Wilhelm Heinrich Riehl Durch tausend Jahre – Dritter Band Fünfzig kulturgeschichtliche Novellen In der vom Dichter selbst gewünschten Anordnung zum ersten Male herausgegeben von Hans Löwe Inhalt Der Leibmedikus. Ovid bei Hofe. Die Lüge der Geschichte. Demophoon von Vogel. Der Stadtpfeifer. Burg Neideck. Der Hausbau. Meister Martin Hildebrand. Der Zopf des Herrn Guillemain. Gespensterkampf. Die glücklichen Freunde. Das Quartett. Trost um Trost. Rokokozeit Der Leibmedikus. 1861 Erstes Kapitel Fürst Kasimir III. war seinem hochseligen Herrn Vater, Fürst Kasimir II., auf dem Throne gefolgt. Obgleich sich nun der Name des neuen Fürsten vom alten bloß durch den Zuwachs eines kleinen Striches unterschied, so war der Strich, welcher Hofleben und Politik des Vaters und Sohnes trennte, dafür um so größer. Kasimir II. hatte, wie so viele kleine Reichsfürsten des achtzehnten Jahrhunderts, breit und glanzvoll Hof gehalten, viel gelebt und wenig geherrscht. Sehr gründlich dagegen beherrschten ihn samt dem Land Mätressen und Günstlinge. Der Sohn aber, welcher die Schmach dieser Wirtschaft von Jugend auf schweigend mit anschauen, die Last des Prunkes und Zeremonielles tragen und obendrein ein allezeit vergnügtes Gesicht dazu machen mußte, schlug beim Regierungsantritt stracks zum vollendeten Widerspiel seines Vaters um. Der halbe Hofstaat ward entlassen, die Feste eingestellt, die Günstlinge verschwanden; ein ganzes Dutzend von Vertrauten hatte das Ohr des alten Kasimir besessen, das Ohr des neuen Kasimir besaß kein Mensch; er regierte selber, und nicht einmal sein Kammerdiener konnte sich persönlicher Einflüsse rühmen. Welch fabelhafte Neuerung für das ganze Land: ein Fürst, der selbst regierte, und ein Hof, an welchem es keine Einflüsse gab! Hätte nicht der große Komet im Frühjahr Unerhörtes vorbedeutet, die alten Hofleute würden solche Dinge nicht für möglich gehalten haben, selbst jetzt nicht, als sie längst schon wirklich waren. Das Schloß schien verwaist. Der junge Fürst war noch unvermählt, seine Mutter längst gestorben, die Schwester auswärts verheiratet; es war ein Hof ohne Frauen. Kein Wunder, daß es in den alten Mauern so still wurde wie im Kloster. Das einzige Vergnügen Kasimirs war die Jagd, aber nicht in der damals beliebten Form prahlerischer Parforcejagdfeste, sondern die einsame Weidmannslust im verschwiegenen Waldesdickicht. Nun geschah es einmal, daß der junge Fürst an einem tückischen Spätherbstabend statt des vergebens erlauerten Wildes ein Fieber mit nach Hause brachte. Seit den frühen Kindertagen war er nicht krank gewesen, er konnte wohl mit Grund auf seine stahlharte Leibesnatur bauen, die der Härte seiner Willenskraft entsprach, und es war darum kein Wunder, daß er beim Regierungsantritt neben anderen Hofbediensteten auch den alten Leibmedikus als überzählig entlassen hatte. Er meinte damals, die Arbeit und das Weidwerk solle ihm den Doktor und Apotheker sparen, und hielt überhaupt mit seinem Lieblingsdichter Molière nicht sonderlich viel von der medizinischen Fakultät. Nun war er dennoch krank geworden, und das erschreckte ihn zehnmal mehr als andere Leute, weil er's so gar nicht gewöhnt war. Da gelang es dem Hofmarschall, einem tief gedemütigten Überbleibsel des früheren Hofes, dem im Augenblick besonders stark vom Fieber geschüttelten hohen Patienten das Versprechen abzuringen, er wolle ärztliche Hilfe suchen, auch jedenfalls wieder einen Leibmedikus in aller Form anstellen. Die ungeheure Selbstüberwindung, zu welcher sich der Fürst bei diesem Entschluß aufraffte, wirkte wundersam. Unmittelbar nachdem er dem Hofmarschall das Wort gegeben, brach ein heftiger Schweiß aus, dem alsbald ein tiefer Schlaf folgte, und als Fürst Kasimir am anderen Morgen erwachte, fühlte er sich fieberfrei. Nun erschrak er freilich über das gestern dem Hofmarschall gegebene Wort und hielt seine Genesung fast für zu teuer erkauft. Doch nach kurzem Besinnen biß er die Lippen zusammen, sprach zu sich selbst: »Ein Mann, ein Wort!« und verfügte die Bestallung eines Leibmedikus. Trotz solches mannhaft ehrlichen Sinnes lauerte aber dennoch der Schalk im Hintergrund. Denn während der Hofmarschall seinen Freunden bereits triumphierend ins Ohr flüsterte, daß das neue System gebrochen sei und der alte Hofstaat wieder erstehe, sann der Fürst, wie er durch die Person des Leibarztes selber den leibärztlichen Posten zu eitel Trug und Schein machen wolle. Zwei berühmte Ärzte der Residenz wurden von der öffentlichen Stimme als die einzig möglichen Kandidaten der beneideten Würde bezeichnet. Der Fürst aber wählte einen dritten, an welchen kein Mensch gedacht. Die ganze Stadt fiel aus den Wolken über diese Wahl, und wenn überhaupt einer mehr aus den Wolken fallen kann als andere, so fiel der Gewählte selbst am meisten aus den Wolken. Er war ein blutjunger Bursche, kaum von der Hochschule heimgekehrt, von wo er neben einer Braut auch den Doktorhut mitgebracht; außerdem war wenig von einem Doktor an ihm zu verspüren. Als frischer, artiger Lebemann stadtbekannt, wurde er in jede lustige Gesellschaft gerufen, allein niemand berief ihn ans Krankenbett; übrigens besaß er ein ausgezeichnetes Punschrezept, welches er für die Hausfrauen der halben Stadt abschreiben mußte; andere Rezepte begehrte man nicht von ihm. Von sehr bürgerlicher Herkunft, konnte er in vetterschaftlicher Gunst und Nachhilfe keinen Ersatz für seine unerworbenen Kenntnisse suchen, ja der unglückliche Mensch hatte nicht einmal einen ordentlichen unterscheidenden Namen; denn er hieß Johann Jakob Müller! Und diesen Doktor Johann Jakob Müller berief der rätselhafte Fürst zu seinem Leibarzt! Man konnte im Doppelsinne des Wortes sagen: der Fürst war dieses Leibarztes »erster« Patient. Müller hatte jedoch eine für Ärzte besonders schätzbare Eigenschaft: er wußte, daß er nichts wußte, und da er ebenso offen und ehrlich gegen andere als bescheiden in sich selbst war, so stieg er, zur ersten Audienz berufen, die Marmortreppe des Schlosses mit dem festen Vorsatz hinan, dem Fürsten seine Unfähigkeit geradeheraus zu bekennen und ihn um allergnädigstes Verschonen mit der zugedachten Würde zu bitten. Allein zu seinem Erstaunen nahm ihm der Fürst die Gedanken aus der Seele, indem er ihn folgendergestalt anredete: »Mein lieber Doktor Müller! Er muß sich nicht einbilden, daß ich Ihn wegen seiner ärztlichen Kunst zu meinem Leibmedikus ernannt habe. Ich weiß, daß Er auf Universitäten nichts gelernt hat. Allein die Doktores sind allesamt Scharlatans, und wer, gleich Ihm, keine Praxis kriegt, der kuriert wenigstens niemanden zu Tod und ist also fast in seiner Art der beste. Weil Er Mutterwitz und Bescheidenheit hat, darum soll Er mein Leibarzt sein, nicht wegen seiner Wissenschaft, um welche ich mich den Teufel kümmere. Ich lasse die Natur walten als den größten Arzt, und Er soll mir nicht dreinreden. Es ist altherkömmlich an unserem Hofe, daß der Leibmedikus jeden Morgen präzis acht Uhr im Kabinette des Fürsten erscheint, und da ich nach altem Brauch nun wieder einen Leibmedikus habe, so will ich Ihn auch jeden Morgen zur rechten Stunde vor mir sehen. Im übrigen kümmere Er sich nicht um meine Gesundheit, und schweige Er, bis ich Ihn frage. Sei Er klug, stille und bescheiden, mein lieber Doktor, und Er kann sein Glück machen.« Durch diese Anrede war Müller aus dem Konzept gebracht; er konnte nun nicht mehr ablehnen, denn just aus demselben Grund, aus welchem er sich für unwürdig seines neuen Postens hielt, erklärte ihn ja der Fürst als dessen ganz besonders würdig. Auch erwachte bei den gnädigen, groben Worten des Herrn sein natürlicher Leichtsinn wieder; er dachte im stillen, für einen Fünfundzwanziger, der weiter nichts besitze als eine Braut, sei solch ein Anfang nicht übel, und was der Fürst da von ihm fordere, das könne er so gut leisten wie jeder andere. Statt abzulehnen, dankte er also untertänigst für die fürstliche Gnade und ward von dem wortkargen Herrn in aller Huld aus der Audienz entlassen. Als die beiden jungen Männer einander gegenüberstanden, war jeder scheinbar recht zufrieden mit sich und seiner Rolle. Allein beide waren redliche Gemüter. Darum packte den Fürsten so gut wie den Doktor Scham und Ärger über das Spiel, sowie sie sich getrennt hatten. Der Fürst empfand es nur zu klar, daß er sein Wort doch nur dem Buchstaben nach gehalten, dem Sinne nach aber gebrochen hatte, und dies deuchte ihm gar nicht fürstlich. Indem er äußerlich sich treu geblieben, war er inwendig von sich abgefallen. Ja noch mehr: um der Rückkehr zum alten Hofwesen zu trotzen, hatte er bei dessen faulstem Auswuchse wieder angefangen, – er hatte die erste Sinekure geschaffen. Allein sein Eigensinn war genau so stark wie seine Ehrlichkeit: also hielt auch die Schadenfreude über den getäuschten Hofmarschall genau dem Ärger die Waage, welchen er über sich selbst empfand. Der Doktor seinerseits stieg auch gar beschämt die Marmortreppe hinab, die er so gehobenen Mutes hinangestiegen war. Zum erstenmal im Leben empfand er die ganze Schmach der arbeitslos vertändelten Lehrjahre. Wäre er wirklich ein rechter ausstudierter Doktor gewesen, er hätte seinem edleren Sinne gemäß den also dargebotenen Leibmedikus rund zurückgewiesen und lieber als Landarzt im ärmsten Dorfe elend gelebt denn nun als ausgemachte beruflose Hofschranze in der Residenz. Er schämte sich sogar um der in seiner Person entwürdigten Wissenschaft willen, obgleich dies doch eigentlich gar nicht seine Wissenschaft war; denn er war ja gerade darum nicht in der Lage, die dieser Wissenschaft geziemende Würde zu behaupten, weil er nichts wußte von dieser Wissenschaft. Allein mit solch bitterer Selbsterkenntnis kam ihm auch zum erstenmal das klare Bewußtsein der hoffnungslosen Zukunft, die vor ihm lag, wenn ihm der Fürst nicht den Leibmedikus an den Kopf geworfen hätte. Heute erst erkannte er den Abgrund, an welchem er bisher leichtsinnig einhergeschwebt, und hielt sich darum verpflichtet, dem plötzlich erschlossenen Pfade der Umkehr nicht auszuweichen. Anderen öffnet das Unglück die Augen, ihm das unverdiente Glück. Ähnlich wie beim Fürsten hielten zwei ganz widersprechende Motive seinen Willen in der Schwebe: auch er mußte inwendig von sich abfallen, um zunächst wenigstens äußerlich zu sich selber kommen zu können. Weil er nichts gelernt hatte, schämte er sich seines neuen Amtes, und doch mußte er auch wieder bei diesem Amte ausharren, weil er nichts gelernt hatte. Fürst und Doktor aber kamen zu dem gleichen Entschluß, die vollendete Tatsache hinzunehmen und ruhig abzuwarten, was sich etwa daraus entwickele, und ein jeder schwur sich im stillen heiligstes Schweigen über die wahre Lage der Dinge und den inneren und äußeren Vorgang der ersten Audienz. Der Doktor begann nun seine täglichen Besuche im Schloß. Vom höfischen Leben und höfischer Klugheit wußte er gar nichts. Nur eine orientalische Hofregel war ihm beigefallen, die er früher einmal in einem alten Buche gelesen, und diese murmelte er an jedem Morgen vor sich hin, wenn er die Marmortreppe hinanstieg. Die Regel lautete: »Kommst du in des Königs Haus, Geh blind hinein und stumm heraus.« Und dieser Spruch ward ihm zum schützenden Zauber. Die ärztliche Konsultation verlief Tag für Tag folgendergestalt: Leibmedikus Müller erschien Schlag acht Uhr im Arbeitszimmer des Fürsten, der schon oft seit Tagesanbruch hinter Akten und Büchern saß. Das übrige Dienstpersonal mußte sich beim Eintritt des Arztes entfernen, wie es wohl alter Brauch am Hofe war. Allein der jetzige Fürst hielt doppelt streng auf diesen Brauch; denn er hatte bekanntlich guten Grund, seine Umgebung im Dunkeln zu lassen über den wunderlichen Dienst des neuen Leibmedikus. Und da er vollends wahrnahm, daß er hierdurch die neugierige Seele des Hofmarschalls auf die Folter spannte, tat er doppelt geheimnisvoll mit den ärztlichen Konsultationen. Trat der Doktor in das stille Zimmer, so fragte ihn der hohe Herr zuerst nach dem Wetter und dann nach seinem Befinden. Die Antwort auf die erste Frage wechselte mit Regen und Sonnenschein, die zweite Antwort blieb immer die gleiche. Denn der junge Doktor war ebenso kerngesund wie der junge Fürst. Niemals aber wagte es der Leibmedikus, nun auch seinerseits den Fürsten nach dessen Befinden zu fragen. Denn er hatte sich, eingedenk des Mahnwortes der ersten Audienz, fest vorgesetzt, nur zu antworten, kurz und bündig, wenn er angeredet werde, und niemals ein weiteres Wort über die Lippen zu bringen. Nachdem also der Fürst erfahren, daß sein Leibarzt gesund sei, arbeitete er ruhig weiter und ließ den Doktor noch beiläufig so eine halbe Stunde im Zimmer stehen. Dieser heftete insgemein seinen Blick unverwandt auf die Gobelintapete der gegenüberstehenden Wand, welche eine Saujagd mit gepanzerten Hunden darstellte, zählte die Hunde, die Jäger und Jägerinnen und die Blätter an den großen Bäumen des Vordergrundes, wagte es aber beileibe nicht, den Blick in andere Regionen des Zimmers umherschweifen zu lassen. Nach Ablauf der halben Stunde wurde er huldvoll verabschiedet. Die Hofleute, vom Hofmarschall bis zum letzten Lakaien, platzten schier vor Neugierde über die tägliche geheime Konferenz des Fürsten mit dem Arzte; sie lauschten an den Schlüssellöchern und hörten nichts; es war totenstill im Kabinett; die beiden mußten sich wohl ganz leise im hintersten Winkel besprechen, und so folgerte man denn nicht ohne Grund, daß Doktor Müller der erste und einzige Vertraute des Herrn sei, der einzige Günstling, welchen Kasimir unter der ostensibeln Würde eines Leibarztes zu sich herangezogen. Natürlich wandten sich die Neugierigen dann auch bald verblümt, bald offen an Müller selber, sie schmeichelten, stichelten, quälten, legten ihm Kreuz- und Querfragen vor, allein der sonst so offene und redselige junge Mann war und blieb verstockt und verschlossen. So meinten die Frager. In der Tat aber gab er ganz offene und ehrliche Auskunft wie immer. Denn er sagte einem jeden, der Fürst rede mit ihm fast nur vom Wetter, sein Dienst sei gleich null, er besitze nicht entfernt das Ohr des Herrn, er habe nicht den mindesten Einfluß, und es sei die unverdienteste Ehre von der Welt, wenn man ihn einen Vertrauten Seiner Durchlaucht nenne. Kein Mensch glaubte ihm das; alle hielten sein Schweigen und Leugnen für die Kunst eines geborenen Hofmannes, und man wunderte sich nur, daß man dieses eminente Talent des diplomatischen Geheimnisses nicht früher schon bei dem lustigen Doktor geahnt habe. Müller lachte im stillen über die wunderlichen Leute, welche gerade da die feinste Kunst der Lüge spürten, wo er doch nur die ungekünstelte Wahrheit sprach. Am ergötzlichsten aber deuchte es ihm, daß er selber, der die Neugierde der ganzen Stadt entflammte, von einer ganz ähnlichen unbefriedigten Neugier geplagt war. Denn fürs Leben gern hätte er doch wissen mögen, was eigentlich den Fürsten bewogen, ihn so unerhört zu gleicher Zeit öffentlich auszuzeichnen und insgeheim zu demütigen. Allein er war klug genug, die Lösung dieses Rätsels in Geduld und Schweigen abzuwarten. In wenigen Wochen durchtönte der Ruf von dem Einflusse des neuen Leibmedikus bereits das ganze Ländchen. Als erstes Zeugnis seines wachsenden Ruhmes kam der Brief eines entfernten Vetters aus einem entlegenen Dorf mit einem höchst ergebenen Gesuch. Der Vetter führte einen Spezereikram und wollte schon längst neben Kaffee und Zucker auch Schnittwaren verkaufen. Das wehrte ihm der Schultheiß, weil dessen Vetter im nächsten Flecken mit Schnittwaren handelte. Nun wandte sich der Vetter des Leibmedikus an letzteren, daß er vom Fürsten einen Machtspruch zu seinen Gunsten erwirke und dem schandbaren vetterschaftlichen Protektionswesen des Schultheißen ein Ende mache. Doktor Müller belehrte den Vetter umgehend: »Fürsten pflegen sich nicht um den Schnittwarenverkauf zu kümmern, auch besitze ich selber keineswegs den persönlichen Einfluß, welchen man mir fälschlich zuschreibt, und bedaure also, in dieser Sache gar nichts tun zu können.« Doch siehe – nach vierzehn Tagen wurde der ehrliche Leibmedikus durch ein warmes – Dankschreiben des Vetters überrascht, begleitet von dem köstlichsten sechspfündigen Käselaib. Der Vetter hatte inzwischen wirklich die ersehnte Konzession erhalten und glaubte, der Doktor habe sie ihm doch ganz heimlich in aller Eile herausgefochten und nur aus Politik den ablehnenden Brief geschrieben; denn schwarz auf weiß müsse ein Hofmann allerdings vorsichtig reden. Und in der Tat war auch der Leibmedikus die unschuldige Ursache, daß der langjährige Wunsch des Vetters sich nun so rasch erfüllte. Denn dieser hatte im ganzen Dorfe dermaßen mit der Macht seines vetterlichen Gönners geprahlt, daß der Schultheiß Angst kriegte und beigab, bevor noch das gefürchtete Machtwort des Fürsten ankam. Der Schultheiß schrieb nun aber auch an den Leibmedikus, rühmte seinen eben bewiesenen guten Willen, der Müllerschen Familie allezeit zu dienen, und bat reumütig, daß man Vergangenes vergessen und vergeben und ihm doch auch in Zukunft die hohe leibärztliche Gunst nicht versagen möge. Er sei zu jedem Gegendienste ergebenst bereit. Doktor Müller verschenkte und verzehrte seine sechs Pfund Käse in aller Stille und hob die beiden Briefe auf zum ergötzlichen Beweise der Tatsache, daß man wider Wissen, Willen und Verdienst der Mann des Einflusses sein und bleiben müsse, wenn man eben einmal wider Willen und Verdienst Leibmedikus geworden. Wie übrigens das Gerücht aus der Stadt ihm die Macht eines Günstlings aus dem Dorfe gegeben, so drang jetzt das Gerücht von dieser Dorfgeschichte, unterwegs ins Großartigere ausgemalt, in die Stadt zurück und stärkte hier wiederum den Glauben, daß Doktor Müller der allvermögende Freund des Fürsten sei. Hatte in den ersten vierzehn Tagen nur der Vetter Krämer um seine Gönnerschaft geworben, so kamen in der dritten Woche schon angesehene Bürger und Beamte und in der vierten gar der fürstliche Kammerdirektor, eine Art von Finanzminister des Ländchens. Er wünschte eine Steuererhöhung durchzusetzen und erbat sich des Leibmedikus Fürwort bei Seiner Durchlaucht. Doktor Müller beteuerte, wie alle Tage, daß er gar nicht imstande sei, ein solches Fürwort einzulegen. – »Die Redensart kennen wir schon!« dachte der Kammerdirektor und lächelte so freundlich ungläubig wie nur möglich. »Übrigens«, fügte Müller hinzu, »geht die allgemeine Rede, daß unser gnädiger Herr fortwährend auf Minderung der Steuern sinne, und seine ganze bisherige Politik scheint dies zu bestätigen. Daher dürfte es wohl sogar Ihnen als einer der ersten Finanzautoritäten im ganzen Römischen Reich schwer fallen, seinen eisernen Willen für höhere Steuern umzustimmen, und was soll da vollends mein unberufenes Fürwort nützen!« Der Leibarzt war der einzige, welcher dem Finanzmann das Urteil des ganzen Landes trocken zu sagen wagte; alle seine Freunde hatten ihm mit lügnerischer Hoffnung geschmeichelt. Er fiel dann auch mit dem Antrage glänzend durch und warf nun einen stillen, tiefen Haß auf den unschuldigen Doktor. »Hütet euch vor diesem übermütigen Menschen«, flüsterte er seinen Freunden ins Ohr; »jetzt habe ich wenigstens ergründet, daß er, der mit dem gnädigen Herrn stets nur vom Wetter zu reden vorgibt, er allein die geheimen Pläne des Fürsten kennt und sein unbegrenztes Vertrauen besitzt, und diese sichere Kunde ist schon einmal einen Durchfall wert!« So mußte Doktor Müller der fürstliche Günstling sein, nicht bloß, weil einige Bittsteller, die sich an ihn gewandt, Erfolg gehabt, sondern mehr noch, weil ein anderer, der ihn begrüßt, mit langer Nase abgefahren war. Und wenn sich der Leibmedikus auf den Kopf gestellt hätte, er wäre dennoch der Günstling geblieben. Die ganze Stadt teilte sich in zwei Parteien: in offene Anhänger und in stille Widersacher Müllers. Denn laute Widersacher wagten sich noch nicht hervor. Auf seiten des Doktors stand die Aristokratie, die Gegner lauerten unter der Bürgerschaft. Und doch war Müller ein ganz bürgerlicher Charakter und weit entfernt von aristokratischen Grundsätzen und Neigungen. Allein der Hofmarschall, welcher sich ja mit Grund rühmte, die leibärztliche Stelle eröffnet zu haben, prahlte nun auch ohne Grund, daß sein Fürwort gerade diesen Müller in die Gnade des Fürsten gebracht. Als echter Hofmann gab er die ohne sein Zutun vollführte Tatsache für das reine Ergebnis seines Einflusses aus. Er wollte lieber, daß man ihm die verkehrteste Wahl vorwarf, denn daß man dieselbe als wider sein Wissen und Wollen erfolgt ansähe. So galt nun der arme Müller vollends gar für eine Kreatur des Hofmarschalls! Zwar ärgerte sich dieser insgeheim nicht wenig über das ganz unnahbare, verschlossene Wesen seines angeblichen Schützlings, war aber klug genug, den Ärger nicht merken zu lassen, und hoffte, den Doktor doch über kurz oder lang mit seinen Netzen zu umstricken. Die Aristokratie folgte der falschen Fährte des Hofmarschalls und betrachtete den Leibmedikus überdies als ein teures Pfand, daß die alte Günstlingswirtschaft nun doch wieder ihren Anfang genommen habe und hoffentlich auch bald ihren breiteren Fortgang finden werde. Da adelige Söhne sich nicht zum Pulsfühlen und Rezepteschreiben herabzulassen pflegen, so stand der bürgerliche Günstling hier auch über dem Neid erhaben oder richtiger unter dem Neid. Die alten Freunde und Genossen des Doktors wurden freilich um so mißtrauischer. Sie fanden ihn zurückgezogener, zugeknöpfter als vorher und nannten das Hochmut. Und doch war eigentlich tiefe Demut die Quelle dieses stilleren Wesens. Denn Müller entzog sich der Gesellschaft jetzt, weil er, wunderbar genug, Medizin zu studieren begann. Ohne Unterlaß nagte der Gedanke an ihm, daß er nur darum eine so viel beneidete und doch so unwürdige Rolle spiele, weil er nichts gelernt habe. Der arme Teufel saß hinter Lehrbüchern und Kollegienheften, während man glaubte, er regiere das Land, und schlich sich ganz zerknirscht ins Armenspital, um die versäumten Stunden der akademischen Klinik nachzuholen, indes seine Zechgenossen im Wirtshause räsonierten, daß er aus Hoffart nun wieder nicht beim frohen Gelage erschienen sei. Es war ihm, als müsse das tolle Spiel plötzlich mit Schande und Schrecken enden, wenn er nicht inzwischen wirklich ein ausgelernter Doktor werde und durch solche Buße das drohende Schicksal beschwöre. So lagerte auf allen Seiten Dunkel, Verwirrung, Irrtum und Selbsttäuschung. Der Fürst war im Dunkel über den Aufruhr der Geister, den er in Stadt und Land erregt; denn keiner wagte in seiner Gegenwart von dem rätselhaften Leibmedikus zu sprechen. Während er um der öffentlichen Meinung willen alles Günstlingswesen vermeiden wollte, hatte er sich gerade bei der öffentlichen Meinung einen Günstling gegeben, von dem er selber gar nichts ahnte. Der Hofmarschall tappte im Dunkeln über den Leibmedikus, der Adel über den Hofmarschall, der Leibmedikus über den eigentlichen Plan und Willen des Fürsten und das ganze Land über den Fürsten, den Leibmedikus, den Hofmarschall und den Adel miteinander. Weil der Doktor so ehrlich war und so verschwiegen, stiftete er die tollsten Intrigen, und weil er von deutschen Hofregeln gar nichts wußte als einen türkischen Spruch, war er der vollendetste Hofmann im Lande. Allein dieses Wirrsal sollte mit einem Schlage zerhauen werden, und zwar durch weibliche Hand, durch die Braut des Leibmedikus. Zweites Kapitel Die Braut war eine arme junge Waise aus altadeligem Haus, Anna von Lehberg. Ihre vornehmen Verwandten wollten einen Bräutigam, der sich Johann Jakob Müller schrieb, anfangs natürlich gar nicht anerkennen. Doch seit dieser gewisse Müller Leibmedikus und Vertrauter des Fürsten geworden und der Hoffnungsstern des Residenzadels, wandte sich das Blatt. Das Verdienst kann sogar einen Müller adeln. »Hätte ich etwas gelernt«, sprach dieser zu sich selbst, »so hätte ich kein Verdienst, ich wäre nicht Leibmedikus geworden oder doch gewiß nicht der Vertraute des Fürsten; hätte ich etwas gelernt, so würde man mir fort und fort meine Braut abstreiten. Es ist kein Ding so schlimm, es ist zu etwas gut.« Er begann mitunter schon zu glauben, daß er wirklich der Vertraute des Fürsten sei, allein den nächsten Besuch brauchte nur das Gespräch mit dem Wetter einzuleiten, so fiel er sofort aus der Täuschung. Einen Laubfrosch, den er lange besessen, schenkte er weg, weil ihn derselbe zu sehr an das Wetter erinnerte. Auch brachte ihn der Anblick des Tieres allzuoft auf den Gedanken, daß er selber nicht eigentlich der Leibmedikus, sondern nur der Hoflaubfrosch Seiner Durchlaucht sei. Anna, welche auf dem Land bei einem alten Oheim lebte, erfuhr sowenig von dem Geheimnis ihres Bräutigams als irgendeine andere Seele. Sie glaubte ja gern dem allgemeinen Gerücht, daß sich ihre Lage so glücklich gewendet hatte. Allein bei aller stillen Sanftmut ihres Wesens war sie doch äußerst scharfblickend und konnte darum nicht klug werden aus des Bräutigams Briefen. Denn während er ihr an jedem Samstag in einer zwei bis drei Bogen starken Epistel nicht bloß all sein Denken und Empfinden, sondern auch jedes kleine Erlebnis der abgelaufenen Woche getreulich darlegte, schwieg er über das Haupterlebnis, den Verkehr mit dem Fürsten. Das Fräulein klopfte leise auf die Hecke, aber der Doktor hörte es nicht; er berichtete ihr anfangs dieselbe nackte Wahrheit, welche er aller Welt sagte, und als sie weiter in ihn drang, schrieb er bloß das vieldeutige Orakelwort: »Hofgespräche taugen nichts für junger Mädchen Ohren.« Um so dringender wollte nun natürlich das junge Mädchen Näheres von diesen Hofgesprächen wissen und sprach zuletzt zu sich selbst: hier waltet ein Geheimnis, welches ich um jeden Preis ergründen muß. Fast noch verdächtiger erschien ihr eine andere Lücke in des Doktors neueren Briefen. Vordem, da der Zeitpunkt des ersehnten Ehebundes noch am fernen Horizonte einer unabsehbaren Zukunft verschwamm, brachte jeder Brief des hoffnungsarmen Bräutigams einen Stoßseufzer über diese verzweifelt ausgedehnte Fernsicht; jetzt dagegen, wo der fürstliche Leibmedikus täglich hätte heiraten können, ja wo selbst die ganze hochwohlgeborene Familie Lehberg mit einem Male gnädig ihm zulächelte, jetzt schrieb er keine Silbe mehr von naher oder ferner Heirat. Der Grund dieses Schweigens war höchst ehrenwert: der Leibmedikus in Amt und Würden erkannte sich als in der Tat beruflos und folglich auch zur Ehe noch ganz unberufen; der beruflose junge Doktor dagegen hatte gar nie so tief gedacht und, wie in alle Lebensheiterkeit, sich auch in das reizende Gedankenbild einer Ehe mit dem wirklich heißgeliebten Mädchen hineingeträumt, ohne den nüchternen Ernst solchen Beginnens auch nur zu ahnen. Diesen Grund hätte Anna freilich niemals erraten. Allein sie war feinfühlig genug, um sich über die zwiefache Lücke in des Bräutigams Briefen recht gründlich zu ängstigen, andererseits aber auch wieder zu feinfühlig, um sich durch Fragen und Vorwürfe Licht zu verschaffen. Echt weibliche Naturen sind jedoch in der Regel entschlossenen Geistes, und je weniger man hinter ihrem stillen Walten Willenskraft und Eigensinn vermutet, um so mehr besitzen sie. So war es auch bei dem sanften, bescheidenen Fräulein. Sie wollte durchaus klar sehen, und weil ihr die Briefe immer neues Dunkel statt neuen Lichtes brachten, so bearbeitete sie den alten Oheim, daß er mit ihr zum Residenzstädtlein reiste, um das Haus eines Freundes mitten im Winter mit einem mehrwöchigen Besuch zu überraschen, den man eigentlich erst im kommenden Sommer erwartet hatte. Sie dachte: bin ich nur erst einmal auf der Bühne, dann will ich auch hinter die Kulissen sehen. Schreck und Freude mischten sich wundersam in dem gutmütigen Gesichte des Leibmedikus bei der unverhofften Begegnung mit der Braut. Dies entging dem verstohlen forschenden Auge des Mädchens keineswegs; sie fand ihren Argwohn bestätigt und faßte sofort den klügsten Plan. Sie wollte Schweigen durch Schweigen brechen, aber nicht durch das Schweigen des Trotzes, sondern durch das Schweigen der Güte. Nur ein leiser Anflug verhaltenen Grames sollte es den verstockten jungen Mann fühlen lassen, wie tief er mit seinem Geheimnis das treueste Herz betrübe. Sie hatte richtig empfunden und gehandelt: ihre schonende Zurückhaltung und ihr stiller Dulderblick schnitt schärfer in die Seele des unglücklichen Doktors, als es die verfänglichsten Fragen und die lautesten Vorwürfe vermocht hätten. So verlief die erste Woche. Da geschah es eines Tages, daß die beiden jungen Leute mit dem Oheim im Schloßgarten lustwandelten. Die Pracht der sonnenbestrahlten Schneelandschaft und der herzerquickende Odem der reinen Winterluft gab den Gemütern höheren Schwung; der Leibmedikus fühlte sich mit einem Male so stark und entschlossen, daß er seiner Braut die offenste Beichte hätte ablegen und doch nicht vor Scham in die Erde sinken mögen, wäre nur der Oheim nicht zugegen gewesen, und er nahm sich mannhaft vor, bei der Heimkehr in den unbewachten Minuten der Dämmerstunde die volle und ganze Wahrheit ehrlich zu bekennen. Aus diesen Gedanken ward er plötzlich aufgestört durch das Erscheinen des Fürsten; auf schmalem Pfade ging er an ihnen vorüber, und sein Auge weilte bei der Gruppe mit langem, forschendem Blick. Nachdem sie die verschlungenen Gartenpfade eine Strecke weitergewandelt, begegnete ihnen abermals der Fürst, und fast deuchte es dem Doktor, er habe ihnen geflissentlich den Weg abgeschnitten, um sie noch schärfer als vorher zu betrachten. Ja, beim Ausgang aus dem Garten sahen sie ihn zum drittenmal etwas seitab an der Schloßtreppe. Dieses auffallende dreimalige Erscheinen des gestrengen Herrn erschreckte den Doktor wie ein Gespenst und machte ihn so scheu und kleinmütig, daß er in den unbelauschten Minuten der Dämmerstunde seines mannhaften Entschlusses ganz und gar vergaß. Allein bei Anna hatte der frische Gang ähnlich ermutigend gewirkt, und der Anblick des Fürsten war ihr keineswegs wie eines Gespenstes gewesen; auch sie hatte sich, während beide sinnend nebeneinander im Garten gingen, eine offene Frage an den Bräutigam vorgesetzt und wagte sich tapfer heraus mit der Sprache. Die Antwort war eine Selbstanklage Müllers. »Ich weiß«, sprach er, »daß Schweigen auch Lügen sein kann, ja, indem wir die nackte Wahrheit sagen, können wir lügen, wenn wir wissen, daß andere unsere Rede anders deuten werden als nach dem Wortsinn. So habe ich dich und die halbe Welt belogen, indem ich geschwiegen und die nackte Wahrheit geredet habe. Aber fordere nur jetzt nichts Weiteres von mir als dieses bittere Bekenntnis. Gönne mir nur noch wenige Tage Frist, und du sollst über meine Stellung zum Fürsten und über unser beider Zukunft alles erfahren, was ich selber zu sagen weiß.« Er sprach dies so bestimmt und zugleich so schmerzbewegt, daß Anna nicht weiter zu forschen wagte. Sie ward aber durch seine Rätselworte noch verwirrter als vorher. Denn sie hatte bisher keineswegs geargwohnt, daß ihr Bräutigam zuwenig, sondern daß er zuviel beim Fürsten gelte, indem er sich mit verrannt habe in die sittlichen Irrgänge des Privatlebens, wie man sie auch dem reinsten Charakter auf dem Throne so gerne anzudichten pflegt. Mit diesem Vorurteil konnte sie nun Müllers Worte in keiner Weise reimen. Des andern Morgens, als der Leibmedikus zum Schlosse ging, ward er vom Hofmarschall aufgehalten. Der alte Hofmann bat ihn förmlich um eine Gunst. Die Schwester des Fürsten war zu Besuch gekommen, es waren endlich einmal wieder Frauen am Hof, und trotzdem fort und fort das alte Kartäuserleben! Jetzt oder nie galt es, den Zauberbann zu brechen und dem Fürsten wieder Lust zu wecken an Spiel und Fest und Prunk. Die lebensfrohe Prinzessin hatte vergebens den gestrengen Bruder zu verlocken gesucht und den altbefreundeten Hofmarschall zum Vertrauten ihres vereitelten Wunsches gemacht. Dieser brannte vor Begier, sich mit einem Schlage der Prinzessin zu verpflichten und zugleich den ganzen Hof in das längst ersehnte alte Geleis zurückzuführen. Allein er wußte, daß man im Palast den Hebel tief unten ansetzen muß, wenn man auf die oberste Spitze wirken will. Darum bestürmte er den Leibmedikus, daß dieser vereint mit ihm den Fürsten am Gewissen packe; als Arzt müsse er dem Herrn Bälle und Feste wider seine Hypochondrie verordnen, er wolle dann zugleich als Hofmarschall dem Fürsten die Pflicht der Courtoisie vorhalten, die Anwesenheit der hohen Schwester nicht in so tödlicher Langeweile vorübergehen zu lassen ohne Sang und Klang. Der trockene alte Mann ward ganz beredt: es war das erstemal, daß sogar er, der Hofmarschall, des Doktors Gönnerschaft ansprach, und während er die bekannte ablehnende Antwort lächelnd anhörte, zitterte er zugleich vor innerer Wut, daß dieser Mensch wirklich ihn vergebens könne bitten lassen. »Dann aber«, dachte er und lächelte dem Medikus recht freundlich ins Gesicht, »dann soll diese halsstarrige Kanaille fallen, und müßte ich selber mit ihr zugrunde gehen!« Begleitet von solch frommem Wunsche, trat Müller vor den Fürsten. Kasimir III. fragte heute nicht nach dem Wetter noch nach dem Befinden seines Leibmedikus. »Wie heißt das Frauenzimmer, mit welchem Er gestern im Garten spazierte?« rief er dem Eintretenden entgegen. Der Medikus war so sehr an die tägliche Wetterfrage gewöhnt, daß er rasch erwiderte: »Durchlaucht, Nordost mit Schneegestöber!« Und als der Fürst ungeduldig die erste Frage wiederholte, fuhr dem Doktor über diese unnatürliche Neuerung ein Schreck durch die Glieder, wie wenn ihm etwa eine Turmuhr um Mittag, statt zwölfe zu schlagen, plötzlich »Gesegnete Mahlzeit« entgegengerufen hätte. Und als er den Sinn der Frage klar begriff, folgte ein zweiter Schreck. Er stammelte den Namen des Fräuleins zur Antwort, verschwieg aber, daß sie seine Braut sei. Der Fürst, welcher alles Stadtgespräch geflissentlich seinem Ohre fernhielt, wußte noch nichts von dieser Brautschaft und begann nun ein auffallend genaues Verhör, wie lange das Fräulein schon hier sei, wer der alte Herr an ihrer Seite gewesen und so fort. Müller antwortete wie ein Angeklagter vor dem Untersuchungsrichter. Halb wie im Selbstgespräche rief dann der Fürst: »Warum versäumt Baron Lehberg, mir seine Aufwartung zu machen? Der Adel meines Landes soll nicht an meinem Hause vorübergehen! Ich wünsche, daß man sich bei mir melde. Warum fliehen die Damen meinen Hof? Doch freilich, ich lade sie ja nicht ein! Aber das soll anders werden. Der Besuch meiner Schwester fordert neue Geselligkeit. Die alten Hofbälle sollen wieder beginnen, sparsamer und nur ausnahmsweise, aber sie sollen wieder beginnen, gleich in nächster Woche!« Dem Leibmedikus ging plötzlich ein helles Licht auf: der Anblick Annas schien den wunderbaren Umschlag beim Fürsten erzeugt zu haben; denn die starrsten Weiberhasser pflegen gerade am raschesten und wie durch Zauberei von Weiberaugen besiegt zu werden. In seiner Herzensangst vergaß darum der arme Doktor alle Klugheit und die Bitte des Hofmarschalls obendrein und platzte mit dem ärztlichen Rate heraus, daß Seine Durchlaucht doch nicht allzu jäh das gewohnte Arbeits- und Jägerleben mit dem schwülen Getümmel der Repräsentations- und Ballsäle vertauschen möge. Der Fürst sah bei diesem unerbetenen Gutachten den Doktor fast ebenso erstaunt an wie vorher der Doktor den Fürsten, erhob drohend den Finger, rief: »Schweigen, bis ich frage!« und beschloß mit diesem Worte die kurze Audienz. Am Abend desselben Tages besuchte der Hofmarschall den Leibmedikus, nicht etwa zu Fuß, nein, er kam bedeutsam und zum Wunder der Nachbarn mit einem Bedienten vorgefahren und sagte dem Günstling Dank für seine Fürsprache, die so schnell des Fürsten ehernen Willen gewendet. Und nicht bloß seinen Dank brachte er, sondern auch den Dank der Prinzessin. Denn was des Fürsten eigener Schwester und dem ältesten Hofmanne nicht gelungen, das hatte, so meinte er, dieser verdammte Müller, sein »lieber Müller« vermocht, und zwar in der kürzesten Audienz, deren sich die lauernde Dienerschaft jemals entsann. Doktor Müller aber dachte bei sich: so bin und bleibe ich denn verdammt, zu protegieren; wenn ich nichts tue, protegiere ich, wenn ich abrate, protegiere ich, ja, wenn ich zum erstenmal den Mund öffne, um gegen die Wünsche der Leute zu reden, so protegiere ich sie dennoch. Inzwischen kam, was er voraussah: der Oheim fuhr zu Hofe und ward mit der schönen Nichte zum nächsten Hofball geladen. Und am Tage nach dem Ball hörte der Medikus dann auch genau, was er zu hören angstvoll erwartet hatte. Der ganze Adel der Stadt war voll Neid auf die grüne Landpomeranze, die Lehberg; denn für sie allein schien der Fürst nur Blick und Rede zu haben. Viele meinten zwar, das komme daher, weil sie die Braut des Günstlings sei, allein die Klügeren versicherten, der Fürst habe ganz gewiß von dem plebejischen Bräutigam kein Wort geredet und dieser werde seinen Freund und Fürsten bald in den gefährlichsten Nebenbuhler verwandelt sehen. Dem Medikus drohe jetzt eine Krisis, bei welcher ihm zwischen zwei äußersten Gegensätzen die Wahl bleibe: entweder er sei klüger als verliebt, dann werde seine Günstlingsschaft jetzt erst recht wie in Erz gegossen sich festigen, ja er könne sogar als ostensibler Ehemann der fürstlichen Geliebten (etwa mit dem Namen eines Herrn von und zu Müllerburg) in den Adelstand erhoben werden; sei er aber verliebter als klug, dann werde der Günstling wieder zusammensinken zu der namenlosen Gestalt eines Doktor Müller ohne Praxis. In des Leibmedikus Seele aber kreuzten sich die Schreckgedanken der Eifersucht mit der Furcht, eine Stellung zu verlieren, die er eigentlich nie besessen und von welcher trotzdem das Glück seines Lebens abhing. Es galt, rasch zu handeln; Schweigen und Harren konnte von heute an nicht mehr das Stichwort seiner Politik sein. Er eilte zur Braut und eröffnete dem staunenden Mädchen, daß sie jetzt oder nie zum Abschluß des Ehebundes drängen müßten. Zwar sei der Fürst ein solcher Weiberhasser, daß er selbst seiner Umgebung und Dienerschaft das Heiraten versage, allein er, Müller, habe sich ein Herz gefaßt, er werde morgen schon dem Herrn in offenem, warmem Wort seine Lage schildern, und der Mann müsse von Eis oder Stein sein, wenn er ihm, dem treuesten Diener, die Ehe mit einem so liebenswürdigen Fräulein nicht gestatten wolle. »Und doch fürchte ich«, fügte er kleinlaut hinzu, überrascht von dem Selbstbetrug, auf welchem er sich in seinen eigenen Worten ertappte, »ich fürchte, es wird alles schief gehen!« Anna aber tröstete ihn, meinte, der Fürst sei ja gar nicht der Weiberfeind, wie man ihn male, und habe sich gegen sie zumal über die Maßen artig und teilnehmend auf dem Balle erwiesen. Mit diesem zweideutigen Troste des arglosen Kindes rüstete sich der Doktor zu dem schweren Gang. Als er folgenden Tages die Marmortreppe hinanstieg, brummte ihm beständig das allerhöchste Wort im Ohr: »Schweige Er, bis Er gefragt wird!«, und als er auf der obersten Stufe stand, mußte er stillehalten, um wieder zu Atem zu kommen, so bleischwer lag ihm die Angst auf der Brust. Doch der Anblick des Fürsten gab ihm wieder festen Mut, und während des unvermeidlichen Wettergesprächs nahm er wieder ganz seine fünf Sinne zusammen. Er bat also um eine Minute gnädiges Gehör und entschuldigte sich, daß er ein Gesuch mündlich vorzubringen wage, welches nach der Regel schriftlich einzugeben sei. Der Fürst unterbrach ihn: »Keine Vorrede, lieber Doktor, komme Er gleich zum Text. Was will Er? Sage Er's frischweg in drei Worten!« – »Ich will heiraten.« – Der Fürst lächelte über die buchstäblichen drei Worte und fragte recht gnädig: »Wen?« – »Fräulein Anna von Lehberg!« – Bei dieser Antwort lächelte Serenissimus nicht mehr, und gnädig sah er auch nicht mehr aus, sondern wie versteinert von Zorn und Überraschung; er schritt eine Weile schweigend durch das Zimmer und maß den Doktor mit durchbohrendem Blick. Dann fragte er, ob ihn denn das Fräulein wolle und ob er sich denn einbilde, daß die Lehbergs eine solche Mißheirat zugeben würden. Als der Medikus ein festes »Ja« entgegnete, wuchs das Staunen des Fürsten. Es gab wiederum eine lange Pause; aber Müller konnte diesmal nicht wie bei den alltäglichen großen Pausen die Hunde auf der Schweinsjagd und die Baumblätter an der Tapete zählen, es verschwamm ihm alles vor den Augen. Endlich sprach der Fürst, in der Leidenschaft ebenso kurz und gemessen wie im ruhigen Verkehr: »Erstlich dulde ich nicht, daß einer meiner Diener heirate, also bleibe Er entweder ledig oder gehe aus meinem Dienst. Zweitens dulde ich keine Mesalliancen bei meinem alten Adel; wenn Er also fortgehen und schlechterdings heiraten will, so suche Er sich eine andere als die Lehberg. Und drittens braucht Er überhaupt nicht wiederzukommen zum täglichen Besuch, bis ich Ihn rufen lasse. Gott befohlen!« Wie Müller nach dieser Audienz den Heimweg gefunden, wußte er selber nicht. Genug, er fand sich selbst und seine Gedanken mit einemmal in seinem Zimmer wieder. Das Ende mit Schrecken war nun also wirklich da. Nie hatte er Einflüsse üben wollen, nie auch nur eine Bitte an den Fürsten gewagt, dennoch war er der Gönner und Fürsprecher aller Welt, und seine eingebildete Gönnerschaft hatte ihm und anderen nur Nutzen, niemals Nachteil gebracht. Jetzt aber, da er zum erstenmal eine wirkliche Fürsprache wagte, fiel er aufs schrecklichste durch, sein ganzes Lebensglück stand auf einer verlorenen Karte, er war beschimpft vor aller Welt, am meisten jedoch vor seiner Braut und ihrer Familie. Es war der herbste Bußtag seines Lebens und die Stunde, wo er seiner Braut berichtete, die herbste Stunde dieses Tages. Man hätte wohl denken sollen, die Unterlassungssünden seiner vergeudeten Lehrjahre seien nun genug gesühnt. Inzwischen wurde es stadtkundig, daß der Leibmedikus in Ungnade gefallen sei. Die Gegner jubelten schadenfroh, die Freunde erschraken zwar heftig, freuten sich aber doch nebenbei, denn einem hervorragenden Manne gönnen die meisten Leute den Sturz von Herzen, auch wenn sie selber die Folgen dieses Sturzes fürchten sollten. Beim Fürsten hatte bisher niemand über den Doktor zu reden gewagt; denn ihn anzuschwärzen getraute sich keiner, weil dies bei der geheimnisvollen Zuneigung gefährlich schien, rühmen wollte ihn aber auch niemand, denn sonst hätte ja Serenissimus am Ende noch größere Stücke auf den Günstling gehalten. Und auf alle Fälle war es mißlich, mit dem hohen Herrn ein unerbetenes Wort zu reden. Jetzt aber lösten sich die Zungen. Zuerst gratulierte die Prinzessin ihrem Bruder, daß er sich aus den Schlingen des Arztes befreit. Sie erzählte, das ganze Land atme auf nach dem Sturze des Günstlings, und bemerkte nebenbei, daß sogar an den Nachbarhöfen das Müllersche Regiment das peinlichste Aufsehen erregt habe, ja mehrere verwandte Fürstenhäuser seien auf dem Punkte gewesen, den Fürsten Kasimir brieflich abzumahnen von der Fortführung so unziemlichen Verkehrs mit einem gemeinen bürgerlichen Doktor. Der Fürst fiel aus den Wolken. Also unbefugte Einflüsse hatte dieser Müller geübt, im stillen ein Günstlingsregiment geführt, das ganze Land in Parteien gespalten! Ohnehin mißtrauischen Gemütes, ahnte der Herr mit einemmal ein Gewebe der schamlosesten Ränke, welches dieser junge Mensch, beispiellos kühn und verschlagen, hinter seinem Rücken gesponnen. Auch über die rätselhafte Heirat mit der Lehberg ging ihm nun plötzlich ein neues Licht auf. Er ließ den Hofmarschall rufen und fragte ihn, wie es möglich sei, daß die stolze alte Familie Lehberg einer Verbindung mit dem plebejischen Doktor Müller zugestimmt habe. Und der Hofmarschall, welcher jetzt wieder in seinem eigensten Elemente schwamm, säumte nicht, dem Fürsten vollends die Augen zu öffnen. »Lediglich um Ew. Durchlaucht willen hat die Familie eingewilligt; denn da Müller das unbedingteste fürstliche Vertrauen genoß und sozusagen als des gnädigen Herrn nächster Freund vor dem ganzen Land stand, so hat das Haus Lehberg seinen Familienstolz Ew. Durchlaucht selber zum Opfer gebracht.« Dem Fürsten waren diese Worte wie Salz und Pfeffer auf eine frische Wunde, und der Hofmarschall, den Zorn wohl erkennend, welcher versteckt, aber tief hinter den kalten Zügen seines Herrn arbeitete, säumte nicht, nun auch den ganzen Sagenkreis von Müllers Günstlingsherrschaft als geschichtliche Wahrheit zu erzählen. Warum auch nicht? War es doch selbst den schärfsten Köpfen dunkel, was hier Sage, was Geschichte sei. Rasch zur Tat, beschloß der Fürst, an dem entlarvten Betrüger, der so lange und geschickt die falsche Rolle seines Vertrauten gespielt und ausgebeutet, ein Exempel zu statuieren und ließ ihn sofort in Arrest bringen. Der arme Leibmedikus hatte ohne sein Zutun das unverdiente Glück eines Günstlings genossen; er sollte jetzt ebenso unverschuldet von einer Höhe herunterstürzen, auf welcher er niemals hatte stehen wollen, geschweige, daß er wirklich oben gestanden hätte. War aber der Fürst auch Despot im Stile seiner Zeit und persönlich hart aus Grundsatz, so besaß er doch keineswegs das verknöcherte Herz und den beschränkten Geist eines Tyrannen. Darum kämpfte sein Zorn bald mit zwei anderen Regungen seiner Seele. Es dünkte ihm unritterlich, mit blinder Härte gegen einen Mann vorzugehen, der doch zunächst als Bräutigam des Fräuleins seiner nicht allzu ehrenhaften Leidenschaft im Wege stand; ja, es begannen peinigende Zweifel bei dem Fürsten aufzusteigen, ob denn überhaupt sein Groll nicht mehr dem Bräutigam gelte als dem Leibmedikus, welcher mit seinem fälschlich angemaßten Vertrauen Wucher getrieben. Daneben begann er sich auch schon der fliegenden Hitze jener Leidenschaft herzlich zu schämen. Andererseits ward dieser Müller, der bisher aller Welt, nur ihm nicht, ein Rätsel gewesen, nunmehr ihm selber das allergrößte Rätsel. Er wollte mit eigenen Augen sehen, ob sich wirklich mit so treuherzigem Äußeren solch eigennützige Schlauheit verbinden könne, er wollte selber in der Seele dieses Heuchlers lesen, bevor er ihn verdammte, um alsdann desto gründlicher die Menschen durchschauen und verachten zu lernen. Also rief er den arretierten Doktor noch einmal vor sich und nahm ihn scharf ins Gebet, daß er dem Frevler Stück für Stück das Geständnis seiner Umtriebe aus dem Munde zöge. Doch dessen bedurfte es gar nicht. Der Doktor begann seiner wahrhaften Natur gemäß die ganze Geschichte der stets abgeleugneten und stets wieder aufgedrungenen Einflüsse zu erzählen, wie sie uns bekannt ist, vom Briefe des Vetters bis zum Bittgesuch des Hofmarschalls. Anfangs zweifelte der Fürst, dann begann er zu staunen und zu glauben, und zuletzt lachte er gewaltig. Doktor Müller aber schloß höchst ernsthaft mit den Worten: »Wer nur immer Fürsten nahe kommt, den stempelt das Volk sofort zu einem Manne des Einflusses, er mag sich stellen, wie er will. So wird dann freilich der Fürst für tausend Dinge verantwortlich gemacht, von denen er keine Silbe weiß, und die ganze Umgebung sündigt auf seinen Namen. Nun sollte man meinen, da möge der Teufel – entschuldigen Ew. Durchlaucht – Fürst sein. Allein die Sache ist trotzdem nicht so schlimm, wie sie aussieht. Denn die Umgebung, welche dem Fürsten im einzelnen so oft schadet, nützt ihm doch viel mehr im ganzen. Weil sie manchmal auf des Fürsten Namen sündigt, so wird sie im Volksmunde dann auch der Sündenbock für alle wirklichen Fehltritte des Herrschers. Ist der Fürst gut, so sagt man, er wäre noch viel besser, ja der beste, wenn er nicht in so schlechter Umgebung lebte; ist er aber schlecht, so sagt man, der Herr selber wäre so übel nicht, aber die schlimmen Freunde und Räte, die verderben alles. Kurzum, der Fürst mag treiben, was er will, so ist er immer besser als seine Umgebung; diese aber mag schlafen oder wachen, so übt sie doch immer Einflüsse. Und also dürfen Ew. Durchlaucht auch mir meine Einflüsse wider Willen nicht allzu hoch anrechnen; im Grunde wurden sie doch nur durch Ew. Durchlaucht selber geschaffen, indem Sie mich zu einer so geheimnisvollen Art von Leibmedikus gemacht.« Der Fürst freute sich bereits im stillen über das ehrliche, gescheite Wesen des Doktors, denn er sah nun doch, daß ihn sein Blick bei diesem Manne von Anbeginn nicht betrogen. Allein er wollte nicht wiederum voreilig handeln, darum schickte er ihn einstweilen mit tröstendem Wort nach Hause und forschte der Sache weiter nach. Trotz aller Verleumdungen, die jetzt hageldick auf den gefallenen Günstling regneten, fand Kasimir dennoch die Wahrheit der Erzählung des Arztes immer klarer bestätigt. Nach etlichen Tagen ließ er ihn darum wieder zu sich rufen und sagte, er habe ihn in fünf Dingen als einen seltenen Mann erfunden: erstlich sei er bescheiden und voll Selbsterkenntnis, zweitens verschwiegen, drittens wahrhaftig, viertens wolle er keine Einflüsse üben, und fünftens sei er bei alledem durchtrieben schlau und voller Mutterwitz wie der älteste Politikus. Die Welt habe ihn zu seinem Vertrauten gemacht, da er es nicht gewesen, von nun an solle er es wirklich sein, da die Welt ihn für gestürzt und verungnadet halte. Er befahl darum dem Leibmedikus, an jedem Morgen wieder zum ärztlichen Besuch zu erscheinen, fragte aber nicht mehr bloß nach dem Wetter und Befinden, sondern forderte seinen Rat in allen wichtigen Regierungsangelegenheiten. Der Doktor hängte inzwischen seine verspäteten medizinischen Studien völlig an den Nagel und suchte sich ganz unterderhand mit staatsrechtlichen und politischen Dingen bekannter zu machen, wozu in selbiger Zeit und für den Hausbedarf eines kleinen Reichsfürsten noch nicht so viel gehörte als heutzutage. Nach Jahresfrist entpuppte sich der Leibmedikus zum größten und letzten Staunen des Ländchens zum fürstlichen Kabinettsdirektor, und als solcher heiratete er dann auch Fräulein von Lehberg. Der Fürst war der liebenswürdigen Dame noch immer herzlich gewogen, nur nicht mit so stürmischer Leidenschaft wie am Anfang. Die Leute wollten es lange nicht glauben, daß Doktor Müller wieder zu vollen Gnaden gekommen sei, und als es ihnen endlich im Dekrete des Kabinettsdirektors schriftlich beurkundet wurde, meinten sie, äußerlich habe der Doktor allerdings Genugtuung gefunden, aber den ungemessenen persönlichen Einfluß wie in der ersten Zeit, die volle Freundschaft des Fürsten wie vor dem Sturze besitze er doch nicht mehr. Müller war klug genug, das ganze Land in diesem Glauben zu lassen, und wurde viel weniger bestürmt und beneidet, als er wirklich im nächsten Vertrauen des Fürsten stand, denn zu der Zeit, da man ihm dieses Vertrauen bloß andichtete. Ovid bei Hofe. In nova fert animus mutatas dicere formas Corpora.                                             Ov. Met. I, 1. 1855 Erstes Kapitel Die Fürstin gähnte. Der Fürst selber servierte ihr heute den Kaffee im Minnedienst des Flitterjahres ihrer Ehe. Sie saßen allein in dem traulichen kleinen Gemach, dessen Wände so ganz von Blumen verhüllt waren, daß es der Hofmarschall neuerdings als die »Grotte der Flora« in das Zimmerregister hatte eintragen lassen. Durch die weit geöffneten Fensterflügel strich die erweckende Kühle des schönsten Maimorgens, und die leise Luft spielte in dem wallenden Haare der jungen Fürstin, das, noch nicht kunstvoll geordnet, nur durch ein rotes Band zusammengehalten wurde. Eine Fülle der Anmut ergoß sich über diese »Grotte«, daß Götter selig darin hätten schwelgen können, – und dennoch gähnte die Fürstin! Der Fürst hatte einige Papiere vor sich auf dem Kaffeetisch liegen, denn er hielt eben, wie er's nannte, seinen kleinen Kabinettsrat. Dieser aber galt allezeit nur der Fürstin und ihren geistreichen Launen, und der Fürst war noch artig genug, das Tagewerk seiner Regierungsarbeiten an jedem Morgen mit diesem schwierigsten Departement des Innersten zu beginnen. Selten wohl hat ein junger Ehemann seine Gattin so ganz nach Herzenslust die anmutigste Verschwendung entfalten lassen wie unser Fürst Karl August. Die Fürstin Eudoxia nannte den Gemahl aber bei seinem zweiten Namen Augustus, weil sie gerne ein augustisches Zeitalter des künstlerischen Prunkes und geistberauschender feiner Üppigkeit im kleinen Reichsfürstentume hervorgezaubert hätte. Die etwas bäuerlichen Bürger der Residenzstadt ihrerseits hatten in mangelhafter Kenntnis der byzantinischen Geschichte den Namen ihrer neuen Fürstin Eudoxia nicht recht verstanden und schlechtweg zur Fürstin Eidechse verdeutscht. Und in der Tat, sah man das kleine bewegliche Wesen mit den klugen Augen, jeden Tag mit einem anderen goldschimmernden Gewand angetan, durch die Laubgänge des Schloßgartens mehr gleiten und schlüpfen als gehen, dann mußte man bekennen, Eudoxia sei anzuschauen recht wie die klugblickende grüngoldene Eidechse, die so lustig im Frühlingsstrahle hin- und herhuscht, harmlos, heiter, in Lebenslust gesättigt. Also Eudoria durfte ihren Schönheitsphantasien, ihren künstlerischen Plänen und Launen noch ganz freien Lauf lassen, und dieser Pläne waren so viele, und ihre Durchführung erforderte so starkes Kopfbrechen, daß fast an jedem Morgen der kleine Kabinettsrat am Kaffeetisch abgehalten werden mußte und oft gar schwer zum Schlusse kam. Aber die Maisonne, welche durchs Fenster der Frühlingsgrotte so hell hereinscheint, ist ja die Maisonne des Jahres 1724, wo große und kleine Fürsten noch unbekrittelt ihren Launen leben durften und Geld besaßen wie Heu, um in feinem Geschmack mit Trianon zu wetteifern und in phantastischer Pracht mit Versailles. Ist es doch binnen Jahresfrist in der kleinen Residenz hergegangen, als gälte es, eine neue Welt zu schaffen. Bauleute sind eben noch beschäftigt, den alten Schloßbau durch zwei neue Flügel zu modernisieren. Der Schloßgarten ist völlig umgewandelt. Hier entfaltete sich der Geschmack der jungen Fürstin am reichsten. Da wurden Grotten angelegt, Laubgänge, Teiche, Wasserfälle, Brücken, griechische Tempel und chinesische Pavillons. Die massige, über und über verzierte Steinbalustrade längs der großen Terrasse prangt mit sechs kolossalen Erzvasen, von schön modelliertem, vergoldetem Laubwerk umrankt; dagegen ist Apoll mit den neun Musen bei dem Springbrunnen zur mehreren Bequemlichkeit der Gießer und der fürstlichen Kasse nur aus Blei gegossen und mit weißer Ölfarbe angestrichen, »doch also, daß es aussiehet«, wie ein gleichzeitiger begeisterter Beschreiber sagt, »als seien die statuén aus wahrhaftigem penthelischem Marmor gehauen«. Die junge Fürstin galt für unermeßlich reich und der Fürst hatte neuerdings eine große Erbschaft getan, so daß beim Volke die Sage ging, des Nachts zögen ganze Karawanen von Mauleseln die Straßen zur Residenz entlang, mit Fässern und Säcken Goldes beladen, um die ungezählten Schätze zusammenzutragen, in welche der Fürst nur mit verschwenderischer Hand hineinzulangen brauche. Am Ersten jedes Monats, fuhr dann die Sage fort, pflege sich Karl August ganz allein in sein Kabinett einzuschließen, um sämtliche quittierte Rechnungen der abgelaufenen vier Wochen höchsteigenhändig im Kamin zu verbrennen, damit keine Seele je erfahre, wieviel Geld er vertan, und er selber nicht jezuweilen erschrecke vor den ungeheuren Summen. Also die Fürstin gähnte. Es geschah dies aber nicht aus Langweile, sondern aus gelinder Verzweiflung; denn die gelindeste Form der Verzweiflung zwingt zum Gähnen. Eudoxia schwärmte gegenwärtig für Ovids »Verwandlungen«, die sie unlängst aus einer französischen Übersetzung kennengelernt hatte. Bereits stickte sie die Geschichte von Philemon und Baucis auf einen Ofenschirm; allein weit Größeres war noch im Werk. In dem erlesensten Zirkel des Hofes wurden Schauspiele aufgeführt, Opern sogar mit Ballett, und die Herren und Damen vom Hofe wirkten hierbei zusammen mit einigen für diese Unterhaltung eigens berufenen Künstlern. Damals gehörte es aber zum Glanz eines Hofes, nicht bloß eigene darstellende, sondern auch eigene schöpferische Künstler zu besitzen. Nicht bloß Opern geben wollte man, sondern jeder Hof wollte auch seine eigenen Opern geben, seine eigenen Schauspiele und Ballette. Die Fürstin hatte darum einen Hofopernkomponisten von Wien verschreiben lassen in der Person des Maestro Ignaz Lämml. Da man aber bei diesem Posten ebenso bequem sparen zu können glaubte wie bei dem bleiernen Apoll mit seinen angestrichenen neun Musen, so hatte man dem guten Wiener, der nie in seinem Leben einen Vers gemacht, zugleich die Verpflichtung aufgelegt, sich zu der allmonatlich zu liefernden neuen Oper oder Kantate seinen Text selbst zu schreiben und zugleich, wenn's not tue, als Hofpoet auszuhelfen. Nun war die Aufgabe des armen Ignaz für den laufenden Monat keine leichte. Er sollte die Geschichte von Pyramus und Thisbe zu einer Oper verarbeiten. Allein trotz ihrer Vorliebe für Ovid hatte die Fürstin doch eine bedeutende Abweichung von der Erzählung des alten Römers für das Libretto befohlen: die Oper durfte nicht tragisch schließen, Pyramus und Thisbe sollten sich am Schlusse heiraten, damit alsdann ein lustiger Tanz eintrete. Das war zuviel für Ignaz Lämml. In einer schriftlichen Eingabe, die eben im »kleinen Kabinettsrate« vorlag – und gerade sie war es auch, welche die Fürstin zum Gähnen der gelinden Verzweiflung gebracht, – erklärte der Maestro eine solche Umbildung der Fabel für ganz unmöglich. Mit einem Anflug von Ironie verteidigte der Fürst die Ansicht des Kapellmeisters, während die Fürstin für ihre eigene Sache sprach. Und mit all dem liebenswürdigen Eifer, dessen nur ein junger weiblicher Anwalt fähig ist, rief sie: »Ein König von Frankreich, Karl – Karl der soundsovielte (wer kann die langweiligen Namen und Zahlen behalten!) stellte das Gesetz auf, daß jede Oper heiter und versöhnt enden müsse. Es gehört das gleichsam zur Hofetikette der Oper – –« »Allein«, unterbrach der Fürst, »unsere großen Meister kehren sich längst nicht mehr an dieses Gesetz.« »Große Meister? Ja! Aber gerade darum, weil er kein großer, sondern ein kleiner Meister ist, muß sich unser Ignaz Lämml daran kehren. Alle Kunstgesetze sind vergleichbar den Spinnweben: die großen Fliegen brechen hindurch, und die kleinen werden darin gefangen. Und so soll sich unser Lämml nur ruhig gefangengeben dem ehrwürdigen Königsgesetz der Oper.« »Wahrlich, gefangen wird er sich geben, aber die Oper nicht fertigbringen. Denn als er jüngsthin Acis und Galatea schrieb, ging es ihm wie Vetter Christian im Sprichwort, der glaubte, er habe ein Päckchen Tabak gekauft, da hatte er's gestohlen. Er bettelte und stahl sich die Verse aus allen anderen Galateen zusammen. Wo soll der Arme aber die Verse zu Pyramus und Thisbe stehlen, die sich heiraten, statt sich zu ermorden? Hättest du ihm noch die Geschichte vom Dädalus zur Bearbeitung aufgegeben, er würde die Figur des Minotaurus wenigstens an sich selbst haben abstehlen können, denn wie kann man den Ignaz Lämml besser schildern als mit Ovids Worten: › Semibovemque virum, semivirumque bovem ‹ (ein halbochsiger Mensch, ein halbmenschlicher Ochs). Aber verzeih, liebe Eudoxia, ein höchst gutmütiger Geselle ist der Kapellmeister doch und ein vortrefflicher Musikant dazu.« Die harten Worte des Fürsten waren mit so zärtlicher Schalkhaftigkeit des Tones gesprochen, daß sich Eudoxia nicht gekränkt fühlen konnte. »Unser armer Poet hat Sukkurs erhalten!« rief sie triumphierend in ihrer vollen anmutigen Munterkeit. »Vor einigen Wochen ist sein Sohn, ein trefflicher Sänger und ein wahrer Tausendkünstler, von Wien herübergekommen, der schneidet ihm jetzt die Verse zu. Der junge Mensch tut höchst geheimnisvoll, macht sich äußerst rar in der Stadt und im Schlosse, kaum weiß jemand, daß er hier ist, – aber um so besser für uns, um so glänzender wird die Überraschung sein, womit wir euch Zweifler besiegen werden!« »Nun«, sprach der Fürst, gedankenlos in den Papieren blätternd, »wenn Pyramus und Thisbe glücklich und lustig zur Ehe kommen, dann wäre ich imstande und sänge selber mit in eurer Opera.« Es hatte ihn aber die Fürstin schon gar oft um seine Mitwirkung als um eine ganz besondere Gunst gebeten, denn Ludwig hatte ja auch zu Versailles im Ballett getanzt. Allein diese einzige Bitte hatte der Fürst immer stracks zurückgewiesen mit den Worten: »Ein Fürst soll nicht Komödie spielen!« Jetzt aber sprang Eudoxia jubelnd auf. »Das Wort halte ich fest, welches du eben gesprochen, und dich halte ich fest bei deinem Wort!« Karl August erschrak, sann nach – da ward ihm erst klar der gedankenlos hingeworfenen Zusage Bedeutung. Sich der dankbaren Zärtlichkeit seiner Gemahlin entwindend, sprach er mit fast feierlichem Ernste: »Der König von Frankreich, des Namens du dich nicht entsinnen konntest, war Karl VI. Er hat in der Tat verordnet, daß jede Oper heiter und versöhnt schließen müsse. Aber schauerlich verhöhnte das Geschick diesen Satz in der letzten Komödie, die dieser König selbst gespielt. Bei einem Fastnachtsscherz trat er als wilder Mann auf, in zottiges Fell und einen Pechkittel vermummt. Da kam er einer Pechfackel zu nahe, das Pechgewand fing Feuer, und der lustige König, der jede Komödie heiter wollte geendigt wissen, starb an dem Schreck und den Brandwunden des letzten Finales dieser letzten Komödie, die er selber mitgespielt. Ein Fürst, Eudoxia, soll nicht Komödie spielen! Doch du hast mein Wort; ich werde es einlösen.« Eine Wolke flog über das Gesicht der Fürstin, allein sie ging rascher noch vorüber wie Aprilgewölk. Und sie zog ganz sachte die Replik des Hofkapellmeisters Ignaz Lämml hervor und präsentierte sie samt Tinte und Feder in holdester Anmut schweigend dem Fürsten, daß er den Entscheid darauf schreibe. Lächelnd schrieb Karl August mit festen Zügen: »Die Opera Pyramus und Thisbe soll lustig mit der Liebenden Heirat schließen. Coûte-qui-coûte : – so will und befehl' ich's. Carolus Augustus.« Und diesem Kabinettsbefehl ward ein Lohn, wie er Kabinettsbefehlen sonst nimmer zu werden pflegt: ein Kuß von den schönsten Lippen. Der Fürst sprang auf, trat ans Fenster und blickte nachdenklich in den Schloßhof. »Schau!« rief er, »welch seltsamer Aufzug! Vier Männer tragen eine ungeheure, mit Blumen bekränzte Brezel, die stolzeste Geburtstagsbrezel. Sie wollen zu dem schmalen Pförtchen hinein, das zu deines Hofsängers, des Maestro Dal Segno, Wohnung führt. Ah! das gilt wohl der Tochter des Welschen, der schönen Cornelia! Aber die Pforte ist zu eng – sie kommen nicht durch mit der ungeheuren Brezel. Sie gehen zurück – nein! – sie halten Kriegsrat. Was werden sie beginnen? Sie steigen zu dem großen Doppelfenster hinein! Das ist unverschämt – wider alle Schloßordnung – vor unseren Augen und am hellen Tage!« Der Fürst klingelte. Der Kammerdiener erschien. »Hat Er den unverschämten Kerl gesehen, der eben samt drei anderen und einer ungeheuren Brezel zu Dal Segnos Fenster eingestiegen ist? Wer war der Halunke?« »Der Maler Friedrich Bergmann, zu Euer Durchlaucht Befehl.« »Er soll in Arrest gehen, sechs Stunden –« »Zu Befehl – sechs Stunden.« »Halt! Sechs Stunden heute und morgen noch einmal sechs Stunden. Mache, daß du fortkommst! – Halt! Sogleich, auf der Stelle soll er sich auf der Wachtstube zum Arrest melden. Hörst du! Absitzen noch heute morgen!« »Das ist hart!« lispelte die Fürstin, als sie wieder allein waren. »Der arme Bergmann!« »Die Schloßordnung muß gewahrt werden! Und siehst du, Eudoria, alles fängt jetzt an, hier Komödie zu spielen, selbst meine Leute! Der ganze Hof phantasiert –« »Aber warum mußte denn der Arrest des armen Bergmann verdoppelt werden?« fiel die Fürstin rasch wie das böse Gewissen ins Wort. »Weil er ein gescheiter Kerl ist, ein durchtriebener Bursche, der alles kann und weiß, wenn er nur will.« »Aber du schiebst ihn ja sonst immer zurück hinter den französischen Maler, der Hofmaler werden soll!« »Weil er sich anstellt wie eine deutsche bète , da er doch ein deutsches Genie sein könnte weit über den Franzosen hinaus. Darum eben schicke ich ihn mit doppelter Strafportion ins Cachot, daß er zum Bewußtsein erweckt werde. Kind, du weißt nicht, wie man deutsche Künstler erzieht!« Zweites Kapitel Da lag sie, die ungeheure, blumengeschmückte Brezel, das Meisterstück der Bäckerkunst, auf dem Diebswege durchs Fenster hereingebracht, noch von niemandem im Hause gesehen, verlassen in dem Zimmer der schönen Cornelia, der Tochter des italienischen Sängers. Friedrich Bergmann, der mit diesem landesüblichen Geburtstagsgeschenk einen entscheidenden Sturm auf die Liebesgunst der Göttin dieser Räume hatte ausführen wollen, war davongeschlichen zum Arrest wie ein ertappter Dieb, so nahe dem Gipfel und so grausam in die Tiefe geschleudert! Die Tür öffnet sich und hereingeschlichen kommt ein zierlicher, spargelhaft lang aufgeschossener junger Mann, fein geputzt mit Schnallenschuhen und seidenen Strümpfen und himmelblauen Kniebändern und einem rotbraunen Samtrock, der für den Fürsten selber nicht zu schlecht gewesen wäre. Erstaunt betrachtet er die einsame Brezel. Also war er heute nicht der erste Gratulant auf dem Platze? Was will der niedliche Blumenstrauß, den er in Händen trägt, gegen diese Kränze, gegen diese ungeheure Brezel! Die Brezel weckt seine Eifersucht. Nur ein Liebhaber kann eine so große Brezel backen lassen. Aber Cornelia soll es ihm büßen, dem glücklichen Anbeter, der sich bis zu dieser Stunde, da er die ungeheure Brezel erblickt, für den einzigen hielt– – Doch stille! Es naht ihr leichter, schwebender Tritt, und der Gratulant pflanzt sich, sein Sprüchlein rüstend, mit dem niedlichen Strauß neben die ungeheure Brezel. Cornelia tritt ein, schön wie dieser schönste Maimorgen des lustigen Jahres 1724. Es war ein Doppelgeburtstag, und die beiden Liebenden – wir dürfen sie wohl so nennen trotz Friedrich Bergmann und seiner großen Brezel – tauschten gegeneinander Sträuße und Glückwünsche und Küsse aus. Wie sollten sie nicht füreinander bestimmt sein, wo sie an demselben Tage im Mai das Licht dieser schönen Welt erblickt! Cornelia muß unbändig lachen über die ungeheure bekränzte Brezel. Aber sie ist zugleich gerührt, gerührt, daß ihr Franz, der erst seit einigen Monaten aus Wien nach dieser Gegend gekommen (denn der zierliche Bursche ist niemand anders als jener Sohn des Hofkapellmeisters Lämml, der Tausendkünstler, von welchem die Fürstin gesprochen), – diese Landessitte der großen Geburtstagsbrezeln bereits erkundet und ihr die größte Brezel, die gewiß seit Menschengedenken in der Stadt gebacken wurde, gewidmet hat. Franz weist anfangs den Dank zurück. Aber er besinnt sich. Ja, sie soll es ihm büßen, daß sie noch einen anderen Anbeter hat, der so große Brezeln backen läßt, und betrogen werden soll auch dieser andere – am Ende gar der Sohn des Hofbäckers! – und also nimmt Franz den Dank für die Brezel huldvoll entgegen, und wie zum Liebeszeichen verzehrt das anmutige Paar den Anschnitt von der ungeheuren köstlichen Brezel gemeinsam. Armer Friedrich Bergmann! Indes du nun im Gefängnisse brummst, schwelgt solchergestalt dieser leichtfertige Wiener buchstäblich wie bildlich in aller Süßigkeit deiner ungeheuren Brezel. Begeistert durch den Anschnitt der Brezel und den Humor, den jedes für sich in dem köstlichen großen Backwerk fand, wurden die beiden Liebenden zu einem neckischen Spiel der Laune hingerissen, welches sie in letzter Zeit öfters geübt: – sie machten nämlich gemeinsam Verse, gleichsam im Duett. Es hatte damit aber eine eigene Bewandtnis. Franz dichtete den Text zu Pyramus und Thisbe, der Oper mit dem heiteren Schluß. Er hatte mit diesem Liebesdienst seinen Vater aus einer Hölle erlöst, und der Alte wollte den Sohn seit gestern abend, wo er die kühne Wendung zum glücklichen Ausgang der Oper ausgespürt, in Gold fassen. Pyramus hat den blutigen Schleier der Thisbe gefunden, der Löwin Fußstapfen im Sande entdeckt, zieht sein Schwert, um sich zu ermorden, singt aber vorher noch mit gezogenem Schwerte eine tragische Arie. Da hört ihn Thisbe, stürzt herbei – und alles Weitere macht sich von selber. Diesen Text nun dichteten Franz und Cornelia, in anmutigem Spiele improvisierend, gemeinsam. Denn Cornelia, obgleich in Deutschland geboren und das Deutsche als ihre zweite Muttersprache redend, hatte doch noch von ihren Eltern die nationale Gabe der Improvisation ererbt, und die Stegreifverse flossen ihr so zierlich und manierlich von den Lippen, daß der gewandte junge Poet und Sänger oft kaum gleichen Schritt halten konnte. Nach den ersten Liebesszenen zwischen Pyramus und Thisbe, die auf beiden Seiten der trennenden Wand durch den Ritz abgesungen werden müssen, erscheint laut Vorschrift der Fürstin Eudoria das Ballett, um einen Menuett zu tanzen. Während aber die Damen und Herren vom Hofe im Stücke selber singen, sollen die Hofsänger singend eintreten bei diesen Intermezzos des Balletts, welche allegorisch den Inhalt der vorangegangenen dramatischen Szene darstellen. Was soll man aber zu einem Menuett singen? Es bedurfte in der Tat der ganzen Inspiration der großen Brezel, um diese Frage zu lösen. Aber Cornelia weiß flinken Rat. »Wir singen einen Wechselgesang über den Menuett, vom Menuett. Die Liebesszene ging vorher. Der Menuett ist der Tanz der Liebe– –« »Halt ein!« rief Franz, »schon strömen die Verse mir zu. Also: Menuetto Es hat den Menuett Gott Amor selbst erfunden: Ihn tanze, was sich liebt! Mit gravität'schem Gang Erscheint Frau Musika; doch weicher Liebessang Ist wie ein Rosenkranz um ihr Gewand gewunden. Prächtig und stolz zu sein, naiv und doch kokett, Lüstern und spröd zugleich: das lehrt der Menuett.« »Nun komme ich!« rief Cornelia und begann zu den Worten auch sogleich eine zierliche Menuettweise mit glockenheller Stimme zu improvisieren: Trio »Das macht, es hat der Schalk, der lose Gott der Liebe, Verteilt im Menuett des Manns, des Weibes Triebe; Züchtig naiv sind wir, verbuhlt die Männer nur: Drum klingt im Menuett so doppelte Natur.« Und wie Schlag auf Schlag fiel jetzt wieder Franz ein und sang, zugleich die von Cornelia begonnene Melodie fortführend: »Das laß ich gelten dir, o holde Göttin mein, Ist gleich verbuhlte Art nicht Männer Art allein; Doch teilt der Menuett des Manns, des Weibes Triebe, So einigt er sie auch im Grundakkord der Liebe: Drum tanzt ein liebend Paar Menuett, so sei zum Schluß Die rechte Hauptkadenz – ein ganz verstohlner Kuß!« Bei den letzten Versen war der Gesang in ein Parlando, bei den letzten Worten in rasches Sprechen übergegangen, und ehe Cornelia sich's versah, war der Kuß geraubt. Es trat eine lange Pause ein. Die Liebenden saßen wie verklärt vor der großen Brezel. Der Schlag der Vögel klang so hell von den Bäumen des Schloßgartens herüber; – o das war ein köstlicher Augenblick. Nur der arme Friedrich Bergmann, der diese Begeisterung doch auch wider Willen mit hatte entzünden helfen, brummte im Arrest und hatte eben wohl nicht das rechte Maibewußtsein. Wie aus einem Traume erwachend, sprang plötzlich Franz auf. »Leichtsinnige Kinder, die wir sind! So machen wir harmlos eine Komödie in Versen, indes wir beide selber mittendrein sitzen in einer Komödie, in dem verwickeltsten Intrigenstück, das sich jemals in den Räumen dieses Schlosses abspielte. Pyramus und Thisbe! – Sind wir selber nicht auch Pyramus und Thisbe? Erst wollen wir die Gefahren unserer eigenen Liebe in Verse bringen und in Noten setzen, ehe wir an die Liebesabenteuer längst begrabener Helden denken.« »O stille davon!« rief Cornelia leichtmütig. »Lassen wir unser Schicksal rollen, wie es rollt, gedankenlos spielend, scherzend, dem Augenblick hingegeben, und eine unbekannte Hand möge die Zügel lenken.« »Aber der Augenblick gerade ist ja so fastnachtstoll, so köstlich, daß man ihn festhalten, in langsam bedachten Zügen schlürfen und genießen muß!« entgegnete Franz. »Unsere Väter hassen sich wie Spinne und Kröte. Und dennoch brauchen wir nicht durch den Ritz in der Wand Duett zu singen wie Pyramus und Thisbe. Nein, wir singen und sprechen hier am hellen Tage in deines Vaters Wohnung ganz laut und offen. Dein Vater hört den Ton meiner Stimme arglos, nebenan in seinem Zimmer. Nur weiß er nicht, daß ich Ich bin. Er schmeichelt mir, weiht mich ein in alle Geheimnisse seiner Gesangkunst, hegt mich wie einen Sohn in seinem Hause, mich eine Maske, den Sänger Anton Howora aus Böhmen, und wenn er ahnte, daß ich auch nur ein Stück von dem Sohne des Ignaz Lämml sei – – oh, es wäre eine höchst lustige und eine höchst traurige Geschichte, wie er mich dann stracks zum Teufel jagen würde!« »Doch jeder Besuch, der hier eintritt, dich erkennt, bei deinem wahren Namen begrüßt, kann unser Lustspiel in ein tränenreiches Drama verwandeln! Noch begreife ich nicht, Franz, wie es dir gelang, die Maske volle zwei Monate zu bewahren.« »Ihr Kleinstädter begreift das freilich nicht«, sprach Franz mit selbstgefälligem Lächeln. »In Wien lernt man dergleichen Dinge, besonders beim Theater. Als ich die lustige Kaiserstadt verließ, da dachte ich, das einförmigste Leben, gehüllt in den Nebel unendlicher Langweiligkeit, erwarte mich hier. Ich kam mir vor wie einer, der in die Verbannung reist, etwa wie unser Freund Ovidius, als er nach dem Schwarzen Meer gesegelt ist. Tristien nur fürchtete ich hier singen zu können, Klagelieder, und jammervolle ›Briefe vom Pontus‹ zu schreiben an die tollen Genossen meines Wiener Lebens, und statt dessen mache ich Metamorphosen, höchst abenteuerlich ergötzliche Verwandlungen seit den ersten Tagen, in welchen ich den Fuß in dieses verzauberte Städtchen gesetzt! Gleich die erste Verwandlung betrifft mich selbst. Ich höre von dem Ruf des großen Gesangsmeisters Dal Segno. Ei, da gäbe es wohl eine schöne Gelegenheit, ihm einige von den Geheimnissen seiner Kunst abzulauschen, meinen Studien hier einen letzten glänzenden Schliff zu geben. Ganz arglos lege ich meinem Vater den Wunsch vor, noch ein wenig Schule bei Dal Segno zu machen. Ich erwog nicht, daß zwei so eigensinnige Tonmeister unter dem Dache desselben Schlosses ja naturgemäß gar nicht anders als in grimmigster Feindschaft leben können. Mit Zorn und Hohn verweist mir mein Vater dieses hochverräterische Ansinnen. Eigensinn zeugt Eigensinn. Nun will ich erst recht Dal Segnos Schüler sein –« »Und da kommt«, so fiel ihm Cornelia schalkhaft in die Rede, »eines Tages ein fremder Bursche in unser Haus, der sich Anton Howora nennt, aus Prag in Böhmen und trillert dem Vater so perlende Kadenzen vor, daß der spröde Lehrer von glühender Begierde entzündet wird, einen solchen Sänger seinen Schüler nennen zu dürfen.« »Willst du schweigen, Spötterin! – Das ist nun meine erste Verwandlung. Die zweite wuchs aus derselben hervor, aber sie war gar viel schwieriger. Denn zuerst hatte ich nur meinen Namen verwandeln müssen, jetzt aber mußte ich mich selbst verwandeln. Ich durfte nicht aus meinen vier Pfählen herausgehen, an keinem öffentlichen Orte mich zeigen, keine Besuche machen, keine Bekanntschaft anknüpfen. Denn wie hätte ich sonst meine Doppelrolle auch nur drei Tage spielen können in diesem kleinen Nest, in diesem neugierigen Schlosse, wo der Fürst selbst sich an jedem Morgen die Torzettel vorlegen läßt, damit er jede Mücke kennt, die in seine Residenz aus- oder eingeflogen ist! Wenn's stürmt und regnet, daß man keinen Hund vor die Tür jagt, dann gehe ich spazieren; in stichdunkler Nacht schaue ich mir das Innere der Stadt an und die neuen Prachtbauten des Fürsten. Nur zur Mittagessensstunde, wenn alle ordentlichen Bürger bei Tische sitzen, wage ich einmal über die Straße zu schlüpfen und verhülle mir dann das Gesicht (das ich sonst so gern recht offen zur Schau trug), als hätte ich Zahnweh –« »Und dennoch«, unterbrach Cornelia, »würde deine Verwandlung nicht lange stichgehalten haben, wenn mein Vater nicht ganz außer der Welt lebte, begraben in den Wust seiner Noten und Instrumente, wenn er nur ein klein wenig neugieriger wäre –« »Etwa so neugierig wie seine Tochter Cornelia«, fiel Franz ein. »Denn die witterte alsbald etwas von der Metamorphose. Ja, Cornelia, und hättest du nichts davon gewittert und hättest mir nicht einen Zauber angetan, ich würde den Anton Howora selber bald wieder nach Böhmen heimgeschickt haben. Und gälte es die Triller des Orpheus und die Koloraturen des Arion zu erlauschen, so wäre es doch mit dieser Verwandlung auf die Dauer zu teuer bezahlt gewesen. Denn indem ich der größte Sänger geworden, wäre ich zugleich vor Langweile gestorben. Ein mächtiger Gott mag Apoll sein, doch mächtiger noch ist Amor. Da sitze ich nun zu Hause, studiere wie ein Narr, nur um nicht unter die Leute gehen zu müssen, – studiere mich, ohne es selbst recht ernstlich zu wollen, zum größten Sänger, bloß um einer Liebeskomödie willen – wahrlich, Cornelia, als Leander den Hellespont durchschwamm, zeigte er nicht größeren Liebesmut. Und dennoch werde ich bereits hier und dort erkannt in der Stadt. Nicht lange mehr hält das Spinngewebe unseres Geheimnisses. Wir müssen auf neue Verwandlung sinnen. Denn das schwöre ich dir bei dieser großen Brezel und bei meiner noch viel größeren Liebe: mein Vater, der gutmütigste Mann, wäre unversöhnlich, wenn er hinter solchen Betrug käme. Wenn ich mir dächte, daß er jemals einen Fuß in diese Wohnung setzen könnte, dächte, daß er hier seinen Sohn überraschte als Schüler seines Todfeindes, in verliebter Zwiesprach mit seines Todfeindes Tochter, wenn ich mir vorstelle das Entsetzen, die Wut in den Zügen des dicken, gutmütigen Mannes– –! ein Schlaganfall wäre bei seiner Korpulenz – – –« Drittes Kapitel – – Da öffnete sich die Tür, und herein trat der dicke Mann selber, der Hofkapellmeister Ignaz Lämml! – – »unausbleiblich!« vollendete Franz, und der Schreck trieb ihm dieses letzte Wort überlaut, gleichsam als einen artikulierten Schrei des Entsetzens aus der Kehle, und das junge Paar flog davon in ein Seitengemach, als habe es ein Gespenst gesehen. Erstaunt blickte Ignaz Lämml rundum. Er hatte den Fliehenden nicht erkannt. »Das ist seltsam!« sprach er bedächtig zu sich selber und kopfschüttelnd. »Ich hatte gefürchtet, zur Tür hinausgeworfen zu werden, wenn ich hier eintrete, statt dessen springen die Leute von mir weg wie der Floh vom Bettuch! Was rief mir der Bursche entgegen? ›Unausbleiblich!‹ – Unsinn ist das und das Komödiantenvolk verrückt!« Nach diesem Selbstgespräch nahm der Hofkapellmeister eine Prise und dachte darüber nach, woher es wohl komme, daß alle großen Musiker Tabakschnupfer seien. In überwallender Rührung und Dankbarkeit über die Rettungstat seines Sohnes, die ihn aus der verzweifelten Klemme von Pyramus und Thisbe gerissen, hatte sich Ignaz Lämml zu dem unerhörten Schritt entschlossen, die Schwelle seines Todfeindes zu überschreiten. Heute war Franzens Geburtstag. Der Alte hatte lange gesonnen, was er wohl tun möge, um dem unvergleichlichen Sohn die höchste, Überraschung und Freude zu bereiten. Da fiel ihm ein, wie dringend ihn Franz vor einiger Zeit gebeten, daß er die letzten Feinheiten der Gesangskunst noch bei Dal Segno erlernen dürfe. Mit groben Worten hatte er damals den Sohn zurückgewiesen. Wie tat das dem weichherzigen Vater jetzt in der Erinnerung weh! Nun, wo sich Franz so edelmütig gerächt, hätte er fast geweint über seine vormalige Grausamkeit, denn dem dicken, zartgebackenen Mann rollten die Tränen gar leicht über das runde Gesicht. Da nahm er sich vor, zur Buße für seine Hartherzigkeit, als Zeichen des höchsten Dankes gegen den Sohn und zugleich zur glänzendsten Geburtstagsüberraschung selber zu Dal Segno zu gehen, dem Todfeind Frieden und Versöhnung zu bieten, und es koste, was es wolle, dem Sohne den Unterricht des eigensinnigen Italieners auszuwirken. Der Gang von dem Flügel des Schlosses, wo des Gesangmeisters Wohnung, war dem guten Lämml, der nicht nur den Sohn überraschen wollte, sondern auch sich selbst überrascht hatte, in der Tat zu einem Bußgang geworden, so qualvoll, als hätte er einen mit Erbsen bestreuten Weg auf den Knien abgerutscht. Aber der heitere Gedanke, was wohl sein Franz nachgehends für Augen machen möge, hielt ihm den Mut aufrecht. Da stand er nun ganz allein in der Stube, schwur sich zu, sich auch durch den heftigsten Grobheitsangriff des Italieners nicht aus seiner Fassung bringen zu lassen und jeden Feuerbrand der Beleidigung, den jener gegen ihn schleudern würde, sofort mit einem vollen Wasserguß der ergebensten Freundlichkeit abzulöschen, – und betrachtete dabei die ungeheure Brezel. Neugierig, wie er war, ging der Alte schnüffelnd im Ring um die Brezel herum, und naschhaft war er auch, drum nahm er ganz verstohlen eines der Stückchen, welche das Liebespaar abgeschnitten hatte, und kostete das treffliche Gebäck. Und wie er nun just den ersten Bissen im Munde hat, das entwendete Stück in der Hand, da tritt der Italiener ins Zimmer, gleichfalls von außen kommend. Eben hatte Maestro Dal Segno draußen die Mär von der verhängnisvollen Brezel vernommen, von dem Einsteigen in sein Zimmer, welches den allerhöchsten Zorn Seiner Durchlaucht erregt, aber keiner wußte ihm noch den Frevler zu nennen. Das rührte ihm schon die Galle. Da muß er nun gar beim ersten Schritt über die Schwelle die zwei Gegenstände seines höchsten Ärgers mit einem Blicke sehen: die Brezel und den Hofkapellmeister. Die Brezel lag groß, ruhig und würdig da, aber der Kapellmeister stand neben ihr wie ein Schulknabe, den der Lehrer auf frischer Freveltat ertappt. Er konnte nur Verbeugungen machen, denn der Bissen des trefflichen Gebäckes erstickte ihm jedes Wort seiner wohlbedachten Anrede im Munde. So standen sich die beiden eine gute Weile gegenüber; Kampfhähnen vergleichbar, welche, die Flügel auf den Boden ausspreizend, gegenseitig auf den ersten Angriff warten. Endlich aber kam beiden zu gleicher Zeit die Sprache wieder, und der entfesselte Strom brauste über den gebrochenen Damm. Der Hofkapellmeister begann: »Heute als am Geburtstage –« »Also auch Sie sind bei dieser sauberen Geburtstagsgeschichte beteiligt, auch Sie sind verflochten in das Komplott mit dieser Brezel!« unterbrach der Italiener. »Heute als am Geburtstage meines Sohnes Franz, Herr Kollega«, fuhr der Deutsche mit höchster Gelassenheit fort. »Ah so! bitte um Verzeihung!« rief der Italiener etwas erleichtert dazwischen. »Heute als am Geburtstage meines Sohnes Franz –« der Deutsche war nun durch die verteufelte Brezel doch konfus geworden. Dreimal noch wiederholte er diesen Anfang seiner wohlstudierten Rede, konnte aber nicht weiter, ließ die wohlgesetzte Phrase fallen, modulierte aus dem hochdeutschen Eingang in seine angestammte breite Wiener Mundart und sprudelte einen schwer zu entwirrenden Knäuel von Sätzen heraus, in welchen er dem aus den Wolken gefallenen Italiener den Wunsch darlegte, daß aller Groll zwischen ihnen vergessen und vergeben sein und daß der Maestro seinen Sohn Franz unter die Zahl seiner Schüler aufnehmen möge. Dal Segno maß unseren Ignaz Lämml mit großen Augen vom Kopf bis zu den Füßen. Endlich fuhr er in trotzigem Tone heraus: »Ich kenne Ihren Sohn nicht; ich nehme keinen unbekannten Schüler. Wer ist er? Wo ist er? Was ist er?« Der Kapellmeister hatte aber die Gewohnheit, wenn eine Aufwallung in ihm kochte, die er niederkämpfen wollte, gewisse gangbare Rouladen vor sich hinzusingen, gleich wie andere zu demselben Zwecke das Einmaleins im stillen durchrechnen. Das machte sich nun gar ergötzlich, wie er, die Hände in den Rocktaschen, so vor sich hinsang, während ihn der Italiener von Kopf zu Fuß großäugig musterte. Auf die trotzig hervorgestoßenen Fragen aber erwiderte er ganz gelassen: »Mein Sohn ist mein und der besten Wiener Meister Schüler und befindet sich hier bereits seit mehreren Monaten.« »Seit mehreren Monaten? Und doch hat man noch gar nichts von ihm gehört! – Gehört!« wiederholte der Italiener mit starker Betonung, darin Verachtung und Spott gemischt war, und wie zur Erläuterung des Doppelsinnes in dem Worte »gehört« sang er dem anderen einige Triller und Kadenzen in die Ohren, die sich mit den Beruhigungsrouladen des Kapellmeisters zu einem höchst wunderlichen Duett verschmolzen. Der Kapellmeister hielt die Ohren zu und rief so laut, als sei er in einer Mühle: »Die größten Sänger vollendeten immer ihre Studien im Verborgenen, um dann als fertige Meister die Liebhaber zu überraschen, die tadelsüchtigen Momos aber mit einem Schlag niederzuschmettern!« »Ich bedaure, keinen neuen scholarem annehmen zu können, Herr Kollega; ein junger Sänger vom seltensten ingenio , Anton Howora aus Böhmen, hat dermalen meine ganze Lehrtätigkeit für sich hinweggenommen. Oh, ein wahrer Juwel von einem Sänger ist dieser Howora!« »Howora? Von dem hat man ja noch gar nichts gehört! – Gehört! Herr Kollega!« rief der Kapellmeister, den giftigen Ton des Italieners nachahmend, und sang nun ihm einige Triller und Kadenzen in die Ohren. Maestro Dal Segno aber parodierte nun seinerseits mit eiskaltem Gleichmut, ebenfalls überlaut, als sei er in einer Mühle: »Die größten Sänger vollendeten immer ihre Studien im Verborgenen, um dann als fertige Meister die Liebhaber zu überraschen, die tadelsüchtigen Momos aber mit einem Schlage niederzuschmettern!« Eine lange Pause trat ein: die Kampfesruhe zweier Fechter, welche sich eine Weile gemessen haben, ohne daß einer einen Vorteil hatte erringen können. Der Hofkapellmeister schritt, seine Beruhigungsrouladen singend, langsam im Zimmer auf und ab. Den Italiener aber ließ seine Heftigkeit nicht lange schweigen. »Obgleich der Herr Hofkapellmeister noch nichts gehört haben von dem unübertrefflichen Sänger Anton Howora, so ist doch dessen große Reputation zu den Ohren Ihrer Durchlaucht der Frau Fürstin gedrungen, und Ihro hochfürstliche Gnaden haben mir bereits die beste Hoffnung gemacht, daß mein Schüler demnächst als Solotenorist und Hofsänger in Ihrer Kapelle angestellt werde.« Da platzte dem Kapellmeister die Geduld, und entzwei riß ihm der Faden der Beruhigungsroulade. Glühroten Gesichtes rief er: »Das ist gelogen, Herr Kollega! Meinem Sohn hat die Fürstin Hoffnung gemacht auf die vakante Hofsängerstelle und nicht Eurem namenlosen Howora oder Gomorra – Sodom und Gomorra! – oder wie er sich sonst ins Dreiteufels Namen schreibt.« Der Italiener zitterte vor Wut. Aber in dem Maße, wie der Wiener rot wurde gleich einer Klatschrose, ward er kreideweiß, und während jener tobte, ward er jetzt ganz still; der höchste Zorn wandelte ihn in ein Steinbild, wie er jenen zum wütenden Ajax umschuf. Zum Hohn sang nun auch noch der Italiener ganz kaltblütig die Beruhigungsrouladen des Kapellmeisters. Der horchte auf. »Es scheint. Ihr spielt nun meinen Part, Herr Kollega! Da heißt es fürwahr dal segno , Herr Dal Segno, da capo dal segno!« Der Italiener erwiderte mit eisiger Gelassenheit: »Wer einen Namen trägt wie Ihr, Lämml, der muß nicht Wortspiele machen mit anderer Leute Namen. Denn man sagt, nur aus Bescheidenheit gebt Ihr's so klein und nennt Euch Lämml, während Ihr doch eigentlich vollen Rechtsanspruch hättet, den Namen eines ausgewachsenen Schafes zu führen. Andere dagegen meinen, nein, so stehe es nicht, es sei nur ein Buchstabe verwechselt worden in Eurem Namen und der Lämmel sollte eigentlich der Lümmel heißen.« So etwas läßt sich ein Hofkapellmeister nicht bieten. »Heiße ich der Lümmel, dann will ich auch der Lümmel sein!« rief er, und der dicke Wiener sprang mit einem Satz, den ihm kein Mensch zugetraut, auf den Italiener los, packte ihn mit beiden mächtigen Armen, hob ihn in die Höhe, hielt, anzuschauen wie der starke Mann, der sich auf dem Jahrmarkt sehen läßt, den Welschen schwebend in der Luft und schrie, hinaufschauend zu dem zornesblassen Nußknackergesicht: »Nicht eher sollst du mir loskommen, du hochkrähender welscher Hahn, bis du mir Satisfaktion versprochen hast, Satisfaktion auf der Stelle, Degen gegen Degen!« »Laßt mich los!« ächzte der Italiener. »Ich verspreche Euch Satisfaktion.« Da setzte der dicke Wiener das kleine Männlein wieder auf den Boden nieder und verwunderte sich, wie es schien, über sein eigenes Heldenfeuer; denn er ward vom Augenblicke an wieder ganz der weiche Sanguiniker und zog seinen kleinen Paradedegen mit unbeschreiblichem Gleichmut. Da sprach der Italiener: »Musikanten fechten nicht mit dem Degen; steckt doch das Ding da in die Scheide! Musikanten kämpfen mit Gesang. Wohlan! Ich stelle meinen Kämpfer: den Anton Howora, und in ihm stelle ich zugleich mich selber; denn Schmach treffe den Lehrer, wenn der Schüler unterliegt. Ihr aber lasset Euren Sohn wettsingen mit meinem böhmischen Amphion. Über diese beiden entbrannte der Kampf: so möge auch die Entscheidung in ihre Hände, will sagen in ihre Kehlen gelegt sein. Auf heute abend haben Ihro hochfürstliche Gnaden eine Serenade im Schloßgarten befohlen. Die werde uns zum Turnier. Stellet Euren Sohn, ich stelle den Böhmen. Die Fürstin hat beiden die Hofsängerstelle verheißen: so möge Ihro Durchlaucht selber heute abend entscheiden, wer von beiden solcher Gnade würdig ist.« Der Kapellmeister willigte ein und schlug als Aufgabe des Kampfes das Duett des großen Scarlatti vor: »Blickt gnädig, hellglänzende Sterne der Liebe!« »Gerade dieses Duett singt Howora göttlich, unübertrefflich!« fuhr der Italiener heraus. »Es ist eine unübertreffliche Leistung meines Sohnes«, entgegnete der Deutsche. »Die große Schlußkadenz singt Howora mit einem Atem, der drei Ellen lang ist.« »Gerade das ist meines Sohnes Bravourstück.« »Howora schlägt einen Triller auf dem letzten hohen C.« »Auf dem letzten hohen C schlägt auch mein Sohn einen Triller.« Sie waren nahe daran, sich abermals in die Haare zu fahren; denn was der eine von Howora rühmte, das rühmte genau auch der andere vom Franz Lämml. Als sie sich trennten, sprach der Welsche zu sich: »Der deutsche Esel wird die Weisen des göttlichen Scarlatti herausheulen wie der Nordwind, der das ganze Jahr über dieses hyperboräische Land dahinfährt!« Und der Deutsche sprach zu sich: »Die Böhmen sind alle falsch, und wer falsch ist, der singt auch falsch. Wie will dieser italienische Windbeutel dem Böhmen den tiefsinnigen Scarlatti lehren, den er selbst nicht versteht, den Scarlatti, bei dem sogar unser Händel Schule gemacht?« Als die beiden Alten das Zimmer verlassen, schlüpfte das junge Paar aus seinem Versteck, von wo es die ganze Zwiesprache belauscht. Bei Franz hatte es wie ein Blitz gezündet, da er die Ausforderung des Italieners zu einem Sangeswettkampf zwischen Howora und dem jungen Lämml vernahm. Sofort war ihm der Gedanke zu einer neuen Intrige gekommen, um ihre Liebeskomödie, die schon dem Schiffbruch so nahe, wieder in die sicherste Strömung zu steuern. Aber das Gelingen heischte die kühnste Hand des Steuermannes und eine seltene Gunst von Wind und Flut. Indes sich die Alten noch stritten, hatte er bereits die Grundzüge der neuen Eingebung flüsternd mit Cornelia durchgesprochen. Die List des gewürfelten Burschen entzündete weitere List in dem Kopfe des schlauen Mädchens, und wo ein so durchtriebenes Paar gemeinsame Pläne webt, da muß wohl ein feines Netz zustande kommen. »Also abermals eine neue Verwandlung!« sprach Franz, als sie beide in das von den Vätern verlassene Zimmer traten. »Und diesmal mußt du, Cornelia, die Verwandelte sein.« Cornelia wollte noch einigen Einwand erheben, Franz aber schlug ihn zurück mit den Worten: »Wie kannst du zaudern, dich auf eine halbe Stunde in die höchst ehrenwerte Gestalt des Franz Lämml zu verwandeln, wo du doch diesem Franz bald ganz zu eigen gehören willst mit Leib und Seele und deinen Namen für den seinigen hingeben wirst für all deine Lebtage?« Und das sprach er so fein und zärtlich, daß Cornelia verschämt zunickte und, dem Arme, den er um ihren Nacken schlingen wollte, sich entwindend, in ihr Kämmerchen schlüpfte. Von dorther aber konnte man sofort wieder ein helles, herzliches Lachen des wunderlichen Kindes hören. Franz aber ging nun auch rasch von dannen: denn die Stunden waren gezählt, und Unzähliges noch hatte er zu rüsten für das kecke Wagestück des heutigen Abends. Doch indem er eben die Tür öffnet, tritt sein Vater ihm entgegen. Neue Szene des höchsten Erstaunens. Franz verfärbte sich einen Augenblick, sprach aber sofort mit unbeschreiblicher Dreistigkeit: »Eben suchte ich dich auf, lieber Vater! Ich habe dir zu beichten, höchst merkwürdige Bekenntnisse abzulegen« (das Beste soll er aber doch nicht erfahren, dachte er im stillen Sinn). »Wundere dich nicht, mich hier zu treffen. Schon seit Wochen gehe ich aus und ein in diesem Hause und ergründe Dal Segnos Kunstgeheimnisse. – Unterbrich mich nicht! – Ich weiß von dem Schimpf, den dir der Italiener eben angetan, von der Ausforderung gegen einen gewissen Anton Howora. – Unterbrich mich nicht! – Ich will dich rächen. Der Italiener soll selber vor dem ganzen Hofe bekennen, daß sein Schüler nichts bei ihm gelernt habe. Aber folge mir, hinweg aus diesem Hause –« »Nur ein Wort noch muß ich mit dem Italiener reden –« »Nicht doch, Vater! Folge mir!« »Aber so höre doch, toller Junge! Auf ein Duett von Scarlatti habe ich den Esel gefordert, und Howora singt Tenor, und der welsche Pinsel bedachte nicht, daß die andere Stimme Sopran ist! Also muß ein anderes Duett gewählt werden –« »Nein! Nein! Das ist gerade recht. Tenor und Sopran. Ich will schon meinen Sopran stellen –« »Der Junge ist verrückt!« »Nur fort mit mir, Vater, hinweg von dieser Schwelle, und ich will dir mein Komplott gegen den Italiener enthüllen, daß du staunen sollst, wie scharf ich noch meine fünf Sinne beisammen habe.« Er sprach's und riß den Alten fast gewaltsam hinweg und führte ihn unter die Säulengänge des Schloßhofes, wo sie auf- und abspazierend lange ins Gespräch tief versunken waren. Die Mienen des Alten heiterten sich allmählich auf, und zuletzt schien er von der lustigsten Laune erfüllt. Doch sah man, wie er dann zuweilen wieder stutzte, abwehrte, Bedenken vorbrachte. Und zwischen dem Rauschen des großen Schloßbrunnens, welches den größten Teil des halblaut geführten Gespräches verschlang, konnte man zuletzt die Worte Franzens vernehmen: »Aber bedenke, Vater, es ist ja nur für eine halbe Stunde, es ist ja nur zur Demütigung des Italieners, daß du seinen Schüler für den deinigen ausgibst und ihm deinen Schüler überlässest; es ist ja nur, damit er selber vor dem ganzen Hofe bekenne, daß dein Schüler unübertrefflich, der seinige aber nichts bei ihm gelernt habe.« Hier wurden sie durch einen Bedienten des Fürsten unterbrochen, welcher den Befehl an Franz Lämml brachte, heute nachmittag vor Seiner hochfürstlichen Gnaden zu erscheinen. »Den gleichen Auftrag habe ich auch an einen gewissen Anton Howora. Ihr könnt mir wohl die Wohnung des Mannes bezeichnen.« »Mehr noch!« rief Franz. »Ich will sogar den Auftrag selber ausrichten. Howora ist mein bester Freund, und Ihr würdet ihn doch schwer auffinden.« So ging denn jeder von den dreien seiner Wege. Der Kapellmeister aber nahm, durch den Schloßhof schreitend, eine Prise und sprach zu sich selbst: »So sind wir Deutsche doch gutmütige Narren! Der Italiener würde mich mit aqua toffana vergiften, durch einen Banditen erdolchen lassen, wenn wir jetzt in Welschland wären. Ich aber räche mich nur, indem ich in einer Komödie mitspiele, die so verwickelt ist, daß der Gedanke an ihre Durchführung mir die ganze Verdauung des heutigen Mittagessens stören wird, – und was kommt zuletzt dabei heraus? Eine ganz harmlose Demütigung des Gecken! Wir lachen ihn bloß aus, wo er uns ermordet hätte.« Mit diesen Gedanken strich er unter dem Fenster seines Feindes vorbei. Da rief Maestro Dal Segno herab: »Hören Sie! Auf ein Wort! Wir müssen ein anderes Duett wählen! Die erste Stimme bei Scarlatti ist – das bedachten wir vorhin wohl nicht – ist Sopran!« »Eben darum bleibt's bei dem Duett, Herr Kollega, denn mein Sohn singt Sopran!« »Das ist stark!« sprach der Italiener bei sich, indem er das Fenster zuschlug. »Das hätte ich dem dicken Deutschen nicht zugetraut! Hat der Kerl aus musikalischem Fanatismus seinen Sohn gar zum Kastraten machen lassen!« Viertes Kapitel Wir kehren zurück zu dem Maler Friedrich Bergmann, um ihn in seinen Arrest zu begleiten. Solcher Arrest war aber zu selbigen Zeiten bei der Hofdienerschaft etwas Alltägliches und sowenig ehrenrührig als Festungsarrest bei den Offizieren. Der Schloßturm war zu dem Ende mit Arreststuben von dreierlei Art versehen. In der untersten büßten die Hausknechte, Stubenheizer und Lampenanzünder ihre Disziplinarvergehen, in der zweiten die Bedienten und Lakaien, in der obersten die Hofoffizianten. Obgleich nun Bergmann eigentlich gar nicht zu den Hofdienern gehörte, sondern nur zeitweilig im Auftrage des Fürsten malte, so war der Schließer doch so artig, ihn aus Rücksicht auf seine Künstlerschaft in das »Offiziantenprison«, wie er's nannte, sperren zu wollen. Häufig fand sich dort recht gute Gesellschaft zusammen; heute aber stand das behaglich eingerichtete Zimmer noch ganz leer. »Ich will Menschen sehen! Ich kann nicht allein sein!« rief der Maler in wildem Unmut. »Guter Freund, führe Er mich ins Lakaienprison.« Allein auch das Lakaienprison stand leer, nicht weil es an Sündern gemangelt hätte, sondern der Hoffurier, der Meister der Lakaien, war heute gerade bei Laune gewesen, summarisch zu verfahren, und hatte die Lakaien, welche sich im Dienste verfehlt, bloß durchgeprügelt mit dem großen Amtsstock, der dazumal noch Szepter und Schwert zugleich in seiner Hand war, indes er gegenwärtig zum bloßen Szepter sich vereinfacht hat. Aber im Hausknechtsprison war Gesellschaft zu finden, schlechte Gesellschaft freilich, wie der Schließer meinte, nämlich der Hundejunge, der alte Adam Happeler, kurzweg der Hundeadam genannt. »So führt mich zum Hundeadam!« rief Bergmann, und der Schließer willfahrte kopfschüttelnd. Adam schien sehr unempfindlich zu sein gegen die Ehre, welche ihm durch den Besuch des Künstlers widerfuhr. Ohne dessen Gruß zu erwidern, glotzte er ihn großäugig an, und als Bergmann ihn durch ein paar freundliche Worte aufzurütteln suchte, verzog er, immer noch schweigend, seine Gesichtsmuskeln zu dem Grinsen eines vollendeten Affenkopfes. Es war aber der Hundeadam berühmt, ja sprichwörtlich in der ganzen Gegend wegen seines Gesichterschneidens, denn nicht bloß unwillkürlich kam es ihm zuweilen an, sondern er konnte seine Züge zu beliebigem Ausdruck auch frei gestalten mit der Virtuosität eines großen Schauspielers. Bergmann, der bisher lediglich in seinen Unmut versunken war, fühlte sich gerührt durch das Schweigen und die hieroglyphische Freundlichkeit im Gesichte des armen Teufels. Und wie ein erwärmender Sonnenstrahl fiel plötzlich der Gedanke in seine trübe Seele, sich recht menschlich und brüderlich dem verachteten Hundeadam zu nähern, ihn in Wohlwollen zu sich heranzuziehen und, indem er Erquickung einer anderen Seele bereite, den Frieden in die eigne Brust zurückzuführen. Der milden, schonenden Teilnahme des Malers konnte Adam in der Tat nicht lange widerstehen. Sein Grinsen wandelte sich in ein Schmunzeln und behagliches Lächeln. Er taute auf. Und ehe eine halbe Stunde vergangen war, hatte der Maler ein gemütliches Gespräch in Fluß gebracht. So waren sie bald zu dem Nächstliegenden Gegenstand gekommen, den zwei Arrestanten miteinander zu erörtern pflegen: zu dem Anlaß ihrer Einsperrung. »Keinem anderen Menschen würde ich beichten«, sprach Adam, »aber Euch, Herr Bergmann, beichte ich so gern wie ein Römischer einem Kapuziner; denn das soll Euch ewig gedankt sein, daß Ihr Euch so freundlich gemein macht mit mir. Halb bin ich mit Schuld hierhergekommen, halb mit Unschuld. Wenn ich das nur den Leuten verdeutschen könnte!« »In jeder Schuld des Menschen steckt allezeit auch Unschuld, Adam«, sprach Bergmann ernst vor sich hin, »niemals ist der ärgste Bösewicht ganz schuldig, so gut wie auch der Reinste niemals ganz schuldlos ist. Die Weisesten aber mühen sich vergebens, dieses Rätsel zu verdeutschen, darum tröstet Euch, Adam, wenn Ihr es auch nicht könnt.« »Gut! So will ich Euch denn erzählen von der Schuld in meiner Unschuld, wie Ihr's nennt, und von der Schuldlosigkeit in meinen Sünden. Aber da muß ich von vorne anfangen.« Bei diesen Worten kroch der Hundeadam aus der dunklen Ecke hervor, wo er bisher gekauert. Das helle Licht fiel auf seine scharfen, fleischlosen Züge, die man je nach Umständen für die Züge eines großen Genies, eines großen Verbrechers oder eines großen Narren halten konnte. Er begann. »Vor vier Jahren noch war ich ein Fuhrmann, ein armer Fuhrmann, aber doch mein eigener Herr und hatte immer Brot über Nacht im Haus. Ich hatte ein Pferd, damit fuhr ich Holz und Steine zu den fürstlichen Bauten und leistete Vorspann; das Pferd ernährte mich. Ihr kennt den schlechten, steilen Weg an der Schellenwiese? Wohl! Dort fuhren wir eines Tages Holz, während der Fürst gerade mit seinem italienischen Baumeister auf dem Felsvorsprunge neben dem Wege stand, um den lustigsten Platz für das neue Jagdschloß auszusuchen. Zwei tüchtige Rappen waren vor unseren Holzwagen gespannt, mein Pferd ging voran als Vorspannpferd, müßig im Augenblicke, denn wir fuhren den Berg hinunter. Da können die Deichselpferde inmitten des furchtbar steilen Abhanges den Wagen nicht länger einhalten. Erst rollt er eine Strecke vorwärts. Dann wird er durch einen mächtigen Buckel des Weges plötzlich im jählingen Hinabschießen seitwärts geschleudert, und in allen Fugen krachend, stürzt er wider den steilen Rain zusammen. Mein Pferd hatte zurückgescheut, so war es zwischen den Rain und den Wagen gekommen und von dessen gewaltiger Wucht auf der Stelle erdrückt worden – – Aber was macht Ihr denn, Herr Maler? Schreibt Ihr Protokoll von meiner Geschichte? Dann erzähle ich kein Wort weiter!« »Nicht doch, Adam. Ich bin kein Schreiber, sondern ein Maler, und nur dein Gesicht möchte ich ein wenig zu Protokoll nehmen.« Bei diesen Worten zeigte Bergmann dem Happeler sein Skizzenbuch, in welchem er eben die ersten Umrisse von dessen Gesicht zu zeichnen begonnen hatte. Denn der Erzähler hatte seine Geschichte mit einem so lebendigen und charaktervollen Mienenspiel begleitet, daß der Maler sich nicht enthalten konnte, zum Bleistift zu greifen, damit er eines oder das andere der berühmten Gesichter des Hundeadam erhaschen möge. »Also mein armer Fuchs war zerschmettert! Und da stand ich nun händeringend, und das Blut stieg mir in den Kopf vor unbändigem Schmerz, und ich konnte kein Wort reden, als daß ich zum öfteren gen Himmel rief: ›Oh, du lieber Herrgott, was habe ich wider dich gesündigt, daß mich deine Hand so schwer trifft!‹ Die beiden Deichselpferde, losgeschirrt, gleichfalls hart beschädigt, steckten in der stummen Trauer, womit diese sprachlosen Tiere dem Menschen das Herz bewegen, die tief herabhängenden Köpfe zusammen und beschnupperten sich gegenseitig. Wahrhaftig, diese zwei Gäule waren die einzigen zwei Kreaturen, welche im Augenblick noch menschlich mit mir zu fühlen schienen. Denn die anderen Fuhrleute fluchten; der Fürst aber kam herzu und drückte mir zwei blanke Gulden in die Hand und ging wieder weiter, um sich einen lustigen Platz für sein neues Jagdschloß zu suchen. Ich nahm aber die fürstlichen zwei Gulden gedankenlos hin; denn meine Sinne waren bei den zwei Gäulen, die sich und mich so mitleidig und betrüblich anschauten, als den einzigen menschlichen Kreaturen, die außer mir auf dem Platze waren! Jetzt also war ich ein armer Mann geworden: das Pferd war ja mein Vermögen gewesen. Arm ohne meine Schuld. Die zwei Gulden des Fürsten aber brachten mir die Sünde zum Elend. Ich hatte sonst immer geglaubt, der Fürst sei ein Mann wie der liebe Gott, und wo er zugegen, da werde er alsbald alles Leid in Freude verwandeln. Und nun waren die zwei Gäule die einzigen mitfühlenden Kreaturen auf einem Platze gewesen, wo auch der Fürst zugegen war! Ich ergrimmte über die zwei Gulden, für die ich mein Leid nicht in Freude wandeln und mir kein neues Pferd kaufen konnte, und dachte Dingen nach, denen ich niemals nachgedacht. Zum Exempel: warum der Fürst nicht lieber den sündlich schlechten Weg bessern lasse, statt sich zu sechs Jagdschlössern noch das siebente zu bauen. Trotzig ward ich im Gemüt, und weil ich trotzig war, kam der Fluch über meine Armut. Unverschuldet war ich arm geworden, und doch kam die Sünde über mich, weil ich arm war. Das weiß nur Gott zu reimen. Hatte mir der Fürst nicht die zwei Gulden gegeben und mit den zwei Gulden den Teufel des Trotzes und des Unmutes, so hätte ich im Segen einer schuldlosen Armut weitergelebt und gewiß wieder bessere Tage gesehen. So aber kam ich immer tiefer ins Elend und durchs Elend in die Sünde. Ich will Euch an einem Beispiel zeigen, wie ich's allgemach in selbiger Zeit trieb. An einem Herbstabend gehe ich den Fluß entlang gegen den Wald zu, in der Tasche aber hatte ich zweierlei Schlingen, von starkem Draht und von Roßhaar – Ihr wißt schon wozu! – nicht um Spatzen zu fangen! Wie ich nun so an dem milden Abend durch das stille Tal gehe, da wird mir's ganz fromm zumut und ist mir, als ginge ein Engel Gottes neben mir, daß ich eben in die Tasche greifen und die verteufelten Schlingen in den Fluß schleudern will. Da höre ich die Tafelmusik fernher aus dem fürstlichen Schloß erklingen, Pauken und Trompeten, Flöten und Hoboen in jubelndem Wettgesang! Und auch vom anderen Ufer herüber erschallte Musik, eine Geige und eine Pfeife, und ich sah, wie drüben auf der Wiese die Bauernbursche mit ihren Mädeln tanzten, und hörte sie manchmal mit heller Stimme singen. Vor dem Unglück hatte ich auch mitgetanzt. Da ging mir die Seele über aus dem stillen Frieden bald in verbissenen Unmut, bald in weichen Trübsinn, daß ich tat, was ich seit meiner Mutter Tode nicht getan, daß ich anfing zu greinen. Aber die Schlingen behielt ich nun vorerst doch in der Tasche. Nun kam ich in den Wald. Da warf ich mich auf den Boden und las mir Bucheckern zusammen zum schmalen Abendbrote, denn der Hunger biß mich sehr. Es kam aber ein Mann des Weges, ein reicher Hofbauer; der sah meine traurige Gestalt und meine elende Mahlzeit und sprach: ›Freund, Ihr müsset wohl ein gar armer Mann sein, daß Ihr so zerlumpt hier sitzet und die Bucheckern speiset, welche Euch die Eichhörnchen übriggelassen!‹ Und er legte mir ein paar Kreuzer in den Schoß des Kittels. Da starrte ich ihn an und räsonierte inwendig: ›Bin ich denn nun ganz ein Bettelmann? – Hätte mir der Fürst die zwei Gulden gegeben mit solchen Worten wie der Bauer die zwei Kreuzer, ich wäre kein Bettelmann geworden!‹ Und nun zog ich die Drahtschlingen aus der Tasche und legte sie an den Waldsaum, wo die Hasen und Rehe ihren Wechsel haben, wenn sie über Nacht aus den Forsten ins Kraut gehen.« »Da hast du doch dem Fürsten zuviel Teil aufgeladen an deinen Sünden, Adam!« unterbrach ihn der Maler. »Meint Ihr! – Ich sage Euch, hätte der Fürst in seiner Art gesprochen wie der Bauer, ich hätte nimmer gezweifelt, daß er der liebe Gott auf Erden sei, und mit diesem Glauben hätte ich stille weitergearbeitet in meinem Unglück und mich zuletzt herausgearbeitet. So aber weckte er mir den Trotz und mit dem Trotz das Räsonieren und mit dem Räsonieren die Tagdieberei. Ich und der Fürst, Herr Maler, wir beide werden's am Jüngsten Tage gemeinsam zu verantworten haben, daß ich den Rehen Schlingen legte!« Wunderbar waren die Gesichter gewesen, die Adam zu dieser Erzählung geschnitten. Züge des Trotzes, des Hohnes, der Verzweiflung, der stillen, milden Betrübnis wechselten miteinander, seine Erzählung begleitend wie Bilder den Text. Emsig zeichnete der Maler. Adam fuhr fort: »Mit der Tagdieberei ging's eine Weile. Nun reiste selbigesmal die Braut unseres Fürsten, die Prinzessin Eidechsia, durchs Land mit ihrem Vater. Eine Lustfahrt gab's mit ihr auf dem fürstlichen Jachtschiff den Fluß hinab. Da wurden etliche Hofdiener ausgeschickt ins Land, um allerlei Volk zusammenzuwerben, das an den Straßen liegt, und wären's auch Krüppel und Lahme gewesen wie im Evangelio, auf daß wir uns am Flusse aufstellten so wie von ungefähr, hier einer neben einem Busch, dort einer ins Gras gelagert, dort einer auf dem Felsen sitzend, und wenn das Schiff mit der fürstlichen Braut vorbeifahre, solle jeder aus Kräften rufen: ›Vivat Augustus! Vivat Eidechsia!