischen Begeisterung wunderlich abstach, begab sie sich nun an die Herrichtung der Speisen. Aus der Tasche, die sie trug, nahm sie Feuerstein und Stahl, und aus den in der Kapelle verstreut liegenden Holzstücken gewann sie, selbst mit sorgfältiger Ausscheidung aller Stücke, die von dem Bilde des Heiligen und von dem Kruzifixe herrührten, Späne genug, daß bald ein lustiges Feuer auf dem Herde der Zelle brannte. Dann sagte sie: »Und nun, was zum Essen und Trinken von nöten ist.« »Sorgt nicht dafür, Mutter, sofern Ihr nicht selbst hungert und dürstet. Für mich ist es ein kleines, eine Nacht hindurch zu fasten, und für die notgedrungene Übertretung der kirchlichen Vorschriften während meines Aufenthalts im Schlosse eine wahrlich nur geringe Buße.« »Du fragst, ob ich selbst Durst und Hunger fühle? ... Wisse, Jüngling, keine Mutter kennt den Hunger, so lange sie nicht ihr Kind gesättigt weiß.« Und mit einer Zärtlichkeit, die zu ihrer sonstigen Strenge in seltsamem Widerspruche stand, sprach sie weiter: »Nein, Roland, Du mußt essen. Du hast Dispensation, Du bist jung, und für die Jugend sind Schlaf und Speise unabweisbare Bedürfnisse. Sei haushälterisch mit Deiner Kraft, Kind! denn Dein Fürst, Deine Religion und Dein Vaterland machen Ansprüche auf Deine Kraft. Alter mag sich kasteien durch Fasten und Nachtwachen, die Jugend soll aber ihre Glieder stählen durch Schlaf und Speise, daß sie die Kraft finde, die sie zur Arbeit braucht.« Aus ihrer Tasche nahm sie nun auch, was für Robert zur Speise bestimmt war, und wachte mit Eifer darüber, daß er sich satt aß. Roland gehorchte willig, aber als er auch sie aufforderte sich zu stärken, schüttelte sie mit dem Kopfe, und als er nicht ablassen wollte mit Bitten und Vorstellungen, verwies sie ihm stolz alle weitere Rede in diesem Sinne. Dann machte sie aus dürrem Laub ein Lager auf dem Erdboden zurecht, suchte zur Decke ein paar Stücke Zeug zusammen, die auf dem Boden umherlagen, wobei sie jedoch mit frommer Scheu alles unangerührt ließ, was einen Teil der priesterlichen Gewandung ausgemacht hatte, und ebenso heftig wie sie Speise und Trank von sich gewiesen, so wies sie nun auch die Zumutung von sich, das hergerichtete Lager selbst zu benützen. Mit gebieterischer Handbewegung sagte, sie: »Schlafe Du, Roland Gräme, schlafe Du! Du verfolgtes und enterbtes Waisenkind! Du Sohn einer unglücklichen Mutter! schlafe, schlafe Du! ... Ich gehe in die Kapelle nebenan, um zu beten!« Siebentes Kapitel. Als sie von den Resten des gestrigen Abendbrots ihr Frühstück eingenommen hatten, machten sie sich auf die Wanderung. Magdalene Gräme ging festen und rüstigen Schrittes voran, und Roland, mißmutig über die ihm neuerdings aufgezwungene Abhängigkeit, schritt hinter ihr drein. »Soll ich mich denn immer verzehren in der Begierde nach Unabhängigkeit und freier Tätigkeit,« sprach er bei sich, der Worte der Greisin eingedenk, daß er kein Recht haben solle zu wählen zwischen dem, was er tun und was er nicht tun wolle, »und soll ich demungeachtet durch die Umstände immerfort genötigt sein, mich dem Willen andrer Menschen zu beugen?« Sie sprachen selten zusammen. Frau Gräme sang hin und wieder aus irgend einer schönen lateinischen Hymne mit gedämpfter Stimme einige Strophen, murmelte ein Credo oder ein Ave und versank tiefer und tiefer in ihre religiösen Betrachtungen. Die Aufmerksamkeit des Enkels war mehr auf irdische Dinge gerichtet, und wenn von Zeit zu Zeit einmal ein Sumpfvogel mit trotzigem Kampfgeschrei aus einem Busche aufstieg und über einen Sumpf hinschoß, da fiel ihm der muntre Woodcock ein und die prächtigen Falken, oder wenn sie an einem Dickicht vorbeigingen, das mit Heide- und Pfriemenkraut durchwachsen war zu einem sichern Versteck, dann träumte er von einem Rehbock oder von Windspielen. Oft aber wandte seine Seele sich zurück zu seiner gütigen Gebieterin, von der er geschieden war, ohne jeglichen Versuch von seiner Seite, sie wieder zu versöhnen, so daß sie mit vollem Recht ihm zürnte. »Hätte ich mich doch nur noch einmal zu ihr begeben,« sprach er bei sich, und diesen Gedanken konnte er nicht los werden, »und wäre es nur auf einen Augenblick gewesen, um ihr zu sagen: Gnädigste Herrin, der Waisenknabe war wohl unbändig, aber undankbar war er nicht.« Um die Mittagsstunde herum erreichten sie ein kleines, einzeln liegendes Dörfchen, das, wie die meisten Grenzorte, mit ein paar vorspringenden Türmen oder Schirmdächern, damaligem Brauche gemäß, aus Rücksicht auf die oft notwendig werdende Verteidigung gegen Ueberfälle, befestigt war. Ein kleiner Bach floß hindurch, und an einem Winkel, den er bildete, stand ein verfallnes Wohnhaus, das aber ehemals Personen von Rang und Stand zum Aufenthalt gedient haben mochte. Ein paar Maulbeerbäume milderten das düstre Aussehen des aus dunkelrotem Gestein aufgeführten Hauses, das einstmals ein stattliches Aeußere gehabt haben mochte. Der Hof vor der Tür, ehedem von einer niedern Mauer umschlossen, die aber jetzt in Verfall war, zeigte unter dem dichten Grase, das von Nesseln und anderm Unkraut überwachsen war, deutliche Spuren eines ehemaligen Steinpflasters. Der Bach hatte die Mauer unterwaschen, in seinem Bett lagen verschiedene von den Ecktürmchen, die sie vor Zeiten gekrönt hatten, und infolge der Trümmer, die es in seinem Laufe geschaffen, hatte es sich weiter an den Turm herangezogen und schickte sich nun an, auch den Grund zu unterhöhlen, auf dem das Gebäude selbst stand, sofern ihm nicht schnell noch durch einen Dammbau Einhalt getan wurde. Alles dies erregte Rolands lebhafte Aufmerksamkeit, als er sich mit seiner Begleiterin auf einem gewundenen Pfade, der ihnen die mannigfachsten Ausblicke eröffnete, dem eigentümlichen Gebäude näherte. »Führt unser Weg nach diesem Hause?« fragte er die Großmutter, »dann hoffentlich nur auf kurzen Besuch, denn das Haus sieht ganz so aus, als genügten ein Paar Tage mit Böen aus Nordwest her, es in den Bach hinein zu befördern.« »Du siehst bloß mit den Augen des Leibes,« sagte die Greisin, »Gott wird sein Besitztum schützen, wenn es gleich von den Menschen verlassen und verachtet ist... Besser unter seinem Schutze auf Sand zu wohnen, als auf Felsen menschlichen Selbstvertrauens zu flüchten.« Unter dem Austausch dieser Worte traten sie in den Hof des alten Hauses, und hier merkte Roland sofort, daß das Haus ehedem eine stattliche Fassade besessen hatte aus dem gleichen dunkelroten Stein, aus dem das Haus selbst gebaut war. Aber die Fassade war zertrümmert, und nur verwitterte Spuren von Nischen und Gebälk bedeckten die Stelle, die sie einst eingenommen hatten. Der Haupteingang an der Vorderseite war vermauert, aber ein schmaler, wenig betretener Pfad führte zu einer engen Pforte, die durch eine dicht mit eisernen Nägeln beschlagene Tür Zugang zu dem Hause gewährte. Hier klopfte die Frau Gräme dreimal hintereinander, bei jedem Schlage eine bestimmte Weile inne haltend. Nach dem dritten Schlage gab drinnen ein leises Pochen Antwort, und bald darauf wurde die schmale Pforte geöffnet, und ein bleiches, hageres Weib begrüßte die Ankömmlinge mit dem Spruche: »Gesegnete, die da kommen im Namen des Herrn!« Als sie eingetreten waren, schloß die Pförtnerin die Pforte schnell wieder zu und schob die starken Riegel wieder vor. Die hagere Frau führte sie durch ein niedriges Portal in ein Vorzimmer von ziemlich bedeutender Größe, das mit Steinplatten gepflastert war und an dessen Wänden Steinplatten entlang liefen. Am obern Ende befand sich ein Bogenfenster, das aber zum Teil mit Heubündeln verbaut war, wodurch der Raum ein sehr düstres Aussehen gewann. Hier verweilten sie, und die Besitzerin, denn das war die Pförtnerin -- umarmte nun Magdalena und küßte sie auf beide Wangen und bewillkommnete sie mit dem Namen Schwester. Dieses Wort ließ in Roland keinen Zweifel über die Religion der Frau. Sie sprachen dann heimlich noch ein paar Worte, und dadurch gewann Roland Zeit, die äußere Erscheinung der neuen Bekannten genauer zu betrachten. Sie mochte zwischen fünfzig und sechzig Jahren alt sein. In ihren Blicken lag eine Mischung von Trübsinn und Not, die an Mißmut grenzte, aber die trotz ihres Alters noch deutlich erkennbare Spuren der einstigen Schönheit verrieten. Sie trug sich in einfachster Weise, dunkel, in gewisser Hinsicht ebenso klösterlich wie die Gräme. Ein hoher Grad von Sauberkeit schien darauf hinzudeuten, daß sie wohl arm, aber nicht so weit heruntergekommen war, daß sie den Sinn für Anstand im Leben verloren hatte. Ihr Benehmen sowohl wie ihre Gesichtszüge und ihre äußere Erscheinung verrieten deutlich, daß sie früher in andern Verhältnissen gelebt haben und auch eine Erziehung genossen haben mußte, die weit über die beschränkte Lage, in der sie sich jetzt befand, gereicht hatten. Je länger Roland die Greisin betrachtete, desto deutlicher war es ihm, daß diese Frau Dinge erlebt haben müsse, die des Erzählens wohl wert sein mochten. Mittlerweile, hörte das flüsternde Gespräch der beiden Frauen auf. Die Besitzerin des Hauses trat zu ihm und betrachtete ihn scheinbar mit reger Aufmerksamkeit und Teilnahme. »Also dies ist das Kind Deiner unglücklichen Tochter, Magdalene, sagte die Frau zu der Gräme, »und diesen letzten Sproß Eures unglücklichen Stammes wollt Ihr der guten Sache weihen?« »Ja, beim heiligen Kruzifix,« antwortete die Gräme in ihrem gewöhnlichen Tone unbeirrbarer Festigkeit, »der guten Sache weihe ich ihn, mit Haut und Fleisch, mit Armen und Sehnen, mit Seele und Leib.« »Du bist ein glückliches Weib, Magdalene, daß Du so hoch erhaben bist über menschliche Neigung und menschliches Gefühl, um ein solches Opfer dem Altare zuführen zu können. Ich hätte mit weit schwererem Herzen nur ein solches Opfer bringen können.« Und wieder betrachtete sie den Jüngling, aber in ihren Blick hatte sich ein Ausdruck wehmütiger Teilnahme geschlichen. Endlich trieb ihre unausgesetzte Betrachtung dem Jüngling das Blut in die Wangen und er wollte sich schon ihrer Nähe entziehen, aber seine Großmutter hielt ihn mit der einen Hand zurück, während sie ihm mit der andern das Haar aus der von Schamröte überflognen Stirn strich und mit unerschütterter Festigkeit, in die sich aber eine innige Zuneigung mischte, die Worte sprach: »Ja, sieh ihn Dir nur an, Schwester, denn nie ruhte Dein Blick auf einem schöneren Gesichte. Auch mir kam, als ich ihn zum ersten Male sah, eine Empfindung, wie sie jedem irdisch empfindenden Wesen auch wohl kommen muß. Aber von dem verwitterten Baume, der seinen Blätterschmuck schon längst verlor, kann kein Sturm ein Blatt mehr reißen, und ebensowenig kann eine zufällige Erscheinung des menschlichen Daseins noch Empfindungen wecken, die in der Stille frommer Andacht schon lange entschlummert sind.« Aber während die Greisin so sprach, strafte ihr Benehmen sie Lügen, denn als sie jetzt hinzusetzte: »Aber, je reiner und fleckenloser das Opfer ist, desto würdiger, nicht wahr, Schwester, ist es der Annahme.« Es schien, als ob sie den Gefühlen, die sie erschütterten, mit Freuden entränne, denn sie fuhr gleich darauf fort: »Aber er wird sich retten können, meine Schwester, und es wird sich ein Widder fangen in dem Dickicht, und die Hand unsrer abtrünnigen Brüder wird nicht, über unsern Joseph kommen. Kann doch der Himmel seine Rechte verfechten selbst durch die Hand von Kindern und Säuglingen, von Frauen und unmündigen Knaben!« »Der Himmel hat uns verlassen,« sagte die andre; »um unsrer Sünden, um der Sünden unsrer' Väter willen ist von diesem fluchbeladnen Lande die Hilfe aller gebenedeiten Heiligen gewichen. Die Krone des Märtyrertums können wir wohl gewinnen, nicht aber die Krone des irdischen Triumphs. So wurde wiederum einer hinüber in eine bessre Welt gerufen, dessen Weisheit uns in solch schwerer Zeit gar sehr fehlen wird. Der Abt Eustachius ist nicht mehr von dieser Erde.« »Möge seine Seele Gnade finden!« betete Magdalene Gräme, »und möge der Himmel auch uns Gnade schenken, die wir jetzt ohne ihn weiter leben müssen in diesem blutigen Lande. Unersetzlich ist für uns freilich sein Verlust, denn wer besäße seine Erfahrung, seinen Eifer, seine Weisheit, seinen Mut? Mit der Fahne in der Hand ist er gefallen im Kampfe, und doch wird Gott einen Nachfolger ihm erwecken, der das geweihte Panier tragen wird gleich ihm! Sprich, wen hat das Kapitel ernannt als Nachfolger in seinem Amte?« »Es geht, die Rede, es getraue sich keiner der wenigen überlebenden Brüder, das von ihm hinterlassene Amt zu übernehmen. Die Ketzer haben sich verschworen, keine neue Wahl geschehen zu lassen, und sollen entschlossen sein, keinem neuen Abt den Einzug in das heilige Marienkloster zu erlauben.« » Quousque tandem, Domine ,« erwiderte Magdalene, »das wäre freilich ein gefahrvoller Riß in unsern Bund, aber ich bin fest in meinem Glauben, daß sich ein andrer für uns erheben wird an Stelle des von uns abgerufenen Streiters. Doch sprich, wo ist Deine Tochter Katharine?« »Im Sprechzimmer, Magdalene,« versetzte die Matrone, »aber« -- sie stockte, blickte auf den Jüngling und wisperte der Freundin ein paar Worte ins Ohr. »Um ihn sei ohne Sorge,« erwiderte Magdalene Gräme, »freilich ist's ebenso recht wie von nöten, aber von seiner Seite sei ohne Sorge, denn mir sollt's eine Freude sein, war er so fest im Glauben, wie er fest ist in seinen Grundsätzen, wie sein Gemüt frei ist von schlechten Gedanken, Reden und Handlungen. Denn das muß man an der ketzerischen Erziehung bestehen lassen, Schwester, in strenger Sitte ziehen sie dort«die Jugend heran und lassen keinerlei jugendlicher Torheit eine Pforte!« »Nun, so soll er meine Katharine sehen, da Du es für unbedenklich und zweckmäßig hältst, Schwester. Folge mir also, Jüngling,« setzte sie hinzu und ging der Freundin voraus, langsamen Schrittes, allerhand Gänge entlang und durch mehrere Gemächer. Unterwegs fand der Page Gelegenheit, über die neue Lage, die ihm sein Schicksal bereitet hatte, Betrachtungen anzustellen, die von keiner seinem feurigen Charakter besonders angemessenen Art waren. Statt einer Gebieterin, sagte er sich, habe er nun ihrer zwei erhalten, und zwar zwei Greisinnen, die sich verbündeten, jeden seiner Schritte nach ihrer Willkür zu lenken, im Verfolg eines Planes, an dem er selbst keinen Anteil habe. Das aber ginge, wie er bei sich dachte, zu weit, denn wenn auch seine Großmutter zufolge der Wohltaten, mit denen sie ihn überhäufte, ein Anrecht besäße, seine Schritte zu leiten, so sei sie doch nicht berechtigt, solches Recht an ihm auf fremde Personen zu übertragen oder mit ihnen zu teilen, und höchst unangenehm war ihm zu beobachten, daß die Greisin seiner neuen Bekanntschaft ganz ohne Umstände den gleichen Ton ihm gegenüber annahm wie seine Großmutter, und die gleiche Gewalt über ihn auszuüben sich anschickte wie jene. »Aber so soll es nicht lange bleiben,« dachte Roland Gräme bei sich, »es soll mir nicht einfallen, mein ganzes Leben nach den Pfeifen von Weibern zu tanzen, ihr Brot zu essen, zu laufen und zu stehen, wenn sie mich rufen. Nein, beim heiligen Andreas! eine Hand, die eine Lanze zu schwingen versteht, ist der weiblichen Zuchtrute entwachsen. Bei der ersten besten Gelegenheit, die sich mir bietet, sollen sie das Halsband in der Hand behalten, und ich will meiner Wege gehen, frei und ungebunden. Mögen sie dann zusehen, wie sie mit dem Plane, den sie im Schilde haben, allein zurechtkommen. Und ich glaube, das rettet beide noch aus einer Gefahr, die ihnen selbst an den Kragen gehen könnte, denn meines Wissens ist doch Graf Murray mit seiner Ketzerpartei zu weit schon im Lande vorgedrungen, als daß es noch geschehen könnte, daß ein paar alte Weiber dagegen aufkämen!« Während er solchen Gedanken nachhing, traten sie in ein niedriges Gemach, worin ein drittes Frauenzimmer saß. Es war der erste Wohnraum in dem Gebäude, der mit beweglichen Sitzen und einem hölzernen Tische ausgestattet war. Der Tisch war mit einem Stück Tapete verdeckt. Auf dem Boden lag ein Teppich, auf dem Herde stand ein Rost, kurz, die Stube sah aus, als sei sie bewohnbar und werde auch bewohnt. Rolands Augen fanden indessen eine schönere Weide, als eine Zimmereinrichtung, und sei sie noch so schön gewesen, ihm hätte sein können: dieser andre weibliche Insasse des Wohnhauses schien von allem bisher gesehenen wesentlich verschieden zu sein. Mit einer stummen, aber tiefen Verbeugung hatte sie die beiden alten Frauen begrüßt. Als ihr Auge dann auf Roland fiel, zog sie züchtig den Schleier über ihr Gesicht, aber ohne alle erkünstelte Eile und Schüchternheit, die von Verlegenheit hätte künden können. Roland war jedoch Zeit genug geblieben, zu erkennen, daß es ein Gesicht war, das einem Mädchen von kaum sechzehn, siebzehn Jahren angehörte, und das ein Paar Augen hatte, die einen wundersam milden und doch gleichzeitig feurigen Glanz hatten. Das Mädchen verlor in Rolands Augen dadurch nicht, daß sie eine volle Gestalt hatte, die eher zu einem Vergleich mit einer Hebe, als mit einer Sylphide gepaßt hättet aber die vollen Formen verrieten zugleich einen lieblichen Reiz von Zartheit, der durch das knapp sitzende Leibchen und den nicht grade weiten Rock noch auf das vorteilhafteste herausgehoben wurde. Rock und Leibchen trug sie nach fremdem Schnitte, und der erstere war auch kurz genug, um ein zierliches Füßchen sehen zu lassen, das auf einer Querleiste des Tisches ruhte, an dem sie saß, während ihre zierlichen Finger eifrig an einem Stück Tapete nähten, das so zerrissen war, daß die Näherin, die es wieder in stand bringen wollte, schon über eine gute Portion Geduld und Fertigkeit verfügen mußte. Es ist notwendig, hier zu bemerken, daß sich Roland über diese Einzelheiten nur durch verstohlene Blicke zu unterrichten vermochte, und daß es ihm vorkam, als habe sich das Mädchen bemüht, sich in ähnlicher Weise über seine Person zu unterrichten, trotz des ihr Gesicht verdeckenden Schleiers. Mittlerweile setzten die beiden Frauen ihre heimliche Unterredung fort und warfen von Zeit zu Zeit einen Blick auf die jungen Leute, der Roland Gräme keine Minute darüber im Zweifel ließ, daß ihre Unterhaltung sich um sie drehte. Endlich hörte er deutlich, wie seine Großmutter die folgenden Worte zu der andern Greisin sprach: »Nein, Schwester, Gelegenheit miteinander zu sprechen und bekannt zu werden, müssen wir ihnen schon lassen; sie müssen einander doch persönlich kennen lernen; wie sollen sie sonst ausführen können, was ihnen zustehen wird?« Es war ihm, wie wenn die andre Greisin Einwendungen dagegen erhöbe, seine Großmutter aber sie nicht gelten lassen wollte. »Es muß so sein,« hörte er noch aus dem Munde der letztern, »drum laß uns auf den Erker hinaustreten, Schwester, wo wir unser Gespräch in Ruhe fortsetzen können.« Dann wandte sie sich an Roland und das Mädchen: »Es wird gut sein, wenn Ihr miteinander besser bekannt werdet, als Ihr es bis jetzt seid.« Mit diesen Worten trat sie auf das Mädchen zu und schlug ihr den Schleier zurück, ein Gesicht enthüllend, das jetzt, mochte seine Farbe sein wie sie wollte, im Augenblick von jäher Schamröte übergossen wurde. » Licitum sit ,« sagte Magdalene mit einem Blick auf die andre Greisin. » Vix licitum , sagte darauf die andre und legte dem Mädchen den Schleier wieder so über das Gesicht, daß er ihre Züge, wenn nicht verhüllte, doch überschattete; dann flüsterte sie laut genug, daß Roland es hören konnte: »Katharine, vergiß nicht, wer Du bist, und was Deine Bestimmung Dir vorschreibt.« Hierauf entfernten sich beide Greisinnen durch eine der Fenstertüren, die auf einen langen, breiten Altan führte, der einen angenehmen Spaziergang im Freien ermöglichte,, ohne daß man das Haus selbst zu verlassen brauchte. Hier verweilten die beiden Frauen in geheimer Zwiesprach, ohne jedoch so vollständig darin aufzugehen, daß sie nicht Zeit gefunden hätten, einen Blick hin und wieder in das Zimmer hinein zu werfen, um sich zu unterrichten, wie dort die Sachen ständen. Achtes Kapitel. Katharina stand in jenem glücklichen Alter geistiger Unschuld und Harmlosigkeit, daß sie die Situation, in die sie auf einmal versetzt worden war, die Bekanntschaft eines hübschen Jünglings machen zu sollen, den sie nicht einmal dem Namen nach kannte, von der komischen Seite auffaßte, sobald sie über die erste Verlegenheit hinaus war. Die erste halbe Stunde, während der die beiden Matronen auf und ab vor der Fenstertür schritten, hielt sie mit bewunderungswürdiger Ernsthaftigkeit aus. Als sie sich dann aber durch einen Seitenblick von der Verlegenheit unterrichtete, mit der Roland kämpfte, und sah, wie er bald auf seinem Stuhle hin und her rückte, bald die Mütze zwischen den Fingern drehte, und aus jeder Miene und Gebärde erkennen ließ, daß er sich keinen Rat wisse, wie er die Unterhaltung beginnen solle, da konnte sie nicht länger mehr an sich halten, sondern mußte hell auflachen, und dabei glitzerten ihre muntern Augen so blank, und ein Paar Lachperlen von Tränen schimmerten so lustig, und ihre lieblichen Locken flatterten so ungebunden um das hübsche Köpfchen, daß die Göttin des holden Lachens nicht reizender ausgesehen haben kann wie Katharina in diesem Augenblicke aussah. Kein andrer Page, wenn er Hofluft geatmet, hätte sich besonnen, in dieses Lachen mit einzustimmen, aber Roland hatte seine Jugend auf dem Lande verlebt, und war einesteils infolgedessen blöde, andernteils aber auch nicht frei von Eitelkeit, und so setzte er es sich in den Kopf, das Mädchen lache ihn aus. Katharina sah ihm das an und hatte große Lust, von neuem aufzulachen, aber sie hielt an sich. Roland seinerseits sagte sich nun aber auch, daß es hier wenig am Platze sein dürfte, eine Miene verletzter Würde zu zeigen, daß es sich den blauen Augen gegenüber, die so allerliebst zwischen Tränen hatten lächeln können, besser schicke, auch ein fröhliches Gesicht zu schneiden, und fragte jetzt, indem er nun ebenfalls hell auflachte: »wie die junge Dame sich die Fortsetzung einer so lustig begonnenen Bekanntschaft wohl dächte?« »Ja,« gab sie lachend zur Antwort, »das ausfindig zu machen ist doch nicht meine, sondern einzig und allein Eure Sache. Bloß könnte es sein, daß ich bei der Eröffnung unsrer Unterhaltung zu weit gegangen bin.« »Setzen wir den Fall, wir machten's wie in einem Märchenbuche,« sagte Roland, »und fingen damit an, daß wir einander fragten, wie wir denn eigentlich heißen.« »Das war ein ganz nett ausgedachter Anfang,« erwiderte Katharina. »Macht Ihr also den Anfang, und ich will zuhören.« »Mich nennt man Roland Gräme,« sagte Roland, »und die große alte Frau ist meine Großmutter.« »Und Eure Vormünderin wohl auch?« fragte Katharina. »Schön! und wer sind Eure Eltern?« »Die sind beide tot,« erwiderte Roland. »Ja, aber wer waren sie? ... Eltern, denk ich, habt Ihr doch auch gehabt?« »Das muß wohl sein,« erwiderte Roland, »aber viel gehört über sie hab ich nicht. Mein Vater ist ein schottischer Ritter gewesen, der den Tod auf einem seiner Streifzüge gefunden hat, und meine Mutter ist eine Gräme gewesen von Heathergill in dem bestrittnen Lande -- mehrere meiner Sippe sind umgekommen, als Lord Maxwell und Lord Herries von Caerlaverock das bestrittne Land mit Feuer und Schwert verheerten.« »Ist das lange her?« fragte die Maid. »Vor meiner Geburt ist's passiert,« erwiderte der Page. »Das muß schrecklich lange her sein,« sagte sie, ernsthaft mit dem Kopfe schüttelnd, »denn seht nur, weinen kann ich nicht um sie.« -- »Zu beweinen brauchen wir sie auch nicht,« sagte der Jüngling, »denn sie starben beide in Ehren.« »Soviel was Euren Stammbaum angeht,« erwiderte die Maid, »von dem mir übrigens die lebendige Probe« (hier blickte sie nach dem Fenster) -- »weit besser gefällt als die toten. Eure werte Großmama sieht ganz darnach aus, als könnte sie einen im bittersten Ernste weinen machen. Und was nun Euch selbst anbetrifft, mein schöner Herr, so werdet Ihr wohl, wenn Ihr Euch nicht mehr beeilt, mitten in Eurer Erzählung abbrechen müssen, denn Mutter Brigitte bleibt jedesmal stille stehen, sobald sie der Weg am Fensterkreuz vorbeiführt, und mit der zusammen darf man nicht lustig sein, bei der geht's immer zu, so ernst und still wie im Grabe Eurer Ahnen.« »Was ich noch zu berichten habe, ist bald besorgt. Dann bin ich ins Schloß Avenel gegeben worden, wo ich den Pagen von der Schlossherrin hab abgeben müssen.« »Sie ist eine strenge Hugenottin -- wie?« fragte die Maid. »Wie der Herr Calvin selbst nicht strenger sein kann,« versetzte Roland. »Aber meine Großmutter kann die Puritanerin ganz geschickt spielen, wenn es ihr grade mal beliebt, und sie hatte sich einen Plan zurechtgelegt, mich ins Schloß hinein zu bringen, woraus aber wohl nichts geworden wäre, trotzdem wir schon ein paar Wochen im Dorfe zugebracht hatten, wenn nicht ein Zeremonienmeister, auf den wir am allerwenigsten gerechnet hätten, sich --« »Ei, und was war denn das für einer?« rief das Mädchen, »Ein großer schwarzer Hund, Wolf mit Namen, der mich in seiner Schnauze wie eine angeschossne Wildente ins Schloß hinein trug und der Schloßherrin in den Schoß legte.« »So etwas läßt man sich gefallen,« lachte Katharina, »solche Vorstellung passiert nicht alle Tage. Aber was habt Ihr im Schlosse gelernt? Das zu wissen, wozu Bekannte taugen können, ist immer von Wert.« »Ich kann einen Falken aufsteigen lassen, kann einen Hund hetzen, ein Pferd satteln und Lanze, Schwert und Bogen führen.« »Und prahlen mit all den Sachen auch, nicht wahr, schöner junger Herr?« sagte lachend die Maid, »wenigstens rühmt man die letztere Tugend allen Pagen drüben in Frankreich nach. Aber wie hab ich mir zu erklären, daß Eure hugenottische Schloßherrschaft sich dazu hat verstehen können, solch gefährliche Person wie einen katholischen Pagen unter ihre Dienerschaft aufzunehmen und auf ihrem Schlosse zu dulden?« »Weil ihnen dieser Teil meiner Lebensgeschichte nicht bekannt war, denn es ist mir von Kindsbeinen an eingeschärft worden, über meinen Glauben zu schweigen, und weil meine Großmutter es durch Schöntun mit dem ketzerischen Kaplan verstanden hat, seinen Verdacht einzuschläfern, schönste Kallipolis,« und bei diesen Worten rückte der Page mit lächelndem Gesicht seinen Stuhl näher an den des Mädchens. »Nicht doch, junger Herr, immer die angemessene Entfernung einhalten!« sagte sie und drohte lächelnd mit dem Finger, »denn ich kann mir lebhaft vorstellen, daß die beiden alten Damen unsre Unterhaltung geschwind abbrechen möchten, wenn wir ihren Wunsch, uns miteinander bekannt zu machen, nicht in streng züchtiger Weise erfüllen wollten. Also hübsch drei Schritte vom Leibe, schöner junger Herr!« rief sie unter hellem Lachen, »und dann gebt auch ein bißchen schneller Antwort auf meine Fragen! Durch welche Heldentaten habt Ihr denn Eure Pagenkünste bestätigt?« Roland, der nun sich in den Geist und den Ton der Unterhaltung gefunden hatte, versetzte in gemessenem Tone: »In keinem der Dinge, die dazu angetan waren, Unfug zu stiften, meine holde Kallipolis, hab ich mich unbewandert gezeigt,« versetzte Roland. »Ich habe Schwäne geschossen, Katzen gejagt, Dienstmädchen in Angst gejagt und das Vieh gehetzt und den Obstgarten geplündert, etc. Daß ich auch den Kaplan sekiert habe, wo es irgend ging, davon will ich nicht erst Worte machen, denn das ist meine Pflicht gewesen als ein getreuer Sohn unsrer Kirche.« »Aber wie ist's denn gekommen, daß man Euch vom Schlosse jagte?« fragte mutwillig die Maid. »Welcher Anlaß wurde denn benützt, um solche Katastrophe herbeizuführen? ... Bitte, guckt mich doch nicht so, perplex an! ich habe auch meine Schule hinter mir -- also ohne gelehrte Worte: weshalb hat man Euch Eures Dienstes entlassen?« Roland erzählte kurz den Vorfall mit dem Falkner und was im Anschluß daran sich auf dem Schlosse zugetragen hatte, und wie er sich dann, als ihm die Schloßherrin den längern Aufenthalt im Schlosse verboten, auf den Weg zur Großmutter gemacht hatte, und was er dort in der Kapelle gesehen und getan hatte. »Und nun wißt Ihr von mir, holde Kallipolis, was ich Euch irgendwie melden kann. Nun seid Ihr an der Reihe. Ich bitte, seid mit Eurer Schilderung nicht minder freigebig oder geizig als ich -- ganz wie Ihr's aufgefaßt habt!« »Das ist doch Glück bei einer Großmutter,« sagte sie unter erneutem Lachen, »daß sie ihren verlaufenen Pagen grade in solchem Außenblick wiederfindet, da ihn die Herrin von der Koppel gelassen hat, und für solchen Pagen nicht minder, daß er vom Pagen im Handumdrehen zum Kammerdiener aufrückt!« »Das ist aber kein Sterbenswort von Eurer Lebensgeschichte!« rief Roland, dem allmählich die Art der Maid recht angenehm zu werden schien. ... »Erzählung um Erzählung! nur so ist's ausgemacht! und so muß es Brauch bleiben unter Reisegefährten!« »Dann wartet doch gefälligst, bis wir Reisekameraden sind,« erwiderte Katharina. »O nein, so kommt Ihr mir nicht weg,« rief Roland, »und geht Ihr mit mir nicht ehrlich zu Werke, dann ruf ich die Dame Brigitte, oder wie sie sonst heißt, und beklage mich bei ihr, daß Ihr mich überlisten wollt.« »Das sollt Ihr nicht brauchen,« versetzte die Maid, denn meine Geschichte ist das Gegenstück zu der Eurigen, es könnten's ganz die gleichen Worte tun, bloß Umrisse und Namen wären zu ändern. Ich heiße Katharina Seyton und bin eine Waise.« »Sind Eure Eltern auch schon lange tot?« »Das ist die einzige Frage,« antwortete sie, indem sie mit einem plötzlichen Ausdruck schmerzlichen Gefühls die schönen Augen niederschlug, »die einzige, zu der ich nicht lachen kann?« »Und die Frau Brigitte, bitte, ist Eure Großmutter?« Die plötzliche Wolke zog vorüber, wie zur Sommerszeit ihre Kameradin, die einen Moment lang die Sonne verhüllte -- und in ihrem gewöhnlichen Tone antwortete sie: »Schlimmer als so 'was, weit schlimmer! die Brigitte, bitte, ist meine Muhme im zweiten Gliede und obendrein jungfräuliche Muhme!« »Daß sich Gott erbarm!« lachte Roland, »ach, daß Ihr so was habt erzählen müssen! und was folgt nun weiter noch Grausiges?« »Ganz dieselbe Geschichte, wie Ihr sie erzählt habt ... ich kam auf Probe in Dienst ...« »Und seid weggejagt worden, weil Ihr die Herrin sekiertet, oder schnippisch waret gegen ihre Zofe?« sagte Roland. »Nein, in diesem Punkte verläuft meine Geschichte anders,« sagte die kleine Dame. »Unsre Herrin hob ihr Hauswesen auf oder es würde ihr aufgehoben, was übrigens auf ein und dasselbe hinausläuft, und ich bin nun frei, wie der Vogel in der Luft.« »Und das macht Euch mehr Freude, als wenn mein Wams mit Goldstücken gefüttert wäre,« sagte der Jüngling. »Vielen Dank für Eure Teilnahme,« erwiderte sie, aber der Handel, scheint's, geht Euch doch nichts an!« »Nun, erzählt doch weiter,« drängte der Page, »denn Ihr werdet; wie mir scheint, auch bald unterbrochen werden. Die beiden wackern Damen sind nun auf dem Altan genug herumgeflattert und werden wohl einfliegen und sich auf ihre Stange hocken ... Wer, bitte, war denn die Herrin, bei der Ihr im Dienste waret?« »O, die steht in gar großem Ansehen in der Welt,« versetzte Katharina Seyton, »und nur wenige Damen werden ein größeres Haus gemacht haben als sie, und nur wenige soviel Weibsvolk im Dienste gehabt haben wie sie ... meine Muhme Brigitte war eine von den Hausvorstandsdamen ... wir haben freilich das Antlitz unsrer gebenedeiten Herrin nie vor Augen bekommen, aber gehört haben wir genug von ihr, mußten früh auf sein und kamen erst spät zu Bett und wurden angehalten zu schmaler Kost und langem Gebet.