Carl Spitteler Olympischer Frühling Inhaltsverzeichnis                   Erster Teil: Die Auffahrt       Aufbruch vom Krebos Den Morgenberg hinan Hebe Bei Uranos Die sieben schönen Amaschpand Ankunft Zweiter Teil: Hera die Braut Heimweh und Heilung Die Freier werden der Königin vorgestellt Der erste Wettkampf: Gesang und Sage Der zweite Wettkampf: Der Lauf Der dritte Wettkampf: Wagenrennen Der vierte Wettkampf: Traumdeutung und Prophezeiung Verrat Krieg und Versöhnung Dritter Teil: Die hohe Zeit Moiras Gnade Boreas mit der Geißel Ajax und die Giganten Aktaion der wilde Jäger Apoll der Entdecker Poseidon mit dem Donner Dionysos der Seher Hyphaist der Zwerg Hylas und Kaleidusa über Berg und Tal Hermes der Erlöser Pallas und der Pelarg Apoll der Held Vierter Teil: Der hohen Zeit Ende Aphrodite Anankes «Halt!» Fünfter Teil: Zeus Die Fahne Olbia fällt Zeus ruft die Götter heim Die Menschen Hera und der Tod Herakles' Erdenfahrt Erster Teil: Die Auffahrt Erster Gesang Aufbruch vom Erebos               Hades , der Fürst des finstern Erebos, befahl: «Entfesselt die gefangnen Götter allzumal Und sammelt sie zu Hauf im Tempel der Sibyllen, Auf daß ich ihnen künde meinen Spruch und Willen.» Flugs in die Kasematten stob der Diener Heer – Und kehrte mit verlegnen Mienen ratlos her: «Die Ketten können wir, die ihre Glieder zwängen, Doch eines stärkern Zwingherrn Übermacht nicht sprengen: Den Todesschlaf, der ihre stolze Stirn umnachtet, Den mutverlaßnen Geist, der keiner Botschaft achtet. Nicht Mahnung hilft, noch Zuspruch; keine Drohung schreckt Den müden Lebenswillen, den nicht Hoffnung weckt. Und wenn, von kräftiger Hand geschüttelt, nicht belebt, Auch der und jener träge wohl den Nacken hebt, So siehst du ihn geschloßnen Auges traurig lauschen Dem Windeswehen und dem Regenwogenrauschen, Siehst frischen Gram ihn schöpfen, neuen Ekel schenken Und Berge Trübsals in vermehrtem Schlaf ertränken.» Da schürzte Hades seinen Mantel: «Also ich!» Und selber in den Kerker nun begab er sich, Bis wo sein lauschend Ohr vernahm ein ächzend Stöhnen Von solchen, die dem alpbeklommnen Schlafe frönen. Auf spitzen Zehen nahend, trat er auf die Schwelle, Hielt an, verharrt ein Weilchen schweigend auf der Stelle, Dann rückt er sachte vor, nahm aus der Götter Schar, Die kraftlos ihm zu Füßen lag, den nächsten wahr, Beugte sich über ihn, zu Boden knieend, wand Den Arm ihm um die Schulter, faßte seine Hand Und flößte mit barmherzigen Reden Mut ihm ein, Von Freiheit flüsternd und von Glück im Sonnenschein. Jetzt gleich wie wenn im Keller zwischen Tod und Leben Der Blumen Knospen ein vergrämtes Dasein weben, Kaum aber, daß ein Strahl durch eine feine Ritze Die Dämmernis durchbohrt mit scharfem Feuerblitze, So wenden träumerisch im Schlafe sie die Köpfchen Nach dem ersehnten Tau der goldnen Sonnentröpfchen: So lehnte sich des Schläfers Antlitz unbewußt An seines Heilands große, gnadenreiche Brust, Begierig, ein bescheiden Schlücklein Trost zu schlürfen Und eines Freundes Busen näher sein zu dürfen. Bald quoll ein erster Seufzer, des Erwachens Keim. Aus weiten Weltenfernen kehrte reuig heim Das irre Selbstgefühl; die frohe Wiederkunft Begrüßte lächelnd die genesende Vernunft, Und siegreich aus des Auges hohem Doppeltor Schlug jetzt des Geistes sterngekrönter Blick hervor. «Steh auf», ermunterte der König, «Pilgerim!» Er stand, ein Held an Wuchs und Hoheit, über ihm. Und siehe, aller Enden aus der Ohnmacht Banden Erhoben die Gefangnen sich und auferstanden. Und wie die Götter nun und Götterfrauen alle Fröstelnd erschienen in der feuchten Tempelhalle, Mit trübem Blick betrachtend durch die nassen Fenster Des Wolkenzugs verhaßte, mürrische Gespenster: «Brüder», hub an der König, «erst bekennt den Namen Des, der dem Leibe Leben leiht und Saft dem Samen, Dem alle, hoch und niedrig, knechtisch untertan, Götter und Menschen, der nach seinem finstern Plan Der Sterne Lauf bestimmt und der Gedanken Gang.» Er sprachs. Und Antwort gab ein Murmeln ernst und bang: «Sein Name heißt Ananke, der gezwungne Zwang.» «Ihr urteilt recht. Zum zweiten Male nennet jetzt Die Schicksalsregel, die den Göttern ist gesetzt.» Er schwieg. Und eine Stimme wurde zögernd laut: «Die Schicksalsregel ward den Göttern anvertraut In einem Buch von Stein, gemerkt mit Feuerstift. Doch niemand deutet die geheimnisvolle Schrift. Sie zu entziffern ist im weiten Weltenrund Den vorzeitwissenden Sibyllen einzig kund.» «Sie sollens euch entziffern. Merket auf, und sehe Ein jeder, was er faßt und wie er es verstehe. Denn in des Weltenschweigers Bilderrätselbuch Lautet verschleiert selbst der Offenbarung Spruch.» Mit diesen Worten holt er unter dem Altar Aus einem Schrein, in welchem es geborgen war, Das heilige Buch hervor, erhob es in die Luft Und rief mit strenger Stimme nach der Tempelgruft: «Töchter der Vorwelt! Ihr erfahrnen Schwestern drei, Im Namen Hades', eures Königs, eilt herbei!» Die Diener schlossen grausend auf die Gittertür. Darunter schossen die Sibyllen jach herfür. Auf Sockenschuhen gleitend in geschwindem Schritt, Umkreisten sie die Halle mit Hyänentritt. Da plötzlich hemmten schnuppernd sie die Flucht. Mit Zittern Begannen leise wimmernd sie das Buch zu wittern. Kaum aber nahmen sie es wahr von Angesicht, Erschrak, gefror der Blick in ihrem Augenlicht. Ihr Odem stand. Der Mund verzerrte sich, die harten, Vom steifen Muskelkrampf verdrehten Arme starrten. Noch zuckte der erregte Fuß; dann, kalt und bleich, Verblieben sie gelähmt, für tot, Steinbildern gleich. Jetzt legte Hades die Gesetzestafel dar, Hub an und sprach zur ersten: «Lies und sage wahr!» Wie wenn, von derben Männerfäusten angefaßt, Sich ruckweis fortbewegt des Eisblocks tote Last, So nahte sie, die Stirn zum heiligen Buch erhoben, Leblos und schwer, von fremder Willenskraft geschoben. Erst sah man tastend über die Gesetzeszeilen Mit ungewissen Händen hin und her sie eilen, Drauf eine Spur verfolgen, zögern, Zweifel schlichten, Nach einem Ziele dann den Zeigefinger richten, Bis daß sie endlich mit entfernter Stimme leise Begann im Traum zu lallen nach Prophetenweise. Bald schwoll der Ton, das Lallen klärte sich zum Worte, Und jedes Auge hing an ihrer Lippen Pforte. Dies ist die Rede, die mit geisterhaftem Klang, Im Buch des Schicksals lesend, die Sibylle sang: «Im Namen dessen, der die Welt gezwungen zwängt, Den Göttern, den unsterblichen, ist dies verhängt: Kennst du den mühbeladnen Wurm, der nackt und bloß Den krummen Rücken schlängelt durch der Erde Schoß? Doch einmal kommt ein Tag, an welchem er, beflüggt, Sich siegreich aus dem Grabe nach dem Lichte drückt. Also erscheint ein Tag und leuchtet eine Stunde, Da steigen festlich aus dem erebinischen Grunde Die ewigen Götter, um auf glückumstrahlten Thronen Über den Wolken im verklärten Glanz zu wohnen. Auf Erden ferne steht ein Berg, Olymp genannt, Zum Himmel reicht sein Haupt, sein Fuß ins Menschenland, Umschrillt von Adlerpfiff, umdröhnt von Donnerblitz: Das ist der Götter Hochzeitburg und Sommersitz. Die Erdenherrschaft ist ihr unbestritten Teil, Was irdisch heißt, ist ihrer Lust und Laune feil. Bis daß sich wieder, wenn die Zeiten sich erfüllen, Das Rad des Schicksals dreht. Die Zukunft mags verhüllen.» Nach diesen Worten ward von jähem Krampf befallen Die Sängerin, und ihre Rede starb zum Lallen. Der zweiten jetzt gebot der König: «Meld uns du Das Weitre.» Widerstrebend schob sie sich hinzu. Das ist die Offenbarung, die mit dumpfem Klang Die zweite der Sibyllen nunmehr las und sang: «Ein Gleichnis zeig ich dir, enträtsle seinen Sinn: Kennst du im Menschenland die Bienenkönigin? Sie ist von größerm, überlegenem Geschlecht. Darum gebietet sie mit Fug und herrscht mit Recht. Wieviel auch die Natur des andern Volkes schuf, Der Fürstin dienen ist ihr einziger Beruf. Nur jene hat Bedeutung, sie allein nur Wert, Und ihre Liebe wird als höchster Lohn begehrt. So hat auch Genesis, die nach Vollendung dürstet, Dem Volk der Götter eine Königin gefürstet, Von reinerm Wuchs und überragender Gestalt, Hoheitgekrönt, gestählt mit Schönheit, spröd und kalt. Im Wettkampf sollen alle Götter um sie frein, Und wen der Sieg bezeichnet, der soll König sein. Und fragst du, wer die überlegne Jungfrau wäre? Ihr Name lautet Hera, die Erhabne, Hehre. O Jammer über Jammer! Welchen schwarzen Flecken Muß ich in Heras heiligem Körperbild entdecken! Ein tödlich Krankheitszeichen, unheilbar und erblich: Der ewigen Götter strenge Königin ist sterblich. Denn sie durchseucht ein Tröpflein Blut der Amazonen, Die über dem Olymp an ihrer Seite thronen. Wehe! Wie kann die Sterbliche mit Göttern hausen Und Heil gedeihn im roten Blut! Mich schüttelt Grausen. Nach diesen Worten sträubte sich, vom Krampf befallen, Die Sängerin, und ihre Rede starb zum Lallen. Der dritten der Sibyllen winkte nun und wies Das Buch der König: «Auf! herbei! beginn und lies.» So sprach des Mythos abenteuerlicher Klang, Den jetzt die letzte der Sibyllen las und sang: «Kennst du der buntgescheckten Viper blutigen Brauch? Ein lebend Junges zeugt ihr goldgefleckter Bauch. Doch kaum daß dieses sich vom Mutterleib getrennt, Als auch schon grimme Feindschaft zwischen beiden brennt. So wächst, verstoßen aus dem heimischen Palast Von ihrer Mutter, die die schönre Tochter haßt, Hera heran im blitzumzuckten Bergesschacht, Im Höhlenhause der olympischen Wäldernacht. Anankes Finger schützt sie vor der Feindin Wut. Ergebne Diener scharen sich zu ihrer Hut, Von ihrem Haupte jede Widerwart zu wehren Und ihren heiligen Leib zu hegen und ernähren. Also behütet, frei von Sorgen und von Kummer, Wächst herrlich sie empor in keuschem Knospenschlummer. Als einziges Spielzeug, das ihr Auge nicht verachtet, Liegt neben ihr ein Spieglein, das sie oft betrachtet, Schwelgend in ihres Widerbildes holden Zügen Mit kindlichem Ergötzen, lachend vor Vergnügen. Doch jenes Tages, da sie, jüngferlich befangen, Den Spiegel seufzend meidet mit verwirrten Wangen, An jenem Tage schleppt sie ihr ergebner Troß Im Schönheitstaumel vor das mütterliche Schloß, Heißt ihrer Mutter Leib mit ihrem Leib vergleichen, Und sieh, dem Blust der Jugend muß das Alter weichen. Im Haus der Mächtigen gebeut ein wildes Recht, Und grausam ist des Weibes zierliches Geschlecht. Von des Olympos höchstem, steilstem Wolkensitz, Wo stets der Donner rollt und Blitz umzischt den Blitz, Schleudert des Volkes unbarmherziger Fäustestoß Die Alte in den hundertzackigen Felsenschoß. Jetzt schüttelt Genesis, die unbarmherzige, feige, Die allem feind ist, was da krankt und geht zur Neige, Ihr steinern Haupt. Die Welt erbebt. Ein Abgrund klafft Durch den Olymp, und die entthronten Götter rafft Der Berge Strudel in die Unterwelt. Lawinen Verfolgen sie, und Spottgelächter speit nach ihnen. Indes als Freier nach der neuen Fürstin Schloß Ein frischer Göttertrupp entsteigt dem Erebos.» Nach diesen Worten ließ sie ein Gelächter schallen, Und ihre Zunge stammelte, vom Krampf befallen. Der König rief: «Der Spruch ist halb, ihm fehlt der Segen. Schließt ab und lest uns auch den Zweck, warum, weswegen.» Gehorsam nahten sie, und mit vereinten Händen Befragten emsig sie das Buch an allen Enden. Doch bald erlahmt ihr fleißiger Eifer. Mutberaubt Erschlafften Hand und Arm, und ratlos sank ihr Haupt. Und als nun auf ein barsches Zeichen seines Fingers Verhuschten die Sibyllen im Gelaß des Zwingers: «Brüder», beschloß er, «laßt mich meine Meldung kürzen, Denn viele Worte wässern, wenig Worte würzen, Und jeder Rede bester Anfang ist das Ende. Ein Bote sprengte vom Olymp und rang die Hände: ‹Verrat und Aufruhr! Wehe! Alles ist verloren, Gesetz und Recht versagen, Umsturz ist erkoren, Des heiligen Kronos Reich und Herrschaft ist dahin, Zuckend im Felsenspalte liegt die Königin, Ihn selbst mit seinem Volke treiben Fall und Flucht Daher zu dir, bei dem er Schutz und Obdach sucht.› So lautete die Botschaft. Habt ihr sie verstanden? Des Kronos Zepter fiel, es fällt zu euren Handen. Sein Thron, sein Haus, sein Reich ist euch anheimgegeben, Des Schicksals Wille ruft: ‹Geht hin, es aufzuheben›. Mit kurzen Worten, Freunde: euer ist die Reih Zum Hochzeitszuge gen Olymp. Und ihr seid frei. Glückauf! Erhebt den Fuß! Ich will voran euch schreiten Und bis zur March der Unterwelt euch treu geleiten, Da ich aus sieben Nöten euch erretten muß, Die euch am Styx erwarten und im Tartarus. Vernehmt! Ich will euch diese sieben Nöte nennen, Damit sie euch nicht unvermutet überrennen: Die Lästervögel im versumpften Ufergrund, Der Wels, die wahren Rochen und der falsche Hund, Das Thaumastal, die Furien auf der Gletscherlücke Und die Propheten an der Lalologenbrücke. Das sind die sieben erebinischen Gefahren. Getrost, ich will euch wohl bewachen und bewahren.» Mit diesen Worten zog er rüstigen Schritts voran, Und alle Mannschaft hing sich ihm mit Eifer an. Die Frauen aber mit verstörtem Angesicht Standen von ferne, meuterten und folgten nicht. «Der Freiheit», murrt ihr Unmut,«sind wir froh und schlüssig; Allein des Weibes Wert ist ungern überflüssig. Wenn Männerfüße gierig traben auf die Freite, Gib ihnen Knecht und Mägde, Frauen nicht zur Seite.» «Nur Einem», rief er, «kann der Sieg im Wettkampf glücken. Wer aber wird sich liebend nach den andern bücken? Drum daß ich euren stolzen Auftrag euch bedeute: Folgt mir, der tapfern Unterlegnen edle Bräute.» «Fürwahr! wir wollen diesen stolzen Auftrag segnen. Heil euch und Liebesgruß, ihr tapfern Unterlegnen!» So sprachen sie und fügten freudig und entschlossen Sich an den Männerzug als bräutliche Genossen. Aufwärts und abwärts über ungezählte Stufen Geheimer Schanzentreppen, öfters angerufen Von panzerklirrenden Zentauren und Giganten, Die hie und da in den Gewölben Wache standen, Dann über offne Plätze, Brücken und Basteien, Durch enge Gassen, weite Wasserwüsteneien Bewegte sich die Reise durch die sumpfdurchnäßte Mauer- und turmbewehrte Kerkerstadt und Feste. Horch! Während sie vor Hades' mächtigem Palast Vorüberzogen, der, von Ulmen eingefaßt, Lautlos umspült von einem finstern Schwanenteich, Einsam vom grauen Hügel träumte, inselgleich, Ward hinter ihnen eines Weibes Stimme laut Vom Garten drüben, jugendfrisch und freundestraut. Wes Ohr allein vernahm den Wohllaut dieser Töne, Erriet ein hohes Weib von königlicher Schöne. Sie wandten sich, von ehrerbietiger Scheu erfüllt, Und siehe da: von Nebeldämmerung umhüllt Stand groß und herrlich jenseits unter dem Portal Persephone, des Hades fürstliches Gemahl. «Heil euch», begann sie, «die ihr ausnahmsweis beglückt Vom Schicksal, das euch diesem trüben Gau entrückt, Im Reich des Lichts, wo Lächeln blüht und Blumen sprießen, Der Sonne farbenfrohe Werke dürft genießen, Indessen ich, in dieses freudenlose Land Von einem unerbittlichen Geschick gebannt, Wo keine Sonne haucht und keine Freundschaft wärmt, Mein Herz mit Seufzen nähre, das sich einsam härmt. Was helfen Kronen mir und schimmernde Geschmeide, Des Purpurs Pracht, der feinen Linnen Augenweide, Was all die seltnen Schätze der gefüllten Truhen, Die unbenutzt in stets geschloßnen Kammern ruhen, Wenn nie mit holdem Schein ein Lichtstrahl sie erhellt, Wenn nie ein Blick darauf aus kundigem Auge fällt? Weh mir! Kein andrer Kurzweil als Harpyienkrächzen, Der Wächter barsches Rufen, der Gefangnen Ächzen, Trompetengellen, Truppenstampfen, Nebeldunst, Und keine kühnre Hoffnung von des Schicksals Gunst, Als daß die siebenfache, dicke Wolkendecke Sich gänzlich nicht bis auf den platten Boden strecke, Als daß der ewige graue, unbarmherzige Regen Sich möchte von der andern Seite herbewegen.» So sang Persephone und wandte sich, und leise Verrauschten ihre Schritte durch die Kiesgeleise. Doch lange noch behielten der Erscheinung Schöne Die Wandrer und den Wohllaut ihrer Klagetöne. Und als sie zu der Brücke kamen vor dem Tor, Wo jenseits sich das flache Land fernab verlor. Warnte der König: «Haltet links und rechts zur Seite, Auf daß mir keiner auf der Mittelplanke schreite, Die da entstammt dem Holz des Baumes 'Herzeschwer'. Wer sie betritt, der wendet sich zur Wiederkehr. Denn aus dem Splint des Baumes tränt ein duftig Harz, Das malt die Heimat goldig und die Fremde schwarz.» Die Wandrer aber dachten: «Ei, was soll uns dräuen! Wen könnt aus dieser Kerkerburg der Abschied reuen!» Doch kaum beschritten sie der Brücke Mittelplanke, Beschlich sie, rückwärts umzuschauen, der Gedanke, Und siehe da: die Schanzenstadt erschien von Gold, Die Festungsmauer rosig und der Kerker hold, Und wie von Amselsingen kam es von den Türmen. Erinnrungstrunken wollten sie nach Hause stürmen Und störrisch wider ihre Weiterfahrt sich sperren. Mit Händen mußte Hades sie von hinnen zerren. Jenseits der Brücke wanderten sie unentwegt Die ebne Straße, die, von Pappeln eingehegt Und schimmelnden Kanälen links und rechts umschnürt, Endlos und trostlos nach dem stygischen Strome führt. Den Pappeln folgten Weiden und den Weiden Birken: Der Tausch vermochte keinen Wechsel zu bewirken. Dann kamen neue Pappeln zur Erwiderung, Und immer nässer ward die sumpfige Niederung. Ringsum ein Modermeer von Tümpeln und von Teichen, Als wollte sich zu Brei der Erebos erweichen. Schon mußten hin und wieder Matten und Faschinen Dem Fuß zum saubern Tritt, dem Weg zum Halte dienen, Und immer häufiger munkt ein Frosch und zischt ein Lurch, Wie sie geraden Wandels aufrecht zogen durch. Auflachend unwillkürlich hielt des Zuges Lauf. «Worüber lacht ihr?» forderte der König auf. «Wir schauen», riefen sie, «auf einem Unrathügel Gewichtig stelzend ein unsägliches Geflügel. Verbeugen voreinander sich mit Schnabelklappern, Und über alle Maßen albern schwätzt ihr Plappern.» Der König aber zog die Stirn in ernste Falten: «O lasset Lachen nicht, laßt lieber Grausen walten! Denn diese Vögel sind des braven Mannes Not: Wer nicht mit ihnen klappert, Amen: in den Kot.» Noch während er das sagte, schwirrt – ein endlos Heer – Das Ungeflügel schreiend durch die Luft daher: Wildgänse, Löffler, schmutzige Reigel und Harpyien, Die ihren bissigen Unrat nach den Göttern spieen. Dem guten Beispiel kamen Krähen nach und Dohlen, An Elstern fehlt es nicht, die schimpften unverhohlen Das piept und gackt und krächzt und kreischt und schnatterte. Und immer neues Sumpfgeziefer flatterte Herbei, und immer finstrer ward von Federvolke Die aufgeregte, haßempörte Lästerwolke. Betroffen sahn und traurig sich die Götter an: «Was haben diesen wir zu Leide denn getan?» «Brüder», erklärte Hades, «lasset euch verkünden: Der Hafersack der Bosheit läßt sich nicht ergründen. So harmlos wie ihr meint und wie der Anschein spricht, So harmlos aber sind die Lästervögel nicht. Ist jeder zahnlos auch und feig in seinem Hasse, Vereinigt sind sie eine mörderliche Masse. Sie würden nämlich ohne jegliches Bedenken, Glaubt mir, wenn ich nicht wäre, euch zu Boden stänken. Doch rufet ‹Hetzeviel› und zeiget in die Weite, So krächzen sie geschwind nach einer andern Seite.» Und so geschahs. Kaum daß sie riefen ‹Hetzeviel›, So krächzten sie davon nach dem gezeigten Ziel. Endlich nach einer langen, unnachsichtigen Stunde Verdroßnen Wandels in dem feuchten Pappelgrunde Und manchem Unmutseufzer neigte sich der Weg Entschiednen Ranks hinab zum Strom und Landungssteg. Vor ihren Augen lag das breite stygische Meer. Darüber krochen schwere Regenwolken her. Hart überm Spiegel strichen sie auf Hängebäuchen, Das Wasser säugend mit den plumpen Zitzenschläuchen. Kein Laut erheiterte die dumpfe Leichenstille, Und kraftlos trieb des zähen Stromes träger Wille. Nachlässig am Geländer lehnte männiglich, Ins Wasser starrend, das zu ihren Füßen schlich. Der Führer aber hob das Königszepter, schlug Zu dreien Malen durch die Luft es, Zug um Zug: Ein bläulich Feuer sprühte knisternd von der Spitze, Von drüben durch den Nebel grüßten Widerblitze, Und bald erschien, gedrängt von kräftigem Ruderstoß, Charons des tauben Fergen ungeheures Floß. Sorgsam betrat ihr feiner Fuß die schwanken Bohlen, Und sanft vom Ufer glitt das Schiff auf weichen Sohlen. Nur wenige Faden hatten sie zurückgelegt, Da schaute Hades ängstlich um sich, und erregt Ermahnt er die Genossen: «Ernstlich seid gewarnt Vor einem schlimmen Fallstrick, der uns hier umgarnt. Im tiefen Widerwasser, unter jenem Fels Schlummert ein Ungetüm, der fürchterliche Wels, Des Name heißt 'Gewesen'. Wenn der Wels erwacht, Begräbt er Floß und Mannschaft in die Wogennacht. Mit Wiegenliedern müßt ihr seinem Schlummer schmeicheln Und lautem Gähnen und dem Wels die Barten streicheln, Die er als Fühler tastend aus dem Wasser streckt. Doch weh uns allen, wenn ihn euer Schweigen weckt.» So sprach der König, angstvoll nach dem Felsen schauend. Die Pilger aber, seiner Einsicht klug vertrauend, Gehorchten seinem Rat. Und kaum daß sie die Barten Des Welses und der Fühler flaues Spiel gewahrten, Begannen zitternd sie die Taster ihm zu streicheln Und seinem Schlaf mit wiegendem Gesang zu schmeicheln, Und gähnten schaudernd, bis sie sattsam ihn betört Und aus dem Fluß ein schrecklich Schnarchen ward gehört. Aufatmend rief der König: «Brüder, wohlgetan! Nun aber ficht uns eine neue Fährnis an: Seht ihr im Mittellauf des Stromes, dort zur Linken, Die gelbe, kahle, langgestreckte Sandbank blinken? Verbergt, so lang es nicht zu spät, das Angesicht, Auf daß ihr ja zu eurem Leid und Schaden nicht Den Gründlingen der Wahrheit, den verruchten Rochen Ins Antlitz schaut, die, unterm Sande halb verkrochen, Worin sie sich ein Bett mit heftigen Schwänzen wühlen, Von Wind und Welle lüstern lassen sich bespülen. Denn wer aus Frevel oder Torheit sich vermessen, Die Rochen anzuschaun, der wird vom Wahn besessen.» Er sprachs. Sie aber folgten seinem Wort mit Sorgen Und hielten unterm Mantel weislich sich verborgen. Allmählich aber überschlich sie ein Gelüste, Ob auch die Rochen wirklich lägen auf der Küste Und ob sie wohl vielleicht mit Hörnern und mit Ohren Verunziert wären oder sonstwie mißgeboren. Den Mantel sachte lüftend, wollten durch die Luken Sie probehalber bloß ein wenig um sich gucken. Ihr Blick begegnete des Nachbars Augenrund, Das nach dem Eiland gaffte munter und gesund. Nun wagten gleichfalls sie verstohlen hinzuschielen. In Bälde ließen sie die Augen kecker spielen, Und da die Insel mittlerweile Stück für Stück Nach hinten schwenkte, drehten sie den Kopf zurück. Viel eher, als den Blick von dort hinwegzulenken, Ertrügen sies, sich Hals und Achsel auszurenken. «Vergebt mir», lächelte der König, «eine List, Die unumgänglich war und drum verzeihlich ist. Da keine Warnung jemals einer Torheit wehrt Und jeder, was man ihm verweigert, just begehrt, So warnt ich vor der Sandbank, die da liegt zur Linken, Berechnend, daß ihr alsdann dahin würdet blinken. Die echte Sandbank mit den Rochen aber war Zur rechten Seite. Dorther drohte die Gefahr.» Verlegen senkten sie die Stirn ob dieser Rüge, Und jeder segnete die wohlgemeinte Lüge. Indes das sichre Floß mit leichtem Schwebeschritt Des Stromes letzte Fläche schon behende schnitt. Doch wie nunmehr mit schnellem Schwunge pfeilgerade Das Fahrzeug zielte nach dem Tartarus-Gestade: «Teure Gefährten», warnte Hades, «habet acht Auf Cerberus, den Weghund, der am Ufer wacht. Denn keine Götter sind so heilig und so hoch, Er achtets für gering, er schnappt nach ihnen doch. Weil er vom Schwanz zum Maul, vom Scheitel zum Gekröse Ein pöbelhafter Köter ist, so frech wie böse. Ich meld euch, merket auf die Worte meines Mundes, Nunmehr die Falschheit dieses doppelköpfigen Hundes. Wer immer Cerberus zum ersten Male schaut, Ist von dem biedermännschen Burschen baß erbaut, Denn sieh, ein Lindhundantlitz, sanft und lobebar, Beut friedlich schmunzelnd er zunächst den Blicken dar, Aus dessen Lügenmaul, damit betört er jeden, Beständig träufeln honigglatte Ringelreden, Heuchelt von nichts als Nächstenliebe, Mild und Güte, Und jeder Tugend dient sein Maulwerk zum Gestüte. Auf daß euch aber solcher Singsang nicht verleite, Erfahrt: das alles ist allein die hintre Seite. Das Mildhundangesicht – ich sage, was ich weiß – Mit all den frommen Reden stößt er aus dem Steiß. Die Tatzen aber und den giftgeschwollnen Zorn Der wutverzerrten Raubtierschnauze hat er vorn. Doch seine Arglist, seine abgefeimte Tücke Erweist sich offenkund an diesem einen Stücke: Er wartet, bis, von seinem Redeschleim verführt, Der Wandrer tief im Innern weiche Rührung spürt, Bis daß ein unbestimmtes, schmerzlich wonnig Sehnen Ihm aus den Augen schmeichelt träumerische Tränen, So daß er, weil er nach verschwommnen Fernen schmachtet, Die Gegenwart nicht sieht und auf den Hund nicht achtet. Das ists, worauf er lauert; diesen Augenblick Benützt der Cerberus mit teuflischem Geschick. Mit einer Krabbenwendung, die sein Eigentum, Wirft unversehens er das Mordgebiß herum, Und ehe noch, vom Schreck betroffen und bestürzt, Du dich gesammelt, hat er dir ein Bein gekürzt. Und siehe, alldieweil er nach dir schnappt und beißt, Und was sein wölfisch Maul erreicht, in Fetzen reißt, Hält unverdrossen nach wie vor sein Hinterteil Unschuld und Biederkeit in dicken Haufen feil. Doch horch! Da riecht er selbst! Denn keinem andern Aase Gelingen solche Gase. Brüder, schützt die Nase!» Der König riefs. Und siehe da, am Ufer schwänzelnd Lag Cerberus, aus falschen Lichtern Willkomm glänzelnd. Und wie das Floß nun an die Landungsbrücke stieß Und männiglich das Fahrzeug nach und nach verließ, Begann ihm alsobald ein gleisnerisches Winseln Von Friedensbruderschaft dem Maule zu entrinseln, Bis daß sie allesamt – sie konntens halt nicht wehren – Vergossen weiche, wonnevolle Sehnsuchtzähren. In diesem Augenblick, mit einem Wipp und Sprung, Vollzog der Heuchler plötzlich die Verwandelung. Mit wutentbranntem Fauchen, Jappen, Brüllen, Bellen Versucht er hinterrücks geschwind ein Bein zu schnellen. Doch bald von Hades' Blick und Zepter eingeschüchtert, Erlahmte seine Wut, zu blasser Furcht ernüchtert. Größer und immer größer ward der böse Bogen, Den seine wölfischen Pfoten um die Wandrer zogen. Schließlich ersprang er einen sichern Simsensatz, Und da ihm Fleisch mißlungen, fletscht er zum Ersatz In jeden Flint und Kiesling rings um seinen Platz. Hades behielt ihn fest im Auge, und mit Schwunge Entfuhr das barsche Wort ihm drohend von der Zunge: «Ich bin kein Freund von Festen und von Becherlärm, Wo Afterfrohsinn rülpst ein gärendes Gedärm, Indessen, wenn aus Gnaden und Barmherzigkeit Des Schicksals mir dereinst der Meisterwurf gedeiht, In hochgemuter Jagd mit Rüden und mit Recken Den blutgen Lindwolf röchelnd in den Schilf zu strecken, Will ich drei Tage lang mit Prassen und mit Schlemmen Den ganzen Erebos vor Inbrunst überschwemmen.» Danach verließen sie die stygische Sumpfgemark Auf einem steilen Saumtierpfade, hart und stark. Bis daß nach mancher Windung um die Uferbucht Sich öffnete des Tartarus gewaltige Schlucht, Durchtost von milchigen Reußen, die, vom Berge sausend, Sich mengten mit dem Acheron, im Schachen brausend, Indes durch Höhlengassen, Kessel, Felsenbecken In Wirbelstrudeln zischte des Cocytus Schrecken. Von allen Hängen, allen Tälern schäumt und stäubte Ein flüssiger Donner, welcher Geist und Ohr betäubte. «Hier wachsen», lehrte Hades, «der Gefahren drei, Doch auch die Rettung sprießt dem Kundigen dabei. Die Furien erstens, welche über diesen Klausen Unnahbar in den Spalten schroffer Gletscher hausen. Sobald mit muntern Schritten, Blick und Haupt erhoben, Ein Wandrer nach dem Sonnenreiche strebt nach oben, Beginnen sie die Luft im Föhnsturm zu zerreißen Und turmeshohe Mauern auf den Weg zu schmeißen. Schleicht aber einer traurig talwärts umgekehrt, Gebeugten Hauptes, widerstrebend, gramverzehrt, Den lassen unbehelligt sie die Straße ziehn, Erfreut ob seinem Mißgeschick, und höhnen ihn. Drum kehrt euch heimlich um und gehet hinter sich Mit kläglichem Geschrei, gebückt und jämmerlich, Wie solche, die ihr Schicksal zu verwünschen scheinen: So werden sie, daß wir nach unten wandern, meinen. Zum zweiten, in dem Tale Thaumas alsodann Packt dich ein unerklärlich Seelengrausen an, Du hörst ein fürchterliches, geisterhaftes Schweigen. In hastigen Sprüngen müßt ihr jenem Tal entsteigen. Endlich zum letzten an der Lalologenbrücke Weist dir der Tartarus den Ausbund seiner Tücke, Wo weise Prediger und Lehrer viel gedeihen, Freundlich besorgt, dich in den Bach zu prophezeien. Denn also herrlich reden sie und überzeugt, Daß sich der Augenschein vor ihren Worten beugt Und, ob auch frei die Brücke liegt vor deinem Mund, Du hinter ihnen taumelst in den Klippenschrund. Die Brücke zu gewinnen wäre hoffnungslos, Wüchs nicht am Bergeshang vergnügt ein grünes Moos. Nimm handvoll von dem Moos und bohr dirs in die Ohren: Denn hörst du auf die Weisheit, schätz ich dich verloren.» So lautete die Warnung, die der Führer sprach. Sie aber kamen treulich seinen Worten nach, Im Tal der Furien heimlich schleichend hinter sich, Mit kläglichem Geschrei, gebückt und jämmerlich, Im Tale Thaumas hastig aus dem Schrecken springend, Dann mit dem grünen Moos die Weisheit überzwingend. Endlich, in einem schauerlichen Felsengrab, Wo Fluh an Fluh vom Himmel lotrecht fiel herab, Hielt an der König, wandte feierlich sich um: «Dies ist der Markstein», sprach er, «hört mich an darum: Heimlich durch diese Hochfluh führt ein Höhlengang. Ungastlich ist des Berggeists nächtlicher Empfang. Doch kaum daß seinem Atem ihr entronnen seid, Steht ihr im lichten Tag, erlöst, erstaunt, befreit. Von einem mächtigen Berge seht ihr euch umstellt, Der heißt der Morgenberg und steigt zur Oberwelt. Den greifet an. Doch fordert er Geduld und Weile. Und dieses sind des Berges drei geschiedne Teile: Der erste schließt mit einem felsdurchwühlten Graben Im Wald, wo Steinlawinen ihre Straße haben: Das ist die Spur, auf welcher, vom Olymp verbannt, Die flüchtigen Götter taumeln in mein finster Land. Erfahrt von mir des Durchgangs einzige sichre Stelle: Ihr findet sie, merkt auf, bei einer Doppelquelle, Die ist gefangen in ein hölzern Brunnenhaus. Dort steiget in den Graben ein und wieder aus, Doch laßt euch warnen, Freunde, laßt euch ja beschwören: Zwiespältig springt der Quell, und zwiefach sind die Röhren. Daß ja mir keiner von der obern Röhre trinke, Mit Namen 'Ungern', daß er nicht in Gram versinke. Doch von der untern trinke jeder, dens vergnügt. Und wenn vielleicht durch Zufall sichs zusammenfügt, Daß eben, während ihr den Graben überschreitet, Das Volk des flüchtigen Kronos durch das Steinbett gleitet, So dürft ihr nicht mit Wechselreden euch verträumen Und ihren bittern Klagen Ohr und Mitleid räumen. Verkalkter Groll in junge Hoffnung tut nicht gut, Und selber zum Genuß des Glücks bedarf man Mut. Beachtet diesen Rat, ich sags zu eurem Heil. Genug davon. Des Morgenberges zweiter Teil Führt über Weid und Alp bis unterhalb der Erden, Ohne Gefahr und ohne Mühen und Beschwerden; Es wäre denn, ihr hättet etwa euch verträumt Am Rand des Grabens oder anderswie versäumt. In diesem Falle könnt euch auf den kahlen Heiden Der Mittagssonnenglast den Wandermut verleiden. Zum letzten taucht der Berg in einen Eichenwald, Der einem Gürtel gleich die Erde rings umschnallt. Geheimnisvolle Höhlen sind darin und Grotten Mit ungeheuren Wundern, die des Glaubens spotten. Dort zähmt den Blick und folgt allein den hurtigen Füßen. Mit Herzenselend würdet ihr die Neugier büßen. Das also ist es, was der Morgenberg enthält. Über dem Eichwald steht ihr auf der Oberwelt, Auf einer Staffelwiese oberhalb der Erden. Dort findet ihr den Herold mit den Flügelpferden, Die euch in hochgemutem Ritte sonder Fährden Zu Uranos, der euch erwartet, tragen werden. Dort in des Himmelskönigs strahlendem Palast Erruht und haltet bis zum andern Abend Rast. Denn nicht geziemt euch, ungeehrt und unbekannt Mit staubigen Wanderkleidern und mit leerer Hand Gleich Bettlern, die zur Nachtzeit um den Kreuzweg streichen, Von Erden her demütig zum Olymp zu schleichen. Nein, wer die Amazonenkönigin will frein, Muß herrlich scheinen und vom Ruhm verkündet sein. Also vielmehr bestimmt der hergebrachte Brauch, Ehrwürdig durch sein Alter und verständig auch: Vom Himmel hoch in festgeschmücktem Wolkenschiff, Mit Volksgeschrei, Trompetenschall und Adlerpfiff, Von Uranos begabt mit fürstlichen Geschenken, So soll die Einfahrt jubelnd zum Olympos schwenken. Der Umweg durch den Himmel wird euch schwerlich reuen; Mag sein, von dort der Abschied wird euch minder freuen. Dies, liebe Brüder, laßt euch auf den Weg empfehlen. Doch sollt auch einer dies versehen, das verfehlen, So hats nicht große Not. Denn Glück, wills einmal glücken, Hat einen weiten Arm und einen breiten Rücken. Der Witz der Weisheit ist, daß einer, wenn er stolpert Und aus den Brombeern strauchelt, in die Himbeern holpert. Drum, was sich auch ereigne, laßt euch nicht verdrießen, Die Uhr schlägt Hochzeit, alles muß zum Heil euch sprießen.» Mit diesem schloß er. «Wehe, willst du uns verlassen? Wie können, Gnade!» ächzten sie, «den Mut wir fassen, Einsam das unbekannte Jenseits anzusteigen? Wer wird den Weg uns weisen und die Richtung zeigen?» «Getrost! Gleich wie die Nadel, die nach Norden zittert, Nicht irre geht, weil sie den Pol der Heimat wittert, So zielen Götterschritte nach dem Weltenfirst. Es zieht dich, lenkt dich, eh dus spürst und inne wirst.» Er sprachs. Und als der Abschiedsgruß erledigt war, Trat er zur jachsten Hochfluh mit der Götterschar. Und einen glatten Fleck, wo Kunst den Felsen schliff, Ersehend, übt er einen klugen Fingergriff. Da tat sich auf ein Tor im Stein. Ein Moderhauch Traf feindlich an ihr Antlitz aus dem Bergesbauch, Indes ihr scheuer Blick mit Bangen und mit Zagen Den Eingang prüfte nach dem schwarzen Felsenmagen. Zur Seite rückend, rief der König: «Ziehet ein!» Da duckte sich des Zuges Schlange in den Stein. Hinter dem letzten schlug des Tores wuchtiger Fall, Und polternd durch die Höhle floh der Widerhall. Zweiter Gesang Den Morgenberg hinan                     Mühselig kroch die Reise durch den finstern Schlauch. Heißer und heißer ward des Berges giftiger Hauch, Den des beengten Busens hastige Atemwogen, Betört vom Lebenshunger, allzugierig sogen. Vergebens kämpfte mit dem unheilschwangern Dampf Die tapfre Seele wacker den verlornen Kampf. Schon unterwarf sich das Bewußtsein. Machtlos kochte Das Herzblut den gefälschten Sprudel. Kaum vermochte Im Scheiden noch von fern ein schwaches, dünnes Denken Stammelnd des schwanken Fußes Taumelschritt zu lenken – Da stach ein scharfer Strahl, umzuckt von wildem Schimmer, Züngelnd die schwüle Nacht. Ein nüchtern Blitzgeflimmer Beleidigte das Auge. Durch die dumpfe Gruft Fegte mit kalter Faust die kecke Tagesluft. Die Mauer wich. Der Berg entsprang. Mit einemmal Umglänzte sie ein hochauflachend Frühlingstal, Gedämpft von einer trocknen Sonnennebelschicht, Durch die des Himmels Krone dämmernd kam in Sicht. Jetzt ließen sie den Blick mit andachtvollem Schweigen Aufwärts in schwindelhohe Himmelsfernen steigen, Der immerfort nach einem höheren Zenit Durch heitern Dunst in neue Weltenräume glitt. Kein Lüftchen blies von dieser oder jener Seite, Und immer größer wuchs des Himmels Kuppelweite. Mitunter prüfte der und jener unverwandt Den lauen Lenzeshauch mit ausgestreckter Hand. Und wie nun eine lange Zeit unausgesetzt Der Finger ward von keinem feuchten Dampf benetzt Und, ob auch gänzlich frei und bloß und unverteidigt, Von keinem Nord, von keinem Windstoß ward beleidigt, Da gab mit stillem Lächeln mancher blasse Mund Dem Nebenmann die Wunderzeitung selig kund. Und jeden sah im Kreis ein jeder forschend spähen, Ob sies auch sämtlich merkten, alle wirklich sähen. Und wie sie so mit unbeholfnen Wonnelauten Einander hin und her ins bleiche Antlitz schauten, Da wars, als ob sich eine fremde Kruste sachte Von ihrem Urteil löste, das erstaunt erwachte. Zum erstenmal vernahm ein jeder nicht allein Sich selber, sondern merkt ein traut Zusammensein, Spürte verwandtes Fühlen schüchtern ihn umwinden Und ahnte seinen Bruder gleichgestimmt empfinden. Und wie der Blick, wenn nur das Herz die Fühler streckt, Die Tugend eines andern leicht und gern entdeckt, So fingen sie, von alter Blindheit nun genesen, Wohlwollend an, das Bild des Nächsten abzulesen: Und siehe da, es war ein ausgesuchter Adel Von Göttinnen und Göttern ohne Fehl und Tadel. Wer wars gewesen, der den ersten Anstoß gab? Kein Zeichen winkte, keines Führers Hand und Stab, Nicht Wille, weder Überlegung war dabei: Plötzlich mit einem hundertstimmigen Freudenschrei Fand jeder schluchzend sich an eines andern Brust. Das war der Freiheit Morgengruß und Erstlingslust. «Aufwärts! gen Himmel!» Wie Fanfarenschmettern klang Das kühne Feldgeschrei. Dem nächsten Bergeshang Entgegen schwärmten jetzt in regellosem Lauf Mit ungeduldigem Eifer alle stürmisch auf. Kaum waren von den vordersten die ersten Stufen Gewonnen, als auch schon von mannigfachen Rufen, Von Freudenschreien, Jauchzern und erstickten Worten Ein Jubeltaumel sieh erhob, weil allerorten Zu gleicher Zeit sie winzige Wunder viel entdeckten, Die ihrem Staunen riefen und Bewundrung weckten. Seis nun ein würzig Kräutlein, das der eine fand, Seis ein bemooster Stamm, ein Busch am Wegesrand, Vielleicht ein Käfer oder auch ein bunter Stein, Das Auge reizend mit metallischem Glimmerschein: Was nur der Blick erreichte, ward dem Herzen teuer, Und jedem Schritt und Tritt gedieh ein Abenteuer. Und da des Weges Laune bald den dichtgescharten Heerhaufen lockerte, so daß sich Trüpplein paarten Und Gruppen sonderten, die dann als Weggenossen Hinfort der Wallfahrt Lust und Leid vereint genossen, Einander hin und wieder Helferdienste leistend, Den Scherz erlaubend und des Neckens sich erdreistend, Ward, was erst eitel Zufall war, Gewohnheit dann, Woraus die Stunde zarte Freundschaft heimlich spann. Bald mochte keiner seinen trauten Nachbar missen, Noch einen Neuling an der warmen Stelle wissen. Und köstlicher als geizgen Vorteil einsam dulden, Erschien es jedem, Dank zu ernten und zu schulden. Darob geschah es, wenn das Wort erscholl: «Zu mir, Du mein Getreuer!» oder: «Hier! dies bring ich dir!», Daß Zweifel oft entstand und Täuschung allerhand, Weil jeder solchen Lockruf auf sich selbst verstand. Nun ließ das Spiel des Irrtums Überlust entfachen, Und rein und klar erklang ein morgenfrisches Lachen. Genesung quoll und Jugendkraft aus diesem Born, Und der verwundnen Kümmernis entfiel der Dorn. Je länger über weiche Wasen, rauhe Rigen In schrägen Schraubenzügen sie dem Tal entstiegen, Je flinker förderten die Schritte, deren Flug Des Leibes leichtre Last aufschwingen spielend trug. Öfter und öfter durch des Nebels Heiternis Grüßt eines nahen Berggewaltigen Schattenriß, Indes vor ihrem Fuß ein wühlend Schleierwallen, Ein heimatloses Wolkensteigen, Wolkenfallen Den Pfad verdüsterte. Doch aus den Wolken taute Ein feines Sprühgold, das ein nahes Feuer braute. Sieh, da erklärte sich in strahlendem Azur Plötzlich ein Gärtchen fleckenloser Himmelsflur. Und still und ruhig rollte durch die blumige Blöße Das goldne Sonnenrad in selbstzufriedner Größe. Da, während alle ehrfurchtsvoll verstummten, sprang Aus unbewachtem Munde vorschnell der Gesang: «Wer bist du, hohes Wesen, freundlich und erlaucht, Das Berg und Tal zumal in goldnen Frohsinn taucht? Vom Himmel fern in stolzer Abgeschiedenheit Malst du das Weltall mit geschmolzner Seligkeit, Erfüllst mit süßem Inhalt den verdroßnen Raum, Und Schein und Wesen einigst du versöhnt im Traum. Mit welchem Gruß und Namen soll ich dir begegnen? Ich weiß es nicht, doch deine Werke laß mich segnen.» Und eine zweite Stimme übernahm das Wort Und sang den dankbeseelten Hymnus also fort: «Es bebt mein Mund, Anbetung will ich gläubig bringen, Ein einfach Lied aus trunknem Herzen will ich singen: Als ich gefangen lag im finstern Kerkerschacht, Betäubt vom dumpfen Schlaf und der Verzweiflung Nacht, Da wähnt ich, also mochte meiner Trübsal scheinen, Die armen beiden Augen hätt ich bloß zum Weinen. Nun glaub ich ihre Meinung besser zu verstehn: Viel tausend frohe Wunder kann ich staunend sehn, Wohin die Spieglein blinken und die Wimpern winken, Und lichtdurchglühte Farben darf ich durstig trinken. Wie auch dein Name laute, der dir ward gelost, Mit meinem Munde sollst du heißen 'Augentrost'.» Und eine dritte Stimme rief: «Ich schaue wahr, Ein Traumgesicht, ein Sinnbild wird mir offenbar: Ein Blitzstrahl übersprang des Himmels Säulenhaus. Den Strahl zu jagen lief die junge Iris aus. Sie hüpft ihm hitzig nach mit Köcher, Pfeil und Bogen, Da kam ein Knab auf goldnem Wagen hergezogen, Hielt an die Rosse, fing den Blitz mit hurtiger Hand, Schwenkt ihn ums Haupt und schwang ihn lachend überland. ‹Nun magst du deine Kunst erproben, feines Kind, Ob dir die Augen klar, die Pfeile trefflich sind.