‹ Mann für Mann erhielten wir dafür aber einen Weißpfennig, ein Glas Bier und Käs und Brot. Mich hatten sie auf eine Wiese postiert und mir eine Sense in die Hand gegeben, damit ich aussehe wie ein Bauer. Laut jauchzend rief ich mein Vivat, und das Echo gab meine Stimme zurück wie Waldhornklang. Da fuhr das Schiff ganz nahe ans Land, und die Eidechsia winkte mir, aufs Schiff zu kommen, und fragte mich höchst gnädig, wer ich sei, wie es mir gehe und dergleichen mehr. Ich nahm aber kein Blatt vor den Mund, sagte ihr rundheraus, was ich für ein armer Teufel sei. Das Gesicht, welches ich dazu gemacht, soll sie besonders gerührt haben. Denn nach einiger Zeit ward ich auf die Hofkammer beschieden, wo die Herren mir eröffneten, die Prinzessin Eidechsia Durchlaucht habe höchst gnädig für mich gesorgt und wolle mir ein eigenes Häuschen am Walde bauen lassen mit einem kleinen Gärtchen dabei.« »Nun, und das wird dich doch gerührt und gebessert haben, Adam?« »Gerührt und – verschlechtert, ja! Denn die Geschichte mit dem Vivat war doch nicht fein, Herr Maler; warum sollte mich die gerade gebessert haben? Häuschen und Gärtchen lag ganz wunderschön; es war der schönste Platz auf weit und breit, die Prinzessin hatte ihn nach eigenem Geschmack ausgesucht, und das Häuschen sollte dienen – wie nennt ihr's doch, ihr Maler?« »Zur Staffage der Landschaft.« »Richtig! Zur Staffage. Wäre nur diese Staffage nicht gewesen und der Geschmack der Prinzessin! Denn in dem schönen Häuschen konnte ich nicht leben und nicht sterben. Wozu auch ein Häuschen, da ich kein Pferd und kein Gewerbe mehr hatte? Im Gärtchen konnte ich keinen Krautstengel erhalten, weil die Hirsche allnächtlich aus dem schönen Wald kamen und alles abfraßen. Ging ich von meinem schönen Punkte auf Tagelohn in die Stadt, so verlief ich hin und zurück einen Vierteltag Zeit. Und als nun gar der Winter kam, da pfiff der Nordost durch unsere vier Wände, daß wir zuerst mit dem Fußboden, dann mit den Stubentüren, dann mit den Läden und Fensterstöcken, zuletzt gar mit der Haustür Herd und Ofen heizten. Dadurch war es aber doch zuletzt etwas zugig in dem kalten Nest geworden; wir zogen aus, und die alte Lumperei ging von vorne an.« Der Maler hatte mittlerweile ein neues Blatt gezeichnet. Er schwieg, obgleich Adam einhielt, wie wenn er wiederum eine Entgegnung erwartete. Der Erzähler fuhr also nach einer Weile wieder fort: »Mein Auszug samt seinen Ursachen konnte im Schlosse nicht lange unbemerkt bleiben. Der Fürst schien einzusehen, daß mich diesmal niemand anderes als die unschuldige Eidechsia durch ihre Staffage und ihren Geschmack ruiniert, und wandte mir abermals seine Hilfe zu. Und wiederum erschien er mir fast so wie früher, als ein Statthalter Gottes auf Erden. Aber noch weit verderblicher war sein Geschenk denn das Häuschen der Prinzessin. Er machte mich zum fürstlichen Oberhundejungen und Hundefütterer und setzte mich zum Ersten unter allen Troßbuben des Hofstaates. Herr Maler, ich bin ein verheirateter Mann, Vater von vier Kindern, und der Älteste war damals acht Jahre alt, und Fuhrmann war ich meines Zeichens, ruinierter Fuhrmann. Das ist ein Wort! Als ich nun Hundejunge und Troßbube geworden war, machten die Leute Rätsel auf mich, fragten, wo man sich am frühesten verheirate. Antwort: In unserer Residenz; denn hier hätten schon Jungen und Buben Kinder bis zu acht Jahren. Heulend kam mein Kind manchmal aus der Schule heim, wenn sie es höhnten mit dem gottlosen Rätsel. Ei, und ich hätte doch zufrieden sein sollen mit der Stelle! Nein, trotzig ward ich wieder wie vorher. Je mehr mich die anderen geringschätzten, um so vornehmer wollte ich's geben, so vornehm, daß sie mir gewiß mein armes Kind nicht mehr heulen machten. Also fing ich an, flott zu leben wie ein Fuhrmann und nicht wie ein Hundejunge. Wer aber mit großen Hunden will p..... gehen, der muß auch das Bein hoch aufheben können.« »Das ist ein zynisches Bild, Adam, zu deutsch: ein hundemäßiges. Man sieht doch, daß du schon etwas zum Hundejungen geworden bist.« »Meine magere Einnahme duldete aber das flotte Fuhrmannsleben nicht lange. Da schaute ich mich fleißig um in unserem Hofstaate, und weil ich von ganz unten hinaufblickte und nicht von oben herunter, so sah ich gar manches, was andere Augen nicht sehen. Die hohen Herrschaften regieren, spielen Komödie, machen Lustfahrten, wie's Fürsten ziemt. Die italienischen Musikanten, Komödianten und Schnurranten suchen möglichst viel Geld in ihre Taschen zu raffen, denn sie wissen, daß hier ihres Bleibens doch nicht lange sein wird. Könnte ich nur einmal von der Leber weg mit dem Fürsten reden: ich wollte ihm ein Licht anzünden! Der Hoffurier prügelt den Lakaien, der ein halbverbranntes Lichtstümpfchen zu sich steckt, weil er es selber gern zu sich gesteckt hätte. Der Mundkoch schickt einen Topf mit Schmalz, der angeblich von den Ratten ausgefressen worden ist, dem Mundschenk zum Präsent, und der Mundschenk bringt ihm zwei ganz ausgelaufene Flaschen Burgunder dagegen, die aber noch ganz voll sind. Ei, soll da der Hundejunge allein Hunger leiden und Weib und Kind mit ihm? Nein, das soll er nicht! Was der flotte Fuhrmann in der Stadt vertut, das kann der Hundejunge im Schloß beim Hundefutter wieder einbringen. So gab ich denn meinen Hunden gelegentlich eine Wassersuppe, und wir aßen zu Hause ihre Bouillon, oder ich schnitt ihnen Brot in den Kübel und trug ihr Fleisch meinen Kindern heim. Es ist ihnen recht gesund gewesen – den Hunden, meine ich – das Brot und das Wasser, namentlich wegen der Räude. Doch ein Fuchsschwänzer kam dem Ding auf die Schliche, zeigte es an, und nun sitze ich hier im Prison, obgleich ich doch nichts anderes getan, als was die ganze Hofdienerschaft tut, ja, was ich recht eigentlich erst von ihr gelernt, denn sonst wäre mir eine solche Schelmerei in meinem Leben nicht eingefallen. Der Fürst läßt Springbrunnen im Schlosse anlegen, während die Leute drunten in der Stadt eine Viertelstunde weit laufen müssen, um ihr Trinkwasser an einem Felsenquell zu holen; er baut hier oben gleichsam eine ganze Sippschaft von neuen Palästen nebeneinander, während unten in der Stadt die Leute in Baracken wohnen, daß sich Gott erbarmen möge. Das erwog ich oft zu meiner Beruhigung und sprach zu mir: Hier oben der Hof ist dem flotten Fuhrmann vergleichbar und die da drunten in der Stadt dem Hundejungen, und doch gehört beides füreinander; warum sollte es in deiner zwiegeteilten Person nicht ähnlich sein dürfen, nur mit dem Unterschiede, daß du unten in der Stadt der flotte Fuhrmann bist und hier oben im Schloß der Hundejunge? Seht, Herr Maler, es geht nichts über ein weises Gleichnis!« Adam schwieg, und der Maler schlug sein Skizzenbuch zu. Drei solche Originalköpfe, wie er sie eben bei den drei Historien dem Gesichte des Hundeadam abgestohlen, waren ihm noch niemals in den Wurf gekommen. »Adam, Adam!« rief er dann mit erhobenem Finger. »Du hast schier zuviel räsoniert über die Unschuld in aller Schuld. Ich will dir darum auch ein weises Gleichnis sagen zum Lohn für deine Geschichten, Adam: Die Schlange war schuld an Evas Fall, Eva war schuld an Adams Fall; dennoch wurden Adam und Eva ohne Gnade aus dem Paradies gewiesen. Und was dem alten Adam recht war, das ist auch dem Hundeadam billig.« Fünftes Kapitel Als Friedrich Bergmann seine sechs Stunden abgesessen, schlich er ganz sacht an seine Arbeit, denn er schämte sich jetzt, unter die Leute zu gehen. Die schöne Cornelia hatte zuzeiten seine Huldigungen freundlich hingenommen wie die Huldigung so manches anderen. Der deutsche Maler aber begann stracks Häuser zu bauen auf die neckische Artigkeit des welschen Mädchens und dichtete sich in einen ernsten Liebesrausch hinein. Hätte Cornelia das alles genau gewußt, was das deutsche Gemüt so manchen lieben Tag Hohes und Schönes von ihr träumte, sie hätte recht herzlich gelacht. Und mit der großen Brezel hatte es Bergmann heute so ernst gemeint, daß kein Gläubiger sein Opfer mit tieferer Andacht auf dem Altare seines Gottes niederlegen kann, als der Maler seine Brezel vor den glühenden Augen seiner Göttin darzubringen gedachte. Jetzt schämte er sich, wie gesagt, über allerlei: über sich selbst, über die Brezel, über den Arrest, am Ende gar halbbewußt über seinen ganzen Liebesrausch; denn das Gespräch mit dem Adam Happeler hatte ihn mächtig bewegt, aber wahrlich nicht erhoben, sondern herabgestimmt und einen Geist der Verneinung in ihm geweckt, daß er vor sich selbst erschrak. So trostlos gemutet, schlich er, wie gesagt, an seine Arbeit. Es war dies aber ein Werk ganz absonderlicher Art. Der Fürst traute unserem Maler wohl tüchtige Begabung zu, allein – denn er war ja ein deutscher Künstler – um so weniger Geschmack und Leichtigkeit in der Ausführung. Darum bewarb sich Bergmann vergeblich um die Stelle eines Hofmalers. Man trug ihm nur untergeordnete, mehr handwerksmäßige Arbeiten auf, namentlich allerlei Ornamentmalerei bei den fürstlichen Neubauten. Nun wurde im neuen Schloßflügel ein sogenannter chinesischer Saal angelegt. Reich vergoldetes Schnitzwerk in buntesten Formen, Drachen darstellend, die in Grotten lauerten und von Baumzweigen herabdrohten, und Vögel, die sich auf Pflanzenschnörkeln wiegten, reich vergoldetes Schnitzwerk der Art bildete den Fries und teilte, in zwölf breiten Stämmen zum Sockel herabsteigend, die Wandfläche des Saales in zwölf Hauptfelder. Die Felder waren mit weißgrundierter Malerleinwand überzogen, und diesen weißen Grund mußte Friedrich Bergmann durch blaue Linien in wohl anderthalbtausend kleine Gevierte abteilen, in welche er sodann ebenso viele kleine Bildchen als leicht umrissene Skizzen gleichfalls mit blauen Farben malte, wobei Landschaftliches wechselte mit Tierstücken, Stilleben, kleinen Architektur- und Genrebildchen, Karikaturen, Charakterköpfen, Masken und Arabesken. Was nur in seinen alten Skizzenbüchern zu finden war, das stöberte Bergmann auf, um es hier noch einmal blau zu färben und die schreckliche Zahl der eintausendfünfhundert Bildchen vollzubringen. So waren ihm denn auch die drei Gesichter des Hundeadam, die er eben erst abgerissen, ein gefundenes Essen, das er sofort an den Wänden des chinesischen Saales wieder aufzutischen begann. Allein auch ein so bescheidenes Werk vollführte er nicht ohne die liebevolle Hingabe des Künstlers an sein Gebilde, und bald saß er ganz versunken in das wunderliche Rätselspiel dieser kühn wie im großen tragischen Stil und doch auch wieder so koboldartig gestalteten Züge vor der Leinwand. Da griff dem in sein Werk Versunkenen plötzlich eine Hand von hinten her nach den drei Blättern mit der Bleistiftskizze. Unmutig fuhr Bergmann auf, aber erschrocken fuhr er alsbald wieder zurück, und seine trotzige Stellung wandelte sich in eine ehrfurchtsvoll gebeugte: der Fürst stand vor ihm. In der Tat, das war die Erscheinung eines Mannes, vor dem sich auch Männer beugen konnten! Eine mächtige athletische Gestalt, stand der Fürst da, fest und ruhig, recht als ein Herrscher, die Züge des großen, gleichmäßig gebauten Kopfes streng und hart, doch auch nicht ohne Milde, nicht ohne den Ton einer gewissen kräftigen Sinnlichkeit. Selbst die zu den breiten Schultern niederwallende Lockenperücke, welche eine unbedeutendere Gestalt gedrückt haben würde, erhöhte die Gravität des Ausdruckes bei diesem Jupiterkopf im Rokokostil. Etwas zurückgelehnt, gestützt auf den wuchtigen Rohrstock mit dem dicken goldenen Knopfe, betrachtete Carolus Augustus lange und schweigend die drei Köpfe. Endlich fuhr er auf wie aus einem Traum. »Wer hat die Köpfe gezeichnet?« »Ich selber, hochfürstliche Gnaden!« »Was? Er selber? Wohl! Aber ich meine, von welchem Meister hat Er sie kopiert?« »Es sind Originalstudien.« Der Fürst maß den Künstler mit strengem Blick. »Bursche, täusche Er mich nicht! So skizzierte Leonardo und Michelangelo und nicht Er!« »Dennoch muß ich Euer hochfürstlichen Gnaden zu widersprechen wagen: erst vor wenigen Stunden entwarf ich diese Köpfe. Der Beweis des Originals liegt in den Physiognomien selbst. Adam Happeler, Euer hochfürstlichen Gnaden Oberhundejunge, saß mir zum Modell, und Durchlaucht werden die Züge des Hundeadam in den Zeichnungen gewiß nicht ganz verkennen.« Der Fürst musterte aufs neue schweigend die Köpfe. »Und solche Gesichter kann der Hundejunge zum Modell schneiden! Morbleu! das nenne ich Virtuosität! Ich habe schon so etwas davon gehört. Einen Hofnarren, der uns durch seine komischen Fratzen ergötzt, besitze ich bereits. Den Adam sollten wir als tragischen Hofnarren anstellen. Die tragische und die komische Maske leibhaftig nebeneinander, das wäre etwas für meine Frau. Der Kerl kann ja ganze Trauerspiele in seinem Gesichte schneiden!« »Ich glaube nicht, gnädigster Fürst«, entgegnete Bergmann schon etwas kühner, »daß er sie auf Befehl und gleichsam von Amts wegen schneiden könnte. Er hat mir die Gesichter auch nicht mit Absicht zum Modell vorgeschnitten. Er erzählte mir so mancherlei, was er erlebt, und da spiegelten sich die Affekte, welche ihn bewegt, und die seltsamen Gedanken, womit er das Geschehene in Ursache und Folge sich entziffert, im reichen Wechsel so getreu in seinen Zügen, daß ich's nicht lassen konnte, von diesen Zügen mir zu rauben, was eben der Augenblick festhalten ließ.« »Ei, das müssen ja wunderliche Schicksale sein, Tragödien eines Hundejungen! Und Gedanken hat also der Kerl auch. Laß Er mich's hören, was Ihm der Hundejunge erzählt hat. Die Erlebnisse meiner Leute muß ich kennen und ihre Gedanken gleichfalls.« Bergmann zauderte. Aber der Mann in ihm erhob sich, und er stellte sich aufrecht vor den Herrn. »Ich bin in Ungnaden bei Euer Durchlaucht, dennoch aber getröste ich mich, mein gnädigster Fürst werde mich's nicht entgelten lassen, wenn ich auf seinen Befehl auch nach strenger Wahrheit berichte, was mir zu berichten befohlen ward.« Und nach diesem Vorwort begann der Maler schlicht, doch freilich in geziemenderer Fassung, als es Adam getan, die Geschichte des armen Teufels zu erzählen. Gespannt lauschte der Fürst, häufig lächelnd, manchmal auch die Stirn runzelnd. Die drei Köpfe hielt er in der Hand, zumeist den Blick darauf geheftet, und zwischen die Erzählung warf er, die Köpfe kommentierend, gelegentliche Worte ein: »Ah! Also da sehen wir den Kerl auf dem ersten Blatt, halb in weichem Schmerz, halb in trotzigem Unmut! – ein ehrliches Gesicht, das aber noch zum Galgengesicht werden kann! – wie er die Augenbrauen zusammenzieht – der Spitzbube! Aber nur fortgefahren! Ich nehm's nicht übel. Zeichne Er mein Konterfei nur auch so impertinent getreu, wie Er das des Adam gezeichnet hat. Er scheint mir bei meinem Gesicht den Bleistift etwas leichter zu führen. Also! fortgefahren! – Hm! Nun kommt das zweite Blatt. Eine lustige Fratze. Also leichtsinnig ist der Kerl geworden durch die Wohltaten der Eudoria! Das Gesindel ist wirklich noch zu schlecht für die Menschlichkeit – man muß es erst erziehen dafür! – mit Ruten und Skorpionen nämlich! – Aber Humor hat der Galgenstrick! – Schau ihm nur einmal einer in die Augen hinein: – ich kann ihm doch nicht ganz böse werden! Nun stehen wir beim letzten und eigentlich tragischen Blatt. Ist das ein Gemisch des Ausdruckes in dieser Koboldslarve! Ein Gauner ist er, ein Mensch ohne Vernunft, ohne Religion, ohne Lebensklugheit, das beweist mir diese Zeichnung. Aber nicht doch! Sehe ich sie von neuem an, dann schaut mir auch wieder ein ganz neues Gesicht entgegen. Der Mann ergrimmt ja nur über die Schmach, die man ihm und seinen Kindern antut, er ahmt ja nur nach, was feinere Leute auch tun! Der Bursche hat Mutterwitz! – Soll mich der Koch und der Kellermeister allein bestehlen? Warum denn nicht auch der Hundejunge? Sollen die Prinzen und Kavaliere allein Komödie spielen? Warum denn nicht auch die Troßbuben? Was der Adam da von den Springbrunnen und Baracken gesagt hat, hört Er's, Bergmann, ist eine Impertinenz. Prügel hat der Taugenichts dafür verdient, und die Frechheit ist ihm auch auf diesem Bild ganz deutlich auf Nase und Stirn gezeichnet. Also ›einheizen‹ möchte mir der Hundeadam, so hat er gesagt, nicht wahr? ›Einheizen und Licht anzünden!‹ Ich soll den Hundejungen wohl zu meinem Minister machen? Wahrhaftig, alle Bande der Zucht und Ordnung lockern sich an diesem Hofe! Alle Bande der Zucht und Ordnung! – hat Er's gehört, Bergmann? Das gilt Ihm auch! Die Schloßordnung gehört auch zur Ordnung. Kein Wunder, daß solches Gesindel sich vermißt, uns einheizen zu wollen und Licht anzuzünden, wenn Leute wie Er am hellen Tage vor unseren Augen im Schloßhof zum Fenster einsteigen.« Der Fürst ging eine Weile mit großen Schritten im Saale auf und ab. Dann sprach er zum Maler: »Die Köpfe des Adam, die Er da an die Wand zu malen begonnen, kratzt Er wieder weg; in meinem Festsaale will ich die Fratzen nicht sehen. Aber die Skizzen kaufe ich Ihm ab, einen Louisdor zahle ich Ihm für jedes Blatt; ich will die Blätter in meine Mappe legen, zu meinen seltenen Handzeichnungen, hört Er's, Bergmann! zu den Handzeichnungen großer Meister!« Der Fürst schritt von dannen. Friedrich Bergmann warf den Pinsel weg, er konnte heute nicht mehr malen. Im wirbelnden Widerkampf der Gedanken maß er noch lange den Saal, dröhnenden Schrittes auf- und niedergehend. Aber nicht er allein hatte solche Unruhe aus dem merkwürdigen Gespräche mitgenommen. Der Fürst befand sich in gleicher Lage. Er zog sich in die Einsamkeit seines Kabinetts zurück, – nicht in jenes niedliche, reizende Kabinett, worin er mit der Fürstin frühmorgens das »Departement des Innersten« abzumachen pflog, sondern in das einfache, schmucklose Kabinett, in welchem er dem ernsten, männlichen Werk des Regiments obzuliegen gewohnt war. Nur zwei charakteristische Dinge waren an den nüchternen Wänden dieses Zimmers zu erschauen, über dem Schreibtische des Fürsten befand sich am Getäfel der Wand ein bescheidenes Schnitzwerk, das Emblem des Fürsten darstellend, umkränzt von dem damals üblichen Arabesken- und Schnörkelzierat. Es war dieses Emblem aber eine Fackel, und durch die Schnörkel lief ein Spruchband, worin das erläuternde Motto eingegraben war: »Aliis inserviendo consumor«, zu deutsch: »Anderen dienend, verzehre ich mich.« Dem Schreibtisch gegenüber befand sich der Kamin, und über diesem erhob sich das andere Wahrzeichen des Zimmers. Es war ein großes, in die Wand eingelassenes Familienbild, unstreitig einen der Vorfahren des Fürsten darstellend in ganzer Figur, einen Mann aus dem sechzehnten Jahrhundert, eine heldenhafte, ritterliche Gestalt, halb im Harnisch, die Hand aufs Schwert gestützt, den Kopf entblößt. Mächtig wölbte sich die Stirn, nur wenig weiße Haare noch deckten den Scheitel, ein voller schneeweißer Bart floß in zwei breiten Strömen auf den Brustharnisch herunter. Wunderbar anzuschauen aber waren die Augen dieses heldenhaften Greises. Sie sendeten einen so glühenden, durchdringenden, lebensvollen Blick unter den buschigen weißen Brauen hervor, daß es fast unheimlich war, dem alten Ritter lange Aug' in Auge zu sehen. Das Beiwerk des Bildes war mit der harten, ungefügigen Technik der alten deutschen Meister gemalt, aber beim Kopf dachte man nicht mehr an die Malerei: er lebte, er sprach zu uns, und zwar in mahnender, unheimlich ernster Rede, als ob die alte Zeit den Wechsel der Jahrhunderte überdauert habe und vor uns träte leibhaftig, längst begraben und dennoch lebend, eine andere Zunge redend, anders denkend, anders fühlend wie wir und dennoch teilend mit uns – das Ewige, gemeinsam Menschliche. Der Fürst sah in seiner inneren Unruhe bald das Emblem mit dem Motto, bald das alte Bild nachdenklich an. Endlich sprang er auf, pflanzte sich, die beiden Hände auf den vorgestellten Stock gestützt, dem Bilde gegenüber und sprach: »Was würdest du wohl sagen, alter Herr, wenn du jetzt mitten hereinträtest in unser Treiben? Dreinschlagen würdest du – aber nein! – Was soll da Dreinschlagen helfen? Dreinschlagen gegen wen? Nein, umdrehen würdest du dich auf dem Absatz, mit Verachtung uns allen den Rücken kehren und stracks wieder heimziehen in deine Gruft, wo es dir wohnlicher dünken würde als unter diesem Geschlecht. Ja, schaue mich nur recht zornig an! Ziehe nur die Brauen recht drohend nieder! Du magst ein Recht haben zu deinem Zorn, aber wir haben auch ein Recht, zu sein, wie wir sind! Ei, wir müssen eben doch andere Leute sein, als Ihr es waret! Wir können nicht mehr in den alten Nestern wohnen, worinnen Ihr haustet, das ganze Jahr auf der Jagd liegen, in der Fehde! Fürsten müssen Pracht zeigen. Pracht kündet Macht! Ihr durftet noch zerstören; wir müssen aufbauen. Aliis inserviendo consumor! Das soll doch wohl heißen: Anderen leuchtend – nicht aber andere verbrennend – verzehre ich mich. Ich will meinem Hofprediger befehlen, daß er am nächsten Sonntag predige über den Text: »Obrigkeiten sollen leuchtende, nicht brennende und fressende Lichter sein. Aliis inserviendo consumor! – er mag sich einen Bibelvers zu dem Motto suchen. Und du sollst kommen und die Predigt mit anhören, alter drohender Stubengenosse! – Aufbauen! – Ja! – Aber das war einmal ein impertinentes Wort, was der Hundeadam vom Aufbauen gesprochen hat, von wegen der Baracken und Springbrunnen. Jetzt drohst du, alter Geselle, schon wieder und nickst. Hältst du's auch mit des Hundejungen Weisheit? – Es wird mir unheimlich, das Bild so stet anzuschauen! – War mir's doch auch schon, da mir der Maler vorhin die Historien erzählte, einen Augenblick, als sei ich der König David und er sei der Prophet Nathan, der da spricht vom reichen Mann, welcher das Schäflein des armen Mannes nimmt zu seinem Gelage – – ! Aber wer soll der arme Mann sein? Die Leute, die in den Baracken wohnen, die das Trinkwasser draußen am Felsenquell holen? Und ich soll der reiche Mann sein? Da sprach Nathan zum Könige: ›Du bist der Mann!‹ – Ja, so heißt es in der Schrift.« Der Fürst hielt den Blick vom Bilde abgewandt. Aber bald schaute er wieder auf und lächelte dem greisen Rittersmann zu. »Wir sind immer gute Kameraden gewesen, Alter; wir wollen's auch fürder bleiben. Schon als kleiner Knabe verkehrte ich gerne mit dir, fürchtete mich bald vor deinem Blick, bald sah ich dir stolz ins Auge. Dein Gesicht ist mir wie das eines lebenden Freundes geworden. Oft wachtest du über mir. Oft, wenn ich in schweigender Mitternacht hier einsam bei heißer Arbeit saß, schaute ich zu dir auf und holte mir frischen Mut aus deinen ehernen, weisheitsvollen Zügen. Mein treuester Hausfreund bist du, mein ältester Jugendfreund. Und doch weiß ich nicht, was diese Stirne für Gedanken barg, was für ein Herz geschlagen unter diesem Harnisch, welche Freuden, welche Leiden einst die Seele bewegt, die so stolz aus diesen Augen blitzt! Ich weiß nicht einmal, wie du geheißen, wer du eigentlich warst! – Wie? Bist du nicht einer meiner Vorfahren? Aber welcher? Das weiß ich nicht. Niemand weiß es mehr. Ein alter Kavalier, der in den Chroniken und Stammbäumen wühlte und in meinen jungen Jahren gestorben ist, soll es noch gewußt haben; mit ihm ist die Kunde begraben worden.« Niemals war es dem Fürsten bis dahin in den Sinn gekommen, daß es doch schmachvoll gewesen, jede Familienüberlieferung von diesem merkwürdigen Bilde untergehen zu lassen. Denn was kümmerten sich die Höfe jener Zeit um die finstere Vergangenheit? Sie lebten um so lustiger in der sonnigen Gegenwart. Jetzt fiel ihm jener Gedanke zum erstenmal heiß in die Seele. Und es war ihm, als müsse sich rächen die Verachtung der Vergangenheit an dem gegenwärtigen Geschlecht durch schwere Stürme der Zukunft. Und wenn er dann gedachte an sein Regiment und seinen Hof, an die Prachtbauten, die Hofkomödien und Hoffeste, dann war es ihm, als könne auch er die philosophische Zwiesprach des Malers mit dem Hundejungen auf sich beziehen und der Moral von der Unschuld in der Schuld eine Deutung geben auf alles Fürstenregiment seiner Zeitgenossen. In diesen Gedanken ward er durch die Meldung gestört, daß der junge Franz Lämml, des Hofkapellmeisters Sohn, auf hochfürstlichen Befehl erschienen sei und im Vorzimmer warte. Der Fürst fuhr wie aus einem Traume. Peinliche, fast beschämende Erinnerungen knüpften sich ihm an diese Meldung. Pyramus und Thisbe! Richtig, über Pyramus und Thisbe hatte er Rücksprache nehmen wollen mit dem jungen Poeten und Sänger. Er hatte ja seiner Gemahlin versprochen, mitzuspielen in der neuen Oper. Eben wollte er sich's angesichts des alten namenlosen Ritters zuschwören, ein neues Leben zu beginnen im Regiment wie bei Hofe. Da mahnt ihn der fatale Name des Franz Lämml, daß er vorerst noch einen anderen Schwur erfüllen und selber Komödie spielen müsse. Er wollte den Sänger jetzt nicht annehmen. Doch nein! Er soll kommen. Denn es wäre doch nur Furcht des Fürsten vor sich selbst gewesen, vor seinem Selbst von heute morgen, mit dem jungen Mann zugleich die böse Mahnung zurückzuweisen. Lange dauerte die Unterredung mit Franz Lämml. Sie mußte seltsame Übergänge und zugleich seltsame Enthüllungen mit sich gebracht haben, denn als der Sänger wieder entlassen wurde, war der Fürst in ganz veränderter Stimmung. Er war fast lustig geworden. »Da heißt es wohl: Anderen dienend, verzehre ich mich!« sprach er zu sich selber. »Jeder, der da kommt, begehrt einen Dienst von mir. Ich will mit diesem aalglatten jungen Menschen über Pyramus und Thisbe sprechen; er aber wendet und dreht sich, bis er mir zuletzt statt der Exposition der Oper die Exposition einer Liebeskomödie gegeben hat, die er selber mit der schönen Cornelia spielt. Da sind nun alle Knoten geschlungen, hinlänglich verwickelt, nur die Lösung fehlt noch. Sie soll heute abend erfolgen. Aber wer dazu helfen muß, das soll – der Fürst selber sein! Im Namen aller Liebesheiligen und Liebesgötter beschwört mich der Bursche darum. Ist unser Hof denn ganz zu einem Minnehof geworden? Wie der alte Graubart über dem Kamin so finster dreinblickt! Aber diesmal noch vergib, alter Freund! Diesmal noch muß ich Komödie spielen – zum ersten- und letztenmal! Aber Pyramus und Thisbe? – –« Wie eine Eingebung schien plötzlich ein Gedanke den Fürsten zu durchzucken. Er spinnt ihn aus, er sinnt und sinnt; – ein Plan scheint ihm aufzugehen, – ja, jetzt hat er ihn fest gepackt, klar zurechtgelegt; er reibt sich vergnüglich die Hände und lacht laut auf. Dann spricht er gegen den eisbärtigen Ritter gewandt: »Alles spielt Komödie an diesem Hofe, und jeder begehrt, daß ich mitspiele. Ja, mancher meint wohl gar, er könne Komödie mit mir spielen; ich aber will ihnen zeigen, daß der Fürst allerdings Komödie spielen kann, daß er es dann aber ist, der nicht euer aller Komödiant wird, sondern der euch alle gebraucht, daß ihr seine Komödianten seid. Eudoria glaubt, die Fäden in der Hand zu haben, der Kapellmeister glaubt, sein Sohn glaubt, daß sie wiederum die Drähte ihres Puppenspieles dirigierten, der Italiener glaubt dasselbe von sich; ihr alle aber sollt euch betrogen haben: der eigentliche Meister des Theaters bin ich, alle Drähte laufen in meiner Hand zusammen, und wer zuletzt lacht und das letzte Wort hat, das ist der Fürst! Nur zwei Leute von diesem Hofe haben, wie mir deucht, keine Komödie mit mir spielen wollen: der Hundejunge und der Maler. Aber dann will ich wenigstens Komödie mit ihnen spielen; sie müssen auch noch untergebracht werden im Ensemble von Pyramus und Thisbe. Alter Ritter und Freund, Wächter des Kamins, du sollst heute abend mit mir zufrieden sein!« Der Fürst klingelte. »Man entbiete sogleich den Maler Friedrich Bergmann zu mir!« Der Gerufene erschien nach kurzer Frist. Es lag aber das Kabinett des Fürsten zu ebener Erde, und die geöffneten Fenster gingen auf den Schloßgarten, wo eben Fürstin Eudoria mit ihrer Oberhofmeisterin lustwandelte. Da sprach der Fürst zu dem eintretenden Maler recht laut, daß es die Damen draußen hören mußten: »Wir machen eine neue Oper, Bergmann, Pyramus und Thisbe, und ich selber will in dem Stück mitspielen. Da muß ich nun mit Ihm eine umständliche Beratung pflegen über das Kostüm«, – und er wiederholte mit erhobener Stimme, gegen den Garten gewendet: »über das Kostüm, Bergmann, denn das versteht ihr Maler doch wohl am besten.« Sechstes Kapitel Der Tag, welcher für unsere kleine Welt im Schlosse ein so bewegter gewesen, war draußen in der Natur im tiefsten Frieden auf- und niedergegangen. In ruhiger Pracht hatte die Sonne sich verglüht über den abendfeuchten, wiesenduftigen Talgründen, und an dem Nachthimmel, der so klar und unergründlich tief sich ausgoß wie die regungslose Fläche des stillsten Gebirgssees, kam der volle Mond aufgezogen in ruhender Majestät, und um ihn versammelte sich, zahlreicher und immer zahlreicher, sein lichtfunkelnder Hofstaat von großen und kleinen Sternen. Tiefes Schweigen lag über dem Schloßgarten. Die dichtverwachsenen Gebüsche und Baumgruppen ruhten in dunklen Massen neben den vom blauen Mondlicht traumhaft übergossenen offenen Blumenbeeten und Rasenplätzen; nur die Springbrunnen flüsterten sich von fernher leise Worte zu, und manchmal erklang ein heller Vogelschlag darein. Der Orangerieflügel des Schlosses war erleuchtet, er lief in einen gegen den Garten geöffneten Saal aus. Vor den Pforten des Saales befand sich ein Altan, von welchem man auf den zwölf breiten Stufen einer prächtigen Marmortreppe zu den Blumenbeeten herunterstieg. Die Seiten der Treppen aber waren geschmückt mit den schönsten kugelrunden Orangebäumen, und auf dem Altan selbst standen seltene ausländische Sträuche, Bäumchen und Blumenstöcke zu einer Laube aufgebaut, die den hohen Herrschaften heute abend beim Anhören der Serenade als Loge dienen sollte. Jetzt erschienen einzelne Fackeln auf dem freien Platze vor dem Altan; ihre Zahl mehrt sich, wohl zwanzig Fackelträger stellen sich im Halbkreise auf. Gleich Opferflammen in einem heiligen Haine wallt die rote, ruhelose Glut der Fackeln, lange, magisch beleuchtete Rauchsäulen nach sich ziehend, hinan zu dem dunklen Himmel mit dem ewig gleichen, ewig klaren blitzenden Demantschein seiner Sterne, und die umstehenden Gebüsche und Bäume stechen im Widerglanz der roten Lohe gar grell hervor aus der pechschwarzen Finsternis, die nun dreifach dunkler den Hintergrund deckt. – Musikanten stellen sich auf neben den Fackelträgern. Dann erscheint eine Tänzerbande, die Paare als Mohren verkleidet. Sie reihen sich, zum Tanze gerecht, vor den Fackeln in malerische Gruppen. Alles harrt verhaltenen Atems des Erscheinens der Herrschaften auf dem Altan. Lichter bewegen sich längs der großen Rundbogenfenster des Saalbaues. Das kündet die Erwarteten. Mit kleinem, aber glänzendem Gefolge tritt die reizende Fürstin an der Hand des in der natürlichen Gravität angeborener Herrscherwürde einherschreitenden Gemahles aus den weiten Flügeltüren. Da schmettern die Musikanten die jubelnden, doch königlich stolzen Akkorde und Rhythmen einer Sarabande; in gemessener Bewegung wogen die Gruppen der Tänzer von den Blumenbeeten vor gegen den Altan und bezeugen dem fürstlichen Paare ihre Huldigung; dann aber gehen die Fanfaren der Sarabande in den wilden Jubel eines Mohrentanzes über, und in phantastisch bunten Tanzfiguren schweben nun die Paare der schwarzen Masken bald im Hintergrunde zerstreut zwischen den Blumenbeeten auf und nieder, bald einigen sie sich wieder vor den Stufen des Altans. Ein blendender Lichtglanz hatte sich beim Eintritt der Herrschaften über den Altan ergossen, und in der ruhigen, sonnigen Helle zahlloser Wachskerzen, die wiederum gar malerisch gegen den bewegten roten Fackelschein im Garten abstach, leuchtete die reichgeschmückte, jugendschöne Erscheinung der Fürstin, umringt von den bescheideneren Schönheiten ihres Gefolges, in der Tat wie die Feenkönigin eines Zaubermärchens. Die Gestalt des Fürsten dagegen war ganz umhüllt von einem weitfaltigen, weißen spanischen Reitermantel, den er gegen Gebrauch und Etikette im Momente des Hervortretens zurückzuwerfen vergessen hatte, was ein unmerkliches Geflüster bei den Hofleuten erregte. Denn im Glanze des purpurnen Sammetrockes mit Band und Stern hätte der Fürst nach zurückgeschlagenem Mantel in demselben Momente dastehen müssen, wo Lichtschimmer, Trompeten- und Paukenklang und das Anwogen der Tänzerschar zumal das prächtige Schauspiel eröffneten. Nur wenige Worte wechselte der Fürst lächelnd mit Eudoria, als er sie zu ihrem goldenen Sessel führte. Die stolze Heiterkeit fröhlichen Genießens, gepaart mit dem Bewußtsein, daß all diese Zauberei vor allen ihr selber in Huldigung zu Füßen gelegt sei, strahlte auf ihrem Antlitz. Auch des Fürsten Züge wurden heiter wie im Widerschein der Heiterkeit der Gattin. Kaum jedoch hatte der Tanz begonnen, so entfernte sich der Fürst mit leichter Entschuldigung und Verbeugung von Eudorias Seite und zog sich in die äußerste, halb dämmerige Ecke des Altans zurück, wo im Schatten der Orangenbäume ein zweiter Sessel für ihn bereitstand. Als eigentlicher Festordner und Regisseur des Schauspiels hatte er für heute diesen Platz sich vorbehalten, den geeignetsten, um unbemerkt zu beobachten. Und in der Tat musterte er von da die Szene mit so durchdringend aufmerksamem Blick, als gälte es, die Dispositionen eines Feindes bei Entwickelung einer entscheidenden Schlacht mit dem Auge des Feldherrn wahrzunehmen. Der Tanz war zu Ende; die Mohren verschwanden in den Gebüschen, die Musik verstummte. Da trat der Hofmarschall vor und verkündete dem fürstlichen Zirkel auf dem Altan, es werde nun ein ritterliches Turnier beginnen, aber nicht ein Kampf mit Schwert oder Lanze, sondern ein Sängerkampf. Anton Howora aus Böhmen, des Meisters Dal Segno Schüler, und Franz Lämml, der Schüler seines Vaters, des Meisters Ignaz Lämml, seien die Kämpfenden; der Preis des Siegers das allerhöchste Lob aus dem Munde seiner allergnädigsten Herrin, der durchlauchtigsten Fürstin Eudoria, und zugleich die erledigte Hofsängerstelle. Die beiden Lehrer sollten nach vollführtem Wettgesang zuerst ihr Urteil abgeben, also daß Meister Dal Segno den Schüler des Meisters Lämml und Meister Lämml den Schüler des Meisters Dal Segno richte. Dann werden Ihro hochfürstlichen Gnaden, wie es der Königin des Turniers gebühre, das Urteil sprechen und allerhöchstselbst den Preis zuerkennen. Nach Beendigung dieser Rede bemerkten die Hofleute, daß der Fürst, endlich wohl seines Versehens sich erinnernd, den Mantel abgelegt hatte. Ruhig beobachtend wie bisher, saß er da im dämmerigen Schatten der Orangenbäume, aber den weißen Mantel hatte er zurückgeworfen auf die Lehne des Sessels, und auf dem purpurnen Festgewande glitzerten jetzt die Brillanten des großen Ordenssternes aus dem Halbdunkel hervor. Während die Musikanten sich zum Abzug rüsteten, brachte eine von den Mohrenmasken, die ihr Kostüm wieder mit einem großen grauen Mantel bedeckt hatte, dagegen durch die schwarze Larve noch ebensowohl nach ihrem Zeichen kenntlich als nach ihrer Person unkenntlich war, bald hier, bald dort Bewegung unter den Leuten im Garten hervor. Schon vor dem Erscheinen der Herrschaften war dieser vermummte Tänzer unter der Dienerschaft auf und nieder spaziert, schier jeden, der ihm in den Weg trat, mit Fragen und spitzigen Glossen aufs Eis führend, so daß alle übereinkamen, es müsse, auch nach Gang und Manieren zu urteilen, der Hofnarr des Fürsten sein, der sich unter dieser bequemen Larve irgendein Schelmenstück ausgesonnen, denn beim Tanze hatte man die ziemlich auffallende Gestalt nicht gesehen; er war also kein echter Mohrentänzer. Da seht! Eben bindet der Vermummte mit einem der Fackelträger an. »Ei, mein lieber Adam, auch du hier! Wie bist du denn so rasch aus dem Prison gekommen?« »Durch des Fürsten besondere Gnade!« erwiderte stolz der Hundejunge, bolzenstrack stehenbleibend wie ein Grenadier und soldatisch die Fackel präsentierend. »Hm! Der Fürst ist doch ein guter Mann, Adam!« »Jawohl, Narr! Gott segne ihn. Ein guter Mann – freilich –, aber auch der gutartigste Hund hat wenigstens vier Wolfszähne.« »So hüte dich vor den Wolfszähnen, Adam! Doch jetzt hast du im Prison ja selber geschmeckt, wie das Wasser und Brot bekommt, welches du deinen Hunden statt Rindfleisch und Bouillon gespendet!« »Hundebrot schmeckt immer noch besser als das Zuckerbrot, womit man einen Narren füttert!« sprach Adam trotzig und wollte die Maske mit seiner Fackel verscheuchen, aber schon war sie fortgehuscht. Die beiden Maestri näherten sich dem Kampfplatz von verschiedenen Seiten, jeder von seinem Schüler begleitet. Allein wie im natürlichen Instinkt der Feindschaft blieben beide in den entgegengesetzten Ecken möglichst fern voneinander stehen. Von Zeit zu Zeit nur maß mit verstohlenem, durchbohrendem Blick der Gegner den Gegner. Der kleine Italiener richtete sich auf den Zehen empor, um den Nebenbuhler seines Schülers zu erschauen. »Bah!« flüsterte er dann verächtlich zu dem neben ihm stehenden Franz Lämml, »eine miserable Gestalt ist dieser Sohn des Kapellmeisters, ein schmächtiger Junge! Der will Heldensänger sein? Schau das Püppchen da drüben! Das will einen Cyrus, einen Achill, einen Orest in unserer Oper darstellen?« Mit Stolz maß er dagegen den mannhaften Franz, der schier einen Kopf größer war denn er selber. In der Tat, der Sänger, welchen der Kapellmeister als seinen Schüler und angeblichen Sohn mitgebracht, war eine höchst zierliche, niedliche Figur, eher für Pagenrollen als für Helden geschaffen. Unter der Lockenperücke schaute ein allerliebstes feines Gesichtchen hervor; der großschößige Galarock saß fast etwas zu eng um die weiblich breit ausgerundeten Hüften. Die Maske im grauen Mantel klopfte dem mädchenhaften jungen Burschen auf die Schulter. »Den Achill auf Skyros werdet Ihr trefflich spielen können, schöner Sänger, den jungen Achill, wie er als Mädchen verkleidet am Hofe des Lykomedes erscheint. Jedermann sollte dann schwören, Ihr seiet wirklich ein Mädchen. Aber für einen ausgewachsenen Achilles wäret Ihr doch etwas zu klein, meint Maestro Dal Segno.« »Lästiger Narr! Hinweg mit dir!« rief zürnend und tief errötend der Angeredete. »Du bist Narr und Spion zugleich. Schon den ganzen Abend verfolgst du mich, und spottend willst du mich ausforschen. Hinweg!« »Da bringt Ihr uns einen schönen Soprano zur Rolle der Thisbe, Herr Hofkapellmeister«, sprach nun die Maske zu dem Alten. »Den Pyramus müssen wir wohl dort drüben im feindlichen Lager suchen?« »Narr, schweige mir von Pyramus und Thisbe. Unverdaulichkeit am Mittag und Schlaflosigkeit um Mitternacht weckt mir dieser Name. Ein Narr kann mehr fragen, als hundert gescheite Leute zu beantworten vermögen, und eine – – gescheite Frau, die Fürstin Eidechse, kann mehr Aufgaben stellen –« »Als hundert alte Narren wie du zu lösen imstande sind«, vollendete die Maske. »Da möget Ihr wohl recht haben, Freund Kapellmeister.« Und die Maske verschwand im Gedränge der Musikanten und Diener. Auf einen Wink des Fürsten zogen jetzt die Fackelträger ab. Tiefes Dunkel deckte den Kampfplatz. Denn wie der Gesang der Nachtigall am ergreifendsten in des Menschen Seele hineinklingt, wenn aus dem verschwiegenen Dunkel der einzige Lichtstrahl ihres Tones in ruhiger Klarheit unserem inneren Gesicht leuchtet, so sollte auch Scarlattis Doppelgebet an die »hellglänzenden Sterne der Liebe« aus dem Helldunkel des mondbeschienenen Gartens zu dem Ohr der Fürstin emporsteigen, eine echte, in süße Träumerei einwiegende Serenade nach dem die Sinne erweckenden Lichtzauber, der den Mohrentanz mit seiner grellen Musik umflossen hatte. Die beiden Sänger allein traten in den Vordergrund, nur ein klein wenig von dem Widerschein der Wachskerzen des Altans beleuchtet. Franz begleitete mit der Laute. Zu beiden Seiten am Saume der nächsten Gebüsche standen die Meister, immer in möglichst großer Entfernung voneinander. Der ganze übrige Schwarm der Diener und Musiker war verschwunden. Es ward stille, daß man atmen hörte. Der Fürst winkte. Der Gesang begann. Beide Stimmen trugen zuerst nacheinander die süße schlichte Weise des Themas vor, dem Texte nach ein Liebeshymnus, der aber zugleich zum Gebet zweier Liebenden wird, die sich dem Schütze des himmlischen Schicksalsgestirnes ihrer Liebe empfehlen. Der einfache Grundgesang erweiterte sich aber alsdann zu einem kunstreichen Spiel nachahmender Tonformen: eine Stimme drängt die andere, überholt sie, nimmt ihr jedes einzelne Wort der Melodie vom Munde weg, die Harmonien steigern sich, der Rhythmus hebt sich mächtiger, und die zwei Sänger singen in die Wette mit Tönen, die immer tiefer und tiefer aus dem Herzen herauszuquellen scheinen; die breiten Ströme des Gesanges brechen hervor in einer Fülle, als müßten sie den Sängern die Brust zersprengen, und die Hörer selbst packt es, als ob es auch ihnen die Brust zersprengen wolle, so rätselhaft gewaltig zittert ihnen jede Hebung des begeisterungsvollen Gesanges in allen Nerven wider. Als der Gesang verstummt, folgt zuerst die lautlose Stille des tiefsten empfundenen Beifalles. Jedem klingt noch in innerster Seele die Weise nach: »Blickt gnädig, hellglänzende Sterne der Liebe!« Endlich brach die Fürstin das Schweigen, ihren Damen zuflüsternd, sie hätte nie geahnt, daß ein anderes Sängerpaar denn zwei wirklich Liebende mit so erschütternder Wahrheit der Empfindung von der Liebe singen könnten. Mit ehrfurchtsvoller Verbeugung treten die Sänger ab, und der Hofmarschall ruft die beiden Meister vor, auf daß sie ihren Spruch fällten. Der Hofkapellmeister geht im Range voran, er erhält zuerst das Wort. Lächelnd beginnt er, und zwar in so seltsamem Ton, mit einem so selbstbewußten, schlauen Schmunzeln, daß die Fürstin in Parenthese gegen die Oberhofmeisterin bemerkt, so schneidermäßig verzwickt wie heute habe sie den Kapellmeister noch niemals gesehen. Er spendet dem Anton Howora (doch betont er diesen Namen jedesmal ganz absonderlich und begleitet ihn mit einer Grimasse des Lächelns), dem Anton Howora das höchste Lob, rühmte das Metall seiner Stimme, die Trefflichkeit der Schule, die Wärme und Wahrheit des Vortrags. Der ganze Hof bewundert die edle Unparteilichkeit des Kapellmeisters, und selbst die Fürstin verzeiht ihm darob wieder sein schneiderhaftes Schmunzeln. In stolzer Genugtuung hört Dal Segno dieses Urteil. Die Mohrenmaske im grauen Mantel aber hatte sich an ihn herangeschlichen und flüsterte ihm zu: »Nun, Meister, Euer Gegner macht es wie ein edelmütiger Duellant, der den ersten Schuß hat und sein Pistol in die Luft abschießt. Da werdet Ihr wahrhaftig doch auch nicht nach des Feindes Brust zielen wollen?« Dal Segno erwiderte: »Hier zu meiner Rechten steht ein Narr, und zur Linken da drüben steht auch ein Narr; ich aber will als gescheiter Mann in der Mitte stehen und nach meinem Künstlergewissen sagen, was ich denke!« Sprach's und trat mit stolzem Schritte vor gegen den Altan und fällte seinen Spruch folgendergestalt: Des Kapellmeisters Sohn habe zwar mit guter Stimme und sonderlich beweglichem Ausdruck gesungen, dagegen fehle es noch gar sehr an einer guten Schule; statt ihrer zeige sich lauter Dilettantenfertigkeit, die der ersten Grundlage wahrhaft meistermäßigen Unterrichts ermangele. Die Vorzüge des jungen Sängers seien also glückliche Naturgaben, seine Schwächen dagegen lediglich eingeimpft und gehegt durch die höchst verkehrte deutsche Gesangschule. Alle Blicke wandten sich auf den Hofkapellmeister. Allein er schien gar nicht so arg erzürnt über das Urteil des Gegners, denn er lächelte nur noch weit schlauer als vorher. Doch als der Italiener seinen Trumpf gegen die deutsche Gesangschule ausspielte, konnte Ignaz Lämml nicht länger an sich halten. Laut lachend rief er dem Maestro Dal Segno entgegen: »Mein Sohn, Herr Kollega! – das heißt – ja, mein Sohn,– – der kleine Mann nämlich, der eben hier sang, hat gar keine deutsche Schule; es ist die reinste italienische.« »Es ist deutsche Schule!« rief der Italiener in wütendem Ernst. »Italienische Schule!« rief der Deutsche, berstend vor Lachen. »Italienische!« – »Deutsche!« – ging es gleichzeitig herüber und hinüber. Eben wollte der Hofkapellmeister vortreten, um die Lösung des Rätsels laut zu verkündigen und nun auch seinen Triumph zu genießen; da schob sich eine neue überraschende Gruppe zwischen ihn und die Stufen des Altans. Hand in Hand trat das Sängerpaar vor und kniete an der Marmortreppe nieder, und die Blicke bittend zur Fürstin hinaufgewandt, wiederholen sie die ergreifendste Stelle des Duetts, wo beide Stimmen nach dem Wechselgesang zur Vereinigung zurückkehren, in den innigsten einschmeichelndsten Harmonien das Thema wieder aufnehmend: »Blickt gnädig, hellglänzende Sterne der Liebe!« Aber mit dem angeblichen Sohne des Kapellmeisters war jetzt eine merkwürdige Veränderung vorgegangen: die Perücke war verschwunden, und das lange natürliche Lockenhaar umwallte den schönsten Mädchenkopf, und halb verschämt, halb mit Bangen, aber auch jetzt noch mit einer gewissen Schalkhaftigkeit schaute das reizende Gesicht Cornelias zu der erstaunten Fürstin empor. Der Kapellmeister konnte sich nicht zurückhalten. In den eben beginnenden Bittgesang der beiden Liebenden sprudelte er die Worte: »Dort steht der echte Franz Lämml; Howora ist nur eine fabelhafte Person, das Mädchen aber ist Cornelia Dal Segno, angeblich mein Sohn; aber Dal Segno, Kollege! hört Ihr's? es ist doch italienische Schule, Eure eigene echt italienische Schule gewesen, was Ihr eben verdammt habt!« Man rief den Kapellmeister zur Ruhe. Denn schien schon vorher das Höchste im Vortrag des Duetts geleistet zu sein, so wurde dies alles doch jetzt an Schmelz des Ausdruckes und Innigkeit der Empfindung noch weit übertroffen. Niemals hatte man ein bedrängtes Liebespaar rührender bitten hören. In wahrer Andacht lauschten alle Hörer. Und als die Sänger verstummten, mit flehenden Gebärden der Fürstin zugewandt, und abermals eine feierliche Stille eintrat, da erhob wie zum guten Zeichen eine Nachtigall in den nahen Büschen ihre Stimme und sang ihre Liebesklagen in die schweigende Nacht hinein, als wolle auch sie ihr Wort einlegen für die Bittenden an den Stufen des Thrones. Franz und Cornelia erhoben sich. Hand in Hand gingen sie zu ihren Vätern. Die aber waren auch nicht ruhig geblieben, und so trafen alle viere in der Mitte des Kampfplatzes zusammen. Da gab es aber eine so wunderlich gekreuzte Unterhaltung, daß keine Feder imstande wäre, den Knäuel der doppelten Zwiesprache zu entwirren und aufzuzeichnen. Die Liebenden baten um Verzeihung, um Versöhnung, um den Segen der Väter. Der Italiener wütete: er wollte seine Tochter gar nicht wieder anerkennen, die ihn also betrogen; er wollte Franz nicht mehr vor Augen sehen, der ihm seine Lehrgeheimnisse abgelockt und dann zum Dank dafür diese Schlinge gelegt. Der Kapellmeister suchte anfänglich das Paar zu schützen vor der Wut des Italieners, aber als er merkte, daß sein Sohn die Tochter seines Todfeindes ernstlich zur Frau begehre, schrie auch er in diese verzweifelte Quartettfuge hinein: niemals werde er sich so überlisten und überpoltern lassen, niemals sein Haus mit dem Hause des falschen Welschen verbinden. Wenn das Ziel aller Listen seines Sohnes hierauf hinausgegangen, dann sage er ihm rundheraus, daß Franz selber der am meisten Betrogene sei. Alle diese Erörterungen aber fielen im Verlauf weniger Augenblicke, während die Zuschauer auf dem Altan noch ganz in der ersten Überraschung über die Kette seltsamer Vorfälle befangen waren. Schnell entriß sich jetzt Franz dem Redegetümmel der erbitterten Väter und führte Cornelia abermals zurück zu den Stufen der Marmortreppe. Er schaute hinauf zu dem Fürsten, allein dieser winkte ihm aus seinem Halbversteck fast zornig und drohend abwehrend mit der Hand. Er wagte nicht näherzutreten, nun erst aufs tiefste bestürzt. Das Benehmen des Fürsten war gegen die Verabredung. Derselbe hatte ihm heute nachmittag zugesichert, daß er im entscheidenden Moment als der Schützer seiner Liebe erscheinen und alles zur glücklichen Lösung führen werde. Jetzt war der gefährlichste, der letzte Augenblick der Entscheidung gekommen, und der Fürst verharrte unbeweglich, scheinbar allein teilnahmlos auf seinem Sitze und winkte nur abwehrend, ja zornig drohend mit der Hand! Da schien Cornelien der Gedanke zu kommen, daß in dieser höchsten Not eines Mädchens wohl Frauenhilfe allein noch retten könne. Sie zog Franz hinüber gegen den Sitz der Fürstin und flehte dieselbe in einfachen, rührenden Worten um Schutz und Fürwort für ihre Liebe an. Ein solches Auftreten der Sängerin war gegen alle Etikette. Eudoria schaute darum zur Seite nach dem Fürsten. Aber er gab ihr kein Zeichen. Wie gerne wäre sie zu dem Gemahl gegangen, um nur drei Worte mit ihm zu wechseln. Doch das wäre ein noch ärgerer Bruch der Etikette gewesen. Eudoria zauderte eine kleine Weile, dann aber siegte das Weib in ihr, und sie erhob sich, um der Sängerin freundlich zu antworten. Allein in demselben Augenblick wurde die allgemeine Aufmerksamkeit so heftig auf einen ganz anderen Punkt gelenkt, daß Eudoria das Wort auf der Lippe erstarb. Zwischen die beiden zornigen Alten war die Maske im grauen Mantel getreten. Die weisen Meister wollten nicht hören auf die Worte des Narren, und ihr Zorn wälzte sich rasch auf ihn hinüber. Da ergriff, als er sich kein Gehör schaffen konnte, der Vermummte die beiden Männer und zog sie mit einer Kraft des Armes vorwärts gegen die Marmortreppe, daß die Umstehenden höchlichst erstaunten. Einige Diener wollten einspringen und der Maske wehren. Weil aber der Fürst das Ding ruhig gewähren ließ, so getrauten sie sich auch nicht, dem Hofnarren in die Freiheit seines Narrenamtes einzugreifen. Allein Ignaz Lämml stellte, wie wir wissen, seinen Mann. In augenblicklicher Überrumpelung hatte er sich wohl von der Maske bewältigen lassen. Nun aber faßte er seinerseits die Maske am Mantel und rief, den Verwegenen mit starker Faust schüttelnd: »Jetzt ist nicht Zeit und Ort für deine Possen, Narr! Hebe dich weg, wenn ich dich nicht wegschleudern soll!« Da fiel der Mantel des Vermummten, zugleich nahm er die Larve ab, und vor dem entsetzten Kapellmeister, der auf die Knie niedersank, stand die majestätische Gestalt des Fürsten, nicht im purpurnen Galakleid mit Stern und Band, sondern in seinem gewöhnlichen braunen Rocke. Alle schauten nach dem Doppelgänger des Herrn, der unter den Orangenbäumen auf dem Altan saß: – in dem Augenblick, wo der vermummte Fürst die beiden Meister in den Vordergrund zog, hatte man ihn noch dort sitzen sehen, jetzt aber war er unbemerkt verschwunden. Der Fürst sprach in der gewohnten, einschneidend befehlenden Würde des Tons: »Das Schauspiel von Pyramus und Thisbe soll mit Musik aufgeführt werden. Was suchet ihr lange bei dem alten Fabeldichter Ovid? Hier ist das liebende Paar, Pyramus und Thisbe. Dasselbe Dach, mein Schloß, herbergt beide Liebende und ihre feindlichen Väter. Heimliche Zwiesprache ist fleißig gepflogen worden. Alles trifft zu, so gut und so schlecht, als es für eine Opera nötig ist. Die Katastrophe entwickelt sich wie im Ovid des Nachts, bei Mondschein unter freiem Himmel – das Grabmal des Ninus mag sich jeder nach Belieben hier in der Nähe suchen; auch an den Bestien der ovidischen Fabel fehlt es nach Unseren neuesten Entdeckungen unter Unserer hier anwesenden Dienerschaft weit weniger, als wir fast gedacht hätten. Aber die Oper soll heiter schließen, so will es das Gesetz König Karls VI. Darum müssen die Väter ihren Zorn bannen, sich versöhnen! Die Hände her, ihr Meister! Ihr zögert? Bei Unserer fürstlichen Ungnade, gebt euch die Hände! So! Und nun leget die Hände der Liebenden ineinander. Keinen Widerspruch! Es ist nur eine Hofsängerstelle erledigt, ihr Meister; die Fürstin aber wird sonder Zweifel beiden Sängern zumal den Kranz reichen. Darum müssen die beiden in die eine Stelle hineinheiraten, dann ist der Widerspruch gelöst. Wer wagt zu widersprechen? Morbleu! Haben Wir nicht ein höchsteigenhändiges Kabinettsschreiben erlassen des Wortlautes: ›Die Opera Pyramus und Thisbe soll lustig mit der Liebenden Heirat schließen: Coûte-qui-coûte: – so will und befehl' ich's‹? Mit der beiden Liebenden Heirat! Hört ihr's? Keinen Widerspruch. Coûte-qui-coûte: – so will und befehl' ich's!« Und der Fürst selber führte die beiden Liebenden vor die Väter, und trotz der ingrimmigen Gesichter, welche die Alten seitab schnitten, wagten sie doch nicht, dem fürstlichen Befehl zu widerstehen. Befriedigt lächelte Eudoxia dem Fürsten zu, und er winkte ihr dankend seinen Gruß entgegen. Aber noch kehrte er nicht auf den Altan zurück. »Wo ist denn Unseres Herrn Bruders Liebden hingekommen, Unser leibhaftiges Konterfei, das dort auf dem Stuhle saß? Bergmann! Wo steckt Er? Komm Er zu Uns, Bergmann!« Der Gerufene schlich aus dem Gebüsch hervor. Er besaß Takt genug, jetzt die Abzeichen der fürstlichen Würde in Gewand und Schmuck wieder mit dem weißen Mantel zu verhüllen. Als der Fürst seiner ansichtig wurde, bemerkte er sogleich das verzweifelte Gesicht des Malers, der an des Fürsten Stelle in die dämmerige Ecke geschlüpft war in dem Augenblicke, wo die Rede des Hofmarschalls die allgemeine Aufmerksamkeit abzog. »Du hast den Fürsten brav gespielt, Bergmann!« sprach er leise, ihn zur Seite ziehend. »Aber wie? Hat dir die Sorge der Herrscherwürde schon binnen einer Stunde alle Heiterkeit von der Stirn genommen? Mensch, was machst du für ein Armensündergesicht!« Der Maler erwiderte: »Alle freuen sich über den heiteren Ausgang der Komödie, nur ich muß den Fürsten spielen, und also geht die Historie für mich ohne Liebe aus! O wenn Eure hochfürstlichen Gnaden wüßten, was ich aushielt, als dieser Franz mit meiner Cornelia vorhin bittend mir nahte, bittend, daß ich – ich! – ihnen helfen solle, Durchlaucht würden mir die Bezähmung meiner kochenden Wut hoch anrechnen! Aber geängstigt habe ich die Verräterin wenigstens, als ich abwehrte und drohte, so zornig wie nur menschenmöglich, wo ich kein Wort sprechen oder dem Franz nicht wenigstens meinen Stuhl an den Kopf werfen durfte!« »Freue Er sich, Bergmann, daß es so gekommen! Diese Cornelia ist nichts für Ihn. Sie hat ihren Vater betrogen, sie wird auch ihren Mann betrügen. Für den Franz paßt sie gerade darum, denn der betrügt sie wieder, und so machen sie sich gegenseitig etwas weis, und das gibt oft die glücklichsten Ehen. Sei Er froh, daß Ihm der Wiener Windbeutel diese Liebschaft abgenommen. Als ich vorhin den Hofnarren spielte, habe ich der schlauen Dirne auf den Zahn gefühlt, auch von Seinetwegen, Bergmann. Glaube Er mir, sie hatte nur ihren Spaß mit Ihm. Verschmerze Er die große Brezel! Er muß nicht in das Komödiantenpack hineinheiraten, Bergmann! Da ist alles nur Trug und Schein, Brillanten aus Glas und Goldringe aus Messing. Suche Er sich ein braves deutsches Bürgermädchen, hört Er, Bergmann, die Ihn auch verstehen und erkennen mag, und dieser lasse Er dann die allergrößte Brezel backen.« Dann erhob der Fürst seine Stimme laut, daß alle es hören konnten, und sprach zum Maler: »Da Er mir heute so schöne Köpfe gezeichnet hat, Bergmann, so soll Er auch mein eigenes Porträt malen. Ich lasse mich aber nur von meinem Hofmaler porträtieren – Alexander ab Apelle ; – versteht Er mich? – Morgen kann Er anfangen!« »Aber«, flüsterte Bergmann, »morgen habe ich noch sechs Stunden Arrest abzusitzen von wegen der Brezel.« »Meinen Hofmaler habe ich nicht in Arrest geschickt!« erwiderte huldvoll der Fürst. Dann stieg er die Stufen hinan zum Sitze der Fürstin. »Habe ich nun mein Wort gelöst, Eudoria? Sieh, ich habe also doch dir zum Vergnügen mitgespielt in der Komödie, und mehr Verwandlungen hat's dabei gegeben als in irgendeiner Metamorphose des Ovid. Denn« – hier sprach er leise, daß nur Eudoria es hören konnte, – »die größte Verwandlung, die mit mir selber heute vorgegangen ist, wirst du erst allmählich gewahr werden. Wunderliche Dinge habe ich erfahren, als ich diese Komödie einfädeln und spielen half! Auch dich hat das Volk da unten verwandelt: – aus meiner Eudoria haben sie eine goldschimmernde Eidechse gemacht. Es ist doch gut, Eudoria, wenn ein Fürst auch manchmal Komödie spielt. Sieh, es grauste mir heute förmlich vor der Pracht dieses Abends nach dem, was ich am Mittag gesehen und gehört. Wir müssen uns verwandeln, Eudoria, – aber nicht in ovidischer Weise – oder es könnte kommen, daß unsere Kronen und Hermeline, noch ehe dieses Jahrhundert über den Häuptern unserer Enkel hinabgerollt ist, daß unsere Kronen und Hermeline in gar kurioser Weise verwandelt würden. – Sahst du eben den Lichtschein dort am wolkenlos heiteren Maihimmel? Es wetterleuchtet in unsere Kerzen- und Sternen- und Fackelpracht hinein! Nenne mich fürder nicht mehr Augustus, liebe Eudoria, nenne mich August. Du weißt, auf Augustus folgte Tiberius. Schau hinüber nach den dunklen Fenstern meines Kabinetts! Dort steht der graubärtige Ritter über dem Kamin; dessen Anblick hat mich heute zur Besinnung gebracht. Vielleicht steht er jetzt unsichtbar mitten unter uns und freut sich über mich! Ja, vielerlei Verwandlung haben wir heute gespielt, dieser schmiegsame Franz und ich, und ich dachte, einen von uns zweien müßte ich dir wohl vorstellen als den echten Ovid bei Hofe. Jetzt aber merke ich, der größte Fabeldichter, der Mann, der die größte Metamorphose heute mir in die Seele gedichtet, das ist der alte Ritter über dem Kamin: denn er hat den Fürsten verwandelt. Lies du deinen französischen Ovid; ich will mit dem Ritter über dem Kamin sprechen, und er soll mein deutscher Ovid sein. – Aber ich habe dir immer noch eine neue Verwandlung vorzuführen. – He! Adam, tritt näher! Adam Happeler!« Adam erschien mit seiner Fackel und pflanzte sich am Fuße der Treppe auf. »Das ist der Adam Happeler, Eudoria, dem du das Häuschen bauen ließest, worin er verdarb, der dann Hundejunge ward, wobei er nicht gedieh. Weil er sich nun vermessen hat, mir einheizen und Licht anzünden zu wollen, wenn er's nur dürfe, so habe ich ihn zu meinem Stubenheizer und Lampenanzünder gemacht, da darf er's ja nach Herzenslust. Aber ich will dir einen Spruch mitgeben ins neue Amt, Adam: Auch der gutartigste Hund hat vier Wolfszähne! Hüte dich, Adam! Wenn du wieder Spitzbübereien treibst, dann wanderst du nicht in das kleine Prison, sondern ins große Zuchthaus.« Adam schnitt ein halb glückseliges, halb verlegenes Gesicht bei dieser Anrede, und das gab ihm gerade ein Aussehen, wie wenn er niesen wolle und könne nicht. Der Fürst rief darum lachend: »Bergmann, so male Er mir den Adam mit seiner Fackel in den chinesischen Saal. Die anderen Köpfe bleiben in der Mappe.« Dann aber wandte sich der Fürst zu seinem Hofe und kündete den Aufbruch an zu einer Gondelfahrt auf dem Flusse, die den festlichen Abend beschließen solle. »Adam, eröffne den Zug mit deiner Fackel! Du sollst Uns heute abend ganz besonders das Licht tragen, die Fackel, die zugleich Unser Emblem ist! Auf, meine Herren, folgen Sie dem fürstlichen Zeichen der Fackel!« Und während sich der Zug bildete, murmelte der Fürst, seiner Gattin den Arm bietend, für sich die Worte des Mottos zum Emblem: »Aliis inserviendo consumor.« Die Lüge der Geschichte. 1862 Erstes Kapitel In einem Kloster des bayerischen Hochgebirges war vor hundert und mehr Jahren der seltenste und seltsamste Gast eingezogen, ein niederrheinischer Graf, altberühmten Stammes. Er suchte für etliche Monate den Balsam der Bergluft und tiefe ländliche Einsamkeit, und die gastfreien Mönche boten ihm gerne ein stilles Asyl; denn in jener Zeit gab es noch keine Gasthöfe in abgeschiedenen Talschluchten, auch pflegten Grafen damals noch nicht in Bauernhütten Villeggiatur zu halten. Der vornehme junge Herr war für die Fratres ein seltener Gast, weil er ein Graf, und ein seltsamer Gast, weil er doch wieder kein rechter Graf war. Zum mindesten kein gewöhnlicher Graf; denn der Abt meinte, er sei eigentlich als Professor geboren und nur zufällig als Graf auf die Welt gekommen. Der Küchenmeister erklärte es dagegen für jammerschade, daß der Graf kein Koch geworden, denn niemand besitze eine tiefere Kenntnis der neuesten Pariser Soßen, Braten und Pasteten. Pater Placidus endlich behauptete, der Graf stehe genau mitteninne zwischen einem geborenen Professor und einem geborenen Koch; denn er sei ein geborener Schöngeist und Poet. Seinen einzigen Fehler aber teile er mit allen vornehmen Leuten, nämlich fortwährend zu fragen und niemals das Ende der Antwort abzuwarten; in diesem Stücke sei er ein geborener Graf. Der Abt beschränkte dann wohl auch sein Urteil ein klein wenig und fügte jener Klausel des Pater Placidus den Nachsatz bei: »Wenn Kenntnisse, Forschenstrieb und schneidend scharfes Urteil den Gelehrten machen, dann gebührt dieser Titel dem Grafen. Allein er ist dazu gar so ein feiner Herr, so schön von Gesicht und Gestalt, so glänzend glatt in Form und Ton, und dies alles pflegen Professoren keineswegs zu sein. Inwendig sitzt der Gelehrte und auswendig der Kavalier.« Fürwahr, der junge Graf war ein glückliches Menschenkind in der Fülle seiner Talente! Die Freunde daheim weissagten ihm eine große Zukunft, sei es im Kabinett oder im Felde, als wirklicher Hofmann oder als Höfling Apollos und der neun Musen. Eine große Zukunft bei den Frauen brauchte man ihm gar nicht mehr zu weissagen, denn hier hatte er im fünfundzwanzigsten Jahre schon eine große Vergangenheit. Nur ein einziger Freund – als sauertöpfischer Sittenprediger übel berufen – fügte zu all jenen prophezeiten Größen das zweifelnde Wort: »Vorausgesetzt, daß sich etwas Großes denken läßt ohne sittliche Größe. Denn diese Kleinigkeit ausgenommen, besitzt der Graf allerdings zu jeglicher Größe das Zeug.« Wie alle geistreichen Naturen liebte er die Antithese in der Rede und im Leben. Vor vierzehn Tagen noch hatte er zu Paris bei Frau Geoffrin mit den feinsten Köpfen Frankreichs in literarischer Feinschmeckerei geschwelgt, und heute ergötzte ihn der altmodische Mutterwitz weltverlassener Mönche. Allen Sinnenreiz der üppigen Hauptstadt hatte er im Sommer so durchtrieben ausgekostet, als wäre er selber ein Franzose, und im Herbst begrub er sich zwischen Felsen und Wäldern und Klostermauern wie der empfindsamste Deutsche. Pater Placidus galt für einen sattelfesten Philosophen; wohl bewandert in den Kirchenvätern und Scholastikern, disputierte er so mittelalterlich zunftgerecht, wie man's damals nur in der besten Jesuitenschule lernen konnte. Da er zuerst dem Grafen seine Weisheit am Schnürchen hersagte, dünkte er sich angesichts des jungen Herrn gleich einem Gerbert, als dieser zu Ravenna vor Kaiser Otto die Einteilung der Philosophie vortrug. Es fehlte ihm nur ein Otrich, mit welchem er so ritterlich wie Gerbert vor dem Kaiser hätte turnieren können. Aber der Graf selbst schlug ihm plötzlich, gefährlicher als sechs Otriche, mit ungeahnten Querhieben in die Parade und warf ihm Lockesche Kritik und Humesche Zweifel und Bayleschen Witz zwischen die scholastischen Sätze, daß Pater Placidus staunend sich besiegt gab, obgleich der Graf im Grunde so wenig von der altmodischen Philosophie des Mönches verstand wie der Mönch von der neumodischen des Grafen. Das waren für den letzteren Gegensätze zum Entzücken; wie lustig konnte er später in den Pariser Bureaux d'esprit von diesem unerhörten Turnier erzählen! Fast noch beißenderen Hochgeschmack aber bot ihm der Verkehr mit dem Abte, der als ein trocken fleißiger Geschichtsforscher die Chronik des Klosters schrieb und auf Tritt und Schritt den Gast am Rockknopfe faßte, um ihm von Schenkungsurkunden, Klosterbränden, Gültbriefen, Abtswahlen, Kriegshändeln und Kirchenbauten zu erzählen. Der Graf hörte ihm eine Weile höchst achtsam zu, bis sich der ehrliche Chronist etwas warm geredet hatte; dann fiel er ihm ins Wort, pries seinen scharfen Forschergeist, wußte aber in seiner ironischer Wendung das Lob, welches er der Person spendete, allmählich in eine vernichtende Kritik der Sache zu verwandeln. »Je tiefer und redlicher man forscht«, so schloß er wohl, »um so reicher glaubt man die Geschichte zu machen und macht sie doch nur um so leerer. Denn fast jeder neue Fund des Forschers zeigt, daß wir wieder einmal eine Tatsache für beglaubigt hielten, die eigentlich gar nicht beglaubigt war. Was heißt überhaupt beglaubigte Tatsache? Der Augenzeuge von gestern erzählt heute schon, was er gesehen, ganz anders, als er es gestern erzählt haben würde. Was ist historische Wahrheit? Das gewaltigste Ereignis, welches wir vor einem Jahre selber erlebt, steht uns heute nur noch wie der Schatten eines Traumes vor der Seele; wollten wir auch im ehrlichsten Nachsinnen tagelang unser Gedächtnis zermartern, wir könnten es doch nicht mehr in nackter historischer Treue berichten, aufs Haar genau so, wie es geschehen. Jeder Tag hat inzwischen unvermerkt einen unmerkbar feinen Zug in der Erinnerung ausgelöscht, einen anderen eingewoben, und aus Tausenden solcher feinen Züge wird unmerkbar ein ganz neues Bild. Und man will aus dunkeln, durch Jahrhunderte unmerkbar und arglos verfälschten Zeugnissen die historische Wahrheit aufbauen! Die Geschichte ist der große Tempel der Lüge, und als erste und Hauptlüge steht über der Pforte geschrieben: Hier ist der Tempel der Wahrheit! Große Forscher wie Ihr, Herr Abt, leisten der Menschheit den größten Dienst; denn je mehr sie forschen, desto leerer wird die Geschichte an Tatsachen, das heißt an unfreiwilligen Lügen. Die Geschichte muß aus der Geschichte hinausgeforscht werden, und der weise Mann wird dann als das tiefsinnigste Märchenbuch, als den poesievollsten Roman rein und frei genießen und bewundern, was man heute noch Geschichte nennt. Es wird eine Zeit kommen, wo man Tatsachen, auf die jetzt jeder Schulknabe schwört, nur noch als Sagen forterzählen und an die sieben Könige Roms sowenig mehr als an Kaiser Karls Kreuzfahrt glauben wird.« Hatte der Graf in solchen und ähnlichen Worten sein Lieblingslied von der Unwahrheit der historischen Wahrheit genügend abgesungen, dann empfahl er dem Abt mit der ernsthaftesten Miene von der Welt Bolingbrokes Briefe über das Studium der Geschichte und Voltaires historische Schriften. Sei Voltaire auch nicht der größte Historiker, so müsse man ihn doch den wahrhaftigsten nennen; denn er behandle die Geschichte rückhaltlos als das, was sie wirklich sei, nämlich als einen Roman. Dem Abt waren dies alles böhmische Dörfer; er lauschte dem Grafen mit demselben Vergnügen, mit welchem man von fernen, unbekannten Ländern Wunderdinge erzählen hört, und der Widerspruch gegen seine eigenen Liebhabereien verletzte ihn keineswegs. Noch viel weniger störten die Zweifel des Grafen seine alte Arbeit; er forschte nach wie vor in Urkunden und Chroniken und meinte nur, die neue Weisheit sei doch nebenbei gar lustig und unterhaltend, ohne zu ahnen, daß diese lustige Weisheit in kurzer Frist sein ganzes Kloster über den Haufen werfen werde. Und schließlich dachte er mit Bruder Placidus, der Graf sei der angenehmste Gesellschafter von der Welt, wenn er die einzige Unart ablegte, andere Leute niemals ausreden zu lassen; doch dafür sei er eben Graf. Dieser würde inzwischen des Zeitvertreibs mit den Mönchen doch wohl bald genug satt geworden sein, hätte ihn nicht dazu noch ein anderes anmutigeres Spiel gefesselt. Im grauen Jägerrock stieg er fleißig in die Berge, und so geschah es, daß er eines Tages auf einsamer Hochalp, hart an der Tiroler Grenze, in eine Sennhütte trat, deren Bewohnerin von ebenso seltener Art war wie er ein Graf von seltener Art; sie war nämlich jung und schön. In den Büchern sind dies freilich alle Sennerinnen; in den Bergen aber sind sie in der Regel häßliche Mannweiber. Die Hübschen läßt man klüglich unten, und die Garstigen schickt man hinauf in die gefährliche Einsamkeit. Das Miedei auf der Riedereckalp aber war wirklich einmal ein Juwel von einer anmutigen Sennerin. Sie war so zierlich, flink und frisch, daß die nächstschöne Dirne der Gegend, neben das Miedei als die zweifellos schönste gestellt, doch immer nur sich ausnahm wie ein Kalb neben einer Gemse. Stand sie im roten Sonntagskleid, auf ihren Bergstock gelehnt, an der steilsten Spitze der Felswand und schaute, im Morgenschein leuchtend, über das noch dämmerige Wellenmeer von Tälern und Bergen zu ihren Füßen, dann war es, als sei sie die Königin des Lichtes und der Schönheit, welche über allen Häuptern throne, um die Welt mit ihrem Stabe zum lichten, schönen Tag zu wecken. So sagte wenigstens der Graf, da er ihr das feinste Schmeichelwort sagen wollte; sie verstand es freilich nicht, aber sie lächelte doch behaglich, denn die Rede schien ihr zwar ein wenig verrückt, außerdem aber wunderschön gesetzt. Die guten Mönche spotteten insgeheim über den unverdrossenen Weidmann, der Tage und Nächte in den Bergen umherstieg und so selten eine dürftige Jagdbeute heimbrachte; sie ahnten nicht, daß er einem edleren Wilde als dem jagdgerechten nachging. Der Graf schwelgte im geistreichen Spiel der Gegensätze: unten die engen Zellen und die scholastischen Mönche, welche so lustig abstachen gegen die kaum erst verlassenen Pariser Salons mit der Blüte der feinsten und freiesten Damen und Herren, und oben die königliche Wildnis der Alpengipfel und inmitten derselben die empfindsamste Liebschaft, fünftausend Fuß über der Meeresfläche! Das war dem Grafen in der Tat etwas Neues; selbst der ausstudierteste Pariser Vergnügling hätte ihm zugestehen müssen, daß er hier einen neuen Genuß entdeckt habe. Er liebte das Miedei, soweit es ihm nur möglich war, nämlich mit den Sinnen und mit dem Verstand, er liebte sie, wie der Schöngeist sich in die keckste Antithese verliebt, welche sein Witz zu ersinnen vermochte. Das arme Miedei dagegen liebte den fremden Jäger, in welchem es keinen Grafen ahnte, bloß schlechtweg mit dem Herzen. Es nahm alle die schönen Märchen und Fabeln, welche er ihm über sich selber vordichtete, für buchstäblich wahr, indes dieser gar nicht daran dachte, daß andere Leute lügen genannt hätten, was er dichten nannte, und betrügen, was er einen Roman spielen hieß. Miedei deuchte ihm ein Gegenstück zum Huronen Voltaires, der »Ingénu« ins Weibliche übersetzt, und wie jener Dichter an dem Phantasiegebilde seines Naturkindes psychologisch experimentiert, so der Graf an der arglosen, einfältigen Seele dieses wirklichen Kindes der Natur. Sinnliche Leidenschaft beherrschte ihn, wann er in die Berge hinaufstieg; zog er aber vom Riedereck wieder hinab zum Kloster, dann ergötzte er sich in Gedankenspielen über die Situation und legte sich alle Fäden zu dem neuen Voltaireschen Romane zurecht, den er nach seinen jüngsten Erlebnissen im Geiste zusammenweben, aber ja nicht schreiben, sondern bloß erzählen wollte. Denn Schreiben war ihm zu langweilig; auch ärgerte ihn die impertinente Bestimmtheit des Wortes, welches ein für allemal schwarz auf weiß feststeht. Ein feiner Geist sucht aber nicht bloß Gegensätze, sondern er verknüpft auch wieder das Fremdartigste, als sei es notwendig zusammengewachsen. So fand der Graf in seinen Besuchen auf dem Riedereck die ganz natürliche Fortsetzung seines Redegefechts mit den Mönchen. Er meinte, beides ergänze sich wie Schule und Leben. Im Kloster beweise er den gelehrten Brüdern, daß alle sogenannte historische Wahrheit der großen Weltgeschichte ein eitles Trugbild sei, und in der Sennhütte einem kindlich einfältigen Mädchen, daß all unser vergangenes Leben doch eigentlich nur der Schatten eines Traumes, daß wir heute nicht mehr aufs Haar getreu wiedererzählen könnten, was uns gestern begegnet; denn mit jedem Tage würden wir andere, und der neue Sinn des heurigen Jahres verändere uns unvermerkt auch die erlebten Tatsachen des vergangenen. Darum ergreife der kluge Mann, was ihm der Augenblick biete, genieße es bis auf den Grund, ohne zu fragen, was gewesen und was kommen werde. Das Mädchen erbebte vor diesen Gedanken, die es halb verstand; wäre der fremde Jäger, da er sie aussprach, nicht zugleich gar so gut und freundlich gewesen, sie hätte sich vor ihm gefürchtet. Und doch lauschte sie auch wieder gerne seinen schaurig klugen Reden, wie man Gespenstergeschichten mit dem süßen Behagen des Schreckens lauscht und sich freut, daß es einem eiskalt über den Rücken läuft. Als der Graf dem Miedei wieder einmal das Gedächtnis an Eltern und Freunde und ihre fromme Jugendzeit im Vaterhause wegzureden suchte und ihr nachwies, wie doch jede Nacht schon Gras wachse über das, was wir selber am vorigen Tage gewesen, da blickte sie bewegt nach der gegenüberliegenden Hochmulde und sprach: »über dieser Alpe wächst kein Gras.« Der Graf lächelte und meinte, vom Weidegras habe er freilich nicht geredet. Miedei aber erwiderte: »Du denkst wohl, daß mein Wort auf deines passe wie die Faust aufs Auge. Und dennoch paßt's. Dort drüben liegt die verbrannte Alp, wie wir's heißen. An dem kleinen schwarzen See, der so hoch in den Bergen steckt wie kein anderer, stand vordem eine arme Sennhütte; jetzt wächst da kein Gras mehr, oder was im Frühjahr dürftig aufkommt, das verbrennt die Sonne rasch. Es ist aber auch kein Gras gewachsen über der Geschichte, die sich dort begab, ob es gleich schon hundert Jahre her sein mag. Des Weberbauern Wolfgang von Rohnbach besuchte fleißig die Sennerin. Gott weiß, was sie zusammen trieben und wie sich alles gewendet hat. Genug, der Wolfgang erschlug zuletzt die Sennerin, die doch sein Schatz gewesen, und zündete beim Gewitter die Hütte über der Leiche an, daß man glauben solle, der Blitz habe das Mädchen erschlagen und samt der Hütte verbrannt. Daran zweifelten zwar manche; denn sie sagten, jener Blitz hätte einen uralten Spruch Lügen gestraft: der Blitz schlägt in keine Sennhütte. Die meisten aber glaubten es, und zuletzt glaubte es der Wolfgang selber und erzählte den Leuten, sooft sie's hören wollten, daß der Blitz seinen Schatz erschlagen. Allein er glaubte sein Märlein doch nur bei Tag und in der Nacht; am Abend glaubte er's nicht. Er konnte nämlich das Ave-Maria nicht mehr läuten hören und schlich sich allemal aus dem Wirtshause, sobald die Stunde kam. Denn als er das Mädchen erschlagen und die Stille hier oben noch einmal so still geworden war, da trug der Wind plötzlich das Abendläuten ganz leise vom Tal herauf, über dem Wetterkreuz, sagt man, gibt's keine Sünde, weil wir hier oben so ganz allein sind und keiner sieht, was wir tun; aber das Ave-Maria-Läuten war heraufgekommen, wohl tausend Fuß über das oberste Wetterkreuz, und Wolfgang meinte, die Glocke sei sein einziger Zeuge gewesen, die Glocke werde ihn verraten. Und als die Glocke schwieg, da war das Gewitter hereingebrochen, und Wolfgang hatte die Hütte angezündet, daß ihn die Glocke nicht verriete. Aber als die Hütte eben lichterloh brannte, da ward es im Westen schon wieder hell, und die Sonne ging feurig unter hinter den schwarzen Wolken und warf ihr Feuer auf die Schneespitze des Gamskars, und der Schnee warf sein Feuer in den Spiegel des schwarzen Bergsees, und Wolfgang glaubte, das Feuer der Hütte brenne in den Himmel hinauf und in die Hölle hinunter, in dem Wasser, in der Luft, auf der Erde, daß alle die drei Elemente durcheinander im Feuer glühten wie am Jüngsten Tag. Wenn nun Wolfgang auch zu jeder Stunde sich einredete, daß der Blitz das Mädchen erschlagen, so glaubte er's doch nicht beim Abendläuten, und wenn er zu jeder Stunde schwur, der Blitz habe die Hütte angezündet, so glaubte er's doch nicht, wenn er das Alpenglühen in Luft und Wasser gespiegelt sah. Dann verschwand die gelogene Wahrheit, und die wahre Wahrheit kam über ihn, und zuletzt zeigte er sich selbst dem Richter an, weil er das Ave-Maria-Glöcklein nicht mehr hören und kein Alpenglühen mehr sehen konnte. Ach, es gibt Dinge, die so wahr und klar in unserem Herzen stehen, daß wir sie mit der Wurzel nicht herausreißen können, wenn wir auch tausendmal heute nicht wissen, was wir gestern getan, ja, die uns heute, wo sie geschehen, nicht ganz wahr und klar waren, aber in Jahr und Tag werden sie uns so wahr, daß wir vergehen möchten, so leibhaftig schrecken und quälen sie uns!« Dem Grafen war es ernsthaft zumute. Erst schwieg er weichgestimmt; dann fand er diesen Ernst unbequem, und er deuchte sich fast kindisch, daß ihn das Mädchen so weich habe stimmen können; – sie war ja im Grunde doch nur eine hübsche Kuhhirtin. Er nahm Abschied und versprach baldige Wiederkehr. Heute zum erstenmal sagte er nicht wann. Miedei wartete Tag für Tag. Der Jäger blieb aus. Auf Ägidi fuhr sie mit ihrer Herde zu Tal und forschte unten im Dorfe versteckt nach dem Jäger aus Franken – denn für einen solchen hatte sich der Graf auf der Sennhütte ausgegeben –: niemand wußte von ihm. Das Kloster lag in einem anderen Talgebiet, das hieß für jene Hochgebirgsbauern in einer anderen Welt. Das Mädchen harrte monatelang in Geduld, hatte sie doch längst auf den einsamen Bergen das Warten gelernt. Mit Schrecken erlebte sie die Wahrheit ihres eigenen Wortes, daß es Dinge gibt, die so wahr in unserem Herzen stehen, daß wir sie niemals wieder mit der Wurzel herausreißen können, ja die uns immer wahrer und klarer werden, je weiter sie hinter uns liegen. Der Jäger hatte ihr die Ehe versprochen; so wenigstens verstand sie damals seine dunkeln, schönen Worte in ihrem einfältigen Sinn und glaubte daran wie ans Evangelium. Es fiel ihr schwer aufs Herz, daß auch sie in des Jägers Nähe gedacht, über dem Wetterkreuz gebe es keine Sünde: hatte er vielleicht denselben Gedanken gehegt, um doppelt an ihr zu sündigen? Doch verbiß sie ihre Qual und entdeckte sich keinem Menschen. Als der Schnee im Tale schmolz, konnte Miedei wenigstens ihre Sünde vor den Leuten nicht mehr verbergen, ob sie ihnen auch den Mitschuldigen verschwieg. Der Bauer, bei dem sie von Kind an diente, nahm sie hart vor, aber sie verriet den Jäger nicht; sie wollte warten, bis er selber komme. Sie dachte, auch ihm müsse jetzt ihre Liebe immer wahrer werden, je mehr die Zeit verstrich, so steigend wahr und klar wie ihr selber Qual und Kummer. Als die Matten grün wurden und der Himmel blau, starrte Miedei oft stundenlang in den wolkenlos blauen Himmel und konnte nicht fassen, wie der Himmel so schön sein könne und die Erde so schön und doch so unendlich viel Jammer zwischen Himmel und Erde. In den ersten Maitagen schrieb der Bader den Totenschein für das schöne Miedei und bemerkte als Todesursache: »An den Folgen einer Niederkunft gestorben.« Ein Bader braucht von Amts wegen nicht zu wissen, daß man auch am gebrochenen Herzen sterben kann. Der Bauer, bei welchem Miedei so lange und bis zum letzten Jahre tadelfrei gedient, zog das Kind der elternlos und ungefreundet Verstorbenen um Gottes willen groß. Der Graf war in die Heimat zurückgekehrt, wo sich ihm eine glänzende Laufbahn öffnete. An den deutschen Fürstenhöfen war er ein gefeierter Gast, man warb um seine diplomatischen Dienste. Gelehrte und Schöngeister bewunderten die Kenntnisse, den philosophischen Geist und die Voltairische Sprachgewandtheit eines so hochgeborenen Mannes. Ich brauche Kennern der damaligen Flugschriftenliteratur nur die anonymen »Briefe über den Pariser Hof« von 1765 zu nennen, eine Schrift voll überraschender Enthüllungen, und sie werden zugestehen, daß jene Bewunderung mehr als bloße Schmeichelei war. Das Büchlein ist sehr selten; denn der Graf ließ es nur für Freunde drucken, weil es ihm zu bürgerlich schien, auf den Buchhändlermarkt zu treten. Er schrieb es namenlos; denn der Name auf dem Titelblatt deuchte ihm doch etwas gar zu impertinent Bestimmtes. Vielmehr findet sich statt des Namens ein fragendes Motto aus der Schrift, das Wort des Pilatus: »Was ist Wahrheit?« Joh. 18,38. Es ist dies freilich die einzige Bibelstelle im ganzen Buch. Daß der Graf, dem Schreiben, das bestimmte Wort schwarz auf weiß, so zuwider war, doch auch einmal ein Buch geschrieben, darf uns nicht wundern; denn indem er sich selber fort und fort untreu wurde, blieb er sich selber ja gerade am treuesten. Gewann der geschriebene Roman jener Briefe, der sich den täuschendsten Anstrich von Geschichte gab, schon reichen Beifall, so schienen doch die mündlichen Romane aus des Grafen Leben, in den erlesensten Kreisen am Kaminfeuer lässig und doch so geistreich hingeplaudert, noch viel anziehender. Zumeist aber entzückte da allezeit die Geschichte von der Miedei, dem Naturkinde im Hochgebirge welcher der Graf die französische Philosophie ins Altbayrische übersetzt hatte. Er wußte äußerst drollig zu schildern, wie er unten den Mönchen und oben der Sennerin dieselbe Weisheit, nur in verschiedenen Zungen gepredigt, und um die Antithese noch spitziger zu stellen, als sie gewesen, drehte er die Novelle so, daß der Abt in seiner Schule zuletzt verliebt geworden, das Hirtenmädchen aber eine grübelnde Denkerin. Durch diesen kühnen Zug vermied er peinliche Erinnerungen, er brauchte die Episode von der verbrannten Alp nicht einzuweben, er brauchte neugierige Fragen über den Ausgang seines eigenen Liebesabenteuers, fünftausend Fuß über der Meeresfläche, nicht zu beantworten, und wenn sich auch nicht gerade alles genau so zugetragen, wie er's erzählte, so hätte es sich doch genau so zutragen können. Die Mär vom verliebten Abt und der philosophischen Sennerin wurde ihm von Jahr zu Jahr wahrer, wenigstens redete er sich's also ein. Doch mußte sie ihm doch nicht ganz wahr geworden sein; denn er fürchtete sich lange Zeit, von dem wirklichen Miedei unversehens Kunde zu erhalten, weil ihm dies die allmählich sich festigende subjektive Wahrheit seiner Geschichte hätte lockern können. Zweites Kapitel Zwanzig Jahre waren vergangen. Der Graf stand auf dem Höhepunkte des Mannesalters, und doch begann ihm das Leben schon langweilig zu werden. Er hatte allen Genuß erschöpft und, wie er meinte, auch alle Arbeit. Weil er nämlich seine Kraft auf allen Gebieten ein bißchen versucht hatte, so bot ihm kein Wirken mehr den Reiz des fremdartig Unerhörten. Irgendein Werk durchzuführen, war nicht nach seinem Geschmack. Mit einer Dame gleichen Standes und verwandten Sinnes verheiratet, lebte er in einer äußerst glücklichen, inwendig langweiligen, kinderlosen Ehe. Wie er früher ruhelos nach Anregung gejagt, so jagte er jetzt nach Zerstreuung. Ein weichmütiges Zurücksehnen in die Lagen seiner jungen Jahre, ein Wiederaufsuchen allbekannter Orte und Menschen, die seinem Auge lange entrückt waren, ergötzte ihn noch am meisten. Der sentimentale Zug, auf welchem er sich dabei ertappte, war ihm neu, und der Zauber der Antithese, des Widerspieles von Sonst und Jetzt, bot auch hier wieder so manche seine Würze. Zudem ließen sich prächtige Studien machen über das biegsame Wachs der sogenannten historischen Wahrheit. Getrieben von diesem Geist, kam der Graf als gestandener Fünfundvierziger dann auch wieder einmal in das bayrische Hochgebirge. Das Kloster ließ er links liegen; denn er wollte unerkannt bleiben. Dagegen stieg er in die Berge zur Riedereckalpe, nicht um das Miedei wiederzusehen – denn wie sollte sie nach zwanzig Jahren noch da droben sitzen? –, sondern bloß um der Szenerie willen, in welcher er das Geschöpf seines phantasievollen Witzes so oft und glücklich hatte spielen lassen. Er wollte sich die Hütte nur von weitem betrachten und mit flüchtigem Bleistift abzeichnen, er wollte das Herdengeläute gerade hier einmal wieder hören, den frischen Odem der Bergluft gerade hier einmal wieder schmecken, daß die lustigen alten Abenteuer aufs neue recht leibhaftig vor seiner Seele stünden. Begegnete er ja wider Erwarten dem alten Miedei wieder am alten Ort, so durfte sie ihn doch kaum wiedererkennen. Und wenn auch! Hatte er ihr doch vor zwanzig Jahren so manches schöne Geschenk gemacht, dessen klingenden Wert das einfältige Kind damals gar nicht ahnte, und jetzt konnte er ihr zwanzigmal mehr schenken, und vierzigjährige Kinder wissen dergleichen wohl besser zu schätzen als zwanzigjährige. Beim Ansteigen nahm er sich besonders in acht; es war ihm, als könne er heute noch fallen. Aber so leicht und sicher wie nur je in alten Tagen kam er über die gefährlichen Stellen hinweg. Schon war er um eine Felsecke gebogen und sah die wohlbekannte Hütte am jenseitigen Hang der Bergkuppe. Da hörte er plötzlich über sich ein Pfeifen, dann ein Geprassel von rollenden kleinen Steinen, die ihm über den Pfad hüpften. Er blickte hinauf. Fünf Gemsen waren es; von seinem Fußtritt aus dem Knieföhrenbusch gescheucht, erklommen sie in den kecksten Sprüngen die schräge Wand. Wie das lustig aussah! Noch nie hatte der Graf diese Tiere so nahe, noch nie auf so halsbrechender Flucht geschaut. Er verfolgte sie mit leuchtendem Auge; schon hatten sie fast die Spitze erreicht, wohl fünfhundert Fuß über ihm! Da krachte unversehens ein größerer Stein hernieder, von dem Tritt der Tiere gelöst. Erst in kürzeren, dann in weiteren Bögen sprang er wie eine Bombe die Wand abwärts, und der Graf merkte erst die Gefahr, als ihm der Stein mit furchtbarer Kraft den linken Fuß geprellt hatte und sausend fort zum Abgrunde fuhr. Der Graf taumelte vor Schmerz; er mußte sich niedersetzen. Aber vergebens versuchte er wieder aufzustehen. Der Fuß schwoll an, daß der Verletzte eilends Schuh und Strumpf zerschnitt, damit der rasende Schmerz nicht noch schneidender brenne. Der beschauliche Erinnerungsgang war also etwas unsanft unterbrochen. Doch unser Graf war der Mann nicht, welcher gleich Kopf und Mut verlor. Er wollte noch eine Weile den ersten überwältigenden Schmerz austoben lassen, um dann zur Sennhütte hinüberzuhinken und zu kriechen, so gut es eben ging; denn schon sank die Sonne hinter den Bergen. So saß er wie an den Felsen geschmiedet und schaute nach der Hütte. Sie deuchte ihm jetzt ganz anders denn vorher, sie blickte ihn an genau wie vor zwanzig Jahren. Hart an der Hütte weidete das Vieh; das waren ja noch dieselben Kühe wie dazumal: voran die braune und die scheckige, alle anderen überragend! Dann besann sich aber der Graf wieder und bedachte, daß jene Kühe ja längst geschlachtet und gegessen seien und daß es mehr als eine scheckige Kuh gibt. Es wirbelte Rauch aus der Hütte: der konnte doch noch immer von Miedeis Herdfeuer kommen. Jetzt hörte der Graf ganz nahe das landesübliche Jauchzen: genau so glockenhell hatte Miedeis Stimme geklungen, genau denselben Tonfall hatte sie angeschlagen. Der Graf zitterte. Da trat eine weibliche Gestalt um die Ecke, leicht und keck wie eine Gemse. Im roten Sonntagskleid, den Bergstock in der Hand, schaute sie forschend über die dämmerigen Schluchten – bei Gott, das war Miedei selber! nur fast noch schöner, fast noch jugendfrischer wie vor zwanzig Jahren. Genau so hatte sie dagestanden und ausgesehen, als ihr der fremde Jäger die Schmeichelworte sagte, daß sie eine Königin des Lichtes und der Schönheit sei, welche über allen Häuptern throne, um die Welt mit ihrem Stabe zum lichten, schönen Tag zu wecken! Aber damals war es Morgen gewesen, und jetzt ging der Tag zu Ende, und auch des Grafen Tag neigte sich; nur Miedei stand noch morgendlicher heute im Abendglühen als damals im Frühschein. Der Graf schrak tief in sich zusammen. War es das Wundfieber des verletzten Fußes, welches ihm dies Traumbild vorgaukelte? Er griff an den Puls und starrte seitwärts in den Abgrund. Es war zum erstenmal in seinem Leben, daß er's nicht wagte, einem schönen Mädchen in die Augen zu blicken. Jetzt bemerkte ihn das Kind. »Hast du den heiligen Jakobus nicht gesehen?« rief sie ihm entgegen. Die Stimme schnitt dem Grafen durch Mark und Bein: das war Miedeis Stimme. Den heiligen Jakobus? Die rätselhafte Frage rief ihn wieder zur Besinnung. »Welchen heiligen Jakobus?« stammelte er. »Nun, den bayerischen heiligen Jakobus!« sprach das Mädchen fast verwundert. Der Graf fuhr an seine Stirn: war er verrückt, oder war es das Mädchen? Die Sennerin wartete eine Weile. »Man merkt, daß du fremd bist hierzuland«, sagte sie dann. »Dort an der Tiroler Grenze steht die Kapelle mit den Holzbildern der zwei heiligen Jakobus. Der Pfarrer nennt den einen den Major und den anderen den Minor, wir aber heißen den einen den bayerischen und den anderen den Tiroler heiligen Jakobus. Denn weil die Grenze gerade durch den Altar geht, so glaubt man, daß der Major auf der bayerischen Seite die Bayern besonders beschütze und der Major auf der Tiroler Seite die Tiroler. Nun war am letzten Sonntag eine herzhafte Rauferei zwischen den bayerischen Burschen und den Tirolern, und wir haben die Tiroler übel heimgeschickt. Da haben uns die Heimtücker am Montag zur Rache unseren heiligen Jakobus gestohlen und hier in die Berge versteckt, damit er uns nicht helfen könne, wenn er nicht auf seinem Altare steht. Die gottlosen Kerle haben das schon öfter getan, aber der Heilige ist von den Bayern immer wieder gefunden worden; du mußt auch mit suchen, denn das ganze Tal ist auf den Beinen und spürt jede Ecke aus.« Aber der Fremde erhob sich nicht, und das Mädchen bemerkte nun erst den nackten linken Fuß, rot und blau und geschwollen. In abgerissenen Worten erzählte der Graf seinen Unfall. »Laß du«, so schloß er, »deinen hölzernen Jakobus; – er kann dich doch nicht schützen, wenn dich kein Stärkerer schützt; – rufe Leute herbei, daß sie mich ins Tal tragen.« »Da könnt' ich lange rufen«, erwiderte die Sennerin. »Hier oben über dem Wetterkreuz muß jeder sich selbst helfen. Ich will dich zur verbrannten Alp führen, die liegt am nächsten und gehört jetzt auch zum Riedereck; dort haben wir einen leeren Stall, in welchem du heute nacht bleiben kannst.« »Miedei! Nicht zur verbrannten Alp«, rief der Graf abwehrend. »Fürchtest du dich vor dem Platz?« fragte sie staunend. »Nein! nein! Aber führe mich zum Riedereck, wenn es auch viel weiter wäre.« »Wie?« sprach das kluge Kind, »du weißt, daß ich Miedei heiße, und fürchtest dich vor der verbrannten Alp und bist doch ein Fremder, der nicht einmal den bayerischen heiligen Jakobus kennt? Wie reimt sich das?« »Ich habe eine Sage gehört von dem schwarzen See bei jener Alp und wie es gekommen, daß er allein so hoch oben auf den Bergen liege, und entsinne mich ihrer nicht mehr«, sagte der Graf, um das Mädchen auf eine andere Fährte zu leiten. »Kennst du die Sage nicht?« »Bist du katholisch oder lutherisch?« fragte das Mädchen zur Antwort. »Katholisch; versteht sich.« »Nun, dann weißt du auch, daß einmal die Sintflut gewesen ist, die über alle Berge ging, und davon ist der See übriggeblieben. Vor der verbrannten Alp aber brauchst du dich nicht zu fürchten; denn die Geschichte von des Weberbauern Wolfgang und dem Mord, dem Brand und dem Blitz glauben nur noch ein paar alte Weiber, und der neue Schulmeister hat uns erklärt, daß sie ein Märchen ist und die Alp vom verbrannten Gras den Namen hat.« »Ach, die Geschichte ist dennoch nur allzu wahr!« seufzte der Graf; denn es war ihm im Augenblicke schier, als sei er selber der Wolfgang und habe die Sennerin umgebracht, und um keinen Preis wäre er jetzt zur verbrannten Alp gegangen; er hätte gefürchtet, das leise Abendglöckchen dort hören zu müssen und das Alpenglühen im See gespiegelt zu sehen. So furchtbar hatte die Gestalt und Stimme des Miedei, wie sie vor zwanzig Jahren gewesen, seine Phantasie aufgewühlt. »Du bist ein wunderlicher Christ«, entgegnete das Mädchen. »Den alten Spuk glaubst du; an der Schutzkraft des bayerischen heiligen Jakobus aber schienst du zu zweifeln.« »Glaube du nur an deinen Heiligen!« sprach der Graf fast feierlich. »Was du selber aus ganzem Herzen für wahr hältst, das ist und bleibt die Wahrheit für dich; was ficht dich die Wahrheit aller übrigen Welt an?« Halb getragen von des Mädchens kräftigen Armen, schleppte sich der kranke Mann zur Riedereckalpe. Hätte er je an Geister geglaubt, er würde sich vor dem schönsten Kinde als vor einem Gespenste gefürchtet haben. Und doch schauerte ihm die Haut, wie er den warmen Pulsschlag des jungen Lebens fühlte; es war ihm, als sei der Tod lebendig geworden oder als sei diesem rätselhaften Wesen die Zeit nicht Zeit und Gott habe ihm zwanzig Jahre unverwelkter Jugend verliehen zu seiner Strafe. Endlich wagte er eine Frage, die ihm schon lange auf den Lippen schwebte; aber er brachte sie kaum heraus, denn er erwartete die Antwort wie einen Richterspruch: er fragte seine Führerin nach ihrem Namen. »Du hast ihn ja schon selber genannt! Miedei Stainer heiße ich und diene beim Hofbauern in Rohnbach, dem das Riedereck gehört und die verbrannte Alp.« Das war genau der Name seines Miedei, die beim Hofbauern diente. Kaum hörbar stammelte der Graf: »Und wie alt bist du?« »Zwanzig Jahre seit dem ersten Mai.« »Gottlob!« rief der Graf, und die Führerin sah ihn verwundert an. Hätte sie »vierzig Jahre« gesagt, er wäre zu Boden gesunken. Wie ein Blitz fuhr es ihm durch den Sinn, daß er sich auf den Arm seines eigenen Kindes stütze. Aber die Frage nach der Mutter wagte er nicht; sie schnürte ihm die Kehle zu. So kamen sie zur Hütte, und schon war es dunkel geworden. Im Kuhstall lag Heu aufgehäuft zum Nachtlager für den Buben, der die Butter und das Schmalz allwöchentlich zum Bauern hinuntertrug. Dorthin bettete Miedei den Grafen und schlug ihm ein nasses Tuch um den verwundeten Fuß. Durch die offene Tür konnte er in das enge Gemach der Sennerin sehen, wo rechts der Herd mit dem großen Käskessel, links das hochgetürmte Bett stand. Miedei waltete emsig am lodernden Feuer. Wie sie da auf- und niederschwebte im Wechsellichte der unsteten Flamme, wogte es auch in der Seele des Grafen gleich der vom Luftzug bewegten Glut, und die alte Zeit stieg vor ihm auf, als könne er sie mit Händen greifen. Die Hütte, der Herd, die Geräte, das Beil über dem Bett, die alte Sackuhr neben dem kleinen Heiligenbildchen, alles war, wie es gewesen; es schien, als reiche die lösende Macht der Jahre nicht herauf zu dieser einsamen Höhe. Und dann mußte sich der Graf wieder besinnen, ob denn das Mädchen am Feuer auch wirklich nicht sein altes Miedei, ob er selber nicht noch der junge Graf sei. Wie zerriß und zerflatterte ihm da gleich einem Spinngewebe der Roman, den er mit so sicherer Hand um diese Hütte gesponnen! Was er seit Jahren vergessen und aus seinem Gedächtnis hinweggedichtet, das lag wieder sonnenklar vor seinen Sinnen. Die kleinsten Züge lebten auf; furchtbar hell erkannte er die zermalmende tatsächliche Wahrheit, mit welcher Gott uns richtet in unserem Gewissen. Nur ein derb geschnitztes Muttergottesbild, welches den Türpfosten schmückte, war dem Grafen fremd. Miedei sah, wie er sein Auge darauf heftete. »Das hat mir der Toni von Tölz geschnitzt«, sagte sie. – »Und der Toni ist wohl dein Schatz?« – »Ei freilich. Aber heiraten können wir uns nicht.« – »Und warum nicht?« »Ich bin ein lediges (uneheliches) Kind«, erwiderte Miedei ganz unbefangen, »und arm dazu. Der Toni ist ebenso arm. Wie sollten wir uns heiraten! Meine Mutter habe ich nie gesehen, und wer mein Vater ist, das weiß kein Mensch; der Hofbauer hat mich um Gottes willen großgezogen.« »Das weiß kein Mensch!« murmelte der Graf für sich. Dennoch verstand Miedei die unbewußt entschlüpften Worte. »Ja«, sagte sie, »das weiß kein Mensch. Die Mutter hat es nie gesagt, ob man sie gleich peinigte bis aufs Blut, und als ich geboren war, starb sie. Ein Bauer aus dem Klosterdorf brachte zwar die Lüge auf, ein reicher fremder Mann sei mein Vater und meine Mutter habe sich über ihn zu Tod gegrämt, weil er sie sitzengelassen. Das ist aber nicht wahr, und die Klosterbauern haben die Geschichte mir nur zum Spott aufgebracht, denn sie sind uns feind und nennen mich die Prinzessin.« »Es kann doch wahr sein!« rief der Graf und verbarg sein Gesicht. Ihm war, als senkten sich die Balken der Hütte auf seine Brust und drückten ihm den Atem aus. »Du willst eben alles besser wissen als andere Leute«, rief Miedei fast zornig. »Die Geschichte vom heiligen Jakobus, die doch wahr ist, bezweifelst du, die Geschichte von der verbrannten Alp aber, die doch ein Märchen, hältst du für wahr, und das Spottgerede der Klosterbauern, das doch eine Lüge ist, wird dir am Ende zum Evangelium. Und doch bist du fremd in dieser Gegend. Woher weißt du Rechthaber denn, was bei uns zulande wahr ist?« Der Graf richtete sich auf, schaute in das Feuer, und es schwamm ihm vor den Augen, daß er das Mädchen nicht sah noch die Hütte, sondern ihm war, als stünden alle die hochgebildeten, geistvollen Herren und Frauen um ihn her, denen er so oft und fein das Nichtige der historischen Wahrheit dargetan, und auch der Abt mit seinen Mönchen lauschte im Hintergrund. Wie im Traume sprach der kranke Mann: »So lauteten ihre Worte vor zwanzig Jahren: Es gibt Dinge, die so wahr und klar in unserem Herzen stehen, daß wir sie mit der Wurzel nicht herausreißen können, wenn wir auch tausendmal heute nicht wissen, was wir gestern getan, ja die uns heute, wo sie geschehen, nicht ganz wahr und klar waren, aber in Jahr und Tag werden sie uns so wahr, daß wir vergehen möchten, so leibhaftig schrecken und quälen sie uns. Genau so lauteten ihre Worte. Ob ich dieselben gleich oft bei mir zu verdrehen gesucht, weiß ich sie doch noch Silbe für Silbe. Dem Gedächtnis waren sie entfallen, wenn sie nicht das Gewissen zu Protokoll genommen hätte. Es gibt eine tatsächliche Wahrheit, die können wir nicht verrücken, wenn uns auch jeder Tag das Alte neu erfassen, neu erzählen lehrt: das ist der sittliche Kern unseres Handelns, den das Gewissen zu Protokoll nimmt, die Taten, welche uns vor Gott entschuldigen oder verdammen. So gibt es auch eine unvertilgbare tatsächliche Wahrheit in der Weltgeschichte. Die großen sittlichen Kämpfe der Völker leben treu im Gedächtnis der Nachkommen, wenn auch tausend Einzelzüge, die den Mitlebenden wichtig deuchten, verdunkelt, verzerrt, vergessen werden. Es gibt eine historische Wahrheit, die dem Gedächtnis nicht entfällt, weil sie das Gewissen der Nationen zu Protokoll nimmt. Wer sie leugnen will, der leugnet Gottes Walten; denn unser Herrgott läßt uns viel lügen, im großen und kleinen, aber wie und wohin er die Herzen der Menschen und der Völker lenkt, das läßt er sich nicht hinweglügen.« Miedei dachte, der fremde Herr rede stark im Fieber, und staunte, wie seine verrückte Rede so gescheit sei, wenn man sie nur verstehen könne. Sie war recht froh, daß er allmählich vom wachen Traum zum wirklichen Traumreden eines fieberhaft unruhigen Schlafes überging. Zwei Tage noch verbrachte der Graf in der Hütte. Sein Leiden ward so schlimm, daß man ihn früher nicht ins Tal hinuntertragen konnte. Doch kehrte er bald, leidlich geheilt, nach Hause zurück. Oft hing sein Auge in jenen zwei Tagen liebevoll an dem Mädchen, die sein Kind war, und niemand wußte es als Gott und er allein. Er forschte vorsichtig nach tausend Dingen, die ihm das Herz zerschnitten. Aber er blieb der fremde Mann und wollte es bleiben. Das kostete ihm heißen Kampf. Sollte er das Kind aus ihrem vollen, wahren und naturgemäßen Dasein in eine glänzende Stellung führen, die doch für sie wie für ihn nur aus Lüge und Halbheit konnte aufgebaut werden? Er lohnte ihr als ein Fremder den Liebesdienst, aber er lohnte reich und gab ihr die Mittel, den Holzschnitzer zu heiraten und ein behäbiges Bauernhaus zu gründen. Die Ortsnachbarn wunderten sich, daß der fremde Herr die leichte Hilfe und kurze Pflege so fürstlich vergütet habe. Sie ahnten nicht, daß er am Kinde sühnen wolle, was er an der Mutter verbrochen. Er kam nicht mehr in die Gegend, und Miedei sah ihn niemals wieder. Aber unbemerkt wachte er doch von fernher über dem friedlichen Lebensgang des jungen Paares und wußte durch dritte Hand helfend und fördernd einzugreifen. Miedei segnete oft den fremden Mann, dem ihre Mutter nicht geflucht hatte. Die niederrheinischen Freunde waren überrascht, den Grafen hinkend heimkehren zu sehen. Sie glaubten anfangs, es sei jenes vornehm anziehende Hinken, welches zeitweilig Mode war bei Männern, die wenigstens noch durch ein kleines Gebrechen auffallen wollten, wenn sie es durch ihre Schönheit nicht mehr konnten. Allein man merkte bald, daß es diesmal Ernst sei mit dem Hinken und daß den Grafen überhaupt der Ernst rätselhaft tief gepackt habe. Er erkannte mit einem Male sein verfehltes Leben – jetzt, da es zu spät war. In der Zeit der frischen Tatkraft hatte ihm die Wahrheit gefehlt, und nun er endlich die Macht der Wahrheit ahnte, fühlte er seine Tatkraft vorzeitig bereits gebrochen. Unheilbarer Trübsinn befiel ihn. Wenn man ihn fragte, worüber er so lange schweigend sinne, so antwortete er: über die historische Wahrheit und über die Lüge der Geschichte. In den Bergen sei ihm ein Hirtenmädchen begegnet, die den bayerischen heiligen Jakobus gesucht, da habe er an ihrem Arme statt des Heiligen die erste Spur der historischen Wahrheit gefunden. Die Freunde schüttelten den Kopf und zogen sich zurück von dem traurigen Träumer. Sie meinten, seine Orakelsprüche würden neuerdings so übergeistreich, daß sie kein Mensch mehr verstehen könne. Hätten nicht fern in den Bergen zwei Herzen dankbar für ihn geschlagen, der Graf wäre ungefreundet gestorben und unbeklagt. Demophoon von Vogel. 1863 Erstes Kapitel Wer die rechte Stimmung nicht findet, der kann keine gute Oper schreiben, und wer keine gute Oper schreiben kann, der schreibt am besten gar keine. So dachte Friedrich Vogel, ein tüchtiger Tonsetzer der Gluckschen Schule. Aber er wollte und mußte jetzt eine Oper schreiben; darum rang er vor allem nach Stimmung. Das Glück war ihm wie im Traume in den Schoß gefallen; denn wenn ein junger deutscher Musiker vor achtzig Jahren eine Oper für die Pariser Bühne setzen durfte, so war dies doch wohl ein traumhaftes Glück. Friedrich Vogel hatte sich in Paris eine glänzende Stellung als Musiklehrer geschaffen, wobei ihm allerdings die Fürsprache seines Vetters, des berühmten Johann Christoph Vogel, und des noch viel berühmteren Vorbildes beider, des Ritters Gluck, bedeutend unter die Arme griff. Kleinere dramatische Sätze Friedrichs wetteiferten in der Gunst der Kenner mit den Werken Johann Christophs, ja man verwechselte oft die neuesten Schöpfungen der zwei Vogel, so nahe verwandt auch in Form und Geist ihrer Musik waren die Vettern. Aber Friedrich war ein unruhiger Geselle; als er sich eben recht festgesetzt hatte in Paris, trieb es ihn wieder fort. Er ging nach Wien. Dort erhielt er brieflich den Antrag eines Pariser Theaterdirektors zur Komposition der Oper »Demophoon«. Anfangs glaubte er, der Mann habe wieder die Vettern verwechselt und meine eigentlich den gefeierten Johann Christoph Vogel; doch dem war nicht also: er meinte wirklich den Friedrich. Der Antrag war zwar in der Tat ursprünglich dem Johann Christoph zugedacht gewesen; da dieser aber bereits an seiner »Medea« arbeitete, die nachgehends so glänzenden Erfolg und ihrem Schöpfer einen kunstgeschichtlichen Namen gewinnen sollte, so hatte er abgelehnt und den Vetter warm empfohlen. Friedrich nahm nun die Arbeit dankbar an, denn die Bedingungen konnten nicht günstiger sein. Für die Vollendung war Jahresfrist bestimmt gefordert. Mit wütendem Eifer stürzte er sich sogleich kopfüber in den vollen Strom des Schaffens und entwarf zuerst, getreu dem Vorbilde Glucks, das ganze Werk groß und frei im Geiste, bevor er irgend ans Niederschreiben ging. Er schwelgte in dieser Seligkeit des ersten Wurfes und hatte Stimmung genug und übergenug. Kaum drei Wochen waren vergangen, und schon wallten alle die Gestalten und Szenen des Dramas, musikalisch fest durchgebildet, vor dem inneren Auge und Ohre vorüber. Jetzt mußte er nur noch alles niederschreiben. Aber dieses »Nur« ist ein furchtbar tückisches Wort! Mit Schrecken entdeckte Vogel, daß es zweierlei Stimmung gibt: Stimmung zum Erfinden und Stimmung zum Schreiben, und daß Leute, die in der Phantasie am leichtesten arbeiten, auf dem Papiere entsetzlich mühevoll einherkeuchen und daß umgekehrt Männer, bei welchen die schaffende Kraft des Geistes im Schneckengange schleicht, oft wahre Schnelläufer auf dem Papiere sind. Der Rausch des Erfindens verflog; die Noten trockneten ihm in der Feder ein. Wochen vergingen, die Partitur wollte schlechterdings nicht wachsen, und doch hatte er die ganze Oper fertig im Kopfe! Er mußte sich wohl in einen neuen Rausch stürzen, um den alten wiederzugewinnen. Also suchte er seine Freunde auf, Geselligkeit, heitere Anregung beim Glase Wein und bei weindurchleuchteter Rede. Aus Arbeitslust hatte er in der letzten Zeit die Freunde geflohen; jetzt rettete er sich zu ihnen, um in ihrem Kreise Arbeitslust zu finden. Er redete mit Kunstgenossen über das Werk, er phantasierte ihnen einzelne Motive, ganze Arien, ganze Szenen am Klaviere vor und sang dazu mit herzbrechender Komponistenstimme. Man fand die Proben überaus köstlich, bewunderte und ermunterte, und wenn Vogel so am Klaviere saß, die Freunde zur Rechten und das Weinglas zur Linken, dann war alles wieder fertig, er wußte genau, was und wie er schreiben müsse, er konnte gar nicht erwarten, bis er wieder allein war bei Feder, Tinte und Papier. War er aber dann wirklich allein, so konnte er erst recht keine Note schreiben; er hatte sich ja ausgesprochen, ausgespielt, ausgesungen, wozu noch Weiteres? Er war so satt, daß ihn seine eigene Musik anwiderte. Die Partitur machte keine Fortschritte; nur seine Virtuosität im Trinken schritt bedeutend fort, und Vogel war von Hause aus doch gar kein Trinker. Er tat dem Dinge Einhalt, denn er erkannte klar, daß auf diesem Wege die verhexte Stimmung nicht zu haschen sei. Also zog er sich wieder in die einsame Zelle zurück. Arglos kam ein und der andere Freund zum Besuche, natürlich immer in dem Augenblick, wo sich eben etwas Stimmung zum Schreiben ansetzen wollte. Vogel runzelte die Stirn, rollte die Augen, war barsch, kalt, ungeduldig, so daß der Besuchende froh war, wenn er die Türe nur glücklich wieder im Rücken hatte. Wenige kamen zum zweiten Male wieder. Der unselige Stimmungsjäger aber klagte fort und fort, daß er überlaufen werde, und zuletzt blieben alle weg. Jetzt konnte er ungestört grübeln über das Geheimnis der Stimmung. Allein es geht hier wie mit dem Schlafe: wer nachdenkt, wie man einschläft, der schläft gewiß nicht ein. Und schon nach wenigen Tagen klagte Vogel, daß er in Selbstquälerei verkomme, daß ihm alle Anregung fehle, daß seine Freunde ihn allein ließen. »Wenn ich leben muß wie ein Eremit«, sprach er, »gemieden von den treulosen Gesellen, wie soll ich da die Stimmung zu der Oper finden?« Doch zum Glücke war die Frist noch lang, ein Jahr hat viele Wochen; er konnte noch eine gute Weile die Stimmung abwarten. »Aber gerade das ferne Ziel lähmt meinen Eifer«, dachte er. »Ist nicht jeder Künstler wie ein Schulknabe, der am besten arbeitet, wenn's ihm auf dem Nagel brennt?« Da kam ein Brief seines Vetters aus Paris; der fragte an, wie weit denn die Oper vorgeschritten sei. Vogel erschrak; er sah in den Kalender: es war doch schon eine schöne Zeit verlaufen. »Man mahnt mich«, rief er aus, »man will mich drängen, und obendrein tut dies der Vetter, der doch selbst ein Künstler ist und unglaublich langsam komponiert. Er sollte doch wissen, daß man – gemahnt, gehetzt – aus aller guten Laune kommt, daß man angesichts der Uhr und des Kalenders nur tagelöhnern, nicht aber dichten und schaffen kann!« Hätte Vogel doch nur ums Geld schreiben müssen: er würde vielleicht trotz dem Fluge der Gedanken auch auf einen festen Stuhl zum Schreiben gekommen sein. Allein sein Vater war ein reicher Nürnberger gewesen, und der genügsame Künstler bedurfte des Ehrensoldes für die Oper kaum. Er jammerte, daß er kein armer Teufel sei; er hätte dann wohl Ruhe genug gefunden, die Feder geduldig über die fünf Notenlinien laufen zu lassen. Doch vielleicht lag der Quell des Übels ganz woanders. Vogel war verlobt mit einer italienischen Sängerin und sah im Laufe des Jahres der Hochzeit entgegen. Wie mag auch ein Bräutigam eine vielstimmige dicke Partitur mit Notenköpfen ausmalen! Harrend, sehnend, hoffend, bald im hellen Jubel, bald in weicher Schwärmerei, konnte er da wohl seine Gedanken kühn durch die Saiten brausen lassen? Aber das Schreiben ward dem unglückseligen Glücklichen in dem Maße unmöglicher, je näher der Hochzeitstag rückte. Er kannte zwar einen Kunstgenossen, der sogar am Hochzeitmorgen einen vierstimmigen Krebskanon auf den Text »Amen« erfunden und in den zierlichsten Noten niedergeschrieben hatte, allein solch ein Fugenreiter war Friedrich Vogel nicht: ihm mußten die Töne aus dem Herzen quellen, oder er blieb überhaupt stumm. »Ich muß diese Sturmtage vor dem Lenze vorüberziehen lassen«, dachte er; »erst heiraten und dann komponieren, das ist die rechte Reihenfolge.