Ein Erbe am Rhein – Erster Band Roman in zwei Bänden von René Schickele   Kurt Wolff Verlag München 1.–5. Tausend Gedruckt im Jahre 1925 von der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig Copyright 1925 by Kurt Wolff Verlag A.-G. München   Einbandzeichnung von Emil Preetorius Printed in Germany Erster Teil Schneeglöckchen Ich habe ihr geschrieben und sie gebeten zu kommen. Der Brief liegt verschlossen vor mir. Ich entsinne mich kaum seines Wortlauts. So behält man von einer tiefen Liebesstunde nur die Erinnerung an eine traumhafte Begebenheit ... Ich bitte sie in dem Brief, zu mir zu kommen, soviel ist gewiß. Werde ich ihn absenden? Durfte ich ihr denn überhaupt so zügellos schreiben, sie so bitten, nach jener Trennung in Mailand und einem zweijährigen Schweigen? Bedeutet ein solcher Brief nicht dasselbe wie ein nächtlicher Einbruch in ihr Schlafzimmer? Sie erwartet mich nicht, ich weiß nicht, wie sie lebt, ob einsam oder nicht, ob zufrieden oder nicht, ich weiß nichts von ihr als den Namen der römischen Straße, worin das Familienhaus der Capponi steht. In den zwei Jahren ist sie für mich eine Fremde, bin ich ein Fremder für sie geworden, ärger, als es ein Toter für den Überlebenden sein kann, denn es fehlt die Gewißheit des Grabes ... Auch andre Fragen stelle ich mir, so, ob ich wohl geschrieben hätte, wenn meine Frau noch lebte, und darauf finde ich keine Antwort, sondern nur zehn verschiedene Antworten, bei denen jede Behauptung mit Bedingungen umstellt ist wie mit Vexierspiegeln ... Aber nein, wenn Doris noch lebte, so hätte ich vermutlich keinerlei Grund, Maria zu Hilfe zu rufen. Ich wäre gesund. Doris und mir, uns fehlte nichts und niemand, als ich sie verlor, und nicht umsonst hatte Maria bei unsrer letzten Trennung das Zeichen des Kreuzes über mich, den ihr Verlorenen, geschlagen! So glaube ich es wenigstens, doch bin ich mir der Lückenhaftigkeit meiner Erinnerungen bewußt. Und wohin sollten derartige Fragen auch führen, wenn nicht, an allen Ecken und Enden, vor ein Gericht, zu dem ich Doris selbstquälerisch aus dem Grabe herbeiriefe, damit sie gegen mich zeuge, gegen mich und Maria. Wie lächerlich! Als ob ich der Mann wäre, der sich wegen seiner Gefühle und persönlichen Erlebnisse vor ein Gericht ziehen ließe, und wäre es von mir selbst! Dies alles ist nur das Gestammel meiner Herzschläge, im Halbdunkel des Bewußtseins, verschlafen ... Ich erhebe mich, mühsam noch immer, vom Tisch. Ich blicke auf die Ebene. Vor fünf Minuten war noch alles in einen dicken, gelben Dunst gehüllt wie in eine Wolke von Pollen der Weidenkätzchen. Jetzt trocknet die Sonne die Aufschrift des Briefes an Maria Capponi. In den fünf Minuten geschah, daß die gelben Wolken silbergrau wurden und Hügel darin sichtbar in weiter Ferne. Die Hügel kamen angeschwommen, und gleichzeitig, als vollzöge sich eine einheitliche Vorwärtsbewegung, graste weißer Wasserdampf die Wiesen herauf. Dann klaffte ein Stück Bläue im westlichen Himmel, schwarz gerändert: ein Ausblick auf die hohe See, wo, unsichtbar, die Sonne fuhr. Die Regentropfen am Fensterrand hingen blind ... Darauf begann die silbergraue Wolke, die, als sie noch gelb gewesen, alles verhüllt hatte, blau zu dampfen, ja, und dann verschwand sie, ich kann nicht sagen, wie. Als letzte Spur von ihr bekränzt ein heller Schein die Hügel. Und dies ist nur das Allergröbste, was in den fünf Minuten vorgegangen. Jetzt funkeln die Wiesen. Die Bäume verpulvern ihr Grün. Aber der Rauch des Schnellzugs Amsterdam-Mailand, der drunten in der Ebene vorbeifährt, krümmt sich, dehnt sich und will nicht vergehn, und dort, noch tiefer in der Ebene, öffnet sich eine zweite grüne Welt ... Die elsässische Ebene liegt voll Sonne! Doch zwischen uns und ihr ist noch ein Dunst, der sie verschleiert ... Er ist nicht mehr! Das Land links des Rheins, das Land rechts des Rheins atmet ein einziges Lächeln. Vögel segeln von Wipfel zu Wipfel, setzen sich, fragen die Stille an, fliegen weiter. Die jungen Obstbäume tragen schauernd eine Flimmerkrone, und ihre großen Brüder sind Gerüste von Domen, überfließend von Licht. Im dunkel zerklüfteten Gewölk mischt der Himmel die Farben für den Sonnenuntergang. Schöne Welt, heitere Welt, ach, wir traurig entstellten Menschen! Warum können wir nicht eingehen in Baum und Gras, in Blume und Wolke und nur dasein, wunderbar sinnlos, ewig bewegt und doch unbesorgt gleich ihnen! Warum ist des Menschen Sterben so schwer? Ich lehne mich aus dem Fenster und begegne einem Wind, den ich an seiner würzigen Milde als den Zephir erkenne. Welch ein Winter liegt hinter mir! Doch nun ist der Frühling im Anzug. Unser Planet wiegt leichter. Schon fühle ich, wie ich selber an Gewicht verliere. Zur Zeit, da ich noch Mythologie und Weltanschauung lernte, teilte ich meine Verachtung zwischen dem Zephir und der Serenitas, die ich mit Recht für ein Paar hielt, doch schob ich ihnen aus Bosheit bunt bestickte Pantoffeln unter, den »schicksallosen Alten« – wo sie doch in Wirklichkeit auf den leichtesten aller Götterfüße durchs Leben gehn und ihre verwandten Gesichter von Schicksalen schimmern wie vom feurigen Anhauch eines ganzen sommerlichen Gartens. Maria wird kommen! Ich sehe die Schneeglöckchen in ihrem Winkel beim Abendläuten, und ich entsinne mich eines Tages, da ich in den Alpen tausend Meter unter mir ein winziges Dorf erblickte, dessen Kirchturm zu Abend läutete. Die Glocke fing bei jedem Zug einen Sonnenstrahl und schleuderte ihn empor. Mit den Augen hörte ich sie läuten, wie jetzt die Schneeglöckchen. Und Maria stand neben mir. Wir hielten uns mit dem Arm umschlungen und lächelten einander an. In unser beider Körper war keine einzige dunkle Stelle, und wir lachten auf, nur, um unser Lachen in den Tiefen unserer Körper widerhallen zu hören. Die Zeit um Ostern Seit dem Tod meiner Frau bin ich immer allein gewesen. Erwachte ich zum Leben, oder starb ich »auf Abzahlung« – entschlief ich langsam? Es war Winter, Sommer und wiederum Winter. Dann sollte es Frühling werden, ich überzeugte mich im Kalender, auch in dem Jacquots (die ersten Pannen tauchten im März auf), und Jacquot ließ es sich vom Herrn Lehrer bestätigen. Aber monatelang fiel immer Regen vom Himmel, und die Sonne, wenn sie kam, schien nur zur Vorbereitung eines neuen Wassersturzes aufzutreten. Eine Ewigkeit grauen Himmels und dichten Nebels war, eine Ewigkeit voll stockender Winde, in denen Regen und Hagel das Land peitschten, eine Ewigkeit grundloser Wege – der Wald roch nach verfaultem Holz, den Berg herab purzelten tausend Wässerlein, die es vorher nicht gegeben. Ich nahm keine Schlafmittel mehr. Ich trank nicht mehr. Ich hoffte auf den Frühling. Soweit Schule und Spiel ihm Zeit ließen, half Jacquot mir dabei. Da waren die Veilchen im Garten. Wenn die erst ihre kleinen lila Wimpel heraushingen, so sagten wir uns, da müßte es Frühling werden, ja, richtig gesehn, wäre es dann Frühling. Die armen Veilchen! Einmal schien die Sonne – o, nicht lange, nur so zwischen zwei Regen. Jacquot, der im Garten spioniert hatte, kam und meldete: »Die Veilchen grünen.« Richtig, die Veilchen grünten. Ihr Laub hatte Lebensfarbe angenommen vor allem andern Grün im Garten. Gleich darauf waren die blauen Knospen da und ließen im Regen den Kopf hängen. Acht Tage standen sie so. Und warteten. Im Regen! Sie hatten den heißen Liebesbrief der Sonne erhalten und waren pünktlich gewesen beim Stelldichein. Wo aber blieb die Sonne? Die Falsche! Sie tanzte in den Hotels an der Riviera! Es war schon viel, daß sie uns von Zeit zu Zeit eine lange Nase drehte hinter der Gardine ihres Ankleidezimmers hervor, wenn sie sich zum Ball schmückte. Indes, die Veilchen waren da. Bald darauf hieß es, auf der Böschung unterhalb der Steinterrasse gäbe es etwas zu sehn. Jacquot stand neben mir und deutete mit dem Finger hierhin und dorthin. Aber ich sah nichts als Erde, Steine, Holzstückchen. Schließlich entdeckte ich ein verrostetes Zehnpfennigstück. Jacquot wurde ungeduldig. Ob ich blind sei, fragte er und schenkte dem Zehnpfennigstück keine Beachtung. Er hockte zusammengekauert neben meinem Stiefel und berührte mit dem Finger fast die Erde. Ich stellte das Bein vor, damit er nicht auf die Böschung hinabfiele. Doch darum ging es nicht, ob er hinabfiele oder nicht, und ich mußte niederknien und mich neben ihm über den Abgrund beugen. Sein Finger auf dem Boden des Abgrunds berührte einen andern winzigen, grünen Finger, den sah ich, und dann erkannte ich noch mehr davon in der Umgebung. Das waren also dann die Tulpen, die kamen, und ich durfte aufstehn. Wie Jacquot mich weiter verklagte, daß er mit seinem Fingerchen erst das andre habe berühren müssen, bis ich die »Tulpen« gesehn, rief ich aus: »Sie sind ja auch noch so klein wie du, deine Tulpen!« Er schaute mich an, ob ich spaßte, aber ich blieb ernst und ließ den Blick schweifen, als dächte ich bereits an etwas anderes. Da kniff er mich mit aller Kraft ins Bein und bemerkte ruhig: »Jetzt such mal, Vater, wer dich gepfetzt hat, ob du ihn findest, wenn ich ihn dir nicht zeige!« Seit diesem Vorfall sagt er, wenn er sich unterschätzt glaubt: »Ach so, du sprichst von den Tulpen.« Und es regnete wieder in Strömen. Unser Haus war eine Arche, das Wasser strömte Tag und Nacht über den Garten. Kundschafter aus der Stadt, die bis in unsern Wald gelaufen kamen, um die Taube mit dem Ölzweig womöglich in ihrem Nest aufzustöbern, blieben hundertmal stecken, versanken bis über das Schuhwerk im Boden. Im Wald aber war ein Brausen wie von der herannahenden Sintflut. Nachts sah man weder Mond noch Sterne. Wir schliefen in der großen Stimme des Waldes und erwachten in ihr. Es war nicht jene Stimme, wie sie im Sommer spricht, und die bewegter, wärmer und noch im Sturm sanftmütiger klingt als die eherne Stimme des Meeres, nein, sie war eintönig wie ein riesiges Trommelfell, auf das es regnet, eine kahle, traurige Winterstimme. Eines Morgens – es war der Morgen des 17. März – erwachte ich von einer seltsamen Liebkosung: einer duftenden Brise, wie sie im Mittelländischen Meer plötzlich von Afrika herüberweht, einer ganz klaren Morgenröte, wie sie mich einmal anrührte, als ich ihr durch die Luke meiner Kabine die Stirn entgegenhob und unter ihrer Berührung auch ich zu klingen begann gleich jener Küste einer griechischen Insel, der felsigen Lichtorgel, an der das Schiff langsam vorbeiglitt ... Von so etwas mußte ich wohl geträumt haben. Dann erst vernahm ich Kinderlachen aus dem Garten, das Sonne um sich verspritzte, und eilige, auffallend klangvolle Schritte, die plötzlich, als sie den Kies der Terrasse betraten, ebenfalls zu einem Lachen wurden. Ich sprang aus dem Bett und stieß die Fensterläden auf. Da sah ich so mächtig, als hätte ich es noch nie gesehn, da sah ich zum erstenmal einen blauen Morgen, den Sohn des Himmels, mit der grünen, blitzenden Erde vermählt! Alle Vögel des Waldes sangen bei uns in der Höhe, alle Hähne krähten im Tal, und als die Morgenglocken zu läuten begannen, war es mir so klar wie dieser Tag, daß kein Sakristan und kein Dorfknirps an ihrem Seile hing, sondern daß sie es ganz allein unternommen hatten zu läuten, den Frühling einzuläuten und Himmelsbläue auf die Erde zu schleudern und aus den Wiesen und Wäldern den Tau in den Himmel. Seitdem ist es Frühling. Blühende Veilchenhänge, Schlüsselblume, Anemone. Im Wald gibt der Specht Signale auf seiner kleinen Holztrommel. Die guten. Daß es Ernst sei! Daß man diesmal auf den Frühling bauen könne! Und hört nur, da antwortet der Himmel mit dem ersten Gewitter, seinem Ehrenwort, daß der Winter zu Ende. Die Gletscherspalte Meine Frau erscheint mir nicht mehr im Traum. Unser Junge blickt mich schon lange wieder mit Augen an, in denen ich vergeblich nach einem Vorwurf suche. Und doch habe ich ihm seine Mutter verloren! »Verloren?« fragt ihr. Jawohl, auf dem Schneefeld unterhalb des Petergrats zwischen Lauterbrunnen und Lötschental, genauer gesagt auf dem Weg von der Mutthornhütte zum Tschingelgletscher, dort habe ich ihm die Mutter verloren, ich und kein andrer! Jacquot kennt alle diese seltsamen Schweizer Namen und zeigt sie auf der Karte ... Nun also, hier auf dem großen, blauweißen Flecken stürzten Doris und ich in eine Gletscherspalte, das heißt, plötzlich sanken wir in den weichen Schnee ein (es war ein heißer Augustmorgen, Föhnwetter), der Schnee sank unter uns, um uns, so fuhren wir in die Tiefe. Zuerst nahmen wir es von der heitern Seite, denn obwohl wir gut fünfzehn Meter tief gestürzt waren, hatten wir kaum einige Püffe abbekommen, wir waren sogar recht weich gefallen, in Schnee gepackt, der dann unter unsern Füßen irgendwohin weitergereist war, und standen ziemlich bequem, auf festem Grund, zwischen blaugrünem Eis. Die eine Wand war am Boden ein wenig ausgehöhlt. Im hellen Himmel über uns hingen winzige goldene Tagsterne .. Sie erinnerten mich an ein Wappen mit goldenen Bienen auf blauem Grund. Nein, jetzt fiel es mir ein, es war kein Wappen, sondern das Schlafzimmer eines reichen Kaufmanns in Berlin. Wir lachten über die Narrheit, unbedingt in einem Bienennest – schlafen zu wollen. Auch ein Gewitter, das nachmittags mit urweltlichem Getöse über den Gletscher zog, erregte uns mehr, als daß es uns erschreckt hätte. Im Schein eines langen Blitzes, der sich einmal, ein flatternder Flügel, über die Spalte hing, sahen wir uns. Wir standen wie in einem riesigen Spiegelsaal! Entzückt sanken wir einander in die Arme. Kaum, daß Regen in die Spalte fiel, oder wir waren schon so naß, daß wir ihn nicht spürten. Wir hörten ihn nur! Der Gletscher schien bis in seine Tiefen unter unsern Füßen zu rauschen, und er rauschte noch lange, nachdem das Gewitter sich bereits verzogen hatte und wieder Sonne schien. Doris hob ihre Armbanduhr. Sie ging. Es war vier Uhr. Mein Pickel war oben geblieben oder sonstwie verschwunden, aber der Rucksack lag neben uns. Wir tranken heißen Kaffee aus der Thermosflasche, aßen harte Eier und ein Wurstbrot. Lachend stritten wir, wer von uns den andern in dieses kristallene Abenteuer gelockt habe. Es war Doris, soviel mußte ich zugeben, die keinen Führer hatte nehmen wollen, »um endlich einmal mit mir allein zu sein«, und sie klatschte in die Hände, weil der Streich ihr in ungeahntem Maße geglückt war. Wenn ich aber (so ging ich den Dingen auf den Grund), wenn ich ihrem Drängen nicht nachgegeben hätte, was dann? Mochte auch die Idee von ihr sein, so blieb die Ausführung darum nicht weniger mein Werk. In meiner Macht hatte es gelegen, ja oder nein zu sagen. Mit meinem Ja hatte ich die Entscheidung getroffen, ich, nicht sie. »Halt mal«, unterbrach sie mich, und sie stellte mir eine Falle. Hatten wir nicht den Weg zweimal hintereinander mit dem Führer zurückgelegt, ohne auch nur eine Gefahr bemerkt zu haben? Ich glaubte, das spräche zu meinen Gunsten, aber nein, im Gegenteil. Dann durfte ich mir meine Entscheidung auch nicht zum Verdienst anrechnen. Sie hatte keinen Führer gewollt, sie, nicht ich. Wir hatten keinen Führer genommen. Deshalb saßen wir jetzt in einer Gletscherspalte. Ich hatte an keine Gefahr geglaubt? Nun, bitte, da saßen wir. Das wäre uns mit einem Führer nicht passiert. Der hätte uns am Gängelseil brav über den Gletscher gebracht und drunten im Hotel abgeliefert. »Ums Himmels willen,« fiel mir ein, »im Hotel wissen sie nicht einmal, wohin wir gegangen sind!« Ich fühlte, wie sie erbleichte. An ihren Händen fühlte ich es, die ich im Schrecken ergriffen hatte. Um uns über die gruselige Anwandlung hinwegzuhelfen, begann ich zu schelten. Was war das aber auch für ein verfluchter Unsinn, allein über die Gletscher spazieren zu laufen, weil es den Kindern, von sicherer Hand geleitet, ein- oder zweimal oder selbst ein Dutzendmal gelungen war, unangefochten hindurchzukommen! Und ins Hotel zurückgekehrt, fiel Doris ein, zwischen Suppe und Braten den Eindruck zu besprechen, als sei man, in weißer Unschuld über Täler und Höhen schwebend, im Himmel und jeder Gefahr entrückt gewesen, um sodann plötzlich, zur festgesetzten Zeit, reibungslos am Speisetisch zu landen: »He, Bürschchen! Jetzt schwärme mir mal was vor, was ein Mensch alles erlebt, wenn er vom Lauterbrunnen ins Lötschental lustwandelt! ›Das ist ein deutlicher Erdring‹ – nicht wahr? ›Der Äquator ist gar nichts‹ – wie? ›Es gibt keinen Äquator‹ – was?« Sie zupfte mich abwechselnd an beiden Ohren. »Wir wollten ja gar nicht bis ins Lötschental«, widersprach ich. »Nein, wir wollten nur wieder mal zuschauen, was ein Mensch erlebt, der hinübergeht – ›auf gleitender Regenbogenbrücke‹! Kerle, du bist ein Dichter, obwohl du bei der Infanterie gedient hast. Weißt du jetzt, was er erlebt? Er erlebt, daß seine Frau erfriert! Wer paßt dann in Breuschheim auf, daß die Hühner nicht in den Garten laufen? Komm, wärme mich!« Ich nahm sie in die Arme. Auf dem Boden der Gletscherspalte war es zu eng, um nebeneinander zu liegen, aber das machte uns nichts, und wir versanken in Liebkosungen, unser Blut, unsre Ohren brausten davon. »Du hast mich noch nie so geliebt!« rief Doris plötzlich aus, sie schrie auf, noch einmal, ihr Herz wankte im Triumph. »Ich habe noch nie so gefürchtet, dich zu verlieren«, flog es mir durch den Kopf, und ich weiß, daß sie gleichzeitig dasselbe dachte, ich weiß es, wenn ich es auch damals nicht recht verstand .. Entwurzelt und hingerissen, taumelnd in Raum und Zeit, schlug sie mich in Banden, bis ich mich zu fürchten begann. Sie aber hatte aufgehört, sich zu fürchten, mich zu fürchten, sie hatte die Furcht selbst und alles vergessen, alles außer ihrem Triumph. »Mein bist du, mein – endlich mein. Niemand mehr wird dich mir nehmen. Eher töte ich dich. Ach, Claus, wie hab ich dich lieb ...!« »Siehst du, wie recht ich hatte,« sagte sie, als wir wieder nebeneinanderstanden. »Ich mußte endlich einmal mit dir allein sein.« War sie es denn nicht oft genug? Nein, nicht so. »Und wer sagt mir, daß du dann nicht an die wilde Maria Capponi denkst?« Ich lachte: »Wilde?« Sie nickte. »Aber Doris! Sie ist doch die Vernünftigkeit in Person! Ich schwöre dir, ich habe sie nie wild gesehn!« Sie schüttelte den Kopf. Sie wußte es besser .. Dann wußte sie eben mehr als ich! »Vielleicht«, schloß sie und sah auf die Uhr. Es war fünf. Um diese Zeit kamen die Touristen aus dem Lötschental über den Gletscher. Wir beschlossen, von Zeit zu Zeit zu rufen, aber wir erkannten gleich, daß unsre Rufe in der Spalte stecken blieben oder doch nur wenig darüber hinausdrangen. Wir saßen zu tief. »Sie werden mein Pickel finden«, sagte ich, »oder jedenfalls die Einbruchsstelle bemerken. Sie ist ja offen!« Und wir tranken den Rest des Kaffees, weil wir uns heiser gerufen hatten. »Erzähl mir was!« bat sie müde. »Hallo, Doris!« Ich ermahnte sie. »Unter keinen Umständen darfst du einschlafen. Hörst du? Unter keinen Umständen einschlafen!« Sie räkelte sich. »Ich weiß. Deshalb habe ich dich ja gebeten, mir etwas zu erzählen!« Ich zog meine Überstrümpfe aus, legte sie ihr über die Schultern und bat sie, sich leicht gegen die Eiswand anzulehnen. So konnte ich sie am besten im Auge behalten. Und ich erzählte. »Weißt du noch, wie wir mal ...« »Erinnerst du dich ...« O, wir wurden immer munterer. Doris erzählte gern, und ich dankte dem Himmel für diese Eigenschaft. Von Zeit zu Zeit riefen wir. Plötzlich sang Doris ein Lied! Das war eine glänzende Erfindung. Denn das vergebliche Rufen hatte unsre Stimmung gedrückt. Wir sangen nur mehr Lieder, allein oder gemeinsam. Es war acht Uhr. »Claus, ich erinnere mich an einen Frühlingstag im Winter. Es ging gegen Mittag, ich saß im Hotelzimmer auf dem Sofa. Über dem Fenstersims lief, merkwürdig fern, eine Reihe Schieferdächer. Das war Freiburg. Ich war von Rheinweiler herübergefahren, um mit einem Anwalt zu sprechen. Ich wollte die Scheidung. Ja, Maria Capponis wegen ... Sie war von Kind auf deine Geliebte, und wenn du schlechter Laune warst, so fuhrst du zu ihr und kamst vergnügt zurück. Und dann warst du auch wieder ganz verliebt in mich und wild und quältest mich – recht eintönig, du mußt schon erlauben. Du ließest mich verstehen, es gebe etwas Großes, Erschütterndes, dem ich ewig verschlossen bliebe: Leidenschaft ... Trotzdem gingst du mit starken Schlägen gegen das Tor an. Von alledem verstand ich nur so viel, daß wir uns trennen mußten ... Ich saß also im Hotelzimmer und blickte zum offenen Fenster hinaus. Über den Dächern ragten zwei hohe Pappeln und, weiter entfernt, zwei kleinere. Es lag etwas wie Schweiß der Erde in der Luft. Das kam von der heißen Frühlingssonne. Es war Winter, Claus, mitten im Winter! Höher, in der Bläue, über sie hin, soweit ich blickte, war Wolkenschmelze, die das Blau wässerte, so daß der Himmel in Milde verging ... Vom Berg, durch die Pappeln, kamst du gelaufen, Claus! Dein kurzes Atemholen an den kleinen entfernten Pappeln, du hobst den Arm, klang wie ein Traumruf. Du trugst einen weißen Tennisanzug und einen Strauß Veilchen im Gürtel. Kamst gelaufen auf das offene Fenster zu, schnurstracks ... Ich schloß die Augen. Zog den Duft der Veilchen ein. Sie standen vor mir auf dem Tisch, ich starrte lächelnd auf sie und dann wieder ins Freie, in den Rauch der Kamine, einen Rauch wie von kleinen Opferfeuern, über der besonnten Stadt. Ich ging hinunter in den Salon und musizierte, stundenlang, ich vergaß das Mittagessen, so beschwingt war ich. Traurig? Nein, aber auch nicht froh, eher beides ineinander. Ich wußte nur, daß ich nicht von dir los konnte ... Nachher suchte ich eine Wahrsagerin auf und erzählte ihr meinen Traum. Ich hätte ›Gesicht‹ oder ›Vision‹ sagen sollen, aber das hätte sie vielleicht nicht verstanden. Ihr Beruf war, sich mit Träumen zu befassen ... Sie sagte mir, ich würde ein teueres Wesen verlieren, und tröstete mich mit dem Wiedersehn nach dem Tode.« »Ja, Doris, und ich holte dich in Rheinweiler ab. Die Tante segnete aufs neue unsern Bund. Das heißt, erst warst du noch böse ...« »Kerle, du tatst, als ob nichts gewesen wäre! Aber meine bösen Worte, Claus, waren ja nur ein Spiegel, in dem ich mich selbst verzerrt erblickte. Kinder waren wir, immer nur Kinder, obwohl du schon einundzwanzig alt warst, als wir heirateten. Kinder – bis heute. Warum bestehst du eigentlich darauf, daß wir die Erwachsenen spielen? »Vorbei! Bestehe nicht mehr! Aber sag, Doris: erinnerst du dich, wie ich dich zum erstenmal nach Breuschheim brachte ...? Als Knabe roch ich den Frühling auf den engen Wegen zwischen den Reben, wie man von weitem einen Brand riecht. Fein schmeckt das! Ich lag im Wald, der wiederum anders roch, nach Harz und heißem Tannenreisig, ich sprengte durch die Wiesen, das Gras reichte mir bis an den Mund. In einem Weizenfeld verschanzt, spürte ich zum erstenmal, wie die Liebe zu mir kam. Damals durchwuchs die Heimat mich, wie Urwald. Wald, Wiese, Fluß, Reben, Berg und Tal und die Luft, die Tageszeiten, die Jahreszeiten, das lebte alles und gedieh in mir und war da, deutlich, zum Greifen. Die Flut andrer Länder ging darüber. Es blieb da. Ein Gedanke genügte, damit es heraussprang. Dann kam ich wieder: mit dir! Ich schritt wie ein Sieger, der ein Königreich verschenkt – sein größtes, sein schönstes, ach was, sein einziges! Wie war durch dich die Heimat vertieft, bis auf den Grund deines Herzens, und in den Himmel erhoben, dem wir uns maßlos anvertrauten! Die Liebe, deren Atem mich im Weizenfeld angehaucht hatte, hier stand sie bekränzt, ihre starken, klaren Hände hielten mein Herz. Später, in Sommernächten, als wir aneinander litten – standen wir nicht dennoch im Rebengang des Gartens, Leib und Seele verschmolzen? Siehst du ihn noch, den Mondschein auf dem gelben Sand? Den unendlich zarten Schatten der Weinblätter? Die festen Striche der Pfähle? Die weiße, weiße Wand unseres Hauses in der hellen Nacht? Du!! ... Sie ist nur noch in dir, meine Heimat, soweit du sie besitzest und erhältst. – Ich bitte, bringe den fremden Mann zurück in die Heimat, ich bitte, ich bitte: Gib!« »Was sollte ich dir denn geben, was du nicht schon besäßest, Claus? Mehr habe ich nicht ... Mir scheint, diese Worte habe ich genau so schon einmal gesprochen, ich glaube, im Anhalter Bahnhof. Du fuhrst von Berlin fort, ich sollte noch einige Tage bei meinen Verwandten bleiben. Es war eine Belohnung. Ich sollte tanzen dürfen, Museen und Theater besuchen, neue Menschen sehn. Wenn du bei mir warst, wolltest du ja immer allein sein. Kaum war dein Zug aus der Halle gelaufen, da wurde alles um mich zu einem glücklichen Traum. Ich besuchte Museen und Theater, sah Haufen von Menschen, tanzte und lachte – wie im Traum ... Du hattest mich reichlich belohnt: ich durfte auch noch über München heimfahren. Ach, mein München! Ich hatte ein hübsches Zimmer in den ›Jahreszeiten‹, konnte die vier Türme der Theatinerkirche sehn und die beiden Zwiebeln der Frauenkirche, alle grün patiniert, große Architekturflächen des Hoftheaters und des Marstalls, und unter dem Fenster lief eine Dorfstraße vorbei, die ein weltkundiger Bürgermeister ganz städtisch hatte pflastern lassen. Hier wollte ich dich erwarten ... Mir war zumut wie als Mädchen in den Exerzitien vor Ostern. Ganz war ich auf dich beschränkt und versenkte mich, um dich würdig zu empfangen ... Ich sah wieder viel Menschen, war abends im Konzert, aber in der Nacht konnte ich nicht schlafen. Mein Herz hungerte nach dir, meine Hände schmachteten nach den deinen. Zärtlich hüllte ich mich in meinen Körper. Die Hände legte ich lautlos an die Hüften, die Beine dicht aneinander: fast war ich du ... Ich schloß die Augen, um mich ganz in dich zu verwandeln ... Mein Körper war mir heilig. Nun warst du da ... Ich hatte lange gewartet mit der alleinigen Kraft meiner Zärtlichkeit, ohne Begierde. Du warst gekommen, wie ein Traum aus dem andern rinnt. Nun war ich du. Wie warst du mein! ... Sag, Claus, ist das nicht Liebe?« »Ach, Doris, du! Als ich dich kennenlernte, dachte ich: sie ist, fertig, diesem Frühling entsprungen. Sie riecht wie diese Erde, an einem warmen Tag vor Ostern. Scheu ist sie und herb und grenzenlos in ihrer Hingabe, wenn sie schauert vor der Gewalt der Liebe und in Dumpfheit verfällt – Befangenheit in feuchter Wärme wie die Erde an einem sonnigen Tag vor Ostern. Sie ist treu wie dieser Baum, der sich krampfhaft zusammenzieht vor der Lust der Säfte, die sich in ihm rühren. Ihr Leib bebt in der Umarmung, als zerschlüge ihr Herz sie, ihre Augen weinen vor Glück, sie fürchtet sich, voller Sehnen, nach dem lautlosen Donnerschlag, mit dem die Knospen springen. Wie strafft sich ihr Körper, um sich selbst abzuschnellen! Frühling! Frühling, ich hätte nicht erfahren, was das ist, wäre ich ihr nicht begegnet ... So wurde Köln für mich eine heilige Stadt. Dann wandelte der Sommer vor uns, korngelb und groß. Du warst Mutter geworden. Üppigkeit ohne Schwere nistete zwischen deinen Gebärden, du bewegtest eine sanfte Fülle, die dich einhüllte wie ein schweres Tuch von ganz zartem Gewebe. Du warst wissend, ohne Frechheit. Dein Übermut selbst schenkte von deiner Weisheit und Güte dem, an dem er sich ausließ. Manchmal befiel dich die schwüle Unsicherheit eines Gewittertags –, der erste Blitz riß dich in dein Selbstbewußtsein zurück. Dann hobst du dich wie der Baum im Unwetter, das sich über ihn ausgießt. Bei jedem Blitz maßest du, gleich dem Baum, aufschnellend auf dem durchwurzelten Platz, deine ganze Größe bis zum Scheitel und wichst nicht um eines Fingers Breite von dir ab. Wie bist du schön am Abend, wenn du dich vom Kinde getrennt hast und in deinem Sturmhut von Haaren, mädchenhaft schnellfertig und wie umklingelt von deinem Lachen, ein wenig den Kopf neigst, um durch das Abendtor in die Nacht zu springen! Siehst du mein großes Zimmer in Breuschheim? die Bücher? die Bilder? meinen Tisch? den Diwan? die Fenster auf den Garten hinaus? im Mondlicht geistern die Berge –, wie bist du mein und weißt, königlichen Herzens, was das ist! Wieviel Fülle, Kraft und dreifach in allen Proben gehärtete, ach so lockere Anmut –, meine Doris! Der Frühling heißt jetzt Sommer. Es wäre in jeder Weise voreilig von ihm, sich mit dem Gedanken an den Herbst abzugeben. Er weiß von ihm, wie das eine Ufer des Baches vom andern weiß, wenn sie sich bei besonderen Sonnenuntergängen im Wasser vermischen. Fast zu heftig ist solcher Farbenrausch, zu groß die Stille der Stunde, ein ferner Glockenschlag erschüttert einen bis zu Tränen – als sei das der Tod, der da in der Gestalt eines blauen Falters geflogen käme ... Das sind Dinge, die auf die Nerven gehn, uns allen, Mensch und Tier, Doris, wahrhaftig, ich liebe dich über alles. Ich habe immer nur dich geliebt!« »Danke, Claus, danke!« Ich war bereit, ihr alles zu sagen von Maria und mir, aber, als erriete sie meinen Gedanken, wehrte sie ab: »Wenn nicht Maria, wäre es eine andre gewesen. Wir waren Kinder und wollten spielen, ich mit fremden Menschen und Ländern, bei Tanz und Musik, und du, mannshoch, mit Frauen. Ich bin vielleicht nicht für die Liebe geschaffen, Claus, es sei denn, daß du meine Art zu lieben schätzen lernst ... Sie ist bitter, die Liebe. Es lebt sich schwer mit ihr. Man will herrschen und triumphieren. Der andre auch ... Ich verstehe es jetzt. Siehst du, deshalb wollte ich einmal mit dir allein sein. Es gab zuviel, was ich nicht verstand.« »Und jetzt verstehst du?« »Ich fange an ... Aber, nicht wahr, Claus? wir wollen uns nie mehr quälen? Unter keinem Vorwand. Wenn einen von uns der Teufel reitet, so schwenken wir ab und lassen ihn sich austoben, bis er genug hat. Und dann, dann kommen wir wieder und fressen aus der Hand.« »Doris, ich schwöre, nie mehr!« Sie hob sich auf den Zehen, streckte sich und legte mir mit ausholender Gebärde die Arme um den Hals: »Ach, wie ich mich auf das Wiedersehen mit Jacquot freue!« Leise lachte sie in sich hinein. Es war neun Uhr. Berauscht von unserer Liebe, hofften wir mit jeder Minute stärker. Wir glitten lange an der Grenze der Gewißheit hin.   Als es aber Nacht wurde und niemand kam, uns zu helfen, als es Nacht geworden war, ... verbrachten wir sie entsetzt in den großen, weißglühenden Nachtsternen über der Gletscherspalte. Wir sprachen, sprachen immerzu. Es war herrlich, was wir einander sagten. Es war furchtbar. Wir schrien und küßten, an allen Gliedern bebend, auf dem Marterbett des Todes. Es war furchtbar. Es war nur furchtbar. Mit meinem Taschenmesser stach ich Eisstücke aus den Wänden, denn wir verdursteten, bis es abbrach. Es war mir lieber so... Ich fühlte mich meiner nicht ganz sicher, wie wir so sprachen, immerzu sprachen und, in eine einzige Fackel, lichtlos im Innern verbrennend, gehüllt – einander würgten und küßten. Die Wände der Spalte schienen immer enger zu werden. Sie erdrückten uns. Doris hatte es nicht bemerkt, wie die Klinge abgebrochen war. »Sobald es hell ist, Doris,« stotterte ich, »bald, ganz bald ... will ich mit dem Messer Tritte ins Eis schneiden. Wir klettern heraus. Gestern abend, als mir das mit dem Messer einfiel, gestern hätte es keinen Zweck gehabt. Wir wären doch nicht vor Nacht nach Hause gekommen.« »Nein«, sagte sie. Hunger verspürten wir keinen. Es war jetzt ganz hell, aber ich konnte sie nicht mehr hindern einzuschlafen. Wie ich sie, an mich gedrückt, sie schüttelnd, sie rufend (o, wie süß klang und wie fern schon ihre Antwort: »Ja, Claus«) am heißesten liebte und dachte, diese Gletscher alle müßten schmelzen in meiner Glut, da spürte ich plötzlich einen kalten Hauch sich auf mein Gesicht legen, und es fiel Schnee. Nein, es war ihr Kopf, der auf meine Schulter gefallen war. Sie schlief! Sie war verloren. Ich ließ sie auf den Boden der Gletscherspalte gleiten und legte mich auf sie. »Es ist nicht Platz genug, um nebeneinander zu liegen«, murmelte ich zur Entschuldigung und schob ihre Hände unter mich und die meinen unter ihren Kopf, nun würde ich auch gleich einschlafen. Gleich hätte ich sie eingeholt in ihrem Schlaf, und mir war, als schliefe als dritter der kleine Jacquot bei uns, ja, als wäre er noch gar nicht geboren, als träumten wir ihm erst entgegen... Ich spürte ihre Hände mild unter mir, an meinem Schoß, und mein Gesicht lag so auf dem ihren, daß die Wimpern meines rechten Auges gegen die Wimpern ihres linken Auges strichen, doch diese rührten sich nicht. Da durchfuhr mich ein Gedanke wie Feuer. Ich lag hier, um sie zu wärmen, ich mußte sie warmhalten, damit sie nicht erfror, nur das brauchte ich zu tun, so konnte sie ruhig schlafen, bis Hilfe kam. Wir waren gerettet! Wir lebten! Plötzlich hörte ich Jacquot Vater und Mutter rufen, und ich antwortete ihm, wir unterhielten uns – lachend, schreiend, mit allen Flüchen der Hölle und gleich darauf zärtlich, wie ich mich nie gekannt hatte, unter Tränen und wuterstickten Drohungen erzählte ich ihm, was mit seinen Eltern geschehn war, ich erhob mich auf den Knien, um lauter zu sprechen. »Jacquot!« rief ich, »Jacquot!« denn mir kam es vor, als ob seine Stimme sich wieder entfernte. Indem ich die Knie gegen die Wände der Spalte stemmte, versuchte ich, mich mit den Ellenbogen emporzuarbeiten. »Jacquot, hörst du mich?« Jetzt war seine Stimme ganz nahe, und aufstöhnend ließ ich mich mit den Knien und Ellenbogen zurückgleiten, langsam und vorsichtig, um Doris nicht wehe zu tun, und ich legte mich auf sie, um sie zu erwärmen. Wieder fühlte ich ihre Hände und streichelte mit meiner Wimper die ihre. »Schlaf, mein Liebling,« wünschte ich ihr, »schlaf nur! Ich kümmere mich um das Kind, ich halte es da.« Denn die Unterhaltung mit dem Kind, die wollte ich um nichts in der Weit abreißen lassen. Jacquot mußte, mit Gottes oder des Teufels Hilfe, in der Nähe gehalten werden – und wenn es ihm selbst Tränen und Blut kostete, er mußte bei uns sein. »Hier, Jacquot, hier!« Ich brüllte, ich schmeichelte, mit unerschöpflichen Tränenströmen rief ich ihn, ich zerriß ihn mit meinen zornigen Worten in Stücke, je nachdem, ob seine Stimme sich näherte oder entfernte. In gleichem Maße entwand ich mich mit den Knien und Ellenbogen, mit Zehen und Fingern der reglos ausgestreckten Frau und holte Jacquot zurück und ließ ich mich auf sie nieder, um sie zu erwärmen. Manchmal bedurfte es Stunden besessener Arbeit, bevor ich die Stimme des Kindes wieder vernahm, und ich konnte nicht eine Minute auf Doris liegen bleiben, weil Jacquot gleich wieder davonlief. Dann kam ich fast bis zur halben Höhe des Spalts hinauf, immer bis an die gleiche Stelle, wo die Wände sich einander näherten und ich nicht einmal mit einem einzigen Ellenbogen Platz fand. Andre Male glaubte ich, das Kind an der Hand und auf Doris liegend, einen langen erquickenden Schlaf getan zu haben. In solch einem Augenblick bemerkte ich, daß Dorisens Augen halb geöffnet waren. Ich erschrak furchtbar, ich glaubte, ich hätte sie mit meinem Geschrei und Getue geweckt. Sie mußte aber schlafen, bis Hilfe kam. Sie durfte nicht vorher aufwachen. Sonst war alles verloren. Sonst starben wir. Ich schloß ihr unter angehaltnem Atem die Augen, mit den Lippen schloß ich sie zu, aber gleich darauf standen sie wieder halb offen. Da fühlte ich, wie ich verrückt wurde. In meinen rotglühenden Kopf griff eine eisige Hand, die suchte zwei, drei Sekunden darin herum, dann drückte sie zu und – und hätte mich beinahe mit einem Ruck mir selbst entrissen! Was wäre zurückgeblieben? Ein Bündel Lumpen und Angst ... Glücklicherweise fiel mir rechtzeitig ein, daß ich Doris schon einmal so hatte schlafen sehn, mit festgeschlossenem Mund und halbgeöffneten Augen, sogar sehr oft, im Bett, im Freien, einmal auf dem Pferd, als wir in einer Vollmondnacht dicht nebeneinander nach Hause geritten waren. Ich sah deutlich unsern Schatten auf dem langsam gleitenden Spiegel der Breusch, wie er bald ein Stückchen vor, bald hinter uns mitging. Deutlich sah ich ihr mondweißes Gesicht und einen bläulich silbernen Tropfen in jedem der halbgeschlossenen Augen. Und ich schluchzte endlosen Dank. Es war ein stummes Schluchzen des Körpers in seiner Tiefe. Ich hatte weder Tränen mehr, noch eine Stimme. Wie die Sterne des Tages denen der Nacht zu weichen begannen und ich mit tonlos wimmernden Lippen zu Jacquot sprach, vernahm ich ... allmählich ... von weit her ... eine fremde Stimme. Und da geschah das Wunder. Ich schrie! Nachdem ich seit Stunden unfähig gewesen war, den leisesten Hauch mit den Lippen zu formen, schoß, ganz von selbst, ein Schrei aus meiner Kehle, ein Schrei, wie ich ihn niemals, weder vorher noch nachher, ausgestoßen habe. Das Seil, das sie zu mir herabließen, erwies sich als zu kurz. Sie mußten zur Mutthornhütte gehn und Hilfe holen. Als sie wieder riefen, antwortete ich nicht. Ich schlief. In Tücher gepackt, zwischen Wärmflaschen, mit Wickeln an Händen und Füßen wachte ich auf. Erst sah ich nichts als glühendrote Sonne. Ich lag auf einem Feldbett im Freien. Dann erkannte ich die Mutthornhütte. Ich schaute mich um, ob ich ein andres, gleiches Bett entdeckte. Nein, ich war allein. Ich fragte nicht. Sie packten mich auf und trugen mich hin unter ins Tal. Ich schlief. Mein Haus Seitdem wohne ich in einem einstöckigen Häuschen am Rande des Schwarzwalds, oberhalb Rheinweilers. Zwischen Rheinweiler und dem Waldhaus liegt der Kurort Römerbad. Die Römer haben ihn gegründet, und die warmen Quellen, in deren Wasser sie gebadet, fließen noch immer. Die Ruine ihres einfachen, aber höchst eleganten Bades liegt hinter dem neuen, prächtig zeitgemäßen Marmorbad, im Park des Grafen Breisach. Während der schönen Jahreszeit ist der Ort sehr belebt, der Winter, obwohl mild, verschließt ihn der Außenwelt. Dann liegen die vielen Hotels und Villen in anmutigem Verfall, ein Tag gleicht dem andern, keiner wird gezählt. Dann herrscht der Hochwald mit seinen Stürmen, seinem nicht minder unheimlichen Schweigen, und es wandeln die paar Einwohner, auch am hellichten Tag, in traumhafter, einem etwa durchkommenden Fremden unverständlicher Erregung als die Nachtwächter des versunkenen Kurortes, einzeln und in Gruppen Hier ist der warme, gehütetste Winkel des alemannischen Gartens. Lebte ich hier in der Verbannung, es wäre das schönste Exil der Welt, am Rande eines tiefen Waldes auf der einen, eines ständig sich wandelnden Himmels auf der andern Seite und so heiter! Meine Tante lieh mir ihren Chauffeur, der sommers gärtnert und Holz spaltet, winters Feuer anmacht und das Haus putzt, auch bedient er bei Tisch. Er tut ein übriges, indem er der Köchin das Geschirr wäscht. Er heißt Grether Fritz und ist aus Rheinweiler gebürtig. Mit Ausnahme von ihm und einem verkrüppelten Vetter sind alle Männer seiner Familie im Krieg gefallen, und die Frauen haben zu ihren elsässischen Verwandten über den Rhein gewechselt. Der Krüppel ist verschollen. Er soll als Bettler in den Städten reich geworden sein. Dagegen ist dem Fritz, der im Lande und ein armer Teufel geblieben, kein Haar gekrümmt worden, wiewohl er vier Jahre lang von der russischen zur französischen Front unterwegs war, doch, sagt er, habe er vom Reisen für sein Leben genug. Er hütet Jacquot wie ein ganz kluger Hund, ein noch klügerer als Barry, und Jacquot vergilt es ihm mit einer ständigen Sorge um sein Wohlbefinden. Er steckt ihm nicht nur jede erreichbare Wurstware zu, er gibt ihm auch von der Schokolade und den Waffeln ab, womit die Großmutter in Breuschheim und der Großvater in Köln ihn reichlich versehn. Ihre liebste Beschäftigung ist das Studium von Automobilen, die im Umkreis einer Stunde vorbeifahren, (Jacquot erkennt eine Automobilmarke von weitem, am Geräusch des Motors, am Bau der Karosserie) ihre gemeinsame Klage, daß wir kein Auto mehr besitzen, wenigstens nicht auf dieser Seite des Rheins, und ihr Festtag, wenn sie »eins ausheben«, das heißt, wenn sie »auf eine Panne stoßen«. Dann wird den fremden Kollegen geholfen! Sie reden wochenlang davon, bis zum nächsten, das sie »ausheben«, und Jacquot führt ein Buch, »der Kalender« genannt, darin sind die Tage vermerkt, wo ein Auto vorbeifuhr, und die Sonntage, wo eines stecken blieb. Und dies genügt, daß sie beide vergessen, wie eintönig das Leben hier oben verläuft. Meine Mutter schickte ihre Köchin, die ebenfalls Kathrin heißt wie die in unsrer Familie unsterbliche, halbblinde Köchin meiner Ururgroßmutter. Unsre Kathrin ist nicht blind, nur leider zu alt, um mit Grether Fritz den Bund fürs Leben einzugehn. Grether Fritz macht sich nichts aus Frauen. Er ist genug gereist. Tante Sidonia hat mir das frühere Jagdhaus zur Volljährigkeit geschenkt, und Doris und ich haben unsre Flitterwochen und dann noch manchen Sommer hier verlebt. Hier ist Jacquot geboren. Das Haus liegt einsam. Bis zur Eisenbahnstation Rheinweiler ist es eine gute Stunde, Römerbad erreichen wir in zwanzig Minuten, doch ist Jacquot der einzige von uns, der von den zauberhaften Einrichtungen des Kurorts Gebrauch macht. Nach dem Krieg fanden wir das Haus von einem angeblichen Waldhüter bewohnt. Ich sah ihn mir an. Es war ein russischer Gefangener, der in die Familie eines vermögenden Bauern eingeheiratet hatte. Der Bauer war Bürgermeister eines Dorfes hinter Römerbad und hatte seinem Schwiegersohn im letzten Kriegsjahr das leerstehende Haus als eheliche Wohnung zugewiesen. Doris und ich mußten deshalb erst in Römerbad Wohnung nehmen. Wir kannten das Hotel und seinen Besitzer, Herrn Muser. Nirgends hätten wir besser aufgehoben sein können. Es ließ sich leben, es ließ sich viel vergessen hier und manches sinnen und trachten. Wir wollten einige Tage im Hotel zuwarten und blieben Wochen. Tante Sidonia zählte die Familie Muser zum »besten Hoteladel«. Nicht minder wahrscheinlich, als daß die von ihr hochgeschätzte Schweizer Zirkusfamilie Knie schon im alten Rom mit Roß und Gauklern aufgetreten, wäre ihr die Annahme erschienen, die Beamten und Offiziere der weltbeherrschenden Stadt seien in Römerbad bei der Familie Muser abgestiegen. Jedenfalls lebten die Muser in der Erinnerung des Landes dasselbe ewige Leben wie die Rheinweiler und die Breisach. Auf alten Stichen sah man das erste Hotel in Römerbad: ein hübsches Gebäude im klassizistischen Geschmack, von dem auch in der Literatur der Zeit verschiedentlich die Rede war. Es hieß »Zum Vogesenblick« und war von den Muser gebaut. Im Lauf der Zeit wuchs das Lustschlößchen zu einem riesigen Palast an, aber es hieß noch immer »Zum Vogesenblick«. Darauf regierte nun Herr John Muser, ein bürgerlicher Edelmann, der auf der Welt nichts so liebte wie das Geigenspiel. Doris musizierte mit ihm. Von fern zuhörend, verschlang ich deutsche Zeitungen, von denen mir seit dem Waffenstillstand keine mehr zu Gesicht gekommen war, aber sie machten mich nur noch hungriger. Um satt zu werden, abonnierte ich auf ausländische Blätter. Ohne den Reiz zu verkennen, der in der Fremdheit der Sprache lag, konnte ich mir doch nicht verhehlen, daß diese führenden Weltblätter einander glichen wie das Eisengeschäft en gros in Sidney dem Kolonialwarenhaus en gros in Hamburg, wie eine Pariser Damenschneiderei einem Londoner Reisebureau und das Berliner Bureau des Kalisyndikats dem Bukarester Bureau der westöstlichen Erdölgesellschaft. Was an »letzten Nachrichten« in den Zahlentabellen des Kurszettels auf den Pulsschlag genau sich ausdrückte, das war auf den ersten Seiten der Zeitung in eine allgemein mißverständliche Sprache übertragen, mit der die Leser in Ermanglung einer zeitgemäßen Bildung nicht nur sich selbst, sondern auch ihre unschuldigen Frauen und Kinder fütterten, wodurch ständig Millionen Opfer für einen neuen Börsencoup der Weltgeschichte im Namen eines altvertrauten Gottes bereitgestellt blieben. Bald ließ ich die Zeitungen und schaute mit ungemischter Lust auf die roten Absätze von Mozartischen Weisen, stand ergriffen vor dem Gesicht eines Konzerts von Beethoven, in das Tag und Nacht und die Jahreszeiten sich mit Menschenhand eintrugen, sah die nervösen Kondottierefäuste Wagners sich öffnen und, das Schwert wegwerfend, in zweideutiger Lust vergehn, folgte innig vergnügt den langen, gesalbten Fingern Debussys, die über die Formen eines Frauenkörpers glitten, ohne zu verweilen, lauschte den neu entdeckten Vogelkonzerten der Jüngsten. »Verweile,« rief ich, »verweile um mich, Seele Welt, du Krieg und Friede der Engel!