› Der Pfeile sieben standen Iris zu Gebot, In lustigen Farben prangend, blau und grün und rot. Sie zielte, ließ die klugen Augen ruhig walten, Und siebenmal vermochte sie den Strahl zu spalten, So daß ein wundersames Flammengarbenmeer Die rot und grünen Ähren spritzte rings umher. Da war des farbigen Weizens viel im Weltall feil, Und jeder kam und nahm und holte sich sein Teil.» Also frohlockten sie. Und in die wonnige Bläue Versenkten sie die durstigen Blicke stets aufs neue. Bis daß des Nebels neidischer Zahn die Farben fraß. Da machten sie sich auf und wandelten fürbaß. Und weiter über weiche Matten, rauhe Rigen Folgten gesprächig sie des Berges luftigen Stiegen. Da unversehens bot ein ungeschlachter Stutz Mit klotzigem Steingetrümmer ihrem Fortschritt Trutz, Und statt des fröhlichen Lustwandelns jetzt begann Ein mühevolles Klettern durch Gestrüpp und Tann. Erst gings durch Krummholz, Ginster und Wacholderborst, Dann durch den Busch, hernach in einen Fichtenforst. Und immer schroffer ward die Halde. Oft durchbrachen Den Waldpfad wilde Tobel und zerrißne Krachen. Plötzlich geschah ein Ruck, ein Halt, ein Rückwärtsstoßen Der Vorhut. Scheuer Warnruf, wie vor einem großen Ereignis oder Schauspiel, schrecklich und erhaben, ; Ward laut. Und siehe da, ein schauerlicher Graben, Ein scheußliches Lawinenbett, ein steinern Meer Fiel durch den jähen Waldhang schräg vom Himmel her, Als hätten böser Geister teuflische Gewalten Mit Höllenzaubermacht den Berg entzweigespalten. Granit und Schiefergneis, der Vorzeit weiße Knochen, Lag allerorts zu Tag, geschändet und gebrochen. Gespenstige Mispeln hingen übers Tannenbord, Und der gigantische Leichnam redete von Mord. Kein andrer Laut, als tief im Schachen Wasserrieseln, Ein Rascheln unterm Laub, ein Rasseln in den Kieseln. «Versteht ihr diesen Graben? Kennt ihr diesen Bruch?» Rief eine Stimme, «und gedenkt ihr Hades' Spruch? Das ist die Spur, wo, von Anankes Faust zerschmettert, Der Sturz der flüchtgen Götter in die Tiefe wettert. Drum auf! Ob einer wohl die Brunnenstube findet, Von wo ein sichrer Fußsteig sich hinüberwindet, Die Stube mit den beiden Quellen, zweien Röhren. Doch laßt euch warnen, Brüder, laßt euch ja beschwören, Daß unser keiner von der obern Röhre trinke Mit Namen 'Ungern', daß er nicht in Gram versinke.» Und als sie über kurzem nun die Durchgangsstelle Richtig erspürt, am Brunnen mit der Doppelquelle, Da ließ von allen auch nicht einer sich betören, Zu trinken von dem obern Rohr der beiden Röhren. Sie tranken von dem untern. Dann ums Brunnenhaus Bequem sich lagernd, ruhten sie ein Stündchen aus. Sieh, an der Brunnenstube und der Bank davor, Desgleichen an den Stämmen rings am Waldestor Waren viel feine Wörter kunstvoll eingegraben. Was sagen sie? Wer mochte sie geschrieben haben? Und wie sie nun mit mählich wachsender Begierde Enträtselten der saubern Runenzeichen Zierde, Da warens der erlauchten Götter Eigennamen, Die einst mit Kronos hier vorbeigeschritten kamen Im Aufstieg zum Olymp, Hoffnung und Mut voran, Wie jetzt sie selbst; man sahs den kräftgen Zügen an. Und also deutlich war die Schrift und frisch geblieben, Als hätten junge Hände gestern sie geschrieben. «Kommt, laßt uns forschen», meinte einer, «welcherlei Des Götterkönigs Kronos eigner Schriftzug sei.» Endlich auf einem weitentlegnen Tannengrotz Entdeckten sie das Denkmal. Selbstgefühl und Trotz Verriet die Handschrift, welche keiner andern glich. Darunter zur Behauptung saß ein Willkürstrich. Erst einer, dann ein andrer folgte allgemach Und bald die ganze Pilgerschar dem Beispiel nach. Mit Dorn und Stachel, scharfen Stein- und Eisenspitzen Gefiel es jedem nun, sein Lautbild einzuritzen. Hierauf, nachdem sie kunstbewußt und frohgelaunt Das fleißige Händewerk bewundert und bestaunt: «Wes Name nun», fiel eine Stimme vorlaut ein, «Wes Name wird des künftigen Königs Machtwort sein?» Es war kein Arg dabei, es stammte nicht vom Übeln, Doch trafs wie giftiger Schlangenbiß. Ein grollend Grübeln Durchlief die Mannschaft. Seinen Nachbarn anzuschauen Vermied das schuldige Auge. Fort ist das Vertrauen. Den künftigen Nebenbuhler, seinen heißen Feind Wittert in jedem jeder. Hohn zu bieten scheint Des Nächsten Stirn. Und unter Wimpern, jüngst noch naß Von Freundschaftstränen, züngelt jetzt der erste Haß. Da trat mit strengem Blick und hoheitsvollem Schritte Irene strafend in der neidischen Männer Mitte. Vor ihrer Schönheit Adel wichen sie betreten, Und der beschämte Zorn besann sich, anzubeten. Doch auf die Schultern jeglichem der Reihe nach Die schmalen Hände legend, hub sie an und sprach: «Ei welch ein tadelnswürdig Werk, so unbesonnen Wie ungerecht wird hier vom Unverstand begonnen! Ist jetzt zum Hadern Anlaß und zum Zanken Zeit? Meint ihr vielleicht durch Aufschub die Gelegenheit Der Zwietracht zu verspäten oder zu versäumen? Geduld! In wilden Wogen wird sie überschäumen, Sobald wir unserm hohen Reiseziele nah. Denn wo die Braut zugegen, ist die Mißgunst da. Eh daß wir aber am Olympos angekommen, Laßt uns den heiligen Frieden unverkümmert frommen. Was zaudert ihr? Herbei! Der Torheit macht ein Ende! Zum Friedensschwure reichet euch geschwind die Hände!» Ungerne boten zögernd sie die Rechte dar. Doch als das Friedensbündnis kaum geschlossen war, War jeder heimlich froh, des Hasses Müh und Pein Und segensloser Arbeit frei und los zu sein. Nach diesem unternahmen sie den Übergang In langer Zackenlinie, wie der Pfad sie zwang. Des Weges Platten, wie vom Mühlstein glattgemahlen, Erwiesen rundlich sich vertieft zu hohlen Schalen. Doch nicht vom Mühlstein, von den ungezählten Tritten Der Götter, die seit Ewigkeit hindurchgeschritten. Ein Wort, ein Seufzer rief: «Wie ist die Welt vom Alten! Für welchen Jammer hat sie Raum bereits enthalten!» Und aus dem Schachen kams, als ob das Echo brüllte: «Kein Raum von Ewigkeit, den nicht der Jammer füllte.» Da fuhr ein Schrecken in den Haufen. Und vom Sporn Der Furcht gestachelt trieben hastig sie nach vorn. Nun wars getan und überstanden die Gefahr. Schon auf des Dammes Höhe stand die erste Schar Wartend versammelt. Selbst dem Hintersten gelang Der sichre Schlupf hinüber nach dem Überhang. Indessen an der Böschung schrägem Bord die meisten Im Zick und Zack, behutsam kletternd, aufwärts reisten. Und alle mochten öfters rückwärts blickend zaudern, Um noch ein letztes Mal zu grausen und zu schaudern, Da horch! Ein Lärm vom Wald hernieder und Getöse! Als ob des Berges Oberhaut sich schelfernd löse, Fegte von Staub und Granden eine wüste Wolke Vorbei, gefolgt von Tritten wie von vielem Volke. Und flutend durch des Grabens Steinbett wogten, gossen Sich die entthronten Götter, Kronos' Leidgenossen, In langen Strömen. Füßescharren, Stimmenschwirren Entheiligte den stillen Wald und Waffenklirren. Kaum daß den Brunnen sie gewahrten, stürzte ächzend Das Flüchtlingsvolk hinzu, nach Wasser gierig lechzend. Doch niemand warnte sie, kein Führer war zur Stelle Mit klugem Rat. Sie tranken aus der schlimmen Quelle, Vom obern Brunnenrohr. Doch wer da kaum getrunken, Der warf sich jammernd auf den Boden, gramversunken. «Holla! Blickt auf! Schaut hin nach oben!» Also dräute Ein zorniger Ausruf. «Seht mir jene rohen Leute Dort überm Damm des Grabens, welche, wenn wir weinen, Gelassen sind, und wenn wir fallen, standhaft scheinen!» Die Stimme riefs. Stracks fuhr die Menge auf und starrte Zum Damm empor, als ob ein Truggespenst sie narrte. Doch als allmählich sie die Vettern und Verwandten Am göttlichen Gepräg und hehren Wuchs erkannten Und wohl vermuteten, wohin die Reise zielte Und wie das Auf und Ab im Gleichgewicht sich hielte, Da trübte sich ihr Blick, und traurig hielt umschlungen Der Freund den Freund, der Ohnmacht inne und durchdrungen. Und zu den neuen Göttern huben an die alten: «Ihr also wollet nun an unsrer Stelle schalten? Auf unsre Stühle wollt ihr euch gemächlich setzen? In unsern Betten euch am Liebesrausch ergötzen? Und an den Kelch, drin unsre Abschiedsträne rann, Setzt schmunzelnd ihr zum Schmaus die Lippe schmatzend an?» Und zu den alten Göttern redeten die neuen: «Herzliebe Vettern, Gift auf seine Schwären streuen Heißt nicht Arznei, und keine bösern Augenwunden, Als einem Glücke nachzuschauen, das entschwunden. Wir lagen stöhnend in der finstern Kerkernacht, Dieweil euch Sonnenschein und Lust und Licht gelacht. Nun möget ihr den Schmack der Unterwelt erproben, Uns aber schwingt Anankes Schaufel heut nach oben. Die Räder drehen sich, das ist der Unterschied. Der steigt, der fällt; und was geschehen muß, geschieht.» Die alten redeten: «Wir wollen euch nicht schelten. Und euer Heil und Wohlergehen soll uns gelten. Doch glaubt mir: häßlich grinst im Alter und Verderben Der Jugend Lebensdurst und das Gesicht des Erben.» Hierauf, um ihres Falles Größe zu beweisen, Begannen sie die einstige Herrlichkeit zu preisen, Von mutiger Taten Glanz und Heldenlust erzählend, Den Groll des Flüchtlings mit dem Heimatweh vermählend. Sie mochten gern des Bechers letzte Neige schlürfen, Um nur den heimatlichen Schatten nahn zu dürfen, «Denkst du daran?» «Weißt du noch damals?» Und so weiter Auf der Erinnrung goldner Märchenstufenleiter, Gnädig belächelnd, was sie litten, fehlten, träumten. Doch unerträglich brannt ein Glück, das sie versäumten. Und eine blaue Riesenblume reichten stumm Mit ehrerbietigen Fingern sie im Kreis herum. Wer immer sie empfing, der beugte fromm ein Knie, Sog ihren würzigen Wohlgeruch und küßte sie. Doch wer die Blume weitergab, versteckte sich An seines Nachbarn Brust und weinte bitterlich. Doch siehe, welch ein Wunder, seltsam zu erwähnen! Es malte sich im reinen Spiegel ihrer Tränen Der funkelnde Olymp im Mantel seiner Wälder, Der Erde farbige Fluren und besonnte Felder Und der gewirkte Teppich der erlebten Zeit, Von Mnemosynens Hand gesegnet und geweiht. Und also innig war das Tränenbild und traut Und so mit andachtschwerer Traurigkeit betaut, Daß ihres Abschieds edle, seelenvolle Leiden Die neuen Götter meinten schmerzlich zu beneiden. Und Schar um Schar und Trupp um Trüpplein kam gegangen, Und alle blieben klagend an dem Klumpen hangen. «Der Seher naht!» erscholl ein Mahnruf. Schnell entrafften Sie sich zu beiden Seiten, und die Reihen klafften. «Der Seher Orpheus!» so erläuterte ein Mund Und gab des Schreckens Grund und Anlaß also kund: «An Harm ein Kind, an Schuld ein Mägdlein ist fürwahr Der Seher, aber grauenvoll sein Augenpaar. Sie können nicht aufs Nahe, nicht aufs Kleine zielen, Nicht hierin oder dorthin mit den Äpfeln spielen. Sie starren, scheinbar auf ein fernes Ziel gerichtet, Doch einwärts blickend, wo die Seele denkt und dichtet. Von dorther aber dringt der Blick durch Erz und Stein Ins Mark der Welt, ins Herz der Ewigkeit hinein, Vernimmt, wo unterm Lärm des Tags die Wahrheit heckt Und wo das Unsichtbare seine Scham versteckt. Aus Wald und Feld, woraus die stumme Gottheit stammelt, Aus jedem Weltenkehricht, den der Zufall sammelt, Vermögen Orpheus' wundersame Seheraugen Den Saft, den Geist, den keimenden Gehalt zu laugen.» Und während er noch sprach, da wankte weltvergessen, Dem Kranken ähnlich, der, vom Fieberwahn besessen, Vom Lager heimlich flieht, doch nimmt sein Fieber mit Und wandelt durch die Gassen mit Dämonenschritt: So taumelte gespenstisch Orpheus jetzt daher Im wahrheitstrunknen Rausche, ernst und bilderschwer. Jetzt hielt er an, starrt in die Ferne, kehrte sich Nach allen Seiten, dann begann er feierlich: «In diesem Stein, in jenem Felsen kann ichs lesen: Eh daß ich war, so bin ich früher schon gewesen. Hei, wie das Bild sich klärt! Wie Licht an Licht sich setzt! Am Anbeginn der Welt, da steh ich grausend jetzt. Wie sie geschah, woher des Übels Ursprung sei, Verhüllt sich meinem Blick. Allein ich war dabei. Ich war dabei! O Wunder über Wunder! Weh! Ich wittre Schöpfungsluft! Ich riech ein ewig Weh! Ob Unglück, ob Verbrechen, will sich mir nicht weisen: Das Zarte unterliegt, und Obmacht hat das Eisen!» Er riefs und schwieg erschöpft. Gewöhnlich und gering Erschien sein Anblick, als er jetzt von dannen ging, Der Leier ähnlich, wenn der letzte Ton erlischt, Dem grauen Feuerkrater, wenn er ausgezischt. Erschüttert aber sannen sie dem Seher nach. Wie wenn an eines Kranken Schmerzenslager jach In all das kleine Jammern und verzagte Hoffen Von Vaterlandsgefahr der Donnerkeil getroffen, So schauten sie nach dem Entschwundnen unverwandt, Ein Unheil ahnend, das die Schwingen weiter spannt. Danach versuchten sie mit lautem Lamenteien Die Last zu heben und den Schmerz zu überschreien, Vom Trost des Sterbens und von ewiger Ruhe sagend Und ihres Leibes Unzerstörbarkeit beklagend. Da trat, leichthin gestützt auf eines Stockes Knauf, Von oben her ein Mann mit stolzem Antlitz auf. Zuerst beliebt ihm, mit gezwinkten Augenbrauen Das ungebärdige Volk verächtlich anzuschauen. Hernach begann er: «Brüder, göttlichem Geschlecht Ist Jammern nicht erlaubt, und Klagen ziemt ihm schlecht. Dergleichen überlasset jenen, die auf Erden Mit einem fluchbeladnen Leib geboren werden: Dem Menschen, dem der Körper von der Seele fault Und der nur lebt, indem er täglich Speise mault; Den Tieren, die der Drang des Hungers morden heißt, Daß eins das Fleisch dem andern von den Lenden reißt. Wie hoch auch einem Irdischen der Flug geglückt, Vom Tode wird sein Körper und sein Geist zerstückt. Uns Götter aber, lichtgebaut und schöngetan, Uns ficht des Schicksals Feindschaft bloß von außen an. Anankes Machtspruch selbst, trotz seiner Allgewalt, Vor unsrem Körper macht er notgedrungen Halt. Er kann uns nicht in unsre ewige Seele langen, In Glück und Unglück bleibt mein Geist zusammenhangen. Prometheus heiß ich. Was mir außen widerfährt, Ob Lust ob Leid, das acht ich nicht bemerkenswert. Der Wert, der Stolz, das Selbstbewußtsein wohnt mir innen. Ich hab ein Schloß aus Luft gebaut mit Turm und Zinnen, Ein Tausendwundergarten ist darum geländet Auf dreizehn Bogen. Zwölf der Bogen sind vollendet, Den letzten, schönsten Bogen aber werd ich biegen, Wenn wir gefangen in des Hades Kerker liegen. Wie eng er sei, er muß dem Geist ein Plätzlein räumen, Und wenn der Schlaf mich zwingt, je nun, so werd ichs träumen.» So sprach er, und getrost, das Antlitz frei und hell, Begab er sich hinunter nach dem Brunnenquell, Wusch ruhig sich die Finger, netzte sein Gesicht, Doch aus der falschen Brunnenröhre trank er nicht. Dann zog er lässig schlendernd weiter seine Bahn, Als ging sein Weg das Schicksal, nicht ihn selber an. «Der König naht! Des Kronos heilige Majestät!» Man rufts, man wiederholts. Das Göttervolk gerät In ehrerbietigen Aufruhr. Wiehern, Harnischrasseln Klingt dröhnend aus dem Wald. Ein klatschend Steineprasseln Durchläuft den Graben. Endlich naht auf hohem Roß Er selbst, Kronos der Herr, mit seinem treuen Troß. Ingrimmig schüttelt er den trotzigen Löwenkopf. Quer liegt sein blankes Richtschwert überm Sattelknopf. Mit fester Rechten hält ers, die zur Faust sich ballt, Mit ungestümen Griffen, die der Jähzorn krallt, Indes an Arm und Bein ihm weise Tröster hangen, Die seinen Grimm zu mäßigen sich unterfangen. Sie predigen heftig Sanftmut, eifern für Geduld. Darüber schüttelt er das Haupt vor Ungeduld. Wie sehr sie ihm Vernunft beweisen und verbürgen, Er glaubts, er schlingts, allein er kann es nicht verwürgen. Jetzt nimmt sein Herrscherblick die neue Götterschar, Die überm Bord des Grabens lauert, plötzlich wahr. Da übermannt ihn alt und neue Wut zumal, Und auf der Stirn die Narbe, das gewisse Mal Unter der Haut, das wulstig aus dem Balg ihm quillt, Sobald von jähem Zorn gepeitscht die Ader schwillt, Ein wundersames, nur ihm selber eignes Zeichen: Ein Wappen, zwei gekreuzten Schwertern zu vergleichen – Dies Mal erscheint auf seiner Stirn jetzt blutigrot, Und seine wildbewegten Nüstern schnauben Tod. «Ha! lustig! lustig!» knirscht er, in die Lippen beißend Und seine ungelegnen Tröster von sich schmeißend: «Greift zu! Ahei! ist Kronos also schon verachtet, Daß jeder Fant nach meinem Thron und Erbteil trachtet? Bin ich ein Hund? Bin ich vertiert? vermenscht? entgottet, Daß man mir steht, daß meines Königszorns man spottet? Ich weiß mich unbesiegt. Mich fällte bloß Verrat, Des Schicksals Hinterlist, der Tochter Missetat. Noch ist es Zeit, die Macht der Meuterer zu brechen, Und niemals ists zu spät, den Muttermord zu rächen. Sagt! Brüder! Wolltet ihr die Mannheit eurer Ahnen Verleugnen und das Blut der trotzigen Titanen? Was gilts? Eh will ich den Olymp im Sturm erreichen Als jene Diebe, die mir nach dem Erbteil schleichen.» Der König riefs, und einsam, ohne umzuschauen, Als einer, der gewohnt ist, blindlings zu vertrauen, Daß ein Befehl geschehe, den sein Wille kürt, Und daß ein jeder schleunig fahre, wenn er führt, Ritt mit gezücktem Schwert er jetzt voraus und stürmte Zum Wald zurück, der steil ob seinem Haupt sich türmte. Sie zauderten zunächst. Dann sprang ein erster nach. Ihm folgt ein zweiter. Schließlich bröckelte und brach, Vom Beispiel angespornt, der ganze Heereswurm Mit drohendem Getümmel bergwärts auf zum Sturm. Und gleich als ob der eignen Stimme Kriegsgeschrei Bürgschaft gewährte, daß der Sieg gesichert sei, Versuchten sie mit lautem Toben und Juchheien Die Furcht zu fesseln und die Hoffnung zu befreien. Schon sah die ersten man vom Wald frohlockend grüßen, Da regte sich, von tausend rücksichtslosen Füßen Beleidigt, der ergrimmte Boden. Sand und Gries Empören sträubend sich. Lebendig wird der Kies. Im Aufruhr trommelt das Gestein. Auf einmal bricht Heimtückisch eine breite Schotterhagelschicht Schauernd zu Tal. Darob beginnt ein wild Gewimmel, Ein flutendes Gewühl. Der Berg, der Wald, der Himmel Scheint Haupt und Fuß zu heben, wie zum Wandern schlüssig – Und alles zieht und flieht, und jedes Ding wird flüssig. Urplötzlich kommt auf sausendem Lawinenschlitten Ein Wirbelsturm von Blöcken donnernd abgeritten. «Nicht also!» ruft es, «weh mir!» «Hilfe!» Tausend Kehlen Zetern und kreischen, schelten, bitten und befehlen. Umsonst. Des Halts verlustig und vom Unterstrudel Der Laue fortgerissen, stürzt, ein wehrlos Rudel, Des Kronos Heer, das eben noch, vom Trotz besessen, Anankes Schicksalskeil zu brechen sich vermessen, Lautlos, umwälzt von einer flüchtgen Felsenmasse, In tollen Kreiseltänzen durch die Todesgasse. Doch wer ist jener Starke, der, wenn Berge gehen Und Felsen fliegen, noch vermag zu widerstehen? Dank seinem tapfern Rosse war durch Widerstemmen Kronos gelungen, seinen jähen Sturz zu hemmen. Freilich verliert der Hengst den Boden Stuf um Stufe, Doch neue Stapfen hämmern seine scharfen Hufe. Jetzt fällt es auf die Knie, du siehst es sich erheben. Nun gleitet es zu Tal, du siehst es rückwärts streben. Da, eben an der Stelle, wo der Brunnen hüben Am Graben steht und stehn die neuen Götter drüben, Bäumt sich das Tier, weist seinen fahlen Bauch und ficht Vergeblich mit der leeren Luft ums Gleichgewicht. Verzweiflung naht ihm. Im erschrocknen Auge rasen Die angstgehetzten Blicke, und die Nüstern blasen. Jetzt sah man Kronos, dem das Richtschwert längst entfallen, Gegen das junge Göttervolk die Fäuste ballen: «Ihr schamvergeßnen Räuber, höhnet nicht Triumph! Mit meinem Fluche schlag ich euch den Jubel stumpf. Ich will, daß jener, dessen buhlerischer Sinn Den Gürtel löst der geilen Muttermörderin, Nicht Ehrfurcht auf dem Thron, nicht Lieb im Bette finde. Verrat und Haß und Undank sei sein Angebinde. Hoch überm Glück des Tages in unseliger Größe Schmeck er des Daseins Leere und der Welten Blöße. Auf daß sein Schicksal aber an dem meinen hange, So zeug er mit der Kebsin eine giftige Schlange.» Noch war der Spruch nicht fertig und der Fluch nicht voll, Der bitter ihm aus haßerfülltem Herzen quoll, Da spürt er seinen Rappen rückwärts übersinken, Und schwindelnd sieht er unter sich den Abgrund blinken. Wohl pflügt er mit dem Sporn und klemmt die Knie und Schenkel, Verkrampft sich in die Mähne, packt das Ohr als Henkel – Umsonst. Schon überwirft sich Roß und Mann. Ein Fall, Ein Prall. Und in den Abgrund hüpft der grause Ball. Sahst du im Bergwald Flößer eine Tanne fällen? Kaum trifft ihr Haupt den Boden, federt sie auf schnellen Geleisen Sprung für Sprung zu Tal. Verhallt, verschwunden. Dann nach geraumer Zeit ein dumpf Gepolter unten. So fuhr des stolzen Kronos heilige Gewalt Pfeilschnell zur Grube ohne Wehr und Aufenthalt. Vorbei. Nur ein verspätet Echo noch im Schacht – Das war der letzte Widerhall der Weltenmacht. Die neuen Götter aber starrten tränenschwül Mit ratverlaßnem Blick ihm nach. Von Schamgefühl Des Sonderglücks verwirrt, von Mitleidsschreck gelähmt Und von des Königs haßerfülltem Fluch vergrämt. Indes in ihre Trübsal eine Ahnung zündet, Wohin dereinst ihr ähnlich Schicksal gleichfalls mündet, Und jeder sprach zu sich: «Warum? weshalb? wozu? Zum schwarzen Pfahl, was tröstet mich der rote Schuh? Warum den Umweg über Glanz und Herrschaft winden, Um schließlich gleichwohl hier den jähen Sturz zu finden? Was später doch geschehen muß, gescheh uns frühe. Hier lieg ich. Sich bewegen lohnt mir nicht die Mühe.» Mit diesen Worten warfen sie sich steif und schwer Mit ausgestreckten Armen jetzt für tot umher, Trotzig erwartend, welch ein Wunder sich begebe Und wie Anankes Machtwort sie von hinnen hebe. Doch als allmählich mehr und mehr sich nichts begab, Kein Schwefel schlug herauf, kein Donner stieß herab Und Stund um Stund vorüberzog und sie vergaß, Standen sie kleinlaut auf und wanderten fürbaß. Dritter Gesang Hebe                             Danach gerieten sie auf eine Alpenweide, Mit kurzem Gras gepolstert und geringer Heide. Kein Baum in Sicht, kein Busch noch Bächlein im Bereich. Soweit das Auge schweifte, alles glatt und gleich. Fürs erste sprangen sie geschwind und wohlgemut Den Rain hinan. Der Teppich trat sich lind und gut. Doch mußten bald sie ihren Übereifer zähmen Und ihren Fuß zu mäßigerem Gang bequemen. Denn was ein Hüglein schien, erwies im Gegenteil Sich als ein unbotmäßiger Höcker, hoch und steil. Des weitern nahmen sie mit großer Unlust wahr, Daß des Beginnens nie ein schließlich Ende war. Wie rührig sie die fleißigen Beine auch bewegten Und Stutz um Stutz und Alp um Alp nach unten legten, Stets sahen sie ein neues Meer von welligen Dünen Ob ihrem Haupt am Himmel unerschöpflich grünen. Darob erstarb ihr Frohmut, und der Blick erlosch. Die immer schwerern Sohlen nach sich schleifend, drosch Des Marsches plumper Takt den Boden. Öfters schon Drang aus erschöpfter Brust ein leiser Klageton – Da, welch ein Höllengluthauch ist das, welcher jetzt Der Wandrer Nacken wie mit scharfen Stacheln hetzt? Sie schauten auf: sieh da, in gelbem Strahlenschwall Der nackten Sonne ungeheurer Feuerball, Der Sonne, der verheißnen, bitterlich ersehnten, Von der sie aller Seligkeit Erfüllung wähnten, Der sie vor wenigen Stunden erst mit trunknen Zungen Den Willkommgruß gebracht und Preis und Dank gesungen, Und die nun unaufhaltsam, unabänderlich Mit tausend Flammenruten ihren Rücken strich. Des ungeacht, obschon mit bangem Stöhnen viel, Verfolgten mannhaft sie das spurlos flüchtige Ziel. Doch mehr und mehr geriet der Zug ins Schleichen, Stocken. Der Gaumen röchelte; die Lippen, wund und trocken, Verweigerten das Wort, der Zunge schluckend Schlingen Versagte, selbst der Speichel wollte nicht gelingen. Und immer heißer in der durstigen Seele brannte Das Wörtlein Wasser, das ein jeder schmachtend nannte. «Frisch, Brüder! Bald ist alles überstanden», log Der leere Trost, der nur das eigne Ohr betrog. Denn jeder mochte diese Arzenei besorgen, Den Mut, der ihm gebrach, dem Nebenmann zu borgen. So schleppten sie sich peinlich eine Strecke weit. Da – wars der Zufall? oder tats die Müdigkeit? – Geschah es, daß ein unbemerktes Hindernis Einen zum Straucheln bracht und auf die Matte riß. «Geschehen», ächzt er, «und willkommen. Ziehet ihr, Wohin es euch beliebt. Glückauf! Ich bleib allhier.» Jetzt, gleich als ob ein Beispiel nur gemangelt hätte, Warfen sich alle neben ihn in Reih und Kette, Erhoben ein Geschrei und klagten: «O wir Toren! Was haben wir verscherzt! Und was dafür erkoren! Endlosen Wandels mühevoll bergan zu wälzen Die todesmatten Leiber und im Schweiß zu schmelzen, Von Durst gefoltert und vom Sonnenbrand gehäutet. Wenn dieses die verheißne Seligkeit bedeutet! Danieden in des Hades feuchten Kasematten Genossen wir doch Ruhe, hatten Schirm und Schatten! Sagt selbst: War je der Atzung nicht für uns genug? Stand jemals ungefüllt der bauchige Wasserkrug? O schöne, benedeite Zeit des Nebeltropfens, Des Rinnens von den Zinnen und des Regenklopfens, Da wir in unsern kühlen, mitternächtigen Kammern Statt über Hitze durften über Kälte jammern!» So murrten sie und meuterten. Drauf dehnten sie Die steifgelaufnen Hüften, streckten Fuß und Knie, Bauschten zum schattigen Sonnendach das faltige Kleid Und stöhnten vor sich hin, vergessend Raum und Zeit. Da blitzt ein Jauchzer über ihnen silberhell, Der hüpfte durch die blumigen Matten froh und schnell. «Frisch auf! Ihr müden Pilger jauchzet: Ju haja! Die Unrast ist zu Ende! Hilf und Trost ist da! Ich bring euch Speise, bring euch kräftgen Trunk, hallo! Empor, und laßt den Kummer liegen! Juch hajo!» Und sieh, am Horizonte droben auf der Weid Wuchs aus dem blauen Himmel eine schlanke Maid, In Tracht und Ansehn einer schlichten Hirtin gleich, Doch schimmernd wie ein Engel aus dem Himmelreich. Die hohlen Hand als Muschel hielt sie vor dem Mund, Draus stieß sie Jauchzerketten in den Alpengrund. Jetzt hatt ihr Blick die Lagernden erspäht. «Juchhei!» Und mit verwegnen Sprüngen kam sie flugs herbei, Kniete zu Boden, öffnete die Hirtentasche, Gewann ein Büchslein hier, dort eine kleine Flasche, Früchte hernach begann sie lieblich auszubreiten Und spendete mit vollem Arm nach allen Seiten: «Nehmt hin», ermahnte sie, «denn das ist Götterbrot. Das heilt zumal des Leibes und der Seele Not. Greift zu und ziert euch nicht, da ist genug für alle, Ich habs im Überfluß, ich gebs im Überschwalle.» Und als sie sämtlich nun Genesung und Genügen Gefunden und die Augen lachten vor Vergnügen: «Gesegnet seist du», dankten sie, «und benedeit, Du holdes Mädchenangesicht, in Ewigkeit. Nie bracht ein schönrer Bote eine schönre Post, Fürwahr, das nenn ich eine wundertätige Kost. Wir spüren lauter Wonne, keine Unlust mehr. Doch sprich: Wie heißt dein Name? Und wo kommst du her?» «Ich komme von dem Labyrinth, der Burg des Himmels, Von Uranos gesandt, dem Herrn des Sterngewimmels, Der, alsobald von eurer Not ihm Meldung ward, Mitleid mit euch empfand nach seiner milden Art. Denn seiner Güte hält der Unmut nie die Schwebe. Doch wollt ihr meinen Namen wissen, nennt mich Hebe. Im Nektargarten saß ich auf dem höchsten Baum, Vergnügte Blicke sendend in den blauen Raum. Da hört ich unsres lieben Herren Stimme schallen: ‹Hebe›, begann er, ‹du Entbehrlichste von allen, Sei einmal nütze. Höre, da du leicht begreifst Und rührig bist und gern durch Berg und Wälder schweifst, Vernimm: Die neuen Götter, deren Kunst und Kunde Seit heute morgen wir erwarten Stund um Stunde, Auf allen Dächern, allen Zinnen steif uns stehend Und Wald und Weide mit den scharfen Blicken mähend, Stetsfort gewärtig, daß mit lustigem Hörnergellen Nächstens der Vortrab werde durch die Büsche schnellen – Meinst du, daß, die Verspätung reuig abzukürzen, Sie atemlosen Laufes um die Ecken stürzen? Bewahr! Die liegen guterweile kreuz und zwerch In einer Alpenmulde auf dem Morgenberg, Mundieren um die Wette, murren, meutern, schrein Mit fleißiger Zunge, aber keiner rührt ein Bein. Zwar sollt ich ihnen füglich zürnen, doch für Kinder, Aus Schwäche reizbar, acht ich sie, nicht mehr, nicht minder. Und ehe daß man einen Unzufriednen zankt, Entfern ihm lieber erst den Dorn, woran er krankt. Steig endlich, Nichtsnutz, aus dem Baum, geh heim und hasche Mit weiten Armen schnell in deine Hirtentasche, Was immer du zunächst erreichst an Trank und Speise. Brings ihnen hin und stärke sie auf jede Weise, Merk, was ihr Herz bedarf, gib ihren Wünschen Raum, Leg sie im Schatten unter einen grünen Baum, Mit plaudernden Gesprächen freundlich sie erlabend, Denn Urlaub schenk ich ihnen bis zum kühlen Abend. Doch abends leite sie zum Herold bei den Pferden, Der wartet auf der Staffelwiese ob der Erden.› So sprach mein Herr. Nun rede jeglicher das seine, Ich aber will bescheiden raten, was ich meine. Dicht über uns liegt eine Wiese 'Wachs und Werden', Die streckt sich als ein Garten unterhalb der Erden. Dort ist des Obstes und der Blüten Überschaum. Inmitten aber steht der Allerbäumebaum, Von dem die Sage meldet, daß aus seinem Samen Sämtliche Pflanzen aller Welt den Ursprung nahmen. Als 'Baum der Hesperiden' weit umher berühmt, Weil immerdar er Früchte trägt und grünt und blümt, Und also üppig ist sein Wachstum und so jach, Daß, wer entschlummert unter seinem Blätterdach, Dem knospen über Arm und Bein die Blütenschlingen. Er muß sich schließlich mit Gewalt den Ausweg zwingen. Dort, von des schattigen Baumes grünem Arm umschlungen, Laßt uns der Ruhe pflegen, frei und ungezwungen, Mit plaudernden Gesprächen lieblich uns versäumend Und Spiel und Kurzweil, oder in den Obstwald träumend. Das also ist es, was am rätlichsten mir scheint. Nun aber sage jeder, was er dazu meint.» «Gar schmackhaft dünkt uns», riefen sie,«und schier vernünftig Dein Rat, und jeder guten Einsicht scheinst du zünftig.» Und also folgten gläubig sie wo immer hin Den flinken Schritten ihrer klugen Führerin. Und als sie nun gelangten unterhalb der Erden Zum Allerbäumebaum im Garten 'Wachs und Werden', Genossen sie der Ruhe sonder Sorg und Harm, Frei ungezwungen in des Baumes grünem Arm, Lehnten die Schulter an den Stamm und auch den Rücken Und ließen sich das weiche Schattenlager glücken, Mit säumigem Geist und Blick die liebe Zeit verzaudernd, Bald in den Obstwald träumend, bald gesprächig plaudernd. Doch weil nun einmal in des Glückes Glanz und Gold Das Herz zumeist sich zeigt den dunklen Farben hold, Und keine Schilderung den Frohen inniger freut Als jene, die zu sanfter Wehmut Anlaß beut, Gefiel es ihnen, mit der Dichtung Purpurbildern Den Blendungsglast der grellen Gegenwart zu mildern, Vom Reich der Wirklichkeit ins Traumland sachte schlüpfend Und eignes Schicksal mit dem Weltenlos verknüpfend. Da stieg der Geist der Wahrheit aus dem Schöpfungsgrunde, Berührte schweigend alle Stirnen in der Runde, Und jede Zunge lähmte seines Blickes Bann. Bis endlich einer, sich erhebend, ernst begann: «Ich will erzählen einen alten bösen Traum Vom ersten Gott, verwaist im unerschaffnen Raum. In trägen Haufen starrten einstmals die Äonen. Verknäuelt schlief die Zeit. Das Auseinanderwohnen Des Hier und Dort, das Spiel des Dunkels und des Lichts Lag noch unaufgerollt, und kraftlos hing das Nichts. Da kam in wildem Sprung mit schauderndem Gebaren Ein Greis den Berg der Ewigkeit herabgefahren. Von seinen Schultern flatterten des Mantels Fetzen, Aus seinen Augenhöhlen stierte das Entsetzen. Und während in dem Sturm, der heulend ihn umpfiff, Er immerfort verzweifelt mit den Fäusten griff, Stieß mühsam sein verzerrter Mund, entstellt von Schaum, Die heisre Stimme stöhnend durch den leeren Raum: ‹Gebt mir ein Echo, einen Schatten, das Phantom Von einem Staub, das kleinste, winzigste Atom! Laßt alle Folterhämmer, alle Martermühlen Mit unerhörten Qualen mein Gebein zerwühlen, Nur daß ich ferner nicht Jahrtausend um Jahrtausend, In Ewigkeit das ungeheure Nichts durchsausend, Erdulde diese schlimmste, fürchterlichste Pein: Der Einzige zu bleiben, einsam und allein! Gebt einen Feind mir, einen Teufel, einerlei, Nur jemand, der da wäre, etwas, was da sei!