Felicitas Rose Wien Sleef, der Knecht Sleefkamp, den 24. Dezember 19 .. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Wien Sleef sitzt vor dem alten Folianten und soll ihn »weiterführen«. Der Knecht. Und ist doch Herrenvolk da, das es wohl besser könnte als ich. Es ist seltsam. Ich gehorche einem Befehl, der vor dreihundert Jahren niedergelegt wurde in diesem schweinsledernen Buch, in dessen schweren Umschlag viele hundert Seiten aus feinem Papier eingeheftet wurden. Weil unsere neuzeitigen Federn auf dem Büttenzeugs versagen. Der Passus vom Ahnbauern Erne Sleef 1632 lautet: »In düssem Fullianten soll jedweder Sleef, der düssen Hof als Hoferbe oder in Vertretung übernimmt, sein Leben leben . Ik sülben tu verstecken düssen Untüm vun Fulliant. Nich in die Erbtruhen. Weil da die Zackermenters Kriegsvolk zu allerirst drin rumoren und zerren heraus, was ihrem Gelust ansteht. Ik versteck ihm im hilligen Ginsterbusch, dieweilen das Wetter trocken ist. Trag ihm dann wieder in der braunen Heyden umher, so lang sie dürr ist. Leg' ihm in die Thingeichen, welche ist hohl. Damit sie sich beide von ihrer Heiligkeit noch etwas abgeben. Hat aber sowohl die Eichen, als auch der Fulliant manch Unheiliges gesehen. Bleibt aber deshalb doch heiligs Erbe. – Leg' ihm auch in die Kiefer, so ganz allein in einem Wald von Wachholdern steht. Kein Mensch außer mir findet dort hin. Gott schall mi wohren! Man kümmt sik sülben as 'n Spitzbub vör un gruglichen Schelm, weil man allstunds Schleichweg geht. Wird aber auch wieder eine Zeit kommen, da die Erbtruhen ein sicher Ort ist. Amen. – ›Amen‹ heißt: Soll also geschehen! – Und gebiete ich alle meine Nachfahren: »Jedweder, so sich »Sleef« nennet, ehelich gezeuget, und kann sich zurückführen auf meinen Samen, der muß schreiben in düsse Urkund. Jedem einzelnen muß es überlassen sein, was er wert hält, daß es die Nachfahren zu wissen bekommen. – Das aber soll Schand und übler Makel sein, so ein Sleef überhaupt niet schreiben kann. Nur die Fruenslüd sünd ausgeschlossen. Die sollen nich tühnen und schkribifaxen, kommt doch nix bei rut. Sondern sollen brave Hausehren sein und brav Kinners gebären. Sollen die Welt füllen, wie es sich schickt nach so großen Völkermorden. – Kann aber auch hier Ausnahm gemacht werden. So ein Weib, eine Sleef nach Gottes Ratschluß unfruchtbar bleibt und hat allermeist veel Tid, so sall se schriewen.« Der Ahne hat viel geschafft. Hat ihm das Feuer manch Hab und Gut verbronnen. Aber ein vollgestrichen Maß Geld hat er in der Lüneburger Heide vergraben gehabt. Hat ihn der Schlag gerührt vor Freuden, als er's unversehrt ausgrub. Und ich, Wien Sleef, sinniere, daß groß Freud genau so Wirkung tut, wie groß Leid. – Und düsse vor mir liegende Foliant ist durch hohle Bäume, Büsche und Heidekraut gewandert, wie ein Geselle auf der Walze. Der Sohn hat die Papiere gefunden, als der Ahnbauer selber ist eingegraben worden in die rote Heide 1650 anno domini . Ich hab großen Respekt vor dem Ahn, denn solche Nachkriegszeit ist ebenso schwer zu tragen, wie der dreißigjährig Greul selbst. Und hat Ode Sleef doch schier alle Tage ein paar Worte in diesen Folianten gemalt mit klammen Fingern, die sich sträuben gegen die Feder. Vielleicht würd sich der Ahne hinwiederum sträuben gegen mich, wenn er wüßt, daß ich als Außenseiter in diese heilige Sach hineinschreibe. Denn wenn ich auch ehelich gezeugt und geboren bin, wie es dieses Buch verlangt, so ist doch mein Vater von der Sippe enterbt und ausgestoßen worden. Der Grund ist wohl für jeden lächerlich, wenn er kein Heidjer ist. Bei denen Sturköpp und Dickschädel ist alles so fest gefügt und durch »Geschriften« beglaubigt. Da geht alles nach Maß und Faden. »Langweilig, aber rechtschaffen«, hat mein Vater immer gesagt. Er hat die »Sünd« begangen, eine Ausländerin zu heiraten, ein bayrisch Dirnlein aus Bubenreuth. – »Jessas, Jessas, – i a Ausländrin?« hat die Mutter gerufen, und gelacht, eine ganze Tonleiter hinauf und herunter. – Das Dirnlein hat gejodelt und Zither geschlagen. Ihr Blut hat mir auch nicht geschadet, ich bin ein echter, rechter »Sleef« geworden. Wie sie alle waren seit 1622. So an die zwei Meter groß, und stark wie die Bären, und wenn auch nicht stier-, so doch steifnackig. Aber von 1862 an, da sind die Leut kleiner geworden, haben immer in die Verwandtschaft geheiratet. Das dünkte meinem Vater nicht recht und widerstand ihm. Ging deshalb auf die Walze, was kein Bauer tut, und verschüttete es mit seiner Sippe, daß sie ihm alle feind wurden. Und als er meldete, daß er »eine wahre Prachtsdern gefunden hätt', in einem kleinen bayrischen Gütel, ein schwarzbraunes Madel, zum Fressen süß, aber ohne Geld« – da war's gefehlt. Der Sleefkamp hat ihn aufs Pflichtteil gesetzt. Brüder, Schwestern und Basen haben das Feuer geschürt. Und mein Vater war kein Mann, dem das Prozessieren anstund. So glücklich waren ja auch die zwei, Vadder un Mudder, wie es wohl gar nie wieder eine Eh' gibt landauf, landab. Wie ich so das hinschreib, ist ein Tosen und Rumoren draußen, als wenn der wilde Jäger über die Heide tobt. Und kann doch gar nichts Ungutes auf dem Weg sein – ist ja doch Weihnachten. Davon merkt man freilich nix bi üs im Sleefkamp, und ich muß büschen die Zähne zusammenbeißen, damit's den Schlagetot nicht umreißt. Wenn ich an die Mutter denk – Gott schenk ihr fröhliche Urständ! – Alles, was Freud bringt, Ostern, Pfingsten und Weihnachten, das war sie, und dazu die gute Stund selber. – »'s Amei « nannte sie der Vadder. Und wenn man den Namen vor sich hinsagt, dann ist's schon, als ob man gestreichelt würde. Erster Adventsonntag mußt ein Bäumle her, da steckte die Mutter zuerst ein Lichtle dran, und jeden Tag kam eins dazu, bis an Heiligabend vierundzwanzig Licht'l brannten. Ich hab nie wieder solch einen Glanz gesehen. – Und am Weihnachtstag, da holte sie selbst aus dem Wald einen Tannenbaum und schlug ihm ein Brett unter. Denn der Vater war nicht für so was »Gefühliges«. Er lachte auch immer arg spöttisch, weil die Mutter mit dem Zollstock in den Weihnachtswald ging. Mit dem hatte sie mir vorher Maß genommen, und mußt der Tannenbaum immer genau so groß sein, wie ihr Bübel. Wir beiden schmückten ihn denn auch mit roten und grünen und gelben Ketten, Rosen und Tulipanen aus Seidenpapier. Es war eine Pracht. Und ich nannte das als Bub » an plündern«, denn zu Neujahr kam doch das »Plündern«, und alls wurde ab getan. Mich dünkt jetzt noch, daß wir bei dieser Tätigkeit alle Lieder und Choräle der Welt gesungen haben. Freilich waren da auch Frühlingslieder mit drunter, und wenn ich meine Lieblingsweise anstimmte, dann ging der Vater hinaus und brachte beide Hände voll Schnee mit herein, wusch mir damit tüchtig den Kopf, Gesicht und Haare und sang dazu: »Nun fangen die Weiden zu blühen an.« Frohe Zeit war das! Und Mutters Lachen klang wie silberne Glocken. Vater hatte auch seine Freude, wenn er sah, daß der Tannenbaum in jedem Jahr größer sein mußte nach dem Maß seines »Dschung«, wie er als echter Heidjer zu mir sagte, denn der Name »Bübl« war ihm zu weich. »Mach mir nur keinen ›Dätsch‹ un ›Döllmer‹ aus ihm«, sagte er einmal, als ich mit einem versonnen Gesicht »in die Wicken horchte«. »Du weißt doch, Amei, wo er mal hinsoll?!« »I woaß schon«, hatte die Mutter zurückgegeben. »Wo soll ich denn hin?« fragte ich neugierig. Aber erst am Abend, als die Mutter an meinem Lager mit mir gebetet, was sie nie versäumte, erzählte sie mir, daß ein kluger Syndikus, den sich der Vater verschrieben, ausgediftelt hätt', daß da ein Klausel zu meinen Gunsten wär' im Ahnentestament, und daß ich nochmal auf dem Sleefkamp sitzen könnt'. Da hatte ich meine ganze, sanfte Frömmigkeit vergessen und mich störrisch umgedreht: »I mag aber net bei die Saupreiß'n.« Das war gefehlt, denn ich kriegte gleich ein paar hinten vor. Die Mutter hatte eine flinke Hand, und weil ich im Bett lag, war ihr alles hübsch parat. »Ein schlechter Vogel, der sein eigen Nest beschmutzt«, sagte sie streng, wie ich sie nie gesehen. »Saupreißen sind ebensogut Menschen, wie wir Bayern.« Das prägte sie mir noch ein und gab noch eine anschauliche Geschichte von den Leuten »um Bremen, Hannover und Lüneburg 'rum«, daß ich wohl vorbereitet war für die Lüneburger Heide. Mit einem blauweißen bayrischen Fähnlein zog ich umher und sang schallend: »Halte hoch die deutsche Treue du Niedersachsensproß! Das Gute tu, das Böse scheue, – der Edle sei dir Kampfgenoss'.« Der Wind hat mir in den nächsten Jahrzehnten tüchtig um die Ohren geweht. So im Schützengraben und beim Patrouillenführen und auch im Lazarett, wo die Ärzte nicht wußten, was sie noch an mir zurechtflicken sollten. Ja, jetzt gespür ich's, was es heißt, im großen, warmen Bauernhof arbeiten zu dürfen. »Unteroffizier Sleef«, sagte der Oberstabsarzt: »eins wissen wir wenigstens, daß Sie nicht tot zu kriegen sind.« ›Ist doch was‹, dacht' ich, und bin immer wieder auferstanden. War ein rechtes Wunder für alle Ärzte, Sanitäter und Kameraden. Aber schön bin ich nimmer. Dafür haben etliche Kugeln und besunders die neckischen Granatsplitter gesorgt. – Wie hätt' die Mutter wohl aufgeschrien beim Anblick ihres »Bübels«, das so mordshäßlich geworden war. Brauchte es aber nimmer anzuschauen. Sie starb im gachen Leid dem lieben Vater nach, den ein Baum im eignen Wald erschlug. Solch ein jähes Sterben soll's geben, wenn zwei sich arg lieb haben. – Ich bin fünfunddreißig Jahr alt und kenn die Lieb nur von Vater und Mutter her... Muß der Wien Sleef sich schämen? Eine rote, garstige Narbe zieht sich quer über mein Gesicht. Drei Finger fehlen an der linken Hand und drei Zehen am rechten Fuß. Den schleife ich nach, als wollt' ich zu einem »gefühligen« Walzer ansetzen. Und dann ist da noch ein Säbelhieb über den Kopf, den hat mein Haarwald büschen milder gemacht. Die alte Magd Gesine sagt: »Schöne Augen hast Wien! Mußt sie nützen. Aber du ziehst die wilden, garschtigen Brauen zusammen, daß die Gucken klitzeklein werden, sobald eine Deern vorbei kommt – bist 'n groten Döllmerl« Und das war's just, was mein Vater mit mir hatte vermeiden wollen. Ein »Döllmer«, das ist ein weicher, versonnener, unbrauchbarer Mensch, eben kein Heidger. »Weißt, Gesine«, hab' ich der Alten geantwortet, denn sie ist recht meine Freundin, »ich werd's mal auf 'n Zettel schreiben, was noch an mir heil ist, das lernst auswendig und kannst es den Deerns in den Spinnstuben vordeklamieren, vielleicht krieg ich noch eine ab.« Da hat sie mir ihren krummen Rücken zugedreht, denn sie hat keinen Humor, die Gute verficht scharf die Ansicht, daß »kein ein« Mannsbild was taugt. Und nun muß ich doch glauben, daß draußen der wilde Jäger zugange ist. Die Eichen biegen sich im harten Sturm und viele Bäume gehen zu Bruch. Ich werd' alle Luken schließen müssen. Unheimlich ist der Schneefall, der ja wohl den Sleefkamp bei klein begraben will. Das ist kein heiliger Abend – – – Den 23. Dezember 19 .. Kein heiliger Abend ... bei den Worten knallte gestern die Tür auf und ein greller Blitz stach durchs Fenster, dem ein Donnerschlag wie ein Fluch folgte. So haben wir's wintertags schon manches Jahr gehabt, aber dieser Schlag war reif für ein Stoßgebet. Das schickte ich denn auch in die Nacht, in die pechrabenschwarze, aber es war erst vier Uhr nachmittags. Die Peseltür war zerbrochen. Im Fleet lag eine Schneewehe, denn die schwere Eichentür stand sperrangelweit offen und zitterte in ihren Fugen. Hinaus lief ich. Es hatte getönt wie ferner Schrei. Und vor dem Hoftor lag meine Weihnachtsbescherung. Ein totes Pferd, ein zuckendes Etwas, daneben ein zerbrochener Wagen, ein ganz verbaster Kutscher, der kindisch greinte, und ein Bub, der aber unter dem Wagen steckte. Von ihm tönten die abgerissenen Schreie. »Ich komm schon!« rief ich. »Es wird Zeit«, knurrte der Bub. »Vorsicht Tölpel – ich glaub', ich hab' den Fuß gebrochen.« War aber nur büschen verstaucht. Der Jung' humpelte zum Kutscher. »So heul doch nich«, schrie er, »schämst dich nich? Stehst aufrecht da; nich mal betäubt sind wir.« Er beugte sich über das Pferd. »Tot!« Dann ging er zum andern Gaul, der wild um sich schlug, aber sich nicht erheben konnte. »Armes Tier!« Aus seiner Hosentasche langte er einen Revolver. Ein scharfer Knall – aus war's. Tapferer Kerl. Aber er hatte Tränen in den Augen. Legte einen Finger an die Mütze, das sollt ein Gruß für mich sein. »Sleef!« sagte er. »Kennst mich?« fragte ich. Was antwortet der Knirps? »Erstens bin ich kein, Du' von Ihnen und zweitens heiß ich so: von Sleef–Sleefkamp. Und ich friere, und will einen steifen Grog.« Da hab' ich gelacht. »Un it heet ok ›Sleef‹. Man ganz gewöhnlich ›Sleef‹. Aber wenn du auch der König wierst, Grog schallst doch hebben!« Da wunnerwarkte der Lüttje, und ich nahm den Kutscher beim Kragen und schüttelte ihn ordentlich, damit erst mal sein Unterst wieder zu Öbberst käm. Rief dann mit scharfem Pfiff etwelche andere Knechte, damit sie die toten Pferde beiseit schafften, bis der Abdecker käm. Und überantwortete ihnen den Kutscher, daß sie ihn mit einem Grog ins Bett stecken sollten, und ging mit dem vertrackten Bengel, der »von Sleef« heißen wollte, in den Wohnpesel vom Sleefkamp. Und nun bin ich ganz durchgedreht, und muß mich besinnen, was oben und was unten ist am Firmament. Hab' auch schon laut für mich gelacht, was gornich mein Art ist. Aber ich war mit dem Jung die alte, geschnitzte Stiege hinaufgegangen und hatte an die Peseltür der Muhme Kordula Sleef gepocht. Die rauchte gerade eine schwere Zigarre, was sie immer tut, wenn sie schwere Gedanken hat. Sie führt das Regiment im Gewese und ist unser Aller Herrin. Der Jung riß seine Mütz ab und klappte die Hacken zusammen. Und genau von der Stelle, woher er den Revolver geholt, zog er nun einen zerknitterten Brief. Gab ihn der Frau. Die riß ihn auf, las ihn, stampfte mit dem Handstock auf und rief: »Düwel ok! Der General is wohl verrückt?« Dann legte sie den Arm um den Jungen, und der ließ sich straken und gar küssen von ihr, wenn auch mit bitterbösen Augen. Dann drehte Muhme Kordula den Buben zu mir hin und stand auf. Legte die Zigarre fort und sprach feierlich: »Dies ist meine Enkelin Amei von Sleef.« Da hatte ich nun die Bescherung. Wollt' es immer nicht glauben, daß die schlichte Muhme Kordula die Mutter von einem General sei. Im Leben geht's aber närrischer zu als in Büchern. Ist der Muhme ihr Bräutigam, auch ein Sleef, ihr untreu geworden, hat sich verheiratet, mit einer Jungen, denn die Muhme ist dazumal schon an die Dreißig gewesen. Ist der französische Krieg gekommen und der treulose Sleef gefallen, aber ein Söhnlein hat er hinterlassen. Zwei Jahr alt. Und die junge Frau war treuer, hat sich ihm nachgegrämt, ist gestorben. Da hat die Jungfer das Kind zu sich genommen, einen braven Offizier draus gemacht, und der ist vom Kaiser geadelt worden. Tapferkeitsadel! Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr! – – Und kann doch auch ein solcher Mann eine närrische Nachkommenschaft haben. – Ich bin aus der Stuben hinausgepoltert, stieß mir noch den Kopf am Deckenbalken, denn oben sind die Stuben noch niedriger als unten. Heil verbast saß ich dann in meinem Pesel. Hatte noch grad so viel Besinnlichkeit, daß ich einen Grog brauen konnt für den obsternatschen Jung, der eine feine Deern ist, Tochter von einem General, der bei den Soldaten dicht hinter dem lieben Gott kommt. Und der Jung heißt: »Amei«. Wie meine Mutter selig ... meine Mutter. Sleefkamp, den 26. Dezember 19 .. In der Nacht zum 27. Denn am Tage komm ich natürlich nicht zum schreiben, selbst wintertags nicht, wo man eingeschneit ist. Wir sind's bis zum letzten Ziegel vom Schornstein. Aber Tetje, der Hausbursch hatte brav geschaufelt, also daß man zur Tür hinaus konnt' gehen, und dann sieht man schon den Kirchtumknopf, und es ist grade, als ob er winkte und nickte: »Komm nur her! Stapf tüchtig den Schnee zusammen und laß dir vom Gotteswort deine Sünden abwaschen!« Eigentliche Sünden hab' ich nicht – wüßt' nicht welche, wenn nicht doch den Jähzorn, dies Erbteil der Sleefs, das wohl schon von Adam her uns vermacht ist. Aber uns' Pastor Eichstaedt, der fängt ganz timide an, daß man meint, man könnt büschen nicken, denn man ist ja auch Sonntags schon um fünf Uhr früh zugange. – Aber das gibt's nicht, auf einmal ist das Timide fort, und ein Predigen hebt an, das einem schier das Herz aus der Brust nimmt. Ich laß es ihm auch gern, er ist ein richtiger Pastor. – Pastor heißt Hirte. Und ich will gern zu seiner Heidschnuckenherde gehören. Und ich seh auch schon genau, es ist eine andere Zeit angebrochen, geht nicht mehr so kommode fort, wie wir das im Sleefkamp gewöhnt sind. – Die Schneeflocke, die uns da am Heiligabend reinwehte, ich weiß warraftig nicht, ob sie ins Gewese paßt. Muhme Kordula macht schmalen Mund und red't nix. Sie soll aber reden. Denn ich bin ja kein unmöndigen Jung, sondern ein Mann, der »Sleefsrecht« hat auf dem Kamp laut Urkund. Wenn ich auch upstunds Knecht bin. Düwel ok. Das ist mein Stolz. Und ein frommer und getreuer Knecht will ich sein, der über wenigem getreu gewesen ist, und den Gott über vieles setzen kann und wird. Hab' ich meinen Jähzorn so lang auf Kandare geritten, daß so ein Näswater, so ein Deerns-Jung ihn mit ein paar Schluderworten wieder heraufschwören könnt? Siedend heiß steigt mir's auf, wenn ich nur dran denk' an den heutigen Kirchgang. Weiß nicht, wohin sich die Andacht verkrochen hatte. Schier in den Glockenstuhl. Ist mir nicht passiert seit Jahren. Sitz' also heute auf der Männerbank, wie es schon die Bibel vorschreibt, daß Schafe und Böcke getrennt sind. Und steht deshalb auch an den Bänken rechts ein schöngemaltes M., und links ein F. Da weiß jeder Bescheid, der nicht mit dem Dummbüdel kloppt is. Sitzt da auf einmal vor mir ein Jung – unser Jung, der eine feine Deern ist. Tochter von einem General, der gleich nach dem lieben Gott kommt. – Aber wo süht sie ut! Ein Glück, daß der Heidjer in der Kirche keinen Aufstand macht. Manchmal aus richtiger Frömmigkeit, die sich nicht stören lassen will, und manchmal auch aus Sturheit, die seggt: »wat gehts mi an?« Aber ich dacht', mir verschlägt's Odem und Gesicht. Glührot stieg mir das Blut in den Kopf, also daß meine Augen trübe wurden und die Buchstaben des schönen Liedes verschwammen. Derbe graue weite Buxen trug der Jung, der eine Deern is. Unten um die Knöchel waren sie zugebunden. Hab' nie so 'n Anzug gesehen. Und obenher eine graue Bluse, die um den Hals gekordelt war, und ebenso an beiden Handgelenken. Und keinen Wuschelkopf, aber auch keine ehrbaren Zöpfe, sondern so, wie ich mich selbst als Junge trug. Kamm ins Wasser getaucht und dann ein Scheitel links gezogen. Wenn meine schlichte Mutter Amei das sehen könnt', wie eine Nachfahrin »Amei« sich antüdert, sie legte sich ja wohl im Sarge auf die andere Seiten. Kann aber auch sein, sie jodelte. Denn bei Frauen kennt man sich ja nie aus. Es ist ein hart Ansinnen. Wenn ich in dieser Urkund blättere, dann sehe ich, wie ausführlich alle die Sleefs darein geschrieben haben. Pietät und Tradition sind doch mächtige Antriebe. Schier unnötige Dinge sind darin erwähnt, aber vielleicht dünkten sie damals wichtig. Und mich dünkt wichtig, daß ich die lebendigen Sleefs schildere, damit meine Nachfahren sie kennen. – Sie saß auch ganz still in der alten Kirche, das wunderte mich, aber ihre Augen gingen in der langen Liturgie suchend an den Wänden entlang. Als wüßte das Dinglein, daß es wertvolle Dinge sind. Jawohl. Holzschnitte von Albrecht Dürer. Und bei dem Pelikan, der seine eigene Brust aufreißt, um mit dem Blut die dürstenden Jungen zu laben, da verfärbte sich das Gesichtchen ordentlich, und ein Zucken ging durch den Körper. Ich hab' die ganze Kunst erst vorigen Sonntag klargekriegt. Da war eine Führung aus der Stadt Hannover hier und viele Gelehrte und Künstler mit dabei. – Und so eine junge hereingeschneite Schneeflock hat es gleich weg beim ersten Anschaun. Das ist also Bildung. Und weil ich ärgerlich war, daß sie meine Andacht störte, stellte ich mich nach der Kirche vor sie hin. Da hatte das Lebewesen die Hände schon wieder in den Hosentaschen. »So legt man sich nicht an für die Kirche, und so steht man nicht da«, sagte ich böse. »Da ziehen die Bauern nur das Maul über dich.« Ich hatte aber wohlweislich erst die Leute sich verlaufen lassen. Und die Heidjer bleiben nicht stehen beim Kirchgang, sie halten auf Ansehn. Sagt das Krott: »Erstens bin ich kein ›Du‹ von Ihnen, und zweitens pfeif' ich drauf. Verstanden, Knecht?« Düwel ok! Das war büschen viel für mich. Und packte den Jung, und hob ihn hoch, setzte ihn dann auf meinen Arm und trug ihn heim. Hei, wie er sich wehrte, und fauchte und schnob wie ein Rassepferd oder wildes Tierlein. Und doch nicht schrie, weil er ja eine hochmütige Deern war, die nicht wollt, daß auch nur ein einziger Bauer im Dorf unsern Kirchgang heimwärts gewahrte. War wohl seltsam, unser Kirchgang. Hab' Haarwuchs genug. Einen ganzen Wald auf meinem Kopf. Aber die Schuld von dem jungen Sleef ist's nicht, daß ich noch etwelche Haare mein eigen nenn'. Die feinen Fingerlein krabbten sich ein und rissen und zausten, daß es schon ein ehrlicher Schmerz war auch für einen Schlagetot, wie ich einer bin. Gerade tauchte das Dach vom Sleefkamp zwischen den Rieseneichen auf, die ihn bewachen, da biß mich der Katteiker in die rechte Hand. Tief hinein in den Ballen und ich ließ den Jung rasch zur Erde gleiten, weil mein Blut strömte, und er sollte sich doch nicht damit beschmutzen. Sah ihn weiter gar nicht an, aber mein Jähzorn war zahm geworden. Ich lachte für mich hin. An der linken Hand drei Finger fort, und an der rechten einen Biß, daß die Stelle gleich blitzblau war und hochgeschwollen. Ging in meine Stube, machte kalte Umschläge und gut ist's, daß ich nie die Arnikasalbe habe ausgehen lassen. Das ist ein Kraut gegen den Tod und auch gegen Haß und Jähzorn. Nachher rief ich einen Jungknecht, und der fatschte mich wie eine Soggerpupp und ich ließ ihn gewähren, denn die Wunde brannte noch wie höllisch Füer. Als eine Magd mich zum Mittagessen rief, ließ ich der Muhme Kordula sagen, ich hätt' mich verletzt, wollt' nicht essen, aber nochmal zehn Minuten kühlen. Da stand gleich drauf die gute Seele schon in meinem Pesel. »Jesus«, schrie sie auf. Denn meine Pranke lag im Wasser und sah gefährlich aus. »Hund oder Katz?« fragte sie kurz, denn Kratzer waren genug auf Händen und Gesicht. »Katteiker«, ist meine Antwort. »Doktor muß her«, entschied sie. »War das Tier gereizt, so kann Blutvergiftung kommen.« Ich lachte: »Bösartig und gereizt.« Die Muhme blieb ernst. »Bist ein Hüne, Wien, aber ich hab' einen Riesen gekannt... war mir anverlobt. Ein Fliegenstich bracht' ihn zur Strecke.« Muhme Kordula ging zur Tür, drehte sich noch einmal um. In ihren Augen stand helle Güte. Aber sie sagte nur kurz: »Du weißt, daß viel Schreiberei liegt und erledigt sein will. Mach, daß du bald in der Reihe bist. Hab' auch zu reden mit dir – hörst?« Solch' ein Wort von der Muhme Kordula ist besser als alle Rezepte und Pflaster der gelehrten Doktores. Sie wirkt so, wie der neue Gelehrte, der aufgetaucht ist. Der sagt zu sich selbst, wenn er totkrank ist: »Heute geht's mir schon besser.« Und glaubt auch dran. Und da kann's geschehen, daß vorgestern einer die Diphterie hatte und von den Ärzten aufgegeben war. Gestern sagte er sich mit Willensstärke, es geht mir besser, und morgen singt er im Stadttheater. – Das ist mir ernsthaft erzählt worden. Aber es hängt gewiß noch anders zusammen, und ich bin nicht leichtgläubig. Da es auch sicher noch keinem Sleef passiert ist, so will ich auch diesen Folianten nicht weiter damit belästigen. Zwischen Weihnacht und Neujahr. Es ist ja wahr, die seine Deern hat recht, es ist Weihnachtszeit. Und wenn ich auch gar nicht aus ihr klug werde, so bringt sie mich doch immer wieder auf etwas – Heiliges, möcht' ich sagen. Ich ging heut' am Wohnpesel vorbei nach der Treppe, die hinaufführt zur Muhme Kordula. Hör' ich im Wohnpesel singen. Wo seit hundert Jahren nicht ist gesungen worden im Sleefkamp. So gefemt war das Singen, daß ich oft und oft hinaus in die Heide gestürmt bin mit der Hand auf dem Mund. Weil mir ein Lied inwendig hochkam, das die Mutter Amei gesungen hatte an meinem Bett, oder in der Küche, oder im Walde. Wo sang sie nicht , meine Mutter Amei? Wer kann's sein? dacht' ich. So fein, so leis' tut kein Ein hier im Sleefkamp. Klink' ich die Tür sachtgen auf. Ich dacht', ich müßt' im Himmel sein. Die Amei im schlohweißen Kleid. Und kniet auf der sandigen Dielen und schmückt einen Tannenbaum. Hängt närrische Sachen dran, ein silbernes Schiff und eine silberne Lokomotive. Und noch mehr so Zeugs. Aber alles schon von lang her und abgegriffen. Ein alleiniges Wachslichtchen leuchtet zu dem Tun. Bei ihrer Arbeit sang die Deern. So tun Engel singen droben und fingerieren dabei auf den Harfen. »Josef, liebster Josef mein, hilf mir wiegen mein Kindelein.« Und ich fall' ein. Kann's um Leib und Leben nicht zurückhalten. Hol' einfach meinen Tenor aus der Kehl, der immer Kantor Rüdels Stolz und Freud' war. Aber wie's scheint, nicht solche von der feinen Deern. Läßt sie allen Silberkram fallen, schwingt auf, ganz weiß im Gesicht. Und die Augen sprühen. »Kann ich denn niemals allein sein?« ruft sie. »Spionieren hier die Knechte hinter mir drein?« In diesem Augenblick sprang ich auf sie zu. Und sie glaubt, ich wollt' sie gar schlagen. Aber sie brannte ja, die ungute Deern, das Licht am Baum hatte das dünne weiße Engelskleid gefaßt, als sie vor mir zurückgewichen war. Die große Decke reiß' ich vom Tisch, wickel das ganze Dinglein drein, trag's auf das breite Kanapee. War ja die leichte Last nun schon gewohnt. Der Brand war gleich aus. An der Hand ward ich noch büschen versengt. Schad' nix, dacht' ich, sind ja noch ein paar Stellen da, die an dem groben großen Wien Sleef heil find. »Hast Schmerzen?« frag' ich. Denn auf »Sie und Sie« ist's schwerer zu kommen in der Heide als auf »Du und Du«. »Ja«, sagt sie und beißt die Zähne aufeinander. Und wie ich die Decke auseinanderschlag', seh' ich an ihrem Nacken eine große brandrote Stelle, recht glasig anzuschaun. Das gibt morgen eine elende Blase, denk' ich, und laß das versehrte Dinglein liegen, spring' zur Tür hinaus und die Trepp hinauf in meine Bodenkammer. Da hatt' ich im Schapp eine Salbe noch von den bayrischen Großeltern her. Dort wuchs die Arnika uns ins Haus hinein. Sie roch arg gut die Salbe, und ich wußt es, daß, wenn ich sie auf das Hälschen legte, die Wunde würd' zu heilen anfangen in selbiger Nacht. – Wieder herunter vom Boden, und in die Engelsstuben. Hatte aber noch so viel Zeit gehabt, ein blühweiß Leinensacktüchlein von Mutter selig zu zerreißen. Ein sauberes Messer konnt' ich auch erwischen, aber erst drunten, wo das Dinglein lag. So mit verändertem, schmerzverzogenem Gesicht, daß ich hätt' heulen können. Bist ein schlapper Hund, sagt ich inwendig zu mir. Und ging zu ihr, legt das Leinenstück auf die talergroße Brandwunde. Vorher rief ich noch: Achtung! Tapfer! Tat aber nicht nötig bei einer Generalsdeern. Wie ich mit meinen groben Händen zugange bin, kriegt sie meine rechte Pranke zu sehen, wo der Biß noch blutrot leuchtet, und sie wird wieder weiß im Gesicht, als wollt' sie besmiemelt werden. »War ich das?« fragt sie entsetzt, aber so leis, daß ich's kaum hätte verstehen können, wär ich ihr nicht so nahe gewesen. »Jawohl!« Eine Minute noch, da ward ihr feines schönes Gesichtlein häßlich. Ein hochmütig Schnäuzlein zog sie: »Er hat's verdient«, sagte sie. Sprang auf und lief hinaus. Er?! So, wie der alte Fritz gesprochen hat mit seinen Offizieren und Grenadieren. Ich blieb zurück und dacht: »Mein Arnikapflaster muß sie doch leiden, und wird es sobald nicht wieder los.« Aber mir selbst war's, als fingen alle meine Wunden an zu brennen, die lange verharrscht waren. Und die Tannenbaumwunde war wie höllisches Feuer. Auf dem Kanapee sah ich ihr Nastüchlein liegen, das hatte sie vergessen. Ich nahm's, riß es mitten, entzwei und strich Salbe drauf und verband mir die rechte Hand damit, sowohl den Biß als auch das Brennende. – Hilft's nix, so schadet's nir. Und es ist auch so. Noch kein büschen hat's geholfen, brennt döller als je. Aber das Nastüchlein ist doch ein Teil von der Deern, die mir auf düsse Art nahe ist. Könnt' auch nicht sagen, daß ich mich schämte wegen des Diebstahls. Wenn man dem den kleinen Finger gibt, hat er einen ja gleich am Kanthaken. Das weiß männigein. Sleefkamp, Neujahr, 6. Januar 19 .. Ich hätte ja wohl noch ein paar Wochen fortgetühnt wie ein altes Weib, wenn ich nicht das Wundfieber gekriegt hätte. So ein Mammut wie ich, so ein Riesentrumm, und muß sich hinlegen lassen wie ein Fatschkind. Und weiß nicht's von sich, und phantasiert das Blaue vom Himmel runter, das ehestens drauf war. – Denn nun haben wir ümmerlos Heidenebel. Und man kann kaum vor sich sehen. Das war aber närrisch mit meiner Krankheit. Und auch heute will die garstige Wunde noch nicht heilen. Das Dinglein aber, die Generalsdeern ist kandidel as 'n Katteiker. Ich denk mir, in ihrem Tüchlein muß ihre ganze Bosheit und Widerborstigkeit gesteckt haben, die hat mich und meine Brandwund' recht von Grund auf vergiftet. Aber in dem Tuchfetzen, darauf ich ihr die Arnikasalbe strich, war die ganze lachende Güte meiner Mutter Amei drinnen. Da konnt sie freilich genesen, die ungute Deern. Wie man so Etwas »Amei« nennen kann! Ich mein, da müßt sich die Feder, die beim Kirchenbuch liegt, gesträubt haben. Aber Muhme Kordula hat mir erzählt, der General hätte von meiner Mutter, als einer Fernversippten gehört. Auch daß sie ein seelensgutes, schönes bayrisches Madel gewesen sei. Und hat einen Narren an dem Namen »Amei« gefressen. Weil er so weich geklungen hat, wie sein eigen Weib zutiefst gewesen ist. Da hat er gemeint, der Name könnt' abfärben auf sein eigen Fleisch und Blut. Aber selbst Generäle können irren, wenn ich auch keinem Rekruten raten möcht', sowas anzunehmen. Die Mutter von – – – hier muß ich eine andere Feder einsetzen, denn düsse Foliantenfeder sträubte sich wirklich meiner Mutter Namen für die Deern hinzuschreiben. – Deshalb taufe ich einfach um und nenne das ungute Ding »Raudi«. – Oh, ich hört es wohl, auch in meinem Fieber, wie sie manchmal hinaufschlich an meinen Krankenpesel und die Magd fragte, wie denn so die Nacht war. Weiß aber nicht, warum sie Erkundigung tat, denn wenn die vernagelte Magd Antwort gab: »Gut zuwege« bei vierzig Grad, dann rutschte die »Raudi« auf dem Treppengeländer hinunter, was eine grauenhaft quietschende Tonleiter abgab, und unten ballerte sie die Tür, daß der Kalk bei mir von der Decken runterrieselte. Und die Mutter von dieser Raudi, welche seelensgut gewesen ist, ist bei der Geburt ihres Kindes gestorben. Da kenn ich mich nicht aus beim Herrgott, daß er solches zuläßt. Gut – ein Weib kann er sterben lassen vom Manne fort. Wenn sie eine Beißzange war, so kann der Wittiber ein neues geruhiges Leben anfangen, und war sie ein Engel schon auf Erden, so braucht der Herrgott sie bei klein da droben zum Harfenspielen. Aber eine Mutter dürfte nicht wegsterben von ihrem lürlütten Soggerpupp. – Man sieht's ja, was aus sowas wird. Die Schönheit freilich, die ficht es nicht an, das ist was Außenwendiges. Aber alle Bosheit und List und ungut Wesen kann in das Innerliche kommen und sich festsetzen, wenn Mutterhände nicht abwehren und Mutteraugen nicht Obacht haben Tag und Nacht. Was kann son General groß erziehen ... Noch dazu, da er vor fünfzehn Jahren man erst Hauptmann war. Erbeingesessene Nachfahren werden meinen, es sei dem Außenseiter Wien zu Kopf gestiegen, daß er in den Folianten schreiben darf. Und daß er sich was einbildet auf die Sinniererei und wollt' gar Anweisungen geben dem Herrgott und der Sippen. Ist nicht an dem. Sleefkamp, den 20. Januar 19 .. Jeden Tag kann ich nicht in den Folianten schreiben, oder ich muß die Magd zu Hilfe nehmen. Weiß nicht, wie es die Ahnen zuwege gebracht haben, so arg zu schriftstellern. Sind eben ein paar Fruenslüd dazwischen gewesen. »Ohne Kinder, durch Gottes Gebot«, wie es schon der Ahn Ode Sleef vermerkt hat. Denen liegt das »Mitteilen« mehr im Leder als uns Mannsen. Und so haben sie sich mit und an ihrer Gänsefeder ausgetobt. Es ist auch verstecktes Leid gar viel im Folianten. Ein kurzer Passus einer Gesche Sleef hat mir zu denken gegeben. Sie schreibt: »Nur dir, dem alten Ahnenbuch, und dir, du liebe Feder, kann ich's beichten. Mein Ehgemahl, der Großbauer, schaut mich nicht an. Bin ein lüttjes, mager Ding, auch scheu im Kurakter. Und mag derbe Späß nicht leiden. Die bringt der Bauer an die große Hausmagd heran. Die lacht überlaut, läßt sich alles vom ›Herrn‹ gefallen. Aber ich lieb ihn zu tausend Malen jeden Tag mehr. Und kann's doch nicht erzwingen, daß er zu mir kommt, und die Magd läßt – – –« Es geht kraus zu in der Welt. Wie würd' ich mir solche Lieb ersehnen – und ein Vorfahr hat sie mit Füßen getreten. Man muß sich schämen, daß er ›Sleef‹ heißt. Sind aber beide lange tot und ist also Leid wie Lust vergangen – – – Schreibt hingegen wieder eine andere Sleef, Kiliam, geborene Dagebüll: »Komme wieder zu dir, liebster Foliant. Hörst geduldig zu. Fühle mich wieder Mutter, und du schallst mein Glück zuerst wissen. Zwölf Soggerpup's hatt ich mir gewünscht vom Adebar, oder von der Hexe Nekkepenn, je nach Gusto. Und nun rückt schon's dreizehnte an. Soll eine Unglückszahl sein – aber ich weiß schon jetzt – den frechen dreizehnten, den hab' ich am liebsten. Heißt das, wenn die zwölf anderen nicht zu Hause sind. Heut abend sag' ich's dem lieben Mann. Der wird wunnerwarken und sich verstaunen und sich freuen – huijeh – wie ein Jung, wenn er dreizehn Äppel auf einmal sieht. Und wird seine Ziehharmonika herkriegen – spielt seiner Eheliebsten auf, und ich tanz, und alle dreizehn tanzen mit. Lieber Herrgott, Du bist gut, und ich dank Dir zu tausend Malen – – –« Die Eichen um den Sleefkamp stehen noch fest und stark und stolz von » damals « her. So sagte mir Muhme Kordula, als ich den Doppelhof in Stellvertretung übernahm. » Wann war damals ?« fragt' ich – aber eine Antwort ist nicht gekommen. Was Muhme Kordula nicht sagen will – den möcht ich sehen, der sie zwingt. Sie bekommt dann ein steinern Antlitz und ist doch von Natur aus nur Güte. Ich möcht' sagen »dunkle Güte«. Jetzt weiß ich längst, daß kurz vor Muhme Kordulas Hochzeit ein Blitz in die Eichen geschlagen war. Drei haben wie Fackeln gebrannt. Waren keine Hochzeitsfackeln. In derselben Nacht des Unwetters ist der Bräutigam ihr untreu geworden. Hat dann später wieder zurückfinden wollen zu ihr. Aber sie hat durch ihn hindurchgeschaut, wie wenn er Luft sei. – Ist ledig geblieben. Aber die neu gepflanzten Eichen haben getrieben, sind gewachsen schier übermächtig. Man muß im Hochsommer scharf lugen, will man das weiße Haus dahinter erschauen. Wien Sleef braucht nicht angestrengt zu lugen, der sieht durch Baum und Bork. Der sieht's auch mit den inwendigen Augen, und würde es sehen, auch wenn es plötzlich in die Erde sänke. – Das macht, daß der Sleefkamp in mich hineingeboren wurde. Trotzdem meine Mutter ein bayrisch Madel war. Wenn eine Mutter ganz Liebe ist zu ihrem Manne, dann kann ihr Leib Wunder vollbringen an ihrem Kinde. Meine Mutter war ganz Liebe. Das ist ein heilig Vermächtnis für mich. Und ob ich auch nicht Geld noch Goldeswert habe, weil ich ja wirtschafte für andere , so beneide ich doch niemand. Will nichts sein, als ein frommer und getreuer Knecht. Freilich ist dieser Knecht einsam, und das kann gut sein und auch eine Qual. Ich möcht' wohl einen Freund haben. Mit dem man von Höhen und Tiefen sprechen könnte. Von allen Dingen, die mir gute Bücher gaben. Dieser Freund müßt gescheiter sein als ich. Vielleicht find ich ihn noch. Sauber muß er inwendig sein, sauber. Das ist meine erste Bedingung. Er muß nicht mit Behaglichkeit schmutzige Geschichten erzählen. Nicht drin herumwühlen wie ein Borstentier. Aber Humor muß er haben, Humor ist ein Bruder vom Ernst. Solche Zwillingsbrüder wandern durch die Welt wie ein paar Sieger, und wer sie beisammen hat, dem wird alles zu Musik. Ich hab' desgleichen Musik im Leibe und möcht' manchmal meine Geige gegen die Wand hauen, weil ich sie nicht in die Herzen schwingen lassen kann. Soviel Geld hatte mein Vater nicht, um mir einen Meister zu halten, der mich selbst zum Meister machte. Hab' viele Instrumente durchprobiert, Klavier und Geige, Baßgeige, Trompete und Flöte. Am meisten störte mich das Klavier. Weil da alles so feststeht. Man ist ja auf Bauer und Stimmer angewiesen. Habe auf jedem Instrument zum Tanze aufgespielt. Die Baßgeige habe ich auf eine närrische Art kennengelernt. – Ich hatte Hunger, und der Wirt in einem Heidedorf wollt' mir nur warm Essen geben, wenn ich Baßgeige spielen wollt' zum Tanz. Hatte aber nie eine in der Hand gehabt. Er gab sie mir, sie stand auf dem Oberboden, hatte aber nur zwei Saiten. Die hingen locker, aber der Schmied, der gerade da war, schraubte sie ordentlich fest. Der Geiger war ein Blödling, die Flöte war duhn, aber die Bratsche hatte Humor. Und die setzte sich neben mich und raunte mir immer zu: »Die Dicke, die Dünne, die Dicke – die Dünne.« Ich strich drauflos. Da ging es ganz gut, und ich durfte nachher auch mitessen. Nun bin ich bei der Flöte geblieben. Posaune und Trompete find zu schwer zu blasen, und geht einmal ein Ton vorbei, dann lachen die Hansnarren, weil unter tausend Menschen höchstens zwanzig sind, die wissen, daß es die schwierigsten Instrumente sind. Man sollte vor jedem rechten Posaunisten den Hut ziehen. Aber die Flöte, die jetzt meine Gesellin ist, paßt nicht zu mir. Ich bin ein rechter Schlagetot mit meinen zwei Metern an Länge, und sie ist so zierlich und klingt zärtlich und weich. Da ist's mir immer, als tönte es gar nicht aus mir selbst heraus, dem rauhen, widerhaarigen Gesellen. Und doch soll sie ein Ahn von mir gemeistert haben. Fand sie in einer der ältesten Truhen. Und so hab' ich's lieb, das kleine, weiße Ding. Denn sie ist aus Elfenbein, und das gehört ja doch zu dem Elefanten, der ich bin. Ihr Mundstück ist aus Mosaik. Ich muß sagen, dieser Foliant macht Gelegenheit, nur von sich selbst zu schwatzen. Das kommt, daß niemand hineinschauen darf, ehvor ich sterbe. Will aber doch weiter vom Sleefkamp erzählen, der hochangesehen ist und war, und – so der Herrgott will – es bleiben wird noch ein paar hundert Jahre. So an die fünfhundert heran. Da hapert es dann mit den Vorbildern. Weil immer möglichst in die Familie geheiratet wird, und die Stirnen werden dann niedriger. Aber die Sleefs sind alle mit ordentlichem Grips erblich belastet, wenn auch ein General drunter ist, der seine leibliche Deern verrückt erzogen hat. Gar stattlich gefügt ist unser Bauernhaus. Wer uns Übel will, schimpft es »Herrenhaus«. Das sind aber meist nur Händler, die wegen irgend etwas scheel sehen, vielleicht mal vom Hofe verwiesen sind von einem geringen Sleefkamper. Zwanzig Stuben birgt es, und eine Diele, die nochmal zehn Stuben fassen könnte. Aber sie tut's nicht. Es ist ihr Stolz, so weit und groß dazustehen mit dem Riesenkamin und den Tischen und Stühlen aus Eichenholz geschnitzt. An jedem Stuhl unser Bauernwappen. Ein paar Ohrenstühle sind auch da, die alle zwanzig Jahr frisch gepolstert werden mit reinem Roßhaar und einen Überzug neu kriegen, den die jüngste Haustochter aussuchen darf, weil sie sich ja die meisten Jahre dran freuen kann. Nicht weit vom großen Bauernhaus ist das Altgedinge, das Altenteil. Manch Besitzer begibt sich vorzeitig darein wenn etwa sein Sohn eine ungute Schwiegertochter ins Gewese bringt, die den alten Eltern das Brot nicht vergönnt. Was mein Foliant auf seinen anderen Seiten erzählt, das ist wohl so, daß einem das Heiraten vergehen könnt'. Bei uns Heidjern heißt es aber »Mannshand haben«. Doch kann man auch was Feines verscheuchen, wenn man so ein Schlagetot ist, wie ich. Deshalb muß ich mal zusehen, daß die, der ich so gut werde, daß ich sie zur Mutter meiner Kinder haben möcht', den Spruch fest im Gedächtnis hat: »Er soll dein Herr sein.« Das ist ein rechter Bauernspruch. Die Städter nehmen das nicht so genau. Und deshalb hat bei ihnen mancher »Lahmlackl« eine »Z'widerwurzn«. So hat meine Mutter selig gesagt. Das soll bei mir nicht vorkommen, auch nicht, wenn ich ein Außenseiter bleibe, der niemalen den Hof erbt. Und bekomme ich den Hof, so müßt' ich erst recht Herr sein über mein Weib, sonst müßte ich mich schämen vor des Hofes schönem Angesicht und seinem Alter und seiner Vollkommenheit, und würde mich seiner für unwürdig achten. Neben dem Altgedinge steht das Viehhaus und eine Scheune von so großem Ausmaß, wie sie kein anderer Hof besitzt. Eine Feldscheune ist auch da, ein großer Wagenschuppen und weiter fort ein Kunstdüngerschuppen. Mehrere Speicher schließen sich an. Darunter auch ein Imkerspeicher. Denn Muhme Kordula hält darauf, daß unsere Bienenbestände bleiben. Von Bayern her kannte ich nur den Lindenblütenhonig, aber er ist weiblich. Für uns Mannsen ist der herbe Heidehonig, der »braune Jung'«. Und das Vieh auf dem Sleefkamp! Das macht stolz. – Das wächst einem ans Herz. Sechs Prachtspferde (drei Gespanne), fünfzig Kopf Rindvieh, zehn Zuchtsauen, im ganzen mit Läufern und Mast hundert Stück. – Einhundert Hühner, drei Zuchtgänse und einen Ganter. Tauben hält sich die Muhme Kordula, es ist eine besondere Liebhaberei von ihr. Ich selbst mag keine Geschöpfe, die sanft aussehen und auch als die Sanftmut in Person angedichtet werden von sonst ganz vernünftigen Menschen. Und dann doch um jedes Futterkorn streiten, kollern und neidisch sind. Meine Lieblinge sind die Heidschnucken. Achthundert Stück halten wir. Hätt' ich Zeit, ich verbrächte sie beim Schäfer mit seinem blauen Strickstrumpf. Der kann erzählen! Aber meistens schweigt er. Und dann verstehe ich ihn am besten. Sobald ich komme, löst sich aus der großen Herde eine Heidschnucke, das ist mein Liebchen, meine braune »Erika«. Die reibt ihren Kopf an meinem Knie und leckt meine Hand. Ich muß täglich nach ihr sehen, sonst fressen wir beide nicht. Zwei große Schafställe nehmen die Schnucken auf. Einer steht auf dem Hof und einer in der Heide. – Meine Aufzählung klingt trocken und nüchtern, aber wie ich so alles nochmal durchlese, da fühl ich recht, wie stolz ich das schrieb. Es ist ein schöner Hof, der Sleefkamp, und ein stolzes Gewese rings in der Runde. Und immer war die Rechtschaffenheit zu Hause, Frömmigkeit, Ehrbarkeit. Das sind schon ein paar gute Wandergesellen durchs Leben. Und der Fleiß ist auch da, die Lust zur Arbeit. Die Knechte spüren es, wie es mir in den Händen zuckt, zu schaffen von früh bis spät. Sind auch nicht neidisch, daß mich die Muhme Kordula zum Oberknecht gemacht hat. Ich möcht' schon lieber nur Vorarbeiter heißen. Möcht' Beispiel sein. Sie haben hart zu leisten, meine Mitknechte. Da möchte ich den »Arbeiter« mehr betonen als den »Ober«. Und wenn der Tag kommt, der den richtigen Erben hierher bringt – – – ich erziehe mich jeden Tag dazu, es nie zu vergessen, daß ich Außenseiter bin und mir meine Stelle hier hart verdienen muß – – – so habe ich mich still zu bescheiden. Habe das Gewese zu übergeben und abzuwarten, ob mich der »Herr«, der freilich nur ein Vetter von mir ist, aber ein studierter, vornehmer Vetter, fürder behalten will. Ein Dichter hat gesagt: »Auch Stillesein ist ein gewaltig Werk.« Freilich, das ist's! Ob ich es lernen werde? Sleefkamp, 27. Januar 19 .. Das kann natürlich nicht angehen, daß ich nur alle acht Tage an den Folianten komme. Weiß der liebe Himmel, wie's zugeht, daß mir abends die Augen zufallen. Ein Mann von sechsunddreißig muß doch arbeiten können von früh vier Uhr an bis abends acht oder neun? Das ist man seinem Ansehen schuldig. – Unter den Sleefs soll's nie einen Faulen gegeben haben. Daß aber jeder einzelne Schwerarbeiter noch bis in die Nacht gesessen und den Folianten »gefüllet« hat, das ist doch wunderlich. Wunderlich ist auch, daß wenig von den Frauen erzählt wird. Hätte mein lieber Vater mitschreiben dürfen, da wäre wohl viel Liebes niedergelegt worden über »'s Amei«, meine Mutter. Aber es hat wohl früher nie so etwas Frohes und Holdseliges gegeben. Von den vielen Ahninnen wird nur kurz berichtet. Der Urahn 1622 schreibt: »Will freien. Was Junges. Hof darf nüms zu Bruch gehn. Will ein Erben haben und ein Deern zum einheirathen up annern groten Hoff. Ich denk' an die fünfundzwanzigjährige Nomine Berkhahn. – – –« Da hat die sogenannte Liebe natürlich nicht mitgespielt, sondern nur Jugend, Gesundheit und – Batzen. Aber ich, dem sich noch nie etwas »unterm Brustlatz gerührt hat« – wie Mutter Amei sich ausdrückte, wenn jemand verliebt war – ich möchte der unbekannten Liebe Hüsung geben, auf daß sie mein ganzes Gewese durchleuchte. Das muß doch wundergut sein, wenn ich nichts denke als die liebste Frau, und hinwiederum sie nichts als » Wien Sleef «. Up ewig ungedeelt! Und wunderbar, und aller Geheimnisse voll muß es sein, wenn die Liebste ein Kind von mir trägt ... Herrgott! Und der Vater sich dann später wiederfindet im Angesicht des Erden. Oder wenn aus den Schelmenaugen eines Dirnleins die Mutter lacht, oder gar auch der Schlagetotvater, zwei Meter hoch und ungeschlacht, und doch in zwei wunzkleinen Sternchen drin. Das muß »zum Beten sein« in stiller Kammer, oder auch zum Aufschreien, wie der Hirsch tut im Walde. – Und weil ich das alles zusammen haben will, und ansonsten, wenn es sich nicht trifft, einschichtig bleibe ... deshalb gehe ich auch nicht auf die Freite. Auch nicht auf den Tanzboden, wo ich nur als Halber figuriere, als halber Herr und als halber Knecht. Man kennt sich ja nicht aus bei mir. Ich lasse mich auch nicht besehen und abschätzen von irgendeinem Mädchen oder ihrer Sippe. – Das muß aus den Wollen kommen wie ein Blitz: »Du gehörst mein und ich dein!« Es war mir auch nicht zuwider, wenn man solch eine Frawe, wie der Ahn schreibt, gleich könnt' aufheben und in seinen Bauernhof tragen: »Da, sitz nieder und regier das Gewese mit der großen Liebe und mich dazu.« Und sie müßt' rufen: »Endlich, endlich! Wie lang hat's gedauert, ehe du das sagtest!« Und beide sagen sich dann mit Lachen und Küssen, daß sie vor Heimweh nacheinander gesterben sind. Närrisch! Ich denk' mir das so für mich aus. Wissen tu ich nichts davon. – – – Nun möcht' ich doch beinahe die Seiten herausnehmen und ins Kamin stecken. Aber warum sollen die Nachfahren nicht kundwerden, daß der Wien Sleef viel verlangte? Die meisten verlangen wenig, weil sie schon satt sind. Die haben zuerst geschleckt und dann gefressen und starren hinterher auf die große volle Schüssel, die ein gutes Geschick vor sie hingestellt hat. Haben aber keinen Gusto mehr dazu, und sehen in das Leben, das vor ihnen liegt hinein, wie in einen Tunnel. So soll's bei mir nicht anheben und auch nicht ausgehen. Ein sauberer Knecht will ich sein – ja sauber. In der Arbeit, im Essen und – in der Liebe. Nur nicht mal sich schämen müssen vor sich selbst, und vor ein paar reinen Augen. Gibt genug Schmutzfinken hier herum. Aber mehr so im weiteren Umkreis. Nicht auf dem Sleefkamp. Da paß ich schon auf. Das hat man bei den Insten gleich weg, manchmal schon beim mieten, spätestens nach acht Tagen. Und Muhme Kordula, die hat Augen, wie die Strahlen, die ein gelehrter Professor erfunden hat. Oder hat er sie entdeckt? Ich mein' – entdecken tut auch unsereins manches, was verborgen ist, ganz wichtige Sachen. Die auf solch großem Hof, wie der Sleefkamp einer ist, plötzlich heil notwendig sind. Und da ist's dann, als wenn etwas Großes uns bei der Hand nimmt und eine Stimme – kommt sie aus der Luft, oder sitzt sie in einem drin – sagt: »Such! Such!« Als wär' man ein Hühnerhund. Und man ist's wohl auch. Gehorcht, und findet es. Daher kommt's, daß man schier als was Besonderes angesehen wird, und der Pferdeknecht sagt: »Du bist 'n Luder, Wien!« Und die Muhme Kordula verkündet: »Der Wien kann mehr als Brot essen.« Aber das dauert nicht lange, dann ist man wieder der Hund, der noch nie was gesucht, und auch noch niemalen was gefunden hat. – Und doch ist man Entdecker gewesen, und wenn man kein simpler Knecht und Außenseiter war, man könnt' die Sache auf's Patentamt tragen. Sleefkamp, den 3. Februar 19 .. Heute hat mir der Herr Pfarrer was Närrisches gesagt. Der Jung, der Raudi, der 'ne Deern ist, und den ich auf fünfzehn Jahre schätzte, hat schon drei Jahre mehr auf seinem Taufschein. Es kann gar nicht angehen. Ist aber verbrieft, besiegelt und hell wahr. – Und ich hab' mit der Konfirmation der Teufelsdeern geliebäugelt. Nicht daß ich glaubte, sie könnt' aus einem solchen Ungedeih einen Engel machen – aber doch wenigstens etwas Botmäßiges. Aber was die Taufe nicht zuwege brachte, da versagen denn auch wohl alle anderen heiligen Gebräuche. Also tausend Wochen alt. Und hat mir heute das neue Pferd zu schanden geritten. Wie es da in den Hof hinkte, schweißbedeckt mit schlagenden Flanken, das schöne Tier – – – als ob's ein Wettrennen unter einem Schinder von Jockey gemacht hätte. – Ich mußte wahrhaftig meine Hände ineinander verkrallen, um diese Generalsdeern nicht aufzuheben und in den Dorfteich zu schmeißen. Oder wenigstens in die Mistsotte, da hätt' sie ja wieder rausgekonnt. Zum Mörder will ich nicht werden an so 'nem Flederwisch. Herrgott nochmal! Am meisten ärgere ich mich ja, daß ich mich ärgere. Ich ernsthafter Mensch schäme mich vor mir selbst. Sie, die Amei, Er, der Raudi, Es, das Ding, tut so gottlos gleichgültig. Oder ist sie verstockt? – Letzteres wäre weniger schlimm. Für Verstocktheit kann so ein Junges nicht, wenn nüms ihr gesagt hat, daß man dagegen ankämpfen muß. Aber Gleichgültigkeit gegen leidende Tiere ist gemein. Eine Sleef aber soll nicht gemein sein. – Ich hoffe also, daß sie bis in die grawe Grund verstockt ist. Einen Tag später. Als ich heute aus dem Stall kam, saß Raudi mit Muhme Kordula beim Frühbrot. Ich sagte: »Der Tierarzt meint, ich müsse wohl den Revolver herholen ... Da schrie sie gellend auf. Und warf beide Arme über den Tisch und weinte herzbrechend. Also doch nicht verstockt. Und auch nicht gleichgültig. Wo tue ich das Ding hin? Ich weiß nirgends solch ein Lebewesen. – Als der Bock sie nicht mehr so arg stieß, sagte sie: »Muhme Kordula, gibst mir nochmal ein Pferd? Nach der Kreisstadt reit' ich. Euer Tierarzt hier ist ein Kamel. Ich weiß was Gescheiteres.« »Mußt den Wien fragen, wenn du einen Gaul haben willst«, meinte die Muhme. »Also?–« fragt das Gör, weiß bis in den Mund hinein und stellt sich dicht vor mich hin. ›Bosnickel!‹ dacht' ich, und war doch selbst einer. »Einen Gaul können Sie haben«, sagt ich. Und warf ihr das »Sie« büschen wie'n Schimpfwort an den Trotzkopf. »Aber Sie werden uns zu teuer, wenn Sie auch den zur Strecke bringen ...« Gott bewahr mich, daß sie mich je wieder so ansieht, wie auf meine garstige Rede. Denn dann muß eins von uns vom Hof, und das wird dann wohl der Knecht sein ... Ich sah noch die Funken stieben, als der »Kismet« über das Kopfpflaster fegte. Teufelsdeern! Sie hatte ihn nicht mal gesattelt. – Hab' nicht gewußt, daß auch Teufelsdeerns einen Schutzengel haben. Voll Unrast wollt' ich hinter ihr drein. Muhme Kordula hat's nicht gelitten. »Es geschieht ihr nix«, sagte sie so fest, als hätte sie's schriftlich vom Herrgott. Zwei Tag später. Ist ihr auch nichts geschehn. Sie kam mit dem Doktor zurückgeritten. Als ich vom Revolver sprach, zeigte er auf seine eigene Stirn. Aber das traf mich nicht. Denn ich war Tag und Nacht nicht vom kranken Gaul gewichen, da hätt' schon Matthäi am letzten sein müssen, ehrer ich ihn aufgab. Und ist der Ajax wahrhaftig auf der Besserung – aber jetzt liegt die Deern, der Raudi. Fch kenn mich nicht aus. Die Muhme Kordula ist auch sone echte Heidjerin. Nicht mal mit 'ner Zange kann man Wörters und Geschehnisse aus ihr herausziehen. Den Kreisarzt Dr. Kraatz ließ sie holen. »Was sagt der Doktor?« frag' ich. »Welcher?« fragt sie dagegen. »Der für die Menschen«, sagt' ich und lach' etwas spöttisch, denn es war wie'n Ärztekongreß bei uns, den so studiertes Volk manchmal abhält. »Der Dr. Kraatz hatte es eilig«, sagt sie. »Hat mir nur zugerufen: Nix gebrochen, nur arg zerschunden. Hast noch Arnikasalbe, Wien?« »Für wen?« »Frag' nich so dumm. Für's Amei.« Für's Amei – – –! Wenn ich den Namen hör', werd' ich schwach. – Aber ich straffte mich mit aller Gewalt. Denn verwöhnen soll man das ungute Bäslein nicht, die mir den Knecht allstunds unter die Nase reibt und doch so vertrackte und widersinnige Geschichten macht, wie mit dem schönen Gaul. Präparierte mich also inwendig auf eine moralische Erzählung, wenn wir einmal wieder beisammen wären zum Abendbrot. Die Deern blieb aber unsichtbar. »Bin ich ihr im Weg?« fragt ich heute kurz, »denn kann ich ja auch mit den andern Knechten essen.« Muhme Kordula blieb gelassen. Sah mich nur fragend und eindringlich an. Und hatte einen Zug um den Mund, als wollt' sie anheben mit Weinen. Hat aber wohl ihrer Lebtag nie geweint. »Bei euch Mannsleuten ist man auch nüms sicher vor Zufällen und Anfällen und ungereimten Zeugs. Ich verhoff, daß du keinem Menschen im Weg bist, am wenigsten jemand, den der Herrgott beutelt und züchtigt, weil er ihn gar so lieb hat.« »Muhme Kordula, ich hab' nicht chaldäisch studiert.« »Das seh ich, und verlangt auch kein Mensch. Aber Deutsch könntest schon verstehen und wissen, was auf dem Hof so bei klein ›belebt‹. Die Knechte sprechen doch von weiter nix, und die Dienstdeerns rabantern desgleichen.« Ich war schon beinahe in Siedehitz. Hätt' auf den Eichentisch schlagen mögen, was nicht angehen kann im Sleefkamp. »Weißt Muhme, die Folter hat der alte Fritz schon abgeschafft. Sag's doch mal rasch heraus, was los ist – sag's wie meine Mutter Amei und nicht wie die Heidjerin Kordula ... Sie lächelte ein klein wenig. »Aus seiner Haut kann man nich raus alter Wien – aber ich seh schon, dir muß man upstunns aus dem Traum helfen. Die Amei hat bösen Fall getan neulich mit dem Gaul. Und wenn auch nichts gebrochen ist, so ist sie doch geschleift worden zum Gotterbarmen. Gescheut hat der Gaul damals urplötzlich vor der großen weißen Scheibe, auf der du dich büschen einschießen wolltest – ja – und wie noch ein Hase aufgesprungen ist, da ging er durch.« Muhme Kordula ging auch durch. Verließ mich plötzlich und stieg zur Amei hinauf. Mein Gesicht hat sie wohl verstört. Das sieht niemalen gut aus, aber wenn's verzweifelt schaut, dann mag's wohl eine ganze Grimasse und Karrikatur sein. Bin ja ein Kinderschreck – und nächstens fang ich an zu hadern mit dem Geschick. Also das Amei gar nicht schuld an dem Unglück. Und ich hab's ausgelümmelt. Red' vom Tierschutzverein und bin selbst der größte Schinder. Und anstatt mit meinen Mitknechten mal zu schnacken, bleib' ich heidjerisch – dickschädelig für mich. Stur und verbast. Das ist schlimmer als der verschrockene Gaul, der vor meiner eigenen Schießscheib' und vor einem Hasen hochgeht. Und schleift solch zartes Dinglein durch die Landschaft, durch Heid und Ried, durch Busch und Dorn. Aber er hat sie nicht unschuldigerweis' ausgelümmelt, das tat Wien Sleef, der Knecht. Und wieder kam mir der Jähzorn hoch, und ich hätt' mögen den Gaul totschießen ... »Stehst immer noch da?