« Wenn die zweifellos gerechtfertigten Gelüste der Gottesgeschöpfe das Maß der Verlogenheit übersteigen, sagte ich mir, so macht man Musik ! Das Reich der Begierde dehnt sich grenzenlos, ein Augenaufschlag schluckt das Irrlicht eines Hundertpfundscheins, Wimpern ziehn, sich hebend, auf ihren Schwingen zahllose Sklaven ans Licht, in hohem Gesang, der ertönt, öffnen sich lautlos die Pforten der Hölle... Und nirgends in der Welt lebten auf einem Fleck soviel begeisterte Musiker beisammen, wie im königlich-preußischen Generalstab – auch das sagte ich mir, lächelnd. Für eine Weile war die Zeit entgiftet. Wir versäumten nichts im Hotel Vogesenblick, und wenn Doris mit eins falsch spielte, weil sie, überwältigt, an etwas andres dachte als an ihre Noten (Herrn Muser geschah das nie!), so liefen die Noten, vom geduldig maßregelnden Hotelier auf dem Fuße gefolgt, von allein weiter. Ich erriet, was Doris vom gestrigen, vom morgigen Tag in so verwirrender Weise beschäftigte, und der musikalische Traum des Menschen setzte sich fort, von allein, und es tat gut, so zu leben, so zu hoffen, so bereit zu sein für Glücksfälle, die vielleicht niemals einträten, vielleicht aber auch schon morgen. Doch eines Tages erkrankte Herr Muser an einem Hexenschuß in der rechten Schulter, da beschloß ich zu handeln. Ich machte dem Bürgermeister des Dorfes hinter Römerbad, dessen Schwiegersohn mein Haus besetzt hielt, einen Besuch, lud ihn nach Rheinweiler ins Schloß und bat den Amtmann des Bezirks sowie einen bekannten Rechtsanwalt, mir bei der Erörterung der Wohnungsfrage zwischen einer Flasche Markgräfler und einer Flasche Burgunder Weines behilflich zu sein. Die wirklichkeitsfrohe Gesellschaft kam über grundsätzliche Erörterungen gar nicht hinaus, »der Gerechtigkeit halber« erbot sich der Bürgermeister spontan, mir in meinem Hause Raum zu schaffen, und als die Tante für eine Weile hinausgegangen war, fluchte er grimmig auf die hergelaufenen russischen Schwiegersöhne. »Gibt es denn hier herum so viel?« fragte ich verwundert, worauf der Wackere mit der Faust auf den Tisch hieb, daß der Wein in den Gläsern wippte. »Man könnte ein Regiment daraus bilden!« versicherte er, und dann begann er mit dem Amtmann zu flüstern; er wollte wissen, ob es kein Mittel gebe, die lästigen russischen Schwiegersöhne abzuschieben, wohin, das war ihm gleich. So richteten wir uns denn in unserm Waldhaus ein. Wir vertrugen uns nicht schlecht mit unsern Zwangsmietern, jedoch die ungenierte Lebensweise der Meinen mißfiel ihnen, und sie zogen aus. Wohin, das war nun wieder mir gleich. Jacquot besucht die Schule im Städtchen, ich lerne mit ihm. An schönen Tagen geht er im Kurpark Römerbads spazieren, wechselt prüfende Blicke mit kurzröckigen Fräulein, die ihm aber meist aus guten Gründen mißfallen. Dagegen bleibt er stehn, wenn ihm ein andres Mädchen begegnet, mit Namen Anna Gräßlin. Sie lächeln einander an, manchmal führen sie, ein paar Schritte nebeneinander hergehend, ein bedächtiges Gespräch. Das Mädchen ist die Tochter einer Weinhändlerswitwe, die mit dem Baron Breisach im Römerbader Schloß Beziehungen unterhalten soll. Grether Fritz spricht abfällig von ihr und gibt acht, daß Jacquot der armen Kleinen nicht zu nahe kommt. Den Baron Breisach, er scheint mir übrigens nicht ganz bei Verstand zu sein, haßt der Junge, er weigert sich, ihm die Hand zu reichen, und weicht ihm, sowie der Baron auf einem Waldweg auftaucht, von weitem aus, wobei er heimlich Barry auf ihn scharf macht. Von alledem höre ich nur durch Grether Fritz. Trotzdem glaube ich meiner Sache sicher zu sein: Jacquot hegt keinen Argwohn mehr gegen den Vater, und wenn er so oft von der Schweiz, dem Petersgrat und dem Tschingelgletscher spricht, so hofft er noch immer, so wünscht er unbändig, daß ich mit ihm in die Schweiz fahre und ihn wie einen Hund, den man auf die Fährte setzt, dort oben suchen lasse. Er wird die Mutter finden! Als ich ihm kürzlich sagte, die Mutter liege bei uns daheim in der Breuschweilener Kapelle begraben und ich würde ihn vielleicht bald einmal hinführen, so glaubte er mir nicht. Ich hatte es ihm ja auch bisher verschwiegen! Warum? Weil es meinem eigenen Gefühl mehr entsprach, Doris in Eis und Schnee »verloren« zu haben? Weil ich heute noch mit Schrecken an das Begräbnis meiner Großmutter denke, wo ich, so alt wie heute Jacquot, aus purer Konvention sinnlos gequält wurde? Eine Nacht in Breuschheim Als sie Doris in Breuschheim beisetzten, lag ich zu Zürich im Krankenhaus, man verheimlichte mir alles, bis eine Mitteilung eintraf, die, von der Greisenhand meines Vaters geschrieben, lautete: »Doris ruhe bei uns in Breuschheim«. Sofort ließ ich durch den Arzt telephonisch anfragen, ob Jacquot beim Begräbnis gewesen sei. Nein – er hatte nichts gesehn und nichts gehört, und als wäre mein Gewissen nun beruhigt, verlangte ich nach ihm. Meine Mutter brachte ihn im Auto nach Zürich. Sechzig Jahre ruhten sauber gefältelt auf ihrem Gesicht. Es war mein erstes Lächeln, als ich die alte Frau mit dem Kleinen an der Hand ins Zimmer treten sah. Ihnen folgte meine Schwägerin Pia. Gleich fielen mir ihre geübten Augen auf; sie maßen mich mit einem Blick. Davon abgesehen, glich sie Doris, doch schien sie größer, leichter, kühler. Ihr Gesicht hatte einen neugierig ernsten Ausdruck. Ich wollte Mutter und Sohn an meine Brust reißen, aber die steifen Glieder erlaubten es nicht, mit Mühe unterdrückte ich einen Schmerzensschrei. Sie setzten sich zu mir. Da war er also, Jacquot! Ich betrachtete ihn. Er sah sich immerfort nach der Tür um. »Sag doch etwas, Jacquot!« bat ich, denn ich wollte seine Stimme hören. Statt zu antworten, lachte er leise auf, legte den Finger auf den Mund und begann im Zimmer zu suchen. Er öffnete den Schrank. »Wir haben ihm gesagt,« flüsterte meine Mutter, »du suchtest sie, sie habe sich in den Bergen verlaufen.« »Jacquot!« rief ich in befehlendem Ton... Mit einem Ruck drehte er sich um. Er stand ernst und entschlossen. Da brach die alte Mutter in Tränen aus. Jacquot indessen rührte sich nicht. Sein Gesicht blieb das gleiche und, wie mit Gewalt, mir zugewandt. Er sah mir ins Gesicht, und sonst sah er nichts. Er wollte nichts andres sehn. »Jacquot,« sagte ich ruhig, »wir finden sie nicht. Keine Hoffnung mehr. Die Mutter ist verloren.« Er schüttelte den Kopf. Das war alles. Und dann erzählte ich ihm die Geschichte. Die Geschichte einer Verlegenheit, aus einer andern Verlegenheit geboren! Die Geschichte, wie seine Mutter »verloren gegangen...« Er stand noch immer da. Erst als ich einen Atlas bringen ließ und ihn fragte, ob ich ihm zeigen solle, wo die Mutter verloren gegangen sei, da nickte er und trat an mein Bett. Die Schwester mußte die Karte halten und ihm alles zeigen, was ich nannte. Meine Mutter hatte das Zimmer verlassen, Pia hielt sich still in einer Ecke beim Fenster. Jacquot hörte aufmerksam zu und schwieg. »Verstehst du denn das schon alles, du Kleiner?« fragte die Schwester schmeichelnd. Irgendwie empfand das Kind das Unschickliche der Frage, es nickte abweisend und war sichtlich befriedigt, als die Schwester sich darauf zurückzog, Ich wollte meine Geschichte zum drittenmal beginnen, da unterbrach er mich. Endlich hörte ich seine Stimme! Es war die Stimme, die in den Gletscherspalt gekommen war... Ich ließ den Kopf ins Kissen fallen und schloß die Augen. »Jacquot!« Aber was hatte er denn gefragt? Ich brauchte ihn nur anzusehn. »Kaufst du mir eine solche Karte?« wiederholte er. »Gern, Jacquot, und sie soll dir allein gehören.« »Nicht nötig, aber es muß eine gute Karte sein.« Ich nickte. Da erst merkte er, wie elend ich war. Er glitt am Bett hin und legte seinen Kopf auf das Kissen neben den meinen. Die großen, blauen Augen waren voll Tränen, und vor lauter Anstrengung, nicht zu weinen, machte er ein mürrisches Gesicht. Nur der Mund zuckte – weil er gern sprechen wollte, jedoch unter der Bedingung, daß das Wort nicht die Tränenschleuse öffnete. Es gelang ihm, wenn auch unvollkommen. Zwei dicke Tränen traten über den vollen Rand. Er schluckte. »Ich finde die Mutter«, sagte er mit gepreßter Stimme. Er hielt die Gewißheit in Fäusten. Da trat unangemeldet wie immer, ich hatte um dieses Zeichen der Vertrautheit gebeten, Lord Berrick ins Zimmer. Pia reichte ihm die Hand, bemerkte sein krankes Auge, stutzte, hob ein wenig die Stirn, und ihr Lächeln, das bestirnte Lächeln Dorisens, wenn auch um einige Sterne ärmer, aber dafür um wieviel durchsichtiger, überflutete sein Gesicht. Sie zuckte auch, bei gewissen Fragen, liebreizend mit der Achsel wie Doris. Sie nahm gleichsam seinen Kopf in die Hände und schaute ihn an. Und er mußte erkennen: er war ihr angenehm, das arme Auge störte sie nicht, im Gegenteil, gerade das begann sie zu lieben... So war die Art meiner Doris. Das gleiche wiederholte sich beim Abschied. Wie überaus gütig und zugleich forschend blickte sie auf die Knoten der Finger, das Gelenk und, als der Lord zur Tür ging, auf seinen Rücken. Und in dieser Haltung blieb sie, der geschlossenen Tür zugewandt, eine Weile stehn, als schickte sie ihm ihren Schutzengel nach. Ja, das war Doris! Nein, es war nur ein Handgriff, der gemeisterte Ausdruck für eine Seelenregung, von der jüngeren der reiferen Schwester abgenommen und alsdann frei geübt. O schmerzliche Verwandtschaft! Doris hatte nicht ihresgleichen, hier sprang es mir in die Augen, und sie war tot. Eine steinerne Gestalt auf ihrem Grab, irgendein Bild in einem Museum hätten ihr ebenso geglichen. Verstümmelt, gleichsam geteilt, mit halbem Atem lag ich beim Abschied zwischen Jacquot und meiner Mutter. Als ich halbwegs gesund war, jedenfalls wieder gehn konnte, holte ich den Jungen zu mir. Ich kam abends in Breuschheim an und fuhr am andern Morgen mit ihm fort. Der Diener Joseph, Balthasar Breuschheims »Hand und Ohr«, der im Hause geboren und von meinem Vater mit viel Aufwand und Umsicht sowohl zum Diplomaten wie zum Kammerherrn, nämlich zu seinem Agenten bei den Bauern und Behörden und seinem persönlichen Mundschenk erzogen war, ein Prachtskerl, der »feinste Mann im Haus«, erwartete mich in Kehl am Bahnhof, Jacquot im Auto an der Rheinbrücke. Jacquot hatte es unter Berufung auf Vetter Léo durchgesetzt, daß der Wagen die Brücke passieren und bis zum deutschen Zoll fahren durfte. Er war sehr aufgebracht darüber, hier angesichts des Bahnhofs warten zu müssen, statt für seinen Vater vorzufahren, wie es sich gehört hätte, um so mehr, als der Wagen die neueste Schöpfung unserer Fabrik war. Bei der Paßkontrolle fragte der französische Beamte in verdächtigem Französisch, ob ich bei den Kürassieren gedient hätte. »Nein,« antwortete ich, »das war mein Bruder Ernst«, und ich setzte ein erwartungsvolles Lächeln auf, bereit, dem Burschen bei einer etwa erfolgenden kritischen Äußerung über das rosige Schnäuzchen zu fahren. »Ich bin ebenfalls deutscher Offizier gewesen«, setzte ich hinzu, nicht, als ob ich mich dessen hätte rühmen wollen (es wäre wahrhaftig das erstemal gewesen), sondern um den Anschein zu vermeiden, als läge mir daran, mich bei einem jener seltsamen Patrioten, wie sie damals im Land herumstanden und die Böcke von den Schafen schieden, in Vorteil zu setzen. »Denke nure, Herr Baron,« kam es in wohllautendem Dialekt zurück, »ich hab Eich doch nemme kennt und hab schon g'meint, do reist einer uf em'e falsche Paß«... Frankreichs Wachtposten an der Kehler Rheinbrücke enthüllte sich errötend als ein früheres Mitglied unsrer Breuschheimer Räuberbande, es war ein Bauernsohn aus einem benachbarten Dorf, der auf dem Umweg über die Fremdenlegion zu der hohen Würde eines Commissaire spécial aufgestiegen war. Als ich ihn beglückwünschte, dankte er kokett, meinte aber, es sei nicht alle Tage Messti. Erheitert fuhr ich in die große Brücke ein, die Deutschland von Frankreich trennt, und betrat meine, in einem tausendjährigen Leben und Lieben mein gewordene, durch viele Schmerzen geheiligte, bittersüße Erde... Mein Herz schlug wie beim Anblick der Geliebten, obwohl die Kohlenhaufen, Krane und Werktürme, an denen ich beglückt entlang flog, gerade diesen Winkel zum häßlichsten des ganzen Landes machten. Doch darunter quollen für mich noch immer die Fliederbüsche des wilden Gartens, wohin ich zwei oder dreimal mit Viviane von Bock im Ponywagen hinausgefahren war, bebten noch immer Kornfelder im sonnigen Wind, und der Kohlenstaub, das Knirschen von Eisen, das Heulen der Sirenen vermochten nicht, die weißen Kleider und das lustige Lachen einer ewig sommerlichen Kinderwelt zu verschütten. Und als wir das heiße, staubflimmernde Straßburg durchquert hatten, breitete sich unverdorben, unverändert das Paradies, mein reinstes Herz, mein Land, herbstlich bunt und fruchtbeladen, von seinen blitzblanken, blumenfrohen Dörfern durchtanzt. Es war fast ein Jahr her, da hatten Doris und ich an einem ähnlich überschwenglichen Tag Breuschheim verlassen, aber es hätte ebensogut erst gestern sein können, gestern erst oder vor zwanzig Jahren, in einem andern Leben oder gestern... Da war das Schloß. Am Eingang knieten die beiden steinernen Gestalten aus dem 16. Jahrhundert, ein Breuschheim und seine Gattin, die Erbauer des Schlosses. Mir kam es vor, als beteten sie für Doris. Die Eltern erwarteten mich in der Halle, und da das Kind anwesend war, bemühten wir uns, möglichst unbefangen zu erscheinen und den Ton weder zu hoch, noch zu tief zu stimmen. Doch wollte dies nur dem Vater recht gelingen, dem die Mutter und ich bei den Betätigungen seiner leicht gedämpften, bewußten Liebenswürdigkeit mit Verwirrung zusahn. Jacquot an der Hand, geleitete er uns die Treppe hinauf, ein Blick und Händedruck des Großvaters genügte, daß Jacquot sich an der Tür des weißen Salons empfahl, und dann saßen wir in dem weiten hellen Raum, der jetzt vom Abendlicht erfüllt war, und in dessen Polstersesseln buntgewirkte Engel musizierten und dieselben paar Feldblumen sich zu immer neuen Sträußen vereinigten, während die Kristallzapfen der Leuchter, kühl funkelnd, die Farben des Sonnenuntergangs zerlegten, saßen da und blickten alle drei schweigend durch die offenen Glastüren auf die Wipfel der Parkbäume. Joseph brachte Wein und Makronen. Er kam und ging fast lautlos. Ich war meinen Eltern dankbar für alle die guten Gedanken, die sie nicht aussprachen, während wir über Dorisens, in diesem Abend zitternden Bilde gebeugt saßen... Die Flügeltüren des roten Salons standen auf, und der Schein der untergehenden Sonne auf den geschlossenen Vorhängen erweckte den Eindruck, als lodere hinter ihnen eine Feuersbrunst, als brenne das Dorf. Es beherrschte mich das gleiche Gefühl in diesen Räumen wie als Kind: daß ich hier am Ort der Liebenswürdigkeit und Selbstbeherrschung weilte, wo die Ausbrüche irgendwelcher Leidenschaft zu Fratzen würden, zerstörerisch und nicht zu ertragen. Und auch das Abendgeläut, das jetzt zaghaft einsetzte, rief nicht Hilfe und Not, es war eine religiöse Stimme voll schwindelnder Ergebung in das Ende. Meine Mutter faltete die Hände, ihre Lippen bewegten sich, und, wie immer, wenn sie betete, schien sie plötzlich viel älter... Balthasar Breuschheims Augen ruhten ernst auf dem Antlitz seiner Frau. Beide saßen aufrecht in ihren Sesseln, zierlich beide, doch der Vater breit und rund, die Mutter schlank, von mädchenhafter Fülle, mit schmalen, abfallenden Schultern. Das Abendglöckchen entschlummerte wie ein Kind. Endlich erhob sich mein Vater und sagte: »Da streiten sich die Leute, ob Christus gelebt habe.« Er breitete die Arme aus: »Ja, wer soll denn gelebt haben, wenn nicht er !« Es war das erstemal, daß ich von meinem Vater einen religiösen Ausspruch vernahm. Das Wort traf mich mit seltsamer Wucht, und dann durchdrang es mich, langsam und mild. Ich empfand es aus unklaren Gründen als einen Trost von solcher Stärke, wie ich ihn noch nie gekannt. Da trat Ernst ein. Er drückte mir militärisch knapp die Hand und sprach, mit allen Anzeichen des Kummers im männlich schönen Gesicht, von meinem Schmerz, der ihm fast ebenso nahegehe, als wäre ihm selbst die Frau gestorben. Und er drückte mir noch einmal die Hand für meine Schwägerin Anne-Marie, die verreist war. Als er nunmehr dazu überging, von Geschäften zu sprechen, und im Anschluß an eine Kuhgeschichte auf die Juden schalt, unterbrach ihn Balthasar Breuschheim heftig mit dem Hinweis, daß man »bei uns« die Juden eher liebte als haßte. Das war nicht neu. Aber wiederum überraschte es mich, wie er diese Vorliebe begründete, und ich möchte fast annehmen, die Begründung sei ihm spontan aus dem Geiste der Stunde offenbart worden. Dafür sprach sowohl die Heftigkeit der Empfindung wie die Unklarheit der Formulierung. Die Juden, sagte er, erhielten den Gedanken an Christus lebendig, sie seien seine ewigen Vorläufer; solange ein einziger Jude lebe, könne Christus der Welt nicht verlorengehn, selbst wenn es keine Christen mehr gäbe – ja, er verstieg sich zu der Vermutung: gerade dann, in diesem gar nicht so unwahrscheinlichen Falle werde Christi Herrschaft am nächsten sein... Ernst kam auf die Kuh zurück, aber nicht auf den Juden. Beim Abendessen traf ich Vetter Léo, der als Divisionär in Kehl garnisonierte. Er sprach nur die paar Worte, wie man sie in aller Welt gebraucht, um jemand sein Beileid auszudrücken, am geläufigsten in der französischen Sprache, aber er stammelte und sah mich dabei so hoffnungslos an, daß ich ihn gerührt auf die hingehaltenen Backen küßte, die ausdrucksvollsten, die ich je an einem dicken Mann gesehn. Offensichtlich um mich zu »zerstreuen«, begann Léo später, als das Kind im Bett war, von Politik zu reden. Nun war dies das denkbar schlechteste Mittel, mich zu zerstreuen, davon konnte ich nur traurig und böse werden, und ich sagte es ihm, mit diesen Worten. Er rollte gerade eine Zigarette. Ohne aufzusehn, erwiderte er ernsthaft: »Ich hätte es mir denken sollen! Schon als Kind konntest du deine Angelegenheiten und die der Allgemeinheit nicht auseinanderhalten. Mein Jüngster ist ebenso, es liegt in der Familie. Ich selbst spreche übrigens nur mit Verachtung ... davon. Worauf mein Vater: »Die Angelegenheiten der Allgemeinheit sind genau so viel wert, wie sie sich mit unsern persönlichen vertragen, natürlich auch solchen höherer Art. Wenn ich fragen darf, was ist das, die Allgemeinheit?« Mein Bruder behauptete, sie zu kennen. »Er wird sich aber hüten«, rief mein Vater aus, »diese Dame in Gegenwart seiner Mutter näher zu beschreiben.« Er war sichtlich erregt. »Nun,« lenkte die Mutter ab, »ich meine, die Allgemeinheit, das ist die Mehrheit.« So nahm sie an der Unterhaltung teil, lebhaft wie immer, mit kleinen, zierlichen Bewegungen, wobei man ihr anmerkte, daß ihre Gedanken aus weiter Ferne kamen und ständig dahin zurückkehrten. Und das weiße Licht jener Ferne lag auf ihrer sauber gefältelten Stirn. Vetter Léo zündete seine Zigarette an. »Richtig!« Im Schein des Streichholzes erinnerte sein Gesicht an einen schön gebratenen Truthahn. Ich bekam Hunger. Beim Abendessen hatte ich nur zugesehn, wie Jacquot aß. »Leider«, meinte mein Vater, »scheint mir diese Mehrheit geistig die konfuseste aller Minderheiten zu sein. Und sie kommt uns alle teuer zu stehn, sehr teuer!« Damit war das politische Gespräch zu Ende, und Vetter Léo erzählte von sich und den Seinen, am ausführlichsten aber von den Kindern. Viele und gewichtige Kapitel fuhren da heran, hintereinander und durcheinander, zusammengehörig, wie die Wagen einer Eisenbahn, mit der Kinder spielen, und jedes dieser Kinder war ein Original. Daran fand ich nichts Wunderbares, denn in der Tat ist jedes Kind ein Original, und die Erwachsenen brauchen verteufelt viel Zeit und Anstrengungen, bis sie die Kinder untergekriegt haben und diese ebenso platt geworden sind wie sie selbst. Das war auch die Meinung Vetter Léos. Ich kenne nur noch einen Menschen, der ebenso gern und so gut von Kindern erzählte, den Kellner Emilio im Hotel Danieli zu Venedig. »Im Kriege«, sagte Vetter Léo, haben die Kleinen ein wenig Luft bekommen, aber die Obstbäume sind verdorben. Die Frauen können nicht pfropfen.« Nach den Kindern, den eigenen und den verwandten, waren nämlich die Obstbäume an die Reihe gekommen, dann erst folgten, schon recht weit vom Paradies entfernt, »les bonnes brutes«: die Menschen. Er beurteilte sie gnädig, aber liebte sie nicht .. Wir saßen lange beisammen. Die hohen Fenster standen offen, unbehindert drang, in ihrer bebenden Ebbe und Flut, die Frühsommernacht herein, und wenn der Vetter schwieg, so lauschten wir dem Tumult, der aus dem Dorf heraufdrang, denn es war Patronstag und Tanz und Musik in den Wirtschaften. Gegen Mitternacht wurden alle müde, wir hier oben und die im Dorf. »Also,« stellte Vetter Léo beim Gutenachtgruß fest, »also hat selbst der wildeste Krieg es nicht vermocht, unsre Familie auseinanderzureißen. Im Anfang konnte man es nicht wissen. Jetzt steht es fest. N'est-ce pas, mon eher Ernest?« Ich hörte, der frühere Pasewalker Kürassier ziere bereits als Reserveoffizier die französische Armee. Und damit war alles im Hause Breuschheim wieder in Ordnung. »Morgen gehe ich zu euerm Pfarrer und stifte eine Dankmesse«, sagte Vetter Léo. Ich küßte die Eltern und zweimal den schönen, rotbraunen Truthahn auf beide Backen, ließ mir vom großen Bruder gönnerhaft über die Haare streichen, und eilte die Treppe hinab in die Speisekammer hinter der Küche. Holte Wein aus dem Keller und zog mit allem Nötigen in mein Zimmer, um zu soupieren.   Ich dachte: so saß ich hier, als Achtzehnjähriger, wenn ich mit dem letzten Zug aus Straßburg heimkam und auf Socken, mit dem Scharfsinn eines Verbrechers alles zusammensuchte, was Küche, Keller und Vorratskammer einem ausgehungerten Studenten bieten konnten. So saß ich später mit Doris, war es doch mein erstes gewesen, sie in diesem Sport der spät heimkehrenden Kinder auszubilden! Sie hatte es schnell zur Meisterschaft gebracht. Der Tisch war wie von Heinzelmännchen gedeckt, kaum, daß ich einige hundert Schritte im Garten zurückgelegt hatte – im grenzenlosen Machtgefühl eines, den die liebende Frau erwartet, und vor dessen Blick sich zahllose Liebesstunden gleich einer Flucht erleuchteter, menschenleerer Säle eröffnen, in deren tausend Spiegeln er mit vollen Zauberkräften wird walten und schalten können, Welten herausziehend, Welten verwerfend, nach seinem Belieben, und immer die Geliebte entzückend, indem er sich selbst beglückte!... Die Nächte jenes Sommers waren heiß, oft liefen wir noch im Schlafanzug in den Garten... Allerdings, unser Garten mußte für einen der schönsten der ganzen Erde gelten, ein Wunderwerk, weit und tief und bei Nacht nicht wieder zu erkennen für einen, der ihn nur tags gekannt hätte, ein Nachtgarten aber, durch den ein Erblindeter fände, der ihn einmal nachts gesehn. So, wie ich mich jetzt in ihm zurechtfand, ohne ein einziges Mal anzustoßen... Ein Garten, klar wie die Geometrie und üppig wie ein verzaubertes Schachbrett, auf dem die Figuren mitten im Spiel plötzlich in Gruppen von Bäumen und Büschen verwandelt worden wären, von einem »Gardez la Dame!«, das gleichzeitig einen Felsen von einem lachenden Bächlein entbunden hätte... Ach, Liebende gingen nachts in unserm Garten so sicher wie Schlafwandler, das konnte ich wohl bezeugen! Ja, aber war ich denn jetzt, war ich denn noch ein Liebender? Ich hatte mich über den Balkon meines Zimmers gehoben und war auf den Weg zwischen den Frühjahrsrabatten abgesprungen. Da stand ich nun und fragte mich, fragte mich ernsthaft, ob ich noch unter den Liebenden weilte, erstaunt, daß mein Herz so klopfte, gierig und angstvoll zugleich... Ich hob das Haupt: vor mir im Himmel hing das weitgezogene M der Kassiopeia. Und da beschloß ich, an Maria Capponi zu schreiben, auf der Stelle. So sehr begehrte ich sie, Maria, sie! Wirklich? Mein Fuß stockte. Wirklich? War es Maria, die ich begehrte? Hatte ich nicht die ganze Zeit nur an Doris gehangen mit meinen Gedanken, Wünschen, Begierden? Lebte von Maria auch nur ein Hauch in diesem Garten, den ich fiebernd durcheilte? Ein Mädchenkleid, ein weißes Sommerfähnchen, das dort an der Brücke flatterte, das war alles, was hier von Erinnerungen an Maria übriggeblieben. Dagegen Doris – oh, wie fühlte ich sie brennend nahe bei jedem Schritt! Aber war es denn, ohnmächtig griffen meine Arme, meine Augen, alle meine Sinne ins Dunkel, war es Doris, konnte es denn überhaupt Doris sein, die mich mit dieser unsichtbaren Hand anrührte, daß ich atemstickend zu Boden sank? Wann hatte mich Doris je im Leben so berührt ... vor jener Nacht ... in der Gletscherspalte? Nie! Dagegen Maria: ach, deren Hand war voller Magie. Sie brauchte sie nur zu heben, damit gleich alle Dinge darum zu atmen und zu glänzen begannen. Alles Licht des Tages strömte in sie, eine alabasterne Ampel hing sie in der Nacht, oder sie flog auf wie der Saum eines Flügels. Oh, schon die vergessenen Handschuhe auf dem Deckel des Konzertflügels im Hotel von Cap d'Antibes, in die ich tief einatmend das Gesicht gedrückt hatte! Die Handschuhe, mit denen sie hereinkam, und die sie langsam aufknöpfte, während sie mich, aus den Augenwinkeln lächelnd, aufmerksam betrachtete, und die plötzlich ihre Hände entblößten, erst die Rechte, dann die Linke, worauf sie mit ihren nackten Händen dasaß, schmal, glatt, gefährlich, mit Zähnen, die den roten Mund öffneten, mit Beinen, die niemals dicht schlossen, und die sich jetzt leise rührten, indes ihr Blick ins Bodenlose ihrer Augen zurücksank – wahrhaftig eine große Blume, ein Tier fast, das sich entfaltete! Die Handschuhe, die im Laden mit vielen fremden, gleichgültigen vermengt waren, bis die Verkäuferin, diese Kupplerin, das für Maria Capponi bestimmte Paar, das lange geheimgehaltene, vermummte, einzige, ihr Paar ihr in die Hände auslieferte... Auf der Stelle wollte ich ihr schreiben, wenngleich ich sie wohl nicht mehr liebte, obwohl sie mich vielleicht nicht mehr liebte. »Vielleicht« war ein Wort, so weit und so tief und so voller Lichter wie der Sternhimmel über mir. Vielleicht liebte sie mich noch? In dieses »Vielleicht« stürmte ich, die Fahne eines neuen Lebens entfaltet, mit erhoben gespreizter Hand, Musik in den Ohren... Ich war in mein Zimmer zurückgeklettert. Unter unaufgeschnittenen französischen Büchern, die der Buchhändler nach unsrer Abreise im Sommer 1919 geschickt hatte, lag eine elsässische Zeitung aus jenem Monat. Von einem zufällig erblickten Satz geködert, begann ich zu lesen. Es war eine Verteidigung der niederträchtigsten Spitzelei. Nach dem Einmarsch der Franzosen hatten die Hausknechte in Elsaß-Lothringen (Elsässer! Elsässer – nicht Franzosen!) ein neues Inquisitionsgericht gebildet, commission de triage genannt, dahin rannten alle Wackern (Elsässer, nicht Franzosen), die sich eines Konkurrenten zu entledigen hatten, denunzierten, logen, verleumdeten und ließen ihn absetzen, entrechten, aus dem Lande weisen. Ich hatte mir sagen lassen, daß in dem Gericht manchmal ein anständiger Mensch gesessen und, würgend vor Ekel, versucht habe, das Schlimmste zu verhüten. Der Artikelschreiber schien das zu bestreiten, nach ihm war bei jenen Foltern nur »Recht geschehn«. An der Rheinbrücke hatten dann Lausbuben gewaltet, um die Vertriebenen mit Roßäpfeln zu bewerfen. Eine glorreiche Zeit für uns, jenes Jahr 1918-1919, notre guerre à nous, der elsässische Nachkrieg! Ich schüttelte mich, aber schließlich, so unmenschlich dumm war die Gemeinheit, mußte ich laut auflache ... »So will ich an einem Glase Sekt umkommen!« rief ich mit Falstaff. Ich brach im Sektkeller ein, genau, wie ich es Doris gezeigt hatte. Ein Kinderspiel. Der Sektkeller war mit einer Lattentür abgeschlossen, und an einer langen Kette baumelte ein Vorhängeschloß. Also hob man die Lattentür aus den Angeln. Das erste Glas leerte ich auf das Wohl meines Vaters. »Nicht drei wackere Leute leben ungehangen im Elsaß,« sagte ich wiederum mit Falstaff, »und der eine von ihnen ist fett und wird alt. Gott helfe uns! Eine schlechte Welt! Ich wollt', ich wäre ein Quäker: ich könnte Psalmen singen oder sonst was.« »A la tienne«, rief ich beim zweiten. Damit war Vetter Léo gemeint. Denn, daß es unter den Siegern Männer mit solchen Pausbacken gab, schien mir – was denn? ... ein Augenzwinkern Gottes. »Am Ende«, dachte ich, »schaffen sich die Militärs noch selber ab. Denn andre als sie bringen das Kunststück nicht fertig.« »Kind, mach' dir nichts aus den Militärs«, hörte ich da in Gedanken meinen Vater ausrufen. »Paß auf, sie machen es nicht mehr lange. Sie sind viel zu teuer.« Ich machte mir nichts aus den Militärs, wiewohl ich sie im Verdacht hatte, sie dächten schon wieder an ihr Handwerk – den verdammten Krieg. Nein, ich hätte damals nicht im Elsaß bleiben können, vor meinen eigenen Landsleuten war ich desertiert – heute bekannte ich es ohne Scham. Damals allerdings hatte ich es bestritten, selbst Doris gegenüber, die nicht sah und nicht hörte, und die nur hatte bleiben wollen, hier bleiben, wo meine und Jacquots und also auch ihre Heimat war. »Ein halbes Jahr Ferien, Doris,« hatte ich gesagt, »ein halbes Jahr Friede in unserm Waldhaus, mit kleinen Ausflügen in die Schweiz, bitte, Doris – dann kommen wir wieder. Jacquot bleibt als Pfand in Breuschheim...« Nun brachte ich es nicht über mich, ein drittes Glas zu trinken. Warum trank ich sonst? Um zu schlafen. Es war, als ob ich mich einmal (und ich wußte, wann) allzu blindwütig gegen den Schlaf gewehrt hätte und er mich seitdem flöhe, kaum daß die müde Hand sich nach ihm hob. So hatte ich denn zu den Zaubermitteln gegriffen, Narkotika und Wein – ach! es war nicht schwer für einen, der die Kunst verstand, der Schlaf ließ sich locken wie eine Meise und saß ihm zahm auf der Hand. Man konnte ihn hänseln, ihm zupfeifen, ihn jagen und aus dem Fenster klatschen – fort war er, und man brauchte nur die Hand zu heben, da saß er auch schon wieder gehorsam darauf. Die Kunst hatte ich im Zürcher Krankenhaus gelernt. Heute aber wollte ich nicht schlafen, und ich hatte meine Gründe. Mir schien, ich brauchte mich nur ins Bett zu legen, in »unser Bett«, und gleich führe es wie ein Lift in die Tiefe, in die Gruft der Kapelle, zu Doris. Denn es war ja ebenso gut ihr Bett wie das meine. Sie konnte mit demselben Recht ihren Platz darin beanspruchen wie ich. Nicht, als ob ich im Ernst an eine solche Möglichkeit gedacht hätte! Nein, das nicht. Ich glaubte nicht geradezu an Bilder und Vergleiche, obzwar, ... obzwar sie einen oft genug nicht mehr von der Wirklichkeit trennten, als die Fensterscheibe den Mann draußen von dem andern, der ihn aus dem Innern der Stube anschaut. Kurz und gut, ich zog es vor, hier in meinem Arbeitszimmer zu wachen. Die Nacht war lau, und ich liebte mein Zimmer. Als Kind hatte ich darin gespielt, alles, aber auch in der Tat alles, was Kinder spielen, denn zwischen diesen vier Wänden, deren beide großen Fenster alles Licht des Himmels und auch den Abendstern einließen, hatte mich der Abbé Simon unterrichtet: wieviel hatte ich hier gelacht, geweint, wie mich bei sichtbarem Leibe versteckt und gebetet! Der Balkon war die Schiffslände meiner Jungensträume, das Zimmer das Kontor dazu, und beide hatte ich, wie sie waren, mit Doris geteilt, feierlich und in gutem Glauben, wie Kinder das tun, so daß es von diesem Augenblick an ebensowohl ihre Schiffslände und ihr Kontor gewesen war wie das meine... Mein Blick fiel auf eine unaufgezogene Photographie, die auf einer Ecke des Tisches lag. Das Bild zeigte Doris im Radfahrkleid vor dem Tor des Salemer Schlosses. Sie lachte mich an. Ihr Götter – wer war Maria Capponi?! Eine braunhäutige Amazone, eine Fremde, die man im Walde fand, und die man im Walde verließ. In meinem Leben, im Hellen, unter den Dingen, die zählten, hatte es nur Doris gegeben, nur sie! Ich sah auf die Uhr. Es war vier. Außer mir wachte niemand mehr im Haus. Ich wußte es, wie ich wußte, daß Doris »tot« war, aber ich empfand es nicht. Ich trat auf den Balkon und blickte zum Gästehaus, zum Kavalierhaus hinüber, das sie im Dorf »Kavalleriehüs« nannten, und, da, im Eckfenster, wo Doris vor der Hochzeit gewohnt hatte, brannte Licht ... Ich wagte mich nicht von der Stelle, krampfhaft hielten meine Hände das Balkongitter, ich wagte nicht, mich umzudrehn... Alle Muskeln gespannt, mit bebendem Gehör, wartete ich... Worauf? Daß Doris ins Zimmer träte? Nein, das war unmöglich, denn – sie lag auf dem Diwan und horchte nach mir, wie ich hier auf dem Balkon nach ihr. Wir lauschten auf unsere Atemzüge. Gewaltsam lenkte ich meine Gedanken auf die Kapelle, wo sie »begraben« lag. Ich beschloß sogar, hinüberzugehn und mich zu überzeugen, daß eine der Steinplatten ihren Namen trug, mit ihrem Familienwappen in der einen Ecke, der Mörtel in den Fugen war noch frisch. Aber – wozu sich erst »überzeugen«? Ich sah sie ja vor mir, die Sandsteinplatte, so deutlich, wie wenn ich davor gestanden hätte. Obwohl ich die Kapelle heute nicht betreten, die Grabplatte noch nie mit leiblichen Augen erblickt hatte, sah ich sie dennoch, und das genügte. Ebenso konnte ich unter ihrem Namen den meinen lesen und in der andern Ecke das Breuschheimer Wappen erkennen, wie es wäre, wenn mein Sarg einmal neben dem ihren im Gewölbe stände. War ich darum etwa tot? Oder Doris weniger lebendig? Sagte mir nicht jeder Nerv, daß sie da war, fühlte ich nicht mit meinem ganzen Körper, wie sie drinnen auf dem Diwan lag und nach mir hin horchte? Da – was war das? Eine rote, eine grüne Laterne. Ich schaukelte, roch Wasser und Kohlenrauch. Es war still. Wir schwammen auf dem nächtlichen Bodensee. Doris lag, von der Radfahrt ermüdet, auf dem Sofa der Kabine. Wir hatten auf dem Rad Salem besucht und dann in Überlingen das letzte Schiff nach Konstanz genommen ... Eine große Welle Helligkeit, Heiterkeit ging über mich hin! Ich sah, wie wir unter dem Tor des Salemer Schloßhofes durchfuhren, und hörte den Schlauch meines Fahrrads platzen. Pum! ... Jetzt konnte ich das Geländer des Balkons loslassen und ruhig in mein Zimmer gehn. Die helle, fröhliche Welle bettete mich auf den leeren Diwan. Doris und ich fuhren auf dem Bodensee, sie ruhte auf der einen Seite der Kabine, ich auf der andern. Ich schloß die Augen und dachte an den vergangenen Abend... Es war um die siebente Stunde, und vom Himmel sank eine Güte, die speiste Wald und Feld. Eine Birkenallee, die rechter Hand einen sanften Bogen um die Wiesen schlug, hielt die zärtliche Stunde ernst im Arm Später gesellte sich der Straße ein Bach zu, sein dunkelgrünes Wasser floß um Perlenbänke. Linker Hand flog ein pfingstliches Leuchten über die Wiesen, das fast blendete, und alles Licht schaukelte, soweit wir blickten, auf den Millionen Spitzen des Grases, an vielen Stellen dunkler gefärbt vom Sauerampfer, an andern verwehend zwischen den zarten Büscheln von Schilfgras. Die Wiesen schwollen zu weiten Hängen, bis zum Wald, der, groß und still, seine schönste Krone trug über dem Tal... Jetzt blickten wir, der Weg war gestiegen, in dieses Tal hinab, es glich einem See, dessen Wasser sich verlaufen hatte – ja, bei einer plötzlichen Wendung des Kopfes, vom hellen Westen nach dem dunkleren Osten, glaubte ich wahrhaftig den Bodensee zu erkennen. Die Häuser schimmerten wie Wellen, die Wiesen waren fast blau... In Lippertsreute nahmen wir einen Abendimbiß, indes der Schlosser einen neuen Schlauch um das Hinterrad legte. Wir waren beide vom Abend erregt, sprachen nicht, maßen uns nur mit Blicken, die uns von einem strengen und wollüstigen Gott in die Augen gelegt waren. Dorisens Locken (sonst leichtsinnige Mädchen, die selbst siegreiche Gladiatoren auslachten) ergaben sich, ohnmächtig über die Stirn hängend, ihrem Mund, der mit müdem Trotz das Antlitz beherrschte. Sicher blickte ich böse drein, denn ich hätte sie auf der Stelle besitzen mögen, in diesem verqualmten Wirtshauszimmer... Wir fuhren weiter, nach Überlingen, und ließen die Räder laufen. Es ging einen ziemlich steilen Weg hinab: an Steingeländern vorbei, unter denen ein Bach rief, durch Wälder, in denen der Mond umging, Obstbäume begruben die Straße mit ihrem Gewölbe. So sanken wir, ohne die Füße zu rühren, in eine üppige Stadt am Südmeer, die von einem vergnügten Fest ausruhte! Noch hing die Freude, zwischen gewaltigen Schlafschatten, in mondweißen Teppichen bis auf die Mitte der Straße. Ein paar Lautenklänge irrten noch auf den Dächern. Ein junges Frauenlachen schlug auf mit dem bestimmten Klang eines Springbrunnens... Ich mußte mich wachrütteln, gähnen, mir die Arme um die Schultern schlagen, wiederum gähnen, so leibhaftig lebte ich im Geiste die Stunden jenes fernen Abends. Vielleicht ist sie wirklich »tot«, dachte ich und erhob mich vom Diwan. Mit leisen Schritten begann ich, im Zimmer auf und ab zu wandern und alles aufmerksam zu mustern, Möbel, Bücher, Bilder. Vielleicht stimmt es. Aber in diesem Fall lebe ich zehnfach mit ihr, der Toten. Ich habe für unser Leben ein Gedächtnis, wie es mir früher völlig abging, ich weiß von ihr in einer Art, daß ich staune. Vielleicht ist sie tot. Aber sie ist da – wie nie zuvor. Wir leben miteinander – wie nie zuvor. Es sei denn, daß ich selber sterbe, in den Tod hinüberschlafe, daß ich mich mit allen meinen werbenden Gedanken beeile, sie trotz ihres Vorsprungs einzuholen... Ich warf noch einen Blick durchs Zimmer, dann schlich ich die Treppe hinab und über einen langen Korridor, trat in Jacquots Stube, machte Licht. Er schlief, blond in seinem schmalen, weißen Bett, mit Backen so rot, als wären sie gemalt. An der Tür war ich stehn geblieben, die Hand am Schalter. Das Bett stand neben mir an der Wand. Als das Kind sich rührte, löschte ich rasch das Licht. Leise in mich hinein lachend, lief ich den Korridor entlang, hörte meine Mutter husten, so wie man hustet, wenn ein andrer es hören soll, sagte mir: die alte Frau hat noch immer den leichten Schlaf der Mütter, überschlug in Gedanken ihr Zimmer, das große, mit blauer Seide ausgeschlagene Gemach (das Greisinnengesicht unter der Spitzenhaube, das die Liebe in lauter Falten gelegt hatte, um Platz darin zu finden, nistete in dem großen Raum nicht anders als wie eine Meise im Garten) und das lange, schmale Zimmer daneben mit der Tapete voller Märchenbilder, die, weil sie aus allen Sprachen genommen waren, ein zwischen ihnen verteilter Schwarm von Papageien verdolmetschte, diesen ersten, herrlichen, später in keinem Luxuszug der Erde wieder auffindbaren Schlafwagen, wo, blond, weiß und rot, Jacquot schlief. »Wir leben alle, gute Mutter, keiner von denen, die wir lieben, ist tot!« Am Ende des Korridors stand eine Tür auf. Die Dusche, Boden und Wand mit weißen Kacheln belegt. Wenn der Vater aus den Feldern heimkam, duschte er hier und wechselte den Anzug. Ich warf die Kleider ab, zog an der Kette, sprang in den prasselnden Strahl. Keiner von denen, die wir liebten, war tot...   Der Morgen dämmerte. Ich nahm Abschied vom Garten. Er ließ sich nichts anmerken von seiner Verlegenheit, von mir in der vergangenen Nacht überfragt worden zu sein, und der Atem eines schönen Tages half ihm, indem er eine ganze Herde goldener Schäfchen über den Gipfel des Donon-Berges trieb. Er half sich selbst, indem er im Bächlein die Goldfische hieß, um die Steine herum nach der Schwanzflosse einer Forelle auszuschauen, und den Forellen, darüber abzustimmen, welche von ihnen so früh aus dem Bett sollte, um die Front der zahnlosen Schnapphähne zu durchbrechen. Da flitzte sie unter einem Stein heraus und in das nächstliegende Ufer, die Erwählte. Sicher hatte man das Versteck zuvor auf der Generalstabskarte ermittelt, sie wäre sonst nicht so unfehlbar geschossen. Jenseits der Breusch klingelten die Schnitter gleich Meßdienern, sie schwitzten, soviel Tau hatten sie schon der Sonne vor der Nase weggeschnitten. Dann trat Stille ein. Die Sonne! Schweigen. Nur die Hähne, die das katholische Morgengebet nicht gelernt hatten, spektakelten weiter, die Dorftrottel! Als aber der Wetzstein wieder gegen die Sense klingelte und alle gut geartete Kreatur sich aus der Kniebeuge erhob, erwies es sich, daß die Hähne nicht etwa selbstsüchtig geredet und getatet, sondern im Gegenteil nur brav die Signale für die tägliche Formierung der Arbeitsbataillone geübt hatten, um, kurz gesagt, die Menschheit rechtzeitig auf den Trab zu bringen. Sie machten ihre Sache so gut, daß sie, je höher die Sonne stieg, um so entbehrlicher wurden. Sie empfanden es selber. Auf einmal schwiegen sie. Die Erwachsenen waren an der Arbeit, die Kinder in der Schule und die Herren der Welt fuhren im Auto zu ihren Befehlsständen. Als ich, Punkt zwölf, mit Jacquot über die Breisacher Rheinbrücke kam, waren weit und breit keine Hähne mehr zu vernehmen, nur Zollbeamte. Zehn, vielleicht auch zwanzig Millionen Männer waren eines gewaltsamen Todes gestorben, damit dieser Familienvater mit der grünen Mütze Jacquots Taschen am großartig strömenden Rhein nach Schokolade durchsuchte. Jacquot hatte den Hut voll davon. Der Familienvater mit der grünen Mütze fand keine Schokolade. »Hübscher Junge«, sagte Grether Fritz, als er den Jungen aus dem Wagen hob.   Jacquot aber war traurig. Dies war nicht die Schweiz. Er sah nicht das kleinste Schneefeld. Kein Zweifel, man erlaubte ihm nicht, die Mutter zu suchen. Als ich ihm, zum Ausgleich, erzählte, daß er in diesem Haus zur Welt gekommen, zuckte er die Achsel, genau so, als wollte er mich mit seinem ungeschickt nachgeahmten Achselzucken daran erinnern, daß er seiner Mutter Sohn sei und also gewisse Rechte auf sie habe... In seinem Gesicht, das er zu mir aufhob, stand lebensgroß der Vorwurf der Treulosigkeit. Indes, als Kind war er an Überraschungen gewöhnt. Einmal aufmerksam gemacht oder auch nur von einem Argwohn erfaßt, liebte er es, ihnen zuvorzukommen... Die Nacht hatte ihm Rat gebracht. Am Morgen fand ich ihn im Dachstock, wie er in den leeren Gastzimmern suchte. Ulricus Man sieht wie durch ein Fernrohr, es wird regnen. Das Dach des Rheinweilener Schlößchens blüht geranienrot im langgestreckten Garten der andern Dächer, darin einzelne Pappeln die Wege anzeigen, die Wege für Mensch und Tier, und zwei lange Reihen von ihnen den Rhein, an dem, bis zum Meere, Gottes Mühlen stehn. Es war Hochmut der kleinen Rheinweilener Barone, bewußter Hochmut, daß sie dieselben Pappeln, die Napoleon den Rhein entlangpflanzen ließ, hernahmen und neben die Misthaufen ihres Dorfes setzten, als wäre für sie seines strömenden Weges hier ein Ende, als sollte seiner langatmigen Geschichte von ihnen das Schlußwort gesprochen sein. Das Wappen der Reichsfreiherren von Rheinweiler war viel älter als dieser gärtnerische Einfall meines Urgroßvaters, welcher Einfall aber im Wappenspruch selbst seine Rechtfertigung fand, der lautete: »Nicht weiter.« Das gleiche besagte das Gatter im Schild, durch das der Vollmond blickte. Mein Urgroßvater war Revolutionär aus Vernunft gewesen und wurde infolgedessen ein Anhänger Napoleons. Er setzte sich seinerseits in die Geschichte, indem er den badischen Staat gründen half. Napoleon, der einmal im Schlößchen übernachtete, erhob ihn beim Morgenkaffee in den Grafenstand. Urgroßvater sah sprachlos zu, wie der Kaiser ein Dutzend Milchwecken schlang und dazu, in einer Minute, die Kaffeekanne leerte. Er fand keine Zeit zu antworten. »Schade, daß Sie nicht Soldat sind«, sprach der Kaiser, da stand er aber schon unter der Tür. »Vous auriez gagné une bataille et je vous aurais fait prince.