« »Also auch eine Hexe, wie sie im Buche steht?« meinte der Page. »Ums Himmels willen lästert nicht!« rief das Mädchen und guckte sich scheu um. »Verzeih uns Gott! ich hab nichts Arges sagen wollen. Ich sagte es ja doch bloß mit Bezug auf unsre gebenedeite Heilige, Katharina von Siena! Und die Stätte, wo wir weilten, war ihr Kloster. Ein Dutzend Nonnen waren drin unter einer Aebtissin. Und das war meine Muhme, und so lange war sie's, bis die Ketzer alles verwüsteten.« »Und wo sind die, welche mit Euch dort waren?« fragte Roland. »Verstreut in alle Winde! zerschmolzen wie Schnee vor der Frühjahrssonne! manche nach Frankreich, andre nach Flandern, andre wohl noch weiter hinaus in die Welt, noch andre, wie ich fürchte, auf und davon zu irdischen Freuden und Freunden! Uns hat man zu bleiben erlaubt oder vielmehr das Hierbleiben nicht verwehrt, denn meine Muhme hat viel Verwandtschaft unter den Ketzern und die haben jedem, der uns zu nahe träte, mit Todfehde bedroht, und Bogen und Speer sind nun mal in Zeiten wie diesen die besten Waffen.« »Nun, holde Kallipolis, was sagtet Ihr wohl zu folgendem Vorschlag?« fragte Roland, »wenn wir, beide auf so wunderliche Art unsers Dienstes ledig geworden, die Brandfackel in den Händen unsrer so überaus achtbaren Duennas ließen und mitsammen in lustigem Zweitritt durch dieses Jammertales Auen wandelten?« »Das wäre kein übler Vorschlag zur Güte,« sagte Katharina, »so recht würdig dem Tollkopf von Pagen, der in seinem Dienst nicht gut getan! Und wovon gedenken Euer Gnaden ihr Leben zu bestreiten? Von Bänkelsängerei oder Beutelschneiderei? oder von Abenteuern à la Jack Sheppard auf der Heerstraße? Beim letztern Handwerk möchten, glaub ich, noch die meisten Späne fallen.« »Ihr braucht ja nur zu wählen, stolzeste aller Püppchen!« versetzte der Jüngling, zu seinem lebhaften Aerger durch den unbedingt lächerlichen Klang in der Stimme, mit der die Antwort gegeben wurde, abgeführt. Aber grade als er die Worte gesprochen hatte, erschienen zwei Schatten vor der Fenstertür und verdunkelten die Helligkeit im Zimmer ... dann tat sich die Tür auf, und die beiden Greisinnen traten wieder ins Zimmer, die Aebtissin voran, und die Gräme hinterdrein. Neuntes Kapitel. »Nun, Kinder, habt Ihr miteinander gesprochen?« fragte die Gräme, »und seid ihr bekannt zusammen geworden? wie Reisekameraden, die Zufall zusammenführte, und die ermitteln müssen, wie sie sich am besten in die auf dunklem Pfade vorhandnen Gefahren teilen?« Katharina konnte selten einen Scherz bei sich behalten und redete öfter einmal in Fällen, wo sie besser geschwiegen hätte. »Euer Enkel findet solche Freude an der Reise, daß er am liebsten schon jetzt aufgebrochen wäre,« antwortete sie. »Das heißt vorwitzig sein, Roland,« verwies ihn die Dame, »und ist ebenso ein Fehler wie gestern, da Ihr zu bedächtig waret. Die rechte Mitte liegt im Gehorsam, der das Zeichen zum Aufbruch ebenso abwartet, wie er ihm Folge leistet, wenn es gegeben wird. Aber noch einmal, Kinder! steht eins dem andern so fest im Gedächtnis, daß jedes von Euch, wenn Ihr einander begegnet, gleichviel in welcher Verkleidung, in dem andern den geheimen Beförderer des großen Werkes erkennt, zu welchem Ihr Euch verbinden sollt? ... Seht Euch einander an! faßt jeder des andern Züge, des andern Mienen auf! Lernt am Gange, an der Stimme, an der Bewegung der Hand, an dem Blick des Auges den Genossen erkennen, den der Himmel einer dem andern sandte, zur Vollstreckung seines Willens ... Roland Gräme, wirst Du dieses Mädchen wiedererkennen, gleichviel wann und wo Du ihr begegnen wirst?« Ebenso freudig wie der Wahrheit gemäß antwortete Roland auf diese Frage mit einem kräftigen Ja. »Und Du, meine Tochter, wirst Du Dich der Gesichtszüge dieses Jünglings wieder entsinnen?« »Nun, liebe Mutter, ich dächte, in letzter Zeit nicht so viel Mannsgesichter gesehen zu haben, daß ich Euren Enkel so im Handumdrehen wieder vergessen sollte, wenngleich ich eben nicht viel an ihm sehe, was der Aufbewahrung im Gedächtnisse sonderlich wert wäre.« »So reichet einander die Hände, meine Kinder,« sagte Magdalene Gräme, wurde aber von ihrer Genossin unterbrochen. »Nein, Schwester,« sprach sie, denn sie hatte mit steigendem Verdruß all diese Worte mitangehört, die ihren klösterlichen Vorurteilen so unbedingt zuwiderliefen, daß sie nicht länger sie mit anhören, noch dazu schweigen mochte. »Nein, Schwester,« wiederholte sie bestimmter, »Du vergißt, daß Katharina dem Himmel verlobt ist, daß also dergleichen Vertraulichkeiten nicht stattfinden können.« »Es geschieht doch in Sachen des Himmels, daß ich sie auffordre, die Hände ineinander zu legen, Schwester,« erwiderte die Gräme mit der vollen Kraft ihrer gewaltigen Stimme, »der Zweck, Schwester, heiligt die Mittel, deren wir uns bedienen, weil wir uns ihrer bedienen müssen.« »Wer mich anredet, der redet mich an als Frau Aebtissin oder wenigstens doch als Mutter,« sprach Dame Brigitte und warf sich in die Brust, wie wenn sie sich durch das herrische Wesen der Freundin gekränkt fühlte -- »Lady Heathergill vergißt, daß sie das Wort an die Aebtissin des Klosters der heiligen Katharina richtet.« »Als ich den Namen führte, den Ihr mir beilegt,« erwiderte die Gräme, »da waret Ihr allerdings das, was Ihr aussprecht, aber jetzt sind beide Namen verschwunden mit dem Range, den die Welt und die Kirche ihnen geliehen hat; jetzt sind wir in den Augen der Welt nichts weiter als ein paar arme, verachtete alte Weiber, die nur wenige Jahre noch von einem gemeinen Grabe trennen. Und was sind wir in den Augen des Himmels anders als Mägde, die seinen Willen zu erfüllen haben? in deren Ohnmacht die Macht der Kirche soll offenbaret werden, vor denen die Macht eines Murray soll zunichte werden! Und auf solche wolltest Du die einschränkenden Vorschriften klösterlicher Abgesondertheit angewandt wissen wollen? ... Oder hast Du den Befehl Deines Vorgesetzten vergessen, den ich Dir zeigte, und der Dich in solchen Dingen mir unterwirft?« »Auf Dein Haupt also falle Anstoß und Sünde!« sagte mißmutig die Gräme ... »und nochmals sage ich, umarmet Euch, meine Kinder!« Aber Katharina, die vielleicht ahnen mochte, wie der Zwist enden würde, schlüpfte aus dem Zimmer und machte auf diese Weise dem Enkel einen empfindlicheren Strich durch die Rechnung als der Großmutter. »Sie geht, um eine kleine Erfrischung zu besorgen, die aber denen, die weltlich gesinnt sind, wenig behagen dürfte. Wenigstens kann ich mich von den Regeln nicht freisprechen, an die ich durch mein Gelübde gebunden bin, um deswillen, weil es Gottlosen unter den Menschen gefällt, das Heiligtum zu zertrümmern, innerhalb dessen man sie zu achten gewohnt war.« Die Aebtissin, furchtsam, engherzig und unzufrieden, hing an den alten Gebräuchen und Rechten, die durch die Reformation aufgehoben worden waren, und war im Unglück nicht anders als im Glück, ängstlich, kleinmütig und bigott. Die Gräme hingegen ließ sich in ihrem feurigen höher strebenden Sinne durch Regeln und Vorschriften nicht in den außerordentlichen Plänen, die ihre glänzende Phantasie geschmiedet hatte, einschränken. Roland aber, statt sich um diese Abweichungen in dem Charakter der beiden Damen zu kümmern, wartete bloß mit Ungeduld auf das Wiedererscheinen von Katharina, weil er noch immer hoffte, die Umarmung werde dann nochmals angeregt werden, auf die er sich so sehr gefreut hatte. Aber er wurde in diesen Erwartungen oder richtiger, Hoffnungen, doch getäuscht, denn als Katharina nun wieder in das Zimmer trat und einen irdenen Wasserkrug auf den Tisch stellte, nahm die Dame von Heathergill, indem sie sich an der Energie genügen ließ, mit der sie sich ihrer Kameradin entgegengestellt hatte, Abstand davon, ihren Sieg weiter zu verfolgen, freilich ohne zu ahnen, in welch geringem Maße sie sich für diese Mäßigung des Beifalls ihres Enkels zu erfreuen hatte. Mittlerweile stellte Katharina die mageren Gerichte für den Abendtisch auf die Tafel, die aus einer Kohlsuppe, in irdener Schüssel hergerichtet, und ein paar Gerstenbrötchen bestanden. Das in der Flasche schon vorher aufgetragene Brunnenwasser blieb das einzige Getränk, das auf die Tafel kam. Bei den Frauen, die zwar mäßig aßen, aber nichtsdestoweniger an Appetit keinen Mangel verrieten, schien die Einfachheit der Gerichte kein Mißbehagen zu wecken. Roland Gräme dagegen war an bessere Kost gewöhnt, denn bei Sir Halbert Glendinning pflegte die Tafel immer auf das reichhaltigste ausgerüstet zu sein. Um so unzufriedener war er, als ihm auch nachher jede Hoffnung, noch einmal mit der hübschen Novize ins Gespräch zu kommen, vereitelt wurde, denn Katharina, sei es nun aus besonderem Zartgefühl, aus Laune oder vielleicht aus einer Mischung von beidem, erinnerte die Aebtissin gleich nach dem Essen daran, daß sie sich vor der Vesper noch auf eine Stunde zu entfernen habe, und die Aebtissin nickte ihr sogleich bereitwillig zu. Katharina machte den beiden Matronen einen Knicks, so tief, daß sie fast in die Kniee sank, verneigte sich dann flüchtig vor Robert und war zu dessen Verdruß rasch aus dem Zimmer verschwunden. »Hol sie der Geier,« dachte er bei sich, wenn auch die Gegenwart der Aebtissin alle unheiligen Gedanken aus seiner Seele hätte ausmerzen sollen. »Sie ist harten Herzens und gleicht der lachenden Hyäne, von der man in den Reisebeschreibungen liest; jedenfalls werde ich mich ihres Herzens noch manche Zeit erinnern, wohl lange über diese Nacht hinaus!« Die beiden alten Damen zogen sich zurück, nachdem sie Roland noch bedeutet hatten, daß er sich keinesfalls aus dem Bereiche des Klosters entfernen oder sich an den Fenstern zeigen dürfe. »Das geht aber doch weit über Wardens verbohrte Sittenstrenge,« meinte Roland bei sich, sobald er allein war, »denn das muß man ihm lassen, so scharf wir auf seinen Vortrag beim Unterricht aufpassen mußten, in der übrigen Zeit ließ er uns doch ungeschoren, ja wenn wir uns manierlich betrugen und nicht über die Stränge schlugen, war er sogar häufig Mitspieler von uns. Aber diese beiden alten Damen sind ja die reinen mixta composita aus Trübsinn, Geheimniskrämerei und Selbstverleugnung ... Was haben sie gesagt? nicht vors Tor soll ich gehen? nicht ans Fenster treten soll ich? nicht zum Fenster hinausgucken soll ich? Hm, aber mich im Innern umzusehen, das haben sie mir nicht verboten, also will ich zum wenigsten sehen, ob sich im Innern des Hauses nicht irgend was findet, was einem als Zeitvertreib dienen kann. Und wer weiß, vielleicht findet sich im einen oder andern versteckten Winkel gar meine blauäugige Lachmöwe?« Er entfernte sich in entgegengesetzter Richtung wie die Matronen aus dem Zimmer, denn es läßt sich wohl denken, daß es ihn nicht danach verlangte, von den geheimen Unterhaltungen, die sie zusammen führten, noch mehr zu hören, als er bereits wußte. Er ging aus einem Zimmer ins andre, auf eifriger Suche nach einem Gegenstande, der seine Neugierde reizen oder ihm Unterhaltung schaffen könnte. So kam er durch einen langen Gang, zu dessen beiden Seiten die kleinen Zellen lagen, die den Nonnen zur Unterkunft gedient hatten, die aber jetzt alle verödet waren und keinen einzigen jener Gegenstände mehr aufwiesen, deren Benützung die Ordensregel ihnen gestattete. Zu einer Reihe von Zimmern im Erdgeschoß des Hauses führte eine Wendeltreppe, so eng und schmal, als hätte sie die Nonnen immer an die Pflichten erinnern sollen, die ihnen oblagen, an Fasten, Kasteiung und dergleichen. Diese Räume im Erdgeschoß waren noch ärger verwüstet als alles andre im Hause; sie waren wohl der ersten Wut der Klosterstürmer ausgesetzt gewesen, und kein Fenster, keine Tür hatten sie ganz gelassen, ja sogar die Scheidewände zwischen den einzelnen Räumen hatten sie zum großen Teil niedergerissen. So führte ihn sein Weg von Trümmer zu Trümmer, und schon beschlich ihn der Gedanke, von einer so unerfreulichen Schaubühne sich wieder hinwegzuheben, als er zu seiner lebhaften Verwunderung ganz dicht in seiner Nähe eine Kuh brüllen hörte. Für solche Zeit und solchen Ort war das ein Laut so seltsam, daß Roland in die Höhe fuhr, wie wenn er das Gebrüll eines Löwen vernommen hätte, und mit der Hand im Nu am Dolche war. Aber fast im selben Augenblick tat sich die Tür eines Verschlags auf, und die liebliche, lustige Gestalt der Maid erschien im Rahmen derselben. »Ei, recht schönen guten Abend, mein wackerer Ritter vom Bratspieß,« sagte sie lachend, »seit Walter Warwick hat's niemand besser verdient, einer braunen Kuh in die Augen zu schauen.« »Kuh?« erwiderte Roland, »na, ich hab doch wahrhaftig gemeint, es sei der Gottseibeiuns, der sich das Vergnügen mache, mir einen Ohrenschmaus zu bereiten. Wer hat wohl gehört, daß ein Nonnenkloster und ein Kuhstall sich unter ein und demselben Dache befinden?« »Jetzt stehen uns keine Mittel mehr zu Gebote, Kalb und Kuh den Eingang zu wehren,« versetzte Katharina, »drum können sie ungehindert herein. Aber ich möchte Euch doch raten, lieber Herr, daß Ihr Euch wieder dorthin verfügtet, woher Ihr gekommen seid.« »Erst wenn ich gesehen habe, schön Schwesterchen, was Ihr hier treibt,« versetzte Roland, indem er sich, ohne der halb ernstlich gemeinten, halb scherzhaften Einwendungen des Mädchens zu achten, in den Raum hineindrängte, der ehedem als Speisesaal gedient hatte, jetzt aber einer Kuh als Stall diente, die neben Gras und Heu, das zum Futter für sie bestimmt war, in einer Ecke lag. »Das muß man sagen, die Mutschekuh hat ein besseres Quartier als alle übrigen Wesen, die sich in diesem Gebäude aufhalten.« »Also wär's wohl am besten, Ihr ließet Euch bei ihr nieder,« neckte das Mädchen, »und schüfet ihr Ersatz für den Sprößling, der ihr so unglücklicherweise abhanden kam.« »Wenigstens will ich Euch dabei helfen, dem Tiere die Streu herzurichten, da Ihr nun doch mal damit beschäftigt zu sein scheint,« sagte Roland. »Das laßt ja hübsch sein,« versetzte Katharina, »denn einmal versteht Ihr nichts von solcher Arbeit, und dann schafft Ihr bloß Ursache zu Schelten für mich, und an Schelten fehlt's mir ohnedem nicht.« »Was? Schelte? weil ich Euch helfe? und dabei soll ich Euch doch Beistand und Helfer in ganz andern Dingen sein! ... Das ginge doch wider alle Vernunft, und nun sagt mir, da mich grade die Rede drauf führt, was ist denn das für eine große Unternehmung, die ich mit ins Werk setzen soll?« »Ich denke mir, es wird wohl ein Vogelnest sein, das Ihr ausnehmen sollt,« sagte mit Lachen das Mädchen, »solcher Gedanke liegt wenigstens nahe, wenn man sich den Kämpen ansieht, den sie sich dazu erkoren haben.« »Nun, nun, schöne Fee, ein Bursche, der in den Felsklüften von Palmoodie ein Falkennest ausgenommen hat, darf schließlich auch ein wenig den Mund auftun,« verwahrte sich Roland, »aber das liegt ja nun alles hinter mir, und der Schinder mag Falkennest und Falkenbeize holen, denn um dieses Zeugs willen ist mir ja bloß das Los beschieden worden, auf Reisen zu gehen. Hätt ich nicht wenigstens Euch dabei erwischt, holde Kallipolis, möcht ich vor Aerger schier schwarz werden, das kann ich Euch wohl sagen! Aber da wir Reisekameraden werden sollen ...« »Leidenskameraden wohl, aber nicht Reisekameraden,« erwiderte das Mädchen, »denn zu Eurem Troste müßt Ihr wissen, daß die gnädige Aebtissin mit mir morgen früher aufbrechen wird als Ihr mit Eurer lieben Frau Gräme, und daß ich Euch zum Teil diese kurze Zwiesprach nur darum gewähre, weil wohl geraume Zeit verstreichen wird, bis wir einander wieder begegnen werden.« »Beim heiligen Andreas, so soll die Abmachung nicht gelten!« rief Roland, »sofern wir nicht gekoppelt jagen, dann pfeif ich auf die ganze Jagd!« »Ich befürchte, wir werden in diesen und andern Punkten wohl tun müssen, was uns befohlen wird.« -- »Aber, horcht doch, Kallipolis! ist das nicht Eurer Muhme Stimme?« Im selben Augenblick trat auch Dame Brigitte schon herein und warf einen Blick grimmiger Strenge auf ihre Nichte, während Roland auf den glücklichen Einfall kam, sich an der Halfter der Kuh zu tun zu machen. »Ach, der junge Herr hat mir bloß dabei geholfen, die Kuh anzubinden, die sich losgemacht hatte. In der letzten Nacht ist sie bis vor ans Fenster gelaufen und hat mit ihrem Gebrüll die ganze Gegend aufrührerisch gemacht. Wir kommen ja entweder auf diese Weise bei dem Ketzervolk bloß in den Verdacht der Zauberei oder büßen am Ende gar unsre Kuh ein!« »Darum laß Dir lieber kein graues Haar wachsen, mein Kind,« erwiderte etwas spöttisch die Aebtissin, »denn die Person, die die Kuh gekauft hat, wird im Augenblick da sein, und sie abholen.« »Ach, dann gute Nacht, meine arme Mutsche,« sagte Katharina, indem sie dem Tier auf den Rücken klopfte, »hoffentlich fällst Du in liebe Hand, denn in der letzten Zeit waren es die freundlichsten Stunden für mich, da ich mit deiner Abwartung zu tun hatte ... ach, wäre ich doch bloß zu was anderm als solcher Arbeit auf die Welt gekommen!« »Pfui über Dich, Du weltlich und niedrig gesinntes Wesen!« sagte die Aebtissin; »ist das eine Sprache, würdig des Namens Seyton, den Du doch führst? schickt sich solche Rede für die Schwester solches Ordens? obendrein in Gegenwart eines fremden Jünglings! ... Begib Dich auf der Stelle in Deine Betstube und lies Deine Horen, bis ich hinaufkomme. Dann will ich Dir den Text lesen energisch genug, daß Du die Segnungen schätzen lernst, die hienieden Dein Teil geworden sind!« Katharina wollte sich schweigend zurückziehen, mit einem halb trübseligen, halb komischen Blicke auf Roland Gräme, wie wenn sie sagen wollte: »Na, da seht Ihr's doch, wie's mir hier geht und was ich auszustehen habe,« änderte aber plötzlich ihren Entschluß, trat auf den Pagen zu, gab ihm die Hand und wünschte ihm eine gute Nacht. Noch ehe die Matrone, die darob ganz perplex war, es zu verhindern vermochte, hatten sich ihre Hände ineinander gelegt, und dann sagte Katharina: »Verzeiht mir, Mutter, wir haben ja gar so lange schon kein Gesicht mehr gesehen, das uns freundlich anblickt. Immer nur finstre, grimmige Fratzen! und zwar so lange schon, seit diese schlimmen Unruhen unsre friedliche Stätte zerstört haben. Ich sage dem Jünglinge ein freundliches Lebewohl, weil er hergekommen ist mit einem freundlichen Herzen und weil es wohl kaum wahrscheinlich ist, daß wir uns einander im Leben noch einmal sehen. Ahnt mir doch schon jetzt, als seien die Pläne, in die Ihr Euch verwickelt, viel zu mächtiger Art, als daß Eure Hand sie zu leiten vermöchte, daß Ihr vielmehr einen Stein in Bewegung bringt, der Euch im Rollen zerschmettern muß. Drum sage ich dem armen Jüngling, der gleich mir zum Schlachtopfer erkoren worden ist, ein herzliches Lebewohl.« In einem Tone tiefen Ernstes und innigen Gefühls wurden diese Worte gesprochen, der durchaus nicht zu dem so leichtfertigen, lustigen Tone, den sie dem Jüngling gegenüber bisher gefunden hatte, passen wollte, und der deutlich erkennen ließ, daß sich hinter dem lustigen Temperament der Jugend ein weit größerer Schatz von Verstand und Empfindung barg, als sich aus ihrem bisherigen Benehmen auch nur im entferntesten hätte mutmaßen lassen. Eine Weile lang stand die Aebtissin stumm da und sah dem Mädchen, das mit dem letzten Wort aus ihrem Munde auch aus dem Zimmer verschwunden war, entgeistert nach. Der harte Verweis, den sie erteilen wollte, blieb ihr im Halse stecken. Es war, als sei sie von dem ernsten prophetischen Tone tief ergriffen, in welchem ihre Nichte ihr den Nachtgruß geboten hatte. Und schweigend ging sie voraus nach dem Zimmer, in welchem sie vordem geweilt hatten und wo eine kleine Erfrischung bereit stand aus Milch und Gerstenbrot. Frau Gräme wurde gerufen, an dieser Erfrischung teilzunehmen. Sie trat aus einem anstoßenden Zimmer, aber die Maid ließ sich nicht wieder sehen. Es wurde während des Essens nur wenig gesprochen, und als man damit fertig war, wurde Roland zur nächsten Zelle geführt, wo zu einem Nachtlager die notwendigsten Vorkehrungen getroffen waren. Die wunderliche Lage, in die er sich versetzt sah, übte die gewöhnliche Wirkung, sie brachte ihn um den Schlaf. Das hatte aber den Vorteil für ihn, daß er ein Gespräch noch mit anhörte, das zwischen den beiden Greisinnen geführt wurde, sobald er aus dem Zimmer den Fuß gesetzt hatte, und bis in die tiefe Nacht hinein dauerte. Als sie endlich auseinandergingen, hörte er aus dem Munde der Aebtissin ganz deutlich die Sätze: »Kurz und gut, Schwester, Euren Charakter und das Ansehen, zu dem Euch meine Vorgesetzten erhoben haben, schätze und ehre ich, nichtsdestoweniger will es mir notwendig erscheinen, bevor wir uns auf eine so gefahrvolle Bahn begeben, den Rat eines der Väter unsrer Kirche einzuholen.« »Und wo sollten wir einen treuen Bischof oder Abt finden, dessen Rat sich einholen ließe?«, fragte die Gräme. »Der getreue Eustachius ist nicht mehr. Wohin sollen wir uns noch wenden?« »Der Himmel wird für die Kirche sorgen,« versetzte die Aebtissin, »und die getreuen Väter, denen man den Aufenthalt im Kloster zu Kennaqhueir noch gestattet hat, werden zur Wahl eines Abtes schreiten. Daß der Krummstab am Boden liege und niemands Haupt die heilige Inful schmücke, das werden die frommen Männer von Kennaqhueir nun und nimmer dulden.« »Das werde ich morgen erfahren,« antwortete die Gräme, »aber wer übernimmt jetzt den Dienst auch nur eine einzige Stunde, es sei denn, er teilte ihn mit dem kirchenschänderischen Gesindel, um Teil zu haben an der Plünderung? ... Der kommende Tag wird uns lehren, ob einer von den tausend Heiligen, die aus dem heiligen Marienkloster hervorgegangen sind, dem Kloster in seiner schweren Bedrängnis helfen und beistehen wird ... Lebt wohl, Schwester, auf Wiedersehen in Edinburg!« » Benedicite! « antwortete die Aebtissin, und dann schieden sie. -- »So, so!« meinte Roland Gräme bei sich, »also nach Kennaqhueir soll's morgen gehen? Da will ich die Stunde Schlaf, die ich eingebüßt habe, gern missen, denn sie ist mir nicht zu teuer dafür. In Kennaqhueir werde ich den Pater Ambrosius treffen, und in Edinburg will ich schon Mittel und Wege finden, mich allein durch die Welt zu bringen. In Edinburg soll ich ja auch die kleine Fee wiedersehen, die mir, scheints, den Kopf doch ein bißchen verdreht hat.« Mit diesen Gedanken schlief er ein, um von Katharina Seyton zu träumen. Zehntes Kapitel. Als Roland Gräme aufwachte aus seinem langen, festen Schlafe, da stand die Sonne schon hoch am Himmel und die Reisegefährtin stand an seinem Pfühl und weckte ihn. Er kleidete sich schnell an, und sie waren bald mitten in dem fruchtbareren und bewohnteren Teile des Tales, das sie durchschreiten mußten, um das Ziel ihrer Wanderschaft zu erreichen. So fanatisch die Greisin auch gesinnt war, und so wenig sie für mehr zu gelten im Sinne hatte, als sie zurzeit in der Welt war, so schien es ihr doch Freude zu machen, wenn Reisende, die sie auf ihrer Wanderung trafen, mehr Achtung ihr zollten, als sich mit ihrer äußern Erscheinung auf den ersten Blick in Einklang setzen ließ. Ein paar Bauernburschen, die eine Viehherde vor sich hertrieben, ein paar lose Dirnen, die unterwegs zu irgend welcher Lustbarkeit sein mochten, ein vagabondierender Student und ein vagabondierender Kriegsknecht zogen wohl an unserm seltsamen Menschenpaare vorüber, ohne ihm sonderliche Beachtung zu schenken, ja ein paar ungezogene Straßenkinder, die Anstoß nahmen an der düstern, an Pilger erinnernden Kleidung der Greisin und sich weideten an der schmucken Tracht des Pagen, riefen ihm wohl auch hinterher: »Junge, wie kommst Du zu der alten Meßtrude?« aber es kamen auch andre, und ihrer waren es mehr, die noch Ehrfurcht im Herzen trugen vor der gefallenen Priesterherrschaft und, wenn sie sich auch erst scheu umherguckten, dann doch in Eile ein Kreuz über der Brust schlugen, das Knie vor der hohen Gestalt der Magdalena Gräme beugten, ihr die Hand oder gar den Saum ihres Gewandes küßten und in Demut aus ihrem Munde das » Benedicite !« entgegennahmen, dann scheu wieder in die Höhe fuhren und sich umguckten, ob sie auch ja von niemand gesehen worden seien, und raschen Schrittes ihre Wanderung fortsetzten. Die Gräme unterließ nicht, den Enkel auf diese Zeichen der Achtung und Ehrfurcht aufmerksam zu machen, die ihr von Zeit zu Zeit unterwegs zu teil wurden. »Du siehst, mein Sohn,« sagte sie dann, »unsre Feinde haben nicht vermocht, allen guten Geist aus dem Herzen unsers Volks auszurotten, die treue Saat keimt nach wie vor und mitten unter Ketzern und Schismatikern, mitten unter Gotteslästerern und Kirchenschändern erhält sich ein gläubiges Häuflein.« »Das ist wohl wahr, Mutter,« antwortete Roland, »aber mich will bedünken, als ob diese Kundgebungen in einer Weise erfolgten, die uns nicht von großem Nutzen sein wird. Ihr seht doch, daß alle, die ein Schwert tragen, oder sonstwelches Abzeichen höhern Standes führen, die Nase rümpfen, wenn sie an uns vorbei sind, als seien sie gemeinem Bettelvolk begegnet. Und wer uns Beweise von Teilnahme gibt, gehört doch immer bloß den niedrigen Ständen an, den ärmsten der Armen, dem Auswurf der Dürftigen. Die haben kein Brot für uns übrig und kein Schwert zu unserm Schutze, und wenn sie eins fänden, dann möchte es ihnen an der Festigkeit fehlen, es zu führen. Wie kann aus solchen Kreisen Gutes für uns kommen?« »Und doch, mein Sohn,« sprach die Gräme, »kehrt auch nur einer von diesen mit Gebrechen behafteten Armen geheilt aus der Kapelle des heiligen Ringan zurück,« -- und die Stimme der Greisin fand einen Klang so sanft und weich, wie er ihn noch nie bei ihr gehört hatte, -- »dann wird der Ruhm seines Glaubens und der Preis des ihm gewordnen Lohnes beredter zu unserm irregeführten schottischen Volke dringen als jenes Wort- und Phrasengeklingel dieser ketzerischen Leute, die sich auf die heiligen Kanzeln zu begeben wagen, allwo sie doch nichts zu suchen haben!« »Ich befürchte bloß, Mutter, dieser Heilige hat die Hand von uns gezogen, denn er hat sich in der letzten Zeit recht träge gezeigt und uns von seiner Heilkraft so gut wie gar kein Zeichen mehr gegeben!« »Und hat es unser Land wohl anders verdient?« fragte die Matrone, rasch vorwärtsschreitend, bis sie die Anhöhe gewonnen hatte, über die der Weg sie führte. Dann ließ sie den Blick um sich schweifen und sprach weiter: »Hier stand das Kreuz, die Mark des heiligen Marienklosters, -- hier, auf dieser Anhöhe, von der aus das Auge des frommen Pilgers zuerst das Kloster erschaute, die Grabstätte von Königen, die Wohnstatt von Heiligen, des Landes Licht und Fröhlichkeit! ... Und wo ist es nun, dieses Sinnbild unsers Glaubens? Tief am Boden liegt es, ein formloser Trümmerhaufen! Zu den gemeinsten Zwecken hat man sie hinweggeschleppt, seine Bruchstücke und Splitter, so daß alle Aehnlichkeit mit seiner ursprünglichen Gestalt geschwunden ist. Blicke gen Osten, mein Sohn, wo einstmals stattliche Türme von der Sonne bestrahlt wurden ... jetzt sind sie ihrer Kreuze beraubt, und ihre Glocken sind zerschellt -- blicke hinauf zu jenen Zinnen, deren Trümmer wir selbst auf solche Ferne zu erkennen vermögen -- und frage Dich, mein Sohn, ob solches Land von seinen gebenedeieten Heiligen, deren Kapellen es niedergerissen, deren Bilder es entweihet hat, andre Wunder erwarten darf als Wunder der Rache? Ha, wie lange,« rief sie, den Blick gen Himmel gerichtet, mit weithin schallender Stimme, »wie lange wird sie noch warten lassen, wie lange noch zögern?« Sie schwieg, dann hub sie wieder an mit Begeisterung, und ihre Worte jagten sich förmlich: »Ja, mein Sohn, alles hienieden währet nur seine Zeit, Freud folgt auf Leid, Sieg auf Niederlage, Regen auf Sonnenschein! ... Nicht immer wird der Weinberg zertreten, es kommen auch Tage, an denen die fruchtbringenden Reben wieder aufgebunden und ausgeputzt werden. Noch heute, noch in dieser Stunde erwarte ich wichtige Kunde zu vernehmen. Drum zögre nicht, mein Sohn, eilen wir! die Zeit ist kurz und das Gericht ist unausbleiblich!« Sie schlug wieder den zur Abtei führenden Weg ein, der keine Spur mehr von der früheren Sauberkeit an sich hatte, dessen Geländer niedergerissen war und stellenweis den Weg sperrte; und binnen einer halben Stunde standen sie vor dem prächtigen Kloster, das der Wut der Kirchenschänder nicht entgangen war, während sie die Kirche selbst verhältnismäßig geschont hatten. Die lange Zellenwand, die zwei Seiten des großen Vierecks eingenommen hatte, lag jetzt in Trümmern, das Innere war vom Feuer verzehrt, und nur die massiven Außenmauern waren verschont geblieben. Die Wohnung des Abtes, die die dritte Seite des Vierecks gebildet hatte, hatte zwar ebenfalls stark gelitten, war aber noch immer leidlich bewohnbar und diente jetzt den wenigen Brüdern als Unterkunft, denen aus besondrer Nachsicht der Aufenthalt in Kennaqhueir noch gestattet worden war. Die schönen Wirtschaftsgärten, der prächtige Blumengarten, die ernsten Kreuzgänge, einst den Brüdern zur Erholung bestimmt, alles war verwüstet, zertrümmert, geplündert. Mit Grausen betrachteten unsre beiden Pilgrime das Bild, das ihren Augen sich bot, aber weder die Greisin noch der Jüngling fanden Worte für die Empfindung des Abscheus, die ihre Herzen füllte. Roland wollte sich dem Hauptportal nähern, das nach Morgen zu gelegen war, aber die Greisin hielt ihn zurück. »Dieser Eingang,« sagte sie, »war lange verrammelt, um die ketzerische Rotte nicht wissen zu lassen, daß es noch Männer unter den Brüdern des Marienklosters gibt, die an der Stätte, wo ihre Vorgänger einst beteten und nun begraben liegen, Gott nach wie vor anzubeten wagen ... Folge mir auf diesem Wege, mein Sohn!« Und indem sie sich scheu umsah, ob sie beobachtet seien, denn in den gefährlichen Zeiten hatten sie es gelernt, Vorsicht zu üben, zeigte sie Roland ein kleines Pförtchen und befahl ihm daran zu klopfen. »Aber leise,« setzte sie hinzu, mit einer zur Vorsicht mahnenden Gebärde. Als nach einer kurzen Weile keine Antwort kam, gab sie Roland einen Wink, das Zeichen zu wiederholen. Endlich trat ein hagerer, furchtsam dreinschauender Pförtner in die halb geöffnete Tür, halb in Sorge, sich den Blicken der draußen Stehenden zu entziehen, halb bemüht, zu erfahren, wer Einlaß ins Gotteshaus begehre. Wie verschieden von dem stolzen Selbstgefühl früherer Tage, mit dem sich der feiste Klosterwart den Pilgern, die nach Kennaqhueir kamen, zeigte! Das feierliche Wort » Introite, mei filii «, mit dem er einst zum Eintritt aufforderte, erklang jetzt nicht, sondern mit ängstlich zitternder Stimme sprach er auf englisch: »Jetzt könnt Ihr nicht eintreten, denn die Brüder sind in ihren Zellen.« Als aber Magdalena Gräme mit gedämpfter Stimme fragte: »Heiliger Vater, hast Du mich vergessen?« da änderte er seine zurückweisenden Worte: »Tritt ein, geliebte Schwester im Herrn! schnell, schnell, denn es umlauern uns die Blicke der Argen!« So traten sie ein. Der Pförtner verrammelte und verriegelte eilig die Pforte wieder, dann führte er sie durch eine Reihe von düstern, gewundenen Gängen. »Unsre Väter,« sagte er unterwegs, »sind im Kapitelhause versammelt, würdige Schwester, um den neuen Abt zu wählen. Ach, und wir dürfen keine Glocken läuten, und kein Hochamt halten, die Hauptportale dürfen nicht geöffnet werden, damit das Volk seinen geistlichen Vater schaue und ehre. Unsre Väter müssen sich verstecken wie Räuber, die ihren Hauptmann, und nicht wie Mönche, die ihren insulierten Abt wählen.