Die Künischen Freibauern Kulturgeschichtlicher Roman aus dem Böhmerwalde zur Zeit des dreißigjährigen Krieges von Maximilian Schmidt     Leipzig H. Haessel Verlag     Dem Andenken des gefeierten deutschen Böhmerwalddichters Dr. Joseph Rank in treuer Verehrung gewidmet                         vom Verfasser.     Quellen: Dr. J. A. Gabriel, »Der kgl. Wald Hwozd.« J. A. Schmalfuß, »Die Deutschen in Böhmen.« Dr. Jul. Frz. Schneller, »Geschichte der Böhmen.« Jos. Gottfried Sommer, »Das Königreich Böhmen.« Franz Martin Pelzel, »Geschichte der Böhmen.« Dr. Richard Andree, »Tschechische Gänge.« Dr. Julius Krebs, »Die Schlacht am weißen Berge.« Friedrich Bernau, »Der Böhmerwald.« Dr. Moritz Willkomm, »Der Böhmerwald.« Hans Schreiber, »Führer durch den Böhmerwald.« Josef Wenzig und Josef Krejci, »Der Böhmerwald«; »Böhmerland und Volk.« J. Rank, »Volksleben der Deutschen im Böhmerwald.« P. Hippolyt Randa, »Denkwürdigkeiten aus dem westlichen Böhmerwalde.« Ferner briefliche und mündliche Mitteilungen, wofür ich noch folgenden Herren zu besonderem Danke verpflichtet bin: Dr. J. M. Klimesch-Prag, der mir in liebenswürdigster Weise die nötigen Notizen aus dem Archive des böhmischen Museums, des böhmischen Stadtarchivs, des böhmischen Statthalterei-Archivs, sowie aus dem erzbischöflichen Archiv zu Prag verschaffte. Ferner Dr. Schreiner, kgl. kaiserl. Notar und Gutsbesitzer auf Oberstankau; Hans Schreiber-Trautenau; Hauptmann A. Edler von Scheure, Besitzer des Schürerhofes, und Emanuel Müller, Besitzer des Poschingerhofes in Seewiesen; Glasfabrikant Wenzel Schrenk-Elisenthal und Pfarrer Peter Neubauer von Hammern.     I. »Herrliches Böhmerland!« »Wohl herrlich und gesegnet. Sieh nur, so weit das Auge reicht: saftig grüne Matten, goldgelbe Felder, ein Meer von Bergen und Hügeln mit Burgen und Schlössern, dazwischen glitzernde Flüsse und Bäche, zunächst die goldführende Wottawa, zahllose Ortschaften und Gehöfte. Wem sollte das Herz nicht aufgehen bei einem solch großartigen Anblick!« »Aber wende die Blicke nach rückwärts, Marianka, sieh, wie unheimlich düster ist's dort.« »Unheimlich nennst du das, Paula? Unsern Böhmerwald, unsere Heimat? Nicht düster, sondern großartig, 6 feierlich ernst ist diese endlose Waldmasse. Es ergreift mich bei ihrem Anblick ein eigenes Gefühl, eine Sehnsucht – ich weiß nicht, nach was. Wie Andacht ist's. Man fühlt sich dem Schöpfer nahe. Wer kann es aussprechen, was man da fühlt?« »Mir ist's,« entgegnete Paula der Schwester, »als wären diese Berge mit ihren endlosen Waldmassen die letzte Grenze der bewohnten Welt, eine undurchdringliche Mauer, welche unser Böhmerland abschließt gegen die jenseits gelegenen Länder.« »Sie bildeten einstens auch diese undurchdringliche Mauer,« belehrte die ältere Schwester, »so lange, bis der heilige Günther, nach welchem dieser Felsen benannt ist, auf dem wir stehen, die Wildnis durchbrach und Böhmen mit dem Reiche verband.« »Der heilige Günther, der Einsiedler? Wie konnte ein einziger Mann ein solches Werk vollbringen?« »Es halfen ihm schon noch einige Laienbrüder dabei,« versetzte Marianka, ein etwa zwanzigjähriges Mädchen von schlanker Gestalt. Ihr Haupt, von üppigen, dunklen Haarflechten umschlungen, bedeckte zum Schutze gegen die Sonne ein feines, weißgesticktes Tuch. Frisch war ihr Gesicht, aus dem ein paar große, dunkelblaue Augen entschlossen in die Welt blickten. Ihre Kleidung war gleich jener ihrer sechzehnjährigen Schwester, welche ihr zwar sehr ähnlich, jedoch bedeutend kleiner war, ihrem Range und ihrer Bildung angemessen, mehr nach herrischem Schnitte, aber dennoch schmuck und vorteilhaft. Sie war die Tochter des Oberrichters der künischen Freibauern, welche heute in dem zu Füßen des Güntherfelsens gelegenen Orte Gutwasser eine Zusammenkunft und wichtige Beratung hatten. 7 Paula war heute zum ersten Male hier und es machte Marianka Freude, der Schwester Auskunft geben zu können. »Erzähle mir doch von dem heiligen Günther,« bat diese. »Wie kam dieser fromme Mann dazu, ein solches Werk zu vollbringen?« Und Marianka teilte der Schwester mit, was sie wußte. Endlose Waldmassen und Sümpfe bedeckten vor Zeiten das Böhmerwaldgebirge. Eine unheimliche Stille herrschte in diesem Urwalde, welche nur hin und wieder unterbrochen wurde, wenn ein Bär durch die Wildnis brummte oder die darüber wandernden Kraniche ihr Geschrei erhoben. Am längsten blieb jener Teil des Gebirges ein undurchdringliches Bollwerk, in welchem sich die Quellengebiete des Regens einerseits und diejenigen der Wottawa andererseits befinden, bis zu Anfang des elften Jahrhunderts ein Laienbruder, Namens Günther, aus dem Benediktinerstifte Niederaltaich jenes Bollwerk durchbrach und einen neuen Steig durch die grauenhafte Wildnis bahnte. Günther war ein geborener Fürst von Hessen und Thüringen und ein Verwandter Kaiser Heinrichs II. Früher ein lebensfroher, namentlich am Hofe zu Prag gefeierter Kavalier, trat er, schon fünfzig Jahre alt, im Jahre 1006 in den genannten Orden, zog aber alsbald den Einzelnkampf des Eremitenlebens vor und verbarg sich mit einigen Ordensbrüdern in der Waldwüste am Flüßchen Rinchnach, woselbst er einige Zellen und eine Kapelle baute. Nachdem ihm Kaiser Heinrich II. den umliegenden Forst, mehrere Meilen im Umfange, überlassen, begann er mit eigener Hand und unterstützt von seinen Laienbrüdern, einen Steig 8 durch den Urwald nach Böhmen zu bahnen. – Der von ihm geschaffene Böhmerweg ( via Boemorum ) wurde zur Heerstraße, als Günther selbst auf jenem im Jahre 1040 den Rest des von dem Böhmenherzog Bretislaw geschlagenen deutschen Heeres unter Kaiser Heinrich III. zurück in die Heimat führte und dieser im nächsten Jahre auf demselben Wege in Böhmen eindrang, um den Herzog für die erlittene Niederlage zu züchtigen. Trotz seiner Parteinahme für Heinrich starb Günther doch in den Armen des ihn hochverehrenden böhmischen Herzogs in seiner Einsiedelei auf dem Güntherfelsen bei Gutwasser 1045 in seinem 94. Lebensjahre. Man nennt ihn den »heiligen Gunderi« und zu seiner Kapelle wallfahrten zahllose Scharen von Bayern und Böhmen und verherrlichen den gottgesegneten Mann in Gebeten und Gesängen. An und zunächst des Günthersteiges entwickelte sich alsbald ein reger Handel und Wandel und es ward dann als dringendes Bedürfnis erkannt, das mit Urwald bedeckte Gebiet ebenfalls urbar zu machen und zu bevölkern. Hiezu wurden ausschließlich deutsche Bauern verwendet, welche ohnedies das Vorgebirge inne hatten und tüchtige Arbeiter waren, da die im Innern Böhmens lebenden Slaven, jeder Kultur abhold, für Gewerbe, Handel, Berg- und Ackerbau gar kein Verständnis hatten. Fast das ganze Gebiet vom Passe von Neumark bis hinab gegen Zdikau, eine Strecke von etwa 40 Kilometer, war Eigentum der königlichen Kammer und deshalb der »Künische (königliche) Wald« oder »königliche Waldhwozd« genannt. Um nun die deutschen Bauern zur Niederlassung in dieser unwirtlichen Gegend geneigter zu machen, erhielten sie von Herzog Bretislaw I. (1041) einen Gnadenbrief, wornach sie unter 9 Nachlassung aller Steuern und Abgaben die Freiheit erhielten, daß sie und ihre Nachkommen auf ewige Zeiten robotfrei, niemand zinsbar und nur der königlichen Kammer unterthänig sein sollen. In Folge dessen wurden sie die »Künischen Freibauern« genannt. Aber nicht kulturelle Zwecke allein, sondern auch die Verteidigung der Grenze hatte der Böhmenherzog bei Gründung dieses Freibauernstandes im Auge. Sie sollten, gleich den Choden bei Taus, eine Verteidigungskolonie des südlichen Gebirges bilden und dadurch das Bollwerk von Bergen und Wäldern, die natürliche Schutzwehr gegen feindliche Angriffe von außen, noch verstärken. Sie hießen deshalb auch die »Hwozder Grenzwächter.« Durch Feuerzeichen auf den Berggipfeln mußten sie etwa nahende Kriegsgefahr anzeigen. Diese Kriegskolonie umfaßte jedoch nicht nur den Waldhwozd allein, sondern einen großen Teil der böhmischen Hochebene, des Bezirkes mehrerer später selbständiger, landtäflicher Güter im gegenwärtigen Neuerner-, Schüttenhoferer-, Bergreichensteiner und teilweise Winterberger Bezirke, welche den eigentlichen »Waldhwozd« umgeben und von denen einige im Verlaufe der Zeit zu größeren Herrschaften vereinigt wurden, denn die innere Linie dieser Verteidigungskolonie ging von dem Orte Hochwartl (Stráz) bei Taus über Drosan zur Burg Wellhartic, von da über den Berg Borek zum Berge Stráz bei Wolschow, zog sich dann gegen Hartmanic und von da in südlicher Richtung bis unterhalb Winterberg. – Das eigentliche Haupteingangsthor ( porta terrae ) in dieser Richtung war der Günthersteig unweit dem heutigen Marktflecken Hartmanic ( theloneum in Presnich 10 genannt), welches nicht nur in militärischer und politischer, sondern auch in finanzieller Beziehung Bedeutung hatte, da hier der Eingangszoll für auf dieser Einbruchstraße aus Bayern kommende Waren entrichtet wurde. Die Maut befindet sich in der Nähe des Güntherfelsens, wo die künische Hochebene beginnt. Das dortige Einkehrhaus führt im Schilde die Worte: »Jetzt sind wir auf der Eben.« Nachdem die Stadt Schüttenhofen mit ihrem Gebiete infolge der Vermählung Ludmillas, der Witwe Graf Alberts III. von Bogen, Tochter Herzog Friedrichs von Böhmen, mit Herzog Ludwig I., dem Kelheimer, an Bayern gekommen war, bei welchem sie von 1192–1273 verblieb, wurden auch aus Bayern zahlreiche Kolonisten zur Ausrodung in die Waldwildnis gebracht und denselben die gleichen Rechte, wie den andern künischen Freibauern zugestanden. Sie waren gleichfalls robotfrei, durften Bier brauen, Branntwein brennen und hatten freie Jagd und Fischerei auf ihren Gründen und Gewässern. Das ganze Gebiet war in neun Gerichtsbezirke eingeteilt, in die Gerichte von St. Katharina, Hammern, Eisenstraß, Seewiesen, Haidl, Kochet, Alt- und Neustadeln und Stachau. Mit Ausnahme von Stachau bestanden sämtliche Freigerichte nur aus deutschen Kolonisten. Sie hießen »königliche Freigerichte«, denn sie hatten nach alter deutscher Sitte das Recht, ihren eigenen Richter zu wählen, der sich verpflichten mußte, ihre Rechte zu schützen. Ueber diesen Richtern stand der Oberrichter, welcher in Seewiesen seinen Wohnsitz hatte. Er leitete alle Rechtsangelegenheiten, wie das Steuer- und Konscriptionswesen u. a. Wie die alten Deutschen auf ihre Freiheit hielten und keine herrische 11 Abhängigkeit duldeten, so waren auch die Freibauern des Böhmerwaldes stolz in dem Bewußtsein, daß ihre Ahnen nur einzig und allein dem König von Böhmen, niemals anderer Herrschaft unterthan waren. Trotzdem ließ es sich König Sigmund im Jahre 1429 beikommen, die sogenannten Königsdörfer an Bohuslaw von Rinnberg zu verpfänden. Die Bewohner derselben erlegten jedoch eigenhändig Lösegeld und kamen so alsbald aus dem Privatschutze des Kammergläubigers wieder in die ursprüngliche Eigenschaft unmittelbar königlicher Schutzleute zurück. Den Freibauern blieben bei dieser Verpfändung wohl ihre Rechte gewährt, doch hatten sie an den Kammergläubiger ihre Steuern zu zahlen, und man zeigte sich sehr geneigt, sie wie andere robotpflichtige Unterthanen zu behandeln. Ihre Freibriefe und später das erlegte Lösegeld schützten sie davor. Die Freibauern wurden indessen durch die fast ununterbrochenen politischen und religiösen Fehden in ihrem friedlichen Wirken sehr gestört. Aber trotz all der Wunden, welche die Hussitenkriege dem Böhmerlande und mit ihm den Besitzungen der Freibauern geschlagen, erholten sich diese doch schnell immer wieder. Zu ihrem Verdrusse wurden jedoch die Freibauern unter Kaiser Rudolf II. im Jahre 1578 abermals verpfändet und zwar an Johann von Lobkowitz den Ältern um fünftausend Schock meißnischer Groschen, Ein Schock Groschen ist 2 Thaler, sonach 5000 Schock gleich 10,000 Thaler = 30,000 Mark. freilich mit dem Vorbehalt der Wiederablösung. Jener Pfandschilling ging aber auf Wolf von Kolowrat im Cessionswege über 12 und so kamen die Königsdörfer dann an dessen Sohn Zdenko und später an dessen Witwe, Juditha von Kolowrat. Diesen fortwährenden Wechsel ihrer Schutzherrschaft betrachteten die Freibauern nachgerade als ein Unglück und sie beratschlagten unter sich, wie sie sich wieder und für alle Zeit unter die unmittelbare Oberherrschaft der Krone bringen könnten. Demgemäß verabredeten sie sich auf den St. Bartholomäustag 1617 zu einer allgemeinen Versammlung nach Gutwasser. Sie wollten ihre Unmittelbarkeit wieder erreichen, so lange noch Kaiser Mathias über Böhmen zu herrschen hatte, denn es war vorauszusehen, daß nach dessen Tode infolge der Unzufriedenheit des Adels mit Ferdinand, dem künftigen Thronerben und bereits gekrönten König von Böhmen, dieses wieder in einen blutigen Bürgerkrieg verwickelt würde, eine Befürchtung, die sich in ungeahnt schreckenerregender Weise verwirklichen sollte. Marianka hatte dies alles in allgemeinen Umrissen der aufmerksam zuhörenden Schwester erzählt, welche ihr nun dankend die Hand drückte, dann aber noch wißbegierig diese und jene Frage stellte, welche ihr Marianka bestmöglichst beantwortete. Die beiden Mädchen hatten gar nicht darauf geachtet, daß die andere Spitze des Felsens von einem seiner Kleidung nach vornehmen Herrn erstiegen wurde, der sich dort niederwarf, um sich gleichfalls an der herrlichen Rundschau zu ergötzen. Die Goldsand führende Wottawa erglänzte, je höher die Sonne stieg, gleich einem silbernen Bande, und mit Entzücken wandten die Schwestern nun wieder ihre Aufmerksamkeit dem inneren Lande Böhmens zu. Marianka 13 erklärte der Schwester, wie viele dieser Ortschaften mit Gold- und Silberbergbau gesegnet seien, so auch das zu ihren Füßen zunächst Gutwasser gelegene Hartmanitz, und daß nicht mit Unrecht gesagt würde, wenn in dieser Gegend ein Hirte einen Stein nach seiner Kuh werfe, wisse man nicht, was wertvoller sei, der Stein oder die Kuh. Nun aber blieb Mariankas Blick auf einem Punkte haften, der all ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schien. Sie überhörte mehrere Fragen Paulas, bis diese endlich ungeduldig ausrief: »Aber Marianka, wo schaust du denn hin?« Marianka wies mit dem Finger in die Ferne. »Sieh nur, wie die Fenster von der mächtigen Burg dort herüber glänzen,« sprach sie. »Kannst du dir nicht denken, wie sie heißt? Sie liegt kaum zwei Stunden von Seewiesen entfernt und der Vater ist dort ein gern gesehener Gast.« »Ah, dann weiß ich's schon!« rief das Mädchen. »Es ist Welhartitz, von dem du mir so oft erzählst?« Marianka bejahte und als ob sie einen frohen Gruß hinüber senden wollte, fügte sie mit leuchtenden Augen bei: »Ja, Welhartitz! Dort habe ich als Kind vergnügte und glückliche Stunden verlebt.« Sie sprach diese Worte in so lautem und freudigem Tone, daß sie der auf dem andern Felsenvorsprung ruhende Mann wohl vernehmen konnte. »In Welhartitz?« fragte dieser, sich erhebend und neugierig nach den beiden Mädchen blickend. Marianka sah ihn jetzt ebenfalls aufmerksam an und entgegnete dann halb zögernd, halb freudig: 14 »Herr, Ihr seid doch nicht – der Junker von Welhartitz – Wolf von Perglas?« »Gewiß bin ich's!« sprach der junge Mann herüber; »aber Euch, schöne Jungfrau, kenne ich nicht – und doch – je mehr ich Euch betrachte, desto bekannter sind mir Eure Züge.« »Dann betrachtet nur zu,« erwiderte lachend, aber doch errötend das Mädchen. Sein Blick ging prüfend von einer Schwester zu der andern, dann rief er: »Ihr seid Marianka, des Oberrichters von Seewiesen Tochter?« Und sich mit der Hand vor die Stirne schlagend, fügte er bei: »daß ich Euch nicht sofort erkannte!« Er verließ eiligst die Felsenspitze und begab sich zu den Mädchen, um diese zu begrüßen. »Ist's denn möglich, sich so zu verändern?« rief er verwundert, Marianka die Hand zum Gruße reichend. »Je nun, es sind sechs bis sieben Jahre, seit wir uns nicht mehr sahen,« meinte Marianka lächelnd. »In dieser Zeit kann man sich wohl verändern; 's ist ja bei Euch nicht anders, Junker Wolf.« Sie blickte dabei mit sichtlichem Wohlgefallen nach dem etwa vierundzwanzigjährigen Junker in dem grausamtenen Wams und den hohen, hellen, bis an die Schenkel reichenden Sporenstiefeln. Ein grünes Samtbarett mit Reiherfedern schmückte das braunlockige Haupt des Jünglings. Sein hübsches, blühendes Gesicht zeigte natürliche Heiterkeit. Ein kleines, braunes Schnurrbärtchen zierte seine Oberlippe. »Seit wann seid Ihr von Prag zurück?« fragte sie dann den jungen Mann. 15 »Seit der Krönung Ferdinands zum König von Böhmen. Ich mag unter ihm nicht dienen. Nach Welhartitz kam ich erst vor einigen Tagen.« »So seid Ihr auch ein Gegner unseres künftigen Herrn?« sagte das Mädchen mit einem Blicke des Vorwurfs auf den jungen Mann. »Ihr wißt doch: ich bin Protestant. Doch lassen wir das! Wallfahrer kommen; hört Ihr sie singen? Sie werden auch hierher kommen, sich an dieser herrlichen Aussicht zu erfreuen, an dem Anblick der reichen Fruchtfelder. Bald sind die goldenen Ähren geschnitten und der Wind weht über die Stoppeln. Gönnen wir ihnen den Anblick. Wer weiß, ob sie ihn nicht in den nächsten Jahren entbehren müssen. Machen wir ihnen Platz!« »Ihr schaut trübe in die Zukunft, Junker,« sagte Marianka, ihn mit einem prüfenden Blicke von der Seite betrachtend. Dann stiegen sie schweigend von dem Felsen. Junker Wolf war nicht gewillt, dieses Gespräch weiter zu führen. Als sie unten angekommen, wieder ebenen Boden betraten und an den neugierig nach dem Junker blickenden Wallfahrern vorbeigeschritten waren, fragte Wolf die Jugendfreundin, wie es ihr bis jetzt ergangen. Diese erzählte ihm, daß sie mehrere Jahre hindurch in einem Kloster zu Linz ihre Ausbildung genossen habe, aber nach dem Tode ihrer Mutter nach Hause gerufen worden sei, um neben ihrer Muhme den Haushalt zu leiten und die Erziehung ihrer jungen Schwester zu vollenden. »Da ist sie wohl recht streng mit Euch?« fragte der junge Mann Paula. »O nein, dazu ist sie viel zu gut,« erklärte diese 16 eifrig, sich zärtlich an die Schwester schmiegend. »Furcht habe ich nur vor dem Vater. Er ist oft so unwirsch mit uns, mit allen Leuten.« »Das bringt sein Amt mit sich,« belehrte Marianka; »die immerwährenden Streitigkeiten mit der Schutzherrschaft –« »Mit Frau Juditha von Kolowrat?« fragte der Junker neugierig. »Ach ja!« seufzte Marianka. »Doch verzeiht, gerade fällt mir ein –« »Was fällt Euch ein? Etwa gar das lächerliche Gerücht, daß ich mit Frau Juditha verlobt sei? Mag sein, daß diese Dame ihre Gunst über mich hat leuchten lassen, daß sie vielleicht auch gewünscht hat – aber ich habe das auch nur durch das Gerücht erfahren, gottlob nicht selbst erlebt. Lassen wir das! Sagt mir lieber, sind die »Künischen« heute deshalb hier versammelt, um sich von Frau Juditha frei zu machen?« »So ist's!« bekannte das Mädchen. »Sie wollen dem Kaiser die Pfandsumme geben, damit sie wieder unter seine Unmittelbarkeit kommen.« »Das allein wird nicht genügen,« erwiderte Wolf. »Der Kaiser braucht Geld. Wenn er nicht selbst von dem Handel Vorteil hat, wird er nicht darauf eingehen, denn die Kolowrat halten zu ihm und er braucht jetzt Freunde. Bieten ihm aber die Künischen außer der Pfandsumme, die er ja an Juditha zurückgeben muß, noch eine weitere ansehnliche Gabe, so werden sie ihren Zweck erreichen. Das, Marianka, sagt dem Vater, aber noch ehe die Freibauern wieder auseinander gehen. Und sagt ihm auch, daß es gut sein dürfte, dem Kaiser das Geld ohne Verzug 17 zu bringen, sonst könnte er von wichtigeren Dingen in Anspruch genommen werden.« »Ich will das nicht versäumen,« erwiderte Marianka. »Ich danke Euch für den wohlgemeinten Rat.« »Die Perglas halten es stets mit den Künischen,« erwiderte Wolf. »Gehörte ja unsere Besitzung Welhartitz selbst zum Gebiete derselben, bis sie als eigenes Dominium davon getrennt wurde. Insoferne sind wir sowohl, wie mein Freund Hracin, Herr auf Hrádek, ebenfalls »Künische.« Jetzt aber sprechen wir von uns selbst. Ihr habt vorhin gesagt, Ihr hättet in Welhartitz glückliche Stunden verlebt? Diese Stunden verlebten wir gemeinsam als glückliche, sorgenfreie Kinder. Euer Vater verstand es, dem meinen zu Gefallen zu sein. Er versah uns mit den schönsten Pferden, die er selbst gezüchtet, und handelte dafür Getreide von uns ein; das Schönste dabei aber war, daß Ihr ihn bei solchen Gelegenheiten begleiten durftet, denn ich freute mich stets auf Euer Kommen.« »Und ich tanzte vor Freude, wenn der Vater mich dorthin mitnahm; es war immer so lustig dort. Einmal – wißt Ihr noch – wie die Zigeuner während des Mahles aufspielten und wir uns auf den Gang hinausschlichen, um dort Czardas zu tanzen?« »Und wie wir in unserm Eifer der großen Treppe zu nahe kamen und über dieselbe hinabkollerten –« »Festverschlungen, denn Ihr ließt nicht los –« »Ihr auch nicht,« lachte der Junker. »Der Unfall lief glücklich ab; ich hatte zwar ein Loch im Kopf, doch Ihr bliebt unversehrt. Euer Schutzengel bewährte sich vortrefflich.« 18 »Spottet nicht!« sprach Marianka ernst. »Wir hätten beide das Genick brechen können.« »Wie schade wäre das gewesen! Da hätten wir nicht mehr mit dem Fischer hinabsteigen können zur Wostruzna, um beim Forellenfang zu helfen, was wir doch so gerne thaten. Erinnert Ihr Euch noch daran?« »Oft!« versicherte Marianka. »Fließt ja die Wostruzna auch knapp an unserm Hofe vorüber. Wie beneidete ich oft das rasch dahineilende Wässerchen um seinen Weg, der es an Eurer schönen Burg vorüberführte. Ich gab ihm in meiner kindlichen Einfalt Grüße mit. –« Sie stockte plötzlich tief errötend. »Verzeiht,« sagte sie dann in holder Verwirrung; »wer erinnert sich nicht gerne der glücklichen, sorgenlosen Kinderzeit.« »Ja, ja, das ist das verlorene Paradies, das niemals wiederkehrt und das im rauhen Leben nur allzu früh und unbarmherziger Weise verwischt wird. Das gemahnt mich an meine Pflicht. Ich muß gegen Mittag wieder in Hartmanitz sein, wo sich die Herren der ganzen Gegend versammeln. Mein Vater liegt an einem Gichtanfall zu Bette, ich habe seine Stelle zu vertreten.« »Doch bei keiner Protestversammlung?« fragte Marianka erschrocken und den Junker besorgt anblickend. »Wie kommt Ihr zu dieser Frage?« fragte nun Wolf seinerseits überrascht. »Je nun – Eure vorige Bemerkung der Künischen wegen –« »Richtet Eurem Vater aus, was ich Euch sagte. Er braucht's ja nicht zu sagen, daß der Rat von mir kam. Er ist klüger als ich, er wird wissen, was er davon zu 19 halten hat. Gutwasser liegt vor uns. Lebt wohl! Ich reite sofort nach Hartmanitz. Dort auf freiem Felde unter dem alten Eichenbaum sehe ich eine Versammlung, das werden die Künischen sein. Grüßt mir Euren Vater, Marianka. Ich hoffe Euch bald in Seewiesen begrüßen zu können.« Er blickte dem Mädchen lange in die tiefblauen Augen, als wollte er aus denselben das vorhin erwähnte verlorene Paradies seiner Kindheit hervorzaubern. Marianka war es wundersam zu Mute, sie konnte ihr Auge nicht von seinem trennen. »Lebt wohl!« sagte er nochmals rasch. »Gedenket meiner, wie ich es thun werde, so oft ich zur Wostruzna hinabblicke; vielleicht bringt sie mir dann einen Gruß von Euch.« Die beiden Mädchen freundlich grüßend, entfernte er sich dann raschen Schrittes zum Einkehrhause und sprengte wenige Minuten später auf prächtigem Rappen gen Hartmanitz. Er grüßte im Vorüberreiten nochmals die beiden Mädchen, die ihm erfreut nachwinkten. Marianka sah noch lange nach der Stelle, wo der Reiter ihren Augen entschwunden war. Es war ihr, als ob sich düstere Schatten über ihr Herz breiteten, das noch vor wenigen Minuten über das Wiedersehen des Jugendfreundes so freudig bewegt war. Fürchtete sie doch, daß eine Versammlung des mit König Ferdinand unzufriedenen Adels zu keinem guten Ende führen könne, denn ihr Vater sagte oft: Wer sich der Macht nicht beugt, der wird zu Grunde gehen. 20 II. Der Versammlung der Künischen wohnte außer den neun Richtern, worunter der Oberrichter oder Hauptmann, eine große Anzahl von Freibauern aus allen neun Gerichten bei. Viele kamen von weit her, so die Männer von Katharina einerseits und die von Stachau anderseits; doch war Gutwasser, wenn auch nicht der Mittelpunkt, so doch der von allen am bequemsten zu erreichende Ort. Auch war noch ein anderer Beweggrund maßgebend, die Versammlung unauffällig an einem Wallfahrtsorte abzuhalten, da man Eingriffe der Bistritzer Schutzherrschaft befürchten zu müssen glaubte, welch letztere seit vierzig Jahren von den ihr verpfändeten Königshwozder Gerichten großartige Vorteile genoß und um jeden Preis eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse zu hintertreiben suchte. Dieses hätte um so leichter geschehen können, als zu jener Zeit der allgemeinen Gärung öffentliche Versammlungen, selbst zu friedlichem Zwecke, unter beliebigen Gründen gerne aufgehoben wurden. Deshalb war der St. Bartholomäustag, damals ein Feiertag, dazu ausersehen, und die Königsbauern wurden unter Weisung strengster Geheimhaltung zur Fahrt nach St. Günther eingeladen. Sie waren durchweg stämmige, kräftige Gestalten, denen man weniger den Bauern, als den Herrn ansah, 21 mit welchem Titel sie auch von ihren Untergebenen angesprochen wurden. Sie selbst beanspruchten gleich den übrigen freien Gutsbesitzern das Prädikat »Hochwohlgeboren« und nannten sich »adelige Freibauern.« Sie nahmen sich mit ihren runden, breitkrämpigen, etwas erhöhten, nach Verschiedenheit der Gerichte mit Bändern verschiedener Farben gekennzeichneten Hüten, in ihren bis an die Kniee reichenden bunten Röcken und den weiten Kniehosen, Strümpfen und kurzschäftigen Stiefeln recht stattlich aus. Sie kamen teils herzugeritten, teils gefahren. Einige hatten ihre Frauen und ihre erwachsenen Söhne und Töchter bei sich. Der imposanteste Mann unter ihnen war der Oberrichter und Glasermeister (Glasfabrikant) Johannes Eisner von Seewiesen, ein sehr gebildeter Mann. Aber auch an den gewöhnlichen Freibauern konnte man eine nicht gewöhnliche Bildung bemerken. Es hatte dies seinen Grund darin, daß die Schulen in Böhmen trotz all der inneren und äußeren Wirren unter Rudolf II. (1575–1608) einen hohen Grad von Vollkommenheit erreichten und durchaus, auch auf dem Lande, mit den geschicktesten Lehrern versehen waren. Kein Marktflecken oder größeres Dorf war damals in Böhmen zu finden, das nicht seine besondere, wohl eingerichtete Schule mit mehreren Lehrern aufzuweisen gehabt hätte. Es wurde niemand zu diesem Lehramt zugelassen, der nicht zuvor wenigstens die Baccalarwürde im Karolinum zu Prag erlangte und öffentlich geprüft worden war, ob er dem Amte, das man ihm übertrug, auch gewachsen sei. Die meisten Lehrer waren Magister der freien Kunst und hatten sich, schon ehe sie Schulmeister wurden, durch gelehrte Aufsätze und gedruckte Schriften bekannt gemacht. Daher kam es, daß man unter Kaiser 22 Rudolfs Regierung in böhmischen Städten Bürger antraf, welche den Virgil, Ovid, Horaz, Homer und anderes lasen und selbst lateinische und griechische Gedichte schrieben. Keine Nation in Europa konnte sich damals einer so vortrefflichen Schulbildung rühmen. Nachdem sich die von verschiedenen Seiten angekommenen Freibauern gegenseitig begrüßt und in der Schenke durch einen Imbiß gestärkt hatten, wurden sie vom Oberrichter aufgefordert, ihm auf einen in der Nähe gelegenen, von allen Seiten freien Gemeindegrund zu folgen, wo sie, ohne einen Lauscher fürchten zu müssen, über die Angelegenheit beratschlagen konnten, welche sie heute hieher geführt. Die Frauen und Töchter der Freibauern, meist in der malerischen, buntböhmischen Tracht, beschlossen, unterdessen zur St. Güntherkapelle zu wallfahrten und den Felsen zu ersteigen, um von dort Ausschau zu halten in das schöne Böhmerland, wie es vor ihnen schon die beiden Töchter des Oberrichters gethan. – Unter einer riesigen, uralten Eiche war ein Stuhl aufgestellt worden, auf welchem der Hauptmann und Oberrichter Eisner sich niedergelassen hatte. Im Kreise herum standen die Freibauern und horchten aufmerksam den Worten des von ihnen hochverehrten Herrn, der nach herzlicher Begrüßung die Leute aufforderte, den Segen des Himmels durch ein kurzes Gebet zu erflehen, auf daß die Beschlüsse, welche sie fassen würden, ihnen zu Nutz und Frommen gereichen mögen. Hierauf gab er den einzelnen das Wort zur Vorbringung ihrer Klagen und Wünsche, und nun erfolgte Klage auf Klage gegen die Schutzherrschaft, so besonders 23 aus dem Gerichte Hammern, woselbst den Bauern das Braurecht und das freie Schenkrecht, sowie die freie Biereinfuhr von der Schutzherrschaft bestritten wurde. Andern wurde das Recht der Branntweinerzeugung verweigert, wieder andere mußten für Jagdbarkeit und Fischerei übermäßige Abgaben an Wildbahn- und Fischwasserzins entrichten; in anderen Gerichten wurden die Freibauern zu Frohndiensten gezwungen, kurz, ihre angestammten Freiheiten wurden aller Orten mißachtet und verhöhnt. »Wenn's so fortgeht,« meinte der Köhlerwastl aus dem Seewiesener Gericht, »so verwissen wir bald nimmer einen Unterschied zwischen Freibauern und hörigen Bauern, und das kann nit der Wille unseres Königs sein, daß unsere altererbten Rechte so mit Füßen getreten werden.« »Ja, das ist das rechte Wort: mit Füßen getreten!« rief der Kasparhausbauer von Frischwinkel im Eisenstraßergericht. »Aber wer ist schuld dran? Wir selber sind dran schuld! Wer kuscht sich, wenn die Schergen vom Schloß kommen? Wir kuschen uns, kratzen uns hinterm Ohr, greifen aber z'letzt doch in d' Taschen und zahlen und zahlen, daß uns 's Geld bald nimmer langt zu einem Krug Bier.« Er erzählte dann, wie man ihn samt seinen Schaluppern habe zwingen wollen, im Herrschaftswalde zu scharwerken. Als er dem Büttel sein verschriebenes Recht vorgehalten habe, hätte dieser erwidert: »Das ist eben verschrieben. Jetzt heißt's tanzen, wie die Frau Juditha von Kolowrat in Deschenitz pfeift!« Dabei gab er ihm einen Hieb. Nun habe er, der Kasparhausbauer, zu pfeifen begonnen und den Büttel zum Hof hinaus tanzen lassen. Aber am nächsten Tag kamen sechs bewaffnete Männer, überrumpelten und 24 fesselten ihn und schleppten ihn nach dem mehrere Stunden entfernten Schlosse. Dort habe ihn der Herrschaftsrichter wie einen Strolch behandelt, ihn peitschen lassen und ihn acht Tage eingesperrt bei Wasser und Brot. »So geht Ihr mit einem hochwohlgeborn katholischen Freibauern um?« habe er gefragt, worauf man ihm lachend erwiderte: »Bauer ist Bauer, ob lutherisch oder katholisch. Von euern eingebildeten Freiheiten werden wir euch frei machen; jeder, der sich muckst, bekommt fünfundzwanzig Hiebe. »So? Auf was hat denn dann unsereiner noch Anspruch?« lautete seine Frage, und die Antwort war: »Auf nichts, als auf eine Zipfelhaube und eine Mistgabel.« »So geht man derzeit mit den Künischen um,« schloß der Kasparbauer seine Erzählung. »Aber kommt Zeit, kommt Rat. Geschenkt ist ihnen die Schand nit und müßt ich lutherisch werden. Sie soll'n die Bauern mit der Mistgabel noch kennen lernen!« »Keine Drohung!« unterbrach der Oberrichter den Eiferer, dessen Vortrag seiner Erlebnisse, unter vielen Gestikulationen erzählt, trotz allen Ernstes doch bei manchen ein Lachen hervorrief. »Wer Gewalt gebraucht, wie Ihr es gethan, der kann und muß erwarten, daß man mit ihm nicht allzu glimpflich verfährt. Gewiß hat man aber gegen Euch die Gewalt mißbraucht und ich habe deshalb auch protestiert, aber –« »Meine fünfundzwanzig bringt kein Protest mehr runter,« warf der Kasparhansl ein.« »Aber sorgen können wir dafür, daß sich so etwas nicht wiederholt,« erwiderte der Oberrichter. »Wir haben uns hier nicht versammelt. um über Gewaltmaßregeln zu beraten. Wir wollen eine Lösung dieses unerträglichen 25 Verhältnisses auf friedlichem Wege herbeiführen, aber unsere angestammten Rechte nicht verkürzen lassen.« »Die angestammten Rechte!« riefen mehrere. »Wer soll uns die schützen?« fragte der Blaswieser Sepp vom Kocheter Gericht. »Man verkauft uns, wie's Vieh, von einer Hand in die andere. Anno 1578 sind wir g'radezu aufg'fressen worden. Der Kaiser Rudolf hat dem Fürstenberger Grafen seine Hochzeit ausg'richt, das Mahl und die Lustbarkeiten hab'n drei Tag dauert und hunderttausend Schock böhmische Groschen kost'. Damit seine Schatull wieder voller wird, hat er uns, das ganze Dominium der Königsdörfer, um 5000 Schock Meißner Groschen an Johann von Lobkowitz verpfänd't. Der hat uns später wieder an Wolf von Kolowrat verkauft, dann sind wir an seinen Sohn, den Zdenko, übergangen und so sind wir auf die Frau Juditha übercediert worden. Wir werden aus einer Hand in die andere g'worfen, als wären wir Sklaven und keine Freibauern, und jeder zwackt uns was ab von unsern Freiheiten. Das dürfen wir uns nimmer länger g'falln lassen! Wie da z'helfen ist, muß der Oberrichter wissen, aber g'holfen muß werden! Unsere Privilegien woll'n wir b'haupten, so oder so.« »Ja,« riefen sie alle einstimmig, »unsere Privilegien woll'n wir b'haupten, so oder so!« »Lest uns vor, Oberrichter, auf daß wir hören, was schwarz auf weiß seit Jahrhunderten g'schrieben steht,« sagte der Gerlhofer Bauer vom Seewiesener Gericht, indem er sich auf die Zehenspitzen stellte, um über den vor ihm stehenden, größeren Kasparhans hinweg zu sehen. Da ihm dies nicht gelang, rief er diesem zu: »Thu' dein 26 hochwohlgeborenen Kopf auf d' Seiten, Kasparhansl, sonst seh' ich nit, was g'lesen wird.« »Laß mir mein' Kopf in Fried',« entgegnete dieser, »oder stell dich vorn hin, du Zwerg.« – »Silentium!« rief jetzt der Oberrichter. »Unsere Freiheiten und Privilegien brauch ich euch nicht nochmals aufzuzählen. Ein jeder Bauer weiß ganz genau bis aufs I-Tüpferl, welche Rechte ihm gebühren. Daß alle unsere Gerechtsamen von der Pfand-Obrigkeit angegriffen und teilweise ganz umgangen werden, weiß ich leider zur Genüge. Ich, als euer Oberrichter, bin ja in fortwährendem Kampfe mit der Schutzherrschaft, deren Obrigkeit wir judicialibus et politicis unterstehen und an welche wir den sonst der königlichen Kammer zu entrichtenden Grund-, Wald-, Jagd-, Fischwasser- und Mühlenzins abführen, wogegen wir bei allen unsern von alters her gehabten Gebräuchen, Gerechtigkeiten und Privilegien zu belassen und zu beschützen sind. Nach wie vor haben wir das Recht, unsere Richter und den Oberrichter zu wählen, der allein das Conscriptions- und Steuergeschäft zu führen hat und dem alle grundherrlichen Rechte zukommen.« »Also brauchen wir uns nit zu Frohndiensten kommandieren z'lassen!« unterbrach ihn der erbitterte Kasparhans. »Nein!« entgegnete der Oberrichter; »aber mit der Faust hat man auch nicht gleich zu antworten. Wäret ihr zu mir gekommen, so hätte ich euer und unser aller Recht wahrgenommen. Aber wenn ihr zur Willkür greift, dann werden wir noch viel trübere Erfahrungen machen; wir müßten uns denn zu einer großen That entschließen.« »s'Schloß in Bistritz und zu Deschenitz stürmen und alles 27 in den Grund hauen? Ja, da bin ich dabei!« rief der Kasparhans. »Wer spricht von Gewalt!« entgegnete der Oberrichter mit verweisendem Blick. »Friedlich nur kann das Verhältnis gelöst werden und einzig dadurch, daß wir es unsern Vätern nachthun, die sich seiner Zeit aus dem Pfandverhältnis des Herrn von Rinnberg selbst ausgelöst, indem sie dem König die Summe zur Verfügung stellten, welche er den Pfandgläubigern schuldete. Wir müssen trachten, wieder in den ursprünglichen königlichen Schutz zurückzukommen, indem wir dem Kaiser ebenfalls das nötige Geld verschaffen. Das ist der Grund, warum ich euch zu dieser Versammlung geladen. Unsere Freiheit erheischt Opfer. Ich frage euch nun, seid Ihr bereit, diese Opfer zu bringen?« Die Mehrzahl der Anwesenden antwortete mit einem sofortigen »Ja.« Andere dagegen fragten mit bedenklicher Miene, wie hoch sich wohl die nötige Summe belaufen würde? Der Oberrichter nannte 5000 Schock meißnischer Groschen, die ja nach der Größe der Gerichte von diesen in entsprechenden Beiträgen beigeschafft werden sollten. Die Richter der drei umfangreichsten Gerichte, Stadeln, Seewiesen und Eisenstraß Die Gerichte haben folgenden Flächeninhalt: Stadeln 9811 Joch, Seewiesen 7925, Eisenstraß 7218, Neustadeln 5483, Hammer 4473, Stachau 3583, Kochet 3085, Haidl 2760 und Katharina 1313 Joch. Ein Joch oder Juchert ist 0,576 Hektar, also etwa 58 Ar oder etwas über 1⅗ bayr. Tagewerk. erklärten sich bereit, die sie treffende Quote zu erlegen. Andere dagegen beriefen sich auf die unsichern Zeiten oder machten andere Ausflüchte, gaben aber zuletzt doch ihr Einverständnis zu erkennen, nachdem man ihnen nochmals klar gelegt, welch großen 28 Wert es für die Freibauern habe, wieder unmittelbar der königlichen Kammer zu unterstehen und von den Lasten einer anderen Schutzherrschaft erlöst zu sein. Man war mit dieser wichtigen Beratung soeben zu Ende, als die beiden Töchter des Oberrichters vor den Männern erschienen und Marianka bat, einige wichtige Worte mit dem Vater sprechen zu dürfen. Der Oberrichter, ungehalten über die Störung, ließ seine Tochter ziemlich unwirsch an, wie sie es wagen könne, eine so wichtige Versammlung zu stören, diese aber zog ihn sofort außer Hörweite der andern und teilte ihm mit, was ihr der Junker von Welhartitz aufgetragen. »Was mir der Junker da sagen läßt,« sprach er jetzt begütigt, »habe ich schon selbst bedacht, aber ich wollte den Freibauern die bittere Pille nicht auf einmal zu schlucken geben. Mehr beunruhigend ist es, daß die Herren vom Adel in Hartmanitz tagen. Es sind lauter Gegner unseres künftigen Königs Ferdinand. Ihre Herrschaften umgrenzen unsere Gerichte und leicht ist es möglich, daß sich ihnen unzufriedene Freibauern anschließen. Daraus erwächst für mich eine große Verantwortlichkeit, die mich mit banger Sorge für die nächste Zukunft erfüllt. Um so nötiger ist es, daß ich die neun Gerichte wieder fest in die Hand bekomme, damit die Unzufriedenheit nicht durch die Schutzherrschaft stets aufs neue geschürt werde.« »Wäre es da nicht gut, Vater, wenn du selbst in Welhartitz Anfrage hieltest?« fragte Marianka schüchtern und dabei leicht errötend. »Das wäre ganz verkehrt gehandelt,« gab der Vater zur Antwort. »Im Gegenteile, ehe die Sache nicht vollständig geklärt, betritt mein Fuß die Burg Welhartitz nicht 29 mehr und hoffentlich wird keiner der Herren zu uns kommen. Spione lauern überall und ich möchte nicht in einen ungerechten Verdacht kommen.« »Aber Junker Wolf – er will uns nächster Tage besuchen. –« »Das wird er nicht!« erklärte der Oberrichter streng. »Aber Vater –« wollte Marianka einwenden, indem sich ihre Augen mit Thränen füllten. »Da giebt's kein ›aber‹«! unterbrach sie der Vater. »Auch dir verbiete ich, den Junker zu sprechen. Meine Partei ist die des Rechtes und der Gesetzmäßigkeit, für diese lebe und falle ich. Die Partei des Junkers ist die der Rebellen, und meine Pflicht ist es, sie zu bekämpfen bis zum letzten Atemzuge. Wer wider meine Partei ist, ist wider mich, ist mein Feind. Und ein solcher ist jetzt auch Herr Pergler von Welhartitz und sein Sohn. Merke dir das! Jetzt aber geh! Meine Geschäfte sind noch nicht zu Ende. Wartet meiner im Einkehrhaus, wir machen uns bald auf den Heimweg.« Des Vaters Worte klangen nun wieder rauh und streng, er wandte sich von den Mädchen, die ernsten Sinnes und traurigen Gemütes den Rückweg einschlugen. Der Oberrichter ließ es in seiner Klugheit die Versammelten nicht merken, daß ihn die Unterredung mit seiner Tochter zu dem Vorschlag veranlaßte, wie es geraten sein möchte, dem Kaiser Mathias außer der benötigten Pfandsumme zur Auslösung der Königsdörfer noch eine Extrasumme zu unterbreiten, um ihn ihren Wünschen geneigter zu machen und die Sache zu beschleunigen, und er stellte diese Extravergütung ebenfalls auf 5000 Schock meißnischer Groschen. 30 Dieser Vorschlag rief einen Sturm von Protesten hervor; einige ergingen sich sogar in offenen Drohungen und ließen unschwer durchblicken, da sie von den Agenten der Adelspartei schon bearbeitet wurden, sich ihr anzuschließen, um den ihnen aufgedrungenen König Ferdinand wieder zu entthronen. Man hatte ihnen vorgespiegelt, sie würden dann ihre Privilegien von selbst wieder ungeschmälert zurückerhalten, man hatte ihnen goldene Berge versprochen. Das veranlaßte den Oberrichter zu einer eindringlichen und begeisterten Ansprache, in welcher er sie erinnerte, daß sie sich von jeher als königstreue Unterthanen gezeigt, wie sie sich mit Stolz »königliche« Freibauern nennen, denen die Könige und Fürsten von Böhmen vertrauensvoll die Grenzgebiete übergeben, obwohl sie lauter Deutsche seien. Die »deutsche Treue« habe sich stets und überall bewährt und die künischen Freibauern wären nicht die letzten, die dieselbe hoch hielten und Gut und Blut daransetzten, das in sie gefaßte Vertrauen zu rechtfertigen. Sie sollten nur daran denken, wie ihnen gerade um dieser Treue willen ihre Rechte geworden und sie dürften sich zur Verteidigung derselben nicht der Untreue bedienen. »Es kann wohl deshalb keine Frage sein, welcher Partei wir uns zuwenden,« rief er in heiligem Eifer. »Unsere Partei ist stets die des rechtmäßigen Königs von Böhmen und als solchen hat uns der Kaiser seinen Vetter Ferdinand vorgesetzt, der nach seinem Ableben unser Königreich regieren soll. Der Wille unsers Kaisers muß uns heilig sein. Schwenkt die Hüte und ruft mit mir: Unser künftiger König, Ferdinand II. lebe hoch! hoch! hoch!« Die meisten der Freibauern stimmten in den begeisterten Ruf mit ein, einige blieben stumm. 31 Dem Oberrichter entging das nicht. Er that jedoch, als merke er es nicht und kam jetzt wieder auf die Schenkung zurück, die dem Kaiser gemacht werden solle und da sich noch immer einige weigerten, hiezu beizusteuern, erklärte er sich bereit, aus Eigenem beizutragen und den vierten Teil auf sich zu nehmen. Seinem Beispiele folgten die Bauern, oder besser gesagt, die Herren vom Poschingerhof, vom Schürerhof, von Brunst, von Hurkenthal, mehrere vom Eisenstraßer Gericht, so daß die verlangte Summe von den patriotischen Männern alsbald vollständig gezeichnet war. Es wurde hierauf bestimmt, daß der Oberrichter in Begleitung der Besitzer des Poschinger- und Schürerhofes die Erledigung der Angelegenheit in Wien mit allem Eifer zu betreiben hätte. Unter nochmaliger Ermahnung des Oberrichters, daß die Freibauern sich niemals wankend machen lassen sollten in ihrer Anhänglichkeit an Kaiser und König, schloß er die Tagung. Hierauf beschleunigte er nach Kräften die Heimfahrt. Er war in sich gekehrt und sprach nur wenig zu den Töchtern, obwohl Paula sich alle Mühe gab, den Vater aufzuheitern. Marianka hingegen war ebenfalls schweigsam. Sie dachte an das Wiedersehen des Jugendgespielen, an seinen warmen Händedruck und seinen ihr tief ins Herz dringenden Blick. Erfüllten sie diese Gedanken mit glücklicher Stimmung, so wurde diese gedämpft durch des Vaters strenge Anschauung und sein Verbot. Sorgenlos war sie nach St. Günther gekommen, in großer Unruhe trat sie die Heimkehr an. Glück und Sorge stritten in ihrem Herzen. 32 III. Unterhalb Gutwasser ist der zunächst liegende Ort das alte Bergstädtchen Hartmanitz, das schon im 13. Jahrhundert von deutschen Bergleuten gegründet und wo mit vielem Glück auf Gold gebaut wurde. Eine schlecht unterhaltene Straße führt an dem langen Hange des Wottawathales zickzackförmig zu dem romantisch grünen Thale der goldsandreichen Wottawa, längs welcher man überall Seifenhügel gewahrt, welche auf die ausgiebige Goldwäscherei hinweisen, die das Wottawathal zu einem wahren Goldlande machte. In dem alten Bergstädtchen ist keine einzige Gasse eben, überall muß man bergauf und bergab steigen und es scheint, als ob der Ort jeden Augenblick von seiner schiefen Höhe abrutschen wollte. In den umliegenden Dörfern finden sich überall stattliche Herrenhäuser, welche den Besitzern der landtäflichen Güter, den sogenannten »Haberfürsten,« gehören. An einem der bedeutendsten, von einem prächtigen Garten umgebenen Gebäude hielt Wolf von Perglas. Das Thor wurde sogleich geöffnet und der Reiter eingelassen. Sofort erschien auch der Eigentümer des Hauses, der edle, jugendliche Humprecht Hracin, Herr von Hrádeck, und bewillkommte seinen Freund auf das herzlichste. 33 Humprecht hatte zugleich mit Wolf in der Leibgarde des Kaisers gedient und hatte gleichfalls seit der Abreise des Monarchen nach Wien den Dienst aufgegeben, da er als ein der utraquistischen Lehre Utraquisten hieß die Partei der Hussiten, welcher in den Prager Kompakt-Akten der Genuß des hl. Abendmahles unter beiden Gestalten ( sub utraque ) zugestanden worden war. Früher hießen sie Kalixtiner, vom lateinischen calix (der Kelch). Ergebener an die religiöse Toleranz des neugekrönten Königs Ferdinand, gleich vielen andern, keinen Glauben hatte. Er führte seinen Freund nach dem oberen Stocke des Hauses, woselbst sich ein sehr geräumiger Saal befand. Hier waren bereits mehrere Edelleute der Umgegend versammelt, welche alle den Junker freundlich begrüßten und ihm ihr Bedauern darüber aussprachen, daß dessen Vater durch Krankheit verhindert sei, der Besprechung beizuwohnen. Anwesend waren die Herren von Hlawniowitz, Prestowitz, Oberstankau, Knieschitz, Zikow, Deffernik, Zdenek, Korensky von Nezdaschow, Johann Hradkowitz von Protiwin, Georg Loschkan von Breznitz, Peter Peschik von Horstitz, Kaplir von Sulavic von Winterberg u. a. Die Hauptperson kam zuletzt. Es war Heinrich Mathias Graf von Thurn, durch seine nicht unvorteilhafte äußere Erscheinung und sein Geist und Entschiedenheit, aber auch unverhohlene Erbitterung ausdrückendes Gesicht wie von selbst zu einer Führerstelle berufen. Der am Ende der Dreißiger stehende Mann war um seiner im Feldzug gegen die Türken geleisteten Dienste willen von Kaiser Rudolf II. als Burggraf der böhmischen Burg Karlstein ernannt worden. Wegen seiner freien Reden aber, und da er offen gegen die Einsetzung Ferdinands 34 als König von Böhmen protestierte, ward er von Kaiser Mathias seines Burggrafenamtes verlustig erklärt. Die Böhmen hatten von jeher das Recht, ihre Herzoge und Könige selbst zu wählen; so kam das Land auch 1526 durch Wahl an Ferdinand von Österreich, den späteren Kaiser Ferdinand I. (1526–1564). Dieser nahm keinen Anstand, Böhmen trotz des Widerspruches jener böhmischen Stände, welche der Reformation angehörten, für ein Erbreich zu erklären. Er brachte die Jesuiten ins Land und suchte den Lutheranern den Weg zur konfessionellen Herrschaft zu versperren. So war der Zankapfel unter das Volk geworfen, und wenn auch sein Sohn und Nachfolger Maximilian durch die geübte Toleranz einen Stillstand in der Bewegung hervorrief, so erhob sich der religiöse Streit unter Kaiser Rudolf II. (1575–1612) nur um so heftiger und die evangelischen Stände, an ihrer Spitze die Grafen Heinrich Mathias von Thurn, Leonhard Kolon von Fels und Johann Bubna, erzwangen von dem schwachen Kaiser im Jahre 1609 den Majestätsbrief, der ihnen völlige Religionsfreiheit, den Bau von Kirchen und die Einrichtung von Schulen gestattete. In Böhmen war somit allgemeine Toleranz eingeführt, aber sie rief den Widerspruch der Katholiken hervor, deren Führung Wilhelm von Slawata und Jaroslaw von Martinitz übernahmen, welche sich dadurch den Haß der Nichtkatholischen zuzogen. Die Lage verschärfte sich noch, als Kaiser Mathias, Bruder und Nachfolger Rudolfs, die Rechte der Evangelischen nach Möglichkeit zu schmälern suchte und seinen Vetter, den eifrig katholischen Ferdinand von Steiermark, der dortselbst die Protestanten auf die rücksichtsloseste Weise behandelte, zu seinem Nachfolger in Böhmen ernannte. 35 Die böhmischen Stände protestierten gegen diesen aufgedrängten König und wollten ihr Erbrecht wieder geltend machen. Sie versprachen sich von diesem Herrscher nichts Gutes und die meisten dieser adeligen Herren verließen in der Folge Prag und begaben sich trotzig auf ihre Güter. Von den übrigen in Prag zurückbleibenden Ständen aber wurde Erzherzog Ferdinand, nachdem er die böhmischen Freiheiten und die Landesverordnung beschworen, als König anerkannt und am 29. Juni 1617 zu Prag als solcher feierlich gekrönt. Die Regierung verblieb indessen auf Lebenszeit dem Kaiser Mathias, der zehn adelige Herren als Statthalter einsetzte, von welchen sieben katholisch und drei nicht katholisch waren. Ferdinand, der künftige König von Böhmen, überhaupt Nachfolger des Kaisers, nahm nun in Mähren, Schlesien und der Lausitz die Huldigung ein, denn diese Länder hatten ihn unter den gleichen Bedingungen, wie Böhmen, als ihren künftigen Herrscher anerkannt. Dann begab er sich nach Prag zurück, wo er alsbald anfing, sich in die Regierungsgeschäfte zu mischen und dadurch die Erbitterung nur vermehrte. Der Majestätsbrief wurde schon jetzt für ungültig erklärt und am Hofe manch drohende Rede geführt. Die Köpfe gar zu mächtiger Herren, hieß es da, würden bald genug springen, und manch armer Geselle solle in kurzem ein schönes Ritterschloß bewohnen. Mathias sei freilich zu schwach, die alten Pergamentfetzen zu zerreißen, aber der gottergebene Ferdinand werde alles ändern. Diese Reden verfehlten ihre Wirkung nicht, sie machten die Protestanten mißtrauisch und als man gar erfuhr, daß Österreich mit Spanien einen geheimen Erbvertrag geschlossen und Böhmen in demselben mitinbegriffen sei, 36 da erkannten die böhmischen Stände, daß es mit ihrem Wahlkönigreich und mit ihren Rechten überhaupt zu Ende gehen sollte. Alle diese Vorkommnisse wurden nun von den im Hause Hracins versammelten adeligen Herren eingehend besprochen. Sie waren fest entschlossen, diesen Eingriff in ihre Rechte nicht zu dulden. Ihre Aufgabe war es, Ferdinand zu entthronen und einen andern König zu wählen, Bündnisse mit den Nachbarländern zu schließen und ein ergiebiges Kriegsheer zu werben, das sie in ihrem Unternehmen thatkräftig unterstützen konnte. Graf Thurn, der »Verteidiger der Protestanten,« teilte jedem der Anwesenden seine Rolle zu, welche ihm in dem Kampfe gegen die Gewalt zufiel, ein heiliger Eid verpflichtete die Bundesgenossen zu gemeinsamem und geheimnisvollem Handeln. Schon hatte ihnen Frankreich und die Union Hilfe zugesagt. Noch war der Friede mühsam erhalten, doch glaubte niemand mehr an einen langen Bestand desselben, man hielt die Zeit für gekommen, die erste Gelegenheit zum offenen Kampfe zu ergreifen. Zu gleicher Stunde, als in geringer Entfernung von hier die katholischen Freibauern ein Lebehoch auf König Ferdinand ausbrachten, riefen ihm die protestantischen Edelleute ein » Pereat! «, das sich bei der darauf folgenden Tafel, als die Köpfe durch feurigen Ungarwein mehr und mehr erhitzt wurden, noch oftmals wiederholte. Dann trennten sich die Herren, nachdem sie sich durch Handschlag nochmals zur Einigkeit verpflichtet, um auf ihre Burgen heimzukehren. Wolf von Perglas begleitete seinen Freund Humprecht, der auf sein Gut Hrádeck zurück ritt. Es war ihm 37 Bedürfnis, sich nach den politischen Erregungen in herzlicher Weise mit seinem Freunde auszusprechen. In dem erlengeschmückten, von der Alsowka durchschlängelten Thale fürbaß reitend, teilten sie sich die Eindrücke mit, welche sie bei der heutigen Versammlung empfangen. Humprecht Hracin wollte die Beobachtung gemacht haben, daß nicht sämtliche Anwesende mit gleichem Feuer der heiligen Sache zugethan wären, so besonders sein Vetter, Johann Hracin, der bei Abnahme des Eides sich absichtlich anderwärts zu schaffen gemacht habe. »Du hältst doch deinen Vetter keines Verrates fähig?« fragte Wolf betroffen. »Das gerade nicht,« entgegnete Humprecht; »aber man kann durch Unterlassung eine Sache ebenso schädigen, wie durch Handlungen. So viel ich meinen Vetter kenne, wird er sich keiner Gefahr aussetzen. Ich beachtete es wohl, wie sein Auge aufblitzte bei der Nachricht, daß uns die Güter abgenommen und des Königs Getreuen geschenkt werden könnten. Mich traf dabei sein Auge. Was er sich dachte, erriet ich leicht. Er neidet mir das Majorat von Hrádek, welches mir nach dem Tode meines Vaters zufiel, während er, als dessen Bruders Sohn, sich mit einem allerdings nicht sehr großen Gute zunächst Schüttenhofen begnügen muß. Ich weiß, wie gern er es gesehen hätte, daß ich aus dem jüngsten Feldzug nicht mehr gesund wiedergekehrt wäre. Die Habsucht ist ein gefährliches Ding in dieser Zeit, sie ist nicht selten die Triebfeder zur Verräterei.« »Das wäre schändlich, das kannst du im Ernste nicht glauben!« rief Wolf. »Es sind nur so meine Gedanken,« entgegnete 38 Humprecht. »Aber ich bilde mir ein, mein Kopf sitzt nicht mehr so fest zwischen meinen Schultern, wie heute morgen, bevor ich mein Haus in Hartmanitz meinen Freunden geöffnet.« »Schlage dir solche Gedanken aus dem Kopf,« erwiderte Wolf. »Das hieße ja an unserer gerechten Sache verzweifeln, wollten wir solchen Bedenken Raum geben. Ich sehe im Gegensatze zu dir die Zukunft im rosigsten Lichte vor mir.« »Glaub's gern,« entgegnete jetzt lachend der Freund. »Die schöne Gräfin von Lobkowitz windet dir ja den Rosenkranz, der deine Zukunft verklären soll, nachdem du der reichen Witwe Juditha von Kolowrat aus dem Wege gegangen.« »An die Gräfin hab' ich jetzt wahrlich nicht gedacht,« versicherte Wolf. »Ich diente ihr gern bei Hofe als ihr Kavalier, aber mehr wollte ich nicht, und auch nicht sie. Ich weiß, ihr Geist strebt höher, als nach Welhartitz und ihr Herz hat längst gewählt. Nein, mein Freund, ich habe mir das meinige bis heute frei gehalten, aber heute habe ich es – fast glaube ich's – verloren.« »Heute?« fragte der Freund ungläubig. »Ja, als ich auf St. Günthers Felsen Ausschau hielt. Von ungefähr traf ich mit meiner liebsten Spielkameradin zusammen, die ich zwar nie vergessen, aber nur hin und wieder vor meinem Geiste auftauchen ließ. Nach sieben Jahren sah ich heute das zur prächtigen Jungfrau erblühte Mädchen wieder, und ich glaube, um meine Herzensruhe ist's geschehen.« »Wer ist denn das Fräulein – darf man's erfahren?« »Du ganz allein! Aber erwarte keinen hochadeligen, 39 auch keinen kleinadeligen Namen; sie ist von bürgerlicher Herkunft, aber aus einem Hause, dem wir alle unsere Hochachtung bezeugen –« »Dann ist's des Oberrichters von Seewiesen Tochter, die schöne Marianka?« »Du hast's erraten! Sie ist es, die ich mir heimführen möchte nach Welhartitz.« »Glück auf zum Kampfe!« entgegnete freundlich, aber bedächtig der andere. »Ich scheue keinen Kampf. Was man durch Kampf erringt, hat doppelten Wert. Übrigens fürchte ich meinen Vater nicht. Er ist Eisners Freund. Auch wird er meine Neigung gelten lassen, denn er liebt mich und ist tolerant.« »Tolerant? Ist das auch Eisner, der Oberrichter der stolzen katholischen Freibauern?« »Du glaubst wohl, ich, der Junker von Welhartitz, wäre dem Freibauern nicht ebenbürtig?« lachte Wolf. Dann fuhr er ernster fort: »Die Religion hat niemals den freundschaftlichen Verkehr unserer Häuser nur im geringsten gestört.« »Bis jetzt,« versetzte Humprecht. »Aber laß die Gegensätze auf einander prallen, wie es bald geschehen wird, dann wird es heißen, Farbe bekennen: hie Ferdinand! hie Union! – Hole dir dein Mädchen zur rechten Zeit noch, wenn ich dir raten darf, das heißt – wenn es nicht schon zu spät ist. Bist du ihrer auch sicher?« »Ich glaube, daß Marianka mir nicht abhold ist. Aber du hast recht, ich folge deinem Rat. Sobald als möglich will ich mit meinem Vater sprechen und schon nächster Tage soll mich der Oberrichter als Freier um 40 Marianka sehen. Leicht kann es geschehen, daß du eher mein Hochzeitsgast bist, als ich der deine.« »Das darfst du als sicher annehmen, denn ich werde wohl gar nicht heiraten.« »Du hast dich doch deinem Vetter Johann zu liebe nicht zum Cölibat entschlossen?« fragte Wolf lachend. »Das nicht!« gab der andere ernst zur Antwort. »Aber es giebt Hindernisse, die nicht zu beseitigen sind.« »Du bist doch dein eigener Herr! Wer kann dich hindern, nach freiem Willen zu thun?« »Meine Pflicht als Edelmann, als gehorsamer Sohn meiner Frau Mutter.« »Sie sollte dich hindern, eine Hausfrau heimzuführen?« »Eine ebenbürtige wohl nicht – aber – nun, du hast mir dein Vertrauen geschenkt, so sollst du auch mein Geheimnis erfahren.