« Und gewiß, wann mögen wir eine gesegnetere Zeit zum künstlerischen Schaffen finden als im Beginn der Ehe, wo wir schwärmen und dennoch befriedigt sind, angeregt und beruhigt zugleich, wo ein neues Leben uns erblüht, welches aber auch Maß und Ziel und Abschluß sicher in sich birgt: da läßt sich phantasieren und niederschreiben, erfinden und ausführen, eines so gut wie das andere. So dachte der Künstler vor der Hochzeit. Allein nach der Hochzeit dachte er seltsamerweise wieder ganz anders. Das Notenpapier blieb in der Ecke liegen, er ging ihm aus dem Wege, denn die rastrierten Blätter schauten ihn an wie das böse Gewissen. »Soll ich die schönsten Tage des Lebens nicht voll und rein genießen?« fragte er sich; »es hat noch Zeit mit dem Schreiben, alles der Reihe nach: erst die Flitterwochen und dann die Oper.« Die junge Frau sang wunderschön und berauschte alle Hörer und ihren Mann natürlich noch weit mehr als die übrigen. Wie herrlich mußten erst die Arien der neuen Oper Demophoon von ihren Lippen tönen; aber freilich, sie mußten geschrieben sein, bevor sie gesungen werden konnten. Mit wahrem Heldenmute zwang sich der Gatte zur Niederschrift, und er würde auch sicher eine ganze Arie binnen vierundzwanzig Stunden niedergeschrieben haben, wenn seine Frau nur nicht gar so schön gesungen hätte. Die Melodie kam noch aufs Papier, dann aber riß ihn die Ungeduld vom Pulte weg; er wollte auf der Stelle hören, wie das alles klinge, die Sängerin hatte ja jetzt Noten, und die Begleitung konnte er aus dem Kopfe spielen. Allein Eugenia sang nicht halb so schön, als er erwartet hatte. Natürlich. Ihr war das Tonstück fremd, sie hätte sich erst mit Fleiß und Nachdenken hineinarbeiten müssen; in Friedrichs Geiste dagegen stand jede Wirkung voll, fest und fertig: der unreife Vortrag klang ihm wie ein Todesurteil über seine Musik. Er verwünschte die ganze Oper und zog andere Tonwerke hervor, die seiner Frau geläufig waren, und so hörte er sich dann auch wieder zurück in das frühere Entzücken über ihre göttliche Kunst. Der Glucksche Stil Vogels war einer Italienerin ohnedies nicht sonderlich mundgerecht. Im zweiten Jahr der Ehe hätte er die Frau vermutlich zur deutschen Weise zu bekehren versucht, allein im ersten ließ er sie ganz italienisch gewähren. Ja, er studierte mit ihr Piccini, den er haßte; er studierte ihn mit Freuden, weil er nur Eugenia und nicht den Piccini hörte, weil er sich an ihr beseligen, mit ihr arbeiten, mit ihr triumphieren wollte; er vertiefte sich in die Gesangkunst, als ob er selber eine Sängerin wäre: das führte ihn zu tausend schönen Dingen, nur nicht zur Partitur des Demophoon. Mehrere Wochen schwelgte er gedankenlos fort im bezaubernden Gesange, dann erwachte die Reue. Wenn sich solch eine verdammte Oper nur von selbst niederschriebe! Der Komponist wurde im jähen Gegenschlage fast tiefsinnig vor nagender Unzufriedenheit; er ärgerte sich und seine Frau und ward allen Menschen zur Last. Es gibt Künstler, die ihr ganzes Leben nach Stimmung jagen; sie sind die fürchterlichsten Gatten, Freunde und Mitmenschen. Vogel hatte in Paris einen solchen Stimmungsjäger gekannt, der so gefürchtet war, daß man sagte, ein Heuwagen fahre ihm aus dem Weg, wenn er, Stimmung suchend, über die Straße gehe. Es schauderte den armen Vogel, als er jetzt sein eigenes Spiegelbild in der Karikatur jenes trostlosen Gesellen erkannte. Aber was nützt alle Selbsterkenntnis, wenn ihr nicht die Tat der Umkehr und Besserung auf dem Fuße folgt. Also zur Tat! Der junge Gatte entzog sich seufzend dem Sirenengesange seiner Frau, er vertiefte sich wieder ganz in die Oper. Er stellte sich die Aufführung recht greifbar vor, malte sich den Erfolg und schrieb sich im Geiste die schönsten Zeitungskritiken. Allein indem er so das Ende vor den Anfang setzte, fand er immer weniger die Stimmung, nun einmal wirklich anzufangen. Woche um Woche verstrich, und ehe er sich's versah, war der Termin des Jahres abgelaufen. Der Theaterdirektor schrieb Mahnbriefe und forderte endlich das Textbuch zurück mit dem Bemerken, Johann Christoph Vogel habe inzwischen seine Medea vollendet und sei bereit, jetzt auch den Demophoon zu übernehmen und für den Vetter einzustehen, wenn derselbe denn schlechterdings seinen Vertrag nicht halten wolle. Friedrich Vogel war tief entrüstet über ein solches Vorgehen und antwortete dem Theaterdirektor gar nicht, sondern schrieb nur einen spöttisch artigen Brief an Johann Christoph, worin er ihm Glück wünschte zu dem neuen Auftrage des Demophoon. Dieser war mit Recht gekränkt, daß er für so viele Güte noch Spott und Hohn ernten müsse, und brach allen Briefwechsel mit dem launischen, undankbaren Vetter ab. In einem Gemisch von Wut und Jubel warf Friedrich die dürftigen Anfänge der Partitur in den Ofen; das Textbuch aber faßte er mit der Feuerzange und schob es in den hintersten Winkel seines Notenschrankes, denn als einen Gegenstand äußersten Abscheus, wollte er es nicht mit den Fingern berühren. Da hinten mochten die teuflischen Verse einstweilen liegenbleiben, bis er einmal Stimmung fand, sie einzupacken und nach Paris zurückzuschicken; die Pariser konnten warten, und sie besaßen doch wohl ohnedies eine Abschrift. Damit ihm das Buch aber ja nicht zur Unzeit vor die Augen komme, warf er einen Haufen alter Papiere darüber und wünschte die Pariser und alle Opern und alles Stimmungssuchen und Notenschreiben zum Teufel. Zweites Kapitel Vier Jahre waren vergangen. Friedrich Vogel lebte noch immer in Wien; er gab Unterricht und schien das Komponieren ganz verlernt zu haben. In seinem Hause sah es bürgerlich behäbig aus, aber besonders künstlerisch gerade nicht. An einem Sommernachmittage saß er einmal in Hemdärmeln auf der Stube, denn es war sehr heiß. Ein Bübchen von drei Jahren stand ihm zur Rechten und lehnte sich an des Vaters Knie, ein anderthalbjähriges Mädchen kroch spielend auf der linken Seite umher, und vor dieser Gruppe lag ein ganz kleines Wickelkind in einem Korbe und schrie erbärmlich. Der Musiker ließ sich aber durch die unmelodischen Töne nicht verstimmen, sondern sagte mit vergnügtem Gesichte bald dem Knaben ein Sprüchlein vor, welches derselbe in drolligem Kauderwelsch nachstammelte, bald schob er dem Mädchen die zerstreuten Spielsachen wieder herbei oder versuchte den Schreihals im Korbe zu besänftigen. Da klopfte es. Ein Fremder trat herein und fragte auf französisch nach Herrn Friedrich Vogel. Als der Mann in den Hemdärmeln sich erhob und sagte, der sei er selber, glaubte der Franzose, irregegangen und zu einem unrechten Vogel geraten zu sein, allein es klärte sich bald auf, daß eben der Musiker Vogel vor ihm stand, welchen er gesucht hatte. Kaum aber überzeugte sich der Franzose, daß er seinen Mann gefunden, so ging er aus dem höflichen Ton seiner ersten Frage plötzlich in eine viel gröbere Tonart über: er war der Theaterdirektor, welcher vor fünf Jahren dem Künstler brieflich die Bestellung des Demophoon gegeben. Vogel hörte das mit großem Gleichmut, allein der Franzose nahm die Sache gar nicht auf die leichte Achsel. Er warf dem Musiker in harten Worten den Vertragsbruch vor, klagte bitter über die unbeantworteten Briefe und daß ihm nicht einmal das Textbuch, sein Eigentum, trotz vielfachen Mahnens zurückgesandt worden sei. Vogel ersuchte ihn höchst artig, Platz zu nehmen, holte das Buch, welches aber seltsamerweise nicht mehr im Notenschrank vergraben, sondern offen auf dem Klaviere lag, und übergab es dem harten Mahner mit der Bitte, er möge doch nicht gar so böse sein, einem Künstler müsse man kleine Zerstreuungen nachsehen. Der Direktor aber schalt so gewaltig über solche kleine Zerstreuungen, die man genauer ein schweres Unrecht nenne und die ihm Schaden und Verdruß genug gebracht hätten, daß die zwei Kinder aus Schreck über den bösen Mann sich hinter des Vaters Stuhl verkrochen und selbst das Kleinste in den Windeln ein furchtbares Angstgeheul anstimmte. »Erschrecken Sie mir doch meine Kinder nicht!« rief der Musiker. »Die Franzosen sind die artigste Nation: wie kann ein Franzose so grob sein!« Der Fremde staunte und rief: »Ich bin auch von Natur gar nicht so grob. Aber man hat mir immer gesagt, Sie seien der gröbste Musiker in ganz Deutschland: wie können Sie denn so artig sein?« »Ich bin nur grob, wenn ich Stimmung suche«, erwiderte Vogel und reichte dem Franzosen die Hand, »aber seit geraumer Zeit habe ich sie bereits gefunden.« »Reden Sie mir nicht von Ihrer Stimmung«, zürnte der Franzose. »Ihre vermaledeite Stimmung hat mir schon, ich weiß nicht wieviel tausend Livres gekostet! Wozu brauchen Sie denn noch Stimmung? Zum Komponieren? Am Ende gar zum Demophoon?« »Nein! die brauche ich jetzt nicht mehr oder nur noch ein ganz klein bißchen, denn der Demophoon wird bald bis zur letzten Note fertig sein.« »Bald? und fertig? – Was soll das heißen?« »Nun, ich meine so etwa in acht Tagen.« »Ah, das kenne ich; er ist schon oft in acht Tagen fertig gewesen.« »Diesmal ist er ganz gewiß zum letztenmal in acht Tagen fertig.« »Geschrieben fertig?« »Ja! Aber ich werde Ihnen die Oper nicht geben und auch keinem anderen Menschen. Mein Vetter hat sie ja für Ihre Bühne komponiert; er ist der bessere Meister. Ich habe den Text für mein Vergnügen gesetzt und Note für Note niedergeschrieben: dort liegt die Partitur.« »Ihr Vetter hat die Oper nicht komponiert!« rief der Franzose dazwischen. »Er hat mich mit unbestimmtem Versprechen geradeso arg hingehalten wie Sie mit dem bestimmtesten Vertrag. Ihre ganze Familie scheint beständig nach Stimmung zu suchen, welche sie nie zur rechten Zeit finden kann.« Bei diesen Worten verlor nun Vogel seinerseits all seinen Vorrat von Höflichkeit und brach in so hellen Zorn aus, daß sich die Kinder jetzt aus Angst vor ihrem Vater hinter den Franzosen flüchteten. »Sie sind ein abscheulicher Mensch«, rief er, »ein wahrer Stimmungsmörder! Warum sagen Sie mir eben jetzt, daß mein Vetter die Oper nicht geschrieben? Warum sagen Sie mir es nicht erst nach acht Tagen? Nun weiß ich wieder nicht mehr, ob ich fertig werde. Das halbe Finale fehlt noch und die Ouvertüre; ich war seit Monaten in der sichersten Stimmung zum Schreiben, jetzt ist wieder alles vorbei. Johann Christoph hat keinen Demophoon komponiert? Sie begehren also eine Partitur für die Aufführung? Aber sie wird unvollendet bleiben, ohne Anfang und ohne Ende.« Da riß auch dem Franzosen der letzte Geduldfaden. »Sie sind ein Narr!« schrie er, »und all das Gerede von der fertigen Oper ist nur eine Schwindelei, die Sie mir schon öfters vorgegaukelt.« Vogel wurde bei diesen Worten ganz kalt und gelassen und sagte lächelnd: »Sie haben mich für den gröbsten Musiker gehalten; machen Sie doch nicht, daß ich Sie nun für den gröbsten Theaterdirektor halten muß! Aber hören Sie mich an, ich bin wirklich kein Narr. Solang ich dachte, mein Demophoon solle aufgeführt werden, war mir kein Effekt stark und sicher genug; rastlos prüfte ich und verwarf wieder und geriet in solche Todesangst über das Gelingen, daß ich keine Note mit gutem Gewissen niederschreiben konnte. Der Teufel mag komponieren, wenn er beständig von tausend klatschenden und pfeifenden Menschengestalten verfolgt wird! Aber als Sie Ihren Auftrag zurückgezogen und meinem Vetter übergeben hatten, da kam mir ein seltsames Gelüsten, die längst erfundenen Melodien nun doch niederzuschreiben, aber ganz heimlich, bloß für mich, und ich kümmerte mich keine Minute darum, ob sie sonst noch einer Seele gefallen würden als mir selber. Nun ging es prächtig. Obgleich ich ein sehr strenges Publikum war, so wußte ich doch immer, warum ich als Publikum mir, als Komponisten, Beifall spendete oder nicht, und das weiß das andere Publikum gar selten. Aus dieser seligen Selbstvertiefung reißen Sie mich heraus, indem Sie Ihre gierige Hand nach meiner Partitur ausstrecken. Der Vetter hat keinen Demophoon gemacht. Sie wollen mir mein Werk abzwingen. Sie wollen es aufführen, aber es wird in acht Tagen nicht fertig werden, vielleicht niemals; denn solange Sie mir auf dem Nacken sitzen, ist alle Stimmung verloren!« Vogel hielt eine Weile inne, ging im Zimmer auf und ab und besann sich. Er blickte auf seine Kinder, die sich wieder zu ihm herüberwagten. Dann fuhr er fort: »Eigentlich habe ich aber doch nicht bloß darum Ihren Auftrag ausgeführt, weil Sie mir denselben abgenommen und einem Besseren übergeben hatten. Ich habe Frau und Kinder, die zwangen mich noch viel mehr zur Stimmung.« Der Direktor atmete auf; er fragte den Künstler, ob er durch sein Hauswesen etwa in Not geraten sei. »O nein!« erwiderte dieser, »es ging uns immer gut. Aber meine Frau ist Sängerin – –« »Ich habe Signorina Eugenia gehört und bewundert«, unterbrach ihn der Franzose. »Von der Macht ihrer Stimme wurden Sie ins Komponieren hineingesungen!« »– ist Sängerin gewesen«, fuhr Vogel gelassen fort. »Solange sie singen konnte, sang sie mir alle Stimmung zum Schreiben hinweg. Allein sie hat im ersten Kindbett die Stimme verloren und singt jetzt nur noch mezza voce , Wiegenlieder nämlich für unsere kleine Peppi, und auch das nur gleichsam auf Gastrollen, wenn ich mit dem Kinde gar nicht fertig werden kann. Nun gedenke ich aber gar oft zurück, wie wunderschön einst Eugenie gesungen hat, und bilde mir ein, wie herrlich sie meine Arien singen könnte, obgleich sie mir dieselben immer verdarb, und im Traumbild aller der Möglichkeiten, die noch aus ihrer Stimme für den deutschen Stil wären zu entwickeln gewesen, schreibe und schreibe ich und lese in den Noten ihre Stimme und meinen Vortrag. Ach, so harmonisch sangen und schrieben wir nie zusammen vor dem ersten Kindbett! Eine Sängerin mit ausgeprägter Schule und wirklicher Stimme kann fürchterlich werden für einen Komponisten, der bloß Partituren denkt; aber eine Sängerin mit bloß gedachter Stimme zaubert uns wunderbar in alle Tiefen einer wirklichen, geschriebenen Partitur hinein. Doch das hätte alles nicht durchaus geholfen, und die Oper wäre noch nicht halb fertig, wenn nicht die drei kleinen Kinder da herumwimmelten. Ihnen danke ich die nachhaltigste Schreibestimmung. Die Bälge lärmen und toben den ganzen Tag auf meinem Zimmer; denn meiner lieben Frau steckt das Theaterleben noch im Kopf, sie ist seelengut, aber sie ist keine Hausfrau, sie kann namentlich kein Kindergeschrei hören. Da muß ich nun fast allein haushalten und die armen Würmer erziehen, und in den Pausen schreibt sich der dramatische Satz ganz vortrefflich. Seht, wenn die Kinder ausnahmsweise einmal stille sind, dann phantasiere ich, und wenn sie, wie in der Regel, heulen und schreien, dann schreibe ich nieder: – Kindergeschrei wirkt wie Eis zur Abkühlung einer überglühenden Phantasie. Und lediglich weil es fortwährend in mir sang und klang, konnte ich früher nie recht zum Schreiben kommen; jetzt singen die Kinder, da wird es stille in mir, und ich schreibe. Dann aber erst die Nächte! O die Nächte im Ehestande sind wie gemacht zum Opernschreiben. Besonders still sind sie gerade nicht, allein da würde ich ja auch schlafen und träumen. Nun kommen aber die Kinder, eines nach dem anderen – ich kann sie der Mutter nicht überlassen, die ist zu nervös. – Georg hat im Schlaf die Decke weggestoßen, er will wieder zugedeckt sein, Anna wimmert, sie will – nun, Sie kennen das wohl auch. Aber die kleine Peppi fordert den strengsten Dienst; ich muß sie stundenlang umhertragen, auf den Armen wiegen – ach, es dauert oft entsetzlich lange. Da dachte ich, als ich zum erstenmal so mein eigen Kind in stiller Nacht auf und nieder trug: das kleine Geschöpf zeigt ein neues Geschlecht an, welches aufzusteigen beginnt, und du selber trittst mit all deiner Jugend bereits in die zweite Reihe. Du bist jetzt ein ganzer Mann, denn du hast Weib und Kind, aber du hast noch nichts für die Welt getan, wie's einem ganzen Manne ziemt; du hast früher ein Kind als eine Oper auf die Beine gebracht. Am Ende wirst du Großvater, und der Demophoon ist immer noch nicht fertig. Ein goldener Gedanke, Arbeitsstimmung zu erwecken! Mit wahrer Wut setze ich mich des anderen Morgens an den Schreibtisch. Wenn aber die Kinder so aus dem Kleinsten herauszuwachsen beginnen, dann schreien sie immer ärger und länger, und immer schwerer wird's, die tödliche Langeweile der Nachtstunden zu überwinden. Ich aber prüfe derweil in Geduld meine musikalischen Gedanken, die ich am Tage zusammengedichtet; ich bessere und ordne sie und singe sie dem Wickelkinde zwanzigmal vor. So banne ich mich auf einen festen Punkt der Arbeit, und das habe ich früher nie gekonnt. Braust es mir aber trotz alledem noch manchmal am Tage wild durch den Kopf, daß meine Stimmung zu allen Sternen zerflattern möchte, dann mache ich mir einen Vers aufs Notenschreiben und sage ihn dem Christian so lange vor, bis er ihn nachsprechen kann. Kann der Bube den Vers, dann ist auch die Stimmung wieder gesammelt. Ich habe wohl fünfzig solcher Verse über dasselbe Thema gemacht. Christian! wie heißt das Liedchen von der Feder und dem Pflug, welches du gestern lerntest?« Der Kleine begann, verlegen stotternd, unter väterlicher Nachhilfe: »Die Feder ist mein Pflug, Den führ' ich mit festem Zug Durchs Notenblatt, mein Furchenfeld; Mit tausend Körnern wird's bestellt, Und fällt der rechte Regen drauf, So geht – –« Christian blieb stecken und lief davon; der Alte aber schloß: »So geht der ganze Demophoon auf.« »Und er ist aufgegangen bis auf die Ouvertüre und das halbe Finale.« Der Franzose sah den Musiker groß an, stemmte beide Arme in die Seite und rief: »Wie konnte ich Sie so lange anhören und mich von Ihnen foppen lassen! Ein schönes Drama aus der Kinderstube wird der Demophoon geworden sein! Sie haben mir schon viele Märchen vorgelogen über Ihre Stimmung und Nichtstimmung; aber Sie lügen mich jetzt nicht aus Wien hinaus, bevor Sie mir das Textbuch zurückgegeben und mit Ihrem Vetter Schadenersatz gezahlt haben. Sie sind ein lederner Spießbürger geworden und können gar keine Oper mehr komponieren!« Mit diesen Worten setzte er den Hut auf den Kopf, ging zur Türe hinaus und warf die Türe ins Schloß, daß die Fensterscheiben klirrten. Nach acht Tagen suchte Vogel den Theaterdirektor in seinem Gasthause auf, die fertige Partitur unterm Arme. Die meisterhafte Ouvertüre, welche das ganze Werk überdauert hat und heute noch manchmal im Konzerte mit Bewunderung ihres hohen tragischen Schwunges und ihrer edeln, wahrhaft Gluckschen Einfalt gehört wird, hatte er in drei Tagen entworfen und ausgeführt. Vogel sprach: »Aus Liebe oder Zorn werden unsere tiefsten Schöpfungen geboren. Im Zorn über Ihre Grobheit habe ich nun doch noch den Demophoon fertiggemacht. Betrachten Sie die Ouvertüre des ledernen Spießbürgers, der gar nicht mehr komponieren kann, und genehmigen Sie meine Versicherung, daß Sie wirklich der gröbste Theaterdirektor sind!« Der Franzose lachte. »Ich heuchelte nur jene Grobheit, um Ihnen den Rest der nötigen Stimmung zu verschaffen, und meine Freude über den Erfolg und mein herzlichster Glückwunsch sei Ihnen zugleich Sühne für meine rohen Worte.« »Allein die Oper bekommen Sie keineswegs von mir«, fuhr Vogel fort; »das Textbuch steht zu Diensten. Damit Sie aber durch einen gründlichen Kenner erfahren, ob ich noch eine Oper schreiben kann oder nicht, so werde ich die Partitur an meinen Vetter in Paris schicken, der mag Ihnen sein Urteil abgeben. Bietet er Ihnen zur Lösung seines Versprechens das Werk zur Aufführung an, so mag er's tun. Ich kümmere mich nicht weiter darum; ich habe den Demophoon lediglich für mein Vergnügen gesetzt und behalte eine Abschrift zu Hause.« Und so geschah es. Als aber die Oper nach Paris kam, lag Johann Christoph Vogel bereits auf dem Sterbebette. Bald darauf brach die Revolution aus, der Theaterdirektor machte Bankerott und floh in die Schweiz. Unter dem Nachlaß Johann Christophs fand man später die Partitur mit der Aufschrift: »Demophoon von Vogel.« In der Meinung, sie sei das letzte Werk des Verstorbenen, führte man die Oper auf mit außerordentlichem Beifall; sie war lange Zeit ein Schmuck der deutschen und französischen Bühnen. Doch verbreitete sich frühe schon das Gerücht, nicht Johann Vogel, sondern irgendein anderer sei der Verfasser. Da aber Friedrich Vogel inzwischen völlig verschollen war und vermutlich auch bald nach seinem Vetter gestorben ist, so blieb die bezweifelte Autorschaft ein ungelöstes Rätsel; und dieser »Demophoon von Vogel« ist wohl die einzige Oper, welche nicht nur ihrerzeit allgemeinen Bühnenerfolg errang, sondern auch als eines der wenigen dramatischen Werke aus echt Gluckscher Schule kunstgeschichtlich bedeutsam wurde, obgleich niemand genau anzugeben wußte, wer sie eigentlich komponiert habe. Der Stadtpfeifer. 1847 Erstes Kapitel Das war eine angstvolle Hochzeit! – Als der Weilburger Stadtpfeifer Kullmann mit seiner Braut vor den Altar trat, dröhnten dumpfe Kanonenschläge aus der Ferne herüber. Die Gemeinde war ohnehin diesmal klein beisammen, und wie nun gar die unheimlichen Töne den Leuten durch Mark und Bein schütterten, schlich einer nach dem anderen sacht davon, und da der Pfarrer aus der Sakristei schritt, stand nur noch das Brautpaar mit den nächsten Angehörigen, dem Küster und einigen Hochzeitgästen in dem Chor der Dorfkirche. Der Siebenjährige Krieg hatte seine Verwüstung auch in die westlichen Gaue Deutschlands getragen; die Franzosen unter dem Herzoge von Broglie hielten das Lahntal und den Westerwald besetzt und suchten durch Niederhessen nach Hannover vorzudringen. Sie setzten eben dem Bergschloß Dillenburg heftig zu, und die wechselweise Herausforderung und Antwort der Geschütze war es, was in den Wölbungen der Kirche des benachbarten Ebersbach dem Hochzeitzug so schaurig in die Ohren klang. Den Stadtpfeifer überlief es kalt; er zitterte nicht, er war auch nicht mutlos, aber er hörte auch nicht die Worte des Pfarrers. So schneidend war es ihm noch nicht in die Seele eingegangen, welch große Verantwortung er auf sich nehme durch die Verheiratung in so ungewissen Tagen, als jetzt, wo die Kanonen ihm zum Altare läuteten. Die Braut an seiner Seite hatte nicht geweint; die roten Wangen des Bauernmädchens waren blaß geworden, aber sie stand fest und heftete den Blick voll Zuversicht unverwandt auf den Geistlichen. »Ihr werdet's vielleicht Kindern und Enkeln noch erzählen«, sprach der Pfarrer, »daß der 14. Juli 1760, ein Tag der Angst, euer Hochzeittag war. Da, werdet ihr sagen, war kein lustiger Tanz, kein fröhliches Schmausen, die Franzosen spielten zur Hochzeit auf im tiefsten Baß, und den Spielleuten selber brachte es wohl gar den Tod. Aber Heil euch, wenn ihr dann hinzufüget: In Sorgen begannen wir den Ehestand, darum ist es nachgehends so hell und fröhlich geworden in unserem Hause. Zuerst erkannten wir die schweren Pflichten des eigenen Herdes, dann schmeckten wir dessen stille Süßigkeit. Stehet fest! Kummer und Trübsal sind groß, aber ein treues Weib macht uns eitel Freude daraus.« Der Stadtpfeifer hatte aufgehorcht bei diesen Worten. Er war ernst von Aussehen und doch eine leicht gefugte Seele, bei der es gar flink von einer Tonart in die andere überging. Wer von der Musik leben muß, der wird das rasche Modulieren gewohnt. So verließ ihn auch bei dieser Ansprache plötzlich das qualvolle Zagen. Er blickte auf seine Christine, wie sie so mutig dastand, und eine helle Freude durchleuchtete sein Gemüt; und weil just die Kanonen doppelt stark brummten, war es ihm, als sei er ein Fürst und als donnerten da draußen die Jubelsalven, weil der Priester Christinens Hand in die seine legte. Als der Hochzeitzug die Kirche verließ, schwirrte und summte schon das ganze Dorf wie ein gestörter Bienenstand. Ganz Ebersbach war vor Schreck toll geworden. Es waren Fronhäuser Fuhrleute gekommen, die erzählten, heute noch müsse das Dillenburger Schloß fallen; morgen stünden die Franzosen in Ebersbach, denn auch General Chabot rücke jetzt von Siegen und Graf Guerchy von Hachenburg gegen die Dill herab, – da werde es Einquartierung geben, Erpressung, Plünderung, – wenn man so einem verfluchten Franzosen nicht die Perücke mit Goldstaub pudere, die Stiefel mit Mandelöl schmiere und das Gewissen mit Kronentalern, dann schlage er das ganze Haus zusammen. Auf diese Botschaft hin gingen die wenigen Hochzeitgäste durch, ohne Abschied, als wären sie nicht bloß Nassau-Oranier, sondern wirkliche ganze Holländer gewesen. Und wenn sie sich nun auch gewaltsam zum Schmause niedergelassen hätten! Die Stühle würden mit ihnen davongelaufen sein, so wirbelte die Angst in den armen Teufeln. Im Hause der Braut, einem stattlichen Bauernhause, stand ein langer Tisch gedeckt, der des Morgens; als die Gäste warmes Bier – die Brautsuppe – vor dem Kirchgange genossen hatten, noch dicht besetzt gewesen war. Jetzt fand sich niemand an der Tafel ein als das Paar und der Vater der Braut und wer sonst zur Verwandtschaft gehörte. Selbst der Pfarrer blieb zu Hause, und der Küster kam nur, um sich seinen Braten und Kuchen und sein Geldgeschenk heimzutragen, bevor sich die Franzosen an den gedeckten Tisch setzten. Der alte Hans Schneider, der Vater der Braut, ließ sich nicht merken, wieviel Unheimliches ihm eine solche Hochzeit vorbedeute. Er war der Mann, der allezeit das rechte Wort zu reden wußte. »Herr Sohn«, sagte er, »wir sind selbfünfe. So mager ist noch kein Hochzeittisch in unserer ganzen Freundschaft besetzt gewesen. Aber lasse Er sich das ungegessene Traktament nicht allzu schwer im Magen liegen. Es ist besser, man geht im Regen aus und läuft in die Sonne hinein als umgekehrt. Der Einstand in die Ehe soll euch beiden eine göttliche Prüfung sein. Auf Christine vertraue ich und auf Ihn auch, Heinrich. Er ist wohlbestellter Stadtpfeifer zu Weilburg und bläst den Bürgern morgens, abends und zu Mittag ein geistlich Lied, daß sie wissen, was an der Zeit ist, und an unseren Herrgott gedenken mögen; Er ist mein lieber Sohn, ich vertraue Ihm, aber nichts für ungut – ich denk' und rede eben wie der alte Hans Schneider von Ebersbach –, Er ist doch immer ein Musikant. Wäre die Christine nicht so stark in der Wirtschaft, dann ging's wohl kurios mit eurem Hauswesen. Seine Bekanntschaft mit meinem einzigen Kinde war mir anfangs ein Kummer, doch ich habe gesehen, daß Er ein stiller, braver Mann ist, und habe am Ende nicht ungern ja gesagt; aber – halt Er sich tapfer, Herr Sohn! Es sind Kriegszeiten! Ich drück' Ihm die Hand als Sein Vater. Bleib Er ein Stadtpfeifer, und werde Er – wie soll ich's nennen? – keiner von denen, die obenhinaus wollen, kein Geiger, kein Notenfresser oder wie man die vornehmen musikalischen Lumpen sonst heißt. Wer morgens, mittags und abends der Stadt den Choral bläst, der ist doch gleichsam ein Stück von einem Pfarrer, und wenn Ihr zum Tanze aufspielt, so ist das wenigstens eine Musik, davon man weiß, zu was sie nütze ist.« Christine schob sich, etwas besorgt, zwischen die beiden und sprach: »Vater, wir wollen schon tüchtig zusammenhalten.« »Weg mit dir!« rief der Alte, der nun erst recht aufgeräumt wurde. »Hier braucht's keine Mittelperson. Mein Schwiegersohn weiß schon, wie's gemeint ist, wenn ich ihm sage, er solle auf die Stadtpfeiferei leben und sterben, so gleichsam als ein Bauer unter den Musikanten und unter dem ganzen Bürgersvolk. Der Stadtpfeifer soll leben! hoch auf seinem Turm – und die Frau Stadtpfeiferin mit ihm!« Als der Alte die Gesundheit ausbrachte, hatte sich ein vierschrötiger Mann im blauen Kittel an die Türe postiert und schaute sich verwundert das Quintett unserer Hochzeitgesellschaft an. Es war der von den Brautleuten längst erwartete Fuhrmann Philipp Ketter von Weilburg; sein Wagen war bereits unten im Hofe eingestellt, groß genug, um das Ehepaar samt Christinens Aussteuer aufzunehmen. Ein herzhafter Trunk Wein löste des Fuhrmanns Zunge, und er berichtete, daß man die Holzwege nach der Lahn hinüber wohl passieren könne, die Hauptstraße dagegen sei vom Kriegsvolk besetzt. Das war den jungen Eheleuten ein Trost, denn sie gedachten, morgen schon nach Weilburg zu fahren. Aus dieser Stadt lautete die Botschaft freilich betrübter. Französische Husaren, ein übermütig Volk, waren seit zwei Tagen aus dem Niederlahngau eingerückt. »Sieben Generale«, sprach Philipp – und es war schon nicht erst zum siebentenmal, daß er sein Glas füllte, – »kommen zur Einquartierung; denn die Franzosen, spricht der Perückenmacher, wollen Weilburg als einen Platz ansehen und gegen den Herzog von Braunschweig verteidigen; der Hofbäcker dagegen meint, so ein Esel wäre selbst der Franzos nicht, daß er eine Stadt halten wolle, deren Besatzung man von den gegenüberstehenden Felsen mit Steinen totwerfen könne.« Die Zuhörer sahen sich bedenklich an; aber die Brautleute faßten sich bei der Hand und sprachen: »Wir gehen doch!« Dem Stadtpfeifer zwar wurde es insgeheim etwas schwül. »O weh!« rief er endlich und fuhr sich wild durch die schön gepuderten Haare, »jetzt sind mir alle Kirmessen im Juli verhagelt durch das Kriegsvolk!« »Das hat keine Not«, beruhigte Philipp, sich selbst mit dem zwölften Glase beruhigend, »die Franzosen tanzen mit; sie sind artige Leute und gar nicht so schwarz, wie sie der Hofbäcker brennt, wenn er im Ritter beim siebenten Schoppen angekommen ist. Seht, vorgestern sind die Franzosen eingerückt. Am selben Tage hadert einer ihrer Husaren mit der alten Nickelin und massakriert sie; – am Abend wird dem Mörder der Prozeß gemacht, und gestern morgen ist er auf der Heide am Windhof füsiliert worden. Was sagt Ihr dazu, Stadtpfeifer? Ich sage, die Franzosen sind prompte Leute.« »Ei, geht zum Teufel, Philipp! Prompter war' es doch gewesen, wenn der Husar die Nickelin gar nicht massakriert hätte« – und schlich sich hinaus, damit die anderen seine Verwirrung nicht merkten. Prinz Camille hatte schwerlich geahnt, in welche Verlegenheit er den Weilburger Stadtpfeifer dadurch brächte, daß er seine Truppen lahnaufwärts ziehen ließ. Ja, der Stadtpfeifer war sehr leichtsinnig gewesen! In seiner Tasche trug er zwei große Geldstücke, das waren zwei Krontaler – im Augenblicke sein ganzes bares Vermögen. Mit dem einen Krontaler sollte der Überzug nach Weilburg bestritten werden; der andere bildete den ganzen Kapitalfonds, womit er die neue Haushaltung begründen wollte. Er gedachte aber, gleich in den ersten Tagen auf den Kirmessen ein schönes Stück Geld zu verdienen, und dann wäre es schon weitergegangen. Jetzt drohten die Franzosen die Rechnung zu verderben. Der Krieg war auch in Weilburg. Wer wird tanzen wollen, wo die französischen Husaren gleich mit Mord und Standrecht ihren Einzug halten? Es ward dem Stadtpfeifer himmelangst, da ihm die nächsten Wochen heiß vor die Seele traten. Und wie stand es gar in den nächsten Monaten, wenn das Ding so fortgehen sollte? Als Heinrich Kullmann, von solchen Gedanken gequält, vor die Haustüre trat, kam ein altes Weib auf ihn zu. »Das ist ein Hochzeithaus«, sprach sie, »und Ihr tragt den Rosenstrauß im Knopfloch und seid der Bräutigam. Euer Ehrentag ist mein Unglückstag!« »Was ist Euch begegnet, Mayerin?« fragte der Stadtpfeifer, der das Weib wohl kannte, das in einem kleinen, einsamen Häuschen an der Dillenburger Straße wohnte. »Ich bin eine Bettelfrau geworden über Nacht«, antwortete sie schluchzend. »Die Franzosen haben mir alles genommen, die Kühe weggetrieben, das Haus niedergebrannt, ja selbst die Apfelbäume, die doch unser Herrgott so schön wachsen ließ, haben sie zusammengehauen. Des Teufels Barbiere sind diese Heiden, denn ein Elsässer, der mir die köstlichsten Würste gestohlen, sagte mir in seinem Hundedeutsch, die ganze Straße müsse rasiert werden wegen der Festung, ich solle mich trösten, das sei Kriegskunst, und dabei biß er in eine Wurst, daß mir vom bloßen Zusehen das Wasser in die Zähne und in die Augen trat.« Dies aber erzählte die Frau unter so kläglichem Gewimmer, daß der Stadtpfeifer am Schluß in die Tasche griff und gab ihr den einen Krontaler – der war bestimmt gewesen, die Haushaltung anzufangen –; dann wandte er sich rasch um und ging wieder hinauf zum Hochzeittische und ward nun so lustig, als habe er tausend Krontaler gewonnen. Am anderen Tage gab es kurzen Abschied zwischen Eltern und Kindern, wie das Bauernart ist. Aber ernst und tiefempfunden war das Lebewohl dennoch; denn jedes gedachte der ungewissen Zukunft und der Not des Augenblicks. Allein sie war hüben so groß wie drüben, und der Stadtpfeifer mußte zurück auf seinen Turm. Philipp Ketter hatte schon dreimal zum Aufbruch gemahnt, schon dreimal den Valettrunk getan, da bestieg das junge Ehepaar endlich seinen Leiterwagen. Es war kein lustiger Reisetag. Ein durchdringender Sommerregen rauschte in Strömen herab. Selbst der dichtbelaubte Buchenwald konnte keinen rechten Schutz mehr geben; die Pfade waren schlüpfrig, und die zahlreichen Bergwasser wuchsen zusehends, jede Rinne füllte sich zu einem neuen Bach. Darum war es kein Wunder, daß Philipp Pferd und Wagen auf den holprigen Holzwegen kaum vorwärtsbringen mochte. Er hatte sich aber auch wider den Regen so tief in eine wollene Decke gewickelt, daß der Schimmel so ziemlich seinen eigenen Gedanken nachgehen konnte, und nur wenn der Wagen wider einen Stein oder eine Wurzel stieß, als ob alle Räder brechen müßten, rief der Fuhrmann dem Pferde hintendrein eine Vermahnung zu; den Kopf ließ er aber doch in der Decke. Über den hinteren Teil des Wagens war ein Linnentuch gespannt, darunter saßen die jungen Eheleute. Es war gar nicht unbehaglich, sich in der Ecke unter der Leinwand aufs Stroh zu kauern und der Musik des ringsum durch die Blätter niederrauschenden Regens zu lauschen, während selten ein Tröpfchen durch das Tuch hereindrang. Da pflogen die Leutchen nun das traulichste Gespräch, woben goldene Träume, wie's für eine Hochzeitreise sich schickt, und wenn sie auch in Philipp Ketters Leiterwagen gemacht wird. Der arme Stadtpfeifer ließ die Erinnerung seliger Vergangenheit, die Hoffnung seliger Zukunft an seinem Ohre vorüberrauschen wie ein Kind; es war ja noch süßere Musik darin als in dem draußen niederrauschenden Sommerregen, und nur selten führte ein Dämon seine Hand nach der Hosentasche, daß es ihn durchzuckte, wenn er auf einen Augenblick des einzigen Krontalers gedachte. Aber schon in der nächsten Minute war er wieder unermeßlich reich. Ja, der Stadtpfeifer war ein Kind, eines von den Kindern, von denen geschrieben steht, daß wir nicht ins Himmelreich kommen sollen, wenn wir nicht werden wie ihrer eines. So verging die Zeit der langen Fahrt, und keines wußte wie, der Fuhrmann, weil er schlief, die Liebenden, weil sie träumten. Da schreckte das Gesicht Philipp Ketters, das grinsend zum Leinwanddach hereinschaute, auf einmal den Stadtpfeifer und seine Frau aus dem anmutigsten Gespräche. »Schauet rechts die Lichtung hinauf; da kommt eine ganze Rotte Franzosen!« Und als ob das gar nichts zu bedeuten habe, kroch er rasch wieder unter seine Wollendecke und ließ den Wagen schnurstracks den Franzosen entgegengehen. Der Stadtpfeifer lupfte die Leinwand und starrte hinaus nach der drohenden Gefahr. Allein ob auch in seinen Zügen bewegte Gedanken zuckten, sprach er doch kein Wort, gleich als wenn er samt dem Philipp verhext wäre. Christine sah den beiden eine Weile zu; dann machte sie sich hervor, riß dem Holzklotz, dem Philipp, Zügel und Peitsche aus der Hand und trieb den Gaul seitab in den Wald hinein. Und wie der Wagen auch drohend rechts und links schwankte auf dem ungleichen Boden, Christine brachte ihn durch ins Dickicht und hielt dann still. Die Soldaten mochten den Wagen noch nicht erblickt haben, oder es gelüstete sie nicht, das unansehnliche Fuhrwerk bei dem Unwetter, von den ohnedies trügerischen Pfaden abweichend, in den dicken Wald zu verfolgen. Die drei Leute von unserer Hochzeitfahrt harrten lautlos einen ängstlichen Augenblick: jetzt waren die Franzosen vorbeigezogen. »Was ist dir angekommen, Heinrich«, rief nun Christine, tief aufatmend, »daß du so starr und stumm in die Luft geschaut, und hast den Tolpatsch, den Philipp, nicht zurückgehalten, der mitten unter das Soldatenvolk fahren wollte?« »Unser Gespräch von vorher klang noch fort in meinem Geiste. Sieh, Christine, wenn ich einmal ein Thema fest gepackt habe, dann muß es durch alle Formen des Kontrapunktes durchgearbeitet werden. Was kümmert mich ein Kriegsmarsch, wenn ich mitten in einem zärtlichen Menuett bin? Ich war bei dir, bei unserer künftigen Glückseligkeit hoch oben im Pfeiferstübchen auf dem Schloßturm von Weilburg – wie konnte ich zugleich hier bei den Franzosen sein?« »Da sieht man schon, wer künftig das Regiment in der Pfeiferstube führen wird«, brummte der Fuhrmann vor sich hin und kroch in seine Decke zurück. Der Stadtpfeifer aber gestand nachgehends, er hätte es, da seine Frau so mutig die Zügel faßte, eine Weile gar nicht ungern gesehen, wenn die Franzosen ihnen nachgelaufen wären und sie ein bißchen geplündert hätten: denn wenn er gar keinen Krontaler mehr gehabt, dann wäre er doch außer Verlegenheit gewesen wegen des einzigen Krontalers, mit dem er seine neue Haushaltung begründen wollte. Unsere Reisenden hatten durch große Umwege den Belagerungskreis von Dillenburg vermieden; so geschah es, daß sie erst am späten Nachmittage in Beilstein den ersten Halt machen konnten. Jetzt ein Dorf, war Beilstein zu selbiger Zeit noch ein Städtchen; das gräfliche Schloß mit den stolzen Strebepfeilern an den hohen Mauern drohte freilich schon den Verfall und war nur noch von einem Amtmanne bewohnt. Im Schloßgarten trieben die verschnittenen Hainbuchen und Linden bereits wilde Sprossen über die geraden Linien der alten Gartenkunst hinaus, da seit Jahren keine Schere mehr über sie gekommen. Das Städtchen liegt tief im Talgrund, und die Höhen ringsum sind ödes Heideland, mit Basaltblöcken übersät, zwischen denen niederes Gebüsch verstreut ist – eine rechte Westerwälder Landschaft. Und heute hatte der Regenhimmel noch seinen grauen Ton darüber gebreitet, daß der öde Grund wie gemacht war für die Szene, die sich jetzt auf demselben entwickeln sollte. »Schau!« rief der Stadtpfeifer seinem Weibe zu, indem er an das Fenster des Wirtshauses trat, wo sie eben eingestellt. »Dort kommen unsere Leute den Berg herabmarschiert!« Und in der Tat sah man die Dillenburger Besatzung langsam in das Tal einrücken. Es waren etwa noch dreihundert Mann. Die Gemeinen hatten kein Gewehr, nur ihre Tornister hatte man ihnen gelassen; die Offiziere dagegen durften noch den Degen tragen; zwei bedeckte Wagen hatten die Sieger den Kapitulierenden gleichfalls mitzunehmen gestattet, und diese kargen kriegerischen Ehren waren alles, was die tapfere Mannschaft durch vierzehntägige heiße Gegenwehr sich erringen konnte. Das ungünstig gelegene Bergschloß war nicht länger mehr gegen die gut gestellten Kanonen des Ingenieurobersten Filey zu halten gewesen; gestern abend war es mit Kapitulation übergegangen. Neben der Linde, darunter einst Wilhelm der Verschwiegene, der große Oranier, über die Befreiung, der Niederlande Rats gepflogen, war jetzt die Fahne mit den Lilien aufgepflanzt. Der Oberst von Dörings, ein mannhafter hannoverischer Kavalier, der die Verteidigung geleitet, durfte mit dem Reste der Besatzung zu dem verbündeten Heere ziehen. So erzählte der Wirt, den die Soldaten auch ans Fenster gelockt hatten. »Das ist des Kriegs Lauf und der Welt Lauf!« sprach der Stadtpfeifer. »Die braven Kerle haben getan, was menschenmöglich war, und am Ende mußten sie doch die Schlüssel zu ihres Herrn Haus dem Feinde übergeben und ohne Gewehr abziehen! So geht es uns allen, auch wenn wir keine Soldaten sind.« »Ganz gewiß!« fiel Christine ein. »Aber sind jene Bursche brav, dann wird auch jeder sein Gewehr schon wieder finden und nachher noch einmal so tapfer streiten. Wenn's hart an uns geht, Heinrich, und wir meinen, es wäre gar vorbei, dann sind wir allemal erst recht stark. So ist mir's immer im Sinn gewesen. Als ich noch ein klein Ding war, da wollt' ich selten vor die Tür beim schönen Wetter. Wann aber ein großer Wind kam und Regen, Schnee oder Schloßen, dann lief ich draußen herum und hatte meine Freude, mich peitschen und zausen zu lassen. Je wütender es windete, je fester pflanzte ich mich in den Boden hinein. Und wenn mich dann der Vater schalt und zornig fragte, was ich bei dem Gestürm draußen zu suchen habe, könnt' ich ihm nichts anderes antworten, als daß es doch gar so schön sei, mit Wind und Wetter zu streiten. Seht die Soldaten da drüben gehen jetzt auch in Wind und Wetter; sie werden schon wieder ins trockene kommen.« »Man merkt's, Frau Stadtpfeiferin, daß Ihr erst vierundzwanzig Stunden verheiratet seid«, sprach der Wirt lächelnd. »Wenn Ihr über Jahr und Tag wiederkommt, dann wollen wir weiterreden von der Lust an Sturm und Regen. Vielleicht zieht Ihr dann doch ein wenig Sonnenschein vor.« Zweites Kapitel Das junge Paar hauste nun auf dem Schloßturme zu Weilburg. In sinkender Nacht waren sie angekommen. Da hatte der Stadtpfeifer, als er von weitem das Lahnwehr der Weilburger Brückenmühle rauschen hörte, nicht länger an sich halten können: er mußte sein Gewissen entlasten und der Frau bekennen, daß er nur noch einen Krontaler im Vermögen habe, daß dieser einzige aber auch bereits zur Deckung der Überzugskosten in Ausgabe geschrieben sei. Die Frau erschrak wohl anfangs; allein die letzten Stunden waren so traulich gewesen unter dem Linnendach des Wagens, die Lahn rauschte ihnen so heimelig entgegen, Heinrich hielt ihre Hand fest in der seinigen: – die Liebe überwindet alles, sie überwand auch diesen einzigen Krontaler, und heiter, versöhnt mit sich und seinem Geschick, stieg das Paar zuletzt Arm in Arm die hohe Wendeltreppe zum Turme hinauf, indes Philipp Ketter die schwere Heiratskiste mit der Aussteuer Christinens keuchend hinterdreintrug. Als er die Kiste oben abgesetzt, nahm er den einzigen Krontaler in Empfang, und der Stadtpfeifer war ordentlich froh, daß er das Geldstück los war, welches ihm so viel Not gemacht. Frau Christine waltete als die klügste Hauswirtin. Sie verkaufte sofort einige überflüssige Stücke ihrer Aussteuer, um bar Geld zu bekommen, und das durchtriebene Bauernkind wußte dabei die Sache recht heimlich abzumachen, daß nicht gleich ein Stadtklatsch daraus wurde. Der Mann hatte inzwischen auch unverdientes Glück mit den Kirmessen; es ward getanzt trotz den Franzosen und mit den Franzosen. Saure Tage waren es freilich für Heinrich; er mußte oft mehrere Stunden Wegs weit zum Tanzplatz laufen, Nacht um Nacht blasen bis in den grauenden Morgen; aber dann brachte er doch Geld nach Hause, daß er sich auf die Qual dieser Nächte freute wie die Schulkinder auf einen Feiertag. So ging es für den Anfang ganz leidlich. Allein Frau Christine wollte auch einen Notpfennig gewinnen auf den Winter und Dauer dem guten Glück. Die Einrichtung der Pfeiferstube, wie sie der Stadtpfeifer von den Eltern ererbt, war gediegen und gut, ja reichlich für kleine Bürgersleute. Wo nun etwas von den schönen Tischen, Stühlen und Schränken gut anzubringen war, da verkaufte es die Frau – die Kriegsnöte entschuldigten das jetzt, freilich drückten sie auch die Preise – und schaffte recht billigen Bauernhausrat dafür an. So kam es denn bald, daß die Finanzen des Stadtpfeifers sich besserten, aber in der sonst so niedlichen Pfeiferstube sah es um so schlechter aus. Die dreibeinigen Stühle aus Eichenholz waren so grob gehobelt wie die Westerwälder Bauern, denen Christine sie abgekauft. Der Tisch stand aus Sympathie gleichfalls nur auf drei Füßen, der vierte war durch einen untergeschobenen Ziegelstein ergänzt, an die Haushaltung von Philemon und Baucis erinnernd. Die Schränke aber vollends waren so alt und wurmstichig, daß der Stadtpfeifer zu behaupten pflegte, sie rührten noch aus der Mobiliarversteigerung von Adam und Evas Nachlaß her. Aber die Eheleute waren glücklich, wenn sie am Abend einander gegenüber auf den dreibeinigen Stühlen an dem dreibeinigen Tische saßen; – und was braucht es mehr! Das ging so bis in den September. Da kam der kühle Herbstwind und strich auch dem Stadtpfeifer gar kühl über die Stirne, denn sein Glück schien plötzlich nur ein Zugvogel zu sein, der sich zum Wegziehen anschicke mit den Störchen und Schwalben. Die Kirmessen hörten auf, die Soldatenlast ward drückender, niemand traute dem Landfrieden mehr, auch die Reichsten kündigten ihre Musikstunden, die dem Pfeifer bis dahin aufgeholfen, nirgends konnte seine Frau einen Nebenverdienst finden, und die Stadtpfeiferei warf nur zwanzig Gulden jährlich ab nebst dem freien Quartier, hundertundzwanzig Fuß über dem Straßenpflaster. Da mußte Christine bald den Notpfennig anbrechen, und er ward immer kleiner und kleiner. In den ersten Monaten hatte sie, dem Herkommen des väterlichen Hauses getreu, an jedem Sonntag einen Kuchen gebacken. Denn in Ebersbach, wo man freilich auf Mehl und Milch und Butter nicht zu sehen brauchte, würde eine Sonntagsfeier ohne Kuchen angesehen worden sein, wie wenn man neben die Kirche gegangen wäre oder die Werktagskleider anbehalten hätte statt festtäglichen Putzes. Der Kuchen gehörte so nötig zu einem gerechten Sonntag wie Glockengeläute, Orgelspiel und Chorgesang. Anfangs machte nun das Bauernkind in der Pfeiferstube nach gewohnter Weise einen Sonntagskuchen, mächtig groß, in seiner Rundung fast vergleichbar der großen, rot aufglühenden Mondscheibe, wenn sie abends am Bergsaum aus leichtem Nebel hervortritt. Dann spürte Christine allmählich den Unterschied zwischen Dorf und Stadt, und der Sonntagskuchen ward beträchtlich kleiner, etwa wie derselbe rote Mond, wenn er nachgehends als goldene Kugel im dunstfreien Mitternachtshimmel schwimmt. Anfangs September wurde der Kuchen so klein, wie wenn man des Mondes schmales erstes Viertel zu einem Kreise zusammengelegt hätte, und als die Äquinoktialstürme den Turm umbrausten, da stand es mit dem Sonntagskuchen wie mit dem Neumond: er war nun ganz unsichtbar geworden. In dieser Zeit geschah es, daß der Stadtpfeifer eines Abends vor dem Notenpult saß und strich die Saiten seiner Geige übend auf und ab, immer die gleiche Figur dergestalt, daß es der armen Christine, die das Spinnrad drehte, fast schwindelig wurde. Das Stübchen lag gar luftig, die vier Fenster nach den vier Winden, und der heulende Sturmwind verband sich mit dem Geigen und dem Spinnrad zu einem verzweifelt melancholischen Konzert. Die Scheiben klirrten, ein Schwarm Raben flatterte krächzend um den hohen Turm, das Lahnwehr tief unten erbrauste wild. Der Geiger spielte, als gälte es wettzukämpfen mit all diesem Getöse, aber alle Wut des Eifers ließ es ihm nicht glücken, einen einzigen Lauf rein und flink herauszubringen. Und so war's alle Tage. Eine Ausdauer hatte Heinrich Kullmann sondergleichen und auch ein gutes Verständnis der Sache; aber so sehr er das Beste zu beurteilen, so rein er es zu genießen wußte, vermochte er es doch niemals selber hervorzubringen. Endlich warf er die Geige weg. »Ich bin zu nichts gut«, rief er unmutig, »als den Morgen und Abend mit einem Choral anzublasen. Ein kunstreicher Spielmann werde ich im Leben nicht. O Weib, das tut weh zu fühlen, wie man alles geigen soll, daß die Leute ausrufen müßten: Seht, der Weilburger Stadtpfeifer ist ein anderer Corelli! Das tut weh, jede Passage gar wunderschön im Kopf zu haben und zu wissen, bis sie in die Finger kommt, wird alles holperig und matt sein!« Da hielt Christine das Spinnrad ein und sprach: »Laß ab von diesen Sachen, Heinrich. Treibe dein Handwerk ehrlich, daß du uns Brot schaffest, und lasse dir daran genügen. Dein eitles Begehren bricht dir den Mut. Die Steine, die man nicht heben kann, muß man liegenlassen. Der Krieg quält uns, die Hantierung stockt, und allen Leuten geht das Geld aus. Da braucht es Kraft und Gottvertrauen: geig dir das nicht aus der Seele! Zu was ist Hoffart nütze, wo man das letzte Stückchen Brot im Hause gegessen hat?« Das Wort fiel wie Feuer auf des Stadtpfeifers Haupt. »Wie? ist vielleicht kein Brot im Hause?« rief er, jäh aufbrausend. »Wir haben heute morgen das letzte gegessen. Gott weiß, daß ich dir keinen Vorwurf machen will, indem ich's sage.« Da nahm der Stadtpfeifer seinen Hut und rief: »Ich will uns Brot holen!« und eilte zur Tür hinaus. Der Frau aber ward's bange, und ob sie gleich schon jetzt in den ersten Monaten ihrer Ehe ein gar festes, starkwilliges Weib war, wie sie auch ein unbeugsames Mädchen gewesen, lief sie doch dem Manne nach und bat ihn weinend, er möge dableiben, sie habe ihm ja kein böses Wort geben wollen. Aber der Stadtpfeifer war so jählings die Wendeltreppe des Turmes hinabgesprungen, daß ihre Bitten ungehört in den engen Mauern verhallten. Da ging sie zurück in die Stube, legte den Kopf in die Hände und weinte bitterlich. Der Stadtpfeifer lief durch die stillen Straßen und wußte selbst nicht, zu welchem Ende. Es war gut, daß es bereits dunkel geworden; hätten ihn die Leute so laufen sehen, sie würden gesagt haben, Heinrich Kullmann sei übergeschnappt. Böse und gute Gedanken stritten sich in seiner Seele. »Warum habe ich ein Weib genommen, da ich keines ernähren kann? Ein so braves Weib und doch nicht recht für einen Musikanten! Sie faßt mich nicht. Sie fordert Brot, wenn ich nach dem Bogenstrich Tartinis ringe. Und doch hat sie recht; – muß ich ihr nicht Brot schaffen? Aber auch ich habe recht, denn wenn ich nur einmal den Bogenstrich gefunden, den ich fühle, dann kann sie wieder ihren Sonntagskuchen backen, so groß wie einen Mühlstein. Könnt' ich ihr nur erst Brot bringen!« Er suchte nochmals in allen Taschen nach etwas verirrter Münze, allein es fand sich nichts. So lief der Stadtpfeifer bis über die Lahnbrücke. Jetzt war er im Freien vor der Stadt. Es war ganz dunkel geworden. Die Spukgestalten, womit der Volksglaube die Felsschluchten vor Weilburg bevölkert, tanzten vor den wirren Sinnen des Dahinstürmenden, und er stutzte plötzlich und hielt ein, mit Schauern des Spruches gedenkend, daß der Tag den Lebendigen gehöre, die Nacht aber den Toten. Er blickte gegen die Stadt zurück. Der Fluß brauste unheimlich in der schwarzen Tiefe; das alte Schloß lagerte sich über den breiten Felsrücken, langgestreckt wie eine riesige Sphinx, die Wache hält an den Türen der Talschlucht. Aber hoch über den verlassenen Bau, aus dessen Fenstern heute kein einziges Licht zum Wasser niederglänzte, ragte der Schloßturm, und nahe seiner Spitze leuchtete ein tröstlicher Schimmer; das war die Kammer, wo Christine saß und weinte. Der Stadtpfeifer blickte starr nach dem einzigen Licht in der Höhe, und es ward ihm in der Seele leid, daß er eben so unfreundlich seines Weibes gedacht. Und indem er so das einzige Licht in der ringsum endlos ausgebreiteten Finsternis anblickte, fiel ihm ein einfältiger Vers ein, den er manchmal von seiner Mutter hatte singen hören, der hieß: »Wem nie durch Liebe Leid geschieht, Dem ward auch Lieb' durch Liebe nicht; Leid kommt wohl ohne Lieb' allein; Lieb' kann nicht ohne Leiden sein.« So schritt er denn nach einer Weile langsam zurück über die Brücke, und im Gehen wiederholte er sich wohl zehnmal immer langsamer und nachdenklicher den Vers, und seine Schritte hielten zuletzt wie von selber ein, daß er in tiefem Sinnen stehenblieb. Sein Blick senkte sich zur Erde. Da sieht er etwas glitzern: – es ist ein funkelneuer Groschen! Und wie er sich bückt, ihn aufzuheben, sieht er auf einen Schritt voraus noch einen Groschen liegen und weiterfort noch einen – und so waren es sechse, dicht aneinander, alle so neu und glänzend, wie wenn sie eben jetzt aus der Münze kämen. »Sechs neue Groschen in einer Reihe«, murmelte der Stadtpfeifer leise, tiefbewegt, »sechs Groschen – die hat mir unser Herrgott selber hierhergelegt, der mich nicht verlassen will, – sechs Groschen kostet der Laib Brot in dieser teuren Zeit!« Und dann war es ihm nach einem Augenblick wieder unfaßbar, wie er zu dem Gelde gekommen; er erschrak vor sich selbst, als habe er's gestohlen; er prüfte fühlend und besichtigend im Schein der erleuchteten Fenster eines Hauses, ob es kein Blendwerk sei: allein es waren und blieben wirklich sechs neue, blanke Groschen. Es ward ihm aber, daß er hätte weinen mögen wie ein Kind, als er beim Hofbäcker eintrat und die sechs glänzenden Groschen niedergeschlagenen Auges auf den Tisch legte und mit zitternder Hand den Laib Brot dafür hinnahm. Jetzt lief er noch viel schneller zum Schlosse zurück, als er vorhin nach der Brücke gelaufen war. Er preßte das Brot fest unter den Arm, als könne es ihm unversehens wieder davonfliegen. »Da kann man wohl auch sagen«, dachte er bei sich, »der neunundneunzigste weiß nicht, wie der hundertste zu seinem Brot kommt.« Aber während er so hinter der Stadtmauer her den Berg hinanstieg, klang plötzlich ein leises Wimmern an sein Ohr. Er blieb stehen; die Töne schienen vom Boden heraufzukommen. »Was ist das?« rief er aus. »Heute abend bin ich im Finden glücklich! Da liegt ein kleines Kind – in ein paar arme Lumpen gewickelt. Wahrhaftig, Gott hat mir nicht umsonst den Zorn eingegeben, daß ich wie toll in die Nacht hineinlaufen mußte!« Und es kam ihn, wunderbar genug, über diesen zweiten Fund fast eine größere Freude an als über den ersten, da er in den Lichtschimmer des nächsten Fensters trat und ein Papier entzifferte, das bei dem Kinde gelegen; darauf stand geschrieben: »Ein arm elendig Weib bittet den Christenmenschen, der dies findet, daß er sich um Jesu willen des Kindes erbarme. Es ist getauft und heißt mit Namen Johann Friedrich.« Der Stadtpfeifer nahm sein Brot in den einen Arm und das Kind in den anderen und schlug den Zipfel seines langen Rockes um den armen Wurm. »Herr Gott!« rief er, »du sollst mir nicht umsonst die Groschen auf die Straße gelegt haben!« Dieser kurze Ausruf aber war wie ein volles, brünstiges Gebet. Erst als der Stadtpfeifer mit dem Doppelfund vor seiner Stubentür stand, überkam ihn Zagen und Verlegenheit! Doch schon öffnete Frau Christine und begrüßte ihn so zärtlich, als müsse der Gruß allein jede Erinnerung von Streit und Unmut tilgen. Der Stadtpfeifer legte das Brot auf den Tisch und das Kind daneben. »Das habe ich unterwegs gefunden, Christine«, sagte er trocken und blickte dabei die Frau so ernsthaft an, daß sie laut lachen mußte, und er selber lachte nun mit. Dann setzte er sich und erzählte treuherzig seine Geschichte und hob im Erzählen das Kind wohl ein dutzendmal auf, damit es ihn anlächle und er es küsse. Als er von den sechs Groschen erzählte, da ward es auch der Frau ganz fromm zumute; doch als er dann weiter seinen Bericht über den Fund des Kindes beendet, sprach sie: »Du tatest recht, daß du das Würmchen mitgebracht hast; morgen wollen wir zum Schultheißen gehen und ihm den Buben einhändigen.« Den Stadtpfeifer überlief es, wie wenn er mit kaltem Wasser übergossen würde. Er erwachte erst jetzt zur klaren Überlegung. Daran hatte er noch gar nicht gedacht, was es heiße ein Kind aufziehen und versorgen und daß vor allem eine Mutter dazu gehöre, die sich mit voller Liebe und Opferung des hilflosen Geschöpfes annehme. Nicht ihm, sondern der Frau kam hier das entscheidende Wort zu. Es hatte ihm so vorgeschwebt, als müsse der Kleine auf immer bei ihm in seiner Pfeiferstube bleiben und dort aufwachsen so ohne weiteres wie ein Blumenstock, den man ans Fenster stellt, zeitweilig begießt und im übrigen unserem Herrgott überläßt. Nun fühlte er auf einmal, wie gedankenlos er geträumt. Er besann sich lange; er kämpfte lange mit sich selber. So viel Kopfbrechens hatte er sich nicht gemacht seit der Stunde, wo er den leichtsinnigen Entschluß faßte, das Bauernmädchen von Ebersbach zu heiraten. Endlich schien auch hier der Entschluß gefunden. Mit einer Festigkeit, die der Frau ganz neu war, sprach er: »Freilich wollen wir morgen früh zum Schultheißen gehen und ihm das Findelkind anzeigen. Die Gemeinde muß für des Knaben Erziehung Geld steuern – es wird jetzt nicht viel herausspringen –, gute Leute müssen um eine Gabe für das arme Ding angegangen werden; das hat alles seinen geweisten Weg, der durch des Schultheißen Stube führt, und du kennst ihn besser als ich. Aber sowenig wie ich diesen Laib Brot wieder zum Bäcker trage, sowenig gebe ich das Kind aus der Hand. Der Schultheiß würde es dem Wenigstfordernden zur Pflege ausbieten; eine Lumpenfamilie würde es ersteigern, um das Kostgeld einzustecken und den Kleinen verkümmern zu lassen.« Und er fuhr fort mit erhobener Stimme: »Nicht umsonst trieb es mich, den Weg hinter der Stadtmauer zu gehen, den man sonst im Dunkel meidet. Unser Herrgott schenkt nichts weg, nicht einmal sechs Groschen. Christine! dieses Brot wird uns gesegnet sein, und das Brot wird im Hause nie mehr ausgehen, wenn wir das Kind, um dessentwillen uns das Brot geschenkt ward, behalten und zu einem frommen und tüchtigen Mann erziehen. Im Unsegen werden wir das Brot essen, wenn wir das Kind hinweggeben. Anfangs wirst du die größte Last haben, nachher aber kommt sie an mich; wir wollen ehrlich teilen, was mit diesem Kind ins Haus eingezogen ist, die Sorgen und den Segen. Johann Friedrich, armes Waisenkind, – Friedrich sollst du von uns genannt und ein Musikant werden! Und es soll dir besser damit glücken als deinem Pflegevater.« Christine erschrak über die Bestimmtheit Heinrichs und seinen entschiedenen Ton. Er war ein ganz anderer geworden, seit er das Kind und das Brot auf den Tisch gelegt. Zum erstenmal empfand sie die Autorität des Ehemannes, davor sie sich beugen müsse. Die Worte von dem Segen, der nur auf Brot und Kind verbunden ruhe, durchbebten ihr abergläubisches Gemüt. So resolut sie sonst gewesen: – gerade hier, wo das Weib zu reden berufen war, fühlte sie sich als das schwache Weib. Sie erhob mancherlei Einwand, unter Tränen sogar, aber sie kam nicht auf gegen die fast religiöse Begeisterung des Mannes. Zu allerletzt verschanzte sie sich hinter die böse Nachrede der Freunde und Nachbarn. Wie werde man es ihnen, die selbst arme Leute, auslegen, daß sie ein Findelkind zu sich genommen, vermutlich, damit der Stadtpfeifer es mit seinen Projekten und Notenpapierschnitzeln großfüttere? Heinrich sprach trutzig: »Ziehn dir die Leut' ein schiefes Maul, So sei im Gesichterschneiden auch nicht faul – sagt Doktor Martin Luther, und ich denke, wir sind beide gut lutherisch.« Dann nahm er das Brot, schnitt es an und setzte den Wasserkrug auf den Tisch. »Jetzt wollen wir schweigen und in Frieden unser Abendbrot essen. Hast du aber erst geschmeckt, Christine, wie köstlich dieses Brot ist und wie der Hofbäcker nie ein gleiches gebacken, dann werden dir die Augen aufgehen, daß du Gottes Hand erkennst, die dieses Kind gerade uns und uns allein überantwortet hat, wer weiß, zu welchem Ende!« Drittes Kapitel Das Brot ging nicht mehr aus in des Stadtpfeifers Hause. Sie hatten aber auch das Kind behalten. Mit Wasser und Milch – ein damals noch kaum erhörtes Wagnis – ward der Knabe mühselig aufgezogen. Die Hofbäckerin steuerte die Milch dazu. Andere gaben Leinwand und Kleider; auch sonstige milde Spenden mancherlei Art flossen reichlich, solange die Sache noch neu war; dann versiegte die Barmherzigkeit, und nach Jahresfrist blieben die paar Gulden allein übrig, welche die Gemeinde beitrug, – der Stadtpfeifer meinte, man könne keinen Hund dafür ordentlich erziehen. Allein Heinrich Kullmann hatte jetzt einen neuen Menschen angelegt. Ein Eifer zu arbeiten, zu erwerben glühte in ihm, daß es Christinen fast bangte. Tartinis Bogenstrich war ganz vergessen; unser Freund war der reine Stadtpfeifer geworden, doch, das merkte jeder, nur um Gottes willen, um des Weibes und Kindes willen. Er lief zweimal die Woche vier Stunden Wegs weit nach Wetzlar, um bei den Herren vom Reichskammergericht die Musikstunden wiederzusuchen, die er in Weilburg verloren. Da er sich für diese Tage im Turmdienst durch seine Gehilfen mußte vertreten lassen, so galt es, vorher Dispens beim Schultheißen zu gewinnen. Dieser gab abschlägigen Bescheid. Früher würde der Stadtpfeifer nunmehr beschämt sich in sich selbst verkrochen und keinen weiteren Schritt mehr gewagt haben. Jetzt dagegen ging er mannhaft zum Schultheißen und legte ihm die Sache in so beweglicher Rede vor, daß er mit der Erlaubnis in der Tasche wieder heimgehen konnte. Seit die wirkliche Not an ihn gekommen, seit er in seinem Hause einmal beinahe kein Brot mehr über Nacht gehabt hätte, war er ein Mann geworden. Und als ihm wie durch ein Wunder dennoch Brot beschert warb, nahm er mit dem Kinde freiwillig die doppelte Not auf sich, gleich als wolle er nun ein Mann werden, der für zwei Männer steht. Das Brot ging nicht mehr aus in seinem Hause, aber schmal blieb es durch Jahr und Tag. Drei leibliche Kinder kamen nachgerade zu dem gefundenen, so daß die kleine Pfeiferstube übervoll ward. Das Herz des Vaters gehörte den eigenen Kindern, das Herz des Künstlers dem gefundenen; Johann Friedrich war noch keine vierzehn Jahre alt und konnte noch keine große Geige bewältigen, da sagte der Stadtpfeifer schon: »Hinter der Stadtmauer habe ich den großen Musiker von der Gasse aufgelesen, den ich in mir selber immer vergebens gesucht.« So ging es durch achtzehn Jahre voll Plage und Not. Die kleinen Leute verstanden aber damals noch gar trefflich die Kunst, elend und zugleich glücklich zu sein. Heinrich Kullmann kam nicht vorwärts, aber er blieb doch immer als Stadtpfeifer sitzen; er wurde oft nicht satt, aber er verhungerte auch nicht, und wenn er nur seinen ledernen Hosengürtel um zwei Löcher fester schnallte, so spürte er keinen Hunger mehr, auch bei halbleerem Magen. Weil in den Kriegszeiten jeder zurückging, so brauchte sich keiner zu schämen, wenn er verdarb. Der Stadtpfeifer machte etwa alle drei Jahre den Versuch, flügge zu werden, fiel aber immer wieder in das alte Nest auf den Schloßturm zurück. Das nahm er hin, als hätte es nicht anders kommen können, und blieb so gutmütig, treuherzig und unpraktisch wie immer; aber er blieb jetzt auch ein Mann. Ward Christine zuweilen ungeduldig, dann sprach er: »Gottes Segen ist ja doch mit dem Kind und dem Brot über uns gekommen, vielleicht nicht ganz so reich, als wir's wünschten: – das Pferd, das den Hafer verdient, kriegt ihn nicht; aber sei versichert, um des Kindes willen wird uns für jene Welt der hier entgangene Hafer gutgeschrieben – mit Zinsen.« Es war Friede geworden in Deutschland; nur fern im Westen jenseits des Ozeans zog ein schweres Wetter auf. Doch so weit sah man nicht vom Schloßturm zu Weilburg. Kirchweih war immer ein großes Fest in dieser guten Stadt, und solenniter sollte sie auch im Jahre 1778 begangen werden. Der fürstliche Hof saß wieder in seiner alten Residenz, und die patriarchalischen kleinen Fürsten ließen in diesen Jahrzehnten den Sonnenschein gemütlicher Huld wärmer als je auf die Bürger fallen, wie die Sonne am Hochsommerabend oft noch einmal ganz besonders warm und gnädig brennt, unmittelbar bevor sie untergehen will. Wenn damals bei der berühmten Weilburger Kirmes der Hof nicht ebensogut den Jubel mitmachte wie der Bürger und Bauer, dann hätte man es gar keine ganze Kirmes genannt. Des Morgens zogen die Bürger aus nach dem Schießhause, mit ihnen der Fürst, dem, wie der Vater mit Stolz schon dem Knaben erzählte, als dem ersten Bürger der Stadt das Recht des ersten Schusses zustand. Er tat den ersten Schuß, er brachte den ersten Becher aus, er tanzte den ersten Tanz, und so ward er von den Weltbürgern auch als der erste Fürst gepriesen. Der Stadtpfeifer im ziegelroten Staatsrock hatte dem Zuge, dem Fürsten selber den Marsch geblasen; jetzt spielte er am Schützenstande, nur von einem Hornbläser unterstützt, und abends sollte der Fürst und hintennach die ganze Bürgerschaft nach seiner Pfeife tanzen. Kirmes war immer ein stolzer Tag für einen Stadtpfeifer. Die Bürger traten der Reihe nach vor, und jeder tat seinen Schuß. Da legte auch der Stadtpfeifer sein Instrument auf eine Weile weg, und der Hornbläser setzte allein die Musik fort. Heinrich Kullmann war Weilburger Bürger, also hatte er kraft fürstlicher Gnaden das Recht eines freien Schusses, und das ließ er sich nicht entgehen. Auf der Mauer vor dem Schießhause saß mit anderen Weibern Frau Christine und hielt ihr Jüngstgeborenes auf dem Arme; Friedrich – im Herbst wurden es achtzehn Jahre, daß man ihn an der Stadtmauer gefunden, – saß daneben mit den zwei größeren Geschwistern. Heinrich Kullmann zielte kurz: jetzt knallt die Büchse. Er hatte mitten ins Schwarze getroffen! Wer hätte solch Bauernglück dem Stadtpfeifer zugetraut, der nur jedes Jahr einmal ein Gewehr in die Hand nahm! Christine fuhr so erschrocken zusammen über ihres Mannes Geschicklichkeit, daß ihr das Kind beinahe vom Arme gefallen wäre. Wie ward es ihr erst nachgehends zumut, als die Festordner vortraten, dem glücklichen Schützen den Ehrentrunk darzubringen, als die Kirmesjungfrauen ihrem Heinrich einen gewaltigen Blumenstrauß vorsteckten, der von dem mittelsten Knopfloche des Rockes bis zur Nase reichte, und als der Fürst selber dem Glücklichen die Hand schüttelte und ihn der Fürstin und den Prinzessinnen als den Schützenkönig vorstellte! Dann kamen die Scheibenbuben selbviere aufmarschiert und brachten den ersten Preis, nämlich ein Dutzend zinnerne Teller, zwölf Löffel, Messer und Gabeln, Suppennapf, Schüsseln – die Geschirre alle von blankem, neuem Zinn –, und in das Salzfaß hatte der Fürst einen Dukaten gelegt und die Fürstin einen nassau-weilburgischen Krontaler 1778er Gepräges. Das alles überreichte der Schultheiß dem Stadtpfeifer aus den Händen der Scheibenbuben. Wie verklärte sich das Gesicht des Vielgeprüften, als er den Pokal in die Höhe hob, verstohlen nach seiner Christine und den Kindern hinüberblickte und dann auf das Wohl des Fürsten und des ganzen fürstlichen Hauses und der guten Stadt Weilburg trank. Er wollte zurücktreten an seinen Platz und die Hoboe wieder ergreifen, allein die Bürger ließen das nicht zu, sagten, das Horn allein sei ihnen Musik genug, und zogen den Stadtpfeifer zum Zechen in die große Bude. Wie freundlich taten da angesichts des Fürsten gar viele, die den armen Stadtpfeifer sonst nicht von weitem ansahen. Selbst etliche Kavaliere kamen herbei, stießen mit dem Schützenkönig an und nannten ihn: »lieber Kullmann«. Es waren dies aber dieselben Leute, die ihm bis dahin niemals gedankt hatten, wenn er sie auf der Straße grüßte; allein der Stadtpfeifer hatte dennoch nicht aufgehört, seinen Gruß zu entbieten, eingedenk der Verheißung des Herrn, daß, so wir jemand grüßen, der dessen wert ist, der Friede, den wir ihm gewünscht, auf ihn kommen wird, so er dessen aber unwert, wird sich unser Friede wieder zu uns wenden. Allein auch diese frohe Stunde sollte dem Stadtpfeifer nicht unverbittert bleiben. Gerade da er im rechten Rausch der Freude schwelgte, da ihm eben so gar nichts fehlte – denn auch Frau und Kinder saßen neben ihm und taten sich gütlich –, trat der Hoftrompeter hinter seinen Stuhl, ein stattlicher Mann, aber mit einem verwetterten Malefizgesicht; der drehte sich den langen ungarischen Schnurrbart und sprach: »Herr Stadtpfeifer, auf ein Wort!« und zog ihn beiseite. »Ihr habt eine Eingabe gemacht, daß man Euch gestatten möge, mit uns zur fürstlichen Tafel zu blasen. Ei, Herr Stadtpfeifer, Ihr hättet doch wissen sollen, daß ich und meine Kameraden ›gelernte‹ Trompeter sind, Glieder der Trompeterkameradschaft, die ihr Privilegium Anno 1622 von Kaiser Ferdinandus erhalten hat, und daß wir keinem erlauben dürfen, mit uns zu blasen, der nicht durch Brief und Siegel beweist, daß er in die Kameradschaft gehöre. Ihr blast sehr schön, aber woher habt Ihr's denn? Seid Ihr in der Zunft aufgewachsen, oder habt Ihr Euch selber hineingestohlen in die Geheimnisse unserer Zungenstöße, die für die Kameradschaft ein beschworenes Geheimnis sind? Seht, und wenn der Oberhofkapellmeister Hasse von Dresden käme und spräche zu mir: Ich will mit dir blasen, dann würd' ich antworten: Mit Verlaub, Maestro, Ihr möget der gepriesenste Komponist in Deutschland und Welschland sein und der beste Trompeter dazu, aber ein ungelernter Trompeter seid Ihr doch, und nach meinem Zunfteid darf ich nicht mit Euch blasen.« Mit diesen Worten ließ er den Schützenkönig stehen. Der blieb eine Weile starr über die Bosheit des schnurrbärtigen Satans, der seine glücklichste Stunde geflissentlich abgewartet zu haben schien, um ihn wieder einmal mit einer getäuschten Hoffnung niederzuschlagen. Er ging zum Glase zurück und setzte es mit so saurem Gesichte an den Mund, als ob der gute Wein Essig wäre. Da sagte die Frau, die gerne so von ungefähr erkunden wollte, was er mit dem Hoftrompeter gehabt: »Du bist ein närrischer Mann, Heinrich! Wenn dir's schlecht geht, dann bist du wohlgemut, und wenn einmal das Glück an dich kommt, dann möchtest du weinen.« »Nein, so ist es nicht«, erwiderte er. »Sieh, wenn ich sonst über den Schloßhof ging und der Hoftrompeter im Tressenrock stand auf der hohen Treppe vor dem Speisesaale, schmetterte seine Fanfaren und blies die hohen Gäste zur Tafel zusammen, dann dachte ich: Der hat's besser wie du, ob du gleich ebensogut trompeten könntest: – einen leichteren Dienst, einen schöneren Rock, mehr Geld und größere Ehren! Und ich war ein Esel und bewarb mich insgeheim um die zweite Trompeterstelle neben ihm. Ich wollte wieder einmal vorwärtskommen; – nicht wahr, Christine, das haben wir schon oft gewollt? Ich habe dir's verschwiegen, weil ich dich überraschen wollte. Nun ist's wieder nichts, denn ich bin nur ein ›ungelernter‹ Trompeter, wie man mir eben sagt, ich habe mir meine Kunst gestohlen, weil ich nicht Brief und Siegel habe von der Kameradschaft. Doch was schadet's? Reich mir den kleinen Buben, daß ich ihn küsse; der wird vielleicht einmal ein gelernter Trompeter werden, ich sehe ihn schon im Tressenrock auf der großen Schloßtreppe stehen. Ich aber will derweilen den Armen und Geringen meinen Choral vorblasen, daß der Schall vom Turm, wie wenn er vom Himmel herabkäme, sie mahne, tröste und erbaue: das ist doch ein ander Ding, als wenn ich vornehme Gäste, die nie hungrig sind, mit gellender Trompete zum Essen rufe. O Christine, dein seliger Vater hatte recht: Stadtpfeifer soll ich bleiben mein Leben lang, und es geht auch nichts über die Stadtpfeiferei, wenn ein Weib auf dem Turme waltet wie du!« Als es zum Tanze ging, war der Stadtpfeifer schon wieder getröstet, und er blies so lustig, wie wenn es gar keine gelernten Trompeter in der Welt gäbe. Der zweite Kirchweihtag verging ihm in noch härterer Arbeit und Unruhe wie der erste, denn da ward noch viel toller und länger getanzt, da war der Jubel erst recht losgelassen. Die Hoboe ließ den Musiker nicht zur Besinnung kommen, und wenn ihm zuletzt fast der Atem ausging, so waren ihm die Gedanken schon längst ausgegangen. Erst am dritten Tage fand er sich selber wieder in dem Frieden seines Turmstübchens. Aber mit der Ruhe kam auch das Nachdenken über die vergangenen Tage. Und ob ihn nun gleich das spiegelblanke Zinngeräte und das Goldstück und der neue Krontaler gar freundlich anlächelten, verband sich doch mit diesem Anblick sofort der Gedanke, wie grausam es sei, daß er als Schütze, wo er nichts gelernt und kaum gezielt, sofort mitten ins Schwarze getroffen, während er als Musiker, wo er rastlos lerne und wunders wie scharf ziele, sich nie auch nur einen zweiten oder dritten Ring herauszuschießen vermöge. Christine merkte, daß der böse Geist über Saul komme, darum rief sie ihren David, den Friedrich, der eben seine Geige im obersten Dachraume bei den Krähennestern zunächst unter dem Turmknopf exerzierte. Er kam mit dem Instrument, und die Frau fragte ganz leise den hypochondrischen Mann, ob er nicht zu ihrer aller Ergötzung ein Duett mit Friedrich geigen wolle. Der Stadtpfeifer rieb sich die Äugen, lächelte und bejahte die Frage. Es war aber etwas ganz Eigenes, wenn die beiden ihre, Duette geigten. Frau Christine sagte oft: »Ich wünschte, da hörte einmal ein rechter Meister zu; er sollte den Geigern alle Ehre geben.« Wir wissen, daß der Stadtpfeifer sonst kein Hexenmeister mit dem Fiedelbogen war; aber wenn er Duette mit seinem Friedrich spielte – und nur dann –, adelte sein Spiel sich wundersam. Es war schlicht und auch etwas ungelenk wie sonst – vom Bogenstrich Tartinis war noch nichts zu spüren –, allein es saß eine so unendlich treuherzige, gute Seele, eine echt deutsche Gemütlichkeit, kurz, der ganze Stadtpfeifer saß in dem Spiele. Des Bogenstriches, der ihm angeboren, war er sich bewußt geworden; denn im Bogenstrich liegt die Seele des Geigers. Und dann haben selten zwei Menschen so einig Duett gespielt; Ton klang zu Ton, als ob beide aus einer Geige kämen. Aber nur, wenn der Stadtpfeifer ganz allein war mit Friedrich und seiner Frau, gelang ihm das Spiel; hörte ein anderer zu – gleich war die Seele aus der Geige geflogen, der angeborene Bogenstrich wieder vergessen, und der Stadtpfeifer spielte schülerhaft neben dem stets meisterlichen Spiele des Schülers. Wenn Christine in diesen heimlichen, glücklichsten Stunden ihren Friedrich anschaute, dann war es ihr doch auch manchmal recht traurig ums Herz. Friedrich war blaß, mager – man weiß, wie ein Bauernkind den Mageren selbstverständlich für einen Kranken hält. Frühreif an Körper und Geist, hatte er mit unbezähmbarem Eifer die Musik gelernt; nicht in körperlichem, sondern in geistigem Ringen hatte sich bei ihm die Jugend vertobt. Es war Christinen immer, als ob Friedrich nicht mehr lange Duett spielen könne mit ihrem Mann. Sie versuchte einmal anzuklopfen bei letzterem, als er des Knaben unerhörte Fortschritte rühmte, und sagte in ihrer Art: »Die Vögel, die zu früh pfeifen, frißt die Katze.« Da schnitt ihr der Mann rasch das Wort ab und sprach von anderen Dingen. Nun wußte sie, daß er ihre Furcht teile, daß er aber nichts davon reden und hören wolle. Ehe die beiden ihr Duett begannen, verschloß der Alte, wie immer, die Tür. Dann stellten sie sich gegeneinander und spielten – ohne Noten (sie wußten's seit Jahren auswendig) –, und der Vater sah dem Sohne, der Sohn dem Vater ins Auge, daß man meinte, sie sähen die Musik einander an den Augen ab und nur darum passe Strich zu Strich so genau, als habe eine Hand beide geführt. So schön wie heute war es ihnen kaum je geglückt. Als sie im besten Zuge waren, schlich Christine horchend ans Schlüsselloch; deuchte es ihr doch, sie habe draußen Tritte gehört. Jetzt kam der Schluß des Duetts, so zart, so rein! Als die letzten Töne sich verhauchten, mußten alle drei unwillkürlich den Atem einhalten. Da klatschte es laut vor der Türe, eine gellende Stimme rief: »Bravo! Bravo!«, und die Klinke ward zum Öffnen niedergedrückt. Der Stadtpfeifer legte ärgerlich seine Geige weg und schloß auf. Ein Bursche, der höchstens zwanzig Jahre zählen mochte, trat ein. »Das war prächtig gegeigt!« rief er, »da bin ich also am rechten Ort. – Guten Abend, Meister Stadtpfeifer!« Der Angeredete dankte nicht sehr freundlich auf den übermütig gebotenen Gruß und hob die Lampe in die Höhe, um den Fremden etwas näher zu beleuchten. Der junge Mann sah fast verdächtig aus. Die Kleider, obgleich von vornehmem Schnitt, waren stark abgetragen, und das jugendliche Gesicht zeigte die etwas verlebten Züge eines ausschweifenden Jünglings. »Ich bin Franz Anton Neubauer, der Böhme«, sprach der ungebetene Gast in stark österreichischem Akzent, »Eure Freunde im Kloster Arnstein lassen Euch grüßen und empfehlen mich Eurer Gastfreundschaft.« Drauf tat er ungeheißen ganz wie zu Hause, legte Stock und Hut ab und setzte sich nieder. Frau Christine zog ein schief Gesicht und zupfte ihren Heinrich am Rocke; der aber besann sich kurz, schüttelte dem Fremden die Hand und sprach: »Um meiner Freunde willen sollt Ihr mir auf eine Stunde Rast willkommen sein, zumal wenn Ihr, wie ich denke, ein Musiker seid.« »Ei!« sagte Neubauer, »das solltet Ihr wohl wissen. Bin ich gleich noch jung, so kennt man meine Symphonien und Quartette doch schon von Wien bis Paris, und wo meine Musik nicht bekannt ist, da ist es wenigstens meine Person. Seht, ich durchziehe bereits seit zwei Jahren alle kleinen Ländchen, namentlich die geistlichen Herrschaften, und wo ich immer eine musikalische Seele finde, da kehre ich ein; am liebsten in Klöstern, bei Domherren oder auch bei gewöhnlichen Weltgeistlichen. Lutherische Pfaffen meide ich, die haben meist viele Kinder und wenig Wein, überall zahle ich nur mit Musik. Bei einem unmusikalischen Menschen einzukehren, das wäre schamlose Bettelei; aber ich denke, ein frisch komponiertes Menuett ist schon Zahlung genug für ein Nachtquartier; für ein Klaviersolo kann man schon ein Mittagessen annehmen, und für eine neue Messe müssen mir die Mönche des fettesten Klosters mindestens auf einen Monat freie Zehrung, freien Trunk und Quartier geben. So reise ich schon zwei Jahre durch aller Herren Länder; wer will mir das nachmachen? Bei uns in Böhmen hat man ein Familiensprichwort: Er ist ein Neubauer, werft ihn mitten in die Moldau, und wenn er auch nicht schwimmen kann, er wird doch nicht ersaufen. Das Wort habe ich mir gemerkt, wenn ich toll in jeden Strudel springe, denn ich weiß ja doch, daß ich nicht ersaufen werde.« Dem Stadtpfeifer schien es allmählich fast lustig, dem Burschen zuzuhören, dessen Zunge so vortrefflich eingeölt war, daß sie, einmal in Bewegung gesetzt, kaum wieder stillestand. Mit vergnüglichem Lächeln lauschte er zuletzt dem jungen Maestro, der in Eisenstadt zu Joseph Haydns Füßen gesessen und dessen wild geniale Symphonien man bereits in Paris aufführte und druckte. Neubauer hatte nicht zuviel von sich gesagt. Den vierzigjährigen Stadtpfeifer durchzuckte bei den Erzählungen des zwanzigjährigen Abenteurers, der mit seinem Talent so vermessen spielte, noch einmal das alte Gelüsten, aus der Verpuppung der Stadtpfeiferei mit Gewalt plötzlich als ein berühmter Musiker hervorzubrechen. Doch als er aufblickte und in einem Stückchen Spiegelscherbe, welches Christine in Ermangelung eines ganzen Spiegels gerade seinem Sitze gegenüber an der Wand befestigt hatte, sein bereits leise ergrauendes Haar schaute, schämte er sich und ging dann höchst resigniert ins Nebenstübchen, um mit den Kindern das Abendgebet zu sprechen. Auch Frau Christine wurde etwas milder gestimmt gegen den Fremden. Sie hielt zwar seine sämtlichen Historien für erlogen, aber für gut erlogen. Der Mann schien es ihr zu einer solchen Tüchtigkeit im Lügen gebracht zu haben, daß sie zuletzt einen gewissen Respekt vor ihm bekam. »Seht«, sprach er zu dem Ehepaar, als der Stadtpfeifer wieder zurückkam, »dort liegt ein großer Stoß Noten; wir setzen ihn auf die Erde, er ist mein Kopfkissen, und weiter brauche ich nichts für die Nacht. Ich wickle mich in meinen weitschößigen Rock, empfehle meine Seele dem heiligen Franziskus und dem heiligen Antonius und schlafe heute auf dem Fußboden so gut wie gestern im weichen Klosterbett. Wer müd' ist, ruht auch auf einem Misthaufen sanft. Ich hätte wohl zu einem der Hofmusiker gehen können, allein ich mag es nicht. Im Vertrauen, Freund, ich komme hierher mit guten Empfehlungen als Bewerber um die erledigte Hofkapellmeisterstelle« (»Lüg du dem Teufel ein Ohr ab!« dachte Frau Christine im stillen Sinn) – »und da müßten meine Leute doch vorweg den Respekt vor mir verlieren, wenn ich in diesem Aufzuge bei einem von ihnen einsprechen würde. Stadtpfeifer, ich werfe mich in deine Arme. Ich fragte gestern im Kloster Arnstein die ehrwürdigen Brüder: ›Wer ist unter allen musikalischen Männern Weilburgs der geradeste, zuverlässigste, neidloseste?‹ Da erwiderte der witzige Pater Placidus: ›Der zum höchsten gesetzt ist unter den Musikern der Stadt, der Stadtpfeifer oben auf dem Schloßturm.‹ Darauf beschloß ich, bei Euch Quartier zu nehmen, Euch mich anzuvertrauen. Mir fehlt das Kleid, das den Mann macht. Stadtpfeifer, Ihr müßt mir morgen früh Euern Staatsrock leihen, denn ich muß mich alsbald dem Fürsten vorstellen lassen.« »Was? den ziegelroten Rock, den die ganze Stadt kennt?« rief Christine, starr vor Staunen. »Richtig, den ziegelroten Rock meine ich«, fuhr Neubauer kaltblütig fort. »Doch das wollen wir morgen früh weiter besprechen beim Kaffee oder – ich sehe es der Hausfrau an: Ihr seid noch von der alten Mode – bei der Milchsuppe.« Der Stadtpfeifer saß wie verzaubert. Gegenüber diesem tollen Übermut voll genialer Blitze fühlte er sich recht als Philister, und da ihm Neubauer gar erzählte, daß er meist im Walde, auf der Gasse, wohl gar in der Gosse, am allerliebsten aber im Wirtshause komponiere – betrunken oder nüchtern, gleichviel –, da hätte er weinen mögen über sein ehrliches, ängstliches, erfolgloses Mühen hier oben auf der Turmstube. »Ich habe nie ausführen können, was mir vorgeschwebt«, bekannte er mit rührender Offenherzigkeit, »und so sehr mich das Mittelmäßige ärgert, bin ich doch immer ein mittelmäßiger Mensch geblieben. Für mich ist mein Leben lang nur einmal etwas vom Himmel gefallen, und das war ein kleiner Bube und ein Laib Brot, die ich auf der Straße fand. Dort steht der Kleine – er ist jetzt lang wie eine Hopfenstange – und putzt seine Geige ab. Das ist das einzige, was mir je gelungen, daß ich ihn zu einem tüchtigen Geiger gemacht. Ich habe also doch etwas mehr als Mittelmäßiges vollbracht auf Erden, darum werde ich in dem Buben meinen Frieden finden.« »Es ist wahr«, sagte Neubauer selbstgenügsam, »der Junge ist von gutem Korn und gut geschult; aber er muß hinaus in die Welt, nach Wien, nach Italien, damit er den Gesang lerne und Eleganz und Feinheit des Satzes und in alle Geheimnisse der Kunst eingeweiht werde von den größten Meistern selber.« »Das war längst mein höchster Wunsch«, erwiderte der Stadtpfeifer, »aber – –« »Ich weiß, was weiter kommt. Ihr habt keine Gönner, kein Geld. Wartet einmal, ich will mir die Sache hinters Ohr schreiben; bei Gott« – und Neubauers Augen leuchteten auf – »der Bube verdient's! Denkt an Franz Anton Neubauer und heißt ihn einen Schuft, wenn ich Euerm Friedrich nicht den Weg nach Wien auftue. Zu Joseph Haydn mußt du gehen, Friedrich, dem König der deutschen Meister. Da lernt man Symphonien schreiben! Denkt an mich, Stadtpfeifer: ein Mann, ein Wort!« Frau Christine flüsterte ihrem Manne zu: »Laß dich von dem Prahler erheitern, aber glaub ihm ja keine Silbe. Indes will ich ihm jedoch einen Strohsack auf den Boden legen, weil er sich heute abend so müde gelogen hat.« »Nur ein gereister Musikus ist fertig, die anderen sind alle bloß halb gar gekocht«, fuhr Neubauer fort. »Wißt Ihr auch, daß ich vorigen Monat in Bückeburg war und den Konzertmeister Bach, der gleich der meisten übrigen Bachischen Sippschaft niemals aus dem Nest geflogen ist, auf drei frei zu phantasierende Fugen herausgefordert habe?« »Nein, das tatet Ihr nicht!« rief der Stadtpfeifer entschieden. »Denn mit dem nehmen's in den Fugen nur noch seine Brüder auf, seit der Alte in Leipzig gestorben ist.« »Sehr richtig. Ich habe auch Böcke über Böcke gemacht, und der gelehrte Herr spielte verzweifelt gründlich und hölzern. Denn niemals ist er weitergekommen in der Welt als von Leipzig über Eisenach nach Bückeburg, nie hat er eine welsche Primadonna karessiert, um die Feinheiten des Gesangs zu ergründen. Er spielte verzweifelt gründlich, aber meine falsch gebauten Fugen waren doch ergötzlicher, und die feinsten Herren klatschten mir Beifall. Das Publikum entscheidet, das dumme Publikum gibt mir Essen, Trinken, Kleidung, Aufmunterung für die schlechteste Musik; von den klugen Kennern hat mir noch keiner ein Glas Wein oder eine Wurst für die beste gegeben. Übrigens habe ich mir nur einen Spaß mit dem berühmten Fugenfresser machen wollen.« »Das war bübisch, das war frevelhaft«, strafte der Stadtpfeifer eifrig. »Wußtet Ihr auch, daß dieser Bach nicht bloß ein ehrwürdiger Meister, sondern zugleich der harmloseste, gutmütigste Mensch ist?« »Ganz gewiß. Wäre er nicht so gutmütig, so hätte er mich von seiner Orgel heruntergeprügelt. Aber ein ungereister Musiker ist er doch, und das wollte ich ihm zeigen. Gebt Ihr immerhin dem Alter seine Ehrwürdigkeit; ich will nur, daß man der Jugend auch ihren Mutwillen gönne.« »Narren sind auch Leut'«, sprach der Stadtpfeifer, sich entrüstet abwendend. »Und Ihr seid nicht der erste, der mich einen Narren nennt«, fügte der junge Landstreicher hinzu mit selbstgenügsamem Lächeln. Viertes Kapitel Es kam zu jener Zeit an jedem Sonntage ein Kapuziner von Wetzlar nach Weilburg, um den wenigen Katholiken des streng protestantischen Städtchens privatim die Messe zu lesen. Er war eine ehrliche Haut, auch die Protestanten hatten den gemütlichen Kuttenmann gern; vor allen aber liefen ihm die Kinder scharenweise nach. War er bei Laune, dann konnte er stundenlang Anekdoten und Schnurren an einer Schnur erzählen, die, in seiner niederrheinischen Mundart vorgetragen, den Weilburgern doppelt possierlich klangen. So ward er zuletzt fast in allen Häusern bekannt und suchte sein Mahl bei Gastfreunden aller Art, bei Ketzern wie bei Rechtgläubigen. Selbst auf den Schloßturm verirrte er sich mitunter, denn er kannte den Stadtpfeifer von den Jahren her, wo derselbe den Weg nach Wetzlar zweimal in der Woche nicht gescheut hatte, um das gefundene Kind großziehen zu können. Am späten Nachmittage nach dem mit Neubauer so heiter verschwatzten Abend trat der Kapuziner wieder einmal in die Turmstube, grüßte freundlich und schaute sich neugierig nach dem Stadtpfeifer um, der in Hemdärmeln am Fenster saß, im Gesangbuch lesend. »Man hat Euch gar nicht in der Stadt gesehen, Kullmann«, sprach der Kapuziner lächelnd. »Ich dachte schon, Ihr seiet krank. Da hörte ich, daß wenigstens Euer ziegelroter Rock in der Stadt umherspaziere und großes Aufsehen mache, und schloß nun, es möge Euch wohl gehen wie Epaminondas, der auch zu Hause bleiben mußte, wenn er seinen Sonntagsrock einem fahrenden Musikanten gepumpt hatte; denn er besaß nur einen einzigen wie Ihr und ich.« Der Stadtpfeifer erschrak über die mögliche Entweihung seines Rockes, und der Kapuziner war sogleich bereit zu erzählen, was er gehört. »Einen schönen Lärm gab's vor einer Stunde im goldenen Löwen, als Neubauer in Eurem stadtbekannten ziegelroten Rock den Wein spürte. Zuletzt fing er gar Händel an mit einem seltsam kleinen fremden Schneider, der ruhig seinen Schoppen trank, und da der Beleidigte ihm seine Grobheiten zurückgab, faßte der berühmte Maestro den Schneider beim Kragen, hängte ihn mit der Schlinge des Rockes an einen großen Haken neben der Tür und drosch dann mit einem Selterser Wasserkruge auf das Schneiderlein los, bis der Henkel abbrach und der Krug in Scherben auf den Boden fiel. Die Zuschauer lachten über dieses Bild, daß sie hätten bersten mögen. Ich hörte im Vorbeigehen den Jubel, da wagte ich mich auf den Flur des Wirtshauses, um zu hören, was es gebe, und –« »Und solch einen Gesellen hast du deinen ziegelroten Sonntagsrock anziehen lassen, Heinrich!« fiel Frau Christine ein. »Der Rock macht's allein nicht aus, obgleich der ziegelrote, mein Hochzeitrock, seit achtzehn Jahren immer ein wahrer Ehrenrock gewesen ist«, erwiderte gelassen der Stadtpfeifer. »Aber nun will ich auch nicht mehr glauben, daß dieser Patron meinem Friedrich den Weg nach Wien auftun kann. Was war ich für ein Tor, daß ich eine Weile den Lügen und Prahlereien des liederlichen Buben traute!« »Wovon redet Ihr?« fragte der Kapuziner neugierig, und der Stadtpfeifer erzählte ihm, wie Neubauer versprochen habe, seinem Friedrich zu einer Gönnerschaft zu verhelfen, daß derselbe nach Wien gehen und dort Schule machen könne. Der Kapuziner zog ein ernsthaftes Gesicht, strich sich den langen Bart und sprach mit Gravität: »Herr Stadtpfeifer, Leute, denen man's nicht zutraut, können uns auch wohl empfehlen, daß es durchgreift, und es ist schon mancher bei Hofe weiter gekommen durch die Protektion der Kammerjungfer als durch die Protektion der Fürstin. Ich will Euch etwas erzählen. Vor ungefähr zehn Jahren war ein junger Maler in Köln, der hatte viel gelernt und wollte nach Paris gehen, um sich dort ein großes Stück Geld zu verdienen. Vier Wochen lang läuft er bei allen Baronen und Prälaten umher und bettelt sich ein ganzes Ledersäcklein voll Empfehlungsbriefe zusammen, und die zeigt er jedermann: ›Seht, wer fortkommen will, der muß hohe Empfehlungen haben.‹ – Wie er nun eines Tages an der Martinskirche vorübergeht, da ruft ihm der Fuhrmann Müller aus seinem Häuschen zu: ›Herr Gevatter, Ihr wollt nach Paris gehen?‹ – ›Ei freilich, soll ich Ihm was ausrichten?‹ – ›Nein, aber Ihr werdet Empfehlungen brauchen; ich will Euch einen Brief mitgeben. Sprecht morgen bei mir vor, bis dahin soll er fertig sein.‹ – Der Maler versprach's und lachte. Ein Frachtfuhrmann wird auch die rechten Verbindungen in Paris haben! – Nach drei Wochen führte ihn ein Zufall wieder an der Martinskirche vorbei; der Fuhrmann stand vor der Haustür und schirrte sein Pferd an. – ›Herr Gevatter! Ihr habt ja Euer Empfehlungsbrief nicht abgeholt. Wartet ein Weilchen, ich bringe ihn gleich herunter.‹ – Und ob der Maler wollte oder nicht, er mußte das Schreiben nehmen und steckte es unbesehen in die Tasche. In Paris erging's ihm wunderlich. Für sein Ledersäcklein voll Briefe sagten ihm die vornehmen Pariser mehr Artigkeiten in einer Woche als die Kölner in fünf Jahren, aber Arbeit wollte ihm kein Mensch verschaffen. Als ein Monat um war, hatte er all sein Geld verzehrt, und er durchsuchte eben den Koffer, ob nicht ein paar Heller unter die schwarze Wäsche geraten seien: da sieht er ganz unten den Brief des Fuhrmanns Müller aus einem zerrissenen Strumpf hervorgucken. Zum erstenmal kommt ihm die Neugierde, die Adresse zu lesen. Der Brief war gerichtet an den ersten Kammerdiener des Königs. Gleich läuft der Maler ins Schloß; der Kammerdiener ist nicht zu sprechen, er liest eben Sr. Majestät die Zeitung vor. Aber seine Frau ist zu Hause. Statt auf französisch begrüßt sie den Weibringer des Briefes auf kölnisch. Sie ist ja die Tochter des Fuhrmanns Müller. Sie schilt den Maler, daß er den Brief so spät abgebe. Heiliger Antonius, wie hätte der es ahnen sollen, daß eines Kölner Frachtfuhrmannes Kind auch einmal einen königlichen Kammerdiener in Paris heiraten kann! Als der Kammerdiener heimkommt, freut er sich mit seiner Frau über den kölnischen Landsmann, und nun geht's Schlag auf Schlag. Binnen acht Tagen sitzt die Majestät dem deutschen Maler: das Bild gelingt, Prinzen und Herzoge wollen von ihm gemalt sein, der Mann wird Mode in Paris, und als er nach drei Jahren wieder gegen den Rhein zog, da war das Ledersäcklein, worin die Empfehlungsbriefe gewesen, mit Louisdors gefüllt – alles durch die Protektion des Frachtfuhrmanns hinter der Martinskirche.« Der Kapuziner hatte kaum das letzte Wort gesprochen, so klopfte es an die Türe. »Herein!« – Der Stadtpfeifer stand wie vom Schlage gerührt: – der Fürst selber war es, der eintrat, und hinter ihm Neubauer, so nüchtern als möglich, im ziegelroten Sonntagsrock. »Ich muß unseren Schützenkönig einmal in seiner hohen Residenz besuchen«, rief der Fürst, dem Stadtpfeifer herzlich die Hand schüttelnd. »Daß Er im Schießen ein Wundertäter, habe ich ehvorgestern gesehen; nun erzählt mir mein neuer Hofkapellmeister Neubauer« – Frau Christine machte gewaltig große Augen bei diesem Wort –, »daß Er und sein Friedrich auch in der Musik wahre Wundermenschen seiet, daß ihr gleichsam als musikalisches Zwillingspaar Duette geigtet, wie man sie in Wien nicht hören könne. Er nannte euch beide die größte Merkwürdigkeit, die gegenwärtig in Weilburg existiere. So bin ich denn alsbald auf Euern Turm gestiegen, damit man mir nicht nachsage, ich suche das Schönste in der Ferne, während ich es doch in meinem eigenen Schlosse habe.« Der Stadtpfeifer stand regungslos wie ein Türpfosten während dieser Anrede – er war ja in Hemdärmeln! Außer dem Staatsrock, worin der neue Hofkapellmeister prangte, besaß er nur noch ein ganzes und ein zerrissenes Kamisol, beide für die Werktage bestimmt, und ein Kamisol konnte er doch nicht eigens zu Ehren des fürstlichen Besuches anziehen! Christine hatte schon zweimal Neubauer am Ärmel gezupft, ihn bittend und beschwörend, daß er in die Seitenkammer gehen und ihrem Manne den roten Rock ausliefern möge. Vergebens! Er blieb taub. Der Fürst ließ Friedrich herbeirufen und unterhielt sich eine Weile freundlich mit dem Jungen. »Nun zu den Geigen!« rief er dann mit erhobener Stimme. »Ich möchte auch eines von den schönen Duetten hören, Stadtpfeifer, und bitte meines Vetters, des Herrn Schützenkönigs Liebden, mit rechtem empressement um diese Gunst.« Der Stadtpfeifer blieb regungslos und schweigend wie vorher und gab nur zuweilen durch tiefe Verbeugungen ein Lebenszeichen von sich. Während der Fürst mit Friedrich sprach, hatte er gegen Neubauer halblaut hinübergerufen: »Gebt mir meinen Rock! Hört! Meinen Rock! Den Rock, oder ich schlage Euch nachher Arm und Beine entzwei!« Der Fürst blickte den versteinerten Stadtpfeifer staunend an. Da trat Neubauer mit zierlicher Verbeugung vor und sprach: »Ich erzählte Euer Durchlaucht schon, daß mein Freund die Grille hat, nur bei verschlossener Türe zu geigen, daß er nur im Duett ein Meister ist, keineswegs aber, wenn er allein spielt. Ich vergaß noch eine andere Eigenheit. Er kann nur in Hemdärmeln so vortrefflich spielen; sobald er den Rock anzieht, wird die Geigenhaltung unsicher, der Bogenstrich steif. Ich bitte darum meinen gnädigsten Herrn in meines Freundes Namen, ihm für die Ablegung der ersten Probe seiner Kunst vor einem so hohen Kenner zu dem übrigen auch noch die Hemdärmel nachzusehen.« Der Fürst lachte herzlich. »Die Bitte ist gewährt! Was doch so einem Musiker für Ratten durch den Kopf laufen! Aber flugs zu den Geigen! Stadtpfeifer, ich verlange viel von einem Duett in Hemdärmeln!« Als nun Vater und Sohn ihre Instrumente richteten, war es seltsam zu sehen, wie gewandt, fein und doch so bescheiden Friedrich sich zu benehmen wußte, während der Alte so hölzern war, als seien die Hemdärmel eine Eisenrüstung, und vor dem Fürsten scheu die Augen niederschlug, dem neugebackenen Hofkapellmeister aber Blicke tödlicher Wut zuwarf. Frau Christine verlor ganz den Kopf über die Vermessenheit ihres Mannes, Duett vor den durchlauchtigen Ohren des Fürsten und den kritischen Neubauers zu spielen. Der Kapuziner hatte sich auf ihre Bitte davongeschlichen, um unten im Schlosse beim Küchenmeister einen Rock zu borgen. Das Duett klang anfangs etwas rauh und steif. Der Stadtpfeifer gedachte noch mehr der Hemdärmel als der Musik. Doch da er dem Sohne wieder Aug' in Auge sah, schwanden ihm diese Gedanken. Es klang allmählich wie sonst; die Zuhörer waren vergessen. Friedrich blickte voll kindlicher Unbefangenheit aufwärts, der Alte sah herab mit Blicken, die so hell glänzten, daß man nicht wußte, ob von Tränen oder vor Freude. Ja, das war ein Duett! Es war das allerschönste, welches jemals in der Pfeiferstube gegeigt worden ist. Wer's nur auch mit angehört hätte! Zuerst mußte der Stadtpfeifer die Hemdärmel vergessen; jetzt sah aber auch der Fürst die Hemdärmel nicht mehr. Die Wände hallten wider von dem lauten Lobe, doch diejenigen, denen es galt, hörten es kaum, so tief waren sie ergriffen von dem eigenen Spiel. »Hört«, sprach der Fürst und faßte den Stadtpfeifer bei der Hand. »Euer Sohn muß nach Wien, nach Italien, daß er ein ganzer Meister wird. Rüste Er allmählich seine Abreise. Was zur Ausstattung fehlt, lasse Er bei mir fordern; die Reise- und Lehrkosten bezahle ich, und nach der Rückkehr wird sich ja wohl ein Platz in Unserer Hofkapelle für den jungen Hexenmeister finden.« Der Stadtpfeifer hieß den Pflegesohn fortgehen, legte seine Geige nieder und sprach: »Ich würde in Freuden Dank sagen meinem gnädigsten Herrn, wenn mir die Tränen nicht zu nahe stünden. Ich glaube, heute hab' ich zum letztenmal gegeigt. Sehen Eure Durchlaucht, ich bin eigentlich ein schlechter Musikant. Immer habe ich mich geplagt und konnte doch nichts zuwege bringen. Da ist mir dieser Bube vom Himmel herabgeschickt worden. Oft habe ich bei mir gedacht, ob Friedrich nicht mehr sei als ein bloßes Findelkind, so ein – wie soll ich sagen – cherubinischer Genius der Musik, der einmal menschlicherweise hier unten geigen wollte, statt droben im Konzert der Engel die Harfe zu spielen. Dann wies ich aber meine Gedanken allezeit streng zurecht und sprach zu mir: Kullmann, sei nicht närrisch! Allein, wenn mir der liebe Gott am. selben Abend das Geld für einen Laib Brot auf die Straße legte, warum soll er nicht auch eigens dieses Kind für mich dorthin gelegt haben, damit ich bei ihm ein Brot der Erquickung für meinen inwendigen Menschen fände? Als ich den Buben um Gottes willen aufzog, da ward ich inne, daß mir's wenigstens gegeben sei, in einem anderen zu erwecken, was ich so deutlich in mir fühlte und doch nicht von mir geben konnte. Oh, wie tröstete mich das! Ich weiß nicht, war es ein Wunder oder hat es natürlich so sein müssen: – nur mit Friedrich konnte ich meistermäßig spielen und bis daher auch nur insgeheim mit ihm. Es ist uns oft recht elend gegangen, gnädigster Herr, aber es ist doch kein Mensch in ganz Weilburg so glücklich gewesen als wir armen Leute hier oben auf dem Turm, wenn ich mit Friedrich Duett geigte. Das ist nun aus und vorbei. Jawohl, Friedrich muß hinaus. Wie sollen wir Euer fürstlichen Gnaden dafür danken? Aber mit ihm zieht das beste Stück von mir fort. Und wer weiß, ob ich je wieder der ganze Stadtpfeifer werde, der ich gestern noch gewesen bin!« »Ich will Ihm ja seinen Friedrich nicht nehmen«, tröstete der Fürst tief ergriffen. »Er wird wiederkommen als vollendeter Meister, und Ihr werdet dann nicht bloß der ganze, sondern ein verdoppelter Stadtpfeifer sein.« »Und doch ist mir's, als hätt' ich heute zum letztenmal gegeigt«, sprach Heinrich Kullmann leise vor sich hin, indes der Fürst dem lauten Dank sich entzog, für den jetzt Frau Christine Worte fand, und die Wendeltreppe hinabstieg. Neubauer blieb noch einen Augenblick zurück. »Unglücklicher Mann«, rief er dem Stadtpfeifer zu, »warum habt Ihr meinen alten Reiserock, der neben in der Kammer hängt, nicht angezogen? Wäret Ihr nicht in den Hemdärmeln geblieben, so hätte Euch der Fürst hier auf der Stelle zum Hofmusiker ernannt: es war alles schon abgeredet!« Der Stadtpfeifer trat gelassen näher, befühlte das Tuch seines eigenen ziegelroten Rockes und sprach: »Das Kleid sitzt Euch wie angegossen. Seht, Ihr seid gleich an den rechten Mann gekommen, in ganz Weilburg ist vielleicht kein zweiter, dessen Rock Euch so schön gepaßt hätte; ich dagegen bin ein Unglücksvogel, und wo mir endlich einmal der Hirsebrei fürstlicher Gnade geradezu vor dem Mund niederregnet, habe ich keine Schüssel, um ihn aufzufangen.« Neubauer eilte dem Fürsten nach. In dem Augenblick, da er die Stube verließ, trat der Kapuziner atemlos zur anderen Tür herein, den Rock des Küchenmeisters auf dem Arm. »Zu spät!« rief der Stadtpfeifer und warf sich todesmüde auf einen Stuhl. »Zu spät?« wiederholte der Kapuziner. »Dann will ich ungesäumt in den goldenen Löwen gehen, um zu erkunden, wie es Neubauer angefangen, daß er innerhalb einer Stunde ganz besoffen den Schneider mit dem Kruge prügelt und dann wieder fast wie nüchtern dem Fürsten aufwartet, so gewandt, als sei er auf dem Parkettboden zur Welt gekommen. Dieser Neubauer ist ein Mann, den man bewundern und studieren muß!« In wenigen Tagen trat Friedrich die Reise nach Wien an. Nun ward es still in der Turmstube. Der Stadtpfeifer blies nur noch im Dienste und im Geschäft. Die Geige hing im Schrank; Kullmann wollte sie nicht anrühren, bis er wieder mit Friedrich Duett spielen könne. Nur wenn zuzeiten ein Brief aus Wien kam mit erwünschter Nachricht über des Sohnes Wohlbefinden, ja wohl gar mit einem beigeschlossenen eigenhändigen Schreiben Joseph Haydns – dem Stadtpfeifer zitterte allemal die Hand, wenn er das Siegel des vergötterten Meisters erbrach, – über Friedrichs unerhörte Fortschritte, nur dann ging er langsam zum Schrank und schaute sich die Geige vergnügt wehmütig an, aber um keinen Preis würde er einen Strich darauf getan haben. So verging ein halbes Jahr gar stille, und es war Winter geworden. Kapellmeister Neubauer hatte sich festgesetzt bei Hofe und die ganze alte Hofkapelle umgewälzt. Doch der Erfolg sprach für seine kecken Neuerungen. Minderen Beifall fand es, daß er allwöchentlich bald vor diesem, bald vor jenem Wirtshause um Mitternacht selber in bedenklichen Umwälzungen gefunden und vom mitleidigen Nachtwächter heimgetragen wurde. Nach Neujahr kam eines Morgens der Kalikant der Hofkapelle auf den Turm und übergab dem Stadtpfeifer ein dickes Paket. Neubauer war ausdauernd gewesen in seiner Dankbarkeit von wegen des ziegelroten Rockes; er hatte nicht geruht beim Fürsten, bis er allmählich dessen Abneigung gegen den allzu grillenhaften Stadtpfeifer besiegte. Das Paket enthielt ein Anstellungsdekret als Hofmusikus für Heinrich Kullmann. An den Rand hatte jedoch der Fürst die eigenhändige Bemerkung geschrieben: » Nota bene : Im Hofkonzert wird nicht in Hemdärmeln gegeigt.« Heinrich und Christine feierten einen Tag stiller Freude. Zum Jubeltag wollte derselbe nicht werden, denn es war dem Ehepaar fast wehmütig, die altgewohnte Turmstube zu verlassen, wo sie so viel Leids und Liebes einträchtig zusammen erlebt. Gegen Abend ging der Stadtpfeifer zu Neubauer, um ihm zu danken. Er fand den jungen Wüstling in auffallend ernster, weicher Stimmung. Als er ihm seinen Dank aussprechen und seine Freude über das unverhoffte Glück bekunden wollte, unterbrach ihn Neubauer: »Seid stille, Meister! Was ist alles Menschenwerk und Menschenhoffen! Wir sind wie Gras auf den Wiesen, das am Morgen noch stolz stehet und am Abend abgemäht ist – ich weiß nicht mehr genau, wie der Spruch heißt, aber er klingt ungefähr so. Und daß ich's kurz sage – denn Ihr seid ja ein Mann, und ich bin kein Pastor: – heute früh habt Ihr einen Brief mit rotem Siegel erhalten, hier ist einer für Euch mit schwarzem – Morgenrot, trüber Abend –; lest ihn selber.« Der Brief enthielt die Nachricht von Friedrichs Tode. Sein schwacher Körper hatte das Übermaß des Studierens, dem er sich hingab, nicht aushalten können. »Der Tod will seine Ursach' haben«, bemerkte Neubauer zu dieser Stelle, die sie beide nicht ganz fassen konnten, und der Stadtpfeifer fügte hinzu: »So oder so: ich habe es vorausgewußt, daß ich mein Kind nicht wiedersehen würde.« In den ersten Tagen der Trauer saß Kullmann oft stundenlang im dunkelsten Winkel der Stube, blickte auf den Boden und faltete die Hände über dem Knie. Und als die Frau ihm freundlich zuredete in dieser Trübsal, sprach er: »Weib, tröste mich nicht. Jetzt bin ich mehr als Hoftrompeter, ich bin wirklicher Hofmusikus und habe satt zu essen; o wäre ich wieder Stadtpfeifer, und wir blieben hier auf dem Turm und wären hungrig und – hätten unseren Friedrich wieder! Ach, es war mir immer im Gemüte, daß der Junge zu gut und zu zart sei für diese Welt!« Dann aber richtete er sich plötzlich hoch auf, reichte der Frau die Hand und vollendete in männlicher Fassung: »Wir wollen dennoch nicht verzagen. Der Haussegen, den uns Gott gegeben, weil wir uns dieses Kindes erbarmt, wird nicht von uns genommen sein. Schicke mir unsere drei Kinder herein, daß ich mit ihnen spiele und ihnen von Friedlich erzähle. Wer Trost sucht, der findet Trost.« Der neue Hofmusiker zog vom Turm in eine Stadtwohnung, und jener Haussegen zog mit ihm, und bald war auch die stille Zufriedenheit des Pfeiferstübchens wieder heimisch geworden in dem neuen Quartier. Ein sonniges Alter war den Eheleuten nach so viel rauhen Jahren bereitet. Christine gedachte jetzt manchmal des Wirtes zu Beilstein, der ihr auf der Hochzeitreise das Behagen des Sonnenscheins gepriesen, als sie Sturm und Regen so lustig gefunden hatte. Jetzt war sie zu des Wirtes Ansicht bekehrt. Der Sonntagskuchen des elterlichen Hauses in Ebersbach tauchte nach mehr als achtzehnjähriger Pause mit einemmal wieder auf; zuerst kam er klein wie das erste Mondviertel auf den Tisch, dann größer gleich dem Vollmond, dann gewaltig wie ein Mühlstein. Der Pater Kapuziner witterte den Kuchen, zu dem Frau Christine an Sonntagnachmittagen sogar ausnahmsweise einen Kaffee spendete, und ward nun ein Stammgast in Kullmanns Hause. Sowie noch ein dritter anwesend war, erzählte er dann mit großem Humor und alljährlich sich mehrenden sagenhaften Ausschmückungen die Geschichte von dem Konzert in Hemdärmeln. Als Neubauer schon längst sich zu Tode getrunken, ward seiner dabei immer noch dankend gedacht. Heinrich Kullmann rührte keine Geige mehr an. In der Kapelle blies er die Hoboe. Als er Hofmusikus ward, hatte er sich jedoch vorbehalten, an besonderen Festtagen auf dem Turme den Choral mitblasen, ja ihn dann selber auswählen zu dürfen. Erst da die Stadtpfeiferei ein Ende nahm, fühlte er, wie sehr sie ihm ans Herz gewachsen war. So blies er denn oben auf Weihnachten, Neujahr, Ostern und Pfingsten, und die Bürger merkten's gleich an dem vollen feierlichen Klang, daß der alte Heinrich Kullmann wieder auf dem Turme stehe. Außer jenen Kirchenfesten hatte er sich aber auch noch für einen persönlichen Festtag die erste Posaune ausbedungen. Es war dies der 14. Juli, sein Hochzeittag. Da überdachte er wohl in dämmernder Frühe beim Aufstehen die wunderbare Führung, mit der ihn Gott durch Leid zu Freud' gebracht, und freute sich des Segens, der nicht von seinem Hause gewichen war, obgleich er dasselbe in Leichtsinn gegründet, dann aber in Mut und Gottvertrauen gestützt und gefestigt hatte. Zweierlei war es, was ihm nach seiner Meinung diesen Segen beschert: daß er nicht bloß das Brot vom Wege aufgehoben, sondern mit dem Brote auch das Kind, und dann, daß er in dem Bauernmädchen von Ebersbach ein so unübertreffliches Weib gefunden. Was er von seinem verstorbenen Friedrich zu sagen pflegte, das sagten die Leute auch wohl von ihm: er sei fast zu gut für diese Welt und zu zart, und fügten dann hinzu: ein Glück, daß er eine so gestrenge, heftige Frau hat. Mit frommen Gedanken, mit schmerzlich süßen Erinnerungen bestieg der ehemalige Stadtpfeifer am 14. Juli den Schloßturm. Dann aber stieß er oben so mächtig in seine Tenorposaune, daß es widerhallte von den Felswänden des engen Talkessels, und wie er die Töne aushielt, anschwellen und verklingen ließ, so machte es ihm keiner nach, ja er selbst konnte an keinem anderen Tage blasen wie an diesem. Denn es schallte nicht bloß die Posaune, daß sie den rechten Ton gab, sondern der Stadtpfeifer sang auch inwendig bei sich den rechten Text mit, und es klang in ihm wie ein ganzer voller Chorgesang, wie ein Tedeum nach gewonnener Schlacht, wenn sie selbviere zu blasen anhuben: »Nun danket alle Gott Mit Herzen, Mund und Händen, Der große Dinge tut An uns und allen Enden; Der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an Unzählig viel zugut und noch jetzund getan.« Traten die Bläser ans gegenüberstehende Fenster, um den Choral zu wiederholen, dann schmetterte der Alte noch gewaltiger drein, denn er schaute nun hinunter auf sein Haus und sang im stillen den zweiten Vers des Liedes, und dieser lautete, als habe ihn Martin Rinckart ganz besonders gedichtet für unseren Heinrich Kullmann, den Stadtpfeifer von Weilburg: »Der ewig reiche Gott Woll' uns bei unserm Leben Ein immer fröhlich Herz Und rechten Frieden geben Und uns in seiner Gnad' erhalten fort und fort Und uns aus aller Not erlösen hier und dort.« Burg Neideck. 