« »Auf wen, mein Bruder, wird die Wahl fallen?« fragte die Gräme mit Eifer. »Auf wen sie fallen kann?« versetzte der Bruder Pförtner, »oder, ach! wer wird es wagen, dem Rufe zu folgen, es sei denn der würdige Zögling des als heilig ausgerufenen Eustachius, der wackre, unerschrockne Bruder Ambrosius?« »Wußte ich es doch, hat mir mein Herz doch den Namen zugeraunt!« sprach Magdalena. »Tritt vor, Du mutiger Kämpe, und verteidige die verderbliche Bresche! stehe auf, kühner Pilot, und nimm das Steuer in Deine Hand, dieweil der Sturm raset! wende die Schlacht, Du kraftvoller Bannerträger! schwinge Schleuder und Krummstab, Du edler Hirt einer zerstreuten Herde!« »Verhaltet Euch, bitte, still, würdige Schwester,« sprach der Pförtner, »denn die Brüder werden gleich einziehen, die Wahl durch eine große Messe zu feiern; als Marschall muß ich sie zum Hochamt geleiten, denn alle Aemter dieser ehrwürdigen Stätte lasten jetzt auf den Schultern von mir armem, altem, müdem Manne!« Behutsam verließ er die Kirche, und Magdalena und Roland standen allein, in dem großen, gewölbten Raume, der den edlen Baustil der Gotik des vierzehnten Jahrhunderts aufwies. Aber auch hier hatten die Vandalen gehaust, nicht einmal die Gräber der Helden und Fürsten hatten sie geschont, die Lanzen und Schwerter, die über den Särgen gehangen hatten, lagen mit den Reliquien, die andächtige Pilger gespendet hatten, zusammen auf wüstem Haufen, und die Gestalten, die einst, von Künstlerhand gemeißelt, die Sargdeckel geschmückt hatten, lagen zwischen. Heiligenfiguren und Engelsköpfen, die gewalttätige Hände von ihren Simsen gerissen hatten. Das Traurigste aber war, daß die Mönche, obgleich nun Monate verstrichen waren, seit diese Greueltaten verübt worden waren, noch immer den Mut nicht gefunden hatten, den Schutt hinwegzuräumen und in der Kirche einen leidlichen Zustand von Ordnung zu schaffen. Und es wäre doch mit nicht allzuviel Mühe verbunden gewesen! Aber die ohnmächtigen Reste dieser einst so stolzen Gemeinschaft waren so kleinmütig, so verzagt, so schreckhaft geworden, daß sie sich, getragen von dem Bewußtsein, daß sie ihre Gegenwart bloß einem Uebermaß von Nachsicht und Milde verdankten, nicht dazu aufraffen konnten, irgend welche Schritte zu tun, die so hätten gedeutet werden können, als wollten sie alte Rechte wieder in Geltung setzen, sondern sich an der heimlichen und stillen Uebung ihrer kirchlichen Bräuche genügen ließen. Ein paar Brüder waren inzwischen dem Rufe ihres Herrn gefolgt, und zu ihrer Bestattung waren einige Aufräumungsarbeiten vorgenommen, aber auch auf das allernotwendigste beschränkt worden. Magdalena Gräme blieb vor einem dieser neuen Gräber stehen, das die sterblichen Reste des letzten Abtes Eustachius barg. »Zu guter Stunde für Dich, Du Heiliger, aber zu gar unglücklicher Stunde für die Kirche wurdest Du von uns gerufen. Laß Deinen Geist mit uns sein, erfülle Deinen Nachfolger mit Mut, in Deine Fußtapfen, zu treten, gib ihm Deine Kühnheit, Deine Klugheit, Deine Gewandtheit, Deinen Eifer und Deinen frommen Sinn!« Dieweil sie noch so sprach, tat sich eine Seitentür auf, und auf dem aus der einstigen Abtswohnung nach der Kirche führenden Gange, mitten zwischen Schutt und Trümmern, schritten sieben bis acht greise Männer, von Gram und Furcht gebeugt, und bebend und zitternd vor Alter, ebensoviel Gespenstern gleich, aufwärts zum Hochaltar, um dort ihr erwähltes Oberhaupt zum Vorsteher eines Schutthaufens zu weihen. Der Priester, dem das Amt eines Abts vom heiligen Marienkloster überwiesen worden war, war ein Mann, zu dem schweren Amte, das seiner wartete, geeignet wie keiner, kühn und schwärmerisch, und doch edelmütig und versöhnlich, klug und bedacht und doch schnell und eifrig, -- und es bedurfte bloß eines bessern Anlasses, als der Stürzung eines im Niedergange begriffnen Aberglaubens, ihn in die Reihe wahrhaft großer Männer zu rücken. Ein solcher Mann war Pater Ambrosius, der letzte Abt von Kennaqhueir. Seine Haltung bei dieser Feierlichkeit, die doch aller sonst hierbei vorhandnen Herrlichkeit entbehrte, breitete eine hehre Würde über die heilige Stätte wie über die frommen Teilnehmer, die aus Furcht, Kummer und Scham, im Bewußtsein der Gefahr, in der sie schwebten, geneigt waren, die Handlung so viel wie möglich abzukürzen, gleich als ob sie etwas vorhätten, das sie entwürdigen oder in andre verdrießliche Lage bringen könne. Nicht so Pater Ambrosius! Wenn er auch in tiefer Schwermut den Hauptgang hinaufschritt, zwischen den Ruinen von Gegenständen, die ihm heilig gegolten hatten, so zeigte seine Stirn doch keine Spur von Niedergeschlagenheit, und sein Gang war fest und würdevoll. Auf seinem Gesicht stand zu lesen, daß er die Herrschaft übernehme als keineswegs abhängig von äußern Umständen, unter denen sie übertragen werde, daß sich seine Sorge nicht zu erstrecken habe auf die Sorge um die eine oder um fremde Personen, sondern einzig und allein mit allen Fasern des ihm gewählten Denkens und Seins um die Kirche, deren Dienst er sich geweiht hatte. Der Weg, den er zu wandeln hatte, war beschwerlich, ein rechtes Abbild jenes andern Weges, der ihm im Leben bevorstand, aber endlich stand er doch auf den zertrümmerten Stufen des Hochaltars, barfuß, wie es vorgeschrieben stand, mit dem Hirtenstab in der bloßen Hand, denn Demantring und Inful, die mit kostbaren Juwelen besetzt gewesen waren, waren eine Beute der Plünderer geworden. Und keine Vasallen erschienen, ihre Huldigung darzubringen, ihr geistliches Oberhaupt mit Parade-Zelter und Prachtgeschirr zu versorgen; kein Bischof wohnte der Feierlichkeit bei, um den Prälaten, dessen Stimme bei der Gesetzgebung soviel galt wie seine eigene, in den Hochadel der Kirche aufzunehmen. Mit abgekürztem Zeremoniell traten die wenigen Brüder, die noch in der Abtei anwesend waren, an den Altar heran, um ihrem neuen Abte den Friedenskuß zu geben, der das Unterpfand sein sollte für brüderliche Liebe und geistliche Huldigung. Dann wurde die Messe gelesen, ebenfalls im beschleunigten Verfahren, und doch stockte der Priester, der sie las, und blickte sich wiederholt um, wie wenn ihn die bange Sorge befiele, mitten in der feierlichen Handlung gestört zu werden durch unheilige Elemente ... und die wenigen Brüder lauschten seinen Worten, wie von dem Wunsche beseelt, daß es bald, recht bald vorüber sein möge ... Diese Zeichen von Unruhe mehrten sich, je länger die heilige Handlung währte, und es gewann allmählich den Anschein, als sei nicht bloß Angst die Ursache dazu, denn jetzt ertönten in den Pausen des Festgesangs allerhand Klänge, von außen her, dazwischen. Schwach und in der Ferne begannen sie, kamen aber näher und näher an die Kirche heran, bis sie endlich anschwollen zu mißtönendem Geschrei, das den Festgesang der frommen Brüder übertönte. Dazwischen Hornstöße ohne Rücksicht auf Wohlklang, und Schellengeklingel und Trommelwirbel, Dudelsack-Pfiffe und Cymbelschläge, dann Johlen und Kreischen einer vielköpfigen Menge, Weiber- und Kindergekreisch, untermischt mit Männergebrüll, kurz ein Durcheinander von Lärm, daß es an das heidnische Babel erinnerte, zuerst die kirchlichen Hymnen übertönte, dann einschüchterte und gänzlich verstummen machte. Elftes Kapitel. Die Mönche verstummten, und gleich einer Herde Küchlein, in die ein Habicht hineinfährt, stoben sie zuerst auseinander und suchten nach verschiedenen Richtungen zu entfliehen, dann drängten sie sich, verzweifelnd an Rettung, um ihren neuen Abt. Er aber, mit dem gleichen unerschrocknen und festen Blicke, der während der ganzen feierlichen Handlung nicht von ihm gewichen war, stand auf der obersten Altarstufe, als wenn er sich des Platzes, der ihn zur Zielscheibe für die im Nahen begriffne Gefahr machte, in keinem Falle freiwillig begeben wolle, vielmehr seine Brüder durch die Gefährdung der eignen Person vor Gefahren zu schützen bedacht sei. Unwillkürlich traten Magdalena Gräme und Roland Gräme von dem Platze, an dem sie bislang geweilt, hinweg und an den Altar heran, wie wenn ihre Herzen sie trieben, der Gefahren, denen die Brüder entgegengingen, teilhaftig zu werden. Beide neigten sich tief vor dem Abt, und während Magdalena das Wort nehmen wollte, legte Roland die Hand an den Dolch und richtete den Blick fest auf die Pforte, vor der jetzt der Lärm am meisten zu toben anfing. Aber beiden gebot der Abt mit einer leichten Handbewegung Ruhe. Mit jedem Augenblick schwoll jetzt das Getöse. Es wurden Stimmen laut, die ungeduldig Einlaß begehrten. Der Abt trat ruhig und würdevoll an die Pforte und forderte in strengem, Achtung gebietendem Tone, wer hierher gekommen sei, fromme Andacht zu stören, und in welchem Begehr? ... Eine kurze Weile trat draußen Ruhe ein. Dann aber erscholl schrilles Gelächter. Und endlich antwortete eine höhnische Stimme: »Einlaß in die Kirche begehren wir, und wenn Ihr aufmacht, dann seht Ihr ja im Nu, wer wir sind.« »Auf wessen Vollmacht fordert Ihr hier Einlaß?« fragte der Abt. -- »Der hochwürdige Herr Abt hat's also verfügt,« versetzte die Stimme von außen, und dem Gelächter nach zu schließen, das auf diese Worte folgte, mußte es ein ganz besondrer Ulk sein, der draußen sich der Menge zeigte. »Ich verstehe den Sinn Eurer Worte nicht und will ihn nicht verstehen,« sagte darauf der Abt, »denn jedenfalls ist es etwas Ungeziemendes. Indessen geht in Gottes Namen und laßt seine Diener zufrieden! Und' wenn ich solches Euch künde, so geschieht es, weil ich Vollmacht besitze, hier zu befehlen.« »Aufgemacht!« rief eine grobe Stimme, »wir wollen Eure Vollmacht mit der unsern vergleichen, mein liebes Mönchlein, denn auch wir gehorchen einem Oberhaupt das gewohnt ist, ersten Baß zu spielen.« »Brechstangen her!« rief ein dritter, »wenn der Kerl noch lange salbadert!« Ein wüstes Geschrei folgte auf die Worte. »Wir haben keine Lust, die schuftigen Mönche noch lange zu betteln, die uns bloß unsre Gerechtsame verkürzen!« rief ein vierter. »Jawohl, unsre Gerechtsame!« johlte die Menge. »Schlagt die Türen ein! Rückt dem faulen Gesindel, die unserm Herrgott den Tag abstehlen, zu Leibe!« Jetzt schlugen die Missetäter mit eisernen Hämmern gegen die Tore, und bei der Wut, mit der die Schläge geführt wurden, bestand keine Aussicht, daß die Tore lange sich halten würden. Der Abt sah ein, daß Widerstand müßig sein würde, und um die Kirchenstürmer nicht durch solchen Versuch noch zu stärkerer Wut zu reizen, bat er ernstlich um Ruhe, erlangte über nur mit Mühe Gehör. »Meine Kinder,« redete er die Menge an, »ich will versuchen, ob es meinen Worten gelingen mag, Euch vor schwerer Sünde zu bewahren, die Ihr zu begehen Euch anschickt. Der Pförtner wird gleich zur Stelle sein, das Tor zu öffnen. Er ist auf dem Wege nach den Schlüsseln. Inzwischen geht mit Euch zu Rate, ob Ihr in einer Stimmung seid, wie sie vorhanden sein soll, um den Fuß über eine heilige Schwelle zu setzen.« »Lirum larum mit Eurem Gewäsch!« wurde draußen geschrieen, »niemals war's den Mönchen so wohl, als wenn sie Brühsuppe aßen mit Kohl. Drum, hat Euer Pförtner nicht Zipperlein vom Bier und Wein und Branntewein, so bringt ihn trab trab auf die Schemelbein', kommandiert ihm ein bißchen Eile, sonst brechen wir ein sonder Weile! ... »Na, Jungens, war das nicht fein geredt?« »Fein geredt!« brüllten draußen ein paar Dutzend Kehlen, »und so sein wie Eure Rede war, so sein wollen wir uns auch benehmen!« Und wäre nicht im selben Augenblick der Pförtner mit den Schlüsseln gekommen, so hätte der Pöbel draußen ihn der Mühe des Aufschließens ganz sicher enthoben. Der Pförtner aber; kaum, daß er den Schlüssel herumgedreht hatte, flüchtete erschrocken wie ein Schleusenmeister, der das Wehr aufgezogen hat und von der hereinbrechenden Flut ereilt zu werden fürchtet. Die Mönche hatten sich, wie scheues Wild, hinter ihren Abt geflüchtet, der allein ein paar Schritte vorm Eingange dastand, ohne weder Bestürzung noch Furcht zu zeigen. Ein lautes Gelächter brach aus, als die Pforte sich auftat, aber es flutete keine Schar wilder Frevler, wie Abt und Mönche erwartet hatten, in das Gotteshaus. Im Gegenteil dröhnte der Ruf über die Menge: »Halt, Ihr Herren, halt! laßt den beiden ehrwürdigen Patres doch Zeit, sich zu beschnopern! Also geziemt es sich, und keiner verstoße dagegen!« Ein wieherndes Gelächter folgte der Rede. Es war ein wunderlicher Schwarm, dem diese Stimme Ruhe gebot, und abenteuerlich im höchsten Maße. Männer, Weiber, Kinder, in buntem Durcheinander und auf die possierlichste Weise herausgeputzt! Da war einer vorn mit einem Pferdekopf und hinten mit einem Pferdeschweif, in eine große Pferdedecke gehüllt, die ihm das Aussehen eines Pferdes geben sollte. Ein andrer war als Drache vermummt, mit mächtigen Flügeln aus Goldpapier und einem Rachen voll gräßlicher Zähne, zwischen denen eine spitzige, scharlachrote Zunge spielte. Der Drache schnappte nach einem Buben, der als Königin von Saba herausstaffiert war und mit langen Beinen vor ihm ausriß, und zwischen beide drängte sich ein martialischer Sankt-Georgsritter, statt eines Helms mit einem Punschnapfe auf dem Kopfe und statt der Lanze mit einem Bratspieß in der Faust. Dem Jungen aber gelang es, dem Drachen, und dem Drachen, dem Ritter zu entkommen. Dann kam ein Bär und ein Wolf und noch ein paar andre wilde Bestien, und alle suchten es dem Schneider Snug in Shakespeares Sommernachtstraum gleichzutun und waren die echten Muster von Vorsichtskommissarien, die durch den beschränkten Gebrauch ihrer künstlichen Hinterfüße niemand im geringsten Zweifel ließen darüber, daß sie nur armselige Zweifüßler waren. Dann kam eine Gruppe von Bösewichtern à la Robin dem Roten oder Kohlhaas, und das war entschieden die beste Gruppe in der ganzen tollen Gesellschaft, was übrigens insofern erklärlich war, als es dem Gewerbe nach zumeist Komödianten waren, die sie darstellten. Männer waren kostümiert als Weiber, und Weiber waren kostümiert als Männer, Kinder liefen als Greise an Krücken und mit Stöcken, in großen Flausröcken und mit wollnen Hauben auf den Flachsköpfen, während Großväter und Großmütter als kleine Kinder sich herausgeputzt hatten. Und wem die Mittel oder die Gedanken zu einem Kostüm gefehlt hatten, der hatte sich wenigstens Gesicht und Hände rot oder schwarz bemalt und das Futter seines Wamses nach außen gewandt, und so war mit einem Male die ganze Menschheit hier vor dem Kloster in einen Trupp der tollsten Maskerade verwandelt, die man sich selbst mit der buntesten Phantasie nicht bunter ausmalen konnte. Die Krone der Maskerade war aber der »Abt der Unvernunft«, eine Maske, die jetzt in vollem Kostüm ihren Aufzug nach dem Haupteingange der Klosterkirche hielt, und zwar als lebendiges Konterfei des wirklichen Oberhauptes, zu dessen Begrüßung sie an seinem Weihetage, in Gegenwart seiner Klosterbrüder und im Chore seiner Amtsbrüder, sich eingefunden hatten. Dieses Konterfei eines Prälaten war ein stämmiger, untersetzter Mensch, der sich einen echten Falstaffswanst ausgestopft hatte, eine Inful aus Leder trug, die vorn wie ein Grenadiershelm, mit allerhand verrückter Stickerei und Flitterwerk aus Blech verziert, aussah, die aber noch unendlich stark von einem Gesicht übertroffen wurde, dessen wichtigster Bestandteil die Nase war, die sich als ein »Lötkolben« von ganz ungewöhnlicher Größe erwies und reicher als der reichste Hals- und Kopfschmuck mit Rubinen besetzt war. Sein Chormatel war aus Wachsleinwand und das Meßgewand aus Segeltuch, mit seltsamer Malerei versehen und aufgeschlitzt. Auf der einen Schulter war das Bild einer Eule befestigt und in der rechten Hand trug er den Hirtenstab, in der linken aber einen kleinen Spiegel mit einem langen Griff, so daß er dem bekannten Hansnarren Eulenspiegel, und zwar solchem in der Kutte, glich. Die Begleiter dieses Eulenspiegel-Prälaten trugen ihre eigne Tracht mit dem dazu passenden Zubehör und äfften auf die gleiche verrückte Weise die verschiedenen untern Klosterämter nach, wie ihr Führer den Klosterabt. Sie folgten demselben in langer Prozession, und die buntscheckigen Masken drangen nun hinter ihm her in die Kirche mit dem Geschrei: »Platz, Platz dem ehrwürdigen Pater Eulenspiegel, dem gelahrten Mönche Ohnezucht, dem hochwürdigen Abte der Unvernunft!« Dazu stimmte die Kohorte ein wüstes Konzert an von allerhand Klängen und Tönen. Die Kinder quiekten und heulten, die Männer lachten und tobten, die Weiber kreischten und kicherten, die Bestien heulten, der Drache zischte, das Steckenpferd wieherte, bockte und schmiß, und alles hüpfte und tanzte durcheinander, stampfte mit den Nägelschuhen gegen die, Steinplatten, daß die Funken stoben, kurz es waren ein Tohuwabohu, wie man es sich toller und verrückter gar nicht denken konnte. Die Mönche blickten mit Angst und Bangen auf ihren Abt, und der Abt schien selbst in großer Verlegenheit. Er fühlte zwar keine Furcht, hingegen konnte er sich nicht verhehlen, daß es in hohem Grade gefährlich werden konnte, wenn er oder einer seiner Mönche Unwillen laut werden liehen. Er gab mit der Hand ein Zeichen, als wolle er Ruhe gebieten, das jedoch im ersten Augenblick nur mit wieherndem Gelächter beantwortet wurde. Aber als die gleiche Handbewegung zum andern Male Stille gebot, da leisteten die unwirschen Patrone ohne weiteres Gehorsam, denn sie erhofften sich von einer Zwiesprach zwischen dem wirklichen Abte und dem von ihnen ausstaffierten Konterfei das größte Gaudium. Deshalb begannen sie jetzt zu schreien: »Munter, munter, ihr Patres! flott ins Geschirr, Bruder Mönch! flott ins Geschirr, Pfaff Eulenspiegel! Abt gegen Abt ist kein übler Fall, und Vernunft gegen Unvernunft ein feiner Strauß!« »Silentium, Kumpane!« rief Eulenspiegel-Abt, »sollen zwei wohlgelahrte Kirchenpatres sich nicht zusammen ausquatschen können, ohne daß Ihr dazwischen quakt wie die Frösche? Silentium, sage ich. Gönnt dem weisen Pater und mir Zeit und Weile, uns zu beraten über Dinge, die unser beiderseitiges Verhältnis und Ansehn betreffen.« »Meine lieben Kinder,« hub Pater Ambrosius an. »Dito, meine lieben Kinder, und meine Glückspilze von Kindern!« sagte sein Konterfei, »es läuft so manches Kindlein unter der Sonne herum und kennt seinen eignen Vater nicht, und da ist's wohl schön und gut, wenn sie die Auswahl haben zwischen zweien!« »Ist Dir noch sonst etwas geblieben außer Spott und Hohn und Eulenspiegelei?« fragte der Kirchen-Abt, »dann laß mich, um Deines eignen Seelenheiles willen ein paar Worte sprechen zu diesen irre geleiteten Menschen!« »Ob mir andres geblieben außer meiner Eulenspiegelei?« wiederholte der Abt der Unvernunft. »Ei, ei, würdiger Bruder in Christo, mir ist alles geblieben was der Mensch braucht, um Mensch zu sein, mein Rind- und Schweinefleisch, mein Bier und Schnaps, und andrer Leckerbissen gar nicht zu erwähnen, Kollega! ... Na, quatsch Dich nur aus, wir wollen uns messen, wie es Brauch ist zwischen ein Paar ehrlichen Streithengsten ... gleiche Kappen, gleiche Waffen!« Der Zorn der Frau Gräme war auf den Höhepunkt gestiegen. Sie trat zu dem Abt und sprach mit leiser Stimme, aber in festem, entschiedenem Tone: »Wachet auf und erhebet Euch, frommer Vater! Das Schwert des heiligen Petrus ruhet in Deiner Hand. Zieht es und rächet das Erbe Sankt Petrus'! Schlagt sie in Ketten, mit denen auch im Himmel gefesselt bleibt, wen die Kirche auf Erden in Fesseln gelegt hat!« »Ruhe, Schwester!« sprach der Abt, »ihre Torheit soll uns nicht der Fassung berauben! sei still und laß mich meines Amtes walten! es ist das erste und mag vielleicht das letztemal sein, daß ich mich hierzu berufen fühle.« »Nicht doch, mein frommer Bruder in Christo,« sagte darauf Eulenspiegel-Abt, »richte Dich doch nach den Worten der alten Madam. Ist doch noch kein Kloster gediehen ohne Weiberhilfe!« »Sei still, Du Tor!« erwiderte der Kirchen-Abt, »und Ihr, meine Brüder --« »Nicht doch,« fiel ihm Eulenspiegel-Abt in die Rede, »keinen Quatsch mit dem Laienvolk, als bis Ihr Euch mit Eurem Bruder mit der Schellenkappe besprochen und beraten habt. Ich schwör es bei Meßbuch und Glocke und Kerze, daß keiner von meiner Sippe Euch anhören soll. Also wendet Euch an mich mit Eurer Rede, denn mich findet Ihr bereit zu hören und Antwort zu geben.« Abermals versuchte der Kirchen-Abt, an die Empfindungen bessrer Art zu appellieren, die einst unter den Gliedern dieses geistlichen Distrikts verbreitet waren, aber der Abt der Unvernunft brauchte nur seinen Schellenstab zu schwingen, und das Schreien und Toben der Menge nahm wieder überhand, daß es den Zungen der stärksten aller Stentorstimmen widerstanden hätte. »Und nun, Kumpane,« nahm der Abt der Unvernunft wieder das Wort, »haltet noch einmal die Mäuler, und laßt uns erproben, ob der Kampfhahn von Kennaqhueir kämpfen oder vom Kampfplatze fliehen wird.« Wiederum trat eine Pause ein, die Pater Ambrosius wahrnahm, sich an den Gegner zu wenden, weil er keine andre Möglichkeit ersah, sich auf andre Weise Gehör zu schaffen. »Armer Mann,« sagte er, »weißt Du keine bessre Anwendung für Deinen ungeschlachten Witz, als daß Du ihn nützest, diese verblendeten Menschen in den Abgrund der Finsternis zu führen?« »Bruder in Christo,« versetzte mit Lachen der andre, »auf die Art kriegen wir die Karre nicht in Gang! Noch immer stehen wir einander nicht anders gegenüber, als daß Ihr aus einem Jux einen Sermon, und ich aus einem Sermon einen Jux mache.« »Wollt Ihr denn wirklich dulden,« wandte der Kirchenabt sich wieder an die Menge, »daß ein von Gott abtrünniger Possenreißer Gottes Diener an heiliger Stätte verhöhne? So mancher von Euch hat unter meinen heiligen Vorgängern gelebt, vielleicht ihr alle! Unter meinen Vorgängern, die berufen waren zu herrschen dort, wo ich berufen sein soll zu leiden. und nennt Ihr weltliche Güter Euer eigen, so besitzt Ihr sie aus den Händen meiner Vorgänger; und standen Euch, sofern Ihr sie nicht verschmähtet, nicht jederzeit auch bessere Gaben zur Verfügung, wie die göttliche Gnade und die Vergebung der Sünden? Haben wir nicht, während Ihr fröhlich waret, gebetet für Euer Seelenheil? haben wir nicht für Euch gewacht, dieweil Ihr schliefet?« »So haben wohl die Klostermuhmen immer gern gefaselt,« hub Eulenspiegel-Abt an, aber diesmal fand sein Spott nur mäßigen Beifall, und Pater Ambrosius nahm den Vorteil des Umschwungs in der Stimmung mit Eifer wahr. »Geziemt es sich für Euch,« fuhr er fort, »ein Paar Greise mit Hohn zu überschütten, deren Vorgänger Euch und Euren Eltern und Ureltern immer nur Gutes erwiesen? die keinen andern Wunsch mehr hienieden haben, als in Ruhe und Frieden unter den Trümmern der Stätte zu sterben, die einst der Ruhm des Landes war? die täglich zu Gott ihrem Herrn bitten, sie früher abzurufen, als der letzte Funken verlöschen und dieses Land in Finsternis begraben wird? Wir haben die Schärfe des geistlichen Schwertes nicht gegen Euch gerichtet, als Ihr unsrer Ländereien uns beraubtet, als Ihr uns alles nahmt, was uns bisher den kargen leiblichen Unterhalt lieferte, den dieses Land uns spendete. Nein! bloß um das eine haben wir gebettelt, daß Ihr uns sterben lasset an der Stätte, da wir zu unserm Gott gebetet haben zeit unseres Lebens, daß Ihr uns auch weiter vergönnt, für Euer Seelenheil zu beten zu Gott und unsrer lieben Frau, auf daß uns und Euch die Sünde verziehen werde, die uns allen anhaftet! und dazu bitten wir heute noch, daß Ihr uns in unserm stillen Werke nicht stören möget durch solchen Mummenschanz und solches Possenspiel, das Gott nicht wohlgefällig, sondern ein Aergernis ist!« Und so verschieden war diese Rede in ihrem Ton und ihrem Schlüsse von derjenigen, die die Menge hier zu vernehmen gerechnet hatte, daß sie eine Wirkung erzielte, die der Fortsetzung des possenreißerischen Treibens nicht günstig war. Die Tänzer mit den schwarzbemalten Gesichtern standen still, das Steckenpferd bockte nicht mehr. Pfeife und Trommel verstummten, und eine düstre Stille fing an, über das wilde Völkchen sich zu legen. Und der Kirchenabt stand mit zuversichtlicher Miene auf dem gleichen Plätze wie von Anbeginn und die frommen Brüder begannen wieder Mut zu fassen. Aber Eulenspiegel-Abt war nicht gewillt, seinen Plan so schnell fallen zu lassen. »Ei, ei, Kumpane,« rief er lustig, »heißt das spielen, wie es sich gehört? habt Ihr mich darum, zum Abte der Unvernunft erwählt, weil Ihr vernünftiger Rede Gehör geben wollt? Bin ich darum durch Euer feierliches Kapitel im Martinschen Leihhause zum Abte der Unvernunft gekürt worden? Spielt das Spiel zu Ende, und helft mir jeden Wortvergessnen unsers Ordens mit Sang und Klang unters Wehr zu tauchen!« Der Pöbel, wie immer wetterwenderisch, ließ ein lautes Hurra erschallen, und der ganze Hexensabbat hub von neuem an. Aber es wäre dem Abte Ambrosius ohne Zweifel noch einmal gelungen, durch seine Reden und Bitten den Sieg zu gewinnen, hätte nicht Frau Magdalena Gräme sich verleiten lassen, dem Unwillen Raum zu geben, der so lange in ihrer Brust schon tobte. »Ihr Spötter! Ihr Gotteslästerer, Ihr Belialskinder!« eiferte sie. »Ruhe, Schwester, ich befehle es Euch, ich bitt Euch darum,« sagte der Kirchenabt, »lasset mich meine Pflicht tun und, störet mich in der Ausübung meines Berufs nicht durch selbstwilligen Eingriff!« Aber die Gräme fuhr fort zu eifern und zu wettern, bis der Abt der Unvernunft das Wort nahm und unter Lachen rief: »Kumpane! auch nicht eine einzige verständliche Silbe hat die alte Dame über ihre Lippen gebracht: drum mag sie nach dem Gesetze unsers Ordens freigesprochen werden von jeglicher Schuld! Aber was sie gequatscht hat, war vernünftig gemeint, drum soll sie erklären, daß es Quatsch gewesen, wenn sie nicht Bekanntschaft machen will mit dem Wehr. So steht's in den Statuten unsers Ordens, und also wollen wir's halten! ... Darum, mein frommes Madamchen, ob Ihr nun Pilgerin seid oder Aebtissin, Küchen- oder andre Nonne, laß ab von Deinem Faschingsquatsch, oder nimm Dich vorm Wehr in acht! Wir brauchen in unserm Sprengel der Unvernunft weder geistliche noch weltliche Schimpfmäuler.« Mit diesen Worten streckte er die Hand aus nach der Greisin, und seine Kumpane schrieen: »Vor den Schöppenstuhl mit ihr! vor den Schöppenstuhl!« Aber als sich Eulenspiegel-Abt anschickte, dem Begehr der Menge zu folgen, da ereignete sich plötzlich ein Vorfall, der ihn unfähig dazu machte. Roland Gräme, dem schon lange die Hand juckte, geriet außer sich über diese seiner bejahrten Verwandten angetane Schmach und stieß, indem er sich der angebornen Heftigkeit seines Temperaments überließ, dem Eulenspiegel-Abt den Dolch in den Bauch, daß der Dickwanst wie ein Klotz zu Boden niederschlug. Zwölftes Kapitel Der Pöbel, auf so grauenhafte Art in seiner Freude gestört, erhob ein furchtbares Rachegeschrei. Aber für den ersten Augenblick hielt ihn das flammende Auge und der Dolch in der Hand des Jünglings in Schranken, im Verein mit dem Bewußtsein, daß ihm jegliche Waffe fehlte. Der Abt aber, ob dieser Gewalttätigkeit tief entsetzt, hob die Hände zum Himmel und flehte um Vergebung ob des in den heiligen Mauern vergossenen Blutes. Bloß die Gräme war verzückt vor Freude über die Strafe, die ihr Tochtersohn diesem sündigen Spötter erteilt hatte, wenngleich sich langsam die Bange ob des Schicksals, das diesem Sproß ihres Geschlechts nun winkte, an sie heranschlich. Indessen hatte die Menge sich umsonst ereifert, die Gräme sich umsonst gefreut und umsonst gebangt, und der Kirchenabt sich umsonst bekümmert, denn der Eulenspiegel-Abt, den alle Welt auf den Tod verwundet wähnte, sprang plötzlich puppenlustig von der Erde auf und stimmte ein helles Gelächter an. Dann rief er: »Ein Wunder, Kumpane, ein Wunder! so herrlich und groß, wie es die Kirche von Kennaqhueir noch nie erlebt hat, so lange sie steht ... Und nun befehle ich Euch, Kumpane, als Euer gewählter Abt, daß Ihr an niemand Hand legt! ... Wolf und Bär, vorgetreten! Ihr beide nehmt den naseweisen Musje unter Obhut, sorgt aber, daß ihm kein Leid geschehe! Und Ihr, ehrwürdiger Herr Kollega, werdet Euch mit Euren Brüdern in Eure Zellen zurückziehen, denn unsre Zwiesprach ist zu Ende, wie all solche Dispute, bei denen jeder auf dem bestehen bleibt, was er sich in seinen Dickkopf gesetzt hat. Ich rechne drauf, daß Ihr Euch fügen werdet, denn sollte es zu einem Kampfe kommen, so müßtet Ihr doch unbedingt den kürzeren ziehen. Drum geht, und wir, Herr Kollega, wir werden auch nicht länger hier verweilen. Umsoweniger,« setzte er in weit natürlicherem und freundlicherm Tone als bisher hinzu, »als es unsre Absicht ja überhaupt nicht war, Euch Böses zu tun. Vergeßt nicht: Hunde, die viel bellen, beißen wenig, und es ist immer das klügste, die Partie aufzugeben, so lange man noch gute Karten kriegt. Drum geht, sage ich Euch nochmals. Laßt die Leute ruhig austoben. Mit der Zeit bekommen sie den Spuk von selber satt. Ueberlaßt es dem Abte der Unvernunft, sie wieder zur Vernunft zu bringen!« Auch die Brüder drangen in den Abt, dem Strome zu weichen. »Nun, so geschehe es nach Eurem Willen!« sagte endlich Abt Ambrosius. »Begebt Euch in Eure Zellen, und Euch, Magdalena Gräme, bei dem Gehorsam, den Ihr mir schuldig seid und bei der Rücksicht, die Ihr auf Euren Enkel zu nehmen habt, befehle ich, mit uns zu gehen ohne jedes weitere Wort! Euch aber, böser Mann, frage ich, was habt Ihr mit dem Jünglinge vor? Ihr wißt,« setzte er in strengerm Tone hinzu, »daß er die Livree des Hauses von Avenel trägt. Und wer den Zorn des Himmels nicht scheut, der möge zum wenigsten den Unwillen der Menschen nicht außer acht lassen!« »Um seinetwillen laßt Euch kein graues Haar wachsen, Herr Abt,« erwiderte Eulenspiegel, »wer der Musje ist und was der Musje ist, das wissen wir recht gut.« »Gewährt meiner Fürsprache Gehör,« sprach der Abt in bittendem Tone, »und tut ihm nichts zu leide! es war jugendlicher Uebereifer, der ihn zu der Tat spornte.« »Ich sage Euch ja, macht Euch um seinetwillen keine Sorge,« wiederholte Eulenspiegel, »aber entfernt Euch mit Eurem Gefolge, sonst kann ich mich nicht verbürgen, daß Eurer zelotischen Madam der Sprung ins Wehr erspart bleibt ... Und was die Nachträgerei anbetrifft, so laßt Euch sagen, daß in meinem Herzen dafür kein Raum ist. Dazu ist mein Bauch zu fein mit Häcksel und Wachstuch ausgestopft ... das hat den Dolch des jungen Brausekopfs verhindert, seine Wirkung zu tun.« Durch diese Worte einigermaßen beruhigt, zog sich der Kirchen-Abt an der Spitze seiner Mönche zurück, während der Eulenspiegel-Abt sich an die Lärmer wandte, die trotz ihrer tollen Laune sich so lange ruhig verhielten, bis der letzte Mönch durch die Seitentür verschwunden war, die zu ihrem Wohnhause führte. Soviel hatte die Rede des Abtes doch bei ihnen gefruchtet. Und selbst nachher noch bedurfte es mehrfacher Anregung von seiten Eulenspiegels, um den Geist des Aufruhrs noch einmal wachzurufen, nachdem er in solcher Weise gedämpft worden war. Da aber trat in der Gestalt eines Ritters in voller Rüstung und in Begleitung von drei bis vier Bewaffneten eine neue Erscheinung auf die Bühne dieser wunderlichen Handlung. Mit strenger Stimme befahl er auf der Stelle die Einstellung des ungebührlichen Mummenschanzes. Das Visier des Ritters war aufgeschlagen, aber auch ohnedem hätte jeder sofort an dem Helmzierate des Palmenzweigs erkennen müssen, daß er in dem Ritter den Schloßherrn von Avenel, Sir Halbert Glendinning, vor sich habe. Auf seinem Heimritt war er zufällig grade zurzeit des Tumults durch das Dorf Kennaqhueir gekommen und hatte sich, vielleicht um das Schicksal des eignen Bruders besorgt, sofort nach der Kirche begeben. »Was soll das heißen, Leute?