« Und während sie langsam den Burgberg von Hrádek hinaufritten, fuhr er fort: »Du erinnerst dich noch, daß wir im vorigen Winter zu Prag einmal in Jägertracht eine Schenke besuchten, in welcher eine herumziehende Musikantenfamilie durch ihr Spiel und Gesang die Zuhörer zu Beifallsstürmen hinriß –« »Gewiß erinnere ich mich. Es waren vier Personen: Die Eltern, ein Sohn und eine Tochter, die sie Libussa nannten. Die Kleine gemahnte mich mit ihren dunklen Haaren und den großen, schwarzen Augen an ein Zigeunerkind. Ihrem seltsamen, malerischen Anzuge nach war sie auch ein solches. Sie hatte eine wundervolle Stimme. Sie sang unter anderm ein reizendes Lied – von der schönen Bozena – ist's nicht so? Sollte die sich in dein Herz hineingesungen haben?« 41 »So ist's. Ihr Gesang, ihre leuchtenden Augen, ihr ganzes liebliches Wesen nahm mich gefangen. Ich war im Banne dieses Mädchens, ehe ich es selbst recht wußte; ich vermag mich daraus nimmer zu befreien. Unter dem Namen Joseph Marcon und als Jäger eines hochadeligen Herrn – wie ich ihr sagte, aus dem Prachinerkreis – gestand ich Libussa meine Liebe und fand Gegenliebe. Libussa ist brav, die lautere Unschuld, sie gelobte mir ewige Treue. Darf ich sie täuschen? Es war kurz vor der Krönung Ferdinands, als Libussa mit ihren Eltern Prag auf kurze Zeit verließ, um in einer andern Stadt ihre Kunst zu üben. In diese Zeit fiel unser Abzug von Prag, der, wie du weißt, auf Wunsch des Grafen Thurn sehr eilig vor sich ging. Seitdem sah ich Libussa nicht wieder. Wohl war ich nach einigen Wochen heimlich nach Prag zurückgekehrt, um sie aufzusuchen, doch fand ich sie nicht mehr. Der Wirt erzählte mir, sie hätte mich nach ihrer Rückkehr allabendlich sehnlichst erwartet und als ich nicht kam, sei sie in tiefe Traurigkeit versunken. Man konnte sie nicht mehr zum Singen bewegen. Mit tiefem Kummer im Herzen sei die Familie auf die Wanderschaft gegangen, wohin, das wußte er nicht. Vergebens waren auch die Nachforschungen, die ich nach Libussa anstellen ließ, sie ist wie verschwunden. Von Tag zu Tag denke ich brünstiger an das liebenswürdige Kind, dessen Seelenruhe ich auf dem Gewissen habe und wünsche es in meine Nähe mit aller Sehnsucht eines liebenden Herzens. Morgen will ich nach Prag, um wiederholt nach ihr zu suchen. Vielleicht glückt es mir.« »Was soll dir das nützen?« meinte Wolf. »Du bist doch nicht willens, den Roman unter falschem Namen 42 fortzusetzen? Wäre es da nicht Deine erste Pflicht, offen und wahr hervor zu treten?« »Denke an meine Mutter!« fiel Humprecht ein. »Was würde sie, die hocharistokratische Dame, dazu sagen, eine geborene Gräfin Schlick von Passaun und Ellenbogen? Niemals – niemals würde sie es dulden, daß ich Libussa, das Kind des Spielmanns, als Herrin in Hrádek einführe.« »Die Zeiten haben sich geändert,« tröstete Wolf den Freund. »Gehören wir nicht selbst zu einer Partei, welche die weitgehendste Toleranz beansprucht? Was ist da Ungeheuerliches dabei, wenn der Edelmann sein Herzensglück bei andern Ständen findet? Hat nicht auch Herzog Udalrich die schöne Bozena, ein schlichtes Bauernmädchen, heimgeführt und sie zur Herzogin gemacht, jene Bozena, die Böhmens gefeiertstem Helden, dem Herzog Bretislaw das Leben gab? Und Libussa selbst, die Gründerin des böhmischen Fürstengeschlechtes, auch sie führte Primislaus I. als Gatten vom Pfluge weg zum Throne. Warum sollte da deine Libussa, ausgestattet mit allen Tugenden und Vorzügen, die du ihr zuerkennst, weniger würdig sein, eine Freiherrnkrone zu tragen?« »Du sprichst so, weil du selbst im Begriffe stehst, dein Adelswappen mit einem bürgerlichen zu vermischen.« »Wir sind in gleicher Lage. Führe du Krieg mit deiner Frau Mutter, ich will's mit Mariankas Vater versuchen. Man denkt bei jedem Kampfe nur an den Sieg. Sei getrost! Wir wollen sorgen, daß er uns nicht entgeht.« »Darauf laß uns ein Glas Wein trinken,« entgegnete Humprecht, da die Reiter soeben im Schloßhofe angelangt waren. »Meine Mutter wird sich freuen, dich zu sehen.« 43 »Ich sehne mich darnach, ihr die Hand zu küssen. Doch nur kurze Zeit darf ich verweilen; ich möchte vor Abend noch zu Hause sein.« Die beiden jungen Leute hatten sich von den Pferden geschwungen und sie einem herbeieilenden Diener übergeben. Dann begaben sie sich durch das mit vielen Ahnenbildern geschmückte Treppenhaus und die Treppe hinauf nach den oberen Wohngemächern. Dort ließ Humprecht seiner Mutter durch die Kammerzofe den Besuch melden. Alsbald traten sie in das trauliche Gemach, an dessen Schwelle die Freifrau erschien, den Sohn und dessen Freund herzlich zu begrüßen. Humprechts Mutter hatte sich, obgleich schon tief in den Fünfzigern stehend, in ihrem ganzen Wesen noch eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt. Ihr etwas blasses, feingeschnittenes Gesicht war faltenlos und zeigte eine natürliche Anmut. Ihre dunklen Augen waren lebhaft, sogar noch feurig. Das üppige, weiße Haar bedeckte ein schwarzer Schleier, dessen Enden sie an der Brust verschlungen hatte. Ein schwarzes, gesticktes Atlaskleid umhüllte ihre schlanke Gestalt. Ganz zu ihrer aristokratischen Erscheinung paßte der Raum, den sie bewohnte. Das Hauptstück des Zimmers bildete die große Himmelbettlade aus Ebenholz, mit Elfenbein eingelegt, deren schlanke Säulen einen Baldachin aus burgunderrotem Samt trugen, der gleich den Bettvorhängen reiche Goldmusterung zeigte und mit Goldfransen an den Enden verziert war. Ein Armstuhl, ebenfalls mit dunkelrotem Samt überzogen, stand am Fenster, das zwischen seinen Butzenscheiben die Wappen der Familie hielt und durch welches man eine herrliche Aussicht über die 44 Landschaft genoß. Gegenüber an der Wand, die von einer goldgelben Damasttapete bedeckt war, stand ein sogenannter Kabinettschrank, ein Schmuckschrein, gleichfalls aus Ebenholz mit Elfenbeineinlagen gefertigt, mit vielen Schubladen und den beiden sie verschließenden Flügelthüren. Auf ihm hatte eine kleine, kunstvoll aus Metall hergestellte Uhr nebst mehreren, blau bemalten Delfter-Vasen ihren Platz gefunden. Die Mitte der Wand aber nahm der hohe Marmorkamin ein, über welchem das Bild des verstorbenen Freiherrn von Hracin, dem Humprecht täuschend ähnlich sah, aus breitem, geschnitztem Rahmen herniederschaute. Über dem mit einer samtenen, goldbordierten Decke belegten Tische, auf welchem sich eine Bibel in Pergamenteinband und eine Laute nebst mehreren aufgeschlagenen Notenblättern befand, hing ein Messinglüster in der eleganten Form des sechzehnten Jahrhunderts, wie überhaupt die auf dem Gesimse der Vertäfelung verteilten, reich geschnitzten Kästchen, die Gold- und Silberbecher und manch anderes kunstvolles Stück zeigten, daß sich in ihnen das Erbe eines reichen Hauses aus vergangenen Jahrhunderten erhalten habe. Das Ganze war von einer mit gutem Geschmacke gepaarten Vornehmheit. »Ich sah Euch schon mit meinem Sohne zum Schlosse reiten, Junker Wolf,« sagte die Freifrau, den Junker mit einer Handbewegung einladend, neben ihr Platz zu nehmen. »Ihr war't ja in ein sehr eifriges Gespräch vertieft; die leidige Politik scheint Euch ganz in Beschlag genommen zu haben. Was könnte in jetziger Zeit auch sonst die Herren vom Adel interessieren? War die Zusammenkunft in Hartmanitz von gutem Erfolg?« »Ich glaube, ja,« erwiderte Wolf. »Wir fanden uns 45 wenigstens alle einig in dem Streben nach Erreichung des einen Zieles.« »Und Vetter Johann?« fragte die Freifrau ihren Sohn. »Er fehlte nicht,« entgegnete dieser; »doch wünschte ich, er wäre nicht dort gewesen. Wehr' mir nicht ab, Mutter; ich weiß ja, daß du dem Vetter stets die Stange hältst. Doch dieses Mal – Gott gebe, daß ich Unrecht habe!« »Was berechtigt dich zu diesem Mißtrauen?« »Alles! Oder findest du es nicht seltsam, daß er, ein Utraquist, so oft im Refektorium der Prämonstratenser in Albrechtsried Die Grafen von Bogen, denen das Gebiet von Schüttenhofen seit 1192 gehörte, schenkten das von ihnen gegründete Albrechtsried, sowie die Pfarre Schüttenhofen den bayerischen Prämonstratensermönchen von Windberg. zu finden ist?« »Er hält eben mit den bayerischen Herren gute Nachbarschaft; grenzt doch sein Besitz an jenen der Klosterherren.« »Mag sein; mir wäre lieber, er hielte fester zu uns. Ich habe heute wieder manche Beobachtung gemacht. Doch davon ein andermal.« »Ja, lassen wir das. In diesem Punkte gehen unsere Ansichten weit auseinander,« sagte die Freifrau. »Sprechen wir lieber von euch, von euren persönlichen Wünschen und Hoffnungen.« Und sich zu dem Gaste wendend, fuhr sie fort: »Junker Wolf, mein Sohn hat Euch sicher sein Herz eröffnet. Ihr könntet mir wohl Mitteilung machen, womit es sich seit Monden beschäftigt?« »Gräfin,« entgegnete Wolf, galant derselben den Rang 46 ihrer Geburt zuerkennend, »wär's auch der Fall, dürfte ich wohl aus der Schule schwatzen?« »Ihr bringt den Freund nicht gerne in Verlegenheit?« fragte die Freifrau lächelnd. »Doch dürft Ihr mir vielleicht enthüllen, woher das schöne Volkslied stammt, das Humprecht so gerne singt. Es behandelt das Schicksal der schönen Bozena und macht auch mir viele Freude. Oder solltet Ihr das Lied gar nicht kennen?« Wolf wußte nicht, ob er bejahen oder verneinen sollte. Er wurde der Antwort durch den Eintritt eines Dieners enthoben, welcher der Schloßfrau meldete, daß im Speisesaale aufgetragen sei. »Ein Gericht Forellen,« erklärte die Freifrau auf den fragenden Blick der beiden jungen Männer. »Der Fischer hat sie heute morgen in der Wostruschna gefangen und ich hoffe, sie werden unserm Gaste auch zu ungewohnter Zeit munden.« Sie nahm den Arm des Junkers und ließ sich von diesem nach dem Speisesaal führen; Humprecht folgte ihnen dahin. Im Erker desselben nahmen sie an einer wohlgedeckten Tafel Platz. »Klein beisammen, nicht wahr?« sagte die Freifrau, als sie den Erker betraten, einen Blick durch den großen, leeren Saal sendend, »aber was soll uns der große Raum? Mich fröstelt's dort ordentlich, wenn ich mit Humprecht, oder, wie so oft, allein bei Tische sitze. Da habe ich mir denn diesen Erker auserkoren. Ja, zu Lebzeiten meines Mannes, da war es freilich anders! Wir wußten manchmal die Gäste nicht unterzubringen an der langen Tafel; da gab es denn Kurzweil genug. Ich kann Euch nicht sagen, Junker Wolf, wie glücklich ich wäre, wenn mir 47 Humprecht bald eine Tochter ins Haus brächte. Dann wäre es nicht mehr so einsam hier in dem großen Schlosse, wenn Humprecht ausreitet, und ich könnte ruhig hier sitzen auf dem Lieblingsplätzchen meines geschiedenen Gemahls und hinabblicken in das schöne Wostruschnathal, ohne durch häusliche Geschäfte gestört zu werden.« Beim Anblicke der Wostruschna gedachte Wolf sofort wieder Mariankas, die ihm als Kind mit den Wellen dieses Baches ihre Grüße zugesandt – die sie ihm sicherlich auch heute wieder zusenden würde. Und als Humprecht mit dem perlenden Weine die Gläser gefüllt, stieß er mit ihm an auf »künftiges Glück!« und gedachte der trauten Jugendfreundin. Der Ausdruck seines Auges sprach dabei so deutlich von seinen inneren Gefühlen, daß die Freifrau lächelnd bemerkte: »Auf Welhartitz zieht wohl bald eine Burgfrau ein?« »So Gott will!« entgegnete Wolf. »Nimm dir ein Beispiel an dem Freunde!« mahnte die Freifrau den Sohn. Ein leichtes Lächeln huschte um Humprechts Mund. »Darf ich den Namen deiner Auserkorenen nennen?« fragte er Wolf. »Gewiß,« antwortete dieser. »Wahrheit und Offenheit ist meine Devise.« »Nun?« fragte die Burgfrau mit neugieriger Miene. »Marianka Eisner ist's, des Oberrichters von Seewiesen Tochter, die Wolf als Herrin auf Welhartitz einführen wird, wenn –« »Wenn er vergißt, daß er ein Freiherr von Perglas ist,« unterbrach ihn die Mutter, deren vorhin so 48 freundliche Züge sich plötzlich zu strengem Ernst verwandelt hatten. »Gestattet, hohe Frau, daß ich Euch widerspreche,« versetzte Wolf; »wenn mich das Mädchen will und Mariankas Vater seine Zustimmung giebt.« »Ihr Vater?« fragte die Freifrau, höhnisch lächelnd. »Und Euer Vater?« »Mein Vater?« entgegnete Wolf mit Sicherheit, »der wird nicht darnach fragen, ob bürgerliches oder adeliges Blut in ihren Adern fließt. Das ist die rechte Toleranz, die wir zu üben haben. Nicht der Adel der Geburt, der Adel des Herzens – –« »Genug!« rief die Freifrau, ihn unterbrechend und sich erhebend, dann ihren Blick scharf auf den Sohn heftend, fragte sie in strengem Tone: »Sind das auch deine Grundsätze, mein Sohn?« »Sie sind es, Mutter,« gab Humprecht zur Antwort. »Und du hast wohl schon gewählt?« höhnte die Freifrau. »Ich kann's nicht leugnen,« entgegnete der Sohn. »Humprecht!« schrie sie auf. »Kannst du mir den Namen des Mädchens nennen, mir, deiner Mutter?« »Libussa ist ihr Name.« »Libussa hieß auch die Stamm-Mutter der böhmischen Herzoge,« warf Wolf von Perglas ein. »Doch ist sie keine Herzogin, wie mir scheint.« »Aber sie ist hold und schön, wie ein Morgen im Mai,« sprach Humprecht mit Wärme, »sie ist hold und rein, wie ein Engel des Himmels und –« »Singen kann sie auch,« setzte Wolf lachend hinzu, »besonders die Ballade von der schönen Bozena. Das ist die Geschichte dieses Liedes.« 49 »Wer aber ist diese Libussa?« fragte die Freifrau. »Frage mich heute nicht weiter, liebe Mutter, ich könnte dir doch nicht antworten,« bat Humprecht. »Zu gelegener Stunde werde ich mit dir darüber sprechen.« »In einer Stunde will ich mich meinem Vater offenbaren,« sagte Wolf, »an ihn die Frage stellen, ob er mein Glück begründen will. Jetzt aber, zum Schluß, auf Euer Wohl, hohe Frau, und auf das Glück des Hauses Hrádeck!« Er hatte sein Glas erhoben und stieß es an das der Freifrau, jedoch im Eifer und in der Hast so stark, daß es umstürzte und zerbrach und alle drei erschraken. »Verzeiht!« bat der Junker. »Nehmt nicht für ein böses Omen, was meine Ungeschicklichkeit verbrach. Und jetzt lebt wohl, edle Frau!« Er verbeugte sich tief vor der Frau des Hauses und verließ, von Humprecht begleitet, das Gemach. Die Freifrau blieb in Gedanken zurück. Als Wolf im Schloßhofe sein Pferd bestieg und dem Freunde zum Abschiede die Hand reichte, sagte er: »Mut, mein Freund! Die erste Bresche ist gebrochen, das Bollwerk erschüttert, bald wirst du die Festung im Sturme nehmen!« »Wenn mich ihre Trümmer nicht zermalmen,« entgegnete Humprecht mit einem Anfluge von Schwermut. »Schwarzseher!« schalt Wolf. »Ich hoffe auf bessere Stimmung, wenn wir uns wiedersehen.« Freundlich grüßend sprengte er zum Thor hinaus und ritt den Schloßberg hinunter, alsdann das reizende Wostruschnathal entlang und über das silberreiche Bergstadtl der heimatlichen Burg zu. Die Sonne war prachtvoll untergegangen, auf den Grenzbergen und auf den Wäldern ringsumher lagen duftige rosige Schleier und goldige 50 Wolkenstreifen zogen am Himmel dahin. Ein hehrer Friede lag über der wunderbaren Landschaft und auch des jungen Mannes bemächtigte sich eine friedliche, glückliche Stimmung. Das Gefühl von Mißstimmung, das sich auf Burg Hrádeck in den letzten Minuten fühlbar gemacht, war vollständig gewichen. Die Wostruschna glänzte zu seinen Füßen und das Firmament strahlte in himmlischer Farbenpracht. Sollte da sein junges Herz nicht auch Freude empfinden? Schöner als alles aber dünkten ihm die herrlichen Augen Mariankas, die jetzt vor seinen geistigen Augen ihm entgegenstrahlten in Freude und Glück, und mit ihnen beschäftigt, ritt er bei einbrechender Dunkelheit auf seinem Erbgute, der Burg Welhartitz, ein. 51 IV. Eine der mächtigsten Festen im Böhmerlande war die am linken Ufer der Wostruschna auf einem gegen dieselbe furchtbar jäh abstürzenden Gneisfelsen thronende Burg Welhartitz. Sie ist noch heute ein für das Studium mittelalterlicher Befestigungskunst hochwichtiges Bauwerk und liegt zunächst des gleichnamigen Marktes, woselbst im 16. Jahrhundert, gleichwie zu Bergstadtl und Hrádeck ein ergiebiger Silberbergbau blühte. Jenseits des Baches erhebt sich der abgerundete, waldbedeckte Berg Borek (2700 Fuß), zwischen welchem und dem Burgberg sich eine wildromantische Schlucht befindet, durch welche die Wostruschna hindurchrauscht. Hat man das nur mäßig ansteigende Nordplateau erstiegen, so leitet ein Fahrweg zu der Burg, die durch einen in das Gneisgestein gesprengten, sehr breiten und tiefen Graben von aller Nachbarschaft getrennt ist. Durch ein turmartiges, gothisch gewölbtes Thor betritt man zuerst den Teil, welcher die Vorburg von Welhartitz bildet. Rechtshin läuft eine Ringmauer, mit Schießscharten versehen, und mit einem nach auswärts vorspringenden, halbrunden Turme verstärkt, links, dieser Bastion gegenüber, steigt der Felsen mehrere Klafter hoch empor und auf ihm thront ein viereckiges Gebäude, das als Kastell oder Warte diente, von dem Landvolke allgemein Putna (Butte) genannt, ein in seiner 52 Art einziges Beispiel altböhmischen Befestigungsbaues. Dieses Kastell, dessen Mauer acht Schuh dick ist, war nur aus dem zweiten Stocke der Burg zugänglich, obwohl es siebzehn Klafter weit von ihr absteht. Eine auf Pfeilern und gothischen Spitzbogen ruhende Brücke, vollkommen isoliert, setzte durch Fallbrücken die beiden Bauwerke in Verbindung. War nun der Burgherr vom Feinde bedrängt, so begab er sich aus dem zweiten Stockwerk seines Schlosses über die Fallbrücke auf den isolierten Übergang, zog dieselbe hinter sich auf und eilte über die zweite Fallbrücke, die er gleichfalls hinter sich aufzog, nach dem Kastell. Die dasselbe umschließende Ringmauer diente zugleich zur Verteidigung der Vorburg. Links leitet der Weg über eine zweite Brücke und durch ein zweites Thor in den inneren Burghof, wo sich ein mit hohem Dache und spitzen Türmen versehenes dreistöckiges Gebäude von unregelmäßiger Form erhebt, dessen Hoffronte mit Galerien geschmückt ist und in dessen erstem Geschosse sich in Mitte einer Flucht von Gemächern der geräumige, durch fünf Fenster erhellte Rittersaal befindet, der zu jener Zeit mit prächtigen Wandmalereien und dem auserlesensten Mobiliar ausgeschmückt war. In einem Gemache des Putna war zur Zeit der Hussitenkriege die von Karlstein hieher geflüchtete böhmische Königskrone verwahrt und oben im Plafond eingemauert gewesen. Die Zeit der Erbauung dieser ebenso prächtigen, als seltsamen Burg ist unbekannt, doch mag es etwa die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts gewesen sein. Bedeutende Männer werden als deren Besitzer genannt, darunter Meinhard von Neuhaus, der 1434 die Taboriten bei Lipan besiegte, in welcher Schlacht auch Procop der Große, das 53 Haupt der Taboriten, den Tod fand. Dann folgten die Swihowsky, Herren von Riesenberg und Raby und da Ziska bei der Belagerung der Burg Raby durch einen Pfeilschuß (1421) das gesunde Auge, das er noch hatte, ebenfalls verlor, so rächten sich die Hussiten durch Zerstörung der Burg Welhartitz, welche von späteren Eigentümern wohl wiederhergestellt, doch teilweise noch heute die Spuren dieser Zerstörung trägt. – Waldhart, Ritter Pergler von Perglas hatte Kaiser Rudolf II. im Kriege gegen die Türken mit Gut und Blut unterstützt. Als jedoch der in Unmut versunkene Rudolf die Sache der Protestanten beeinträchtigte, schloß sich der evangelische Pergler von Perglas dem Grafen Thurn an, half den Majestätsbrief mit erzwingen und verhielt sich ruhig, als der herrschsüchtige Mathias seinen Bruder entthronte. Doch auch dieser erfüllte die Hoffnungen der Böhmen nicht und seinem von ihm eingesetzten Nachfolger brachten die böhmischen Protestanten offenen Haß entgegen. Der alte Pergler gab deshalb auch der Einladung, zur Krönung des künftigen Königs nach Prag zu kommen, keine Folge, er forderte sogar im Einverständnisse mit dem Grafen Thurn seinen Sohn auf, nachdem Mathias nach Wien abgereist war, den Dienst bei der königlichen Leibgarde aufzugeben und nach Welhartitz zurückzukehren, voraussehend, daß in Bälde ein Kampf der Parteien entbrennen müsse, bei welchem sich die Herren von Perglas nur auf die Seite der von dem neuen König gehaßten Protestanten stellen könnten. Der alte Pergler war ein äußerst gutmütiger Mann mit wohlwollenden Zügen. Das gesund gerötete Gesicht war von einem weißen, über die Brust herabhängenden 54 Vollbart umrahmt, während auf seinem Haupte die kurz gehaltenen, weißen Haare noch in üppiger Fülle zu sehen waren. Er liebte eine gemütliche Unterhaltung und hatte gerne Gäste um sich. Selbst jetzt, wo er infolge seines gichtischen Leidens in den hohen, mit gepreßtem Leder überzogenen Lehnstuhl gebannt war, glaubte er seine Schmerzen minder zu verspüren, wenn seine Aufmerksamkeit durch Gäste in Anspruch genommen wurde, durch Gäste, die mit ihm spielten, mit ihm tranken, Neuigkeiten auskramten oder durch Erzählungen ihn zu erheitern wußten. Da waren denn der Prediger der Gemeinde, der Herrschaftsrichter und der Magister, vulgo Bader, als regelmäßiges Kleeblatt zum Abendtrunke bei dem Freiherrn versammelt. Zu andern Zeiten im Tage fanden sich häufig auch die nachbarlichen Edelleute, die Herren von Ober-Stankau, Deinitz, Petrowitz und Nemelkau bei ihm ein. Der Magister war ein in seiner wirklichen und eingebildeten Kunst ergrautes Männlein, das über die Geschehnisse der ganzen Gegend Bescheid wußte. Dabei war er mit einem geradezu krankhaften Aberglauben behaftet, sah überall Teufel und Gespenster und heilte mit Beihilfe überirdischer Mächte, nämlich durch Sympathie an Mensch und Vieh. Er ward nach seinem Taufnamen nur Magister Dominik genannt. Sein faltiges, glatt rasiertes Gesicht mit der langen, spitzen Nase und dem über der Stirn in einen mächtigen Kakadu geformten, noch ziemlich üppigen Haupthaar gab ihm einen beinahe komischen Ausdruck. Er war namenlos hager und seine Kleider schlotterten nur so um seinen Körper. Der Schloßherr aber war fest überzeugt, daß die Schmerzen an seinen Zehen leichter zu ertragen seien, so 55 lange der Magister in seiner Nähe weilte. Wenn dessen Salben und Pflaster und sein Hokuspokus nicht mehr nützen wollten, fing er an, zu erzählen, machte nach Umständen von der poetischen Lizenz ausgiebigsten Gebrauch und sprach von allem, was die Neugierde des Freiherrn zu erregen imstande war, denn in solchem Zustande vergaß der Kranke alle seine Leiden, lachte oder ärgerte sich, je nachdem es der Stoff verlangte. Nachdem der Freiherr mit dem Prediger eine Partie Schach gespielt, wobei Richter und Magister anscheinend teilnahmsvoll zusahen, in Wirklichkeit aber mehr dem mit frischem Bier gefüllten Humpen zusprachen, fing der Kranke wieder an, zu stöhnen und zu ächzen, und manch halblauten Fluch auszustoßen, wobei der Prediger jedesmal besänftigend die Hände faltete und damit bezweckte, daß der Fluch nur zur Hälfte dem Munde des Freiherrn entschlüpfte. Der Magister benützte den für den Gutsherrn so peinlichen Anfall und beschwichtigte dessen Schmerzen nicht durch eine Salbe, sondern durch eine Neuigkeit, die er heute schon lange gerne losgelegt hätte. »Herr!« rief er, »fast hätte ich vergessen – gestern ist in Raby der leibhaftige Teufel gefangen und erschlagen worden. Ich habe ihn selbst gesehen.« »Unsinn!« riefen die andern Herren. »Wie sieht er denn aus?« fragte der Richter. »Den zu sehen wäre ich begierig.« »Ich war es auch,« versetzte der Magister, »deshalb eilte ich, sobald ich von dem Vorfall gehört, auf meinem alten Klepper nach Burg Raby, um bei dem Gutsherrn, der Vertrauen in meine Kunst hat, anzufragen, ob er meiner nicht bedürfe.« 56 »Nun, und was habt Ihr gesehen?« fragte der Freiherr neugierig, der bei dieser sonderbaren Nachricht zu stöhnen aufgehört hatte. »Den Teufel hab ich gesehen, den die Bauern erschlagen haben; aber damit hatte es seine eigene Bewandtnis. Die Herren werden gleich erfahren, was es für ein Teufel war.« Und er erzählte folgendes Vorkommnis: Der Herr von Raby Die berühmte Burg Raby liegt etwa vier Stunden östlich von Welhartitz am linken Ufer der Wottawa. hielt zu seiner Ergötzung einen Affen von ungewöhnlicher Größe. Dieser, schlecht bewacht, entsprang, während der Herr abwesend war, und eilte in den benachbarten Wald. Hier erblickte ihn zuerst ein Bauer aus Hajná, der soeben beschäftigt war, Holz zu fällen. Er hielt das ihm ganz unbekannte Tier für den leibhaftigen Teufel, rannte allsogleich in das Dorf und verkündete dort, daß er den Teufel gesehen. Diese Kunde erregte im ganzen Dorfe Staunen und die Leute beschlossen nach langer Beratung, bewaffnet gegen den Teufel zu Felde zu ziehen. Sie gedachten ihn entweder zu verjagen, oder, sei es tot oder lebendig, ihn in ihre Gewalt zu bringen. Mit Sensen, Hacken, Dreschflegeln, Stangen und allerlei Werkzeugen bewaffnet, zogen sie wider den vermeintlichen Satan in den Wald. Der Affe kletterte, als er den Haufen Bewaffneter gewahrte, auf den Gipfel eines hohen Baumes und schien von dort aus mit Grinsen und unterschiedlichen Gebärden die unten stehenden Bauern zu verlachen. Da gingen die Bauern daran, den Baum umzuhauen, und legten sofort Hand ans Werk. Als aber der Baum schon 57 zu sinken begann, schwang sich der Affe auf einen andern, und nachdem auch dieser umgehauen, auf einen dritten und so immer weiter, so daß die Bauern endlich einsahen, sie würden auf diese Weise des Teufels nicht habhaft werden. Sie begannen daher mit Steinen und Knütteln dermaßen nach ihm zu werfen, daß er ganz erschöpft und bluttriefend an einem Aste hängen blieb, worauf die Beherztesten emporkletterten und ihn mit einem tödlichen Schlage hinabschleuderten. Als sie hierauf den gefangenen Teufel fesseln wollten, biß er so grimmig um sich, daß sie ihm eiligst den Tod gaben. Seine Leiche wurde dann feierlich nach der Gemeindestube gebracht und die Leute strömten scharenweise herbei, den verstorbenen Satan zu sehen. Als dann der Herr von Raby nach Hause gekommen, begaben sich die Vorsteher zu ihm und erzählten ihm von dem gefangenen und getöteten Teufel. Der Gutsherr lachte und befahl, das Wunder nach Raby zu bringen. Aber bald verwandelte sich seine Heiterkeit in hellen Zorn, als er in dem angeblichen Teufel seinen Affen erkannte. Er ließ in der ersten Aufwallung den klugen Abgesandten von Hajná wacker den Pelz ausklopfen und verordnete, das Dorf solle für alle künftige Zeiten den Namen »Narren Hajná ( Bláznivá Hajná )« führen und zur Strafe, daß sie ihm seinen teuren Affen erschlagen, mußten die Hajnárer eine jährliche Abgabe zahlen. Diese Affensteuer wurde noch zu Ende des 17. Jahrhunderts entrichtet und das Dorf heißt heute noch Narren-Hajná. »Ich sah das arme Tier,« schloß Dominik seine Erzählung, »und habe es auch seziert. Der Burgherr will es aber erhalten und deshalb ausstopfen lassen.« Den Freiherrn hatte diese Erzählung sehr interessiert. 58 »Schade um das schöne Tier,« sagte er. »Ich habe mich oft daran ergötzt, wenn ich nach Raby kam. Die Bauern werden auch zeitlebens an ihre Heldenthat zu denken haben,« meinte er lachend mit Beziehung auf die ihnen auferlegte Steuer. »Ich bedauere diese Bauern,« versetzte der Prediger. »Es wäre nur zu wünschen, daß alle Menschen, besonders in jetziger Zeit, dem Teufel so wacker auf den Leib gingen, wie es die von Hajná gethan.« »Das wären handgreifliche Verirrungen, die uns Richter über Gebühr in Anspruch nehmen müßten,« entgegnete der Richter. »Ihr habt doch die Teufel in Menschengestalt vermeint?« »Ich sprach nur bildlich,« antwortete der Prediger. »A bah, ich glaube an keine bildlichen Teufel. Es giebt nur Menschen, die uns zu Teufeln werden können, wenn wir uns ihrer nicht rechtzeitig erwehren.« Der Prediger ließ den Sprecher mit vernichtendem Blicke an: »Was, Ihr glaubt nicht einmal –« Ein Aufstöhnen des Freiherrn, dem in diesem Augenblick ein schmerzhafter Riß durch seine Beine ging, unterbrach die Strafpredigt, welche der Geistliche zu halten im Begriffe war. »Ich glaube schon daran,« beteuerte der Freiherr; »er fährt mir in den Füßen herum, wie das höllische Feuer. O, hätt' ich ihn nur! Glied um Glied ließ ich ihm ausreißen in der Folterkammer – mit glühenden Zangen wollt' ich ihn eigenhändig zwicken – au! Dominik, helft mir! Ja, geschmolzenes Blei ließ ich ihm in Ohren und Nase gießen – Dominik, es ist kaum mehr zum Aushalten!« 59 »Mir scheint, Herr, er sucht Euch schon zu vergelten, was Ihr so freundlich seid, ihm anzuwünschen,« konnte der Richter nicht umhin, heimlich lächelnd zu bemerken. Dominik hatte die Binde von den Füßen genommen und dieselben mit einem von ihm bereiteten Balsam eingerieben. Das schien einige Linderung zu bringen. »Nur Geduld, Herr,« sagte der Magister, »der Balsam treibt selbst den Teufel auf und davon. Ihr werdet bald Schlaf bekommen und der wird Euch dann kräftigen. Wenn Ihr nach meiner Anordnung thut, wird der Schmerz sobald nicht wieder kommen, wenn er auch nicht ganz ausbleibt. Das ist eben der Teufel!« In diesem Augenblicke trat der Jägermeister ein mit einem großen Jagdhunde, der sogleich, freudig bellend, auf den Freiherrn zueilte und stürmisch ein über das andere Mal an ihm hinaufsprang. »Gut, gut, Brutus!« rief der Ritter, den Hund liebkosend. »Komm mir nicht an meine Füße – kusch dich jetzt und laß den Jäger zu Worte kommen.« »Was bringst du mir?« fragte er dann, als sich der Hund beruhigt neben seinem Stuhle hingestreckt, den Jäger. »Der Herr von Nemelkau, den ich auf Befehl des Herrn Junkers zur morgigen Hühnerjagd eingeladen, läßt danken. Er reitet nach Klattau, wohin König Ferdinand mit der Königin morgen kommt, um dort Nachtquartier zu halten.« »Was?« rief der Freiherr, über dieser Nachricht alle seine Schmerzen vergessend, sich halb im Stuhle erhebend und den Sprecher forschend anblickend. »Was sagst du, der König kommt nach Klattau?« 60 »Ja; und wie ich in Nemelkau erfuhr, werden alle Stände dorthin eilen, ihn zu begrüßen.« »Und was weiter?« stieß der Freiherr hervor. Der Jäger berichtete nun, daß das Königspaar mit großem Gefolge auf dem Wege nach München sei, um seinen Verwandten, Herzog Maximilian zu besuchen. König Ferdinand nehme den Weg durch das Gebiet der Künischen, wo er zu Seewiesen, im Hause des Oberrichters Eisner übermorgen und am nächstfolgenden Tage in dem bayrischen Kloster Rinchnach Nachtquartier nehmen werde. Die Schutzherrschaft in Bistritz biete schon alle Königsbauern zu festlichem Empfange auf, auf dem ganzen Wege durch deren Gebiet würden in aller Eile Triumphpforten und Ehrenbögen errichtet und die ganze Bevölkerung sei in Aufregung über dieses freudige –« »Genug!« unterbrach der Freiherr den Jäger. »Du kannst abtreten. Sobald mein Sohn kommt, erwarte von ihm weitere Befehle in betreff der morgigen Jagd.« Der Jäger entfernte sich. Der Magister war von der Neuigkeit ganz verblüfft. »Da muß ich dabei sein!« rief er. »Den König muß ich sehen!« »Ich auch!« stimmte der Richter zu. »Ich stelle mich bei Besin auf, wo der Weg vorüber führt.« »Und Ihr, Herr Prediger?« fragte der Freiherr. »Ich?« entgegnete der Gefragte. »Ich werde hier bleiben und beten, daß er sobald nicht wieder über die böhmische Grenze zurückkehrt.« »Gott möge Euer Gebet erhören!« sprach der Freiherr, dem Geistlichen die Hand reichend. Nun erschien auch der Junker im Gemach. Er 61 begrüßte den Vater und die übrigen Anwesenden mit ziemlich ernster Miene. »Nun, Wolf, weißt du schon –?« fragte ihn der Vater. »Die große Neuigkeit? Ich erfuhr sie soeben durch den Jäger.« »Ihr reitet doch auch nach Klattau, Herr Junker?« fragte der Richter. »Ich? Nein!« entgegnete Wolf kurz und bestimmt. Der Richter und der Magister sahen sich verblüfft an. Der Freiherr, dessen Schmerzen in der That nachgelassen hatten, wünschte jetzt mit seinem Sohne allein zu sein. »Ihr Herren, der vom Magister versprochene Schlaf stellt sich ein,« sagte er. »Habt Dank für euren Besuch. Sobald der Königsrausch vorüber, sehen wir uns wieder. Für heute gute Nacht!« Er klingelte, worauf ein Kammerdiener mit Licht erschien. Die Gäste empfahlen sich. Als Vater und Sohn allein waren, stattete letzterer sofort Bericht ab über den Verlauf der Versammlung in Hartmanitz, wobei er ihm manche interessante Einzelheit mitteilte. »Es ist ein guter Schachzug von diesem Ferdinand,« meinte der alte Pergler, »sich der Königsbauern zu versichern, und noch dazu ihnen seine Person für die Nacht anzuvertrauen. Du weißt doch, daß er im Eisnerhof Nachtquartier ansagen ließ?« »Im Eisnerhof? Das hat mir der Jäger nicht gesagt,« antwortete der Junker, sich verfärbend. »Warum wechselst du die Farbe?« fragte der alte 62 Freiherr, ihn scharf anblickend. Dann fuhr er fort: »Dem Oberrichter widerfährt da eine große Auszeichnung. Er ist der Mann, der selbst ein Königspaar in seinem Hause würdig aufzunehmen versteht. Unsere persönliche Freundschaft wird dadurch freilich einen Riß erhalten, der nie wieder zusammengeflickt werden kann.« »Das würde ich als ein großes Unglück betrachten,« versetzte Wolf nachsinnend. »Als ein Unglück?« fragte der Vater. »Derlei werden wir gar viele erleben an unsern Freunden in nächster Zeit. Gar viele werden zur Partei des Königs, zu den Katholischen, übertreten oder sind schon übergetreten. Auch unser Nachbar in Nemelkau reitet morgen nach Klattau und gar viele werden ihm folgen. Aber was thut das! Es ist das ein Prüfstein, wir werden unsere Gegner kennen lernen und unsern Zweck dann um so sicherer erreichen. Und die Bauern, die werden wir zu Paaren treiben, wenn es not thut. Den Oberrichter aber müssen wir von heute ab als Feind betrachten.« »Unmöglich!« rief der Junker. »Seine Tochter Marianka und ich haben erst heute unsern Freundschaftsbund erneuert. Ich sah sie auf St. Güntherfelsen nach vielen Jahren wieder und ich will dir's nur gestehen, Vater, ich dachte daran, mir ihre Liebe zu gewinnen und sie als meine Hausfrau heimzuführen.« Er hielt einen Augenblick ein, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten, dann, als der Alte unruhig auf seinem Stuhle hin und her rückte, fuhr er rasch fort: »Sei ruhig, Vater; rege dich nicht auf. Ich kenne dich und weiß, daß du trotz Adelsstolz und Vorurteil dennoch einwilligen würdest, wenn es sich um mein 63 Lebensglück handelt. Toleranz ist ja deine Devise. Aber daß Eisner von jetzt ab der getreueste Anhänger Ferdinands sein wird, das macht mir Sorge.« Waldhart von Perglas war nicht wenig erstaunt, den Sohn so leicht über seine Person hinweggehen zu sehen; anderseits gefiel ihm die unumwundene Offenheit desselben, sowie die richtige Meinung, die er über seine Grundsätze hatte. »Ich will dir eben so offen antworten,« erwiderte der Freiherr. »Daß ich über deine Enthüllung nicht in Klagen ausbreche, das mögen mir deine Ahnen vergeben. Und was deine Auserwählte betrifft, muß ich selbst gestehen, daß sie, abgesehen von ihrer gesellschaftlichen Stellung, hinter keinem der reichsten und besten Edelfräulein zurücksteht. Aber die Sache will doch zwei- und dreimal überlegt sein. Es hat ja Zeit –« »Vater, ich möchte schon morgen nach Seewiesen reiten –« »Morgen? Glaubst du, der Königsjubel werde dich dort zu Worte kommen lassen? In der nächsten Zeit wirst du wohl darauf verzichten müssen. Doch kommt Zeit, kommt Rat. Für jetzt laß uns zu Bette gehen, ich sehne mich nach Ruhe.« Er klingelte; der Kammerdiener erschien. Wolf wünschte dem Vater gute Nacht; dann begab auch er sich in sein Schlafgemach. Noch lange lehnte er am offenen Fenster, die laue, würzige Sommerluft einatmend. Er blickte zu dem tiefblauen Himmel empor, wo Millionen Sterne glitzerten. »Könnte ich dort oben lesen, wie sich mein Geschick gestalten wird,« wünschte er. »Doch komme, was da wolle, ich lebe für meinen Glauben und meine Liebe.« Von der Waldschlucht herauf tönte das Rauschen der Wostruschna; es erschien ihm wie ein Gruß der schönen Marianka. 64 V. Mitten im Herzen des Hochgebirges zwischen der gewaltigen Kette des Grenzkammes und dem Gebirgsstocke des Arbers liegt in einem herrlichen Thalbecken am rechten Ufer des Regenbaches, unweit dessen Vereinigung mit dem Eisenbache, die Ortschaft Eisenstein, zu jener Zeit nur aus einem ganz kleinen Dorfe mit einer hölzernen Kapelle bestehend. Ihre Entstehung verdankt sie dem Günthersteige und dem von hier abzweigenden »Goldenen Steige« oder der Hochstraße nach Klattau, nebst dem aber auch in der Umgebung schwunghaft betriebenen Eisenbergbau. Der künische Wald oder der Hwozd, welcher damals wohl ohne Unterbrechung das ganze Gebiet vom Ossergebirge bis Zwiesel bedeckte, war bis zu Ende des 16. Jahrhunderts ein unbenützter Urwald, dem man bei seiner Unwegsamkeit keinerlei wirtschaftliche Bedeutung beilegte. Von da ab jedoch ist durch Glashütten und Köhlereibetrieb, durch Eisenhämmer und Schmelzhütten eine ersprießliche Benützungsweise zu verzeichnen. Außerdem haben sich auch in der Eisensteinergegend schon frühzeitig Freibauern angesiedelt, welche durch Rodungen die Waldwildnis urbar machten, namentlich im Grunde und an den Hängen des Eisenbachthales, sowie an den Ufern des Seebaches, welch letzterer am Teufelssee seinen Anfang nimmt, dessen hohe, 65 dunkelbewaldete Seewand im Verein mit dem rechts davon aufragenden Spitzberg und dem Panzer den Hintergrund des Thalbeckens von Eisenstein bildet. Daran schließt sich in südöstlicher und südlicher Richtung der Fallbaum, Lackenberg und der Falkenstein. Südwestlich ragt der kahlköpfige, mit vier Zacken gleich einer Königskrone geschmückte Arber, des Böhmerwaldes König, majestätisch in die Luft. Durch den Paß von Eisenstein geschah 1040 der Rückzug und 1041 der Einbruch Kaiser Heinrich III. mit seinem Heere von und nach Böhmen. Eisenstein und Umgebung war von altersher ein strittiges Eigentum zwischen der Böhmischen Krone und dem Kurfürstentum Bayern. Von 1563 bis 1713 gehörte es zu letzterem, also auch zur Zeit dieser Erzählung, erst im letztgenannten Jahre ward es endgültig Böhmen zugeteilt. Seit die Säumer ihre Waren aus dem Reiche oder von Passau über Eisenstein nach Klattau und Gegenladungen zurück auf den mangelhaften Saumpfaden brachten, war in den hier errichteten Schenken ein besonders lebhafter Verkehr; Hunderte von ermüdeten Pferden lagerten da fast täglich, um für den beschwerlichen Steig über das Gebirge gestärkt zu sein. An solchen Rastplätzen der Säumer stellte sich mit besonderer Vorliebe das »fahrende Volk« ein, um die ermüdeten Säumer durch Gesang und Spiel zu erheitern. Selbstverständlich waren es meist böhmische Musikanten, welche schon damals die ihnen angeborene Kunst von Ort zu Ort verwerteten. Heute bestand das Orchester aus einem älteren Manne mit weit über die Brust herabhängendem, ergrautem Vollbart, der höchst kummervoll aussehenden 66 Frau, einem etwa fünfzehnjährigen Sohn mit frischen Wangen und der einige Jahre älteren Tochter. Vater und Sohn führten als Instrument die Geige, die Mutter spielte die Harfe und die Tochter die Laute. Sie saßen etwas abseits von den Säumern, die sich an den mit Bierkannen besetzten Tischen in ungezwungener Lustbarkeit ergingen, sofort aber ihre Gespräche unterbrachen, sobald die Bänkelmusikanten zu spielen begannen. Dann jauchzten und sangen sie, tanzten auch und warfen den Spielern gern einige Pfennige zu. Noch freigebiger aber waren sie mit ihren Blicken nach dem schönen Mädchen, dessen dunkle Haare, nur durch ein rotes Band im Nacken gebunden, in üppiger Fülle über ihren Rücken hinabwallten. Ihre etwas dunkle Hautfarbe und ihre großen, kohlschwarzen Augen verliehen dieser seltenen Erscheinung etwas Zigeunerhaftes, ihr Blick zündete gleichsam, wohin er sich wandte, dabei hatte er etwas Achtunggebietendes, so daß selbst die rohen Säumer sich eines gewissen Respektes nicht erwehren konnten. Ihre Kleidung war die der böhmischen Mädchen: weite Hemdärmel, buntes Leibchen, der rote, kurze Rock und blaue Schürze. Sahen die Säumer mit Bewunderung nach ihr hin, so that dies die Mutter mit wahrer Besorgnis, denn in den Zügen des Mädchens spiegelte sich eine große Traurigkeit. »Heute – du wirst singen, Libussa,« sagte die Mutter, welche gleich ihrer Familie die deutsche Sprache verständlich, wenn auch mit etlichen Versetzungen der Wörter sprach: Libussa schüttelte verneinend den Kopf. »Heute, nein,« entgegnete sie sanft, aber bestimmt. »Ich muß erst haben Gewißheit, ob Josef –« 67 »Libussa, denke nicht immer das Schlimmste,« bat die Mutter. »Ich würde sterben vor Elend, wenn er mich betrogen,« entgegnete die Tochter. Der Vater, der sogenannte Geiger Antonin war schwerhörig und verstand nicht, was Mutter und Tochter leise mitsammen sprachen. Nur für die Töne der Musik war sein Gehör empfänglich. Da schwelgte er förmlich in Vergnügen und fühlte sich glücklich und reich, wenn auch nur ein schmutziger Leinenkittel seinen Leib umhüllte. Er wußte nicht, was die Frauen seit heute Mittag so in Aufregung versetzte. Die Familie war im ganzen Prachiner Kreise herumgewandert und in allen Burgen und Schlössern spähte Libussa nach ihrem Josef, doch immer vergebens. Niemand kannte einen Herrschaftsjäger des Namens Josef Marcon. Heute waren sie von Schüttenhofen über Hartmanitz hiehergekommen, wo sie im nahen Girgalhof, einem großen Freibauerngute, stets gerne Nachtherberge fanden, wenn sie diese Gegend bereisten. In Hartmanitz war der fünfzehnjährige Bruder zurückgeblieben, da seine Geige einer kleinen Reparatur bedurfte. Zu diesem Zwecke begab er sich zu einem Tischler, der nahe des Hauses der Freiherrn von Hrácin wohnte und sah hier Herrn Humprecht von Hrácin vorüberreiten. Der Bursche glaubte in ihm sofort und sicher Josef Marcon zu erkennen. Sofort eilte er zu dem Hause, vor welchem wiederum neue Reiter ankamen und hinter dem stets wieder zugemachten Thore verschwanden. Auf seine Frage nach Josef Marcon lachte man den Knaben aus und als dieser versicherte, er hätte ihn vorhin hier einreiten sehen, erklärte 68 man ihm, daß nur Edelleute bis jetzt eingeritten seien und er solle sich zum Kuckuck scheren. Der junge Stanislaus hatte nun nichts Wichtigeres zu thun, als den Seinen nachzueilen und ihnen von seiner Entdeckung Nachricht zu geben. Man schenkte ihm jedoch keinen Glauben, sondern war der Meinung, er habe sich getäuscht und sich durch eine Ähnlichkeit des Ritters mit Josef irreführen lassen. Stanislaus aber blieb fest bei seiner Meinung. Die Vermutung des Bruders beunruhigte Libussa mehr und mehr. Seit vielen Wochen grämte sie sich um den Verlorenen, hoffte aber mit Zuversicht, ihn wieder zu finden. Er hatte ja geschworen, ihr ewig treu zu sein und daß ihn nichts von ihr zu trennen vermöge. Doch überkam sie jetzt der Gedanke, daß Josef stets und in allem, was er sprach und that, nicht die Art eines niederen Bediensteten zeigte. Der Ring, den sie von ihm erhalten, war er nicht zu wertvoll für einen Jägersmann? Sie hatte den schönen glitzernden Stein für einen böhmischen Glasstein gehalten. Was lag ihr überhaupt an dem Wert oder Unwert einer Habe, die ihr der Geliebte reichte. Jetzt prüfte sie diese Gabe und sie erschrak bei dem Gedanken, daß der Stein echt sein könnte. Und wie schön wußte Josef seine Worte zu wählen, wie wahrhaft ritterlich war sein ganzes Benehmen. Gegen kein Edelfräulein hätte er sich galanter und ritterlicher zeigen können. Diese Vorzüge, welche ihm ehedem ihr Herz gewonnen, beunruhigten sie jetzt in hohem Grade. Alles, alles war ja dann nur Schein, ein Spiel, das er sich mit dem armen Mädchen erlaubt, das er vielleicht verspotten und verlachen 69 würde, wenn er ahnte, daß sein Zeitvertreib ihr Lebensglück zertrümmert hätte. Die Pause war vorüber, die Säumer wünschten Musik zu hören und Libussa mußte in die Saiten greifen. Bald aber war es Zeit zum Aufbruch. Die Säumer mußten sich auf den Weg machen, um noch vor Abend das Gebirge überschreiten zu können. Der Steig führt den Panzer hinan und dann auf dem Rücken des Brückel und Brennet fort gegen Neuern hin. Nicht einer der Reiter versäumte, den Musikanten noch ein Zehrgeld zu geben, dann trieben sie ihre mit Säcken und Körben bepackten und mit Schellengeläute versehenen Rößlein an und zogen fröhlich ins Böhmerland hinein. Die Musikantenfamilie machte sich gleichfalls auf den Weg im Eisenbachthale aufwärts nach dem etwa dreiviertel Stunden entfernten Girgalhof, dem größten Freibauernhofe der Eisensteiner Gegend, in dessen Nähe sich der den Passauer Kaufleuten Fiedler gehörige Eisenerzbergbau befand. Die großartigen Baulichkeiten dieses Hofes zeugten schon beim äußern Anblick von der Wohlhabenheit des Besitzers, der als äußerst leutseliger Mann überall beliebt und ganz besonders für Musik eingenommen war. Der »Girgalherr«, wie er allgemein angesprochen und genannt wurde, spielte selbst mehrere Instrumente und hatte eine schöne Stimme, die er gerne bewundern ließ. Er war ein noch rüstiger, etwas korpulenter Mann mit blondem, krausem Haar und einem gesund geröteten Gesichte mit Doppelkinn. Seine Hausfrau Eliska war gleichfalls das Bild der Zufriedenheit und Gutmütigkeit. Sie ließ keinen Armen ungetröstet von ihrer Thüre gehen und war gleich ihrem Manne stets heiteren Humors. Der 70 Himmel hatte diesem Paare alles beschert, was zum Glücke gehört, Gesundheit, Frohsinn und Reichtum – zudem noch einen braven Sohn, der, jetzt, zwanzig Jahre alt, ihr Glück vervollständigte. Er hieß Wenzel und war dem Vater in der Bewirtschaftung der Ökonomie behilflich. Sobald der Girgalherr in den Ankommenden den alten Geiger Antonin mit seiner Familie erkannte, hieß er ihn freundlich willkommen, ließ ihm ein paar Kammern als Schlafgemach anweisen und die Familie in der Gesindestube mit Speise und Trank versorgen. Später wollte er dann mit ihnen in der Herrenstube musizieren, wobei sich auch sein Sohn Wenzel, der zur Zeit noch abwesend war, beteiligen sollte, der, wie er sagte, ebenfalls »auf der Geige kratzen« könne. Die Freibäuerin sah mit vielem Wohlgefallen auf Libussa und konnte sich an dem schönen Mädchen, das sie Jahr für Jahr heranwachsen gesehen, nicht satt schauen. Sie fühlte mit demselben lebhaftes Bedauern, daß es keine Heimat hatte und ewig herumwandern müßte in der weiten Welt und sprach auch in diesem Sinne zu Libussas Mutter. »Das macht mich auch oft unglücklich,« meinte die Geigersfrau, »aber wir müssen verdienen unser Brod. Hätten wir feste Herberge, könnten wir wohl wohnen, aber nicht essen, wir müßten denn sein reich, oder haben ein anderes Gewerbe, als die Musik.« Sie erzählte ihr dann, daß es auch besser um sie stehen könnte, wenn Antonin seinem Bruder, der in Prag eine Gärtnerei besäße, gefolgt und mit diesem das Geschäft betrieben hätte. So habe er sich mit dem Bruder entzweit und dieser wolle von ihnen nichts mehr wissen. Sein nicht unbeträchtliches Vermögen habe der Schwager seiner 71 Haushälterin verschrieben, während sie heimatlos in der Fremde umherwandern müßten. »O, wie schön müßte es sein, eine Heimat zu haben!« meinte Libussa seufzend. »Ich habe dieses Glück nie gelernt kennen!« »Du wirst eine solche finden,« tröstete die Freibäuerin. »Du bist ein brav's Mädl, i seh dir's an, und kann i dazu beitragen, dein Los zu bessern, so darfst auf mi rechnen.« Bei solch gastfreundlichem Entgegenkommen konnte es nicht wunder nehmen, wenn die ewig zum Wandern Gezwungenen eine Ahnung von dem süßen Glück eines eigenen Heims überkam. Libussas hätte sich hier gewiß auch eine glückliche Stimmung bemächtigt, wenn ihr Gemüt nicht durch die Nachricht ihres Bruders zu sehr verdüstert gewesen wäre. Gegen Abend kam Wenzel, des Freibauern Sohn, nach Hause geritten. Er war im Auftrage seines Vaters bei der Freibauern-Versammlung in Gutwasser gewesen, denn obgleich zur Zeit der Girgalhof mit dem Eisensteiner Gebiet zu Bayern gehörte, so fühlten sich seine Besitzer doch eines Stammes mit den böhmisch-künischen Freibauern, zu denen sie von altersher gezählt worden und nahmen an deren Schicksal den lebhaftesten Anteil. Bevor aber der Sohn, ein von Gesundheit strotzender junger Mann, gleich dem Vater blond gelockt, in der kleidsamen Tracht der Böhmen, gelber kurzer Lederhose, Wadenstiefeln, gesticktem, blauem Janker und breitem Filzhut, über das Ergebnis der Beratung der Freibauern Bericht erstattete, teilte er die große Neuigkeit des Tages mit, nämlich daß das böhmische Königspaar übermorgen in Seewiesen 72 Nachtquartier halten und sich dann über Eisenstein nach Bayern begeben werde. Er erzählte sodann, daß auf dem Wege von Gutwasser den heimkehrenden Freibauern ein reitender Bote mit dieser Nachricht entgegengeschickt worden wäre und diese sich alle bereit erklärt hätten, nach Seewiesen zu kommen, um dort dem König zu huldigen. »Da geh i auch hin,« beschloß der Girgalherr, »und alle meine Leut' sollen mitkommen. Es gilt nit nur den König von Böhmen, sondern auch unsern künftigen Kaiser zu ehren. Eliska, wir reisen nach Seewiesen; so bequem wird 's uns nit so leicht wieder g'macht, die Majestäten z' sehen.« Die Frau war sogleich damit einverstanden. Dann berichtete Wenzel über den Verlauf der Versammlung, und der Girgalherr wünschte ebenfalls sein Scherflein zur Ablösung der Freibauern beizutragen. Aber noch eine dritte Neuigkeit hatte Wenzel zu berichten,. was er denn auch in gewohnter Treuherzigkeit ohne lange Umstände that. »Und noch was is passiert,« sagte er. »I hab was verlor'n.« »Verlor'n? Was denn? Dein Geld?« fragte der Vater. »Nein, 's Geld nit.« »Vielleicht den Brief, den dir der Vater für'n Herrn Eisner mitgeb'n hat wegen der Pottaschenlieferung?« fragte die Mutter. »Nein, den Brief auch nit – den hab i richti übergeben und er laßt Vater und Mutter grüßen.« 73 »Aber was is's denn, was du verlor'n hast?« fragte der Vater wieder. »Mein Herz hab i verlor'n.« »Ein lebzelterns?« lachte die Mutter. »Nein – ein lebzelterns hab i in Gutwasser kauft für die jüngere Tochter vom Oberrichter. Jeß, Mutter, is die Paula ein Prachtmad'l worn! Wie i ihr das zuckerne Herz gieb, und ihr in die Augen schau – pumps di! da hab i mein anders Herz auch verlor'n; is schon wahr. Ja, lacht nur! Die Paula hat mi lang ang'schaut und i hab's g'merkt, i hab ihr auch ausnehmend gut g'falln. Jetzt wißt's, wie ihr dran seid, und also gratuliert mir.« Der Freibauer mußte über diese Enthüllung derart lachen, daß er in einen Husten verfiel und gleichsam einen Stickanfall erhielt, weshalb sich Wenzel beeilte, ihn tüchtig auf den Rücken zu klopfen. »No', no', Vater, deshalb brauchst nit z' ersticken,« meinte der Sohn. »Aber mi freut's, daß d' lachst drüber – es is auch zum Lachen, gel Mutterl?« »I weiß nit, was i sag'n soll,« erwiderte diese. »Schlecht is dein G'schmack nit – aber 's Madel is ja noch viel zu jung –« »Z'jung zum gern hab'n, meinst?« unterbrach Wenzel. »Schaug's nur an übermorgen, da wirst schon sehn, daß dies Bleaml grad in der schönsten Blüten is. Weißt, Mutter, so viel kenn i mi schon aus.« Jetzt war es an der Mutter, zu lachen. Der Freibauer aber meinte gutmütig: »Wenzel, dazu hat's morgen Zeit.« Er wollte damit andeuten, daß es mit einer solchen Angelegenheit durchaus 74 noch nicht pressiere. Wenzel aber verstand es absichtlich falsch und entgegnete: »Is recht; morgen is mir noch lieber als übermorgen. So was darf man nit auf die lange Bank schieben, denn die Paula hat mir noch zug'lacht vom Wagen runter und hat in das lebzelterne Herz einen Biß g'macht; damit hat's sagen woll'n, daß's mi zum Fressen gern hat. Also darf i schon morgen nüber nach Seewiesen?« fragte er dann. »Warum nit gar!« versetzte der Freibauer. »Übermorgen darfst mit. Die Kinderei aber laß vorerst bei seiten.« »So will i mi gedulden bis übermorgen,« gab Wenzel zu. »Aber um Gotteswilln, was willst denn dann übermorgen?« fragte die Mutter. »Das wirst schon sehn – oder auch nit. I weiß nit, wie du's g'halten hast mit dem Vater beim ersten Schmatz, ob unter vier Augen oder –. So viel is g'wiß einen Schmatz kriegt's von mir.« »Und wenn du dagegen eine Ohrfeign kriegst?« fragte der Vater lachend. »Das g'schieht nit!« behauptete Wenzel. »Soll's aber sein, dann kriegt's zur Straf noch mehr Bußln; dann werden's gar nimmer zählt. Jetzt schau i nach mein Pferd, ob's schon fressen mag.« Er entfernte sich. Die Eltern wußten vor Verwunderung nichts zu sagen. Die Frau sah ihm mit gefalteten Händen nach, der Bauer kratzte sich hinter den Ohren. Endlich sagte die erstere: »Daß doch die Kinder alle Lumpereien vom Vater erben! Grad so hast du's g'macht!« 75 »O – i bin schon um sechs Monat älter gwen. Aber du, Eliska, du warst kaum so alt, wie d'Eisner Paula und – so viel i mi erinnern kann – du hast mir keine auffi g'haut, wie i dir den ersten Schmatz geben hab –« »G'stohln hab – mußt sagen –« »No', so gieb i dir 'n nach einundzwanzig Jahren wieder ehrlich z'ruck. Da hast'n, du Neidkragen!« Damit gab er der Bäuerin einen herzhaften Kuß. »Geh zu!« erwiderte diese, ihm leicht die Wange tätschelnd und verließ dann die Stube, um in der Küche nachzusehen. Abends wurden dann die Musikanten mit ihren Instrumenten ins Herrenzimmer gerufen. Wenzel, welcher bis jetzt die Gäste noch nicht gesehen, begrüßte sie freundlich. Lange sah er dabei Libussa in die schwarzen Augen. »Merkwürdig,« sagte er, gewohnt, alles auszusprechen, was er sich dachte, kopfschüttelnd, »wenn i in deine schwarzen Augen schau, is mir's, als wenn i oben auf der Seewand wär und schauet nunter in den schwarzen Teufelssee. Wer in den stürzt, is verlor'n und i mein, wer si' in deine schwarzen Augen versenkt, der muß auch z'Grund gehn, ob er will oder nit.« Libussa lachte über dieses zweifelhafte Kompliment laut auf, dann sagte sie: »Da werd ich gleich morgen aufsuchen diesen See, damit ich weiß, wie meine Augen sind beschaffen.« Wenzel aber sagte leise zur Mutter: »Da g'falln mir der Paula ihre sanften, blauen Augen schon besser; da drin geh i nit z' Grund.« Nun begann das Musizieren. Der Freibauer war, wie schon erwähnt, auf der Geige nicht ungeübt und hörte 76 mit Entzücken darauf, wie ihn Libussa und ihre Mutter mit Laute und Harfe begleiteten. Dazwischen wurde dann gegessen und getrunken und geplaudert. Als der alte Geiger Antonin von dem Feste in Seewiesen vernahm, war er sofort entschlossen, mit den Seinen ebenfalls dorthin zu wandern, denn wo so viele Menschen zusammenströmten, warf es auch für ihn ein gutes Erträgnis ab, das durfte er mit Sicherheit annehmen. Libussa sang, zum erstenmale wieder nach Wochen, einige Lieder und entzückte dadurch sowohl die Freibauernfamilie, wie das Gesinde, welches auf der Gred vor dem Hause bewundernd lauschte. Als es Schlafenszeit war, trennte man sich. Der Freibauer, erfreut über den gehabten Genuß, erklärte der Musikantenfamilie, daß sie stets bei ihm Unterkunft finden würde, und falls sie ihr Wanderleben aufgeben und bei der Arbeit mithelfen möchten, wäre er gerne bereit, ihnen eine wohleingerichtete Schaluppe zur Wohnung zu geben. Aber das war nicht nach dem Geschmacke des alten Geigers, der nun einmal das Schlaraffenleben nicht lassen wollte, und das freie Herumirren vorzog. Libussa freilich dachte anders. Sie sehnte sich nach einer festen Heimat. Bevor sie mit ihrer Mutter die ihnen angewiesene Kammer betrat, zog sie den Bruder noch einmal zur Seite und fragte ihn leise: »Stanislaus – ich frage aufs Gewissen – du könntest dich getäuscht haben in Bezug auf Josef?« »Nein,« sprach der Bruder beharrlich, »ich hab ihn erkannt trotz des Herrenkleides. Sein aufgedrehter Schnurrbart, die langen, blonden Haare, seine ganze Gestalt, 77 alles, alles stimmte. Es war Josef. Gute Nacht jetzt; ich bin müde.