› Und während er noch sprach, halt! war ihm nicht, als stäche Ein fremder, winziger Schmerz von außen her die Fläche Der ausgestreckten rechten Hand? Unwissentlich Zuckt er sie heftig vor das Auge wider sich. Fast schiens, als ob ein Körnchen glitzernden Metalls Er schimmern sähe oder Stäubchen allenfalls. Er witterte und schnob: ein ätzender Geruch Ermutigte der schwachen Hoffnung leisen Spruch. Er schob die Zunge vor, zum Schmecken zugespitzt – Sie fuhr zurück, von einem scharfen Biß geritzt. ‹Triumph!› preßt er hervor mit einem rauhen Schrei. Da flog ein zweites Weltenkorn dem ersten bei; Hierauf ein drittes. Nun verspürt er schon ein Prickeln • Gleich einer Stachelbinde seine Stirn umwickeln. Auf seine Schultern, seinen Nacken, überall In dichten Regenschauern fiel der Stäubchenschwall. Der Regen wuchs zum Hagel und der Hagel bald Zu Graupenklumpen, groß und schwer und grobgestalt. ‹Halt ein! Genug!› schrie er, von Schmerz und Angst gepeinigt, Da ward von plumpen Quaderklötzen er gesteinigt. Felsen, Gebirge, Monde donnerten hernieder. Bis daß in grausem Todeskrampf, der seine Glieder Verhärtete, in wildem Weh, das ihn durchtollte, Er seine Bürde wälzend durch den Weltraum rollte.» Hier schwieg der Sänger, und ein anderer begann An seiner Statt und hub zu reden also an: «Ich will ein Lied erzählen von dem alten Streit, Der ewig Mann und Weib vereinigt und entzweit, Von Liebesungemach, unseliger Minne Plage. Doch herbe tönt mein Wort, und bitter schmeckt die Sage: An Heldenwuchs des Leibes wie des Geistes war Phineus der größte unter der Titanenschar, Dem Kraft und Siegeszuversicht im Busen pochte, So daß er alles, was er unternahm, vermochte. In welcher Kunst er immer um den Kampfpreis rang, Kein Gegner war so mächtig, den er nicht bezwang. Bis endlich Übermut und Frechheit ihn erfaßten, Persephone, das Weib des Königs, anzutasten. Hades ergrimmte: ‹Hei! dich will ich Demut lehren! Laß sehn, ob Schmach und Schande dich zur Zucht bekehren!› Und seine Blicke sendend nach dem stygischen Sumpf, Ersah er der Harpyien eine, schön von Rumpf Und Angesicht, begabt mit Augen groß und klar, Von innen aber hart und grausam ganz und gar. Ihr winkte Hades: ‹Weib! sag an, wie heißest du?› ‹Ich heiße Nemesis› gab sie ihm unwirsch zu. ‹Wohlan!› ermunterte der König, ‹Nemesis, Geh hin und Phineus dem Titanen tue dies: Laß seinen üppigen Hochmut Weibesspott erfahren. Du sollst ihm keinerlei Erniedrigung ersparen. Drück in die tiefste Schmach ihn bis zum Halse nieder, Und was zumeist ihn kränkt, das tu ihm fleißig wieder. Hier! nimm dies Kräutlein 'Krausig'. Salbe dich damit: Er ist dein Minneknecht, der duldet Hieb und Tritt.› ‹Gesegnet sei dein Auftrag, den dein Wort mir schuf›, Hohnlachte sie, ‹denn Wehetun ist mein Beruf. Sei unbesorgt, verlasse dich auf meine Schnöde! Wenns not tut, bin ich scharf, und wenn ich will, nicht blöde.› Und also ward zur Buße Phineus der Titan, Der Stolze, einem Weibe knechtisch untertan, Folgt ihren Schritten, hob sie auf in Bild und Ton, Um keinen andern Vorteil, keinen bessern Lohn Als Widerwart und jeden schlimmen Zeitvertreib, Womit des Mannes Minne neckt ein spöttisch Weib. Er sprach: ‹Ich wills, ich werde deine Kälte schmelzen.› Sie sprach: ‹Vergebens wirst du dich im Staube wälzen.› Je mehr sie ihn verstieß, je hitzger folgt er mit, Weil er des Kräutleins 'Krausig' Zaubermacht erlitt. Nach sieben langen Jahren aber, als einmal Der König von der Jagd mit seinem Ehgemahl Heimkehrte: ‹Haltet!› rief er, ‹welch ein seltsam Lied, Ihr Freunde, hör ich grollen aus dem stygischen Ried! Aus wundem Herzen schreit der Wohllaut dieser Stimme, Doch durch die Klage zuckt der Zorn in wildem Grimme, Wie wenn ein Edler, schuldig oder unverschuldet, Ein unerträglich schimpflich Weh unwillig duldet.› Und wie er leise nun mit Hand und Eberfänger Den Schilf zerteilte, um zu spähen nach dem Sänger, Gewahrt er Phineus, tiefgebeugt am Ufer sitzend Und zum Gesang auf Stein ein Bildnis emsig ritzend. Zwar sah man nicht die Form des Bildes, das er riß, Doch seine Stimme sang den Namen Nemesis. Pfui! wer ist jene, die ihm auf sein Handwerk spuckt? Sie selber, die sich über seine Schulter duckt! ‹Weib!› knirscht er, ‹wenn die Sünde unverzeihlich ist, Daß du mir lieb und meinem Herzen heilig bist, Frisch zu! Ich halte stille deinem Haß und Hohne, Doch meiner Hände Opfer mindestens verschone! Es ist kein Werk zum Tand, mit Tränen ists geweiht, Die Andacht hats gezeugt, gesegnet Traurigkeit. Dich selber, Schnödin, magst du meinethalb entehren, Dein Abbild zu entweihen muß ich dir verwehren!› Von Abscheu übermannt und heftigem Widerwillen, Vernahms Persephone. Doch Hades weint im stillen, Mitleidig des Titanen Seelenqual ermessend Und die erlittne Unbill königlich vergessend. ‹Wie tief, mein Bruder!› rief er, ‹ist dein Stolz gesunken! Und welcher Demut Neige hast du ausgetrunken!› Phineus erriet das Wort, und vor des Königs Pferde Warf er den mächtigen Körper stürmisch auf die Erde: ‹Erhabner König! sieh mich hier zu deinen Füßen! Ich habe schwer gefrevelt, und ich will es büßen. Um Gnade fleh ich nicht, ich bitt um Schwert und Beil, Nur den Harpyien halte ferner mich nicht feil, Die mich verschreien und mir in die Tränen speien, Die meinen Wert nicht ahnen oder nicht verzeihen.› Der König ließ der Gnade ungehemmten Lauf, Erbarmte sich und hob den Frevler huldvoll auf. Ein Pferd und einen Sattel ließ er ihm bereiten Und ihn vor allem Volk zu seiner Linken reiten. Doch keiner war mit Herz und Hand und Leib und Leben Wie Phineus der Titan hinfort ihm treu ergeben.» Hier endete und schwieg der Sänger. Eine Pause Vereinigte das Lager in der grünen Klause. Doch sittsam, mit bescheidnen Bitten, mahnt und wetzte Hebe die Schweigenden, indem sie dies versetzte: «Zwar ihr gebietet. Ich gehorche, ihr befehlt. Wer aber ist der dritte, welcher nun erzählt? Denn siehe, mehr als zwei Gelenke hat die Leiter, Drum habet freundlich Dank, setzt fort und fahret weiter.» «Dein ist nunmehr die Rede. Auf! erzähl uns du!» Bestimmten eifrig sie. «Wir andern hören zu.» Flugs sprang sie auf, trat vor, nahm einen freien Stand, Ordnete Haar und Fittich und erhob die Hand: «Ich gebs euch fröhlich, wie mirs aus der Kehle schlüpft. Genehmigt, daß mein Scherz in euren Tiefsinn hüpft: Im Himmel, wie man weiß und die Erfahrung spricht, Befindet sich ein Tal, das heißt 'Warumdennicht', Hart hinterm Hause, unterm Garten ists gelegen, Mit Blütenseligkeit erfüllt und Früchtesegen. Ein steinern Sträßlein führt hinunter weit und breit, Doch keiner kommt dahin in alle Ewigkeit. Nicht daß mit strengem Bott und Bann es jemand wehrte, Bewahre, daß ein Hindernis den Weg durchquerte. Niemand begreift, weshalb denn und warum denn nicht, Doch in das Tal hinab gelangt kein Angesicht. Man darf, man kann, man möchte, aber kanns nicht wollen, Und hätt es einer noch so sehr begehren sollen. Du wandelst lustig bis zu einem Quittenbaum Und lachst: ‹Warum denn nicht?› Doch kaum an diesem Baum, Kommt unversehens dir ein Einfall in die Krumm, Du stutzest, denkst ein Weilchen nach, dann kehrst du um. Wie schon gesagt, den Grund kann niemand dir erklären, Doch jedem wird es die Erfahrung neu bewähren. Nur eines weiß man: Im geheimen, in der Stille, Im Quittenbaume höckelt eine blaue Grille, Äugelt und reibt das Bein. Sobald die Grille zirpt, Ists mit dem Wunsch vorüber, und der Wille stirbt.» So sprach mit heller Stimme die Erzählerin. Und fröhliches Gelächter schallte her und hin. Drauf setzte sie die Hirtenflöte an den Mund Und spielte süße Himmelsweisen Stund um Stund. Indes die andern schlummernd durch den Obstwald träumten Nach fernen Hügeln, drob sich Wolkenburgen bäumten. Bis daß die Sonne sank und allenthalb die Schatten Die durstgen Hälse streckten in die feuchten Matten. «Nun aber», mahnte Hebe, «ists zum Aufbruch Zeit: Das heißt, wenn ihr bereit und einverstanden seid.» Doch siehe da, gefangen von den Blütensträußchen Des Baumes saßen sie in einem Kerkerhäuschen, Verdeckt, verschlungen von der grünen Kronenhaube. Mit Not erzwangen sie den Ausweg durch die Laube. Danach gelangten sie in einen greisen Wald Halsstarriger Eichenriesen, knorrig von Gestalt. Geflüster stieg vom Dach und aus den Höhlen Schweigen, Und Dämmernacht begrub des Pfades rauhe Steigen. Verwundert aber fragten ihre Führerin Die Wandrer: «Mägdlein, launenhaft und kraus von Sinn, Was führst du uns die krummsten und die gröbsten Pfade? Und unten läuft ein Sträßlein lieblich und gerade.» «Vernehmet», sprach sie ängstlich, «dieser Eichenhain Schließt ein entsetzlich Wunder und Geheimnis ein. Darum, daß hier die Wiege ist, die Wurzelstätte Der Erde, die er hält mit straffer Gürtelkette. Den Dünger saugt er aus dem Moder des Verderbens, Und seine Wipfel schauen in das Land des Sterbens. Ich aber, als ein lichtes, schönes Himmelskind, Dem Lust und Frohsinn teuer, Tränen lästig sind, Ich meide jenes falschen Sträßchens Heuchelei, Das an der Grotte 'Tod und Leben' führt vorbei.» «Sag an! Was ist es mit der Grotte 'Tod und Leben'?» Begehrt ihr Vorwitz, «rede! woll uns Auskunft geben!» «Oben in diesem Forst, in einer schroffen Kluft», Erklärte schaudernd sie, «starrt eine Mördergruft, Von waldgekrönten Mauerwänden rings umgeben. Das ist, die jeder flieht, die Grotte 'Tod und Leben'. Zwei Höhlen lugen oben aus dem Felsenhaus, Und jede Höhle läuft in eine Treppe aus, Die fallen durch ein Dickicht, wo der Blick erlischt, In einen Teich, der immerfort im Aufruhr zischt Und speit und sprudelt lästerliche Fluchgebete. Willst du des Teiches Namen wissen, nenn ihn 'Lethe', Merkt: Aus der untern Höhle, gräßlich zu erzählen, Verwirft des Todes Rachen die erwürgten Seelen Der Tier und Menschen. Auf der obern Treppe Stufen Ziehn sie empor, zu neuem Erdengang berufen, Jeder mit einer andern Mißgestalt behaftet, Doch sämtliche mit eklem Schleim und Blut besaftet Und Lotterfleisch, das ihnen bei lebendigem Herzen Von ihrer Seele fault mit tausendfältigen Schmerzen. Wer ist der Zaubrer, der sie dergestalt verwandelt? Und wer der Schwärzer, der sie in den Leib verhandelt? Das ist, verkrochen in des Teiches Uferschäre, Das fürchterliche Weib, die scheußliche Megäre, Anankes eigne Tochter, gleich wie er von Erz, Kein Flehen rührt, kein Jammer schmelzt ihr steinern Herz. Wie sie gestaltet und geformt ist, weiß man nicht, Denn nie bekennt das Weib ihr feiges Angesicht, Weil ihr die Erde flucht, der Himmel sie verfemt, Weil sie sich ihrer selbst und ihrer Taten schämt. Doch ob verborgen sei der Greuel ihres Leibes, So kennt man doch die Werke dieses argen Weibes: Da, wo der Buschwald unten um den Sprudelweiher Dem Blick den Durchlaß wehrt mit seinem dicksten Schleier, Dort braut sie aus dem Lethesaft mit Kunst und Mühe Und schwarzen Zauberformeln eine Höllenbrühe, Zwingt erst die abgeschiednen Sterblichen zum Trunke Und laugt sie dann und mangt sie in der giftigen Tunke. Worauf sie, je nachdem des Weibes Finger handeln, In Menschen oder Tiere schmählich sich verwandeln. Und alle steigen triefend aus dem Zauberbad Und straucheln auf die Treppe nach dem Lebenspfad. Wohl schütteln sie und schleudern angstvoll Haupt und Glieder, Doch aus dem Netz des Fleisches zieht sich keiner wieder. Der heiligen Seele ist der Schleim nun Herr und Meister. Du lebst, du klebst, verkittet in dem blutigen Kleister.» «Arglistiges Mägdlein», zürnten sie, «du willst uns necken Mit Nachtgespenstern, die nur gläubige Kinder schrecken. Gestehe, deine Sage ist ein Wahngesicht. Denn Fleisch und Blut und Tod und Leben gibt es nicht.» «Laß sehen», widerhielt sie, «wenn ihr mir nicht glaubt, Laß sehn, ob euch der Augenschein den Zweifel raubt. Erst aber eßt von diesen Nüssen, deren Zimt Dem, der sie ißt, den herben Schmack des Mitleids nimmt. Denn wer da merkt und schmeckt, was sich begibt auf Erden, Könnt ohne diese Nüsse nimmer fröhlich werden.» So sprach die Führerin. Die andern aber taten Nach ihrem Wort und aßen, wie sie angeraten, Zur Vorsicht von den Nüssen, folgten überdies Ihr eifrig nach, sich schlagend durch das Waldverlies, Bis daß sie über einer rätselhaften Lücke Gewahrten ob den Flühen eine Kanzelbrücke. «Hört ihr?» bemerkten sie, «mir ist, es flüstern Stimmen! Ähnlich wie wenn von Käfern oder emsigen Immen Unzählige Schwärme unter schnellem Flügelsausen Und Summen würden stetig auf und nieder brausen. Indes ein Giftgeruch, ein fauler Salbenbrodem Die Seele mir umschnürt und hemmt mir Herz und Odem.» Und als nun auf der Brücke überm Felsensatz Die Götter bebend nahmen längs der Brüstung Platz, Da lag die Schlucht und alles einzelne genau Wie Hebe vorverkündet ihrem Blick zur Schau: Die Höhlen mit den Treppen und der Doppelschwall Der Seelen auf und nieder gleich dem Wasserfall. Und schaudernd folgten ihre Augen dem Gewühle Und Wirbelsturm der fürchterlichen Geistermühle. Myriaden in das enge Kesseltal gezwängt, Die Luft sogar von flüchtigem Seelenvolk durchsprengt. Und überall, wohin du mit dem Blicke langst, Kein frohes Antlitz, nur Entsetzen, Schrecken, Angst. Jetzt aber, während grausend sie dies Schauspiel schauten, Den Tränen wehrend, die auf ihren Wangen tauten, Stockte der fleischgewordnen Seelen Erdenlauf, Und traurig sahn die Tiere zu den Göttern auf, Mit innigen Augen, die die ewige Sprache sprachen, Mit Bruderblicken, die den garstigen Leib durchbrachen: «O sagt uns, welch Verbrechen haben wir verschuldet, Daß solch ein blutig Schicksal wird von uns erduldet? Auch ich bin Geist, mit eurem Fühlen fühlen wir, Weswegen sind wir Tiere, aber Götter ihr?» So sprachen ihre Augen, und zu gleicher Zeit Gab ihrem Spruch die Stimme weinend das Geleit. Doch von dem schnöden Leib, darinnen sie vertiert, Ward auch der Ton der Stimme schmählich parodiert, So daß der angsterfüllten Opfer Wehgesang In Possenlauten ihnen aus der Kehle drang, Und statt des Schluchzens zwängte sich ein wildes Grölen Und Grunzen greulich aus den rauhen Rachenhöhlen. Ein tausendstimmger, schauerlicher Maskenchor, Worin der Seele heiliger Psalter sich verlor. Und wie sie flehentlich die Hände streckten, boten Sie keine Hände, sondern Krallen, Tatzen, Pfoten. «Kommt her, ich will euch etwas zeigen», lockte Hebe. Und in den Seelenschwarm, der angstvoll in der Schwebe Die Luft durchtaumelte, umsonst den Wirbelzug Zu fliehn bestrebt, der sie zum Lethesprudel trug, Griff sie mit Fingern, übers Kanzelbord gebückt, Ob ihrer eine sie erhasche. «Ha! Geglückt!» Nicht einzig eine hatte sie gefangen: zwei. Und wundernd drängte sich die Götterschar herbei: «Oh, was für schöne Augen daß sie haben, schau!» «Und große!» «Und der feine luftige Gliederbau!» «Sie tun ja gar nicht scheu! Man könnte leicht sie zähmen. Gehts wirklich nicht, wie schade, sie mit heimzunehmen?» Und fanden der verliebten Gönnerschaft kein Ende, Und jeder gab sie weiter in des Nachbarn Hände. Bis daß sie, der Betrachtung müde, sie zum letzten In Freiheit auf den Rand der Kanzelbrüstung setzten, Wo jene erst, ans Holz geklammert, einige Zeit Sich duckten, mit den Flügeln schlagend, fluchtbereit, Hernach, den Kopf erhebend, auf der Kanzelwehr Einander immer näher rückten, mehr und mehr, Mit prüfendem Betasten die Bekanntschaft schürend Und Zwiegespräche, scheint mir, mit den Fingern führend. «Wie du, so ich.» Und nach verschämtem Zaudern viel Gings plötzlich an ein übermütig Liebesspiel, Sich neckend und sich jagend über das Geländer. Doch Hebe kramt aus ihrem Haar zwei Schleifenbänder, Ein weißes und ein rotes, die mit zarter Hand Sie um das linke Fußgelenk der beiden band, Je einer eins, worauf sie alle beide scharf Im Schwung – «Halt ein! Was tust du?» – in die Tiefe warf: «Nun wartet, welch ein Fell das Weib den zweien gönnt. Die Bänder dienen, daß ihr sie erkennen könnt.» Erwartungsvoll zur obern Treppe eifrig sah Nun jedes Auge. Nach geraumer Zeit – «Aha!» – Entdeckten sie im Zug der Tiere allerhand Ein Schwälblein, dessen linken Fuß ein weißes Band Verzierte. «Gruß dir!» «Aber den Gesponsen finde Ich ewig nicht. Sieht niemand ein rote Binde?» «Dort kommt er!» «Wo?» «Nicht weit davon.» «Wie sieht er aus?» «Ein Habicht oder Falk mit wilden Augen graus.» «Ob wohl, wenn jenseits angekommen auf der Erden, Sie herzlich sich erinnern und sich suchen werden?» «Ich wette: nein.» «Ich: ja.» «Das wird sich bald erproben, Schon sind sie vor der Höhle auf der Treppe oben.» «Ich seh sie nicht mehr.» «Weil verschwunden in der Gruft.» «Schaut jetzt nur fleißig aufwärts in die Erdenluft! Sie kommen plötzlich!» Wirklich: kaum gesprochen, schossen Eins nach dem andern aus dem Erdwald die Genossen. «Doch seh ich richtig? Nein, unmöglich! Doch, fürwahr! Das Schwälblein flieht, der Falk verfolgt es offenbar.» «Getrost! Er spielt bloß.» «Nein, so hetzt man nicht zum Spaß, So leidenschaftlich stößt zum Ziel allein der Haß.» «Pfui ihm und Schande, welche Bosheit unerhört!» Und suchten ihn mit lautem Schreien, zornempört, Und heftigem Gebärdeschwenken wegzuscheuchen. Vergebens ihr Bemühn, umsonst ihr Eiferkeuchen. Schon war das Schwälblein eingeholt und überfallen. «Ach Bruder», kreischte, zuckend in den grimmen Krallen, Das Schwälblein, «Liebster, sieh mich an, erkenne doch Die Freundin, die vor wenigen Augenblicken noch Zutraulich mit dir spielte. Nimm die Schleife wahr An meinem Fuß, den Zwilling deiner. Wir sind Paar.» Weil aber von dem argen Weib mit Geierblut Gefüllt, beharrte blind und taub des Habichts Wut, Sah nicht das Zwillingsmerkmal, überhört ihr Kreischen, Sein Mordzahn zwang ihn, die Gespielin zu zerfleischen. «Fluch deiner Grausamkeit, Ananke!» so vergaß Der Mund der Götter sich im Zornesübermaß. Und ihren Fäusten widerfuhr es ohn ihr Wissen Und Wollen, daß sie Stücke von den Mauern rissen Und rachedurstig steinigten den bösen Busch, Worin das unbarmherzige Weib die Seelen wusch. Da wars, als ob ein Schatten aus dem Dickicht wankte Und riesenhaften Schrittes nach der Kanzel schwankte, Die Hand zum Griff bereit. Von bleichem Schreck erfaßt, Entflohen kreischend sie mit atemloser Hast Und schauten nimmer um und hemmten nicht die Flucht, Bis daß sie endlich, tauchend aus der Grottenschlucht, Das Sträßchen wiederfanden. «Hast du Nüsse mehr? Mach schnell! Gib hurtig deinen ganzen Vorrat her!» So keuchten sie. Und als die letzte Nuß zu Ende, Begehrten sie, daß man die Schalen ihnen spende. Und wie sie langsam wieder mit gebognen Knieen Aufstrebten durch des Eichwalds stumme Galerieen: «Ach!» seufzten die Bedrückten, «dieser Wald ist schaurig! Und was wir jüngst vernahmen, ist so trüb und traurig! Obschon dem Blick entschwunden, ists noch unverwunden, Und unsre Seele kann vom Mitleid nicht gesunden. Drum überlege, was du wieder uns erzählest, Wovon es immer sei, und was du irgend wählest.» «Ach nein doch!» widersprach bestürzt die Führerin, «Beharret nicht auf diesem frevlen Eigensinn. Euch mangelt Trost, den Gram mit Tränen zu benetzen, Ich aber weiß nur windige Märlein zum Ergetzen.» «Nichts da! Man soll den Gram uns nicht mit Tröstlein kränken! Wir wollen ihn betäuben, wollen ihn ertränken. Drum her mit deinen Märlein! Zier dich nicht des weitern! Wir wollen wieder leben, lachen, uns erheitern.» «Wohlan!» gewährte sie, «so will ich euch bewirten Mit einer Mär von Utis, jenem schlauen Hirten, Der jenseits aller Welt mit seiner Ziege zog Und mit verschlagner List Ananke selbst betrog: Vor alten, grauen Zeiten, als noch Uranos Nicht König war und kein geräumig Himmelsschloß Versicherte den frommen Engeln Schutz und Frieden, Waren die Grenzen von den heutigen verschieden. Zu beiden Seiten neben dem Lawinengraben, Den ihr ja heute werdet überschritten haben, Stießen die Marken einst zusammen: Oberwelt Und Unterwelt, die Erde zwischendrin gestellt. Allein bei jener Zeiten schlichterem Bedarf Nahm mans nicht so genau, bestimmte nicht so scharf. Da gab es Inseln, Höhlen, drin man unbehellt Sich bergen konnte zwischen der und jener Welt. Auf einer solchen Insel der Lawinenbahn Kam Utis einst vom Menschenlande heimlich an, In finstrer Mitternacht, Ananke nicht zu wecken, Mit bloßen Füßen, um den Tod nicht aufzuschrecken. Kaum angekommen, glitt er in die Höhlen, brach Hier einen Riegel durch, half dort dem Durchschlupf nach, Bis daß er sich gekünstelt einen Maulwurfsbau Mit Ausgangspförtchen gegen jeden Weltengau. Nunmehr versteht ihr: wohnend zwischen dreien Welten, Konnt er den Anspruch sämtlicher mit Hohn vergelten. Denn kamen, sag ich beispielsweise, ihn zu fangen, Die Häscher morgens von der Oberwelt gegangen, So taucht er unten auf mit Unerschrockenheit, Vom Wetter redend und der argen Trockenheit. Nahten im Gegenteil vom Tale nach den Bergen Mit Strick und Galgen nachts die erebinischen Schergen, Erschien er diesmal obenher zur Neuerung, Von Nässe sprechend und der schlimmen Teuerung. Er konnte sich gelassen auf sein Recht versteifen, Sie durften ihn nicht jenseits ihrer Grenzen greifen. Darüber aber ward allmählich ein Geschrei Und Zank und Zwietracht in Anankes Weltenei. Empört verwahrten sich die ewigen Gesetze, Daß ihrer kleinsten eins man ungestraft verletze, Des Lebens und des Todes Rechenschaftsbericht, Verglichen einer mit dem andern, stimmten nicht. Bald die, bald jene Wahrheit forderte Entlassung, Und in den Fugen lotterte die Weltverfassung, Bis daß Ananke des Versprechens sich befliß, Daß er ein Ende mache solchem Ärgernis. Fürs erste suchte man im guten und im frommen Dem ungefügen Hirten glimpflich beizukommen. Mit Mehl verzuckert, angetan in Feierstaat, Begab der Tod sich, wie beschlossen war im Rat, Beim Sonnenuntergang und Abendglockenklang Auf neuen Schuhen friedlich zum Lawinengang; Durchsuchte alle Winkel, schnupperte und roch In jede Uferspalte, jedes Höhlenloch, Bis daß er endlich ein verhalten Atemzittern Vernahm und glaubte lebend Fleisch und Blut zu wittern. Jetzt faltet er die Hände, überschlug ein Bein Und sagte weise Sprüche in den Berg hinein, Vom Jammertale redend und von ewiger Ruhe Der seligen Toten in der stillen Grabestruhe. Und also trefflich schüttelt er und walkt und schürte Des Sünders Herz, daß Utis, den die Botschaft rührte, Mit lauter Stimme segnete des Todes Namen, Sang Halleluja, sprach zu allem Ja und Amen, Stöhnte und schluchzte unaufhörlich zum Erbarmen: Allein hervorzukommen mocht er nicht erwarmen. Ob solchem Trotz ergrimmt Ananke dergestalt, Daß er den Frevler töten wollte mit Gewalt. Vereinte Reisige aus jedem Weltenreich Umzingelten die Höhle rundherum zugleich, Verstopften sorgsam alle Spalten, alle Löcher, Und Bogenschützen wachten mit gespicktem Köcher. Nach sieben Tagen hörten sie ein röchelnd Stöhnen Wie eines Sterbenden herauf von innen tönen. Am achten Tag ein Wimmern, welches mehr und mehr Erstarb, am neunten schien die Grube lebensleer. Doch als des zehnten Tages Abend war verblichen, Kam eine Ziege traurig aus der Gruft geschlichen, Trug unterm Hals ein Täflein, drauf mit schwachem Stift Entworfen stand des Abschiedsgrußes schwanke Schrift: ‹Ihr lieben Leute, was ich Übles je getan Voreinst im sündigen Leben, seht mir das nicht an. Verzeih mir jeder, und nachdem ich abgeschieden, Vergönnt mir, ach, ein Grablied für der Seele Frieden.› Ergriffen stand umher der Krieger rauhe Menge Und brachte Reden dar und dumpfe Grabgesänge. Die Bogenschützen senkten feierlich den Bogen, Worauf sie nach drei Seiten düster sich verzogen. Kaum waren sie verschwunden um die nächsten Ecken, So trippelte die Ziege mit vergnügtem Mecken. Aus einer Bodenspalte lugt ein Kopf heraus, Und Lust und Freude herrscht in Utis' Höhlenhaus. Schwermütig ward vor Gram und Grimm Ananke da. Da zischelte zum Tod das Schlänglein Satana: ‹Soll ich dir sagen, wie du Utis fängst?› ‹Hei ja!› ‹Wohlan, so hör: Ein einziges Mittel gibt es bloß. Denn mit Gewalt ihm beizukommen: aussichtslos. Du kannst ihn weder angeln noch zutage jagen, Anschlich und Überraschung müssen auch versagen. Weil scharfen Auges unermüdlich Tag und Nacht Die treue Ziege auf der Auslugwarte wacht, Die, kaum daß sie von fern Verdächtiges entdeckt, Sofort mit kurzem Warnruf seine Vorsicht weckt. Ihn locken oder ködern? Torheit! Selbstbetrug! Der kommt in keine Falle, der ist viel zu klug. So wüßt ich rundum keine Hoffnung, die verbliebe, Hätt er nicht eine kleine Schwäche, eine Liebe. Nämlich, es sei Gewöhnung, Macht der Einsamkeit Oder was sonst, vielleicht auch einfach Dankbarkeit, Kurzum, er hat die Ziege, seinen Hausgenossen, Mit solcher Hätschelliebe in sein Herz geschlossen Und sorgt und kümmert sich um sie und hangt an ihr, Als wärs sein Kind und nicht ein hornbehaftet Tier. Bedien dich dieser blinden Freundschaft, drehe sie Zum Strick, den Alten einzufangen. Lerne, wie: Mit Korb und Spachtel, einem Wunderdoktor gleich, Der Bitterkräuter sammelt, durch die Alpen streich, Bis du von fern die Ziege wahrnimmst auf der Wache. Jetzt krümme dich und halte dir den Bauch und lache, Und mit der stärksten Stimme, die dir je gedieh, Beschimpf ihm seine Ziege, lästre, höhne sie; Ruf 'Käshorn', nenn sie eine schäbige Lottergeiß Und was für Ärgernamen deine Spottkunst weiß. Was gilts? Er hälts nicht lange aus, er kommt mit Toben Plotz! aus der Höhle humpelstolpernd angeschnoben. Dann tust du ängstlich, wendest blökend dich zur Flucht Und packst ihn selber, wenn er dich zu fassen sucht.› Den Anschlag riet dem Tod das Schlänglein Satana. Und pünktlich also, wie vorausgesagt, geschah. Kaum daß der Tod die Ziege auf der Warte sah, So hielt er sich den Bauch vor Lachen, krümmte sich Und schimpfte nach der Ziege laut und lästerlich, Sie 'Schandgeiß' nennend und so fort nach Herzensluste Mit allen schnöden Ärgernamen, die er wußte. Bis endlich Utis, dem die Galle überfloß, Krebsrot vor Zorn, steifstolprig aus der Höhle schoß: ‹Wo ist der Lump, der Lausbub, der sich untersteht, Der Schuft, der Trottel, daß er meine Ziege schmäht?› Nun wandte kläglich blökend sich der Tod zur Flucht. Utis ihm wütend nach in heißer Rachesucht Und holt ihn ein, indem er wild den Stecken schwang. Ihn nahm des Todes harter Knöchel in Empfang. So fand der Schlaue schließlich doch den Untergang. Das also war das Märlein, das ich euch versprach. Doch schaut, wie prächtig durch der Eichen Kronendach Des Abends rote Feuerhand den Wald erhellt! Nach wenigen Schritten steht ihr auf der Oberwelt. Schon hör ich draußen Stimmen schallen, Hufe scharren. Ich aber darf nun länger nicht bei euch verharren. Auf Schmugglerpfaden muß ich flugs voran mich schwingen, Von eurer nahen Ankunft die Gewähr zu bringen.» Sie riefs und lächelte, gönnt einen kurzen Wink Zum Abschied den Gefährten, dann entfloh sie flink, Verschmähend, daß ihr einer Dank zum Gruß erwiese. Sie aber traten staunend auf die Staffelwiese. Vierter Gesang Bei Uranos                         Und wie sie staunend auf die Staffelwiese traten, Durch Ströme roten Feuers meinten sie zu waten. Ein Urgebirge schimmerte darüber her, Und in den Tiefen nachtete ein Wäldermeer. Noch hatten sie, vom Abendflammenglanz geblendet, Den Blick nicht eingespannt, das Staunen nicht beendet, Da spürten sie von Rossewiehern, Bügelklirren Sich unversehns umringt, von frohem Grüßeschwirren Umlärmt und blindlings jeder sich aufs Pferd gehoben. «Vorwärts!» Der Herold stieß ins Horn, die Nüstern schnoben, «Zu früh! Halt ein!» Umsonst, da half kein ängstlich Schreien. Von dannen stieß der Flug mit Lachen und Juchheien. Heißa! Das war ein tollgemuter Höhenritt, Der ihre Stirn umpfiff und ihren Atem schnitt. Beim Abendabschiedsgruß und Allerwindenkuß Entflohen Berg und Wald und Fluren Schuß um Schuß. Ein Farbenrausch, ein Glanzgewimmel allerorten. Doch als sie durch des Urgebirges Riesenpforten Aufstürmten, wo der Hufe praller Schall metallen Vom Boden dröhnte, füllte Düsternis die Hallen. Verwischt, erloschen war des Abends Rosenspur. Flüsternd erzählten fahle Zwielichtschleier nur Und würziger Nelkenhauch, mit Rosmarin gebeizt, Ein Lied von Mittagsglut, im Felsenrost geheizt. Doch mühsam ließ die Form der Dinge sich erwahren. Manch wunderbare Abenteuer und Gefahren, An denen sie in strenger Jagd vorüberflogen, Entschnellten ihnen ungeahnt und unerwogen. Verspätet erst, mit rückwärtsschauendem Genick Erriet, was er versäumte, der begierige Blick. Den Gipfel 'Könntichmöchtich' sahen sie verglühen; Die Sonnenrosse, weidend auf den roten Flühen, Sahn sie in Rudeln durch das Gras der Leite sprengen, Ihr Wiehern in der Flügelpferde Gruß zu mengen. Zum andern merkten sie die Hindinnen der Nacht, Die vor dem Tal der Träume halten stille Wacht, Wehmütige Märchen aus den großen Augen staunend Und ahnungstiefe Rätsel mit den Lippen raunend. Danach erlauschten sie die lächelnde Chimäre, Aus rosigem Schein gezeugt und sehnsuchtsüßer Leere, Den Vogel Argus auch, der feuersternbeschweift Das spiegelnde Gefieder überm Abgrund schleift, Die Zehen, gleich als ob er ginge, schrittweis hebend, Doch insgeheim im Bodenlosen tückisch schwebend. Bis daß sie schließlich kamen auf die Silbermatt, Wo man den Mond zur Hand, die Welt zu Füßen hat. «Herold», begehrten sie, «erschließe deinen Mund Und gib uns huldreich Antwort auf die Frage kund. Denn wundersam und unverständlich ist zu sagen Der Flügelpferde widersprechendes Betragen: Die Kniee schleudern sie in übermütigem Bogen, Als wie von einer nahen Heimat angezogen. Die Hälse aber jucken furchtsam sie sodann, Als wie erschreckt von eines strengen Herrschers Bann. Zum dritten schwenken zärtlich sie die glatten Lenden, Gleich Mädchen unter des Geliebten Schmeichelhänden.» Da wandte sich der Herold, tat geschwind vom Mund Das klare Horn und gab die Antwort freundlich kund: «Die Kniee schleudern jene, weil sie von daheim Die Krippe wittern und des Hafers leckern Seim. Der starke Herr hernach, davor ihr Antlitz scheut, Ist Uranos der Große, der allhier gebeut. Doch wenn sie zärtlich ihre glatten Lenden schwenken, Geschieht es, weil sie lüstern die Gedanken lenken Nach den erlauchten sieben edlen Amaschpand, Des Königs schönen Töchtern, deren feine Hand Den Sattel ihnen lüpft und ihr Gebiß entzäumt Und ihre heißen Nüstern kraut, von Gischt umschäumt.» «Wohl!» sprachen sie, «doch übe länger noch Geduld Und leih zum zweitenmal uns deiner Antwort Huld: Barmherzig, wissen wir, ist Uranos und gut. Warum vor seiner Nähe schwindelt mir der Mut? Gleichsam als wenn aus eines Dickichts kleiner Enge Plötzlich ein riesenhafter Bergturm jach entspränge?» «Mein Herr», erwiderte der Herold, «ist verschlossen. Ein ehern Rätsel, drum das Schweigen ist gegossen. Wohl kennt und rühmt ein jeder seine hehren Taten, Allein den Sporn, die Springkraft kannst du nicht erraten. Der Rätsel größtes aber ist sein Wandelgeist, Der dem erstaunten Urteil ewig Wunder weist, Der, stets sich ändernd, zeigt ein immer neu Gesicht, Das scharfgeprägt ihm aus dem Grund der Seele bricht. Das Nahe spießt er und umspannt die ferne Weite, Und jeden Würfel wirft er auf die rechte Seite. Gleich wie der Panther, der ein fliehend Reh umkrallt, Mit seinem Opfer sich zum grausen Knäuel ballt Und gibt es nimmer frei und hält es fest umklammert, Bis daß in seiner grimmen Faust es ausgejammert: So siehst du seinen zornigen Geist die Dinge packen, Und jeder flüchtigen Wahrheit sitzt er fest im Nacken. Doch daß die Freundlichkeit dem Bilde nicht gebreche, Geziemt mir, daß ich auch von seiner Milde spreche: Des bunten Wechsels Einheit ruht in seiner Güte, Die Gnad und Nachsicht zeitigt und des Lächelns Blüte. Drum wollt hinfort der eitlen Angst und Sorge wehren: Er wird gleich als ein Knecht die edlen Gäste ehren.» «Hab Dank!» versetzten sie. «Doch woll uns nun daneben Von seinen sieben Töchtern gleichfalls Auskunft geben, Ob sie dem Vater ähnlich oder ausgeartet Und spröd und herrisch sind, so daß uns Spott erwartet.» «Groß», rief der Herold, «ist das Himmelskönigtum. Vieltausend helle Sterne flimmern um und um. Doch keine Sonne, kein Gestirn im Himmelreich Kommt meines hohen Herren edlen Töchtern gleich. Wer niemals sie geschaut, wer nicht ihr Lächeln kennt, Weiß nicht, was Liebreiz ist und was man Anmut nennt. Ihr arglos Kindesauge, rein und echt und wahr, Dem keine Bosheit jemals widerfahren war, Das noch von keines Schurken Anblick ward betroffen, Blickt einfach dir entgegen, groß und frei und offen. Gleich Tempelbogen schweben die geschwungnen Lider, Und niemals schlagen sie die ruhigen Wimpern nieder. Ihr Eigenwesen aber, ihre Sinnesart Werd euch an einem Beispiel bildlich offenbart. Ein Gleichnis mein ich, doch verstellt zum Gegensatze: Du kennst die böse Tigerin, die Mörderkatze, Die jedem Leben feind ist, das sich bebend regt, Und quält und mordet alles, was sich nur bewegt: Unähnlich dieser und verkehrt ins Gegenteil, Bringen die Königstöchter jedem Wesen Heil. Sie können weder Haß noch Zorn, bloß Freundschaft spüren, Und ihre Hände trösten, was sie nur berühren. Ja, diese heiligen, großen, guten Herzen sieben Verstehen nichts als alles, was da lebt, zu lieben. Ob unwert oder wert, sie unterscheidens nicht, Auf Gut und Böse fällt ihr Seelensonnenlicht. Kann denn das Feuer anders, nicht wahr, als erwarmen? Nun wohl, sie würden, fürcht ich, einen Wolf umarmen. Drum kenn ich einen, dessen väterliche Macht Die wehr- und waffenlosen Herzen scharf bewacht. Im Weichbild des Palastes hält er sie gefangen, Läßt keinen Fremdling nach der Himmelsburg gelangen Außer am Tag der Götterwanderung, wie ihr. Doch das ist eine seltne Mahlzeit, glaubet mir. Doch sieh, mir scheint, schon kreuzen wir die Schloßgemark Und schwenken abwärts nach dem Paradiesespark.» Er sprachs. Indes des aufgelösten Zuges Länge Sich lautlos schmiegte durch gespenstische Zederngänge. Zum Himmel wuchs des Waldes schwarze Doppelwand, Und zierlich schlug der Huf den wohlgepflegten Sand. Zum Herold aber wagten sie ein scheues Flüstern: «Ein Schattenungeheuer seh ich vor mir düstern, Ein nächtlich Ungetüm mit Armen und mit Flügeln, Zum Himmel reckt es sich und sitzt auf Treppenhügeln.» Doch schweigend faßte dieser jetzt das Horn, das klare, Und schmetternd durch die Stille gellte die Fanfare. Drauf schwang er sich vom Pferde, stellte, neigte sich Und schickte durch die Nacht die Stimme feierlich: «Großmächtiger König, Herr des Himmels und der Sterne! Hier nahen sie, die Gäste, die aus tiefer Ferne Gepilgert kommen, ihre Ehrfurcht zu gestehn, Obdach zu suchen und um deine Gunst zu flehn.» Und einer starken Mannesstimme Übermacht Erwiderte von oben aus der schwarzen Nacht: «Ihr seid erwartet, edle Gäste, und erbeten. Gruß allen, die ihr meine Schwelle zu betreten Huldvoll geruht und mochtet freundlich mein gedenken, Um einen Festtag mir und meinem Haus zu schenken.» Er sprachs. Und auf ein Wörtchen, das er kurz befahl, Erscholl zu ihrem Gruß ein brausender Choral Von reinen Engelstimmen, die, vereint mit Harfen, Ein Meer von Wohllaut durch die Finsternisse warfen, So daß der Tonschwall rauschend um die Klippen schnellte Und Berg und Tal mit weiten Wogen überwellte, Indes zuhöchst von einem unsichtbaren Turm Die Glocken tobten, brüllend im Posaunensturm. Noch hatte des Metalls, der Saiten harte Zungen, Der Engel zarter Mund ihr Lied nicht ausgesungen, Da zündete vom Turm ein blitzend Strahlenrad, Das wusch die finstre Nacht in blauem Feuerbad. Und tageshell in sonnengleicher Heiternis Erschien des Labyrinthes kühner Linienriß, Auf hohen Mauern ragend, luftig, leicht und hehr, Treppen und Säulenbogengänge rund umher, Geschmückt mit Kuppeln, Erkern, Türmen frohgestalt, Einheitlich Bau an Bau gefügt: ein Marmorwald. Lautlos, von Glanz und von Bewunderung geblendet, Beharrten sie, das Angesicht zum Schloß gewendet. Indes ein Willkommrufen, Winken, Flügelfächern Des Engelvolks geschah von Zinnen und von Dächern. Zuoberst Uranos im schimmernden Talar, Die Krone in der Hand, mit bloßem Silberhaar. Zwölf Engel traten sittsam aus dem Schloß hervor, Die leiteten die Gäste durch das Himmelstor. Hierauf, nachdem