« Am Fuß der Treppe wartete ein Trupp schöner, glänzender, funkelnder Männer, frisch wie Indianer, blitzende Pferde hinter sich, die den Kaiser anwieherten, während ihre Herren salutierten und mit eins alle Kirchenglocken zu beiden Seiten des Stroms das Angelus läuteten, als sei der Herr selber aus der Nacht getreten. »Ein schöner Tag, Sire,« sagte Ulricus Rheinweiler. »Schöne Pferde«, fügte er hinzu. Die Rheinstraße durch das Dorf hinunter zog Artillerie, blitzblank Mann, Fuhre und Roß. Sie zog hinter dem Schloßgitter vorbei, hell, breit, unaufhaltsam wie, auf der Rückseite, der Rhein. »Schöne Kanonen«, schloß Ulricus. Da wandte sich der Kaiser und reichte ihm zum Abschied die Hand. Sein Blick fiel auf das Wappen über der Tür: »Nec ultra«. Er sperrte den Mund auf: »Ah!« lächelte er mit dem Gesicht eines italienischen Gassenbuben. »Warum nicht?« fragte er. »Wir leben doch! Heißt nicht leben – fortschreiten?« Mein Urgroßvater erzählte: »Ang'schaut hat er mich wie e Rekrut, von obe bis unte und besondersch in der Bruschtweit'...« Der Kaiser saß im Sattel. Die glänzende, funkelnde Meute von Menschenjägern hinter ihm. Alle Gottseibeiuns im Sattel. Die Generale hinter den Marschällen. Die Adjutanten hinter den Generalen. Die Burschen hinter den Adjutanten. Jetzt trabten Dragoner auf der Straße, ihre Helme vergoldeten hastig das Parkgitter. Ein Offizier sprengte durch das offene Tor davon. Die Glocken schwiegen, und die Armee stand still. »Na, sagt er, so rede Sie mit Ihrem Großherzog ... Und beim Wegreite guckt er noch mal aufs Wappe... Bis nach Mittag hat's weiter gemacht uf der Straß, Kavallerie und Infanterie und Schenie, und alles sauber wie am Sonntag morge...« In der Nacht gab es Lärm. Elsässische Rekruten rückten im Eilmarsch über die Schiffbrücke. Sie sangen: »Gottvater hat einen Sohn, Und der heißt Napoleon ...« Das Fenster des Schlafzimmers stand offen. Der volle Mond schien herein. »Hörsch«, flüsterte Ulricus, und er hob seine Frau hoch und bog ihr Gesicht in den Mondschein: »Hörsch, Liesel? Hörsch?« »Gottvater hat einen Sohn, Und der heißt Napoleon ...« »Eine Schande!« murmelte sie, »Deutsch singen sie ... Deutsche! ... auf Napoleon.« Sie verstand nichts von Weltgeschichte. Er aber, der alte Humanist, der seinen Namen immer lateinisch schrieb, jedoch Katholik in einer protestantischen Enklave, er jubelte über das Aussingen eines Mysteriums, vor dem der preußisch gesinnte Pastor sich unter die Bettdecke verkroch, weil das Wunder auf Lafetten fuhr. »Warum nicht?« rief er und stützte sich im Bett auf, bis er das Glitzern der Bajonette sah, und wie sie das ebenfalls entzündete Parkgitter mitnehmen wollten auf die Wanderschaft. Er streichelte das vom Mond entsetzte Gesicht seiner Frau. »Schlaf, Liesel, schlaf.« Und legte es sanft in die Kissen zurück. Während er wieder einschlief, erschien es ihm immer deutlicher als recht und natürlich, daß in Zeiten der Erneuerung wie dieser, wo das Wunderbare auf allen Straßen des Erdteils herumlief, kein großes Geheimnis sich klein genug machen könne, um den verwirrten Menschen wenigstens eine Ahnung vom Sinn des Geschehens zu vermitteln ... wie damals ... vor langer Zeit in jenem fernen Land ... und später... Wie immer, wenn der Herrgott den Menschen wieder einmal einen Ruck gab! Der kleine Makkaronioberst Gottes Sohn? Warum nicht! Ulrico lachte das Herz, und er fühlte noch, wie er die Schwelle eines großen, lichten Traums betrat. Paar Tage darauf fuhr das Ehepaar vierspännig in die Stadt. Erst aber stellten sich die Kinder, die die Eltern nicht abreisen lassen wollten, wie der Wagen heranfuhr, alle acht mitten in die Durchfahrt, und nur der Kleinste schrie, der Zweijährige, den die vierjährige Annette, meine Großmutter, an der Hand hielt. Ulricus mußte Hals über Kopf zwischen den Kutscher und den Diener auf den Bock springen und ihnen helfen, die Zügel der scheuenden Pferde zu halten, und gleich mit einem zweiten Sprung in den Wagen zurück, wo Liesel drauf und dran war, sich wie aus einem brennenden Haus auf das Pflaster zu stürzen. Mit Hilfe vorbeigehender Bauern, die der Verwalter dazu antrieb, die aber erst eingriffen, als sie Ulricum selbst brüllen hörten: »Weg mit den Kindern!«, wurden diese eingefangen, und die Kutsche konnte passieren. Ulricus zog den Galadegen, um den Kindern zu drohen, die, von den Bauern freigelassen, nunmehr hinter dem Wagen herrannten. Mit der andern Hand und einem Knie hielt er seine Frau fest, denn sie rang wider ihn und rief schluchzend: »Laß mich hier! Laß mich bei den Kindern! Ich will nicht zu Napoleon!« Die Kinder, die ihren Sieg über die Mutter erkannt hatten, liefen, was sie konnten, um sie, die gleich aus dem Wagen stiege oder fiele, in Empfang zu nehmen. Wenn sie sich schließlich dennoch in ihrer Erwartung getäuscht sahen, so lag das nicht an einer falschen Rechnung von ihnen, sondern einzig und allein daran, daß die Pferde durchgegangen waren. Vom Wagen war nichts mehr zu sehen als eine Staubwolke, da sammelten sich die acht Kinder langsam auf der Mitte der Straße. Die ältesten kamen, außer Atem, zu den mittleren zurück, die hilflos bald nach vorn, bald zurückblickten, wo Annette mit dem Kleinsten auf dem Hintern saß. »Papa ist schuld«, greinte Annette und putzte dem Büble die Nase. »Nein,« stellte der Alteste fest, er war aber auch schon zwölf Jahre alt, »nein, die Pferde. Plötzlich fanden sie sich alle befriedigt. »Die Pferde sind schuld«, rief Annette den beiden Kindermädchen entgegen, die nun auch eintrafen. »Die Ferde sin dudange«, lachte das Büble, und alle lachten mit. Unterdessen hatte Ulricus alle Mühe, den Galadegen wieder in die Scheide zu bringen. Als es ihm endlich gelungen war, nahm er Liesels Kopf in den Arm, sagte, ohne selbst zu wissen, wen er damit meinte, die Pferde oder die Kinder: »Laß sie laufen!« und küßte mit kleinen zarten Küssen ihr verweintes Gesicht ab, bis endlich, endlich der Sonnenaufgang auf dem kleinen Naturtheater gelang und Liesel lächelte. »Wenn wir in die Stadt kommen, ist der Napoleon schon längst wieder fort.« Er flüsterte es ihr ins Ohr, als wäre das von ihm eine ungemein zärtliche Liebeserklärung. Die Pferde waren in Trab, dann in Schritt gefallen. Ulricus reichte Liesel kleine Batisttücher aus ihrem Beutel, einen Spiegel und Kölnisches Wasser und Puder, zupfte ihr Kleid zurecht, strich und bügelte, bis sie sagte: »So, jetzt bin ich wieder schön« und sich nun ihrem Gatten zuwandte und ihn unter Scherzen schnell so herrlich herrichtete, wie er bei der Abfahrt gar nicht gewesen war. Darauf saßen sie aufrecht nebeneinander wie auf einem doppelten Thron, genossen des goldenen Tages, der zwischen Schwarzwald und Vogesen in der blauen Luft hing, und gaben in den Ortschaften acht, daß sie keinen Gruß übersahen. Sie stiegen in ihrem kleinen Stadthaus ab, das fast das ganze Jahr allein von einer alten, halbblinden Köchin bewohnt war. Ulrichs verstorbene Mutter hatte ihr, mit einer kleinen Leibrente, das Wohnrecht im Dachgeschoß vermacht, und es herrschte dort, auch außerhalb der wenigen Wochen, wo Mitglieder der Familie sozusagen bei Kathrin zu Gast waren, ein abwechslungsreiches, geselliges Leben. Denn diese empfing nicht nur ihre persönlichen Freundinnen, sondern auch ältere Köchinnen der Stadt, soweit sie in herrschaftlichen Häusern dienten und Kathrins gesellschaftlich bevorzugte Stellung anerkannten. Allerdings, für die Zeit, wo die Herrschaft bei ihr wohnte, blieben ihre Salons geschlossen, aber nur aus dem Grund, weil sie durch die Führung des Regiments im Haus vollauf in Anspruch genommen war. Kathrin begrüßte das Ehepaar in der Mitte ihrer Küche mit einem Hofknicks, worauf sie Liesel die Hand küßte und, Ulrich mit ihren Blicken festhaltend, ungeduldig wartete, bis Madame die Küche verließ. Kaum hatte sich hinter Liesel die Tür geschlossen, da griff sie Ulrich mit beiden Händen in die Haare und zog ihn in ihre Arme, die sich alsbald gewaltig um ihn legten, und eine Minute lang ergoß sich aus Höhen der Verzückung ein Gewitter auf den armen Baron, der sich dessen heute viel weniger zu erwehren wußte wie vor dreißig Jahren, obwohl ihm mit jedem Jahr mehr vor dieser Minute bangte. Entzog ihm doch jedes Jahr ein Stück mehr von der Waffe des Kindes, jenes »Sesam öffne dich«, das darin bestand, daß er Kathrin schnell ins Ohr oder in die Nase biß und aus dem berstenden Turm entfloh. Kathrin aber war mit jedem Jahr mehr überzeugt, es spreche in dieser Verzückung die Stimme der toten Mutter zu ihrem Sohn, um ihn, über die Befriedigung einer erlaubten Zärtlichkeit hinaus, auch noch mit den Ermahnungen und Erquickungen der heiligen Kirche zu versehn. »Du Erzengele, du Heiligebildle« – sie sagte volkstümlich: Helje – »Jetzt hasch au no de badische Staat gegründet! Gott lohn es dir, Büble! Und der Napoleon hat bei euch g'schlofe, und er hat dich zum Fürscht mache wolle, und du hasch nur auf unser Wappe gezeigt, wo steht: ›mir han genug‹, und er hat sich g'schämt, der groß Kaiser, g'schämt hat er sich vor meim Büble und hat nix g'sagt, als, er war grad so gern e Rheinweiler und so en alter kaiserlicher Baron, grad so gern, hat er g'sagt, und noch lieber, als nur so e frisch ausstaffierter Kaiser. Da hat der Papscht selber gelacht, wie sie's ihm hintertrage habe, und die selig Mutter im Himmel, du mein Herzensschätzle. Die ganze Stadt isch voll von dir... Sie schrie, daß die kupfernen Kochtöpfe an den Wänden hinterher brummten, denn weil sie blind war, hielt sie die andern für taub. Endlich öffnete sie die Arme, stieß ihn fast von sich: »Lauf, du Kardinalsbub, lauf naus und hör', was sie von dir sage! Im Gang hörte er sie noch hinter ihm herschreien: »Daß du mir aber demütig bleibsch vor dem Herrn!« Am Abend hielt Ulricus mit Liesel seinen Einzug in die Gesellschaft. Man empfing ihn derart, daß er scherzhaft ausrief: »Aber, aber, meine Herren, ich ziehe hier doch nicht durchs Brandenburger Tor ein.« Als aber ein Esel im Laufe des Abends so weit ging, Ulrichs Genie über das Napoleons zu stellen, hob jener, um nicht die allgemeine Munterkeit sowie die eigene durch eine entsprechende Antwort auf die grobe Schmeichelei zu stören, das Gespräch vielmehr endlich von sich abzulenken, bedeutungsvoll den Finger in die Höhe und sprach feierlichen Tones in die Stille: »Gottvater hat einen Sohn, Und der heißt Napoleon.« Und damit begann das Ende seines politischen Glücks. Ein Bischof erhob sich und verließ den Saal. Drei, vier Herren versuchten zu lachen, aber die Damen blickten auf die offene Tür, worin der Mann Gottes verschwunden war, was immerhin zur Folge hatte, daß niemand ihm nachfolgte. Einige gingen, mit abfälligen Rücken, beiseite, ja, es bildeten sich sogar Gruppen solcher Rücken, und die andern, es war dies die Mehrzahl, sahn einander und Ulrich fragend an. Dessen Blick aber kam auch nicht schnell genug von jener Tür los, denn daß ein Bischof gerade vor einem Rheinweiler ausrückte, gleichsam der Kirchturm aus dem Dorf, erschien ihm als eine unfaßliche Tollheit. »Das war eine verkleidete Betschwester«, sagte er schließlich. »Ein Mann der Kirche kann nicht so dumm sein.« Der Rücken eines Kavaliers in französischer Generalsuniform drehte sich um, es war der Graf Breisach, der höflich erwiderte: »Pardon, lieber Baron, es war dein Vetter – mein Bruder. Da ging Ulricus mit ausgestreckter Hand auf ihn zu und, lachend: »Ich ahnte es wohl. Aber ich hätte Rom gegen Altbreisach gewettet, daß ich mich täuschte. Von tausend Scherzen war dieser Gottessohn der erste, den wir in der Verwandtschaft mißverstehn. Er hat es halt in sich, der Napoleon. Sein Name ist Streit.« »Übrigens«, wandte er sich an die Damen, »es ist gar kein Scherz, sondern der Kehrreim eines Soldatenliedes, das ich vor einigen Tagen auf der Rheinweilener Schiffbrücke gehört habe.« Breisach klatschte unhörbar in die Hände: »Bravo! Gut! Gut! Erzähle!« Und um zu zeigen, mit wieviel Behagen er sich die zu erwartende Lügengeschichte anzuhören gedenke, ließ er sich mit leicht gebreiteten Armen langsam in einen Sessel nieder... Nun befand sich in der ganzen Gesellschaft, meinen Großvater eingeschlossen, niemand, der Napoleon so hitzig verehrt hätte wie gerade der Graf Breisach, übrigens mit besonderm Grund, hatte er doch als Führer einer Kavalleriebrigade unter dem Befehl des Kaisers gefochten. Auch trug er heute abend die große Uniform. Aber gerade daher rührte der Gegensatz zwischen ihm und meinem Urgroßvater: Breisach feierte in Napoleon den größten Soldaten aller Zeiten, Rheinweiler dagegen das erste Verwaltungsgenie, das die Welt seit den Cäsaren gesehn Breisach erklärte meinem Urgroßvater stundenlang Napoleons Schlachten, wobei er behauptete und bewies, daß der Kaiser sich der Artillerie nur als einer Nebenwaffe zur Unterstützung der Kavallerie bediene. Mein Urgroßvater machte Breisach die Verwaltungsreformen klar, die Europa erst wieder auf den Stand der Organisation gehoben und natürlich, der Zeit gemäß, darüber hinaus, bei dem die großen Römer es verlassen. Sie stritten. Sie bildeten Parteien. Breisach liebte seine engere Heimat die fünf Wochen im Jahr, die er auf seinem Gut verbrachte, und wenn er in Pariser Salons vom Schwarzwald erzählte. Das ganze Jahr aber liebte er die Kavallerie. Was konnte er vom neuen badischen Staat viel Gutes für sie erwarten? Wenn ihn einmal nicht gerade Paris blendete, so blickte er nach Berlin, der Heimat des nächstbesten Kavalleristen, dem er leider gewisse Schwächen vorwerfen mußte, die man an Napoleon vergeblich gesucht hätte, wie Hang zum Flöteblasen und zur Literatur: »die Totengräber seines Genies«. Wenn nach der napoleonischen noch einmal eine große Armee aus dem Boden wachsen sollte, dann vermutlich dort oben. »Wo«, fuhr mein Urgroßvater fort, »auch die guten Kartoffeln gedeihn, während bei uns nur der Wein fortkommt. Ulricus hatte die Proklamation der Menschenrechte in eigener Übertragung am Schloßtor Rheinweilers angeschlagen und seine Bauern mit den Reden Mirabeaus und Dantons bekanntgemacht als den neuen Evangelien oder richtiger: deren Exegese – nicht aber, ohne den katholischen Teil der Rheinweilerer Christenheit darauf hinzuweisen, das Verhältnis zwischen der Revolution und der römischen Kirche wäre noch nicht abgeklärt und man ließe deshalb diesen Dingen am besten ihren Lauf, abwartend, wie und wann der Nachfolger des Menschenfischers seinen Fischzug täte... Der Tag konnte nicht fehlen! Als der erste Führer stürzte, verstand er sofort, daß die andern folgen würden, und bereitete Liesel schlaflose Nächte mit seinem Haß auf Robespierre. Und alle die geliebten Köpfe fielen, Danton, Desmoulins, Westermann, einer nach dem andern! Der Frühling der Welt ersoff in Blut! Wildgewordene Schulfüchse regierten an Stelle der geborenen Herren. Regierten? Sie rächten sich. Das Tintenfaß speiste die Guillotine, der Bakel führte Krieg. Schon hatten sie die Göttin der »Vernunft für Spießer« aus dem Bordell geholt, wohin sie von je gehörte, wo sie zu Hause und an ihrem Platze war, und suchten nach einem Felsen Petri für sie, die naseweisen Kinder, denen die Kommunion zu albern war, und ließen neue Liturgien für sie dichten und Symbole malen, gottesjämmerliche Plagiate der alten, nur schlecht geschrieben und, was die Malerei anlangte, vom Modell in Gips genommen. Schulfüchse, die sich für gottähnlich hielten, weil sie über die Bajonette und Kanonen im Land geboten und jeden umbringen konnten, der widersprach oder auch nur einfach den Mund hielt! Von alledem begriff Breisach wenig. Um so lebhafter stimmte er bei, wenn sein Vetter das Auftreten Bonapartes mit den Worten schilderte: »Er war schon lange da und lauerte, er sah wenig, aber er wagte, er siegte, der Frechdachs, und schau mal an, es war ein junger Mann mit Geschäftsblick.« Doch ließ das letzte Wort ihre Diskussion von neuem aufflammen. Breisach haute auf den Tisch: »Kavallerie! Kavallerie!! Was soll da der Geschäftsblick?! Was machst du mit dem Geschäftsblick ohne Kavallerie?« »Ich hole,« antwortete mein Urgroßvater, »ich hole Kanonen.« »Hilfswaffe!« brüllte Breisach, außer sich. »Richtig«, fuhr mein Urgroßvater fort, »kam dann das Konkordat. Er ließ sich, per procura, vom Papste krönen. Es war also dennoch Sommer geworden, ein Sommer, von Gott gesegnet. Meine Bauern freuten sich und ich auch.« »Ja«, stimmte Breisach zu. »Die überschätztesten Generäle der Welt sind Rapp und Murat. Rapp gäbe wenigstens einen passablen Veterinär ab. Aber Murat ist nur ein Pferdedieb.« »Nur?« »Nur!« »Es muß ein schlechtes Geschäft sein, wenn einer nicht Kenner ist.« »Glänzend! Sie bringen es, sie bringen es ... fast bis zum Kaiser.« Mein Urgroßvater erhob sich und nahm einen Leuchter vom Kamin. »Und die Kenner?« »Die Kenner kriegen nie mehr als eine Brigade.« »Gute Nacht, Vetter,« nickte Ulricus, »wenn du erlaubst, geleite ich dich in dein Zimmer.« So ungefähr pflegte das obligate Gespräch der Vettern über Napoleon seit Jahr und Tag zu verlaufen. Zuletzt war jedoch eine Verschärfung des Gegensatzes eingetreten. Als Breisach seinen Abschied genommen und sich »vorläufig« auf sein Alt-Breisacher Gut »zurückgezogen« hatte, sahen die beiden einander öfter, zumal Breisach, sein Exil auf den Buckel nehmend, von einem Verwandten zum andern im Lande herumzog und jeden Monat etwa in Rheinweiler vorkam. Bald warfen sie einander vor, Napoleon zu vergöttern, »als ob ein genialer Kavallerist nicht Manns genug wäre!«, trotzte der eine, der andre: »als ob ein Mann, der einen Erdteil erneuert hat, ein Schulfuchser wäre!«, und schließlich schieden die beiden voneinander wie von einer Krankheit. Ulrich blieb in Rheinweiler, diesem Mittelpunkt der Welt, mit einem Garten darum: dem neuen badischen Staat, und arbeitete an einem Kommentar zum Code Napoleon, der im Großherzogtum Baden eingeführt werden sollte. Inzwischen trug Breisach ihre Auseinandersetzung im Lande herum, wobei er den Part seines Vetters, wie man denken kann, mit weniger Überzeugungskraft vortrug als seine eigene Rolle. So war es dazu gekommen, daß ihr letztes Beisammensein vor dem heutigen Abend ein beinahe feindliches Ende genommen hatte. War doch Ulrico beim Abschied »als sein letztes Wort entfahren, ein Soldat sei überhaupt kein Mensch, sondern eine Funktion, und überdies habe von allen Waffengattungen die Kavallerie die geringste Zukunft. Vom zornbebenden Vetter um die Angabe näherer Gründe ersucht, hatte Ulrich den Kopf geschüttelt und auf dem Weg zum draußen wartenden Reisewagen nur hinzugefügt: »Was könnten meine Gründe dir bedeuten! Man braucht dich nur einmal in deiner schönen Uniform gesehen zu haben – die ist ein Grund, gegen den ich mit allen den meinen nicht aufkomme, nicht nur bei den Damen.« Da hatte Breisach allen Ernstes gedroht, so lange nicht wiederzukehren, bis nicht der Vetter die ungeheuerliche Beleidigung einer ganzen Waffengattung (von seiner Person sah er dabei ab) in einem Rundschreiben an sämtliche Verwandten zurückgenommen. Und nun saß er da, der schöne General, im glänzenden, duftenden Saal, gerade unter dem Kronleuchter, in der Mitte aufgeregter Damen, die nun nicht mehr nach der Tür, sondern alle auf ihn blickten, wie er mit großartiger Arroganz den Rheinweiler auf die Bühne stellte. Er beugte sich ein wenig vor und legte die Hand ans Ohr... Ulricus begann: »Mein geliebter Vetter glaubt nur an das Gesetz des Kavalleriesäbels, mir scheint eines für die Richter besser ...«, und trug, bei dieser ersten und vielleicht nie wiederkehrenden Gelegenheit, den allbekannten, aber bisher immer nur vom Gegner plädierten Prozeß mit dem Vetter vor, in guter Laune und also witzig genug, daß schon beim zehnten Satz nicht mehr er, sondern der Breisach auf der Bühne stand und alle Bewegungen und Sprünge machen mußte, wie der Vetter die Schnüre zog. Liesel, die eben noch vor Scham einer Ohnmacht nahe gewesen, verliebte sich auf einmal wieder und diesmal vor lauter Stolz in ihren Mann, ja, sie vergaß sich völlig und klatschte mit den andern Beifall und rief sogar einmal, als Ulrich dem militärischen Genie Napoleons ehrerbietigst zu Leibe rückte: »Bravo!« »Recht hast du, Liesel!« fielen da ihre Freundinnen ein, »brav so, Liesel!« und die klatschenden Herren, auf das hingerissene Gesicht mit den großen, nassen Augen aufmerksam gemacht, wandten sich weiterhin klatschend, aber gedämpfter jetzt und in huldigender Haltung zu Liesel, die erschrocken aufsprang und zehnmal so schnell zur Tür hinauslief, wie der Bischof sie durchschritten hatte. So war ein Loch mit einem andern gestopft, und Ulrich verließ den Saal als der »beste Mann im Badener Land«. »Aber, aber,« wehrte er spöttisch, als die Herren ihn bis zur Treppe geleiteten, »ich ziehe doch nicht durchs Brandenburger Tor ab.« Auf der Mitte der Treppe drehte er sich um und winkte zurück: »Messieurs, ich hoffe Ihnen allen eine Freude zu bereiten, wenn ich Ihnen verspreche: ich komme wieder!« Zu Liesel in den Wagen steigend, sagte er indessen: »Nein, ich bin sie leid. Wir präsentieren uns morgen der Herrschaft und trotten übermorgen heim. Der badische Staat steht auf eigenen Füßen, er braucht mich nicht mehr, er braucht nicht einmal mehr den Napoleon. Und, Liesel, wenn der Kaiser stürzt (und natürlich stürzt er eines Tages, denn vorher gibt er keine Ruhe, der Engländer übrigens auch nicht), so bin ich's gewesen, der ihn den Badenern aufgehalst hat... Am besten, wir bleiben gleich daheim! Aus Rheinweiler vertreibt uns keiner. Einsam –« Liesel lachte ihr dunkles Mädchenlachen: »Einsam? Wir haben acht Kinder!« »Richtig, Liesel! Wenn der Kommentar fertig ist, beteilige ich mich am Geschäft unseres Schulfuchsers. Ich erziehe meine Kinder. Sonst, wenn ich nicht aufpasse, wird mir das eine oder andre gar noch Kavallerist...« Am folgenden Morgen fuhr das Ehepaar, von Posaunenstößen geweckt, aus dem Schlaf. Es war Kathrin, die erst leise die Fensterläden geöffnet, dann aber losgeschrien hatte: »Bübel, was hasch ang'stellt?! Blamiert hasch dich vor Welt und Kirche. Den hochwürdigen Herrn Bischof und Grafen von Breisach hasch mit deine Blaschfemien aus dem Saal g'jagt. Hab ich dir's nit g'sagt: daß du mir demütig bleibsch vor dem Herrn?!« »Du lieber Himmel!« stöhnte Ulrich, während er sich die Augen rieb. »Herum isch mit dem Himmel«, antwortete die Posaune. »Jetzt könnt Ihr in der Hölle braten – wenn ich euch nit herauszieh'.« »Kathrin,« sagte Ulrich leise, »Kathrin, meine Frau weint, weil du so schreist.« Sie taumelte wie vom Schlag getroffen. »Oh!« entrang es sich ihrer Brust. Sie schlug die Hände vor den offenen Mund, nickte heftig, tastete sich rückwärts aus dem Zimmer.   Jedoch der Reisewagen mit den Rheinweilern rollte noch auf der Basler Landstraße, da hatte Kathrin bereits ihre Salons geöffnet. Die drei Zimmer des Dachgeschosses waren überfüllt. Der Tee dampfte aus chinesischen Schalen, wie sie manche der eingeladenen Damen noch bei keiner Herrschaft gesehn hatte. Große Teller mit Selbstgebackenem machten die Runde. Kathrin schritt von Zimmer zu Zimmer, wies auf die Konfitürgläser und schrie: »A Dischkretion!« Sie wollte sehn, wer stärker sei: der ehrwürdige Herr Bischof und Graf von Breisach oder sie. Die großherzogliche Herrschaft hatte sich zwar außerordentlich gnädig gezeigt, und die Kavaliere hatten gekuscht... »Gekuscht,« erklärte Kathrin, »wie die Hundel vor dem Löb.« In der Tat fand sich niemand, Ulrich zu verteidigen, denn keiner griff ihn an. Kathrin erfuhr am gleichen Tag und noch bevor das Ehepaar zu Hof gefahren, daß die Breisach die Parole ausgegeben hatten: »Kein Wort mehr von ihm. Ein toter Mann, begraben in Rheinweiler. Amen. Soso? Nun, um so lauter sprach Kathrin »von ihm«. Vor dieser Stimme konnte kein gutes Haus der Hauptstadt sich verschließen, sie tönte und stieg bis zum Thron. Es war die Stimme des Volkes in Person. Laut und unermüdlich, zwang sie auf die Dauer jeden Gegner nieder, drückte ihn an die Wand, blies ihn in den Weltenraum. Kein Zweifel, vorerst und für geraume Zeit siegte Kathrin über die Breisach und ihren Anhang. In den Salons sang man das Napoleonslied der elsässischen Rekruten spaßeshalber zur Harfe. Ulricus war und blieb der »beste Mann im Badener Land«. Bald konnte Kathrin ein Festessen geben, für das sie ein besonderes Dankgebet »zur Abwendung von Verleumdung- und Leibesschaden« aus ihrem fettgedruckten Gebetbuch herausgesucht. Noch nie war soviel »von ihm« die Rede gewesen! Die Breisach selbst sprachen von nichts anderm. Kathrin diktierte einen Brief, der mit Extrapost nach Rheinweiler abging. Darin teilte sie der ewig hochzuverehrenden freiherrlichen Herrschaft mit, es sei ihr mit Gottes Hilfe geglückt, den Herrn Baron respektvollst an den Haaren aus der Hölle herauszuziehen und ihn wieder an den Platz zu stellen, welchen die selige Frau Mutter für ihn bestimmt, nämlich an den Rand und vor ein Gartenpförtchen des Himmels... Der General Breisach hatte seinem Bruder, dem Bischof, versprechen müssen, fortan bei seinen Familienrundreisen Rheinweiler zu überschlagen. Er traf fast gleichzeitig mit Kathrins Extrapost dort ein. »In keinem Haus Badens herrscht eine solche Arbeitsluft!« versicherte er ein über das andere Mal und rieb sich vergnügt die Hände. Schließlich gestand er Liesel, er arbeitete an einem Werk über die »Artillerie als Hilfswaffe für die Kavallerie«. Ulrich schlug vor, ihm Bücher für seine Arbeit aus Basel besorgen zu lassen, der Vetter dankte mit Tränen. Täglich mehrmals ging er auf die Basler Landstraße hinaus, um nachzuschauen, ob die Bücher kämen. Als sie eintrafen, murmelte er etwas von einem schlechten Traum, den er die vergangene Nacht gehabt, und reiste bekümmert ab. Ulrichs Kommentar erschien. Kathrin bekam ein Exemplar durch die Post. Sie konnte es nicht lesen, aber die Herrschaften der Hauptstadt rissen sich bei ihren Köchinnen um das Buch. Bald war es spurlos verschwunden. In diesen Tagen verkaufte der Buchhändler mit seinem Nachbar, dem Bäcker, um die Wette. »Kein Wort mehr von ihm!« höhnte Kathrin und streichelte vor dem Einschlafen das Extraexemplar, das, wie gerufen, im rechten Augenblick zu ihr zurückgefunden und statt seiner die zahlreichen Exemplare des Buchhändlers ins Treffen gebracht hatte. Die letzten des Geschlechts Langsam, zögernd sprach sich die Kunde von Napoleons Sturz im Land herum. Niemand freute sich. Zuviel Badener hatten, mit Recht oder Unrecht, für den Kaiser geglüht, er hatte ihnen einen schönen Staat geschaffen, sie hatten dafür bezahlt. Viele waren für ihn gestorben, darunter der General Breisach an der Spitze seiner alten Brigade. Zwischen Napoleon und Baden stand die Rechnung glatt. So nachsichtig sind die Völker für ihre großen Quälgeister. Nein, niemand freute sich. Kaum daß Ulrich Rheinweiler sich der vielen Besucher erwehren konnte, die von beiden Seiten des Rheines ankamen, um von ihm ein billiges Wort über den erlegten Jäger zu hören. Es kamen aber auch andre. Nach einem Auftritt mit bourbonengläubigen Verwandten aus dem Elsaß, die mit Halaligeheul bei ihm eingebrochen waren, wie er gerade mit dem Bischof Breisach und einigen Freunden bei stiller, ernster Gedenkrede beisammen saß, hatte er sein Haus für immer geschlossen. In seinem Schmerz schrieb er das kleine, viel später berühmt gewordene Buch »In Memoriam«, über »Napoleon als Verwalter«. Er zog seine Kinder auf, deren er nun vierzehn besaß, und sie allein schon verhinderten, daß die Eltern vorzeitig alterten. Die Urgroßmutter bewahrte ihr Marquisenfigürchen bis ins Grab, und meine Mutter hörte ihr weiches, dunkles Mädchenlachen zum letztenmal, als Liesel eines Wintertags auf der Durchreise nach Paris in Breuschweiler vorsprach. Sie war fünfundsechzig Jahre alt und begleitete ihren Gatten in die französische Hauptstadt, wo er auf oft erneuerte Einladung der Akademie über sein Lieblingsthema lesen sollte. In Paris erkrankte sie an einem »bösen Fieber«. Ulrich reiste mit ihrem Sarg nach Rheinweiler zurück. Er begrub Liesel nicht in der Kapelle, sondern im Park, den er darauf in jahrelanger Mühe ganz und gar umgestaltete. Aus hohen Bäumen, die in englischer Art geordnet sind, blickt ihr Grab über hängende Blumengärten und durch das Parkgitter auf den Rhein. Er selbst wurde sehr alt, und er erlebte es noch, daß er unter seinen Standesgenossen »der Franzos« hieß, und daß Narren neben andern Verkehrtheiten zu erzählen wußten, er, der Baron von Rheinweiler, sei es gewesen, der Napoleon »nach Baden gerufen und damit alles Unheil verschuldet« habe. »Es konnte nicht fehlen«, dachte er in Erinnerung an das prophetische Wort, das er einmal zu Liesel gesprochen. Das Volk hielt ihm ruhig die Treue, wenn es ihn auch ein wenig überlebensgroß sah, wofür man vielleicht am meisten die aus der Hauptstadt wieder aufs Land verzogenen Köchinnen verantwortlich machen muß, die durch Kathrins Schule gegangen. Deren Stimme wollte nicht sterben, obwohl ihre Person längst vermodert war. Von seinen Buben wurden nicht weniger als drei Kavalleristen. Er hat dieser lebendigen, in sein eigen Fleisch und Blut gekleideten Torheit mit friedlichem Lachen ins Gesicht gesehn. Ein vierter folgte als Bischof dem Breisach nach. Ein fünfter ging, wie er schon einmal als Kind heimlich bis nach Basel gelaufen war, als Jüngling nach Amerika und blieb über den Tod des Vaters hinaus verschollen. Er kam mit Frau und Kind und einem Haufen wilder Pferde und auch, wie es hieß, mit beträchtlichem Gelde zurück und kaufte rings um Rheinweiler so viel Land zusammen, bis es sich lohnte, das Gut zu Pferde abzureiten. Von ihm rührt auch das geraniumrote Dach des Schlößchens her. Er hieß ebenfalls Ulrich und war der Vater meiner Mutter. Er hatte eine lustige, verwegene Art, erzog seine Mädchen auf dem Rücken der Pferde, als habe er sie zu Zirkusreiterinnen ausersehn, und sperrte die Knaben in katholische Internate, gespannt, ob sie von dort durchbrennen würden oder nicht. Im Ablauf des Jahres rutschten alle Bauern Rheinweilers einmal zu ihm zu Tisch, er saß auch mit ihnen im Wirtshaus und versuchte ihnen zu erklären, was ein Cowboy und was ein Farmer sei. In einen von beiden hätte er am liebsten alle ihm erreichbaren Menschen, wenigstens äußerlich, verwandelt. Die meisten Winter, gleich nach Weihnachten, brach er, »um sich auszulüften«, nach Amerika auf, kam aber immer nur bis Rom, Paris oder London, je nachdem, welchen Weg er für seine Amerikareise gewählt. Von seinen oberrheinischen Standesgenossen hat er, mit Ausnahme der nächsten Verwandten, sein Lebtag keinen einzigen wissentlich zu Gesicht bekommen, und er leugnete zu wissen, was ein Großherzog, was Würdenträger und überhaupt, was ein »Hof« sei. Sooft jemand die Rede darauf brachte, rief er in echter Verzweiflung: »What is it?«, Worte, aus denen die Bauern eine Art Beschwörungsformel heraushörten. Sie hielten dann ehrfürchtig an sich, wie man vor einem unverständlichen, aber zweifellos traurigen Familiengeheimnis mit dem Hut in der Hand stillsteht, und warteten, bis Großvater das Schweigen brach. Dies war nun der »Amerikaner« der Familie, der Sohn Ulrici Rheinweilerii, und als er starb, hielten sich die Pappeln, die sein Vater nach Rheinweiler hineingepflanzt hatte, sicher schon recht gut. Jetzt aber sind sie gewaltige Kerle geworden, die um das geranienrote Schlößchen herumstehn und immer weniger Lust zeigen, in Reih' und Glied zu den andern zurückzutreten, die ihren nicht minder feierlichen, aber zweifellos eintönigeren Dienst beim Rhein versehn. Die Männer des Geschlechtes sind tot. Tante Sidonia sorgt dafür, daß das Wappen über dem Haustor in gutem Zustand bleibt. Alles andre beginnt langsam zu verfallen. Sie wiederum führt den Spitznamen: »Die Russin«. Warum? Sie hat einen Teil ihrer Mädchenzeit in Rußland verbracht. Aber ich weiß eine tiefere Bedeutung ... Sie ist unverheiratet, und ihr vordem schönes Gesicht hat ein wildes Gebet versengt und verwüstet. Ihre Jugendbildnisse schauen sie an wie frohe, schuldlose Geschwister, die sie an den Teufel verraten hat. Zu ihrer stündlichen Strafe beläßt sie sie an den Wänden ihres Zimmers. Es ist das Zimmer, wo eines Nachts Ulricus aufwachte und die elsässischen Rekruten auf der Schiffsbrücke singen hörte: »Gottvater hat einen Sohn, und der heißt Napoleon« und sich sagte: »Ein kleiner Makkaronioberst Gottes Sohn? Warum nicht!«, von Herzen lachte und im Weiterschlafen noch fühlte, wie er die Schwelle eines lichten Traums betrat. Um diese Schwelle kämpft Sidonia nun schon ein halbes Menschenleben lang vergeblich. Einmal war sie im Begriff, sie zu überschreiten, da stürzte ein Mensch mit durchschossenem Kopf darüber hin, und dort liegt er, und sie bekommt und bekommt ihn nicht fort, ihr verzweifeltes Gebet ist nicht stark genug, ihn aufzuheben ... Sie ist durch das Fegefeuer gegangen, soweit sie konnte, sie hat die Welt in Flammen gesehn und sich hineingestürzt, so tief es ging, und aller Schmerz hat sie nicht zu entsühnen vermocht. In einem Zimmer des Hotels Danieli zu Venedig liegt er vor ihren Füßen, sie flieht noch immer vor dem Anblick, aber sie muß an ihm vorbei, es gibt keinen andern Weg ins Freie, niemand will ihn aus dem Wege räumen, immer mehr schwindet ihr die Kraft, bald wird sie sterben, sie kommt nicht hinaus, kommt nicht zu Gott... Auch ich habe ihn liegen sehn, den schönen Russen, ich war vierzehn Jahre alt, im Gange des Hotels wartete Maria Capponi, daß ich aus dem schrecklichen Zimmer herauskäme. Sie war ein Jahr jünger als ich, und tags darauf tauschten wir unsern ersten Kuß. Wie viele sind dieser ersten Liebkosung in unserer zwanzigjährigen Freundschaft gefolgt und von wie verschiedener Art! Lieben wir einander? Haben wir – nicht uns, sondern einander je geliebt? Oder nicht vielmehr nur unsern Sinnen, unserm Geschmack, unsrer Phantasie mit Kunst geschmeichelt und uns, ach ja, uns sehr geliebt? So viel weiß ich: enthielte unsre Liebe von der Inbrunst meiner armen Tante auch nur den hundertsten Teil – wir würden wahnsinnig, gingen miteinander in den Tod, nein, wir ertrügen es nicht! Eine Heckenrose zwischen heissen Steinen Diese Nacht ist farbiger Tau gefallen, der an der Sonne nicht vergeht: die Primeln blühn! Im Gebüsch am Waldrand blitzen bunte Anemonen, und an den sonnigen Plätzen breiten sich Hyazinthen und gelbe Narzissen aus. Die schönsten Narzissen, die Dichternarzissen, haben ihren Kelch noch nicht geöffnet, doch duften sie schon weit hinaus. Die Kaiserkronen, gelb wie unreife Zitronen und rostbraun, riechen nach Tiger unter den parfümierten Veilchen. Unter dem Blütenfall der Blutjohannisbeere schäumt die japanische Schneekirsche. Von dort fließen die Krokusse über den Rasen und bilden einen See, der morgens im Dampfe wogt... Sind sie nicht wie die letzten Kreuzzügler, diese Krokusse? Gelb, rot, blau, lila, purpur, weiß waren die Farben. So licht sind sie, daß man sie als Farbe entdeckt. Das ist die Farbe Rot, das die Farbe Gelb, das die Farbe Weiß reiner als in den Pokalen der Drogisten, und dies das katholische und apostolinische Lila. Wenn man sie später am Tag sieht, fröstelt man leicht. Es ist ein wenig zu hell, ein wenig zu luftig auf dem Rasen! Die Tausendundeine Nacht, über der es plötzlich Tag geworden ... Hoch oben im Wald, zwischen heißen Felsen, habe ich eine Heckenrose gefunden, die schon blüht. Ein Wunder! Man hat gut sagen, der Mensch sei so alt, wie er sich fühle. Es gibt einen Hauch auf der Haut, der noch der Lebensodem selbst ist, Knaben, Mädchen, in rosigen Morgenwind gekleidet, Tage mit einem Nachgeschmack wie von Erdbeere und Pfirsich. Man lebt sie nicht zum zweitenmal. Als man sie aber lebte, wußte man nichts davon. Unser schönstes Alter gehört nicht uns, sondern den andern. Wir stehn alle unser Leben lang als Bettler davor ... Jacquot, du weißt nicht, wie köstlich du bist! Götterfahrt Es regnet wieder, der Wald trieft von Wasser. Unmöglich, das Haus zu verlassen. Ich versuche zu arbeiten. Doch ist »arbeiten« zu viel gesagt oder zu wenig. Arbeit setzt ein Pensum voraus, etwas »Zugewogenes«: morgens findet man es in der Wage vor, und abends muß die leere Schale so weit gefüllt sein, daß sie mit der andern, darin die Gewichte liegen, in der Gleiche schwebt. Das ist die schöne Form der Arbeit, ihr Rhythmus hat etwas geheimnisvoll Wohltuendes für den Menschen – vielleicht weil er sich damit in ein Gesetz einfügt, mit dem, bis in die hinterste Ecke des unsern Blicken erreichbaren Raumes, alles Geschaffene zweifellos Tritt hält. Jacquot, Grether Fritz und Kathrin mit Sonne, Mond und Sternen. Auch unsre Katzen. Und die verdammten Wühlmäuse, die zwei junge Pfirsichbäume im Garten abgesägt haben, köstliche Venusbrust-Pfirsiche, ein Geschenk Vetter Leos, dieses bedeutendsten Pomologen unter den Generalen. Dann gibt es aber auch Arbeit, die weder eine Zeiteinteilung noch eine andre Grenze kennt als den Tod – wilde Stunden- oder Jahresrennen, bei deren Beginn die Gewichte der Uhren ausgehängt werden. Man sieht nicht ab, was einem zugemessen, man strömt sein Blut in Schweiß aus und hört es tropfenweise in die dunkle Schale fallen. Wir Kinder der Zeit kennen alle Arbeit, deren ein Mensch fähig ist ... Wir haben sie alle getan. Unsere Nachfahren können uns nur übertreffen, wenn sie die Arbeit verlernen. »Der Fortschritt,« sagte Vetter Leo damals in Breuschheim, »der Fortschritt ist ein Rosenkranz, er geht im Kreise.« Was nun meine Arbeit anbelangt, so gehört sie zur ersten Art durch die Befriedung des Gewühls in meiner Brust, die ich von ihr erhoffe, zur zweiten durch die Ferne und Ungewißheit des Ziels. Ich versuche, mich aus den Trümmern einer Welt herauszuarbeiten, mit nichts als einer kleinen Feder. Die Arbeit begann, als ich mich zu meiner eigenen Überraschung hinsetzte, um an Maria zu schreiben, und jetzt muß ich fortfahren – bis zu irgendeinem Ende. Wenn ich aufblicke, sehe ich das Bildnis Ulrici auf der einen Seite der Tür, auf der andern die Kopie nach dem Erasmus des jüngeren Holbein. Diese hat Ulrich eigens für sich anfertigen lassen, aus Verehrung für den göttlichen Mann, versteht sich, aber wie ich muß auch er, mehr noch als die Gegenwart des Meisters, den tief beruhigenden Einfluß des Bildnisses empfunden haben, der wahrlich an Wachhypnose grenzt. So daß ich, stelle ich mir meinen Urgroßvater am Schreibtisch vor, in seiner sanguinischen Gestalt wie eine Spiegelung den zarten Umriß des schreibenden Erasmus zu erkennen meine. Sollte ich nicht am Ende, wie ich nun selber hier am Schreibtisch sitze, einer durchsichtigen chinesischen Schachtel gleich das Bild meines Urgroßvaters mitsamt dem darin beschlossenen Erasmusschatten enthalten? Wir alle verwahren wohl solche Schutzpatrone im Leib, blutsverwandte und andre, eine Unsumme Geist von längst Verstorbenen, uns Verbündeten und von Widersachern, deren innerste Kraft, durch uns vermehrt oder geschwächt, wir weiterleiten in jene tapferste, jene ohnmächtigste unserer Vorstellungen, die wir voll Selbstbewußtsein Ewigkeit nennen. Sicher ist indes nur, daß ich mit Ulrich die Vorliebe für die Mythologie gemein habe. Ich besitze sein Gebetbuch, durch das mythologische Gestalten im Geschmack des 18. Jahrhunderts tanzen. Oberhalb und unterhalb eines jeden. Abschnittes schließen sich die Figuren zu lebhaften Szenen zusammen, und diese wie auch die Gestalten haben mit dem Inhalt des Kapitels auf keine als nur vielleicht eine heidnisch-okkulte Weise zu schaffen. Seine Vorliebe für körperlich beschwingte Interpretationen des Geheimnisvollen hinderte Ulrich nicht, katholisch zu leben und zu sterben, ja, ich bin gewiß, er empfand die kitzlige und tragische Nachbarschaft von Heidentum und Christentum keineswegs als ein bloßes, müßiges Gedankenspiel. Als Junge wußte ich noch nichts von Urgroßvaters lustigem Gebetbuch. Hätte ich es aber zu Gesicht bekommen, ich wäre nicht im geringsten erstaunt gewesen. Hatte mir doch die Vorsehung, wie vom seligen Ulrich selbst beraten, einen Freund bestellt, der, in der Kunst des Zeichnens geschickt, wohl gar imstande gewesen wäre, selbst solch ein Gebetbuch herzustellen. Er hieß: l'Abbé Simon und war mein Hauslehrer. Bei der ersten Berührung mit der Mythologie bemerkte der Abbé mein Entzücken. Es rührte daher, daß plötzlich ein farbiger und bewegter Sommer in der heiligen Geschichte für mich ausbrach; meine Phantasie vergaß die Kopfhängerei und sprang über die Hecken, wo sie auf andre Kinder stieß und sogar auf Erwachsene, die den Zeigefinger nicht gebrauchten, um ihn als pedantische Propheten vorwurfsvoll aufzuheben, sondern die damit auf Schmetterlinge und, wahrhaftig, auf goldene Äpfel zeigten. Hinter jenen jagte man nun lachend her, diese stahl man still von den Bäumen. Überall waren Götter und Göttinnen in der Nähe, die es auf ihre Weise nicht anders trieben ... Der Abbé sprang mit, und er sprang gut. Da er sich einer hohen, hageren Gestalt erfreute, konnte ich, auf seinen Schultern reitend, sogar bis zu den Früchten der Birnbäume reichen; an die Apfelbäume kam man mit einem Luftsprung heran. Die Bäume dröhnten wie eine Sonnenorgel. Den ganzen Tag war Gottesdienst, der ganze Tag war heilige Geschichte, im leichten, sauberen Sinne von Ulrici Gebetbuch. Ist es unter solchen Umständen verwunderlich, wenn ich bei meiner ersten Reise nach Venedig bald hinter Mailand auf mythologische Gestalten stieß? Die Reise kam völlig überraschend, nicht nur für mich, nein, auch für die Rheinweilener Tante, denn wir waren nur nach Basel gefahren, damit ich, wie sie sagte, mein »Feriengefühl vertiefe«, was alljährlich durch Besuch des Zoologischen Gartens, des Museums, der Konditoreien und »etwas Hotelleben« geschah. Vom Hotelleben behagte mir am meisten das tägliche Vollbad. In Rheinweiler mußte ich es nämlich entbehren, weil meine Tante aus vielen Gründen, von denen ich allenfalls den einzigen unausgesprochenen, ihren Geiz, gelten ließ, die Verabreichung eines Vollbades an ein Kind für Erziehung zum Größenwahn erklärte und mir nur den Genuß einer nicht einmal halbgefüllten Wanne gestattete. Das nannte Tante Sidonia, mit englischer Aussprache, aufmunternd ein »Plantsch-Plantsch«. Die Ferien, die ich in Rheinweiler verbracht, gingen also ihrem Ende zu, und weil ich unter der Führung der Tante in der Gutswirtschaft wieder einmal brav hatte »regieren« gelernt (von welcher Kunst man ihrer Meinung im »demokratischen« Breuschheim »nicht die ersten Buchstaben des Alphabets« verstand), sollte ich belohnt werden und mich in einer großen Stadt wie Basel »austoben« dürfen. Im Museum und im Zoologischen Garten war ich gewesen, auch in einigen Konditoreien, von denen mir die ganz dicht am Rheinufer gelegene Spielmannsche am besten gefiel, weil man in den geraniengesäumten Kojen wie auf einem Dampfer saß und, gemischtes Eis mit Schlagsahne schlürfend, geradezu glorreich den Rhein hinabfuhr, am Nachmittag aber sollten wir zu noch höherem Ziele aufbrechen. Dieses Ziel hatten wir bei der Rückfahrt vom Zoologischen Garten entdeckt, als wir am Zirkus der Familie Knie vorbeigekommen waren, von der Tante Sidonia voller Hochachtung zu erzählen wußte, sie, das heißt die Familie Knie, habe vielleicht schon im kaiserlichen Rom Zirkus gespielt, so alt sei sie. »Die Familie Knie, das ist bester, alter Zirkusadel. Claus, das mußt du sehen! Nach dem Tee fahren wir hin.« So sagte sie, und ich stimmte laut den Triumphmarsch aus Aida an, in den Donja summend einfiel. »Schade, daß deine Mutter nicht da ist«, sprach sie dann. »Sie war auch schon bei Knie ... Claus, halte den Mund, die Leute schauen uns nach, man kennt mich in Basel.