« fragte Muhme Kordula, die just wiederkam. Sie paffte an einer großen Zigarre. War wieder mal nicht im Lot, die Gute. »Wien, wenn du um jede Schramme, die sich eine Deern up'n Hof holt, eine Stunde Dienst versäumst, dann wirst bald mit 'nem weißen Stab abziehen«, meinte sie unwirsch. Da stellte ich mich dicht vor sie hin. »Es ist mehr als eine Schramme, gelt Muhme Kordula? Sag's mir – und ich mach' Überstunden und arbeit' mir die Schwarte vom Leibe für den Hof.« – Die Hände faltete ich, der große, alte, ungeschlachte Mensch wie ein kleines Kind. Bittend stand ich vor der Anverwandten wie vorm Herrgott. Da weinte sie. Und es war jämmerlich anzusehen, denn die Tränen waren ihr knapp geworden. »Mien olen Wien«, sagt sie. »Wir haben kein' Gewißheit. Erst war noch nix zu klagen. Ist auch nichts gebrochen. Aber die Hände verstaucht und die Ringelhaare in ganzen Büscheln ausgerissen und überall geschunden, wie beinahe ein Märtyrer aus alten grauen Zeiten ... Und gerade das Schinden ist ihr so schmerzlich.« »Glaub' ich«, sagt ich, und fühlte alles mit. Fühlte aber besonders stark, was für ein elender Hund ich bin, weil mir der Gedanke hochkam, daß Gottes Mühlen manchmal auch rasch mahlen, und die ausgerissenen Haare wohl die prompte Straf' seien für die, die ich in ihren Fingerlein lassen mußte ... Und kaum hatt' ich den Gedanken ausgedacht, setzt doch die Muhme hinzu: »Sieht erbarmungswürdig aus, das Kleine, aber sterben wird's noch nicht. Ihre Bosheit und übel Wesen hat nicht gelitten, denn in all ihren Schmerzen faucht sie: »Muhme Kordula, ich muß fix gesund werden. Sonst högt sich der Kerl, der Knecht, in seiner verdämmten öwerspönigen Gerechtigkeit, weil ich ihm mal ein paar von seinen Borsten ausgerissen hab'. Igittigitt – ich hasse ihn!« Und nun schläft sie. Was sagst dazu, Wien?« Ja, so ist sie, die Teufelsdeern. Mit einem Fluch auf den Lippen und einem Haß im Herzen kann sie schlafen. Sie taugt nichts. Aber auch gar nichts. Denn es ist grundschlecht, einen in Zorn hineinzuhetzen und in üble Beschuldigungen, weil man eben meint, sie hat den Gaul zuschanden geritten. Und dann ist sie unschuldig und sagt nichts, und läßt einen aufrechten, großen, alten Mann von sechsunddreißig Jahren sich schämen. Wie gesagt, Teufelsdeern! Und ich kann kaum die Zeit erwarten, bis ich tot bin, damit die ganze Sippe liest, wie ich mich freue, daß die Deern mich haßt. So – und da ist mir eben so eine Freudenträne auf's Pergamentene gefallen und hat die Schrift verwässert. In so einem Freudenzustand ist's am besten, man geht in den Wald und in die Heide. Die ist immer schön und gewaltig, ob sie nun grün daliegt oder braun, oder in leuchtend roter Blust, deren Anblick und Geruch die Menschen und die Bienen taumeln läßt vor Lust. Ich lauf' auch hinaus, damit ich mir den heißen Kopf verkühl, und ich hör' Trompetentöne, als würde zum Jüngsten Gericht geblasen. Sie tönten aber falsch, und daran merkt' ich, daß sie irdisch waren. Und nach jedem geblasenen Vers – ich kannte das Soldatenlied wohl – setzt eine versoffene Mannsstimme ein und kräht just: »Aber nain aber naiiin, sie hasset mich .« Ein Bettler am Weg war's, und ich stürz' wie unklug auf ihn zu und schrei: »Hörst auf, oder ich schlag' dir die dammliche Trompete auf deinem dammlichen Schädel entzwei.« Da glaubte er, ein Verrückter steht vor ihm. Weil ich ja schon normalerweise schreckbar aussah, und nun gar in Wut. – Und er hebt ein Rennen an und ich hinterher, denn ich wollt' ihm ja eine blanke Mark schenken, die ich immer als Talisman in meinem Sack trag'. Und wie er die Mark endlich in Händen hält und sie atemlos betrachtet, da sah ich erst recht, daß er mich für verrückt hielt. In einem Wachholderstrauch hat er sich vor mir versteckt. Morgen wird das ganze Dorf und noch ein paar Gewese mehr wissen, daß Wien Sleef, der Knecht auf dem großen Sleefkamp, seine Fünf nicht mehr beisammen hat. Und der Stromer wird viel Geld verdienen. Denn wenn ein Heidjer eine Neuigkeit hören kann, da gibt er gern einen Groschen aus. Wo sie herkommt, das ist ihm einerlei. Sie muß nur Hand und Fuß haben. Und glaubhaft sein. Selbst die schönste Wahrheit, verbrieft und versiegelt – wenn sie nicht glaubhaft ist, nimmt er sie nicht an. Aber daß Wien Sleef verrückt ist, es immer war, oder auch erst geworden ist, das hat Hand und Fuß und sieht der Wahrheit verteufelt ähnlich. Den 11. Februar 19 .. Zwischen meinem letzten Schreibtag und dem heutigen liegt eine Welt. Natürlich nur eine »Wien-Sleefwelt« ... Sagte Muhme Kordula am Abend zu mir: »Neugierig bist aber auch gar nicht, Wien.« »Bün ik ok ni«, lacht' ich. »Un worup schall ik dat sien?« »Denkst nicht mehr dran, daß ich dir vor ein paar Wochen gesagt hab', als das Eichhörnchen dich gebissen hatte? Du möchtest bald in die Reih' kommen und ich hätt' mit dir zu reden. Erinnerst du?« »Büschen«, sagt ich. »Weißt Muhme, da liegt das Fieber zwischen heut und damals. Und meine erschreckliche Angst, es könnt' eine schwere Blutvergiftung geben, weil das Tier so böse und gereizt war.« Das sagt ich recht mit Behagen, denn das »gereizte Tierlein« saß mir just gegenüber. Aber nur den Bruchteil einer Minute, dann fiel ein schwerer Eichenstuhl um und es sauste hinaus und ballerte die Tür, daß wieder der Kalk von der Decke fiel. »Ich muß das Amei wahrhaftig in eine ›Benehmichte‹ tun«, meinte die Muhme geruhig und klopfte sich aus ihrem Haar den Kalk, der ihr just auf den Kopf gefallen war. »Hast nicht selber Schneid genug?« fragt ich. »Ich helf gern mit.« »Duuu?« Es klang recht unehrerbietig. Aber ich werde mich doch nicht mit der Güte selbst zanken. So war's eine Weile still zwischen uns. »Ein Achtzehnjähriges kann man nicht schlagen. Da hilft überhaupt nur Beispiel von andern Deerns«, bemerkte die Muhme nachdenklich. »Ein vornehmes Haus muß es sein. Freilich wird der General wettern.« Ich kriegte auf einmal ein elendes Gefühl unter der linken Westenklappe. »Wir lassen sie hier!« entschied ich. Und ich hätte den abwesenden General nur gleich so umarmen mögen, bloß weil er wetterte gegen so eine »Benehmichte«. Die Muhme sagte nichts weiter, woraus ich entnahm, daß sie ihren Dickkopf durchsetzen würde. Und dann kam das, was sie mir schon vor Wochen hatte sagen wollen. »Wien, der Doktor Jochen Sleef hat sich schon damals angemeldet und er kann nun bald eintreffen.« – Er schwimmt schon mit dem ›Kolumbus-1492‹«, sagt ich so vor mich hin. Rein wie verblödet. Aber sie sollte um die Welt nicht merken, daß ich auf einmal so schwer atmen mußte. Muhme Kordula war auch so in Gedanken, sie hatte wohl die Jahreszahl gehört, wußte aber nichts damit anzufangen. Vielleicht hatte sie auch grade gefehlt, als Amerika drankam. Aber sie sah mich gütig an. »Du bist sehr müde, Wien. Geh' jetzt ins Bett! Hast brav geschafft. Vielleicht kommen schwere Tage für uns, ich weiß ja nicht, was für ein Herr der Jochen geworden ist. Als Bauer kann ich mir ihn nicht denken. Und wie er sich zu dir stellen wird ... Wien, wir zwei bleiben die Alten.« »Jawohl, Muhme. Spießgesellen sind wir. Up ewig ungedeelt.« Sie lächelte ein ganz büschen. »Unter Spießgesellen hab' ich mir eigentlich immer Räuber und Mörder vorgestellt«, meinte sie. »Aber bei deiner Größe, Wien, und deinem Gewicht gehen auch deine Begriffe ins Ungeheuerliche. Geh' schlafen, Wien!« Ich gehorchte, wenn auch nicht wörtlich. Mit großen, wachen Augen lag ich in meinem Riesenbett, das die geräumige Stube beinahe ausfüllt. Wie hätte ich schlafen sollen? Die Gedanken kamen und gingen. Und draußen heulte der Heidesturm. Nebenan in ihrem Wohnpeselchen sang die Raudi: »Rose rot, Rose weiß, was wird aus dir und mir?« Die Deern hat solch' weiche, liebe Stimme, sie paßt nicht zu ihr. Gar nicht. »Für die Zeit, wo du g'liebt mi hast, bedank i mi schön, und i wünsch, daß dir's Anderswo besser mag gehn!« Wünsch' ich ihr nun gar nich. – Sie soll erst mal den lieben Gott erkennen lernen. Ganz drunter durch muß sie. Aber hier bei uns. Dann hörte ich, wie sie in Büchern kramte. Etwelche fielen mit großem Gepolter herunter. Das waren die dicken Klassiker, die machen solchen Lärm. Und dann hub sie an laut zu deklamieren. Mit der »Glocke« ging's los. Da hört ich noch ärgerlich zu, – sie kennt ja keine nachbarliche Rücksichtnahme. Aber dann hatte sie den Tscherkessenfürsten von Freiligrath angepackt, und richtig, sie machte auch noch das Fenster auf, und donnerte die Worte in die Heide hinaus, alle Hasen müssen Reißaus genommen haben: »Nicht käuflich sind mir drum mein schuppig Panzerhemde und meine Freiheit und mein Haß !« – Da bin ich eingeschlafen. Den 14. Februar 19 .. Andern Tags war er da. Er schickte mir seine Besuchskarte herein. Da setzte ich mich wohl erst mal in den Ohrenstuhl vom Großvater selig und zeigte auch dem Ohrenstuhl die Karte. »Kiek mol, die is vun'n nimodschen Bauern, der keinen Mist kennt.« Und der Ohrenstuhl knarrte als Antwort, da ich mich hineinwarf. » Dr. pnil. et rer. pol. Jochen Sleef.« – Da mußt ich mir erst mal das Konversationslexikon holen. Solches ist ein Schatz, und wenn man fleißig drin liest, ersetzt es die Universität. Phil. et rer. pol. Un wat nich noch all. – – Aber nun weiß ich doch, daß er tüchtig geochst haben muß, ehe er mir die Karte in meinen Pesel schicken konnte. Weiß auch noch 'ne ganze Menge mehr, und ich wunnerwarke, und verstaune mich über mich selbst, wie so was angehn kann. – – Denn es klopfte gleich nach der Karte stark an meine Tür. – Klopfen bin ich nicht gewohnt. Zum Knecht kommt jeder hereingepoltert, oder geschlichen, je wie er mag. – Aber der Herr Dr. phil. et rer. pol. klopfte an. Er hatte eine Kinderstube gehabt. Ich hatte nur den Schoß und das Herz meiner Mutter Amei ... Rasch stand er auch im Zimmer. Denn er ist ungefähr die Hälfte von mir, der Beneidenswerte. Aber meine zwei Meter und noch drei Zentimeter darüber sind schwer zu steuern. Man eckt an, und das macht scheu. »Donnerwetter!« rief Dr. Jochen Sleef – Das bin ich gewohnt. Eigentlich sagt es jeder, der mich zum erstenmal sieht. »Kann man dir die Hand geben, Mammut, oder drückst du sie zu Mus?« »Sie müssen es probieren, Herr Doktor.« »Was soll das? Wir sind leibliche Vettern.« »Nein, Sie sind Herr und ich bin Knecht.« »Willst du das so?« »Jawohl. Ich lasse mich gern ›Du‹ nennen, aber ich gebe schwer das ›Du‹. Habe so wenig zu vergeben, deshalb muß ich haushalten.« »Hm. Die Sleefs sind alle ein wenig verrückt, ich weiß das von mir selbst, aber du bist es komplett. Bei deinen Körperausmaßen auch gar nicht zu verwundern.« »Jawohl, ich weiß.« Das war unsere erste wörtliche Unterredung. Er blieb noch lange bei mir, und ich betrachtete ihn genau. Mittelgroß ist er, schlank und rank und ein wahrhaft schönes Gesicht hat er. Ohne doch ein sogenannter »schöner Mann« zu sein. Das hat mir das Geschick erspart, neben einem Fatzken herumzulaufen, gar unter ihm zu dienen. – Aber die herrenhafte, ungezwungene Art, mit der er sich bewegte, die machte mich unfrei. Nun, das soll ja auch ein Knecht sein. »Haben Sie eine gute Zigarre für mich, Vetter?« fragte der Studierte. Und wieder trat mir der Ärger ins Blut, wie er alles so mit Leichtigkeit tat, und wie er das »Du« wieder zurücknahm, während ich mich noch darüber zergrübelte. »Nein, die habe ich nicht. Aber Muhme Kordula raucht ein feines Kraut.« Der Doktor lachte laut. Ein gutes, aufrichtiges Lachen hat er. Er holt es so recht unterm Leibgurt hervor, und es hallt noch eine Zeit an den Wänden entlang. »Muhme Kordula ist ein Fall für sich. Ein prachtvolles Geschöpf. Man hat das Jungsgefühl, seinen Kopf in ihren Schoß zu wühlen und seine Sünden zu beichten. Haben Sie das schon mal bei ihr getan, Wien Sleef?« Ich glaube, ich wurde rot. Das muß lachhaft aussehen bei einem Mann von sechsunddreißig. Und von meinem Aussehn. – »Ich bin hier Knecht«, sagte ich gequält. Und ich stand auf und holte zwei kleine kurze Weichselrohrpfeifen. Sie waren von mir nach allen Regeln der Kunst gestopft mit prima Tabak. Varinas Mischung Nr. 1. »Donnerwetter!« sagte Jochen Sleef wieder und sehr anerkennend. »Ich dachte beinahe, Sie wären Asket, Wien, aber Sie sind Sybarit. Fidibusse haben Sie auch? Heillos gemütlich. Ich hasse Zigaretten, diese nervösen kurzlebigen Dinger. Ahhhh!« Er lehnte sich wohlig in den Ohrenstuhl zurück und paffte. »Ich werde hier oft sitzen, Vetter. Sie wissen, daß ich jetzt bleibe?« »Jawohl!« »Sagen Sie doch nicht immer ›Jawohl‹! Ich bin nicht Ihr Chef.« »Doch, das sind Sie. Und ich will's niemals vergessen.« »Ein Kind sind Sie, Mammut! Beinahe hätte ich gesagt: ›Ein Esel‹. Aber dafür sind wir noch zu kurze Zeit miteinander ›verwandt‹.« Wieder lachte er sein schönes gutes Lachen. Und diesmal stimmte ich ein. Wunderbar heimelig war's in meinem Pesel. Wir rauchten und wir konnten so gut miteinander schweigen. Was hatte ich mir gewünscht? Einen Freund, einen Gesellen auf Leben und Tod. Herrgott, ich hatte ihn gefunden! Ich, der ich glaubte, jahrelang suchen zu müssen – – da saß er vor mir. Und ich fühlte, ich war täppisch wie ein junger Hund. Das macht die Verlassenheit Jahre und Jahre lang. Das Leben unter den Knechten, die mich ehren als einen fleißigen Kerl, aber nicht verstehen. – Das Leben unter vielen Deerns, denen ich zu befehlen habe, und die mir mit Furcht, niemals mit einem Scherzwort gehorchen. Zu häßlich war ich, zum Fürchten häßlich. Aber der Jochen, der fürchtete sich nicht vor mir. War mir gleich brüderlich entgegengekommen. Und ich – Dickschädel – hatte ihn zurückgewiesen. Ich erhob mich ungeschickt, tölpelig, wie ich nun mal bin, streckte ihm die Hand hin: »Vetter – wenn du jetzt noch möchtest – es tut mir leid ... Da wehrte er ab. »Was fällt Ihnen ein, Wien? – Ich verstehe Sie ja ganz gut. Aber sowas macht man doch nicht. Ich hab' mich verhauen, bin ein ganzes Jahr jünger als Sie. Und vorhin waren Sie ehrlich. Jetzt sind Sie's nicht. Lassen Sie's gut sein! Gezwungener Eid tut Gott leid.« Ich setzte mich wieder. Ganz steuerlos. Aber da polterte die Hausmagd herein: »Die Frau schickt. Läßt sagen: ›Möchten all zwei kommen!‹« Und war wieder hinaus. Die Sache half mir aus meiner Bedrängnis. Zumal der Doktor lachte wie unklug. »Manieren hat diese Maid, Teufel auch, Vetter, warum lassen Sie sich das gefallen?« Und da mußt' ich ihm sagen, daß ich das noch nie gewahr wurde. Denn die weiblichen Insten kamen ja nicht zu mir herein ... Wir schritten beide in den großen Wohnpesel der Muhme Kordula. Wie ein Bild saß sie da im grünen Ohrenstuhl mit dem geschnitzten und gemalten Bauernwappen. Wie eine Königin sah sie aus. Aber was weiß ich von Königinnen! Der Doktor mußt' aber ähnlich denken, wie ich. Denn er ging ganz feierlich auf sie zu, und küßte ihr die Hand. Da war's wie ein Murmeln unter den Leuten, denn sie hatten so etwas noch nie gesehen. Und sie standen alle um »die Frau« herum, »die Sleefkampin«, wie sie genannt wurde. Da war der Administrator und der Förster, der Jagdaufseher, die Leuteköchin und die Mamsell, die für uns kocht und welche der Muhme Kordula bei allen Dingen zur Hand geht. Und sie auch vertritt, wenn die Gichtanfälle eintreten, und die Herrin sehr gebunden im großen Bauernbett liegt. Denn der starke Kaffee und die Importen, die führen Krieg mit der Gicht, und die Gicht bleibt Sieger und macht elende Friedensverträge. Aber auch im Bauernbett mit vielen Schmerzen war sie immer Königin. Der Handstock stieß auf den Boden. »Verkündigung!« sagte die Muhme kurz. Aber die Lippen bebten ihr, ich sah es wohl. – »Euer Herr ist heimgekommen, Jürgen-Jochen Sleef. Das ist ein großer Tag heute! Deshalb sage ich nicht: ›mein Großneffe‹, denn ich selbst will allstunds dran denken, daß wir jetzt wieder ein Herrn haben. Von mir aus, die ich nun lange Jahre dem Hofe vorgestanden habe, gebe ich euch den morgenden Tag frei; der Hoferbe wird bestimmen, ob es dabei bleibt. Doch müssen die täglichen Dinge getan werden mit allem Fleiß und Zuverlässigkeit. Denn das Vieh in den Ställen muß teilhaben, muß spüren, daß Herr und Knecht und Ingesind einen guten Tag haben. Gute Tage gehen über auch auf die stumme Kreatur. Sagt euere Sprüche und geht mit Gott!« Da trat eines nach dem anderen vor, und gute, alte Worte, die schon die Sleefsahnen gekannt und gebraucht hatten, fielen von welken und von roten Lippen. Sie drückten ihrem Herrn die Hand. Und sahen ihm stramm in die Augen, und spürten das Gute, das draus hervorsah, und spürten auch den festen Druck der verläßlichen Hand. »Mit Gott und dem Sleefkamp!« sagten die meisten. Aber die älteren Leute sprachen wohl auch ein Verschen: »Giff dien Hand! Arbeit' mit Verstand!« Oder: »Wir sind's gewiß, du bist von üs.« Der Älteste vom Hof, ein beinahe achtzigjähriger Taglöhner, der aber noch wie ein Junger arbeitet, rief derb lustig: »Geerbt, wie gestohlen, de Düwel soll's holen!« Der Doktor lachte, und Muhme Kordula wußte, dieser Spruch durfte niemals fehlen. Ich trat zuletzt hin – sie wollten mich immer vorlassen, aber es würgte mir in der Kehle – so hielt ich mich hintan. Und dann rief ich überlaut: »Allstunds treu!« Wir sahen uns an. Und von diesem heiligen Augenblick an waren wir Kameraden. »Einen bessern find'st du nit.« Den 13. Februar 19 .. Ich habe die leidige Eigenschaft, daß ich mich leicht »überfreue«. Leid kann ich viel besser vertragen. Sobald das über mich kommt, stählt es mich auch. Es war immer ein paar Stunden hinterher wie ein Krafttrunk gewesen. Hab's ja gar so oft durchgemacht im Kriege. Als so ein Glied nach dem anderen wegging, Streifschüsse mir Blut abzapften, Steckschüsse an der Gemütlichkeit des Lebens verzagen ließen. Wenn die Ärzte das bekannte ernste Gesicht aufsetzten, dann war ich innerlich schon ganz auf der Höhe. Aber so 'ne Freude wie vor vier Tagen, die kann einen umbringen. Mir ist, als hätt' ich 'n Kater. Zum Heulen ist mir, und der Magen tut, als wollt' er alles hergeben, was jemals drin war. »Mensch, was schneiden Sie für Gesichter?«, lachte der Doktor-Kamerad, »Sie sehen ja zum Bangewerden aus.« »Es ist nur die Freude«, entschuldigte ich mich, und er lachte noch mehr. Wir arbeiteten beide an einer Dreschmaschine für die Frühjahrsbestellung. Da hat er mehr weg als ich. Hei, wie ihm alle die Schrauben und Muttern bekannt waren! Das ganze Dings hatte jahrelang im Schuppen gelegen, es war noch eine neuere zugange, und die, mit der wir uns quälten, sollte schon verschrottet werden. Da stöberte Doktor Jürgen-Jochen den Invaliden auf, sinnierte, zeichnete, suchte und schimpfte. »Ich werd' wohl mal euern ›Administrator‹ hochnehmen müssen. Hat der das teure Dings verludern lassen?« »Dat schall wohl sin. Es ist heilsam, wenn mal ›Philister über ihm‹ sind. Er macht Gedichte und ist auch sonst nicht gesund. Aber ich hätt's wissen müssen, wozu bin ich Oberknecht? Und werde übers Bohnenlied von der Muhme Kordula ästimiert. Schandewert!« »Das Zackerieren über dich sülben nützt ja nun gor nix«, sagte der Doktor, und ich kann mir's nicht erklären, wie er plötzlich wieder zu dem lächerlichen »Du« kam. »Reich mir lieber nach und nach vorsichtig die zwölf Schrauben zu, die ich da der Reihe nach hingelegt habe. Ein Glück, daß sie alle da sind. Und fein sauber sind sie in ihrem Petroleumbad geworden, sieh, wie sie alle passen, wo sie hingehören.« Ich staunte den gelehrten Retter an, ließ aber in der Bewunderung ein paar feine Schräubchen fallen. Meine Pranken sind zu groß, die Finger zu dick. Die seinen sind lang und schmal und laufen nach oben spitz zu. »Du bist unerlaubt ungeschickt«, rief er grob. Es klang häßlich, aber er hatte ja recht. Ich sah ihm gerade ins Angesicht. Habe noch nie den Blick fortgetan, wenn ich mich meiner äußeren Gestalt schämen mußte. »Donnerwetter, Wien! Haben Sie ein Paar Augen! Da kann man ja in ein Mausloch kriechen... Wenn Sie diese Gabe bei den Dorfschönen anwenden, dann wird es bald heißen: ... sie mußten alle, alle hinterdrein. – Wie beim Rattenfänger von Hameln.« »Sie spotten über mich«, hab' ich gerufen, »und ich kann mich nicht wehren.« Da warf er alle die kleinen, mühsamen Teilchen der Maschine auf die Erde und ging fort. Ganz rot war sein Kopf. Was ist das nun? Ging unsere Freundschaft schon zu Bruch? Ich glaub' eher, er ist auch 'n echten Sleef, und der Jähzorn stand genau so Gevatter bei ihm, wie bei mir. Vielleicht wird's ein mühselig Zusammenarbeiten. Vielleicht auch ein ganz schweres Dasein für ihn allein. – Wir können ihm allesamt nichts bieten. Freilich könnt's eine schöne Wechselwirkung zwischen uns beiden geben, wenn er mein Lehrer möcht' sein. Ich weiß, ich wäre wie ein Schwamm. Würde mich vollsaugen auf meine alten Tage mit allen gelehrten Dingen, die der Dr. phil. et rer. pol. in sich aufgespeichert hat. Und würd' mich nicht schämen, auf der untersten Schulbank zu sitzen. Schämen tu' ich mich nur, daß Raudi mehr weiß, als ich. – Nehm's wenigstens an, wenn auch wohl manches fester sitzt, was ich mir so in langen Winternächten angearbeitet habe. Heute abend sollen wir zum ersten Male zu viert bei Muhme Kordula essen. Ich wünsche mir eindringlich, daß es alles ganz einfach ist, sonst hungere ich lieber. So ein alter Mensch, und weiß nicht mit Gabeln und Messer Bescheid. Den 17. Februar 19 .. »Der Horcher an der Wand hört seine eigne Schand.« Mit Absicht horchte ich nicht. Aber ich mußt' mir den fingerdicken Schietkram von den Stiefeln abkratzen vor der Tür der Muhme. Dort liegt ein deftiges Eisen, denn sie ist penibel, weil sie Teppiche hat. Ich kratz und kratz also. War arge Müh', und ich stand vor der offenen Tür. Aber drei Stimmen tönten ümschichtig mir entgegen, saßen aber die drei Menschen noch in eine anderen Stuben nebenan. – Raudi krähte wie ein junger Hahn. Und hat doch von Gott solch weiche Stimme bekommen. Könnt' ich's vergessen, wie sie gesungen hat an Weihnachten: »Josef, liebster Josef mein, hilf mir wiegen mein Kindelein.« Der junge Hahn krähte: »Das ist mal recht, Jochen, daß du den Knecht ›Sie‹ nennst, so merkt er doch den Abstand.« Da lehnt' ich mich freilich ein Weilchen an die Wand. Schlapper Hund. Kann das ungute Ding mit einer Hand zerdrücken, kann's auch mit steifem Arm eine Stunde lang zum Fenster 'raushalten – – und wag' nicht in den Wohnpesel zu gehen, weil da ein junger Hahn kräht, den ich mal für einen leibhaftigen Engel hielt. Pfui Teufel! Sie lachten alle drei, als ich hereinkam. Aber ich lachte nicht, machte ein Gesicht wie ein Topf voll Mäuse. Sie sprachen aber schon von was anderem, ich hatte mich lang genug draußen verweilt. »Huh«, rief Raudi, »die Milch wird sauer, saure Milch mag ich nicht.« Ich guck' sie gar nicht an, reich' der Muhme die Hand, nicke mit dem Kopf zum Herrn Doktor hin, stolpere über einen Fußschemel und poltere auf meinen Stuhl. Da springt der studierte Vetter auf. »Krieg ich keine Hand? Ich bitte dich drum. Base Amei macht mich eben aufmerksam, daß es gar nicht angängig ist, hier im lüttjen Dorf Knechten und Mägden gegenüber uns mit dem städtischen ›Sie‹ zu grüßen. Wirst lachen, lieber Wien, wir spielen ja seit vorgestern: ›verweselt dat Bömeken.‹ Aber es ist besser, wir bringen den Kram in Ordnung. Wenn ich auch der Jüngere bin, schlag ein – hab' ich recht?« Solch lange, gute Rede für mich krummen Hund. Und ich blieb sitzen, weil ich glaubt', die Füße trügen mich nicht. Aber seine Bruderhand drückt' ich, daß er nahsten nicht mehr die Gabel halten konnt', der liebe, prächtige Kerl. – Und Muhme Kordula lachte, wie ich's noch mein Lebtag nicht von ihr gehört. Aber nun hatte die Teufelsdeern das Mäusetopfgesicht, und ich aß lachend die Milchsupp, die nicht sauer wurde. Denn ich dacht' nur an meinen Kameraden. Nach dem Abendbrot haben wir geraucht. Der Jochen und ich unsere Pfeifen, die Magd mußte sie holen. Rechte Friedenspfeifen waren es. Und Muhme Kordula rauchte eine pechrabenschwarze Brasil. Der Katteiker holte sich eine Zigarette aus seiner Tasche und steckte sie ins Schnäuzlein. Stand ihr gar nicht. Sie ist so schön, die Amei, auch wenn sie trotzig schaut. Aber kaum hat sie den ersten Zug getan, steht die Muhme auf, nimmt ihr die Zigarette aus dem Mund, machts Fenster auf und schmeißt das Ding hinaus. Ich meine jetzt nicht die Amei. Die steht da, als wollt' sie die Muhme angreifen. Ordentlich den Kopf gebückt, wie ein Böckchen, das stoßen will. Aber die Muhme ganz geruhig: »Ich war fünfundsechzig Jahr, als ich die erste Zigarre rauchte. Da hatt' ich Leid, das zum Himmel schrie. Amei, du hast noch siebenundvierzig Jahre bis dorthin. Nutz' die Zeit, damit du etwa solch Leid ertragen kannst. Manchmal hilft auch eine Brasil nichts. Mir hat sie aber geholfen.« Die Amei lief hinaus, hat sich gleich ins Bett gelegt. Verhoff, sie hat gut geschlafen. Ich nicht. Das ganze Bett fand ich voll Schweinsborsten. – Morgen entlasse ich die Magd, die sie mir hineintun mußte. – Damit 's Amei sich mal in die grawe Grund schämt. Den 20. Februar 19 .. Die Magd ist fort. Könnt' ja nicht angehen, daß zwei zu gleicher Zeit befehlen. Aber alle Kleider von Raudi sind auch fort. Hat sie alle der Magd geschenkt, weil die unschuldig war. Die ärgsten Strafen hat Raudi angedroht, wenn die Magd nicht parieren wollt' und nicht die Schweinsborsten liefern. »Amei«, sag' ich heute ganz sanftmütig zu ihr, »diese Dummheiten kleiden Sie nun gar nicht.« Sagt sie: »Was mich kleidet, darüber entscheide ich.« Hinwieder ich: »Bei allen Äußerlichkeiten können Sie das auch. Aber nicht bei Innerlichkeiten.« »Schweinsborsten sind Äußerlichkeiten.« »Aber nicht, wenn sie in meinem Bett liegen. Im übrigen wissen Sie ganz gut, was ich meine. Wenn Sie noch einmal das Gesinde aufwiegeln, dann schicken wir Sie zum Herrn Vater zurück. Ein General weiß, wie Insubordination geahndet wird.« »Wer ist wir ?« »Muhme Kordula, der Dr. Jochen Sleef und ich.« »Das würde dem Knecht ja gut anstehen, und paßte genau zu ihm.« – Ich blieb ganz ruhig. Weil sie so weiß im Gesicht war, als wollt' sie gleich umfallen. Aber die Bosheit sprühte ihr nur so aus den Augen. ›Du kommst doch noch mal in die Mistsotte‹, dachte ich und diese gemeine Denkweise gab mir Kraft, ganz nebensächlich zu befehlen: »Also, Sie werden gehorchen und sich von nun an anständig betragen.« Woher ich den Mut nahm, so mit Fräulein von Sleef, der Teufelsdeern, zu sprechen, weiß ich nicht. Man ist schließlich ja nur zwei Meter und drei Zentimeter groß. – Richtig. Die Grasmücke piepst also: »Ein Knecht kann mir nicht sagen, was Anstand ist, und deshalb gehorche ich nicht.« »Dann gehe ich.« »Herrlich!« jubelte sie. »Warum sind Sie nicht schon fort?« Eine ganze Weile hab' ich die ungute Deern angeschaut. Aber so gottlos gleichgültig hat noch nie ein Mensch mich angesehn. Ich hab' schon in entsetzte Gesichter geschaut, besonders vor Jahren, als meine Wunden noch nicht recht verharscht waren und unnatürlich ausschauten, hab' auch Furcht gesehen bei jungen Deerns. Nur Kinder waren allstunds gut mit mir, auch zärtlich. Weil sie tiefer schürfen, weil sie mit anderen Augen sehen, weil sie noch nicht arg lang weg sind vom Herrgott. Besonders die ganzen Lütten. – Und dann die ganz Alten, die schauen schon wieder in andere Fernen hinein, und das bringt Licht in ihre irdischen Augen. Wie sah mich die Teufelsdeern an? Könnt's nicht und niemandem kund tun. Da ging ich hinaus. Wie ein Krankes tappt ich mich in meinen Pesel. War aber nicht krank. Hatte eine ohnmächtige Wut im Herzen. Und weil ich sie nicht auslassen konnt', machte sie mich schlapp. ›Nur nicht Muhme Kordula begegnen‹, dacht' ich, ›und nicht dem studierten Vetter, der die Worte so gut setzen kann, also daß er mich amende bereden würde – zum mindesten aufhalten.‹ In Vaters schönen alten Rindslederkoffer packt' ich meine Sachen, und auch das Bild meiner Mutter Amei dazu. Ich merkt' es wieder. Der Anblick von dem frohen und guten Gesicht konnt' einen Berserker zum Heiligen machen. Ganz heilig ging ich aber doch nicht zur Fleettür hinaus ... Ich ging auch nicht, ich schlich wie ein Dieb. Und doch hatte ich nichts gestohlen. Im Gegenteil, ich ließ alles im Sleefkamp, was mir wert gewesen war. Einen Brief, sogar ganz ordentlich geschrieben, ließ ich der Muhme zurück. Ob sie mich verstand, war mir in dem Augenblick einerlei. Aber Ordnung mußte ja sein. Auch den großen Koffer ließ ich zugeschlossen da. Eine Reisetasche aus uralten Zeiten hatte ich mit dem Nötigsten vollgestopft. Ganz mit Perlen war sie bestickt und mit schwarzem Seidenfaden stand da überaus pünktlich geschrieben: » Bon voyage! « Aus dem bayrischen Großvaterhaus stammte das alte Möbel und der Ahne hatte sie mir an den Kinderarm gehängt: »Schau Bübel, die Taschen is wie ein geweihtes Amulett. Jedweder, wer ein gescheidt's Leut is, der hat mich lachend ang'schaut und zu mir gesagt, wenn ich auf der Walzen war: ›Gute Reise! Gute Reise!‹ Und immer ist die Reise auch geglückt.« Guter alter Großvater. Er hat nie in ein Wörterbuch hineingesehen, hat nie gewußt, was auf der Taschen stand. Weswegen ihm die Leute zuriefen. So will ich vertrauen, daß sein Glück noch drinnen steckt ... In meinem Brief stand: »Gute Muhme Kordula! Bin weiß Gott nie fahnenflüchtig gewesen. Aber der Mensch muß eben mal alles probieren. Laß Dir ja auch meinen gescheiten Duzbruder zurück, der nebenbei noch ein herzguter Mensch ist. Bei dem bist Du gut aufgehoben und der Hof auch. Bitte Dich nun um tausend Gotteswillen, frag' nur erst mal für eine Weile nicht nach. Ich schreib Dir schon mal ein Liebesbriefel. Denn jetzt weiß ich gar nichts. Ich gab dem Mitknecht Tetja Dagebüll Bescheid, daß er mir die Sachen zur nächsten Bahnstation bringt. Ich selbst reite hin mit Deinem Verlaub und nehme die › Bonvoyage ‹ an den Sattelknopf. Kommt mir der Tetje dann morgen nach, so erfragt er mich beim Wirt und nimmt den Gaul wieder mit retuhr. – Wie mir jetzt zumut' ist, du gute Muhme Kordula, könnt' ich Dir und dem Hof nichts nützen. Gott mit Dir!« So ein Brief, der geht mir weniger rasch von Herz und Hand, als so etwa der Foliant. Der hat ja auch mit dem Herzen nicht so viel zu tun. Ja, wenn die Mutter Amei noch lebte. Aber manchmal ist mir's, als hätte sie mein Jungsherz mit in ihre Gruben genommen. So tot ist alles. Und woher das unsinnige Pochen und Klopfen in meinem Inwendigen herrührt, kann kein Mensch wissen. Als ob ein Schmiedehammer zugange ist. Den 23. Februar. Da sitz' ich nun in einer Mietsstube zwei Meter im Geviert, und hab zu Hause im Sleefkamp einen großen Pesel, der mein eigen ist. Dazu laufen vier Eisenbahnzüge am Tage an meinem Fenster vorbei, und so einen Lärm bin ich nicht gewohnt. Und der Tetje, dem ich Bescheid gab, der kommt und kommt nicht. Nun, ich brauche schließlich nicht mehr als die eine Kluft, die ich am Leibe trage, und Wäsche hab' ich genug in der »Bonvoyage«. Dazu den Folianten, den ich jetzt vor mir habe. Närrisch – er ist so schwer wie mein Herz. Was doch bei Mutter Amei liegt. Und so groß ist er – ich wunder mich, daß er in diese vertrackte Zwergenstube reingeht. Aber ich mußte ihn doch mitschleppen. Das Heimweh hätt' mich ja aufgefressen, wär' der Foliant nicht dagewesen. Noch einmal am 23., aber in der Nacht. So viel, wie ich erlebe, das tut kein Mensch. Und ich hab' gemerkt, es nützt mir gar nichts, daß ich vor etwas fliehe, es kommt doch hinter mir her. Und dann muß ich es noch aufschreiben, sonst würde der Foliant ja kein »Zeitbuch«, wie der Heidjer sagt. Ich sitz' also und laure. Wie schon all die letzten Tage. Immer mit den Augen mehr auf der Landstraßen, woran dies Wirtshaus liegt, als auf dem Folianten. Denn ich dacht' immer los: Einmal muß doch der Karren kommen, worauf mein großer Koffer schwankt. Und achter an muß der Tetje schieben mit seinem mordsdämlichen Gesicht, das aber er selbst und alle Deerns schön finden, weil es keine Wunden und keine Narben hat. Was klöhn ich von Tetjes Gesicht? – Ein Gaul prescht heran. Wie dem Heidekönig sein Gespensterroß aus dem Märchenbuch der Muhme. Und der Gaul hebt an zu wiehern. Denn er spürt seinen Kameraden, der im Wirtsstall an der Krippe stund und mich hergetragen hatte. Beide waren ja Sleefkamper. Und auf dem Rücken vom Ajax liegt die Teufelsdeern, als ob sie aus dem Zirkus käme. Und ist von dem gachen Reiten außer Atem. Ich dacht', sie braucht ihn gar nicht wieder zu kriegen, den Atem, denn wenn sie ihn jetzt an mich verschwenden tut, dann wird doch nur was Unbotmäßiges draus. Ich schlender also langsam, ganz langsam hinaus – mich dünkt, mir verschlugs auch den Atem wie ihr. Aber richtig, sie hat sich derweilen erholt, ist abgesprungen, lehnt sich an den Gaul, wie ich's mal im Theater sah, aber da hieß er »Grane«. Und sagt, und wurde wieder weiß im schönen Gesicht: »Hab' eine Meldung: der Tetje hätte den Fuß gebrochen, könnte nicht kommen und Vetter Jochen hätte keine Lust und zu viel Arbeit. Wien Sleef, der Knecht, soll mir den andern Gaul mitgeben. Ich warte. – Und da ist ein Brief von der Muhme Kordula. Antwort wär nicht nötig.« Ich war schon im Stall. Um sich so was Messerscharfes in die Ohren schneiden zu lassen, dazu braucht man nicht daneben zu stehen, das hört man auch von Ferne durch dicke Bohlentüren. – Das Pferd war bald geholt. Die Deern saß schon droben auf dem Ajax. Die beiden Kameraden wieherten sich wieder an, es hätt' nur gefehlt, der Raudi hätt' eingestimmt. Tat's aber nicht; weg waren alle drei, ich stand da wie »Trumpf sös« und ein arg verknüllter Brief lag auf dem Tisch vor dem Wirtshaus hingeworfen. Wie man eben einem Knecht etwas hinschmeißt. Mir war's, als kreiste das ganze Firmament um mich. Es war aber nicht Besmiemelung, sondern nur helle Wut. Darüber, wie man mit mir umging. Und noch mehr darüber, wie mir das weh tat. Nun wollt' ich mir Arznei holen aus Muhme Kordulas Brief. Ein erschrecklich großer Umschlag war's, und ein Riesenbogen, als käm er vom Amt. Aber nur zwei Zeilen drauf in verschiedener Handschrift. Wie mit einem Pinsel dick hingestrichen von der Muhme: Wien, du bist ein Esel! Deine treue Muhme Kordula. Und drunter mit feiner, pünktlicher Doktorenhandschrift: Beglaubigt, genehmigt und unterschrieben: Jochen Sleef, Dr. phil. et rer. pol. Das war meine liebe Verwandtschaft. Und das Mammut warf beide Arme über den Tisch und legte seinen dicken Kopf darauf. Dierkhof, den 1. März 19 .. Man geht hier immer noch in einem Bogen um mich herum. Weil man nicht weiß, was man aus mir machen soll. Ein Mordskerl, dem man ansieht, daß er sich wohl rumgeschlagen hat und den Kugeln alles hingehalten, was die haben wollten, dann mit Heimatsrecht auf dem reichsten und angesehensten Heidehof Sleefkamp und Freund dem Inhaber gleichen Namens. Und kommt angegangen per pedes apostulorum mit einer Reisetasche wie eine alte Jungfer. Bon voyage mit schwarzen Seiden gestickt zwischen himmelblauen Perlen. »Ein Ausländer«, hat die Magd gesagt zum Knecht. Aber erst später. Denn wie ich hingekommen bin, war es höchste Zeit, daß der Herrgott mich schickte, und brannte der Dierkhof wie eine Fackel mir entgegen. So vornehmen Empfang war ich gar nicht vermutend. Brüllendes Vieh, jammernde Insten. Aber nur zwei. Knecht und Magd. Mehr trägt der Dierkhof nicht. Ich werf' also meine Bonvoyage weit von mir und stürze ins brennende Haus. Denn man rief mir entgegen: »Jesus! Die Dierkhofer beide im Feuer!« Habe sie beide glücklich herausgeholt, nicht aus eigener Kraft, so viel weiß ich. War auch nicht so einfach, wie der Satz hier steht. Denn etwelche Brandwunden sind wieder an mir hängengeblieben, aber ich gebranntes Kind werde wohl doch niemalen das Feuer scheuen. Sauste mir auch zuletzt, als die zwei Dierkhofer in Sicherheit waren und ich mich an das Retten vom »Habchen und Babchen« begab, noch ein Balken auf den Arm. So daß wir jetzt eine nette Gardekumpanei sind. Denn der Dierkhofer lag an »Rheumatiß« zu Bett und sein Weib an Krampfadern, als das Feuer auskam. Sind aber einigermaßen gut zuweg, loben mich über den Schellenkönig, und sogar der Gemeindevorsteher aus Dierksen und der Herr Landrat aus der Kreisstadt sind schon hier gewesen. Wie wird die Muhme Kordula und der Doktorvetter Augen machen, wenn der »Esel-Sleef« mit der Rettungsmedaille zu Gange ist. Blödsinn über und über. Daß man sie beantragt hat – ich frag' nix dornah. Aber die zwei geretteten Dierkhofer sind die Brandwunden und den verstauchten Arm wert. Außerdem muß der liebe Gott wissen, wen er sich zum Handlangen aussucht. Jetzt bleib' ich erst mal hier. Hab' genug mit Fite Grot zu tun, das Dach neu zu decken. Der Heustadel liegt auch und streckt alle Viere von sich, aber die Kuh und drei Schweine leben doch, und das ist augenblicklich der Mittelpunkt der Freude vom Dierkhof. »Seid brave Kirls, ihr zwei«, fagt ich zu Fite und Stina. – »Das unbesinnte Vieh hat's euch sauer werden lassen.« Denn ich hatte es ja gesehen, wie die Tiere immer wieder zurückwollten in die Flammen. »Jo«, meinte Stina murrend, »so is es. Aber der Wien Sleef kriegt die Medaille.« Da mußt' ich wohl ludhals lachen. Hab' lange nicht gelacht, es tat ordentlich weh. Versteh ja gut die Enttäuschung von der Magd, denn sie brennt lichterloh, genau wie der Viehstadel es tat. Sie ist mit Fite Grot versprochen und hatt' dem Schatz eher den Orden vergönnt. Gut ist's auf dem kleinen Dierkhof zu sein. Und ich bin augenblicklich der Kronensohn. Kinder sind keine da. Statt dessen die Dankbarkeit . So was wächst ja so karg sonst. Schier, als wollt' man Apfelsinen pflücken in der Heide. – Und durch die Angst und das ungeheure Schwitzbad hat der Rheumatis den beiden Alten Valet gegeben. Sind schier munter zuwege. Jeden Morgen vor Tau und Tag wird der Psalter vorgenommen und wieder hol' ich meinen Tenor herfür und stimme an. Und wollt' Weisheit auskramen und sag': »Ein feines Quintett!« Aber Dierkhofmutter meint: »Von Quintett steht hier nix. ›Herrgott, dich loben wir‹ – heißt das Lied.« So wird man auf die Bescheidenheit zurückgeführt. Und die Frömmigkeit kleidet uns gut, weil so gar niemand da ist, der »wider den Stachel lökt«, und auch niemand, der frömmer sein will als der andere, und auch nicht gottloser. Den 2. März 19 .. Heute sagte die alte Dierkhoferin zu mir: »Könntest eigentlich immer bei uns bleiben, Wien Sleef. Haben uns recht an dich gewöhnt. Ja, und ohne dich hätt' uns das Feuer verbrunnen ...« Sie fing ganz plötzlich das Weinen an, die Alte, sie ist »neffiös« geworden seit dem Brandschreck, meint ihr Mann. Und auch er bat um mein Bleiben. Das machte mich froh. Ich bin so wenig mein eigener Geschmack, daß ich eigentlich jedem dankbar bin, der mir gut ist. Manchmal, wenn ich mich im Halbdunkel im Spiegel erwisch, da bin ich ordentlich erschrocken. »Kinderschreck!« hab' ich mal zu Anfang im Folianten geschrieben. Einer der Ahnen hat von sich vermerkt: »Es tut schier höllisch wohl, wenn sich so alle Deerns nach einem umdrehn. Un die Oogens schier umkrempeln, daß das Farbige verschwindet und das Weiße zu oberst kummt. Weiß ja sülben, daß ik 'n schmucken Keerl bün. Die Sleefs sin alle smuck.« Da ist eigentlich gut, daß ich als blutjunger Kerl gar nie in den Spiegel geguckt hab'. Und war zu jung und unschuldig, als daß ich ein Deern hätt' haben mögen, die mir's sicher gesagt hätte. War ja auch die Mutter da ... Das ist weise eingerichtet vom Herrgott, daß alle Mütter ihre Kinder schön finden. Und die alte ostpreußische Eule sagte: »Meine Uhlkes sin luter Dufkes.« Und mein Vater neckte die Mutter und meinte: »Jede Frau hat den besten Mann, die schlechtesten Dienstboten, die schönsten Kinder, und – nichts anzuziehn.« Ja, und oft genug hat Mutter Amei mir zugenickt: »Wien, Herzensbübel, i bin ganz vernarrt in dei gottstausendschönes Gesichtel! An dei Figur – ahhh, da feit sich nix!!!« Eigentlich müßt ich's 'rausreißen, das Blatt – aber Mutter Amei hat doch einmal die Worte in ihren lebendigen Mund genommen – – soll's also stehen bleiben. Und so sollen's alle Nachfahren lesen: »Als ›tausendschöns Bübel‹ is der Ahn Wien Sleef in den großen Krieg gezogen, und als rechter ›Unfürm‹ wieder zurückgekommen – –« »Mime« hat mich der studierte Vetter Jochen mal genannt. Und wir sind beide rot geworden. Er, weil es sicher nichts Schönes war, was er mir da gab, und ich, weil ich das Wort nicht verstund. Da muß wieder mal das Lexikon her, aber der alte Dierkhofer hat keins und braucht keins. Heute kam auch mein großer Koffer an. Auf eine seltsame Weise. Denn woher weiß man wohl, wo ich jetzt stecke? Der fremde Geselle, der ihn auf einem Karren heranschob, war ein Handwerksbursch, hatte das Pulver nicht erfunden, dafür hatte er ein leeres, hübsches Gesicht, wie es Deerns lieben. Und leierte auch gleich sein Lex 'runter: »Ein Jung, so vun föfftein, sösteihn Johr, der hätt' ihm das angeschafft. Und wenn ich nich ehrlich wär«, sagt er, »und den Kuffert nich redlich auf den Dierkhof brächt', dann wollt' der Jung beim nächsten Wiedersehn mich mit dem Ohrläppchen ans Scheunentor nageln.« Hähä, lachte der blöde Knecht. Und dann zog er aus seinem Sack eine blanke Mark. »Die hat mir der verrückte Jung als Trinkgeld geben«, sagt er und lacht wie unklug vor Freuden. »Un de Jung hatt' seggt: ›De Knecht up'n Dierkhof, de hatt' nix und kann nix. De is 'n twee Meter langen Tranpüster, un gifft ok keen Drinkgeld.‹« Da kam dem Wien Sleef, den der Handwerksbursch für den Bauer vom Dierkhof hielt, der Jähzorn so gach ins Geblüt, daß mich schier der Affe laust, und ich schenk' dem Blödling noch eine Mark dazu, und wie er nach dem »Knecht« fragt, sag' ich, der hätte hilde Arbeit und wär nicht zugange. Und der Handwerksbursch fragte nach einem Wirtshaus, und ich wies ihm das nahe Dorf, denn ich merkt es schon, er wollte dort lieber seine Vesper nehmen, als bei uns, wo er kein schmuckes Weibsbild entdeckte. Und die Karre ließ er ehrlich da, und hinterher sah ich auch, daß das Sleefkampzeichen ins Holz eingebrannt war. Als der Handwerksbursch hinter den Föhren verschwand, da wurde ich durch den neu auflodernden Jähzorn vollends zum Narren. And das Herz, was doch gar nicht bei mir, sondern bei Mutter Amei in der Erde ist, tat mir so weh, als sollt' ich versterben. Verstarb aber nicht, sondern nahm noch eine Mark aus meinem Sack und warf sie in großem Bogen in das Heidekraut hinein. Da kann sie liegen, bis sie schwarz wird. Das war schon ein Geschäft an düssem Morgen. Ich braucht keine Trinkgeldauslagen von solch einer gottunmöglichen Deern, die sich antüdert, daß jedwerein sie für'n Jung hält. Und die einen alten, ernsten Kriegsmann von sechsunddreißig Jahren verrückt macht. Nur so aus Haß. Als ich die zwei Mark los war, wurde mir ordentlich leicht. And das ist ja auch natürlich. – Trotzdem stöhnte ich auf wie ein waidwundes Tier. Weil ich nun so gar nichts mehr im Sleefkamp zu suchen hatte, nun mein Koffer nicht mehr dort war. In der darauffolgenden Nacht bin ich sachte aufgestanden, die Treppe hinuntergestiegen und habe den alten, dreckigen Karren auf meine Schultern geladen und hinaufgetragen in meine Kammer. Die Stufen haben geächzt unter meinem Tritt. Wie das Heimweh ächzte in meiner Brust. Stellte den Karren neben mein Bett. Da konnt' ich einschlafen. Und nicht tiefer ist der Name Sleefkamp in das Holz gebrannt, als in mein eigenes Innere. Dierkhof, den 3. März 19 .. Heut' nach dem Frühbrot frag' ich den Bauern: »Bekommt Ihr manches Mal auch Briefe, Dierkhofer?« »Nö, die kriegen wi nich. Die maken blot Ärger un kosten ok Geld.« »Hast nich auch schon mal 'ne Freud' an einem Brief gehabt?« »Du vielleicht?« fragt er dagegen. »Marieken«, rief er durch die halboffne Tür in die Küche hinein, »hast du schon mal Freid an'n Breif hebbt.« Die Frau trat rasch zu uns ein und faßte erschrocken nach seiner Hand. »Klaas, hat dich doch das Fieber gepackt? Ich hab' mir's schon denkt. Der Brand, das gache Aufwecken un all so'n Kram. Vadder, red doch nich vun Breifs! Die Birgitt wird schon nochmal schriewen. En schönen, en goden, en fründlichen Breif.« Nun wollt' ich wissen, wer Birgitt sei? »Uns Enkeldochter.« »Du mein, ich denk, hi hebbt keen Kinners?« Da war'n die Schleusen offen. Ganz hibbelich ward Dierkhofmudder. Klöhnte un tühnte und hulte ok datüschen. Sohn und Schwiegerdochter wären tot all lange. Das Kind wär' immer bei ihnen, den »Großjes« gewesen. Schön sei die Deern und gut und arg brav, nur eben keine Bauerndeern. Und hätt' immerlos nach der großen Stadt geampelt, wo doch die Todsünden alle sieben auf der Straße lägen, und gleich nach der »Kunfirmatschion« hätte sie einen Dienst in der Stadt gesucht und gefunden. Aber nun hätt' sie lang, lang nich schrewen, un Vatter luerte up en Breif. Nun wurde wieder büschen geheult. Aber dann rief sie plötzlich: »Wien Sleef, du hast jo äwer en Breif kregen, un wi schnacken vun unsere Breif, die wie nich kregen. Stand denn wat Guts drin, wat dir de lüttje Reitknecht bröcht hat?« »Jawohl, Dierkhofmudder. 'ne Wahrheit stund da in. Wahrheit is immer was Guts.« Aber ich hab's ihnen nicht verraten, daß ich in Wahrheit ein Esel sollt' sein. »Hm! Wahrheit is gut, äwer man kolt. Liebe is besser«, murmelte der alte Dierkhofer. Er hatte in all der Zeit nur an die Enkeltochter gedacht, welche die Pflegeeltern vernachlässigte. – Ich bin dann an die Arbeit gegangen. Hab' tüchtig geschafft. Denn die Magd hatte es mir zugetragen, daß die Dierkhofleute nach ihrer Lebensrettung doch wackliger geworden seien als vordem. »Sind nicht mehr arg jung, die zwei«, meinte die Magd. »Wenn auch noch nicht grad alt. Der Bauer fünfundachtzig, die Frau achtzig alt. Weil die Dierkhofers aber immer hundert werden, wollens die beiden auch. Haben so'n Spruch: »100 Johr is 'ne lange Tid, Wenn man se vor sich liggen sieht. 100 Johr is 'ne korte Spann, Wenn man se sieht vun achtern an.« So so, hab' ich gedacht bei mir, die nehmen sich was vor, die echten Heidjer. Wollen nicht nur hundert Jahr leben, sondern sich die Zeit auch noch ›vun achtern‹ bephilosophieren. »Na, ich werd' mit fünfunachtzig nicht so'n faltenloses Gesicht und so rote Bäckchen haben wie der Dierkhofer.« »Hä«, sagte die Magd, »meine Uröllern sind hundertundzwei Johr gewurden. And die haben nich schreiben können, un ok nich schrewen Schrift lesen. – Fo dorvon kam dat.« Also wird Wien Sleef nich mol föffig Johr alt. He schrifft toveel. Aber die Hundertjährigen hatten wohl auch nie das Heimweh gekannt. – Wie das rüttelte an mir, dem Schlagetot, daß ich nicht schlafen kunnt. Und auch nicht wachen. Denn wenn ich still saß – nicht faul, denn ich bastelte alles zusammen, was nicht mehr heil war auf dem Dierkhof – dann lagen mir die Lider wie schwere Deckel auf den Augen. Und streckte ich mich zur Nacht im Schlafpesel aus, dann starrte ich schlaflos ins Dunkle und die offenen Augen brannten. Heimweh ist immer hungrig. Es fraß an mir. Und wurde nicht satt. Trotzdem ich nicht mehr stattlich zugange war, sondern verzehrt aussah. Und die Kleider schlotterten an mir. Gestern fand ich Knecht und Magd in meinem Schlafpesel. Aber sie waren ganz ehrbar und brav, sie räucherten mit Wacholder die Kammer aus. Auch verlegen waren sie nicht. Die Magd meinte: »Nix für ungut, Oberknecht Wien. Wir haben den Glauben, du beherbergst einen Kamps. Der setzt sich dir nachts auf die Brust und saugt dich bei klein aus. Guck in den Spiegel, da merkst du's. Wacholder mag er aber nich leiden.« Ich konnt' aber trotzdem in selbiger Nacht nicht schlafen vor Heimweh nach dem Sleefkamp, und auch nicht atmen vor Wacholder. Also verbat ich mir wenigstens das Räucherwerks. Das war aber gefehlt, denn wenn man in der Heide lebt, muß man auch mittun im Aberglauben, sonst ist man ein Außenseiter. »Schade um dich, Wien«, sagte die Magd. »Fite un ich hatten dich vor gescheidter und vor besser gehalten. Und nun bist du ein Neumodischer ohne ›Rellion‹«. Etwas scheu gehen sie seitdem um mich herum. Ich hab' deshalb die Dierkhofer gebeten, daß ich jeden Morgen eine kurze Andacht halten darf. Nur so ein schönes Gesangbuchlied und das Vaterunser. Mir ist's ein rechtes Bedürfnis – und – es bringt meinen guten Namen bei den Insten wieder in die Reihe. Auf was man alles achten muß! – Früher, da lebte ich so in den Tag hinein. Davon wird man kommode und setzt Fett an. – Und die alte Gesine im Sleefkamp hat mal zu mir gesagt: »Bei meiner Größe hätte ich die Verpflichtung , stattlich zu sein, sonst betrüge ich den lieben Gott.« Na, da bin ich jetzt hübsch im Betrügen drin – – – Den 8. März 19 .. Heute hatte ich hohen Besuch. Kunnt mir wohl etwas einbilden. Aber »Inbildung is düller as Pestilenz«, sagt ein Sprichwort. Und ich will in meine gesunde Heide doch nicht die Pest reinholen. Der Herr Landrat Dreysen kam mit dem Kreisamtmann, und der prächtige Pastor Eichstaedt kam desgleichen angereist, weil er sein Pfarrkind aus dem Sleefkamp wollt' mit der Rettungsmedaille am Bande sehen. So neugierig können die Pastorsch sein. Aber es ist ja auch ein besonderes Stück, so einen grundhäßlichen Kerl wie mich in Dekoration auf dem Presentierbrett zu haben. Und läßt nicht locker und tribuliert mich und kraucht eigenbeinig mit mir auf meine Kammer. Die ist auf dem kleinen Dierkhof so arg winklig ausgefallen. Und zwingt mich großen Goliath, daß der Herr Landrat nachher die Bescherung hat, und mich mit dem E.K.-Eins und Zwei sieht. Und dann kam noch der dritte Vogel geflogen. Da fing freilich die Magd gleich an zu heulen: »So gottsunmöglich schön sieht kein General aus, Wien Sleef!« Aber Fite wurde nicht eifersüchtig. Denn weil ich aufgeregt war und mich schämte wie ein kleiner Junge, da leuchtete meine brandrote Narbe noch einmal so stark. Und merkwürdig – auch der Landrat brachte zuerst kein Wort heraus. ›Soll's bleiben lassen‹, dacht' ich, ›dann is die Feier bald zu Ende.‹ Aber plötzlich fiel ihm was ein, wenn auch nix Gescheites. »Wien Sleef vom Sleefkamp, Sie waren und sind ein braver Kerl allstunds!« Und seine Stimme klang arg merkwürdig, wie sonst hohe Herren garnicht sprechen. »Ein braver Kerl!« – Wenn's weiter nix ist – – aber ich hab's immer verhofft es zu sein. Dann dacht' ich, meine beiden Arme wären zwei Pumpenschwengel und jeder von den Anwesenden versuchte sich dran. Und sie schüttelten mich hin und her, weil keiner reden konnte. Aber der große breite »Soot« blieb ganz trocken. Bis der alte Dierkhofer dem Fite winkte, und der wußte Bescheid, und flugs stunden Gläser und ein paar verstaubte Flaschen bereit. Da ächzten und knallten die Pfropfen, und es war alles ein abgekartetes Spiel. Die Magd hatte sogar einen Kuchen gebacken und einen Tannenkranz gebunden und diesen wollt' sie mir aufsetzen. Da hab' ich mich aber gewehrt. Auf dem bayrischen Anwesen der Großeltern hatte ich gesehen, wie die bekränzten Kühe von der Alm herunterkamen. Aber zum Preisochsen dünkte ich mich doch nicht würdig genug. Schließlich wurden wir aber noch ganz fröhlich. Der Wein war gut – lange Jahre hatte er gelagert, denn der Dierkhofer wollt' ihn zu seinem Begräbnis aufheben. »Bauer, er schmeckt dir besser, wenn du ihn lebendig trinkst«, rief Fite und schien das auch für sich anzunehmen. Als die Herren nachher weggefahren waren, lag keine verstaubte Flasche mehr im Keller. – Womit ich doch meinen Gram hätt' ersaufen können ... Was hat mir der Pfarrer erzählt? Wär' er doch heimgefahren, ehe diese Weisheit von ihm floß! Für den Wien Sleef scheint kein Freudenbecher gefüllt zu sein. Und wenn der Herrgott wirklich Gnade gibt und schafft Ehren auf des Knechtes Haupt und reicht goldenen Wein vom deutschen Rhein als seltenen, feierlichen Trunk, dann kommt sicher der ††† und schlägt mir das bunte Wappenglas vom argversehrten Mund. Und als ich's mir wieder hole, da hat er Wermut hineingegossen. Gallenbittre Medizin war's, was der Pastor an mich hinredete mit seinem offenen gütigen Gesicht und Lachen. Wie konnt' er ahnen – – – hab' ich's doch selbst nicht geahnt, daß man so zerschlagen sein könnt' – – – Der alte Dierkhofer kam ins tühnen. Dat is so bi ole Lüd. Er trank und war's nicht gewohnt, er redete ein geschwollen Hochdeutsch und war's erst recht nicht gewohnt. Bei der Erschaffung der Welt fing er an, und schlief büschen dazwischen, gerade, als hätte er selbst die ganze Mühe daran gehabt. Und dann kam er über den Krieg 70–71 glücklich nach 1914 hin und dann wieder mit 'n ordentlichen Behagen auf den Brand im Dierkhof. Wär' man schlecht, hätt' einen die Lebensrettung reuen können. Aber als der Bauer wieder so'n Weilchen drusselte, streckt mir der Pastor sein volles Glas hin und saggt: »Nun haben wir Ihre Medaille ordentlich naß gemacht, jetzt gilt's endlich dem jungen Paar im Sleefkamp! Was hast du zu dem frohen Ereignis gesagt, Wien Sleef? Meine Frau und ich glaubten, es würde dich heimtreiben, haben ja lang schon von deinem schönen Einverständnis mit dem Doktorvetter gehört. Aber die Muhme Kordula machte schmalen Mund und raunte so an mich hin: ›Braucht es gar nicht zu wissen, der Wien.‹ Aber das sehe ich nun doch nicht ein, Sleef ist Sleef – und ich glaube nicht, daß dieses hocherfreuliche Bündnis Einfluß hat auf deine Ansprüche am Hof ...« Ich konnte nicht weiter hören, ein Sausen und Brausen und übermächtig Tönen hub an in meinem Kopf. – Und wenn man mich mit hundert Nadeln gestochen hätte, ich hätt' keinen Blutstropfen hergegeben. Ganz langsam starb ich ab. Eiskalt Hände und Füße, Nase und Ohren, Leib und Seele. Der Rheinwein war so gut gewesen, daß kein Mensch es merkt, wie der Wien Sleef zugrunde ging. Ein hartes Sterben war's. Wann die Herrschaften sich verabschiedet haben und heimgefahren sind – ich könnt's nicht sagen. Wie wir noch alle beisammen saßen, hörte ich einmal den Pfarrer sprechen: »So froh hast du nie gelacht, Wien, wie heute.« Und die Stimme der Dierkhoferin tönte hinten nach: »Dies Lachen kannst nachlassen, Wien Sleef – schier möcht' ich mich fürchten davor.« Und hat also die alte Frau, die mich erst ein paar Wochen im Hause hat, besser Bescheid mit meinem Inneren gewußt als der gelehrte Pastor, der mich in Kinderlehre und Konfirmation gehabt hat. Aber schließlich gingen sie doch einmal fort – ich hatt' mich schon drauf eingestellt, so weiter zu saufen bis ins heulende Elend hinein, das aber auch in mir gesessen hätte, wenn mir die »frohe Botschaft« auf den nüchternen Magen gekommen wär'... Du mein Herrgott, mußte das sein? Und wenn du auch einmal deinem bluteigen Sohn abgeschlagen hast, den Kelch vorübergehen zu lassen – konntest du nicht eine Ausnahme beim Wien machen? Und nun bitt' ich dich um Verzeihung für die Lästerung. Auf die Knie möcht' ich wohl fallen vor dir, aber es tut nicht nötig. Du siehst schon so, daß ich zerschlagen bin – völlig und ganz zernichtet. Und lachst nicht über mich, weil du allwissend bist ... Hat nicht vor Wochen die Muhme Kordula gesagt: »Hab' einen Riesen gekannt, ein Mückenstich bracht' ihn zur Strecke.