« Auch Vater und Mutter waren müde. Es that ihnen wohl, nach langer Zeit wieder in einem gastlichen Hause zu ruhen, und bald schliefen sie ein. Libussa aber wachte lange. Die letzte Versicherung des Bruders machte es ihr fast zur Gewißheit, daß sie ihr Herz, ihr Glück einem Unwürdigen anvertraut. Sie grämte sich so sehr darüber, daß sie glaubte, diese Schmach nicht überleben zu können. Sie gedachte der Rede Wenzels vom Teufelssee. In seinen Fluten ließen sich all ihr Jammer und Elend begraben. In ihrer krankhaften Aufregung gab sie sich verzweifelnden Gedanken hin. Zwischen Halbschlummer und Weinen verging ihr die Nacht. Der Morgen fand sie zwar ruhiger, aber ein unerklärliches Etwas zog sie hin zum Teufelssee. Ihre Eltern schliefen noch, als sie das Haus verließ. Die schon in frühester Morgenstunde thätigen Ehehalten des Hofes, welche sie um den Weg zur Seewand befragte, gaben ihr gerne Bescheid. Infolge einer Aschenbrennerei, welche im letzten Jahre in der Nähe der Seewand stattfand, war ein Weg durch die Urwaldbestände ausgehauen, welcher sich alsbald nach Betreten des Waldes kenntlich machte. Entwurzelte, dicht bemooste Stämme lagen wie gefallene Titanen übereinander und am Boden, und modernde, vom Windbruch niedergeworfene Baumstümpfe, vom Gewirre wilden Gesträuches umwachsen und überwuchert, erhoben sich aus dem grünen, weichen Moosgeflecht, auf welchem der Tau des Morgens perlte. Libussa fühlte sich von der Majestät dieses Waldes eigentümlich beängstigt. Die Dämmerung ringsumher, 78 trotzdem es außerhalb desselben schon mehrere Stunden tagte, verstärkte noch den Eindruck der Einsamkeit. Doch eilte sie unaufhaltsam vorwärts. Der Weg führte immer höher hinan, zur Seite gähnte eine jähe, von mächtigen Steinblöcken erfüllte, tiefe Schlucht, in welcher es toste und brauste, wie ein herannahendes Gewitter. Bald jedoch vernahm sie es nur noch von ferne her, denn sie hatte die walddunkle, schroff abfallende, von Schluchten durchfurchte Seewand erreicht, welche an der westlichen Seite des Sees emporsteigt (1343 Meter.) Gegen Süden bedeckte eine weißgraue Nebelwand das Firmament. Mit einem Ausrufe schauerlichen Erstaunens blickte Libussa hinab in das über dreihundert Meter unter ihr ruhende, stille, schwarze Wasser. Die tiefe Stille, die ringsum herrschte, verbunden mit dem Dunkel, das über dem schwarzen Grunde des Sees lag, erhöhte den Eindruck der Öde und des Verlassenseins, den Libussa hier empfand, wo selbst die Vögel, von dem schwarzen, regungslosen Wasserspiegel erschreckt, sich ferne halten. Außer dem Molch kommt kein lebendes Wesen in diesem Wasser vor. Das zum südlichen Abfluß des Sees abstürzende Ufer umragte ein unzugänglicher Urwald, dessen Stämme bis hart an den Rand des Wassers herantraten. Entrindete, weißleuchtende Skelette umgestürzter, abgestorbener Riesenbäume tauchten ihre Wipfel in die dunkle Flut; die Grabesstille rings umher wird nur selten unterbrochen durch das wilde Gekrächze eines in unabsehbarer Höhe dahinschwebenden Raubvogels. Schauerliche Sagen waren schon damals über den Teufelssee in Umlauf. Man erzählt sich, seine Flut dulde nicht, daß man Steine oder Holzstücke hineinwerfe. Er schäume sodann wildbrausend auf, schleudere 79 das Hineingeworfene ans Ufer und räche sich an dem Frevler durch Nebel und Regen. Libussa hatte sich auf ein Felsenstück gesetzt und blickte sinnend hinab in die Tiefe, aus welcher der Bergsee gleich einem riesenhaften, dunklen Auge wieder zu ihr emporblickte. War es der merkwürdige Vergleich, den der Freibauernsohn gestern gemacht oder war es die Ruhe und der Friede, der hier herrschte und den ihr Herz seit kurzem so schmerzlich vermißte, sie fühlte sich von dem unheimlichen Gewässer mächtig angezogen. Es war ihr, als spräche es zu ihr: Komm herab und hole dir den Frieden, den dir die falsche Welt nicht bieten kann. Die Tochter des heimatlosen Bänkelmusikanten bleibt mißachtet, fortwährend ausgesetzt den frechsten Reden und Blicken, denen sie nicht einmal begegnen darf, wie es ihr oft empörtes Gemüt verlangte. Das Auge da unten, das so deutlich zu ihr herauf sprach, es verhieß Befreiung von alledem, vom Schmerze über den Verrat des Einzigen, den sie unter vielen sich erwählt, weil sie ihn für wahr hielt. Für wahr? Mit schmerzlichem Hohn lachte sie laut auf, aber sie erschrak darüber, denn schauerlich hallte es wieder, drei-, viermal in verschiedener Tonhöhe, es war ein teuflisches Lachen, welches das Echo erweckte, erst immermehr sich abschwächend, plötzlich aber wieder unheimlich hervorbrechend aus dem Grunde des Sees. Schaudernd hatte sie sich erhoben und unwillkürlich nach dem Kreuzchen gegriffen, welches an einer Korallenkette an ihrem Halse hing. Hier fürchtete sie sich wirklich, zu sterben. Sie blickte auf zum blauen Himmel, und wie neues Hoffen drang es plötzlich in ihr Herz. Südwärts über dem See hatten sich die Nebel 80 zerteilt, und von der Morgensonne magisch bestrahlt, erblickte sie jetzt die grünen Berge des Böhmerwaldes weit, weit hinaus in endloser Ferne. Es war ihr, als riefen ihr tausend Stimmen zu: »Verzage nicht! Vom Himmel kommt das Licht, kommt der Friede. Vertrau auf ihn!« Libussa überkam eine innige Andacht. – Jetzt hörte sie ihren Namen rufen. Stanislaus war der Schwester nachgeeilt, sie aufzusuchen. »Libussa,« sagte er, herzutretend, »Vater und Mutter sind in Sorge. Was thust du an diesem schauerlichen Ort?« »Ich habe den Frieden gesucht,« entgegnete sie. »Laß uns heimwärts kehren, Stanislaus. Libussa hat sich selbst wieder gefunden!« 81 VI. Die jetzige, das Hauptgebiet der künischen Freibauern von Klattau nach Eisenstein durchziehende, prächtige Kaiserstraße bestand zur damaligen Zeit nur in einem notdürftig angelegten Fahrwege, der sich aber von jeher einer starken Benützung erfreute. Die Straße betritt in der Gegend von Maloweska, eine Stunde südlich von Klattau, das Vorgebirge des Böhmerwaldes und führt nach Übersteigung eines unbeträchtlichen Bergkammes in das grüne Wostruschnathal über das Dorf Jenewelt nach Seewiesen, welche Gemeinde aus einer Menge zerstreut liegender Freibauernhöfe besteht, die sich teils unten im Thale, teils auf den beiderseitigen Thallehnen oder auch am Rande der Hochebene, zunächst der hochgelegenen, doppeltürmigen Kirche befinden. Westlich steigt das Terrain stufenweise zum Gebirgsrücken des Brückel- und Brennesberges, über welche die historische Hochstraße, der von Eisenstein nach Klattau abzweigende Seitenarm des berühmten goldenen Steiges führte. Jenseits dieser Höhen befindet sich das prächtige Angelthal mit den künischen Freigerichten Eisenstraß, Hammern und St. Katharina, östlich erhebt sich das Terrain zum Hammerberg und zum künischen Hochplateau, das sich bis Gutwasser hinzieht. Zum Seewiesener 82 Gerichte gehörten allein vierundvierzig große Höfe, die weit über hundert Taglöhnerhäuser oder Schaluppen um sich vereinten, überall umgeben von wohlbestellten Feldern und saftigen, grünen Wiesen. Die Bauernhöfe der Künischen sind ähnlich den Bauernhöfen Westfalens, Niederhessens, des Schwarzwaldes und aller jenen Gegenden, wo zu allen Zeiten Urdeutsche gesessen, gebaut, sie stehen wie bei den alten Deutschen vereinzelt, von einigen Arbeiterhäuschen umgeben, deren Bewohner auf dem Bauerngute zu arbeiten verpflichtet waren, in der Mitte der dazu gehörigen Besitzung, sind meist abgeschlossen, mit einer Kapelle versehen, führen nach altgermanischer Einrichtung ihre eigenen Namen, wie Gruberhof, Jägerhof u. s. w. und sind am Giebel mit einem Türmchen geziert, in welchem eine Glocke hängt, die am Morgen, Mittag und Abend, in den Zeiten der Not zur Herbeiführung von Hilfe, und bei Begräbnissen geläutet wird. Wie die altdeutschen Sueven betrieben die Freibauern besonders die Viehzucht, welche durch den fruchtbaren Boden in den ausgerodeten Thälern sehr begünstigt ward. Wie durch den ganzen bayerischen Wald bis an die Donau findet man auch bei den Freibauern des künischen Gebirges die eigentümliche Sitte, an bestimmten Orten Totenbretter aufzustellen. Am Fuße des Hammerberges und am rechten Ufer der Wostruschna liegen die bedeutendsten Herrenanwesen der Künischen Seewiesens, nämlich der Eisner- und der Poschingerhof, in welch letzterem für die den König begleitenden Edelleute Wohnung bestellt war. Sie glichen beide Edelhöfen, sowohl im äußeren Bau, wie in der inneren Einrichtung, namentlich zeichnete sich der Eisnerhof in beiden 83 Beziehungen aus. Er bestand aus einem umfangreichen, zweistöckigen Gebäude mit hohem Dache. Um den oberen Stock lief eine reich geschnitzte Galerie. Die Wirtschaftsgebäude schlossen sich den Hauptgebäuden an und bildeten mit diesen ein Viereck, in welches man durch ein gemauertes Thor und eine nebenbei sich befindende Seitenthüre gelangte. Alles hatte ein herrschaftliches Ansehen und zeugte von der Wohlhabenheit des Besitzers. Heute aber bot der Hof gleich allen andern im Seewiesener Thale einen besonders festlichen Anblick. Das Einfahrtsthor war durch Kränze aus Eichenlaub in eine Triumphpforte verwandelt, Blumengewinde schmückten das Haus, und die böhmischen rotweißen Fahnen, untermischt mit blauweißen zu Ehren der Königin Maria Anna, einer Schwester Herzogs Maximilian von Bayern, flatterten von den Giebeln der Gebäude. Riesige Maienbäume mit lustig im Winde flatternden Bändern waren vor dem Hause aufgepflanzt. Durch reitende Boten hatte der Oberrichter alle neun Freigerichte von dem unerwarteten königlichen Besuche verständigen lassen und die Freibauern trafen in ihren Festgewändern zur bestimmten Stunde in Seewiesen ein. Mit großem Jubel war diese Kunde aufgenommen worden, und wer nicht krank oder altersschwach war, beeilte sich, dem Rufe des Oberrichters zu folgen. Die Frauen und Mädchen kamen auf geschmückten Leiterwägen oder zu Fuß, die Freibauern aber mit ihren erwachsenen Söhnen zu Pferde heran, Mähnen und Schweif der edlen Tiere mit Buchs und farbigen Bändern geziert. Die Männer selbst trugen vielfach Stangen mit Kränzen und farbigen Bandschleifen. 84 Wohl an die tausend Reiter und eine unzählige Menge von Wagen waren an diesem Vormittage aus allen Richtungen her unterwegs nach Seewiesen und alle die Zuströmenden waren in fröhlicher und gehobener Stimmung. Dortselbst waren in der Nähe des königlichen Hoflagers Verkaufsstände, Schenkbuden, Tische und Bänke aufgeschlagen, denn eine solch große Neuigkeit hat Flügel, sie verbreitete sich wie ein Lauffeuer und lockte sofort eine Menge Geschäftsleute an, welche sich hier Erwerb und Gewinn versprachen. Selbst »Comödianti« fanden sich ein, um ihre »Kunsti« auszuführen, desgleichen Bänkelsänger und anderes fahrendes Volk. Alles hatte das Gepräge eines heiteren Nationalfestes. Unweit dieses Platzes lagerten auf der Wiese und längs des Weges die lebhaft gestikulierenden Weiber der Böhmen aus dem Stachauergericht Die Sprache der Freibauern von Stachau ist die böhmische. Sie treiben meistens Handel mit Glas und Steingut. In der Stachauer Glashütte wurden die ordinären, farbigen Glaskorallen erzeugt, die besonders nach Spanien und Portugal verkauft wurden, da sie als Tauschmittel beim Sklavenhandel dienten. und Deutschböhmen. Es gab da ein kunterbuntes Lärmen und helles Lachen, denn alles war heute vergnügt und jeder gönnte dem andern seine Muttersprache. Das Edikt vom Jahre 1615, welches für Böhmen nur mehr die böhmische Sprache gestattete und das »Deutschreden« bei Strafe verbot, hatte die urdeutschen Freibauern bis jetzt kalt gelassen, denn ihre Richter, Pfarrer und Lehrer waren deutsch und sie rechneten die Freiheit ihrer Sprache ebenfalls zu ihren Privilegien. Dann wußten sich ja auch 85 alle Anwesenden einig in Bezug auf ihren Glauben und in ihrer Verehrung des streng katholischen Ferdinand. Im Hause des Oberrichters, dem die hohe Auszeichnung zu teil wurde, die Majestäten in seinem Hause zu beherbergen, war aber nicht, wie man vermuten könnte, alles in kopfloser Hast; im Gegenteile herrschte dort die sicherste Ruhe. Die Schlafgemächer für die Majestäten waren aufs glänzendste hergerichtet, und was die Tafel anbelangte, so durfte alles nur in rohem Zustande herbeigeschafft werden, da die vorausgeschickten Leibköche die Bereitung des Mahles ganz allein zu übernehmen hatten. Es war ein wundervoller Spätsommertag. In tiefster Bläue wölbte sich der Himmel über den tannengrünen Bergen und blumigen Thälern des Böhmerwaldes; es war, als ob der Himmel mithelfen wollte, die festliche Stimmung zu erhöhen, die sich aller bemächtigte. In langer Reihe zog inzwischen die Reiterschar der Freibauern, an ihrer Spitze der Oberrichter, nach Jenewelt, wo sie den königlichen Zug erwarteten. Etwa in der Mitte des Weges begegnete dem Reiterzuge eine Sänfte, von sechs Lakaien getragen und von eben so vielen nebst zwei Reitern begleitet. Es war Frau Juditha von Kolowrat, welche die Schutzherrschaft über die Freibauern dermalen inne hatte. Die reiche Witwe hatte von Zdenko, dem Bruder ihres verstorbenen Gemahls, auf dem Cessionswege den künischen Waldhwozd erworben. Sie wollte herrschen, und da war es ihr sehr erwünscht, die Fuchtel über die Künischen zu führen, deren Stolz ihr längst ein Dorn im Auge war. Sie gab sich in der That alle Mühe, die frühere Verfassung der Waldhwozder Freigerichte zu erschüttern, obwohl sie wußte, daß dieselben in ihren inneren Verhältnissen 86 und den Rechten ihrer bürgerlichen Existenz nicht das mindeste verloren hatten. Auf die Meldung ihrer Begleiter, daß sich der Zug der Freibauern nahe, ließ sie halten und entstieg der Sänfte. Sie war prächtig aufgeputzt, ihr Reichtum sollte an den golddurchwirkten Kleidern und den Edelsteinen ersichtlich sein, welche sie trug. Ein ganz kleines Hütchen saß seitwärts auf dem hochfrisierten, mit Brillantsternen geschmückten Haare. Auch ihr Antlitz zeigte, daß sie der schwindenden Schönheit mit manchem kleinen Kunstgriff aufgeholfen, doch war dies freilich nur den in solche Künste Eingeweihten bemerklich. Als der Oberrichter der Gräfin ansichtig wurde, ließ auch er den Zug anhalten, stieg vom Pferde, zog seinen Hut und begrüßte sie ehrerbietigst. »Wie stark ist die Kavalkade?« fragte sie, nachdem sie mit hochmütigem Kopfnicken den Gruß erwidert. »Es werden an tausend Reiter sein, Euer Gnaden,« antwortete der Oberrichter. »Die Künischen lassen nicht auf sich warten, wenn es gilt, ihren König zu ehren.« Ein spöttisch hochmütiger Zug ward um ihren Mund sichtbar. »Ihr könntet sie auch belehren, wie man die Schutzherrschaft ehrt,« sagte sie scharf. »Statt dessen habt ihr geheime Zusammenkünfte, wie jene vorgestern in Gutwasser und schmiedet Pläne gegen uns. O, ich weiß alles,« wehrte sie ab, als der Oberrichter erwidern wollte. »Ich werde auch erfahren, was das für Pläne sind und was ihr beschlossen habt, denn ich habe Leute, die zu horchen wissen.« »Euer Gnaden,« sagte Eisner jetzt, sie fest anblickend, 87 »wer nach Rechtens thut, braucht keine Horcher und hat sich vor solchen nicht zu scheuen. Für jetzt werden Euer Gnaden gestatten, daß wir unsern Weg fortsetzen, auf daß wir nicht zu spät nach Jenewelt kommen, um Seine Majestät dort zu empfangen.« »So gebt mir das Geleite den Zug entlang,« befahl sie, ihre Sänfte wieder besteigend. »Zu Befehl!« entgegnete der Oberrichter und schwang sich auf sein Pferd. Er ritt sodann der Sänfte voran und sorgte dafür, daß die Bauern gehörig Platz machten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die lange Reihe hinan die Nachricht, daß die »schöne Juditha«, wie man sie spöttisch nannte, sich nahe. Aber nur wenige der Bauern machten eine grüßende Bewegung, als sie an ihnen vorüber getragen wurde; die meisten nahmen scheinbar gar keine Notiz von ihr. Dies ärgerte Juditha. Sie ließ halten und den Oberrichter zu sich heranrufen. »Was soll das sein?« fragte sie ihn höchst ungnädig. »Die Leute erfrechen sich, die Hüte auf dem Kopfe zu behalten, anstatt sie zu schwenken und mir ein »Hoch!« zuzurufen, mir, Eurer Schutzherrschaft! Habt Ihr verstanden? Ich mache Euch dafür verantwortlich, daß mir begegnet wird, wie sich's gebührt.« »Ich muß eine solche Verantwortung ablehnen, Euer Gnaden,« versetzte der Oberrichter. »Es sind Freibauern, die Euch nichts anderes schulden, als ihre Steuern und Abgaben. Was Ihr sonst von ihnen verlangt, werden sie Euch willig und freiwillig zollen, wenn Ihr an ihren ererbten Rechten nicht rüttelt und sie nicht mehr, wie bisher, auf alle mögliche Weise zu schmälern sucht. Seid ihnen 88 in Wahrheit eine »Schutzherrschaft« und sie werden es dankbar anerkennen. Euer Gnaden werden keine Veranlassung mehr haben, sich zu beklagen. Ich aber vermag nicht, sie zur Freude zu zwingen, doch verbürge ich mich, daß Euer Gnaden keinerlei Unbill geschieht. Ich bitte aber, unsern Aufenthalt nicht länger zu verzögern. Wir müssen dem König entgegen.« »Euer König bin ich!« rief Frau Juditha mit schneidender Stimme und zornglühenden Wangen. Ein schallendes Gelächter jener Freibauern, welche nahe genug waren, diese Worte zu hören, folgte den Auslassungen der Dame. »Einem »König Juditha« haben wir nicht zugeschworen,« sprach Eisner freimütig. »Euer Gnaden aber beschwören durch solche Reden den gerechten Unwillen derer, die einen solchen König nicht anerkennen.« Damit setzte er sich wieder an die Spitze des kleinen Gefolges, das die Sänfte umgab und bahnte ihr den Weg längs den Reitergruppen, bis die Straße wieder frei war und Juditha ihren Weg ungehindert fortsetzen konnte. Als der Oberrichter sich hier empfahl, würdigte sie ihn keines Blickes und keines Wortes mehr. Eisner aber wendete sein Pferd, sprengte wieder an die Spitze des Zuges und in lebhaftem Tempo ging es nun dem Dorfe Jenewelt zu. Er that, als hörte er die Bemerkungen der Bauern nicht, welche sich in Spottreden über die beleidigte Juditha ergingen. Letztere dagegen setzte nun ungestört ihren Weg in entgegengesetzter Richtung fort und traf bald in Seewiesen ein, wo sich schon ein heiteres Volksleben entwickelt hatte. Aber auch im Hause des Oberrichters war die Freude 89 eingezogen. Magister Dominik war gekommen und hatte Marianka im Auftrage des jungen Perglas einen prachtvollen Blumenstrauß überreicht. »Der gnädige Junker,« berichtete er dabei mit großer Wichtigkeit, »hat im Schloßgarten die schönsten Blumen eigenhändig gepflückt und sie zu diesem Strauße gebunden. Es sind seine Lieblingsblumen; was er damit sagen will, brauch' ich nicht zu sagen – hab' ich nicht zu sagen – sag' ich auch nicht.« Marianka war aufs freudigste von dieser Spende überrascht. »Sagt dem Junker tausend Dank für diese wundervolle Gabe,« sagte sie zu dem Überbringer mit leuchtenden Augen und verbarg dann ihr erglühendes Antlitz in der duftenden Blumenfülle. »Ich habe noch etwas zu übergeben,« versetzte der Magister, indem er geheimnisvoll ein kleines Briefchen aus der Brusttasche seines Wamses zog und es der Jungfrau überreichte. Diese öffnete es sofort. Es waren nur wenige Zeilen, die es enthielt, ein kleines Gedicht, aber sie genügten, das Mädchen zu beglücken. Sie lauteten: Seit wir uns wieder fanden, Bin ich in deinen Banden. Mit Blumen laß dich grüßen; Wirst mein gedenken müssen, Wenn sie dich bitten hold und fein, Daß du mein süßes Lieb sollst sein. Dominik studierte mit sichtlichem Vergnügen die Züge des lesenden Mädchens, welche sich geradezu verklärt hatten. »Ich weiß, was da geschrieben steht: Verse,« sagte 90 er mit einem gewissen Stolze und als Marianka ihn halb erschrocken anblickte, fuhr er lächelnd fort: »Den Wortlaut kenne ich nicht. Aber daß es Reime sind, das weiß ich, denn Junker Wolf hat dabei meine Hilfe nicht missen können. Ich habe schon manches Poem verfaßt und es ihm vorgelesen, daher kennt er mein Talent. Jetzt macht er selbst Gedichte. Wenn junge Herren zu dichten anfangen, nun, dann weiß man ungefähr, wie viel's geschlagen hat. Aber wenn er Reime sucht auf Worte, wie »Marianka,« da wird selbst mein Verstand nicht ausreichen, etwas Richtiges zu stande zu bringen.« »Gebt Euch nur zufrieden, er wird's schon besser lernen,« lachte Marianka schelmisch und wandte sich dann ihrer soeben eintretenden Muhme zu, einer alten Frau, die im Hause des Oberrichters die Stelle der längst verstorbenen Hausfrau vertrat. »Frau Juditha von Kolowrat ist soeben angekommen,« berichtete diese. »Sie fehlt uns hier gerade –« Die Alte konnte nicht weiter sprechen, denn in diesem Augenblicke rauschte die Genannte schon zur Thüre herein. Als sie den Strauß in Mariankas Hand erblickte, ging sie geradewegs auf diese zu und ihre Hand nach den Blumen ausstreckend, sagte sie: »Ah, da finde ich ja, was ich brauche. Mädchen, den Strauß mußt du mir überlassen, damit ich ihn der Königin überreichen kann.« Aber Marianka hatte ihr denselben rasch entzogen und einen Knicks machend, antwortete sie: »Euer Gnaden werden verzeihen, aber diese Blumen sind für niemand andern bestimmt, als für mich, die Tochter 91 des Oberrichters – Marianka ist mein Name. Ich bedaure, wenn ich Euch diesesmal nicht dienen kann.« »Für dich?« fragte Frau Juditha spöttisch. »Wohl gar von einem Verehrer? Wer ist's denn, der so herrliche Blumen zu verschenken hat?« Jetzt fiel ihr Blick auf Dominik, und neugierig fuhr sie fort: »Und hier der Wunderdoktor, Herr Dominik aus Welhartitz – was führt denn Euch hieher?« »Euer Gnaden – gestatten mir unterthänigst die Hand zu küssen – ich habe diesen Strauß gebracht,« stotterte Dominik, errötend und erblassend vor Verlegenheit im Banne dieser scharf auf ihn gerichteten Augen. »Von Welhartitz?« Er bejahte unter tiefen Bücklingen. »Wir haben dort einen prächtigen Blumenflor – der junge gnädige Herr liebt die Blumen – er pflegt sie eifrig – und –« Er stockte. »So hat wohl Junker Wolf den Strauß gebunden?« Ein fragender und zugleich zornfunkelnder Blick flog zu Marianka hinüber. Jetzt merkte Dominik, daß er sich verplappert habe und seine Verlegenheit stieg noch um ein merkliches. Es fiel ihm jetzt brühwarm ein, daß Frau Juditha dem jungen Perglas längst wohl gewogen und daß man beider Namen mit Beziehung darauf schon zusammen genannt. Er suchte daher das Gesagte möglichst zu verbessern. »Auf Bestellung, Euer Gnaden – auf Bestellung,« stammelte er. »Auf Bestellung? Ah so!« erwiderte Juditha aufatmend, »Ich dachte schon –« Sie schwieg. Wie konnte sie nur so niedrig von dem Junker denken! 92 Dann beauftragte sie den Magister, für sie so rasch als möglich einen andern Blumenstrauß zu beschaffen und Dominik, froh, aus dieser gefährlichen Nähe zu kommen, eilte diensteifrig davon. »Ich werde hier bleiben, um auszuruhen und mich zu sammeln, damit ich die Majestäten würdig empfangen kann,« sagte sie zu den beiden Frauen. »Weiset mir ein Zimmer an.« »Hier?« fragte die Muhme ziemlich ratlos. Marianka aber erwiderte: »Euer Gnaden, in unserm Hause ist alles für die Majestäten hergerichtet und nicht das kleinste Stübchen übrig. Wir selbst müssen mit den Dienstbotenstuben im Wirtschaftsgebäude vorlieb nehmen. Ich möchte Euer Gnaden deshalb bitten, vielleicht im Poschingerhof drüben –« »Was?« rief Frau Juditha empört, »du einfältiges Mädchen wagst es, mir die Thüre zu weisen –« »Nicht doch, gnädigste Frau,« mischte sich die alte Muhme ein, »überzeugt Euch selbst –« und sie eilte aus der Thüre, die Schlüssel in den Händen, bereit, der Dame die Gemächer zu öffnen. Aber Marianka trat dazwischen. »Nein, Muhme,« sagte sie, »du weißt, wir haben den strengsten Auftrag vom Vater, niemanden die Gemächer betreten zu lassen, sei es, wer es will.« »Auch nicht ich?« fragte Juditha scharf. »Auch nicht Ihr,« versetzte Marianka furchtlos; »niemanden, hat der Vater gesagt. Aber jetzt, bitte, entschuldigt mich. Ich muß meinen Anzug in Ordnung bringen zum Empfang der Majestäten, und sonst giebt es auch noch manches zu thun. Wenn es Euch genehm ist, wird meine Schwester Paula Euch nach dem Poschingerhof begleiten –« 93 »Schweig!« herrschte sie Juditha an. »Ich brauche solche Begleitung nicht. Aber Euern Trotz werde ich brechen – Ihr sollt Juditha noch kennen lernen!« So sprechend, verließ sie das Haus des Oberrichters und begab sich nach dem nahen Poschingerhof, wo sie zwar ebenso unwillkommen war, aber doch ein Gemach angewiesen erhielt, in welchem sie die Ankunft des Königs erwarten konnte. 94 VII. Zur festgesetzten Stunde traf der königliche Zug in Jenewelt ein. Die Begleitung der Majestäten bestand nur in wenigen Personen. Außer dem neunjährigen Prinzen Ferdinand und einigen Damen der Königin begleiteten das Königspaar auf seiner Reise nur Pater Lamormain und drei Kavaliere, darunter Fürst Karl von Lichtenstein. Eine Eskorte bewaffneter Reiter umgab den königlichen Zug. Auch die Majestäten und ihr Gefolge, selbst die Damen, waren zu Pferde. In einiger Entfernung folgten die Gepäckwagen. Mit unendlichem Jubel wurden die Fürstlichkeiten begrüßt. Der Oberrichter hielt eine Ansprache an die Majestäten, in welcher er dieselben der Ergebenheit der königlichen Freibauern versicherte, deren Gebiet sie als freudigst willkommene Gäste beträten. Der König dankte sichtlich erfreut und setzte dann in Begleitung der Freibauern, welche vor und hinter dem königlichen Zuge ritten, seinen Weg fort. Mit brausenden Freudenrufen wurde die Reiterschar in Seewiesen begrüßt. Auf den Glockentürmchen des Poschinger- und des Eisnerhofes wurde eben die Mittagsstunde geläutet, als die hohen Reisenden vom Pferde stiegen. Der König 95 entblößte sein Haupt und betete das Ave Maria. Alle Anwesenden thaten dasselbe. Nach Beendigung dieser kurzen Andacht wollte Frau Juditha zu einer längeren Rede ansetzen, aber der aufs neue erschallende Jubelruf des Volkes ließ sie nicht zu Worte kommen. Der König schnitt daher diesen Versuch lächelnd ab mit den Worten: »Ich danke, Gräfin. Wir werden uns bei der Tafel wiedersehen.« Dann erfolgte der Einzug in den Eisnerhof. Die beiden Töchter des Oberrichters, heute in malerischer, böhmischer Tracht, standen, Blumensträuße in den Händen, am Eingangsthore und hießen die Majestäten mit herzlichen Worten willkommen. Eisner selbst trat nun herzu und führte die Majestäten in sein Haus. Als der König die Gemächer des ersten Stockes, welche für das Königspaar hergerichtet waren, betrat, war er überrascht von der Gediegenheit und dem Geschmacke, welche sich in dem reichen Schnitzwerke des Plafonds und der Vertäfelung, der Farbenglut der gemalten Fenster und dem soliden Werte der gesamten Einrichtung zeigte, das in keiner Adelsburg besser zu finden gewesen wäre. »Gestattet den Freibauern, daß sie an Stelle Eurer Soldaten hier Wache halten, Majestät,« bat Eisner. »Ich bürge mit meinem Kopfe für alle Sicherheit. In den Schoß eines jeden Freibauern könnt Ihr ruhig Euer Haupt legen; die Liebe Eures Volkes ist die sicherste Wache. Mein Haus ist nun das Eure, befehlt über mich als Eurem getreuen Knecht.« Dem König gefiel die Rede des wackern Eisner gar 96 wohl. Er reichte ihm wiederholt die Hand zum Kusse und lud ihn auch zur Tafel ein. Dann gab er Befehl, daß seine Soldaten Quartier beziehen und den Freibauern die Leibwache übertragen werden solle. Die Majestäten nahmen nun das zweite Frühstück ein, während ihrer Begleitung dasselbe in ihren Quartieren gereicht wurde. Der König war ein Mann von neununddreißig Jahren. Er hatte etwas kleine, gedrungene Gestalt, ein rundes, volles Gesicht mit langem, spitz zugedrehtem Schnurrbart und dem schmalen Kinnbart der damaligen Mode. Seine, große Gutmütigkeit ausdrückenden Augen wurden von breiten, dunklen Brauen beschattet. Er war von ungemein huldvoller Herablassung gegen seine Umgebung, maßlos freigebig, aber unselbständig in seiner Meinung und deshalb abhängig von seinen Räten und Beichtvätern. Sein Anzug war von dunklem Samt nach spanischem Schnitt und von seinem Hute, dessen Gupf eine schmale Krone umschloß, wehte eine lang herabfallende Straußenfeder. Die Königin, einige Jahre jünger und von auffallender Familienähnlichkeit mit ihrem Gemahl – sie waren Geschwisterkinder – hatte einen schlanken Wuchs und war etwas größer, als ihr Gemahl. Sie war ungemein leutselig und echt bayerischen Gemütes. Fürst Karl von Lichtenstein, ein mittelgroßer, schmächtig gebauter Mann, war gleich dem König spanisch gekleidet. Sein blasses Gesicht zeigte strenge Züge, die Kopfhaare trug er geschoren, auch hatte er Schnurr- und Knebelbart. Man sah den Fürsten niemals herzlich lachen, seine Züge schienen unbeweglich. Anders war es bei dem Jesuitenpater Lamormain der Fall, der sich bemühte, ein stets freundliches Gesicht zu zeigen, wenn er sich beobachtet 97 wußte. War das nicht der Fall, dann ließ er die ermüdeten Muskeln ausruhen und sein Antlitz sprach dann von eisiger Kälte. Mit etwas zugekniffenen Augen blickte er verächtlich auf die Menschen. Er war einer von jenen, welche über Hunderte von armen Frauen das Hexenurteil gesprochen und sie dem Scheiterhaufen überliefert hatten, einer jener Schrecklichen, die da vergaßen, daß sie selbst vom Weibe geboren, und in ihrem Fanatismus und Wahnwitz zu Ehren Gottes die scheußlichsten Mordthaten an völlig schuldlosen Geschöpfen begingen. Er war der Schatten in dem lichten Bilde, welches die Königsfamilie darbot; mit einem gewissen Grauen blickten die Leute nach ihm. Der Pater war mit dem Fürsten Lichtenstein ebenfalls im Eisnerhofe untergebracht, die übrige Begleitung wohnte im Poschingerhofe. Die Freibauern versorgten ihre Pferde in den umliegenden Höfen, so gut es ging und kamen dann zu Fuß zum Eisnerhofe, wo sich auf den nahen Wiesen ein vollkommener Jahrmarktstrubel entwickelt hatte. Auch Antonin und seine Familie trugen zur Lustbarkeit bei. Sie spielten vor den Schenken und erfreuten die Leute durch ihre heiteren Stücke. Wenzel war ihr treuer Begleiter, er wanderte mit ihnen von einer Schenke zur andern, dazwischen aber suchte er in die Nähe des Eisnerhofes zu gelangen, um nach Paula zu spähen, und es gelang ihm nach vieler Mühe endlich auch, einen flüchtigen Gruß von ihr zu erhaschen. Der junge Erzherzog begab sich in den Nachmittagsstunden, während seine Eltern von der Reise ausruhten, mit seinem Begleiter zu dem Volksplatze und nahm mit Interesse von den verschiedenen Schaustellungen Notiz. Er 98 kam dabei auch in die Nähe Antonins und seiner Familie, und als er sie spielen hörte, war seine Aufmerksamkeit ganz und gar gefesselt. Der junge Prinz zeigte schon in seiner frühesten Jugend ein außergewöhnliches musikalisches Talent, das ihn späterhin sogar noch zum Komponisten machte, als er als Ferdinand III. die Kaiserkrone trug. Dem Prinzen zuliebe sang Libussa ihre schönen, böhmischen Volkslieder und entzückte damit nicht nur den königlichen Knaben, sondern alle, die sie hörten, so daß alles herzudrängte, teils um der schönen Sängerin zu lauschen, teils um den künftigen Thronfolger zu sehen. »Du mußt meiner gnädigen Frau Mutter vorsingen,« sagte der Erzherzog zu Libussa. »Ich werde ihr sagen, wie schön das ist.« Der fürstliche Begleiter reichte den Eltern des Mädchens eine Belohnung und kehrte dann mit dem Prinzen zum Eisnerhof zurück. Der junge Ferdinand rühmte dort seiner Mutter mit Entzücken das Spiel der Musikanten, besonders aber Libussas herrlichen Gesang und bewirkte dadurch, daß die Königin den Wunsch ausdrückte, während der Tafel jene Musiker zu hören. Mariankas schöner Blumenstrauß prangte nun doch in einer prächtigen Glasvase aus Eisners eigener Fabrik auf der königlichen Tafel, bei welcher außer den Hofbediensteten auch die beiden Töchter des Oberrichters dem Königspaare aufwarteten und über deren Flinkheit und dabei entfaltete Grazie der König großes Wohlgefallen empfand. Als ihm Marianka wieder einmal den Becher füllte, sagte er galant zu ihr, auf den Strauß zeigend: 99 »Daß in Seewiesen prächtige Mädchen gedeihen, beweist mir das liebholde Schwesternpaar – aber diese Blumen – in meinem Hofgarten zu Graz giebt es nichts Schöneres. Gedeihen diese hier auch auf dem Eisnerhof?« »O nein, Majestät,« entgegnete Marianka, »sie kommen aus einem nahen Schlosse.« Sie wollte den Namen Welhartitz vor dem König nicht nennen, und gleichsam bittend blickte sie zu der dem König gegenüber sitzenden Juditha, damit diese nichts verraten möge. Der König folgte dem Blicke Mariankas und sprach jetzt freundlich: »Ah, von Euch, Gräfin? Ihr habt uns da ein großes Opfer gebracht. Ich werde diese Blumen mitnehmen als eine schöne Erinnerung.« »O bitte, Majestät, zu viel Ehre!« entgegnete Frau Juditha voll Unterthänigkeit und wollte sich in einer Reihe von Ergebenheitsbezeugungen ergehen, als aus dem Hausflur vor der offenen Thüre das Saitenspiel der befohlenen Musikantenfamilie ertönte. Sofort wendete sich die ganze Aufmerksamkeit der hohen Gäste diesem Spiele zu, das dieselben sehr ergötzte. Alles aber lauschte lautlos, als Libussa mit ihrer schönen Stimme zu singen begann. Nachdem sie geendet, wünschte die Königin die Sängerin zu sehen und das Mädchen ward hereingerufen. Libussas Erscheinung rief eine gewisse Aufregung hervor. Sie sah, die mit rotweißen Bändern – die böhmischen Farben – gezierte Laute im Arm, in ihrer buntfarbigen Kleidung und dem üppigen, dunklen Haare, das in reicher Fülle das von der Erregung mit sanftem Rot angehauchte Antlitz mit den nachtschwarzen, großen Augen umrahmte und über den schönen Nacken hinunterfiel, wahrhaft reizend aus. 100 Sie verneigte sich tief vor den Majestäten und ließ dann ihre Blicke auf dem König fragend haften. Dieser sah äußerst wohlgefällig nach ihr hin. »Bist du ein Zigeunerkind?« fragte er nach einer Pause. »Nein, Majestät. Meine Eltern sind Böhmen und katholisch. Wir sind fahrende Leute, wir wandern freilich wie die Zigeuner, aber sonst haben wir nichts gemein mit ihnen.« Der König nickte ihr wohlgefällig zu. Pater Lamormain warf einen ängstlichen Blick nach ihm. Er, des Königs Beichtvater, glaubte jeden Gedanken seines hohen Beichtkindes demselben von der Stirne lesen zu können. Die Königin aber sprach jetzt: »Mein Sohn rühmte mir deinen Gesang und wir hörten auch eine Probe aus der Ferne. Laß uns einmal hier etwas hören.« »Ja, singe. Wie heißt du?« fragte freundlich der König. »Libussa, Majestät.« »Libussa? Weißt du, wer die erste gewesen, die diesen Namen trug?« »O ja; es war des Herzogs Crocus Tochter und die dritte Herzogin in Böhmen. Sie hat gegründet Prag und hat geholt vom Pfluge weg den Bauern Premysl und ihn zum Stammvater gemacht von vielen Fürsten Böhmens?« »Brav, mein Kind, du machst deinen Lehrern Ehre,« versetzte der König vergnügt. »Nun sing uns ein Lied, Libussa.« »Gestatten Eure Majestät, daß ich singe das Lied von der schönen Bozena?« 101 »Bozena? Ist das Herzog Udalrichs Gemahlin, die Mutter Herzog Bretislaws?« »Ja, Majestät.« Und sofort begann sie ihren Gesang. »Der Herzog vom Böhmerland reitet aus Prag Früh morgens hinaus in den frischgrünen Hag, Ihm folgen der Jäger und Rüden gar viel, Manch Hirschlein zur Strecke er bringen heut will. Der Himmel ist blau und duftig die Au.     Halali trara! Halali trara! Bald künden die Rüden mit gellendem Laut, Sie hatten ein treffliches Hirschlein erschaut, Sie jagen das Wild über Stock, über Stein, Herr Udalrikus folgt rasch hinterdrein Über Stock, über Stein, Bald holt er es ein.     Halali, trara! Das Hirschlein sich flüchtet voll Angst und Pein Ins Dörfchen Opuzna zur offenen Scheun', Ein bildschönes Mägdlein schließt schnell das Thor Und stellt mit dem Knüttel sich wehrend davor. »Herr Ritter, halt still! Ich gab ein Asyl.«     Halali trara! Der Herzog, ob ihres Anblicks erstaunt, Sagt gnädig: »Hold Mägdelein, froh sei gelaunt, Dieweil du das Wild mit Asyl hast beglückt, Reich mir einen Labetrunk, der mich erquickt, Vom Brunnen zur Stell Erfrisch mich der Quell.«     Halali, trara! Sie reicht ihm mit lieblichem Anstand den Trank. »Dein Name?« – »»Herr, Bozena.«« – »Bozena Dank!« 102 Du wärest wohl würdig zu höherem Stand, Zu tauschen mit besser'm das Bauerngewand, So schön und so hehr, Trägst du nicht Begehr?«     Halali, trara! »Ich kenn' nicht Begehren nach Würde und Stand, Den einstens ich liebe, dem reich ich die Hand, und wär es ein Bettler, mir gälte das gleich, Ich machte durch Liebe und Treue ihn reich. Durch Liebe und Treu, Daß nie er's bereu!«     Halali, trara! »Und wenn mir's gefiele, dich selber zu frei'n, Was würdest du sagen; sollt's mich nicht gereu'n?« »Euch Ritter, so herrlich – zu Euch meiner Seel! Sagt ich ohne zieren: Euch nehm ich zur Stell, Wenn Ihr's am Altar Gelobet als wahr.«     Halali, trara! »Das will ich, hold Mägdlein, mit redlichem Sinn, So wahr ich der Herzog vom Böhmerland bin! Ruf Vater und Mutter, und folge mir gleich, Ich teile die Krone mit dir und mein Reich. Schwing dich auf mein Roß, Komm mit in mein Schloß!«     Halali, trara! Ein Hirschlein zu jagen zog Udalric aus, Und bringet ein herrliches Mägdlein nach Haus. Er fraget nicht lange nach höfischem Sinn Und schmücket als böhmische Herzogin Mit Krone von Gold Sein Mägdlein so hold.     Halali, trara! Lautlose Stille hatte während Libussas prächtigem Gesang geherrscht, jetzt, da sie vollendet, lohnte ihr 103 allgemeiner Beifall. Auf Wunsch des Königs sang sie dann noch einige böhmische Volkslieder heiteren Charakters und ergötzte damit die ganze Gesellschaft. Selbst Pater Lamormain und der finstere Fürst Lichtenstein versagten ihren Beifall nicht. Nun rief die Königin das Mädchen zu sich und einen Ring vom Finger ziehend, sprach sie: »Nimm dies zum Dank für deinen schönen Sang.« Doch als sie Libussa den Ring anstecken wollte, bemerkte sie denjenigen, welchen das Mädchen von »Josef Marcon« erhalten und sie rief erstaunt aus: »Was sehe ich? Du bist ja im Besitze eines viel wertvolleren, als ich dir ihn gebe. Wohl von einem Freunde?« Sie sah das Mädchen durchdringend an. »Ja, Majestät,« hauchte Libussa, »von einem Freunde, den ich Eurer Majestät zu empfehlen wage.« »Er wird dich heiraten?« »Er hat es mir versprochen.« »Wie heißt er? Wo ist er?« »Er heißt Josef Marcon. Wo er weilt, ich weiß es nicht –«. Ihre Augen füllten sich mit Thränen. Die Königin merkte das und drang nicht weiter in sie. »Nun, hast du ihn gefunden, so wende dich an mich,« sprach sie in gütigem Tone. »Ich werde mich eurer annehmen.« Damit steckte sie den Ring an Libussas Finger. Diese küßte der Königin tief gerührt die Hand. Aber auch der König, der jetzt die Tafel aufhob, trat herzu und sagte: »Führt dich dein Weg nach meinem Hof, so melde dich bei mir. Ich will dich dann wieder singen hören. Hab Dank und geh mit Gott.« 104 Er reichte ihr gnädig die Hand zum Kusse. Sie sah ihn mit thränenfeuchten Augen dankbar an und verließ das Gemach. Wie träumend von dem ihr widerfahrenen Glück trat sie mit den Ihrigen ins Freie. Von außen her vernahm man den Jubel des Volkes, der bis zu den Ohren des Königs drang und ihn veranlaßte, unter dasselbe zu treten und einige Zeit in dessen Mitte zu verweilen. Sobald Ferdinand unter Eisners Führung auf dem Platze erschien, brach der Jubel von neuem los. Alles drängte sich herzu, man küßte ihm die Kleider, viele warfen sich auf die Kniee und man hatte Mühe, die Leute so weit zurückzuhalten, um für die Majestäten und ihr Gefolge den Weg frei zu machen. Vor einem »Pimperltheater«, aus einem von bemalter Leinwand umrahmten Viereck bestehend, wirbelte ein Trommler, als Bajazzo gekleidet und dazwischen lud er mit heiserer Stimme zum Besuche ein. Die Pimperln oder Marionetten waren der Reihe nach an der Frontseite, die zugleich als Vorhang diente und auf welchem der doppeltgeschwänzte böhmische Leu gemalt war, aufgestellt. »Heran, heran, ihr Leute!« schrie der Ausrufer. »Soeben beginnt das große Drama in fünf Akten »Faust und Mefistafel« auf deutsch.« Der König kam soeben herzu und es interessierten ihn diese Figuren. Der Ausrufer erklärte sofort die Bedeutung der Akteurs, als da waren: Der König und die Königin von »Portugalo«, Doktor Jan Faust und sein »Lakai« Wagner, böhmisch »Kolar« genannt, Mefistafel und einige andere Teufel, Kasperle, die schöne Helene, zwei Rüppel und einige Erscheinungen. Der König, erheitert durch diese Erklärung, geruhte, 105 der Vorstellung beizuwohnen. Rasch wurden nun für die Majestäten und deren Gefolge Sitze herbeigeholt und die Figuren hinter den Vorhang geschafft. Auf einem »Flaschinettl« (Leierkasten) wurde ein böhmisches Lied als Einleitung gespielt und dann begann die Vorstellung. Der Inhalt dieses uralten Puppenspiels, das nun vor dem König aufgeführt wurde, ist in kurzem folgender: Aus Dr. Richards Andree »Tschechische Gänge« (Verlag Velhagen und Klasing, Leipzig). Aus diesem schon im 17. Jahrhundert aufgeführten Puppenspiel hat Goethe für seinen 2. Teil des »Faust«, wie ersichtlich, manches verwendet. Beim Öffnen des Vorhanges sitzt Faust in mittelalterlicher Rittertracht vor einem großen Buche und studiert; er ist unzufrieden mit sich und der Welt und will sich dem Teufel verschreiben, aber ein guter Engel zur Rechten warnt ihn, während links ein böser Geist auftritt und die Oberhand behält. Nun erscheint der »Lakai« Wagner und meldet zwei fremde Studenten, welche, durch des Doktors Ruhm angelockt, ihn zu sehen und zu sprechen wünschen. Während Faust abgeht, um sie zu empfangen, tritt Kasperl, die lustige Figur, auf, macht seine Witze, guckt in das aufgeschlagene Zauberbuch und setzt sich auf dasselbe, um vielleicht durch diese Gebärde den Sinn der lateinischen Schrift zu enträtseln. Hierüber gerät er mit dem herbeigekommenen Wagner in Streit. So schließt der erste Akt. Im zweiten ist Faust tief im Walde beschäftigt, einen Zauberkreis zu bilden. Dann wird der schnellste Teufel zitiert. Der erste, Pick, genügt nicht; dagegen findet Mefistafel, welcher in einer Minute von Persien nach Böhmen durch die Lüfte gesaust ist, den Beifall des Doktors. 106 Er wird auf 36 Jahre als Diener angenommen, wogegen Faust folgende fünf Punkte eingehen muß: Erstens, er darf niemand etwas borgen; zweitens darf er nie in die Kirche gehen; drittens kein Almosen reichen; viertens sich nicht verheiraten und fünftens muß er den Kontrakt mit seinem Blute unterzeichnen, das ihm Mefistafel aus der Hand saugt. Auf der dadurch entstandenen, wunden Stelle erscheinen die warnenden Worte: homo fuge! Kasperl kommt auch in den Wald und erblickt den Zauberkreis, den er für einen Vogelherd hält. Er steigt hinein, um Vögel zu fangen und auf sein »Perlicke, Perlocke« erscheinen die Teufel, die er für große Eulen hält und zum Spaß zitiert und wieder verschwinden läßt je nach dem Rufe»Perlicke« oder »Perlocke«. Schließlich flüchtet er vor den ergrimmten Teufeln, indem er den Zauberkreis auf dem Rücken mit fort nimmt. Im 3. Akt tritt Kasperl bei Faust in Dienste, der zum König von Portugalo, dessen Land auf einer großen Insel liegt, gereist ist. Kasperl setzt ihm nach, indem er auf Mefistafel dahin reitet; dieser läßt ihn in der »Hauptstadt Portugalo« gerade vor dem König und dessen versammeltem Hofe niederfallen. Faust, als Zauberer berühmt, macht vor dem Herrscher seine »Kunsti«. Er läßt Alexander den Großen und die schöne Helena erscheinen. Beide kommen mit Pferdefüßen, ersterer in der Tracht eines alten böhmischen Herzogs, letztere als Türkin gekleidet. Auch Goliath und David erstehen aus ihren Gräbern, um sich vor dem König zu produzieren. Im 4. Akt werden ebenfalls verschiedene Zaubereien getrieben, bis Faust, der das Ende seines Kontraktes herannahen sieht, die Reue überkommt. Mit vielem 107 Widerstreben holt ihm Mefistafel das Bild des Heilandes aus Jerusalem, vor dem Faust in langem Gebete niederkniet. Auf alle mögliche Art suchen ihn Teufel aus seiner Andacht zu schrecken, aber ein guter Engel steht ihm bei. Da holt Mefistafel die schöne Helena und diese bringt Faust wieder auf die Bahn des Lasters. Im letzten Akte ist die Dienstzeit Mefistafels abgelaufen. Achtzehn Jahre sind vorüber und da der böse Geist auch die Nächte gedient hat, so ist Faust um die Hälfte der Zeit betrogen. Nur wenige Stunden bleiben ihm noch und schauerlich tönt die Glocke, welche anzeigt, wie die Frist allmählich verrinnt. In seiner Herzensangst verschließt sich Faust in sein Studierzimmer und mietet zwei kräftige Bursche, die zwei »Rüpel«, die für ihn wachen und deren derbe Fäuste den Mefistafel zurücktreiben sollen. Sie geraten zuerst unter sich und dann mit letzterem in einen heftigen Streit. Kasperl ist unterdessen Nachtwächter geworden und ruft die Stunden aus und als der Ton der Mitternachtsglocke verhallt ist, da ergreift Mefistafel den Doktor, denn die Wächter sind eingeschlafen, und führt ihn zur Hölle. Die Wächter aber, ergrimmt darüber, daß sie um ihre Bezahlung geprellt sind, lassen ihren Zorn an einem Schacherer aus, den sie tüchtig durchprügeln. – – Während der Hof sich an dem Puppenspiel ergötzte, spielte der alte Antonin mit seiner Familie dem jungen Volke in einiger Entfernung zum Tanze auf. Wer nicht von dem Glanze der königlichen Gäste angezogen, in deren Nähe weilte, vergnügte sich dort auf dem Rasen mit Tanz und Lustbarkeit. Die junge Welt vor allem trieb es diesem Platze zu. Marianka und Paula, des Oberrichters Töchter, 108 begaben sich nach aufgehobener Tafel ebenfalls auf diesen Platz, um sich von den Anstrengungen des Tages ein Viertelstündchen zu erholen und den seltenen Anblick dieses Volkslebens zu genießen. Sie waren von ihrer Muhme begleitet, und alsbald hatte sich auch Wenzel, des Girgalhofbauern Sohn zu ihnen gesellt. Die Muhme war bald in ein lebhaftes Gespräch mit einigen Freibäuerinnen aus der Nachbarschaft verwickelt und Wenzel, dies benützend, forderte Paula zum Tanze auf. Sie sah fragend nach der älteren Schwester. Marianka zögerte mit der Antwort. Sie fand es für die junge Schwester nicht eben schicklich, hier auf öffentlichem Platze zu tanzen; doch konnte sie den flehenden Blicken der beiden nicht widerstehen und gab mit einem Nicken des Kopfes ihre Einwilligung. Kaum war das junge Paar flüchtigen Fußes davon geeilt, als ein Bauernbursche, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, Marianka leise ansprach. Ein Ausruf freudiger Überraschung entschlüpfte ihr, als sie den Sprecher näher betrachtete. »Ihr, Junker Wolf?« rief sie aus. Dieser machte ihr rasch ein Zeichen, ihn nicht zu verraten. »Ihr habt mir heute eine große Freude gemacht,« sprach sie leiser, ihm die Hand reichend, »und ich danke Euch dafür von ganzem Herzen. Doch warum diese Verkleidung?« »Um unerkannt zu sein. Meines Bleibens ist hier nicht lange. Dich zu sehen, kam ich her, Marianka.« »Mich?« fragte sie tief errötend. »Was wäre ich –« 109 »Sind wir uns nicht von jeher herzlich gut gewesen?« unterbrach er sie. »Das wohl, Herr –« »Was soll das ›Herr‹?« rief der Junker verweisend. Dann aber bat er in sanftem Tone: »Sage ›du‹ zu mir, wie ehedem in den glücklichen Tagen unserer Kindheit, dann wird es auch mir leichter, dir zu sagen, daß ich dir auch jetzt noch herzlich gut bin und dir's bleiben werde mein Leben lang.« Ein seelenvoller Blick Mariankas lohnte ihn für diese Worte, und dadurch ermutigt, fuhr er mit Wärme fort: »Marianka, ich liebe dich, ich habe dir mein Herz geweiht und wünsche nichts sehnlicher, als auch das deine zu besitzen.« »Es hat Euch – dir schon gehört, eh du's begehrtest,« flüsterte das Mädchen. »Marianka, Geliebte!« Wie gerne hätte er sie jubelnd an sein Herz gezogen, doch hier war nicht der Ort dazu und so begnügte er sich, ihr warm die Hand zu drücken. »Marianka, so gehörst du mir?« »Fürs ganze Leben!« hauchte sie. »Aber –« »Kein ›Aber‹ jetzt!« bat der Beglückte. »Davon ein anderes Mal. Ich weiß, was du mir sagen willst. Doch laß uns auf die Zukunft bauen; unsere Liebe wird jedes Hindernis besiegen. Vertraue mir, vertraue meiner Liebe!« Ihr Auge sprach, daß sie ihm Glauben schenke. Jetzt war die Vorstellung zu Ende und der Hof setzte seinen Rundgang fort. Aus der Ferne schimmerte Frau Judithas edelsteingeschmückte Gestalt herüber. »Ich darf nun nicht länger mehr bei dir weilen,« sprach Wolf hastig. »Leb wohl, mein Herz, bald sehen 110 wir uns wieder!« Noch ein warmer Händedruck, dann hatte er sich in der Menge verloren. Marianka stand wie träumend. Sie hätte aufjauchzen mögen vor Glück. Da erblickte sie plötzlich Frau Juditha dicht neben sich. Sie wollte mit einem Knix zur Seite weichen, doch die Dame hielt sie fest. »Du strahlst ja förmlich vor Vergnügen, Mädchen,« sprach sie, sich zu einem gütigen Tone zwingend. »Wer war denn der junge Mann, der soeben von dir ging?« »Der Sohn eines Freibauern,« antwortete Marianka, über und über errötend. »In der That?« fragte Juditha, sie scharf ins Auge fassend, und mit schneidender Stimme versetzte sie: »Und wenn ich nun wüßte, daß das eine Unwahrheit ist?« Marianka empörte dieser Ton und ihre stolze Fassung wiedergewinnend, gab sie gelassen zur Antwort: »Dann wären Euer Gnaden besser unterrichtet, als ich.« Juditha war von diesem sichern Tone betroffen. Sollten ihre eifersüchtigen Augen sie wirklich getäuscht haben? Marianka hatte sich mit einer Verbeugung verabschiedet und sie hinderte dieselbe nicht, sich zu entfernen. Und dennoch – der Blumenstrauß – er kam von der Burg Welhartitz – der junge Freibauer – war es nicht ganz die Gestalt Wolfs von Perglas – wenn er wirklich die Tochter eines Nichtadeligen ihr vorzöge? Diese Freibauern, sie traten ihr überall in den Weg, sie trotzten ihrer Macht. Doch zu Hörigen wollte sie dieselben machen, ihren Stolz brechen, die Übermütigen demütigen, sich an ihnen rächen nach Möglichkeit. Unter solch löblichen Gedanken schritt sie weiter durch das Gedränge, und obwohl zwei ihrer Diener bemüht 111 waren, ihr Platz zu machen, erhielt sie doch manchen Stoß, der von Ehrerbietung wenig Zeugnis gab. Sie hätte längst den Platz verlassen, doch strengte sie ihre Augen an, denjenigen zu suchen, den sie für den jungen Perglas hielt, und um Gewißheit zu erlangen, ließ sie sich manchen Tritt und manchen Stoß gefallen. Wolf hatte sich in das dichteste Gewühl gemengt und wurde so ohne seinen Willen zum Tanzplatze hingedrängt. Hier fand er zu seinem Erstaunen Libussa wieder, die verschollene Geliebte seines Freundes. Sofort drückte er sich an sie heran und als eine Tanzpause es gestattete, legte er ihr die Hand auf die Schulter und flüsterte ihr zu: »Josef Marcon sucht dich. Auf Burg Hrádeck, vier Stunden von hier, wirst du ihn finden.« Libussa stieß einen Freudenruf aus. Rasch wandte sie sich um, aber derjenige, welcher ihr diese beglückende Nachricht gebracht, war schon durch die Menschenmenge von ihr gedrängt. Dazu begann ein neuer Tanz, und Libussa mußte der Pflicht gehorchen. Aber aus ihren Augen strahlte nun das reinste Glück und die Freude verklärte ihr ganzes Wesen. Das schien auch der König zu bemerken, der jetzt zum Tanzplatze herangekommen war. Er ging deshalb gerade auf Libussa zu, indem er sie nach beendetem Tanze ansprach: »Auf deinem Antlitze strahlt ja jetzt das reinste Glück. Erhalte es dir und vergiß nicht, einmal nach Graz zu kommen. Ich werde mich gern deiner erinnern, Libussa.« Wieder reichte er ihr die Hand zum Kusse dar. Kaum aber hatte sich der König entfernt, da stand Pater Lamormain neben ihr. 112 »Versuche niemals, den König aufzusuchen,« raunte er ihr in strengem Tone zu. »Ich würde dich als Hexe anzeigen und das wäre dein Tod. Schweige gegen jedermann!« Langsam und mit drohendem Blicke entfernte er sich. Libussa konnte sich die Warnung, wie die Drohung des unheimlichen Mannes nicht gleich enträtseln, plötzlich aber fiel ihr ein, was der strenge Pater gemeint haben könnte. Sie errötete in ihrer jungfräulichen Unschuld bis unter die Haarwurzeln, und war erzürnt über den niedrigen Verdacht des Geistlichen. Dann aber gedachte sie der Worte Wolfs, daß Josef Marcon ihrer harre, und nun konnte sie wieder lachen und heiter sein. Inzwischen hatte der König auch Frau Juditha von Kolowrat mit einer Ansprache ausgezeichnet. »Ich fühle mich sehr glücklich im Kreise meiner Freibauern,« sagte er zu ihr. »Ihr dürft stolz darauf sein, daß sie Eurer Schutzherrschaft anvertraut sind. Haltet sie mir nur gut!« »Ganz gewiß, Majestät,« antwortete Juditha. »Ich beabsichtige sogar, mir diese Schutzherrschaft von Seiner Majestät dem Kaiser ganz und für immer zu erwerben, und werde zu diesem Zwecke nächste Woche nach Wien reisen.« »Was werden die Freibauern dazu sagen?« fragte der König. »O, sie befinden sich ganz wohl unter meines Hauses Herrschaft, Majestät.« »Ich wünsche, daß es so sei,« versetzte der König, der Gräfin freundlich zunickend. Dann schritt er dem Eisnerhofe wieder zu. 113 Vor dem Thore wartete Herr Eisner des hohen Gastes. Der König trat schnell an ihn heran. »Sagt mir offen, fühlen sich die Freibauern unter ihrer Schutzherrschaft so glücklich, wie mir's die Gräfin vorhin versichert hat?« fragte er den Oberrichter. »Majestät,« entgegnete dieser, »gerade das Gegenteil ist zutreffend. Die Schutzherrschaft sucht uns unsere altverbrieften Rechte auf alle Weise zu schmälern und wir kommen aus den Streitigkeiten gar nicht mehr heraus. Deshalb wollen wir eine Lösung des Pfandverbandes erwirken und sind zu jedem Opfer bereit.« »Dann dürft ihr euch aber wirklich beeilen,« sagte der König, »sonst möchte es zu spät sein. Meiner Zustimmung dürft ihr sicher sein, ich werde euch das schriftlich geben.« Der Oberrichter verstand den Wink und er beschloß, die Angelegenheit möglichst zu beschleunigen. In diesem Augenblicke wurde ein mehr als tausendstimmiger Gesang hörbar. Fragend sah der König den Oberrichter an. »Majestät, es ist ein Lied zu Ehren unseres Landespatrons, des hl. Wenzeslaus, das Böhmen und Deutsche vereint singen, ehe sie sich in ihre Quartiere zurückziehen,« erklärte Eisner. Der König entblößte das Haupt und alle übrigen thaten dasselbe. Es war ein herrlicher Gesang, der weithin in den lauen Sommerabend hinaustönte, während rings umher Berg und Wald in violetter Farbenpracht prangte und der Himmel im feurigen Abendrot erstrahlte. » Svaty Václave, vévodo ceské zemê « tönte es von 114 den hellen Stimmen der Böhmen, während die Deutschen sangen: »Heiliger Wenzeslaus, Herzog des Böhmerlands, Du unser Fürst, Bitt für uns bei Gott Dem heiligen Geist. Wie schön ist des Himmels Reich! Selig, wer dort gelangt Zum ewigen Heil, In die helle Glut Des heil'gen Geistes. Deinen Schutz erbitten wir, Erbarm dich über uns. Tröste die Traurigen, Wehr alles Übel ab, Heiliger Wenzeslaus!« Der König hatte mit frommem Gemüte diesem Sange zugehört, dann begaben sich die höchsten Herrschaften in ihre Gemächer. Bald herrschte tiefste Ruhe ringsumher, denn der Oberrichter hatte dafür gesorgt, daß das Geräusch der Tausende, die heute in dieser Gegend nächtigten, nicht bis zu den Majestäten drang. Ihre Ruhe wurde nicht gestört. Er selbst aber hatte sich bewaffnet und wachte die Nacht über am Ausgange zur Treppe. Der König hatte sich ihm anvertraut. Eisner aber verließ sich nur auf sich selbst. Alsbald schwebte der Engel des Friedens über dem Freibauernhofe. 115 VIII. Andern Tages zu früher Morgenstunde strömte alles Volk hinan zur Bergkapelle, in welcher Pater Lamormain die Messe las, welcher die Majestäten anwohnten. Vor dem kleinen Kirchlein drängten sich die Andächtigen in dichten Massen. Nach vollbrachter Andacht und eingenommenem Frühmahl ward sodann zur Abreise geschritten. Der König sprach seinem Wirte die vollste Anerkennung aus, versicherte, daß er sich in dem gastlichen Hause recht wohl gefühlt habe und überreichte den beiden Töchtern Eisners je einen wertvollen Ring mit seinem Namenszuge. Dem Oberrichter aber händigte er ein Schreiben an den Kaiser ein, das diesen von der Sachlage klar unterrichten sollte und trug ihm auf, sobald als möglich dasselbe in Wien persönlich zu übergeben. Auch die Königin und der junge Erzherzog verabschiedeten sich auf das huldvollste von der Familie Eisner. Erstere sagte scherzend zu Marianka, sie möge es ihr wissen lassen, wenn sie einmal Hochzeit mache; sie werde ihr dann gewiß eine Freude bereiten. Frau Juditha von Kolowrat wurde etwas kühler verabschiedet, als sie empfangen worden; sogar den üblichen Handkuß gewährte ihr der König nicht, indem er sich rasch dem Volke zuwandte, das ihm von allen Seiten zujubelte. 116 Die Freibauern waren bereit, dem Könige zu Pferde das Geleite bis zur Grenze zu geben. Alsbald setzte sich der königliche Reisezug in Bewegung den etwas steilen Berg hinan, um über Brunst und die Hochebene, dann über den Abhang des Pampferberges nach dem Thalbecken von Eisenstein zu gelangen. Hier an der Grenze erwarteten den König der Abt und der Prior des Klosters Rinchnach, welche mit mehreren Soldknechten dem Fürsten entgegen geritten waren, um ihre hohen Gäste schon hier zu begrüßen und sie nach dem Kloster, ihrem heutigen Nachtlager, zu geleiten. An der Grenze angelangt, verabschiedete der König die Freibauern mit der Zusicherung, daß er alle Zeit dankbar und in Gnaden ihrer gedenken wolle und stets auf ihr Wohl und die Heilighaltung ihrer Privilegien bedacht sein werde. Dem Oberrichter aber reichte er gnädig die Hand mit den Worten: »Glück auf nach Wien!