« Nach dem Tee brachen wir auf. Wir steckten in der Windtür, die uns aus der Hotelhalle ins Freie schob, da wurde sie angehalten, und wir fühlten uns mit Gewalt ins Innere zurückgedreht. Was war los? Der Portier händigte Tante Sidonia eine Depesche ein. O weh! Der rote Streifen verriet ihre Dringlichkeit. Ich überlegte, ob ich sie unterschlagen hätte, wenn sie in Tante Sidonias Abwesenheit in meine Hände gelangt wäre. »Öffne du sie!« befahl sie. Abergläubisch, wie sie war, traf sie für den Fall, daß die Depesche eine schlechte Nachricht enthielt, die entsprechende Vorkehrung des »Blitzableiters«. Nach dieser wissenschaftlichen Theorie leitet ein unschuldiges Kind den Blitz vom bedrohten Haupte ins Wesenlose ab. Ich öffnete, wie mein Vater Depeschen zu öffnen pflegte: langsam, Falte um Falte, mit mürrischem Gesicht nach dem Aufgabeort spähend – denn ich befürchtete, ich würde heute noch heimgerufen, weggerafft von der Schwelle des Zirkus. »Rheinweiler von Venedig – « las ich, und weiter kam ich nicht. Tante Sidonia hatte mir das Papier aus der Hand gerissen, und da stand sie, in der einen Hand die Depesche, die andre, krampfhaft geballte gegen das Herz gedrückt. Alles Blut schien ihr mit eins in den Kopf geschossen, nur die Lippen waren weiß und zitterten armselig. Sie streckte die Hand aus, als wollte sie mir die Depesche reichen, ließ sie aber gleich wieder sinken. »Donja«, flüsterte ich mit einem halben Schluchzen, und endlich wurde ihr bewußt, wo sie sich befand, sie fuhr mit dem ganzen Körper herum, und richtig, der Portier stand hinter seinem Tisch und betrachtete uns, sichtlich erschrocken. Auch ein paar Hotelgäste schauten zu uns herüber, und ein alter Herr rang sich gerade von seinem Sessel auf, um der Tante zu Hilfe zu eilen. Inzwischen hatte sich diese zum zweitenmal verändert, als wäre sie mit der jähen Bewegung um ihre Achse in ihre frühere Gestalt zurückgekehrt. Sie nickte dem alten Herrn einen Dank zu und sagte, indem sie mir über das Haar strich: »Bitte, warte einen Augenblick, bin gleich wieder da.« Als jedoch der Fahrstuhl, der sie hinaufgebracht hatte, zurückkam, stürzte der Liftjunge aufgeregt auf mich zu und bestellte mich auf Tantes Zimmer. Ich fand sie, wie sie, in Tränen aufgelöst, am runden Tisch in der Mitte des Zimmers saß, die Hand auf der Rückseite der Depesche, hilflos in ihrem Fleische und in ihren Gedanken. »Claus, es ist sicher eine ganz, ganz schlimme Nachricht. Lies du sie erst, dann tut sie mir nicht mehr weh. Claus, du mußt sie lesen«, flehte sie. Kaum streckte ich aber die Hand aus, da warf sie sich mit beiden Armen über den Tisch und begrub die Depesche unter sich. »Es geht nicht,« murmelte sie geschlagen, »Claus, es geht nicht. Bitte, laß mich allein«. Jetzt glaubte ich meinerseits etwas Auffallendes unternehmen zu müssen, um so mehr, als ich selbst die Tränenflut in mir bis zum Springen gestaut fühlte. Ich schielte nach der Wasserkaraffe auf dem Waschtisch – ich hatte gehört, daß selbst Ärzte gelegentlich zu solch einem Mittel griffen. Da ich indessen nicht sicher war, ob ich den Weg zum Waschtisch in guter Form zurücklegen würde, noch das Vertrauen in meine Hände besaß, daß sie die erwogene Taufe aus der Karaffe mit der gebotenen Ruhe und Überlegenheit des Mannes gegenüber dem Weibe auch richtig vollzögen, kurz, aus Angst, aus hilfloser Angst schrie ich statt dessen aus Leibeskräften los. »Lies doch deine Depesche selbst, du Gans! Was gehn denn mich deine Geheimnisse an!« Und dann schlug ich hinter mir die Türe zu, genau wie mein Vater, wenn er einmal den unbeholfenen Versuch gemacht hatte, mich zu züchtigen. Allerdings empfand ich das Türschlagen als die denkbar größte Strafe, und ich hätte es vorgezogen, geprügelt zu werden, wenn nur dafür das Zuschlagen der Tür unterblieben wäre ... Aus meinen Alpträumen fuhr ich auf das Signal einer zugeschlagenen Tür empor, hörte ich irgendwo auf der Straße, wie in einem Hause eine Tür zuschlug, wurde mir übel. Der Begriff »Mord« hatte irgendwie etwas mit einer zugeschlagenen Tür zu tun, und es war noch nicht allzu lange her, daß ich das Türzuschlagen in einer Reihe gedämpfter, aber nicht schwächer werdender Echos vernommen hatte: – ich stand, von der Hand des Vaters festgehalten, am offenen Grabe der Großmutter und hörte die kleinen Schaufeln Erde auf den Sarg fallen ... Ich nahm die hingehaltene Schaufel nicht an, wohl aber warf ich meinem Vater einen derart haßerfüllten Blick zu, daß er vor Überraschung meine Hand losließ und ich entwischte. Daran dachte ich jetzt, als ich über den Korridor schritt, mit bebenden Knien, die Ohren von einem Sausen erfüllt und maßlos erstaunt, weil diesmal ich es gewesen, der eine Tür zugeschmettert. Darauf stellte ich fest, wieviel leichter es sei, so etwas zu tun, als zu erleiden, und dann mußte ich unbändig über das erstaunte Gesicht lachen, das die Tante vom Tisch erhoben hatte, mit Tränen, die plötzlich auf den Wangen stillgestanden, ich lachte krampfhaft, in irrer Scham und Trauer, ich lehnte mich mit der Stirn gegen die mit dunklem Holz beschlagene Mauer der Treppe, bis es vorüber war und ich eine Erleichterung empfand wie nach Beichte und Absolution. Und irgendwie wollte mich dünken, als ob auch Sidonia in ihrem Zimmer nunmehr erleichtert und befreit sei. In der Halle bestellte ich eine Zitronenlimonade, zur Feier dessen, daß die Depesche nicht aus Breuschheim gekommen, und auch, um den ersten Beweis männlicher Entschlossenheit zu belohnen, wie er mir soeben unversehens geglückt war. In dieser Richtung fortfahrend, ließ ich mir durch den Liftjungen von Meyers Konversationslexikon, das auf einem Regal in der Portiersloge stand, den Band mit »Venedig« bringen und las. So, wohlig in den Sessel gelehnt, das dicke Lexikon auf der Lehne und das Glas mit der Zitronenlimonade in der Hand, sah ich die Tante auf mich zukommen. Ich erhob mich mit einer ganz neuen Art von Höflichkeit. Wenig fehlte, und ich hätte ihr die Hand geküßt, nur, um es zum erstenmal mit dem richtigen Gefühl für Abstand und Courtoisie zu tun, wie die Großen. »Mein Herr Neffe,« sagte sie halblaut, »Sie haben sich aufgeführt wie ein Lümmel. Die Abrechnung folgt später. Jetzt...« Jetzt wurde ich nach Hause geschickt! Ich war im Begriff, alle Fassung zu verlieren, schnell unterbrach ich sie. »Tante,« flüsterte ich mit heißem Atem, »Tante Donja, Sie haben sich viel zu stark gepudert. Sie sind ganz weiß im Gesicht. Es klang ein wenig kläglich, ich hörte es, und der Zorn darüber klopfte mir in der Brust. Ein Achselzucken, und Sidonia fuhr fort: »Jetzt gehn Sie sofort in Ihr Zimmer und packen Ihren Koffer. Wir fahren in einer Stunde nach Venedig. Ich telegraphiere inzwischen Ihrem Vater.« Da saß ich. Ich saß gleichsam auf dem Boden und sperrte den Mund auf. Aber ich fand nicht die Zeit, es zu bemerken, denn ohne die geringste Rücksicht auf die Anwesenden schrie ich: »Hurra!« Voll barbarischen Selbstgenusses schrie ich, so, wie sie in der Schule schrien, wenn wir zum erstenmal Hitzferien bekamen (doch hatte ich, muß ich gestehn, an solchem Geschrei niemals teilgehabt, es vielmehr mit nachsichtigem, nur ein klein wenig verächtlichem Lächeln abgelehnt) und stürmte die Treppe hinauf in mein Zimmer. Eine Stunde später saßen wir im Zug. Alle meine Versuche, den Groll Tante Donjas (dies der Kosename, den ich ihr als Kind gegeben) mit meiner guten Laune zu überrennen oder auch ihre Fremdheit mit meinem stillen, heftigen Dasein zu versüßen, alle Versuche erwiesen sich als verfehlt. »Sie haben sich benommen wie ein Lümmel«, wiederholte sie. Gut. Ich gab es zu: »Ja, wie ein grober Lümmel. Tante, Sie haben recht.« Seitdem sie böse auf mich war, sprach sie Französisch, und französisch war es leichter einzulenken. »Einer Dame gegenüber!« betonte sie. »Ich bitte Sie um Verzeihung, Tante.« Sie schüttelte den Kopf. »So billig kommen Sie nicht davon. Sie sind ein Scheusal, mein Lieber.« Ich wollte sie fragen, warum sie mich denn dann mit sich nach Venedig nähme, wenn ich ihr gar so verhaßt wäre. Statt dessen rief ich: »Ach, liebe Donja, Sie sind ja so hübsch! Und war es vielleicht eine schlechte Nachricht, die Sie da erhalten haben? Nein, eine gute! Und Sie sind ja so froh!«... Wir hielten gerade in einer Station. Neben unserm Wagen lag ein großer, unbehauener Stein. »Siehst du diesen Stein?« rief ich deutsch, denn mein Einfall schien mir der großmütigsten Verzeihung wert. »Der ist dir vom Herzen gefallen.« Statt aller Antwort wandte sie sich an eine ältere Dame, die mit uns im Abteil saß: »Madame, darf ich Sie etwas fragen? Würden Sie es für möglich halten, daß dieser junge Herr hier mich vor zwei Stunden eine Gans genannt hat?« Entrüstet sprang ich auf. Zwar vermeinte ich hinter mir ein gepreßtes Lachen zu hören, aber das wäre für meinen gekränkten Stolz unerträglich gewesen – ich vergaß es auf der Stelle und ging durch die Gänge bis in den Schlafwagen, wo ich das untere Bett meiner Kabine von einem freundlichen Monsignore belegt fand. Nun, mit den geistlichen Herren kannte ich mich aus. Wir hatten sogar welche in der Familie. »Soso?« empfing mich dieser hier und ergriff, ohne sich zu erheben, meine Hände. Er sprach ein gebrochenes Französisch, und da ich nach Venedig fuhr, erriet ich in ihm sofort den Italiener. »Das ist also mein kleiner Schlafkamerad. Wie heißt du denn?« Ich nannte meinen Namen. Der Monsignore nickte feierlich. »Und du bist der Neffe des hochwürdigsten Herrn Erzbischofs von Freiburg.« »Großneffe«, verbesserte ich. »Richtig, Großneffe. Und du hast auch schon die erste heilige Kommunion empfangen?« Ich hätte gern gewußt, wieso ihm denn das alles so geläufig wäre, aber ich wagte nicht, an einen Monsignore eine Frage zu richten, die leicht die fahrlässige Sünde der Neugier hätte einschließen können – bei einem Kinde, wohlgemerkt. Wenn Erwachsene Neugier an den Tag legten, so taten sie es aus Pflicht, wenn nicht in Verfolgung tieferer Pläne. Auch stellten sie oft Fragen, auf die sie selbst nur zu gut Antwort wußten, Fragen, die Fallen waren. Das kam, weil sie furchtbar zusammenhielten. Die Kinder dagegen standen auf sich allein. Wäre ich etwa imstande gewesen, Seine Hochwürden zu fragen: »Sind Sie nicht der Monsignore Soundso?« Übrigens – ein Monsignore war ein Monsignore, er steckte in einer violett geränderten Soutane und wartete darauf, Bischof in partibus infidelium zu werden. So viel wußte ich, und nach mehr fragte ich nicht. »Ja, ja,« nickte der Monsignore lächelnd, »die Kirchenleute wissen alles.« »Würden Eure Hochwürden die Gnade haben, meine Hände loszulassen?« fragte ich. Er lachte auf. »Ich schwitze, nicht wahr, ich schwitze«, und er wollte nach einem großen gelben Taschentuch greifen, das neben ihm lag. Aber da hatte ich schon seine Rechte ergriffen und sie in schmeichelnder Demut geküßt, genau so, wie es mir in der Hotelhalle bei der Tante nicht geglückt war. Der Monsignore war tief erstaunt, fast erschüttert. Mit Bärenkräften ergriff er mich und küßte mich auf die Wangen. »Allen Respekt! Ein Kavalier!« meinte er. Und dieses, einem gewaltig starken und allwissenden Monsignore abgerungene Geständnis machte ihn mir zum Freund. Als wir zum Abendessen gingen, hätte er gern an meinem Tische Platz genommen, auch die von Sidonia als Schiedsrichterin angerufene Dame trennte sich ungern von ihr, aber die Nummern unsrer Billette, die sich Sidonia bereits vor Abfahrt unseres Zuges in Basel hatte einhändigen lassen, wiesen uns beide an einen kleinen Tisch. Stumm und stolz aß ich, soviel ich bekam. Bisweilen streifte ich mit einem höflichen Blick das Gesicht der Tante. Sie lächelte über mich hinweg ihrer Dame zu. Bisweilen auch ließ sie ihren Blick hoheitsvoll auf mir ruhn. Ich lächelte, an ihr vorbei, meinen Monsignore an. Ernsthaft überlegte ich, ob ich ihn nicht nach Tisch den Damen als meinen Schiedsrichter vorbringen sollte. Doch war ich des Ausgangs eines so kühnen Unternehmens nicht gewiß genug, vielmehr wollte es mir scheinen, als ob es in meinem Vorteile läge, wenn die beiden Parteien getrennt blieben. »Wir legen uns gleich schlafen«, erklärte Sidonia, wie ich gerade das letzte Stück meiner dritten Orange in den Mund schob. »Übrigens könnte man meinen, daß du daheim nicht genug zu essen bekommst. »Bekomme ich auch nicht!« versicherte ich. Sie blieb ernst. »Bist du jetzt satt?« »Nein!« Da sah ich es nun doch wieder um ihre Schläfen zucken und in ihren Augen wetterleuchten, ich sah es wieder, das Licht, das seit ihrer Rückkehr in die Halle hinter der strengen Maske umging, aber wiewohl ich sie beim Abschied aufs Ohr überfiel, es küßte und hineinflüsterte: »Schön bist du, Tante Donja, wirklich schön – wie ein junges Mädchen!« (ich war ihr ja so selig dankbar für den länderüberfahrenden Zug, den Speisewagen, den Schlafwagen, den Monsignore, vom fernen Venedig ganz zu schweigen!) wiewohl ich sie auch noch am andern Ohr packte und etwas hineinsagte, was mich ihr als einen um seinen Anteil am Glück geprellten Mitverschworenen empfehlen sollte, nämlich: »Du hast gut grollen, du denkst an die gute Nachricht und an Venedig«, trotzdem ich, an ihr hängend, plötzlich fühlte, wie ihre Starrheit sich unter mir löste, gelang es mir an diesem Abend nicht, ihre Verzeihung zu gewinnen. »Energisch bist du, sagt die Mutter«, rief ich aus, aber so, daß der Hohn wie eine Liebesklage sang, und wünschte ihr, mit wehmütig sieghaftem Anstand, eine gute Nacht. Sie bewohnte natürlich ihre Kabine allein, während ich (»Plantsch-Plantsch!«) zweiter Klasse schlief. Der Monsignore saß, schon halb entkleidet, auf dem Bett und las in seinem Brevier. Als ich eintrat, klappte er das Buch zu und half mir unter vergnügten Reden aus den Kleidern. Jedoch duldete er nicht, daß ich Hemd und Unterhose gegen den Schlafanzug vertauschte, den er verwundert musterte und dann weglegte. »Man kann nicht wissen, was passiert, und dann bist du nackt«, sagte er. Damit wir aber diese Nacht nicht entgleisten, mußte ich mit ihm niederknien und laut den Englischen Gruß beten. Ich betete deutsch, er, um mir näher zu sein, gleichzeitig französisch, denn das Italienische verstand ich nicht, und ich war gewohnt, mit meiner Mutter deutsch zu beten. Dann hob er mich auf das obere Bett, klopfte das einzige Kissen, verpackte mich in die Decke. Beim Einschlafen fiel mir ein, wie wir den Englischen Gruß ganz und gar zusammen hätten sprechen können – wir hätten ihn nur lateinisch zu beten brauchen! Es tat mir leid, nicht rechtzeitig daran gedacht zu haben. Als ich erwachte, war es Tag, und ich lag allein in der Kabine. Hurtig kletterte ich von meinem Bett, zog den Vorhang auf – »Au!« entfuhr es mir. Ich rieb die Augen. Wir schienen sehr schnell durch einen blendend blauen, dabei tiefdunklen Himmel zu fahren, gleichzeitig aber war es, als ob wir stillständen. Dann erkannte ich eine fächerförmige Fläche, sie war unnatürlich grün und drehte sich langsam, jedoch immer nur ein Stück weit; noch hatte sie nicht einen Halbkreis beschrieben, als sich schon eine andre, gleiche Fläche vorschob, die begann dieselbe Bewegung von vorn und so fort. Bäume, Häuser, Bäche, Straßen glitten auf der seltsamen Drehscheibe vorbei, nur die in einem rosalila Dunst entrückten Berge standen fest. Ein Seespiegel blitzte auf, wir zerrten vergeblich an ihm, auch ihn mußten wir liegen lassen. Doch hatte er, ein Funken im Helldunkel von Erde und Himmel, gezündet. Die ganze Weite flammte auf. Das also war, stellte mein kleiner, aufjubelnder Körper fest (die Hände im sausenden Luftzug, den Kopf mit den schauenden Augen in den Nacken gelegt, den Mund gierig geöffnet) das also war Italien, war Griechenland! Denn so, wie ich sie als Zwillingsschwestern kannte, galten sie mir gleich. Rasch folgten die Wappenzeichen: die Zypresse, die Rebe am steinernen Spalier, blühende Mandelbäume, einen Hügel krönend die feste Stadt, die auf grüne Hänge weiße Terrassen auswarf, mit ihren Kirchtürmen indes an den Himmel gespießt war, grelle Platanen in schattenversunkenen Garten, auftauchend ein Palast, Wanderstraßen durch üppige Felder, die in der Morgensonne schwammen ... Ich stieß den Warnungsruf der Breuschweilener Räuberbande aus, um mich dem großen Pan bemerkbar zu machen. Da brachen drei Kühe, die Büffeln glichen, entsetzt durch die Reben, und gleichzeitig tauchte aus einem Maulbeerbaum ein halbnackter Junge; er riß das Maul auf und drohte dem Zuge mit der Peitsche. In einer Minute war ich gewaschen, in zweien angezogen und eilte nun zu sehn, was im Innern unseres rasenden Zuges alles los sei ... Als ich nach dem Hut griff, flatterte ein Blatt heraus, ich fing es im Flug, erkannte in ihm, ohne es näher zu betrachten, ein Muttergottesbild mit Spitzenrand, wie man es in Gebetbücher legt, dachte, der verschwundene Monsignore habe es mir zum Andenken dagelassen (zu Hause besaß ich ein halbes hundert solcher Geschenke), steckte es in die Brusttasche und trat in den Gang. Ich trat in den Gang. Vier Gestalten hielten sich darin auf. Rechts von mir ragte ein gebieterischer Herr, dessen Kopf auf zwei roten Nackenwülsten ruhte, und dieser Herr blitzte durch ein Monokel in das Rosengesicht einer wohlgestalteten Göttin. Diese aber ließ ihre Augen, an mir vorbei, den Gang hinunterlaufen, wo ein junger Gott und ein Mädchen am Fenster verweilten. Von dem Mädchen sah ich vorerst nur den Kopf. Der war so schwarz wie eine Elster, gleichsam gefirnißt, mit einem leuchtend schwarzen Schein über einen stumpferen Grund. Der junge Mann hatte ähnliches, ebenfalls glattgestrichenes Haar. Es saß ihm, noch naß von der Morgentoilette, wie eine schwarze Kappe auf dem Kopf. Er trug einen langen Pelz, vom Schnitt eines Bademantels, und blaue Pantoffel. Über das schmale, blasse Gesicht huschte, von den Wimpern bewegt, ein Schattenspiel. Er blickte lächelnd auf die Kleine hinab. Der Mund hielt sein Lächeln wie eine Rose, der Atem bewegte sie leise ... Ich war in seine kleine Schwester hinter ihm verliebt, bevor ich sie noch gesehn hatte. Denn daß die Elster mit dem roten Schmetterling auf dem Zopfende die Schwester des jungen Mannes sei, daran konnte ich nicht zweifeln. Inzwischen stand ich immer noch vor meinem Abteil, keins der vier beachtete mich. Ich aber schwebte in hellichtem Frohsinn, die Seele eines schönen Tages durchdrang mich, ich vernahm einen geflügelten Tritt, den Boten des Glücks ... Glühte ich wirklich schon für das unbekannte Mädchen? Jedenfalls hatte ich Zeus in Gestalt des Stiers erkannt und die von seinem Rücken gerutschte Europa, wie sie mit Ganymed neugierige Blicke tauschte! Da öffnete sich eine Tür, und ich flog Tante Donja in die Arme. Es war nicht nötig zu fragen, ob sie noch böse sei. Ich sagte ihr nicht einmal auf der Schwelle des Tages, wie schön sie ankam. »Du Morgenstern!« dachte ich, »du riechst nach frischer Wäsche und sogar ein wenig nach der Mutter. Wie gut, daß du dich, mit Ausnahme von katastrophalen Fällen, erst gegen Abend puderst und parfümierst!« »Donja,« sprach ich, »komm schnell, ich bin schrecklich hungrig und habe dir so früh am Tag schon viel zu erzählen.« Und erzählend frühstückte ich denn, solange im Speisewagen Frühstück verabreicht wurde. Ich hinterbrachte ihr über Europa, Zeus und Ganymed haarsträubende Geschichten, von denen sie jedenfalls mehr verstand als ich, der sie als Kenner zum besten gab. Sie mißfielen ihr nicht. Nur wenn sie, ich nahm an: vor Begeisterung, errötete, unterbrach sie mich: »Claus, iß nur, du wächst jetzt so stark.« Oder: »Claus, schnell, die Kellner räumen die Tische ab.« Schließlich wollte sie wissen, von wem ich all die lustigen Geschichten hätte. Vom Abbé Simon, erwiderte ich stolz. »Nein, wirklich?!« Sie lachte. Ach, sie konnte lachen, daß es klang wie ein Taubenflug. Und wenn sie lachte, kamen ihre braunen Locken ins Tanzen und enthüllten die Goldstücke, womit sie gewickelt waren. Wenn sie lachte, schlossen sich die wonnigen Schlitzaugen noch mehr, so daß man nur noch einen grünen Streifen sah, und die Brauen vereinigten sich zu einer Lachwellenlinie, die auf und ab wogte. Und alle Zähne klirrten ihr im Mund. Die kleinen Hände aber waren fromm unter dem Kinn gefaltet. »Die Javanerin« nannte sie mein Vater, und er behauptete, der Rheinweilener »Amerikaner« habe sie von einem Abstecher nach den Inseln heimgebracht. Auch war ich, seitdem ich das gehört hatte, entschlossen, bei der ersten Gelegenheit nach Java zu fahren ... Vorläufig hätte ich Donja gern geküßt, aber das konnte erst wieder am Abend geschehn. »L'Abbé Simon!« sagte sie sinnend. »Bohrt er noch immer in der Nase wie ein Gott?' »Donja! Der Abbé Simon bohrt in der Nase, das ist wahr, nämlich wenn er über ein besonders tiefes Problem nachdenkt, aber die Götter, die Götter, Donja, tun das nicht. Sie kennen keine Probleme.« »Warum nicht, Clans? Sie tun doch sonst alles, was Menschen tun, nur großartiger. Hast du etwa nie in der Nase gebohrt?« Ich zuckte die Achseln. »Nie?! Ich weiß nicht. Jedenfalls hat man es mir abgewöhnt!« »Claus, wer sollte es den Göttern abgewöhnen? »Ach, weißt du,« sagte ich, »darüber mag ich gar nicht nachdenken. Die Götter verleidest du mir doch nicht.« So kamen wir in den Schlafwagen zurück. Im Gang lehnten Europa und Ganymed an einem Fenster: Ganymed zierlich wie ein Mädchen, das den Buben spielt, Europa mit dem schmachtenden Ausdruck einer jungen Mutter. Sie lachten einander in den Mund und achteten unser nicht. Aber wo war Zeus? Ich sah aus dem Fenster: galoppierte er am Ende auf allen vieren im Himmel? Und da war sie. Da stand sie, vier Schritte vom tändelnden Paar entfernt, und paßte auf. Um heuchlerischerweise an den Tag zu legen, wie sehr sie sich langweilte, tat sie, als spielte sie weltversunken mit ihren Zöpfen. Aber in Wirklichkeit ward sie vom augenstichelnden Studium des Paars erst abgelenkt im Augenblick, wo ein großer Junge in den Gang einbog, und dieser große Junge war ich. Und das also war sie! Ich betrachtete sie ohne Verstellung, fleißig und achtungsvoll. Ich merkte sie mir, Zug um Zug, und hätte am liebsten dabei die Hand aufs Herz gelegt, um sie meiner Hochachtung noch auf besonders ausdrückliche Weise zu versichern. In das Jungensgesicht mit der leichtgebogenen Nase schienen die großen Frauenaugen, die Wimpern, der rote Mund geradezu hineingemalt, das fiel mir vor allem andern und schon von weitem auf. Ich ließ die Tante vorausgehen, wir schoben uns an Ganymed und Europa vorbei, die beim Ausweichen dicht aneinander gerieten, und als die Kleine sich vor uns an die Wand drückte, nahm Donja ihren Kopf in die Hände. »Quelle gentille demoiselle!« sagte sie dabei. Die Kleine wollte knicksen, dazu war es zu eng. Aber mich am Rock festhalten, das konnte sie, dafür war es gerade eng genug. Gehorsam blieb ich stehn. Die Tante tat, als hätte sie nichts bemerkt und schlüpfte in ihr Abteil. Das Mädchen und ich schwiegen nun eine ganze Weile, vollauf damit beschäftigt, einander zu betrachten. Die Augen waren es, die mir zu denken gaben. Sie waren nicht nur auffallend groß, sondern, wie bei manchen Katzen, heller als ihre Grundfarbe, mit einem feuchten Hof um die dunkle Pupille ... »Der Herr dort ist ein Flirt«, sagte ich endlich, mit einem Blick auf Ganymed. Todernst antwortete sie: »Ich auch.« Obwohl ich es mir als Mann schuldig gewesen wäre, wagte ich doch nicht zu lachen. »Ich heiße Claus«, sagte ich. »Claus, Maria, Raymond. Ich habe außerdem noch zwei Namen aber die gefallen mir nicht.« »Ich heiße Maria. Maria Capponi. Ich habe nur einen Namen.« Sie schlug die Augen nieder, und ich dachte: »So ein Gesicht machen bei uns die kleinen Mädchen, wenn der Herr Pfarrer mit ihnen spricht. »Schade, da haben Sie ja gar keine Auswahl. Wenn nun Ihrem Mann der Name Maria nicht gefällt?« Sie hob die Wimpern, mit einer gewissen Anstrengung, als wären sie sehr schwer. »Ich bin Marchesa«, sagte sie. Lächelnd erwiderte ich: »Nichts desto weniger kann der Name Maria ihrem Gatten mißfallen. Ich bin übrigens Baron.« Jedoch sie legte es augenscheinlich darauf an, mich zu ärgern. »Marchesa!« meinte sie, »ist mehr als Baron.« »Nicht immer«, wandte ich ein. »Doch, immer«, behauptete sie. »Nun gut, meine kleine Marchesa, ich bin aber Reichsfreiherr.« Sie bog horchend den Kopf, wobei sie die Brauen fast bis zu den Haaren emporzog. »Wie, bitte?« Ich wiederholte: Reichsfreiherr, und nun wollte sie wissen, was das für ein Reich sei, dessen Titel ich trüge. Inzwischen musterte sie mich, als ob sie auf mir die Stücke meines Adelsbriefes einzeln zusammensuchte. »Das alte römische Reich«, sagte ich. »Das Reich Karls des Großen«, sagte ich und hielt ihr einen kleinen geschichtlichen Vortrag, dem sie gespannt lauschte. »Marquis,« schloß ich, »Marquis gab es meines Wissens damals noch nicht.« »In diesem Fall,« meinte sie nachdenklich, »in diesem Fall kann man nur bedauern, daß ihre Familie es in der langen Zeit nicht weiter gebracht hat.« Ich behauptete: »Wir wollten nicht.« Sie lachte auf. »So fragen Sie doch Ihren großen Bruder dort«, äußerte ich voll verhaltenen Grimms, denn sie hatte in einer Art gelacht, die fast einer körperlichen Beleidigung gleichkam. »So fragen Sie ihn einmal, was ein Reichsfreiherr ist. Vielleicht weiß er Bescheid.« »Sehn Sie nicht, daß er beschäftigt ist, Herr Baron? Wir heißen, wie gesagt, Capponi.« »Das haben Sie schon einmal gesagt, ganz richtig, und ich habe wohl vergessen zu danken. Capponi also. Danke. Danke sehr. Ich habe den Namen nie gehört.« »So? Sie haben den Namen Capponi nie gehört? Und Sie? Wie heißen denn Sie, wenn ich schon fragen muß?« »Ach so! Claus von Breuschheim. Entschuldigen Sie! Bitte, entschuldigen Sie! Ich bin offenbar zerstreut.« »Clau –? Brö –?« Sie machte sich steif, um nicht zu lachen, und blies die Backen auf, bis sie platzten. Als ich aber, von ihrem Gelächter wiederholt ins Gesicht geschlagen, in herrischer Beschwörung ihren Arm ergriff, zuckte sie furchtsam zusammen, so daß ich sie schnell wieder losließ. »Ah!« sprach ich leise, »Sie werden zu Hause geschlagen. Vortrefflich! Sie sind, Marchesa, nicht zum besten erzogen, ich bedaure aufrichtig, es Ihnen sagen zu müssen. So lacht man nicht, es ist unerlaubt, so zu lachen – ich muß es Ihnen aufs ernsthafteste versichern.« Die tollen Augenbrauen machten einen Sprung, und der Mund wölbte sich mürrisch, plötzlich war er doppelt so rot, und ich fand ihn entzückend, ja, ganz entzückend fand ich ihn, diesen mürrisch dargebotenen großen, roten Mund auf der bleichen Tiefe des Gesichts, in den die Flut des Blutes aus der Tiefe des Körpers getreten war, während die Brauen sich gleich Sturmvögeln aufgeschwungen hatten ... »So? Wer zwingt Sie denn, es mir zu sagen?« fragte sie da. »Der Anstand, Marchesa, nichts, als die einfache Sorge um den Anstand.« Und ich suchte eilig, wie ich es einrichten könnte, um nun in schnellem Übergang auf den Mund zu kommen, über den unbedingt etwas ausgesagt und bekannt sein wollte. Leider hielt sie nicht still, übrigens zu ihrem eigenen Schaden, sondern entließ mich in aller Form mit den Worten: »Schade, Sie kleiner Poseur. Ich habe Sie ein wenig aufgezogen, aber Sie sind grob geworden. Au plaisir de vous revoir, Monsieur le Baron!« Ich verbeugte mich, sie nickte, ja, ich glaube, wir versuchten zu lächeln, jedenfalls kehrten wir uns, sehr aufmerksam, zu gleicher Zeit den Rücken. »Nun?« empfing mich meine Tante. »Was für eine Göttin ist sie?« Ich antwortete, das werde sich erst noch herausstellen. »Ach, ihr habt wohl ein Rendezvous ausgemacht?« Das sei, sagte ich, unter Göttern nicht üblich. Sie träfen sich von ungefähr. Aber scharf dahergeschwätzt hätten wir, Stoß und Parade in einem, ein wenig barbarisch, diebisch, rauhstimmig, aus rotem Mund und, sie möge verstehn, mit stürmisch gerafften Brauen, doch käme es mir vor, als wäre ich vorerst nicht unbedingt Sieger geblieben. Worauf Sidonia sich über das hochfahrende Wesen verwunderte, das ich mir »urplötzlich« zugelegt: nicht auf den gestrigen Wutanfall solle damit gezielt sein, da handelte es sich mit aller Wahrscheinlichkeit um eine erbliche Belastung von väterlicher Seite, die ich hoffentlich mit der Zeit abwerfen werde, nein, was sie beunruhige, sei so eine kecke Handbewegung, womit ich Gott weiß wen herausforderte, eine etwas ungenierte Verbrüderung, sogar mit Göttern. Jawohl, gab ich zu, ich fühlte mich als Eroberer, als ein harter, aber nicht unliebenswürdiger Herrenräuber unter fremdem, fast blendendem Himmel, als ein geheimer Hohenstaufe etwa, ein Privatkaiser, der mit glänzendem, wenn auch unsichtbaren Gefolge und im weithin hörbaren Rauschen von Bannern gen Süden reite. Jawohl, dies sei es, ich könne, ich wolle es nicht leugnen. Und auf einmal machte Donja ein Gesicht, als billigte sie mich, ja, als nähme sie, bewußt und sichtbarlich, an meinem Zuge teil.   Gegen Mittag drangen wir unversehens in funkelnde Gewässer vor. Wir fuhren auf einem schmalen Damm durch das Meer. Dann trat Sonnenfinsternis ein. Der Zug hielt in einer halbdunkeln Halle. Die Türe wurde aufgerissen, wilde Männer fielen ein, die alle Heiligen in die Hölle fluchten, aber sobald man sie ansah, lächelten sie, flüsterten »Please, Sir« ... »A moi, Madame«... »Gepäckträg«. Andre, die noch niemand gefunden hatten, der sie ansah, sprangen brüllend, mit Gebärden der Verzweiflung von Tür zu Tür. Koffer und Handtaschen flogen aus den Fenstern und wurden von zappelnden Händen aufgefangen: »Madonna!« ... Zwei Schritte vom Zug entfernt, mit verschränkten Armen, ergingen sich die Schaffner in einer Art von kirchlichem Singsang. Als wollten sie die heiligen Streiter anhalten auszuharren, sangen sie: »Venezia! – Venezia!« Ich stand, ängstlich an Sidonia gedrückt, vor dem Bahnhof. Stufen führten auf den gepflasterten Platz, von dem wiederum eine breite Treppe zum Kanal hinabstieg. Unter uns wogte unübersehbares Handgemenge. Uniformierte Männer eilten mit erhobenen Stöcken hin und her und brüllten Kommandos – niemand hörte auf sie. Massenhaft drängten schwarze Kähne an die Landungstreppe heran. Durch die Kähne kam plötzlich Ganymed gefahren. Er stand aufrecht in einer Gondel und rief. Einer der uniformierten Männer reichte ihm den Stock, so zogen sie die Gondel an die Treppe, Zeus und Europa stiegen ein. Und Maria Capponi? Ich entdeckte sie am Ende der Treppe in einem Motorboot, von wo sie sowohl ihren Bruder, wie mich im Auge behielt. Mit einem Satz war Ganymed neben ihr. Der Motor fauchte, das Boot bahnte sich mit dem Hinterteil einen Weg durch die schaukelnden Kähne, und dann trieb es auf schwanken Spiegelbildern, die, flüssige Stücke von Kirchen, von Palästen, glucksend aus dem blauen Himmel zu laufen schienen. Während das Boot wendete, suchten Ganymeds Augen Europa. Ich sah Maria winken. Ich sah, daß alle Häuser im Wasser standen und das Wasser im Himmel, und wie, hoch über alledem, Sidonia in königlicher Haltung schwebte, nachlässig, sicher, und wartete. Worauf wartete sie? Da erhob sich von der Kanaltreppe ein mehrstimmiger Schrei, auf den Stille folgte. Sidonia stieg die Treppe hinab. Ein weißes Motorboot landete, dem ein weißgekleideter Matrose entsprang, die uniformierten Männer umringten ihn mit geschwungenen Stöcken, ein Pfiff gellte. Sidonia und ich schritten durch ein Spalier stumm gaffender Menschen. Einige griffen verschüchtert an die Mütze. Der weißgekleidete Matrose reichte Sidonia die Hand, um ihr ins Boot zu helfen, ein zweiter Matrose führte sie bis zum weißen Polster am Heck, wo eine schwarzgelbe Fahne hing, und als sie Platz genommen hatte, umschlang der erste meine Hüfte und sprang mit mir an Bord. Schon hatten wir uns aus dem Knäuel der Gondeln gelöst, schon überholten wir das Boot mit Ganymed und Maria. Ganymed grüßte federnd, wie der kleine Mohr auf meiner Sparbüchse, ich winkte, stolz, in diesem Augenblick Marias würdig zu sein, und sie, sie war wiederum darauf stolz und winkte lebhaft zurück. Wir hatten alle Boote hinter uns gelassen und pflügten allein durch das seidenfarbene Wasser. »Donja, was ist das für ein Boot, und wer ist es, der uns abholen läßt? »Es gehört zu einem russischen Kriegsschiff.« Trotz dieser offenbar ungenügenden Antwort wunderte ich mich nicht. Zu sehr erstaunte mich die Wasserstadt, die, in Teppichen hängend, wie ihr Spiegelbild sie unaufhörlich aus Millionen Stückchen Wassers und Himmels zusammenknüpfte, zugleich aufdringlich modisch und ein altes Guckkastenbild war. Zwischen einem rosaweißen Palast aus Tausendundeiner Nacht und einem kleineren, weinroten mit Fenstern aus weißen Spitzen gingen wir an Land. Ich war aus allen Himmeln gerissen, denn gerade hatte ich große, graue Schiffe voller Kanonen gesichtet. Ein Hotelportier mit den Petrusschlüsseln auf den Aufschlägen des Rockes erwartete uns an der Spitze grünbeschürzter Knechte. Hinter diesen trat auf einmal ein rundlicher, nicht mehr junger Kellner mit einem kahlen Kugelkopf hervor und reichte mir die Hand. »Guten Tag, Signor«, sagte er, und zur erstaunten Sidonia gewendet: »Ich bitte um Entschuldigung, Signora. Ich habe gehört, daß Kinder ankommen, deshalb bin ich da.« Darauf beugte er sich zu meinem Ohr: »Ich bin Emilio«, vertraute er mir an. In der Halle begrüßte uns der Direktor. Er ließ uns in den Lift steigen, der, kaum, daß er zu sausen begonnen, gleich wieder hielt, und geleitete uns in einen Saal, wo man das Meer und den Himmel und dazwischen, wie in die bunte Watte einer Weihnachtskiste gepackt, die Kriegsschiffe erblickte. Mich aber nahm er an der Hand und führte mich, während ein ahnungsvoller Zorn in mir aufstieg, einen endlosen Gang entlang bis vor eine Türe, die er mit einem Ruck vor mir aufstieß. Er wünsche, sprach er mit einer betont scherzhaften Verbeugung, dem kleinen Baron einen angenehmen Aufenthalt in Venedig, und der kleine Baron solle das runde Pappstück mit seiner Zimmernummer nicht verlieren, denn sonst könnte er vielleicht einmal nicht in sein Bett finden und müßte im Keller schlafen. Zögernd trat ich ein. Das Zimmer war klein und verschlissen. In Breuschheim hatte kein Dienstbote ein solches Gemach. Der Hof, auf den das einzige Fenster hinausging, diente als Abzugskanal für die Küchendünste. Nein, da dankte ich. Das war kein Zimmer für einen Privatkaiser, der überdies im Begriff stand, sich eine Luxusstadt wie Venedig zu unterwerfen. Entschlossen ging ich den Korridor zurück, bis ich vor der Zimmernummer Sidonias stand. Auf mein Klopfen öffnete die Tante und trat zu mir hinaus. »Was wünschst du?« »Taschengeld«, sagte ich. »Wir sind in einer fremden Stadt.« Sie lachte schwirrend auf. »Einen Augenblick. Warte hier.« Bald darauf kam sie mit einem Zehnlireschein zurück, den sie mir in den Kragen schob. »Du Wackes«, sagte sie zärtlich, und obwohl ich eigentlich dafür schon zu schwer wog, hob sie mich auf, und obwohl nicht die geringste Veranlassung vorlag, küßte sie mich. In der Halle schrieb ich ein Telegramm an meinen Vater, worin ich ihn bat, der Tante Geld zu schicken, damit ich ein anständiges Zimmer bekäme. »Wollen Sie mir die Depesche besorgen?« fragte ich den Portier. »Dringend.« Er las und stutzte. »Was kostet die Depesche?« fragte ich. Er zählte. »6 Lire, 80.« Ich reichte ihm den Zehnlireschein: »Bitte, behalten Sie den Rest« »Danke, Herr Baron«, hieß es. »Die Depesche geht sofort ab. Am andern Tag erhielt Sidonia ein Telegramm, das ich öffnen mußte. Vater schickte Geld für mich und bat, mir ein gutes Zimmer anzuweisen. Dies geschah auf der Stelle. Das neue Zimmer lag im höchsten Stockwerk und bildete einen Erker im Himmel. Die Kriegsschiffe hingen unter mir in der Lagune. Auf kleinen Inseln läuteten Kinderglocken den Englischen Gruß. Weit hinten tauchte ein Ozeandampfer aus dem freien Meer in das Spiegelbild Venedigs. Es roch nach köstlicher Fäulnis. Beim Abendessen saß ich allein am kleinen Tisch, Sidonia war in die Oper gegangen. Jedoch, dem Kellner mit dem Erdbeereis folgte Maria auf dem Fuß. »Ich muß Sie um Verzeihung bitten, Baron«, sagte sie. »Mein Bruder hat in einem Buch nachgesehn – Sie sind so gut wie ein Marquis.« Sie machte eine Pause, als erwarte sie eine Antwort. Aber natürlich überhörte ich ihre Exküsen, übersah auch ihre noch kleinmütigeren Blicke, und so seufzte sie denn nach einer Weile reuig auf und fuhr fort: »Wissen Sie, daß wir auf demselben Stockwerk wohnen?« worauf unser Gespräch ohne weitere Schwierigkeiten sich munter fortsetzte. Wie wir noch über dem Eis beisammensaßen, brachte der Portier ein zweites Telegramm, diesmal an mich. Er überreichte es mir auf dem Dach seiner Mütze. Es lautete: »Mach' dir nichts daraus. Wenn genug hast, abreise. Geld bei deutschem Konsul. Ihm schreibe gleichzeitig. Portier führt hin.« Mein Vater, muß ich hier einfügen, war außerhalb des Hauses eifersüchtig auf meine Bewegungsfreiheit bedacht, vermutlich, weil er selbst ein (allerdings nachlässiger) Tyrann war. So oft ich nach Rheinweiler fuhr, erhielt ich die ausdrückliche Ermächtigung, wenn »es nicht mehr ginge«, ohne vorherige Verhandlungen »durchzubrennen.« Das kam, weil Sidonia für »herrschsüchtig wie ein Zar« galt und »romantisch bis zur Verrücktheit.« In Wirklichkeit beseelte sie eine leidenschaftliche Energie, die sich mit ihrer ausgesprochenen praktischen Natur sehr wohl vertrug, und es bestand kein Zweifel, daß sie ihr Gut musterhaft verwaltete, während mein Vater an dem verhängnisvollen Fehler krankte, sein Steckenpferd allzuoft zu wechseln. Und mit ihrer Romantik war es so bestellt, daß sie alles, was sie liebte, wie Reiten in Feld und Wald, auch bei Mondschein, Debattieren, Lachen, Reisen und Lesen russischer Romane, mit dem gleichen inneren Drange gleichsam zu laden schien. Wirklich unverträglich wurde sie nur in Breuschheim, wenn ihr, die bei russischen Verwandten aufgewachsen war, plötzlich die Enge unsrer westeuropäischen Verhältnisse aufstieß und sie begann, Vater und Mutter mit dem Entwickeln vielleicht sehr vernünftiger, aber aussichtsloser Pläne für die gemeinsame Bewirtschaftung der Güter zuzusetzen. »Sie möchte uns alle regieren, begehrte dann mein Vater belustigt auf, »die ganze Familie bis in den zehnten und zwanzigsten Grad, von Rheinweiler bis Carcassonne, von Herbert Castle bis Madras und Cincinnati, vom Ural bis zu den Pyrenäen. Sicher macht sie auch noch einen Vetter linker Hand in Java ausfindig und bringt ihn unter ihr Zepter.« Auffallend war, daß der »Platzmangel« und die »Unzulänglichkeit unsrer Wirtschaftsform« ihr nur in Breuschheim bewußt wurde, wiewohl dieses das Rheinweilener Gut an Größe um das vielfache übertraf. Lag es an der tiefstillen, immer zufriedenen, jedes Gewitter in Gottvertrauen anlächelnden Art ihrer älteren Schwester, meiner Mutter, oder mehr an der unbesorgten Phantasterei meines Vaters, dieses »ewigen Kindes«, der »ein Ulrich Rheinweiler geworden wäre«, hätte er sich nicht damit begnügt, »einzig und allein seinen Launen zu leben«? Ich selbst machte mir wenig Gedanken darüber. Immerhin war mir soviel klar, daß Sidonia, die mit mir wie ein gleichaltriges Kind sein konnte, sich schrecklich erwachsen gab, sobald Vater oder Mutter ins Zimmer traten. Sie zog, wie ich den Vorgang im stillen nannte, »ihr Korsett an«. Korsette aber waren mir ein Greuel, sie schlossen mich aus der Gemeinschaft der Frauen aus, ich griff eine Säule, wo ich gehofft hatte, eine Mutter, eine Tante zu finden. An jenem zweiten Abend in Venedig spielten Maria und ich bis zehn Uhr Dame, und wenn wir auch nicht, wie besonders Maria hoffte, die Heimkehr der schönen Sidonia erlebten, so gelang es mir dafür, nach meinem Familiennamen auch noch den eigenen Vornamen in Marias Gunst zu setzen. Lehrte ich doch die kleine Marchesa die für eine italienische Kehle tatsächlich schwierige Silbe »Claus« deutlich aussprechen. Dies brachte mir den zweiten Sieg an diesem Tage, den dritten, wenn auch nur schattenhaften Lorbeer pflückte ich beim Abschied im halbdunklen Korridor. Von einer flüchtigen Berührung Marias wie verwandelt, trat ich in mein Zimmer, den Himmelserker, der jetzt bestirnt war, und ein neues Gefühl, duftend und klangvoll zugleich, dehnte meine Brust. Erstaunt betrachtete ich mich im Spiegel, lehnte aus dem Fenster, suchte das Bild Marias, ihren Mund, ihre vielfarbigen Augen in der Lagune und sann dem Wunder nach, das mit mir geschehn war, schritt lange hin und her und pflegte, was mein Auge im Zimmer und draußen sah und immer wieder sah, mit hundert zärtlichen und übermütigen Gedanken. Und wenn ich in meinem toll genußsüchtigen Wandern und Schauen innehielt, überfiel mich der Feuerschein einer fern lodernden Angst – so klopfte das Schicksal in meinen Adern Alarm. Heute, nach mehr als zwanzig Jahren, wo ich hier im nachtverlorenen Waldbaus an Urgroßvaters Schreibtisch sitze und eine Wartezeit erdulde, wie sie nicht mehr von der armen zerstörten Tante, wohl aber von derselben Maria Capponi erfüllt werden kann, die damals, Dame spielend und »Claus« lernend, auf die Heimkehr der schönen Sidonia wartete, heute noch und während ich dies schreibe, sehe ich das hochgelegene Zimmer des Hotels Danieli in Venedig, und wie nachts auf der Lagune Mondkatzen mit Silbermäusen spielten, und wie auf den Stein fliesen der Riva degli Schiavoni (ich spuckte freundlich hinunter) die Sonne lag wie ein braver, dicker Hund. Il Felze »II felze«, so heißt das schwarze Zeltdach; das die Gondeln bei regnerischem Wetter aufsetzen. Die Gondeliere holen es wirklich nur bei Bedarf hervor, und zur Entschädigung erwarten sie vom Paar, das sich darin verbirgt, eine entsprechende »mancia«, ein Handgeld. Ein schöner Felze hat eine Schleppe, die bis zu den Füßen des Gondeliers reicht. Kein Brautschleier kann dichter sein. Bunter dem Dach des Verstecks, auf der »Poppa«, steht der Gondelier und rudert; die aufgereckte Hellebarde des Bootschnabels hält ihm das Gleichgewicht. Hellebarde und Gondelier bilden die Endpunkte einer Ellipse, in der das Boot, etwa an die Bewegung einer Schlange erinnernd, sich vorwärts bewegt. Mit dem einzigen langen Ruder führt der Gondelier das Versteck, aber er selbst ist durch zehn Meilen davon getrennt. Er sieht nichts, er hört nichts, und wenn er dem Kollegen, der ihn auf dem Wasser kreuzt, einen Ruderschlag überspringend geheimnisvolle Zeichen mit den Händen macht, zu denen der andre grinsend nickt, so spielt er sich nur auf. Wer sagt ihm denn, ob nicht seine Fahrgäste damit beschäftigt sind, das Vaterunser auf italienisch zu lernen? II felze spielte in den Gesellschaftsräumen des Hotels eine besondere Rolle, hinter der Maria und ich bald ein Geheimnis witterten, gleichsam eine ganze Geheimsprache in einem einzigen Wort. »II felze« rief man zwar auch, wenn einer jener entzückenden venetianischen Frühlingsregen einsetzte und alle zu den Fenstern drängten, um die erste bedeckte Gondel in die Lagune stechen zu sehn, – gewöhnlich ließ sie nicht lange auf sich warten, und ihr Erscheinen wurde mit Hallo und Händeklatschen begrüßt. Aber viel öfter hörte man das Wort im übertragenen Sinne gebrauchen. Bei hellstem Wetter konnte jemand mit einem Blick auf einen Herrn oder eine Dame leise ausrufen: »il felze«, was bei den Hörern immer ein bestimmtes Lächeln auslöste. Andrerseits hatte ich es auch in wütendem Tone aussprechen hören, ja in einer ganzen Abwandlung des Zorns und der Entrüstung, und zwar von einem Herrn und einer Dame, die laut streitend vor mir den Korridor entlang gegangen waren. Eines Morgens, als Maria und ich aus dem Hotel und mit freudig zum Empfang erhobenen Armen in einen sonnendurchschienenen Sprühregen hinausliefen, bemerkten wir eine reich geschnitzte, mit ornamentalen Figuren aus getriebenem Messing geschmückte Gondel, die gerade aus dem engen Kanal in die Lagune fuhr. Sie trug ein nicht minder festliches Dach (»il felze!