« Ei freilich, eine Grasmücke schlägt jetzt den Wien tot, nachdem sie ihn gerauft und gebissen hat ... Und ich hab' sie dafür lieb, zum Sterben lieb ... Den 20. März 19 .. Hab' heute einen Brief von der Muhme Kordula gekriegt. Zwölf Tage durfte der große Walfisch mit der Harpune herumschwimmen. Nix gehört, nix gesehen vom Sleefkamp. Und die Gute ist nun fuchsteufelswild. Das ist man ja immer, wenn man Unrecht hat. Ich kleb' das Schreiben hier ein – der »Fulliant« wird immer größer und wird bei meinem endgültigen Ableben so ein Mammut sein, wie ich. »Mein alter Wien! Dieser und jener soll dreinschlagen, daß wir zwei beiden, wir Spießgesellen einander schreiben müssen. Schämst dich nicht? Dann fang aber bei klein an. Ausreißen! Ja freilich. Vor dem Feind hast es nicht getan, aber vor deinen Freunden. Hast auf der Gotteswelt jemand, der es besser meint mit dir, als ich, dann her mit dem Kerl, oder mit dem Weibsen, damit ich sie auf Herz und Nieren prüfe. Solange du mir eine solch blöde Kreatur nicht aufzeigst, die noch mehr vor dir toggenburgert als ich – solange bleib' ich auf Posten. Aber mein Herz fängt an zu puckern, nicht nur aus Liebe zu dem Goliath, sondern, weil die schwarzen Brasils es in sich haben, die ich deinetwegen mir aus der runden Blechschachtel einverleibe. Schäm' dich in de grawe Grund. Könntest du hellsehen, dann würdest du nicht eine Minute länger als nötig auf dem ehrenwerten Dierkhof bleiben. ›Auch Brutus war ein ehrenwerter Mann.‹ Aber was hab' ich mit ihm zu tun? Hierher gehörst du. Allein bin ich. Gewiß, ich brauch' keinen Mist zu fahren, außer dem, den der Tag so bringt an Schreiben vom Amt und von säumigen Kunden, die da einfach meinen: ›Gepumpter Roggen macht auch fett.‹ Das Auge des Herrn fehlt. Ich kann's nicht mehr allein ab. – Der neugebackene »Brüjam« hat sich einer »wirtschaftlichen Expedition nach Amerika« angeschlossen. Wat saggst nu? Nachdem ich ihm vorher die Braut vorsorglich verstaut und zu ihrem Vater geschickt hatte. Weil mir das Gör bei diesem Wildling vor die Hunde gegangen wäre. Ich hab' nicht Detektiv gelernt, und wir waren doch früher zahmer. Der General aber wird aufpassen auf sein Döchting, da kannst was beleben. Denn wenn er sie auch mir auf Gedeih und Verderb übergab, so doch nicht einem Kerl, mit dessen Vater er sich außerdem mal duelliert hat. Er hat sich's auch in den Kopf gesetzt, den Doktor Jochen, seinen Neffen, gar nicht kennenzulernen. Aus der Amei wurde ich überhaupt nicht klug. Mich dünkte sie hundeschnäuzig kalt, aber als ich's ihr sagte, ob sie sich nicht übereilt versprochen hätte, tobte sie wie ein Waldschratt und behauptete, sie liebte den Jochen › fürchterlich ‹. Ich kenne solche Liebe nicht, und wenn der Jochen sie dann unbeschadet um mein Dabeisein abküssen wollte, dann lag sie wie ein zufällig hingewehtes Hälmchen an seiner Brust, schneeweiß im Gesicht, beide Arme von sich gestreckt, Hände gespreizt, daß er sie erst zusammen biegen mußt'. Ich bin immer kopfschüttelnd hinausgegangen. Hab' gedacht: Sieht fürchterliche Liebe so aus? Denn man zu. – Aber sie war kreuzunglücklich, daß sie fortmußte vom Sleefkamp. Nun sind sie beide weg, und der Jochen ohne Abschied von mir, weil ich ja schuld bin an Ameis heimlicher Abreise. – Wien, alter Wien, komm wieder her! Wir zwei hätten allein auf dem Erbe Deiner Väter hausen sollen, das ist meine Meinung. Und mich dünkt, unsere Insten denken desgleichen so. Wie hat der Ahn Erne Sleef gesagt? ›Der Hof darf nüms zu Bruch gehen.‹ Komm alter Wien!« Muhme Kordula. Dierkhof, den 22. März 19 .. Wenn man so einsam ist, wie der Wien Sleef, dann kann solch ein Ruf von einem wertvollen Menschen das Herz wohl warm machen. Es gibt wirklich jemand in der weiten Welt, der nach mir verlangt! Da brach es gleich wie hellichter Frühling über mich herein. Ich gab mich auch gar nicht groß dem Sinnieren hin, ob ich denn auch weg könnte vom Dierkhof. Wo so hilde Arbeit ist und nur die beiden knickebeinigen Olschchen, der einzige Knecht und die verliebte Magd. Verliebte Leut' sind nur halbe Menschen. Sie mögen ja bei ihrem auserlesenen Gegenstand ganze, vollständige Lebewesen sein, aber der Verstand ist flüchtig und unstet. – Doch tröstet es mich stark, daß die Dierkhofer jetzt besser dastehen, als zuvor. Mehr Arbeitskräft' können geschafft werden. Wenn der Hof auch nur klein ist. Knecht Fite kann dann das Oberkommando übernehmen. Er ist nicht verliebt, sondern bodenständig. – Meine Sätze lesen sich so, als wollt' ich Hals über Kopf weg. Und meine Nachfahren könnten einmal denken, ich sei eine Wetterfahne gewesen. Wie der Wind weht, so dreht sie sich. Jedenfalls bin ich dann eine alte, verrostete Wetterfahne. Ich ächze und stöhne bei meinen Fluchtgedanken. Wieder in den Sleefkamp zurück! Heimat! Heimat – – –! Aber Wien Sleef, die Heimat ist ja leer ... »Als ich Abschied nahm, war das Herz mir voll so sehr, als ich wiederkam ...« Wien Sleef! du kannst ja auch nur recht drinnen hausen und der Muhme Kordula helfen, wenn ihr beide allein seid. Konntest du es nicht aushalten, als ein junges, dummes, rabiates Dinglein dich zwiebelte, wie wolltest du's hinnehmen, wenn dein Herrenvetter Hochzeit macht? Und hat zu eigen, was deines Herzens Trost ist und dein Teil? Und wenn sie dann den Sleefkamp »füllen«, die Zwei, wie es der Ahne von ihnen verlangt?? Bist wirklich ein Esel, Wien. Hol' dir anderes Schreibzeug. Hast in Schmerz und Zorn den Federhalter in drei Teile zerdrückt mit deiner Hand. Die Feder ist im Daumen stecken geblieben, und die Tinte ist in die Wunde geflossen. Arnikasalbe ist wohl noch in deinem Schapp? Aber weit und breit kein Nastüchlein von der Amei ... Wien Sleef, dir kann niemand helfen – – – Sleefkamp, den 23. März 19 .. Nun bin ich hier. In Lebensgröße. Muhme Kordula schrie mich an: »Jesus, Wien! Bleib' auf der Peselschwelle stehen und sag's frei, daß du nur ein Geist bist! Was hat man aus dir gemacht?« Und dann lag ich alter Kerl vor ihr auf den Kien und tat das, wonach mich damals der Doktor Jochen fragte – – – ich barg meinen Kopf in ihrem Schoß ... Mutter Amei ist tot, aber es war eine Mutterhand, die meinen Haarwald streichelte, wieder und wieder. »So weh hat's getan? So ganz bist aus den Fugen, mien olen Wien – – –« Nicht die sind Mütter, die Kinder gebären. Gottesliebe weiht erst zur Mutterschaft. So kann auch eine Jungfer Mutter sein. Dank, Muhme Kordula! Nichts weiter hast du zu mir gesprochen, als die beiden Sätze, die da oben stehen. Du echte Heidjerin! Es läßt sich gut mit dir schweigen. Als ich aufstand und beschämt das unmännliche Naß aus meinen Augen wischte, schnobst du mich wieder an: »Bring' mir hurtig eine schwarze Brasil!« Da wußt' ich, Muhme Kordula, daß auch du aus den Fugen warst. Aber nun sind wir beide gesund. Und ich weiß, es kann nie wieder ganz dunkel werden. Denn ich habe die Muhme Kordula. Vielleicht hatte ich es laut gesprochen, denn es tönte zu mir: »Da hast du auch was Rechtes, du Traumulus.« Sehen konnte ich nichts, denn die Muhme war ganz in eine Tabakswolke gehüllt. Ich kann mir vorstellen, daß Engel auf Wolken sitzen und schwarze Brasils rauchen, und empfinde den Gedanken nicht als Lästerung. Sleefkamp, den 26. März 19 .. »Wie lange bleibst du bei mir, Wien?« fragte mich heute Muhme Kordula, und ich sah sie arg verdutzt an. »Wie kann ein gescheiter Mann ein so saudummes Gesicht machen?« war ihre zweite Frage. Da konnt' ich lachen, frei heraus; nicht so wie vor Tagen, da sich die Dierkhoferin vor mir fürchtete. »Erquickend unhöflich ist Muhme Kordula«, sagt' ich. »Mich dünkt, du hast mich gerufen – und Gott wolle verhüten, daß du mich wieder wegschickst. Deine Frag' versteh' ich nicht, nix für ungut.« Da trat ein helles Leuchten in ihr altes Gesicht. Und wahrhaftig, sie küßte mich. Trotz meiner Wunden und entstellenden Narben, küßte mich auf beide Augen. Gottlob, die waren heil. Und mir war's, als müßte ich aussehen wie der Jungbursch, ehe er in den großen Krieg zog. Als hätte ein Jemand zu mir gesagt: »Stehe auf, dein Glaube hat dir geholfen!« Die Muhme Kordula steckte sich gleich noch eine Zigarre an, so daß ich ihr mit dem Finger drohen mußte. Da kriegten wir beide das Lachen. »Du Kücken«, sagte sie, und ich fühlte mich blitzjung. Den 1. April 19 .. Man kann auch Heimweh nach einem »Fullianten« kriegen. Ich hab's gespürt. Aber Frühjahrsbestellung und das Großreinemachen im Gewese im ganzen Sleefkamp, soweit er rings reicht – diese Dinge gingen vor. Und im Bauernhause besorgten die Säuberung die Frauen und Mägde, und die Muhme Kordula hatte das Regiment. Wir sahen uns kaum noch. Ich aß mit den Knechten auf der großen Diele im »Ausgedinge«, das ganz leer steht, aber nur leer von Insassen, denn Urväterhausrat füllt es bis zum Dachgiebel. Später zieht Muhme Kordula hinein, wenn der Doktor phil. et rer. pol . heiratet – – – Wien Sleef – es kann nicht angehen, daß du schlappmachst, sobald dieser Gedanke in dir aufsteht... Der Doktor hat ein einzig Mal an mich geschrieben in all der langen Zeit. Heute traf der Brief ein. An Längen leidet das Schreiben nicht. »Alter Wien! Du, der Du's am wenigsten verdienst, darfst im Sleefkamp hausen. Ich hoffe, Du bist Dir Deiner Unwürdigkeit bewußt. Du wurdest ohne Grund fahnenflüchtig, während ich... Na, adschüs ok. Tante Kordula hatte den Teufel im Leibe. Wohnt er noch bei ihr? In Treue fest, Dein Jürgen-Jochen – –« Das menschliche Herz ist verrückt . Man kann das sicher besser und schwungvoller ausdrücken, aber dazu hab' ich keine Zeit. Ich bin Knecht . Und so spricht mein verrücktes Herz: » Ich bin dem Doktorvetter über die Maßen gut .« Mit Dieben pflegt man sonst nicht so zu verfahren. Merkst du nun, Wien Sleef, wie blöde du schnackst? Wer hat denn gestohlen, und was? Du selbst hast dir den Katteiker angeeignet ohne seine Erlaubnis. Und schleppst auch noch sieben Zähnchen von ihm als schöne, weiße Narben mit dir herum. So recht preislich auf deiner braunen, arbeitsharten Pranke. Willst denn noch mehr? Mach Schluß! Willst etwa gar, daß die Amei was merkt? Sieh, wie dir bei der Möglichkeit die linke Hand zur Faust wird und der Jähzorn gach zu Kopf steigt. Das Schicksal hat ja schon allerhand Bubulum mit dir getrieben. Aber eins hat es doch noch nicht vermocht – – dich lächerlich zu machen. Den 2. April 19 .. Man hat mich gestern gehörig in den April geschickt. Da war auch nicht ein Knecht und nicht eine Magd, die mich nicht mit irgendeiner aufregenden Nachricht empfangen hätte. Und da ich mit meinen Gedanken so ganz wo anders war, fiel ich sofort auf jeden dummen Schnack herein; bis auf meinen verzweifelten Ausruf: »Ist denn heute der Teufel los?« – die Insten sämtlich in Gekreisch und Lachen ausbrachen. Die alte Gesinefreundin gab mir mit dem Ellbogen einen Stoß in die kurzen Rippen und meinte ganz ernst: »Mußt mal bald was für dich tun, Wien Sleef, damit du bsundere Datums merkst.« Nun werd' ich den ersten April nicht so leicht vergessen. Aber gewurmt hat mich doch die Gewißheit, daß man Schindluder mit mir getrieben hat. Und als der Hütejunge Tetje auf mich zulief und schrie: »Oberknecht Wien – der Doktor Jochen ist im Heidschnuckenstall«, da klebte ich ihm eine, die war nicht von schlechten Eltern. Und obwohl ich grad in den Schnuckenstall wollte und mußte, drehte ich wieder um und ging ins Haus. Muhme Kordula begegnete mir, war unruhig, qualmte heftig mit ihrer Brasil, während sie sonsten mit Verstand raucht, und meinte bösartig: »Aus dir klug zu werden, Wien, das muß selbst der liebe Gott aufgeben.« »Nein, der weiß Bescheid«, hab' ich ihr trotzig zurückgegeben. »Und was hab' ich nun wieder mal verfehlt?« Sie tippte auf ihre Stirn. »In den Schafstall gehörst«, sagte sie. Das war bündig, und ich ging hin, wo ich hingehörte. Es ist das Beste, was man tun kann, selbst wenn erster April ist und unkluge Leute es einem heißen. Denn der Doktor phil. et rer. pol. war wirklich auch drin. Die Heidschnucken wußten aber nichts davon. Die haben den Geruch vom Akademischen noch nicht recht in der Nase, riechen selbst noch strenger. »Servus Mammut«, sagte Doktor Jochen. Und ich machte wohl ein verbotenes Gesicht. »Ist das dein dümmstes?«, fragte er eindringlich. Aber er sah nicht gut aus. Hohläugig und mager, als wenn er niemalen wie ein Scheunendrescher all die Wochen bei uns gefuttert hätte. Ich wußt' nicht, wie und was ich anfangen sollt' mit ihm. »Mach' das Maul zu – es zieht«, redete er noch, und da freute ich mich grenzenlos, daß er da war. Ich haute ihm zwischen die Schulterblätter, daß er in die Knie sackte. Er verbiß den Schmerz: »Ich wußt' es ja, Wien, daß du mich noch lieb hast.« Von der Amei sprechen wir nicht. Es könnte ja sein, wir brächten den ganzen elenden, verfluchten Kram über die Lippen und redeten ihn kurz und klein, und keiner spürte den Jammer des anderen. Es könnt' aber auch sein, ich schlüge ihn tot. Der Jähzorn äußert sich bei allen Sleefs verschieden. Meiner ist wie ein kurzes Gewitter, wo alle Schläge treffen, und ist kein Donner und kein Regen dabei. Den Jähzorn vom Doktor Jochen kenn ich noch nicht. Kann sein, er artet sich auf den Ahn heraus, der war kalt und rechtschaffen. Hat nur ausgespien bei solchen Sachen und ist des Wegs gegangen. Gott schall mi wohrenl Ich darf gar nicht an die Bibel denken, die doch sonst allstunds mein A und mein O war. »Wer ein Weib anflehet, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe gebrochen in seinem Herzen...« Amei! Amei! Amei! Als meine wirren Gedanken sich gelegt hatten, packte ich Jochens Arm. »Nennst du das eine Auslandsexpedition, wenn du wie der kleine Peter beim nächsten Kreuzweg umdrehst und heimläufst?« Er lachte gequält. Gab aber keine rechte Antwort. Das, was er sprach, war auch nur helle Verlegenheit. »Sieh, sieh, Wien, wie seine Vergleiche du heranziehst. Was warst du früher für ein wortkarger, täppischer Geselle! Du hast dich hier in der Zweisamkeit mit dem ›Fullianten‹ höllisch rausgewachsen.« Höllisch! Das stimmt, dachte ich. Wenn man immer nur an des anderen Braut denkt, das ist schon höllisch. Aber sie war ja nicht immer sein gewesen, hatte mich eher gekannt, als ihn. Jetzt schwieg ich mich aus, und eine ganze Weile war es still um uns. Dann erzählte er langsam und mit verhaltener Stimme. »Aufgelöst ist die Expedition. Nur bis Hamburg bin ich gekommen. Der Leiter stürzte mit dem Flugzeug ab. War überhaupt kein Adler. War nur eine Krähe. Wir alle mochten ihn nicht. Aber sein Organisationstalent war gut. Und keiner war gewillt, die Expedition zu gefährden. Zumal er immer so verbissen mit allen Höllenstrafen drohte, falls sich einer nicht seiner Autorität blindlings fügte. Und dann gefährdete er sie selbst. Unternahm bei ganz törichtem Wetter einen törichten Aufstieg und Ausflug. Es ist heikel, wenn ein Herrschsüchtiger die Herrschaft über sich verliert. Wir haben ihn gefunden. Schön sah er nicht aus. – Bis die nächste Expedition startet, wollte ich nicht brachliegen. Zumal die Luft hier rein ist.« »Was verstehst unter reiner Luft?« fragt ich blöde. Da lachte er unfrei. »Laß gut sein, Mammut. Was ich sagen wollt', wär' paradox.« Da muß wieder das Lexikon her. Bin sechsunddreißig und weiß nicht, was paradox ist. Er sah mich scharf an, wir Sleefs haben alle so Röntgenaugen. »Weißt, alter Wien, wenn du nicht so fadengrade wärst, ich wollt' behaupten, du hättest ein schlechtes Gewissen.« »Nein, das hab' ich nich.« Recht ein Pharisäer bin ich, denn ich wußt' ja, daß ich log. »Nun, ich kann mich ja irren«, meinte er, und ich konnt' kaum seinen zwingenden Blick ertragen. »Aber mich dünkt, du bist ein anderer geworden, da wir uns nicht gesehen haben.« »Muß man immer schlechter werden, wenn man ›anders‹ wird?« fragt' ich. Und ich hielt dem Blicke stand, der mich durchforschte. Sagte er: »Was tust du für kniffliche Fragen, Wien? Auch das ist neu an dir. Du warst so erquickend natürlich. Und jetzt? Jetzt suchst du nach Worten, um deine Gedanken zu verbergen.« Den 3. April 19 .. Ich muß dies alles niederschreiben, um mich zu befreien. Denn es erschütterte mich, wie dieser Mensch mich abliest. Warum tut er es? Er ist sonst so taktvoll. Hat er einen Verdacht? Furchtbar wäre es. Weil es mich lächerlich macht. Wien Sleef, der Kinderschreck, der maßlos häßliche Mensch, Wien Sleef, der Knecht, verrät in Gedanken seinen liebsten Freund. Und hat doch nichts, aber auch so gar nichts davon. Weil er nicht fähig ist, Liebe zu erwecken, immer abseits stehen muß, und trotz seiner Größe und Gewichtigkeit allstunds der Garniemand bleibt. Es packte mich plötzlich so arg, daß ich einen Schrei ausstieß. Erschrak vor mir selbst. Da faßten mich zwei feingliedrige Hände mit einem festen Griff, den ich gar nicht vermutend war bei dem schmächtigen Dr. phil. et rer. pol . »Wien! Wien!« rief er. Und ein Ton war in meinem Namen, als ob eine Mutter ihr einziges Kind vor einer Gefahr warnte. Nicht Zorn, auch kein Verdacht lebte in dem Ton, nur Liebe, helle Bruderliebe. Ich taumelte auf einen Stuhl. Und wenn der Wien Sleef taumelt, dann ist's so, wie wenn ein Baum umfallen will, und die Leute reißen aus. Eine Magd, die grad hereinkam und uns zum Essen rufen wollt', entfloh schreiend. Aber der Dr. phil. et rer. pol . blieb bei mir – grad als ob er ein Medizinmann wäre. »Du, ich kenne solchen Zustand«, meinte er ganz geruhig. »Wahrscheinlich hast du ihn zum erstenmal. Aber wenn man öfters verliebt ist, dann gibt es sich. Weißt du, daß du aus den Fugen bist, Wien? Wo ist der Tischler, der dich leimt?« Beinahe hätte ich des Herrgotts Namen gerufen, als den Einzigen, der mir helfen kunnt, aber den gebe ich nicht so leicht preis, und so sagt' ich: »Muhme Kordula!... Wir wollen zur Muhme Kordula zur Vesper gehen.« Da lachte der Doktorvetter laut und erstaunt und wieder gar nicht schön. »Hunger hast Mammut? Dann komm! Man soll dich besser verpflegen auf dem Sleefkamp. Denn solchen Schrei will ich nicht wieder hören.« Er hatte ein arg blasses Gesicht, fast grau sah es aus. Und er lief eilends von mir fort. Ich polterte ungeschickt hinter ihm drein. Muhme Kordula qualmte. »Setzt euch«, rief sie kurz, und sie gab weder mir noch dem Dr. Jochen die Hand. »Muhme Kordula, du wirst dir noch einen Herzklaps anrauchen«, meinte Jochen besorgt. »Dazu brauch' ich keine Brasil«, wehrte sie. »Wenn man euch beide anschaut, dann kriegt man den Herzklaps von alleine.« Ich weiß, diesmal verstand ich besser, als der gelehrte Doktor, was die Muhme meinte und schwieg erschrocken. Aber der Vetter meinte leichtsinnig: »Sind wir zwei beide so verführerisch?« Sie verfärbte sich jäh. »Ja. So verführerisch, daß ich dir eine runterhaue, wenn du nochmal Schluderworte gebrauchst. Ich hab' verbriefte Hofgewalt. Verstehst?« Da sprang der Doktor auf. Sein Stuhl fiel um. Wenn ich so ausgelümmelt worden war, ich hätt' den Stuhl liegen lassen, aber er hob ihn auf und schob ihn fein säuberlich unter den Tisch. Das war wieder die Kinderstube. Könnt ich sie lernen l Er ging dann langsam hinaus. »Mußte das sein, Muhme Kordula?« fragt' ich. »Da wird noch viel sein müssen«, war ihre herbe Antwort. Und mir schien's, die Muhme sei mit einemmal alt geworden. Die neugemietete Magd brachte die Milchsuppe herein. Das Mädchen polterte recht ungeschickt und stieß mit Tellern und Schüsseln. Das war wohltuend in der bangen Stille. Nun betete die Muhme: Herr, laß uns nicht leiden Durch Zwietracht und Streiten! Gesegne uns Gott Unser tägliches Brot! Und laß uns halten hoch und wert Unseres Hauses heiligen Herd! Amen. Ich fahre fort am 6. April 19 .. Ein uralt Sleefkampgebet war es. Es stund oftmals im Folianten. Aber nur in ganz bedrängten Zeiten war es gebetet worden. – – – Wir beide haben schweigend gegessen. Einmal war's, als wollte die Muhme anheben mit reden – auch als wolle sie meine Hand nehmen – aber sie nahm nur eine neue Brasil. Da wollt' auch ich hinausgehen und suchen, wo der Doktor Jochen abgeblieben war. Aber nun trat er selbst herein. Ging zur Muhme Kordula. Aller Zorn war von seinem Antlitz gewichen, auch aller Leichtsinn. Er nahm wieder die Hand der Muhme und küßte sie. Aber das war nicht wie eine gleichgültige Stadtmode. Das war beinahe wie eine heilige Handlung, wie eine tiefe Abbitte. Ganz sacht sagte er etwas an ihrem Ohr... Das hätte ich nie tun können. Abbitte leisten?! Ein Heidjerl Da wußte ich, Doktor Jochen Sleef war größer als ich. – Und das Mammut schämte sich. Muhme Kordula rauchte ihre Brasil nicht zu Ende. Es war eine Unrast in ihr. – »Das ist ein unguts Zeichen«, sagte ich und ich wagte es, über ihren weißen Scheitel zu streichen. Da strahlte sie mich gütig an. Hätt's nicht geglaubt, hätte eher gedacht, sie würd' die vorlauten Finger schlagen. »Der Wien hat eine Hand, wie eine Mutter«, sagte sie still. So ein Wort – zum Knecht gesagt – wie das wohltut! Aber was tut der Dr. rer. pol .? Ist das wohl auch Kinderstube? Er faßt die Muhme rundum, lacht sie an, küßt sie rechts und links und mitten auf den Mund und ruft: »Hei, und was hab' ich?« »Ein loses Maul«, sagt sie trocken, war aber doch etwas atemlos. »Scheinst recht in der Übung zu sein, Jochen. Aber vor mir, der alten kümmerlichen Muhme, hättest doch wohl Halt machen können...« »Alt und kümmerlich!« spottete er. »Und regierst uns alle. Sagst einfach: ›Kusch dich!‹ Und dann liegt man vor dir auf dem Bauch und frißt Erde wie die Schlange in der Bibel.« »Kusch dich!« ruft doch da die Muhme, nur um seinen losen Mund zu stopfen, aber wirklich liegt der gelehrte Dottor auf die Minute wie ein geprellter Frosch auf dem Boden. Muhme Kordula machte schmalen Mund, und ehe der Doktor aufstund, war sie schon draußen. Man muß allstunds höllisch aufpassen bei ihr, will man's nicht verschütten durch Grenzverletzung. Nun, es liegt nicht in meinem Wesen Scherze zu weit zu treiben. Vielleicht kommt es daher, daß ich ein Knecht bin. Oder – der Sohn von Mutter Amei ... Wenn ich an sie denk', ist mir jede Frau heilig. Sleefkamp, den 12. April 19 .. Von meinem Schlafpesel aus sah ich just auf den mächtigen Schuppen, wo wir die Dreschmaschine drin haben, und ist neben, vor und hinter ihr noch bannig viel Platz für Geräte aller Art. Wach ich diese Nacht auf und gewahre Lichtschein in dem Schuppen. »Feuer«, denk' ich und heraus aus der Koje. Angezogen im Nu und hinaus in den April, der noch mit Hagel und Schnee gegen den Frühling angeht. War aber kein Feuer, sondern Licht. Eine Azetylenlampe. Und der Doktor Jochen hält sie vor mein erschrockenes Gesicht und lacht. »Wien, du hast eine ganze Auswahl in dummen Gesichtern«, sagt er, »eins davon würd' ich mir patentieren lassen.« Aber man kann ihm ja nicht böse sein. »Da – ich schenk' sie dir, Außenseiter.« Und er zeigt auf die Maschine, mit der wir uns damals gemüht hatten und in deren Angesicht mir die wunzkleinen Schräubchen aus den klobigen Knechtsfingern gefallen waren. Steht die Maschine doch fix und fertig da und ist wieder imstand, und der Doktor lacht sich von Sinn und Verstand über mein verbastes Wesen. Dann wach ich aber auf und wehre ihm. »Laß das nach, pscht! Du weckst mir noch die Schweine und die Muhme Kordula auf.« Denn die waren die nächsten Nachbarn vom Schuppen. Da lachte er noch lauter. Aber er kann ja auch lachen, wenn er zu seinen sonstigen Wissenschaften auch noch Maschinenbauer ist. Und ich bin nur ein Elefant. Die sind wohl in Indien nützlich, aber auf Sleefkamp? Und bei seinen Frauen? – Eines ist gut dabei. Daß der Doktor Jochen weiß, daß Wien Sleef nicht neidisch ist. – – – Da es erst drei Uhr nachts war, nahm uns nochmal der Schlafpesel auf. Das heißt mich, den Goliath. Denn der schmalhüftige Doktor stürmte in den Wald. War auch um neun Uhr noch nicht zurück, da ich die vordere Dielentür aufschloß. Ich rieb mir die Augen, trotzdem ich hellwach war, und dann fingerte ich an meinen Hosenbeinen, weil ich die Biesen suchte. Eine Kalesche hielt vor dem Gewese und vor mir stand... ein Tippelbruder. Er schnarrte: »Sind Sie vom ersten Garderegiment übriggeblieben, Flügelmann?« »Jawohl, Exzellenz.« Denn es war der Generalleutnant von Sleef. Von außen sah man es ihm nicht an. Ich sinnierte mir's so zurecht: Er hatte nie in seinem Leben Zivil getragen, und so stammte dieser Überzieher aus der Arche Noah. Der Hut war ein Jagdhut, der hatte schon überall und nirgends gelegen. Die Reisetasche war auf und nieder eine Schwester von meiner Bonvoyage. Sie zeigte dieselbe Art der Stickerei, nur die Worte lauteten anders: ›Au revoir‹. Eine echte Sleef ist sie wie meine Vonvoyage, und die beiden haben ein fröhlich Wiedersehn gefeiert, denn im Jahre 1813 hatte ein Ahne Ode Sleef beide Taschen zur Hochzeit geschenkt bekommen. Als ich den General ins Gastzimmer geführt hatte, nahm ich ihm den Überrock ab, und da stand er in einem altmodischen Jagdfrack da, vom Kopf zu Fuß ein vornehmer Kavalier. Er schnob mich an: »Wie heißen Sie?« » Sleef , Exzellenz.« »Sind Sie meschugge?« »Nein, Exzellenz.« »Ich schreibe Familiengeschichte – aus welcher Linie stammen Sie?« »Ode Sleef, mein Vater, meine Mutter, 's Amei – – –« Da faßten und schüttelten mich zwei kraftvolle Arme. »Donnerwetter,'s Amei ! Unter dem taten Sie's wohl nicht, Sie, Sie, Sie Flügelmann.« »Nein, Exzellenz.« – Ich hätte heulen können, die Freude von dem alten Herrn brachte mich beinahe um. »Oberfeine Rasse, dies bayrische Madel!« rief er begeistert, »dies Blut hatte den Sleefs gefehlt. Sie haben hoffentlich eine tüchtige Frau und die Stube voll Kinder. Eins noch in der Wiege und das andere unterwegs – he?« »Nein, Exzellenz, ich bin unverheiratet.« »Schafskopf! Und was sind Sie hier?« »Knecht, Exzellenz.« »Das ist recht. Und nimm mir den Schafskopp nich übel, ich bin ja dein Onkel. Wir Sleefs sind alle verrückt.« »Jawohl, Exzellenz.« »Und du der Verrückteste. Hat »'s Amei« zur Mutter und vervielfältigst sie nicht. Aber du gefällst mir ausgezeichnet. Kannst mich duzen, Neffe. Ich heiße Ernst, auf Reisen Julius.« Sleefkamp, den 16. April 19 .. Es ist eine aufregende Sache, seit Seine Exzellenz hier angelangt ist. Ich kann nicht so oft in den Folianten schreiben, nämlich täglich, wie es die Ahnen verlangten. Der General knurrte und lachte behaglich über das dicke Buch. »Da werd' ich auch 'reinschreiben, Flügelmann«, sagte er dann. Und es war eigentlich gegen die Subordination, daß der Unteroffizier dem General erwiderte: »Exzellenz dürfen das nicht.« Er ging auch gleich hinaus in die Ställe und tobte sich an den Pferden, Kühen und Schweinen aus, die er andonnerte, als seien es Rekruten. Aber dann kam er ganz zahm wieder zu mir und drehte mir im eifrigen Gespräch einen Lederknopf von meiner Joppe ab. Das ist nun schon der dritte. Aber ich hab' eine richtige Freude dran, sie wieder anzunähen. Mußte deshalb büschen die Nacht dazu nehmen. »Sag' mal, du Prachtkerl von Flügelmann«, hub die Exzellenz an, während sie neu am Joppenknopf drehte, »wie geht es einmal an, daß meine Tochter, die verdeubelte Deern, dich nicht ein einziges Mal erwähnt hat, weder in Briefen, noch in Worten, als sie mich neulich in Berlin überfiel... Sie hat doch sonst Augen im Kopf... He?« »Man übersieht einen Knecht leicht, wenn man eine vornehme Dame ist.« »Pfhh. Erstens ist meine Tochter keine Dame, sondern eine Jöhre, und zweitens kann kein Mensch auf Gottes Erdboden dich übersehen. Verrücktes, blödsinniges Frauenzimmer, mein Fräulein Tochter. Also deine vier Meter ›übersah‹ sie und in den Däumling Jochen Sleef verguckte sie sich – es ist, um auf die Akazien zu klettern...« Ich überlegte. Denn mein alter Feldwebel hatte uns in der Instruktionsstunde gesagt: »Wer einem General widerspricht oder dessen Frau, was noch döller ist – sowas kann mit keiner irdischen Strafe geahndet werden. In solchem Falle kommt der Teufel höchstselbst und führt ihn ab. Und da kann's angehn, daß so ein Abschaum von einem undisziplinierten Kerl noch die Hölle verseucht.« Aber ich widersprach trotzdem. »Exzellenz, ich bin nicht vier Meter lang und Doktor Jochen Sleef ist ein Genie.« »Alle Wetter, alle Wetter, du nimmst das Maul voll. Ein Genie! Daß ich nicht lache. Seinem Vater, auch ein Vetter von mir und mithin Oheim von dir, habe ich mal mit der Pistole gegenübergestanden. – Es ist ausgeschlossen, daß der ein Genie zum Sohne haben könnte. – Wir waren beide Leutnants damals, noch nicht trocken hinter den Ohren. Blutjunge Dachse, kriegten sechs Wochen Stubenarrest, weil wir uns ja nichts getan hatten, denn er nahm gleich die schnoddrige Redensart zurück, die der Anlaß zum Duell war. – – – Ich hab' den Kerl aber bis zu seinem Tode nicht ausstehen können. Jaja, die zärtlichen Verwandten!« Es war, als ob der General zu sich selbst spräche, und hätte mich vergessen. Dann wurde er plötzlich lebhaft. »Führ' mich jetzt zur Herrin vom Sleefkamp. Bis jetzt war sie nicht zu sprechen. Sie ist ja noch die Allerweltsmuhme Kordula. Nennst du sie auch so, Flügelmann?« »Jawohl Exzellenz. Sie ist mir sehr zugetan und ersetzt mir beinahe die Mutter – – –« »Beinahe – ich versteh' schon, 's Amei ist niemals zu ersetzen.« »Nein, Exzellenz.« »Ich werde dir nächstens auch Stubenarrest aufbrummen. Flügelmann, wenn du nicht mit der Exzellenz aufhörst. – Ein Wrack bin ich – es hat sich ausexzelliert.« Da sagt ich zu ihm, täppisch wie ein junger Jagdhund: »Komm Onkel Ernst, ich bring' dich zur Muhme Kordula.« Manchmal findet auch ein ungebildeter Knecht, der sich vom Konversationslexikon nährt, das rechte Wort. Der General straffte sich und sah mit einem Male jung und schneidig aus. »Die Muhme Kordula«, sagte er eindringlich und faßte wieder meinen Joppenknopf – –»seit dem Tode meiner Frau ist sie das einzige Frauenzimmer, das etwas taugt.« Ich hob den abgerissenen Knopf auf und öffnete die Tür zum Wohnpesel, ließ den General eintreten und schloß sie gleich wieder hinter ihm. Laut hört ich ihn rufen: »Gottlob und Dank, Kordula – ein Hecht ist in deiner Kemenate, wie in 'ner preußischen Wachtstube.« Sleefkamp, den 20. April 19 .. An jenem Abend habe ich allein im Dunkeln gesessen und bin ohne Abendbrot ins Bett gegangen. Denn ich hatte so viel Bittres 'runterzuwürgen, daß ich satt davon wurde. Also nicht ein Wort hat die Generalsdeern vom Knecht erzählt! Der doch ihren Namen trägt, also doch nicht ganz hinter dem Zaun auf der Landstraße hervorgeholt ist. Nicht mal 'n Atemzug bin ich ihr wert gewesen. Gott verhüt', daß sie jemals über diesen Folianten kommt, ich müßt' mich noch im Grabe schämen, wenn sie mein Stammeln liest, mein Geschwafel und mein Heimweh nach ihr. Vier Jahre bin ich an der Front gewesen – immer gleich wieder 'raus mit den halbwegs geschlossenen Wunden – aber keine davon dünkt's mich heut, hat so weh getan, wie – – ja – daß es nicht mal meinen Namen genannt hat – –'s Amei – – – Sleefkamp, den 21. April 19 .. In dieser letzten schlaflosen Nacht bin ich vernünftig geworden. Das fehlte noch, daß ich um einer Deern willen meine Pflicht versäume. – Bin zwei Meter lang, will auch zwei Meter gescheit sein. Mein »Spezi«, der Doktor Jochen (so würde ihn meine Mutter genannt haben), ist immer noch nicht zurückgekommen. Und der Onkel Ernst scheint doch auf ihn zu warten. »Onkel Ernst.« – Wie geht diese Anrede jetzt ganz leicht von den Lippen. Närrisch, was so ein simpler Knecht alles lernt. Auch das »Du«, das ich ihm auf seinen Befehl gebe, ficht mich gar nicht mehr an. Der General hat mir alle Scheu genommen. Weil er ein herzbraver Mensch ist. Ich bin immer sehr glücklich, wenn ein Sleef gut ist. »Familiensimpel« hat mal der Doktor Jochen zu mir gesagt. Damals hat mich noch jedes Schimpfwort zum Jähzorn gereizt, und ich stürzte meine Waschkanne über seinen Kopf. Aber wie sich der Doktor Jochen so ruhig umzog und abtrocknete und nur sagte: »Du machst dich, Mammut – ein sentimentaler Knecht ist ein Nonsens«, da schämte ich mich in die grawe Grund. Ehe er fortging, rief er mir zu: »Nun schreib nur ja nichts davon in den Folianten, als ob eine verstiegene Jungfer Buch führt.« Damals tat ich's nicht. Aber heute zwingt es mich, weil ich mich ja anklage und keinen anderen. Heute morgen war's beinahe zum Lachen. Aber man lacht nicht über den General, man zwingt's nicht. Ich hatte mir meine Wolljacke über den Kopf gezogen. Diese verrückten, aber warmen Kamisols sind ja ohne Knöpfe. Da war's nun komisch anzusehen, wie der General nach einem Anhaltspunkt suchte, als er mich ins Gespräch ziehen wollte. Er fand aber keinen Knopf und ward nun schier verlegen. Das will ich nicht wieder sehen. Sobald ich den abgedrehten Knopf das vierte Mal angenäht habe, ziehe ich die richtige Joppe wieder an. Den 23. April 19 .. Heute nach dem Mittagessen hatte ich eine merkwürdige Unterredung mit meinem hohen Verwandten. Das heißt, Unterredung kann man so was kaum nennen, weil eigentlich nur der General das Wort führte und ich zuhörte. Aber er hatte mein stummes Zuhören wohl nötig für sein Inneres – merkte gar nicht, wie gequält ich vor ihm saß. Und weil ich fühlte, daß dieser Mann mich brauchte, wie das liebe Brot, so war's mir, als gingen meine stummen, innerlichen Antworten mitten in sein Herz hinein. Es gibt so etwas zwischen zweien, die sich ganz und gar verstehen. Hatte ihm den ganzen Hof gezeigt von »Ur to En'n«, und hatte er eine Teilnahme dran, wie man's nur bei einem Bauer vermutet, beileibe nicht bei einem so hohen Militär. Bei denen ist's aber wie bei den alten Fuhrleuten. Wenn sie nicht mehr fahren können, dann klatschen sie noch mit der Peitsche. – Derbe Stiefel hatte er sich mitgebracht. Denn kein Ein von den andern Knechten hätten ihm gepaßt, am wenigsten die meinen. Es ist wie eine ganz andere Sleefrasse. – Mehr nach Doktor Jochens Seite hin, so feingliedrig. Und ich bleibe der Außenseiter und Schlagetot. Würde es machen wie der Bär im Märchen, der seinem Herrn die Fliege scheuchen wollte und ihn dabei totschlug. Dabei war meine Mutter klein und zierlich, und Vater trug sie auf dem Arm in der Stube herum... Manches Mal! Und sie lachten – lachten. Habe ich je so lachen können? Ich glaube nicht. Und tät ich's jetzt versuchen, so würde es wohl schmerzen inwendig. Während ich so sinnierte, rief der General: »Wach' auf, Wien! Du denkst wohl. ›Sleef‹ kommt von ›schlafen‹ her?« Das hatte ich nun nie gedacht, sondern wußt' es schon vom Vater her, daß es »Draufgänger« hieß, aber ritterlicher, tapferer Draufgänger. Der Übelname Sleef für einen »Rümdriwer« ist erst später aufgekommen. Ich zeigte nun dem General alles, auch die Knechte und Dienstdeerns ließ er sich mit Namen nennen und fragte jeden nach Alter und Herkunft und wo er gedient hätte. Mit dem fuffzehnjährigen Tetje Diers fing er an, und der griente und stamerte: »Nur hier up'n Hoff.« Da lachte er laut, und die Deerns juchzten und lachten noch mehr, als der Knecht Lars Imbrock sich steil aufstellte und die Hacken zusammenklappte: »Bei den Maikäfern, Exzellenz.« Was wußten diese lüttjen Nichtigkeiten von unsem schönen, alten Regimentern! Überall ist mir nachher noch der General gefolgt, und ich konnte dabei meine Hofarbeit erledigen und alle Anweisungen geben. Mußt' ihn auch in eine Meinungsverschiedenheit mit dem Administrator hineinsehen lassen – der meine Ansicht nicht gelten lassen wollte, aber mußte. »Alle Wetter, alle Wetter, Wien. Du bist Diktator und Organisator, das gefällt mir. Und wo steckt das Genie von Doktor Jochen Sleef?« Da waren wir gerade bei den Maschinen angelangt, und ich zeigte ihm die, welche der Vetter so aus dem Handgelenk auf neu gemacht und sogar noch Verbesserungen angebracht hatte. Da konnte ich sogar das Maul auftun und ganze, lange Sätze reden, was der Doktor für ein Mensch sei ... und fühlte, wie miserabel ich selbst war, und daß ich ihm im Grunde alles neidete, was ihn beim General in sehr hohe Gunst setzen konnte. »Auf dein Urteil geb ich viel, Wien« meinte ernst der General. »Und du hast der Amei, einen großen Dienst geleistet. Das Ding ist gar nicht mehr mein übermütiger Katteiker, seit ich ihr den Jochen vorenthalte. Und ich hätte der scheuen Deern, diesem kleinen Stachelschwein, na, du kennst sie ja, gar nicht die rabiate Verliebtheit zugetraut. Steht ihr auch gar nicht. Und nun hat sie mich hierher gejagt – ich soll ihr hier von jeder noch so kleinen Sache Bericht erstatten...« Ist es nicht eine Schande, daß ich, Wien Sleef, so ganz genau das alles behalten habe und es 'runterrabbelte wie ein Schulbub seine Lex? Wie tief geht mir das alles l Ein miserabliger Hund bin ich, daß ich an jemand hänge, der mich verachtet. »Wien, du schneidest Gesichter zum bangewerden«, meinte Seine Exzellenz, der Onkel Ernst. »Mir ist auch bange«, gab ich zur Antwort, tölpelhaft wie immer. Denn was braucht ein hoher Herr zu wissen, wie's einem Knecht zumute ist? Und wenn ich kein dreimal zugeschlossener und verriegelter Kerl mehr bin, dann bin ich auch kein Heidjer mehr, und dann kann ich nur gleich weg vom Sleefkamp gehen – kann mich begraben lassen. »Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzet auf mein Grab«, singt da prompt die verliebte Oberdeern, die Kuhmagd. Singt ohne Stimme und bringt's noch fertig, falsch zu singen... »Wien!« hebt der General wieder an, »wenn mein präsumtiver Schwiegersohn von seinem Herumstromern heimkommt, dann sag ihm, du hättest mich überzeugt, daß er was könnte. Und nicht nur das Mädel, sondern auch der Vater gäbe seine Einwilligung. Hörst du überhaupt zu? Wien? Zum Donnerwetter!!« »Jawohl, Exzellenz! Aber der Herr General muß das schon selbst ausrichten. Ich mische mich nicht in fremder Leute Angelegenheiten.« »Verrückt bist du man einmal, Wien. Aber du hast durchaus recht, mein Sohn, ich werde dem Thronprätendenten, dem Halunken selbst schreiben. – Denn ich hatte allerhand von ihm gehört, was ich weder in mein Konto, noch in das meiner Tochter Hinneinnehmen wollte.« »Wenn du was Schlechtes gehört hast, Onkel Ernst, so ist das erstunken und erlogen.« Es zuckte in seinem Gesicht. »Wien, ich möchte wohl auch dein Freund sein.« Er streckte mir die Hand hin. Aber ich nahm sie nicht, denn ich will mich nicht für irgend was Selbstverständliches auch noch loben lassen. Das war natürlich gefehlt. Was ich auch tue, es ist verkehrt. Und Seine Exzellenz zog die Hand zurück, rannte hinaus und rief: »Kerl, es ist dein Glück, daß ich dich nicht in der Brigade habe...« Sleefkamp, den 28. April 19 .. Und nun ist er fort, der liebe, alte Herr. Der letzte Tag seines Hierseins war der furchtbarste für mich – und auch der schönste. – Ein warmer Apriltag. Den kennen wir sonst nicht in der Heide, wo der Frühling mit dem Winter kämpft, wie die Hirsche in der Brunft. Sonne überall, und Sonnenwärme. Muhme Kordula aber zog Wasserstiefel an und hatte eine kurz Shagpfeife im schiefen Mund hängen. So ist sie immer zugange, wenn sie mich vertritt. Aber niemand von den Insten würde so dreist sein, über diese seltene Frau zu lachen. Sie beurlaubte mich feierlich, ich durfte anspannen und den General in die Weite kutschieren. Mit den schweren Pferden, die nicht so leicht durchgehen. Über den Häsendämchenweg, über Lusins Rufus auf den Quartettberg. Auch wir in der Heide haben unsere »Alpen«, auf deren Höhen wir wunschlos glücklich sind. Ich muß mich selbst über den Knecht Wien wundern. Es liest sich beinahe, als wäre ich poetisch. – Und weiter ging's. Hin über die ganze braune »Briefheide«. Und waren wir also immer in Sonne. Der General verstaunte sich baß über die närrischen Namen dieses Heidelandstriches. Welche wilden Spießgesellen mögen hier einst gehaust haben! »Wenn sie ›Quartette‹ gesungen haben, waren sie zahm«, lachte der General, »das Wort ist aber sicher verballhornt.« Und so kann ich, Wien Sleef, der Knecht, mich wieder aus dem Brockhaus belernen. »Rom ist nicht an einem Tage erbaut worden«, deshalb braucht es lange Zeit, bis ein Knecht Professor wird. Das will ich aber gar nicht werden, will nur mehr wissen, als – – Amei Sleef, die fern verwandte Base. Und außerdem die Braut vom Doktor Jochen. – – – Wie ich bei dem Gedanken landete, rief der General: »Du mußt das Handpferd sachte anrühren, Wien – so geht das nicht.« Es ist wahr, wir wären beinahe beide hinuntergesegelt, er rechts und ich links, so hatte sich der Gaul verschrocken über meinen Hieb. Wer heißt mich auch an die Deern denken...? Sehr lange Zeit fuhren wir schweigend, langsam. Die Zügel lagen locker. »Bist du felsenfest überzeugt, Wien, daß der Jochen echt ist? Gut bis in die Knochen?« So rasch und ungestüm kam diese Frage, beinahe hätt' ich die Zügel vollends fallen lassen. Tat's aber nicht. Schrie nur eben so ungestüm hinaus: »Ja, ja, dreimal ja!« Und das war viel für mich. Es tat ordentlich weh, es war, als hätte man mich mit harter Hand aufgerissen, als ob mein Blut strömte. Und der letzte Tropfen war noch »ja!« – Einen tiefen Atemzug tat der alte Herr, und dann überstürzten sich seine Worte: »Wien, sie ist mein Einziges! So verzwickt das ganze Lebewesen, so kraus, so bunt, so verrückt wie eine echte Sleef sein muß... Aber sie paßt in keinen Rahmen. Und wenn sie nicht in die rechten Hände kommt – – – Wien – sie will nun mal den Jochen... Wien, sie hat mich auf den Knien angefleht um ihn. Bedenk'! 'S Amei auf den Knien!« Da brach ich aus. Ich, der Knecht, brüllte wie ein Stier. Brüllte den General an. Wie rein von Sinnen. Einmal im großen Kriege hatte ich solchen Anfall. In Flandern. – Und jetzt war mir's, als sagte der General: »Unteroffizier Sleef ist verrückt geworden.« Bloß, damit man mich nicht füsilierte. – Ich wachte auf. Da war gar nichts. Der General löste ruhig meine Hände von seinem Rock. Die Zügel hatte er längst genommen. – – – »Brauchst dich nicht zu schämen, Wien. – Es ist der Jähzorn der Sleefs. Ihr Heidjer seid nur toller als wir Abtrünnigen, wir Stadtmenschen. Ist dir sehr ungut, Wien? Lehn' dich fest an mich. Es ist eine Krankheit, vererbt durch Jahrhunderte.« – So beinahe wie 'ne Mutter betraute mich der hohe Herr. Ich spürt es. Das verwandte Blut war's. Es soll dicker sein als Wasser, sagt man. Ich hab' die Augen geschlossen. Der General fuhr sicher und langsam, ganz langsam, das tat wohl. Seine gute Stimme sprach weiter: »Ja, das brach damals aus bei mir, als man mir mein Mädel nehmen wollte. Lach tüchtig, Wien, es hört sich närrisch an, wenn ein grauer Kopf solche Dinge erzählt...« Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. »Ich kann so was nicht hören«, sagte ich kurz. Beide Fäuste hatte ich geballt, daß meine Nägel in mein Handinneres drangen. Lehnte mich auch nicht an. Warum hat mich Gott so unmenschlich groß geschaffen, wenn ich doch so unmenschlich klein bin? Vor mir selber schämte ich mich, und vor meiner Heide. Die läßt sich peitschen, rupfen, schlagen und steht doch immer wieder in roter Blust. Da dürfen sich die zutiefst Unglücklichen und die zutiefst Glücklichen hineinschmiegen. Ihnen gibt sie reichlich Trost. Nur die Lauen verwirft sie, wie es der Herrgott tut in der Bibel. Den ganzen Weg zurück sind wir stumm geblieben. Der General war eben auch ein Heidjer Sleef. Das kleine Wörtchen »von« durch Kaisers Gnaden vor seinem Namen konnt' sein Blut nicht ändern. – Als wir beim Sleefkamp vom Wagen stiegen, muß ich nicht gut ausgesehen haben. Denn der General schaute mich starr an und schüttelte den Kopf. Dann ging er die Stiege hinauf zur Muhme Kordula. Was sie da oben verhandelten, hab' ich nicht erfahren. Der tapfere General, der im Weltkriege so viele deutsche Orden sich erkämpft hat, kämpfte nun mit der Rührung. Er mag's leugnen, aber mir macht niemand was weiß. Und mir kann's nicht gegolten haben. – Ich fuhr ihn zur weit entfernten Bahnstation. Blieb vor seinem Abteil stehen, das hatte rote Polster. Darüber freute ich mich, ich Hanswurst. Doch was war diese lachhafte Freude gegen das, was mir der General zurief, nachdem er die ganze Heidefahrt über geschwiegen hatte – – –?: »Du bist mein lieber Sohn, Wien. Ich habe keinen Menschen gekannt, der mir so rasch lieb wurde wie du.« Ich sauge alles auf, wie ausgetrocknetes Erdland den Regen. Herrgott, so ein Wort! Gesprochen aus dem tiefsten Herzensgrunde heraus von einem General zum Knecht auf dem Sleefkamp! E. K. eins und zwei hab' ich ja schon, und auch den Hohenzollern. Aber dies Wort war wie der Pour le mérite – – – ja. Ich war wieder mal aus den Fugen, und es war gut, daß die Pferde durchgingen. So mußte ich scharf aufpassen und brauchte keinen Extratischler, der mich leimte. Der eigene Wille tat's. Den 29. April .. »Sonntag ist's für alle Herzen, Sonntag ist's für alle Schmerzen, heil'ger Sonntag weit und breit.« Das Lied hab' ich früher jeden Feiertag, jeden Sonntag gesungen. Oder vielmehr hinausgeschmettert aus froher Kehle durch den Wald hin in die weite Heide hinein. Wann war früher? Als ich noch jung war, so bis vor einem halben Jahr. Jetzt bin ich uralt. Ich habe nach dem Abschied vom General wohl büschen Raubbau getrieben, habe geschanzt, als ob der Sleefkamp im Verscheiden wäre und man müßt' ihn herausarbeiten. Und soll ein Gesicht aufgesetzt haben wie ein Bärbeißer. »Ist schon recht, Wien«, hat Muhme Kordula gesagt. »Dein Urgroßvater schwur auf einen Spruch: Man muß seinen ureigensten Beruf mit 'n ganz ernsten Gesicht nachgehen, und bei allen andern Dingen, die man nebenbei betreibt, da soll man fröhlich sein und lachen.« »Muhme Kordula«, hab' ich entgegnet, »ich möcht' schon lieber bei meinem ureigensten Beruf lachen.« »Lach' Wien! Lach' tüchtig! Denn bei dir, da ist ja die ernste Seele allstunds dabei.'« Gute Muhme Kordula, wie hoch schätzt sie mich ein! Möcht' lieber sterben, als düsse Frau jemalen enttäuschen. Und der Doktor Jochen kommt nicht zurück. Es ist wohl zum Lachen, daß ich mich nicht einfach hinstelle vor die Muhme Kordula, die doch meine nahe Anverwandte ist und sie einfach frage: »Wo steckt er? Was ficht ihn an, daß er nicht heimkehrt?« – Aber wenn ich ihr den guten Tag zum Frühbrot wünsche, dann verschlägt es mir Odem und Sprache, weil ihre Augen übermächtig schauen und tief in den Höhlen liegen. Ich brauche keine Luchsaugen, um zu sehen, daß sie Gram trägt. Wer aber nicht mit seinem Gram zu mir kommt und mich teilnehmen läßt, der ist doch wohl nicht ganz mein Freund. Es tut selbst dem Schlagetot weh, wenn du es nicht bist, Muhme Kordula. – Mein rechtes Streben ist, deine Freundschaft zu verdienen. Sleefkamp, den 2. Mai 19 ... Ich sollte eigentlich eine neue Mode im »Fullianten« einführen. Sollte nur von meinen Arbeiten berichten, die ich so tagsüber erledige. Denn die sind reichlich. Wohl auch wertvoll für das Gewese. Und weil ich sie mit aller Lust tue, wachsen sie mir nicht über den Kopf. Heute habe ich das Ackerland bearbeitet. Wir wollen Lupinen anbauen. Unser Gewese und weit herum die Gegend ist moorig. Da muß der Boden erst mit Bakterien aus den Wurzelknollen der Lupine »geimpft« werden. Muhme Kordula weiß das alles, ich bin ihr aufhorchender Schüler. Wir haben schon etliche Lupinenfelder, das ist ein golden Gewoge im Sommer und der Geruch davon zieht über das ganze Anwesen. Die Großmagd Gesine meint geheimnisvoll, man würde »verliebt« davon. Aber dazu brauchen unsere Insten keine Lupinen. Mich ficht der Duft auch nicht an, wahrscheinlich, weil ich immer nur an das nahrhafte Grünfutter denke. – Außerdem ist aber heute ein wunderlicher Tag. Schon deshalb, weil ich mich arg schäme. Das habe ich noch kaum gebraucht, aber es soll mir nichts erspart bleiben. Steht an der Flußseite, von dem man einen weiten schönen Blick hat über den Deich hinweg bis ans »grote Moor« hinüber, eine kleine Laube. Ist extra mal von einem Sleef gezimmert worden aus starken Bohlen, wie man sie hier sonst nicht für Spielereien verwendet. Ist aber eine Spielerei, das Häuschen, und haben immer Sonntags die Frauensleut drinnen gesessen und in die Abendsonne gelugt und gesungen. Sind ja alle Sleefs musikalisch bis in die Knochen. Auch die Muhme Kordula soll früher mitgesungen haben, bis ihr der Stimmstock umgefallen ist. Jetzt hat sie noch manchesmal sommertags hier gesessen, auch in diesem Vorfrühling, da wir ein paar warme Tage hatten. Mich dünkt, sie raucht da gern, und nimmt wichtige Briefe mit, die sich besser inwendig verarbeiten lassen, wenn der Gotteshimmel durch die unverwahrten Luken schaut. – Freier atmen kann man da. Auch heute hat sie drin gesessen, und ich wurde dorthin gewiesen, als ich sie suchte. Sie war aber weit und breit nicht mehr zu sehen. Nur ein verknüllter Zettel lag auf dem Bretterboden. Wußte freilich nicht, ob er ihr gehörte, oder ob der starke Heidewind ihn hineingefegt hatte. Nahm ihn also auf, denn es ist schon ein Greuel, wenn papierene Fetzen herumliegen. Eine Schrift stand drauf – – Gott schall mi wohren! – man konnt' es nur eine »Klaue« nennen. War auch abgerissen der Bogen, aber ich konnt' doch noch erkennen: »Du liebe Muhme ...« Und nun kommt das, wofür ich mich schämen muß. Denn ich durft' ja nicht weiter lesen, sondern mußte den Zettel gleich zur Muhme Kordula bringen. Tat's aber nicht. Las, und studierte, wie ich niemalen mit solch' Inbrunst ein gelehrtes Buch durchforscht habe. »Höre gar nichts«, stand da. – Und an anderer Stelle: »Sag' ihm nur jeden Tag deutlich, daß ich den Jochen will. Aber richtig lieb hab' ich nur dich, Muhme Kordula ...« Und keine Unterschrift. Aber daß das Geschreib von der Amei stammte, dazu brauchte ich keine Erkenntnis, als meine zwei Augen. So was Niederträchtiges war in diesen Grundstrichen. Igitt... Auch in ihrem Pesel war die Muhme nicht, als ich hineintappte. Ich legt' ihr also die ungute Schrift auf den Nähtisch, woran eine Garnhaspel angeschraubt war. Oben in die Knäulhöhle legt' ich sie. Beim Nachtmahl sagte die Muhme: »Wien, wir sind heute wie mit 'ner Tarntappe herumgelaufen. Weißt, was 'ne Tarnkappe ist, Wien?« »Kümmer' mich nicht drum«, sagt' ich Stockfisch. »Weiß nur, daß wir ein gut's Lupinenfeld kriegen.« »So, so. Ich kann dir aber noch eine Rarität vermelden, außer dem Lupinenfeld; und das ist, daß der Heidewind mir einen verlorenen Brief durch verschlossene Türen und Fenster in meine Garnwinde hineingeweht hat, recht ordentlich in den Knaulbehälter. Hast ihn gesehen, Wien, den Wind?« Ich bin still geblieben. Muhme Kordula sah mich durch und durch. Und war schier noch trauriger als ich. »Wien, ich dachte, ich könnt' mein verzagtes Herz in dich ausschütten ...« »Nein«, sagt ich schroff. »Ich bin zu nichts nutz als zu düngen, zu graben, zu jäten ...« »So jäte deinen Eigennutz aus, Wien – hörst?« Und sie stand rasch auf, ging hinaus, vom vollen Teller fort. – Ich glaube, ich verliere bei klein alle Menschen, die mir das Leben bedeuten. Trag' ich die Schuld? Oder züchtigt der da oben immer noch die, die er liebt? Sleefkamp, den 3. Mai 19 .. An dem Abend konnt' ich nicht Ruh' finden. Mitternacht war's da geisterte ich noch umher, und erschien schließlich der Muhme als ein ruheloser Übeltäter. »Das hab' ich mir gedacht«, rief die hellwache Muhme Kordula, als ich in ihren Schlafpesel trat. Und wahrhaftig, sie rauchte eine lange Brasil im Bett. »Du bist ein Döllmer, Wien, denkst wohl gar nicht an meinen guten Ruf?« Es war das erstemal, daß sie um Mitternacht noch Humor hatte, die liebe Frau. »Nein, Muhme Kordula, an den denk' ich jetzt nicht.« Und ich schob den Urväterstuhl beiseite und setzte mich gradewegs auf die Bettkante. Die ist bei einem echten, rechten Bauernbett bequem und breit. Als ich noch klein war, hab' ich oft zwischen Vater und Mutter drauf geschlafen. Besonders bei Krankheit und Fieber, da war ich allstunds behütet. Gibt doch nix, was Elternglück gleicht. – Hansnarren, die das lesen, werden drüber lachen. Über den »gefühligen« Bauernknecht. Aber ein Bauernknecht kann wohl mehr in die Tiefe denken als ein Stadtmensch. Den muß ja das lärmende Drumrum verwirren, wenn er sich nicht zurückhalten kann. – Ich lob mir die Heideeinsamkeit. Muhme Kordula stieß mich an. »Wien, wenn du schlafen willst, geh in deinen eigenen Pesel. Ich hab' Wunder gedacht, was du mir für aufregende Sachen zu melden hast.« »Es läßt mich nicht schlafen – wenn ich nicht mit dir gleich bin, Muhme Kordula. – Du wolltest dein Herz ausschütten – – und ich meint, ich hätt' keinen Platz dafür. Aber nun bin ich da. Und weiß, daß ich ein leeres Herz hab'. Schütt' aus!« »Aber nicht jetzt, du groten, dummen Jung. Gleich wird der Nachtwächter zum zweitenmal tuten und sich heil wunnern, dat de Olsch vun 'n Sleefkamp noch Licht hat. Gu'n Nacht, Wien!« »Hab' ich nicht recht, Muhme Kordula, wenn ich sag', daß wir Bauern nur jäten, hacken, säen, mähen und düngen sollten?« »Du hast recht, Wien. Unsere Arbeit ist heiliges Tun. Das braucht ganze Menschen. Und ganze Menschen müssen schlafen, wenn sie ganze Arbeit leisten wollen. Morgen, wenn wir hellwach sind, dann reden wir gute Dinge. Wien, ich bin dir gut. Hab' keinen Menschen auf der Welt, dem ich das sag'.« Ich stolperte aus der Tür. Umgerissen hätt's mich, wär' ich noch eine Minute länger verweilt. – Der General und die Muhme! Die beiden Prachtsmenschen! Und haben den Wien lieb ... Sleeflamp, den 5. Mai 19 .. Ja, das hat denn doch länger gedauert, daß wir uns richtig sahen und sprachen, die Muhme und ich. Und von »ausschütten« keine Rede. Die Frühjahrsarbeiten sind hilde. Haferhacken, Kartoffeln, Runkeln. Alles ruft nach unseren Händen. Und in keiner Nacht Schlaf. Die Stute Miete hat arg ausgehalten in vorletzter Nacht, da mußte der Strick anbei. Aber das Fohlen ist kregel und freut sich, daß es endlich Luft schnappen kann. Wie es daher steht so hochbeinig und tapsig, beinahe wie der Wien Sleef in jung. Und die Kuh Tyra hat gekalbt. Nicht zu glauben rasch. Und ohne Laut. Ich saß im Pesel neben dem Stall. Hörte plötzlich eine Unruhe. Kuckt doch weiß Gott das Neugeborene schon durch die angelehnte Tür. Na, denk' ich, du hast's eilig auszukundschaften, was oben und was unten ist am Firmament. Wenn du wüßtest, Kalb, was ich weiß, du gingst wieder zurück in die Dunkelheit. So philosophiert man, ohne doch gleich Dr. phil. zu werden. Und der richtige Dr. phil. kommt nicht. Ob das »Herzausschütten« von der Muhme mit ihm zusammenhängt? Aber es ist keine Zeit zu reden. Alles Menschenerleben ist nicht so wichtig wie die Bauernarbeit. Und wenn der preußische Schulmeister Schuld dran hat, daß wir 1866 den Krieg gewonnen haben, so kann der Bauer auf sein »Voll« nehmen, daß die Städte nicht verhungern. Schulmeister, wir sind quitt.– – – Sleefkamp, den 16. Mai 19 .. Diesen folgenden Brief hefte ich nun dem Folianten bei. Er war schon am 14. Mai von einem fremden Manne hier abgegeben worden. Aber erholen daran konnt' ich mich erst heute. Nicht ganz richtig, aber doch so, daß ich schreiben kann. – Jesus! Ein hart' Ding! Zu Tode will ich mich arbeiten für den Sleefkamp, aber nicht wieder solchen Brief lesen. An den Oberknecht Wien Sleef im Sleefkamp. Liebster Wien, wenn du nich warst dazumalen vom Herrgott droben abgesandt zu üs, wären verbronnen mein Mann selig und ich, die Unterzeichnete. Und ist mein Mann jetzt in der Ewigkeit, denn ihn hat der Schlag gerührt von einer Botschaft. Ausgelitten hat er. Aber noch vorm Verscheiden hat er gelallt: »Wien Sleef.