sie ihrer staubigen Sandalen Entledigt waren und in duftige Wasserschalen Die Finger tauchten und den schwieligen Fuß zu strecken Begannen in die dampfumwölkten Badebecken, Sieh, da erschien des Königs heilige Gewalt Vor ihrem scheuen Blick in eigener Gestalt, Allein an Tracht und Haltung einem Knechte gleich. Und eine Bürde warmer Zwehlen, fein und weich, Wog er im Arm und bog mit untergebnen Mienen Das königliche Knie, die Gäste zu bedienen. «Mitnichten sollst und darfst du, heilger Vater», sträubten Entsetzt die Pilger sich, «mit unsern schmutzbestäubten Wegwunden Füßen deine edle Hand entweihen, Solch Amt magst du der Diener schlechtestem verleihen.» Doch Uranos erhob sein mildes Angesicht: «Gebt her, der Schmutz vom Unglücksanger ekelt nicht.» Drauf saßen fröhlich schmausend sie beim Abendmahl Im luftdurchzognen, hochgewölbten Kuppelsaal, Während von einem auserlesnen Engelchore Gesang und Orgelspiel ertönte vom Empore. Und als des Leibes Wille nun geschehen war, Hub an der König: «Liebe Brüder, redet wahr, Doch folget einzig eurem Wünschen und Belieben: Gefällt es euch, so werden meine Kinder sieben, Gerne gehorchend meinem Wink, herniedersteigen, Euch zu belustigen mit Tanz und Ringelreigen.» Und als nun jene zugestimmt mit hitzigen Rufen, Geschah ein leises Rauschen von des Chores Stufen, Und hochaufragend durch die Wendeltreppe wallten Der Königstöchter sieben schlanke Wohlgestalten. Gleich dem Gedanken, der mit hohem Geistesschritt Erhobnen Hauptes ruhig vor die Seele tritt, Gleich einer Dichtung mutigem Heben oder Senken, So schwebten sie herbei auf federnden Gelenken. Erst stellten sie zum Gruß sich auf mit leichtem Neigen Der lockigen Stirn, dann flochten sie den Ring und Reigen. Da herrschte Todesstille längs der Tafelrunde, Und tiefe Seufzer lösten sich von manchem Munde, Während dem feuchten Blick die Träne überquoll. «Hochedle Gäste», sprach der König sorgenvoll, «Ists Wahrheit, oder will mein Ohr mich schlimm betören? Ich seh euch stumm, und Seufzer mein ich gar zu hören. Ist meiner Kinder Angesicht und Maß der Glieder Euch also sehr verhaßt und ärgerlich zuwider?» «O wolle solchen Irrtum aus dem Herzen reuten, Erhabner Herr, und unser Schweigen nicht mißdeuten», Erklärten sie, «denn unser Seufzen will besagen: Schwer wirds dem Blick, an so viel Anmut sich zu wagen. Weh uns! Wir hießen Götter bis zu dieser Zeit, Nun sind wir Eulen. Schande unsrer Häßlichkeit!» Hierauf, nachdem der Reigentanz zu Ende zwar, Doch nicht des Schauens Lust zugleich gesättigt war: «Ihr lieben Brüder, ist euch solches angenehm, Und habt ihr keinen andern Vorsatz außerdem», Meint Uranos, «so mögen meine Kinder morgen, Derweil ich selbst von der Geschäfte Drang und Sorgen Gefesselt und der ungeduldigen Arbeit Eile, Ungerne zwar, im Schoß des Labyrinthes weile, Inzwischen auf der luftigen Pfalz im Blumengarten Als treue Führerinnen eurer Wünsche warten. Dann sehe jeder, wie er Lieb und Freundschaft übe, Und daß kein hartes Wort ein weiches Herz betrübe. Bis daß Anankes unbeugsamer Willensspruch Abends zum Abschied mahnt und bittern Unterbruch.» «Ei ja! das ist uns wahrlich lieb und angenehm», Erklärten sie, «und nichts gefällt uns außerdem.» Des Vaters Wangen aber küßten inniglich Zum Dank die Kinder, neigten und entfernten sich. Und das gesamte Engelvolk der Himmelshallen Begann zum Abendabschiedsgruß daherzuwallen, Des Herren Hand zu küssen, wie des Hauses Sitten Verlangten, und ein huldvoll Wörtchen zu erbitten. Doch als der Engel letzter endlich sich verzogen Und Schlummerstille schwebte durch die Fensterbogen: «Entscheidet», sprach der König, «welches von den zweien Behagt euch mehr und scheint euch besser zu gedeihen? Wollt ihr nach dieses Tages mühevollen Werken Nun ebenfalls den matten Leib im Schlummer stärken? Wo nicht, vielleicht ein Stündchen noch mit wachem Geist Der Wechselrede pflegen, wies die Laune heißt?» «Wir sind», entschieden sie, «von aller Müh gesundet Dank deiner edlen Hirtung, die uns baß gemundet. Drum mög uns gütig, falls du dessen willens bist, Zum traulichen Gespräche gönnen eine Frist.» Und also ward der Wechselrede jetzt gepflogen Und dieses bald, bald jenes im Gespräch erwogen, Frei wies der Einfall gab und der Gedanke spann, Bis daß der Pilger einer diesen Spruch begann: «Nachsichtig laß dir mein bescheiden Lob geschehen, Erhabner Herrscher. Tausend Wunder darf ich sehen In deinem Haus, der Wohnstatt aller Herrlichkeit, Und preisend sie zu rühmen ist mein Lied bereit. Allein als höchstes Wunder schätz ich deine Milde, Im Blick und Ton sich stempelnd, wie in deinem Bilde. Nie kann gemeinem Zorn, dem Unmut nie gelingen, Die Hochburg deines freien Geistes zu bezwingen.» Ob dieser Rede blinzte sonderbar und schloß Die feinen Augen heimlich lächelnd Uranos: «Der ist», entgegnet er, «fürwahr kein rechter Mann, Der über eine Bosheit nicht ergrimmen kann.» «Drum also», meint ein andrer, «muß es sich erweisen, Wie du vor allen Herrschern glücklich bist zu preisen, Hoch über allem Bösen in der Himmelsfeste, Von Guten nur umringt, und jeder wirkt das Beste.» Und wieder blinzelte der König sonderbar, Dann bot er ihnen lächelnd diese Antwort dar: «Kein Haus ist noch so fest, kein Himmel noch so hoch: Im Balken nagt der Wurm, die Ratt im Kellerloch. Wenn hier nur Gute wohnten, keine Schälke wären, Woher denn etwa, meint ihr, stammen diese Schwären?» Mit diesen Worten teilt er eine Spanne weit Mit raschem Griff den Mantel und das Unterkleid. Und siehe, seine Heldenbrust verschimpft von vielen Blutrünstigen Striemen, Beulen und geschwornen Schwielen. «Ja, Freunde!» rief er, als nun schaudernd die Entsetzten Aufsprangen und ihr Angesicht mit Tränen netzten, «Ja, teure Freunde, auch des Himmelskönigs Amt Ist lauter Honig nicht! Und nicht auf weichem Samt Sitzt sichs auf meinem Thron und molligem Gewölle. Ihr seht den Himmel, aber ahnet nicht die Hölle, Die drunter brodelt, auf Empörung stets bedacht Und Aufruhr, nicht den Unhold, der um Mitternacht Schnaubend die Treppe stürmt, im Schlaf mich anzufallen, Und rüttelt an der Kellertür mit frevlen Krallen. Allein mit Schild und Hammer und den Fäusten beiden Will ich ihm, hoff ich, solch Beginnen wohl verleiden! Auch tut mir Pluto, der beherzte Himmelshund, Das Nahen meines Feindes je beizeiten kund. Gleich Orgelbrüllen schnerzt des treuen Wächters Stimme, Und trefflich haut sein Zahn den Höllenwicht im Grimme. Ein schwieriger Geschäft, selbst Meinen Mut zu beugen Geeignet, ist: den Minotaurus überzeugen, Den ewigen Ochsen, der das Himmelsfundament Tagaus, tagein mit nimmermüdem Horn berennt. Warum? Das weiß man nicht. Aus Dummheit offenbar. Sechs Stunden täglich schenk ich ihm Belehrung zwar, Ihm klipp und klar beweisend, daß der Himmelssturz, Wenn er gelingt, ihm hagelt auf den eignen Burz. Endlich begreift ers, kratzt sich, leckt die Ohren, muht, Worauf er ungesäumt den alten Unfug tut. Genug. Was meines Amtes, schaff ich wohl allein. Das Werk gehört der Welt, das Wissen drum ist mein, Darüber sprechen kann die Tatkraft nur verwildern. Wollt lieber ohne Hehl mir jetzt getreulich schildern, Wie sichs mit meinem königlichen Freund verhält, Hades, dem Herrn der regenreichen Unterwelt, Und seinem keuschen jungen Ehgemahl daneben, Und was auf eurer weiten Reise sich begeben, Vom Espenbaum hinüber bis zum Erlenbaum, Im tiefen Boden oder frei im hohen Raum.» Und jene taten also, wie sein Mund befohlen, Und huben an und gaben treu und unverhohlen Ihm Kunde, wie sichs mit dem regenreichen Tale Der Unterwelt verhielt und Hades, dem Gemahle; Der züchtigen Persephone, und was daneben Für Abenteuer auf der Reise sich begeben, Vom Erlenbaum hinüber bis zum Espenbaum, Im tiefen Boden oder hoch im freien Raum. Doch als sie zu den Rufen der Lawinenbahn Gelangten und von Kronos, ihrem heiligen Ahn, Erzählten, wie sie dort mit ihm zusammenstießen Und seinem Volk, die flüchtend den Olymp verließen, Und wie die Unglückseligen von Wirbellauen Hinweggerissen wurden in des Abgrunds Grauen, Bewegte sich sein Antlitz und sein Auge zwinkte. «Fahrt fort!» befahl sein Finger, der Erlaubnis winkte. Doch als sie von dem Eichwald sprachen an der Erden Und von der schauerlichen Grotte 'Tod und Werden' Und von des Lethesprudels finsterer Gewalt, Darin die Seelen ewig wechseln die Gestalt, Und von dem unbarmherzigen fluchenswerten Weibe, Das sie ins Fleisch verbannt in einem siechen Leibe, Da wars, als ob durch seines Hauptes wildbewegte Lockige Silbermähne jach ein Sturmwind fegte, Und unter seinen zornumwölkten Schläfen drohte Ein gräßlich Feuer, das ihm aus den Augen lohte. Mit starren Mienen stierten da die Schreckensbleichen Ihn an, verglasten Blicks, des Lebens bar, als Leichen. Die Frage selbst erstarb im Halse mutgelähmt. Schon aber hatte Uranos sein Blut bezähmt, Erhob sich groß und ernst, betrachtete sodann Prüfend mit Forscherblick die Gäste: «Saget an: Wollt ihr Anankes Sturz und Untergang erfahren? Wollt ihr den Fernschein vom meontischen Land gewahren? Nirwana schauen und den Felsen Eschaton? Den Engel, schlafend unterm Baume Thateron? Im schnaubenden Verlies, von Feuergischt durchdampft, Das Weltenklagebuch, auf Dauerstein gestampft?» Er riefs bedeutsam. Aber plötzlich, sich besinnend, Nahm reuig er, in väterlichem Ton beginnend, Das unbedachte Wort zurück: «Nicht doch! wozu? Was kümmert euch Ananke? Ihr bedürft der Ruh, Denn ihr seid müde. Laßt des Schlummers uns gedenken. Kann Schlaf nicht trösten, mag er doch den Frieden schenken.» So wendet er den Spruch. Und einen Leuchter flink Ergreifend: «Folgt mir!» forderte des Wirtes Wink. Doch trotzig schreiend seinen Weg versperrten sie, Erfaßten seinen Arm, umschlangen seine Knie: «Halt ein! Versprochen Wort steht außer dem Belieben. Und ein gezeigt Geschenk sollst du nicht rückwärts schieben. Wir wollen von Anankes Untergang erfahren, Den Fernschein vom meontischen Land laß uns gewahren, Nirwana schauen und den Felsen Eschaton, Den Engel, schlafend unterm Baume Thateron, Das Weltenklagebuch, auf Dauerstein gestampft, Im schnaubenden Verlies, von Feuergischt umdampft. Und zwar nicht morgen, sondern jetzt und alsobald.» «Wenn ihr mich zwingt, so seis, ich weiche der Gewalt.» So sprechend wandt er sich und führte durch die Enge Geheimer und verworrner Wendeltreppengänge Sie vor ein rätselhaftes, gläsern Wagenhaus. Ein blasser Ampelschimmer zitterte daraus, Und an den Fenstern hingen große fremde Fliegen, Die eine andre Welt verrieten und verschwiegen. «Dies», sprach er, «ist des Himmelskönigs Reisewagen. Wollt ihr mit mir die Antipodenreise wagen, So tretet ein. Wo nicht, noch ists zur Rückkehr Zeit.» «Wir sind an deiner Hand zur fernsten Fahrt bereit.» «Seid ihr gefaßt?» «Wir sinds.» Ein Fingerdruck, und leise Rollte durchs Labyrinth die unterirdische Reise. Und öfters füllte sich auf ihrem raschen Schube Mit Hitze bald und bald mit Frost die Wagenstube. Bis daß, von seines Führers klugem Fingerdruck Gestellt, der Wagen widerstand mit kurzem Ruck. Der König rief: «Zum ersten Male steiget aus!» Zögernd betraten sie ein lärmerfülltes Haus, Des feuerunterwühlte, schreckempörte Mauern Und Balken zitterten in unablässigen Schauern. Nur Kolbenstampfen ringsumher und Wellbaumtoben. Bis daß sie endlich, von des Führers Hand geschoben, Die Füße wagten in ein schnaubendes Verlies, Wo Donner das Gehör, den Atem Dampf verstieß. Und ratlos irrte scheu umher der bange Blick. Doch kundig richtete der König ihr Genick Nach einem sturmbewegten Eisenräderwerke, Woselbst von hundert Hämmern die vereinte Stärke Auf einem Walzenband von Stein, das Funken spritzte, Mit grimmen Eisengriffelhieben Runen ritzte, Daß knirschend der Granit, im Mark verwundet, krisch Und stets erneute sich die Walzenrolle frisch. Indessen von der Wand aus Lücken und aus Scharten Drei stumme Reihen drohender Posaunen starrten. Jetzt eine Eisenmaske nahm der König vor Und setzt ein ehern Schallhorn an der Lippen Tor. «Ihr wilden Eisenmänner», dröhnt er, «sollt mir sagen: Was lehrt die Schrift, die eure grimmen Fäuste schlagen?» Und schmetternd aus dem Walde der Posaunen schnellte Der Gegenruf, der Lärm und Tosen übergellte: «Wir schmieden Runen in das Weltenklagebuch, Da schreit die Kreatur dem Schöpfungstage Fluch, Der Seele Traurigkeit, des Leibes Angst und Qual, Jedwede Träne, die aus einem Aug sich stahl, Ein jeder Schmerz, der jemals einen Nerv zerriß, Ein jeder Blick der Trübsal und Bekümmernis, Des Menschen wissend Weh, der Tiere dumpfe Not, Des kleinsten Wurmes unverdienter Martertod, Und wärs von Nacht und Einsamkeit verhehlt geblieben, Von unsern Fäusten wird es pünktlich aufgeschrieben, Auf daß am jüngsten Tag und schließlichen Gerichte Das Buch den namenlosen Schuldigen bezichte.» Also bekannte schmetternd der Posaunenchor. Und Antwort gab der König durch des Schallhorns Rohr: «Merkt auf, ihr wackern Eisenmänner, wollt mich hören! Denn einen fürchterlichen Eidschwur will ich schwören: Der strenge Kläger, den ihr rufet, der bin ich. Ich will mit diesem Buch ihn zeihen sicherlich. Ins Ohr des Weltenmörders will die Schrift ich schreien Und ihm die Qual der Kreatur ins Antlitz speien.» Nach diesen Worten, die er durch das Schallhorn stieß, Verließen sie das dampfdurchdonnerte Verlies. Und wieder ritten in dem Reisewagenstuhl Sie schnellen Falles durch den labyrinthischen Pfuhl In grause Tiefen. Und dem spürenden Gefühle Schlug Kälte bald entgegen, bald beklommne Schwüle. Als sie zum zweitenmal dem Wagenhaus entstiegen, War stumm der Lärm, der Raum verwaist, die Luft verschwiegen. Und an ein morsches Pförtchen, das seit alters nie Des Spinngewebs entledigt worden, führte sie Der König jetzt: «Hier hat Anankes Macht ein Ende», Belehrt er feierlich, «drum faltet eure Hände. Denn einem fremden See, den selten Augen sahen, Dem grauen See Nirwana sollt ihr nunmehr nahen.» Hiermit entriegelt er das Pförtchen. Und, jawahr! Bot sich der See Nirwana ihren Blicken dar. Endlos in Nebelfernen schwamm die Wasserwüste, Doch herwärts, an der öden Weltenscherbenküste, Klatschte der Schwall der schweren Wogen, langgezogen, In dumpfen Schlägen längs dem flachen Uferbogen. «O Herr», bemerkten sie, «dies Wasser scheint unendlich, Denn nirgends sind des grauen Meeres Ufer kenntlich. Doch jenseits in den Wolken grüßt ein Widerschein, Als könnt ein weltenfernes Land dahinten sein.» «Man glaubt von einem Lande Meon, daß es wäre. Die Hoffnung betet, daß der Glaube sich bewähre.» Er sprachs und setzte fort in feierlichem Ton: «Nun aber folgt mir nach dem Felsen Eschaton, Da trotzt der letzte Stein, da winkt den Scheidegruß Die Welt, denn niemals weiter trat des Lebens Fuß. Doch eine Botschaft geb ich tröstlich euch zu wissen: Auf eitle Neugier nicht und Wundersucht beflissen Geschieht der Pilgerzug, den ich mit euch will fahren. Ein köstliches Geheimnis laßt euch offenbaren: Ein Kirchlein birgt sich unterm Felsen Eschaton, Das ist beschattet von dem Baume Thateron. Du fragst: doch welches ist das teure Heiligtum, Weshalb zu seiner Hut ein Kirchlein steht darum? Vernehmt: leg mir die Welt und was sie hält zur Linken Und laß zur Rechten jenes einzige Kirchlein blinken, Dann heiß mich hurtig wählen eines von den beiden: Ich zaudre nicht, zum Kirchlein will ich mich entscheiden. Allein warum mit Worten Nebelburgen bauen? Frohlockt! mit euren seligen Augen dürft ihr schauen.» Er sprachs. Und über einen Isthmus rückte fort Der Pilgerzug zum Felsen Eschaton. Von dort Hinunter klommen sie zum Kirchlein unterm Stein, Bedeckt vom Baume Thateron, und traten ein. Und siehe, hinter einem spitzen Gitterhag, Auf einem hohen Polsterbette ruhend, lag Ein Engel schlafend, seine Stirn vom Ellenbug Gestützt, darum ein Wald von Ringellocken schlug. Ein schmeidiger Schuppenpanzer floß um die Gestalt Und seiner süßen Schönheit lächelnde Gewalt. Der Strahl der lichten Wangen war so rein und hehr: Er kam von eines andern Himmels Heimat her. Siehst du des Diadems, des Halsbands Feuergarben? So funkeln keines hiesigen Tageslichtes Farben. Und wenn den Atem zieht der Engel aus und ein, Erblaut die Luft von seines Hauches Sonnenschein. Doch sieh, welch Herzeleid, welch wehmuttrunkner Wahn Packt über diesem Anblick jetzt die Pilger an? Sie fallen überlauten Schluchzens auf die Knie, Und ihre sehnsuchtskranken Arme strecken sie Durchs Gitter nach dem Engel, der so nahe scheint Und den der starre Zaun verwehrt; und jeder weint. Da rührte sich und hob den Arm die Schläferin Und sang die traumumwobnen Worte vor sich hin: «Mir träumt von einer bösen Welt, von Übeln schwer. Ich spüre Leiden, höre schluchzen um mich her. Getrost! Ich weiß von einem Tage gut und groß, Da windet sich Vergeltung aus der Zeiten Schoß. Erlösung und Genesung blühn auf seiner Spur. Da hört man Schluchzen nicht, des Glückes Seufzer nur.» «Der du die Hoffnung heißest, heilige Schläferin, Engel des Trostes, gönn uns jetzt von Anbeginn» Rief Uranos, «von jenem schönen Helfertage Aus deinem wahrheitskundigen Mund die selige Sage.» Da richtete gen Osten sich des Engels Haupt: «Ich schaue wahr», verkündet er, «vernehmt und glaubt! Ich seh ein großes Licht am Horizont gen Morgen. Im fernen Lande Meon wächst heran verborgen Der Weltenheiland, das ersehnte Gotteskind, Von dem euch Hilf und Arzenei verheißen sind. Schon schweift er unstet auf und ab die Uferhalde. Und gleich dem flüggen Adler, der vom Föhrenwalde Den Auslug schreiend nimmt und flattert mit den Flügeln Und kann mit Mühe kaum die zornige Kriegslust zügeln, So blickt von Meons fernem Strand der junge Held Feindlich hinüber nach Anankes Mörderwelt. Geduld! Bald wird er mutig sich zu Pferde schwingen. Triumph! Ich höre Schlachttrompeten, Waffenklingen. Hei, wie die hurtigen Hufe durch Nirwana greifen! Hei, wie die Lilienbanner in den Wolken pfeifen! Was trägt er auf der Lanze? Einen Flammenstift. Wer speist die Flamme? Der Erlösung Gegengift. Er steht im Bügel, zielt und schleudert das Geschoß Siegschwirrend in den unheilschwangern Weltenschoß – Tahoi! Wie aus dem Schwefelbauch die Flamme loht! Gegrüßt, Ananke! Schmeckt dir dieses Morgenrot? Umsonst die Wut, die du aus hässigen Augen glotzest! Vergebens alle Höllensäuren, die du protzest! Fuchtle mit Stickstoff oder ficht mit Oxydul, Diesmal verbrennst du in dem eignen Teufelspfuhl. Amen. Im Todeskampfe brüllt die Welt und zischt, Dann platzt der Greuel, und das Lebensgas erlischt. Mit zornigem Huf zerstampft den rauchigen Kohlenherd Und in der Asche schnuppert des Erlösers Pferd.» So sang der Engel, und den frohen Spruch bewährte Der Glanz der Hoffnung, der sein Angesicht verklärte. «Also», rief Uranos, «geschehe pünktlich bald! Doch siehe, des Erlösers tröstliche Gestalt Ist blasser als der Hauch des Mundes. Und kein Pfand Ist unserm Aug gegeben vom meontischen Land. Des angsterfüllten Zweifels drum erbarme dich: Von wannen weißt du von dem Helden sicherlich?» Verächtlich lächelnd wandte die geschloßnen Lider Der Engel nach dem Sprechenden. Dann sagt er wieder: «Wer spricht zur Braut von dem Geliebten 'Unbekannt'? Ich heiße Wahrheit. Hoffnung werd ich zubenannt. Von meinen Händen ward, von Mörderhand errettet, Im Baume Thateron der junge Held gebettet. Von diesem Felsen lehrt ich ihn den kühnen Sprung Am Tag der Schöpfung nach Nirwanas Niederung. Mit meinem Finger hielt ich der Verfolger Lauf, Mit meinem Wort und Blick die Gottesmörder auf. Da brandete der Weltenstrom, den Bosheit braute, Und flutete zurück. Die Schöpfung stockt und staute.» Der König rief: «Die Sage wollen wir behalten. Es ist kein andrer Trost, er darf uns nicht erkalten. Doch eine letzte Frage mögest uns bejahen: Wann wird sich alles jähen? Wann der Tag sich nahen?» «Wenn ihr vom Lande Meon hört die Hähne krähen, Wenn in Nirwanas Meer die Mähder Schwaden mähen», Verkündet er, «dies ist der Tag. Dann wird sichs jähen.» Nach diesem Wort entschlief der Engel traumestrunken Im weichen Pfühl des Armbugs, drauf sein Haupt gesunken. Und lieblich flog sein schöner Odem aus und ein. Und als nun aus dem Kirchlein wieder auf dem Stein Die Pilger angelangt, begehrten sie zumal: «Wie ist die Welt nun hohl, das Leben leer und schal! Ob Glück, ob Unglück, Hölle oder Himmelreich, Was schierts? Dem Kirchlein kommt die weite Welt nicht gleich. Hier auf dem Felsen Eschaton, da laßt mich sitzen, Und nach dem Lande Meon Aug und Ohren spitzen. Wer weiß, ob heute nicht vielleicht der Hahn noch kräht? Die Welt ist alt, und der Erlöser ist schon spät.» «Dies, liebe Brüder», riet er, «wollet unterlassen. Mit tatenloser Hoffnung müßig sieh befassen, Um stets gespannt und stetsfort neu enttäuscht zu sein, Das, Freunde, ist des Herzens grauenvollste Pein. Auch ich ja, ich, vor langer, undenkbarer Zeit, Als ich noch frisch war und noch jung die Ewigkeit, Auch ich bin hier am Felsen Eschaton gesessen, Die Fläche des nirwanischen Meeres zu ermessen Und jenseits nach dem Lande Meon auszuspähen, Ob sich der Morgen röte, ob die Hähne krähen. Wie oft hab ich geschloßnen Auges nicht gelauscht, Ob nicht die Sense dengelt, nicht ein Huftritt rauscht. Und lange Tag und Nächte lag ich knieend, traun, Im Kirchlein auf dem Boden vor dem Gitterzaun, Versuchend, mit der Hand den Engel zu erreichen Und den metallnen Hag mit Tränen zu erweichen. Und welcherlei Erfolg davon und Trost gefunden? Zwei tränenkranke Augen und die Hand voll Wunden. Indessen oben in des Labyrinthes Turm Der Unhold Stock um Stock eroberte im Sturm Und unablässig mit der Dummheit Eiferhitze Den Himmel stieß des Minotaurus Hörnerspitze. Drum heim! Man mag die Welt auch ohne euch erlösen. Uns aber trifft der Krieg der Guten mit den Bösen.» Er sprachs. Und seufzend ließen sie vom hurtigen Wagen Sich wieder in Anankes strenge Zwingburg tragen, Wo nach wie vor das Räderwerk der Stunden ging Und unverrückt das Firmament am Himmel hing. Und als nun Uranos im obersten Gemach Des Hauses unterm freien, luftumspülten Dach Die Gäste in das kühle Schlafgelaß geleitet Und ihres Lagers Betten, weich und glatt bereitet, Mit eigner Hand geprüft, und ob auf jeden Fall Nichts mangle irgendwo, noch fehle überall, Und auch mit heiligem Gruß und Segen jeden Schaden Verbannt und Frieden auf ihr müdes Haupt geladen, Begab er sich hinunter in den Dienersaal, Allwo bei eines schmächtigen Lichtes Zitterstrahl Erlesne Engel, seines Herrscherrufs gewärtig, Sich wach erhielten und zu jedem Auftrag fertig, Mit traulichem Gespräch den Schlummer niederkämpfend, Doch jeden überlauten Ton erschrocken dämpfend, Und Morpheus holt er aus dem Saale, welcher flink Vor seinen Herrn sich stellte auf den ersten Wink: «Morpheus», begann er, «deine Klugheit wollest zeigen. Zum Schlafgemach der Götterherberg sollst du steigen Mit deinen besten Gläsern. Dort durchs offne Fenster Laß gaukeln deiner Träume neckische Gespenster. Gib Freiheit deinem Pinsel und die Farben misch! Und über die Gedächtnisbilder Märchen wisch! Auf daß der rege Geist, vom Schlummerrausch verwirrt, Behaglich schaukelnd nach dem Fabellande irrt, Und also durch der Seele Lustfahrt frische Stärke Der Leib gewinne zum erneuten Tagewerke. Doch merkst du, daß der Mund den Atem ruhiger zieht, Gen Morgen, wenn beim Dämmergrau die Nacht entflieht, Dann sollst du ihnen mit den schönsten Farbenstrahlen Das Antlitz meiner Kinder vor die Augen malen. Auf daß, entzündet von der Sehnsucht Funkenschlag, Der Freundschaft selige Glut im Herzen brennen mag. Denn reiner Minne Glück und frohe Freundschaftsfeste Am klaren Tag: so ehrt der Himmel seine Gäste. Doch deine Liebe, wird sie meine Liebe mindern? Drum spiegle gleichfalls durch das Fenster meinen Kindern Ins Herz das Abbild unsrer Gäste. Hin und her Gerät die Liebe besser und die Freundschaft mehr.» Der König sprachs, und dem Befehl gehorsam brach Morpheus geschäftig auf. Und vor dem Schlafgemach Mischt er die Farben, brannte sie im heißen Tiegel Und gaukelte durchs Fenster mit dem Zauberspiegel, Den Atem schlau berechnend aus der Schläfer Munde. Doch Uranos umschritt die abendliche Runde, Von unten angefangen bis hinauf zur Zinne, Und jeglichen Geräusches ward er weislich inne, Hörte das Engelvolk im Traume leise wistern, Vernahm im schwarzen Weltenraum der Sterne Knistern. Doch wie er seiner Kinder Schlafgemach umschlich, Hemmt er den Schritt und an die Mauer lehnt er sich, Das Auge sanft vom lauen Sternenwind gebadet Und das verklärte Angesicht von Glück begnadet. Endlich, nachdem er alles ordentlich bestellt Gefunden und im Frieden ruhend Haus und Welt, Macht er sich eilends auf, und in der Waffenkammer Den bäumigen Schild ergreifend und den wuchtigen Hammer, Betrat er eine Bodenfalle, einzig nur Ihm selber kundig, stampfte mit dem Fuß und fuhr Hinunter in den Keller, wo vom Höllentor Des Unholds fürchterliches Toben traf sein Ohr. Das Tor zu brechen war sein trotziger Gedanke, Und tückisch in den Fugen kratzte seine Pranke. Doch welch ein zweiter Riesenstimmenzorn erfüllte Das Ohr mit Wohllaut, der wie Orgeldonner brüllte? Sieh da, der treue Himmelswächter, der beherzte Pluto, der durch die Tür dem Feind entgegenschnerzte. Mit Lobesworten schürte seines Dieners Feuer Vorerst Held Uranos zum hitzigen Abenteuer. Dann gleich dem Züchter, welcher seine Löwenzucht Zuvor mit übermächtigem Lärm zu schrecken sucht, Eh daß er unversehens mit Tyrannenschritt, Die Tür aufreißend, drohend in den Zwinger tritt: So prasselte des Königs Schild und mächtiger Hammer Dem Unhold drüben in dem Pfuhl der Höllenkammer Den Herrschergruß, damit ihm dessen, der da komme, Die Warnung nützlich werde und die Vorsicht fromme. Bis daß der wilden Bosheit unvernünftig Jappen Er nach und nach in Winseln hörte überschnappen. Da zerrt er auf die Tür mit jähem Ruck und Riß, Und Herr und Diener juckten in die Finsternis. Hei, wie sich wand der Feinde dreigestalter Knäuel! Die Tür fiel dröhnend zu. Da schwieg der Stimmengreuel. Einzig ein dumpfes Tosen aus dem Höllengrab Gab Kunde von dem Kampfe, der sich jetzt begab. Fünfter Gesang Die sieben schönen Amaschpand                 Noch füllte schwarze Nacht die weite Welt, und kaum Entstieg dem Horizont des Frühlichts blasser Saum, Da rauschte nach dem Himmelsturm auf Flammenschwingen Der Morgenvogel Phönix und begann zu singen: «Zittjo! Es naht ein Feuer aus dem finstern Land. Die Sonne war nicht tot, sie lebt, sie auferstand. Ein strahlend Volk von Kriegern kommt vor ihr gegangen. Wacht auf! wacht auf! des Tages Fürstin zu empfangen.» Er sangs und drehte sich verzückt im Tanz und Schwung. Dann fiel er lautlos in das Grab der Dämmerung. Doch unten in des Labyrinthes grauem Düster Erwachte nach und nach ein munkelndes Geflüster. Und blinzelnd mit den Wimpern, die der Schlaf noch schloß, Ermahnten strafend sich die Töchter Uranos': «Frisch auf, ihr Schwestern! Eure jungen Glieder rührt! Des Phönix Stimme, mein ich, hab ich längst gespürt.» Husch! Aus den Kissen welch ein wimmelndes Gewühl! Und doppelfüßig sprangen sie geschwind vom Pfühl, Und wie sie nun, ein Knie aufs andre Knie gebogen, Die schmeichelnden Sandalen um die Knöchel zogen: «Sag an», begannen sie, «geliebte Schwester traut, Was hat dein töricht Mädchenherz im Traum geschaut? Geschah dir Liebes? Oder ward dir bang und wehe? Doch was es immer sei, das melde und gestehe.» «Mein Traum», versetzte sie, «war licht und wohlgetan. Der Gäste freundlich Antlitz schaut ich fröhlich an. Wir boten hin und her die Hand uns friedlich dar Und wohnten brüderlich beisammen Jahr um Jahr.» «Ei sieh nur, wie doch manches wunderlich gerät! Denselben Faden hab auch ich im Traum genäht.» Und wie den Hals sie steckten durch des Kittels Falten Und um den schmalen Leib den engen Gürtel schnallten: «Erkläre, liebe Schwester, und ergründe mir: Schnee ist dein Röcklein, Lilien sind die Schuhe dir Und Silberschaum dein Gürtel. Solltest dus bereuen, Im schmucken Festtagskleid die Gäste zu erfreuen?» «Mein Herz springt hoch. Es ist so glücklich und so rein. So muß auch mein Gewändlein weiß und blendend sein.» Und als das ungefüge üppige Lockenhaar Bewältigt und mit Nadeln festgezwungen war: «Die Wahrheit frage, liebe Schwester, was sie spricht: Bin ich erträglich oder häßlich von Gesicht?» «Die Wahrheit sagts, die Sonne wirds bejahen müssen: Schön bist du, dessen will ich dir den Nacken küssen.» Drauf stiegen sie hinunter in den Dienersaal, Allwo ihr Mund den Schaffnerinnen dies befahl: «Gruß euch und Frieden! Eilt hinauf ins Prunkgemach, Die besten Kleider wählt daselbst, tragt sie hernach Fein und behutsam in der Gäste Ruhezimmer. Doch daß sie ja mir nicht erwachen, sorget immer! Die staubigen Mäntel aber ihrer Wanderschaft Entwendet unvermerkt und ihrem Blick entrafft.» Dann zu der Engel Dienstgesinde sprach ihr Wort: «Heil euch zum Gruße! Eh ihr zieht zur Arbeit fort, Laßt einen milden Mahnspruch dringend euch empfehlen: Auf leisen Sohlen sollt ihr euch von hinnen stehlen, Kein schallend Wort vernehmen lassen oder Singen, Und eitlen Lärm vermeidet ja vor allen Dingen, Auf daß das luftige Traumbild, das den Schlummer würzt, Ihr nicht verscheucht und unsrer Gäste Schlaf verkürzt.» Und also schwärmten an die Arbeit jetzt verstohlen Die emsigen Engelvölker auf verschwiegnen Sohlen, Die einen in die Ferne über Berg und Tal, Im Haus und Heim die andern durch Gemach und Saal. Und allenthalben jetzt vom Dachstuhl bis zum Keller Begab sich ein gedämpftes Summen und Geträller, Von Zeit zu Zeit durchblitzt von kicherndem Gelächter. Zu Pluto aber, dem getreuen Himmelswächter, Wallten die Königstöchter jetzt gemeinsam hin, Erhoben ihm den Löwenkopf und schalten ihn: «Gesteh! Wo bist du wieder letzte Nacht geblieben? Und wo im Himmel hast du dich herumgetrieben? Sieh, wie du blutig, schmutzig und verschlafen bist! Wenn das, sag selber, etwa nicht zum Strafen ist?» So riefen sie ihm scheltend in das Augenrund Und zausten ihn und küßten seinen grimmen Mund, Indessen kläglich winselnd der Bejämmerte Den Boden mit dem zottigen Schweife hämmerte, Den Tadel ahnend, nicht des Tadels Ironie. Danach zum Pferdestall hinüber schritten sie. Und als die mächtige Eichentür sie aufgeschlossen, Begannen sie und sprachen zu den Flügelrossen: «Heran zu mir! Dieweil ihr uns verwichne Nacht So wohlgeschlachte Freund und Gäste heimgebracht, Soll solchen guten, wohlgesinnten Minnepferden Des Zuckers leckrer Imbiß heut verdoppelt werden.» Hei, wie die Renner hurtig jetzt die Krippen ließen Und stürmisch ihre Nasen nach dem Zucker stießen! Kaum daß die Jungfern vor gewaltiger Bedrängnis Zu stehn vermochten in dem strampelnden Gefängnis, Also mit nützlichen Geschäften allerlei Gingen sie hin und wieder und die Zeit vorbei. Allein nach einer Stunde meinten wohlgelaunt Die Schwestern zueinander: «Ei, fürwahr! mich staunt Des späten Schlafes, der sich ewig frisch erneut! Seht, wie der Tag sich rötet und der Himmel bläut! Und wie des dämmernden Gebirges Silberspitzen Im Demantfeuerbad der Morgensonne blitzen! Indessen durch des Labyrinthes Schacht und Stollen Ich schon des Vaters fleißigen Wagen höre rollen. Drum laßt uns, bis die Gäste völlig wach gediehen, Den Park umkreisen und das Paradies umziehen.» Und als sie eine Stunde lang im weiten Bogen Den Park umkreist und um das Paradies gezogen: «Herzliebe Schwestern», lachten sie, «ei, daß dich doch! Noch schlafen wahrlich unsre Gäste, schlafen noch! Während vom tiefen Tale bis zum Hügelkranz Die weite Welt ergrünt im hellen Tagesglanz! Schon stirbt der Tau dahin, schon neigt auf welken Stengeln Sich Kraut und Gras, und von den Wiesen schweigt das Dengeln. Wohlan, so wollen wir uns dieses Mal bequemen, Dreimal den Umgang langsam um den Park zu nehmen.» Nachdem nun abermals der Umgang war vollzogen, Dreimal, mit trägen Schritten, die sie zaudernd wogen: «Herzliebe Schwestern», riefen sie, «mir bangt und graut, Ob Unheil nicht geschehen unsern Gästen traut. Kommt, laßt uns insgesamt zu ihrem Lager eilen, Mit meinen Augen, hoff ich, unsre Angst zu heilen.» Und also, gern gehorchend dem verständigen Rate, Brachen sie auf und eilten nach der Kemenate, Wo sie, bezwungen von des Schlummers zarten Banden, Zu ihrem Trost die Freunde ruhig schlafend fanden. Geschahs aus Vorwitz? oder tats der Übermut? Ans Lager hurtig huschend, wohl auf ihrer Hut, Den Schlaf nicht aufzustöbern, setzten sie geschwinde Sich auf den Rand des Bettes, sachte und gelinde. Hernach, nachdem sie eine Weile still und schweigend Verharrt, ihr Antlitz auf die Stirn der Schläfer neigend, So daß gleich eines Vorhangs schattigem Faltenfall Das Kissen überflutete der Lockenschwall, Erhoben betend sie den Morgensang und -segen: «Friede mit euch und Heil auf allen euren Wegen! Was euer Wunsch begehrt und was euch frommen mag, Werd euch zuteil an diesem heiligen frohen Tag.» Und als nun unversehens auf der Schläfer Wangen Der Tränen Perle ruhig rollend kam gegangen: «Getrost, vielliebe Freunde! Sagt, was weinet ihr? Freundschaft allein und Liebe wartet euer hier. Der Kummer ist verbannt, die Tränen sind verpönt In diesem Hause, das der Frohsinn nur verschönt.» Aus tiefstem Busen seufzend, nach der Schläfer Weise, Entgegneten erwachend jetzt die Gäste leise: «Wes ist das süße Antlitz, das mich hold umschattet? In welcher seligen Heimat lieg ich sanft bestattet? Durch meine schlummerschweren Wimpern, glanzumstrahlt, Flutet ein blendend Lichtmeer, farbentraumdurchmalt.» «Wo solltest du», versetzten sie, «Geliebter mein, Wo anders als in unsres Vaters Himmel sein? Den Born des Glanzes speist das gnädige Sonnenlicht, Dies Antlitz aber ist mein schlichtes Angesicht; Das weiß von keiner andern Tugend oder Güte Als dich zu lieben, Freund, aus zärtlichem Gemüte. Doch sprecht: was soll sich nun zunächst mit uns begeben? Steht euer Wille, sich vom Lager jetzt zu heben, Und zielt nach Spiel und Kurzweil euer Zug und Trieb, Und nehmt ihr auch mit unsrer Gegenwart vorlieb, So wollen unterdessen wir im Blumengarten Gehorsam und geduldig eurer Ankunft warten.» Mit diesem Wort verließen sie die Kemenate, Und gern gehorchten jene dem willkommnen Rate. Und als sie nun erschienen in dem Blumengarten, Wo schon die Königstöchter ihrer Ankunft harrten, Begannen sie: «Ihr edlen Jungfraun unbekannt, Mit welchem feinen Namen werdet ihr genannt? Und wer von zweien ist die andre von den beiden? Denn schwierig hält es, Stern von Stern zu unterscheiden.» So sprach die Neugier traulich aus der Freundschaft Mund, Und Aufschluß gab die Gegenrede huldvoll kund: «Mit zweien feinen Namen werden wir genannt. Sprich 'Peri' oder willst du lieber 'Amaschpand', Daneben manche Knuspernamen, wie zu glauben, Schenkt uns der Vater, von den Rehen zu den Tauben. Ihr aber nennt uns bloß die sieben sanften Maiden, Habt uns ein wenig lieb und mögt uns duldsam leiden. Auch weiß man unter uns von keinem Unterschied, Wir sind von einem Chor ein siebenstimmig Lied: Was ihr der einen gönnt, das danken euch die andern. Doch, seid ihrs willig, laßt uns durch den Garten wandern.» So sprechend, liefen sie die knirschenden Terrassen Hinunter zwischen hohen Oleandergassen Und langen Leuchterstraßen glühender Granaten, Bis plötzlich, als sie auf den Rasenrundplatz traten, Mit Wassergaukeltanz und Sonnenbogenspiel Ein Blumenfeuer ihre Augen überfiel. Indes ein ängstlich Heer von flüchtigen Atomen Die Luft bevölkerte mit schüchternen Aromen. Da klatschten sie vergnügt die Hände: «Wahrlich! ja! Im stygischen Sumpfe war es anders, traun, als da!» Von dannen wieder schlüpft ihr Wandel in die Enge Verschämter, dämmerlichtdurchspielter Laubengänge, Wo zwischen Kletterrosen, Gaisblatt und Jasmin Sie eine lange Stunde zogen her und hin. Dann zu den Schaukeln stürmten sie und Spielgerüsten, Im Wettlauf sich zu messen trieb sie das Gelüsten. Doch Schmach! Im Laufe wie in jedem andern Spiel Gewann der Mädchen Schnelligkeit zuerst das Ziel. Doch als sie endlich nach erneuter Wanderung Des Gartens Schluß erreichten an dem Mauersprung, Von wannen jählings in die Wind- und Wolkenwelt Die starre Himmelswand in steilem Sturze fällt, Eins, zwei, ersprang den Mauerkranz die Mädchenschar, Streckte den Rücken, bändigte das trotzige