« rief er empört, »seid Ihr Christen und Untertanen eines christlichen Königs und verwüstet Kirche und Chor wie gemeine Heiden?« Alle standen stumm da, wenn sich auch manche gar nicht zurechtlegen konnten, wie es einem protestantischen Ritter beikommen könne, sich einer katholischen Kirche auf solche Weise anzunehmen. Endlich übernahm es der Drache, für seine Gefährten eine Rechtfertigung zu versuchen, und er brummte, »es sei doch bloß geschehen, um den Götzendienst der Päpste aus dem Lande zu fegen.« »Was setzt Ihr Euch da für Unsinn in den Kopf?« fuhr der Ritter den Drachen an. »Daß solcher Mummenschanz weit Schlimmeres in sich birgt als diese steinernen Mauern, das leuchtet Euch wohl nicht ein? Solch zügelloses Treiben ist eitel Torheit und Frevel. Drum tut ihm Einhalt und zerstreut Euch in Ruhe!« »Nu, da hätten wir ebenso gut römisch bleiben können,« brummte der Drache, »wenns nach wie vor verboten sein soll, sich einen Jux in seiner freien Zeit zu machen.« »Ist das ein Zeitvertreib für einen anständigen Kerl, auf dem Boden herumzukriechen wie ein Ungetüm von Kohlraupe?« fragte der Ritter, »mach, daß Du aus Deinem Gehäuse herauskommst, oder ich will Dich traktieren, wie man's mit solchem Gewürm macht, zu dem Du Dich selbst erniedrigst.« »Gewürm?« wiederholte knurrend der Drache, »von Eurer Eigenschaft als Ritter abgesehen, ist meine Herkunft wohl nicht schlechter als die Eurige.« Der Ritter versetzte dem Drachen statt aller Antwort ein paar Püffe mit dem Lanzenschafte, daß bloß die Rippen seines Drachenschweifs ihn vor dem Bruche der Rippen seines Leibes schützten. Eiligst kroch nun der Mann aus seinem Drachenleibe heraus und entpuppte sich dem Ritter als sein alter Kamerad Daniel von Howlethirst, der so manches Abenteuer mit ihm erlebt hatte, ehe das Schicksal ihn so hoch über den Stand seiner Geburt emporheben sollte. Der Bauer glotzte den Ritter knurrig an, wie wenn ihm heftige Vorwürfe über solche Grobheit auf den Lippen schwebten. Glendinnings Gutmütigkeit brach schnell wieder hervor und es tat ihm selbst leid, daß er den Mann so derb geschlagen hatte. »Hätt ich Dich gekannt, Daniel, wär's Dir nicht so ergangen,« sagte er zu dem Bauern, »aber ich hab Dich wahrlich nicht in solch alberner Tracht vermutet. Ein toller Schlingel warst Du ja immer, das muß ich sagen. Aber komm mit hinauf aufs Schloß, und wir wollen mal probieren, wie meine Falken fliegen.« »Und zeigt Ihr ihm nicht Falken, die wie Raketen steigen,« mischte der Abt der Unvernunft sich ein, »dann müßten meine Knochen Euren Lanzenschaft ganz ebenso fühlen wie vorhin seine.« »Was?« rief der Ritter, »Du Halunke bist auch dabei?« Eulenspiegel-Abt hatte im Nu die falsche Lötkolben-Nase abgerissen und den Bauch von sich abgestreift und die Schellenkappe vom Kopfe genommen, und stand nun da als Falkner Adam Woodcock. »Kerl, Du hast Dich erfrecht, solchen Tanz aufzuspielen, und obendrein in dem Hause, das meinem Bruder als Wohnstatt dient?« herrschte der Ritter ihn an. »Grade wegen des Tanzes, Euer Gnaden, hab ich's mir herausgenommen,« erwiderte der Falkner, »denn ich hatte gehört, daß man in der Gegend vorhabe, einen Abt der Unvernunft zu wählen, und da hab ich mir gesagt, daß es bloß zu Dummheiten kommen könne, wie sie mir recht sein würden, wenn sich's einrichten ließe, daß die Wahl auf mich träfe. Das ist eingetroffen, und so hab ich Eurem Bruder wohl zu einem bißchen Verdruß verhelfen müssen, aber hab ihn vielleicht dadurch vor schwererem Leid bewahrt.« »Du bist ein geriebener Patron, Woodcock, das weiß ich schon eine Weile, und mehr als die Anhänglichkeit an mich und mein Haus ist's die Lust an Lärm und Narretei, die Dich hierher geführt hat. Aber sorge drum, führe Deine Kumpane sonst wohin, nur hier im Gotteshause habt Ihr nichts zu suchen. Da hast Du ein paar Kronen für die Zeche. Beschließt den Tag so toll, wie Ihr ihn begonnen habt, aber richtet keinen Schaden weiter an, sondern vergeßt nicht, daß Ihr morgen wieder in Eurem Berufe arbeiten sollt. Drum tut's Euch nicht gut, daß Ihr Euch heute betragt wie Raubgesindel!« Dem Befehle seines Dienstherrn gehorsam, rief der Falkner seine Leute zusammen und raunte ihnen zu: »Fort, fort von hier! und zur Frau Martin hin, der Brauersfrau! Dort wollen wir Kehraus machen. Zieht ab mit Drommel und Dudelsack, aber fein manierlich und still, bis Ihr über den Kirchhof seid, dann könnt Ihr Euch zeigen wieder als die Bestien, die Ihr hier wart ... aber, was zum Teufel, hat bloß den Ritter über uns gebracht, daß er uns stören mußte in unserm Spiele! Merkt Euch bloß eins, Kumpane, den böse zu machen, ist keinem zu raten, denn seine Lanze ist keine Flaumfeder. Unser Daniel wird's schon gemerkt haben.« »Na, wenn mir ein andrer das angetan hätt,« rief Daniel, »und nicht mein alter Kamerad, dann hätt ich ihm meines Vaters Hirschfänger um die Ohren gehauen!« »Still, Kamerad, still!« versetzte Adam Woodcock, »in diesem Tone kein Wort weiter! kommt's nicht als gar zu grobes Wetter über einen, dann muß man sich halt ducken.« »Mir paßt's aber nicht, mich zu ducken,« brummte Daniel, als Woodcock ihn aus der Kirche hinausziehen wollte, und stemmte sich mit Händen und Beinen dagegen. Da traf der scharfe, durchdringende Blick des Ritters die beiden Kämpfenden, und er rief: »Heda, Falkner Woodcock, noch ein Wort!« und er zeigte auf den zwischen seinen beiden Wächtern, dem Wolf und dem Bären, befindlichen Pagen, »hast Du den Pagen meiner Frau in dieser Livree hierher gebracht, Schurke, damit er an Eurem hirnverbrannten Unfug mit teilnehme? ... Dann hättet Ihr doch wenigstens soviel Anstand wahren sollen, mein Haus nicht zu kompromittieren, und ihn auch in so eine Hanswurstjacke stecken können, wie Ihr sie tragt ... Bringt mir den jungen Menschen her, Ihr Bursche!« Adam Woodcock war ein zu ehrlicher Gesell, um an Roland Gräme eine Schuld haften zu lassen, die ihn nicht traf, und er sagte: »Euer Gnaden, ich schwöre Euch, der Knabe ist nicht hierher gekommen auf meine Weisung oder durch meine Vermittlung, am wenigsten in solcher Absicht.« »Aber um die eigne Lust an Spektakel solcher Art zu befriedigen,« sagte der Ritter, »wird er sich wohl hergefunden haben, das kann ich mir denken.« Dann wandte er sich zu Roland. »Hierher, junger Springinsfeld, und gebt mir Bescheid, ob Eure Herrin Euch erlaubt hat, Euch soweit vom Schlosse zu entfernen und meine Livree durch Teilnahme an solchem Mummenschanz zu schänden!« »Sir Halbert Glendinning,« versetzte Roland Gräme mit Entschiedenheit, »Eure Gemahlin hat mir vielmehr befohlen, über meine Zeit hinfort nach eignem Ermessen zu verfügen. Mir war das Schauspiel hier im höchsten Grade zuwider, das hab ich dem Eulenspiegel-Abt zu kosten gegeben, und Eure Livree trage ich bloß so lange, bis ich Sachen mir schaffen kann, an denen solches Zeichen der Knechtschaft nicht haftet!« »Wie soll ich das verstehen, junger Mensch?« sagte Sir Halbert Glendinning, »rede deutlich! Rätsel zu raten ist nicht meine Sache ... Daß meine Gemahlin einen Narren an Dir gefressen hatte, weiß ich. Was hast Du Dir zu schulden kommen lassen, daß sie Dir den Laufpaß gegeben hat?« »Ich muß sagen, nichts, was der Rede wert gewesen wäre, das muß ich sagen an des Knaben Stelle,« nahm Adam Woodcock das Wort, »eine Rauferei mit mir, die man der gnädigen Herrin hinterbracht hat, aber indem man aus der Laus einen Elefanten machte! Bis auf den Umstand, daß ich seinen Nestfalken mit ungewaschnem Fleisch gefüttert hab, hat alles Unrecht, das bekenn ich offen und ehrlich, bei dem ganzen Trödel, der dem Knaben den Dienst gekostet hat, auf meiner Seite gelegen.« Nun erzählte der ehrliche Falkner den Hergang des Vorfalls, der Roland bei seiner Herrin in Ungnade gestürzt hatte, aber auf eine für den Pagen so günstige Weise, daß Sir Halbert den Beweggrund wohl oder übel fühlen mußte. »Ein guter Kerl bist Du doch, Woodcock,« sagte er. »Wie einer nur irgend mal einen Falken auf der Faust getragen hat,« versetzte Woodcock, »aber von der Seite genommen, ist's Junker Roland nicht minder. Nur da er von Abstammungswegen ein halber Edelmann ist, wallt bei ihm leicht das Blut ...« »Gut, gut,« entgegnete Sir Halbert, »ich sehe, meine Gemahlin hat sich, scheint's, übereilt, zum wenigsten war das Vergehen wohl nicht schwer genug, einen Jungen, den man sieben Jahre bei sich hatte, Knall und Fall zu verabschieden, der Junker mag, wie ich mir denke, durch losen Mund die Sache schlimmer gemacht haben -- indessen trifft sich der Vorfall gut mit dem, was ich vorhabe ... Bring diese Sippschaft von hier weg, Woodcock; Ihr aber, Roland Gräme, geht mit mir.« Schweigend folgte der Page dem Ritter, der sich nach der Abtswohnung begab. In das erste Zimmer, das Sir Halbert offen fand, eintretend, befahl er einem aus seinem Gefolge, ihn bei seinem Bruder Eduard zu melden. Während er, auf den Bruder wartend, im Zimmer auf und ab schritt, richtete er an Roland Gräme das Wort: »Es wird Dir wohl nicht entgangen sein, mein Sohn, daß ich Dich durch besondre Aufmerksamkeit nicht grad auszuzeichnen liebte. Ich sehe, Dir schießt schon wieder das Blut zu Kopfe, aber verhalte Dich nur ruhig, bis ich fertig bin. Wenn ich mich so verhalten habe, geschah es nicht, weil ich nichts Lobenswertes an Dir bemerkt hätte, sondern weil ich etwas an Dir wahrnahm, was durch Lob sich noch gesteigert, noch verschlimmert hätte. Deine Gebieterin, der in ihrem Hauswesen vollständig freie Hand gehört, hat Dich vor der übrigen Hausgenossenschaft ausgezeichnet, hat Dich mehr behandelt als Verwandten denn als Diener, und wenn Du Dich durch diesen Unterschied auch verleiten ließest zu Mutwillen, vielleicht auch Eitelkeit, so wäre es ungerecht, nicht gelten lassen zu wollen, daß Du Dir gewisse Fertigkeiten angeeignet und in Deinen Sitten gebessert hast. Zudem wäre es nicht in Ordnung, nachdem man Dich so weit erzogen, Dich dem Mangel und dem Leben auf der Landstraße zu überantworten, bloß weil Du jenen Mangel an Zucht zeigst, der eben eine Folge Deiner in Weiberhand gelegenen Erziehung sein mußte. Aus diesem Grunde und weil es die Rücksicht auf das Ansehen meines Hauses so fordert, habe ich beschlossen, Dich so lange in meinem Gefolge zu behalten, bis sich für Dich eine Unterkunft in Ehren finden läßt. Ich erwarte, daß Du dem langen Aufenthalt in meinem Hause, wie der Erziehung durch meine Frau dann keine Unehre machen wirst.« Roland erwiderte in ehrerbietigem Tone, indessen nicht ohne Selbstgefühl: »Undank gegen den Schutz, den mir der Schloßherr von Avenel hat angedeihen lassen, liegt meinem Heizen ganz gewiß fern, und ich höre zum ersten Male zu meiner hohen Freude, daß ich seiner Aufmerksamkeit nicht, wie ich befürchtete, gänzlich unwert gewesen bin. Es ist wahrlich nichts weiter von nöten als mir zu sagen, wie ich die Schuld der Dankbarkeit gegen meine einstige Wohltäterin abzutragen vermag. An mir soll es nicht fehlen, und ich werde gern an die Lösung solcher Aufgabe das Leben setzen.« Aber er stockte. »Das sind bloß Phrasen und Worte, junger Mensch,« erwiderte Sir Halbert, »und man dreht sie gern, um sie statt wirklicher Leistungen zu brauchen. Ich weiß nicht, wie sich für Dich Gelegenheit dazu finden sollte, Dein Leben zum Wohle und Heile der Schloßherrin von Avenel einzusetzen. Ich kann nur sagen, daß es ihr lieb sein wird zu hören, Du habest eine Laufbahn gewählt, durch die für Deine leibliche Sicherheit und für Dein Seelenheil gesorgt ist. Was hindert Dich, solchen Vorschlag von mir anzunehmen?« »Einzig und allein eine noch am Leben befindliche Verwandte von mir,« entgegnete Roland, »die einzige, die ich kenne oder doch wenigstens gesehen habe, und die sich, seitdem ich vom Schlosse entlassen worden, meiner angenommen hat. Mit ihr muß ich, ehe ich Ja zu Eurem Vorschlage sage, Rücksprache nehmen. Das erfordert höfliche Rücksicht.« »Wo befindet sich diese Verwandte?« fragte Glendinning. »Hier in diesem Hause,« erwiderte Roland. »Dann geh und suche sie auf,« beschied der Ritter den Pagen. »Es ist nicht mehr als billig, daß Du sie um ihren Willen angehst. Aber schlimmer denn töricht mochte es von ihr sein, wollte sie Dir ihre Einwilligung weigern.« Roland ging, und der Abt trat ein. Die beiden Männer begrüßten einander wie Brüder, die einander in Liebe zugetan sind, einander aber selten sehen. Ihre Lebensverhältnisse legten ihnen gewissermaßen die Bedingung auf, statt brüderlichen Verkehr zu pflegen, einander zu meiden, denn sie standen in zwei einander so feindlichen Lagern, daß jedes andre Verhalten sie in Zwist mit den Parteien hätte führen müssen, deren Interessen sie vertraten oder eigentlich führten. Nach herzlicher Umarmung und nach ein paar Worten des Willkommens von Seiten des Abtes gab Sir Halbert seiner Freude Ausdruck, daß er grade zur rechten Zeit gekommen sei, dem Eulenspiegel die Wege zu weisen. »Nichtsdestoweniger, Eduard, muß ich sagen, wenn ich auf Dein Gewand blicke,« sagte der Ritter, »es weile noch immer in diesen Mauern ein Abt der Unvernunft.« »Weshalb solche Reden über mein Gewand?« versetzte der Abt, »es ist das Rüstzeug meines Standes, wie Panzer und Wehrgehenk das Rüstzeug des Deinigen.« »Es zeugt bloß, meines Dafürhaltens, von einem recht bescheidenen Maße von Klugheit, die Rüstung anzulegen, wenn wir nicht im Stande sind zu fechten. Das ist doch eitle Verwegenheit, den Feind herauszufordern.« »Das kann niemand, behaupten, Bruder, ehe die Schlacht entschieden ist,« versetzte der Abt, »und wäre es selbst, wie Du sagtest, so möchte, meine ich, ein tapfrer Mann doch lieber fallen mit der Waffe in der Hand, als Waffe und Rüstzeug unter schimpflichen Bedingungen dem Gegner ausliefern. Indessen wollen wir uns nicht entzweien über einen Punkt, in welchem wir zu einer Uebereinstimmnng der Ansicht nie gelangen werden, sondern verweile lieber und nimm, wenn auch Ketzer in meinem Auge, an dem Feste meiner Weihe teil. Du brauchst nicht zu befürchten, daß kirchlicher Pomp Dein Auge hierbei kränken werde. Die Zeiten unsers alten Freundes Bonifazius sind vorbei. Der Abt des heiligen Marienklosters gebietet nicht mehr über Forste und Waldungen, Weiden und Felder, ihm gehören weder Schaf- noch Rinderherden, weder Wild noch Geflügel. Seine Weizenkammern sind leer, und in seinen Kellern lagert weder Bier noch Wein. Aber willst Du das wenige mit Deinem Bruder teilen, dann wollen wir es freudigen Herzens zusammen verzehren, dann will ich mit meinen wenigen Brüdern, denen der Aufenthalt an dieser heiligen Stätte gestattet wird, freudigen Herzens Dir danken für den Schutz, den Du uns gegen die gottlosen Spötter zuteil werden ließest.« »Es tut mir leid, Bruder, daß ich Dir hierin nicht nach Wunsche dienen kann. Es möchte uns beide in bösen Leumund setzen, sollte es verlautbaren, daß sich protestantische Gäste beim Feste Deiner Weihe befunden hätten. Und soll mir irgend welche Möglichkeit bleiben, als Beschützer für Dich einzutreten, falls Notwendigkeit dazu sich ergibt, muß ich mich frei halten von dem Argwohn, als sei ich ein Freund Eurer Zeremonien und Bräuche. Den kühnen Mann zu schützen, der es dem Gesetz, dem Parlamentsverbot zuwider, wagte, das Amt eines Klosterabts von Sankt-Marien zu übernehmen und anzutreten, wird alles Ansehen erforderlich machen, das ich unter meinen Freunden besitze und noch erlangen kann.« »Beunruhige Dich ob dieser Sache nicht, Bruder,« erwiderte hierauf der Abt, »wüßte ich, Du verteidigtest die Kirche um der Kirche willen, dann wollt ich mein Herzblut zum Opfer bringen; da Du aber ihr Widersacher bist, möcht ich nicht wünschen, Du machtest Dir irgend welche Ungelegenheit oder Gefahr, bloß um meiner Person willen. Doch wer kommt da? wer nimmt sich heraus, uns die wenigen Minuten zu verkümmern, die ein mißgünstiges Geschick uns zu brüderlichen Worten läßt?« Die Tür ging auf, und die Gräme trat herein. »Wer ist dies Weib, und was ist ihr Begehr?« fragte der Ritter rauh. »Daß Ihr mich nicht kennt, hat nicht viel auf sich,« sagte die Matrone. »Ich komme auf Euer eignes Geheiß, um aus freien Stücken darein zu willigen, daß der junge Mensch mit Namen Roland Gräme den Dienst bei Euch wieder aufnimmt. Hiermit ist der Zweck, der mich in Eure Nähe führte, erfüllt. Ich mag Euch nicht durch meine Gegenwart belästigen. Friede sei mit Euch!« Sie wollte sich zur Tür wenden, wurde aber durch eine weitere Frage Sir Halberts aufgehalten. »Wer seid Ihr? ... Was seid Ihr? ... Und warum wartet Ihr nicht, mir Rede und Antwort zu stehen?« »Als ich der Welt noch angehörte, war ich eine Dame von nicht unbekanntem Namen,« antwortete die Gräme. »Jetzt bin ich Magdalene, eine arme Pilgerin, um der Kirche willen.« »So? Katholikin seid Ihr? Ich dächte, von meiner Frau gehört zu haben, Roland sei aus protestantischer Familie.« »Sein Vater war ein Ketzer,« versetzte die Matrone, »oder vielmehr einer von jenem Schlage, der sich weder um Christ noch Antichrist kümmert. Schien doch auch ich mich, denn die Sünde der Zeit schafft Kinder der Sünde, in Eure unheiligen Bräuche zu finden, aber mir ist Vergebung der Sünde geworden.« »Du siehst, Bruder,« sagte der Ritter, indem er sich mit bedeutsamem Lächeln dem Abt zuwandte, »daß wir ohne Grund Euch Katholiken der Doppelsinnigkeit im Herzen nicht beschuldigen.« »Und doch tut Ihr uns unrecht, Bruder,« erwiderte der Abt, »denn diese Greisin ist nicht bei vollem Verstande. Und schuld daran seid Ihr, wie ich notgedrungen hinzusetzen muß, mit Euren raubgierigen Baronen und Eurer ständig sich mehrenden Geistlichkeit.« »Hierüber mit Dir zu disputieren, Bruder, muß ich ablehnen,« versetzte Sir Halbert, »es gibt der Ungerechtigkeit und Unbilden so viel in der schlimmen Zeit, in der wir beide leben, daß für jede der beiden Kirchen wahrlich genug bleibt, wenn sie sich schwesterlich drein teilen.« Mit diesen Worten bog er sich zum Fenster hinaus und stieß in sein Horn. »Warum läßt Du Dein Horn erschallen, Bruder?« fragte der Abt, »wir sind doch erst wenige Minuten beisammen.« »Und selbst diese wenigen Minuten werden der Ungereimtheiten mehr als wir wünschen unter die Leute bringen. Ich will nicht, daß Euer Enkel, gute Frau, mit mir nach dem Schloß zurückkehre. Es möchte bloß zu neuem Zwist zwischen ihm und dem Hausgesinde führen, wenigstens doch zu Neckereien, die sein Stolz nicht vertragen kann. Ich wünsche jedoch, ihm bloß Gutes und Liebes zu erweisen. Drum möcht ich Euch bitten, gute Frau, ihm zu sagen, er solle sich bereit halten, sofort aufzusitzen, weil er sich mit einem aus meinem Gefolge auf den Weg nach Edinburg machen soll. Ich brauche einen Botschafter, der dorthin berichtet, was sich inzwischen hier zugetragen hat.« Er hielt den Blick fest auf die Greisin gerichtet, die aber seinem scharfen Blicke mit Gleichgültigkeit begegnete. »Euch ist's nicht unlieb?« setzte er nach einer Weile hinzu. »Ich sehe freilich Roland lieber als Spielball von Launen einer fremden Welt denn als Spielball einer Schloßdienerschaft, am wenigsten der von Avenel,« erwiderte die Gräme. »Macht Euch keine Sorge, gute Frau,« sagte der Ritter in besänftigendem Tone, »er soll keiner von beiden Spielball werden.« »Mag sein, mag sein,«, versetzte die Gräme, »aber ich will seinem eignen Verhalten doch mehr zutrauen als Eurem Schutze.« Mit diesen Worten schritt sie aus dem Zimmer. Der Ritter blickte ihr nach. Als sie die Tür hinter sich eingeklinkt hatte, wandte er sich herzlich zu seinem Bruder, sprach die freundlichsten Wünsche für sein Wohlergehen aus und bat ihn um Erlaubnis, sich zu verabschieden. Doch als er sich der Tür zuwandte, sagte der Abt: »Bruder, gehen wir nicht so auseinander! Da kommt eine kleine Erfrischung, geh nicht von hinnen aus einem Hause, das ich, so lange nicht Gewalt mich daraus vertreibt, das meinige nennen muß, ohne den Bissen Brot genossen zu haben, den jeder bei uns findet, und keiner uns abschlägt.« Der Laienbruder, der den Pförtner abgab, trat ein mit einem Laib Brot und einem Kruge Wein. »Ich hab sie im Keller noch vorgefunden,« sagte er unterwürfig, »aber ich hab die fernsten Winkel absuchen müssen.« Der Ritter goß einen kleinen Becher voll und forderte den Bruder auf, ihm Bescheid zu tun, indem er sagte, es sei ja Bacharacher von bestem Gewächs und hohem Alter. »Er stammt aus dem Winkel, der im Keller als die Abtsecke bekannt ist, und Abt Ingelram, der ihn so getauft hat, war aus Würzburg zu uns gekommen. Dort wächst wohl dieser Tropfen.« »Wenn auch nicht in Würzburg selbst, sondern mehr am Rhein, statt am Main, aber die Domherren von Würzburg sind weit und breit bekannt um der herrlichen Weine willen, die ihre Keller bergen. Drum bitte ich meinen Bruder, Bescheid zu tun und Euch nicht minder ein Glas davon zu vergönnen.« Der alte hagre Pförtner warf einen sehnsuchtsvollen Blick auf den Abt, der die beiden Worte Do veniam sprach. Mit zitternder Hand griff der Greis nach dem Glase, das einen Tropfen enthielt, der so lange schon nicht mehr seine Lippen genetzt hatte, und schlürfte mit wonnigem Behagen den edlen Saft. Dann setzte er das Glas mit schwermütigem Lächeln, aus welchem deutlich die Bange sprach, daß es wohl wieder gar lange dauern werde, bis ihm ein solcher Genuß vergönnt sei, auf den Tisch nieder. Die beiden Brüder lächelten. Als nun aber der Ritter den Abt aufforderte, den Becher zu nehmen und ihm Bescheid zu tun, da schüttelte der Abt den Kopf und sagte: »Heute ist für den Abt des heiligen Marienklosters kein Tag zu leckrer Speise und wonnigem Trunke. In Wasser aus dem Bronnen unsrer lieben Frau trinke ich Dir Bescheid, Bruder,« sagte er, indem er den Becher mit diesem reinen Naß füllte, »und wünsche Dir Glück und Gesundheit, vornehmlich aber die Erkenntnis der Verirrungen Deines Geistes!« »Und Dir, mein lieber Eduard,« versetzte Glendinning, »wünsche ich den freien Nießbrauch der eignen Vernunft und die Erkenntnis, daß das Leben dem Menschen wichtigere Aufgaben stellt, als solche mit hohlem Namen, zu deren Ausübung Du Dich in einem Augenblicke der Uebereiltheit hast bestimmen und verleiten lassen.« Die Brüder schieden voneinander. Tiefe Wehmut war in ihr Herz gezogen, und doch fühlte jeder zugleich eine gewisse Erleichterung im Vertrauen auf die Ansicht, die er vertrat, daß er den andern nicht mehr sah, so hoch er ihn achtete. Bald darauf erklang Trompetenschall, und der Abt bestieg den Turm, von dessen zertrümmerten Zinnen er dem Reiterzuge nachblickte, wie er die Anhöhe zur Zugbrücke hinan sich bewegte. Da trat die Gräme zu ihm. »Du kommst, Schwester,« sagte der Abt, »einen Abschiedsblick auf Deinen Enkel zu werfen. Dort zieht er hin, unter dem Schutze des besten Ritters von Schottland, abgesehen allerdings von seiner ketzerischen Glaubensrichtung.« »Du kannst mir Zeuge sein dafür, daß es weder auf Wunsch von mir noch meinem Enkel geschehen ist, daß der Ritter von Avenel, wie Du ihn nennst, Roland, Gräme wieder in seine Dienerschaft aufnahm. Der Himmel, der die Klugen mit Blindheit schlägt und die Gottlosen in ihrer List zum Verderben bringt, hat ihn dahin gebracht, wo ich ihn zum Heile der Kirche am liebsten zu sehen wünschte.« »Ich verstehe den Sinn Eurer Worte nicht, Schwester,« sagte der Abt. »Hochwürdiger Vater,« antwortete Magdalena, »hörtet Ihr nie, daß es Geister gibt, die Schloßmauern sprengen, wenn sie erst einmal den Weg ins Schloßinnere fanden? Und Roland Gräme hat ihn zweimal ins Schloß Avenel hinein gefunden, ohne alles Zutun von eigner Seite; zweimal haben ihn diejenigen, so jetzt den Namen Avenel führen, an sich gezogen, erst die Schloßherrin, dann der Schloßherr. Mögen sie beide des Ausgangs gewärtig sein!« Mit diesen Worten verließ sie den Turm, und der Abt, nachdem er einen Augenblick noch über die Worte der Greisin nachgesonnen, deren Inhalt er dem verworrenen Zustande ihres Gemüts beimaß, folgte ihr die Wendeltreppe hinunter, um den Antritt seines schweren Amtes, statt mit Bankettieren und Pokulieren, mit Kasteien und Fasten und Beten zu feiern. Dreizehntes Kapitel. Seelenvergnügt trabte jetzt Roland Gräme im Gefolge des Ritters von Glendinning einher, war er doch frei von der verdrießlichen Sorge, mit Spott und Hohn auf dem Schlosse begrüßt zu werden, und durfte er doch hoffen, daß in der Zeit seines Aufenthaltes in Edinburg sich so viel ereignen, soviel ändern werde, daß, wenn er die Schritte hinweglenkte, dies geschehen würde in andrer Rolle, am Ende als Ritter, der Taten vollbracht hätte, die die Augen der Welt auf ihn lenkten! Die Brust geschwellt von Stolz, ein Roß unter dem Leibe zu fühlen, statt wie in den Tagen seit seinem Abschiede vom Schlosse auf Schusters Rappen zu reiten, erregt durch die seltsame Lebhaftigkeit seines Geistes, die durch die letzten Ereignisse so reiche Nahrung gefunden, ließ er seine Stimme hell und munter erschallen und gab auf alle Reden, die an ihn gerichtet wurden, so kecke und muntre Antwort und drückte seinem Rosse die Sporen so derb und flott in die Weichen, daß der Ritter mehr denn einmal mit zufriedner Miene den Blick auf ihm ruhen ließ. Nicht lange währte es, so gelangte der Reiterzug an den Hohlweg, der zur Brücke hin führte, die noch immer unter der Obhut des alten Brückenvogts Peter stand, der inzwischen freilich nicht jünger geworden war, aber auch an knurrigem Wesen nichts eingebüßt hatte. Hier ließ der Ritter halten und winkte den Falkner und Roland heran. »Woodcock,« sagte er, »Du weißt, wohin Du den Jüngling geleiten sollst. Und Dir, Jüngling, gebe ich auf, mit Überlegung und Pünktlichkeit die Weisungen zu erfüllen, die Dir erteilt werden. Beuge Deinen eiteln, trotzigen Sinn! sei brav, wahrhaft und treu! es ist in Deinem Wesen etwas gelegen, das wohl im stande ist, Dich über Deinen gegenwärtigen Stand hinauszuheben. Und nimmer soll es Dir, allerdings nur in der Voraussetzung, daß Du bestrebt bleibst, zu erfüllen, was ich Dir als Deine Pflichten genannt habe, fehlen an dem Schutze des Schloßherrn von Avenel.« Nach diesen Worten wandte der Ritter sich zur Linken, der Hügelkette zu, in deren Kranze Schloß und See Avenel lagen, während Woodcock und Roland mit dem Knappen, den ihnen der Ritter mitgegeben, sich zur Brücke hin wandten und den alten Vogt aufforderten, ihnen Durchgang zu gewähren. Das geschah jedoch erst, als ihm der Brückengroschen gereicht worden war, worauf sich die drei Reiter gen Norden wandten. Woodcock, bekannt in diesem Landstrich, schlug vor, ein Stück von der Landstraße abzuschneiden dadurch, daß sie den Weg quer durch das schmale Felsental von Glendearg nähmen, das durch die im eisten Teile der Handschrift des Benediktiners erzählten wilden Abenteuer den Lesern des Romanes »Das Kloster« noch bekannt sein dürfte. Auch Roland kannte diese Abenteuer und erklärte sich gern einverstanden mit Woodcocks Vorschlage. Vergnügt allerhand lustige Lieder trällernd, deren er über einen reichen Schatz in seinem Gedächtnis barg, ritt der Falkner an Rolands Seite, bis sie zu einer Hütte tief unten im Tale gelangten, wo sie, unbekümmert um Abenteuer und Geister, sich für die Nacht ein leidliches Quartier zurechtmachten. Am Tage darauf setzten sie ihre Reise nach Edinburg fort, das sie am Spätnachmittag in Sicht bekamen. »Das also ist die Hauptstadt, von der ich so viel schon gehört habe?« rief Roland aus, als er auf den Kamm einer der Höhen gelangt war, die den Blick ins Tal bislang verschlossen hatten, »das da drüben ist wirklich Edinburg?« »Allerdings,« sagte der Falkner, »dort steht das alte Rauchnest, von dem Ihr den Qualm und Dunst auf zwanzig Meilen weit lagern seht. Dort Pulsiert das Herz Schottlands, und jeder seiner Schläge wird von Solways Bord bis zu Duncans Hafenspitze gefühlt. Dort liegt das alte Schloß, und dort das Schloß von Craigmillar, das meiner Lebtage immer ein lustiger Winkel gewesen ist.« »Hat dort nicht die Königin Hof gehalten?« fragte der Page. »Gewiß, gewiß,« erwiderte der Falkner, »damals war sie Königin, aber jetzt dürft Ihr sie so nicht mehr nennen -- na, die Leute mögen reden, was sie wollen, es wird sich manches Herz in Schottland um Maria Stuart grämen, sie war doch das lieblichste Geschöpf, das ich je im Leben mit meinen Augen erschaute, und keine Dame im ganzen Lande hätte solche Freude an einem steigenden Falken! Ich weiß es noch wie heute, als in Roslinmuor die große Wettbalz abgehalten wurde zwischen Bothwell -- für sie ein garstiger Anblick -- und dem Baron von Roslin, dem es in solchem Sport keiner gleichtat in Schottland und England. O, ich seh sie noch, wie sie auf ihrem weißen Zelter saß, der über den Heideboden hin sauste, als tät's ihm leid, die roten Blümchen mit seinen Hufen zu zertreten. O, ich höre noch ihre silberhelle Stimme mit dem so berückenden Klange, die so süß schmettern konnte wie die Kehle der Weindrossel! O, ich seh sie noch alle vor mir, die stolzen Adelinge, wie sie buhlten um einen einzigen Blick von ihr, und wie sie jubelten, wenn sie ein Wort zu ihnen sprach, wie sie Leib und Leben wagten im tollsten Ritte, um ein Lob von ihr zu ernten oder an einem Blicke aus diesen herrlichsten aller, Königinnen-Augen sich zu laben ... Ach, und da, wo sie jetzt weilt, da wird sie nicht viel zu sehen bekommen von Falken und Falkenbeize, von Rittern und Ritterturnieren... Ja ja, Pracht und Herrlichkeit, sie rauschen vorüber so flink wie der Schlag eines Falkenfittichs.« »Und wo hält man die arme Königin in Haft?« fragte Roland. »Wo man sie in Haft hält?« wiederholte der Falkner die Frage des Jünglings. »Je nun, in irgend einem Schlosse hoch oben im Norden ... wo, kann ich nicht sagen, und sich drum zu kümmern, möcht auch nicht der Mühe verlohnen, denn ändern könnte man doch nichts dran! Hätt sie ihr Regiment besser geführt, so lange sie es noch in der Hand hielt, dann stünde es besser um sie! Wie es heißt, hat sie um des Buben willen, des kleinen Prinzen, Verzicht auf die Krone leisten müssen. Um seinetwillen soll man sie ihr nicht mehr gelassen haben. Unser Herr ist bei der Affäre so stark beteiligt gewesen, wie kein einziger seiner Nachbarn, und sollte die Königin je wieder zu ihrem Eigentume gelangen, so dürfte Schloß Avenel dafür leicht in Rauch aufgehen, der Schloßherr müßte denn seinen Vorteil auf andre Weise zu wahren wissen.« »In einem Schlosse im Norden, sagt Ihr, wird die Königin in Haft gehalten?« fragte der Page. »Ja, so wenigstens heißt's, jenseits des großen Flusses, der dort herabkommt, der aber kein Fluß, sondern ein Arm der See ist, bitter wie Salz.« »Und unter all ihren Untertanen,« fragte der Page weiter, »ist nicht einer, der die Hand aufheben will zu ihrer Rettung?