« – – – Dem strengen Befehle Pater Lamormains gehorchend, hatte sich Libussa an diesem Morgen nicht mehr in die Nähe des Königs gewagt. Ihr Herz war so voll froher Hoffnung, den Geliebten, den sie suchte, wieder zu finden, daß sie überhaupt an nichts anderes mehr dachte, als so rasch wie möglich nach Schloß Hrádeck zu kommen, und so machte sie sich zeitig mit den Ihrigen auf den Weg dorthin durch das bergige und bewaldete Gelände. Die ganze Familie war in glücklichster Stimmung, denn die Ehre, die ihnen dadurch zu teil geworden, daß sie während der königlichen Tafel spielen durften, war so groß und der Gewinn an klingender Münze, den ihnen der gestrige Tag gebracht, so reich, daß sie in ihrem ganzen Leben niemals 117 so viel Geld auf einmal in ihrem Besitze gehabt hatten. Sie waren für die nächste Zukunft geborgen und sie erwogen jetzt sogar, ob es nicht am klügsten wäre, das Anerbieten des Girgalherrn anzunehmen und sich dort ständig niederzulassen. Libussas Mutter war der Eindruck nicht entgangen, den ihre Tochter auf den König gemacht, und schmeichelte ihr dies auch einerseits, so empfand sie doch darüber ein gewisses Bangen. Sie war recht zufrieden, daß sich Libussa darüber keine Gedanken zu machen schien. Selbst der sonst so schweigsame Geiger Antonin war heute guter Dinge, denn Gut giebt Mut, und er lachte und plauderte, wie schon seit langem nicht mehr. Man hatte ihnen als nächsten Weg nach Bergstadtl und Hrádeck einen Waldsteig gewiesen. Lange Zeit waren sie dahin gewandert, ohne einem Menschen zu begegnen, da hatten sie, an einer Wegbiegung angekommen, einen seltsamen Anblick: einen alten Klepper, auf welchem ein zusammengekauertes Männlein saß. Beide schienen leblos zu sein. Der alte Geiger dachte sofort an den gespenstischen »Bilmesreiter« und bekreuzte sich lebhaft. Libussa und ihr Bruder jedoch wagten es, die Erscheinung näher zu untersuchen, und erkannten, daß nichts Übernatürliches hier im Spiele war, denn Roß und Reiter waren nur in einen tiefen Schlaf versunken. Es war Magister Dominik. Weder er, noch sein alter Klepper hatten die Nacht über ein anderes Lager gehabt, als die Rasenmutter und beide froren bei der empfindlichen Frische der Nacht ganz bedeutend, obwohl es noch Sommer war. Auf dem Heimritte durch den stillen Wald überkam den Magister ein unüberwindlicher Schlaf und so war er nach und nach eingenickt. Seinem Rößlein 118 mochte es wohl ebenso ergehen und als es weder Zügel noch Bügel mehr spürte, blieb es stehen, und auch ihm fielen alsbald die Augen zu. Die Stellung, oder besser, die Hängerei des Reiters hatte aber einen solch gefährlichen Grad erreicht, daß er im nächsten Augenblicke sicher das Gleichgewicht verlieren und unfehlbar vom Gaule sinken mußte. Es war deshalb nicht mehr als billig, daß ihn die Geschwister durch ein lautes »Hollah!« aus dem Schlafe zu wecken suchten. Aber dieses »Hollah« erschreckte das Pferd, es machte einen Sprung und Dominik flog zur Erde, glücklicherweise auf weiches Waldmoos. Während Stanislaus dem Klepper nacheilte und ihn am Zügel festhielt, nahmen sich die übrigen des Gefallenen an, der noch ganz schlaftrunken fragte: »Träum ich oder wach ich? Reit ich oder lieg ich?« Noch ehe ihm aber eine Antwort zu teil geworden, hatte er sich etwas erhoben und setzte mit einer Art Galgenhumor hinzu: »Ich glaub', ich sitze.« Jetzt erblickte er auch seinen Klepper und es begann in seinem Hirn ein wenig zu dämmern. »Erzählt mir doch, was ich erlebt habe,« bat er die Umstehenden. »Mir träumte wohl, die Gräfin von Kolowrat hätte mich zu ihrem Gemahl erwählt und wir ritten selbander durch den Wald, um uns in der Waldkapelle trauen zu lassen? Dann stürzte ich plötzlich vom Gaul und aus allen meinen Himmeln. Oder habt Ihr Frau Juditha wirklich neben mir einhersprengen sehen?« »Das hat Euch alles nur geträumt,« gab Libussa lachend zur Antwort. »Ihr seid ja gar nicht gesprengt, sondern habt samt Eurem Pferde geschlafen. Aber wer seid Ihr denn, daß Ihr so noble Träume habt?« 119 »Ich? Wer ich bin?« fragte Dominik erstaunt das Mädchen. »Bist du so weit her, daß du den Magister Dominik, den berühmten Arzt von Welhartitz nicht kennst? Das mag dir der Himmel verzeihen. Zur Strafe helft mir auf die Beine.« Er reichte Libussa und ihrem Bruder seine Hände hin und diese zogen ihn in die Höhe. »Ich glaube wahrhaftig, ich habe mir eine kleine Quetschung zugezogen,« sagte er dann, sich von oben bis unten betastend. »Ihr könnt Euch ja selbst wieder heilen, wenn Ihr so berühmt seid,« meinte die Musikersfrau. »Leider wieder eine Kur, für die ich nicht bezahlt werde,« brummte der Magister. »Ihr könnt doch von Euch selbst nichts fordern,« lachte Libussa. »Kann ich,« antwortete Dominik, »kann ich! Aber der Mensch zahlt mir nichts. Ich gebe mir überhaupt nie das, was ich mir schuldig bin. Schlafe da samt meinem Gaul unter freiem Himmel, jetzt, da die Herbstnebel sich bald einstellen. Was muß mein Gaul von mir gedacht haben? Nun, als Zeichen seiner Mißstimmung hat er mich auch abgeschüttelt. Es wird schwer sein, ihn wieder zur Vernunft zu bringen.« Stanislaus hatte inzwischen den Klepper herangebracht. Das Tier wieherte. »Ich glaube, der Gaul hat Hunger,« meinte der Knabe und zog ein großes Stück Brot aus der Tasche, um es dem Pferde zu reichen. »Ja, ja, gefrühstückt haben wir beide heute noch nicht,« versicherte der Magister ganz niedergeschlagen. »Aber wo 120 hätten wir's sollen? Alle Bauernhöfe in der Runde sind ausgegessen bis zur letzten Krume. So etwas ist seit den Hussitenzeiten nicht mehr dagewesen. Gott bewahre uns davor!« Kopfschüttelnd versuchte er, wieder in den Sattel zu kommen, wobei ihm Stanislaus behilflich war und nachdem dies nach einiger Mühe gelungen, trabte er dem Schlosse Welhartitz zu. Auch die Musikanten schritten auf ihrem Wege weiter. Je näher sie ihrem Ziele kamen, desto banger wurde es Libussa im Herzen. Der Himmel, der sich seit Tagen in so herrlichem Blau über die Erde gewölbt, verdüsterte sich von Stunde zu Stunde mehr und erhöhte so das Halbdunkel, das in dem Walde herrschte. Auch die Anstrengungen des vorhergehenden Tages, das Nachtlager unter freiem Himmel machte sich jetzt geltend und der alte Antonin wurde so ernstlich unwohl, daß sich die Wanderer genötigt sahen, in dem zu dem prächtigen, hochgelegenen Gute Oberstankau gehörigen Dörfchen einige Stunden Rast zu machen. Von hier aus konnte man die Gebäulichkeiten der etwa noch anderthalb Stunden entfernten Burg Hrádeck schon erkennen. Libussas Seele eilte dem Körper voraus. Sobald sich der Vater wieder einigermaßen erholt hatte, setzten sie ihren Weg fort, denn sie hofften im Dorfe Hrádeck auf gute Nachtherberge. Düstere, schwere Gewitterwolken standen im Westen, und von ferne her rollte der Donner, und so beschleunigten sie ihre Schritte, um noch vor Ausbruch des Gewitters unter Obdach zu kommen. In kurzer Zeit hatten sie denn auch Hrádeck erreicht. Der Thorwart stand vor dem offenen Schloßthore 121 und hielt Ausschau. Nicht ohne Besorgnis betrachtete er das finstere Gewölk. Libussa trat schon die Frage nach Josef Marcon auf die Lippen, aber sie drängte sie zurück, grüßte freundlich und fragte dann, ob die Herrschaft anwesend sei. Der Pförtner blickte sie einen Augenblick prüfend an, dann antwortete er herablassend: »Der gnädige Herr nicht, der ist gestern nach Prag geritten, wohl aber ihro Gnaden hochdessen Frau Mutter. Wollt Ihr im Schloßhofe spielen, so kann ich Euch das schon erlauben, denn ich habe Befehl vom gnädigen Herrn, fahrende Musikanten nicht von der Thüre zu weisen. Also wenn Ihr spielen wollt –« »Gewiß wollen wir,« erwiderte Libussa und sah mit bittendem Blicke die Ihrigen an, welche bereitwillig beistimmten. Wußten sie ja doch, daß Libussa hier ihr Glück zu finden hoffte. »So kommt herein,« sagte der Pförtner, ihnen in den Schloßhof voranschreitend. Sie folgten ihm, nahmen ihre Instrumente aus den Leinensäcken und begannen, sie zu stimmen. »Sind viele Bedienstete hier im Hause?« fragte Libussa. »Jawohl,« entgegnete der Pförtner, »die Stallknechte, der Jäger, die weiblichen Wesen sind alle da, sie hören alle gern Musik und ich obendrein.« Als Libussa von der Anwesenheit des Jägers hörte, klopfte ihr Herz fast hörbar. Nun begannen sie zu spielen. Sogleich öffneten sich einige Fenster im Schlosse und unter der Stallthüre erschienen die Knechte. Der Jäger ließ sich nicht blicken. 122 Nun hoffte Libussa durch ihren Gesang ihn zu locken und sie begann die Romanze von der schönen Bozena. Ihre Stimme ertönte so laut und kräftig, daß man es in allen Räumen des Schlosses hören mußte und sie sang so schön und mit einer Innigkeit, daß alles mit Bewunderung lauschte. Das Lied war zu Ende, aber der Ersehnte war nicht erschienen. Mit banger Neugier blickte sie nach allen Fenstern, nach allen Thüren. Sollte sie wieder getäuscht worden sein? Die Thränen traten ihr in die Augen. Da kam eine Kammerzofe und forderte sie auf, ihr zu folgen; die Burgfrau wolle sie sehen. »Geh nur,« sagte die Mutter, als Libussa zögerte; »wir warten hier auf dich.« Libussa nickte den Ihrigen zu und folgte der Zofe ins Schloß. Diese führte sie in das erste Stockwerk und öffnete dort die Thüre zum Gemache der Burgfrau. Libussa trat ein und stand Frau von Hracin gegenüber. »Du hast soeben ein Lied gesungen, das mir sehr gefällt,« sprach diese freundlich zu dem Mädchen. »Du hast eine herrliche Stimme. Was war das für ein Lied, das du da sangst?« »Das Lied von der schönen Bozena.« »Richtig, ich täuschte mich nicht. Wer sind die Leute, die dich begleiten?« »Meine Eltern und mein Bruder.« »Woher?« »Wir haben keine Heimat. Wir ziehen von Ort zu Ort und spielen, wo man es uns erlaubt. Nur in Prag halten wir uns im Winter zeitweise länger auf.« »In Prag?« 123 »Ja, dort kennt man den Geiger Antonin überall.« »So heißt wohl dein Vater?« »Ja, gnädigste Frau.« »Und du? Wie heißt du?« »Libussa.« »Libussa?« Die Stimme klang plötzlich streng und kalt, so daß das Mädchen erschrocken in das erregte Gesicht der Freifrau blickte. War es nicht eine Libussa, die mit diesem Liede ihren Sohn Humprecht bezauberte? Wenn diese es wäre? Schon der Gedanke machte sie erbeben. Libussa konnte sich diese plötzliche Veränderung in dem Wesen der Freifrau nicht erklären. Sie fürchtete sich förmlich vor diesen durchdringenden Blicken. »Erlauben gnädigste Frau, daß ich nun wieder zu meinen Eltern –« »Nein, bleibe!« herrschte die Schloßfrau sie an. »Gestehe, du bist nach Hrádeck gekommen, um jemanden zu suchen.« »Wie wissen das Ihre Gnaden?« fragte Libussa errötend und ganz die Lage vergessend, in der sie sich befand. »Also ist er wirklich hier? Wo kann ich ihn sehen?« Die Freifrau zeigte schweigend auf das Bild über dem Kamin.« Libussa wandte sich nach der angegebenen Richtung und ein Ruf der Überraschung entrang sich ihrer Brust. »Josef! Ja, das ist er, Josef Marcon.« Sie sah mit Entzücken zu dem Bilde auf. Jetzt streifte ihr Blick das reiche Gewand und plötzlich erinnerte sie sich, was der Bruder gesagt. Alles Blut wich aus ihren Wangen und mit bebender Stimme fragte sie: 124 »Um Himmelswillen, gnädigste Frau, wer – wer ist das?« »Du solltest es nicht wissen? Es ist Humprecht von Hracin, mein Sohn, den du mit deinen verführerischen Augen in deine Netze gelockt –« Sie unterbrach ihre zornig hervorgestoßenen Worte, denn Libussa, unfähig, länger zu stehen, war auf einen Stuhl gesunken und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. »Also betrogen – betrogen!« schluchzte sie. »Nur keine Komödie!« rief die Freifrau. »Du giebst vor, ihn nicht zu kennen und kommst doch auf sein Schloß, ihn aufzusuchen, um ihn aufs neue in dein Netz zu locken. Aber da sei Gott vor!« Sie schritt zur Thüre und zog an einem Glockenzuge. Sofort erschien die Zofe. »Der Richter mit dem Büttel soll sofort zu mir kommen,« befahl sie. Libussa hatte sich wieder etwas aufgerichtet. Ihr Frauenstolz war erwacht. »Was wollt Ihr mit dem Richter? Mit dem Büttel?« fragte sie. »Das sollst du gleich sehen,« lautete die strenge Antwort. »Gnädige Frau, ich habe nichts verbrochen, was des Richtens bedürfte. Nicht Euern Sohn suchte ich hier, sondern Josef Marcon. Unter diesem falschen Namen und unter Verschweigen seines Standes hat er mir ewige Treue gelobt, hat mir versprochen, mich zu seinem Weibe zu machen, hat mich betrogen und verraten. Ruft ihn her, fragt ihn selbst, ob ich die Wahrheit sagte.« »Zu seinem Glücke ist er nicht hier,« erwiderte die 125 Freifrau. »Sein Weib wolltest du werden? Bettelpack, diese Pläne will ich euch vertreiben!« »Ist nicht mehr nötig,« entgegnete Libussa. »Ich liebte Josef Marcon, er lebt nicht mehr.« Und sich zu dem Bilde wendend, sagte sie mit von Thränen unterdrückter Stimme: »Ich fluche dir nicht, Josef. Möge dir Gott verzeihen, was du an mir gethan! Und nun gehabt Euch wohl, gnädige Frau, ich muß zu meinen Eltern –« Die Freifrau vertrat ihr den Weg. »Du bleibst!« rief sie. Und da in diesem Augenblicke der Schloßrichter mit dem Gerichtsdiener eintrat, wandte sie sich an diesen: »Herr Richter, verhaftet mir sofort diese Gauklerin!« »Ich bin keine Gauklerin!« rief Libussa. »Daß sich dieser dort unter falschem Namen mit mir verlobte, ist sein, nicht mein Verbrechen.« Von unten herauf tönte ein lustiges Musikstück; es war ein greller, das Herz Libussas durchschneidender Gegensatz. Die Ärmsten dort unten ahnten nicht, in welch fürchterlicher Lage sich ihre Tochter und Schwester befand. »Laßt mich zu meinen Eltern!« flehte sie, sich vor der gestrengen Frau auf die Knie werfend und die gefalteten Hände zu ihr emporhebend. Jetzt bemerkte die Freifrau an ihrem Finger die beiden wertvollen Ringe und erkannte in dem einen mit dem brennenden Rubin sofort ein dem Familienschmucke entnommenes Juwel. »Woher hast du diesen Ring?« fragte sie. »Von ihm!« hauchte Libussa. »Herr Richter,« sprach die Burgfrau, »diesen Ring hat sich die Gauklerin sicher unrechtmäßig angeeignet. 126 Außerdem klage ich sie an der Zauberei, begangen an meinem Sohne. Laßt sie abführen ins Gefängnis. Ihr bleibt zur weiteren Besprechung hier.« Der Richter gab dem Büttel ein Zeichen. Dieser näherte sich rasch der Angeklagten und fesselte ihr die Hände auf dem Rücken. Libussa schrie laut auf vor Wut und Schmerz. »O meine Eltern!« rief sie aus. »Jagt das Pack aus dem Schlosse!« befahl die Herrin, »treibt sie aus unserm Herrschaftsgebiet. Sie sollen sich niemals wieder hier blicken lassen!« »Schont meine Eltern!« rief Libussa flehend. »Hört Ihr den Donner? Er zeigt Euch an, daß Ihr uns unrecht thut.« »Fort mit der Hexe!« rief die Freifrau. Der Büttel faßte das Mädchen am Arm. Aber Libussa riß sich los und trat noch einmal vor die Gebieterin hin. »Diese Stunde wird Euch keinen Segen bringen,« sagte sie. »Ihr mißbraucht Eure Macht gegen Wehrlose. Wenn das das Anrecht des Adels ist, so zu handeln, wie Ihr es thut und Euer Sohn, so geb' ich keinen Deut für Eure Würde, und das gemeine Weib, wie Ihr es nennt, steht hoch über Euch. Aber noch lebt ein Gott, und der König, der mich gestern seiner Gnade versicherte, wird mich vor Euch schützen, wird mich rächen.« Die Freifrau hatte mit abgewandtem Gesichte diese Rede gehört. Der Richter winkte, und der Büttel faßte Libussa wiederholt und zwang sie, ihm zu folgen. Sie ward in eine kleine, finstere Kammer gebracht und der Büttel gab ihre Hände frei. Dann kümmerte er 127 sich nicht weiter um sie, sondern schloß die Thüre und entfernte sich. Libussa fiel nun ohmächtig der Länge nach auf den Boden hin. Zorn und Schmerz hatten sie überwältigt. Ihre Angehörigen aber wurden aus dem Schlosse gejagt und trotz Sturm und Regen in die Ferne getrieben. Vergebens war ihr Rufen nach Libussa. »Der Hexe wird ihr Recht werden,« erwiderte man ihnen. »Sie hat unsern jungen gnädigen Herrn durch Zauberkünste an sich gelockt, dafür soll sie büßen!« Der Jammer der Musikanten war herzzerreißend. Der Vater murmelte mit geballter Faust einen Fluch, Stanislaus aber schwur, die Schwester zu rächen. Es dunkelte bereits. Der alte Antonin strauchelte mehrmals; er war so erschöpft, daß er kaum mehr weiter 128 konnte. Aber der Büttel drohte mit dem Fanghunde, er mußte das letzte Restchen von Kraft aufwenden, um sich weiter zu schleppen. Endlich, nach ungefähr einer Stunde, waren sie an der Grenze des Gebietes von Hrádeck angelangt und der Büttel mit seinen Knechten hatte dem Auftrage Genüge gethan. »Dort, wo die Lichter brennen, ist Bergstadtl,« sagte er. »Vielleicht findet ihr dort Unterkunft; aber laßt es euch nie wieder einfallen, das Gebiet von Hrádeck zu betreten.« Dann rief er seinen Hund herbei und trat mit seinen Gesellen den Rückweg an. Eine Viertelstunde später kamen die Musikanten, zitternd vor Aufregung und ganz durchnäßt in Bergstadtl, dem durch seinen Silberbergbau so gesegneten Orte, an. Sie fanden in der zunächst des Weges gelegenen Knappenschenke glücklicherweise Aufnahme, freilich nur in einer ganz kleinen Kammer, welche nur für die Eltern Raum bot. Dem Sohne wurde auf der Ofenbank, in der »Hüll«, das Nachtlager angewiesen. Da Stanislaus im voraus die Zeche bezahlte, erhielt er eine dicke Kotze, um sich zu wärmen. In ihrem namenlosen Schmerze und der Angst um Libussa verlangte keines zu essen, noch zu trinken, nur mit sich allein wollten sie sein. – Libussa aber, wieder aus ihrer Ohnmacht erwacht, kämpfte, stille vor sich hinbrütend, mit Wahnsinn und Verzweiflung. Nur hin und wieder faßte sie all ihr Empfinden in dem schmerzlichen Ausruf zusammen: »Josef! Josef!« 129 IX. Die Freifrau von Hrádeck hatte eine lange Beratung mit dem Richter, welcher mancherlei Bedenken über die von der Herrin-Mutter getroffenen Maßregeln zu äußern wagte. Er war anfangs der Meinung, es handle sich um einen Ringdiebstahl, erst nachdem Libussa abgeführt war, entnahm er aus den Äußerungen der Freifrau, um was es sich eigentlich handelte. Frau von Hracin war in ihrer Empörung sehr geneigt, das Mädchen wirklich der Zauberei zu bezüchtigen, obwohl sie als Protestantin in andern Fällen ziemlich frei dachte. Jetzt aber war es ihr vor allem darum zu thun, Libussa auf irgend eine Weise zu beseitigen. Der Richter machte ihr aber klar, daß ein solcher Prozeß den Gutsherrn nur bloßstellen würde; ebenso legte er ihr nahe, daß Humprecht Herr auf Hrádeck sei und er, der Richter, nicht befugt wäre, ohne dessen ausdrücklichen Befehl einen solchen Prozeß einzuleiten. Der junge Herr aber würde gewiß einen solchen Befehl nicht geben. Die Freifrau war weit entfernt, die Richtigkeit dieser Anschauung zu verkennen, aber sie hielt daran fest, daß das Mädchen für immer unschädlich gemacht werden müsse. Humprecht durfte sie nie wieder sehen. Nach den Erklärungen, welcher dieser bereits ihr gegenüber gegeben, würde 130 er sicherlich das Ungeheuere vollführen und sie zu seiner Gemahlin erheben. Das durfte nie und nimmer geschehen, denn nach den Hausgesetzen würde er des Majorats verlustig werden und sein Vetter, Johann Hracin, in den Besitz treten. Das zu verhindern, müßte der Richter die Mittel finden, er müßte ihr mit seinem Rate beistehen. Da es nicht anging, das Mädchen durch richterliches Urteil zu beseitigen, ohne daß Humprecht davon erfuhr, so mußte man auf andere Mittel sinnen. Die Freifrau wollte demselben ja keinen Schaden zufügen, nur mußte es Libussa unmöglich gemacht werden, der Freifrau eigene Pläne zu durchkreuzen, die darin gipfelten, daß sie ihren Sohn mit einer Tochter aus altadeligem Hause zu vermählen suchte. Man beriet also hin und her, und endlich kam der Freifrau ein rettender Gedanke. Sie hatte eine Jugendfreundin, welche zur Zeit einem Nonnenkloster in Klattau als Äbtissin vorstand. Obwohl verschiedener Religion, hielten die beiden doch treue Freundschaft bis zum heutigen Tage, und die Gegensätze, welche in dieser aufgeregten Zeit die Geister verwirrten und verfeindeten, hatten ihre Freundschaft unberührt gelassen. So zweifelte die Freifrau keinen Augenblick, daß die Äbtissin gerne bereit sein werde, auf ihre Bitte hin Libussa auf einige Zeit in den Mauern ihres Klosters zu bergen, wenigstens so lange, bis Mittel gefunden worden, sie auf andere Weise, sei es durch Unterhandlungen und Geldspenden, oder wie immer, aus der Gegend zu entfernen und so Humprechts Nachforschungen zu entziehen. Die Freifrau erwartete ihren Sohn schon in wenigen Tagen von Prag zurück und so mußte die Sache rasch und so still als möglich ins Werk gesetzt werden. 131 Noch in dieser Nacht sollte Libussa nach Klattau gebracht werden. Der Richter hatte nichts Wesentliches einzuwenden. Er war so der Unannehmlichkeit enthoben, einen seiner Meinung nach ungerechten Prozeß zu leiten und war noch dazu von aller Verantwortung befreit, welche die Freifrau ganz allein auf sich zu nehmen versprach. Während diese sich anschickte, an ihre Jugendfreundin zu schreiben, ging der Richter, dem Büttel die nötigen Anweisungen zu geben. Libussa saß in stilles Hinbrüten versunken auf dem harten Lager ihres Gefängnisses, als die Thüre geöffnet wurde und der Büttel eintrat. Er trug in einer Hand eine Laterne, in der andern aber ein Schüsselchen mit heißer Suppe, welches er vor Libussa mit der Aufforderung hinstellte, sie sofort zu essen und sich dadurch etwas zu kräftigen, da sie noch in dieser Nacht in ein Nonnenkloster geschafft würde, in welchem sie zu ihrem eigenen Heile einige Zeit verweilen müßte. »Und meine Eltern?« fragte Libussa. »Weiß nichts von ihnen,« log der Büttel. Er gab dann dem Mädchen noch einige Verhaltungsmaßregeln und warnte es ganz besonders, auf dem Wege ihre Anwesenheit etwa Begegnenden auch nur durch den geringsten Laut zu verraten, oder gar einen Fluchtversuch zu wagen. In diesem Falle, sagte er ihr, würde sie Leib und Leben aufs Spiel setzen, andernfalls jedoch solle ihr kein Haar gekrümmt werden. Libussa war sofort bereit, dem Manne zu folgen. War sie doch froh, wenigstens von Hrádeck fortzukommen. Hier hatte sie ja das Schlimmste erfahren, was ihr an Leib und Seele geschehen konnte. Mit blutendem Herzen, 132 mißhandelt und von den Ihrigen getrennt, verließ sie einen Ort, den sie so voller Hoffnung betreten hatte. Ärgeres Leid konnte ihr wohl nirgends zugefügt werden. Es war ein mit einem Strohlager versehener und mit einer Plache überdeckter Karren, in welchem Libussa zum Transporte untergebracht wurde. Der Büttel saß mit einem Knechte, der das Pferd lenkte, vorne auf einem schmalen Sitze. Des Büttels Fanghund trottete hinterdrein. So verließ Libussa die Burg Hrádeck, die Heimat jenes Mannes, den sie so heiß geliebt und der sie, wie sie meinte, so schändlich betrogen hatte. Ihre Lage war so traurig, ihr Gemüt so düster, wie die sie umgebende Nacht, wie der von keinem Sternlein erhellte Himmel, von welchem dichter Regen niederfiel. In der Knappenschenke zu Bergstadtl war noch Licht, als sie dort anlangten. Die Knappen, welche soeben von der Schicht abgekommen waren, saßen beim düsteren Brande einiger Öllampen vor ihrem Kruge Bier, und der Wirt suchte sie nach Möglichkeit zu unterhalten. Er war gestern selbst in Seewiesen gewesen und wußte gar vieles zu erzählen von dem Jubel, der da geherrscht. Mehr noch als der König habe ihn aber dessen Beichtvater interessiert, Pater Lamormain, der eine eigene Spürnase habe, um Hexen zu entdecken und sie gleich dem Unkraute auszurotten. »Laßt mich in Ruhe mit solchen Dingen,« meinte da ein alter Bergmann. »Ich habe die längste Zeit meines Lebens unter der Erde, in den Tiefen des Bergwerkes zugebracht und da in der ewigen Nacht kommen einem oft seltsame Gedanken. Mir kommt's vor, als wär' hier oben auf der Erde das ganze Jahr Fastnacht. Jeder lauft herum mit einer Larve vorm Gesicht. Nimmt man ihnen 133 die Larve weg, dann sind sie alle gleich gut und gleich schlecht, mit Ausnahme derer, die ihre Mitmenschen absichtlich verfolgen und unter diesen ist der Pater just der schlechteste.« Die Knappen, viele unter ihnen Protestanten, stimmten dem Alten bei. »Du glaubst wohl gar an keinen Teufel?« fragte der Wirt. »An Teufel schon, aber an menschliche, wie da der Pater Lamormain einer ist. Kobold aber giebt's kein', und Hexen auch nit, das glaub ich fest. 's ist heroben ganz anders, wie drunten im Schacht. Da drunten haut man oft lang nix, als taub's G'stein. Find't man aber eine Silberader, so ist's eine wirkliche, da täuscht kein Firlefanz; heroben aber wenn man der Sach' auf den Grund geht, o mein! da sieht man erst, wie man betrogen wird. Ja, d' Welt ist falsch und Wahrheit und Frieden findt man heutigen Tags bald nur mehr unter der Erd.« »Du red'st ja ganz merkwürdig daher,« meinte der Wirt. »Wie erklärst dir aber nachher die G'schicht mit dem Lüneburger Fuhrmann, die ma' sich in Jenewelt unten erzählt? Da war'n doch g'wiß Hexen im Spiel?« »Was ist das? Erzähl's!« hieß es von allen Seiten. Der Wirt wollte eben beginnen, als man einen Wagen anfahren hörte. »Wer kommt so spät noch ang'fahren?« fragte der Wirt überrascht. »Vielleicht gar der Lüneburger,« versetzte der alte Bergmann spöttisch. »Dann kann er's gleich selber erzählen,« lachte der Wirt und begab sich vor die Thüre, um nachzusehen, wer so spät noch bei diesem Wetter unterwegs sei. 134 Es war das Fuhrwerk, welches Libussa nach Klattau bringen sollte, das vor der Schenke angehalten. Der Büttel hatte auf der naßkalten Fahrt seine Schnapsflasche bereits geleert und war willens, dieselbe hier wieder füllen zu lassen. Er war zu diesem Zwecke mit dem Wirte in die Stube getreten. »Wo aus denn heut noch?« fragte der Wirt, die Schnapsflasche in Empfang nehmend, um sie zu füllen. »Amtsgeheimnis!« entgegnete der Büttel mit wichtiger Miene, »ein ganz besonderer Transport. Gieb mir schnell mein' Schnaps, sonst fall ich um.« Stanislaus, der unbeweglich hinter dem Ofen gelegen und deshalb von den Anwesenden gar nicht beachtet worden war, horchte auf. Er erkannte schon an der Stimme den Büttel, der ihn und die Seinen aus dem Gebiete von Hrádeck gejagt. »Setz dich nur ein wenig her zu uns, Nepomuk,« sagten die Knappen. »Der Wirt war g'rad d'ran, uns eine Hexeng'schicht zu erzähln, die kannst jetzt mit anhörn!« »Eine Hexeng'schicht? Die möcht ich freilich hör'n, aber der Knecht fallt mir im Schlaf von sein' Sitz – er hat mir mein' ganzen Schnaps ausgetrunken. Da kommt schon mein Tyras und mahnt mich an meine Pflicht.« Der Hund war auf die Thürklinke gesprungen und hatte so die Thüre selbst geöffnet. Er war seinem Herrn in die Stube nachgeeilt, da dieser vergessen hatte, ihm direkt zu befehlen, auf seinem Platze zu bleiben. Der Wirt beeilte sich, dem Tiere einige Knochen vorzusetzen, denn er wußte, daß er sich durch diese Aufmerksamkeit bei dem Herrn einschmeicheln konnte. Der Büttel setzte sich denn auch schmunzelnd auf einen 135 Augenblick zu den Knappen, um den Hund die guten Bissen ruhig fressen zu lassen und war bald mit den Leuten in einem eifrigen Gespräche begriffen. Stanislaus sagte eine innere Stimme, daß es Libussa sei, die man hier transportierte. Er besann sich nicht lange. Lautlos kroch er hinter dem Ofen vor und schlich sich durch die Küche, von den andern unbemerkt, auf den Gang hinaus. Im nächsten Augenblick stand er vor dem Hause. Da erblickte er einen Plachenwagen, dem er sich leise näherte. Bei dem matten Scheine der am Vorderteile des Wagens angebrachten Laterne bemerkte er, daß der Kutscher, dessen Kopf auf die Brust herabhing, fest eingeschlafen war. Auf den Zehenspitzen schlich er nun nach dem Hinterteile des Wagens und öffnete ein wenig die Plache. »Libussa,« flüsterte er, »bist du da? Ich bin's, Stanislaus.« Ein leiser Ausruf des Staunens wurde hörbar. »Still! Um Gotteswillen, still!« flüsterte Stanislaus. »Schnell komm zu mir, aber ruhig –« Libussa gehorchte eiligst seinen Worten und kroch zu ihm heran. »Aber der Hund?« fragte sie voll Angst. »Er ist fort. Komm nur rasch!« Er war ihr behilflich, aus dem Wagen zu schlüpfen und zog sie dann an der Hand eiligst nach dem Hause. Hier öffnete er leise die Thüre zur Kammer, in welcher die Eltern nächtigten. Sie hatten gleich dem Sohne noch keinen Schlaf gefunden. »Still, keinen Laut!« warnte Stanislaus im Flüstertone. »Libussa ist da! Verratet euch nicht, sonst ist alles verloren.« 136 Dann zog er, nachdem er die Schwester in die Kammer geschoben, lautlos die Thüre wieder zu und eilte nach der Küche, um von dort unbemerkt wieder an seinen früheren Platz zu gelangen. Es glückte ihm dies ohne besondere Schwierigkeit, denn alle folgten mit Aufmerksamkeit der Erzählung des Wirtes, die dieser zum besten gab, und selbst Nepomuk, der Büttel, war ganz Aug' und Ohr und schien seinen Auftrag gänzlich vergessen zu haben. Tyras, der Fanghund lag lang hingestreckt, schnarchend zu seinen Füßen. Das Ereignis, das sich in Jenewelt abgespielt, war aber auch von ganz seltener Art und wohl geeignet, die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu fesseln. In Jenewelt hatten Fuhrleute, welche das Fuhrwerk zu den Glashütten besorgten, sich zu einem Kegelspiele vereinigt. Unter den Fuhrleuten war auch ein solcher aus Lüneburg. Während des Spieles steigt ein Wetter auf und es beginnt zu donnern, so daß einer den Vorschlag macht, das Spiel abzubrechen. Der Lüneburger aber sagt: »Das Wetter braucht ihr nicht zu fürchten, das kommt nicht her; es muß erst mich fragen.« Während er das spricht, zieht er sein Messer aus der Tasche und stößt es von unten in die Tischplatte. Und wirklich scheint sich das Wetter zu verziehen. Da erscheint eine Hexe und bittet den Fuhrmann, sie zu retten, denn sie und ihre Hexenschwester stünden bis zu den Knieen im Wasser. Keine Antwort. Die Hexe verschwindet; bald aber kommt sie wieder. Sie bittet abermals, sie zu retten, denn nun stünden sie schon bis zur Mitte des Leibes im Wasser. Wieder keine Antwort. Wie sie das drittemal erscheint, und wieder bittet, und berichtet, daß ihnen das 137 Wasser nun schon an den Hals ginge und sie ohne seine Hilfe umkommen müßten, spricht er: »Gut. Aber das sage ich euch, her dürft ihr nicht. Haltet euch über die Wälder.« Darauf entfernte er das Messer aus der Tischplatte und sagte zu den Fuhrleuten: »Nun wißt ihr, was ich kann. Ihr könnt es jetzt nicht sehen, aber in wenigen Tagen werdet ihr's hören, was das Wetter für einen Schaden gemacht und wie es hier bei euch ausgesehen hätte, wäre es nicht durch mich gebannt worden.« Und nach einigen Tagen soll wirklich die Nachricht eingetroffen sein, daß auf der bayerischen Seite des Gebirges große Waldstrecken vollkommen vernichtet worden sind. »No', was sagst jetzt?« fragte der Wirt den alten Knappen. »Glaubst jetzt dran?« »Ans schlechte Wetter?« fragte dieser lachend. »Na', an d' Hexen.« Nepomuk schnellte von seinem Sitze auf. Er ward sich plötzlich seines Auftrages wieder bewußt. »Ich muß fort!« sagte er. »Ihr habt's gut, ihr könnt in der trockenen Stuben sitzen bleiben und nachher schlafen gehen; aber ich bejammernswürdiger Mensch mit mein' G'schäft, von dem ich nicht recht weiß, ist's oder ist's nit – in stürmischer Nacht wie ein Hund – Jeß, der Tyras ist noch herin,« rief er, als er des schlafenden Hundes ansichtig ward und weckte ihn mit einem Fußtritte, daß dieser knurrend auffuhr. Dann zahlte er eiligst dem Wirt die Zeche und verließ mit einem »gut Nacht allesamt!« die Stube. Der Hund war mit lautem Gebell schon voraus geeilt. 138 Darüber war der Knecht aus seinem Schlummer aufgewacht. »Kommst endlich!« ließ er den Büttel an. »Ich hab schon Lust gehabt, ohne dich davon z'fahrn.« Der Hund wollte wieder ins Haus zurück. Er winselte und suchte schnuppernd nach der Spur der Entwichenen. Aber Nepomuk deutete sein Benehmen nicht richtig. »Das Hundsvieh!« rief er, sich neben den Kutscher setzend und möglichst weit hinter die schützende Plache kriechend, »will wieder z'rück in die warm Stuben. Er kann dem Sturm und Regen auch kein G'schmack abg'winnen. Aber es hilft dir nix, Tyras, dein Herr muß das gleiche Los mit dir teilen; also: kusch dich! Fahr zu!« wendete er sich dann an den Knecht, »und schau zu, daß wir nit umwerfen.« Der Karren setzte sich in Bewegung. Tyras kehrte einigemale wieder zum Hause zurück, aber er kam jedesmal gleich wieder nach. Wären der Büttel und sein Knecht nicht gleichmäßig betrunken gewesen, sie müßten an der Unruhe des Tieres erkannt haben, daß nicht alles in Ordnung sei. So aber fuhren sie ihres Weges weiter, ohne auch nur zu ahnen, daß etwas fehlte und zwar die Hauptperson: Libussa. – Diese hatte sich an die Brust der Mutter geschmiegt und lauschte atemlos und voll Angst den Vorgängen in und vor dem Hause. Als der Wagen sich endlich in Bewegung setzte und sie aus dem gleichmäßig sich entfernenden Ton entnehmen konnte, daß man ihre Abwesenheit nicht bemerkt habe, seufzte sie tief auf und ein Strom von Thränen schaffte ihrem gequälten Herzen Erleichterung. Sie versuchte es auch, den Ihrigen zu erzählen von all 139 dem Leid, das sie erduldet, aber die Thränen erstickten häufig ihre Stimme. Als die Knappen die Schenke verlassen hatten, und alles im Hause zur Ruhe gegangen war, schlich sich auch Stanislaus zu den Seinigen in die Kammer und bald hatten sie den Entschluß gefaßt, noch vor Tagesanbruch Bergstadtl zu verlassen und in das Gebiet der Künischen zu flüchten. Es war zwar entsetzlich, nach den mannigfachen Anstrengungen in dieser Sturmnacht wandern zu müssen, aber die Sicherheit Libussas verlangte dieses Opfer. Die Mutter schlug vor, den nächsten Weg nach Eisenstein einzuschlagen und dort im Girgalhof um Aufnahme zu bitten, und alle waren mit diesem Vorschlage einverstanden. Es galt nun kein Säumen mehr. Der Büttel konnte jeden Augenblick Libussas Verschwinden bemerken und zurückkehren, sie aufs neue in seine Gewalt zu bringen. »Nur fort! fort!« bat Libussa in ihrer Seelenangst. »Ich will nicht ins Kloster, will nicht eingesperrt sein.« Der Aufruhr in der Natur, das Toben und Heulen des Windes machte, daß sie ungehört aus dem Hause kommen konnten. Bald hatte sie der Wald aufgenommen und hier waren sie vor dem Sturme einigermaßen geschützt. Rastlos eilten sie nun auf dem Waldsteige, den sie am Nachmittage hergekommen, wieder Seewiesen zu. Trotz der Dunkelheit fanden sie sich zurecht und als sie unweit Seewiesen einen zwar auf allen Seiten offenen, aber oben gedeckten Streuschuppen trafen, da gönnten sie sich endlich einige Ruhe von der ermüdenden, mehrstündigen Wanderung. Der Tag war inzwischen angebrochen. Libussa bebte freilich noch vor dem kleinsten Geräusch, aber sie waren nun auf künischem Gebiete, und der Oberrichter würde 140 sie vor dem Büttel von Hrádeck schon zu schützen wissen, so hofften sie. So überließen sich die Erschöpften einem kurzen Schlafe, während Stanislaus Wache hielt. Bald aber war es Zeit zum Weiterwandern. Libussa fuhr erschrocken auf, als der Bruder sie weckte. Aber mit einem glücklichen Lächeln sah sie dann in seine freundlichen Züge und schnell sich ihrer Lage bewußt, schickte sie sich an, mit den Ihrigen weiter zu wandern. Sie gelangten auch glücklich auf den Girgalhof, wo man sie freundlich aufnahm. Freilich verwunderte sich alles über Libussas verändertes Aussehen. Vergebens fragten sie nach der Ursache, so viel aber war gewiß: Libussa war sehr krank. – Der Büttel von Hrádeck war es auch. Das Fuhrwerk war bis vor das Klosterthor gekommen, ohne daß es Nepomuk für nötig erachtet hatte, nach seiner Schutzbefohlenen zu sehen. Er glaubte sie schlafend, da er nichts von ihr hörte. Die Hauptsache war, daß sie gut geborgen war; vorne er, hinten der Hund; was konnte da fehlen? Als das Fuhrwerk vor dem Kloster in Klattau anhielt und auf sein Läuten hin die Pförtnerin erschienen war, übergab er ihr den Brief mit dem Auftrage, denselben sofort der Vorsteherin des Klosters zu überbringen. Dann schritt er mit dem Knechte stampfenden Trittes längs des Wagens auf und ab, um in die steif gewordenen Glieder wieder einiges Leben zu bringen. Es wunderte ihn gar nicht, daß die im Wagen Liegende noch immer regungslos war. Als aber die Pförtnerin zurückkam, bereit, das Mädchen vor die Oberin zu führen, da öffnete er die Plache und rief: »Holla! Auf! Wir sind am Ziel.« 141 Aber diesem Rufe folgte sofort ein kräftiger Fluch, über den die Klosterschwester nicht wenig erschrak. Er warf Decken und alles Stroh aus dem Wagen, aber die Gesuchte fand er nicht. Der Wagen war leer. Er fragte den Knecht, er fragte den Hund, von beiden erhielt er nicht die gewünschte Antwort. »Ich bin ein verlorener Mann!« jammerte er. »Meinen Kopf hab' ich zum Pfand g'setzt, der ist verloren. Das ist ein unersetzlicher Verlust für mich. Aber mit rechten Dingen ist's da nit zugangen. Da steckt was anderes dahinter. Das ist ein Hexenwerk.« Das war der erlösende Gedanke. Ja, Zauberei war hier im Spiel. Wer konnte ihn Teufelskünsten gegenüber verantwortlich machen? »Also, was soll ich der hochwürdigen Frau Oberin vermelden?« fragte die Klosterschwester, mit geheimem Grauen nach dem Wagen blickend. »Ja, was vermelden wir ihr? Eine gehorsamste Empfehlung und unsere Transportantin ist auf eine geradezu unnatürliche Weise verduftet. – ›Unnatürlich‹ bitt' ich besonders zu betonen. Ihro Gnaden, die Frau von Hrádeck hat's schon als Hex betracht! Sie wird einsehn, die Frau von Hrádeck, daß man gegen die Mächte der Hölle unmöglich anstürmen kann. Auch die hochwürdige Frau Oberin wird das gnädigst einsehen und so fahren wir halt wieder heimwärts.« Aber mit dem Heimfahren wurde es so bald nichts. In einer Schenke mußten sich Büttel und Knecht erst von ihrem Schrecken erholen und dann studierte sich Nepomuk allmählich einen ganzen Roman zusammen, der die Hexerei glaubwürdiger machen sollte, denn es war ihm doch der 142 Gedanke gekommen, daß das Mädchen, während er in der Knappenschenke in Bergstadtl saß, entflohen sein könnte. Er zweifelte auch nicht länger, daß seine eigene Nachlässigkeit an dem Verschwinden Libussas schuld sei, aber die andern mußten an einen Zauber glauben. Mit sich selbst zufrieden über seine Erfindungsgabe, fuhr er einigermaßen beruhigt dem Schlosse Hrádeck zu. Weder die Freifrau, noch der Herrschaftsrichter glaubten dort zwar seiner romantischen Erzählung, im Gegenteile erhielt er eine scharfe Rüge und von einer Entlassung ward nur deshalb abgesehen, weil sonst Humprecht um den Grund gefragt und von dem Vorfall Kenntnis bekommen hätte. Es war demnach dem Büttel, wie dem Kutscher nur unter der Bedingung Vergebung zugesichert, daß sie sich verpflichteten, dem Burgherrn gegenüber alles geheim zu halten. Dieser erhielt aber dennoch durch einen eigentümlichen Umstand Kenntnis davon. Nach einigen Tagen von Prag zurückgekehrt, woselbst er sich fast ausschließlich mit Nachforschungen nach Libussa beschäftigte, fand er in einem Gemache seines Schlosses, das er zufällig betrat, Libussas Laute. Er erkannte sie sofort an dem golddurchwirkten blauen Bande, welches er selbst seinerzeit daran befestigt und in welchem der Name Libussa mit Goldfaden eingestickt war. Der junge Freiherr war aufs höchste überrascht, dieses Instrument hier vorzufinden. Er rief sofort den Kammerdiener und die Zofe und befragte sie, wie die Laute hierher gekommen. Aber ehe sie noch Antwort geben konnten, trat Humprechts Mutter ein und sprach: 143 »Nicht von der Dienerschaft, durch mich sollst du erfahren, was sich in deiner Abwesenheit ereignet hat.« Und sie erzählte dem vor Erregung zitternden Sohn, wie sich die Bänkelsängerin in das Schloß gewagt, um angeblich nach einem Jäger mit Namen Josef Marcon zu suchen und als sie ihn in dem Bilde erkannt, sich anstellte, als hätte sie nicht gewußt, daß er der Herr auf Hrádeck sei. Sie hätte dann eine Szene gemacht und um weitern Skandal zu vermeiden, habe sie die Freifrau verhaften und nachts aus dem Schlosse bringen lassen, an einen andern Platz, wo sie gut verwahrt sei und die Ruhe auf Hrádeck nicht weiter gefährden würde. Leider aber wäre sie während der Fahrt auf unerklärliche Weise verschwunden. Humprecht mußte sich Gewalt anthun, um die Mutter zu Ende zu hören. Jetzt aber fragte er mit zornfunkelnden Augen: »Hast du sie mißhandeln lassen?« »Ich bin ihr begegnet, wie es einer solchen Gauklerin geziemt,« erwiderte die Freifrau kalt. »Und das konntest du vollbringen lassen, trotzdem du weißt, daß ich das Mädchen über alles liebe?« »Eben deshalb wollte ich dieser Thorheit ein Ende machen. Nicht eine Bänkelsängerin, eine Tochter aus edlem Hause will ich als meine Schwiegertochter sehen und ich habe bereits gesorgt, daß dir die Wahl nicht schwer werden soll.« »Mutter! Ich merke wohl, daß du mir nicht alles gesagt hast, doch werde ich es erfahren. Was du aber da von einer Schwiegertochter sprachst, so schwöre ich dir jetzt, daß ich meine Hand keiner anderen reiche, als Libussa.« 144 »So lange ich lebe, wird das nicht geschehen!« rief die Freifrau. »So wirst du auch niemals eine Tochter hier begrüßen,« entgegnete der Sohn, »es möchte denn sein, daß ich mich besinne, daß ich Majoratsherr auf Hrádeck und somit mein eigener Herr bin.« »Du bist es gewesen, wenn du dich erniedrigst, eine Unebenbürtige zu heiraten. Johann Hracin tritt dann an deine Stelle.« »Und ich an die seinige. Da ist so viel nicht verloren.« »Das mag dir so scheinen. Ich aber überlebe diese Schande nicht; ich stürze mich eher vom Schloßfelsen hinab in die Wostruschna. Du hast die Wahl zwischen deiner Mutter und der Gauklerin.« Damit entfernte sie sich rasch. Humprecht aber ließ den Büttel vor sich kommen und suchte von ihm herauszubekommen, wohin sich das Mädchen etwa gewandt haben könnte. Nepomuk hatte so viel Verstand, die Sachlage zu begreifen und das, was er bei der Mutter eingebüßt, beim Sohne wieder zu gewinnen. Deshalb sagte er: »Euer Gnaden, mich hat das arme Kind erbarmt. Erst mußte ich die alten Eltern wie Hunde davon jagen, dann die schöne Jungfrau, gebunden, wie ein Stück Vieh bei stürmischer Nacht fortschaffen. Aber unser einer hat auch ein Herz und da hab ich das schöne Kind von seinen Banden befreit. Das Jungfräulein hat jedoch aus meiner Gutmütigkeit Nutzen gezogen. Wie wir am Kloster in Klattau angekommen, da rief ich die Jungfrau und was gab sie mir zur Antwort? Nichts gab sie mir zur Antwort, denn sie hatte sich unterwegs davon gemacht. Und 145 wenn ich deshalb brotlos werde, so will ich lieber Hunger leiden, als so ein armes Geschöpf als böse Hexe behandelt zu haben.« Humprecht hatte den Schwätzer mit Ungeduld zu Ende sprechen lassen. Die erheuchelte Barmherzigkeit des Büttels stimmte ihn zur Milde, und er sagte: »Was du Gutes an ihr gethan, soll dir vergolten werden. Besser, sie ist entflohen, als eingekerkert zwischen Klostermauern. Aber wohin kann sie sich gewendet haben? Wo waren die Eltern?« »Sie übernachteten in Bergstadtl.« »Du wirst sie ausfindig machen, oder wenigstens ausforschen, wohin sie gegangen. Bei ihnen befindet sich vielleicht Libussa wieder. Bringst du mir sichere Kunde von ihr, so werde ich dich reich belohnen. Aber begegne ihr, wenn du sie finden solltest, als wäre sie deine Herrin. Ich reite nach Welhartitz, dorthin bringe mir Kunde.« Der Büttel atmete erleichtert auf. Solch eine Wandlung hatte er nicht erwartet. Er tätschelte sich zärtlich die Wange und sprach zu sich selbst: »Brav, Nepomukerl, ich bin mit dir zufrieden. Du bist auf dem Wege zum Reichtum.« Der Fuhrknecht aber riß ihn aus diesen rosigen Betrachtungen, indem er meinte, der Herr hätte ihm ebenso gut zu danken, denn wenn er damals nicht geschlafen hätte, wäre dem Mädchen die Flucht nicht gelungen. Er beanspruche deshalb die Hälfte der Belohnung, die ihm Nepomuk auch zusagte. Letzterer ging nun auf Kundschaft aus und schon am Abend des zweiten Tages war er so glücklich, seinem Herrn 146 melden zu können, daß sich Libussa auf dem Girgalhofe bei Eisenstein befinde. Humprecht hatte sich nach dem Auftritt mit seiner Mutter von Hrádeck entfernt und wohnte seitdem bei seinem Freunde in Welhartitz. Selbstverständlich ritt er am nächsten Morgen mit Libussas Laute und begleitet von seinem Freunde Wolf, nach dem Girgalhof. Libussa saß auf der Gredbank der Schaluppe, welche die Spielmannsfamilie zur Zeit bewohnte, als die beiden Edelleute vorüber ritten. – Kaum hatte Humprecht sie erblickt, stieß er einen Freudenruf aus, sprang vom Pferde und eilte zu der Geliebten hin, die, blaß und zitternd, nicht in der Lage war, sich von ihrem Platze zu erheben. »Libussa,« rief Humprecht, »kennst du mich noch?« Libussa nickte bejahend, dann sah sie ihn eine Weile 147 starr an; endlich rief sie schmerz- und freuderfüllt zugleich: »Josef! Josef!« und schlang ihren Arm um seinen Nacken. In seligem Schweigen lag sie an seiner Brust. Nach einer Weile zog sie den Arm zurück und fragte: »Ist es wahr, du bist nicht mehr mein Josef?« »Wer soll ich denn sein, Libussa?« fragte er dagegen. »Dir bin und bleibe ich Josef. Ich weiß, was dir widerfahren ist, laß's mich nicht büßen. Ich will alles wieder gut machen. Was kann dir daran liegen, ob ich Herr oder Diener bin! Du liebst mich, ich liebe dich – ob Josef Marcon oder Humprecht Hracin – mein Herz gehört dir in alle Ewigkeit.« Während Wolf die beiden Pferde einem Knechte übergab, kam auch Libussas Mutter heran, die allerdings nicht recht wußte, wie sie dem Herrn begegnen sollte. »Gebt mir nur die Hand, Mutterl,« sagte Humprecht. »Ich bring Euch gute Botschaft aus Prag, von Eurem Schwager, dem Gärtner am Strachower Thor.« »Der ist ja unser Feind,« entgegnete Frau Antonin. »Er ist Euer Freund und meint es gut mit Euch,« behauptete Humprecht. »Und ich, ich meine es auch gut. Laß mir nur deine Hand, Libussa, ich lasse sie nicht mehr.« Und nun beruhigte er die Geliebte durch seine herzlichen Erklärungen; nicht lange währte es, so strahlte Libussas Antlitz wieder vor Glück und Freude. Frau Antonin aber brannte vor Neugierde, was Humprecht aus Prag Neues zu berichten habe. Er gab ihr endlich Bescheid. Als er nämlich in Prag wiederholt nach den Spielleuten gesucht, kam er auch zu Antonins Bruder. Von diesem erfuhr er, daß dessen alte Haushälterin plötzlich mit Tod abgegangen und er nunmehr die Kinder Antonins zu 148 seinen Erben eingesetzt habe. Es wäre sein sehnlichster Wunsch, daß Antonin mit seiner Familie baldmöglichst zu ihm in sein Haus zöge; er fühle sich jetzt einsam und müsse mit fremden Leuten hausen, was ihm gar nicht passe. Diese Nachricht ward selbstverständlich von der ganzen Familie mit Jubel aufgenommen. Als Vater Antonin davon hörte, meinte er: »Ja, ja, ist immer gut gewesen, Bruder Frantisek, herzensgut, aber halt kein Freund von Musikant.« »Endlich, Libussa, sollen auch wir eine Heimat haben,« rief die Mutter. Libussa blickte dankbar zu Humprecht hin. »Dein Kommen bringt immer Glück!« sagte sie zärtlich. Stanislaus hatte sich beeilt, die glückliche Nachricht bekannt zu machen und der Girgalherr, der mit Wolf von Perglas zusammensaß, erbot sich, die Spielmannsfamilie nach Prag fahren zu lassen. Dann lud er seine Gäste zu einem Imbiß ein. Libussa drückte die Laute, welche ihr Humprecht übergeben, mit Freudenthränen an ihre Lippen. Erst gegen Abend schieden die Freunde. Die Abreise der Spielmannsfamilie ward schon auf den nächsten Tag festgesetzt. Humprecht gab das Versprechen, sie recht bald in Prag zu besuchen. – Als Antonin und seine Familie nach herzlichem Abschiede vom Girgalhof abgereist waren, meinte Wenzel: »Jetzt ist der gnädige Herr von Hrádeck den schwarzen Augen zum Opfer gefallen. Er kann schauen, wie er wieder loskommt!« 149 X. Der Oberrichter hatte sich, wie angeordnet, mit den Freihofbesitzern Poschinger und Schürer auf die Reise nach Wien gemacht. Eisner trug die Ablösungssumme in blanken Goldstücken im Leibgurt bei sich. Er hatte nicht erst gewartet, bis die Freibauern dieselbe zusammenbrachten, sondern es aus seinem Eigenen vorgestreckt, auf daß keine Zeit versäumt werde. Reichte das Geld nicht aus, so war in Wien das reiche Handlungshaus Schirmer, welches mit ihm in Geschäftsverbindung stand und an welches er die Produkte seiner Glashütte absetzte, zumeist böhmische Glaskorallen, hier »Patterln« oder »Betteln« genannt. Dorothea, die Tochter Schirmers, war mit Marianka zu gleicher Zeit zu Linz in einer klösterlichen Erziehungsanstalt gewesen und sie hatten dort innige Freundschaft geschlossen, weshalb Marianka ihrem Vater nicht nur viele herzliche Grüße, sondern auch ein kleines Geschenk in Form eines goldenen Kreuzleins mitgab. Unter den herzlichsten Segenswünschen von den Seinigen verließ er am frühesten Morgen Seewiesen. Die Reise wurde zu Pferd über Budweis ausgeführt. Jeder der Freibauern hatte einen berittenen Knecht bei 150 sich. Sie bedurften fast fünf Tage, bis sie die Kaiserstadt erreichten. Eisner fand bei dem Kaufherrn Schirmer die gastlichste Aufnahme, während seine übrigen Begleiter in einem Gasthause abstiegen. Schon am nächsten Tage ließ sich die Deputation der Freibauern in der Hofburg bei Kaiser Matthias zur Audienz melden. Der sechzigjährige, etwas kränkelnde Kaiser empfing die Abgeordneten, sobald er durch einen Kämmerling von ihrem Wunsche unterrichtet war, sehr gnädig, besonders den Oberrichter, welchen er von Prag her kannte, wo er ihn, da Eisner zu den Ständen Böhmens gehörte, schon etliche Male gesprochen hatte. Die Majestät schien jedoch mißgestimmt zu werden, als der Oberrichter das Handschreiben König Ferdinands überreichte. Hätte Eisner den Kämmerling nicht schon im voraus unterrichtet, daß die Freibauern außer der Pfandsumme noch eine gleich große für den Kaiser zu übergeben willens seien, wenn sie die kaiserliche Versicherung erhielten, daß sie niemals wieder von der königlichen Kammer getrennt, d h. nicht wieder verpfändet würden, so wäre die Mission jedenfalls gescheitert. So aber befahl Matthias seinem Kanzler, eine Urkunde auszustellen, in welcher sie die vom Kaiser verlangte Versicherung erhielten. Eine zweite Urkunde sollte der Oberrichter zugleich mit der Pfandsumme der bisherigen Schutzherrschaft aushändigen, in welcher dieser geboten wurde, auf das Gebiet der Freibauern keinerlei Ansprüche mehr zu erheben. Die beiden Schriftstücke, mit des Kaisers Unterschrift und Siegel versehen, sollten ihm am andern Tag eingehändigt werden. Die Freibauern waren überglücklich über dieses 151 Ergebnis. Die Kaiserin Anna empfing dieselben ebenfalls und unterhielt sich mit ihnen in der herablassendsten Weise. Sie sprach die innigsten und besten Glückwünsche für das Böhmerland aus, das so glücklich sein könnte, wenn die beiden Parteien friedlich mit einander auszukommen wüßten. »Überbringt meine Grüße dem schönen Königreiche, das ich und der Kaiser wohl nie wieder sehen werden,« sprach sie mit Thränen in den Augen. »Das wolle der Himmel verhüten,« entgegnete Eisner. »Möge das Leben Seiner Majestät ein langes und gesegnetes sein, und nichts zu einer Befürchtung Anlaß geben. Um das wollen wir Gott bitten alle Tage.« »Euch glaub ich das wohl,« meinte die Kaiserin. »Aber ich täusche mich deswegen nicht: er lebt manchem schon zu lange. Reiset mit Gott!« Die Männer verließen, von den letzten Worten der Kaiserin eigentümlich berührt, die Hofburg. Sie wußten ja recht gut, auf wen sie anspielte. Hatte doch Erzherzog Ferdinand fortwährend in den Kaiser gedrängt, ihn schon jetzt als König von Böhmen krönen zu lassen und es war leicht zu erraten, daß er es kaum erwarten konnte, dort Alleinherrscher zu sein, da er sich schon jetzt, wenige Monate nach der Krönung, in die Regierungsgeschäfte einmischte und den Statthaltern Befehle erteilte, wozu er doch noch nicht berechtigt war. »Ja, ja,« sagte da einer der Freibauern, »das Glück wohnt nicht immer in Palästen. Er mißgestimmt, krank, gichtbrüchig – sie in Thränen.« »Das ist wohl nur gerechte Vergeltung,« meinte der andere. »Er hat es ja seinem eigenen Bruder, dem Kaiser Rudolf, nicht anders gemacht, hat ihm das Leben 152 verbittert, sich dessen Renten angeeignet und ihn noch bei Lebzeiten vom Throne verdrängt, so, daß dieser nach einer Reihe von Kränkungen verarmt, seiner Kunstschätze beraubt, in denen er noch Lebensfreude gefunden, abgehärmt, vernachlässigt in seiner Kleidung lebte und unbetrauert und verachtet gestorben ist. Es mag ihm nun im Alter, wenn er so allein auf seinem Krankenlager liegt, wohl die Erinnerung an den Fluch seines Bruders den Kopf durchqueren.« »Jeder trägt selbst das Seinige dazu bei, wie sich sein Alter gestaltet,« versetzte der Oberrichter. »Wenn der Gärtner nicht schon im Frühjahr sorgsam darauf bedacht ist, wird er im Sommer keinen Aug' und Herz erfreuenden Blumenflor um sich haben. Doch lassen wir das. Sonst ist es ja schön in der Kaiserstadt und wir haben erreicht, was wir gewollt.« Die Freibauern waren sämtlich bei dem reichen Kaufherrn zu Gaste geladen und beim feurigen Ungarwein, den Frau und Tochter kredenzten, vergaßen sie die Trübsal anderer und freuten sich des glücklichen Erreichens ihrer eigenen Vorteile. Andern Tags holten sie in der kaiserlichen Kammerkanzlei die bereits ausgefertigten Dokumente. Als sie aus dem Thore traten, hielt vor diesem soeben eine Sänfte, welcher zu nicht geringem Erstaunen der Freibauern die Gräfin Juditha von Kolowrat entstieg. Frau Juditha erblaßte förmlich, als sie sich dem Oberrichter gegenübersah, der den Hut ziehend, sie ehrerbietigst begrüßte. Sie wußte, was die Freibauern planten und eilte nach Wien, den Plan zu vereiteln, und nun waren sie ihr doch zuvorgekommen. Und warum? Weil ihr Kleid, 153 welches sie bei der Audienz in der Hofburg zu tragen wünschte, nicht früher fertig geworden war. Dieses Kleid kostete ihr das Gebiet des künischen Waldhwozd! Doch faßte sie Hoffnung, daß noch nicht alles verloren sei. »Ei, ihr hier in Wien?« sagte sie. »Und zu dreien? Davon habt ihr mir ja kein Wort gesagt, als ich zum Königsfeste bei euch war?« »Euer Gnaden, es giebt Dinge, über die man nicht gerne zum voraus spricht, die man erst erledigt, um sie dann als Thatsache kundgeben zu können,« entgegnete der Oberrichter. »Nun, und ihr könnt das?« fragte die Gräfin. »Ich bin so glücklich, Euer Gnaden. Ich habe auch Euch ein Dokument zu übermitteln. Wann gestatten Euer Gnaden, daß ich es übergebe?« »Sogleich!« erwiderte die Gräfin, die vor Neugierde brannte, zu erfahren, wie weit die Bauern in ihrer Angelegenheit gekommen seien. Der Oberrichter willfahrte ihrem Wunsche. »Was enthält das Schreiben?« fragte sie mechanisch, denn sie ahnte es, als sie das kaiserliche Siegel daran erblickte. »Es besagt, daß der Pfandverband gelöst und Euer Gnaden der Schutzherrschaft über uns enthoben seid. Ich bitte Euer Gnaden nun, bestimmen zu wollen, wann und wo Ihr die Pfandsumme gegen Quittung in Empfang zu nehmen gedenkt.« Juditha durchflog die Urkunde und warf sie dann in ihre Sänfte. Dann blickte sie erregt in das ruhige Gesicht des Oberrichters und fragte spöttisch: »Also für ewige Zeiten habt ihr euch vorgesehen?« 154 »So ist's, Euer Gnaden. Wir wollen frei bleiben, so gut es Euer Gnaden in Ihrem Dominium zu bleiben wünschen.« »Ewig!« lachte Frau Juditha höhnisch auf. »Da muß ich doch lachen. Ja, wenn Kaiser Matthias ewig am Leben bliebe, dann vielleicht – vielleicht sag' ich. Aber seine Nachfolger werden sich wenig um das »ewig« kümmern, wenn ihre Kassen leer sind. Man wird sich dann der Grafen Kolowrat wieder erinnern.« Mit dieser verborgenen Drohung bestieg sie wieder ihre Sänfte, um sich in ihre Wohnung zurücktragen zu lassen. Den Oberrichter beschied sie zu sich. Dieser aber ließ sich durch die Aussicht, die ihm die erzürnte Frau vor Augen gestellt, die Freude über seinen Sieg nicht verkümmern. »Für jetzt haben wir unsere Freiheit,« sagte er zu seinen Begleitern, »und so lange das Wort eines Kaisers heilig ist, bleibt sie uns auch erhalten.« Als Eisner gegen Abend in das Palais kam, in welchem die Gräfin abgestiegen und er die betreffende Pfandsumme in Gold übergeben und die Quittung hiefür erhalten hatte, teilte sie ihm weniger aus Leutseligkeit als aus Eitelkeit mit, daß ein Freund ihres verstorbenen Gemahls, der Woiwode von Moldau, Graf de Serin aus dem alten, kroatischen Grafengeschlechte der Zriny, dem der Held von Szigeth entstammte, um ihre Hand angehalten habe und noch heute die Verlobung gefeiert würde. Eisner gratulierte und meinte: »Somit werden Euer Gnaden künftighin »Fürstin« heißen.« »Das werde ich,« entgegnete sie mit leuchtenden 155 Augen. »Es ist immer besser, emporzustreben, als hinabzusteigen.« Eisner wußte recht gut, daß sie mit dem »Hinabsteigen« die einst mit Freiherrn von Perglas vergebens erhoffte Verbindung meinte. Dann sagte er: »Der Woiwode hat meines Wissens – Familie?« »Nur ein Töchterchen«, entgegnete Juditha, »Maria Magdalena, ein reizendes Mädchen – ich werde es sehr lieb haben.« Der Oberrichter wünschte, daß des Himmels Segen über ihr und ihrem neuen Hause walten möge und bat schließlich für die künischen Freibauern um ein gnädiges Gedenken. »Die Freibauern?« rief sie jetzt erzürnt, »gedenken werde ich derselben – wir haben noch nicht abgerechnet –« »Ich dächte doch,« fiel Eisner ein. »Ich halte ja die Quittung in der Hand.