«, Maria deutete mit dem Finger darauf) und war bis auf Bug und Heck hinauf mit roten Teppichen ausgelegt; auch auf den Treppchen zu beiden Seiten des Bootsinnern lagen, unter Messingstangen, rote Läufer, ja, der Gondelier selbst trug eine breite, rote Schärpe um die Hüften. Dies viele Rot auf dem spiegelnden Schwarz der blankgeriebenen Gondel wirkte wie ein Freudenschrei. Wir eilten die Landungstreppe am Ende des Damms hinab und bückten uns, um in das Innere des vorbeigleitenden Felze zu spähen. Und da erblickten wir etwas, was uns schnell wieder in die Höhe fahren, aus entsetzten Augen den herüberdrohenden Gondelier anstarren und dann fluchtartig die Treppe hinaufstürzen ließ. Atemlos standen wir hinter dem Konzertflügel in der Halle und wagten nicht, einander anzusehn. Wir hatten den Schlüssel der Geheimsprache »il felze« gefunden ... Ich muß nun, um die Folgen dieses Ereignisses leichter verständlich zu machen, vorausschicken, daß Maria sowohl wie mir verboten war, des andern Zimmer zu betreten. Wir durften auch nicht allein ausgehen. Infolgedessen verbrachten wir oft ganze Tage in der Hotelhalle. Bei schönem Wetter fanden wir nichts dagegen einzuwenden, denn dann konnten wir in der leeren Halle unsre Spiele treiben, den Gästen aufpassen, wie sie kamen und gingen, einander Szenen machten und sich versöhnten, beim Portier Erkundigungen einzogen, aus denen ihre Absichten ziemlich klar hervorgingen, auch zog hinter den Scheiben auf der Riva degli Schiavoni der Frühling in einem endlosen Reigen von Menschen vorbei. Drohte uns einmal der Stoff auszugehn (es war aber wohl mehr das Bedürfnis der Abwechslung oder noch etwas anderes, was uns dann trieb), so streiften wir das Hotel ab, vorn Keller bis unters Dach, wobei unser Atem um so schneller ging, je einsamer es um uns wurde. Es konnte geschehn, daß wir minutenlang dicht vor einander standen, uns mit den Augen verzehrend, schwer atmend, von unserm Herzklopfen wie betäubt, und nicht imstande waren, einen Finger zu rühren, bis Maria sich losriß und die Flucht ergriff. Halb befreit, halb enttäuscht jagte ich ihr nach ... »in die Oberwelt«, wie wir es nannten, was jedoch abfällig gemeint war und einzig zu dem Zwecke erfunden, die leider so flüchtige Welt der Versunkenheit, des Zwielichtes, des einsamen Entrücktseins auf zwei taumelnden flatternden Herzen., auf einem einzigen abgründigen Augenblick zu ehren und im überhellen Gedächtnis zu verschließen. Lachend machten wir Halt und gingen zu gefahrloseren Spielen über. Da gab es zum Beispiel im Speicher eine Ecke, wo die leeren Koffer aufbewahrt wurden. Sie boten uns Gelegenheit, zuerst auf die Nationalität des Besitzers, dann auf die Besitzer selbst zu raten. Die Schrankkoffer der Amerikaner glichen reisenden Geldschränken, die Koffer der Engländer waren leichter und von heller Farbe, aber mit vielmehr Leder, als die der deutschen Faserkoffer. Die Franzosen zogen wenigen großen Stücken ein Dutzend Handtaschen vor, wozu halb soviel Hutschachteln traten, und alle schienen schon den Großvätern und Großmüttern gedient zu haben, auch der einzige größere Behälter für die Roben Madames. Die Italiener erkannte man an den absonderlichen Farben und Formen, die vom grauen Holzkasten mit grüner Leiste bis zum eidottergelb gestrichenen, ein wenig zu kurzen oder zu schmalen Amerikanerschrank in bunter Reihe die Entwicklung des Koffers im letzten Jahrhundert darstellten. Von der Regel bildete nur der Staatskoffer Sidonias eine Ausnahme. Er war fast viereckig, aus hartem Leder und mit großen, gelben Knopfnägeln gespickt Sie hatte ihn sich von Rheinweiler nachsenden lassen, und er schien so alt wie das Schlößle selbst, verriet aber weder seine Zugehörigkeit zu einem Volk, noch zu einer Zeit. Am meisten glich er noch einem mittelalterlichen Kasten, den man mit Leder verputzt und mit englischen Schlössern versehen hätte. Schwieriger war es, zu den Koffern nun auch die Besitzer herauszufinden. Die aufgemalten Initialen und Kronen zogen wir selten zu Rate, nur in ganz problematischen Fällen, sonst griffen wir erst nachträglich nach ihnen, wie Rätselsucher, nach getaner Arbeit, zur verkehrt gedruckten Auflösung. Maria behauptete sogar, an den Damenkoffern zu erkennen, wie sehr ihre Besitzerinnen geliebt würden. Ja, das behauptete sie, allen Ernstes und mit Nachdruck. Was war das für ein Kerl, die Maria! Ich mußte lächeln, wenn ich an die verschlafenen Puppen, meine Kusinen, dachte, nur geschaffen, um von uns Jungens verachtet zu werden, und ich zögerte nicht, sie Maria in ihrer ganzen Verkehrtheit preiszugeben. »Kennen Sie Sacré-Coeur, Maria?« »Nein, was ist das?« »Ein katholischer Zirkus für Mädchen, in dessen Sprechzimmer wir Jungens am Seil geführt werden, um zu sehn, wie artig unsre Kusinen zu knicksen verstehn. Von meinen fünf Kusinen, die ich zweimal im Jahr mit der Mutter besuche, hat keine je vergessen, mich zu fragen, ob ich auch vor dem Einschlafen immer mein Abendgebet verrichte.« »So gehört es sich auch«, sagte Maria und nickte mir tiefsinnig zu. Mit der Religion ließ sie nicht spaßen, wenn sie auch die Kusinen im übrigen gering schätzte. Da gab es ferner das Bügelzimmer im Hof. Zehn Mädchen bügelten und strichen mit braunen Händen über die weiße Wäsche – schweigend in sich versunken verrichteten sie ihre Arbeit. Es sah fromm aus und roch stark. Ohne sich zu unterbrechen, überschütteten sie mich mit Blicken, die nachhaltig bebten, wenn sie in mir festsaßen, und bestreuten meinen Weg mit Lächeln und Händezucken, unter dem das Bügeleisen eine Sekunde stillestand. Maria, die mir ungern hierher folgte, ergriff auch bald meinen Rockärmel und zog mich unauffällig hinaus. »Ich möchte nur wissen, was das ist«, äußerte sie. »Alle Büglerinnen kokettieren wie die Spatzen.« Ein andermal bezeichnete sie die Mädchen als weiße Fledermäuse, die in ungelüfteten Betten nisteten – was eine krasse Verleumdung darstellte, denn die Luft ihres Zimmers war von einer geradezu penetranten Reinlichkeit. Zuweilen leistete der Kellner Emilio uns Gesellschaft. Er war ein leidenschaftlicher Familienvater und wußte von seinen Kindern rührende, sowie drollige Geschichten zu erzählen, aber auch von fremden Ländern und Rassen erzählte er, wie jenen märchenhaft schönen Königskindern in Ceylon (Emilio hatte dort »als Kellner gearbeitet«), unter denen die plumpen Engländer hochnäsig mit der Reitpeitsche in der Hand umherstolzierten. »Plumpe Zauberer, diese English«, urteilte er. »Machen alles mit dem Willen. Jeder einzelne ein Dummkopf, aber zusammen entwickeln sie eine verteufelte Intelligenz.' Dafür mußten wir Emilio über uns selbst und unsre kleinen Verwandten berichten, über die römische Gesellschaft, und wie man in Deutschland die Landwirtschaft betrieb, und ganz besonders interessierte ihn der Stand der Wissenschaft, darauf kam er immer wieder zurück. Denn nicht nur mußte er wegen seines Berufs von Frau und Kindern getrennt leben, in dem lombardischen Nest, wo sie auf dem winzigen Erbgut saßen, konnten die Kinder auch keinen »aufgeklärten Unterricht« erhalten! Wir unterhielten uns vortrefflich, jedoch, ehe wir es uns versahen, tauchte »Petrus«, der Portier, hinter Emilio auf und bedeutete ihm mit einem Blick, die Halle zu verlassen. Für diesen Fall hatten wir uns verabredet, im Speicher wieder zusammenzutreffen und dort, auf den Koffern sitzend, ungestört weiter zu plaudern. Nicht immer hielt Emilio die Verabredung; er entschuldigte sich dann bei der nächsten Mahlzeit, indem er uns zuflüsterte: »Unterwegs gekapert worden«, oder »Seeräubern in die Hände gefallen« oder kurz: »Zwangsarbeit.« Und dann gab es schließlich noch die Küche. Leider durften wir sie nicht betreten. Indes hatte Maria ein Zimmermädchen als die Freundin des Patissiers ermittelt, und ich mußte der hageren Diana den Hof machen, indem ich begeistert von der Kunstfertigkeit des Bräutigams sprach und vor allem ihr kleine Geschenke zusteckte, Musterfläschchen französischen Parfüms für sie, bunte Krawatten für den Koch, mit denen geschmückt der Adonis im nachmittäglichen Frühlingsreigen der Riva degli Schiavoni vorbeitanzte. So kam es, daß wir auf dem Tisch unsres Zimmers noch einmal das Dessert des Abendessens vorfanden., nicht selten sogar um einige kandierte Früchte, eingestopfte Pralinen, einen Guß Maraschino oder Schlagsahne vermehrt. Der Abend sank, und wir saßen in der Dämmerung vor dem Hotel. Alles, was Venedig an überquellender Freude enthielt, warf es um diese Stunde auf die Riva degli Schiavoni. Die Liebenden, die sich solang wie möglich verschwiegen hatten, sprachen, wenn die Bogenlampen aufflammten, plötzlich überlaut und warfen frech mit der Schleppe ihres Schattens um sich, Sirenen heulten in das Geläute San Marcos. Weiter unten, dem Arsenal zu, standen unbewegliche Gruppen am Rand der Lagune, und wenn die Glocken in die Ruhe zurückgefunden hatten, hörte man von dort Musik. Sie kam von den russischen Kriegsschiffen, wo die Balalaika sehnsüchtige Gesänge der Matrosen anführte. An solch einem Abend beichtete ich Maria, daß ich Sidonia liebte. Sie murmelte: »Armer Junge!« und dazu seufzte sie auf eine besondere Art, die ihr natürliches Interesse für meinen Fall deutlich überstieg. »Ich habe auch noch eine Freundin«, sagte ich. »Viviane von Bock«. »Wie, bitte?« fragte Maria mit hochgezogenen Brauen, obgleich dieser Name gewiß nicht schwer auszusprechen war. »Viviane von Bock«, wiederholte ich, bemüht, die Laute gradezu melodisch zu formen. Und um ihrem künstlichen Erstaunen ein Ende zu machen, fügte ich hinzu: »Sie nennt mich Puleinella.« »Pulcinella? Warum das?« Ich erzählte ihr von unserm Komödienspiel, worin ich in der Haltung Vivianes, mit hängenden Armen und seitlich geneigtem Kopfe auftrat und mich, als spräche ich zu mir selbst, über die Welt beklagte und ebenso an mich gerichtete Fragen beantwortete. Es war der Gegensatz zwischen der spitzen Rede und der schwärmerisch versunkenen Haltung, der die andern zum Lachen brachte. Nur Viviane lachte nicht, sondern schaute verzückt zu dem Jungen hinauf, der ihr in so überragender Weise glich. »In dieser Rolle kann ich Sie mir nicht vorstellen, Claus«, sagte Maria. »Mit Ihrer Erlaubnis, Marchesa: in der Stegreifkomödie sprudle ich von unfreiwilligem Witz.« »Pulcinella!« rief sie, jählings erleuchtet, und klatschte in die Hände. »Komisch, es war mir bisher gar nicht aufgefallen.« Sie musterte mich aus den Augenwinkeln, und da ich ein ernstes Gesicht bewahrte, lachte sie von neuem los. »Vielleicht heiraten Sie Viviane?« meinte sie. Ich nickte bedächtig: »Wahrscheinlich, Maria, heirate ich sie. Ich fürchte nur, wenn es darauf ankommt, erlauben Sie es nicht.« »Wir wollen sehn«, sagte sie. Es zeigte sich, auch sie hatte schon geliebt: einen römischen Lausbuben ohne Hemd und Schuhe, seinen Namen kannte sie nicht, aber vielleicht hieß er Peppo. Einmal war sie Zeuge gewesen, wie er im Hof des Palazzo einen andern, größeren Jungen verprügelt hatte, mit dem er am Faß voll Küchenabfälle zusammengestoßen war. Nun war Peppo ein außergewöhnlich schüchterner Junge. »Das ist mein Faß!« hatte er ängstlich ausgerufen, »ich habe keinen Vater mehr.« Der andre war herausfordernd auf ihn zugetreten. »Mein Vater ist ein Lump, ich habe ihn nie gesehen.« Peppo hatte erst gezaudert, aber dann: »Deine Mama wäscht für den Vatikan. Die meine liegt im Bett und spuckt Blut. Geh! Geh sofort! Du willst nur Hundefutter verdienen, um mit dem Geld Orangen zu kaufen. Via! Via!« Dabei zitterte er vor Angst und faltete flehentlich die Hände. Der Große sprang Peppo an die Kehle. Da, in der Wut der Verzweiflung, hämmerte der Kleine auf ihn ein, bis der andre blutend am Boden lag. Mit Fußtritten trieb Peppo ihn aus dem Hof. Aber er kehrte nicht zum Faß zurück. »Ich folgte Peppo heimlich bis zu seinem Haus, und am Nachmittag besuchten Mama und ich seine Mutter. Mama brachte sie in unsre Villa. Von dort kam sie in ein Sanatorium im Apennin. Am 6. Dezember starb sie, gerade, als der Nikolaus eintrat, um den bei ihr weilenden Peppo zu belohnen. Peppo Ist seitdem bei uns und hilft dem Chauffeur. Ich liebe ihn nicht mehr, und er heißt gar nicht Peppo.« Das war eine schöne Geschichte, o ja, wenn auch Peppo schließlich gar nicht Peppo hieß. Was aber meinen Fall anlangte, so rückte ihn die Geschichte kraft ihres heroischen und gefühlvollen Inhalts in eine Sphäre, wo lauter Glanz und Zuversicht herrschten. So fragte ich mit fester Stimme: »Maria, glauben Sie, ich könnte Sidonia heiraten? In zehn Jahren bin ich gut vierundzwanzig – und Sidonia erst vierunddreißig. Das geht doch?« Maria schüttelte den Kopf. »Sidonia liebt einen andern.« Ich rührte mich nicht. Ich fragte nicht. »Und Sie, Claus, sind leider nicht mein Typ. Schade. Aber wissen Sie, Claus, wenn ich erst einen Mann habe und Sie eine Frau, da werden wir fabelhafte Freunde sein ... Sie müßten eine Frati wie Donja haben, nur jünger. Und ich einen Mann wie Boris.« »Boris?« fragte ich leise, »wer ist Boris?« »Ach so«, seufzte Maria, und sie blickte scheu auf die Lagune hinaus. »Sie kennen ihn nicht?... Boris ist der Verlobte Sidonias ... Ein russischer Fürst, es sind seine Kriegsschiffe, die da draußen liegen. Wenn er es befiehlt, bombardieren sie Venedig. Er ist sehr schön.« »Ich kenne ihn nicht!« flüsterte ich verbissen, in Scham verloren, mit einem Zittern ums Kinn. »Ich will ihn nicht kennen.« Maria sprang auf. »So spricht ein eifersüchtiger Mann!« rief sie, und dicht vor mir stehend, begann sie schwärmerisch: »Boris trägt meistens Tennisschuhe, müssen Sie wissen, mit einer Schnalle aus Brillanten. Er hat einen Mund, man möchte auf ihm einschlafen, da ist gut ruhen, Claus, soviel glaube ich Ihnen versichern zu können. Und überhaupt, wenn Sie einem Manne begegnen, dessen Augen, wenn er sie anguckt, nur so auf einer unmerklichen Brise durch Sie hindurchsegeln, und hinter dessen langen Gliedmaßen die Frauen stehenbleiben – dann,« schloß sie in nüchternem Ton, »dann ist das Boris. Und ich wünsche Donja von Herzen, daß sie ihn kriegt – Sie dummer Bub!« Ich erwiderte nichts. Sie wartete ein Weile, dann ging sie hurtigen Schrittes davon. Die Promenade war voller Liebender, und auf den Kriegsschiffen spielte die Musik. Festlich bunte Dämmerung. Die Frauen schwenkten ihre großen schwarzen Schals und hüllten sich darin ein. Es war, als zögen sie jemand an ihre Brust. Beim Abendessen saß ich allein am kleinen Tisch, und mein Herz war so leer, so im Stich gelassen wie das Gedeck gegenüber, Donjas Gedeck. Dies war ihr Platz, und sie speiste irgendwo anders, mit Boris, zu Abend. Wie festlich meinte es dieser Abend!.. Sie dachte gewiß nicht an mich. Ich aber sah, ich hörte sie lachen. Die kleinen Zähne klirrten ihr im Mund, und sie hielt die Hände unter dem Kinn gefaltet... Auf ewig verloren! Immer gab es jemand, der schöner und von höherem Adel war als ich... Und Maria hatte mich beleidigt. Das Essen widerstand mir. Ich sehnte mich nach meiner Mutter. Zum Dessert kam Maria, die ebenfalls allein gegessen hatte. Ihre ersten Worte entwaffneten mich. »Claus,« fragte sie mit der reuigen, biegsamen Eindringlichkeit in der Stimme, im ganzen Körper, die ich schon kannte, »Claus, ist Ihre Mutter so schön wie Sidonia?« »Viel schöner«, antwortete ich tiefsinnig zerstreut, »doch hat sie es immer so einzurichten gewußt, daß man es nicht merkte. Sie war zu schamhaft, um schön zu sein« »Das verstehe ich nicht«, sagte sie errötend. Ich hob den Blick zu ihr, sah sie fest an. »Aber ich, Maria, ich verstehe es jetzt. Schöne Menschen, sind schamlos, sie demütigen die andern. Maria, Sie haben keine Religion, sonst wüßten Sie, was ich meine. Komisch, ihr Italiener habt den Papst im Land und kennt nicht die Religion.« Sie zog die Augenbrauen zusammen, senkte die Lider, duckte den Kopf, sie machte ihr »Fauchende Katze«-Gesicht und schielte mich aus den Augenwinkeln an. »Und Sie, Claus, wissen nicht, daß sie jede Nacht in Bobs Zimmer Karten spielen.« »Wer ist das – ›sie‹?« »Aha! Aha! Sie, das ist Bob und Zeus und Boris. Es sind aber noch andre dabei. Manche schickt der Portier, aber die meisten bringt Boris mit.« »Woher wissen Sie das?« »Ja, woher weiß ich –! Kleine Jungens müssen um neun ins Bett und schlafen ein. Kleine Mädchen können geistern. Oder sie träumen allerhand so genau, als wären sie dabei ... Doch sagen Sie mir, Claus: was halten Sie von Bob?« »Was soll ich von Bob halten? Was weiß ich von Donja? Ebensoviel wie von eurem Boris. Sie sind nie da. Vielleicht schickt der liebe Gott Regen –.« Es blieb schön, und Donja und Bob Capponi fehlten immer öfter bei den Mahlzeiten. »Es ist Zeit, daß Mama kommt«, meinte Maria eines Tages, »Bob gerät außer Rand und Band. Er spielt und trinkt.« Und dann wollte sie von Boris sprechen. Rasch ergriff ich ihre Hand und drückte sie, ein zorniger Eroberer, und beugte mich finster auf die überhellen Augen. In einer fast schmerzhaften Anspannung meines Willens befahl ich ihr, ich befahl, als ob ich schlüge ... »Mag Ihr Bob spielen und trinken, soviel er will, aber das mit Donja ist unwahr. Ich verbiete Ihnen, so etwas zu denken! Haben Sie gehört, Marchesa? Ich verbiete es Ihnen! Ich will nicht! Ich will nicht! ...« »Au«, machte sie kläglich, »lassen Sie los! Meinetwegen!« »Gut, sagte ich, und das sollte mein letztes Wort in der Sache sein. Der Zwischenfall konnte bald für abgetan gelten und vergessen, um so mehr, als Maria am gleichen Nachmittag Europa überraschte, wie der lasterhafte Ganymed, der also Bob Capponi hieß, sie hinter der halbgeöffneten Tür eines Ortes, wohin er durchaus nicht gehörte, an sich gepreßt in den Armen hielt und, Mund auf Mund, immerfort schüttelte, bis, von der empörten Hand Marias geschleudert, die Tür ins Schloß gekracht war. Und wenig später wohnte ich einer, die sonst menschenleere Halle erschütternden Ohrfeige bei, womit Zeus aufleuchtenden Stiernackens Europa, die beim plötzlichen Anschlag von Bobs Stimme aufgesprungen war, ebenso rasch wieder in den Sessel zurücklegte. Als ich Maria den Vorgang berichtete, schloß ich mit der Versicherung, daß Zeus ein Ungeheuer sei. »Und Bob ist ein Nichtsnutz«, erklärte sie. »Die Dame ist doch verheiratet. Er wird sich noch mit Zeus schießen müssen. Ich sag es Mama, wenn sie kommt.« Auch mit der Moral ließ sie nicht spaßen. Man sieht, Maria kannte das Leben. Sie hatte aber auch von klein an aufgepaßt. »Wenn meine Mutter mich säugte«, so behauptete sie einmal, »verdrehte ich die Augen, um zu sehn, was für ein Gesicht sie machte.« Aber das war ein Ausspruch Bobs, wie sie auf meine Vorhaltung, das könne sie doch unmöglich aus eigenem wissen, schließlich auch zugab. Aufruhr und Lichtblick! Da sagte ich mir im stillen: sie behauptet soviel zu wissen, daß das mit Donja und dem Boris auch nicht wahr zu sein braucht. Sicher verhält es sich damit wie mit den Erinnerungen aus ihrer Säuglingszeit... Trotzdem, sie war ein wahrer Schießhund und mir immer weit mehr als nur um ihre eine, feine Nase voraus. Auch lehrte sie mich mehr, als ich sie hätte lehren können, zumal es für sie in der Mythologie längst keine Geheimnisse mehr gab. Ich aber erfuhr alles, womit Frauen sich beschäftigen, und das war genug, um sich jahrelang nicht zu langweilen. So stand es mit mir bis zur Stunde, wo ich jenen Blick in den Felze der wahrhaft hochzeitlichen Gondel warf. Auf roten Polstern lag Sidonia an der Brust eines Mannes ... Ich erkannte ihre dunkeln Locken, in denen ein Irrwisch umhersprang, und hoch darüber andre, blonde Locken – der Kopf des Mannes hing zaudernd über ihr. Sie hatte das Gesicht zurückgeworfen, ich sah nur ihr Gesicht, es lag flach da, haltlos im Raum, weiß, mit treibenden Augen, weiß wie eine Maske, und wie hinter einer Maske schwankten auch die Augen, und der unnatürlich rote Mund war ein wenig, nur eine Messerschneide breit geöffnet, aber gerade deshalb kam es mir vor, als ob er über ihren Zähnen blutete. Niemals hatte ich ein so schmerzliches Antlitz gesehn! Als ich neben Maria in der Halle stand und mich, vor Kälte schlotternd, am aufgeklappten Deckel des Flügels festhielt, tauchte in Sidonias Gesicht, auf das ich in Gedanken weiterstarrte, ein andres, verlöschendes Antlitz auf, der Mund verschwand und die Augen und alles Blut, bis auf das schmale Rinnsal an einem Mundwinkel, das langsam über das Kinn und den Hals hinablief: das Gesicht meiner sterbenden Großmutter, des einzigen Menschen, den ich, vor diesem hier, sinken gesehn. Ich griff nach dem Kragen, mir war plötzlich unerträglich heiß. »Das war Boris«, hörte ich noch sagen. Auch schien es mir, als ob Maria sich auf mich stürzte und wir gemeinsam, wie auf einer Rutschbahn, nur viel langsamer, in die Tiefe führen, und ein süßes Wohlsein durchrieselte mich. Vielleicht erwachte ich schon durch den Aufschlag meines Körpers aus der Ohnmacht. Jedenfalls lag ich noch an derselben Stelle, wo ich hingefallen war, und Marias Tränen näßten mein Gesicht. Kniend hielt sie die Arme mit den krampfhaft gefalteten Händen über mir und weinte zwischen ihnen auf mich hinab. Und es war wirklich, als ob ich unter ihren Anrufungen der Madonna, von unsichtbarer Hand gezogen, die Stufen hinauf ins Leben zurückkehrte ... Ich hatte mich aufgerichtet. »Was ist?« rief sie, sich mit beiden Ärmeln die Augen trocknend. Sie sprang auf die Füße, blickte mich forschend an, lächelte ein seltsames, ein sehr seltsames Lächeln und lief aus der Halle. Ich erhob mich mühsam und schleppte mich am Flügel entlang bis zu einem Sessel, von dem einzigen Gedanken beseelt, möglichst schnell mein Zimmer zu erreichen und Ausschau nach der roten Gondel zu halten. Der Kellner Emilio kam mit einem Glas Wasser. Ich fragte nach Maria. »Die Marchesa hat eine Gondel genommen«, erwiderte er eilfertig, und »Lieber kleiner Baron«, sagte er plötzlich in verändertem Ton, hob mich auf die Arme (»No!« schrie er den Liftjungen an, der ihn beim Vorbeigehen in den Fahrstuhl ziehen wollte) und trug mich die Treppe hinauf in mein Zimmer. Da war ich, fiel mir ein, als Kind einmal vom Baum gefallen, und mein Vater trug mich so ins Haus. Ich weinte nicht... »Ans Fenster«, bat ich. Und jetzt konnte ich die Jagd einer Gondel, in der Maria saß, hinter dem Hochzeitsschiff her verfolgen. Es lag auf ihm wie Blutlachen, und seine Fahrt selbst verriet den Raub. Ich stöhnte auf... Welche Angst war in ihren Augen gewesen! Lieber Gott, was geschah mit ihr. Aber es war ja ihr Verlobter, in dessen Armen sie starb! Das also war die Liebe,, wenn man sie eine glückliche hieß. Dafür waren wir von Basel nach Venedig gesaust. Was aber, was plante Maria da draußen? Was denn, wenn nicht Sidonia einzuholen, neben dem Bett der selig Verblutenden aufzuspringen und ihr zuzurufen – was? Daß es im Hotel einen kleinen Ohnmachtskandidaten gab, der sie liebte, ja, und dazu noch einen, den sie, Maria, deshalb einen dummen Bub geschimpft hatte. Eine neue, unheimliche Beleidigung bereitete sich vor, ich fühlte es, aber ihrer achtete ich weiter nicht, meine ganze Überlegung richtete sich darauf, was ich tun sollte, wenn der Streich gelänge und Sidonia mit Maria umkehrte – und ich beschloß, in diesem Fall aus dem Fenster zu springen. Die rote Gondel befand sich jetzt auf der Höhe des ersten russischen Kriegsschiffes, Marias Gondel etwa in der Mitte zwischen diesem und dem Hotel. Sie rückte schnell voran. Da stieß ein weißes Motorboot, dessen Kabinenfenster im Sonnenregen schimmerten, vom Kriegsschiff ab und legte sich neben die rote Gondel. Ich erkannte das Boot, das uns vom Bahnhof abgeholt hatte. Maria war aufgesprungen. Ich sah, wie sie heftig winkte, auch ihr Gondelier schwenkte die Arme, ich konnte es nicht hören, aber sicher riefen sie. Dann drehte Maria sich um, der Gondoliere warf sich ins Ruder, sie mochten fünfzig Meter von dem Motorboot entfernt sein. Zum Glück zeigte ein dünner, weißer Rauch an, daß der Motor in Gang war, also konnten sie dort nicht hören, wie man hinter ihnen rief. Das weiße Kleid Donjas huschte vorbei, eine zweite Gestalt, die folgte, verweilte länger. Endlich tauchte auch sie in das weiße Boot. Ein Streifen Wassers blinkte zwischen dem. Boot und der Gondel, – da, mit einem Sprung, stürzte es davon. Dem Lido zu, ach! ich wußte es, der Adria entgegen, deren grünen Streifen ich in der Ferne flimmern sah, hinaus ins Meer... Marias Boot hielt bei der verlassenen Gondel. Es legte am Kriegsschiff an, und Maria stieg die Treppe hinauf und stand, unter einer Turmkanone, in einem Halbkreis von streichholzdünnen Gestalten, die sich leise rührten und manchmal zusammenknickten. Was trieb sie dort? Erzählte sie nicht den Offizieren des Fürsten seine und Sidonias und meine Liebesgeschichte? Verlangte sie nicht, daß man die Jagd mit einem andern Motorboot fortsetzte? Sie war toll, vollständig toll! Sie stellte uns alle bloß. Sie ruhte nicht eher, als bis wir zum Weltgespött geworden wären – nur, um zu beweisen, wie gut sie aufgepaßt,.. Maria, dachte ich, du bist des Teufels! Die Tür meines Zimmers öffnete sich, und Emilio eilte mit einem Tablett herbei, worauf eine Flasche Champagner und ein Glas standen, »Zu spät?« fragte er mit einem Blick aus dem Fenster, gleichzeitig entkorkte er die Flasche. Und als sie entkorkt war, zog er ein zweites Glas aus der Rocktasche, lächelte: »Permesso, Signore barone?« – und schenkte in beide Gläser. »Bene, bene, petit Baron, trink, very good!« Die Sprachen gingen ihm wie ein Lottorad im Kopf herum, er schüttelte den Kopf, als ließe er keine Ausreden gelten, und schnalzte bekümmert mit der Zunge. Maria, du bist des Teufels! Auf der Lagune ruderten das Hochzeitsschiff und Marias kleines Jagdboot Seite an Seite zurück. Das Motorboot war hinter einer Insel verschwunden. Der schmale, grün flimmernde Streifen des Meeres versperrte wie ein stählerner Schlagbaum den Horizont. »Emilio, mir ist ganz wohl, ich danke Ihnen«, sagte ich aufatmend. Das Sterben war vorbei, und Leben flutete zurück. Er nickte, schenkte mir noch ein halbes Glas ein, wobei er in die Kniebeuge ging und mit dem Finger den Kelch maß, verbarg ein Glas in der Hosentasche, flog auf gebreiteten Frackschößen davon... Damals legte mich mein Vater auf Mutters Bett, als gehörte ich in großer Gefahr dorthin und nirgendwo anders, und er lächelte mir, während die zitternde Mutter meine Schuhe aufknöpfte, über mich gebeugt so innig in die entsetzten Augen, daß ich trotz der Schmerzen die Arme um seinen Hals schlang und ihn küßte ... Als ich mich aus dem Fenster lehnte, sah ich Emilio an der Landungstreppe stehn; er wartete auf Maria. Da nahte sich auch schon der Portier, offensichtlich in der Absicht, Emilio in gewohnter Weise zu verscheuchen. Es kam zu einem heftigen Wortwechsel, und diesmal war es »Petrus«, der das Feld räumte. Außerordentliche Umstände machten auch diesen Vater frei und kühn. Nun blieb mir noch zu erdulden, was Maria, ins Hotel zurückgekehrt, gegen mich unternähme. Ich befürchtete, sie könnte sich über Sidonias Verbot hinwegsetzen und jählings in mein Zimmer eindringen; sie ließ aber durch Emilio bestellen, daß sie mich, wenn ich mich wohl fühlte, bei der Abendmahlzeit erwartete, wenn nicht, würde sie mich sofort in meinem Zimmer aufsuchen. Ich antwortete, daß ich zum Essen käme, und nun war ich endlich allein und vor der Heftigkeit Marias eine Weile geborgen. Endlich geschah nichts mehr. Obgleich mir jene Tage bis in zahlreiche Einzelheiten (auch solche, die ich unerwähnt gelassen habe) aufs lebhafteste gegenwärtig sind, so klafft in meinen Erinnerungen doch eine Lücke, und das sind die zwei oder drei Stunden, die ich, am Fenster sitzend, den Blick auf den mattfarbenen Streifen der Adria gerichtet, scheinbar stumpfsinnig in meinem Erkerzimmer zubrachte. Dies erscheint mir um so merkwürdiger, da es ohne jeden Zweifel entscheidende Stunden meines Lebens waren. Zwar bin ich mir bewußt, daß der anscheinend katastrophale Akt der Einweihung in jene grausame Unschuld, die das Leben heißt, gründlich vorbereitet war, daß ich vielleicht sogar vor Ungeduld gefiebert hatte, die lang gereifte Frucht zu pflücken, und etwas Ähnliches muß ich auch dunkel empfunden haben, denn in meinem grenzenlosen Leid herzklopfte es: »Gottseidank! Gottseidank!« Wofür ich so im Innersten dankte, das wußte ich nicht, und wäre aus dem sich langsam vorbereitenden Sonnenuntergang mit eins mein Beichtvater gesprungen and hätte mich darnach ausgeforscht, ich hätte, nach einigem Besinnen, höchstens aussagen können, die Erleichterung meines Gemüts rühre daher, daß ich mich nunmehr sicher fühlte vor den ewig drohenden Enthüllungen Marias. Der Hohlweg, wo ich vor einem Überfall gezittert hatte, lag hinter mir! Ich war erdolcht worden und – ich lebte. Es war also nicht lebensgefährlich, hinterrücks erdolcht zu werden! Es drehte einen nur herum, den ferneren Stößen zu, wie sie nun von vorn kommen mußten, und die, so schlimm sie auch sein mochten, nicht mehr auf dein Blitz der Überraschung als ihrem furchtbareren Bundesgenossen gefahren kämen. Man muß sich vergegenwärtigen, was ein vierzehnjähriges Kind ist: eine Windharfe, die ein Hauch zum Klingen bringt, und die kein Sturm zerreißt. Mit einemmal konnte ich gleichsam die Noten des schreckhaft bezaubernden Seemannsliedes lesen, das unser Oberschweizer, ein früherer Matrose, in der Trunkenheit zu singen pflegte (es war immer abends, und er sang wütend, mit haarsträubendem, blasphemischem Hochmut) und worin von Liebe, Mord und höhnisch erwarteter Sühne berichtet wurde, wenn ich auch natürlich den tiefern Sinn des Liedes nicht »verstand«. Ich will nicht bei dem zweifelhaften Begriff »Verstand« verweilen, der vermutlich nicht viel mehr besagt, als daß jemand in der Entzifferung des Lebens eine gewisse Routine erlangt hat. In jener Stunde begriff ich alles, aber, da ich ein Kind war, glaubte ich nur, mich von Maria und dadurch auch irgendwie von Sidonia befreit zu haben. Ich entdeckte, daß ich auf mich allein angewiesen war, und daß ich von Fehlschlag zu Fehlschlag ginge, wenn ich, wie bisher, abwartete, was mit mir geschähe. Ich mußte handeln, wollte ich frei sein. Ich machte mich zum Nachtrab und Sklaven der andern, wenn ich sie handeln und über mich verfügen ließ. Und ich wollte ein Herr sein, nicht nur zum Spaß. Ja, es muß schon ein rechter Aufstand gewesen sein, den ich da durchmachte, soviel müßte ich, wenn aus nichts anderm, aus der Haltung schließen, wie ich am Abend Maria und darauf Donja entgegentrat. Maria empfing mich mit gespielter Unbefangenheit. »Was haben Sie auf dem Kriegsschiff getan?« fragte ich ohne alle Vorbereitung. »O nichts Besonderes,« antwortete sie. »Ich habe die Gelegenheit benützt, mir ein Kriegsschiff anzusehn.« »Maria, bitte, ist das die Wahrheit? Sie haben nicht von ... den andern gesprochen?« »Kein Wort... das heißt, ich habe gefragt, ob der Admiral streng sei.« »Sonst nichts?« »Ich schwöre, kein Wort.« »Ich danke Ihnen.« Sie lächelte, ein wenig ängstlich: »Claus, mir scheint, Sie sind strenger als der Admiral.« »Warum sind Sie den andern nachgefahren?« Marias Lächeln verzog sich zu einer kleinen Grimasse, die mich von neuem beunruhigte. »Maria, sagen Sie mir alles. Wir wollen ein Ende machen.« Demütig legte sie die Hand auf mein Knie. »Ja, Claus, es war eine gräßliche Dummheit. Als ich Sie sah, wie Sie ... wie Ihnen schlecht war ... Ich habe nur an Sie gedacht, Claus, ich wollte Donja holen. Es war blödsinnig.« Kaum aber waren wir freundschaftlich übereingekommen, wir hätten beide den Kopf verloren, ich auf dem Teppich der Halle, sie auf der Lagune, als sie sich gleichsam in ein neues Geheimnis hüllte und nachdenklich jenes seltsame Lächeln auf mir ruhen ließ, das mir schon nach meiner Ohnmacht aufgefallen war. »Wollen Sie mir wieder wehtun?« fragte ich freundlich. Sie wurde plötzlich ernst, beinah feierlich. »O Claus, im Gegenteil. Ich schwöre Ihnen, daß ich Ihnen nie mehr wehtun könnte.« Dabei errötete sie tief. Ich sah sie bestürzt an, da fügte sie mit leiser Stimme hinzu: »Nur gut, daß Sie jetzt nicht gelacht haben.« Ein kitzliges Bangen beschlich mich ... Es war, wie wenn wir manchmal im Keller oder im Speicher gebannt voreinander gestanden hatten, aber jetzt saßen wir in der Halle, in strahlendem Licht, unter Menschen, nein, es war doch ganz anders, auch in uns war es ganz anders. So verweilten wir eine lange Minute. Dann errötete auch ich. Schweigend saßen wir und lauschten dem Klavierspiel. Es waren elende Gassenhauer und Tänze, aber irgend etwas verwandelte sie für uns in beseligende Musik. Leid blühte. Weit hinter mir sank die glühende, grünlich zehrende Adria in Asche. Ein Gefangener sang sich frei und los. Breite, bestirnte Nacht, in der die Reben zu beiden Seiten der weißen Straße dufteten. Maria und ich gingen Hand in Hand, wir hörten nichts als unsre Schritte. Der Rand der Vogesen zeichnete sich mattsilbern vom Himmel ab. Dies dauerte noch an, als der Klavierspieler schon lange die Halle verlassen hatte und die Mehrzahl der Gäste ihm gefolgt war, und wurde erst durch den Ansturm Emilios vernichtet, der uns aufforderte, eiligst ins Bett zu gehn; die Zofe der Baronin stehe schon eine Stunde vor der Halle und warte auf die Marchesa. »Ach,« rief ich aus, »die Marchesa weiß noch gar nicht, daß ich heute aufbleibe. Jawohl, Emilio, heute warte ich auf meine Tante.« Ich hatte den Plan, Sidonia, koste es, was es wolle, heute abzufangen, bereits in meinem Zimmer gefaßt. »Gerade heute sollten Sie das nicht tun«, redete Emilio mir zu. »Heute, wo Sie so krank gewesen sind!« »Aber jetzt bin ich gesünder als vorher... Ich weiß nicht, was die Marchesa tut, ich jedenfalls bleibe auf«. »Selbstverständlich bleibe ich dann auch auf«, sagte Maria gewichtig. Nach Emilio kam der Portier,, und der Portier holte den Direktor. Alle drei standen, ein jeder in einem Abstand vom andern, vor uns, und Emilio und Petrus begleiteten die Rede ihres Chefs mit beifälligen Lauten. Ich versicherte, daß ich meiner Tante eine wichtige Mitteilung zu machen hätte, eine Mitteilung, die sich mitnichten auf morgen verschieben ließe, und ebensowenig wäre es mit einem von mir geschriebenen Zettel getan, den der Portier, dem Vorschlag des Direktors zufolge, überreichen würde, – und auch nicht mit einem Brief. Es handle sich um eine unaufschiebbare, nur mündlich zu erledigende Familienangelegenheit. Schließlich zuckte der Direktor die Achsel und ging, desgleichen der Portier. Emilio wäre gern noch geblieben, aber der Portier hatte an der Tür halt gemacht und lauerte ihm auf. Ich holte das Damenbrett. Nachdem wir einige Partien gespielt hatten, unterbrach Maria das Schweigen: »Claus, darf ich wissen, was Sie vorhaben?« Ich sagte es ihr, ruhigen und bestimmten Tones. Ich war dieses »Gefängnisses mit Ausgang« überdrüssig und verlangte meine Freiheit. »Das ist sehr vernünftig von Ihnen«, meinte Maria. »Und ich schlüpfe dann mit Ihnen durch«. Nach elf Uhr begannen wir unsre Müdigkeit zu spüren. Zuerst schlummerte Maria ein, und ich zögerte nicht, mich ebenfalls dem Schlaf zu überlassen, in der Gewißheit, der Portier werde Sidonia zu uns führen. Und so geschah es. Ich erwachte von einem Lachen, das schon lange in der Luft zu schwirren schien. Als ich den Kopf nach der Seite wandte, von wo es kam, sah ich Sidonia auf uns zuschreiten. Schnell griff ich nach Marias Schulter. »Ist sie da?« fragte sie verschlafen. »Ja«, stieß ich hervor und sprang auf die Füße. Maria rieb sich umständlich die Augen. Plötzlich rief sie: »Nein –!«, da stand sie neben mir und starrte zu Sidonia empor. »Sind Sie es?«, und sie gab ihrem Köpfchen schnell ein paar Rucke, als wollte sie damit feststellen, ob sie wachte oder ob sie träumte. In Sidonias Haar funkelte ein Diadem. Sie trug ein dunkelrotes Kleid mit Silberstickereien, darüber einen Umwurf aus Hermelin. Auch die roten Schuhe waren silbern durchwirkt. Ein schwarzer, irisierender Gürtel hing in Fransen um ihre Hüften. Sie streckte Maria eine Hand hin, die bis an den Ellbogen in einen weißen Handschuh gehüllt war, und hier, dicht unterm Ellbogen, wo ein ebenfalls weißer Pelzstreifen den Handschuh abschloß, bildete der Arm eine Ausbuchtung, in der eine Quelle zu sprudeln schien. Ich hätte gern meine Lippen hineingetaucht, aber Sidonia schwebte, ein Diadem im Haar, auf einer Morgenwolke. Bei aller Erhabenheit schimmerte sie vom rosigen Schmelz eines Mädchens, das nach einem schnellen Lauf durch den Garten ins Zimmer tritt. »Wollen Sie mir nicht die Hand geben?« fragte sie Maria. Maria beugte sich, sank auf Donjas Hand, sie ergriff die Hand, legte ihre Wange darauf. »Ich schlafe noch, murmelte sie. Sidonia lachte wieder, daß es leise in den Ecken der Halle klirrte. »Ihr hättet sitzen bleiben sollen, Kinder. Ihr wart eine reizende Gruppe. Aber jetzt gehn wir alle drei zu Bett.« »Ich muß mit dir sprechen«, sprach ich und ging zum Angriff über. Maria hatte das Signal verstanden, sie fuhr, wie unter einem Schlag, in die Höhe und blickte mich mit großen Augen an, über denen ein mondsteinfarbener Hof hing. Das Haar, Brauen und Wimpern und auch der Mund waren wie mit Lackfarbe auf das blasse, runde Gesicht gemalt. Es zuckte und knisterte darin. Ich mußte zwischen ihrem und Donjas Gesicht hin und her blicken, und ich fand Donjas Antlitz schöner, weil es menschlichere Züge trug. »Maria, Sie können schlafen gehen«, sagte ich ruhig. »Ich will Sie nicht aufhalten.« Sie verzog ein wenig den Mund. »Ich muß doch bei Ihnen bleiben«, flüsterte sie. »Ich will auch«, fügte sie laut hinzu. »Ach so, Kinder, ich bin in eine Verschwörung geraten. Dauert es lange? »Nein, Tante«, antwortete ich, »aber du solltest dich setzen. Bitte.« Maria fiel ein: »Sie sollten sich setzen, geliebteste Donja. Es ist gemütlicher, wenn wir alle sitzen«, eifrig schob sie einen Sessel heran. Da ich aber bereits zu Beginn des Abends einen Sessel für Donja bereitgestellt hatte, so waren es deren jetzt vier, die an unsrer Beratung teilnahmen, und Donja konnte, auf ihrer Morgenwolke niedersteigend, zu mir sagen: »Claus, in dem scheinbar leeren Sessel sitzt deine Mutter und hört dir zu.« »Von alledem, Donja, möchte die Mutter nichts wissen«, antwortete ich. Mit beträchtlichem Gewicht war das gefallen, und dem entsprechend sah Sidonia mich an, erstaunt und ein wenig ängstlich, und, langsam ihr Gesicht zu mir neigend, fragte sie halblaut: »Nun?« Sie verharrte in der gleichen, ruhigen Erwartung, während ich mein Anliegen vorbrachte, gleichzeitig aber schien sie sich nur mühsam, ja, nur mit Gewalt in ihrem Sessel festzuhalten, und ihre Augen, so sehr sie mich bedrängten, brachen in einem fort zu einer Reise auf. Ich begann. »Donja, ich lebe in diesem Hotel wie in einem Gefängnis. Allein darf ich den Käfig nicht verlassen, und ich bin immer allein. Bei schönem Wetter bist du unterwegs, und wenn es regnet, fährst, du im Felze.« Sie nahm meinen Kopf in die langen Handschuhe, die rochen wie ein parfümiertes Tier, und lachte, ja, sie lachte mir den so gehaltenen Kopf voll, und von ihren Augen war nur noch ein mattfarbener Meerstreifen zu sehn. Ich fuhr, mich aufbäumend, fort. »Wenn es regnet, fährst du in einer roten Gondel, und man meint, du seist am Sterben.« Sie ließ sofort meinen Kopf los. »Wo hast du die rote Gondel gesehn?« Ich glaubte, sie sei jetzt im höchsten Grade gespannt, trotzdem kam ihre Frage langsam und wie aus weiter Ferne. »Hier, vor dem Hotel, wie Ihr in die Lagune hinausfuhrt.« Sie dachte nach, das Kinn auf die Hand gestützt, mit niedergeschlagenen Augen. Nach einer Weile schüttelte sie den Kopf und sah mich mit einem Ernst an, der mir unsagbar hoheitsvoll erschien. Ja, ja, hier beim Hotel ... als wir in die Lagune hinausfuhren. Und – was weiter?' Ich nahm mich zusammen, um nicht kopfüber in Tränen zu stürzen. »Weiter? Nichts. Ich kenne das ganze Hotel auswendig, vom Keller bis zum Speicher. Ich möchte auch Venedig kennenlernen.« Sie nahm meine Hand, ließ sie aber gleich wieder los. »Claus, wie oft bin ich mit dir ausgegangen?' »Dreimal, Donja, seitdem wir hier sind.« Sie dachte wieder nach. »Wie lange sind wir eigentlich schon hier?« »Vier Wichen!« rief Maria. Donja reckte sich. Mit aufgerissenen Augen: »Vier Wochen? Und sie lachte, sie lachte, als hüpfte sie ganz allein auf einer Wiese, einen Kranz von Gänseblumen über den Augen, und würfe die Glieder. Spaßeshalber hatte sie ein Diadem aufgesetzt, das tanzte mit. »Claus, wie sie lacht!« sagte auf einmal Maria. Die ganze Zeit hatte ich dagesessen, von Trauer beschattet, doch ein Mann. In solchem Tone bat ich: »Donja, habe Mitleid!« »Schäme dich, Claus«, erwiderte sie, scheinbar ernst. »Habt Ihr Mitleid nötig?« Wieder schüttelte sie den Kopf, aber ich sah wohl, daß sie in ihrem Gemüt noch immer lachte – verschlafen lachend ruhte sie auf ihrer Morgenwolke. »So so, hier beim Hotel?« wiederholte sie. »Als wir in die Lagune hinausfuhren? – Höre, Maria!« Damit zog sie Maria zu sich hinüber und legte ihren Arm um sie. »Wenn ich Euch jetzt erlaube, in ganz Venedig zu jagen, sagte sie rasch, »statt nur hier im Hotel, auf dem Markusplatz Eis zu essen und Gondel zu fahren, sogar in einer Gondel mit roten Teppichen, meinetwegen unter dem Felze, kann ich mich dann auch darauf verlassen, daß Ihr... daß Sie, Maria, keine Jungensstreiche zulassen?« Maria stand steif wie eine Puppe. »Das können Sie, geliebteste Donja.« »Gut.« Sidonia erhob sich, nahm uns beide an der Hand. »Gut«, wiederholte sie. »Ihr könnt also laufen.« Wir schritten in Donjas Duft. Manchmal streifte der Hermelin meine Wange. Manchmal schielte Maria mich triumphierend an, und zwischen ihren Brauen knisterte unsichtbar ein Feuer. »Gut.« Donja brachte Maria in ihr Zimmer und mich in das meine. Vor der Tür küßte ich ihr die Hand. »Verzeih, Donja«, sagte ich. »Ich mußte ein Ende machen.« Sie strich mir über das Haar. »Ach, Kind –« seufzte sie. »Du bist glücklich«, sagte ich. Sie küßte mich auf den Scheitel. »Ja, Claus, ich bin glücklich. Verzeih mir, wenn du es auch einmal bist.