« Woraus ich spürte, er hatte dieselben Gedanken wie ich, und das große Vertrauen und auch die brennend Frage: »An wen soll man sich wenden in höchster Not, wenn nicht an seinen Lebensretter? Der bist Du, Wien Sleef. Und ich wende mich an Dich, weil ich nicht unsern Knecht und Magd sehen lassen will in Dunkles aus unsrer Familie. Ist dann gleich Respekt und Disseplin hin. Aber Du gehörst zu den »Unbekannten und doch bekannt« aus der Bibel, was mir allstunds so ein schönes Wort war. Und ich will Dich in Schweres einweihen, was die Jugend leicht nimmt, aber Du wirst es nie leicht genommen haben, weil Du sauber bist. Erinnerst Du an die lüttje Birgitt, uns' Enkeltochter? Uns' Ein und Alles? Tochter von unserm verstorbenen Sohn und Schwiegertochter. Beide tot. Gesehen hast sie niemalen, aber geredt haben wir Dir von der Birgitt, daß sie leibhaftig stehen muß vor Dir. War feingliedrig und paßte gar nicht recht auf unsern Hof. Hatte auch immer nur Wunsch nach der Stadt. Taten ihr den Gefallen. Hatte aber dort ungute Stelle, wollt's aber nicht uns kundtun. Denn es hielt sie was dort. Ein feiner Herr. Was soll das? fragten wir Großeltern. Bauer gehört zum Bauern. Aber versuch's mal, Wien, und sag' so was an Jugend heran ... Umsonsten ist alls. Schrieb' aber verständige Briefe, die Deern, nur kein Wort mehr vom schönen, feinen Herrn. Und brav wär er, gut und arg gescheidt. Das hatte sie aber vördem getühnt, dann aber nimmermehr, weil sie wußt, wir litten das nicht. Wien, ich schreib mich hart. Vor einer Wochen ist die Birgitt mit einem Soggerpupp gekommen. Zu us. Hat der feine Herr gar lang nichts mehr von sich hören lassen. Wie es so vielen armen Deerns geht, die sich die Krone rauben lassen. Und soll er gar ins Afrika sein, oder sonst was Heidnisches. Ist mein guter, alter Mann umgefallen auf dem Fleck. Uns' Enkelin, uns' Einzigst! So was überlebt kein Heidjer. Aber ich überlebs. Mütter und Großmütter können vieles. Weil die Sorg doch nun erst anhebt. Um zwei Leben. Denn die Birgitt ist wie von sich. Den Dienst hatte sie schon gewechselt, weil die ungute Herrschaft sie verschimpfiert hat. Hat das Kind Birgitt ihren Soggerpupp in einer Herberg geboren, schier in einer Krippen wie der Heiland. Gott verzeih mir die Sünde. – Wien! In einer Herberg! Und wir haben einen schönen Hof, der ihr dermaleinst gehört zu eigen. Wien – kumm her! Ein Angst hab ich. Die Deern ist fort, mit dem Säugling, und mein Bauer liegt auf dem Schragen. Und nüms solle wissen mit der Birgitt. Es ist kein Heimbericht gekommen. Das ist gut. – Hilf mir Wien! Such mein Enkeltochterl Du findst sie schön. Und dann hilf mir den liebesten Mann eingraben, bist gut Wien, ich dank Dir! Mir ist sehr wirr im alten Kopf. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Dierkhofmutter. Das ist schon ein Brief, und man kann verrückt bei werden. Aber ich muß alle Sinne beisammen haben. Gehab' dich wohl, Sleefkamp, auf etwelche Zeit! Sleefkamp, den 26. Mai 19 .. Die Muhme hat mir erlaubt, den »Fullianten« ergiebig zu füllen. Stehe vor Tau und Tag auf. Arbeit wird nicht versäumt. Zehn Tage bin ich fortgewesen. Das muß ich im Folianten melden. Steht mancher Bericht drin von Altvordern, die sich auf dem Sleefkamp fremdmachten, weil sie ihr vieles Geld mal woanders verlustieren wollten. Das war grob unrecht, und ist oftmals dabei der Hof verludert. Aber doch immer wieder von einem Sleef in die Reihe gebracht worden. Und mein Vater machte sich auch fremd, war aber jüngerer Sohn und hatte viel Vertretung. War auch nicht lange auf Walze, sondem tat Arbeit auf dem bayrischen Gütel bei seinem späteren Schwiegervater, schickte auch Erspartes heim an die reichen Verwandten. Und wurde doch gefemt. Aber diese zehn vergangenen Tage, für welche Muhme Kordula und Hannes, Tetje, Omen, Jürgen und Dolf, die Knechte vom Sleefkamp (die beinahe fleißiger und umsichtiger als jeder Herr sind), ihre ganzen Kräfte einsetzten – Herrgott das waren Tage, die doppelt zählen wie die Kriegsjahre. Solch langen Satz hab' wohl noch nie geschrieben. Und auch alle andern Sätze im Folianten hingesetzt von meinen Vorfahren sind kürzer. Aber ich hab' auch eine Ewigkeit durchgemacht, und Himmel und Hölle erlebt. – Ich hatte den Notschrei einer armen Großmutter der Muhme Kordula gezeigt, und die jagte mich schier aus dem Hause. Nicht schnell genug könnt' ich alles richten, und dann hat sie mich mit Gottessegen und guten Wünschen beladen, daß die Pferde den Wagen kaum ziehen konnten. Es mag aber auch der tiefe Sand schuld gewesen sein und mein eigen Herz, das »mühselig und beladen« war. Aber wo sollt' ich »erquickt« werden? Was doch der Herrgott verheißt. Das trostlose Weiblein, die Dierkmudder, war ganz zusammengefallen. Weil nun doch die Anzeige an den Pfarrer und den Gemeindevorsteher gelangt war, daß die Dienstmagd Birgitt Dierk ein unehelich Kind geboren habe, das gleich getauft sei auf den Namen der Mutter. Aber nun sei das Mädchen samt dem Kind verschwunden, man glaubte, nach der Heimat hingewandert. Nun hab' ich gedacht – nach der Heimat wandern wir ja alle hin, es ist doch das Beste, was wir Irdischen haben. Vater Dierk lag im Sarg, der gute Pastor war schon zugange mit Trost für die Großmutter. Da hab' ich nur dem Toten noch einmal über das schüttere Haar gestrichen. Hab' gar nicht den Bratenrock ausgepackt, den mir die fürsorgliche Muhme Kordula in die Bonvoyage gelegt legte. »Mutter Dierks, die Lebenden gehen vor«, hab' ich geseggt und bin den kargen Weisungen des Pastors gefolgt, der schon viel vorgesorgt hatte mit dem wackeren Landjäger, aber noch nichts erreicht. Als ich mich still fortschlich vom Toten, und mit dem Rucksack und Knotenstock auf Suche wollt' gehen, rief's aus irgendeiner Hausecke: »Halt! Ich gehe mit.« War's der Landjäger Berkholz. Den Tyras vom Dierkhof löst' er von der Kette, der sprang hoch auf, so freute er sich. Von seinen Erkundungen berichtete der Landjäger sachlich. Und doch war so was Gutes in seiner Stimme. Das war das Mitleid mit der braven Großmutter. Man merkt es doch gleich, ob jemand Mensch oder nur Landjäger ist. Zuerst hatten die Spuren der Birgitt Dierks nach Buerndorf geführt. Da war sie und das Kind von einer Bäuerin mit Milch gelabt worden. Die Mutterbrust voll Sorg' und Harm hatte keinen Platz mehr gehabt für Nahrung für ihr Junges. Es konnten einem die Tränen kommen, Dann hat der Herr Berkholz den Flecken Lütjenwiesen durchsucht. Auch da ist sie gewesen und weiter gehastet. Hat aber immer gute Menschen gefunden. Manche haben sie »verstört« genannt. Ist das wohl ein Wunder? Dann war ihr nüms mehr begegnet, und sie hatte auch niemand angesprochen. – Wir zwei Suchgesellen nahmen nun eine andere Spur auf. Aber wir blieben beisammen. Ein Landjäger in Uniform und ein zwei Meter großer Schlagetot daneben sind ein guter Schutz gegen verdächtiges Gesindel. Bei Einbruch der Dunkelheit, oder gar des Nachts nahmen uns Bauernhöfe sehr gastfreundlich auf. Sollten viel erzählen. Der Landjäger tat's, und ich schwieg still. Deshalb glaubten die Bauern, ich wisse mehr als er. Manchmal erhob auch ein geweckter Knecht unter den Insten die Stimme und gab Red' und Antwort. »Jawohl, eine schöne Deern hätte er des Wegs gewiesen, und arg junge Dinger seien sie und ihr Kind gewesen. Und dort hinaus sei sie gewandert.« Sein Arm schrieb einen Krakel in die Luft. Es konnte jede Richtung sein. »In einem grellbunten Tuch habe das Junge gehockt, und die Mutter hätt's auf den Rücken getragen wie eine Zigeunersche«, berichtete ein Zweiter. Und endlich noch ein Dritter geheimnisvoll: »Nur immer nach dem großen Moor hinzugehen, da hat männig ein Sucher schon was gefunden.« »Die Wichtigtuer wissen gor nix«, gab der Hausvater seine Meinung ab. »Bist 'n Klogschieter, Hannes!« Da machten wir uns auf den Weg gen Nordwesten. Geruhig sprach der Landjäger: »Sieben Mannsen und Weibsen habben wi jetzt fröggt, der Siebente hat recht – is 'ne alte Sache. Auch wenn he 'nen Klogschieter is.« Wir schritten wacker. Als Birkhühner aufflogen und der Rauch uns in die Nasen stach, wußten wir, daß wir dem »Grotmoor« nahe waren. Gingen vorsichtiger, und nahmen Tyras an die Leine. Der Boden schepperte unter unsern Füßen, der Hund zog den Schwanz ein. Auf einmal riß mich der Landjäger zurück, packte mich am Arm. Zeigte mir eine riesengroße rote Blume, und ich lief drauflos. Denn die Tücken des Moores waren mir fremd. Gellend schrie der Landjäger mir was zu. Da zog ich meinen Fuß bis zum Schienbein aus dem blumenbestandenen Grund und das Loch füllte sich gleich mit Wasser. Tyras war kaum zu bändigen. Ich lief wieder zu den Beiden und holte mir Mahnung und Weisung, während er den Hund mit eiserner Hand zurückhielt. Ich mußte mich auf den Bauch legen, schob mich langsam zur großen, rotbunten Blume hin, die ich pflücken wollte ... Hab's immer gesagt, bin ein schlapper Hund. Die Feder will's nicht in den Folianten schreiben, weil der Graus mir wieder aufsteigt. – Aber die rote Blume, drinnen das Kindlein lag, hielt ich im Arm. – Hielt es hoch, und es schlief weiter. An den Beinen zog mich der Landjäger, wie mühselig fort, bis ich auf fester Erde lag. Wir beiden Männer drückten uns die Hand und sahen, daß uns die Zähne aufeinander schlugen. Und die lüttje Birgitt schlief weiter, aber nicht so tief, wie die grote Birgitt drunten im Moor bei der Hexe Nekkepenn. – – – Tyras hatte sich losgerissen und die Leine mitgenommen. Weit, weit vor uns jagte er. – Wir beiden sind schweigend geschritten. Uns war's, als trügen wir einen Sarg mit einer schweren Last. Und ich hielt doch ein lebendiges Leben im Arm, das nur ein paar Pfündlein wog. Nun bin ich wieder im Sleefkamp. Aber das Kind gehört mir. – Wie wir nach fünf Tagen in dem Dierkhof gelandet sind, ja da hatte ich wohl alle Hände voll zu tun. Deshalb trug ich das Lüttje zur Großmutter, aber sie konnt' es nicht halten, so schwach war sie geworden in den fünfmal vierundzwanzig Stunden, da wir die Enkelin suchten. Und deren Tod ertrug die Urgroßmutter nicht mehr. So ist es auch ganz gottgegeben und gottwohlgefällig. Philemon und Baucis gehören zusammen und liegen nebeneinander. Da braucht keins mehr zu weinen. Der Knecht und die Magd, die sich gut sind, wollen heiraten, und sollen den Hof verwalten bis die Soggerpupp groß ist. Und dann der Kreislauf von Liebe und Tod wieder beginnt. Ich hab' eins ganz feste Freundschaft mit dem Pfarrer geschlossen, er will mich in achtzehn Jahren mit der lüttjen Birgitt trauen. Und der Landrat und der Landjäger wollen Trauzeugen sein. So ist's abgemacht, aber es kann auch was dazwischen kommen. Ich hab' aber einstweilen das Lüttje mitgenommen, und es schläft neben meinem Pesel. Der Pfarrer sagte mir neulich ein gutes Wort: »Das ist der rechte Humor, wenn er im schwersten Ernst hervorbricht.« Er klopfte mir dabei auf die Schulter. Ich hatte etwas gesagt, und ich kann mir nicht denken, daß es Humor war, denn wir standen neben dem offenen Sarg des toten Dierkbauern. Aber der Pfarrer muß es ja wissen. Dafür hat er studiert, und zwar ganz richtig mit Studentenkappe und Schläger, wovon er noch drei Schmisse hat. Nicht nur, wie ich aus dem Konversationslexikon mir mühselig alles herausgeholt und auswendig gelernt. Sleefkamp, den 30. Mai 19 .. Es ist ein seltsam schauerlich Ding, wenn ein lebendiger Mensch, ein fühlender, ja ein liebender gestorben ist, plötzlich, mitten aus dem Leben heraus. Versunken ist in schrecklichem Versterben im Moor. Und ich komme nicht drüber fort, was die arme Seele gelitten haben mag, als sie ihr Kindlein aussetzte. Wollte sie es mit sich hinunterziehen? Und sank sie selbst so rasch? Der Moortod ist ansonsten langsam und grausam. Viel ist mir darüber erzählt worden als Kind von Vater und Mutter, um mich um tausend Gotteswillen abzuschrecken vom Moor. Hab' mich aus Liebe zu den beiden Treuen nicht in Gefahr begeben. Ich war nicht zur Neugierde erzogen worden. Das ist eine feine Weisheit, denn aus der Neugierde kommt schier alles Unheil. Ich hab' auch nie was ausgefressen, wozu kein Mut gehörte: Tiere reizen und quälen, pfui Teufel. Mädchen verführen und dann nichts von sich hören lassen – pfui Teufel! Hab' auch nie Gott versucht in wilden Wettfahrten, mit rasend gemachten Pferden vor entzweiig gemachten Wagen. Das war in den Dörfern mal Sitte geworden so an heiligen Sonntagen. Kam nix bei 'raus, als zerbrochene Arme und Beine und geschundene Gäule. Da hat man viel über mich gespottet, aber ich hab' die Zähne zusammengebissen und mich abgewendet und gestöhnt vor Wut, wenn es hieß: »Hast Angst, kleiner Wien?« So fest war immer in mir der Gedanke, daß Gott mir mein Leben geschenkt hätte – für andere. Auch meine Riesenstatur und die Kraft und Gesundheit des Leibes, meint' ich, hätt' ich für andere bekommen, die schwächer geraten waren, als ich. – Was meckerst du in deiner Wiege, du winzige Soggerpüpp? Hast Hunger, oder willst zeigen, daß du froh bist, daß der Wien Sleef lebt und nun dein Vadder geworden ist? Lütt Birgitt ist still geworden auf meine Fragen. So ist's recht. Der Landjäger hat mir Nachricht zukommen lassen. Abgesucht hat man das ganze »grote Moor«. Nicht mal im Umkreis, wo wir das bunte Tuch mit dem Kindlein fanden, ist eine Spur entdeckt worden. Die große Birgitt, die verzweifelte junge Deern und Mutter, muß wahnsinnig geworden sein. Daß sie ihr Ureigenstes, ihr wunzklein Heiligtum dem Hungertode preisgab. »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.« Sie wußte nicht, was sie tat. Und just der Wien mit seinen sieben Fingern und dem Schleiffuß ward zur Rettung des Kindleins bestellt. Freund Landjäger will mich besuchen, aber erst, wenn wir beide in den Fugen sind. – Meine Mitknechte hier gehen ganz ernst herum. Man ist's gar nicht gewohnt bei diesen lebfrischen Ungedeih's. Nicht ein einziger hat gespottet, daß ich Vater geworden bin. Alle gaben sie mir schweigend ihre Arbeitshände. Nur Omen Tewes tat's Maul auf dabei: »Giffst eenen ut Wien? Up Konto vun dien Bravheit?« Soll geschehen, aber nicht auf meine Bravheit, sondern auf seinen ewigen Durst. Nachts 10 Uhr. Heute abend fragte mich plötzlich Muhme Kordula: »Möchtest nicht nochmal auf eine gute Schule gehen, Wien? Auf eine höhere? Der Hof trägt's leicht.« Beinahe warf's mich um. Aber anstatt den guten Stützpunkt zu behalten, den festen Ohrenstuhl, darauf ich saß, warf ich ihn um, was schon allein eine Anstrengung war, und rannte auf und nieder in der großen Diele. – Wenn einem urplötzlich ein solches Geschenk an den Kopf fliegt, muß man ja taumelig werden. Sie fuhr ganz geruhsam fort zu sprechen, die seltsame Muhme, ich sah nur, daß die welken Lippen zitterten. So ernst war es ihr. »Überleg dir's, Wien. Beim Gutenachtsagen, wenn du alles im Hof zugerichtet, kannst es mir kundtun, was du bestimmt hast. – Wien, ich möcht dich glücklich sehen. Und du bist es nicht. Du schreibst bis in die sinkende Nacht, auch wenn du bis in den sinkenden Abend geschuftet hast. Es erleichtert dich, ist aber doch nur für andere. Siehst – die Dierkhöferin schrieb: ›Kumm, Wien!‹ Und ich sag': ›Geh, Wien!‹ Denn ich bin so gut wie deine leibeigen Mutter und fühl, was dir mangelt ...« Da fuhr es mir schroff heraus: »Bin ich so leicht zu entbehren auf dem Hof?« Immer, wenn mir die Rührung in der Kehl sitzt, kommt der verdammte Sleefhochmut und macht einen elenden Kerl aus mir.« »Das war der dumme Wien – und ich hatt' gemeint, ich spräche zum gescheiten. Geh, Wien, geh! Besinn dich, ich kann warten.« Da stürmte ich los, aber an der Tür drehte ich mich um, und sah nach ihr hin. »Wien, wir haben so besonders gute Insten. Man kann sie in der Weite rings mit der Laterne suchen, und man findet nicht solche Prachtsknechte. Und – Wien – Wien einmal muß doch der Jochen wiederkommen, uns' Jochenl« Die alte Frau schlug die Hände vor das Gesicht. Weinte Muhme Kordula? Ich sah mit Angst, daß sie gar nicht geraucht hatte den ganzen Tag. Die Brasil lag unversehrt in der Aschenschale. Nun hätte ich bleiben müssen. Mußte sie in meine starken Arme nehmen. Trösten. – Aber ich habe gar keine Kinderstube. So stürmt ich hinaus in die stille, abendliche Heide. Das ganze Herz voll Mitleid – – – Aber der Heidjermund fand kein Wort. Vielleicht hätt' ich doch noch etwelches zurecht gestammelt, aber ich fand kein Wort, das groß genug war für das, was die Muhme Kordula erfüllte. Da genügte nicht ein Dankwort, auch kein langes Getün über Edelmut. »Die Liebe ist die größeste unter ihnen.« Heilige Menschenliebe! Muhme Kordula hat sie zutiefst in sich. Wie lange ich im Wald umhergelaufen bin, ich wüßt' es wahrlich nicht. Aber es stand fest in mir – ich gehe. Lernen will ich, lemen. Du lieber Gott, wie bin ich jung! Sechsunddreißig erst kaum vorbei. Ich nehm's mit allen auf. Richtig schreiben tu' ich. Richtig lesen auch. Was noch fehlt – freilich ein paar Lastwagen voll – das krieg' ich von guten Lehrern gelehrt. »Der Hof trägt's«, hat die Muhme gesagt. Hab mir ja auch noch niemals Knechtslohn auszahlen lassen. Kleiderstoff liegt genug in den Truhen, mit Wacholder geräuchert, und das Schneiderlein im jenseitigen Dorf arbeitet wacker. Das kann mich auch für die Stadt ausstaffieren. Wien, du warst in deinen Gedanken schon beinahe dort. Und hocktest über Büchern, die vielleicht dreimal so dick sind wie der Foliant. – Den darfst aber dann nicht mitnehmen, Wien. In den darf nur einer schreiben, der auf dem Hof sitzt ... Herrgott! Du weißt es – – bei dem Gedanken kam schon das Heimweh über mich. Heidjerheimweh – das ist schon was Fressendes. Nachts 1 Uhr. Ich bin ruhig. Ganz ruhig. Fast heiter. Lügst du, Wien? Betrügst dich sülben? Es ist viel geschehen. Ein großer Mann ist umgefallen. Nicht wie ein Klotz oder ein Baum auf den Erdboden, wenn ihn der Blitz fällt. Sondern inwendig. Und das ist viel schlimmer. Früher dacht' ich: »Wenn man ein Opfer bringt – und dies Opfer ist riesengroß, und es schmerzt, dann ist es das rechte.« – Bin aber von der Ansicht abgekommen. Ich kam um Mitternacht heim. Recht herumgestromert war ich, und der alte Förster, mein guter Freund, wollt' schon auf mich anlegen, so leise bin ich geschlichen. – »Sleef, warum liegst du nicht im Bett?« fragte er ärgerlich. »Vergrämst mir meinen Bock. Oder hast dir das Wildern angewöhnt?« Ich zeigte meine leeren Hände. »Wollte zu dir, Förster, und ein Garn mit dir spinnen.« »Mensch, sprich doch leise. Denk an meinen Bock ...« »Laß ihn spazierengehn mit seiner Ricke, es ist so schöner Mondschein.« »Wien, es tut mir leid, daß ich dich nicht geschossen hab'!« Mit diesem Segenswunsch bestieg der Förster die Kanzel. Und ich ging zum Sleefkamp. Ein Dichter bin ich nicht. Sonst könnt' ich sagen, wie der Mondschein auf dem Strohdach spielte ... Nein sagen auch nicht. Der Heidjer ist ja stumm, wenn ihm das Herz zerbricht. Aber singen könnt' ich's. Wien Sleef, du tühnst. – Als ich in den Kuhstall trat – es ist gut, wenn der Vorknecht auch des Nachts mal revidiert – flederten doch wirklich der jüngste Knecht, ein richtiger »Näswater«, und die fünfzehnjährige Küchendeern auseinander. Ich faßte aber beide noch. »Bewährungsfrist«, sagte ich kurz. »Treff ich euch nochmal, fliegt ihr. Du bleibst hier, Hannes.« Stina heulte auf und entwischte zum Magdpesel. Im Stalle war sonst alles in Ordnung. Aber im Nebenraum brannte Licht. Und der schlaftrunkene älteste Knecht erhob sich aus seinem Ohrenstuhl. »Den Dunner, da heww it dat Licht brennen laten –« »Warum liegst nicht im Bett, Onnen Tewes?« »Weil ich den Jung von der Statschon abholen mußt. Ich mein die Generalsdeern ...« Da mußt' ich mich wieder ein Weilchen an den Türpfosten lehnen. »Du schläfst wohl im Stehen, Onnen und träumst Dummtüg?« »Ne, Wien, ik bün hellwach. Der Landbot' bracht' Botschaft. Er war mit dem Rade da.« »In der Nacht?« »In der Nacht.« – »Und meine Base ist da?« »Jawoll, Wien. In Lebensgröße. Aber ich wollt' dir sagen, ich hätt' auch ohne die Base auf dich gewartet. Weißt du auch, daß du uns allen abgehst, Wien? Die andern Knecht haben gesagt, einer müßt' wachen. Wenn du nicht da bist, steht der Sleefkamp nich auf dem rechten Fleck. Deshalb hab' ich gewartet auf dich. Es konnt' dir ja was passiert sein.« »Verrückt seid ihr«, rief ich grob. Aber ich gab ihm doch die Hand, weil ich mir miserabel vorkam. Fort wollt' ich – für lange Jahre, das stand fest; und nun wartete ein müder Heidjerknecht, bis ich Stromer wiederkam ... Wien, du bist tönendes Erz und klingende Schelle ... Und dann ging ich langsam, arg langsam, as de »düre Tid« dem Hause zu. Dieses gab einen ungewohnten Anblick. Überall war Licht. Sollte ich nun hineingehen und der Muhme Kordula meinen Entschluß kundtun? Aus einem törichten Knecht ein kluger Mann zu werden? Und ihr dabei recht aus Herzensgrund meinen Dank sagen? Vor der fremden Deern? Was wollte die plötzlich wieder hier? Noch eine ganze Weile hab' ich vor dem Sleefkamphause gestanden. Es tat so fremd. Ich hatte es noch nie erleuchtet gesehen. Ehrenhafte Großbauernhäuser liegen des Nachts im tiefen Dunkel. Es steht im Folianten 1806: »So des Nachts im Hause Licht brennen muß, so soll die kleine, weiße Fahne am Hausgiebel hochgezogen werden zur Mahnung für etwelche Betrunkene oder Lärmende, so vorübereilen. Daß sie gewahr werden, hier ist Krankheit, Sterben, Tod oder auch Geborenwerden. Kann jetzt nichts anderes sein, denn Feste feiert niemand in Preußens Not.« Ode Sleef hat es geschrieben. Ich muß der Muhme Kordula doch einmal den alten Teil des Folianten zu lesen geben, damit sie nicht alle Sleefkamplichter ansteckt, bloß weil eine Enkelin auf Ferien kommt. Auf mein Geschreibsel guckt sie nich beim Lesen, das Briefgeheimnis ist oberstes Gebot bei den Sleefs. Wenn sie es aber lesen würde, müßt' ich mich zu Tode schämen. Jesus! Mein Herz zu hängen – bei meinem äußerlichen Geschau – an die Schönheit in Person, an die helle Jugend – – – »Wien!« würde sie sagen, »die Sterne läßt man hübsch droben.« Tät sich aber doch eine Brasil anstecken, weil ihr das gute Herz schwer wäre über den armen, verliebten Teufel. Und nun klopfe ich an. Das hatt' ich früher doch nicht gelernt, aber der Doktor Jochen hat mich's gelehrt. Ich dank ihm viel. Mir war's, als hätte eine Mannsstimme von drinnen gerufen, daß ich eintreten sollt'. Da ich aber wußt', es waren zwei Frauen drinnen, fuhr mir's durch den Sinn: »Die Deern kann alles, selbst aus ihrer Silberstimm einen Baß machen.« Trat ich also ein. Und da stand der Doktor Jochen. Und 's Amei hielt er an der Hand. – Man kann so viel ertragen. – Muhme Kordula, stirb mir nur nicht. Du sahst so weiß aus und hattest blaue Lippen. Das tut nicht gut, wenn man so alt ist. Ich weiß nicht, was mich angefochten hat, ich ging zur Muhme Kordula und sagte so leise, wie es der grobe Wien nur zuwege brachte, damit die beiden andern nichts vernahmen: »Ich bleibe bei dir. Will nicht in die Stadt!« »Gott sei Dank, Wien!« sagte hinwiederum die Muhme so laut, daß ich wüßt', ich hatte eben erst das Rechte gefühlt und getan, und der Gedanke kam von Gott. Dann nahm sie meine grobe Hand und legte sie an ihre Wange. Wozu all die Ehrungen für den Knecht? Ich habe sie ihr rasch fortgenommen. Da rief die Deern: »Guten Abend, Herr Professor«, und sah so zornig aus, als hätte ich ihr das größte Leid angetan. Ich drehte mich um, weil ich dachte, der nächtliche Spuk geht weiter, und es stehe plötzlich ein Professor hinter mir. – Da lachten die beiden, und ich war wieder der dumme Knecht gewesen. Muhme Kordula lachte nicht. Rief aber hell: »Der Herr Professor lehnt ab, bleibt Bauer von Gottes Gnaden – –« Und Doktor Jochen sagte gar nichts. Stumm hatte er mir die Hand gereicht. Ist's noch die alte Bruderhand? Wie komme ich zu der Frage? Ich tat sie auch nur stumm an ihn, während ich seine Hand drückte. Bei uns verschlossenen Heidjern tut ja der Händedruck so viel. Und man erkennt den Menschen daraus. Als ich wieder tölpelig hinausstapfte, lief Doktor Jochen mir nach. Die Tür flog hinter uns krachend ins Schloß. Das tun wir sonst nicht. Muhme Kordula sagt, es sei der erste Grad der Unvornehmheit. Ich, als Bauer und Knecht, brauch' ja nicht vornehm zu sein, aber der Dr. phil. et rer. pol. kann noch viel lernen von Muhme Kordula. Der Vetter kriegte mich draußen einfach um. »Mensch, Mammut, sind wir Brüder oder nicht?« »Wo warst du so lange, Jochen?« »Wien, so antworte doch! Du bist ein ganz anderer Kerl geworden, äußerlich und innerlich.« »Wo warst du so lange, Jochen?« Er lachte wieder unfrei. Wo blieb sein schönes, gutes Lachen? »Darin hast du dich also nicht verändert, Wien. Der sture Heidjer, wie er im Buche steht. Und die Beine in den Boden gestemmt, und die Pranken geballt. Ich wette, du schlägst Wurzel, ehe ich auf deine Frage geantwortet habe.« »Wo warst du so lange, Jochen?« Er stapfte mit dem Fuß. »Du wirst langweilig, Wien ...« Das hätte er nicht sagen müssen. – Ich brach durch. – Kann nichts dafür. Man schlägt nicht Wurzel, wenn einen der Heidesturm umreißt. Ich weiß, daß ich mit den Zähnen geknirscht habe. Daß sich meine Nägel wieder tief in die Handflächen gruben, daß ich aus den Fugen ging. – Erst nach langer Zeit konnt' ich sprechen. Aber eine richtige Stimme war's nicht. Deshalb legte wohl Doktor Jochen seine Hand auf meinen Arm: »Herrgott, Wien – es tut mir leid!« Ich tobte weiter: »Gewartet hat die Muhme Kordula auf dich, Jochen, mit Mutterschmerzen! Und ich auch. Aber bei mir war Zorn dabei. Hörst, Doktor? – – Man läuft nicht vom Sleefkamp einfach in die Weiten und kommt nicht wieder – – – Ohne der Grundgütigen Red' und Antwort zu stehen. Oder zu schreiben. Und wir andern auf dem Hof – Knecht oder nicht Knecht – wir sind doch Männer, sind keine Rotzbuben. Und die Muhme Kordula – – – Jochen, sie ist die seltenste Frau in der ganzen Lüneburger Heide, und du läßt sie einfach im Stich. Mit hundert Sorgen, Jochen. Und Dinge hab' ich erlebt – – und mußte sie vor die Muhme bringen – Jochen – das hättst du alles mit uns tragen müssen, hörst? Denn du bist der Herr vom Sleefkamp. Aber du hast alles uns Knechten überlassen ...« Der Zorn vom Doktor Jochen Sleef ist andrer Art als mein urwüchsiges Leben, es ist eine kalte Wut. Und beißend ist sie, und wohl auch viel drin, was man Geist nennt. Da werd' ich hilflos. »Der Reichstag ist dir sicher, Wien. Du reißt die ganze Familie 'raus«, meinte er so leise und höflich, daß ich ihn nur so anstarrte. Wär' er ein bäuerlicher Vetter, ich hätt' ihn mit Fäusten gepackt und geschüttelt. Aber mir war's schade um die akademische Bildung, die wär' ja dann abgefallen von ihm. Studierte Leute darf man nur totschießen. »Du bist entgleist, Wien. Ich hatte dich um Verzeihung gebeten, und du lümmelst mich 'runter.« Ich wollt' mich schon schämen – – was raunt er da noch leise – –»Übrigens gratulor, Wien ... bist ja Vater geworden inzwischen ...« Da wurde ich ganz ruhig. Es war, als ob ich abstürbe. Also das zu sagen, was keiner meiner Mitknechte sich getraut hätte – in diesem Ton – – – Das tat mein liebster Freund ... – – – – – Ich blieb noch eine Weile draußen stehen in der klaren Vollmondnacht. Hätt' keine Treppe zu steigen vermocht. Ein Käuzlein klagte in meiner Nähe, mir war's, als käme der wunderlich wehe Ton aus dem Fenster über mir. – Kann nicht angehen ... »Feierabend l« sagte Muhme Kordula. Vom Kirchturm tat die Uhr zwei Schläge. Da nahm ich den Arm der alten Frau. Dank! Muhme Kordula! Wie gut passen deine achtzig und meine sechsunddreißig zusammen! Sleefkamp, den 3. Juni 19 .. Nun sind wir schon tüchtig in der Arbeit. Auf dem Felde Rüben hacken, auf der Wiese Gras mähen, wenden, aufladen, fortfahren. Und der Herrgott schickt Sonne, wie sie lange nicht geschienen hat auf die Lüneburger Heide. Und Regen zwischendurch zum Gedeihen und gleich drauf wieder den lachenden Sonnenschein. Ich war wohl in diesen Tagen überall und nirgends. Wollt' mal nichts hören und nichts sehen als unsern schönen Hof, und was drauf wächst und gedeiht. Auf dem groten Felde werden jetzt die Futterrunkeln abgezogen und verpflanzt. Da muß alles bei zugange sein. Die Abbauern und Häuslinge helfen mit, sie arbeiten gern auf dem Sleefkamp und ist neben aller Arbeit immer frohes Treiben. Es sind wahrlich »gute Freunde und getreue Nachbarn«, wie Luther sagt. Natürlich wächst auch Ärger und manche Sorge recht als Unkraut zwischen all dem Guten. Der Fadenwurm zeigte sich – Schwerenot. »Nematode« heißt das Biest mit Vornamen. Haben ihn hoffentlich nicht lange, denn ich baute Fangpflanzen an. – Kam aber auch wieder Genugtuung und Anerkennung. Der Sleefkamp steht im Kreisblatt. Unser Stier wurde preisgekrönt. Haben ihm die Knechte einen Kranz in den Stall gehängt. War aber gleich zertrampelt. Da kann sich manch ein Mensch ein Beispiel nehmen, der nach äußeren Ehren giert. Ich selbst halte mich gern von Ehrungen zurück, hatte trotzdem hohen Besuch. Fräulein Amei von Sleef ließ sich herab, plötzlich im Stalle aufzutauchen. Ihr Gesichtchen war gottsunmöglich schön. Ich blieb aufrecht stehen. Denn soviel weiß ich von Doktor Jochen – eine Dame muß immer zuerst die Hand geben. Und das tat sie nicht. Also macht ich auch keinen Bückling. Neulich hab ich mal von der Grotte von Capri gelesen. Bislang wußt ich nicht, daß sowas angehen kann. Aber nun weiß ichs. – Seit Ameis Augen rundum meinen Stall durchschaut haben. – Aber noch sicherer weiß ich, daß der Knecht Wien Sleef verrückt ist. Unheilbar. Als ich kein Wort sagte, nur so von meiner zwei Meter- und drei Zentimeter-Höhe auf ihre ein Meter und achtundsechzig Zentimeter herabschaute, kriegte ich wieder einen Zornblitz. Dann rief sie: »Vater grüßt Sie.« Und war auf und davon. Da schickt ich ein schallend Lachen hinter ihr drein. Nun wird sie sich gegiftet haben. Aber wenn ich über sie lachte, komme ich mir am wenigsten lächerlich vor. Sleeflamp, den 6. Juni 19 .. Wir laufen so »umanand«. So würde mein bayrischer Großvater sagen. Nüms getraut sich zuerst zu sprechen. Ich bin aber wohl an der Reih'. Denn die Deern hatte ja das letzte Wort. Aber »wer zuletzt lacht, lacht am besten«. Muß aber sagen, daß ich nicht mit argem Willen schweige. Die Muhme Kordula macht mir Sorgen. Und doch kann ich mir um Leib und Leben nicht denken, was ihr fehlen könnt, wenn nicht etwa Krankheit sie plagt. Aber beileib nicht eigenmächtig den Doktor holen. Ist ein gescheiter Mann, der Doktor Kraatz aus Einsingen, und hängt wie Pech und Schwefel am Sleefkamp. Aber ich seh's schon vor mir, die Muhme Kordula würd' ihn eiskalt fragen, wer ihn gerufen hätt', und ob sie der Herr vom Sleefkamp sei oder der Knecht. Und würd' ihm seinen anstrengenden Weg doppelt und dreifach bezahlen, und der Doktor würd' ihr das Geld vor die Füße pfeffern. Aber nach einer Woche käm ein totguter Abbittebrief von ihr, und nach drei Stunden wär er wieder da. Und das ist gut. Prachtskerle sollen Freundschaft halten. »Wollt' fragen, wie dir's geht, Muhme Kordula?« »Ist recht, daß du kommst, Wien. Ich dacht' schon, du wärst selbst zur Runkelrübe geworden, weil du gar nicht zum Vorschein kamst.« »Das wär' nicht schlecht«, lacht' ich. »Und die Muhme Kordula hat immer die besten Einfälle. An mir könnt' sich manch' Stück Vieh satt fressen.« Darauf die Muhme: »Das bild'st du dir ein, Wien. Den Spiegel hast wohl all lang abgeschafft? Bist ja der reine Kleiderständer geworden, Drög, drög as 'n Waschtrog, der am Zusammenfallen ist.« Darauf wußt' ich nichts zu sagen. Brauch' ja doch den Handspiegel für meine Haare, muß ja den Wald auf meinem Kopf manchesmal schlagen – er forstet sich rasch genug wieder auf. Und da seh ich doch, daß meine Augen tief in den Höhlen liegen und die Backenknochen vortreten. Weiß auch, wie meine Zunge aussieht, weil ich ja nicht essen mag ... »Wien, bist im Unfrieden mit dem Jochen geschieden?« »Ja, Muhme Kordula. Wir zwei haben uns einander nix mehr to seggen.« »Das ist zum Sterben traurig, Wien...« »Muhme Kordula, es stirbt sich nicht so leicht, sonst läg der Wien schon auf dem Heidefriedhof.« Da fuhr sie auf. »Ich bitt's mir aus, daß ich zuerst dran komm.« Und sie sackte ganz klein zusammen. Da erschrak ich bis ins Herz. Alles konnt' ich verlieren, aber nicht diese Frau ... Und ich legte meine Arme um sie und ließ mich vor ihr nieder. Den Kopf legt ich in ihren Schoß. – Hatte mich nicht der Jochen mal darum gefragt? Sie strich mir über den Kopf mit ihren weichen, schmalen vornehmen Händen. Oh, das tat so wohl. – »Siehst Wien – ich hätte wohl gern mit dir über vieles gesprochen.«... ... »Tu' es, Muhme.« Da schwieg sie. Es war mir, als schöbe sie mich ein wenig von sich. Und da sprang ich auf. »Bin ich's nicht wert, Muhme, daß du mich zum Vertrauten machst?« »Bist krank, Wien, kränker als ich. Und deshalb möcht' ich dir nichts aufzuheben geben, was dich drückt und noch mehr herunterzieht. – Es sind Ahnungen, Wien, und sowas soll man nicht bereden. Sie können ja auch verschwinden, wie Nebel vor der Sonne.« Sagt' ich ernst: »So will ich warten. Und du bist es ganz zufrieden, Muhme Kordula, daß ich ein Bauer bleibe? Weißt trotzdem, daß ich mich nicht vorm Studium fürchte? Glaubst auch, daß ich's erreicht hätte in meinen alten Tagen?« Und da ehrte mich die Muhme Kordula: »Wenn einer was Schweres erreicht, so bist du es, Wien. Du hast Kraft, Mut, Fleiß und Verstand. Und die Lauterkeit sitzt noch oben auf. Wien, glaub' mir, die setzt sich überall durch, wenn man's auch nicht gleich spürt. Die Sünde ist der Leute Verderben.« »Heißt's nicht: die Lüge? « »Freilich heißt es so, Du Näswater. Aber weißt einen Unterschied zwischen Lüge und Sünde?« Sleefkamp, 1 Tag später, 7. Juni 19 .. Nun muß ich einen Brief hier einheften. Arbeit her! Arbeit her! Sonst macht der grobe, große Wien ein' Dummheit. Meint, er ist von Kraft, Mut, Fleiß und Verstand verlassen, was die edle Muhme ihm angedichtet – verliert gar noch die Lauterkeit – fühlt sich von Gott selbst verlassen ... Arbeit! Arbeit! »Aus tiefster Not schrei ich zu dir!« X, den 3. Juni 19 .. Lieber Wien! Ich muß dir sagen, es fällt mir nicht einmal schwer, dich nochmal um Verzeihung zu bitten. Du bist ein prachtvoller Kerl; diese Gewißheit behält bei mir die Oberhand. Aber ungeschliffen bist du, wie ein verborgener Diamant in den Gesteinen von Ostindien oder auf Borneo, was aber nicht mit borniert zusammenhängt. Muhme Kordula besitzt vielleicht die Gabe, aus dir einen Kohinor zu schleifen. Das kann eben nur ein edles, weibliches Wesen. Das hat andere Waffen als wir Mannsen. Ich würde immer bei Dir der Unterliegende sein, wenn Du vielleicht auch das Gegenteil behauptest. Denn Du bist, wie alle Diamanten von sehr großer Härte. – Also das Um-Verzeihung-bitten Dir gegenüber ist genau so leicht wie bei Muhme Kordula, aber das Weiterkommen ist verdammt schwer. Ich wollte allerhand wichtiges mit Dir besprechen, aber Deine Art, Wien – – nein, lassen wir's ruhn. Ich weiß, daß ich Hauptschuldiger bin. Mit der Muhme war's auch nicht so ganz einfach, und mit Amei auch nicht. Aber sie hängt fabelhaft an mir, beinahe möcht' ich sagen: »rabiat«, wenn es nicht unhöflich wäre. Nun trifft mich auch noch hier in einem Lausenest, wo ich aber eine wichtige Spur verfolgte, das Telegramm meiner Gesellschaft, daß ich, so schnell ich's vermag auf dem Flughafen eintreffen soll. Das heißt also – ich habe nur noch drei Tage Zeit, um – – nicht wie der selige »Damon, den Dolch im Gewande« – eine frohe Hochzeit mitzumachen, sondern zu suchen, zu suchen und abermals zu suchen. – Von Amei hab' ich schon Abschied genommen, Du wirst sie gefaßt finden. Das ist Sleefart. Die Frauen von unserer Sippe haben noch mehr Kraft der Beherrschung als wir männlichen Sleefs. Ich kann mitreden, seit ich Ameis Brüjam bin. Wien – Du spürst an meinem weitschweifigen, blöden Drumrumreden, daß mir der Weg zu Dir fehlt. Mir ist's, als sollt' ich zählen: »Eins, zwei, drei!« Also hör' zu! Daß ich von der Amei niemals in meinem Leben lassen kann, ist unumstößlich. Es ist mir, als hätte mir ein Wunder just das Geschöpfchen in den Weg gestellt, was ich mir mein Lebtag als meine bessere Hälfte gewünscht habe. Es war der höhere Blödsinn, daß ich dem Professor der Geschichte Xaver Leblin in einer frohen Tafelrunde, da er mir auch gerade einen großen Gefallen getan hatte, versprach, ihn auf seiner Forschungsreise zu begleiten. Nun besteht er auf meinem Wort, und ich selbst will nicht wortbrüchig werden. Aber wenn sich ein Stellvertreter findet, denke ich doch in einem halben Jahr frei zu werden – sonst in einem ganzen. Letzteres wäre so was, wie ein Todesurteil für mich. – Denn ich hänge am Sleefkamp ebenso wie an der Amei und was in der Urkunde steht: »So eyn Sleef auf ein ganzes Jahr seyne Fahn verlasset (das ist heymatlich Scholl und Hoff), sohl er zwar nicht vermaledeyet sein, aberst des Hoffes geht er verlustig,« – das weiß der Wien ebensogut, wie der Jochen. Hör' weiter zu! Wenn die Forschungsreise nicht gewesen wäre, hätte ich das, was ich suche, allein gefunden, hätte Dich nicht bemüht. So aber weiß ich mir keinen, der mit gleicher Gewissenhaftigkeit meine Bitte erfüllen wird, wie Du. Trotzdem Du der geborene Gralsritter bist, und ich nur ein armer Sünder – Gott sei mir gnädig. – Du sollst mir, lieber Wien, eine Deern suchen helfen. – Diese Bitte und noch eine andere, die zum Schluß dieses Briefes kommen, stehen sich diametral gegenüber. Wien, es redet sich elend hart mit Dir – immer sehen mich Deine ernsten Augen an, wollen durch mich durchsehen. – Ich hab' die Deern lieb gehabt viel zu viel. Sie war wie ein Hündlein so lieb um mich herum, und ich war vor kaum einem Jahr mal recht einsam in der Stadt. Und sie war in böser Dienststelle bei des Teufels Großmutter. – Wir trösteten uns gegenseitig und es war wirklich eine sonnige Frühlingsliebe. Aber ich kam fort aus der Stadt, schrieb mal eine Karte, auch einen Brief, noch eine Karte. Habe nie Antwort bekommen. Weißt Du, Wien – und nun quält es mich manchmal – aber quälen ist nicht das rechte Wort – unbehaglich ist's mir zu Sinn, wo die Deern stecken mag. Unser Beisammensein war ja so kurz – und vielleicht sitzt sie auch längst in einem weichen Nest. Gesprochen hat sie nie viel, darin hätte sie gut zu Dir gepaßt, Wien – – sie muß aber aus der weiteren Umgebung von hier gewesen sein. – Wien, alter Vetter – guck' mal büschen weg! Deine Augen stören mich. – Ich will Dir beichten, daß ich einen Augenblick, oder ganze drei Stunden erleichtert aufatmete, als ich hörte, Du hättest eine lüttje Soggerpupp in der Wiege. Nun wirst Du »pfui Teufel« sagen. Aber ich will, daß Du Deinen Vetter und Freund – – bin ich's noch? – bis in de grawe Grund kennenlernst. Also Birgitt Dierk heißt die Deern, und wenn Du sie findest, so gib ihr die Summe, die Muhme Kordula in Verwahrung genommen hat. Unsere Prachtsmuhme ahnt natürlich nichts von der Verwendung, die dieses Geld finden soll, ich weiß ja selbst nicht, wie sie verwendet wird. Hoffentlich zu einem hübschen Hochzeitsgeschenk. – Könnt' ich Dir doch auf die Sprünge helfen! Nichts weiß ich, als den Namen. Sie ist aus meinem Leben gegangen wie ein Gedanke, ein Lied, ein Ton – – – Jetzt werde ich poetisch und Birgitt würde vielleicht lachen. Sie konnte herzig lachen, und am meisten über mich. – Nun noch die zweite Bitte, die viel mehr mir am Herzen liegt – – behüt' mir meine Amei! Du, Wien, das ist wie ein Sturm über mich gekommen. Und daß ich Dir nicht davon sprach – – Wien, ich war eifersüchtig. – Jawohl, auf Dich. Mir schien's, als müßtest gerade Du dies verteufelte, mir oft ganz und gar unverständliche Lebewesen lieben – das so ganz das genaue Gegenspiel von Dir ist. Und aufgeatmet hab' ich, als sie mir wütend erklärte, sie und Du, Du und sie??! – Ach was, ich will Dir ihren sonderbaren Haß nicht an den Kopf werfen. Hab's ja selbst erlebt, wie sie Dich behandelte und hab's ja auch niemals gutgeheißen. In einer ernsthaften Stunde hat sie mir dann erzählt, daß sie Dir noch widerlicher sei, als Du ihr. Und das empörte sie. Muhme Kordula war dabei und sagte garnichts. – Sie blies Ringel aus ihrer Brasil und dazwischen paffte sie, je nach dem Tempo unserer Zwiegespräche. Oh, was ist sie doch für eine wundervolle, alte Frau! Und nochmal meine Bitte: Behüte mir meine Amei! Wenn ich länger wegbleiben sollte, als ich will, bleib der gute Verweser des Sleefkamps! Und sollte ich wirklich nach einem Jahr erst wiederkommen, nun, dann zahlst Du mir mein Pflichtteil und bist der Herr – der den Sleefkamp viel mehr verdient als ich, und ich ziehe mit meiner Amei in selige Gefilde, wenn sie auch nur irdisch sind. Denn bei Dir zu bleiben, Wien, mit Amei – – das will ich Euch beiden Kampfhähnen nicht antun. – O Wien! Wie gleichgültig mir die sogenannte Forschungsreise ist! Vorläufig geht sie nur nach Norwegen. Und damals, als ich Amei noch nicht kannte, erschien mir das Angebot so reizvoll. Aber was den berühmten Geschichtsprofessor fesselt, was Harald Harsargar tat, oder ob es von Segen war, wenn Knut der Große den Olaf den Zweiten vertrieb, trotzdem dieser das Christentum eingeführt hatte, oder weil er es tat – ich kann's nicht für den Sleefkamp gebrauchen. Ebensowenig die Landwirtschaft der Norweger. Und die letztere, die Landwirtschaft und die erste, meine Amei, sollst Du mir hüten, wie Dein eigen Leben, Wien. Die Muhme Kordula brauche ich Dir gar nicht zu empfehlen, Ihr zwei habt immer zusammengehört. Fahr wohl, Wien! Jürgen-Jochen Sleef. Sleefkamp, den 12. Juni .. Solange hat es gedauert, bis ich heute die Muhme Kordula fragen konnt': »Du liebe Muhme, was meinst, wenn wir die lüttje Birgitt bei uns behielten. Und ob ich verständiger, alter, einschichtiger Mann sie nicht an Kindesstatt annehmen könnt'? – Die alte Frau erschrak so sehr, daß sie die Brasil fortlegte. »Wien, ich würde vorsichtig sein«, meinte sie scheinbar gleichmütig, aber ich sah doch, wie ihre Lippen weiß waren und ihre Wangen einzufallen schienen. Wo ist doch einmal unsere lebfrische Muhme Kordula hingekommen?! »Willst du mit Gewalt die Schandmäuler in Bewegung setzen? Als hättest du was gutzumachen, du Erzbraver? Hat nicht erst gestern die Amei dem großen Hütejungen Peter eine heruntergehauen, als er griente: »De Oberknecht hatt' sik an Soggerpupp mitbröcht!« Ich mußte mich an die Tischkante lehnen. Aber nicht ob der üblen Nachrede, aber ich sinnierte darüber, daß die Deern ... Was für ein Bosheit mochte drin enthalten sein, daß sie meine Partei nahm? »Es geht schon weit in die Runde, Wien, und man zerbricht sich die Schafsköppe, kann ich dir sagen. Wie, wann, wo, woher? Das sind jetzt die weltbewegenden Fragen.« »Und du hast keine einzige getan, Muhme Kordula. Du sagst: ›Es ist der Wien! Und der ist sauber .‹ Bist aber rundum eine Ausnahme. Ich mag Ausnahmen gern. Und ich bin froh, daß ich bei dir bin.« Da hatte sie auf einmal ein stilles leuchtendes Lachen in ihrem Gesicht. Und sie hob ordentlich wie ein Schelm den Finger und sagte: »Wien, wenn mir das nur nicht zu Kopf steigt bei meinen achtzig Jahren. Vom Wien eine Liebeserklärung zu kriegen, das muß ein Stück Arbeit sein, und mir fällt es nur so zu.« »Hätt' ich ein' Ahnung gehabt, daß du das gern magst – hätt'st sie all lang kriegen können.« »Tschawoll! Ik heww up luert.« Da lachten wir beide. Haben gescherzt in dieser schweren Zeit. Aber es war gut für mich, vielleicht für uns beide. Ich konnt' mich sammeln und die Muhme tat's zerstreuen . »Du bist aber noch gar nicht bei dem Lüttjen gewesen, Wien, hast ihm auch nicht nachgefragt. Die alte Gesine beklagte sich sehr wortreich.« »Ja, das kann sie. Und das ist auch wieder eine Liebserklärung wert, Muhme Kordula, daß du diese wackere Obermagd so gehoben hast aus schwerer Arbeit in diesen schönen Dienst hinein als Kindspflegerin. Da kann sie alle Menschenliebe austoben, die sie im Leibe hat.« »Wien, was hast du dir für eine Schwade angewöhnt! Man kennt dich gar nicht mehr«, meinte sie kopfschüttelnd. »Aber nun geh auch mal zur Gesine, mach' ihr die Freude. Sie hat auch dagegen gewettert, daß man dich verdächtigte. – Und noch eins, Wien – wenn wir nun zusammen Mittagessen, Früh- oder Abendbrot nehmen – sei büschen gut mit der Amei! Sie hat's doch auch nicht leicht ...« »Aber sie nimmt's leicht«, hab' ich erbost geantwortet. »Den ganzen Morgen hat sie schon im Feld gesungen, wie eine Heidelerche.« Das wollt' die Muhme mir nun gar nicht glauben. Und sie machte gleich drauf wieder ein nachdenkliches, vergrämtes Gesicht, und ich mußt' den schweren silbernen Kasten bringen, wo die Brasils drinnen ruhn. »Willst nicht mittun, Wien?« »Nein, Muhme. Es ist genug, wenn von zweien eins unverständig ist.« »Bist 'n olen Klogschieter!« Sleefkamp, 14. Juni 19 .. Die Braut von Doktor Jochen Sleef bleibt nun hier, bis – bis – – ja – bis ich dann eben fort muß aus dem Paradiese. Das Schicksal ist wie der Engel mit dem feurigen Schwert. Nur, daß es diesmal den Unschuldigen trifft. Es geht eben heil närrisch zu in der Welt. Die hängt mir den Übernamen »Vadder« an. »Vadder Wien« sagen die Böswilligen, oder auch die Leichtsinnigen. (Aber die Amei hat gleich zugehauen. Die närrisch Deern.) Sie ist wie ein schweres Rätsel, das männigmal in der Zeitung steht in der »Kopfzerbrechensecke«. Hoho, ich denk', ich knack' diese Nussen schon mal auf. Wien, der Kern gehört aber dem andern. – – Doch ich will hierhin schreiben, damit es urkundlich wird, daß ich den Spottnamen »Vadder Wien« in einen heiligen umwandeln will. Das unschuldig Kindlein soll » Vater « to mi seggen, sobald es nur erst mal stammeln kann. Und soll nicht mehr Dierk heißen, wie es anitzt im Kirchenbuch steht, sondern Birgit Sleef . Es ist ein fester Entschluß von mir. Bin ja nicht dazugekommen, neulich mit der Muhme zu Ende zu reden. Wenn sie Ahnungen hat, so soll sie sich ihrer entschlagen oder auf den Grund gehen. Aber daß ich der aufrechten, sauberen Frau das Herz schwer mache, oder gar breche mit der bösen Gewißheit, die mir Jochens Brief brachte, das liegt dem Wien nicht. Ich mach's auf andere Weise, gebe dem Lüttjen, was ihm zukommt. Und wenn sich dann sein richtiger Vadder, will sagen, sein »eigentlicher«, auf den Sleefkamp setzt mit der Amei – – Herrgott – – – dann nehm' ich mein Kind und geh' zurück auf den Dierkhof, und mach' mit Gottes Hilfe den kleinen Hof groß für das Kind. Hat man mich doch auch groß geehrt dort. Segen über die Dierkhofer! Schickt mir der dortige Amtsvorsteher ein Schreiben, daß ich soll Vormund sein über die Urenkelin Birgit laut Testament der braven Alten. Muß doch was am Wien sein, wenn man ihm so ein junges Leben übergibt auf Gedeih' und Verderb'. – Ich dank euch übers Grab hinaus zu tausendmalen. Sleefkamp, den 15. Juni 19 .. Die vertrackte Deern, die Amei! Als wir heute uns nach dem Tischgebet hinsetzen wollen – denn die Muhme Kordula steht bis zum Amen aufrecht da – da streckt mir doch die Braut von Doktor Jochen die Hand hin. (Ich schreib immer ihren richtigen Titel, damit ich eingedenk bleib, daß sie nicht mir gehört.) »Vetter Wien«, sagt sie, »wir wollen's doch so machen, wie wir eben gebetet haben. ›Und gib uns Deinen Frieden!‹ Zufällig hab' ich drüber nachgedacht. – Wissen Sie, Vetter Wien, jawohl ganz zufällig, Großjes wegen, ja – und nun gar nicht mehr drüber reden – Schluß!« Um keinen Sack voll Geld hätte ich ihr die Hand geben mögen zu so einer ungehörigen Red', aber sie riß meine große Pranke einfach zu sich und drückte sie doll. Und da sagt' ich: »Meinetwegen.« Kriegte darauf wieder einen Zornblitz aus den schönsten Augen der ganzen Welt. Aber das weiß die Deern ja nicht, daß sie wegen dieses Gottesgeschenks eine Verantwortung hat. – Und nun sprechen wir kein Wort zusammen. Es ist wie immer. Sie könnt' ebensogut in Podolien sein. Aber Muhme Kordula, die ja so eine Anlage hat, noch beim Raubmörder eine edle Seite aufzufinden, sagt: »Es ist doch ein Anfang, Wien, und ihr seid jetzt Hausgenossen.« Hausgenossen sein? – Das heißt im Sleefkamp: Einer trage des anderen Last! Schön und gut. Meine Last trägt sie nicht, und sie selbst hat nicht den geringsten Huckepack auf ihren schmalen Schultern. Heute wurde ich erinnert an das letzte Weihnachtsfest, als uns die Schneeflock, hereinschneite. Ich wollt' endlich mal die Gesine im Altgedinge besuchen. So formulier ich das von mir selbst. Aber der Foliant will ja Wahrheit, und deshalb schreib' ich's hinterher: »Ich hatte Heimweh nach dem Kinde, das nicht meins ist, aber es werden soll.« Da steht das »gefühlige« Wort, und ich werde rot wenn ich denk', es könnt' mir jemand über die Schulter sehen. Das Mammut, der Schlagetot, der Zweimeterkerl. Und das Lüttje, so lang wie mein Fuß – – – Kurz und gut, ich steh' vor dem Wohnpesel der alten Gesine. Und hinter der Tür hör' ich singen. Daß diese Gottesstimm nicht der Großmagd gehören konnt', da braucht ich nicht zu fragen. »Josef, liebster Josef mein, hilf mir wiegen mein Kindelein...« Viertels stand die Tür auf. Ich schob mich durch. Hab' ich nicht auf frühere Foliantseiten geschrieben, daß die ungute Deern mich immer auf was Heiliges bringt? Es war die Jungfrau Maria selber, die da stand und sang. Vielleicht machte es auch nur das blaue Kleid und das blonde Haar. Denn gleich nachher stieg es in mir auf. Wenn du jetzt vor die Heilige hintrittst und sie aufweckst aus der Frömmigkeit, dann läßt sie das Kind fallen, oder sie wirft es dir an den Kopf. Deshalb blieb ich an der Tür stehen. Und da war grad das Lied zu Ende. Und die Deern hob die Augen und wurde einen Schein blasser. Aber das ist natürlich »Inbillung, die düller is as Pestilenz«. Und eingescherrt waren wir beiden Todfeinde zusammen, weil der Heidewind die Tür zuschlug. Da trat ich denn hin zu ihr. »Ist das Kind gesund?« fragt' ich blöde und wagt' es gar nicht, das wunzkleine Händchen anzurühren, das wie ein weißes Sternblümchen auf des Mädchens blauem Kleide lag. »Wollen Sie es sehen, Vetter?« Und sie drehte es zu mir herum. »Sie haben es ja gerettet.« – Ihr Stimmlein klang so weich, wie ihr Gesang vorher. Woher dies Wunder? Ich wollt's nicht verscheuchen. Da wandte ich mich zum Gehen, und sie bettete das kleine Köpfchen wieder an ihre junge Brust. Da muß freilich ein gutes Ruhen sein... Bei diesem Gedanken stolperte ich hinaus. Und habe den ganzen Tag unrastig und zerfahren geschuftet, daß die Mitknechte wieder meinten, der Oberknecht hätte seine »Fünf« nicht beisammen. Hat er auch nicht. – Es kam freilich heute auch viel Verqueres dazwischen. In alle Arbeit des Sleefkamps hinein schickte der Dierkhof einen ganzen Kastenwagen mit Aussteuer für Lütt-Birgit, und auch einen Reisekorb, wo der Nachlaß von der unglücklichen jungen Mutter darinnen lag. Da ließ ich die Hand davon. Schickte alles zur Muhme Kordula. Man ist ein Mann, hat Bärenkräfte und Verstand vom Herrgott bekommen, aber bei so feinen Sachen da sind Herz und Gemüt und Kraft zum Ertragen größer bei der Über-Achtzigjährigen. Ich mußt' ihr aber erst Vollmacht geben und den Korbschlüssel in die Hände legen, kraft meines Amtes als Vormund. Arg gewissenhaft ist die Muhme. – Dann hat sie sich eingeschlossen. Und die Obermagd und jetzige Kindspflegerin Gesine erzählte mir, die Sleefkampin habe den großen Eichentisch in ihrem Pesel ganz abgeräumt und auch die Decken fortgetan, und nun lägen viele Briefe vor ihr und auch Kleider und Wäschezeug, und »die Frau« wolle auch nicht essen. Oft und oft hätte sie sie angerufen. Alle anderen sichtbaren Wahrnehmungen hatte Gesine aus dem Schlüsselloch bezogen. Sleefkamp, den 13. Juni 19 ... Ja. – Und nun ist Muhme Kordula krank. Sie hat es mir durch die Amei sagen lassen. Die ist heute wieder borschtig. – Das ist aber ein grober Knechtsausdruck und paßt wohl nicht auf die schöne Deern. Weiß keinen anderen, und muß er auf ihr sitzen bleiben. Aber selbst die böse Zornfalte auf der Stirn kann das Engelsgesicht nicht häßlich machen. Und war die Amei gestern ein guter Engel, als sie so das Kindlein betraute, so ist sie heute ein böser. Hat aber einen Brief bekommen – und was in einem Brief für garstig Wesen und Herzweh stecken kann, das weiß ich. Woher er kam, weiß ich aber nicht. Gesäet hat irgend jemand bösen Samen, aber ich mußte die Zornblicke ernten. Ist schon mal mein Geschick. Auch ich hab' einen Brief geschrieben, und er soll mit in den Folianten. Es ist für Leben und Sterben. »Vetter Jochen Sleef! Ich kann dir da kein gutes Wort vor deinen Namen setzen. Viel hatt' ich für dich übrig. Die große gute Freundschaft eines ehrlichen Mannes. Und die war ganz unverbraucht, und ich hatte sie dir geschenkt. Aber du hast sie totgeschlagen. Pharisäer bin ich nicht. Und ich kann mir auch denken, daß die Liebe Himmel und Hölle zugleich sein kann. Aber warum du nichts von mir vor deinen Namen gesetzt bekommst, das ist, weil du dem braven Mädchen, das dir seine Krone schenkte, so lange Zeit nicht nachgefragt hast. Zu lange. Und ist sie verzweifelt, die Birgitt Dierks. Und die Großeltern dazu. Denn ich habe deine Liebste gefunden. – – Im Moor. Aber ihr Kind konnt' ich vor dem grausigen Moortod bewahren. Zwei Leben auf dem Gewissen zu haben, hat dir der Herrgott erspart. Das Kind ist gesund, aber es gehört nicht mehr dir, sondern mir. Wenn du Ansprüche machst, mußt du klagen gehn. Ich bin Vormund und bald sein Vater. Bin ledig und bleib ledig, nehme die alte aber noch rasche Magd Gesine Hansen zu mir. Die betraut das Kindlein auch jetzt. – Wenn du einmal heimkommst von deiner Forschung, dann ist aber der Hof frei von uns dreien. Ich will den kleinen Dierkhof groß machen, und das Lüttje dazu. Mit Gottes Hilf, Amen! Den Foliant mußt mir aber lassen. Weil ich ein Sleef bin. Er wird dir schon nach meinem Tod ausgeliefert werden. Es kann auch sein, daß du vorzeitig heimgerufen wirst, Vetter Jochen Sleef. Da ist eine ganz wunderliche Klausel aufgedeckt worden im »Fulliant«. Haben's mir schon meine Eltern gesagt, als ich ein »Bübel« war. Aber damals wollt' ich Konditor werden oder Generalfeldmarschall, deshalb hat es nicht im Gedächtnis gehaftet. Als die Klausel ruchbar ward, haben sich gleich noch zwei »Sleefs« gemeldet. Aber ein kluger Rechtsanwalt schreibt mir, wir könnten sie ablehnen. Es sind unsichere Kantonisten. Wenn Dir der Sleefkamp zugeschrieben wird vor Gericht, so ist er Dir vergunnt. Mußt mich dann aber nach Recht und Gesetz auszahlen. Das Geld kriegt mein Kind Birgitt. Der Dierkhof kann's brauchen, hat nicht arg guten Boden. Aber die Hauptsache ist, daß ich kein Geld von Dir nehmen will. Denk drüber nach. Ich bin ein grober Knecht, daher sag' ich die grobe Wahrheit in Dein feines Gesicht hinein. Und hehle es Dir auch nicht, daß mir das Weh drüber das Herz abfrißt. – Wie den liebsten Bruder hab' ich Dich geliebt ... Wien Sleef, Knecht. Sleeflamp, 17. Juni 19 ... Muhme Kordula ist immer noch unsichtbar. Krank, sagt Gesine. Und die Amei sei bei ihr, aber nur kurze Zeit, und spräche nicht drüber. Sie wird sich wohl auch »bei klein« zur Heidjerin auswachsen. So was steckt an. Ich sitz' allein beim Frühbrot, beim Mittagmahl, bei der Vesper, beim Abendessen. Und weil die Amei mich meidet, bestell' ich mir lauter bayrische Gerichte. Milchsupp' und Knödeln, Hutzeln und kalte Nanscherle. Dann lachen die Heidjerdeerns. Aber ich gewöhn' mir schon wieder »Junggastermanieren« an, und war doch so schön im Zuge, »feiner Hund« zu werden bei den beiden Vorbildern. Heute nach Feierabend klopf ich aber an den Pesel der Muhme Kordula. Wenn sie krank ist, muß Doktor Kraatz her – »sie mag net«, heißt's im Liedel, »aber sie muß.