« »Es giebt noch andere Abrechnungen als mit Geld,« meinte Juditha. »Ich habe mich an manches zu erinnern. Gehabt Euch wohl! Reiset glücklich!« Sie entfernte sich rasch, daß Eisner nichts mehr erwidern konnte. Er mußte lächeln, denn er wußte wohl, daß das heißen sollte: »Brecht Euch den Hals auf der Heimreise!« Er wollte schon möglichst vorsichtig sein, dies zu verhindern. Am darauffolgenden Tage traten sie die Heimreise an. – Dorothea, des Kaufherrn Tochter, entbot der Freundin ihren Gruß und bat Eisner, die Tochter einmal zu ihr in die Kaiserstadt zu schicken, damit sie erkennen lerne, was leben heiße. Dem reichen Kaufmannskinde war es unbegreiflich, wie ein junges Mädchen in der 156 Abgeschlossenheit der Wälder zufrieden und glücklich sein könne. Der Oberrichter lachte ob dieser Anschauung und meinte, wer die grünen Tannen um sich her gewohnt sei und seine Freude gefunden habe am lustigen Vogelschlag und am Rauschen der Berggewässer, der habe kein Verlangen, in den engen Mauern einer Stadt zu leben. Dorothea sollte nur einmal mit ihrem Vater nach Seewiesen kommen, in das stille Waldthal, da würde es ihr vielleicht auch gefallen. Sie würde dort Reize und ein Glück kennen lernen, die keine Stadt zu bieten vermag. Dorothea versprach, bei Gelegenheit dieser herzlichen Einladung zu folgen, und schickte auch ihrerseits der Freundin ein kleines Andenken. Dann trennte man sich. – Im stillen, grünen Seewiesener Thale hatte das Glück in der That goldigen Einzug gehalten. Nicht Waldesrauschen und Vogelsang allein waren es indessen, die dasselbe herbeigeführt, sondern das in Stadt und Land, bei arm und reich überall gleich sich einstellende und das Leben verklärende Empfinden, welches man »Liebe« nennt. Herr Wolf von Perglas hatte schon einige Tage nach Eisners Weggang auf dem Eisnerhof zugekehrt. Die Muhme, welche von der politischen Gegnerschaft ihres Vetters und derer von Welhartitz noch nichts wußte, fühlte sich durch den Besuch des erst jüngst wieder heimgekehrten Junkers höchlich geschmeichelt. Marianka gedachte wohl der Rede ihres Vaters, doch des Junkers Liebeswerben ließ sie bald den Ernst derselben vergessen. Täglich kam dieser nach Seewiesen geritten, bald auf dem Wege längs der Wostruschna, bald über das bewaldete Bergland; einige Male sogar in Begleitung Humprechts von Hracin. Die jungen Leute zogen die 157 Muhme bald ins Vertrauen und diese freute sich darüber, daß die beiden ihrer schon in der Kindheit begonnenen Neigung zu einander treu geblieben. Sie sah die Hindernisse nicht, die sich ihnen in den Weg stellten, zumal da Wolf erklärte, daß sein Vater seine Wahl vollkommen billige. Daß der Oberrichter etwas dagegen einzuwenden haben könnte, das hielt die Muhme für ganz ausgeschlossen. Es waren prächtige Herbsttage eingetreten. Die Holzbirnbäume, welche überall einzeln in den Feldern standen, leuchteten im tiefen Rot ihrer Blätter, gleichsam als die Herolde des angekommenen Herbstes. Diese Holzbirnbäume waren gleichwie den alten Slaven, so auch den alten Deutschen heilig und deshalb legten auch die Enkel nicht die Axt an sie, sondern besangen sie in ihren Volksliedern, deren eines beginnt: »Steht im Feld ein breiter Birnbaum.« In Polen erhebt sich die Krone des Holzbirnbaumes gleichfalls überall aus dem Korn, unangetastet von der Hand des Ackermanns. (Dr. Rich. Andree.) Die Laubbäume am Rande der Wälder hatten sich in gelb und braun gekleidet, deren heitere Farben um so stärker abstachen von dem dunklen Grün der Tannen und Fichten und Föhren. Eine alte Linde, vor dem Freibauernhofe stehend, breitete ihre Äste über die am Stamme angebrachte Bank, auf welcher das glückliche Paar die seligsten Stunden verbrachte, von einer schönen Zukunft träumend, träumend bis zur Ankunft des Vaters, der sie jäh aus diesem Traume erweckte. Nachdem der Oberrichter mit seinen Begleitern in der Heimat glücklich angekommen, verbreitete sich rasch die freudige Kunde von dem günstigen Erfolge der Abgesandten. 158 Die Freibauern jubelten. Jetzt fühlten sie sich wieder als »adelige Herrn«, in allen Kirchen wurden Festgottesdienste abgehalten und dem Oberrichter der Dank aller in herzlichster Weise entgegengebracht. Als nun Wolf von Perglas kam, den Oberrichter zu beglückwünschen, nahm dieser Anlaß, über dessen Verhältnis zu Marianka sich zu äußern. Es geschah dies selbstverständlich nicht in verletzender Art. Der Oberrichter war ja dem Junker dankbar für den guten Rat, den ihm derselbe durch Marianka in Gutwasser hatte übermitteln lassen, und er sprach ihm diesen Dank auch aus. Aber von einer Werbung um seine Tochter bat er ihn, so lange abzustehen, bis die politischen Verhältnisse sich etwas geklärt hätten. Auch der Glaubensunterschied bildete zwischen den Liebenden eine in damaliger Zeit fast unübersteigliche Schranke, obwohl der Oberrichter recht gut wußte, daß die Gräfin Kolowrat daran für sich keinen Anstoß genommen hätte. Er machte Wolf klar, daß er als Oberrichter der katholischen Freibauern mit ihm, der ja der Gegenpartei angehöre, in keinem Verkehr stehen könne, ohne sich des Verdachtes auszusetzen, daß er zur feindlichen Partei hin neige. Sich von einem solchen Verdachte frei zu halten, verlange die Klugheit und Selbsterhaltung. Wolf von Perglas mußte anerkennen, daß der Oberrichter recht habe, so schwer es ihm auch fiel, seine Besuche einstellen zu müssen. Er gab damit aber nicht die Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf. In Gegenwart des Vaters nmschlang er Marianka und sprach: »So sind wir als Kinder fest verschlungen 159 hinabgestürzt, so treu vereint halten wir uns fürs Leben. Willst du, Marianka?« »Du weißt es, Wolf,« erwiderte diese, sich zärtlich an ihn schmiegend. »Daß Ihr mein Kind glücklich machen wollt, Junker, das weiß ich,« versetzte Eisner gerührt, »nur fürchte ich, daß Ihr es nicht könnt. Die Grafen Thurn, Fels und Schlick werden Euch verleiten, unser armes Böhmerland wiederholt in Kampf und Zwietracht zu stürzen. Entsagt dem Bunde, dem Ihr Euch angeschlossen und noch heute begrüße ich Euch mit Freuden als meinen Eidam.« Wolf war in peinlicher Lage. Er sah sich plötzlich zwischen Liebe und Pflicht gestellt. »Entsage!« flehte Marianka mit innigem Blick. »Alles, alles, mein Lieb, brächte ich gerne zum Opfer, um dich schon jetzt besitzen zu dürfen,« versetzte Wolf, »aber meine Ehre, mein Eidschwur – Marianka, könntest du einen Meineidigen lieben, einen Ehrlosen?« »Heißt das ehrlos sein, wenn man die von Gott eingesetzte Obrigkeit achtet?« fragte der Oberrichter. »Von Gott?« fragte der Junker zurück. »Sagt lieber, von einem schwachsinnigen Kaiser, entgegen dem tausendjährigen Rechte Böhmens, sich seinen Fürsten selbst zu wählen.« »Es wird sich alles in Güte lösen,« hoffte der Oberrichter. »König Ferdinand wird die Parteien zu versöhnen wissen. Ich bitte Euch deshalb nochmals dringend, haltet Euch durch nichts gebunden, was wider Recht und Ordnung geht. Der größte Teil des böhmischen Adels hat dem König gehuldigt. Ich hab' es mit eigenen Augen gesehen, ich war zur Krönung in Prag. Eure Partei 160 muß unterliegen. Und was dann? Bedenkt diese Möglichkeit.« »Es wäre feige, mit Niederlagen zu rechnen.« »Nein, Junker, das wäre Klugheit. Besinnt Euch, erwägt alles, denkt, daß ich ein mehr ruhig denkender Mann bin, als Euer Vater, der an Fehden gewöhnt ist. Ich kenne den Grafen Thurn ziemlich genau. Er ist ein Streber, er wird Euch opfern, damit er seine Absichten erreicht. Glaubt mir, nicht um der Politik und des Glaubens willen beschwört er vielleicht einen neuen Landfriedensbruch herauf, nur seinem Eigennutz soll er dienen.« »Ihr kennt ihn nicht, Herr Eisner, Ihr verkennt ihn,« verteidigte Wolf. »Thurn ist ein Mann von lauterer Seele. Er denkt nicht an sich, nur an die heilige Sache.« »Ihr werdet in Eurem edelmütigen Vertrauen bitter enttäuscht werden,« beharrte Eisner bei seiner Meinung. »Und seht, Junker Wolf, ich sehe unter diesen Umständen keine glückliche Zukunft für mein Kind an Eurer Seite. Glaubt mir, es schmerzt mich doppelt: Für Euch und für meine Tochter. Kann ich dereinst Mariankas Hand in die Eure legen mit der Gewißheit, daß das Glück Eures Hauses nicht in einem Bruderkrieg zerstört wird, in dem Ihr, wohlgemerkt, auf der Seite meiner Gegner stehen würdet, dann soll es mich freuen, Euch meinen Sohn zu nennen, denn Eure Person ist mir lieb und wert. Daß Euch Marianka treu bleibt, das glaube ich wohl behaupten zu dürfen.« Wolf von Perglas wußte dieser Sachlage gegenüber nichts einzuwenden. »Ich will erwägen,« sagte er, »was sich mit meiner Ehre und meiner Liebe vereinbaren läßt. Lebt wohl, 161 Herr Eisner, und du, Marianka, halte fest zu mir im Frieden, wie im Sturm. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder!« Eisner und Marianka gaben ihm das Geleite bis in den Hof, wo ein Knecht sein Pferd hielt. Rasch schwang er sich in den Sattel und nochmals grüßend ritt er von dannen. »Vater,« sagte Marianka, als sie ins Haus zurück gingen, »du siehst doch gar zu schwarz.« »Nein, mein Kind,« entgegnete Eisner. »Ich bin zwar kein Prophet, aber so viel ist gewiß, wir gehen trüben Zeiten entgegen. Dunkles Gewölk zieht sich am politischen Horizont zusammen, gebe Gott, daß der gute Wolf nicht von einem Blitze zerschmettert werde.« Erschrocken blieb Marianka stehen und blickte mit Entsetzen in des Vaters Gesicht. »Was fürchtest du?« fragte sie erblassend. »Die Zukunft,« entgegnete Eisner. »Laß uns beten, daß der Friede im Lande nicht gestört werde.« Über Krieg und Frieden dachte auch Wolf von Perglas nach, als er langsamen Schrittes seiner Burg zuritt. Mariankas Besitz hing von dem Frieden des Landes ab. Eisners Äußerungen über den Grafen Thurn gingen ihm im Kopfe um. Der Oberrichter war nicht der Mann, der jemanden ungerecht anklagte. Um so mehr beunruhigte ihn die schlimme Beurteilung des Defensors. Er wollte auf der Hut sein und nach Beweisen fahnden. Jedenfalls würde er seinem Vater mitteilen, was er gehört. In seine Gedanken vertieft, hörte er sich plötzlich von Humprecht angerufen, der ihm entgegengeritten war. 162 »Es scheint, du machst Verse,« rief ihm dieser zu, »oder Wirtschaftspläne.« »Weder das eine, noch das andere,« entgegnete Wolf. »Ich bin nur tief beunruhigt und du sollst erfahren, weshalb.« Und er erzählte dem Freunde die Unterredung mit dem Oberrichter. »Glaube das nicht!« versetzte Humprecht, als er geendet. »Das sind nur falsche Anklagen seiner Feinde. Für Thurns Ehrenhaftigkeit und Uneigennützigkeit kann jeder von uns die Hand ins Feuer legen, so gut, wie für meine Onkel, die Grafen Joachim und Heinrich Schlick. Graf Joachim ist heute nach Hrádeck gekommen. Er erwartet uns, und ich ritt dir entgegen, dich dorthin einzuladen, denn nunmehr muß ich meine Selbstverbannung von dort aufgeben. Dein Vater ist bereits dort.« Dann aber schlug er plötzlich einen wärmeren Ton an. »Denke nur, ich habe Libussa nochmals unterwegs nach Prag überrascht. Heute wird sie dort ankommen und endlich eine Heimat finden, nach der sie sich so sehr gesehnt. Nun aber müssen die Herzen schweigen. Graf Joachim hat wichtige Nachrichten vom mährischen Adel, der sich uns anschließt. Ich brenne vor Begierde, näheres zu hören. Laß uns eine schärfere Gangart einschlagen, damit die alten Herren nicht allzu lange auf uns warten müssen.« Sie gaben ihren Pferden die Sporen und sprengten ohne weitere Verzögerung der Burg Hrádeck zu. 163 XI. Herr Joachim Andreas Schlick, Graf von Passaun und Ellenbogen, böhmischer Oberstlandrichter, Direktor und Landvogt in der Oberlausitz, der Bruder der Freifrau von Hracin, war von hocharistokratischem Aussehen. Er hatte dieselben feingeschnittenen Gesichtszüge, wie seine Schwester, auf welchen zumeist ein tiefer Ernst lag. Er stand in den Fünfzigern und trug gleich den meisten protestantischen Edelleuten ein dunkles Wams und hohe Reitstiefel. Der Graf hatte von seiner Schwester mit großem Unwillen von Humprechts Abenteuer gehört und hoffte durch sein Kommen diesen Dingen ein Ende zu machen. Er hatte deshalb die beiden Herren von Perglas nach Schloß Hrádeck entboten und seinem Neffen ebenfalls befohlen, dorthin zu kommen. Graf Schlick gehörte nebst Kolon von Fels und dem Grafen Thurn zu den Häuptern der Oppositionspartei der Stände und diese suchte ernstlich mit den der Regierung widerstrebenden Parteien in den übrigen Kronländern ein Einverständnis zu erzielen und verhandelte insgeheim auch mit den deutschen protestantischen Fürsten und einigen anderen Mächten, so mit dem Herzog von Savoyen, mit Venedig und Holland, ebenso mit Frankreich, die alle in 164 Erwägung zogen, wie der Macht der Habsburger deutscher, wie spanischer Linie ein Ende gemacht werden könnte. Die Protestanten wurden zu ihren Maßnahmen durch die Intoleranz der Mönche immer mehr gedrängt. Letztere sahen mit Zittern den täglichen Anwuchs der Nichtkatholischen und widersetzten sich nach Möglichkeit der Ausbreitung der Protestanten, die den Majestätsbrief des Kaisers Rudolf in Händen hatten. Als nun diese in Braunau und Klostergrub neue Kirchen bauten, widersetzten sich die geistlichen Grundherrn dieser Orte, von den Jesuiten aufgemuntert, diesem Unternehmen, sperrten gewaltsam diese Kirchen und schleiften sie endlich ganz, vorgebend, beides sei auf Befehl des Kaisers geschehen. Da schickten die Braunauer ihre Abgeordneten nach Prag an die Statthalter des Reiches, um Klage zu erheben. Sie wurden aber ergriffen und ins Gefängnis geworfen. Dieses Vorkommnis erregte die Protestanten in hohem Grade und sie beschlossen, nicht länger mehr zuzusehen, sondern sofort handelnd einzugreifen. Die protestantischen Stände versammelten sich im Karolinum zu Prag, um sich in betreff ihrer Religionsfreiheit zu beraten, luden dann alle königlichen Städte und die Einwohner Prags ein und erklärten die vom Kaiser erlassene Verordnung für ungiltig. Sie schickten auch eine Bittschrift an den Kaiser nach Wien, in welcher sie ihm ihre Beschwerden klar darlegten. So standen die Verhältnisse an jenem Tage, an welchem Graf Schlick nach Hrádeck kam. Der alte Perglas, dessen Gichtleiden durch die Salben des Magisters auf einige Zeit verscheucht schien, zögerte nicht, dem Rufe seines alten Freundes zu folgen. Nachdem dann auch Wolf und Humprecht auf der Burg 165 eingetroffen waren, setzte man sich zu einer Art Beratung zusammen. Graf Schlick sprach seinem Neffen vor allem sein Bedauern darüber aus, daß er sich in dieser ernsten Zeit eines Abenteuers wegen mit seiner Mutter entzweit habe und sich von der Burg fern halte. Der Neffe aber erwiderte ihm, daß es sich um kein Abenteuer handle, sondern um eine ernste, tiefe Liebe, die sein Lebensglück bedeute, und daß ihn nichts veranlassen könne, dieselbe aufzugeben. Wenn aber das Vaterland oder die Sache des Glaubens seines Armes bedürfe, werde er alles andere in zweite Linie setzen. Der Oheim war vorderhand mit dieser Erklärung zufrieden, da er einsah, daß er doch nichts ändern könne. So eröffnete er den beiden jungen Männern, daß sie ausersehen seien, sobald die Feindseligkeiten eröffnet würden, je ein Kommando zu übernehmen, und diese erklärten sich mit Freuden hiezu bereit. Schlick aber entwarf noch weitere Pläne. Wolf von Perglas sollte nach Schlesien, Humprecht nach Mähren, um Freunde zu gewinnen, und im Bedarfsfalle so rasch als thunlich, mit dem andern Oheim, dem Grafen Heinrich Schlick die Aufstellung einer Armee zu ermöglichen. Er selbst hatte über großartige Summen zu verfügen und mit diesem Gelde sollte es leicht werden, die Pläne der protestantischen Führer durchzusetzen. – Nun waren freilich die nächste Zeit Wolf und Marianka geschieden. Doch sahen sie sich vor seiner Abreise noch einmal durch Vermittlung der Muhme in einem den beiderseitigen Familien befreundeten Herrenhause zwischen Seewiesen und Welhartitz. 166 Wolf erklärte der Geliebten, daß er dem Bunde nicht abtrünnig werden dürfe, sie möge nicht irre an ihm werden, wenn er auch ihre und des Vaters Wünsche nicht erfüllen könne. Ihn binde Eid und Pflicht. Marianka versicherte ihm, daß sie überzeugt sei, daß er keiner schlechten Sache diene, ihr Herz werde ihm treu bleiben, was auch kommen möge, obwohl es ihr vorkomme, als sei ihr ganzes Glück in Scherben gegangen. Dann tauschten sie ihre Ringe, die ihnen ein sichtbares Zeichen ihrer innigen Verbindung sein sollten. Es war ein Abschied auf lange, lange Zeit, denn nun begann im Böhmerlande der Krieg, der Jahrzehnte lang ganz Europa in Aufregung versetzte. Kaiser Matthias war über die Bittschrift der protestantischen Stände sehr aufgebracht und, von König Ferdinand noch mehr angeeifert, erließ er an seine Statthalter nachdrückliche Befehle, daß diejenigen Stände, welche die Urheber der Versammlung im Karolinum wären, ernstlich zu verwarnen und ihnen mitzuteilen sei, daß das zu Braunau und Klostergrub Geschehene auf »königlichen Befehl« vorgenommen worden sei, daß die Stände den Majestätsbrief mißbrauchten und man genötigt sein würde, die Häupter dieser Versammlung als Aufrührer zu betrachten und sie nach Verdienst zu bestrafen. Nun war ja eingetroffen, was man befürchtet hatte, und die Prediger der Protestanten und Utraquisten verkündeten laut, daß man ihnen den Majestätsbrief nehmen wolle und ermahnten das Volk, auf guter Hut zu sein. Vier von den königlichen Statthaltern, nämlich der Oberstburggraf Adam von Sternberg, Wilhelm Slavata, Jaroslaw von Martinitz und Diepold von Lobkowitz 167 ersuchten die Stände, sich in die Statthalterei zu begeben und den Inhalt des kaiserlichen Schreibens zu vernehmen. Viele von den Ständen erschienen auch. Sie hörten des Kaisers Botschaft an, und baten um Abschrift des kaiserlichen Briefes unter Versicherung, am nächsten Tage wieder zu kommen und ihre Antwort kund zu geben. Am nächsten Tage, es war der denkwürdige 23. Mai des Jahres 1618, kamen sie ihrem Versprechen gemäß, aber begleitet von einer großen Menge bewaffneten Volkes, auf das Schloß, wo die vier Statthalter bereits ihrer harrten. Daß die Grafen Heinrich Mathias von Thurn, Kolon von Fels und Joachim von Schlick in erster Reihe erschienen, war selbstverständlich. Ihnen hatten sich Schlicks Bruder Heinrich, Wenzel von Raupowa, Paul von Rziczan und andere protestantische Edelleute angeschlossen. Sie erkannten alle den Ernst der Lage vollständig, sie waren sich bewußt, daß von dieser Stunde Krieg und Frieden abhänge. Sogleich ließen sie von ihrer bewaffneten Begleitung alle Zugänge des Schlosses besetzen, dann traten sie in dem sogenannten »grünen« Zimmer zu nochmaliger kurzer Beratung zusammen. In feuriger Rede berührte Graf Thurn noch einmal alle Hauptpunkte und betonte dabei, so lange die den Jesuiten ergebenen Räte des Kaisers, Slavata und Martinitz, am Ruder seien, würde die Religionsfreiheit in Böhmen niemals festen Fuß fassen können. Nur deren Untergang könne ihre Sache retten. Er hatte mit solcher Überzeugung, mit solchem Feuereifer gesprochen, daß die wenigen, welche dem kühnen Manne widersprachen, bald zum Schweigen gebracht waren. In der höchsten Aufregung und entschlossen, das Äußerste 168 zu wagen, betraten sie den Saal, in welchem die Statthalter ihrer warteten. Paul von Rziczan war es, der das Wort ergriff und im Namen seiner Partei den Statthaltern die bittersten Vorwürfe machte. Er klagte sie geradezu an, Streit und Zwietracht zu säen und die Partei dadurch zu schädigen, daß sie ihre Glaubensfreiheit, welche ihnen Kaiser Rudolf gewährt habe, mit Gewalt unterdrückten. Der Oberstburggraf suchte die Erregten zu besänftigen und warnte sie nochmals vor Gewaltthaten. Doch die Gemüter erhitzten sich immer mehr, der Tumult wurde immer größer. Heftiger wurden die Reden und je furchtsamer die kaiserlichen Räte sich zeigten, desto mehr wuchsen bei der Gegenpartei Haß und Wut. Sternberg und Lobkowitz wurden von ihren Genossen getrennt und zum Saale hinaus gedrängt. Martinitz und Slawata, von den Aufständischen hart bedrängt, machten Vorstellungen, beteuerten ihre Unschuld an der Lage der Dinge und verlangten, man solle sie nach dem Gesetze richten, falls sie etwas verschuldet hätten. Da rief Wenzel von Raupow: »Werft sie nach altböhmischer Sitte zum Fenster hinaus!« Dem vorschnellen Worte folgte die That. Martinitz wurde von kräftigen Armen ergriffen, zu dem hohen Fenster gezerrt und ehe man sich's versah, ward er hinausgeworfen und flog achtzig Fuß tief in den Schloßgraben hinab. Gelähmt vor Entsetzen über ihre eigene That standen die Stände einen Augenblick regungslos. Da ertönte die feste Stimme des Grafen Thurn, der 169 mit ausgestrecktem Arm nach Slavata weisend, die wenigen Worte sprach: »Edle Herren, hier habt ihr den andern!« Das brachte Leben und Bewegung in die gleichsam Erstarrten. Sie stürzten sich auf den Unglücklichen und schickten ihn seinem Vorgänger nach. Der Geheimschreiber, Philipp Fabricius Platter, teilte das gleiche Los, denn er war eine den beiden Vorgenannten ergebene Kreatur. Schon zu Ziskas Zeit (1419) wurden 13 Ratsherrn aus dem Fenster auf die Spieße der Untenstehenden geworfen und damit fiel das Todeslos für Tausende von Seiten der Hussiten. (Pelzel: Geschichte der Böhmen.) Ein Misthaufen, auf welchen die kaiserliche Statthalterschaft zu liegen kam, hatte sie bekanntermaßen vor ernstlicher Beschädigung bewahrt. Platter flüchtete sofort nach Wien und brachte dem Kaiser Nachricht von der seinen Statthaltern widerfahrenen Mißhandlung. Auch Martinitz gelang es, in niedriger Verkleidung die Stadt heimlich zu verlassen und sich nach München zu flüchten. Nur Slavata, der eine Wunde am Kopfe empfangen, mußte zurückbleiben und wurde von den Pragern stark bewacht. Graf Thurn aber hatte durch diese Gewaltthat erreicht, was er erreichen wollte. Die noch Unentschlossenen wurden dadurch zum Handeln gezwungen, denn es war sicher, daß der Kaiser dieses Vorgehen aufs strengste bestrafen würde und so forderte die Sicherheit eines jeden einzelnen, sich den zum Kampfe Bereiten anzuschließen und sich mit den Waffen in der Hand der kaiserlichen Vergeltung zu entziehen. Einen Rückweg, eine Aussöhnung gab es jetzt 170 nicht mehr. Die That war nicht ungeschehen zu machen, so galt es, die strafende Macht zu entwaffnen. Am dritten Tage nach diesem Auftritte versammelten sich die nichtkatholischen Stände abermals auf dem Schlosse und errichteten ein Bündnis zur Einigkeit unter einander, ungeachtet sie verschiedenen Glaubens waren. Sie wählten dreißig Männer aus ihrer Mitte, denen sie Macht und Gewalt gaben, die Staatsangelegenheiten zu verwalten. Man nannte sie »Direktoren.« Sie erhoben den Aufstand zum Gesetz, bemächtigten sich aller Regierungsgeschäfte und der kaiserlichen Einkünfte und nahmen sowohl die königlichen Beamten, wie die Soldaten in Eid und Pflicht. Sie erließen ein Aufgebot an die ganze böhmische Nation, gemeinschaftliche Sache mit ihnen zu machen, die Jesuiten zu vertreiben und das alte Wahlkönigreich wieder herzustellen. Unter diesen Direktoren befanden sich in erster Linie die Grafen Thurn und Fels, die beiden Brüder Schlick und der alte Perglas. Thurn, die Seele des Ganzen, ward zum obersten Feldherrn ernannt und es wurden im ganzen Lande neue Kriegsvölker geworben. Wolf von Perglas und Humprecht von Hracin waren nun gleichfalls in regster Thätigkeit. Die Mahnung des Kaisers, die angeworbenen Truppen sofort zu entlassen, seine Drohung, die Aufständischen mit Gewalt zum Gehorsam zu zwingen, fanden bei diesen nicht nur kein Gehör, im Gegenteile schickte Graf Thurn seine Abgesandten an alle Verbündeten und ließ sie auffordern, schleunigst die versprochenen Hilfstruppen zu senden. Der Kaiser, von dem Wunsche beseelt, die Ruhe aufrecht zu erhalten, versuchte immer wieder zu unterhandeln 171 und selbst König Ferdinand trug wiederholt seine Vermittelung an, doch alles war vergebens. Graf Thurn, welcher den Verheißungen des Kaisers mißtrauen mochte und das Heil nur in einer Änderung der Staatsverfassung sah, wußte seine Bundesgenossen immer wieder zu bereden und aufs neue anzustacheln, so daß sie alle Anerbieten und Verhandlungen, selbst die Vermittlung Ferdinands energisch zurückwiesen. Als man am Kaiserhofe an die Fruchtlosigkeit der Friedensverhandlungen endlich glauben mußte, raffte man sich auch dort aus der Langmut auf. Insbesondere war es König Ferdinand, der, des Hinwartens müde, endlich zu einem entscheidenden Schritt drängte. Ein offener Kampf, bei dem sich jeder für oder wider entscheiden mußte, dünkte ihm für die katholische Sache minder schädlich, als dieses unthätige hin und her Beraten, zumal er erkennen zu müssen glaubte, daß es der Gegenpartei am guten Willen fehle. »Lieber keine Unterthanen, als ketzerische!« rief er aus, und seine Meinung gab im Staatsrate zu Wien den Ausschlag. Nun wurden auch hier Truppen geworben und da man den Inländern, die ja längst heimlich von der sich überall ausbreitenden »Ketzerei« angesteckt sein konnten, nicht recht vertraute, verschrieb man einen Heerführer aus dem Lande der Inquisition, aus Spanien. Graf Heinrich von Dampierre, welcher sich in den letzten Kriegen gegen Venedig hervorgethan, bekam Befehl, mit zehntausend Mann in dem aufrührerischen Böhmen einzufallen. Schon waren dort die Kriegswürfel gefallen. Die 172 Stadt Budweis, welche sich gegen die Aufständischen entschied, hatte sofort ihre Rache zu fühlen, indem Graf Thurn mit einem Belagerungsheer vor ihre Mauern zog und die Thore, die man ihm widerspenstig verschloß, mit Gewalt zu öffnen versuchte. Dampierre wurde nun vom Kaiser abgeschickt, die treue Stadt zu entsetzen. Er aber ging vor Neuhaus, brannte die Vorstädte nieder, plünderte die Kirchen und gestattete den Wallonen und Husaren, ihrer wilden Gier zu fröhnen. Da erschien Thurn mit rächender Hand, lieferte ihnen bei Czaslau eine Schlacht und schlug sie in die Flucht. Enttäuscht von dem unwürdigen Benehmen und dieser ersten Schlappe seines Feldherrn, entsetzte der Kaiser diesen seines Amtes und suchte in Karl Lonqueval, Grafen von Bouquoi, einen tüchtigeren Nachfolger zu gewinnen. Dieser brachte neben seiner Tüchtigkeit und Kriegserfahrenheit auch mehrere Offiziere mit, unter welchen später Don Martin Hoef Huerta einer der berüchtigtsten wurde. Dieser letztere wußte sich mit besonderer Geschicklichkeit stets dem offenen Gefechte zu entziehen. Desto besser verstand er es, mit seinem Korps, welches sich durch Zuchtlosigkeit auszeichnete, die Herbeischaffung von Lebensmitteln zu besorgen, welche er mit seiner Spürnase in den verborgensten Winkeln aufstöberte und mit rücksichtsloser Energie sich aneignete. Damit verband er eine vollständige Plünderung der Ortschaften, gleichviel, ob diese kaiserlich gesinnt waren oder sich den Empörern angeschlossen hatten. In dieses Geschäft teilte sich mit ihm auch wohl ein weiterer spanischer Befehlshaber, Balthasar von Merode, dessen Korps gleich jenem des Hoef Huerta so gefürchtet 173 war, daß man bald alle Nachzügler des Heeres »Merodebrüder« oder »Marodeure« nannte. Unter diesen beiden Befehlshabern mißhandelten die spanischen Kriegsknechte die Bewohner des Landes, als wären sie zum Tode verurteilte Missethäter und raubten ihnen Hab und Gut, so daß sie ganze Wagenladungen voll Beute aus allen Orten, aus denen sie wegzogen, mit sich führten. Ihre Reihen wurden durch die verworfensten Leute aller Länder vermehrt; Spanien schickte, wie später Schweden, den Auswurf der Menschheit nach Böhmen, wo sie nach eigentümlicher Art mit den »spanischen Stiefeln« wüteten, alles unter dem Vorwande, den Glauben zu schützen und die Aufrührer zu bestrafen. Sie ersannen hiezu neue, ganz unerhörte Martern. Don Hoef von Huerta, der berüchtigtste dieser Bauernschinder, stammte aus dem belgischen Fürstentum Limburg, wo er das Schneiderhandwerk betrieben haben soll. Auf welchem Wege er zu seinem ungewöhnlichen Reichtum gelangt war, wußte niemand anzugeben, durch sein ehrsames Schneiderhandwerk aber war es sicherlich nicht geschehen. Man glaubte aber allgemein, daß dessen Vater den Spaniern während ihrer Schreckensherrschaft in den Niederlanden als geheimer Angeber gedient und sich dabei bereichert habe, daß der Sohn in manches Geheimnis eingeweiht war und, nach Spanien übergesiedelt, daraus seinen Nutzen zu ziehen wußte. Er war eine Kreatur des Jesuitenpaters Alliaga in Madrid, welcher mit Pater Lamormain in Wien in ununterbrochenem und äußerst thätigem Verkehre stand, denn der Orden der Jesuiten wirkte allenthalben mit außerordentlich feiner Thätigkeit für den ihm knechtisch ergebenen Ferdinand. Pater Alliaga war es, der Martin 174 Hoef den ersten Beistand angedeihen ließ, natürlich, um als Gegenleistung von ihm zu fordern, die Ungläubigen nach Kräften zu verfolgen und auf das Wohl des Ordens immer und überall bedacht zu sein. Und als nun in Österreich die Werbetrommel ging, da war Martin Hoef sofort bereit, auf seine Kosten Reiterei und Fußvolk zu sammeln und diese selbst geworbenen Truppen dem Kaiser in Deutschland zuzuführen. Sein Ehrgeiz und seine Habgier fanden auf diesem Wege die beste Befriedigung. Er nannte sich in Deutschland Don Martin Hoef von Huerta, ein stolz klingender Titel, der aber nichts weiter besagte, als daß er in der nächsten, gartenähnlichen Umgebung von Madrid, Huerta genannt, ein Besitztum hatte. So gefürchtet dieser Abenteurer auch war, bei den Frauen hatte der hübsche Mann, der sich die spanische Grandezza so gut anzueignen wußte, ein unerhörtes Glück, und Eigendünkel und Ehrgeiz wurden bei ihm dadurch nur noch mehr angestachelt. Der etwa vierzigjährige Mann war von schlanker Gestalt und sein Gesicht mit der fein gebogenen Nase konnte eine ungemein anziehende, ebenso gut aber auch eine äußerst abstoßende Wirkung üben, je nachdem er sich gab. Aus seinen großen, dunklen Augen mochte wohl dann und wann ein gewisses Feuer sprühen, meistens aber blickten sie kalt und berechnend, denn der Hauptzug seines Charakters war eine unersättliche Habsucht. Dabei wußte er sich reich und geschmackvoll zu kleiden, wobei ihm sein früheres Handwerk wohl zu statten kam. Auf seinem Marsche nach Böhmen fand er vielen Zuzug. War der Sold auch gering, die Anwartschaft auf Beute im Feindesland lockte eine Menge arbeitsloses 175 Gesindel an, so daß Huerta die ansehnliche Truppe von zweitausend Mann dem General Bouquoi zur Verfügung stellen konnte. Er erhielt nun den Titel eines Oberstleutnants, ward aber auch Oberst, ja sogar General genannt.. Die böhmischen Aufständischen hatten indessen aus Schlesien Hilfstruppen bekommen und nahmen den Grafen Ernst von Mansfeld mit 14 000 Mann in Sold, welcher nun die dem Kaiser treu gebliebene Stadt Pilsen belagerte und auch eroberte. Bouquoi rückte mit seinem Heere, um sich gegen Budweis zu wenden und dort mit den Dampierreschen Belagerungstruppen zu vereinigen, durch den Paß von Eisenstein in Böhmen ein. Huertas Thätigkeit begann sofort, nämlich Kontributionen zu machen. Unbekümmert darum, daß sie sich im Gebiete der künischen Freibauern, also in einem kaisertreuen Landesteile befanden, verfuhr er überall mit grausamer Härte und ließ seine bereits sehr herabgekommene Truppe einige Tage Rast machen, um sich in dieser noch von der Kriegsfurie verschont gebliebenen Gegend wieder zu erholen. Don Martin Hoef Huerta quartierte sich im Schlosse Deschenitz im Angelthale ein, welches Frau Juditha von Kolowrat bewohnte. Die Dame hatte mit ihrem zweiten Gemahl so wenig Glück gehabt, wie mit dem ersten. Der Woiwode von Moldau, Graf de Serin, war schon nach einem halben Jahre seiner Ehe mit der Gräfin Kolowrat infolge eines unglücklichen Sturzes vom Pferde gestorben. Sonach war Juditha zum zweitenmale Witwe. Ihr Gemahl hinterließ ihr jedoch eine Stieftochter, Maria Anna, ein hübsches, sechzehnjähriges Mädchen, das aber zu jener Zeit, als 176 Huerta in Deschenitz sich befand, sich bei ihren Verwandten in Kroatien aufhielt. Frau Juditha empfing den spanischen Heerführer als einen Freund des Kaisers und der katholischen Sache. Ihre Besitzung war frei von Kontributionen, sie suchte sich aber den Spanier dadurch zu verbinden, daß sie ihm zum Zwecke der Errichtung einer Kürassier-Kompagnie eine Schuldverschreibung ihres Vetters Kolowrat, Herrn auf Winterberg, mit dem sie in Feindschaft lebte, lautend auf zweitausend Schock Meißner Groschen, abtrat. Dann aber nützte sie diese Gelegenheit aus, sich an den künischen Freibauern zu rächen. Ihr Administrator wußte ja genau über den Vermögensstand jedes einzelnen zu berichten. Hoef Huerta ließ die Richter von Hammern, Eisenstraß und Katharina zu sich kommen und gab ihnen die striktesten Befehle über die Verpflegung seiner Truppen und die Einholung der Kriegskontribution. In gleicher Weise handelte er auch im Gebiete von Seewiesen, dessen zerstreute Höfe gleichfalls mit Huertas Truppen belegt waren. Eisner protestierte zwar gegen diese eigenmächtige Handlung des spanischen Befehlshabers. Er forderte, daß die königstreuen Freibauern wie Freunde zu behandeln seien und erklärte, daß er sich beim Kaiser über diese Übergriffe beschweren werde. Aber Huerta, durch Frau Juditha aufgestachelt, ließ ihm sagen, wenn er bis zum morgigen Martinitage, an welchem der Befehlshaber selbst sich auf dem Eisnerhofe einfinden werde, die verlangte Summe nicht erlege, würde er seinen Soldaten die Erlaubnis zur Plünderung geben und im Oberrichterhof damit beginnen lassen. Da aller Protest in den Wind gesprochen, mußte der Oberrichter 177 versuchen, von seinen Landsleuten das Unglück einer Plünderung dieser räuberischen Soldateska abzuwenden. Magister Dominik, der auf seinem Klepper nach Seewiesen geritten kam, um sich nach den Gesundheitsverhältnissen der Familie Eisner zu erkundigen, in Wahrheit aber, um Marianka Nachrichten von Wolf von Perglas zu überbringen, wußte Rat. Er eilte schnell zurück nach Welhartitz. Wolf war mit einem fliegenden Korps heimlich in Welhartitz eingetroffen, wo er sich verborgen hielt, um weitere ständische Truppen zu erwarten. Seine Aufgabe war, die räuberischen Spanier aus dem künischen Gebiete zu vertreiben. Den Oberrichter vor Schaden zu schützen, betrachtete er als seine Privatpflicht. Hoef Huerta ritt mit einer Abteilung am nächsten Morgen von Deschenitz ab, um über Drosau nach Seewiesen zu gelangen. Frau Juditha hatte ihm zu seinem Namenstag mit den Blumenspätlingen ihres Gartens und ihren schönsten Worten gratuliert und Huerta fühlte sich von der reichen Gräfin derart angezogen, daß er ihr in der unverblümtesten Weise dankte und ihr versprach, zum Mittagessen rechtzeitig einzutreffen, bei welchem die hier übliche Martinsgans die Hauptrolle spielen sollte. Indessen kam es anders. Hoef Huerta war auf dem Eisnerhofe eingetroffen und gestattete es sich, dem halsstarrigen Oberrichter in der brutalsten Weise zu begegnen. Und als dieser ihm erklärte, daß es unmöglich sei, die verlangte Summe ganz zusammenzulegen, daß es überhaupt unerhört sei, die eigenen Freunde auf solche Weise zu behandeln und daß eine solche Art Kriegsführung eher Straßenräuberei als 178 ein ehrliches Kriegshandwerk sei, da kannte des Spaniers Zorn keine Grenzen. Er befahl sofortige Plünderung, und Eisner, der sich derselben mit dem Degen in der Hand erwehren wollte, wurde übermannt und entwaffnet. Da meldete eine Ordonnanz das Herannahen feindlicher Reiter auf der von Klattau herführenden Straße. Die Spanier eilten aus dem Hause. Aus den einzelnen Höfen tönten Schüsse, flüchtige Trupps kamen in Unordnung heran. Sie meldeten, daß sie von feindlichen Truppen und den Bauern zugleich angegriffen worden seien und berichteten von einer namhaften Armee, welche im Anzuge sei. Da kamen auch schon feindliche Reiter herangesprengt. Als Hoef Huerta ihrer ansichtig wurde, schickte er sich eiligst an, mit seinem Stabe und einer kleinen Abteilung auf der Straße gegen Hartmanitz zu entfliehen, während er seinen übrigen Truppen den Befehl zurückließ, seinen Rückzug zu decken. Diese hielten auch Stand und empfingen die Reiter, an deren Spitze Wolf von Perglas stand, mit Musketenschüssen, die jedoch nicht verhinderten, daß Perglas unaufhaltsam vordrang und mit seinen Leuten so ungestüm auf sie losschlug, daß sie teils entflohen, teils niedergehauen wurden und der Rest sich dann gefangen gab. Eine weitere Verfolgung war nicht geraten, da die Straße sich hier stark aufwärts zieht und die Spanier gesicherte Aufstellung hätten nehmen können. Hoef dachte aber nicht daran, sondern zog sich gegen Hartmanitz hin, nachdem er seinen im Angelthale liegenden Truppen Befehl hatte zugehen lassen, schleunigst aufzubrechen und sich in genanntem Orte mit ihm zu vereinigen. Wolf von Perglas war vom Pferde gesprungen und 179 eilte in das Haus des Oberrichters, wo er von dessen Töchtern mit Freudenthränen empfangen wurde. Auch Eisner streckte ihm die Hand entgegen mit den Worten: »Wolf, Ihr habt mich und mein Haus vor einer großen Schmach bewahrt. Das werde ich Euch nicht vergessen.« »Wie glücklich macht es mich, daß ich zur rechten Zeit kam,« versetzte der Junker. »Aber meint Ihr nicht, Vater, daß die Sache des Kaisers mit solchem Raubgesindel schlecht bestellt ist?« »Es ist traurig aber wahr,« antwortete Eisner. »Indessen weiß der Kaiser nichts von solchen Übergriffen. Wir haben die Feinde mitten unter uns. Frau Juditha wird es wohl gewesen sein, die uns die Spanier auf den Hals gehetzt.« »Dann wird es nötig sein, die edle Landsmännin unschädlich zu machen,« meinte Wolf heiter. »Hier ist nichts mehr zu fürchten; so werde ich mit meinen Leuten nach Deschenitz reiten und auch im Angelthale mit diesen Horden aufräumen. Andere ständische Truppen sind von Klattau dorthin unterwegs. Wir nehmen Deschenitz und ich werde sorgen, daß die fehdelustige Dame sich von dort entfernt. Vor allem aber müssen wir versuchen, den Spaniern ihre Beute wieder abzunehmen und sie den Bauern zurückzustellen. Habt Ihr Vorrat in Küche und Keller, so teilt uns ein wenig davon mit, denn meine Leute bedürfen der Stärkung für die kommende Zeit.« »Dafür ist schon gesorgt,« sagte die eintretende Muhme. »Euch aber, Junker, soll Marianka einen Extratrunk kredenzen.« 180 Marianka reichte ihm den mit bestem Wein aus Eisners Keller gefüllten Pokal. »Auf das Wohl des Hauses Eisner!« rief Wolf und trank. Dann fügte er, ein zweitesmal ansetzend, hinzu: »Auf das Gedeihen unserer guten Sache!« »Wenn Ihr die des Kaisers meint, thu ich Euch gerne Bescheid,« entgegnete Eisner. »Bedaure,« sagte der Junker, »ich halte sie nicht für gut. Und Ihr sprecht etwas, wovon Euer Herz, wenigstens in dieser Stunde, nach dem, was vorgefallen, nichts weiß. Doch wir wollen abwarten. Trinken wir auf das, was wir lieben, das vereinigt uns wohl alle, so oder so.« Und er stieß mit dem Oberrichter kräftig an. Dann schickte er sich zum Gehen an. »Lebt wohl jetzt,« sagte er heiter. »Ihr werdet mir bestätigen müssen, daß ich Euch lange Zeit nicht belästigt habe. Aber wenn's brennt, muß man auch beim Feinde löschen helfen, das ist Nächstenliebe, ist Christenpflicht. Und glaubt Ihr, mir ein wenig Dank zu schulden, so erlaubt mir, Marianka auf die Stirne küssen zu dürfen.« »Meinethalben auch auf den Mund,« rief Eisner gut gelaunt. »Gott mag wissen, wie das alles noch enden wird!« Perglas machte von der Erlaubnis des Vaters ausgiebigsten Gebrauch. Unter den Segenswünschen aller, besonders auch unter dem Danke der von ihren nahen Höfen herbeigeeilten Freibauern ritt er mit seiner Abteilung von dannen. Er begab sich auf dem nächsten Wege über Depoldowitz ins Angelthal, um nach Schloß Deschenitz zu gelangen. Dortselbst war bereits durch reitende Boten der 181 sofortige Abmarsch der zerstreut in ihren Quartieren liegenden spanischen Truppen anbefohlen worden. Wolf von Perglas hatte aber noch Gelegenheit, einige Wagen voll Beute abzufassen und von den Nachzüglern mehrere gefangen zu nehmen. Die empörten Freibauern sahen in dem Freiherrn von Perglas ihren Befreier aus der Not, und manche von ihnen erklärten sich offen für die Partei der Ständischen, da ihnen Hoef Huerta gezeigt, wie wenig er die eigene Religion achte, wenn es sich um Beute handle, denn auch aus der alten, schönen St. Nikolauskirche hatte er alle ihm wertvoll scheinenden Gegenstände mitgenommen. Die Bauern waren nicht im Zweifel darüber, daß Frau Juditha und ihr Schreiber es gewesen, welche dem Spanier Ratschläge gegeben, und Wolf kam eben dazu, als sie an letzterem Lynchjustiz übten. Auch der Burgfrau wollten sie ihren Besuch machen, nicht um ihr Höflichkeiten zu sagen, sondern um an ihr gerechte Strafe zu üben. Aber Freiherr von Perglas verhinderte das. Insofern begrüßte auch Juditha, die Woiwodin, den vormaligen Freund als ihren Befreier. Aber Wolf erklärte ihr, daß er sie nicht weiter zu schützen vermöge und es sei in ihrem Interesse, daß sie sofort das Schloß verlasse und sich an einen andern Ort begebe. Er stellte ihr auch vor, wie unwürdig es ihrer sei, den Spaniern das bißchen Hab und Gut ihrer Landsleute verraten zu haben. Frau Juditha leugnete zwar, aber sie ließ sich in der Erregung doch zu unbedachten Äußerungen hinreißen, die dem Welhartitzer deutlich zeigten, daß ihre Stimmung den Künischen gegenüber unversöhnlich sei und daß sie jede 182 Gelegenheit zur Rache gerne ergreife. Deshalb drang er wiederholt auf ihre Entfernung und bot ihr zu ihrer Sicherheit sogar ein Geleite an, das sie zur bayerischen Grenze bringen sollte, von wo aus sie sich dann nach Wien begeben könne. Schloß Deschenitz würde von seinen Truppen unangetastet bleiben, mehr könne er zu ihren Gunsten nicht thun. »Nun,« meinte die Gräfin spöttisch, »da haben Euch ja die Bauern in Seewiesen noch einen Rest von Ritterlichkeit gelassen. Im Umgange mit solchen Leuten verliert sich in der Regel etwas vom angeborenen Adel.« »Meint Ihr das?« gab Wolf in demselben Tone zurück. »Ich achte den Adel des Herzens und der Gesinnung tausendmal höher, als jenen ererbten, zu dem nichts weiter gehört, als geboren zu werden. Doch genug. Ich gönne meinen Leuten ein Stündchen der Erholung, dann reiten wir. Beliebt es Euch, Gräfin, Euch reisefertig zu machen, so werde ich Euch zu schützen wissen; im andern Falle habt Ihr Euch selbst die Schuld beizumessen, wenn Euch von den erzürnten Bauern Unannehmlichkeiten zugefügt werden.« »Wie stark ist Eure Truppe?« fragte Juditha. »Nur dreißig Mann stark,« bekannte Wolf freimütig. »Was?« rief die Dame überrascht. »Und vor Euch flohen die Spanier über Hals und Kopf? Wenn nun aber Don Huerta mit seinen Leuten zurückkehrt?« Es lag eine gewisse hoffnungsvolle Sicherheit in dieser Frage. »Dann werden die dreißig genügen, im Verein mit den erzürnten Bauern ihn abermals zu vertreiben. Aber gebt Euch der Hoffnung nicht hin, Gräfin. Er kommt nicht wieder. Ich und meine Freunde werden ihm den 183 Weg verlegen. In Hartmanitz erwarten ihn andere Truppen meines Kommandos. Wir werden es dem Spanier nicht so leicht machen, den General zu spielen. Und nun entschließt Euch, was Ihr thun wollt, Gräfin. Die Zeit drängt; ich muß fort.« Juditha warf dem Junker einen bitterbösen Blick zu, dann erklärte sie, sie werde sich vorerst nach Klattau begeben, wo sie ein Haus besitze und vor den Künischen sicher sei. Das Geleite der Reiter nehme sie dankbar an. Eine Stunde später befand sich die Gräfin in einer Kutsche, begleitet von ihrem zum persönlichen Dienste bestimmten Gefolge, unter Bedeckung einer kleinen Reiterschar auf dem Wege nach Klattau. Wolf aber sprengte mit dem Reste seiner Leute auf dem kürzesten Wege nach Welhartitz zurück, um sich dort mit den anderen Teilen seines fliegenden Korps zu vereinigen und dann wirksam gegen die Bouquoische Armee vorgehen zu können. Es war ein kühnes Reiterstückchen gewesen, das er gewagt, aber es war gelungen und den schönsten Lohn hiefür hatte er in Seewiesen empfangen: Mariankas Kuß. 184 XII. Hoef Huerta rückte in Eilmärschen dem Bouquoischen Korps nach, um sich mit den Truppen Dampierres zu vereinigen, was er allerdings nur nach einigen Scharmützeln mit den Reitern Wolfs von Perglas und anderer ständischer Truppen zu stande brachte. Durch die Entsetzung von Neuhaus und die Schlappe, welche er Bouguoi bei Lomnitz beibrachte, stand Graf Thurn bei den protestantischen Verbündeten in großem Ansehen. Die Zeiten Ziskas und Procops schienen ihnen zurückgekehrt, die Sonne des Glückes war den Böhmen aufgegangen. Joachim von Schlick und sein Neffe Humprecht von Hracin erbeuteten zweiundvierzig Wagen voll geraubter Kostbarkeiten und über tausend Stück Vieh, welche die Kaiserlichen ebenfalls aus den böhmischen Dörfern weggeführt, sogar Huertas Kriegskasse mit siebenzigtausend Gulden fiel den Siegern in die Hände. Der Winter brach ein und wurde zu Unterhandlungen benützt, die jedoch durch die kecken Forderungen der aufständischen Böhmen zu keinem Abschlusse kamen. Da starb zum Unglück am 20. März 1619 auch noch Kaiser Matthias und der gehaßte Ferdinand trat die Regierung an. Obwohl er sogleich durch den obersten Landeshofmeister Adam von Waldstein, den Böhmen ihre Statthalter und 185 Privilegien bestätigen ließ, weigerten sich diese, ihn als ihren König anzuerkennen, traten zu einer neuen Wahl zusammen, aus welcher Friedrich von der Pfalz als König von Böhmen hervorging, und schrieben ein allgemeines Aufgebot im ganzen Lande aus. Ferdinand antwortete ihnen durch den Befehl an Bouquoi, die Feindseligkeiten wieder zu eröffnen. Die Böhmen hatten Mansfeld zu ihrem Feldherrn erwählt und dieser drang in kurzer Zeit siegreich bis Wien vor, wo er sich mit der Absicht in die Vorstädte lagerte, sich nicht nur der Stadt, sondern auch des Königs zu bemächtigen. Die Protestanten Wiens waren bereit, den Böhmen das Stubenthor zu öffnen, den König gefangen zu nehmen und seine Anhänger in der Stadt zu ermorden. Die Verschworenen, sechzehn Barone, geführt von Andreas von Thonradel, waren mit Gewalt in Ferdinands Zimmer gedrungen und versuchten es, seine Einwilligung zu einer Konföderation mit den Böhmen zu ertrotzen. Als der König zögerte, faßte ihn Thonradel am Rockknopf und rief ihm zu: »Ferdinand, wirst du unterschreiben?!« Da erhob Pater Lamormain, der stets um den König war, ein Kreuz in die Höhe und sprach: » Ferdinande, non deseram Te! « (Ferdinand, ich werde dich nicht verlassen!) In diesem Augenblicke ertönte Trompetengeschmetter und fünfhundert Dampierresche Reiter, von diesem eiligst aus Krems zum Schutze des Königs herbeordert, erschienen in der Burg. Entsetzt flohen die Verschwörer. Nun erwachte die Bürgerschaft Wiens. Schnell hatte 186 sich die Mythe gebildet, der gekreuzigte Christus habe selbst zu dem König gesprochen und man glaubte an dieses Wunder. Bürger und Studenten griffen zu den Waffen und die Böhmen zogen sich eiligst zurück. Böhmen ward inzwischen von den Truppen Bouquois mit Feuer und Schwert verwüstet. Unter allen diesen Wirren begab sich Ferdinand nach Frankfurt, wo er trotz des Widerspruchs der böhmischen Gesandten von den Kurfürsten einstimmig zum Kaiser gewählt wurde. Das war ein harter Schlag für die Böhmen. In ihrer Bestürzung rieten viele zu einem Vergleiche mit dem Kaiser. Doch die Mehrzahl der Stände wollte davon nichts wissen, im Gegenteile sandten sie Eilboten an den damals erst dreiundzwanzigjährigen Friedrich von der Pfalz, ließen ihm kund thun, daß sie ihn zu ihrem König gewählt und ihn bitten, baldmöglichst von seinem Königreiche Besitz zu nehmen. Aber nicht der ganze böhmische Adel hatte Teil an dieser neuen Königswahl. Viele alte und vornehme Familien sowohl aus dem Herren-, wie aus dem Ritterstande blieben dem Hause Österreich treu und büßten dieses mit dem Verluste ihrer Güter und der Verbannung aus dem Lande. Das letztere Los traf auch den Oberrichter von Seewiesen, welcher als solcher für das Dominium der königlichen Freibauern Sitz und Stimme im Landtage hatte und sich im Namen der Freibauern natürlich für Ferdinand erklärt hatte. Friedrich V. reiste ohne Säumen nach Böhmen. An der Grenze empfing ihn nebst andern Edlen Graf 187 Joachim von Schlick und führte ihn und seine Gemahlin im Triumphe nach Prag. Am 14. November fand dortselbst die Krönung statt. Die Aufständischen hatten somit erreicht, was sie gewollt und sie ergötzten sich an ihrem vorübergehenden Glücke. Der Oberrichter von Seewiesen hatte es durchaus nicht eilig, sich mit den Seinen in die Verbannung zu begeben. Die ständischen Truppen waren zumeist im südlichen Böhmen beschäftigt, die Strenge des Winters hemmte ihre Unternehmungen, die Winterquartiere wurden bezogen, er hatte nichts zu fürchten. Wolf von Perglas lag inzwischen mit seinen Leuten vor der Stadt Pisek, wo spanische Besatzung Don Martin Hoef Huerta als Befehlshaber hatte. Der edle Don hatte es verstanden, durch seine Rücksichtslosigkeit und seinen maßlosen Hochmut die Bürger so sehr zu erbittern, daß sie dem Grafen Mansfeld selbst die Thore öffneten und den Eindringenden zur Gefangennahme der Spanier behilflich waren. Wolf von Perglas war dazu ausersehen, sich Hoef Huertas zu bemächtigen. In ohnmächtiger Wut überreichte dieser Wolf seinen Degen. »Wir begegnen uns hier zum zweitenmale,« meinte Wolf, die Waffe entgegennehmend. »Im Gebiete der Künischen, wo Ihr die armen Bauern, obwohl sie Eures Glaubens waren und zum Kaiser hielten, räuberisch behandelt habt, sahen wir uns zum erstenmale, ich allerdings nur Euren Rücken. Hier, wo Ihr die Bürger so geschunden habt, daß sie nur wünschen, Euch am nächsten besten Galgen baumeln zu sehen, treffen wir uns wieder.« Der Spanier that, als fühle er den Hohn dieser 188 Worte nicht. Er ließ sich auf ein Knie nieder und bat den Freiherrn um sein Leben. Er versprach ihm reiches Lösegeld und übergab ihm die Schlüssel zu seiner Kasse. »Die Kasse ist unser, auch ohne diese Schlüssel,« sprach Wolf. »Ich habe keinen direkten Befehl, Euch hängen zu lassen. Ist Graf Mansfeld damit einverstanden, mögt Ihr in der Gefangenschaft zu Pilsen über Eure Schandthaten nachdenken, bis man weiter über Euch verfügt.« Wolf sah den scheinheiligen Mann mit verächtlichem Blicke an, aber auch aus Huertas Augen sprach tödlicher Haß und das Verlangen, diesen ihm öffentlich angethanenen Schimpf zu rächen. König Friedrich wie Kaiser Ferdinand waren eifrig bemüht, Verbündete zu werben. Ferdinand setzte die Liga, Friedrich die Union in Bewegung. Doch während Ferdinand alles that, seine äußeren Verhältnisse zu verbessern, unterließ Friedrich nichts, seine Sache zu verschlimmern. Er vernachlässigte seine frühere Freundschaft mit Frankreich, beleidigte seinen Schwiegervater, den König von England, indem er gegen dessen Willen die böhmische Krone angenommen und entfremdete sich durch seinen fanatischen Sinn die Katholiken und Utraquisten Böhmens gleichermaßen, denn der König ließ alle Bilder aus den Kirchen entfernen, die Glocken von den Türmen nehmen und statt der Altäre einen einfachen, mit einem weißen Tuche bedeckten Tisch aufstellen. Die goldenen und silbernen Kelche ließ er an seinen Hof bringen und gab Befehl, sich in der Kirche nur hölzerner Gefäße zu bedienen. Betrachteten dieses die Obengenannten als einen Eingriff in ihre Religionsfreiheit, so waren die Lutheraner dem neuen König als einem Kalvinisten abgeneigt. Doch 189 bemühte sich dieser, durch Leutseligkeit und Herablassung das Volk zu gewinnen. Sobald es die Witterung zuließ, begann der Feldzug. Aber im böhmischen Heere waren unter den Führern Mißhelligkeiten ausgebrochen, die Mannszucht hatte nachgelassen und bald hatte das arme Land vom Feinde wie vom Freunde gleichviel zu leiden. Dazu stieß der Bayernherzog Maximilian mit seinen Truppen zu den Kaiserlichen und die nunmehr 50 000 Mann starke Armee drang sofort in Böhmen ein, nahm eine Stadt nach der andern und rückte so bis Pilsen vor. In Pilsen kommandierte wegen augenblicklicher Abwesenheit Mansfelds in diesen Tagen Wolf von Perglas, welcher sich mit seinem fliegenden Korps in diese Stadt zurückgezogen hatte, um sich mit Mansfelds Truppen zu vereinigen. Die Aufforderung zur Übergabe beantwortete Wolf mit Stückkugeln, und Herzog Maximilian wagte es nicht, die starke Festung anzugreifen. Dagegen plante König Friedrich mit seiner Armee und unterstützt durch einen Ausfall aus Pilsen die ligistische Armee, welche in der Nähe von Pilsen lagerte, bei Nacht zu überrumpeln. Die Ausführung dieses Planes mußte für Maximilian sehr verhängnisvoll werden, dessen Heer durch Krankheiten und große Sterblichkeit geschwächt war und sich wegen Mangel an Proviant in sehr bedenklicher Lage befand. Doch ward der Handstreich durch Verrat vereitelt. Der Verräter war Hoef Huerta, der noch immer in Pilsen gefangen gehalten war, jedoch von Mansfeld die Erlaubnis hatte, frei in der Stadt herumzugehen. War es Zufall oder Absicht gewesen, Frau Juditha von Kolowrat, des Woiwoden Witwe, hatte ebenfalls in 190 Pilsen, wo sie ein Haus besaß, seit mehreren Monaten, jedoch ohne ihre Stieftochter, Aufenthalt genommen, und der kriegsgefangene Spanier, dem der Besuch ihres Hauses nicht verwehrt war, schien auch bei der liebebedürftigen Gräfin in Gefangenschaft geraten zu sein. Des ehemaligen Schneiders Pläne wuchsen mit seinem höheren Ziel, welches war, der Gemahl der reichen Woiwodin zu werden. Es war ihm deshalb auch nicht so sehr um seine Freilassung zu thun. Lösegeld zu zahlen wäre ihm nicht schwer gewesen; aber dann war er von Juditha getrennt. Und weit vom Schuß bei Frau Juditha in der warmen Stube zu sitzen, war jedenfalls angenehmer, als den Fährlichkeiten des Kriegslebens ausgesetzt zu sein. Zudem wußte er sich auch durch Spionage seiner Partei nützlich zu machen. Durch Geld, welches ihm Juditha zur Verfügung gestellt, erkaufte er einen Mansfeldschen Offizier, einen Major beim Kommando, der ihn über alles in Kenntnis setzte; so auch über den geplanten Überfall der ligistischen Armee. Hoef Huerta wußte durch einen andern bezahlten Wicht, der sich aus der Stadt schlich, den Herzog von Bayern rechtzeitig von der ihm drohenden Gefahr zu benachrichtigen, der sofort im Verein mit Tilly die umfassendsten Anstalten traf, so daß die böhmischen Truppen auf eine schlagfertige Armee stießen und mit Verlust zurückgeworfen wurden. Niemand ahnte den Verräter; Hoef Huerta aber hatte sich die ligistische Armee zu großem Danke verpflichtet. Aber auch durch kluge Berechnung schafften sich die Kaiserlichen Vorteile mancherlei Art. Als einige Tage später Mansfeld wieder nach Pilsen gekommen und das Ober-Kommando übernommen hatte, schickte Bouquoi, auf 191 Mansfelds Habsucht rechnend, den früher gefangen genommenen Oberstleutnant Carpezon zur Unterhandlung nach Pilsen, mit dem Resultate, daß der Oberkommandant für die ihm von dem Bayernherzog zugesagte Summe von hunderttausend Gulden aus seiner Kriegskassa Neutralität versprach. Auch Hoef Huerta wurde gegen den Oberstleutnant Carpezon und einiges Lösegeld ausgetauscht. Gegenseitige Höflichkeiten besiegelten den Vertrag. Der Bayernherzog sandte gefangene Mansfeldsche Leibgarden ohne Lösegeld zurück und der General schickte den Bayern dafür Proviant aus Pilsen zu. Wolf von Perglas war empört über solch offenen Verrat. Er hatte zur Genüge einsehen gelernt, wie recht der alte Eisner hatte, als er alles, was die Führer für nationale Begeisterung ausgaben, auf niedrige Gewinnsucht zurückführte. Er hielt es für eine Schmach, unter solchen Feldherrn zu dienen und nahm sich vor, die erste Gelegenheit zu benützen, um sich von ihnen frei zu machen. Er hielt die heilige Sache der nationalen Erhebung auf diese Art für verloren. Deshalb kam es ihm erwünscht, als ihm vom Grafen Mansfeld der Auftrag geworden, mit seinem fliegenden Korps die Verbindung zwischen Pilsen und Tabor, wo gleichfalls Mansfeldsche Truppen lagen, aufrecht zu erhalten, jedoch unter dem strengen Befehl, sich vorerst aller Angriffe auf den Gegner zu entziehen. Schon auf dem ganzen Marsche verspürte er den vor ihm dagewesenen Hoef Huerta, der alsogleich nach seiner Freilassung wieder zu dem ihm am meisten zusprechenden Requisitions- und Plünderungsdienst verwendet wurde. Die schönsten Burgen des böhmischen Adels fand Wolf teils niedergebrannt, teils demoliert, viele Dörfer waren 192 ganz dem Feuer zum Opfer gefallen. Wie sehr wünschte er da diesen Spanier, von dessen Verrat er nun auch durch Zufall erfahren, mit seinem Raubgesindel für immer unschädlich zu machen. Schon glaubte er, dieser Wunsch möchte erfüllt werden, denn am südlichen Ende des Brdy Waldes, der sich in süd- und nördlicher Richtung von Pribram auf viele Meilen erstreckt, stieß er gegen Abend auf mehrere Beutewagen Hoef Huertas, die er mit geringer Mühe wegnahm. Doch war er trotz all seiner Vorsicht von einer aus einem Hinterhalt debouchierenden, wallonischen, an Zahl weit überlegenen Reiterabteilung unvermutet angegriffen und es kam zu einem hitzigen Gefechte. Wolf Perglas bemerkte im Rücken der Wallonen den Führer Hoef Huerta selbst und er feuerte seine Leute an, mutig darauf los zu gehen. Sie prallten auch mit aller Macht auf den Feind. Es kam zum Kampfe Mann gegen Mann. Die Wallonen flohen, voraus ihr Führer, Hoef Huerta. Wolf verfolgte sie, und schon war er dem fliehenden Spanier ganz nahe, als ihn aus der wallonischen Harkibuse eines im Waldgebüsch versteckten Flüchtlings eine Kugel in den linken Oberarm ereilte und zugleich eine andere sein Pferd traf, welches stürzte und ihn unter sich brachte. Damit war ein Stillstand in der Verfolgung eingetreten. Man beeilte sich, den Gefallenen unter dem Pferde hervorzuziehen. Wolf hatte sich durch den Fall mehrere Quetschungen zugezogen und war nicht mehr im stande, zu stehen. Er befahl wohl, die Verfolgung auch ohne ihn fortzusetzen, aber die eintretende Dunkelheit verbot dies und so blieb nur übrig, den verwundeten Befehlshaber in die zunächst gelegene Stadt Nepomuk, den Geburtsort des böhmischen 193 Nationalheiligen, Johann von Nepomuk, zu verbringen und ihn dort ärztlicher Hilfe zu übergeben. Sein Korps blieb zu seinem Schutze. Wolf übergab das Kommando dem ältesten Leutnant, er selbst aber ließ sich schon am nächsten Tage, beschützt von einer Abteilung Reiter, nach seiner etwa sechs Stunden entfernten Burg Welhartitz überführen, wo dessen Ankunft unter solchen Umständen großen Schrecken und nicht geringe Sorge hervorrief. Der alte Freiherr befand sich bei Wolfs Heimkehr in keiner guten Stimmung. Sein Gichtleiden hatte sich zu einer stark zunehmenden Wassersucht entwickelt, die ihn beständig in seinem Lehnstuhl festhielt. – Meister Dominik suchte ihn zwar durch allerlei Schnurren zu erheitern, aber es wollte ihm nicht gelingen, den Freiherrn wieder lachen zu machen. Im Gegenteile polterte er beständig, und dies um so mehr, als sein Sohn Wolf, verwundet nach Hause gekommen, ihm erzählte, wie es beim Heere stand. Da rüttelte er vor Wut an seinem Sessel, der ihn gefangen hielt und ihn hinderte, persönlich hin zu eilen und Mansfeld zu strafen. Schließlich mußte Magister Dominik die Schuld an allem tragen, da er die Krankheit nicht zu heben wußte. Wolfs Wunden waren nicht gefährlich, doch auch nicht schmerzlos. Dominik suchte dessen Leiden nicht nur durch Salben und Pflaster zu lindern, sondern auch dadurch zu bessern, daß er Marianka von der Heimkehr des Junkers benachrichtigen ließ. Der aus Seewiesen verbannte Oberrichter hatte mit seiner Familie seinen Wohnsitz im Girgalhofe aufgeschlagen, woselbst seine junge Tochter Paula als Wenzels Hausfrau und Regentin aufgezogen war. Das Glück des blutjungen 194 Ehepaares gewährte Eisner in seiner Verbannung großen Trost. Doch hoffte er, daß diese Verbannung nicht von langer Dauer sein würde. Er hatte kein Vertrauen in die böhmische Herrschaft und ihre Heerführer und erwartete jetzt, da die Bayern sich mit den Kaiserlichen vereint, täglich eine Entscheidung. Als Marianka von Wolfs Verwundung erfuhr, hatte sie selbstverständlich nur den Wunsch, sofort den Verwundeten in Welhartitz zu besuchen, was ihr der Vater nicht wehren mochte. Wenzel, der junge Girgalherr fuhr sie in Begleitung der Muhme in einer Kutsche über Hartmanitz dorthin. Es folgte ein herzliches Begrüßen der so lange getrennt Gewesenen. Mariankas Ankunft heiterte Wolf sichtlich auf. Auch der alte Perglas behauptete, seit das Mädchen zugegen, fühle er keine Schmerzen, und er lobte den Magister, der so pfiffig war, als Hauptarznei gegen den fortschreitenden Schmerz die Anwesenheit von des Oberrichters Tochter zu verschreiben. Da Magister Dominik der Muhme im Vertrauen mitteilte, daß die Tage des alten Herrn gezählt seien und sich das Wasser bereits zum Herzen ziehe, ließ sie sich bereden, einige Tage mit Marianka auf der Burg zu bleiben. Nun war es heimlich und traulich in den weiten Hallen von Welhartitz. Aber leider hatte Dominik richtig vorausgesehen. Wolf fühlte sich täglich besser, aber mit dem alten Herrn ging es zu Ende. Es war an einem trüben Novemberabend, am achten des Monats, als Wolf und Marianka neben seinem Lehnstuhl saßen und ihn im Gespräche zu erheitern suchten. »Kinder,« sprach er da plötzlich, »mir träumte vorhin, unsere Armee sei geschlagen, und Prag erobert. Kommt 195 Ferdinand nach Böhmen zurück, dann ist unseres Bleibens hier nicht mehr. Geh' rechtzeitig nach Bayern, Wolf. Ich bin am Hofe dort wohl gelitten gewesen, man wird auch dich freundlich aufnehmen. Entziehe dich den Henkern Ferdinands so rasch als möglich. Ich hab es nicht mehr nötig, nicht wahr, Dominik? Mit meinem Gewissen bin ich in Ordnung und so sehe ich ruhig meinem Ende entgegen. Reicht mir ein Glas Tokayer und – trinkt mit mir – auf euer Glück!