« Ein Toter liegt auf der Schwelle Fortan genossen Maria und ich nicht nur volle Freiheit, Kirchen und Museen abzustreifen und, wann es sich schickte, nämlich um zwölf und um sechs, auf dem Markusplatz zu verweilen, wir wurden auch, wie auf Befehl, in die Gesellschaft der Großen aufgenommen. Geld holte ich beim Konsul. Hotelgäste, von denen wir bisher nicht gemerkt hatten, daß sie mit den Unsern verkehrten, luden Maria und mich an ihren Tisch ein, und dann dauerte es gewöhnlich nicht lange, bis Bob Capponi oder Sidonia, der wehmütig lächelnde Lord Berrick mit dem ein wenig scheelen Auge, Zeus, dessen menschlicher Name Baron Steinberg lautete, seine Frau Camilla und noch andre sich hinzugesellten. Der Markusplatz karrt mir vor wie ein Salon ohne Decke, es war ein richtiger Himmel, in den man blickte, kein gemalter, und an Stelle von Gobelins weiteten den Raum steinerne Gebäude, unter deren Bogengängen Menschen aus allen Erdteilen vorüberzogen, und ein bunter Dom, wo zahlreiche Tauben mit ebensoviel Glockentönen zusammenwohnten. Die Standuhr in der Ecke war ein blauer, goldgestirnter Turm, unter dem ein Leiterwagen bequem durchgefahren wäre, wenn es hier Wagen gegeben hätte. Manchmal wurden wir von Leuten aus dem Kreis in die Hotels am großen Kanal mitgenommen. Sidonia kam fast immer verspätet, immer in Eile. Kaum hatte sie aber ihre Entschuldigung vorgebracht und sich gesetzt, als alle Ungeduld, sowohl ihre eigene wie die der andern, einer prickelnden Beschaulichkeit wich, einem Sommergefühl, worin alle sich farbig und mit ihrem besonderen Duft erschlossen. Sie erinnerten mich dann an wohlerzogene Kinder, die keine andre Sehnsucht kannten, als zu sprechen, zu lauschen, leise die Glieder zu rühren und sich mit Blicken mehr, als mit Worten anzuvertrauen. Das Glück hielt Hof und machte alle, die es berührte, zu Liebenden. Sidonia, die selbst nie lächelte, war überall von einem Lächeln umgeben. Als sie sich wieder einmal verspätet hatte (wir warteten im Hotel Bauer) und Bob ihr beim Ablegen des Mantels behilflich war, hörte ich, wie er ihr galant einen Satz zuflüsterte, von dem ich das Wort »Doppelleben« auffing. »Bob,« rief sie kühn, »ein anderes Leben lohnte sich nicht. Mit diesen Worten, die mich innerlich zu gegenstandloser und darum besonders tumultuöser Tapferkeit hinrissen, trat sie leichten Schrittes aus dem. Seidenmantel, den Bob noch hinter ihr in der Luft hielt: ganz weiß und so klar, daß sie fast leuchtete, und deutlich bis zur Schärfe in dem vor lauter farbiger Üppigkeit verschwommenen Salon, an dessen Möbeln die wahllosen Gruppen der Gäste als Parasiten klebten. Es schien mir ein Bild, eine »Geburt der Venus«, doppelt zauberhaft in solchem Raum und solcher Umgebung. Vom »Doppelleben« aber verstand ich soviel, daß es das Leben der Götter war, das Leben in verschiedenen Gestalten, hier und dort. Auch ich, das wußte ich, würde es einmal führen, auch ich ... Bob! Wie Maria und ich nannte auch sie Marias Bruder Bob, und Bob genoß ihre Freundschaft. Schon saß er neben ihr auf dem Sofa, was einer ausdrücklichen Ehrung gleichkam angesichts des Umstandes, daß sich noch mehr Damen in unserer Gesellschaft befanden, die mit Stühlen vorliebnahmen. Ja, er war keineswegs nur mein und Marias und Donjas Bob. Alle Damen, alle ohne Ausnahme hätten ihm gern eine bevorzugte Stellung eingeräumt, aber Bob war wählerisch. Obwohl er viel trank, blieb er zuverlässig, anspruchslos, verschwiegen. In der Schlafwolke, die ihn umgab, ihn allen ein wenig entrückte, schritt ein Adonis, und die Wolke selbst war der Atem der Anmut. Verschwatzte er sich auch einmal, so vergaß er doch nie, wer ihm zuhörte, und statt einen Freund zu verraten, warb er ihm einen Verbündeten. Nicht als ob er ein »Menschenkenner« gewesen wäre, wie sich gewisse abgebrühte Egoisten gern nennen! Im Gegenteil, er begegnete den Menschen zutraulich, überließ sich unbekümmert ihrer Gesellschaft, ertrug ihre Laster ebenso wie ihre Tugenden, er hatte keine Ahnung von Psychologie, aber den Instinkt eines Tieres. Er verurteilte keinen, und wenn er jemand ablehnte, so geschah es aus einer Art unwiderstehlicher Laune, gegen die er sich selbst mit verdoppelter Höflichkeit zur Wehr setzte. Bobs Freundinnen erfuhren von ihm Huldigungen und Aufmerksamkeiten, wie sie sonst nur Geliebten zuteil werden. Mehr als einmal überraschte ich Europa bei einem qualvoll neidischen Blick auf eine dieser Freundinnen, die ihm, ein Kußmäulchen schneidend, ungezwungen die Hand, sogar die Wange streicheln konnten. Die einzige, die Bobs nicht froh zu werden schien, war Europa. Heute weiß ich, warum. Aber damals hielt ich die Art, wie Bob sich mit Schwert und Flederwisch abmühte, die Baronin Steinberg Würde und Bescheidenheit zu lehren, für zarte Rücksicht auf ihre Tugend und Furcht vor dem stiernackigen Gatten. Ein wie guter Freund Bob war, zeigte sich bald darauf bei Gelegenheit eines überraschenden Zusammentreffens. Bob, Maria und ich hatten mit Donja das Hotel verlassen und uns gleich darauf vor dem Uhrturm, verabschiedet. Donja ging über den Markusplatz weiter, wir drei bogen in die Merceria ein. Wir bummelten die Gassen hinauf bis zum Rialto und kehrten durch die Calle Goldoni zurück. Kurz vor dem Albergo Bonvecchiati bogen wir, von. Bob unmerklich geführt, auf dessen Rückseite in eine Gasse ab, die das Hotel umging. Plötzlich sah ich die rote Hochzeitsgondel vor mir. Sie lag an einem grünen Tor, dessen Schwelle das Wasser des Kanals bespülte. Das Tor stand offen. Im Tor erschien Sidonia. Als wir sie vor einer halben Stunde verlassen hatten, war sie in Hut und Schneiderkleid gewesen, jetzt trat sie in einem Nachmittagskleid, Nelken im Gürtel, einen schwarzen Spitzenschleier über dem Haar, aus der Wassergrotte ... Ich stand am Rande des Kanals, sie vor der Gondel im Tor, reglos starrten wir einander an. Da stieß Bob einen gräßlichen, italienischen Fluch aus, gleichzeitig ergriff er mich am Arm und Maria am Zopf: »Mein Zigarettenetui/jammerte er, »ich habe mein Zigarettenetui verloren«, und fluchend und klagend trieb er uns vor sich her, bis wir wieder in der Galle Goldoni angelangt waren. »Sucht, Kinder, sucht!« eiferte er weiter, »es ist aus Gold mit einem Rubin. Wenn Ihr es findet, dürft Ihr mit mir auf dem Lido Thee trinken«. Wir suchten, wenn auch mit abwesenden Augen, bis zu S. Bartolomeo. Hier fand Bob das Zigarettenetui in seiner Hosentasche. Nachdem er ihm, unter angestrengter Betrachtung der Kirchenfassade, eine Zigarette entnommen und sie angezündet hatte, stellte er uns nebeneinander auf und sprach: »Ihr bildet Euch natürlich ein, da hinten Sidonia erblickt zu haben – leugnet nicht! Ich selbst habe gemeint, sie wäre es: sie, Sidonia, und keine andre. Aber die Gondel? Es war die Gondel des russischen Admirals, das ist nun ganz sicher. Dafür könnte ich meine ewige Seligkeit verpfänden. Also kann es nicht Sidonia gewesen sein. Wie sollte die Gondel des Admirals dazu kommen, Sidonia in einem Hotel abzuholen, das sie gar nicht kennt? Also!« Ich nickte, wie ein Mann, der sich auf Diskretion versteht. Maria aber ergriff Bobs Hand, machte die »Katze, die Milch schleckt«. »Schön. Bob,« mauzte sie, »gerade in dieser Gondel haben Claus und ich Sidonia neulich mit dem Fürsten gesehn.« Bob sah mich fragend an. »Wir wissen alles«, bestätigte ich, und Maria fiel mit singender Stimme ein: »Wir sind schon sehr groß.« Er warf zornig die Zigarette weg. »Warum habt Ihrs nicht gleich gesagt – Ihr Spitzbuben!?« »Weil du immer Whisky trinkst«, antwortete Maria ... Wir waren, wie gesagt, zwei Dutzend Menschen, die, mit Sidonia als Mittelpunkt, ständig in Verabredungen miteinander lebten. Alle kannten den Fürsten, obwohl er an ihren Gesellschaften nicht teilnahm, wenigstens nicht, solange Maria und ich anwesend waren. Sie schienen nur nachts mit ihm zusammenzutreffen. Es fiel uns auf, daß die Frauen gern und mit Eifer von »Boris« sprachen, die Männer dagegen hinter einer Verschanzung heraus, so, als unterhandelten sie, in Deckung, mit einem selbst in seiner Abwesenheit gefährlichen Gegner, was wiederum die Frauen zu allerhand Sticheleien, ja, zu offener Entrüstung antrieb. Jedoch gab es keinen, der nicht Sidonia geradezu überschwenglich gehuldigt hätte. Da waren es dann die Frauen, die bedenkliche Gesichter schnitten. In Sidonias Abwesenheit mußte man überhaupt auf der Hut sein. So hatten sie zuerst vom Fürsten als Sidonias »Freund« gesprochen, wie sie mich Marias »Freund« nannten. Dies letzte war richtig, aber wir »vergassen uns« auch nicht, »draußen auf dem Meer«, wie die Damen von Donja sagten, wir »verspäteten uns« nicht »beim Taubenschießen«. Ich verwies sie denn auch, daß der Fürst, wenn sie etwa auf ihn abzielten, der Verlobte meiner Tante sei, ich hingegen Marias Freund . Sie gaben mir Recht und richteten sich darnach. Für's gewöhnliche hielten sie uns für zu dumm, ihre Manöver zu durchschauen, oder sie bildeten sich ein, der viele Rauch verberge uns das Feuer, und kamen sich als große Feldherren vor, wenn sie ihren Mummenschanz vor uns aufführten. »Glück in der Liebe, Unglück im Spiel«, war ein Wort, das häufig wiederkehrte; Maria und ich fanden es reichlich grob. Als es wieder einmal vor uns fiel, sagte Maria ruhig: »Sowas sollten Sie vor uns nicht sagen, meine Herren. Es paßt sich nicht.« Und als man sie sprachlos ansah, fuhr ich fort: »Es ist sehr freundlich, daß sie uns erlauben, bei Ihnen Platz zu nehmen, aber wir sitzen nicht hier, um Indiskretionen über Familienmitglieder anzuhören.« Wir ernteten den Beifall der Damen, Lord Berrick nickte zustimmend, Bob ließ den Strohhalm los, mit dem er seinen Whisky schlürfte, um Maria die Hand zu küssen und mir eine Zigarette anzubieten, der Baron Steinberg aber murmelte: »Lausejunge ... Wenn du wüßtest–« und verließ mit flüchtigem Gruß den Tisch. »Madame, Sie tun mir leid«, sagte ich darauf beziehungsvoll zu Frau Camilla. Ich sprach zu ihr als zur Freundin Bobs, und meine Taktlosigkeit mochte als eine Art von impulsiver Kundgebung meiner Sympathie hingehn. »Aber nehmen Sie sich in acht, Claus«, scherzte sie. »Mein Mann hat heute seine Versetzung zur Regierung in Straßburg erhalten.« »Wieder einer«, entfuhr es mir. »Was für einer? wollte Maria wissen. Mit dunkler Drohung erwiderte ich: »Wieder einer von drüben.« Frau Camilla nickte ironisch: »Ganz recht, wieder ein Barbar, der zu Ihnen leben kommt, wie der Herrgott in Frankreich. Nicht wahr, so sagt man bei Ihnen? Ich werde Sie beschützen, Claus. Er darf Ihnen nichts tun.« Dabei legte sie mir eine weiße, runde Hand auf den Kopf. Dankbar für diese mütterliche Liebkosung vertraute ich ihr an: »Die Marchesa und ich nennen Madame – Europa.« »Europa?« Sie war erschrocken. Um die Augen des Lords flügelte ein Lächeln. Maria flüsterte in ihr Gefrorenes: »Kennt sie nicht«, und Bob anstoßend, rief sie: »Du, lade uns zum Tee im Stabilimento ein. Aber du mußt einen Tisch ganz vorn am Meer belegen.« »Also«, antwortete Europa. »Trinken wir Tee auf dem Lido.« Bob, über sein Glas gebeugt, nickte, ohne seinen Strohhalm loszulassen. »Nur müssen Sie mir erst sagen: sehe ich aus wie eine Landkarte? Ich brach aus: »Wie eine Göttin, Madame. Europa ist eine Göttin des Altertums.« »Des Altertums«, rief sie wahrhaft entsetzt. Indessen beruhigte sie sich, als der Lord, wehmütig lächelnd, bestätigte: »Gewiß, Baronin, Europa ist eine Göttin des Altertums, und sie soll eine ganz reizende Dame gewesen sein. Zum Beweis wird erzählt, kein Geringerer als Göttervater Zeus habe die Gestalt eines Stieres angenommen, um sie zu entführen.« Die Frage, warum der Göttervater Zeus dafür gerade die Gestalt eines Stieres gewählt habe, blieb unbeantwortet, weil die Kaffeehauskapelle plötzlich gewaltigen Schlages die »Marcia reale« anhieb. Sofort fielen die Kapellen der andern Cafés ein. Man sprang auf, stieg auf Tisch und Stühle, man schrie, man winkte. »Sehen Sie den kleinen Leutnant dort, der über den Platz geht?« fragte Bob. Wir standen eng zusammen auf dem kleinen Tisch, Maria, Bob und ich, und Bob zeigte mit dem Whiskyglas hinüber. »Das ist der König.« An diesem Tag also, kurz vor dem Mittagessen, sah ich den König von Italien. Es war mir nichts an ihm aufgefallen, was an einen Eroberer gemahnt hätte. Um drei waren Maria und ich unterwegs nach dem Lido.   Wir fuhren in einer gedeckten Gondel. Weit um die Stadt lag ein Kranz von Gewittern, eine sterbende Sonne schien über der Lagune, und Fische schnellten an unsichtbarer Angel aus dem Wasser. Die weißen Gebäude der Riva degli Schiavoni schmerzten die Augen, so arg weiß waren sie, und die dunklen saugten sich, aufquellend wie Schwämme, voll Finsternis. Über die fernen blauen Höhenzüge wischten Blitzfeuer, dann leuchteten Berge und Täler auf, man erkannte das Grün der Wälder und Wiesen und die hellere Farbe des Gesteins. Von dorther vernahm man keinen Donner, und auch die Blitze über dem Meer, die wie Peitschenschnüre in der Luft hingen, gaben nur einen schwachen Laut. Das Boot schien in dem dickflüssigen Wasser nur mühsam vorwärts zu kommen. Ob es losginge, bevor wir am Lido wären, fragte ich. »Hoffentlich«, flüsterte Maria, die Hände um die Knie verschränkt, und sie lehnte sich mit einem Seufzer an meine Schulter. Für ihren Teil fängt sie an, dachte ich ... Vor dem Besteigen der Gondel hatte ich sie verwarnt, daß es uns ja nicht beifiele, Sidonia und den Fürsten nachzumachen. »Nachmachen?« hatte sie finster geantwortet, »nachmachen?«, und kaum war das Boot abgestoßen, da hatte sie mich beim Handgelenk gepackt und ausgerufen: »Ich mache nichts nach, verstehn Sie mich, Claus? Ich habe es nicht nötig gehabt, auf Sidonia zu warten.« Der letzte Satz war mir ein Rätsel geblieben. Darauf hatte sie neben mir auf der Lauer gelegen, geduckt, mit weit entspannten Brauen. Übrigens zitterten mir die Beine. Maria lächelte. Lächelte hartnäckig und auf besondere Art. Jetzt nahm ich ihren Kopf in die Hände und sah sie an, ich suchte dem Lächeln bis auf den Grund zu kommen, das um Augen und Mund schwamm, jenem Lächeln, das am Tage von Sidonias »Hochzeitsfahrt« geboren war. »Seit damals lächeln Sie so«, sprach ich mit gepreßter Stimme. »Ja, Claus, seit damals.« »Warum? Bitte, warum? Ich verstehe nicht, Sie verletzen mich, was soll das heißen?« »Sehr viel soll es heißen.« »Was? Bitte, Maria!« Das Mädchen entzog mir den Kopf und schob ihn bis an meine Brust vor, krallte sich mit den Händen in meine Arme, streckte die langen Beine aus, so daß ich ihr ganzes Gewicht trug, und wir sanken hintenüber auf die Kissen. »Weil Sie mir seit damals gehören«, flüsterte sie,, Ich spürte ihren warmen Atem in meinem Ohr. »Mir, statt Donja, mir!« Ihre Lippen eilten feucht über mein Ohr, sie wühlten sich in den Hals, ich wollte mich aufraffen, ihren Kopf ergreifen, sie küssen oder schlagen, aber sie drückte mich mit ihrer Schläfe nieder. »Nicht gucken, Claus,« knirschte sie, »nicht gucken.« Zuckend lag sie über mir, die Hände noch immer in meine Arme gekrallt, die Beine auf meinen Knien. »Laß mich dich liebhaben, nein, du tust mir nichts, du tust mir nichts, still, Claus, still! Laß mich dich küssen, oh, wir tun nichts Böses, nein, o laß mich nur wenig, nur ein wenig ...« Sie sagte du, immerzu du! Da schleuderte uns ein Schlag auseinander, das Mädchen flog seitlich zu Boden, ich rücklings in die Ecke. Der Felze bebte, das Boot schwankte. Eine braune Hand erschien in der Fensteröffnung, mit gestrecktem Zeigefinger, und die Stimme des Gondeliers schrie: »Schaut, Kinder, da fährt ein Admiral!« Halb von Sinnen gehorchten wir, beeilten uns hinauszusehn. Maria erhob sich gar nicht erst vom Boden, sie zog nur mit einem Griff den Rock über die Knie. Draußen fuhr, im weißen Motorboot, der Fürst vorbei – an der Seite einer großen, blonden Dame. Beide blickten mürrisch vor sich hin. Die Sonne schien nicht mehr. Die dunkle Lagune war in den Himmel erhoben, und das Wasser kräuselte sich wie in einem lautlosen Sieden. Der Fürst deutete mit langem Arm in den Himmel. Dann waren sie vorbei. Das Mädchen und ich starrten einander mit aufgerissenen Augen an, bis es plötzlich blitzte. Dem Blitz folgte ein zerreißender Schlag. Maria setzte sich neben mich, ohne Eile, und ein Rasen ging über die Lagune. Die Blitze verknäulten sich, der Donner wollte sie mit Kolbenschlägen entwirren. Die Gondel flog, vom Regen gepeitscht. Warum sanken wir uns da weinend in die Arme? ... Wir empfanden keine Furcht. Es war herrlich, so dahinzufliegen ... Wir bekümmerten uns weder um den Admiral, noch um Sidonia, noch um. die fremde Frau, die den Platz der andern im weißen Boot eingenommen hatte. Wenn ich an Sidonia dachte, so nur weil ich annahm, daß ich glücklich sei und ihr also jetzt verzieh. Maria liebte mich! Nie hätte ich gewagt, im Ernst daran zu glauben, daß sie mich so, über allen Verstand, daß sie mich wirklich liebte, toll, wie sie es angefangen, ach! wunderbar, statt mir nur, wie bisher, auf ihre tückisch zärtliche Art zu schmeicheln. Was konnte mir noch geschehn? Wer hätte stärker sein können als ich, ich mit allen beseligenden Kräften der Welt im Busen? Maria! Ich und Maria! Als wir indessen aufgehört hatten zu weinen und einander töricht anlachten, fiel es uns schwer, Zittern und Zähneklappern zu verwinden. Die Gondel lief hart auf dein Strand auf, wir sprangen an Land. Im dichten Regen halfen wir dem Führer, das Boot aus dem Wasser zu ziehn. Dabei schlug uns die Brandung bis über die Schenkel. Als wir damit fertig waren, liefen wir alle drei, der Gondelier voran, in den Regen hinein, bis wir unversehens vor einer Droschke standen, deren Kutscher sich in das Innere seines Wagens geflüchtet hatte. Er machte uns Platz und vertröstete uns auf das Ende der Sintflut, was Maria in eine ekstatische Wut versetzte, der sie sich mit sichtlichem Genuß überließ. Es sei unverschämt, rief sie aus, sfacciato, eine patschnasse Dame, zudem eine Marchesa, in einer übelriechenden Droschke warten zu lassen, und sie bestand darauf, daß der Kutscher uns sogleich zur Badeanstalt fahre, wo sie die Kleider wechseln könnte. Er weigerte sich lachend, aber als ich ihm ein Trinkgeld versprach, schlüpfte er ebenso vergnügt in den Regen, und im Galopp, durch eine kompakte Masse, in der nur die Strahlen platzender Pfützen als Flüssigkeit wirkten, durchquerten wir die Insel. Während wir hin und her geschleudert wurden, löste ich das rote Band von Marias Zopf und verwahrte es in der Brusttasche. »Zum Andenken«, sagte ich. »Das ist nicht viel, Claus, aber für den Anfang lasse ich's gelten. Was mache ich jetzt mit meinem Zopf? Hast du ein Taschenmesser?« Schnell streifte sie ein Strumpf band ab, schnitt es der Länge nach durch und band, nachdem sie die eine Hälfte wieder angezogen hatte, die andre um das Ende des Zopfs zu einer Schleife, knipste mit den Fingern dagegen, blies darauf: »So. Weiß, wie für die Hochzeit. Es fehlt nur noch die Orangenblüte ... Weißt du was? Ich kaufe mir ein paar Orangenblüten und stecke sie an das Strumpfband. Ja, Claus, das tue ich.« »Und ich?« fragte ich, »was soll ich tun?« Sie dachte eine Weile nach, bevor sie, den Mund an meinem Ohr, antwortete: »Donja vergessen.« Wir hatten keine fünf Minuten bis zum Strand gebraucht, und als wir die weitläufige hölzerne Terrasse des Stabilimento betraten, lag reinster Sonnenschein über dem Meer. Zum erstenmal sah ich die Adria. Sie glich in nichts der Nordsee, vor der ich mich immer gefürchtet hatte, obwohl meine Mutter sie liebte und mir Geschichten erzählte, die mein Vertrauen erwecken sollten. Dieses Meer hier war lauter Liebe! Hand in Hand liefen wir bis an die Brüstung der Terrasse, sie hallte unter unsern Schritten. Maria Capponi, dachte ich, das ist dein Himmel, das ist dein Herz – so muß es in dir aussehn, wenn du schläfst... Es ist unsre Spielwiese, wir sollten mit bloßen Füßen darüber hinlaufen ... Wir sollten blaue, weiße und goldne Bälle haben und große Reifen aus Silber, die wir durch die Meinen Wellen jagten ... Ich möchte ein Stück davon mit nach Hause nehmen, für den Weiher im Garten, dann wärst du immer bei mir, und wir spielten mit dem winzigen Stückchen Meer. An der Brüstung angelangt, forschten wir genau unsre Züge aus, und je länger wir einander betrachteten, umso ernster wurden wir, und schließlich hoben wir die Hände, legten sie flach aneinander und betrachteten auch sie, schoben die Finger ineinander und beobachteten, wie sie sich aneinander bewegten. »Ich möchte deine Brüste sehn«, sagte ich leise. »Wenn du willst«, antwortete sie ebenso. »Alles?« »Alles – wenn es keine Sünde ist.« Doch ließen wir hastig unsre Hände los, als ob sie uns auf einmal brennten, und da erblickten wir Bob. Er saß aufrechten Hauptes am Tisch und musterte eine Front von Traumgestalten. Seine Hand drehte langsam ein Glas, das mit einem himbeerfarbenen Getränk gefüllt war. Als wir zu ihm traten, sagte er kameradschaftlich: »Denken Sie, Claus, sie hat mich versetzt.« Ich bat ihn, du zu mir zu sagen. Kr klopfte mich auf die Wange und griff gleichzeitig nach Marias Hand. »Sehr nett. Danke. Ihr duzt euch wohl auch?« Wie ich mich noch darüber ärgerte, daß ich errötet war, was Bob sichtlich amüsierte, machte meine Freundin einen Hofknix: »Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, Marchese Ganymed.« Er runzelte die Stirn. »Ganymed?« »Hat nicht Demoiselle Europa, verehelichte Steinberg, euch versetzt?« »Ja, denke, rief Bob und hob das rote Glas in die Sonne. »Sie hat mich versetzt. Es ist fabelhaft.« Um mein Erröten wettzumachen, äußerte ich keck: »Vielleicht hat sie Prügel gekriegt.« Bob trank das Glas aus. »Das kann sein«, meinte er und nickte mir ernst zu. Jetzt erst, da er sich nach dem Kellner umsah, bemerkte er, wie die nassen Kleider uns am Leibe klebten. Überrascht fragte er, ob wir ins Wasser gefallen seien, wunderte sich, als wir vom Sturm über der Lagune erzählten, und erst, nachdem Maria wiederholt auf den nassen Boden gewiesen hatte, erinnerte er sich, daß auch hier ein kleiner Regenschauer niedergegangen war: »Ihr seht, ich bin nicht naß.« Nein, außen nicht, meinte Maria mit einem Blick auf das leere Glas. Sie setzte ihm zu, bis es sich herausstellte, daß er vor dem Regen in die gedeckte Halle geflohen war und das Glas mitgenommen hatte. Bob schien ihrer Hänseleien nicht zu achten, vielmehr reichte er ihr freundlich die Brieftasche und bat sie, für uns beide in einem der Läden, die in die Wandelhalle eingebaut waren, Kleider zu beschaffen. Als wir in einem Schaufenster Matrosenanzüge liegen sahen, traten wir ein, und Maria verlangte zwei solcher Anzüge für Knaben. »Wir haben einen passenden Rock für die Signorina«, tröstete die Verkäuferin. Nein, Maria Capponi wollte Jungenshosen. Ich stieß sie vorwurfsvoll an, aber sie drehte mir, ausplatzend, den Rücken und folgte der Verkäuferin in die Hinterstube. Gleich darauf stürzte die würdige Frau, Marias Halbschuhe in der Hand, an mir vorbei aus dem Laden. »Claus«, hörte ich rufen, und plötzlich schlug das Herz mir im Hals – ich trat drei Schritte vor. »Claus, du darfst kommen.« Da hob ich den Vorhang. Maria saß nackt auf einem Plüschsofa, vielmehr auf einer Zeitung, die über das schmierige Polster gebreitet war. Mit einem Wort hielt sie mich an: »Halt ... Da bleibst du stehn.« Es war ein altes Möbel, worauf sie saß, und sie selbst schimmerte feucht vor Jugend. Wie ein großes gedämpftes Licht schwebte sie in der Rumpelkammer. Ich sah auch: um ihre runden Brüste lag ein Hof, wie um ihre Pupillen, aber von tiefer Bernsteinfarbe. »Jetzt geh, gleich kommt die Alte.« Sie rührte sich nicht und sprach durch die Zähne, ohne eine Miene zu verziehn, offenbar, um mich nicht im Anschauen zu stören; wir hatten nicht viel Zeit, und ich sollte sie gut sehn, ohne durch eine Bewegung an ihr in Verwirrung zu geraten ... Als ich den Vorhang hinter mir sinken ließ, hörte ich, wie sie einen tiefen Seufzer tat und auf die Füße sprang. Da schoß auch schon die Matrone herein, eine Schuhschachtel unterm Arm, und zwei Minuten darauf stand ich einem Jungen gegenüber, der seine Hände in den Hosentaschen vergrub und, nachdem er wie ein Seemann zur Seite gespuckt hatte, mich mit einer Kopfbewegung zur Eile anhielt – er habe keine Zeit, lange zu warten, sein Kasten mache bereits klar nach Cythere. Da mußte ich allerdings staunen. Marias Zopf war unter einem Südwester aus grünem Samt versteckt, alle ihre reizenden Formen waren gröblich maskiert, und sie schien viel kleiner als in ihrem Kleid. Welch plumpes Geschöpf – sie, die ich eben noch in so ausgefeilter Zartheit, ein jedes Teilchen an ihr fein ausgewogen, wie schwebend vor mir gesehn! Ich war tief enttäuscht und, da ihr Beifall heischender Blick unerwidert blieb, sie vermutlich nicht minder. Bob, das frisch gefüllte Glas vor sich, sah uns kommen, oder, vielmehr nein, er sah uns nicht. Erst, als Maria sich vor ihm aufgepflanzt hatte, kam Leben in seine Augen, und das war erschreckend. Die Augen wurden größer und größer, der Kopf fiel zurück, und plötzlich flog er, wie von einer Feder abgeschnellt, in die Höhe. Er beugte sich tief, umfaßte Marias Beine, hob sie, drückte sie an sich, und dann, als kletterte er an ihr empor, ließ er sie langsam, Griff um Griff, an sich herabgleiten. Wie ihre Gesichter sich in der gleichen Höhe begegneten, erschrak ich über ihre Ähnlichkeit. Und nun stieß Maria einen durchdringenden Schrei aus. Sofort öffnete Bob die Arme. Sie wäre gestürzt, wenn ich sie nicht aufgefangen hätte. »Du bist toll, nicht ich«, stammelte er und ließ sich schwankend auf den Stuhl nieder. Maria zischte: »Was fällt dir ein, mich zu kneifen! Ohrfeigen sollte ich dich!« Drohend holte sie aus, und vielleicht schlug sie nur deshalb nicht zu, weil ihr Bruder sich in diesem Augenblick bekreuzigte. Diese Gebärde verblüffte sie derart, daß sie, mit einem ängstlichen Seitenblick auf mich, schnell auf die andre Seite des Tisches hinüberging und dorther ihren Bruder beobachtete. Bob wischte sich mit dem Taschentuch das Gesicht. »Verzeiht, Kinder,« sagte er außer Atem, »denkt euch, ... ich wäre fallsüchtig.« »Was wärst du?' fragte Maria, die Finger am Mund. Bob hob seine dunkeln Augen zu ihr auf: »Soso ... fort – wie Großmutters Kutscher.« »Pfui«, sagte Maria kurz. Sie ergriff die Teekanne und begann einzuschenken. »Trinken wir, unser Gondelier wartet. Claus, willst du mir beim Streichen der Brote helfen? Bob kann das nicht.« »Er ist unzählige Male vom Bock gefallen, erzählte Bob mit abgewandtem Gesicht, »und nie hat er sich einen Schaden zugezogen. Die Leute haben Glück.« Da nahm Maria sein Glas – »Lord Whisky, Sie gestatten? – und schleuderte es ins Meer. Während er sich über die Brüstung beugte, um zu sehn, was mit dem Glas im Meer geschah, murmelte er: »Es war ein Amerikano, kleine Schwester. Dir zuliebe habe ich nicht Whisky bestellt. Dies ist der Lohn der Welt – und eine viel zu große Ehre für ein Glas Limonade, im Weltmeer unterzugehn. »Sei munter, Bob! Wir sind so vergnügt, Claus und ich! Weißt du was? Segne unsre Verlobung! ... Du, Bob, wir haben den Fürsten mit einer blonden Dame gesehn. Sie waren geradeso schlechtgelaunt wie du.« »So? Habt ihr die auch schon gesichtet? Ja, ihr wißt ja alles.« »Bob, sie sah aus wie seine Frau ...« Er malmte mit den weißen Zähnen den Toast, ohne die Teetasse anzurühren, die seine Schwester von Zeit zu Zeit in die Nähe seiner Hand schob. »Um gerecht zu sein, muß man schon sagen: wie seine geschiedene Frau.« Ich wußte nicht, was das sei, eine geschiedene Frau, und Bob fiel es schwer, mir die gewünschte Belehrung zu erteilen, weil Maria ihn dauernd mit der Behauptung unterbrach, die Kirche erlaube keine Scheidung, oder wenn sie etwas Ähnliches erlaubte, so müßten die Ehegatten ihr Lebtag bei Wasser und Brot sitzen bleiben, keiner dürfte sich von neuem verheiraten ... Als ich schließlich begriffen hatte, wollte ich wissen, warum die blonde Dame, obwohl geschieden, nun trotzdem beim Fürsten sei. Bob stöhnte. »Geld. Er braucht Geld. Er wird ihr telegraphiert haben.« »Geld?« forschte Maria, die das Problem der Ehescheidung vergessen hatte. »Er hat verspielt?« Ihr Bruder lächelte wehmütig. »Alles, was sie an Bargeld besaß, dann hat sie sich scheiden lassen. Das ist aber schon ein paar Jahre her. Seht, Kinder, Alkohol ist billiger als das Spiel. Ich also verspiele nie mehr als hundert Lire. Und auch die nur aus Höflichkeit.« »Bob, trink deinen Tee ... Und jetzt? ... Claus, bitte, sag' dem Kellner, er solle Bob einen Schuß Rum in den Tee gießen.« »Kellner«, rief ich und blieb sitzen, denn ich ahnte, daß die Rede jetzt auf Sidonia käme ... Inzwischen sah Bob zu, wie der Rum seinen Tee färbte. »Halt, Kellner!« befahl Maria. »Und jetzt?« Der Bruder nippte an der Tasse. »Sie gibt nichts.« »Warum ist sie dann gekommen?« Er streckte ihr über das Tischtuch die Hand hin. »Frauen sind oft grausam, kleine Schwester. Wahrscheinlich macht es ihr Spaß, zuzusehn ...« Und Bob sprach von etwas anderm. Als wir aber ein wenig später über die Lagune, die sich mit den ersten zarten Farben des Abends überzog, nach Venedig zurückfuhren, da hielt Maria es nicht länger aus. Sie schlang den Arm um mich und fragte, die Wange an meiner Schulter: »Und Sidonia?« Obwohl wir seit einer halben Stunde von anderm gesprochen hatten, verstand Bob sogleich die Frage, ja, mich dünkte, er habe darauf gewartet, jedenfalls waren seine Gedanken auf der gleichen Fährte geblieben. Doch rief er, der die ganze Zeit über Marias Anblick gemieden hatte, auf einmal verzweifelt aus: »Deine Beine sind schamlos, Maria!« Sie wiederholte nur: »Hat Sidonia ihm Geld gegeben?« Bob beugte sich aus der Fensteröffnung des Verdecks. »Wir sind gleich da«, fuhr er in größter Unruhe fort. »Du mußt durch die Hintertür ins Hotel.« Und er rief dem Gondelier zu, bei der Kirche La Pietà anzulegen, die zweihundert Schritte vom Hotel Danieli entfernt lag. » Claus schämt sich meiner nicht«,lachte Maria. »Und das Hotel kennen wir, in- und auswendig. Und jetzt sage mir: hat Sidonia ihm Geld gegeben?« Halb aus dem Fenster gelehnt, antwortete Bob: »Ihr Diadem ist weg. Aber gestern abend hatte sie noch die Perlenkette.« »Arme Donja«, seufzte Maria... »Hast du sie nicht gewarnt? »Ich habe es versucht... Warne du den Vogel vor der Schlange.« Wir stiegen bei La Pietà aus, und Maria und ich schlichen durch den Küchenhof in das Hotel. Die Büglerinnen drängten sich, plötzlich lebhaft geworden, zu den Fenstern und riefen uns Scherzworte zu: »Il marchesino!« und beglückwünschten mich zur Verwandlung meiner Freundin. »Geh!« stieß diese mich an, »geh zu deinen Weibchen und laß dich auffressen.« Ich reichte den Mädchen die feuchten Kleider, die ich unter den Armen trug: »Bügeln, Signorine, in einer Stunde lasse ich sie durch Emilio abholen!« Keinesfalls ging ich zu ihnen, o nein, ich gehörte jetzt Maria, und die Büglerinnen konnten mir gestohlen werden.   Sieh da, Donja und Bob nahmen am Abendessen teil. Maria winkte ihnen freudig zu, als sie in ihrem weißen Abendkleid neben mir den Speisesaal betrat. Es war ein Fest, nun ja, unser Verlobungsessen. Den Zopf hielt eine neue Atlasschleife, und er hing ihr über die Schulter auf die Brust, denn sie hielt es für unschicklich, den Zopf auf dem Rücken zu tragen, wenn sie »angezogen« war. Mein Gott, wie schön sie da neben mir herging und nach ihrer Mandelseife duftete, alle Leute guckten wohlgefällig zu ... »Ich habe Orangenblüten im Strumpfband«, verkündete sie mir heimlich. »Im linken?« fragte ich, weil ich merkte, daß sie mit dem linken Fuß stärker auftrat als mit dem rechten. »Natürlich!« Natürlich, trug man doch auch den Verlobungsring an der linken Hand! Bob erhob sich feierlich zu unserer Begrüßung. Dann hörte Sidonia uns zu, wie wir, in einer Sprache, die wir undurchdringlich wähnten, törichte Geschichten ausplauderten, wie die Verliebtheit sie auch größeren Personen eingibt, und die meist nur aus Stichworten und unbeendeten Sätzen bestanden. Als ob nicht der Schlüssel dieser Sprache der liebenden Sidonia in der Hand gelegen hätte! Sie ließ es sich nicht anmerken, sondern nahm, gleichsam als der Tölpel, der auf einer Verfolgung eines Schmetterlingspaars strauchelt, hinfällt, sich ächzend aufrafft und weiterstolpert, mit ernster Heiterkeit an unserm Spiele teil. Sie trug ein ausgeschnittenes Kleid, und plötzlich fiel mir, zu meinem Entsetzen, die Kahlheit des Ausschnittes auf: die Perlenkette fehlte! Die köstliche Landschaft des Fleisches zwischen Hals, Schultern und Brust war wie ausgeplündert, mein Blick kreuzte sich mit dem Marias, und gleichzeitig schloß Bob, der aus einem Traum aufgewacht und meinem Blick vorausgeeilt war, langsam die Augen. Wahrscheinlich hatte sein Erschrecken, wie es über den Tisch gehuscht war, meine Aufmerksamkeit erregt. Dies alles dauerte nur drei Sekunden. Drei Sekunden saßen wir alle wie gelähmt. Dann hob Sidonia abwehrend die Hand, und Bob schlug die Augen auf. Auch die Hand war leer, der gewohnten Ringe beraubt – doch wie schön in ihrer nackten Armut! »Das ist ja noch kein Unglück«, sagte Bob scheinbar zu sich selbst. Und Donja antwortete wie ein Echo: »Aber sie spielen schon wieder seit fünf.« Da erhob sich Bob und verließ den Saal. Bis heute weiß ich nicht, ob Bob etwa den Fürsten im Spielzimmer aufsuchte, oder was sich sonst in der Zwischenzeit ereignete, ehe Maria und ich, die nach dem Essen zitternd in einer dunklen Ecke des Korridors gestanden und das Kommen und Gehen Bobs, des Fürsten und seiner geschiedenen Frau beobachtet hatten, die Standuhr an der Treppe zehn Uhr schlagen und kurz darauf in Sidonias Salon einen Schuß fallen hörten. Ich glaube, ich wußte sofort, daß es ein Schuß war, obwohl er nicht lauter klang, als ob ein Fenster zuschlüge. Der erste, der aus dem Zimmer trat, war Bob Capponi. Er schob uns, wie wir uns auf ihn warfen, mit beiden Händen zur Seite, stellte sich vor die Standuhr und zog die Taschenuhr. Dann schritt er, ohne uns weiter zu beachten, die Treppe hinunter. »Bis zehn,« hörten wir ihn klagend ausrufen, »bis zehn war es nicht zu schaffen!« Auf dem Korridor war es totenstill. Ebenso in Sidonias Zimmer, als wir an der Türe lauschten. Es war eine Stille, die sich mit unheimlicher Schnelligkeit ein Loch grub, und in dies Loch strömte alle Stille, die es sonst in der Welt gab. Bald standen wir erstarrt an einem Abgrund, wagten uns weder vor noch zurück. Meine Spannung wuchs bis zu einem heftigen Schmerz in den Schläfen und im Nacken. »Marchesa,« flüsterte ich heiser, »ich will hineingehn.« Sie ließ meinen Arm los, den sie erst furchtsam umklammert hatte, und strich mir mit der Hand über die Hüfte. Dann trat sie schnell zur Seite und sah mit brennenden Augen zu, wie ich behutsam die Tür öffnete und mich durch den Spalt zwängte. Der Fürst lag, in Frack und weißem Hemd, dicht vor der Tür, ein graugelber Schmelz rann über sein Gesicht und erstarrte, ich sah weder eine Wunde noch Blut. Atmete er? Ein Arm deutete mit einer herrischen Gebärde, die zu Boden gefallen, in den Salon hinein, die braune behaarte Hand hielt einen Revolver, und in dieselbe Richtung blickten die Augen. Und sonst war niemand im Zimmer. Da überkam mich eine dunkle Erinnerung an eine alte Frau, an deren Bett mein Vater mit ausgestrecktem Arm getreten war, und ich kniete nieder und schloß mit Daumen und Zeigefinger dem Toten die Augen. Meine Kehle stieß ein stöhnendes Schluchzen aus, von dem ich nichts wußte – ich hörte es erst viel später, als ich auf dem Sofa meines Zimmers lag, im Begriff einzuschlafen, und es mich aufschreckte und mir zum erstenmal in meinem Leben den Schlaf raubte, während die Atemzüge Marias wie Engel durch den Raum gingen und draußen die Sirenen der russischen Kriegsschiffe heulend die in Hotelbetten schlafenden Offiziere an Bord riefen ... Meine Hand lag noch auf dem Toten, als die Tapetentür des Schlafzimmers sich öffnete und Sidonia erschien. Sie glitt wie ihr eigener Geist herein. Es war ihr Haar, ihr Kleid, aber ihr Gesicht, ihr Gesicht war es nicht – oder doch nur ein verstümmeltes Abbild von ihm. »Bitte, Fürstin,« sagte sie, »ich weiß nicht, was Sie hier noch tun.« Sie drückte mit dem gestreckten Arm die Tür an die Wand, und an der Holden, wie eine edle Vase Geformten schritt hochbusig die Fürstin vorbei und auf den Toten zu. Einen Schritt vor ihm blieb sie stehn. »Da liegt er, der beste Tänzer Europas! ... Ja, wer bist denn du?« wandte sie sich an mich. »Steh auf! Sag', wer du bist? Wie ein kleiner Heiliger kniet er da, als ob – Steh auf!« Da flog die Holde lautlos auf mich zu, hob mich auf und küßte mich zwischen die Augen. Und sie führte mich um die Füße des Toten in die Mitte des Zimmers und behielt mich im Arm, bis es Gott gefiele, uns von dem unheimlichen Weib zu erlösen. »Wenn das Ihr Neffe ist, Baronin, kann er etwas lernen. Anschauungsunterricht. Man hängt in den Schulen Bilder an die Tafel –« Ihre ganze, große Gestalt strotzte von der finstern Gewalt des Schicksals, sie war nicht der Henker, sie war der Richtblock, sie war das Beil, nicht die Hand, die es führte. Und sie sprach! An meinem Knabenkörper lag, noch in der Erstarrung bewegt, aus verschwiegenen Buchten schweifend, sich darin verbergend, der Liebe verhaftet noch im Tod, eine Blutsverwandte, und ich hörte sie sterben. Sterben? Ich wußte damals nicht, was das war. Ich hörte sie verstummen, abfallen, vergessen. Und das da mit Brillantohrringen und blitzenden Fingern, eine dreifache Perlenschnur um den feisten Hals, redete recht. Sie stieß Worte hervor, die wie Steinblöcke niederfielen und den Toten zum zweitenmal erschlugen. Ihre weichliche Hand schürte das Höllenfeuer. Sie sagte lauter Dinge, die mir aus Büchern und Predigten vertraut waren, jene überhellen Gesetzsprüche von Schuld und Sühne, woran Gott sein Wohlgefallen habe. Und alles, Haß und Mitleid, Anklage und Freispruch, alles war ein erbarmungsloses Gericht über Sidonia und sollte sie vernichten. Ich riß mich los. »Schämen Sie sich,« schrie ich, »schämen Sie sich, Madame Sortez! Le mort pourrait regretter de ne pas vous avoir abattu avant de mourir.« Wie hätte ich es sein können, der so sprach! Ich war nur der Mund, aus dem Sidonia aufschrie. Ich war ein Zittern, das ihrer Starrheit entsprang, wie der erste hörbare Atemzug eines Ohnmächtigen, den die andern vernehmen, nicht er. Und sie erschrak und verschloß mir mit der Hand den Mund. Indes hatte mein Ausbruch, dieser gleichsam das Dunkel um den Toten erhellende Blitz aus dem Gehirn eines Kindes, offenbar Eindruck auf die gewalttätige Frau gemacht. Einen Augenblick schien sie in ihrer Stärke erschüttert, ihre Hand griff hastig an das goldne Kreuz, das ihr auf der Brust hing. Aber dann geschah in ihrem Gesicht ein Ruck, wie bei gewissen Wagen, wenn man die schwankenden Schalen mit einem Hebeldruck in die Gleiche bringt, und die Kraft übermenschlicher Verachtung ergoß sich in die eben noch bebenden Züge. Sie beugte ein wenig den Oberkörper vor. »Wer schreit denn so vor einem Toten?« sagte sie mit abgewürgter Stimme. Tatsächlich hatte sie selbst die ganze Zeit leise gesprochen. Aber gerade dadurch war die Bosheit ihrer Rede um so schärfer und eindringender gewesen, und ich zeigte ihr meine Entschlossenheit, sie zum Schweigen zu bringen, selbst gegen Sidonia – im Bund mit dem Toten. Ich nahm Donjas Hand von meinem Mund und blickte die Fürstin erhobenen Hauptes an. Denn ich fürchtete sie nicht. Ich haßte sie. Wie unter einer Einflüsterung hatte ich mit eins nicht nur ihre Falschheit erkannt – diese war mir durch ihr erstes Wort enthüllt worden – sondern auch, daß sie gar nicht so stark war, wie sie sich den Anschein gab, und ihre Frechheit nur die Maske, hinter der sie ihre Furcht verbarg. Und diese Maske hatte sich soeben bewegt! Dies stählte meinen Blick, und mein Zorn machte ihn glühend. Mit einem wollüstigen Erzittern im Tiefsten fühlte ich, wie mein Blick langsam, langsam den ihren niederwarf, fühlte, wie mein Haß den Popanz ihrer Verachtung zu Asche verbrannte, wie ihre Rüstung abfiel, und wie ich, ein David, mit dem Schwert über den ausgehöhlten Riesen kam ... Noch immer hielt ich Donjas Hand. Die große Blonde hatte die Stirn gesenkt, ich sah von ihrem Gesicht nur noch die herrisch gekrümmte Nase, den dunkeln dicken Mund und zwei schmale, weiße Falten unter dem Kinn, die wie mit einem Messerrücken eingezeichnet waren. Sie schien in die Betrachtung d es Teppichs versunken, auf dessen Rand sie stand – nein, sie lauschte einer unhörbaren Stimme, die sie ausschalt! Ohne zu zögern, nahm ich meinen Vorteil wahr. »Klammern Sie sich nur recht fest an unsern Heiland an«, sprach ich laut, als die von funkelnden Ringen geschuppte Rechte wieder nach dem Kreuz auf der Brust tastete ... »Sonst holt Sie der Teufel, ehe Sie sich's versehn, Sie böse Person, Sie!« »Meinst du?« Ein gemeines Lächeln quoll ihr aus dem Mund. »Aus dir kann was Schönes werden! Ich gratuliere!« Schnell raffte sie die Röcke und stieg über den Toten. Als sie die Türklinke in der Hand hielt, drehte sie sich um und rief, jetzt ebenfalls laut: »Machen Sie mir das nach, Baronin, wenn Sie können!«, und höhnisch nickte sie uns zu. »Nein«, hörte ich Sidonia hinter mir aufschluchzen. »O nein, nein, niemals.« Den Kopf in der Türspalte, drückte die Hochbusige mit den Schultern gegen den Flügel, der Körper des Toten rutschte ein wenig über den Parkettboden, ich sah das Blut. Eine kleine, dunkle Lache im Schatten des Hauptes ... Donjas Hand entfiel mir. Erschrocken wandte ich mich nach ihr um. Die Arme vor dem Gesicht, schluchzte sie. Die schmale Gestalt war von einem Sturm geschüttelt, dessen ganze Gewalt auf die zart geschweiften Schultern drückte. Ruckweise gaben sie nach. Ruckweise brach der Körper unter ihnen zusammen. Ich umschlang sie mit den Armen, um sie zu halten, es war ein Beben von Leib und Seele, ein Brechen, Stürzen, Fliegen, von dem ich in seinen unbändigen Wirbel hineingerissen worden wäre, hätte es nicht fast im gleichen Augenblick aufgehört. Kaum hatten sich meine Arme um sie geschlossen, als Donja sie auch schon wieder löste und mich wie ein kleines Kind, an den Schultern, vor sich her zur Tür führte. Nur ihre Stimme zitterte noch, als sie sagte: »Ich will ein wenig allein sein, Claus ... Bald holen sie ihn, und ich habe noch nicht mit ihm sprechen können ...« Vor den Füßen des Toten angelangt, ließ sie mich los. Den Blick zu ihm wendend, faltete sie die Hände, und ich hatte den Eindruck, als wäre sie auf einmal weit von mir entfernt und rückte körperlich in eine andre Welt. »Beten,« sagte sie vor sich hin, »mit aller Kraft beten« – und ich setzte, auf den Fußspitzen und mit angehaltenem Atem, allein meinen Weg fort, den langen Weg um den Toten bis zur Tür.   Auf dem Korridor gingen drei Herren schweigend auf und ab: Bob, der Direktor und ein russischer Offizier. Als Maria, die sich hinter der Standuhr versteckt hielt, mir zuflüsterte, die Herren warteten auf den Arzt und den Polizeikommissar, um den Todesfall festzustellen, trat ich auf Bob zu und nahm ihn zur Seite. »Bob, sie hat ausdrücklich gewünscht, jetzt mit Boris allein zu sein.« Er drückte meinen Arm und ging mit mir zu Marias Versteck. »Kleine Schwester, hier ist Claus, und jetzt macht, daß ihr hier fortkommt... Noch was! Claus ist ein feiner Kerl, ich bin stolz auf meinen jungen Freund. Er kann also auf mich zählen – fürs Leben, Claus! Hört jetzt ... Niemand im Hotel darf wissen, was vorgefallen ist. Der Direktor wäre sonst ruiniert. Alle Gäste würden ihm davonlaufen, es käme in die Zeitungen, und auf Jahre traute sich kein aufgeklärter Europäer in sein Hotel ... Komisch, nicht? Von dem Standpunkt wären ungefähr alle Häuser der Welt unbewohnbar ... Es ist so ... Darum schweigt. Heute nacht also, wenn alles schläft, wird der Admiral von seinen Offizieren hinausgetragen und auf dem Flaggschiff aufgebahrt. Morgen erfahrt ihr, der arme Boris sei in der Nacht einem Herzschlag erlegen, der Stabsarzt« – er zeigte auf den russischen Offizier – »der Stabsarzt muß es ja wissen, nicht? Na, er weiß es also jetzt schon, daß der arme Boris heute nacht von einem Herzschlag ereilt wird. Und morgen abend fährt das Geschwader mit seinem toten Admiral nach Hause, die Flaggen sind auf Halbmast gehißt, das Arsenal schießt Trauersalut, und die Schiffe antworten, und das alles geht mich einen Dreck an also. Die Frage ist, was mit Donja geschieht. Wie wir Donja über die nächsten Tage hinwegbringen. Nicht? Also, das nehme ich auf mich, und wenn ich euch brauche, rufe ich ... Geht jetzt schlafen.