Haar, Und ehe ihre Absicht deutlich offenbar, Husch! tauchten sie kopfüber in die luftige Flut. Getrost! Das Bett verriet sie nicht, es trug sie gut. Schon weisen lachend sie die wohlgeformten Zähne. Kennst du im stillen Teich den Linienschwung der Schwäne? Sahst du um eine Zinnenkrone Taubenflüge Beschreiben ihre ordnungskundigen Zirkelzüge, Des ruhigen Äthers ebenen lazurnen See Mit Pfauenglanz durchwirkend und mit Flügelschnee? So kreuzten jene schwimmend durch das Luftrevier, Und jeglicher Bewegung lieh die Anmut Zier. Aufseufzend vor Bewundrung beides und vor Trauer Gewahrtens die Gefährten, stehend längs der Mauer: «Weh mir! Mein Herz ist traurig, weil mein Auge lacht, Denn sie sind fein, wir aber plump und ungeschlacht.» Mit Lachen aber und mit neckischen Winken vielen Reizten die Peri jetzt die staunenden Gespielen: «Warum nur wollt ihr denn nicht auch die Lust genießen, So weich und flaumig durch die linde Luft zu fließen? Ledig und unbehindert, frei in allen Stücken, Der Himmel über dir, die niedre Welt im Rücken, Im goldnen Wolkenschwund auf blauem Äthergrund, Das ist vor allen Dingen sorglos und gesund.» Und da die Freunde scheuen Blicks die Tiefe maßen, Wo über Wolkendächern Nebelnester saßen Und der Gebirgesknochen stachlichtes Gerippe Die Himmelsburg belagerte mit Spieß und Hippe Und nirgends Boden oder Halt zu sehn und spüren: «Kommt», riefen sie, «wir wollen an der Hand euch führen.» Und gleich wie auf der Eisbahn tückischen Geleisen Geschwister sich einander Schick und Vorteil weisen, Und wer von ihnen, sei es an Verstand und Jahren, Seis durch geduldige Übung reiflicher erfahren, Der springt dem Unbeholfnen bei und dient und nützt Ihm mit gespanntem Arme, der ihn hält und stützt, Bis daß zuletzt sein Beispiel und beredter Spruch Den Zaudernden vermag zum tapferen Versuch: So faßten hilfreich nun die schönen Amaschpand Das nächste Trüpplein eifrig mahnend an der Hand, Zur Rechten eine und die andere zur Linken: «Nun Mut jetzt! Schließt die Augen, laßt euch einfach sinken!» «Zu Hilfe! ach!» Ein kurzer Schrei, ein kleiner Fall, Dann stieß ihn sanft empor der Wipp und Widerprall. Nun ward der Wille, der sich eben noch geweigert, Durch den Erfolg zur hitzigen Begier gesteigert. «Nun ich!» «Nein, ich zuerst!» In ungeduldiger Wette, Als ob ein schwer Versäumnis sie gestachelt hätte. Das Spiel gewann Geschmack, der Ehrgeiz lieh den Saft, Und aus der Übung flackerte die Leidenschaft. Also vertrieben sie ergötzlich sich die Stunden, Und immer neu Genügen ward im Glück gefunden. Da huben an die Königskinder: «Werte Gäste, Geliebte Freunde, welches dünkt euch nun das beste? Siehe, die Schatten fliehn, der Glast sticht grell und heiß, Darum, wofern ein Besserer nichts Beßres weiß, So laßt uns in der marmorkühlen Brunnenhalle Erproben, wie euch trauliches Gespräch gefalle.» Und da man einmal doch von hinnen mocht und mußte Und auch kein Beßrer irgend etwas Beßres wußte, Begaben sie sich in die kühle Brunnenhalle Und freuten sich des traulichen Gespräches alle, Einander wohlgesinnt und selber wohlgelaunt. Verwundert aber meinte einer und erstaunt: «Ihr königlichen Maiden, hehr und schön und licht, Wer gab euch solch ein klares Sonnenangesicht? Denn sieh, es anzuschauen ist mir wahrlich lieb, Und freundlich es zu küssen spür ich Zug und Trieb.» «Nein, Freunde, was ihr redet, ist gewiß nicht wahr. Denn wäre ja mein garstig Antlitz licht und klar Und liebtet ihrs zu schaun, ihr würdet mirs beweisen Und heute nicht von hinnen in die Ferne reisen.» Und wieder mit Bewunderung und frohem Staunen Begann ein anderer das Flüsterwort zu raunen: «Wann blüht der Stein? Kennt auch der Demant Harmonie? Denn alabastern schimmern eure Arm und Knie. Doch gleich dem Liedeshauch, dem Dichtergeist entsprossen, Seh ich von sanftem Rhythmus schmeichelnd euch umflossen.» «Nein, weder Rhythmus ist uns, weder Harmonie. Denn wären alabastern unsre Arm und Knie, So würdet ihr sie minder heftig fliehn und hassen Und nicht vor Abscheu also schleunig uns verlassen.» Und da nun immerwährend heimlich und verschwiegen! Die Sonne rückte zum Zenit auf stillen Stiegen, Den Tag verdrängend, und der Stunden Diebesschritt Den knappen Urlaub hinterlistig stets beschnitt: «Ihr lieben Gäste, offen seid nunmehr gefragt», Sprachen die schönen Peri, «doch die Wahrheit sagt: Geschieht es auch mit eurem Willen, frei und gerne, Daß ihr von hinnen heute scheidet in die Ferne? Wo nicht, war euch vielleicht zu unserm Nutz und Frommen Ein ewiger Aufschub in des Vaters Haus willkommen?» «Mitnichten gern und willig, nein, ihr holden Maiden! Verhaßt und bitter ist es uns, von hier zu scheiden. Und könnten ewiglich bei euch wir Jahr um Jahr Verweilen, köstlich schmeckt uns solches ganz und gar.» «Ei nun! ists also», rief erfreut der Maiden Mund, «So laßt uns eilends schließen einen Rädelsbund, Des Vaters weich Gemüt durch Mitleid zu betören, Damit er unser Flehen gnädig mög erhören. Merkt auf! Am Mittag, wenn die Sonn am höchsten steht Und ihrem Anblick sein melodisches Gebet Des Schlosses blanker Marmelstein entgegenbringt Mit sanftem Summen, das wie Harfentönen klingt, Und von des Turmes Zinne schaut der Vater aus Und grüßt die weite Welt und segnet Heim und Haus: Das ist der Augenblick, sein Mitleid zu beschwören. Nun aber wollet wohl auf meine Worte hören: Damit der Bitte die Gewährung nicht gebreche, Erlernt vorerst des Vaters einzige kleine Schwäche. Er, der Gewaltge, dem an Größe keiner gleich, So hoch, so gut, so weis, an Ruhmestaten reich, Dem Gnade quillt vom Mund und Majestät vom Scheitel, Derselbe auf ein unnütz Stücklein ist er eitel: Daß er die Stern am Firmamente alle kennt Und jeden Gipfel flink mit seinem Namen nennt. Auf dieses ist er stolz, das brennt er vorzuzeigen, Und bange wird ihm, solche Weisheit zu verschweigen. Bewundre aber seine Wissenschaft und Kunst, So heilst du ihn, und du stehst hoch in seiner Gunst. Nunmehr versteht ihr: ist der Boden erst erweicht, Gedeiht dir jeder Same, den du pflanzest, leicht. Doch darf dem schlauen Vöglein wohl das Zünglein fehlen? Wir müssen einen angenehmen Fürsprech wählen. Gewiß, wir sind ja seine Kinder alle sieben, Nicht mehr das eine als das andre mag er lieben. Doch Eos sonderlich, sein jüngstes, liebstes Kind, Ist seinen Augen Tau und seinem Herzen lind. Sie kann die Stimme schmelzen und die Äuglein rollen, Und leicht erbettelt sie ein jedes, was wir wollen. Von Eos also laßt uns die Erlaubnis fragen. Wenn sies nur ernstlich will, er kann ihr nichts versagen. Wohl droht er mit dem Finger: ‹Ei, ihr falschen Schlangen! Mit Schmeicheln, meint ihr, könntet ihr den Vater fangen?› Er herzt und küßt sie unaufhörlich, bis die Zähren Dem Aug entschlüpfen und dem Munde das Gewähren.» So rieten sie. Allein mit heftiger Empörung Verweigerten die Gäste trotzig die Verschwörung, Bis daß mit runden Reden und mit krummen Schlüssen, Mit unablässigem Drängen, Schmollen, Betteln, Küssen Die Mädchen ihnen endlich stürmten die Gedanken Und der erschütterte Entschluß geriet ins Wanken. «Doch weh uns, wenn er wahrnimmt, daß wir ihn betrogen!» «Er bleibt euch für den lieblichen Betrug gewogen.» Und also ward der Widersacher zum Genossen Und feierlich gelobt, beschworen und beschlossen, Nicht gen Olymp zu ziehn, von hinnen nicht zu weichen Und des von Uranos das Jawort zu erschleichen, Mit gleisnerischem Mund die Namen aller Firne Von ihm erbetend, und die Zeichen der Gestirne ; Sich auf den Abend ausbedingend überdies. Dermaßen dünkten sie des Sieges sich gewiß, Daß sie, als wäre Zuversicht und Selbstvertrauen Ein fester Grund und Boden, Pläne drauf zu bauen, Der Zukunft maßen eine Stundenklammer an Und der Glückseligkeit verschrieben Weg und Bahn, Indem sie für die nächste Handvoll Ewigkeiten Das liebe Leben rüsteten mit Festgezeiten, Dem muntern Morgen einen frohen Abend stechend Und Müßiggang mit Kurzweil kunstvoll unterbrechend. Und sieh, je länger, desto flinker und behender Geriet dem findigen Geist der Freudenfestkalender. Ein Einfall flatterte geschickt dem andern nach, Und immer kühner wimpelte der Wunsch vom Dach. Und als beim Mittagstundenschlag den Sonnenschein Mit Harfentönen nun besang der Marmelstein Und hoch vom Glockenturm der König im Gebete Den Segen auf die weite Welt herniederflehte, Eilten sie rasch nach oben, und mit listigem Munde Erfragten sie von ihm die Gipfel in der Runde, Wie man den einen heiße und den andern hieß, Und jenen dort im Hintergrunde überdies, Und wie am Abend nachmals gleichfalls sie so gerne Die Namen alle lernten und den Lauf der Sterne. Und lobten eifrig seine Wissenschaft und Kunst, Bis daß sie standen hoch und fest in seiner Gunst. Jetzt trat hervor und an des Vaters Schulter schmiegte Sich zärtlich Eos, die in Schmeichelkunst Gewiegte, Verzog die Lippen, ließ die schnellen Äuglein rollen Und schmunzelte und sprach mit Betteln und mit Schmollen: «Mit Kummer muß seit einiger Zeit und Trauer ich Bemerken, Vater, wie du kalt und wunderlich Uns deine einstige Liebe mehr und mehr entziehst, Uns, deinen Kindern, deren Dankesblick du fliehst. Nur Strenge magst du gegen uns und Härte üben, Mit Spott uns kränken und Verboten uns betrüben. Glaubst du, wir könnten wirklich länger uns bescheiden, Der Vaterliebe zu entraten? Eins von beiden: Wofern wir etwas unbewußt vielleicht verbrochen, Wohlan, bestraf uns, doch auf einmal seis gerochen. Bestehen wir im Gegenteil vor dir mit Ehren, Warum uns dann den kleinsten Herzenswunsch verwehren? Ists denn so unerträglich, jemand zu erfreuen? Ach, der ist liebesarm, wen Liebeszeichen reuen! Sieh dein und unsre Gäste, die in diesen Stunden Zu traulicher Gemeinschaft sich mit uns verbunden, Willst du, hast du den Mut, gewaltsam sie von dannen Zu ihrem und zu unserm Herzeleid verbannen? Was hindert, daß sie, unsre Einsamkeit zu heilen, Ewig an deinem Herd an unsrer Seite weilen? Bist du Anankes Sklav und unterwürfiger Knecht? Spricht nicht dein Herrscherwille hier Gesetz und Recht? Was gilt uns der Olymp? Was kümmert uns die Freite Und eine fremde Jungfrau in entlegner Weite? Sie mögen sich begnügen mit den eignen Frauen Von göttlichem Geschlecht und herrlich anzuschauen. Und wir? Sind wir denn selber Eulen ganz und gar, Daß man uns fliehen müßt und litt uns nicht, fürwahr? Drum wohl, an diesem Beispiel will ich jetzt erproben, Ob wir uns ferner deiner Liebe dürfen loben! Ein Täflein hurtig schreib und einen Boten sende Hinüber zum Olymp und Büß- und Reugeld spende, Des Inhalts, daß sie ganz umsonst und gar vergebens Der Freier harrten alle Tage ihres Lebens, Sie blieben hier zu ihrer Wohlfahrt Nutz und Frommem Und unsrer Lust, den Spruch des Schicksals unbenommen. Also, gestrenger Vater, wollest gnädig tun. Doch deines Herzens Sinnesart erweist sich nun.» So sprach die falsche Schmeichlerin, und lieblich tönte Das heuchlerische Schluchzen, das sie kläglich stöhnte. Kopfschüttelnd aber schritt der Vater auf und nieder, Bald dies im Geist erwägend, bald ein andres wieder, Endlich begann er: «Ei, ihr hinterlistigen Schlangen! Ihr glaubt wohl, eure Falschheit wäre mir entgangen? Meint ihr, ich hätte nicht vom ersten Anbeginn Gar wohl gemerkt, wo die Verschwörung zielte hin? Der Berge jähe Lernbegier? das Sternedeuten? Und all das fromme Mienenspiel und Redeläuten? Doch wer da wähnt, daß Heuchelkunst und Schmeichelei Ein Eingangstor zur Festung meines Willens sei Und daß ich wegen schöner Augen, holder Mienen Den Aufruhr krönen werde und dem Umsturz dienen, Der täuscht sich gröblich, merkt euchs, Kinder, ganz und gar! Der kennt nicht Uranos, den strengen Herrn, fürwahr! Ich wandle meiner Wege ohne Unterbruch Und kenne bloß mein Amt und des Geschickes Spruch.» Er riefs. Doch mit verliebten Vaterhänden scherzte Er kosend um des Lieblings Lockenscheitel, herzte Und küßte sie und alle Kinder in der Runde Mitleidig und ergriffen eine kleine Stunde, Bis daß er endlich länger nicht dem Aug die Zähren Und seiner Zunge die Erlaubnis konnte wehren. Und also ging er hin, und einen Boten flink Beschied er aus der Engelschar mit Ruf und Wink Und hieß ihn kräftig rühren die geschweiften Schwingen. Und hurtig zum Olymp die Meldung sollt er bringen Des Inhalts, daß sie ganz umsonst und gar vergebens Der Freier harrten alle Tage ihres Lebens, Dieweil allhier sie in des Himmels reinen Wonnen Sich wohlbefänden und sich anders umbesonnen. Doch dessen zum Ersatz und zur gerechten Buße Gab er ihm reichlich Straf- und Reugeld mit zum Gruße. Kaum aber daß der Bote seine Schwingen hob, Den Fuß vom Himmel stoßend: «Dank und Preis und Lob, Ehrwürdiger Vater», schluchzten laut die guten Maiden, «Für die Gewährung, die du mochtest uns bescheiden! Doch sieh uns hier zerknirscht zu deinen Füßen knieen, Bis unsre Arglist du entschuldigt und verziehen.» Und als er ihnen vollen Ablaß gern verkündigt, Mit Segensküssen auch den falschen Mund entsündigt, Hei, schnellten die Befreiten leichten Sprungs empor! Und gleich den Lerchen, wenn im Maienmorgenchor Sie schmetternd jauchzen die betauten Fluren wach, So schwangen sie die Triller über Haus und Dach, So daß Gebirg und Tal, soweit der Himmel grenzte, Von ihrer goldnen Stimmen Sonnenschein erglänzte. «Unser auf ewig!» Und mit ungestümem Lauf Brachen sie wieder nach der Brunnenhalle auf, Wo triumphierend sie den köstlichen Besitz Nunmehr umarmten, den erstritt ihr Weibeswitz, Beschlossen, Brüder sich und Schwestern jetzt zu nennen, Und schwuren, nimmer voneinander sich zu trennen. Auf daß jedoch besiegelt sei der ewige Bund Und ihr erworben Anrecht werde offenkund, Gestanden sie mit Demantstift dem Marmelstein Die Namen alle der Verschwornen schriftlich ein. Da ward der Arbeit viel und seliger Mühe lang. Und Flüsterkuß und seufzend Schweigen war im Schwang. Sechster Gesang Ankunft                           Ananke aber mit den gelben Tigeraugen, Die durch die fernste Heimlichkeit zu spüren taugen, Vernahm, was auf der Himmelshöhe sich begab, Mit Ärger und Verdruß. Und mit dem Zauberstab Ein Zeichen schwingend, herrscht er zu dem nächsten Stein: «Verbrenne!» Zischend braust er auf mit Feuerschein. Hernach zur Luft: «Herab zu meinen Füßen!» Winselnd Und heulend rauschte nebeldampfend, regenrinselnd In Wolken sie herab, zerfloß, zerrann, verdarrte Raschelnd zu salzigem Schnee, erkaltet und erstarrte. Hohnlachend rief Ananke: «Luft und Erde hören Mein Wort, und eitle Maidlein wollen mich betören?» Er riefs. Und stampfte grimmig nach dem Schierlingsgarten, Wo alle Gifte gierig auf Erlaubnis warten, Köpfte den bunten Schirm von einem Krötenpilz Und blies den flüggen Samen aus des Hutes Filz, Samen mit Widerhaken, dornbewehrten Sporen, Geschickt, sich unvermerkt in jedes Ding zu bohren. «Hui! Mit den Winden nach der Himmelsfeste reitet» Befahl er, «und ins Herz der frechen Freier gleitet! Ich will doch sehn! Fürwahr, das war ein tolles Stück: Ich glaube gar, die Unverschämten wollen Glück.» Und also stoben jetzt die Sporen mit den Winden Zur Himmelsburg empor und wußten wohl zu finden Das königliche Schloß, woselbst sie auf der Mauer Des Gartens heimlich sich verlegten auf die Lauer, Den Stachel wetzend, giftgefüllt und bosheitstrotzend, Mit Spinnenblicken tückisch nach dem Glücke glotzend. Hinüber nach der Brunnenhalle flog sodann Der Schwarm, wo jeder schlau den Augenblick gewann, Auf unhörbarem Schlitten durch der Freier Schlund Hinabzugleiten in des Herzens dunklen Grund Und in der Seele Falten fest sich einzuhaken. Und kaum daß ihre Krallen in der Seele staken, War schon der Quell des Glücks versäuert und vergiftet Und statt der Freundschaft plötzlich Überdruß gestiftet. So daß der Königstöchter edles Angesicht, Ihr lockig Haar, ihr großes Auge, schön und licht, Die sie soeben noch vor einer kleinen Stunde Verherrlicht und gepriesen mit verzücktem Munde, Nunmehr den Freiern ward gleich Pestgeruch verhaßt Und ihres keuschen Leibes Gegenwart zur Last. Verdrießlich munkelte und ärgerlich der eine: «O mißverstehe ja nicht, Freundin, wie ichs meine. Doch kannst du nicht vielleicht ein wenig ferner rücken? Denn sieh, dein Knie ist spitz, und deine Schultern drücken.» Mit saurer Miene stöhnt ein zweiter zu der zweiten: «O welche Wonne zwar, Geliebte, dir zur Seiten! Doch dulde, daß ich etwas weiter von dir weiche, Damit mich deines Mundes Atem nicht erreiche.» «Wir sind ein wenig», ächzt ein dritter, «eingezwängt In diesem kargen Raum, wo Leib an Leib sich drängt. Auf! In den freien Garten! Zieht voran einstweilen, Indessen baldigst wir an eure Seite eilen.» Gehorsam gingen jene in den Garten wandern. «Erlösung!» zischelten die einen zu den andern. «Schau hin, Triumph! Sie biegen in die Fliederhecken, Schnell! Laßt uns hinter den Holunder uns verstecken.» Doch kaum daß jene gegen den Holunder bogen, Als diese schleunig in den Flieder sich verzogen. Und also fort von Busch zu Busch und Baum zu Baum, Und niemals kürzer ward der kalte Zwischenraum. Abseits im Schutt und Unkraut schlief ein Holzverschlag, Umringt von einem wildverstruppten Dornenhag. Stechäpfel, hart und spitzig, wuchsen draus hervor, Und schwierig war der Zugang zu dem einzigen Tor. In diese Stachelburg entwichen jetzt die Gäste. Und böse Blicke bohrend durch das Dorngeäste, Verzehrten sie den Unmut in verstocktem Groll, Der stumm und unvernünftig immer höher schwoll. Bis endlich Eris haß- und zornerfüllt begann: «Ein bittrer Ärger», rief sie, «packt mich grausam an, Bedenk ich, wie durch dieser falschen Jungfern List Uns Toren Heil und Hoffnung nun benommen ist! Wir zogen unsrer Wege ruhig und zufrieden Nach der olympischen Heimat, die uns ward beschieden, Zu Heras fürstlichem Palaste, wo wir künftig, Ein Volk von Königen, der Erdenherrschaft zünftig, Das Zepter hätten über Land und Meer geschwenkt Und Mensch und Tier nach unserm Fingerdruck gelenkt. Wir herrschten ohne Schranken und wir schweiften frei, Zu Luft, zu Land, zu Wasser, gleich und einerlei. Statt daß wir hier auf diesen grellen Himmelsspitzen Gleich Missetätern schmählich nun gefangen sitzen, Verurteilt, ewig zwischen Paradies und Park Umherzukreisen um die enge Schloßgemark. Und wären wenigstens im Kerker wir allein! Und dürften ungestört und unbelästigt sein! Doch Berg und Sterne sich erklären lassen müssen Und diese seelenlosen Jungfern müssen küssen, Und ihre glatte Schönheit, jedes Geistes bar, Ihr schales Fleisch ertragen, nein, bewundern gar! Und nie ein denkbar Wort! Nur Lieb- und Leibesspiel! Nein, diese Marter, teure Freunde, ist zu viel! Man nennt sie 'gut'. Schmach über solche faule Güte! Sie stammt vom Herzen nicht, vom lockeren Geblüte. Wen nur der Zufall ihnen liefert ins Bereich, Ob edel ob gemein, sie küssen jeden gleich. Soll ich, vor falschem Selbstgefühl euch zu bewahren, Euch ein ertappt Geheimnis grausam offenbaren? Die Brunnenhalle, drinnen ach! sie uns geherzt, Die Wand, darein wir unsre Namen eingemerzt, Wißt ihr, als ich ein wenig mit dem Nagel schabte, Was für ein hochgemutes Schauspiel mich erlabte? Die Namen Ungezählter, die der losen Brut Gleich uns in ihrem allzeit offnen Arm geruht!» Mit solchen Reden schürte Eris ihren Zorn, Und gallige Stacheläpfel pflückten sie vom Dorn. Verwundert aber schauten nach der Dornenwand, Von ferne stehend, scheu die schönen Amaschpand: «Herzliebe Schwestern, könnt ihr Auskunft mir gewähren? Ein seltsam Rätsel seh ich, kann mirs nicht erklären. Von Frost erkältet scheint mir unsrer Freunde Mut, Und ihre finstern Blicke, siehe, sind nicht gut. Als ob ihr armes Herze wäre krank und sehr Oder verirrt und fände keine Liebe mehr.» Doch heimlich aus dem schwesterlichen Reigen schlich Und auf des Schloßhofs Treppe setzte weinend sich Eos, die heißen Wangen rot vor Schmerz und Scham; Und als nun Pluto winselnd sie zu trösten kam, Die unbeholfnen Pfoten ihr entgegenstreckend, Aufs Knie ihr stehend und ihr Antlitz stürmisch leckend: «Ja du! Ja du allein, du einzig fühlst Erbarmen», Begann sie schluchzend, seinen Hals mit beiden Armen Umschlingend, «wenn die andern alle mich verlassen, Der Vater mich vergißt, die Freunde schimpflich hassen. Was nützt mir aller Fürstenglanz, der mich umgleißt, Der Schönheit leeres Lob, womit mich jeder preist, Wenn ich mit alledem als geizigen Ertrag Ein Körnlein Liebe zu erschmeicheln nicht vermag? Nach Schmuck und bunten Kleidern strebt mein Sinn mitnichten, Auf Ehrfurcht und Bewundrung mag ich gern verzichten Und Gruß und Huldigung des Volks und Dienerschwarmes. Nur etwas Liebe will ich, etwas Treues, Warmes. Die Schwalbe, nicht wahr, mit der Schwälbin baut ein Nest? Im Tode selbst umfängt der Mensch den Menschen fest. Einzig des Himmelskönigs Kinder schön und licht, Eos, den Liebling Uranos', die liebt man nicht. Wer will? wer mag? wer kommt mit mir zu tauschen? wer? Mein vielgerühmt Gesichtlein geb ich hurtig her Für eines Scheusals Untierkopf mit Hörnern drauf, Schenkt einer mir zugleich die Liebe mit in Kauf.» So klagte sie, die Stirn in Plutos zottiges Vlies Vergrabend. Aber unten in dem Turmverlies, Wo er dem Minotaurus, dessen Dummheit währte, Vernunft und Einsicht mühevoll umsonst bescherte: «Still! Halt! Mir war, doch will mirs schier unmöglich scheinen», Meint Uranos, «beinah, als hört ich Eos weinen.» Und stracks, der Täuschung Grund und Anlaß zu erproben, Fuhr er im schnellen Wagenhaus geschwind nach oben. Und wie er nun den Liebling einsam sitzend fand, Verweint, die Augen trocknend mit dem Leibgewand: «Ha, laß doch wissen», knirscht er, «welch ein feiger Wicht Entstellt mit Tränen meines Kindes Angesicht? Sprich, teure Tochter, öffne deiner Lippen Pforte: Wer wars, der sich vermaß und gab dir böse Worte?» «Ach Jammer!» schrie sie, «möchtens böse Worte sein. Doch keine guten Worte, wehe, das ist Pein!» Und mit erneutem Schluchzen hub sie an zu sagen, Welch plötzliche Veränderung sich zugetragen, Der Liebe und des Hasses jäher Unterschied, Und wie des Ekels Abscheu ihre Nähe mied, Und wie sie überdies verstoßen und verlassen Beschämt und einsam zogen durch die Gartengassen, Indes, versammelt in der bösen Stachelfeste, Mit Feindesblicken sie betrachteten die Gäste. Sinnend vernahms der Vater. Und mit festem Schritte Führt an der Hand er Eos in der Schwestern Mitte: «Schwer, liebe Kinder», sprach er, «wird es mir zu sagen, Doch sag ichs frank: die Trennungsstunde hat geschlagen. Anankes Finger seh ich in die Ferne deuten, Und von dem Turm des Schicksals hör ich Abschied läuten. Zürnt jenen nicht. Denn mir allein gehört die Schuld, Dieweil mein allzuschwach Gemüt in blöder Huld Den ewigen Aufschub, den der Spruch des Schicksals wehrte, Verführt von euren Bitten, töricht euch gewährte. Umsonst! Anankes Geißel treibt sie doch von hinnen; Zwang ers von außen nicht, so peitscht er sie von innen. Der jähe Abscheu nämlich, dessen seid gewiß, Rührt nicht von ihnen selbst, das ist Anankes Biß. Und eure Zwietracht gilt mir einzig als ein Zeichen. Doch daß wirs richtig deuten, laßt es uns vergleichen. Erfahrt: der Bote, den ich zum Olymp gesendet, Hat unverrichtet halben Weges umgewendet, Weil ihm Anankes Finger Aug und Ohr verwirrte, So daß er kundig auf bekanntem Pfad verirrte. Weshalb denn ferner wohl vergaß ich das Gebot, Das Luftschiff abzurüsten? Er ists, ders verbot. Drum kommt, wir wollen jetzt zu jenen Toren gehn Und ihnen den begehrten Abschied zugestehn. Denn besser auseinanderfliehn in Einigkeit Als immerdar beisammen sein mit Zank und Streit.» Er sprachs. Und zu der Stachelburg, vom Zorn besetzt, Schritt er hinüber mit den Kindern allen jetzt. «Ich will mit euch, ihr Toren», hub er an, «nicht rechten. Und ferne liegt mirs, euren Willenswunsch zu knechten. Wes Neugier nach der Amazonenbraut gelüstet, Frisch zu! der Weg ist frei, die Reise ist gerüstet. Und da euch hier solch unerträglich Leid geschieht, Heida, was wartet ihr? Hussa! Enteilt, Entflieht! Mag sein, wenn ihr auf Erden, wo die Bosheit heckt, Der Eifersucht genug und sattsam Streit geschmeckt, Mag sein, daß ihr nach diesen sieben guten Sternen Vielleicht mit bittrer Reue mögt die Sehnsucht lernen. Indessen, was sich soll erfüllen, werde voll! Den Abschied gebt vor allem eurem kindischen Groll Und, während ich für euch die Brautgeschenke rüste, Begebt mit meinen Töchtern euch hinab zur Küste Und schöpfet Rat, ob ihr für diese letzte Frist Nicht einen bessern Zeitvertreib zum Schlusse wißt, Hoff ich, als Hader stiften, Haß und Bosheit üben Und meiner guten Kinder Herzen zu betrüben.» Nach diesen Worten schwieg er und entfernte sich. Und mit beschämten Wangen aus den Dornen schlich Die Schar der ungetreuen Gäste, schuldbedrückt Und von der nahen Abfahrt wehmutvoll beglückt. Doch ewig groß und gut und ohne Groll und Harm Empfing die Reuigen der schönen Maiden Arm. Aus ihren sanften Augen blühten Huld und Gnade. So zogen sie zusammen friedlich zum Gestade. Weil aber die Verzeihung hoch und heilig war, Ward enger als zuvor der Bund der Freundschaft gar. Traulich zum Herold aber flüsterte und sprach Inzwischen Uranos: «Du weißt das Schatzgemach? Der Schlüssel paßt zur Tür, die kleinen zu den Schreinen. Du gehst hinauf und suchst dir von den Edelsteinen Hurtig ein auserlesnes Häuflein flink zusammen: Den funkelnden Saphir, des Demants farbige Flammen, Nimm auch Rubinen eine Handvoll und Smaragd Und was dir sonst gefällt und deinem Blick behagt Von Schmuck und Zierat und Geschmeiden und Juwelen, Doch nur vom Köstlichsten das Beste sollst du wählen! Nimm nicht die roten, nimm die rosigen Korallen Und von den Perlen nur die schwärzesten von allen, Auf daß das Brautgeschenk dem Freiervolk zum Glimpfe Gereichen mög und meinem Namen nicht zum Schimpfe. Kurz, wähle mit Geschmack und handle mit Begriff. Und alles trägst du an den Strand hinab ins Schiff.» Er sprachs. Und während jener auf geschwinden Sohlen Von dannen zog, behändigt Uranos verstohlen Ein beinern Kästlein, eilte nach dem Kleiderrahmen, Wo die Gewänder hingen, drin die Pilger kamen; Ersah darunter einen staubigen Wanderschuh, Versteckt ihn in den Grund des Kästleins, schloß es zu, Begab sich nach dem Landungssteg hinab damit Und zu den Freiern, die mit mutverlaßnem Schritt, Trauer im Herzen und den Abschied in Gedanken, Er sah gleich Opferböcklein ihm entgegenwanken: «Hochedle Gäste», sprach er, «da des Urlaubs Frist Zu Ende und der Augenblick gekommen ist, Da spurlos ihr entflieht auf unbarmherzigen Bahnen, Laßt einige wohlgemeinte Worte euch vermahnen. Ihr ziehet jetzt vom lichten luftgen Himmelshaus Ins schwüle Land der hitzigen Begierden aus, Zum farbigen Olymp, der Zwingburg ob der Erden. Da wird euch Liebeslust und -pein und Unrast werden. Ferne von mir, fürwahr, euch vor dem unheilvollen Beginnen warnen oder witzigen zu wollen, Der Amazonen spröde Fürstin zu begehren. Hätt ich gleich tausend Zungen, würd ichs euch nicht wehren, Da ich, auf ewige Erfahrung fest gestützt, Wohl weiß, daß Warnung niemand jemals hat genützt. Laß fahren, wen Ananke zwickt und Torheit brennt! Du hilfst bloß, daß er sehend ins Verderben rennt. Glückauf denn! Tut, wozu euch Trieb und Schicksal zwingt, Und jeder sehe, wem der hohe Wurf gelingt. Nachdem einmal der Wettkampf aber ist entschieden, Dann, Freunde, lasset euch beschwören, haltet Frieden! Bequemt euch dem Erwählten, fechtet ihn nicht an! Die Eintracht will: durch Richterspruch wird Recht getan. Drum Friede! Sollte doch das tolle Werk geschehn Und Kriegsgeschrei und Aufruhr zwischen euch entstehn, Dann, liebe Brüder, öffnet, aber dann allein, Hier dieses Wunderkästleins wohlverschloßnen Schrein. Es liegt ein Zauberschatz, ein Heiligtum darin, Der bändigt allsofort den frevlen Eigensinn.» Mit diesen Worten hielt er ihnen wichtig zu Das falsche Kästlein mit dem staubigen Wanderschuh. Danach geschah des Abschieds herzerstickte Not, Wo jeder Weh empfing und Weh dem andern bot. Doch als das Luftschiff endlich sich begann zu regen Und weg vom Strand die flüchtigen Flanken zu bewegen: «Ach!» stöhnten schwer die Pilger, «darf denn das geschehn, Daß wir die sanften Maiden nimmer sollen sehn? Man trennt kein kleinstes Glied vom Körper ohne Schrei, Warum denn reißen mitten sie von uns entzwei?» Und reuevoller Argwohn focht sie grausam an, Ob sie sich solchen Schmerz nicht unnütz angetan. Und wie nun kleiner ward und kürzer allgemach Die Himmelsburg und untertauchte nach und nach Und der Geliebten Antlitz ob der Mauerwand, Allmählich sich entseelend, Zug um Zug verschwand: «Weh!» wimmerten die Pilger, «wars denn so gemeint? Schaut hin, mein Licht ermattet, und mein Glück verscheint!» Noch lange sah der Turm, das Fähnlein noch hervor; Doch als das Fähnlein selber sich im Dunst verlor: «Herold, du sollst gehorchen!» tobten sie und schrien, «Steh auf! Kehr um! Wir wollen wieder heimwärts ziehn! War uns die Torheit unsrer Wegfahrt frei erlaubt, So sei der Einsicht auch die Rückkehr unberaubt.» So sprechend wollten sie mit Drohen und mit heißen Gereizten Bitten schnell das Steuer rückwärts reißen. Da horch! Vom fernen, unsichtbaren Himmelsgau Erklang der Maiden Lied herab durchs Ätherblau: «Nun können unsre Augen länger euch nicht fassen, Das Herz entbehrt der Hand, es muß euch ziehen lassen. Ihr kehret fröhlich nun zu Fest und Hochzeit ein, Wir aber werden, ach wie bald, vergessen sein. Doch nicht von uns, von euch ja dachten wir zu sagen. Verzeiht! Der Schmerz, er weiß kein ander Wort als klagen. Lebt wohl! Der Freundschaft treu Gedächtnis folgt euch mit, Und Heil und Wohlfahrt hefte sich an euren Schritt.» So lautete das Lied, durchs Ätherblau gesandt Von den entschwundnen Maiden ob der Himmelswand. Und also lieblich sangen sie, daß Trotz und Stolz Im Busen der beschämten Pilger weinend schmolz Und das erlöste Leid in Tränen überquoll. Doch als der holden Zungen letzter Ton verscholl, Da übernahm sie der Verzweiflung stumme Not, Und auf den Boden stürzend, lagen sie für tot. So fuhren blindlings sie dahin in Traurigkeit, Den Gram verzehrend und vergessend Raum und Zeit. «Hallo! Erhebet euch und jeder rüste sich! Wir nahen einem neuen Pol und Himmelsstrich. Hallo! Hier ist die Grenze, dieses ist die Maut Der Fürstin des Olympos, eurer stolzen Braut.» Der Herold riefs. Kleinmütig schauten sie umher. Und siehe, einsam dort im Wind- und Wolkenmeer Ein Wachthaus auf dem Stein, das feindlich sie bedroht Mit eines Drahtgeflechtes schweigendem Verbot. Und während sie behutsam jetzt mit wohlgezielten Bedächtigen Zügen langsam an die Klippe hielten, Kam schon, ein Riesendrache, der in Lüften haust, Das Staatsschiff des Olympos heulend angesaust, Mit Donnersturm beladen und mit Blitz umglänzt. Doch festlich war das ungeheure Schiff bekränzt. Zwölf war die Zahl der luftgefüllten Schwebeballen, Und von den Masten hingen Adler an den Krallen. Jetzt schwang sich aus dem Staatsschiff eine starke Stimme, Die redete und sprach mit vorgetäuschtem Grimme: «Im Namen Heras, Königin von Erdenland, Ich bin der Theopomp, als Führer ausgesandt, Die Gäste des Olympos festlich zu empfangen. Doch Wahrheit und Gewißheit muß ich streng verlangen: Wer seid ihr, meldet, und von wannen kommet ihr? Zu welchem Zweck, in wessen Auftrag steht ihr hier?» «Vom Reich des Hades», sprach der Herold, «sind gekommen, Die das Gebot des Schicksals folgsam angenommen, Zu fahren gen Olymp, die Königin zu frein. Ananke wills, sein Wille will vollzogen sein.» «Fürwahr, das muß ich einen seltnen Freimut nennen, Mir ohne Stammeln solchen Vorwitz zu bekennen. Ha, wer die Amazonenfürstin will umwerben, Des Leib muß göttlich sein und darf nicht müssen sterben.» «Dein Urteil irrt, ist schon die Forderung gerecht. Du schaust Titanenblut aus göttlichem Geschlecht.» «Ei, seh mir einer diese übermütigen Scharen! Gleich Wandermäusen kommen sie zuhauf gefahren, Mit windigen Gebärden und mit leerer Hand Zu frein die reichste Königin von Erdenland.» «Dein Tadel ist verständig, doch verfehlt das Ziel. Der köstlichen Gestein und seltnen Schätze viel, Gespendet von des Himmelskönigs heiliger Macht, Sind deiner Herrin ehrerbietig zugedacht.» «Wohlan! Man wird sie ihrem Urteil unterbreiteten. Da aber Billigkeit sich stützt auf beide Seiten, So wollet nun hinüber in das Staatsschiff schreiten, Das Abbild meiner Königin, aus Wachs erstellt, Zu prüfen, ob die Braut dem Bräutigam gefällt. Vielleicht, daß euren Augen ihr Gesicht nicht winkt, Vielleicht, daß ob dem Anblick euch der Mut entsinkt.» Bei diesen Worten hob sich plötzlich eine Tür Im Drahtgeflecht, und eine Brücke schob sich für. «Ihr kühnen Freier alle, tretet ein!» Mit Zagen Betraten sie des Feuerschiffes schwanken Wagen. Kaum eingetreten, sahn sie auch mit Bangen schon Das königliche Bildnis sitzend auf dem Thron. Ein Schleier zwar verbarg noch Antlitz und Gestalt, Doch nicht des steilen Wuchses drohende Gewalt. «Nun schauet auf!» begann der Theopomp und wog Spielend den Schleier. Wie er ihn von dannen zog, Gefror dem überraschten Schreck der Schrei und Oden, Und die besiegten Blicke flüchteten zu Boden. «Ich sehe», sprach er, «eure Stirne sich verneigen Und euren Mund verstummen. Deutet mir das Schweigen! Ists Widerwille, der euch also feindlich stimmt? Ists, daß des Bildes Hoheit euch die Kraft benimmt?» «Vor solchem hehren Wunder, wehe, das wir schauen, Kann unser schwacher Mut auf Hoffnung nimmer bauen.» «Doch wollet ja nicht», rief der Theopomp, «vergessen, An Wuchs und Schönheit euch mit Heras Bild zu messen. Auf! Eurer Männer größter trete frei heran, Der Frauen schönste zur Vergleichung alsodann.» Er schwieg. Doch die bestürzte Schar der Freier wich Zurück, und jeder bückte sich und duckte sich. «Ei!» rief der Theopomp, «wie soll ich das verstehen? Ihr wächsern Abbild waget ihr nicht anzusehen, Und zum lebendigen Urbild kommt ihr dreist gegangen Und wagts und sprecht zu meiner Fürstin unbefangen: ‹Platz da! An deiner Seite, Liebchen, laß mich thronen! In deinem Arm, in deinem Bette will ich wohnen!