« Er stieß mit den andern an und trank das Glas aus. Doch kaum war das geschehen, sank sein Kopf in die Kissen zurück, die Augen schlossen sich und den Freiherrn hatte der Tod ereilt. Es war zur selben Stunde, in welcher über Böhmen die Würfel gefallen waren. 196 XIII. Frühjahr und Sommer waren unter beständigen Plänkeleien vergangen und der Herbst neigte sich ebenfalls schon dem Ende zu, ohne daß sich bei dieser schleppenden Kriegsführung etwas Entscheidendes ergeben hätte. Die Gegend war ringsumher ausgebrannt und verheert, die Verpflegung der Truppen für beide Teile gleich schwierig und im kaiserlichen Heere nahmen auch noch Krankheits- und Todesfälle in bedenklicher Weise überhand. Die Armee war dezimiert und Maximilians Hofstaat schon dreimal ausgestorben. Kein Wunder also, daß der Herzog vor Begierde brannte, eine Entscheidung herbeizuführen, umsomehr, als Pater Dominikus, welcher der bayerischen Armee das Kreuz vorantrug, ihn siegverheißend zum Angriff entflammte. Aber wie er sich auch mühen mochte, die Böhmen hielten ihm nicht stand. So waren sie, sich langsam zurückziehend, bis gegen Prag gekommen. Der König selbst rückte mit dem Regimente des Grafen Thurn in seiner Hauptstadt ein, während sich Fürst Anhalt am weißen Berge, fünf Kilometer von Prag, festsetzte, wo er mit dem zum Tode erschöpften Heere eine Stunde nach Mitternacht angekommen war. Der König sowohl, wie Graf Thurn hatten versprochen, Schanzwerkzeuge und Proviant 197 herauszuschicken, aber niemand war aus Prag erschienen. Die Soldaten hungerten und für die Befestigung des Berges konnte vorerst keine Schaufel gerührt werden. Der weiße Berg, der nur nach Südosten in das Thal von Motol steil abfällt, ist eine hügelige Hochebene, welche mit Ausnahme jener Seite, auf welcher das Sternschlößchen, ein königliches Jagdschloß liegt, nirgends erhebliche Schwierigkeiten für den Aufstieg bietet. Da, wo der zu Füßen des Berges hinfließende Scharkabach seine Laufrichtung um den Berg ändert und gegen Nordosten umbiegt, führt ein Brückchen über das Wasser und zur Deckung dieses Passes hatte Fürst Anhalt am Abend des siebenten November 500 Musketiere vorausgesendet. Während der Nacht vollendete dann die gesamte böhmische Armee ihren Aufmarsch auf dem weißen Berge. Weite Sumpfstrecken zogen sich an den beiden Ufern des Baches nach den Dörfern Rep und Rusin und ließen zwischen letzterem und dem Berge einen nicht allzu breiten Streifen festen Bodens frei. Zur Schlachtaufstellung war der weiße Berg wohl sehr geeignet, und Hohenlohe, einer der böhmischen Heerführer, behauptete, ein besserer Punkt hätte für die böhmische Armee nicht vom Himmel fallen können. Es war eine prachtvolle Mondnacht. Das Silberlicht des voll gerundeten Gestirns gleißte über den zum Tode ermatteten, in tiefen, vielleicht in ihren letzten Schlaf versunkenen Kriegern. Keiner ahnte, wie einem düstern Schicksale gleich der Feind den Böhmen auf dem Fuße gefolgt war. Kaum hatte nämlich Tilly trotz der fingierten Wachtfeuer den abermaligen Rückzug der Böhmen wahrgenommen 198 und dem Herzoge gemeldet, als dieser einem kurzen Kriegsrat zufolge mit dem ligistisch-kaiserlichen Heere dem Feinde noch in der Nacht eiligst nachzog. Die beim Dorfe Rusin am Fuße des weißen Berges lagernden, noch schlummernden ungarischen Reiter wurden in der Morgendämmerung des 8. November von 500 Reitern und 1000 Wallonen unter Oberst Gauchier überfallen und schrecklich aufgeweckt. Ein großer Teil von ihnen ward niedergemetzelt, an 1000 Pferde und viele Schätze, darunter eine eiserne, mit Dukaten gefüllte Kiste erbeutet. Beim Scheine des von den Kaiserlichen in Brand gesteckten Dorfes sah man die nur um ihre Beute besorgten Ungarn den Berg hinauf flüchten. Das war ein schlimmer Morgengruß für die Böhmen. Aber obwohl sie einsehen mußten, daß ihnen der Feind auf den Fersen sei, glaubten sie doch an keinen ernstlichen Angriff, sondern legten nur Schanzen an und trieben die Sorglosigkeit so weit, daß noch an diesem Morgen Offiziere und Gemeine nach Prag gingen, um ihre Freunde und Familien zu besuchen und sich Proviant zu holen. Die Kaiserlichen aber wußten, wie es im feindlichen Lager bestellt sei. Nachdem das ganze Bayernheer, ohne von den feindlichen Kartaunen viel behelligt zu werden, die Scharkabrücke überschritten hatte, nahm es zunächst dem Dorfe Rusin Aufstellung. Die später eintreffende kaiserliche Armee durchschritt den Sumpf und schloß sich dem rechten Flügel der Bayern an. Nach langer Beratung entschloß man sich, wenigstens ein Scharmützel zu wagen. Aber aus dem Scharmützel war bald eine Schlacht geworden. Auf die mondhelle Nacht folgte ein nebeliger 199 Morgen. Sobald es Tag war, stellten Fürst Anhalt und Hohenlohe auch ihrerseits die Truppen in Schlachtordnung auf, jedoch nicht am Ende des Plateaus, sondern mehr gegen Prag hin, so daß ihre Stellung von unten nur schwer zu erkennen war. Den rechten Flügel bildeten mansfeldische Reiter unter Graf Styrnau, daran reihte sich mährisches Kriegsvolk unter dem Obersten Heinrich Schlick und seinem Neffen Humprecht von Hracin, welch letzterer mit vier Fähnlein soeben erst aus Prag angekommen war. So standen sich die Heere gegenüber. Ihre Anführer waren auf Seite der Katholiken: Herzog Maximilian, Bouquoi, Tilly, Gottfried von Pappenheim, Albrecht von Waldstein, Don Marados, Friedrich von Teuffenbach und Fürst Liechtenstein. Die Gegenpartei führten Christian von Anhalt, Graf Hohenlohe, Anhalt der junge, der junge Thurn, Graf Heinrich Schlick, Humprecht von Hracin, die Grafen Bubna und Styrnau. Das kaiserliche Heer mochte etwa 28 000, die Böhmen 20 000 Mann zählen. Fürst Anhalt fertigte, nachdem er die Aufstellung des Feindes in Schlachtordnung wahrgenommen, sofort einen reitenden Boten nach Prag ab, um sämtliche dort liegende Truppen an sich zu ziehen. Auch ließ er König Friedrich bitten, die Soldaten durch seine Gegenwart anzueifern und den noch Hungernden Proviant zu senden. Aber der junge König hatte noch nicht gefrühstückt und außerdem für den heutigen Tag ein großes Gastmahl angesagt und so ließ er seinem Feldherrn melden, er würde nach der Tafel hinausreiten. Aber dazu sollte es nicht kommen, denn bis dahin hatte er schon Krone und Land verloren. 200 Zwischen 12 und 1 Uhr mittags griffen die Kaiserlichen, sämtlich mit weißen Arm- und Hutbinden versehen, unter klingendem Spiel und wildem Geschrei das böhmische Heer auf zwei Seiten an. Sie wurden mit einer Kanonade empfangen. Die Schlacht begann. Schon zu Anfang wechselte das Glück. Als aber das Regiment des Grafen Thurn, zum Angriff vorrückend, etwa 400 Schritte vor dem Feinde plötzlich Halt machte, dann sich kehrte und entfloh, da folgten auch die andern Truppen diesem schlechten Beispiel und rissen regimenterweise aus. In einem Augenblick war der ganze linke Flügel nur eine aufgelöste Masse und das Feld weithin mit Flüchtenden bedeckt. Der Fürst von Anhalt mußte zu seinem Schmerze sehen, daß auch vier Kompagnien seines eigenen Regimentes sich zur Flucht wandten. Er sprengte auf sie zu und zwang sie mit dem Degen in der Faust zur Umkehr und neuem Vorgehen. Die Offiziere hielten sich tapfer, aber die Mannschaft hielt nicht stand. Die Bubnaschen Reiter, die Königskompagnien und jene der böhmischen Stände wurden in die allgemeine Flucht verwickelt. Versprengt und aufgelöst eilte der linke Flügel des ersten Treffens durch die Intervallen des zweiten, dieses gleichfalls mit sich fortreißend. Jede Oberleitung hatte aufgehört. Die ungarischen Reiter, welche schon beim Morgengrauen den ersten Anprall zu erdulden gehabt, suchten fliehend die Moldau zu erreichen, warfen sich in panischem Schrecken in den Fluß, der sie zu Hunderten verschlang. Noch wochenlang nach der Schlacht zogen die Prager Fischer ertrunkene Ungarn mit ihren Netzen aus der Moldau. Zweiundfünfzig Feldzeichen und das große Königsbanner Friedrich V. fielen den Feinden in die Hände. 201 Auch auf dem rechten Flügel hatte sich das Gefecht zu Ungunsten der Böhmen gestaltet. Die etwas auseinandergekommene Schwadron des jungen Anhalt wurde von fünf kaiserlichen Schwadronen zurückgeworfen, der junge, schon durch einen Streifschuß verwundete Anhalt wurde von einem Musketier in die Achsel geschossen, so daß ihm alle Kraft entschwand und er an der Spitze seiner Truppen ohnmächtig vom Pferde sank. Damit hörte auch hier aller Widerstand gegen den Feind auf. Von böhmischen Truppen befanden sich in diesen letzten Momenten des Kampfes nur noch das mährische Regiment, die Soldaten des Grafen Heinrich von Schlick und seines Neffen Humprecht und etwa neun andere Fähnlein unter Bernhard von Thurn auf dem Schlachtfelde. Auch der Herzog Wilhelm von Weimar befand sich in der kleinen Schar, welche die Ehre der böhmischen Waffen bis zuletzt aufrecht erhielt. Auch sie mußte weichen. Nur die Mähren unter Schlick und Hracin hielten noch aus. Da machte die kaiserliche Armee eine Schwenkung, so daß dieser kleine Rest der Kämpfenden, von drei Seiten eingeschlossen, im Süden und Westen den Feind, im Norden die Parkmauer des Stern, nur noch den Weg nach Osten frei hatte, hin gegen Prag. Aber auch dieser war von den Wallonen bereits bedroht. Trotzdem verließen die Mähren diese gefährdete Stellung nicht; sie fochten mit dem Mute der Verzweiflung. Die Toten lagen an der Parkmauer zu zehn und zwölfen übereinander, die meisten wurden von den über diesen hartnäckigen Widerstand erbitterten Feinden niedergehauen, zuletzt ihr Anführer, Graf Schlick, gefangen. Seinem Neffen ward das Pferd unter dem Leibe totgeschossen. Humprecht wehrte sich hierauf stehend gegen 202 die Andringenden, bis ihm der Helm vom Kopfe geschlagen und ein Streich die Stirne getroffen. Jetzt erst, nachdem ihm das rinnende Blut das Augenlicht trübte und er einsah, daß ein weiterer Kampf unnütz sei, warf er sich auf ein herrenloses Pferd und jagte davon. Eine ihm nachgeschickte Kugel erreichte ihn jedoch und verwundete ihn an der linken Schulter, so daß er zusammenknickte. Das Pferd aber raste den andern Reitern nach und brachte ihn gleich den andern Flüchtlingen gen Prag. Die Schlacht war zu Ende; sie hatte nicht viel über eine Stunde gedauert. Der Erfolg aber war ein großer. Auf Jahrhunderte hinaus hörten nun die Bestrebungen der böhmischen Nation für eine staatliche und kirchliche Selbständigkeit auf. Die Bucht nahe der südöstlichen Mauer des Sternparks war das Grab der nationalen Unabhängigkeit Böhmens geworden. Die Kaiserlichen hatten das ganze böhmische Lager erobert. Zehn Kanonen, welche die ganze Artillerie Friedrichs ausmachten, fielen in Feindeshand. Sechstausend Mann, der junge Graf Schlick und einige andere Führer lagen tot auf der Walstatt. Der junge Anhalt, drei Grafen Schlick, Styrnau und ein Herzog von Sachsen-Weimar waren gefangen. Über 100 Fähnlein und das große Königsbanner aus gelbem Samt mit grünem Kreuz wurden die Beute der Sieger. Der alte Fürst von Anhalt war nach Prag geflohen. Auf kaiserlicher Seite fielen die Grafen Meggau und Rechberg nebst zwölf andern Offizieren. Den Grafen Pappenheim, den später so berühmt gewordenen Reitergeneral, fand man verwundet unter einem Haufen Erschlagener. 203 Ein stolzes Gefühl ließ die Herzen der Sieger höher schlagen, doch war es nicht Mangel an Tapferkeit, was den Böhmen diese Niederlage bereitete. Im Gegenteil wankte das Zünglein an der Wagschale zum Siege an mehr als einer Stelle oft lange und hartnäckig, ehe es sich den Kaiserlichen zuneigte. Die Feigheit der Thurnschen Truppen und der ungarischen Reiter brachten die böhmische Armee in Unordnung und schließlich entschied nicht mehr die Tapferkeit, sondern nur die Übermacht. König Friedrich verlor über diesem unerwarteten Schlage alle Besinnung. Durch diese Niederlage waren alle Absichten der Ständischen vereitelt und das Recht der Nation, sich ihre Könige selbst zu wählen, für immer verloren. Aber nicht für Böhmen allein, für ganz Deutschland war die Schlacht am weißen Berge ein nationales Unglück, denn sie öffnete einer schrankenlosen kriegerischen und politischen Reaktion Thür und Thor und schuf jene strenge, militärische Diktatur, welche den nationalen Wohlstand auf Jahrhunderte hinaus vernichtete. 204 XIV. Die Nachricht von der Niederlage der Böhmen am weißen Berge hatte sich wie ein Lauffeuer in der Stadt Prag verbreitet. Es war ein Sonntag. Die Prediger sprachen in den Frühgottesdiensten über das merkwürdig auf diesen Tag treffende Evangelium: »Gebet Gott, was Gottes, und dem Kaiser, was des Kaisers ist.« Selbstverständlich rechnete zu dem letzteren keiner der Anwesenden das Böhmerland. Daß es schon in den nächsten Stunden ein anderer besitzen würde, glaubte niemand, am wenigsten König Friedrich selbst, der keine Ahnung davon zu haben schien, daß sein Heer gegen den Feind im Feuer stand, als er mit dem englischen Gesandten, der Königin und einer Menge anderer hoher Damen frohgemut bei Tische saß. Nach dem Essen beschloß er, zu Pferde zu steigen, um sein Heer zu besichtigen. Da stürmten schon die Flüchtigen heran und von dem Fürsten von Anhalt und anderen hörte er nun zu seinem Schrecken von der Hoffnungslosigkeit seiner Lage. Bestürzt ritt er zum Strachower Thore und bestieg den Wall. Da sah er sein Heer in Auflösung und seine Soldaten auf allen Seiten flüchten. Er befahl, die Thore zu öffnen, um die Fliehenden in die Stadt zu lassen, dann ritt er eiligst zum Schlosse zurück, ohne an eine Verteidigung der Stadt zu denken. 205 Ein großer Teil der Prager Bevölkerung hatte sich innerhalb des Thores längs des Weges aufgestellt, der vom weißen Berge herführt. Hatten ja viele Familien Angehörige, Väter, Brüder, Verlobte beim Heere, um deren Schicksal sie in Angst und Bestürzung waren. Es gab die herzzerreißendsten Szenen, wenn dem einen oder dem andern von den Flüchtlingen Nachricht wurde, daß der Teure auf dem Schlachtfelde geblieben sei. Auch Libussa, deren Wohnung nahe dem Strachower Thore gelegen war, hatte sich mit Mutter und Bruder aufgemacht, um in tödlicher Angst nach dem Schicksale Humprechts zu forschen. Sie wußte, daß er erst an diesem Morgen mit seinen mährischen Fähnlein zur Verstärkung der Anhaltschen Armee nach dem weißen Berge abgerückt war. Es war sein heißester Wunsch gewesen, sich wieder einmal mit dem Feinde messen zu können. Erst gestern hatte er ihr das noch gesagt. Antonins Bruder war bald nach Ankunft der Spielleute in Prag gestorben und hatte diesen seinen hübschen Garten und Hausbesitz, dazu auch Barvermögen vermacht. Humprecht hatte nur selten Zeit gehabt, während seines Aufenthaltes in Prag sein Bräutchen, wie er Libussa nannte, zu besuchen. Dann aber bereitete es ihm jedesmal hohen Genuß, wenn ihn Libussa durch ihren schönen Gesang zu erfreuen suchte. Sie hatte, seit sie in Prag lebte, ihre farbengrellen Gewänder abgelegt und trug nun bürgerliche Kleidung. Auch ihr Antlitz war nicht mehr so rosig und blühend, wie ehedem, im Gegenteile zeigte es eine leichte Blässe, gegen welche aber ihre dunklen, feurigen Augen jetzt noch mehr gehoben wurden und ihm einen eigentümlichen Reiz verliehen. 206 Der Verkehr mit Humprecht überschritt nicht die Grenze mädchenhafter Sittsamkeit, doch hatte er ihr fest versprochen, sie als seine Hausfrau heimzuführen, sobald der Krieg zu Ende und er wieder sein eigener Herr sei, gleichviel, ob er das Majorat dadurch verliere oder nicht. Libussa dachte Tag und Nacht an nichts anderes, als an das Glück, sein eigen zu sein auf immer. Und nun sollte plötzlich all dieses Glück, in das sie sich seit Monaten hineingelebt, entschwinden! Sie zitterte für das Leben ihres Geliebten, denn von Flüchtlingen hatte sie vernommen, daß die beiden mährischen Regimenter allein noch im hitzigsten Kampfe mit den Bayern seien; ein anderer berichtete, dieselben seien vollständig aufgerieben und ihre Offiziere lägen tot auf dem Schlachtfelde. Heiße Thränen floßen aus den Augen des Mädchens, es war einer Ohnmacht nahe, aber es wich nicht vom Platze. Das Zureden der Mutter, nach Hause zu gehen und dort Kunde abzuwarten, wies Libussa mit Entschiedenheit zurück, denn sie hoffte hier am ehesten die Wahrheit zu erfahren. Da kam ein Reiter durchs Thor, ohne Helm, totenbleich im Gesicht, die Rüstung mit Blut überströmt. Stanislaus erkannte in dem Reiter sofort Humprecht von Hracin. »Sieh, sieh, Schwester,« rief er, »er ist's!« Auch Libussa hatte den Geliebten auf den ersten Blick erkannt. »Humprecht!« rief sie, halb erfreut, halb voll Entsetzen. Humprecht hatte sich durch das Pferd vorwärts bringen lassen, er selbst war seiner Sinne nicht mehr mächtig gewesen. Erst jetzt, als sein Name gellend durch die Luft tönte, schien er zu erwachen, die Stimme zu erkennen, die ihn 207 gerufen, er machte einen schwachen Versuch, das Roß nach jener Seite zu lenken und mit dem Rufe »Libussa« glitt er ohnmächtig vom Pferde. Aber schon waren Stanislaus und einige andere Männer bereit, ihn in ihren Armen aufzufangen, so daß er den Boden nicht berührte. Das Pferd aber lief den andern nach, weiter in die Stadt hinein. Libussa eilte herbei und nahm sein Haupt zwischen ihre Hände. »Mein Gott, er stirbt!« schrie sie voll Schrecken auf. Aber Humprecht erholte sich wieder. »Bringt mich in eure Wohnung,« bat er mit matter Stimme, »laßt mich dort sterben.« Sie trugen ihn in die nicht allzuferne Behausung Antonins. Libussa folgte weinend nach. Ein unter der Menge anwesender Wundarzt schloß sich freiwillig dem traurigen Zuge an. Nach wenigen Minuten lag Humprecht in dem traulichen Gemache seines geliebten Mädchens, wohlgebettet und umgeben von liebender Sorgfalt. Nachdem der Wundarzt seines Amtes gewaltet und die Wunden nach Möglichkeit verbunden hatte, verfiel Humprecht infolge des großen Blutverlustes bald in einen tiefen Schlaf. Aber die Liebe wachte an seiner Seite und heiße Segenswünsche stiegen für ihn zum Himmel auf. – König Friedrich hatte vergebens durch einen Abgeordneten einen Waffenstillstand von vierundzwanzig Stunden von Herzog Maximilian von Bayern erbeten. Er faßte daher den Entschluß, Prag zu verlassen. Er ließ die böhmische Königskrone und alle Kleinodien in Eile verpacken und begab sich mit seiner Familie und seinem ganzen Hofstaat in die Altstadt, um die Moldau zwischen sich und 208 den Siegern zu haben. Er bezog das Haus des Primas der Altstadt Prag; die Krone nebst den Kleinodien wurden im Altstädter Rathause deponiert. Die böhmischen Feldherren berieten die ganze Nacht hindurch, ob sie am nächsten Tage den Widerstand fortsetzen oder auf auswärtige Hilfe rechnen sollten. Sie hatten kein Vertrauen mehr in Mansfelds Truppen. Der König schickte wiederholt an Herzog Maximilian ein Schreiben mit der Bitte um Waffenstillstand, aber es erfolgte keine Antwort. Nun wuchs die Gefahr für die Person des Königs und man entschloß sich zur Flucht aus Prag. Der traurige Zug setzte sich durch das Stadtthor Horcka brana nach Osten zu in Bewegung. Viele vornehme Adelige, der Kanzler, Fürst Christian von Anhalt, die beiden Thurn, Hohenlohe, Bubna, die drei Herzoge von Weimar, der englische Gesandte u. a. begleiteten den langen, von zweihundert Reitern geschützten Wagenzug. Der König übernachtete in Nimburg, sieben Meilen von Prag, und setzte andern Tags seine Reise über Glatz nach Breslau fort. – Um eine Plünderung zu verhüten, schickten die Bewohner der Prager Kleinstadt, welche größtenteils dem Kaiser zugethan waren, Abgeordnete an die Sieger mit der Bitte, die Stadt zu besetzen und derselben ihren Schutz angedeihen zu lassen. Am 9. November mittags hielt Herzog Maximilian seinen Einzug in Prag und auf dem Hradschin. An seiner Seite schritt Pater Dominikus mit dem Stangenkreuze. Wilhelm von Lobkowitz und Abgeordnete von ganz Prag kamen ihnen entgegen und baten unter Thränen um Schonung der Stadt vor Plünderung und um Vergebung ihrer Empörung, um die Erhaltung 209 ihrer Freiheit und Religion. Maximilian antwortete ihnen, die Plünderung zu verhindern stehe in seiner Macht und er werde sie verhüten, inbetreff der übrigen Punkte aber hätte er weder Befehle noch Gewalt. Er riet ihnen, sich dem Kaiser bedingungslos zu unterwerfen. Sie befolgten diesen Rat und schwuren dem Kaiser nicht nur Gehorsam und Treue, sondern lieferten dem Herzog auch ihre Waffen aus. Am dritten Tage hernach erschienen alle böhmischen Herren und Ritter, die sich in Prag befanden, vor dem Herzog und schwuren, nur Kaiser Ferdinand als ihren Kaiser anzuerkennen. Sie baten den Herzog um Fürsprache beim Kaiser. Der Herzog versprach ihnen dieselbe und versicherte sie gleichfalls seiner Vergebung. Dann übergab er, nachdem Fürst Karl von Liechtenstein vom Kaiser zum Statthalter von Böhmen ernannt worden war, das Kommando über die Besatzung von Prag, welche aus 6000 Mann Fußtruppen und 1500 Reitern bestand, dem General Tilly und kehrte nach Bayern zurück, wo er in seiner Hauptstadt München im Triumphe empfangen wurde. Zum Gedächtnisse dieses Sieges wurde die Mariensäule am Schrannenplatz, dem jetzigen Marienplatz, errichtet. 210 XV. Humprecht von Hracin erholte sich sehr langsam, obwohl ihm die denkbar beste Pflege zu teil ward. Ihn peinigte außer seinen körperlichen Leiden selbstverständlich auch der Kummer über das Unglück seines Vaterlandes. Durch seinen Diener, welcher versprengt gewesen, sich nun auch wieder einfand und den Aufenthalt seines Herrn bald ausgekundschaftet hatte, erfuhr er, daß sein Onkel, Graf Joachim Schlick, wohlbehalten aus dem Gefechte zurückgekehrt sei, sich aber nach des Königs Abzug ebenfalls aus Prag geflüchtet habe, ferner, daß sein zweiter Onkel, Heinrich von Schlick, gefangen worden und seine Vettern auf dem Schlachtfelde geblieben seien. Humprechts Mutter, Frau von Hracin, war ohne alle Nachricht von ihrem Sohne und es lag diesem nun daran, sie wissen zu lassen, daß er noch am Leben sei. Stanislaus, der Spielmann, erbot sich, den weiten Weg von etwa vierundzwanzig Stunden nach Hrádeck zu machen. Humprecht beauftragte ihn, der Freifrau zu sagen, sie möchte für einen bequemen Wagen sorgen, der ihn nach Hause bringen könne; er wünschte sehr, sobald wie möglich von Prag fortzukommen, denn eine düstere Ahnung sagte ihm, daß seine persönliche Sicherheit mit jeder Stunde, 211 die er länger hier verweile, mehr und mehr gefährdet werde und auch Libussa und ihre Mutter darunter zu leiden haben könnten. Prag war ruhig. Die Festung Karlstein war zurückerobert und Bouquoi rückte mit dem größten Teil seiner Armee nach Ungarn, Tilly aber blieb in Prag zurück. Die abgedankten Kosacken und Polen machten zwar das Land sehr unsicher, doch kam Stanislaus ungefährdet nach Hrádeck, wo er die Freifrau in Trauerkleidung und mit vom Weinen geröteten Augen antraf, denn sie wußte nicht anders, als daß neben ihren anderen Verwandten auch ihr Sohn gefallen sei. Humprecht hatte vorsichtshalber dem Spielmann nichts Schriftliches mitgegeben und so mußte Stanislaus mündlich seine Botschaft vorbringen. Als er jetzt jener Frau gegenüber stand, welche vor drei Jahren so viel Elend über seine Schwester und seine Familie gebracht, da that es ihm fast leid, daß er als Glücksbote erscheinen mußte, um so mehr, als ihn auch jetzt die stolze Freifrau in unfreundlichster Weise anließ. Er hatte schon durch den Pförtner erfahren, daß man den Freiherrn für tot hielt. »Was willst du?« fragte sie bei seinem Eintritte. »Mein Diener wird dir ein Almosen reichen, . . .obwohl man solche Bettelmusikanten nicht unterstützen soll.« »O, Euer Gnaden, bei mir bitte zu machen eine Ausnahme, ich komme nicht betteln. Ich bin der Bruder Libussas –« »Wie? Der Bruder jener – und du wagst es, mir unter die Augen zu treten?« unterbrach ihn die Freifrau. »Augenblicklich entferne dich, oder ich lasse den Büttel kommen und dich auspeitschen.« 212 »O, Euer Gnaden, ich bin ja keine Hexe,« erwiderte Stanislaus etwas boshaft. »Auch meine Schwester ist keine, sie ist fromm und gut, das kann Euer Gnaden Sohn, Herr Humprecht, Euch bezeugen.« »Nimm diesen Namen des Verlebten nicht in den Mund, vorlauter Bursche!« rief die Freifrau. »Dann kann ich auch nicht ausrichten, was mir aufgetragen der gnädige Herr.« »Wer?« fragte Frau von Hracin aufhorchend. »Der gnädige Herr Humprecht.« »Du hast ihn gesehen, ehe er in die Schlacht gezogen ist?« fragte sie jetzt mit milder Stimme, »gesehen, ehe er gefallen ist?« »Nach der Schlacht habe ich ihn gesehen. Euer Gnaden, wer sagte Euch denn, daß Herr Humprecht ist gefallen? Er ist nicht tot, er lebt.« »Er lebt?« rief die Freifrau mit freudigem Schreck. Stanislaus nickte lächelnd mit dem Kopfe. »Ist das gewiß?« »So wahr ich hier stehe, so wahr Ihr meiner Schwester schwer unrecht gethan, so wahr, als wir Euch Herrn Humprecht zu lieb verziehen haben.« »O Gott, ich danke dir!« rief die Freifrau mit zum Himmel gerichteten Blicken und mit zum Gebet gefalteten Händen. Dann wandte sie sich zu dem jungen Burschen. »Wo ist mein Sohn? Ist er gesund?« »Gesund, fragen Euer Gnaden? Euer Gnaden werden mir's nicht entgelten lassen, wenn –« Er stockte. »So sprich!« rief die Freifrau ungeduldig. »Ist er verwundet?« »Das wohl, Euer Gnaden –« 213 »Lebensgefährlich?« drängte die Freifrau. »So sag doch, was du weißt. Du folterst mich!« »Nicht lebensgefährlich,« beruhigte Stanislaus die erregte Mutter. »Einen Schuß und eine Kopfwunde – wir fürchteten wohl, er würde uns sterben, aber wir halfen alle zusammen, ihn zu pflegen und nun ist er auf dem Wege der Besserung.« »Wer – wir?« »Ich darf ja nicht nennen Namen, weil Euer Gnaden verboten haben –« »Das sagt ich ja nur im ersten Unwillen,« sprach die Freifrau jetzt gütiger. »Sprich nur, erzähle mir alles und von allem, wo ist mein Sohn?« »Bei uns in Prag. Er ist gut geborgen, ist's dort auch nicht so schön, wie hier. Wir haben ihn alle so lieb, Vater, Mutter, Schwester und ich. Ich auch, ja, ja, und wenn er reden könnte, der da oben,« dabei blickte er nach dem wohlgetroffenen Bildnis des Freiherrn über dem Kamin, »würde er sagen: Du hast wahr geredet, Stanislaus; geig mir ein lustiges Stücklein und –« »Weiter, weiter, erzähle!« drängte die Freifrau. Und nun erzählte Stanislaus alles, was er wußte und schloß mit dem Auftrag, die Mutter möchte Humprecht sobald als möglich nach Hause holen lassen. Die Freifrau war von des Burschen Erzählung tief bewegt. Sie trat jetzt zu ihm hin, blickte ihm in die treuen Augen und reichte ihm dann die Hand, indem sie sagte: »Stanislaus, ich danke dir für deine Botschaft, du hast mich damit glücklich gemacht. Ich werde euch allen reichlich lohnen, was ihr Gutes an meinem Sohne gethan.« 214 »O, wir nehmen keinen Lohn, Euer Gnaden. Wir sind reich genug belohnt, daß es uns ist gelungen, den guten Josef dem Tode zu entreißen.« »Josef?« »So nennen wir ihn, denn als solcher ist er unser, war er unser, als wir noch nicht wußten, daß sein wahrer Name Humprecht –« »Ich werde sofort Sorge tragen, daß er heimgeholt wird,« fiel sie ihm ins Wort. »Ruhe dich aus; du sollst aufs beste bewirtet werden. Dann kannst mit dem Fuhrwerke wieder nach Prag zurückkehren.« Sie läutete und gab dem Diener die nötigen Anweisungen. Stanislaus folgte ihm dann in die Trinkhalle, in welcher das Gesinde seine Mahlzeiten einnahm. Dort traf er mit dem Büttel Nepomuk zusammen, der ihn vor drei Jahren vom Schlosse jagen mußte und dessen Branntweindurst er's zu danken hatte, daß er Libussa in Bergstadtl befreien konnte. Der Alte erkannte ihn nicht mehr. Hätte er geahnt, daß er denjenigen vor sich hatte, der ihm so vielen Verdruß gebracht, er würde sich noch heute gerächt haben. So aber empfahl ihm der Diener noch ganz besonders, mit dem Burschen recht höflich zu sein. »Höflich sein mit solchem Straßengesindel!« brummte er. »Wenn's Ihro Gnaden befehlen, muß ich gehorchen.« Er war sehr neugierig, zu erfahren, wie es der junge Mensch angelegt, die gestrenge Frau so huldvoll gegen sich zu stimmen, denn seit jener Zeit, als Libussa im Schlosse gewesen, durfte kein vagierender Musikant mehr vorgelassen werden. Stanislaus ließ sich Speise und Trank trefflich schmecken. 215 Da ihm der Büttel unausgesetzt neidisch auf den Mund sah, schob er ihm lächelnd die Zinnkanne zu und sagte: »Da trinkt – auf das Wohl Eures Herrn!« »Was?« rief der Büttel. »Weißt du nicht, daß unser Herr tot ist?« »Trinkt nur auf sein Wohl! Ihr begeht keine Lästerung.« »Du meinst, Kerl, weil er im ewigen Leben ist. Ja, du hast recht, da geht's ihm wohl. Da wird's auch mir dereinst wohl gehen, wenn ich nicht wieder verdammt bin, auch im Jenseits einen Büttel zu machen, einen Fanghund, der selbst mit dem Teufel raufen muß. Aber ich getraue mir doch nicht, auf so etwas zu trinken –« »Nun, so trinkt auf Euer eigenes Wohl!« lachte Stanislaus. »Ja, da bin ich dabei,« entgegnete Nepomuk, gierig nach der Kanne greifend, »auf mein Wohl, ja! Da hab ich was davon – also – ich soll leben!« Er trank die Kanne beinahe leer. Stanislaus lachte. Er machte selbst einen kräftigen Zug, dann reichte er dem Büttel die Kanne wieder. »Nun sollt Ihr nochmals trinken – auf das Wohl meiner Schwester.« »Deiner Schwester? Ist sie schön?« »So schön, wie die Hexe Libussa, die Ihr vor drei Jahren aus der Burg geschafft.« Nepomuk setzte die Kanne, die er schon am Munde gehabt, erschrocken auf den Tisch. »Du weißt davon?« fragte er überrascht den Burschen. Dann aber, als er dessen spöttisch auf sich gerichteten Blick sah, fuhr er fort: »Wo Teufelswerk im Spiel ist, kann unsereiner nicht aufkommen. Aber Respekt hat der Teufel 216 doch vor mir bekommen, denn ich hab ihn bei den Hörnern gepackt und mich eine halbe Stunde mit ihm herumgerauft. Inzwischen ist die Hexe auf und davon. Schließlich mußte ich auch den Teufel loslassen, weil er mir den großen Silberblock zu bringen versprach, der in Bergstadtl vergraben ist. Aber er kam nicht wieder. Nichts ließ er zurück, als Gestank, und noch von weitem hörte ich sein höhnisches Lachen.« »Aber Ihr habt ja einen Hund bei Euch gehabt?« sagte Stanislaus. »Der Hund? Das war's ja – das miserable Hundsvieh ist verhext worden, und auch der Fuhrmann, denn beide hörten und sahen nichts. Was lachst denn, Bursche? Glaubst du 's nicht?« »Ich will Euch was sagen, Nepomuk. Ihr lügt ja wie gedruckt. Der Teufel, der Euch das Mädchen wegstibitzt hat, bin ich gewesen. Ich hab aber damals so wenig, wie heut, Hörner gehabt und damit Ihr nicht zweimal zu erschrecken braucht, sag ich Euch's gleich jetzt, daß Libussa meine Schwester ist.« Der Büttel riß seinen Mund angelweit auf und suchte den jungen Burschen mit seinen Blicken zu durchbohren, der Stanislaus lachen machte. Endlich brach er in die Worte aus: »Da steht mir der Verstand still!« »Trinkt, dann wird er wieder rege,« lachte der Spielmann. »Nur, um meine Wut hinabzuschwemmen,« versetzte Nepomuk, und that einen kräftigen Zug. »Aber –« »Wie das zugegangen ist?« meinte Stanislaus. »Das will ich Euch der Wahrheit gemäß erzählen.« 217 Und er teilte dem andern mit, auf welche Weise er damals seine Schwester befreite. Er schloß mit den Worten: »Nun werdet Ihr doch begreifen, daß ich Eure Schwindelei von den Teufelshörnern nicht glauben kann, Ihr müßtet mich denn für würdig halten, selbst Hörner im Kopfe zu haben, das heißt, ein Ochse zu sein.« »Junger Freund,« entgegnete der Büttel, der nicht im mindesten in Verlegenheit gekommen war, »du brauchst nicht verlegen zu sein, wenn du die Geschichte besser weißt, als ich. Aber merktest du denn nicht, du Einfaltsmensch, daß ich nur deshalb mit meinem Hunde in die Knappenschenke gegangen war, um dir Gelegenheit zu geben, das Mädel zu befreien? Glaubst du, unsereiner hat nicht auch ein Herz? Glaubst du, ich hätte es übers Herz gebracht, das Mädel in ein Kloster zu sperren, ich, der ich schon in meiner Kindheit als guter Protestant geboren bin? Nein, Freund und Bruder – laß nur nochmal einschenken, mir scheint, dich kostet's nichts – nur aus Nächstenliebe hab ich so gehandelt, aus Nächstenliebe hab ich den Teufel zur Hilfe gelogen. Du wirst mich nicht verraten!« »Seid unbesorgt,« entgegnete Stanislaus. »Aber jetzt will ich Euch eine Nachricht mitteilen, die so wahr ist, als Eure Geschichte verlogen war. Euer Herr, Baron Humprecht von Hracin, ist nicht in der Prager Schlacht geblieben; er lebt und wird bald hier sein.« »Kerl, is das wahr?« schrie Nepomuk überlaut. »So wahr ich will selig werden!« »Viktoria!« rief der Büttel. »Ja, wenn das so ist, so muß man's in der Burg bekannt machen. Eine solche Neuigkeit muß ich weiter sagen, sie drückt mir sonst das 218 Herz ab. Schnell noch einen Trunk – so – und jetzt: auf Wiedersehen!« Er stürzte zur Thüre hinaus. Man merkte alsbald an den Freudenrufen, die überall laut wurden, daß er seine Neuigkeit kundgegeben. Einige, die es nicht glauben wollten, kamen in die Halle, um es sich von Stanislaus bestätigen zu lassen. Die Freude der Schloßbewohner war um so größer, als Frau von Hracin bekannt machen ließ, daß jeder zur Freude des Tages ein namhaftes Geschenk erhalten solle. Inzwischen ward auf einem Wagen ein weiches Lager zurecht gerichtet, Wein und sonstige für einen Krankentransport nötige Dinge dort untergebracht und ein verlässiger Diener ausgewählt, der mit nach Prag fahren sollte. Die Freifrau wollte dem jungen Spielmann ein Schreiben an ihren Sohn mitgeben, aber Stanislaus wies es zurück, indem er ihr sagte, wie geheimnisvoll man zu Werke gehen müsse, um die Anwesenheit Humprechts in Prag nicht zu verraten und dadurch zu veranlassen, daß er noch nachträglich gefangen würde. Die Freifrau erstaunte über des Jünglings kluge Vorsicht und sie sprach gerührt: »Bring allen Deinen meinen innigsten Dank und meinen Gruß.« »Auch meiner Schwester Libussa?« fragte Stanislaus mit treuherzigem Lächeln. »Auch ihr,« versetzte die Freifrau milde. »Ich habe ihr vieles abzubitten.« Und ihn forschend ansehend, fuhr sie fort: »Deine Augen erinnern mich lebhaft an sie. Diesem Blick, ich konnte ihn nie wieder vergessen, nur, daß du freundlich und sie erbittert blickte. Wenn wir uns 219 wieder begegnen, werde ich von ihr auch einen freundlichen Blick erhalten. Meinst du nicht, Stanislaus?« »Gewiß, Euer Gnaden,« entgegnete dieser, der Freifrau die Hand küssend. »So küsse sie in meinem Namen,« sprach diese, strich ihm die üppigen Haare aus der Stirne und küßte ihn auf dieselbe. »Reise mit Gott. Möge er meinen Sohn glücklich heimkehren lassen!« Gleich nach diesem Abschiede setzte sich das Fuhrwerk, auf welchem Stanislaus und der Diener Platz genommen, in Bewegung. Die Freifrau stand am Fenster ihres Gemaches und blickte demselben lange nach. Stanislaus grüßte, die Mütze lüftend, noch einmal zu ihr empor und sie winkte ihm freundlich mit der Hand zu. Sie hatte das echte, goldene Herz des Jünglings erkannt, das, wie sie nun wußte, ganz jenem der Schwester glich. Nun fand sie es wohl erklärlich, daß sich Humprecht zu ihr hingezogen fühlte. Der Jubel, der unter den Schloßbewohnern über die glückliche Nachricht herrschte, riß die Freifrau aus ihren Betrachtungen. Thränen traten ihr in die Augen; diesmal waren es Thränen der Freude, und sie ließ ihnen freien Lauf. Ihr Gemüt war tief erschüttert. 220 XVI. Des jungen Spielmanns Fahrt nach Prag ging glücklich von statten. Als sie der Stadt nahe kamen, ließ Stanislaus an einer einsam gelegenen Herberge halten und hier das Fuhrwerk einstellen, denn Humprecht konnte nicht recht wohl durch das Stadtthor gefahren werden, ohne sich einer Entdeckung auszusetzen. Man mußte also versuchen, ihn auf andere Weise hieher zu bringen und Stanislaus hatte sich unterwegs einen Plan zurecht gelegt, von dem er hoffen konnte, daß er gelingen werde. Es war ein schwerer, schmerzlicher Abschied, den Libussa von dem geliebten Manne nehmen mußte. Erfüllte er doch ihr Herz wie mit trüben Ahnungen, als ob die nächste Zukunft Verderbenbringendes in ihrem Schoße berge. So sehr man sich in der Hoffnung wiegte, daß der Kaiser sämtlichen böhmischen Edelleuten, welche sich am Kriege gegen ihn beteiligt, volle Straflosigkeit gewähren werde, so munkelte man doch dort und da, daß die Jesuiten das zur Versöhnung geneigte Herz Ferdinands zum Schweigen bringen und ihn zur unnachsichtigen Bestrafung der Rebellen bewegen wollten. Indessen wußte man auch, daß Mansfeld noch Kriegsvölker habe und den westlichen Teil Böhmens besetzt halte und tröstete sich mit der Annahme, daß 221 vorerst nichts unternommen würde, wodurch die Böhmen wieder gereizt werden könnten. Aber es war immerhin eine sehr unsichere Zukunft und das erfüllte Libussas Herz mit banger Sorge um den geliebten Freund. Man war übereingekommen, daß Humprecht, als Leichenscharrer verkleidet, mit den andern Personen, welche am weißen Berge noch Tag für Tag die Gefallenen zu verscharren hatten, durch das Stadtthor gelange. Stanislaus sorgte inzwischen, daß das Fuhrwerk so nahe als möglich herankomme, da Humprecht noch nicht vermochte, eine längere Strecke zu Fuß zu gehen. Bei der eingetretenen strengen Kälte war es nicht auffallend, wenn er den Kopf so verhüllt hatte, daß man von seiner Wunde nichts sehen konnte. Der alte Antonin, ebenfalls mit Schaufel und Pickel versehen, begleitete ihn, und beide wollten sich den in früher Morgenstunde am Thore sich versammelnden Taglöhnern zugesellen. Libussa und ihre Mutter folgten mit Körben, welche mit Gemüse gefüllt waren, angeblich bestimmt für jene Ortschaften, woselbst für die vielen Arbeiter in Markedentereien ausgekocht wurde. Sie wollten Humprecht noch Lebewohl sagen, wenn er im Wagen saß. Das Thor hatten bayerische Soldaten besetzt. Jeder der Auspassierenden wurde vom wachehabenden Offizier genau angesehen. Als Humprecht an die Reihe kam, erschrak er nicht wenig, in dem Offizier gerade denjenigen zu erkennen, der ihm den Säbelhieb am Kopfe beigebracht. Dem Offizier hingegen fiel der wankende Schritt und die fahle Blässe des Passanten auf und er sagte: »Aber hör du, – du gehst, Leichen einzuscharren und 222 siehst selbst aus wie eine Leiche. Warum bleibst du nicht lieber zu Hause in der warmen Stube?« Humprecht erwiderte etwas in böhmischer Sprache. Antonin, der zwar nicht genau gehört, was der Offizier und Humprecht gesprochen, es sich aber wohl dachte, sagte in gebrochenem Deutsch: »Herr Offizier, wenn wir hätten warme Stube, ohne zu arbeiten, blieben wir freilich lieber zu Hause. Wir müssen verdienen, wenn wir nicht wollen hungern.« »Du bist wohl der Vater dieses Burschen?« fragte der Offizier. Humprecht nickte mit dem Kopfe und machte ein Zeichen, daß der Alte nicht recht höre. »Merkwürdig,« versetzte jetzt der Offizier, Humprecht fest ins Auge fassend, »du erinnerst mich an – ich weiß nicht gleich an wen – aber ich habe dich schon irgendwo gesehen. Ja, ja, du gleichst einem tapferen Herrn, dem ich den Schädel gespalten habe. Dieser Ähnlichkeit wegen sollst du heute nicht mit den Totengräbern gehen. Da hast du Geld. Geh nach Hause und pflege dich. Du wankst ja förmlich.« Humprecht wies die dargebotene Gabe mit einer stolzen Bewegung zurück, indem er auf böhmisch sagte: »Ich danke, Herr, aber ich lasse mir nichts schenken.« »Ei, wie stolz!« versetzte der Offizier. In diesem Augenblicke kamen Libussa und ihre Mutter hinzu. »Warum haltet ihr euch so lange hier auf?« fragte Libussa. »Frisch vorwärts! Es ist zu kalt zum Stehenbleiben.« Der Offizier lenkte seine Aufmerksamkeit jetzt sofort dem Mädchen zu. 223 »Gehörst du zu diesen Männern?« fragte er. »Ja, mein Vater und dies mein Verlobter,« erwiderte Libussa. »Verlobter? Ich dachte, es wäre der Bruder?« sagte der Offizier. »Ich wollte dem Burschen Geld geben, daß er nicht zu arbeiten brauche und sich wieder nach Hause trolle in seine warme Stube – er sieht ja aus, wie selbst dem Tode verfallen, aber er weist meine Hilfe zurück, wahrscheinlich aus böhmischem Eigendünkel. Nun, es ist seine Sache – aber dich, Mädchen, laß ich nicht passieren ohne Lösegeld.« »Lösegeld?« fragte Libussa betroffen. »Wie meint Ihr das?« »Du sollst mir ein böhmisches Bussel geben.« »Herr!« rief Libussa, als sie der Offizier ohne Umstände um die Taille faßte. Aber sofort war Humprecht zur Stelle, riß den Offizier mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft von dem Mädchen und stieß ihn zur Seite, daß er sich nur mit Mühe vor dem Falle bewahren konnte. Nun aber zog dieser den Säbel und wollte den Angreifer niederhauen. »Frecher Böhmak!« rief er wütend. Libussa aber warf sich zwischen ihn und Humprecht und bat den Offizier um Gnade. Humprecht aber riß das Tuch vom Kopfe, nahm die Pelzmütze ab und stolz vor den Offizier hintretend, sprach er: »Ich bin Humprecht von Hracin, Herr von Hrádeck – dies ist meine Verlobte. Mit dem Degen in der Hand werde ich Euch diejenige Genugthuung geben, die Euch gebührt.« Der Offizier war auf diese Worte hin wie umgewandelt. »Ihr seid es wirklich, der uns den letzten Kampf am »Stern« so schwer gemacht hat? Dem ich selbst diese Wunde beigebracht? Mein Herr, ich salutiere!« Er salutierte mit dem Säbel und versorgte ihn dann im der Scheide. »Ihr müßt vergeben,« fuhr er dann fort; »es war mit dem Mädchen hier nicht so bös gemeint. » C'est la guerre! « Nun muß ich Euch aber einladen, mir in die warme Wachtstube zu folgen. Meine Pflicht gestattet mir nicht, so schwer es mir auf Ehre fällt, Euch passieren zu lassen. Ich muß Euch als Gefangenen erklären.« Mit dem Weiterpassieren mußte es auch ohne den vorgefallenen Zwischenfall vorerst ein Ende haben, denn die Aufregung verursachte bei Humprecht eine plötzliche Schwäche, so daß er zu Boden gesunken wäre, wenn ihm nicht Antonin und die beiden Frauen unter die Arme gegriffen und letztere unter Schluchzen ihn ins Wachtlokal geführt hätten, wo er mit Hilfe des Offiziers auf ein Ruhebett gelegt wurde. Letzterer reichte ihm dann einen Becher mit Wein, worauf sich Humprecht allmählich wieder erholte. Der Offizier bot Libussa ebenfalls einen Sitz an, indem er sich entschuldigte: »Verzeihen Sie mein freies Benehmen; ich wußte nicht, daß ich ein adeliges Fräulein –« Libussa wollte erwidern, doch in diesem Augenblicke wurde die Wache mit großem Lärm unter das Gewehr gerufen. »Der Feldmarschall kommt!« hieß es. »Feldmarschall Tilly!« Der Offizier eilte hinaus. Man hörte kommandieren und die Trommel rühren. 225 Libussa warf sich vor Humprecht auf die Knie. »Kannst du mir verzeihen?« rief sie schluchzend. »Ich bin schuld daran, daß du nun in dieses neue Unglück kommst!« »Sei ruhig, Libussa,« tröstete sie der Geliebte. »Nicht du, ich ganz allein trage die Schuld, denn ich vergaß meine Rolle. Schicke das Fuhrwerk nach Hause. Ich lasse meine Mutter grüßen. Man wird mich nicht lange gefangen halten, die Reise ist nur verschoben.« »O Humprecht!« rief Libussa, »ich fürchte unaussprechlich für dich, geliebter Mann!« Jetzt ward die Thüre geöffnet und herein trat Feldmarschall Johann Tserklas von Tilly, gefolgt von seinem Adjutanten und dem wachhabenden Offizier, auf dessen Rapport hin der Feldmarschall vom Pferde stieg, um sich selbst nach dem Freiherrn von Hracin umzusehen. Bei seinem Anblick gab Humprecht dem Mädchen ein Zeichen, sich zurückzuziehen, er selbst suchte sich trotz aller Schwäche so rasch als möglich vom Ruhebett zu erheben, um den Ankommenden zu begrüßen. Tilly war damals ein Mann von einundsechzig Jahren, hager und von mittlerer Statur. Er hatte scharf geschnittene Gesichtszüge, große, unter buschigen, grauen Wimpern hervorblickende, feurige Augen verrieten die eiserne Härte seines Charakters. Ein großer, schwarzer Filzhut mit bunter Feder schmückte sein Haupt, ein breiter, gestickter, weißer Halskragen legte sich über das gelbe Lederkoller, unter welchem er ein grünes Samt-Wams trug. Eine scharlachrote Feldbinde hatte er breit um seine Lenden geschlungen. An den Füßen prangten hohe Reiterstiefel 226 aus gelbem Leder und ein großer Mantel hing ihm leicht über den Schultern. Er war der Differenzen mit dem hochmütigen Bouquoi wegen seit Beginn des Feldzuges stets übler Laune gewesen, die sich aber seit der siegreichen Schlacht am weißen Berge, mehr noch aber nach Abzug Bouquois in eine sehr gute verwandelte. Auch heute hielt sie bei ihm an. Er trat auf Humprecht zu und begrüßte ihn mit so freundlicher Miene, als ob er keinen politischen Gegner vor sich habe. »Es freut mich, Euch unter den Lebenden zu treffen,« sagte er unter anderem zu ihm. »Es hieß, Ihr wäret gefallen und seid als tot auch im Kriegsbulletin aufgeführt. Setzt Euch nur; ich will desgleichen thun. Ich mache Euch mein Kompliment, Ihr habt uns den Sieg sauer genug gemacht. Hätte König Friedrich mehr solche Kämpfer gehabt, wer weiß, wie es um uns stünde. Ich achte die Tapferkeit auch am Feinde und trage Euch gewiß nichts nach. Ich wünschte nur, Ihr hättet Euch für eine bessere Sache so tapfer geschlagen.« »Herr Feldmarschall,« erwiderte Humprecht, »was gäbe es für eine bessere Sache, als für die Freiheit und Selbständigkeit des geliebten Vaterlandes, der Heimat, zu kämpfen und zu sterben.« »Das ist schön gedacht,« entgegnete Tilly, »und wir haben auch erfahren, daß es euch Böhmen heiliger Ernst war. Ihr habt jedoch vergessen, daß die erste Pflicht eines jeden Staatsbürgers der Gehorsam ist gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit. Doch sagt mir, warum wolltet Ihr in dieser Verkleidung das Thor passieren?« »Man sagte mir, man halte uns hier so viel wie 227 gefangen, und ich wünschte auf meine Burg Hrádeck zurückzukehren, um dort meine Wunden heilen zu lassen.« »Dazu hätte es dieser geheimen Entfernung nicht bedurft. Wenn Ihr mir Euer Ehrenwort gebt, in diesem Kriege nicht mehr die Waffen gegen die Liga zu erheben, sondern Euch ruhig auf Eurem Schlosse zu verhalten, steht Eurer Entfernung von hier nichts im Wege. Wollt Ihr so?« Humprecht zögerte einen Augenblick. Sein Blick fiel auf die in einer Ecke des Gemaches stehende Libussa, welche ihn mit gefalteten Händen bat, den Willen des Generals zu thun. »Ihr zögert?« fragte Tilly und sein Blick verfinsterte sich. »Ihr hofft wohl gar, die böhmischen Truppen kämen noch einmal obenauf? Es giebt keine böhmische Armee 228 mehr; sie ist in alle Winde zerstreut oder liegt draußen am weißen Berge begraben.« »Ja, ja, das Kriegsglück war uns abhold,« versetzte Humprecht. »Kriegsglück? Es ist nicht immer an dem. Wer die Fehler des Gegners am besten erkennt und auszunützen weiß, der gewinnt. Es war einmal nahe daran, daß die Schlacht für uns unglücklich ausgefallen, doch es lag in Gottes Willen, daß es so geworden. Nun haben wir die Macht und üben sie auch aus; dafür sei der Herr gepriesen.« Der Adjutant hatte Humprecht Papier und Feder gereicht, den verlangten Revers zu unterschreiben. Humprecht that es mit schwerem Herzen. »Aber wie wird es Euch möglich, auf Eure Burg zu kommen?« fragte Tilly. »Ein Wagen erwartet mich,« erklärte der Freiherr. »Wann wollt Ihr die Reise antreten?« »Wenn es der Herr Feldmarschall gestatten, sogleich.« »So sollen Euch ein paar Reiter das Geleite geben bis über unsere Vorposten hinaus. Wer begleitet Euch?« »Mein Kammerdiener.« »Ist das –« Tilly blickte jetzt nach Libussa, von der ihm der Offizier schon erwähnt hatte, »ich meine – ist das Euer – guter Engel? Eure Verlobte?« »Ja, Herr Feldmarschall. Das Mädchen ist einfacher Leute Kind, mit dem Adel im Herzen.« Tilly hatte sich erhoben und näherte sich Libussa. Diese schritt ihm entgegen und ließ sich vor ihm auf ein Knie nieder. »Steh auf, steh auf, meine Tochter,« sprach der General gütig. »Gott lasse euch beide noch glückliche Tage 229 erleben! Bist du katholischen Glaubens, da ich ein Marien-Amulett an deinem Halse hängen sehe?« »Ja, Euer Gnaden. Meine Familie ist katholisch.« »Brav, das freut mich! Aber was sagt dein Beichtvater, daß du einen Lutheraner heiraten willst? Glaubst du dir dadurch den Himmel zu verdienen?« »Wenn ich Humprecht angehöre, habe ich ja schon den Himmel auf dieser Welt.« »Und in der andern?« »Da werden nur die Herzen geprüft – so glaube ich, Herr Feldmarschall.« »Und du meinst, die Verliebten erhalten dann den schönsten Saal,« entgegnete Tilly lächelnd. »Den allerschönsten erhalten die Helden,« erwiderte Libussa, »und die hier Feinde gewesen, reichen sich dort versöhnt die Hände. Auch der sieggekrönte Tilly wird einstens dort wohnen.« Tilly war ebenso geschmeichelt, als entzückt über die Antwort der schönen Böhmin. Er legte ihr die Hand aufs Haupt und sagte: »Sei glücklich! Bedarfst du jemals meiner, so sei meiner Hilfe im voraus gewiß.« Dann wechselte er auch mit Libussas Mutter einige Worte und ließ durch den Adjutanten ihre Wohnung notieren. »Ich wünsche Euch Glück zu solch einem Juwel,« sprach er im Abgehen zu Humprecht. »Und nun reiset mit Gott und lebt wohl!« Dann Libussa noch einmal freundlich zunickend, verließ er das Wachtlokal. Wieder hörte man kommandieren und die Trommel rühren. Libussa hatte Humprecht freudig umarmt. Es leuchtete ja wieder ein Hoffnungsstrahl in die Finsternis des Schreckens. 230 Frau Antonin eilte hinaus, den Wagen herbeizuholen, und Humprecht wurde nun, in Pelze gehüllt, bequem in dem Wagen zurecht gelegt. Der Offizier war gleichfalls an den Wagen getreten. »Ich kann Euch nicht ziehen lassen, ohne Euch nochmals um Vergebung zu bitten,« sagte er. »Aber an Eurer Stelle hätte ich mir die Braut gleich mitgenommen. Und wer soll Euch unterwegs Pflege angedeihen lassen, wenn Ihr einer solchen bedürft?« »Seid unbesorgt, Herr Kamerad,« entgegnete Humprecht lächelnd. »Mein Kammerdiener wird mich pflegen. Und meine Braut werde ich mir bald heimholen.« Dann nahm er nochmals herzlichen Abschied von Libussa und den Ihrigen. Von zwei Reitern geleitet, setzte sich der Wagen in Bewegung. Als derselbe das Schlachtfeld am weißen Berge passierte, durch dessen nördlichen Einschnitt die Straße nach Hostiwitz führt, ließ Humprecht in der Nähe des Platzes halten, an welchem sein Regiment den Heldentod gefunden. Zahlreiche Totengräber walteten dort noch ihres traurigen Amtes. Die Begebenheiten der einstündigen Schlacht schwebten wieder lebendig vor seinem Geiste. Nach einer Weile hieß er den Wagen wieder weiter fahren, hinaus in die schneebedeckte Landschaft, über welche sich das bleiche, kalte Licht der Wintersonne ausgebreitet hatte. Es fröstelte ihn, und die Augen schließend, sagte er schmerzbewegt: »Mein armes, armes Böhmerland!