« »Das ist eine kitzlige Frage, Junker,« erwiderte der Falkner, »und wenn Ihr solche Frage stellt, dann muß ich Euch leider sagen, daß Ihr riskiert, selbst in ein solches Schloß gesperrt zu werden, sofern man es nicht gar etwa vorziehen dürfte, Euch einen Kopf kürzer zu machen, um keine weitere Schererei mit Euch zu haben. Die Hand aufheben, sagt Ihr? I du meine Güte! jetzt hat Murrays Schiff das volle Fahrwasser und segelt so flott, daß es dem Teufel nicht beikommen dürfte, es mit ihm aufzunehmen ... Nein, nein! sie ist nun mal dort und muß dort bleiben, bis ihr der Himmel Erlösung schickt oder bis ihr Sohn alles in seine Gewalt bekommt. Aber daß Murray sie frei geben sollte, daran ist gar nicht zu denken, denn da kennt er sie viel zu gut. Und dann noch eins, Herr Roland, unsre Bestimmung lautet nach Holyrood, dort wird's weder an Neuigkeiten noch an Höflingen mangeln, die damit aufwarten werden ... aber, Herr Roland, laßt Euch von mir raten! streut Eure Saat, wie der Schotte sagt, im stillen! hört auf jedermanns Meinung, behaltet die Eure aber für Euch! Und wenn Ihr mal was hört, das Euch nicht in den Kram paßt, dann springt nicht gleich auf, als wolltet Ihr Euch fürs Gegenteil gleich selbst ins Zeug legen. Nehmt Euch unsern Haushofmeister Wingate auf Schloß Avenel zum Muster! der versteht's, wie man sich durchschlängeln muß, ohne es wo zu verderben, und dabei doch lustig sein Pfeifchen zu schneiden! Laßt meinen Rat gelten, Herr Roland, denn Ihr kommt unter eine Gattung von Menschen, die einen Blick haben so scharf wie ein Falke, und fahrt nicht gleich mit der Hand nach dem Dolche bei jedem schiefen Worte, das Euch zu Ohren gelangt, denn Ihr werdet auf so flinke und scharfe Degen treffen, daß der Eurige Mühe haben möchte, standzuhalten. Und für solche Aderlässe ohne Ort und Kalender dank ich schön, und ich glaube, Ihr bedankt Euch auch besser dafür!« »Nun, Ihr sollt sehen, daß ich mich zusammennehmen will, Woodcock, und ruhig und behutsam bleiben,« versetzte Gräme; »aber was ist das für ein herrliches Gebäude, das hier in Schutt und Asche liegt? in so dichter Nähe bei der Stadt? Ist hier am Ende auch mal »Abt der Unvernunft« gespielt worden, und hat das Gaukelspiel hier mit der Zerstörung der Kirche geendet?« »Da seid Ihr schon wieder im Schusse wie ein wilder Falke, der um Köder und Pfeife sich den Geier was schert! Danach solltet Ihr so leise fragen, wie ich Euch jetzt Antwort gebe.« »Nun, wie's scheint, komm ich noch um den Gebrauch meiner Sprache, wenn ich lange hier bleibe!« versetzte Gräme .. »nun, so sagt doch, was das für Trümmer sind?« »Die Feldkirche ist's!« belehrte mit leisem Flüstern der Falkner den Pagen und legte bedeutsam den Finger an die Lippen, »fragt nicht weiter danach, denn hier ist jemand gar übel mitgespielt worden, und einem andern jemand hat man die Schuld dann in die Schuhe geschoben, und damit hat eine Komödie begonnen, deren Ausgang wir vielleicht noch erleben ... Armer Heinrich Darnley! ein Esel will ich heißen, wenn er sich nicht großartig aufs Beizen verstanden hat, aber man hat ihn selber auffliegen lassen in einer stillen, mondhellen Nacht.« Die Erinnerung an diese grausige Katastrophe war zu neu, und der Page wandte entsetzt die Augen von dieser Stätte. Die wider die Königin erhobnen Beschuldigungen traten mit solcher Lebendigkeit vor sein geistiges Auge, daß das Mitleid, das sich bei ihm für sie geregt hatte, zu schwinden anfing. Mit unheimlichen Empfindungen durchwanderte er den Schauplatz jener furchtbaren Ereignisse, deren bloßes Gerücht die entferntesten Einöden Schottlands erschüttert hatte gleich dem Widerhall fernen Donners, der durch ein Gebirge rollt. Dann fiel ihm Katharina Seyton ein, und er fragte sich, ob es ihm wohl beschert sein werde, die Maid, deren Bekanntschaft er auf so seltsame Weise gemacht hatte, in dieser Stadt, die ihr ja gleichfalls jetzt zum Aufenthalte diente, wiederzutreffen. Und mit dieser Frage war seine Phantasie noch beschäftigt, als er sich schon in der Stadt befand und jenes frohe Staunen alle andern Empfindungen verstummen machte, das den Bewohner einsamer Landstriche erfüllt, wenn er sich zum ersten Male in den Straßen einer volkreichen Stadt, in dem Gewühle von tausenden sieht. Die Hauptstraße von Edinburg war damals, wie auch heute noch eine der geräumigsten Straßen von ganz Europa. Die imposante Höhe der Gebäude, das bunte Durcheinander von gotischen Giebeln, Altanen und Zinnen, von Balkonen und Erkern, die den Gesichtskreis nach allen Seiten hin einengten, die gewaltige Lange der Straße, die, schnurgerade Linie, die sie bildete, hatte wohl bewandertere Augen in Verwunderung gesetzt als diejenigen Roland Grämes. Innerhalb der Wälle wimmelte es von geschäftig hin und her eilenden Menschen wie in einem Bienenkorbe. Alles, hatte sich zur Stadt gedrängt, dem Regenten Murray aufzuwarten, was mit Politik irgend zu tun hatte oder sich von der Beteiligung an den politischen Fragen, die das Land beherrschten, irgend welchen Vorteil versprach. Eine unendliche Reihe von Verkaufsbuden waren zu beiden Seiten der Straße aufgeschlagen worden, und wenn die darin zum Verkauf gestellten Waren auch nicht zu den reichsten der Welt gehörten, so meinte doch Roland, in den Ballen flandrischer Tücher und in den Stößen von Teppichen und in den Schwertern und Dolchen und Rüstungsstücken alle Reichtümer der Erde zu sehen. Bei jedem Schritt, den er machte, fand er soviel zu sehen und zu staunen, daß es Woodcock dem Falkner unendlich schwer wurde, ihn in dieser Zauberwelt vom Flecke zu bringen. Auch die Unmenge von Menschen setzte ihn in Staunen. Da kam eine feingeputzte Dame in Schleier und seidnem Ueberwurf getrippelt, der ein Kammerdiener vorauf schritt um ihr Bahn durch die Menge zu brechen, während ein Page ihr die Schleppe trug und eine Zofe, mit Bibel oder Gesangbuch unter dem Arme, ihr zur Seite schritt. Dort stand eine Bürgergruppe in weiten Pluderhosen, Wämsern mit hohen Kragen und kurzen flämischen Mänteln.« Dann kam ein Geistlicher im schwarzen Genfer Mantel mit steifer Halskrause, der mit Würde sondergleichen dem Gespräch einiger Leute lauschte, die sich in seiner Begleitung befanden und einen religiösen Disput führten. Am häufigsten aber sah er Herren in neuester Pariser Modetracht, mit zierlichen Manschetten an den Händen, die aus dem aufgeschlitzten Wams hervorguckten, und mit Schwertern an der Seite, -- dahinter, je nach dem Rang und Vermögensstand, eine Schar stämmiger Leibdiener, die, in der Regel mit Schwert und Spieß bewaffnet, ganz wie ein kriegerisches Gefolge in strengem Takte einherschritten. Zwei solcher Scharen stießen zufällig auf der Straße aufeinander, etwa in der Mitte derselben, und keiner wollte der andern ausweichen, sondern beide marschierten direkt aufeinander los. Die beiden Häupter, einander an Rang jedenfalls ebenbürtig und durch politischen Hader aufeinander erbittert, blieben, als sie den Fuß nicht weiter setzen konnten, ohne einander anzurennen, einen Moment lang stehen, maßen einander mit Blicken, und dann flogen die Schwerter aus den Scheiden. Ihre Mannen folgten diesem Beispiel der Herren, und im Nu blitzten an zwanzig Klingen in den Sonnenstrahlen, und klirrend rasselten die Schilde aneinander, und hüben und drüben ertönte das Schlachtgeschrei: »Hie Leslie!« und »Hie Seyton!« Hatte der Falkner schon immer seine liebe Not gehabt, den Pagen vom Flecke zu bringen, so war es ihm hier gradezu unmöglich, seiner Stimme bei ihm Geltung zu verschaffen. Der Page hielt sein Roß an, klatschte, in die Hände und lärmte und schrie, lauter als alle bei der Schlägerei, beteiligten Mannen. Sein Lärm zog andre Edelleute herbei, die sich bald für die eine, bald für die andre Partei entschieden. Nun wurde die Schlägerei allgemein, und wenn auch im Grunde genommen mehr mit den Schwertern und Schilden gerasselt als zugehauen wurde, so ging es doch ohne mancherlei Beulen auf beiden Seiten nicht ab. Als nun in der Kampfeswut einige gar statt des Schwertes zu der gefährlichern Waffe des Stoßdegens griffen, da lagen schließlich auf der Seite, wo der Ruf: »Hie Seyton!« erklungen war, zwei Mannen am Boden, und die Seytons begannen zu weichen, denn sie standen den andern an Zahl erheblich nach. Da war es aber im Nu aus mit Rolands Ruhe und Geduld. »Woodcock,« rief er, »seid Ihr ein Mann, dann zieht vom Leder und helft den Seytons!« Und ohne auf Antwort aus dem Munde des Falkners zu warten, sprang der feurige Jüngling vom Pferde und stürzte sich mit dem Rufe: »Ein Seyton! ein Seyton! Drauf und dran!« mitten hinein in den dichtesten Haufen und rannte einen von denen, die dem Lord am heißesten zu Leibe gingen, mit einem Dolchstoße nieder. Dieser unvermutete Zuwachs lieh der schwächern Partei Mut, sie begann den Kampf von frischem, als mit einem Male vier Magistratspersonen, kenntlich an den samtenen, Mänteln und güldnen Ketten, mit einer Wache von Hellebardieren und Bürgern, auf dem Kampfplatze erschienen. In solchem Dienste wohlerfahren, drangen Hellebardiere und Bürger frisch und munter vor und zwangen die Streitenden, von einander zu lassen. Augenblicklich stoben die Raufbolde auseinander, die einen hierhin, die andern dorthin, und beide Parteien ließen ihre Verwundeten, die sich nicht vom Platze bewegen konnten, im Stiche. Der Falkner, außer sich über diesen Unbedacht seines jungen Gefährten, raufte sich erst den Bart, dann ritt er mit dem Pferde, das er am Zügel faßte, zu Roland heran und rief ihm zu: »Ei, ei, Herr Roland, Herr Springinsfeld, Herr Tausendsasa, wollt Ihr wohl aufsitzen und Euch auf und davon machen? Oder wollt Ihr warten, bis man Euch greift und ins Loch steckt und zwingt, Rede und Antwort zu stehen für solch edles Tagwerk?« Dem Pagen ward es zum Glück im Nu bewußt, welch alberne Rolle er bei der ganzen Sache gespielt habe und noch spiele; er folgte der Aufforderung seines Begleiters und saß im Nu auf seinem Pferde, um hinter der Partei der Seytons herzugaloppieren und glücklich im Verein mit ihnen der Häscherschar zu entrinnen. Wenn er auch einen der Magistratsbeamten dabei schier über den Haufen rannte und von wüstem Lärm und Geschrei verfolgt wurde, so waren doch solche Auftritte in Edinburg damals so an der Tagesordnung, daß die Polizei, sofern nicht eine Person von Rang und Bedeutung das Leben dabei eingebüßt hatte, am liebsten sich ruhig verhielt und alles auf sich beruhen ließ. Auch in diesem Falle hatte man sich, trotzdem der Regent, ein Mann von großer Willenskraft und Charakterfestigkeit, es durchgesetzt hatte, daß die Stadt eine ständige Scharwache auf den Beinen hielt, dabei bewenden lassen, die beiden Parteien auseinander zu bringen, und von aller Verfolgung abgesehen, zum großen Glück für Roland, der jetzt mit dem Falkner die Canongate entlang ritt, und zwar, um keine Aufmerksamkeit wachzurufen, in langsamem Tempo. Aber sie waren noch nicht weit gekommen, als Roland seinem Begleiter, der sich eben anschickte, ihm eine derbe Standrede zu halten, die Zügel seines Rosses zuwarf und vom Pferde sprang, um in einen der vielen schmalen Durchgänge hinein zu stürmen, die nach der Hauptstraße führten, wie es Adam Woodcock vorkam, einer zierlichen jungen Dame hinterher, die kurz vor ihm in demselben Durchgange verschwunden war. »Heiliger Barnabas! heilige Magdalena!« rief er einmal übers andre, »solche Geschichten könnten einen wirklich zum Fluchen bringen! was kann dem jungen Menschen bloß in die Glieder, gefahren sein? und was soll ich in dieser Zeit hier anfangen? Wenn sie den Menschen erwischen, so schneiden sie ihm womöglich die Gurgel ab, so wahr ich am Fuße des Rosenhügels geboren bin. Könnt ich bloß jemand auftreiben, mir das Pferd zu halten, daß ich dem Junker hinterher könnte! aber die Leute sind ja hier flink wie der Teufel. Oder wenn ich wenigstens einen von unsern Leuten erwischen könnte, oder von den Leuten des Regenten! Aber einem wildfremden Menschen kann ich doch die Pferde nicht, anvertrauen; und vom Platze weichen, wenn der Junge am Ende in die Patsche gerät, das geht doch erst recht nicht an!« Wir müssen aber den Falkner, obschon in so schwerer Not, verlassen, um uns nach dem Jüngling umzusehen, der schon wiederum die Ursache hierzu geworden war. Roland Gräme hatte in, der Canongate, wie gesagt, eine weibliche Gestalt gesehen, deren Zierlichkeit und lebhaftes Wesen ihn an Katharina Seyton erinnerte. Er hatte sie mit seinen Blicken schon eine kurze Weile verfolgt, als es der Gestalt beigekommen war, vor einem der gewölbten Durchgänge an einer Stelle, wo ein kunstreiches Wappenschild sich spreizte, den seidnen Ueberwurf, in den sie gehüllt war, zu lüften. Vielleicht trieb auch sie die Neugierde, zu erfahren, wer der Reiter sei, der sie schon ein Weilchen mit den Blicken verfolgte, Roland aber hatte genug gesehen, um sich zu sagen, daß er sich in seiner Vermutung nicht getäuscht habe, daß es dieselben himmelblauen Augen, die schönen Locken, die fröhlichen Mienen seien, die ihm den Aufenthalt in jenem Kloster, wohin ihn die Großmutter mitgenommen, so unvergeßlich machten. Nach einem alten Sprichwort geht Weiberwitz über allen Witz, aber in diesem Falle mochte er Katharina doch im Stiche lassen, denn sie wußte sich keinen andern Rat, als so geschwind das Weite zu suchen, wie ihre kleinen Füße sie irgend tragen wollten. Aber die Beine eines achtzehnjährigen Jünglings sind in der Regel auch noch nicht vom Zipperlein geplagt, und so geschah es denn, daß Katharina, als sie quer über einen gepflasterten Hof floh, der mit großen Zypressen in weiten Kübeln, mit Eichenbäumen und andern immergrünen Gewächsen angefüllt war, und eine hohe Tür in der Mitte zu gewinnen trachtete, von Roland ereilt und gestellt wurde. Aber sie riß sich los und huschte wie ein gejagtes Reh durch die Tür, und in das Gebäude hinein und über verschiedene Gänge hin, um in einer Halle zu verschwinden, deren Tür sie hinter sich ins Schloß fallen ließ. Roland, nicht gewillt, die heißersehnte Beute fahren zu lassen, war wie ein Sturmwind hinter ihr her, unbedacht, was sich alles für schlimme Folgen hieraus für ihn ergeben konnten, als er mit einem Male dumpfes Stimmengewirr vernahm, das ihn einigermaßen zur Vernunft brachte. Aber er stand nun vor der Tür, ratlos, wohin er sich wenden, ob er stehen bleiben oder zurückgehen solle, da tat sich eine Seitentür auf und Katharina kam auf ihn zugerannt mit ganz derselben Eile, wie sie bisher vor ihm geflohen war. »Welcher Unstern hat Euch bloß hierher geführt?« flüsterte sie. »Flieht, flieht! oder Ihr seid des Todes! .. oder besser, bleibt! sie kommen ... Flucht ist unmöglich ... sagt, Ihr seiet gekommen, um nach Lord Seyton Euch zu erkundigen.« Im Nu war sie hinweg und durch die Tür verschwunden, aus der sie zum zweitenmal gekommen war. In demselben Augenblick flogen ein paar Flügeltüren am obern Ende der Galerie auf, und ein halbes Dutzend Männer, bewaffnet mit Schwertern, die sie in der Faust schwangen, in reicher Tracht, stürzten herein. »Wer ist's, der uns dermaßen höhnt, daß er sogar in unsre Wohnung uns verfolgt?« rief der eine. »Haut ihn, in Stücke!« schrie ein andrer, »büßen soll er für den Frevel und für die Gewalttätigkeiten dieses Tages! Es ist ein Anhänger der Roten. »Nein, bei der heiligen Jungfrau!« rief ein dritter, »es ist einer vom Gefolge des Erzfeindes, des geadelten Bauers Halbert Glendinning, der sich den Namen Avenel anmaßt ... einst einer, der ein Kirchenlehen erhielt und der jetzt die Kirche plündert!« »So ist's,« schrie, ein vierter, »ich erkenn ihn an dem Palmenzweige, der ja das Abzeichen der Glendinnings ist. Vertretet ihm die Tür, denn für solche Frechheit soll der Kerl büßen!« Zwei der jungen Herren traten, indem sie die Degen zogen, vor die Tür, durch die Roland in die Halle getreten war, wie um sein Entrinnen zu verhindern. Die andern traten auf Gräme zu, der eben noch Ueberlegung genug fand, um sich zu sagen, daß jeder Versuch zu Widerstand ebenso fruchtlos wie unbedacht wäre. Von verschiedenen Stimmen wurde er nun aufgefordert, zu sagen, wer er sei, woher er komme, was er wolle, wer ihn hierher schicke. Da trat, noch ehe er Zeit zu irgend welcher Antwort hatte finden können, ein Mann in die Halle von hoher Gestalt, und vor ihm wichen die jungen Männer, die Roland so heftig bestürmt hatten, scheu und ehrfurchtsvoll zurück. Das dunkle Haar des Mannes wies Spuren von grauen Fäden auf, aber in seinen Augen und aus seinen stolzen Zügen strahlte noch das ungeschwächte Feuer der Jugend. Der Oberteil seine Leibes war, bis auf das Hemd aus holländischem Linnen, unbekleidet, und dessen weite bauschige Falten waren mit Blut bespritzt. Aber ein scharlachroter Mantel, mit reichem Pelzaufschlag, den er über die Schulter geworfen hatte, und eine Mütze aus scharlachrotem Samt, auf der einen Seite aufgekippt und mittels einer güldnen Kette gehalten, die sich dreimal um sich herumlegte, und ein güldnes Medaillon mit dem Geschlechtswappen, wie es damals Brauch war, in buntfarbiger Gravur, verrieten auf den ersten Blick, daß der Mann zu dem vornehmsten Adel Schottlands und Edinburgs gehörte. »Wen habt Ihr da, Söhne und Vettern,« fragte er streng, »den Ihr so unwirsch bedrängt? .. Wißt Ihr nicht, daß mein gastliches Dach jedem eine freundliche Stätte sichert, der sich darunter begibt, sei es in friedlicher Absicht, sei es zu offner, männlicher Fehde?« »Hier hat sich aber ein Schurke eingeschlichen, Mylord,« antwortete einer der Jünglinge, »in der verräterischen Absicht, uns auszuspähen.« »Das stell ich in Abrede,« versetzte Roland Gräme keck, »denn ich bin bloß hierher gekommen, um mich nach Mylord zu erkundigen.« »Eine billige Ausflucht,« riefen die Ankläger, »aus dem Munde eines Glendinning.« »Tut Einhalt, junge Freunde,« sprach Lord Seyton, »denn dieser Adeling selbst war es, laßt mich den Jüngling ins Auge fassen! Bei der lieben Jungfrau, es ist der nämliche, der sich vor wenigen Minuten so kühn mir an die Seite stellte als mehrere meiner eignen Schurken, besorgt um die Sicherheit ihres Leibes, es an Tapferkeit in bedenklichem Maße fehlen ließen. Laßt ab von ihm, denn er verdient mehr ein freundliches und ehrenvolles Willkommen Eurerseits als solche rauhe Behandlung.« Die Jünglinge traten gehorsam zurück, und der Lord nahm Roland Gräme bei der Hand und zog ihn an seine Seite. Dann dankte er ihm für den tapfern Beistand, den er ihm mit so schnellem Entschlusse geleistet hatte, und setzte hinzu, »der Grund seiner Herkunft sei wohl nur der, sich zu erkundigen, wie es um die Verwundung stehe, die er sich bei diesem Strauße geholt habe?« Roland verbeugte sich tief zum Zeichen der Zustimmung. »Oder kann ich Euch sonst meinen Dank bezeugen?« fragte der Lord. Der Page erachtete es aber für am besten, wenn er bei der Entschuldigung für seine Anwesenheit im Hause des Lords bliebe, die dieser selber als wahrscheinlich erklärt hätte, und sagte, er habe bemerkt, daß der Lord blessiert worden sei; und das Verlangen zu erfahren, wie sich derselbe befinde, sei der einzige Grund für sein ungestümes Eindringen in das Haus des Lords. »Die Blessur ist eine Lappalie,« erklärte der Lord, »ich hatte, grade mein Wams abgelegt, damit der Feldscher mir einen Verband anlege, als die voreiligen Burschen hier den Lärm anhoben und mich nötigten, den Feldscher in seiner Arbeit zu stören.« Roland verneigte sich wieder und wollte sich, vergnügt, um den Verdacht der Spionage so bequem herumgekommen zu sein, anderseits um seinen Kameraden Adam Woodcock besorgt, den er so jäh im Stich gelassen, und der doch gar nicht wußte, wie er daran und wohin »sein junger Unband« hingeraten war, aus dem Gemache und dem Palaste entfernen, Lord Seyton machte ihm das jedoch nicht so leicht. »Nicht so geschwind, mein junger Freund,« sagte er, »erst mach mich bekannt mit Deinem Stand und Namen. Lord Seyton hat es letzter Zeit öfter erlebt, daß Freund und Diener ihn im Stiche ließen, als daß ihm Beistand von fremder Seite wurde. Aber es können ja wieder andre Verhältnisse kommen, die ihn in die Möglichkeit setzen, solchen unvermuteten Freundschaftsdienst besser zu lohnen als zurzeit.« »Mein Name, gnädiger Herr,« antwortete der Page, »ist Roland Gräme. Ich stehe als Page im Dienste Sir Halbert Glendinnings.« »Hab ich es nicht gleich gesagt?« rief einer der Jünglinge, »mein Leben setz ich ein, daß dies ein Pfeil ist aus dem Köcher der Ketzer, eine Kriegslist, einen Späher in unser Vertrauen einzuschmuggeln. Die Halunken verstehen es, Kinder und Weiber zu Spionen und Sendboten abzurichten, wie kein andrer sonst.« »Wenn die Worte auf mich gemünzt sein sollen, so treffen sie ein falsches Ziel. Es sollte kein Mann in Schottland mich zu solcher Schurkerei dingen!« »Ich glaube Dir, mein Sohn,« erwiderte der Lord, »denn Deine Streiche wurden, zu kräftig geführt, daß sie auf Einverständnis mit denen hätten schließen lassen, denen sie galten. Indessen kann ich nicht ungesagt sein lassen, daß ich mich kaum der Hilfe von einem Diener Deines Herrn versehen hätte, und darum möchte ich wohl wissen, was Dich bestimmt hat, bei solchem Strauße eines Seyton Dich selbst in Gefahr zu setzen.« »Mit Verlaub, gnädiger Herr,« erwiderte Roland, »aber mein Herr hätte wohl selbst nicht müßig dagestanden, um einen Ehrenmann unter einer Mehrzahl unterliegen zu sehen. So wenigstens lautet die Lehre für Ritter auf Schloß Avenel.« »Der gute Samen ist auf gutes Land gefallen, junger Freund,« sagte Lord Seyton, »aber wenn Du in solch ehrloser Zeit Fehde üben willst in solch ehrenwerter Weise, dann wird Dein Leben, mein armer Junge, nicht lange währen.« »War's ehrenvoll, kann's kurze Dauer haben,« versetzte Roland Gräme; »aber jetzt erlaubt mir mich zu verabschieden, gnädiger Herr, denn ich werde auf der Straße von einem Kameraden mit meinem Pferde erwartet.« »Dann nehmt doch wenigstens das mit, mein junger Freund,« sagte Lord Seyton und löste von seiner Mütze die goldne Kette und das goldne Medaillon, um beides Roland zu reichen, »und tragt es zu meinem Gedenken!« Roland Gräme war nicht wenig stolz auf solches Geschenk, das er eilends an seiner Mütze befestigte, wie er es schon bei vielen der jungen Edinburger Herren beobachtet hatte. Dann verbeugte er sich nochmals vor dem Lord und verließ schleunigst die Halle, eilte quer über den Hof und gelangte grade auf die Straße hinaus, als Adam Woodcock, in Sorge und auch ärgerlich über Rolands Ausbleiben, die beiden Rosse im Stiche lassen wollte, um sich nach seinem Verbleib umzusehen. »Das ist doch wiederum ein Streich, wie Ihr ihn besser nicht gewagt hättet,« rief er Roland entgegen, als er ihn in dem Straßengewühl auftauchen sah, denn wenn auch seine Mienen deutlich erkennen ließen, daß er Angst ausgestanden hatte, so war er doch herzensfroh, daß der Jüngling sich wiedergefunden hatte, und er ließ sich von Verdruß nichts mehr merken. »Laß die Fragen und Reden, Woodcock, und sieh her, in welch kurzer Zeit ich mir solch schwere goldne Kette verdienen konnte!« rief Roland mit strahlender Miene und sprang auf sein Roß. »Na, verhüt's Gott, daß Ihr sie nicht auf unrechtem Wege gewonnen habt,« versetzte der Falkner, »denn wie Ihr anders hättet dazu kommen sollen, könnt ich mir freilich kaum sagen. Ich bin oft hier gewesen, und zuweilen ganze Monate, aber mir ist so etwas nie bisher zu teil geworden, das dürft Ihr mir freilich wohl glauben.« »Na, und ich hab das hier nach kurzer Bekanntschaft mit der Residenz ergattert,« sagte lachend der Page, »aber stimmt Euer biedres Gemüt nur zur Ruhe, Medaillon und Kette sind weder geraubt noch gestohlen, sondern mir zu teil geworden durch freiwillige Spende.« »Na, Du wirst wohl in keinem Wasser ersaufen und an keinem Strick aus Hanf ersticken!« meinte der Falkner: »als Page der Schloßherrin wirst Du weggejagt und kehrst als Knappe des Schloßherrn wieder, und dafür, daß Du einem Mädel in ein Schloß nachrennst, aus dem ein andrer mit einer Tracht Prügel gejagt worden wäre, wenn er nicht einen Dolchstoß zwischen die Rippen bekommen hätte, dafür erwischst Du ein Paar Pfund Gold! ... Das darf man sich schon gefallen lassen. Aber da sind wir vor der Abtei. Ich wünsche Dir bloß, mein lieber Junge, daß Dir Dein Glück treu bleiben möge, auch wenn Du den Fuß über dieses Steinpflaster setzest, denn dann, bei unsrer lieben Frau! könntest Du fragen, was ganz Schottland kostet?« Sie hielten am Ausgang der Straße, da wo das hohe Portal altgotischen Stiles sich quer vor ihr erhebt, und ritten hindurch in den düstern Hof, der von einem wirren Haufen von Klosterbauten bedeckt war, von denen heute noch eine ganze Front steht, während andre dem unter Karl dem Ersten erbauten neuen Palaste haben weichen müssen. Dort gab der Falkner die Rosse einem Lakeien mit dem wichtigtuerischen Befehle, ja gut für sie zu sorgen. Dann schritt er dem Knappen voraus in den Palast von Holyrood. Vierzehntes Kapitel. Der Page Roland blieb am Eingange zum Hofe stehen und warf einen Blick voll des lebhaftesten Interesses über das Bild, das seinen Augen sich hier bot. Allerhand Gruppen von Leuten standen umher. Solche in glänzender Tracht, aber mit nachdenklichen Mienen, offenbar bedrückt, entweder durch öffentliche, oder durch persönliche Angelegenheiten -- greise Staatsmänner mit gebietenden Blicken, im pelzverbrämten Mantel und in Zobelschuhen, Kriegsmänner in Büffelwams und Stahlhaube, mit dichtem Schnauzbart und finstrer Stirn, die ihr langes Schwert klirrend hinter sich auf dem Pflaster herschleiften, dazwischen Dienstmannen, unterwürfig gegen den Herrn und Gebieter, keck, frech und schlagfertig gegen jeden, der im Range unter ihnen stand; dann armes Bittstellervolk mit verzagten Mienen und schüchternen Blicken, Beamte, erfüllt von der bescheidnen Würde, die ihnen anheimfiel, stolze Priester, auf den Fang einer fetten Pfründe, noch stolzere Barone, auf den Fang eines noch fettern Stückes Kirchenland erpicht, Räubervolk aus dem Landadel, das Pardon suchte für andern Leuten angetanen Schaden, und ausgeraubte Hörige und Bauern, die Ersatz forderten für erlittnen Schaden ... dort hielten Scharwächter Musterung ab über ihre Kommandos, hier wurden Boten abgeordert oder empfangen, vorm Tore wieherten und stampften Rosse, drinnen blitzten Waffen, klirrten Sporen, wehten Standarten und Federn. Kurz, es war ein Durcheinander von Farben und Pracht und Staat, daß für ein jugendliches Auge den Höhepunkt alles Schönen und Sehenswürdigen bildet, dem Auge des erfahrenen Mannes aber als ein Meer von Ungewißheit, Trug und Falsch- und Hohlheit, von Hoffnungen, die nie Wirklichkeit werden, von Verheißungen, die nie Erfüllung finden, erscheint. Adam Woodcock war des Bildes bald überdrüssig, in dessen Anblick sein jugendlicher Gefährte noch immer versunken stand, und freute sich lebhaft, in einem stattlichen Diener des Hofgesindes unter tiefgrüner Mütze mit wallendem Federbusch ein bekanntes Gesicht zu erblicken. Im andern Augenblick schon ertönte aus beider Leute Mund der Ruf: »Schockschwerenot! trügen mich nicht meine Augen? Seid Ihr's wirklich, alter Kamerad?« und dann setzte der eine der Frager den Namen Adam Woodcock, der andre den Namen Michael Wingthewind hinzu. Und dann kam die Unterhaltung rasch in Fluß. »Na, was macht denn die Windspielhatz?« fragte Woodcock. »Damit wird's alle Jahre schwächer, wie mit den Kräften auch. Vier Beine tragen keinen Hund ewig, wir halten die Hatz zur Zucht, und auf diese Weise entgeht sie dem Ersäufen. -- Sonst wär sie schon lang um die Ecke. Doch was steht Ihr und gafft? Der gnädige Herr Regent hat schon wiederholt gefragt, ob Ihr schon da seiet?« »So? Graf Murray hat sich erkundigt nach mir? der Reichsregent nach Adam Woodcock?« fragte der Falkner. »Hm, diesen Morgen war Graf Morion bei ihm. Er kam in gar böser Stimmung. Wenn ihm was im Kopfe steckt, diesem Herrn, dann sieht er aus wie der leibhaftige Teufel. Ich war grade im Zimmer drin, weil ich Instruktion einholen mußte wegen einer Falkenhecke, die von Danoway geholt werden soll, da wetterte Graf Morton los, ob das ehrliches Spiel sei, für seinen Bruder sei ihm die Kommenthurei von Kennaqhueir in Aussicht gestellt worden mit der festen Zusage, daß eine königliche Domäne draus geschaffen werden solle zu seinen gunsten, und nun hätten die falschen Mönche die Frechheit gehabt, einen neuen Abt zu wählen, der nun seinem Bruder mit seines Rechten in den Weg treten würde. ... Zudem hat das Gesindel aus der Nachbarschaft alles, was in der Abtei noch niet- und nagelfest war, verbrannt und zerschlagen und ausgeplündert, so daß der Grafenbruder, wenn er die faulen Hunde von Pfaffen hinausgejagt hätte, nicht einmal wüßte, wohin er sein Haupt legen solle. Mein gnädiger Herr hat ihm freilich drauf gesagt, wenn daran was Wahres sei, dann hätte ihm Ritter Halbert Glendinning gewiß schon berichtet, vornehmlich wenn im Kloster ein Abt gewählt, oder die Abtei zerstört worden sein solle. Da hat denn der Graf gesagt, der neu gewählte Abt sei der Bruder von Glendinning, und er habe schon immer, wenn auch leeren Ohren, gepredigt, man dürfe sich auf diesen in den Adel erhobnen Bauerssohn nicht allzu viel verlassen. Das hat aber mein gnädiger Herr nicht aufkommen lassen, sondern hat Euern Herrn mächtig herausgebissen, an dessen Treue sei nicht zu zweifeln, und dafür stehe er ein, u. s. w., wenn aber, was Wahres dran sei, dann erwarte er von Glendinning die Kutte eines gehängten Mönches und den Kopf eines der aufrührerischen Bauern zu bekommen, und zwar als Opfer einer gestrengen und prompten Justiz! Da ist denn Graf Morton still geworden und hat das Feld geräumt, wenn auch, wie mir vorkam, in etwas bedrückter Stimmung. Aber seitdem hat mein gnädiger Herr schon ein paarmal gefragt, ob denn noch immer kein Bote von Glendinning da sei ... Und wenn ich Euch das erzählt habe, Woodcock, so ist's darum geschehen, weil ich dachte, Ihr könntet Eure Rede danach einrichten, wenn Euch mein gnädiger Herr ausfragt, denn ich vermute, wenn so was verlautete, wie Graf Morton hat verlauten lassen, dann möcht's mit der guten Laune und Wohlmeinenheit bei meinem Herrn vorbei sein!« Ob mancher Dinge in diesen Mitteilungen zog sich Woodcocks Gesicht gewaltig in die Länge, und er fragte beklommen: »Was war's, was dieser grimmige Graf Morton von einem Bauerntropfe sagte?« »Aber das war ja nicht der Graf Morton, sondern mein gnädiger Herr, der Regent selber!« erwiderte Michael Wingthewind; »der sagte, er rechne drauf, daß Euer Ritter, wenn sich Gesindel an der Abtei vergriffen hätte, ihm den Kopf des Rädelsführers überschicke.« »Ach, von Zerstörung ist ja gar nicht die Rede gewesen,« erklärte Woodcock mit wachsender Beklommenheit, »höchstens sind bei dem bißchen Radau ein Paar bunte Scheiben eingeschlagen, und ein paar Heilige in ihren Gräbern gestört worden. Um die Abtei, in Brand zu stecken, ist ja gar nicht mal Zünddocht da gewesen, geschweige Lunte oder Feuerstahl. Darauf habe ich bei der Affäre von Anfang an gesehen.« »Was sagt Ihr da, Woodcock?« rief sein Kamerad, »Ihr habt doch hoffentlich nicht die Hand dabei im Spiele gehabt? Da sollt's mir leid tun, Euch in Schrecken jagen zu müssen, zudem Ihr grade erst von der Reise kommt. Aber ich kann Euch bloß sagen, der Graf Morton hat von Halifax eine Jungfer mitgebracht, so was habt Ihr in Eurem Leben noch nicht gesehen! die umarmt Euch und behält Euren Kopf in den Armen, während Euer Leib in einen Trog zu ihren Füßen kollert.