› Ist solche Kühnheit, frag ich, sprecht, nicht unerhört?» Doch als sie über diesen Vorwurf nun verstört Die Tränen schluckten und den scheuen Fuß verlegen Begannen nach dem Luftschiff rückwärts zu bewegen: «Nicht also, Freunde», rief er gnädig, «haltet ein! Bestanden ist der scharfen Prüfung spitze Pein. Wohl euch! Wer seinen Unwert ehrlich eingestand, Bestätigt, daß dem höchsten Wert er anverwandt. Wollt nun vor meinen Ohren laut und deutlich schwören, Treu und ergeben meiner Herrin zu gehören, Olympischem Brauch und Recht gutwillig zu genügen Und der Geronten Spruch im Wettkampf euch zu fügen.» Und als der Treueid nun geschworen laut und klar Und alles übrige zudem erledigt war: «Ahoi! Nun soll olympisches Feuer sich erwahren. Ahoi! Laßt sehen, wie die Amazonen fahren!» Da donnerte das Schiff. Von heißem Wassersturm Zischt in die Luft ein weißer Dampf- und Wolkenturm, Von allen Wänden zuckten Blitze, krachten Feuer, Und in die Ferne griff das hurtige Ungeheuer. Wild tanzte das Verdeck von Stößen tief und dumpf, Und schwarzen Rauches Mitternacht umschlug den Rumpf. Hör ich Dämonen schrillen, seh ich Schemen schweifen? Die Adler sind es, die das zornige Schiff umpfeifen. So jagten heulend sie dahin in Gischt und Schaum, Und unersättlich fraß das gierige Schiff den Raum. Der Theopomp, den Arm erhebend, herrschte: «Halt!» Da bäumte sich das Fahrzeug vor des Rucks Gewalt. Das Heulen schwieg. Ausstöhnend ruhte das Gestampf, Und stille Wolkenberge wirbelte der Dampf. Da horch! Ein fernes Tosen wie von Volksgemunkel, Und eine Stimme heischte hell durch Dampf und Dunkel: «O Theopomp, wen bringst du über Luft und Meer Zum farbigen Olymp im stolzen Staatsschiff her?» «Ich bringe, wen zu bringen ihr mich ausgesandt: Die edlen Freier bring ich aus dem fremden Land.» «Hast alles du geprüft und wohl und recht befunden? Und haben Treue sie geschworen unumwunden?» «Ich hab es alles wohl geprüft und scharf erprobt, Und Treue haben unumwunden sie gelobt. Demütig nahen sie mit zagenden Geschenken.» «Wohlan, ists also, magst du in den Hafen lenken.» Jetzt flog der Wolkenvorhang links und rechts zur Seite, Und ihrem Blick enthüllte sich in stolzer Breite Das Hochgebirge des Olympos, wälderprangend, Mit Städten, Schlössern, Gärten, an den Halden hangend. Glutheißer Tannenodem schlug an ihren Mund, Und rot von Golde funkelte des Golfes Rund, Doch nicht von eines fremden Feuers Strahl gebadet: Mit eignem Sonnensafte schien der Berg begnadet. Jetzt gleich wie wenn am Markttag früh beim Morgengrauen Der Fährmann stadtwärts steuert den beladnen Nauen Und aus des Unterdeckes Käfigen und Pferchen Erklingt von sangeskundigen Ammern, Wachteln, Lerchen, Verliebten Tauben, muntern Span- und Faseltieren Ein mannigfaltig Gurgeln, Zwitschern, Tirilieren: So grüßten jene die olympischen Wälderhallen Mit kindischen Turteltönen und verzücktem Lallen. Sie mochtens schreien, mochtens seufzen, hüpfen, singen, Doch Worte wollten ihrem Rausche nicht gelingen. Und als nun all die tausend Wunder näher kamen Und groß und majestätisch aus dem goldnen Rahmen Der Berg mit Silberkrone, Schwert und Purpurschuh Ihnen zum Gruß entgegentrat, dem Ufer zu, Verstummten gänzlich sie und starrten traumestrunken, Im Anblick des gewaltigen Gebirgs versunken. Bis daß die Neugier endlich schüchtern brach den Bann Und hob mit ehrfurchtsdumpfem Ton das Fragen an: «Wes ist, o Theopomp, verkünde, längs der Küste Die Stadt, wie ich im Traume keine schönre wüßte?» «Das ist die Wohnstatt der Gemeinen und der vielen, Die nicht mit Wert und Namen, nur mit Zahlen spielen.» «Wer aber ist in jenen Schlössern angesessen, Umkränzt von Gärten und von fürstlichen Zypressen?» «Das ist der unterlegnen Freier Angebind, Die nicht zum Herrschen, zum Genießen tüchtig sind.» «Dort oben aber in dem finstern Walde, schau, Auf einer Felseninsel, welch ein düstrer Bau? An äußerm Anschein einem Kerker zu vergleichen. Fast will bei seinem Anblick Trauer mich beschleichen.» «Das ist die schwere Burg der königlichen Sorgen, Des ruhelosen Heute und des düstern Morgen. Da haust der bleiche Ruhm, da gähnt die Einsamkeit, Und nächtens durch die Fenstergitter zischt der Neid.» Und wieder huben schweigend sie zu träumen an, Bis daß ein zweites Mal die Wißbegier begann: «Von jenseits hinterm Berge seh ich Rauch entschweben, Als Wolkenfederhut sich auf den Gipfel heben. Aus welchem Herd, sag an, o trefflicher Berater, Entstammt das Feuer? Und der Rauch aus welchem Krater?» «Auch der Olymp beschattet seinen Hintergrund. Dort raucht des Riesenkraters schauerlicher Schlund, Dort liegt der Bergsturz, mündet der Lawinengang, Der das entthronte Volk des Kronos jüngst verschlang.» Und als sie längs dem häuserreichen Ufersaum Nun langsam bogen in den innern Hafenraum, Begrüßt von Pauken und Posaunensymphonieen, Vom Volk umjauchzt, umtobt, umjubelt und umschrieen, Indes von tausend Gondeln, die das Schiff umschwärmten, Mit Zimbelrasseln wilde Dithyramben lärmten Und schwimmende Mänaden mit verwegnem Griff Die weißen Leiber schäkernd schleiften mit dem Schiff: Sieh da, Melissa, der Mänaden schönste, schau, Erklomm das Bord, schrob sich empor an einem Tau, Und in den Mastkorb steigend, löste sie der roten Perlengeschmückten Mähne bänderreiche Knoten, Daß weithinleuchtend ihr Gelock im Winde strich, Streute Geschmeid und Gürtel jauchzend hinter sich, Und also blank und bloß warf sie in üppigem Tanze Die kecken Worte lachend von der hohen Schanze: «Haji! Ich will euch Symbolon und Banner sein. In diesem Zeichen fahret zum Olympos ein. Stark ist Ananke, aber stärker ist die Gier. Die Erde unter euch, doch Schönheit über dir!» Nach diesem fand die feierliche Landung statt An der granitnen Hafenwehr der Unterstadt. Zwei Reihen junger Amazonen dienten hier Der Treppenmauerwand zum blühenden Spalier. Sie hoben grüßend die gekreuzten Degen hoch. Dazwischen duckten sich die Freier unters Joch Und stiegen durch die kriegerische Frühlingsgasse Empor ans Ufer, wo des Volkes wirre Masse Den Willkomm ihnen bot mit donnerndem Geschrei, Mit stummem Gruße der Behörden Polizei. Am Ufer nahm sie auf ein Maultierwagenzug, Der sie die Stadt hinan durch Fahnenwälder trug. Indessen aus der Menge, die sich wimmelnd mehrte, Der Willkomm wilder immer brodelte und gärte. Und wie sie so vergnüglich im geschmeidigen Wagen Die liebe Seele schaukelten mit Wohlbehagen: «Gelobt! Allhier im Sonnenrost, vom Volk umtost, Wird meinem Herzen warm und wonniglich getrost. Ein unbekannter heißer Lebensbienensaft Durchlodert mein Gebein mit Traubenfeuerkraft. Nun bin ich gänzlich heil, an Mut und Willen jung, Und alle meine Geister kauern sich zum Sprung.» Und als nunmehr zur Oberstadt die Schillerschlange Des farbenreichen Zuges kroch im Wendelgange Und zwischen langen Reihen flacher Pinienwipfel Der obern Stadt entschlüpfte nach dem letzten Gipfel Und schwenkte vor das königliche Herberghaus: «Wir sind zur Stelle, edle Gäste, steiget aus!» Es riefs der Theopomp. Sie folgten seinem Worte. Sieh: Archelaos, stehend vor des Hauses Pforte, Der Obmann der Prytanen, welcher Salz und Brot Den Gästen und der Fürstin Willkommgruß entbot: «Es spricht durch meinen Mund die Königin der Erde: ‹Eh daß ich euer einem einzigen eigen werde, Ihm alles überlassend und den andern nichts, Gemäß dem Spruch, danach am Tage des Gerichts Einer befunden wird der Tüchtigste und Beste, Empfang ich alle euch als meine werten Gäste. Noch liegt der Zwietracht struppiger Knäuel unentrollt, Nicht mehr dem einen wie dem andern bin ich hold, Der fremden Freunde kenn ich weder Bild noch Namen. Drum gleich wie über Radenkeim und Weizensamen, Wenn sie der Zufall mischt und Nachbarschaft vereint, Mit ungeteiltem Strahl die Gunst der Sonne scheint Und einerlei erfreut der Lorbeer und der Buchs Den Blick, solange niedrig ist der beiden Wuchs, Bis daß sich, wenn der Große durch die Kleinen steigt, Was Baum und was Gesträuch gewesen, offen zeigt: So laßt den Frieden dieses Zeitenfrühlings walten, Die Leidenschaften ruhn, die Freundschaft sich entfalten. Zwölf Tage gönnt das Schicksal uns die Friedensfrist: Benutzt sie ohne Argwohn, ohne Hinterlist Und Eifersucht in brüderlicher Einigkeit, Der frisch erworbnen Heimat junge Neuigkeit In freiem Wandel über Berg und Tal genießend Und mit des Landes Art und Sitte Bündnis schließend; Bis euch und mir des Schicksals Weckruf klingt. Dann sehe jeder, wem der hohe Wurf gelingt.› So spricht durch meinen Mund in ihrem gnädigen Sinn Hera zu euch, der Amazonen Königin. Mich aber lasset huldigend die Kniee beugen, Dem künftigen König meine Ehrfurcht zu bezeugen. Unwissend, welchem sie gebührt und wem sie gilt, Bin ich euch sämtlichen sie schuldig und gewillt.» Mit diesen Worten beugt er huldigend die Knie, Reicht ihnen dar das Salz und Brot und führte sie Das Haus empor in den geräumigen Schlummersaal, Des Fenster gegen Blendelicht und Hitzestrahl Mit purpurfarbigen Segeln waren los verhüllt. «Ihr seid daheim. Mein Amt und Auftrag ist erfüllt», Beschied mit ehrerbietiger Stimme der Prytan, «Dies Haus und sein Gesinde sind euch untertan. Gestattet mir, in meiner Fürstin Namen nun Den Gruß euch zu entbieten, daß euch sanft zu ruhn In ihrem Haus beschieden sei und wonniglich. Friede mit euch!» Mit diesem Gruß entfernt er sich. Jetzt, während aus der Tiefe; wo die Menge hauste, Des Festes Lärm von ferne durch die Stille brauste, Bequemten seufzend sie die reisematten Glieder, Das Haupt, den Leib auf das erlesne Lager nieder. «Wohl mir! Gelobt! Nun laßt uns Red und Antwort tauschen.» Und jeder schloß die schweren Lider, um zu lauschen. Da senkte sich der Schlummer auf ihr Haupt herab, Entwand mit leichtem Griff dem Geist den Herrscherstab. Nachtwandelnd glitt die Seele staunend durch den Raum, Und ihre gläubigen Schritte gängelte der Traum, Das Altverwundne mit dem Jüngsterlebten mischend, Die Grenzen fälschend und der Dinge Spur verwischend, Daß ihrer mancher zweifelnd mit verschlafner Hand Ob seinem Haupt betastete die Zimmerwand, Damit des klügern Fingers Urteil ihn belehre, Welches von beiden Traum und welches Wahrheit wäre: Ob in der Regennacht der erebinischen Tiefe, Ob auf dem hohen farbigen Olymp er schliefe. Mit froher Antwort kam der Finger freudig dar: Sie schliefen auf dem farbigen Olymp fürwahr. Zweiter Teil: Hera die Braut Erster Gesang Heimweh und Heilung                       Tagtäglich an der Meeresküste seufzend saß Und tränenfeuchten Blicks die Ferne fragend maß Das junge Göttervolk. Denn ewig heimatwärts Entführte der Gedanke das verwaiste Herz, Und reuig wiederholt ihr Wunsch des Uranos Gebirgumzacktes, lichtdurchblautes Himmelsschloß Voll Glanz und Seligkeit und seiner sanften Maiden Weittönenden Gesangesgruß beim letzten Scheiden. Der Braut, des nahen Wettkampfs um die Weltenmacht Und der olympischen Herrlichkeiten ungeacht Kehrten den Rücken sie dem blühenden Gelände, Und sehnend streckten nach den Wolken sie die Hände. Da gab sichs eines Tages, daß gewohnterweise Das Oberhaupt des Kampfgerichts, Themiurg der Greise, Und Archelaos der Prytan, des Bott und Bann Beim Volke mehr als selbst der Fürstin Zepter kann, Dem Felsensträßlein folgend, die Erholungsrunde Selbander schritten um die kühle Abendstunde. Und wie sie auf der Höhe bei der Straßenkehr Ein wenig Atem schöpften und von ungefähr Im Talgrund ihrer Herrin trotzigen Palast, Auf hohen Mauern ragend, rings von Wald umfaßt, Gewahrten, von woher Gelächter, Hörnerschall Und Feldgeschrei ihr Ohr beleidigte und all Der kriegerische Lärm der königlichen Drohnen, Der übermütigen, angriffslustigen Amazonen, Da schaute seinen Amtsgefährten der Prytan Mit langem, inhaltvollem Blick bedeutsam an: «Kein Kleines, einer Königin mit Bott und Bill Die Heirat aufzuzwingen, wenn sie halt nicht will!» Der andre nickte, schielte durch die Augenlider Und gab ihm mit gedämpftem Ton den Reimspruch wieder: «Und kitzlig, wenn zum Eigensinn die Macht sich häuft! Ich fürchte, daß es nach dem bösen Hage läuft!» «Je nun, man tut halt einfach, was man soll und muß», Meint Archelaos, «treu und tapfer bis zum Schluß.» Das schwuren sie mit Handschlag und Verbrüderung. Drauf bogen sie zusammen um den Straßenschwung. Da sieh: die Götter unten auf der Seufzerbank Im Sande liegend, heimatwund und sehnsuchtskrank. Die Stirne runzelnd, faßte der Prytan den Arm Des Freundes: «Sieh mir diese Greiner Gotterbarm! Faulen den lungerlangen Tag am Strand umher Wie tote Fische, stöhnen Seufzer übers Meer! Und diese Jammerbolde, diese Schmachtgesellen Wagt ich der Königin als Freier darzustellen? Damit ihr Zörnlein vollends Haß im Hafen koch! Das käme just noch eben recht! das fehlte noch! Sie nähms für Hohn, sie würd uns niemals das verzeihen. Themiurg, hilf du! Themiurg, du mußt mir Spürwitz leihen! Find mir ein Mittel, irgendeins, denk nach gespannt, Wie man sie aufjagt, sie emporpeitscht, sie ermannt.» «Hier», sprach Themiurg, «hier endet meine Weisheit all.» Drauf mit Asklep dem Arzt berieten sie den Fall. Asklep nach einigem Besinnen schließlich gab Den beiden Landeshäuptern diese Weisung ab: «Soll Göttern Mannesmark und Heldenkühnheit gnaden, So müßt ihr sie im heißen Sprudel Ichor baden. Denn ähnlich wie des Haferkornes Zaubersaft Den Pferden plötzlich Geist verleiht und Mut verschafft, So daß der Gaul, der eben noch den Kopf gehängt, Betrübt und matt, jetzt wiehernd übers Blachfeld spreng Und beißt und schlägt umher, berauscht von tollen Launen: So wirkt das Ichorbad. Versuchts, ihr werdet staunen, Wie sie zu Helden sich verwandeln handumschnelle.» «Wohlan, wir führen morgen sie mit dir zur Stelle.» So zogen morgens mit den Göttern diese drei Zum Ichorquell hinaus, zur stärkenden Arznei. Obschon die Strecke kaum ein Stündlein Weg betrug, So schleppte sich die Reise wie ein Leichenzug. Verdrossene Gebeine, Stöhnen und Geweine, Und alle schmachteten gen Himmel im Vereine. Mit Mühe daß der Führer unablässig Trösten Vermochte, daß sie wenigstens vom Fleck sich lösten. Der trieb die Nachhut vorwärts, jener lockte vorn, Allein es mangelte der Nerv, der innre Sporn. Still! horch! was hör ich brüllen? Gießbachdonnerstampf! Und überm Busch dort seht den Wirbelwolkendampf! «Ichor!» Tripp trapp begannen – he, was soll das heißen? – Die Götter haufenweise haltlos auszureißen. Gleich Böcklein, wenn sie nach des Hirten salziger Hand In Wirbelsprüngen kommen meckernd angerannt, Oder gescheckten Kälblein, wenn beim Jodelrufen Sie heimwärts hüpfen, närrisch wippend mit den Hufen. Und hui! die Kleider abgeworfen, blank und nackt, Die aufrecht, die kopfüber in den Katarakt. Dort, wo am heftigsten der Brunnensprudelrauch Sich wölkte, sogen mit der Nase erst den Hauch, Dann mit dem Munde sie den Quell in vollen Zügen. Sie konnten wohl dem Durste, nie der Gier genügen. Und als der Mund nicht länger mochte – leider! schade! – So gönnten sies der Haut und wandten sich zum Bade, Bachabwärts tauchend in den großgemuten Teich. Ein Bad ist wenig, darum mit dem Bad zugleich Geschah in jauchzender beglückter Atemklemme Ein Wassertanz, daß überflutete die Schwemme. Gleich einem Morgenchor erschreckter Papageien Durchzeterte den Wald der Frauen nötlich Schreien. Doch stummen Mundes mit gewaltigen Armen braute Den Teich die Mannschaft, daß der Gegenschwall sich staute. Mutwill allüberall, Frohsinn und Lachen blitzte, Und jeder troff von Gischt, der rundum klatscht und spritzte. Bedenklich blickend aber warnte den Prytanen Nach eines Viertelstündchens Frist des Arztes Mahnen: «Doch jetzt genug! 's ist Zeit, 's ist Zeit, 's ist hohe Zeit! Vom Übermut zum Frevel ist der Weg nicht weit.» Darob Geschrei vom Bade, Widerwort und Flehen: «Warum?» «Weshalb?» «Torheit! Was kann denn da geschehen?» Zum letzten krochen unter stetem Weh und Ach Zögernd und maulend sie aufs Ufer allgemach. Doch wie sie nunmehr tappend durch den weichen Rasen Bücklings das Schuhzeug und Gewand zusammenlasen Und, auf den Boden kauernd, das erhobne Bein Mit spitzen Zehen zielten in den Strumpf hinein, Sieh, da erwies sich von des Ichors Machenschaft Ihr Leichnam so vermehrt an Wuchs, Gewicht und Kraft, Daß ihrem größern Umfang, ihrer höhern Länge Zu knapp die Kleider waren und der Gurt zu enge. «Ach!» klagte Pallas, «hilf mir, lieber Hermes du! Ich bringe diese Daimonsschnalle nimmer zu.» «Ich weiß nicht, was mein Busen heut sich unterfängt», Schmält Aphrodite, «daß er alle Spangen sprengt.» Ein jeder war verstärkt nach außen wie nach innen Vom Ichor, den sie spürten in den Adern rinnen. Und als sie jetzt den Hain hinab mit Chorgesang, Das Auge mutdurchblitzt, in taktbeschwingtem Gang, Auf keck erhobner Stirn die lustigen Hüte quer, Den Feldweg stampften – «Platz da!» – Arm in Arm daher, Da flüsterte das Volk bewundernd sich ins Ohr: «Das sind dieselben Götter nicht mehr wie zuvor.» Zweiter Gesang Die Freier werden der Königin vorgestellt                       Am Abend vor dem Wettkampf, als der letzte Strahl Mit flüssigem Golde übergoß Gebirg und Tal, Bekleidete mit seinem köstlichsten Gewand Der Theopomp sich, nahm den Heroldstab zur Hand Und reiste zu den Freiern mit bedächtigem Schritt. Vertraulich teilt er ihnen diese Botschaft mit: «Die Ehrerbietung fordert und die Sitte spricht, Daß ich euch führe vor der Fürstin Angesicht, Euch vorzuzeigen, eure Namen ihr zu nennen. Die Braut – das ist gerecht – will ihre Freier kennen. Noch einmal aber wäge jeder, ob er tauge. Denn vor dem ganzen Volke, vor der Herrin Auge, Wenn alle Blicke unverwandt auf dich sich heften, Den Wettkampf zu versuchen mit geringen Kräften, Bringt weder Ruhm noch Vorteil; besser sich bescheiden Als des Gelächters Spott von Tausenden erleiden. Noch ist es Zeit; allein es ist die letzte Frist. Wer also zweifelt, wankelt, unentschlossen ist, Der bleibe, wenn ich führe, unvermerkt zurück; Er findet leicht auf dem Olymp, Gottlob und Glück, Viel edle Fräulein, schön vom Kopf bis zu den Füßen, Die ihm sein Witwertum mit holdem Trost versüßen. Wer weiß, ob ich nicht lieber wär an seiner Stätte. Ich möcht es nicht: ein Zepter im Vermählungsbette.» Nach diesen Worten zog der Theopomp voran Zu Heras Schloß im dunklen, königlichen Tann. Jetzt gleich wie wenn zu eines Neubaus Untermauer Den sandbeladnen Karren der gebückte Bauer Mit Hü und Hott und Peitschenklatschen ächzend führt Und merkt nicht, wie, von Schüttelstößen aufgerührt, Der Sand, der eine Öffnung in der Wand gewinnt, In langem Streifen stetig auf den Boden rinnt, Bis daß, am Ziel einfahrend, er im Bogen kehrt – Und siehe, pfui Betrug! sein Wagen ist entleert: Also zerrann, soweit der Weg zum Schlosse war, Allmählich hinterm Theopomp die Freierschar, So daß er, angekommen vor des Schlosses Schwelle Und Umschau haltend, wer ihm schließlich sei zur Stelle, Nur fünf noch vorfand, die getrauten sich allein Zu stehen in der Fürstin Hoheitssonnenschein: Der dämonglanzumstrahlte herrliche Apoll, Hermes der Feine, schlau und heiligen Tiefsinns voll, Der heldenhafte Knabe Eros ohne Tadel Und des Poseidon selbstbewußter Herrscheradel. Zeus aber, der geflohen war ein kleines Stück, Besann sich, zauderte und kehrte fest zurück. Das waren die getrosten fünf entschloßnen Helden, Gewillt, der Königin zum Brautkampf sich zu melden. Im Halbkreis stellten sie sich ehrerbietig auf Und sahn erwartungsbange zum Altan hinauf. Doch hinterm Vorhang im verhüllten schlummerischen, Vom Dämmerlicht durchträumten Saale saß inzwischen Gramvoll die Jungfrau Hera; ihr zu Füßen liegend Zunächst Rhodope, an der Fürstin Knie sich schmiegend, Und Rhodos neben ihr, das treue Zwillingspaar, Das ihrer Herrin Lust und Herzeweide war. Und als Geräusch von Männerschritten sie nunmehr, Dem Hause näherkommend aus dem Wald daher, Und unterdrückter Stimmen Murmellaut vernahm, Da schrie sie auf vor Leid, und weinend schluchzt ihr Gram: «Ach wehe, Rhodos! ach, Rhodope! meine linden Geliebten Tauben, meine sanften süßen Hinden, Wo ist sie – gebt sie mir zurück – die selige Zeit, Da wir, von lästigem Throngezänk und Männerstreit Noch unbehelligt, still in Fried und Einsamkeit Ein kindlich Glück genossen, durch die Wiesen hüpfend Und in des Baches buschiger Bucht nach Veilchen schlüpfend. Was schiert der Wettkampf mich und wer der Sieger sei? Verhaßt sind sie mir sämtlich gleich und einerlei. Frag doch den Opferfarren, ob er möge besser Geschlachtet sein mit diesem oder jenem Messer! O welche Kränkung: mir, der edelsten der Frauen, Der Erdenkönigin, die Schande zuzutrauen, Gleich einem feilen Rind bekränzt und schmuckbehangen Als stumme Siegesbeute vor dem Volk zu prangen, Der frechen Neugier ausgesetzt als Wundertier, Ein Schönheitsköder, lockend der Bewerber Gier, Um schließlich, eine Sklavin, in des Stärksten Hände – O Schmach! Mein Finger krallt, auch Langmut hat ein Ende!» So zürnte sie. Und als mit Kuß und Koselaut Das Schwesternpaar beschwichtigte die spröde Braut, Die eignen Tränen in der Herrin Tränen mischend Und mit verständigem Zuspruch ihren Mut erfrischend: «So seis denn», stöhnte sie und stand gewaltsam auf, «Komm her, Verdammnis! nimm denn, Schicksal, deinen Lauf! Ich will versuchen, ob ichs kann, den Haß zu stillen, Doch nur, weil ihr es wünscht, um eurer Bitten willen; Vorausgesetzt, ihr bleibet allerorten, hier Und wo ich immer weile, alle Zeit bei mir. Denn müßt ich jemals eure Gegenwart entbehren – Wo fänd ich Trost? wie könnt ich der Verzweiflung wehren? Ihr also müßt den Bund der Treue mir geloben, Hernach, wenns sein muß, will ich meine Kraft erproben.» Nach diesen Worten schlossen einen ewigen Bund Die drei, mit stürmischer Umarmung Mund auf Mund. Hierauf mit einem tiefen Abschiedsseufzer hob Hera den wuchtigen Vorhang, den sie seitwärts schob, Und trat ins Freie auf den luftigen Altan. Doch grüßte nicht und sah die Freier auch nicht an, Sondern mit finsterm Groll, der keine Gnade räumt, Gleich einem starren Steinbild steif und hochgebäumt Wandte das Antlitz fremd und feindlich sie zur Seite Und schaute über Wald und Wolken in die Weite. Und während nun mit klarem Ruf der Reihe nach Der Theopomp der Freier Namen deutlich sprach, Bewegte sich, was für ein Name schon erklang, Kein Wink noch Wank an ihr die ganze Rede lang Und keine Miene. Als der Vortrag war beendet, Bog sie verächtlich um und rief zurückgewendet: «O Theopomp, du Schändlicher voll List und Trug, Was soll der freche Scherz? Genug des Spiels, genug! Warum der schlechten Knechte Vortrab hergeleiten? Die Freier selber laß vor meine Augen schreiten.» Ein grimmig Murren strafte dieses schnöde Wort, Das pflanzte sich von Mund zu Munde grollend fort. Dann sprach der Theopomp, die Arme auf der Brust Ehrfürchtig kreuzend: «Freilich bin ich mir bewußt, Erhabne Königin, daß niemand deiner würdig, Denn Sterblichen und Göttern bist du überbürtig. Und würde dir der Gatte nach Verdienst gewählt, Maß deinem Wert, du bliebest ewig unvermählt. Doch da einmal des Schicksals wie dein eigner Schluß Bestimmt, daß deine Hoheit abwärts steigen muß, Vernimm: von allen Männern, die im Weltall wesen, Sind diese als der Besten Beste auserlesen. Drum wolle, Herrin, huldvoll deine Blicke neigen, Die Gnade sprechen lassen und die Würde schweigen.» Er sprach es ehrerbietig. Anders sprach Apoll, Dem ob dem schnöden Schimpf der Unmut überquoll. «Mit welchem Recht, o Fürstin, und aus welchem Grund Verschmäht und kränkt uns», rief er, «dein vermeßner Mund? Anankes Diener heißen wir und deine Gäste, Bestrebt, im Kampfspiel dir zu huldigen aufs beste. Weswegen, rede, darf uns solcher Schimpf geschehen? Ich bin Apoll, ich kann vor deinem Blick bestehen.» Doch drohend gegen den Verwegenen jetzt schnellte Die Fürstin, dem sie zornig diese Antwort gellte: «Spott euch zum Gruße, ihr Betörtesten der Toren! War jemals ein Gedanke buckliger geboren Und krummer, als um Liebe bei dem Haß zu werben? Geht hin, Wahnwitzige, fordert Leben von dem Sterben Und bettelt von der Viper Honig. Zwar ich muß, Weil mich Ananke nötigt und des Schicksals Schluß, Ich muß euch dulden, muß euch Huld und Willkomm lügen, Und dem Erwählten werd ich mich gezwungen fügen. Doch Liebe von der Königin der Amazonen Heischt nicht, denn Mannesliebe kann bei mir nicht wohnen. Von Herzen haß ich das gewaltige Geschlecht, Das uns den Gürtel löst und unsre Unschuld schwächt. Was sucht bei mir, was will mir zwischen Herz und Hemde Das bärtige Ungetüm, der unverschämte Fremde? Auf denn, zieht hin, wenn meine Warnung euch nicht dämpft, Glück zu! spornt euren Ehrgeiz, eifert, neidet, kämpft! Lobpreist, umjauchzt, bekränzt das rohe Haupt des Siegers! Ich aber sag euch: nicht des Löwen, nicht des Tigers Gereizte Rachsucht, keine Bosheit auf der Erde Haßt so unsäglich, wie ich jenen hassen werde, Den sie als Bittersten erlesen mir zur Qual, Ihn, meinen schmerzlichen, unleidlichen Gemahl.» Bestürzt vernahm den Spruch die kleine Heldenschar. Die Antwort bracht im Namen aller Hermes dar: «Weh, daß doch eines Dinges äußeres Gesicht Nicht jederzeit dem Inhalt ebenfalls entspricht! Denn käme deinem Anblick die Gesinnung gleich, Kein Engel wäre so gelind und gnadenreich. Doch da nun einmal dieses deine Gabe ist, Daß du von Herzen spröd und hart und hässig bist, Was tun? Wir können eins vom andern ja nicht lösen, Darum sei uns gesegnet denn, ob auch im Bösen. Vielleicht, wer weiß, sprach Genesis: wenn dieser Hülle Ich überdies gewährte eine schöne Fülle, Das wäre ja das Glück mit Seligkeit gepaart, Für solche Wonne hat der Raum nicht Gegenwart. Doch hoffe nicht, mit bissigem Spott und scharfem Necken, Erhabne Fürstin, uns vom Wettkampf abzuschrecken: Schön ist der heilige Himmel, auch wenn blitzentflammt. Nicht wem du zürnst, nur wem du fern bleibst, ist verdammt. Möglich, wohlleicht, bevor mein Auge dich vernommen, Kann sein, vermochte deine Warnung mir zu frommen; Doch wer dich einmal sah, dem wirst dus nicht mehr wehren: Ich muß dich ehrfurchtsvoll, doch muß dich heiß begehren.» Er sprachs. Mit Beifall aber dankt ihm männiglich: «Das hast nicht du geredet, Hermes, sondern ich.» Stumm kehrte sich die Fürstin höhnisch und verschwand. Drauf sprach der Theopomp, zum Göttertrupp gewandt: «Hochedle Helden, ihr beherzten, mutigen Freier! Vor einer folgenschweren Tat und ernsten Feier Empfiehlt es sich, statt träg und faul mit Daumenspiel Die Zeit zu ziehn, den Geist zu richten auf das Ziel, Andächtig und bekümmert eure Kräfte wägend, Den Willen sammelnd und den Leib mit Ruhe pflegend. Drum haben wir am Kampfplatz oben auf dem Feld Ein häuslich Zelt zu eurer Unterkunft bestellt, Darinnen all die Tage, da der Wettstreit währt, Ihr wohnt, gesondert, doch bedient, besorgt, geehrt. Nun folget mir. Euch zu empfangen wartet schon Themiurg, der Richter Obmann, auf dem Feld Agon.» Es sprachs der Theopomp. Nach seinem Wort geschah: Zum Feld Agon begaben sich die Freier da, Allwo Themiurg, der Richter Obmann, sie empfing, Den königlichen Purpur ihnen überhing Und mit dem Fürstendiadem die Stirn bekränzte, Mit warmem Freundschaftsblick, darin Bewundrung glänzte: «Ihr edlen Freier», sprach er, «stolz und hochgemut, Den Willen, der zum Gipfel aufschaut, heiß ich gut. Die hohe Absicht adelt, wenn auch unerreicht. Schmach dem, des Demut in den Sumpf bescheiden schleicht! Einstweilen eurem Heldensinn zum ersten Lohn Vernehmt ein köstliches Mysterion heute schon: Einsiedlerisch im Walde lebt seit manchem Jahr, Mit Obst sich kärglich fristend, still ein Greisenpaar. Weitab in selige Fernen ist entrückt ihr Sinn, Und lächelnd stieren ihre Blicke vor sich hin. Unfähig, die Gedanken gegenwärts zu sammeln, Vermag ihr kindliches Gemüt ein glückhaft Stammeln. Der ist der Pfleger, jene ist die Pflegerin, Die aus der Wiege hoben einst die Königin. Die schlichte Einfalt jenes Mannes, dieses Weibes Ertrug das Wunder nicht des offenbarten Leibes. Doch fragst du, welcher Art das Wunder sei beschaffen, Merk auf: Gleich wie im Erdenland den pelzigen Affen Der Mensch beschämt und wiederum den Menschensohn Stößt seinerseits des Gottes Elfenbein vom Thron, So meldet das Gerücht und lautet eine Märe Von Heras heiligem Körper eine neue Ehre: Da wo die Frauen schmückt des Gürtels Goldgestein, Erblüht ihr zum Geschmeid lebendiger Edelschein. Es ist kein Fleck, kein Mal, es ist nicht eine Narbe. Von Licht und Klarheit ist es eine wonnige Farbe. So jubelt das Gerücht, so jauchzt olympische Sage. Es zu erwähren ist des Siegers selige Frage. Doch schaut, schon lenkt der Mond das Heute nach dem Morgen. Gruß euch! ich überlaß euch euren stolzen Sorgen. Benützt die Frist, des Herzens allzeit muntre Mücken Gebieterisch mit strenger Faust zu unterdrücken. Die guten Mäuslein aber schafft mit Fleiß nach oben. Denn morgen wird sich eines jeden Wert erproben.» Er schied. Sie aber griffen jetzt beim Mondenschein Mit beiden Händen in das arge Herz hinein, Manches nach hinten schiebend, manches vorwärtsrückend Und die geschäftigen Mücken kräftig unterdrückend; Die guten Mäuslein aber schafften sie nach oben. Darauf entschliefen sie, geläutert und gehoben. Doch in Anankes todumwachte Höhle trat Mit scheuen Schritten Moira, räusperte und bat: «Den künftigen Erdenkönig, Vater, gilts zu weihen. Den schwarzen Kosmolith erfrag ich, mir zu leihen Aus deiner Krone, und die fürchterliche Rute, Die Weltbezwingerin, gesalbt mit Drachenblute.» Und gnädig seiner Tochter weisem Wunsch willfahrte Der Vater und behändigt ihr die eisenharte Grausame Weltenrute und zugleich damit Den schwarzen Höllenedelstein, den Kosmolith, Der aus des Chaos Schlunde, wo er lag gebettet, Als einziger Überrest der Urzeit ward gerettet, Von außen fühlbar wie ein steinerner Basalt, Inwendig aber wechselnd Dichtheit und Gestalt, Bald fest wie Erde, wie zerfließend Wasser bald, Jetzt gleich dem flüchtigen Äther schwankend in der Schwebe. Und eine feine Stimme sagte, daß er lebe. Und als vom Vater beide Lehen sie empfangen, Kam sie zu Gorgo, ihrer Schwester, jetzt gegangen. «Gorgo», begann sie, «deinen Beistand mögest leihen. Den künftigen Erdenkönig, Schwester, sollst du weihen: Nimm hier die Rute, nimm zugleich den Kosmolith Und eile gen Olymp zum Feld Agon damit, Wo du im Schlafe finden wirst die edlen Helden, Gewillt, zum Wettkampf um die Krone sich zu melden. Dort siehe zu, wen du vor allen auserwählest. Doch, daß du ja den Tauglichsten mir nicht verfehlest, Brauch diese Probe: Zieh den Kosmolith hervor Und halt ihn heimlich jedem Schlafenden ans Ohr. Die, welche friedlich weiterschlafen, brauch ich nicht. Doch jener, dem der Kosmolith zu Herzen spricht, Daß er im Traume stöhnt und sich verwirft und schreit, Der ists: der sei zum Erdenkönig mir geweiht. Versetze mit der Rute diesem einen Schlag, Auf daß er nimmer Ruh und Frieden finden mag. Dies also, liebe Schwester, mögest freundlich tun: Auf deine stets bewährte Weisheit zähl ich nun.» Sie sprachs. Gorgo willfahrte gern der Schwester Bitte Und auf dem Feld Agon schlich sie mit leisem Tritte Ins Zelt der Freier, nahm den Kosmolith hervor Und hielt ihn je und je den Schlafenden ans Ohr. Doch alle schliefen friedlich weiter unentwegt, Von keinem Ton getroffen, keinem Schmerz erregt. Außer dem letzten, Zeus. Als sie ihm nahte kaum, Warf er sich hin und her und stöhnt und ächzt im Traum, Und auf des Kosmolithes feine leise Sage Erwidert er Geschrei und laute Jammerklage. Die Weltenrute zuckte Gorgo jetzt und traf Die Brust dem Träumenden und zeichnet ihn im Schlaf. Hierauf zur Schwester eilte sie: «Es ist geschehn: Zeus ists, den ich zum Erdenkönig ausersehn.» Allein nicht Schlaf gedieh noch Ruh und Friede sproß Der königlichen Braut im waldumkränzten Schloß, Weil sich der Freier Bild vor ihr Gedächtnis stahl. «Wer war wohl», riet sie sorgenbang, «in dieser Zahl Mein nächster schlimmster Feind, mein künftiger Gemahl?» Doch während aller übrigen Gestalt verblich, Behauptete Apollons leuchtend Scheinbild sich Vor ihren Blicken unverscheuchbar, unvermeidlich, Und seiner Augen Feuer brannte sie unleidlich. Verächtlich lachte sie: «Was will der eitle Wicht Mit seinem schnöden selbstzufriednen Angesicht?» Kraft grellem Fackelschein, kraft Leuchtern und kraft Kerzen Gedachte sie das lästige Irrlicht auszumerzen. Hell flammte durchs Gemach der rote Glanz und Glast: Allein des Gegners Bild beharrte unverblaßt. Nun löschte sie die Flammen allesamt: im Dunkeln Sah sie Apollons zorndurchglühte Augen funkeln. Sie stampfte mit dem Fuß: «Zuviel zuletzt, zuviel!» Die Laute holend, setzte sie sich ab zum Spiel. Sie konnte mit den Saiten heute nicht hantieren, Denn seine Finger mengten ewig sich mit ihren. «Im Schlafe», rief sie, «muß der Unhold schließlich schweigen.» Sie spürt ihn – Schmach und Scham! – mit ihr zu Bette steigen. Darob geschah ihr, daß sie einen Abscheu faßte, Die andern übersah, Apollon tödlich haßte. Aufspringend schrie sie einen maßvergeßnen Schwur: «Zu früh, Apoll, frohlockst du! Glänze, gleiße nur Und wiege dich in eitler Selbstzufriedenheit: Trotz deinem Dämon, der dir heimlich Beistand leiht, Und deinem Heldenwuchs und deiner Gliederzier Erbeutest du mich nicht! Apoll, ich schwöre dir: Eh daß ich meinen Stolz vor deinem Hochmut beuge, Eh daß ich Unterwerfung dir und Huld bezeuge, Eh will ich einen Satyrbock mit zottigem Rücken, Einen Zentaurenhengst mit meiner Gunst beglücken. Ein jedes Mannsbild bin zu dulden ich bereit, Wofern er nur von dir, du Gleisner, mich befreit!» Drauf legte sie sich nieder, jauchzend Haß und Hohn, Da strahlt Apoll ihr wieder vor den Augen schon. Dritter Gesang Der erste Wettkampf: Gesang und Sage                     Zwei Federwölklein reisten früh beim Morgengrauen Von Osten heimwärts über die olympischen Auen. Und es begann und sprach die eine zu der andern: «Schau doch, dort unten im Olymp, welch spaßhaft Wandern! Gleich Bienen oder Emsen schlüpfts aus allen Schlüften, Es wimmelt aus dem Wald, es wumselt aus den Klüften.» «Ei, schäm dich!» rief die andre, «sag, wo kommst du her? Oder verstellst du dich? Wie? Weißt du denn nicht mehr? Das ist ja heut der Allerweltenfeiertag, Da man um unsre Jungfer Fürstin freien mag. Siehst du denn nicht Gebirg und Tal mit Blust bekränzt? Und wie im Funkelsonntagskleid der Adler glänzt?» Unwillig aber kehrten zu den Morgenstunden; Sich um die Dämmerstunden: «Sachte! he! dort unten! Was ist das für ein dummes unvernünftig Drängen Mit Fäusten und mit Füßen und nach oben Zwängen? Könnt ihr denn nicht ein Weilchen ruhig stillestehn? Wir wollen auch wie ihr die Jungfer Hera sehn.» Da stieg die Morgensonne durch den Buchenstand, Scheinwerfer drehte zielend sie mit kundiger Hand. Sie traf des Gipfels Wolkenhut beim ersten Streich: Da wippt er mit der rosenroten Feder gleich. Die Berge, säbelte der zweite, breitre Strich: Mit reinem Gold und Silber panzerten sie sich. Das Tageslicht entzündete der dritte Strahl: Da lächelten die Farben über Berg und Tal. Inzwischen schwenkte durch die Stadt der stolze Zug, Der Heras heilige Hoheit nach dem Schauplatz trug. Zuvorderst schritten der Behörden Ehrenwächter: Erlesne Söhne autochthonischer Geschlechter. Auf ihren Fahnen, Schildern, auf dem Wams der Knappen Sah man den Adler, das olympische Landeswappen. Dann folgten unter goldgewirktem Purpurdach Im hochgetürmten Wagen die Prytanen nach. Drauf, mit den königlichen Schätzen schwerbeladen, Keuchte das Sklavenheer, gestemmt die kräftigen Waden: Gebirge köstlichen Metalls, ein Wald von Seide, Becher und Schalen, Dolche, funkelnde Geschmeide, Die Früchte des Olymp, der Erde Spezereien Und der Geschenke unabsehbar lange Reihen. Hernach, der Weltenmacht zum Zeugnis und zum Lobe, Erschien von sämtlichen Geschöpfen eine Probe. Halbgötter: Nymphen, Satyrn, Musen und Bacchanten Und all die andern fernen Götteranverwandten. Darauf die Sterblichen: das Ungetier der Erde, Der eitle Aff, der Mensch mit wichtiger Gebärde. Doch gleich als wollten diese mißgestalten Schemen Mit ihres Wuchses Ebenmaße sie beschämen, Trat hinter ihnen ein olympischer Edelchor Von Knaben und von Mädchen anmutvoll hervor. Mit züchtgem Anstand setzten sie die feinen Glieder, Und mit dem Maß des Schrittes flogen ihre Lieder. Doch wie beschaffen ist das künftige Schauspiel jetzt, Daß sich die Neugier bäumt und klein und groß sich setzt? Von Haus zu Haus bis an der Zinnen Peristyl Blitzt Waffenschein und lustiger Farben Widerspiel. Berittne Amazonen sinds auf mächtigen Rossen. Sie sitzen nicht, dem Sattel scheinen sie entsprossen. Ihr sieggewisser Blick verrät: sie sind die Herrn, Und wo sie nahen, ist die Königin nicht fern. Schon nimmt der Jubel in der Amazonenschar Die Fürstin Promachos und Iphikleia wahr. Und näher immer jauchzt des Zuges Kern herbei, Unsichtbar noch, doch dann und wann durchglänzt vom Schrei Ohnmächtiger Trompeten. Oh! ein Blumenmeer Lebendigen Schrittes flutet wogend jetzt daher. Der Blick trinkt Blütenflor, der Atem saugt Arom, Und schöner Frauen Füße wandeln in dem Strom. Keusche Parthenier sind es, schlank und mädchenhaft, Der Amazonen Nachwuchs, Saft zukünftiger Kraft. Gereicht der Blust dem Leib, der Leib dem Blust zum Ruhme? Und sprich: was ist hier Kelch? und welches ist die Blume? Ein Blick: der Jubel schweigt, die Menge fällt aufs Knie, Und alle beten an in stummer Enthusie. Aufrecht und stolz im Schiff des Pfauenwagens steht Sie da in ihres Riesenwuchses Majestät. Errötend aber auf dem Thron des Wagens liegt Das schmucke Zwillingspaar, der Herrin angeschmiegt. Sechs weiße Zelter ziehn den königlichen Wagen. Von einem Heroldtrüpplein wird vorangetragen Von Goldstoff eine mächtige Kugel, leicht, weil hohl, Der Erdenherrschaft majestätisches Symbol. Ein Ächzen stöhnt, ein wilder Schrei erscholl: «Erbarme Dich unser, Herrin! Hebe, hebe deine Arme!» Ein Weilchen widerstrebte sie. Dann gnädig hob Sie lächelnd hoch die lilienweißen Arme. Drob Schlug Raserei ins Volk, kein Volk mehr, eine Horde, «Heil dir! Vernichte deine Feinde! Schlag sie! morde! Wo sind sie? Sprich ein Wort! Wes Blut ist dir vonnöten? Nenn ihn, zeig ihn, den Schelm, den Schalk, daß wir ihn töten.» Doch draußen vor dem Pinientor der Oberstadt, Wo man die Stadt zurück, die Landschaft vor sich hat, Zerfiel des Zuges Wurm in zwei getrennte Teile: Unnütz und nütze. Jene schwenkten heim in Eile. Doch die zum Nutzen oder Nutzesnutz gehörten, Zogen die Straße weiter hinter den Behörden. Indessen auf dem bergumkränzten Feld Agon Harrte das Volk mit Ungeduld seit langem schon. Kundschafter hatten sie zu äußerst um das Feld, Der Fürstin Ankunft vorzumelden, hingestellt. Und als sie nun, gewarnt von ihrem Händewinken, Trompetenstoß vernahmen, dann Standarten blinken Und Fahnenjubel leuchten, Lanzen glitzern sahn, Stimmt alles Volk den altolympischen Hymnus an: «Den Menschenkindern unten dort im Menschenland Ist ihre eigne Gottheit ihnen unbekannt. Sie schreien nach den Wolken: ‹Hilf uns, lieber Gott!