« 231 XVII. Seewiesen war verschneit. Der Winter hatte im Böhmerwalde seine ganze Macht entfaltet, eine mehrere Fuß hohe Schneedecke breitete sich über Felder und Straßen und machte letztere unpassierbar. An manchen Plätzen hatten sich haushohe Schneewehen gebildet. Viele Freibauern waren in ihren Häusern gefangen, sie mußten sich mühselig herausschaufeln, um nur die Verbindung mit ihren Wirtschaftsgebäuden aufrecht zu erhalten. Trotz seiner Härte ist aber der Winter im Böhmerwalde gerade diejenige Zeit, welche die Menschen in dem schützenden Raume der Wohnung zusammendrängt, am reichsten an Sitten und Gebräuchen, die durch Munterkeit und Frohsinn das bedrängte Leben vor trauriger Erstarrung behüten, wie die »Spinnstuben«, die Abende des »Federschleißens« mit ihren Gesängen und Erzählungen von Kriegsereignissen, Räuber- und Gespenstergeschichten. Der Gegenstand der Unterhaltung in diesem Winter war selbstverständlich der Krieg und die unglückliche Schlacht am weißen Berge. Auch viele Söhne der Freibauern und ihrer Schalupper waren als Opfer gefallen, denn das ständische Aufgebot ward nach Einsetzung Friedrichs auch im Gebiete der Künischen durch den Nachfolger des verbannten Oberrichters Eisner aufs 232 strengste betrieben. Beinahe die meisten der Aufgebotenen waren katholisch und mußten sonach ihrer Überzeugung zuwider gegen ihre Glaubensgenossen kämpfen. Dies und die Requisitionen Mansfelds, die sich schon mehrere Male wiederholt hatten, dann der Durchzug von Flüchtlingen und Marodeuren ließen auch den Künischen die Geißel des Krieges bitter empfinden. Davon wußte jeder etwas zu erzählen. Seit einigen Tagen aber war in allen Höfen des Seewiesener Thales fast ausschließlich nur von der baldigen Hochzeit des Erben von Welhartitz mit Marianka, der Tochter des Oberrichters Eisner die Sprache, welch letzterer, seit der Umschwung nach der Schlacht am weißen Berge eingetreten, wieder in die Heimat als Oberrichter zurückgekehrt war. Nach dem Tode des alten Perglas waren die Muhme und Marianka sofort nach dem Girgalhofe zurückgekehrt. Eisner dagegen hatte den jungen Freiherrn schon einige Male in Welhartitz besucht und bei der veränderten Gesinnung desselben gegen die Führer des Aufstandes und dem Vorsatze, sich in die bestehenden Verhältnisse zu fügen, hatte er keine Ursache mehr, Wolfs Werbung um die Hand seiner Tochter abzuweisen, dies um so weniger, als Wolf von Perglas gleich vielen anderen Herren seine Unterwürfigkeit unter den Kaiser erklärt und im Vertrauen auf die Versicherung des Herzogs Maximilian von Bayern, die derselbe beim Einzuge in Prag gab, daß der Kaiser allen Vergebung angedeihen lassen werde, nichts weiter für seine persönliche Freiheit fürchten zu müssen glaubte. Dasselbe war auch bei Humprecht von Hracin der Fall, welcher sich langsam, aber doch stetig erholte, von 233 seinem Freund Wolf oft besucht wurde und gleichfalls dem jetzigen Statthalter, dem Grafen Liechtenstein seine Unterwerfung anzeigen ließ. Des Freiherrn Trauung mit Marianka war für den 11. Februar in Seewiesen festgesetzt, nachdem der konfessionelle Unterschied dadurch ausgeglichen worden, daß Wolf zum katholischen Glaubensbekenntnisse überzutreten sich erklärte. Auch Humprechts Mutter hatte sich an den Gedanken gewöhnt, daß ihr Sohn mit Beginn des Frühjahrs Libussa zum Altar führe. Sie war wegen des Hausgesetzes mit dem einzigen noch lebenden Erbberechtigten, Johann von Hracin, in Unterhandlung getreten und hoffte denselben zu bestimmen, zu gunsten Humprechts auf die Bedingung einer standesgemäßen Ehe zu verzichten, wogegen sie ihm mehrere andere, ihr eigentümliche Schlösser als Entschädigung anbot. Allein der Vetter kam ihrem Wunsche nicht entgegen. Er war in Wien gewesen und hatte sich persönlich dort bei Hofe als einen der Treugebliebenen vorgestellt. Dort ward ihm von einem Freunde eine vertrauliche Mitteilung, die ihn veranlaßte, seiner Frau Base nicht zu Willen zu sein, sondern eine abwartende Stellung einzunehmen. Trotzdem hatte Humprecht durch einen eigenen reitenden Boten, auch namens seiner Mutter, der Geliebten die Mitteilung zukommen lassen, daß er sie anfangs März nach Hrádeck werde holen lassen, damit ihre eheliche Verbindung dort stattfinden könne. Auf diese Nachricht hin wußte Libussa nichts Besseres zu thun, als in den Dom zu eilen, um dem Himmel für das Glück zu danken, das ihr nunmehr beschieden sein sollte. Es wurde dort gerade eine Messe gelesen, der auch Feldmarschall Tilly, wie er es täglich that, beiwohnte. Als 234 er die Kirche verließ, erblickte er an einem Eckplatze in einem der hinteren Stühle Libussa. Er hatte sie im Vorübergehen sofort erkannt und nickte dem Mädchen, das ihn ehrerbietigst grüßte, freundlich zu. Er blieb dann plötzlich stehen, als besänne er sich auf etwas, schritt aber dann rasch weiter. Frohen Herzens eilte Libussa, nachdem sie ihre Andacht beendet, wieder nach Hause und erzählte der Mutter soeben, wie sie der Feldmarschall wieder erkannt und gegrüßt habe, als sich die Thüre öffnete und der soeben Genannte zur nicht geringen Überraschung der beiden Frauen in die Stube trat, deren Fenster mit farbenprächtigen, blühenden Blumen geziert waren. Nachdem er Mutter und Tochter gegrüßt, fragte er: »Hast du Nachricht von Humprecht von Hracin?« »Gewiß, Euer Gnaden,« entgegnete Libussa. »Ein reitender Bote überbrachte mir gestern nachts ein Schreiben, welches mir sagt, daß er mich wird ehelichen im nächsten Monat und daß es ihm mit seiner Gesundheit täglich besser geht.« »Und da bist du in die Kirche gegangen, um dem Himmel zu danken?« Libussa nickte, glückselig lächelnd, bejahend mit dem Kopfe. »Und schrieb dir Hracin sonst nichts? Fürchtet er nicht, daß er vom Kaiser zur Verantwortung gezogen und bestraft werden könnte?« »Wie meinen Euer Gnaden?« fragte Libussa erschrocken. »Humprecht hat sich dem Kaiser unterworfen. Ist denn nicht allen des Kaisers Vergebung zugesichert?« »Mein gnädigster Herr, der Herzog von Bayern hat 235 wohl im guten Glauben an des Kaisers Gnade solches versprochen, aber in Wien scheint man anders gesinnt zu sein. Kurz, im Vertrauen, liebes Kind, setze deinen Bräutigam so rasch als thunlich, aber ohne mich dabei zu nennen, in Kenntnis, daß es für ihn geraten sei, sich bis auf weiteres sofort außer Landes zu begeben – sofort! verstehst du mich? Heute ist der neunte Februar, morgen nacht darf er nicht mehr auf Hrádeck angetroffen werden, ebensowenig, als Wolf von Perglas, sein Nachbar auf Welhartitz.« »Heilige Jungfrau!« rief das Mädchen. »Also droht ihnen Gefahr? Was thu ich? Ich werde selbst eilen –« »Du?« versetzte Tilly, mitleidig lächelnd. »Das vermagst du nicht, Mädchen, aber die heilige Jungfrau, die du soeben angerufen, wird dir Rat geben. Ich darf nicht weiter in der Sache beteiligt sein, aber beachte meine Warnung.« Libussa, noch vor wenigen Minuten die glücklichste auf Erden, war über den jähen Wechsel wie niedergeschmettert. Der Feldmarschall aber sagte, auf einen blühenden Rosenstock am Fenster deutend: »Sieh, wie herrlich dort, wahrscheinlich durch deine Sorgfalt, die Rosen blühen trotz des grausen Winters; so soll auch euch die Hoffnung ersprießen im Unglück und der Himmel ist's, der sie zur Blüte bringt. Mut, meine Tochter!« Libussa eilte zum Rosenstock und schnitt ein Paar der schönsten Rosen ab, die sie dem General unter Thränen überreichte. Er nahm sie dankend an und mit den Worten: »Und nun Gott befohlen!« entfernte er sich. Libussa starrte lange nach der Thüre, durch welche 236 er geschritten, dann warf sie sich schluchzend an die Brust der Mutter. Diese schien resoluter zu sein, denn sie sagte: »Jetzt ist nicht die Zeit zum Weinen, da muß man handeln. Ist ja der Bote noch da, den Herr Humprecht gesandt?« Libussas Auge blitzte auf. »Ja freilich!« rief sie. »Er wollte ja erst morgen zurückreiten und heute abend meine Antwort holen. Aber wo ist er jetzt? Wie ihn finden?« fragte sie ratlos. »Er ist mit Stanislaus in die Altstadt hinüber gegangen, da er für seine Herrschaft verschiedenes zu besorgen hat, dann wollen sie Einkehr machen in einer Schenke in der Fischgasse. Dort suche ich sie auf, indessen du an Herrn Humprecht schreibst und auch an seinen Freund, den Herrn von Perglas. Es ist keine Zeit zu verlieren, der Weg ist weit und bei dieser Zeit beschwerlich.« Sie nahm eiligst ein warmes Tuch und eilte aus dem Hause. Libussa aber schrieb an Humprecht die wenigen Zeilen: »Mein geliebter Humprecht! Eile, bringe dich in Sicherheit. Morgen nacht droht dir Gefahr. Geh über die Grenze zum Girgalhof; es ist Gefahr im Verzug. Deine bis in den Tod getreue Libussa.« Sie brach dann die noch übrigen am Stocke blühenden Rosen und legte sie in den Brief. Dann schrieb sie auch eine Warnung an Wolf von Perglas in Welhartitz, das der Reitknecht auf seinem Wege passieren mußte. Der Bote war glücklicherweise von Frau Antonin bald aufgefunden und so wenig es ihm auch paßte, aufgefordert, ohne jegliche Verzögerung und in größter Eile, Tag und 237 Nacht zu reiten, um seinem Herrn eine wichtige Nachricht zu überbringen. Der Reitknecht hatte sich gefreut, den heutigen Tag in der Hauptstadt verleben zu dürfen, und war höchst unzufrieden, so plötzlich zur Heimreise getrieben zu werden; aber er mußte wohl oder übel dem Willen des Mädchens gehorchen, das ja in wenig Wochen seine Herrin sein würde. Somit ging er denn in seine Herberge, fütterte sein Pferd ab und machte sich dann auf die Heimreise. Stanislaus, der ihm die beiden Briefe übergab, legte ihm, obwohl er nicht wußte, was sie enthielten, nochmals ans Herz, so rasch als möglich zu reiten, damit die Herren morgen zeitig in den Besitz der Briefe kämen. Der Diener sagte dies zu und ritt von dannen. Außerhalb des Thores strich ihm ein eisigkalter Wind entgegen und jetzt fiel ihm ein, daß er noch gar nicht zu Mittag gegessen und daß er noch so mancherlei hätte zu besorgen gehabt. Er merkte wohl, daß in dem Schreiben an seinen Herrn Rosen lägen, denn der Duft derselben durchdrang das Papier und da stieg jetzt der Verdacht in ihm auf, die ganze ihm gebotene Eile hätte keinen andern Grund, als daß er die Rosen noch in frischem Zustande überbringen möchte. »Das verliebte Pack!« schalt er vor sich hin. »Deshalb einen Christenmenschen wie einen Hund in Schnee und Sturm hinauszujagen!« Einmal bei diesem Gedanken angekommen, folgerte er weiter, daß es auf einen Tag nicht ankommen werde und jeder sich selbst der Nächste sein müsse, und als solcher schlug ihm seine Leichtfertigkeit vor, wieder nach der Stadt zurückzureiten und dort in einer andern Herberge einzukehren, um vor Entdeckung sicher zu sein, dann den Tag 238 mit einigen Bekannten, die zu sehen er sich schon lange freute, fröhlich zu verbringen und erst morgen in aller Eile frühe den Heimweg anzutreten. Gedacht, gethan. – Andern Tages fand in Seewiesen der Polterabend statt. Hiezu hatte Eisner die Nachbarn vom Poschinger- und Schürerhof, dann von Brunst, den Vikarius von Seewiesen, welcher die Trauung vorzunehmen hatte, und noch manch anderen eingeladen, auch der junge Girgalherr war mit Paula, seiner Frau, anwesend. Sie waren auf einem Schlitten herbeigekommen. Von sonstigen bei derartigen Gelegenheiten stattfindenden Belustigungen ward Umgang genommen, da die Trauer um den alten Freiherrn von Perglas solches verbot, doch herrschte bei dem Abendmahle eine recht fröhliche Stimmung. Wolf fühlte sich zum ersten Male wieder so recht glücklich. Der Schmerz um den Dahingeschiedenen, wie über die Niederlage von Böhmens Fahnen, welcher sein Gemüt in den letzten Monaten verdüstert hatte, war heute zurückgedrängt und hatte einer fröhlichen Stimmung Platz gemacht. Hand in Hand saß er mit Marianka bei der Tafel und plauderte mit ihr von der glücklichen Gegenwart und der noch schöneren Zukunft auf ihrem Schlosse Welhartitz. Auch der alte Eisner war heute überselig. Las er doch aus den strahlenden Augen seiner Tochter, wie glücklich sie sich fühlte und ihr ganzes Wesen war wohl darnach, daß sie eine Freiherrnkrone zu tragen würdig war. Nach vielen vorangegangenen Trinksprüchen erhob sich der alte Herr abermals und rief: »Auf ein beständiges Glück in Welhartitz! Hoch! hoch!« Aber während noch die Gläser lustig klirrten, wurde 239 die Thüre aufgerissen und ganz atemlos stürzte Magister Dominik auf Wolf von Perglas zu mit den Worten: »Herr, Euch droht Gefahr. Ihr müßt eiligst fort!« Erschreckt erhob sich die Gesellschaft. »Kommen Soldaten?« fragte man. Wolf aber hieß den Aufgeregten sich erst sammeln und dann ruhig berichten, was er wußte. Nun erzählte Dominik, daß er auf Burg Hrádeck gewesen, um dem Freiherrn noch abends einen neuen Verband anzulegen, als gegen acht Uhr ein Offizier mit zwanzig Soldaten erschien und im Namen des Kaisers Einlaß begehrte, den Pförtner, der ihnen denselben wehren wollte, überfielen und dann den Freiherrn als gefangen erklärten. Der Baron protestierte, aber es half nichts. Auch der Jammer und die Bitten der Freifrau wurden nicht berücksichtigt. Der Offizier berief sich auf den im Namen des Kaisers vom Fürsten von Liechtenstein unterzeichneten Verhaftsbefehl. Es war dem Gefangenen anheimgestellt, seinen eigenen Wagen einspannen zu lassen und nachdem dies geschehen, fuhren sie ihn unter Bedeckung gen Schüttenhofen, von wo aus sie ihn nach Prag verbringen würden. »Als ich ganz desparat über diesen Vorfall nach Markt Welhartitz zurückkam,« berichtete Dominik weiter, »sah ich dort gleichfalls eine Truppe Soldaten sich gegen das Schloß bewegen. Die Leute sagten, es sei der spanische General Hoef Huerta dabei, der Befehl habe, mit seinen verteilten Truppen in dieser Nacht alle Herren vom Adel gefangen zu nehmen und sie nach Prag einzuliefern, wo ihrer ein schweres Urteil warte. Ich wußte ohnedem schon von Hrádeck her, was das 240 zu bedeuten habe und ohne mich lange zu besinnen, eilte ich auf dem nächsten Wege über Kunkowitz und Jenewelt her, Euch zu warnen. Sie werden, da sie Euch in Welhartitz nicht finden, Euch sicher hier suchen, aber auf meinem Wege kommt eine Truppe nicht durch. Sie müssen den Umweg über Besin machen, das ist der einzig zu benützende Weg. Der Mond scheint hell und sie werden auf der breiten Straße des Führers entbehren können. Sie können immerhin gegen Mitternacht hier sein. Rettet Euch also, so lange es noch Zeit ist.« Diese Kunde kam so unerwartet, daß alle aufs höchste bestürzt waren. Marianka klammerte sich ängstlich an den Bräutigam, der sichtlich erblaßt war. »Vertraue einer auf die Gnade, die von Wien kommen soll!« sprach er bitter. »Jetzt, nachdem wir uns unterworfen haben, und in Sicherheit glauben, überfallen sie uns im Dunkel der Nacht und schleppen uns fort, gleichviel, ob noch krank, wie Humprecht, oder –« »Lieber Schwiegersohn,« unterbrach ihn der Oberrichter, »es ist jetzt keine Zeit zu Betrachtungen, nur die Flucht ist hier von Nutzen.« »Wie, ich sollte Euch allein lassen, der Wut der Soldaten ausgesetzt. Nein, mein Schwert gebt mir. So leicht will ich es dieser Häscherbande nicht machen.« »Gegenwehr wäre ein Unding, mein Sohn. Mit den Häschern werde ich schon allein fertig. Folget mir und flieht!« »Jetzt mich von Marianka trennen, wer weiß, auf wie lange?« »Ich geh mit dir!« sagte diese entschlossen. »Ja, das sollst du!« versetzte der Oberrichter. »Herr 241 Vikar, sprechen Sie über dieses Brautpaar sofort den ehelichen Segen, so sind sie heute noch Mann und Weib, und da sie ihr Glück teilen wollten, so mögen sie auch im Leid verbunden sein. Ich sorge indessen, daß der Schlitten eingespannt wird.« Dann nahm er Wolf zur Seite und sagte leise zu ihm: »Ihr fahrt ins Bayerische, nach dem Girgalhofe, dort seid Ihr vor der ersten Verfolgung sicher. Auch Paula wird mit ihrem Manne sofort dahin zurückkehren.« Wolf und Marianka rüsteten sich in Eile zur Reise. In der Hauskapelle wurden die Lichter angezündet und bald kam der Oberrichter, sie dahin abzuholen. Alle Gäste folgten dem Brautpaare. Der Vikar nahm die Trauung vor. Dabei sprach er: »Ihr sollt euch nicht verlassen in Not und Gefahr! Damit beginnt schon die erste Stunde eures gemeinsamen Lebens. Der Herr führe euch sichere Wege und schenke euch nach dem ersten Sturme auf den Wogen des Lebens eine ruhige, freudenvolle Zukunft.« Wenige Minuten später flogen zwei Schlitten die schneebedeckte Straße hinan gegen Eisenstein. Hell leuchtete der Mond, am Himmel flimmerten in wunderbarer Pracht die Sterne und ringsum glitzerten die Schneekrystalle gleich feuersprühenden Diamanten, als wäre ein Zauberreich erstanden mit all seinen Wundern aus tausend und einer Nacht. Marianka hatte ihr Haupt an die Brust des Geliebten gelehnt, sie weinte. Wolf aber sprach: »Mut, mein Schatz! Laß uns jetzt an nichts anderes denken, als daß wir vereinigt sind auf ewig!« 242 XVIII. Im Eisnerhof wurde sofort alles beseitigt, was auf das soeben stattgefundene Nachtmahl konnte schließen lassen; die Gäste entfernten sich. Dominik ward eine Schlafstube angewiesen. Alle Lichter im Hause wurden ausgelöscht. Es war nahezu Mitternacht vorüber, als über die Anhöhe von Jenewelt her beim Dämmerlichte des Mondes eine dunkle Masse sich näherte. Der Oberrichter verfolgte sie vom Fenster seiner Stube aus mit den Augen. Bald konnte er etwa zwanzig Reiter in Begleitung von Fußvolk erkennen. Alle schienen zu Tode erschöpft zu sein. Am Eisnerhof angekommen, wurden erst ringsum Posten aufgestellt, dann ward am Thore heftig geläutet. Auf die Anfrage, wer noch in so später Stunde Einlaß begehre, erfolgte die Antwort: »Im Namen des Kaisers! Öffnet!« Nun befahl der Oberrichter, das Thor aufzuschließen, durch welches sofort mehrere Fußsoldaten eindrangen, denen Hoef Huerta in eigener Person folgte. Eine Abteilung Reiter schloß sich ihm an. »Was befiehlt der Kaiser seinem Diener?« fragte Eisner herankommend. »Gehorsam!« versetzte Huerta. 243 »Auf den kann er bei uns rechnen,« entgegnete der Oberrichter. »So gebt sofort den Rebellen Wolf von Perglas heraus, der sich in Eurem Hause befindet. Ich, Oberst Don Hoef von Huerta erkläre ihn für gefangen im Namen des Kaisers.« »Euer Gnaden,« erwiderte der Oberrichter, »Ihr scheint nur halb unterrichtet zu sein –« »Ich bin gut unterrichtet,« unterbrach ihn Huerta. »Wolf von Perglas will morgen Hochzeit machen mit Eurer Tochter; er befindet sich bereits seit heute morgen hier.« »Er befand sich hier, Euer Gnaden, aber die Trauung hat schon heute stattgefunden und das junge Ehepaar hat unmittelbar darauf eine Reise angetreten. Das ist die Wahrheit, so wahr ich will selig werden.« »Der Teufel lohn' es Euch!« rief Hoef Huerta. »Wohin sind sie gereist, wenn ich Euch glauben darf?« »Wohin? Nach Wien, um dem Kaiser persönlich die Unterwerfung kundzuthun und ihm anzuzeigen, daß Perglas den katholischen Glauben angenommen. Aber Euer Gnaden, wollt Ihr nicht vom Pferde steigen, um Euch auszuruhen? Mein Haus steht Euch die Nacht über zu Diensten. Auch die Mannschaft kann eine warme Stube erhalten und die Pferde einen warmen Stall. Ihr seid im Hause eines getreuen Dieners des Kaisers.« »Das hätten wir auch ohne Eure Einladung so gemacht,« versetzte der Spanier in unverschämter Weise. »Erst aber lasse ich das Haus durchsuchen. Findet man das geringste Verdächtige, lasse ich Euch auf der Stelle erschießen. Parole d'honneur! Vor allem aber besorgt mir ein Getränke, das mich wärmt. Der Teufel hole 244 dieses Sibirien mit seiner unverschämten Kälte. Absitzen, Leute! Pferde versorgen! Ich werde für euer Nachtmahl schon bedacht sein.« Der Befehlshaber war vom Pferde gestiegen, konnte sich aber kaum auf den Füßen halten und mußte von zwei Soldaten unterstützt werden. Er fluchte, denn er hatte sich arg erkältet und fühlte nun abscheuliche Schmerzen. Der Oberrichter führte ihn in das angenehm durchwärmte Gemach, welches für Wolf bestimmt gewesen. »Wenn nur diesen Perglas der Teufel holte!« wünschte er mehrmals. »Muß ich dieses Rebellen wegen in grimmiger Wintersnacht meine edle Gesundheit einbüßen! Das ist ihm nicht geschenkt! Kopf ab! Ich werde dafür sorgen.« Der Oberrichter war klug genug, dem Spanier nichts zu erwidern, im Gegenteile vermied er alles, was diesen reizen konnte, denn sein Haus und sein Leben waren jetzt in dessen Gewalt. Deshalb war er bemüht, für des Obersten Wohl nach Kräften zu sorgen. »Wenn es nur in diesem Höllenwinkel einen Arzt gäbe!« meinte der gepeinigte Offizier. »Es giebt einen solchen,« tröstete Eisner. »Zufällig ist Magister Dominik im Hause. Wenn Ihr wünscht, sende ich ihn her.« In diesem Augenblicke kam eine Magd in das Zimmer und brachte heißen Rotwein, den Huerta gierig hinunter trank. Ein Offizier trat jetzt ebenfalls ein und meldete, daß er mit seinen Leuten das Haus durchsucht, aber nichts Verdächtiges gefunden habe, daß die Mannschaft in den Wirtschaftsgebäuden untergebracht und mit Speise und Trank versorgt worden sei. Dies beruhigte einigermaßen den Zorn des Erkrankten. 245 Nun erschien der hagere Magister Dominik, welchen der Oberrichter herbeigerufen, und den er nun dem Oberst vorstellte. Hoef Huerta fixierte den Quacksalber von oben bis unten, dann fragte er: »Bist du katholisch oder ein Ketzer?« »Gestrenger Herr, ich zähle gottlob zu den Rechtgläubigen,« lautete die ausweichende Antwort. »Kannst du kurieren?« »Gestrenger Herr, ich zähle zu den Magistern.« »Du scheinst mir mehr Vieh- als Menschenarzt zu sein?« »Gestrenger Herr, ich zähle –« »Au!« schrie ihn der Spanier jetzt an. »Hilf mir von dieser Höllenqual, anstatt daß du immer nur zählst!« Dominik, sonst nicht zu den Mutigsten zählend, verlor dem sich in Schmerzen Krümmenden gegenüber die Fassung nicht. Er fühlte, daß das Fragen nun an ihm sei und erkundigte sich um das Wissenswerteste; dann begab er sich in die Küche, um dort die nötigen Anordnungen zu geben und einen Heiltrank zu bereiten, der allerdings eher für ein Pferd, als für einen Menschen zu gehören schien. Ins Krankenzimmer zurückgekehrt, mußte der General dann die Brühe hinunterschlucken, was er unter mannigfachen Zornesausbrüchen that. Dann rieb ihn der Magister mit einer erwärmten Salbe tüchtig ein und sprach dabei seiner Gewohnheit gemäß aufmunternd in seinen Knittelreimen: »Soda'l, soda'l, fort mit dem Schmerz, lachen muß's Herz, ob Bauer oder General, ein jeder spürt die gleiche Qual.« »Kerl, ich laß dich peitschen, wenn's nicht hilft!« rief 246 Hoef Huerta, erzürnt über die Ungeniertheit, mit der ihn Dominik behandelte. Aber dieser ließ sich nicht aus der Fassung bringen und fuhr fort, ihn gleichsam magnetisierend: »Ruhig, ruhig, schlafen thu', dann hat der Schmerz bald seine Ruh'; Augen zu – schlafen thu', – schlafen – schlafen – Ruh' – zu.« Der gestrenge Hoef Huerta war in der That eingeschlafen. Die Ermüdung und das Wohlgefühl der Wärme hatten dieses rasch bewirkt. Dominik machte an seinem Kakadu ober der Stirne einen neuen Schnörkel und erhob sich stolz und sehr zufrieden von seinem Sitze. Einem bei dem General Wache haltenden Soldaten gab er strikte Anordnung, was er bei dem Erwachen seines Herrn zu thun habe und daß er ihn, den Magister, bei Bedarf sofort rufen lassen solle. Seine Roßkur schien von bestem Erfolge zu sein. Die Nacht verlief für den Erkrankten ruhig, und andern Tages war er wieder so weit hergestellt, daß er das Bett verlassen konnte. Als sich der Oberrichter nach seinen Befehlen erkundigte, gab er sich etwas höflicher, zumal ihm gemeldet worden, wie reichlich und gut die Mannschaft verpflegt worden. Er ließ sich mit dem Oberrichter sogar in ein Gespräch ein und verlangte Auskunft über die Burg Welhartitz, welche er zwar nur beim Scheine des Mondes gesehen, die ihm aber wie kein anderes Schloß gefallen habe. Der Oberrichter mußte ihm über die Größe der Besitzung, den nutzbaren Flächeninhalt, über den Wildstand, dann auch über die Befestigung Auskunft geben und der Spanier schien mit Eisners Antworten sehr zufrieden zu sein, denn plötzlich sagte er: 247 »Es genügt. Ich weiß genug. Das Gut muß mir der Kaiser überlassen.« »Wie meint Ihr das?« fragte der Oberrichter überrascht. »Daß ich mich mit dem Gute bezahlt machen werde für einen Teil der Kriegsgelder, welche mir der Kaiser schuldet.« »Aber Herr, die Burg ist Eigentum –« »Ist, aber bleibt es nicht!« unterbrach ihn der General. »Ihr werdet Euch doch nicht einbilden, daß der Kaiser die Rebellen ruhig auf ihren Gütern sitzen läßt, die ihm sein ererbtes Königreich nehmen wollten? Ihr werdet doch nicht glauben, daß der Kaiser diesen Rebellen überhaupt ihren Kopf läßt?« »Es ist ihnen ja vom Bayernherzog im Namen des Kaisers Vergebung zugesichert,« wendete Eisner ein. »Der Bayernherzog hatte gut reden. Er wird als Kriegsentschädigung die Oberpfalz und anderes erhalten. Aber wodurch soll der Kaiser entschädigt werden? Soll er keine Genugthuung haben und nur vergeben, nachdem er die Rebellen, dank unserer Hilfe, in den Staub geworfen? Das wäre von seinem Edelmute doch zu viel verlangt. In vergangener Nacht sind sowohl in Prag, wie im ganzen Lande, alle Edelleute, welche an der Empörung teilgenommen, gefangen genommen worden. Im Prachinerkreis habe ich mit meinen Truppen das besorgt. Die Gefangenen werden in Prag prozessiert und nach Rechtens verurteilt werden. Auch Euer Schwiegersohn wird der gerechten Strafe nicht entgehen. Er wird so gut geköpft, wie die andern, seine Güter werden eingezogen, verlaßt Euch darauf. Den künftigen Besitzer von Welhartitz aber könnt Ihr 248 schon jetzt in mir begrüßen, so wahr ich Don Hoef von Huerta heiße.« Eisner glaubte einen Irrsinnigen vor sich zu haben. Er wußte, daß man derartige Kranke nicht durch Widerspruch reizen dürfe und hielt die Rede des Spaniers für mindestens übertrieben. Doch hatte er alle Ursache, Gott zu danken, daß Perglas noch rechtzeitig seinem haßerfüllten Gegner entronnen sei. Um den Oberst auf andere Gedanken zu bringen, fragte er, ob er befehle, daß Magister Dominik nochmals vorspreche. Hoef Huerta mußte gestehen, daß ihm derselbe in der That von seinen Leiden geholfen. Jetzt glaubte er seiner nicht mehr zu bedürfen und ließ ihn daher verabschieden. »Gebt ihm in meinem Auftrag einige Groschen und sagt ihm, ich wäre mit ihm zufrieden gewesen,« befahl er. »Bis um zehn Uhr laßt für mich und den Offizier ein gutes Mittagessen herstellen und ein ergiebiges für die Mannschaft. Um elf Uhr reiten wir ab, nach Schüttenhofen und somit –« Er winkte mit der Hand, zum Zeichen, daß sich der Oberrichter entfernen könne, was dieser auch gerne that. Es war heute Gerichtstag und Steuerzahlung und eine große Anzahl Freibauern nebst ihren Söhnen und den Söhnen der Schalupper hatten sich eingefunden, viele auch aus Neugierde, um den nach den Amtsstunden stattfindenden Hochzeitsfestlichkeiten anzuwohnen. Wohl an dreihundert mochte ihre Zahl sein. Viele von ihnen waren in der zunächst des Hofes liegenden Schenke, wo sich auch die meisten der Soldaten befanden, die es sich dort gütlich thaten, da sie selbstverständlich auf Eisners Befehl frei bewirtet wurden. 249 Ein Teil der Soldaten lag indessen krank sowohl im Eisner- wie im Poschingerhofe darnieder. Der nächtliche Marsch in dem hohen Schnee und der grimmigen Kälte hatte den an ein so rauhes Klima nicht gewöhnten Leuten arg zugesetzt. Aber auch den Pferden ging es nicht besser; mehrere waren vorerst für einen Weiterritt ganz unbrauchbar. Magister Dominik hatte bei Mensch und Tier einzugreifen und somit alle Hände voll zu thun, Mixturen zu bereiten und sie in Anwendung zu bringen. Offiziere und Mannschaft hätten hier gerne Rasttag gehalten und ersterer malte dem Befehlshaber gegenüber den schlimmen Zustand der Mannschaft in grellen Farben. Aber der Oberst hielt einen längeren Aufenthalt auf einem so gefährlichen Posten für zu gewagt, zumal die Mansfeldschen, welche von Pilsen aus Streifzüge in diese Gegend machten, leicht Wind bekommen und gefährlich werden konnten. Er gedachte dabei lebhaft jenes Überfalles vor zwei Jahren, als ihn am Martinitage Wolf von Perglas mit seinem fliegenden Korps davonjagte. Er hatte jene Affaire überhaupt noch nicht vergessen und es sollte dafür auch dem Oberrichter noch heimgezahlt werden. Nur seine Krankheit war Ursache gewesen, daß er bis jetzt jene für ihn so demütigende Schlappe mit Stillschweigen überging. Er ließ Dominik befehlen, die kranken Soldaten innerhalb drei Stunden so weit herzustellen, daß sie weitermarschieren könnten. Der Magister war nicht wenig verblüfft, statt eines anständigen Geschenkes den Auftrag zu erhalten, binnen so kurzer Zeit die armen Kerls, die im Fieber lagen, gesund zu machen. »Und wenn sie so rasch nicht gesund werden?« fragte Dominik. 250 »Dann kannst du dich auf den spanischen Stiefel gefaßt machen,« entgegnete der Offizier. Dem Magister standen die Haare zu Berge bei diesen Worten, doch hatte er den verzweifelten Mut, zu erwidern, daß er weder Zauberkünste kenne, noch ein Wunderdoktor sei, und nicht er, sondern der Befehlshaber die Leute krank gemacht habe. Wenn der General meine, auf seinen Befehl flöge die Krankheit nur so weg, so möge er nur befehlen. Er kenne keine solche spanische Flunkerei. Auf das hin nahm ihn der Offizier beim Kragen und führte ihn vor Hoef Huerta, auf daß er ihm das selbst sage. Der Oberrichter folgte, um zu hören, was da mit dem Magister vorginge. Dominik erblaßte jetzt vor den strengen Zügen des Spaniers. In vergangener Nacht hatte er ihn wie ein Kind behandelt und in Schlaf gelullt, jetzt stand der Spanier vor ihm als ein Richter über Leben und Tod. Der Offizier berichtete die Worte Dominiks. Hoef Huerta biß sich in die Lippen, dann befahl er durch eine Bewegung, den Magister wegzuführen, indem er sagte: »Zwanzig mit dem spanischen Rohr!« Das alte Männlein erzitterte bei diesen Worten. Er warf sich dem Spanier zu Füßen und rief: »Euer Gnaden werden doch mir alten Mann –« Jetzt mischte sich auch der Oberrichter in die Sache. »Euer Gnaden,« sagte er, »es kann doch nur ein allerdings sonderbarer Scherz sein, daß Ihr diesen ehrwürdigen alten Mann, der Euch heute nacht von Euren Schmerzen befreit, jetzt mißhandeln lassen wollt, da Ihr Unmögliches von ihm verlangt. Das ist nicht der Wille 251 des Kaisers, daß Ihr seine Unterthanen auf solche Weise behandelt. Ich protestiere dagegen als Oberrichter der Künischen.« »Schweigt!« herrschte ihn der Spanier an. »Ich weiß wohl, daß Ihr selbst ein Rebell seid. Ihr habt vor zwei Jahren dem Feind Kunde gegeben von meinem Hiersein, und eben jener Perglas, Euer Schwiegersohn, hat uns überfallen. Ihr gehört ebenfalls gefangen und verurteilt zu werden.« »Mich braucht man nicht zu fangen,« entgegnete der Oberrichter. »Ich bin jeden Tag bereit, mich dem Gerichte zu stellen und über all mein Thun und Denken Rechenschaft zu geben. Die ständische Regierung hat mich verbannt, weil ich die Sache Ferdinands vertrat. Niemand, am allerwenigsten Ihr selbst, habt ein Recht, mich für einen Feind des Kaisers zu halten. Aber ich dulde nicht, daß man einen Unschuldigen mißhandelt, der seit frühem Morgen sein Bestes that, die kranken Soldaten und Pferde zu kurieren, der aber kein Hexenmeister ist, um auf Euer Kommando Kranke nach Belieben gesund zu machen.« »Wie?« rief Hoef Huerta, »Ihr wagt es, in solchem Tone mit mir zu sprechen? Wißt Ihr, daß ich Euch als Rebellen sofort niederschießen lassen kann? Leutnant, nehmt ihn gefangen!« Der Offizier ging ungern daran, den Befehl zu vollziehen. Er ließ sich nochmals mahnen. »Nun habt Ihr verstanden, Leutnant?« Nun führte der Offizier Eisner und Dominikus ab. Als sie außer Hörweite Huertas waren, meinte der Offizier in gebrochenem Deutsch, sie möchten sich vorerst 252 fügen, wenn der Zorn des Befehlshabers verraucht wäre, würde ihnen so viel nicht geschehen. Der Oberrichter aber traute dieser Vermutung nicht, und er flüsterte Dominik zu, er möge, weniger bewacht, als er selbst, den Versuch machen, die Sturmglocke läuten zu lassen. Der Leutnant verbrachte den Oberrichter auf dessen Wunsch in sein Arbeitszimmer zu ebener Erde und stellte einen Wachtposten vor die Thüre. Diesen Moment benützte der Magister, auszureißen. Er gab eiligst Auftrag, die Sturmglocke zu läuten und lief in die Schenke, die dort versammelten Freibauern von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen. Es genügte schon der Name »Hoef Huerta«, um die Bauern in Wut zu bringen gegen diesen Bauernschinder, wie sie ihn nannten, oder auch die »Rute Gottes.« Die meisten hatten Säbel, viele von ihnen Pistolen bei sich, denn die das Land unsicher machenden Marodeurs machten eine Bewaffnung zur Verteidigung eigener Person nötig. Außerdem fanden sie in den Wirtschaftsräumen des Poschinger- und Eisnerhofes sonst zu friedlichem, landwirtschaftlichem Gebrauche bestimmte Gegenstände genug, die ihnen jetzt als Waffen dienen konnten, wie Sensen, Dreschflegel, Mist- und Heugabeln u. dgl. Sie überfielen sofort die in der Schenke zechenden, unbewaffneten Soldaten, um sie an Händen und Füßen mit Stricken zu binden. Nun ertönte auch in raschen Schlägen die Glocke vom Türmchen des Hofes. Hoef Huerta, der soeben die Treppe herabkam, erkundigte sich nach der Ursache dieses Läutens und erfuhr nun von dem Leutnant, daß die Bauern sich in drohender 253 Haltung versammelten und man Gefahr liefe, wenn der Oberrichter nicht freigegeben würde. »Sofort alles kampfbereit machen!« befahl Huerta. »Wir schlagen die Bauern tot, wie die Hunde, wenn sie im geringsten Miene machen, uns anzugreifen. Damit ihnen aber der Mut vergeht, hängt ihren Oberrichter an der Linde vor dem Hause auf – ohne Verzug – er ist ein Rebell – ich befehl es! Ich werde es ihm selbst ankündigen.« Der Oberrichter hatte diesen Befehl wohl vernommen und zweifelte nicht an seiner Ausführung. Rasch gürtete er sein Schwert um und öffnete eine nach der Rückseite des Hauses, nach dem sogenannten »schwarzen Gange« führende Thüre, durch die er sich leise entfernte. Er gewann das Freie, ohne den Wirtschaftshof betreten zu müssen. Etwa dreihundert Schritte entfernt befand sich die Schenke und auf diese eilte er zu, um in der Mitte seiner Freibauern zu sein. Eine kleine Kapelle steht zwischen dem Hofe und der Schenke, dorthin war der Weg vom Schnee befreit und Eisner eilte nach jener Richtung. Als Hoef Huerta in die Stube trat, fand er sie leer. Er rief den Posten zu sich heran, untersuchte und fand die nach dem schwarzen Gange führende Thüre. Von dem Gange aus sah er den Oberrichter zur Kapelle eilen. Er befahl dem Posten, ihm eine Kugel nachzusenden. Aber die Kugel verfehlte ihr Ziel. An Stelle des Oberrichters traf sie das gemalte Christusbild in der Kapelle mitten in die Brust Dieses Bild ist noch heute in der Kapelle aufbewahrt. ; der Oberrichter kam ungefährdet zur Schenke. 254 Im Hofe ertönte nun das Trompetensignal zum »Sammeln«, aber von außen kam niemand herzu, denn auch im Poschingerhof hatten die Bauern, wie in der Schenke, die dort sorglos in den Wirtschaftsräumen herumlungernden Soldaten unschädlich gemacht. Der spanische Feldherr war nicht wenig überrascht und bestürzt, als nur etwa zehn Mann sich stellten, die Reiter teilweise ohne Pferde, während etwa dreihundert Freibauern zum Kampfe gegen ihn bereit standen. Die Herren vom Eisner-, Poschinger- und Schürerhof berieten nun, was unter diesen Umständen zu geschehen habe. Daß der schurkische Spanier sie dem Kaiser als Rebellen anzeigen werde, sei selbstverständlich. In Anbetracht jedoch, daß Hoef Huerta als kaiserlicher Befehlshaber hier wäre, mußte man ihn wohl oder übel unangetastet ziehen lassen. Der Oberrichter ersah es als nötig und nahm sich vor, sich persönlich nach Prag zum Statthalter zu begeben, um ihm das Vorkommnis aufzuklären. Für jetzt übernahm es der Herr des Poschingerhofes, den Parlamentarier zwischen den Freibauern und dem Spanier zu machen. Zu diesem Behufe begab er sich nach Eisners Hof, um mit Hoef Huerta zu unterhandeln. Schrecken und Kälte schienen dem Spanier neuerdings in die Gedärme gefahren zu sein, als der Freibauer vor ihn hintrat, denn seine Gesichtszüge verzerrten sich ganz abscheulich. Er stieg jedoch vom Pferde und hieß den Parlamentarier ihm in die Gerichtsstube folgen. Nachdem er sich in einen Sessel geworfen, sagte er: »Ehe Ihr zu reden beginnt, bedenkt, daß ich in Kaisers Namen hier bin, und daß jedes Haar, das Ihr mir oder meinen Soldaten krümmt, mit zehn von Euren Köpfen 255 quittiert wird. Ich rate Euch, meine Soldaten gutwillig herauszugeben; es soll Euch sonst gereuen!« »Herr Oberst,« erwiderte der Freibauer, »wir sind Freunde des Kaisers, und wohl bessere, als Ihr und Eure Soldaten. Wir haben Euch heute nacht gastlich aufgenommen und die kranken Leute gepflegt. Was wollt Ihr mehr? Heute nehmt Ihr unsern Oberrichter gefangen, einer Grille wegen. Ihr laßt auf ihn feuern und zeigt dadurch, daß Ihr Eure Gewalt mißbraucht. Was bleibt uns anderes übrig, als Euch wieder Gewalt entgegenzusetzen. Wir wollen aber keinen Krieg mit den Truppen unseres Kaisers, wenn es auch oft nur Strolche sind, die sich wie Räuber gebärden –« »Seid Ihr nicht bald zu Ende?« fragte Huerta, mit dem Fuße stampfend. »Gleich bin ich's,« versetzte der andere. »Wir haben uns nur verteidigt. Wir werden nicht angreifen, verlangen aber, daß Ihr Euch mit Euren Leuten sofort von hier entfernt. Ihr gebt Euer Wort als Offizier, daß keiner sich etwas Unrechtes gegen uns zu schulden kommen läßt, und wir geben die Gefangenen frei. Die Kranken könnt Ihr getrost hier lassen, wir werden für ihre Wiedergenesung Sorge tragen. Das ist's, was ich Euch im Namen der künischen Freibauern zu sagen habe.« Hoef Huerta sah sich zu seinem Schmerze in die Notwendigkeit versetzt, zum bösen Spiel gute Miene zu machen. Er machte Ausflüchte, daß er den Oberrichter nur schrecken wollte und gab schließlich sein Wort, daß er, ohne die Freibauern zu »bestrafen,« sofort seinen Marsch nach Hartmanitz antreten wolle. Nur befahl er, daß ihm eine Kutsche 256 zur Verfügung gestellt werde, da er sich noch zu unwohl fühle, um längere Zeit auf dem Pferde zu sitzen. Der Freibauer sagte ihm dies zu und versprach auch, die Soldaten vor dem Abmarsche noch mit warmer Kost zu versorgen. Hoef war es zufrieden und entließ den Parlamentarier, als hätte er ihm eine Gnade erteilt. Nun wurden die Soldaten von den Stricken befreit und für die ausgestandene Unbill mit Speise und Trank versorgt. Außerdem erhielten sie noch Branntwein mit auf den Marsch. Statt eines Gefechtes fand allgemeine Versöhnung statt und nur allzufrüh ertönte den Soldaten das Signal zum Abmarsch. Dem Magister aber ward statt der diktierten »Zwanzig« die Ehre zu teil, neben dem gestrengen Oberst in der Kutsche zu sitzen. Er hatte ihn wiederholt in Kur genommen und der Spanier bildete sich ein, die Gegenwart des Arztes wirke beruhigend auf ihn. Der Oberrichter selbst betrat seinen Hof nicht mehr, solange Hoef Huerta dort weilte. Er hätte ihm auch keinen Gottesgruß für den Weitermarsch geben mögen, denn er wußte, dieser Abenteurer bringe überall, wohin er sich wenden möge, nur Unheil. Die Kutsche mit den zwei Pferden, welche er gestellt, er ahnte wohl, daß er sie nimmer wiedersehen würde; was Hoef Huerta in seinen Klauen hatte, betrachtete er als sein Eigentum, denn er brandschatzte und stahl bei Feind und Freund, vorgeblich »im Namen des Kaisers.« Dominik aber hörte den Abschiedsfluch des Gestrengen in der wütend hervorgestoßenen Drohung: »Hunde! Ihr sollt mir's büßen!« 257 XIX. Der Statthalter von Böhmen hatte in der That vom Kaiser Befehl erhalten, alle diejenigen, welche an der Empörung teilgenommen, gefangen zu setzen. Tilly hatte mehreren derselben, die er in Prag wußte, den Rat gegeben, die Stadt zu verlassen und auf ihre Sicherheit bedacht zu sein Historisch. , aber sie verließen sich auf des Kaisers Gnade und folgten diesem Rate nicht. Sie wurden in der Nacht vom zehnten Februar gleichfalls gefangen und in verschiedene Gefängnisse, die vom Adel in den weißen Turm geworfen. Die Anzahl der Gefangenen belief sich auf achtundvierzig Personen, unter welchen auch Humprecht von Hracin und dessen Onkel, Joachim von Schlick, waren, welch letzteren der Kurfürst von Sachsen ausgeliefert hatte. Diejenigen, welche sich aus dem Lande geflüchtet, wurden vom Statthalter nach Prag zurückgerufen und ward ihnen eine Frist von sechs Wochen gegeben, innerhalb welcher Zeit sie sich zu stellen hatten. Zu diesen letzteren gehörten Matthäus Graf von Thurn, Graf Albuin Schlick, Wolf von Perglas, Johann von Bubna u. a. Zu gleicher Zeit bekamen die Professoren am Karolinum, die Pfarrer und Schulmeister, welche der Lehre Calvins, oder 258 den böhmischen Brüdern zugethan waren, Befehl, innerhalb drei Tagen das Königreich zu verlassen. Alle Adeligen, welche sich nicht ganz sicher wußten, wurden von Schrecken erfaßt. Einhundertfünfundachtzig adelige und viele bürgerliche Familien wanderten aus. Die Zurückgebliebenen sahen mit Bangen dem Richterspruch Ferdinands entgegen. Frau von Hracin lag vor Schrecken über die unerwartete Gefangennahme ihres von seinen Wunden noch nicht hergestellten Sohnes krank darnieder. Humprecht hatte dank seines Geldes, mit dem er den Führer der Patrouille für sich gewann, die Erlaubnis erhalten, daß ihn sein Kammerdiener begleiten durfte und er hatte somit eine verhältnismäßig gute Fahrt nach Prag gehabt. Dort wurde auch er im weißen Turme interniert, erhielt ein Zimmer für sich allein und die Erlaubnis, von seinem Diener gepflegt zu werden. Das erste war, daß er Libussa von seiner Gefangenschaft und Anwesenheit in Prag benachrichtigen ließ. Libussa hatte mit Sehnsucht auf Nachricht gewartet, ob und wohin sich der Geliebte geflüchtet, denn daß der leichtsinnige Reitknecht, der ihre Warnung überbringen sollte, zu spät nach Hrádeck gekommen, das ahnte sie nicht. So war sie denn von neuem Jammer und neuer Sorge um Humprecht erfüllt. Sie wußte keinen andern Ausweg, als den Generalfeldmarschall Tilly aufzusuchen, der sich schon zweimal so gnädig gegen sie gezeigt und ihn zu bitten, ihr zu raten und zu helfen und ihr die Erlaubnis zu erwirken, den Gefangenen in Begleitung ihrer Mutter besuchen zu dürfen. Der Feldmarschall bedauerte sehr, daß hier seine 259 Warnung zu spät gekommen und bei vielen anderen Herren unbeachtet geblieben sei. Er bewirkte aber bei dem Fürsten Karl von Liechtenstein, daß Libussas Wunsch erfüllt und ihr die Erlaubnis erteilt wurde, den Bräutigam jede Woche einmal auf eine Viertelstunde besuchen zu dürfen. Libussa hatte in dieser Audienz beim Feldmarschall demselben auch von der Gnade Kaiser Ferdinands erzählt, die ihr damals in Seewiesen zu teil geworden und des Rings erwähnt, den ihr die Kaiserin mit der Versicherung gegeben, sie und ihren Bräutigam unter ihren besonderen Schutz zu nehmen, wenn sie dessen bedürfen sollten. Sie fragte den alten Herrn um Rat, ob sie von dieser Gnade jetzt Gebrauch machen und die Freilassung Humprechts erbitten solle. Tilly hörte auf ihre Worte mit großem Interesse, aber er fand es nicht an der Zeit, schon vor Beendigung der Untersuchung die kaiserlichen Majestäten an ihr Versprechen zu erinnern. Er war noch immer des Glaubens, daß der Kaiser ohnedem eine allgemeine Amnestie erlassen werde, versprach jedoch dem Mädchen, es rechtzeitig zu verständigen, wenn der Fall gegeben sei, daß es persönlich nach Wien gehen sollte. Es war ein schmerzliches Wiedersehen der beiden Liebenden, als Libussa zum erstenmale im Kerker erschien. Humprecht war sehr entmutigt. Er klagte darüber, daß es ihm nicht vergönnt gewesen sei, auf dem Schlachtfelde den Ehrentod zu sterben. Libussa aber tröstete ihn und bat ihn, dem Himmel zu vertrauen. Daß sein Freund Wolf den Häschern bis jetzt entgangen, hatte er schon erfahren. Die Viertelstunde war bald vorüber. Als Libussa schied, war Humprecht gefaßter. Die Blumen, welche sie 260 ihm zurückließ, sprachen ihm so viel Liebendes und Tröstendes, daß er neuer Hoffnung Raum gab in seinem Herzen. Er fürchtete ja eine Wiederholung der Greuel, wie sie unter Kaiser Rudolf von dem Jesuiten Apuentius, von Martiniz und Slavata in Szene gesetzt worden, und vielen Herren vom böhmischen Adel den Untergang brachten. Und eben diese beiden, Martiniz und Slavata, hatten im Verein mit Pater Lamormain auch jetzt wieder das große Wort im Rate des Kaisers zu führen. Wolf von Perglas dagegen dankte dem Himmel, so rechtzeitig entkommen zu sein. Hätte er nicht einen Abscheu vor Mansfelds Gebahren gehabt, er wäre wahrhaftig versucht gewesen, noch einmal für Böhmen das Schwert zu ergreifen, denn abermals brach die Kriegsfurie im westlichen Teile Böhmens aus, indem der vertriebene König Friedrich V. Mansfeld zu seinem Feldmarschall ernannte und den Waffenstillstand aufhob. Aber auch diesesmal hatten die Böhmen kein Glück. Wieder wurde ihnen Stadt um Stadt entrissen, bald war das ganze Königreich in der Gewalt des Kaisers. Ferdinand benützte seinen Sieg zur Ausrottung aller nichtkatholischen Lehren samt ihren Lehrern, ebenso zum Sturze der alten Landesordnung. Sein Streben ging nach Alleinherrschaft, Spanien schwebte ihm als Vorbild vor. Das Gericht über die gefangenen Rebellen wurde vom königlichen Hochgericht in Prag unter dem Vorsitze des Fürsten Karl von Liechtenstein abgehalten und die Empörer wurden zum Tode verurteilt. Der Kaiser hatte sich zur Unterzeichnung dieses Bluturteils schwer entschlossen. Er war sehr geneigt, Gnade für Recht ergehen zu lassen, aber Martiniz und Slavata, 261 jene Herren, welchen die Aufständischen den Weg durchs Fenster gewiesen, konnten ihren Feinden diese That nicht vergeben, da sie jetzt in der Lage waren, Rache zu üben. Sie und Pater Lamormain wußten den Kaiser zu bestimmen, das Urteil rechtskräftig zu machen. Zum Vollzuge wurde der 21. Juni 1621 festgesetzt. Noch war es größtes Geheimnis, was der Kaiser beschlossen. Nur Tilly, welcher jetzt wieder in Prag weilte, hatte Einsicht in die Akten bekommen und daraus ersehen, daß auch Humprecht von Hracin unter den Verurteilten sei. Sofort begab sich der Feldmarschall nach der Wohnung Libussas. »Kind,« sagte er, »nun ist die Zeit gekommen, die dich nach Wien ruft, um beim Kaiser um Gnade für deinen Bräutigam zu bitten. Aber sorge, daß diesmal nicht gesäumt wird.« »So ist Gefahr für sein Leben?« fragte Libussa erbleichend und mit stockendem Atem. »So ist es,« lautete die trostlose Antwort. Libussa sank in die Knie und fing bitterlich zu weinen an. Der Feldmarschall legte ihr die Hand aufs Haupt und sprach: »Sei stark, Mädchen. Weine dir die Augen nicht rot. Ein schönes Auge hat schon manchen Blitzstrahl vom Haupte eines Schuldigen abgewendet. Geh erst zur Kaiserin und dann zum Kaiser. Hier gebe ich dir ein Schreiben mit, das deines Freundes Tapferkeit dem Kaiser rühmen soll und in welchem auch ich um Gnade für ihn bitte.« Libussa rang in Verzweiflung die Hände. Wie sollte sie in so kurzer Zeit nach Wien kommen, das an dreißig Meilen entfernt war. 262 Aber auch hier schuf der alte Herr Rat. Er bot ihr einen von seinen eigenen Wagen und das nötige Geld an. »Säume keine Stunde!« schärfte er ihr ein: »Relais werden genommen. Dein Bruder soll zum Schutze dich begleiten. Binnen einer Stunde schicke ich dir den Wagen. Weine nicht mehr. Mut mein Kind! Der Himmel wird dich schützen!« Mit diesen tröstenden Worten verließ sie der Feldmarschall. Die fieberhafte Eile, mit der die Abreise betrieben werden mußte, drängte den Schmerz zurück. Bald standen die Geschwister zur Fahrt nach der Kaiserstadt bereit. Der Wagen ließ nicht warten. Unter Thränen segneten die Eltern ihre Kinder und nahmen Abschied von ihnen. Bald war der Wagen den Augen der Nachgrüßenden entschwunden. Der Weg führte durch einen wunderbar schönen Strich Landes. Trotz der noch überall sichtbaren Verheerung des Krieges hatte das Kleid des Sommers die geschlagenen Wunden verwischt. Die ausgebrannten Häuser in den Dörfern waren durch die üppigen, in frischem Grün prangenden Obstbäume einigermaßen verdeckt und auf den Feldern und Wiesen sproßte in üppiger Fülle die Saat. In den tannengrünen Wäldern sangen und zwitscherten die munteren Vögel, ein wolkenloser Himmel spannte sich über das Land, die Natur sah so fröhlich, so hoffnungsfroh aus, aber die Menschen, welche ihre ausgebrannten Hütten ausbesserten oder gesenkten Hauptes fürbaß schritten, hatten kein frohes Aussehen. Keiner lebte wohl im Böhmerlande, der nicht irgend einen Verlust zu beklagen hatte, keiner mochte mit neuen Hoffnungen der Zukunft vertrauen. Es lag wie ein Alp auf allen Gemütern. 263 Libussa aber blickte mit gottvertrauender Hoffnung hinaus in die herrliche Landschaft, jede Blume in der saftigen Wiese schien ihr Trost zuzulächeln, die Liebe zu Humprecht stärkte ihr Herz und ihren Mut. Rasch ging die Fahrt von statten. Tillys Kutscher war reichlich mit Geld versehen, und dieses Zaubermittel machte alles rasch möglich, so daß sie Tag und Nacht ohne Aufenthalt weiterreisen konnten und schon am Abend des zweiten Tages in Wien anlangten. Am nächsten Morgen begab sich Libussa mit ihrem Bruder sofort in die Hofburg und ließ sich bei der Kaiserin zur Audienz melden. Die diensthabenden Beamten wollten das Mädchen mit leeren Ausflüchten abweisen, aber Libussa wußte sich den Weg zu bahnen. Ihrer Schönheit konnte man nicht widerstehen, man that nach ihrem Wunsche. Es währte nicht lange, so wurde sie vor die Kaiserin gerufen. Libussa warf sich vor der hohen Frau auf die Kniee und bat um gnädiges Gehör. Maria Anna hieß das Mädchen sich erheben und blickte mit Wohlgefallen auf dasselbe. »Ich erinnere mich deiner wohl, Libussa,« sagte sie. »Es war ein schöner Tag, den ich inmitten jener Freibauern verlebte. Seit jener Zeit hab' ich von Böhmen nur Leid erfahren. Wie sehr ich trotz aller traurigen Vorkommnisse noch jenes Tages gedenke, mag dir beweisen, daß ich mich noch ganz genau erinnere, wie du mir anvertrautest, daß du dein Herz an einen Mann verschenktest, den du nicht mehr zu finden vermochtest. Irre ich nicht, so heißt er Josef. Ist es so? Und hast du ihn wiedergefunden?« »Ja, Majestät, ich habe ihn wiedergefunden. Doch 264 Josef Marcon war nur ein angenommener Name. In Wahrheit heißt er Humprecht von Hracin, Herr auf Hrádeck. Majestät, für ihn bitte ich um Gnade.« »Einer der Empörer?« fragte die Kaiserin. »Sein Leben ist in Gefahr,« rief Libussa und sich abermals auf die Kniee werfend, flehte sie mit hoch erhobenen Händen: »Um Gotteswillen, Majestät, helft mir beim Kaiser, daß er ihn begnadigt. Ihr habt einst gnädigst versprochen, Euch unser anzunehmen. Auf Euch allein hoffe ich in dieser schrecklichen Not.« Die Kaiserin war höchlichst überrascht über das Gehörte. »Der Herr von Hrádeck und eines Spielmanns Kind?« sprach sie verwundert. »Und er hat dir Treue gehalten? Das war schön und gut. Aber sein Verhalten gegen uns war nicht gut. Er ist unser Feind und wird wohl gleich seinen Mitschuldigen der gerechten Strafe anheimfallen müssen. Gern will ich zwar mit meinem Gemahl Rücksprache nehmen, aber ich fürchte, er wird in politischen Dingen nicht auf mich hören.« »O Majestät – wenn mich der Kaiser selbst empfangen würde – ich habe auch ein Schreiben des Feldmarschalls Tilly, der gleichfalls für Humprecht bittet und ihn der Gnade Seiner Majestät empfiehlt.« »Tilly?« fragte die Kaiserin. »Da hast du einen vielvermögenden Fürsprecher. Gieb mir das Schreiben, ich werde es dem Kaiser übergeben. Warte im Vorzimmer und sei versichert, was ich vermag, das soll geschehen.« Sie entfernte sich dann. Libussa trat in das Vorzimmer, wo sie sich auf einen Stuhl niederließ und in furchtbarer Aufregung das Ergebnis des Besuches der Kaiserin bei ihrem Gemahl abwartete. 265 Nach einer halben Stunde, die ihr wie eine Ewigkeit erschien, kam ein Lakai und beschied sie zum Kaiser. Wenige Augenblicke später stand Libussa dem Monarchen gegenüber. Er kam ihr mit ungemein freundlichem Lächeln entgegen. »Libussa!« rief er. »Bist du's denn?« »Majestät,« versetzte das Mädchen, den Kaiser mit den großen, dunklen Augen anblickend. Er war in den drei Jahren, seit sie ihn zum erstenmale gesehen, sichtlich gealtert, sein Haar war bereits reichlich mit Grau untermischt und zwischen seinen Augenbrauen zeigten sich tiefeingreifende, einer Vogelklaue ähnliche Falten. »Dein Erscheinen, Libussa, es ist mir wie ein wärmender Sonnenstrahl in düsterer Winterszeit. Ich habe oft deiner gedacht. Es giebt Gegenden, wie Menschen, die uns auf den ersten Blick gefangen nehmen und deren wir fortan mit warmen Herzen gedenken. Ich sah in dir stets die schöne Sängerin. Aber was muß ich hören, du möchtest die Lyra mit der Freiherrnkrone tauschen? Würdig, ja, würdig wärst du, eine noch höhere zu tragen, aber daß gerade dieser Hracin es sein muß, der –« »Majestät, Gnade für ihn!« rief Libussa, sich auf die Knie niederlassend und die Hände zu ihm erhebend. Der Kaiser erfaßte ihre Hand und indem er sie aufhob, drückte er ihr einen Kuß auf die Stirne. »Steh auf Libussa,« sprach er gütig. »Die Erinnerung an eine schöne Stunde ist die beste Fürbitterin. Du verlangst zwar viel, denn ich lade den Schein der Parteilichkeit auf mich, wenn ich nicht gleiches Recht für alle anwende. Indessen, die Gnade ist ja ein Vorrecht des Herrschers.« 266 »Majestät, ich darf also hoffen? Mein Verlobter wird nicht sterben?« Libussa sprach dies mit leuchtenden Augen. »Du liebst ihn also recht sehr, diesen Humprecht Hracin?« »O gewiß – über alles! Nicht weil er ein Edelmann ist, o nein. Ich liebte ihn, als er sich gab als niederer Jägersmann. Als er verwundet zu mir kam, da hab ich ihn gepflegt, viele Wochen lang, und habe gekämpft mit dem Tod, der ihn mir entreißen wollte. Ich habe meinem Humprecht das Leben erhalten, aber nicht dazu, daß man es ihm wieder nimmt. Da müßte er ja meiner Sorgfalt fluchen. Ich habe ihn für mich gerettet, nicht für den Henker. O Majestät, schenkt mir sein Leben!« Der Kaiser lächelte. Er schien mit Wohlgefallen den klangvoll gesprochenen Worten des Mädchens zu lauschen. »Und ist er denn deiner wert?« »Er – meiner? Der schöne, gute, tapfere Mann! Haben Eure Majestät nicht gelesen, was der Herr Feldmarschall Tilly geschrieben?« »Den Tilly hast du in seinen alten Tagen auch noch mit deinen schönen Augen gefangen?« lachte der Kaiser. »O, Majestät scherzen. Meine Augen, ich habe sie nur noch zum weinen, wenn Humprecht verloren ist.« »Erhalte sie dir, liebes Mädchen. Du sollst dich nicht umsonst an mich gewendet haben,« sprach der Kaiser. Er drückte auf eine Glocke. Der Thürsteher erschien. Der Kaiser befahl, daß der Geheimschreiber sofort bei ihm zu erscheinen habe. Libussa glaubte zu träumen. So hatte sie also den Geliebten gerettet! Jetzt konnte sie nicht länger mehr an 267 sich halten. Ein Strom von Thränen entstürzte ihren Augen, indem sie dem Kaiser die Hände küßte. Der Kaiser lehnte der Weinenden Haupt an seine Brust und indem er ihr sanft mit der Hand über das Haar strich, sagte er tröstend: »Beruhige dich, Kind. Komme wieder an der Seite deines Gemahls zu mir. Das Leben ist ihm geschenkt. Mehr zu thun, vermag ich nicht. Aber ich werde ihm Gelegenheit geben, sich mir ebenso treu zu zeigen, wie er der mir feindlichen Sache gedient. Und du sollst mir dann deine schöne Lieder vorsingen, die mich so heiter stimmen.« Der Geheimschreiber erschien. Der Kaiser befahl ihm, ohne Verzug ein Dekret zu fertigen, nach welchem der Freiherr Humprecht von Hracin die Freiheit erhalte. Doch sei die Konfiskation seines Gutes aufrecht zu erhalten. »Zweimal ausfertigen und mir sofort zur Unterschrift vorlegen,« befahl der Kaiser. »Mit dem einen Dekret soll ein Extrakourier unverzüglich nach Prag reiten und dasselbe dem Statthalter übergeben; das zweite wird durch andere Hand besorgt.« Der Geheimschreiber entfernte sich. In diesem Augenblicke wurde der Beichtvater des Kaisers, Pater Lamormain, gemeldet. »Er sei willkommen!« sagte der Kaiser. Dann wendete er sich zu Libussa. »Leb wohl, mein Kind!« sprach er. »Der Herr segne dein Werk! Im Vorzimmer der Kaiserin wird dir das Dekret ausgehändigt werden. Übermorgen früh 5 Uhr muß der Statthalter das Begnadigungsdekret in Händen haben. Reise mit Gott!« 268 Libussa küßte nochmals innig des Kaisers Hand, indem sie sagte: »Der Himmel lohne es Eurer Majestät!« Pater Lamormain war eingetreten. Er warf dem sich entfernenden Mädchen einen vielsagenden, vorwurfsvollen Blick zu. – Libussa streifte diesen Blick nur flüchtig. Sie gedachte seiner Warnung in Seewiesen und eiligen Fußes verließ sie das Kabinett. Im Vorzimmer der Kaiserin traf sie wieder mit Stanislaus zusammen, der dort auf ihre Rückkehr gewartet hatte. Die Ankunft Libussas wurde der Kaiserin sofort gemeldet. Es währte nicht lange, kam der Geheimschreiber und übergab ihr im Auftrage seiner Majestät das Dekret. Libussa drückte es voll Jubel an ihre Lippen. Gleich darauf ward sie nochmals zur Kaiserin gerufen. 269 »Nun, Libussa, ist es recht geworden?