« »Schwatzt nicht solches Zeug! ich bin doch zu alt, daß mir solche Vettel noch den Kopf verdrehen könnte! Lord Morton mag ja schmücken Dirnen gern nachlaufen. Aber was braucht er darum nach Halifax zu laufen, und wenn er sich dort ein Liebchen holt, was hat das mit meinem Kopfe zu schaffen?« »Hm, eine ganze Menge!« meinte Michael Wingthewind, »die Herodias hats Kopfabsäbeln nicht schlechter verstanden als diese Mortonsche Jungfer aus Halifax! Das Beil fällt ganz von selbst herunter und erspart alle Henkersarbeit ...« »Meiner Treu, eine hundsföttische Erfindung, vor der einen der Himmel bewahren möge!« sagte Woodcock. Dem Pagen schien über dieser Unterhaltung der beiden alten Kameraden die Geduld auszugehen. Er unterbrach sie jetzt durch die Bemerkung, ob Woodcock nicht besser tun möchte, den Brief an den Regenten abzugeben, den ihm der Ritter zur Befolgung mitgegeben habe? »Der Bursch hat recht,« meinte Wingthewind, »der gnädige Herr wird sicher begierig sein, ihn zu lesen. Es läßt sich doch annehmen, daß über die Vorgänge in Kennaqhueir drin berichtet wird.« »Der Bursche ist klug genug, sich den Rücken frei zu halten,« sagte Woodcock, »und an anderm fehlt's ihm schließlich auch nicht. Ich dächte, Herr Roland, am Ende wär's das gescheiteste, Ihr überbrächtet dem Lordregenten selbst das ritterliche Schreiben. Ein junkerlicher Page findet wohl leichter freundliches Gehör bei solchem Herrn als ein ausgedienter Falkner.« »Das mag wohl sein, Ihr, alter Schlaumeier von Yorkshirer Blut. Aber mir kam's doch anfangs so vor, als ob Ihr selber recht erpicht drauf seiet, dem Regenten vor die Augen zu treten? Und nun wollt Ihr den jungen Menschen ins Feuer schicken? Meint Ihr am Ende, die Mortonsche Jungfer schnitte lieber solchen schmucken Hals durch als Euren sonnverbrannten alten?« »Dein Witz, mein Lieber, versteigt sich zu hoch, um zu treffen,« erwiderte mit beklommenem Lachen der Falkner, »aber der Jüngling läuft keine Gefahr. Darauf könnt Ihr rechnen! hat er doch mit dem Mummenschanz vor der Abtei nicht das mindeste zu tun gehabt, was ihm zum Schaden werden könnte. Aber eine feine Komödie war's, das muß ich Euch sagen. Bloß schade, daß wir nicht mehr dazu kamen, die feine Ballade abzusingen, die ich expreß dazu gedichtet und komponiert hatte. Aber basta! Bring den jungen Menschen vor zur Audienz, ich will hier bleiben und warten, mit dem Zügel in der Faust, wie die Geschichte ausgeht. Nimmt's, schlimme Wendung, dann denk ich, soll bald eine Meile zwischen dem Herrn Regenten und meiner Wenigkeit liegen.« »Nun, dann kommt, mein junger Herr,« wandte sich Michael Wingthewind an den Pagen, »wenn's doch nicht anders sein soll, als daß Ihr vor dem schlauen Yorkshirer Bauern in den Sprenkel geht.« Mit diesen Worten ging er Roland voraus, der ihm auf dem Fuße folgte. Durch eine Reihe von gewundnen Gängen gelangten sie zu einer breiten steinernen Wendeltreppe, die sie nach dem obern Stockwerk hinauf führte. Hier wendete sich der Führer seitwärts und stieß die Tür eines finstern, modrig riechenden Vorzimmers auf. So finster war es, daß der Page fast über eine niedrige Stufe gestolpert wäre, die seltsamerweise grade vor der Schwelle angebracht war. »Vorsicht!« mahnte der Führer den Pagen, ängstlich sich umsehend, ob ihn auch niemand belausche -- -- »Vorsicht, junger Freund! denn wer auf den Dielen hier stolpert, erhebt sich nicht wieder. Schau her,« fuhr er fort, mit noch leiserer Stimme als bisher und zeigte auf ein paar dunkelrote Flecke auf dem Fußboden und verschiedene Spritzer an der Wand, auf die aus einer schmalen Klause ein Lichtstreif fiel, »schau her! und setz behutsam Deine Füße, Jüngling, denn hier sind vor Dir Männer gefallen!« »Was bedeutet Eure Rede?« fragte der Page, den eine Gänsehaut überlief, ohne daß er sich sagen konnte, warum ... »Ist das Blut?« »Ja doch, ja doch,« sagte der Diener, noch immer flüsternd, und zog den Pagen hinter sich her. »Blut ist es, aber jetzt ziemt es sich nicht, danach zu fragen oder danach zu schauen ... Blut, greulich und grausig vergossen, und greulich und grausig gerochen! ... es ist,« und seine Stimme sank zu noch tieferem Geflüster, »das Blut des Signor David.« Roland klopfte das Herz, als er sich so unvermutet an der Stelle sah, wo Rizzio, der Sänger, ermordet worden war, ein Mord so furchtbar, daß die Kunde davon selbst in jener wilden, Zeit alle Gemüter, in Palast und Hütte, mit Grausen erfüllt hatte und auch bis nach Avenel gedrungen war. Aber sein Führer drängte ihn, als hätte er über ein gefährliches Thema bereits zuviel gesprochen. Er klopfte an eine niedrige Tür am Ende des Vorgemachs, ein Türsteher kam herbei und nahm Michaels Anmeldung entgegen, daß ein Page vom Ritter von Avenel da sei und Briefe zu überreichen habe. »Der Staatsrat will grade auseinander gehen,« sagte der Türsteher, »aber gebt mir die Briefe, vielleicht entschließt sich Seine Gnaden, den Boten vorzulassen.« »Mein Auftrag lautet, die Briefe an den Regenten selbst abzugeben,« erwiderte Roland. Der Türsteher maß den Pagen vom Kopf bis zu den Füßen, gleich als ob ihn seine Keckheit in Staunen setzte. Dann fuhr er ihn an: »So, so, mein Herrlein? für ein Kücken krähst Du ja schon ziemlich laut, obendrein für eins aus dem Bauernstall!« »Wäre Zeit und Ort angemessen,« sagte Roland, »dann wollt ich Dir zeigen, daß ich mehr als krähen kann. Aber tut was Eures Amtes ist, und laßt Euren Herrn wissen, daß ich seiner Befehle mich gewärtig halte.« »Du bist ein Naseweis, mir von dem zu reden was meines Amtes sei,« erwiderte der diensttuende Türsteher, »aber es wird sich schon Zeit und Gelegenheit finden, Dir zu zeigen, was Deines Amtes ist. Vorläufig kannst Du ja hier auf Bescheid warten.« Mit diesen Worten schlug er Roland die Tür vor der Nase zu, erschien aber sehr bald wieder mit der Weisung, die er in wesentlich höflicherm Tone ausrichtete. Seine Gnaden der Regent wolle die Botschaft des Ritters von Avenel entgegenzunehmen geruhen. Demzufolge geleitete er Roland Gräme in ein Gemach, das ganz wie eine Kanzlei eingerichtet war. Der Regent, der an einem mit Akten bedeckten Tische saß, drehte sich langsam um, als die Tür aufging. Seine Züge zeigten den Ausdruck trüben Ernstes. Er war einfach gekleidet, in schwarzen Samt, nach niederländischer Mode; das einzige, was an ihm auffällig hätte sein können, war eine demantne Agraffe, die an der Seite des hohen Hutes steckte, den er auf hatte. An der Seite trug er einen Dolch, und auf einer langen eichnen Tafel, die in der Mitte des Gemaches stand, lag ein Schwert. Huldvoll nahm er das Schreiben aus der Hand Rolands entgegen und winkte huldvoll mit der Hand, als Roland versuchte, den ihm aufgetragen Gruß des Ritters von Avenel auszurichten. Ja er zögerte einen Augenblick, ehe er den seidnen Faden löste, der das Schreiben zusammenhielt, um Roland, an dessen Zügen er offenbar Wohlgefallen fand, nach dem Namen zu fragen. »Roland Gräme heiße ich,« antwortete der Page. »Gräme?« wiederholte der Regent, indem er den Namen wiederholte. »Etwa vom Geschlechte der Grahams von Lennox?« »Nein, gnädiger Herr,« erwiderte Roland, »meine Eltern haben in dem bestrittnen Lande gewohnt.« Murray fragte nicht weiter, sondern las in dem Schreiben des Ritters weiter. Bald aber trat ein düstrer Ausdruck auf seine Stirn wie bei jemand, der von etwas Kunde erhält, die ihn zugleich verwundert und beunruhigt. Er überlas den Brief nochmals, dann lehnte er sich ein paar Augenblicke in dem Stuhle zurück. Als er nach einer Weile aufblickte, traf sein Blick den Türsteher, der sich vergeblich bemühte, einen unbefangnen Ausdruck zu zeigen. Der Regent hatte recht gut den spähenden Blick bemerkt, mit welchem der Diener jedem Zug auf dem Angesichte seines Herrn verfolgte. »Hinaus, Hyndham,« rief in strengem Ton der Regent, »stell Deine Betrachtungen anderswo an als hier. Du bist mir schon lange zu pfiffig für Deinen Posten, für den ein Schwachkopf besser geeignet ist. So! diese Miene kleidet Dich schon besser, aber es ist Dir bloß nicht darum Ernst. Behalte diese dumme Miene, damit Du Dir Deinen Dienst erhältst ... Und nun hinaus, Patron!« Zitternd verschwand der Türsteher, mit vermehrtem Grolle auf Roland blickend, weil dieser von dem Unwillen des Regenten gegen ihn unwillkürlich Zeuge gewesen war. Sobald der Regent mit Roland allein war, stellte er an diesen die Frage: »Armstrong, sagtet Ihr, sei Euer Name?« »Nein, Gräme,« erwiderte der Page, »Roland Gräme, dessen Eltern im bestrittnen Lande gewohnt haben unter dem Namen Heathergill.« »Richtig, richtig. So sagtet Ihr ja vorhin. Habt Ihr Bekanntschaft in Edinburg?« »Gnädiger Herr,« versetzte Roland, bemüht die Frage zu umgehen, statt, unmittelbar zu beantworten, denn sein Abenteuer mit Lord Seyton zu verschweigen, gab ihm ein guter Genius ein -- »ich bin kaum eine Stunde in Edinburg und zwar zum erstenmal in meinem Leben.« »Was? und Ihr seid Page bei Sir Halbert Glendinning?« fragte der Regent. »Ich bin als Page der Schloßherrin erzogen worden,« erklärte der Jüngling, »und habe das erste Mal in meinem Leben den Fuß aus dem Schlüsse von Avenel gesetzt.« »Page der Schloßherrin?« wiederholte wie in Gedanken der Regent. »Sonderbar, in solch wichtiger Angelegenheit den Pagen seiner Frau zu schicken! Morton wird sagen, es sei das Gegenstück zur Abtwahl des Bruders, und doch ist in gewisser Hinsicht dieser unerfahrene Jüngling der tauglichste Bote: Was ist Dir denn während Deiner Lehrzeit beigebracht worden, mein Sohn?« »Ich hab die Jagd betrieben und auch die Beize,« versetzte Roland Gräme. »Wohl die Kaninchenjagd und die Drosselbeize?« fragte der Regent lächelnd, »denn das sind ja die Belustigungen der Damen und ihrer Begleiter.« Roland, errötete tief, und nicht ohne Schärfe erwiderte er: »Wir haben Rotwild gejagt, wenn, es die Krone ansetzt, und Reiher gebeizt. Vielleicht sagt man bei Hofe dafür Kaninchen jagen und Amseln beizen? Indessen kann ich auch ein Schwert schwingen und eine Lanze einlegen, wie es bei uns an der Grenze heißt, bei Hofe aber sagt man da wohl, Wasserlilien und Heidebinsen?« »Deine Worte haben metallnen Klang,« meinte der Regent, »der Wahrheit zuliebe sei der Stachel verziehen ... Es ist Dir also bekannt, was einem Kriegsmann für Pflichten obliegen?« »Was sich ohne wirklichen Dienst im Feld?, also durch bloße Uebung erlernen läßt, ja,« versetzte Roland, »aber das Glück, ein Schlachtfeld zu sehen, ist mir noch nicht beschieden gewesen.« »Das Glück?« wiederholte der Regent, mit einigermaßen zweifelhaftem Lächeln, »junger Freund, Du darfst es mir aufs Wort glauben, Krieg ist das einzige Spiel, aus dem beide Teile mit Verlust hervorgehen.« »Doch wohl nicht immer,« antwortete kühn der Page, »sofern das Gerücht nicht trügt.« »Was willst Du damit sagen, Bursche?« fragte der Regent, der vielleicht in diesen Worten eine Anspielung auf sein eignes Glück im Kriege erblickte. »Weil dem, welcher sich tapfer im Kriege hält,« antwortete Roland, ohne seinen Ton zu ändern, »Ruhm im Leben oder Ehre im Tode anheimfallen muß. Also ist Krieg doch ein Spiel, aus dem keiner mit Verlust hervorgehen kann.« Der Regent schüttelte lächelnd das Haupt. Da ging die Tür auf, und Graf Morton trat herein. »Verzeiht, lieber Graf, ich komme mit Hast, infolge wichtiger Nachricht und infolgedessen unangemeldet ... Die Sache ist, wie ich gesagt habe, Edward Glendinning ist zum Abte gewählt, und -- --« »Still, Mylord, ich weiß es,« sagte der Regent; »aber ...« »Vielleicht habt Ihr es früher gewußt als ich, Mylord Murray,« und Mortons finstre, rote Stirn verfinsterte und rötete sich noch tiefer, während er dieser Vermutung Worte lieh. »Laßt mich mit Eurem Argwohn in Ruhe, Morton,« versetzte Murray, »und tretet meiner Ehre nicht zu nahe! ... ich habe genug von den Verleumdungen meiner Feinde zu leiden, werdet Ihr nicht Ursache, daß ich mich noch gegen ungerechten Argwohn von Freunden zu wehren habe... Wir sind nicht allein,« setze er hinzu, sich besinnend, »sonst könnte ich Euch mehr sagen.« Er führte den Grafen in eine Nische, die einen günstigen Platz für geheime Zwiesprache bot. Zuerst sprachen sie leise, so daß Roland von ihren Worten nicht hören konnte. Als ihre Unterhaltung aber ernsthafter wurde, sprachen sie auch lauter und vergaßen zuletzt wohl überhaupt, daß der Page noch im Zimmer war, was um so begreiflicher war, als derselbe an einer Stelle stand, die ihre Augen nicht erreichten, und so konnte Roland, ohne daß er es besonders darauf anlegte, manches deutlich hören, andres durch Vermutungen ergänzen. »Es ist alles im Gange,« sagte z. B. Murray, »und Lindesay ist wohl schon auf dem Wege. -- Länger besinnen darf sie sich nicht! Du siehst, ich handle nach Deinem Rat und verschließe mich milderen Erwägungen.« »Nur in Ordnung, Mylord,« entgegnete Morton. »Gilt es, Macht zu erringen, so zeigt Ihr Euch nicht unschlüssig, sondern steuert energisch aufs Ziel; aber bewahrt Ihr auch das Errungne mit gleicher Energie? ... Wozu eigne Dienerschaft? Hat Eure Mutter nicht Dienerschaft genug zur Aufwartung für eine Person mehr? war es notwendig, diese überflüssige und zudem gefährliche Bedingung zu erfüllen?« »Morton, schämt Euch! Ihr sprecht von einer Fürstin und meiner Schwester! sollte ich ihr standesgemäße Dienerschaft weigern?« »Das ist der Flug aller Eurer Geschosse,« erwiderte Morton,, »sie schnellen kräftig vom Bogen und sind nicht ungeschickt gezielt, aber schädliche Zuneigung lähmt sie im Fluge und bringt den Pfeil aus der Richtung.« »Morton, ich leide solchen Tadel nicht,« versetzte Murray mit Ungeduld, »was ich getan habe, das habe ich getan, und was ich noch tun muß, werde ich tun und will ich tun. Aber aus Stahl und Eisen wie Du bin ich nicht, und Erinnerungen vermag ich nicht zu bannen ... Genug jetzt! mein Entschluß ist gefaßt.« »Ich bin fest überzeugt,« sagte Morton, »die Wahl dieser Dienerschaft wird auf ...« Er, flüsterte nun Namen, die Roland nicht hören konnte. Murray antwortete gleichfalls flüsternd, aber gegen den Ausgang hin wurden die Stimmen wieder deutlicher, und so hörte Roland ganz deutlich: »Und seiner halte ich mich versichert, auf Glendinnings Empfehlung hin ...« »Die vielleicht ebenso vertrauenswürdig ist wie jüngst sein Verhalten bei der Abtwahl ... Ihr habt doch gehört, daß sein Bruder gewählt worden ist? Er scheint eben soviel brüderliche Zuneigung zu hegen wie Ihr!« »Beim Himmel, Morton, für solche Spöttelei sollte ich Euch den Fehdehandschuh hinwerfen, indessen will ich sie Euch nachsehen, ist ja doch Euer Bruder auch dabei beteiligt. Aber, diese Wahl soll kassiert werden. So lange ich das Schwert des Reiches für meinen königlichen Neffen in meiner Hand halte, so lange soll mir weder ein Lord noch ein Ritter in Schottland mein Ansehen streitig machen. Das sage ich Euch, Graf Morton, und das mag sich gleich Euch jeder andre gesagt sein lassen. Beleidigungen meiner Freunde ertrage ich einzig und allein um deswillen, weil ich es mit Freunden nicht verderben mag und weil ich weiß, daß sie es wert sind, daß ihnen Torheiten nachgesehen werden.« Morton murmelte etwas wie Entschuldigung, und der Regent murmelte hierauf ein paar Worte in milderem Tone, dann fuhr er fort: »Außerdem habe ich neben Glendinnings Bürgschaft noch ein weiteres Unterpfand für seine Treue: die nächste Verwandte von ihm hat sich als Geisel für ihn selbst in meine Hand gegeben, damit ich mit ihr verfahre, wie seine Aufführung es verdient.« »Das läßt sich wohl hören,« murmelte Morton, »und doch muß ich Euch in treuer Liebe und guter Absicht wiederholt bitten, auf der Hut zu sein. Unsre Feinde rühren sich wieder, erst heute morgen hat sich Georg Seyton mit etwa zwanzig seiner Leute mit den Leslies geschlagen, auf offner Straße ... bis vom Magistrat aus Hellebardierer anrückten und die Kampfhähne auseinandertrieben...« »Ich weiß, Graf Morton, denn auf meinen Befehl ist die Scharwache ausgerückt,« erwiderte der Regent. »Sind Leute verwundet?« »Lord Seyton selbst, vom schwarzen Leslie ... hol' der Teufel diesen Stoßdegen, daß er nicht gleich mitten durchfuhr! ... der schwarze Ralph hat eins über den Schädel bekommen von einem Pagen, den niemand kennt ... Fritz Seyton ist durch den Arm gestochen worden, und ein paar andre haben wohl noch leichten Aderlaß bekommen. Im übrigen ist von edlem Blute nichts bei der Rauferei geflossen, aber ein paar Kriegsknechten sind die Beine gebrochen und die Ohren heruntergeschlagen worden, die Kneipwirtsweiber haben die Halunken von der Straße aufgehoben und klagen nun wegen Mordes.« Douglas, Ihr nehmt die Sache sehr leicht,« erwiderte der Regent, »solche Fehden auf offner Straße gereichten aber nicht einmal der Residenz des Großtürken zur Ehre, geschweige uns! Doch auch diesem Unfuge soll, wenn ich lebe, Abhilfe geschehen! es soll von mir in der Geschichte nicht heißen, ich hätte das Ansehen nicht zu wahren gewußt, das mir nach der Entthronung meiner Schwester anheimfiel. Nein, ich werde es wahren zum Heile des Gemeinwesens ...« »Und zum Heil Eurer Freunde!« versetzte Morton, »daher hoffe ich unverzüglich auf einen Befehl von Euch, der die Wahl dieses Faulpelzes von Mönch, dieses Glendinning, zum Abt von Kennaqhueir für ungültig erklärt!« »Euch soll sogleich Genüge getan werden!« erklärte der Regent, trat einen Schritt vor und wollte eben rufen: »Holla, Hyndman!« als sein Blick auf Roland Gräme fiel. »Meiner Treu, Douglas,« rief er, zu seinem Freunde sich wendend, »hier haben drei Rat gehalten.« »Aber nur zwei gehören dazu,« versetzte Morton, »der Junge muß beiseite geschafft werden.« »Pfui doch, Morton! ein Waisenknabe!« verwies ihm der Regent solches Ansinnen. Dann rief er Roland zu sich. »Höre, mein Sohn, Du hast mir vorhin einiges genannt, was Du gelernt habest. Hast Du auch gelernt, die Wahrheit zu reden?« »Jawohl, gnädiger Herr, sofern es zu meinem Frommen sei,« erwiderte kühn Roland Gräme. »Zu Deinem Frommen sollst Du sie jetzt sagen,« sprach in strengem Tone der Regent, »Lüge wäre Dein Verderben. Was hast Du gehört oder verstanden von dem, was zwischen uns beiden gesprochen wurde?« »Nur wenig, gnädiger Herr,« entgegnete Roland, »bloß soviel ist mir klar geworden, daß man die Treue des Ritters von Avenel in Zweifel zieht, unter dessen Dache ich erzogen worden bin.« »Und was denkst und weißt Du darüber?« fragte der Regent weiter, einen durchdringenden Blick auf den Jüngling richtend. »Das richtet sich nach dem Stande desjenigen, der die Ehre des Ritters antastet, dessen Brot ich so lange gegessen habe,« antwortete der Page. »Steht solcher Mensch unter mir, dann sage ich ihm, daß er ein Lügner sei und daß ich ihm mit meinem Stocke dienen werde, sofern er den Mund nicht hält. Ist er meinesgleichen, so halt ich den Lügner aufrecht und fordre ihn zum Zweikampf. Steht er über mir, dann . ..« er stockte in seiner Rede. »Fahre getrost fort,« munterte ihn der Regent auf, »also: wenn solcher Mensch, sagst Du, über Dir steht, dann ...« »Dann würde ich ihm sagen,« fuhr Gräme fort, »es sei nicht in Ordnung, über einen Abwesenden Uebles zu sprechen, und mein Herr sei Mannes genug, Rechenschaft über sein Tun und Lassen jedem zu geben, der sie mannhaft von Angesicht zu Angesicht von ihm fordert.« »Mannhaft gesprochen, mein Sohn,« sagte der Regent, indem er dem Pagen die Hand auf die Schulter legte, »wie denkst Du darüber, Morton?« »Ich denke,« versetzte der Graf, »daß sich zwischen seinem Denken und Tun eine große Verschiedenheit finden möchte, falls er einem gewissen alten Freunde an Verschlagenheit ebenso gleichkommt wie er ihm im Ausdruck des Auges und an Stirn und Nase ähnelt.« »Und wem soll er Deiner Ansicht nach ähneln?« fragte der Regent. »Dem redlichen und treuen Julian Avenel,« antwortete Morton. »Aber der Jüngling stammt doch aus dem bestrittenen Lande,« sagte Murray. »Das kann ja sein, aber Julian war ein Jäger, der gern in fremde Gehege strich und dem es auf einen Weg nicht ankam, wenn er ein schmuckes Wild auf dem Rohr hatte.« »Pah!« rief der Regent, »das sind hohle Vermutungen ... Da, Hyndman, Du Naseweis, bring den jungen Menschen wieder zu seinem Kameraden! ... Du hältst Dich mit Deinem Begleiter zu sofortigem Aufbruch bereit,« sprach er zu Gräme. »Ich laß Dir Weisung zukommen.« Dann winkte er ihm freundlich, sich zu entfernen, und die Unterredung hatte ein Ende. Fünfzehntes Kapitel. Hyndman der Türsteher führte den Falkner und den Pagen nach einem Raume im Erdgeschoß und bedeutete sie, daß sie dort sich zu verhalten hätten, bis ihnen durch Seine Gnaden Bescheid zu weiterem Dienste zuginge. Speise und Trank fänden sie in der Küche, und ihr Nachtlager hätten sie, da alles im Schlosse besetzt sei, im Gasthofe zu Sankt-Michael zu nehmen, sich morgens aber hier wieder einzufinden. Kaum war Hyndman verschwunden, so fragte der Falkner mit aller Hast gespannter Neugierde: »Nun, Roland, die Neuigkeiten, die Neuigkeiten! komm, öffne Deinen Zeitungsbeutel! Was spricht der Regent? hat er sich nach Adam Woodcock erkundigt? ist alles niedergeschlagen, oder wird der Abt der Unvernunft noch dran zu glauben haben?« »Alles steht nach dieser Seite hin gut,« antwortete der Page; »aber« -- und hier sah er verwundert auf seine Mütze -- »habt Ihr mir etwa Kette und Medaillon von der Mütze abgemacht?« »Freilich, und grade noch zur rechten Zeit, als der sauertöpfische Patron von Türsteher sich eben erkundigen wollte, was Ihr da für pfäffischen Plunder an Euch trüget! denn sonst wäret Ihr doch Euer Medaillon los, denn man hätt's Euch Gewissens halber konfisziert! Aber wie steht's denn mit Euren weitern Neuigkeiten? laßt Ihr sie nun bald fliegen? was hat der Regent zu Euch gesagt?« »Nichts was ich weiter sagen werde,« erwiderte Roland. »Was der Tausend!« rief Adam, »wie klug und weise wir doch mit einem Male geworden sind! Herr Roland, Ihr habt's wirklich in kurzer Zeit recht weit gebracht! Nahe dran wart Ihr, Euch einen blutigen Schadet zu holen, und habt Euch eine goldene Kette geholt, dann einen Feind erworben, den Herrn Türsteher nämlich mit seinen Säbelbeinen, dann habt Ihr Audienz gehabt beim ersten Mann in ganz Schottland, und nun steht Ihr da mit so geheimnisvollem Schleier um die Stirn, als wärt Ihr am höfischen Himmel geflattert, schön, als Ihr aus Eurem Ei krocht.. Meiner Treu, Ihr seid, scheint's mir, mit einem Stück Eierschale auf dem Kopfe herumgelaufen wie die Schnepfen drüben in Avenel ... wollte Gott, wir wären wieder hinter ihnen her! ... aber setz Dich, Junge! Adam Woodcocks Sache ist's nie gewesen, sich in Heimlichkeiten einzudrängen: da, setz Dich, ich will was zu essen und trinken holen, mir hängt der Magen schon ganz windschief, ich weiß ja von früher her, wo man hier was Gescheites bekommt.« Der Falkner ging und überließ Roland den seltsamen und verwickelten, zugleich auch höchlich beunruhigenden Betrachtungen, die die Vorgänge dieses Vormittags in seinem Gemüte geweckt hatten. Gestern noch ohne Zweck und Ziel auf der Landstraße, als Begleiter einer Greisin, mit deren Verstand es ihm selbst nicht ganz richtig zu sein schien, und jetzt, ohne daß er selbst wußte, wie und weshalb, und in welchem Maße, der Hüter eines Staatsgeheimnisses von solch wichtiger Natur, daß der Regent selbst ihm treues Verschweigen ans Herz gelegt hatte. Der Umstand, daß er selbst die Tragweite dieses Geheimnisses nicht vollständig begriff, in dessen Besitz er wider Willen gesetzt worden war, war mehr geeignet, die Situation für ihn interessant, als gleichgültig zu gestalten. Es war ihm zu Mute, wie jemand, der eine romantische Landschaft zum ersten Male in einen Nebelsack gehüllt erblickt, so daß die Berge und Abgründe, zufolge der schwanken Umrisse, in denen Felsen, Bäume und andre Dinge ringsumher dem Auge erscheinen, doppelte Höhe und Tiefe gewinnen, weil es an jedem Maßstabe für sie gebricht. Selten gewinnt aber beim Menschen, vorzüglich, wenn er kurz vorm Eintritt in das zweite Lebensjahrzehnt steht, die Phantasie dermaßen die Herrschaft über sein ganzes Wesen, daß ihm das Bewußtsein für irdische Nahrung abhanden kommt. So war es auch unserm Helden, wie wir ihn nachgerade wohl nennen dürfen, ganz lieb und recht, daß sein Freund Adam Woodcock mit einer tüchtigen Schüssel voll Rindfleisch und Gemüse wieder in der Stube erschien und hinter ihm drein ein Diener sichtbar wurde, der Salz und Brot und was sonst zu einer rechtschaffnen Mahlzeit gehört, herbeitrug. Der Falkner sagte freilich, für das armselige Dienervolk des Adels werde es mit jedem Tage schlechter und karger, es sei wirklich ein Stück Arbeit, etwas Bessers noch zu ergattern als Haut und Knochen, grobe Reden und Püffe seien weit leichter zu haben, und Bier gebe es überhaupt nicht mehr, sondern nur Malzwasser ... »aber, Kamerad,« setzte er bei, »es kommt nichts heraus dabei, Klagelieder über alte Zeiten anzustimmen, besser ist's schon, man sucht die Gegenwart zu nehmen, wie sie ist.« Mit diesen Worten setzte sich der ehrliche Falkner neben den Junker, dessen Sorge um die Zukunft in der angenehmen Befriedigung einer durch Jugend und Entbehrung geschärften Eßlust schon eine Weile lang geschwunden war. Sie hielten auch wirklich auf königliche Kosten ein tüchtiges Mahl, so schlicht auch die Speisen waren, aus denen es bestand, und ungeachtet des über den Haustrunk des Palastes gefällten Tadels hatte er doch bereits viermal tüchtig an dem Kruge »gezulpt«, bevor es ihm wieder einfiel, daß er sich drüber »mokiert« hatte. Dann warf er sich in einen alten Armsessel, heftete auf seinen Gefährten einen Blick sorgenloser Lust und bedauerte es lebhaft, daß demselben noch immer nicht die Ballade bekannt sei, die er für den Aufzug des Narrenabtes komponiert habe. Und ohne auf eine Aufforderung zu warten, stimmte er munter und fidel an: Der Papst in stolzer Heidenpracht Hüllt uns in Narrenkappen. Wenn Blinder Blindenführer macht, Im Irrsal beide tappen; Auf seinem Thron spricht keck er Hohn. Dem, was Vernunft gebeut ... Singt dudeldum und dudeldei Im Grünen ungescheut. Der Bischof brummt, wie Ihr ja wißt, Und neckt sich mit der Dirne. Der Sündenmönch frönt dem Gelüst Mit frecher Muckerstirne. Nicht lesen schier kann sein Brevier Der Pfaff. O arge Zeit! Singt dudeldum und dudeldei Im Grünen ungescheut. Roland fand an diesem Spottgedicht, wie sich bei seiner Denkart und Glaubensrichtung wohl denken läßt, kein sonderliches Behagen und griff nach seinem Mantel, um ihn über die Schulter zu werfen, und Adam Woodcock setzte deshalb in seinem Gesange aus. »Wo soll's denn schon wieder hin, unruhiger Knabe?« rief er, »Du hast doch ganz gewiß Quecksilber in Deinen Adern! hältst genau so wenig aus, wie ein Falke auf dem Handgelenk, wenn er die Haube nicht auf hat.« »Je nun, Woodcock,« antwortete der Page, »ich will mal einen Gang durch die Stadt machen, wenn Du es durchaus wissen willst. Wenn man die ganze Nacht hier zwischen vier Steinmauern verbringen sollte, dann könnte man grad so gut eingekerkert sitzen im alten Schloß am See.« »Aber allein laß ich Euch keinen Schritt tun,« sagte der Falkner, »bis der Regent Euch wohlbewalten aus meiner Hand empfing. Drum laßt uns, wenn's Euch paßt, nach Sankt-Michael in den Gasthof gehen. Dort werden wir Menschen genug sehen, aber durchs Fenster, wohlgemerkt! denn daß Ihr etwa noch mal hinauslauft, um Euch mit Seytons und Leslies herumzuschlagen, das geb ich auf keinen Fall zu.« »Na, also auf nach Sankt-Michael!« stimmte der Page bei; und sie verließen den Palast, gaben der Wache am Tore Bescheid über Namen und Stand und Zweck ihrer Anwesenheit im Schlosse und wurden dann gegen Ausfolgung von Einlaßkarten für den kommenden Tag durch eine enge Pforte des Haupttors hinausgelassen. Bald hatten sie den Gasthof, der am Fuße des Calton-Hügels lag, erreicht, ein großes, unwirtliches Gebäude, das mehr einer Karawanserei des Morgenlandes glich als einem Gasthofe im Abendlande, Der jeden Wunsch des Gastes zu erfüllen trachtet, Der nicht auf Kreide bei der Zeche achtet. Immerhin gab es für Roland, dessen Auge an solchen Anblick, wie ihn eine volle Gaststube des damaligen Schottland darbot, nicht gewöhnt war, des Aufregenden und Ergötzlichen grade genug zu sehen. Einheimische und Fremde trafen einander hier, begrüßten einander, spielten Karten und pokulierten zusammen, ohne daß sich einer um den andern kümmerte, und bildeten so einen schroffen Gegensatz zu der strengen Ordnung und einförmigen Ruhe, mit der sich alles in dem wohlgeordneten Haushalte des Ritters von Avenel vollzog. Neckerei, Wortwechsel und Zank gab es an allen Tischen, und doch schien der Lärm, der dadurch entstand, niemand zu stören, ja niemand zu kümmern als die Gruppe, zu der die im Disput befindlichen grade gehörten. Der Falkner setzte sich, in eins der Erkerfenster, ließ sich kalten Kapaun und Rindszunge und Landwein bringen und sagte zu Roland: »So, Kamerad! nun zugelangt, heut soll's noch ein paar lustige Stunden setzen! Begraben wir die Sorgen bis morgen!« Aber Roland war noch zu satt von dem Abendessen im Schlosse und vergnügte sich durch die Beobachtung des draußen in dem großen Hofe herrschenden Lebens und Treibens. Die vielen, jetzt zur Hauptstadt strömenden Adelinge des Landes hatten alle Ställe mit ihren Pferden in Beschlag genommen, und es wimmelte draußen von kriegerischem Gefolge und von Dienerschaft in allen möglichen Trachten und Livreen. Das war ein Singen und Lärmen und Pfeifen und Schreien und Lachen, untermischt mit Waffen- und Sporengeklirr, mit Stampfen und Wiehern, daß Roland bald die Ohren weh taten. Aber er hörte nicht auf, zu sehen und zu staunen. Wiederholt hatte Woodcock ihn aufmerksam gemacht auf das und jenes, das ihm besonders verdiente, beobachtet zu werden, und worunter sich auch manche Dirne befunden hatte, die im buntfarbigen Mieder, in schmuckem Rock und Unterrock mit der Gelte zum Trog gelaufen war, um dem einen oder andern bevorzugten Knecht oder Diener bei der Abwartung seines Rosses zur Hand zu gehen. Aber kein einziges mal hatte Roland ihn einer Antwort gewürdigt. »Na, Schockschwerenot! Roland, was seht Ihr denn bloß, daß Ihr gar kein Wort für mich übrig habt?« Roland blieb nach wie vor stumm. »Na, wißt Ihr, Herr Roland,« sagte der Falkner wieder, »bei mir zu Hause ist's nicht Mode, daß man jemand die Antwort weigert, der mit einem spricht.« Aber auch jetzt kam keine Antwort aus dem Munde des Gefährten. »In dem Burschen steckt wahrhaftig der Henker,« brummte der Falkner vor sich hin, »der muß sich die Augen verguckt und die Zunge lahm geschwatzt haben.« Er goß den Krug Wein hinunter und rückte näher zu Roland heran, der wie eine Bildsäule dasaß und in den Hof hinaus stierte, trotzdem sich dort, wenigstens für die Augen des Falkners, nicht das geringste zeigte, was solches stieren Gaffens als wert hätte erscheinen können. Aber das Staunen des Pagen hatte seine guten Gründe, wenngleich sie nicht danach beschaffen waren, daß er sich zu seinem Kameraden darüber hätte aussprechen können. »Der Bursche ist, weiß der Himmel, von Sinnen!