« Mitten in der Nacht kam meine Freundin: im Schlafanzug, Kleider und Wäsche auf dem Arm. Sie fürchtete sich, allein zu sein, sie hatte gefroren. Kaum war ich aus dem Bett, als sie auch schon hineinschlüpfte. »Ach,« flüsterte sie, »es ist noch ganz warm von dir! ... Und du? »Wenn du mir ein Kissen leihst, werde ich es hier recht bequem haben«, antwortete ich. Ich hatte mich auf dem Sofa unter einer Reisedecke ausgestreckt, und als ich das herüberfliegende Kissen aufgefangen und Maria das Licht gelöscht hatte, verfolgte ich am Gang ihrer Atemzüge, wie sie einschlummerte. Und dann lag ich mit steifen Gliedern in der Einsamkeit und horchte auf die Geräusche im Haus und auf der Lagune. Es war ein Wimmern, Schlürfen, Knarren im Käfig der Nacht, der mich zugleich mit Sidonia, Maria, Bob und Boris gefangen hielt, eine von stumm eilenden Menschen immer nur halb erstickte Unruhe der Natur, die nicht erlöschen wollte ... Ich hörte Uhren schlagen, einmal, einmal, einmal, zweimal, einmal... Ein Schrei, ein Todesschrei, dachte ich, der die Nacht selbst zu einer Säule des Grauens erstarren ließ, jagte mich aus dem Schlaf, und ich wäre vor Schreck aus dem Bett gefallen, hätte mich nicht das Entsetzen an jene hohe Säule gefesselt, an der jetzt die Stille wie ein dunkles Wasser niederrann. Gab es denn das: Todesschrei? ... Die Toten schrien nicht. Schrien die Lebenden, wenn sie starben? Jedenfalls hatte der Fürst nicht geschrien. Ich hatte geträumt ... Marias ruhiger Atem drang durch die Erstarrung allmählich bis zu mir, er berührte die eine Seite meines krampfhaft gestreckten Körpers, von den Zehen bis zu den Haaren über den Schläfen, überlief ihn, sich kräuselnd, eine winzige Brandung. Endlich empfand ich einen warmen Kitzel im Nacken, und die Wiederbelebung unter Marias Atem begann. Ich schöpfte Luft, warf mich herum, lag, während es in den Wänden rieselte, wieder in krampfhaft gestreckter Lage und biß die Zähne aufeinander, bis der Schmerz im Kinn überhandnahm, dann riß ich den Mund auf. Ich fand die Kraft, den Ruf »Maria« in der Kehle zurückzuhalten. Doch rührte ich mich nicht und ließ nur den lauen Wellengang ihres Atems über mich hingehn, der mich jetzt völlig überschwemmte. Ich war mir weder eines Gefühls noch eines Gedankens bewußt, von jeder Trauer ebenso weit entfernt wie von jeder Freude. Ich hörte nichts als den Atem des schlafenden Mädchens, ich sah nichts als den Schein hinter den Fenstervorhängen, der mählich heller wurde. Endlich erhob ich mich, nahm meine Kleider, verließ lautlos das Zimmer. Die Morgensonne färbte den Korridor. Ich duschte und kleidete mich im Badezimmer an. »Morgenstunde hat Gold im Munde« ging es beständig durch den Kopf, und auf dem Rückweg zu meinem Zimmer ertappte ich mich dabei, wie ich vor mich hinsummte. Über ihren guten Nachtduft gebeugt, weckte ich Maria. Als sie, mit einem gähnenden Lachen, das an den Ruf eines Käuzchens erinnerte, die Arme um meinen Hals warf, hob ich sie auf und stellte sie vor dem Waschtisch auf die Füße. Zwei-, dreimal fuhr ich ihr mit dem nassen Schwamm über das Gesicht, dann konnte sie ihn selbst halten. »Ich habe Hunger!« rief ich. »Mach' schnell!« Ich frühstückte ein erstes Mal allein in dem leeren Saal, den die Morgensonne in einen Wintergarten voll blitzend-knospender Blumen verwandelte, ein zweites Mal mit meiner Freundin – da füllte sich der Saal schon mit Hotelgästen, und was nach fremdartigen Blumen ausgesehn hatte, entpuppte sich als eine Schar winziger Paradiesvögel, die allenthalben von den Tischen aufflogen, sowie man daran Platz nahm. Die Lagune unterhielt ein weißes Wetterleuchten an der Decke des Saales. Maria und ich wußten, wir gehörten zusammen. Wir wagten weder zu weinen noch zu lachen. Es geschah, wie l'amico vorausgesagt hatte. Den ganzen Tag waren Boote zwischen der Riva und dem Flaggschiff unterwegs, Militärs, angezogen wie zur Parade, und Herren im Zylinder gingen an Bord, um sich vor dem hohen Katafalk zu verneigen und einem dort wartenden kleinen, graubärtigen Offizier die Hand zu drücken. Das Trauergerüst war unter dem vorderen Kanonenturm errichtet, das Rohr beschützte mit funkelnder Mündung den Sarg, an dessen vier Ecken außerdem die Degen der Wache haltenden Offiziere in weißen Bündeln glühten, gleich flammenden Schwertern der Engel. Viele Kränze mit bunten Schleifen schwammen über die Lagune, fast immer einer allein in einer Gondel, und alle Glocken der Stadt und der Inseln läuteten zu ungewohnten Stunden, was die Möwen ebenso beunruhigte wie die Menschen. Statt die gewohnten Kreise zu ziehn, hingen die Vögel flatternd und einander überkreischend in der Luft oder bildeten feurige Strudel. Gegen Abend trat das Geschwader unter Glockengeläut und Geschützdonner die Heimfahrt an. Der Katafalk führte die Schiffe, die ihm in langer Linie folgten. Ihren toten Admiral an der Spitze, bewegten sie sich, durch das brodelnde Wehr des Sonnenuntergangs, der Nacht entgegen, und die Kanone über dem Sarg zeigte leuchtend und blitzend in den Horizont, als brennte sie darauf, aus der tosenden Lagune in den stillen Ernst des östlichen Himmels dort über dem Meer zu tauchen. Maria und ich saßen mit Ferngläsern versehn, zwischen dem Hotel Danieli und dem Arsenal auf der Quaimauer. Als wir unsere Gläser auf das Hotel richteten, fanden wir, daß Sidonias Fenster die einzigen leeren des ganzen Gebäudes waren. Aber dann entdeckten wir in einem von ihnen ein winkendes Taschentuch ... Sie verbarg sich im Innern des Zimmers für ihr Lebewohl! »Sicher ist Bob bei ihr«, sagte ich. »Sicher«, sagte sie. Dann saßen wir schweigend, bis plötzlich, wie auf ein Zeichen, Stille eintrat. Die Kanonen feuerten nicht mehr, die Glocken schwiegen. Und obwohl in allen Fenstern der Häuser und auf der weitläufigen Riva die Menschen dichtgedrängt standen, war es doch so still wie in einer Kirche während der Kommunion, ehe das letzte Klingelzeichen die Gläubigen aus dem größten aller Geheimnisse entläßt.   Wer weiß, wie schlimm es Donja noch in Venedig ergangen wäre, hätte nicht l'amico, wie ich Bob seit seiner Freundschaftserklärung auf dem Korridor nannte, sie schließlich mit Gewalt ihrer trostlosen Lage entrissen. Täglich begehrte sie aufs heftigste abzureisen. Täglich wurde die letzte Rechnung bezahlt, unser Gepäck fuhr zur Bahn, Maria und ich warteten vor dem Hotel, und jedesmal erschien Bob allein in der Hoteltür, die Gondel wurde weggeschickt, das Gepäck vom Bahnhof zurückgeholt. Und bei jedem Mal zog sich die Wolke, in der Bob tragisch wandelte, dichter zusammen. Man sah nur noch seine Augen, große, angsterfüllte Augen, die unempfindlich, verhärtet schienen. Er verkehrte mit niemand mehr, übersah selbst Maria und mich, verbrachte Tage und Nächte in Sidonias Salon, ohne sie öfters zu sehn, als des Morgens, wenn sie ihn beschwor, die Abreise für den Abend vorzubereiten, und abends, wenn er vergeblich versuchte, sie über die Schwelle hinwegzubringen, wo Boris, mit der kleinen Blutlache neben der Schläfe, gelegen hatte. Da auch die italienische Zofe gegangen und Donja somit völlig allein war, wagte er kaum, den Salon auf eine Stunde zu verlassen. Er schlief auf dem Diwan, worauf man Boris gebettet hatte – nur, wie er mir eines Abends verzweifelt sagte, »um Donja Mut zu machen«. »Ich telegraphiere meinem Vater«, sprach ich. »Er muß sie holen.« Bob schien mich nicht gehört zu haben, jedoch nach dem Abendessen suchte er uns in der Halle auf: »Hast du schon telegraphiert?« Ich verneinte. »Es ist nicht nötig. Morgen wird es gehn ... Weißt du, warum sie sich vor deinem Vater fürchtet?« Das war nicht schwer zu erraten. »Er würde sie einfach aufpacken und in die Gondel tragen«, erklärte ich. Ohne einen einzigen Gruß der anwesenden Bekannten zu erwidern, verließ Bob mit großen, schwebenden Schritten die Halle. Hinter ihm rückte man flüsternd zusammen. Die Dame, die zum Tanz aufspielte, ließ ihre Paare stehn und flog, klirrend wie ein Feldhuhn, hinzu. Europa tauchte hinter ihrer Zeitung unter. Zeus schüttelte ein von Befriedigung fettglänzendes Haupt. »Du,« meinte meine Freundin, »Bob trägt große Trauer, das ist gewiß. Es fällt ihm nicht einmal ein, daß er mit seinem Benehmen Donja schadet.« Denn wir, Maria und ich, bemühten uns, in der gewohnten Weise mit den Mitgliedern unsres Kreises umzugehn und duldeten ebenso, daß sie mit ihrem faustdicken Mitgefühl auf uns losschlugen, als auch, daß wir sie durch unsre Anwesenheit störten. Nur Frau Camilla machte eine Ausnahme. Sie stahl sich zu uns, begleitete uns auf Spaziergängen, umgab uns mit ihrer geruhigen Güte, in der wir ein Herz klopfen hörten. Sie habe einen Sohn, erfuhr ich, Arno mit Namen, und sie versprach, er und ich, wir würden Freunde. Ein scharmanter Junge sei er, sanft und stolz, im gleichen Alter wie ich. Bob, dem ich davon sprach, empfahl ihn mir mit überzeugenden Worten, obwohl er ihn gar nicht kannte, und dies genügte, damit Arno Steinberg wie durch Offenbarung in mein Leben trat; bevor ich ihn noch gesehn hatte, liebte ich ihn. »Es ist schrecklich«, sagte Maria leise. »Ihr müßt fort, Ihr macht Euch sonst unmöglich. Furchtbar ist das.« Ich seufzte: »Morgen, hat er gesagt, wird es gehn. Diesmal hatte Bob ein Motorboot bestellt. Die Freundin und ich standen beim Steuer und blickten gespannt auf die Hoteltür, als diese sich unter einer unsichtbaren Hand öffnete, und eine Sekunde später Bob, Sidonia auf den Armen, in der gebückten Haltung eines Ringkämpfers hervorbrach. Er machte große Sätze, und nach jedem blieb er stehn, als lauschte er in sich hinein. Und als er Sidonia abgesetzt hatte, streckte er die Arme empor, taumelnd von der heftigen Anfahrt des Bootes, und stieß einen Schrei aus, der körperhaft in die Sonne stieg – den Triumphschrei eines großen Tieres. Auf dem Molo erkannten wir Emilio, er winkte uns und hielt laufend mit uns Schritt. Er warf uns gerade eine Kußhand zu, als Sidonia die Augen aufschlug, er sah sie erröten, nicken, er stolperte, fast wäre er gefallen, die ganze Gestalt zappelte von Entschuldigungen. »Warum? Warum?« murmelte Donja. Sie schüttelte das Dunkel aus den Haaren, hob die Hand, da sahen wir gerade noch, wie Emilio sich bückte und mit der flachen Hand über dem Boden zeigte, daß er nur die Kleinen gemeint habe. »Warum denn?« wiederholte Donja ernst, »Ich hätte auch gern etwas abgekommen. Ist er abergläubisch? Sie wandte sich an Bob: »Malocchio?« Ich rief zornig: »Was fällt dir ein, Donja! Du – und der böse Blick, das ist, das ist ... wie wenn eine Rose Rheumatismus haben sollte!« Sie lachte schwirrend und bat Bob, der vor ihr stand, um eine Zigarette. Als er ihr die geöffnete Dose hinhielt, ergriff sie sein Handgelenk und zog sich in die Höhe. Rauchend stand sie neben ihm. Wir fuhren in der Mitte des abendlichen Kanals. L'amico, der seine Wolke verloren hatte, zeigte lebhaft nach rechts und links, in das Wasser, in den Himmel, nannte die Namen der Paläste, versammelte, ein federleichter, dunkelschöner Gott dieses Abends, schnell noch die ganze Pracht Venedigs um die enteilende Holde. Sidonia sprach sinnend die ihr so geläufigen Namen nach, mit einem Nicken über die eine und die andre Schulter,, mit einem leisen Neigen, von den Füßen bis zum Nacken, das, vom Rhythmus des Bootes bewegt, ein einziges atmendes Erkennen, ein unaufhörliches Danken war. Als aber die Stunde umschlug, als durch die sich zerreißenden Farben und Schatten, wie durch die Risse in einem Firniß, die Asche des Tages zu rieseln begann und gleichzeitig von unten her, aus den Kanälen und schmalen Gassen, die alles auslöschende Flut der Finsternis stieg, da trat der liebliche Gott mit weniger als einem halben Schritt abseits in die Nacht, und die vereinsamte Gestalt der Holden, die ihn noch immer sprechen hörte, immer noch Zeugen ihres Glückes wiedersah und dankte, schien lautlos schluchzend über ein Grab gebeugt, das unter ihren Füßen mit ihr fuhr. Seitlich aus dem Dunkel hob sich eine Hand, sie hielt eine Rose, Donja nahm sie ... Im Gang des Schlafwagens zog Maria aus ihrem Strumpfband ein welkes Zweiglein mit Orangenblüten und schenkte es mir. Schon wurden die Türen geschlossen. Da lehrte sie mich schnell noch das Küssen, indem sie mit der Hand mein Kinn zusammenpreßte, daß die geschlossenen Lippen, mit denen ich ihrem Mund gerade begegnet war, sich öffneten, und so küßte sie mich, eindringlich, nachhaltig, obwohl ihr Bruder, die Türklinke in der Hand, bittend und drohend neben dem Trittbrett tanzte. So mußte ich sie wieder küssen. Darauf wandte sie sich wortlos ab und ließ sich vom fahrenden Wagen in Bobs Arme fallen. »Ich will sie in Venedig wiedersehn ...« Der Knabe war heimgekehrt, aber die Hälfte seiner Gedanken verweilte wachträumend in dem Märchenland, dessen Meerfarben um eine edelsteingespickte Krone rauchten, und dem er ebenso unerwartet entrissen worden war, wie der Entschluß einer Liebenden ihn jählings hineinversetzt hatte. Die andre Hälfte empörte sich gegen die von einem großen, fremden Gewitter aufgetürmten Hindernisse, die ihn abgehalten hatten, der Wirklichkeit seines eigenen Erlebnisses näherzukommen. Sie waren schuld, daß dieses nur wie ein helldunkler Schein und das Echo einer Musik in seinem Bewußtsein haften geblieben. Und sieh da! In seiner Trauer über Sidonias Geschick lebte keimhaft ein Siegesgefühl, der Triumph, daß jener Sturm sie aus seinem Wege geräumt und ihm das Land der märchenhaften Wirklichkeit als einzigem Herren überliefert habe. Es genügte, dahin zurückzukehren, damit sich alles erfülle ... Er dachte an nichts andres, als wie es möglich wäre, dies zu bewerkstelligen. Seine Umgebung war ihm in quälender und bedrückender Weise entfremdet – dort im Osten, am Ende des Kontinents, so schien es ihm, am Rande der Erde, öffnete, aus Wasserdunst und Feuerschein wie aus einem Spiegel tretend, das ihm bestimmte Leben kühlhäutig die Arme. Ich habe ein sehr schlechtes Gedächtnis für Winter. Es muß wohl ein Winter verflossen und noch einer dagewesen sein, bevor ich zum zweitenmal, »zum richtigen Mal«, wie ich mir sagte, nach Venedig aufbrach. Aber in meiner Erinnerung wölbt sich ein einziger blauer und goldgelber Sommer über dem Elsaß meiner Schülerjahre. Tagsüber verwahrte mich Straßburg, sein Münster war das schlankeste der Welt, demselben Boden entsprungen, wie ich und die Meinen. Der rote Vogesensandstein atmete Licht, und in manchen Stunden zitterte der durchbrochene, spitze Turm wie kaum erstarrte Luft. Mich dünkte, er recke sich so, er vergehe vor Sehnsucht nach dem Himmelsstrich, von wo er den ersten Kuß der Sonne empfing. Ich aß bei der uns befreundeten Familie Bock zu Mittag. Nach Tisch gingen Viviane von Bock, ihre Gouvernante und ich an den Kanälen, den alten Wallgräben, entlang spazieren, die mattgrün spiegelnd die innere Stadt umgeben. Der Münsterturm hing wie in einer Dampfwolke, die Fensterläden der Häuser auf der Sonnenseite waren geschlossen, unsre Schritte klangen auf dem heißen Pflaster des Stadens. Viviane schritt mit hängenden Armen, den Kopf lauschend zur Seite geneigt, und ihre Tritte waren die sanfteren Schwestern der meinen. Sie hatte ein gelblich blasses Gesicht und braune Augen, die sie gesenkt hielt. Wenn ein warmer Windstoß die Uferstraße heraufpuffte, sah sie ihn rechtzeitig kommen und führte die Hände mit einer langsamen, runden Bewegung zum Hut, als höbe sie einen antiken Wasserkrug auf ihren Kopf. Sie schien kostbare Gedanken zu verwalten in ihrem Ernst. Ich sprach wenig und nur in allgemeinen Wendungen von Venedig und Maria, aber alles, was ich immer sagen mochte, erzählte von ihr und ihrer heimlichen Residenz. Alles erinnerte mich an sie: der in der Hitze blaßblaue Himmel und der schiefe Regensturz, der plötzlich das Wasser des Kanals mit Ruten strich, die gestutzte Akazie der Uferstraße, die Blumen auf dem Universitätsplatz und die gräßliche Garnisonskirche – das Wasser unter den breiten Hängeweiden fühlte sich mit dem Blick so kühl an, wie ihre Haut unter meiner Hand gewesen. Von tausend Dingen sprach ich und immer nur von ihr. Erriet Viviane das Vexierbild, das die Welt für mich geworden war? Sicherlich. Denn schlug sie einmal die Augen auf, so waren sie ungeheuer groß vor lauter Andacht und Mitgefühl. »Pulcinella!« sagte sie dann oft mit einem Lächeln, das sich von den Mundwinkeln langsam zum Kinn hinabschlängelte. Dort, wo der Kanal mit eins wieder zur Ill und einem lebendigen Wasser wird, machten wir zögernd kehrt ... Die tänzelnde Strömung zwischen den üppigen Ufern wollte uns weiterlocken, wir kannten die wilde, verworrene Flußlandschaft, die unvermittelt hier am Rande der Stadt begann und sich, von einem Versteck zum andern, bis an den Rhein erstreckte – ein herrliches Land, nicht auszuforschen, darin sich der Fluß in Windungen erging, die den Himmel umarmten, und in Buchten, auf deren Grund die Wiesen in ein unterirdisch Reich hinabführten, dann wieder ganz schmal, unter überhängenden Bäumen begraben, man mußte sich bäuchlings in den Kahn legen, um hindurch zu kommen! Früher, da hatten wir uns hineingewagt, zu zweit und mit Freunden, wohl ein dutzendmal, und waren dann immer aufatmend hier am Rande der Stadt »gelandet«, als wie von einer weiten und gefahrvollen Reise, und hatten gleichsam den Blütenstaub exotischer Gewächse auf dem Gesicht in die elterlichen Stuben getragen. Jetzt, fühlte ich, würde Viviane sich nicht mehr meinem Schutze anvertrauen, und ich – hätte ich im tiefsten des Rheindschungels etwas andres gesehn als die in buntgestreiftem schwanken Wasser getürmte Stadt und ihre goldhäutige, kleine Königin? Keiner von uns verspürte mehr Lust zu solch verzwickten Unternehmungen, wobei es galt, sich aus der Aufsicht zahlloser Menschen wegzustehlen und unbemerkt zu ihnen zurückzukehren. Doch veranlaßte uns irgendeine Anhänglichkeit, irgendein Bedauern, unter den Augen der Gouvernante eine Weile stillzustehn und die Augen auf dem Wasser ruhn zu lassen, das mit winzigen, glitzernden Wellenkämmen über breiten, sommerlich heiteren Flächen in unser verlorenes Paradies fuhr. Auf dem Rückweg zeigte sich die Gouvernante jedesmal wieder beunruhigt über unser Schweigen. Und wenn Viviane einmal die Augen aufschlug, so sagte sie nicht mehr: »Pulcinella!« Bei der Wilhelmer Brücke, die zum Bischöflichen Gymnasium führt, verließen mich die Damen. Es war fünf Minuten vor zwei, die Schulglocke läutete zum erstenmal, erst im Hof der Kleinen, dann im Hof der Großen. Nach dem Unterricht begleiteten mich meine drei Freunde bis zum Schlachthausstaden, von wo das Bimmelbähnel nach Breuschheim seinen Weg nahm. Wurde ich im Wagen abgeholt, so setzte ich sie, einen nach dem andern, an ihrer Haustür ab. Die Landstraße lief zwischen zwei Reihen Obstbäumen, die mit der kleinen Dampfbahn ebenso wie mit der Kutsche im Schritte gingen. Maria besuchte uns mit ihrer Mutter – ich freute mich nicht lange. Unter unsern Verwandten und neben der alle Luft verdrängenden Mutter glich mein Bronze-Idol in fataler Weise den andern weißgekleideten Mädeln mit fliegenden Zöpfen, wie der Ferienwind sie herbeitrug. Außerdem waren wir beide bigott geworden, sie, weil »Sidonias Unglück ihr eine Warnung gewesen«, ich infolge eines Sprunges in einen Tannenwipfel, von dem noch die Rede sein wird. Kaum aber war die Freundin abgereist, da kehrte ihre ursprüngliche Gestalt zu mir zurück, so, wie sie damals gewesen war und in Ewigkeit für mich bleiben sollte. Mit frommer Scheu stand ich vor ihr, und oft mußte ich kämpfen, um nicht sündigen Gedanken zu erliegen. »Ich will sie in Venedig wiedersehn«, sprach ich wie ein Gebet, ich atmete nur dafür. Als meine Heiligen dann allmählich in ihre Rahmen und auf ihre Postamente zurückkehrten, herrschte sie wieder ganz allein im Palast der aufgehenden Sonne. Und ich konnte wochenlang des Glaubens leben, sie sei eine Prinzessin, die mich dort in dem weißen, von der Morgenröte berankten Haus erwarte. Die banale Sprache unsrer Briefe war nur ein Siegel, ja wir selbst nur ein Gespenst jenes andern Paares, das sich in Venedig in die Arme fiel. Endlich geschah es. »Los von hier! Unter Menschen!« rief meine Mutter eines Tages im Spätherbst. Ich stimmte nachdrücklich bei, nicht so sehr in der Freude, die soeben wieder eröffnete Schule zu schwänzen – ich stand nun glücklich in der Obersekunda – sondern, weil ich beschlossen hatte, bei der Gelegenheit mit Maria zusammenzutreffen. »Unmöglich,« behauptete ich, »unmöglich, es länger auszuhalten in diesem Breuschheim«, und zehn Minuten später saß ich in meinem Zimmer und schrieb an die Freundin. Sie möge, bat ich, ihre Mutter reiselustig stimmen, wozu, wie ich gerade an der meinen erprobt, weder List noch Tücke, sondern nur freundlicher Zuspruch gehöre. Mütter seien immer erholungsbedürftig. Natürlich würde sie, Maria, sich als nicht minder bedürftig erweisen und gehorsam die Mutter begleiten. Ich meinerseits werde versuchen, als Reiseziel Venedig durchzusetzen. Sollte es mir jedoch wider Erwarten nicht gelingen, so sollte sie, »nimm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz«, und koste es, was es wolle, ihre Mutter bewegen, an den von der meinen erwählten Ort zu reisen, der angesichts der Jahreszeit ja doch nur irgendwo im Süden zu finden sein werde. Sobald hier etwas bestimmt sei, würde ich es ihr mitteilen, und ich bat sie, unverzüglich das gleiche zu tun. Diesen Brief versiegelte ich mit einem Petschaft, das ich mir kürzlich hatte schneiden lassen, und brachte ihn behenden Schrittes zur Post. Daran schloß sich, wie immer nach bedeutungsvollen Taten, ein Spaziergang durch den Park an. Da nun gab es merkwürdige Dinge zu sehn. Der Drommetenstoß, der den Sommer angemeldet hatte, gellte jetzt, im Spätherbst, von neuem durch den Garten: der türkische Riesenmohn glühte in verwüsteten Rabatten. Seit acht Wochen blühten auch die Veilchen zum zweitenmal, ein wenig blasser, kleiner als im Frühjahr, mit deutlichen Anzeichen von Überanstrengung, jedoch sie dufteten und blühten, massenhaft, und spannen noch übers Beet hinaus. Wahrlich, sie taten zuviel des Guten, indem sie jetzt noch einmal ihre blaue Zipfelmütze in den Wind hingen, der nicht mehr der Frühlingsbote war, sondern sein bitterer Bruder, der Herbstwind! Wie verstand der es, dem Winter den Weg zu bereiten! So daß wir uns nicht mehr fürchteten, wenn der weiße Schrecken in Person erschien, vielmehr dankbar waren, nach soviel Geschrei und Gezerre, den eindeutigen Druck seiner Hand zu verspüren, und seinen Gang bewunderten und die Klarheit seines Blickes, bis die Größe der Pax hiemalis, des Winterfriedens, uns gar entzückte. Ja, inzwischen aber fieberte man und starb ... auf Abzahlung, »Los von hier! Unter Menschen!« widerhallte es im Schloß. Schön waren die Herbstfarben – wie ein Haus, das am lichten Tag abbrannte. Die Natur gab ihr letztes hin, dann folgte die Kirchhofsruhe, ein Gedankenstrich, auf dem weißes Moos wuchs ... Warum nur wollten die Veilchen dabei sein, da die Sonnenblumen das Halali des Sommers bliesen, daß das Goldblech schier zersprang, und die hohen Staudenastern ihr schummeriges Murmeln und Flüstern vom Winter begannen? Dem Riesenmohn sah man es wenigstens an: er war toll geworden. Aber die Veilchen! Die lieben Mädchen taten einem leid, sie wurden alt und grau und konnten nicht fort. Was hielt sie fest und zwang sie, Jungmädchen zu spielen und immerfort zu blühen und zu spinnen? Der Abbé Simon brachte es heraus: sie hatten für den Sommer gutgesagt und waren gekommen nachzuschauen, wie es um ihre Bürgschaft bestellt sei. Da indes der Sommer ausgeblieben war, so versteiften sie sich auf ihr Versprechen, sinnlos, wie die Kinder, meinten, die blaue Postkutsche, worin sie uns im Frühling verfrachtet, habe nur einen Unfall erlitten, wir säßen allzu ungeduldig an der Landstraße, aber die Reparatur sei bald beendet und dann, dann ginge es, juchheisa, über den Berg ... Da konnten wir lange warten! Die blaue Postkutsche saß bis über die Deichsel im Dreck, und dem Kutscher war gekündigt. »Los! Aber wohin?« »Nach Venedig«, bat ich. »Nach Venedig? Warum nicht gar!« Meine Mutter war nie in Venedig gewesen. Wohin dann? Herbstwind stürzte mit blödem Humor, tagelang, nächtelang, übers Land und suchte, wen er erwürge. Es regnete dreimal am Tag und die halbe Nacht. »Los von hier! An die Sonne!« Ich kam mit einem Zeitungsblatt angelaufen. Vous voyez, auf dem Markusplatz lustwandelte man in Sommerkleidern. Die Tauben brüteten von neuem. So stand hier im »Figaro« zu lesen. Ich las es vor, morgens und mittags und abends. Ich trieb es tagelang, und endlich gab meine Mutter nach. Sie schrieb Briefe, in denen sie für einen »festen Kern« von Menschen warb, den sie in Venedig vorfinden wollte. Es handelte sich für sie, die sich bisher zur Nordsee gehalten hatte, um eine so unerhört neue Unternehmung, daß ihr meine alleinige Waffenhilfe nicht genügte. Ohne ein sicheres Minimum von Bundestruppen, erklärte sie die Entdeckung des meerumflossenen Venedigs nicht auf sich nehmen zu können. Sidonia antwortete, sie habe wichtige Arbeiten zu überwachen und könne nicht abkommen, worüber mein Vater die Hände zur Decke hob: was das für Arbeiten sein mochten?, mußte er sich immer wieder fragen, wir hier warteten darauf, die eingeregneten Kartoffeln herauszuhacken. Es gab nichts, fast gar nichts zu tun. Unwirsch ging man im Wirtschaftsgebäude an den bereitgestellten Säcken mit der Wintersaat vorbei, die darauf warteten, daß die Acker frei würden. Die Knechte ließen fluchend den Wein ab, droschen, und abends saßen sie mit den Bauern im Wirtshaus und politisierten über das alte, ferne Welschland und das nahe, durch den biertrinkenden Kreisdirektor vertretene Reich. So schlechter Laune waren sie, abends angetrunken, morgens verkatert, daß man sich wohl hütete, ihnen den Besuch des Wirtshauses zu verbieten. Anders konnte die Welt in Rheinweiler auch nicht aussehn, und dies also war die wichtige Arbeit, die Sidonia überwachte! Vaters Schwester Mary dagegen machte keine Ausflüchte. Sie lud in die Touraine ein. Nun, die Touraine, das war ihr Kloster, die alte Jungfer verließ es nie. Onkel Albert-Léo, der ebenso fest hinter Paris saß, teilte zornig mit, seine Frau leide an Gicht, und sein Sohn, der Leutnant, verbringe seinen Afrika-Urlaub damit, durch das Fenster auf die grundlosen Wege zu glotzen, kurz, sämtliche Verwandten versagten. Was nun? Wir taten es Vetter Léo gleich und blickten morgens und abends stumm auf den regenüberschwemmten Garten. Maria blieb die Antwort schuldig. Mit trüben Ahnungen, schon halb entmutigt, fuhr ich zwischen Breuschheim und Straßburg hin und her. Die einzigen Blumen, die dem Ungemach lächelnd standhielten, waren die japanischen Anemonen. Diese Fürstinnen bewahrten auch unter einer Traufe Haltung, wuchsen, von allen ihren weißen Blüten bedeckt, dem finstern Himmel entgegen. Sie machten mir Mut! Nachdem acht Wochen lang Wasser gefallen war, hatte es heute gehagelt. Nie hatten die Blüten der japanischen Anemone so groß und lauter dagestanden wie nach diesem Massaker. Um die Ecke dicht versammelt, duckmäuserten noch immer die Veilchen und teilten sich mit den lebensgroßen Kimonos in den Triumph des Widerstands, wo doch die dramatische Situation sich bereits auf den Donnerkeilen der Äquinoktien zuspitzte. Der Hagel hatte es ihnen aber gezeigt und, in der Tat, plötzlich welkten sie. Bald waren sie nur mehr Asche. Wir fanden uns um einen Sommer betrogen. Als unsre schlechte Laune so weit gestiegen war, daß wir einander im Hause auswichen, traf ein Brief der Marchesa Capponi ein. Sie war in Venedig im Hotel du Globe, einem alten, vornehmen Haus ohne Komfort, aber mit berühmter Küche, das gewisse italienische Kreise bevorzugten, von reizenden Freundinnen und geistvollen Herren umgeben, worunter sich auch der dem jungen Claus bekannte Lord Berrick befand, und ihr Brief bestätigte die Meldung des »Figaro«: in Venedig lachte blauer Sommer. »Venedig, geistvolle Herren und schöne Damen – nous serons en pleine Renaissance«, sagte meine gute Mutter, und zwar ganz ungewöhnlicherweise französisch. Die Marchesa hatte uns, wie schon erwähnt, mit Bob und Maria besucht. Um bei Bob anzufangen, so hatte sich dieser mit dem Abbé Simon angefreundet, niemand wußte warum, denn man hörte sie nie ein Wort wechseln. Der Abbé saß über Papieren und Büchern, und Bob, Whisky und Sodawasser vor sich, schaute ihm zu. Sie unternahmen, ebenso schweigsam, weite Spaziergänge und Fahrten in die kleinen elsässischen Städte, von denen sie tief befriedigt heimkehrten. »Ein gefallener Engel«, äußerte der Abbé gelegentlich über Bob, und Bob über den Abbé: »Ein geborener Kirchenfürst.« Die Marchesa und meine Mutter dagegen schwatzten sich innig aneinander, man traf die eine nicht mehr ohne die andere. Die Marchesa bevorzugte die Wagenfahrten im frischen Wald, und jedesmal, wenn sie an der Rottanne vorbeikamen, an deren Wipfel ich mit dem Madonnenbildchen des Monsignore in der Brusttasche geschaukelt hatte, kamen sie auf die Kinder zu sprechen. Bald nach meiner Rückkehr aus Venedig nämlich hatte ich es mit meiner aus den Dorfbuben gebildeten Räuberbande unternommen, ein angeblich auf dem Vorsprung eines mächtigen Felsgebildes verborgenes Falkennest auszuheben. Die Räuber hatten ihren Hauptmann an der Leine unseres Schäferhundes hinabgelassen. Die Leine war gerissen, der abstürzende Hauptmann zu seinem Glück mit dem Gesäß auf den Vorsprung zu sitzen gekommen. Während die Räuber noch oben beratschlagten, ob sie im entlegenen Dorf eine Leiter holen oder noch besser ein paar Stricke von einem Heuwagen, entschloß ich mich, aus Furcht vor einer Aufdeckung des aus vielen Gründen verwerflichen Unternehmens, eine zwei Meter entfernte Tanne unter mir anzuspringen und auf diese Weise den Boden zu erreichen. Ich sprang und griff mit ausgestreckten Händen in den Wipfel der Tanne. Der Wipfel krachte hellauf, bog sich mit mir hin und her, einmal, zweimal, der ganze alte Baum, so schien es, erbebte. Mit den Händen ziellos nach ungewissen Stützpunkten tastend, ließ ich mich am Stamm hinunter, rutschend, fallend, von Ästen aufgefangen, von denen ich mich wieder in die Nähe des allmählich dicker werdenden Stammes hinschwang. Mit blutendem Gesicht, zerrissenen Händen, in zerfetzten Kleidern, vom Tumult eines frommen Siegergefühls erfüllt, so langte ich auf dem Waldgrund an. Und da stand, zwei Schritte von mir entfernt, sehr bleich, der Abbé Simon. In der Hand hielt er ein zerknittertes Blatt, das mir voraus zu Boden geflattert war, und in dem ich, als er es mir wortlos vorwies, die Madonna in Papierspitzen wiedererkannte, die der fremde Monsignore mir im Schlafwagen als Andenken zurückgelassen hatte. Ich küßte die Madonna auf das zerknüllte Gesicht, der Abbé nahm mich an die Hand, führte mich zu einer nahen Quelle und begann, mir Gesicht und Hände zu waschen. Als die Räuber, die inzwischen auf einem Umweg herbeigeeilt waren, sich erstaunt und furchtsam näherten, vertrieb er sie mit drohend geschwungenem Stock. Das Madonnenbild aber, das mir das Leben gerettet hatte, kam in einen goldenen Rahmen. Es steht noch heute neben der Evangelientafel auf dem Altar unserer Kapelle. Dieses Bildchen war eine der ersten Sehenswürdigkeiten, die meine Mutter der Marchesa bei ihrem sommerlichen Besuch in Breuschheim zeigte. Maria und ich fanden uns oft vor dem Bildchen in der Kapelle ein, um dort, Seite an Seite, zu beten. So kam es, daß der Anblick der Rottanne die Damen bei ihren Spazierfahrten im Wald immer wieder auf die gleichen Gedanken brachte. »Der arme Junge!« seufzte die Marchesa, »der gute Monsignore«, meine Mutter. »Wenn ich nur seine Unterschrift unter der frommen Widmung lesen könnte! Ich ließ sie im ganzen Straßburger Domkapitel herumzeigen, alles umsonst. Unterschreiben die Italiener alle so unleserlich?« »Vielleicht«, meinte die Marchesa, »tat er es absichtlich, aus Diskretion.« Die Damen kannten das Vermögen unsrer beiden Familien, deren Geschichte und die Verhältnisse der Verwandten. Sie beichteten und kommunizierten gemeinsam ... Jetzt also hatte die Marchesa geschrieben und sich, nach den Worten meiner Mutter, als wahre Retterin in der Not erwiesen. »Madame! Claus! Ich bitte zu reisen!« drängte mein Vater, den die langen und wechselvollen Vorbereitungen beunruhigten. Alle Mädchen mußten helfen, und trotzdem dauerte es volle zwei Tage, bis die Mutter fertig war. »Ob du wohl auch Maria vorfindest?« äußerte sie, als sie schließlich auch noch das Packen meines Koffers überwachte. »Hoffentlich!« rief ich stolz, trotz aller Zweifel so stolz, daß ein sorgenvoller Ausdruck sich in Mutters Gesicht stahl. Ich umarmte sie, und auch hierbei übertrieb ich wohl, denn unwillkürlich hielt sie den Kopf ab. »Hast du Angst vor Maria?« neckte ich. »Nein«, sagte sie und ließ sich nun doch auf die Wange küssen. »Aber vielleicht tätet ihr gut, euch ein wenig voreinander zu fürchten.« Es sollte scherzhaft klingen, ich lachte, und sie war lieb und lachte, wenn auch ein wenig nachdenklich, mit mir. Ich konnte mich nicht entsinnen daß wir, wenn wir beisammen waren, je einer ohne den andern gelacht hätten. So flohen wir, Mutter mit Zofe Annele, der Abbé und ich. Mein Vater selbst kutschierte uns im Jagdwagen nach Straßburg. Ernst erwartete uns. Die weiße Primanermütze ein ganz klein wenig schief auf dem rechten Ohr, so, wie die Studenten der guten Korps sie trugen, die Handschuhe in der linken Hand, kam er mit eiligen Schritten auf uns zu, führte, nachdem unser Vater sich verabschiedet hatte, die Mutter an eine Stelle des Bahnsteigs, wo es nach seiner Behauptung nicht zog, und unterhielt uns mit erleuchtetem Wohlwollen, bis der Zug einlief. Seiner ganz klein wenig hochmütigen Freundlichkeit sollten wir absehn, er wisse es zu schätzen, daß niemand auch nur den Versuch gemacht hatte, den pflichteifrigen Oberprimaner zu einer derart frivolen Unternehmung zu überreden, wie eine »Lustreise« nach Venedig in voller Studierzeit sie darstellte. Er war noch immer der Junge, der sich, von der Schule heimkehrend, geweigert hatte, an einem Kinderfest teilzunehmen, und auf Mutters Frage, warum er nicht mit den andern spielen wolle, geantwortet hatte: »Null Fehler. Recht gut. Erster Platz.« Auch unterließ er es jetzt nicht, den Abbé scherzhaft zu ermahnen, mich in der »Ansichtskartenbude da unten« im Auge zubehalten, damit ich nicht »total verbummle«, wozu der Abbé, der diese Art Landsknechtsprache nicht schätzte, mit einem zerstreuten Kopfnicken hoch über die weiße Primanermütze hinweg lächelte. Auch meine drei Freunde waren zum Abschied erschienen, zu meiner großen Verwunderung aber, wie sich herausstellte, mit gutem Grund. Von den dreien beachtete Ernst nur Arno von Steinberg, dessen Vater, der stiernackige Zeus, als Staatssekretär unter einem alten, liebenswürdigen Fürst-Statthalter, das Reichsland Elsaß-Lothringen zu regieren unternommen hatte. Der andre, François Kern, war eines namenlosen Bürgers Kind, Hubert Adam gar der Sohn eines Weinbauern. Ihn liebte ich am meisten, zeichnete er sich doch sowohl in der Philosophie als auch in der Dichtkunst aus, woraus er uns mit verschwenderischen Händen zu spenden wußte. Auch kannte er jedes Dorf im Land und die hintersten Wälder der Vogesen. Und schlau war er wie keiner, das zeigte sich auch jetzt. »Du,« sagte Hubert Adam, »wir sind gekommen, weil wir im Streit liegen, wegen deiner Idee, weißt du. Ich meine, das Elsaß, natürlich mit dem unentbehrlichen Anhängsel Lothringen, müßte offen und ehrlich internationalisiert werden. Der Kern aber will davon nichts wissen, weil das, wie er behauptet, auf die Wiederherstellung des Kirchenstaates hinausliefe, weißt du, wegen unserer felderbeherrschenden Pfarrer –.« Francois Kern unterbrach ihn, indem er an die schöne, schwarze Halsschleife griff, die im Luftzug um sein gebräuntes Mädchengesicht flatterte, und mit weicher Stimme ausrief: »Natürlich, natürlich, freies Elsaßland, freies Pfaffenland, ich verlange mindestens das französische Protektorat. Und paar Regimenter Zuaven als Garnison.« Bei dem Wort Zuaven verabschiedete sich Arno Steinberg, der mit einem Ohr zugehört hatte, eilig von Ernst, um, auf den Absätzen herumschießend, »mit Verlaub dazwischen zu fahren«. Halblaut und eindringlich sprach er von der Schärfe des deutschen Schwertes, das jeder zu spüren bekäme, der an das deutsche Reichsland Hand anlegte, und drohte uns dreien, ganz einfach, mit Krieg. Dies für den Fall, daß wir es mit unsrer staatsfeindlichen Verschwörung weitertrieben, statt auf seinen eigenen Vorschlag von Elsaß-Lothringens Erhebung zur »Kaiserpfalz«, einem wunderbaren Luxusgebilde und persönlichem Besitz des jeweiligen deutschen Kaisers, einzugehn. Protest, heftigster Protest. » Darum, erklärte Adam Hubert listig, » darum sind wir hergekommen. Claus soll dir in aller Form bekanntgeben, daß deine Kaiserpfalz ein für allemal abgelehnt ist.« »Genug Kaiserpfalz, mehr als genug, was sind wir denn viel andres, als das, jetzt schon!« ereiferte sich François Kern und dabei drückte er mit schmeichelnder Hand die Lavallière an die Brust. »Allez, messieurs,« sagte ich – Arno belegte mich mit einem Lächeln wie mit einer Absolution die aber, auch das stand in seiner Miene, nur mir, mir allein galt – »so zwischen Tür und Angel Italiens läßt sich, das nicht recht bereden.« »Nein,« fiel Kern wieder ins Wort, »wir wollen auch nur die Kaiserpfalz endlich vom Programm absetzen.« Hubert Adam sagte nichts, er sah mich nur mit lustigem Augenzwinkern an. »Ach,« warf ich hin, »das ist ja gar nicht Arnos Ernst. Er will uns ja nur aufziehn.« Da meldete sich Adam: »Gut. So ist von der Kaiserpfalz keine Rede mehr. Ehrenwort?« »Ehrenwort«, sagten Kern und ich gleichzeitig. »Los Arno!« Ich nahm seine Hand, »schnell dein Ehrenwort, ich muß einsteigen. Kaiserpfalz und französisches Protektorat fallen gemeinsam – einverstanden?« »Ehrenwort«, murrte Arno. Sodann grüßten sie gemeinsam zu meiner Mutter hinüber und machten kehrt. Als Ernst die Mutter im Abteil eingerichtet hatte, schob er mich auf den Gang hinaus und drückte mir ein kleines Paket in die Hand: »Steck das zu dir, Claus«, sagte er. »Ich denke, du bist alt genug, eine ernste Sache mit Ernst zu behandeln. Du wirst da unten Frau Hartmann kennen lernen und dich ihr von deiner scharmantesten Seite zeigen und ebenso ihrer Tochter, die du ebenfalls antreffen wirst da unten. Dieser übergibst du unter vier Augen das kleine Paket.« Er räusperte sich. »Übrigens kannst du deinem Freund, dem jungen Steinberg, nach deiner Rückkehr mitteilen, er habe zu warten, bis ich ihn verabschiede, wenn ich mit ihm spreche. Ich bitte dich darum. Danke.« Darauf zog er, was ich seine Grimasse nannte, nämlich er griff hastig zur Mütze und riß sie seitlich bis zur Schulterhöhe herunter, was mich bei einem so anmutigen Menschen als ein erstaunlich stilwidriges Kunststück jedesmal wieder aus der Fassung brachte. Unwillkürlich, ebenso automatisch kehrte ich ein Grinsen heraus, das wohl ein Reflex seiner krampfhaften Bewegung war, und das ihn veranlaßte, sich mit zusammengezogenen Brauen und unwilligen Mundwinkeln abzuwenden. Der Zug fuhr ab, ohne daß er mich eines weiteren Blickes gewürdigt hätte. Aber er grüßte auch nicht mehr mit der Mütze, sondern hob nur die Handschuhe, unter leisem Neigen des Oberkörpers bewegte er sie ein ganz klein wenig in der Luft, was recht hübsch war. In Rheinweiler, das wir in sausendem Schwunge streiften, stand Donja, sie war von der Mutter benachrichtigt worden, hinter einem offenen Fenster des Schlößchens und winkte. Man sah nichts von ihr, als das weiße Tuch. Wir aber, wir eilten zu den Sommerkleidern auf den Markusplatz, das weiße Tuch im finstern Fenster verwandelte sich in sie. Zu den brütenden Tauben ... Ich hörte Donjas schwirrendes Lachen, dann lag sie wie eine glückselig Sterbende im Hochzeitsboot ... In den Sommer. Da flog ich in Gedanken bereits durch die blau und grün strahlende Poebene. In mein Schlafabteil mußte ich mich indes wiederum mit jemand teilen, und zwar mit dem Abbé. Dafür durfte ich mich diesmal entkleiden, und von möglichen Entgleisungen, gegen die es gegolten hätte anzubeten, war nicht die Rede. Liebe und Weltgeschichte Bei unsrer Ankunft lag Venedig in dickem Nebel – das ganze große, hellblaugoldene Spielzeug eingewickelt in Wasserdampf. Und auch uns befiel eine Schläfrigkeit als wären wir als zum Spiel gehörig mit eingepackt und beiseite gestellt. So blieb es bis zum Tag unsrer Abreise. Die Wahrheit zu sagen, löste sich der Nebel manchmal in Regen auf, oder er sog, kaum, daß er überwältigt schien, frische Trauerkräfte an der Sonne, die er denn auch bald wieder gepackt und eingesponnen hatte, bis Gottes Herz, wie meine Mutter das Gestirn nannte, nur mehr als ein Marienkäferchen im grauen Flor hing. Mich selbst kleidete er nicht übel, hatte doch Maria ihre schwierigen Studien am römischen Konservatorium nicht unterbrechen dürfen! Mit dieser Mitteilung empfing mich die Marchesa Capponi in der Halle des Hotels, wobei sie mit forscher Hand unter mein Kinn griff, um sich teilnahmsvoll an meiner Enttäuschung zu laben. »Sehr schade«, murmelte ich, und indem ich mich ermannend den Blick mit ihr kreuzte fügte ich laut und bestimmt hinzu: »Ich bedauere unendlich, es liegt gewiß nicht an ihr.« »Bravo«, sagte die Marenesa und hob sich auf die Fußspitzen, um mir bequem in die Augen zu spähen. »Bravo, mein Junge. Sie gefallen mir immens. Aber Sie hätten nicht intrigieren oder, wenn doch, es geschickter anfangen sollen. Versiegelte Briefe an meine Tochter passieren nicht, verstehn Sie, die lese ich allein.« Und sie entließ mich mit einem Klaps auf die Wange und einem eindrucksvollen Zähneknirschen, das den Mund der nicht mehr jungen Dame zu einem spitzen, braun verwitterten Rüssel formte. Und da war Frau Hartmann, klein und allseits gerundet, mit schönen weißen Haaren um das rosige Gesicht, worin kleine, spitze Zähne über junge Lippen sprangen, bei Gott, Frau Hartmann gefiel mir – wer hätte es gedacht! Sie nahm meine Begrüßung nur entgegen, um sie unverzüglich an ihre herbeihüpfende Tochter Anne-Marie weiterzuleiten. Anne-Maria schüttelte lachend den Kopf, was völlig sinnlos oder doch zum mindesten unverständlich gewesen wäre, wenn wir einander nicht insgeheim bereits recht gut gekannt hätten. Bei solchen Begegnungen war sie an der Seite Ernstens geschritten, während ich, nicht ganz so aufrecht wie mein großer Bruder, Viviane von Bock vor den Gefahren der Straßburger Orangerie behütet hatte. Allerdings waltete eine stille Übereinkunft, auf Grund deren die beiden Parteien als von einer Nebelkappe unkenntlich gemacht, laut- und blicklos aneinander vorbeiglitten. Nun sah ich die braunen, lockeren Haare, von denen immer eine Strähne herabhing, die braunen, in einem brennenden Punkt gesammelten Augen zum erstenmal aus der Nähe. Was ihr Blick unbekümmert aussprach, verriet, wenn man ihn aufmerksam betrachtete, auch schon ihr Körper, der klein, straft und eigensinnig war. Sie hielt einen Malkasten in der einen, ein Klappstühlchen in der andern Hand und war im Begriff auszugehn. Ich hob die Hand, die den Griff des Malkastens umklammerte, unter tiefer Verbeugung an die Lippen und küßte sie auf das Handgelenk. Es war, als berührte ich mit den Lippen eine Billardkugel, so rund, glatt und kühl gab sich das Ding. Da erstand aus einem Klubsessel ein Herr, trat mit den leise gesprochenen Worten: »Ob Sie sich meiner wohl entsinnen« auf mich zu und schüttelte mir die Hand: Lord Berrick. Wie hätte ich ihn vergessen haben können, wußte er doch Bescheid in der Mythologie und hatte Maria und mich gegen die Barbaren beschützt, vor allem war mir sein warmes, etwas trauriges Lächeln gegenwärtig geblieben, ja, ich hatte es selbst hin und wieder bei großen Gelegenheiten nachzuahmen versucht! Inzwischen hatte er sich, so erfuhr ich am Abend im Salon, mit einer Dame aus einer allerersten Familie Schottlands verheiratet, deren Mann bei einer Nilpferdjagd am Kongo ums Leben gekommen war, einer »Führerin«, wie die Marchesa Capponi gewichtig mitteilte, einer »society leader neuesten Stils«, die für die Befreiung der Frauen kämpfte, und »durch deren Salon der Weg zum Kapitol ging.