1876 Erstes Kapitel Es gibt in Deutschland mehrere Burgen dieses Namens, aber die schönste unter ihren Namensschwestern ist ohne Zweifel jenes Neideck im ehemaligen Reichsfürstentum Westerau, welches heute noch in so stolzen Trümmern vom steilen Tonschieferfelsen auf das Gebreite des Felbergrundes hinabschaut und weit übers Tal hinüber zu dem fernen Höhenzuge des Drill, an dessen Hängen das Städtchen Westerau mit dem neuen Fürstenschlosse lagert. Zur Zeit des Siebenjährigen Krieges war ein Teil der Burg noch bewohnbar, die größere Hälfte dagegen dachlos und verfallen. Von hinten offen, von vorn durch Graben und Zugbrücke geschützt, galt das Felsennest damals noch als eine Art Landesfeste, wenn auch nicht für uneinnehmbar, und hatte eine Besatzung von drei Mann, einen Feldwebel und zwei Gemeine, sämtlich invalid, dazu sogar ein Geschütz, eine alte Kartaune, die jedoch nur am Geburtstage des Fürsten ins Tal hinabdonnerte und außerdem, sooft die Fürstin drüben im Schlosse wieder mit einem Prinzen oder einer Prinzessin niederkam. Der Zweck der Besatzung war schwer zu ergründen; sie lag eben da, weil sie nicht abgezogen war, ein Trümmerrest der früheren Garnison wie die vorhandene Burg ein Trümmerrest der alten Burg; die Invaliden dienten auf Neideck, weil sie nicht mehr dienen konnten, das war ja Grund genug. Übrigens hatten sie ein trockenes Quartier, gesunde Luft und lebten sehr billig. Neben den drei Invaliden wohnte ein Schulmeister auf Neideck im kleinen Pförtnerhäuschen am Burgtor und hielt daselbst auch seine Schule, so daß der Lehrstand samt dem Wehrstande vertreten war, nur mit dem Nährstande sah es bei sämtlichen vier Burgbewohnern bedenklich aus. Die arme Gemeinde Neideck – so nannte man zwölf strohgedeckte Hütten am Fuße des Burgberges – konnte kein Schulhaus bauen, darum hatte ihr der Fürst das Pförtnerhaus in Gnaden zu Schulzwecken eingeräumt, und da sich die Schuljugend aller Klassen höchstens auf zehn Köpfe belief, so hatten sie in dem dunklen Pförtnerstübchen Platz genug, wofern sie sich zusammenduckten wie die Schafe beim Donnerwetter. Der Schulmeister, welcher Anno 1757 da droben saß, war Philipp Balzer, ein junger Mann, zum Unterschied von vielen anderen Balzern der Umgegend der Burg-Balzer genannt. Sein Großvater Johannes, der älteste der bekannten Burg-Balzer, war Gemeindehirt gewesen, dem man das Pförtnerhaus als Hirtenhäuschen zugewiesen hatte, da es hierfür so gar günstig lag; denn am Südhange des Burgberges auf magerer Heide weideten die Kühe, Schafe, Schweine und Gänse des Dorfes in beschaulicher Eintracht. Johannes' Sohn Jakob, unseres Philipps Vater, war schon Schulmeister und Hirt zugleich, Philipp dagegen bloß Schulmeister. Er hatte das Hirtenamt aufgegeben, nicht weil das Schulamt nun für sich allein seinen Mann ernährt hätte, sondern weil die Gemeinde samt ihrem Vieh so heruntergekommen war, daß sie eines eigenen Hirten gar nicht mehr bedurfte. Philipp ließ durch die faulsten Schulkinder das Vieh hüten: eine etwas zweifelhafte pädagogische Maßregel, denn da alle Kinder im Sommer lieber auf der Weide sein mochten als in der Schulstube, so wollte nun jedes das faulste sein. Der Schulmeister und die drei Invaliden wären vielleicht die glücklichsten Menschen von der Welt gewesen, wenn sie etwas mehr zu essen und zu trinken gehabt hätten. Nur an diesen beiden Dingen fehlte es mitunter. Denn die Wohnung war, wie gesagt, trocken, die Luft gesund, und die Kleider hielten auf der Burg unglaublich lange. Das Idyll dieses glückseligen Lebens wurde im November 1757 durch beklemmende Nachrichten gestört. Die immer weiter brandenden Kriegswogen wälzten sich heran, obgleich man im Fürstentum Westerau vom Kriege gar nichts hatte wissen wollen. Schon konnte man vom hohen Doppelwartturm der Burg ganz ferne dumpfe Kanonenschläge vernehmen, und flüchtende Bauern aus den angrenzenden Ländern erzählten, daß die preußischen Husaren bereits auf zwei Meilen fouragierten. Die Besatzung von Neideck war sehr in Zweifel, was sie tun solle, wenn der Feind wirklich käme. Der Feldwebel wollte die Burg in die Luft sprengen, allein dazu fehlte das genügende Pulver; von den Gemeinen sprach der eine für ehrenvolle Übergabe, der andere für Flucht ohne Umstände; der Schulmeister, den man auch zum Kriegsrate zog, für Behauptung des Platzes bis auf den letzten Mann. Ein fürstlicher reitender Jäger sprengte am 12. November abends in furchtbarer Eile den Berg herauf und brach allen Zweifel. Er übergab dem Kommandanten eine versiegelte Ordre des Inhaltes: da die Burg unhaltbar sei, so solle die Garnison sofort unter Mitnahme aller Waffen und Vorräte abmarschieren und sich hinter die Schwarzachlinie zurückziehen, wo sie von der Reichsarmee würde aufgenommen werden. Was aber von Kriegsgerät und Proviant nicht mitgenommen werden könne, das sei zu zerstören. Die Besatzung war mit dieser Ordre sehr zufrieden und die Ausführung um so leichter, da man sehr wenig mitzunehmen und gar nichts zu zerstören brauchte. Nur die Kanone erregte Bedenken. Da sie keine Lafette hatte, auch alles Zugvieh aus dem Dorfe geflüchtet worden war, so konnte sie nicht mitgenommen werden. Der Feldwebel wollte sie nach Kriegsgebrauch vernageln, wußte aber nicht, wie man das anfängt; einer von der Mannschaft wollte sie zersprengen, doch das schien gefährlich; zuletzt folgte man dem Rate des Schulmeisters und stürzte sie in den Brunnen des Burghofs, welcher zweihundert Fuß tief und seit Menschengedenken trocken war. Vor dem Abmarsch bat der Feldwebel den Schulmeister, daß er ihnen als gelernter Geograph genau sage, wo eigentlich die Schwarzachlinie anfange. Obgleich er es selbst nicht recht wußte, gab Philipp doch die gewünschte Auskunft mit jener Sicherheit, die jeder Lehrer von Amts wegen haben muß; denn die erste Regel aller Schulmeisterei ist, daß man es seine Schüler nicht merken lasse, wenn man selber nichts weiß, und darum geeigneten Falles lieber etwas Verkehrtes sage als gar nichts. Die Soldaten wollten den Schulmeister mitnehmen zu seiner Sicherheit. Allein er hielt es für sicherer, dazubleiben, und sah bewegten Herzens, wie seine alten Freunde so rasch und leise, Gespenstern gleich, den Burgberg hinabschritten und in der schweigenden Nacht verschwanden. Die werden nicht wiederkommen, sprach er bei sich, und jetzt bin ich allein Herr der Burg. Hierauf wand er die Zugbrücke auf, verschloß sorgsam das Tor und ging in sein Häuschen, wo er schon seit vorgestern einen Haufen Äpfel, Nüsse, gedörrte Zwetschen, Brot und etwas Speck und Rauchfleisch zusammengetragen hatte. Mit diesem Proviant, einem alten Schlafrock und Gottscheds »Kritischer Dichtkunst« belud er sich und schlich verstohlen zum westlichen Felsenhange des Burgberges. Dort horchte er nach allen Seiten, ob er auch ganz allein sei, denn sehen konnte er nichts in der stichdunklen Nacht, kletterte dann ein Stück verfallenen Mauerwerkes hinan, bog dicht verwachsenes Dorngesträuch auseinander und kroch durch den Spalt, der sich dahinter öffnete, in ein altes Gewölbe, welches in einen verschütteten Gang auslief. Dieses Loch war sein Geheimnis, niemand aus dem Dorfe oder von der Besatzung kannte es; er hatte es schon als Knabe entdeckt und immer verborgen gehalten. Schon vor Jahren hatte er sich dort ein Ruhebett aus Moos und welkem Laub bereitet und gar manchen regnerischen Nachmittag einsam verträumt. Denn er liebte es, sich völlig in die Ritterzeiten zurückzuversetzen, und das gelang in dem Helldunkel des Gewölbes allemal am besten. Mit großer Mühe versuchte er dann wohl auch, den Schutt des eingestürzten Ganges wegzuräumen und dort weiter vorzudringen. Er hatte im Straßburger »Hinkenden Boten« gelesen, daß man im verschütteten Keller einer elsässischen Burg etliche Fässer Weines gefunden habe, so uralt, daß die Faßdauben weggefault gewesen seien, allein der Wein habe sich seine eigene Haut gezogen und nun in derselben wie in einem Fasse gelegen. Vielleicht fand sich auch hier noch so ein Hohenstaufenwein »in der eigenen Haut«. Schade, daß es dem Burg-Balzer niemals gelungen war, den verschütteten Gang freizumachen! Er beschloß, in seinem Gewölbe zu bleiben, bis der erste Anprall des Kriegssturmes vorüber sei, und etliche Tage konnte er es da unten schon aushalten. Und ohne Zweifel befand er sich hier sicherer als die flüchtigen Bauern in den Wäldern. Allein nicht bloß diese vernünftige Erwägung hieß ihn auf der Burg versteckt bleiben, sondern mehr noch ein romantischer Zug des Gemütes. Denn dafür war Philipp Balzer ein deutscher Schulmeister. Ich bin der Burg-Balzer, so sprach er zu sich selbst, ich muß meiner Burg Treue bewahren und stehe und falle mit meiner Burg. Ich bin der angestammte Wächter von Neideck, die Soldaten waren nur Mietleute. Mögen mich die Preußen mit der Burg in die Luft sprengen; lieber fahre ich auf diesem raschesten Wege zum Himmel, als daß ich treulos die Burg meiner Väter verlasse. In der Tat fürchtete er übrigens gar nicht, mit der Burg in die Luft zu fahren, weil er sich noch zu großen Dingen berufen glaubte: zum Retter und Wiederhersteller von Burg Neideck. Diesen Glauben gründete er auf eine alte Sage. Neideck war das Stammschloß der Fürsten von Westerau, welche dort bis zum Dreißigjährigen Kriege residiert hatten. Damals flüchtete die Herrschaft beim Herannahen der Kaiserlichen, aber eine starke Besatzung behauptete das Schloß, und die Bauern der Umgegend fanden dort Schutz für sich und ihre Habe und priesen Neideck als die wahre Landesfeste. »Es ist eben immer eine gute Burg gewesen«, wie der Schulmeister zu sagen pflegte, »kein gemeines Raubnest.« Allein in dem schlimmen Jahre 1634 drohte der mit Flüchtigen überfüllten Feste der Proviant auszugehen, und das ganze umliegende Land war rein ausgegessen. Da befahl der kommandierende Burgvogt, daß alle Frauen und Kinder als unnütze Verzehrer die Burg verlassen sollten. Es gab ein furchtbares Heulen und Flehen; denn wohin sollten sich die Armen wenden? Der Kommandant blieb hart; sie wurden ausgetrieben. Da stießen die Frauen vor dem Tor die schwersten Verwünschungen aus gegen die ungastliche Burg, nicht einen Fluch, sondern Dutzende durcheinander; denn jede Frau hatte ihre besondere Zunge. Drei Flüche aber waren es, welche aus allen im Gedächtnis des Volkes geblieben sind. Der eine lautete: »Neideck soll in Trümmer fallen, daß die Steine noch nach hundert Jahren zeugen wider den unritterlichen Burgvogt!« Der andere: »Hundert und mehr Jahre sollen vergehen, ohne daß je ein Burgvogt auf Neideck durch Frauenhuld beglückt werde!« Der dritte: »Zur Schmach der Männer muß es noch kommen, daß eine Frau die Burg rettet, wenn der letzte Mann daran verzweifelt!« Die beiden ersten Flüche hatten sich bereits erfüllt. Denn bald nach dem Abzug der Frauen wurde die Burg erstürmt und der östliche Flügel in Trümmer gelegt, worauf dann der ganze mächtige Bau in immer weiterfressenden Verfall geriet. Die herrschaftliche Familie bezog Neideck nicht wieder, sondern residierte seitdem im neuen Schlosse des Städtchens Westerau; dagegen hatte noch geraume Zeit ein fürstlicher Vogt oder Amtmann auf der Burg seinen Sitz. Aber kein Amtmann auf Neideck wurde fortan mehr durch Frauenhuld beglückt. Etliche waren und blieben Junggesellen, zwei zogen als Witwer auf, der einzige aber, welcher eine Frau mitbrachte, wurde von ihr so geärgert, daß er sich eines Tages im obersten Turmstübchen den Hals abschnitt. Er hatte sich »von Haas« geschrieben, und jener Turm hieß seitdem der Hasenturm. Also war nur noch der dritte Fluch unerfüllt: daß eine Frau zur Schande der Männer die Burg retten solle. Obgleich der Schulmeister nun eigentlich keine Frau war, glaubte er sich doch vorbestimmt zur Erfüllung dieses Fluches, der wiederum die Versöhnung in sich trug. Er dachte sich aber die Sache so kühn, daß er seine Gedanken in tiefster Brust verschloß und nicht einmal mit sich selber laut darüber redete. Diese Gedanken bewogen ihn vorab, trotz aller Kriegsgefahr auf der Burg zu bleiben, sie hoben ihn über alle Angst und Langeweile, und er zehrte an ihnen in dem dunklen Loche fast noch begieriger als an seinen gedörrten Zwetschen und dem Speck, hatte auch Zeit genug dazu, denn Tag und Nacht verging, ohne daß er sich aus dem Gewölbe herausgetraute. Am zweiten Tage spürte er einen brandigen Geruch – vermutlich ging das Dorf jetzt in Flammen auf; auch glaubte er öfters nahen und fernen Kanonendonner zu hören, Pferdegetrappel, Schwertergeklirr und anderes unheimliches Getöse. Dann wurde es wieder totenstill. Nachdem er zwei Tage und drei Nächte in dem Gewölbe gesteckt und des Sitzens und Liegens, auch des Obstes und Speckes genügend überdrüssig geworden war, schlüpfte er frühmorgens heraus in die Dornbüsche, welche den Eingang deckten. Ein nahes Geräusch erschreckte ihn. Da er aber fand, daß es von einer wohlbekannten Ziege kam, die an den letzten spärlichen Blättern des Spätherbstes nagte, so wagte er sich ganz aus den Dornen hervor. Das Dorf lag unversehrt im heiligen Morgenfrieden zu seinen Füßen, es war nicht abgebrannt, auch sah und hörte man weit und breit nichts von Krieg. Das tröstliche Bild im goldigsten Sonnenschein lockte den Schulmeister immer weiter ans Licht, und nachdem er auch einige Bauern erspäht hatte, die ihre geflüchtete Habe ins Dorf zurückführten, wagte er sich ganz heraus, schlich verstohlen um den Burgberg herum und betrat das Dorf von der entgegengesetzten Seite, damit niemand das Geheimnis seines Gewölbes errate. Nun erfuhr er, daß die gefürchteten Husaren gar nicht nach Neideck gekommen seien und daß der Kriegslärm sich schon weit und immer weiter hinweggezogen habe. Die Bauern empfanden Scham und Reue über ihre törichte Flucht, sie hatten in den Wäldern argen Frost und Hunger ausgestanden, das Vieh hatte elend gelitten, mutwillige Buben hatten die Strohfeimen auf dem Felde angezündet, auch in den verlassenen Häusern viel Unfug verübt; man brauchte eine ganze Woche, um den Schaden wiedergutzumachen und die versäumte Arbeit nachzuholen. Der Schulmeister dagegen wurde als ein kluger Mann gepriesen, weil er allein zu Hause geblieben sei. Bescheiden und geheimnisvoll lehnte er alles Lob ab, rühmte aber die Burg, welche auch in Trümmern noch dem Lande Schutz gewähre. Ein jeder Mensch bedarf des Glaubens, und fester als je zuvor glaubte der Burg-Balzer an seine Burg. Zweites Kapitel Am 15. Februar 1763 sprengten zwölf Kuriere mit Hörnerschall aus dem Schloßhofe zu Hubertsburg und jagten nach allen vier Winden, um den eben abgeschlossenen Frieden »den respektiven Höfen« zu verkünden, und ein ganzes Geschwader von reitenden Postillonen jagte hinterdrein durchs weite Römische Reich, um den Frieden allerorten » solenniter auszublasen«. Der Siebenjährige Krieg war zu Ende, und auch Burg Neideck hatte nun für ein ganzes Menschenalter Ruhe; die Türme hörten keinen fernen Kanonendonner mehr, und der Schulmeister brauchte fürder keine Belagerung zu bestehen. Er freute sich herzlich des Friedens, und es war ihm dazu eine Nebenfreude, daß derselbe der Hubertsburger hieß; denn er hielt dieses Hubertsburg für eine wirkliche Burg. Der Burg-Balzer war nun völlig Alleinherrscher auf Neideck; die Invaliden kamen nicht wieder, der Bau, welchen sie bewohnt, zerfiel und wurde bald dachlos. Philipp jubelte, daß nun die ganze Burg Ruine sei; Burgruinen hielt er für herrenloses Gut, welches dem jeweiligen Besitzergreifer zufalle, und betrachtete darum die ganze gewaltige Trümmermasse als sein Eigentum. Vielleicht hätte sein lebhafter Geist die trockene Schulmeisterei auf die Dauer gar nicht ausgehalten, aber seine Burg machte ihm das saure Tagwerk süß. Bei schönem Wetter hielt er die Schule im Burghof. Da schatteten blühende Holunderbüsche, der blaue Himmel leuchtete durch die geborstenen Mauern, die Dohlen flatterten um die Türme, die Spatzen zwitscherten in allen Ecken – ach, da ward es ihm so heimelig wohl zumute, und er gedachte der Träume seiner eigenen Kindheit in dieser Trümmer- und Märchenwelt, und das im Takt gesprochene Abc der bösen Buben klang ihm wie ein Frühlingslied. Oder er ließ sie einen Choral singen, der wie im Kanon von den Wänden widerhallte, und die große alte Zeit mit ihren eisernen Gestalten stand vor seinen Augen, und der kreischende Kindergesang mit all seinen falschen Noten stieg wie ein Hymnus zum Himmel empor. Besonders gern wählte er das Lied: »Ein' feste Burg ist unser Gott.« Und war es ausgesungen, dann erklärte er den Kindern, wie man sich Gottes Treue und Stärke gar nicht tiefer ausdenken könne als unter dem Bilde einer Burg. Ein naseweiser Junge bemerkte einmal, die Burg sei ja aber ganz zerfallen und jedes Frühjahr wackele und berste ein weiteres Stück. Allein Philipp entgegnete, scharf zurechtweisend: »Sie zerfällt nur hie und da, um uns durch den Gegensatz die unzerstörbare Dauer der Haupt- und Grundmauern desto anschaulicher zu machen; denn die sind für die Ewigkeit. In diesem Sinne also ist die Burg so recht das Bild des unwandelbaren Gottes. Auch hat Luther jenes sein unvergängliches Lied auf der Burg zu Koburg ersonnen und die Bibel auf der Wartburg übersetzt, so daß man auch ihn füglich einen rechten Burg-Balzer nennen könnte – nur in hundertfach vergrößertem Maßstabe«, wie er bescheiden lächelnd hinzufügte. War aber ein Maitag noch einmal so schön, dann griff er zu seiner Flöte und ging blasend den Burgberg hinab, die Kinder hinterdrein, und so zogen sie zum Walde der Burg gegenüber. Dort blies Philipp ein Echostückchen, bei welchem die Burg Antwort gab, und die Kinder forderten singend und rufend das Echo heraus. Nachher erzählte er dann den Kindern von anderen Burgen der Umgegend, die aber lange nicht so schön und merkwürdig seien wie Burg Neideck. An Sturm- und Regentagen mußte er die Schule freilich im engen Pförtnerstübchen halten; er befleißigte sich dann möglichster Kürze, und kaum waren die Kinder draußen, so stieg er entweder auf die zwei höchsten Türme oder ins Burgverließ, um, wie er sagte, den Schulstaub abzustreifen. Er kam aber meistens ganz mit Kalkstaub bedeckt zurück. Die Burg war durch ein Doppelturmpaar ausgezeichnet, welches, den ganzen Bau hoch überragend, weit ins Land hineinschaute. Der eine dieser Türme war aus dem ersten Stock des anstoßenden Palas oder Ritterbaues zugänglich, der andere konnte nur von der höchsten Zinne des Nachbarturmes selbst bestiegen werden vermittelst der sehr wackeligen Holzbrücke, welche ganz oben das Turmpaar verband. Man gelangte dann von der Spitze in jenes Stübchen hinab, wo sich der Amtmann den Hals abgeschnitten hatte, denn dies war der »Hasenturm«. Da oben auf der geländerlosen Brücke ließ sich dann der Burg-Balzer den Schulstaub wegblasen; vom Sturme gezaust, stand er auf dem morschen Balken und stieß Rufe aus, deren Sinn kein Mensch verstand: »Heia Weia, Weigala Weia!« und dergleichen, altdeutsche Naturlaute, wie er glaubte, und dünkte sich einen Hochwächter, der den Feind fernher aus den Schluchten des Drill heranziehen sah und die Burgmannen warnte. Oder er kroch mit kaum minderer Gefahr in das tiefe Burgverließ, wo er vor Jahren etwas faules Stroh und die Scherben eines alten Krugs gefunden hatte, ohne Zweifel das Bett und Trinkgefäß des letzten Gefangenen. Da sah er den Elenden, eine lebendige Leiche, vor sich liegen und bedauerte nur, daß keine Knochen mehr zu entdecken waren; trotz seines guten Herzens hätte er den armen Schelm am liebsten hier verhungern lassen. Nachdem er so die Wonne des Kerkerschauers geschlürft, stieg er wieder ans Licht, durchkletterte die dachlosen Wohnräume und rastete im Rittersaal, dessen Gewölbe, aus allen Fugen weichend, ein leises Geriesel von Kalk und Steinbröckchen herabsandte. Dort saß er mit den edlen Herren und Frauen zu Tisch und leerte den großen Humpen. Kam er dann naß und kalt und doch glutheiß wieder in seine jämmerliche Stube, so labte er sich an einer Brotkruste und einem Schluck Wasser und war glückseliger, als jene Ritter bei ihrem Humpen vielleicht jemals gewesen sind. Mitunter, doch selten genug, besuchten auch fremde Pfarrer und ferienreisende Studenten und Schulmeister die Burg. Dann erschien der Burg-Balzer als freundlicher Führer. Er drängte sich nicht auf, sondern man suchte ihn; galt er doch weit und breit für mindestens ebenso merkwürdig wie seine Burg. Man folgte ihm gern und hörte willig seine niemals stockende Rede. Er verstand von jeder Mauer und jedem Loch zu sagen, was das alles bedeutet habe, und vollends von der Geschichte der Burg wußte er weit mehr als alle Chroniken und Urkunden. Schenkten ihm dann die Fremden einige Kreuzer, so nahm er das Geld dankbar an, legte es aber in eine Sparbüchse, die er auch in der größten Not nicht öffnete. Dieses Geld, sprach er, gehört der Burg; er nannte es den »Burgfonds« und hatte große Dinge damit vor, wovon wir noch weiter hören werden. Nur einmal erging es ihm übel. Als er nämlich den berühmten Präzeptor Mosenbruch herumführte – über welchen man Jöchers Gelehrtenlexikon nachschlagen kann –, widerlegte dieser seine Behauptung, daß der Hasenturm schon zu Hermann des Cheruskers Zeiten erbaut worden sei, und als er dem Präzeptor die Sage von den drei Flüchen der Frauen erzählte und von der bereits eingetretenen Erfüllung der beiden ersten Flüche, versicherte derselbe, diese Sage sei erst entstanden, nachdem sich der letzte Amtmann den Hals abgeschnitten habe; das Harren aufs Eintreffen der dritten Verwünschung, daß die Burg zur Schmach der Männer durch eine Frau gerettet werden solle, sei aber schon um deswillen ein Unsinn, weil an der Burg gar nichts mehr zu retten sei. Philipp Balzer erwiderte voll Ingrimm kein Wort, wies aber auch dieses einzige Mal den überreich dargebotenen Führerlohn zurück. Denn in den Burgfonds, sagte er zu sich selbst, soll nur Geld aus reinen Händen kommen, das heißt von Leuten, die es gut meinen mit meiner Burg. Drittes Kapitel Die Bauern von Neideck hatten ihren Schulmeister gern, weil er ihren Kindern das Lernen so angenehm, ja bei gutem Wetter zum Feste machte. Philipp freute sich dieser Anerkennung, wies aber alles persönliche Verdienst von sich ab: Ich beherrsche die Kinder und das ganze Dorf, aber nicht durch eigene Kraft, sondern durch die Burg. An schönen Sonntagnachmittagen zogen die erwachsenen Bursche und Mädchen von Neideck gern auf die Burg, und die Alten gesellten sich wohl auch dazu; man setzte sich auf der Schattenseite des Burghofes zusammen und plauderte und sang. Der Schulmeister erzählte, was er Neues von Kriegs- und Friedensläuften wußte, da dies aber sehr wenig war, so kam er immer rasch wieder zu den alten Rittern. Er lehrte auch das jüngere Volk viel schöne alte Lieder singen vom Lindenschmied und Schüttensam, vom Falkenstein und dem Schloß in Österreich und vom Fräulein aus Britannia. Es kamen dann sogar, durch den hellen Gesang gelockt, Bursche und Mädchen aus den Nachbardörfern, und alle gestanden, daß es an ihrem Dorfbrunnen lange nicht so schön sei als in der Neidecker Burg. Unter diesen fremden Mädchen befand sich auch öfters des Röderbauern Liese aus Steinfurt. Sie war ihres reichen Vaters einziges Kind, gesund und stark, zwanzig Jahre alt und weit und breit berühmt wegen ihres langen blonden Haares; denn sie konnte sich bequem auf ihre eigenen Zöpfe setzen. Wann der Burg-Balzer erzählte oder vorsang, dann blickte sie ihn allemal starr an mit weitgeöffneten Augen und halbgeöffnetem Munde, was sehr angenehm zu sehen war, und dachte, was der Burg-Balzer doch für ein merkwürdiger Mensch sei, der alles wisse und viel gescheiter sei als all die dummen Bauern und doch der ärmste Teufel in der ganzen Gemeinde. Das eine erfreute und das andere betrübte sie, und sie hätte ihm gern helfen mögen. Philipp bemerkte rasch genug, daß Liese fast jeden Sonntag in den Burghof kam und immer nur ihn anstarrte, und so dachte auch er bald nur an sie und sprach zu ihr hin, wenn er allen erzählte; er ließ sie Solo vorsingen und kam dann in der Terz hinterdrein, und so wurden sie einander gut; erst entspann sich eine »Bekanntschaft«, dann ein »Verhältnis«, welches zum heimlichen »Verspruch« führte, wie das nicht bloß auf alten Burgen zu geschehen pflegt, sondern auch anderswo; allein Philipp sprach zu sich: Dieses neue und unerhörte Glück hat mir wiederum meine Burg gebracht. Als der glückliche Schulmeister endlich vor den Röderbauern trat und um die Hand seiner Tochter bat, wollte der Alte vom Heiraten nichts hören, weil der Werber zwar alles wußte, aber gar nichts hatte. Übrigens kleidete er seinen Widerspruch in die einfachste und, wie er meinte, zarteste Form, indem er sagte: »Solange ich lebe, gebe ich meiner Tochter keinen Kreuzer heraus, nach meinem Tode kann sie machen, was sie will.« Der Bauer war erst ein Vierziger und in seinem ganzen Leben noch nicht krank gewesen, also mochte Liese wohl sechzig und mehr Jahre alt werden, bevor sie an eine Heirat mit dem armen Burg-Balzer hätte denken dürfen. Dieser kannte die reichen Bauern genau, er wußte, daß der Röderbauer seinen Sinn nicht ändern und bei Lebzeiten niemals etwas »herausgeben« werde. Er verfiel darum in tiefe Melancholie, erkannte aber, daß er sich seiner Burg erhalten müsse, und gewann in der Verzweiflung den Mut, nunmehr Hand an ein Unternehmen zu legen, welches er schon lange in der Seele trug, ohne daß er es anzufassen gewagt hätte: er schrieb eine Geschichte der Burg Neideck. Und beim Schreiben leuchtete ihm immer heller die Hoffnung auf, daß er durch dieses literarische Werk dennoch zuletzt sein geliebtes blondes Mädchen gewinnen werde. Nicht als hätte er auch nur entfernt erwartet, durch das Buch zu Geld zu kommen. Er wußte gar nicht, daß man ausnahmsweise einigen Autoren auch Geld für ihre Bücher gab, glaubte vielmehr, daß jedes Buch dem Verfasser viel Geld koste. Aber gerade darum hatte er seinen »Burgfonds« angelegt. Auch bildete er sich keineswegs ein, durch das Buch etwa ein berühmter Mann zu werden und mit seinem Ruhm das Herz des Röderbauern zu rühren. Er wußte wiederum recht gut, daß hundert bare Gulden weit rührender auf dieses Herz wirken würden als aller Schriftstellerruhm der Welt. Und dennoch hoffte er, durch das Buch zu seiner Frau zu kommen und durch die Frau als der erste Burgvogt seit hundert Jahren auf Neideck glücklich zu werden, und Liese war durch ihn ohne Zweifel vorbestimmt, alsdann die Burg zur Beschämung der Männer zu retten. Wie das alles aber geschehen solle, das konnte er keinem Menschen genau sagen; denn er wußte es selbst nicht genau. Genug, daß er neben seiner heimlichen Schriftstellern auch seine heimliche Liebe hegte. Je seltener es ihm aber fortan vergönnt war, das Mädchen zu sehen, um so eifriger schrieb er an der Geschichte von Neideck, und so hob und tröstete wiederum die Burg den unglücklichen Liebenden. Schon hatte er fünfzig Folioblätter in zierliche Reinschrift gebracht, als eine Schulvisitation in Neideck erschien. Philipp brauchte sich nicht zu fürchten. Wenn auch die faulsten unter seinen Schulkindern das Vieh hüteten und folglich bei Sonnenschein jedes gern das faulste sein mochte, so kamen sie doch beim Donnerwetter um so gewisser zur Schule. Und sie wußten mehr als die Schüler der Nachbardörfer, weil sie der Schulmeister in der Begeisterung für seine Burg an sein Herz zu ziehen gewußt hatte. In der selbstlos treuen Liebe für sein Heiligtum war er das größte Kind, darum liebten ihn auch die Kinder. Der Scholarch, gleichfalls etwas Altertümler, kroch nach der Prüfung mit dem Burg-Balzer durch alle Winkel des alten Gemäuers und hörte staunend, wie beredt und phantasiereich dieser ärmste Schulmeister sprach. Bei des hohen Vorgesetzten unerwarteter Teilnahme für alles Burgliche geriet andererseits Philipp in eine Art Rausch des Entzückens, und dieser Rausch gab ihm, dem Schüchternsten, den Mut, das bis dahin so verschämt geheimgehaltene Manuskript seiner Burggeschichte hervorzuziehen. Tief errötend, überreichte er's mit zitternder Hand. Der Scholarch überflog das erste Kapitel, welches den Titel führte: »Fünfundzwanzig verschiedene, doch sämtlich annehmbare Vermutungen über Sinn und Verstand des Namens Neideck« und zu dem Schlusse kam, daß das Wort für alle Zelten kein Eck bedeuten solle, worauf der Neid wohne, sondern um welches man die Bewohner beneiden müsse. Er fand die Schönschrift vortrefflich, die Tatsachen zwar etwas schwankend fundamentiert; allein auf diesem Fundament erhob sich ein Gedankenbau noch kühner als die Burg selbst samt ihrem Doppelturm. Der Stil endlich war durchaus originell. Denn obgleich der Burg-Balzer niemals einen ordentlichen Stil gelernt, so hatte er doch mit dem Herzen geschrieben, was und wie er schreiben mußte, und das gibt immer Stil. Seine Burg hatte ihn schreiben gelehrt. Der Scholarch schwärmte für die Rousseauschen Ideen, welche eben die Welt zu erobern begannen; er sah in dem Burg-Balzer den Mann des Volkes, der sich in der Einsamkeit selber zu alledem gemacht hatte, was er war, – und wahrlich zu nichts Schlechtem – eine Art Rousseauscher Persönlichkeit; ja, er entdeckte sogar in Philipps Lehrmethode die unbewußt geübten Grundsätze des philanthropischen Erziehungssystems. Der Schulmeister kannte nicht einmal den Namen Rousseau; er hatte keine Ahnung vom »Emil«, der eben von allen Freunden einer »aufgeklärten« und »empfindsamen« Pädagogik verschlungen wurde, und doch hätte man das Idyll seiner Schulmeisterei als einen reizenden Nachtrag zum »Emil« niederschreiben können. Die Tränen der Rührung traten dem armen Mann ins Auge, weil der Scholarch gar so gut und freundlich war und ihm beim Fortgehen so überaus huldvoll einen guten Abend wünschte. Das war ein Glückstag gewesen, und den hatte ihm wieder seine Burg gebracht! Zum Dank beschloß er, ihre Geschichte noch um etliche Bogen über das ursprünglich gesetzte Maß auszudehnen. Viertes Kapitel Nach vier Wochen kam ein großer Brief – »Dienstsache« – an den Schulmeister Philipp Balzer, worin ihm die Schulstelle zu Ottenheim angetragen war, eine doppelt so gute als die bisherige. Sie lag im Südgau des Fürstentums, vom Volke der »Buttergau« genannt, weil seine Wiesen so fett waren und die Bauern dort alle Tag Butter auf dem Brote essen konnten. Gar mancher Beamte, Pfarrer und Schulmeister trachtete nach diesem Gau und kam nicht hin, nun wurde der Burg-Balzer ohne alles Zutun dorthin berufen. Als Staffage seiner Burg hatte er sich dem Scholarchen so vorteilhaft dargestellt, während jene anderen Aspiranten ja nicht einmal eine Burg besaßen. Und am selbigen Abend kam ein Freund zu Philipp herauf, um ihm zu gratulieren, nicht wegen der Schulstelle – denn davon wußte er ja noch nichts –, sondern wegen einer anderen Glückskunde, die soeben ins Dorf gedrungen war: der Röderbauer zu Steinfurt hatte gestern Kirschen gepflückt, woraus er seinen berühmten Schnaps zu brennen pflegte, und war vom Baum gefallen und hatte das Genick gebrochen. Erst sechsundvierzig Jahre alt, kerngesund und doch schon tot! Der Burg-Balzer wies den Glückwunsch zurück aus Zartgefühl, aber ein Glück war der Fall nun doch, das konnte er nicht leugnen, obgleich die Burg diesmal unschuldig war an dem neuen Glücke. Am nächsten Morgen schloß Philipp seine Schule für drei Tage. Er war noch nie im Buttergau gewesen, der übrigens nur sechs Stunden entfernt lag, und es befiel ihn eine dunkle Angst, ob er's denn auch so weit von der Heimat werde aushalten können. Er wollte sich die Gegend erst einmal ansehen, dann aber auf dem Rückmarsch seine Braut in Steinfurt besuchen, um sie ritterlich zu trösten. Der Weg führte ihn durch die fürstliche Residenzstadt. Ein Lächeln des Mitleids zuckte um seine Lippen, als er an dem neuen Schlosse vorüberging mit seinen korinthischen Säulen und Rundbögen; wie hatten die Fürsten, deren Ahnherren auf Neideck gewohnt, zu einem Renaissancepalaste herabsteigen mögen! Er hielt sein Pförtnerhaus, welches von der Geschichte geweiht war, für weit fürstlicher als die geschichtlosen Marmorhallen. Der Fürst kann seinem neuen Schlosse alles geben, nur nicht die Geschichte, ja das vermöchte unser Herrgott selber ebensowenig, als er einem neugebackenen Baron sechzehn ritterbürtige Ahnen geben könnte – so dachte Philipp, erschrak aber, da er sich solchergestalt – zu Ehren seiner Burg – auf einem Zweifel an der Allmacht Gottes ertappte, verwand den sinnverwirrenden Gedanken und schritt rüstig vorwärts über den schmalen Hochrücken der Drill, der den Nordgau des Fürstentums vom Südgau trennt. Staunen ergriff ihn, als er von der Höhe herab zuerst das gelobte Land ersah. Eine weite Fläche lag vor ihm gebreitet, geradlinig abgegrenzte Wiesengründe und wogende Kornfluren, von Obstalleen durchzogen. Und zwischen dem grünen und gelben Teppich blitzten lachende Dörfer auf, weiße Häuser mit roten Ziegeldächern und funkelneue Kirchtürme. Nirgends Wald oder Fels, nirgends eine Burg oder auch nur ein Trümmerhaufen! Ihm ward bei dieser schimmernden Fläche so bange ums Herz wie dem Sohn der Ebene, wenn er sich plötzlich in eine Alpenschlucht versetzt sieht. Die Berge erdrücken denselben; ihn zog das Flachland gleichsam inwendig auseinander. Doch stieg er mutig hinab und erreichte bald das Dorf Ottenheim. Es sah zwar in der Nähe nicht ganz so sauber aus wie von weitem, und die Poesie des Schmutzes mangelte nicht völlig. Doch waren fast alle Häuser neu, weil ein großer Brand die alten mitgenommen hatte. Philipp ging geradenwegs in das verlassene Schulhaus, inkognito wie ein reisender Fürst, und ließ sich von einigen Buben die Schulstube zeigen. Sie war groß und hell, ganz weiß getüncht; die Fenster gingen auf einen engen Hof, in welchem vier junge Lindenbäumchen wie Besenreiser in die Luft ragten. Es befiel ihn brennendes Heimweh nach seinem Burghof. Wie hätte er hier leben, wie gar lehren können! Eilends schüttelte er den Staub von den Füßen und lief ohne Rast wieder über den Berg zurück. Erst in Steinfurt machte er halt und begrüßte das geliebte Mädchen mit dem langen blonden Haar. In Trauer gekleidet und mit etwas verweinten Augen war Liese doppelt schön. Sie dankte ihrem Philipp still freundlich für den Besuch, welchen er zwar nicht angesagt, den sie aber doch fest erwartet hatte; denn in einer Stunde sollte der Vater begraben werden. Im bestaubten Reiserock – er besaß überhaupt keinen zweiten – ging Philipp tief bewegt mit im Zuge, und mancher Bauernbursche sah den armen, staubigen Schulmeister neidisch an wegen des glücklichen Trauerfalls. Nach dem Leichenschmause sprach Philipp dann mit Liese über ihre gemeinsame Zukunft. Das Mädchen freute sich sehr, daß er die schöne Schulstelle zu Ottenheim bekommen solle, obgleich sie nun reich genug war, ihrem künftigen Manne auch auf Neideck ein Haus zu gründen. So lag also ihrem Glück kein weiterer Stein im Wege. Allein Philipp erklärte, nie und nimmer werde er in den Buttergau ziehen, wo es keinen Fels, keinen Wald, keine Burg gebe; er dürfe Neideck nicht verlassen, dort seien ihm gewiß noch große Dinge vorbehalten. Liese erklärte das für eine Narrheit und suchte seinen Sinn zu wenden. Doch je kräftiger sie ihren Willen für Ottenheim betonte, um so halsstarriger und trotziger ward der sonst so milde Philipp, und sie kamen zuletzt so heftig hintereinander, daß Liese rundweg schwur, ehe sie in das Hirtenhaus auf der garstigen alten Burg ziehe, wolle sie lieber gar nicht heiraten, und Philipp beteuerte, ehe er nach Ottenheim gehe, bleibe er lieber seine Lebtage ledig. Er meinte, Liese habe sich doch bisher so oft zu der schönen Burg gezogen gefühlt; sie aber versicherte ihn nun, wegen der alten Burg sei sie keineswegs nach Neideck gegangen, sondern, leider Gottes, wegen des jungen Schulmeisters, wie sie jetzt zu ihrer Schande bekennen müsse. Das war zu stark für Philipp. Er schied empörten Herzens, gab aber dem Mädchen Bedenkzeit. Nach vierzehn Tagen fragte er wieder an. Sie stritten sich noch ärger als vorher, und das blonde Bauernkind blieb nun erst recht fest bei seinem Willen. Da sagte Philipp: »Wer mich haben will, der muß mich mitsamt meiner Burg nehmen.« Und Liese: »Wenn ich dir nicht mehr wert bin als die Burg, so will ich dich gar nicht.« Hiermit war dies zarte Band zerrissen. Philipp verzichtete schweren Herzens, Liese vermutlich etwas leichteren. Aber der Burg-Balzer trug mit Stolz seinen Schmerz. Die Burg hatte ihm schon so viel gegeben, sie hatte ihn zu alledem gemacht, was er war; nun mußte er auch ihr überzeugungsvoll ein Opfer bringen, und wäre es die reichste und schönste Braut. Er verzichtete zugleich schriftlich auf die Schulstelle im Buttergau und war und blieb wieder, was er gewesen, der ärmste Schulmeister der kleinsten Schule des ganzen Landes, und schrieb weiter an seiner Geschichte von Neideck. Fünftes Kapitel Aus dem östlichen Pavillon jenes Renaissanceschlosses zu Westerau, welches dem Burg-Balzer so schlecht gefiel, hatte man die schönste Aussicht über den Felbergrund bis zur Felsenkuppe von Burg Neideck, deren Türme am Horizont das Bild abschlossen. In jenem Pavillon wohnte aber Prinzessin Isabelle, des regierenden Fürsten jüngere Tochter, mit ihrer Hofdame, dem alten Fräulein von Martigny. Die achtzehnjährige Prinzessin blickte oft sehnsuchtsvoll nach der Burg und wünschte, da droben zu sein, um weit ins Land hinauszureisen und dann immer weiter ins Land hinauszusehen und aus dem Lande hinaus; denn sie fühlte sich wie gefangen in dem väterlichen Schloß, wo die standesmäßigste Langeweile herrschte. Es fragt sich, was qualvoller ist: ein Kerkerfenster, welches auf hohe Mauern zielt, oder ein Kerkerfenster mit der schönsten Fernsicht. Das eine sagt uns stündlich, daß wir eingesperrt sind, und das andere, daß wir nicht hinauskönnen. Und die Prinzessin wäre so gern hinausgeflogen; aber an ihres Vaters Hofe galt die klösterliche spanische Etikette, vorab für Damen. Isabellens ältere Schwester, Prinzeß Clementine, war aus Langeweile katholisch geworden und ins wirkliche Kloster gegangen. Dort fühlte sie sich weit freier als im Schlosse, vielleicht eben darum, weil sie nun nicht mehr in die schöne weite Welt hinaussah, sondern bloß in die Klostermauern hinein. Die Lage des Schulmeisters auf der Burg und der Prinzessin im Schlosse bot übrigens eine gewisse auf den Kopf gestellte Ähnlichkeit. Der Burg-Balzer hätte seine Braut wohl haben mögen, mochte aber seine Burg nicht verlassen; die Prinzeß dagegen hätte gar zu gern ihr Schloß verlassen und konnte dies auch, wenn sie den jungen Reichsgrafen von Vierstein hätte heiraten wollen, aber gerade den wollte sie nicht. Prinzessinnen sind weit schöner wie andere Mädchen, auch wenn sie nicht halb so schön sind: ihr hoher Rang verklärt sie. Aber diese Verklärung müssen sie oft teuer erkaufen durch ungeheure Langeweile. Wenn Isabelle in ihrem prächtigen Zimmer saß, so schien es ihr, als gähnten alle vier Wände, und wenn sie im Schloßgarten spazierenging, da deuchte ihr, als schliefen alle Bäume und schnarchten alle die steinernen Götter und Göttinnen, womit die Blumenbeete zwischen den verschnittenen Hainbuchengängen geziert waren. Sie stand frühmorgens um neun Uhr auf, weil sie so lange brauchte, um sich von der Langeweile des vorigen Tages auszuschlafen, und wenn sie beim Lever sich die Strümpfe anziehen ließ, brauchte sie oft eine halbe Stunde, bis sie sich entschloß, vom rechten Strumpf zum linken vorzuschreiten. Des Tages war sie keinen Augenblick allein; denn die Martigny, welche als Hofdame zugleich Mutterstelle vertrat, wich nicht von ihrer Seite. Eine wahre Höllenrichterin der feinsten Etikette, war das alte Fräulein zugleich höchst nervös und reizbar. Wenn die Prinzessin nach der Morgentoilette vom Waschtisch oder aus dem Bade kam, hielt sich die Hofdame während der nächsten halben Stunde immer etliche Schritte entfernt; denn sie behauptete, von einem frisch gewaschenen Menschen ebensogut den Schnupfen zu bekommen wie von einem frisch gewaschenen Fußboden. Auf die Toilettestunde folgte die Lesestunde: die Martigny las französisch vor, lauter klassische Bücher aus der Zeit des großen Ludwig, und der Tonfall ihrer Verse wirkte schon am hellen Morgen wundersam einschläfernd. Dann kam die Malstunde. Der Hofmaler Timotheus Niedermeyer lehrte die Prinzessin Blumensträuße in Aquarell malen zu Geburtstagsgeschenken für die ganze Familie. Dieser Niedermeyer besaß Talent, war aber aus Langeweile Manierist geworden; denn er hatte jedes Jahr dekretmäßig vierundzwanzig Besoldungsbilder in Öl zu liefern, mehrenteils fürstliche Familienporträts. Die Prinzessin malte er in allen Größen, Stellungen und Kostümen, darunter neuerdings als geflügelten Engelskopf zwischen Wolken, dann als achtzehnjähriges Kind, Seifenblasen in die Luft treibend, und endlich als Schäferin mit der Schippe, ein Schaf am roten Band führend; alle diese drei Bilder gingen als Geschenke für Isabellens vorbestimmten Bräutigam nach Vierstein. Die Prinzessin konnte schön genannt werden, allein das abgeschlossene Leben hatte ihrem Gesicht die weiche, matte Schönheit einer Treibhausblume gegeben, und da der Künstler, um zu schmeicheln, die zarten Linien und Farben noch überzärtelte, so blickte der Kinder-, Engels- und Schäferinnenkopf recht langweilig in die Welt. Die Langeweile ist der Hunger der Vornehmen und der Hunger die Langeweile der gemeinen Leute; man sah es der gemalten Prinzessin an der Nase an, daß sie niemals Hunger habe, aber sehr oft Langeweile. Isabelle sollte den Grafen Friedrich von Vierstein heiraten, mochte ihn aber nicht; andererseits wollte der Graf aber auch von der Prinzessin nichts wissen, die ihm doch bestimmt war. Sie waren Vetter und Base, hatten sich als Kinder gesehen, und Isabelle vergoß damals Tränen über den unbändigen Jungen, dessen derbes Wesen sie erschreckte und ängstigte. Später kamen sie sich ganz aus den Augen; der Graf ging auf weite Reisen und trat in fremden Kriegsdienst, und obgleich Schloß Vierstein nur eine Tagereise von Westerau entfernt lag, hatten die beiden Väter ihre Kinder doch brieflich und auf eigene Faust verlobt, ohne die beiden Nächstbeteiligten viel zu fragen. Sie hielten dies für standesmäßiger als die Verlobungen aus Liebe und Aug' in Auge bei gewöhnlichen Menschen. Die schönen Porträts des Hofmalers sollten das Verlangen des widerstrebenden Grafen nach seiner widerstrebenden Braut wecken, wirkten aber das gerade Gegenteil. Nicht besser war es mit dem Brustbild des Grafen gelungen, welches zur selben Zeit auf Schloß Westerau ankam. Es stellte den Jüngling als Husaren dar, und da es in Vierstein, wo bloß kriegerische und weidmännische Neigungen herrschten, nicht einmal einen Hofmaler gab, so hatte man das Porträt von einem durchreisenden Künstler malen lassen, dessen Kraftpinsel das Gesicht des armen Grafen wahrhaft grimmig wiedergab. Die Prinzessin erschrak wie damals als Kind, daß sie hätte weinen mögen. Und Fräulein von Martigny benutzte diesen Schrecken, um zu dem Porträt des bösen Vetters auch gleich den richtigen Hintergrund zu malen. Sie sprach von jenem gewissen Potsdamer parfume de caserne , der einen auf Schloß Vierstein bis in die Salons und Boudoirs verfolge; denn dort habe man nur Sinn für Soldaten, Pferde und Hunde. Insgeheim nährte sie nämlich die Abneigung Isabellens gegen die Heirat, weil sie ihr teures Pflegekind am liebsten zur alten Jungfer hätte heranreifen sehen, um selber bis ans selige Ende Obersthofmeisterin auf dem Schlosse zu bleiben, dessen Langeweile sie am meisten förderte und am wenigsten empfand. War nun gleich die Malstunde und die Malerei in Westerau so langweilig wie alles übrige, so knüpfte sich also doch einiges dramatische Interesse an dieselbe. Dies konnte man dann aber von keiner der übrigen Stunden des Tages mehr behaupten. Es ging alles nach der Uhr, und alle Uhren des Schlosses gingen recht. Der Fürst ritt täglich zur selben Stunde denselben Spazierweg und kehrte zur selben Minute wieder heim. Man sagt, daß er einmal einen prächtigen Sechzehnender aus bloßer Ungnade nicht geschossen habe, weil der Hirsch zehn Minuten später bei dem Anstande erschienen war, als die Jäger angesagt hatten. Einen Fürsten darf man nicht warten lassen. Um elf Uhr wurde gefrühstückt; um zwölf waren die Audienzen. Auch die Prinzessin hatte manchmal eine Audienz zu erteilen, wobei ihr die Martigny vorher immer genau einprägte, mit welchen Worten sie das Gespräch eröffnen solle. Es waren drei Redensarten, zum anmutigen Wechsel; Isabelle hätte gern noch eine vierte und fünfte hinzugefügt, getraute sich's aber niemals. Um drei Uhr war Tafel. Die Prinzessin fand, daß man ihr immer die langweiligsten Menschen zu Nachbarn gab. Das Tischgespräch klang sehr feierlich, drehte sich aber um den kleinsten Stadtklatsch. Isabelle entdeckte dabei, daß die Menschen draußen im Städtchen gar nicht so langweilig sein könnten wie die Leute im Schloß, denn sie gaben wenigstens Stoff zur Unterhaltung. Sie hätte gern einmal so eine Beamten- oder gar Bürgersfrau kennengelernt; allein die Martigny versicherte ihr, daß ein solcher Verkehr durchaus unschicklich sei, übrigens auch nicht angenehm. – »Diese bürgerlichen Frauen riechen so sonderbar«, pflegte sie beizufügen und nahm eine doppelte Prise Schnupftabak. Sie erklärte es für einen besonderen Vorzug des alten Landgrafen von Hessen, daß er sein Volk nicht habe riechen können. Nach Tisch begab man sich zu gemeinsamer Promenade in den Schloßgarten, und zwar paarweise, der Hoffurier schritt mit seinem Stocke voran, und zwei Leibjäger mit Karabinern beschlossen den Zug. Isabelle hätte statt dieser Promenade gar zu gern einmal einen Ausflug auf die Burg Neideck gemacht; man versprach es ihr auch öfters, fand aber niemals Zeit, das Versprechen zu halten. Denn weil der Hof eigentlich gar nichts zu tun hatte, hatte er die Zeit so genau eingeteilt, daß außerdem zu gar nichts mehr Zeit blieb. Das stets unerfüllte Versprechen steigerte aber die Sehnsucht der Prinzessin nach der verzauberten Burg als dem Sinnbilde der ewig lockenden, ewig unerreichbaren Freiheit. Nach dem Spaziergang fütterte und liebkoste der Fürst seine zahlreichen Hunde, wie dies auch Ludwig XIV. zu tun gepflegt. War dann der Vater bei besonders guter Laune, so durfte auch Isabelle die Hunde streicheln helfen, was ihr in der Seele zuwider war. Die Martigny unterließ dann nicht, hinterdrein heimlich zu bemerken, der Vetter Friedrich habe noch viel mehr Hunde, und wenn sie erst einmal Gräfin Vierstein sei, dann werde sie den ganzen Tag nicht aus den Hunden herauskommen. Der Trost aller Unglücklichen ist die Nacht, das heißt, sofern sie schlafen können. Die Prinzessin hatte ein prächtiges Himmelbett mit den weichsten Kissen und seidenen Decken. Wenn Kinder so recht breit und behaglich in ihrem Bettchen liegen, dann sagt man ihnen: da liegst du wie eine Prinzessin! Von der Prinzessin Isabelle stammt dieser Spruch gewiß nicht; denn sie hatte selbst im Bett kein Behagen. Sie dachte sich's wunderschön, im Dunkeln zu schlafen, allein es galt für standesgemäß, daß allezeit ein holländisches Nachtlicht in ihrem Schlafgemache brannte und ein deutsches im anstoßenden Zimmer der Kammerfrau. Auch glühten vom 15. Oktober bis zum 15. April zwei Kaminfeuer die ganze Nacht hindurch in beiden Gemächern – laut der Schloßordnung. So lag denn die arme Prinzessin gar oft im wachen Traume und zählte die Schläge der großen Schloßuhr und der zahlreichen Zimmeruhren, welche pflichtlich der großen nachschlugen, und ihr ganzes junges Leben kam ihr vor wie eine einzige lange schlaflose Nacht. Es war im Mai. Die Nächte wurden glücklicherweise immer kürzer, aber Isabelle hatte doch um ein Uhr noch keinen Schlaf gefunden und starrte im Zimmer umher; – da entdeckte ihr Auge ein kleines rotes Buch auf dem Fenstersims, bei der peinlichen Ordnung dieser Räume etwas Auffallendes. Was mochte das für ein rotes Buch sein? – die Bücher des Schlosses waren alle blau gebunden, – und wie kam es hierher? Sie schlüpfte aus dem Bette und holte das Buch. Der rote Einband war geschmacklos überladen, die Blätter mit Goldschnitt bestanden aus elendem Löschpapier und waren mit stumpfen Lettern bedruckt. Der Titel lautete: »Denkwürdige Beschreibung und Geschichte der hochfürstlichen Burg Neideck, ans Licht gestellt durch Philipp Balzer, Schulmeistern und der vaterländischen Historie Beflissenen.« Die Prinzessin legte sich wieder ins Bett und begann beim Scheine des trefflichen holländischen Nachtlichts das Büchlein zu lesen. Schon bei den ersten Seiten, die bekanntlich von den fünfundzwanzig Bedeutungen des Wortes Neideck handeln, fühlte sie sich ruhig und immer ruhiger, und als sie zu Seite 10 gekommen war, schlief sie ein und schlief fest bis zum späten Morgen. Sie beschloß darum, jeden Abend ein wenig in dem Buche zu lesen, forschte aber auch zunächst, wem es gehöre und wie es auf den Fenstersims ihres Schlafzimmers gekommen sei. Sechstes Kapitel Der Burg-Balzer hatte also seine »Geschichte« binnen Jahr und Tag wirklich zu Ende gebracht, ja er hatte sie sogar zum Druck befördert! Das letztere war schwieriger als das erstere. Es gab nur eine einzige Presse im Fürstentum, welche dem Hofbuchbinder Zöllner in Westerau gehörte. Dieser Mann, zugleich Besitzer eines Spielwarenladens und einer Leihbibliothek, druckte zwar alljährlich den Westerauischen »Hof-, Staats- und Hauskalender«, war aber zu irgendeinem anderen literarischen Unternehmen auf eigene Gefahr nicht zu bewegen. Philipp hatte dies vorausgesehen und bot ihm zur Kostendeckung die zwei Gulden achtzehn Kreuzer, welche den Inhalt seines seit zwölf Jahren zusammengesparten »Burgfonds« bildeten. Allein dies war Herrn Zöllner viel zu wenig. Philipp hatte nicht geahnt, daß Bücher so teuer kommen, verlor aber keineswegs den Mut; und da er wußte, daß die Bauern der Herrschaft nur einen Teil ihrer Zinspflicht in Geld und Naturalien leisten, den anderen aber in Hand- und Spannfronen, so schlug er dem Buchbinder vor, er wolle sich ihm so lange zur Handfrone stellen durch Abfassen von Rechnungen und Mahnbriefen, Liniieren von Schulheften und dergleichen, bis die Druckkosten abverdient oder durch verkaufte Exemplare gedeckt seien. Der Buchbinder schlug ein, und so wurde Balzer unter stillem Seufzen der Fronarbeiter seines Verlegers, wie es auch schon berühmtere Autoren gewesen sind. Ganze Stöße von Arbeit wanderten jeden Samstag nach Neideck, während der Stoß der Exemplare des Buches ruhig in Westerau liegenblieb; allein Philipp trug die Last mit Heldenmut: fronte er doch seiner Burg zu Ehren! Übrigens hatte er nicht versäumt, etliche wunderschön rotgebundene Exemplare an die regierenden Herren der Umgegend zu schicken. Er erwartete anfangs ein paar goldene Dosen, dann wenigstens etliche huldvolle Handschreiben. Allein es kam nichts dergleichen. Der Fürst von Westerau hatte das unerbetene und in ganz ungehöriger Form übersandte Buch sofort dem Kammerdiener geschenkt, wie er's überhaupt mit wertlosen Gaben seiner Untertanen zu machen pflegte. Dieser fand das Buch so langweilig, daß er's Isabellens Kammerfrau gab; da die Kammerfrau aber das Hofleben noch langweiliger fand als das Buch, so las sie ein wenig darin und ließ das Buch im Schlafzimmer ihrer Herrin liegen, wo es durch die Langeweile einer schlaflosen Nacht nun erst in die rechten Hände gefallen war. Die Prinzessin freute sich, doch einmal Ausführliches zu erfahren von jener verwunschenen Burg, die sie immer von weitem sah und niemals aus der Nähe betrachten durfte. Sie staunte über die vielen merkwürdigen Begebenheiten – eine kleine Weltgeschichte! –, welche sich alle dort ereignet haben sollten, und über die zahllosen noch vorhandenen historischen Heiligtümer des alten Gemäuers. Die französischen Bücher, womit sie von der Martigny täglich gequält ward, führten nach Paris und Rom, nach Athen und Mexiko und anderen gleichgültigen fremden Orten: es tat der Prinzessin so wohl, zum erstenmal auch über die nächste Heimat, über das Rätsel, welches vor ihrem Fenster lag, Gedrucktes zu lesen. Der Anfang des Buches wirkte beruhigend, sogar schlafbringend, die Mitte dagegen anregend, der Schluß aufregend. Der Autor wurde mitunter komisch, wenn er recht ernsthaft sein wollte, aber er meinte es immer gut und glühte für seinen Gegenstand. Die Prinzessin erwärmte sich für einen Schriftsteller, über den sie zum öfteren lachte, aber sie konnte ihn niemals auslachen. In der Vorrede bot er sich jedem Besucher der Ruine zum Führer an, bei Regen und Sonnenschein, Tag und Nacht; als Isabelle das Buch ausgelesen, hätte sie sich fürs Leben gern einmal von dem Schulmeister durch die Burg führen lassen, am liebsten im Mondschein. Übrigens wurde Philipp Seite 112 sogar geheimnisvoll, prophetisch. »Der Mensch«, so heißt es dort, »baut sich sein Haus oder seine Burg, aber das Haus und vollends die Burg erbaut auch den Menschen, der darinnen wohnt. Die Zeit blieb scheinbar stehen in der alten Burg; allein die Zeit steht nicht still, sie bewegt sich und bewegt; sie ließ auch die Burg wachsen und altern: die Burg ist gleichsam ein lebendiges Wesen, welches geheimnisvoll eingreift in das Schicksal des hochfürstlichen Hauses, des Landes und vielleicht auch eines geringen Untertanen, der sich nicht nennen mag. Es lebt ein Burggeist in ihren Mauern, kein Gespenst, sondern der Geist, den die Menschen hineintragen, von dunkelm Zwange geführt, alle Menschen, die sich einer so mächtigen Burg wahrhaft nahen und von ihr in höherer Kraft zurücknehmen, was sie hineingetragen haben. So wurden die Flüche der vertriebenen Frauen lebendig in der Burg; zwei haben sich erfüllt, der dritte wird sich erfüllen, und erscheinen wird die rechte Burgfrau, welche Frauenhuld nach hundert Jahren wiederbringen und die Burg retten wird zur Beschämung der Männer. Wer wird die hohe Frau sein, und wann wird sie kommen?« Mit diesem Fragezeichen schloß das Buch. Die Prinzessin wurde, wie gesagt, ganz aufgeregt durch den Schluß. Bisher hatte sie keinen anderen Beruf gekannt, als sich zu langweilen und den unausstehlichen Vetter zu heiraten. Das eine tat sie aber absichtslos, und das andere beabsichtigte sie nicht zu tun. Jetzt fragte sie sich, ob sie nicht gar berufen sei, die Burg zu retten. Freilich wußte auch sie nicht klar, was da eigentlich gerettet werden solle; doch genug, sie fand einen Beruf: sie wollte retten. Und vorab wollte sie die Burg einmal aus der Nähe betrachten. Ein ganz neuer Geist der Widersetzlichkeit erwachte in ihr. Sie fragte sich, ob sie nicht ein angeborenes Recht auf den Besuch ihrer Stammburg besitze, welches man ihr bisher unterschlagen habe. Sie prüfte zum erstenmal ihre Lage prinzipiell, vorurteilslos und fand, daß man sie einsperre, bevormunde, langweile, verdumme. »Das Haus macht den Menschen«? Ja wahrlich! der vergoldete Käfig dieses langweiligen Schlosses hatte sie zur Puppe gemacht! Das mußte anders werden! Ein ungeheurer Trotz regte sich in dem kleinen Köpfchen, der Rousseausche Geist war auch hier zu Flammen geweckt worden – durch den armen Burg-Balzer, der gar nichts von Rousseau wußte. Es fügte sich, daß in den Tagen, wo dieser erste Sturm durch alle Gedanken der Prinzessin brauste, der Heiratsplan zum endgültigen Abschluß gebracht werden sollte. Des Grafen Besuch war schon dreimal angesagt und immer wieder abgemeldet worden, denn der junge Mann, eben erst aus der großen Welt heimgekehrt, war nicht zur Abreise nach Schloß Westerau zu bringen, dessen Langeweile ihm noch aus den Kindertagen in schauervollem Andenken stand. Dies wenig schmeichelhafte Zaudern schien gerade nicht von bester Vorbedeutung; allein der Wille der beiden kontrahierenden Väter stand fest, und zuletzt mußten sich die jungen Leute wohl fügen. Die Prinzessin wünschte zwar den Grafen auf den Blocksberg, ärgerte sich aber doch, daß er nicht einmal kommen wollte, um sie zu sehen. Ihrem Vater aber erklärte sie rundheraus, daß sie noch am Altare »Nein« sagen und daß keine Macht der Erde sie je nach Vierstein bringen werde. Solch offene Widersetzlichkeit war noch nicht dagewesen und die Gründe, mit welchen Isabelle das Recht beanspruchte, in dieser Sache auch ein Wort mitreden zu dürfen, ganz unerhört. Der Fürst erkannte seine geduldige Tochter nicht wieder. Er ließ ihre verantwortliche Hüterin, die Martigny, vorfordern, daß sie über diesen Paroxysmus Red' und Antwort gebe. Die erschrockene Hofdame erklärte, sie habe schon seit etlichen Tagen einen Geist des Eigensinnes und der Schwärmerei bei Isabellen entdeckt, der ihr schwere Sorge gemacht, ohne daß sie die Ursache habe aufspüren können. Gewohnt, alles rasch und fest nach seinem Willen erledigt zu sehen, befahl der Fürst der Martigny, eine Promenade mit Isabellen durch den Garten zu machen und ihr binnen einer Stunde den Kopf zurechtzusetzen. Allein statt sich zu verständigen, zankten sich vielmehr die zwei Damen; sie sprachen nur halblaut und gestikulierten sehr gemessen nach allen Regeln feinster Sitte; ganz im stillen flogen dann dabei die giftigsten Stiche und schärfsten Hiebe herüber und hinüber. So waren sie bereits eine halbe Stunde zwischen den Orangenbäumen der Schloßfront auf- und abgegangen. Da erschallte plötzlich verworrener Lärm streitender Stimmen vom nahen Portale her. Die beiden Damen hielten inne; ein Mann mit langen Haaren, ohne Puder und Zopf, in abgeschabten Kleidern, halb städtisch, halb bäurisch, versuchte ins Schloß zu dringen, während ihn die Bedienten mit Gewalt zurückwiesen. Er hielt eine große Bittschrift hoch in der Hand und rief unablässig, er müsse den Fürsten sprechen; die Bedienten aber entgegneten drohend und scheltend, daß dies jetzt nicht angehe. Ihre Übermacht würde ihn bald aus dem Schloßhofe befördert haben, allein als er die Prinzessin erblickte, entriß er sich ihnen mit unerwarteter Seitenschwenkung und eilte stracks zu den Damen. »Gnädige Prinzessin!« rief er atemlos, »ich bin der Schulmeister von Neideck! Helfen Sie mir! ich muß Ihren Vater, ich muß meinen Fürsten sprechen, – es steht Gefahr auf dem Verzuge!« Hochentrüstet zog Fräulein von Martigny die Prinzessin hinweg, und die Bedienten hatten den Ungestümen schon wieder gepackt. Allein als Isabelle seinen Namen hörte, gebot sie den Bedienten, von dem Manne abzulassen. Die Martigny stand wie eine Säule, erstarrt über diese Selbständigkeit der Prinzessin. Diese aber hieß den Schulmeister reden. Seine Worte klangen nicht sehr höfisch, allein um so natürlicher. »Denken Sie sich, Fräulein Prinzessin!« rief er, »die Burg Neideck soll abgebrochen werden, geschleift, gesprengt, dem Boden gleichgemacht. So hat es der Amtmann beantragt und der Fürst genehmigt. Nächste Woche wird begonnen. Ihre Stammburg! die Landesfeste, das schönste Bauwerk, mit einem Wort: Neideck! – Es soll fallen! – Und was für mich das entsetzlichste: ich selber bin es, der die Burg ins Unglück gestürzt hat; ich weckte den verderblichen Plan in der Seele des Amtmanns! In meiner Geschichte der Burg –« »Ich habe sie gelesen«, – unterbrach die Prinzessin, huldvoll lächelnd, und auch über Philipps vergeisterte Züge flog ein Lächeln der Autorfreude – »In meiner Geschichte erklärte ich den Namen des Hasenturms, und Sie wissen, der jetzige Amtmann von Haas ist der Enkel jenes Haas, der sich dort den Hals abgeschnitten hat. Das mußte ich erzählen, denn des Historikers erste Pflicht ist die Wahrheit, die ganze Wahrheit, und wer bloß die halbe Wahrheit sagt, der ist schon ein ganzer Lügner. Der Amtmann ist ergrimmt darüber, daß ich seinen Großvater noch im Grabe beleidigt hätte, und obendrein gedruckt beleidigt. Er drang auf meine Absetzung, allein der Scholarch, mein hoher Gönner, widerstand. Da nun der Amtmann mich nicht absetzen kann, reißt er die arme Burg ab. Er gibt an, sie störe den Verkehr, während doch bei Neideck selbst mit der Brille kein Verkehr zu sehen ist; sie gebe dem Gesindel Unterschlupf, während ich ganz allein droben wohne; sie drohe stündlich den Einsturz, – dann brauchte er sie ja nicht abzureißen: – das sind lauter eitle Vorwände; der abgeschnittene Hals, das ist der wahre Grund, und so erzeugt ein Fluch den anderen. Und die falsch berichtete Durchlaucht hat den Abbruch genehmigt. Aber ich will dem Herrn alles klarmachen, ich will einen Fußfall tun. Es wäre eine Schande fürs Land, meine Schuld und mein Tod dazu, wenn die Burg fiele! Schaffen Sie mir eine Audienz, gnädigste Prinzessin, eine augenblickliche Audienz beim Fürsten!« Die Martigny rief schon wieder die Bedienten, daß sie den tollen Mann fortschafften, aber Isabelle sprach: »Mein lieber Schulmeister, folge Er mir!« Sie winkte ihm höchst anmutig mit dem Fächer und schritt zum Portal, die große Treppe hinauf – der Burg-Balzer gehobeneren Hauptes hinterdrein. Die Martigny rief nach Eau de Lavande, ihr schwindelte – die Ohnmacht kam –, und statt des Schulmeisters blieb sie nunmehr in den Armen der Bedienten zurück. Die Prinzessin tat einen kühnen Gang, doch wer soeben die Kette gebrochen hat, ist kühner, als wer niemals eine Kette trug. Sie durfte sich dem Vater sonst nur in zeremoniöser Weise nähern – ganz spanisch –, sie durfte ihn nur mit »durchlauchtigster Herr Vater« anreden, und das trauliche »Du« war ihr als plebejisch und respektwidrig nicht gestattet. Der Fürst glaubte beim Eintritt Isabellens, sie komme, zum Gehorsam bekehrt, zurück und die Hofdame, welche das gute Werk vollbracht habe, hinterdrein. Wie staunte er, als ihn statt der Martigny das Gesicht des Burg-Balzers angrinste! Er maß den Frechen mit durchbohrendem Blick. Isabelle nahm sofort das Wort, schilderte kurz und bündig die ganze eben erlebte Szene und bat um Gnade für die Burg, während Balzer auf die Knie fiel und, seine Bittschrift vorstreckend, gleichfalls: »Gnade!« rief. Ganz ruhig klingelte der Fürst zunächst dem Kammerdiener, hieß ihn den unverschämten Eindringling von Schulmeister sofort aus dem Schlosse führen und las dann seiner Tochter unter vier Augen derb den Text über ihr unziemliches Benehmen. Isabelle erklärte die Vorwürfe für gerecht, aber ihre Fürbitte für die Burg sei es nicht minder. Sie entwickelte die besten Gründe mit einem Zittern der Begeisterung, daß der Alte nur so staunte über die ungeahnte Beredsamkeit der Tochter. Von Philipps Buch angesteckt, faßte auch sie die Burg nun schon wie ein lebendes Wesen und rief, die fruchtlose Reue werde nachkommen, sowie der Bau am Boden liege; das sei dann, wie wenn man einen Menschen totgeschlagen habe und hinterdrein zum Doktor laufe. Der Fürst blieb unerbittlich. Doch machte ihm Isabellens Feuereifer einen starken Eindruck, nur leider in ganz unbeabsichtigter Richtung. Er dachte nämlich, wenn der Graf jetzt dieses leidenschaftliche Mädchen sähe, dann würde er doch größeren Gefallen an ihr finden, als bislang der Fall gewesen scheine. Er entsann sich aus längstvergangenen Jahren, daß die Jugend eine gewisse Leidenschaft liebe. Und dieser Gedanke weckte einen zweiten. Er überlegte, ob sich's schicke, ihn auszusprechen. Hierauf sprach er im kältesten Tone: »Ist dir die Burg so wert, dann wollen wir einen Tausch machen: gib mir das Jawort für den Grafen, und ich gebe dir die Burg.« Nun aber wurde die Prinzessin erst recht von heiligem Zorn erfüllt. Sie nannte das einen schmachvollen Handel und erklärte, daß sie nun den Vetter dreimal nicht und noch einmal erst recht nicht heiraten werde. Das war ihr letztes Wort, und der Vater sagte auch nichts mehr. Die fürstliche Familienszene war zu Ende. Die Ereignisse rollten jetzt rasch. Der Fürst erließ sofort den Befehl, daß der tolle Schulmeister von Neideck abgesetzt werden solle und binnen vierundzwanzig Stunden die Burg zu räumen habe wegen frevelhaften Bruches des fürstlichen Schloß- und Hausfriedens. Ferner, daß der Abbruch der Burg so bald als möglich begonnen werde. Dann verhängte er über die Prinzessin Zimmerarrest auf unbestimmte Zeit und übergab sie der Martigny zur schärfsten Bewachung, da sich Spuren von Gemütskrankheit bei dem unglücklichen Wesen zeigten, die nur durch einsames Leben beseitigt werden könnten. Weil aber Graf Vierstein bis nächsten Sonntag bestimmt erwartet wurde, so solle man sie darauf vorbereiten und mit schwachem oder starkem Druck etwas Liebe zu demselben zu erwecken suchen. Alle drei Befehle wurden pünktlich ausgeführt. Der abgesetzte Schulmeister verließ sein Häuschen und verschwand scheinbar spurlos. Die Burg verließ er freilich dennoch nicht, sondern zog sich in das geheime Gewölbe zurück, wo er Anno 1757 jene Belagerung ohne Belagerer bestanden hatte. Dort verbrachte er die Tage und Nächte. Des Abends schlich er heimlich ins Dorf, wo ihm die Bauern zu essen gaben, seine Anwesenheit aber treu verschwiegen, damit ihn der Amtmann nicht noch weiter verfolge. Der Seelenzustand des vordem so glücklichen Mannes war jammervoll. An sein eigenes Elend dachte er nicht, wohl aber an das von ihm verschuldete Unglück der Burg. Also hatte er der Braut entsagt, um die Burg zu ruinieren, den Burgfonds gesammelt, damit die Burg abgerissen werde, und die Geschichte von Neideck geschrieben, damit die Prachttürme von Neideck in die Luft gesprengt würden! Von Gewissensbissen gefoltert, trug er gute Lust, sich dann zur rechten Stunde oben auf den Hasenturm zu setzen. Siebentes Kapitel Prinzeß Isabelle verlebte inzwischen auch keine besonders heiteren Tage. Da, wie bemerkt, die Langeweile der Hunger der Vornehmen ist, so wollte sie ihr Vater durch die geistige Hungerkur der Langeweile zur Besinnung bringen, wie er den Schulmeister durch den leiblichen Hunger gestraft zu haben glaubte. Sechs Tage lang sah Isabelle keinen Menschen außer ihrer Kammerfrau und der Martigny. Das alte Fräulein predigte Buße in allen Tonarten; sie hörte es nicht. Vom Grafen Vierstein sprach die Predigerin dabei weniger, als eigentlich ihre Pflicht gewesen wäre, doch bemerkte sie oft, daß er bis Sonntag unfehlbar kommen werde. Isabelle schwieg. Aus den französischen Klassikern wurde dreimal mehr als sonst vorgelesen. Isabelle gab nicht acht. Sie durchdachte alle die Qualen des langweiligen Schlosses seit ihren Kindertagen, sie wollte hinaus um jeden Preis und wußte nicht wohin. Es war am Samstag abends. Die Martigny las eben die zehnte Epistel Boileaus vor: J'ai bon vous arrêter, ma remontrance est vaine; Allez, partez – –, als ein dumpfer ferner Knall die Luft erschütterte, daß alle Scheiben klirrten. Die alte Dame fuhr zusammen, las aber dann noch viel eifriger und lauter als vorher: sie wußte, so schien es, was der Knall bedeute, wollte aber die Aufmerksamkeit ihrer Haftbefohlenen davon ablenken. Das war nicht nötig, – Isabelle war so tief in ihre Gedanken versunken, daß sie den Knall sowenig gehört zu haben schien wie die Verse Boileaus. Die Dunkelheit kam; man ging früh zu Bette. Isabelle schlief wenig und wurde schon um vier Uhr durch die aufgehende Sonne geweckt; es war eben jener Sonntag angebrochen, an welchem der Graf bestimmt kommen sollte. Sie blickte durchs halbgeöffnete Fenster in die taufrische Landschaft, sie blickte vor allem nach der fernen Burg, dem einzigen Gegenstand, den sie täglich feuchten Auges zu betrachten pflegte. Aber o Staunen und Schreck! – die Burg hatte nur mehr einen Turm! Die Prinzessin glaubte anfangs, die Sonne, welche ihr von Neideck herüber so blendend ins Gesicht schien, bewirke diese optische Täuschung; sie holte ihr Fernglas. Da erkannte sie die traurige Wahrheit: die Burg hatte wirklich nur noch einen Turm, der andere, der Hasenturm, war gestern abend gesprengt worden, als jener dumpfe Knall die Fenster des Schlosses erzittern machte. Isabelle war außer sich vor Zorn und Schmerz. Sie hatte bestimmt geglaubt, der Vater werde ihr zulieb dennoch die Burg begnadigen, und sie hoffte, daß sie sich auf Grund dieses Huldzeichens doch wieder aussöhnen und ein ganz neugeordnetes, liebenswürdiges Leben im Vaterhause beginnen könne. Dies war der Gedanke ihrer seltenen besseren Stunden. Sie hatte darum täglich auf die unversehrte Burg wie auf ein Zeichen der Verheißung geschaut, und jetzt war schon der erste Turm gefallen, der Vater war unerbittlich – und der Graf sollte heute kommen! Sie kleidete sich an, warf ein Tuch über den Kopf und schlich auf den Zehen aus dem Zimmer, die Treppe hinab zum Schloßhof. Niemand bemerkte sie in der Morgenfrühe. Ein Pförtchen stand offen, es führte ins Freie, sie eilte hinaus; sie wußte selbst nicht, was sie tat, wohin sie wollte; aber sie hatte nun doch überhaupt wieder einmal etwas gewollt und getan, die Luft umspielte sie so erquickend, und ihre Seele hob sich auf den Schwingen des Morgenwinds. Wie aus Instinkt nahm sie den Weg gegen die Burg; anfangs gleich einer Fliehenden dahineilend, mäßigte sie ihren Schritt, denn sie erregte die Aufmerksamkeit der wenigen Begegnenden, obgleich sie keiner erkannte. Sie fragte sich endlich, wohin sie denn wolle. Der Entschluß war bald gefaßt: hinauf zur Burg! Und was dann weiter? Sie wußte es nicht. Aber war sie nur einmal droben, war sie weit, weit vom Schlosse hinweg, dann schien ja zunächst alles gut. Ans Wandern nicht gewöhnt, ermüdete sie bald, die Tränen traten ihr ins Auge, die Knie wankten; doch sie raffte sich auf und erreichte nach zwei Stunden wirklich die Burg, wo sie im Hofe erschöpft zu Boden sank. Es ward ihr dunkel vor den Augen, sie hörte die Frühglocken des Sonntagmorgens, das Gesumme der Bienen, sie atmete den Duft der Holunderbüsche, aber sie wußte nicht mehr, wo sie war, und lag wie im Traume. Da wurde sie durch eine Stimme geweckt, welche besorgt fragte: »Was fehlt denn der Jungfer?« Sie blickte auf. Ein junger Mann in Reisekleidern, gestiefelt und gespornt, stand neben ihr und betrachtete sie teilnehmend. Sie fand keine Antwort, aber sie sah den Fremden fester an; das Gesicht schien ihr nicht ganz unbekannt, nur wußte sie nicht, wo sie's schon gesehen habe. »Was sucht die Jungfer hier am frühen Morgen?« fragte derselbe weiter. »Ich suche – den Schulmeister«, stotterte Isabelle, um doch etwas zu sagen. »Den suchte ich auch«, bemerkte der Jüngling. »Dieser Burg-Balzer ist doch ein merkwürdiger Mann, aber ein halber Narr wie alle merkwürdigen Leute! Übrigens wohnt er gar nicht mehr hier oben; er ist abgesetzt und fortgejagt, wie mir vorhin ein Bauer berichtete. Fortgejagt, weil er der Prinzessin Isabelle im Westerauer Schloß ganz unanständig begegnet sein soll.« »Das ist nicht wahr!« fiel Isabelle ein. »Wenigstens nicht, soweit es die Prinzessin betrifft.« »Doch, doch!« versicherte der Fremde. »Mit dieser Isabelle ist nicht zu spaßen; sie ist eine entsetzlich zeremoniöse und langweilige Person.« »Vielleicht mehr gelangweilt als langweilig«, entgegnete sie. Der Fremde blickte sie prüfend an. »Aber wer ist Sie denn eigentlich, daß Sie dies besser weiß? Vielleicht gar eine Kammerjungfer von drüben?« Isabelle stotterte errötend ein leises: »Ja«. Sie hatte noch so wenig gelernt, sie konnte nicht einmal ordentlich lügen. »Nun, wenn Sie das ist, dann erzähle Sie mir doch ein bißchen von Ihrer Herrin; sie soll ein artiges Gliederpüppchen sein, welches von dem Vater und der Hofdame an einem Fädchen gezogen wird, und sie wird ja wohl nächstens den Grafen Vierstein heiraten?« »Doch nicht ganz Puppe!« rief Isabelle entrüstet und in ganz anderem Ton. »Das Fädchen ist zerrissen; sie heiratet den wilden Grafen nicht, – unter keiner Bedingung!« »Ei, ist denn der Graf wirklich so wild? Und woher weiß Sie das?« »Er lebt nur unter Jägern, Pferden, Hunden und Soldaten und schweift den ganzen Tag durch Flur und Wald!« »So, so! Und warum schweift Sie denn frühmorgens ganz allein durch alte Burgen, tugendsame Jungfer?« »Ich? – Ich wollte ja den Schulmeister besuchen und den umgefallenen Turm sehen, den sie gestern gesprengt haben«, stotterte Isabelle. »Gerade den wollte ich auch sehen, und das Buch des Schulmeisters über die Burg verleitete mich dazu –« »Sie haben das Buch gelesen? Gerade dieses Buch führte auch mich hierher«, unterbrach Isabelle. »Es ist ein tolles Buch«, fiel der Fremde ein. »Aber der Mann hat ein Herz für seine Burg, als ob sie seine Geliebte wäre. Und wenn man das Buch gelesen hat, dann zieht es einen hierher, man mag wollen oder nicht.« »Genau so erging es auch mir«, lispelte die Prinzessin. »Also eine empfindsame Kammerjungfer«, dachte der Fremde. »Die werden immer häufiger in unserem philosophischen Jahrhundert.« »Der junge Mann hat Kopf und Herz«, dachte Isabelle. War es doch seit undenklicher Zeit der erste Mensch, welcher ein klein wenig ihre Empfindung teilte. »Jungfer, ich kann nicht Komödie spielen!« rief er plötzlich laut und richtete sich hoch auf. »Ich bin eben der Graf Vierstein, den Sie so wild genannt hat, und wenn ich so den ganzen Tag in Gottes freier Luft umherstreife, dann freue ich mich wohl inniger der schönen Natur als ihr blassen Stubenkinder und sehe die Sonne aufgehen wie heute von dieser wundervollen Burg und ärgere mich, daß man im Westerauer Schloß so roh ist, die eigene Stammburg mir nichts dir nichts in die Luft zu sprengen. Das kann Sie Ihrer Herrin sagen, die ich zwar heute auch noch sehen, der ich aber nicht viel sagen werde und also wahrscheinlich auch dieses nicht.« Isabelle war eine Weile sprachlos vor Schrecken. Aber der Graf sah ja gar nicht so grimmig aus wie auf dem Bilde, er war recht schön und durchaus nicht so roh, wie ihn die Martigny geschildert, im Gegenteil sehr freundlich und erstaunlich feinfühlend. Diese Erwägung milderte ihren Schreck. Sollte sie sich gleichfalls entdecken? Vor Scham fand sie den Mut nicht. Endlich sammelte sie sich und flüsterte: »Also Sie sind wirklich auf dem Wege nach Westerau? Man hat Sie schon mehrmals vergebens dort erwartet.« »Es ist eine saure Reise, diese Brautfahrt!« seufzte der Graf. »Indes sie muß doch einmal gemacht werden; denn der Vater will es durchaus, und seinen Eltern muß man gehorchen, wie in der Bibel steht. Aber dieser Gehorsam hat seine Grenzen. Ich reite hinüber und tue alles, was geboten und schicklich ist; aber wenn mir, woran ich nicht zweifle, diese Isabelle aus der Nähe ebenso schlecht gefällt wie aus der Ferne und mir, wie die Jungfer schon vorausweiß, selber gar einen frischen, fröhlichen Korb zugedenkt, dann reite ich seelenvergnügt wieder heim und habe meine Schuldigkeit getan. Drunten im Dorfe wartet mein Gefolge. Es ist noch keine Besuchstunde, und ich wollte vor dem schweren Gang noch einmal recht aufatmen und frischen Mut schöpfen hier oben auf des Burg-Balzers unvergleichlicher Burg. Da hat Sie meine ganze Geschichte.« Isabelle zog ihr Tuch dichter um den Kopf und blickte seitwärts ins Tal hinab. Da sah sie einen Trupp Reiter, einen Wagen hinterdrein; – die Reiter sprengten gegen den Burgberg heran, sie erkannte deutlich ihren Vater an der Spitze. Mit einem markdurchschneidenden Schrei klammerte sie sich an den Grafen und rief: »Retten Sie mich! Da kommt der Fürst, mein Vater! Ich selbst bin Isabelle. Retten Sie mich, schützen Sie mich vor meinem Vater! Liefern Sie mich um Gottes willen nicht in das verhaßte Schloß zurück, – es wird mein Grab sein!« Nun war die Reihe des Staunens an dem Grafen. »Sie selber sind es, liebe Base? Aber Sie sehen ja ganz anders aus wie auf den Bildern, Sie sprechen ja ganz anders wie in Ihren Briefen, kurzum, Sie sind ganz anders, als man mir geschildert hat! Aber warum fürchten Sie sich denn vor Ihrem Vater; sind Sie ihm wohl gar davongelaufen?« »Weil er mich durchaus – – an Sie verheiraten wollte!« »Gottlob, sie hat doch ihren eigenen Kopf, sie will mir durchaus auf eigene Faust den Korb geben«, dachte der Graf. »Doch nein!« fuhr die Prinzessin fort, »nicht ganz deswegen sondern weil man mich eingesperrt hat darum, daß ich die Burg retten wollte und den Schulmeister eigenmächtig zur Audienz brachte.« »Eigenmächtig!« wiederholte der Graf ganz vergnügt. »Und also sind Sie wirklich davongelaufen – durchgegangen?« Isabelle konnte nicht antworten. – »Sie hat Kraft, Entschlossenheit«, dachte der Graf. »Aber warum sind Sie nicht schon längst davongelaufen? Wir würden uns dann weit früher gegenseitig etwas genähert haben. Und waren Sie denn immer so – so aufgeregt wie heute?« »Nein, das ist nur hier oben auf der Burg, da drunten im Schlosse ist es ganz anders.« »Freilich!« rief der Graf. »Das macht die frische Luft. Sie müssen mehr an die Luft kommen, aufs Pferd, auf die Jagd, in den Wald. Da werden Sie auch etwas rötere Wangen kriegen. Und die Luft in Vierstein ist so gut, viel besser als da drunten in Westerau!« »Der Vater kommt! Retten Sie mich!« rief jetzt drängender die Arme. Da erscholl eine Stimme hinter ihnen: »Rasch zu mir, hier ist die beste Zuflucht! Ich wollte das Gewölbe vor aller Welt geheimhalten, aber wenn es meine gnädigste Prinzeß zu retten gilt, dann gebe ich mein Gewölbe und meinen Kopf und alles preis. Her zu mir! Der Eingang ist nicht weit.« »Was will der Mann?« rief der Graf und maß die seltsame Gestalt, und wäre er nicht so zornig gewesen, so hätte er lachen müssen. »Entschuldigen Sie, Herr Graf, ich bin der Burg-Balzer, den Sie suchten; verzeihen Sie, daß ich, unter dem Holunderbusch sitzend, unfreiwillig Ihr ganzes Gespräch mit anhörte! Aber jetzt ist keine Zeit zu verlieren.« »Lieber Freund«, entgegnete der Graf, »Sein Gewölbe wollen wir ein andermal besuchen; stelle Er sich neben mich hier links; ich schütze euch beide und verkrieche mich vor keinem Menschen.« Der Fürst sprengte in den Burghof; sein schäumendes Roß bäumte hoch auf vor der überraschenden Gruppe: Graf Vierstein in der Mitte, die Prinzessin an seiner rechten, den Burg-Balzer an der linken Hand. Es dauerte Minuten, bis der Fürst den Grafen erkannte und seinen Gruß erwiderte, – man wechselte abgebrochene Worte des Staunens, daß man hier, daß man so sich begegne. Dann aber sprach der Fürst zu Isabellen: »Tritt zu mir, entartetes Kind!« – und zum Grafen: »Es ist Unglaubliches geschehen, Herr Vetter! Bevor ich als Wirt Sie begrüßen kann, muß ich als Vater meine Schuldigkeit tun. Dort unten hält die große Berliner Karosse, mit Vorhängen dicht verschlossen. Du wirst dich hineinbegeben, Isabelle, die Martigny sitzt schon drinnen; es ist alles geordnet, daß du ungesehen heimfährst, ungesehen aussteigst. Eine Prinzessin von Westerau durchgegangen, das ist in unserer ganzen Hausgeschichte noch nicht dagewesen!« Allein der Graf trat fest und ehrerbietig vor. »Verzeihen Sie, durchlauchtiger Herr Vetter, wenn ich Ihnen die Prinzessin jetzt noch nicht ausliefere, wenigstens nicht gegen ihren Willen. Sie hat sich ausdrücklich unter meinen Schutz gestellt, den ich ihr ritterlich gewähren muß.« Dem Fürsten schwindelte es. Isabelle hatte sich unter des Vetters Schutz gestellt und war doch durchgegangen, um dem Vetter zu entfliehen! Der Burg-Balzer ersah die Pause des Staunens und drängte sich, obgleich sonst etwas ängstlich bei Herrschaftspferden, hart vor den Kopf des fürstlichen Rosses und bat um Gnade für die Burg. Zur Antwort rief der Fürst dem Pikör: »Jage diesen Narren mit der Reitpeitsche den Berg hinunter!« Allein nun trat der Graf abermals dazwischen: »Dieser Mann hat sich gleichfalls unter meinen Schutz gestellt, und ich bitte daher Ew. Liebden, ihn bis auf weiteres mir zu überlassen.« »Herr Vetter! Sie beanspruchen Hoheitsrechte in meinem Haus und über meine Untertanen«, rief der Fürst, nun endlich grimmig lachend. »Am Ende bin ich gar nicht mehr Herr hier auf meinem eigenen Grund und Boden!« »In der Tat!« entgegnete der Graf, »es wäre mir sehr lieb, wenn Sie auch diesen Grund und Boden unter meinen Schutz stellten! Ich meine das sehr ernstlich, ja, ich bitte darum; denn die Burg wäre ein wahres Juwel in der Aussteuer meiner lieben Base, und ich schöpfe einige Hoffnung, daß sie mir wildem Menschen bei näherer Bekanntschaft ihre Hand vielleicht doch nicht versagen wird.« »Hoho! Werbung und Ehepakten hier gleich auf offener Gasse abgemacht? Das geht nicht!« rief der Fürst, wurde aber plötzlich ganz aufgeräumt. Der Burg-Balzer zupfte den Grafen am Arm und flüsterte geheimnisvoll: »Für die Trauung habe ich den herrlichsten Platz gefunden, er ist hier unter unseren Füßen« – sogar der Fürst lauschte bei diesem Wort –, »nämlich während meines jüngsten Versteckes in dem bewußten Gewölbe gelang es mir, da ich nichts Besseres zu tun hatte, den verschütteten Gang aufzuräumen, und ich kam, o Wonne! in eine prächtige Krypta unter der ehemaligen Schloßkapelle; Jahrhunderte lag sie verborgen, drei dicke uralte Säulen mit Löwen- und Adlerknäufen –« »Die Kopulation im Keller? das geht nicht an«, unterbrach der Fürst. »Schulmeister, Er ist verrückt! Aber da ich Ihn jetzt aus Versehen Schulmeister geheißen habe, soll Er auch wieder Schulmeister sein. Ein Mann, ein Wort!« Der Fürst befahl nun, da sich der Ort zu weiteren Erörterungen nicht schicke, daß die Prinzessin mit ihm hinunter zur Berliner Karosse gehe, dann wolle er mit seinen Reitern den Wagen zum Schlosse zurückbegleiten. Der Herr Vetter möge sich inzwischen noch zwei Stunden hier verborgen halten und die Krypta betrachten, damit man in Westerau Frist gewinne, ihn gebührend zu empfangen. Dann werde sich das Weitere in aller Form entwickeln lassen. Nach vier Wochen beorderte der Schulmeister, welcher inzwischen noch die Nebenwürde eines Kastellans der Ruine Neideck durch Dekret erhalten hatte, zehn Mann in den Burghof, um die alte Kartaune aus dem Brunnen zu heben, wo sie seit 1757 geborgen lag. Nach dreitägiger Arbeit und mit öfterer Gefährdung von Menschenleben brachte man das alte Geschütz endlich wieder ans Licht und pflanzte es vor dem Burgtore auf zu den üblichen Salutschüssen bei der Trauung der Prinzessin Isabelle mit ihrem Vetter Friedrich, die morgen in der Schloßkapelle zu Westerau vollzogen werden sollte. Als Balzer in behaglicher Beschauung an der Kanone lehnte, kam der Scholarch den Berg herauf, klopfte ihm auf die Schulter und sprach: »Schulmeister, wie steht es mit Seiner Prophezeiung wegen der hohen Frau? Ich meine doch, die Prinzessin hat die Burg nicht retten können, aber der Graf hat sie gerettet. Und welche Männer sind denn eigentlich beschämt worden durch den Retter?« Philipp erwiderte: »Graf oder Gräfin, das gilt gleichviel, wenn die Burg nur gerettet ist; – schade um den Hasenturm, hätte er sich einen Tag länger gehalten, so stünde er noch in tausend Jahren! Prophezeiungen werden niemals ganz genau erfüllt, sonst müßten ja die Menschen abergläubisch werden. Was aber die beschämten Männer betrifft, da könnte höchstens der Amtmann und der Fürst gemeint sein, doch dergleichen darf man ja gar nicht denken, geschweige sagen. Übrigens sieht man auch hier, daß eine gerechte Hand das Schicksal der Menschen wie der Burgen lenkt. Denn Neideck war immer eine gute Burg, im Jünglingsalter die Wiege des hohen Fürstenhauses, im Mannesalter der Schutz des Landes; – jetzt ist sie alt geworden und hat sich ins Privatleben zurückgezogen, aber sie hat doch der Prinzessin einen braven Mann gebracht und einem armen Schulmeister die Aussicht auf ein glückliches Alter. Möge es ihr noch lange wohlergehen!« Der Hausbau. 1863 Erstes Kapitel »Das Bauen ist ein' große Lust, Daß's so viel kost', hab' ich nit g'wußt: Behüt' uns Herr in alle Zeit Vor Maurer, Schmied und Zimmerleut.« Dieser Spruch stand vor hundert Jahren an dem Haus des Rats Humbert auf dem Walle. Für ein Bürgerhaus war der Reim im Grunde etwas zu bauernmäßig; allein da man bei den meisten Einwohnern der Stadt überhaupt nicht recht wußte, wo der Bürger aufhöre und der Bauer anfange, so paßte er doch ganz gut. Zudem hatte der reiche Rat das Haus auf dem Walle, welches er mit seiner Frau erheiratet, immer nur als eine Art Gartenhaus angesehen und niemals auf längere Zeit bewohnt. Seine eigentliche Wohnung stand mitten in der Stadt am Markte. In dem volksarmen Orte war es damals unmöglich, einen Käufer für das abgelegene Wallhaus zu finden; dasselbe aber an geringere Leute zu vermieten, hätte der Rat unter seiner Würde erachtet, und so diente es der Familie nur zum gelegentlichen Aufenthalt, wenn sie den prächtigen Obstgarten besuchte, der das verwahrloste Haus umgab. Mit des Rats Tode aber ward es anders. Sein einziger Sohn Christian hatte keine Schneide zum Studieren gehabt; er war Ökonom geworden und bewirtschaftete ein großes Hofgut, eine Stunde vor der Stadt. Das väterliche Haus am Markte hatte er verkauft; das Haus auf dem Walle dagegen behielt er, weil er es doch zu einem Spottpreis hätte verschleudern müssen. Er wollte es sich zu einem Absteigequartier herrichten und auch wohl im Winter etliche Monate darin wohnen. Da galt es aber einen gründlichen Umbau, denn ein Teil der Räume war ganz verfallen, und was noch gut erhalten stand, das paßte nicht für Geschmack und Bedürfnis des neuen Besitzers. Allzu große Zimmer sollten verkleinert, zu kleine vergrößert, hier ein Fenster, dort eine Türe versetzt werden, die Decken neu getäfelt, die Wände getüncht, die Fußböden ausgespänt, die Ofen umgebaut. Kurzum, das halbe Bauernhaus sollte sich in ein ganzes behagliches Bürgerhaus verwandeln. Und gleichsam zum Wahrzeichen, daß ein neues, fortgeschrittenes Geschlecht Besitz ergriffen habe von dem alten Bau, ließ der junge Humbert vor allem die Tafel mit dem Bauernreim über der Türe ausbrechen. Das bemerkte sein Nachbar, der Förster Habermann, mit großem Verdruß, denn er hatte den Reim so oft und gerne gelesen. Aber sein Verdruß wuchs noch bedeutend, als er hörte, daß der verlassene Bau stadtmäßig hergerichtet und im Winter von Humberts Christian bewohnt werden solle. Der Förster hatte nämlich vor zwanzig Jahren einen nachbarschaftlichen Prozeß mit dem Rat Humbert gehabt und hielt diesen Mann seitdem für seinen Feind, dem er überall aus dem Wege ging. Die Gärten und Höfe beider Häuser grenzten auf der Mittagsseite aneinander, durch einen Bretterzaun getrennt, welchen seit alter Zeit bald der eine, bald der andere hatte ausflicken lassen, so daß man nicht mehr wußte, wem eigentlich der Zaun gehörte. Vertrauend auf dieses Zeugnis des Herkommens, hatte der Förster die Grenzlinie als eine gemeinsame angesehen und in seinem Hof eine Waschküche hart an dem Zaun zu bauen begonnen. Da erklärte der Rat, er besitze das »Hammerrecht« längs dieses Zaunes, das heißt, der Nachbar müsse seinen Bau auf Hammerwurfsbreite – drei Fuß – vom Zaune abrücken. Der Förster bestritt das Recht und baute weiter; es kam zum Prozeß, welchen der Förster verlor, so daß er seinen bereits halb vollendeten Bau auf drei Fuß breit wieder abbrechen mußte. Im Zorn über die Geschichte ließ er die Ruine der nach hinten offenen, dachlosen Waschküche stehen, wie sie stand, zumal er dadurch einer Ruine anderer Art in des Rats Garten eine Art Trutzburg entgegenzusetzen glaubte. Es war nämlich der Rest eines alten, efeuumrankten Stadtturmes, welcher jenem Garten einen besonders malerischen Schmuck verlieh; und auf den Zinnen des Turmes hatte der Rat ein Belvedere, wie er's nannte, anlegen lassen, welches ihm freie Aussicht zu Fluß und Stadt hinüber wie auch in den Garten des Försters öffnete. Dem Förster war es natürlich unangenehm, daß ihm der Nachbar den ganzen Garten ausspähen konnte; darum übte er jetzt Vergeltung, umpflanzte die Ruine seiner Waschküche mit Efeu und legte gleichfalls ein Belvedere auf den drei vom Richterspruch verschonten Mauerwänden an. Dies war aber auch das einzige Zeichen des tiefen Grolles, den er gegen den glücklicheren und mächtigeren Nachbarn im Herzen trug. Mit einem fürstlichen Rate war in jener Zeit nicht viel zu spaßen, und überdies gehörte der Förster zu den verschlossenen Naturen, die schweigend am nachhaltigsten zürnen. Solch schweigende Fehde ließ sich nun ganz leicht durchfechten bei einem Nachbarn, der fast niemals im Hause zu sehen war und sich mit den Jahren immer weniger um dasselbe kümmerte. Daher ahnte der Rat denn auch gar nicht des Försters Faust im Sacke, und als vollends sein Sohn das Besitztum antrat, dachte dieser nicht im Traume mehr an den alten Zankapfel des Hammerrechtes und ging ganz arglos ins Försterhaus zum ersten nachbarlichen Begrüßungsbesuch. Der Förster war im Walde; seine Tochter empfing den unerwarteten Gast höchst verlegen. Denn sie hatte die Humberts immer als böse Nachbarn schildern hören und kannte den jungen Christian zumeist nur aus den verstohlenen Blicken, welche sie vor Jahren durch die Astlöcher des Bretterzaunes geworfen, wenn er drüben im Garten unreifes Obst von den Bäumen brach und naschte. Der Rat Humbert hatte darin das erste Anzeichen der landwirtschaftlichen Neigungen seines Sohnes gesehen, der strenge Förster aber hielt solche Frevel des wilden Jungen seinen Kindern als abschreckendes Exempel vor. Nun stand der Frevler, inzwischen zum gemachten Manne ausgewachsen, vor der erschrockenen Marie und erzählte ihr höchst artig, daß er nächsten Winter als Nachbar einziehe, vorher aber das Haus gründlich zu verbessern und zu verschönern gedenke. Er könne freilich jede Woche nur einmal in die Stadt kommen und nach dem Baue sehen, darum habe er die Aufsicht über so vielerlei kleine Arbeiten, die doch alle rechtzeitig ineinandergreifen müßten, dem Maurermeister übertragen. Er hoffe, der Mann werde sein eifriger Stellvertreter sein; übrigens wolle er auch den Herrn Förster bitten, daß er als guter Nachbar mitunter den Maurern, Tünchern, Zimmerleuten und Schlossern ein wenig zuschaue, um ihm in acht Tagen zu erzählen, wie sie's getrieben hätten. Wie er selbst aber den Maurermeister zur eifrigsten Aufsicht spornte, das müsse die Jungfer Habermannin nun doch auch noch erfahren. »Mein seliger Vater«, so sprach er, »hatte eine bewährte Reiseregel. Wenn er in ein Wirtshaus kam, so gab er gleich beim Eintritt dem Kellner das Trinkgeld und nicht bei der Abreise. Denn wer erst gibt, wenn er den Fuß wieder in den Steigbügel setzt, der schenkt bloß dem Kellner und ehrenhalber; wer aber gibt, wenn er eben den Fuß aus dem Bügel getan, der schenkt zugleich sich selbst: er verbindet mit der Ehre den Nutzen. Gesetze und Trinkgelder haben keine rückwirkende Kraft. Getreu der väterlichen Regel brachte ich darum dem Maurermeister heute schon beim Beginn der Arbeit ein Fäßchen Wein eigenen Wachstumes; er wird mich jetzt wohl ebensogut bedienen, wie mein seliger Vater wegen seiner vorgeschenkten Sechsbätzner allezeit in den Wirtshäusern bedient worden ist.« Als der Förster des Abends nach Hause kam, hörte er mit Staunen von dem seltsamen Besuch. Seine Verwunderung wuchs, da ihm Marie erzählte, daß er selber gar achtgeben solle auf die Fortschritte des Baues. Er fand das Ansinnen höchst unbefangen, wenn nicht unverschämt und nahm sich anfangs vor, keinen Blick auf das Nachbarhaus zu werfen; möchten die Handwerksleute sich auf die Köpfe stellen und das Haus aufs Dach, so sei's ihm gleich. Als er aber zuletzt die neue Lehre von dem vorgeschenkten Trinkgeld hörte, gelüstete es ihn doch, gelegentlich hinüberzuschauen. Denn wenn einer gescheiter sein will als alle anderen Leute, dann gönnen wir's ihm, daß er erst recht nichts zustande bringt. Und der Förster hoffte dieses stille Vergnügen bei dem Hausbau des Nachbarn zu erleben. Da es ihm aber zuwider war, über die verhaßte Schwelle zu schreiten, so sagte er seinem kleinen Georg, dem zehnjährigen Bruder der Marie, er dürfe drüben bei den Bauleuten spielen und solle dann auch fleißig aufpassen, was und wie sie arbeiteten; das sei lustig und lehrreich obendrein. Allein obgleich der Bube mit großem Jubel sich herumtummelte in den bis dahin verschlossenen Räumen, zu welchen er so oft vergebens neidisch hinübergeblickt, brachte er doch nur dürftige Kunde von dem Treiben der Handwerker. Um so schärfer beobachtete dagegen Marie. Zehnmal täglich bestieg sie das Belvedere auf den Ruinen der Waschküche und wußte am Schluß der Woche genauesten Bescheid über alles, was beim Nachbarn geschehen und – nicht geschehen war. Am ersten Tage griffen sie da drüben mit einem Eifer zu, als solle der ganze Bau bis zum Feierabend schon fertig stehen. Auch der Maurermeister war pflichtlich auf seinem Posten, ordnete und verteilte die einzelnen Arbeiten und fluchte dabei so kräftig, daß man's über drei Häuser hören konnte. Also war alles im schönsten Gange. Am zweiten Tage hörte Marie den kommandierenden Maurermeister nur einmal fluchen und am dritten gar nicht mehr. Das schien ihr bedenklich. Zugleich beobachtete sie an eben dem dritten Tage einen eigentümlichen Handwerksbrauch der Maurer und Tüncher, den sie auch bei anderen Bauten schon wahrgenommen. Die Leute kamen nämlich Punkt fünf Uhr morgens mit großem Gepolter und stellten ihre Kübel quer vor die Haustür, warfen auch ihre Hämmer und Kellen dröhnend auf die Schwelle, daß man's unfehlbar hören und sehen mußte, rührten mit gewaltigem Lärm ein wenig Kalk an und verzogen sich dann ganz leise wieder, um erst nach Tisch zurückzukehren. Sie nannten das eine stille Frühmesse und meinten, man müsse das Werkzeug auch einmal für sich allein arbeiten lassen. Während der Zeit war nur ein einziger alter Zimmermann auf dem Hofe tätig. Mit sehenswerter Bedächtigkeit hob und senkte er sein Beil im langschleppenden Zeitmaße eines Trauermarsches, um etliche Späne von einem Balken zu hauen. Desto lebhafter sah ihn dagegen Marie bald nachher mit Hobel und Schnitzmesser hantieren; als sie aber den Gegenstand seiner Bautätigkeit etwas näher ins Auge faßte, fand sie, daß er für ihren Bruder Georg, der plaudernd neben ihm stand, ein Gewehr und einen Säbel aus zwei alten Latten schnitzte. »Wo bleibt denn heute der Maurermeister?« rief sie dem Alten über den Zaun hinüber. – »Er ist gestern in Kahlbach vom Gerüste gefallen und hat ein Bein gebrochen«, antwortete der Zimmermann mit großer Seelenruhe. – »Ist es ein schlimmer Bruch?« fragte der Förster, welcher gleichfalls im Garten stand. – »Ja. Es ist das schlimmste Bein, das man brechen kann, nämlich das Nasenbein.« – »Und wie kam denn das Unglück?« – »Darum kam's, weil der Meister schon am hellen Tage zuviel von dem Wein getrunken hatte, welchen ihm der Herr Humbert geschenkt.« – Der Förster sagte zu seiner Tochter: »Die goldene Regel vom vorgeschenkten Trinkgeld hat also doch auch ihre blecherne Ausnahme« und schlich in das Haus zurück. Am vierten Tage hörte man wieder einmal ein tüchtiges Hämmern und Sägen und Hobeln; die Arbeit schien nun doch endlich im vollen Zuge. Allein die Herrlichkeit dauerte nur bis zum Nachmittag. Glock drei Uhr rief der Lehrjunge sein: »Schab' ab!«, und die Leute liefen aus allen Winkeln in den Hof und machten schleunigst Schicht. Nach wenigen Minuten zogen sie singend zum Tore hinaus. Nur der alte Zimmermann hieb noch eine halbe Stunde länger Späne von seinem Balken. Infolge desselben Gesetzes der Trägheit, welches ihn so wunderbar langsam das Beil heben und senken ließ, schien er auch langsamer wieder zur Ruhe zu kommen als die anderen. Das Beil auf der Schulter, ging er träumend, im lässigsten Bequemschritt am Försterhause vorbei. Marie rief ihm aus dem Fenster zu, warum er denn heute so früh schon Schicht mache. Der Zimmermann schob sich noch drei gemessene Schritte weiter, dann blieb er stehen, kehrte sich um und schwieg eine Weile. Hierauf sprach er: »Morgen ist ein halber katholischer Feiertag, und da einer von uns zwölfen katholisch ist, so feiern wir anderen mit wegen der Parität, wie man's nennt, das heißt, damit keiner wegen seiner Religion vor dem anderen etwas voraushat. Es ist aber ein löblicher Brauch, daß man vor einem Feiertage drei Stunden früher Feierabend macht als gewöhnlich.« So war es. Und am sechsten Tage schlichen die Handwerksleute erst nach Tisch auf den Bauplatz, denn nach einem halben Feiertage folgt billig auch ein halber blauer Montag. Als der junge Humbert am Schluß der Woche zur Stadt kam, um seinen Bau zu besichtigen, war der Förster durch ein höchst dringendes Geschäft wiederum in das fernste Waldrevier gerufen. Er hatte sich's freilich genau so eingerichtet, daß das dringende Geschäft gerade auf diesen Tag erledigt werden mußte, und Marie hatte er mitgenommen, daß sie unterwegs in Hammelsried bei der Pfarrerin zu Besuche blieb. Marie meinte zwar, dazu sei es auch in einem Monat noch Zeit; aber der Alte fand, daß es gerade heute Zeit sei, und sie mußte mit. Als ehrlicher Nachbar aber hatte er die Magd mit dem kleinen Georg daheim gelassen, damit sie dem Bauherrn genau erzählten, daß der Maurermeister infolge des vorgeschenkten Trinkgeldes die Nase gebrochen und also nicht viel Aufsicht habe üben können und daß die Handwerksleute gearbeitet hätten wie eine Stube voll Schulbuben, wenn der Schulmeister hinausgegangen ist. Dem jungen Humbert stiegen die Haare zu Berg, da er dann mit eigenen Augen die Leistungen dieser ersten Woche prüfte. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Weil nämlich das ganze Haus leer stand, so hatte er ohne Bedenken den Maurern die Schlüssel gegeben, daß sie frühmorgens sich selber öffneten und abends schlössen. Die Maurer aber fanden es bequemer, abends nicht zu schließen, weil sie dann morgens nicht zu öffnen brauchten. Und nun fand sich's, daß ein Haus, welches dem Eigentümer ganz leer scheint, für das durchgebildetere Auge eines Diebes doch noch vollstecken kann von stehlenswerten Dingen. Die Diebe hatten die schöne Messingröhre vom Brunnen geschraubt, den Kupferbeschlag vom Küchenherde gelöst, die eisernen Türchen aus sämtlichen Öfen gehoben, ja sie hatten sogar den Hausschlüssel selbst mitgenommen, den die Maurer steckengelassen. Sie waren sichtbar viel fleißiger gewesen in ihrer Nachtarbeit als die anderen Arbeiter bei Tage. Der unglückliche Hausherr hängte bis auf weiteres ein großes Vorlegeschloß vor die Türe und übergab den Schlüssel dem kleinen Georg. Er lasse, so fügte er hinzu, den Vater grüßen und freundnachbarlich bitten, daß er den Schlüssel jedesmal nachts in seinem Hause aufbewahren möge, damit die Handwerksleute genötigt seien, ihn morgens abzuholen und abends zurückzubringen. Der Förster war bei der späten Heimkehr nicht wenig überrascht, als er den Hausschlüssel des Feindeshauses nun gar in seine Hände gelegt sah, und sagte dem Buben, er hätte den Schlüssel gar nicht annehmen sollen. Allein Marie meinte, das sei doch zu hart, und setzte dem Vater recht beweglich auseinander, daß er mit diesem Hausschlüssel vielmehr feurige Kohlen auf das Haupt ihres Hausfeindes sammeln müsse. Der Förster brummte noch eine Weile fort: da könne der Herr Humbert an sich selber fühlen, wie nützlich gute Nachbarschaft für zwei so abgelegene Häuser sei; gestern habe man prozessiert, heute bitte man um Gefälligkeiten und so weiter. Plötzlich aber stand er auf und sprach fast feierlich zu der Tochter: »Nun haben wir aber den Hausschlüssel einmal angenommen, also müssen wir ihn auch so treu bewahren, als schlösse er unser eigenes Haus. Ein Hausschlüssel ist kein gemeines Stück Eisen, er hat symbolische Kraft wie ein Petschaft oder ein Trauring. Man soll dergleichen Dinge nicht leichtsinnig übernehmen oder führen, denn sie verpflichten weit hinaus. Mit dem Schlüssel ist uns auch die Wacht über das ganze herrenlose Haus und die noch herrenloseren Arbeitsleute ins Gewissen geschoben. Übrigens wäre mir's eine rechte Lust, den faulen Gesellen einmal das Dressierhalsband umzulegen mit den Stachelkorallen. Im Grunde haben sie mich in meinem eigenen Hause schon ebensooft und schwer mit ihrem Hämmern geärgert als der verstorbene Rat mit seinem Hammerrecht. Gleich steht hier wider gleich, und die Gelehrten haben noch nicht ausgemacht, was ein Haus gründlicher schädigt, gewissenlose Bauleute oder ein Prozeß.« Zweites Kapitel Einen Tag besann sich der Förster noch, denn sein Zorn stand mit sich selbst in Widerstreit: über den Humbert ärgerte er sich, weil derselbe baute, und über die Handwerker, weil sie nicht bauten. Hätte er seinen Groll an Humbert auslassen wollen, so mußte er die faulen Arbeiter unterstützen; drückte er diesen aber als pflichteifriger Mann den Daumen aufs Auge, so half er seinem Feinde bei dem verhaßten Hausbau. Am zweiten Tage aber war er entschlossen; er ging hinüber, seine schöne Rede über den Hausschlüssel wahrzumachen. Die Bauleute zeigten ihm sehr freundlich, was sie getan hatten und was alles noch zu tun sei, und begleiteten ihn vom Keller bis auf den Speicher. Als sie aber ganz oben zu Ende gekommen waren, stellten sie sich wie in einen Halbkreis hinter den Förster, und zwei Maurergesellen traten vor und sprachen: »Lieber Herr, mit Gunst! Sie haben getreten auf unsere Kunst; Da Sie nun unser Werk betrachten, So werden Sie auch ein kleines Trinkgeld nicht achten.« Statt eines kleinen Trinkgeldes warf ihnen der Förster tausend Donnerwetter an die Köpfe: »Meinet ihr, ich sei aus Neugierde gekommen, um eure Stümperei zu sehen, die ihr eine Kunst nennt? Ich stehe hier als der Stellvertreter des Bauherrn und will schon achtgeben, daß ihr nicht fernerhin unserem Herrgott die Tage abstehlt, wie ihr's vergangene Woche getan!« Und damit er sogleich ein praktisches Exempel gebe und sich als Kenner ausweise, rief er einen Maurer vor und zeigte ihm einen dunkeln Winkel zwischen den Ziegeln und dem Gebälk des Daches, sagte, da droben sei ein Loch, und fragte, warum das Loch nicht vor allen Dingen vermörtelt worden sei. Denn es hatte über Sonntag gewaltig hereingeregnet, und das Wasser war durch den Speicherboden zum Getäfel der Decke des ersten Stockes gedrungen; das Getäfel aber hatte wiederum ein Loch, und so war der Regen dort weiter an der frisch getünchten Wand herabgesickert und hatte die Wand verderbt, an welcher der Tüncher die ganze vorige Woche gemalt hatte. Der Maurer steckte kaltblütig die Hände in die Hosentaschen und sagte, das Loch gehe ihn nichts an, es sei im Gebälk und nicht im Verputz, und also möge es der Zimmermann stopfen. Der Zimmermann tat einen langen Zug aus seiner Stummelpfeife, spuckte aus und sprach, das Loch kümmere ihn nicht, es sei im Blechverschlag der Dachkante und gehöre dem Spengler. Der Spengler bat den Tüncher um eine Prise, schnupfte, nieste und bemerkte sodann, wenn ja einer das Loch stopfen müsse, so sei es der Dachdecker, denn es fehle an den Ziegeln. Der Dachdecker kletterte nach langem Besinnen an den Balken hinauf, tastete und klopfte an der schadhaften Stelle, wo es sehr dunkel war, bedächtig hin und her und rief dann aus seiner Finsternis herab: »Das Loch schiert mich den Teufel, die Ziegel sind vollzählig und gesund, und wenn das Loch ja irgendwo ist, so ist's zwischen den Ziegeln und dem Blech und den Balken in der Giebelwand, und der Maurer soll's nur ausstreichen.« Nun schwur aber der Maurer wieder, das Loch sei dennoch im Gebälk, der Zimmermann, es sei dennoch im Blech, der Spengler, es sei dennoch in den Ziegeln, der Dachdecker, es sei dennoch in der Mauer und so fort die Reihe herum. Der Förster wußte zuletzt nicht mehr, wo ihm der Kopf saß, geschweige daß er gewußt hätte, wo nun jenes Loch sitze. Weil er sich aber in diesem besonderen Falle nicht mehr zu helfen wußte, so machte er's wie kluge Staatsmänner: er ließ den Fall fallen und lenkte die Frage aufs allgemeine. Er begehrte zu wissen, welcher Handwerker denn jetzt statt des Maurermeisters den Gang der Arbeiten anordne. Der Zimmermann antwortete mit Bedacht: »Es hat der Maurermeister seinen Altgesellen geschickt, und Herr Humbert hat ihm auch ein Trinkgeld vorgeschenkt, daß er uns allen die Arbeit zuweise. Allein das gilt nicht! Den Maurermeister ließen wir uns gefallen, denn er ist ohnedies ein halber Baumeister. Wir Zimmerleute, Schreiner, Schlosser, Tüncher, Dachdecker und Spengler können es aber doch nicht dulden, daß uns der Geselle einer fremden Zunft als Oberhaupt gesetzt werde; darum warfen wir ihn gestern zum Tore hinaus, worüber es zu einem kleinen Streit kam, der den ganzen Nachmittag dauerte, und während dieser Zeit hätte viel Nützliches gearbeitet werden können.« »Ihr Schwerenöter!« rief der Förster, »bei euch geht's ja zu wie im Deutschen Reiche!« und wies ihnen nach, wie sie einig und im Einverständnis arbeiten müßten, sonst werde der Bau niemals fertig. Weil er aber im Augenblicke selbst nicht wußte, wie dieses Einverständnis herzustellen sei, so wandte er sich vom Allgemeinen wieder zurück zum Besonderen und sprach: »Lassen wir's denn in Gottes Namen noch eine Weile auf den Speicher regnen, bis ermittelt ist, wer das Loch da droben zu stopfen hat. Aber das andere Loch in der Täfelung der Zimmerdecke soll der Schreiner auf der Stelle flicken, damit der Regen wenigstens auf dem Speicher bleibt.« Der Schreiner schüttelte den Kopf: »Das Getäfel ist vor alter Zeit vom Zimmermann gemacht worden; man sieht's an der groben Arbeit. Also soll's der Zimmermann auch reparieren.« Der Zimmermann sprach: »Herr Förster, hören Sie ein Wort!« und nahm die Pfeife aus dem Mund, als wolle er was recht Bedeutendes sagen. Es war aber nur, um sie auszuklopfen und frisch zu stopfen. Nachdem dies geschehen, fuhr er fort: »Der Kitt des Tünchers ist kein Gift. Der Tüncher muß ohnedies das Getäfel neu mit Ölfarbe streichen, also kann er auch das Loch auskitten. Ich sage: sein Ölkitt ist kein Gift, und er hält das Wasser am allerbesten ab.« Der Tüncher dagegen meinte, wenn er alle Löcher im Hause verkitten solle, dann brauche er den Kitt zentnerweise, und wälzte die Sache auf den Schreiner zurück. So führten die Handwerksleute den Förster abermals im Kreise herum, und da er, von dem zweiten besonderen Falle abspringend, auch seinerseits wieder auf die allgemeine Frage zurückkam, wer denn hier eigentlich Koch und Kellner sei, so drehte er sich gar in zwei konzentrischen Ringen. Zum Glück war Marie während der letzten Verhandlungen im Hintergrund erschienen und bat jetzt den Vater, er möge ihr die Aufgabe überlassen; in drei Stunden solle kein Tropfen mehr durch Dach und Decke regnen. Nachdem dann der Alte sich scheltend entfernt, nahm sie zuerst den Zimmermann beiseite. Er war, wie sie wohl wußte, in jüngeren Jahren Schiffszimmermann in Diensten der Republik Venedig gewesen, hatte lange Zeit das Mittelmeer befahren, auch in Asien und Afrika gearbeitet, um zuletzt geradeso arm und viel lüderlicher wieder zurückzukommen, als er ausgezogen war. Zu seinem angestammten deutschen Phlegma hatte er überdies noch eine reiche Zugabe orientalischer Faulheit mitgebracht. Natürlich erzählte er nun sehr gerne von seinen Abenteuern unter Türken und Heiden, wenn jemand Geduld hatte, den furchtbar langsamen Vortrag anzuhören. Marie brachte den alten Venediger, wie man ihn nannte, auf seine Seefahrten, und er mußte ihr von Stürmen und Schiffbrüchen erzählen und wie eine Kugel der Korsaren in die Flanken des Schiffes geschlagen und auch sonst ein Leck entstanden sei und wie da die Zimmerleute sich hätten tummeln müssen, das Loch zu stopfen. Als sie ihn aber so weit hatte, nahm sie den Alten lächelnd bei der Hand und führte ihn vor das Loch im Getäfel und bat gar freundlich, jetzt möge er ihr auch einmal zeigen, wie er's damals gemacht, und möge gleich den Leck verschlagen, als stehe beim Verlust einer Minute Mann und Maus auf dem Spiel. Der Venediger lachte über die listige Hexe, fluchte über alle Weiber, griff zum Werkzeug und hatte in einer Viertelstunde schon den Schaden geheilt. Dann ging das Mädchen zum Maurergesellen. Seine Lebensabenteuer waren einfacher gewesen, rein vaterländischer Art, und das bemerkenswerteste Ergebnis derselben waren zwei uneheliche Buben, die hungrig und zerlumpt in der Stadt herumliefen. Marie begehrte hier keine Erzählung, sondern knüpfte gleich an die vollendete Tatsache und sagte dem Maurer, sie habe ein abgelegtes Kamisol und ein paar Strümpfe ihres Bruders, auch allerlei alte Lappen, womit er seinen Buben in der Feierstunde die Hosen flicken könne; aber vorerst müsse er hier geschwind das Dach flicken, sonst werde nichts gereicht. Der Maurer seufzte tief, kratzte sich hinter den Ohren, dankte mit einem: »Vergelt's Gott!