« brummte Woodcock vor sich hin. Der Lärm im Hofe hatte verschiedene Leute von der Straße herbeigelockt, darunter auch einen Pagen, dessen Erscheinung, als er ins Hoftor trat, die Aufmerksamkeit Rolands sogleich auf sich gezogen hatte. Er war etwa von gleichem Alter mit ihm, eher junger als älter, und mochte, der Tracht und Haltung nach zu schließen, einem gleich vornehmen Hause angehören wie er, bloß war er zierlicher und schmächtiger von Gestalt. Er warf, kaum in den Hof getreten, einen Blick zu den obern Fenstern hinauf, und da erkannte Roland zu seinem höchsten Staunen unter der purpurnen Samtmütze mit der weißen Feder, die den Pagenkopf bedeckte, die seiner Erinnerung so tief eingeprägten Gesichtszüge mit den wohlgeformten Brauen unter den goldnen Ringellocken und der Purpurlippe, die in der Regel von halb unterdrücktem schelmischem Lächeln umspielt war, mit einem Worte, da erkannte Roland in dem schmücken Pagen die lustige Maid, die er zum erstenmal in dem Kloster, zum andern mal in dem Palaste des Lords Seyton gesehen hatte, Katharina Seyton! ja, Katharina Seyton in Pagentracht, und, dem Anschein nach, mit Geschick und Glück bemüht, ihn nachzuäffen. »Beim heiligen Georg und was weiß ich noch allem!« sprach Roland bei sich, »sah man wohl je eine keckere Dirne? .. Indessen sieht's doch so aus, als ob sie ihrer Vermummung sich ein wenig schämte, denn jetzt hält sie schon wieder den Mantelzipfel vors Gesicht ... aber, mit welcher Keckheit drängt sie sich durch diesen Haufen von Mannsvolk .. Ich glaube gar, jetzt zieht sie dem Stallburschen in der Friesjacke mit der Reitgerte ein paar über!« Ein Tölpel von Stallburschen in dicker Friesjacke hatte dem, wie es schien, in großer Eile befindlichen Pagen nicht Platz machen wollen und bekam jetzt seine Reitpeitsche zu kosten. Sie sauste ihm um die Ohren, und brummend trat der ungelenke Mensch beiseite! Während seine Kameraden sich darüber vor Lachen ausschütten wollten, trat eine Dirne, in rotem Mieder, die ihm geholfen hatte und seinem Mißgeschick dadurch die Krone aufsetzte, daß sie aus vollem Lachen mitlachte, zu dem Pagen heran und fragte, ob er vielleicht hier jemand suche. »Richtig erraten, mein Kind, einen jungen Schößling mit Palmenzweig auf der Mütze, schwarzäugig und schwarzlockig, in grünem Wams und mit den Mienen eines Gecken vom Lande. Ich hab ihn schon überall in der Canon-Gate gesucht und kann ihn nicht finden.« »Na, nur gemütlich,« murmelte Roland verwundert in sich hinein, »das hört sich ja recht schmeichelhaft an!« »Ich will dem schmucken jungen Herrn gern den Gefallen tun und Umschau nach dem jungen Buben vom Lande halten,« sagte die Magd zu dem Pagen. »Seid so gut,« antwortete dieser; »bringt Ihr ihn mir her, sollt Ihr heut abend auch einen guten Groschen und am andern Sonntag, wenn Ihr ein reines Mieder anhabt, einen Schmatz bekommen.« »Na, das nenn ich die Keckheit doch etwas weit getrieben, gegen mich wie gegen die Dirne,« brummte Roland in sich hinein. »Den Groschen könnt Ihr behalten,« beschied die Dirne, »und den Schmatz schenk ich Euch!« Im andern Augenblick war die Magd, die für Pagen einen schärfen Blick zu haben schien, in der Gaststube und sah sich um. Dann ging sie heraus, um gleich darauf mit dem Pagen hereinzutreten. Die verkleidete Maid ließ ihren Blick keck über die in der Gaststube sitzende und stehende Gesellschaft von Mannsvolk schweifen; Roland wußte nicht, was er von ihr denken sollte, nahm sich aber vor, sich nicht einschüchtern zu lassen, sondern ihr lustig gegenüberzutreten und sie gleich merken zu lassen, daß er sie erkannt habe und um ihr Geheimnis Bescheid wisse, daß also ihr Schicksal in gewissem Sinne in seiner Hand liege, und daß er sie recht wohl nötigen könne, sich vor ihm zu »ducken« oder wenigstens doch so zu tun, als »krieche sie vor ihm zu Kreuze«. In dieser Weise hatte sich Roland die weitere Entwicklung der Situation recht fein ausgedacht; aber als er die zu solchem Verhalten passende Miene grade aufsetzen wollte, trafen seine Blicke auf das kecke, unverwandt auf ihn gerichtete Augenpaar seines brüder- oder schwesterlichen Pagen, der in ihm sogleich mit seinem Falkenblick die Persönlichkeit erkannt hatte, auf deren Suche er begriffen war, und mit der unbefangensten Miene und dem unerschrockensten Wesen von der Welt hörte er sich plötzlich angesprochen: »Ei, Herr Palmenzweig, Euch such' ich, weil ich mit Euch was zu sprechen habe.« Es war dieselbe ruhige, zuversichtliche und kalte Stimme, wie er sie im Kloster aus ihrem Munde vernommen hatte, es waren dieselben Gesichtszüge, die ihm so scharf vor der Seele standen, die ihm, aus solch unmittelbarer Nähe gesehen, ganz unmöglich Zweifel wecken konnten, und doch stand er da perplex und außer stande, sich die Situation zurechtzulegen, und es war ihm, als wenn ihn Ungewißheit beschliche, ob er nicht doch am Ende das Opfer einer Augen- oder Sinnestäuschung sei; und aus der Klugheit, die er hatte entfalten wollen, aus der pfiffigen Miene, die sein Gesicht hatte zeigen sollen, war eine alberne Blödigkeit, aus dem spöttischen Lächeln, das auf seine Lippen hatte treten wollen, ein dummes Grinsen geworden, so daß er ganz aussah, wie jemand der lachen will, um seine Verlegenheit zu bemänteln. »Na, ich denke doch, bei Dir zu Lande wird Schottisch gesprochen, Palmzweig?« fragte die wundersame Fee in der noch wundersamern Verkleidung, »ich sagte doch, ich hätte mir Dir zu reden!« »Was habt Ihr junges Kampfkücken denn vor mit meinem Kameraden?« fragte Adam Woodcock, der sich anschickte, seinem Kameraden zu Hilfe zu kommen, obgleich er über den Grund von dessen Verwirrung auf durchaus falscher Fährte war. »Mit Euch altem Hahne gar nichts;« erwiderte das jugendliche Stutzerlein, »geht Ihr in aller Ruhe und reicht Euren Falken Pillen zum Abführen! Ich seh es ja an Eurer Tasche und Eurem Handschuh, daß Ihr so was seid wie Falkenier?« Das Stutzerlein lachte, und dieses Lachen rief ihm jenes andre, das er im, Kloster gehört hatte, so deutlich in die Erinnerung, daß er sich kaum, enthalten konnte auszurufen: »Katharina Seyton, so wahr Gott lebt« -- aber er unterdrückte noch rechtzeitig diesen Ausruf und sagte statt, seiner nur: »Mir kommt so vor, mein junger Herr, als seien wir einander nicht ganz fremd.« »Dann müssen wir einander grade im Traume gesehen haben,« sagte der Page, »ich habe tagsüber aber so viel zu tun, daß es mir ganz unmöglich ist, mich um Träume zu kümmern.« »Oder Euch derjenigen bei Tage nicht mehr zu entsinnen, die Ihr abends gesehen habt,« versetzte Roland. Der Page sah ihn verwundert an, dann sagte er: »Ich verstehe von Euren Reden nicht mehr und nicht weniger als dort der Gaul. Soll in Eurer Rede ein Tort gegen mich liegen, so steh ich nicht an, Euch darüber zur Rede zu stellen, wie jeder andre junge Kavalier von Edinburg.« »Daß ich mich mit Euch nicht in Händel einlassen werde, wißt Ihr recht gut,« erwiderte Roland, »wenn's Euch beliebt mit mir wie mit einem Fremden zu reden. Mir muß ja jeder Streit mit Euch fern liegen.« »Dann laßt mich in Ruhe den Auftrag ausrichten, den ich für Euch habe« sagte der Page. »Aber, tretet ein wenig hier herüber, damit uns das alte Falkenleder nicht hört.« Sie trat in einen Verschlag am Fenster, der Jüngling kehrte der Gesellschaft in der Gaststube den Rücken zu, nachdem er sich noch einmal mit scharfen Blicken rings umgesehen, dann zog er unter seinem Purpurmantel ein kurzes, aber fein ziseliertes Schwert hervor, dessen Griff und Scheide mit silbernem Zierat ausgelegt waren, und sprach zu Roland wie folgt: »Ein Freund sendet Euch diese Waffe und schenkt sie Euch unter der Bedingung, daß Ihr sie nicht früher ziehen sollt, als bis es Euer angestammtes Oberhaupt Euch befiehlt. Weil man Euer heißes Blut kennt, und Eure Keckheit, Euch um ungelegte Eier zu bekümmern, soll dies Eure Strafe sein, erteilt von denjenigen, die Euch wohlwollend gesinnt sind und deren Hand bestimmt ist, in Euer Geschick einzugreifen. Dies ist mein Auftrag. Wollt Ihr nun ein ehrliches Wort austauschen gegen ein gutes Schwert und Euer Gelübde durch Handschlag und Handschuh verpfänden, dann laß ich Euch meinen Flamberg da, andernfalls bin ich gehalten, ihn denen wieder zurückzubringen, die ihn mir übergeben haben.« »Ich darf nicht fragen, wer die Auftraggeber sind?« fragte, die herrliche Waffe bewundernd, Roland. »Mein Auftrag ermächtigt mich nicht, auf solche Frage Bescheid zu tun,« sagte das Stutzerlein im Purpurmantel. »Und auch, wenn mich Beleidigung trifft, soll ich nicht vom Leder ziehen dürfen?« fragte Roland wieder. »Nicht dieses Schwert,« versetzte der Page, »aber dazu habt Ihr ja doch das eigne Schwert, das ich Euch doch nicht nehmen soll; und wozu habt Ihr denn Euren Dolch?« »Unter dieser Bedingung, und da es von so lieber Hand kommt, nehme ich das Schwert,« erklärte Roland, »doch glaubt mir, sofern wir in irgend welcher Unternehmung von Wichtigkeit, wie ich ja doch anzunehmen veranlaßt worden bin, gemeinsam handeln, dann wird doch ein gewisser Grad von Vertrauen und Offenheit Eurerseits von nöten sein, um meinem Eifer das nötige Feuer zu geben. Für den Augenblick will ich nicht weiter in Euch dringen. Es genügt mir, wenn Ihr mich versteht.« »Wenn ich Euch verstehe?« wiederholte der Page, jetzt seinerseits unverblümte Verwunderung zeigend, »nicht leben will ich, wenn dem so ist ... Ihr steht da und lächelt und schneidet Gesichter, als wenn Gott weiß welches Wunderding von Rank und Intrige zwischen uns sich abspielte, und dabei habe ich doch weder Euch noch habt Ihr mich gesehen!« »Was?« rief Roland Gräme, »Ihr wolltet in Abrede stellen, baß wir einander schon gesehen hätten?« »Potztausend! vor jedem christlichen Potentaten will ich's beschwören!« rief der andre Page. »Und wollt Ihr ferner leugnen, daß es uns eingeschärft worden ist, uns wechselseitig unsre Gesichtszüge einzuprägen?« rief Roland. »Gedenkt Ihr nicht der Damen Brigitte und Magdalene ...« Hier unterbrach ihn der Page mit mitleidsvollem Achselzucken und sagte: »Was schwatzt Ihr da von einer Brigitte und einer Magdalena? ... Na, das ist doch helle Verrücktheit oder Träumerei! ... Wißt Ihr was, mein Herr Palmenzweig? Mir scheint, Ihr seid nicht mehr recht bei Euch! oder Euer bißchen Griebs ist Aehren lesen gegangen! Trinkt einen guten Magenbitter, oder zieht über Euer krankes Hirn eine wollne Nachtmütze ... und damit Gott befohlen!« Damit war der Page verschwunden. Sechzehntes Kapitel. Am andern Morgen dämmerte es kaum, so wurde am Wirtshaus durch laute Schläge am Türklopfer Einlaß begehrt im Namen des Regenten. Gleich darauf stand Michael Wingthewind vor unsern Reisenden, die sich in den Betten befanden. »Auf, auf!« rief er, »wenn Murray ruft, ist's aus mit Schlaf!« Im Nu waren beide aus den Betten und auf den Beinen. »Alter Freund,« sagte Michael zu Adam, »Ihr müßt sofort aufsitzen mit diesen Schriftstücken nach Kennaqhueir und Avenel! dies eine hier dem Abt, und jenes andre dem Ritter Avenel behändigen.« »Das heißt also auf schottisch: die Mönche sollen die Abtei räumen,« rief Adam, die Schreiben in seine Jagdtasche steckend, »und mein Herr soll dafür sorgen, daß es prompt geschieht. Aber zwei Brüder aufeinander zu hetzen ist keine rühmliche Sache.« »Kümmert Euch nicht um ungelegte Eier,« verwies ihn Michael, »sondern macht, daß Ihr in den Sattel kommt, denn werden die beiden Befehle nicht sofort vollstreckt, dann wird man vom Marienkloster bald bloß noch die Mauern und vom Schloß Avenel nicht viel mehr sehen. Ich hörte Murray in heftigem Disput mit Morton, und wir sind beide so gestellt miteinander, daß über Kleinigkeiten keine Differenzen erwachsen dürfen.« »Ist noch vom Abte der Unvernunft die Rede gewesen, oder gilt das als beigelegt?« »Das hat man als Jux nicht weiter beachtet, weil's keinen Schaden gestiftet hat. Aber laßt künftig die Finger von solchen Geschichten und denkt an die Mortonsche Jungfer.« »Die soll mir den Hals nicht wegsäbeln,« meinte Woodcock und schlang sich das Tuch dreimal um den dicken, sonnverbrannten Hals, indem er dreimal hintereinander Roland zurief, sich schnell fertigzumachen. »Laßt den Pagen in Ruh,« sagte Wingthewind, »der begibt sich nicht mit Euch zurück, für den hat der Regent einen andern Auftrag.« »Alle Heilige! Herr Roland Gräme soll hier bleiben?« rief Woodcock, »und ich soll allein nach Avenel zurück? Aber das geht doch nicht! so ein junges Blut weiß sich doch nicht durch die Welt zu bringen! da gibt's doch der Fälle noch gar zuviel, wo er auf meiner Pfeife Lockruf hören muß!« Roland schwebten schon Worte auf der Zunge, den Falkner auf eine Gelegenheit zu verweisen, bei der er selber besser gefahren wäre, wenn er auf andrer Rat geachtet hätte, aber er unterließ die Bemerkung, als er die echte Bekümmernis auf dem Gesichte des braven Alten über die Trennung wahrnahm. Indessen kam er ohne Neckerei doch nicht los, denn Michael nahm ihn jetzt beim Arme und fragte ihn: »Aber sag doch bloß, Alter, was ist denn mit Deinen Augen? die sind ja geschwollen, als sollten sie aus den Höhlen treten!« »Ach, laß meine Augen!« versetzte unwirsch Adam, »das kommt vom Schlafen auf den vermaledeiten Schloßpritschen! ich laß mir einen Holzapfel braten und setz eine Flasche Bier drauf, da wird die Geschwulst bald weg sein!« »Recht so, Adam! ich werde Dir Deinen Gaul satteln lassen und für den Holzapfel sorgen. Aber spute Dich! Der Regent hat's eilig!« Während seiner Abwesenheit nahm Woodcock den Pagen, bei der Hand. »Mein lieber Roland,« sagte die biedre Seele, »wer weiß, ob wir je wieder einen Falken zusammen steigen lassen. Mir tut's leid, daß wir scheiden müssen, als wenn Ihr mein eigner Sohn wärt, nehmt's mir nicht übel! Ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich kann's nicht ändern, Ihr seid mir lieber als jeder andre Junge auf dem Schloß. Drum laßt Euch heut dreierlei noch sagen zum Abschied, Roland! Ihr sollt Euch nun allein bewegen in dieser unruhigen Welt, in der wir uns zurzeit befinden. Also merkt Euch folgendes: Zieht Euren Dolch nicht bei geringfügiger Veranlassung, denn nicht jedermanns Wams möchte so ausgepolstert sein, wie das des Unvernunftabtes; lauft nicht jeder hübschen Dirne nach wie der Sperber der Drossel! denn Ihr werdet nicht immer güldne Ketten dabei ergattern; und drittens: nehmt Euch vorm Kruge in acht! ein guter Trunk hat schon klügre Männer als Euch um die gesunden fünf Sinne gebracht. Und nun, lieber Junge, lebt wohl. Wir haben zu mehr jetzt keine Zeit ... Aber da habt Ihr noch Eure Kette und Euer Medaillon! fast hätt ich beides vergessen. Verwahrt die Dinge gut, denn sie sind massiv und können Euch in manchem Fall der Not zum Nutzen sein. Aber seid auch hübsch vorsichtig damit!« Roland erwiderte den warmen Händedruck des braven Falkners, trug ihm auf, seiner Gebieterin zu sagen, daß es ihn noch jetzt schmerze, ihr weh getan zu haben, und daß er sich in der Welt so aufführen werde, daß es ihr zur Freude gereichen solle, wie es ja um des gütigen Schutzes willen, den sie ihm gewährt habe, für ihn Pflicht und Schuldigkeit sei. Dann bestieg der Falkner seinen frischen, gut gefütterten Gaul und trabte von dannen. Jeder Hufschlag schien Roland Gräme zu treffen, denn er fühlte, wie innig auch er an dem braven Manne hing und wie seltsam es ihm zu Mute war, jetzt allein, bloß auf sich selbst angewiesen, in der Welt zu stehen. Aber Michael kam jetzt zurück und riß ihn aus seinem Sinnen durch den Zuruf, daß der Regent auf ihn warte. Er müsse sich außerordentlich sogar beeilen, denn es sei heut eine sehr eilige Staatsratssitzung anberaumt und der Regent habe ausdrücklich befohlen, den Pagen vorher ihm zuzuführen. Michael führte Roland in ein kleines, mit Teppichen dicht belegtes Zimmer, wo Graf Murray im dunkelfarbigen Schlafrock, in Pantoffeln und Mütze auf einem Sessel saß. Aber auch bei dieser bequemen Morgentracht trug er den Degen an der Seite, halb aus persönlicher Vorsicht, halb den Vorstellungen seiner Freunde sich fügend. Auf die ehrfurchtsvolle Verbeugung des Pagen antwortete er durch ein Nicken. Dann ging er ein paarmal in dem Zimmer auf und nieder, den Blick scharf auf Roland gerichtet, wie wenn er im Innern seiner Seele lesen wolle. Endlich brach er das Schweigen durch die Frage: »Julian Gräme lautet Euer Name -- nicht so?« »Roland Gräme,« versetzte der Page, »nicht Julian, gnädigster Herr!« »Ach richtig, mein Gedächtnis hat mich im Stich gelassen. Roland Gräme aus dem bestritten Lande, richtig! ... Nun, Roland! Dir sind die Obliegenheiten im Dienst einer Dame bekannt?« »Ja, gnädigster Herr, denn ich bin auferzogen worden im Dienste der Dame von Avenel. Aber ich denke sie nie wieder zu üben, da mich der Ritter von Avenel ...« »Schweigt, Bursche,« fuhr der Regent ihn an, »zu sprechen habe hier ich, und Ihr habt zu hören und zu gehorchen. Es ist notwendig, daß Ihr auf einige Zeit wieder in den Dienst einer Dame tretet, die an Rang in Schottland nicht ihresgleichen hat. Ist dieser Dienst vorüber, und ward er prompt erfüllt, dann soll Eurem Ehrgeiz, darauf gebe ich Euch mein gräflich Wort, eine Bahn sich eröffnen, die dem stolzesten Manne recht sein dürfte ...« Als Roland inne wurde, daß der Regent eine Antwort zu erwarten schien, fragte er: »Darf ich wissen, wem ich meine Dienste widmen soll?« »Das sollt Ihr später erfahren,« versetzte der Regent, dann fügte er mit sichtlichem Widerstreben hinzu: »Oder warum soll ich's Euch nicht gleich sagen? erfahren müßt Ihr's doch ... in den Dienst der erhabensten und doch unglücklichsten Frau von ganz Schottland sollt Ihr treten, in den Dienst Marias von Schottland ...« »Ich in den Dienst der Königin, gnädiger Herr?« rief der Page, völlig außer stande, sein Staunen zu unterdrücken. »Die einst Königin war!« sagte Murray mit seltsamer Mischung von Unmut und Verlegenheit im Tone seiner Stimme, »Ihr dürft nicht außer acht lassen, daß ich an ihrer Statt das Regiment in Schottland führe.« »Werde ich Königlicher Hoheit am Orte ihrer Gefangenschaft zu dienen haben?« fragte der Page mit treuherziger Unbefangenheit, durch die er den Staatsmann halb und halb aus der Fassung brachte. »Sie ist nicht in Gefangenschaft, das verhüte Gott!« erwiderte der Regent verdrießlich, »bloß entfernt von Staats- und öffentlichen Geschäften, bis sich die Verhältnisse wieder so weit beruhigt haben, daß sie sich ihrer unbeschränkten Freiheit wieder erfreuen darf, ohne ihren königlichen Sinn den Ränken schlimmer Menschen ausgesetzt zu sehen. Da sie,« setzte er hinzu, »von Rechts wegen mit einer ihrer abgeschiednen Lage angemessnen Dienerschaft umgeben werden muß, auf deren Klugheit ich mich verlassen kann, ist, was den Pagendienst angeht, meine Wahl auf Euch gefallen. Ihr seid anstellig, in Euren Mienen lese ich, daß Ihr Verständnis für die Aufgabe habt. Hier in diesem Schriftstück sind die Obliegenheiten niedergelegt, die Ihr zu erfüllen habt. Aber was vor allem von Euch erwartet wird, ist Treue. Ihr sollt wachen, über jeden Versuch, über jede aufkeimende Neigung, mit irgend einem der im Westen des Landes sässigen Lords, mit Hamilton, Seyton, Fleming u. s. w., die sich zu Häuptern der uns feindlichen Partei aufgeworfen haben, Beziehungen oder Verkehr anzuknüpfen. Es wird Euch demnach zur Pflicht gemacht, über alles, was Euch in Eurem Dienste auffällt, meiner Mutter, bei der sich zurzeit meine Schwester als Gast aufhält, zu berichten, über jeden Verdacht, der Euch aufsteigt, meine Schwester könne sich mit der Absicht tragen, ihren Aufenthaltsort zu wechseln, oder gar etwa mit Angehörigen fremder Staaten Verbindungen anzuknüpfen. Sollte aber sich irgend etwas von Bedeutung tatsächlich ereignen, so sollt Ihr ohne allen Verzug direkte Boten an mich absenden, und zur Bewerkstelligung all dessen, was in solchem Falle von nöten, nehmt hier diesen Ring, der Euch jedem ausweist als meinen Vollmachtträger. Und nun geh, mein Sohn!« verabschiedete ihn der Regent und legte wiederum die Hand auf Rolands Schulter, diene mir treu, und so wahr ich Graf Murray bin, Dir soll hoher Lohn werden!« Roland verneigte sich und stand im Begriffe, sich zu entfernen, da gab ihm der Graf ein Zeichen, noch zu verweilen. »Ich habe großes Vertrauen in Dich gesetzt, mein Sohn, denn Du bist der einzige meines Gefolges, der auf meine eigne Empfehlung zu meiner Schwester gesandt wird. Ihre Kammerfrauen hat sie sämtlich sich selbst gewählt. Sie solches Vorrechts berauben zu wollen, wäre übertriebne Härte gewesen, wenn auch einige Mitglieder des Staatsrats hierfür stimmten ... Du bist jung und ein schmucker Gesell. Mach ihre Torheiten mit, aber achte darauf, daß hinter Torheiten sich nichts Ernsteres verbirgt, und werden Minen gelegt, dann lege Du Gegenminen! Im übrigen betrage Dich mit allem Anstand und aller Ehrerbietung gegen Deine Herrin, denn sie ist Fürstin, wenn auch vom Unglück beherrscht, und sie war Königin, Königin von Schottland! wenn sie es auch, leider! jetzt nicht mehr ist -- Und nun leb wohl! -- Doch halt, noch eins! Du reitest mit Lord Lindesay. Sieh Dich vor, ihm nicht zu nahe zu treten! er ist ein rauher Herr, der keinen Spaß versteht ... und Du, mein Sohn, sollst, wie ich vernommen, zuweilen vorlaut, man hat sogar gesagt, naseweis sein.« Diese letzten Worte sprach er mit freundlichem Lächeln. Dann fügte er noch hinzu: »Mir wäre es freilich lieber gewesen, der Staatsrat hätte einen Lord von bessrer Bildung mit solcher Botschaft beordert.« »Und warum, Mylord?« fragte Graf Morton, der grade ins Zimmer trat, um diese Schlußworte noch zu hören. »Der Staatsrat hat entschieden, daß Lord Lindesay der beste sei für diese Aufgabe, denn es fehlt uns wahrlich nicht an Proben von Halsstarrigkeit dieser Dame, und eine Eiche, die der scharfen Axt von Stahl widersteht, muß durch rauhen Eisenkeil gespalten werden ... So? dies soll der Page sein? Nun, Mylord hat Euch wohl instruiert, junges Bürschchen, wie Ihr Euch zu verhalten habt. Indessen will ich Euch doch einen kleinen Wink noch beifügen. Ihr steht im Begriffe, Euch nach einem Douglas-Schlosse zu begeben. Vergeßt nicht, Knabe, daß noch in keinem Douglas-Schlosse Verrat gedieh! die erste Spur von Verdacht wäre der letzte Augenblick, Eures Lebens ... Mein Vetter William Douglas ist ein wilder Gesell. Wittert er Argwohn gegen Euch, dann tanzt Ihr, ehe die Sonne über seinem Zorne untergeht, auf den Schloßzinnen Schwebewalzer im Winde! ...« Dann wandte er sich an den Regenten: »Und einen Beichtvater soll die Dame auch erhalten?« »Gelegentlich,« versetzte der Regent, »denn ihr den geistlichen Trost vorenthalten zu wollen, wäre doch mehr als grausam.« »Mylord, immer wieder weichherzig?« fragte Graf Morton. »Solch falscher Priester ebnet ihren Klagen nicht bloß den Weg zu unsern Widersachern in Schottland, sondern auch zu den Gassen in Frankreich und zu den Glaubensgenossen in Rom und Madrid!« »Seid ohne Sorge!« erwiderte der Regent, »es sollen Maßregeln getroffen werden, die jede Verräterei unmöglich machen.« Hierauf wandte sich der Regent zu dem Pagen, wie wenn ihm einfiele, derselbe sei nun lange genug bei einer Unterredung, die ihn eigentlich nichts mehr anginge, anwesend gewesen, und befahl ihm, ohne Säumen aufzusitzen, da Lord Lindesay bereits fertig zum Ausritt sei. Roland verneigte sich und verließ das Zimmer. Im Hofe hielt ein Kommando von etwa dreißig Berittenen unter einem Befehlshaber, dem man Zorn und Ungeduld deutlich genug ansah. »Ist das der Maulaff von Page, auf den wir so lange haben warten müssen?« fuhr er Michael an, »Lord Ruthven wird nun vor uns im Schloß eintreffen.« Michael bejahte die Frage, fügte aber bei, daß der Regent den Pagen nicht früher zu entlassen geruht habe. Lord Lindesay brummte einige unverständliche Worte, die sich anhörten wie, daß man sich mehr bieten lassen müsse, als auf eine Kuhhaut ginge; dann rief er einen Reiter heran, der noch grimmiger aussah als der Lord selbst, und rief ihm zu: »Nimm den Musje unter Deine Obhut, Edward! Außer mit Dir soll er mit niemand reden!« Dann wandte er sich an einen bejahrten Herrn von ehrwürdigem Aussehen, den er mit »Sir Robert« anredete und der der einzige in dem Trupp zu sein schien, der ihm an Rang gleichstand, mit der Bemerkung, es sei nun an der Zeit aufzubrechen. Während dieses Gesprächs der beiden Lords hatte Roland Zeit, sie sich anzusehen. An Lord Lindesay von Byres, dem Führer des Zuges, waren die Jahre gewissermaßen spurlos vorübergegangen. Die stramme aufrechte Haltung und sein kräftiger Gliederbau ließen erkennen, daß er den Beschwerden des Krieges noch immer gewachsen sei. Ueber den großen, von düstrer Glut lodernden Augen hingen dichte Brauen, die ins Graue zu spielen anfingen. Eine Anzahl von Schrammen, Zeuginnen der Schlachten und Kämpfe, die er bestanden, mehrte noch den strengen, abstoßenden Ausdruck seiner Züge. Eine Stahlhaube mit vorspringendem Schirm, doch ohne Visier, überschattete den obern, ein graumelierter Bart, der von der Kinnkette gekreuzt wurde, bedeckte den untern Teil des grimmigen Gesichts. Er trug ein ledernes Wams, das einst mit Stickerei besetzt und mit Seide eingefaßt gewesen war, jetzt aber die Spuren von allerhand Strapazen deutlich an sich trug. Unter dem Wams saß ein Panzer, einst von poliertem Stahl und fein vergoldet, jetzt aber durch Rost stark entstellt. Ein Schwert von seltsamer Größe und altertümlicher Form, mit beiden Händen zu führen, hing an einem Wehrgehenk über beiden Schultern und reichte quer über den ganzen Mann hinweg, so daß der gewaltige Griff über die linke Schulter aufragte, die Spitze aber fast an die Ferse hinunterreichte. Dieses Ungetüm von Waffe, das damals aus dem Brauche zu kommen anfing, ließ sich nicht anders aus der Scheide ziehen als so, daß man den Griff über die linke Schulter hob, denn keines Menschen Arm war lang genug, es auf die gewöhnliche Weise zu bewerkstelligen. Das ganze Bild, das der Mann bot, war das eines rauhen, in seiner äußern Erscheinung den Menschenfeind aufs schärfste markierenden Kriegers, und der abgerissne, strenge Ton, den er gegen sein, Gefolge anschlug, verriet unbedingten Mangel an Bildung. Der neben ihm reitende Mann zeigte den unmittelbaren Gegensatz zu dem rauhen Lord, sowohl in Gestalt und Gesicht wie in Haltung und Wesen. Sein spärliches zartes Haar war auch bereits ergraut, obgleich er nicht über die Mitte der Vierziger sein mochte. Der Klang seiner Stimme war sanft und schmeichlerisch, seine Gestalt schmächtig, hager und leicht gebeugt, das bleiche Gesicht hatte einen auffälligen Zug von Klugheit, eher noch Verschmitztheit, aber auch hoher Einsicht, sein Auge war lebhaft aber freundlich, und sein ganzes Benehmen mild und einnehmend. Er ritt einen Zelter, wie ihn Frauen und geistliche Herren zu reiten liebten, und trug ein Koller von schwarzem Samt, Mütze und Feder von der gleichen Farbe, letztere durch ein goldnes Medaillon gehalten, und -- mehr als Schmuck und Rangabzeichen als zum Gebrauch -- einen Staatsdegen, sonst keinerlei Waffen. Der Zug war aus der Stadt heraus und in gleichmäßigem Tempo in der Richtung nach Westen zu unterwegs. Roland hätte gern über das Endziel ihres Rittes etwas vernommen, aber der Reiter, dem er zugewiesen worden war, zeigte ein so bärbeißiges Gesicht, daß es Roland für geratener hielt zu schweigen. Die gleiche Schweigsamkeit herrschte in dem ganzen Trupp, der eher einer Prozession von Mönchen als einem Kriegerzuge glich, und diese übertriebne Strenge setzte Roland nicht wenig in Staunen, denn selbst der Ritter von Avenel, der auf sehr strenge Mannszucht hielt, gestattete seinen Mannen auf dem Ritt zur Kurzweil den Austausch von Reden wie den Sang eines muntern Reiterliedes. Indessen kam ihm diese Ruhe insofern zu gute, als sie ihm Zeit schuf, die eigene Lage mit Sammlung zu überdenken und sich klar zu werden über die Aufgaben, die ihm die Zukunft, nach den Instruktionen des Ritters zu schließen, stellen mußte. Es lag klar auf der Hand, daß es ihm durch seltsame Fügung der Umstände, deren Aenderung nicht in seiner Hand lag, beschieden worden war, zu den Parteien, die jetzt in Schottland um die Herrschaft rangen, in Beziehungen zu gelangen, die sich unmöglich zusammen vertragen konnten, wenngleich er weder als Anhänger der einen Partei noch der andern gelten konnte. Es wurde ihm jetzt nach und nach klar, daß ihm die gleiche Stellung, zu der ihn der Regent auserwählt hatte, auch von seiner Großmutter, der Frau Magdalena Gräme, bestimmt gewesen war, denn darüber mußte ihn manches Wort, das in der Unterhaltung zwischen Murray und Morton, deren unwillkürlicher Zuhörer er gewesen war, Aufklärung gegeben haben. Nicht minder klar war es ihm aber, daß ihn der Graf als erklärter Feind, die Großmutter als inbrünstige Anhängerin des katholischen Glaubens, der Graf als der anerkannte Führer einer neuen Regierungspartei, die Großmutter als strenge Verfechterin der alten Legitimität, für diese Aufgabe bei Maria von Schottland ersehen hatte. Es bedurfte nur eines sehr geringen Grades von Witz und Ueberlegung, sich darüber klar zu werden, daß dieser Widerstreit der an ihn gestellten Anforderungen ihn binnen kurzem in eine Situation bringen mußte, in der seine Ehre in schlimmster Gefahr schwebte, Schiffbruch zu leiden, und daß er sein Leben dabei nicht minder in die schwerste Bedrängnis setzte. Aber es lag nicht in Rolands Charakter, sich um Not früher zu sorgen, als sie wirklich da war, und sich mit Schwierigkeiten früher zu befassen, als sie sich tatsächlich zeigten ... »Sehen will ich sie, die unglückliche und schöne Maria Stuart,« sprach er bei sich, »von der ich schon so unendlich viel gehört habe, und dann wird es noch immer Zeit genug sein, sich darüber klar zu werden, ob ich mich zum Regenten oder zur Königin schlage. Kann doch weder die eine noch die andre Partei sagen, ich hätte mich durch Wort oder Spruch verpflichtet, denn sie haben mich beide wie einen blinden Hans an ihrem Gängelbande geführt, und keine hat mir bestimmt gesagt, was sie eigentlich von mir erwartet und will. Ein Glück für mich war's, daß der grimmige Douglas heut morgen ins Kabinett des Regenten schneite, sonst wäre ich ohne Verpfändung der Treue nicht von dem Herrn losgekommen.« Unter solchen Gedanken kam Roland mit der Reiterschar des Lords Lindesay ohne weiter bemerkenswerte Abenteuer, als daß ihnen beim Uebersetzen über die Königinnenfurt ein Pferd lahm wurde -- zur damaligen Zeit ein sehr häufiger Unfall -- und daß von den Zinnen der alten Ritterburg Rosythe nördlich der Fähre, ohne daß zwischen dem Burgherrn und Lindesay Fehde bestanden hätte, eine alte Feldschlange auf sie gefeuert wurde, die aber keinerlei Schaden anrichten konnte ... bis zu dem malerisch schönen See, in dessen Mitte, auf einem Eilande, das alte Schloß Lochleven sich erhebt. Wie heute, so bestand auch damals die wellenumgürtete Burg aus keinem andern Gebäude als einem von einem großen Hofe umschlossenen Gefängnisturme, den zwei Ecktürme flankierten. Den Anblick trostloser Abgeschiedenheit frischten ein paar Gruppen von alten hohen Bäumen auf. Indessen konnte sich der Page, als er sich sagte, daß hier eine jugendliche Königin in Haft gehalten werde, eines tiefen Schmerzes nicht erwehren, und wenn er des eignen Loses gedachte, das ihn an solch öde Stätte führte, so war er von Freude darüber auch fern. Die Reiterschar hatte jetzt das Seeufer erreicht, und einer aus dem ersten Zuge ritt vor, das Fähnlein Lord Lindesays zu entfalten, wahrend der Baron selbst in sein mächtiges Hifthorn stieß. Sogleich stieg als Antwort an der Turmspitze die Burgfahne auf, und ein paar Männer liefen an den See hinunter, das Boot loszumachen. »Es wird geraume Zeit währen,« sagte Sir Robert zum Lord, »ehe sie mit dem Boote herüber sind. »Wär's nicht gut, die Zwischenzeit zu einem Ritt ins Städtchen zu benutzen und unsern Anzug ein wenig in Ordnung zu bringen? Wir können doch unmöglich so schmutzig vor ...