« Ingels (sprich: Ingols), der schottische Chauffeur, den Lady Isabel nebst zwei Töchtern in ihre zweite Ehe eingebracht, hatte das gefährliche Tier in der nächsten Minute erlegt – sollte man, so fragte die Marchesa in einem ihrer Anfälle von brutaler Koketterie, die ich bald als Würze ihres Gesprächs würdigte, sollte man sagen: leider zu spät? Die zweite Ehe galt für glücklicher, als die erste, so überraschend geschiedene nach allgemeiner Meinung gewesen war. Nein, die Marchesa, die Lady Isabel liebte und den Lord hochschätzte, erklärte keinen immensen Zorn gegen das schuldige Nilpferd aufbringen zu können, um so mehr, als dieses seine Intervention mit dem Leben gebüßt. Lady Isabels erster Mann war eine Null, eine Jugendliebe ohne Titel und Vermögen, ein gipserner Apollo von Belvedere mit Jagdflinte gewesen ... Während dieses Gespräches hörte ich auch zum erstenmal den Namen der deutschen Dichterin Aggie Ruf. Es hieß, das sei die einzige lebende Frau, der die Führerin den Vortritt lasse. So etwa verhielt es sich mit den beiden: Kleopatra stellte Sappho über sich, und dies kennzeichnete sie beide. Leider – hier mußte man allerdings leider sagen – mied die Führerin das taubenbewohnte Venedig, das sie ein altes Gerümpel und schlimmeres schalt, eigentlich nur der Tauben wegen, welche Vögel sie unbegreiflicherweise mit Haß und Verachtung verfolgte. Als ob die Tauben tatsächlich in weibischer Weise sanft und fromm gewesen wären, wie der Volksmund töricht nachplapperte! Statt ihrer hatte die Führerin zur Betreuung des Lords den schottischen Chauffeur Ingels (sprich: Ingols) nach Venedig delegiert, der sich aber hier, wie man denken konnte, als Chauffeur in einer wagenlosen Stadt ganz entsetzlich langweilte. Auch ergab er sich offenbar dem Trunk. Er lief mit blaurotem Kopf und hervorquellenden Augen herum und grinste, statt zu grüßen. Der Lord schien es nicht einmal zu bemerken. Er bemerkte es wohl, wie ich bald feststellen konnte, als wir eines Nachmittags auf unserm gewohnten Nebelgang in einer engen Gasse auf einen Mann stießen, der beim Anblick des Lords verlegen nach rechts und links rückte und, in der Unmöglichkeit auszuweichen, hilfesuchend an der Häuserwand hinaufstierte, um schließlich kehrtzumachen und mühevoll davon zu torkeln. »Das war Ingels, Lady Berricks Chauffeur«, sagte der Lord und, als Antwort auf meinen erstaunt fragenden Blick: »O nein, ich mische mich nicht in die Angelegenheiten Lady Berricks, das wäre unhöflich. Übrigens bekomme ich ihn selten zu Gesicht. Zu Giacomuzzi geht er nicht.« Wir waren vor dem Café Giacomuzzi, dem Endpunkt unsres Spaziergangs, angelangt, wo wir diesen einzigen schönen Teil des Tages zu beschließen pflegten, seitdem der Lord mich, mit der Erlaubnis meiner Mutter, zu seinem Weggenossen erwählt hatte. »Lieber junger Freund«, hatte er damals gesagt, »obwohl wir im leeren »Globe« wie eine Familie in einem etwas primitiven Wasserschlosse hausen, langweilen Sie sich dennoch nicht weniger als ich. Das kommt, weil unsre sonst scharmanten Damen nach besten Kräften zu dem Nebel beisteuern, indem sie ausschließlich sein Verschwinden erwarten, besprechen, beschwören. Ich finde Venedig sehr angenehm im Nebel. Sie nicht?« Ich war viel zu erstaunt gewesen, um gleich zu antworten, und der Lord hatte fortgefahren: »Es ist so leer! Kommen Sie mit mir. Sie sollen sehn. Der Nebel saugt die Fremden auf, Cook selbst scheint für ihn zu arbeiten. Rudelweise verschwinden sie. Und mit ihnen die fliegenden Händler, die Zutreiber der Glasfabriken, die geschnürten Capitani, die Bettler, und in den Cafés wird keine Musik mehr gemacht. Endlich bietet sich die Möglichkeit, die Reststücke des einst so stolzen venezianischen Theaters in Muße zu betrachten.« Seitdem zogen wir täglich nach Tisch in den Nebel hinaus und kehrten erst gegen Abend zurück. Da saßen wir also wieder an unserm Ecktisch im Café Giacomuzzi, und der Lord lächelte, wehmütig den Kopf zur Seite geneigt, vor sich hin. »Ich liebe diese Stadt sehr«, sagte er. »Seit dem Frühling, seit damals... Sein krankes Auge sah mich an, und mir kam es vor, als wäre der Fremdkörper in der Iris eine verhörnte Träne. »Seit den herrlichen Tagen, die so traurig endeten, habe ich Venedig oft besucht. Nun, zum erstenmal seit damals finde ich es wieder... vielsagend, farbig, tief, lebendig. Seitdem der Nebel wie eine Wolke Gottes hereinhängt. Endlich habe ich auch ein Modell gefunden ... Sie müssen nämlich wissen, mein Freund, ich vertreibe mir die Zeit mit kleinen Malereien, Skizzen von Frauen, die, zur Liebe geschaffen, es auch nicht verhehlen – sie brauchen nicht gar so jung zu sein ... Ich entstamme nämlich der puritanischsten Familie Schottlands, ich weiß nicht, Claus, ob Sie ermessen, was das heißt. Einer stolzen Familie. Einer blutigen Familie. Ich versichere Ihnen, meine frommen Vorfahren marschierten nur so durch Blut. Als es in England spärlicher zu fließen begann, machten sie sich in die Kolonien auf, die frommen Berrick ... Und denken Sie nur: ihr Vermögen nahm nicht ab, obwohl dies doch sonst die Regel ist, wenn jemand verschwenderisch reist, großen Aufwand treibt, außerdem noch die Tugend belohnt, wie schwachsinnige Greise das Laster, und das alles, ohne viel zu arbeiten – im Gegenteil! Woran Sie ohne weiteres erkennen, daß der liebe Gott ein Auge auf den Berrick hatte, das Auge eines alten Vaters auf dem Erben seines Namens. Sie verstehn, Claus: so bin ich dahin geführt worden, mich neben meiner Malerei mit der Weltgeschichte zu befassen. Und ich kann Ihnen versichern, die Malerei gewinnt durch die Beschäftigung ...« Ich war nicht wenig überrascht, den Lord so kühn daherreden zu hören, am allerwenigsten hätte ich erwartet, er werde gerade mich zum Vertrauten seiner empörerischen Gedanken machen. Zwar war es mir schon immer vorgekommen, zumal bei den Wortgefechten mit Donjas »kleinem Kreis«, als ob er etwas hinter der Rede halte, und Maria und ich hatten es ihm gelegentlich mit der Überreichung einer Blume oder einer in einer entlegenen Butike billig erworbenen Antiquität gelohnt. Kinder sind empfänglich für Ermutigungen, Heimlichkeiten bilden ihre Wonne, indes, welcher Erwachsene erzählte ihnen je ernste Geheimnisse? Nun war ich ja kein Kind mehr, sondern Obersekundaner und der Welt erschlossen, und hätte statt des Lords etwa Sidonia oder Bob Capponi an meiner Seite gesessen, ich hätte ihnen mit ungemischter Befriedigung gelauscht. Der fremde Lord aber flößte mir zuviel Lust ein, und er machte mich schaudern. »Wie gesagt« wiederholte er in seiner gemächlich dahingleitenden Redeweise, »wie gesagt, lieber Freund, ich gehöre nicht zu den Menschen, denen der Nebel für gewöhnlich das Gemüt bedrückt, vielmehr lenkt er meinen Geist auf die großen Gegenstände der Menschengeschichte. Die großen Gegenstände der Weltgeschichte aber sind es, die mich unweigerlich heiter stimmen. Wenn Sie erlauben, erzähle ich Ihnen etwas von Venedig. Um es gleich zu sagen: Dieses Venedig war eine der komfortabelsten Räuberhöhlen der Welt, und das Gesindel, das hier herrschte, von ebenso guten Eltern wie ich selbst. Nur noch klüger, glaube ich, ja zweifellos klüger. Es war atemstickend. Ich mußte vom Plüschsofa aufstehn und mich dem Lord gegenüber auf einen Stuhl setzen. Einen Mokka bestellte ich und Zigaretten. Aber da ich noch nie Zigaretten geraucht hatte, versuchte ich es auch gar nicht erst mit ihnen und blickte sie nur mutig an. Welch ein Mann – vom blinden Himmel gefallen! Während er nach seiner Aussage in Witzblättern, die sich ausdrücklich so nannten, lange blättern konnte, ohne auf den geringsten Anlaß zur Heiterkeit zu stoßen, brauchte er nur die Rede eines Volksführers, dieses Sozialisten Strata zum Beispiel zu lesen, und gleich war er alle Sorge los und schwelgte, wie im deutschen Volkslied, in den Rosen. Redete dieser Strata nicht, schrieb nicht seine Zeitung, der venezianische »Popolo« auf ihre Art ebenso Weltgeschichte wie die Professoren in Oxford, die auf historischem Abstand dichteten? Also daß der Lord wohl sagen durfte, der Nebel stimmte ihn vergnügt, indem er ihn von den leichtsinnigen Eindrücken, wie sie einem an der Sonne und unter dem Sternenhimmel zuflogen, auf den ehernen Gang des kalten Ritters lenkte, den wir, die einen aus schlotternder Ehrfurcht, die andern aus Höflichkeit, Völkerschicksal nannten. Im Grund, nebenbei, war diese Bezeichnung Schicksal ein Selbstlob, Überheblichkeit, ja grausame Frechheit der Sieger, aber davon wollte er nicht sprechen, es hätte zuweit geführt, da doch die ganze »Weltgeschichte«, wie wir armen Luder sie in unsern nationalen Schulen lernen mußten, aus nichts als dem Triumphgeheul von Siegern und dem nicht minder musikalischen Zähneknirschen der Besiegten bestand. Ich nickte, das war wahr! Niemand konnte es besser wissen, als ein Elsässer! Einige Tage sah ich dann den Lord nur im Hotel, wo er eine venezianische Gräfin malte, die er mit Hilfe der Marquise Capponi überredet hatte, ihm unter Aufsicht der Damen zu sitzen, und zwar, wie ich gelegentlich zu hören bekam, in einem äußerst leichten, »immens duftigen« Kostüm. Er war sehr aufgeräumt und hielt den Damen bei Tisch kleine, schwärmerische Vorträge über die venezianische Malerei, die den Vorzug besaßen, stark nachgedunkelte Schönheiten aufzulichten und alte Stoffe zu bewegen, als wären es die Kleider der ihm zuhörenden Damen. Meine Mutter nannte ihn »gescheit wie einen Teufel«, wogegen die Marquise bei den Heiligen schwor, er scherze nicht, und Madame Hartmann, die Frau des reichen elsässischen Knopffabrikanten, die ihn drei Monate im gleichen Hotel beobachtet hatte, nahm es ebenfalls auf ihren Eid, er sei der feinfühligste, gebildetste, wohlanständigste aller Lords, die ihr je begegnet. »II vous repose de cette espèce de débraillé, le lord Byron«, rief sie aus. Ein andermal brandmarkte sie den Dichter des »Child Harold« als die »coqueluche vénitienne des nouveaux mariés« und lobte den Lord Berrick als einen »Gentilhomme, qui cache un artiste«. Ihre Tochter Anne-Marie erwies sich als die einzige, die, von der Mutter zu einem Bekenntnis gedrängt, am Lord auszusetzen fand, er betrachte die himmlische Liebe, als wäre sie auch nur eine irdische Erscheinung, womit sie den Nagel auf den Kopf traf. Außerdem, behauptete sie, sei er ein Schmeichler, ein Damenschmeichler, man brauche allerdings einige Zeit, bis man es merke, aber dann fühle man sich geradezu überwältigt. Kurz, ihr sei der Lord unheimlich, um nicht zu sagen verdächtig ... »Aber Kind!« rief Frau Hartmann errötend, während die Marchesa den Vorwurf der Schmeichelei mit den Worten zurückwies: »Gar nicht. Er ist nur etwas keck in der Art, die Wahrheit zu sagen.« Anne-Marie ging in den Nebel hinaus, um weiterhin den Dogenpalast zu aquarellieren, wie er in der Sonne erstrahlte. An diesen Tagen saß ich allein bei Giacomuzzi und las die Reden des jungen Volksführers Strata, der in Turin einen Streik anführte, sowie deren Kommentare in den Zeitungen, unter andern eine erstaunliche Nutzanwendung auf lokale Unglücksfälle, wie die Ermordung eines stratistischen Steuereinnehmers durch einen Matrosen in einem Hause der Calle della Mandolina, für die niemand anders als der König selbst verantwortlich gemacht wurde. Gleichzeitig vertiefte ich mich in den Cäsarenkopf des Tribuns, aus dessen Zügen der »Popolo« die Lebenslinie der italienischen Nation, die »Gazetta« deren Todeslinie herauslas, beide mit einer Aufdringlichkeit, als kratzten sie nach Trinkgeld. Als das Bildnis der venezianischen Gräfin beendet war – es hieß nur allgemein »das lebende Stilleben«, und französisch klang es noch komischer: »une nature morte vivante« –, nahmen der Lord und ich die unterbrochene Wanderung durch die verschwiegene Stadt von neuem auf. Diesmal führte er mich in die Vorhalle von San Marco und zeigte mir drei rote Steinplatten. Hier sollte Kaiser Barbarossa vor dem Papst Alexander III. gekniet und der Papst dem Kaiser dabei den Fuß auf die Schulter gesetzt haben. »Non tibi, sed Petro«, war der einzige Protest, den der Kaiser einzulegen wagte, worauf der Papst unter verstärktem Druck des Fußes ihn zurechtwies: »Et mihi, et Petro.« Venedig, die Verbündete des Papstes, hatte ihn hierher gelockt, als »ehrlicher Makler«, ganz wie Bismarck das Wort gemeint, bemerkte der Lord, und es half auch zum Frieden. Der Gewinn Venedigs bei dem Handel bestand keineswegs nur in dem Ring, den der Papst dem Dogen verehrte, und kraft dessen die Dogen von Venedig sich fortan mit dem Meere vermählten im berühmtesten aller venetianischen Prunkfeste, weit gefehlt, auch die Vermählung mit dem Meer war nur ein gemaltes Bild auf dem Geschäftsschild einer kriegsgewaltigen Kolonialwarenhandlung ... Zu meiner nicht geringen Verwunderung erregten die also erworbenen Einblicke in die Weltgeschichte, wie ich sie bei dem Abbé Simon probeweise zum besten gab, allem Anschein nach dessen Beifall, was ich an dem launigen Schmunzeln erkannte, womit er sie, übrigens wortlos, entgegennahm. Dies bestärkte mich noch in meinem wachsenden Vertrauen zum Lord und der eigenen Kühnheit. Ich traf den Lord gewöhnlich schon morgens bei der Schiffslände des Rialto, wo er in einem kleinen Café sein Glas Frühstückswein trank. In der Nähe, in S. Bartolomeo, las der Abbé die Messe, bei der ich nicht fehlen durfte, daher es kommt, daß mir die Heiligen Sebastian und Bartolomeus Seb. del Piombos, die das Seitenschiff der Kirche in der Nähe des Chors schmücken, heute noch leibhaftig vorstehen. Dagegen sind mir die beiden andern Heiligen von des Meisters Hand aus dem Gedächtnis entschwunden, denn diese hingen neben der Orgel, und ich eilte, ohne einen Blick für sie, kaum daß der Segen gesprochen, aus den Augen der Damen, aus den Augen der Heiligen Sebastian und Bartolomeus, zu meinem Lord. Manchmal, wenn es auf der Piazetta stark zog, saß auch Anne-Marie Hartmann dort und malte zur Abwechslung den Rialto in der Sonne:, sie hatte die Frühmesse in San Marco gehört, um bei der »guten Beleuchtung« ihrer Motive nicht zu spät zu kommen. Wenn wir sie wegen der »Hartmannschen Sonne« neckten die sie aus eigner Kraft erschuf, lachte sie so reizend, daß die umherstehenden Tagediebe die Gelegenheit wahrnahmen, zu applaudieren und nach dieser Arbeit die Hände herzuzeigen, um ein Trinkgeld entgegenzunehmen. Dann strich sich Anne-Marie mit dem langen, dünnen Pinsel eine Strähne des Haares aus dem Gesicht und sagte, sie könne eben ohne Sonne nicht leben, und überhaupt sei das Ideal nichts andres als ewige Sonne. Hier, am Rialto, steckte ich ihr endlich das Paketchen meines Bruders Ernst zu. »Ich hatte leider noch nicht die Gelegenheit, murmelte ich. Sie legte es auf die Staffelei und sagte laut: »Das ist stark! Nach vierzehn Tagen! Eigentlich sollte ich es Ihnen zurückgeben, um Sie zu bestrafen.« Ich wollte mich entschuldigen, ich sei bisher niemals mit ihr allein gewesen. »Wieso allein?« sprach sie gedehnt und weitete angestrengt die Augen. »Das hätten Sie mir auch vor Mama übergeben können.« Lord Berrick stand wartend auf der Brücke. »Vielleicht vor Ihrer Mama,« sagte ich kurz, »aber nicht vor der meinen«, und eilte zum Lord. »Womit haben Sie die Kleine erzürnt?« fragte der Lord. »Sie blickte ja geradezu wütend hinter Ihnen her. »Habe ich sie erzürnt?« sagte ich gleichgültig, und wir traten unsern Rundgang an.   Eines Nachts vernahm ich zwei starke Schläge im Weltraum, gleich darauf beugte sich eine Gestalt über mein Bett, die eine Mittagssonne in beschwörend erhobener Hand hielt. Während ich mich noch bemühte, in dies tolle Licht zu schauen, erstand mit eins der Name Maria in mir, gewaltig wie der Schatten, der in Schleppen von dem Licht herabhing und mit seinem Schwanken das Zimmer füllte. Ich sprang aus dem Bett und faßte die Hand, die das Licht hielt. »Ja, ja, Herr Baron«, stammelte die Gestalt, »es ist wahr und wahrhaftig die kleine Marquise. Sie steht unten und wartet.« Unser Annele! Ganz blaß war sie vor Aufregung, ihre Schultern bebten in kleinen Stößen. »Es scheint, sie muß gleich wieder mit dem Zug fort«, fügte sie hastig hinzu. Nun hatte sie die Kerze auf dem Nachttisch an der ihren entzündet, und sie eilte auf den Fußspitzen hinaus. Zu einer innern Sturmmusik flog ich in die Kleider, stürzte davon, den Flur entlang, Treppen hinunter, ich hielt mich nicht einmal am Geländer fest? ich mußte mit der Hand die Flamme schützen, es war ein halsbrecherischer Tanz, so kam ich in die Halle und bis zur Hoteltür. Sie war verschlossen. Ich kehrte in die Halle zurück. Die Kerze in der gereckten Faust stand ich mitten im finstern Raum. Nichts. Kein Laut. Da stampfte ich mit dem Fuße auf und schrie aus Leibeskräften: »Maria!« »Mio dio!« tönte es aus dem Dunkel zurück, es klang wie ein Angstruf. »Maria!« flüsterte ich flehentlich. »Stelle das Licht auf das Rauchtischchen neben dir!«, befahl sie mit durchdringend leiser Stimme ... »Und jetzt komm!« Ich folgte der Stimme, ohne eine Spur von Maria zu sehn. »Halt! Setze dich da in den Sessel«, flüsterte es. Tastend ließ ich mich in einem geräumigen Fauteuil nieder, an dem ich mich gerade gestoßen hatte. Im nächsten Augenblick brach die Nacht um uns auf, und sie war da. Erst hing sie schwer an meinem Hals und küßte mich, und mir war, als würde ich von den Füßen bis zum Scheitel in die Glut getaucht, die das Herz der Ewigen erwärmt. Dann kauerte sie auf meinen Knien. Mit der einen Hand drückte sie meinen Kopf an ihre Brust, die andre Hand wühlte in meinen Haaren, es verschlug mir die Luft. Ich zwang sie neben mich nieder, und nun lagen wir nebeneinander im Klubsessel und liebkosten uns ruhig. Auf sicherer Wanderung gingen ihre Hände streichelnd über meine Wangen, Kinn, Schläfen, Hals und Nacken .. Ich bat: »Jetzt ich!«, und sie hielt still, damit ich sie mit dienenden Händen erkenne, und deutlicher als je im Licht sah ich sie vor mir: den reichen Mund, der mürrisch war vor lauter Ernst, und in den alles Blut aus dem Gesicht geströmt zu sein schien, die sich kühn in die Stirn emporschwingenden Brauen, das von Schläfe zu Schläfe gespannte Licht unter den unruhigen, schwarzen Haaren, alles das, was mehr war, als nur Mund, Augenbrauen, Stirn – ein gewitteriges, aus gelb beleuchtetem Laub mit zahllosen Früchten herzbebendes Land, in dessen brauendem Himmel große, dunkle Vögel auf ihren Flügeln ruhten ... »Du bist's,« flüsterte ich, »o, du bist's!« Und ich lauschte dem ein wenig rauhen Wohlklang ihrer Stimme, die, wie in verhaltenem Lachen, antwortete ... »Was ist euer Annele für ein gescheites Ding!« begann sie plötzlich zu erzählen. »So eine Zofe möchte ich auch einmal haben. Kaum hatte sie mich gesehn, da lief sie davon, um dich zu holen. Ich konnte ihr gerade noch nachrufen, ich müßte gleich wieder abreisen, und du solltest Mantel und Schirm mitnehmen.« »Mantel und Schirm?« »Spürst du nicht, wie ich klatschnaß bin?« Richtig, sie war klatschnaß, – welch ein Jammer! »Claus, in Mailand war schönstes Wetter, und hier regnet es in Strömen, und um 1 Uhr 47 geht mein Zug. Keine Gondel zu haben! Um Gottes willen, wir müssen fort!« Mit einem Ruck fuhr sie aus dem Sessel, aber vorher hatte sie noch rasch meine Hand ergriffen, daran zog sie. »Hol die Kerze! Wir müssen durch die Hintertür. Gut, daß der Portier noch nicht in seiner Kabuse schläft, er hätte dich bestimmt gehört, vorhin, als du Maria schriest. Er sitzt in der Kneipe gegenüber – ein Fürst unter Packträgern. Wir wären verratzt gewesen, du Schlaumeier!« Sie hob ihren Hut vom Boden auf und stülpte ihn über. »Klatsch«, sagte sie. Als ich mit der Kerze zurückkam, sah sie auf die Uhr. »Wir haben noch 45 Minuten«, stellte sie fest. »Wo ist dein Schirm?« Von Schirm und Mantel hatte Annele nichts gesagt. Wir standen und hörten den Regen brausen. Ihre Kleider dunsteten in der warmen Luft der Halle. Der breite Samthut bog sich vor Nässe bis zu den Schultern. »Fahre ich mit dir?«, fragte ich. Sie lachte einen kurzen, gurrenden Schlag. »Du wärst es imstand! Nein, nein, um 2 Uhr 15 liegst du wieder in deinem Bett.« »In diesem Fall, erklärte ich, »haben wir keine Zeit zu verlieren«, und ich eilte mit der Kerze voran durch den Gang, der, wie ich wußte, zur Hintertür führte, einer schmalen, unsauberen Pforte für die Lieferanten und das Gesinde. »Hier irgendwo steckt euer Annele mit einem Kavalier«, flüsterte sie. »Als ich kam, standen die beiden verschlungen unter der Tür und sahen zu, wie es um die Laterne herabregnet. Schöne Aussicht! Lösch' die Kerze und stell' sie dort in die Ecke. Gut, daß Streichhölzer darauf liegen. Und nun: Mut, wenn du mich liebst!« Damit warf sie sich in den Regen. Ich schlang meinen Arm um sie, und wir liefen, nein, wir torkelten durch verzwickte, verwinkelte Gassen, in denen der Regen mit haushohem Besen kehrte, durch Wasserhosen von Plätzen, treppauf, treppab über die Kanäle, Fensterläden rasselten, die Wellen klatschten gegen die Häuser, knirschend rieben sich die Gondeln an den Pflöcken, kämpften uns von einer spärlich leuchtenden Laterne zur andern durch, und um ja nicht in die Irre zu gehn, riefen wir einander zu: »Calle Goldoni – da ist sie, gut! ... San Lucca, famos! ... Links geht's zum Rialto, also rechts, es ist ein kleiner Umweg, aber sicher ... S. Giovanni Crisostomo, gut! ... Ha! die Vittore Emanuele, die Champs Elysées von Venedig, wir können uns nicht mehr verlaufen.« Wir verliefen uns dennoch, auf einmal standen wir am großen Kanal. Die Gasse mündete stracks in das Wasser, das dicht unter unsern vom Schreck gelähmten Füßen lag gleich einer großen, schlafenden Schlange, auf die wir unversehens gestoßen. Das kam daher, daß wir in Streit geraten waren. Nachdem Maria mir, so deutlich, wie Sturm und Regen es zuließen, mitgeteilt hatte, wie alles gekommen: daß sie mit ihrem Vater nach Mailand gefahren und, als er sich um 1/2 7 zum Essen beim Präfekten begeben, im Wagen nach dem Bahnhof gesaust und nach Venedig abgedampft sei, nicht, ohne vorher ihr Bett im Hotel künstlich in Unordnung gebracht zu haben, glaubte ich in meiner Aufregung über die ungewöhnlichen Vorgänge, sie ebenfalls von einer Merkwürdigkeit in Kenntnis setzen zu müssen. Nach jahrelanger, brennender Erwartung eines Wiedersehens in Venedig, sagte ich, hätte ich die Enttäuschung über ihr Wegbleiben verhältnismäßig ruhig, ja recht eigentlich gedankenlos getragen – ob sie sich das erklären könne? Da stapften wir noch, vom Regen aneinandergeklebt, vorsichtig über die glatten Steinfliesen des Corso Vittore Emanuele. »Du bist eben erschreckend herzlos«, stieß sie hervor. »Ich habe es gleich gemerkt, als ich dich kennenlernte, damals im Schlafwagen. Brutal warst du, einfach brutal.« »Aber nein,« sagte ich überzeugt, »wie töricht du bist, Maria! Ich wollte dich doch nur auf der Stelle erobern – verstehst du: mit stürmender Hand!« »Mag sein, daß ich töricht bin«, erwiderte sie. »Mag gern sein, aber du, du bist roh. Hast du nicht behauptet, ich würde zu Hause geschlagen?« »Und wenn es wahr wäre?«, rief ich aus und blieb stehn, und dieser Einfall, stehnzubleiben und die Krempe des Samthutes aufzuheben, so daß ein Guß Wasser ihr seitlich ins Gesicht platschte, dieser wirklich unangebrachte Einfall, mitten auf der spritzenden Vittore Emanuele haltzumachen, als ob nicht die Ehre einer Marchesa Capponi am Faden einer Minute hinge, und überdies noch Anstalten zu treffen, sie umständlich in das nasse Gesicht zu küssen – »Fort! In dein Hotel!« fauchte sie und riß meine Finger vom Hutrand. »Ich werde nicht geschlagen!« Dieser Einfall verdarb alles. Blindlings rannte sie davon, der schlafenden Schlange vor den Rachen. Ihre eine Fußspitze ragte wohl schon über die letzte Steinplatte der Gasse, als ich ihren Arm zu fassen bekam. Damals war mir die Gefahr nicht bewußt, aber dann habe ich jahrelang davon geträumt, wenn auch die Bilder immer andre waren, als gerade jener regenverwischte Rand zwischen Erde und Wasser. Die Angst, die mich träumen ließ, sie ward an der finstern Grenze empfangen, wo nur ein zartes, im Heulen des Windes kaum wahrnehmbares Intervall verriet, daß hier der Regen den Stein traf und dort, einen Millimeter weiter, in die Tiefe, den Kanal versank. »Mein Hut!«, hörte ich sie schreien. Ein. Windstoß hatte ihn ihr vom Kopf gerissen. »Der schwimmt jetzt durch den Kanal von S. Felice nach der Kirchhofsinsel«, sagte ich scherzend. »Siehst du, Maria, so geht's, wenn du anderswohin durchbrennst, als in meine Arme!« Als Antwort kam ein brüllendes Kleinmädchenschluchzen: »Was soll ich Papa sagen, wo mein neuer Hut... – noch ein andres Kleid mit, in Mailand, aber Hut nicht ... – keinen Hut ...« Vorsichtig zog ich sie vom Wasser fort, jedoch sie sperrte sich und fragte, ob die finstre Leere vor uns wirklich der Canal grande sei, und als ich bejahte, erklärte sie: »Dann will ich in Gottes Namen auch gleich hineinspringen.« »Der Zug!« rief ich. »Maria, der Zug!« »Mio dio!« gab sie zurück. »Laufen wir! Schnell!« Sie war es, die dann im Laufen den Arm um mich legte. Immerfort küßte sie meine Hand, und manchmal, unter einer Laterne, hob sie das Schmerzensantlitz zu mir empor, in den leuchtenden Regen. Das Haar hing in unförmigen Strähnen in das Gesicht. Der Regen lief ihr in den Mund. Die Pfützen, die wir durchquerten, spritzten bis zu unsern Hüften. »Au,« machte sie manchmal, »au!« Doch sie blieb tapfer. Mit sturmzerrissenen Worten beichtete sie, es sei wahr, ihr Vater habe sie früher geschlagen, weil sie ihn zu arg geliebt ..., um es ihr auszutreiben, habe er sie geschlagen, nur darum, aber dann hätten sie sich ausgesprochen, und seitdem rühre er sie nicht mehr an. »Unsinn!« unterbrach ich sie. »Als ob wir nicht Wichtigeres zu besprechen hätten!« Darauf erkundigte sie sich, immer noch weinend, nach Viviane. »Du wirst sie ja doch heiraten müssen!«, stieß sie hervor. »Warum?« widersprach ich. »Ich heirate dich.« »Aber das ist ja das Schreckliche, daß es unmöglich ist.« »Unmöglich?« »Ich will einen Fürsten! Claus, ich muß einen Fürsten haben. Es steht in den Sternen.« »So?«, stürmte ich, »es steht in den Sternen? Dann lösche ich es aus. Verstehst du?« Sie antwortete nicht. Doch ich fühlte, wie sie im Dunkel das tränen- und regenüberströmte Schmerzensgesicht zu mir emporhob und traurig den Kopf schüttelte ... Unser Erscheinen auf dem Bahnsteig rief Heiterkeit und Mitleid hervor. Während die Ausländer lachten, bekundeten die Italiener auf das lebhafteste ihr Mitgefühl, ja eine alte Dame beugte sich mit geöffneten Armen aus ihrem Abteil, um uns in Empfang zu nehmen. Die Uhr zeigte 1 Uhr 50, die Türen der Wagen waren schon geschlossen, aber die Schaffner setzten sich rechts und links von uns in Trab, und von der Maschine her kam der Zugführer gelaufen. »Arme Kinder!« rief der eine Schaffner, »ein solches Unwetter!« Der andre meinte, wir müßten ins Wasser gefallen sein, wir hätten weder Hut noch Mantel.« »Alles fort, nur das nackte Leben!« meldete er den bei uns eintreffenden Zugführer. »Wohin, Ihr Armen?« antwortete der. Und sie hoben zu dritt Maria in den Wagen. Mir aber rieten sie, unverzüglich Glühwein zu trinken. Der Zug setzte sich in Bewegung. »Herrlich!« rief ich zu ihr hinauf. »Es war ganz herrlich, Maria! Ich danke dir! Ich vergesse es nie!« Sie warf mir Kußhände zu, weinend und lachend, und fuhr sich zwischendurch mit den nassen Ärmeln über das Gesicht. Zum erstenmal an diesem Abend sah ich sie deutlich. Wahrlich, sie war ergreifend schön in ihrem Jammer, mit dem ganz verwehten Mund und der verschütteten Stirn. »Ich lösche es in den Sternen aus!« rief ich und deutete in die Höhe. Erschreckt erst, doch gleich darauf in Entzückung lächelnd faltete sie die Hände auf der Brust. Weit, weit breitete ich die Arme ... In strahlendem Selbstbewußtsein, als ein bekränzter Eroberer erschien ich am Morgen beim Frühstück. Ich leugnete den Nebel und erklärte, mich zur Partei der ewigen Sonne zu schlagen, zur Partei Anne-Maries. Diese nahm die Annäherung mit einem zweideutigen Lächeln entgegen, aus dem ich nicht klug wurde. Sie war übrigens im Aufbruch begriffen, streckte mir aber noch die Hand hin, wobei sie sagte: »Was auch Ihre Gründe sein mögen, ich danke Ihnen für Ihre Einsicht«, in seiner Art ein delphischer Spruch, wie mich dünkte. Die Damen hatten mich noch nie so munter gesehen, die alte Marchesa betonte es wiederholt. Schließlich spielte ich gar Pulcinella, und die lachende Gesellschaft saß doppelt so lang bei der Schokolade, als es ihrer Gewohnheit entsprach. Dabei sah ich wohl, wie meine Mutter mich die ganze Zeit über mit fast ängstlicher Aufmerksamkeit betrachtete, vielleicht ahnte sie etwas, auch überraschte ich einen gewissen Blick, den die Marchesa mit ihr wechselte. Jedoch ich war Anneles sicher, und wenn Annele geschwiegen hatte, so konnte niemand wissen. Mochten sie ahnen, soviel sie wollten! Ja, sie sollten ahnen, etwas von dem ungeheuern Feuer ahnen, das aus den Wolken einer Sturmnacht auf mich herabgestürzt war und mich also verwandelt hatte. »Claus,« sagte die Marchesa, als sie vom Tisch aufstand, »Claus, ich muß Ihnen fünf Minuten von Ihrer Zeit rauben. Wollen Sie mir in den Salon folgen?« Und als wir einander im halbdunkeln Saal gegenüber saßen, behauptete sie mir ins Gesicht: »Sie haben einen Brief von Maria erhalten.« »Leider nicht, Madame«, antwortete ich mit einem Theaterseufzer. »Um so schlimmer«, sagte sie streng. »Dann war sie heute nacht hier.« Sprachlos starrte ich sie an. Das überstieg alle meine Erwartungen. Ich spürte eine prickelnde Kälte auf dem Rücken, dann stürzte mir alles Blut in den Kopf. Bei Gott, ich mußte mich zusammennehmen, um nicht zu zittern. »War sie in Ihrem Zimmer?« fuhr sie mit einem Lächeln fort, dessen Falschheit ins Herz schnitt. Ich sprang auf, ob, um besser zu kämpfen oder um zu fliehen, das wußte ich nicht. »Nein!« stöhnte ich. »Bleiben Sie sitzen, junger Mann, und sagen Sie mir ruhig, ob sie noch da ist.« »Nein.« »Schwören Sie?« »Ich schwöre.« »Gut. Bitte, sich zu setzen. Das heißt: drücken Sie erst dort auf den Knopf, jawohl, da auf den Knopf, so, und nun setzen Sie sich, mein Freund. Ich muß Ihnen sagen, Sie gefallen mir immer besser.« »Vortrefflich,« wandte sie sich an den eintretenden Kellner, »Sie haben flinke Beine, famos. Nun, bringen Sie mir mal schnell den Fahrplan ... Und was meine Tochter anlangt, Claus, so kann man ihr weder Begabung noch Energie abstreiten. Ihr Papa eröffnet heute in Mailand die erste internationale Automobilausstellung, ein nationales Ereignis von größter Tragweite. Die Kleine hat ihn natürlich gebeten, sie mitzunehmen, einem so bedeutenden Ereignis wohnt man gern bei – nicht wahr, mein Freund? ... Vortrefflich, Kellner, jetzt schlagen Sie mir die Strecke Mailand–Venedig auf. So, danke, Sie können gehn.« Die Marchesa reichte mir das aufgeschlagene Buch. »Wann könnte sie also von Mailand abgefahren sein?«, fragte sie mit freundlichem Ernst. Ich stand auf und gab ihr das Buch mit einer tiefen Verbeugung wortlos zurück. »Nun gut, ich verstehe«, sagte sie, und den Fahrplan in der einen, das Lorgnon in der andern Hand, begann sie nach dem Zug zu suchen. »Ganz recht. Mailand ab: 6 Uhr 50, Venedig an: Punkt Mitternacht.« Sie wendete die Seite. »Venedig ab ... jawohl, sehr gut: 1 Uhr 47, an Mailand 6 Uhr 40.« Sie ließ Buch und Lorgnon sinken und sah mich an. »Claus, da hat sie heute morgen noch Zeit gehabt, Toilette zu machen. Der Marchese frühstückt um halb acht.« »Donnerwetter!« rief sie aus und sprang mit jugendlichem Schwung auf die Füße, »das Mädel hat immenses Talent! Pscht, ruhig, ich sage nichts mehr. Hier können Sie mich hinküssen.« Mit gestrecktem Zeigefinger zeigte sie auf ihren rechten Backenknochen. Ich gehorchte. »Adieu, junger Mann. Diese skandalöse Geschichte bleibt unter uns. Der Marchese würde sie totschlagen, wenn er wüßte. Sagen Sie danke.« »Merci, ma belle-mère«, lachte ich und drückte mich schnell durch die Tür. »Ah non!« rief sie hinter mir her. »ça, c'est fort!« Eine Viertelstunde später war ich mit Lord Berrick unterwegs. Leider lehnte er meine Bitte, mir seine Bilder zu zeigen, mit den Worten ab: »Ach, Claus, meine Malerei gehört zu den Frivolites, wie die Franzosen gewisse Handarbeiten nennen, es lohnt sich nicht für Sie, so was zu sehn. Bleiben wir bei den großen Gegenständen der Weltgeschichte.« Schade, denn hätte mich der Lord soweit seines Vertrauens gewürdigt, daß er mir seine »duftigen« Bilder gezeigt, so wäre es mir auch nicht zu schwer gefallen; ihm von Maria und der letzten Nacht zu erzählen. Nun konnte ich Maria nur als stumme Begleiterin auf die Wanderung durch das alte Venedig mitnehmen. Statt mich auf die künstlerischen Eigentümlichkeiten der Bauwerke hinzuweisen, erzählte Lord Berrick mir deren Geschichte. Da waren eines Tages einige hundert Pferdehirten in Venetien vor den Goten ins Laufen gekommen, sie liefen Tage und Nächte, und eines Morgens standen sie am Meer. Sie warfen sich mit ihren Pferden ins Wasser und schwammen ums Leben. Stießen auf Inseln, und auf der größten, dem Rialto, gründeten sie ein Gemeinwesen. Schon 697 gab es einen Dogen. Schon findet man unter seinen Wählern, den zwölf Stämmen der zwölf Inseln, die Namen Tiepolo, Gradenigo, Memmi, Falieri, Dandolo und andre, die ein Jahrtausend lang glanzvoll an der Spitze der Firma gestanden und als Filialleiter im Orient wie auf der nahen Terra ferma über den Gang der Geschäfte gewacht haben: mit Feuer und Schwert, solange sie die Stärkeren waren, als die unehrlichsten Händler der Welt, wenn sie überlegenen Kräften gegenüberstanden, Pazifisten mit gespickter Börse, wenn es galt, aus dem Streit andrer großen Herren Gewinn zu ziehen. Im Grunde hatten sie vom Tage an, wo sie reich, wo sie satt waren, vom 15. Jahrhundert an, immer diese Methode bevorzugt. Es war nicht ihre Schuld, wenn sie später noch kämpfen mußten, sondern der primitiven Sultane, mit denen ein fortgeschrittener Kaufmann sich unmöglich verständigen konnte. Schon 735 wurde der erste Doge, weil er sich mausig machte, ermordet, wenn auch nicht so feierlich wie seine Nachfolger, deren Kopf vor einer glänzenden Versammlung und unter prunkvollen Zeremonien die Gigantentreppe des Dogenpalastes hinabrollte. Und schon der nächste Doge bekam zwei Aufseher, deren Zahl im Lauf der Jahrhunderte dauernd wuchs, weil sich die Notwendigkeit herausstellte, die Aufseher zu beaufsichtigen und wiederum diesen Aufsehern andere Aufpasser ins Genick zu setzen, so daß die Gesellschaft, die in die Herrenstube zugelassen war, bald genug aus einem Haufen von Leuten bestand, die einander gegenseitig bespitzelten, wie das bei geschäftstüchtigen Konkurrenten heute noch üblich war. Als der einsamste, gefährdetste aller dieser Gefangenen thronte der Doge. An hohen Feiertagen wurde er als lebender Leichnam, spazierengetragen ... Ein entsagungsvolles Lächeln aus dem Gesichte streichend, verwahrte sich der Lord gegen die Möglichkeit eines Vergleiches mit seinem King. Als einmal der Doge nicht von wem rechtens, seinen Aufsehern, sondern von einem Außenseiter beseitigt ward, setzte der Große Rat eine zehnköpfige Kommission ein, die der Verschwörung nachgehen sollte. Sie erhielt diktatorische Vollmachten für zehn Tage, aus denen fünf Jahrhunderte wurden. Bonaparte traf sie noch an. Da waren aber aus den fünf Tagen des Karnevals auch schon dreihundert geworden!... Im 15. Jahrhundert genügten noch fünf Ziehungen durch Los und fünf Abstimmungen, um den Dogen zu wählen. Die folgenden Geschlechter zeigten sich unermüdlich beflissen, die Fußangeln und Selbstschüsse ins Zahllose zu vermehren. Venedig war eine Republik ... Welch eine Republik war Venedig! Im Dogenpalast zeigte mir mein Mentor den schönsten Briefkasten der Welt. Er war aus Marmor und für anonyme Anzeigen bestimmt! Der Dogenpalast enthielt auch die Kerker für die politischen »Verbrecher« – Löcher des Grauens, zu niedrig, um dem Henker das Ausholen mit dem Schwerte zu gestatten, weshalb er es vorzog, die Opfer am Boden zu erdrosseln. Die berüchtigten Bleikammern dagegen, das Gefängnis für gemeine Verbrecher, hätten sich mit Hilfe eines Tapezierers mühelos in ein komfortables Boardinghouse verwandeln lassen. Dieser Adel bestand aus ewigen Parvenüs – genau wie bei den Berricks, meinte der Lord. Die Kasse, immer die Kasse! Kein Geld durfte außerhalb Venedigs angelegt werden, kein Vermögen, auch keine Erbschaft Venedig verlassen. Am Kanal stand das Kontorhaus, die Villa auf der Terra ferma, dem nächsten festländischen Besitz der Republik. Die Burschen waren, wie sie sich im »Mahl des Reichen« von Bonifazio abmalen ließen: fett, wollüstig und pöbelhaft demonstrativ. Aber sie kauften eine ganze große Herrlichkeit schöner Dinge zusammen und stapelten sie in ihrer Wasserburg auf, es gehörte zum guten Ton, und wer es sich leisten konnte, der mäzenierte mit Pomp. San Marco bestand aus kunterbunt zusammengekauften und geraubten Kunstgegenständen, Orient und Okzident vermählten sich in einer Ehe, wie sie so schön allein im webenden Licht der Lagune möglich war. Ältester Adel? Das Wort paßte schlecht auf die unbarmherzigen Kaufleute, die die Gründung keiner Dynastie zuließen aber deren dreißig unterhielten und später hundert, mit Schikanen, wie kein andrer Staat auf der Welt sie je gekannt. Diktatur und Karneval begannen mit der Ankündigung: »Achtung, nur zehn Tage!« und endeten nie. Zuletzt lebten beide, Diktatur und Karneval, vergnügt miteinander in den Tag. Denn als das Geschäft stockte, das Verdienen mühsam wurde, setzten die Erben sich an den Spieltisch. »Unsre Geschichte,« sprach Lord Berrick leise, »unsre eigene Geschichte, lieber Freund.« Zwei Jahrhunderte lebten sie so weiter. Am. Spieltisch glänzte und mordete und verriet Venedig, so lang, wie jemand sich fand, der seinem Schein Glauben schenkte. Vom gerissenen kleinen Korsen, der, mit 80 000 Mann siegreicher Truppen hinter sich, an die Tür klopfte und ihr ein Bündnis gegen den gemeinsamen Feind Österreich antrug, hätte die Republik nicht erwarten dürfen, daß er sich durch hinausgeschickte Hausmeister beschwatzen ließe. Zu ihrem Schaden versuchte sie es trotzdem. Es war das Ende der Republik. Und der Beginn ihrer Legende. Müdgelaufen, in feuchten Kleidern standen wir am Bahnhof. Wir hatten den großen Rundgang um Venedig, dazu noch einen Abstecher in den Palazzo Giovanelli hinter uns, wo auf einer Staffelei das herrliche Bild Giorgiones steht, das die Kunstgelehrten den »Sturm« nennen, weil es den tiefsten Frieden atmet, in den Tönen einer Schalmei. »Stai premi!« Der Gondelier hätte nicht zu rufen brauchen. Alle Gondeln Venedigs lagen, von ihren Führern verlassen, reglos am Eisenring. Niemand antwortete. Wir selbst hatten unsern Gondelier in einer Kneipe aufsuchen müssen. »Per gli rii Manin, San Paolo, San Lucca«, hatte der Lord fahren heißen, das war sein Weg, er nahm ihn immer, und er empfahl ihn mir, zumal für den Fall, daß ich in der Reisezeit ankäme und nicht willens wäre, mich zwischen bockenden Gondeln, von Motorbooten angespuckt, von Lastkähnen an die Mauer gedrückt und im Gezeter der Gondeliere durch die Kanäle bis vor das Hotel treiben zu lassen. Es war ein leiser Weg abseits der Fremdenbeförderung. Man begegnete nur Liebespaaren, die sich sichtlich um niemand kümmerten, und Särgen, die, ebenso still, nach der Kirchhofsinsel San Michele reisten. Am Molo stiegen wir aus. Den Markusplatz überquerend, ließ mich der Lord noch im Nebel das militärische Genie Napoleons mit den Augen greifen, der eine Kirche auf der Ostseite des Platzes abtrug und an ihrer Stelle einen den bestehenden Prokurazien angepaßten Säulengang errichtete, was ordentlicher aussah und an ein Karree von Soldaten gemahnte, wodurch aber auch der Markusplatz erst die rechte sinnvolle Form erhielt: die eines großen geschlossenen Hofes, Vorplatzes eines für die Verhältnisse der Stadt unerhört weitläufigen Antrittes zu San Marco, einer Freilichtbühne, zwischen edlen Kulissen. Dies tat Bonaparte zwischen den zwei Ohrfeigen, die, ohne viel Geräusch, die eineinhalbtausendjährige Republik hinwegfegten. Lord Berrick nahm meinen Arm. »Ich frage mich, Claus, ob er die alternde Josephine aus Eifersucht liebte, oder mehr, weil deren Gegenstand der Volkskommissar Barras war, der, in ihrem Bett die höhere, republikanische Eifersucht verliegend, den Gatten einen zauberhaften Sieger werden ließ, den Abgott nicht nur der Soldaten. Natürlich, wer einen Thron besteigt, spottet des Bettes, darin ein Rivale seiner Pflicht vergaß, und verstößt die Frau, die ihn satt gemacht, ohne daß sie selbst dabei gehungert ... Natürlich. Dem konnte Venedig nichts vormachen. Wenn Sie wollen, Claus, werden wir uns jetzt mit einem Viertel alten Chiantis aufwärmen.« Als wir die Piazza Goldoni betraten, segelte Ingels barhäuptig an uns vorbei, ohne seines Herrn ansichtig zu werden. Er leuchtete aber nicht blaurot aus dem Gesicht, wie im Hotel behauptet wurde, sondern ziegelrot, unter knappem, rotem Borstenhaar, und seine Augen quollen nicht hervor, sondern schwammen in blauem Wasser. Die Trattoria all' Ombra di Goldoni war ein langer, niedriger Raum mit Tischen und Stühlen aus grobem Holz, darin saßen Männer aus dem Volk und gutgekleidete Herren beisammen. Alle tranken sie denselben dunkelroten Wein, alle sprachen sie gleichzeitig von Strata, diesem »Stern der neuen Welt«, nach den einen, »dieser Brandfackel in der Hand eines Irrsinnigen« nach den andern. »Geben Sie acht, Claus,« sagte Lord Berrick, »der Strata wird noch der große internationale Tenor der Arbeiterschaft. Allein er singt zu schön, um treu zu sein, und er weiß, er gleicht Bonaparte.« Der Wein schmeckte erdig und strich angenehm über den Gaumen. Vor lauter Geschrei war es still um uns, der Zigarrenrauch machte uns so gut wie unsichtbar. »Wirklich,« meinte der Lord, »es bleibt nichts andres übrig als die Revolution. Von unten oder von oben, wenn nicht beides nach- oder durcheinander. Wir sitzen fest. Es ist nichts los. Wirklich, in absehbarer Zeit muß etwas für die Menschheit geschehn ... Da also,« er deutete mit einem Kopfnicken auf eine eintretende Gruppe von Fischern, »da also kommen unsre neuen Herren ... Gott grüß euch, Jungens, wir haben alle einmal angefangen wir ihr.« Draußen auf seinem Postament schritt der Dichter Goldoni im Marquiskostüm und lachte vor sich in den Nebel. Fröstelnde Tauben wärmten sich an ihm, sie saßen ihm auf Schultern und Hut, und eine war da, die wippte auf seiner Nase mit dem Schwanz.   Angeekelt vom »nordischen Nebel«, entrüstet über die kleine Hartmann, die immer eine Sonne aquarellierte, die nur auf den Ansichtspostkarten verweilte, während die Mama ihrerseits in den Museen und Kirchen auf »gute Beleuchtung« pirschte, von der heiteren Chronik des venezianischen Adels, die die Marquise Capponi unter Vorzeigung etlicher Probestücke zum besten gegeben, zu kreatürlicher Trauer gerührt (»Pauvre humanité!«) reiste meine Mutter mit uns ab am ersten hellblauen Tag, der lichte Schatten warf und den Kropf der Tauben auf dem Markusplatz vergoldete. Genau so, meinte sie, verhielten sich die säumigen Lieferanten, wenn man, der Schlamperei überdrüssig, ihnen energisch absage. Da liefen sie einem plötzlich das Haus ein. Annele weinte bis Vicenza, ohne einen Grund angeben zu können. Der Abbé las mit befriedigtem Gesicht im Brevier. Noch einmal war sein Schützling den tausendfältigen Gefahren der Fremde entgangen! Wir fuhren in die eingehegte Heimat zurück. Zu Weihnachten brachte ich von der Schule ein Zeugnis heim, worauf als Leistung in Geschichte eine Vier vermerkt war mit dem Zusatz: »Teilweise beschlagen, jedoch ohne alles Verständnis für große historische Erscheinungen und Weltereignisse.« Mein Vater las das Orakel wiederholt mit Verwunderung. Schließlich meinte er: »Du mußt etwas gegen den Kaiser gesagt haben.« Der Abbé Simon indes zeigte das Schmunzeln des Eingeweihten. Auf seinen Vorschlag strich ich den Vermerk des Lehrers an und schickte das Zeugnis an Lord Berrick nach London. Er antwortete mit einem Glückwunschtelegramm. »Nur nicht nachgeben«, lautete es. »Wahrhaft große Männer triumphieren nicht als Kannibalen.« Ende des ersten Bandes