« Nachts 12 Uhr. Ja freilich, da hilft kein Doktor. Das ist Weihdag, was man nur vor den Herrgott bringen kann. – Ich braucht den Schlafpesel nicht zu stürmen – sie ließ mich rufen. Und lag auch nicht in der Döntche, saß aufrecht im Ohrenstuhl. Aber das Gesicht, das schöne, schier faltenlose Altfrauen-gesicht – – hager, zergrübelt, verstört war es geworden, und die glanzvollen Heidjeraugen leer, und doch rot und brennend, wie Augen tun, die nicht weinen können. – Sagt' ich nur erschüttert: »Muhme Kordula l« Und ließ mich wieder vor ihr nieder, weil ich ihr nicht zumuten konnt', so hoch zu schauen. Und ist's schier, als ob es der Doktor Jochen heraufbeschworen hätt' damals mit seinen Worten: »Die Muhme Kordula sieht aus, als ob man den Kopf in ihren Schoß legen und ihr seine Sünden beichten könnt'.« Ich hatte keine Sünden, aber ein gottsunmöglich schweres Herz. »Wien«, hebt sie an, »du hast's gewußt?« »Ja, Muhme Kordula.« Ihre alten, zitternden Hände streicheln wieder meinen Haarwald. »Wien, ich bin waidwund, mich bringt's zur Strecke.« »Deshalb hast du dich verkrochen, Muhme? Vor mir?« »Vor jedem, Wien. Aber dich hab' ich am meisten vermißt. Die Gesine hat gewinselt vor meiner Kammertür, und die Amei hat den Pesel gestürmt, wie eine Festung. Aber dich hab' ich rufen lassen.« »Ich wollt' auch stürmen, Muhme. Just da kam dein Ruf.« »Wien, meinst, daß mir eine Brasil hilft? Soll ich's probieren?« »Aber ja, Muhme Kordula.« Ich war schon aufgesprungen. Denn vor einer Brasil, die eine Frau pafft, vergeht die Weichheit. Aber das ist gut. Denn wir mußten ja beraten über Wichtiges. Deshalb holt' ich mir auch mein Pfeifchen, das wertvolle, handgeschnitzte Schwarzwald-Pfeifchen. Und setzt' mich in den andern, noch mächtigeren Ohrenstuhl, und wir schmauchten uns erst mal in die Ruhe hinein. »Wien, was soll's werden?« sagte sie endlich. Und ich konnt' nun auch ihr Angesicht erkennen, denn der Qualm verzog sich. »Was ich tun will, hab' ich der Muhme neulichs seggt.« »Und da wußtest du es schon? Du Erzbraver?« »Beileibe gehört da keine Bravheit groß dazu, Muhme Kordula. Nur die Liebe zum Namen Sleef und zum Kamp.« Da stand die Muhme auf. Und wehrte ab, als ich sie stützen wollte. »Bleib sitzen, Wien – du bist mir sonst zu groß.« Und sie nahm meinen narbigen Kopf in beide Hände und küßte mich auf den Mund. Ich muß es aufnotieren zum ewigen Gedenken. Am 17. Juni 19... hat Wien Sleef, der häßlichste Knecht in weiter Runde, den ersten Kuß bekommen, sechsunddreißig Jahr bin ich alt. Wer hätte mich wohl küssen sollen? Man mußte ja mit seinem Mund die garstige Narbe streifen... Hab' Dank, Muhme Kordula! Für diesen Kuß wirst mal ein Engel im Himmel. Ich kann mir niemalen denken, daß das bloß wunzkleine Kinder werden, wenn sie sterben, sondern auch alte Frauen, Mütter und Großmütter, die das Herz auf dem rechten Fleck hatten, als sie noch auf Erden wandelten. Und die ihr eigen Leid in Segen wandeln konnten für andere. – Lange haben wir noch gesprochen an jenem Abend, bis der Muhme die Augen zufielen. Aber nun wissen wir beide Bescheid. Sind ganz eins in dem, was zu tun ist. Sleefkamp, den 19. Juni 19 .. Die Amei hat wohl jeden Tag einen Brief gekriegt, dünkt mich. Woher die Schreiben kommen; weiß ich nicht. Amei lauert den Boten auf am Waldsaum. Kann's wohl nicht erwarten. Ist recht. Wir haben ihr nichts gesagt von dem Häßlichen, was um die lüttje Birgitt drumrum ist. Muhme Kordula ist noch aus der alten Schul, die brächt' es nicht über die Lippen der Enkelin gegenüber. Und ich? Da sei Gott vor, daß ich der Jungfrau den Verlobten verekeln sollt. Vielleicht ist sie auch als Großstadtkind wissender, als ihr reines Gesichtel verrät. Und die großen Augen, die schauen wie Kinderfragen aus: »Mutterle, wo komm ich her?« Kann auch sein, sie weiß Bescheid, und in der Stadt nimmt man es nicht so genau mit dem Bräutigam. Da hat sich manch einer eine Last vorzuwerfen, und spricht doch einem reinen Geschöpfchen von seiner Liebe, und macht es zu seinem Weibe und verdirbt es bis ins dritte und vierte Glied. Wie die Bibel von den Sünden der Väter sagt. Aber der Doktor Jochen ist ja nur leichtsinnig, nicht schlecht. – Ich komme auf die Schliche der Muhme Kordula, die ja auch bei Jedem das Gute rausfindet. – Briefe wegschicken tut die Amei nicht viel. Gestern ritt ich nach der Poststation, da gab sie mir einen mit. Der trug die Aufschrift: »Seiner Exzellenz dem Herrn Generalleutnant von Sleef.« Eine Handschrift hat die Deern, wie jemand, der alleweil zu befehlen gewohnt ist. Ich glaub', die wird sie behalten, auch wenn sie mal zu gehorchen lernt. Hat aber keine Not, daß es je geschieht. Ich bin recht im Zusammenhang mit Sr. Exzellenz. Wenn wir auch nichts von einander hören und sehen, ist es mir doch immer, als ließe er mich grüßen, wie damals vor Wochen. Da warf mir jemand seinen Gruß an den Kopf. Ich fing ihn auf und bewahr' ihn seitdem. Möcht' ihn wohl gern wieder grüßen. Am selben Abend. Hab' mich nicht lang besonnen. Den besten Bogen sucht' ich heraus. Hab' freilich nicht viel gute: »Eure Exzellenz, ich bedank' mich schön für den Gruß. Der ›Onkel Ernst‹ will mir nicht mehr über die Lippen, oder aus der Feder. Weil wir uns nicht mehr sehen. Aber wie ein Vater war Eure Exzellenz immer zu mir, das soll wahr sein. Unsern Abschied vergesse ich nie. Der ganze Sleefkamp, soweit ich drüber zu befehlen habe, grüßt herzlich. Gesund sind sie alle. Wien Sleef, Oberknecht auf Sleefkamp.« Nun weiß er Bescheid, der General. Denn die Deern wird ihm wohl nicht geschrieben haben, auf welche Art und Weis' sie mir den hohen Gruß übermittelt hat. Das war die richtige Insubordination. Ich bin rechtschaffen drin in der Arbeit und muß eine Nachtstunde für den Folianten verwenden. Macht mir nichts aus, denn es ist schier meine einzige Freude. Muhme Kordula hat sich zwar wieder zurecht gerückt, aber so ein Erleben an der eigenen Sippe, auf die sie so bannig stolz ist, das kann wohl tiefen Schatten werfen auf solch' feine Seele. Ich selbst geh' herum, als hätt' ich einen Kater. Wie der ist, das hat mir der Doktor Jochen mal erzählt und ausgedeutscht, denn ich kannte so ein Tier nicht, das vom Suff herstammt. – Bin also eigentlich kein braver Mann, weil ich nie einen Rausch hatte. »Sollst dich was schämen, Wien«, sagt selbst die alte Gesine. Und das Schlimmste ist wahrscheinlich an mir, daß ich mich nicht mal schäme. Denn meine Nachfahren können es hier lesen: »Ich war nie neugierig.« Von der Neugierde kommt viel Ungutes. Sie ist ja auch höchstens eine Stiefkusine von der »Wißbegierde«. Nun hab' ich deshalb allerhand beim Schicksal zugute. Ob es mir wohl noch die große Liebe schenkt? Und den Rausch? Manchesmal ist ja beides dasselbe, hab' ich irgendwo gelesen. Aber da müßt' ich ja ganz und gar ein anderer werden, sollte das bei mir zutreffen. Verhoffs nicht. Heute ist Sonntag. Da kommt man leicht ins Sinnieren. Nach der Kirche, die ich nur mit dem Knecht Hannes besuchte – die Muhme ist noch nicht wohl genug, und die Amei, die das Gotteswort immerhin am nötigsten hätte, fehlte im Sleefkampstuhl. Gesine desgleichen. Aber die kann wohl die lüttje Birgitt nicht verlassen. Die Zeit, die mir noch zum pünktlichen Mittagsmahl blieb – Muhme Kordula ist immer auf die Minute da – warf ich mich in die grüne Heide. Arg schön ist sie jetzt und riecht so wundergut. Stärker noch als die rote Blust im August. Beinahe, wie die Erde im Herbst, wenn man durch den Kiefernforst wandert. Wenn man so einsam ist, wie ich, ohne Freund, noch Feind, nur so selten mit der alten Frau zusammen, ohne Weib und Kind, denn das Lüttje gibt mir ja noch nichts, spricht mich auch nicht an wie eigen Fleisch und Blut – da wird man leicht zum Kalendermacher. Muß auch mal sein. Ich liege gern in der Heide, wenn die Tage hintereinander warm waren, wie eben jetzt. Dann habe ich den blauen Himmel über mir, und wenn ich blinzele, könnte ich mir einbilden, die Augen der Amei schauten auf mich. Das liebe Gesicht meiner Mutter und das gottstausendschöne von der Base Amei verschwimmen jetzt manchesmal ineinander, und dann schüttelt mich das Heimweh. Es muß mir vom Ahnen, dem Heideschäfer Erne Sleef, überkommen sein, oder auch vom Urgroßvater Ode Sleef, der ein ganzer Sinnierer war. Gedichte soll er gemacht haben, sagt die Muhme, und zutiefst in einer alten Truhen müßte noch so was liegen. Kann gar nicht angehen. Ich könnt's um Leib und Leben nicht. Und doch hab' ich's gern, wenn schöne, gute und seltsame Worte sich aneinanderreihen, und daß sie zuletzt einen gleichen Laut geben. – Muhme Kordula hat ein feines Büchel mit lauter Gesängen über die Heide und die Kirche und die beiden Flüsse, das liest sich rechtschaffen und manchesmal hab' ich die Worte singen müssen, so stark tönte es beim Lesen. Und heute in der Kirche mußt ich dran denken und der Pfaarer wird's mir schon verzeihen, daß eine Weillang seine Worte an meinem Ohr vorbeigingen, ohne zu zünden. Denn die hohe Kerze vor dem gekreuzigten Heiland gab so lichten Schein, und da dacht' ich an das Gedichtbüchel und was ich drin gelesen vom Jemand, der viel gute Worte sprach und ein Herz betörte. Und der so wunderschön singen konnte, daß man wie in einer Kirche sich dünkte. Und die Worte und Töne – Rauschten hin wie Orgelklang Durch mein lauschend Herze, Drinnen auf dem Altar sang Eine weiße Kerze ... So sagt das Gedicht. Und vor mir brannte just die weiße Kerze. Schlank und lilienfein war sie, wie die blonde Amei. – – – Ich mußte aufspringen aus der grünen Heide, sonst hätte ich den Sleefkamp vergessen und das Mahl. Da kam auch die Deern gegangen, hatte wieder das blaue Kleid an und einen großen Strauß Vergißmeinnicht in der weißen Hand. Ordentlich weh tat es mir, daß sie keine braungebrannte derbe Bauernhand hatte. – Was ging's mich an? Schier mürrisch gesellte ich mich zu ihr, und wir schritten selbander nach dem Sleefkamp. »Ich hab' Sie nicht gesehen in der Kirchen«, hub ich grämlich an. Das Grämliche ist ja aber nur eine Waffe von mir. Könnt' sein, daß aus sanften Worten gleich eine Flamme zu ihr züngelte, das darf nicht sein. »Hab' Sie auch nicht gesehen, Vetter Wien, denn ich war nicht drinnen«, gab sie zurück und lachte. Wenn jemand spottet, bin ich schon gleich der Tölpel. Und deshalb sagt' ich gar nichts. Aber sie hat ja Worte und Weisen im Sack je nach Gutdünken. Und war ganz Sanftmut: »Die Obermagd Gesine mußte ganz rasch ins Nachbardorf zu einer kranken Verwandten, da hab' ich die kleine Birgitt übernommen ...« Und so stand ich verbast da, und sie war wieder mal der Engel gewesen. – Dann gab sie mir plötzlich »den Letzten«, wie wir früher als Kinder taten, und hatte ordentlich zugeschlagen, die feine Deern, und lief mir fort zur Muhme Kordula. Und das war mir doch zu dumm, daß ich alter Mann von sechsunddreißig Jahren sollt' nachlaufen. Fangen kann ich sie ja doch nicht, und aufheben und hineintragen in die grüne Heide, wo sie am dichtesten ist ... Wir fanden zum Mittagsmahl die Muhme Kordula recht gedrückt und grau aussehend vor. Die Haare sind schlohweiß, und wie bei allen Sleefs dicht und voll. Aber das Antlitz war grau. – Wie mich das ängstigt! »Wo kommt ihr Herumtreiber mitsammen her?« fragte sie aber mit Humor. Ich kann dann jedoch nicht in diese Kerbe hauen, es hindert mich meine Tölpelhaftigkeit. »Siehst ungut aus, Muhme. Macht dein Herz dir zu schaffen?« Sagt' sie ruhig: »Des Menschen Herz schlägt seinen Weg an, aber Gott gibt, daß es weiter gehe.« Ist das auch eine rechte Antwort? Und sie bleibt aufrecht stehen, faltet die Hände. »Willst dich nicht setzen, Muhme Kordula?« fragt auch die Amei besorgt. »Vor meinem Herrgott stehe ich, weil ich nicht mehr knien kann.« Und da schießt es mir doch ins Gebein, daß ich am Tisch hinknie, was ich noch niemalen getan an einem schlichten Sonntag, ohne Feiertagsbedeutung, und – die Amei kniet neben mir. Du wirst nicht ungut auf uns schauen, lieber Herrgott, weil du weißt, wir taten's nicht deinetwegen, sondem für die Muhme Kordula. – Aber so glückselig bin ich noch nie gewesen, wie in diesen Minuten. Die Amei neben mir knieend. Die Stube ward zum Altar. »Amen« sagte Muhme Kordula. So kann es ja gar nicht weiter fortgehen. Ich bin ein ganz schlechter Kerl. Es gibt ja keinen Gedanken, keine Tat, die ich nicht mit der söten Deern verknüpfe. Schluß wollt' ich machen. Und ruf' die Amei an zwischen Suppe und Braten, daß die Muhme sich baß verschrickt: »Wann gibt es denn nun Hochzeit?« Gabel und Messer fallen der Deern aus der Hand. Aber was sagt sie nach einer ganzen Weil'? »Es ist gut, Vetter Wien, daß Sie nicht in die diplomatische Laufbahn gehen.« So ein Ding, so ein Junges, so ein Garnichts – – – und haut einen Satz hin, der mich wieder für viele Wochen mundtot macht. »Ihr seid nicht unterhaltlich«, meint Muhme Kordula, hat aber schon wieder Farbe im Gesicht. Amei und ich schauen uns an wie Todfeinde. Was weiß so ein Lebewesen, wie schwer mir die Frage geworden ist. Ein Opfer war's. Und weiß eine glückliche Braut nix anderes zu antworten, als von der Diplomatie? – Ich bin hinausgegangen. Eine Verbeugung kann ich nicht machen. Mutter Amei hatte mich als Bübel einen Kratzfuß gelehrt. Totlachen wollten sich dazumal die Insten, als ich ihn dem Landrat vorsetzte. Hab's nicht wieder getan. So kam die Muhme Kordula um einen Händedruck vom Knecht Wien Sleef. Und ich lief mehr, als ich ging zur Arbeit im Hof und in den Ställen, in Speichern und Scheunen. »Hast wohl ein böses Gewissen, Wien, bist so unrastig?«, fragte der brave Knecht Onnen Tewes, der damals auf mich gewartet hatte, als ich nach Mitternacht erst heimkehrte von dem grüblerischen Gang. Ich fuhr zusammen und schaute ganz verstört in sein Gesicht. Dann sagte ich schwer: » Ja! Hast recht! « Und bin in meinen Schlafpesel bei den Ställen geschwankt, den ich benutze, wenn mal ein wertvolles Stück Vieh bewacht werden muß, das krank geworden ist. – Wertvoll bin ich nicht, aber krank. – – – Sleefkamp, 20. Juni 19 .. Der Knecht Onnen Tewes hat sich verjagt über meine Antwort und über mein Aussehen. Hat andern Tags zur Muhme gesagt: »Oberknecht Wien möt mol 'n Urlaub hebben. De is nich in de Reih. Un wat fangen wi an, wenn de Wien streikt?« Guter Onnen Tewes, der Wien streikt nicht, bis ihn der Herrgott auf den Schragen streckt. Und dann wird er wohl auch für 'n Ersatzmann sorgen. Das hat nicht etwa die Muhme Kordula gesagt, sondern ich sage es jetzt in Gedanken hin an den besorgten Onnen Tewes. – Denn die Muhme Kordula ist ja so erschrocken gewesen über mich, daß sie schon Doktor Kraatz hat holen wollen. Genau wie ich es für sie tun wollte. – Aber die Amei hat für mich gestreikt. Als sie hinreiten sollte zum Arzt, weil man mich einfach überrumpeln wollte und kein Knecht in dieser hilden Zeit zur Verfügung stand, hat die zarte Amei gesagt: »Ich jedenfalls mach' mich nicht lächerlich für so ein Riesentier einen Doktor zu holen. Der Knecht denkt höchstens, ich wollt' ihn vergiften lassen.« Es ist schade, daß die Deern keine Brasil raucht. Aus den Fugen ist sie. Faucht manchmal wie eine Meerkatze. – Weiß nicht, was sie hat. Ich leg' ihr nichts in den Weg. So ein schönes Mädchen, und sieht aus wie vierzehn Tage Regenwetter. Das haben wir nun auch. Mit der Heuernte ist es Essig. Sleefkamp, 5. Juli 19 .. Ich hätte ruhig weiter den »Fullianten füllen« können, denn unsere Wiesen, auf denen jetzt die Heuernte in vollem Gange sein sollt', ersaufen uns. Wie lagen die Schwaden so sauber und pünktlich da. Die Nachbarn sagen: »Der Wien Sleef nimmt 'n Zirkel mit, wenn er Gras mäht.« Jetzt hat's ausgezirkelt. Wenn dreizehn Tag lang tausend Eimer Wasser über 'ne Wiese ausgeschüttet werden, dann liegt das Gras wie schwarze Klumpen da. Und wie war die Muhme Kordula so freudenvoll gewesen, als sie die hohe Grasblüte erschaut hatte. Hatte noch den weiten Weg munter am Handstock gemacht, ließ sich die Halme durch die Finger laufen: »Schaut her, Sleefkamper, wenn ihr Gottessegen sehen wollt.« Mit dreihundert Zentnern auf unserer Hektarwiese hatten wir schon geliebäugelt. Jetzt geht's vor die Hunde. Kein Vieh rührt's an, ist nur noch als Streu gut, wenn's endlich trocken wird. Da hat wohl das liebe Vieh eine feine Nase für das, was man in seine Krippen legt, ob da süße Milch drin ist in reinen Gräsern, oder nur Halbgräser, oder gegorenes Heu. – Ein Städter weiß da nichts von. Der schleckt seine Kaffeesahne und die süße Butter und dreierlei Brotsorten, denkt aber nicht weiter wie bis über die Breitseite vom Frühbrotstisch. Und sollte doch vorher ein ehrlich Gebet heraufschicken, daß der Bauer und seine Arbeit gesegnet sein möcht' vom Himmel. Sleefkamp, den 6. Juli 19 .. Man wird tranpüsterig, wenn man zum Fenster ausschaut. Regen, Regen, Regen. – Muhme Kordula hat ihren »Tismus«, wie Onnen Tewes unentwegt sagt. Aber sie will sich nicht in die Heia legen mit Warmkruken. »Dazu bin ich zu jung«, sagt sie und qualmt. Was ja auch nicht gegen das Rheuma ist aber dafür . »Wenn ich hundert Jahr bin«, dann könnt ihr mich pflegen, so lang hatt' dat Tid.« Nun sitzt sie im Ohrenstuhl, drin alle Ahnen »ausgerastet«. Aber an's Ausrasten denkt sie nicht. Das wär' ja auch schlimm, und dann hätte der Wien gar nichts mehr auf dieser Welt und könnt' sich gleich neben sie legen. Nein, Wien hat ja das Kind und darf nicht davonlaufen. Muhme Kordula raucht, und hie und da schuddert sie etwas zusammen, es ist ihr »unmustern«, wie sie sagt. Ich denk' so bei mir: »Willst der alten Frau doch nochmal zureden, sich hinzulegen«, da wird sie ganz lebendig, tut einen tiefen Zug aus der Brasil und ruft frohmütig: »Hallo, Wien, marsch, marsch, ich hab's! Steck' den Ofen an! Aufgeschichtet ist alles drin, ›Fuhrenäppel‹ und Holz und Späne und Torf. Wat sull wir frieren, wenn der Stadel voll Gottessegen ist. Un weißt was, Wien? En düchtjen, ornlichen Grog braust du üs! Hast wat seggt, Wien?« Nein, das hatt' ich nicht getan. Aber nun mußt ich doch ludhals lachen. »So is recht, Muhme! Wer lange Grog trinkt, lebt lange.« »Dummheit lacht«, rief sie, und es sollte streng klingen, aber es gelang nicht. Während ich einen brennenden Fidibus an den geschichteten Holzstoß im braunen Kachelofen hielt, kam die Amei herein und fragte erstaunt: »War das der Wien, der gelacht hat; oder du, Großje?« »Wir beide lachten büschen ein Duett«, log die alte Frau ganz kandidel, »und jetzt woll'n wir ein Duett trinken, machst mit, Enkelin?« Und die Amei: »Dat do ik! Ik müch'n Grog. Grog war mein Einstand im Sleefkamp. Weetst noch, Wien?« Da bin ich hinausgestampft. – Wenn sie mich so anschaut, und dann noch lacht mit den Wunderaugen und den weißen Zähnen und pladdütsch schnackt un Grog will, un mir das »Du« gibt – – – War aber bald wieder drin. Hatt'n groten Buddel im Arm und hinter mir her trug die Magd einen Kessel mit kochend Wasser und schönen, alten Gläsern, die durch Generationen heil geblieben sind. Und die Magd hat gor keen Tid zum Verstaunen, denn die Amei deckt flink den runden Eichentisch, nimmt der Magd alles ab, bis auf den heißen Kessel. Stellt in jedes Glas, das schon mehr einen Humpen darstellt einen silbernen Löffel, etabliert in dem Glas ein großes Stück Kandiszucker, und über diesen Kristallberg fließt nun der Rum, als ob 'n olen Seemann ihn trinken sollt'. Und dann das sprudelnde Wasser, aber mit Maßen. Dunnerkiel – ich hatt' noch nie in meinem langen Leben eine feine Deern son Schluck brauen sehen. Muhme Kordula schaute schief und machte die Augen klein, ich dacht' schon, sie würd' schelten. Aber als die Magd mit dem Kessel hinausging, rief sie ihr nach: »Häng' ihn über den Dreifuß und halt' ihn kochend. Auf einem Bein steht der Heidjer nicht.« Aber den letzten Satz rief sie sachtgen zu uns, denn sie will ja beileib kein Ärgernis geben. Aber die Maßen heimelig war es im Wohnpesel der Muhme Kordula. Sie hob ihr volles Glas zu uns beiden, pustete gewaltig und trank – man seggt sonst »wie eine Alte« – aber sie trank wie eine Junge und stieß mit der Enkelin an. Aber die Amei und ich sahen uns gar nicht. – Sie tat's wegen Bosheit und Launen nicht, und ich nicht wegen Ehrenhaftigkeit. – »Wer ein Weib ansiehet ihrer zu begehren.« – – – Und ich weiß, und der Herrgott weiß es erst recht – ich begehre ihrer, sobald ich in das schöne, liebe Sleefgesicht schau. Ich bin ein ganz schlechter Kerl von Ur to En'n. – Alle Schönheit der ganzen Sippe hat die Deern geerbt, aber anschauen darf ich's nicht. Weil ich gleich wieder meinen Kopf verliere. Den Kopf mit den Narben, samt dem groben Gesicht und den garstigen Wunden. Und das Einzige, was unversehrt blieb, die »schönen Augen«, wie die Obermagd Gesine sagt, die darf ich nicht gebrauchen. – Aber ich gebrauche sie, wenn Doktor Jochen wiederkommt. – Dann seh ich ihn durch und durch. – Brennen sollen ihn meine Augen, wenn sie ihn fragen: »Verdienst du die Amei?« Jedenfalls waren wir aber aufgeräumt und warm geworden von dem Grog. Aber nur die Muhme Kordula hat zwei Gläser ausgetrunken, ich nur eins, und die Amei hat nur ein paar Schlückchen getan. Aber die Muhme ist von altem Schrot und Korn, stapfte aufrecht in ihren Schlafpesel, und nur der Handstock wurde etwas fester aufgestoßen. Sie sprach noch stehend den Abendsegen, winkte uns mit der Hand und sagte: »Ich gedenke einen guten Schlaf zu tun.« Eine prachtvolle Frau. Ich werde andächtig, wenn ich an sie denke. Was sie tut, das tut sie ganz. Und ist es just was Starkes und Lustiges, wie etwa der Grog, dann zwingt sie es desgleichen. Sie hat sich allzeit selbst ernst genommen. Aber der große, starke, große Wien mißtraut sich selbst. Ist schlapp geworden. »Ein Mägdelein nasführet ihn«, heißt es in einem uralten Liede. – – – Sleefkamft, den 8. Juli 19 .. Heute war der Landjäger endlich einmal wieder bei mir. Ich hab ihn damals bei der traurigen Suche nach der jungen Mutter Birgitt Dierk nur als Beamten kennengelernt. Aber viel Menschlichkeit und gutes Wesen schauten auch an jenem Tage aus seinem Gebahren. Heute jedoch, da sah ich gar keine grüne Uniform mehr, sah nur einen armen Menschen, der Trost suchte. Weil er Tag für Tag etwas sucht, und nicht finden kann. Und kommt zu mir, weil ich Vater von der lüttjen Birgitt werden will. Aber immer noch nicht bin. Unser Pfarrer hat sich das leichter gedacht, aber das Amt macht ja so viele Striche durch schöne Rechnungen. Fünfzig Jahre muß ich erst sein, daran hapert's. Achtzehn Jahr muß man älter sein als das Kind. Und ich hab' sechsunddreißig Jahre mehr auf dem Buckel als Lütt-Birgitt. Aber es geht nicht. Warten wir also noch vierzehn Fahre, wenn uns Gott das Leben schenkt. War gestern auf dem Amt. Sagten mir die Herren, ich könnt' ja jeden Tag heiraten und Kinder kriegen, und die würden dann benachteiligt von Lütt Birgitt. Ich und heiraten! Ich hätte den Herrn gleich das Gegenteil beschwören mögen, aber sie ließen sich nicht drauf ein. Bürgerliches Gesetzbuch. Nun, sie müssen das wissen, und ich bin ärgerlich fortgegangen, weil man einem ehrlichen, einsamen Knecht nichts gönnt. Der brave Landjäger trägt Herzeleid. Hat die Birgitt schon gar lange geliebt. – Ich weiß, wie das tut, wenn man in ganze Hoffnungslosigkeit hineinschaut. Und er quält sich mit dem entsetzlichen Moortod der Liebsten, nachdem ein Schuft sie verdorben hatte. »Sie ist nicht verdorben, Arne Brodersen«, sagt ich – denn wenn ein schwer geprüftes Menschenkind so gebeugt vor einem sitzt, dann ruft man ihn mit Namen und nicht mit einem hochmögenden Titel. »Birgitt Dierks ist nicht verdorben, die ist von Stund' an hinauf zum Herrgott gekommen.« Da schluchzte er schwer. Aber er straffte sich auch rasch nach Heidjerart. Und erzählte, daß er niemals, keinen Tag bis zum Dunkelwerden geruht hätte, und alle Nachbarn des Dierkhofes hätten geholfen und das Amt und der Landrat hätten Hilfskräfte beordert – nichts, nichts hätten sie gefunden. An dieselbe Stelle seien sie zurückgekommen, hätten nichts ausrichten können, und wo das Kindlein im roten Tuch gelegen, stehe jetzt Wasser. – Das hört sich übel an, wenn man so etwas erzählt bekommt. Und wir sind Freunde geworden, der Arne Brodersen und der Knecht Wien Sleef. – Nun muß ich wieder zwei Briefe einschalten, die Nachfahren werden sich damit abfinden. Berlin, den 9. Juli 19 .. Mein lieber Neffe Wien! Du hast mir einen närrischen Brief versetzt. Aber ich merkte, daß Dein gutes Herz dahinterstand. Wolltest mir Nachricht zukommen lassen von meiner Deern, wenn Du sie auch mit keinem Wort erwähnst. Du siehst, mir geht das »Du« großartig von der Feder, trotzdem Du ein alter Herr von sechsunddreißig bist. Und Du bist ein doller Kerl, daß Du mich hinten und vorne »beexzellenzst«. Aber ich komm' heute zu Dir recht im Vertrauen, und frage, ob Du weißt, ob die Amei Briefe von ihrem Bräutigam erhält. Brautleute pflegen sich nämlich jeden Tag dreimal zu schreiben, und bedauern, daß die Nacht zum schlafen da ist. Manchesmal ändert sich ja so eine verrückte Liebe, manchmal aber ist sie waschecht, das weiß ich aus Erfahrung. Meine Deern schreibt nie etwas von ihrer Verlobung, oder wann die beiden an Hochzeit denken. Und die Mutter Kordula schreibt auch nichts. Aber ich weiß, wie praktisch sie denkt, und weiß, daß Truhen und Schränke voll Leinenzeug stecken, also daß das junge Paar über und über eingewickelt werden kann. Und daß die Amei ihren eigenen, großen Leinenschrank von ihrer Mutter selig gar nicht braucht. Wien – diese Mutter hat der Deinen geglichen. Du mußt eine ganz unvergleichliche Kinderstube gehabt haben! Und Deiner Mutter wegen, die ich nie gekannt, aber von der die ganze Sippe immer erzählt hat, hab' ich Dich auf den ersten Hieb lieb gehabt. – Lachen Sie nicht, Unteroffizier Sleef, wenn ein alter General tühnt wie 'ne alte Jungfer! Muß auch mal sein. – Und nun setz' Dich hin und schreibe mir mal 'n ordentlichen Brief. Laß mal wen anders die Kühe melken. Und wenn das nicht geht, dann krieg' die Amei beim Kanthaken und bring' ihr Mores bei als älterer Vetter, und sie müßte sofort einen Brief an ihren Vater abfassen. Wer aber auch von euch zweien schreibt, der soll von Jochen Sleef berichten. Hört Ihr? Mich interessiert jetzt hauptsächlich der Herr Schwiegersohn. Meine Deern kenne ich. Die ist verdreht von Grund auf und muß es von mir haben, denn meine Frau war ein Engel. – Man kann sich auf allerhand von ihr gefaßt machen und kann nie sicher sein vor den unglaublichsten Möglichkeiten. Aber wenn ein Mann sich verlobt hat, nachdem er bis über beide Ohren verliebt war, und wenn sich das Mädchen den Mann vom Vater ertrotzt hat mit der Versicherung, nie einen anderen haben zu wollen (dabei kannte sie nur Puppen, Hunde und Pferde), dann geht nicht der Eine nach Norwegen und die Andere in die Heide, wo sie am wildesten ist. Du sollst mir Auskunft geben, Wien, in Deiner verläßlichen Art. Muhme Kordula behauptet, Du selbst seist nie verliebt, alias unzurechnungsfähig gewesen. Also bist Du vertrauenswürdig. Und da gegen Deine Jahre die Amei das halbe Kind ist, so darfst Du sie als Kind behandeln und ihr den Kopf zurechtsetzen. Ich grüße Dich als Dein getreuer Onkel Ernst Sleef. Nachschrift ... wie ein Backfisch. Es genügt auch, wenn Du mir schreibst, daß Ihr das Haus voll Nähterinnen habt, die zur Aussteuer sticheln. Dann weiß ich Bescheid. Amei würde so was nie schreiben, die berichtet nur getreulich, wenn eins von Euren Pferden die Kolik hat. – Ich verstehe nicht viel aus dem Briefe Seiner Exzellenz. Weiß auch bei der Nachschrift keinenfalls, was der »Backfisch« bedeutet. Natürlich habe ich schon manch einen in der Pfanne gehabt, aber was er hier am Briefende soll, ist mir unklar. Und daß ich die Amei als »Kind« behandeln soll, und ihr befehlen an den Vater zu schreiben über Hochzeit und Aussteuer und Nähmamsells – – ich glaube, wenn berühmte tapfere Generäle aus ihrem von Gott gegebenen Metier herausgetan werden, dann sind sie »tüderig«, und wissen nicht mehr, was sie von einem alten Unteroffizier verlangen dürfen. Ich faßte mich deshalb kurz: »Exzellenz, Ihr Brief ehrt mich. Meinen Dank! Fräulein Tochter Amei spricht mit mir weder von Doktor Jochen Sleef, der mein Vetter ist und, früher mein Freund war, noch von Aussteuer und Nähterinnen. Sie spricht überhaupt nicht mit mir. Nicht mal von Kolik. Ich bitte, mich deshalb von all diesen Berichten zu entbinden. Gehorsamster Neffe Wien Sleef. Vielleicht ist dieser Brief verrückt. Ich fühle, daß ich bei klein verrückt werde. Ich möchte Ruhe haben. Ich möchte vom SIeefkamp fort, einmal muß es ja doch sein. Wozu also noch Wiederkehr des Hoferben, Hochzeit und Kindtaufen (bei welchem Gedanken man schon alles zusammenschlagen möchte), abwarten? Das kann auch einen Riesen zermartern, diese fortgesetzten Fragen und Anspielungen auf ein bevorstehendes, unsinniges Glück, an dem ich keinen Anteil habe. – Wenn meine Nachfahren diesen Satz lesen, werden sie denken, daß der Wien Sleef ein neidzerfressener Kerl war. Bün ik ok. Häßlich. Häßlich innen und außen. – Und dabei hat mir der Oheim General doch wieder einen Orden umgehängt. Und ich könnt' zufrieden sein. Worauf ich manchesmal scheel sah – auf die gute Kinderstube des Dr. phil. et rer. pol., des Vetters Jochen Sleef – die soll mein sein? Besteht sie denn nicht in dem, daß man ganz »feiner Hund« ist? Ist in mir, dem groben, einfachen Knecht inwendig etwas, was den Herrn General mich so ehren läßt? Wien, sag's nur – das freut dich bannig. – Das löscht so viel aus, womit man dich kränkte. Sleefkamp, den 10. Juli 19 .. Muhme Kordula verleugnet sich nicht. Sie weiß alles, was auf dem Hof vor sich geht, sie hat ihre scharfen Augen überall, ihr Herz hängt an allem, was dem Sleefkamp angeht. Und deshalb sieht sie mit dem Herzen und auch mit dem Verstand. Und das erstere freut die Dienstdeerns, und das zweite die Knechte. Denn brave Dienstleute halten auf Gerechtigkeit. – Muhme Kordula weiß genau, daß ich ohne Sorge um die Zeit jetzt in den Folianten schreiben kann. Sagt es schon, unser Heu ist ersoffen. Bis an die Knie kann man im Wasser stehen. Aber während ich schrieb, hat sich die Muhme Wasserstiefel angezogen und ist mit Knecht Onnen Tewes an die Wiesen herangefahren, hat alles mit großer Traurigkeit betrachtet. Müh' und Arbeit umsonst. Und mich hat sie nicht mitgenommen. »Du hast deinen »Fullianten«, das ist rechtschaffene Arbeit genug,« meinte sie hinterher, als ich arg fünsch war. »Wenn hilde Heuernte wär', und Gottes Sonnenschein über und über, hättest gar nicht schreiben können. Aber so war der Skribifar im Trocknen, und wir andern brachten keinen trocknen Faden mit heim.« »So«, sagt' ich übelnehmerisch, »und die Muhme Kordula hat sich natürlich nicht umgezogen und nasse Strümpf' anbehalten und wird morgen wieder Grog trinken müssen.« »Hä«, machte sie und vergaß ganz ihre Bildung, und daß sie die Ziehmutter von einem lebendigen General war, denn sie spreizte gegen mich mit allen fünf Fingern eine lange Nase. »Du kennst die söte Amei schlecht. Die hat mich wie eine Soggerpupp auf dem Wagen eingefatscht und mich dann ebenso ausgezogen und eine gute Stunde in die ›Heia'‹ gelegt. Und einen Heidemärker brachte sie mir, der heizte ordentlich ein.« »War denn die Deern auch mit von der nassen Graspartie?« fragte ich nun gereizt. »Dat schall woll sin«, gab sie fröhlich zurück, »und ich will dir's gleich sagen, Wien, ich wollt' dich rufen. Aber die Amei sagte: ›Laß em man sitten. Wenn he mitkümmt, denn zanken wi üs ok. Un denn hat man doch kein Spaß mehr.‹« »So? Eine vertrunkene Wiese macht ihr also Spaß? Du hättst mi dat gor nich vertellen solln, Muhme.« »Och du büs jo 'n richt'gen Haarspalter, Wien. Un ik segg dir, die Amei hat mir extra aufgetragen, dir das zu sagen.« Da saß ich denn wieder mit einem dicken Koppe da. Und spür's immer deutlicher, daß wir kein Zusammensehen haben, die Amei und ich. Und spür' außerdem, daß ich sie bald ebenso hasse, wie sie mich. »Gute Nacht, Muhme Kordula – ich geh' jetzt ins Bett.« »Das tu dü man, Wien! Da drin kannst dich höchstens mit dem Kopfkissen zanken, und das hat keine Widerred'.« Aber ein Foliant »füllet« sich schlecht, wenn das Herz schwer ist. Ich spür's ja, muß alle näslang aufspringen und aus dem Fenster schauen, so unrastig bin ich, und schau' doch nichts als Regen, Regen, Regen. Sleefkamp, den 11. Juli 19 .. Man möchte doch lieber arbeiten in dieser hilden Julizeit – arbeiten bis man liegen bleibt, arbeiten schier über die Kraft. Das dauert lange beim Wien, ehvor so etwas eintritt. – Aber tatenlos zusehen müssen, wie Gottessegen verdirbt, wegschwimmt, vom Vieh nicht angenommen wird, das ist hart für jemand, der mit Leib und Seel Landwirt ist. Onnen Tewes, mein Unterknecht, wird ganz hintersinnig in der Arbeitslosigkeit, obgleich genug sonst zu tun ist. Aber Winterarbeit machen im Erntemond, das ist nicht jedermanns Sach'. – Wenn Onnen Tewes sinniert, dann tut er närrsche Fragen. So als heute unser letztes Fuder Heu wegschwamm: »Oberknecht Wien, meinst, daß der Herrgott mal 'n Sommer überschläft?« Was soll man da antworten? Die Nachbarn, die Abbauer kommen auf den Sleefkamp gelaufen und lamentieren. Es treibt manches auf unserm Fluß, was nicht schwimmen gelernt hat. Drei junge Ferkel kamen gesegelt und eine alte Kommode. Zu rasch ist das Unwetter gekommen über unser Dorf. Die alte Gesine mußte wieder mal ihrer Verwandten beistehen, so ließ ich die Kalesche anspannen und Knecht Hannes fuhr sie bei dem Hundewetter zwei Dörfer weiter. Hört ich also die Amei wieder singen bei Lütt Birgitt an der Wiege. Aber diesmal kam ich nicht aus dem Gleichgewicht. Trat fest auf und klopfte an den Pesel und ein »Herein« hört' ich nicht. Trat ein. Diesmal schlief das Kindlein in der Wiege, und die Amei hielt das perlgestickte Wiegenband und schaukelte sacht. Bei all diesen heiligen Sachen, die einen Junggesellen so eigen anmuten, ist die Deern so ganz wie eine geborene Mutter. Nur wenn ich sie erwische auf einem andern Gebiet, dann wird sie der grausliche Jung über und über. – Ich sprach deshalb doppelt so leise wie sonst. Um sie kein bißchen zu erschrecken oder zu erzürnen: »Der Herr Vater bittet, Sie möchten mal einen ordentlichen Brief an ihn schreiben. Aber alles – aber auch über alles.« – Und dann wollte ich wieder zur Tür hinaus. Aber da rief sie hinter mir drein meinen Namen. Auch ganz leise, um Lütt Birgitt nicht zu wecken. So hatt' ich Grund, sie glauben zu lassen, ich hätte nichts gehört. Schloß die Tür mit einem Knacks und schritt schnell über den Hof zu Muhme Kordula. Meine Pflicht war getan, ich hatte ausgerichtet, was Seine Exzellenz mir aufgetragen. Aber recht wohl war mir nicht in meiner Haut. Beim Nachtmahl sah ich sie wieder. Muhme Kordula hatte sich im Nebenzimmer niederlegen müssen, der »Tismus« quälte sie zum Gotterbarmen. – Die Amei ging erst zu ihr hinüber, solange die Magd noch den Tisch deckte. Ich hörte ihre weiche, gute Stimme mit der Kranken zärtlich sprechen. Was hab' ich der Deern eigentlich getan, daß sie mit mir so garstig ist? Ich setzte mich an den Tisch und nahm von dem guten Rauchfleisch und den bayrischen Knödeln, welche die Muhme Kordula mir zu Liebe gern auftischen läßt. Da kam die Amei. Rief in der Tür: »Großche läßt grüßen, und wir möchten uns nicht zanken.« »Hab' kein Ursach'«, sag' ich. Fragt' sie herrisch: »Warum essen Sie schon? Man setzt sich nicht hin, wenn noch eine Dame erwartet wird.« – Meine Gegenred': »Ich hatte Hunger, und Sie sind ein Kind, Base Amei.« Von drüben tönt Muhme Kordulas Stimme: »Geht's schon los?« Da schwiegen wir eine Weile. Ich aß, als würd' ich dafür bezahlt. Nahm mir von allem, was auf dem Tisch stand, und wußte gar nicht, was ich auf meinem Teller hatte. Die Amei war so blaß, wie das Tischtuch vor ihr. Sie rührte nichts an. Ich tafelte weiter, aber der Zorn trieb mir Tränen in die Augen, die gar nichts mit Weinen zu tun hatten. »Widerlich!« rief die Deern. »Was?« rief der Knecht und stopfte weiter. »Das ›Gebahren‹ vom Knecht.« Häßlich sah die Amei aus, als sie das sagte. Die schöne Amei. Und sie hatte die Mundwinkel verächtlich heruntergezogen. »Du – – –« sagte ich heiser, »ich nehme dich bei den Ohren – – –« Sie sprang auf und sah mich an. Und sah mit einem Male hilflos aus. Und zum erstenmal zerbrach mein Zähzorn. Es war, als sollt' ich ein Tier quälen, wenn es gleich eine Wildkatz war... Und in den Augen von der Deern stand eine Frage und eine Angst: »Wirst du es wagen, du großer, grober Knecht Wien, ein Mädchen zu züchtigen – – die Amei – – die bald Herrin auf diesem Hof sein wird?« Ich kann meinen Nachfahren nicht schildern, wie mir zumut war. Wie vor einer großen, schweren Krankheit. Lachen werden sie vielleicht, daß ein Bauernknecht mit Bärentatzen nicht zugeschlagen hat. Nicht daß ich daran dachte, die zukünftige Herrin vom Sleefkamp vor mir zu haben – oder auch nur an die Deern selbst – – nein, es war der Name – – meiner Mutter Name – – – Schall und Rauch – sagt ein Dichter. Aber nach meiner Mutter war das Kind genannt worden; Amei! Den heiligen Mutternamen wollt' ich nicht schänden. – Das ungezogene, widerborstige Gör schaute ich gar nicht mehr an, das sich jetzt vor mir fürchtete – vor mir, dem Riesen, dem garstigen, ungeschlachten Knecht ... Ich konnte ganz ruhig aufstehen, konnte still den schweren Stuhl unter den Tisch schieben, zum erstenmal seit über dreißig Jahren, – denn mich hatte schon in der frühen Kindheit der Jähzornsteufel erfaßt, – hatte ich volle Gewalt über mich behalten, hatte der Schlange den Kopf zertreten. Und wahrhaftig – es kommt immer lächerlicher für mich und jene, die den »Fullianten« einmal lesen – ich setzte den Kratzfuß hin, den mich die Mutter als Bübel lehrte. Nicht die Amei bekam ihn, er war der Muhme Kordula im Schlafpesel vermeint. Denn ich ging ja. Ging fort für immer. – Nicht vom Sleefkamp. Denn da mußt ich ja meine Knechtspflicht tun. Die Muhme Kordula hatte mir ja nicht gekündigt. Und vom Sleefkamp läuft man nicht weg, wie die Magd vom Kind – – Respekt vor dem Dreihundertjährigen l Aber aus dem Hause ging ich. Großmutter und Enkelin gehören zusammen. Den Namen Großmutter hat sich die Muhme heilig verdient mit allem, was sie an dem General und seiner Tochter getan hat. Du da droben, lieber Gott, segne die Frau! – Morgen lasse ich mir von Onnen Tewes und dem Hannes meine Sachen aus meinem Pesel herübertragen nach der Knechtsstube, die neben dem großen Viehstall liegt. Die Möbel gehören mir, sind Urväterhausrat von den bayrischen Großeltern. Die waren auch beinahe so breit und lang wie die Sleefs, und jeder Schrank, und das Kanapee, und die Kommode nebst »Sekletähr« und den beiden Ohrenstühlen sehen akturat so viereckig aus, wie der Wien Sleef. Die Muhme Kordula wird mich traulich besuchen, solange ich noch in der Nähe bin und für sie schaffe. Bis zu ihrem hundertundfünften Lebensjahr werden wir uns noch mannichmal wieder in die Augen sehen. Fahr wohl, Heidehaus – Herrenhaus', Wien, der Knecht, gehört in den Stall. – Aber Muhme Kordula wird mich verstehen, das ist mir die Hauptsache. Sleefkamp, den 13. Juli 19 .. Eben ging der Landjäger fort, mein Freund, der Arne Brodersen. »Wien, wie sehen Sie aus?« fragte er, und war wohl erschrocken. »Wahrscheinlich, wie der Herr Landjäger«, gab ich zurück. »Wir können wohl sagen: ›wi beiden Smucken‹, aber ich will den Herrn nicht beleidigen. In der Häßlichkeit bün it Ihnen öwer.« Aber das waren nur Plänkeleien. Der Landjäger hielt plötzlich meine Hand, und das Sprechen wollt' nicht recht gehen. »Man hat sie doch gefunden«, stieß er heraus. »Die Birgitt Dierk. Aber nicht im Moor. Irr ist sie gewesen, weil sie ihr Kind in der Dunkelheit nicht mehr gefunden hat. Gelaufen ist sie verkehrten Weg, ein Bauer hat sie mitgenommen. Im Bremer Krankenhaus ist sie als »Unbekannt« verstorben. Liegt auf dem Riensberger Friedhof. Durch den Steckbrief ist alles aufgedeckt worden.« Arne Brodersen war erschüttert und doch wie getröstet. Das Denken an den grausen Moortod hatte ihn verstört. Jetzt wußte er die arme Seel' im behüteten Grabe, und wir zwei Gesellen wollen hinfahren und die Ruhestatt in Obhut nehmen, damit wir Lütt Birgitt in ein paar Jahren die Stelle weisen können. »Schau' Deern – in dem kleinen Fleckchen kann so viel Mutterliebe Platz haben.« Knechtsstube, 13. Juli 19 .. Als meine braven Mitknechte mein »Habchen und Babchen« mit mir eingerichtet hatten, nachdem die Gesine mir den Pesel wacker gescheuert und herausgeputzt, schenkt ich den zweien zwei Heidmärker ein. Mit einem Kipp waren sie verschwunden, und Hannes rieb sich den Magen: »Das brennt wie Gottswort, wenn man schlecht's Gewissen hat.« »Hast eins?«, fragte Onnen Tewes. »Bin nie ganz frei von«, gestand Hannes. Und dann erzählten sie: daß »de Fru« es hilde gehabt und kommandeert hätt', as wär' sie sülben en General.« »Was gab's denn zu kommandieren?« »Na, mit die Möbels.« Sie hätte sie alle erst selbst poliert und gewischt, ehe sie sie forttragen durften, und ein Gesicht hätt' sie gemacht ... »Was für'n Gesicht, du Drähnschnack?« fragte Muhme Kordula. And da stand sie im Knechtspesel und pustete gewaltig und stand patzig und heischend vor Hannes. »Och man sooo«, stamerte der und meinte dann treuherzig: »Fru, ik kann da nix vör – de Horcher an de Wand, horcht sin eigen Schand.« Grüßten noch mit Heidjerspruch: »Alltosamen« und stapften hinaus. Von der Tür aber war schnell etwas fortgelaufen, das wohl die alte Frau hergeleitet hatte. Ich hatte längst den bequemsten Ohrenstuhl hingeschoben zu ihr. »Mit Gott, Muhme! Halt deinen Einstand!« »Das will ich, Wien. Will dir die Ruh' nicht mitnehmen, gleichwohl du sie mir genommen hast.« »Und ich kann sie dir nicht geben, weil ich selber keine hab'.« »So heißt es im Liedel. Aber da waren es zwei Liebsleute, und hier ist die alte Muhme und ein junger Katteiker.« »So arg jung ist er nicht mehr!« Und ich ließ mich stöhnend in den zweiten Ohrenstuhl fallen. »Werd' ich nun hören, was ihr zwei gottverlassenen ›Stritschnucken‹ wieder mal miteinander ausgefochten habt?« »Was wir mitnander haben, das ficht sich nimmer aus, Muhme, das hebt immer wieder zu wachsen an, wie das garstige Ungeheuer im Altertum. Wenn man einen Kopf abriß, wuchs ein neuer.« »Nun laß man den Bandwurm, Wien – erzähl' auf meine Frage!« »Ich petz' nicht, Muhme Kordula.« »Das brauchst nicht. Die Amei sagt: ›Ich hab' ihn wieder mal wie'n Hund behandelt, da hat er sich gewehrt.‹« Ich schwieg. Hätt' ja doch nur sagen können: »So ist sie, die Amei. Erst schneid't sie einem die Ehr' ab, und dann verklagt sie sich.« Aber das hätte ja geklungen wie 'ne Anerkennung. »Und da mußte gleich weggezogen werden von uns? Mit allem Zubehör? »Ja, Muhme.« »Hast eine Brasil, Wien?« Nein Muhme, meine Brasils stehen bei dir drüben.« »So? Und der Kasten ist leer.« »Ich hab' nur meinen guten Varinas, Mischung Nr. 1.« »Protz! Gib her!« Das Pfeifchen, wieder das feingeschnitzte vom Schwarzwald, war bald gestopft, und die Muhme paffte behaglich. Ich hatte keinen Gusto drauf. Wir schwiegen lange. »Was soll's nun?« fragte sie endlich. »Willst mich wirklich verlassen, Wien?« »In Zeit und Ewigkeit nicht! Muhme Kordula! Bei uns heißt's: Pech und Schwefel!« Sagt die Muhme: »So riecht's auch beim Teufel und seiner Großmutter – – –« Die Stimme brach der alten Frau. »Muhme Kordula, ich bleib' ja hier, bis – bis – du weißt schon. Ich arbeite für dich und den Sleefkamp als treuer Knecht. Aber ich will auch des Nachts und allstunds hier im Abseits, nicht im Herrenhaus bleiben.« »Jesus, Wien! Herrenhaus! Schimpfst du's auch so? Ein Bauernhof ist's! Hast du den Respekt verloren, nur weil eine dumme Deern, ihn dir verekelt?« »Den Sleefkamp kann mir niemand verekeln! Da bin ich verankert. Da drinnen, Muhme, tief drinnen. Aber der äußere, grobe Knecht gehört in den Stall.« Muhme Kordula sah sich rings um. »Nun es ist ein ganz kommoder Stall. Was hast für gute Sachen, Wien! Kannst jeden Tag heiraten.« »Nie so etwas sagen, Muhme Kordula. Ich bin Einspänner.« »Das ist nicht wahr, Wien! Dann hätte der liebe Gott nicht gesagt: ›Ich will ihm eine Gehilfin schaffen.‹ Und du brauchst jemand, damit du dich nicht festfährst, und vielleicht braucht jemand dich, damit er nicht durchgeht.« »Dann will ich warten, Muhme Kordula, auf die Herrgottsgehilfin.« »So ist's recht. Und paß derweile gut auf deine Rippen auf.« Ich muß es dem Folianten sagen – es ist wie ein Trunk frisches Quellwasser, wenn man so ein paar Kraftansichten von der Achtzigjährigen zu hören bekommt. – Muhme Kordula will bald wieder kommen. Sie versteht mich zu tiefst. Vielleicht richtet sie sich sogar ein lüttjes Absteigequartier bei mir ein. Das Altgedinge, wo ich hause, birgt noch eine Menge Kammern und Stuben, sie sagt, sie braucht nur eine, worin sie sich dann mit dem Oberknecht Wien berät. »Konferenzzimmer« will sie's nennen. Ich hab' ihr zu bedenken gegeben, daß die Viehställe allzunahe sind. »Wien«, sagt sie, »auch wichtige Konferenzen der Großstadt werden manchesmal durch Ochsen gestört – warum nicht die in einem schlichten Bauernhof?« Als ich sie heimbringen wollte und die Fleettüre aufschloß, stand da eine weiße Gestalt in der Dämmerung, die nahm die alte Frau in Empfang. Und ich war tölpelich, wie allstunds. Gab schier Fersengeld. Aber ich blieb an meinem Kammerfenster stehen, bis die Tür des Sleefkamphauses sich hinter den beiden Frauen schloß. Ich klopfte dann noch an den Schlafpesel der alten Gesine, der sie und das Kind Birgitt herbergt. Sie war unwirsch. »Mach' keine neuen Moden, Wien. Meinst, weil du Patenohm bist, kannst mir das Lüttje aufwecken? Ist nicht munter, das Dinglein. Die Kuh muß sich im Grünfutter versehen haben.« »Mach der Kuh keinen Vorwurf, Gesine. Wie oft versehen wir gescheiten Menschen uns im Futter.« »Ich hab' dich noch niemalen für gescheit gehalten, Wien. – Mach' schnell und sag's, weshalb du noch rumgeisterst, zu nachtschlafender Zeit um halb neun. Und war das nicht ›die Frau‹, die bei dir war?« Da hab' ich ihr geschwind und möglichst leise Bescheid gegeben, daß ich jetzt bei ihr eingesiedelt wär und sie mich von nun an bedienen und betreuen müßt'.« »Ist recht«, brummte sie. »Von allen Mannsleuten bist noch der Unschädlichste. Weißt ja, unter Blinden ist der Einäugige König. Und hab' ich nun ein Kind, eine Kuh, zwei Schweine und einen Oberknecht. Gode Nach', Wien! Alltosamen!« Es ist Mondschein. Der alte Freund tritt zum erstenmal aus den Wolken, als wollt' er mich grüßen zum Einstand. Ich will noch die Fleettür leise aufschließen für die Stille, die draußen ist. Dann sacht den Riegel vorschieben. Vielleicht bleibt die Stille dann bei mir und »füllet« mein unruhiges Herz. Wie ich brav den »Fullianten« fülle. Im Altgedinge, 16. Juli 19 .. Ich komme eben von der Gemeindesitzung. Das ist so eine alte Gerechtsame vom Sleefkamp, welcher der größte Hof in der Runde ist, daß die Sitzungen hier abgehalten werden. Der Gemeindevorsteher, der in Brudlingen wohnt, nicht weit vom Dierkhof, ist noch ein alerter Mann von siebenundvierzig; deshalb macht es ihm nichts, herzureiten bei gutem oder schlechtem Wetter. Es hat auch noch niemalen jemand aufgemuckt in der Gemeinde, daß just auf dem Sleefkamp so ein Erbrecht besteht. Wo er doch so weit vom Dorf und der Kirche liegt. Das Dorf heißt ja auch Sleef. Und viele Vorfahren liegen dicht an der Kirche begraben. Aber vom Dorfe selbst gehört nichts mehr den Sleefs, sind genug Äcker und Wiesen beim eigentlichen Kamp nach unserer Seite hin. Wir haben bäuerliches Grunderbrecht. Aber der Ahn Ode Sleef hat bei der Eintragung in die öffentliche Höferolle einen Passus hineingetan, weswegen ich ja auch nochmal hier als Erbherr sitzen könnt'. Es ist eine verzwickte Sache, und ich will sie nicht auseinandertun. Bin froh, daß ich für den Sleefkamp arbeiten kann. Aber mit der hellichten Freude ist's vorbei, die ich damals hatte. Damals, das dünkt mich hundert Jahr, und ist noch nicht einmal ein einziges vergangen – – als ich einen Freund fand – glaubte »einen bessern findst du nit«. Und hab' ihm so einen Brief schreiben müssen ... Und er wird Herr hier, und meine Liebste führt er heim. Das ist schon zum Verzagen. Und ich schäm' mich nicht einmal, daß ich sie im stillen Kämmerlein – das ist mein Herz – meine Liebste nenne, wo sie doch einem anderen gehört. Aber ich schäme mich in »de grawe Grund«, daß ich sie Liebste nenne, da sie mir so feind ist. Ja, dafür veracht' ich mich selber. Und ich glaub' es zutiefst, daß eher noch gegen den Tod ein Kraut gewachsen ist, als gegen die Liebe. Will's gestehen, ich habe nächtens, als ich nicht schlafen konnt', im Folianten gelesen. Und sinniere seitdem, wie es angehen kann, daß in einer Sippe so arge Verschiedenheit in den Gliedern besteht. Also daß der eine den sturen Rechtsweg geht, den Blick gradaus. Und hat sein angetrautes Weib geliebt und geehrt, trotzdem es ihn bis in den Tod gescholten, gehänselt und gepeinigt hat. »Ein Sleef liebt nur eynmal«, steht als sein letzter Vermerk. Und schon sein bluteigner Nächster, sein Sohn hat sein schönes, junges und zartes Weib auf den Schragen gestreckt mit seiner Untreu. Der hat aber niemalen den Folianten gefüllet, sondern auf seinem Totbett, eine Stund vor seinem Scheiden auf eine leere Seiten gekritzelt, und da steht sein Spruch nun auch ganz für sich: »Ich möcht' meiner Sippen fluchen, weil's mir nicht das gegeben haben, was ich lieb hatt' ganz alleinig –« Und dann wieder eine Reihe mit lauter Gottessegen in der guten Ehe. Wenn auch die Sleefs keine große Kinderschar aufzeigten, waren sie doch gesund, auch die »alleinigen« Kinder. Und wurden streng erzogen. Auch große Schlagetots wurden sie, und der Wien der Größte von allen. Der Hoferbe, der für meinen Vater eingesetzt wurde, als der dem Hofe Valet gab – schrieb in den Folianten gleich zu Anfang: »Frigen schall ik! Fruensminschen bögt all nix! Fürch mi bannig! Bliew ik ledig!« Und über all den Kram, den ich hierhin tühne, bin ich von der Gemeindesitzung abgekommen. Die war schon vorbei, als ich gerufen wurde unverhofft. Denn ich gehör' da nicht hin. Und nun nützt es nichts, daß ich von all den Sachen nix schrieb, weil es mir so arg widersteht, den Großmogul zu machen. Muß es nun hintenach doch tun. Das ist überhaupt der Fehler von diesem Folianten, daß der Ahne gebot, man soll »sein Leben darin leben«. Pag. l, Zeile 9. »Sohl jed Nachfahr den Fullianten füllen und sich niet scheuhen seine selbstigen guten und schlimmen Gedanken darzutun. Alle seine Nachkohmen sohlen die Vorfahren kennenlernen mit alle Schwachheit und alle Größe.« Lieber Ahn! Wollt' ich, Wien Sleef, alle meine Schwachheit aufzeigen, würde der Riesenfulliant zu klein. Als ich hinüber schritt in die Sleefkampdiele, wo sie tagten, stand der Gemeindevorsteher auf und alle taten's ihm nach. Ich dachte, sie wollten heimgehen und kannte mich nicht aus. So feierlich schauten sie drein, und die Muhme Kordula war auch zugegen. Sie fingerte auf dem Tisch herum und sah aus, als brauchte sie eine Brasil. Aber in den Sitzungen wird nicht geraucht, und Frauen sind ja auch sonst nie dabei. Alles war verwunderlich für mich. Und ich will's nur gleich hinschreiben, was der Vorsteher an mich hinredete. Es kam drauf heraus, daß ich eine Last Gutes an der Gemeinde getan hatte in der Zeit, wo ich auf Sleefkamp diente. Sie warfen mir dann alles vor, und manchmal redeten sie alle miteinander und zu gleicher Zeit. Da fuhr ich mir durch meinen Haarschopf und rief: »Hört's auf!« Sie lachten und schüttelten mir die Hände. »Wer lebendiges Leben rettet, den hat der Herrgott besonders lieb«, sagte der Gemeindevorsteher. »Und du, Wien, hast nun schon dreimal das Bibelwort befolgt: ›daß er sein Leben hingebe für seine Brüder.‹« »Ja, und für seine Schwester auch«, rief da der alte Inlegger Tetje Bur, der manchmal nicht mehr so ganz seine Fünf beisammen hat. »Hat mir doch verleden Woch' der Wien meine Kuh gerettet. Arg wild war sie und bedrohte auch andere in den Ängsten ihrer Trommelsucht. Und der Wien hatte nicht Trokar, oder 'ne Schlundröhre, nich mal 'n Messer, was doch jeder anständige Mensch bei sich trägt. Nur 'n Strohseil war da, und wie er das so akkrat einlegte, und dann riß er dem Hütejungen de Peitsch ut de Fingers und stieß sie der Kuh in den Schlund. Und ich mußt' vor Freude weinen.« »Is schon gut, Tetche«, wehrte ich, aber er schrie mich an: »Bin noch nich fertig. Die Kuh windete, und es war so feierlich. Und die Leut' sagten: ›Gerettet.‹ Gerade wie der gelehrte Bader in Einsingen, wie er meiner Olsch die verkehrten Tropfen gab. Und sie starb ja denn auch.« Es war wohl die längste Rede, die Tetche Bur jemals gehalten hatte. Und nun würde er wieder ein Vierteljahr schweigen, deshalb hatte ihn niemand unterbrochen. Aber auf mich stürmten sie alle ein und ließen mich nicht zu Wort kommen. Und der Gemeindevorsteher sagte: »Wien Sleef, ich bin nach Brocksen gewählt worden, und hab' dort eine größere Tätigkeit, aber gewiß keine bessere Gemeinde. Und diese gute Gemeinde hier hat dich einstimmig gewählt, wenn ich fortgehe in mein neues Amt. Das haben wir heimlich gemacht, damit du nichts solltest dagegen eifern.« Da begehrt ich auf: »Zu heimlich! Ich bin da nich für. Doktor Jochen Sleef ist mein Herr, und der kommt vor mir.« »Nicht doch, nicht doch, Wien. Kennst doch eure Gerechtsame. Der Thing wird auf euerm Hof gehalten, aber der Vorsteher braucht kein Sleef zu sein. Und es ist kein Gewohnheitsrecht geworden, wenn auch früher die Sleef immer der Gemeinde vorstanden.« »Den Herrn Doktor Jochen kennen wi nich«, hat jetzt der Älteste das Wort genommen. »Mag ein honetten Mann sin, is äwer to selten öwer den Weg. Der kennt sin eigen Gewese nich – wie schall he 'n ganzen Dörp kennen? – Wien, du büs unser Mann.« Ich sah Muhme Kordula an. Sie hungerte geradezu nach einer Brasil. Aber sie stampfte zu mir hin, und alle machten ihr ehrerbietig Platz. »Wien, tu's!« sagte sie sehr laut, daß es schier wie ein Befehl klang. »Ich geh' nicht von der Stelle, bis du ja gesagt hast.« Das war eine Tat von ihr und da wollt' ich auch eine tun. Streckte dem Vorsteher die Hand hin, und – ich sag's frei – ich konnt' kaum sprechen vor Freude. Aber innerlich rief's »nein« bei mir. Ich krieg ja den Doktor Jochen nicht aus dem Sinn. »Einstimmig habt ihr mich gewählt, ihr lieben Nachbarn?« fragt' ich, und dann konnt' ich nicht weiter. Aber alle Hände drückt ich, und sie schlenkerten danach alle ihre Finger. Und die Muhme nahm mich bei der Hand und ging mit mir in das Altgedinge. Die Nachbarn ehrten meinen Wunsch, daß ich nicht mit zu Bier brauchte, sondern bei der Muhme blieb. Die Amei stand im Mondschein im Hof. »Kommst mit, Grotzche?« fragte sie. »Nein, ich bleib' beim Wien.« »Weiß er's? Was sie mit ihm vorhaben?« »Ja!« »Dann müssen wir ihn kurz halten, sonst schnappt er über.« Das war der Glückwunsch von einer Deern, die so heißt, wie meine Mutter. Im Altgedinge, 17. Juli 19 .. Gestern abend klappte mir die Muhme etwas zusammen. Arbeiten und rauchen kann sie noch immer as 'ne junge Veern, aber Aufregungen gehen ihr an die Nieren. Und sie hat ja so ein Temperament, daß sie sich von Sinn und Verstand freut, wenn der Wien Gemeindevorsteher wird. Sie gab nicht recht Hals, als wir zusammen auf dem Kanapee saßen. Es war, als bedrückte sie noch etwas. Aber wenn mir jemand sein Inneres vorenthält, so frag' ich ihn nicht aus. Ich hab' schlecht geschlafen in der Nacht. – Bin überrumpelt worden mit allem. Hätte sagen müssen: »Wie kann ein Knecht Gemeindevorsteher sein?