« »Haltet Ihr das, wie Ihr wollt!« versetzte Lindesay, »ich habe für solch eitlen Tand weder Zeit noch Lust. Sie hat manch sauern Ritt gekostet und braucht jetzt an meinem schäbigen Mantel und schmutzigem Wams nicht Anstoß zu nehmen. Es ist die Tracht, in die sie ganz Schottland versetzt hat.« »Sprecht nicht so hart,« erwiderte Sir Robert, »denn tat sie unrecht, hat sie's schwer gebüßt! Ihr all die kleinen äußerlichen Huldigungen zu entziehen, auf die sie als Fürstin wie auch als Frau noch Anspruch hat, will mir nach solchem Verlust königlicher Gewalt als überflüssige Herzlosigkeit erscheinen.« »Macht das, wie Ihr wollt, Sir Robert, sag ich Euch nochmals,« fuhr ihn Lord Lindesay grob an, »ich bin zu alt, um die Putzstube einer Dame noch als Geck zu zieren.« »Putzstube, Mylord?« fragte Sir Robert mit einem Blick auf den alten Turm, »beliebt's Euch, die düstre Burg mit den vergitterten Fenster, das Staatsgefängnis einer in Haft genommenen Königin mit solch, lustigem Namen zu belegen?« »Nennt's so oder anders,« versetzte grob der Lord, »wenn der Regent den alten Grobian von Lindesay zu dieser Visite bestimmt hat, statt einen der vielen Stutzer vom Hofe zu nehmen, so wird er wohl gewußt haben, warum, und wie mit dem irre geleiteten Weibe geredet werden muß. Ich habe mich zu dieser Kommission nicht gedrängt, sie ist mir aufgetragen worden, und wenn ich mich ihrer entledige, mag ich nicht mehr Umstände damit haben als eben notgedrungnerweise damit verknüpft sein müssen.« Mit diesen Worten sprang der Lord vom Pferde und warf sich ins Gras, um auf das Boot zu warten, während seine Reiter im Sattel blieben. Sir Robert Melville war gleichfalls abgestiegen und ging mit verschränkten Armen am Gestade auf und ab, den Blick oft nach dem Turme hinüber lenkend, dessen unheimliches Düster ihm Betrübnis und Kummer zu machen schien. Die Fährleute näherten sich inzwischen dem Ufer. Kaum hatte der Lord das Boot mit einem Blicke gesehen, als er den Mann am Steuer anfuhr, weshalb er kein größeres gebracht habe, sein Gefolge mit überzusetzen. »Mit Verlaub,« antwortete der Mann, »weil der Befehl der gnädigen Frau lautet, nicht mehr als vier Personen zur Burg hinüber zu rudern.« »Deine gnädige Madam ist eine kluge Sibylle,« versetzte Lindesay, »daß sie in mir Verrat wittert. Aber hätt ich dergleichen im Sinne, was hinderte mich wohl, Dich und Deine Leute ins Wasser zu schmeißen und mit meinen Mannen das Boot zu füllen?« Der Mann am Steuer wiederholte, daß er nach seinem Befehle handeln müsse, er wolle aber zurückrudern und eine Aenderung des Befehls zu erwirken suchen. »Tut das, Mann,« sagte Sir Robert Melville, nachdem er sich umsonst bemüht hatte, den Lord zu einer Beschränkung seines Gefolges auf die kurze Zeit zu bestimmen ... »Wartet,« rief Lord Lindesay dem Fährmanne zu, »nehmt hier den Pagen mit hinüber, der für den Gast Eurer Gebieterin ausgesucht worden ist ... Abgesessen, Musje!« befahl Lord Lindesay dem Pagen, »fahr mit dem Boote hinüber!« »Und was wird aus meinem Rosse?« fragte der Page, »für das ich doch meinem Herrn verantwortlich bin?« »Der Sorge will ich Dich überheben,« brummte Lindesay ihn an, »in den nächsten zehn Jahren sollst Du nicht viel zu Pferde kommen.« »Wenn ich das glauben müßte ...« hob Roland an, wurde aber von Sir Robert unterbrochen, der in beschwichtigendem Tone zu ihm sagte: »Füge Dich, junger Freund! Widerspruch kann hier nichts frommen, bloß Dich in Gefahr setzen.« Roland Gräme fühlte, wie richtig es sei, sich den Vorstellungen Sir Melvilles zu fügen, ohne dem rauhen Baron auf seine Grobheit weitere Antwort zu geben, und stieg in das Fährboot. Die Ruder griffen ins Wasser, und bald war Robert an dem neuen Schauplatze seines Lebens. Siebzehntes Kapitel. Am Hoftore stand die stattliche Lady Lochleven, die einstige Geliebte König Jakob des Fünften, dem sie den Grafen Murray, den derzeitigen Regenten von Schottland, geboren hatte. Da sie von edler Abkunft war und aus dem uralten Geschlechte der Mar stammte, wie auch von hervorragender Schönheit war, hatten sich nach dem Könige Jakob noch andre Freier für sie gefunden, und unter ihnen hatte sie Sir William Douglas von Lochleven den Vorzug gegeben. Aber weder der hohe Rang, den sie als Lady Lochleven einnahm, noch die Eigenschaft als Mutter einer Reihe von rechtmäßigen Kindern, noch die hervorragenden Talente, und die Macht und Würde ihres außerehelichen Sohnes, der jetzt das Staatsruder führte, waren im stande gewesen, sie in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben als makellos gelten zu lassen. Und sie selbst fand nie die volle Lebensfreude wieder, denn immer nagte an ihr die ihr von dem Könige Jakob angetane Ungerechtigkeit, sie nicht zur Königin zu erheben, denn in diesem Falle hätte sie jetzt in ihrem Sohne den rechtmäßigen Landesherrn über Schottland gesehen, und das Geschlecht der Mar hätte sich rühmen dürfen, unter seinen Töchtern eine Königin zu besitzen, statt in ihr jetzt eine jener Frauen sehen zu müssen, denen weibliche Schwäche anhaftet und die immer im Munde der Leute bleiben, auch wenn sie sich eines königlichen Liebhabers zu rühmen hatten. Dieser Kummer prägte sich auch in ihren Gesichtszügen aus, die aber trotzdem noch immer schön zu nennen waren. Vielleicht fand auch bei ihr ein altes Wort, dessen letzte Hälfte von »alten Betschwestern« spricht, bis zu einem gewissen Grade Anwendung, denn sie hatte in ihre Vorstellungen von religiösem Wandel grade jene schlimmsten Irrtümer aufgenommen, die die Segnungen christlichen Evangeliums auf diejenigen beschränken, die sich zu den strengsten Sittenlehren der Kirche bekennen. In allen Hinsichten war die unglückliche Königin Maria Stuart als der gezwungne Gast oder vielmehr als Gefangne des Schlosses Lochleven von dieser verbitterten Dame abhängig, der sie schon darum ein Dorn im Auge war, weil sie die legitime Tochter eben jenes Königs Jakob aus seiner Ehe mit Maria von Guise war, um derentwillen ihr Sohn hatte zurückstehen müssen, und weil sie katholischen Glaubens war, den sie tiefer als das Heidentum verabscheute. Diese Frau, deren scharf geschnittene, aber wie schon bemerkt, noch immer schöne Gesichtszüge von einer schwarzen Samthaube überschattet wurden, fragte jetzt den im Boote heranrudernden Diener, wo Lord Lindesay und Sir Melville geblieben seien. Der Diener teilte ihr mit, was sich drüben zugetragen hatte, und die Lady erwiderte spöttisch: »Solchen Narren muß man schmeicheln, nicht aber der Quere sein. Rudre wieder hinüber, Randal, und entschuldige Dich, so gut Du kannst; sage, Lord Ruthven sei schon im Schlosse und sehe Lord Lindesays Ankunft mit Ungeduld entgegen. Tummle Dich, Randal -- aber sprich, was bringst Du uns denn da für einen Springinsfeld mit herüber?« »Mit Verlaub, meine Gnädige, es ist der Page für ...« »Ach, richtig,« meinte Lady Lochleven, »der neue Günstling! gestern ist ja auch die kleine Zofe angelangt.. Durch diese Dame bekomme ich einen recht bunten Haushalt, hoffentlich findet man bald eine andre, die sich statt meiner solcher Mühe unterzieht. Fahr jetzt hinüber, Randal, und Ihr, Musje Springinsfeld, begebt Euch mit mir in den Garten!« Langsamen, vornehmen Schritts ging sie voraus nach dem kleinen Garten, der von einer mit Statuen geschmückten Steinmauer umfriedigt war und in dessen Mitte eine Fontäne spielte. In dem engen Bereiche seiner regelmäßig angelegten Gänge lernte Maria Stuart sich in die Gefangnenrolle schicken, die ihr mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung hinfort bestimmt sein sollte. Zwei Dienerinnen begleiteten sie auf ihrem langsamen, eintönigen Spaziergange, aber mit dem ersten Blicke, den Roland auf die schöne, durch hohe Gaben des Geistes, herrliche Leibesschönheit und hohe Geburt ausgezeichnete Frau warf, fühlte Roland sich in Fesseln geschlagen. Gesicht und Gestalt dieser unglücklichsten aller Königstöchter haben sich der menschlichen Phantasie so tief eingeprägt, daß es selbst nach Verlauf drei voller Jahrhunderte überflüssig ist, eine Schilderung der selbst dem unwissendsten Leser bekannten Züge dieses merkwürdig schönen Antlitzes zu geben, das alle Begriffe von Hoheit, Liebreiz und Glanz in sich vereinigte und in Zweifel darüber ließ, ob in ihm die Herrscherin oder das vollendet schöne Weib glücklicher zum Ausdrucke trat. Wem träte dieses Antlitz, wenn er den Namen Maria Stuart hört, nicht vor die Seele, ganz wie ihm das Antlitz der Geliebten seiner Jugend vor die Seele tritt oder der Lieblingstochter seiner reiferen Jahre? Selbst jene, die allem oder manchem, was ihr von ihren Feinden zur Last gelegt wird, Glauben beimessen, können nicht anders als mit einem Seufzer an ein Antlitz denken, das auf alles andre schließen läßt, bloß nicht auf die schändlichen, ihr schon bei Lebzeiten beigemessenen Verbrechen, die in der Geschichte ihr Andenken verdüstern: an jenes Antlitz mit der hohen königlichen Stirn, den Brauen von solch regelmäßiger und gegen den Tadel der Schalheit durch die herrliche Wirkung der nußbraunen Augen so tief gesicherter Schönheit, mit der echt griechischen Nase, dem ebenmäßig, so überaus lieblich geformten Munde, daß von ihm nur Liebes und Lauteres zu erwarten stand, mit dem Grübchen im Kinn und den zart gerundeten Wangen: an jenes von so reichem Haar gekrönte Antlitz auf dem hohen Schwanenhalse, das eine solche Allgewalt übte, daß es nach so langer Zeit noch der Gegenstand nicht bloß kalter Bewunderung, sondern heißer romantischer Verehrung geblieben ist!? Mit unvergleichlicher Anmut in Mienen, Gestalt und Wesen, aber in tiefer Trauer kam Maria Stuart der Dame entgegen, die ihrerseits Abneigung und Scheu unter ehrerbietiger Kälte zu verbergen suchte, hatte sie ja schon oft die geistige Überlegenheit der Königin durch versteckten, aber beißenden Spott erfahren. Die Verbeugung der Lady Lochleven erwiderte die Königin durch ein leichtes Nicken. »Das Glück ist uns hold, wir genießen heute die Gesellschaft unsrer liebenswürdigen Wirtin zu ungewöhnlich früher Stunde. zu einer Zeit, die man uns sonst für unsre einsamen Spaziergänge vergönnte. Unsre liebe Wirtin weiß jedoch, daß ihr der Zutritt zu unsrer Person jederzeit frei steht, und daß sie nicht an die Förmlichkeit gebunden ist, unsre Erlaubnis für Besuche erst einzuholen.« »Recht bedauerlich, daß Eure Gnaden mein Erscheinen als Zudringlichkeit auffassen,« erwiderte Lady Lochleven, »ich kam jedoch nur in der Absicht, Euch, die Ankunft eines jungen Menschen anzukündigen, der hinfort Euer Gefolge vermehren soll -- ein Fall, der doch in der Regel uns Frauen nicht so ganz gleichgültig ist.« »O, ich bitte um Verzeihung, edle Frau! das Gefühl des Dankes gegen meine edlen, oder sage ich richtiger, gnädigen Herren drückt mich zu Boden.« »Allerdings sind die Herren darauf bedacht gewesen, ihre Wohlmeinenheit Euer Gnaden zum Ausdruck zu bringen, wenn auch vielleicht, wie ich meine, zum Teil auf Kosten der Vorsicht, indessen hoffe ich, man werde, was sie getan, nicht mißdeuten.« »Unmöglich, ganz unmöglich!« sprach die Königin, »die Güte, der Erbin einer Königskrone, der gesalbten Königin von Schottland zwei Kammerzofen und einen Pagen zur Bedienung zu vergönnen, ist etwas, was eine Maria Stuart vollauf zu würdigen weiß. Aber die Kosten, die durch solchen Zuwachs an Gefolge für den Haushalt unsrer gütigen Wirtin erwachsen, sind sicher Ursache für die Wolken, die ich auf Eurer Stirn sehe. Ach, lasset den Mut nicht sinken! die Krone Schottlands hat manch schönes Lehen, und Euer wohlgeneigter Sohn, mein lieber Bruder, wird sicher Euren Gemahl mit dem besten Krongute belehnen, ehe Maria den Fuß von diesem Schlosse setzt. Wie ginge es an, einer Lady Lochleven Lasten aufzuerlegen, wenn ihr die Mittel fehlen, sie zu tragen?« »Das Haus Douglas von Lochleven hat sich allzeit seiner Pflichten gegen den Staat entledigt ohne Rücksicht auf Lohn, auch wenn der Auftrag mit Verdruß oder Gefahr verknüpft war,« erwiderte Lady Lochleven. »Aber, liebe Lochleven,« scherzte die Königin, »Ihr nehmt die Sache zu gewissenhaft! nehmt doch lieber ein gutes Kronlehn an, wenn's Euch geboten wird! Wovon sollte die Königin von Schottland wohl leben, wenn nicht von ihren Krongütern, wenn sie Gast ist an solch fürstlichem Hofe? ... und wer sollte für eine Mutter besser sorgen können als ein so wohlgeneigter Sohn wie Murray? der Wohlwollen und Macht in solch wunderbarer Weise in seiner Hand vereint? ... Oder meintet Ihr, die Gefahr des Auftrags sei es, was Eure sanfte, gastfreundliche Stirn umwölkt? ... Freilich, freilich, ein Page ist ein so erheblicher Zuwachs zu meiner weiblichen Leibgarde, daß Lord Lindesay nur recht daran tut, ohne vielköpfiges Gefolge sich nicht in solch furchtbare Nähe zu wagen!« Lady Lochleven stutzte. Ihr Blick verriet Erstaunen. Maria aber ging plötzlich von dem Tone erkünstelter Freundlichkeit in den des strengen Befehls über und sprach mit der vollen Hoheit ihres königlichen Ranges: »Ja, Lady Lochleven, ich weiß, daß Ruthven sich bereits im Schlosse befindet, und daß Lindesay am andern Ufer der Ueberfahrt harrt, in Gemeinschaft mit Sir Robert Melville. In welcher Absicht kommen die Herren, und wie kommt es, daß ich nicht in geziemender Ordnung von ihrer Ankunft unterrichtet wurde?« »Nach ihrer Absicht,« antwortete Lady Lochleven, »müssen Euer Gnaden diese Herren schon selbst befragen, und eine formelle Anordnung erübrigt sich wohl, da Eure Gnaden über so geschickte Spione in ihrer Umgebung verfügen.« »Ach, arme Fleming,« sagte die Königin, sich an die ältere Dienerin wendend, »man wird Dich verhören, verdammen, hängen, weil Du das Pech hattest, über den Saal zu gehen, als Lady Lochleven mit ihrer kräftigen Stimme ihrem Lotsen Randal die Weisungen für die Ueberfahrt erteilte ... Mädchen, stopft Euch Watte in die Ohren, sofern Euch daran liegt sie zu behalten! Vergeßt nicht, im Schlosse Lochleven sind Ohren und Zunge Dinge, die man bloß zum Staate hat und nicht gebrauchen darf ... kann doch unsre liehe Frau Wirtin hören und schwatzen für uns alle! ... Gewiß, meine liebe Lochleven, Wir entheben Euch der Verpflichtung längern Verweilens. Entfernt Euch, bitte, und bereitet die Zusammenkunft mit Unsern meuterischen Lords vor! Das Vorzimmer Unsers Schlafgemachs mag Unser Audienzsaal sein, Ihr aber,« wandte sie sich jetzt an Roland, indem sie die bisherige Bitterkeit ihres Tones zu gutmütigem Scherz umstimmte, »Ihr Gesamtinbegriff Unsers männlichen Gefolges vom Oberhofmarschall bis zum Läufer hinunter, Ihr wollt mit Uns gehen, die Anstalten zu Unsrer Audienz zu treffen.« Sie drehte sich um und ging langsam dem Schlosse zu. Roland folgte ihr, eine Wendeltreppe hinauf, zum zweiten Stockwerk, wo drei ineinander gehende Zimmer der in Gefangenschaft gehaltenen Fürstin als Wohnung angewiesen waren. Das vorderste Zimmer war ein kleiner Saal oder auch Vorgemach, der zu dem eigentlichen Wohngelaß führte, und an dieses stieß das Schlafgemach der Königin. In einem kleinen Nebenzimmer schliefen die beiden Kammerfräulein. Roland blieb, wie es seinem Dienst sich schickte, in dem Vorgemach und harrte hier der für ihn bestimmten Befehle. Vom Gitterfenster aus sah er Lord Lindesay, Sir Melville und ihr Gefolge aus dem Boote steigen. Im Schloßtore sah er einen dritten Adeling den beiden andern entgegengehen. Dann hörte er, wie Lord Lindesay mit seiner rauhen Stimme sagte: »Mylord Ruthven, Ihr seid früher da als wir!« In diesem Augenblick drang ans dem Wohngemach der Königin ein tiefes Stöhnen. Die beiden Kammerfräulein schrieen ängstlich auf und der Page eilte schnell zur Hilfe. Die Königin lag in einem Armsessel und rang nach Luft, die ältere Kammerdame hielt sie in den Armen, während die jüngere ihr das Gesicht abwechselnd mit Wasser und Tränen netzte. »Lauft, Page, nach Hilfe! die Königin wird ohnmächtig,« rief die ältere Kammerdame. Die Königin aber rief mit gebrochner Stimme: »Bleibt! ich befehle es. Ruft niemand zum Zeugen meiner Schwäche! ich fühle mich schon besser. Es wird gleich vorüber sein.« Sie richtete sich auch wirklich schnell in die Höhe, wenn auch mit der Anstrengung eines Menschen, der um sein Leben ringt, und wenn auch ihr Gesicht von der erlittenen Anstrengung zitterte. »Mädchen,« sprach sie nach einer Weile, »ich schäme mich meiner Schwäche; aber es ist verwunden, und ich bin wieder Maria Stuart. Der rauhe Ton des Mannes, der mir am widrigsten ist von all diesen puritanischen Flegeln, seine mir bekannte Frechheit, der Name, den er nannte, sowie die Absicht, die sie herführt, mögen mir Entschuldigung sein für eine momentane Schwäche, aber sie soll nicht wiederkehren! Diese Menschen sollen mich stark finden!« Sie ließ die Haube, die ihr während des Anfalls von Krämpfen in Unordnung geraten war, zur Erde fallen, dann strich sie mit den Händen durch das braune Lockenlabyrinth, dann erhob sie sich von dem Sessel und richtete sich auf. Wie eine begeisterte Seherin des alten Griechenlands stand sie da in einer Stellung, in der sich Bekümmernis und Stolz, Lächeln und Tränen mischten. »Wir sind kümmerlich ausgestattet, unsre meuterischen Untertanen zu empfangen, aber soweit es in unserm Vermögen liegt, wollen wir ihnen, wie es ihrer Königin geziemt, gegenüber treten. Folgt mir, liebe Mädchen, der gewöhnlichen Zierden meiner Würde hat mich Gewalttat, und der geringen, die mir eine gütige Natur verlieh, haben mich Kummer und Angst beraubt.« Aber während sie so sprach, ließ sie wieder die zarten Finger in ihrem Lockenlabyrinthe wühlen, das ihren königlichen Nacken und schwellenden Busen umhüllte, wie wenn ihr in aller Bekümmernis des Herzens doch nicht das Bewußtsein der unerreichten Schönheit ihres Leibes gänzlich abhanden gekommen wäre. Roland Gräme, auf dessen jugendlichen, für alles Schöne begeisterten Sinn die würdevolle Schönheit, das erhabene Benehmen einer erlauchten Frau wie die Wunderkraft einer Zauberin wirkte, stand wie eingewurzelt auf der Schwelle, festgebannt durch Staunen und Mitgefühl, und erfüllt von dem Verlangen, sein Leben in so herrlichem Kampfe, wie der für Maria Stuart sein mußte, zu wagen. Sie war in Frankreich auferzogen, war im Besitz der erhabensten Schönheit, war Königin gewesen, Königin von Schottland, für die doch Menschenkenntnis so unentbehrlich war wie das Einatmen der Luft. Durch dies alles war Maria vor allen Frauen der Erde sicher am meisten geeignet, das Uebergewicht wahrzunehmen, und zu benützen, das ihre Reize wohl auf jeden ausübten, der in ihren Zauberbann geriet. Und sie warf auf Roland Gräme einen Blick, der ein Herz von Marmor hätte schmelzen können. »Mein armes Kind,« sagte sie, mit einer teils aus Klugheit angenommenen, teils aufrichtigen Empfindung: »Du bist unter uns ein Fremder, aus der Nähe einer zärtlich besorgten Mutter, oder Schwester, oder Geliebten bist Du in dieses traurige Gefängnis übergeführt worden. Mich schmerzt Dein Los, denn Du bist das einzige männliche Wesen in meinem knappen Haushalte ... willst Du bereit sein, meinen Befehlen zu gehorchen?« fragte sie, ergriffen und ergreifend. »Bis in den Tod, gnädigste Frau!« sagte Roland in festem Tone. »Dann bewache die Tür dieses Zimmers,« sprach die Königin, »bis diese Männer wirklich Gewalt zu brauchen drohen, oder bis wir unsre Toilette so weit geordnet haben, daß es uns beliebt, ihnen entgegenzutreten.« »Ich werde tun nach Eurem Geheiß, Majestät,« sprach Roland, denn jedes Bedenken, das er früher hegte, wie er sein Benehmen einzurichten habe, war durch den Eindruck des Augenblicks gänzlich aufgehoben. »Ich meine,« sprach er bei sich, »Graf Murray müsse selbst einräumen, daß es jedes Pagen heilige Pflicht sei, seine Gebieterin gegen alles Eindringen in ihre Gemächer zu verteidigen.« Darauf begab er sich in das kleine Vorgemach, verschloß und verriegelte die Tür und setzte sich dann nieder, der kommenden Dinge zu warten. Das brauchte er nicht lange. Denn bald rüttelte eine derbe Faust an der Tür, und als sie dem Druck widerstand, dröhnte der Ruf: »Aufgemacht da drinnen!« »Auf wessen Geheiß soll ich die Tür zur Wohnung der Königin von Schottland öffnen?« fragte der Page. Ein zweiter Versuch, die Tür gewaltsam zu öffnen, wurde unternommen, scheiterte aber wie der erste. »Aufgemacht, befehle ich Euch, oder Ihr riskiert Euer Leben!« rief die dröhnende Stimme wieder. »Aufgemacht! Lord Lindesay ist da, mit der Lady Maria von Schottland zu reden.« «Lord Lindesay muß als schottischer Edelmann die Erlaubnis seiner Königin abwarten!« erwiderte der Page. Ein lebhafter Wortwechsel folgte nun draußen zwischen Lord Lindesay und, wie Roland deutlich unterschied, Sir Robert Melville, der sich bemühte, den Lord zu beschwichtigen. »Nein, nein!« schrie dieser, »lieber spreng ich die Tür mit einer Petarde, als daß ich mich von solch ruchlosem Frauenzimmer aussperren oder von solch frechem Musje an der Tür abfertigen lasse.« »Erlaubt mir wenigstens vorher, den Weg der Güte zu versuchen,« bemerkte mild Sir Robert Melville. »Gewalttat gegen ein Weib wäre doch ein ewiger Schandfleck für Euer Wappen. Oder wartet wenigstens, bis Lord Ruthven zur Stelle ist.« »Ich will nicht länger warten,« schrie der Lord, »es ist die höchste Zeit, daß dies Geschäft zu Ende komme. Wir müssen uns auf den Rückweg machen, zum Staatsrat. Versucht Ihr Euren Weg zur Güte, wie Ihr Euch ausdrückt, während ich meinen Reitern befehle, die Petarde zur Stelle zu schaffen. Ich bin mit so feinem Pulver versorgt, daß ich die Feldkirche zum andernmal in die Luft sprengen könnte.« »Um Gottes willen, haltet an Euch,« rief Sir Melville. Dann näherte er sich der Tür und sagte, zu den Personen gewandt, die er hinter der Tür vermutete: »Laßt die Königin wissen, daß ich, ihr treuer Diener Robert Melville, sie ersuchen lasse, um ihrer selbst willen und um dem Schlimmsten vorzubeugen, die Tür zu öffnen und Lord Lindesay einzulassen, der ihr eine Botschaft vom Staatsrat überbringt.« »Ich werde Euren Auftrag ausrichten und den Entschluß der Königin Euch kundtun,« versetzte der Page. Roland trat an die Tür des Schlafgemachs. Die ältere Kammerdame öffnete, und die Königin ließ ihm die Weisung melden, daß sie willens sei, Lord Lindesay und Sir Robert Melville einzulassen. Roland kehrte in das Vorzimmer zurück und öffnete die Tür, durch die Lord Lindesay mit der Miene eines Kriegers, der sich den Zugang zu einer belagerten Festung erstritten hat, eintrat, während Sir Melville ihm mit tiefbetrübter Miene folgte. Im selben Augenblick öffnete sich die Tür des innern Gemaches, und Maria erschien, mit der Miene der ihr eignen Huld und Majestät, auf der Schwelle, ohne daß es schien, als habe dieser Trotz, den Besuch bei ihr zu erzwingen, im geringsten einen widerwärtigen Eindruck in ihr hinterlassen. Sie war in eine Robe von schwarzem Samt gekleidet, eine schmale, vorn offne Halskrause zeigte ihr schön geformtes Kinn und ihren stolzen Nacken, während der Busen davon verhüllt wurde. Auf dem Kopfe hatte sie ein Spitzenhäubchen, und von den Schultern wallte ein weißer, durchsichtiger Schleier nieder, in großen weiten Falten, über das lange schwarze Gewand, so daß er, je nachdem es der Trägerin beliebte, über das Gesicht und den ganzen Leib gezogen werden konnte. Am Halse trug sie ein goldnes Kruzifix, und im Gürtel hing ihr Rosenkranz aus Ebenholz mit goldnen Perlen. Hinter ihr kamen ihre beiden Dienerinnen, die während der ganzen Unterredung, die nun folgte, hinter ihr stehen blieben. Selbst Lord Lindesay, obgleich der rauheste aller Edelleute damaliger Zeit, wurde ob dieses Anblicks von einer Empfindung wie Ehrfurcht beschlichen, der unbefangne, hoheitsvolle Blick einer Frau, die er entweder in maßloser Leidenschaft oder in nutzlosem, vergeblichem Gram zu finden erwartet hatte, oder von Kummer niedergedrückt ob der ihr entzognen Majestät und Herrschaft, überraschte und verwunderte ihn sichtlich. »Wir haben Euch, besorgen Wir, warten lassen, Lord Lindesay,« begann, indem, sie sich in Erwiderung seiner Verbeugung huldvoll verneigte, die Königin, »aber eine Frau bringt immer erst, ehe sie Besuch empfängt, ein paar Minuten am Toilettentische zu. Ihr Männer, Mylord, seid an solche Förmlichkeiten nicht gebunden« Lord Lindesay warf einen Blick auf seinen von der Reise beschmutzten Mantel, murmelte ein paar Worte von großer Eile und langem Ritte. Dann begrüßte die Königin, wie es schien, sehr freundlich sogar, Sir Robert Melville. Dann herrschte ein paar Augenblicke Totenstille, und Lord Lindesay blickte nach der Tür, als sähe er mit Ungeduld dem Eintritt seines Mitgesandten entgegen. Nur die Königin schien frei von aller Verlegenheit. »Ihr habt ja einen recht verläßlichen, gewichtigen Reisekameraden mitgebracht, Lord Lindesay,« hub sie wieder an, mit einem ironischen Blick auf das breite Schwert, das ihm über die Schulter hing, weisend. »Hoffentlich habt Ihr nicht erwartet, hier einen Feind zu finden, gegen den es solch grimmiger Waffe bedurfte? Für einen Besuch bei Hofe, scheint mir, etwas auffällig, wenngleich ich als eine Stuart vor Schwertern keine Furcht empfinde.« »Nicht zum ersten Male,« erwiderte Lord Lindesay, indem er die Waffe herumbrachte, so daß die Spitze auf den Boden kam und er mit einer Hand sich auf den kräftigen Griff stützte, »nicht zum ersten Male getraut sich dieses Schwert vor die Augen des Hauses Stuart.« »Recht wohl möglich,« antwortete die Königin, »meinen Vorfahren mag es gedient haben, denn Eure Vorfahren, Mylord, waren Männer, die ihre Untertanenpflicht kannten.« »Jawohl, gnädige Dame,« versetzte Lindesay, »gedient hat es, aber in Aemtern und Dingen, die Könige nicht gern anerkennen oder gar lohnen. Wie die Hippe dem Baume dient, indem sie ihn verwundet bis aufs Mark und der überflüssigen Menge von Schößlingen und unfruchtbaren Ranken beraubt, die ihm die Nahrung entziehen.« »Ihr sprecht in Rätseln, Mylord,« sagte Maria, »die Auflösung enthält, will ich hoffen, nichts als Beleidigung?« »Urteilt selbst, gnädige Dame,« erwiderte Lindesay, »mit diesem guten Schwerte wurde Archibald Douglas, Graf von Angus, umgürtet an jenem denkwürdigen Tage, als er sich den Spitznamen »Vald der Rattenfänger« holte. Vor den Augen Eures Urgroßvaters Jakobs des Dritten hob er einen Schwarm von Günstlingen und Speichelleckern auf und ließ sie über der Brücke von Lauder zum warnenden Exempel für alles Luder, das sich dem schottischen Throne so gern naht, an Pfähle knüpfen. Mit derselben Waffe spaltete derselbe unentwegte Verfechter schottischer Ehre und schottischen Adels den Höfling Eures Großvaters Spens von Kilspindie bei Tafel den Rumpf, weil er sich erfrechte, in des Königs Gegenwart leichtfertig von ihm zu sprechen.« »Mylord,« erwiderte errötend die Königin, »meine Nerven sind zu fest, daß sie durch solche gruselige Erzählungen erschüttert werden könnten. Indessen darf ich wohl fragen, wie solche Klinge aus dem Besitz der Douglas in den der Lindesay hat übergehen können? Ich hätte gedacht, sie müsse einem Geschlecht als heilig gelten, das sich in den Glauben gewiegt hat, alles was es wider das Königshaus tue, tue es zum Heile des Vaterlandes.« »O, gnädigste Frau,« rief, ihr ängstlich ins Wort fallend, Sir Robert Melville, »stellt nicht diese Frage an Lord Lindesay! ... Und Ihr, Mylord, sofern Ihr Gefühl noch hegt für Scham und Schicklichkeit, so scheut Euch, Antwort drauf zu geben.« »Es ist Zeit, daß solches Weib die Wahrheit höre,« rief grimmig Lord Lindesay. »Und laßt Euch versichern, Mylord,« sprach Maria Stuart, keins Eurer Worte, möget Ihr sprechen, was Ihr wollt, wird die Frau, mit der Ihr sprecht, zum Zorne reizen. Es gibt Fälle, wo gerechte Verachtung stets gerechtem Zorne obsiegt.« »Dann wißt,« versetzte Lindesay, »daß ich auf dem Plane von, Caxberry-Hill, als der falsche, ruchlose Verräter und Mörder Jakob, einst Graf von Bothwell, mit dem Spottnamen Herzog von Orkney, jedem der Adelinge, die gekommen waren, ihn zur Verantwortung zu ziehen, sich zum Zweikampf erbot, die Herausforderung annahm und von Graf Morton Douglas dafür mit diesem edlen Schwert beschenkt wurde, den Strauß zu bestehen. Ha, hätt er ein Körnchen mehr Mut und ein Korn weniger Feigheit besessen, so wahr mir der Himmel helfe, ich hätt seinen elenden Verräterleib mit diesem guten Stahl so zugerichtet, daß er Hunden und Raben ein leckeres Futter gewesen wäre.« Als Maria den Namen Bothwell hörte, erlag der Mut der Königin beinahe, knüpfte sich doch an ihn eine ganze Reihe von Schuld und Scham und Unglück! ... Aber die großsprecherische Art Lindesays gab ihr Zeit zur Fassung, und mit einer Miene kalter Verachtung erwiderte sie: »Einen Feind zu besiegen, der nicht in die Schranken tritt, ist leicht. Hätte aber Maria Stuart mit ihres Vaters Szepter auch sein Schwert geerbt, dann sollten die verwegensten ihrer Rebellen nicht Klage an diesem Tage führen, daß niemand da sei, es mit ihnen aufzunehmen. Eure Herrlichkeit wird mir es nachsehen, wenn ich dieses Gespräch abkürze. Von solchem blutigen Kampfe ist eine kurze Erwähnung schon lang genug, die Neugierde einer Dame zu stillen; und hat Lord Lindesay uns nichts Wichtigeres mitzuteilen als Dinge vom »Bald dem Rattenfänger«, die er wohl gern nachgemacht hätte, wenn Zeit und Umstände sich dazu schickten, dann wollen Wir uns in unser Kabinett zurückziehen, wo Ihr uns, liebe Fleming, Weiteres vorlesen mögt aus dem lustigen Büchlein Des rodomontades Espagnolles . »Entschuldigt, gnädige Dame,« versetzte Lindesay, dessen Wangen jetzt auch Röte färbte, »ich kenne Euren schnellen Witz von früher her zu gut, daß ich nach einer Unterredung hätte geizen sollen, die Euch Gelegenheit geben konnte, seine Schärfe auf Kosten meiner Ehre zu zeigen. Lord Ruthven und meine Wenigkeit kommen in Begleitung Sir Robert Melvilles im Auftrage des Staatsrates, Euer Gnaden Anträge zu stellen, von denen die Sicherheit Eures Lebens und die Wohlfahrt des Staates abhängen wird.« »Im Auftrag des Staatsrats?« fragte die Königin. »Auf wessen Vollmacht besteht und handelt er, während man mich, die ihn zu seiner Würde erhob, hier in Gefangenschaft hält? Aber es mag so sein! Was Schottlands Wohl erheischt, wird Maria Stuart recht kommen, gleichviel woher es komme -- und was ihr eignes Leben anbetrifft, so hat sie, auch wenn sie erst ein Alter von fünfundzwanzig Jahren erreichte, doch lange genug schon gelebt, um ihres Lebens überdrüssig zu sein ... Wo bleibt Euer Kollege, Mylord? ... und warum zögert er?« »Er kommt, gnädigste Dame!« sagte Sir Robert Melville. In diesem Augenblicke trat, mit einer Rolle in der Hand, Lord Ruthven ins Zimmer, und Leichenblässe bedeckte das Gesicht der Königin, als sie seinen Gruß erwiderte. Aber sie gewann ihre Fassung schnell, als hinter dem edlen Lord, dessen Erscheinung ihren Busen in solche Wallung zu setzen schien, Georg Douglas, jüngster Sohn des Ritters von Lochleven, der in Abwesenheit des Vaters und der Brüder auf dem Schlosse den Dienst eines Seneschalls versah, hinter ihm ins Zimmer trat. (Ende des ersten Bandes.)