› Sie sehn ihn nicht, er hört sie nicht, du lieber Gott. Doch uns hier oben im Olymp ist Heil geschehn, Wir dürfen unsrer Göttin Stirn mit Augen sehn. Das ist die wunderfeine Jungfer Königin, Der wir mit Freuden geben Leib und Leben hin. Wo bleibst du, heiliges Kind? O komm doch, komm doch balde! Weh uns! Entflieht! Dort naht sie strahlend aus dem Walde.» So sangen die Olympier, als sie auf den Plan Hera im königlichen Wagen steigen sahn. Verwundert aber auf die Zehenspitzen stellte Die Sonne sich, indem sie jäh vom Sitze schnellte: «Halt ein! was seh ich? Halt, ihr edlen Rosse, halt! Dort unten reitet ja der Morgen in Gestalt. Schlägt Weltenfrühling heut denn auf des Schöpfers Uhr, Daß solch ein Wunder jüngt die alternde Natur?» Und als die Fahrt nun auf dem Kampffeld angekommen Und jeder seinen anberaumten Platz genommen, Schwieg die Erwartung. Archelaos aber brach Das Schweigen, da er also zu der Herrin sprach: «Großmächtige Königin, erlauchtes, heiliges Kind, Du schönste aller schönen Jungfern, die da sind: Ich bin dein schlichter Diener, gelte nichts aus mir, Und alle Macht, die ich vermag, leit ich von dir. Leih mir aus freier Gnade deinen Herrscherstab, Den geb ich redlich und gewißlich jenem ab, Ich schwörs vor allem Volke klar und unumwunden, Der als dein Gatte deiner würdig wird befunden.» Dann, als mit abgewandtem Blick sie das getan, Bot er Themiurg das Zepter also redend an: «Das Zepter, das aus unsrer Herrin Händen stammt, Verleiht, Geronten, euch hiermit das Richteramt. Aus ihrer unumschränkten Allmacht ziehts die Kraft, So daß ihr keinem irgend schuldet Rechenschaft. Des Wettkampfs Art und Weis, die Tage, die er zählt, Es steht bei euch. Und wen ihr nennt, der ist erwählt.» Und wie nun die Geronten angeschritten kamen Und mit andächtger Hand das Zepter übernahmen, Da schaute mit gespanntem Blick das Volk nach ihnen Und lernte jedes Haupt und las in ihren Mienen. Gleich wie an eines Kranken Brust, drin Fieber kocht, Der Arzt bedächtig horcht und mit dem Finger pocht, Indes die ängstlichen Verwandten still und stumm Mit bangen Blicken ihn verfolgend stehn herum, Und ob er noch so häßlich wäre von Natur Und klein und alterssteif und unansehnlich nur, Muß jedes Auge unablässig an ihm haften, Zählt seine Runzeln, merkt sich seine Eigenschaften, Und alles schmeichelt ihm und schafft ihm eifrig Ehre, Als ob er nicht ein Mensch, ein höher Wesen wäre, Um seinetwillen nicht, allein des Spruches wegen, Womit sein mächtger Mund verkündet Fluch und Segen: So wurden die Geronten der Versammlung wichtig, Und jeder fühlte sich den Greisen ehrenpflichtig. Dann schritten zum Altare der Gerechtigkeit Geronten und Prytanen. Und zu gleicher Zeit Kamen verschleiert die getrosten Freier dar. Die Hände legten alle über den Altar Zum feierlichen Bundesschwure in der Runde. «Sagt an», sprach Archelaos, «gebt uns deutlich Kunde, Prytanen, steht ihr dessen unsrer Herrin Bürge, Daß keiner sie verletze noch ihr Recht erwürge?» «Wir stehen ihr für Recht und Macht und Ehre ein. Wo nicht, so wollen wir des Todes schuldig sein.» Themiurg, der Obmann der Geronten, drauf begann: «Ich frag euch, würdige Richter, sprecht und schaut mich an, Wollt ihr den edlen Kämpfern, schwörts mit Mund und Händen, Ein gleiches Maß und ein gerechtes Urteil spenden?» Sie sagten: «Spräche unser Spruch im Widerspruch Mit Recht und Billigkeit, so treff uns Tod und Fluch.» Und das beschworen sie. Und als nun ebenfalls Die Freier eidlich zugesagt bei Kopf und Hals, Daß keiner etwa seinem ungeschickten Glücke Mit Frevel in den Sattel helfe oder Tücke, Und jeder seinen Sitz und Standort eingenommen Und Andachtstille herrschte, feierlich beklommen, Hob Archelaos, der Prytan, die Beterhände: «Gestrenge Moira, unvernünftigen Zufall wende! Laß nicht den schlausten, laß den besten Mann gewinnen! Ihr Völker schaut daher, der Wettkampf wird beginnen.» «Der Wettkampf, der bestimmt war diesem ersten Tage», Begann der Herold Hermeneus, «begreift die Sage. Wer also, frag ich, wagt es von den edlen Helden, Zum Wettgesang der freien Dichtkunst sich zu melden?» Er riefs. Und wie nun der geschäftigen Weibel Mund Ihm gab die Namen der Bewerber treulich kund: «Den Wettstreit des Gesanges wagen kühn und frei», Verkündet er, «der hochgemuten Helden drei: Zeus, Hermes und Apoll. Das Los wird nunmehr küren, Welch ihrer einem mag der erste Sang gebühren.» Und als das Los der Halme nun gezogen war, Bracht er mit lauter Stimme das Ergebnis dar: «Den Vorrang hat Apoll. Er nahe ungescheut. Es wäre denn, daß ihn der schnelle Vorsatz reut.» Apoll erschien. Und siehe da, beim ersten Schritt Zog er die Freundschaft und Bewundrung aller mit. Wer aber ist der Jüngling, der voran ihm schreitet? Ein Siegesdämon, der ihn überall begleitet; Von Glanz umhüllt, den andern allen unsichtbar. Nur Heras lauernd Auge nahm den Dämon wahr. «Der ists», bestätigte der Haß der Königin, «Doch wehr ich dir den Preis, dein Dämon her und hin!» Indessen zu Apoll erhob Themiurg die Frage: «Ist dir vielleicht, Apoll, zum Frommen deiner Sage Erwünscht, daß wir zuvor mit Saitenspiel und Singen Die freie Seele dir dem niedern Staub entschwingen?» «Der Töne Krücke», sprach Apoll, «bedarf ich nicht. Im Blicke fliegt mein Geist, mein Führer ist das Licht. Der unbegrenzte blaue Äther, hoch und hell, Der Erd und Himmel eint, ist meines Liedes Quell.» Und nach der Stelle schauend, wo den kühnsten Sprung In ahnungsweite Fernen tat des Himmels Schwung: «Von Hohem her, von einem Dämon unbekannt», Hub an Apoll, «wird diese Sage mir gesandt. Mit Namen Psyche lebt ein stummes Hirtenkind, Einfältig, aber schön von Wuchs und fromm gesinnt. Da wo ein See am stillsten und am tiefsten war, Kam jeden Morgen sie vom Wald mit Blumen dar Und drohte mit dem Finger: ‹Ei, was spiegelst du Die Berge alle mir und Wald und Flur dazu? Kosmos, den Sohn des Königs, soll dein Spiegel zeigen, Von dem mein Herze jauchzt und meine Lippen schweigen.» Und als im Wasserspiegel Kosmos' Bild erschien, Warf sie ihm Küsse zu und all die Blumen hin Und wiegte sich und tanzt und zierte sich davor, Bis daß beim Abendwind das Bildnis sich verlor. Hienach zum Walde heimwärts schwang die Einfalt sich Und sang im Herzen: ‹Wer ist seliger als ich?› Doch eines Wintermorgens, wehe, siehe da, Verändert war der Blick des Bildes, das sie sah. Die jugendroten Wangen schauten blaß und bleich, Die Augen traurig und die Lippen schmerzensreich. Die Tasche warf sie um und nahm den Hirtenstab Und wanderte zur Stadt und Königsburg hinab. ‹Weint nicht und laßt das Klagen›, sprach sie durch Gebärden, ‹Von mir wird Kosmos Heilung und Genesung werden.› Verächtlich ward dem König Vater angesagt: ‹Vor deiner Schwelle kauert eine junge Magd, An Kleidung einer Hirtin ähnlich, rauh und schlicht; Zwar lieblich wie der Tau des Morgens von Gesicht, Doch ihre Lispelzunge lahmt ein stumm Gebrechen. Und deines Sohnes Heilung scheint sie zu versprechen.› Gebeugten Hauptes trat der König vor die Pforte, Begann und sprach, und seine kummervollen Worte Benetzte wiederholt der Tränen bittre Flut: ‹Gruß dir und Dank, du gläubig Mägdlein fromm und gut! Doch was den Weisesten und Klügsten nicht gelang, Was selbst mein Zepter nicht um goldnen Lohn erzwang, Wo Königsmacht, Arznei und Witz vergeblich sind, Was will vor meiner Tür ein stumm, einfältig Kind? Denn sieh, an meines Sohnes Beinen nagt ein Fluch, Und also kündet des Orakels düstrer Spruch: Nicht eher wird Genesung seine Kräfte wecken, Eh nicht im Badesaal das tiefe Marmorbecken Vom Wunderwasser Lyson quellend überläuft, Das einzig in dem Haus des Todes spärlich träuft. Von tausend Todesqualen wird ein Tröpflein gar, Das sickert aus der Erde jedes Weltenjahr. Äonen spenden eines winzigen Näpfleins Fülle. Nun sehet, wer das tiefe Marmorbecken fülle.› Doch Psyche lächelte. ‹Mein Weg ist mir befohlen›, Glänzt es aus ihrem Blick, ‹die Tröpflein will ich holen. Ich will hinuntersteigen in die Todesgruft. Führt mich zu Kosmos›, schrieb ihr Finger in die Luft. Im Hof, im Mittagssonnenscheine nächst der Mauer, Lehnte der kranke Königssohn im Fieberschauer, Und seine trüben Dulderblicke, müd und alt, Über den goldnen Weinberg sendend: ‹Mir ist kalt!› Er sagt es leis, und in besonnte Wollendecken Mocht er die kraftverlaßnen Knie und Füße strecken. Den königlichen Mantel aber, groß und schwer, Drauf Mond und Sonne prangten und das Sternenheer, Legt ihm der Vater um die Schultern, dessen Falten Vom Kopf zum Boden schimmernd die Gestalt umwallten. Und traurig schaut aus Mond- und Sternenglanz der Kranke Wie durch den Tanz am Hochzeitsfest ein Todgedanke. Doch als nun Psyche vor den Kranken knieen kam, Ins Aug ihm schaut und seine Hand zum Kusse nahm, Zerschmolz das Frösteln, Wärme quoll durch seine Glieder, Und mählich fand er das verlorne Lächeln wieder. ‹Du also mochtest, einen fremden Mann zu heilen, Die Heimat lassend, über Berg und Wälder eilen? Und untertauchend in des Todes finstres Haus Willst du für mich ertragen irdischer Qualen Graus?› Mit leiser Zunge flüstert es der Königssohn. ‹Doch welchen Dank begehrst du›, fuhr er fort, ‹zum Lohn?› Und segnend koste seine Hand um ihren Scheitel. Doch Antwort strahlt ihr stummer Blick: ‹Aus Liebe eitel.› Und eine Ampel nahm das Mägdlein in die Linke, Daß in der Todesnacht ihr Licht und Hoffnung blinke. Ein winzig Näpflein aber hielt sie in der Rechten, Aus Schmerz und Qual ein heilig Tröpflein zu erfechten. Also gerüstet schritt sie durch das Todestor . . . Wann schwingt sich Psyche wiederum zum Licht empor? Das Lyson in der Hand, in Dulderschönheit prangend? Als einzgen Lohn ein dankbar Lächeln nur verlangend? Wann wird im Marmorsaal das Becken überfließen? Und wann dem kranken Kosmos endlich Heilung sprießen?» Mit diesen Worten schloß Apoll. Und lang noch rauschte Der Nachhall seines Liedes, welchem jeder lauschte. Doch anders Hera, die beständig, allsolang Apollons Mund die wehmutvolle Sage sang, Unruhig, gleich wie wer sich nach dem Ende sehnt, Sich links und rechts gedreht, geschwatzt, geseufzt, gegähnt. Jetzt rümpfte sie die Nase: «Pfui der kindischen Märe! Von Tiefsinn spür ich nichts, nur eine lange Leere.» «Als zweiter», rief der Hermeneus jetzt feierlich, «Sprang Hermes aus dem Lose. Dieser nahe sich.» Und als nun Hermes leichten Fußes kam gegangen, Blieb aller Wohlgefallen an dem Helden hangen. «Der scheint mir», lautet es im Volk, «Apollons würdig, An Anblick ebenschön, an Adel ebenbürtig.» «Ist dir», begann Themiurg in Gnaden, «Saitenspiel, O Hermes, überflüssig und Gesang zuviel?» «Ein Wandrer ist mein Geist, er pilgert in die Ferne. Der Töne liebliche Geleitschaft mag ich gerne. Manch ein geheimnisvoller Zauberborn entspringt Plötzlich dem Seelengrunde, wenn die Saite klingt.» Zwölf edle Autochthonensöhne, tongewandt, Nahmen die veilchenförmige Laute jetzt zur Hand; Aus Zedern des Olympos war das Holz gebaut, Von kundgen Satyrn; lieblich säuselte der Laut, Bald wie der Wind im Walde, bald wie Frauenzungen, Doch als der Harmonieen letzter Ton verklungen, Erhob sich Hermes und beschattete sein Haupt: «Ich schaue hell. Die Wahrheit naht. Hört an und glaubt. Elysion heißt ein stilles, bergumschloßnes Tal, Nahe der Welt, ihr ähnlich, doch erlöst von Qual. Gebirg und Wälder, Dörfer, Städte, Bach und Auen Nicht besser als auf Erden sind daselbst zu schauen. Was du erblickst, erscheint gewöhnlich und alltäglich, Verdroßnen Murrens ist Elysions Inhalt säglich. Was staunen die verstorbnen Seelen denn? Warum Umstarren sie so gierig, gläubig, andachtsstumm Mit feuchtem Blick den feilsten Umstand? Welch Gemüt Ists, das aus diesem Stein, aus jenem Holze blüht? Versteh, die Bilder, die du siehst in diesem Tal, Sind des vergangenen Geschehens Widerstrahl; Zu unauslöschlichem Gedächtnis abgestreift Den Dingen, die die harte Wirklichkeit begreift. Und jeder kann dahier getreu und deutlich lesen, Wie damals ihn die Welt umstand, als er gewesen. Auf breiter Straße kommen brüderlich gegangen Die Völker, die des Todes Taufe jüngst empfangen. Gleich einem heiligen Festzug wallt daher ihr Wandeln, Und wichtige Dinge scheint die Rede zu verhandeln. Doch dünnen Denkens Blaßgespinste sind es nicht, Wovon der nimmermüde Mund geschäftig spricht. Sie spüren auf verborgenen Erinnerungsschlichen Nach den erlebten Erdenmärchen, die verwichen; Jeder erzählend seine kleine Lebensfahrt Durch Einen Raum und Eine selbe Gegenwart. Und freudig siehst du dankerfüllte Blicke glänzen, Kann wer das eigene Gedächtnis ihm ergänzen. Also Vergangnes schauend, erdwärts abgewendet, Sind für Elysions Ebenbilder sie verblendet. Gleichgültig wandelnd auf der breiten Völkerstraße, Betrachten sie zerstreut der Berge Form und Maße. Doch halt! Mir ist, als ob ich jenen Hügel kennte, Als ob der Wald, die Hecke meinen Namen nennte. Das Auge starrt, die Lippe zuckt: ‹Halt ein! Halt ein! Die Ortschaft ist mein eigen, dieser Fleck ist mein. Hier ward von mir gelitten, ward von mir gelebt, Hier hab mein Herz ich, meine Hoffnung angeklebt. O laßt mich meiner Kindheit Träume geizig sammeln, Vor dieses Hauses Tür das Wörtlein Heimat stammeln! Laßt ewig lesen mich in diesem heiligen Buch Und mich berauschen an des Gärtleins Feldgeruch!› Vom engsten Winkel, hinten in Elysions Tal Erhebt sich ein gewundner Fußpfad, steil und schmal, Der über eine Hügelwelle hurtig schreitet Und jenseits nach dem Land der Erde niederleitet. Einsam dort oben siehst du einen Ahorn grüßen, Ein Abschiedszüglein wankt vorbei auf Pilgerfüßen. ‹Wohin, ihr lieben Brüder? Saget an: wohin?› ‹Hinab nach Erden, unsrer Heimatdichterin.› ‹Warum denn von Elysions seligen Gründen scheiden?› ‹Um abermals zu leben, abermals zu leiden, Auf daß aus rohem Weh und gröblichem Erfahren Erinnrungswehmut wir gewinnen und ersparen.› Das also ist es, was Elysions Tal enthält, Vom Nachglanz flüchtger Zeiten eine ewige Welt. Die Rede schildern nicht, sie sagts genau und grau. Versuchs, mit Dichtersehnsuchtsaugen geh und schau.» Hermes nach diesen Worten endete hiemit. Indes der Hörer Geist ergänzend weiterschritt, Zu Ende träumend, was der Seher vorgedichtet. Und jedes Auge blieb auf seinen Mund gerichtet. Huldvoll in Gnaden aber vor den Thron beschied Hera den Sänger: «Heil dir, Hermes! Welch ein Lied, Gedankenschwer und mächtig, hast du uns gesungen! Sieh mein gerührtes Herz, von deiner Kunst bezwungen. Nicht weiß ich, wen der Urteilsspruch zum Sieger kürt, Doch wär ich Richter, wüßt ich, wem der Preis gebührt. Nimm meinen Dank inzwischen als Ersatz zum Pfand.» Und reicht ihm lieblich lächelnd ihre weiße Hand. Zum drittenmal begann der Hermeneus und sprach: «Ein letzter von den Sängern mangelt uns hienach: Der edle Zeus. Er nahe sich von seinem Stand.» Und alle spähten, nach dem Künftigen gespannt. Doch gleich wie wenn beim Dämmerzwielicht früh am Morgen, Vom Hahnenschrei gemahnt und der Geschäfte Sorgen, Der träge Knabe taumelt mit verschlafnem Sinn Blinzelnd und gähnend nach dem Faselstalle hin Und lockt mit weichem Ton und schmeichelnder Gebärde Das Hühnervolk und der Kaninchen sanfte Herde, Und ohne Argwohn tastet er entlang den Wänden, Bald hier, bald dorthin greifend mit den blinden Händen, Doch zähnefletschend statt der trauten Tierchen glotzt Ein Iltis ihm entgegen, der ihm fauchend trotzt: So prallten die Versammelten enttäuscht zurück Als Zeus erschien; und keiner bot ihm Gruß und Glück. Gewöhnlich von Gestalt, das Antlitz ungefähr, Wankt er mit Adlertritten ungeschickt daher. Ein jeder spürt ein Etwas, das sich nicht gehört, Und alle fühlten sich beleidigt und empört. Ein tausendstimmig feindlich Murren, unmutvoll, Das war der Willkommgruß, der Zeus entgegenscholl. Doch Hera biß sich in die Lippen, wandte sich Ergrimmt zum Theopomp und schalt ihn ärgerlich: «Ei du verwegner Gaukler, falsch und ehrvergessen! Welch einer frechen Täuschung hast du dich vermessen! Meine Geduld ist lang, doch nicht von ewiger Dauer. Von wannen, sprich! bekenne! kommt mir dieser Bauer?» Ins Mittel aber legte sich der Hermeneus: «Erhebe ruhig deine Stimme, edler Zeus! Und wolle mit des Volkes Unverstand nicht fechten. Vertraue dem Gericht, es wird dich billig rechten.» «Ich will erzählen einen königlichen Traum», Sprach Zeus, «doch daß er euch behage, höflich kaum. Mir war, wir ständen, unsern Willen zu erproben, Unten vor einem Berge und die Fürstin oben. Die andern rollten aufwärts nach der Königin, Mit schwachen Händen schiebend, ihren Willen hin. Doch arme mitleidwürdige Willen waren das, Die blöden Füße brüchig und der Rumpf von Glas. Ich sprach: Nun sollt ihr meinen eignen Willen sehn, So könnt ihr meine Überlegenheit verstehn. Ich warf ihm Zorn; im Zorne einzig mag ich werben. Die fremden Willen schmiß ich allesamt zu Scherben, Doch meine Kugel flog bergan im Siegeslauf. Moira erschien und peitschte sie zum Ziel hinauf. Ananke gab mir diesen Traum und hieß michs wagen, Ihn zu bekennen. Weitres hab ich nicht zu sagen.» So Zeus. Doch der Verachtung frostige Eisesnadeln Umstarrten ihn ringsum, vernichtender als Tadeln. Der Herold aber sprach: «O Zeus, was zögerst du? Hast du ein Übriges zu sagen, setze zu! Doch hast du deinen Spruch geschlossen und geendet, Was stehst und wartest du, zur Königin gewendet?» «Ich warte, ob die Königin mich nicht erkenne, Ob ihr nicht Moiras Zunge meinen Namen nenne. Ich stehe, bis ihr Mund zu den Geronten spricht: Da, wo ein Zeus erscheint, bedarfs des Wettkampfs nicht. Schaut hin: um seinen Scheitel blitzt Anankes Strahl. Willkommen Zeus, mein Herr und ehlicher Gemahl!» Die Fäuste ballte gegen Zeus die Königin: «Ein Bauer bleibt, was Bauer war von Anbeginn. Das Brandmal, das dich merkt, ist nicht Anankes Strahl. Das Mal der Frechheit ists und Niedrigkeit zumal. Nimm eine Klingel in die Hand, du Widerhold! Und hier, was ich dir schenke, dies gemünzte Gold, Und zieh hinab vors Schloß und mit der Klingel schell, Und meinen Mägden in den Schoß die Münzen prell. Wenn um dein Gold sich eine einzige von allen, Die Augen schließend, deine Küsse läßt gefallen, Dann wags und komm und geh zum zweiten Male hin Und wirb um Hera, die olympische Königin.» «Ich kam», versetzt erbleichend Zeus, «ein schlichter Wandrer Vom finstern Erebos, nicht anders als ein andrer, Klein und bescheiden, Überhebung lag mir fern, Zufrieden als ein unnütz Göttlein lebt ich gern. Anankes strenger Wahlspruch hat mirs nicht erlaubt, Er maß mir eine Herrscherbinde um mein Haupt Und zwang mir einen rücksichtslosen Selbstmut ein. Drum muß ich anspruchsvoll und groß und traurig sein. Du aber, Jungfer, nimm mein gnädig Mitleid jetzt: Ich hatte dich an Wert und Maß zu hoch geschätzt, Da ich die unverdiente Ehre dir getan, Zu glauben, deine Ahnung reich an mich hinan. Torheit! Sei Göttin oder Fürstin noch so groß, Im Kernhaus sitzt ein unbedeutend Weiblein bloß. Ich fände leicht dein Wohlgefallen, wög ich nichts. Nun weiß ich, daß ich wichtig bin: dein Abscheu sprichts. Doch da du einen Bauern mir ins Wappen malst, Den Mägden mich verwirfst und Schimpf mir offen zahlst, Wohlan, so schwing ich auf dein Haupt des Schicksals Grimm. Vernimm, was ich dir schwöre, Königin, vernimm: Wenn einst dir bittre Reu im Herzen aufersteht, Zu spät, hochmütige Jungfer Königin, zu spät! Von mir, den du verwirfst, von mir wirst du verschmäht. Es wäre denn, daß du zuvor dich schimpflich büßest, Mit knechtischen Gebärden meinen Groll versüßest, Als Bettlerin demütig vor mein Lager schleichend, Mit untertänigem Kniefall meinen Stolz erweichend.» Wie wenn ein Feuerkorn, dem Felsen eingezwängt, Aufbrüllend die gezackte Küste plötzlich sprengt Und zischend schlagen wildempörte Wasserflammen Über des unvorsichtgen Schiffers Boot zusammen: Also umtobte Zeus der Autochthonen Wut. Der rief nach Ruten, jener forderte sein Blut. Und von den Bänken stürzten gleich Gewitterbächen Die Amazonen, ihrer Herrin Schimpf zu rächen. Mit Mühe konnte kaum, die Nähe flink benützend, Die Heroldschar ihn retten, mit dem Leib ihn schützend. Gen Himmel aber blickte dankend Zeus: «Gelobt! Der ist fürwahr der Herr, um den der Aufruhr tobt.» Doch Archelaos hob den königlichen Stab Und gab das Urteil der Prytanen also ab: «Ihr Völker, euer Zorn ist löblich, doch zu eilig, Auch des Verbrechers Antlitz vor Gericht ist heilig. Der Fürstin Hoheit hat zum Hüter die Prytanen, Die den erlittnen Unglimpf also hiemit ahnen: Kraft dieses Zepters, das die Königin mir lieh, Verkünden sie durch meinen Mund und wollen sie: Dieweil der edle Zeus, von Übermut gebläht, Der Fürstin heilig Haupt mit frevlem Wort geschmäht, Erklären wir ihn aus der Zahl der Kampfgenossen Getilgt und ewiglich vom Wettspiel ausgeschlossen. Ihr Weibel, führt den Unberufenen hinaus!» Ein wildes tausendstimmiges Jubelsturmgebraus Belobte Archelaos' Wort. Und Beifall dröhnte Dem strengen Spruch, der Heras Majestät versöhnte. Also geschahs. Geleitet von der Weibel Führung Schied Zeus. Und alle mieden seines Hauchs Berührung. Zum Urteilsspruch verzog sich jetzt die Richterrunde. Als sie beraten hatten eine kleine Stunde, Erschloß der Hermeneus den stimmgewaltgen Mund Und gab das Richterurteil weithin also kund: «Hört an, ihr Völker, was das würdige Gericht, Vernimm, erlauchte Fürstin, was das Urteil spricht: Die Meinung ist geteilt, die Stimmen zählen gleich. Apoll wie Hermes schätzen wir erfindungsreich. Je nun, nicht jedes gute Ding hat einen Gipfel, Der Baum hat einen, jener hat verschiedne Wipfel. Treff ich statt eines wackren Meisters ihrer zwei: Des besser, denn ich sehe nur Gewinn dabei. Darum als Sieger sind ernannt im Streit der Sage So Hermes wie Apoll. Genug an diesem Tage. Urlaub gewähr ich. Wer da mag nach Hause eilen, Glück auf! Wer aber will, der darf beim Fest verweilen.» Da brachen mit der Fürstin auf die Amazonen. Die andern aber mochten gern beim Feste wohnen Und weilten sämtlich auf dem grünen Felde dort. Und ein umfassend Fest eröffnete das Wort Des milden Archelaos, so mit Tanz als Singen Und Markt und Gaukelei. Die Wasser ließ er springen, Und Speisen liefert er, aufschließend seine Schätze, Damit das Herz sich labe und der Mund sich letze. Das schauend, schied der Ernst. Behagen stieg zu Thron, Und fröhlich schmausend witzelte der Autochthon. Drob lachte der olympische Tag in Glück und Glanz, Bis daß die Sonne sank in Gold und Mückentanz. Doch als die letzten Strahlen blitzten durch die Äste, Brachen sie auf und kehrten singend heim vom Feste. Inzwischen irrte Zeus, von bitterm Gram zernagt, Ruhlos von den Gedanken vor sich her gejagt, Im finstern Waldgebirge einsam hin und wieder. Auf einer kahlen Höhe fiel er traurig nieder. «Dich klag ich, Moira», stöhnt er, «dich, Ananke, an! Was habt ihr mir, dem Unglückseligen, getan! Weh mir! Der Zorn ist aus dem Herzen mir gehüpft! Ein töricht Wort ist von der Zunge mir geschlüpft. Ich wollt es wahrlich nicht, es kam unabgesehn, Doch da ichs einmal tat, so gilts und bleibt bestehn. Laß schauen, Moira, leg es offenkund zutage, Ob Lüge oder Wahrheit spricht die schöne Sage, Daß die Beschimpften du erhöhest aus dem Staube, Und der Beschämung gibst die Üppigen zum Raube. Erhöre mich: Laß Hera ihre Hoffart büßen! Laß sie die Schande kennen und die Demut grüßen! Laß heimlich sie zur Nachtzeit an mein Lager schleichen, Kniefällig bettelnd meine Gnade zu erweichen!» So betete der Held im Schmerzensübermaß. Einsam im schwarzverhängten Welttheater saß Moira, indem ihr Auge auf die nachtumgraute Geheimnisvolle Bühne ernsten Blickes schaute, Darauf der flüchtigen Lebensbilder Zitterschimmer Erregt vorüberzog in schwirrendem Geflimmer. Ein Diener überreicht ihr Zeus' Gebet. Sie blickte Nachlässig hin, verstand, bewilligt und benickte. Vierter Gesang Der zweite Wettkampf: Der Lauf                   Am andern Morgen nahm das Wort von neuem auf Der Hermeneus: «Der zweite Tag gehört dem Lauf. Wer also, frag ich, von den vier beherzten Helden Wagt es, den Wettlauf zu bestehn? Er mag sich melden.» Er riefs. Und als ihm nun die bunte Weibelschar Die Namen der Bewerber eilends brachte dar, Verkündet er: «Ihr Völker, hört! Zum schnellen Streit Erklären sich der edlen Freier drei bereit: Eros, Apoll und Hermes; die genannten drei. Glückauf, ihr Wackern, tretet ungescheut herbei!» Er riefs. Und als die Kämpen vor ihn angekommen: «Seht ihr dort oben», sprach er, «morgenduftumschwommen Den Gipfel Akrolymp? Den fliegt im Lauf hinan Und wieder flugs von dort zurück. Das ist die Bahn. Ein Steinmann, aus gemerkten Scherben aufgeschichtet, Ward nächtens auf Geheiß der Obrigkeit errichtet. Von diesen Scherben bringt ein kleines Pröblein dar, Den Richtern zum Beweis, daß einer oben war. Um aber der Erhitzung Unbill zu vermeiden, Mögt ihr der lästigen Gewänder euch entkleiden. Schlüpft hier in diese kühlen Wämslein, leicht und knapp, Und stoßt zu gleicher Zeit beim dritten Mahnruf ab.» So sprach der Herold Hermeneus. Und eifrig taten Die Kleider sie beiseite, wie er angeraten. Und wie sie hurtig nun die Arm und Beine lüpften Und mit gespenstigen Fingern in die Wämser schlüpften, Da schnalzte freundlich mit der Zunge jung und alt, Ermessend der geschmeidigen Körper Wohlgestalt. «Fürwahr, ein Kleeblatt der Vollendung sind die drei, Ungerne möcht ich schlichten, wer der Beste sei.» So meint ein Ruf, und alle jähten: «Wahrlich ja!» Doch Hera, wie sie kaum den Knaben Eros sah: «O leckrer Anblick, unverhofft und unerwartet!» Entschlüpft es ihr. «Wie ist der Knabe fein geartet! Gleich einem Mädchen ist er rundherum erfreulich, Bartlos und glatt von Angesicht und unabscheulich. Muß einem ich erliegen, jemand unterstehn, Von diesem ließ ich mirs zur Not vielleicht geschehn.» Zu zweien Malen rief der Herold: «Brechet auf!» Beim dritten stürzten sie zugleich davon im Lauf. Und sieh, von ihrem Beispiel mitgerissen, brach Des Volkes ungeheure Menge rauschend nach. «Hallo! Juchhui!» Lautlärmend stürmte durchs Gefild Die frohe Jagd, so daß das aufgeschreckte Wild Winselnd zu Berge stob, vermeinend, daß zur Ehre Der Fürstin des Olympos Kesseltreiben wäre. So lange zwar noch nicht der glimpflich ebne Boden Viel Leistung forderte von eines jeden Oden, Hielt mit den Läufern leichtlich Stirn die meiste Schar, Ja manche überholten jene spielend gar. Doch wie allmählich nun der Wendelweg den Plan Verließ und nach dem struppigen Bergwald wuchs hinan Begab sich von der ungewohnten Müh ein Keuchen – Sich anzustrengen lag nicht in olympischen Bräuchen – So daß mit jedem Rank vom Zug ein neues Stück Seufzend hintabwärts fiel und blieb erschöpft zurück, Des Atems bar; indes der Rest auf schweren Sohlen Verzweifelte, die stetigen Freier einzuholen. Ein dichter Schwarm von Flüchtlingsvolk durchgoß die Halde Und wie die Freier endlich schwenkten nach dem Walde, Folgten allein noch ihrem siegesmutigen Schritt Drei edle Götterjungfern unermüdlich mit: Die ernste Artemis, in kühnen Sätzen schreitend, Daneben Aphrodite, gleich dem Springball gleitend, Und Pallas, wie der Föhnwind stürmend, heiß und jach, Doch freundlich zu den Schwestern jetzt sich wendend, sprach Die kluge Pallas: «Schaut doch, heissa! welche Lust Dahier im duftigen Wald, im Tau und Morgenblust! Ob auch kein Ruhm und Kampfpreis löhnt der Frauen Taten, Warum des Wettlaufs selber, frag ich mich, entraten? Darum so sei denn, wenn mein Rat euch nicht mißfällt, Je unser eine einem Helden beigesellt, Versuchend, welchen immer jede sich erküre, Ob sie mit Wort und Beispiel ihn zum Siege führe. Hermes vor allen bin ich freund und wohlgesonnen, Dem Eros Aphrodite, lockengoldumsponnen, Den herrlichen Apoll geleite Artemis.» «Ei ja!» frohlockten beide, «wohl gefällt uns dies.» Jetzt gleich wie wenn am Sonnwendfest beim Freudenfeuer Von fleißigen Armen zugeschleppt, plötzlich ein neuer Großmächtiger Reiserholzstoß, dürr und harzgewürzt, Ins heiße, hungergierige Glutmeer prasselnd stürzt Und hochaufschnaubend nach dem Sternenhimmel loht Ein Turm von roten Flammen aus dem blutigen Schlot: So ward jetzt von der Freundschaft heiliger Zaubermacht Der Kämpfer Heldenmut mit frischem Hauch entfacht. Mit heftigem Zuruf hetzend und mit Augenspiel, Wies ausgestreckten Armes Pallas nach dem Ziel. Wortlos lief Artemis und streng Apoll voran, Sah sich zuweilen um und blickt ihn freundlich an. Doch Aphrodite, Eros traulich angeschmiegt, Flog nach dem Gipfel, wie durchs Feld ein Zweispann fliegt: Die Schultern gleich und gleich und streifend nah die Wangen. Und Lächeln ward getauscht und wonnig Glück empfangen. Ist dieses meine Hüfte? Wem gehört dies Knie? Denn ihrer selbst Gefühl erstarb in Harmonie. Doch auf dem Feld Agon, wo, auf den Bänken stehend, Die Menge harrte, spähend und mit Tüchern wehend, Berief den Herold Telopsiades Themiurg: «Hinauf, o Telopsiades, auf jene Burg, Ob du ergründest, wie der Wettlauf sich verhält; Denn siehe, Neugier peinigt die olympische Welt.» Zur Burg enteilte Telopsiades, vernahm, Was zu vernehmen war, worauf er wiederkam. «Gar seltsam», rief er, «ist die Botschaft, die zu melden. Drei Helden sah ich nicht, ich sah drei Doppelhelden; Denn ihrer jedem huldigt eine Helferin. Mit Hermes stürmt die heftige Pallas jach dahin, Die ernste Artemis ermutigt den Apoll, Um Eros' Nacken aber schließen liebevoll Sich Aphroditens Arme, zwei geschmeidige Spangen, Die Schultern streifen sich, es reiben sich die Wangen. Und also taumeln sie, ein fliegend Schlangenpaar, Bewußtlos träumend nach dem Gipfel wunderbar. Wohl hindert die Verschlingung die vereinten Knie, Allein den Fuß beschwingen Geist und Harmonie. Dies ist das Schauspiel, Freunde, das ich hab erspäht. Doch fragt ihr, wie es um des Laufes Vorteil steht, Vernehmt: noch immer läuft die Flucht der Stirnen gleich, Und jedes Heldenpaar ist annoch hoffnungsreich. Die Schalen halten Gleichgewicht in Moiras Waage. Zu raten, wer der Sieger, ferne, daß ichs wage.» So meldete der Herold Telopsiades. Doch Hera seufzte tief und sprach zu sich: «Indes Ich einsam und verlassen hier im Felde sitze, Schwelgt auf dem Bergeskulm und auf des Frohsinns Spitze Inzwischen Aphrodit an Eros' Mund und Wangen, Hält mit verbuhlten Armen kosend ihn umfangen, Verstrickt ihm Aug und Herz, verwickelt ihm die Knie, Die Schmeichlerin! Und ich? Das sollt ich leiden? Nie!» Und gegen Rhodos' Ohr sich neigend, raunte sie: «Sag an, o Rhodos, du geliebte Hindin mein, Du meine Taube, meines Herzens Sonnenschein, Wird wohl ein schüchternes Gebetlein dir mißfallen Von Hera, deiner Freundin, die dich liebt vor allen?» Rhodos gab ihr zurück: «Mein Leben und mein Leib Sind da für deine Laune, deinen Zeitvertreib. Nur deine Ungunst kann, nichts andres kann mir schaden. Es hört auf dich die Sklavin, sprich, befiehl in Gnaden.» «Auf denn! Herzliebling, auf! Geschwind zu Promachos, Der Amazonenfürstin, daß ihr schnelles Roß Sie dir gewähre, samtgesattelt, goldgezügelt, Den Weißling, der die andern alle überflügelt: Kein Lamm ist also sanft, kein Kind so wenig schlimm. Mit diesem renne, aber einen Umweg nimm, Daß niemand dich gewahrt, zum Akrolymp empor, Bis Aphroditens Gurren trifft dein feines Ohr. Dort dräng dich durchs Gebüsch und lehn dich aus den Zweigen, Dem Knaben Eros deinen Blumenmund zu zeigen; Auf daß, von heißer Liebessehnsucht jäh erfaßt, Er von sich schleudre Aphroditens ekle Last Und jage hinter dir, mit unvernünftgem Flehen Und tollen Redensarten heischend, ihm zu stehen. Du aber reite kühlen Blutes deine Bahn, Den andern rasch vorbei, den Akrolymp hinan, Mit listigen Weibeskünsten bald ihm flink entfliehend Und bald ihn wieder wonnig lächelnd nahe ziehend, Auf daß als Erster er den Siegespreis gewinne. Des bleib ich ewig dir in Freundschaft dankbar inne.» «Ich höre», hauchte Rhodos. Und von Promachos Erbat sie sich den sanften schnellen Weißling, schoß In krummem Bogen durch den Wald den Berg empor. Und als nun Aphroditens Gurren traf ihr Ohr, Da lehnte sie sich lächelnd aus des Busches Zweigen, Dem Knaben Eros ihren Blumenmund zu zeigen. Und kaum daß Eros' Augen ihren Blick gewannen, So schleudert Aphroditen sein Verdruß von dannen Und eilte hinter ihr und hieß sie stillestehn, Mit Bitten sie beschwörend und mit tollem Flehn. Doch festen Sinnes ritt sie stetig ihre Bahn, Den andern Helden vor, den Akrolymp hinan, Mit wonnigem Lächeln bald ihn zaudernd nahe ziehend Und bald ihm spöttisch wieder pfeilgeschwind entfliehend. «Ach weh mir Armen», schrie er, «welche Folterpein! Wohnt denn in deinem Herzen statt des Mitleids Stein?» «An Mitleid», seufzte Rhodos, «weh mir, bin ich reich. Du bist es, der mich peint. Denn ach, mein Herz ist weich. Allein versteh: der Herrin bleib in Dank und Minne Ich treu, und ihres Mundes Auftrag halt ich inne.» «Ach!» stöhnt er, «einen geizigen Kuß nur mögest schenken! Mich wird er heilen und die Königin nicht kränken.» «O nicht doch! schweig! arglistger, falscher Lügenknabe! Denn hast du einmal bloß die erste Liebesgabe, So wird dein Hunger nach der zweiten ungeduldig. Und desto mehr ich dir gewähre, bleib ich schuldig. Hinan zum Gipfel! Strenge kann allein hier taugen. Und foltert dich mein Anblick, nun so schließ die Augen. «So sterb ich hier, das schwör ich wahrlich und gewiß», Ächzt er, indem Verzweiflung ihn zu Boden riß, So daß der bittre Tränenstrom, der langgehemmte, Plötzlich befreit, ihm Aug und Backen überschwemmte. «Ach! Kind des Leichtsinns», klagte sie, «was tust du nun? Ist dies der Augenblick, zu liegen und zu ruhn? Hörst du nicht Hermes, nicht Apoll vorübereilen? Den Thron, die Königin verspielst du, wirst du weilen.» «Was gilt mir Thron und Königin, stehst du daneben? Sag selbst: ists möglich? kann man ohne dich denn leben?» «Weh mir», gewährte sie in der Bedrängnis Not, «So seis! Allein, vernimm mein schrecklichstes Gebot: Nachdem du einen einzigen keuschen Kuß empfangen, So sollst du, schwör mirs, ferner nichts von mir verlangen.» Er schwurs. Doch als der keusche Kuß bezogen war, Geriet er außer sich: «Das wäre doch fürwahr», Tobt er entrüstet, «aller Tücken Übertücke, Wenn man mich jetzt, nachdem ich kaum vom schönsten Glücke Flüchtig gekostet, plötzlich wieder von sich stieße! Gesteh: wenn einer einen Bettler nippen ließe Am reichen Mahl, des Duft ihm in die Nase flöge, Und, kaum begonnen, ihm die Schüssel schnell entzöge, Wär solches nicht die scheußlichste der Grausamkeiten? Ein Tiger selber könnte dieses nicht bestreiten. Eh ich ihn schmeckte, mocht ich deinen Kuß entbehren, Nun aber heisch ich ihn, ich darf ihn frei begehren.» Und da ihr ob der Gegenwehr ein Schuh entfiel, Ergriff er ihren Fuß und sang das Rätselspiel: «Errate, was für Vöglein halt ich in der Hand? Es sind nicht mehr als fünf und sind doch zehn benannt. Sie singen nicht, sie fliegen nicht, sie gehn allein Mit einem Bein. Das Bein behalt ich, das ist mein.» Und also fort, bis daß sie selber liebeskrank Vom Pferde glitt und weinend an die Brust ihm sank. «Betörter! Willst du wirklich denn mit wachem Willen», So seufzte sie beglückt, «um einer Sklavin willen Der Fürstin des Olymp und ihrer Herrlichkeit Geflissentlich entsagen jetzt und alle Zeit? Was hab ich Ärmste denn, dir solches zu ersetzen? Ein Herz voll Liebe. Wird sie ewig dich ergetzen? Wird deine Torheit niemals bitter dich gereuen? Und wirst du zu mir halten, redlich und in Treuen?» «Halt ein! Still! Sprich nicht also!» gab er heiß zurück. «Schilt Seligkeit nicht Torheit. Oder wiegt das Glück, Von dir geliebt zu werden jetzt und alle Zeit, Nicht mehr als Königsmacht und Heras Herrlichkeit? Reut dich das Blau des Himmels? Komm, vertraue mir! Wahr bin ich. Treu und redlich halt ich stets zu dir.» «O Schande!» rief sie, «weh mir, der Verräterin!» Und