« im voraus und stieg dann in stiller Entsagung aufs Dach. Nachdem so der besondere Fall erledigt war, ging nun Marie zum Allgemeinen über. Sie entwarf mit Beihilfe des alten Venedigers einen Plan, in welcher Reihenfolge fortan die vielen selbständigen Handwerker bei den hundert kleinen Verbesserungen ineinandergreifen sollten, und studierte förmlich die Natur und Quelle der Nachlässigkeit und Faulheit jedes einzelnen, daß sie einen jeglichen an seiner schwachen Seite packen und mit milder Gewalt zu seiner verfluchten Schuldigkeit führen könne. Das letzte Geschäft war nicht leicht, und die Werkmeisterin hätte es für sich allein unmöglich zustande gebracht, aber sie setzte bald ihren Bruder, bald die Hausmagd, bald den Forstgehilfen oder gar den Vater selbst in Bewegung, daß sie ihr nachsehen halfen und zwischen den Werkstätten der säumigen Handwerksmeister und dem Bauplatze einen Mahnbotendienst übten. Der Förster wußte nicht, wie er sich vorkam. Die Faulenzerei der Arbeiter und die Betriebsamkeit der Tochter jagte ihn ins Feuer für seines Feindes Haus; für einen eigenen Hausbau wäre er gewiß nicht halb so heftig hineingegangen. Allein er wollte ja nur den Handwerkern zeigen, daß er sie zwingen könne; das war nun Ehrensache. Gar oft schon hat ein gemeinsamer dritter Gegner zwei alte Feinde unvermerkt verbrüdert. Daran dachte jedoch der Förster gar nicht: sobald er den anvertrauten Hausschlüssel einmal zurückgegeben, sollte auch wieder der tiefste Graben ohne Brücke die beiden Nachbarhäuser trennen. Den Besuchen des jungen Humbert konnte er nicht jedesmal ausweichen; desto sicherer aber wich er dann jedem Gespräche aus, das nicht auf den Hausbau zielte. Der Nachbar war für ihn nur als umbauender Hausbesitzer auf der Welt, und er sorgte als ein ungehobelter Jägersmann dafür, dies allezeit recht deutlich zu zeigen. Inzwischen kam die Erntezeit, und man hätte denken sollen, der junge Gutsbesitzer stecke jetzt so tief in der Feldarbeit, daß er wohl auf Wochen nicht nach dem Hausbau sehen könne. Allein seine Besuche wurden vielmehr immer häufiger; es schien fast, das alte Haus sei das bedeutendste Grundstück, welches er zu bewirtschaften habe. Kam er aber so oft zur Baustätte, dann konnte er ja wohl auch die Handwerksleute selber beaufsichtigen, und Marie ward ihres Dienstes quitt. Oder er fand bei so häufiger Einkehr in der Stadt wenigstens einen anderen Bauführer von Profession statt des Maurermeisters und des Altgesellen. Allein Humbert schien eben die Försterstochter für die beste Bauführerin von der Welt zu halten und ließ ihr völlig freie Hand. Der Bau gedieh ja prächtig, und während anfangs alle Arbeiten zweimal verkehrt gemacht wurden und erst beim drittenmal gerieten, wurden sie jetzt immer nur zum erstenmal verdorben und gerieten, wenn Marie sie dann wieder herunterschlagen ließ, schon beim zweitenmal ganz gut. Nun war es aber seltsam, daß die Anwesenheit des Bauherrn der schönen Werkführerin jetzt ebenso große Verlegenheit bereitete wie anfangs die Abwesenheit desselben. Sie war in das Bauwesen hineingekommen und wußte selbst nicht wie: zuerst aus reiner Neugierde, dann getrieben vom lustigen Ärger über die faulen Handwerker, dann aus Freude, daß sie's dem Vater so ergötzlich abgewann, die Trägen zur Arbeit zu führen, und dann freute sie sich wieder, daß sich der Bauherr freute über ihre stille waltende Förderung des Werkes. Trotzdem ward sie allemal rot, wenn dieser sie beim Bau überraschte, und hatte doch ein so gutes Gewissen. Um sich das Erröten zu ersparen, stellte sie darum den kleinen Georg als Schildwacht auf den Turm im Garten; er konnte von dort den Weg übersehen, welchen Humbert zur Stadt herüberleiten mußte, und kam dieser dann ins Haus, so war Marie längst verschwunden, und es schien, als ob die Hand eines wohlgesinnten Heinzelmännchens wie im Märchen inzwischen den Bau geleitet habe. Der junge Humbert begriff lange nicht, warum er Marie niemals im Hause traf, indes er doch so oft wahrnahm, daß sie eben erst dagewesen, bis er eines Tages zu Fuße von hintenher durch den Garten kam, da konnte sie ihm nicht mehr entwischen. Seitdem wählte er stets diesen versteckten Fußweg, und so sahen sich die beiden wohl alle paar Tage. Marie erzählte dann vom Bau, Humbert prüfte nach ihrem Bericht die Arbeiten und half kräftig nach und erzählte seinerseits, was er alles noch aus dem alten Hause zu machen beabsichtige. So kamen sie oft recht tief ins Erzählen. Humbert erzählte aus seinen Jugendjahren oder von den seltsamen Lebensschicksalen seines Vaters oder von Familiengeschichten, die sich an das alte Haus knüpften; ähnlich erzählte Marie Erlebtes und Überliefertes dagegen. Sie hatten sich auch so viel zu erzählen, denn sie waren ja trotz der Nachbarschaft immer meilenweit fern voneinander gehalten worden. Allezeit aber blieb ihr Gespräch bei diesem rein historischen Ton. Es ging in ihrem Verkehre zu wie in einer echten Novelle: Es ward immer nur schlechtweg erzählt, sie wühlten nicht in Gefühlen, grübelten und predigten nicht. Wenn aber ein jedes nachgehends wieder für sich allein war, so dünkte es ihm, sie hätten doch allerlei wundersame Empfindungen miteinander ausgetauscht, obgleich sie sich eben nur Geschehenes treu und einfach erzählt hatten. Und geradeso wie bei dieser wirklichen Geschichte steht es um die Gefühlspoesie der erdichteten Geschichte: die Poesie des Herzens wirkt am reizendsten da, wo sie in der Tatsache ausgesprochen, im Worte aber verschwiegen ist. Kam dann abends der Vater nach Hause, so erzählte ihm die Tochter wieder, was sie und der junge Humbert sich gegenseitig erzählt hatten. Nur verfuhr sie dabei etwas einseitig. Sie berichtete nämlich getreu, was man irgend über das Haus und den Bau gesprochen, und erzählte auch alle die alten Geschichten, die sich auf das Haus bezogen. Was man aber von sonstigen Erlebnissen und Schicksalen erzählt hatte, das behielt sie im Sinn. Sie wußte ja, daß Humbert nur als umbauender Hausherr für ihren Vater auf der Welt war. Ihr selbst aber gefiel Humbert in dieser Eigenschaft so gut, und sie gefiel sich so ganz als Werkführerin, daß sie wünschte, es möge in Ewigkeit fort umgebaut werden an dem alten Hause. Und im Grunde dachte sie auch kaum daran, daß der Bau jemals ein Ende nehmen und was dann weiter kommen werde. Drittes Kapitel So war der Sommer vergangen, und die Innenräume des Hauses waren leidlich in ihre verbesserte Gestalt gebracht. Man begann eben Hoftor und Haustüre zu erneuen und den Hof neu zu nivellieren und zu pflastern, auch rammte der Tüncher schon seine Gerüstbalken in den Boden zum Abputz der Außenwände. Da blieben eines Morgens alle Handwerker aus; nur ein Tagelöhner kam herbeigeschlichen und räumte bedächtig etwas Schutt vom Hofe. Marie eilte sogleich herüber, um ihn nach den anderen Arbeitern zu fragen. »Sie werden zunächst nicht wiederkommen«, erwiderte dieser ganz gelassen. – »Und warum nicht?« – »Weil sie die Arbeit hier nicht mehr freut.« – »Und warum freut sie die Arbeit nicht mehr?« – Auf diese öfters wiederholte Frage kam dann immer wieder die Antwort: »Ja, weil sie's eben nicht freut.« Mit einem großen Aufwande von Geduld brachte Marie endlich heraus, daß den Handwerkern hier nachgerade der Arbeit zuviel geworden sei, des Bieres aber zuwenig und des Branntweins viel zuwenig und daß sie darum einmütig beschlossen hätten, dieses undankbare Werk eine Weile liegenzulassen; vielleicht werde es durchs Liegen besser wie die Winterbirnen. Es mußte fast notwendig so kommen. Gleichwie der Esel, wenn man ihn durch einen Sturm von Prügeln und Schmeicheleien überrascht, plötzlich, sich selbst vergessend, im Galopp einherspringt wie das frischeste Pferd, dann aber nicht minder plötzlich erkennt, daß er ja seiner Natur untreu geworden ist, und nun stehenbleibt wie ein Klotz und trotz Sporn und Zügel und Prügel seinen Platz behauptet und wieder ein ganzer Esel wird, so waren auch die Arbeiter durch das unvermutete Zusammenwirken des Försters, des Mädchens und des Hausherrn wie im Rausche aus sich selbst herausgetrieben worden. Auf dem Höhepunkte des Rausches aber kam der Umschlag; sie wurden nüchtern, erkannten, daß sie von ihrer wahren Natur abgefallen waren, und kehrten nun mit desto größerem Trotze zu sich selbst zurück. Da war guter Rat teuer. Vergebens ging der Förster in die Werkstätten der Meister und bat und schalt, damit sie ihren Gesellen die Köpfe zurechtsetzten. Die Meister zuckten die Achseln, baten um ein paar Tage Nachsicht oder hielten wohl gar den Gesellen geradezu die Stange. Sie waren durch so manches scharfe Wort, das man ihnen vom Bauplatze heimgebracht, selber mit beleidigt, und es geschah bei dem entarteten Handwerk der verkommenen kleinen Städte damals überhaupt nicht selten, daß der Meister dem Gesellen alle Zuchtlosigkeit nachsah, um ihn hinterdrein desto gründlicher für seinen Eigennutz auspressen zu können. Der Förster und seine Tochter beschlossen, den nächsten Tag abzuwarten, da Humbert vermutlich wieder zur Stadt kam. Allein auch er blieb aus. Statt seiner erschienen gegen Abend ganz andere Gäste. Soldaten von der Reichsarmee rückten in die Stadt und nahmen auf mehrere Tage Quartier, während französisches Kriegsvolk, das mit dem Reichsheere vereinigt gegen den Preußenkönig zog, auf den umliegenden Dörfern sich einlagerte. Im Hause des Försters war man eben vollauf beschäftigt, für sechs Mann zu kochen und Strohsäcke auf die Nacht herzurichten, als sich ein Höllenlärm vor dem Nachbarhause vernehmen ließ. Der Förster öffnete das Fenster und sah da drüben zwölf Mann, welche Einlaß begehrten, und da das Tor verschlossen war und niemand öffnete, so schlugen sie mit dem Kolben dawider unter entsetzlichem Brüllen und Fluchen. Es war keine Zeit zu verlieren; in einer halben Stunde würde die erzürnte Rotte das Haus mit all seiner neuen Herrlichkeit ohne Zweifel gründlich verwüstet haben. Eingedenk der Pflicht, die ihm der Hausschlüssel auflegte, eilte darum der Förster hinüber und versicherte den Anstürmenden, das Haus sei unbewohnt, noch gar nicht ausgebaut und von allem Hausrat entblößt. Die Soldaten aber zeigten ihre Quartierzettel, sagten, sie wüßten schon ins Haus zu kommen, und wenn sie erst einmal darin seien, dann werde sich auch schon jemand finden, der für sie sorge, oder sie schlügen alles kurz und klein. Während der Förster aber noch vergebliche Verhandlungen mit dem tobenden Volke pflog, hatte Marie bereits einen Boten auf Humberts Hof geschickt, daß der Hausherr rasch Betten und Lebensmittel hereinfahren lasse und selber mitkomme. Dann war sie durch eine Lücke des Gartenzaunes ins Nachbarhaus geschlüpft und öffnete eben das Tor von innen, als ihr Vater außen seine letzten Gründe erschöpfte, lief aber so rasch wieder zurück, daß keiner der Eindringenden ahnte, welche schöne Pförtnerin den Schlüssel gedreht. Indes die Soldaten aber alle Winkel des Hauses durchsuchten nach dem Hausherrn, der doch eben erst geöffnet hatte und nun wieder nirgends zu finden war, kam Marie auch schon von außen ans Tor zu dem Vater und beschwor ihn, die Mannschaft so lange leihweise zu verpflegen, bis Herr Humbert das Nötige senden und heimzahlen werde. Sie predigte tauben Ohren. Der Alte glaubte, seinem Hausmeisteramte vollauf genügt zu haben, indem er die Soldaten vor dem Tore zurückgehalten und dafür hinreichende Grobheiten eingesteckt hatte. Marie ward dringender: »Die Soldaten werden das Haus verwüsten, sie werden es in Brand stecken, und dann wird die Flamme auch unser Haus ergreifen!« – »Es hat keine Gefahr«, erwiderte der Alte gelassen. »Uns trennt der breite Hofraum und dann auch noch das Hammerrecht. Sieh, dafür ist das Hammerrecht gut. Auf eigenem Grund und Boden mußten wir dem Nachbarn mit unserem Bau noch drei Schritt vom Leibe bleiben: die Flamme reicht nicht zu uns herüber!« »So ist denn all unsere List und Mühe während des ganzen Sommers umsonst gewesen?« rief Marie verzweifelnd. »Was wir bauen halfen, das werden die Soldaten zusammenschlagen; und sind diese abmarschiert, dann kommen die Handwerksleute wieder und fangen wieder von vorne an und triumphieren über uns, daß sie nun doch nicht zur vorgesteckten Zeit fertig geworden sind.« Und während sie noch so sprach, hörte man schon oben ein paar Fensterscheiben klirren, und unten hoben zwei Mann eine Türe aus und schlugen sie in Stücke, denn das trockene Tannenholz, von Ölfarbe frisch getränkt, sei vortrefflich, um ein Feuer in der kalten Küche anzumachen. Der Förster stutzte. Sollte er wirklich Geld oder Geldeswert, wenn auch nur leihweise, hergeben, um seines Hausfeindes Haus erhalten zu helfen? Zwar hatte er jetzt schon monatelang Zeit und Arbeitskraft in reichem Maße gespendet und nicht bloß leihweise. Aber solche Dinge, die nicht mit Händen gegriffen werden können, achtet man für nichts; dagegen Essen und Trinken für zwölf Mann, die ohne Zweifel essen können wie die Drescher und saufen wie die Kosaken, das sind reelle Gegenstände, worüber man sich besinnt. Hatte Marie in ähnlicher Erwägung doch auch dem Vater strenge verheimlicht, daß sie dem Maurer zum Sporn seines Fleißes die alten Strümpfe und Lumpen geschenkt habe. Der Alte würde bitterböse darüber geworden sein. Denn Zeit und Kraft herschenken, das ist nichts; aber zerrissene Strümpfe und eine Handvoll Flicklappen sind doch immer ein wirkliches Geschenk. Er besann sich lange. Der Gedanke jedoch, daß die Handwerksleute umsonst gearbeitet und umsonst gefaulenzt hätten und wieder von vorne anfangen müßten und nun erst recht gegen ihn das Feld behaupteten, siegte zuletzt. Er versprach, den Soldaten Brot und Branntwein zu liefern, bis der Hausherr herbeigerufen sei, und half ihnen selbst, Bretter zu Pritschen herzurichten und mit Stroh zu bedecken als vorläufige Lagerstatt. Der Feldwebel versicherte dagegen, daß die Mannschaft das Haus nicht weiter schädigen werde. Der von Marie ausgesandte Bote kam aber mit schlimmer Kunde zurück. Auf Humberts Gute lagen Franzosen und hausten gar übel. Der Gutsherr war schon tags vorher nach der Stadt geritten und unterwegs einem Trupp französischer Reiter in die Hände gefallen, die ihn gewaltsam mitnahmen, daß er ihnen als Wegweiser diente. Auf dem Gute waren daher die Dienstleute nicht minder ratlos als der Nachbar in der Stadt. Marie fuhr ein Todesschreck durch die Glieder. Solche erpreßte Wegweiserdienste endeten oft mit Beraubung und Mißhandlung, ja mit dem Morde des Führers. Schon mancher war nicht wiedergekommen. Erfüllt von traurigen Bildern, setzte sich das Mädchen an den Gartenzaun auf derselben Stelle nieder, wo ihr der Bote die Nachricht gebracht; sie konnte nicht mehr stehen und auch nicht weitergehen, so zitterten ihre Knie. Sie blickte auf das alte Nachbarhaus, und es stand wie ein leibhaftes Märchen vor ihren Sinnen. Seit den Kindertagen hatte sie diese selben Mauern und Fenster ja täglich vor Augen gehabt, und doch deuchten sie ihr jetzt ganz anders, so traumhaft schön, von dichterischem Schimmer verklärt. Von innen freilich war das Haus inzwischen umgebaut worden, von außen merkte man's wenig; hatte bei ihr selbst nicht auch inzwischen so ein innerer Umbau stattgefunden, den man von außen nicht merkte? Sie hatte bisher gar nicht daran gedacht, daß das Bauen einmal ein Ende nehme und die Besuche des Bauherrn dazu. Jetzt schwiegen die Hämmer und Hobel der Werkleute, und der Bauherr war verschwunden. Gestern und heute lagen wie durch Jahre voneinander getrennt, und das Haus lag ihr so verschwimmend fern. Sie hatte sich im Getümmel der Arbeit niemals Zeit genommen, den Bau auch einmal von diesseit des Zaunes zu übersehen, sie meinte zuletzt fast, das Haus gehöre ihr; jetzt stand sie wieder im elterlichen Garten und entsann sich, daß das Haus ja in eines fremden Mannes Händen sei. Wie im Spiel hatte sie an dem Hausbau teilgenommen; sie war dann Werkführerin geworden, und die Sache ward ernsthafter: sie kam mit dem Herzen an die Arbeit. O hätte sie jetzt zum Spiele zurückkehren können! Sie glaubte aber ganz bestimmt zu wissen, daß Humbert bei dem Hausbau gleichfalls vom Spiel zum Ernste fortgeschritten und mit dem Herzen an die Arbeit gekommen sei. Er hatte das nicht gesagt, aber sie hatte es gesehen und empfunden. Und das dunkle Gefühl spricht manchmal klarer als das klare Wort. Zwischen alle diese Gedanken drängte sich dann aber immer wieder die quälende Frage, was wohl aus Humbert geworden sei. »Fahren fremde Leute nach Amerika, so denken wir, sie werden schon glücklich übers Meer kommen; geht aber jemand, den wir liebhaben, nur zwei Meilen übers Feld, so fürchten wir gleich, es möge ihm Schlimmes begegnen, als ob es das Unglück immer nur auf die Leute packen müsse, die wir liebhaben.« Mit diesen stumm in sich hineingedachten Worten redete sich Marie die Furcht aus, gestand sich's aber auch zugleich zum erstenmal, daß sie den jungen Humbert liebhabe. Ein Männerschritt weckte sie aus ihren Gedanken. Es war der Feldwebel von den Reichssoldaten, die im Nachbarhause lagen. Als sie erschrocken aufblickte, fragte er, warum sie weine, und jetzt erst merkte sie selbst, daß ihr die Tränen auf den Wangen standen. Marie erwiderte, sie sei so betrübt wegen des Hauses da drüben. Sie habe es bauen helfen, und jetzt stocke der Bau, die Werkleute hätten ein Komplott gemacht und seien davongelaufen, der Krieg werde im Herbst verwüsten, was im Sommer mühsam aufgestellt, und der Bauherr sei verlorengegangen. Da der Soldat nun näher wissen wollte, wie sie, ein so feines Frauenzimmer, denn habe bauen helfen, so erzählte sie ihm die Geschichte von den faulen Arbeitern und wie sie Werkführerin geworden sei und den Bau nach Kräften gefördert habe, bis auf einmal die Handwerker sich verschworen und die Arbeit eingestellt hätten. Den Feldwebel ergötzte die Geschichte. Er war aber eigentlich ein verkommener und durchgegangener Schauspieler, der sich hatte anwerben lassen und nebst einem halben Musketier das gesamte Kontingent bildete, welches ein reichsunmittelbares Nonnenkloster im schwäbischen Kreise zur Reichsarmee gestellt. Als Künstler und als Soldat eines Nonnenklosters hielt sich der Feldwebel nun zwiefach verpflichtet zu ritterlichem Frauendienste; darum tröstete er Marie, bat sie um die Namen der Werkleute und sagte, sie möge nur ein paar Stunden warten, er wolle die desertierten Kerls schon wieder auf ihren Posten führen. Hierauf ging er zu seiner Mannschaft und erzählte, sie hätten darum so schlechtes Quartier in diesem Hause, weil die Arbeiter, welche es einzurichten gehabt, im Komplott davongelaufen seien. Die müßten jetzt zur Strafarbeit herbeigeschafft werden. Und dazu gebe es einen Hauptspaß: die schöne Försterstochter da drüben sei die Werkführerin, gegen welche die Handwerker sich empört hätten. Als Reichsexekution wollten sie die Rebellen jetzt wieder zum Gehorsam bringen und sich dann königlich daran ergötzen, wie die faulen Mannsleute unter des fleißigen Mädchens Kommando mit ingrimmigem Fleiße wieder zum Werkzeug griffen. Unter jubelndem Beifall zog dann der Feldwebel mit seinen Leuten in die Stadt und kehrte bald mit den Gesellen und Tagelöhnern zurück, den alten Venediger an der Spitze, der größere Schritte machte, als man's je in seinem Leben gesehen. Hierauf ging der Feldwebel zu Marie und versicherte ihr heilig, es werde ihr kein Leids geschehen; sie möge nur gleich wieder auf den Bauplatz kommen und die Arbeiter anweisen. Marie traute des Soldaten gutem Gesichte und folgte. Und nun ging ein Arbeitsgetümmel im Hause los, wie es nie gehört worden war; denn hinter jedem Arbeiter stand ein Soldat und drohte mit furchtbaren Scheltworten und mit Stock oder Degen, sowie der Fleiß einen Augenblick nachließ. Weil aber der Fleiß ebensogut ansteckt wie die Faulheit und weil es so gar anmutig schien, unter der Führung eines so schönen Mädchens recht fleißig zu sein, so griff nach einer Weile der Feldwebel selber zum Grabscheit und half beim Nivellieren des Hofes, und die anderen taten's ihm nach, je nachdem sie von diesem oder jenem Handwerk etwas verstanden, und zuletzt arbeiteten alle Soldaten mit den Werkleuten um die Wette. Marie hatte anfangs schweren Herzens das Nachbarhaus betreten und bleich und zitternd ihre Weisungen erteilt. Als aber die Arbeit so lustig im Gange war, da ward es ihr auch wieder wohler zumute. Es war ihr, als müsse nun auch der Hausherr wiederkommen und das Bauen gehe nun wieder in Ewigkeit so fort und die breite Kluft sei wieder überbrückt, die vorhin noch die beiden Nachbarhäuser für immer zu trennen schien. Und als nun gar die Reichsarmee unter Lachen und Scherzen mitzuarbeiten begann, da ward das Mädchen wieder so stillvergnügt, daß sie leise vor sich hinsang, wie sie auch sonst bei dem Hausbau gepflegt; und da der Feldwebel die leise süße Stimme hörte, stimmte er in der Terz mit ein, und die anderen Soldaten machten's ihm nach, und zuletzt sang die ganze Gesellschaft, und sogar der alte Venediger brummte hintennach wie der Pedalbaß einer verstimmten Orgel, und die Hämmer, Äxte und Schaufeln bewegten sich im Takte doppelt so geschwind. Der Förster kam nun auch herbei, und nachdem er mit innigem Vergnügen den Sinn des seltsamen Schauspieles sich enträtselt – denn die Leute hatten gar nicht Zeit, ihm ordentlich Red' und Antwort zu stehen, – ließ er reichliche Erfrischungen herüberbringen für die bewaffnete sowohl wie für die unbewaffnete Mannschaft und dachte gar nicht mehr daran, daß er nun doch wieder Geldeswert hergebe für seines Hausfeindes Haus. Man hätte ihn malen mögen, wie er leuchtend dastand und sich die Hände rieb, daß er nun doch noch solchen Triumph feiere über die widerborstigen Handwerksleute. Es fehlte nur noch einer auf dem Bauplatze, und auch der kam gerade im rechten Augenblick, als Mariens Stimme eben wieder leiser und schwermütiger zu klingen begann. Der junge Humbert hatte sich kaum wieder losgemacht von den Franzosen, so erzählte ihm ein Bauer, sein Haus in der Stadt sei durch die Reichssoldaten von Grund aus zerstört worden. Er eilte darum schleunigst hierher und wußte nicht, ob er träume oder wache, wie er die Soldaten nicht als Verwüster, sondern als Bauleute im Hause erblickte. Er wäre der schönen Werkführerin gerne gleich an den Hals geflogen, denn er ahnte den Zusammenhang, aber die Gegenwart des Försters hielt ihn zurück. So trat er denn wieder bloß als umbauender Hausherr in den Kreis und mußte mit kalten Mienen bei klopfendem Herzen sich berichten lassen, was alles geschehen war. Er hatte gern den Alten und Marie beiseitegenommen zu einem anderen Wort. Allein es war ein solches Arbeitswüten unter alle Leute gekommen, daß sich gar kein Augenblick zu einem gesammelten Worte fand, und wenn er nicht als der einzige Faulenzer unter so viel Fleißigen stehen wollte, so mußte er, jetzt fast ebenso gezwungen und ingrimmig wie der alte Venediger, schlechtweg beim Hausbau zugreifen. Nach zwei Tagen war das Werk vollendet, Haus und Hof standen fertig bis auf die innere Einrichtung, und zwar vierzehn Tage früher, als man's im günstigsten Falle hätte hoffen können. Auch die Reichstruppen marschierten ab, und so war es wieder ganz stille geworden. Da bat Humbert den Förster, er möge nun mit seiner Tochter noch einmal herüberkommen und sich das ganze Haus anschauen, zu dessen Umbau sie so fleißig mitgeholfen. Sie kamen, und der Hausherr führte sie zu beiderseitigem Behagen durch alle die Räume, welche bis dahin so wüst ausgesehen und jetzt so reinlich, bequem und einladend vor ihnen lagen. Als sie nun das Ganze gründlich geprüft hatten und in den Hof zurückgelangt waren, zeigte Humbert dem Förster die ausgebrochene Steintafel mit dem Bauernreim, welche neu abgeglättet in der Ecke stand, und sagte, die Tafel solle wieder an ihren alten Ort kommen, er habe die Wahrheit des Reimes inzwischen zu tief erprobt. Der Alte billigte dies. »Allein«, fuhr Humbert fort, »die Tafel genügt doch nicht mehr ganz; es muß noch eine zweite zur Ergänzung beigefügt werden.« Als nun der Förster wissen wollte, was denn auf diese andere Tafel geschrieben werde, stotterte Humbert einige unverständliche Worte und schwieg verlegen, nahm sich jedoch, wieder zusammen und sprach lächelnd: »Jetzt bringe ich's nicht recht heraus; ich muß einen Umweg nehmen, aber ich hoffe, er führt uns schon auf die Tafel zurück.« Dann sagte er, der Herr Nachbar habe ihm bei dem Bau schon zu so vielem verholfen, aber es fehle ihm zu dem fertigen Hause noch eines, nämlich eine Frau, und dazu könne ihm nun eben gar kein anderer Mensch verhelfen als wiederum der Herr Nachbar. Der Förster zog mit feierlicher Miene den Hausschlüssel, welchen er immer noch bei sich verwahrte, aus der Tasche und sprach: »Den Schlüssel habe ich seinerzeit übernommen und alle Pflichten eines Hausmeisters, wie sie der Hausschlüssel auferlegt, getreu erfüllt. Ich kann Ihnen diesen Schlüssel, wie mir scheint, mit Ehren jetzt wieder zurückgeben. Dem Hausherrn eine Frau zu freien, das gehört nicht mehr zur Hausmeisterei. Und merken Sie sich überhaupt, junger Herr, die alte Regel: Vieh kaufen, Mägde dingen und eine Frau freien soll man niemals für einen anderen. Es bringt doch beiden Teilen nur Verdruß und Reue.« Vergebens verwahrte sich Humbert dagegen, daß ihm der Förster eine Frau freien solle; der Alte wiederholte und erläuterte seinen Spruch und ließ ihn gar nicht zu Worte kommen. Da warf der verzweifelnde Humbert endlich den Ruf hinein: »Auch möchte ich wegen des Hammerrechtes noch mit Ihnen reden!« Das »Hammerrecht« wirkte; der Förster schwieg und horchte auf. Der andere sprach: »Das Hammerrecht ist ablösbar, wenn beide Teile es wünschen.« – »Ich wünsche es schon seit zwanzig Jahren!« rief der Förster dazwischen. – »Und ich wünsche es nunmehr auch«, fuhr Humbert fort. »Allein es wird schwer sein, unsere gegenseitige Rechnung einschließlich des Hammerrechtes auszugleichen, da ich in einer so ganz unberechenbaren Weise Ihnen verschuldet bin –« »Das Hammerrecht berechnet sich sehr leicht«, unterbrach ihn der Förster. »Man nimmt die Länge der Hammerrechtslinie, denkt sie als auf anderhalb Fuß Breite mit normalmäßigen Ziegelsteinen belegt und berechnet dann den Wert dieser Ziegelsteine, so findet man laut der Bauordnung den Ablösungswert des Hammerrechtes.« »Ich will nichts wissen von Ihrem Rechenexempel«, rief Humbert; »ich wollte ja nur sagen, daß ich Ihnen so verschuldet bin, daß von Gegenrechnungen mit oder ohne Ziegelsteinen gar nicht die Rede sein kann. Ich vermag meine Schulden an Sie überhaupt nur abzutragen, indem ich eine neue unendlich größere Schuld bei Ihnen aufnehme. Verstehen Sie mich denn gar nicht? – Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter!« Der Förster machte große Augen. Das ging über den umbauenden Hausherrn und die Pflichten des Hausschlüssels hinaus. Doch sagte er nicht stracks nein, sondern erbat sich Bedenkzeit. Sei es nun, daß er während dieser Frist erkannte, wenn man den Ärger über einen verlorenen Hammerrechtsprozeß zwanzig Jahre lang nachgetragen, so sei das gerade lange genug, oder daß ihm Marie ebenso unwiderstehlich zusetzte wie vorher den Werkleuten oder daß ihn die gemeinsame Fehde gegen den dritten Feind im stillen doch schon tiefer umgestimmt hatte, als er es selber geahnt, genug, er sprach sein Ja und Amen. Wie aber die Liebe als Werkführerin den Umbau des alten Hauses geleitet, so wirkte sie auch fort in dem neuen Hause, welches sich in dem alten jetzt auf festeren Grundmauern als von Stein aufbaute. Die Tafel an der inneren Haustüre gegen den Hof aber, welche ein städtisches Gegenstück zu dem wiederhergestellten Bauernreim an der Außentüre bilden sollte, zeigte in halb erhabener Arbeit den Amor als Baumeister, umgürtet mit dem Schurzfell, Lot und Winkelmaß in der Hand, den Köcher auf dem Rücken. Humbert bestellte die Platte alsbald nach der Verlobung, und da er durch den Hausbau in den Ruf eines peinlich strengen Arbeitgebers gekommen war, so eilte sich der Steinmetz ungemein und vollendete das Kunstwerk nur zwölf Monate später, als er's ursprünglich versprochen hatte. Meister Martin Hildebrand. 1847 Einen würdigeren Greis habe ich niemals gesehen als den alten Schlossermeister Martin Hildebrand, den Patriarchen meiner Vaterstadt; in kräftigeren Jahren gewaltig mit Zange und Hammer, in alten Tagen gewaltig im Rat und in der Rede und in traulicher Erzählung aus vergangener Zeit. Der alte Hildebrand war der letzte Mann im Orte, der noch einen Zopf trug, den einzigen echten Zopf, den ich noch mit eigenen Augen geschaut. Kein böser Bube hätte ihn drum zu höhnen gewagt. Vornehm und gering hatten Respekt vor dem Meister, und unter den Handwerksleuten galt er dazu für ein Licht der Gelehrsamkeit. Doch war ihm dieser Ruf erst mit der Muße des Alters gekommen, denn vordem hatte er keine Zeit gehabt, gelehrt zu werden. Als ihm aber die Schlosserarbeit zu sauer ward und sein Sohn ein tüchtiger Meister im Geschäft geworden war, begann der Alte fleißig zu lesen, namentlich in alten Chroniken und in geistlichen Büchern. Die Gottesgelahrtheit hätte er gerne ausergründet, denn er war ein heftiger lutherischer Christ und ein strenger Wächter der reinen Lehre. Darum hatte ihm die Vereinigung des lutherischen und reformierten Bekenntnisses viel Gewissensangst gemacht, und wenn am Reformationsfeste, das zugleich zu einer Feier der Union geworden, der Pfarrer ausgangs der Predigt die beiden großen Reformatoren mit Namen anrief, dann paßte der alte Hildebrand auf wie ein Hechelmacher, ob er Luther zuerst nannte oder Zwingli. Allein soviel er auch grübelte über Gottes Wort und sich seine eigenen Gedanken darüber machte, so schwieg er doch meist von diesen Dingen vor anderen, und wo man ihn fürwitzig darüber ausfragen wollte, antwortete er höchstens durch ein Lächeln, gleich als wolle er sagen, er könne wohl wunderbare Geheimnisse verkünden, aber die Siegel seines Geistes sollten verschlossen bleiben. Oder er fuhr auch die Fragenden hart an, hieß sie arbeiten und beten und das Weitere in Demut unserem Herrgott anheimgeben. Ein ganz anderer Mann war aber der alte Hildebrand, wenn man ihn im Kreis der Freunde des Hauses auf die Erlebnisse seiner früheren Jahre brachte. Da redete er wie ein Buch und oft auch herrlicher wie manch ein Buch, und die Zuhörer, wenn sie gleich dieselbe Erzählung schon sechsmal von ihm gehört, hingen doch an seinem Munde, als künde er ihnen die neueste Mär. Denn man spürte, der Erzähler war ein ganzer Mann, der ein reiches Leben durchgekämpft mit hellem Aug' und mutigem Herzen; darum, wenn man eine von seinen kleinen Geschichten anhörte, so war es einem, als schaute man zugleich auf ein Blatt aus der großen Menschengeschichte, denn hier wie dort hatte der Finger Gottes sichtbar sein Zeichen eingeschrieben. Da pflegte dann wohl der alte Mann zu sagen, stolz über den Beifall seiner Zuhörer: wenn er nur einmal seine Erinnerungen, und was ihm so mit diesen durch die Seele ziehe, niederschreiben könne, das solle doch eine ergötzliche Chronik geben, wohl wert, an den langen Winterabenden darin zu lesen. Nun geschah's, daß der alte Hildebrand, der nie ernstlich krank gewesen, im achtundsechzigsten Lebensjahre plötzlich von einem Fieber überwältigt wurde, welches ihn, eben weil er kein Gewohnheitspatient, um so furchtbarer schüttelte. Schwer und langsam genas der Alte, monatelang mußte er das Bett und Zimmer hüten. Da lag oder saß er träumend, Gedanken spinnend, so manchen lieben langen Tag und durfte kein Glied rühren, auch nicht viel sprechen. Und oftmals leuchtete sein Aug', als schaue es hinein in unaussprechliche Herrlichkeit, oft rollte es unstet und fast zornig, gleich als ergrimme der Geist darüber, daß er so hohe und heimliche Dinge schaue und sie doch nicht gestalten, nicht festhalten und keiner anderen Menschenseele mitteilen könne. Als er sich allmählich zu erholen begann, griff er zum Schnitzmesser und machte allerlei drollige Holzfiguren zum Spielzeug für seine Enkel. Aber sein Geist war nicht bei dieser Arbeit. Er schob sie darum wieder beiseite, und wo er eine heimliche Stunde fand, da holte er sich nun Papier und Feder zu seinem Großvatersitz am Ofen und schrieb oft halbe Tage lang ganz im stillen und sagte und zeigte niemand, was er schrieb, und nicht einmal seiner Frau, der er sonst alles sagte und zeigte. Wann er aber geschrieben hatte, dann kam allemal eine selige Ruhe und Versöhnung über sein Gemüt, so daß seine Frau oft sprach, es scheine, ihr Martin schreibe sich gesund, das sei ihr genug, und sie wolle gar nicht weiter wissen, was er eigentlich schreibe. So ging es den langen Winter hindurch. Als aber das Frühjahr kam, war der alte Hildebrand wieder bei vollen Kräften. Da machte er auch dem Schreiben ein Ende. Am Abend des Ostersonntags sprach er zu seiner Frau: »Wie ich so zwischen Leben und Sterben lag, gebrochenen Leibes, da wurde es wunderbar helle vor meinen inneren Sinnen. Ich schaute zurück in die vergangenen Tage, und alle die Geschichten, die ich euch so oft erzählt, zogen wieder an mir vorüber, aber weit deutlicher und genauer als je vorher. Ja, ich entsann mich nun des kleinsten, was ich längst vergessen, ich lebte meine ganze Jugend noch einmal durch, und jeder Tag der alten Zeit lag vor mir wie im lichtesten Sonnenschein. Aber auch ergötzliche Traumbilder traten hinzu und verschlangen sich mit meinen klaren Erinnerungen wie zu einem Märchen oder Gedicht. Es waren keine eitlen Träume, denn gerade in ihnen war die Führung Gottes durch meinen ganzen Lebenslauf versinnbildet. So ungefähr muß es im Himmel oder auch in der Hölle sein, daß wir klar wieder schauen jeglichen Tag, den wir auf Erden verlebt, doch aber nicht im irdischen Licht, sondern im Glanze der himmlischen Herrlichkeit oder im Widerschein des höllischen Feuers. Als ich nun genas, da wühlte es in mir, und ich hatte nicht Ruhe, bis ich diese Erinnerungen alle aufgezeichnet, wie sie in meinem Geiste neu und verklärt auferstanden waren, während mein Leib in Schmerzen gefesselt lag. Da überströmte mich das selige Gefühl der Genesung, das ich nie zuvor gekannt, – gleich wie einer, der sich nie auf die Haut naß regnen läßt, gar nicht weiß, welche Wonne es ist, trockene Kleider anzulegen.« Mit diesen Worten übergab der Meister seiner Ehefrau die Handschrift; sie führte den Titel: »Chronik des Meisters Martin Hildebrand.« Mitten aus den Blättern aber nahm er vorerst einen Abschnitt heraus, von dem er der Frau sagte, sie möge ihn für sich ansehen wie eine Widmung des Buches. Und nachdem sich die beiden Alten die Sessel zurechtgerückt, begann der Meister zu lesen, was folgt. I. In der Herberge Ich, Martin Hildebrand, habe mir auf den linken Arm drei Buchstaben eingeritzt – A. E. S. – und um die Buchstaben ein Herz als Rahmen gezeichnet. Das tat ich in meinem zwanzigsten Jahre, da ich von Hause weg auf die Wanderschaft ging. Die Buchstaben heißen Anna Elisabeth Schaufflerin, und alle Linien waren mit Pulver ausgeätzt, daß sie nicht zuwüchsen und ich den lieben Schatz in der Fremde niemals vergessen möchte. Sechs Jahre lang bin ich umhergezogen und bis ins Ungarland, Mähren und Böhmen gekommen, durch Sachsen und Thüringen aber zurückmarschiert. Von der ganzen großen Wanderschaft hab' ich weiter nichts mitgebracht als das rechte Gerück und Geschick in der Werkstatt, was den Meister macht, und beinahe einen Schnurrbart, den ich mir bei den Ungarn wachsen ließ: ein solcher war damals in deutschen Landen noch eine große Rarität. Bei all dem Wandel und Wechsel in der Fremde ist mir nichts treu geblieben als mein lustig Gemüt und der schwere Knotenstock, den ich mir vor dem Ausmarsch in unseren Westerwälder Bergen von einer Eiche geschnitten und, wie's einem Schlossergesellen zukommt, mit fingerslanger eiserner Zwinge selbst beschlagen habe. Ich will dir aber jetzt eine Geschichte erzählen, die mir im letzten Jahre vor der Heimkehr begegnet ist. Wenn ich daran denke, wird mir's zumut, wie wenn man auf dem Kirchhof umhergeht und auf den Kreuzen liest und nach einem bekannten Namen sucht. Als Sinnspruch will ich dieser Geschichte die Bitte aus dem Vaterunser vorsetzen: »Führ uns nicht in Versuchung!« So mir's recht gedenkt, war es im August l779, als ich mit einem guten Kameraden, einem Schreinergesellen aus Holstein, die Werra hinab gen Münden zog. Der Fluß hat gar friedliche, liebliche Ufer; niedrige Berge, aber hier ein Wäldchen, dort eine Wiese, eine Burg, ein Dorf. In einem schönen Land ist der Wandersmann leicht guter Dinge. Darum plauderten wir recht vergnüglich, sangen, pfiffen und schritten im Takte drauflos, als wir am schönsten Sommermorgen das Städtchen Witzenhausen erreichten. Es sieht etwas altmodisch aus und gerade deshalb um so traulicher. Auf den Hügeln jenseits der Brücke wächst der bekannte Wein, mit dem man in ganz Hessenland den Kindern droht, wenn sie nicht zur Schule wollen. Als wir durch den Torturm schritten, ließen die Sträflinge, die oben hinter den Gittern saßen, eine abgeschnittene Strumpfferse an einer langen Schnur vor uns herunter, um von unserer Mildtätigkeit ein paar Pfennige zu angeln. Die Torwache saß daneben, den Pfeifenstummel im Mund, und schaute gemütlich dem Fischzuge zu. Es war damals noch kein so gestrenges Regiment wie heute, und die Welt stand fest, so wie so. Die Schlosserherberge in Witzenhausen führt als Zeichen einen großen Schlüssel über der Haustür. Sankt Peter könnte ihn zum Himmelsschlüssel brauchen. Drinnen in der Schenkstube hängt ein seltenes Kunststück am Deckbalken, das vor langen Jahren ein wandernder Schlossergesell gestiftet hat, der seine Zeche nicht bezahlen konnte. Es ist eine wunderliche Verschlingung von geraden und krummen Linien, die Kreuz und die Quer, alles in Eisen gearbeitet. Sieht man den Knäuel nur obenhin, dann wird man nirgends Gesetz und Sinn entdecken, wonach die Linien geführt seien; verfolgt man aber den Linienzug vom Mittelpunkte aus, dann kann man die Frakturbuchstaben des ganzen ABCs entziffern, die der Reihe nach in eine Figur gelegt sind. Nur wer rechtschaffen gewandert ist, weiß, wie süß die Einkehr schmeckt; – wenn man vor der Haustür zuerst forschend in die Tasche fühlt, ob da auch noch Kreuzer genug beisammen sind, einen guten Trunk zu zahlen, dann mit stolzer Zuversicht eintritt, den schweren Tornister abwirft und auf der Ofenbank die müden Glieder dehnt, – es geht nichts über dies erkämpfte Behagen! Das sollten wir hier nicht lange schmecken. In der Herberge war eine seltsame Bewegung. Der Herbergsvater und seine Frau gingen in der Stube auf und ab, ratlos, wie es schien, zuweilen halblaut miteinander streitend. Dabei warfen sie häufig bald zornige, bald ängstliche Blicke auf zwei Frauenspersonen, die in dem hintersten Winkel der Stube saßen, von allen Gästen gemieden, von allen argwöhnisch beobachtet. Dort aber gewahrte ich ein echtes braunes Zigeunermädchen, schöner, als ich je eines bei diesen verfluchten Heiden gesehen. Um das pechschwarze Haar hatte sie ein feuerfarbenes Tuch wie einen Turban geschlungen, während arme Lumpen ihren Körper deckten. Ein älteres Weib ihres Stammes saß neben ihr. Daheim in unseren Bergen kann man die Kinder dieses Volkes alle Tage sehen. Halbe Dörfer sind von Zigeunern bewohnt; sie reden freilich nicht mehr so welsch und sind nicht mehr so diebisch wie die Wanderhorden. Aber wie diese seßhaften Zigeuner früher gewandert sind gleich den anderen, so müssen sie dereinst auch wieder von ihren Sitzen fort, wann ihre Zeit erfüllet ist; denn das Wandern ist den Zigeunern als Gottes Fluch auferlegt, und so gab er dem Volke den Namen Zigeuner, indem er zu ihm sprach: Zieh einher! Wo aber in meinen jungen Tagen eine Wanderhorde der Zigeuner in ein offenes Dorf kam, da läutete man Sturm, und die Bauern standen auf, als sei der Feind da, und bewehrten sich, um Hab und Gut zu schützen. Wir hatten kaum Platz genommen, da erhob sich das alte Zigeunerweib. »Kocht uns eine Suppe!« rief sie befehlend. Man kehrte sich nicht an ihren Ruf. »Ich gebe euch einen guten Rat fürs Vieh!« fügte sie nach einer Pause einschmeichelnd bei. Aber die Wirtsleute blinzelten gegeneinander und taten, als ob sie nichts gehört hätten. Das alte Weib merkte das und mochte leicht den Sinn erraten. »Wir haben Geld«, rief sie hastig, »wir bezahlen so gut wie andere Leute.« Und bei diesen Worten zog sie ein ledernes Beutelchen und ließ der Reihe nach wohl zehn blanke Taler durch die knochigen Finger gleiten. Aber die Wirtin faßte sich ein Herz und sagte: »Ihr könnt hier ausruhen und, wenn ihr wollt, auch in unserem Stalle schlafen, aber Essen und Trinken haben wir nicht für euch.« »Das sind böse Leute«, sprach die Zigeunerin zu uns herüber, »und uns hungert gar sehr, junger Bursche.« Hierauf begann die Alte mit dem Mädchen rasch und heftig in ihrem Rotwelsch zu reden, welches der Teufel besser versteht als ich. Ich ging zur Wirtin und fragte sie, warum sie denn den Weibern fürs Geld nichts zu essen geben wolle, da sie ihnen doch, was viel mehr sei, eine Schlafstätte angeboten habe. Die Wirtin gab zur Antwort: »Man weiß nicht, ist es schlimmer grob sein oder freundlich sein gegen dieses Volk, das einem der Satan ins Haus schickt. Sind wir ihnen grob, dann verhexen sie uns das Vieh, sind wir ihnen freundlich, dann stehlen sie uns die Herberge aus. Wo aber ein Zigeuner schläft, da stiehlt er nie; dagegen wo er ißt oder trinkt, beraubt er den Wirt. Wäret Ihr nicht von heute, junger Freund, dann wüßtet Ihr wohl, daß auf weit und breit kein Mensch diesem Volke etwas zu essen geben mag, und zeigte die Hexe gleich ebenso viele Goldstücke, als sie vorhin gestohlene Taler gezeigt hat.« Ein Handwerksbursche, der schon oft Hunger gelitten, weiß, daß der Hunger auf der Wanderschaft ein doppelt bitteres Kraut ist. Darum, als die Wirtin mir und meinem Kameraden den Tisch deckte, konnte ich's doch nicht übers Herz bringen und winkte den Zigeunerinnen herbei, daß sie mit uns essen sollten. Sie waren auch nicht träg, die Einladung anzunehmen. Aber nun hättest du die Wirtin sehen müssen! Wütend kam sie herbeigesprungen und riß uns samt den heidnischen Weibern die Schüssel weg und rief: »Ihr seid sowenig wert, daß Ihr etwas zu essen kriegt, wie das Zigeunervolk; denn Ihr wollt sie zum Diebstahl in meinem Hause verleiten.« Und zu gleicher Zeit faßte mich der Herbergsvater bei der Halsbinde. Da aber sprang mein Kamerad auf wie der gehörnte Siegfried im Heldenbuch und brüllte den uralten Kriegsruf der Handwerksbursche, wenn's zum Prügeln geht: »Auf ihn, er ist von Ulm!« und hobelte als der tapferste Schreinergesell den Herbergsvater mit seinen beiden Fäusten weidlich ab. Die anderen Leute aus der Schenkstube aber sprangen dem Wirt zu Hilfe. Hei, wie schlugen wir da drein und zeigten dem Gesindel, daß ein deutscher Handwerksbursche nicht bloß mit dem Hut in der Hand, sondern auch mit den Fäusten fechten kann! Aber bald war ich Hammer und Amboß zugleich, allmählich mehr Amboß als Hammer, und nach acht Minuten standen wir beide unter Sankt Peters Himmelsschlüssel vor der Haustür und die Zigeunerweiber mit uns, und auf meinen zerrissenen Rock deutend, von dem die Fetzen abfielen, und auf meine blutende Nase, rief mir der Herbergsvater höhnend aus dem Fenster nach: »Wo man haut, da fallen Späne.« So zogen wir fürbaß, und schon kam mir die Reue, daß ich den Burgfrieden der Herberge meines eigenen Zeichens gebrochen hatte. Die Alte bot uns zum Danke gleichsam als Feldzulage nach bestandener Schlacht ein Stück Geld an. Wir nahmen's aber nicht, obgleich es eine gar verlockend glitzernde funkelneue Münze war. Da trat das braune Mädchen zu mir, drückte mir die Hand, schaute mich mit den großen schwarzen Augen durchdringend an und flüsterte mir ein paar Worte ins Ohr. Die hab' ich nicht verstanden. – Aber ihren Blick habe ich verstanden und den Druck der Hand. Solch ein Zigeunermädchen war mir wahrhaftig noch nicht vorgekommen. Die Alte fragte, wohin wir unseren Weg zu nehmen gedächten. Der Holsteiner aber sprach: »Ich will Euch mit einem Zigeunerspruch antworten: Wir gehen, wohin uns unsere große Zeh' weist. Euch aber bitte ich, lasset die Eurige nach einer anderen Weltgegend schauen. Denn prügeln ließen wir uns wohl für Euch, aber Kameradschaft mit Euch machen mögen wir nicht.« So trennten wir uns. Mein Kamerad aber rieb sich im Marschieren noch lange den Rücken, den ihm die wuchtigen Fäuste der Witzenhäuser braun und blau geschlagen, und wir schritten aus im Takte der Verse, die er dazu sang: »Können wir uns nicht vertragen, So tun wir uns brav schlagen Und alles mit der Hand – Das ist der Handwerksstand.« II. Beim Wildhüter Von Witzenhausen zieht sich ein mächtiger Wald gegen Kassel hinüber. Es müssen stolze Stämme dort stehen und dichtverschlungenes Gebüsch; denn als wir in der stillen Mitternacht durch die langgedehnten Forste wanderten, konnten wir kaum den Pfad unter unseren Füßen erkennen, obgleich der Himmel ganz sternenhell war, und stießen bald wider die Äste, bald wider die Wurzeln, so tief dunkel schattete das Laubwerk. Der Tag war schwül gewesen, und hätten uns nicht die ungastlichen Witzenhäuser zum Nachtmarsch gezwungen, so würden wir diesen wohl erquicklich gefunden haben; denn ein Gewitter hatte inzwischen die kochende Luft gekühlt. Das Gras war noch naß, und wenn ein Luftzug ging, schüttelte er schwere Tropfen von den Blättern; sonst aber ist's wieder ganz still und feierlich geworden über das weite Land hin; und hier und dort hat sich sogar ein verspätetes Johanniswürmchen, das den Juni und Juli überlebte, nach dem Regen hervorgemacht und leuchtete freundlich aus dem dunklen Grase. Mein Kamerad, der Holsteiner, war in der Gegend wohlbekannt, denn er hatte früher einmal hier in Arbeit gestanden. Er wußte rechts und links Bescheid und konnte fast von jedem Plätzchen eine Geschichte erzählen, bald traurig, bald lustig, wie sie in den Spinnstuben von Mund zu Mund gehen. Gedenk' ich jetzt solcher Schnurren und Wandergeschichten, dann geht mir das Herz auf, wie's einem alten Fuhrmann durch alle Glieder zuckt, wenn er mit der Peitsche klatschen hört; aber damals verwünschte ich die Historien des Holsteiners, denn ich hatte meine eigenen Gedanken im Kopf, denen ich nachhängen wollte. Besonders kam mir das Zigeunermädchen nicht aus dem Sinn. War mir's doch, als ob ich sie schon einmal gesehen hätte, – ich glaub' im Böhmerwalde, wo sie mit einer Truppe zog, die in den Scheunen für Geld Kunststücke machte. Jetzt aber hatte ich eine merkwürdige Ähnlichkeit entdeckt zwischen ihr und der Schaufflerin, meinem Schatz, namentlich war es die Nase des Heidenkindes, die mich erschreckte, denn sie war der Nase meiner Anna Elisabeth gleich wie ein Ei dem anderen. Und dann ergrimmte mich's wieder recht bis in die Eingeweide hinein, daß man den hungrigen Wanderern nichts zu essen gegeben und uns allesamt geprügelt und vor die Türe geworfen hatte. Solch ein Schimpf war mir noch in keiner Herberge widerfahren. Mein Kamerad hatte eben ein erbauliches Nachtstück von einem benachbarten Galgen erzählt, den er ganz allein um Mitternacht erklettert hatte, um von dem dörrenden Gerippe eines dort aufs Rad geflochtenen Diebes die Finger zu stehlen (denn ein Diebesfinger ist zu mancherlei Dingen nütze); und als wir an Kauffungen vorbeigingen, hatte er von diesen Fingern einen ganz natürlichen Übergang gefunden zu den Fingern jener Nonne von Kauffungen, die dreißig Jahre lang deutlich abgedrückt zu sehen waren auf dem Backen der Äbtissin ihres Klosters, nämlich infolge einer ungeheuren Ohrfeige, welche die Nonne ihrer Äbtissin gegeben, weil dieselbe über dem Mittagessen allezeit Messe und Prozession versäumte. Da fügte es sich denn auch wieder ganz natürlich, daß mein Kamerad von dieser Ohrfeige auf die feuerfesten Großallmenroder Schmelztiegel zu reden kam, denn von fernher schimmerten uns eben die Lichter des fleißigen Ortes entgegen. Plötzlich aber hielt er an. »Habt Ihr nicht eine dunkle Gestalt da vorn über den Hügel schleichen sehen?« fragte er, als wir an ein Plätzchen gekommen waren, wo der Wald sich lichtete. Ich hatte nichts gesehen. Aber der Kamerad hatte genug gesehen, um sogleich wieder eine neue Geschichte daran zu knüpfen. »Der Hügel«, sprach er, »ist mir wohlbekannt. Wenn ich früher an Sonntagsnachmittagen nach Allmenrode ging, führte mich der Fußpfad darüberhin. In den sechziger Kriegsjahren warf dort ein hessischer Grenadierleutnant einen französischen Reiterhauptmann im Scharmützel nieder. Als der Franzose am Boden lag und die Degenspitze des Hessen auf feiner Brust spürte, rief er jämmerlich um Pardon. Da zog der Hesse seinen Degen zurück, der Franzose aber raffte sich auf, zog sein Pistol und schoß den Mann, der ihm eben erst das Leben geschenkt, von hinten meuchlings durch den Kopf. Doch sollte ihm der Frevel keinen Gewinn bringen, denn am anderen Tage ward er von den Lucknerschen Husaren niedergemacht. Jetzt reitet der Franzose nachts um in diesem Wald, manchmal bin ich ihm begegnet« – und er zog seine Korbflasche und nahm einen herzhaften Schluck Branntwein und beteuerte: »Dieser Trunk soll Gift sein, wenn ich dem Franzosen nicht begegnet bin« – und fuhr dann fort: »Oben auf dem Hügel ist ein kleiner Stein, darauf steht die ganze Geschichte zu lesen. Vor ein paar Jahren war er halb versunken und bereits mit Moos überwachsen. Da machten wir uns – ein paar Allmenroder Patrioten und ich – eines Sonntags früh auf, zogen mit Hacke und Stemmeisen heraus, richteten den Stein wieder gerade und kratzten das Moos ab, damit dem verräterischen Reitersmann seine Schande auch für die Zukunft nicht geschenkt sei.« Während der Holsteiner noch erzählte, brach ein Lichtschimmer durch die Zweige, der uns stutzig machte. Es war, als ob ein Feuer auf dem Hügel lodere, ungefähr bei dem Denkstein. Bei meinem Kameraden aber war der Teufel los, als er den rätselhaften Feuerschein sah, denn er hatte Courage im Leib, war wirklich mitternachts allein auf den Galgen gestiegen, und wohl dürstete kein zweiter Schreinergesell im Heiligen Römischen Reich gleich ihm nach Abenteuern. Er blies sofort zum Angriff. Denn daß das Feuer kein irdisches sei, sondern mit dem französischen Reiter zusammenhänge, schien sonder Zweifel. Wir legten unsere eisenbezwingten Knotenstöcke ein, als seien es Lanzen, und brachen durchs Dickicht den Hügel hinan, als säßen wir hoch auf dem Streitroß. Oben auf dem freien Raume des Hügels angekommen, fanden wir nur ein verlassenes, schon verglimmendes wirkliches Feuer, welches keinerlei Spur höllischer Bestandteile zeigte, dessen Rauch aber allerdings durch einen besonderen Geruch ausgezeichnet war: es roch nämlich, als ob in der Asche Kartoffeln brieten. Seitwärts stand ein Wildhüterhäuschen. Von dorther hörten wir eine Weiberstimme. Da entbrannte dem Schreiner aufs neue die mannhafte Lust am Abenteuer. »Den Wildhüter kenne ich«, rief er, »wer zum Teufel mag die Dirne sein, die er sich bei Nacht in seine Hütte eingetan? Hallo! Hallo!« – und er blies durch die hohle Hand ein Jagdsignal – »dem Wildhüter wollen wir sein Wild aufscheuchen!« Tollen Mutes sprangen wir hinzu. Ich kam ihm vor und stieß mit dem Knotenstocke wider die schiefe Tür der Hütte. Es war eigentlich nur, um anzuklopfen; allein im Sturm hatte ich den Stoß so übermütig geführt, daß er zugleich die Tür aus allen Fugen riß. Ein altes Weib mit einer Laterne sprang hervor und zog einen gewaltigen Stock zum Streiche aus. Aber als sie zu gleicher Zeit mir mit der Laterne ins Gesicht leuchtete und scharf mir Aug' in Auge geschaut, ließ sie den Prügel sinken. »Ihr seid es?« rief sie erstaunt und änderte die streitgerüstete Stellung. »Ihr sollt mir allezeit freundlich gegrüßt sein, auch wenn Ihr Euch unfreundlich anmeldet!« Es war die alte Zigeunerin, und das Mädchen mit dem feuerfarbenen Tuch saß in der Hütte. »Tretet ein«, fuhr die Alte mit einer Artigkeit fort, die nicht ohne Würde war. »Vorhin wolltet ihr euer Mahl mit uns teilen, jetzt teilen wir das unserige mit euch.« Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und drückten uns in das Innere der Hütte, wo kaum Platz war, daß sich vier Personen lagern konnten. Diese Wildhüterhäuschen sind ganz wie Indianerhütten gebaut in Gestalt eines Zuckerhutes, dessen Spitze ein großer Schirm von Flechtwerk, mit Lehm bekleidet, überragt, um das Einschlagen von Wind und Regen in den Rauchfang zu verhindern. Mit Lehm und Rasenstücken ist dann auch der ganze übrige Bau bedeckt. Innen ist höchstens eine Feuerstatt und eine Bank. Zuzeiten schlägt der Wildhüter dort sein Lager auf, um von Stunde zu Stunde mit Schreien, Schießen und dem Gebell seiner Hunde das Hochwild zu verscheuchen, wenn es zur Atzung scharenweis in die angrenzenden Saatfelder zieht. In eine solche verlassene Hütte hatten sich also für heute nacht die beiden Zigeunerinnen einquartiert. Unsere Wirtinnen teilten vor allen Dingen zur Besiegelung der Freundschaft ihr Mahl mit uns. Es waren Frühkartoffeln, die sie vermutlich am Wege gestohlen und dann in dem geheimnisvollen Feuer gebraten hatten, und breite Schnitten eines köstlichen Schinkens, den sie wohl auch nicht gekauft, gefunden oder geschenkt erhalten haben mochten. Die alte Hexe trug meinem Kameraden das Mahl auf. Der schüttelte sich ein wenig, als er den Schmutz der Alten und der Hütte sah, murmelte aber dann das Sprüchlein, welches bei solchen Gelegenheiten herkömmlich ist: »Besser eine Laus im Gemüs als gar kein Fleisch« – und griff tapfer zu. Mir aber legte das niedliche Mädchen die Speisen so anmutig und reinlich vor, daß mir's köstlicher schmeckte, als hätte ich an des Fürsten Tafel gegessen. Diese Zigeunerinnen – sonst so mißtrauisch und verschlossen gegen jeden, der nicht ihres Stammes ist, – waren gegen uns zutunlich und liebreich geworden. Ihre freundliche Dankbarkeit deuchte mir wie die eines herrenlosen Hundes, dem man Brot gegeben hat und der uns dann die Hand leckt und wedelnd hinter uns dreinläuft. Und damit will ich nichts Schlimmes gesagt haben; im Gegenteil, es soll ein großes Lob sein. Ich meine, die Dankbarkeit dieser Zigeunerweiber erschien so hingebend mit Leib und Seele, wie man das leider nur noch bei den Hunden findet. Besonders erzeigte mir das Mädchen mit dem feuerfarbenen Tuch im pechschwarzen Haar jeden erdenklichen Liebesdienst, redete mir so freundlich zu und schaute mich stets so dankbar an mit den großen, glühenden Augen, daß mir das braune Heidenkind fast so schön wie das schönste Christenmädchen erscheinen wollte, besonders weil ihr die Nase meiner Elisabeth zwischen den funkelnden Augen saß. Als wir satt gegessen hatten, faßte sie mich am Arm und sprach: »Ich will Euch die Schicksale Eurer Wanderfahrt prophezeien« und begann in den Linien meiner Hand zu lesen. Weil sie nun den Linienzug bis zur Handwurzel verfolgen wollte, so streifte sie mir den Rockärmel – es war am linken Arm – ein wenig zurück, und ihr scharfer Blick gewahrte das in den Arm geätzte Herz mit den Buchstaben A. E . S. »Was bedeuten die Buchstaben?« fragte sie hastig. Ich aber erwiderte mit besonders festem Nachdruck: »Das ist der Name meines Schatzes, der Anna Elisabeth Schaufflerin, daheim auf dem Westerwalde.« Und es war mir im Augenblicke, als sei das Herz mit den drei Buchstaben ein lichtstrahlender Engelschild, vor dem der Teufel zurückweichen müsse, und das heidnische Hexlein stand da, als ob sie wie verblendet sei von den drei Buchstaben, schlug die Augen nieder und sprach kein Wort. »Aber du hast mir ja nichts prophezeit?« fragte ich. »Ihr habt mich verwirrt – ich kann es jetzt nicht!« rief sie, und ihre Stimme zitterte, daß ich erschrak. Sie fing hell zu weinen an, setzte sich in die hinterste Ecke des Raumes, verhüllte ihr Gesicht und redete kein Wort mehr. Der Holsteiner hatte sich inzwischen so festgefahren bei der Alten, daß ich um guter Kameradschaft willen den Gedanken schon aufgeben mußte, heute nacht noch weiterzuwandern. Die Zigeunerin erzählte ihm nämlich die seltsamsten Historien und Abenteuer, wie sie nur solches Volk an der Straße auflesen kann. Das war dem Schreinergesellen eine gemähte Wiese. Nie in seinem Leben hat er dem Pfarrer so andächtig zugehört wie der Hexe, und er sammelte in dieser einen Nacht Vorrat genug, um damit ein ganzes Jahr lang in allen Herbergen den lustigen Patron zu spielen. Ich legte mich in einen Winkel und versuchte zu schlafen. Da erhub sich ein großer Kampf in meiner Seele. Vor meine Augen trat meine Elisabeth. Aber seltsam genug, wenn ich mir recht lange und getreu ihre Züge vorbildete, dann verwandelten sich dieselben, von der schönen Nase anfangend, allmählich in die Züge des Zigeunermädchens. Dann schalt ich mich selbst einen Esel, faßte mich, riß die Augen weit auf, schaute fest in die Ecke, wo das Kind saß. Sie hatte ihr Gesicht verhüllt, ich konnte die Nase nicht sehen, und der Spuk war vorbei. Ich dämmerte wieder ein, und das Blendwerk begann von neuem. Dergleichen hat noch kein Mensch erlebt. Denn wenn wir uns Gestalt und Gesicht einer abwesenden Braut oder des fernen Weibes recht getreu in der Seele vorbilden, dann ist dies sonst die kräftigste Stärkung der Treue, ja ein solches Bild ist ein wahrer Schild wider die Anfechtung. Solange wir uns dieses Bild noch recht klar ausmalen können, sind wir noch gar nicht reif zur Treulosigkeit. Nun hatte ich's gerade umgekehrt: je schärfer ich mir das Bild der Braut auseinanderlegte, um so gewisser ward mir, daß diese Zigeunerin ja ganz die gleichen Züge habe, und was allen anderen ein Schild wider die Anfechtung, das ward mir ein Zauberspiegel der Versuchung. Und immer hub die teuflische Gaukelei wieder bei den verschwisterten Nasen an. Da begann ich meine Gedanken anders zu wenden. Wie sonst schlaflose Leute zwölfmal das Einmaleins sprechen, so wollte ich so lange und so genau meine ganze Liebesgeschichte mit der Schaufflerin noch einmal durchdenken, bis ich darüber eingeschlafen oder des verhexten Zigeunergesichtes gänzlich quitt geworden wäre. Also fing ich bedächtig von vorn an. Elisabeth war die Tochter des fürstlichen Amtmannes Johannes Schauffler – das klingt gar hoch –, und ich war nur ein Schlossergesell. Aber ich war guter Leute Kind, und der Amtmann hatte zwölf Kinder, und wo – ohne weiteren Vergleich – der Spanferkel viele sind, da fällt das Gespülicht dünn. Trotzdem ging die Sache, wie zu erwarten stand. Der alte Amtmann war teufelmäßig dazwischengefahren, als er etwas von der Freundschaft zwischen seiner Tochter und dem Schlossergesellen verspürte. Denn er gehörte zur Dienerschaft und mein Vater zur Bürgerschaft; das war so gut als adelig und bürgerlich. So ward uns aller weitere Verkehr gewehrt. Aber ein Schlossergesell läßt sich nicht so leicht aus dem Feld schlagen. Reden konnte ich nun nicht mehr mit meinem Schatz; wir konnten uns nur noch verstohlen und aus mäßiger Entfernung sehen, am Fenster, im Garten. Aber kann man nicht auch mit dem Mund zum Auge reden? Ich machte mir so meine eigenen Gedanken darüber. Der Mund spricht in doppelter Weise. Innen bildet er die Tonformen des Wortes aus, aber zugleich spiegelt sich in dem sein abgestuften Gestaltenwechsel der bewegten Lippen auch außen sichtbarlich die Tonform. Wer taub ist, der sieht's den Leuten am Mund an, was sie sprechen. Und meint ihr, die Leidenschaft, welche unsere Sinne nicht nur wunderbar verwirren und trüben, sondern auch ebenso wunderbar schärfen kann, vermöchte dem Auge nicht die Kraft zu geben, daß es, auch ohne einen Laut zu hören, dem Geliebten dennoch jedes Wort am Munde absieht? So sprachen wir fast täglich geisterweise miteinander. Elisabeth stand am Fenster, schaute in die Landschaft hinaus oder begoß ihre Blumen; ich aber hatte mich in unverdächtiger Entfernung an einem alten Baumstamme aufgepflanzt, und die Zwiesprach begann sofort mit Hand und Lippe. Die stumme Sprache war uns in kurzem so natürlich, so wert geworden, daß wir beide im stillen dachten, nur dies könne die einzig echte Redeweise der Liebe sein. Solches stellte ich mir nun recht lebhaft vor, um das Bild der Elisabeth rein und treu in meinen Sinnen zu halten und zur Abwehr des Zigeunergesichts. Aber was hatte denn das braune Kind zu mir gesprochen? Doch nur wenige, bedeutungslose Worte. Und doch hatten auch wir geisterweise viel Tieferes zusammen geredet. Nicht ihre Worte, nein, die dankbare Ergebenheit ihres Blickes, das Zittern ihrer Lippen, die stumme Sprache war es gewesen, womit auch sie mir es angetan. Dort saß sie in der Ecke, – das unstete Licht der verglimmenden Kienspäne zitterte über ihre traumhafte Gestalt, – sie verhüllte das Haupt und schwieg. – Wie viele Herzenspein mochte dieser Mantel decken, darein sie sich hüllte! Wie viele Worte mochten in dem bloßen Zittern dieser Lippen verborgen liegen! – An wessen Lippen dachte ich? – Mit ihrem Schweigen richtete sie – die Zigeunerin nämlich – mir all die Marter an, daß ich hätte aus der Haut fahren mögen. Wenn ich nur ihre verteufelt schöne Nase wieder sehen könnte, nur um des Vergleichs halber! Wessen Nase? der Elisabeth oder der Zigeunerin? – Da war ich wieder bei der Nase angekommen, und durch den neuen Spruch, womit ich das Gespenst bannen wollte, hatte ich es abermals erst recht heraufbeschworen. Ich legte mich auf die andere Seite, schloß die Augen fest und führte meine Gedanken mit Gewalt wieder zurück zur echten Elisabeth. Die stumme Zwiesprach genügte nicht auf die Dauer. Also mußten Briefe geschrieben werden. Das war leicht, aber sie zu besorgen war schwer. Das Amtshaus befand sich im alten Schlosse, welches weiland mit Wall und Graben tüchtig befestigt gewesen. Jetzt hatte sich freilich Mauerwerk und altes Geröll zu hohen Haufen im tiefen Graben angesammelt, und den Wall bedeckte wucherndes Buschwerk. Das Fenster von Elisabeths Kämmerlein ging auf den Graben. Wenn man aber nicht vorn über die alte Zugbrücke zum Tor des Amthauses gelangte, dann war es immer noch sehr mühselig, ja gefährlich, dicht unter die Mauern des Gebäudes zu steigen. Doch das sollte meinen verliebten Mut nicht schrecken. Ich bin zu Hause, im elterlichen Hause, ganz gewiß, nicht in der verzauberten Wächterhütte. Mitternacht ist vorüber. Ich hatte mich bisher in den Kleidern auf meinem Lager gewälzt, und ob ich gleich nach dem heißen Tagewerk der Ruhe gar sehr bedurft hätte, doch kein Auge zutun können. Jetzt bläst der Nachtwächter ein Uhr: – das längst erwartete Zeichen. Ich springe auf; zum Fenster geht's hinaus und über die Hofmauer hinüber auf die Straße. Dort ist's jetzt totenstill. Das dumpfe Getute des Nachtwächters verhallt in der Ferne. Nur ein Brunnen rauscht emsig in der einsamen Nacht. Kennt ihr diesen wundersamen Ton, das leise Gemurmel des Wassers im tiefen mitternächtigen Schweigen? Es klingt, als ob uns selber ein altes, halbverklungenes Lied melodisch durch die Brust rausche. Das alte Schloß ist rasch erreicht, der Wall rasch erklettert. Ich weiß genau, wo ich an den gefährlichen Stellen den Fuß einzusetzen, wo ich mich an einer Wurzel, wo an den Ästen zu halten habe. Das Dunkel der Nacht kann mich nicht hemmen, denn ich habe mir den Pfad noch nie anders als unter ihrem Schutze gebahnt. Aus den Tälern ringsum dampfen Gespenstern gleich die weißen Nebel auf, am Himmel ist kein Mond, kein Stern zu sehen, dickes, molkiges Gewölk hängt schwer über der Stadt und dem Walde. Das alte Schloß ist ein unheimlicher Bau! wohl wenige würden sich in dieser Stunde allein hierher wagen. Seht ihr dort oben am Dache den Vorsprung mit dem kleinen Fensterchen? Glitzert da nicht etwas ganz matt? Vielleicht ist's nur ein neuer blanker Blechbeschlag, vielleicht auch faules Holz. Aber es ist ein unheimliches Fenster. Vor hundert Jahren wohnte droben ein verführtes und verlassenes Mädchen. In der stillen Nacht, vielleicht gerade jetzt zu dieser Stunde, überkamen das arme einsame Weib jene Schmerzen, unter denen sich ein neues Leben dem alten entwindet, und als sie gegen die Morgenfrühe in ihrer Verzweiflung das Kind im Schöße wimmern hörte, erwürgte sie es und schleuderte den Körper durch jenes Fenster in den Graben herab. Hätten wir Mondschein, ihr würdet drüben am Waldsaume den alten steinernen Galgen sehen können. – Das Dachstübchen ist, seit hundert Jahren unbewohnt, in demselben Zustande verblieben, worin es war, da die Kindsmörderin zum Verhör und zum Galgen geführt wurde; es sieht grauslich aus in dem engen Kämmerchen. Allein was kümmert mich dieses Nachtgespenst? Wohnen doch da unten hinter Elisabeths Fenster alle guten Engel. Jetzt habe ich unter diesem Fenster festen Fuß gefaßt. Ich werfe mit einem Kieselsteinchen ganz leise wider die Scheiben. Gutes Zielen tut not, denn nebenan schlafen sechse von des Amtmanns zwölfen. Das Fenster öffnet sich; ein herabgelassener Bindfaden wird die Briefe befördern. Seht, jetzt erscheint sie selber am Fenster, kaum schattenhaft erkennbar in der dunklen Nacht. Aber das um den Kopf gewundene feuerfarbene Tuch sieht man doch ganz deutlich! – Das feuerfarbene Tuch? Der Zigeunerin? Ja wahrhaftig, und der Galgen da drüben paßt ganz lustig zu ihrer Erscheinung. Und fort ging's abermals im wilden Taumel der Gedanken auf dem betretenen Pfad. Elisabeth und die Zigeunerin flossen aufs neue in eine Gestalt zusammen, und zwischendurch grinste mich das Gespenst der armen Sünderin an, die ihr Kind in den Schloßgraben schleudert. Es war die rechtschaffene Liebe, die da kämpfte mit wüstem Liebesrausch und Treubruch, dazu aber war es auch das Bild der göttlichen Rache, das drohend herniederschaute aus dem öden, grauslichen Dachstübchen. Dieser Gedanke packte mich plötzlich mit furchtbarer Gewalt. Und abermals schalt ich mich einen Esel und sprach zu mir: Martin Hildebrand heißest du. Das sind zwei tapfere Namen. Martinus schrieb sich Doktor Luther, der kampfgerüstete Gottesmann, der dem Teufel das Tintenfaß an den Kopf warf; Hildebrand war ein großer Held in alten Ritterzeiten, der auch nicht den heidnischen Zigeunermädchen nachgelaufen sein wird. Ei, wer so ritterliche Namen trägt, muß selber auch ein guter Ritter sein. Und siehe, mit dem Segen meines Namens bannte ich das Trugbild und fühlte mich wie der Erzengel Michael, da er den Teufel unter seinen Füßen hat. Da wachte ich auf. Hell leuchtete die Morgensonne durch die Tür und den Rauchfang in die Hütte. Tief schlafend lag mein Kamerad neben mir. Aber die Zigeunerinnen waren verschwunden. Ich weckte den Holsteiner, und wir rüsteten uns zum Aufbruch. Da fanden wir auf unseren Ranzen noch zwei gewaltige Stücke von dem Schinken liegen, den uns die Frauen zurückgelassen. »Es ist doch noch Tugend bei diesen Spitzbuben«, sagte der Schreiner, indes er den Schinken in den Ranzen schob, »und wenn gestohlene Katzen am besten mausen, dann wird uns gewiß auch dieser gestohlene Schinken als das köstlichste Frühstück schmecken.« III. Auf der Grenze Dem Handwerksburschen ist in den Grenzstädten oft eine harte Prüfung vorbehalten, – er muß sich über sein Reisegeld ausweisen. Der Grenzen aber gab's selbiger Zeit noch gar viele im Heiligen Römischen Reich, und überall ward ein anderes Reisegeld gefordert. Der Satz, daß guter Mut halbes Zehrgeld sei, galt nur selten vor den Bürgermeistern und Stadthauptleuten; sie wollten nur immer das ganze Zehrgeld sehen und kümmerten sich nicht um den guten Mut. Solange ich mit meinem Kameraden, dem Holsteiner, gewandert war, hatten wir uns mit einem altüberlieferten Handwerksburschenkniff durchgeholfen. Wir taten nämlich vor dem Amthause das gemeinschaftliche Vermögen zusammen, und so mochte die Summe für den einzelnen wohl genug sein. Standen wir dann auf der Polizeistube, so drängten wir uns recht dicht aneinander, der Holsteiner zählte die Summe zuerst vor, fing mit den Hellern an und hörte, sofern wir gerade so grobes Kaliber führten, mit den Krontalern auf. Sowie er dann das Geld wieder wegnehmen durfte, reichte er mir's flink hinter dem Rücken zu, und zählte ich die gleiche Barschaft noch einmal auf den Tisch, fing aber mit den Krontalern an und hörte mit den Hellern auf. Die Büttel und Scharwächter müßten rechte Schafsköpfe gewesen sein, wenn sie das Kunststück nicht gemerkt hätten; aber es war altes Handwerksburschenrecht, und das überlieferte Herkommen muß die Polizei nicht antasten. Der gute alte Brauch würde uns aber jetzt in dem ersten hannoverschen Städtchen jenseits der Weser wenig geholfen haben. Denn dort sollte sich jeder über sechs Reichstaler Zehrgeld ausweisen, und wie wir nun auch die gemeine Barschaft bei Heller und Pfennig zusammenzählen mochten, kamen doch niemals mehr als drei Reichstaler heraus. Vor dem Städtchen steht eine alte Linde mit dickem, knorrigem Stamm, und rings um denselben zieht sich eine bequeme Steinbank. Dort saßen wir, zählten noch einmal und immer noch einmal, ob wir nicht die sechs Reichstaler herauszählen könnten, allein es waren und blieben nur drei. Das Wetter war zwar prächtig und der Weg, welcher zur Grenze herübergeführt hatte, wunderschön, aber eine vermaledeite Geschichte wäre es doch gewesen, wenn wir wegen mangelnder drei Reichstaler binnen vierundzwanzig Stunden den wunderschönen Weg bei dem prächtigen Wetter wieder hätten zurückwandern müssen. Mein Kamerad weidete sich eine Weile an meiner Verlegenheit. Da sagte er plötzlich mit bedeutungsvollem Lächeln: »Du hast in dem Wächterhäuschen tapfer geschlafen, Bruder, indes ich für uns beide gewacht habe. Nimm mir Ranzen, Stock und Kittel hier in Verwahrung, daß ich mich wie ein Spaziergänger durchs Stadttor einschleichen kann, und in einer halben Stunde hoffe ich mit dem fehlenden Gelde wieder hier zu sein.« Und ohne auf meine Fragen zu hören, sprang er davon. Aber seine Worte ließen mich schon ahnen, daß hier wieder die Zigeunerinnen im Spiel sein müßten. Der Holsteiner brachte dann wahrhaftig nicht bloß die drei Reichstaler herbei: er brachte ihrer neune mit, so daß wir beide diesmal nebeneinander unser Wandergeld gleichzeitig und vollzählig hätten auf den Tisch legen können. Ich aber faßte den Kameraden am Rock wie der Scherg den Marktdieb, und nicht loskommen sollte er mir, bis er bekannt, wie er das Geld gewonnen. »Du hast es dem alten Weibe abgeschwatzt, während ich in der Hütte schlief, und ich rühre keinen Heller von dem Diebsgeld an!« – – »Der Alten? Nein. Die ist zäh wie Lappleder. Sie hat uns ihren Dank bereits gezahlt, und wenn der Pfarrer nur einmal predigt für ein Geld, warum sollte eine Hexe zweimal uns dienen für eine Freundlichkeit? Aber die junge ist ein Prachtmädel. Höre, Westerwälder, nicht bloß das Glück kommt dir im Schlaf, sondern auch die Mädchen. Doch nun kein Besinnen! Nimm das Geld, und dann mit fliegenden Fahnen ins Städtchen eingezogen!« Nun aber nahm ich das Geld erst recht nicht. Martin Hildebrand heiße ich nach zweien guten Kämpfern; darum wollte ich auch den guten Kampf jetzt tapfer zu Ende fechten. Und unter dem Spott und dem zornigen Schelten meines Kameraden zog ich zum Tore hinein wie ein stolzer Sieger, und dennoch fiel mir auch das Herz bei jedem Schritt etwas tiefer gegen die Schuhe hinab; denn mein Siegerstolz war ja der eines Märtyrers, und die Ausweisung per Schub winkte im Hintergrund. Der Torwart rief: Halt! Wir zeigten unsere Schreiben – Wanderbücher gab's dazumal noch wenige – und wurden sofort zur weiteren polizeilichen Behandlung aufs Amthaus geschickt. Auf der Amtsstube schaute mich der Büttel zwar etwas grimmig und nachhaltig an; doch das ist man gewöhnt. Dann aber stellte er ganz höflich einen Stuhl hin und bedeutete mir schweigend, daß ich mich setzen möge. So viel Aufmerksamkeit hatte man mir noch auf keiner Amtsstube erwiesen, und ich freute mich im stillen darüber, wie auch daß man meinem übermütigen Genossen keinen Stuhl geboten, obgleich mich doch auch wieder das geheimnisvolle Wesen des in Grobheit höflichen Büttels wundernahm, der uns sofort allein in der Stube ließ. Nach langem Harren erschien er wieder, und zwar in Begleitung eines Bartscherers. Auch der sprach keine Silbe, zog sein Gerät hervor, seifte mich ein, und – jetzt ergriff ich den Sinn von des Büttels Höflichkeit: ich hatte den Schnurrbart ganz vergessen, den ich mir aus Ungarland mitgebracht! – Und der Barbier begann mir mit einem gräßlich stumpfen Messer den Schnurrbart herunterzuscheren. Er war erst mit der einen Hälfte fertig, da war aber mein stolzer Mut schon ganz wegrasiert. Wenn einen in Kurhannover der Büttel schon um eines unschuldigen Schnurrbarts willen aufs Blut schinden lassen durfte, was wird man da erst mit einem Handwerksburschen anfangen, der kein vollzähliges Wandergeld hat? Ich streckte darum, während der Bartscherer an des Schnurrbarts zweite Hälfte ging, ganz sachte die hohle Hand hinter den Rücken. Mein Kamerad verstand wohl das Zeichen, aber er ließ mich eine Weile zappeln, und erst als der Schnurrbart ganz herunter war, legte er mir die Taler in die Hand. Als ich aber das kalte Geld fest packte, brannte es mich doch wie höllisches Feuer. Und ich zeigte es danach mit einem solchen rasierten Armensündergesicht vor, als hätten mir die Hühner das Brot gefressen. Erst als wir das Amthaus im Rücken hatten, holte ich wieder Atem aus tiefster Brust. Und abermals faßte ich den Kameraden am Rock, und nicht eher sollte er wieder loskommen, bis er versprochen hätte, mich zu dem Zigeunermädchen zurückzuführen, daß ich ihr das Darlehen heimzahlte, und als Zins wollte ich ihr dann einmal gründlich und herzbewegend die Meinung eines treuen deutschen Handwerksburschen sagen. »Das geht nicht an«, erwiderte der Schelm ganz gelassen. »Ich will dir reinen Wein einschenken. Heute nacht erwog ich, daß wir mit unserer Armut nicht einwandern könnten in den Kurstaat Hannover. Da trug ich mein christliches Bedenken der alten heidnischen Hexe vor; die aber hatte kein Geld mehr für uns. Allein die junge Hexe, die zwar den Mantel vors Gesicht zog, aber zwischen den Falten fortwährend nach dir hinüberschielte, hatte es gehört und nahm mich ganz verstohlen beiseite, da die Alte den Aufbruch rüstete, und verhieß mir Geld hier in der Stadt, wo die ganze Horde verborgen liegt. Doch mußte ich ihr mit Manneswort geloben, keiner Seele ihr Versteck zu verraten, daß nicht der ganze Schwarm ins Unglück komme, noch jemals die Rückzahlung des Geldes zu versuchen. Also sind wir quitt, und das Hexengeld soll uns ebensogut gedeihen, wie uns heute morgen der gestohlene und geschenkte Schinken geschmeckt hat.« Da war vorerst nichts weiter zu machen. Ich aber schwur mir zu, das Geld nicht anzurühren. Die Dirne wird uns schon bald wieder begegnen, denn dieses Volk ist überall und nirgends, dann aber wollte ich ihr die Silberlinge vor die Füße werfen. Denn wer Martin Hildebrand heißt, der heißt nicht Judas Ischariot, daß er seine Herrin und Meisterin um elendes Silber verraten sollte. – – – – Auf der Amtsstube hatte man uns beiden ein rundes Stückchen Blech gegeben, darauf war die Ziffer II. eingeschlagen. Dieses Blechstück sollten wir auf der städtischen Rechnerei abliefern, dann würde man uns zwei Weißpfennige zur Wegsteuer darauf auszahlen. Es war das eine uralte Stiftung. Vor vielen hundert Jahren hatte nämlich ein reicher Zunftmeister ein Kapital niedergelegt, von dessen Zinsen jedem durchwandernden Handwerksburschen zwei Albus Zehrgeld auf den Weg gegeben werden sollen. Auf meine Frage, warum man denn dieses Geld durch ein Blechstückchen anweise, erwiderte man mir, das stamme aus einer Zeit, wo den Leuten das Schreiben noch nicht so gut abgegangen sei wie heutzutage. Auch sei die Anweisung in Blech ganz besonders bequem; denn mit zwanzig Blechzeichen, die an jedem Samstag aus der Rechnerei als eingelöst wieder zurückgeliefert würden aufs Amt, kämen sie das ganze Jahr aus, während für diese Frist tausend geschriebene Zettel nicht langten. Mein Kamerad, der Holsteiner, den das Zigeunergeld übermütig gemacht, spottete über das gar geringe Zehrgeld und mehr noch über die blecherne Anweisung, weil sie genau so aussah wie jene Blechmünze, die man den Hunden umhängt zum Zeichen, daß die Hundesteuer entrichtet ist. Und als uns des anderen Tages ein Pudel in den Wurf kam, hielt er ihn fest und band ihm das Blechstück um den Hals zum großen Jubel der Gassenbuben. Ich aber dachte, man müsse doch das Gedächtnis des alten Zunftmeisters ehren, der die schöne Stiftung gemacht, und trug mein Blech auf die Rechnerei. Dort mußte ich lange warten. Allein ich traf in der Vorstube den Büttel, der mich hatte rasieren lassen; der war nun ebenso zutunlich gegen den Handwerksburschen mit glattem Gesicht, als er grob gewesen war gegen den schnurrbärtigen, und erzählte mir viel von der Last seiner Geschäfte. »Denkt Euch, heute nacht um zwölfe mußte ich noch einmal heraus! Unter der Stadtmauer hatte sich eine ganze Zigeunerhorde gelagert. Einige Bürger aber, die gegen Mitternacht an jener Stelle vorbeigegangen, hörten ein so furchtbares Schreien, Streiten und Jammern, als ob's Mord und Totschlag gäbe, daß sie mir am Laden klopften und die Sache erzählten. Und wie ich dann mit der Scharwache an den Platz komme, da muß ich eine greuelhafte Geschichte sehen. Die wilden Kerle hätten ein schwaches, wunderschönes Mädchen beinahe erwürgt. Etliche aber nahmen Partei für das arme Ding. Und nun teilten sie sich nach ihrer scheußlichen Art Faustschläge aus; die Faust aber hatten sie dabei mit einem Tuch umwickelt, worin ihre zweischneidigen Messer verborgen steckten, so daß nach jedem Hieb das Blut hervorspritzte. Als wir aber einsprangen und die halbtote Dirne ihren Händen entrissen, sagten sie, das Schandkind habe ihr gemeines Geld veruntreut und neun Reichstaler an einen Handwerksburschen weggeschenkt. Ein grimmiger alter Kerl aber, anzuschauen wie der Teufel selber, rief, nicht genug noch habe die Dirne an den blutigen Hieben; die Verräterin des Stammes müsse ›Feuerspeise‹ heißen. Wißt Ihr, was das bedeutet? – Die zwei ärgsten Peiniger des geschlagenen Geschöpfes konnten wir auf der Stelle fassen. Die anderen liefen davon, und das Mädchen muß sich wer weiß in welchen Winkel verkrochen haben, denn als wir wiederkehrten, war sie nirgends mehr zu finden. Die blutigen Spuren ihrer Mißhandlung könnt Ihr heute noch auf dem Platze sehen.« Es wurde mir bald glutheiß, bald eiskalt über dieser Erzählung, und so wird mir's heute noch, wenn ich daran zurückdenke. Denn wie man sich erzählt, verbrennen die Zigeuner das Mädchen oder Weib, welches einem fremden Manne ihre Liebe zugewendet, und wen sie also dem Tode geweiht, den nennen sie »Feuerspeise«. Auf der Lagerstätte unter der Stadtmauer habe ich ziellos stundenlang vergeblich gesucht und nichts gefunden als das zertretene Gras und die Blutspuren. Wir wanderten weiter. Ich mußte mich bald von dem Holsteiner trennen und sah und hörte nichts mehr von dem Zigeunermädchen. Anfangs war mir's vor Zorn, Scham und Reue recht eigentlich, als müsse ich aus der Haut fahren. Im Kurfürstentum Hannover brauchten sie damals viel Geld wegen der alten Kriegsschulden und warben Soldaten für englischen Dienst in Ostindien. Da kam mir manchmal der Gedanke, meine Haut den Engländern zu verkaufen, das wäre schier so gut gewesen, als aus der Haut gefahren. Die vier Taler tastete ich nicht an, obgleich mir mittlerweile manchmal der letzte Heller ausgegangen ist. Endlich dachte ich: das Heidenkind wird wohl in selbiger Nacht totgeschlagen worden sein, und als ich – mir deucht, es war in Westfalen – eines Tages an einer Kirchhofskapelle vorüberkam, wo sie eben das Totengebet über dem Sarge einer Braut sprachen, warf ich die vier Taler in den vor der Türe aufgestellten Opferstock, kniete zu den anderen und betete für die Seele der armen Zigeunerin, die um meinetwillen totgeschlagen worden war. Und wie ich des brennenden Geldes ledig geworden und für die Ruhe ihrer Seele gebetet hatte, kam auch meiner Seele die Ruhe wieder; ich konnte mir wieder rein und voll das Bild meiner Elisabeth malen, und der Teufelszauber war von ihrer wunderschönen Nase genommen. So wanderte ich denn getröstet weiter. IV. Fastnacht Köln ist immer eine lustige Stadt gewesen, namentlich aber in den Tagen meiner Wanderschaft. Die Bürger lebten herrlich und in Freuden, und das übrige Volk bettelte gemütlich in den Kirchen und Straßen und fuhr auch nicht schlecht dabei. Die Schildwachen an den Toren bettelten die einziehenden Reisenden an, und da die Stadt für eine Freistätte verdächtiger Personen aus den angrenzenden Ländern galt, so gab jeder den Löffelsoldaten gern ein Almosen, bald aus guter Laune, bald aus Furcht. Ein ganzes Jahr hatte ich in Köln gearbeitet. Es hielt mir anfangs schwer unterzukommen, da man die lutherischen Ketzer nicht gerne sah in der heiligen Stadt, wie wir auch zwei Stunden weit nach Mülheim in die Kirche gehen mußten. Aber als ich einmal meinen Meister gefunden, ward ich bald heimisch bei ihm und hatte dort gute Tage. Denn die reichen Kölner, für die wir arbeiteten, sind Leute, die's lang hängen lassen, wenn sie's lang haben, und nirgends bekam der Gesell und Lehrjunge ein so kavaliermäßiges Trinkgeld als bei den Kölner Prälaten und Domherren. Da ging es denn hoch her unter dem jungen Handwerkervolk. Ja, eine lustige Zeit war sie doch, die gute alte Zeit! Wenn die Maurer damals den Grundstein eines Hauses legten und herkömmlicherweise eine Flasche Wein hineinmauern sollten, dann tranken die Gesellen flugs den Wein weg und mauerten die leere Flasche ein für künftige Geschlechter. Die neuen französischen Papiertapeten kamen eben in Mode in den reichen Häusern von Köln, und das Aufkleben derselben ward von den Tapezierern für ein besonderes Kunststück und Geheimnis ausgegeben, und die Gesellen verlangten für jedes Zimmer fünf bis sechs Maß Wein, um ihn unter den Kleister zu mischen, der nach einem geheimen Rezept zusammengesetzt werde. Dann kamen wir Bauhandwerker alle zusammen bei den Tapeziergehilfen und tranken den Wein, indes der Kleister das nötige Wasser trank. Oh, wie ist es verkühlt und verhärtet das glutflüssige, funkensprühende Erz meiner lustigen Jugendzeit! Also ein ganzes Jahr hatte ich in Köln gearbeitet, und nun wollte ich fortziehen aus den alten Mauern. Da war es mir denn recht gelegen, daß vor Torschluß noch die tolle Fastnacht kam. »In drei Tagen geht es auf dem geraden Weg zurück nach dem Westerwald, die Wanderschaft hat ein Ende, und wenn ich einmal in unseren Bergen festsitze als Meister, dann gibt's für mich in zwanzig Jahren nicht wieder eine kölnische Fastnacht.« So dachte ich, als ich am Morgen des fröhlichen Tages meinen Bratenrock anlegte, nämlich den roten Rock mit den gelben bocksledernen Buchsen, worin ich konfirmiert worden bin, und mein seliger Vater war auch darin konfirmiert worden. Da trat die Frau Meisterin zu mir, ein wohlgenährtes, rotbackiges echt kölnisches Kind, festlich aufgeputzt. Um den Kopf aber hatte sie über die Haube allezeit ein weißes Tuch gebunden, denn ob sie schon aussah wie das Leben, litt sie doch stark an der Kopfgicht. Die gute Frau hielt große Stücke auf mich und vertraute mir manchmal ein Geheimnis. Schien es doch, als ob sie auch heute so etwas auf der Seele habe. »Wie geht's mit der Kopfgicht, Frau Meisterin?« fragte ich wie alle Tage so auch heute zum Morgengruß. Und jedesmal erwiderte sie: »Wie's Gott gefällt, aber doch herzlich schlecht.« So hatte sie mir ein ganzes Jahr lang jeden Tag geantwortet. Heute jedoch sprach sie: »Wie's Gott gefällt; aber es wird bald ein Ende haben. Das ist meine Fastnachtsfreude, Martin, daß endlich ein Mittel wider das heillose Übel gefunden ist. Heute ist ein Tag gekommen, wo wir's anwenden können.« Und sie zog mich in die Ecke und flüsterte: »Der Meister darf um nichts wissen; er ist hinausgegangen, die Gecken zu sehen, und alle die anderen laufen gleichfalls auf den Gassen herum. Das Mittel läßt sich nur ganz geheim anwenden: – ich brauche Sympathie!« »Nun, Frau Meisterin«, sagte ich, »und ich will meine Narrenkappe aufsetzen – das ist auch Sympathie – und mit den Gecken durch die Straßen fahren.« Im stillen wünschte ich aber der guten Frau, daß ihr die Sympathie nicht auch zur Narrenkappe werden möge. Denn sie war eine herzensgute Seele, aber viel Grütze hatte sie nicht im Kopf. Auf der Straße begegnete ich dem Meister, der nahm mich mit in die Trinkstube der Zunft. Er wußte wohl, daß er einen rechtschaffenen Gesellen an mir gehabt hatte, drum führte er mich heute – es war zum erstenmal – nicht nur in die Trinkstube, sondern er bedeutete mir auch klar, wie hoch er diese Auszeichnung anschlage, denn seine Einladung schloß er mit dem feierlichen Wort: »Danach der Mann ist, danach wird ihm die Wurst gebraten.« In der Trinkstube aber durfte ich mich an das unterste Ende des großen Tisches setzen; denn oben saßen die Meister, und einmal wurde mir sogar von meinem Meister über den ganzen Tisch hin zugetrunken, was großes Aufsehen erregte. Danach trat der Meister zu mir und sprach ganz vertraulich: »Ich will dir noch eine Freude machen, Martin. Du sollst die kölnische Fastnacht recht gründlich gesehen haben, darum will ich dich nachher auf den Gürzenich mitnehmen. Zuvor aber gehe mit nach Hause, ich muß noch ein Stück Geld zu mir stecken für alle Fälle, und dann wollen wir's lustig treiben bis tief in die Nacht hinein.« Als wir ins Haus traten, begegnete mir die Frau Meisterin auf der Flur. »Wie geht's mit der Kopfgicht, Frau Meisterin?« fragte ich in herkömmlicher Weise. »Wie's Gott gefällt, doch aber herzlich schlecht.« Das sprach sie laut; leise flüsterte sie mir dann zu: »Wann heute bei Sankt Aposteln die Vesperglocke läutet, dann fliegt die Kopfgicht zum Fenster hinaus.« Der Meister war in die Stube gegangen, um das Geld zu holen. Seh' ich doch noch leibhaftig das versteinerte, vergeisterte Gesicht vor mir, mit welchem der dicke, ehrliche Mann zurückkam, ein Säcklein in der Hand schüttelnd, und es klang, wie wenn lauter Steine darin wären! »Weib! ist das nicht unser Geldsäckchen? Wo ist das Geld?« »Jesus, Maria und Joseph!« rief die Meisterin, in deren rundbackigem Gesicht nun auch die Versteinerung und Vergeisterung anfing, sprang hinzu, riß dem Meister das Säcklein aus der Hand – – da rollten lauter Steine auf die Erde, lauter schöne, glatte Rheinkiesel! Das war zuviel für eine Fastnacht, selbst für eine kölnische. Mir kam die Verwechslung fast vor wie jene von Wasser und Wein bei den Tapezierergesellen. Der Meister konnte eine Weile nichts weiter herausbringen als lauter »Hölle« und »Teufel« und die Meisterin nichts erwidern als »Jesus, Maria und Joseph!« Endlich fand sie gebrochene Worte, um zu bekennen, sie habe Sympathie als Mittel gegen die Kopfgicht gebraucht; – zwei Zigeunerinnen hätten ihr das Mittel zugerichtet – den Zauber gesprochen, – und zu dem Ende – hier kam das Bekenntnis nur noch tropfenweis in großen Pausen heraus – habe das Weib einen irdenen Topf gefordert, worin sie Kräuter abkochen wolle; – auf daß aber der rechte Zauber während des Kochens über die Kräuter gesprochen werden könne, müsse ein Säckchen – nämlich ein Säckchen mit wenigstens zwanzig Talern gefüllt, in den Dampf des Gebräus gehalten werden; – das Säckchen solle nur für den Zauber hergeliehen sein. »Oh, nun hat der Teufel das Geld in Kieselsteine verwandelt. Ich wollte ja anfangs nicht volle zwanzig Taler herleihen. Da sagte die junge kleine Hexe: ›Ihr Christen sprecht: danach das Geld, danach die Seelmess'; so sagt der Zigeuner auch: danach das Geld, danach der Zauber. Wollt Ihr bloß den schwachen, den kleinen Zauber, dann geht es auch mit dem kleinen Geld –‹« »So sagte die junge, die kleine –« rief ich hinein – »Ach ja, das kleine Weibsbild.« »Mit dem pechschwarzen Haar und dem feuerfarbenen Tuch?« »Ja, wie einen Turban um den Kopf gewunden –« »Und die Alte hatte eine große Warze auf der Nase? –« »Wie ein Groschenstück!« »Und die Kleine hatte auch eine Nase – eine Nase –« »Wie? Was? eine Nase –« Ja, die Nase war es, die unheilvoll schöne Nase, die mich schon so oft verblendet hatte, und ich sah sie jetzt wieder in höllischer Klarheit und lief davon, als stürze das Haus brennend über meinem Kopf zusammen. Und ohne eigentlich selber zu wissen, was ich wollte, lief ich stundenlang die Straßen auf und ab, bis mir die Gedanken wieder ein wenig zur Ruhe kamen. Erst in der Dämmerung kam ich wieder gegen das Haus des Meisters. Es war aber nahe der Stunde, wo von Sankt Aposteln die Vesperglocke läuten sollte. Da sehe ich, daß mir jemand in einiger Entfernung nachfolgt. Ich bleibe stehen – die Gestalt nähert sich mir. Es war eine feine, vornehme Frauenmaske. Als sie vor mir stand, nahm sie die Larve herunter. Jetzt kam das Versteinern und Vergeistern auch an mein Gesicht. Das war meine Elisabeth, wie sie leibte und lebte. Die Gestalt aber sprach mit der feinen Stimme, die mir schon seit länger als einem Jahre, seit ich das Zigeunerkind tot geglaubt, wie der verschwebende Orgelton aus einer Gespensterkirche im Ohr geklungen hatte: »Ist das Eures Meisters Haus?« An dieser Stimme erkannte ich, daß es wirklich die Zigeunerin sei; denn das Dämmerlicht und das ordentliche christliche Kleid des Heidenmädchens hatten die täuschende Ähnlichkeit mit meiner Braut ganz vollendet. Ich antwortete: »Ja« wie ein Schulbube im Examen. Da zog sie zwanzig Taler hervor und sprach: »Hätt' ich vorausgewußt, daß jenes Weib Eure Meisterin ist, ich würde sie um aller Welt Güter nicht bestohlen haben. Ich erfuhr es erst, als sie selber davon plauderte, und da war es zu spät. Nehmt das Geld und bringt es ihr zurück.« Jetzt kam mir Verstand und Mut und die Sprache wieder. »Wer sich des Stehlens getraut«, rief ich, »der muß sich auch des Galgens getrauen!« »Wer am Galgen stirbt«, erwiderte sie, »der braucht nicht im Bette zu sterben!« »Und weißt du nicht, daß Stehlen Sünde ist?« »Den Fremden bestehlen ist keine Sünde. Den eigenen Stamm bestehlen ist schwere Sünde; diese habe ich verübt, aber nur dir zuliebe.« »Und wo willst du hinaus mit dieser Liebe zu mir?« »Du sollst das Pflegkind unseres Stammes werden, du sollst mit mir ziehen durch Wald und Heide, nach Nord und Süd, frei und flüchtig wie der Wind, der mit uns über die Heide braust, die Narren verachtend, die sich in Städten und Dörfern selber ihre Kerker bauen. Zum Wanderer bist du geboren, aber noch hast du nicht geschmeckt, wie selig der freie Wanderer ist, der Zigeuner!« Kein Komödiant hat jemals schöner geredet und kein Pfarrer beweglicher. Denn es rieselte mir über den Rücken, als sie so gesprochen und in der Dämmerung verschwand, ich weiß nicht wie, und das Geld hielt ich auch in den Händen und wußte nicht, wie ich es gewonnen. Aber stolz war ich doch, daß ich den Mut gehabt, dem verwahrlosten Mädchen den Text zu lesen über das Stehlen. Hätte ich nicht an dem Tage gerade den roten Rock getragen und die gelben bocksledernen Buchsen, worin ich und mein seliger Vater konfirmiert worden sind, ich hätte mich schwerlich so tapfer ins Zeug geworfen. Als ich aber der Frau Meisterin das Geld wiedergebracht und Lob und Dank die Fülle von ihr und dem Meister gewonnen hatte, – denn sie glaubten, ich sei den ganzen Tag mit den Polizeidienern umhergelaufen, um die diebischen Weiber aufzuspüren, – da fragte ich, nicht ohne einige Bosheit: »Nun, Frau Meisterin, wie geht's mit der Kopfgicht?« »Mit der Kopfgicht?« fragte sie und besann sich und fühlte an den Kopf, als suche sie was und könne es nicht finden. Da läutete die Vesperglocke von Sankt Aposteln: – die Kopfgicht war in der Tat zum Fenster hinausgeflogen. Im Schreck hatte sie die Frau verloren und vergessen. Und sie rühmte ihr Leben lang die Sympathie der Zigeuner als den heilbringenden Zauber, wodurch sie der bösen Kopfgicht quitt geworden sei. V. Hohe Flut Nach drei Tagen war der Ranzen gepackt. Es war eine böse Zeit fürs Wandern. Der Rhein ging so hoch, daß kein Wagen mehr auf der Landstraße längs dem Ufer fahren konnte, und die Eisschollen trieben so wild in der übermächtigen Flut, daß sich auch kein Schiff auf den Strom wagte. Im Kölner Hafen stand das Wasser drei Fuß hoch in den Warenschuppen und war so plötzlich über Nacht zu der verderblichen Höhe gestiegen, daß ganze Schiffsladungen Öl und reiche Vorräte anderer Waren in den offenen Hallen vernichtet worden waren. Alle Freunde drangen in mich, doch nur ein paar Tage noch auszuhalten, bis die hohe Flut sich verlaufen habe. Ich aber hatte einmal meinen Kopf darauf gesetzt, auf den 28. Februar zu gehen, und also ging ich, und wenn es Pflastersteine geregnet hätte. Oh, wie mächtig sehnte ich mich nach unserem öden, neblichten und doch so trauten Westerwald! Keinen Tag länger würde ich's in Köln ausgehalten haben. Sechs Jahre lang war ich unterwegs und wußte niemals was vom Heimweh, und in den letzten drei Tagen kommt mir's, daß ich hätte greinen mögen wie ein Kind, wenn ich an die Westerwälder Nebel dachte! Am Nachmittag zog ich aus und wanderte selbigen Abend noch bis Bonn. Das ging ganz gut. Das hohe Wasser hatte mich wenig angefochten, und schon dachte ich, ebensoleicht des anderen Tages bis Koblenz marschieren zu können. Aber weiter stromaufwärts sah es anders aus. Schon am Rolandseck, wo sich die Felsen eng zusammendrängen, war keine Uferstraße mehr gangbar. Da galt es, bergauf und bergab zu klettern, hier durch die Weinberge sich zu winden, dort durch wildverwachsenes Dorngestrüpp auf immer neuen Umwegen, je nachdem die gewaltige Überschwemmung sich tiefer in das Land hineinreckte oder eng gepackt in jähen Strudeln dahinschoß. Hei! das war mir eine Lust, so mit dem Weg und dem Sturm zu kämpfen und die gierige Flut zu betrügen, wenn sie mir da und dort den Weg vertrat! Da brauste mein Wandermut auf wie ein junger Wein, und wie ich so ein Hemmnis um das andere zunichte machte, fühlte sich auch mein inwendiger Mensch mächtig stark, und es ward mir wie einem Genesenden, und ich spottete meiner selbst, daß ich mich so gemartert um die Zigeunerdirne. Aber wie? War es nicht auch derselbe junge Wein der Wanderlust, den mir die Zigeunerin verheißen hatte? Was anders fühlte ich denn jetzt als die Seligkeit, die sie mir verkündet, durch Wald und Heide zu ziehen, frei und flüchtig wie der Wind, der mit uns über die Heide braust? Zum Wanderer sei ich geboren – so hatte sie gesagt, ja, und ich fühlte es jetzt, und alte, böse Gedanken überkamen mich, auch eine Hochflut, und ich gedachte wieder, wie ich mich den hannoverschen Werbern hatte verkaufen wollen, um bequemer aus der Haut zu fahren. Wahrlich, es war mir wiederum ergangen wie mit den Gesichtszügen meiner Braut, wie mit dem Traum von unserer stummen Liebe: mit meinem Wandermut hatte ich den Teufel bannen wollen, und mit meinem Wandermut hatte ich ihn erst recht beschworen. Und wäre die Dirne mir in dem Augenblick in den Weg gekommen, ich wäre mit ihr bis zur Hölle gelaufen, rein um der Seligkeit des Laufens willen. Am Rolandseck stand ein schwer bepackter Frachtwagen mitten im Wasser, wohl fünfzig Schritt weit in der Flut, die Pferde waren längst ausgespannt und gerettet; aber die hohen Wogen steigen bereits über die Räder, und wenn ein tüchtiger Trieb Eisschollen kommt, dann schwankt die ungeheure Last des Wagens rechts und links auf ihren Achsen. Ich hatte eine Minute den Blick abgewandt von dem Wagen, denn der schlüpfrige Pfad unter meinen Füßen forderte ein wachsames Auge. Als ich wieder zurückblickte, – war der mächtige Frachtwagen spurlos in den Fluten versunken. Bei Remagen hatten sich die größten Schiffe mitten auf der Koblenzer Landstraße vor Anker gelegt und ihre Taue an den Alleebäumen zu beiden Seiten befestigt, und doch mochten sie sicher noch ein paar Fuß Wasser über Not unter dem Kiel haben. Die wilden Wogen brandeten allerorten zerstörerisch in den Baumpflanzungen und Gärten. Bei Linz, wo die Ufer weit und flach sich hinlagern, sah ich einen kleinen Kahn, der über das überflutete Ackerland hinausfuhr. Aber auch da noch waren die Strudel so wild, daß der Kahn bald rund im Kreise herumgerissen, bald pfeilschnell ein Stück stromabwärts gestoßen wurde, während sich die rastlos Rudernden vergebens müheten, das Ufer zu erreichen. So woget das Herz des Gottlosen stets ungestüm und kann nicht stille sein, gleich der hohen Flut – wie die Schrift sagt. Hörst du's, wanderlustige Zigeunerdirne! und die Diebe zählen auch zu den Gottlosen! Aber sie weiß ja nicht, daß Stehlen Sünde ist, – wie sollte sie eine Gottlose sein? In der Brohl hatte ich ein kleines Kind gesehen, wie es, fest in die Wiege gebunden, vom Strom angespült wurde. Das Kind war tot, unversehrt, kaum merklich blaß und lächelte wie im Schlaf. Selbst die umstehenden Schiffer, steinharte Männer, vom Wetter und der Sonne braun geglüht, wurden weich bei diesem Anblick. Wo ich in ein Wirtshaus trat, da saßen die Leute zusammen und fragten mich aus, wie es weiter unten stehe, und kaum wollten sie mir's glauben, daß ich den bösen Weg habe überwinden können, und prophezeiten mir immer, ich komme gewiß keine halbe Stunde mehr über das Dorf hinaus, und doch bin ich mit Gottes Hilfe stets weitergedrungen. Wo ich einsprach, da hatte ein jeder von seinem Unglück zu erzählen. Dem einen war die Flut so jählings in den Keller gedrungen, daß sie ihm alle Fässer an die Decke drückte und zersprengte und nun der ganze Keller gleichsam ein großer Kübel war voll Rheinwein, mit Rheinwasser gemischt. Der andere hatte seine Kühe auf den Speicher schleppen müssen; den dritten hatte das Wasser ganz aus dem Hause vertrieben, und in der Tat war ich an manchem sonst stattlichen Bau vorbeigegangen, der jetzt nur noch mit der Dachfirst einen Fuß hoch über die Wellen ragte. Eine Stunde Wegs unter Andernach waren alle tieferen Pfade überschwemmt, daß ich bis zum Kamm des steilen Bergzuges hinansteigen mußte, so hoch, daß mir zuletzt selbst der hohe Hammerstein auf der anderen Seite tief unter den Füßen lag. Der Sturm da oben auf der kahlen, felsigen Höhe faßte brausend meinen flatternden Kittel und zerrte und wütete, ihn mir zu entreißen; ich selbst aber, mit dem schweren Ranzen beladen, vermochte kaum den Windstößen standzuhalten und fest auf den Beinen zu bleiben. Als ich den Gipfel der jähen Steige erklomm, rastete ich eine Weile und blickte noch einmal in die Tiefe hinunter. Da sah ich ein Weib hinter mir den Pfad heraufsteigen; – sie winkte mir, – rief mir zu, – aber ihre Worte verschlang der Sturm. Ja, ich erkannte es gleich, das feuerfarbene Tuch, welches um ihren Kopf flatterte – – es erfaßte mich eine gräßliche Angst. Als eine Hexe fährt sie daher im Sturm und hat dir's angetan, daß dir ihr Landstreicherleben jetzt so herrlich dünkt, und eine Diebin so schön, daß du sie vor Gott entschuldigen willst und sagen, sie habe gestohlen und sei doch nicht gottlos. Darum, weil sie eine Hexe ist, erblaßte sie, als sie das Herz mit den Buchstaben A.E.S., das Zeichen einer treuen und frommen Liebe, auf deinem Arme eingeätzt sah. Und ob mir's gleich bleischwer in die Beine fiel und der bucklichte Pfad in den Klippen jeden Augenblick einen Sturz bringen konnte und bald da, bald dort ein Dornstrauch mich am Rocke zurückhielt, rannte ich doch davon, als sei mir ein Mörder auf den Fersen. Sie lief mir eine Weile nach, winkte und rief immer lauter – es klang mir wie eine Warnung, – aber wer konnte die Worte verstehen in dem rasenden Sturmgeheul? Nicht bloß dem Mädchen wollte ich durch das Laufen entrinnen, mehr noch der Versuchung, die mir im eigenen Herzen entgegenwinkte und entgegenrief. Zu Boden wollte ich sie laufen: zu Boden laufen meine grauenhafte, ziellose Wanderlust, Gift mit Gift vertreiben, und ich flog die Felsenpfade hinauf, hinunter wie der luftige Teufel. Endlich mußte ich einen Augenblick verschnaufen. Ich schaute zurück. Das Mädchen war verschwunden. Als ich da oben ging, sah ich tief unten auf dem übermächtigen Strome ein einziges Schiff, schwer beladen, pfeilschnell dahinfahren. Wer mochten die Waghälse sein, jetzt, wo die kecksten Schiffer sich nicht aufs Wasser getrauten? Ich erkannte die rote Flagge und sah eine bunte Menschenmenge auf dem Verdeck – es war ein Schiff mit Werbesoldaten. Und wenn ihnen die Kerls auch alle krepierten, die Seelenverkäufer können's nicht abwarten, bis sich die hohe Flut verlaufen hat, und müssen in jedem Frühjahr die Schiffahrt eröffnen. Sowie der Sturm eine Sekunde schwieg, hörte ich den Gesang dieser verzweiflungsmutigen Verkauften gedämpft heraufklingen. Es war ein Soldatenlied eigener Art, ein Spott- und Klagelied, sie aber sangen's mit lautem Jubel: »Ach, ich armer Werbsoldat, Der nur den Tag drei Kreuzer hat Und anderthalb Pfund Brot, Wie leid' ich schwere Not! Fürs Geld laß ich mir waschen Mein Hemd und die Gamaschen, Und wenn ich das nicht tu', Krieg' ich noch Schläg' dazu.« Ein solches Lied, von solchen Leuten mit toller Lust gesungen, denen die gegenwärtige Stunde jeden Augenblick zur Todesstunde werden konnte, war grausig anzuhören. Und es war mir, als zögen hinter dem Schiffe her wie ein Gespensterschwarm die Klagen und Verwünschungen der verlassenen Eltern, Weiber, Kinder, Bräute, denen die meisten dieser Gesellen, gleichfalls in toller Wanderlust, freventlich fortgelaufen waren, und wann die Wellen so hoch an dem Schiffe aufschlugen und die drängenden Eisschollen es oft mitten im Laufe querschoben, dann wußte ich da droben nicht mehr, ob der Sturm im Augenblicke nur den Gesang verschlungen hatte oder das Wasser und der Hölle Abgrund auch die Sänger! Aber jetzt haben sie wieder gutes Fahrwasser gewonnen. Horch! man hört sie auch wieder singen: »Und wenn ich das nicht tu', Krieg' ich noch Schläg' dazu.« Da kam mir die volle Besinnung wieder, und ich gelobte mir fester als jemals, als ein ehrlicher Schlossermeister auf dem Westerwalde leben und sterben zu wollen. Oben in den Schluchten des Bergzuges hatte ich mich verlaufen. Ich war entsetzlich müde, aber ich eilte unaufhaltsam vorwärts, die pfadlosen Steigen auf und ab; nur manchmal, wenn mich Hunger und Müdigkeit gar zu arg überwältigten, kniete ich auf die Erde nieder und raffte mir eine Handvoll halbgetauten Schnee zusammen, den ich gierig aufsog. Endlich konnte ich wieder ins Tal hinabsteigen. Da sah es traurig aus. In dem engen Wiesengrunde hatte mir die Flut nur einen schmalen und gefährlichen Weg übriggelassen, aber das Wasser stand hier ganz ruhig wie ein Landsee in dem geschlossenen Becken. Im Vordergrund lag ein rings umspültes altes Kirchlein, dichtes Weidengebüsch umgab den daran grenzenden Kirchhof, dessen Kreuze und Steine nur noch halb aus dem stillen Wasserspiegel ragten. Der Wind schwieg, und Schneegewölk und wolkige Nebelmassen hatten sich wie mit einem Schlag von den Bergen niedergesenkt; sie wandelten den Tag in Dämmerlicht und hüllten das ganze Land in ein unabsehbares Grau, so daß ich, obgleich mir die Berge fast auf der Nase lagen, in ein weites Meer hinauszuschauen glaubte. Ich konnte nicht vorwärts, nicht zurück und stand da wie von Gott und der Welt verlassen, wie mir's niemals auf der ganzen Wanderschaft begegnet war. Da holte mich das Zigeunermädchen ein. »Warum habt Ihr auf mein Rufen nicht gehört? Ich wußte wohl, daß Ihr den Weg verfehlen würdet!« Ich biß die Zähne zusammen und erwiderte kein Wort. Denn je mehr ich mich der Heimat näherte, um so fester ward mir der Sinn, um so reiner die Gedanken. Es war der Segen der Heimkehr, der jetzt schon halb auf mir ruhte. Furchtbar wehe tat es mir, also zu schweigen, und dem Heidenkind hat es wohl viel weher getan, das las ich auf ihrem verstörten Gesichte. Schweigend führte sie mich nun den schmalen Pfad mitten durch die Flut, und manchmal dünkte sie mir wieder wie ein rettender Engel, vor dem die Wasser auseinanderwichen. Bei einbrechender Nacht kamen wir nach Andernach. Ich vermochte nicht in glatten Worten den Dank auszusprechen. War sie mir nicht wieder gefolgt mit der Treue und Dankbarkeit eines Hundes, den wir fortjagen und der immer wiederkommt, um uns freundlich anzuwedeln, mit seinem großen, rätselvollen Auge anzuschauen und unsere Hand zu lecken? Für solche herzbewegende Hundetreue fand ich keinen gangbaren Spruch des Dankes. Ich drückte ihr nur die Hand, wie man den Hund zum Danke streichelt. Nun wir uns aber trennten, ging ihr noch einmal der Mund auf, und sie beschwor mich, um meiner eigenen Sicherheit willen heute abend nicht weiterzuwandern. Ich sagte dies, glaub' ich, gedankenlos zu, allein im stillen Sinne nahm ich mir dennoch vor, trotz der Dunkelheit bis zum nächsten Dorfe stromaufwärts zu gehen, denn in den Städten ist teuere Herberge. Vor Andernach kamen mir ein paar Bauersleute entgegen. »Ihr kommt keine Viertelstunde mehr vorwärts vor dem Wasser«, riefen sie, »kehrt doch um!« Ich aber war trotzig und dachte: »Hab' ich heute schon so oft die Flut betrogen, dann werde ich es jetzt auch zum letztenmal können« und schritt mutig in die Nacht hinein. Ich hatte aber nicht bedacht, daß ein gar wildes Eifelwasser, die Nette, eine halbe Stunde über Andernach in den Rhein fällt, und so stand ich auf einmal wieder vor der Flut, und hätte ich sie umgehen wollen, dann hätte ich wohl bis in die Eifel hinaufgehen können, denn die Nette ist das schlimmste Weib, wenn sie wild wird, wirft alle Brücken ab und füllt das ganze weite Tal aus. Wie ich nun sehe, daß ich in eine Sackgasse gerannt bin, und ganz verblüfft vor dem endlosen Wasser stehe – es war schon schwarze Nacht geworden –, höre ich drüben eine Männerstimme meinen Rufen antworten: »Wartet eine Weile, ich komme mit dem Nachen und hole Euch über die Nette!« Also fasse ich mich in Geduld, lehne mich an eine niedere Gartenmauer – etwas abseits stand ein alter Nußbaum – und sehe ruhig zu, wie das Wasser von Minute zu Minute mächtiger aufschwillt und schon vor meinen Füßen zu plätschern beginnt. Der Mann mit dem Nachen kam nicht. Ich rufe, er antwortet nicht. Ich warte und warte, aber kein Nachen läßt sich hören. So mochten zwei, drei Stunden vergangen, es mochte gewiß zehn Uhr geworden sein. Da sehe ich erst, daß das Wasser rings um mich her alles überströmt hatte, und auch unter den Füßen begann mir's naß zu werden. Jetzt wäre ich gerne zurückgegangen; aber wie sollte ich den Weg finden? Konnte ich in der Nacht erraten, wo hier das Wasser zu durchwaten war oder wo es mannstief stand? Ich schwang mich auf die Gartenmauer. Hier war ich vorerst in Sicherheit. Meine Lebtage werde ich's nicht vergessen, wie grauenhaft schön die unendliche Wasserfläche in dem weiten, dunklen Tale aussah. Dem stürmischen Tag war eine ganz stille Nacht gefolgt. Fern dort drüben erglänzte eine Reihe von Lichtern mitten in der Flut, so friedlich glitzernd in dem dunklen, regungslosen Wasserspiegel wie droben die Sterne im Himmelsraum. Es war das Städtchen Neuwied, welches ganz unter Wasser stand. Dazwischen hörte ich immerfort das leise, unheimliche Geplätscher der ganz sacht, aber sicher andringenden Wogen. Wie oft mühte sich mein Ohr, den rettenden Ruderschlag in dem Plätschern zu erkennen! Aber es war und blieb immer nur das eintönige, emsige Geräusch der öden Wassermasse. Da überlief es mich wie Todesangst, denn schon stieg mir das Wasser selbst auf der Mauer bis an die Füße heran. Ich begann eine Art Zwiesprache mit dem lieben Gott, worin ich ihm in Demut vorhielt, wie wenig geeignet gerade der gegenwärtige Zeitpunkt sei, mich von der Welt zu rufen. Und wenn er, der liebe Gott, mich so wunderbar bis zur Nette geführt, dann könne er mich doch wohl auch noch ein paar Stunden Wegs weiter auf den Westerwald führen, da es nicht abzusehen sei, warum ich gleichsam vor der Haustür nun noch im Hochwasser ersaufen solle. Endlich raffte ich mich zusammen und schwang mich keck zu einem dicken Aste des Nußbaumes hinüber, der hinter der Mauer stand. Da saß ich nun in den Zweigen, für die Nacht geborgen, und obgleich ich noch jezuweilen meinen Ruf erneuerte, verfiel ich doch allmählich in einen fieberhaften Schlaf. Gottes Engel haben mich gehalten, daß ich nicht herabgestürzt bin. War mir's doch im Traume, als ob meine zeitweilig erneuerten Rufe erst fernher, dann immer näher erwidert würden. Aber es klang wie von einer Frauenstimme. Und dann deuchte mir's, als komme das Zigeunermädchen als ein Meerweibchen, wie man sie auf den Stadtbrunnen sieht, zu mir herübergeschwommen und locke mich mit ihrem Gesang zu sich hinab in die Tiefe. Die weibliche Stimme tönt immer lauter. Nein, es war kein bloßer Traum. Ich wache auf. Da sehe ich ziemlich weit von mir ganz vorn im Strome das Mädchen auf dem äußersten Endpunkte der Mauer sitzen. Sie schrie bald aus Leibeskräften um Hilfe, bald rief sie mir zu, mich aufrechtzuhalten, denn sie mochte sehen, wie ich, vom Schlaf auftaumelnd, auf meinem gefährlichen Sitze wankte und fast herabgefallen wäre. Rasch erkannte ich ihre Lage. »Komm zu mir auf den Baum! Nicht eine Viertelstunde mehr wirst du auf der Mauer sitzen können. Das Wasser reißt dich weg, die Mauer stürzt ein!« »Ich komme nicht!« rief sie. »Wolf und Lamm werden Freunde auf dem schmalen Stückchen Rettungsland, wenn der Tod ringsum nach ihnen den Nachen aufsperrt, nicht aber Menschen, die sich fliehen. Dich zu retten bin ich hier, nicht mich!« Und sie verdoppelte ihren Hilferuf in die schwarze Nacht hinein. »Ich fliehe dich nicht«, entgegnete ich,»ich bin dir gut, nur her zu mir!