« fragte diese, da sie die Dankesthränen in den Augen des Mädchens sah. »O hohe Frau – wüßte ich Worte – wäre mein Dank nicht unaussprechlich. – –« »So kehre getröstet heim und gedenke deiner Kaiserin auch in den Tagen des Glücks, in welchen du diese Kette tragen sollst!« Mit diesen Worten nahm sie eine Perlenkette ab und schlang sie um Libussas Hals. »O Majestät, diese himmlische Gnade,« rief das Mädchen. »Es ist nur eine irdische, mein Kind,« entgegnete die Kaiserin lächelnd. »Halte dir dein Herz rein, wie bisher, und der Himmel wird mit dir sein. Leb wohl!« Sie reichte Libussa die Hand zum Kusse dar. Das Mädchen war so überwältigt von der Gnade der Majestäten, daß es nicht mehr zu sprechen vermochte. Unter heißen Dankesthränen verließ sie die Kaiserin. Eine halbe Stunde später waren die Geschwister auf der Heimreise begriffen. Übermorgen früh fünf Uhr mußten sie in Prag sein. Der Kutscher hielt dies kaum für möglich. Doch er hatte Tillys strikten Befehl, die Reise nach Möglichkeit zu beschleunigen. Da gab es keine Widerrede und in rasender Eile ging es dahin. Libussa war geistig dem Fuhrwerk weit voran, sie dachte in fieberhafter Erregung nur an das Ziel, an Prag, an Humprecht. 270 XX. Am siebzehnten Juni, einen Tag nach Libussas Abreise von Prag, rückten dortselbst sieben Schwadronen sächsischer Reiter ein, welche in alle drei Stadtteile verlegt wurden, um das Volk im Zaume zu halten. Niemand wußte, aus welcher Ursache diese Maßregel getroffen wurde und die widersprechendsten Gerüchte schwirrten hin und her. Aber andern Tages in aller Frühe sollten die Prager in betreff der Verstärkung der Garnison nicht mehr im Zweifel sein. Vor dem Altstädter Rathause wurde eine zwanzig Schritte lange und ebenso breite Bühne dergestalt aufgerichtet, daß man durch eine Thüre aus dem Rathause auf dieselbe gelangen konnte. Nun war es allen klar, was man von der erhofften Amnestie zu halten hatte. Das Ungewitter brach über die Häupter der Schuldigen los. Graf Thurn, die Oberfeldherren Anhalt und Hohenlohe und ihre eifrigsten Anhänger waren mit dem Winterkönig entflohen, aber alle übrigen adeligen Herren der ständischen Partei, welche teils in der Nacht des 10. Februars auf ihren Schlössern überfallen worden oder im Vertrauen auf des Kaisers Gnade sich freiwillig gestellt hatten, oder auch durch Angeber verraten worden waren, wurden nach der ganzen Strenge und Willkür des Gesetzes bestraft. 271 Sämtliche Gefangene wurden unter starker Bedeckung aus dem weißen Turme nach dem Schlosse überführt, um ihr Urteil zu vernehmen. Fürst Liechtenstein, als kaiserlicher Statthalter, war mit den kaiserlichen Räten und Kommissarien in der Reichshofratsstube versammelt. Es waren dies die Herren Adam von Waldstein, Friedrich von Talenberg, Christoph Wratislav von Mitrowitz, Wolfgang von Albenreit, nebst noch sieben andern Räten und Rechtsgelehrten, die dem Fürsten zur Seite saßen. Die Gefangenen wurden, einer nach dem andern, vor sie gefordert. Siebenundzwanzig wurden wegen Hochverrat und Treubruch zum Tode verurteilt, die übrigen mit milderen Strafen belegt, alle jedoch mit Konfiskation ihrer Güter bestraft. Ein Schrei des Entsetzens ging durch ganz Prag, als man diese fürchterliche Kunde vernahm. Humprecht von Hracin war nebst seinem Oheim, dem Grafen Joachim Schlick gleichfalls unter den zum Tode Verurteilten. Sie hörten den Urteilsspruch gleich den andern Herren mit stolzer Würde an und Graf Schlick rief dem Richter zu: »Das Schaffot wird für uns zum Felde der Ehre. Wir sterben für unser geliebtes Böhmerland.« Es gelang dem Grafen auch, im Vorübergehen ein paar Worte mit seinem Neffen zu wechseln und ihm die Hand zu drücken. »Mut, Humprecht!« sagte er. »Tragen wir mit Stolz, was nicht zu ändern ist.« »Oheim,« erwiderte Humprecht, »ich denke nicht an mich, nur an die Mutter und –« 272 Er konnte nicht weiter sprechen, da die Soldaten sich zwischen die beiden schoben und sie trennten. Die Gefangenen wurden wieder in ihr Gefängnis zurückgeführt und es ward ihnen gestattet, jetzt Besuche von ihren Angehörigen und Freunden anzunehmen, ebenso Geistliche von eines jeden Religion. Die Jammerszenen, welche nun zwischen den Verurteilten und ihren Familien stattfanden, spotten aller Beschreibung. Da war es der Vater, welcher den Seinen so jäh entrissen werden sollte, hier ein hoffnungsreicher Sohn, der Stolz der Familie, dort wieder der Verlobte eines hochadeligen Fräuleins, oder der Bruder, an dem die Schwestern mit aller Zärtlichkeit hingen, und nun mit einem Schlage sollten all die so teuren Leben vernichtet und die Zurückgebliebenen, ihrer ererbten Güter verlustig, sollten Bettler werden. Viele brachte dieser grauenhafte Blick in die Zukunft fast zur Verzweiflung; viele wollten, konnten nicht daran glauben, daß das Urteil wirklich zum Vollzuge kommen würde. Humprecht wartete mit Sehnsucht auf den Besuch Libussas, auch hoffte er, daß seine Mutter rechtzeitig Nachricht erhalten und von ihm und dem Oheim Abschied nehmen könnte. Er wußte nichts von Libussas Reise nach Wien. Frau Antonin lag vor Aufregung krank zu Bette und ihr Mann war so glücklich, das Schreckliche, was sich die Leute zuflüsterten, nicht zu hören. Er pflegte seinen Garten und machte ein zufriedenes Gesicht, weil die schon lange Zeit andauernde trockene Witterung sich änderte und der erwünschte starke Regen eintrat. Als am Zwanzigsten Libussa noch nicht erschien, schickte Humprecht in ihre Wohnung, um sie zu sich zu bitten; 273 bevor aber der Bote zurückgekehrt, fand sich Feldmarschall Tilly bei ihm ein und klärte ihn über das Ausbleiben seiner Verlobten auf. Der General teilte ihm mit, daß er dem Mädchen seinen eigenen Wagen zur Verfügung gestellt und demselben ein eigenhändiges Gnadengesuch an den Kaiser mitgegeben und daß er die Hoffnung hege, Libussa würde bei den Majestäten, die ihr seinerzeit ihr Wohlwollen zugesagt, nicht vergebens bitten. Es handle sich nur darum, ob das Mädchen ungefährdet und rechtzeitig zurückkehren würde. Humprecht dankte dem General gerührt für so viel Güte, die er nicht verdient zu haben glaube, und neue Hoffnung zog in sein Herz, aber auch bange Zweifel, ob Libussa rechtzeitig einzutreffen vermöge, ob mit Erfolg, ob mit abschlägigem Bescheid u. s. w. Humprecht verfiel in einen sehr erregten Zustand, denn bald fürchtete er, es sei ihm gar nicht mehr vergönnt, die Geliebte zu sehen und zu umarmen, sich nochmals an ihrem Anblick zu weiden und von ihren Lippen das Geständnis ewiger Liebe zu vernehmen. Die Ankunft seiner Mutter beruhigte ihn einigermaßen, weil er nunmehr die Ärmste trösten und ermahnen mußte, stark und stolz das Unglück ihres Hauses zu tragen. Ein Freudenstrahl drang in sein Herz, als er erfuhr, daß sein Freund, Wolf von Perglas, sich im Auslande in Sicherheit befinde und mit Marianka ehelich verbunden sei. An ihn wollte er noch brieflich Abschiedsgrüße richten. Als Frau von Hracin von der Reise Libussas nach Wien hörte, zuckte sie verächtlich die Achsel. »Was soll das frommen?« sagte sie. »Ich weiß, daß viele hochadelige Damen, die Verwandte unter den Verurteilten haben und sich großen Einflusses bei Hofe rühmen 274 können, gar nicht vorgelassen wurden. Und gegen unsere, die gräfliche Familie Schlick ist der Kaiser und sein geistlicher Rat ganz unerbittlich. Hätte er sonst die Auslieferung meines Bruders aus Sachsen durchgesetzt? Und du hoffst, daß die arme Spielmannstochter erreichen könnte, was Personen von höchstem Range unerreichbar war? Nein, nein, Humprecht, laß diesen Strohhalm von Hoffnung fahren. Mein Geschlecht, die Grafen Schlick, sind durch den Krieg und durch das Schwert des Scharfrichters morgen vernichtet und mit dir fällt der Hauptstamm der Freiherrn von Hracin. Mögen sie immerhin unsere Schlösser konfiszieren. Ich werde dich nicht lange überleben.« Ein heißer Thränenstrom folgte diesen Worten. Humprecht vergaß über dem Schmerz der Mutter sein eigenes Leid. »Mutter, du willst mir das bißchen Hoffnung nehmen, das ich noch habe. Aber wer hindert uns, zu glauben, daß nicht in dieser Stunde Libussa, mit dem kaiserlichen Gnadenbrief versehen, gen Prag eilt? Du kennst das Mädchen nicht. Du hast sie zwar schon einmal für eine Hexe gehalten,« sagte er in einem Anflug von Galgenhumor, »vielleicht kann sie dich überzeugen, daß sie mir nur ein guter Engel ist.« »Ich habe längst bereut, sie damals so unchristlich behandelt zu haben und hatte mir auch vorgenommen, sie für jene Unbill zu entschädigen.« »Sie ist mir neben dir das Liebste auf der Welt, Mutter. Erbittet sie mir das Leben vom Kaiser, so gehört es ihr – darüber sind wir wohl einig. Die Entschädigung wird sein, daß du sie als Tochter liebst – auch wenn ich nicht mehr bin. Mein letzter Gedanke wird ihr Name sein.« 275 Während Frau von Hracin bei ihrem Sohne weilte, hatte sich eine große Menge von Frauen, Kindern, Verwandten der Verurteilten vor das Haus des Statthalters begeben und bat unter entsetzlichem Jammergeschrei um Gnade für die Verurteilten. Sie wurden nicht empfangen und mit kalter, abschlägiger Antwort abgewiesen. Eine tiefe Trauer bemächtigte sich aller Einwohner von Prag, dort und da sann man auf Empörung, aber das aufgeschlagene Schaffot schreckte die Leute wieder von ihrem Vorhaben ab. Man ballte die Faust in der Tasche und gab sich schließlich stumm in das Unabänderliche. Gegen Abend bedeckte man die vor dem Altstädter Rathause aufgeschlagene Bühne mit schwarzen Tüchern und unter heftigem Regen wurden alle Verurteilten auf das Rathaus gebracht. Nun zweifelte niemand mehr an dem fürchterlichen Ernst des zur That werdenden Urteils. Humprechts Hoffnung ward auch von Stunde zu Stunde schwächer. So lange es tagte, sah er im Geiste Libussa mit flüchtigen Rossen sich nähern, aber als gegen neun Uhr zufolge des mit dichten, schwarzen Wolken bedeckten Himmels tiefe Finsternis eintrat, die auf der Landstraße sich noch mehr geltend machen mußte, bemächtigte sich seiner eine fieberhafte Unruhe. An eine Begnadigung wagte er nach den Ausführungen seiner Mutter nicht mehr zu denken, aber Libussa wollte er noch in seine Arme schließen, nur einmal noch sie sehen. Seinethalben war sie jetzt in Regen und Sturm nächtlicher Weile auf der Landstraße, wo ihr so leicht ein Unfall begegnen konnte. Er flehte zum Himmel, daß er die Teure beschützen möge. Indessen war Libussa glücklich bis Tabor gelangt, wo die Pferde gewechselt wurden. Von hier aus konnte 276 es nicht mehr so flott weitergehen, wie bisher. Durch den Regen war die ohnedies schlechte Straße durchweicht und in der tiefen Finsternis konnte der Kutscher die Pferde nicht mehr so sicher lenken. Libussa saß wie auf Kohlen. Sie eiferte den Kutscher nach Möglichkeit an, machte ihm Versprechen auf Versprechen, so daß der Rosselenker gutmütig lächelnd meinte: »Glaubt nicht, daß ich Euch beim Wort nehme, sonst würdet Ihr so arm, wie eine Kirchenmaus und ich so reich wie ein Krösus.« Es war Mitternacht vorüber, als sie in dem etwa 8 Stunden von Prag entfernten Beneschau anlangten, wo wieder frische Pferde genommen wurden, was indessen eine längere Verzögerung veranlaßte. Nun aber kam ein neuer Schrecken. Man bezweifelte in Beneschau, ob die hölzerne Brücke in Poric, welche dort über die Sazawa führt, die sich einige Stunden westwärts in die Moldau ergießt, bei den heftigen Regengüssen und dem Anschwellen der Gewässer noch passierbar sei. Zugleich erfuhren die Reisenden, daß ein Stafettenreiter aus Wien kurz vorher den Ort passiert habe, dessen Pferd in einem bedauernswerten Zustand wäre, so daß es Prag sicher nicht erreichen werde. Somit war auch die Hoffnung, daß der Kourier mit dem Gnadenbriefe vor ihnen nach Prag käme, in Frage gestellt. Libussa verlegte sich nun aufs Beten und Verloben. Sie wollte zum hl. Berg bei Pribram wallfahrten, Kerzen und Geld opfern, wenn sich die Himmelsmutter ihrer erbarme und sie rechtzeitig nach Prag gelangen lasse. In vier Stunden war es fünf Uhr morgens und sie waren noch über sechs Stunden vom Ziele entfernt. Stanislaus tröstete die Schwester und versprach ihr, 277 über die Sazawa zu schwimmen, falls die Brücke weggerissen wäre. An der Brücke bei Poric angekommen, wurde der Kutscher in der That von dort Wache haltenden Leuten gewarnt, weiterzufahren. Er fürchtete auch für sich und seine Insassen, ebenso für Pferde und Wagen und machte den Vorschlag, bis zum Tagesanbruch in Poric zu verweilen. Aber Libussa beschwor ihn mit gefalteten Händen, die Fahrt zu wagen. Sie stellte ihm vor, was auf dem Spiele stände und berief sich aus Tillys Befehl. Nach längerem Hin- und Herreden ließ sich der Kutscher endlich herbei, langsam über die gefährliche Brücke zu fahren. Libussa getraute sich kaum zu atmen. Inmitten der Brücke scheuten die Pferde; die unter ihnen wild tosenden Wasser erschreckten sie. Auch verspürte man deutlich, wie sich die Brücke bewege. Sie konnte im nächsten Augenblicke zusammenstürzen. Stanislaus war aus dem Wagen gesprungen, griff mit fester Hand den Pferden in den Zaum und führte sie, dieselben durch Zuspruch beruhigend, vollends über die wankende Brücke. »O hilf, Maria vom heiligen Berg!« flehte Libussa in ihrer Herzensangst, da war auch das jenseitige Ufer schon erreicht. Ein freudiges »Vergelts Gott!« löste sich aus des Mädchens Brust. Stanislaus hatte soeben seinen Platz wieder eingenommen, als ein heftiges Krachen hinter ihnen erfolgte. Entsetzen bemächtigte sich aller. Die Brücke ward von den schäumenden Wogen fortgerissen. Wenige Sekunden Versäumnis und sie wären alle verloren gewesen. »Diesmal hat die lieb' Frau vom hl. Berg wirklich 278 g'holfen,« meinte der Kutscher. Libussa aber küßte das an ihrer Brust hängende Amulett und betete. Die Pferde, von dem Krachen der einstürzenden Brücke aufs neue erschreckt, flogen in rasender Eile dahin. Der Regen hatte nachgelassen, die Wolken verzogen sich, schon fing der Tag zu grauen an. Man hörte bereits die Triller der in der Morgenröte jubilierenden Lerchen. Ängstlich lauschte ihnen Libussa. Aber noch waren die Hindernisse nicht überwunden. Beim Dorfe Rican trafen sie auf ein mitten im Wege liegendes Pferd. Es war das Pferd des Kouriers. Auch er hatte dessen Kräfte überschätzt; es stürzte, vom Schlage getroffen, tot nieder. Der Reiter war unter dasselbe zu liegen gekommen und quälte sich vergebens ab, sich frei zu machen. Er wurde von Stanislaus und dem Kutscher aus seiner verzweifelten Lage befreit. »Nehmt mich mit,« bat er. »Ich muß um fünf Uhr in Prag sein.« Es war also wirklich der vom Kaiser in der Sache Hracins abgeschickte Kourier. Man hob den Verunglückten sofort in den Wagen; er schien einer Ohnmacht nahe. Nach diesem erheblichen Zeitverluste setzte sich der Wagen wieder in Bewegung. Bereits war es lichter Tag, Hradschin und Wisserhad waren bereits in der Ferne sichtbar – in schrecklich weiter Ferne. Mit lautem Zuruf ermunterte Libussa Pferd und Kutscher. »Wir kommen schon noch zur rechten Zeit!« tröstete der gutmütige Rosselenker. Aber plötzlich schrie Libussa entsetzt auf. »Wir kommen zu spät!« jammerte sie »Ich höre 279 die Morgenglocken läuten. Es ist schon fünf Uhr. Heilige Mutter Gottes verlaß uns nicht!« Der Kourier fühlte sich so elend, daß er es für nötig fand, dem Mädchen das kaiserliche Dekret zu übergeben, damit dieses es dem Statthalter aushändige, falls er hiezu nicht mehr fähig wäre. Er hatte längst erkannt, daß sie in gleicher Angelegenheit nach Prag eilten. Einige Raben flogen dem Wagen voraus, der Stadt zu. »O könnt ich fliegen!« wünschte Libussa. »Was ist der Mensch für ein Wurm, und dünkt sich doch der Herr der Schöpfung zu sein!« Jetzt hörte man einige dumpfe Kanonenschläge. »Mein Gott, das ist das Zeichen des Todes!« rief Libussa. »O Herr, nur einige Augenblicke halte ihn noch zurück!« Sie war dem Wahnsinn nahe. Endlich – endlich hatten sie die Stadt erreicht, doch war das Thor versperrt. Es währte für Libussa eine Ewigkeit, bis der Kommandant der Thorwache begriff, daß sie eine Botschaft des Kaisers zu überbringen habe. »Wenn Ihr nicht zu spät kommt!« lauteten auch seine trostlosen Worte. Er ließ jedoch einen bewaffneten Unteroffizier neben dem Kutscher Platz nehmen, damit der Wagen anstandslos durch die Menschenmenge passieren könne. – Schlag fünf Uhr waren die Stücke auf dem Schlosse gelöst worden, zum Zeichen, daß der Strafvollzug beginne. Zugleich wurden die Stadt und Brückenthore gesperrt und alle Gassen, sowie der Altstädter Markt mit Truppen besetzt. Die kaiserlichen Richter, Kommissarien und der ganze altstädtische Magistrat setzten sich in auf den Altan des Rathauses, die Vollziehung des gefällten Urteils wurde sodann unter fortwährendem Trommelwirbel vorgenommen. 280 Dem Herrn Joachim Andreas Schlick, Grafen von Passau und Ellbogen, gewesener böhmischer Oberstlandrichter, Direktor und Landvogt in Oberlausitz, wurde, nachdem sich derselbe mit Hilfe seines Dieners entblößt und auf die Kniee niedergelassen, das Haupt und die rechte Hand abgehauen. Ein Mark und Bein durchdringender Ton, vom Schlage des Richtschwertes erzeugt, drang durch die Luft. Ein Entsetzensschrei ging durch die Menge, den aber der Trommelwirbel übertönte. Sein Leichnam wurde von sechs verkappten Männern, ohne daß ihn der Scharfrichter berührte, von der Bühne hinweggetragen. Solches wurde auch bei allen andern, welche mit dem Schwerte hingerichtet wurden, beobachtet. Dann kamen Wenzel von Budowa, Appellationsgerichtspräsident und Christoph Harant, böhmischer Kammerpräsident, an die Reihe. Ihnen folgten fünf gewesene Direktoren, dann der Schloßhauptmann von Prag und zwei kurpfälzische Räte, denen Kopf und Hand abgeschlagen wurden. Es folgten zwölf weitere böhmische Herren. Johann Jessemus von Jessen, einem berühmten Arzt und Rektor der hohen Schule in Prag, wurde auf der Bühne zuerst die Zunge abgeschnitten, dann folgte die Enthauptung. Schon kam die Reihe an Humprecht von Hracin. – Libussa mußte, da in der Nähe des Marktplatzes das Fortkommen des Wagens unmöglich war, mit Stanislaus denselben verlassen. Sie wandte sich an den Kommandanten der hier aufgestellten Truppen, zeigte ihm die beiden kaiserlichen Schreiben und flehte ihn um Gotteswillen an, ihr den Weg zum Statthalter zu bahnen. Der Offizier war sofort bereit, er selbst geleitete sie bis zum Eingange des 281 Rathauses und gab dort einem andern Offizier den Auftrag, die Geschwister schleunigst zum Statthalter zu führen. Libussa mußte ihre letzte Kraft aufwenden, um über die Treppe hinaufzueilen. Der Trommelwirbel raubte ihr fast die Besinnung, sie wußte ja nicht, ob Humprecht nicht schon unter den Abgeurteilten sei. Endlich hatte sie den Saal erreicht. Der Offizier begab sich zum Fürsten Liechtenstein und machte ihm Meldung. Es war in dem Momente, als der Ausrufer den Namen »Humprecht von Hracin« von der Liste las. Libussa war dem Offizier auf dem Fuße gefolgt. Sie hatte dem Fürsten den kaiserlichen Gnadenbrief überreicht. Der Statthalter erbrach die Siegel und las. Inzwischen war Humprecht, gefaßt, wie alle ihm im Tode Vorangegangenen, auf die Bühne hinausgetreten. Da hörte in diesem Augenblicke auf ein Zeichen des Statthalters das Trommelspiel auf und unter lautloser Stille verkündete der Fürst, den kaiserlichen Gnadenbrief in der Hand: »Seine Majestät haben Humprecht von Hracin das über ihn gefällte Todesurteil in Gnaden erlassen und mit Aufrechterhaltung der Konfiskation seines Gutes Hrádeck dessen Freilassung genehmigt.« Dieser Botschaft folgte ein allgemeiner Beifallsruf. Demnach wurde Humprecht wieder in das Rathaus zurückgeführt. Libussa horchte mit gespannter Aufmerksamkeit den Worten des Statthalters; als sie Gewißheit hatte, daß Humprecht gerettet sei, sank sie erschöpft zu Boden. Stanislaus hob sie auf und führte sie zu einem Stuhle. Der Offizier aber, voll Mitleid mit dem Mädchen, öffnete ein Zimmer, in welchem es sich ungestört von seiner Erschöpfung erholen konnte. Dann aber eilte er hinab, 282 um Humprecht von Hracin zu beglückwünschen und ihn zu seiner Retterin zu führen. Humprecht, der sich schon mit dem Tode ausgesöhnt, war von der Begnadigung wie betäubt. Er hatte in diesem Augenblick nur ein Gefühl, jenes der heißesten Liebe für Libussa. Die Freude, sie umarmen zu können, drängte alles andere zurück. Als er sie erblickte, bleich und erschöpft bis zum Tode, da öffnete er weit seine Arme und aus tiefstem Herzensgrunde rang sich nur ihr Name: »Libussa!« »Humprecht!« rief sie, ihre Arme um seinen Nacken schlingend, »Humprecht! du lebst, bist frei!« Und sie sank ihm halb ohnmächtig in die Arme. Doch nur eine Sekunde währte die neue Schwäche. Dann öffnete sie wieder die Augen, ein Freudenstrahl brach aus denselben. Sie konnte sie nicht mehr von dem Geliebten, dem Geretteten wenden. Der Trommelwirbel hatte längst wieder begonnen und mit ihm die weiteren Exekutionen. Johann Kutnauer, Bürgerhauptmann der Altstadt, und Simon Sussiczki, sowie zwei andere Bürger waren an den Fenstern des Rathauses gehenkt worden. Als Johann Theodor Sixt von Ottersdorf die Bühne betrat, waren wiederum auf ein Zeichen des Statthalters die Trommeln zum Schweigen gebracht und auch diesem die Begnadigung des Kaisers bekannt gegeben. Zwölf Köpfe, darunter jener des Grafen Schlick, wurden sodann auf dem Prager Brückenturm aufgesteckt. Die Körper aber übergab man den unglücklichen Witwen und Waisen zur Bestattung. An andern Gefangenen wurden kaum noch zu erzählende Grausamkeiten verübt und so nahm dieses schreckliche Blutgericht, dergleichen man in der Geschichte nur selten findet, sein Ende. 283 Sieben von jenen, welchen das Leben geschenkt worden war, darunter Wilhelm Popel von Lobkowitz, wurden auf Zeitlebens eingekerkert, mehrere auf eine Anzahl von Jahren, wieder andere wurden verbannt. Diejenigen, welche auf geschehene Vorladung vor dem Hochgerichte nicht erschienen waren, wie Wolf von Perglas, wurden ihrer Güter verlustig erklärt und ihre Namen auf schwarze Tafeln geschrieben und an den Galgen gehenkt. Gegen die inzwischen mit Tod abgegangenen Anhänger König Friedrichs, Kolon von Fels und Peter Schwamberg ward gleichfalls gerichtlich verfahren und ihre Güter fielen dem Kaiser zu. Überhaupt hatte wohl der ganze böhmische Adel Ursache, vor der neuen Gewalt zu zittern. Die düsteren Wolken, welche den Tag über den Himmel bedeckten, hatten sich zerstreut und blutigrot färbte die untergehende Sonne den Himmel. Es war wohl heute der blutigste Schreckenstag gewesen, den Böhmen je geschaut. Es war die Zeit der Sonnenwende. Sie wendete sich, um noch viele, viele trostlose Tage zu bescheinen. Dieses rosige Licht fiel durch die offene Thüre des nach dem Garten zu liegenden Zimmers Libussas und beleuchtete ihr bleiches Antlitz. Sie saß in einem Lehnstuhl, neben ihr Humprecht und seine Mutter. Sie war krank nach Hause gebracht worden, doch weigerte sie sich, zu Bette zu gehen. Ihre Angehörigen waren in großer Sorge um sie. Sie war stark von Gesundheit, aber den Aufregungen der letzten Tage, der Todesangst, die sie die letzte Nacht gefühlt, war sie doch nicht gewachsen. Die Anspannung aller ihrer körperlichen und seelischen Kräfte mußte einer endlichen Erschlaffung weichen. Ebenso mußte sich Humprecht in der Wohnung, welche seine Mutter inne 284 hatte, von den Gemütsbewegungen erholen, unter welchen der jähe Übergang vom Tode zu neuem Leben nicht der geringste war. Gegen Abend aber kamen Mutter und Sohn zu Libussa. Die Freifrau küßte sie unter Thränen, nannte sie ihre geliebte Tochter und bat sie, in ihr eine Mutter zu sehen und sie auch so zu nennen. »Empfindest du nicht Freude darüber, daß du noch lebst?« fragte Libussa, ihm warm die Hand drückend. »Freude?« entgegnete Humprecht. »Muß es heute nicht jeder böhmische Edelmann als eine Schmach empfinden, überhaupt noch zu leben?« Doch rasch setzte er hinzu: »Da dir mein Leben wert ist, Libussa – du hast es teuer genug erkauft – so soll es auch mir wert sein, denn ich will es für dich leben.« Nicht in vielen Worten, meist nur in Blicken gaben sich die glücklich Vereinten Frag und Antwort. Bereits dämmerte es. Vom Wallnußbaum im Gärtchen ertönte der melodische Schlag der Nachtigall. Es war so friedlich hier, so wohlthuend beruhigend für die vom wüsten Sturm durchbebten Herzen. Nur ungern trennten sich die Liebenden. »Morgen auf Wiedersehen!« hieß es. Dann ward es im Häuschen Antonins bald ganz stille. Nur die Nachtigall sang ihre lieblichen Weisen von Liebesglück und Lebensfreude. Was kümmerte sie der Menschen Schmerz und Zwietracht! 285 XXI. Am nächsten Tage meldeten sich die Freifrau von Hracin und ihr Sohn beim Generalfeldmarschall Tilly, um ihm in der herzlichsten Weise für seine Großmut zu danken. Der General freute sich des Erfolges und wünschte Humprecht Glück zu dem Besitze dieses herrlichen Mädchens. Wenige Stunden darauf erschien der Feldmarschall selbst noch einmal im Hause Antonins, das Heldenmädchen, wie er Libussa nannte, zu begrüßen und sich mit ihr des Erreichten zu freuen. – Libussa erholte sich sehr rasch. Die erregten Nerven beruhigten sich von Tag zu Tag mehr und erst jetzt dachte Humprecht daran, mit seiner Mutter nach Hrádeck zu reisen, um die ihm verbliebene, wertvolle Einrichtung zu bergen. Doch wollte er sich unter keiner Bedingung mehr von Libussa trennen, sie sollte im Gegenteile als seine angetraute Gattin die Reise mitmachen. Aber Libussa wollte erst noch ihrem Gelöbnisse nachkommen, und deshalb sagte sie zu Humprecht: »In der höchsten Not habe ich die Himmelsmutter auf dem heiligen Berge um Hilfe angerufen und ich glaube, daß nur sie mir geholfen hat, dich zu retten. Erst wenn ich ihr an Ort und Stelle meinen Dank dargebracht, bin ich würdig des Glückes, ganz dein zu sein.« 286 Humprecht war von dem felsenfesten Glauben seines Mädchens tief gerührt und er entgegnete: »Dein Vertrauen und dein Glaube, liebes Mädchen, hat dich nicht betrogen und es ist meiner Mutter und mein Entschluß, uns nicht erst durch die neuen kaiserlichen Dekrete zwingen zu lassen, sondern freiwillig deinen Glauben anzunehmen. Wir reisen mit dir zum hl. Berge nach Pribram und dort soll unsere Trauung stattfinden.« So waren alle Wünsche Libussas erfüllt. Nach herzlichem Abschiede von Eltern und Bruder reiste sie von Prag ab, um wenige Tage später als Freifrau von Hracin auf Hrádeck anzukommen, von wo sie vor vier Jahren als vermeintliche Hexe in so unwürdiger Weise forttransportiert wurde. Fiel es auch Humprecht schwer, die Burg seiner Väter in die Hände der Kommissäre übergeben zu müssen, so besaßen er und seine Mutter doch noch Mittel genug, um diesen Verlust verschmerzen zu können. Der Besitz Libussas tröstete Humprecht über jeden Verlust hinweg. Burg Hrádeck kam kurze Zeit darauf in der That in den Besitz von Humprechts Vetter, Herrn Johann Hracin. Schmerzlich war es Humprecht, seinen Freund Wolf nicht mehr auf Welhartitz begrüßen zu können. Wolf hatte sich, nachdem er dem Obersten Hoef Huerta entflohen, wohl später noch einmal nach Welhartitz gewagt und seine Kleinodien gerettet, da er wohl voraussah, daß sein Gut gleich vielen andern vom Kaiser würde eingezogen werden. Hierauf wandte er sich an den Herzog Maximilian von Bayern, der ihm in Anbetracht der Waffenbrüderschaft des alten Perglas mit seinem Oheim, dem Herzog Ferdinand, und bei der Vorliebe, welche sein Vater, Herzog Wilhelm, für den alten Haudegen jederzeit empfunden hatte, 287 wohlwollend entgegenkam und ihm gesicherten Aufenthalt in Bayern zusagte. Der Herzog bewirkte später sogar durch Vermittlung seiner Schwester, der Kaiserin, daß die Verbannung Wolfs aus Böhmen zurückgenommen wurde. Der Fürst von Liechtenstein hatte durch ein kaiserliches Mandat nochmals alle, welche an der Empörung irgendwie teilgenommen, aufgefordert, sich zu stellen, unter Androhung der kaiserlichen Ungnade und strengster Bestrafung im Falle der Nichtbeachtung. Es erschienen siebenhundertachtundzwanzig begüterte Herren; es waren nahezu alle adeligen Geschlechter Böhmens. Sie reichten ihre Namen ein, klagten sich selbst an und baten um Vergebung. Es wurde ihnen zwar Ehre und Leben geschenkt, mit ihren Gütern aber wurde vom Kaiser willkürlich verfahren. Viele verloren ihre Besitzungen ganz, andere teilweise. Die eingezogenen Güter wurden teils den Heerführern statt der schuldigen Kriegsgelder überwiesen, teils an ausländische Adelige verkauft, so daß über vierundzwanzig Millionen Schock der königlichen Kammer zufielen. Viele Unschuldige wurden durch die Geldgier der Staatsbediensteten ihrer Güter beraubt und des Landes verwiesen. Viele gerieten ob solcher Schärfe in Verzweiflung. Der berühmte Majestätsbrief, welcher die Glaubensfreiheit in Böhmen gestattete, wurde nun vom Kaiser für ungiltig erklärt. Aller Gottesdienst, welcher nicht römisch-katholisch war, wurde in ganz Böhmen verboten, die nichtkatholischen Prediger verjagt und die Einwohner mit Gewalt zum katholischen Glauben bekehrt. Wer sich nicht fügte, wurde des Landes verwiesen. Tausende verarmten, Zehntausende wanderten ins Elend, die andern wurden zu Bettlern oder Kriegsknechten. 288 Bei diesen Gewaltmaßregeln spielte Hoef Huerta eine traurige Hauptrolle. Mit einer Schwadron Kürassiere, begleitet von Jesuiten, besorgte er das Bekehrungsgeschäft in Kuttenberg, Bidczow, Saaz, Taus, Schlan, Pisek, Prachatitz und anderen Orten mit größter Grausamkeit und Härte, wobei er Kirchen und Burgen plündern ließ, um seine Soldaten zu befriedigen und sich zu bereichern. Viele Tausende flüchteten deshalb aus dem Lande, andere verbargen sich in Gebirgen und in den entlegensten Wäldern. Da standen die Bauern im Kaurczimer Kreise wegen des Religionszwanges auf. Aber auch sie wüteten in Städten und Burgen mit Mord und Brand, bis sie durch reguläre Truppen wieder zerstreut und bestraft wurden, so daß Protestanten und Katholiken in dieser Beziehung sich nichts vorzuwerfen hatten. Tilly nahm von der Oberpfalz Besitz und über den nach Holland geflüchteten Friedrich V. ward die Reichsacht ausgesprochen. Seine Verbündeten, der abenteuerliche Graf Mansfeld, der Markgraf Friedrich von Baden und Herzog Christian von Braunschweig, welche mit die Union bildeten, gaben sich zwar alle Mühe, in der Oberpfalz und am Rhein Friedrichs Sache zu verteidigen, wurden aber von den ligistischen Truppen unter Tilly bei Wimpfen und Höchst geschlagen. In Böhmen ward Albrecht Waldstein oder Wallenstein, welcher große Besitzungen der Geächteten erhalten hatte, zum Feldobersten ernannt. Er hatte sich erboten, ein Heer von 50 000 Mann zu werben und zu erhalten, und zwar auf eigene Kosten. Dafür erhielt er den Titel eines Herzogs von Friedland und Unbeschränktheit im Oberbefehl. König Christian IV. von Dänemark, welcher sich der 289 Union angeschlossen, wurde von Tilly bei Lutter am Barrenberge geschlagen. Wallenstein aber rettete Wien und den Kaiserthron, welche beide durch Mansfelds und Bethlen Gabors Truppen arg bedroht wurden. Östreich stand bald durch ihn auf dem Gipfel seiner Macht. Auf dem Reichstage zu Regensburg 1623 war dem geächteten Friedrich von der Pfalz, König von Böhmen, bereits Land und Würde feierlich abgesprochen und die Kurwürde dem Herzog von Bayern verliehen worden, welchem nunmehr der Kaiser für 15 Millionen aufgewendete Kriegsgelder, die er ihm schuldete, auch die Oberpfalz und von der Rheinpfalz die Städte Mannheim und Heidelberg überließ. Hiedurch war Bayern an Macht und Würde neuerdings das bedeutendste Land im deutschen Reiche geworden. Der spanische Oberst Don Martin Hoef Huerta war bei der Verteilung der konfiszierten Güter, wie bei seinen unverschämten Forderungen selbstverständlich, nicht zu kurz gekommen. Den Sold, welchen er für seine Soldaten bekam, steckte er in die eigene Tasche und entschädigte die Leute, indem er sie Beute machen ließ. Für nicht erhaltenen Sold aber wußte er großartige Rechnungen zu machen. Um ihn zu befriedigen, gab ihm der Kaiser in der That das erbetene Gut Welhartitz mit den Gütern Mokrosuk und Nemilkow. Später wurden ihm erblich auch die der Familie Kapler von Sulewitz konfiszierten Güter Neustupow, Wlchowitz und Miltschin verkauft; ebenso erwarb er die Stadt Pisek samt Gebiet. Außerdem hatte er Häuser in Tabor, Prag und Klattau. Der Kaiser erhob ihn in den Freiherrnstand mit dem lokalen Prädikat »von Welhartitz.« 290 Nun hatte der Abenteurer genug zusammengerafft, um auf seinen Lorbeeren ausruhen zu können und andern die Strapazen des Krieges zu überlassen. Doch er ruhte noch nicht. Juditha von Kolowrat, die verwitwete Woiwodin von Moldau, wollte er sich noch gewinnen und es war für den neugebackenen Freiherrn nicht schwer, sie als seine Gemahlin heimzuführen. Nur zu gern reichte sie dem Freier ihre Hand. Erst einige Zeit nach der Hochzeit kehrte ihre Stieftochter, Anna Maria, die Tochter des Woiwoden aus Kroatien, wo sie bisher gelebt, in das Schloß Welhartitz heim und lernte dort ihren jetzigen Stiefvater kennen, der sie adoptierte und dessen ganz besonderer Gunst sie sich alsbald erfreute. Nun war auch die Zeit gekommen, den künischen Freibauern, gegen welche sowohl Don Hoef Huerta, wie seine Gemahlin einen unversöhnlichen Haß hatten, ihre Macht fühlen lassen zu können. Sie wußten, daß der Kaiser, welcher bei allen Einnahmen, die der Staatskasse zufielen, immer zuletzt an sich selbst gedacht, in großen Geldnöten war, und Hoef Huerta reiste selbst nach Wien, um ihn zur abermaligen Verpfändung der königlichen Freibauern im Waldhwozd zu bestimmen, indem er ihm zehntausend Schock Meißener Groschen als Pfandsumme zur Verfügung stellte. Der Kaiser wollte lange nicht daran, da sich die Künischen erst vor sechs Jahren frei gelöst und ihnen urkundlich versichert worden, daß sie von der königlichen Kammer niemals wieder verpfändet werden sollten. Hoef Huerta wußte jedoch dem Kaiser einzuwenden, wie sich die Freibauern zu öfteren Malen gegen die kaiserlichen Truppen feindlich benommen und sie sich dadurch der kaiserlichen 291 Gnade unwürdig gemacht hätten. Der Jesuit Leonhard della Gratia unterstützte das Gesuch des Spaniers, der dafür dem Jesuitenorden zur Errichtung eines Kollegiums und einer Schule in Klattau zwei Häuser schenkte. Die kaiserliche Administration aber verlangte die doppelte Summe für die Verpfändung des Hwozdes, worüber sich Hoef Huerta in seiner Habsucht so erzürnte, daß er sich in Gegenwart des genannten Jesuiten die verletzendsten Ausdrücke gegen die kaiserliche Majestät erlaubte. Die Verpfändung fand übrigens trotzdem statt, und wie ein Donnerschlag traf die Freibauern dieses neue über sie verhängte Unheil. Zu einer nochmaligen Auslösung waren sie jetzt zu arm. Die mehrjährige Kriegszeit hatte viele zu Bettlern gemacht, viele von den Bessergestellten, welche der protestantischen Lehre anhingen, waren ausgewandert, andere geflohen, weil sie sich nicht ganz sicher wußten, und so mußten sie das neue Unglück über sich ergehen lassen. Der Oberrichter hatte bereits so viele Opfer gebracht, daß ihm Weiteres zu thun nicht möglich war, und bei dem Umstande, daß selbst ein kaiserliches und besiegeltes Wort schon nach sechs Jahren nach Belieben geändert werden konnte, hatte er überhaupt keine Hoffnung auf Besserung mehr. Zudem war vorauszusehen, daß bei dem fortdauernden Kriege über kurz oder lang nicht nur Herbeischaffung von Kriegsgeldern, sondern auch Durchzüge, Kontributionen und andere Ausgaben neue Opfer an Geld und Gut fordern würden. Hoef Huerta behandelte die Freibauern in der That sofort wie Leibeigene. Er verlangte von ihnen alle möglichen Steuern, verwüstete durch die Jagd ihre Felder und Gründe und verlangte, daß sie ihm scharwerkten, 292 nicht nur die Schalupper, sondern auch die Freibauern selbst. Er ließ nämlich die Burg Welhartitz vollständig restaurieren und einen großartigen Anbau beginnen. Maurer und Handlangerdienste sollten ihm die Freibauern thun und er ließ dieselben mittels seiner aus zehn Mann bestehenden Leibgarde und einigen Bütteln sowohl aus dem Angel- und Seewiesener Thal, wie aus allen andern Gerichten mit Gewalt beitreiben. Dabei mußten sie sich selbst ernähren. Jeder Widerspenstige wurde sofort mit Einkerkerung bestraft. Diesem gräßlichen Zustand ein Ende zu machen, versammelten sich sämtliche Richter beim Oberrichter in Seewiesen und es wurde von ihnen beschlossen, insgesamt nach Welhartitz zu gehen und dort dem Hoef Huerta ernstliche Vorstellungen zu machen und gegen sein Vorgehen Protest einzulegen. Es traf sich, daß zu jener Zeit gerade Wolf von Perglas mit Marianka auf Besuch in Seewiesen weilten, um Eisner zu veranlassen, nach München überzusiedeln, um den Chikanen eines Hoef Huerta nicht länger ausgesetzt zu sein, und mit ihnen ihr durch einen Knaben erhöhtes Familienglück zu teilen. Der Oberrichter wollte bei seinen Freibauern aber auch in schlimmer Zeit aushalten und dem Wunsche seiner Kinder erst nachkommen, wenn es ihm gelungen wäre, wieder einen haltbaren Zustand herbeizuführen. Dieser Versuch sollte also mit dem Protest sämtlicher Richter in Welhartitz beginnen, dann aber eine Klage an den Kaiser ausgefertigt werden. Als die Richter von Hoef Huerta auf seiner Burg 293 empfangen wurden, behandelte er sie in der wegwerfendsten Weise. Es kam zu erregten Erörterungen, die Richter gaben schließlich ihren Gedanken Worte, die den Burgherrn so in Wut brachten, daß er seiner Leibgarde befahl, sie sämtlich gefangen zu nehmen. Es kam zur Gegenwehr, wobei einige verwundet wurden. Dem Richter von Haidl gelang es, zu entfliehen, alle andern aber, darunter auch der Oberrichter, wurden ins Gefängnis geworfen. Nun war das Maß voll. Im ganzen künischen Gebiet ertönte ein Wutschrei. Dieses gesetzlose Treiben des Abenteurers konnten sich die Künischen nicht gefallen lassen. Rasch bewaffnete man sich und bestimmte zum Versammlungsort Seewiesen. Dann baten die Bauern Wolf von Perglas, der kriegskundig war und auf seiner Heimatburg allein Bescheid wußte, sie anzuführen zur Befreiung der widerrechtlich Gefangenen. Wolf war hiezu bereit, doch nur unter der Bedingung, daß nur die Gefangenen befreit werden sollten und dem Gewalthaber nur dann zu Leibe gegangen werden dürfe, wenn er sich mit der Waffe ihrem Ansinnen widersetze. Die beim Baue auf der Burg verwendeten Arbeiter waren dahin unterrichtet, sich mit den Anrückenden zu vereinigen und dafür zu sorgen, daß ihnen das Thor nicht versperrt würde, oder ihnen behilflich zu sein, an der schwächsten Seite der Burg einzudringen. Inzwischen drohte dem Spanier nicht nur von außen, sondern auch im Kreise seiner Familie der Krieg. Juditha war auf ihre Tochter eifersüchtig geworden, denn Hoef Huerta hatte diese bereits als seine Universalerbin eingesetzt und schien über ihr seine Gemahlin ganz zu übersehen. Juditha lebte deshalb in fortwährendem 294 Hader mit dem dritten Manne ihrer Wahl. Sie liebte es, alles zu tadeln, was er that, und so fand sie auch die Gefangennahme der künischen Richter für ungerechtfertigt; sie ließ sich sogar herbei, wiederholt ihre Freilassung zu fordern. Sie verfocht soeben ihrem Gemahl gegenüber wieder diese Meinung, als etwa dreihundert Bauern unter Anführung Perglers von Perglas die Burg überfielen und in den Hauptbau eindrangen. Wolf trachtete vor allem, Huerta den Rückzug über das zweite Stockwerk nach dem Kastell abzuschneiden, was ihm auch gelang. Hoef Huerta saß beim Frühstück, als er Kenntnis von dem Sturm erhielt, der ihn bedrohte. Sofort wollte er nach dem zweiten Stocke und dem Kastell fliehen, fand aber den Weg dorthin schon verlegt. Nun flüchtete er sich mit seiner Adoptivtochter nach einem entlegenen Zimmer. Um seine Frau kümmerte er sich gar nicht. Als jetzt Wolf mit mehreren Bauern in das Gemach trat, fand er nur Frau Juditha vor. »Ihr sucht den Freiherrn Hoef Huerta?« sagte sie. »Er flüchtete sich in die hinteren Zimmer. Er hat gegen meinen Willen ungesetzmäßig gehandelt; ich habe keinen Teil an dieser That.« Wolf konnte nicht umhin, über diese Worte der Freifrau zu lächeln. »Das klingt beinahe, als wäret Ihr besorgt, edle Frau, daß Eurem Gemahl kein Leid geschehen würde,« sagte er. »Doch wir verlangen in erster Linie nur die Schlüssel zu den Gefängnissen der künischen Richter.« »Sie befinden sich in diesem Wandschrank,« erwiderte Juditha. Sie begab sich zu demselben, nahm die Schlüssel heraus und überreichte sie Wolf von Perglas. 295 »Es sind die Gemächer im linken Flügel,« sagte sie. Wolf übergab die Schlüssel dem Richter von Haidl mit dem Auftrage, die Gefängnisse zu öffnen. Kaum hatten sich die Bauern aus dem Saale entfernt, als Juditha in heftiges Weinen ausbrach. »Ihr seid nicht glücklich?« fragte Wolf die Freifrau. »Glücklich?« versetzte diese. »Mein Mann ist ein Verräter. Er ist von gemeiner Denkungsart, dabei hochmütig und grausam. O Wolf, Ihr habt nicht Ursache, über mein Unglück zu triumphieren, denn daß ich Euch einst gewogen war und Euch dann haßte, weil Ihr mich verschmäht habt, kann mich in Euren Augen nicht herabsetzen. Ich weiß, Ihr seid glücklich vermählt. Seid überzeugt, daß ich Euch Euer Glück gönne. Und was die Künischen betrifft, wäret Ihr mir nicht zuvorgekommen, ich hätte sie selbst befreit.« »Gnädige Frau,« entgegnete Wolf, »dann sind wir von heute ab wieder gute Freunde. Sind die Gefangenen frei, verlassen wir sofort das Schloß.« »Und meinen Gemahl? Ihr werdet ihn nicht bestrafen?« »Dazu haben wir kein Recht. Der Kaiser hat hier zu bestimmen.« »So lebt wohl,« sprach Juditha. »Auch ich kehre Welhartitz in den nächsten Tagen den Rücken, denn ich lasse mich scheiden.« »Und Eure Tochter?« fragte Perglas. »Die Tochter des Woiwoden, wollt Ihr sagen? Ich habe kein Anrecht mehr an sie. Sie ist die Adoptivtochter Hoef Huertas.« Perglas wußte genug. Rasch entfernte er sich. Wehmütige Gedanken bemächtigten sich seiner, als er 296 die weite Halle des Schlosses durchschritt, woselbst er so glückliche, fröhliche Tage verlebt. Die Stätte, wo sein geliebter Vater verschieden, sollte durch keinen Gewaltakt entweiht werden. Daß jetzt Unfrieden und Zwietracht hier wohnten, deuchte ihm nur eine gerechte Vergeltung für begangene Sünden. Im Schloßhofe fand er Eisner und die übrigen Richter in Freiheit. Es herrschte musterhafte Ordnung unter den Bauern. Auf Wolfs Befehl hin zogen sie sofort ab; die beim Baue Beschäftigten folgten ihnen. Erst außerhalb der Burg hielten sie Beratung und wieder war es Eisner, der sich erbot, in Begleitung eines zweiten in Wien Klage gegen Hoef Huerta zu führen. Dann eilte jeder seiner Heimat zu. Hoef Huerta hatte sich nach dem Abzuge der Feinde wieder hervorgewagt. »Feigling!« rief ihm Juditha zu. »Danke Gott, daß der Anführer der Bauern ritterlicher dachte, als du.« »Sie sollen mir's noch büßen!« rief er. »Des Landfriedensbruches klage ich sie an, alle, alle!« Während der Spanier auf neue Rache sann, hatte Eisner in Wien Hilfe erbeten. Der Kaiser zeigte sich gegen die Abgeordneten der Künischen, besonders gegen den Oberrichter, sehr gnädig und befahl seinem Hofkanzler die Ausfertigung eines Rezesses, in welchem die künischen Freibauern gegen Hoef Huerta in Schutz genommen wurden. Es war darin wiederholt erklärt, daß Huerta keinerlei Rechte über sie habe, außer als Pfandobrigkeit ihre schuldigen Abgaben einzunehmen. Im übrigen wären sie frei von allem, also auch von Frondiensten, und in ihren Rechten zu belassen und zu schützen. Da sie jedoch 297 mehrmals an den Unruhen teilgenommen, sollten sie mit dem Verluste des vor sechs Jahren schon bezahlten Lösegeldes als bestraft anzusehen sein, dem Hoef Huerta aber kein größeres Recht über sie zustehen, »als in welchem Verhältnisse sie gegen ihre früheren Pfandinhaber und ursprünglich gegen die kgl. Kammer gestanden.« Im Jahre 1627 kam Kaiser Ferdinand mit seiner Gemahlin und dem Erbprinzen wieder nach Prag und eröffnete dem dort versammelten Landtage, daß er beschlossen habe, seinen Erbprinzen als Ferdinand III. zum Nachfolger im Königreich Böhmen zu ernennen und ihn als König krönen zu lassen. Keiner von den Ständen wagte jetzt mehr die Frage, ob Böhmen als ein Wahl- oder ein Erbkönigreich anzusehen sei. So wurde die Krönung ohne Widerspruch mit großer Feierlichkeit vollzogen. – Böhmen war bald wieder der Schauplatz des Krieges geworden. Die Schweden und die jetzt mit ihnen verbündeten Sachsen fielen in Böhmen ein, nachdem sie Graf Tilly Tilly ward bei der Verteidigung des Lechübergangs bei Rain am 5. April 1632 durch eine Falkonettkugel der rechte Schenkel zerschmettert; er starb infolge davon am 20. April d. J. in Ingolstadt. In der Feldherrnhalle zu München ward ihm eine Statue errichtet. bei Leipzig geschlagen hatte. Sengen und Brennen, Raub und Mord wüteten im Lande. Die ohnedem völlig erschöpften Künischen wurden von ihrem Schutzherrn Hoef Huerta, sobald er im Jahre 1633 wegen Kränklichkeit aus dem Felde zurückgekommen, nochmals bedrängt. Aber auch für ihn sollte die Zeit der Vergeltung kommen. Leonhard della Gratia, sein Vertrauter, hielt es trotz der namhaften Schenkungen, welche Hoef Huerta den 298 Jesuiten machte, für seine Pflicht, den sonst so gerne in Schutz Genommenen fallen zu lassen und ihn wegen verschiedener hochverräterischer und gotteslästerlicher Handlungen anzuklagen. Hoef Huerta hatte öfters mit dem Feinde Verbindungen gehabt und von ihm Gelder bezogen, weshalb auch seine Besitzungen stets geschont wurden. Außerdem hatte er offenbar Kirchenraub an den heiligsten Gefäßen begangen. Alsbald ward durch eine kaiserliche Verordnung der Einzug der Hoef Huertaschen Besitzungen und eine geheime Inquisition angeordnet. Dessen sofortige Verurteilung zum Tode war vorauszusehen. Zu spät bekam er Wind von der ihm drohenden Gefahr, denn in dem Augenblick, als er entfliehen wollte, ward er auch schon gefangen. Er entsetzte sich derart über diesen unerwartet schlimmen Ausgang seines Schicksals, daß er, von einem Herzschlage getroffen, sein abenteuerliches Leben (1637) beschloß. Am 25. Februar 1637 starb auch Kaiser Ferdinand II. in seinem 57. Lebensjahre. Ihm folgte sein Sohn als Ferdinand III. in der Regierung. Anna Maria von Moldau, die Erbin des Don Martin Hoef de Huerta, später verehelichte Burggräfin von Dohna, mußte zufolge eines Vertrages (19. Juli 1637) mit der kaiserlichen Kommission die Stadt und Herrschaft Pisek, wie auch die kgl. Waldhwozder Freigerichte mit aller Zugehör dem Kaiser Ferdinand III. überlassen, wogegen ihr das Gut Welhartitz als Eigentum verbleiben sollte. Juditha hatte sich längst von dem Abenteurer geschieden. – Aber in Welhartitz sollte das Glück keinen Bestand mehr haben, seitdem dessen rechtmäßiger Besitzer, Wolf Pergler von 299 Perglas daraus vertrieben worden, denn Hoef Huertas Erbin mußte alsbald den einst so machtumstrahlten Besitz Schulden halber verkaufen. Die Burg kam später an die Grafen von Desfours und zuletzt an die Freiherrn von Sturmfeder von Oppenweiler. Nunmehr ist sie unbewohnt und eine der großartigsten Ruinen des Böhmerwaldes. Den Künischen ward der heiß und langersehnte Wunsch, wiederum in die unmittelbare Unterthänigkeit der königlichen Kammer zu kommen, endlich erfüllt. Nicht viele erlebten es. Unter diesen war Eisner. Er hatte in jenen schlimmen Zeiten seine Landsleute nicht verlassen und treu geholfen mit Rat und That. Jetzt aber holten ihn seine Kinder und Enkel, um bei ihnen einen angenehmen Lebensabend zu verbringen. – Aber noch nahmen die Kriegsgreuel kein Ende. Noch acht lange Jahre war Böhmen eine Beute der verwilderten schwedischen Scharen, welche in mehreren Feldzügen das Land in allen Richtungen durchzogen und alles verwüsteten und plünderten, bis dieser furchtbare Krieg endlich in Prag, wo er begonnen hatte, durch eine seltene That, welche zu den kühnsten und ausgezeichnetsten des langen Kampfes gehörte, beschlossen wurde. Ein eigentümliches Geschick wollte es, daß sich dabei die beiden Jugendfreunde Hracin und Perglas, deren Söhne längst als wackere Offiziere in der kaiserlichen, wie in der bayerischen Armee dienten, in sehr vorgerücktem Alter wieder trafen und nochmals zu gemeinsamem Zwecke das Schwert führen durften für die Befreiung ihres Vaterlandes von den fremden Kriegsvölkern, die den östreichischen Staatenbund bereits an den Rand des Verderbens gebracht hatten. Ein Vetter Humprechts, Graf Schlick, war Statthalter 300 in Böhmen; Feldmarschall Colloredo Kommandant von Prag. Der schwedische General Königsmark hatte Ende Juli 1648 die Kleinseite erobert und bedrohte die Altstadt aufs heftigste durch fortwährendes Kanonenfeuer und Brandkugeln. Monatelang verteidigten sich die Truppen, unterstützt von den Bürgern, den Studenten und selbst den Ordensleuten, überhaupt von allen, die waffenfähig und voll Begeisterung waren, während General Conti für die Befestigung der Stadt und Anlegung von Minen sorgte. Mit Sehnsucht sah man Hilfstruppen entgegen. Schon wurde man zaghaft. Da traf Humprecht von Hracin als kaiserlicher Kourier ein, um den Statthalter aufzufordern, daß er die Altstadt um jeden Preis zu halten suchen solle, da ein starkes Korps, von Feldzeugmeister Golz geführt, den Pragern zu Hilfe eile. Fast zu gleicher Zeit kam auch Wolf von Perglas aus München, um dem Statthalter im Auftrag des Herzogs von Bayern mitzuteilen, daß die Friedensverhandlungen in Osnabrück und Münster auf des Herzogs dringenden Antrag hin nunmehr beschleunigt und an ihrem endlichen Abschluß in den allernächsten Tagen nicht mehr zu zweifeln sei, demnach Prag dem Feinde keine Zugeständnisse machen solle. Beide Nachrichten verbreiteten in der Stadt große Freude, die aber schon Tags darauf sich in Furcht und Schrecken verwandelte, da der oberste Feldherr der Schweden, Karl Gustav, Pfalzgraf am Rhein, mit einem beträchtlichen Heere vor Prag erschien, eine Brücke über die Moldau schlug und Anstalten machte zur Belagerung der Alt- und Neustadt Prag. Auf diese Weise waren Humprecht von Hracin und Wolf von Perglas gezwungen, in der Stadt zu bleiben. Aber nicht müßige Zuschauer wollten sie sein. Sie 301 stellten ihren Degen dem Kommandanten zur Verfügung, der ihnen mit Freude die neu errichteten Kompagnien von der Ritterschaft unterordnete und ihnen, gleich den andern Führern die Stelle anwies, welche sie zu verteidigen hatten. Der Pfalzgraf begann seinen Angriff unter einem fürchterlichen Bombardement. Die Mauern wurden an vielen Stellen zusammengeschossen, aber die nachrückenden Schweden wurden an solchen Punkten stets mit großen Verlusten wieder zurückgeworfen und viele Hunderte fanden durch Contis wohlangelegte Minen, sowie durch mutige Ausfälle den Untergang. Nun bemühten sich die Schweden, ihre gesamte Macht zur Eroberung der Stadt anzuwenden. Sechstausend Mann, unterstützt von anhaltendem Kanonenfeuer, liefen unter betäubendem Wutgeschrei durch eine Bresche Sturm. Da ließ Conti eine Mine springen und fünfhundert Schweden wurden in die Luft geschleudert. Daraus entspann sich ein hitziger, fünf Stunden andauernder Kampf, bis endlich die Schweden wichen und sich unter Verlust von 5000 Mann zurückziehen mußten, während die Anzahl der Toten auf Seite der Belagerten nur gering war. Der Pfalzgraf, zugleich von dem nahen Anmarsch der Golzschen Armee benachrichtigt, hob sein Lager auf und traf eiligst Anstalt zum Abzuge. Da traf in Prag die amtliche Nachricht ein, daß zwischen den kriegführenden Mächten endlich zu Osnabrück und Münster in Westfalen der Friede geschlossen worden sei. Unendlicher Jubel herrschte nun in Prag. Die Helden des Tages, gleichviel ob Ritter oder Bürger, ob Mönch oder Student, ob Böhme oder Deutscher, umarmten sich als Waffenbrüder in dem erhebenden Bewußtsein des Sieges, zu dem ein jeder das Seinige beigetragen. Von allen Türmen 302 läuteten die Glocken, das Volk kniete vor den Kirchen betend und Danklieder singend; niemand fragte nach des andern Gesinnung – alle waren nur von dem einen Gefühle durchdrungen: gemeinsam für das Vaterland gekämpft und gesiegt zu haben. Und Friede! Friede! hallte es jubelnd durch die Stadt, wie durch das ganze Land. Schlußwort. Die künischen Freibauern konnten sich nicht lange der unmittelbaren Unterthänigkeit unter die königliche Kammer erfreuen, denn schon nach drei Jahren (1640) wurden von Ferdinand III. sechs der Waldhwozder Freigerichte an Ulrich Adam Popel Lobkowitz zum freierblichen Eigentum abgetreten und zwar: Haidl, Kochet, Seewiesen, Eisenstraß, Hammern und St. Katharina. Der Kaufpreis hiefür betrug 18 666 fl., welche ihm jedoch als Gnadengeschenk erlassen wurden. Die übrigen drei Gerichte, Stachau, Stadeln und Neustadeln wurden dem Vizekanzler Albrecht Liebsteinsky von Kolowrat für eine ihm von seiten des Kaisers schuldige Summe von 20 000 fl. ebenfalls erblich abgetreten, wornach das künische Gebiet in den Besitz der Herrschaften von Bistritz und Stubenbach überging, die Freibauern aber ausdrücklich ihre alten Rechte beibehielten. Der geringe Kaufpreis hatte seinen Grund in den damaligen Zeitverhältnissen, denn infolge der Auswanderung Ein Teil ließ sich im untern bayrischen Walde, damals dem Fürstbischof von Passau gehörig, nieder und zwar in den Ortschaften Jandelsbrnnn, Wollaberg, Hintereben, Heindlschlag, Rosenberg, Aßberg und Grund. Man heißt diese Ortschaften noch heute die »Künischen sieben Dörfer.« 303 und Entweichung der Bauern, den Opfern, welche der Krieg erheischte, wurden in den sechs erstgenannten Gerichten im Jahre 1640 nur mehr 121 Angesessene, die Schalupper miteingerechnet, vorgefunden. Nachdem der Krieg noch acht Jahre lang in Böhmen gewütet, war das Königreich nach dem westfälischen Frieden (1648) so verödet, daß man im ganzen Lande nur mehr 800 000 Einwohner zählte, während es vor Beginn des Krieges daselbst über 3 Millionen gab. In manchen Gegenden gab es weit und breit kein Dorf und man berief deutsche Kolonisten dahin, mit denen sich die böhmischen Nachkommen allmählich vermengten. Auch die verlassenen Wohnsitze der Freibauern wurden nach und nach wieder besetzt, teils durch die Entflohenen selbst oder ihre Erben, teils durch neue Ansiedler aus Altbayern und der Oberpfalz, angelockt durch die gewährten Privilegien. Alle haben ihre Sitten und Gebräuche bis zum heutigen Tage beibehalten. Lobkowitz' Sohn trat die ererbten sechs Freigerichte im Jahre 1674 an Wilhelm Grafen von Kolowrat ab, welcher dieselben der Herrschaft Deschenitz einverleibte. Noch einmal, im Jahre 1770, versuchten es die Waldhwozder, sich frei zu machen, indem sie der Regierung den Antrag stellten, sich durch die Summe von 47 000 fl. und Zurücklassung ihrer Forderung von 19 386 fl., des im französischen Kriege zur Bewachung des dortigen Grenzpasses vorgeschossenen Geldes, von der Schutzherrschaft loszulösen, was aber erfolglos war. Dagegen wurden sie von allen Herrschern in ihren Rechten aufs nachdrücklichste beschützt. Seit Aufhebung des Robots und der Patrimonialgerichtsbarkeit (1850) durch die neue k. k. östreichische Staatsverfassung sind auch die Freiheiten und Privilegien 304 der Freibauern hinfällig geworden; aber sie bewegen sich noch jetzt mit einer gewissen Selbständigkeit als kleine Herrscher auf ihren Höfen, ihrem Gebiete; sie bilden einen Bauernadel, welcher am Althergebrachten festhält, thun sich etwas darauf zu gute, daß ihre Vorfahren von jeher freie Grundbesitzer und nur dem »Kunig« von Böhmen unterthan gewesen. Die Schäden, welche ihnen der dreißigjährige Krieg geschlagen, sind längst vernarbt und vergessen, aber mit gerechtem Stolz gedenken sie noch heutigen Tages ihres Landsmannes, des wackern Johann Baptist Eisner, des einstigen Oberrichters von Seewiesen. Und noch in anderer Beziehung zeichnen sich die deutschen Freibauern rühmlich aus, nämlich daß sie mit ihren böhmischen Nachbarn, mit denen sie ein politisches Band umschließt, in Frieden leben wollen, eingedenk der namenlosen Drangsale, welche die beiderseitigen Vorfahren in schweren Zeitläuften gemeinsam erduldet und wobei jeder seine Nationalität bewahrt hat. Möchte dieselbe auch fernerhin gepflegt werden ohne gegenseitige Anfeindung. Sobald das Vaterland ruft, sind Tschechen wie Deutsche bereit, Gut und Blut zu opfern in gemeinsamer Waffenbrüderschaft. Die Alten werden dies den Jungen bestätigen. Und soll das schöne Böhmerland, die Perle unter Östreichs Ländern, gesegnet sein, wie es dasselbe verdient, so möge nicht erst der Frieden der Nationalitäten im Kriege erfolgen, sondern der Krieg im Frieden schon jetzt aufrichtiger Versöhnung Platz machen. Das walte Gott!