« Ich möcht' es rückgängig machen und scheue mich doch vor der Wetterwendigkeit. Heute hatt' ich einen Tanz mit der alten Gesine. Sie ist die bravste Haut in weiter Runde, und hat auch eine Vertrauensstellung. Immer hat es einen Putfarken auf dem Sleefkamp gegeben seit dreihundert Fahren. Sie heißt Gesine Putfarken. Ich hab's schon einmal im Folianten vermerkt, daß sie meine Freundin ist, aber der Respekt muß doch da sein von ihr, da helpt nix. – Wollte ich heute mal wieder Lütt Birgitt sehen, denn ein Vormund und Pate muß sich drum kümmern. Finde ich die Gesine in ihrem Pesel in einem Stickdunst, der vom Holzkohlenplätteisen herkommt, und wie ich ihr sag': »Bist unklug, Gesine? Das Gör soll wohl sticken in der Luft?« Und das Fenster aufreiß', sagt sie stockfischig: »de Lütten is gor nich dor.« »Wo is es?« »Bi de Frölen Amei.« »Was macht's da? Warum fragt man mich nicht? Ich verbitt' mir das! Gleich holst es rüber!« Da läßt sie in heller Verschrockenheit das heiße Eisen auf der Leinwand stehen, daß noch ein neuer Gestank zu dem alten kommt. Und als sie das Unglück merkt, heult sie erst los, und reißt alles runter, und dann stemmt sie doch wahrhaftig die Hände in die Seiten und sagt sehr laut: »Wenn dir der Vorsteher zu Kopf gegangen ist, dann sag's, Wien, dann geh' ich auch rüber zur ›Frau‹ und laß dich hier sitten.« »Wie der Will'«, sag' ich fünsch. Und mit dem Vorsteher sollt' sie mir vom Halse bleiben, ich hätt' mich umbesonnen. Da fängt doch dies weibliche Geschöpf an to hulen un to jammern, daß ich zum ersten Male Gott dankte, nicht verheiratet zu sein. So einer Hulerei wär' ich niemalen gewachsen. »Was is denn nu los?« frag' ich. Da hebt sie die gefalteten Hände hoch. »Vorsteher bleibst, Wien! Das tust mir nicht an, so ein Ehr abzuschlagen. Un mich um alle Reputation bringen...« »Schnappst über, Gesine?« »Ja, tu ik, wennst dickschädelig bleibst. Hast es überall verzählt, daß ich dein Freundin bin, und nun will ich auch deine Ehren mit haben.« Ich hatte Angst, sie floß mir ganz auseinander, die gute Obermagd. Aber ich werd's nicht von ihr abhängig machen, ob ich Vorsteher sein will. Ich weiß, ich quäl' mich da noch lang mit herum. »Büst jo durchgedreht«, sagt' ich nur. Und das schien sie für eine Zusage zu nehmen. Aber mir war unrastig zu Sinn. Ich kann die alte liebe Muhme Kordula nicht immer zu mir hinüberrufen lassen – es muß eine Änderung gemacht werden. Und weil ich vorhin die Kalesche hab' einspannen lassen für die Amei »von Sleef«, die in die Kreisstadt fährt, so kann ich, wenn sie fort ist, wieder hinüber in den Sleefkamp gehen, um ein Stündchen, oder zwei mich mit der Muhme zu beraten. Abends will die Deern wiederkommen, ich bin voll Ärger, daß man mir just jetzt meine Gespanne fortholt. Das kommt davon, wenn Stadtleute in die Landwirtschaft hineinplumpsen und drin rumschnöckern und von tuten und blasen nix weeten. – Unser Administrator ist auch vom Vorwerk rübergekommen, der sitzt jetzt bei der Muhme und packt seine Sorgen und Nöte aus. Man sollte sich schämen, der Achtzigjährigen so viel aufzuladen. Aber sie will's ja partuh. Würde uns höllisch anlappen, wenn wir auch nur eine einzige Sach' allein erledigten ohne ihren Rat. Und sie weiß Bescheid auf dem Hof, das ist das Gute. Als ich zu ihr in die Stube trat, war der Administrator schon gegangen. Aber die beiden hatten ganz verständig miteinander geschnackt, und zwar das, was auch mir in meinen Kram paßte. Ich soll das Ausgedinge nun ganz allein haben, man richtet mir ein »Büro« ein – – dor rük an. Und ein großes buntes Schild kommt dran, sonst denken die Leut', es ist nichts rechtes. »Dat is öwerall so, bi Rik un bi Arm, dat Kleed, das matt dat«, hatt' he de Administrater seggt. – Und das Schild soll nun das Kleid von Wien Sleef sein. Na, denn man to! – »Also meinst wirklich, ich soll mich so überheben und das Amt annehmen?« »Du überhebst dich nicht. Die Sleefs müssen wieder einmal heran. Damit unsere Gerechtsame nicht verjähren.« »Ich wüßt' nicht, daß Gerechtigkeit verjährt, ich dacht', die blieb in Zeit und Ewigkeit.« »Mach' keine Spitzfindigkeiten, Wien. Ich hab wichtiges mit dir zu besprechen.« »Noch wichtigeres, als meinen Gemeindevorsteher?« »Brauchst nicht zu spotten, Wien. Die Amei holt ihren Bräutigam von der Kreisstadt. Jochen Sleef kümmt hüt abend – – –« Wie lange ich vor der Muhme gestanden, ohne ein Wort rauszubringen, kann ich nicht sagen. – Sie hat mich gerüttelt, die alte Frau. Da kam ich zu mir. »Siehst aus wie der Kalk an der Wand«, raunte sie. »Wien, wach' auf! Wirst mich nicht allein lassen in meiner Bedrängnis. Es ist schwer für uns beide Wissende. Und die Amei muß geschont werden. »Muß sie ?« »Wie meinst, Wien? Kannst du Zweifel haben?« »Ich mein, daß wir der Deern groß Unrecht tun, wenn wir ihr nichts sagen ...« Da sah mich die Muhme Kordula an. Ich hab so einen Blick nie an ihr gesehen. Spähend war er. Als wollt' sie mich durch und durch erforschen. Oh, ich hatte keine Ursach' mich zu schämen. Ich dacht' mit keinem Gedanken an mich selbst. Aber ich dacht', daß die Amei uns mal könnt' zur Rechenschaft ziehen, und daß wir dann nicht bestehen könnten. »Siehst Wien, das ist das Schlimme an uns Heidjern, daß wir das Maul nicht auftun zu rechter Zeit. Wenn ich's mich getraute, ich würd' sagen, es ist schier ein grob' Versehen vom lieben Herrgott. Du machst ›schmalen Mund‹, ich kenn' das, tu's ja auch zu tausendmalen. Hinter dem schmalen Mund verbirgst du, wie's aussieht in dir, und ich kann dir nicht helfen. Und du mir auch nicht, und willst doch mein Ritter sein.« Ja, so sprach die Muhme, und das tat bitter weh. Und so wird mein Mund noch etwas schmaler geworden sein. Ich schickte mich zum Gehen an. Da weinte die alte Frau bitterlich. Geht die Welt unter? Muhme Kordula weint laut? »Muhme, hör auf! Ich kann nicht mehr ... Wir faseln von Altgedinge und Vorsteherbüro, und du sagst: ›Der Doktor Jochen – mein Herr – kommt heute abend.‹ – Muhme denk nach! Ich hab' dann hier nichts mehr verloren. Es ist dann alles in der Reih'. Doktor Jochen ist der eigentliche Hoferbe. Ich bin der Außenseiter. Er wird jetzt seßhaft sein. Und er wird dann den Bauern gefallen. Wird Vorsteher. – Und wird – – die Amei heuern. Und zwischen der Amei und mir gibt's nix Gemeinsames, auch nicht eine Nachbarschaft zwischen Ausgedinge und Sleefkamphaus ... ich gehe nach dem Dierkhof, Muhme!« »Und ich geh mit dir. Red'nix dawider! Wenn du meine eingewurzelten Füße aus dem Sleefkampboden reißest, mußt mir eben eine andere Heimat schaffen.« »So wird aber dein Bestes doch im Sleefkamp bleiben, Muhme – dein großes, braves Herz, Muhme. Und deine Füße werden im Dierkhof nicht Wurzel schlagen. Verdorren wirst, und mir graut vor der Verantwortung.« »Das wäre dann Herrgottssach', Wien. Aber ich verdorr' nicht bei dir. Ich hab' dich lieb, Wien! Keinen Menschen hab' ich so lieb wie dich!« Ich schlug meine Pranken vor mein Gesicht. Garstige weibische Tränen liefen durch meine Finger. Vornehm, rührend gütig stand die alte Frau vor mir. Ich kriegte sie rundum, und wie ein schämiges Dirnlein schmiegte sie sich an mich. Aber dann kommandierte sie: Loslassen, Wien! Es könnt' jemand kommen und uns ins Gerede bringen. Und hör' eins: für Brasils mußt mir immer sorgen, da drüben in deinem langweiligen Moor.« Da lacht' ich laut und befreit. »Und weißt auch, Wien, daß die Amei zu Pastor Eichstaedt zieht bis zur Hochzeit?« Was ficht's mich an? Was brauche ich denn noch auf der Welt? Einen Freund . – Einen sauberen, verläßlichen Freund. Das ist die Muhme Kordula. Im Altgedinge, den 20. Juli 19 .. Mich kann nichts mehr anfechten. So dunkel ist die Welt ... Und so undankbar die Bauern ... Undankbar? Hab' ich also doch auf Dank gehofft? So hab' ich ja meinen Lohn dahin ... Schick' dich drein, Wien! – Ich braucht' also gar nicht den Bauern ihre schöne, einstimmige Wahl zurückzugeben. Davor hatte ich mich ja gescheut. So eine ehrenfeste Gesamtheit vor den Kopf zu stoßen, die sich einen Knecht wählte, nur seines Innerlichen halber. Denn mit dem äußerlichen Wien konnten sie ja keinen Staat machen. Haben mir aber alle Mühe und alles Besinnen abgenommen. Haben mir mein Wort zurückgegeben. Haben mich wieder arm gemacht. Es ist einer zum Vorsteher gekommen aus der Kreisstadt. Hat ihm gesagt: »Macht erst Bewährungsfrist. Das ist vielleicht nicht alles ganz sauber beim Wien. Das Kind, was er betraut, und was die alte Frau fatscht und wie einen leibhaftigen »Sleef« hält – – gebt's acht! Und die verlassene junge Deern is drob irre geworden und gestorben. Die Welt ist leichtsinnig, die Welt ist schlecht. Man drückt auch gern ein Auge zu bei Knechten. Aber euer Oberknecht, der ein Recht auf dem Sleefkamp hat und ausgezahlt wird vom Hoferben, der soll sich was schämen. Und als Vorsteher? Als Beispiel? Wo sie alle draufschauen? Geht nicht, geht nicht – – – Fertig! Schluß! Der König ist tot, es lebe der König! – – – Der Gemeindevorsteher hat mir's schön hergesagt. – War 'n büschen verlegen, ist ja sonst ein honetter Mann, und vielleicht tat's auch den andern Bauern leid, daß der Wien so ein Heimlicher war. So ein Unguter. Ein Wolf im Schafspelz. Aber sie schwiegen stur. Und ich sagt' kein Wort. Solchen Zweiflern biet ich keinen Eid an. Hab' nur im stillen Schlafpesel bitter herausgelacht. Nie die Liebe zu kennen, darben müssen sein Leben lang, und dann mit einem unehelichen Kind in aller Leut' Schandmäuler zu sein und schuld haben sollen an einer jungen Mutter Tod ... Wien, Wien! »Wenn Gott für dich ist, wer kann wider dich sein??« Seltsam fahrig und wunderlich scheint mir die Amei. Aber schön! Gottsunmöglich schön! Schweig, Wien! – – Sie lief umher im Gewese, als sucht' sie den vergangenen Tag. Aber sie hat gar nicht aufgeschaut, da ich an ihr vorbeiging. Und war doch viele Stunden fortgewesen. Selbst einen Hund grüßt man, wenn man wiederkehrt von einer Reise: »Gun Dag, mien olen Phylar, ik bün wedder dor!« Und dann is Mensch und Hund glücklich. Ich hab' auch seit einigen Tagen den Phylar bei mir im Pesel. Er war sonst nicht von der Amei wegzuschlagen gewesen, sie tut's ja allen an. Und zu jedem ist sie lieb Kind, nur mir gibt sie keine Ehre. Aber den Phylar streichelte sie, ehe sie fortfuhr, als gelte es einen Lebensabschied. Und dann lief der Hund zu mir und legte sich zu meinen Füßen, »als wär's ein Stück von mir«. Und jetzt liegt er noch da. Der Nachtwächter hatte schon geblasen, einen wilden Ton in sein Riesenhorn. Wir nehmens für ein Schlaflied. Phylar bläffte kurz. Und dann klopfte es hart dreimal an meine Tür: »Guten Abend, Wien!« Ich schoß in die Höhe und setzte mich gleich wieder. Fiel in den Ohrenstuhl zurück. Eiskalt war ich, wie abgestorben. Und gab meine Hand nicht dem Dr. phil. et rer. pol. Versteckte sie hinter dem Rücken. »Wien, sei kein Pharisäer! Es steht dir gar nicht. Es ist klein, und du bist so riesenhaft. Guten Abend, Wien! – Mephisto meint, man muß es dreimal sagen. Ich tu's: Guten Abend, Wien!« Das ist das hundsföttisch Schlappe an mir, daß mir's war, ich müßt' nicht nur die Hand geben – nein, ich müßt' die Arme rund um den Heimgekehrten legen, müßt' ihn schütteln, müßt' rufen: ›Bist endlich da, Jochen! Jochen! Ich hab' dich vermißt, wie's liebe Brot‹ Kein Wort hab' ich gesagt, die Hand nicht mehr gesehen. Rot und schwarz war's mir vor den Augen. Nur das Gehör war gut. Die Tür klappte zu, und dieser leise Klapp dröhnte wie Drommetenton in meine Ohren. Vorbei. – – Altgedinge, 31. Juli 19 .. Wenn man große Übersiedlung macht – ei so kann man keinen »Fullianten füllen«. Der Ahne wird's verzeihen in der Ewigkeit. Die Muhme Kordula ist wie ein Ehrenmann. Sie hält mir Wort. – Kommt wahrhaftig mit mir nach Dierkhof, wo ich nun als Vormund von Lütt Birgitt Dierk Heimatrecht bekomme. Aber doch Knecht bleibe, bis ich fünfzig Jahr alt bin und Birgitt adoptieren kann. Dann hab' ich eine Tochter, und kein Mensch kann sie mir fortnehmen bis zu ihrer Mündigkeit. Und ich werde endlich jemand haben, der zu mir gehört. Vielleicht weist meine Birgitt dann sogar alle fremden Mannsbilder ab, um bei Vadder Wien zu bleiben. – Wollen sehn. Muhme Kordula hat mir erzählt, daß die »guten, braven Bauern« wirklich dem Jochen die Vorsteherstelle angetragen haben, wenn er bei ihnen seßhaft würde. »Das will ich werden«, hat er versprochen. Ja, und am 26. August soll Hochzeit sein auf dem Sleefkamp. – Solche Bestimmungen trifft man, und der Himmel fällt nicht ein. Im Gegenteil, er strahlt in solcher Bläue – – – Kann's nicht lassen zu denken – wie Ameis Augen strahlt er. – Bis an mein Lebensende werd' ich an den 26. August denken. Der Doktor Jochen soll lange mit Muhme Kordula gesprochen haben. Er will sein böses Geheimnis der Amei kund tun, wenn sie über Jahr und Tag verheiratet sind und sie nicht mehr so kindisch denkt wie jetzt. Hat auch ein Sparkassenbuch angelegt mit einer rechtschaffenen Summe drauf, die aber mit meinem Willen die Birgitt niemals anrühren soll ... Ich war einmal ein aufrechter Kerl. Federmann hat's mir gesagt. Und nun ist mir, als könnt' ich ein miserabler Hund werden an dem Tag, da der Jochen die Amei in seine Kammer führt ... Dierkhof, den 3. August 19 .. Es sieht noch etwas wüst aus hier. Trotzdem die Gesine gehaust hat, als sei sie der Reinemachteufel in Person. Hannes und seine Braut Stina haben gestern geheiratet. Es war die höchste Zeit. Nun kriegt dann Lütt Birgitt bald einen Spielgesellen. Die alte Gesine verweist mir solche Schluderworte. Sie femt noch jedes Mädchen, das sich die Krone nehmen ließ. Muhme Kordula hab' ich zum Einstand fünfzig Brasils gestiftet. Sie hat noch nicht eine einzige in Angriff genommen. Schmecken ihr nicht. Liegt aber nicht an den Brasils. – Wer beinahe seinen Lebtag immer auf dem Sleefkamp gesessen hat – – auf die weite Heide hingeschaut hat, und auf die Föhren an dem Hünengrabe und hat allmorgen den Riesenwacholder gegrüßt und hat jeden achten August gerufen: »Herrgott, deine Heide blüht!« ... der nimmt sein Herz in beide Hände, wenn er auf den Dierkhof verschlagen wird, wo die Moorhexe trügerische Blumen auf dem häßlichen braunen Wasser aufblühen läßt. Um zu täuschen, daß man auf schwankem Boden steht. »Muhme Kordula«, sagt' ich heute. »Du bist unglücklich hier und du klagst nicht. Wo nimmst du die Kraft her?« Sagt sie still: »Wien, ich hab' schon manches Glück zu Grabe getragen, aber keine Glocke dazu geläutet.« Und sie strafft sich, und ist auch hier unser aller Vorbild. Hannes und Stina helfen, sind die rechten Wirtschafter. Der Herr Dr. phil. et rer. pol. hat auch meinen guten Freund Tetje zum Helfen beurlaubt. Aber der starke Schaffer nützt diesmal wenig. Er macht schlapp. Daß ich weggehe, will nicht in seinen Schädel rein. Er schnaubt an seiner Nase, daß man es im Nachbardorf hören kann und wischt sich die Augen und schluckt. So sind aber die Heidjer. Sie können ungerührt ganze Familien wegsterben sehen, wenn aber ihr eigener Spezi von ihnen weggeht, dann fallen sie um. Er möcht' mit hierbleiben. Ich leid's aber nicht. Er muß dem Sleefkamp treu sein, weil's der Wien nicht darf. Befohlen hab' ich's ihm. Nun sieht er's ein. Wie heut' die Muhme und ich still zusammensitzen und ins Abendrot schauen, sagt sie plötzlich lebhaft: »Wir sind nicht zum Abschiednehmen gekommen, die Amei und ich. Sie wird's morgen tun.« Ich hab' mich verfärbt und trutzig gerufen: »So lauf' ich in die Heide.« »Wie der Will«, meint sie ruhig. »Wirst mir's aber erlauben, Wien, daß ich meine Enkeltochter ans Herz nehme, ehvor sie Hochzeit macht.« Dierkhof, den 12. August 19 .. Alter Foliant, was heute deine Blätter füllt, das ist Herzblut. Ist Manneserleben, sind Ewigkeitswerte. Als ich vor Tagen die Amei auf ihrem Kismet in den Dierkhof jagen sah, lief ich fort und schämte mich, daß der Wien Sleef Hintertüren benutzen muß. Meine langen Beine trugen mich rasch. Liegt da in weiter Heide ein Hünengrab ganz allein. Dicht daran schattet eine Föhre, urwaldhoch verzweigt. Grimmig anzuschaun, wie der verjagte Wien Sleef. Wie ein Wächter steht sie steil. Und ihr Haupt, das hochragt, mutet an wie ein Stahlhelm. Ich warf mich in die wilde Heide, die schon hochatmete, als wollte sie all ihre prallen Dolden sprengen und blutrote Blust gebären. Du meine Heide, grenzenlos ist deine Schönheit, die schimmernde, grenzenlos deine Stille, die träumende, grenzenlos deine Macht, die siegende, grenzenlos, wie meine Liebe zu dir, du meine rotbraune Heide! – – – Wien Sleef, kann auch ein Knecht zum Dichter werden? Ja, er kann's durch die Liebe... Ich lag am Hünengrab, hatte den Kopf tief in Sand und Heidekraut gedrückt und schrie mein Leid zu Gott. Denn er ist ja auch in der Erde drin. Und nach langer Zeit hörte ich wieder Pferdegetrappel vom Kopfpflaster des Dierkhofes her, und dachte schmerzhaft: »Jetzt ist sie fort!« Richtete mich auf wie zerschlagen und gelähmt, schaute um mich wie ein Blöder. – Und da kam's am Waldrand geritten, und etwas hob sich weiß ab von den schwarzen Tannen. Kam dann quer durch die Heide, konnte aber nicht weiter. – Kismet strauchelte. Die Amei sprang ab, nahm das Tier beim Zügel. Durchquerte die Heide, langsam, sichernd. Sah mich. Ließ Kismet stehen, der im Heidekraut schnoberte. Und Amei lief, lief auf mich zu. – Ich schlug mit meinen Pranken auf das Gestein, krallte mich fest, und das Blut rann über meine Finger. Schon lag ein blühweiß Tüchlein auf den Wunden, ich schob es fort, der Wind nahm's mit. »Das war wieder mal häßlich«, sagte Amei. »Und ich tat's doch nicht des Knechtes wegen, sondern weil ich kein Blut sehen kann.« Und sie lief hinter dem Tuch her, das der Wind weiterwirbelte. Aber es war da gerade ein kleines Rinnsal an der Stelle von einer Heidequelle her, und Amei tauchte das Tuch ein und legte es wieder auf meine Hand. ›Sie ist ein böses, eigenwilliges Lebewesen‹, dachte ich. Und stand auf. In meiner ganzen Riesenhaftigkeit sah ich auf das Ding herunter. Es reichte mir bis an den obersten Westenknopf. Ich hatte es satt, sein Spielball zu sein. Und fragte barsch: »Was willst du hier, Deern? Kann ich dich gar nie los werden??« » Nein «, sagt sie. Und die feinen Lippen beben und die blauen Sleefaugen sind fast schwarz. »Warum quälst du mich so, Wien?« Ich packte ihren Arm. Wo ich hinfasse, da wächst kein Gras mehr. Aber sie schrie nicht auf, und ich ließ den feinen Arm ja gleich wieder los. » Ich quäl dich, Amei? Ich? – – –« »Ja, du Wien. Vom ersten Tage an, als ich unter dem umgestürzten Wagen lag, und du mir einen so heißen, starken Grog machtest. Und dann immer weiter, als ich die Brandblase bekam, und du mir das Arnikapflaster auflegtest, das so schön heilte – und – und dann so fort ... bis heute. Du bist schlecht, Wien. Aber du glaubst, du bist gut.« Ich hatte schon manchmal in Büchern von Logik gelesen, und daß die Frauen eine andere Logik haben als wir Mannsen, aber dies war mir eine Vorlesung, die ging über Kreid' und Rotstein. Ganz schlimm war's aber, daß ich jedes Wort von der jungen Amei austrank mit den Ohren, und immer leise innerlich sagte: ›Sprich weiter, du Liebes!‹ Denn ich hatte ja eigentlich nie ihre Sprache vernommen, jnur immer die Spottdrossel singen hören. Schier trugen mich meine Füße nicht mehr, und ich setzte mich auf die Steinplatte vom Hünengrab. Da saß sie auch schon neben mir, und ihre kleine, braune Hand lag auf meinem Joppenärmel. Ich nahm sie mit spitzen Fingern fort und tat sie herunter. Sehr elend war mir zumute. Und auch die Amei wurde rot und wieder blaß, denn ich mußte sie ja immer anschauen. Die Hände faltete sie so fest im Schoß, daß die Knöchel weiß hervortraten. »Geh' fort, Amei« – sagte ich heiser, denn meine Stimme wollte mir gar nicht gehorchen. Aber die Amei gehorchte sofort. Sie glitt vom hohen Stein herunter und sah mich gar nicht mehr an. Als hätt' ich sie geschlagen, so geknickt und jammervoll stand sie da. Und dann lief sie – – kämpfte sich durch das hohe, hemmende Heidekraut, und mein armes Herz lief hinter ihr drein. Der Gaul hatte schon längst eine urbar gemachte Stelle gefunden und graste munter auf einer Dierkhofwiese. – Und nun kommt mein schreckliches Unrecht, und ich will mich niemals besser machen, als ich bin. Ich sprang auf, und mit Riesenschritten hastete ich hin zu ihr. Ich hob sie auf meine Arme und trug sie zum Hünengrab zurück. So weiß war ihr Gesicht, aber sie lächelte ein klein wenig. »Nun bin ich bei dir!« sagte sie an meinem Ohr. Ich setzte sie auf die niedere Platte des Steins, setzte mich daneben und stützte sie mit meinem Arm. »Was wolltest du bei mir, Amei? Sag' jetzt keine Teufelei, ich kann's nicht ertragen.« »Bei dir bleiben will ich. Du bist so allein. Sie nehmen dir ja alles weg. – Erst den Sleefkamp und dann den Gemeindevorsteher. So was kann ich nicht ertragen.« Darauf konnte ich nichts sagen. Es konnte ja auch ein Traum sein, und wenn ich gesprochen hätt', wär' ich aufgewacht. So ein wunderguter Traum. Amei sprach aber auch schon weiter: »Wien, du bist ja so furchtbar dumm. Du merkst ja nichts und spürst nichts. Auf den ersten Blick wußt' ich, daß wir zusammengehörten. Und Vater hat dir doch sicher erzählt, daß ich ein verdrehtes Huhn bin, und alles anders mache als andere Leute. Und wenn ich dich anpöbelte, daß du ein Knecht wärst, dann meinte ich natürlich immer, du wärst mein Herr.« »Amei, ich bin aber wirklich ein Knecht. Und so gering, daß man mir den Vorsteherposten wieder abgenommen hat...« »Schlag' sie tot, die Bande, sie hat nichts besseres verdient«, gebot Amei. »Und ich bin so häßlich, daß du und jedes andere Mädchen sich von mir abwenden müßt'.« »Was andere Mädchen tun, weiß ich nicht. Aber ich wende mich jedenfalls nicht ab.« Und dabei legte sie ihren Arm um meinen Hals und küßte mich. – Ja, das tat sie, ganz zart und scheu. Wie ein Rosenblatt lagen die seinen Lippen auf der zerissenen, häßlichen Wange des Knechtes, und mir war's, als wären die Kriegswunden jetzt erst geheilt. »Häßlich finden dich die anderen Mädchen?« Amei betrachtete mich kritisch.– »Es sind Gänse! Du siehst klug und stolz und gut aus. Und die Wunden sind Orden. Vater meinte von dir: der Wien hat das ganze Gesicht voll Orden. Mancher trägt sie unverdient auf der Brust, und der Wien trägt sie verdient im Gesicht. Deshalb ist er schön.« Die Kinderstimme war wie Balsam. Aber ich durfte ja nicht länger zuhören. »Dein Vater ist sehr gut, und hat eine schöne, hohe Ansicht von allen Dingen«, sagte ich. Es klang sehr trocken und philisterhaft gegen das liebe Plaudern der Amei. Ich quälte mir ja auch die Worte nur so heraus, denn ich hatte solche wahnsinniges Verlangen, die Amei an mein Herz zu nehmen. »Ich weiß aber doch, daß du mit Vetter Jochen verlobt bist, und daß du ihn am 26. August heiraten willst, das paßt doch alles nicht zu deinen Worten, Amei?« Sie rückte so heftig von mir fort, daß sie beinahe von der Steinplatte heruntergefallen wäre. »Siehst du, Wien, wie greulich du bist? In all diese schrecklichen Dinge hast du mich hineingehetzt, und jetzt hältst du sie mir vor, wie ein alter Schulmeister, anstatt mir zu helfen, wie ich den Kopf aus der Schlinge ziehe.« Amei war sehr zornig. Aber ich nahm mein Herz in beide Hände. »Das wäre unehrlich von mir, Amei, wenn ich dir helfen würde. Vetter Jochen glaubt doch an dich, Amei – du hast ihm doch gewiß oft gesagt, daß du ihn liebst.« »Oft? – Nicht einmal. Zu Muhme Kordula habe ich's gesagt, und sie hat mir's geglaubt, und zu Vater hab' ich's gesagt, und der streitet mir's ab, daß es wahr wäre. Es ist auch nicht wahr, und Jochen hat es mir nie geglaubt.« »Amei, will denn Jochen nicht am 26. August mit dir Hochzeit machen?« »Freilich will er. Und deshalb müssen wir beide ihm ganz rasch zuvorkommen. Du mußt schnell zum Vorsteher reiten, Wien, damit er den Kram umändert und in Ordnung bringt.« »Amei, du sprichst unglaubliche Dinge. Man sollte nicht meinen, daß du achtzehn Jahre alt bist, sondern kannst gut und gern für eine Dreijährige gehen.« »Dreijährige brauchen nicht Hochzeit zu machen, die Glücklichen. Die werden nur behütet und lieb gehabt.« »Amei – – du wunderliches Kind – – der große Wien hat dich unsäglich lieb.« Amei stieß einen urwüchsigen Schrei aus. Wie ein Waldvogelschrei war er. »Oh, das ist herrlich!« jubelte sie. »Nun hab' ich Mut für zwei. Nun geh' ich gleich zu Jochen und sag' ihm alles.« »Das werde ich tun, Amei, das ist mein' Sach'. Red' nichts dawider, hörst? Ich stehe nun als Schuldiger vor ihm. Weil ich dir sagte, ich hätte dich lieb.« » Unsäglich hast du gesagt, nimm nur nix davon fort.« »Ja, unsäglich . Und darin liegt die Schuld.« »Ich versteh' das nicht«, trotzte Amei. »Das erste gute, vernünftige Wort, was du sprichst, soll Unrecht und Schuld sein?« »Amei, du mußt jetzt heimreiten. Was soll Großje denken, wenn du nicht zurückkommst. Und über mich ist das Neue hereingebrochen – – ich kann's noch nicht fassen. Geh' Amei, ich trage jetzt ein schweres Geheimnis mit dir. Ich glaube, du bist noch gar nicht fähig, die ganze Tragweite zu ermessen.« »Siehst du, Wien – du bist wie alle anderen. Keiner hat Vertrauen zu mir. Wien, lieber Wien, meinst du, ich könne keine gute Frau und Mutter werden?« – Ich nahm ihr feines Gesichtchen in meine beiden groben Hände. »Du Liebes!« sagt' ich, »du ganz Liebes!« Da küßte sie meine rechte Hand. Ganz kindlich, als ob ich ihr leiblicher Vater sei. »Wien«, sagte sie. »Ich dank dir! Du hast das eben gesprochen, wie Mütter es tun. Wien, ich hab' nie meine Mutter gekannt. Deshalb bin ich nicht geraten ...« Ganz still schritt sie von mir fort, und ich blieb stehen wie ein Holzpfahl. Schaute und schaute. Bis die liebe Deern ihr Rößlein fand und sich hinaufschwang. Nicht ein einzigmal hat sie sich umgesehen. Ich warf mich ins Heidekraut. – – – Die nicht Heidjer sind, die kennen ja nicht seine Kraft. Es heilt, es heilt ... Dierkhof, den 18. August 19 .. Es ist brennend heiß. Wir haben mit der großen Feuerspritze das Strohdach unter Wasser gesetzt. Die Scheunen sind gut ziegelgedeckt. Überhaupt ist im Dierkhof alles prächtig imstande. »Klein, aber mein«, kann einmal Lütt-Birgitt sagen, wenn sie Grot-Birgitt geworden ist. Die Heide blüht in nie gesehener Pracht. Als wollte sie sich ganz ausgeben, ganz überblühen. Aber wir bekommen keine Städter hierher, höchstens mal jemand, der in tiefer Stille ein Buch schreiben will. Solche besinnlichen Leute schneiden auch nicht große Placken aus und pflücken auch nicht das liebe Kraut zu Sträußen von einen halben Meter im Umfang, um unsere Gottesschönheit in die dumpfen Stadtstuben zu schleppen. Die Besinnlichen stehen andächtig da, wenn sich der rote Teppich vor ihnen ausbreitet. Ich möcht' ihnen dann immer die Hand drücken, wenn ich solche Enthaltsamkeit sehe. Ich möcht' wissen, was wohl der Ahne »Erne Sleef«, oder auch vor ihm der »Ode« zu dem »Fullianten« sagten, wenn er plötzlich zurückkäme ... Ob er mir bestätigend zunickte, oder über meine Einschichtigkeit den Mund schmal machte? »De Heidjer sall friegen, sall veele Kinners kriegen« steht über einer alten Hauspforte ... Ich hab mein Glück ja selbst verjagt, und dafür ein leidlich gut's Gewissen eingetauscht. Aber jeden Tag und auch des Nachts pocht mein Herz aufdringlich: »Du Tor, du Blödling, du blinder Geselle!« Wenn ich es also meinem Ahnen in einer Weise nicht recht mache, so geschieht es in anderer. Ich »lebe mein Leben im Folianten«. Das Entsagen ist mir schon zur zweiten Natur geworden. – Ich ging ja schon den nächsten Tag nach dem Sleefkamp, – nachdem ich der Liebsten Valet gegeben. – Das Wohnhaus war über und über verriegelt. Ein neuer Vorknecht arbeitete rechtschaffen mit den andern Knechten auf dem Hof. »Wo ist Frau Muhme Kordula?« »Fort.« »Wo ist Herr Doktor Sleef?« »Fort.« »Und das Fräulein von Sleef?« »Fort.« Aus dieser spannenden Unterhaltung sah ich, daß der Neue ein echter Heidjer war. Ich ging auf die Äcker, da fand ich sie alle bei den Runkelrüben. Ich nahm die Hacke, ohne ein Wort zu verlieren, und half. Wußte aber kaum, was ich tat. »Mensch«, raunte Tetje Bur, »du weißt aber auch allens. Es gifft ja nix beteres gegen einen Bauch voll Zorn, als Rüben hacken. Und den Zorn hast, das sieht 'n Uhl bei Dag.« War es Zorn? War's nicht viel mehr ein Schmerz, der alle Schmerzen der Kriegswunden zuschanden machte? Ich antwortete gar nicht, ich scharwerkte wie blind und toll. Erst als die Vesperglocke läutete, ließ ich die Hacke sinken. Ließ sie fallen und liegen, wo sie lag. Ich, der »Peinliche«, wie die Mitknechte sagten. »Krank bist, Wien«. Also Tetje Bur. »Und siehst aus, als hättest dich schon büschen im Grabe umgesehn. Leg' dich in die Heia mit 'n Fliedertee und 'ne Zitrone. Mensch, kann dir sagen, du schwitzt die ganze Weltgeschichte aus ...« Hab's nicht getan, denn es war ja nichts Körperliches, was mich umhertrieb. Ich suchte noch den Administrator auf. Der scharfe Ritt tat mir gut, nach dem Vorwerk hin, und der ältere Mann hat so was Beruhigendes. »Na, Sie wissen ja Bescheid, Sleef«, sagte er, denn weil ich zur Herrschaft gehöre, nennt er mich Sie. Er kramte in Truhen und Koffern. »Ich ziehe jetzt erst mal in den Kamp, um die Sache in die Hand zu nehmen, bis der Doktor wiederkommt.« So erbärmlich überflüssig und beiseite gestellt kam ich mir vor, daß ich noch nicht mal sagen mochte, ich wüßt' nichts, rein gor nix. »Wenn nur der alten Dame diese Rumreiserei bekommt«, fuhr er fort, packte ruhig weiter und drehte mir den Rücken zu. »Sie ist doch kein heurig Häslein mehr mit ihren achtzig. Und die Angst um die Enkelin ...« Ich packte seinen Arm. »Was ist's mit der Angst?« schrie ich ihn an. »Hab' mich gewundert, daß Sie nicht da waren, Wien – ja – gewundert. Wenn auch der Doktor Hilde zugange war mit den beiden Damens, so ist der Wien doch allstunds der Augapfel gewesen.« »Erzählen!« gebot ich kurz, als sei ich der Herr über alles und er mein Knecht. Und auf seinen erstaunten Blick quälte ich mir die Worte heraus: »Ich war krank gestern – ja krank.« »Das soll wohl angehen.« Er gab mir einen guten Blick. »Aber hier ist auch nicht alles im Lot. So kennt man ja den wilden Jungen gar nicht, ich mein' die junge Deern, daß sie wie ein Hühnchen im Gewitter ganz verbast ist und sich an den Rock der Frau Kordula Sleef klammert. »Verlaß mich nicht, Großche!« Hab's selbst gehört mit meinen verläßlichen Ohren. »Und dann?« stieß ich heraus. »Und dann sind sie zu der Exzellenz nach Hannover gefahren, ja –. Und der Doktor kauft Vieh und landwirtschaftliche Geräte. Hab' ihm selbst alles aufgegeben. Pastor Eichstaedt war auch da mit der Fru Pastorn. Die Fräulein Amei war ihnen ja ausgerissen. Sind das Sachen, sind das Sachen!« Er schüttelte bekümmert seinen Kopf. »Warum ist sie ausgerissen?« fragt' ich blöde. »Hab' ich sie auch gefragt, trotzdem's nicht meines Amtes ist. Aber die Deern war so lieb zu mir und zutunlich und zitterte vor Aufregung ...« »Weiter!« »Ja, sie sagt dann nur: »Warum? Weil der Pastor mich trauen will.' Hat man je so was gehört? Als ob man jemand kopulieren könnt', ohne daß er's erlaubt. Aber die Deern is doch glücklich mit dem Doktor – oder? Ich kann nichts herausrechnen. Meine Frau selig war mehr für administrieren, als für Glück.« »Hat man keine Nachricht für mich zurückgelassen?« fragte ich böse, »oder bin ich der Garniemand auf dem Sleefkamp?« »Sachte, sachte mit die jungen Pferde. Ich komm da schon noch auf den Punkt.« Der Administrator ist auch Heidjer und mit stoischer Ruhe behaftet. »Hier liegt der Zettel. Hab' mir's aufgeschrieben. Erstens. Vom Doktor: »Sagen Sie Herrn Sleef auf dem Dierkhof: ›Brief folgt.‹ Zweitens. Von Frau Kordula: ›Wenn ich zurückkomm ', wird Brasil wieder schmecken.‹ Drittens. Von der Deern Amei: ›Sagen Sie Herrn Wien Sleef, ich hätt's nicht so gemeint ...‹« Schwer trabte ich heim. Langsam, wie die teure Zeit. Und wälzte in meinem dicken Schädel die brennende Frage: Was hat sie nicht so gemeint? Daß sie mich lieb hat?? Dierkhof, den 20. August 19 .. Ein Brief kam aus Hannover: Vetter Wien Sleef! Begreifst Du die ungeheure Lächerlichkeit, die darin liegt, daß wir beiden Verwandten, Nachbarn, ja Freunde, wie ich gern sagte, Briefe wechseln in hilder Erntezeit? Wie zwei Stadtjungfern, die überflüssige Zeit totschlagen wollen? Aber wir beide gehören ja zum Tierschutzverein, deshalb dürfen wir uns nicht gegenseitig quälen. Kannst Du mir Aufschluß geben, was in unsere Base Amei gefahren ist, die ich meine Braut nannte? Sie hat Angst vor mir und meiner Liebe. Ich lasse Dich hineinsehen in diese zarte Sache, weil Du ein ehrlicher Kerl bist, wenn auch wie alle besonders schätzenswerten Vorbilder etwas pharisäerhaft. Sie, die Amei hat mir in manchem Brief hoch und heilig beteuert, daß sie mich »schrecklich« liebte, was ich gar nicht verlangte. Aber schrecklich war's – weil sie bei jedem persönlichen Zusammensein die Finger spreizte, wie ein alter Zweig am Ilexstrauch. Sie hat mich auch nicht ein einziges Mal geküßt, um gleich darauf wieder in Briefen zu beteuern, wie »furchtbar« und »ungeheuerlich« ihre Liebe zu mir sei. Poesielos, wie ich bin, nannte ich sie bei mir selbst »verrücktes Huhn«. Und fügte ein andermal noch »verdrehte Schraube« hinzu, weil sie mich dringend bat, solch einen Brief von ihr in Deinem Zimmer zu verlieren. Weil ich aber weiß, daß kleine Mädchen in dem gesegneten Alter von sechzehn bis neunzehn voll Schrullen sitzen, wie der Hund voll Flöh, so dachte ich, es würde alles normal werden, wenn sie meine Frau sei, und in rechter Ruhe und Besinnlichkeit unseres Sleefkamps dahinleben konnte, notabene auch unter einer kleinen, gerechten, unsichtbaren Fuchtel. Als sie von einem Ausflug auf Kismet heimkam – es muß wirklich ein Flug gewesen sein – denn Roß und Reiter dampften, da gab sie auf keine meiner Fragen Antwort. Sah mich an, als ob sie um ihr Leben flehte, murmelte auch einige Male »bitte bitte«, wie ein kleines Kind, das einen Zwieback sieht, und ist vom Pfarrhaus entwichen, wohin wir sie verstaut hatten. »Weil er mich trauen wollte.« Und nun bekomme ich heute einen lächerlich großen, schweren Brief auf Büttenpapier, das es mit Deinem »Fullianten« aufnimmt und eigentlich als Päckchen befördert werden mußte ... Aber nur zwei Worte stehen in Ameis steiler Kinderhandschrift vermerkt: » Wien Sleef!« – Jedes noch so närrische Wort wäre mir verständlicher gewesen, als dein Name. Kannst Du mir Auskunft geben? Jürgen-Jochen Sleef. Dierkhof, den 22. August 19 .. Vetter Jochen! War heute bei Dir. Fand alles verschlossen. Wollte Dir beichten: Ich habe Deiner Braut Amei gesagt, daß ich sie unsäglich lieb habe . Seit Weihnachten quäle ich mich damit herum, denn sie war sehr ungut mit mir. Weiter ist nichts Böses geschehen, wenn nicht schon meine Liebe ein Verbrechen ist. Ich gebe Dir jede Genugtuung. Wien Sleef. Den 26. August 19 .. Ich schaffe so, daß ich des Abends auf meine Bettstatt falle , unfähig, noch zu denken. – Aber doch – heute habe ich einen frohen Gedanken, der doch ein Unrecht in sich tragen soll: » Die Amei hat keine Hochzeit heut' gehalten. « Als ich ein kleines Büble war, hatte ich einen bunten Ball. Wie die gestreifte Hose und das närrische Wams eines Bajatz. Dieser Ball war mein Ein und Alls. Ich ging mit ihm schlafen und stand mit ihm auf. Damals schlug mich mein liebster Freund im Zorn blutig, aber der Ball half mir über die Roheit fort. Ich hatte einen bösen Lehrherrn – der Ball tröstete mich – die Mutter hatte ihn gewonnen auf dem Jahrmarkt, und das unerhörte Opfer gebracht, ihn mir zu schenken. »Du Dätsch«, sagte der Bauer, »gleich gibst dein kindisches Gespiel her«, und er wollt' den Ball in ein tiefes Erdloch werfen. Aber er hielt inne und ließ den Ball fallen. »Kannst gehen«, sagte der Bauer, »pack' deine Sachen. Ich will keinen Hütejungen, der ein Riese ist und solche Augen auf mich macht, als wollt' er mich totschlagen.« Damit war ich gekündigt, aber ich behielt den Ball. Meine Nachfahren werden mich auch für einen »Dätsch« halten, macht nix. Solang ich den buntgestreiften Ball habe, der längst nicht mehr weit springen kann, solange kann's nimmer ganz dunkel werden in der Welt. – Einstweilen arbeite ich in der Dämmerung. Als Augentrost und Herzstärkung habe ich die alte Magd Gesine und das immer losschreiende Kind. Das sind keine großen Sachen. Aber ich behalte das Kind der toten Großeltern wegen, und weil ichs erziehen will, damit es mal eine brave Sleef wird. Und Gesine behauptet, es höre am Tage auch manchmal auf zu brüllen und zu gnarren. Aber wie es wunderlich zugeht in der Welt – der Knecht hungert nach wahrhaft gebildeten Menschen, er meint, es nicht ertragen zu können dies Leben... Komm wieder, Muhme Kordula, du feine Frau, sonst muß ich mir den Ball hervorholen, und werde schier ganz kindisch dabei, wie ein Soggerpupp, oder wie ein Greis. Dierkhof, den 27. August 19 .. Dieser Tag wurde in meiner Kindheit hoch gefeiert. Vaters Geburtstag. Jetzt zünde ich ein Lichtchen an und stelle es neben sein Bild. Das zeigt ihn in bayrischer Tracht, als er mit Mutter Amei Hochzeit machte. Und war doch ein Heidjer. Aber die Heidjer haben keine besondere Tracht; und er tat das Kleid an aus Liebe zu seinen Schwiegereltern, die er wie seine eigenen Eltern liebte. Er war ein rechter Mensch nach den Lehren des vierten Gebotes.– Ich aber tat das, was die beste Ehrung eines Sohnes für seinen Vater ist. Ich arbeitete. Will den kleinen schönen Dierkhof, der viel Möglichkeiten bietet, wenn man was reinsteckt, in die Höhe bringen. Bin ja doch Pate von Lütt Birgitt und fühle mich dann erst recht als Vater, wenn ich für eine Aussteuer sorge. An dem Tage, als ich von meiner Heimat ging, mußt' ich noch einen Viehtransport abnehmen. Das bracht' ich erst alles in die Reih'. Vetter Jochen soll wissen, daß ich für seinen Vorteil gearbeitet hab'. Der Sleefkamp wird ja doch immer mein Heimweh bleiben – der ist ja eingebrannt in mein Inneres, seit ich ihn zum erstenmal betrat. Und wie es auf dem Heimathof ausschaut, so will ich's im Kleinen auf dem Dierkhof einführen. Ich bin froh, daß ich's durchsetzen konnte, kein englisches Vieh mehr anzuschaffen, sondern nur guten, deutschen Binnenschlag. Mittlere Größe, feiner Knochenbau, schmaler Kopf, große Hörner nach außen gebogen, rotbraune Farbe und am Kopf weiß. Hab' die Blessen so gern. Strebe beides an, Milchergiebigkeit und Mastfähigkeit. Und die Muhme Kordula, die immer ihren Mann in der Wirtschaft stand, hat mit mir was ausklamüsert und sehr vorteilhaft gefunden, abgemolkene Kühe im angemästeten Zustand an den Schlachter zu verkaufen. Wir haben auch Zugochsen im Sommer arbeiten lassen und im Winter auf die Mast gestellt. Hat gut eingeschlagen. Sind rasch gediehen und haben zartes, schmackhaftes Fleisch gegeben. Nun schwatz' ich vom Sleefkamp und sitz' doch auf dem Dierkhof, wo ich nur im Kleinen arbeiten, und mit Kleinem anheben kann. Hab' auch zwei Kühe schon als Patengeld eingestellt. Und die Gesine heult, daß ich wohl bei klein mein Erspartes verplome. Ich muß sorgen dürfen, bin zu frisch, um behäbig und selbstächtig zu sein. Jetzt sind wir bei der Roggenernte. Hier ist nicht so guter Boden wie im Kamp, der Roggen hat später gereift, da haben sich die leichteren Halme wieder von der Nässe erholt, stehen hoch da. Sogar ein kleines Stück Weizenfeld haben wir im Dierkhof, daß Semmeln für Lütt Birgitt wachsen können. Und ich will nicht den großen Weizenfeldern nachwehleiden, wo die Torten herkamen, die Muhme Kordula nach bayrischer und Wiener Art herrichtete – ist ja auch nichts für den groben Wien, wenn sie's auch mir zu Lieb' tat. Meine roten Backen und die hellen Augen hab' ich vom Roggenbrot. Und auf den Buchweizenfeldern ist auch hier ein einzig Summen jetzt. Wie meine rote Heide blüht! Ich will mir doch einen kleinen Strauß pflücken. Nicht räubern. Säuberlich mit der Schere ein paar Dolden abtun. Die schenkt mir gern die rote Unendlichkeit. Wien Sleef trägt sie auf den kleinen Heidefriedhof. Muß ja noch meine Liebe eingraben, die tot sein muß und doch nicht sterben kann. Aber vielleicht, wenn ich einen Hügel drüber wölbe und Heide hinbringe, dann fühlt sie wohl, daß sie nicht leben darf . »Soll« und »Muß« sind nicht stark genug. Aber das »Nichtdürfen« zwingt den starken Wien. Am selben 27. August (in der Nacht zum 28.) 19 .. Als ich vom Friedhof kam, heut' nachmittag und gleich wieder auf's Feld wollte, sagte Hannes eifrig: »Hast Besuch, Wien!« Und weil ich sofort laut »Amei!?« rufen wollte, merkte ich, daß ich noch nicht genug Erde auf den Hügel geworfen hatte ... »Kann keinen Besuch brauchen«, knurrte ich. »Muß weiter schaffen.« »Schaff's schon selb dritt mit Stina und Tetje Bur«, versicherte Hannes. »Ist Tetje Bur da? Was will er?« »Helfen, mit noch einem Knecht. Du, der ist neu auf dem Sleefkamp. Und soll alles lernen. Roggenernte zum Beispiel. Sagt, er hätte dich beleidigt mit seinen Worten. Du, Wien, der schnackt gor nich bei der Arbeit – die flutscht dann. Und er sagt, er wollt' sein Benehmigen gut machen, weil er nicht gewußt hat, daß du Herr auf Sleefkamp büst.« »Bün ik nich, hol din Mul, oder –?« »Wien – man blot nich ... ich geh schon.« Er schien weiß Gott Angst zu haben, ich kriegte meinen Jähzorn. Ich rief ihm nach: »Sag' dem Knecht, er könnt' mich nich beleidigen, hätt's auch gar nicht getan. Hätt' mir 'ne Antwort nach Strich und Faden gegeben.« – Hannes schüttelte seinen dicken Kopf und trabte davon, und ich ging ins Haus, öffnete die Tür ... »Ich weiß, Wien, du hättest jeden anderen eher erwartet als mich«, sagte der General von Sleef. »Jawohl, Exzellenz!« »Hast du keinen andern Gruß für mich?« Und wieder konnt' ich kein Wort herausbringen. In mir rangen die Fragen: Was soll's? was ist? wo ist Amei? warum ist ihr Vater hier?« »Setz dich, Wien. Ich muß kommandieren, weil du mir keinen Platz anbietest.« Es würgte mich wieder in der Kehle. Und ich hatte vergessen, daß ich Unteroffizier gewesen war. Ich machte nicht den höflichen Wirt, ich bat nicht um Entschuldigung. Wie ein Pfahl blieb ich stehen. Und sah den General an. Wie Heimat kam's über mich, als ich spürte, daß er denselben herrischen Blick und die gleichen herrlichen Augen hat, wie die Amei. Er nahm meine Hand, und da sagte ich heiser: »Nicht gut sein mit mir. Das wirft mich um. Hab's nicht verdient ...« Aber dann straffte ich mich. »Es war nicht gut, daß Sie kamen, Exzellenz – nein gar nicht gut. Ich kann nichts mehr sagen, hab' alles geschrieben an Jochen – – jede Genugtuung – – jede – Exzellenz. Und jetzt muß ich auf's Feld. Es ist Erntezeit.« »Ich gehe mit dir. Wirst mich ja nicht allein hier sitzen lassen.« Wir schritten selbander. Er stützte sich auf meinen Arm und mit der rechten Hand auf einen derben Knotenstock, ähnlich dem der Muhme Kordula. Das Zipperlein schien ihn arg zu plagen. »Wollen wir nicht doch lieber hineingehen?« fragte ich unsicher. »Fällt dir's bei klein ein?« lachte er knurrig. – »Hast mir auch nicht ›Matt noch Drög‹ angeboten.« Richtig. Aber warum kam er? Warum ließ er mich nicht in Ruh'? Warum schaufelte er vollends alle Erde von dem Grab in der Heide? Wir kamen dann zu den arbeitenden Knechten. Ein Karren stand am Roggenfeld. Der General ließ sich schwer darauf nieder. Ich nahm die Sense zur Hand und begann zu mähen. – Da war ich wieder Wien Sleef. – Und besann mich bei der Arbeit, und winkte dem neuen, wortkargen Knecht vom Sleefkamp, der zum Helfen gekommen war. Befahl ihm, obgleich ich ihm nichts zu befehlen hatte, daß er der Gesine Bescheid geben solle, in aller Geschwindigkeit einen guten Korb Essen und eine Flasche Wein zu bringen und viel Decken und Kissen aus dem Wohnpesel der alten Dierkhofer. Der Neue wollte was sagen, tat's aber nicht und das war sein Glück. Ich aber mähte, mähte mit Tetje Bur, mähte alles, was Ungutes, Hemmendes, Sonderbares in mir war, zusammen, und die Magd Stina und ihre Nachbarin banden die Garben und stellten sie zu Mandeln. Der General hatte sich eine kurze Pfeife gestopft. Sie brannte gut, und er paffte und sah uns ruhig zu. Bis die Gesine kam und mit dem »Neuen« einen Korb schleppte. Der war voll guter Sachen, und Wien Sleef konnt' wenigstens als Kommandeur der Gulaschkanone bestehen. Ich tat die Sense fort, der Neue arbeitete stumm weiter an meiner Statt. Und nun stützte ich Ameis Vater beim Aufstehen. Gesine baute mit viel Kissen und Decken am Waldrand einen weichen Sitz. Blühweißes Leinen legte sie auf den Heideboden und alle Gottessachen darauf in den bunten Bauerntellern. Eine Pracht. Schinken und Wurst, Käse und Eier, wie sie hohe Herrschaften weichgekocht mögen. Als hätte sie immer nur bei Generälen gedient. Sie war ja Sleefkampschaffnerin. Ein heißer guter Kaffee war auch gebraut. Der zog mit Kräuselduft aus der Tülle der braunen bauchigen Kanne. Sandtorte dazu. Die wird besser, je älter sie wird. »And ein Weinchen habt ihr Dierkhofer ...« Exzellenz kaute ihn förmlich. »Ich bleib Sleefkamper«, sagte ich barsch. »Dies ist der Hof meines Patenkindes Birgitt Dierk. Aber der Wein gehört mir. Geschenk von Muhme Kordula zum Einstand.« Wie vornehm der General blieb. Mit keinem Wort maßregelte er den groben Wien. Nicht einmal mit einem Blick. – »Verzeih!« sagte er fein. »Ich hatte mich taktlos ausgedrückt.« – »Also Heil unserm Sleefkamp! Es ist zwar Selbstmord, daß ich mich bei dem Podagra unter Alkohol setze, aber – – ich muß auf dein Wohl trinken, mein Junge ...« Da sprang ich auf und stieß einen Juhuschrei aus, den mir mein Bubenreuther Großvater vermachte. Eine Kuh wurde scheu und rannte in wilden Sprüngen quer über die Heide. Vielleicht war sie die Einzige, die wußte, wie dem Wien zumute war. Dann setzte ich mich still neben Seine Exzellenz, schenkte ihm ein. Und sah mit rechter Freude, wie es ihm schmeckte. Mein eigenes Futter holte ich mir aber aus dem Knechtskorbe. Ich war zu unbeholfen, und die Brotscheiben, die Gesine geschnitten hatte, konnte wohl die gepflegte Generalshand bestreichen und belegen, aber nicht meine groben Hände. Auch zurechtgemachte Brötchen waren da. Da steckte man wohl drei zugleich in den Mund, sonst wußte man nicht, was man kaute. – Meine Nachfahren werden spüren, wie ich zögere ... zur Sache zu kommen. »Wien«, fragte der General laut und barsch: »Was hast du mit meinem Mädel gemacht?« Da hab' ich geschrien: »Herrgott, kommt's nun doch? Kann ich nicht in Ruhe leben? Hier ist doch nicht der Sleefkamp ... Muß ich Hausrecht gebrauchen?« »Wien, wenn du so tobst, dann sag' ich nein, und fahre zurück, und helfe dir nicht. Sie ist noch nicht mündig, Wien, noch lange nicht ...« »Ich verstehe kein Wort, Exzellenz. Die letzten Wochen und Monate konnten einen gesunden Menschen verrückt machen. Ich war gesund. Jetzt bin ich krank und verrückt.« »Die Amei ist's auch, und deshalb frag' ich«, sagte der General. »Wenn du gesund wärst und normal, dann hätte ich dich geschüttelt und nicht losgelassen, bis du mir Rede gestanden hättest. Aber du bist krank, Wien, ich seh's ja selbst. – Und ich weiß, daß ich kein Pädagoge bin – – ich weiß, daß die Amei mißraten ist meinetwegen, aber mir gefällt sie, wie sie ist. Freilich darf sie das nicht wissen. – Sie ist wahrhaft und ist ehrlich und geradezu. Aber dolle Sachen macht sie, und das geht nicht. Ich dachte, bei Jochen wär' sie gut aufgehoben, und in feste Hände gekommen, aber sie hat ihm ja das Wort zurückgegeben ... Wirf mich nicht um, Wien, ich kann keinen Widerstand leisten, das Zipperlein hat mir nur einundeinhalb Flügel gelassen.« Ich, Wien Sleef, schreibe alles so genau hin, weil es mir in die Ohren gellte, was der General da sagte. Und er hatte doch nicht laut gesprochen, viel mehr müde und wie unfrei. Und ich will es schwarz auf weiß haben, weil ich es sonst nicht glaubte. Meinen Ohren traue ich nicht, aber dem »Fullianten, der alles festhält.« »Hat sie einen Grund, die Amei?« fragte ich heiser. »Wien – ich bin doch froh, daß ich kein Heidjer bin – – ich würde mich vor mir selber vergraulen. – So red' doch! Wer soll den Grund wissen, wenn nicht du?« »Ich weiß ihn nicht«, sagte ich verbissen, »die Amei hat ihn mir nur gesagt . Aber ich glaub' ihr ja nicht. Sie spielt Fangball mit mir, und sie steht hoch und ich steh' niedrig, aber immerhin bin ich Wien, der Knecht, und kein Spielzeug. Und wenn es Wahrheit von ihr wär' – dann – dann wär's verboten. Ich verrate meinen Freund Jochen nicht.« »Ich bitte dich, Wien, fahr' mich nach dem Sleefkamp. Ich will mich ins Bett legen, da bin ich wenigstens mit 'm vernünftigen Menschen allein.« Da legte ich, so zart wie möglich, meine Pranke auf sein krankes Knie. »Hierbleiben«, bat ich – »nicht fortgehen – – ich möchte wissen, was der Jochen gesagt hat...« »Das will ich dir sagen, Wien. Der Jochen hat mein liebes Mädel angedonnert: ›Schämst du dich nicht?‹ Und das Kind, das auch nicht den leisesten Rüffel verträgt, hat demütig vor ihm gestanden. ›Verzeih', Jochen!‹ Noch nie in ihrem Leben hat sie um Verzeihung gebeten, auch wenn wir uns der Reihe nach auf den Kopf gestellt hätten, was sich ja nie gut ausnimmt. – Ich habe dann mit Jochen gesprochen. Er war zwei Stunden in der Heide herumgerannt und sah trotzdem erbärmlich aus. Dann schloß er sich ein.« »Wien, fahr' mich heim!« bat der General. »Es ist eine verdammte Geschichte. So sagte auch Jochen und war sehr blaß.« – – – – – – – – – – – – Ich hab' den ganzen Tag kein Wort mehr gesprochen ... Was denn auch? Es ist nun aus und vorbei. – Aber Pflicht und Arbeit, die leben ja noch. Ich spüre sie. Und ich will ihnen nachgehen. Das wird der Jochen auch tun, ich vertrau' auf ihn. Den General verstaute ich in die niedrige Viktoriachaise, die der Hannes herbrachte. Dann fuhr ich ihn im Schneckenschritt nach dem Dierkhof. Gesine und ich haben Ameis Vater mühselig ins Bett bugsiert. Wärmkruken um ihn gepackt. Nun hab' ich einen Ehrengast, den sich der Unteroffizier Sleef niemalen hat träumen lassen. Dierkhof, 30. August 19 .. Der Doktor verordnet längere Ruhe und Wärme. Nach Feierabend sitze ich im Ohrenstuhl am Krankenlager. Der Patient ist froh um meine Gesellschaft. Ich erfahre viel. Aber Weitzurückliegendes. Das Nahe vermeiden wir. Ist auch nicht so wichtig für den Folianten. Es gilt nachzutragen, was nicht hineingeschrieben worden ist, weil diese Urkunde vernachlässigt wurde. Das soll bei mir nicht vorkommen. General von Sleef ist ein armer schmaler Junge gewesen, als er auf den Sleefkamp kam. Von einem fern Versippten der einzige Sohn. Vollwaise. Fräulein Kordula Sleef hat sich seiner erbarmt, hat ihn an Kindesstatt angenommen. Eine alte Jungfrau, reich und angesehen nahm alle Muttermühen auf sich, um nicht ausgeschlossen zu sein von diesem heiligsten Beruf. »Ihr Leid, als der Bräutigam starb, hat sie in Segen gewandelt für mich«, sagte der General. »Das ist praktisches Christentum.« Spät hat er geheiratet und gar eine Gräfin heimgeführt. Gräfinnen kenne ich nur aus Geschichtenbüchern, lebendig habe ich noch keine gesehen. Die Amei soll ihr auf's Haar gleichen. Ein Engel sei sie gewesen. Das wird man Amei nie nachsagen können. Wien, sei ehrlich, war sie es neulich nicht zu dir, als sie mit der weichen Stimme sagte: »Ich hab' dich lieb!?« – – Man soll sich nicht von hohen Vorgesetzten solche Geschichten erzählen lassen. Hinterher schmerzt es unter der linken Westenklappe. Dierkhof, 31. August 19 .. In diesem Jahre blüht die Heide, daß es nur so zum Staunen ist. Wenn man in der roten Blust steht oder liegt – man ist in der Kirche. Die ist nicht von Menschenhänden und aus Stein erbaut. Die ist lebendig, und man spürt den Gottesodem. Heilige Heideheimat, der Wien grüßt dich! Alter Ahnenfulliant, nimm diesen Brief auf! Sleefkamp, den 31. August 19 .. Lieber Wien! Eigentlich wollt' ich nie wieder die verrückte, unbäuerliche Tat begehen, von einem Hof in den anderen zu schreiben. Der rechte Bauer flucht, schimpft, betet und arbeitet. Aber er schreibt nicht. Freilich, ich bin ja auch kein rechter Bauer, ich will nur einer werden. – Wien, die Amei hat mir alles gesagt. Und ich kannte sie dabei gar nicht wieder. Demütig war sie, es kleidete sie gut. Die Liebe zu Dir hat sie lieblich, beinahe fraulich verwandelt. Sie ist ein braver Kerl, das kann man nicht von allen Frauen sagen. Die Liebe zu Dir trägt also Segen in sich, das habe ich auch an mir gespürt, und deshalb komme ich ja nicht von Dir los, Wien. Es tat mordsmäßig weh, als es mir aufkündigte, das feine, liebe Ding. Aber ich habe es nicht merken lassen. – Und nun müssen wir allen sentimentalen Quark beiseite werfen. Ich bitte dich, Wien, wolle nicht katholischer sein, als der Papst. Die Amei hat mir erzählt, daß Du sie regelrecht weggeschickt hast. Das machen Dir nicht viele nach, Wien. Aber ich hab's nicht anders von dir erwartet, Du lieber Kerl. – Sie will aber Dich , da beißt die Maus keinen Faden ab. – Alles Gute brauche ich Dir nicht zu wünschen, du bist selbst zu tiefst gut. Und die Amei auch. Ihre tausend und etliche Teufeleien und Unarten wirst Du ihr abgewöhnen. Ich dagegen bin ebenso wenig Pädagoge, wie ihr Vater. Du aber, Wien, wirst es schaffen mit Deinem heidjerischen Dickschädel. Gott segne ihn! Gehab Dich wohl, Wien! Die nächsten zehn Jahre wollen wir uns nicht sehen – hörst? Muhme Kordula wird mich wohl öfters besuchen, sie ist für Gerechtigkeit. Und nun dank ich Dir noch für Deine Verschwiegenheit. So denkt doch die Amei gut von mir. Jürgen-Jochen Sleef. Als ich den Brief durchgelesen und ihn eingeheftet in das ehrwürdige Buch, habe ich Feierabend gemacht. – An hohen Zeiten arbeitet man nicht. – Die blutrote Heide hatte das fromme Kirchenkleid abgestreift und war wie ein riesiger Hochzeitssaal. Bienen und Schmetterlinge feierten in ihr und mit ihr Hochzeit. Die Sonne lachte auf die Sandwege und die unerhörte Schönheit der roten Dolden gleicherweise herunter. Auf »Gerechte und Ungerechte«. Sie lacht gern, die Sonn'. Aber wenn sie auf Ungutes niederschauen soll, verkriecht sie sich ebenso gern. Ich wanderte feiernd durch die summende Stille. Sogar eine neue Joppe hatte ich angetan. Denn wenn man zum Hochzeitstanz durch die Heide geht, muß alles neu sein. Selbst meinen Haarwald hatte ich mir etwas abtun lassen und auch das Rasiermesser hatte geschabt. Das macht alles Tetje Bur. Mir war recht wie Heilig Abend. Ist ja auch Sonnabend heute. Und morgen – was wird morgen sein – dacht' ich – »heiliger Sonntag weit und breit.« »Hast was vor, Wien?« hatte mich die alte Gesine gefragt, als ich aus dem Hause wollte, »siehst so unternehmerisch aus ...« » Wie seh ich aus?« fragt ich zurück und hoffte auf eine Antwort, die sie mir schon einmal vor Jahr und Tag gegeben: »wie nochmal ein Graf.« Aber heut' betrachtete sie mich von Kopf bis Fuß und sagte bewundernd: »Wie ein rechter Bauer.