« Da sprach sie, und es klang mir wieder beim Geplätscher der Wasser wie ein Gesang des Meerweibes in meinem Traume: »Meine Horde hat mich jetzt ausgestoßen um deinetwillen. Die Gottlose, die Verfluchte, die du mich genannt, bin ich jetzt ganz geworden um deinetwillen. Es gibt nur eine Erlösung für mich. Sei du mein! Laß uns selbzwei frei die Erde durchwandern. In Norwegen, in Spanien finden wir Stämme, die uns aufnehmen. Nur so du mir dies versprichst, komme ich zu dir auf den Baum. Schwur und Siegel unserer Verlöbnis sei es, daß ich in dieser Stunde der Todesnot zu dir auf den Baum komme!« Da erzitterte mir das Herz. Und es ward mir einen Augenblick fast zumut wie in jener Nacht in der Wildhüterhütte. Aber ich gedachte auch wie in jener Nacht an das Herz mit den Buchstaben A.E.S., welches ich auf dem linken Arme trage, und gedachte, daß ich Martin Hildebrand heiße. Und es war mir, als ob die zwei mannhaften Streiter dieses Namens jetzt leibhaftig mir zur Seite träten. Zur Linken stand Doktor Martin Luther, der geistliche Ritter, und hielt seine große Bibel vor mich gleichwie einen Schild; zur Rechten stand der alte Hildebrand, der weltliche Rittersmann, und erhub wie zum Angriff seinen mächtig großen Ritterspieß – – – – Und da kam die Hilfe der Seele zumal und dem Leib! In einer Mühle, die weiter aufwärts an der Nette liegt, hatte man des Mädchens Ruf vernommen. Der Ruderschlag nahete. Ich sah, wie der Nachen, mit den Wirbeln kämpfend, mählich dem Baume zufuhr. Aber ich konnte meine Blicke nicht mehr rechts oder links schweifen lassen; denn zur Rechten und Linken standen wie Männer aus Erz die Gestalten der beiden tapferen Streiter; immer mußte ich das Auge geradeaus auf die Spitze des rettenden Nachens heften. Ich hörte ein dumpfes Rollen – – wer gibt auf alle unheimlichen Töne acht in dieser schrecklichen Stunde? Jetzt hat der Kahn den Baum erreicht. Ich springe hinein, der Schiffer stößt ab. »Halt!« rufe ich. »Erst dort hinüber an die Mauerecke, dort sitzt noch ein Weib, das wir retten müssen!« »Ich sehe nichts!« Auch ich konnte nirgends mehr das feuerfarbene Tuch erblicken. »Aber steuert nur auf die äußerste Mauerecke zu!« rufe ich verzweiflungsvoll. Der Schiffer blickte scharf hinüber nach der Stelle. »Die Mauerecke ist verschwunden«, spricht er; »als ich herüberfuhr, habe ich etwas rollen hören: das muß die einstürzende Mauer gewesen sein.« Wir suchten und riefen noch lange. – Wir erhielten keine Antwort. Nur das Wasser plätscherte und wirbelte etwas stärker über dem versunkenen Mauerstücke. – – »So ist die Zigeunerin ertrunken!« sprach ich endlich halblaut, und kaum vermochte ich das Wort über die Lippen zu bringen. »Wie? nur eine Zigeunerin war's!« rief der Schiffer. »Und darum haben wir so lange gesucht? Das Gesindel kann ja gar nicht ersaufen. Werft eine Zigeunerin mitten in den Rhein, und wenn sie schon nicht schwimmen kann, ersäuft sie doch nicht. Daran erprobt man ja gerade die Hexen, daß das Wasser sie nicht verschlingen mag, damit es für sich nicht raube, was dem Feuer oder dem Strick gehört!« Und rasch wandte er den Kahn dem Lande zu. Das ist geschehen am 28. Februar 1781, und jedes Jahr hab' ich mir für diesen Tag ein Kreuzlein in den Kalender gemacht. Am anderen Tage ging ich bei Koblenz über den Rhein und erreichte die heimatlichen Berge. Da saß ich nun warm an meines Vaters Herd, und wo der Has geheckt ist, da sitzt er gern. Ich hatte einen neuen Menschen angezogen; an der Nette war es mir armem Sünder ergangen wie einem größeren bei Damaskus. Aus dem unsteten, wilden Burschen war ich über Nacht ein gesetzter Mann geworden. In Jahr und Tag hielt ich Hochzeit mit meiner lieben Anna Elisabeth, deren Gedächtnis ich so fest im Herzen getragen habe auf der ganzen langen Wanderschaft; zwar nicht ohne Anfechtung, aber der Herr ließ die Versuchung immer so ein Ende gewinnen, daß ich es konnte ertragen. Wunderlich ging mir es aber nun mit den Buchstaben A. E. S. auf meinem linken Arm. Wenn ich sie betrachtete, dann mußte ich immer an die Zigeunerin denken (ganz ähnlich und doch anders wie vordem bei ihrer Nase an die Schaufflerin), an das braune Heidenkind, das mir so viel Treue und Dank erwies, das mir nachfolgte, dankbar wie ein Hund und von mir gestoßen, wie man nur einen Hund wegstößt. Ja, es ward mir bei der Geschichte noch manchmal wirr im Kopfe. Warum hat sie mir so viel Lieb's und Gut's erweisen wollen? Sieh, es war doch alles nur Liebe, hervorgeblüht aus Dankgefühl für eine einzige ganz kleine, arme Freundlichkeit, – ich sage noch einmal: recht wie bei dem edelsten Hunde! Wenn Zigeuner durch unsere Stadt ziehen mit ihren kleinen langhaarigen Schimmeln, die Männer das Haar in lange Zöpfe geflochten, jedes Weib einen schreienden kleinen Balg auf dem Rücken, voran die bösen Bullenbeißer mit den struppigen Haaren: dann schaue ich allemal zum Fenster hinaus, aber mein Zigeunermädchen ist nicht unter ihnen. Dann klang mir auch lange noch das dumpfe Geroll der einstürzenden Mauer in den Ohren. Es lautete fast, wie wenn man die Schollen auf einen Sarg rollen läßt. Und nun fällt mir noch ein: – ich habe niemals erfahren, wie das braune Mädchen geheißen hat, weder mit ihrem Zigeunernamen noch mit ihrem Namen, welchen sie bei den Christen führte. Meine eigenen Namen aber hielt ich seitdem besonders hoch in Ehren und sah mich vor, sie nicht mit Schanden zu verunzieren, damit ich wohl bestehen könne vor meinen beiden Wächtern, dem Doktor Martinus mit seinem Glaubensschild, der großen Bibel, und dem alten Hildebrand mit seinem großmächtigen Ritterspieß. Revolutionszeit Der Zopf des Herrn Guillemain. 1863 Wie hätte sich der Alte Fritz die Augen gerieben, wenn er vor fünfzig Jahren aus dem Grabe erwacht wäre und der Leipziger Völkerschlacht ein wenig hätte zuschauen dürfen! Oder was würde der alte Bonaparte sagen, wenn er heute nur auf einen Tag wiederkäme und seinen Neffen in kaiserlicher Politik hantieren sähe? Oder der alte Bach, wenn er eine Beethovensche Symphonie hörte? Oder unsere Urgroßmutter, wenn sie vom Himmel herunter einen Eilzug gewahrte, wie er gleich einer feuerschnaubenden Schlange durch die Landschaft zischt? So hat schon mancher gefragt, und große und kleine Kinder plagen sich überhaupt gerne mit der Rätselfrage, was ein Verstorbener wohl sagen würde, der, plötzlich wiederkommend, die ganze Welt verändert fände. Ist inzwischen gar so handumgekehrt vieles neu und besser geworden, worauf jener bei Lebzeiten vergebens hoffte, dann denken wir: der Mann wird gehörig staunen und sich freuen und zugleich sich ärgern, daß er vor drei oder sechs Jahren hat sterben müssen; uns aber rechnen wir es fast als einen Ruhm an, daß wir so gescheit waren, noch etliche Jahre länger zu leben und die Sonne nach dem Nebel abzuwarten. Ich erinnere mich aus meiner Jugend, daß einmal in meines Vaters Hause unter Freunden von solchen Dingen geredet ward. Mein Vater durchschnitt das ziellose Für und Wider mit der Frage, ob denn niemand den Herrn Guillemain von Mainz kenne, der sei ja fünf Jahre lang so gut wie verstorben gewesen und plötzlich wiedergekommen in eine neue Welt, die mittlerweile fast genau so geworden, wie er sich's gewünscht habe; der könne am besten erzählen, wie es einem da zumute sei. Ich hörte das nur so im Vorbeigehen, denn als zwölfjähriger Bube lief ich nur eben im Zimmer ab und zu; aber die wenigen aufgefangenen Worte arbeiteten und wühlten in meiner Einbildungskraft, zumal ich noch vernahm, daß Herr Guillemain ein unglücklicher Mensch geworden sei durch die wunderliche Gnade, halbwegs sterben und dann wiederkommen zu dürfen, um eine neue Welt, welche er geträumt, plötzlich aufgebaut zu sehen wie das Kind am Weihnachtsabend den flimmernden Christbaum. Als ich darum kurz nachher mit dem Vater wieder einmal nach Mainz kam, bat ich ihn, er möge mir heute eine rechte Merkwürdigkeit zeigen, und als er mich fragte, was ich denn sehen wolle, ob den Eichelstein oder die Martinsburg oder die Menagerie auf der Messe, antwortete ich: »Ich will nichts weiter sehen als den Herrn Guillemain.« Mein Vater erwiderte lächelnd: »Wenn's möglich ist.« Nach manch ermüdendem Spaziergange, wobei ich jeden Begegnenden vergebens darauf ansah, ob er nicht etwa Herr Guillemain sei, kehrten wir ein in den »Drei Kronen«. Es ging dort sehr lebhaft zu, und wir fanden nur mit Mühe noch einen Platz am Wirtstische gegenüber einem munteren alten Herrn, der sich mit sichtbarem Behagen seinen Schoppen schmecken ließ. Er schien ein Stammgast des Hauses und hatte, redselig wie ein echter Rheinländer, meinen Vater bald in ein lebhaftes Gespräch über gleichgültige Dinge verflochten, von denen man spricht, um zu sprechen. Obgleich der Mann wie ein frischer Fünfziger dreinschaute, erfuhr ich doch nachgehends, daß er bereits tief in den Sechzigen stehe. Er war vornehm, doch etwas altmodisch gekleidet und hatte sein reiches schneeweißes Haar hinten in ein ganz kleines, bolzgerade hinaufstehendes Zöpfchen geflochten. Solch ein echter aus dem achtzehnten Jahrhundert herübergeretteter Miniaturzopf war damals – in der Mitte der dreißiger Jahre – längst die größte Seltenheit, und nur bei einem alten Gerbermeister in Bingen und einem pensionierten weiland nassau-usingischen Leibkutscher in Biebrich hatte ich noch seinesgleichen gekannt. Als wir uns nach einer Stunde Rast wieder zum Aufbruche anschickten, flüsterte mir mein Vater zu: »Fasse den Mann mit dem Zopfe noch einmal recht genau ins Auge; das ist der Herr Guillemain, den du zu sehen begehrt.« Ich war aus den Wolken gefallen und bedauerte innigst, daß ich die Menagerie nicht vorgezogen hatte. Denn den Herrn Guillemain, der fünf Jahre lang so gut wie gestorben und dann wiedergekommen war, um höchst unglücklich zu werden, hatte ich mir als einen Patriarchen mit langem Barte gedacht, den wir in irgendeiner Spelunke hätten aufsuchen müssen, wo er, auf dem Stroh gelagert, ein halb verschimmeltes Stück Brot und einen großen Wasserkrug zur Seite, von vergangenen und künftigen Tagen im Stile der Klagelieder Jeremiä mit hohen Worten gepredigt hätte. »Und der Mann soll so gar unglücklich sein?« fragte ich auf der Straße recht ärgerlich den Vater. Dieser aber erwiderte: »Wann du älter geworden, dann wirst du erfahren, daß man mit seinem Rock und glattem Gesicht jeden Abend in den »Drei Kronen« sitzen, ein artiges Gespräch führen und ein gut Glas Wein mit Verstand trinken und dennoch ein höchst unglücklicher Mensch sein kann. Dann wird es auch Zeit sein, daß ich dir die Geschichte des Herrn Guillemain ausführlich erzähle; jetzt verständest du sie doch noch nicht.« Ich vergaß bald meinen Ärger samt dem Herrn Guillemain, und erst nach vielen Jahren, als der alte Herr mit dem Zöpfchen längst zum zweitenmal und nicht bloß beinahe verstorben war, erfuhr ich die Geschichte. Seitdem aber gereute es mich gar nicht mehr, daß ich damals lieber den merkwürdigen Menschen, wenn auch mit dem Auge eines Kindes gesehen als die Menagerie auf der Messe. Und so erzähle ich denn auch hier wieder Lesern, die keine Kinder mehr sind, jene einfache Geschichte, nachdem ich ihnen bis hierher den Mann ganz ebenso als ein unverstandenes Rätsel vorgeführt habe, wie er mir selber zuerst erschienen ist. Erstes Kapitel Joseph Guillemain war als junger Mann ein rechter Erzdemagog – soweit man dies nämlich zwischen 1780 und 1790 in Mainz und der Umgegend sein konnte. Eigentlich aber war er Maler. Sein Sinn ging auf die hohe und ernste Kunst; er wollte nur Geschichte malen, wie er später Geschichte machen wollte; Michelangelo war sein Vorbild und Liebling, dann Rubens. Die frühesten Skizzen des Kunstjüngers sahen darum sehr »genialisch« aus, wie man es damals nannte: – gewaltige Motive, überkühne, oft verworrene Gruppen, eine Übernatur in Form und Farbe, welche die reiche, in Sturm gestaltende Phantasie verriet, aber des läuternden Schönheitsgefühles entbehrte. Er war ein Mann des großen Stiles, und seines Vaters großer Geldbeutel gestattete ihm so frei, wie er nur immer wollte, im großen Stile zu malen. Als erstes Hauptwerk hatte er einen figurenreichen Karton begonnen, den Tod des Cäsar, welcher von Kennern mit hohem Lobe geprüft wurde, von Nichtkennern mit noch höherem, und es galt für ausgemacht, daß der Künstler nach Vollendung des Bildes mit dem Titel eines kurfürstlichen Hofmalers tax- und stempelfrei würde begnadet werden. Sein Vater, trotz des französischen Namens ein echter Kurmainzer, wartete mit Stolz auf diesen glücklichen Tag. Neben all den Bewunderern des Bildes stand nur ein einziger wahrer Freund, der sein Urteil ganz ehrlich von der Leber weg sagte, Doktor Kringel, ein junger Arzt. Er meinte, mit solchen Mord- und Aufruhrgeschichten solle Guillemain sich doch nicht plagen, sondern friedliche und ansprechende Bilder malen, etwa eine badende Nymphe oder den heiligen Nepomuk; das seien ja auch historische Stoffe, wenn man sie sechs Fuß hoch anlege. Guillemain verstand den Spott, denn er war selbst ein witziger Kopf, und wäre er dies nicht gewesen, so würde er vermutlich gar kein Demagog geworden sein. Begeistert für seine besondere Kunstrichtung, wußte er mit dem übermütigen Selbstgefühle der Jugend jede andere in Grund und Boden zu spotten. Hundert Epigramme, die er in flüchtigem Worte hingeworfen oder auch beim Weine in einen lustigen Reim gefaßt, durchliefen die Stadt. Und da die Kunst all sein Leben erfüllte, so wollte er auch, daß alles andere Leben in der ganzen Welt nach seinem künstlerischen Ideale umgewurzelt werde. Ganz Mainz und das übrige Europa war ihm viel zuwenig titanisch; ein echter Stürmer und Dränger, schlug er Pfaffen und Junker, Pedanten und Spießbürger, die ihm rings in die Quere liefen, mit der Geißel des Witzes. Die lebendigen Menschen sollten werden wie die gemalten auf seinen Bildern, und so ingrimmig freiheitsdurstig, so aufgequollen pathetisch, dazu so hochgestilt im stolzen Togawurf wie die Figuren seines Cäsarkartons, bewegten sich die Mainzer von 1785 allerdings eben nicht. Waren sie aber auch keine Gracchen und Brutusse, wie es Guillemain gewünscht, so verstanden sie doch einen Spaß besser als vermutlich jene alten Römer und jubelten dem jungen Maler Beifall zu, der so keck und lustig Hiebe nach rechts und links austeilte. Denn jeder einzelne glaubte sich selbst nicht getroffen, freute sich aber, daß sein Nachbar etwas abgekriegt habe. Guillemain war darum bald das Schoßkind der Mainzer Gesellschaft und wurde einmal sogar zu Wein und Butterbrot in ein adeliges Haus geladen, was zu selbiger Zeit in Mainz viel sagen wollte. Unter Freunden sprach der Maler wie ein Prophet: »Das Deutsche Reich wird seine Revolution durchkämpfen so gut wie Nordamerika; es wird seinen Washington, seinen Franklin und Lafayette schon finden, ein neues, freies Leben wird erblühen!« Fragte dann aber Doktor Kringel, wann das alles geschehen werde, so antwortete Guillemain: »Heute und morgen schwerlich und vielleicht erst, wenn uns allen längst kein Zahn mehr wehe tut«. Und fragte Kringel, wie denn das verbesserte Reich ungefähr aussehen solle, so erwiderte jener, das wisse er nicht; denn wenn er's wisse, so sei es zu spät zum Prophezeien und die glückselige Zeit schon angebrochen. Berauscht vom Erfolg, ging Guillemain mit seinen Satiren immer toller ins Zeug und machte eines Tages eine rechte Dummheit im deutschesten Sinne des Wortes. Als er nämlich einmal mit sehr jugendlichen und grünen Freunden nicht mehr beim ersten Schoppen saß, schnitt er sich zum Zeichen des Bruches mit allen bildlichen Zöpfen seinen eigenen natürlichen Zopf ab und legte ihn, begleitet von einer anonymen gereimten Epistel, in eine Schachtel, die er auf der Stelle wohlversiegelt an den Kurfürsten schickte. Als der künftige Hofmaler des anderen Morgens beim stark verspäteten Frühstücke saß, trat Doktor Kringel ins Zimmer, zog einen falschen Zopf aus der Tasche und beschwor den Freund, sich doch diesen anzuheften, daß man ihn nicht sofort als den Absender der frevelhaften Schachtel entdecke. Guillemain sträubte sich und meinte, da hätte er dem Kurfürsten lieber gleich einen falschen Zopf überschicken und den echten behalten sollen; der Arzt dagegen suchte ihm zu verdeutschen, daß es freilich nur ein schlechter Witz sei, wenn man einen abgeschnittenen Zopf an einen Privatmann adressiere; sende man aber einen schlechten Witz an einen Kurfürsten, so sei das Majestätsbeleidigung. Entrüstet stutzte Guillemain über dieses Wort; allein er hat nicht Zeit, lange zu stutzen, denn der Kapaunenstopfer des Kurfürsten trat herein, brachte die Schachtel samt ihrem Inhalte zurück und meldete, der gnädige Herr lasse danken für das zugedachte Geschenk und die Verse von wohlbekannter Hand. Neues habe er nicht aus denselben gelernt, denn daß Herr Guillemain einen Sparren zuviel im Kopf habe, sei ihm schon längst bekannt gewesen. Der Maler stand wie ein begossener Pudel vor dem Kapaunenstopfer, der eine Weile wartete, als hoffe er auf ein Trinkgeld. Da raffte sich Guillemain plötzlich auf, gab ihm einen Louisdor, sagte: »Auf eine fürstliche Botschaft gehört fürstlicher Botenlohn«, packte ihn beim Kragen und warf ihn die Treppe hinunter. Er war zunächst wütend darüber, daß der Kurfürst den schlechten Witz doch nicht für Majestätsbeleidigung genommen hatte; sechs Monate Festung wären ihm lieber gewesen als dieser verachtende Hohn. Dann hätte er grollen und klagen und über dem Zorn die Scham vergessen können, und jetzt war ihm gar nichts anderes übrig, als sich zu schämen. Nicht so sehr aber hatten ihn die Worte des Kurfürsten beschämt als der Bote, welchen man geschickt. Wäre noch der Hofmarschall oder ein Sekretär oder auch nur ein Kammerdiener oder Lakai gekommen, – aber der Kapaunenstopfer! ein versoffener Kerl, eine Karikatur, welcher alle Gassenbuben nachliefen! Noch mehr jedoch als der Bote beschämten ihn dann zuletzt seine eigenen Verse, da er sie nüchtern las. Es waren wirklich recht betrunkene Verse. Und diese Scham nagte am tiefsten. Er machte sich Luft mit dem Ausrufe: »Es muß besser werden im Deutschen Reiche, und wenn nicht heute und morgen, so doch gewiß in Jahr und Tag!« »Es muß?« fragte Kringel erstaunt, »und gar so bald schon? Sonst sagtest du immer: »es wird« und rücktest den Termin in die blaue Zukunft hinaus! Und wie wird es besser werden?« »Das weiß ich nicht! Frage mich, wann ich Wein getrunken habe; wie kann man nüchtern ein Prophet sein!« »Bist du wirklich nüchtern«, entgegnete lächelnd der allezeit nüchterne Doktor, »so freue dich wie gewöhnliche Menschen, daß dein trunkener Streich so glücklich abgelaufen ist.« Allein gerade weil dieser Streich zunächst ohne schlimme Folgen blieb, ward er mittelbar erst recht folgenreich für Guillemains ganzen Lebensgang. Als der junge Maler ohne Zopf wieder unter die Leute kam, bemerkte er gar bald den vollkommenen Umschlag der allgemeinen Gunst. Ehrsame Bürger gingen ihm aus dem Wege, vornehme Gönner kannten ihn nicht mehr; niemand tadelte ihn ins Gesicht, denn dazu war der Spötter zu gefürchtet, aber er konnte es mit Händen greifen, wie man hinterm Rücken über ihn loszog. Weil er diesmal wirklich taktlos gehandelt, so griff man zurück und entdeckte plötzlich in hundert lustigen Streichen, die man seit Jahren bewundert hatte, eine ganze Kette von Taktlosigkeiten. Und was der Mensch gesündigt, das ließ man dann auch den Künstler büßen: seine Bilder waren über Nacht bedeutend schwächer geworden. Guillemain sagte täglich ein dutzendmal, daß er sich den Teufel kümmere um die Ungnade aller der Hofschranzen mit und ohne Livree. Sein Freund aber flüsterte ihm ins Ohr: »Du würdest das nicht so oft sagen, wenn es dich wirklich so wenig kümmerte.« Tiefer schnitt bei dem jungen Künstler allerdings das strenge Urteil seines Vaters. Der alte Guillemain strafte den mutwilligen Sohn in harten Worten – die hatte Joseph erwartet und ließ sie stille über sich ergehen; als er aber merkte, daß sein Vater nicht bloß zürne, sondern zugleich von ganzer Seele betrübt sei, weil er ihn für einen verlorenen Menschen halte, da hätte er in den Boden sinken mögen vor Groll und Schmerz. Der Stolz des Vaters zu sein, war bis dahin für Joseph selbst der größte Stolz gewesen; er konnte es nicht ertragen, daß dies mit einemmal anders geworden durch eine reine Kinderei, welche höfischer Knechtssinn zur Freveltat steigerte. Jetzt erst erhielt die öffentliche Ungunst Bedeutung für ihn, denn sie hatte ihm das Vertrauen seines Vaters gestohlen. Um Trost zu finden, ging er zu dem Freunde, mit welchem er ewig uneins war und den er doch so liebhatte. Der kam ihm diesmal in der Tat mit einem herrlichen Trost, wie er glaubte, entgegen: Der Kurfürst wußte bis zur Stunde noch gar nichts von der Schachtel; sein Sekretär hatte sie eröffnet und, da er Guillemains Handschrift erkannte, durch den Kapaunenstopfer zurückgeschickt; durch jenen Sekretär war dann allerdings der Vorgang stadtkundig geworden. Darum riet ihm der Freund, er möge ganz stille den Cäsar fertigmalen, daß er mit seinem Pinsel wieder gutmache, was er mit seiner Pinselei bei den Leuten verdorben habe. Trete er dann mit dem großen Werke sieghaft hervor, so sei die alte Zopfgeschichte begraben, und der Künstler stehe wieder rein an dem Platz, der ihm gebühre. Aber zu solchem Rate war es bei Guillemain viel zu spät. Also hatte er nicht einmal in der Gefahr des Martyriums oder wenigstens der allerhöchsten Ungnade geschwebt, und nur ein simpler Sekretär war es, der ihm einen Gegenstreich gespielt hatte! Und wegen eines solchen Spieles hatte er die Gunst der ganzen Stadt und das Herz seines Vaters verloren! Da sah man doch recht die Hohlheit unserer Gesellschaft, welche weder Spaß versteht noch Ernst und nur nach den kleinlichsten Rücksichten und Vorurteilen die Menschen und Dinge zu messen weiß! Nachdem Guillemain diese und ähnliche Gedanken seinem Freunde ausgesprochen, erwiderte derselbe ironisch: »Du hast recht! Das sicherste Mittel, den Ärger über sich selbst zu vergessen, besteht darin, daß man sich über alle Welt ärgert. In dem großen Weltmeer eines stolz aufwogenden Zornes verschwindet dann spurlos das kleine Bächlein der Selbstbeschämung.« Diese Worte nagten an dem Künstler, denn sie bargen Wahrheit. Der Freund hatte ihm sogar den Trost seines Ärgers genommen! Um die Lücke auszufüllen, spannte Guillemain nun doch den Karton seines Cäsar wieder auf; ihn hungerte nach Arbeit. Allein er erschrak über sich selbst und über sein Werk: es erschien ihm klein und unreif und hatte ihm doch früher so groß und fertig gedünkt. Er fand mit einemmal zuwenig Ideen in seiner Zeichnung, zuwenig Weltgeschichte; er hätte gern mit Frakturbuchstaben auf das Bild schreiben mögen, daß hier die alte Römerfreiheit siegt, um dennoch unterzugehen, und der Usurpator fällt, um in seinem Tode dennoch zu siegen. Aber wie sollte er das mit dem Pinsel seinen Figuren in die Gesichter schreiben? Dem Freunde predigte er stundenlang von dem hohen Berufe der Kunst, den Mitlebenden die großen Mahnworte der Geschichte in die Seele zu donnern, und von neuen und kühnen Gedanken, welche ihm in diesem Sinne für sein Bild aufgegangen. Allein seine Predigt wimmelte von Fragezeichen und war seltsam sprunghaft und zerrissen, ohne ein abschließendes Wort. Doktor Kringel hörte die Reden anfangs mit wahrer Freundesgeduld als ein gutes Wahrzeichen, daß Joseph wieder mit ganzem Herzen zu seinem Werke zurückgekehrt sei. Dann aber stutzte er und fragte ihn trocken, ob er denn auch wirklich male. »Törichte Frage!« erwiderte jener im Tone des Zornes und der Selbstironie, »ebendarum rede ich ja so viel über die Malerei, weil's mit dem Malen nicht flecken will!« Der Doktor sagte: »Ich will dir ein Rezept verschreiben: Denke eine Zeitlang gar nichts mehr und wirf alle Kompositionen in die Ecke. Suche dir einen schönen Mädchenkopf und male ihn rein, wie er dir ins Auge schaut, oder einen alten Bettelmann oder einen hübschen Buben oder meinetwegen einen Pudel, wenn dir kein Mensch sitzen will, daß du wieder Blick und Hand für Form und Farbe gewinnest. Du mußt dir deine Grübeleien hinwegmalen, denn hinwegdenken kannst du sie doch nicht.« »Da haben wir's!« rief Guillemain. »So urteilt ein gedankenreicher Kopf; wie soll nun der gedankenlose Pöbel urteilen?« Der gute Rat dünkte ihm die schwerste Beleidigung. So wenig hatte der Freund ihn verstanden, daß er ihn wieder in die Schule des Modellsaales zurückschickte! Bisher konnte Guillemain nicht mehr malen, aber er wollte es doch noch; jetzt wollte er es auch nicht mehr, er zeichnete zum Trotz nur noch in Gedanken. Wozu überhaupt noch zeichnen und malen? Die Welt muß erst einmal neu geworden sein, dann werden begabte Geister auch wieder Lust und Muße finden zu einer neuen Kunst. Bis dahin sind es nur die Feigen und Schwachen, die sich hinter die Kunst verstecken und wähnen, die Zeit stehe still, weil sie selber stillestehen. So ungefähr dachte der Künstler, und als ihn der Freund wieder einmal zur Staffelei treiben wollte, sprach er: »Ich habe die Kunst einem höheren Berufe zum Opfer gebracht, freudig und doch schweren Herzens, wie ich vorher die Aussicht auf Amt und Würde, die Gunst meiner Mitbürger, ja die Liebe meines Vaters zum Opfer brachte!« »Und worin besteht denn dieser höhere Beruf?« fragte der unausstehlich klar denkende Doktor. »Ich kenne ihn noch nicht genau, aber ich suche ihn«, erwiderte Guillemain geheimnisvoll. Allem Anscheine nach war es ihm noch nicht ganz deutlich, wie die versunkene Menschheit zu erretten sei, nur wußte er, daß die Fürsten nichts taugten und der Adel gar nichts, die Bürger sehr wenig und die Bauern nicht viel. Ja, sogar von sich selbst glaubte er mit unerbittlichem Humor, daß er geradeso schlecht sei wie alle die anderen. Allein er hatte den ernstlichen Willen, sich und die Welt zu bessern, und darum taugte er doch vergleichsweise noch am meisten. Verbittert und friedlos und dennoch gehoben von dem Bewußtsein eines reinen Strebens nach neuen und hohen Idealen, zog er oft wochenlang im Lande umher und ließ den Sturm seiner Seele in Wind und Wetter aufbrausen. »Ich studiere nach der Natur«, sagte er, »der Doktor hat es mir ja so dringend geraten; aber ich studiere die Menschen, wie sie inwendig sind, nicht wie sie in dem Trugbilde von Gesicht und Gestalt erscheinen.« Mit solchen Volksstudien verband er aber zugleich auch die Belehrung des Volkes. Er half den Bürgern die Zeitung lesen, und den Bauern brachte er sie mündlich mit. In Frankreich waren die Notabeln einberufen worden, sie hatten den Minister Calonne in die Flucht geschlagen; mächtig wuchs die Teilnahme des Volkes für die Opposition im Parlamente, auf der Straße schon ertönte der Ruf nach Generalständen. »Das sind die Vorboten einer großen Revolution!« weissagte Guillemain. In Holland war der Erbstatthalter vertrieben worden, die neuen Gedanken von Freiheit und Menschenrechten durchleuchteten die Köpfe, die Patrioten rangen mit den Anhängern des Statthalters. »Seht da!« rief Guillemain, »die Freiheit triumphiert wieder im alten Lande der Freiheit!« In Schweden gärte es unheimlich gegen den König Gustav, der für das Mittelalter schwärmte und Turniere und Ringelrennen hielt und sein Volk in die Zwangsjacke einer allgemeinen Nationaltracht stecken wollte. »Wen Gott vernichten will, den verblendet er«, predigte begeistert der Maler, »und auf das Turnier der Ritter wird das Turnier der freiheitskämpfenden Völker folgen.« In Polen schlich die Empörung heimlich einher, aber Guillemain sah sie schon offen ihre Blitze schleudern. In Belgien verweigerten die Bürger die Steuern und bewaffneten sich gegen die Reformen Josephs zum Kampfe für das Herkommen, und in Ungarn erhob sich der Adel, um für die Leibeigenschaft zu streiten. »Das ist eine niederträchtige Sorte von Revolution«, eiferte Guillemain, »aber die Leute haben doch wenigstens das Zeug, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben; sie wollen sich nicht wie Schafe regieren lassen, wenn auch vom besten Hirten, und das Volk wird von dem Adel lernen, wie man Revolution macht, und wird dann seinen Lehrmeistern auf die Köpfe schlagen. – In allen Winden steigen Wolken auf, sie werden sich zu einem furchtbaren Gewitter über unseren Häuptern sammeln: wohl dem, der sein Haus bereitet hat!« Einige spotteten über diese Predigt, andere ärgerten sich; mehrmals ward der Prophet auch aus den Wirtshäusern hinausgeworfen und geprügelt. Das kümmerte ihn wenig. Er verglich sich bescheiden mit dem Apostel Paulus, der auch viele Schläge erlitten, doch sagte er's nicht laut, weil Bibelzitate nicht im Geschmack der Zeit waren. Da er aber an seine eigenen Reden glaubte und sie in begeisterter Überzeugung vortrug, so bewunderten ihn auch manche und hingen ihm an. Guillemain verbat es sich, daß man ihn noch einen Maler nenne; er sagte: »Ich bin ein Patriot, weiter nichts, und an diesem Berufe habe ich genug.« Doch merkte er in ruhigeren Stunden, daß dieser Beruf einer festen Form des Wirkens ermangele. Endlich aber glaubte er auch diese gefunden zu haben. Doktor Kringel wünschte die neue Handhabe für den praktischen Beruf eines Freiheitsmannes zu sehen. Guillemain sprach: »Es ist nur ein Gedanke, eine Sentenz. Sie lautet: Die Freunde der Freiheit haben überall das gleiche Ziel, sie fechten für ein großes Recht, sie können einen Bund durch alle Länder schließen; die Unterdrücker des Volkes dagegen wollen hundert verschiedene Rechte verteidigen, sie liegen ewig mit sich selbst im Hader und bringen es nie zur durchgreifend gemeinsamen Tat. Eigennützige Herrschsucht ist vielgestaltig und entzweit; opferfähige Freiheitsliebe ist einheitlich und verbündet.« »Sehr wahr!« sprach der Doktor. »Solange es gilt, die gar verschieden gefesteten Zwingburgen niederzureißen, sind alle Freiheitskämpfer einig. Das ist aber nur der erste Akt. Im zweiten soll darauf ein neuer freiheitlicher Staat an der Stelle des zerstörten aufgebaut werden, und ich glaube, dann werden die Befreier doch wieder geradeso uneins, wie es früher die Zwingherren waren. Und so zerfließt deine praktische Handhabe in einen ganz unbrauchbaren Gemeinplatz. Ihr seid nur darum einig, weil ihr überhaupt noch nichts seid und habt und bloß von der Luft des allgemeinen Gedankens zehret.« Es war zum letztenmal, daß Klingel dem schwärmerischen Freunde so kalt und schonungslos Widerpart gehalten. Guillemain verfolgte seinen Gedanken. Er setzte sich in Briefwechsel und persönlichen Verkehr mit Revolutionären aus allen Ländern; er wollte einen allgemeinen Bund der Freiheitsfreunde gründen, der die wahre weltbürgerliche Brücke schlüge über jede Schranke der Nationalität und emporwüchse zu einer unwiderstehlichen Verschwörung der denkenden Köpfe und unabhängigen Charaktere; er reiste umher in Deutschland, Holland und Frankreich, gewann auch einige begeisterte Jünger und glaubte schon den festen Grund seines furchtbaren Geheimbundes gelegt zu haben. Da aber erfüllte sich die einzige Weissagung, welche ihm der sonst gar nicht prophetische Doktor öfters verkündet hatte: Joseph Guillemain ward im Jahre 1787 unversehens ergriffen und eingesteckt, ich weiß nicht mehr in welchem Reichslande. Man fand stark verdächtigende Briefe, durch welche sich der Faden einer weitgesponnenen Verschwörung zu ziehen schien. Das ganze Gewebe zu entwirren, war eine gar zu reizende Aufgabe für politische und kriminalistische Spürnasen; darum behielt man den jungen Mann in einsamem Gefängnis, denn Einsamkeit macht mitteilsam. Der Angeklagte aber blieb stumm und fest wie jeder echte Schwärmer, und es ist niemals ermittelt worden, ob er schwieg, weil er nichts sagen wollte oder weil er nichts zu sagen wußte. So lag er denn jahrelang in strengster Untersuchungshaft trotz aller Bemühungen des Vaters und der Mainzer Freunde. Es wäre freilich bequemer gewesen, den Volksverführer rasch abzuurteilen oder kurzweg aus dem Lande zu weisen. Allein in den aufgegriffenen Briefen fand sich ein vornehmer, dem Fürsten des Ländchens nahestehender Mann mehrmals in bedenklicher Weise erwähnt; er schien sogar mit Guillemain korrespondiert zu haben. Der dirigierende Minister hatte jenen Günstling vergebens zu stürzen getrachtet; jetzt konnte er ihn wenigstens in steter Angst halten durch den verhafteten Maler, und das gelang auch vortrefflich. Solange also nicht entweder der Günstling gefallen war oder der Minister, hatte der Gefangene wenig Aussicht, seiner Haft ledig zu werden, und während er glaubte, er dulde als Opfer seines Freiheitsmutes, duldete er eigentlich nur als Opfer einer Hofintrige. Ist aber einer erst einmal tot, dann gilt es ihm wohl ziemlich gleich, ob ihm seine Krankheit oder sein Doktor den Garaus gemacht; und Joseph Guillemain war tot und begraben für die Welt, und die Welt war abgestorben für ihn. Er sah nur den Schließer des Gefängnisses und in langen Pausen den Richter, der sich die Aufgabe stellte, ewig zu untersuchen und niemals zu richten. Briefe schreiben durfte er nicht, und aus den einlaufenden Briefen teilte man ihm nur etwaige persönliche Nachrichten nach Gutdünken mündlich mit. Obgleich er aber so schauerlich einsam leben mußte, war er doch nicht allein: hundert Gestalten umschwebten ihn, und rastlos gärte und arbeitete es in seinem Geiste. Er hielt große, gewaltige Volksreden, indem er vor den Ofen trat, der ihm eine Volksversammlung darstellte, und verkündete den Sturz des alten politischen Babels kühner als je in freien Tagen, oder er unterhielt sich stundenlang mit dem Handtuch, welches hinter der Türe hing und ihm für seinen langen, nüchternen Freund Kringel gelten mußte, und machte sich selber alle die spitzigen Einwürfe, welche ihm der Freund gemacht haben würde, um sie samt und sonders zuletzt sieghaft zu widerlegen. Namentlich aber versicherte er dem Handtuch stets aufs eifrigste, daß er keinen Augenblick bereue, ja daß er stolz sei, den Weg gemacht zu haben, der ihn ins Gefängnis geführt, daß er nur um seines Vaters willen betrübt sei, aber einst mit Ehren aus dem verfluchten Loche zu kommen hoffe und daß er heilig glaube, er werde die neue Morgenröte im Aufgang noch mit eigenen Augen schauen. Guillemain stand fest in seiner Schwärmerei, denn er war langsam und notwendig hineingewachsen. Es gibt keine geschiedeneren Leute als den Spötter und den Schwärmer. Allein der Spötter hatte sich geschämt über einen törichten Spott und im Ärger über sich selbst die Beschämung aus seiner Seele hinweggeärgert und dann im Weltärger den eigenen Arger erstickt; dem Arger über alle Welt entsproßte aber die Begeisterung für die Weltreform, und da kleine Verdrießlichkeiten und Opfer zu einem wirklichen Dulderlose sich gesteigert hatten, so brach aus der Begeisterung endlich die Schwärmerei hervor. Ein rasch aufflackerndes Strohfeuer erlischt auch rasch, aber die langsam genährte Flamme brennt tief und lange. Hatte der Gefangene sich satt gepredigt gegen den Ofen und sich satt gestritten mit dem Handtuche, dann malte er – doch nicht wie gewöhnliche Maler beim hellen Tageslicht, sondern in den langen, dunkeln Abendstunden. In Gedanken entwarf er ein riesiges Bild: »Das Jüngste Gericht der Völkerfreiheit.« Cäsars Tod war ihm jetzt ein viel zu kleiner und dürftiger Stoff geworden, aber ein politisches Weltgericht, zermalmend groß nach Michelangelos Vorbild, das dünkte ihm ein begeisternder Gegenstand. Unser Herrgott selbst, halb Jehova, halb Jupiter, sollte richtend oben stehen; die blutigen Würgengel der Revolution schmetterten in die Posaunen. Schwarzes Nachtgewölk, von Blitzen fahl durchleuchtet, schattete zur Linken des Richters, wo die schlechten Könige in den Abgrund stürzten, statt des Kopfes eine hohle Krone auf dem Rumpf, von einem züngelnden Flammenmantel statt des Purpurs umlodert; wo die Diplomaten von Schlangen umringelt wurden, die ewig rückschreitenden Pfaffen von großen Krebsen zernagt, die Edelleute von ihren Wappentieren, von echt heraldischen Greifen, Löwen und Adlern zerfleischt oder unten im Abgrunde an vielästige Stammbäume als ihre eigenen Schildhalter aufgehängt; wo die blutsaugenden Reichen und Wucherer mit schweren Geldsäcken am Halse in bodenlosen Schlamm tiefer und tiefer versanken und vergebens den armen Lazarus, den gemeinen Arbeiter, der sich drüben aus seinen Lumpen erhob, anflehten, daß er ihnen das Zentnergewicht ihres Geldsackes abnehmen möge. Zur Rechten des ewigen Richters aber strahlte warmes Sonnenlicht vom blauen Himmel nieder, im Hintergründe sah man die gebrochenen Burgen und die rauchenden Schlösser der Tyrannen, überwölbt vom Regenbogen des ewigen Weltfriedens; Kinder warfen die Mordwaffen des Krieges hinüber in den Abgrund und zerrissen die Urkunden historischer Rechte und Unrechte, daß sie in den Lüften zerflatterten; der Bauer im Kittel, der Handwerker mit dem Schurzfell schwebten aufwärts; halbnackte Bettler und Fürsten, die ihre Krone beizeiten in die Tasche gesteckt hatten, daß sie nur noch ein klein wenig hervorsah, umarmten sich brüderlich; die Herolde der Nationen legten ihre Fahnen voreinander nieder zum Zeichen der Völkerbrüderschaft und des allgemeinen Weltbürgertums, und dem aufsteigenden Zuge der Befreiten voran wallten die Märtyrer der Freiheit, Brutus, Hus, Rienzi, die Gracchen, Wullenweber, Savonarola und viele andere, mit dem Bürgerkranze von Eichenlaub gekrönt und die Palmen des Friedens und der Verklärung in den Händen. Immer klarer in Form und Aufbau, immer glühender in der Farbe, trat das ungeheuere Bild vor die Seele des Gefangenen, daß er die Gestalten im Kerkerdunkel mit Händen greifen konnte, und manchmal lief es ihm kalt den Rücken herab, so sehr erschrak er vor dem fürchterlichen Gesicht des rächenden und sühnenden Gottes der Freiheit, und er fuhr wohl gar zusammen, weil er schon den ersten Schall der Posaune zu hören glaubte, und es war doch nur das Knarren des Schlüssels und der Angeln, wenn der Wärter die Türe seines Gefängnisses öffnete. Und dann blieb alles wieder stille wie im Grab. Aber draußen, jenseits des Kerkers, war es derweil nicht stille geblieben. Das Jahr neunundachtzig war gekommen, ein Stufenjahr der Weltgeschichte; – im Sturm flogen die Ereignisse: – jene blutigen Würgengel der Revolution, welche der Gefangene im Traumgesichte seines Bildes sah, schmetterten in Frankreich wirklich in die Posaunen, und ganz Europa fuhr aus dem Schlummer empor; – nur der arme Maler des Jüngsten Gerichtes der Freiheit blieb im Kerkerschlaf gebannt, er ahnte nicht, daß die Völker jetzt schon mit leiblichem Auge schauten, was er bloß dem Auge des Geistes als eine ferne Weissagung vorzudichten gewagt. Gar oft sprachen die Freunde in Mainz bei den ungeahnten und erschütternden Botschaften, die jeder neue Tag brachte: Was würde Guillemain dazu sagen, wenn er's hörte! wie würde er aufjauchzen! wie würde er uns triumphierend zurufen: Habe ich nicht recht gehabt? Kommt nicht alles, wie ich's prophezeite? Allein für Guillemain schlich eine Stunde so öde und langsam dahin wie die andere; das Jahr neunundachtzig war ihm ein ganz gemeines Jahr von dreihundertfünfundsechzig Tagen, wenn's nicht zufällig ein Schaltjahr gewesen ist, und die Zeit deuchte ihm so unergründlich still, als sei das Tausendjährige Reich des allgemeinen Weltfriedens bereits angebrochen mit seiner ganzen unergründlichen Langeweile. Zweites Kapitel Kurz vor Weihnachten 1792 erhielt Guillemain unerwartet seine Freiheit; die Untersuchung wegen der Mitverschworenen wurde niedergeschlagen, und für die fünfjährige Haft konnte er sich als eine gnädige Strafe seiner Umtriebe bedanken. Im Grunde aber ließ man ihn aus politischen Rücksichten frei, wie man ihn aus politischen Rücksichten so lange festgehalten hatte, und befahl ihm auch zum Überflusse noch, binnen vierundzwanzig Stunden das Land zu räumen; – Guillemain wäre schon von selbst gegangen. Ja, er ging nicht, sondern er lief zum Lande hinaus, obgleich es ihm sauer ward und schwindelte vor der frischen Luft und der ungewohnten Bewegung. Aber die Stadt, die Häuser waren ihm zu enge, er wollte wieder einmal ein recht großes Stück Himmel sehen und Wald und Feld, Berg und Fluß; nur in Gottes freier Natur konnte er sich ja wieder ganz als ein freier Mann fühlen. Leider trugen seine Beine diesen Freiheitsrausch nicht lange, sie mußten erst wieder gehen lernen, und der arme Guillemain kam vom Laufen bald ins Schleichen und hinkte recht erbärmlich und doch überselig die menschenleere Landstraße entlang und wußte gar nicht recht, wohin er eigentlich hinke; er hinkte nur so im allgemeinen in die Freiheit hinein. Um Waldessaume stieß ein fein frisiertes Männlein zu ihm und blickte ihn staunend und lächelnd an, denn Guillemain sah in der Tat gar seltsam aus. In den fünf Jahren war keine Schere über sein Haar, kein Messer über seinen Bart gekommen, und die langen Locken fluteten wild auf Brust und Schulter herab, und da sein Rock zudem etwas verschabt und sein Gang so jammervoll war, so konnte er wohl für einen Stromer vom echtesten Schlage gelten. »Schönes Wetter!« rief ihm der andere zu, »und schöne Haare tragt Ihr, wunderschöne Haare«, und prüfte sie mit Kennerblick. »Vor einem Jahre noch hätte ich Euch sechs Batzen für Euer Haar geboten, aber jetzt sind schlechte Zeiten; die Leute fürchten sich fast, Zopf und Perücke zu tragen, und seit in Paris die Köpfe so wohlfeil geworden, gehen die Menschenhaare im Preise herunter wie die Assignaten.« Der fein frisierte Mann war augenscheinlich ein Perückenmacher. Guillemain sah ihn fragend an und sprach: »Also kommen die Zöpfe aus der Mode?« »Freilich! und auch der Puder. Seit die Ohnehosen in Mainz hausen, beginnt die Unnatur des ungepuderten Kopfes sogar auf dem rechten Rheinufer erschreckend um sich zu greifen.« Guillemain staunte wie ein Kind über alle die unverständlichen Worte: – Ohnehosen – wohlfeile Köpfe – Assignaten. »Die Ohnehosen?« fragte er, »was sind das für Leute?« Jetzt sah ihn der Perückenmacher an, als verstehe er ihn nicht. »Nun, die Sansculotten, wenn Ihr's auf deutsch hören wollt, – die Franzosen meine ich, die freien Neufranken; denn alles hat jetzt neue Namen.« »Wie!« rief Guillemain erschrocken, »die Franzosen in Mainz?« Nun kam aber die Reihe zu erschrecken auch an den Perückenmacher, »Das wißt Ihr nicht?« fragte er mit verdächtigem Seitenblicke auf das wilde Gesicht und den starrenden Blick des Fragers. »Man meint, Ihr seiet von gestern!« und er begann allgemach seinen Schritt zu beschleunigen. Aber Guillemain hielt ihn am Rockzipfel. »Nicht von gestern, Freund, ich bin von fünf Jahren her. Aber erzählt mir doch! Also führt der König von Frankreich Krieg mit dem Reiche?« »Der König von Frankreich? Nein! Der ist ja längst unter Vormundschaft gestellt.« »Ist er wahnsinnig geworden?« »Nein! Aber sein Volk ist wahnsinnig geworden; darum läßt es sich die Haare wachsen ungepudert und steckt seinen König ins Gefängnis und hält Gericht über ihn, und man sagt, der König könne bald um einen Kopf kürzer werden wie so viele andere.« Guillemain ließ den Rockzipfel des Perückenmachers los und hob die Hände empor wie zum Gebet. »Also ist das Jüngste Gericht der Völkerfreiheit wirklich angebrochen! Es war kein bloßer Traum, den ich in Gedanken malte. Wie Sterbende fernen Freunden erscheinen in der Sterbestunde, so erschien mir der richtende Gott der Tyrannen in der Stunde, da er wirklich seinen Stuhl bestieg!« »Pfui Teufel, Ihr seid auch so ein Jakobiner!« platzte der Perückenmacher heraus, erschrak aber sogleich über sein eigenes Wort und fügte begütigend hinzu: »Doch sage ich immer, die Jakobiner sind großenteils besser, als man sie malt; Marat zwar trägt seine Haare wild und struppig um den Kopf, aber Danton hat doch wenigstens noch eine Phantasielocke über jedem Ohre behalten, und Robespierre läßt sich zierlich frisieren und schmückt sich sogar mit einem kleinen Haarbeutel. Ich sage immer, Robespierre ist ein feiner Mann, und er meint es ernst mit dem Volkswohle. Ihr solltet Euch doch auch wenigstens die zwei Locken Dantons über die Ohren ringeln lassen.« Diese Worte aber verhallten ungehört, denn Guillemain stürmte atemlos mit Fragen auf den Perückenmacher. Er sollte geschwind erzählen, wie das alles gekommen sei in Frankreich und wie es in Deutschland stehe und ob es noch einen Römischen Kaiser gebe und Kurfürsten und Herren und Diener überhaupt und ob der Papst noch in Rom sitze und hundert ähnliche Kleinigkeiten mehr. Der Perückenmacher erwiderte: »Beantwortet mir doch erst eine einzige Frage gegen so viele: wie kommt es, daß Ihr allein nicht wisset, was alle Welt weiß?« »Das ist bald gesagt. Ich habe fünf Jahre im Zuchthaus gesessen und komme eben geradenweges aus dem verdammten Loche.« »Entschuldiget: ich muß jetzt seitab gehen; da drüben ist eine Holzversteigerung«, rief der Perückenmacher und lief, was er laufen konnte, quer in den Wald hinein. Er hatte bisher nur geglaubt, dem Manne rappele es ein wenig im Kopfe; jetzt sah er einen Verbrecher vor sich, einen Räuber, einen Mörder. Allein Guillemain sprang ihm nach, würde ihn jedoch schwerlich eingeholt haben, wenn der Flüchtling nicht mit seiner Frisur wie Absalom an einem hochwüchsigen Wacholderbusche hängengeblieben wäre. »Ich bin kein Räuber«, sprach Guillemain und packte den zitternden Haarkräusler fest beim Arme; »nehmt meine Uhr, nehmt meine Börse als Pfand, daß ich Euch nicht ausplündern will. Aber Ihr müßt mit mir gehen und mir erzählen. Ein anderer würde sich an edlem Weine erquickt haben nach fünfjähriger Qual und Entbehrung: Eure Worte sind mir ein erquickender, berauschender Wein; ich will erzählt haben, wie die Welt sich verjüngt hat, so erzählt, erzählet nur!« »Der Mann ist wirklich kein Räuber«, dachte der andere jetzt, »er ist zu verrückt für eine so solide Profession.« Und also folgte er ihm und erzählte, was er wußte, bunt durcheinander wie Kraut und Rüben: von den Septembermorden und von Freiheit und Gleichheit, vom Staatsbankerott und »Krieg den Palästen, Friede den Hütten«, von Emigranten und Nationalkokarden, vom Veto und den Menschenrechten, von den Klubbisten und dem Herzog von Braunschweig, und warf die Notabeln, das Parlament, die Nationalversammlung, den Konvent und den Munizipalrat in grausamem Wirrsal durcheinander. Und während er so berichtete, warum der König sitze und warum so viele andere gesessen hätten und geköpft worden seien, wollte er zwischendurch immer wieder erforschen, warum denn nun eigentlich sein Begleiter gesessen habe; dieser aber schnitt ihm jede Abschweifung vom Grundtext sofort am Munde ab und trieb ihn zur Revolution zurück, und als sie endlich im nächsten Dorfe sich trennten, da war dem Perückenmacher der Atem und der Redestoff vollständig ausgegangen, was ihm außerdem nie in seinem Leben begegnet sein soll. Unserem Freund Guillemain aber brauste der Wein, den ihm der Perückenmacher eingeschenkt, dergestalt im Kopfe, daß er notwendig ins Wirtshaus gehen und eine wirkliche Flasche daraufsetzen mußte, um Feuer durch Feuer zu bändigen. Es war die wonnigste Stunde seines Lebens, seine ganze Seele Jubel und Jauchzen; er hätte den Hausknecht und die Kellnerin umarmen mögen, da gerade kein anderer Mensch im Zimmer war; allein die letzten fünf Jahre hatten ihn Verschlossenheit und Zurückhaltung gelehrt. Es brauchte lange Zeit, bis er seine Gedanken von Frankreich, Europa und der Menschheit wieder auf sich selbst zurücklenkte und sich fragte, wohin denn nun eigentlich sein Weg gerichtet sei. Er beschloß, sofort nach Mainz zu gehen und später nach Paris, wobei er freilich geradeaus wieder umkehren mußte, denn er war bisher nur seiner Nase nach gelaufen und zufällig in die ganz entgegengesetzte Richtung geraten. Allein wer so lange gesessen hat, dem schaden ein paar Stunden Umweg nichts. Also brach er auf nach der befreiten Vaterstadt. Wie ein Träumender zog er seine Straße, und was er anfangs von den Welthändeln weiter vernahm, das steigerte nur den Taumel seines Geistes. Allein nichts macht auch allmählich gedankenklarer als ein strenger Fußmarsch in schneidender Dezemberluft. Je mehr Guillemain Mainz sich näherte, um so schärfer durchdachte er alle Nachrichten. Da stiegen ihm denn manche trübe Zweifel auf. In Paris ging es doch recht polnisch zu, am Rhein entbrannte ein Krieg von sehr Ungewissem Ausgang, und im übrigen Reiche war noch alles beim alten. Guillemain hatte sich das Gericht der Völkerfreiheit doch etwas anders gedacht. Geteilt zwischen Begeisterung und Zweifeln, kam er gegen Mainz. Da hörte er, die Franzosen ließen wohl jeden hinein in die Stadt; um aber wieder herauszukommen, bedürfe es besonderen Ausweises, der nicht immer erteilt werde. Seltsame Freiheit! Sie erinnerte ihn stark an sein Gefängnis, wo er auch so leicht hinein und so schwer wieder herausgekommen war. Er stutzte; und während er früher überall so ungestüm ins Zeug gerannt, wurde er jetzt auf einmal vorsichtig, weil er schon meinte, daß die Leute denn doch mit der Revolution etwas zu ungestüm ins Zeug gerannt seien. In Hochheim rastete er darum vorläufig einen Tag und schickte einen Boten zur Stadt an den Doktor Kringel. Der kam alsbald heraus. Welches Wiedersehen! Der sonst so kritische Kringel weinte wie ein Kind; Guillemain schien etwas ruhiger, und doch wogte und tobte es in ihm, daß er kaum reden konnte. Seine erste Frage waren die Worte des alttestamentlichen Joseph, da er seine Brüder wiedersah: »Lebt mein Vater noch?« »Er lebt!« erwiderte der Freund, etwas betroffen, daß man in solcher Zeit zuerst nach einem Vater fragen könne. »Er lebt und ist wohlauf, aber er lebt so insgeheim; wir Patrioten hingegen leben nur noch öffentlich. Wir sind frei! O mein Freund, hörst du das himmlische Wort? Wie Großes ist geschehen, seit wir auseinandergingen! – wie ganz erfüllte sich, was du einst vorhergesagt! – wie fehltest du uns! – wie oft sprachen wir: wenn du nur wiederkämest, wenn du nur nacherlebtest, was wir vorerlebt haben!« »Nacherlebtest?« fragte Guillemain, – »vielleicht habe ich in meinem Kerker mehr vorerlebt, als ihr jemals nacherleben werdet. Es ist auch gar nicht alles so gekommen, wie ich es gewünscht und gehofft. Doch das ficht mich nicht an, euch aus vollem Herzen zuzujubeln, und ich freue mich auf den Anblick eures freien Gemeinwesens wie ein Kind auf Weihnachten.« Der Doktor fand diese Worte etwas kühl. Allein um so rascher mußte man Guillemain in den vollen Strom hineinschleudern. Also mahnte er zum augenblicklichen Aufbruch nach Mainz. Unterwegs hätten sich beide in aller Freundschaft beinahe die größten Grobheiten gesagt, und zwar über einen französischen Vorposten, dem sie begegneten. Kringel, der sich fortwährend einen Patrioten nannte, forderte von dem Freund, er solle sich freuen, daß er jetzt die ersten Franzosen auf Reichsboden sehe. Guillemain sagte: »Im Gegenteil, ich bin so frei, mich darüber zu schämen.« Der Doktor schwieg. Nach einer Weile deutete er auf die starken Schanzarbeiten, zu welchen die Bauern der Umgegend von den Franzosen gezwungen wurden, und sprach: »Die Deutschen drohen zwar, Mainz zurückzuerobern, aber wir Patrioten sind wohlgerüstet und fürchten den Feind nicht.« »Das ist eine neue Welt!« rief Guillemain. »Was für ein Patriot bist du denn eigentlich, wenn du die Deutschen Feinde nennst?« »Ich bin ein Patriot im Lande der Freiheit, und alle Knechte sind unsere Feinde.« Guillemain erwiderte: »Da ist nun die Sache wieder etwas anders gekommen, als ich gehofft hatte. Kann man die Bürger frei machen, indem man die Völker unterjocht? Die Franzosen werfen uns die Freiheit an den Kopf unter Sengen und Morden, ganz wie die alten Despoten die Knechtschaft. Ich dachte, freie Völker sollten sich nur im Frieden verbünden und nach freier Wahl. Mit dem Erobern hört ja die Freiheit von selber auf.« »Das verstehst du nicht«, unterbrach ihn Kringel. »Zuerst muß der Schrecken der Freiheit kommen, dann kommt der Weltfriede. Urteile überhaupt nicht zu vorschnell. Du siehst eine fertige neue Zeit; wir erlebten die Geschichte, wie sie erwuchs, und eben diese Geschichte, die du im Kerker verschlafen, hat selbst mich, anfangs den nüchternsten Gegner des Völkersturmes, widerstandslos mit sich fortgerissen.« Guillemain dagegen meinte: Umgekehrt! er sei Schritt für Schritt durch alle Stufen des großen und kleinen Martyriums zum wahren Jünger der Freiheit durchgedrungen, darum urteile er jetzt besonnen, Kringel hingegen vorschnell, denn dieser sei plötzlich kopfüber in ein neues Leben hineingestürzt und folglich fanatisch wie alle Konvertiten. Hiemit war das erste Scheltwort gefallen, und bald flogen die beleidigenden Trümpfe herüber und hinüber, wie wenn sich zwei Knaben mit Schneeballen werfen, aber die Ballen waren in Eiswasser gehärtet und mitunter auch Steine darin. Zum Glück kamen die Freunde gerade an die Rheinbrücke, als der Zwist zum offenen Bruche umzuschlagen drohte. Der Anblick der Vaterstadt, wie sie im Abendlicht so königlich stolz an dem großen Strome sich erhob, griff dem heimkehrenden Verbannten so mächtig ans Herz, daß er kein Ohr mehr für die bösen Worte behielt und dem Freunde statt aller weiteren Gegenrede schweigend die Hand drückte. Der Doktor aber verstand, was in der Seele des anderen vorging, und als sie über die Brücke schritten, waren sie wieder versöhnte Leute: das natürliche Heimweh hatte ihren spitzigen Widerstreit über den Patriotismus gelöst, das dunkle Gefühl die klaren Gedanken verschlungen. Guillemain wollte sofort in das Haus seines Vaters, doch Kringel hielt ihn zurück. Nur eine Stunde möge er vorher der heiligen Sache der Freiheit widmen. Der Klub der Freiheitsfreunde war eben jetzt versammelt. Es mußte höchst dramatisch wirken, wenn Guillemain so, wie er ging und stand, mit den langen, ungekämmten Haaren, bestaubten, abgetragenen Kleidern, todmüde und doch aufs heftigste erregt, in die Versammlung geführt wurde, ein Opfer politischer Verfolgung, wie es eben ganz frisch aus dem Kerker kam. Der Wiedererstandene wollte sich vorher wenigstens kämmen und bürsten. Kringel widersprach. »Meinetwegen«, sagte Guillemain, »ich bin noch immer Künstler genug, um zu wissen, daß Schmutz und Unordnung meist malerischer sitzen als eine saubere Toilette.« »Lieber Freund!« rief Kringel heftig, »aufs Malerische kommt es gar nicht an; wozu überhaupt jetzt noch die Malerei? Aber republikanischer siehst du aus, ungekämmt und ungebürstet, dazu auch etwas märtyrerhafter. Nur eines Schmuckes bedarfst du noch, der jeden anderen aufwiegt, – der blauweißroten Kokarde, des Wahrzeichens der Freiheit.« Kringel trug ein ungeheuer großes Exemplar dieses Wahrzeichens an seinem Hute. »Ich bin ein Freiheitskämpfer«, erwiderte Guillemain, »also will ich auch mit Stolz die Kokarde tragen, nur bitte ich um ein kleineres Format als das deinige.« »Das darfst du nicht!« fuhr Kringel dazwischen. »Die heimlichen Royalisten tragen kleine Kokarden: du würdest verdächtig erscheinen.« »Verdächtig!« wiederholte Guillemain mit tief ironischem Nachdruck. »Das Wort ist ja vorrevolutionär, und ich glaubte, die entflohenen Despoten hätten es unter ihrem anderen Plunder mitgenommen. Aber ich bin kein heimlicher Royalist, also hinweg mit der kleinen Kokarde: ich will eine recht große, doppelt so groß wie die deinige.« »Das sähe aus wie Spott und Hohn«, rief Kringel, »und die Franzosen im Klub würden dir's besonders übel vermerken; sie sind verteufelt empfindlich für das Lächerliche.« »Aber was gehen mich die Franzosen an!« entgegnete jener. »Ich will die Freiheit haben, frei zu wählen. Quälst du mich doch mit deiner republikanischen Etikette, als ob wir zu Hofe gehen wollten! Doch das sind Spielereien, mir ist die Sache heilig und jede Kokarde recht. Nenne mir lieber jetzt noch die Haupthelden eures Klubs, bevor wir hingehen.« Der Doktor nannte Georg Forster – »er war doch nur erst als ein Dilettant von einem Weltumsegler bekannt«, bemerkte Guillemain, »zur Zeit, da ich schon als ein fachgemäßer Weltverbesserer gestritten und gelitten hatte«, – Hofmann und Böhmer – »zwei unbedeutende Schulmeister, die sind also jetzt Meister des Volkes geworden!«, – Dorsch – »der Pfaffe?« fragte Guillemain. »Er war ein Priester«, entgegnete Kringel, »allein er hat den Aberglauben abgeschworen und ein Weib genommen.« – »Das war etwas vorschnell«, fiel Guillemain ein. »Auch Luther wäre klüger gewesen, wenn er seine Käthe nicht gar zu geschwind geheiratet hätte. Ehrlich gestanden, mir gefällt es nicht, daß ich fort und fort nur neue Namen höre, die über Nacht wie Pilze aufschießen in Mainz wie in Paris. Es ist unerträglich, sich überall von Helden umringt zu sehen, die seit ein paar Monaten erst aus dem Ei geschlüpft sind.« Es schien in der Tat fast, als hätten die beiden Freunde in den fünf Jahren ihre Seelen ausgewechselt und Kringel sei Guillemain geworden und Guillemain Kringel. Und doch waren sie die gleichen geblieben, nur daß Kringel die Revolution schrittweise miterlebt hatte und Guillemain dieselbe mit einemmal fix und fertig aus dem Boden gewachsen fand. Der schwärmerische Maler prüfte und verneinte, weil alle Welt ihm mit einer unerhörten Schwärmerei unheimlich fremdartig gegenübertrat; der nüchterne Arzt dagegen schwärmte, weil die Schwärmerei ja ganz unvermerkt Mode geworden war. Nach den letzten Ausrufen seines wiedergefundenen Freundes aber bereute er beinahe, daß er ihn so unvorbereitet hatte in den Klub führen wollen. Doch da war jetzt nichts mehr zu ändern; sie gingen hin, Guillemain befangen in zweifelnder Erwartung, Kringel nicht minder befangen in heimlicher Furcht. Allein diese Furcht schien grundlos gewesen zu sein. Der weiland verfolgte, jetzt wie vom Tode erstandene Maler wurde von den versammelten Freiheitsfreunden mit wahrhaft brüderlichem Willkomm begrüßt, und obgleich es ihn anfangs sichtlich belästigte, daneben wie ein Wundertier angestaunt zu werden, so schien er doch bald heimisch in dem Kreise. Übrigens befremdete es ihn, hier überhaupt nur wenig alte Bekannte, dagegen viele neue Leute zu finden, ein buntes Gemisch von Deutschen und Franzosen. Kringel atmete wieder auf, denn Guillemain benahm sich ja ganz gut. Und doch war es dem Doktor immer, als müsse es heute abend noch einen rechten Skandal geben; darum hütete er den Freund wie ein kleines Kind und wachte über jedem seiner Worte. Doch Guillemain schien nur zu beobachten, sein glühendes Auge folgte gespannt den Rednern, aber kein Zeichen von Beifall oder Mißfallen spielte um seine Lippen; sein Benehmen im Gespräch zeigte durchaus den bescheidenen Gast, der achtsam zuhört und teilnehmend eingeht auf fremden Meinungstausch, ohne die eigene Ansicht irgend vordringlich geltend zu machen. Da kamen Guillemains Nachbarn in vertraulichem Geplauder auf einen Gegenstand, welcher ihn sichtbar zu packen schien; man sah, er zitterte, er spannte darauf, einzuspringen mit schlagendem Wort, so recht von innen heraus. Kringel erschrak; – »Sollen wir jetzt nicht nach Hause gehen zu deinem Vater?« flüsterte er ihm ins Ohr. »Jetzt nicht! Widmen wir der Freiheit noch eine Stunde!« Die Leute redeten von der Konstituierung des linken Rheinlandes als einer neuen Provinz der Freiheit und vom freiwilligen Anschluß derselben an das große Mutterland Frankreich. Guillemain aber merkte bald, daß hierüber unter den Freiheitsfreunden selber eine heftige Parteiung bestand und daß zudem die meisten Mainzer Bürger nicht recht anbeißen wollten, ihre eigene Stadt dem Reichsfeind auf dem Präsentierteller anzubieten. »Man muß sie in ihr Glück hineinängstigen«, sagte halblaut ein Klubbist, »man muß sie mit verbundenen Augen aus dem Feuer führen«, fuhr ein anderer fort. »Wie die Ochsen, wenn der Stall brennt«, vollendete Guillemain trocken und mit erhobener Stimme. »Geradeso sprachen vordem auch die alten Fürsten.« Alle horchten auf und staunten. Das war eine fremde Tonart. Kringel aber flüsterte dem Freunde zu, um das Gespräch wieder etwas enger und persönlicher zu machen: »Hast du nicht selbst gar oft gesagt, wie es besser werde in der miserablen Welt, das sei dir ganz gleich, wenn es nur besser werde?« »Habe ich das gesagt«, rief Guillemain, der schon nicht mehr zu halten war, »so habe ich eine Dummheit gesagt, wofür ich jetzt täglich neue aufklärende Ohrfeigen bekomme.« Und alsbald war er mitten im heißesten Wortgefechte mit den andern und verwies ihnen ihr gewaltsames, undeutsches Vorgehen. Man widerlegte und überschrie ihn, verspottete ihn, warnte und drohte. – Alles vergebens: – Die Schleusen waren durchbrochen, und Guillemain ergoß jetzt im vollen Strome alle den Tadel über die Sünden und Schwächen der Revolution, der sich seit dem Gang mit dem Perückenmacher in seinem Geiste angesammelt hatte. Umsonst rief Kringel entschuldigend dazwischen: »Der Mann hat so lange im Dunkel gesessen, daß ihm jetzt die Augen tränen beim Sonnenglanze der Freiheit!« und dann wieder: »Er kennt die Verkettung der Tatsachen nicht, er hat ja fünf Jahre verschlafen, die ein Jahrhundert aufwiegen!« Guillemain ließ sich nicht irren, und die anderen fielen immer wütender aus gegen den seltsamen Märtyrer, der aus lauter Freiheitsidealismus zum besten Anwalte der Reaktion wurde. Als aber immer wuchtigere Drohworte hereinplatzten und andererseits einige den überkühnen Sprecher freundschaftlichst an die Gefahr mahnten, der er sich preisgebe, da war Guillemains Zorn gar nicht mehr zu bändigen. Wie ein Donner im Sturm dröhnte seine Stimme in den Tumult hinein: »Ich fürchte keine Gefahr, und die neuen Gewaltsherren schrecken mich sowenig als die alten! Darum erkläre ich: hier wie in Paris herrscht eine kleine Minderzahl kraft des Schreckens, mit welchem sie die Bürger bannt, nicht kraft des Volkswillens; hier wie in Paris – – –« Die weiteren Worte wurden verschlungen von dem Sturme des Unwillens, der jetzt den Donner der einzelnen Stimme völlig überbrauste. Allein Widerspruch steigert den Widerspruch, und der tosende Lärm wirkte auf den zornglühenden Redner wie ein Trommelschlag auf einen Soldaten: er entflammte das echte Schlachtenfieber. Als darum der Lärm endlich so weit nachließ, daß man schreiend sein eigenes Wort wieder verstehen konnte, sprach Guillemain: »Man hat mir erzählt, es liegen in dieser Stadt zwei Bücher auf, ein rotes und ein schwarzes« – der Redner machte eine Pause, und die ganze Versammlung ward still und lauschte –; »in das rote Buch schreiben sich die Anhänger der neuen Ordnung, in das schwarze sollen sich die Gegner derselben einzeichnen. Viele Namen stehen bereits, so sagt man, in dem roten Buche, kein einziger in dem schwarzen. Aber viele müßten sich nach ihres Herzens Meinung wohl in das schwarze Buch schreiben, so sagt man, doch keiner wagt es. Nun höret! Ich habe vor Jahren als der erste in Mainz gewagt, für die Freiheit der Bürger die Freiheit meiner Person einzusetzen. So wage ich denn auch heute das gleiche, ja ich wage sogar meinen Kopf für diese Freiheit: ich schreibe meinen Namen als der erste in das schwarze Buch! Und wenn ihr mir entgegnet: durch das schwarze Buch sprichst du zugleich den Wunsch nach Rückführung der alten Zustände aus, so antworte ich als freier Mann: Die alten Zustände waren herzlich schlecht, aber die neuen sind noch viel schlechter.« Guillemain schwieg, aber auch die anderen schwiegen. Durch starres Schweigen spricht der höchste Unwille wie der höchste Beifall; nur hier und da vernahm man ein halblautes: »Pfui!« Aber Doktor Kringel, der treue, wenn auch allezeit gegnerische Freund, erkannte, daß Guillemain jetzt wirklich in persönlicher Gefahr schwebe, denn mit Custine und seinen Franzosen war nicht zu spaßen. Darum ergriff er den Freund, der nur vom Platze aus gesprochen, am Kragen und riß ihn auf die Rednerbühne. »Sehet hier«, rief er auf französisch, »das Opfer der Tyrannei! Fünf Jahre einsamen Kerkers haben den sonst so klaren Geist verwirrt, daß er wie im Wahnsinn redet, ja er ist ein Wahnsinniger! Der von Folterqualen gebrochene Körper eines solchen Opfers würde schon euer Mitleid erregen und euern tiefsten Grimm gegen seine Peiniger: wieviel tieferes Mitleid weckt uns aber dieser von Folterqualen gebrochene und verwirrte Geist! Bürger! Sprecht euer Mitleid aus für meinen unglücklichen Freund in einem Fluch auf seine Kerkermeister und Folterknechte!« Die theatralische Szene wirkte. Guillemain mit dem wildflatternden Haare, dem totenbleichen Gesicht, den rollenden Augen, den gekrampften Händen sah in der Tat einem Wahnsinnigen ähnlich genug, und sein vergeblicher Protest, daß nicht er verrückt sei, sondern höchstens sein mitleidiger Freund, der ihn für verrückt erkläre, steigerte noch die naturwahre Täuschung des Eindruckes. Die anwesenden Franzosen zumal glaubten, der Mann sei wirklich wahnsinnig, denn der deutschen Sprache nur halb mächtig, hatten sie die genügend klaren Reden Guillemains ohnedies nicht recht begriffen; desto überzeugenderen Eindruck machte ihnen die Gruppe auf der Rednerbühne und die französischen Worte des Arztes. Die Deutschen dagegen waren froh, daß man den Unruhestifter mit so guter Manier für ihn und andere unschädlich gemacht, sie umringten ihn und halfen dem Arzte, seinen zur Unzeit wiedererstandenen Freund endlich mit heiler Haut aus dem Saale zu bringen. Draußen überhäuften sich die beiden noch eine Weile mit Vorwürfen: Kringel den Guillemain, weil er ihn so schändlich bloßgestellt, Guillemain den Kringel, weil er ihn öffentlich für verrückt erklärt habe. Die Stille der kalten, klaren Nacht mit ihrem wie zum ewigen Frieden leuchtenden Sternenhimmel brachte Guillemain wieder zu ruhigeren Sinnen. Er schwieg und sammelte sich aufs Wiedersehen seines Vaters; der Arzt aber ließ ihn nicht eher los, als bis sich die Türe des elterlichen Hauses geöffnet hatte, und stand noch eine Weile Schildwacht auf der Gasse, denn er fürchtete immer, sein Freund möge wieder in den Saal zurücklaufen und sich als nicht wahnsinnig ausweisen. Der alte Guillemain erschrak, indem er den verwilderten Mann mit der großen Kokarde ins Zimmer treten sah; denn als ein schweigender Gegner der Revolution fürchtete er schon lange, mißhandelt oder aufgehoben zu werden. Als er aber in der verdächtigen Gestalt den Sohn erkannte, vergaß er alles Herzeleid, das er seinetwegen ausgestanden, und allen Widerwillen gegen die dreifarbige Kokarde und fiel ihm um den Hals und weinte und hatte nur noch ein Herz für den wiedergefundenen Sohn. Wie innig wohl tat es Joseph, daß er nach so vielen Jahren zum erstenmal wieder rein menschlich von einer mitfühlenden Menschenseele, vom Vater, den er so tief betrübt, sich angesprochen fühlte. Er hatte dieses Wiedersehen oft gar rührend sich ausgemalt und vorgeträumt, aber auch hier war die Erfüllung ganz anders als das Phantasiegebilde der Hoffnung: der selige Augenblick war unendlich rührender und schöner, als er ihn je hatte vorempfinden können, und der altmodisch gesinnte Vater fragte ihn gar nicht, wie er denn schon so geschwind zu der großen Kokarde gekommen und ob er auch gleich wieder ein Revolutionär neuen Stiles geworden sei. Er sprach bis tief in die Nacht hinein als der Vater mit seinem Kinde und ließ es sich nicht einmal merken, wie schweren Kummer ihm dieses Kind gemacht. Am anderen Morgen griff Joseph Guillemain vor allen Dingen zum Rasiermesser und ließ sich das Haar schneiden und einen Zopf flechten. Er sagte: »Man hat mir verwehrt, meinen Namen in das schwarze Buch zu schreiben; so will ich denn in anderer Form öffentlich Zeugnis geben von meinem ungebrochenen Freiheitsmute. Als alle Welt Zöpfe trug, schnitt ich den meinigen ab; jetzt, wo die Zöpfe verpönt und mißachtet sind, kehre ich wieder zum Zopfe zurück. Der rechte Freiheitsmann handelt und duldet immer mit der Minderheit, denn bei der großen triumphierenden Masse ist und war die Freiheit niemals.« Da man nun aber Herrn Guillemain über Nacht wohlfrisiert und mit einem Zopfe erscheinen sah, so gewann der Glaube, daß er verrückt geworden, auch unter den Deutschen in Mainz bedeutend an Festigkeit. In der Tat jedoch bekundete der Mann mit dem Zopfe seinen klaren Verstand vor anderen darin, daß er seine eigene Ohnmacht angesichts des Weltsturmes bald genug begriff, sich grollend in sich selbst zurückzog und Mainz zur rechten Stunde verließ, um erst wiederzukommen, als die Deutschen die Stadt zurückerobert hatten. Trotz aller Wechsel der Mode und der Politik trug er fortan seinen Zopf, nicht als den Zopf des Rückschrittes, sondern als den Zopf des Eigensinns. Unzufrieden mit jedem bestehenden Zustande, hegte und veredelte er zwar getreulich sein Ideal einer besseren Zeit, allein niemals gelang es ihm, dasselbe der gegebenen Weltlage anzupassen; es fehlten ihm eben fünf Jahre erlebter Geschichte, in welchen der Schlüssel für die ganze nächste Zukunft lag. Er kehrte zurück zum Epigramm, womit er begonnen; er blieb ein politischer Kopf und obendrein ein Republikaner, aber er hatte kein Herz mehr für die tatsächliche Politik. So blieb er auch in Gedanken ein Maler, aber er malte nicht mehr. Er redete oft von seinem neuesten Karton, dem Völkergerichte der Freiheit, doch nie entschloß er sich, auch nur das Papier zum ersten Entwurf über den Holzrahmen ziehen zu lassen. Wie aber die erste Periode seines Lebens durch den unvollendeten Tod des Cäsar bezeichnet war und die zweite durch das niemals begonnene Jüngste Gericht, so hatte auch die dritte ihr neues symbolisches Kunstwerk gefunden. Er sprach nämlich viel von einem philosophisch-politischen Roman, mit welchem er sich trage. Eine Schar der wütendsten Jakobiner, die beim Sturze der Schreckensherrschaft der Guillotine entrann, war nach Cayenne verbannt worden. Dorthin kommt nachgehends auch eine Anzahl später geächteter Royalisten. Zwei der entschiedensten Charaktere aus diesen beiden Lagern begegnen sich in der mörderischen Fiebereinöde, wo sie gemeinsam leben und arbeiten müssen. Der Jakobiner erfährt von dem Todfeinde, wie trotz des Sturzes seiner Gegner, den er gehofft und geweissagt, dennoch die rote Republik nicht gesiegt hat; die Geschichte ist ihren eigenen Weg gegangen, weitab von der Linie, welche er ihr im Geiste gezeichnet. Der Royalist hofft noch und entwirft kühne Bilder vom Wiedererstehen des Königtums und lebt in giftigem Zwiste mit dem bereits stumpf entsagenden Jakobiner. Als aber nun die Botschaft auch zu dem fernen Lande hinüberdringt, daß Napoleon den Stuhl seiner Kaiserdespotie auf die Trümmer der Republik gestellt habe, da erkennt auch er, wie alle Traumbilder von künftiger Gestaltung der Völker und Staaten eitel und unwahr sind, und er reicht dem Jakobiner die Hand als dem einzigen Wesen, welches sich mit ihm wenigstens bis aufs Blut zu zanken und also auch menschlich mit ihm zu empfinden vermag, und beide, die über der Politik vergessen hatten, daß sie Menschen waren, finden zuletzt Versöhnung und Sühne in menschlich-brüderlichem Gemeinleben, ja sie einigen sich auch politisch wenigstens darin, daß sie die ganze europäische Politik möglichst weit hinwegwünschen von dem Lande, wo der Pfeffer wächst; – denn in diesem Lande lebten sie ja selbander. Es war der tragische Roman seines eigenen Lebens, den Guillemain solchergestalt in fremder Szenerie sich auszudichten unternahm. Berühmter aber als durch dieses ungeschriebene Buch und die ungemalten Bilder war und blieb er durch seinen wirklich ausgeführten Zopf. Der wurde zum Sprichwort in der ganzen Umgegend. Und wenn die Leute so manchmal wahrnahmen, daß ein Altliberaler, von dem man gehofft, er werde sich an die Spitze einer neuen Bewegung stellen, verstimmt in sich selbst zurückkroch, weil alles anders gekommen, als er's erwartet hatte, dann achselzuckend und verneinend gegen die neuen Volksführer auftrat und zuletzt gerade im Vollbewußtsein seines Freisinnes das Banner der alten Zeit ergriff, – so sagten sie: das ist der Zopf des Herrn Guillemain. Gespensterkampf. 1862 Als Lissabon vor hundert Jahren durch das große Erdbeben zerstört wurde, stockten in Deutschland und weiter hinaus die warmen Quellen, und in den Wildnissen des Walchensees stürzte ein Stück Bergwand herab. Die Quellen kamen wieder, und der Bergsturz im menschenleeren Hochgebirg schädigte niemand. Trotzdem betrachten wir mit besonderem Schauer die heute noch erkennbare Stelle, welche uns erzählt, daß das Erdbeben von Lissabon selbst in den deutschen Alpen nachgezittert habe. Die furchtbare Katastrophe tritt uns hier gleichsam persönlich nahe in ihrer unermessenen Tragweite. So fühlt sich die tiefer sinnende Einbildungskraft wohl auch aufs unmittelbarste ergriffen, wenn sie eine Katastrophe der Weltgeschichte, die in den Geschichtsbüchern kalt und groß vor uns emporsteigt, nachzittern sieht in dem friedlichen Lebensgang eines fernab wohnenden harmlosen Menschen. Mit Schrecken erkennen wir, daß jedes noch so verborgene Menschenschicksal dennoch verflochten sei in die großen offenbaren Geschicke der Menschheit, und fühlen uns beim bloßen Anhören solch eines kleinen nachzitternden Erlebnisses persönlich gepackt, während wir die allbekannten historischen Helden der Katastrophe gegenständlich ferne kämpfen und leiden sehen wie die Darsteller eines Trauerspiels aus dem Zuschauerraum des Theaters. Erstes Kapitel Schloß Wodenburg im Nieder-Wasgau war das seltsamste Schloß von der Welt; es war keine Ruine und auch kein wohnlicher Bau, sondern ein Mittelding zwischen beidem, ein Haus, welches hundert Jahre brach gelegen, ohne daß man es hatte zerfallen lassen. Wohlerhalten umfing noch die Ringmauer mit dem wappengeschmückten Tore den Schloßhof, aber zwei Fuß vor dem Tore stand eine hochschüssige Tanne; kein Wagen konnte mehr einfahren, und nur Fußgängern blieb zu den Seiten des Baumes freier Paß. Die Tanne inmitten der Einfahrt schien das echte Sinnbild des Schlosses. Das Pflaster des Schloßhofes war nirgends aufgerissen oder versunken, aber fettes Gras sproßte zwischen den Steinen, und eine Ziege nährte sich seit Jahren bequem von der gepflasterten Wiese. Dieses Tier gehörte dem alten Christian, der einzigen menschlichen Seele, die hinter jenem Tore wohnte, vor welchem die Tanne Schildwacht stand. Christian hatte das Schloß obenhin imstande zu halten und nistete in einem kleinen Häuschen, welches an die östliche Seite des Hauptbaues angeklebt war, und der einsame Christian konnte selber als ein in den Wogen der Zeit unberührt stehengebliebenes Altertum gelten. Er unterschrieb sich »Freiherrlich von Wodenburgischer Schloßaufseher auf Wodenburg«, und da das mäßig große Haus, welches er hütete, ein massiver Viereckbau mit Ringmauer und vier Erkertürmchen war und einem Freiherrn gehörte, so mußte man es immerhin ein Schloß nennen. Auch senkte sich am Südwesthange des Burgberges ein kleiner Herrengarten zu Tale nieder; neben verwilderten Hainbuchengängen wucherten dort Boskets von dicht verfilzten Brombeersträuchern, breite Beete von Nachtschatten und lange Rabatten von Brennesseln in wahrhaft tropischer Pracht. Ein Karpfenteich am Fuße des weiland terrassierten Gartens war auf die Dauer selbst den trägen Karpfen zu stillstehend geworden, und sie hatten den Fröschen und Wasserspinnen Platz gemacht, die jetzt über und unter der Decke gelbgrüner Meerlinsen ihr Wesen trieben. An die Nordseite des Schlosses lehnte eine kleine Kirche. Ursprünglich mochte sie die Burgkapelle gewesen sein; man hatte das Schiff aber schon im fünfzehnten Jahrhundert erweitert und aus der Kapelle ein Pfarrkirchlein geschaffen, in welches die wenigen armen Bewohner des am Fuße des Burgberges gelegenen Dorfes Wodenburg zum Gottesdienste gingen. Ein bedeckter hölzerner Gang verband Schloß und Kirche und führte aus den Zimmern in den herrschaftlichen Kirchenstuhl. Diese Zimmer waren das merkwürdigste am ganzen Schlosse. Denn man schrieb jetzt 1792, der ganze Hausrat und Schmuck der Herrschaftszimmer aber war seit etwa 1692 unverrückt und unverändert derselbe geblieben, und zwar aus folgendem Anlaß. Schloß Wodenburg gehörte den Freiherrn gleichen Namens, die bis gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts hier gewohnt hatten. Damals aber waren ihnen durch das Aussterben der jüngeren Linie weit schönere Güter jenseits des Rheines zugefallen; die Familie war auf das andere Ufer übergesiedelt, hatte dort ein größeres Schloß, viel prächtiger eingerichtet, vorgefunden und die alte Stammburg fortan innen und außen stehenlassen, wie sie stand. Nur selten besuchte noch einer der Herren auf etliche Stunden die verwaisten Räume, gewohnt oder auch nur übernachtet hatte seit hundert Jahren niemand mehr in denselben. Der altväterliche Hausrat war anfangs aus kluger Vorsicht in unverrücktem Stand erhalten worden, später aus Pietät, und wenn die Freiherrn einen treuen Diener zur Ruhe setzen wollten, so schickten sie ihn als Hüter ihrer Familienreliquien nach Wodenburg. Nun wurde der Wodenburg aber doch wieder einmal ein längerer Besuch zugedacht, und zwar von zwei schönen zwanzigjährigen Mädchen im September 1792. Charlotte, die einzige Tochter des verwitweten Herrn von Wodenburg, hatte sich's als die höchste Gunst vom Vater erbettelt und erstürmt, daß sie mit ihrer Freundin Sophie zwei Tage in den geheimnisvollen Zimmern des alten Schlosses schwärmen dürfe, wo die Zeit hundert Jahre lang stillgestanden. Diese Freundin, die Tochter eines reichen Kaufherrn, war mit ihr in Berlin erzogen worden; sie weilte gegenwärtig als Gast in dem väterlichen Hause und wurde in aller Weise geehrt und gefeiert. Charlotte jedoch meinte, was sie Sophien an äußeren Genüssen bieten könne, das habe dieselbe längst schon feiner und voller in dem großstädtischen Leben gekostet, ein wahrhaft neuer Genuß dagegen würden ihr ohne Zweifel zwei Tage auf Wodenburg sein. Die Torfahrt mit dem Tannenbaum, die gepflasterte Ziegenweide, die Zimmer mit dem hundertjährigen Hausrat und der alte Christian dazu, das waren Dinge, die man in Berlin für alles Gold des reichsten Bankhauses nicht haben konnte. Bei diesem Anlaß wollte Charlotte dann auch einen ihrer liebsten und ältesten Wünsche befriedigen. Denn bisher hatte sie immer nur auf flüchtige Minuten durch die geheimnisvollen Zimmer von Wodenburg wandeln dürfen; aber Tag und Nacht möglichst einsam dort zu verweilen, das deuchte ihr grauslich schön, und ganz besonders sehnte sie sich nach den Schauern der Nacht und nach dem wundersamen Traum, welchen sie sicherlich in dem großen Himmelbett und unter der schweren seidenen Bettdecke träumen müsse, unter welcher ihre Ahnen vor hundert Jahren zum letztenmal geschlafen. Nur frische Matratzen, Kissen und Leintücher bat sie vorher hinüberzuschicken; denn in diesem Stücke fürchtete sie etwas die Familienheiligtümer des siebzehnten Jahrhunderts. Als der Vater endlich dem Andringen der Tochter nachgab, ward der große Reisewagen gepackt und mit Mundvorrat gefüllt, als gälte es eine achttägige Belagerung des Schlosses auszuhalten. Etliche Flaschen Wein aus dem siebzehnten Jahrhundert wurden mit besonderer Sorgfalt in die Seitentaschen des Wagens geborgen; sie konnten ohne chronologischen Verstoß aus den alten Venetianer Gläsern auf Wodenburg getrunken werden; der Schinken, die Würste und die Wildbretpastete freilich waren neueren Datums. Frau Weiland, eine ehrsame Pfarrerswitwe, welche dem Freiherrn den Haushalt führte, begleitete die beiden Mädchen in der Doppeleigenschaft einer Oberhofmeisterin und Kammerjungfer, und der Kutscher sollte zugleich als Bedienter aufwarten. So glaubte der Vater jeder Forderung des Anstandes, der Sicherheit und Bequemlichkeit genügt zu haben. Er selber aber wollte am dritten Tage, bis wann sich die Mädchen seiner Ansicht nach in dem alten Neste wohl satt gelangweilt hätten, hinüberkommen, um die ganze Gesellschaft wieder heimzuführen. Am Nachmittage hielt der Wagen bei der Tanne vor dem Schloßtor. Die beiden Mädchen stiegen lachend aus, schlüpften, jede auf einer anderen Seite des Baumes, zum Portale hinein und schritten dann Arm in Arm über den grasbewachsenen Hof, wo sie von dem alten Christian staunend begrüßt wurden. Nachdem ihn Charlotte wegen der nötigen Vorkehrungen an Frau Weiland gewiesen, führte sie ihre Freundin in den verwilderten Schloßgarten. Beide schwelgten zunächst in der Wonne, ungestört und einsam sich selber zu haben, und der schwärmerischen Charlotte gesellte sich noch die nicht minder süße Lust hinzu, diesen wundersamen Ort, von welchem sie so oft erzählt, der Freundin mit beredtestem Führereifer nun in voller Wirklichkeit zu zeigen. Indem sie Sophien durch die Buchengänge führte, wo sie schon als Kind seltsam aufgeregt umhergestreift, war es ihr, als sei ihre Freundschaft, die doch kaum sechs Jahre alt, nunmehr auch in die Kinderjahre zurückverlängert worden. Denn wenn wir jemand recht liebgewinnen, wird es uns ja ohnehin schwer zu begreifen, daß es einmal eine Zeit gab, da wir noch gar nichts von ihm wußten, und wir dichten uns gerne das wahrhaftige Märchen vor, als sei eine Neigung, die nur mit uns selber sterben soll, auch von Anbeginn mit uns selber geboren. »Dieser Lustgarten ist doch etwas unwegsam«, sagte Charlotte; denn sie war eben mit ihrem Kleide in einem Dornbusch hängengeblieben, und als sie Zugriff, um sich frei zu machen, verbrannte sie die Finger an einer großen Nessel. »Sehr unwegsam! Übrigens habe ich meine eigenen Gedanken, wie dem abzuhelfen sei. Setzen wir uns auf diesen Baumstamm; ich will dir meinen Plan vorlegen.« Es war in der Tat das beste, sich auf den Stamm zu setzen; denn über ihn hinauszusteigen hätten die beiden Mädchen doch nicht vermocht. Eine dicke, knorrig verästete Eiche, von den Stürmen des letzten Frühjahrs gefällt, lag nämlich quer über dem verwachsenen Pfade, jeden weiteren Schritt verbietend. Charlotte begann: »Mein Lehrer behauptete, Wodenburg habe ursprünglich Wodansburg oder der Berg des Wodan geheißen, und was wir als alt oben in dem Schlosse anstaunen, das sei im Grunde funkelneu gegenüber jenem Uraltertum, auf welches der Name des Berges zurückdeutet. Wo jetzt die Kirche steht, da lag die Opferstätte, der heilige Hain des Wodan; in den katholischen Zeiten war darum die Kirche dem Erzengel Michael geweiht, dem Nachfolger und Erben Wodans auf so manchem Berge. Was sagst du dazu, Sophie, wenn wir dem alten Wodan wieder zum Rechte verhülfen und diesen verwilderten Lustgarten in seinen Opferhain verwandelten?« – Sie hielt an, wie jemand, der auf eine bedeutende Frage eine bedeutende Antwort erwartet. Sophie jedoch warf ganz leichtfertig die Worte hin: »Aber der Hain des Heidengottes war ja, wie du selber bemerktest, gar nicht im Lustgarten, sondern oben, wo die Kirche steht.« »Liebe Freundin«, sagte Charlotte, »wo es sich um eine zweitausendjährige Geschichte handelt, da verzeiht man's den größten Gelehrten, wenn sie einen ganzen Büchsenschuß weit nebens Ziel schießen, warum sollte man es uns nicht verzeihen, daß wir hier den Wodanshain einen Büchsenschuß seitab vom rechten Flecke stellen? Das ist antiquarische Lizenz. Hier unter deutschen Eichen und Buchen wollen wir uns in Germaniens und des Wodansberges Urgeschichte zurückversenken, hier wollen wir Klopstocks Bardiete lesen und die Gesänge der Barden Rhingulf und Sined, und einige Gartenbänke im altdeutschen Bardenstil müssen dann auch neben den gebahnteren Pfaden aufgestellt werden, denn auf diesem knorrigen Eichenstamm sitzt man doch entsetzlich schlecht, und an der lieblichsten Stelle des Haines muß Klopstocks Büste auf granitenem Sockel aus dem Dickicht hervorleuchten. Ich habe schon die Inschrift für den Sockel gewählt, die Chorstrophe der Hermannsschlacht: Höret Taten der vorigen Zeit! Zwar braucht ihr, euch zu entflammen, die Taten der vorigen Zeit nicht, Doch tönen sie euerm horchenden Ohr, Wie das Säuseln im Laube, wenn die Mondnacht glänzt!« »Bei Wodan und Braga! Das wäre schön!« bemerkte Sophie fast spöttisch und rümpfte kaum merkbar das kleine Spitznäschen. »Aber zerstörst du dir nicht selber wieder dein Altertum, wenn du Klopstock, einen Lebenden, mitten hineinpflanzest?« Mit Eifer versetzte Charlotte: »Nein! Und zwar um deswillen nicht, weil Klopstock ein Dichter ist. Mit dem rückwärtsgewandten Sehergeiste des Sängers bürgerte er sich ein unter den traumhaften Gestalten der dunkelsten Vergangenheit und ließ uns alle heimisch werden unter ihnen und einherwandeln neben Wodan und Hermann. Und wie er jedes empfindsame Gemüt unter den Lebenden hineingeführt in den altdeutschen Urwald, daß wir schauten und lauschten, so stelle ich auch seine, des Lebenden, Büste mitten in Wodans Hain. Das Brustbild des Altertumsforschers würde mir das Altertum meines Haines stören, nicht aber das Brustbild des Dichters. Der Forscher enthüllt uns, wie fernab dem heutigen Leben die alte Zeit liegt, welche er zergliedert; der Dichter singt uns unmittelbar in den Traum der alten Zeit, daß uns tausend Jahre werden wie ein Tag und die eigene Gegenwart uns versinkt in dem Zauberbilde der Vergangenheit.« Die beiden Mädchen erhoben sich schweigend und stiegen die Nordseite des Abhanges hinauf, bis sie, aus dem Garten tretend, vor der Kirche standen. »Wir kommen von dem verwachsenen Pfad der Sage auf festen geschichtlichen Boden«, sagte Charlotte, indes sie die Freundin durch die offene Kirchentür zur Sakristei führte. »Sieh hier dieses alte Meßgewand; ich kann es nur mit Entsetzen und doch auch wieder – du magst mich tadeln – mit einem gewissen Stolze betrachten. Die dunkeln Flecken auf dem Gewände sind Blutflecken, das runde Loch in der Mitte ward von einer Kugel geschlagen. Unsere Familie bekannte sich schon in der ersten Zeit der Reformation zum lutherischen Glauben; die Nachbarschaft war zum großen Teile bischöfliches Gebiet, also katholisch. Da schlichen sich nun die Priester bald offen, bald heimlich herüber, um unsere Bauern wieder rückfällig zu machen zum Papsttum. Mein Ahnherr drohte solchen Sendlingen mit schwerster Strafe. Vergebens! Als er einmal mehrere Wochen von Wodenburg entfernt gewesen, vernahm er bei der Heimkehr unten im Dorfe, ein Priester habe sich gar in seine eigene Schloßkirche geschlichen und lese die Messe. Wütend über solche Frechheit, stürmt mein Ahn den Berg hinauf, tritt in die Kirchentüre, sieht den Priester am Altare und schießt ihn nieder, ohne ein Wort zu reden. Seitdem hat man nicht mehr versucht, die wodenburgischen Bauern katholisch zu machen; das durchschossene blutige Meßgewand aber ward zum ewigen Andenken hier in der Sakristei bewahrt.« Charlotten war fast der Atem vergangen, während sie die wohlbekannte Geschichte am Orte der Tat der Freundin erzählte, und diese wandte sich schaudernd ab von dem durchbohrten Gewand und rief: »Fürwahr, das ist entsetzlich!« Als sie aber die Kirche verlassen hatten und zum Schlosse hinüberschritten, gewann das Nachdenken bei der anmutig verständigen Sophie zuerst wieder die Oberhand über den unmittelbaren Gefühlseindruck. Sie sprach: »Unsere aufgeklärte Zeit wird dem Ritter recht geben, daß er mit dem Priester so kurzen Prozeß gemacht. Geht man doch weiter und macht jetzt drüben in Frankreich auch den Rittern gerade so kurzen Prozeß. Vielleicht kommen dann wieder Tage, wo man jenen Priester wie diese Ritter gleicherweise Märtyrer nennen wird. Übrigens begreife ich, daß du nicht ohne Stolz der erschrecklichen Geschichte gedenken kannst. Es erhebt uns, die Vorfahren handelnd in weltbewegende Ereignisse verflochten zu sehen, sei ihre Tat auch noch so klein gewesen. Die Familiengeschichte hat dann doch ein Stücklein Weltgeschichte aufzuzeigen. Und dünkt die Tat uns hart und grausam, so sprechen wir: das war die Schuld jener harten Zeit; dem Ahnherrn aber schreiben wir es gut, daß er als ein Kind dieser Zeit wenigstens keck und frischweg gehandelt habe.« Bei diesen Worten betraten sie die alten Herrschaftszimmer. Die sahen so behaglich aus und doch zugleich so gespensterhaft. Zwar stand noch all der Hausrat unverrückt, wie ihn die Familie vor hundert Jahren verlassen, und füllte fast zum Übermaß die engen Räume. Trotzdem erschienen diese leer. Denn auf dem Nähtisch fehlte die halbvollendete Arbeit der Hausfrau, auf dem Schreibpulte Bücher, Papiere, Tintenfaß, bei den kleinen Stühlchen der Kinder lag kein Spielzeug, und obgleich die Toilette im Schlafgemach noch mit dem Silberspiegel und den großen Wasserbecken prangte, vermißte man doch jene zahllosen Fläschchen, Töpfchen und Kästchen, welche eine Dame für ihren Putz bedarf. Alle diese Dinge hatte man mitgenommen. Sie verbinden aber den gröberen Hausrat erst recht persönlich mit dem Besitzer und erzeugen jene kleine Unordnung, die auch dem verlassenen Zimmer das trauliche Gepräge eines bewohnten Raumes gibt. An den Wänden hingen die Brustbilder der ehemaligen Bewohner, im steifsten Prunke kalt und hart gemalt. Sie schauten so ernst und traurig darein und schienen sich zu langweilen in den überfüllten und doch leeren Räumen, in welchen die Zeit hundert Jahre lang stillgestanden. Die Stühle und Sessel des Staatszimmers waren mit Stickereien bedeckt, welche das Auge der beiden Mädchen besonders fesselten. So stickte man jetzt nicht mehr; das waren ganz verschollene Sticharten. Wie lange schon moderten die Hände der Frauen und Fräulein des Hauses, welche vermutlich diese mühsame Arbeit ausgeführt! Hier entdeckte man noch einen kleinen Fehler, dort hatte sichtbar eine andere, fertigere Hand begonnen. Was mochte die Stickerin gedacht und empfunden haben, als sie in so beschaulicher Arbeit hier die Nadel führte! Mit derlei Fragen und Ausrufen warfen sich die Mädchen zuletzt bequem in die alten Sessel. Sophie aber meinte, es komme ihr nun doch nicht vor, als seien die ursprünglichen Besitzer erst gestern von diesen Stühlen aufgestanden, denn die Sonne habe inzwischen ja alle Farbe der Stickerei hinweggebleicht und die Mottenlöcher im Rückkissen stammten wohl auch nicht von Anno 1692. Wären die alten Stühle noch neu, dann könnte man sie ein echtes Altertum nennen, da sie aber inzwischen so sehr gealtert, so seien sie eben nicht mehr die alten, sondern neu in einem anderen Sinne; denn die hundert Jahre hätten sie nun doch ganz leise zu etwas anderem gemacht, als sie ursprünglich gewesen. Charlotte, welche die Ironie der Freundin allezeit zum Ernste zurückbog, erwiderte: »Liebe Sophie! Ich sage in deiner Redeweise, du würdest etwas vernünftiger reden, wenn du etwas weniger Verstand hättest. Das Alte, genau so wie es vor hundert Jahren war, rührt uns nicht, ja wir vermöchten es nicht einmal als alt zu erkennen. Wir müssen nicht bloß schauen, wie es ursprünglich gewesen, sondern auch wie das Jahrhundert verändernd darüber hingegangen ist. In diesem Widerspruche liegt die Poesie des Altertums. Die Burgruine versetzt uns mitten unter die Ritter, nicht aber das wohlerhaltene altdeutsche Schloß, obgleich die Ritter doch nicht in Ruinen hausten. Aber die Ruine weckt in uns den ganzen Schauer der Vergangenheit, und indem wir das Alte als gestorben umfassen, wird es uns wieder wahrhaft lebendig. Das Alte als Gegenwart auf uns wirken zu lassen, vermag in aller Welt nur der Dichter; darum kann man sagen, er zieht uns reiner in ferne Zeiten zurück als alle Trümmer und Antiquitäten der Welt. Wie es aber Stimmungen gibt, in welchen man zum Kirchhofe sich flüchtet, nicht um die Toten zu schauen, wie sie leibten und lebten, sondern um mit ihnen als Toten lebendig zu verkehren, so zog mich auch die friedlose, zerwühlende Stimmung dieser Zeit schon lange nach Wodenburg. Denn wenn von Frankreich herüber jeder Tag eine neue Greuelbotschaft bringt, wenn das Erdbeben der Revolution die Grundpfeiler von ganz Europa erschüttert, dann mag man wohl gerne auf ein paar Tage sich und die Welt vergessen in diesem grabesstillen Heiligtum, umrauscht von den Geistern eines vergangenen Jahrhunderts, welches sturmvoll war wie das unserige; in seinen Reliquien aber zeigt es uns traulichste Ruhe, denn der Friede des Todes liegt auf ihnen.« Sie erhob sich und führte die Freundin in das nahe Erkerstübchen. »Sieh im Westen jene blauen Berge, hinter welchen soeben die Sonne versinkt! Sie liegen in Frankreich. Bei uns ist noch Frieden; da drüben wütet der Krieg. Was hilft alles Selbstvergessen? Das Leben behält dennoch sein Recht. Hinter jenen blauen Bergen kämpfen deutsche Krieger, um das Advokatenregiment in Paris zu stürzen und den König wieder auf seinen Thron zu setzen. Die ausgewanderten französischen Edelleute, welche mein Vater gastlich aufnahm, bringen ihm täglich hoffnungsvollere Kunde. Wenn nun der Vater uns übermorgen abholt und uns vom Tore aus schon entgegenriefe, daß das deutsche Heer des Herzogs von Braunschweig gesiegt, daß es Paris im Sturm genommen habe, daß das gute alte Recht von nun an wieder Recht sein und bleiben werde! O liebe Sophie, wir würden den ganzen Plunder vom siebzehnten Jahrhundert und alle Heiligtümer von Wodenburg vergessen und uns glücklich preisen, daß uns Gott vergönnt, in keiner anderen Zeit zu leben als in dieser schönen Gegenwart!« Sophie drückte der Freundin warm die Hand und schwieg und schüttelte leise mit dem Kopfe. Charlotte sah es nicht; sie starrte mit Tränen im Auge westwärts nach den blauen Bergen und dem blutrot verglühenden Abendhimmel. Zweites Kapitel Beim Abendbrote erschien Frau Weiland, die Oberhofmeisterin, um mit den Mädchen zu speisen. Christian wartete auf; den Kutscher hatte man samt den Pferden in der Dorfschenke untergebracht. Das Tischgespräch war trocken und gleichgültig; in Gegenwart einer Oberhofmeisterin kann auch das phantasievollste Mädchen keine Geister beschwören. Die beiden Fräulein nippten ein wenig an dem hundertjährigen Weine, die ehrwürdige Frau tat einen tieferen Trunk. Charlotte rühmte die duftende Blume des alten Gewächses, Sophie tadelte den herben Geschmack, Frau Weiland empfahl seine magenstärkende Kraft. So fand eine jede ihren eigenen Geist wenigstens im Weine wieder. Gleich nach Tische sagten die Mädchen der alten Dame gute Nacht. Charlotte hatte gesorgt, daß Frau Weiland jenseits der Hausflur schlief, welche die Gemächer des oberen Geschosses in zwei Hälften teilte. Sie wollte möglichst einsam mit ihrer Freundin die süßen Schauer einer Nacht auf Schloß Wodenburg durchkosten. Als die Mädchen nun so allein bei zwei flackernden Kerzen saßen, beschlich sie beide doch ein peinliches Bangen; aber keine gestand es der andern. Die aufregenden Gespräche und Eindrücke des Tages zogen ihnen durch die Seele; sie schauten einsilbig, oft lange schweigend vor sich hin. Man hörte dröhnende Tritte in der Vorhalle. Die Mädchen schraken zusammen. »Es ist wohl Christian, der das Tor schließt und in sein Häuschen zu Bette geht«, sagte Sophie lächelnd, rascher gefaßt als ihre Freundin. Dann gab es wieder eine lange Pause; man hörte den Holzwurm im Getäfel klopfen. Die ferneren Winkel des Zimmers waren nur dämmerig beleuchtet, rechts und links aber führten offene Türen in zwei Schlafgemächer. In dem einen stand das riesige Ehebett, welches Charlotte für sich zum Lager erkoren, in dem anderen ein kleineres altes Bett, für Sophien bestimmt. Keine aber wagte es jetzt, in die dämmerigen Winkel oder gar in die dunkeln Kammern zu blicken. Ein Krachen in dem trockenen alten Holzwerk steigerte die Furcht. »Fürchtest du dich?« fragte endlich Sophie kleinlaut. »Wie sollte ich mich fürchten?« entgegnete Charlotte mit einer Stimme, welche ihre Frage Lügen strafte. »Ich sehe mich hier von vertrauten Gestalten umschwebt. In einem adeligen Hause bürgert man sich von Kindesbeinen in die Vergangenheit ein. Die alten Herren und Frauen, welche von diesen Bildern auf uns herabblicken«, – doch wagte sie keinen Gegenblick – »haben nichts Gespenstisches für mich; ich habe, seit ich denken kann, mit ihnen gelebt, und sollten sie gleich auf der Stelle mir als Geister erscheinen, so weiß ich doch, daß ich mich in der Familie und in bester Gesellschaft befinde.« »Ei, dann fürchte ich mich noch viel weniger«, parodierte Sophie. »In einem bürgerlichen Hause lebt man von Kindesbeinen immer frisch in der Gegenwart und weiß, daß das Vergangene tot ist. Und wenn dir's vor jenen Geistern nicht bangt, weil sie dir nur als gute alte Bekannte erscheinen können, so habe ich's noch viel sicherer, denn ich weiß, daß sie überhaupt gar niemals kommen werden.« »Es lohnte wohl die Probe, welcher Glaube besseren Schutz gewährt!« rief Charlotte, zitternd vor Angst und Unmut. »Verlangst du es, so gehe ich auf der Stelle ganz allein in den Wodanshain hinab und bringe dir einen Zweig der Eiche, auf welcher wir heute saßen.« »Das wäre doch ein schwacher Beweis!« entgegnete Sophie und schüttelte die Locken ihres kleinen Trotzköpfchens. »Vor dem Wodan habe ich nun gar keine Angst. Der ist mir viel zu alt. Auch die Unsterblichkeit der Gespenster ist nur eine verlängerte Sterblichkeit, und eine alte Geschichte, die so ewig lange her ist, verliert zuletzt den unmittelbaren Duft des Altertums. Vor dem Geiste eines gestern Verstorbenen fürchten sich die meisten Leute, vor den Geistern Adams und Evas fürchtet sich kein Mensch mehr. Mir dünkt es viel bequemer und doch überzeugender, wenn du einmal versuchtest, eine Weile fest und unverwandt in jenes dunkle Zimmer zu schauen.« Charlotte wagte den Versuch, fuhr aber rasch zurück und heftete den Blick beschämt auf den Tisch. Sophie sprach nunmehr mild und begütigend: »Liebe Freundin, am Ende fürchten wir uns alle beide, obgleich eine jede für sich das beste Schutzmittel wider die Furcht besitzt. Ich gestehe dir auch gerne, daß es mir unheimlich ist, dort in der dunkeln Kammer allein zu schlafen, nicht aus Furcht vor Gespenstern, sondern aus Furcht vor der Gespensterfurcht. Das Ehebett, welches du dir ausgewählt, hat Raum für vier so dünne Gestalten wie wir und scheint eher ein Bett für die ganze Familie als ein bloßes Ehebett gewesen zu sein. Wie wäre es, wenn du mir Gastfreundschaft in deinem ungeheueren Bette gewährtest? Können wir nicht schlafen, so lassen wir das Licht brennen und plaudern durch die ganze Nacht alle Gespenster hinweg.« Sichtbar entrüstet, lehnte Charlotte diesen Vorschlag ab. Das große Himmelbett war ihr immer ein ganz besonderes Heiligtum gewesen; hier hatten ihre Ahnen vor hundert Jahren zum letztenmal geschlafen, und wenn das Bett ja noch einmal benützt werden sollte, so durfte ihres Erachtens nur ein Glied der Familie dasselbe wieder einweihen. Es war anmaßlich von der bürgerlichen Kaufmannstochter, der Versuch einer Profanation, daß sie zum erstenmal mitschlafen wollte in der adeligen Familienreliquie. Dennoch kämpfte bei Charlotten die Liebe zu der treuen Freundin mit dem abenteuerlichen Vorurteil. Sophie aber schnitt den Knoten rasch entzwei und sagte: »Fürchtest du dich nicht, allein in dem großen Bette zu schlafen, so fürchte ich mich in dem kleinen noch viel weniger.« Abermals gab es eine Pause peinlichen Schweigens. Da erklang plötzlich Musik durch die lautlose Stille der Nacht, tiefe, ernste Töne, die immer mächtiger aufsteigend heranwogten; sie hallten von der Kirche herüber, es waren Orgeltöne! Doch mit solcher Macht hatten die Mädchen noch niemals Orgel spielen hören und noch niemals so altertümlich erhabene Harmonien, die wie ein breiter Strom, Flut an Flut, einherbrausten. Charlotte ward totenblaß und hielt sich krampfhaft an der Lehne ihres Sessels. Sophie sprang auf mit einem hellen Schrei. Sie sah auf die bleiche Freundin, welche gerade unter dem Bilde ihrer Urgroßmutter saß, und bemerkte entsetzt, wie ähnlich jetzt die Urenkelin der Ahnfrau sei, nur deuchte ihr das Bild ein lebendes Wesen und die erstarrte Freundin das Gespenst des Bildes, und sie wußte nicht, was sie tiefer erbeben mache, die Orgeltöne aus der Kirche oder die Geistergestalt Charlottens. Diese aber winkte ihr Stille, erhob sich heldenhaft fest und sprach: »Sophie! Ich muß hinüber in die Kirche. Jetzt oder nie kann ich innewerden, ob es den Lebenden vergönnt ist, mit ihren Vorfahren über das Grab hinweg zu verkehren.« Sophie hielt die Freundin am Kleide fest, bat und flehte, daß sie dableibe, und wollte Frau Weiland und Christian wenigstens als Schutzwache herbeirufen. Alles vergebens! Schon schritt Charlotte zu der Tür des Ganges, welcher auf den herrschaftlichen Kirchenstuhl führte; der Schlüssel steckte, die Türe war nur von innen verschlossen. Charlotte beschwor Sophien, keinen Lärm zu machen; es war, als werde sie von den fort und fort heranwogenden Tönen widerstandslos hinweggezogen. »Wenn wir denn durchaus Geister sehen müssen, so will ich wenigstens Licht dazu haben«, rief Sophie verzweiflungsvoll, holte eine der brennenden Kerzen und eilte der Freundin nach. Das andere Licht blieb in dem verlassenen Zimmer. Auf dem Verbindungsgange erreichte sie wieder die traumhaft, aber fest Voranschreitende, umklammerte sie und sprach: »Teuerste Charlotte! Blicke doch hier seitwärts nach den Kirchenfenstern: in der Kirche ist's ganz dunkel, und die Orgel wird sicher woanders gespielt. Und graust es dir denn nicht vor dem blutigen Meßgewand?« »Es ist ein Zeugnis des Glaubenseifers meines Ahnherrn, und mit diesem Gedanken kann ich es zu jeder Stunde des Tages und der Nacht ruhig betrachten«, erwiderte Charlotte. Jetzt traten sie in den Kirchenstuhl. Mit einem abgerissenen Akkord verstummte die Orgel. Obgleich die plötzliche Stille nunmehr fast unheimlicher war als vorher die Musik, so schritt doch Charlotte aus dem Stuhle auf die nahe Orgelbühne. Da trat ihnen ein altes, hageres Männlein entgegen; in der Linken hielt es eine trübe Laterne, mit der Rechten streckte es ein großes Notenbuch vor, gleich einem Schilde. Beide Parteien blieben stehen und maßen sich eine Weile schweigend: Charlotte fast unwillig verwundert, als wollte sie fragen: »Nichts weiter?« – Sophie in unruhiger Angst; der alte Mann mit zweifelnd verwirrten Blicken. Endlich rief Sophie: »Der Mann ist kein Gespenst; er hat von Noten gespielt: Gespenster spielen alles aus dem Kopfe!« »In der Tat, das ist nicht die Urgroßmutter von dem Bilde, sondern die Urenkelin, unser gnädiges Fräulein Charlotte«, sprach jetzt der Alte, gleichfalls sichtlich erleichtert, nahm sein Notenbuch unter den Arm und machte einen Bückling, wie er vor fünfzig Jahren schon altmodisch gewesen. »Christian hat mir nicht gesagt, daß die Herrschaften im Schlosse sind, sonst würde ich gewiß zu so später Abendstunde die Orgel nicht berührt haben.« »Und wer seid Ihr denn eigentlich, guter Mann?« fragte Sophie. »Ich bin der abgesetzte Schulmeister und Organist Kaspar Rübsamen.« Beschämt wollte Charlotte wieder hinweggehen. Sie hatte zum wenigsten den glaubenseifrigen Ahnherrn mit seinem Mordgewehr zu sehen gehofft, und nun war es bloß ein lebendiger abgesetzter Schulmeister mit einem abscheulich plebejischen Namen. Aber der Alte vertrat ihr den Weg und bat demütigst um kurzes Gehör. Es sei ihm schweres Unrecht geschehen, und vergebens habe er bisher um eine Audienz bei dem Kirchen- und Schulpatron, ihrem gnädigen Herrn Vater, nachgesucht; auch seine schriftlichen Eingaben seien unbeantwortet geblieben. Nun wolle er der Tochter wenigstens sein Leid klagen, vielleicht lege sie ein Fürwort bei dem Vater ein. Gutherzig und allezeit bereit, einem schuldlos Gekränkten zu helfen, kehrte Charlotte wieder um, und nach ihrer Art jede Tatsache mit höheren Bezügen verknüpfend, dachte sie, diese Geisternacht auf Wodenburg sei denn doch eine Fügung des Himmels, der verborgenes Unrecht habe ans Licht bringen wollen. Sie setzte sich also mit Sophien auf die Bänke neben der Orgel und sprach herablassend und mit entsprechender Handbewegung zu dem Schulmeister: »Setze Er sich, Wurmsamen, und rede Er ganz frei.« »Rübsamen, wenn Ew. Gnaden erlauben! Ich war vierzig Jahre lang Schulmeister und Organist im Dorfe Wodenburg und darf mich wohl einen schulgerechten Musikanten nennen; denn ich lernte das Orgelspiel und den Kontrapunkt von einem Schüler des großen Sebastian Bach. Heiligere Musik als dieser erhabene Ahnherr meiner Kunst hat kein Mensch je geschrieben, und so spielte ich denn beim Ein- und Ausgang der Kirche und zwischen Altardienst und Predigt immer nur Präludien und Fugen, Phantasien und kontrapunktierte Choräle vom alten Bach. Der alte Pfarrer verstand die Musik und erbaute sich daran, und die Bauern, welche nichts davon verstanden, erbauten sich ebensogut. Nun kam aber eine neue Zeit und ein neuer Pfarrer. Leichtfertige Schwarmgeister wurden Mode, Gluck, Haydn, Mozart und wie diese verliebten Bänkelsänger alle heißen, in deren Harmonie keine Kunst und Schule, in deren Melodie keine Pracht und Gravität zu spüren ist. Der neue Pfarrer war ein Rationalist. Er wollte kürzeres Orgelspiel, weil die Wassersuppe seiner Predigt so ungeheuer breit und lang fließt, und befahl mir, meine Fugen abzukürzen. Der Ignorant! Eine Fuge ist ein unlösbares Ganzes, wie kann man die abkürzen? Es ist, als wollten gnädiges Fräulein Ihren Strumpf kürzen, indem Sie ihn unten abschneiden; die ganze Strickerei fädelt sich auf, und alle Zehen kommen heraus. Dem neuen Pfarrer war meine alte Musik überdies zu orthodox, zu wenig aufgeklärt. Wir zankten uns darüber, der Pfarrer wurde grob, und ich wurde noch gröber; denn wenn man mir an meine Heiligtümer der guten alten Zeit tastet und an meinen Ahnherrn Sebastian, dann kann ich sackgrob werden, und so ward ich schließlich wegen Injurien gegen den Pfarrer des Dienstes entsetzt. Jetzt spielt ein neuer Schulmeister zum Eingang ein Rondo von Pleyel und zum Ausgang den Menuett aus Don Juan, und das paßt vortrefflich zu der Predigt in der Mitte. Tiefer jedoch als der verlorene Dienst schmerzt es mich, daß ich nur noch wie ein Dieb in der Nacht Orgel spielen darf; denn der neue Schulmeister läßt mich natürlich nicht hier herauf. Der alte Christian aber, der alles Altertum zu schätzen weiß, gab mir seinen Kirchenschlüssel, damit ich wenigstens im Dunkeln, wann die gespensterscheuen Leute des Dorfes sich nicht mehr auf den Berg wagen, heimlich den großen Geist vergangener Zeit beschwören kann.« »Und fürchtet Ihr Euch nicht?« unterbrach ihn Sophie. »O nein! Der alte Bach scheucht mir allen Spuk hinweg. Indem ich mich in die geheimsten Gedanken des unsterblichen Toten versenke, wird alles um mich her lebendig und sprüht und leuchtet lauter Leben. Wie sollen sich Gespenster in solche Fülle von Licht und Leben wagen? Wenn ich ja dergleichen fürchtete, so wäre es am hellen Tage drunten bei dem neuen Pfarrer und Schulmeister; die sind tote Schatten, bei denen mir's kalt ums Herz und Nacht ums Auge wird.« »Und doch zittertet ihr vorhin bei unserem Anblick? Sind wir auch solche tote Schatten?« fragte die mutwillige Sophie. »Furcht ist ein eigen Ding«, entgegnete der Alte. »Wenn man auch das beste Schutzmittel wider dieselbe besitzt, so läuft es einem doch manchmal eiskalt den Rücken herunter. Übrigens hielt ich nicht umsonst mein Notenbuch wie einen Schild empor. Es enthält jene überaus herrlichen Choralfugen, welche Sebastian Bach so bescheiden als seiner ›Klavierübung dritten Teil‹ bezeichnet hat, und zwar in des Meisters eigener Handschrift. Betrachten Sie mit Ehrfurcht diese windschiefen Noten, diese gekritzelten Korrekturen und vor allem die vielen Tintenkleckse. Sie sind ein Zeichen der Echtheit. Denn der große Sebastian radierte nie und strich selten aus, sondern wenn er sich verschrieben, wischte er die falsche Note mit dem Finger weg und putzte denselben dann vermutlich an der Perücke ab oder an dem Futter seiner Rockschöße. Bei diesen Tintenklecksen, die wie Kometenschweife durch die Fixsternreihen des Notenfirmaments fahren, fühlt man den unmittelbarsten Hauch des schaffenden Geistes, und oft birgt der Klecks eine nicht minder tiefe verlöschte Schönheit als die verbesserte Note nebenan. Diese teure bekleckste Handschrift aber, in welcher der Meister schaffend uns erscheint, halte ich wie einen Schild empor und fordere im Namen des ewig lebenden schaffenden Geistes jedes Gespenst zum Kampfe heraus!« »Jetzt haben wir heute abend schon das dritte Schutzmittel wider die Gespensterfurcht«, rief Sophie, »und doch fürchteten wir uns alle drei.« »Und der Junge, welcher mir die Bälge tritt«, fügte der Schulmeister hinzu, »besitzt, glaube ich, noch ein viertes und ist, wie ich sehe, trotzdem davongelaufen.« Charlotte war mit steigender Teilnahme den wunderlichen Reden des Alten gefolgt. Sie versprach, den Vater zu bitten, daß er einem Märtyrer der guten alten Zeit, welcher den Eifer für seinen künstlerischen Ahnherrn so schwer gebüßt, wieder zu einer Stelle verhelfe. Kaspar Rübsamen aber fiel ihr fast beleidigt in die Rede. »Um Gottes willen keine Organistenstelle mehr! Soll ich bei einem anderen Pfarrer den Menuett von Mozart spielen? Ich bin mit Recht wegen Injurien abgesetzt und will es bleiben. Nur die Gnade möchte ich von dem gnädigen Herrn erbitten, daß mir die Orgel zu jeder Stunde des Werktags für meinen Bach geöffnet werde; am Sonntage mag dann der neue Schulmeister der Gemeinde vorspielen, was er will.« Charlotte wollte antworten, aber ein seltsam verworrenes Getöse nahm ihr das Wort vom Munde weg. Der Alte sprang ans Fenster und rief: »Die Rathausglocke im Dorfe unten läutet Sturm!« Und zugleich rief Sophie, welche eilends zur anderen Seite hinausgeschaut: »Ein großer Menschenschwarm mit Fackeln und Laternen dringt durch den Lustgarten den Berg herauf. Wie sie schreien und singen! Ein lustiges Lied! Und wie klingt es doch so gräßlich!« »Ein lustiges Lied?« fragte der Alte. »Laßt mich doch hören, welches Lied sie singen!« – Alle lauschten atemlos. – »Jetzt verstehe ich das Lied«, sprach er dann mit der leisen Stimme des starren Schreckens, »jetzt weiß ich, wer die Leute sind. Das ist die furchtbarste Gespensterschar! Höret ihr die Tanzweise? Verstehet ihr den Rundreim: Vive le son De canon: Dansons la Carmagnole ...?« Drittes Kapitel Mit Staunen erfuhr der Schulmeister erst jetzt von den geängsteten Mädchen, daß sie fast ohne Begleitung auf Wodenburg eingekehrt seien. An Flucht war nicht mehr zu denken; denn in wenigen Minuten hatte die andringende Schar das Schloß umzingelt. Die Mädchen wollten in ihre Gemächer zurück, um bei Frau Weiland und Christian Schutz zu suchen, aber der Alte widerriet das dringend, blies rasch und entschlossen die Kerze und sein Laternchen aus und überzeugte die Mädchen, daß sie, in der Orgel der dunkeln Kirche versteckt, weit sicherer als im Schlosse seien. Charlotte forderte, daß dann aber wenigstens Frau Weiland ihre Zufluchtsstätte teilen müsse; sie wollte die alte Frau nicht hilflos allein lassen und eilte zu deren Zimmer hinüber. Allein sie fand es dunkel und leer. Die gute Alte, welche gleichfalls vor Angst nicht schlafen konnte, hatte nämlich schon viel früher den Lärm gehört und die herandringende Masse gesehen und war in das Gemach ihrer Schützlinge gestürzt. Als sie es aber verlassen fand und auch im ganzen übrigen Hause keine Spur von den Mädchen, glaubte sie, dieselben seien schon vorher entflohen, zürnte heftig, daß man sie im Stich gelassen, und entkam mit Christian im letzten Augenblick, nachdem sie das Tor noch von außen verschlossen hatten. Auf dem Weg zum Dorf begegneten ihnen fliehende Bauern und berichteten, die beiden Fräulein seien soeben mit dem Kutscher im hellen Galopp nach der Stadt gefahren. Dies war richtig, insofern es den Kutscher betraf. Als derselbe nämlich unten im Dorfe die drohende Gefahr erkannt, hatte er sofort die Pferde angeschirrt und wollte aufs Schloß fahren, um seine Herrschaft in Sicherheit zu bringen, sah aber den Fahrweg von weitem bereits besetzt und jagte nun, so schnell die Pferde laufen konnten, nach der zwei Stunden entfernten Stadt, um von dort den Bewohnern des Schlosses Hilfe zu bringen. So hatte im Grunde jeder klug gehandelt und das seinige getan, und dennoch waren die Mädchen hilflos abgeschnitten oben zurückgeblieben. Der Schulmeister, welcher hinter den dunkeln Scheiben des Kirchenfensters alles genau beobachtete, erklärte Charlotten bald, daß die Andringenden weder Bauern des Dorfes seien noch französische Soldaten, sondern aufgewiegeltes Volk und Gesindel aus den elsässischen Grenzdörfern, welches in den letzten Tagen schon mehrfach die entferntere Nachbarschaft in Schrecken gesetzt habe. Übrigens spreche man auch seit heute früh von einem Einfall Custines auf deutschem Boden, und vermutlich stehe das freche Umherschweifen dieser Banden mit den Bewegungen des Revolutionsheeres in Zusammenhang. Er meinte, die Leute würden hier oben wohl allerlei Mutwillen treiben, etwa die Fenster des Schlosses einwerfen, aber sicherlich auch rasch wieder abziehen, da man weit und breit wisse, daß auf der gespenstischen Wodenburg nicht viel zu suchen sei. Etwas gefaßter belauschten nun auch die Mädchen das unerwartete Schauspiel. Mit gewaltigen Schlägen pochte man wider das Tor des Schloßhofes, vor welchem die Tanne Schildwacht stand, schrie, heulte, pfiff und wartete dann wieder einige Minuten, ob von innen keine Antwort erfolge. Im Schlosse blieb es stille wie im Grab. Da mehrten sich immer donnernder die Schläge, das Holzwerk krachte, die Torflügel stürzten zertrümmert in den Hof, die Menge flutete nach, erfüllte bald den weiten Raum und pflanzte unter gellendem Gejauchze den Freiheitsbaum mit der Jakobinermütze in dessen Mitte. Es war die Tanne vor dem Portal, das Sinnbild des Schlosses, in welchem die Zeit hundert Jahre geschlafen, die man beim Einschlagen der Torflügel gefällt und nun als wurzellosen Freiheitsbaum bekrönt hatte! Nachdem aber die Tanne aufgerichtet und unterm Absingen der Carmagnole umtanzt war, zerstreute sich der Schwarm nach verschiedenen Seiten des Schloßberges. Die einzelnen bunten Gruppen schienen sich eher zur Feier eines Volksfestes anzuschicken als zur Erstürmung des Schlosses. Doch begann planlose Gewalttat bald auf allen Seiten. Die schlecht verwahrten Nebengebäude wurden erbrochen und verwüstet, die Wappen von den Toren heruntergeschlagen, ein paar beutelustige Kerle drangen in den kleinen Keller bei dem Häuschen Christians, den sie anfangs für den Schloßkeller hielten, brachten aber unterm jubelnden Hohne ihrer Gesellen nur ein altes Sauerkrautfäßchen herauf. Vor dem Eingang des Herrschaftsgebäudes drohte eine ernstere Szene. Einige der entschlossensten und bestbewaffneten Männer versuchten hier einzudringen. Aber die Türe, von innen durch eiserne Querstangen gefestet, widerstand; die Fenster des Erdgeschosses waren wohlvergittert; zum Einsteigen in den oberen Stock fehlte es an einer Leiter. Da gewahrte einer Licht in dem Erkerzimmer, welches auf den Garten ging; es war jene zweite Kerze, die Sophie auf dem Tisch zurückgelassen. »Das ist ein Gespensterlicht!« rief eine Stimme. »Das Schloß ist seit hundert Jahren unbewohnt. Sehet ihr die Schattengestalten, welche an der Decke auf- und niedertanzen?« Einige lachten, anderen grauste es. Vier mutige Bursche aber kletterten über die Mauer in den Lustgarten, um das Erkerzimmer von vorn zu fassen, und forderten die Insassen auf, herabzukommen und die Türe zu öffnen. Keine Antwort; das Licht schimmerte ruhig weiter. Da sprach einer von den vieren: »Ich will den harthörigen Herrschaften da droben die Ohren aufknöpfen!« legte sein Gewehr an und schoß in das erleuchtete Fenster. Alles blieb stumm; das Licht schimmerte fort, nur etwas unruhiger, vom Luftzug bewegt, der durch die zerschossene Scheibe drang. »Sehet ihr die Schattengestalten nicht immer wilder und zürnender an der Decke tanzen?« fragte ein anderer. Man wiederholte den Schuß. Dieselbe Stille wie vorher. »Kann man die Gespenster nicht herausschießen, so kann man sie vielleicht herausräuchern!« rief ein dritter und schleuderte seine Fackel in weitem Bogen zu dem zertrümmerten Fenster hinein, andere taten das gleiche, und in wenigen Minuten quoll statt des unheimlich stillen Lichtschimmers dicker Rauch aus dem Fenster hervor. In demselben Augenblicke aber brauste ein mächtiger Choral wie von den Posaunen des Gerichtes zu den Frevlern herüber. Die unsichtbare Musik schien aus der Luft zu kommen und überhallte gewaltig die Tanzweise, welche von den Gruppen auf der anderen Seite des Schlosses zwischendurchklang. »O Ewigkeit, du Donnerwort«: die Weise war es, welche mit vollstem Orgelton aus den rauchenden Gemächern herabzudröhnen schien, und dazwischen, immer dünner und zaghafter verschwebend: » Vive le son de canon: Dansons la Carmagnole! « »Das sind die Geister von Wodenburg!« riefen Stimmen in dem Haufen, und gerade der Mutigste, welcher zuerst geschossen, sprang nun in sinnloser Flucht den Berg hinab. Die anderen folgten ihm, der Schloßhof ward leer und stille. Schlimmer jedoch stand es auf der anderen Seite, an und in der Kirche. Als der Schulmeister in seinem Verstecke sah, wie die Angreifer nach den Fenstern des Schlosses schossen und Feuer hineinwarfen, an ihren Ausrufen aber doch auch wieder ihre Gespensterfurcht erkannte, sprach er zu den Mädchen: »Jetzt müssen wir diese Tröpfe bekämpfen und verjagen, oder wir sind verloren.« Und er bat Sophien, in den Orgelkasten zu schlüpfen und die Bälge zu treten. Sophie widersprach; sie hielt es für sicherer, stille zu bleiben, als die wilde Rotte herauszufordern. Aber Charlotte kroch mutig in die Orgel und begann die ungewohnte Arbeit. Da zog der alte Rübsamen die Register des vollen Werkes und ließ zuerst den Choral in den breitesten Akkorden erschallen, als würde er von der Gemeinde gesungen, dann aber wob er die mächtige Fuge Sebastian Bachs über den Choral, der breit und schwer in den tiefsten Kontratönen des Pedals unter dem phantastischen Tongewimmel der Oberstimmen einherdröhnte. Und wie es sich für Gespenster ziemt, spielte er alles aus dem Kopfe. »Nicht zu hastig, gnädiges Fräulein!« rief er zu der Bälgetreterin hinüber. »Sie dürfen den Balg nicht wieder aufheben, bevor er all seinen Wind ausgeblasen hat, sonst schreien die Pfeifen! Nur ruhig, Fräulein Sophie! Haben die Schufte wirklich das Schloß angezündet? Nur ruhig! Wir verbrennen nicht; der Wind bläst aus Nordost, er wird die Flamme von der Kirche hinwegtreiben. Sie treten die Bälge noch immer zu hastig, Fräulein Charlotte, das ganze Werk wird sich verstimmen. Wir haben Zeit, wir können die Fuge ausspielen und noch einige andere dazu, bevor der erste Funke aufs Kirchendach fällt. Nur keine abgekürzte Fuge!« Und dazwischen sang er wieder im tiefsten Brustton mit seinem Pedalbaß: »O Ewigkeit, du Donnerwort!« und: »Mein ganz erschrock'nes Herze bebt, daß mir die Zung' am Gaumen klebt.« – »Werfen die frechen Kerle gar die Kirchenfenster ein!« rief er dann wieder, und in der Tat fielen die Scheiben klirrend auf das Pflaster herab. »Jetzt kommen sie gar an die Tür! Das hätte ich nicht gedacht! Ganz stille, Fräulein Sophie, nicht gewimmert! Schlagen sie uns auch tot, so sterben wir wenigstens mitten im fromm erhabenen Gesange, und solange unser Herrgott seine Hand über uns hält und der große Sebastian mir Feuer in die Seele gießt, fürchte ich den Teufel nicht, geschweige diese miserablen Schufte!« In der Tat war der Trupp, welcher unweit der Kirche lagerte, nicht halb so tief gepackt worden von den überirdisch feierlichen Tönen wie die anderen. Denn da sie die Kirche vor Augen hatten, so merkten sie wohl gleich, daß man dort Orgel spiele, und es erging ihnen nicht wie jenen, welche wähnten, die dämonische Musik schalle aus den brennenden Gemächern. Doch näherten sie sich nur verzagt dem Gotteshause; galt es doch für ganz besonders spukhaft. Als aber ein paar böse Buben Steine wider die Kirchenfenster warfen, wuchs den übrigen der Mut. Ein ortskundiger Mann trat vor und sagte zu einem Schützen, der neben ihm stand: »Bürger! Lege doch deine Büchse genau auf die Mitte jenes kleinen Fensters an; zielst du gut, so triffst du das orgelnde Gespenst an den Kopf, und die Musik wird stracks verstummen. Schon einmal hat jemand in dieser Kirche einen Meisterschuß getan und den Priester vom Altare weggeblasen; es wäre doch schön, wenn du nun den Organisten von der Orgel hinwegschössest.« Der Schütze zielte lange und genau. Plötzlich aber setzte er wieder ab. »Die Hand zittert mir. Gälte es, auf einen Priester zu schießen, dann grauste mir's nicht. Aber mitternachts hält der Teufel Gottesdienst in den alten Kirchen, und wenn man nach dem Teufel schießt, so fährt die Kugel geradenwegs auf den Schützen zurück.« Der andere aber rief: »Schlagen wir dann die Türe ein! Ich bin doch neugierig zu sehen, wie der Teufel Gottesdienst hält.« So stürmte der Trupp wider die Kirchentüre. Doch, o Grausen! beim ersten Schlage sprangen die beiden Flügel weithin von selber auf! (Der Junge, welcher dem alten Rübsamen die Bälge trat, hatte sie bei seiner Flucht zu schließen vergessen.) – Schon dieser Spuk bewog gar manchen, das Weite zu suchen. Als aber die Beherztesten dennoch in die Kirche drangen und die Orgeltöne immer mächtiger fluteten, während man doch in dem tiefen Dunkel der Emporbühne nirgends einen Organisten sah, schrie einer unter ihnen: »Die Orgel spielt von selbst!« Dieses Wort wirkte wie ein Zauber: alle stoben zitternd auseinander. Eine verschlossene Türe, die von selber aufspringt, und eine Orgel, die von selber spielt, das war eine Verrückung aller Naturgesetze, und wenn auch keiner von den fliehenden Frevlern an Gott und den Teufel glaubte, so glaubten doch jetzt alle wieder an Gespenster. Die Orgel spielte noch lange fort. Als sie endlich verstummte, da war es auch rings auf dem Berge ganz still geworden, und nur das Krachen der brennenden Balken hallte zuzeiten fürchterlich durch die schweigende Nacht. Behutsam schlich der Alte mit den beiden Mädchen aus der offenen Kirchentüre. Sophie weinte und schluchzte; Charlotte war still gefaßt, nur ungewöhnlich bleich. »Da versinkt die alte Herrlichkeit«, sprach sie und blickte in die Glut und empor zu der dicken, rotbeleuchteten Rauchsäule. »Da versinkt die alte Zeit mit ihren Geisterschauern und all den wunderschönen Träumen meiner Jugend!« Der Alte aber faßte die Hände der beiden Mädchen und sprach, zu dem Feuer aufblickend und zu dem schwarzen Nachthimmel über dem Feuer: »O Ewigkeit, du Donnerwort, O Schwert, das durch die Seele bohrt, O Anfang sonder Ende! O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit, Ich weiß für großer Traurigkeit Nicht, wo ich mich hinwende. Mein ganz erschrock'nes Herze bebt, Daß mir die Zung' am Gaumen klebt! Das Donnerwort der Ewigkeit, mit Donnerkraft gepredigt von dem frommen, bescheidenen Sebastian, hat doch zuletzt alle Nachtgespenster verjagt. Der Geist vom Geiste hat die Gespenster geschlagen. Stehen wir nicht jetzt auf diesem Feuerberge wie auf der Stätte des Gerichtes? Und jeder, der hier oben die Gespensterschlacht mit durchgekämpft, ist gerichtet worden in seinem Wahn, jeder nach seiner Weise. Der Geist aber behielt den Sieg! Und selbst die, welche diesen Geist nicht verstanden, fühlten sich doch niedergeschmettert von dem Geiste.« Als die beiden Mädchen am frühen Morgen nach mancherlei Not und Gefahr glücklich zu der nahen Stadt gelangten, fanden sie dort bereits den schwer geängsteten Vater und flohen mit ihm rasch auf das rechte Rheinufer. Allein es währte nicht lange, so erreichte sie auch dort der Strom der Revolution. Die alte Zeit war versunken gleich den Mauern und Gespenstern von Wodenburg. An die schwarzen Mauerreste des Schlosses aber knüpfte sich später eine Volkssage. Die Wodenburg, so erzählen die Leute, habe hundert Jahre lang verlassen gestanden, innen und außen unverändert, und die Zeit habe keine Macht gehabt über das Haus, in welchem nur Geister wohnten. Da seien eines Tages zwei wunderschöne Fräulein gekommen, niemand habe gewußt woher, die hätten als Menschenkinder leben wollen mit den Geistern und ganz in Gewand und Art der vergangenen Zeit wie vor hundert Jahren. In der Nacht aber sei ein furchtbarer Geisterkampf, ein Kampf des Todes mit dem Leben entbrannt, unsichtbare Chöre hätten durch die Räume des alten Schlosses gesungen, die Kirchenglocke habe von selber geläutet, die Orgel von selber gespielt, die Kirchentüren seien von selber aufgeflogen, Flammen hätten mit einem Schlage aus den Winkeln des Schlosses gezüngelt, die beiden Fräulein aber seien versunken in dem schrecklichen Kampfe zusamt der alten Herrlichkeit. Denn schlafen lassen dürfe man wohl die alte Zeit, aber wecken dürfe man sie nicht wieder. Die glücklichen Freunde. 1874 Erstes Kapitel Vormittags von 8–9 Uhr las Professor Baldrian über »Griechische Staatsaltertümer«, ein ganz neues Kolleg zu jener Zeit; denn man schrieb 1796. Er fuhr heute fort, im Paragraphen 234 die Staatsidee des Aristoteles zu entwickeln. Unter den Zuhörern saß ganz hinten der Student der Rechte Wolfgang Erlach, ein schlanker, blonder Jüngling mit feinem Gesicht, der seine zerstreuten Blicke an der Zimmerdecke spazierengehen ließ, als suche er dort höhere Eingebungen, bis ihm plötzlich ein Wort des Professors überraschend ans Ohr schlug und ihn aus seinen Träumen weckte. Es war das Wort »Freundschaft«. Der Student horchte auf, haschte krampfhaft nach dem verlorenen Faden und begann dann eifrig folgende Schlagsätze ins Heft zu schreiben: »Acht Belegstellen bei Aristoteles – gleichsam als granitner Grundbau – Eth. I, 5. VIII, I, 11. IX, 6. Polit. I, 2. II, 4 « (hier wurde ihm der Grundbau zu langweilig, und er machte statt der übrigen drei Stellen ein zierlich geschnörkeltes et cetera ). »Aristoteles erklärt die Freundschaft für das höchste politische Gut. Dies dünkt uns Neueren kaum verständlich: in unserem Staatsrecht – nichts von Freundschaft! in unserer Politik – nichts von Liebe! Dagegen die Alten: Durch Freundschaft zur Gerechtigkeit, durch Gerechtigkeit zur Eintracht, durch Eintracht zum festen Staatsverband und so weiter. Item: warum überhaupt die Freundschaft eine so große Rolle spiele im klassischen Altertum, eine so kleine bei uns? Viele Gründe. I. Weil der freie athenische Bürger mehr Zeit dazu hatte; er überläßt den Sklaven die Arbeit fürs tägliche Leben und widmet sich ganz den Musen, der Staatskunst und der Freundschaft. II. Die modernen Frauen – NB. Liebe, Ehe, Familie usw. bei uns viel höher geachtet als im Altertum – absorbieren jenen Rest von Freundschaft, für welchen wir etwa noch Zeit hätten. III. –« Bei dieser Ziffer machte der Studiosus einen Tintenklecks, welcher ihn für heute am weiteren Nachschreiben hinderte. Allein er hatte auch reichlich genug. Es waltet eine Art Teilung der Arbeit beim Kollegienbesuch der Studenten: Einige kommen alle Tage, andere dann und wann, die übrigen gar nicht. Unter den Anwesenden pflegen dann wiederum einige immer achtzugeben, andere da und dort, die übrigen gar nicht. Und so ist zuletzt doch täglich jemand da, und gibt auch jeden Augenblick irgend jemand acht. Unser blonder Jüngling hatte heute, wie wir sahen, in der Mitte des Vortrags achtgegeben; aber er hörte nun weiterhin kein Wort mehr, nicht aus Unachtsamkeit, sondern gegenteils, weil er vorher viel zu achtsam gewesen war. Denn jene Sätze, die er in so anmutiger Kürze notiert, brannten ihm dergestalt auf der Seele, daß er vom Nachdenken über dieselben gar nicht wieder loskommen konnte. Er litt an unglücklicher Freundschaft, und die erste Freundschaftsqual der Jugend ist oft kaum minder herb wie die Liebesqual späterer Tage. Das Glück hatte ihm einen echten Freund gegeben, und dieser Freund war obendrein sein Vetter, Karl Erlach, der Sohn seines Oheims von väterlicher Seite. Wolfgangs Vater war Amtmann, Karls Vater Arzt in dem Städtchen Finkenborn. Ihre Häuser standen Giebel an Giebel. Die beiden Söhne hatten von Kindesbeinen miteinander gespielt, miteinander gelernt, sie waren derart zusammen aufgewachsen, daß sie gar nicht merkten, wie enge sie sich angehörten. Dann kam aber auch eine Zeit der Trennung, so kurz, daß die Vettern sich nicht fremd wurden, und lange genug, daß sie im Schmerz der Abwesenheit und im Glücke der Wiedervereinigung sich erst recht als Freunde fanden und erkannten. Karl nämlich, um drei Jahre älter, bezog die Hochschule drei Jahre früher als Wolfgang. Jetzt aber waren sie in der Universitätsstadt wieder zusammengekommen. Karl studierte Medizin, um später einmal die Praxis seines Vaters zu übernehmen, Wolfgang die Rechte mit der Aussicht, dereinst im Amthause dem Vater nachzufolgen; denn seit drei Generationen war bereits ein Erlach Amtmann in Finkenborn gewesen, und die Stelle galt selbiger Zeit als erblich. Also nicht bloß für die Gegenwart, auch für die Zukunft sollten sie beisammenbleiben und dereinst in alten Tagen wieder Giebel an Giebel wohnen wie ihre Eltern. Die äußeren Umstände begünstigten demnach eine wahre Musterfreundschaft, und die beiden Jünglinge hatten sich aufrichtig lieb; sie ergänzten sich nach Anlage und Charakter, einer bedurfte des andern, einer suchte den andern, und dennoch haderten und schmollten sie neuerdings fortwährend, flohen sich, um sich wiederzufinden, und waren nur dann minutenlang glücklich im Vollgenuß ihrer Zuneigung, wenn sie sich vorher tagelang recht fürchterlich böse gewesen waren. Unter diesem steten Suchen und Verlieren litt Wolfgang ganz besonders hart. Die gefühligere, liebebedürftigere Natur, war er stürmischer und dennoch nachhaltiger in der Leidenschaft, während Karl weit verständiger, männlicher erschien und doch ganz unberechenbar im springenden Wechsel der Launen und Stimmungen. Aber diese Launen hatten Methode, freilich in der rätselhaftesten Weise. Oft ließ Karl die ganze Woche den Kopf hängen, traurig bis zum Tiefsinn – aus ganz unerfindbaren Gründen; kam er dann mit Wolfgang zusammen, so wurde er zusehends milder und versöhnter und zuletzt oft überaus zärtlich. Zu andern Zeiten dagegen war er ausgelassen vergnügt – man wußte wiederum nicht weshalb; lief ihm dann Wolfgang in den Weg, so beachtete er ihn kaum und erbitterte den Freund, über welchen er hoch hinausfuhr. Da dieser aber das unerklärliche Leid mitgetragen, so hätte er doch auch gern ein bißchen von der unerklärlichen Freude mitgenossen. Wir wollen den Schlüssel dieses Rätsels verraten. Wolfgang hatte eine Zwillingsschwester Lisette. Als Kinder sahen sich beide so ähnlich, daß man öfters scherzweis ihre Anzüge vertauschte, und niemand wußte dann, daß das Mädchen der Knabe und der Knabe das Mädchen sei. Auch im entwickelteren Alter war noch immer eine seltene Ähnlichkeit in Gesicht und Haltung, Mienen und Gebärden geblieben. Nun hatten sich Karl und Lisette insgeheim Liebe geschworen und wechselten allwöchentlich Briefe. In diesen Briefen aber wechselte wiederum Regen und Sonnenschein fast genau wie in Karls und Wolfgangs Freundschaft, denn auch die Liebenden flohen sich, um sich wiederzufinden, und waren die eine Woche recht fürchterlich böse aufeinander, um die andere Woche im Vollgenuß ihrer Zuneigung zu schwelgen. Hatte nun Karl einen verstimmenden Brief erhalten und sah den zärtlichen Freund, das leibhafte Ebenbild der Geliebten, dann schmolz sein Zorn und Gram im Anblick der geliebten Züge, und er ward selber überaus zärtlich. Fühlte er sich dagegen beglückt durch einen guten Brief und Wolfgang kam ihm in den Weg, so störte der anspruchsvolle Freund seine schönsten Träume, und die Vision der idealen Erscheinung Lisettens verblaßte vor ihrem vergröberten Ebenbild. Der arme Wolfgang aber hatte keine Ahnung von Karls Liebe und seinem Briefwechsel und geriet in Verzweiflung, daß sich ihm das Geheimnis jener Widersprüche nicht entschleierte, welches ihre ganze Freundschaft zu einem ewigen Widerspruch zu machen drohte. Da waren ihm die Worte des Professors heute morgen wie ein erleuchtender Blitz durch den Kopf gefahren, und er sprach zu sich selbst: »Dieser alte Schulmeister hat recht: zur vollendeten Freundschaft fehlt uns der athenische Sklave, welcher die Last der täglichen Arbeit auf sich nähme, daß einer lediglich dem andern, daß ich ganz den Geheimnissen des Freundes leben könnte. Der zweite Punkt im heutigen Vortrag tut weniger zur Sache, Frauenliebe stört uns beide nicht. Aber die Last der täglichen Arbeit, da liegt's! Zu Perikles' Zeiten hätten Karl und ich gemeinsam das gleiche getrieben, die schönen Künste daheim und etwas Politik draußen. Könnte ein Sklave für mich die Pandekten hören und ein anderer für Karl die Geburtshilfe, so fänden wir Muße genug für die Freundschaft, und mit der Muße käme die Stimmung, mit der Stimmung die Poesie, mit der Poesie die Harmonie. Wir ergründeten unsere Launen, überwänden und versöhnten sie und würden Virtuosen in der antiken Kunst der sich ergänzenden schönen Menschlichkeit.« Zweites Kapitel Diese Gedanken erfüllten Wolfgang, als er von 9-11 Uhr die Pandekten – nicht hörte, um im »Philosophenhain« spazierenzugehen, sie verfolgten ihn um 12 Uhr durch die sämtlichen drei Gänge des Mittagessens, sie dämmerten in ihm fort, als er von 1-3 Uhr Siesta hielt, um sich von den Mühen des Vormittags zu erholen, sie begleiteten ihn, als er endlich gegen 5 Uhr abends den Vetter aufsuchte. Ach, es ist etwas Prächtiges um einen dauerhaften Gedanken, an welchem man so recht den ganzen Tag zehren kann! Wolfgang traf Karl in der denkbar glücklichsten Laune, nämlich so verstimmt, wie er ihn noch gar nie gesehen, und das wollte viel sagen. Ein Grund des Unmuts war wieder nicht herauszukriegen, nur bemerkte er, daß der Freund bei seinem Eintritt einen Brief zerknittert und rasch in die Tasche gesteckt hatte, vielleicht den Mahnbrief eines Gläubigers. Erst allmählich fand Karl einige Worte; er freute sich aufrichtig, seinen Freund in dieser elenden Zeit bei sich zu sehen, er nannte ihn seinen Tröster und drückte ihm recht warm die Hand, obgleich er ein Gesicht dazu machte, als ob er ihn beißen wolle. Dann aber wurde er weicher, und wie nun der Moment kam, wo die Sonne aus den Wolken brach, wo sich der unergründliche Schmerz in unergründliche Rührung löste, da berichtete ihm Wolfgang leuchtenden Auges, daß er heute die wahre Ursache entdeckt habe, warum es mit ihrer Freundschaft auf die Dauer niemals recht zusammengehe, und gab dann in breitem Redestrom seinen Kommentar zum Kommentar des Professors Baldrian zu den acht Stellen des Aristoteles. »Nehmen wir uns ein Stück antiker Freiheit!« so schloß er begeistert; »auf vierzehn Tage wenigstens könnten wir doch leben wie der athenische Bürger, ganz uns selbst gehörend und der freien, schönen Natur! Der Sommer wird täglich heißer und die Kollegien stündlich langweiliger. Mich dürstet nach Waldeskühle. Wir wollen wandern. Wohin? Das ist gleichgültig; quer durchs Land, durch die tiefste Einsamkeit. Wir wollen durch die Welt streifen, um die Welt zu vergessen und uns selber wiederzufinden. Gehen wir gen Osten! Von Osten kommt der Erde das Licht, von Osten kam es der Menschheit.« Karl schlug ein: »Es ist zwar ein unverantwortlicher Leichtsinn, so mitten im Semester nach Osten davonzulaufen, allein ich gehe mit. Ich bin so wütend, daß ich aus der Haut fahren möchte, also will ich wenigstens aus diesem traurigen Neste fahren, und es tut mir so wohl, mit dir allein zu sein. Wann brechen wir auf?« »Gleich heute abend! Wir wandern während der kühlen Nächte und schlafen am Tag im Waldesschatten, das gibt die ungestörte Wanderpoesie, und wir ersparen obendrein das Schlafgeld in den teuern Wirtshäusern.« Gesagt, getan. Sie rüsteten sich stracks zum Aufbruch. Ein Student nimmt sich selbst den Reiseurlaub; er geht, wenn er will, er braucht vorher nur seinen Mittagstisch abzubestellen. Das taten die Freunde. Sie legten dann ihr Geld zusammen, teilten es in zwei gleiche Hälften und steckten diese in zwei Geldbeutel. Karl als der erfahrenere übernahm die Kassenführung; er schob den einen Beutel in die rechte, den andern in die linke Hosentasche. Zuerst sollte bloß der Beutel rechter Hand angegriffen werden, und solange noch ein Pfennig darin war, wollten sie ostwärts gehen; war er aber leer, dann wurde westwärts umgekehrt und aus der linken Hosentasche der Rückmarsch bestritten. Dies ist die einfachste Ermittlung eines vernünftigen Reiseziels. Leicht Gepäck ist bald gepackt; Karl warf sein Täschchen über die Schulter, Wolfgang eine Botanisierbüchse, und um 9 Uhr wanderten die beiden Freunde seelenvergnügt zum Tore hinaus. Professor Baldrian hatte am Morgen schwerlich geahnt, daß sein Paragraph 234 der griechischen Staatsaltertümer schon am Abend so energisch und praktisch verwertet werden sollte. Drittes Kapitel Ganz einmütig gingen die Freunde – bis zum Stadttor. Hier teilten sich die Wege: die Landstraße rechts, ein Feldweg linker Hand. Wolfgang wollte den Feldweg einschlagen, Karl die Landstraße. Vergebens belehrte jener den Freund, daß die Landstraße gar nicht gen Osten ziehe, sondern südwärts. Karl behauptete, über Süden könne man südöstlich auch nach Osten kommen. »Aber bedenke doch«, rief Wolfgang, »daß uns die Landstraße bis zum Morgen nach Finkenborn führt, wo wir uns nicht blicken lassen dürfen. Der Vater würde uns seltsam begrüßen, wenn er uns so mitten im Semester durchs Land streichen sähe!« »Eben darum, lieber Wolfgang, wandern wir ja bei Nacht und schlafen am Tage. Und das wird ein ganz besonderes Vergnügen sein, in der dämmernden Morgenfrühe, während ganz Finkenborn noch schläft, verstohlen durch die Straßen zu streichen, wie Fremde, wie Verbannte dort herumzuschleichen, wo wir zu Hause sind. Und wer weiß, was wir da alles belauschen mögen! Auf die Amtsstadt Finkenborn morgens zwischen vier und fünf Uhr freue ich mich ganz kindisch. Die Entfernung beträgt zehn Stunden Wegs; Achilles und Patroklus würden dieselbe in sechs Stunden zurückgelegt haben, wir zwingen's in acht und stehen vor dem Amthaus, noch ehe der Bäckerjunge das Kaffeebrot austrägt.« Wolfgang mußte nachgeben. Er war verstimmt. Statt daß sie, gemütlich nach Osten pilgernd, bloß ihrer Freundschaft lebten, rannten sie im Sturm nach Süden, um zu sehen, wie die Finkenborner nicht auf der Straße gehen, wenn sie in den Betten liegen. Karl dagegen schwelgte in der Hoffnung, bei Tageserwachen andachtsvoll unter Lisettens Fenster zu lauschen. Vielleicht streckt sie dann gerade den Kopf heraus, sie will die Sonne aufgehen sehen; da trifft ihr Auge ihn als den wahren Lichtboten, den Luzifer, den Phosphoros, welcher dem Helios vorauseilt: das war doch auch ein griechisches Bild und einen Nachtmarsch wert! Trotz des kleinen Zwiespaltes und der staubigen Landstraße begann übrigens die Wanderung wunderschön. Seliger Abendfriede lag über den Gebreiten des Landes, das in immer tiefere Schatten sank. Die letzte Glocke verklang fernher, die Sterne stiegen auf, zahlreicher, zahllos, bis der ganze Himmel besäet war; kein Wanderer kreuzte den Weg, nur emsiges Grillengezirp unterbrach das Schweigen der entschlummerten Natur. Auch die beiden Freunde schritten lange schweigend in die Nacht hinein. Sie hätten sich so viel zu sagen gehabt, nur leider ein jeglicher etwas ganz anderes, als der andere hören wollte, und so fand keiner das Wort. Endlich begann Wolfgang einen Monolog, da es mit dem Dialoge nicht glückte: »Selige Jugendzeit, wo wir nach dem Lächeln des einen und einzigen Freundes haschen wie nach einem Liebesblick! Die Freundschaft ist der Morgenstern der Liebe, sie verkündet die kommende Sonne, und oftmals ist der diamantene Lichtfunke dieses Sternes, wie er aus der Dämmerung blitzt, poesiegeweihter als der blendende Glanz des Tagesgestirns. Die Freundschaft ist aber auch der Abendstern der Liebe; denn wenn sich unser Tag im Alter neigt, dann wird die Liebe selber wieder zur Freundschaft!« »Wie kommst du zu dem Morgenstern, dem Luzifer?« rief Karl ärgerlich, weil er den Freund auf seinen eigenen Gedanken ertappte, nur daß dieselben eine ganz entgegengesetzte Richtung nahmen. »Zitiertest du den Streckvers aus Jean Pauls neuestem Roman?« »Ein Zitat?« fragte Wolfgang betroffen. »Und fühlst du nicht, daß jene Worte der augenblickliche Erguß meiner tiefsten Seele gewesen sind?« »Du sprachst wie ein Buch und könntest den Erguß sogleich in einem Musenalmanach drucken lassen.« Wolfgang war wie mit kaltem Wasser begossen und schwieg. Sie liefen bergauf, talab, als ob sie's bezahlt bekämen. Karl trieb an mit Zuruf und Beispiel; er zählte die Achtelmeilen und freute sich nur darum über den vollen Mond, weil sein Licht die Uhr erkennen ließ, denn auf jede Stunde Wegs mußte eine Viertelstunde Zeit gewonnen werden. Vergebens mahnte Wolfgang zu ruhigerem Gange. »Was läßt sich empfinden, was bekennen, wenn wir die Meilensteine ablaufen wie Postpferde!« Alles umsonst! Nun verstummte Wolfgang völlig und lief, so rasch er konnte, und Karl verstummte gleichfalls und lief noch etwas rascher, immer anderthalb Schritt voraus. Dieses Doppelschweigen im Sturmschritt war psychologisch merkwürdig. Denn obgleich der eine genau schwieg wie der andere, so ruhte der Akkord ihres Schweigens doch auf zwei verschiedenen Grundtönen. Wolfgang schwieg, weil er mit dem nahen Freund im stillen haderte, Karl, weil er sich mit der fernen Geliebten in Gedanken selig verbunden fühlte. Darum machte das Schweigen den einen immer ärgerlicher, den andern immer glücklicher. Wolfgang mochte den herzlosen Freund gar nicht ansehen, Karl dagegen blickte dem armen Jungen ab und zu recht zärtlich ins Gesicht. Der traumhafte Mondschein zeigte ihm die Züge der Zwillingsschwester in den Zügen des Bruders, vorausgesetzt daß derselbe den Mund nicht auftat. Und Wolfgang spannte immer ungeduldiger darauf, ob denn der Freund nicht endlich einmal reden wolle! War dies die ganze Frucht der hellenischen Freiheit einsamster Wanderung? Wollten sie nichts weiter, als sich selbander anschweigen und ausschweigen, dann hätten sie's zu Hause bequemer haben können. Endlich graute der Morgen. Die frische Frühluft strich, die Sonne verkündend, von den Bergen herüber, das fahle Licht des nahenden Tages erhellte allmählich die Landschaft in seinen, kalten Tönen. Mit scharfer Wendung traten die Wanderer auf einer Hügelkuppe aus dem Waldesdunkel, da blitzten ihnen die ersten Sonnenstrahlen grell ins Auge. Laut jubelnd begrüßten sie den Aufgang. Karl blickte seinem begeisterten Freunde ins Gesicht – und prallte entsetzt zurück. »Mensch! wie aschgrau siehst du aus! Könnt' ich dir nur einen Spiegel vorhalten! Wie übernächtig! Die Nase blau, die Wangen blaß, die Augen braun umrahmt, die Züge schlaff!« Wolfgang fuhr unwillig auf und meinte, Karl möge sich doch auch nur selber betrachten. »Wenn meine Nase blau, dann ist die deinige nahezu grün. So zwischen Nacht und Morgen und vollends nach durchwachter Nacht ist niemand lustig anzuschauen. Da wird selbst das schönste Mädchenantlitz leichenblaß erscheinen und katzenjammergrau.« Diese Worte vollendeten Karls Unmut. Der Mondschein hatte ihm das Bild Lisettens so anmutig im Gesichte ihres Bruders vorgezaubert, und die Sonne gab ihm Lisettens Zerrbild. In der Tat, nach durchwachter Nacht mußte Lisette wohl ziemlich ebenso aussehen wie jetzt ihr Zwillingsbruder. Es ist sehr gefährlich, wenn man sich ein geliebtes Wesen in jeder Situation vorstellt, die täglich vorkommen kann, noch gefährlicher, wenn uns ein dritter an die minder ideale Situation erinnert, aber am gefährlichsten, wenn er uns dieselbe gleich in wohlgelungenem Porträt wiedergibt. »Dieser nüchterne Bursche reißt einen doch aus allen Himmeln der Phantasie!« so dachte Karl gegen Wolfgang. Ganz ebenso dachte aber auch Wolfgang gegen Karl. Und so waren sie plötzlich einig in demselben ungesagten Worte. »Mit einem so launischen, überkritischen Menschen wäre selbst im alten Griechenland nicht auszukommen gewesen«, dachte Wolfgang weiter. Und Karl dachte abermals ungefähr das nämliche. Keiner aber sprach diese harmonischen Gedanken aus, also verfielen sie auch wieder in das gleiche Schweigen. Und zwar ruhte ihr Doppelschweigen jetzt auch nicht mehr auf verschiedenem Grundton wie vorher, sondern auf ein und demselben. Denn jeder schwieg jetzt, weil er sich über den andern ärgerte. Diese Eintracht im Zwiespalt aber beschleunigte ihre Schritte derart, daß sie die Amtsstadt Finkenborn wirklich mit dem Glockenschlag halb fünf Uhr erreichten. Viertes Kapitel Vergebens bat Wolfgang, das Städtchen zu umgehen. Karl schritt unaufhaltsam hinein und steuerte geradenwegs zu Wolfgangs väterlichem Hause, zum Amthause. »Bist du toll?« rief Wolfgang und hielt ihn am Rockzipfel zurück. – »Toll? Lieber Freund, was wäre die Poesie des Lebens ohne Tollheit?« entgegnete jener, machte seinen Rock von Wolfgangs Händen frei und schlüpfte in den Garten, welcher das Amthaus umgab. Dort setzte er sich eine Weile stillvergnügt in die Geißblattlaube; er konnte aus diesem Versteck ganz nahe zum Fenster von Lisettens Schlafzimmer hinaufspähen. Der arme Wolfgang saß neben ihm auf Kohlen, und er merkte noch immer nichts! Ein Fensterflügel war geöffnet, um die milde Frühluft einzulassen; Karl war innerlich entzückt von diesem Umstand. Er reckte den Kopf aus der Laube und begann mit gedämpftem Gesang die Höltyschen Strophen: »Beglückt, beglückt, wer die Geliebte findet, Die seinen Jugendtraum begrüßt –« Nach den nächtlichen Strapazen sang er zwar etwas heiser und falsch, aber sehr gefühlvoll. Wolfgang versuchte ihm die Hand vor den Mund zu halten. Dies hatte leider die Wirkung, daß Karl plötzlich in ein Forte ausbrach: »Die Liebe macht zum Goldpalast die Hütte, Streut auf die Wildnis Tanz und Spiel –« Da öffnet sich der andere Fensterflügel, der Sänger prallt zurück und verstummt. Eine Nachthaube erscheint im Fenster. Es ist Lisettens Mutter. Karl und Wolfgang huschen eiligst durch die Beete und zertreten Lisettens prachtvollen Nelkenflor. Sie sind alsbald auf der Straße in Sicherheit und laufen geschwinder wieder zum Städtchen hinaus, als sie hereingekommen waren. »Dacht' ich's doch, daß du die Mutter wecken würdest«, zürnte Wolfgang. »Die alte Frau hat schon seit Jahren keinen Morgenschlaf mehr, aber zum Glück sieht sie nichts ohne Brille. Wäre Lisette erwacht, die hätte uns erkannt mit ihren Luchsaugen, allein zum Glück schläft sie wie ein Murmeltier tief in den Tag hinein.« Wie kann man so roh sich ausdrücken! War Wolfgang die ganze Nacht ärgerlich gewesen, daß Karl mit nüchternen Worten in seine Freundschaftsträume platzte, so ärgerte sich Karl jetzt am Morgen, daß jener mit so nüchternem Worte seine Liebesträume zerriß. Und er hatte gar nicht erraten, welche Tollheit eigentlich die Poesie des Lebens sei! Man sagt, die Liebe ist blind; die Freundschaft schien noch viel blinder zu sein. Die beiden Wanderer ließen Finkenborn rechts liegen und zogen mit nordöstlicher Schwenkung weiter ins Land, bedeutend langsameren Schrittes, beide nunmehr wieder ärgerlich, aber jeder wiederum aus anderem Grunde und in anderer Weise. Endlich forderte die Natur ihr Recht. Auf offenem Kartoffelfelde lagerten sie sich in den Schatten eines Birnbaums. Der Rastort war weder klassisch noch romantisch, allein die übermüdeten Jünglinge versanken beide rasch in tiefen Schlummer. Karl erwachte zuerst, denn die hochgestiegene Sonne stach ihm ins Gesicht. Mit innigem Wohlgefallen betrachtete er den noch schlafenden Gefährten. Wie ähnlich waren seine von der Ruhe wieder verjüngten und veredelten Züge dem Bilde der Schwester, wie anmutig lächelte er im Schlafe! Jetzt, wo Finkenborn hinter ihm lag, empfand Karl wieder tiefe Zärtlichkeit für den Freund. Ihn rührte die göttliche Unschuld des armen Jungen, der noch immer nicht merkte, daß seine Liebe zunächst der Schwester galt und daß er in dem Freunde viel weniger den Freund als den Bruder der Schwester liebte. Er war Wolfgang eine Genugtuung schuldig und beschloß, ihm alles zu beichten, und zwar auf der Stelle. Mit leisem Zuruf weckte er den Schläfer. Etwas unwirsch fuhr dieser empor, rieb sich die Augen, gähnte und seufzte nach Waschwasser, welches in dem Kartoffelfelde nicht aufzutreiben war. Er hatte offenbar nur halb ausgeschlafen. Aber Karl brachte ihn bald zur Besinnung und lud ihn ein, sich ein Viertelstündchen neben ihn zu setzen, er wolle ihm etwas erzählen. Er begann: »Es war vor vier Jahren am Tage der Finkenborner Kirchweih. Im Garten des Bärenwirts tanzte die Staatsdienerschaft und beim Schimmelwirt die Bürgerschaft. Du wirst dich gewiß noch erinnern, wie lustig wir damals in dem Garten tanzten, einen Menuett um den andern. Die schönste Tänzerin war deine Schwester Lisette. Doch als wir eben zur Ecossaise antraten, war sie verschwunden; niemand wußte wohin. Sie blieb fast eine Stunde fort, es erregte Aufsehen. Sie behauptete nachher, von deinem Vater befragt, zu Hause Vorbereitungen fürs Abendessen getroffen zu haben. Allein das war eine Notlüge. Sie ging ganz woanders hin, und ich weiß, wo sie gewesen ist, denn ich bin ihr nachgeschlichen –« »Lieber Freund«, unterbrach ihn Wolfgang, »wollen wir nicht aufbrechen? Du könntest deine Geschichte dann ebensogut im Gehen erzählen wie hier im Sitzen. Wir kämen rascher zum Frühstück, und ich habe grausamen Hunger. Eine Schüssel saure Milch dort unten in der Mühle, das wäre ein wahrer Balsam für meinen nüchternen Magen! Es ist meine und Lisettens Liebhaberei – auch hierin sind wir Zwillinge –, nüchtern saure Milch zu frühstücken.« »Entsetzlicher Geschmack!« rief Karl. »Wenn du etwa einen Hering begehrtest, so würde ich's begreifen.« »Gemeines Gelüsten!« entgegnete Wolfgang. »Der beste Held der Odyssee könnte Salzfische frühstücken; was findest du Gemeines daran?« »Die zarteste Schäferin Theokrits könnte zum Morgenimbiß geronnene Milch essen. Was ist an diesem Geschmacke entsetzlich?« Sie brachen auf, beide zürnend und schweigend. Nach einer solchen Episode konnte Karl seine Geschichte nicht weitererzählen. Doch bezwang er den Unmut; er beschloß, mit der Fortsetzung bis zum Abend zu warten. Der Tag war schwül, die Wege staubig, die Wirtshäuser schlecht, die Wanderer schläfrig und müde. Kein Wunder, daß sie nur fünf Stunden Wegs zurücklegten. Sie beschlossen, von ihrer Reiseregel heute eine Ausnahme zu machen und die kommende Nacht unter Dach zuzubringen. Volpertshausen, ein weitgedehnter Marktflecken, winkte zur abendlichen Einkehr. Schon lag der Ort ganz nahe, da brach ein furchtbares Gewitter los. Die Freunde liefen Trab, aber Hagel und Platzregen stürzten stromweis vom Himmel, daß sie in wenigen Minuten keinen trockenen Faden mehr auf dem Leibe trugen. Die heimkehrenden Bauern jubelten über den nach langer Dürre ersehnten Regenguß. »Es regnet Kronentaler!« rief einer den gebadeten Studenten entgegen. »Das haben wir lange gewünscht!« sagte eine Dirne lachend den bestürzten Flüchtlingen ins Gesicht. Wolfgang ergötzte sich an diesen Ausrufen, Karl fand sie impertinent. Überhaupt ging Wolfgang förmlich wieder auf im Regen wie eine welke Blume, Karl zog sich in sich zusammen wie ein begossener Pudel. Triefend traten sie in die erste beste Herberge des Ortes; eine breite Wasserstraße bezeichnete hinter ihnen den Weg, welchen sie über den Hausflur genommen. An der Türe des Schenkzimmers stand folgende Aufschrift: »Jeder Reisende, der hier übernachten will, muß vorher einen Albus Schlafgeld und einen Batzen für Zehrung nachweisen. Auch werden nur Gäste aufgenommen, welche haut- und kopfrein sind.« Wolfgang nannte dieses Plakat entzückend, echt bukolisch, ein wahres »Lied im Volkston«. Karl räsonierte darüber und wollte wieder umkehren, allein Wolfgang zog ihn in die Stube. Der Wirt musterte sie von Kopf zu Fuß und begehrte keinen Nachweis. Die Freunde setzten sich in die Küche und trockneten dort ihre ausgezogenen Röcke am Herdfeuer und die Hemden auf dem Leibe. Weil sie aber zugleich mit ansahen, wie das Essen bereitet wurde, so verging ihnen aller Appetit. Sie kehrten in die dunstige, von Bauern vollgepfropfte Schenkstube zurück, zahlten ihre zwei Batzen Zehrgeld und rührten keinen Bissen an. Wolfgang war ausgelassen lustig, obgleich ihn bitterer Hunger nagte. Karl hätte gern die unterbrochene Geschichte seiner Liebe weitererzählt, allein in dieser Atmosphäre und bei dieser tollen Laune des Freundes vermochte er es nicht. Zudem sah er, daß sie von den Bauern beobachtet und belauscht, von dem Wirte fortwährend umkreist und verdächtig ausgespäht wurden. Was sollte das bedeuten? Endlich wurde es stiller. Ein Gast nach dem andern ging hinweg, die Stube leerte sich. Der Wirt bereitete den beiden Wanderern die Lagerstatt mitten im Schenkzimmer. Er legte zwei Stühle um, daß die Lehne schräg an den Boden kam, als Kopfkissen, breitete »frisches« Lagerstroh davor, auf welchem schon sechs Handwerksburschen geschlafen hatten, gab jeglichem eine alte Pferdedecke, löschte die Öllampe, empfahl sich und wünschte den Jünglingen angenehme Ruhe. Anfangs fand Wolfgang diese Sorte von Nachtquartier höchst originell und ergötzlich; allein nach einer Viertelstunde wurde er doch andern Sinnes. Der Branntweinduft und der kalte Tabaksdampf, den die Bauern hinterlassen, war auf die Dauer nicht auszuhalten, und schon der bloße Gedanke an den Schmutz des Bodens und des Strohes, worauf sie lagen, verscheuchte allen Schlaf. Sie öffneten das Fenster. Der Regen hatte aufgehört, eine balsamische Luft drang herein. Da bemerkte Wolfgang: »Im Helldunkel der volkstümlichen Poesie ist unsere Lagerstatt zwar wunderschön, aber man kann auf derselben durchaus nicht einschlafen. Wie wäre es, wenn wir uns ganz sachte davonschlichen und ein trockenes Plätzchen im Freien oder in einer Scheune aufsuchten?« Karl stimmte bei. Sie legten die zwei Albus Schlafgeld auf den Tisch, und da sie die Tür verschlossen fanden, sprangen sie zum Fenster hinaus und befanden sich bald in den Wiesen vor dem Dorfe, wo sie die erquickende Nachtluft in vollen Zügen tranken. Dort stand eine Heuscheune, halb angefüllt mit frischem Heu. In der eiligen Flucht vor dem Gewitter hatten die Bauern das Tor offengelassen. Also ergriffen die Freunde sofort Besitz von diesem Quartier. Höchst behaglich streckten sie sich der Länge nach in das duftende Heu, und Wolfgang legte sich sofort zum Schlafen zurecht. Aber Karl wehrte ihm und rüttelte ihn auf. »Als Mediziner muß ich dir das Schlafen verbieten. Weißt du nicht, daß frisches Heu dem Schlummernden gefährlich ist, ja daß es ihn töten kann? Unterhalten wir uns lieber, damit wir wach bleiben; denn nur wachend dürfen wir hier die Ruhe genießen.« Wolfgang seufzte, er hätte gar so gern geschlafen. Aber folgsam setzte er sich auf, und Karl sprach: »Ich will dir die Geschichte auserzählen, die ich heute morgen begonnen habe.« Fünftes Kapitel Karl hub an: »Es war, wie gesagt, vor vier Jahren auf der Finkenborner Kirchweih, wo deine Schwester Lisette plötzlich vom Tanzplatz verschwand und eine ganze Stunde ausblieb. Ich bin ihr nachgeschlichen; sie war nicht zu Hause, wie sie später angab, sondern sie eilte vor die Stadt und verschwand dort in dem Hirtenhäuschen, wo der Schäfer Balzer wohnt, der sich eines sehr getrübten Leumundes erfreut und für einen Hundedieb gilt, weil er mit Hundefett handelt. Wie konnte eine Amtmannstochter, und obendrein im Ballkleide, den Balzer besuchen? Das dünkte mir sehr verdächtig. Also wartete ich eine Weile, bis Lisette wieder herauskäme, um sie zur Rede zu stellen. Aber sie kam nicht. Voll Ungeduld umging ich das Häuschen. Die Fenster sind ganz niedrig und derart von zwei Holunderbüschen umschattet, daß man bequem hineinschauen kann, ohne von innen bemerkt zu werden. Ich lugte hinein. Und denke dir, was ich da erspähte –!« »Heraus mit euch Schuften! Ergebt euch gutwillig!« donnerte eine Stimme zum offenen Scheunentor herein. Karl und Wolfgang fuhren erschrocken empor. Der Lichtstrahl einer Blendlaterne fiel ihnen ins Gesicht; ein großer Mann in hohen Reitstiefeln, den Hirschfänger in der Hand, trat in die Scheuer, von zwei schwerbewaffneten Amtsknechten begleitet und von einem Dutzend Bauern mit Prügeln gefolgt. Die beiden Freunde krochen sprachlos aus dem Heu, die Knechte packten sie. Aber wie prallten beide Parteien zurück, als der eine Knecht rief: »Das ist ja des Herrn Amtmanns Wolfgang und des Herrn Doktors Karl!« Der große Mann mit dem Hirschfänger betrachtete sich die Jungen etwas näher bei Licht: es war Wolfgangs Vater, der Amtmann von Finkenborn. »Bursche! Wie kommt ihr hierher?« rief er in Zorn und Staunen. »Was treibt ihr hier?« Zur Antwort stammelte Wolfgang die Frage, was denn der Vater hier suche. In abgebrochenen Fragen und Ausrufen kam es zu beiderseitiger Erklärung, wobei der Amtmann genau wußte, was er sagen sollte, aber die armen Jungen wußten es um so weniger. Amtmann Erlach führte nach damaliger Art eine nächtliche Streife gegen die »Gebrüder Serf«, zwei elegante junge Gauner, welche stehlend, betrügend und beschwindelnd unter allerlei Masken das Land durchzogen. Der Wirt in Volpertshausen hatte Verdacht geschöpft, daß die rätselhaften Wanderer jene Diebe seien, denn die Gebrüder Serf reisten öfters als Studenten. Darum hatte er die geheimnisvoll miteinander Plaudernden so verdächtig ausgespäht. Kaum waren Karl und Wolfgang durchs Fenster entflohen, so kam der Amtmann mit seinen Häschern in die Herberge. Nun schien es außer Zweifel, daß sie die Gauner gewesen seien. Man verfolgte ihre Spur und fand sie in der Scheune. Das war der klare und einfache Tatbestand, welchen der Amtmann bündig erzählte. Dagegen konnte er aus den Jünglingen nicht herausbringen, warum sie denn fünfzehn Stunden Wegs von der Universitätsstadt nächtlicherweile in Herbergen und Heuscheunen herumlungerten. Sollte Wolfgang seinen Freundschaftsroman bekennen, seine hellenischen Wanderzwecke eingestehen? Er schämte sich dessen, und der Vater würde ihn auch kaum verstanden haben. Sollte Karl beichten, daß er aus Liebesverdruß über einen bösen Brief Lisettens das Abenteuer mitgemacht? Der Oheim durfte vorderhand noch gar nichts wissen von diesem heimlichen Liebeshandel mit seiner Tochter. Also sagte er endlich sehr verlegen, er sei auf ein paar Tage botanisieren gegangen und Wolfgang habe ihn begleitet. Zum Unglück wollte er seine Sache gar zu glaubwürdig machen und deutete auf die Botanisierbüchse. Der Alte ergriff sie sofort, öffnete sie und zog statt seltener Pflanzen ein paar Strümpfe heraus und Ciceros » Lälius de amicitia «. (Wolfgang hatte das Buch hineingeschoben, um im Notfall den Grundtext des Evangeliums antiker Freundschaft zur Hand zu haben.) Der Amtmann wollte angesichts der Häscher und Bauern nicht weiter examinieren und begnügte sich, seinem väterlichen Zorn in etlichen Flüchen über Leichtsinn und Studentenübermut Luft zu machen. Wolfgang war froh, für den Augenblick so wohlfeilen Kaufs davonzukommen, Karl dagegen wütete inwendig. In einem halben Jahre hatte er seine Studien vollendet, dann wollte er als Doktor vor den künftigen Schwiegervater treten und ihm seine Neigung bekennen – und jetzt stand er dem Manne gegenüber wie ein dummer Junge! Und dies einzig und allein durch Wolfgangs Schuld, durch dessen Phantasterei und Freundschaftsquälerei. Er warf seinen ganzen grimmigen Zorn auf den armen Burschen. Der Alte befahl ihnen barsch, mitzugehen nach Finkenborn; von dort wolle er sie dann geradeaus wieder in ihre Hörsäle befördern. Nun war Karl vollends vernichtet. In welcher Gestalt erschien er dann vor Lisette, und wie mußte die ganze Amtsstadt spotten, wenn sie morgen früh als die falschen »Gebrüder Serf« eingeführt wurden! Und das hatte immer wieder der unselige Wolfgang verschuldet mit seiner hellenischen Freundschaft! Wenn Bräute nur niemals Brüder hätten und keine Väter, und wenn es in der Welt nur überhaupt keine Freunde gäbe und keine alten Griechen und keine Professoren, die über griechische Staatsaltertümer lesen! Aber zum Glück gibt es noch echte Spitzbuben neben den falschen, und als man sich eben zum Rückmarsch nach Finkenborn anschickte, brachte ein Reiter die sichere Nachricht, daß die wirklichen Gebrüder Serf auf einem Gehöfte anderthalb Stunden vorwärts heute nacht ihren Unterschlupf hätten, wo man sie bequem abfangen könne. Der Trupp brach sofort in dieser Richtung auf. Der Amtmann wollte die zwei Studenten gleichfalls dorthin mitnehmen, um ihrer ganz versichert zu bleiben. Allein sie erklärten, vor Müdigkeit keine Stunde weitergehen zu können, und baten, nach Volpertshausen zurückkehren zu dürfen. Sie verpfändeten ihr Ehrenwort, daß sie dann mit Tagesanbruch den nächsten Heimweg zur Universitätsstadt einschlagen wollten. Dieser Vorschlag war so vernünftig, daß ihm der Amtmann Folge gab. Also trennte er sich von Sohn und Neffen, die kopfhängend wieder zum Dorfe schlichen. Wolfgang redete dem Freunde guten Mut zu – vergebens, er erhielt keine Antwort. Er bat ihn, doch seine unterbrochene Aufklärung zu vollenden und seine Geschichte auszuerzählen. Diese Zumutung setzte Karl erst recht in hellen Zorn. Wolfgang wußte nicht, wie ihm geschah; das war ja die verkehrte Welt. Denn wenn Karl sonst ärgerlich gewesen, dann glühte er alsbald in Freundschaft; jetzt war er ärgerlich und unfreundlich obendrein. Dieser Umschlag ging gleichsam gegen die Naturgesetze. Doch das Herbste stand ihm noch bevor, als sie zu den ersten Häusern von Volpertshausen gelangt waren. Karl erklärte trotzig, er werde die Nacht durch weitergehen, geradeaus zur Universitätsstadt. Todmüde konnte Wolfgang nicht folgen, er bedurfte der Nachtruhe. Bis zur Türe eines besseren Wirtshauses begleitete ihn der herzlose Freund, dann aber nahm er trockenen Abschied und eilte raschen Schrittes von dannen. Wolfgang wartete noch eine Weile in der festen Hoffnung, daß Karl wieder umkehren werde. Allein es geschah nicht, und so blieb ihm keine andere Wahl, als den Wirt herauszupochen und zu Bett zu gehen. Sechstes Kapitel Trotz alledem schlief er vortrefflich. Doch ein neuer Schreck befiel ihn beim Erwachen: Karl hatte ja die beiden Geldbeutel in der rechten und linken Hosentasche für die Hin- und Herreise und er selber keinen Pfennig. Statt des Schlafgeldes versetzte er dem Wirt sein Messer, das einzig verfügbare Wertstück, denn seine Uhr war schon längst in der Musenstadt einem Juden verpfändet. Schwermütig brach er auf, mit dem Gefühl eines geschlagenen Feldherrn auf dem Rückzuge die endlose Landstraße dahinziehend. Er sprach zu sich selbst: »Ob Karl jetzt wohl Reue empfindet? Müßte er nicht tief beschämt und zerknirscht sein, wenn er mich so einsam im Sonnenbrand keuchen sähe, die ganze Welt tot und öde für mich, der schöne Traum dieser Wandertage zerrissen, alle Hoffnungen vernichtet, die ich so sicher auf dieselben gebaut?« So kostete er die bittersüße Wonne, sich unschuldig gekränkt zu fühlen, und hätte um tausend Gulden nicht auf die Langeweile des Wegs verzichten mögen, ja er ging absichtlich immer da, wo die Straße am schlechtesten war. Gegen zwölf Uhr meldete sich ein furchtbarer Hunger. Sollte er seine Botanisierbüchse mit den Reservestrümpfen und dem Lälius versetzen, um zu Mittag essen zu können? Mit dieser Frage trat er vor den Goldenen Löwen in Gaisach, ein wegen seiner trefflichen Küche bekanntes Wirtshaus. Zögernden Schrittes drang er bis vor die Türe des Gastzimmers. Sie stand halb offen. Die Wirtin trug eben den duftenden Braten hinein, und das Klirren der Teller, Messer und Gabeln schallte lockend heraus. Da vernahm Wolfgang plötzlich Karls Stimme; sehr laut und lustig, von Gelächter unterbrochen, übertönte sie das Gesumme des Tischgesprächs. Reuelos, gefühllos ließ sich's also der Verräter jetzt wohl sein auf Kosten des gemeinsamen Beutels, während der Freund verschmachtete! Wolfgang kehrte auf dem Absätze um und stürmte davon. Er wollte gar nichts essen, gar nichts mehr versetzen. Den ganzen Tag zu hungern, schien ihm edel und sogar erquickend. Man kann sich auch an dem Trotz und Stolz eines gekränkten Herzens laben, ja sogar satt essen – wenigstens auf etliche Stunden. Allein am Nachmittag versagten ihm die Kräfte. Noch war er zwei Meilen von der Universitätsstadt entfernt; er konnte nicht weiter und legte sich in den Straßengraben. Da kam der Postwagen herangerollt. Sein Geräusch erweckte bei Wolfgang den Naturtrieb der Selbsterhaltung. Einen Augenblick noch kämpfte er mit dem Gedanken, ob es nicht das würdigste sei und geradezu zermalmend für den Ungetreuen, wenn er im Graben liegenbliebe, bis man ihn – tot oder lebend – auffinde. Jetzt war der Wagen schon vorüber. Und ohne Gedanken – rein aus Instinkt – raffte sich Wolfgang auf, lief mit letzter Kraft dem schwerfälligen Fuhrwerk nach, erreichte es und schwang sich auf das Rückbrett. Erst als er glücklich oben saß, wußte er klar, was er getan. Der Platz war abscheulich unbequem, und die nachwirbelnden Staubwolken – bei Gaisach hatte es gestern abend nicht einmal geregnet – hüllten den blinden Passagier in einen dichten Mantel und puderten ihn von Kopf bis zu Fuß. Trotzdem wurde er im nächsten Dorfe von einer Rotte Gassenbuben entdeckt, welche dem Wagen nachsprangen und dem Postillon zuriefen: »Hintendran! Draufgeschlahn!« Und sofort sauste die lange Peitsche übers Verdeck des Wagens herüber um Wolfgangs Ohren. Er duckte sich, erhielt aber doch ein paar richtige Hiebe auf Arm und Schulter. Der Postillon glaubte ihn wohl heruntergehauen zu haben, denn er fuhr dann ruhig weiter, und Wolfgang behauptete seinen Platz. Auch die Streiche taten ihm innerlich wohl, während er sich äußerlich die Schultern rieb. Wenn der Freund diese Schmach sähe! Orest und Pylades waren schwerlich in solcher Weise gemeinsam durch die Fluren Griechenlands gezogen, wie sie es gestern und heute getan. Allein es ist süß, ein Märtyrer zu sein, denn der Marter folgt die Palme. Beim Einfahren in die Musenstadt blieb Wolfgang auf dem Rückbrett des Wagens sitzen, obgleich es noch heller Tag war und belebt in den Straßen und der feine Jüngling sonst sehr viel auf Anstand und gepflegtes Äußere hielt. Die ganze Welt war ihm gleichgültig, er hatte nur einen Gedanken: Wenn mich jetzt Karl zu seiner tiefsten Beschämung in dieser Lage sähe! Aber dies war ganz unmöglich, denn Karl – saß innen im Wagen, und als derselbe endlich im Posthofe anhielt und Wolfgang von seinem Martersitze heruntersprang, stieg jener ganz gemächlich aus dem Kutschenschlage. Beide prallten aufeinander, und jeder fuhr zugleich zurück vor Erstaunen. »Freund! Wie siehst du aus, wie bist du hierhergekommen?« rief Karl. »Wie es scheint, haben wir, ohne es zu wissen, die Rückfahrt gemeinsam gemacht!« Wolfgang erwiderte keine Silbe. Er wollte gehen. Allein Karl hielt ihn fest und nahm den Freund Arm in Arm, der trotzdem das Gesicht abwandte. »Du mußt mir deine Abenteuer erzählen; die meinigen waren ganz einfach. Nach frischem Nachtmarsche hielt ich einen guten Morgenschlaf im Walde, speiste dann vortrefflich im Goldenen Löwen zu Gaisach, erwartete dort den Postwagen und fuhr sehr bequem hierher. Warum bist du nicht auch eingestiegen, wenn du doch fahren wolltest? Wir hatten noch drei freie Plätze.« Trocken entgegnete Wolfgang, aber das Wort gereute ihn, indem es ihm entfuhr: »Und wie hätte ich denn den Platz bezahlen sollen?« Karl schlug sich vor den Kopf und griff in beide Hosentaschen. Jetzt erst entsann er sich, daß er ja die beiden Geldbeutel bei sich trug; er hatte es unterwegs nicht bemerkt, weil er immer aus der rechten Tasche zahlte. »Das war schändlich von mir! Verzeih, lieber Wolfgang! Wie konnte ich so vergeßlich sein! Aber du mußt mich anhören. Ich muß dir meine zweimal unterbrochene Geschichte zu Ende erzählen. Sie entschuldigt alles, meine Quälereien, meine Launen, den vergessenen Geldbeutel, sie gibt den Schlüssel zu meinem innersten Menschen, sie wird dich beruhigen, versöhnen, beglücken! Doch was stehen wir hier im Posthofe? Komm mit mir auf mein Zimmer; ich habe noch eine Flasche von meines Vaters Niersteiner und lasse Bratwürste holen, und du siehst gar so hungrig aus.« Wolfgang mochte widerstreben, soviel er wollte, Karl schleppte ihn mit. Nachdem sie sich in dem kühlen Zimmer mit einem Trunke erquickt hatten – Wolfgang konnte der Verlockung des würzigen Duftes denn doch nicht widerstehen –, begann Karl seine Geschichte zum drittenmal. Der andere hörte zu wie der steinerne Gast. Zuerst kurze Wiederholung des bereits bekannten Eingangs der Geschichte bis zum Lauschen am Fenster, dann wurde der Faden folgendermaßen wiederaufgenommen: »Ich spähte durchs Fenster im Hirtenhäuschen, und denke dir, was ich da sah! Auf einem Strohsack lag die zwölfjährige Tochter des Schäfers, und neben dem hilflosen Wesen saß Lisette im weißen Kleide mit den roten Bändern, mit den Blumen im Haar wie ein Engel und pflegte und beruhigte das arme Kind. Es hatte tags vorher den Arm gebrochen und sich den Kopf arg zerfallen, indem es von der Leiter stürzte. Die rohen Eltern waren trotzdem heute zur Musik gegangen, unbekümmert um die Leiden der verlassenen Kleinen. Lisette aber hatte den Schäfer und sein Weib auf dem Tanzplatz gaffend gesehen und beide lange beobachtet; sie wußte von dem Unfall des Kindes, sie stellte sich vor, wie es ungepflegt daheim liege, sie konnte nicht weiter tanzen und eilte hinaus, zu helfen und zu trösten. Und so sah ich sie durchs Fenster und konnte mich nicht satt sehen an dem Bilde. Von Kindesbeinen hatten wir zusammen gelebt, und doch war es mir, als hätte ich heute Lisette zum erstenmal erblickt. Soll ich das Wort sprechen? Wir hatten uns bisher so nahegestanden, daß ich sie nur gern haben, nicht lieben konnte; jetzt stand sie mir so hoch, so fern, daß ich sie liebte – seit dieser Stunde! Man lebt sich nicht langsam ein in die Liebe; die Liebe zündet wie der Blitz, oder sie zündet überhaupt nicht. Ich erzähle jetzt nicht weiter; ich habe nicht Atem dazu. Wolfgang! Ich liebe Lisette, und Lisette liebt mich: nun weißt du alles – du allein! Fallen dir die Schuppen von den Augen? Nicht der Freund quälte dich, sondern der Liebende; nicht der Freund vergaß den Geldbeutel in der linken Hosentasche, den hat der Liebende vergessen! Aber ich liebe ja deine Schwester; durch die Liebe entzweit, sind wir doch durch die Liebe inniger verbunden, als es bloße Freunde jemals sein können!« Wolfgang fiel ihm um den Hals. Er schwamm in Glückseligkeit. »Aber warum hast du mir das alles nicht längst gesagt?« »Eben weil ich liebte.« Bei dieser Antwort sann Wolfgang eine Weile nach, dann fuhr er wie toll in der Stube umher. Er dachte an Professor Baldrian; der hatte auch die Frauenliebe als Störungsgrund der modernen Freundschaft bezeichnet, aber da war der Tintenklecks aufs Heft gefallen. »Also fehlt uns doch nicht bloß der athenische Sklave, und wir sind ganz umsonst gewandert und wären gescheiter daheim geblieben, denn jetzt, wo wir wieder hier auf dem alten Flecke stehen, enthüllt sich mir alles, was sich draußen immer dunkler verwirrte!« »Keineswegs«, entgegnete Karl, »denn ohne dein seltenes Reiseunglück hättest du noch lange auf mein Geheimnis warten können. Aber der Professor hat doppelt recht: dir fehlt die Muße, und mir fehlt Lisette. In zwei Monaten beginnen die Ferien. Da werden wir beide Muße finden in Finkenborn, ich finde Lisette, und du sollst die Liebenden beschützen und wie ein hilfreicher Genius umschweben. Laß mir nun erst ganz meine Liebe, dann werde ich in der Liebe auch dein ganzer Freund sein. Vetter, künftiger Schwager, Zwillingsbruder der Geliebten! Was willst du mehr?« Ein göttlicher Augenblick! Sie waren die glücklichsten Freunde. Siebentes Kapitel Wolfgang schwebte die zwei nächsten Monate nur noch in goldenen Zukunftsträumen. Endlich begannen die Ferien, die Pforten des Paradieses waren neu geöffnet, und die beiden Freunde zogen nach der heimatlichen Amtsstadt. Sie konnten dort in der Tat ganz ungestört der Freundschaft und Liebe leben; denn erstlich hatten sie nichts anderes zu tun wegen der Ferien, und zweitens kümmerte sich kein Mensch um ihr Treiben wegen der drohenden Kriegsgefahr. Die Franzosen unter Jourdan nämlich waren schon im Juni beinahe bis zur Finkenborner Amtsgrenze vorgedrungen, allein der Sieg des Erzherzogs Karl bei Kloster Altenberg bewahrte damals noch Amt und Stadt vor ihrem Besuche. Im Herbste rückten sie jedoch wieder näher und näher. Die Bewohner der bedrohten Nachbargaue flüchteten in Scharen durch Finkenborn. Auf elenden Karren, für welche man oft 40 Gulden Fuhrlohn des Tages zahlen mußte, kamen Frauen, Kinder und Greise mit ihrer kostbarsten Habe, die Männer zu Fuß, Bauern, welche ein paar ermattete Kühe trieben, alte Mütterchen mit einer Ziege am Strick und einem Bündel unterm Arm. Der Schrecken ging wie eine ansteckende Krankheit vor ihnen her, und Angst und Not war ihr Gefolge. Viele Finkenborner ließen sich von dem Strudel fortreißen; der Amtmann und der Arzt aber beschlossen, mit ihren Familien mannhaft auf dem Posten auszuharren, wo sie nötiger waren als je zuvor, zumal sich dem ostwärts flutenden Strom der Flüchtlinge ein anderer Strom westwärts entgegenwälzte: kaiserliche Truppennachschübe, welche zum Kriegsfelde eilten. So wechselte bürgerliche und militärische Einquartierung in Finkenborn fast Tag für Tag, und obgleich Lisette ihrer Mutter helfend zur Hand ging und auch die beiden Studenten gelegentlich mithalfen, gab in den freien Stunden doch niemand acht auf die jungen Leute, und sie konnten zusammen treiben, was sie wollten, wie sie's in friedlichen Ferien niemals vermocht hätten. Dies dünkte ihnen anfangs höchst behaglich, und von dem Getümmel umwogt, empfanden sie – unbewacht sich selbst überlassen – so ganz jenes wonnige Gefühl, sicher im trockenen zu sitzen, während draußen der Platzregen an die Scheiben schlägt. Freilich entdeckte Wolfgang bald mit leisem Verdruß, daß er gegenwärtig den Liebenden weit überflüssiger sei als in Friedenszeiten. Er sollte nach Karls Verheißung das liebende Paar »beschützen und wie ein hilfreicher Genius umschweben«; allein dasselbe bedurfte zur Zeit seines Schutzes und seines Umschwebens gar nicht. Darum wünschte er Waffenstillstand zwischen dem Erzherzog und Jourdan, Karl war für fortdauernden Krieg. Indes, wenn Wolfgang auch weniger den Vertrauten Karls spielte, als er gehofft hatte, so appellierte Lisette dafür desto mehr an sein brüderliches Vertrauen. Neugierig von Natur (und Liebe schärft die Neugierde), fragte sie ihren Bruder fleißig aus über Karls Studentenleben. Wolfgang, stets bereit, des Freundes Lob zu singen, erzählte dann leuchtenden Auges, wie tapfer Karl seine Genossen beim Becher besiege und seine Gegner auf der Mensur, wie wenig er studiere und wieviel er dennoch lerne, wie hoch er's in der akademischen Finanzkunst gebracht, für das Notwendigste niemals Geld zu haben, aber allezeit für das Überflüssigste. Lisette war außer sich über diese Erfolge und ließ Karl ihr Entsetzen deutlich merken. »Da hat Wolfgang wieder geplaudert!« rief dieser. »Nicht was ich getan, ist entsetzlich, aber entsetzlich ist es, solch eine Plaudertasche zum Freunde zu haben!« Und der Freund hatte es doch so gut gemeint. Von der nächtlichen Begegnung mit Sohn und Neffe in der Scheune bei Volpertshausen hatte der Amtmann daheim geschwiegen und auch den Amtsknechten strenges Dienstgeheimnis eingeschärft. Er wollte die Standeswürde selbst in seinen Kindern gewahrt wissen und hielt es nicht für klug, ihre Torheiten dem Gespötte preiszugeben. Auch die beiden Freunde redeten nur unter vier Augen von ihrer Wanderung nach Osten. Trotzdem war ein verworrenes Gerücht des Abenteuers zu Lisettens Ohren gedrungen. Sie nahm den Bruder ins Gebet, und dieser beichtete denn auch ganz offenherzig; ja es war ihm eine rechte Wonne, die bittersüßen Erinnerungen erzählend noch einmal zu durchleben und jedes Ereignis, jede Empfindung mit wahrhaft künstlerischer Kleinmalerei zu schildern. Warum sollte er das auch nicht? War doch Lisette bei der empfindsamen Reise unsichtbar die dritte gewesen. Mußte es die Schwester nicht rühren, daß ihn die Verzweiflung über den Freund wie diesen die Verzweiflung über sie selbst ins Land hineingetrieben habe? Und dann vollends die Schlußszene nach der Heimkehr, die Lösung aller Rätsel durch Karls Liebesgeständnis – was konnte man Lisetten Erhebenderes sagen? Sie war in der Tat hochbeglückt von dem Bericht und hatte ganz andere Heimlichkeiten zu hören befürchtet. Und Wolfgang war entzückt, daß er Lisetten solches Glück bereitete, wofür ihm der Dank des Freundes nicht fehlen konnte. So hatte er's doch endlich einmal gut gemacht. Lisette wollte aber den Genuß des Reiseberichts noch tiefer zum zweitenmal kosten; auch dem Munde des Geliebten wollte sie die Geständnisse entlocken, welche ihr schon aus dem Munde des Bruders so schmeichelhaft geklungen hatten; den selbstgeschaffenen Reiz der Spannung wollte sie wiederholt empfinden, aber ohne die Qual der Spannung. Das ist die rechte Feinschmeckerei der Neugierde! Also stellte sie sich gegen Karl wieder ganz unwissend, sprach von den umlaufenden dunklen Gerüchten über die Heuscheuer bei Volpertshausen und bat den Geliebten, ihr doch den wahren Hergang zu erzählen. Obgleich nun Karl auf der Reise weit besser davongekommen war wie sein Freund, so schämte er sich doch hinterdrein des studentischen Streiches und erdichtete flugs eine ganz artige Reisenovelle, die kein wahres Wort enthielt. Lisette ließ ihn anfangs ruhig fabeln, trieb ihn aber dann durch neckische Querfragen immer ärger in die Enge. Karl besaß die jugendliche Gabe, Phantasiebilder als Erlebtes darzustellen; im reiferen Alter nennt man dies Lügen. Wenn die Jugend lügt, dann lügt sie auch gehörig, lügt aber gerne mit schwachem Gedächtnis und vergißt den Anfang über dem Ende. So erging es Karl, und ehe er sich's versah, war er von der schlauen Lisette gefangen, die ihm nun Punkt für Punkt sein Gewebe auflöste und ihn statt der Reisebekenntnisse zu dem einzigen wahren Bekenntnis zwang, daß er alles – erdichtet habe. Und wie haarklein wußte sie bereits jeden Vorfall! Karl rief errötend, doch mit Selbstgefühl: »Das ist nun einmal der schöpferische poetische Trieb meines Geistes, die weibliche Seite meiner Natur, daß ich mir die Dinge lieber einbilde, wie sie könnten gewesen sein, als wie sie waren!« »Ein bedenklicher Trieb für einen Arzt!« bemerkte Lisette spitzig. »Nicht so bedenklich wie Neugierde für die Frau eines Arztes!« entgegnete Karl, der nun erst wieder so weit zur Besinnung kam, daß er sich über sich selbst und über Lisette ärgern konnte. »Die Neugierde«, parodierte diese, »ist nun einmal das Wahrzeichen des Wissenstriebes meines Geistes, die männliche Seite meiner Natur. Denn ich möchte immer flugs wissen, wie die Dinge waren, nicht wie sie könnten gewesen sein.« Sie schossen noch eine Zeitlang scharfe Redepfeile gegeneinander. Dann trennten sie sich arg verstimmt. Karl aber sagte: »Das hat wieder Wolfgang angerichtet, der Unglücksmensch, mit seinem Plaudern.« Und er zankte ihn tüchtig aus, und sie waren sich die ganze Woche bitterböse. Schmerzerfüllt gedachte Wolfgang der Worte Karls an jenem denkwürdigen Schlußabend ihrer Reise: »Durch meine Liebe zu deiner Schwester sind wir inniger verbunden, als es bloße Freunde jemals sein könnten«, und nachher: »Laß mir nur erst ganz meine Liebe, dann werde ich in der Liebe auch dein ganzer Freund sein!« Wie schön klang dies damals beim Niersteiner! Allein wie es schien, blieb nun dennoch alle Zärtlichkeit des Freundes an der Geliebten hängen, und er selbst war bloß der Sündenbock für jeden Zwist der Liebenden. »Wenn ich's doch einmal eine Stunde lang so gut hätte wie Lisette«, so dachte er, »und wenn Lisette doch nur eine Stunde an sich empfände, wie schlimm es mir ergeht! Wir sollten uns eins in das andere verwandeln, vielleicht verwandelte sich hinterher dann auch der Freund.« Bei diesem Gedanken blitzte ihm die Erinnerung der Kindheit auf, wo die Zwillinge ja manchmal zum Scherz die Kleider vertauscht hatten und selbst die Eltern dann kaum zu unterscheiden vermochten, wer das Mädchen sei und wer der Junge. Sollten sie das alte Spiel jetzt nicht etwas ernsthafter wiederholen? Und dabei entsann er sich einer Szene, die er vergangenen Winter von wandernden Komödianten hatte darstellen sehen. Auf verdunkelter Bühne wechseln Maskarill und Lucinde Hut und Mantel und täuschten so den Pandolfo, den polternden Alten, ja sie täuschten sogar das Publikum, obgleich doch Maskarill einen guten Fuß mehr maß als Lucinde. Karl war viel kurzsichtiger, als die polternden Pandolfos zu sein pflegen, und die Zwillinge sahen sich viel ähnlicher als jene Komödianten; warum sollten sie nicht auch den polternden Freund täuschen können? Wolfgang klagte Lisetten sein Leid und trug ihr seinen Plan vor, allein sie wies denselben strenge zurück. Vergebens malte er aus, wie leicht sich die Sache machen lasse. Wenn Karl zu einem Dämmerstündchen herüberkomme, dann brauchten sie ihn ja nur in dem dunklen Hainbuchengange des Gartens abzuwarten und bloß ihre Herbstmäntel und Hüte zu tauschen wie Maskarill und Lucinde; alle weitere Umkleidung sei überflüssig. Lisette dagegen erklärte, für solche Kindereien seien sie beide zu groß und der Vorschlag schicke sich überhaupt nicht. Noch etwas verstimmt über diese Abweisung, begleitete Wolfgang nachmittags die Liebenden als Ehrenwächter. Sie spazierten auf einem nahen Hügel, welchen man den Finkenborner Rigi nannte wegen der schönen Aussicht. Da Karl und Lisette aber allezeit fünf Schritte voraus waren, um mit ihrer Liebe allein zu sein, so hatte Wolfgang, wie ein Bedienter hinterdreinschleichend, Muße genug, um über die Freundschaft nachzudenken. Es mußten ihn sehr schwarze Freundschaftsbilder erfüllen, denn er blickte ganz grimmig in die lachende Herbstlandschaft. Als sie, auf dem Hügel angelangt, sich zur Rast wieder zusammengesellten, schalt Karl den armen Wolfgang über sein saures Gesicht; er träume, grüble zuviel, lungere zuviel mit andern umher, ihm fehle die Tätigkeit auf eigene Faust, die allein gesund und froh mache. Wolfgang antwortete mit Vorwürfen, Lisette nahm ihres Bruders Partei und tadelte die Härte des Geliebten gegen seinen Freund. Nun sah dieser zwei verstimmte Gesichter statt eines. Und wie ähnlich waren sich beide! Nein, diese ewige Zwillingsdublette war doch unausstehlich, dieser Schatten von jedem Schatten seines Mädchens! Sie schien ihm auch gar nicht mehr so schön, seit er sie immer doppelt sehen mußte; alle ihre Schwächen erblickte er zweifach aufgetragen, ihre Vorzüge nur halb. Zuletzt schwiegen alle drei, machten drei saure Gesichter und genossen solchergestalt die herrliche Aussicht des Finkenborner Rigi. Da siegte endlich Wolfgangs Stolz über seinen tantalischen Freundschaftsdurst. Er sagte guten Abend und eilte mit Riesenschritten durch den Wald nach Hause. Nun hatte Karl Lisette doch wenigstens einmal allein und suchte nach versöhnenden Worten. Aber für diese war es noch viel zu früh: Lisette mußte erst ihrem gekränkten Herzen Luft machen. Punkt für Punkt hielt sie Karl seine Kälte und Unart gegen den Bruder vor; es war ein langes Sündenregister. Und also waren sie doch wieder nicht allein: Wolfgang stand im Geiste immer noch zwischen ihnen! Und woher kannte denn Lisette alle die kleinen Kränkungen, die er dem unersättlichen Freunde zugefügt hatte? Dieser anspruchsvolle Bursche störte nicht bloß durch seine ewige Allgegenwart, er plauderte nicht bloß und strafte ihn Lügen, nein, er führte nun gar auch Beschwerde bei Lisette und verhetzte ihm die Geliebte. Dies und vieles andere gab Karl zur Gegenrede. In heftigem Streite erreichten sie das Amthaus fast ebenso geschwind wie Wolfgang und gingen kalt und trotzend auseinander. Am selben Abend noch las übrigens Lisette dem Bruder unter Tränen den Text über seine zwar begründete, doch allzu heftige Empfindlichkeit, und am andern Morgen kanzelte ihn Karl im Vorbeigehen tüchtig ab, daß er seine Schwester gegen ihn aufgewiegelt habe. Achtes Kapitel Lisette fühlte sich grenzenlos unglücklich; sie begann so stark an Karls Liebe zu zweifeln wie Wolfgang an dessen Freundschaft. Wenn Zanken und Streiten Liebe heißt, dann waren sie die glücklichsten Liebenden wie jene die glücklichsten Freunde. Sie mußte Gewißheit erlangen, ob der Vetter bloß launisch oder ob er treulos sei. Aber wie? »Wäre Wolfgang nur klüger, er könnte Karl ausforschen; oder – wenn ich selber Wolfgang wäre?« Da fiel ihr sein Vorschlag des Manteltausches ein. Nach langem Schwanken beschloß sie, diesen Tausch wenigstens für sich allein, also zur Hälfte auszuführen. Wolfgang brauchte nichts davon zu wissen. Es war ein nebliger, frühdunkler Septemberabend. Karl hatte auf acht Uhr einen Besuch im Amthause versprochen und pflegte den Weg durch die Hainbuchenallee des Gartens zu nehmen. Dort erwartete ihn Lisette, in des Bruders leichten Herbstmantel gehüllt, sein kleines Hütchen auf dem Kopfe. Sie besann sich eben noch, was sie eigentlich sagen, wie sie als zürnender Freund dem Ungetreuen die tiefsten Liebesgedanken entlocken wollte, da kam Karl etwas zu früh. Mit verstellter Stimme begrüßte sie ihn. Weil sie aber fürchtete, bei längerem Sprechen sich durch ihre Stimme zu verraten, so nahm sie Karls versöhnende Worte schweigend hin, die er an den gestern so schwergekränkten Freund zu richten vermeinte. Karl tadelte dieses Schweigen. Lisette tat wiederum den Mund nicht auf. »Das ist nun wieder dein alter Trotz!« rief er ärgerlich. »Schweigend trotzen, das verstehst du ausgezeichnet!« »Und machtest du's denn gestern nicht ebenso?« stammelte endlich Lisette. Durch das Bestreben, den Ton recht tief zu stimmen, klang dieser Satz aber vielmehr geheult als gesprochen. »Welch weinerlicher Ton!« zürnte Karl, »welch weibisches Wesen! Sprich wie ein Mann, Wolfgang! Du weißt nicht, wie arg mir gerade bei dir die Frauenzimmermanieren zuwider sind.« Und er ging raschen Schrittes auf und ab, so daß Lisette kaum Schritt halten konnte. »Ich will dir ehrlich die Wahrheit sagen, Wolfgang. Du bist mir ja so lieb und wert, wenn du nur nicht der Schatten, die verzeichnete Kopie deiner Schwester wärest. Und leider ist auch das Original etwas verzeichnet. Genug, du verleidest mir Lisette, und das zerstört unsere Freundschaft. Es ist überhaupt nicht gut, so nahe verwandt zu sein, weder für Freunde noch für Liebende, nicht gut, so nahe zu wohnen, sich haben zu können, wann und wie man nur will. Der Reiz des Neuen, Fremden fehlt. Ich quäle mich alle Tage, Lisetten neu zu finden, aber da ich sie alle Tage und vollends in zwei Exemplaren vor mir sehe, glückt es nicht. Ich erzählte dir, wie meine Vetternliebe wirkliche verliebte Liebe ward, weil mir Lisette im Hirtenhäuschen so fremd, so fern, so unerreichbar vorkam. Ach, sie wird mir täglich erreichbarer, besonders durch dich. Am gescheitesten wär's, ich schlüge mir auf ein Jahr alle Liebe und Freundschaft aus dem Sinn und ginge in die weite Welt. Die Trennung brächte uns dann wohl wieder näher –« »Die Trennung kannst du haben, auch hier in Finkenborn!« – »Schäme dich, so mit meiner Schwester zu sprechen!« riefen plötzlich zwei Stimmen durcheinander von der rechten und linken Seite. Staunend schaute Karl sich um: Wolfgang stand in doppelter Gestalt hüben und drüben, rechts mit Mantel und Hut und links ohne Mantel und bloßköpfig. Im Eifer der Rede und im stürmischen Auf- und Niedergehen hatte Karl gar nicht bemerkt, daß sich der echte Wolfgang trotz aller Gegenwinke des falschen zu ihnen gesellt hatte. Jetzt erkannte er die Maske. »Man hat Komödie mit mir gespielt«, rief er wütend, »aber ich habe im Ernst gesprochen! Alles ist aus und vorbei. Wolfgang, Wolfgang! Das war wieder einer von deinen Streichen, du hast Lisette zu der unwürdigen Rolle verleitet!« »Er ist unschuldig«, beteuerte diese stolz und fest. »Ich tat es aus eigenem Entschlusse.« Aber in demselben Augenblicke beteuerte auch Wolfgang: »Ich nehme jeden Vorwurf auf mich; ich habe Lisetten den Plan eingegeben.« Spöttisch fiel Karl dazwischen: »Also strafst du deine Schwester Lügen; sie tut sich so viel zugut auf ihre Wahrheitsliebe und phantasiert zuletzt doch auch wie andere Leute.« Nun stritten sich Wolfgang und Lisette, welche beide die Wahrheit gesagt haben wollten und dies auch getan hatten, obgleich ihre Worte sich widersprachen. Verwirrt und aufgeregt wußten sie aber Karl die Sache nicht klarzumachen, und noch weniger konnte dieser sich mit den beiden verständigen. So war das traurige Ende vom Lied, daß man sich gegenseitig Liebe und Freundschaft kündigte, und zwar gab Karl Wolfgang und Lisetten die Schuld; Lisette Wolfgang und Karl; Wolfgang Karl und Lisetten. Am andern Morgen schickte die Base dem Vetter Briefe und Liebeszeichen zurück, und dieser tat das gleiche. Einsam durch die Felder irrend, sprach Wolfgang zu sich selbst: »Die Liebe soll die Freunde erst recht verbinden, nun hat sie die ganze Freundschaft zersprengt. O Aristoteles, o Baldrian! Die Freundschaft gehörte dem klassischen Altertum, die Liebe dem romantischen Mittelalter; was ist uns modernen Menschen übriggeblieben!« Alles war aus und vorbei, alle drei ließen die Köpfe hängen und mieden sich. Neuntes Kapitel Vierzehn Tage vergingen; Lisette, Karl und Wolfgang sahen sich so gleichgültig an, wie wenn sie ihre Lebtage nichts anderes gewesen seien als Geschwister und Verwandte. Inzwischen verfinsterte sich der Horizont von Finkenborn, die Weltlage wurde sehr ernst; es brach eine Woche an, welche die guten Bürger noch nach vielen Jahren die »Schreckenswoche« nannten. Die lange gefürchteten Franzosen kamen wirklich. Widersprechende Gerüchte hatten einige Tage die Stadt erfüllt, gute und böse Nachrichten sich gekreuzt; zuletzt aber blieb es außer Zweifel; daß die französische Hauptmacht geschlagen worden sei und daß starke Massen sich gegen Finkenborn wälzten. Nach dem Siege konnten selbst die Sansculotten liebenswürdig sein: auf dem Rückzuge ist jedes Heer zu fürchten. Es war am 20. September morgens; die Straßen der Amtsstadt völlig menschenleer – die Hälfte der Einwohner geflüchtet – tiefe Stille ringsum – niemand wagte sich aus dem Hause. Von den nächsten Hügeln vernahm man fernen Kanonendonner. Plötzlich sprengten etwa zwanzig Franzosen zum Tore herein, ihre Pferde troffen von Schweiß, die übermüdeten Reiter sanken beim Absteigen fast aus dem Sattel. Sie ließen die Pferde füttern, forderten Wein und Brot und erfrischten sich hastig und angstvoll. Da jagten ein paar andere französische Reiter mit wildem Geschrei die Straße herab und hinter ihnen drein eine Patrouille kaiserlicher Dragoner. Im Nu waren die Abgesessenen wieder in den Sätteln, die Säbel blitzten, fechtend wogten die beiden Trupps, an Zahl ziemlich gleich, vorwärts und zurück – vor dem Amthause kam das Gefecht zum Stehen. Hoch erregt beobachtete Karl von seinem Fenster den Kampf. Mit einem Male sah er Lisette aus dem Amthause auf die Straße springen, mittenhinein zwischen die fechtenden Reiter. Entsetzlich! Die naseweise Base wird einen Hufschlag oder Säbelhieb davontragen! Allein kaum hatte er dies gedacht, so flog sie schon wieder ins Haus zurück, an jeder Hand einen kleinen Buben, zwei Nachbarskinder, welche draußen gespielt hatten und unversehens unter die Pferde gekommen waren. Die Tiere waren über sie hinweggesetzt, ohne ihnen ein Haar zu krümmen. »Herein, ihr Rangen!« rief Lisette und schob sie in den Flur. »Spielt im Hofe; seht ihr nicht, daß auf der Gasse jetzt Krieg gespielt wird?« Karl atmete auf hinter seinem Fenster. Die naseweise Base hatte doch immer Hand, Herz und Mund auf dem rechten Flecke! Die Franzosen jagten davon, zum Städtchen hinaus, die Verfolger hintendrein; in wenigen Minuten war alles vorbei, nur zwei Verwundete und ein gestürztes Pferd blieben zurück. Am Abend – es war ein Samstag – kamen Feinde von allerlei Waffengattungen in immer wachsenden Massen, aufgelöste Trupps, dann aber auch lange Züge von besserer Haltung. Viele zogen fort, andere wurden zum Bleiben befehligt, die umliegenden Höhen besetzt; man sah dort Geschütze auffahren und Schanzen aufwerfen. Augenscheinlich sammelten sich die Franzosen hier zu erneutem Widerstand und schienen sich auf Finkenborn stützen zu wollen, auf welches sich doch in der ganzen Kriegsgeschichte noch niemand gestützt hatte. Amtmann Erlach, die höchste obrigkeitliche Person der Stadt, wurde von zwei Offizieren in einer Kutsche abgeführt, man sagte, nach dem Hauptquartier Bernadottes. Einige behaupteten, er solle dort als Geisel bleiben, andere, er solle den Franzosen die Landkarte des Amtsbezirks lesen helfen. Seine Freunde zitterten, seine arme Frau war vor Schrecken wie gelähmt, rat- und tatlos; mutig übernahm die Tochter die Rolle der Hausmutter. Viele Kranke und Verwundete trafen ein. Die schwersten wurden in ein verlassenes Schloß anderthalb Stunden jenseit der Stadt gelegt; der alte Doktor Erlach mußte hinaus, die Räume eilig in ein Lazarett zu verwandeln. Karl blieb in der Stadt, gleichfalls ärztlich helfend. Wolfgang hatte von seinem Vater beim Abschied noch die Sorge für das Amt übertragen bekommen, denn die Schreiber waren davongelaufen. So sahen sich die drei jungen Leute plötzlich an die Stelle ihrer Eltern versetzt. Noch in derselben Nacht bildete sich ein Ausschuß der zurückgebliebenen Häupter der Stadt, um die Ordnung zu handhaben und die tausend Begehren der Feinde zu befriedigen. Der Bürgermeister und der Pfarrer standen an der Spitze, aber auch Karl und Wolfgang wurden beigezogen. Sie waren stolz, sich als vollgültige Bürger behandelt zu sehen, und sie rechtfertigten dieses Vertrauen: mit einem Schlage waren sie erwachsen, mündig geworden. Geschäftlich verkehrten sie viel miteinander, denn Wolfgang half bei der Einquartierung, Karl bei den Verwundeten, und nicht selten kreuzte sich ihre Aufgabe; aber sie wechselten kein Wort, welches hierüber hinausging. Nach einer bangen Nacht – nur wenige Finkenborner hatten geschlafen – brach der Sonntag an. Keine Glocke tönte, kein Gottesdienst wurde gehalten. Die große Stadtkirche lag voll Leichtverwundeter; in der kleinen Johanniskirche hatte sich allerlei Troß, Marodeure und Marketender eingenistet. Als sie hörten, daß Sonntag sei, stellten sie eine Schüssel voll Schnaps auf den Altar, zündeten ihn an, tanzten vor der auflodernden Flamme, welche sie das höchste Wesen nannten, und sangen die hymne à l'être suprême . Den ganzen Tag waren die drei jungen Leute geschäftig; sie hatten Zeit für alles, nur nicht für sich. Lisette tröstete die Mutter und sorgte für die fünfzig ungebetenen Gäste, welche im Amthause lagen. Die republikanischen Soldaten, sonst schönen Mädchen sehr gefährlich, wagten kein unziemliches Wort; Lisettens schneidiges Wesen war ihnen allzu deutsch. Aber auch außer dem Hause half die Unermüdliche; sie brachte den Verwundeten in der Stadtkirche Speise und Verbandzeug. Karl nahm die Dinge artig in Empfang, ohne weiter ein Wort zu sprechen. Wolfgang spielte den Amtmann vortrefflich. Die Franzosen erstaunten über diese drei jungen Leute. »Wenn diese Generation fünfzehn Jahre älter sein wird, was für Männer werden uns da gegenüberstehen!« rief prophetisch ein grauköpfiger Offizier. Eine freie Viertelstunde führte am Abend die zwei Vettern mit der Base zusammen. Sie werden sich nun doch was Besonderes zu sagen haben? Ganz und gar nicht! Karl meinte, die Franzosen würden sich dauernd festsetzen, sie seien noch nicht auf dem vollen Rückzüge. Lisette widersprach: »Die Soldaten machen fortwährend Witze, das ist maskierte Unruhe; in ruhmvolleren Tagen würden sie zwischendurch pathetisch sein. Nous avons eu une affaire très chaude , sagte mir einer. Das ist französisch; zu deutsch heißt es: wir sind aufs Haupt geschlagen.« »Aber fürchtest du dich denn nicht, Lisette, vor diesen wilden Republikanern?« »Wild? Hast du nicht bemerkt, daß sie die Hüte abnehmen, wenn sie ins Zimmer treten? Das sind nicht mehr die alten Sansculotten, wie wir sie Anno zweiundneunzig sahen. Und Republikaner? Die Soldaten respektieren ja bereits wieder ihre Offiziere und nennen sie nicht mehr citoyen . Sie tragen auch keine Schnurrbärte mehr und stehlen Zopfbänder und Pomade. Und ich sollte mich vor ihnen fürchten?« »Was die neugierige Base doch alles beobachtet«, rief Karl, »und wie scharf sie urteilt und schließt!« »Ja, aber die Franzosen sind doch noch sehr furchtbar. Denke dir, Vetter, der Kapitän Boudy zündete sich eine Pfeife mit den Assignaten an, die er als Sold erhalten hatte. Weißt du, was das heißt?« »Daß die Republik Bankerott macht.« »Für uns heißt es etwas anderes: daß wir ihnen diese Fidibusse nach ihrem vollen Nennwerte werden bezahlen müssen.« Und so geschah es auch. In aller Güte forderte der Kommissär Jobert eine kleine Beisteuer von 25 000 Franken, aber nur so beiläufig, pour la bonne bouche , wie er sagte, und Lebensmittel und Kleidungsstücke im gleichen Werte. Inzwischen war General Lefèvre im Amthause abgestiegen, freilich nur für einen halben Tag; er besichtigte bloß die Stellung. Er ließ einen Adjutanten zurück, der besonders Gefallen an Wolfgang fand, und dieser wußte sich bei dem Franzosen so rasch und tief einzuschmeicheln, wie es bei einem spröderen deutschen Offizier undenkbar gewesen wäre. »Der freundschaftsbedürftige Junge hat doch jeden gleich zum Freunde«, bemerkte Karl; »es ist fast spaßhaft, wie alle Leute an dem Wolfgang hängenbleiben.« Nun hatte der alte Doktor Erlach ein großes Faß köstlichen Weines im Keller, eben jenen Niersteiner, von welchem Karl seinem ehemaligen Freunde bei der Schlußszene ihrer Reise eine Probe vorgesetzt hatte. Karl war so unbesonnen, den im väterlichen Hause einquartierten Soldaten wegen besonderen Wohlverhaltens etliche Flaschen dieses Weines zu spenden. Allein der Wein war zu gut, er schmeckte nach mehr und immer mehr, die Kunde von dem edeln Getränke drang in die Nachbarhäuser und durch die ganze Straße, die Franzosen kamen scharenweis, leichte und schwere Reiterei, Scharfschützen und Grenadiere, zuletzt auch die Artillerie und das Fuhrwesen; sie baten, fluchten, drohten und tranken und tranken, bis das ganze Haus voll Betrunkener und das große Faß schon über die Hälfte leer war. Karl lief in der Verzweiflung zu einem Husarenleutnant und bat ihn, sein Haus zu befreien. Dieser kam auch mit einer Sauvegarde und jagte den trunkenen Haufen fort, fand aber den Niersteiner so ausgezeichnet, daß er noch sechs Freunde einlud; die leisteten Folge und brachten noch einige weitere Sauvegarden mit, welche auch die übrigen Weine des Kellers probierten; andere Offiziere sahen nach, was es da gebe, und blieben gleichfalls sitzen; die Sauvegarden verzehnfachten sich, und zuletzt tranken die Offiziere mit den Schutzwächtern mehr als vorher die Gemeinen, denn sie tranken ruhiger. Der unglückliche junge Arzt floh aus dem Hause, welches er im Geiste schon ganz verwüstet sah. Auf der Straße begegnete er Wolfgang und klagte ihm sein Leid. Dieser versprach sofortige Hilfe. Er holte den Adjutanten Lefèvres, seinen neuen Freund. Der Adjutant ist fast verliebt in den blonden Jüngling, er kann ihm seine Fürsprache nicht versagen und überredet wirklich die trunkenen Kameraden, daß sie des Doktors Haus und Keller räumten. Ja, er pflanzte dort sogar eine Sauvegarde auf, welche gar nichts trank. »Wolfgang ist allgegenwärtig mit seiner Freundschaft und seinen Freunden, aber man sieht ihn zuzeiten nicht ungern.« So dachte Karl und dankte ihm. Doch drohte ein neues Unglück, und zwar der ganzen Stadt. Kommissär Jobert verlangte neue größere Geldsummen im Namen des kommandierenden Generals, und die alten waren noch nicht zur Hälfte aufgebracht. Er drohte mit Gewalt und stellte eine Frist von nur zwei Stunden. Der Ausschuß der Bürger beriet darüber, sofern ratlose Menschen beraten können; auch Karl und Wolfgang, sonst so erfindungsreich, fanden keine Ausflucht. Schon hatte man beschlossen, den klug versteckten Notpfennig des Gemeindeschatzes anzugreifen und den Patriotismus der Einwohner zu beschwören, daß sie ihre vergrabenen Geldtöpfe auf dem Altar des Vaterlandes opferten, da erschien zu aller Staunen Lisette im Rate; – das Gerücht von der Erpressung des Kommissärs und der drohenden Nachgiebigkeit des Ausschusses war ihr zu Ohren gekommen. »Zahlt keinen Heller!« rief sie; »haltet nur noch vier Stunden aus. Bei Hohenkirchen steht General Haddick und der Prinz von Oranien mit einer frischen, dem Feinde weit überlegenen Macht. Die Franzosen denken nicht mehr daran, Finkenborn ernstlich zu verteidigen; sie fahren das Geschütz aus ihren Schanzen. In spätestens vier Stunden sind die Kaiserlichen hier, und der Feind drängt uns nur darum auf so kurzen Termin, weil er weiß, daß er später nichts mehr kriegt.« »Aber woher hast du diese Neuigkeit?« fragte Karl. »Ich schlich mich vor die Stadt ins Hirtenhaus; kein Mann wäre hinausgelassen worden. Dort fand ich den Schäfer Balzer, der von den Bergen kam; er brachte die sichere Kunde, wagte sich aber nicht ins Städtchen.« Was die neugierige Base nicht alles erfuhr! Man konnte ihre Neugierde am Ende Forschergeist, Wißbegierde nennen! Die Bürger faßten wieder Mut und hielten den fluchenden Kommissär mit hundert Umständen und einer kleinen Abschlagszahlung hin. Vielleicht hätten sie aber doch mit diesem Spiele nicht vier Stunden aushalten können, wenn nicht ein weit schwererer Sturm jenen leichteren unterbrochen hätte. Französische Nachzüglerbanden kamen in die Stadt; sie brachten ein paar Verwundete mit, tobten, mißhandelten einzelne Bürger und drohten Finkenborn dem Boden gleichzumachen. Als sie nämlich durch den Stadtwald zogen, waren sie von Bauern aus einem Hinterhalt mit Schüssen begrüßt worden. Dieser Angriff verbreitete um so größeren Zorn und Schrecken unter den Franzosen, weil sie bereits wußten, daß auch im Spessart und Odenwald das Landvolk gegen ihre flüchtenden Kameraden aufgestanden sei. In wirrem Getümmel wogten Soldaten und Bürger durcheinander auf dem Marktplatze. Die Franzosen wollten die Bürger haftbar machen für den Frevel der Bauern, sie behaupteten, die wahren Aufwiegler seien hier in der Stadt zu suchen, sie verlangten Auslieferung und drohten mit Mord und Brand. Da sprengte General Bernadotte mit seinem Stabe die Straße herauf, er trug eine Binde um den Kopf und schien es etwas eilig zu haben. Er hielt beim Amthause und verlangte den Vorstand der Stadt zu sehen. Einige Mitglieder des Bürgerausschusses traten auf, die sich gerade auf dem Platze befanden, darunter auch Karl und Wolfgang. In Zornesworten hielt ihnen der General ihr angebliches Komplott mit den Bauern vor, begehrte Auslieferung der Rädelsführer, die in Finkenborn verborgen seien, und drohte mit zehnfacher Einquartierung für jedes Haus, mit Feuer und Vertilgung, wenn nicht in kürzester Frist seinem Befehle entsprochen sei. Alles verstummte; weil aber kein anderer das Wort ergriff, so trat Karl vor und sprach: »Was die zehnfache Einquartierung betrifft, Herr General, so haben wir für sie Quartiere bereit. Aber die Rädelsführer werdet Ihr trotzdem nicht bei uns finden; sie stehen drüben im Westen bei Hohenkirchen, dort haben sich alle wehrhaften Bauern des Gebirges versammelt in hellen Haufen. Auch besorgen wir, die zahlreichen Gäste, welche Ihr uns verheißt, werden nicht lange unter unserem Dache bleiben, denn nordostwärts von Volpertshausen her marschiert General Haddick mit 10 000 Mann.« Lisette hörte unter der Haustüre Karls mannhafte Worte. Sie dachte für sich: »Wie der Vetter phantasieren kann, man möchte es fast nicht lügen nennen, sondern poetische Schöpferkraft! Bei Hohenkirchen stehen ja die Österreicher, die Bauern werden wohl überall in ihren Häusern stecken, und wenn sich der General durch die engen Hohlwege wendet, um Volpertshausen zu umgehen, dann packt ihn Haddick in der Flanke.« Bernadotte stutzte. Der Ton des jungen Mannes war ihm ganz neu. Zugleich flüsterte ihm eine Ordonnanz ins Ohr, daß man soeben einen ansehnlichen Trupp (wohl jene Bauern) in der Richtung von Hohenkirchen gemeldet habe. Unter erneuten Drohungen gab er seinem Pferde die Sporen, die ganze Mannschaft wurde alarmiert, und nach einer halben Stunde sah man die französischen Kolonnen wirklich durch die Engpässe gegen Volpertshausen abziehen, wo sie derart in die Klemme gerieten, daß sie sich nur mit schwerem Verlust zu weiterem Rückzuge durchschlagen konnten. Am Abend rückten die Befreier in die Amtsstadt ein; mit ihnen kehrte auch Amtmann Erlach wieder heim. Karls kecke Phantasie, durch Lisettens Forschergeist erweckt, hatte die Stadt vor argem Schaden behütet und die Franzosen in schwere Not gestürzt. Aber mit der neuen Besatzung kam auch wieder neue Arbeit, neue Unruhe. Wolfgang, Karl und Lisette sahen sich selten, und wenn sie einander sprachen, so fielen nur ein paar kurze Worte, die sie im Drange der Ereignisse wechselten. Zehntes Kapitel So war ein Monat verstrichen, seitdem sie sich entzweit, Freundschaft und Liebe gekündet hatten, seitdem alles aus und vorbei war. Ein wundervoll klarer, warmer Oktobernachmittag leuchtete über Finkenborn, die Natur ruhte in seligem Herbstfrieden, auch bei den geplagten Bewohnern war wenigstens für längere Zeit der Friede wieder eingekehrt. Da begegneten sich die drei jungen Leute im Hainbuchengang und wußten gar nicht, wie sie hier zusammengekommen waren. Ihre Gesichter sprachen allzumal stille Heiterkeit. Karl blickte Lisette lange an und lächelte. »Liebst du mich noch?« sagte er endlich zu ihr und zu Wolfgang: »Bist du mir wieder gut?« »Warum denn nicht?« erwiderten beide. »Aber wir haben unsern Streit vom 6. September abends acht Uhr ja noch nicht geschlichtet, wir haben uns noch gar nicht ausgesprochen!« bemerkte Lisette. »Eben darum haben wir ihn geschlichtet, weil wir uns nicht ausgesprochen haben«, erwiderte Karl. »Stille davon, ich beschwöre euch!« »Aber wir haben ja fünf Wochen lang gar nicht von Freundschaft geredet und sollen doch jetzt wieder die alten Freunde sein?« fragte Wolfgang. »Eben darum, weil wir nichts davon geredet haben. Und jetzt beileibe kein Wort darüber.« »Haben wir aber in all dem Getümmel nicht an Freundschaft und Liebe gedacht?« fragte das Mädchen weiter. »Die Antwort müssen wir schuldig bleiben«, antworteten die beiden Freunde. »Und ich bleibe sie auch schuldig«, ergänzte die Fragerin. »Und jetzt gehen wir stracks ins Amthaus, Lisette«, fügte Karl hinzu, »und sagen deinen Eltern, daß wir uns in zwei Jahren heiraten wollen.« »Um Gottes willen, Karl, wo denkst du hin? Du hast ja noch gar nicht ausstudiert!« »Ausstudiert? Wir sind in den letzten fünf Wochen um fünf Jahre älter geworden; wir sind keine Kinder mehr, ich wag's!« »Allgütiger Himmel!« rief Wolfgang und schlug die Hände zusammen, »was für ein Querkopf ist doch dieser Baldrian mit seinen griechischen Staatsaltertümern, was für verkehrte Leute sind doch diese Professoren! Sagt der Mann, gestützt auf acht Belegstellen aus Aristoteles: wenn man nichts Besseres zu tun habe, dann komme die wahre Freundschaft! Sie kommt ja nur, wenn einem vor Arbeit derart der Kopf brennt, daß man an gar keinen Freund mehr denken kann.« »Und die Liebe soll uns Kinder der Neuzeit unfähig machen zur Freundschaft?« ergänzte Karl. »Ich sage umgekehrt: durch die Liebe werden wir in Freundschaft inniger verbunden, als es bloße Freunde jemals sein können.« »Halt ein!« unterbrach Wolfgang. »Mit der modernen Liebe mag der Professor doch recht haben, wenigstens für Ferien und Friedenszeiten, aber für Kriegszeiten hat er auch hier durchaus unrecht. Und das bedeutet der Klecks in meinem Kollegienhefte.« Die drei jungen Leute sannen später zwar noch manchmal im stillen nach, wie und woher denn der plötzliche Umschlag im Herbste 1796 gekommen sei, aber sie sprachen keine Silbe davon. Karl und Lisette wurden vortreffliche Ehegatten, und Karl und Wolfgang blieben fortan die treuesten Vettern, die musterhaftesten Schwäger und – die glücklichsten Freunde. Das Quartett. 1865 Erstes Kapitel Eine Tagereise von Wien lag einsam das alte Schloß Strüth, in welchem vor siebzig Jahren der Freiherr Leopold von Strüth lebte und geigte. Die Musik war ihm das fünfte Element, aber Musik mit Auswahl; denn er liebte nur gute Musik und hielt ein echtes Streichquartett für die beste unter der guten. Jeden Montag war Quartett auf Schloß Strüth, wobei der Freiherr die Bratsche spielte und sein Gutsnachbar, der Graf Thürmer von Neuhaus, die erste Geige; jeden Donnerstag hingegen ritt der Freiherr nach Neuhaus zum Quartett beim Grafen. Der Bediente des Freiherrn durfte Montags zwar die Wachslichter ins Musikzimmer tragen, aber sie aufstecken oder gar anzünden durfte er nicht, das tat der Herr mit eigener Hand. Er war sonst recht bequem und ließ sich gerne bedienen, nur nicht fürs Quartett; denn da konnte er selber sich's kaum recht machen, geschweige ein Bedienter. Und wer ihn vor oder während des Quartettes sah, der mußte ihn für einen rechten Pedanten halten; allein das war er bloß in diesem besonderen Falle, und hier war er pedantisch nicht aus Pedanterie, sondern aus Ehrfurcht vor den höchsten Offenbarungen der Kunst. Darum wusch er sich auch allemal die Hände, bevor er ans Quartettgeigen ging, nicht weil sie schmutzig gewesen wären, sondern wie zu einer symbolischen Reinigung, gleich dem Priester, der sich für ein Opfer im Allerheiligsten rüstet. Jeder Quartettabend ward für ihn zum vollen Quartettage. Schon der Morgen verging in emsiger Vorarbeit. War es Winter, so mußte das Quartettzimmer schon tags vorher geheizt werden, damit sich die Instrumente an die Wärme gewöhnten, und in keiner Krankenstube ward je das Thermometer sorgsamer beobachtet. Vierzehn Grad Réaumur erklärte der Freiherr für die wahre Quartetttemperatur, während er sonst in den Wohnräumen seines Schlosses an sechzehn Grad gewöhnt war. Er schätzte aber den inneren Wärmezuschuß, welchen ein herzbewegendes Quartett gibt, nach langjähriger Erfahrung auf zwei Grad, so daß Haydn und Mozart, die überwiegend gespielt wurden, bei zweiundfünfzig Quartettabenden im Jahre wohl eine Heizkraft von anderthalb Klaftern Buchenholz darstellten. Zahllose kleine Geschäfte erfüllten den Quartettag; dem Musiker wären sie lästig gewesen, dem Musikfreunde sind sie heiter und behaglich; denn sie sind ein Vorgeschmack der Quartettseligkeit des Abends, und wenn der Freiherr Montags höchsteigenhändig die Geigen abwischte und die vier Stühle zurechtrückte, so dünkte ihm das schon halbe Musik. Ganze Musik aber war ihm die wichtigste Vorarbeit: die Auswahl des Programmes. Indem er da die Notenhefte prüfte und verglich, wählte und verwarf, die Hauptthemen sang und pfiff, spielte er morgens schon im Geiste Quartett wie abends mit dem Fiedelbogen. Und wer weiß, welches der reinere Genuß war? Längst verhallte Erinnerungen rauschten aus den Notenblättern auf. Denn was versetzt uns unmittelbarer in vergangene Tage zurück als das Wiedererklingen einer Weise, die wir damals hörten, und wie oft täuschen wir uns selbst und halten eine schwache Musik bloß darum für wunderschön, weil sie uns an eine wunderschöne Zelt erinnert, wo wir ihr zum erstenmal lauschten! Und in dem Musikzimmer konnte man so weltvergessen geisterweise in Tönen träumen, auch am hellen Tage. Das Schloß lag einsam auf einem Hügel am Waldessaum, die grünen Wipfel schauten zu den Fenstern herein, und höchstens vernahm man da süßen Vogelschlag leise von fernher. Sonst war alles stille. Der Freiherr hatte keine Familie außer einer Tante, einer alten, schweigsam, geräuschlos waltenden Witwe, welche ihm mit einer kleinen Dienerschaft haushielt in den weiten, schweigenden Räumen. Man konnte glauben, das ganze Schloß schlafe und die Bewohner wachten nur auf, um zu geigen. In dieser tiefsten Stille also machte der Freiherr stille Musik, wenn er in seinen Noten blätterte wie in einem Geschichtenbuch aus alter Zeit. Trauliche Bilder schauten ihn dazu von den Wänden des Musikzimmers an, Landschaften und Stilleben guter älterer Meister. Es war ein Tempel friedlicher, heiterer, sinniger Kunst. Nur ein Bild paßte nicht zu den anderen; in dem kalten antikisierenden Stil der damaligen Pariser Schule stellte es Erato dar, die Muse des Liedes und der Liebe im Liede. Der Kopf war ohne Zweifel Porträt; man porträtierte damals wohl Kinder als geflügelte Genien, Damen als Göttinnen. Aber während der Freiherr, wenn er musikalisch träumend auf- und abschritt, bald einen Everdingen, bald einen Mignon wohlgefällig betrachtete und seine Quartettthemen im Anschauen immer lauter und lustiger pfiff, verstummte er vor diesem Bilde, ward zerstreut und verließ wohl gar den vertrauten Raum. Es schien, als ob dieses Gemälde, welches dem Gegenstande nach von allen ganz allein musikalisch aussah, das einzige unmusikalisch stimmende Bild wäre. Ja noch mehr! Kam der ersehnte Abend und zündete der Freiherr die Lichter an, so mußte der Bediente die Erato jedesmal mit einem grünen Tuche verhängen. Hätte es der Bediente ja versäumt und der Blick des Herrn wäre im Spielen auf das Bild gefallen, so würde er das ganze Zusammenspiel unfehlbar umgeworfen haben; Eratos Auge hätte ihn aufgeregt, in einen fremden, trüben Gedankengang hineingezogen, und zum Quartettgeigen braucht man Sammlung, Ruhe und innere Heiterkeit. Zweites Kapitel Am Abende des 10. Mai 1799 zog ein schweres Donnerwetter gegen Schloß Strüth heran, wo der Freiherr bereits seit einer halben Stunde im Musikzimmer stimmte, des Eintritts der Mitspieler gewärtig. Unter dem Heulen des Windes und dem Klirren der Scheiben erschien Schlag sieben Uhr das Violoncell und die zweite Geige in der Gestalt des freiherrlichen Gutsverwalters und des alten Kammerdieners, denn auf Strüth nahm man nur solche Leute in Dienst, die in der Violinschule wenigstens bis zur dritten Lage sich hinaufgegeigt hatten. Jene beiden waren freilich bloß »stumme Personen«, wie man in der Theatersprache sagt, sie geigten fest und redeten nur, wenn sie gefragt wurden. Desto gesprächiger war der vierte oder vielmehr der erste Mann, die erste Geige, welche diesmal ein wenig auf sich warten ließ, Graf Thürmer von Neuhaus. Dampfend vom scharfen Ritte trat auch er endlich herein, gerade vor Torschluß, denn im selben Augenblick begann der Regen stromweise niederzustürzen, und Blitz und Donner nahten in immer kürzeren Pausen. Dem Grafen folgte sein Diener, einen Geigenkasten unterm Arm. Diesen Geigenkasten blickte der Freiherr so verdächtig an, daß er den Grafen beinahe übersehen hätte; denn er – der Geigenkasten – war ein unberufener Eindringling, und der Haus- und Quartettherr ahnte wohl dessen Bedeutung. Graf Thürmer war nämlich ein Geigennarr; er hatte auf Neuhaus ein ganzes Lager von alten Geigen, echten und unechten, die er alle als vortrefflich pries: die echten, weil sie echt waren; und die unechten, weil sie von Rechts wegen hätten echt sein sollen. Er liebte die Musik, weil er die Geigen liebte, und glaubte, Mozart und Haydn hätten eigentlich nur deshalb so wundervoll komponiert, damit Stradivari und Guarneri ihre Geigen nicht umsonst so wundervoll geleimt und gehobelt hätten. Beim Freiherrn war es umgekehrt. Er schätzte eine gute Geige, weil er eine gute Musik liebte, und der Graf meinte, das heiße doch die Welt auf den Kopf stellen. Da es aber hierüber in früheren Jahren manchmal zum Streit gekommen war, indem der eine Geigen geigen, der andere aber Musik geigen wollte, so hatte man sich über ein festes Grundgesetz geeinigt. Spielte Montags das Quartett auf Schloß Strüth, so stellte der Freiherr vier gleichartige Instrumente von Stainer, und kein anderes sollte berührt, am wenigsten eine fremde Geige mitgebracht werden. Desgleichen bestimmte der Freiherr das Programm des Abends, und niemand sollte ein anderes Musikstück auch nur zu wünschen wagen. Musizierte man dagegen am Donnerstag beim Grafen, so war dieser der Quartettherr, er konnte Geigen vorführen, so viele er wollte, und Tonstücke auflegen nach Belieben; der Freiherr war dann sein Vasall, mit Schild und Speer (das heißt mit Fiedel und Fiedelbogen) zu jedem Dienste treu und gehorsam. Es mußte wohl eine ganz außerordentliche Geige sein, ein großer Fund, der dem Grafen keine Ruhe ließ, daß er so den Montag zum Donnerstag gemacht und das fremde Instrument gesetzwidrigerweise mit herübergebracht hatte. »Ich bringe da etwas ganz Neues, etwas uralt Neues!« rief er in brennender Mitteilungsbedürftigkeit. Allein der Freiherr unterbrach ihn im festen Gebietertone des Quartettherren, während er ihm als einem alten Freunde doch zugleich freundlich lächelnd auf die Schulter klopfte: »Auch ich habe eine Neuigkeit oder vielmehr zwei, eine große und eine kleine; die kleine ist ein Quartett von Haydn, neu für uns; spielen wir dies zuerst, dann werde ich nach dem Finale meine große Neuigkeit eröffnen.« Der sonst so schweigsame Gutsverwalter räusperte sich und stotterte auch etwas von einer Neuigkeit, welche er mitgebracht, und griff nach der hinteren Rocktasche, als ob er sie da herausholen wollte. Allein ein strafender Blick seines Herrn traf ihn so scharf, daß er verstummte und die Hand ganz langsam und leer aus der Tasche zurückzog. Der Graf aber trat kühn gegen die Lichter und hielt eine prächtige Guarneri-Geige in die Höhe. »Welche Anmut der Form!