« Nun ja, so soll's sein. Ans Hünengrab kam ich und meinte, die Amei müsse da sitzen und auf mich warten. Aber so kommod macht's das Schicksal nicht. Ich wartete auf sie . Und ich saß mit gefalteten Händen lange Zeit und lebte mein Leben noch einmal durch und buchte Soll und Haben. Das war alles in Ordnung. Dann richtete ich im Geist die Stuben ein für Amei und mich. Die sollte mir keine Generalsausstattung bringen, ich hatte alles. Das Riesenbett, das mir Vater und Mutter hatten zimmern lassen, das wollt' ich behalten. Und die Amei sollte nur ihr schneeweißes Mägdleinbett daneben schieben. Für ihre Wäsche freilich – da sorgte jede Braut gern selbst. Und ich wollte ihr dazu meine Truhe schenken, von 1705. Die reichte für mich und noch für viele glückliche Menschen. Dann ging ich noch zu Pastor Eichstaedt, und konnt' ihn erst in seiner Studierstube nicht finden. Bis er mit seinem rotseidenen Taschentuch durch die Tabakswolke schlug. Da teilte sie sich, und wir konnten miteinander reden. Die Sache regte ihn etwas auf, er sah zuerst nicht recht klar drin. Aber ich wollte nicht mehr von dem reden, was vergangen war, sondern setzte die Hochzeit fest auf den 21. September. »Warum haben Sie Ihre Braut nicht mitgebracht?« fragte er und sah erstaunt und unbehaglich aus. Aber ich meinte, was sie dabei solle? Hochzeit sei doch Mannessach' und ich führe sie ja in mein Haus, und sie nicht mich in das ihre. Für's übrige hätte ich noch gar nicht mit ihr gesprochen. – Auch den Trauspruch machte ich fest: »Freuet euch, und abermals sage ich euch, freuet euch!« Als Pfarrer Eichstaedt etwas ungemütlich wurde, weil ihm wohl der Spruch nicht fromm und ernst genug dünkte, wurde ich ganz fest und sagte: »Herr Pastor, ich bin nur ein paar Kinderjahre froh gewesen, und späterhin durch viel Not und Tränen und Blut gewandert. Jetzt soll die Freude anheben. Amen.« Da schwieg er still. Reichte mir die verläßliche Seelsorgerhand. Ich behielt sie in der meinen und rief ganz froh: » Die soll mir meine Jungs taufen.« Da schob er mich mit großer Mühe zur Tür hinaus. »Aber erst gehn Sie zum Standesbeamten, Bauer Harmsen, der hat jetzt das Wort.« Mit dem Bauer Harmsen bin ich aber nicht auf gleich, der hat gegen mich gehetzt in der Vorstehersache. Mit dem mache ich's morgen schriftlich. Auch war mein Feiertag zu Ende, ich mußte noch nach meiner »Doria« sehen, der es nicht extra war. Aber als ich fortging, hatte sie gefressen, so meldete es der neue Knecht. Zuerst stieg ich aber zum General hinauf. Der schickte mich weg. Könnt' sich nicht rühren vor Rheuma. Wollt' schlafen. Da hab' ich ihm nicht von der Hochzeit am 21. September erzählt. Dierkhof, 3. September 19 .. Das war eine schlechte Nacht, und mein Bräutigamsstand fing miserabel an. Ich hatte mir eigentlich die Muhme Kordula herüberholen lassen wollen vom Hannes. Mit einer bändergeschmückten Peitsche und einem Blumenstrauß am Schmitz. Was gehen mich die Leut' an, wenn sie sich wirklich die Verwundrungsmütze aufsetzen? Auf dem Dierkhof bin ich mein eigener Herr. Aber es kam nicht dazu. Tetje Bur preschte auf »Donner« zum Tierarzt. Als der kam, lag mein schönes Tier schon in Krämpfen. Hatte die Fallsucht. Und die Anfälle kamen so rasch aufeinander. Hannes hatte einen neuen Pferdeknecht angenommen, der hatte das von ihm heißgerittene Tier nicht erst herumgeführt, hatte es gleich abgeschirrt, weil er zum Tanz wollte. Hatte es rasch saufen lassen, anstatt ihm aufs Wasser Heu zu streuen. Was soll ich auf den blöden Burschen schimpfen? Im ersten Zorn hab' ich ihn fortgejagt, und doch hätt' ich mich selbst verjagen sollen. Freilich war der Kerl dazu angenommen, daß er das wertvolle Tier abhalfterte. Nichts war geschehen, Sattelgurt nicht gelüftet, Schweif nicht aus dem Riemen genommen. – Und ich, der Herr vom Dierkhof und Oberknecht zugleich war mit Hochzeitsgedanken über die Heide gegangen ... »Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes, aber das Herz des Gottlosen ist unbarmherzig.« Daß du dir das sagen mußt, Wien. Ich tat die letzte Barmherzigkeit meiner »Doria« an – ich schoß sie tot. Sie hatte sich beim Aufschlagen den Fuß gebrochen. Dann strafte ich mich, indem ich die ganze Nacht wach blieb und arbeitete und zwischendurch den Vater meiner Amei mit heißen Kruken versah. – Ließ auch anderntags nicht die gute, trostreiche Muhme Kordula holen. Blieb auch der Amei fern. – Aber heute lasse ich sie herholen mit dem Großche, der mütterlichen Muhme, und heute noch will ich »Brüjam« heißen ... Herrgott droben, gib deinen Segen zu dem Tun von Wien Sleef, deinem Knecht! Dierkhof, den 4. September 19 .. Meine Brautwerbung war nun so: Ich schickte wirklich den Hannes mit der blankgeputzten Viktoriachaise nach dem Sleefkamp. Als ich ihm einen bunten Blumenstrutz in seinen Joppenaufschlag steckte und ein paar Sternblumen an den Peitschenschmitz tat – denn alles muß seinen Schick haben, wenn man ein Sleef ist und in den Hochadel friegt,– da fragt er neugierig: »Wem gilt's denn?« Und ich antwort' ihm frei und offen: »Dem Fräulein Amei von Sleef.« Schaut er mich entsetzt an und ringt mit der Sprache. Und weil er fromm und gottesfürchtig ist, sagt er: »Wer ein Weib anstehet, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe gebrochen in seinem Herzen.« Und weil ich in der Schuld bin von früher her, so mußt' ich ihm alles in Wahrheit sagen, sonst hätten er und sein Weib mir aufgekündigt. Gab ihm zu hören, daß jetzt die Amei mir gehöre, und der frühere Verspruch mit Wissen und Willen des Doktor Jochen Sleef null und nichtig sei. – »Is recht«, nickte Hannes und fuhr davon. Ich holte mir den Tetje Bur und berichtete ihm gleichfalls alles, und er sagte gar nichts. Das war das Beste, und sein Handschlag hätte ein junges Kalb tot machen können. Und nun hielt ich mir noch eine Andacht, denn ich wußte, wenn erst die Amei zugange war, war's mit der Stille vorbei. Ich nahm feierlich meine Flöte aus dem Futteral. Wie lange schon hatte die da drin gelegen und geschlafen. Mein Leben war ja meist Trauer gewesen und viel böser Ärger. Aber es ist so wunderlich: »Wenn man jemandem die ›Flötentöne beibringt‹, dann braucht man kein Instrument dazu. Ich blies: »Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen.« – Und hinterher noch meiner Mutter bayrisch Liedl: Hab i net a scheenes Röckli an?« Das paßte gut zu meinem schmucken Bräutigamsanzug. – Und dann kamen sie – der Hannes und die Muhme Kordula. Die Amei saß nicht mit im Wagen. Ich hob das Großche einfach auf meine Arme und trug sie gleich in den Wohnpesel, der festlich gerüstet war. – Aber die Muhme stieg erst zum Pflegesohn, dem General herauf und zu mir sagte sie: »Wenn du auch wie ein Pascha tust, mien Söhn, so ist doch der General der Vater von der Amei und steht über dem Pascha, und wir wollen doch um Gotteswillen nicht das vierte Gebot vergessen.« Da mußt' ich ihr rechtgeben, wenn ich auch inwendig bei mir meinte, so sei wohl noch keinem Menschen wie mir der erste Brauttag verschandelt worden durch ein wideres Geschick. Der General schickte das Großche auch gleich wieder herunter und ließ mir sagen, er sei kein Hansnarr und würde erst Verlobung feiern, wenn seine öwerspönige Amei mit dabei wäre und ihn um seinen Segen bäte. Aber er lese gerade in einem schönen Buch, das wolle er mir zu der »einschichtigen« Verlobung schenken. Ich schlug es auf und der Titel war:»Der Widerspenstigen Zähmung.« Ich lachte tüchtig, wußte aber nicht, ob der General es extra für mich geschrieben hatte. Bin kein Schriftgelehrter. Dann bewunderte die Muhme Kordula den Verlobungstisch mit dem Wein und Kuchen, Tellern und Gläsern. Blühweiß Leinen war aufgedeckt, meiner Mutter Linnen, und die Gesine hatte einen Strauß Mohn und Kornblumen in ein uraltes Glas gestellt, das war von einem Sleef-Ahn meinem Vater vermacht. Gesine hatte bei Mohn und Kornblumen gemurmelt: »All's Leege sall vergahn, all's Gute sall bistahn.« And da lagen auch schon paar Mohnblätter auf dem Tischtuch und gaben rote Flecke. Ich schaffte das »Leege« fix fort. Muhme Kordula machte ein Gesicht, froh und verlegen zugleich, wie sie da so im bekränzten Ohrenstuhl saß. »Die Amei ist nicht mitgekommen, Wien.« »Das seh ich leicht. Hat sie sich umbesonnen?« »Ach, frag' mich nicht, Wien. Die Pfarrmagd hat wohl gestern gehorcht. Die hat erzählt, daß du dem Pastor gesagt hättst: ›Was soll die Amei hier, das ist doch Männersach'.‹ Sieh, Wien, das muß doch einer Braut weh tun!« »Der Amei tut niemalen was weh.« »Das ist so ein verrücktes Mannsurteil, hätt' dich für gescheiter gehalten, Wien.« »Ich bin nicht gescheit, die Muhme urteilt von sich aus. Aber Erfahrungen hab' ich.« »Von einer Frauenseele? Wo solltest du die her haben?« »Die Amei hat keine Seele.« »Potztausend! Willst du, der Riese, deine Zukunft nur auf den schwachen Körper eines Mädchens aufbauen? Hast Genügen dran, Wien Sleef?? Und wie bist so vermessen meiner Enkelin die Seele abzusprechen?« Das Weiblein war zornrot aufgesprungen und stand kerzengrade vor ihrem Ohrenstuhl. Da fuhr ich mir mit allen zehn Fingern verzweifelt in meinen Haarschopf. »Um Gotteswillen, Muhme Kordula, schaff' mir die Amei! Ihre Seel' werd' ich bei klein schon finden.« Da schob sie sich auch schon zur Peseltür herein. Nicht die Seele grad, aber das ganze liebe, große, blasse, wilde Mädchen. »Mit dem Kismet bin ich hinter euch drein geritten, Großche«, sprudelte sie heraus. »Wollte es ihm lieber selbst sagen, deinem Wien, sonst glaubt er's nicht. Daß ich ihn nicht mag. Sterben will ich lieber!! « Amei!! Aufgeschrieen hab' ich, daß die olen Wände vom Dierkhof wiederhallten. War aber nicht Zorn, sondern rasende Freude. »Du hast mich gar nicht lieb, Amei?« »Nein!« »Das ist recht. Das Aufgebot hab' ich bestellt – schriftlich. Aber wir gehen noch zusammen hin. Komm her, Amei!« Sie kam auch ganz gehorsam, wie es sich schickt für mein zukünftig Weib. »Wer nicht gehorchen kann, kann auch nicht befehlen.« Die ältesten Sprüche sind immer noch die besten. »Amei, hör zu! Heut' ist es das letzte Mal gewesen, daß du das Unrechte behauptest hast, das Gegenteil von dem, was du meinst. Wenn man sich das angewöhnt, wird man ein unwahrer Mensch. Das wär' eine Schand' für Amei von Sleef. Ich frag' dich, wie es Brauch ist auf dem Sleefkamp. – Wir drei sind der Sleefkamp, wenn er auch auf dem Dierkhof tagt. Amei, vor Gott und der Ältesten unserer Sleefsippe frag' ich dich: »Hast du mich lieb?'« Sagt' das Ding: »Hab' dir's schon einmal gesagt, wie oft soll ich's noch sagen?« »Dreimal, Amei!« ermahnte die Muhme. »So sag' ich's also zum zweitenmal: Ich hab' dich lieb, Wien. Aber ungern. Und das drittemal kriegst es erst zu wissen, wenn wir zwanzig Jahr verheiratet sind.« Wo die Amei etwas zu sagen hat, schwindet alle Feierlichkeit. Sie meinte es aber ehrlich, und ich ließ es gelten. Finster, trotzig und abwehrend sah sie mich an. Da stand Muhme Kordula auf und meinte fein: »Ich gehe büschen im Gewese herum, liebster Wien. Der Hannes und mein Handstock können mich führen.« – Ich brachte sie noch vor die Fleettür und beriet den Knecht. Auf demselben Fleck im Wohnpesel stand noch die Amei, als ich zurückkam. Mein Heimweh war so heftig nach ihr, daß es schmerzte. Ich bin Heidjer, kann nicht reden, wenn ich soll. Kann nicht zart anfassen, nur derb zupacken. Und fürchte mich – so grob und groß und ungeschlacht ich auch bin. Fürchte mich. – Meine Häßlichkeit und Versehrtheit fiel über mich her, wie eine furchtbare Mahnung: »Dies feine Blut ist nicht für dich.« Da kam sie auf mich zu und nahm meine linke Hand und besah sie aufmerksam. »Da ist noch die Narbe«, sagte sie, »wo ich dich an Weihnachten gebissen habe.« Sie küßte mit ihren weichen Lippen das Mal. »Wien, so lange das noch zu sehen ist, muß ich dich lieb haben.« »Das geht nie fort. Gott sei Dank! Aber du mußt es nicht, Amei, wer will dich zwingen?« »Du, Wien! Ich bin ebenso böse, wie du gut bist. Ich will aber gut werden, und ich kann's nur bei dir. Willst du mich haben, Wien?« Ich muß die Feder hinlegen. Solch ein Glück, solch eine Heidesonne über verkümmerten Erdreich – – – wer soll's schildern? Leben. – Leben muß man es, leben . – Aber wir vergaßen in unserer Liebe nicht auf das vierte Gebot. Wir zwei stiegen zum Vater Ernst ins Krankenstübchen. » Er gehört mir «, sagte Amei kurz. Sie ist nicht »gefühlig«. Aber da kann ich ja aushelfen. »Willst es wagen, Wien? Ich warne dich.« Also Vater Sleef. Aber »mein Herze ging in Sprüngen und konnt' nicht traurig sein«. Der General warf uns kurzerhand hinaus und wünschte, drei Tage unbehelligt zu sein. Muhme Kordula fand ein Glücksbündel. Sie hatte sich schier ungebührlich lange auf dem kleinen Gewese aufgehalten, um unser Glück nicht zu stören. Hannes griente: »Se hat sik zeigen laten, wat gor nich da wär.« Nun setzte sie sich zu uns auf das uralte Kanapee der Dierkhofer, und sprach viel gute Worte. Das Beste daran war: »Drüben auf dem Sleefkamp will ein einsamer Mann aufbauen. – Mein Herz ist bei euch . Aber mein Rat und meine Anteilnahme müssen bei Jochen Sleef bleiben.« Ich fuhr die beiden liebsten Frauen selbst nach dem Sleefkamp. Spät war's geworden, und ich hatte die hart angestrengten Knechte ins Bett geschickt. Wenn der Herr feiert, rackert das Gesinde. – Das wird alles anders. Wir sprachen nicht bei der Fahrt. Drei Heidjer. Oder vier. Denn der Vollmond stand über uns, und mich dünkte, er schiene heute nur über unsere Heide und unser Glück. – Der Sleefkamp lag still. Auch im Altgedinge, wo der »Einsame« wohnte, brannte kein Licht. Mir würgte es in der Kehle. Muhme Kordula trug ich ins Wohnhaus, Amei führte sie hinauf, lieb und ernst. Wir beide sahen uns nur an. »Mit Gott!« rief die alte Frau leise. Ich nahm die Mütze ab. Dann ließ ich die Pferde Schritt gehen auf dem weichen Heidesand. Und ich weiß, daß diese Rückfahrt die ernsteste und wunderlichste meines ganzen Lebens war. Dierkhof, den 23. September 19 .. Ja, das war eine lange Pause. Ich habe sie aber kaum gespürt. Denn ich habe gelebt, was ich sonst nur immer geschrieben hatte. – Und das lebendige Leben ging dem toten Schreibwerk vor. – Vater Ernst Sleef wurde uns ernstlich krank. Das war nicht mehr so einfach, mit Wärmkruken zu behandeln, obwohl ich selbst an mir nur die Naturheilweise erprobte und allstunds für gut befinde. Aber einem alten Militär den Alkohol wegnehmen und den Tabak und schwarzen, starken Kaffee heruntersetzen, weil sein Herz »flattert« – das ist ein Kunststück. Und ihn gar für eine Zeit auf Vegetarisches und Rohkost zu setzen, dazu hätt' ich Feldmarschall oder Generaloberst sein müssen, vielleicht hätte er da gehorcht. Aber zum Unteroffizier sagte er nur: »Es wird dir wohl mal besser werden, Wien, aber etwas für dich tun mußt du beizeiten.« Und doch wächst der Gottessegen an Obst, Gemüse und Pilzen uns schier in die Schüsseln hinein. Aber Doktor Kraatz kommt mit schmerzstillenden Mitteln und setzt sich dann zu ihm und schnackt. Bei uns ist gesunde Gegend, da braucht der Arzt nicht gleich wieder wegzujagen, und für seine zwanzig Mark kuriert er das ganze Gesinde mit. Ein paar Splitter in Hand und Fuß, oder einen »bösen Finger von heiler Haut« kann jeder Knecht und jede Magd aufweisen. »'s kommt nix bei 'raus«, sagt Doktor Kraatz. »Aber was bei rein «, hab' ich ihm entgegnet, denn ich weiß, er hat Talers im Strumpf und Scheine auf der Kreissparkasse. »Wien, Sie sind zu klug«, schmunzelt er. »Kluge Kinder sterben früh, mich dauern Ihre Eltern.« Die Amei zog ganz zum Vater, denn Gesine konnte nicht den Haushalt schaffen samt der Soggerpupp und dem kranken General. – Das war nun etwas Schönes für mich. So Ameis Walten zuzuschauen. Und ich konnt' feststellen, daß ich sicher auch mal eine tüchtige Pflegerin haben würde an meinem jungen Weibe. Gewissenhaft und pünktlich, gut und klug ist die Amei als Tochter. Als Braut freilich noch herb wie eine Schlehe und stachlig wie eine Ilexstaude. Ist aber just mein Gusto. Und jetzt in der hilden Erntezeit ganz am Platze, wo man sich jede Minute abgeizen muß. Ich mein' auch, nicht nur das Ziel ist schön – auch der Weg dahin. Und wenn wir oben beim Vater saßen, dann durfte ich ganz verstohlen den Arm um meine Amei legen. Und dann fühlte ich, wie sie sich ganz geruhlich an ihren großen Wien lehnte und ganz stillhielt. Einmal sagte sie auch: »Du bist wie Heimat, Wien.« Das machte froh, und ich habe es richtig gebucht. Im Hauptbuch. Denn so was Seltenes muß man festlegen. Mitten unter Roggen und Kartoffeln. Die sind ja auch Poesie für den Landwirt, ebenso wie die öwerspönigen Gedichte von Lilien und Rosen, und Liebe für den Stadtmenschen. Als Doktor Kraatz kam, freute er sich über die verständige Deern und ihre Pflege des ungeduldigen Kranken. Wie praktisch sie alles anfaßte! Und liebreich dazu. Nicht an das Bett stieß, was viele Kranke einfach nicht aushalten können. Und der ziemlich grobe Landdoktor wurde ganz feiner Hund und meinte: »Mein gnädiges Fräulein, ich bewundere Sie!« Wenn ich so was höre, werde ich fünsch, denn es erinnert mich, daß sie »von Sleef« heißt, und ich meine dann, sie kann und kann nicht zum Knecht Wien passen. Deshalb sagt' ich ihm trotzig, daß sie meine Braut sei. Verlobungskarten hatten wir nicht verschickt, Jochens wegen. Es ist und bleibt doch eine elende Geschichte, und drückt mich wie ein zu enger Rock. Der Doktor freilich denkt an so was nicht, er kniff die Augen ganz klein und sagte einen bayrischen Spruch: »Eine Liebschaft im Haus is selten a G'winn, was an Schuhn man derspart, geht an Strümpfen dahin.« – Ich mag so Schluderworte nicht, und meine Amei hat's nicht verstanden, aber der General hat sich gesünder dran gelacht. Deshalb lasse ich sie gelten. – – Und nun hab' ich ganz vergessen mitzuteilen, daß die Amei am 21. September mir angetraut worden ist. Die Nachfahren werden wissen, daß man in der Roggenernte eben nur an diese denkt und alles andere nebenbei geschafft werden muß. – Dies Wort hab' ich dem Tetje Bur gesagt und an nichts Böses gedacht. Muß mich fürderhin höllisch in acht nehmen, daß die Amei niemalen wieder was erhorcht. Denn sie kehrt es gleich gegen mich mit großer Böswilligkeit. – Als hätt' sie sich kein einmal an mich geschmiegt und mich Heimat genannt. An demselbigen Abend des 21. September hab' ich's gespürt. Als Muhme Kordula nach altem Brauch die »heilige Kammer« aufgeschlossen hatte und mir den Schlüssel übergab, machte ich meine Reverenz vor meinem lieben, angetrauten Weibe, und eine Glückswelle wollt' mir über Kopf und Kragen, Leib und Leben zusammenschlagen. Sagt die Amei mit weißen Lippen: »Wirst nicht böse sein, Wien, wenn ich beim kranken Vater bleibe fürs erste. Gelt? Der geht noch der Roggenernte vor ? Gut Nacht, Wien!« Und schritt so wie eine junge Heidekönigin von mir fort. Das schneeweiße Gewand und die Brautkrone mit dem geschlossenen Myrtenkranz hatte sie auf dem Trotzkopf und sollte doch die Frauenhaube aufgesetzt haben ums Abendläuten nach Brauch und Sitte. Muhme Kordula raunte mir zu: »Fein Geduld haben, Wien! 's ist heute ihr Ehrentag, wirst nicht rebellieren, Wien, hörst?« Und sie ging der Enkelin nach, hat ihr Schleier und Kranz abgetan, und sie auf das einschichtige, alte Kanapee gebettet. Dann haben sie beide geweint und den Abendsegen gebetet. Geschieht ihnen recht! – – Vater Ernst hat schon geschlafen. Muhme Kordula kam auch wieder zu uns herunter. Es war ja nur eine stille Hochzeit gewesen. Mit den Herren Pastoren und dem Landjäger, der mir mit Tetje Bur Trauzeuge war, und ein treuer Spezi für mich geworden ist. Recht extra war mir nicht nach Ameis Fortgang, und ich entschuldigte mich für ein paar Augenblicke und ging fünsch bis obenhin in die Brautkammer. Wo ich den Feiertagsrock abtat und die neue Joppe anzog. So war ich Landwirt und nicht Hochzeiter. Habe auch ein paarmal in der Kammer gewettert und die Faust geballt und Worte gesagt, die sich gar nicht mit Muhme Kordulas Abendsegen vertrugen. – Und habe der herzlieben Deern dasselbe Heimweh gewünscht nach mir, wie ich es nach ihr hatte. Bin dann zum Pastoren und dem Landjäger Brodersen und dem Tetje Bur gegangen. Mit extra gutem Wein und besten Zigarren, von denen auch Tetje abbekam. Der schaffte auch noch ein Fäßchen Erlanger Bier hinüber in die Knechtsstube, wo noch einige Dierkhofer Insten, die vom Pastor und auch einige vom Sleefkamp mitfeierten. Doktor Jochen Sleef war nach Hannover gefahren zu einer Studentenkneipe. »Du jagst mir die Sleefkamper bald heim, hörst, Tetje?« hab' ich noch vermahnt, »die Stina soll gut aufpassen, daß es nicht zu spät oder gar früh wird. Morgen geht die Ernte weiter, und auch der Doktor Sleef wird zu rechter Zeit auf Posten sein.« Tetje, der schon aus lauter Freude über mein »Glück« einen lüttgen Haarbüdel sich angetüdert hatte, erzählte mir noch redselig, daß er der »Frau Amei« zu wissen getan habe, was sie für einen Staatsmann von Landwirt kriege, der die Roggenernte vornan stelle und Braut und Hochzeit nur als Nebenfach' abmachen wolle in »düsse hilde Tid«. Da hab' ich ihn freilich geschüttelt, daß ihm Hören und Sehen bei meinem Segenswunsch verging. »Nix för ungut«, stamerte er heil verbast, »und ich wünsch' eine gesegnete Nacht.« Das war der eingelernte Hochzeitsspruch, den jeder Vorknecht vom Sleefkamp seinem Herrn wünschen mußte – – Da nickte ich ihm doch noch freundlich zu. Es sollte heut niemand gekränkt werden in meinem Gewese, ich hatte genug an meiner Kränkung zu tun. Mit einem dicken Packen Spielkarten trat ich vor den Pastor. Weil ich mich arg schämte, wollt' ich einen Skat vorschlagen – da brauchte ich nicht viel zu sprechen. Sagt der Pfarrer: »Mein lieber Freund, wenn ich gescheite Partner habe, wechsle ich lieber Gedanken als Karten mit ihnen.« Er weiß allstunds ein gut Wort, der Pastor Eichstaedt, und wird auch meiner Amei ein rechter Seelsorger sein. So haben wir denn am Hochzeitsabend noch wundergut bisammengesessen und geklöhnt und geschnackt wie rechte, echte Heidjer. Haben dazu geraucht, das beste Kraut, für das sich kein König oder Herzog hätte schämen müssen. Die Muhme blieb bei ihrer Brasil, und den Hochzeitsehrenwein tranken wir langsam und mit Verstand. Ich besaß freilich nicht viel zu jener Stunde. – Jetzt mein' ich den Verstand und nicht den Wein – – – Das Großje blieb in dieser Nacht im Dierkhof. Die Gesine holte sie herauf in den Gastpesel. Aber beim Gutnachtsagen legte sie die Arme um meinen Hals, daß ich mich tief niederbücken mußte. »Bist ein Braver – Wien!« sagte sie mit ihrer guten Stimme. Und ich küßte sie auf den weißen Scheitel. – Der Landjäger fuhr den Herrn Pfarrer in der Hochzeitskalesche heim. Und dann sich selbst. Ich winkte ihnen noch lange nach. Drauf hielt ich wunderliche Zwiesprach mit der braunen Heide. Bis die weißen Nebel sie eindeckten, und sie aussah wie das weite Meer – – – Am andern Morgen haben wir uns allesamt verschlafen. Nur die Sleefkamper nicht, die der Tetje beizeiten heimgejagt hat, so daß sie stramm auf Posten waren, als der Jochen Sleef heimgekehrt ist. Und die Amei nicht. Die hat mit dem Landjäger die Pferde abgeschirrt, als er sie schon in der Herrgottsfrühe brachte. Hat alle Arbeit der Gesine abgenommen und mir den Frühbrottisch gerüstet mit gutem, starkem Kaffee und frischem Schwarzbrot und altem Hochzeitskuchen: »denn wir sind jetzt schon ein altes Ehepaar«, sagte sie gottlos gleichgültig. Da hab' ich die Tür abgeriegelt und die Amei auf meinen Schoß gesetzt und tüchtig abgeküßt. Trank ihre Süße in mich hinein und wurde immer durstiger. Da wand sie sich aus meinem Arm und schloß die Tür auf, und ich mußte Kaffee trinken. Dann kam der General noch etwas knickebeinig herunter, aber er sagte, er sei in dieser Nacht gesund geworden, weil sein schlimmes Mädchen so gut versorgt sei. Und es standen Tränen in seinen guten Augen. Um neun Uhr kam ich erst aufs Feld, wo ich auf die schwere Not arbeitete, ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Was hätt' ich auch sagen können? Amei, Amei, Amei! Weiter wußte ich nichts. Mittags zwölf Uhr stand ein däftiges, duftendes »Supp-Eten« auf dem blankgescheuerten Tisch. Die Amei hatte es gekocht – rote Backen hatte mein schönes, junges Weib, und strahlende Augen wie der blaue Himmel über der Heide. »Gottlob, daß du da bist, Wien«, rief sie, »es war wie eine Ewigkeit!« Das machte mich schier trunken. Aber sagen tat ich Stoffel nur: » Du! Du! « Es war ihr dennoch genug. – Sie ist nicht naschhaft und nicht neugierig, die Amei. Sie ist das liebste, beste Weib auf der weiten Welt. – Gut ist sie zutiefst! Herrgott, ich dank' dir! Dierkhof, den 29. September 19 .. Nun ist der Alltag schon in sein Recht getreten. Es ist aber kein grauer Alltag, sondern ein helles Lichtchen durchleuchtet ihn. Amei heißt die weiße Kerze, die auf unserm Hausaltar brennt. Ich bin der glücklichste Ehemann unter der Sonne. Der General bleibt bei uns. Vater Ernst Sleef. Will die Stadtwohnung ganz aufgeben. Er ist das Bindeglied zwischen Sleefkamp und Dierkhof. Er erzählt mir, daß der Jochen arbeitet wie noch mal ein Bauer, daß seine Landwirtschaft aber nach Büchern schmeckt, wie wiederum Tetje Bur meint. »Der Herr hat mehr Maschinen- als Rindviehverstand«, sagt Tetje Bur in seiner Weisheit. Das soll wohl sein. Dafür wissen Tetje und der Administrator eine Menge. Er muß nur drauf hören, der Jochen. Das sind meine Gedanken. Bin schon mal drauf und dran gewesen, hinüberzureiten auf den Sleefkamp. Mit meiner Mutter selig Worten hab' ich mich zurückgehalten. »Du Bräät«, hab' ich zu mir gesagt. Aber ich wollt' hin, weil ich mir keines Diebstahls bewußt bin. Weil die Amei mein eigen war, schon als sie unterm Weihnachtsbaum im vorig' Jahr sang: »Josef, liebster Josef mein ...« Und weil – weil ich den Jochen so arg vermisse – ich muß diesen Grund heraussagen, wenn ich ehrlich sein will. Aber er will mich ja zehn Jahre lang nicht sehen ... Und wenn ich so bei klein alles überdenk, drückt mich wieder der zu enge Rock. – Die Amei hat mich ein paar Tag kritisch betrachtet. Sie ist büschen unrastig und wunderlich geworden, mal froh, mal ungezogen. – Und weil sie mit nichts hinterm Berge hält, wettert sie heute los – so »zwischen Lichten« war's: »Weißt, Wien, ich geh' wieder in den Sleefkamp oder nach Hannover, ich glaub' nicht, daß du mich liebst. Du machst ein Gesicht wie ein Pott voll Mäuse und kuckst ümmerlos und öwerall nach dem Sleefkamp. Wir woll'n tauschen. Das Großje kommt wieder her, und ich geh' 'rüber.« »Untersteh dich!« rief ich – und riß sie an mich. Und da hatte die Deern doch wahrhaftig Tränen in den großen Kinderaugen. »Amei«, sag' ich, »was ist in dich gefahren? Du kannst doch nicht dran denken, zu dem Jochen 'rüberzulaufen, dem du aufgesagt hast? Und willst mir so 'ne Schand antun? Oder wenn's ein Spaß un Bubulum war ... Kannst denn nicht verständig werden? Eines ernsten Bauern ernsthaftes Weib? Oder hab' ich einen solchen Kindskopf gefreit, daß du dich gar nicht schämst, mit so einem Gedanken Ball zu spielen? Amei!« Mir standen die Schweißtropfen auf der Stirn, und ich mußte mich hinsetzen. Da warf sie mit rechtem Ungestüm ihre Arme um meinen Hals. »Ich hab' so Angst«, weinte sie, »so schreckliche Angst. Und hab' doch nie welche gehabt in meinem Leben. Höchstens mal so, wenn der Jochen mich küssen wollte. Aber er wollte es denn auch nicht mehr, weil das Großje es ihm verboten hat. Und nun hab' ich so Angst, so Angst – –« »Vor Jochen oder vor mir?« fragt' ich ruhig, denn sie zitterte an meiner Brust. »Es droht dir was, Wien«, jammerte sie. »Ich kann's nicht für mich behalten, es droht dir was. Der Bauer Harmsen war mal bei Vetter Jochen, als der noch glaubte, ich wär' seine Braut – und ich war doch immer deine Amei – gelt, Wien, vom ersten Tage an, als ich so greulich zu dir war. Ja, und das sagte er im Nebenpesel zu Jochen, und die Tür stand viertels auf: ›Das kann Ihrem Vetter Wien den Hals brechen, wenn es 'rauskommt mit der Birgitt Dierks.‹« »Und was sagte Jochen darauf?« fragte ich ganz kalt. »Der rief schrecklich laut: ›Sie bürgen mir dafür, Bauer Harmsen, daß da nichts verlautet – – sonst rede ich, und dann wird ein Menschenkind sehr unglücklich.‹ – Und das Menschenkind bist du, Wien. Ich weiß es. Sie munkeln es alle ringsum. Und einmal trugen sie's auch der Großje zu. Aber die rief nur immer: ›Schweigt! Schweigt!‹ Und hat die Magd entlassen, die es klatschte. Wien, Wien, warum hast du es mir nicht gesagt, wenn du was getan hast, und wer ist die Birgitt Dierks? Hast du sie lieber als mich, Wien? Hast du mich nur genommen, weil ich dich so schrecklich drum bat?« Es war ganz aus den Fugen, mein junges Weib, und ich nahm sie auf den Schoß und wiegte sie. Könnt ja gut und gern ihr Vater sein. Und einen heiligen Zorn kriegt ich auf alle Lästermäuler im Dorf. Und so ein Verleumder war dabei gewesen, als ich vom Amt mit Amei zusammengetan wurde. Und hatte ehrbar dagestanden und seine Lex abgelesen. Und wie müßte den Doktor Jochen das Gewissen plagen – der die Amei schonen wollte. »Ich hab' dir gar nichts zu sagen, Lüttjes«, meinte ich, und strich beruhigend über ihren Kopf und die zarten Schultern. Und trug sie dann auf ihr Bett, wo sie sich recht wie ein Kind zurechtkuschelte. Sie war ja auch eins, und ich schalt mich bitter aus ... Die Gesine hat sie dann ausgezogen, und sie ist ihr unter den Händen eingeschlafen. Ich aber zog meinen »Donner« aus dem Stall und ritt zu Doktor Kraatz. Der verstaunte sich: »Sie wollen doch unmöglich schon den Geburtshelfer holen, Sleef!« rief er derb. Aber er wurde recht zu dem Berater, den ich just brauchte, als ich ihm von meiner jungen Amei erzählte. »Hüten Sie das Kind vor sich selbst, Sleef«, sagte er väterlich. »Das hat keine Mutter gehabt, das ist wie ein Füllen auf der Weide groß geworden. Kriegt zwei Bräutigams auf einmal und wird von einem vom Fleck weggeheiratet. Das ist zuviel. Ja, wenn's 'ne stabile Bauerndeern wäre! Aber die von Sleefs sind schon büschen überzüchtet. Wien Sleef, es ist mir aber lieber, die Deern hat Sie gekriegt, anstatt den Doktor Jochen – nichts für ungut, es ist Ihr Vetter. Aber der wäre nicht Abends zu mir geprescht und Nachts wieder zurück, um mich zu fragen, wie man ein verstörtes Weiblein wieder in die Fugen bringt.« »Doch doch, Herr Doktor, das hätte der Jochen getan«, eiferte ich. »Den verkennen Sie ganz und gar. Ich mein' sogar, der paßt besser zu der seinen Amei von Sleef, als der Bauernknecht Wien ... Aber ich geb' sie nicht her«, rief ich noch und bin davongeritten. Mir war's, als hätte der Doktor mir was nachgerufen und wollte schon umkehren, aber »Donner« dachte nicht dran, mir den Gefallen zu tun. Später hat mir der Arzt erzählt, ich hätte einen durchaus beängstigenden Eindruck gemacht, so daß ihm nicht mal mehr seine Pfeife geschmeckt hätte. Und völlig im Dunkeln getappt wäre er, weil er nicht auf Irrenarzt studiert hätte. »Donner« fegte in einem Tempo mit mir heim, wie ich's nie einem andern Knecht erlaubt hätte. Gesine glaubte, der »wilde Jäger« wäre zugange. Sie ist fest von den Spukgeschichten aus der Heide überzeugt. Sie berichtete leise, daß Amei fest schliefe, und das sei das Beste für das »arme, junge Blut, das einer Mannsperson in die Hände geraten sei«. Sie gab auch gern meiner Bitte statt, diese Nacht bei Amei zu schlafen, und ich stolperte auf den Oberboden. Da lag eine alte Matratze, die war gut genug für mich Barbaren. Hatte im Kriege noch ganz anders kampiert. Und damals war ich ein besinnlicher Mensch gewesen gegen den jetzigen Unhold, der ein blutjunges Geschöpf an sich gerissen hatte. Anstatt wie ein rechter Gärtner zu warten, bis so eine Knospe sich entfaltete – – – Dierkhof, den 1. Oktober 19 .. Heute fuhr schon der Heidewind arg herbstlich gegen die Fenster. Die Gesine hat Holzfeuer im Wohnpesel angelegt, damit sich Lütt Birgitt nicht verkühlt, wenn sie sich bloßstrampelt. Meine Amei war schon wieder die erste auf, der Kaffeetisch schon gerüstet; auch gebuttert hatte sie, und nach dem Vieh gesehen, das die Magd Stina besorgt. Ganz schämig sagte mir mein Weib guten Morgen, und ich küßte sie wie ein kleiner Bub, der's zum erstenmal probiert. Hab' ja auch keine große Wissenschaft drin. Und es ist schon arg gut, daß man die Liebe als Lehrmeisterin hat. – Aber die Amei könnt' einen Heiligen aus mir machen, soviel hab' ich schon weg. Doch ich bin noch keiner. Und was sie mir in aller Vertrauensseligkeit sagte, hat mich schier umgeworfen. Ich kam auch gar nicht an sie heran. Sie ließ die ganze Breite des Tisches zwischen uns. »Wien, ich dank dir«, hub sie an. Ihr schönes Gesichtchen stickte sich rot an, sie ist überhaupt kein »Junge« mehr, den hat sie über Bord geworfen, wenn sie nicht gerade einen Pferderücken unter sich hat. Eine »söte Frawe« ist sie, wie es einmal ein Ahn im Folianten geschrieben hat von einer, die nicht seine eigene war. »Wien, ich dank dir! Daß du die Gesine gestern abend zu mir geschickt hast. Wien, du bist brav. Und, und – und – ja, und fein. Ich bin's ja nicht gewohnt – – weißt – Wien – hab' immer mein eigen Schlafzimmer gehabt. Aber das Großje hat mir's schon gesagt: ›Beim Wien braucht's keinen Zaunpfahl zum Winken, da tut's schon ein kleiner Deuter.‹ Wien, ni wohr, du verstehst mich? Wien, ich dank dir!« »Also das nennst einen kleinen Deuter? Amei !!« Das konnt' ich gerade herauspressen aus meiner klammen Kehl. Aber Amei stippte Buttersemmel und Kaffeestreifen in ihre Tasse und merkte nichts und hatte großmächtigen Hunger. Und war so froh, und sah wirklich glücklich aus. Zum erstenmal. Fragt ich sie: »Magst denn die Gesine bei dir haben des Nachts? Die schnarcht doch, daß man es bis ins Dorf hört?« »Ich höre nichts, Wien, ich schlafe ja so fest. Aber die Gesine schläft ja beim Kind nebenan, ich bin gottlob ganz allein.« Ich dachte an die Mäuseherberge, den Oberboden mit seiner alten Matratze, und den Spinnweben und den lüttjen Fensterluken und meinte, daß es keine würdige Schlafstatt für den Reichsverweser vom Dierkhof wäre. »Nein, das ist's auch wahrlich nicht«, rief sie lebhaft, und ich meine, wir richten die hübsche Volontärstube für dich her, nebenan im alten Teil. Wir haben ja keinen Volontär und keine Alten.« »Amei, rück mal büschen näher ran. Sag, warum haben wir eigentlich geheiratet?« Da wurde sie vollends fröhlich, und lachte mich an mit den ehrlichen Heidjeraugen. »Weil ich so schrecklich gern bei dir sein wollte, Wien. Weil du meine Heimat bist. Und so gut und so verläßlich. Was du sagst, das ist immer wahr. Und ich hab' so gräßlich viel geflunkert. Und Jochen auch. Das konnt' ich gar nicht mehr vertragen. Aber mit dem 21. September, das hast du gemacht, Wien, ganz allein, hast mich gar nicht gefragt, hast gesagt zum Pastoren: ›Was soll die Deern dabei, das ist doch Männersach' – – –‹« Da hab' ich die Amei unterbrochen: »Ja, ja, das hab' ich nun schon öfters gehört, und ich werd's mein Lebtag auswendig können.« »Oh, oh, das ist schön, Wien. Und ich hab' dich fubbe doll lieb und dank dir vielmals, daß du mich geheiratet hast.« Und sie sah so einzig schön aus und lieb, mein junges Weib, daß ich an den Doktor Kraatz denken mußte, und bin ausgerissen und nach dem Altenteil gelaufen ... Wirklich ein liebes, schönes Stübchen. Helle große Fenster – feine Tapeten – und Gardinen. Es war wohl als Gastzimmer gedacht. Nun, ich bin ja auch bei mir zu Hause als – Gast. Büschen einsam dünkt mich die ganze Geschichte. Aber das ist ja Wien Sleef, der Knecht, seiner Lebtag gewohnt. – Und die Amei, meine Amei, ist jedes Opfer wert. Dierkhof, 21. Oktober 19 .. Heute sind wir gerade einen Monat verheiratet, und die Amei hat mir einen Strauß auf den Frühbrottisch gestellt. Lauter Astern, denn es herbstet ja schon. Das Getreide ist alles herunter von den Feldern, und gut war die Ernte. Das Roggenfeld ist umgepflügt und später kommen Wasserrüben drauf. Wir sind bei der Ernte von Kartoffeln und Runkelrüben – der kleine Dierkhof schneidet gut ab. Aber was ist's mit dem Sleefkamp? Der mir zu tausend Malen ans Herz gewachsen ist? Und den ich verlassen habe, um dem braven Dierkhofer gerecht zu werden, die ein Sleef in Jammer und Schande brachte. Um einem armen, kleinen Bankert seinen rechtmäßigen Namen zu verschaffen, und vor allem ihm den schmucken Hof zu erhalten. Aber wie steht's mit dem Namen ? Du Pharisäer, Wien! Gib Rechenschaft dir selbst. Hast nicht manchmal ganz insgeheim an deine Brust geschlagen und gedacht: »Gott sei Dank, daß ich nicht bin wie jener.« Und hast jetzt auf deine Mission vergessen. Hast ein schönes, gesundes Weib genommen und hoffest schöne, aufrechte, blonde Sleefs zu zeugen, und hoffst, daß dein schönes, aufrechtes, deutsches Weib sie dem Lichte entgegen trägt. Und der lüttje Bankert bleibt außen vor ... Schäm dich, Wien! Mit solchen Gedanken arbeitet es sich schlecht. Noch schlechter, wenn man vier Kilometer weiter seinen liebsten Freund sitzen hat, dem es schlecht geht. Die Leute munkeln es alle. Von überall wird es mir zugetragen mit offenen und mit versteckten Worten, daß der Doktor Jochen sehr leichtsinnig eine Bürgschaft übernommen hat, an der er jetzt knackt, und die Nussen nicht aufbringt. »Auszahlen wird er dich nicht können«, sagt Bauer Weselförde heute, als er sich Honig vom Sleefkamp geholt hat, welcher der beste ist weit und breit »in der Lüneburger Heide, in dem hochgelobten Land«. Vierzig Pfund Heidehonig für vierzehn gesunde Weselfördebrut, das trägt ja nicht viel für den einzelnen. »Se freten's mit Lepeln, de ›Briten‹«, lacht der glückliche Vater, und fährt gleich drauf fort: »Aber auszahlen wird er dich nicht können, Sleef, der Honnig allein macht den Sleefkamp nich glücklich, is auch mehr der ›Fru‹ ehr Sach'.« »Wer spricht von auszahlen?« fuhr ich ihn unwirsch an. »Wenn du's nicht nödig has, Wien – mir schall's recht sien. Aber ich dacht man blot, wer ein schmckes, junges Weib freit, der brukt veel Batzen. Dem setzt sik jo jedwedes Johr de Adebor upn Schostein.« So kümmern sich die Nachbarn um einen, wenn man auch noch so still für sich hin lebt. Und ich mußt insgeheim zugeben, daß ich mit dem »Auszahlen« geliebäugelt hatte. Bargeld lacht. Und ich hatte allerhand vor für all die »Soggerpuppen«, die ich von meiner Eheliebsten erhoffte. Der Weselförder hatte seine »vierzehn Nothelfer« beisammen. Zehn stramme Buben und vier Deerns zum Einheiraten auf andere Höfe. Der Älteste erbte den eigenen Hof. Das war alles bar Geld, und brauchte er niemalen fremde Knechte. Ich hab' rechtschaffen Verlangen, mit dem General zu sprechen, mit meinem hochwerten Vadder Sleef. Der hat so straffe Meinungen und rechtschaffene Ansichten. Man kann gut mit ihm fertig werden. Und daß ich die Jugend und Gesundheit von seiner lieben Deern respektier, das hat mich ihm vollends zum Freund gemacht. Er ist aber nach Hannover gefahren, bereitet dort seinen Umzug nach hier. – Im Sleefkamp, wo er ja Heimatrecht hat wie ich, kann er eine Menge Hausrat lassen, er richtet alle die vielen Stuben ein, die dort leer stehen. Und ich baue das Ausgedinge vom Dierkhof größer, wenn Lütt-Birgitt mal heiratet. Und wo setzen wir dann unsern Stab hin, meine Amei und ich? Ich denk', das ist Gottessach'. – »Sorget nicht für den morgenden Tag, es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.« Und ich denk' trotzdem weiter, daß wir einmal alle wieder auf dem Sleefkamp sind mit dem Jochen zusammen. In zwanzig Jahren. Wenn mir die Amei zum drittenmal sagt, daß sie mich lieb hat. Dierkhof, den 23. Oktober 19 .. Kam heute die Muhme Kordula angefahren. Mit der brennenden Brasil. »Gott sei Dank«, rief ich, »sie brennt noch. Also bist gut zuwege, Großje?« Ich hob sie wieder aus dem Wagen und trug sie über meine Hausschwelle. »Sei willkommen, Großje! Aber deine Augen sind matter als sonst. Warum hast die Lichter ausgelöscht? Sie wärmten so schön ...« »Weil ich Feuerung sparen will ... Geh her, Hannes, nimm die Brasil und rauch sie weiter. Es ist schade, sie zu verprassen, wenn sie mir doch nicht schmeckt.« – Der Knecht griente. »Großje, du hast Sorgen!« Ich nahm ihre beiden feinen Hände in meine Pranken und setzte mich neben die Muhme. »Laß uns teilen, Muhme Kordula!« »Wien, sag nur nicht: ›geteilter Schmerz, ist halber Schmerz.‹ Diewelchen Sprichwörter sind unwahr. Doppelter Schmerz ist's, wenn man ihn mit einem lieben Menschen teilt. Und der Jochen ist mir mit jedem Tage lieber geworden ... Wie geht's deiner Amei, Wien?« »Sie blühet wie ein Rosenstock, Großje, aber ich vergeh', ich arm Stackel – –« »Er lügt«, rief da der Rosenstock und hing mir am Hals. »Sieh dir den Schlagetot an – der ist nicht mit Gift zu tilgen ...« »Du hast schreckliche Ausdrücke, Amei«, klagte Großje, aber ich küßte mich erst einmal satt, denn so seltene Augenblicke, wo der Ilex nicht sticht, muß man festhalten. »Laß los!«, kommandierte die Deern, und das hat sie vom General, da kann sie nix für. Deshalb gehorchte ich auch sofort. Muhme Kordula sagte trocken: »Ich seh schon, hier herrscht ›beschränkte Monarchie‹.« Und die Amei tuschelte mir ins Ohr: »Wen hält sie für dumm, dich, oder mich?« Aber Großje war doch recht ernst, ich sah es mit Sorge. Und als mien söte Deern hinausging, um nach dem Rechten zu sehn, seufzte die Muhme tief, und gab dann Hals: »Wien, der Sleefkamp ist nicht mehr derselbe, und der Jochen auch nicht.« »Wo fehlt's?« fragt' ich kurz. »Überall! Aber Wien, stopf' mir erst ein leichtes kurzes Pfeifchen, sonst kann ich nicht reden. Lach' nicht, dummer Junge! Ich verhoff', du gibst mir mal etliche hundert Stück Brasil und etliche Pfunde Varinas samt Pfeifchen mit ins Grab, und läßt mir einen Schornstein einbauen.« »Was ist's mit Jochen, Großje?« Muhme Kordula qualmte heftig. »Es ist da ein ›Dierk‹, ein Verwandter von der Birgitt. Ein herabgekommener Kerl, früher wohl mal in guten Verhältnissen, der muß Lunte gerochen haben, und hat sich an Jochen herangepirscht. Schon lange, ehvor die Birgitt gestorben ist. Jochen hat ihn kennengelernt, als die Birgitt noch diente, hatte die Bekanntschaft aber längst vergessen. Nun hat sich der Dierk mit einem Drohbrief schon vor Monaten an ihn, den ›reichen Sleefkamper‹ gewendet. Hat um eine Bürgschaft gebeten, eine hohe Summe, und Jochen, der Schafskopp, hat sie ihm gegeben. Sone Bürgschaft ist aber ein Heerwurm, mein lieber Wien, und der Dierks hat sich mit einem ›Linksanwalt‹ zusammengetan. – Der Sleefkamp kann viel tragen, Wien, aber dies ist langsam fressendes Gift .. Und die Ernte war hundsmiserabel, und der Roggen so müde, daß er nach dem Hagel überhaupt nicht wieder aufgestanden ist. Ich habe schon viel reingebuttert – kannst es glauben, Wien. Aber das Hauptunheil liegt doch in der vermaledeiten Bürgschaft.« »Soll ich mitbuttern, Großche?« »Biete es um Gotteswillen nicht an, Wien. Das würde den Jochen zu Boden drücken ... Armer Sleefkamp! Aber ich will dir keinen abschließenden Rat geben, Wien, ich tappe selbst im Dunkeln.« »Der Sleefkamp ist nicht arm, so lang noch ein Blutstropfen in mir läuft, Muhme.« »Glaub's, Wien! Ihr beide zusammen würdet es schaffen. – Der ›Maschinenbauer‹ und der ›Erdgewachsene‹, aber die Bürgschaft, die läuft allem voran, die holt ihr nicht ein.« »Auf ›Kismet‹ nicht, Muhme, aber auf ›Donner‹!« »Probier's, Wien ...« Noch am Nachmittag stand ich vor dem Sleefkamp. Es waren mehrere Leute da, das beengte mich. Ich sagte zum Knecht Onnen, er möchte mir den Herrn Doktor Jochen Sleef herausholen. – Zwei Herren schlichen auf dem Gewese herum. Sahen aus wie Schnüffler. Ich hab' büschen Menschenkenntnis und taxierte sie auf den »Musche Dierk« und den »Linksanwalt«. »Ob ich was suchte«, fragten sie mich. »Nein, ich hätte es schon gefunden«, sagt' ich. Da machten sie krumme Naslöcher und gingen vom Hofe. Knecht Onnen kam nicht mit Doktor Jochen an, aber mit dem Administrator. Und der richtete mir vom Dr. rer. pol. Sleef aus: »Die zehn Jahre wären noch nicht um.« Das war bitter, und ich bin wie geschlagen heimgeritten. Es ist der zu enge Rock. Sobald ich mich rühren will, krachen die Nähte – – – Muhme Kordula blieb aber ein paar Stunden da. Das ist schon wie frische Luft, wenn sie auch Knaster pafft. Sie freute sich auch über die Amei, teils mit mir, teils im stillen Beobachten. Wie sie alles so richtig anfaßt und bei kritischen Dingen die Magd Stina fragt, anstatt die Herrin herauszukehren! »Wien, bist du ganz glücklich? Manchmal gehst du wie auf Federn, und dann wieder ist dein Mund so schmal ... ich kenne doch die Sleefs, und du bist ein ganz echter, du kannst mich niemalen täuschen.« Also die Muhme. Da sagt ich still: »Mir fehlt der Jochen. Wie's liebe Brot fehlt er mir.« Und bin hinausgegangen. Sleefkamp, den 24. Oktober 19 .. Ich habe schon längst die Nacht zu Hilfe genommen, um den »Fullianten« zu füllen. Ich kann den Schlaf gut entbehren, besonders hier im Altgedinge, als Einschichtiger – – – Und der »Fulliant« wächst stattlich – ich hab' meine Freud' dran. Es ist aber auch gut, wenn man zurückblättert; und das tu ich, wenn manchmal die Sehnsucht übermächtig wird nach der Amei, die drüben pickfest schläft im Dierkhof, und von Tuten und Blasen nix zu wissen scheint. Jetzt ist die Obermagd Gesine mal wieder mit dem »Tismus« behaftet, wie die Leut' sagen, und die Amei hat ihr das Kind abgenommen und ist die geborene Mutter, dünkt mich, während man der Gesine trotz allem Getue und Liedersingen immer die Kindsmagd anmerkte – nicht Mutter oder Großmutter. Was ich alter Junggeselle für philosophische Betrachtungen anstelle. Jungeselle? – Na ja. Aber ich las mal wieder im Fulliant, und die Ahnen sprachen mir laut in Ohr und Herz. – »1705, Karsten Sleef: › Die Lieb is für das Weib, die Fründschaft is für den Mann. Das Weib kanns nich ohne Lieb uthollen. Oder manchmal auch, was sie so Liebe nennt. Aber Fründschaft kann es leicht embehren. Wenn sie die Stub voll Nachborweiber hat und hat Spinnrad un Knüttdüg un Schnack un Tühnkram. Un kann losziehen öwer Gott un de Welt, un de slichten Mannslüd, un ok öwer annere Wiwer, denn brukt se keen Fründin. Kümmert sik ok blot üm das Mul von de Annern, un nich ums Herz. Äwer de Mann brükt en Fründ. Dat möt grod nich en Nachbar sien – de Fründ kann wid wegwahnen – – äwer denn denken se doch bei de hildeste Arbeit tomanner hin. Un wer ok gor kein Brief schriewen kunn, de schriewt doch eenen. Un denn kümmt de Annere angefohren. Un denn sitten se tosamen, un een goden Troppen steiht up'n Disch. Heidmärker, rein Gotteswort, Korn un Braunbier. Un denn schnacken un klöhnen se, und das Wief, dat smeten se rut, wenns sik blicken läd. Un gähn mit dem olen Fründ tosamen to Kark, un up'n Heidegottsacker, un schnacken öwer de Steine un Kreuze un lesen sik die Sprüche. Un freun sik, daß se noch nahsten beim Middageten de Kartoffeln öwer de Erd abpellen un eten känen, un se sik nich blot unner de Erd to betrachten bruken, wie die toten Leut. Un deshalb bliw ik dorbi, de Lieb is vor das Wief, un de Fründschaft gehört dem Mann to. Dauert auch allstunds länger durch die Jahrenden hindurch, durch Not und Dod un Kriegsgefahren bis ans selig Ende von die Beiden!« Ist das nicht seltsam, daß ich heute gerade diesen Passus lesen muß, der über zweihundert Jahre alt ist und noch Geltung hat hütigen Dags? Wie war' das nun schön, wenn der Jochen plötzlich vor mir stünd, wie einstens? Und wir könnten schnacken und tühnen und ernsthaft reden, auch wie einstens, da nichts zwischen uns stund... Herrgott, es ist schwer – – Dierkhof, den 25. Oktober 19 .. Heute ist Vater Ernst von Sleef zurückgekommen, nicht allein. Seinen alten ehemaligen Burschen hat er mitgebracht, und fragt, ob ich ihn unterbringen könnt' als Insten. Ist ein Abbauernsohn, ein verständiges Leut'. Hat im Kriege, wenn er auf Urlaub als Verwundeter ging, immer auf Bauernhöfern geholfen, weil er keine Verwandten hatte ringsum. Und auch bislang als Knecht auf einem größeren Hof in der Nähe von Hannover gearbeitet. Kann ihn gut brauchen für den verjagten Knecht. Aber mich dünkt, noch besser kann ihn der Jochen brauchen. Die Muhme Kordula hat mir's gesteckt. Vater Sleef sagt, er hätte Getreide- und auch Viehverstand. Das ist die Hauptsach' beim Großbauern. Hab' ihn auf »Donner« nüberreiten lassen zum Doktor Jochen Sleef. Ob er ihn brauchen könnt'? Sollt' ihn nur noch zwei Tag beurlauben, damit er das Ausgedinge für den Herrn General könnt' herrichten, und ebenso die großen Möbel im Sleefkamp aufstellen. Hat ihn der Jochen gleich wieder zurückgeschickt den Peder Pedersen. »Für seinetwegen könnt' er dem Teufel und seiner Großmutter eine Wohnung einrichten, und tausend Wochen wegbleiben – er, der Doktor Jochen Sleef brauchte keinen Knecht.« Das war deutlich. Und ich hab' ihn ohne Wort hier behalten, und genug Arbeit ist da. Der General war fünsch über den »Teufel und seine Großmutter«, und wollte dem Herrn Newö sagen lassen oder schreiben, daß er »keine Beziehungen zu den Herrschaften unterhalte«, aber ich hab' ihm abgeraten von nachbarlichem Zwist und Stunk. Der Jochen, nach dem mein brüderlich Verlangen steht, will, daß das Tischtuch zwischen uns zerschnitten ist. So will ich nicht den Aufdringlichen machen. Hab' ihm ja zuerst aufgekündigt, als ich Lütt-Birgitt mit heimbrachte und glaubte, die junge Mutter davon sei im Moor versunken ... Ja, wir Sleefs ... Ich weiß wirklich nicht, was sich der Herrgott dabei gedacht hat, als er die Sleefs auf die Welt schickte ... Es ist aber ein Gutes, daß die herzbrave Muhme Kordula den Doktor Jochen jeden Tag lieber gewinnt. Muß also doch viel an ihm sein, denn sie versieht sich nicht. Aber nun sitzen diese beiden, meine liebsten Menschen – heißt das, die Amei gehört dazu – in Kümmernis und Sorgen; und unsereins ist ausgeschlossen davon. Und könnte doch mitraten und mittaten nach bestem Wissen und Gewissen. Und wie ich in meinen einsamen Pesel eingetreten bin, ist mir's doch, als seien mir Vater und Mutter zum zweitenmal gestorben, und der großmächtige, aufrechte, alte Wien sei ein schmalbrüstig, heimatloses Waislein von dazumal. – – – Nachts um 3 Uhr. Was hab' ich da hingeschrieben? Wie oft muß ich in diesem »Fullianten« noch sagen: »Schäm' dich, Wien!?« Saß schier haltlos auf der Ofenbank. Die Birkenscheite knatterten noch im Kachelofen. Es ist Ende Oktober schon bitter kalt bei uns. Durch den fauchenden Wind, der uns nie verläßt. Und wenn ich für jeden sturmfreien Tag einen Taler kriegte und sonst nix hätte, könnt' ich betteln gehn. Aber ich bin reich! Alter Fulliant, ich bin ein König! Und ich gehe durch das Königreich der Freude. Als ich das Haus schließen wollte wie ein rechter Hausvater, bin ich die Stiege hinaufgegangen in Vater Ernst Sleefs Schlafpesel. Denn aus ihm drang Licht. Es war elf Uhr. Das ist früh für einen General, und spät für einen Bauern. Wollte dem alten Herrn noch Gutenacht sagen. – Aber da war er doch, wie schon oft, über seinem Buch eingeschlafen, und, das Licht hätte fröhlich die ganze Nacht durch gebrannt. Soll aber nicht sein! – Bläst doch Nachtwächter Lange alle Abend: »Bewahrt das Feuer und das Licht, daß uns kein Schade nicht geschicht.« Ich löschte es sacht. Vater schläft noch jung, wie ein Rekrut nach Stallwache oder Gepäckmarsch. – Neben ihm in der Kammer nach Süden schläft Gesine laut wie allstunds. Lütt Birgitt meckert wie eine junge Ziege, sie will sich das Sägen nicht gefallen lassen. Nun kommt das Stübchen von meiner Amei, die »heilige Kammer«, in der mein eigen breites Bett steht und daneben das weiße »Mägdleinbett« meiner söten Frawe. Ich murmel ein »Gottbehüt« beim Vorüberschleichen. Tönt doch wahrhaftig ihr Weinen heraus. – Warum weint mein Weib? Ich hab' sacht die Klinke niedergedrückt, und die Tür war unverschlossen ... Sie fährt erschrocken hoch, und sitzt da wie ein ängstiges Kind mit großen, scheuen Augen, die von Tränen feucht sind. Davon überzeugte ich mich mit meinem Munde. »Warum weinst, Amei?« Eine Weile tönte nichts, wie meine Küsse. Sie gab sie mir auch zurück. »Amei, du Söte, warum weinst?« »Weil – ich – so – glücklich bin!« »Warum hast mich nicht gerufen, mein Deern? Zu zweit ist man allemal noch glücklicher, als so allein.« Ich war ja nicht allein – – ich war nur glücklich ... Unruhig hab' ich im Stübchen umhergeschaut, aber mein Weib hielt sich fest an mich gedrückt. »War jemand bei dir, Amei?« Und ich wußt' es, nur der Herrgott konnt's gewesen sein. Sie hat ihren weichen Mund so nah an mein Ohr gehalten, daß ich gar nichts verstehen konnt'. Ich schüttelte den Kopf. Da schob sie mich ein klein wenig von sich. Hat schon jemand die Amei mit dem trotzigen, braunen Bubengesicht feierlich gesehn? Sie war's. »Denkst wohl an das eine Mal, wo ich nicht ungut, nicht trotzig zu dir war, mein Wien? Wo du ganz meine Heimat warst? Ach Wien, Wien: Ein Kindlein hebt an ... Wir sollen ein Kindlein haben ...« Und schier fromm wiederholte sie: »Ein Kindlein, Wien! Ein Kindlein bekommen wir!« Dierkhof, den 26. Oktober 19 .. Man atmet anders. Man schreitet anders. Es ist ein Tönen in der Luft. Nicht wie irdische Klänge. Aber zu meiner Flöte paßten sie doch gut. Die hab' ich heute morgen hervorgeholt und drauf geblasen: »Geh aus mein Herz und suche Freud, in dieser schönen Sommerszeit.« Es war ja gewiß Blödsinn, denn es ist heut' der erste Schnee gefallen. Aber was bläst und singt man nicht, wenn das Glück schier mit Mulden über einen ausgeschüttet wird. Wenn ein wunderschönes, liebes Weib, mein eigen Weib mir sagt, daß unsere Liebe, unsere Ehe gesegnet ward. Nachdem ich meinen Schatz in dieser Nacht verlassen hatte – schlafen und ruhen sollte sie – bin ich in die Heide gegangen, gelaufen, gestürmt. Und spürte in all meiner heißen Freude einen bittren Schmerz. – Daß ich nicht zu Jochen stürmen konnte! ... Meine Freude nicht mit ihm teilen! ... Ein irrsinniger Gedanke, ich weiß es wohl. – Aber ich bekenne ihn. »Freundschaft« braucht der Mann. Und der Heidjer vor allen. – Ich habe sie verloren. Auf dem Felde heute bissen mir neben dem starken Rauch des verbrannten Kartoffelkrautes auch etwelche böswillige Reden in die Augen und Ohren. Über den Doktor Jochen ging's her, der wohl »den schönen, alten Sleefkamp nicht halten könne«. Solcher elender Schnack brannte mich wie höllisches Feuer. Es war nicht grade Böswilligkeit. Fremde Arbeiter mit ihren Frauen halfen uns – sie wußten zu erzählen, was rings gemunkelt wurde. Einmal war auch flüsternd von einer Moorleiche die Rede, und ich sah, wie einer meiner Insten den Sprecher heftig in die Seite stieß. Der hörte erschrocken auf mit seinem Drähnschnack. Daß so was nicht sterben kann. Ich meine, Jochen müßte doch sprechen. Wenn ein Mann – ein Großbauer, und dazu ein Sleef sich nicht zu einer Tat bekennen soll ... wer dann? Wenn ein Städter diesen Folianten lesen könnt', wie würde er wohl wunnerwarken, oder gar lachen. Gott Dank, daß so einer es nicht kann. Man sagt, in der großen Stadt kenne man keine »Feme«. Ich kann das nicht glauben. Es wird doch wohl Richter geben und Gerechte. Und hier sind wir alle seit Jahren einig, daß wir in unserem Herrgottswinkel, wo die Heide so allmächtig schön ist, keine Eintags- und keine Wochenfliegen herbekommen. Die bringen Bazillen mit. Und seiens auch nur solche vom Modeteufel, oder Schlemmer- und Prasser-Urian. Wir haben aber noch unsern schönen, schlichten Beiderwandrock und das Gottestischkleid. Bis an die Knöchel geht er, wippt ringsherum in schönen Falten, und schmucke Deerns muten wie Bachstelzen an. Amei, die meine ist die schmuckste von allen. – Und eine Frau, die auf »schweren Füßen geht«, wird von allen im Kirchspiel gegrüßt. Das ist schöne, alte Sitte. Sollten andere Dörfer auch aufbringen, und zum Gesetz machen, hörten vielleicht gar die einschichtigen Kinder auf ... Frauenslüd halten viel von Rittern und adligen Manieren. In der Spinn- und Knüttstube, die unsere Fru Pastorn eingerichtet hat, wird am meisten aus solchen Büchern vorgelesen, wo die Frau die erste bei der Arbeit, aber auch die erste am Tisch und in der Kinderstube ist. Und somit auch am und im Herzen des Mannes. Und einer machts dem andern nach in unserem Winkel, wenn auch mal ein Bauer schimpft, daß er so viel Zeit verliert, wenn er sich zu Tisch eine saubere Joppen anziehen soll. Macht ihm zuletzt doch selber Spaß, so als geordneter Hausvater dazusitzen neben der schmucken Frau, und den sauberen Kindern. Wenn auch der jüngste Bub noch einen Beutler kriegt, weil er ruft: »Man kennt Vaddern gor nich widder mit die gewaschenen Pfoten.