« rief er; »die mediceische Venus hat keine reizendere Taille als diese Guarneri! Welch unvergleichlicher Schnitt der F-Löcher! Kein Bildhauer hätte die Schnecke zierlicher winden können! Vor allem aber bewundert diesen edeln, leuchtenden, spiegelklaren, unversehrten echten altitalienischen Öllack! Er ist mir lieber als ein ganzes Gemälde in Öl. Ein Öllack – –« Hier schlug ein Blitz herab, als ob er mitten durchs Schloß gefahren sei, ein kurzer Donner wie ein Kanonenschuß krachte im selben Augenblicke nach und schwere Steine rasselten vom hohen Giebelschornstein. – »Gott steh' uns bei!« rief der Kammerdiener; – »Jesus, Maria und Joseph!« der Verwalter; – »Es hat eingeschlagen!« der Freiherr und sprang hinaus. »Ein Öllack«, fuhr der Graf begeistert fort und faßte den Verwalter, der auch hinaustrachtete, am Rockknopf; »hören Sie, ein Öllack, wie er außerdem gar nicht mehr auf unsere Zeit gekommen ist. Der Teufel hole – –« Bei diesen Worten fuhr ein zweiter Blitz hernieder, daß die ganze Stube wie im Feuer aufleuchtete. – »Um Gottes willen, fluchen Sie nur jetzt nicht, fluchen Sie nicht das Schloß in Brand!« flehte der Verwalter. Aber der Graf faßte ihn nur etwas fester, nämlich am ganzen Kragen, und fuhr fort: »Ich sage, der Teufel hole die neuen Geigenmacher, welche mit ihrem niederträchtigen Spirituslack nicht nur ihre eigenen schlechten Fiedeln verpfuschen, sondern oft genug auch noch die edelsten alten Geigen dazu.« Dann ließ er den Verwalter los und spielte mit keckem Bogen die Tonleiter auf und ab auf der wundervollen Guarneri und prüfte alle Saiten und Lagen, bis endlich der Freiherr zurückkam und meldete, es habe in einen Baum neben dem Schlosse geschlagen, ohne weiteren Schaden. Hierauf aber wandte er sich zum Grafen und fragte ihn trocken, ob denn dieser edelste Öllack etwa auch den Ton der Geige veredle. »Der Ton«, erwiderte jener, »wird dadurch nicht besser und nicht schlechter; aber ein echter italienischer Lack ist eine Augenweide an und für sich, und ohne ihn wäre die schönste Geige ein totes Bild wie ein Menschengesicht ohne den verklärenden Lichtglanz des Auges.« »Nun gut«, sprach der Freiherr, »so wollen wir nachher diesen in Öl leuchtenden Seelenblick deiner Guarneri bewundern, vorerst aber greifen wir zu unseren altgewohnten Instrumenten und zum Quartett« – und er begann das a zu streichen, und dies war das Signal, daß jedes Gespräch verstummen solle. Der Graf biß sich in die Lippen und stimmte die dargereichte Stainer-Geige so heftig, als wolle er alle vier Saiten durch und durch spielen, und das Quartett begann. Der erste Satz – in C -Dur – hob ganz gemächlich an, steigerte sich aber bald zu einem überraschend schwierigen Tongewebe. Das war dem Grafen ganz recht; denn er spielte leicht und keck, fast wie ein Virtuose. Der Freiherr dagegen, bei welchem die Musik so überwiegend inwendig saß, spielte schwach und war im Zählen noch schwächer. Nun verließ er sich gewöhnlich darauf, daß ihm der Guts- und Quartettnachbar zur rechten Zeit einhelfe, vorzähle und sonst einen kleinen musikalischen Rippenstoß gebe. Allein die Hilfe blieb diesmal aus. Der Graf war ganz versunken in seine erste Stimme und ließ den armen Bratschisten hilflos suchend umherirren, bis er im nächsten Wirtshause, das heißt beim nächsten Halt, mit den anderen wieder zusammentraf. Der Freiherr merkte wohl, daß dies die Buße für den Öllack sein solle, und fand seinen Freund, der auch als Mensch ganz besonders durch Lack und Schnitt glänzte, diesmal unangenehmer als je zuvor. Es dünkte ihm impertinent, daß ein Graf so fertig geige, als ob er ein Musikant sei, und über diesem Gedanken verlor er völlig den Boden und »schwamm« und konnte kein Ufer gewinnen. So fing man denn den Allegrosatz vier- bis fünfmal wieder von vorn an und schlug sich zuletzt auch mühsam bis zum Ende durch; allein die Aufgabe war und blieb zu schwer, und man kam zu keinem reinen Genuß des Ganzen. Obgleich nun aber der Freiherr das Spiel zumeist verdorben hatte, ahnte und erriet er doch am tiefsten die verlorenen Schönheiten des Werkes, und da er sie auf seiner Bratsche nicht hatte klarmachen können, so begann er, während man eine Weile verschnaufte, dieselben um so beredter mit Worten zu erklären. Das ärgerte nun wieder den Grafen, der so gut zu geigen, aber nicht halb so gut über das Gegeigte zu reden verstand, und er wandte sich deshalb, derweil sein Freund ästhetisierte, an den Verwalter und fragte nach seiner Neuigkeit in der hinteren Rocktasche. Der Freiherr schaute auf sein Notenblatt und sprach, halb in sich hinein, halb für die anderen: »Der Anfang ist ganz schlicht, ruhig, bescheiden; das hat Haydn oft; man erwartet ein sinnig gemütliches Stück – –« »Karlsruhe, den 30. April«, las der Graf mit halber Stimme in einem Zeitungsblatte, welches der Verwalter aus seiner hinteren Rocktasche gezogen. – »Der Rastatter Kongreß hat ein schreckliches Ende genommen. Da der Erzherzog Karl die Franzosen in den letzten Wochen über den Rhein zurückgeworfen hatte, so rüsteten sich die französischen Gesandten zur Abreise. Allein –« »Allein gefesselt von den einfachsten Melodien«, fuhr der Freiherr fort, »von den unscheinbarsten Themen, aus denen sonst kein Mensch etwas Gescheites machen könnte, werden wir mit jedem Takte durch neue Tongebilde überrascht. –« »Kaum sind sie vorgestern abend um 10 Uhr zum Tore hinausgefahren, so wird ihr Wagen von Szekler Husaren angefallen, und die zwei Minister Robertjot und Bonnier werden mit Säbelhieben jämmerlich erschlagen; –« »Recht heiter beginnt der Satz; zu tief bewegendem Ernste aber wächst er empor im zweiten Teile; –« »Der dritte, Debry, wird schwer verwundet in den Chausseegraben geworfen; –« »Denn das ist die wunderbare Art dieses Mannes, daß er uns oft da am innigsten rührt, wo er scherzt und lächelt, –« »Indem er sich aber totstellt, begnügen sich die Szekler, ihn, auszuplündern und liegenzulassen. –« »Und indem er schwermutsvoll klagende Weisen anstimmt, überkommt uns eine stille Seligkeit, ein heiterer, heiliger Friede, –« »Halbtot, halbnackt, mit Schmutz und Blut bedeckt, rafft er sich bei Tagesanbruch aus dem schlammigen Chausseegraben auf, –« »Was ist das?« rief der Freiherr, wie aus einem Traume erwachend. »Wovon redest du?« »Nun, von Debry, dem französischen Gesandten! – aus dem schlammigen Chausseegraben auf und kommt, von den umherstreifenden Soldaten ungesehen, wieder in die Stadt zurück. Der österreichische Oberst Barbaczy hat die Papiere der französischen Gesandten mit Beschlag belegt; Debry wurde gestern unter militärischer Bedeckung sicher hierhergeleitet. Niemand weiß sich das Rätsel der Greueltat zu lösen; denn obgleich jene Franzosen durch ihre Anmaßung und Arglist jedes deutsche Herz empörten, so standen sie doch als Gesandte unter völkerrechtlichem Schutz, und ist dieser Mord eine unerhörte Greueltat, deren Folgen kein Mensch abzusehen vermag.« Der Freiherr nahm dem Grafen die Zeitung aus der Hand, um nun auch den Anfang des Artikels zu lesen. Er starrte in tiefem Sinnen noch lange in das Blatt, als schöpfe er eine ganze Welt von Tatsachen und Gedanken aus den wenigen trockenen Zeilen. Inzwischen examinierte der Graf den Verwalter, wie ihm die fremde Zeitung zugekommen; denn in den Wiener Blättern stand noch nichts von dem Morde. Es fragte sich überhaupt, was man in Wien von dem Ereignis wollte wissen lassen und inwieweit Thugut und Lehrbach, die leitenden Staatsmänner Österreichs, demselben nah oder ferne standen. Das reizte den Scharfsinn des Grafen, und seine Einbildung erging sich in hundert neugierigen Fragen, indes er auf der Guarnerigeige seltsame Figuren, Triller und Doppelgriffe phantasierte, als wolle er die Irrgänge der Diplomatie in Musik übersetzen; und dazwischen hielt er wieder ein und beliebäugelte die schöne Geige wie das Bild eines reizenden Mädchens. So der Geigenfreund. Der Freiherr, der Musikfreund, legte die Bratsche weg, und es war ihm, als sei es fast Sünde, jetzt noch gemütlich Musik zu machen. Sein sittliches Gefühl war empört. Wie mußte die Freveltat auf Europa, wie mußte sie auf das ohnehin schon so wahnsinnig überreizte französische Volk wirken! Und welche Gewitterluft lagerte über Europa, welche Stürme zogen gegen das Vaterland heran! In Italien und am Rhein kämpften die Österreicher gegen die Franzosen, Tausende von Landsleuten bluteten vielleicht in dem Augenblicke, das ganze Schicksal des Deutschen Reiches entschied sich vielleicht eben jetzt, wo man hier so weltvergessen im Quartett sich vergnügte! Er hatte sich kindisch gefreut auf diesen Abend und schämte sich jetzt, daß er sich gefreut hatte, und der Graf, sein alter Freund, erschien ihm mit jeder Minute fremder, abstoßender; er hätte ihm die Guarneri aus der Hand reißen und sie zum Fenster hinauswerfen mögen. Allein er faßte sich wieder und sprach: »Unser Spiel geht heute schlecht zusammen; dem Grafen ist der Blitz in seinen italienischen Öllack gefahren und mir der Gesandtenmord in mein Quartett. Ich wollte euch mit einer fröhlichen Botschaft überraschen und weiß nicht mehr, ob es recht ist, sich jetzt von Herzen zu freuen. Doch versuchen wir's noch einmal mit der Kunst. Die Musik ist eine so göttliche Trösterin und trägt unser Gemüt so rein zum Himmel empor, daß ich manchmal sage, eine echte Musik ist auch ein Gebet, und warum sollen wir dann nicht beten oder musizieren in dieser Stunde? Stimmen wir also die Geigen aufs neue zum zweiten Satze!« Den zweiten Satz des Quartettes bildeten aber jene ergreifenden Variationen über »Gott erhalte Franz den Kaiser«. Schon bei den ersten so feierlich innigen Takten verklärte sich das Auge des Freiherrn, und auch die anderen atmeten tief auf. Die Musik klang ja so trostvoll, und der patriotische Bratschist fürchtete sich alsbald nicht mehr der Sünde, jetzt Musik zu machen; denn es war ihm, als spreche aus diesen Tönen eine Verheißung, daß das Vaterland nicht gar zugrunde gehen solle. Als alle tief gerührt und hoch erhoben die letzten kirchenfeierlichen Akkorde gespielt, rief der Freiherr: »Gottlob, das war eine rechte Musik der Genesung, und jetzt ist mir auch die Zunge gelöst für meine zweite Neuigkeit! Ich habe den Meister dieser Töne, ich habe Joseph Haydn, den ich so lange schon vergebens zu sehen begehrte, hierher aufs Schloß eingeladen, und er wird kommen. Das wird ein Fest werden! Dann müssen wir ihm seine Quartette vorgeigen, daß er seine Lust daran haben soll. Und was ist köstlicher, als einem Manne endlich einmal dankend die Hand drücken zu dürfen, der uns – unbekannt und ferne – durch seine Werke seit langen Jahren doch schon so befreundet begleitet hat, ein Fremder und doch zugleich der teuerste alte Freund!« Selbst der Graf wurde jetzt angesteckt von der Begeisterung des Freiherrn; sie jubelten miteinander so hoch, wie man es nur in dieser fieberglühenden Zeit konnte und heutzutage gar nicht mehr vermag, stießen an mit den Gläsern und tranken und geigten die halbe Nacht hindurch. Der Öllack, das verunglückte Allegro und der Rastatter Gesandtenmord wurden ganz vergessen, und die inwendige Musik siegte über die Politik und die Geigen und löste alle vorbereiteten und unvorbereiteten Dissonanzen zur lauteren Harmonie – sogar im Gemüte des Kammerdieners, den es anfangs schwer beunruhigt hatte, daß er nächster Tage den Haydn, einen bürgerlichen Musikanten, wie einen Edelmann werde bedienen müssen. Drittes Kapitel Die ganze Woche ward gerüstet auf den Empfang des Gastes. Und da der Herr des Hauses vor lauter Musik nun gar nicht mehr zu haben war und die alte Tante siech und hinfällig, so hatte diese des Grafen Schwester von Neuhaus herübergebeten, damit dieselbe anordnend und repräsentierend ihren Platz einnehme. Gräfin Helene Thürmer auf Neuhaus war nach ihrer eigenen Ansicht noch jung, nach der Ansicht ihres Taufscheins war sie sechsunddreißig Jahre alt. Früher blendend schön, fesselte sie noch immer durch stolzen, untadeligen Wuchs, edles Profil und geistvolles Auge, und da Vater Haydn auch in seinen alten Tagen schöne Mädchen gerne sah, so taugte sie diesmal besonders zur Rolle der Wirtin. Dazu verstand sie gar wohl künstlerische Festtage anzuordnen und zu schmücken; denn hatte sie auch niemals etwas Ordentliches gelernt, so bewies sie doch Geschick für alles, trieb alle Künste ein bißchen und waltete mit Geschmack, wohin nur ihre feine Hand rührte. Insbesondere aber schwärmte sie für Musik und ließ oft den ganzen Tag das Klavier nicht kalt werden. Allein gerade wegen ihrer Musikwut schwankte der Freiherr, ob er seine schöne Nachbarin höchst liebenswürdig oder ganz unausstehlich finden solle. Er hatte in diesem Punkte seine eigenen Erfahrungen gemacht und pflegte zu sagen: »Die unmusikalischen Frauenzimmer ärgern einen, weil sie die Musik nicht verstehen, die musikalischen, weil sie die Musik mißverstehen.« In früheren Jahren verband ihn nämlich eine langgenährte, tiefe und gegenseitige Neigung mit jener vornehmen Dame, welche als Erato im Musikzimmer hing, mit ihrem rechten Taufnamen aber eigentlich auf gut Wienerisch Babett hieß. Sie hätten sich gerne geheiratet, allein aus Familieninteressen mußte Babette den Rittmeister von Gretenstein nehmen. Das war der bitterste Schmerz gewesen, welchen der Freiherr in seinem friedlichen Dasein jemals erlebt hatte und der auch nach Jahren noch oft genug insgeheim an seinem Herzen nagte. Babette aber hatte so wenig musikalisches Gehör, daß sie nicht einmal die falschen Töne empfand, welche ihr Geliebter zeitweilig seiner Bratsche entlockte. Trotzdem ließ sie sich ihm zuliebe als Erato malen, quälte sich ihm zuliebe in die Musik hinein und lernte Klavier, oder vielmehr sie lernte am Klavier, daß sie mit bestem Willen kein Klavier lernen könne. Dies war dem Freiherrn ein großer Kummer; doch als der größere Kummer kam und Erato einen anderen heiratete, ward ihm jener erste Kummer wieder zum Troste; denn er meinte, es stehe sehr in Frage, ob eine Ehe zwischen einem so musikbedürftigen Manne und einer so musikarmen Frau dauernd hätte glücklich werden können. Ganz im Gegensatze nun war Gräfin Helene durch und durch musikalisch. Wenn der Freiherr Quartett bei ihrem Bruder spielte, so saß sie allemal als die andächtigste Hörerin im Hintergrunde; sie jubelte mit dem Allegro, schwärmte mit dem Adagio, scherzte mit dem Menuett und redete wie ein Buch über die Schönheit des Gehörten. Der Freiherr aber behauptete, die Gräfin treibe nur Tendenzmusik. So lange er als mit Babetten verlobt gegolten, habe sie nur italienische Arien gesungen und Tänze gespielt, als Babette aber einen anderen geheiratet, da sei die Gräfin auf einmal klassisch geworden in ihrem Geschmack und bei den Quartetten aufgetaucht. Ihr Bruder liebe das Quartett um der Geigen willen, sie aber scheine es um des Geigers willen zu lieben. Und zwar sei diese Leidenschaft fürs Quartett merklich gewachsen, seit Helene das fünfunddreißigste Lebensjahr erreicht; wenn das so fortgehe und sie ledigerweise ins vierzigste eintrete, dann fange sie wohl gar noch selber zu geigen an. Bei einem Frauenzimmer, wie bei einer guten Musik, dürfe man niemals die Absicht merken. Babette sei ein gar natürliches Mädchen gewesen, aber ohne alle Musik; Helene sei eine rechte Kokette, aber ganz von Musik erfüllt. Übrigens wisse man doch nicht, was das schlimmere sei. Denn Babette sei mit aller Natur niemals musikalisch geworden, während Helene durch das unausgesetzte reinigende Bad des Quartettstudiums doch am Ende noch ein leidlich natürliches Frauenzimmer werden könne. Auf den 18. Mai wurde Haydn erwartet. Weil aber alles so gar genau und schön zum Empfange vorbereitet worden war, so ging nun alles gerade ganz verkehrt. Und dies war das beste. Der Freiherr fuhr zur nächsten Stadt, um mit eigenen Pferden den gefeierten Gast abzuholen; allein er verfehlte ihn, und so kam dieser ganz allein auf einem einspännigen Bauernwägelein. Die Gräfin hatte sich's gar fein ausgedacht, wie sie den Tondichter als einen »Fürsten der Kunst« begrüßen und dann einige passende Worte einstreuen wolle über »irdische Unsterblichkeit«, welche gleichsam ein umgekehrter Adel sei, indem sie dem Namen im voraus für eine unabsehbare Zukunft Rang und Glanz verbriefe wie der wirkliche gute Adel hinterdrein aus einer unabsehbaren Vergangenheit herauf. Als Helene aber den unscheinbaren Mann vom Bauernwagen steigen sah, glaubte sie, es sei der neue Tierarzt, den man eilends zu dem wutverdächtigen Hühnerhunde des Freiherrn gerufen hatte, und schickte den Bedienten hinab, daß er den Doktor gleich in den Holzstall führe, wo Hektor eingesperrt lag. Der Bediente aber kam bestürzt zurück und sagte, der Fremde habe sich geweigert, in den Holzstall zu gehen, er sei auch gar nicht der Hundedoktor, sondern Herr von Haydn selber. Nun war auf einmal der »Fürst der Kunst« und die Unsterblichkeit als umgekehrter Adel rein vergessen, die Gräfin begrüßte den Künstler mit Lachen und Entschuldigungen, und im Lachen errötete sie beschämt, was ihr viel schöner stand als jenes erhabene Zurückwerfen des Kopfes und stolze Lockenschütteln, mit welchem sie sonst Gäste zu empfangen pflegte. Haydn fand die schöne Dame höchst natürlich und liebenswürdig (und das hatte seit langer Zeit kein Mensch gefunden) und plauderte sich rasch ins unbefangenste, anziehendste Gespräch. Er hatte in London gelernt, auch unter vornehmen Leuten sich leicht zu bewegen, hatte dazu aber auch seine bürgerliche deutsche Bescheidenheit heil und ganz wieder über das Meer zurückgebracht und redete so schlicht und fest, daß die Gräfin in denselben Ton eingehen mußte und gar keinen Platz fand für ihre gezierten Worte und geschnürten Gedanken. So gingen die beiden am golden verglühenden Frühlingsabend im Schloßgarten auf und ab, und als sie im besten Zuge waren, erschien endlich auch der Freiherr, und Haydn deuchte ihm bald ein alter Bekannter, die Gräfin dagegen war ihm völlig neu; denn sie sprach heute ganz wie andere vernünftige Menschen, blickte und bewegte sich ohne alles tragische Pathos, wenn sie das Wetter und die Gegend pries, und, was das größte Wunder, der alte Haydn schien ein besonderes Gefallen an ihr zu haben, während der Freiherr befürchtet hatte, sie werde ihm das ganze Schloß Strüth verleiden. Infolgedessen gefiel sie denn auch ihm ganz besonders, und er fand ihr griechisches Profil heute griechischer als je zuvor. Auch der Graf gesellte sich jetzt zu den dreien, und die kleine Gesellschaft ging zum Abendtische auf die Terrasse des Gartens. Nach vornehmer Leute Art fragte Graf Thürmer den berühmten Tonsetzer kurz und scharf, welches Werk ihn eben beschäftige. Haydn erwiderte, er ruhe sich aus von der »Schöpfung«, das sei eine gar ernste Arbeit gewesen, weil Gott selber die Welt gemacht, aber auch eine gar heitere, weil er sie so schön gemacht habe. Als jedoch die anderen Genaueres von diesem eben vollendeten Werk wissen wollten, hielt er die Hand ans Ohr und sprach leise: »Hören Sie auf den köstlichen Gesang!« – Es zogen nämlich ein paar Bauernmädchen in der Ferne singend vom Felde heim, und dem Meister leuchtete die helle Freude über diese frische Musik aus den Augen, und als sie verklungen war, sagte er: »Ich glaube wohl auch eine oder die andere schöne Melodie erfunden zu haben; in England aber hörte ich einmal etliche Waisenknaben ein Kinderlied singen, da wurde ich ganz glücklich und traurig zugleich; denn eine so schöne Melodie hatte ich mit aller Kunst doch niemals gemacht, ja es schien mir die schönste, welche ich in meinem Leben gehört.« Die Gräfin lauerte längst, das Wort zu erhalten, und ihr Bruder begann eben von seinen Geigen, darum pries sie, rasch einfallend, des Meisters bescheidenen Sinn und brachte dann in kühnem Übergang ihren vordurchdachten Satz über die irdische Unsterblichkeit und den umgekehrten Adelsbrief. Haydn, dessen linkes Ohr solchergestalt auf die Geigen und dessen rechtes auf die Unsterblichkeit hören mußte, fiel den beiden miteinander gewandt in die Rede. – »Mit der irdischen Unsterblichkeit, gnädige Gräfin, ist es gerade wie mit den alten Geigen, verehrter Herr Graf. Man sagt, eine Geige altert nicht, sie wird mit den Jahren immer besser und ist unsterblich (wenn sie nicht verbrennt oder zerschlagen wird). Allein das ist nicht ganz richtig. Hundert Jahre lang wächst eine gute Geige und wird immer edler im Ton und hält sich wohl auch noch weitere fünfzig Jahre auf der Höhe; dann aber wird das Holz schwächer, der Ton trockener, es geht ans Nachbessern, man unterlegt, füttert und stärkt die Decke, und eine geschickte Hand vermag die unsterbliche Geige noch weitere fünfzig Jahre in der Fülle ihrer Klangkraft zu erhalten. Nun aber ist es auch aus und vorbei. Die gefütterte Geige nimmt noch fünfzig Jahre in Ehren ab; tritt sie dann ins dritte Jahrhundert, so ist sie eine merkwürdige alte Schachtel geworden. Nur weil unser Leben so viel kürzer ist als das Leben einer Geige, glauben wir, die Geige altere nicht. Und so sprechen wir auch von unseren unsterblichen Werken, nur weil wir selber so gar sterblich sind und ihre Dauer mit der viel kürzeren unserer eigenen Tage messen und es im glücklichsten Falle nicht mit ansehen müssen, wie sie eine Weile noch unterlegt und ausgefüttert werden, um endlich doch zu vertrocknen.« Alle schwiegen eine Weile. Dann aber bemerkte der Graf, mit dem Ausfüttern könne man wohl auch länger als fünfzig Jahre aushelfen, wenn man nur ein Holz nehme, welches ebenso alt sei als die Geige selber. Er habe zur Erhaltung einer hundertundfünfzigjährigen Amati die Spitze seines Schloßturmes abbrechen lassen; denn die Balken des Turmdaches seien urkundlich auch gerade einhundertundfünfzig Jahre alt und von Wind und Sonne göttlich ausgetrocknet. – »Das ist nun ein wahrer Edelstein von einem Holze, dürr wie Stroh, außen ein wenig vom Wurme angenagt, gleichsam gestempelt, man riecht das edle Alter schon von weitem«, so schloß der Graf begeistert und bot dem gefeierten Gaste einen halben Balken von zwanzig Fuß zum Geschenke. Haydn lehnte dankend ab, und der Freiherr pries im stillen den bescheidenen Mann, weil er lieber von dem Gesang der Bauernmädchen als von seiner Schöpfung gesprochen, die Gräfin, weil er das Lob der Unsterblichkeit so fein gewendet, und der Graf, weil er seinen unschätzbaren Balken nicht angenommen hatte. Hierüber war es dunkel geworden, und man begab sich ins Musikzimmer zum Quartett. Zu Ehren des Gastes war eines seiner schönsten Werke aufgelegt. Das Allegro gelang über Erwarten; der Freiherr warf nur dreimal um, weil ihn der Gedanke verfolgte, daß Gräfin Helene heute viel liebenswürdiger sei als jemals in ihrem Leben. Haydn hörte mit bewundernswürdiger Geduld; er zählte nicht zu jenen Tonsetzern, welche gleich Krämpfe kriegen, wenn ihre Noten nicht genau so vorgetragen werden, wie sie sich dieselben im Geiste gesungen haben, und lobte den Eifer der Spieler, sagte ihnen aber auch deutsch heraus, wo gefehlt oder der Sinn vergriffen worden war. Dadurch wuchs ihnen Lust und Mut, und das Adagio gelang noch viel besser; der Freiherr kam nur einmal aus dem Takte und versuchte dann an vier verkehrten Stellen wieder einzusetzen, schreckte aber nach den ersten falschen Noten immer wieder zurück, wodurch eine etwas befremdend dramatische Bewegung in den Gang der Harmonie kam. Doch das tat nichts; das Adagio war nicht umzubringen und alle wurden gepackt von der tiefen und reinen Empfindung der wie in überirdischen Klängen dahinschwebenden Weisen. Die Gräfin fragte den Meister, ob er sich nicht etwas ganz Besonderes gedacht habe bei der hohen und doch so süßen Lyrik dieses Satzes. Haydn erwiderte, er denke sich freilich etwas Besonderes bei jedem seiner Tonstücke, mute aber keinem Menschen zu, das gleiche wieder zu denken, sondern sei zufrieden, wenn die Hörer nur empfänden, was er empfunden habe. Und so vergesse er denn auch oft wieder, welche besondere Gedankenkette ihn zu einem Musiksatze geführt. Vorhin freilich sei es ihm fast gewesen, als klänge das in Liebe beseligende Walten einer edeln Frauengestalt aus den Tönen jenes Adagios, das er vor zwanzig Jahren gedichtet, heute wieder an sein altes Herz. Irre er sich dabei, so sei die holde Gegenwart der Gräfin wohl gar schuld, daß er nun meine, er müsse durch dieses besondere Gedankenbild damals zu dem Adagio gekommen sein. Der Freiherr staunte bei diesen Worten, der Graf war befriedigt, die Gräfin entzückt. Und so wuchs die Freude der glücklichen Menschen, und man geigte ein Quartett ums andere und trank ein Glas edeln Weines ums andere, und obgleich sich Haydn anfangs geweigert hatte, auch einmal zur Geige zu greifen, so konnte er doch nicht widerstehen, als ihm die Gräfin selbst das Instrument gar anmutig darreichte, und spielte in einem Menuett die zweite Stimme, und der Freiherr wußte gar nicht, wie er's der schönen Helene danken solle. Zum Schlusse aber brachten die beiden Männer noch eine Streitfrage in Quartettsachen vor den Richterstuhl des Vaters des deutschen Quartetts. Der Freiherr hatte, wann an den gewöhnlichen Montagen auf Schloß Strüth gespielt wurde, allezeit nur einen firnen Rheinwein auftragen lassen, denn er behauptete, die Kunst sei Erbauung; der Graf dagegen, welcher nicht bloß in seinen Geigen ein Feinschmecker war, bewirtete Donnerstags auf Neuhaus mit Champagner, denn er behauptete, die Kunst sei Genuß. Haydn sollte nun bestimmen, welcher Wein für ein rechtes Musterquartett passe. Er sprach nach kurzem Besinnen, man müsse hier scharf unterscheiden. Beim Quartett tauge der Champagner nicht, sondern der firne Rheinwein, denn die Kunst sei Erbauung; – nach dem Quartett aber habe auch ein Glas Champagner sein Recht, denn in der Kunst werde die Erbauung selber zum Genuß. Und nachdem dieser menschenfreundliche Schiedsrichterspruch für Strüth und Neuhaus feierlich und mit allgemeinem Beifall angenommen worden war, geleitete der glückselige Wirt seine Gäste zur wohlverdienten Ruhe. Am folgenden Morgen schrieb Gräfin Helene unter anderem in ihr Tagebuch: Haydn auch in der Konversation ein Meister der Kunst, zwei scheinbar fremdartige Themen kontrapunktisch zu verbinden: Erschaffung der Welt und singende Bauernmädchen; Unsterblichkeit und alte Geigen; Rheinwein und Erbauung, Champagner und Genuß; Adagio in A-dur und – – –« hier folgten drei verschämte Gedankenstriche. Der Freiherr fand im Laufe des Tages zufällig dieses Blatt, und die Gedankenstriche machten ihm viele Gedanken. Er fühlte sich getroffen von der Wahrheit des Satzes: Haydn ein Meister der Kunst, zwei scheinbar fremdartige Themen kontrapunktisch zu verbinden, – freilich in ganz besonderem Sinne; denn es kam ihm vor, als seien er und Helene diese beiden fremdartigen Themen, welche der alte Hexenmeister ganz unterderhand gleichfalls kontrapunktisch verbinde: so völlig verändert und so unvergleichlich liebenswürdiger erschien ihm Helene seit Haydns Ankunft. Viertes Kapitel Nur zu rasch verschwanden die Festtage, welche durch Haydns Besuch wie mit goldenen Lettern in die Chronik des musikalischen Schlosses eingezeichnet wurden. Der Freiherr und die Gräfin fanden sich aber auch nachher je in besonderer Weise angeregt von dem freundlichen Wesen des schlichten Mannes. Helene hatte viel gelernt, nicht für die Musik, sondern fürs Leben. Sie hatte sich einen großen Künstler ganz anders gedacht: hoch hinaus, siegesbewußt, voll der eigenen Weisheit, lobbedürftig und schwer zu befriedigen, so etwa ein männliches Seitenstück ihrer eigenen Art. Statt dessen fand sie einen gemütlichen Alten, der sich nicht besser dünkte als andere Leute, ja der sich's gar niemals merken ließ, daß er eigentlich ein berühmter Mann sei. Mit echt weiblichem Scharfblick erkannte sie sofort das Reizende dieses anspruchslosen Wesens und mit echt weiblicher Geschmeidigkeit ging sie nachahmend alsbald selber darauf ein. Sie sah, wie sehr dies Haydn und dem Freiherrn gefiel, und so gefiel auch sie sich denn in der natürlichen Rolle und spielte sie so fein, daß Kunst und Natur dem schärfsten Auge nicht mehr zu unterscheiden waren. Der Freiherr hatte diesmal von Haydn nichts gelernt, weder als Mensch noch als Bratschist, und so innig er sich an ihm erfreute, war doch seine Schwärmerei zu unmittelbar, als daß er gerade jetzt besonders scharf über des merkwürdigen Mannes Worte und Wesen nachgedacht hätte. Die Gäste reisten ab; es ward leer und still im Schlosse. Der Schloßherr empfand diese Stille zum erstenmal in seinem Leben unbehaglich. Aber seltsamerweise vermißte er den alten Haydn weniger als die Gräfin. Sie mußte doch nicht so gar unausstehlich sein, denn sie hatte ja Haydn, dem gewiegten Kenner, schier besser gefallen als die ganze übrige Gesellschaft; sie allein hatte ihn vermocht, das Menuett mitzugeigen, ja beim Adagio in A , sprach er gar von einem Vorschauen ihres Bildes, – Helene und ein Haydnsches Adagio! – es mußte doch Poesie auf diesem Bilde ruhen. Und während der Freiherr solchen Gedanken nachhing, wurde es ihm bald kalt, bald warm, als schleiche ein leises Fieber durch seine Seele. Einen Augenblick sprach er recht kühl und vernünftig: »Helene dünkt mir jetzt so schön, weil sie mich an so schöne Tage erinnert. Ich bin verliebt in den Traum dieser Tage, soll ich mich darum in Helene verlieben? Sie gefällt mir, weil sie Haydn gefallen hat: liebt man jemals ein Mädchen, weil sie einem anderen gefällt? Sie ist mir ein Sinnbild der verklungenen Musikherrlichkeit: soll ich wohl gar ein Sinnbild heiraten?« Dann aber besann er sich, es ward ihm heiß, und er meinte, die Sache habe doch ein anderes Gesicht: Helenens treue Neigung hatte sich seit Jahren ausgesprochen in ihrer Quartettreue; sie hatte ihren Geschmack dem seinigen geopfert; sie hatte sich veredelt durch seine Musik, sie war in die Quartettschule gegangen. Er hatte ihre Koketterie hinweggegeigt, und dies war allerdings in jenen schönen Tagen zum erstenmal klar geworden, wo Haydn ihr die Meisterschaft wahrer Anmut bezeugte, indem er ihr Spiegelbild aus dem Adagio in A-dur hervorstrahlen sah. Und dann blickte der Freiherr weiter in die Zukunft. Sollte er für alle Zeit so einsam, familienlos auf seinem alten Schlosse sitzenbleiben? Sollte er sich nicht auch einen Stammhalter wünschen, nicht sowohl seines Hauses und Wappens – die Kunst hatte ihn über Standesvorurteile erhoben – als einen Stammhalter seines Quartetts? Sollten seine Notenschätze nach seinem Tode zerstreut, sollte auf Schloß Strüth nicht mehr gegeigt werden, wann einmal der Fiedelbogen seiner Hand entsunken war? Er stand im besten Mannesalter – vierzig Jahre –, und bei der Gemütsruhe, welche ein regelmäßiges Hausquartett verleiht, hoffte er wohl über siebzig alt zu werden. Und in dreißig Jahren konnte er es nicht bloß zu einem quartettspielenden Sohne bringen, sondern zu einem ganzen Quartett von Söhnen. Dann mochte er seine letzten Tage in Frieden genießen und ruhig zuhören, wie die Kinder geigten. Er drehte sich solchergestalt im fortlaufenden Zirkel zwischen Quartett und Helene, so daß er zuletzt beides gar nicht mehr voneinander trennen konnte, und obgleich es ihm von dieser steten Kreisbewegung fast schwindelte, ließ er sich doch gegen niemand etwas merken. Nur fiel es den Quartettgenossen auf, daß das Bild Eratos nicht mehr während des Spielens verhängt war und daß der Freiherr auch nicht mehr zwanzig Takte statt zehn zählte, wenn er etwa beim Pausieren unversehens auf das Bild geblickt. Plötzlich gab ein großes Ereignis den Ausschlag für Gräfin Helene, das war die Schlacht von Novi, in welcher Suwarow als Oberfeldherr des österreichisch-russischen Heeres die Franzosen niederwarf, am 15. August 1799. Schon im Juni und Juli waren kleinere Siegesbotschaften aus Italien gekommen und hatten das patriotische Herz des Freiherrn höher schlagen lassen. Während er's bei der Kunde des Rastatter Gesandtenmordes fast für sündlich hielt, in so greuelvoll schwerer Zeit einem heiteren Künstlerstilleben sich hinzugeben, ward es ihm jetzt so frei und hoch zumute, daß er niemals reiner sein Quartett genoß als in diesem Lenz und Sommer, welche Kunst, Liebe, Natur und Politik im gleichen goldenen Sonnenschein erglänzen ließen. Wären die Österreicher geschlagen worden, so hätte er sich als ehemaliger Offizier wieder zum Heere gemeldet; da aber das revolutionäre Frankreich gebrochen war und die gute alte Zeit wiederzukommen schien, war es denn doch besser, Quartett zu spielen und sich zu verlieben nach gutem altem Brauche. Der entscheidende Sieg in Italien hatte den Freiherrn in diesem Sinne bereits seit mehreren Tagen still und tief bewegt, als am 1. September der Brief eines Freundes eintraf, welcher bei Novi mitgekämpft und Genaueres über die Schlacht meldete. Der Freiherr geriet in hellen Jubel der Begeisterung, sang und pfiff Quartett-Themen und wurde von solch einem patriotisch-musikalischen Feuer ergriffen, daß er den Schluß des langen Briefes mit schwimmendem Auge und nur so obenhin aufs Ganze las, wie man am Klavier eine zwanzigstimmige Partitur zu lesen pflegt. Dann ließ er satteln und sprengte zum Grafen nach Neuhaus, der Bediente mit einem schweren Pack Noten auf dem Mantelsack hinterdrein. Dem Grafen eröffnete er sofort seine Kriegsneuigkeiten und gab ihm den langen Brief; der Gräfin hingegen überreichte er ein Notenheft aus dem großen Paket zum Geschenke und sprach: »Dies sind drei Klaviersonaten von einem jungen Manne namens Beethoven: – eine tief bewegte, seltsam aufregende Musik, hier und da etwas geschwollen und geschraubt, etwas eigensinnig und für den Spieler schwer zu behandeln und dennoch voll bezaubernder Schönheit. Wenn der junge Mann erst einmal reif geworden ist für den Quartettsatz und seine Launen im strengen Anschluß an Mozarts und Haydns Schreibart abgeschliffen hat, dann kann etwas Ausgezeichnetes aus ihm werden.« Der Freiherr dachte aber bei diesen Worten zugleich und fast mehr noch an die Gräfin, welche auch für den Spieler so schwer zu behandeln war, jedoch Hoffnung gab, daß sie in der strengen Mozart-Haydnschen Quartettschule ihre Launen immer mehr abschleifen werde. Und indem er über die leidenschaftliche Empfindung der drei Sonaten sprach, kam er unvermerkt auf seine und der Gräfin leidenschaftliche Empfindung, und als er die Kritik der Sonaten (Opus 2) zu Ende gebracht, hatte er zugleich der Gräfin seine Hand angetragen. Gräfin Helene aber hatte diese Hand schon so lange erwartet, daß sie nicht aus Überraschung, sondern vielmehr wegen völligen Mangels an Überraschung gar nicht wußte, wie sie antworten solle. Allein als sie so verlegen in wirklich bezaubernder Schönheit dastand, gab ihr der Freiherr die Hand und umarmte und küßte sie, und wie sie dies alles geschehen ließ und erwiderte, das war auch eine Antwort. Der Graf hatte in einer Fensternische den Brief gelesen. Er trat im selben Augenblicke hervor, als jene beiden die zärtliche Gruppe bildeten, und las laut: »Unter den Gefallenen beklagen wir leider auch den Rittmeister von – –; der Name ist so undeutlich geschrieben, wie liesest du ihn? – Gnetenheim oder Grebenheim?« »Gretenstein?« rief der Freiherr, ließ Helenens Hand fahren und griff nach dem Briefe. – »Gretenstein! – den Satz habe ich ganz übersehen; – Gretenstein, das ist der Gemahl Babettens!« »Allein was habt denn ihr beide miteinander?« fragte der Graf, welcher nun erst ahnte, was vorgegangen. Sein Freund aber war so betroffen von jenem Satz im Briefe, daß er nicht zu antworten vermochte, und Helene, welche vorhin die Sprache nicht gefunden hatte, ja zu sagen, mußte jetzt erzählen, daß sie ja gesagt, weil der Freund nun hiefür die Sprache nicht fand. Doch kam er nach wenigen Minuten wieder zu sich selbst und zu Helenen zurück, und sie konnten sich alle drei erklären und aussprechen, sich freuen und beraten, hoffen und Pläne spinnen und was man sonst bei Verlobungen zu tun pflegt. Als der Bräutigam spät abends wieder nach Hause ritt, wußte er kaum, wohin er sein Pferd lenkte. Er fürchtete sich entsetzlich vor seinen eigenen Gedanken, die ihm grundschlecht vorkamen, vor denen er sich hätte ins Grab verstecken mögen und die ihn doch nicht verließen. Der Rittmeister, welcher vordem zur rechten Zeit niemals hatte fallen wollen, mußte jetzt gerade zur unrechtesten Zeit gefallen sein. Die Schlacht von Novi hatte ihn – den Freiherrn – zum Bräutigam gemacht, und in dem Augenblick, da er eben Bräutigam geworden, erfährt er, daß durch dieselbe Schlacht von Novi seine frühere, nie ganz vergessene Braut Witwe geworden war. Im Jubel über den Brief aus Novi war er nach Neuhaus geritten, und doch wäre er vielleicht zu Hause geblieben, wenn er den Brief nicht gar zu musikalisch begeistert gelesen hätte, sondern Wort für Wort, wie man Briefe lesen soll, und nicht bloß ins Ganze, wie man eine zwanzigstimmige Partitur am Klaviere liest. Zum erstenmal in seinem Leben räsonierte er über die Musik, tat aber sogleich wieder bei sich selber Abbitte; denn er wußte kaum, was freventlicher sei, daß er jetzt noch und wieder an Erato denke oder daß er die Musik anklage, als habe sie ihm Helene für Erato untergeschoben. Fünftes Kapitel Im Spätherbst war die Hochzeit auf Neuhaus – natürlich reich mit Musik geschmückt. In der Kirche sang der Schulmeister: »O Isis und Osiris, schenket der Weisheit Geist dem neuen Paar«, mit Orgelbegleitung und etwas verchristlichtem Texte. Vor den Fenstern des Schlosses stimmten Bauernmädchen das Lied an, welches Haydn so wohl gefallen. Außerdem aber hatte der Graf ein kleines Orchester zusammengebracht, das während der Tafel jene überaus frische und heitere D-dur -Symphonie Mozarts spielte, die derselbe 1778 für das Fronleichnamskonzert in Paris geschrieben, obgleich sie eher an Figaros Hochzeit als an den Fronleichnam erinnert. Das Allegro begann bei den »Backhändeln«, und das Finale schloß beim Pudding, und ungeachtet die Tischgesellschaft während des so überaus zarten Adagios gerade einen überaus zarten Rehbraten verarbeitete, genoß sie doch die Musik nicht minder als den Braten. Man bot damals die höchsten Gaben der Tonkunst noch anspruchslos dar und nahm sie harmlos hin, wo und wie man sie fand, und glaubte noch nicht, daß eine gute Musik besser und eine schlechte gut werde, wenn man recht viel Umstände damit mache. Zum Schlusse hätte der Freiherr noch gerne ein kleines Quartett gespielt; der Graf aber widerriet das dringend und behauptete, für ihn sei heute der vierstimmige Satz durchaus ungeeignet und nur der zweistimmige zulässig. – Nach der Hochzeit kam gar vieles anders, als es der Freiherr erwartet hatte. Dem sonnigen Sommer folgte ein kalter, stürmischer Winter. In jenen Septembertagen, da unser Held im Siegesjubel zur Verlobung ritt und eine goldene Zeit allgemeinen Welt- und Quartettfriedens nahe wähnte, schwamm Bonaparte bereits auf dem Meere zwischen Ägypten und Frankreich, und als der Freiherr eben recht weltvergessen in den Flitterwochen schwärmen wollte, erschreckte ihn die Nachricht vom Staatsstreiche des 18. Brumaire und der neuen Konsularherrschaft des gefürchteten Sohnes und Erben der Revolution. Des Freiherrn gründlicher deutscher Sinn ließ ihn über das kommende Geschick seines Landes und Volkes ebenso nachhaltig grübeln wie über die Durchführung eines Quartettsatzes. Und er hätte so sehnlich gewünscht, daß die Deutschen in der Politik auch einmal Meister würden wie in der Kammermusik. Es sah aber zur Zeit noch gar nicht darnach aus. Ganz anders dachte der Graf in derlei Dingen. Er fand es äußerst ergötzlich, daß in Paris schon wieder ein neuer Bühnenakt beginne und daß man gar nicht mehr ins Theater zu gehen brauche und dennoch in dem bunten Szenenwechsel von Revolutionen und Schlachten, von Thronensturz und Staatenaufbau die spannendsten Tragödien fortwährend umsonst zu sehen bekomme. Der Freiherr sagte: »Er betrachtet auch die Weltgeschichte unter dem Gesichtspunkte des Öllackes; der größte Ideenkampf fesselt ihn als Neuigkeit; Quartette schreibt man um der Geigen willen, und die Völker erwürgen sich, damit dem Grafen Thürmer auf Schloß Neuhaus die Zeit nicht lang werde. Je näher wir beide uns treten, um so ferner rücken wir einander.« Das galt von Helenens Bruder, aber zum Glück nicht von Helenen. Sie schwärmte für alles Große, wenn auch meist übertrieben und manchmal verkehrt, und begriff und teilte ihres Mannes patriotischen Sinn und sein politisches wie sein musikalisches Lieben und Hassen. Trotzdem fühlte sich dieser oft recht gedrückt in seiner jungen Ehe. Helene wollte ihm das Leben gar zu schön machen und übersah, daß eine liebenswürdige Genügsamkeit bisher der eigenste Schmuck dieses Lebens gewesen war. Sie wollte glänzen mit ihrem Manne und durch ihren Mann, aber dieser Mann war unglücklich, daß er nun auf einmal glänzen sollte. Sie diente, um zu herrschen. Der Freiherr seufzte: »Als Haydn zu Besuche kam, entdeckte sie staunend, daß ein Genie auch bescheiden sein könne, und sie ward bescheiden, weil sie ein Genie sein will. Jetzt bricht ihre anspruchsvolle Natur wieder hervor. Ich möchte Haydn auf ein ganzes Jahr zu Gaste bitten. Allein das würde doch nichts helfen, binnen Monatsfrist wäre ihr der bescheidene Mann langweilig, und um des bloßen Gegensatzes willen würde sie dann ganz hoffärtig werden.« Statt des einfachen Quartettes schlug Helene ein Orchester vor, auch hätte sie gerne kleine Opern auf Schloß Strüth aufgeführt und hatte einen fertigen Plan, wie das Musikzimmer zu einem Theater auszubauen sei. Dem Manne schauderte vor diesem Plan, und er blickte schwermutsvoll nach dem Bilde der unmusikalischen Muse Erato. – »Helene«, so dachte er still für sich, »hat keinen Sinn für die Größe im Kleinen. Sie überbraust das Allegro und überempfindet das Adagio, das läßt sich hören; allein ihr mangelt jedes Verständnis fürs Andante. Und das ist ein großer Mangel; denn das Andante ist das wahre Tempo der Ehe. Zart, bescheiden, mäßig bewegt schwebt es einher, gemütvoll beruhigend und erquickend wie die echte Weiblichkeit.« In der Tat, je mehr sich Helene in ihrer neuen Würde fühlte und des endlich errungenen Sieges genoß, um so weniger fand und verstand sie das Andante. So verging der Winter; in der Silvesternacht 1799 geigte man sich auf Schloß Strüth heiter und bewegt ins neue Jahrhundert hinüber, und als nun der Frühling kam und die gute Bauzeit, drang Helene immer bestimmter in ihren Gemahl, daß er das Musikzimmer erweitern möge zu einem Orchester- und Theatersaal. Und da er eben im Begriffe stand, auf ein paar Wochen nach Wien zu gehen, so könnte er dort ja gleich mit einem Baumeister Rücksprache nehmen. Der Freiherr sagte: »Wir wollen den Saal bauen; aber ich fordere einen Preis von dir, den du vorauszahlen, eine Vorbedingung, welche du erfüllen mußt.« – Und bei diesen Worten übergab er der Frau eine große Mappe und fuhr fort: »Diese Mappe nenne ich ein Schmuckkästchen; denn sie birgt allerlei kleine versteckte und verstaubte musikalische Schmuck- und Schaustücke, allein es erfordert ein geübtes Auge, deren Wert zu erkennen. Versuch es mir zuliebe, ob du die hier eingeschlossenen Noten mit rechter Empfindung spielen kannst, dir und mir zum Genügen. Gelingt es dir, so gehen wir ungesäumt an den Saalbau.« Helene ging mit Freuden auf die Grille ihres Gemahls ein und öffnete nach seiner Abreise augenblicklich die geheimnisvolle Mappe. Eine Menge schlecht geschriebener Notenblätter mit vielen Korrekturen und Tintenflecken, vergilbt und abgegriffen, lag darin, die sahen gar nicht aus wie Prunk- und Schaustücke. So gar gefährlich schien diese Musik gerade nicht, wohl aber etwas langweilig. Es waren kleine Andantes, Menuette und Rondos aus Streichmusiksätzen vom älteren Stamitz, von Kamerloher, Gaßmann, Cannabich, Holzbauer, Wagenseil und anderen halb verschollenen Komponisten, ziemlich ungeschickt fürs Klavier ausgezogen von der etwas kavaliermäßigen Notenhand ihres Mannes. Die arme Helene plagte sich grausam, diesen trockenen, altmodischen Stücklein einigen Geschmack abzugewinnen. Die Musik war an sich zwar einfach; dennoch konnte sie vieles kaum lesen, so verworren war die Schrift, und kaum spielen, so holperig war der freiherrliche Klaviersatz, und wo sie etliche Takte bequem las und spielte, da empfand sie nichts und berührte nur mit den Fingern, nicht mit der Seele die Tasten. Der Saalbau schien sich doch in einige Ferne zu schieben. Dazu kamen äußere Störungen, welche ihr vollends alle Ruhe raubten für diesen verzweifelten Gaßmann, Kamerloher und Genossen. Große Truppenmassen zogen an Schloß Strüth vorüber, die Einquartierungen drängten sich; bei dem Trommelschall, welcher dem wirklichen Kampf, nicht der Parade galt, erzitterte auch das friedlichste Gemüt in kriegerischer Aufregung. Und Helene war nicht einmal ein friedliches Gemüt. Sie hätte lieber sich selbst gleich aufs Roß schwingen und mitreiten mögen und sollte statt dessen den Geist des Andantes aus verblichenen Noten über sich kommen lassen. Zu einigem Troste sah sie indes aus den Briefen ihres Mannes, daß es ihm draußen auch nicht friedlicher zumute war. Er schrieb im Juni von Wien, seine nahe Rückkehr ankündend: »In meinem Leben darf auf Schloß Strüth keine Note von Pleyel mehr gegeigt werden. Dieser Pleyel, der von einem darbenden Musiker zu einem reichen Musikverleger herabgesunken ist, widmet seinen Gesamtabdruck der Haydnschen Quartette dem Konsul Bonaparte! Meine Wiener Freunde lachten mich aus, als ich dafür Acht und Bann innerhalb des Strüthschen Gebietes über Pleyel verhängte. Wie darf ein Deutscher diese gemütlichste deutsche Musik dem ungemütlichsten Feinde Deutschlands huldigend zu Füßen legen! Und ich sagte jenen, die da lachten: der Konsul Bonaparte wird uns noch alle Quartettlust vertreiben zum Danke dafür, daß man ihm unseren reichsten Quartettschatz gewidmet hat. Man faßt das nicht! Früher glaubte auch ich ganze sturmvolle zehn Jahre lang, wir könnten im Reiche ruhig zusehen, wenn draußen die Völker sich zerkriegen, und könnten immer lustig Quartett dazu geigen. Aber seit mir der Rastatter Gesandtenmord einen der schönsten Quartettabende verdorben hat, denke ich anders. Die unterrichteten Leute werden hier nachgerade sehr bestürzt, es soll ganz schief gehen in Italien. Gestern sprach man von einem großen Siege, den unsere Armee bei Marengo erfochten, und heute heißt es, der Sieg sei ein Schreibfehler gewesen und müsse in Niederlage verbessert werden. Bonaparte wirft alles vor sich nieder; es kommt eine neue Welt und kommt eine neue Musik. Haydn war der letzte Fürst des Friedens in unserer Kunst. Ich schicke einige neue Werke von Beethoven nach Schloß Strüth; sie sind verführerisch schön. Allein ich bitte, spiele sie nicht, bevor du dich in dem Schatzkästlein der gekritzelten Noten recht heimisch fühlst und der Saalbau gesichert ist. Beethoven beunruhigt mich wie Bonaparte.« Bald nachher kehrte der Freiherr zurück. Obgleich gerade vierzig Husaren auf dem Schlosse in Quartier lagen und wenig musikalischen Frieden aufkommen ließen, fragte er doch bald nach den alten Noten. Helene berichtete klagend, wie sehr sie sich geplagt und doch nichts Rechtes herausgebracht habe, es sei aber auch gar zu harte Arbeit. Da sprach ihr Gemahl, wehmütig lächelnd: »Mir sind diese alten Melodien ein wahrer Seelengenuß. Sieh, das war die Musik, an welcher ich mit fünfzehn Jahren zuerst musikalisch denken und empfinden lernte. Der Geist meiner Jugend ruhet verzaubert in ihr. So dünkt es mir wenigstens. Oh, könntest auch du etwas von diesem Geiste heraushören! Wie ich die Mappe dir jetzt gebe, so gab ich sie vor Zeiten Erato. Über sie wußte gar nichts anzufangen mit den alten Blättern. Ich schrieb mir damals diese Sätze aus den Stimmen fürs Klavier, damit ich sie wie rechte Jugendfreunde immer zur Hand haben könne. Ich glaube, meine Klavierbearbeitung ist recht schlecht, ich kann nur inwendige Musik machen. Und die Form der Originale selber ist oft steif, und die Gedanken sind nicht glänzend und reich, aber es ruht doch ein herzlicher Friede auf dieser Musik, der echte Geist des Andantes. Darum versuche immerhin noch einmal mir zuliebe, ob du nicht auch diesen Kinderfrieden herausspielen kannst.« Tags darauf hörte der Freiherr von fernher, wie seine Frau sich insgeheim wieder an den alten Blättern übte. – »Sie strebt doch wenigstens nach dem Geist des Andantes«, dachte er, »und wenn mich mein inneres Ohr nicht trügt, so tut sie's doch mehr noch mir als dem Saalbau zuliebe.« Sechstes Kapitel Um diese Zeit besuchte der Graf den Freiherrn. Er trat so stürmisch ins Zimmer wie damals, als er die verbotene Guarneri mitgebracht, und rief, er komme, um Lebewohl zu sagen; er ziehe ins Feld. Jetzt, wo das ganze weite Land von großen Kriegstaten widerhalle, ertrage er's nicht länger, hinter den Geigen zu sitzen, der Soldat rege sich wieder in ihm, und wenn alle Welt sich schlage, dann müsse auch er mitschlagen. Die beiden Edelleute hatten in jüngeren Jahren beim Heere gestanden; beide aber hatten damals rasch quittiert: der Graf, weil er für seinen Ehrgeiz zu langsam vorrückte, der Freiherr, weil das leere Garnisonsleben seinem idealen Sinne ein Greuel war. Der Entschluß des Grafen berührte den Freiherrn tief. Mehrere Tage ging er nachdenklich umher; dann sagte er zu seiner Frau: »Dein Bruder liebt die Musik um der Geigen willen, und als uns Haydn besuchte, glaubte er dem Meister das höchste Lob zu geben, indem er gegen mich ausrief: Für einen bloßen Komponisten urteilt der Mann nicht schlecht über die Geigen. So geht dein Bruder denn auch in den Krieg um des Fechtens willen. Auch ich werde mich wieder als Freiwilliger melden, aber nicht, weil ich so besondere Lust zum Fechten hätte, sondern weil mein Kaiser in dieser Not eines jeden Armes bedarf.« Er war darauf gefaßt, daß Helene ihn zurückzuhalten suche. Allein unter Tränen pries sie begeistert seinen Vorsatz und beklagte nur, daß sie nicht selber mitziehen könne. – »Ich bin die Frau eines Edelmannes«, sprach sie, »und darf nicht weinen, wenn du mit dem Schwerte ritterlich zu Pferde steigst.« Der Freiherr blickte sie feierlich an und gerührt und liebevoll zugleich und dachte: die stolze Schwärmerin hat doch ein großes Herz. – Sie redeten viel und herzlich miteinander; sie hatten sich noch nie so nahegestanden. »Vergiß mir aber auch die alte Notenmappe nicht«, so schloß er endlich, »spiele die Stücklein fleißig mir zulieb – und auch wegen des Saalbaues. Es ist nur eine kleine Musik, aber der ehrliche deutsche Geist des Andantes ruht darin, und man kann sich auch im Andante hoch emporschwingen.« Die Vorbereitungen zur Abreise wurden rasch getroffen. Das Vaterland bedurfte in der Tat jedes Armes, und die Gefahr rückte mit Gewitterschnelle immer näher. Die kurze Waffenruhe, welche auf die Schlachten des Juni und Juli gefolgt, war nur ein Aufatmen zu neuem Kampfe. Helene ließ sich's nicht nehmen, dem scheidenden Gatten mit eigener Hand das mäßige Gepäck zu rüsten, und als sie unter geheimem Schauder auch ein Kästchen voll Verbandzeug ordnete, gab er ihr ein Notenheft und bat sie, dasselbe gleichfalls in dieses Kästchen zu legen. Es war ein handschriftliches Quartett von Beethoven, das erste von jenen sechsen, die im folgenden Jahre als des jungen Meisters achtzehntes Werk erscheinen sollten. So begaben sich denn die beiden Schwäger gemeinsam zum Heere, welches gegen die obere Donau aufbrach. Der Graf war geradeso ausgezeichnet als Soldat wie als Violinspieler: dieselbe glänzende kecke Bravour, welche er im Geigenbogen hatte, saß auch in seinem Degen. Ganz anders der Freiherr. Bei ihm ruhte alles so tief inwendig, daß er auch im Felde linkisch und unanstellig blieb und im Exerzitium anfangs kaum weniger umwarf als im Quartett. Er besaß jenen Mut, der bis zum Äußersten kalt ausharrt, wann die Gefahr hereingebrochen ist, nicht aber jene herausfordernde Tapferkeit, welche die Gefahr aufsucht und mit ihr scherzt. Doch erkannten die Kameraden bald in ihm den festen, tüchtigen Mann und hatten ihn gerne trotz seinem wunderlichen Wesen. Nun ging alles ganz gut bis zum 3. Dezember, dem heißen Schlachttage von Hohenlinden. Der Freiherr stand fern vom Schlachtfelde in Reserve zur Bedeckung einiger Vorratswagen am Saume der großen Tannenwälder, welche sich hier von den Hügeln zur Fläche herniederziehen und jeden Ausblick nach dem Kampfplatze verwehrten. Ja, man hörte sogar nur dumpf und in Pausen das schwere Geschütz- und Massenfeuer herübergrollen; denn ein heftiger Wind kam von der entgegengesetzten Seite und trieb schwarze Wolken herbei, die sich in den dicksten Schneewirbeln entluden. Der Freiherr war abgestiegen und hinkte, todmüde von einem erschöpfenden Ritt und doch innerlich ruhelos, gedankenvoll unter den schützenden Bäumen auf und ab, seine Soldaten, die im tiefsten Schnee gelagert in etwas ausgiebigerer Weise rasteten, immer im Auge haltend. Endlich lehnte er sich wider eine alte Tanne, den Blick in die weite Ebene gewandt. Er dachte an Helene und das Andante und an den schweren Kampf da drüben und an das neue Quartett aus F von Beethoven beim Verbandzeug, und alle diese vier Dinge hatten zugleich etwas Erhebendes und dennoch Beklemmendes für ihn, daß sie sich seltsam zu einem Ganzen zusammenwoben. Und wenn zuzeiten ein kurzes Rottenfeuer rhythmisch durch den verschneiten Wald herüberhallte und dann ein paar kurze Kanonenschläge hintendrein, so war es ihm, als intoniere auch die Schlacht jenes Thema, mit welchem der erste Satz des Quartettes ganz tief im Einklang aller vier Instrumente anhebt. – »Was ist das doch für eine dämonische, friedlose Musik«, dachte er, »die man selbst aus dem Schlachtendonner kann widerklingen hören; der Geist des Andantes ruht nicht auf ihr. Kein Haydnsches Quartett-Thema würde auf dieses Rotten- und Geschützfeuer passen.« Im selben Augenblicke aber schlug ihm ein anderes Feuer ans Ohr, so nahe, daß es ganz und gar aufhörte, musikalisch zu sein; Flintenkugeln pfiffen ihm um den Kopf, feindliches Fußvolk brach aus dem Walde, und feindliche Reiter sprengten im Felde hinter der Waldecke hervor; im Nu war er umringt, abgeschnitten, seine Leute niedergehauen oder zerstreut, die Wagen genommen. Er setzte sich verzweifelt zur Wehr, allein ein Hieb über den rechten Arm entwaffnete ihn: er mußte sich gefangengeben. Zum Verluste der Schlacht von Hohenlinden hatte der Freiherr übrigens durch seinen Quartetteifer nicht beigetragen; denn sie war schon verloren, bevor er gefangen ward, und eben jene abgebrochenen Salven, aus welchen er das Beethovensche Thema herausgehört, bezeichneten bereits die vollendete Katastrophe, das letzte Ringen der in Moreaus Hinterhalt gefallenen Armee. Helene hatte diesmal ein betrübtes Neujahr. Seit jenem 2. Dezember war sie ohne alle Nachricht von ihrem Manne. Sie wollte verzweifeln in der Qual der Ungewißheit. Wenn sie aber gar den Mut verlor, dann griff sie zu der Notenmappe, und es war seltsam, wie die Armut dieser alten, trockenen Musik ihr jetzt wohltat und wie sie sich da aufs unmittelbarste berührt fühlte von dem im Kleinen so tiefen und liebevollen Geiste ihres Mannes, dessen jugendliche Phantasie sich einst an den dürftigen, aber doch wahren, reinen und gesunden Weisen erquickt hatte, ja wie sie in denselben den fernen, vielleicht schon verstorbenen Gatten erst recht verstehen lernte. Daß sie sich aber so schwer in die Empfindung dieser Musik hineinarbeitete, war ihr jetzt ein wohltuendes Geschäft, und die unlesbare Schrift zu entziffern und den unspielbaren Klaviersatz etwas zu verbessern, ein wahrer Genuß. Tat sie's doch, wie er gebeten, ihm zulieb. Endlich zu Ausgang Januars kam ein Brief ihres Gemahls. Das Blatt zeigte seinen Namen und war von ihm geschrieben, aber sie fand seine gewohnten Schriftzüge nicht: er hatte mit der linken Hand schreiben müssen. Der Brief meldete die Verwundung und Gefangenschaft. Die Wunde war geheilt, allein das rechte Handgelenk gelähmt für immer. – »Als Haydn«, so schloß der Freiherr, »mich in jenen herrlichen Maitagen Bratsche spielen hörte, rühmte er gar nichts an meinem Spiel außer mein rechtes Handgelenk. Er meinte, die linke Hand, in welcher die Fertigkeit des Geigers sitzt, wolle mir noch nicht recht gehorchen, aber das rechte Handgelenk, welches den Bogen führt, das rechte Handgelenk, in welchem die Seele des Vortrags ruht, das – meinte Haydn – sei vortrefflich entwickelt. Doch mir ziemt es nicht, zu klagen über mein gelähmtes rechtes Handgelenk, wenn an demselben Tage die rechte Hand des Vaterlandes gelähmt und sein tapferes Heer vernichtet wurde.« Im folgenden Monat brachte der Friede von Lüneville dem gefangenen Freiherrn die Freiheit. Auf der Heimreise traf er in Wien mit seinem Schwager zusammen. Der Graf hatte sich bei Hohenlinden aufs tapferste hervorgetan; man weissagte ihm eine glänzende Soldatenlaufbahn. Er ließ den Freiherrn sein neues Geschick und Glück etwas fühlen, geradeso, wie er ihm weiland seine größere Virtuosität recht deutlich unter die Nase gegeigt hatte, und pries den ersten Konsul als den wahren Helden dieser Zeit, ja als einen Erlöser der Staaten und Völker. Geblendet von der gewaltigen Person und dem märchenhaften Lebensgang Bonapartes, begannen ihn viele Deutsche selbst damals schon als einen Halbgott zu bewundern, und wen er von anderen gepriesen sah, den pries auch der Graf. Den Freiherrn schmerzte diese Umwandlung tiefer als das gelähmte Handgelenk. Zwar mied er allen Streit, allein er beschloß auch, niemals mehr mit seinem Schwager Quartett zu geigen (wobei er vergaß, daß er ja selber gar nicht mehr geigen konnte) und den Grafen aus dem Musikzimmer auf Schloß Strüth zu verbannen wie den Ignaz Pleyel. Hätte er geahnt, daß Beethoven in Bälde gar eine Symphonie »Bonaparte« komponieren werde, er hätte auch ihn zu den beiden anderen gleich im voraus in den großen Bann getan! Allein wenn ihn der Graf in der Politik jetzt ebensowenig mehr verstand als in der Musik, so verstand ihn des Grafen Schwester, seine Frau, doch immer besser in beiden Stücken. Als er ihr nach dem schmerzlich-glückseligen Wiedersehen bald genug erzählte, daß ihr Bruder als reiner Soldat und Bewunderer alles Bewunderten nun gar ein ganzer Bonapartist geworden, da brach sie in helle Tränen aus, und als er sie trösten wollte, sagte sie: »Du hast bei Hohenlinden nur den Bogenstrich verloren, ich aber habe dort meinen Bruder verloren. Wäre er dort gleichfalls gefangen worden, so würde er sich jetzt nicht von Bonaparte haben fangen lassen, und hätte er nicht so gut gegen die Franzosen gefochten, so würde er jetzt nicht schwärmen für die Franzosen.« Dieser Ausspruch gewann Helenen vollends ihres Mannes Herz, und er schalt sich im stillen einen Toren, daß er so lange noch nebenbei an Erato gedacht und es jemals bedauern konnte, daß er den Bericht von der Schlacht bei Novi so musikalisch gelesen habe. Und da er nun also doch wieder auf seinen alten Satz zurückkam, daß uns eine gute Musik immer und überall gut führe, so faßte er sich denn auch rechten Mut und fragte nach der Notenmappe. Mit verklärtem Gesichte brachte sie Helene herbei, setzte sich ans Klavier und spielte ihm den Gaßmann samt seinen vergessenen Kameraden mit einer Wärme und Wahrheit des Vortrags, wie er es selber gar nie für möglich gehalten. Sie trug mehr hinein, als darin lag, und doch nichts Fremdes, und das ist das höchste Geheimnis alles künstlerischen Spielens. Die Melodien mochten manchmal etwas hausbacken sein, sie wurden aber seelenvoll unter ihrer Hand; denn der Geist der Liebe, der geprüften, bekümmerten, getrösteten Liebe sprach jetzt aus ihnen, und den hatte Helene hineingehaucht und war doch im rechten Ton und Tempo des Andantes geblieben. Der Gatte mit der lahmen Hand war noch ein klein wenig glücklicher als an dem Tage, wo Haydn auf dem Schlosse erschien, und damit ist die höchste Stufe irdischen Glückes bezeichnet. – »Gleich morgen«, rief er, »muß der Riß zum Saalbau entworfen werden!« – Helene aber beschwor ihn, nie mehr eine Silbe vom Saalbau zu reden. Sie besaß jetzt das vollste Verständnis fürs Andante. Und so lebten und musizierten beide dann noch lange recht einträchtig miteinander. Auch ward bald wieder regelmäßig jeden Montag Quartett auf Schloß Strüth gespielt, natürlich ohne den Grafen, und da der Freiherr bloß zuhörte und inwendig Musik mitmachte, so soll es weit besser gegangen sein als je zuvor. In der Tendenzmusik des Andantes hatte Helene ihre frühere Tendenzmusik der Koketterie überwunden und gesühnt, und der Freiherr erkannte nun gar wohl, daß ihre Liebe für ihn zuletzt auch seine Liebe geweckt und daß Helene in dieser Liebe die Unnatur ihres Wesens begraben, ihn selber aber erst recht hellsehend gemacht habe für ihre versteckten und verkannten Vorzüge. Andererseits aber meinte er, neben der Liebe dürfe man dabei der Musik doch auch ihr Verdienst nicht schmälern. Die echte Musik sei Selbst- und Weltvergessenheit. »Wir vergessen unser schlechtes Selbst in der Musik, um unser besseres Selbst erst recht in uns zu finden. – So hat auch Helene ihr gutes Selbst doch erst durch die Musik gefunden. Oder habe ich vielleicht über der guten Musik ihre Schwächen vergessen? Gleichviel! Und es mag unentschieden bleiben, ob sie den Geist des Andantes fürs Leben gewonnen hat, indem sie Gaßmann und Stamitz so liebevoll gehorsam studierte, oder ob durch den Geist des Andantes, der in den Prüfungen des Lebens über sie kam, umgekehrt erst das Verständnis für Gaßmann und Stamitz ihr zugewachsen ist.« So sprach der Freiherr, wenn er für sich allein war, und sagte es nicht einmal seiner Frau. Laut dagegen sagte er oftmals und vielen Leuten: »Gute Musik – namentlich Streichquartett – ist ein Selbst- und Weltvergessen, in welchem wir uns selbst erst recht finden. Die wenigsten Menschen aber ahnen, wie solches Selbstvergessen zu so gar vielen Dingen und zu allen Zeiten nützlich ist, – ausgenommen, wenn man während einer Schlacht auf einem einsamen Reserveposten steht.« Trost um Trost. 1874 Erstes Kapitel Bernhard von Grävenstein, ein junger livländischer Edelmann, hatte auf der Hasenjagd den Hals gebrochen. Es war vor achtzig Jahren im September. Das Unglück machte damals großes Aufsehen beim ganzen baltischen Adel und wurde tief beklagt. In Deutschland jagt man die Hasen zu Fuß, was für den Jäger minder gefährlich ist, in Livland jagt man sie aber auch noch zu Pferd wie in England die Füchse. Eine glänzende Gesellschaft junger Herren und Damen war auf den sichersten, leichtesten Rennpferden im Sturm über die Heide gesaust hinter den Hunden und Hasen drein, sie waren über Gräben und Zäune geflogen, ohne daß eines der edeln Tiere versagte; aber als sie alle Hindernisse bereits glücklich überwunden hatten, als nur noch die offenste Ebene vorlag und der Hase bereits den Atem verlor, da stolperte Grävensteins Wallach über einen kleinen Pflock, stürzte, der Reiter stürzte mit, um nicht wieder aufzustehen – und der Hase entkam. Das »fröhliche Jagen« verwandelte sich in eine Jammerszene. Eleonore, die junge Frau des Verunglückten, war die Königin des Festes gewesen; mit ihrem wundervoll ausgreifenden Schimmel war sie allen Herren vorausgekommen; und wie leicht anmutig flog sie dahin mit dem wallenden Haar und dem wehenden Reitkleid, bald still, bald laut jubelnd in der Wonne, so frisch und frei durch Busch und Feld zu jagen über Stock und Stein, die glühenden Wangen gekühlt von der göttlich reinen Herbstluft – – da hört sie auf einmal Schreckensrufe hinter sich, die Jagd stockt! – sie wirft ihr Pferd herum, sie sprengt zurück und kommt eben noch zurecht zum letzten Atemzug ihres sterbenden Gemahls! Die älteren Frauen, die »Jagdmütter«, rollen in offenen Wagen von der andern Seite pfeilgeschwind heran; wie treiben die Kutscher die schäumenden Gespanne! zum Halali wollen die Damen pünktlich zur Stelle sein, und nun finden sie den toten Jäger statt des toten Wildes! Ein anderer großer Wagen stürmt hinter ihnen drein: das sind die Musikanten. Wenn der Hase erlegt ist, dann sollen sie aufspielen zur Tafel im Grünen, und nach dem fröhlichen Mahle wird auf offener Heide getanzt: so haben's die Alten gemacht, und so halten's heute noch die Jungen, und auf dem grasigen Boden, zwischen Steinen und Löchern können Tänzer und Tänzerin zeigen, ob sie taktfest sind. Aber so hurtig die Musikanten gekommen, so geschwind müssen sie heute wieder zurückfahren, daß man das schneidende Gegenbild der gehofften Lust und des ungeahnten Jammers aus den Augen verliere. Eleonore sah und erkannte, was geschehen war; da verdunkelte sich ihr Auge, und sie wußte nicht mehr, was um sie, was mit ihr geschah. Erst zu Hause erwachte sie wie aus einem Traum, sie fand sich wieder und fand, daß sie nicht geträumt habe. Nur sechs Monate war sie verheiratet, und ihre Ehe war so reines Glück gewesen! Sie fragte, ob ihr namenloses Elend die Sündenstrafe sei, weil sie den Toten zu sehr, zu abgöttisch geliebt habe, oder auch im Gegenteil die Strafe, weil sie ihm dennoch nicht Liebe genug geboten. Sie war sich keiner schweren Schuld bewußt, warum traf sie so schweres Leid? Wie viele verkümmerte Menschen leben und müssen leben, denen plötzlicher Tod eine Erlösung wäre, wie viele Verruchte entgehen jeglicher Gefahr, und warum mußte ihr lebensfrischer, trefflicher Gatte so plötzlich sterben? Sie fand durchaus keine vernünftige Antwort auf diese Frage. Und wenn es noch ein großes Schicksal gewesen wäre, was den geliebten Mann in der Blüte seiner Tage zermalmt hätte! Aber eine Hasenjagd! – ein kleiner Pflock! – ein Fehltritt des Pferdes! Die Leute nannten das einen »unglücklichen Zufall«. Sie ergrimmte über dieses Wort. Was ist Zufall? Entweder ist alles Zufall oder gar nichts. Das Wort umschließt keinen Gedanken, sondern bloß eine Gedankenlosigkeit – wie so viele andere. So grübelte Eleonore endlos weiter; denn es gibt auch eine Verzweiflung, welche philosophiert, und ein Übermaß der Empfindung, welches in schneidend kalte Reflexion umschlägt. Mancher läuft dabei Gefahr, den Verstand zu verlieren; aber Eleonore verlor ihn nicht. Zweites Kapitel Sie verbrachte die ersten Wochen nach dem Tode ihres Gatten in Riga, an der Stätte, wo sie mit dem Verstorbenen die kurzen Monate ihres Glückes verlebt hatte. Allein das Getümmel der Stadt und die aufdringliche Teilnahme tat ihr wehe. Für viele Leute wirken Beileidsbesuche schmerzlindernd, andern sind sie eine Marter. Eleonore verschloß ihre Türe: sie bedauerte sich selbst aufs innigste, aber sie wollte kein Bedauern aus fremdem Munde hören; sie rang nach Trost, aber die höflichen Tröster waren ihr unausstehlich. Sie sehnte sich nach Einsamkeit und fürchtete sich doch wieder, allein zu sein. Ein jeder trägt den Schmerz in seiner Weise, und jeder hat auch seine besondere Art, wie er den Schmerz nicht ertragen kann. Eleonore hätte in ihr Elternhaus nach Deutschland zurückkehren können. Sie stammte aus einer der angesehensten pommerschen Familien, und man würde sie jetzt so gerne daheim gesehen haben. Aber sie schämte sich, ihr Unglück zu Hause zu zeigen. Hatte sie doch so oft und schön geträumt, wie sie in Jahr und Tag an der Seite ihres Mannes nach Hause kommen wolle, damit Eltern und Geschwister und alle Freunde und Genossen ihrer Kindheit sehen sollten, wie gut sie's habe. Sie philosophierte wiederum: »Wird uns unverdientes Glück zuteil, so sind wir stolz darauf: das ist verkehrt; – trifft uns unverschuldetes Unglück, so schämen wir uns dessen: das ist im Grunde noch verkehrter!« Und trotz dieser Weisheit schämte sie sich dennoch ihres Unglücks, weil sie so gerne stolz auf ihr Glück gewesen wäre. Ihre Unschlüssigkeit, wo sie zunächst sein und bleiben solle, fand ein Ende durch die ebenso dringende als herzliche Einladung einer Jugendfreundin, der Gräfin Ulrike von Gatterberg, welche zwei Tagereisen von Riga entfernt auf dem Lande wohnte. Im Hause der Freundin konnte Eleonore einsam leben und war doch nicht allein; der Gedanke an Freundestreue und Freundesliebe schimmerte als erster Lichtblick durch die Nacht ihres Grames: sie beschloß, der Einladung zu folgen. Am Ufer der livländischen Aa liegt ein Edelsitz, vom Volke »das graue Schloß« genannt wegen der Farbe seines alten Gemäuers. Dort wohnte in jenen Tagen – um 1794 – der Graf von Gatterberg mit seiner Gemahlin. Er selber befand sich zur Zeit in Petersburg, und die Gesellschaft der armen Freundin mochte der Gräfin Ulrike in ihrer Abgeschiedenheit wohl doppelt erwünscht sein. Kaum dreißig Jahre alt, widmete sich diese mit heiligem Eifer der Erziehung zweier blühender, reich begabter Kinder, eines Knaben von neun und eines Mädchens von sieben Jahren. Und da sie zugleich wie so viele treffliche Frauen des baltischen deutschen Adels ihren Gutsleuten rastlos fördernd und helfend beisprang, so führte sie in der Einsamkeit doch ein tätiges, still befriedendes Leben. Sie ward aber zumal von nah und fern aufgesucht wegen ihrer ärztlichen Kunst, und die Hausapotheke des grauen Schlosses galt für die beste der ganzen Gegend. Denn Ärzte gab es dort zu selbiger Zeit auf dem Lande noch nicht, die Edelfrauen übten allgemein nach uraltem Brauche die Heilkunst, und von einer so freundlichen, jungen und schönen Dame mochte man sich wohl gern kurieren lassen. Neben aufrichtiger Liebe war es aber zugleich auch eine kleine Eitelkeit gewesen, welche Ulrike zur Einladung an die trauernde Freundin mitbewog: sie hatte eine so glückliche Hand als Arzt des Leibes bewährt, warum sollte sie sich nicht auch als Seelenarzt versuchen? Sie zählte hierbei auf eine Helferin eigener Art. Im grauen Schlosse wohnte nämlich noch ein altes Fräulein, ohne Zweifel das merkwürdigste Altertum des Hauses, welches doch Trümmer und Reliquien aus den grauen Tagen der Deutschherren, ja der Schwertritter barg. Diese Dame war die Großtante der Gräfin mütterlicherseits, in der ganzen weitverzweigten Familie schlechthin »Großtante Juliane« genannt, eine halbblinde Achtzigerin. Sie hatte viel erlebt und viel erduldet und in jungen Jahren eine kurze, aber glänzende Rolle in der großen Welt gespielt. Jetzt war sie von der Welt vergessen; auch der Tod schien sie vergessen zu haben, und das jüngere Geschlecht betrachtete die Alte halb mit Furcht, halb mit Ehrfurcht wie ein Gespenst aus vergangener Zeit. Und sie war doch ein so friedliches, freundliches Gespenst! Viele kannten die frühere Geschichte Julianens, doch freilich nur in den allgemeinsten Umrissen; Genaueres von ihren wundersamen Schicksalen wußte nur noch die Großnichte Ulrike, ihre treue Pflegerin, und auch dieser blieb gar manches ein Geheimnis. Der Roman ihres Lebens, soweit er damals bekannt, läßt sich in kurze Worte fassen. Mit siebzehn Jahren war Juliane in den Zarenpalast zu Petersburg gekommen als Hoffräulein der Kaiserin und Selbstherrscherin Anna Iwanowna, der Bruderstochter Peters des Großen. Als diese Fürstin am 28. Oktober 1740 gestorben war, begann eine kurze, aber höchst abenteuerliche Episode der russischen Geschichte, welche zugleich die Katastrophe von Julianens Leben in sich schließen sollte. Der neue Kaiser war gerade zwei Monate alt und lag in der Wiege, als man ihn mit dem Namen Iwan III. begrüßte, und nach kaum vollendetem ersten Lebensjahre sollte er in den Kerkern von Schlüsselburg namenlos wieder verschwinden. Während der kurzen Frist von dreizehn Monaten, solange dieses Kind vom Schimmer der Krone umstrahlt war, führte dessen Mutter, die Großfürstin Anna Karlowna, Gemahlin des Prinzen Anton Ulrich von Braunschweig, die Regentschaft. Juliane stand vor allen in der höchsten Gunst der Regentin; vom ganzen Hofe gefeiert und beschmeichelt, von ihrer Gebieterin mit einem reichen Gutsbesitze fürstlich beschenkt, besaß sie jenen Einfluß, welchen man in der Hofsprache »allmächtig« nennt. Aber diese Herrlichkeit dauerte genau nur so lange wie jene Regentschaft. In der stürmischen Winternacht des 25. November 1741 kam die von der Großfürstin Elisabeth und ihrem Leibarzte Lestocq geplante Revolution zum Ausbruch; dreihundert Gardegrenadiere genügten, die Regentschaft zu stürzen. Anna und ihr Gemahl wurden aus den Betten, der junge Kaiser aus der Wiege in den Kerker geschleppt; ihre Günstlinge und Getreuen hatten kein besseres Schicksal, und am nächsten Morgen war Elisabeth Kaiserin. Fünfundzwanzig lange Jahre schmachtete die allmächtige Juliane in schwerem und durch jegliche Demütigung geschärftem Gefängnisse, ihre Jugendkraft verkümmerte und verzehrte sich hinter vier Mauern. Sie war fünfzig Jahre alt und ihre Todfeindin Elisabeth längst gestorben, da gelang es endlich ihrer greisen Mutter, bei der Kaiserin Katharina Gnade zu erflehen, und Juliane verbrachte nun den Rest ihrer Tage im grauen Schloß, von jüngeren Verwandten liebevoll gepflegt. Gar manchmal sagte sie: »Ein Jahr habe ich gelebt, fünfundzwanzig Jahre gelitten, und dreißig Jahre beschaue und bedenke ich nun mein kurzes Leben und langes Leiden.« Ob sie schuldlos gelitten hatte? Darüber gingen allerlei widersprechende Sagen. Niemand wußte Gewisses, und die vornehmsten Genossen ihrer Herrlichkeit und ihres Duldens deckte längst das Grab. Den Eindruck einer Reuigen, Büßenden machte Juliane ebensowenig als einer Verbitterten, unschuldig Gemarterten. Sie war allezeit mild und stille, verschlossen, ohne sich merken zu lassen, daß sie etwas zu verschließen habe, das marmorgleiche Bild des friedvoll beschaulichen hohen Alters. Und doch hatte man ihr eines der kostbarsten Güter geraubt, ein unersetzliches Gut – die fünfundzwanzig besten Jahre ihres Lebens! Der klassische Römer sagte: das Alter ist eine Krankheit. Allein wer diese Greisin sah, die so ruhig mit einem von Leiden schwer bewegten Leben abschloß, dem schien das Alter vielmehr Genesung zu sein. Drittes Kapitel Gräfin Ulrike hatte erwartet, daß ihre unglückliche junge Freundin sich zu der Großtante besonders hingezogen fühlen würde, ja sie hatte hierauf ihren Heilplan gebaut. Verband beide doch ein ähnliches Schicksal: der plötzliche Fall von der Sonnenhöhe des Glücks. Und die stille Greisin zeigte so erhebend, wie man auch den schwersten Verlust – ein ganzes verdorbenes Leben! – standhaft ertragen könne. Allein die Rechnung war falsch. Eleonore ging der Alten fast ängstlich aus dem Wege, und wann sie je in ihrer Gesellschaft verweilen mußte, dann fühlte sie sich beunruhigt und peinlich aufgeregt. Die Greisin verkörperte ihr den trivialen Gedanken, daß die Zeit alle Wunden heile, und Eleonore nannte diesen Gedanken empörend, einen Gemeinplatz, der bloß bei gemeinen Seelen zur Wahrheit werde. Sollte ihr die Zeit, diese brutale Macht, auch dereinst einmal ihren Schmerz rauben? Sie schwelgte in der Wollust ihres Schmerzes, er war der einzige kostbare Besitz, welcher ihr verblieben, und zugleich das einzige Weihgeschenk, welches sie fortdauernd dem teuern Verstorbenen spenden wollte; – und dieses einzige Gut sollte ihr so unterderhand zerrinnen? Sie mochte die alte Frau nicht ansehen, denn sie mußte sich da immer sagen: so ganz arm wie diese wirst du auch einmal werden! Dagegen schien die Großtante ein besonderes Interesse an Eleonoren zu nehmen. Sie hatte die Geschichte vom plötzlichen Tode ihres Gatten mit einer Teilnahme angehört, welche sie für fremde Leute selten mehr zeigte, und erkundigte sich hinterher genau nach Eleonorens Familie. Als man ihr berichtete, daß deren Mutter, eine geborene von Weiler, aus Estland stamme, horchte sie auf und begehrte, den Namen des Vaters dieser Frau zu wissen. Man nannte ihn; er hatte Dietrich von Weiler geheißen und war infolge der früheren Revolutionen aus dem Zarenreiche nach Preußen geflohen, wo er eine neue Heimat gefunden. Bei dieser Mitteilung leuchteten die halberloschenen Augen Julianens gar seltsam, sie zitterte und verfolgte den Stammbaum Eleonorens nicht weiter aufwärts. Dann verfiel sie in tiefes Sinnen und Brüten. Später versuchte sie die junge Witwe noch mehrmals auszufragen über ihre Mutter und deren Vater, erhielt aber nur kurzen Bescheid und beruhigte sich scheinbar dabei in ihrer gewohnten entsagenden Weise. Unterdes war Neujahr 1795 gekommen. Eleonore wußte nicht, welche Wochen- und Monatstage man schrieb, wie es Kindern in den Ferien und großen Leuten im tiefsten Kummer oder in tiefster Arbeit zu geschehen pflegt, und die Gräfin verheimlichte ihr absichtlich den Neujahrstag. Jeder Tag bringt den Beginn eines neuen Jahres, jedes Jahr den Beginn eines neuen Jahrhunderts. Aber wir Menschen setzen uns nun einmal besondere Tage und Jahre, um zu erkennen, daß wir selbst um jene kleine Spanne Zeit älter geworden sind und die Welt und die Menschheit um diese größere. Ist es uns gut oder schlecht ergangen im alten Jahre – gleichviel! –, der erste Tag des neuen Jahres wird uns zum Gedenktag der Leiden und Freuden, an welchem wir die jüngste Vergangenheit doppelt lebendig nachempfinden. Und dies befürchtete Ulrike. Allein es gelang ihr doch nicht, der Freundin das Neujahr zu unterschlagen. Die Großtante sprach trotz alles verstohlenen Abwinkens recht nachdrücklich davon; – schien es doch, als habe sie gerade diesem Tage gespannt entgegengesehen und erwarte da ganz Besonderes. »Heute werden's fünfzig Jahre!« murmelte sie für sich, – »heute kommt der Termin!« Niemand wußte, was diese Worte bedeuten sollten. Gegen Abend saßen die beiden Freundinnen in der Fensternische des großen Wohnzimmers; draußen peitschte der Sturm die Schneeflocken wider das Fenster, aber in der Nische träumten reich blühende Treibhauspflanzen vom Frühling. Die Großtante hatte ihren gewohnten Sitz am Kamin, dessen Feuer die halbdunkle Stube flackernd durchleuchtete; die beiden Kinder spielten mit ihr und sprangen mutwillig aus und ein. Eleonore machte ihrer Freundin unter Tränen das überraschende Geständnis, daß sie's nicht länger mehr hier aushalten könne und darum ganz heimlich bereits ihren Koffer gepackt habe, um morgen abzureisen. Sie klagte sich selbst des Neides, der Eigensucht und jeglicher Unausstehlichkeit an. Der tägliche Anblick des häuslichen Glückes, welches in diesem stillen Schlosse walte, breche ihr das Herz, und stündlich frage sie sich: warum konnte ich's nicht auch so haben? Die Gelassenheit der Großtante schneide ihr qualvoll in die Seele, – die frische Jugendlust der Kinder dränge sie immer wieder zu dem garstigen, neidischen Ausruf: warum durfte mir solches Glück nicht auch zuteil werden! Und dann möchte sie vergehen vor Zorn und Ärger über ihre eigene Schwäche. Darum müsse sie hinweg von hier. Wohin? Das wußte sie noch nicht. Zunächst nach Riga, dann weiter in die Welt; – die Welt sei ja so groß. Vergebens suchte die Gräfin zu beschwichtigen und ihren Sinn zu wenden. Es war Eleonoren bitterer Ernst, und sie fand zur Antwort nur Selbstanklagen und Bitten um Nachsicht und Verzeihung. Endlich verstummte das ziellose Gespräch, und beide versanken in trübes Schweigen. Ulrike hatte Bankerott gemacht mit ihrer seelenärztlichen Kunst. Großtante Juliane erzählte derweil am Kamin den Kindern ein Märchen von der Königstochter, die durch eine böse Hexe über Nacht in eine Stallmagd verwandelt worden war und heute den Besen führen mußte, während sie gestern noch neben des Königs Thron gesessen hatte. Da die Großtante aber ihre Märchen selbst erfand, indem sie die Erinnerungen ihres eigenen Lebens in Märchenbilder kleidete, so wiederholten sich ihre Geschichten, die Kinder wußten schon, was kommen sollte und schlichen sich davon, um im Nebenzimmer nach freier Laune zu spielen. Die halbblinde Alte bemerkte dies nicht, und es war rührend anzusehen, wie sie immer noch forterzählte, da doch ihre kleinen Zuhörer längst verschwunden waren. Als aber Ulrike dies gewahrte, ergriff sie ihre Freundin bei der Hand und führte sie leise zum Kamin; und nun setzten sich die beiden auf die Schemel der Kinder zu Füßen der Alten, die ihnen die harte Arbeit der verzauberten Stallmagd recht beweglich schilderte, ohne den Wechsel ihrer Zuhörerschaft entdeckt zu haben. Mit einem Male warf jedoch Gräfin Ulrike die Frage ein: »Und hatte denn die arme verwandelte Prinzessin gar keinen Trost, der sie aufrechthielt in ihrer Erniedrigung?« Juliane fuhr empor, wie aus einem Traume erwachend. »Wo sind die Kinder?« rief sie. »Die kleinen Kinder sind fort, aber wir sitzen hier, die großen Kinder; ich bin es, deine Ulrike, mit meiner Freundin Eleonore. Wir hören gerne zu, nur entzaubere das Märchen, daß es wieder Geschichte wird, was es ja ursprünglich war; wir sind alt genug, die Wahrheit zu hören.« Die Großtante lächelte, als sie der Täuschung inneward, und schien nicht ungern das Märchen Geschichte werden zu lassen. »Ob die verzauberte Magd keinen Trost hatte?« wiederholte sie. »Ach, du weißt ja längst alles, Ulrike; doch ich will deiner Freundin die Antwort erzählen. In der schrecklichen Nacht des 25. November war es, wo sie mich festnahmen, mich, meine Fürstin und alle! Gestern war ich noch die erste Dame des Hofes gewesen und heute schlimmer dran als die ärmste Magd. Wie ich nun am Morgen abgeführt wurde nach dem Kerker von Oranienburg, da trat unterwegs – es war in einer engen Straße, wo der Schlitten wegen des Gedränges halten mußte, – ein Handwerker im Schurzfell gegen mich heran und warf mir eine kleine Bibel in den Schlitten. Du fragtest, Ulrike, nach dem Trost? – dieses Buch ist mein Trost gewesen. Ich hatte seit der Kinderzeit wenig mehr in die Bibel gesehen. Wir hielten die Bücher der französischen und englischen Freigeister für das Evangelium der vornehmen Leute und dachten, die Bibel sei gerade noch gut genug für das dumme Volk. Allein ich hatte nun doch eine große Freude an meiner Bibel; zunächst weil sie das Liebeszeichen eines Unbekannten war. Ach, ihr wißt nicht, wie wohl es mir tat, da ich mich von allen Freunden verlassen sah, plötzlich die ungesuchte Teilnahme eines wildfremden Menschen zu finden! Längere Zeit betrachtete ich das Buch nur von außen und hielt es in der Hand wie ein liebes Geschenk, bei welchem man des Gebers gedenkt, ohne sonst etwas Rechtes damit anfangen zu können. Denn ich hatte wenig Lust hineinzublicken; ein Buch von Locke, Shaftesbury oder Voltaire wäre mir lieber gewesen. Unsere Verfolgerin, die Großfürstin Elisabeth, hatte so gläubig, so fromm und bibelfest in ihren Worten getan und ist doch so gar nicht fromm in ihrem Wandel gewesen, daß mir jedes fromme Wort zuwider geworden war. Auch gestattete man mir kein ander Buch zu lesen als die Bibel, und Unerlaubtes hätte größeren Reiz gehabt als das einzig Erlaubte. Aber dann besann ich mich und dachte: aus diesem Buch haben so viele Millionen Erquickung und Trost geschöpft, so viele Millionen haben im Glauben an dieses Buch die Schrecken des Todes überwunden; es muß doch ein merkwürdiges Buch sein. Und ich beschloß, die Bibel genau wieder einmal so zu lesen, wie ich sie als Kind gelesen hatte, und mich hineinzudenken in die Seelen jener Millionen, denen das Buch unantastbare Wahrheit war und ist. Das gelang mir nun freilich nicht so rasch, der Geist des Widerspruches regte sich fort und fort; dennoch las ich die ganze Bibel aus und begann darauf wieder von vorn und habe sie während der fünfundzwanzig Jahre mehr als hundertmal gelesen, daß ich jetzt das Beste auswendig weiß, jetzt wo ich blind bin und den kleinen Druck nicht mehr sehe; und ich mag keinen gröberen Druck: für mich gibt es nur eine Bibel, das kleine zermürbte Buch aus meinem Kerker.« »Und fanden Sie wirklich Trost in dem Buche?« fragte Eleonore. »Ich fand ihn anfangs, obgleich ich ihn nicht suchte, und später, weil ich ihn suchte. Denn ich gewann den festen Glauben wieder an Gottes Weisheit, Güte und Gerechtigkeit. Ein Vierteljahrhundert eingesperrt – und man lernt die Bibel lesen. Aber es mußte doch noch eines hinzukommen, daß ich ganz zufrieden, ja sogar fröhlich wurde in meiner Haft: – die harte Arbeit!« »Fröhlich?« fragte Eleonore erstaunt, und das Wort schnitt ihr wie der grellste Mißton durchs Ohr. »Allerdings fröhlich! mein Kind«, wiederholte die Alte, »und die Geschichte meiner stillen Kerkerfreuden muß ich euch genauer erzählen.« Eleonore begann achtsam zu werden. Die Gräfin, welche diese Geschichte schon gar oft gehört, schlüpfte sacht hinaus; sie sah, wie die Worte der Großtante ihre Freundin zu fesseln begannen, und hielt es fürs beste, die beiden Frauen nunmehr allein zu lassen. So saßen sie selbzwei im Dämmerschein vor dem flackernden Feuer, welches erwärmte, aber kaum erleuchtete, und die Alte hub an. Viertes Kapitel »In meinem Kerker hatte ich die große Welt mit einer sehr kleinen vertauscht, aber auch die kleinste birgt ihre Reize. Ich konnte nicht mehr herrschen wie im Zarenpalast, und dennoch gewann ich auch in der engen Zelle bald wieder ein Stückchen Herrschaft und freute mich, daß mir gerade die Bosheit meiner Feinde zu diesem stillen Genuß des Herrschens verholfen hatte. Um nämlich meine Haft recht unerträglich zu machen, sperrte man einen kindischen alten Mann mit mir zusammen, einen ehemaligen braunschweigischen Obersten, der dem Prinzen Anton Ulrich nach Rußland gefolgt war und nun auch dessen Unglück teilen mußte. Welch ein Schreck war mir's anfangs, mit einem blödsinnigen Greis die Zelle teilen zu müssen! Aber der Blödsinnige war gutartig und lenkbar, ich studierte seine Launen, sein Restchen Verstand, und welch Geheimnis offenbarte mir dieses kleine Lichtfünkchen Geist in dem vertrockneten Gehirne! Ich studierte den armen Mann, um ihn gefügig, menschlich, zu allerlei nützlichen Dingen brauchbar zu machen. Und er ward mir treu und folgsam wie ein Hund seinem Herrn. Welcher Triumph, den meine Feinde nicht ahnten! Die ganze lange Kerkerzeit hielt der arme Mann mit mir aus; er war über neunzig Jahre alt, als wir beide die Zelle frei verließen. Wie weh tat mir die Trennung – er empfand sie nicht! Ich habe ihn niemals wiedergesehen. Der Tod hatte ihn im Gefängnis nicht finden können; in der Freiheit fand er ihn sogleich – da starb er nach wenigen Monaten. So herrschte ich; – und ich übte auch Einflüsse im Kerker. Ach, es war mir bei Hofe so süß gewesen, Einflüsse zu üben! Freilich konnte ich's jetzt nur noch bei einem einbeinigen alten Invaliden und seiner Frau, die uns bedienten; aber es waren gute Leute, und mein Invalid war mir so ergeben, daß er sich öfters mir zulieb von seinem Leutnant prügeln ließ. So weit hatte ich's bei Hofe nie gebracht mit meinem Einfluß! Doch nachher ein mehreres von dem guten armen Teufel; ich muß Ihnen ja zunächst, liebes Kind, unser Gefängnis beschreiben. Sollten Sie's glauben: ich sehne mich manchmal aus diesen behaglich schönen Räumen auf Augenblicke in jenes kalte Loch zurück!« Eleonore geriet in einen komischen Unwillen. Schien es doch, man könne, um das Leben zu genießen, nichts Gescheiteres tun, als sich fünfundzwanzig Jahre einsperren lassen! Allein sie murmelte das nur lächelnd so vor sich hin, und die Alte fuhr fort. »Wir bewohnten ein kleines gewölbtes Zimmer, welches zwei winzige vergitterte Fenster hatte, und zwar so hoch oben, daß wir nur den Himmel sehen konnten. Und aus dem kleinen Stückchen Wolkenspiel, das da oben vorbeizog, malte ich mir oft die schönsten Landschaften. Ins Freie durften wir niemals gehen, wohl aber zur täglichen Erholung über zwei Treppen auf den Speicher – natürlich unter Wache. Dort oben sahen wir dann aus den Dachluken ins freie Land hinein. Wir sahen nicht weit; – doch wieviel tausend Menschen sehen jemals weiter im ganzen Leben? Auf dem Speicher nisteten viele Dohlen, die waren unser besonderes Vergnügen. Tausendmal habe ich sie beobachtet und belauscht; ich könnte eine Naturgeschichte der Dohlen schreiben. Zum Dank für die Unterhaltung, die sie uns gewährten, stahlen wir ihnen ab und zu die Eier aus den Nestern und schlürften sie mit großem Behagen. Wir legten ihnen zum Ersatz auch mehrmals Hühnereier ins Nest. Sie bebrüteten sie; kaum waren jedoch die Hühnchen ausgeschlüpft, so wurden sie von ihrer Rabenmutter aufgefressen. Da hatten wir also den Lauf der Welt so nett im Kleinen, daß wir ihn im Großen gar nicht weiter zu sehen brauchten. Die Quelle allen Glückes ist Genügsamkeit, und der Fürst bedarf deren gerade soviel wie der Bettler; nur jeglicher nach seiner Art. In unserer Zelle fror es uns erbärmlich; denn das ganze Gebäude war in Verfall geraten, bevor es noch vollendet war; man reparierte nichts, und das Wasser rann so stark von den Wänden, daß im Winter oft große Eiszapfen an der Decke hingen. Es machte uns dann einen Hauptspaß, höher und immer höher zu hüpfen, bis wir die Spitzen mit den Händen abschlagen konnten, wobei wir uns aufs angenehmste erwärmten. Übrigens stand auch ein mächtiger Ofen in der Zelle, allein ich weiß nicht, ob es ihm am Luftzug fehlte oder an Holz: – weit entfernt, die Stube zu erwärmen, vermochte er nicht einmal für sich warm zu werden. Damit wir nun aber doch sein bißchen Wärme auskosteten, setzten wir beide uns auf denselben, und der Sitz wurde niemals zu heiß. Ach, es waren gar gemütliche Stunden, wenn ich da oben thronte mit meinem blödsinnigen Obersten, der übrigens nur sprach, solange man ihm die Worte aus dem Munde zog.« Eleonore konnte sich der Zwischenfrage nicht enthalten, ob der Erzählerin denn alle diese Dinge gleich von Anbeginn so schön und gemütlich vorgekommen seien. »Nicht im mindesten!« bekannte die Alte lächelnd. »Anfangs war ich ganz toll vor Wut und Trotz, ganz wild vor Gram und Unbehagen; ich glaubte, die Schmach und Not keine acht Tage ertragen zu können. Allein mit den Jahren lernte ich das kleine Gut schätzen, was mir dennoch übriggeblieben, ich fand meinen Zustand immer behaglicher – in langsamem Fortschritt; denn mit Freuden entbehren lernt sich fast ebenso schwer wie mit Freuden genießen. Zu beidem muß man Zeit haben und Verstand und gesund bleiben. Und gottlob! ich blieb immer gesund; nur ein einzigmal hatte ich so rasendes Zahnweh, daß mir der Kommandant aus Mitleid einen russischen Barbier schickte. Der zog mir mit einer Hufzange irrtümlich zwei gesunde Zähne aus, und seitdem bin ich von allem Zahnweh verschont geblieben. Übrigens besaß ich nicht nur einen Untertanen und meine zwei Freunde, sondern auch meinen Feind, wie's zum Ganzen gehört. Es war der Kommandant. Er sollte auf Rechnung der Krone uns beiden täglich zwei Rubel auszahlen zu unserer Selbstverpflegung, behielt dieselben aber öfters für sich. Beschwerte ich mich und drohte mit Klage, dann sagte er: der Himmel ist hoch und die Kaiserin weit; als wir aber begnadigt wurden, da flehte er auf den Knien, daß ich seine Spitzbübereien nicht anzeigen möge. Ich habe es auch nicht getan. Der Mann wäre sonst gewiß nach Sibirien geschickt worden, und da befanden sich zu selbiger Zeit ja unsere besten Leute, eine viel zu gute Gesellschaft für den Schuft.« Eleonore entdeckte, daß die Alte gleich ihr philosophiere, doch in ganz anderer Weise, und die Entsagung hat ihren Humor so gut wie die Verzweiflung. »Es war uns zudem ganz heilsam«, fuhr Juliane fort, »daß uns der Kommandant einen großen Teil unseres Almosens stahl: wir mußten desto strenger arbeiten, um nicht zu verhungern. Die Kraft der Arbeit – welche Geheimnisse birgt dieses Wort! Freilich, es ist so schwer Geld zu verdienen, wenn man nichts besitzt, womit man den Anfang macht; die reichen Leute wissen das kaum, ich erfuhr es im Kerker. Doch ich wußte mir zu helfen. Ich hatte ein Staatskleid mitgebracht, wie ich's eben in jener Schreckensnacht aufgerafft hatte, vierundzwanzig Ellen des schwersten großblumigen Seidenstoffes einschließlich der langen Schleppe; und ich bedurfte jetzt des Kleides doch kaum, wenn ich den Dohlen meine Aufwartung machte. Darum zerschnitt ich das kostbare Zeug in kleine Stücke und verfertigte artige bunte Mützchen daraus, wie sie die Bauernfrauen gerne tragen, und unser Invalid verkaufte die Mützen und kaufte uns Flachs und Wolle dafür. Und nun spann ich und webte und strickte und lehrte meinen Oberst hecheln und Wolle kämmen. Also war der Anfang gefunden. Wir konnten Gespinst und Gewebe verkaufen und für den Überschuß des Ertrags neues Material einhandeln lassen, und so spannen, strickten und woben wir weiter, jahraus, jahrein, und nach zwanzig Jahren hatten wir ganze hundert Rubel erspart und durften uns dafür Sonntags und Mittwochs eine Tasse Kaffee und ein Glas Wein gönnen, und der Invalid und seine Frau tranken mit. Denn der wachhabende Leutnant, welchen der Handel verdroß, hatte den Invaliden öfters durch Stockprügel davon abzuschrecken gesucht; allein der getreue Mann handelte heimlich um so eifriger für uns. So konnte ich nicht nur uns selbst, ich konnte auch andere belohnen, – und das war erst ein Vergnügen!« »Ist es aber nicht zumeist das rosige Licht der Erinnerung, welches Ihnen jene Zeit verklärt? Und würden Sie in gleich guter Laune von alle dem Elend sprechen, wenn sie noch mitten darin säßen?« so fragte Eleonore. Juliane erwiderte: »Die Erinnerung verklärt, – wenn vorher schon Klarheit vorhanden war. Wir freuen uns am reinsten in der Vorfreude und versöhnen uns am freiesten im Rückblick. Freud' und Leid in der Gegenwart ist niemals voll und rein und zerrinnt uns unter den Händen; aber die versöhnte Erinnerung, liebes Kind, ist ein sehr dauerhafter Besitz; ich halte ihn jetzt schon dreißig Jahre fest.« »Und wird denn diese Ihre Erinnerung gar nie getrübt durch ein Gefühl der Bitterkeit gegen Elisabeth, welche Sie in den Kerker schickte? oder durch das Bewußtsein, doch nicht ganz schuldlos in so großes Elend gekommen zu sein?« Die Alte fuhr auf bei der Frage. Sie sprach rascher, fast heftig: »Elisabeth hat ihren Richter gefunden vor Gottes Stuhl und in der Geschichte. Meine Prinzessin und ich, wir hatten ihren Zorn gereizt: dürfen wir klagen, daß er uns traf? Ich habe sie hundertfach kleinlich geärgert; sie war mir so zuwider, daß ich die Uhren vorrücken ließ, wenn sie im Palaste erschien, damit sie desto früher wieder fortgehen sollte; – sie hat mich zermalmt! Allein ich diente meiner Herrin, und beide waren natürliche Feinde, denn sie standen einander im Wege. Hier bereue ich keine Schuld, und wenn auch, so hätte ich sie gebüßt. Aber eine andere Schuld ist's, die mich drückt« – Bei diesen Worten hielt Juliane ein und fragte, wie Eleonorens Mutter geheißen habe und wie deren Vaters Vorname, obgleich sie beides doch schon wußte. Als Eleonore die Namen wiederholt genannt, rückte die Alte näher zu ihr heran und flüsterte geheimnisvoll: »Ich will Ihnen beichten, was ich noch keinem Menschen, selbst Ulriken nicht, bekannt habe, Ihnen, weil Sie Ihres Großvaters Enkelin sind.« Und sie begann nach kurzer Pause. Fünftes Kapitel »Die Regentin Anna, meine Gebieterin, hatte sich den sächsisch-polnischen Gesandten Graf Lynar zum besonderen Günstling erkoren. Er war der schönste Mann des Hofes, und Anna liebte ihn leidenschaftlich; ich förderte ein Verhältnis, welches meine Herrin beglückte. Den Prinzen, ihren Gemahl, beglückte es freilich weniger.« Hier hielt sie inne und fragte, ob noch ein Diener im Zimmer sei oder die Kinder. Auf die verneinende Antwort fuhr sie fort: »Es war wohl arge Sünde, daß ich den Frieden der Ehegatten stören half; allein ich tat noch mehr: ich sündigte gegen mich selbst. Damit Anna desto verdachtloser mit ihrem Günstling verkehren könne, wurde Lynar zum Schein mit mir verlobt. Alle beglückwünschten und beneideten mich wegen des schönen Bräutigams, der mir so gleichgültig war wie ich ihm. Für diesen Frevel an der Liebe sollte ich gestraft werden. An unserm Hofe befand sich ein Herr von Weiler« – sie hielt inne und blickte Eleonore starr an –, »Dietrich von Weiler, der mir äußerst wohlgefiel. Er merkte nichts davon. Mein Wohlgefallen ward Liebe, immer heißere Liebe: er ahnte nichts! Und eben weil ich ihn wahrhaft liebte, vermochte ich ihm nicht mit dem kleinsten Zeichen entgegenzukommen. Es war mir, wie man von den Scheintoten erzählt, die mit aller Gewalt reden wollen und können nicht. Heute noch wüßte ich Zug für Zug zu erzählen, wie ich mich immer tiefer in diese ungestandene Liebe träumte. Wir Frauen sind so schlimm daran; mag uns die leidenschaftlichste Neigung verzehren – wir müssen schweigen und abwarten. Doch wenn ich mich auch dem geliebten Manne entdeckt hätte! Er hielt mich ja für die Braut eines andern, und wollte ich ihm dies widerlegen, so würde ich ihm die schändlichste Lüge enthüllt, und er würde mich verachtet haben! Meine Zunge blieb gefesselt. O wie qualvoll war dieses Leben im hellsten Sonnenscheine der Hofgunst, wie zufrieden war ich nachher im Zwielichte des Kerkers! Doch nein! auch dorthin verfolgte mich das Bewußtsein meiner Schuld, das Bewußtsein, an der Liebe gesündigt zu haben und durch die Liebe gestraft zu sein, durch einen Traum zielloser Liebe, den ich mit offenen Augen träumte! Und ich hatte keine Seele, mein Herz ihr auszuschütten, – ich schwieg – bis auf diesen Tag.« Sie machte eine lange Pause. Auch Eleonore fand kein Wort, hier hörten alle Trostgründe auf. Dann begann die Alte wieder: »Warum spreche ich denn aber heute? Warum beichte ich dir, mein Kind? – Jener Dietrich von Weiler wurde in unsern Sturz verwickelt und mit der Herrschaft nach Kolmogori am Weißen Meere geführt. Dort in der Verbannung söhnten sich die Prinzessin Anna und ihr Gemahl, die ich entzweien geholfen, wieder aus und wußten sich das Jammerleben in der schauerlichen Einöde durch zarte Gattenliebe so schön und reich zu machen, daß die unversöhnliche Elisabeth ihre Trennung befahl und den Prinzen nach Sibirien schickte, um beiden den letzten Trost zu nehmen. Wie wunderbar sind Gottes Wege. Auch Dietrich von Weiler mußte nach Sibirien. Dort versuchte er zu entfliehen; er entrann seinen Wächtern, aber man hörte nichts weiter von ihm. Diese Nachricht erhielt ich zu Oranienburg von meinem Invaliden. Lange träumte ich, daß ich Dietrich doch noch einmal wiedersehen könne; – er war und blieb verschollen. Ich forschte vergebens. Eine Sage ging, er sei auf der Flucht verunglückt, in den Wüsten und Steppen Asiens elend zugrunde gegangen; eine andere Sage, er sei nach Preußen entkommen und halte sich dort verborgen. Als ich meine Freiheit wiedererlangt hatte, erkundigte ich mich überall, doch mit Vorsicht, daß meine bebenden Lippen mein Geheimnis nicht verrieten: – Dietrich von Weiler galt für spurlos verloren. Oft sagte ich mir, für mich wäre er ja doch unter allen Umständen verloren gewesen, und wo er sich jetzt auch befinde, tot oder lebend, da sei er gut aufgehoben; denn er sei in Gottes Hand. Der Trost verfing nicht. Ich sagte mir auch, für eine fünfzigjährige alte Jungfer sei es Zeit, die Traumgestalten der Jugend ganz zu vergessen; – ich vermochte es nicht. Oh, du weißt nicht, Kind, was für ein Geschlecht zu meiner Zeit lebte, wie wir glühten in unbeugsamem Stolz, in unvertilgbarem Hasse, in unauslöschlicher Liebe! Wie seid ihr zahm und lau geworden! Ich begehrte zuletzt nur noch Gewißheit über Dietrichs Schicksal, und wäre es gleich das schrecklichste gewesen. Diese Gewißheit mußte ich haben; ich wollte sie von unserm Herrgott mit Gewalt erzwingen. Ich kann und werde nicht sterben, so sprach ich oft, bis ich nur wenigstens diese Gewißheit habe. Ich setzte mir ein letztes Ziel, Tag und Datum, bis zu welchem äußerstenfalls meine Ungewißheit dauern werde; – das war kindisch! aber ist unser ganzes Dichten und Trachten etwas anderes als eine große Kinderei? Am Neujahrstage 1745 hatte mir der Invalide die Nachricht von Dietrichs Flucht und ihrem unbekannten weiteren Verlaufe hinterbracht. Ich sagte mir damals: nur Geduld, in fünf Jahren werde ich ihn wiedersehen; – ich sah ihn nicht. Dann sprach ich: in zehn Jahren werde ich wissen, was aus ihm geworden ist; – ich erfuhr nichts. Und so rechnete ich weiter und setzte mir endlich fest in den Kopf: fünfzig Jahre nach Neujahr 1745 – das ist der letzte Termin: bis dahin muß und werde ich Nachricht haben. Der Tag nahte heran. Da kamst du hierher, teures Kind. Ich erfuhr den Namen deiner Mutter, deines Großvaters, eben als ich zitternd die Tage bis zu Neujahr zählte. Du miedest, mir nähere Auskunft zu geben, und ich bezwang mich; wer fünfzig Jahre gewartet hat, kann auch noch vierzehn Tage warten. Aber nein! diese vierzehn Tage waren eine Ewigkeit. Die ganze vergangene Zeit im Palaste der Regentin stand stündlich wieder vor meinen Augen, die längst verstorbenen Menschen wandelten wieder um mich her; ich sah und hörte sie so lebensfrisch, als sei ein halbes Jahrhundert wie ein Tag. Jahrelang waren die Erinnerungen oft verblaßt; jetzt loderten sie wieder auf in brennenden, blendenden Farben. Heute ist Neujahr 1795, und heute weiß ich, daß Dietrich nicht elend zugrunde gegangen ist, daß er im Auslande eine neue Heimat gefunden hat und vielleicht eine bessere Frau als mich, doch keine, die ihn glühender lieben konnte, – und den Frieden des Grabes! Aber du bist sein liebes Enkelkind, und der Himmel hat dich mir geschickt zum Trost für meine letzten Stunden! Laß dich an mein Herz drücken, den Sprößling des Geliebten, Vielbeklagten, der nie von meiner Liebe noch von meiner Klage gewußt hat.« Tief erschüttert lag Eleonore an Julianens Brust und kämpfte lange und furchtbar mit sich selbst. Die Alte täuschte sich, und ihr Termin war dennoch Trug gewesen! Was sollte Eleonore tun? Sollte sie mit einer liebreichen Lüge die Ärmste in ihrem armen Glücke befestigen? Bei ruhigerem Blute hätte sie das vielleicht gekonnt, aber in dieser Stunde vermochte sie's nicht, wo sie eben so erschütternd vernommen, wie Lug und Trug sich rächen. Und doppelt Sünde schien es ihr, jemand fromm zu täuschen, der mit einem Fuß im Grabe stand und Wahrheit gerade jetzt so brennend begehrte. Mit aller Schonung setzte sie daher auseinander, daß hier eine Verwechslung walte. Ihr Großvater sei wohl Dietrich von Weiler gewesen, allein von der Linie Weiler-Dachstetten; er sei infolge einer Palastrevolution aus Rußland nach Preußen entflohen, aber erst zur Zeit der Kaiserin Katharina. Es gebe noch eine zweite Linie Weiler-Zimmern –, welcher ein anderer Dietrich von Weiler angehört habe, der, wie sie wohl öfters vernommen, mit dem Prinzen Anton Ulrich nach Sibirien verbannt worden und dort spurlos verschwunden sei. Der Gleichlaut der Namen möchte dann auch wohl zu der erwähnten widersprechenden Doppelsage über den Ausgang jenes älteren Dietrich, ihres Dietrich, Anlaß gegeben haben. Bei dieser Nachricht stieß die Alte einen lauten Schrei aus; dann verstummte sie und sank bewußtlos in den Sessel zurück. Eleonore glaubte, sie sei tot; – aber sie lebte. Sie erhob sich wieder und murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Eleonore suchte die Unglückliche in aller Weise zu beruhigen. Vergebens. Sie entwickelte, ohne es zu merken, fast dieselben Trostgründe der Religion und der entsagenden Lebensweisheit, welche Juliane vor einer Stunde ihr selbst so treffend vorgetragen hatte. Die Gründe verfingen nicht. Juliane hatte sich so lange und gewaltsam aufrechterhalten; jetzt war sie um so gewaltsamer zusammengebrochen. Ihre junge Trösterin führte ihr zu Gemüt, daß ja auch der selbstlos reine Liebestraum von jenem Manne, der sicher längst nicht mehr unter den Lebenden wandle, ein unverlierbarer Besitz in der Erinnerung sei. Doch Juliane erwiderte bitter: »Die Erinnerung, daß ich etwas zu besitzen träumte, was ich nie besessen, ist ein sehr traumhafter Besitz. Du besaßest deinen verstorbenen Mann, darum bleibst du reich im Besitze dieser Erinnerung, und deine kurze Ehe war dein Glück und deine Ehre; das ersehnte Gut blieb mir dagegen vorenthalten zur Strafe meiner Sünden. Und so bleiben auch diese allein mein ganz gewisser Besitz!« Gräfin Ulrike trat wieder herein. Als die Großtante ihre Stimme vernahm, wankte sie davon. Eleonore war im höchsten Grade ratlos, ja in Verzweiflung. Sie rief: »Zu dem Jammer, der mich selbst bedrückt, mußte ich jetzt auch noch unstillbares fremdes Leid hinzufügen. O Ulrike, an welchen verhängnisvollen Ort hat mich deine Freundschaft geführt!« Die Freundin begriff nicht, was das heißen solle. Nur eines erkannte sie, daß alle Aussicht verloren sei, Eleonore hier in ihrem Hause wieder zu Ergebenheit und Gelassenheit in der Trauer zurückzuführen. Sie hatte so sichere Hoffnung darauf gesetzt, die Großtante werde mit ihrem friedvollen, heiteren Wesen, mit dem feinen Humor der Entsagung, in welchem sie von ihren Schicksalen zu erzählen pflegte, günstig auf Eleonore wirken. Und nun war der Erfolg so ganz entgegengesetzt! »Ich muß fort von hier!« rief Eleonore. »Doch nein! Gestatte mir noch einen Tag zu bleiben. Ich reise morgen nicht. Ich muß die Großtante trösten, und wenn ich es nicht vermag, dann kann es niemand. Laß mich morgen wieder gutmachen, was ich heute verdorben habe!« Ulrike staunte und bat um Aufklärung, welche die Freundin augenblicklich nur sehr dunkel zu geben imstande war. Aber erfreulich war doch wenigstens, daß dieselbe noch einen Tag zugab. Am folgenden Tage tröstete sie dann auch die Alte unter vier Augen, kam jedoch nicht zum Ziel und mußte noch einige Tage weiter trösten. Je mehr sie dies aber tat, je enger sie mit Großtante Juliane verkehrte, um so rätselhafter fand sie deren Wesen. Aber Rätsel locken und fesseln, und Eleonore fühlte sich darum immer unwiderstehlicher angezogen, das Geheimnis dieser Menschenseele zu ergründen, bei der man stets im Ungewissen blieb, wo der Humor der Entsagung aufhörte und der Humor der Verzweiflung anfing. Und mit welch erschütternder Gewalt brachen die leidenschaftlichen Jugendeindrücke wieder hervor im höchsten Alter! Gewöhnliche alte Leute entsinnen sich der kleinen äußeren Erlebnisse ihrer Jugend oft so hell und warm, als ob dieselben von gestern wären, doch was darauf folgte, ist ihnen verblaßt und verdämmert; – hier lebte ein ungewöhnlicher Mensch die großen innersten Erlebnisse seiner Jugend erschütternd noch einmal nach, und während ihm sein ganzes späteres Schicksal zur beruhigten Novelle geworden, war ihm diese eine Episode wieder unmittelbar packendes Drama. Eleonore studierte die leidvolle, leidenschaftsvolle Seele der Alten, wie diese weiland das Verstandesfünkchen ihres Obersten studiert hatte, – um die Unglückliche mit milder Hand zu führen. Und dazu brauchte sie Wochen und Monate. Sie rief die munteren Kinder Ulrikens herbei, daß sie die Großtante nach gewohnter Weise zerstreuten, fragte sich jetzt aber nicht mehr neidisch: warum durfte mir das Glück solcher Kinder nicht auch zuteil werden? Sie pries der Alten den Segen der Häuslichkeit, welcher nun doch ihren späten Lebensabend umschimmere, und fragte nicht mehr bitter: warum konnte ich diesen Segen nicht gleichfalls haben? Indem sie die Alte zu trösten unternahm, tröstete Eleonore unvermerkt sich selber. Sie erkannte den Besitz, der ihr verblieben, derweil sie die Großtante vergebens zu überzeugen suchte, daß Erinnerungen, an welchen man fünfzig Jahre zehren konnte, doch auch ein Besitz sein müßten. Juliane fand ihre Ruhe nicht wieder, indes schien sie doch wenigstens beruhigter, wenn sie sich an Eleonore klammern konnte. Wie hätte dieselbe also das Schloß verlassen dürfen! sie war ja so nötig. Und als der Tod, der letzte und beste Tröster, im Frühling die Großtante Juliane erlöste, da blickte auch Eleonore wieder versöhnt in die Zukunft. Sie erkannte, daß sie unter Schmerzen mit einer Epoche ihres Lebens abgeschlossen habe, aber mit dem Leben noch lange nicht. Am Abend nach der Bestattung der Großtante saß sie mit ihrer Freundin im beschaulichen Gespräche zusammen. Da sprach sie: »Ich merkte diesen Winter wohl deine Absicht, beste Ulrike, ich merkte, daß du mit liebender Hand mich heilen wolltest, und zürnte dir fast darüber. Du schlugst den falschen Weg ein und triebst mich dadurch dennoch wider Willen auf den rechten. Es geht auch den wirklichen Ärzten öfters ebenso. Sie kurieren verkehrt, und der Kranke wird trotzdem gesund und dankt ihnen von Herzen, weil sie ihn ja so eifrig hatten kurieren wollen. Nicht der Anblick fremden Friedens beschwichtigt den Friedlosen, nicht das Bild fremder Entsagung löst unsern Schmerz. Im Schauen und Mitfühlen eines unendlich größeren fremden Schmerzes dagegen erkennen wir das gnädig zugeteilte kleinere Maß des eigenen Kummers, und indem wir fremden Jammer zu lindern suchen, vergessen wir das eigene Leid. So fand ich selber Trost und Hoffnung wieder, – indem ich einer Hoffnungslosen Trost spendete.«