« Nachher geht er nochmal so froh zum Mistfahren. Mist ist die Seele des Landwirts. – Der Knecht Hannes hat nicht viel Hausrat und kaum ein paar Bilder in seiner Stube, die hängen alle in Stina ehr Pesel, in der »kalten Pracht«. »Ik bün da nich för«, sagt Hannes. Aber einen Spruch hat er sich mit Heftzwecken angepickt, und den hab' ich mir abgeschrieben: »Nich mulen un nich klöhnen, nich schimpen un nich dröhnen! Veel Snaak un Word helpt di en Quark – spuck in de Hand, un ran ant Wark!« So kommt auch durch den einfachen Hannes, der schier noch schlichter ist, als der Knecht Wien, etwas Beachtenswertes in den Dierkhof und in den Sleefkamp. Denn Muhme Kordula wird sich diesen Spruch auch nicht entgehen lassen. Dierkhof, den 27. Oktober 19 .. Alles schläft ringsum. Ich aber will noch mein Leben weiter leben im »Fullianten«. Den heutigen Tag werd' ich niemalen vergessen. Der ist wieder mal eingebrannt in mein Herz. Aber dieses »Brandmal« schmerzt nicht. Das hat einen ganzen hohen, üblen Berg von Pharisäertum, Zorn und Überheblichkeit verbrannt, also daß ich wieder aufschnaufen kann, wie einst. Nur das Heimweh ist geblieben, nach dem Jochen, der nichts mehr von mir wissen will, und den nur doch Gott selbst bestellte zum Freunde, und mich ihm. Es war aber ein wunderliches Fest heute bei uns. Eine Verkündigung. – Die übernimmt jedesmal die derzeitige Älteste der Sippe. Und muß streng darauf halten, daß sie geschieht bei einschneidenden Anlässen, wie es die uralte Sleefkamp-Urkunde vorschreibt und befiehlt. Ist diese Älteste auf einer Reise, so muß sie sofort zurückkommen. Ist sie krank, so treten die Sippenglieder an ihre Bettstatt. Es ist wohl nur Sleefkampsitte und -brauch: »Die Verkündigung.« Sie soll auch wohl eigentlich nur im Sleefkamp vor sich gehen. Aber Doktor Jochen ahnt ja nichts, und vertreiben wollten wir ihn nicht aus seinem Haus. So wurde »die Verkündigung« in den Dierkhof gelegt. Muhme Kordula kam herübergefahren. Tetje Bur hielt die Zügel. – Er war im Gottestischkleid wie wir alle, auch die Insten. Sie wußten nicht, wie ihnen geschah, daß sie Feierabend machen durften zu ungewohnter Zeit. »Vadder Ernst Sleef« hatte seines Kaisers Rock angezogen mit den blitzenden Orden. Er tat es den Insten zu Liebe, damit sie sahen, wie er die feierlichen Gebräuche seiner Sippe zu ehren wisse. So legte auch ich meine »Tracht« an, und dazu die schlichten eisernen Kreuze aus dem Kriege. Muhme Kordula stieß dreimal mit dem Handstock auf die Diele: »Verkündigung!« rief sie laut. So frisch, so fröhlich – und patzte doch gut in unsere Feierlichkeit. »Administrator vom Sleefkamp – schließt die Türen alle, die auf das Fleet münden! Tue kund und zu wissen dem alten Sleefkamp, und den Manen der alten, ehrenhaften Dierkhofer, die uns heute durch Wien Sleef, den Oberknecht vom Sleefkamp und Erbberechtigten alldort, aber derzeitigen Hausvater im Dierkhof Einstand gegeben haben, um zu tagen im Namen des dreiein'gen Gottes. Verkünde auch allen andern, daß die Ehe meines Großneffen Wien Sleef und der Frau Amei, meiner Großtochter gesegnet worden ist. Also, daß der Sleefkamp hoffen darf in der Zukunft, auf noch zwei Augen mehr zu stehen, denn bisher. Das walte Gott! Wollet nun auch alle die junge Sleefkampin grüßen, da sie auf ›schweren Füßen‹ geht. Tetje Bur tritt vor und sag' deinen Spruch.« Schier hatte der brave Tetje seine Fassung verloren. Ich mußte ihn bei der Hand nehmen, damit er feststand. Und der General schenkte ihm ein Glas Ehrenwein ein. Das hob der Altknecht, aber seine Hand zitterte dabei: »Wir Insten geloben dem Sleefkamp die Treu, er wachse um hundert Jahr wieder neu! In Gottes Namen! Amen!« Er leerte feierlich das Glas, und ging dann gleich zur Tür hinaus, die er aufgeschlossen. Aber ein schwarzer Schatten stand plötzlich an seiner Stelle. Die Amei packte meinen Arm, und ich konnt' mit Mühen einen Aufschrei unterdrücken: Jochen! Der ging auf Muhme Kordula zu, und sie war blaß bis in die Lippen. Sie raunte: »Willst frevelhaft die Verkündung stören?« Er sprach ebenso leise, ich stand aber neben der Muhme und konnt' jedes Wort verstehen: »Stören will ich nicht, wenn ich auch ein Störenfried zu sein scheine. Da ist dein Handstock, Muhme: »Es gibt noch eine Verkündigung!« Das rief er laut in die Versammlung. Und ich sah doch, daß der Jochen sich kaum auf den Füßen halten konnt'. Und ich spürt, daß es ihm bis in binnelste Herz peinlich war, so vor aller Augen zu stehn. Er hatte sich längst dieser altvoderischen Sitten entwöhnt. – Dreimal stieß der Handstock auf. »Verkündigung!« Aber diesmal drückte Jürgen-Jochen Sleef die Älteste des Hauses in ihren Ohrenstuhl sacht zurück, und sprach dann starke Worte und sah gradaus mit toternsten Augen, die ganz fremd waren an ihm: »Verkünde als Hoferbe vom Sleefkamp, daß Birgitt Dierk mir ihre Krone gegeben hat. Und ihr Kind Lütt-Birgitt ist das meine. Ich werde es zu mir nehmen und ihm meinen Namen geben und ihm ein guter Vater sein. Wer also dem Wien Sleef üble Nachred' gibt, ist fürderhin mein Feind.« Jochen war hinausgegangen, ehe wir uns noch besannen. Mein Arm und meine Hand, die ich nach ihm ausgestreckt hatte, blieben in der Luft hängen. Dann donnerten die Hufschläge seines Pferdes über das Kopfpflaster des Hofes und verloren sich im Heidesand. »Geht Leute!« sagte die Muhme Kordula heiser. »Und richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!« Dierkhof, 29. Oktober 19 .. Wohl dacht' ich, man würde mehr schreiben können, wenn die Unrast vorbei wär, die einen als »Junggesellen« umhertreibt. Der Dierkhof ist fest und traulich und birgt Glückseligkeit. Es ist ein Unterschied zwischen Ehe und Einschichtigkeit, wie ich ihn mir zwischen Himmel und Fegfeuer denke. Diese Geruhlichkeit jetzt mit dem schönen jungen Weib an der Seite, gegen Ungewißheit und Zorn und Leid der früheren Monate. Freilich kommt mir alles noch wie ein übernatürlich Wesen und Wundergeschehen vor, daß der ungeberdige »Jung« von vorig Weihnachten mein Eigen ist. – Und trägt gar ein Kind von mir. Man könnt' den Verstand drüber verlieren. Oft mach' ich des Nachts Licht und beschau' mir mein schlafendes Herzensweib. Ein trotziges Gesicht macht' sie dabei, und die Brauen sind gefaltet und bös zusammengezogen. Auch die Finger des öfteren gespreizt. Das heißt: »Komm mir ja nicht zu nahe!« Aber sie wacht nicht auf. So ein Gesundes ist sie. Wenn ich denk', daß die trotzige Amei von Sleef mir Untertan ist von Gottes- und Rechtswegen, möcht' ich außer mir geraten. – Mein Weib ist zum Lachen, wenn ich ihr so was sag'. Sie löckt noch gegen den Stachel. Deshalb will ich's nicht zu oft sagen. »Bleib' ja ruhig und behalt' deinen Verstand!«, riet sie mir. »Hast ohnehin nicht viel, Wien. Paß auf, Wien, unser Junge gehorcht nur mir . Vor dir fürchtet er sich bloß und reißt aus, wenn du was sagst.« »Fürchtest du dich auch?« frag' ich dummerweise. »Phhhh!« sagt' sie. Und das kann ich mir niemalen gefallen lassen. Ich küsse sie dann. Und das ist ihre härteste Strafe. – Es gibt nichts Schöneres, als ein herbes Weib, das voll Liebe ist. – An das Vergangene rühr' ich nicht. Die Amei wird dann nicht bös, oder traurig – sie wird ganz kalt. Als wenn sie absterben wollt'. Ein einzigmal hat sie selbst angefangen. – Und mit diesem einenmal muß ich mich begnügen. – Nur nicht verstören, mein liebes Weib, meine wunderliche Amei ... »Wien«, redete sie zu mir hin, »wenn du jemalen meinen könntest, ich hätte nach zwei Seiten gelebt – nur weil du mich nicht verstehen konntest, dann behalt deinen Zweifel für dich. Denn ich bin nicht schuld, daß der liebe Gott mich närrisch erschaffen hat. Und wenn ich gegen angehe, dann werd' ich erst recht ein Zerrbild und du liebst mich dann nicht mehr. Das sollst du aber, hörst Wien? Es ist deine heilige Pflicht. Wenn zwei vom ersten Sehen an wissen, daß sie zusammen gehören, dann müssen sie's auch bleiben, hörst Wien?« »Ich höre.« »Das sagst du gar nicht lieb, Wien. Ich hab' dich sogar schon vor dem Sehen gespürt. Denn als ich dacht': ›wie mögen die auf dem Sleefkamp beschaffen sein?‹ da krachte der Wagen zusammen. Das war ein Signal vom Schicksal. Du bist mein Schicksal, Wien.« »Warum schnobst du mich denn so an, als du noch unter dem Wagen lagst, he Amei? Dabei kannst nix von Liebe gespürt haben ...« So sagt' ich, weil ich die söte Deern so gern necke – das durfte ich ja vordem nie wagen. »Warum ich schnob? Übrigens ein ungehöriger Ausdruck Wien. Ich ›schnob‹, weil ich dich noch nicht sah – unterm Wagen. Was Logik ist, weißt du ja nicht, Wien.« Wenn die Amei Spitzbubenaugen macht, muß ich sie küssen. Ich bin schon ein Pädagoge ... »Ja, Wien! Du sollst auch wissen, daß ich gestorben wär', wenn du mich nicht genommen hättest.« Ich muß das alles in den Folianten schreiben für den Nachfahren, wenn ich doch mein Leben in diesem Buch leben soll. Amei ist mein Leben. Aber ein Rätsel ist sie auch. Gott muß sie mir lange Jahre lassen, bis ich sie ganz erraten habe. – Sie schmiegte sich an mich, wie der Vogel in sein Nest. »Heimat«, sagte sie still. »Du bist Heimat, Wien!« Ich saß ganz lautlos, denn einen Zauber soll man nicht verscheuchen. Und doch hat sie sich zuletzt wieder mit mir verzürnt, daß ich als ganz armer Schacher zurückblieb. Als sie noch in meinem Arm lag, meint sie: »Ich will nicht in der modrigen Sleefgruft begraben sein, hörst Wien? Hab's schon ausgerechnet, daß ich dann neben dem Sarg von der Tante Akke Sleef zu stehen käme. Die ist eine Beißzange gewesen, und ich kann dann nicht ruhig schlafen, wenn sie rumort.« »Sie wird schon nich«, warf ich ein. – Aber da ging's los. »Oh, oh, oh, wie bist du gleichgültig! Wien! Nicht genug, daß ich vor dir sterbe, du findst gor nix dabei, daß ich neben Tante Akke zu stehen komm! Ohh – ich nehme mein Kind, und gehe fort, und komme erst wieder, wenn es geboren ist. Du verdienst mein kleines, süßes Kind nicht, Wien.« Amei weinte. Und als ich ihr nachrief, es wäre doch auch mein Kind, da schloß sie die Schlafpeseltür hinter sich zu. Vielmehr, sie schob den Riegel vor, denn Schlüssel haben wir gar nicht im Dierkhof. Ich aber wußte, daß ich nun die ganze Nacht draußen bleiben mußte, und setzte mich deshalb zu Muhme Kordula. Die Gute ist für ein Weilchen bei uns, weil Vetter Jochen in weiterer Umgegend zu tun hat. Die Muhme lachte sich schier von Sinn und Verstand, als ich ihr den Kram erzählte. Aber ehe Muhme Kordula unklug wird, da braucht's viel Lachen. »Wien, hättest nicht heiraten müssen!« sagte die Muhme und wischte sich die Lachtränen aus den guten, alten Augen. »Ich sag' dir, so sind die Weibchen allesamt, die auf ›schweren Füßen‹ gehen. Bei fünf Monaten im Jahre kannst drauf rechnen, daß du Rätselraten mußt und nicht weißt, womit du dein Weib erzürnt hast.« Da hab' ich wohl aufgeschaut und bin wie verbast gewesen. »Muhme, da kann ich ja, wenn die Amei sich vierundzwanzig Kinder wünscht, meine zwölf Jahr vor verschlossener Kammertür stehen.« »Kopfrechnen schwach«, meinte Muhme Kordula trocken. Ich machte mir wieder die Liege auf dem Oberboden zurecht und war obendrein in Gott vergnügt, weil ich wußt', daß die Amei gestorben wär', wenn ich sie nicht genommen hätte. Dierkhof, den 3. November 19 .. Wenn ich am frühen Morgen die kleinen Plankeleien und Vorpostengefechte überdenk, die ich mit meinem jungen Weib auskämpfe, dann werden sie zu einem Nichts. Ja, ich hab' mich sogar schon geschämt, daß mich die Lieb' so kindisch machen kann. Und dann steht auf einmal mein Schicksal riesengroß auf, daß ich meinen liebsten Freund verloren hab'. Hab' es im Rausch vergessen. Auf Stunden, auf Tage. Aber es ist da und meldet sich. Bei der Arbeit, in der Ruhe, beim Wandern über die Felder, beim Rasten in der Heide, die hier um den Dierkhof nicht so weit ausladend ist, wie um den Sleefkamp. Dort ist grüne, rote und braune Unendlichkeit. Jeweils nach der Jahreszeit. Hier sieht man immer die schwarze Grenze – das Moor. – Wenn meine Amei doch einmal fragen möcht ... Nicht ein Wort hat sie an mich gerichtet, und hat doch mit angehört, daß der Jochen sich zu Lütt-Birgitt bekannt hat. – Das hat sie wohl von ihrem Jungsdasein zurückbehalten, da sie doch mein echtes Weib geworden ist – sie ist nicht neugierig. Aber wißbegierig könnt' sie bei klein sein. Sie soll doch wachsen an meiner Seite und unserm Kinde Werte geben. Muhme Kordula ist wieder ganz still hinübergefahren in den Sleefkamp. Jochen hat ihr Botschaft gegeben, daß er von der Reise zurück ist. Und die Muhme schämt sich, auf ihre alten Tage ein Wandervogel sein zu müssen und allstunds Abschied zu nehmen und die Türklink' herunterzudrücken. Möcht' ihr helfen, und weiß nicht wie. Ich zwing mich schon immer zu einem ehrbaren Gesicht, wenn sie mit dem Köfferchen ankommt und abzieht. Die Greisin. – Was wir Jungvolk ihr alles aufbürden. Ich möcht's hindern, Gott weiß es. Auch meine Amei niemalen lacht und neckt. Sie spürt das Leid und Unbehagen in der Schwesterseel'. Der General ist auch wieder zugange. Hatte sich nach seiner Genesung lange umgetrieben bei alten Kameraden und Waffenbrüdern. Jeder wollt' den Recken einmal bei sich haben. Ist arg beliebt und verdient es auch. Etwelche möchten wohl auskundschaften, weshalb er sein einzig Kind einem Knecht überliefert hat. Auskundschaften! Das müssen sie schon tun. Diplomat ist er nicht, der »Vadder Sleef«. Wer ihn geradezu fragt, kriegt eins in die neugierige Visasch, wenn auch nur mit Worten. Ja – aus der »Exzellenz, Herr Generalleutnant« ist »Vadder Sleef« geworden. Die Heidjer halten sich nicht gern mit allzulange Namens auf. Überdies wird nur vom eigentlichen Hofbesitzer mit »der Herr« gesprochen. Wenn Vadder Sleef mich sieht, strahlt er über's ganze Gesicht. »Mann Gottes«, nennt er mich. Und dieser Name gebührt doch nur den Pastoren. Aber vorschreiben darf man Sr. Exzellenz, dem Vadder Sleef gor nix. Amei erzählte mir, er hätte sie mit »Teufelsdeern« begrüßt. Da wurde ich doch wahrhaftig rot wie ein Schuljunge. Lasse mich ungern an die Zeit erinnern, da ich mein eigen Weib so nannte. »Was hast denn geantwortet auf so eine abscheuliche Anred'?« fragte ich hinterhältig und tat gottlos unschuldig. »Ich hab' gesagt: »Exzellenz halten zu Gnaden – so was Abscheuliches darf nur der Wien sagen, der hat solche Knechtsausdrücke.‹ – Hat es also die söte Deern auf irgendeine Weis' erfahren und nie ein Wort verlauten lassen. Ich nahm sie in den Arm. Bei so was ist Küssen das Beste und sagt alles, und ist auch überzeugend. Auch Amei ist überzeugt, daß der Wien für sie durch Feuer und Wasser geht, und kommt auch nicht auf die ›Teufelsdeern‹ zurück. Manch andre Frau reitet stundenlang auf sowas herum. Aber ich hab' Gottlob nicht ›manch andere Frau‹ gekriegt, sondern mein ureigen für mich geschaffenes Weib. Es ist die ›Gefährtin‹ aus der Bibel. ›Die um ihn sei‹ heißt es da. Es blieb ja auch nicht bei dem Zwiegespräch und bei dem Küssen. Amei schob mich sacht von sich und sagte ganz demütig: »Hab' wieder mal gelogen, und das soll ich doch nicht. Bin 'ne eische Deern. Hab's ja gar nicht gesagt, das mit den ›Knechtsausdrücken‹. Denn das will ich ja im Leben nicht wieder tun ... Hab' gesagt: ›Vaterli, ich bin keine Teufelsdeern mehr – ich bin etwas Heiliges, ich bin Mutter‹ ... Und Wien, ich weiß es durch viele Anzeigen, es ist gewißlich so.« Da ist der Knecht Wien Sleef in die Heide hineingestürmt und hat zum nächtlichen Himmel aufgejauchzt, und wieder still über stille Weite geschaut. Und zutiefst wurde mir klar, daß die Heide nur unsagbar Glückliche, oder ganz Unglückliche herbergen kann – die Lauen verwirft sie. Dierkhof, den 4. November 19 .. Der Jochen läßt nichts von sich hören, die Muhme Kordula auch nicht, und Vadder Sleef will nicht nach dem Sleefkamp reiten, will nicht »aufdringlich« sein, wie er sagt. Da zerrte mich heute die Amei einfach am Ärmel vom Felde fort, wo wir mit Rüben zugange sind, dem Dierkhof zu. Muß ein hübscher Anblick für die jüngeren Knechte gewesen sein, wie der Riesen-Wien degradiert wurde zum Hundchen, das hinter der Herrin herläuft. Aber die Leute auf dem Dierkhof haben die gleiche Disziplin wie auf dem Sleefkamp, sie stehen stramm und verziehen keine Miene. »Du bist nicht umsonst Unteroffizier gewesen«, sagt Vadder Sleef. Aber das ist's nicht. Und wenn's nicht verrückt und weibisch klingen tät, würd' ich sagen: »Die Leut' haben mich lieb.« Da steht's. Und Gott Dank, niemand liest die Worte, bis ich tot bin. Dann schiert's mich nicht mehr. – Ich lief nur gehorsam mit, weil mein Weib so blaß ausschaute. Ich dacht', es wäre gar ein Schlaganfall plötzlich zugange, beim Vadder Sleef, oder bei Muhme Kordula. Aber sie halten sich beide nicht mit so was auf. Tetje Bur vom Sleeftamp stand im Wohnpesel, und Amei herrschte ihn an: »Nochmal erzählen!« »Dschaaa«, murmelte Tetje in seinen struppigen Bart und versuchte ihn mit der Pfeifenspitze auseinanderzustreichen, was aber bei den Borsten nicht verfing: »Wat schall ik da grot vertellen?« Und dann stammerte er auf Missingsch weiter, denn die Amei, die Stadtpflanz' kann das Platt schwer meistern und verstehn. Tetje berichtete: »Wir war'n alle auf dem Felde hilde zugange, der Herr immer vörut, as sühst mi woll. Abers den Mund schmal, und düstere Ogens, und mit de Gedankens wo anders. Mit eins schmeißt er den ganzen Kram hin, un rennt in's Hus, as ob dat brennt. Un as he nich wedderkümmt, geh ik em jo nach. Da steiht he an sein hogen Sekletär, der mit die vielen Schübe. Un aus den einen Schub hat er son blinkriges Ding genommen – ich wußt wohl, was es war. Und der Herr sah jo ut, as ob er nix Guts vorhätt. Er putzte aber nur so dran rum. Und legte es auch mal vorsichtig hin. Ik paßte scharp up em. Mit einmal hob er's hoch, da hab ich ihm schon den Unterarm mit einem Griff geschnürt, und er ließ das Dings fallen. Ungeschickt fiel es, und der Herr mit, denn der Schuß hat ihm eine Zehe mitgenommen. Ich packt ihn, schleppt ihn auf's Bett, preschte zu Doktor Kraatz. Der nahm mich im Auto mit zurück. Da saß die Frau Muhme an Herrn Jochen sein Bett, wie wenn nix war, nur sehr weiß sah sie aus. Und jetzt ist der Herr schon eingefatscht, und noch ein zweiter Doktor ist da. Aber unnütz. S' geiht allens god. Blot – der Herr hat mir gekündigt, un ik bün doch veertig Johr up'n Sleefkamp ...« Weil ihm die Stimme brach, steckte sich Tetje Bur die erloschene Pfeife wieder an, paffte ein paar Züge und fragte dann demütig: »Kann ik nu up'n Dierkhof arbetten?« Ich war ganz heiser, als ich ihm Antwort gab. »Du bleibst auf dem Sleefkamp, basta. Wenn Doktor Jochen liegen muß, weiß er ja nicht, wer für ihn schafft.« »Dann dank ik ok schön«, sagte Tetje und ritt heim. Der Glückliche! Er darf Heimat haben auf dem Sleefkamp. Aus dem Schlafpesel kam die schluchzende Gesine und meine Amei hatte Lütt Birgitt angetüdert, und auf ihrem Arm sitzen. »Was wird denn nu jung«, frag' ich verbast, »und wo willst hin?« »Zu Jochen!« sagt das dumme Kind Amei, und ist rot und zornig. »Sein Kind will ich ihm bringen, und will ihm sagen: Schämst du dich nicht? Pflichten hast du! Und sowas will sich aus dem Staub machen. Und wenn mir's Herz brechen soll – ich setz' ihm das Kind auf sein Bett.« So sagt' meine Amei – und ich schau' sie an. Über Nacht muß sie gewachsen sein. »Ich werd' einspannen«, sag' ich ruhig. Denn wenn eine blinde Henne mal ein Korn findet, dann soll man sie's auch ruhig aufpicken lassen. Und es war ja richtig, was sich das Kind Amei, mein liebes Weib, ausgedacht hatte. Ich hab' also Vadder Sleef Bescheid gesagt, und der wollte auch mit. Aber der Schreck hat ihm wieder den Hexenschuß gebracht, und ich mußt ihn der Gesine überantworten, die auch gleich aufhörte zu schluchzen. »Ich fatsch ihm schon«, meinte sie. Als ob der General ein Soggerpupp war. Wir sind dahin gefahren, aber mir zitterten die starken, groben Hände vor Aufgeregtheit. Und die zarte Amei saß ruhig neben mir und sang dem Kind ein Lied nach anderen. Ich muß noch sehr alt werden, und weise dazu, ehe ich junge Weiber versteh. Wir kamen zum Sleefkamp, und ich hielt gleich vor dem Altgedinge, wo der Jochen Hüsung hat. Muhme Kordula stand davor. Tetje Bur hatte ihr Bescheid gegeben. Sein schweißbedecktes Pferd führte er auf und ab. »Es ist gut, daß ihr da seid«, sagte die Muhme kurz und schier zornig. »Es ist ein Jammer, daß alle Sleefs verrückt sind und nicht einer sich ausnimmt. Der Sleefkamp ist ein Narrenhaus.« »Ist es schlimm?« fragte ich beklommen. »Schlimm?« rief Muhme Kordula laut. »Doktor Kraatz sagt, der Jochen war' verrückt, aber der Blutverlust hätt' ihn noch knapp vor der Gummizelle gerettet. Angedonnert hat er den Jochen. Der liegt jetzt behaglich im Bett, wie 'ne überstandene Wöchnerin.« Meine Amei hatte schon längst die Klinke heruntergedrückt und stand mit dem Kind an dem Krankenbett. Böse sah uns der Jochen an und trotz allem schlug – schlug mein altes Herz, als wollt' es schier zur Brust heraus. Die erste richtige Jubelfreud hatt' ich wieder, da ich den alten Freund sah. Und die Augen meiner Amei sahen mich immerlos an. Ihre Hände streichelten meinen Rock. »Ich versteh' dich gut, Wien – der Jochen kann dir mehr geben, als ich.« Der Doktor Jochen lachte spöttisch zu uns hin. »Ihr echten Sleefs! Wahrhaftig sie kommen selb Dritt und bringen mir das Wurm. Es fehlt nur noch das Harmonium.« Dann warf er sich zur Seite und stöhnte. Und hat nicht weiter mit uns gesprochen, bis wir fortgingen. Das Kind nahmen wir wieder mit. Lütt-Birgitt schrie, als wir sie vom Bette fortnahmen, und ist doch noch so lütt... Heute hat uns Jochen sagen lassen, er wollt' uns nicht wiedersehn. – – – Dierkhof, den 6. November 19 .. Es muß ja wohl nun gut sein. Wenn das Leben vom Schicksal gezimmert wird, muß man stillhalten. Ich hab' mein Weib und die Amei hat mich. Glücks genug. Sie wird reicher und mütterlicher. Versteht auch allgemach, daß ich ihre jungen, wenigen Jahre respektiere. Und so zieht sie sich nicht mehr scheu, oder stachlich vor mir zurück. Auch meine mangelhafte Bildung scheint ihr nicht weh zu tun. Aber mich beengt sie oft. »Wien, du weißt ja mehr als ich«, sagte sie heute, »und ich hab' doch die besten Lehrer gehabt, und du nur Dorfschulmeister.« »Mußt nicht ›nur‹ sagen, Amei. Wenn wir beide alles wüßten, was so ein Dorflehrer weiß, dann könnten wir deckenhoch springen.« »Spring' du nur alleine – ich muß mich jetzt in acht nehmen«, sagt' sie ernsthaft. Es macht mich weich, wenn so ein Junges seine Mutterwürde betont. Über Jochen hatten wir nicht mehr gesprochen. Er hat bei ihr verloren, weil er das Kind von sich wies. »Nun kann er lange Jahre warten, bis er's kriegt«, trumpfte sie auf. Und ich: »Wenn der Vater nach Lütt-Birgitt verlangt, kriegt er sie.« Da machte sie erst erstaunte Augen und dann schmalen Mund. »Das sind schlechte Gesetze, meinte sie auftrumpfend. »Wenn ein schlechter Vater sein Kind haben will, dann bekommt er's?« »Ist der Jochen schlecht?« »Ja!« »Ach, du Dummes! Und wolltest ihn doch einmal zum Vater deiner Kinder machen ...« So etwas durft ich nicht sagen. Öden Scherz versteht sie nicht, die Amei. Und hab ich wohl jemals so verrucht gescherzt? Und tue es nun bei meinem eigenen Weibe ... Ganz weiß wurde sie, und sah mich an, als hätt' ich sie geschlagen. Und ein Gesicht hob sie zu mir auf, das dünkte mich wie in den schlimmsten Tagen, als sie die »Teufelsdeern« war. »Ich hasse dich!« Zwischen ihren weißen Zähnen zermalte sie diese garstigen drei Worte. Trotzdem war's mir, als war jedes einzelne eine Keule, die mir auf den Schädel schlug. Aber noch mehr auf's Herz. – Freilich hatte ich gehört, daß in städtischen Ehen öfters solche Worte fallen, hab's aber nicht glauben wollen. »Und was wird nachher?« hab' ich den Jochen gefragt, der mir's erzählte. Der hat lachend geantwortet: »Nachher liebt man sich wieder.« Ich hab' alles für Schnack und Tühnkram gehalten. Aber die Amei, mein Weib, ist ja ein Stadtkind. Hat sich wohl solch' üble Red' angewöhnt. Ich dickschädeliger Heidjer kann um die Welt nicht jemand hinterher gleich lieben, der mir zugezischt hat: Ich hasse dich! Da ist etwas zerbrochen, das muß ich erst zum Schmied bringen. – Du, mein lieber Herrgott, willst du der Schmied sein? – – – Wie ein Stock bin ich dagestanden. – Ich, der himmellange alte, grobe, vierschrötige Knecht Wien! Hab' nicht die zarte kindhafte Frau, die auf schweren Füßen geht, ans Herz genommen, habe sie nicht festgehalten, bis der verruchte Jähzornsteufel ausgefahren war aus ihr. – Jetzt ist er dringeblieben, und unser Kind wird ihn erben von Mutterleib an. Sie stob ja aus dem Pesel wie der Wind, die Amei. Tat ihren »schweren Füßen« Gewalt an. Nur, um von mir fortzukommen ... Dierkhof, den 7. November 19 .. Und nun bin ich schuldig. Und wir sind arm. – Wo ist unser Glück? Das hat mal geleuchtet wie ein hilliger Ginsterbusch im Frühsommer, wie eine Kerze in der Kirche auf dem Altar. Hat gestrahlt wie hundert Frühlinge, die einen Eichbaum emportrugen. Und dann kam ein Sturm und fällte die Eiche über Nacht. Oh, ich weiß, die Amei ist jung und wird wieder aufstehen. Denn das tut wohl der Herrgott dem Knecht Wien Sleef nicht an, daß er ihm seines Herzens Trost und sein Teil so einfach wegreißt, weil der Unhold, der Jähzorn, dieser Teufel ein junges Kind verwirrte, auf daß sie heiliger Mission vergaß. Es ist schwer zu schreiben, aber dieser Foliant ist mächtig genug, auch einen Heidjerschädel zu ducken, daß er dem Ahnen Ode Sleef gehorsam Gefolgschaft leistet. Ich künde den Nachfahren: »Hat mein junges Weib in gachem Zorn sich auf ihr Pferd geworfen, ist wild durch Ried und Rohr, Heide und Moor geritten, bis daß ihre Kräfte versagten. Ist niedergefallen am Waldrand. Und ihre und meine Hoffnung ist hingeworden.« Mich hat man fortgeschickt, als der Arzt und der hochgelahrte Professor aus Berlin kamen. Die Amei verlangte es. Ich wäre aber auch so gegangen. Wien Sleef, den Knecht, braucht man niemalen fortzuschicken. Am Heiderand, wo die ragende Kiefer steht in dem Kranz von Riesenwachholdern hab' ich dem Wagen aufgelauert. Doktor Hercher machte den Professor auf mich aufmerksam. Der lachte jovial. Wie Ärzte lachen, wenn sie einen Unglücklichen sehen, und ihn mit ihrer Kunst, oder Erfahrung aufrichten wollen. »Ihre junge Frau wird bald wieder hochkommen. Da steckt echtes Heidjerblut drin. Und geben Sie acht, Herr Sleef, der zweite Jung wird gutmachen, was der Stammhalter verpatzt hat.« Ich hab' den Witz des hochmögenden Herrn gut behalten. Man hört ja so unheimlich hell, wenn man unglücklich ist. Und die Ohren leidgeschärft. Der zweite Bub wird niemalen kommen. Herre Gott, wo ist unser Glück? »Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unfern Schuldigern!« So bleibt denn meine Schuld auf mir, denn ich kann meiner Frau Amei nicht vergeben ... Dierkhof, den 9. November 19 .. Die Tage gehen hin. Amei ist zu ihrem Vater ins Altgedinge gezogen. Und ich wohne im Heidehaus Dierkhof. Es stößt dicht daran; aber mir ist's, als läge eine Einöde zwischen uns, schwarzes, garstiges Moor. Sie war nicht lange krank, die Amei. Ich bekam jeden Morgen pünktliche Nachricht von der lieben Muhme Kordula. Die war freilich auf Posten, und sah beim Bericht scharf in meine Augen und auf mein hageres Gesicht, in dem die Kriegswunde rot brennt. Mich dünkt, ich muß jetzt ein besonders widerlicher Anblick sein. Ein hageres Gestell, zwei Meter hoch, auf dem Kleider schlottern. Als Amei aufstehen durfte, hat sie meinen Besuch angenommen. Vorher nicht. Es war mir recht. Muß mit mir selbst die Bekanntschaft emeuern, denn ich bin nicht mehr »Wien Sleef«. Wenn man nicht mehr sein» Ich « hat, dann tut das so weh, als sei man schwer krank. Wäre ich gelehrter, oder gebildeter, könnte ich das besser ausdrücken, aber diesen Folianten liest ja nur die Sleefsippe, und die hatte allstunds mehr Herz als Verstand. – Ich bitt' euch also, liebe Nachfahren, lest alles mit dem Herzen, was ich schreibe, denn sonst müßt ihr den Wien Sleef, den Knecht, ausmerzen aus eurer Sippe. Und ich bin doch so mit Leib und Seele ein »Sleef«. Möcht' auf dem Kamp sterben und begraben sein. Als ich vor meinem Weibe stund, hob es den geneigten Kopf. Können blaue leuchtende Himmelsaugen so schwarz aussehen? Ich spürte ihre starke Erregung und mein Herz wurde angesteckt und schlug zum Gotterbarmen. »Wie geht es dir, Amei?«, fragte ich. Es klang wohl gleichgültig und öde. Denn ich hatte meine Stimme in der Gewalt. Aber sie hat mir nicht geantwortet. Sie dachte wohl, ich müsse es ja an ihrem totblassen Gesichtchen sehen, wie ihr zumute war. – Und das ist das Böse zwischen uns, daß ich ein sturer Heidjer bin, der nicht verzeihen kann. Sobald ich an das ungeborene, vernichtete Leben denke, das meine Zukunft bedeutete – für das ich arbeiten und schaffen wollte, vielleicht der Anerbe – – – dann steht riesengroß Ameis Schuld auf. Nicht die meine. Ich werte meine Unterlassungssünde leichter als die Vegehungssünde meines Weibes. »Kann auch eine Mutter ihres Kindes vergessen?« Diese Frage tue ich oft laut in der Nacht, als wäre ich unklug geworden. Herrgott, der Umschlag war zu jäh. Ich stand so mitten in der Freude ... Wie wohl die Nachfahren über mein Unglück urteilen werden? Ich will hoffen, daß da kein leichtsinniger Sippengast drunter ist, der neumodisch denkt. Ich will das Wort nicht hinschreiben, das er verdiente. Wenn wir im Sleefkamp nicht streng festhalten am Gebot von Ode Sleef, dann ist's bald mit dem Glück vorbei. Jedes Abweichen von der festgefügten mündlichen Überlieferung und von den im »Fullianten« niedergelegten Verkündigungen und Gesetzen und Wünschen der biederen Ahnen hat immer Unglück im Gefolge gehabt. Ich präge mir alles immer wieder ein. Ode Sleef, mein Ururgroßvater schreibt: »Sohlen doch um Jesu Willen die Eheleute Sleefs in Eintracht leben! Nicht öde Verliebnis treiben, wie es Stadtminschen männigsmal tun. Die nimmt Krafft und Gesundheyt. Aber den gewaltigen Spruch beherzigen, den eine Ahnin vom Großbauernhof in Ostfriesland als Mitgift hatte. Und der noch irgendwo hängen oder liegen muß auf dem Oberboden: ›God dün ju Börne, wo du hew wünschked‹ – – – Und ich will's dütsch maken, denn die Friesenahn is all ehr Lebtag nich verstann' worn. Merkt auf! »Gott geb euch Kinners, wie ihr habt Wünsch. Ins irst Johr en jung Prinz. Ins annre Johr en Appel rot, Ins dritt Johr en Dochter in den Schoß, Un dann so wider vun Johr to Johr, Bet dat fiwuntwintig sün. All 25 an eenen Disch, Denn weet dat Wif, wat husholten is.« Jo jo, un niemalen dat Mul uprieten, wenn wedder wat imgange is. Un alltied den Körper in Pfleg nehmen, dat um Gotteswillen kein Fehlgebären gibt. Is Sünd, is Sünd! Dein Will, Herr geschehe!« So hat Ode Sleef geschrieben. Wenn er lebte, wie würde meine Amei bestehen? Und was soll werden, wenn ich nicht verzeihen kann? Und mein Weib beim Vater bleibt, und ich hier einschichtig hause? Als ob kein Standesamt von uns Brief und Siegel hätt', und kein Pastor und keine Kirche heilig Wort über uns gesprochen hätt' ... Dierkhof, 13. November 19 .. Heut' traf ich Vadder Sleef, meinen guten »Exzellenz-Schwieger« im Stall. »Muß man sich beim Viehzeug treffen?« fragte er barsch. Ich stamerte ein paar Wörters, nicht gehaun und nicht gestochen. Um den Hals hätt' ich ihm fallen mögen, dem aufrechten Ehrenmann, dem stolzen Soldaten. – Aber die Hemmung war wieder da. »Es ist gut, daß du dich nie verleugnest, Wien, mein Junge«, sagte der General jetzt gütig. » Ein rocher de bronce muß in meiner Umwelt sein unter all den Waschlappen ... Komm mal näger ran, Dickkopp – setzen wir uns auf die Futterkiste. – Auf so einer hab' ich mich mal verlobt. Mit dem besten, goldensten Weib der ganzen Welt. – Die Amei gleicht ihr nicht, artet nach mir, taugt nichts ...« Ich griff nach seiner Hand und drückte sie heftig. »Laß das, Wien! Das ist sentimental. Steht dir gar nicht. Meinst du, weil ich den Pour le mérite habe, müßt' ich was taugen? Das steht auf einem andern Blatt. Und wir müssen erst mal sehen, wie der da oben ihn wertet, und ob er nicht mal den geringsten Orden am höchsten stellt. – Kommt auf den Kerl an, der drinsteckt.« Ich merkte lange, daß der General redete, um sich zu verstecken. Und dann kam er endlich selbst zum Vorschein: »Wien, mein Junge, trägst du schwer an der Enttäuschung, die dir die Amei, meine Tochter gebracht hat?« »Ich breche drunter zusammen«, hab' ich gestöhnt und die Hände vor mein Gesicht geschlagen. Als ich sie heruntertat, weil ich mich der elenden Tränen schämte, klappte schon die Stalltür, und ich war allein. Am Nachmittag kam Muhme Kordula zu mir. Man denkt sich eine so alte Frau nur gütig und mild. Aber sie ist eine Sleef. Und die echteste von allen. »Es ist gut, daß du da bist, Dickschädel«, eröffnete sie den Kampf. Ich hab' geschwiegen. Ich dacht' nur: Die Seelensgute, die Gerechte ist auch wider mich. »Ja, schweig nur, schweig nur, Heidjer du! Schweig alles Gute in dir tot! Meinst, wenn du nur deine Eigenart nicht aufgibst – vielmehr ihr Frondienst tust, dann wärst du ein Mann. Bist auch was Rechtes – wenn du weiter nix bist. Ein Mensch sollst sein, du – du – hörst, Wien?« Sie schüttelte mich, ihre schwachen Frauenhände versuchten das Riesentrumm in Gang zu bringen. Denn ich hatte schlapp gemacht. – Zum Schämen erbärmlich. Sie schlang ihre Arme um meinen Hals, ihre alten Augen weinten. Weinten über den schlappen Kerl, der doch die verfluchte Schuldigkeit hatte, die Greisin zu stützen, in ihren Augen Lichter anzuzünden. Ja, so ist der Wien geworden! Durch das furchtbarste Unglück seines Lebens. Man hat mir meinen Anerben gemordet! – – – Hatte ich das alles laut gesagt? Es ist wohl anzunehmen, denn ich war ja ganz durchhin. »Jesus – Wien!« hört' ich die Muhme rufen. »Komm zu dir! Denk' an den Sleefkamp! Büst jo mien olen leeven Sleef! Büst viel mehr ›Sleef‹, als der Doktor, viel mehr als die Amei! Wir beid', Wien, wir müssen an den Sleefkamp denken!« Ihre beschwörende Stimme weckte mich und hielt mich auch wach. Wie ein Messer fuhr der Name Sleefkamp ins Herz. »Was ist's mit ihm?« hab' ich gestöhnt. »Verkommen tut er, Wien. Tetje Bur hält ihn noch aufrecht. Aber unser Kamp ist ja zu groß, weißt ja selbst, wie viel Hände, Füß' und Köpf' er braucht ... Jochen arbeitet männigmal fieberhaft. – Dann aber holt er sich irgendeine alte Maschine, bastelt dran herum, baut was aus, verbessert eine Schraube – wahrscheinlich die, die bei ihm selbst los ist ... Er scheint ganz ›durchhin‹ zu sein.« »Was soll ich tun, Muhme Kordula? Vom Sleefkamp hat er mich verjagt – – nun will ich wenigstens die Sach' von seinem Kind zusammen halten, damit ich sie ihm übergeben kann in Ordnung und Recht.« »Der Dierkhof gedeiht und der Sleefkamp verkommt«, sagte Muhme Kordula bitter. »Deine Frau, Wien, ist Tag und Nacht bei Lütt-Birgitt – hat das Kind ganz zu sich genommen – sie ist die geborene Mutter – Wien.« Da hab ich laut aufgelacht. Gewiß hat's häßlich geklungen. Aber was soll ich tun, wenn mein Weib fremde Soggerpupps aufzieht und ihr eigen Fleisch und Blut zernichtet? Und dann gepriesen wird? Frauen halten zusammen. Dierkhof, 20. November 19 .. Heut' sah ich die Amei über den Hof gehen. Hatte das Kind auf dem Arm. Soll ja noch gar nicht schwer tragen, hat mir Doktor Kraatz als Mahnung mitgegeben, als ich ihn zufällig traf. Aber die Amei tut ja, als ging ich sie nichts mehr an. So werden die Sleefs wohl aussterben. Ich ballte die Fäuste. Konnt's nicht mit ansehen, wie mein Weib den fremden Bankert »eite« und »strakte«. Und düsse lüttje Sleef hatte ich selbst vom Moortod gerettet und ins Haus getragen. Ob ich's heute wieder täte? Wien, du bist schlecht. – Oder du wirst schlecht durch dein Leid. Wenn alle üblen Eigenschaften der Heidjer bei dir hochkommen – – weil du den fressenden Zorn nicht los wirst und die Heidjer-Sturheit, – dann geh fort mit deinem inwendigen Gift – – weit fort! Dann siehst die Amei nimmer. – – Aufgeheult hab' ich. Dierkhof, 22. November 19 .. Die Muhme Kordula ist wieder in meinem Pesel. Da sitzt sie, als ich hereinkomme. »Alltosamen«, grüßt sie. »Ist Vadder Sleef nicht bei dir?« Meine Antwort ist: »Der kommt nicht mehr. Hab' ihn verjagt. Ihr seid ja alle gegen mich – – –« »Das ist nicht wahr! Was hast ihm für Red' gegeben?« Sprech's ungern noch einmal. »Daß ich zusammenbrech' unter Ameis Tat«, hab' ich ihm gesagt. Die Muhme hat mich durch und durch angeschaut. »Jetzt versteh' ich sein Gebahren«, sagt' sie kurz. »Kein Wort spricht er mit seiner Tochter seit jenem Tag. – – So sehr gut ist er dir, der Sleefvadder. Dir, dem Zornebock, dem sturen Heidjer Wien.« Angepackt hab' ich sie mit beiden Armen und dann ihre feinen Hände im Schraubstock gehalten. Weil sie so ruhig blieb, schämte ich mich. »Deine Kraft' hast noch, Schlagetot«, meinte sie, und rieb die Handgelenke, die ich hätt' küssen mögen in Ehrfurcht. Aber da wär' ich ja wohl gestorben daran. So etwas tut kein Heidjer. Da war ein Stadtherr – der küßte einmal meiner Amei die Hand. Niederschlagen hätt' ich ihn mögen, den weibischen Wicht. Es soll vornehm sein. Gott schall mi wohren! Ich sagte zur Muhme: »Ungut ist Vadder Sleef mit seinem Augapfel?« »Wien, wie bist du häßlich geworden!« kam die Antwort. »Spott ist Häßlichkeit. Und dies paßt nicht zu deinen schönen ernsten Augen!« Vielleicht war's das erste Kompliment in Muhme Kordulas Leben. Ich wußte, ich hatte just diese Worte schon einmal gehört. Das war, als die Amei mich noch lieb hatte. Aus dem schönen roten Munde kamen sie, darin die weißen Fahne blitzen. Oder hatte ich sie damals lieb? Herrgott ist's damit vorbei? Hab' ich nur die Mutter meiner Kinder in ihr gesehen? Und war das Heimweh nur Rausch? »Bist so still, Wien«, tönte nach einer Weile Muhme Kordulas Stimme. »Es ist ein trübselig Leben jetzt bei euch. Auf dem Sleefkamp Niedergang, und hier kein Aufstieg. Wo soll sich eine alte Frau Nahrung suchen?« Solche Wörter schneiden in die Seele ... Dierkhof, 24. November 19 .. Der General striegelte eigenhändig sein Pferd, als ich heut in den Stall trat. Er sah alt und vergrämt aus. – Und schier hätt' ich lachen können, als er anhub: »Siehst schlecht aus, Wien – es kann einen Hund jammern.« »Ich geb das Kompliment zurück«, sagt' ich verbissen. »Und weiter hast du nichts für mich?« Hochaufgerichtet stand jetzt der alte Haudegen. Der General. Die Exzellenz! Die sich herabließ zum Knecht und von dem Lümmel zurückgewiesen wurde. Aber nicht ein Atom Weichheit war in mir, trotzdem ich danach rang, daß mein ganzer Körper weh tat. Ich dachte: »Es ist ein Fluch, ein Heidjer zu sein.« »Wenn ihr auseinander wollt, du und die Amei, dann sagt es!« Die Kommandostimme klang wie zersprungenes Glas. »Es ist Unrecht, euch zu quälen. Ich zieh wieder zurück nach Hannover und nehme mein Kind mit. Den Jähzorn hab' ich ihr vererbt. Deshalb ist's Unrecht, daß ich so hart mit ihr war.« Meine Hände waren ineinander verkrampft. »Herrgott! Ein gutes Wort leih mir, daß ich es diesem Vater gebe, der mir sein Kind anvertraute.« Aber Gott lieh es mir nicht. – So mein ich. – Ist's anders, muß ich in die unterste Hölle hinunter ... Es ist gut, daß ich diese verläßlichen Insten habe auf meinem Gewese, das ja nicht mir, sondern Lütt-Birgitt gehört. Vertrauen hat mich da hingesetzt. Ob wohl die Großeltern mit mir zufrieden wären, wenn sie das Gedeihen sähen? Wohl sicher. Aber ich bin nicht zufrieden mit mir. Man soll eine Sache mit dem Herzen tun, und ich zergrübel mir meinen Verstand drum. Denn mein Herz ist ja im Sleefkamp. Nun hab ich den Mut aufgebracht, das hinzuschreiben. Diesen letzten Satz. Ja, der närrische, unruhige Muskel, den sie »Herz« nennen, ist mir aus der Brust entlaufen, da ich den Sleefkamp verließ. Hat sich dort wieder eingewurzelt, wo die Ahnen gelebt, geschafft, gedacht und geliebt haben. Deshalb bin ich so ein öder Geselle. Hab' kein Herz. Heute las ich ein Gedicht. Im Kalenderbuch stand es und riß die ganzen zwei Meter und drei Zentimeter, die sich Wien Sleef nennen, zusammen. Es ist schon arg schlimm, wenn ein Knecht Gedichte liest. Aber es war ja auch nur eins, und so ein seltnes. Und der Kalender ist ja das Brevier des Bauern. Der Großvater in Bayern hat mich schon »Kalendermacher« genannt, als ich noch ein kleins Bübel war. Weil ich allstunds sinnierte. – Das Gedicht von heut krieg ich nicht aus dem Sinn: »O wüßt ich doch den Weg zurück, den lieben Weg ins Kinderland ...« Und ich schau über den schmucken Dierkhof, und schau nach dem Ausgedinge, wo mein junges, schönes Weib wohnt, und kann doch nur stöhnen: » Rings öder Strand .« Dierkhof, 1.Dezember 19 .. »Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter.« Im Ausgedinge wird gepackt. Der General will ernst machen und mir mein Weib entführen, das seine liebe Tochter ist. Weil mein Herz im Sleefkamp wurzelt, regt sich nichts in meiner Brust bei diesem Abschied. Diese Wahrnehmung ist wohl das Ende. Als das Glöcklein auf der großen Scheune bimmelte und so recht heiser rief: »Kommt, kommt, kommt!«, da dacht' ich: Willst hinüberlaufen zum Mittagessen, wenn du auch keinen Bissen hinunterwürgen kannst. Denn vielleicht macht dich der Anblick eines blassen Gesichtchens weich, und du kannst hinausschreien: »Jesus, Amei, was ist aus uns beiden geworden! Pack aus, pack aus, Amei, bleib hier, wir wollen wieder unser Leben neu zimmern!« Aber die Amei kam nicht zu Tisch, und das ernste Gesicht des Generals machte mich nicht weich. Wir aßen schweigend, die Schüsseln trug man wieder Viertels geleert hinaus. Muhme Kordula war bei der Amei geblieben. Als wir Männer uns die Hände reichten, bracht' ich heraus: »Gott befohlen, Vadder Sleef!« »Auch so viel«, gab er auf gut heidjerisch zurück. »Aber Wien, ich glaub' nicht, daß der Herrgott sich viel kümmern wird, er hat wohl auf uns vergessen. Dickköpfe mag er nicht.« »Wohin gehst du?« fragt' ich. »Wohin wir gehen? Amei muß in andere Umgebung. Wir holen dann später nur unsern Urväterhausrat« – – – »Sagtest du etwas – Wien?« Wie hätte ein Heidjer jemals etwas sagen können, wenn eine Welt zusammenbrach? Am Abend fuhr ein Wagen donnernd über das Kopfpflaster des Ausgedinges vom Dierkhof. Das Grollen der Räder verlor sich im weichen Heidesand. Muhme Kordula hatte man mitgenommen – sie fuhren ja am Sleefkamp vorüber ... Allein. Wien Sleef, du warst ganz allein. – – Dir gehörte nur die spätherbstliche, weite, einsame Heide. Ihre braune Unendlichkeit grüßte und raunte zu dir hin. Fledermäuse strichen darüber. Im nahen Moor am Waldrand krächzten die Krähen. Wien Sleef, du bist allein. Aber keine lösende Träne trat in dein Auge. Dein sturer Nacken beugte sich nicht. Heidjer du! In der Tür, die zum Fleet führt, stand Tetje Bur, dein braver Mitknecht, der dich doch als Herrn ansieht, weil du ein »Sleef« bist. Seine treuen Augen sahen fragend, scheu und teilnahmsvoll auf dich. »Morgen fangen wir mit den Winterrüben an«, sagtest du, Wien Sleef. Weiter nichts. Und gingst mit schweren Schritten in deinen Schlafpesel und schlugst die Tür hart hinter dir zu. – – – Dierkhof, 6. Dezember 19 .. Heute kam Freund Landjäger auf's Feld geritten, wo wir bei den Rüben zugange waren. Ich sah flüchtig zu ihm auf. Wie lästig sind mir alle Menschen! Und doch hatte ich eine zage Freude, als ich sein ehrliches Gesicht sah. »Man sieht dich gar nicht mehr, Wien«. Es tönte vorwurfsvoll. Ich sah ihn länger an. »Ist der Heidesturm auch über dich gegangen, Wien? Ich dacht', er hätt' nur die Felder verwüstet.« Die Winterrüben brauchten nicht so viel Aufmerksamkeit, als ich ihnen gab. »Hör doch mal auf, Wien!« rief Arne Brodersen ungeduldig. »Das da kann jeder Knecht tun.« »Ich bin Knecht.« Er hat mir die Hacke aus der Hand genommen und an einen Karren gelehnt. »Was willst von mir, Arne Brodersen?« Eine ganze Weile zögerte er. Dann sagte er leise und schwer, und hat meinen Arm fest an sich gedrückt: »Du sollst deinem jungen Weib befehlen, daß es wieder in dein Haus zieht.« »Worein mischst du dich?« fuhr ich ihn an. Er zog seinen Arm aus dem meinen, blieb aber ganz ruhig. »In die ureigenste Angelegenheit meines liebsten Freundes!« Ich wurde ruhig unter seiner warmen Stimme. »Sieh Wien, wir beide gehören doch zusammen, meinst nicht? Ganz eng!« »So laß die Amei aus dem Spiel!« »Die Amei gehört zu dir ! Gehört nicht mehr drüben dem Sleefkamp.« »Weiß Gott nicht«, lachte ich unfrei. »Nirgends gehört sie hin, die eische Deern. Deshalb ist sie mit dem Vater erst mal in die weite Welt gegangen. Sie hat ja kein Kind, Arne, weißt – – kein Kind – gestorben ist es uns – – Arne – – so ein Kind hält die Mutter fest – Arne – die Amei hat nichts, was sie festhält – – –« Da war er wieder, der wahnsinnige Schmerz, und ich wußt', daß ich doch noch ein Herz hatte – das schrie – schrie – – – »Ich versteh dich nicht, Wien«, hat der Landjäger gesagt und meinen Arm wieder an sich genommen. »In die weite – Welt sagst du? Liegt der Sleefkamp in der weiten Welt?« Ich wollte verdutzt zurückfragen, aber der Arne Brodersen war jäh erblaßt und sah mich verstört an. Da kam mich ein Grauen an. »Was weißt du von der Amei?« »Wien – – – sie ist drüben im Sleefkamp.« »Allein?« »Wo denkst hm, Wien! Mit dem General ist sie dort und mit der Großmutter, und – und – ja mit dem Jochen Sleef.« »Ja, und –?« »Wien, sieh mich nicht so entsetzlich an. Ich hab es doch gut gemeint – – –« »Das weiß ich, Arne Brodersen. Und die Amei kann sein, wo sie will, und so lang fortbleiben, wie sie will, sie gehört doch mir, mir, mir! Nie wird eine Sleef untreu. Nie Arne, hörst? – Und – – ja, und nun muß ich wieder zu den Rüben.« Ich riß mich los und holte weit aus mit meinen Schritten. Aber der Freund blieb neben mir. Uns kam beiden nicht in den Sinn, daß ich etwas Lächerliches gesagt hatte. »Bleib stehen!« herrschte Arne mich an. Wie er wohl einen Häftling anschrie, wenn der ihm entwischte. »Ich will hier nicht als Klatschbase vor dir bestehen, sondern du sollst meine Angst spüren. Die Leut' reden lange drüber. Ich hab sie auf's Maul geschlagen mit harten Worten. Aber das wispert natürlich weiter am Biertisch und am Waschfaß. – Hol' die Amei zu dir, Wien, lehr' sie Mores!« »Die Amei hat mehr Mores, als wir alle zusmmen!« Ich hatte die Hacke schon wieder an mich genommen. Ich dachte beim Arbeiten: Fragen mußt du den General, warum er nicht auf Reisen ist – – – Arne Brodersen ist von mir gegangen. Ich hab ihm nachgewinkt, er ist mein Freund, mein' Sach' ist sein' Sach'. Aber er ist mit zu viel Spitzbuben immer zusammen. Das soll wohl mißtrauisch machen. Als ich zur Vesper in den Wohnpesel trat, schrie Lütt-Birgitt erbärmlich in ihrer Koje. Ich ging hinein und beruhigte sie, trug sie auf meiner Schulter, daß die Händchen an die Decke langen konnten. Da lachte das Kind und ich mit. Ich sah die alte Gesine in die Küche treten. Vom Hof her kam sie gewatschelt. »Jesus, der Wien lacht!« verstaunte sie sich. Aber sie sah böse aus. »Du hast auch grad Ursach' zu lachen, Wien. Aber freilich – eh' bei dir was vom Herzen zum Verstand steigt, da braucht es lange Reise.« »Ich möchte vespern«, sagte ich kurz. »Steht alles drüben«, eiferte sie. »Iß nur gleich, Wien! Ich besorg derweilen das Kind, daß es zum Schlafen kommt. Tät ich dir vorher erzählen, was ich weiß, tät es dir den Appetit verschlagen ...« Als sie nach langer Zeit wiederkam, stand ich noch auf demselben Fleck. Hart packte ich ihr Handgelenk. »Laß los und pack' andere an!«, greinte sie. Aber ich zog sie in die Eßstube, wo alles noch unberührt gerüstet stand. Auf die Bank, die rund um den Kachelofen läuft, haben wir uns gesetzt. »Erzähl, Gesine! Dir stößt es das Herz ab und ich hab' keinen Hunger mehr. Aber erzähl', bis du zu Ende bist, damit du's los bist. Ich hab' kein Gusto drauf und kein Interesse dran.« Verbast sah sie mich an. »Den Gusto glaub' ich dir, den Interess' nich«, meinte sie orakelhaft. »Wien, – Wien. – Entweder ist der liebe Herrgott eingeschlafen, oder – – –« Ich winkte ab. »Wien, die Welt ist schlecht. Sie sagen alle, aber auch alle, die Amei hält's mit dem Doktor. Wien, sie sind allstunds miteinander gegangen. ›Im Wald und auf der Heide‹, weißt ja, wie das Lied geht. Und Leute – ja Wien, ich hab's auch gesehen, wie er auf sie drein geredet und beschworen hat, und wie sie dann still zugehört. Und einmal haben sie auch gelacht miteinander, das hat mir am schlimmsten getönt. Denn der Sleefkamp hat nichts mehr zu lachen – das is vorbei.« Da hab' ich sie doch unterbrochen. »So schlimm steht's?« brachte ich heiser heraus. »Freilich jo! Kühe haben verkalbt, die Schweine haben Rotlauf. Weißt Wien, daß ihm zwei Pferde an der Kolik draufgingen? Die Frau Muhme Sleef hult Tag und Nacht, aber still in sich hinein. Solch' Tränen fressen am meisten. Sind helles Gift. Aber daß dich der Herr Jochen bittet, rüberzukommen – Gott bewohr – das leidt der Dickschädel nich. Grad wie deiner.« »Schweig, Gesine!« Die treue Obermagd war außer sich. »Ich will reden, Wien«, tobte sie. »Sleefkamp-Ehr is mein Ehr. Als du noch im Mutterleib lagst, hab' ich schon Kraft und Gesundheit für den Sleefkamp gegeben allstunds.« Ich hab' ihre zitternde Hand gefaßt und sie gestreichelt. Da wurde das brave Weib ruhiger. »Der Doktor is nur noch ein Schatten«, redete sie weiter ohne Punkt, noch Komma. »Was er auch anfaßt, es gedeiht nichts unter seiner Hand. Es fehlt ihm was – – – und Gott verzeih mir die Sünd, ich glaub', es ist die Amei ...« »Die ist aber nun wirklich fort mit dem Vater, nachdem sie so lange herumgegeistert hat mit dem Doktor in der Heide ...« Ich legte ihr meine Hand auf den Mund. »Schweig, Gesine, es tut dir später leid.« So ruhig sagte ich, daß sie anhub zu weinen. »Ein Engel bist, Wien. Wer dich betrügt, kommt in die Hölle.« »Es betrügt mich niemand, Gesine.« Sie stand auf. »Iß etwas«, bat sie herzbeweglich. Ich winkte ihr, und sie räumte erschrocken ab. Ich saß noch eine Weile auf der Ofenbank. Hatte die Hände gefaltet. Wie mir zumut war, was in mir vorging, weiß nur Gott. Ich ging in den Stall. Nicht den Kismet hab ich gesattelt, der gehört der Amei. Nicht »Donner und Doria«, denn zu meinem Weg wollt' ich Segen haben und kein Fluchen. Den Ajax zog ich aus der Box. Das war kein Renner, aber ein verläßlich Tier. Verläßlichkeit! Wenn sich erst jeder Mensch auf den andern verlassen kann, dann ist das Paradies da. Tetje Bur und den andern Knechten sagt ich Bescheid. Ganz langsam ritt ich auf den Sleefkamp. – Sieh, ich reite durch die Heide, Kommst du mit? Braun wie Rost steht's Heidekraut Und die Birke traurig schaut ... Hunderttausend Regentropfen Hör' ich klopfen ... Ja, so war es von außen. Aber innen war Freude, nur Freude. Als ich durch die Einfahrt ritt, wieherte der Ajax. Und da stand Muhme Kordula in der Fleettür. »Gott sei gedankt, du bist da, Wien!« rief sie. Glückselig, wie eine junge Deern, die den Liebsten lange erwartete. Und wenn man so begrüßt wird, dann lacht die Sonne, wenn auch hunderttausend Regentropfen klopfen. Ich stieg vom Pferd, ein Junge nahm es mir ab. Die Muhme faßte meine Hand fest, als wollt sie mich nimmer lassen: »Willst ihn sehen und – sprechen, Wien?« Und gleich darauf: »Da ist er schon!« Ja, da stand der Dr. phil. et rer. pol. Jürgen-Jochen Sleef. Krank und elend, aber wohl doch nur vergrämt. Er streckte mir beide Hände hin. »Habt ihr mich erwartet?« fragte ich still, als wollt ich nichts aufwecken.« »Freilich«, sagte Jochen spöttisch wie immer. »Aber gestern tat ich meine größte Weisheit kund: der Wien ist der dümmste Heidschnuck, den es gibt – der kommt erst, wenn es mir ganz dreckig geht. Das ist nun heut eingetreten – das letzte Pferd gefallen – und von mir sagt Doktor Kraatz – – –« Die Muhme wandte sich ab – und ich zog meinen »Spezi« an meine breite Brust. »Doktor Kraaß sagt gewiß, daß ich dir gefehlt hab, Jochen, und daß wir beisammen bleiben müssen – – –« Mir brach die Stimme. »Ist er nicht ein Tölpel, Muhme Kordula? Wird er je gescheit?« fragte Jochen. Er mußte sich in den Ohrenstuhl setzen. Krank ist er, der arme, liebe Kerl. Das kann alles besser werden. Ich bringe ihm Freude, so wahr mir Gott helfe. Und »Freude treibt die Feder in der großen Weltenuhr.« Sleefkamp, an dem einzigen sonnigen Dezember-Tag 19 .. Ich liege in der braunen Heide. Aber mir ist, ich sehe sie in roter Blust. Der Sleefkamp wird auch blühen – Muhme Kordula und ich haben hineingesteckt, was wir hatten. Herzgute Muhme Kordula. Freunde und getreue Nachbarn haben geholfen. Nicht mit Geld, aber mit Kredit und Rat und Vertrauen. Sie wissen, daß der Wien schaffen kann ... Ich liege in der Heide. Wie sagt der Heidjer, der echte alte Ode Sleef im »Fullianten«? »De Heide kann allstunds nur ganz Glückliche, or nur ganz Unglückliche bruken, de Lauen verwirft se allehrdag, wies auch de lewe Herrgott tut in der Bibel.« Wohl, – ich bin wunschlos glücklich. Jochen schickte zu mir. »Wien,« sagte er, halb froh, halb verlegen: »laß mir Zeit, mich richtig zusammenzuklauben. Dr. Kraatz meint, Wärme und Ruhe könnten Körper und Seele gut tun. Für mein Seelenheil habt ihr Zwei schon durch Eure Fürsorge gearbeitet, nun soll Italiens Sonne das Ihrige tun.« »Deutschlands Sonne ist besser«, sagte ich dagegen mit rechter Überzeugung. »Freilich, für dich Mammut. Aber sieh mich Wrack an ...« Ja, ich sah es. Er war ein Wrack. Aber ich meint' doch, daß Deutschland der best' Schiffsbaumeister sei, um ein Wrack aufzutakeln. »Außerdem ...« sagte Dr. Jochen und griff nach meiner Hand ... »außerdem brauch ich das Ausland, um ohne Schererei vom Sleefkamp loszukommen. Wien, – sieh mich nicht böse an! Grad weil ich den Sleefkamp wie meine Mutter lieb – will ich fort. Denn du , du mußt ihn haben, Wien, alter Geselle. Deine Kraft langt für Sleefkamp und Dierkhof. Meine Kraft, Wien, langt noch für die Freude und die armselige Hoffnung, daß ich wiederkommen darf – – später als Gast zu dir, – du – du mien olen Wien ....« Ich kann es nicht schildern, wie er das alles sagte, wo blieb der aufrechte, spöttische Jochen? Ich habe nichts erwidert. Arbeiten will ich für ihn. Kommt er wieder – Ehrengast ist er allstunds. Wunschloses Glück brachte mir der alte Spezi. Weil er mir einen lüttgen Brief zusteckte, der kam aus Italien. Mein Weib verleugnet sich nicht. Wie mit einem Besenstiel waren die Worte geschrieben: Wien! Ich hab so Heimweh nach Deutschland! Nach meiner Heide! Wien, nimm mich! 's Amei.« So hab ich mein Leben gelebt in diesem Folianten. Und leben und sterben will ich für meinen Sleefkamp. Wien Sleef, der Knecht. Ende