wankt in Eros' Armen nach dem Busche hin. Dort kosten sie, von Schlehen und Jasmin bedacht. Doch grasend vor dem Busche hielt der Weißling Wacht. Inzwischen zu Rhodopen auf dem hohen Felde Begann und flüsterte die Königin: «In Bälde, O Wonne! muß nunmehr auf Liebessehnsuchtschwingen Des Knaben Eros Anmut mir entgegenspringen. Ich will zur Linken, willst du nicht zur Rechten spähen, Ob nirgends Rhodos' rotes Röcklein ist zu sehen?» Sie sprachs. Kaum hatte sie geendet, so erscholl Ein Willkommsturm zwiespältig aus dem Volk. «Apoll!» Jauchzte die Mehrzahl, doch die Gegenstimmenmacht Begehrte trotzig: «Hermes!» Eine Jubelschlacht Lief durch die Reihen auf und ab. Gleich Schwerterschlägen Hieb man die beiden Namen feindlich sich entgegen. Und immer lauter, immer eigenköpfiger brüllte Der Doppelstimmendonner, der die Luft erfüllte. Bis einesmals die dicht geschloßne Völkermasse Sich spaltete und durch die aufgeregte Gasse Apoll, von Artemis geführt, zum Ziele stob, Den Stab berührend, den der Hermeneus erhob, Und ihm ein Scherblein von dem Steinmann überwies. Darauf mit einem Dankesblick nach Artemis Verzog er einsam seitwärts, um der Stirne Glast Zu kühlen und zu mäßigen des Atems Hast. Doch Artemis, des Dankes Rechnung zu begleichen, Trat neben ihn, unfähig, von dem Freund zu weichen. Also genossen sie gemeinsam, Wang an Wange, Das Doppelglück des Sieges und der Freundschaft lange, Und ihre Blicke sprachen vieles ungesagt. Inzwischen kam mit Pallas Hermes angejagt. Doch kaum gewahrten sie den ruhenden Apoll, So prallten sie zurück und trennten sich im Groll. Sahst du im Stoppelfelde, wenn den flüchtigen Hahn Umsonst im hohen Sprung versucht der bissige Zahn, Den schnödgetäuschten Jagdhund wütend rückwärts jappe Und vor Verdruß nach der Gefährtin mürrisch schnappen? So ward des Hermes und der Pallas Bund zerrissen, Da sie den Ruhm des Sieges mußten grollend missen. Doch wo bleibt Eros? Spöttisch klang die Frage schon, Und auf des Knaben Ankunft lauerte der Hohn. Doch nimmer wollte das ersehnte Opfer kommen. Da ward Trompetenstoß und Heroldsruf vernommen: «Ihr Völker, sammelt euch und schweigt, denn dem Gerichte Naht Aphrodite, daß von Eros sie berichte.» Flugs scharte sich die Menge, froh der Neuigkeit, Und sieh, da stand die goldne Göttin spruchbereit. Jetzt, boshaft nach der Fürstin schielend, sagte sie: «Geronten, auf den Knaben Eros hoffet nie! Denn ihn, ich weiß nicht, ob ihr meine Meinung trefft, Versäumt ein wichtiges und eifriges Geschäft Mit einem Dirnlein, mir mit Namen unbekannt, Das ihm, ich weiß nicht wer, hat huldreich zugesandt. Die Arbeit scheint geheim, ein Rößlein steht zur Lauer, Geseufz tönt aus dem Busch, weiß nicht von welcher Trauer. Und also hitzig ist der Andachteifer beider, Daß an den Zweigen hangen ihre Schuh und Kleider.» Betroffen schwieg das Volk. Indes die Königin Gleich einem wunden Panther kreischend: «Lügnerin! Schamlose Ziege!» rief sie, «tückisch und verschmitzt! Wohl weiß ich, wo die Kröte deiner Bosheit sitzt. Tu nicht so fromm und rein. Hier nützt dir kein Verstellen. Denn ich durchschaue dich und will dich klar erhellen, Daß alle Welt dich kennenlerne. Selber feil Zu jeglichem Verrat, verbuhlt und männergeil, Hast du, weil leider dir der Knabenfang mißlungen, Aus Neid und Ärger uns dies Märlein vorgesungen. Doch, daß du künftig mögest minder albern lügen, Mag zur Belehrung dir ein bündiger Spruch genügen: Wenn einem, sei es Eros oder wer es wäre, Das Schicksal hat vergönnt die unerhörte Ehre, Nach mir zu heben seines Herzens Niedrigkeit, Ob hoffnungslos, ist gegen andern Reiz gefeit. Das also, Aphrodite, merk dir und beherze. Fahr hin! Sag Dank! Und minder blöde Späßlein scherze!» Erstaunten Blickes nach der Fürstin wandte sich Die Falsche und erwiderte bescheidentlich: «Vergib, ehrwürdige Königin, verzeihe mir! Hätt ich vermuten können, daß so teuer dir Der zarte, leckre, minnigliche Lockenknabe, Ich hätte nicht gesprochen also, wie ich habe. Ich hätte teilnahmsvoll, von deinem Schmerz ergriffen, Die böse Trauerbotschaft schonend abgeschliffen. Doch da du Schmach und Schande mir ins Antlitz schmeißest, Mich Ziege schimpfst und Lügnerin mich heißest, Gestatte diese beiden kleinen Wahrheitszeugen, Die ehrerbietig hier vor deine Füße fleugen.» Mit diesen Worten holte sie, beglückt von Hohn, Zwei Schuhe aus dem Kleid und warf sie vor den Thron: Der Rhodos seidnen, goldgestickten Frauenschuh Und Eros' lederne Sandale mit dazu. «Genügt dir dieses Zeugnis, sprich, genügt es dir? Wo nicht, wohlan, so rüste dich und folge mir, Samt dem Gericht und allen, die da Lust verspüren. Ich will euch pünktlich an die rechte Stelle führen, Auf daß erwähre eines jeden Augenschein, Welch Werk mit Eros schafft die holde Rhodos dein.» Das traf. Machtlos sank hin die Fürstin, bleich und stumm. Dann sprang sie weinend auf, stieß Thron und Schemel um: «Und ich? ich soll verdammt sein, solches anzuhören? Ein jeder meutert, ich nur soll mich nicht empören? Zuviel! Nein, wo man meiner lacht, ist nicht mein Platz. Folgt mir, ihr Amazonen! Auf!» Jetzt Sprung und Satz. Ein tausendfaltig Schildgetöse, Schwertgeklirr. Drauf Wagenrasseln, Rosse strampelnd im Geschirr. Dann plötzlich stieß das stolze Heer, beleidigungsfroh, Durch die geschloßnen Völkerhaufen, schroff und roh. Ein barscher Ruf, Trompetenklang, Standartenflitter: Und heimwärts fuhr das wetterleuchtende Gewitter. Doch als der Heereszug nun in den Wald verritt Und dumpf nur aus der Ferne droschen Trab und Tritt: «Weil Eros selbst», urteilte Archelaos jetzt, «Des eignen Wertes sich enthoben und entsetzt, Indem mit Worten nicht, vielmehr mit Werk und Tat Er unsre heilige Fürstin kränkte durch Verrat, Hat er hiemit von seinen edlen Kampfgenossen Und von dem Wettstreit sich auf ewig ausgeschlossen. Du aber, Hermeneus, das deine mögest tun: Den Sieger dieses heutigen Tages nenn uns nun.» «Den Sieg im Wettlauf», rief der Herold würdevoll, «Erkennt der Richter Spruch dem einzigen Apoll. Kein Zweifel hat geherrscht, kein zweiter kam in Frage. Doch nun genug des ernsten Werks an diesem Tage. Euch alle lad ich ein, beim Feste zu verweilen, Wer aber heimwärts strebt, will Urlaub ich erteilen.» Es riefs der Hermeneus. Doch keiner zog nach Hause, Denn alle weilten gern beim Freudenfest und Schmause. Und Archelaos ließ die Wasserkünste springen: Ein üppig Mahl verordnet er vor allen Dingen Nebst Kurzweil allerlei und Markt und Augenweide Und keinem ward die frohe Weile zum Entleide. Bis daß die letzten Strahlen blitzten durch die Äste, Da standen alle auf und kehrten heim vom Feste. Allein des Schlafs verlustig und des Friedens bloß, Warf sich die Königin im Bette ruhelos Umher, bald offnen Auges nach der Decke sehend, Bald nach der finstern Wand die heiße Stirne drehend, Und wie von eines innern Fieberfeuers Plage Gepeinigt, stöhnte wimmernd ihre leise Klage. Doch vor der Herrin Lager teilnahmsvoll begann Und hub mit mildem Trosteswort Rhodope an: «Was stöhnst und wimmerst du, geliebte Herrin mein, Sag an, als wie geplagt von Fieberfeuerspein? Sieh, wie dein Haupt sich wälzt, dein Leib sich dreht und windet! Die Unruh ist es nicht, worin der Schlaf sich findet. Was kümmert dich? Verhehl es nicht, gesteh es mir! Denn was dich immer schmerzt, tut weher mir als dir.» Mit lautem Stöhnen öffnete den Klagemund Die Königin und gab die Antwort seufzend kund: «Ich drehe mich, dieweil, wohin ich mich auch drehe, Ich stets ein neues böses Bild gezwungen sehe. Denn nimm, ich schaue nach der Decke jetzt empor, So schwebt mir Armen dieser ekle Greuel vor: Ich seh am Akrolymp die roten Weidenrosen, Worin, die schändlich mich verrieten, schamlos kosen. Doch wenn ich nach der Wand mich kehre, schau ich Blut. Rhodos, der Falschheit Tochter, des Verrates Brut, Die undankbarste, giftigste der giftigen Schlangen Seh ich ans Kreuz genagelt vor dem Schloßtor hangen. Und eine Stimme zischt: Versuchs! Ihr Wehgeschrei Wird deinem Herzen Balsam sein und Schlafarznei. So zischelt unaufhörlich mir die Stimme zu. Doch hilf mir, Liebling! Hilf, Rhodope, Gute du! Mit deiner klaren Stimme hilf die Bilder bannen! Stimm an die Harfe! Singe, singe sie von dannen!» Sie riefs. Und zu der Harfe sanftem Murmelklang Begann Rhodopens klarer Mund den Wohlgesang: «Als Rhodos die gestrenge Strafe nun empfing, Daß sie, ans Kreuz genagelt, vor dem Schloßtor hing, Da lockte fern vom Berg ihr klägliches Geschrei Den zarten Knaben Eros aus dem Wald herbei. Und seine Tränen mischend in der Freundin Klage, Hub reuig an sein schöner Mund und sang die Sage: ‹Ach, wehe mir! Die Qualen, die dein Leichnam duldet, Nicht du, ich einzig, weh mir, habe sie verschuldet. Da ich trotz deinem Sträuben, deinem Widerstehn Dir mit Gewalt den Greuel aufzwang, der geschehn. Treu warst du, wolltest nicht von deiner Herrin lassen. Fluch mir Verführer! Ach! du mußt mich feindlich hassen.› ‹O sprich nicht also, Eros, holder Knabe mein!› Rief Rhodos, ‹gerne leid um dich ich solche Pein. Doch um die Marter, die mich foltert, nicht zu mehren, Mußt du mir einer letzten Bitte Gunst gewähren: Geh hin, verlaß mich, Liebster, daß du mich nicht schauest, Vor meinem blutigen, entstellten Leib nicht grauest, Damit nicht, wenn dein Blick vor meinen Wunden schaudert, Dein Herz indessen zwischen Lieb und Ekel zaudert. Vom Glück verklärt, Hingebung lächelnd, schön und jung, So möge mich bestatten die Erinnerung.› ‹Nein!› rief er stürmisch, ‹die Geliebte läßt man nicht, Wenn mit des Todes Flügelschlag ihr Odem ficht. Und glaub mir, heiliger acht ich deine Wundenmale Und hehrer als das Himmelsblau im Sonnenstrahle. Drum laß vereint mit dir mich weinen, mit dir leiden, Denn wahrlich früher will ich nicht von hinnen scheiden, Als bis ich, wenn dein junges Leben sterben muß, Gläubig empfangen deinen letzten Abschiedsgruß, Inbrünstig mit zerknirschtem Herzen ihn entgegnend, Die wunden Füße küssend und dein Antlitz segnend.› So sprachen sie, einander Trost und Freundschaft winkend Und Liebeszähren aus dem Kelch des Todes trinkend. Und siehe, fester als im weichsten Lotterbette Gedieh der Bund der Eintracht auf der Marterstätte. Doch als der letzte Seufzer ausgelitten war Und glanzlos stierte Rhodos' schönes Augenpaar, Da rauscht es in der Luft: vom Kreuzesmarterpfahl Schwang sich aufs Schloß ein Leichengeier kahl und fahl. Dachauf, dachab, vom Giebel bis zum Zinnenkranze Humpft er umher in schauerlichem Klauentanze. Und es geschah, ob dieses Geiers giftigem Hauch Durchzog des Hauses heitre Hallen Höllenrauch, Und auf dem Herde funkelten des Unheils Kohlen, So daß die Königin auf ruhelosen Sohlen Bei Tag und Nachtzeit, ohn ein Stündchen Frieden mehr, Vom Speicher bis zum Keller irrte hin und her, Zu keiner Arbeit lustig, keines Amtes waltend, Doch angstvoll mit den Händen das Gehör verhaltend. Sie konnte doch den Hauch des Geiers nicht beschwören, Sie mußte Tag und Nacht der Rhodos Schreien hören. ‹O weh der Torheit!› klagte sie, ‹die mich umfangen! O weh der Bluttat, die ich ganz umsonst begangen! Da ich, die ich zu trennen und entzweien meinte, Durch meine blinde Rache enger noch vereinte. Und statt durch Rhodos' Tod in Frieden zu gesunden, Hab ich der Reue Folterqualen nun gefunden. Ich lag im Rost, nun wandl ich zwischen Feuerflammen. Und Fluch und Wahnsinn schlagen über mir zusammen.›» Hier schwieg Rhodope. Aber still und stumm beharrte Die Fürstin, welche schweigend nach der Decke starrte. Verwundert aber sprach Rhodope: «Herrin mein, Zwar seh ich still dich liegen und geduldig sein. Warum denn aber starrst du nach der Decke stumm? Um welche Antwort, rede, schweigst du dich herum?» Und es erwiderte und sprach die Königin: «Ich weiß, weshalb ich starre nach der Decke hin. Ein Schauspiel schau ich: peitschen seh ich deine weißen Unschuldigen Lenden und mit spitzen Ruten schmeißen, Weil dein Gesang für deine falsche Schwester sagt Und eine Warnung munkelt, die mir nicht behagt. Hinwider, wenn ich schweige, schweig ich dir zuliebe. Denn wahrlich, o Rhodope, jeder all der Hiebe Auf deinen Rücken schafft mir größre Kümmernisse, Als wenn die Rute mir mein eigen Fleisch zerrisse. Darum, Herzliebling, woll ein zweites Mal beginnen. Erlöse mich von diesem Schauspiel, sings von hinnen!» So rief die Königin und seufzte tief und bang. Worauf zum zweitenmal Rhodopens Wohllaut sang: «Die Fürstin sprach zu mir, die Reine, Stolze, Hehre, Die Herrscherin der Welt, die Königin der Ehre, Der ich mit Leib und Leben treu ergeben bin, Als Freundin beides und als schlechte Dienerin. Sie sprach zu mir: ‹Den wilden Rachedurst, den heißen, Zu löschen, muß ich jemand plagen, wen zerreißen.› Und ich erwiderte: ‹Ei nun, wohlan, zerfleische Rhodopens Rücken und ihr Blut und Leben heische.› Besorge nicht, daß meines Mundes Wehgeschrei Mit Gnadeflehen deinen Ohren lästig sei. Mit festgeschloßnen Lippen will ich alle Plagen, Mit Lächeln, was dein heilger Mund verhängt, ertragen. Denn glaub mir: minder schmerzt die Rute, die mich quält, Als mich mit Hochmut und mit stolzem Glück beseelt Die freudige Hoffnung, daß durch meine kleinen Wunden Du mögest, teure Herrin, heil und frisch gesunden.» Mit diesen Worten schloß den tröstlichen Gesang Und schwieg Rhodope. Aber stürmisch weinend schlang Ihr um den Hals und Nacken ihre weißen Arme Hera. «Erbarme dich!» so schluchzte sie, «erbarme! Willst du an mir auch handeln, wie die andern taten? Willst du der Schwester gleich mich ebenfalls verraten? Doch eh du mich verrätst, komm, küsse mich indessen! Komm, laß uns das verhaßte Mannsgezänk vergessen, Des Wettkampfs Greuel, der Titanen frechen Bart Im seligen Glücke deiner Freundschaftsgegenwart!» Die Dienerinnen sammelte sodann zuhauf Die Königin, und dieses trug sie ihnen auf: Mit goldnem Zierat, Ketten, Spangen und Gehenken Zum Zeichen ihrer Huld Rhodopen zu beschenken. Auch, um des Herzens süße Meinung zu beweisen, Ließ sie erlesnes Obst und blumenduftige Speisen Dem Liebling unterbreiten in kristallnen Schalen Und würzigen Glühwein, ihren heißen Dank zu malen. «Vertraue jenem Nektar!» «Nimm von diesem Kuchen!» «Willst du von jenem Honig nicht vielleicht versuchen?» Und jede beste Beere, die ein Finger fund, Schob er nachdrängend in der Freundin Leckermund. Also versäumten sie, vergnügt und ungezwungen, Auf ihres Bettes Lager sitzend, trautumschlungen, Die lange schwarze Nacht, bis daß am Himmel fern Mit schwankem Tritt der übernächtge Morgenstern Sich heimwärts stahl, verhehlend sein verschämt Gesicht, Und nüchtern stieg empor das bleiche Tageslicht. Da sanken sie, von Lieb und Naschwerk süß und satt, Zufrieden schlummernd auf den Pfühl der Lagerstatt. Fünfter Gesang Der dritte Wettkampf: Wagenrennen                       Die Sonne bald befragend, bald den Horizont, Begann und flüsterte Themiurgos der Geront Zu Archelaos in Besorgnis und in Ängsten: «Was tun? Versammelt sind die Völker schon des längsten; Die Amazonen auch; und alles ist bereit. Einzig die Fürstin selber zögert allezeit Mit ihrer bangersehnten Ankunft später Huld. Und manches Mundes Murren meldet Ungeduld.» Er sprachs. Und Boten schickt er aus in seinen Nöten, Auf daß sie untertänige Mahnung ihr entböten. Die Boten jagten hin, die Boten jagten wieder. «Sagt an! Sprecht schnell! Liegt unsre Herrin krank darnieder? Geschah ein Unfall? Was es sei, wir wollens wissen.» «Getrost! Gesunden Schlafes liegt sie auf dem Kissen, Im Traume lächelnd, mit Rhodopen eng verschlungen, Und zarte Kosenamen lispeln ihre Zungen.» So trösteten die Boten. Doch ein Blinzeln lief Die Reihen auf und ab, worin der Aufruhr schlief. Ein Grüpplein zischte Zorn, ein andres schwieg im Grimme. «Ei nun, Themiurg», begehrte maulend eine Stimme, «Was stehst du also kläglich da und schaust erschreckt? Wenn Hera die Gemeinde so verächtlich neckt, Daß sie das Fest verschläft, was brauchts der Königinnen? Wir können ohne sie, versuchts, das Spiel beginnen.» Und da des Volkes Überzahl, im Raum beengt Und immer neu von frischen Kömmlingen gedrängt, Beständig ihm vor Augen, angenehm und nah, Die leere königliche Schauburg winken sah, Geschah manch kleiner Ruck, zunächst zur Kurzweil bloß, Aus Übermut; dann wogte Stoß und Widerstoß; Bis unversehens in die königliche Gasse, Die Wand durchdrückend, kollert eine wirre Masse. Unwillig aber sprach, ergrimmt von Ärgernis, Der heftigen Pallas Ungestüm zu Artemis: «Sag an, in diesem zuchtvergeßnen Volksgewühl, In dieser Stickluft, von Zyklopenschweiße schwül, Gezwängt, gedrängt, gestoßen, schlimmer noch: berührt, Ist das fürwahr der Ehrenplatz, der uns gebührt? Wenn einmal doch den Thron verschmäht die Königin, So seh ich keine Ungeziemlichkeit darin, Einstweilen, bis sie naht, uns dorthin zu versetzen. Der weite Raum, der freie Blick wird uns ergetzen.» «Ei ja!» bewilligt Artemis. Und kaum gesprochen, War sie mit Pallas, kurz entschlossen, aufgebrochen. «Was euch wohl ansteht, ziemt auch mir», meint Aphrodite Und fügte sich zum kecken Zug geschwind als dritte. Doch kaum betraten sie den Teppichstufensteg, Versperrten Heras Amazonen schroff den Weg. Nun heftiger Gegenreden rasches Wortgefecht: «Wohin?» «Wo uns beliebt!» «Hierher habt ihr kein Recht.» «Wer wagts und wehrts uns?» «Wir, wir wollens euch verwehren.» «Holla! Versuchts! Zu eurer Schande wird sichs kehren.» Und schon von Iphikleias Widerstand beleidigt, Hatt Artemis zum Einzelkampfe sie beteidigt, So daß die beiden ungesäumt ins Sandfeld schossen, Nach gleichen Waffen rufend und nach zweien Rossen; Indessen Aphroditens flinke Zungenspitze, Geläufig wie ein Rädlein, hämische Witzesspritze Und Spott und Schmähung auf die Amazonen goß. «Schweig du doch, Aphrodite», herrschte Promachos, «Der Waffen, du unsterblich Dirnenangesicht, Der Waffen, Häsin, gegen dich bedürft ich nicht. Mit bloßen Händen wollt ich spielend dich bezwingen; Zwar mit der linken wirbelnd in die Luft dich schwingen, Doch mit der rechten, wisse, mit der rechten Hand Erhöh ich lachend vor dem Volke dein Gewand, Und gleich wie einem rotzigen Jungen wohlerwogen Die fromme Zucht der Rute klatschend wird gezogen, So würd ich deiner frechen Dreistigkeit zum Heil Bedienen nicht dein Antlitz, nein, das Gegenteil.» Hui! welch ein froher Jubelsturm der Amazonen Sich brausend jetzt erhob, den frischen Spruch zu lohnen. «Zick, zick! o Promachos! hiß, hiß! huja! gewagt! Tu also der ambrosischen Häsin, wie gesagt!» Doch Pallas, von Empörung jählings übermannt, Schlug auf den Mund der Promachos die Rächerhand. Da spürte sie von grimmen Fäusten sich erfaßt, Und auf den Boden prellte sie der Feinde Last. Allein die Heroldschar und Weibel, sanft, doch kräftig, Vermittelten und mahnten eifrig und geschäftig. Und selbst mit ehrerbietigem Bückling kam heran, Demütig klagend, Archelaos der Prytan, Hub an und sprach zu den Titanentöchtern dreien: «Hochedle Jungfraun, werte Gäste, wollt verzeihen. Und daß sich eures gar gerechten Unmuts Wolke Verziehe, will ich feierlich ob allem Volke Auf die Prytanenschauburg euren Adel setzen. Der freie Raum, der hohe Blick wird euch ergötzen.» Und wie sie also übereingekommnermaßen Auf Ehrenstühlen zwischen den Prytanen saßen Und guckten wohlzufrieden aus der hohen Feste Und keck herab, wie Eier aus dem Vogelneste, Gab mit unbändgem Fußgestampf und Handgeklapp Das Volk das Urteil seines Wohlgefallens ab. Doch alle Blicke, alle Rufe wandten sich Jemehr desmehr zu Aphroditen namentlich: «Erheb dich, Schönin! Auf den Schemel! Zeig dich mir!» «Willfahre!» raunte Pallas ärgerlich zu ihr. Und wie sie endlich lächelnd auf dem Schemel stand, Den Liebesstürmen dankend mit anmutiger Hand: «Du bists, die wir begehren», tönt es, «du allein, Du mußt die Königin des heutigen Festtags sein! Themiurg, was soll hier noch Bedenken und Besinnen? Fang an, fang endlich an! Den Wettkampf, laß beginnen!» Da horch! Trompetenschmettern, Pauken, Rosseschnaufen. «Die Königin!» Und hastig scharten sich die Haufen. Dann Totenstille. Sie erschien, zu Wagen sitzend, Rhodope neben ihr, goldschimmernd, kleinodblitzend. Fragend die Reihen flog der Fürstin Blick entlang, Verwundert. Denn kein Willkomm tönt ihr zum Empfang, Kein Gruß erscholl. Die Männer schwiegen all und Frauen, Und drohend kniff die Königin die schwarzen Brauen. Doch wie sie vollends neben den Prytanen droben Die drei Titanenjungfern thronen sah, von oben Mit selbstbewußter Stirn hernieder triumphierend, Hochnäsig, und ins Antlitz ihr gelassen stierend: «Prytanen und Geronten, höret meinen Schwur Und merkt ihn wohl: Wenn wenige Wimperwinke nur», Befahl sie, «jene dort, wohin sie nicht gehören, Beharren, wahrlich, einen Eidschwur will ich schwören, So werd ich meine wackern Amazonen heißen, Mit Fäusten ohne Schonung sie herabzureißen.» Verlegen sahen die Behörden stumm zu Boden, Und dem erstarrten Volk versagten Puls und Oden. Und Pallas erst, dem strengen Machtwort klüglich weichend, Dann Artemis, gleich einer zornigen Löwin schleichend, Verstanden sich zum unwillkommnen Niederzug. Doch als der Herrin Blick nun Aphroditen frug, Kaum zwängte diese sich vom weichen Stuhl mit Mühe: Gehorsam dünkt ihr schwer und jeder Schritt zu frühe. Böswillig zaudernd tat sies, aber tat es doch. Jetzt, als sie vor dem königlichen Wagenjoch, Gegeißelt von der Amazonen Hohngeschrei, Die widerwilligen Füße störrisch schob vorbei, Da bäumte, streckte, sträubte gleich dem Adler sich, Der einen Wurm zerkrallt, die Fürstin königlich Und warf den Kopf zurück und protzt hervor das Mieder, Und Schauer der Verachtung schüttelte sie nieder. «So wird zur Schande dir, zur Warnung aller Welt», Hohnlachte sie, «gezüchtigt und zurechtgestellt, O Aphrodite, eine unverschämte Dirne, Die sich vermißt und beut der Königin die Stirne.» Gleich einer Schlange, die mit unvorsichtgem Tritte Ein Wandrer quetscht, fuhr zischend rückwärts Aphrodite: «Die du auf deine königliche Würde pochst, Die Herzen nicht bezwingst, die Furcht nur unterjochst, Versuchs! Versuchs! mit meiner Schönheit dich zu messen. Ich wüßte, wes der Sieg und die Beschämung wessen. Ein Vorschlag: Laß in einem Walde zum Exempel Oder verschloßnen Zimmer oder einem Tempel Drei Greisen, würdevoll und kunstgelehrt zumal, Oder von edlen Frauen irgendeiner Zahl Oder dem nächsten Bauern ohne Unterschied, Der unsern Ruhm nicht kennt und ahnt nicht, wen er sieht. Vor Augen stellen unser wahrhaft Formgefüge, Frei wie es ist, entledigt jeder Kleiderlüge, Dann Heroldruf verkünden, was das Urteil spricht – Wagst du die Prüfung, Hera? Gelt, du wagst sie nicht? Ja, du bist keusch, du bist verschämt und spröd und züchtig. Allein man merkt ja doch warum, der Grund ist tüchtig. Sorgfältig hält ja manche manches bloß versteckt, Weil man die Fehler sähe, würd es aufgedeckt. Wer weiß, das vielgerühmte Rätsel deines Leibes Ist das Geheimnis eines schiefgewachsnen Weibes. Und all dein königlicher Staat vielleicht entrückt Uns einen Bresten, den er nur verhehlt, nicht schmückt. Zwar weich ich dir, der Königlichen, Hehren, Keuschen, Doch den Gemahl beklag ich, den du wirst enttäuschen.» So gab den Schimpf die Antwort Aphroditens wieder. Ruhselig aber schloß die Königin die Lider, Tat einen kleinen Achselzuck, und offenbar Erschienen Hals und Schultern plötzlich bloß und klar, Leuchtend, gleich einem Rundgebirg von Marmelstein, Doch matt wie Perlenglanz und Alabasterschein. Und siehe, wo ein ander Weib die Kette ziert, Dort, wo der Hals sich in den Busen sanft verliert, Ward hier ein selig Schöpfungswunderwerk geschaut, Von Genesis vergönnt der einzigen Götterbraut: Denn ihren Nacken, ihres Busens Schild umwand In weitem Schwung ein dreifach Sternenkronenband, Weiß wie der Gletscherneuschnee, frisch vom Frost gefirnt. Doch nicht von totem Silber, nicht aus Samt gezwirnt: Das Wunderwerk entwuchs dem dichtenden Geblüte, Wie aus dem Blumenkelche träumt der Duft der Blüte. Anbetend stand das Volk in stummer Andacht da, Als es die wundersame Offenbarung sah. Dann plötzlich rast ein lautes Beifallssturmgebraus Von allen Bänken siegreich in die Welt hinaus: «Du bist von besserm Stoff als andre Körper sind! Du bist der Schöpfung Endzweck, der Vollendung Kind! Befiehl und herrsche! Knechtschaft mußt du uns erlauben. Sei hässig oder mild, wir beten an, wir glauben.» Vernichtet war die Gegnerin, geflüchtet schon, Und huldreich lächelnd stieg die Königin zu Thron. Doch eigensinnig immerfort zu ihren Ehren Tobte der Beifallärm, als wollt er ewig währen. Als endlich das Entzücken sich genug getan, Erhob vom Stuhl sich Archelaos der Prytan: «Verkünd uns, Hermeneus», begann er, «nunmehr denn Die heutige Satzung; dieses Tages Wettspiel nenn.» «Heut, als am dritten Tage, soll der Streit entbrennen», Verkündete der Hermeneus, «im Wagenrennen. Wem also, frag ich, oder welchen von den Helden Beliebt das Wagnis, sich zu diesem Streit zu melden?» Flugs eilte hin und her der Weibel bunte Schar. Der Namen Antwort brachten sie ihm treulich dar. Dann rief er: «Zwischen zweien wird der Sieg entscheiden: Poseidon und Apoll. Heran zum Kampf, ihr beiden!» So rief der Hermeneus. Doch als Apoll erschien, Warf Heras Zunge diesen Molch ihm hämisch hin: «Mußt du, Apoll, dich denn in jedes Kampfspiel mengen? Dich stets beleuchten? Immerdar nach vorne drängen? Den Dünkel sieht man selten mit Verdienst gepaart. Ein einziges recht zu schaffen ist der Meister Art.» «Erlauchte Königin, du bist ein Kind von Jahren», Entgegnete geschwind Themiurg, «drum unerfahren. Du wüßtest der Geschichte Lehrspruch andern Falles: Die vielen können nichts, der einzige kann alles. Doch fern von uns, was andre schaffen oder schüfen: Apoll beweise, was er kann; wir wollens prüfen.» Inzwischen trat Poseidon in des Feldes Mitte, Und einer sprach zum andern: «Das sind Löwenschritte.» Vom Leuen lieh er auch das lockige Herrscherhaupt! Und jeder sprach: «Wer hat der Krone den beraubt?» Und sieh, ein holdes Lächeln, ihrer Gunst zum Zeichen, Mochte die Königin Poseidon gnädig reichen, So daß Rhodope staunend frug und froh erregt: «Ist dies der Freier, Herrin, dem dein Herze schlägt?» «Pfui!» rief die Fürstin ärgerlich und unmutvoll, «Doch eine Tugend hat er: er ist nicht Apoll.» Und als nun hübsch geführt und ebenrecht gereiht Die Wagen standen vor dem Herold sprungbereit Und jeder Kämpe stieg in jenes Viergespann, Das ihm der Würfel unbestechlich Los gewann, Poseidons Fäuste sich bemächtigend der Rappen, Apoll die Füchse ziehend aus der Hand der Knappen: «Ein Fährnis, edle Helden, ist das heutige Spiel», Warnte der Hermeneus. «Vernehmt des Rennens Ziel: Seht ihr dort hinten ferne, wo die Hügelbrücke Sich teilt, drei Wölklein steigen aus des Passes Lücke? Dort ist der Übergang; ihr merkts am heitern Schein. Hinter dem Passe gehts durch einen hohlen Stein. Jenseits des Steines springt ein scheußlich Felsengrab Auf zweien Straßen nach dem Erdenland hinab. Zwar kurz, doch jäh und grausig fällt die alte Straße, Die neue läuft in weitem Bogenschwung mit Maße. Die erste jagt euch an Hephaistos' Mechanei Im Engtal einer schauerlichen Reuß vorbei. Die zweite aber schlängelt oberhalb der Felsen Links zwischen des Gebirges Häuptern sich und Hälsen. Nun möge jeder seine Lieblingsstraße wählen. Sie führen beid ans Ziel, ihr könnt es nicht verfehlen. Dies ist das Ziel: die Mauer, wo die Erde grenzt. Ein Fichtenbaum hängt über, buschig und geschwänzt. Von jenem Fichtenbaume bringt ein kleines Reis, Denn solches gilt euch vor den Richtern als Beweis. Jetzt, liebe Freunde, kaum daß ich den Finger hebe, Stehts jedem frei, daß er dem Ziel entgegenstrebe.» Kaum aber daß der Hermeneus den Finger hob, Als flugs das doppelte Gespann durchs Blachfeld stob, Immer den Weiden folgend, wo ein Murmelbach, Verborgen im Gebüsche, Selbstgespräche sprach. Grüßend begann der Bach: «Ihr mutigen Gesellen, Verzeiht, ich würde gern mit euch im Wettstreit schnellen, Doch leider ist verschieden unser beider Lauf: Ich muß hinab, ihr aber strebt zum Paß hinauf, Und sieh, je fleißiger ich spute und mich eile, Des weiter öffnet sich die Schere beider Teile.» Da rief ein Segelwölklein zu der Sonne: «Tritt Nur dreist auf meinen Rücken, denn ich renne mit.» Und als sie ihm behutsam auf den Rücken trat, Schrieb um das Wölklein sie ein golden Kronenrad. Apoll vernahms, und zwitschernd aus dem Herzen schlüpfte Ihm, husch, ein lustig Schwälblein, das gen Himmel hüpfte, Und hing sich an des Wölkleins goldne Räderspeichen. «Die Krone», blinzt es, «deut ich als mein Siegeszeichen.» Doch schade, sieh: bereits ihm gegenüber hing Poseidons Schwälblein, das dieselben Mücken fing. Es konnte keins für sich das Phänomen erbeuten, Der Sinn der goldnen Krone ließ sich doppelt deuten. Doch als nun mehr und mehr der Festplatz rückwärts schwand, Nach unten fallend, und am Passeshügelrand Sich freier ebnete des Horizontes Weite Und Klarheit stieg herab und Licht erschien zur Seite Und auf die Tafelhöhe kamen jetzt die beiden, Wo sich der Berg vergleicht und wo die Wasser scheiden: «Poseidon, lieber Bruder, sprich», begann Apoll, «Wie meinst du, daß die Eiferfahrt geschehen soll? Nach Weiberbrauch mit Haß und Hinterlist und Trug? Oder nach Mannesart in Redlichkeit und Fug? Selbst tatenmutig und des Nächstenwertes froh, Sag an, Poseidon, sprich, scheint dirs nicht schöner so?» Poseidon wandt ihm freundlich zu die Löwenmähne: «Was du begehrst, o Bruder, ist, was ich ersehne. Denn Beßres weiß ich nicht im weiten Weltenrund Als einen offnen Spruch aus einem wahren Mund Und eines Freundes Blick aus lauterm Herzensgrund. Leer wäre ja der Weltraum, kalt der Sonne Glut, Gab es nicht Mannesfreundschaft, fest und warm und gut. Drum wollen wir, jawohl, uns das Gesetz verschreiben: Wer auch der Sieger sei, wir wollen Brüder bleiben. Nicht wahr, ich sage das, begreifst du, wohlverstanden, Für allemal, der Wahrheit überhaupt zu Handen. Denn deiner Einsicht zollt ich nicht die schuldge Ehre, Dächt ich, du könntest zweifeln, wer der Sieger wäre. Es kann nicht einem einzigen immer alles batten, Heut reitest du, Apoll, in eines Größren Schatten.» «Hab Dank zum Gruß», versetzt Apoll, «für deine Worte! Doch mein Begriff ist lahm am Fuß und schmal die Pforte Zu meiner Einsicht. Drum versteh ich annoch nicht: Von wannen ziehst du solche Siegeszuversicht?» Poseidon lächelte: «Das spürt man in der Brust. Wie mal ich dirs? Man fühlts, man weiß es unbewußt.« Es ist, als ob die Welt posaunte vor mir her: Wenn ich erscheine, schnadra, gilt kein andrer mehr! Kurz, man besitzts, man hats, man spürts im Handgelenk, Zwar deines Wertes, Bruder, bin ich tief gedenk. Ich weiß dich edel, seh dich schön, gescheit und gut, Es fehlt dir nichts als etwas Feuersturm im Blut. 's ist alles mehr – wie drück ichs aus? – im Glatten nur, Es mangelt die dämonische Gigantenspur, Der löwenzornige Tritt, der Donnerwettergeist, Der Höll und Himmel grimmig aus den Angeln reißt, Kurzum der Griff, die Pranke, die Persönlichkeit.» Apoll fiel ein: «Du meinst die Poseidönlichkeit. Doch zähm ein wenig deine löwischen Gebärden Und acht auf deinen Weg und sieh nach deinen Pferden.» Denn sieh, schon war die Reise jenseits angekommen, Bergab, und rätselhaftes Tosen ward vernommen. Und scheltend lief vorbei die unzufriedne Reuß, Von der weissagte der wahrhaftge Hermeneus. «Halt!» schrie ein Fels und sperrte grob den Weg. Wo ein? Da fügten sie sich kleinlaut in den hohlen Stein. Ein Weilchen Nacht, ein donnernd Haus im Wasserbraus. Jetzt Licht. Guttag! Da stutzten sie: Wohin? Woaus? Ein Höllenlabyrinth, ein himmelhoher Schnitt, Wo Fluh auf Fluh kopfüber in den Abgrund ritt. Und Finsternis und Wasserspuk und Sonne drehte Einen gespenstgen Schleierwalzer. Da erspähte Der festre Blick die Kreuzung, wo versprochnermaßen Der Weg sich spaltete in zwei getrennte Straßen. Und hochaufloderte der Kämpen Eifermut: «Jetzt auf! Jetzt weise sich, wer tüchtig ist und gut!» Ein treuer Augenschwur, eins zwei, ein letzter Blick Aus kühnen Wimpern, und – hurra! – jetzt hilf, Geschick! Der obern, längern Straße war Apoll gewogen, Der neuen. Gerne folgten den geschwungnen Bogen Die mutigen Füchse, an der Flachbahn sich erlustend Und mit gesenktem Maul den Duft der Alpen prustend. Sie möchten gern noch schleuniger den Lauf beflügeln, Allein der Meister hielt zurück mit kurzen Zügeln. Poseidons Löwenungestüm indessen jug Gradaus, die Schlucht hinab; im Laufe nicht: im Flug. Vom Wellensturz der Reuß umdonnert und umzischt, Vom Wassertanz umweht, umstäubt von milchigem Gischt. Das war kein Fahren, weder Zaum noch Zügel galt. Verstoßen von des Abgrunds schleudernder Gewalt, Rannten in sinnverlaßner Flucht die wilden Speichen, Und des Gespannes einzger Dienst bestand im Weichen. Doch ob der Wind umwetterte des Führers Haupt, Des triftigen Herrscherblickes ward er nicht beraubt; Um alle Felsenschroffen, alle Riff und Ränke Warf er das schräge Fahrzeug sicher und gelenke, Und auf des schlimmsten Steges schwindelhohe Brücke Schoß er die krummen Rappen mit genauem Glücke. Steinboten sprengten warnend ihm voraus: «Entfleuch! Hallo! macht Platz! Poseidon reitet, rettet euch!» Der Schlagwind warf sich brüllend ihm entgegen: «Halt!» Poseidon überjauchzt ihn und durchschnitt ihn halt. Die Rufen zitterten und zuckten das Genäck, Und Schuttlawinen schüttelte zu Tal der Schreck. Und wie nun an Hephaistos' kluger Mechanei Die sechzehnfüßige Tobsucht rasselte vorbei, Gebrach den Schmieden die erhobne Hämmerkraft, Und geistlos klafften Aug und Mund, verblüfft, vergafft. Und also lustig fort. Doch unten im Verschluß Des Tales, wo, allseits gezwungen, sich der Fluß Aufschäumend durch ein Tor der Erdenmauer drängt, Brach von der Fichte, die von jenseits überhängt, Poseidon nicht ein Zweiglein: einen buschigen Schwanz. Schwang fuchtelnd ihn ums Haupt, und rückwärts ging der Tanz. Da weigerten die Rappen, sei es vom Geschrei Des tollen Meisters, sei es von der Mechanei Erschreckt, wo dumpfen Donners die Maschinen stampften Und Wirbelsäulen schnaufend aus den Schloten dampften, Plötzlich den Dienst. Und wie nun der gewaltige Herr Mit Wutgebrüll, mit Peitschen und mit Faustgezerr Sie peinlich nötigte und von der Stelle zwang: «Wohlan denn», knirschten sie, «ein Sprung ist auch ein Gang.» Und seitwärts rissen sie den Wagen in die Wellen, Platschend und watend in den wilden Wasserschnellen. «Ei daß doch», schrie Poseidon, «euch der Haifisch hätte!» Da rissen sie den Wagen wieder aus dem Bette. Und greulich längs den Uferwüsten im Gerolle Rückte die Reise aufwärts durch die Wasserhölle. Kein brauner Pfad, kein rauher Grund, worauf sie fußten; Nur Schlipferstein, vom Schaum verglitscht; allein sie mußten. Doch auf dem bergumkränzten Feld Agon indes Begann und sprach zum Herold Telopsiades Themiurg: «Setz dich ins Luftschiff, steig empor in Eile, Daß dein Bericht die Neugier der Olympier heile: Wer von Poseidon und Apoll, den Kämpen zwei, Bisan mit seinem Viergespann der vordre sei.» Der Herold stieg ins Schiff und flog geschwind empor: «Poseidon», rief er, «ist Apoll des weiten vor. Allein im Abschuß, unten in Hephaistos' Hölle Klettert sein Wagen greulich stolpernd durchs Gerölle. Verkehrt: die Räder springen und die Rosse gleiten, Und Schwierigkeiten tauschen mit Unmöglichkeiten. Die Naben stehen schief, die Achse scheint zertrümmert. Drum für Poseidon, Freunde, bin ich fast bekümmert. Apoll, dem Spätern, scheint der Siegespreis zu locken.» «Geh hurtig», flüsterte die Königin erschrocken Ins Ohr Rhodopens, «geh und dieses Spieglein nimm! Und sputig durch die Weiden nach dem Passe klimm! Jenseits beim Straßenkreuze hinterm hohlen Stein Such dir am Weg ein Plätzlein aus im Sonnenschein. Setz dich und kämm dich vor dem Spieglein singend dort, Verstohlen aber blinzle seitwärts immerfort. Und wenn dein Aug Apoll entdeckt, hüpf auf und spring Und jauchze: ‹Heil dem Sieger!› und das Spieglein schwing, So daß du, während du dem Helden Willkomm spendest, Den Blick der Pferde schmerzlich mit dem Spieglein blendest, Damit sie, überrascht von Schrecken, rückwärts reißen, Den Wagen stürzen und im Bachgrund ihn zerschmeißen. So wird Apoll erliegen ohne unsre Schuld. Ich aber lohn es dir mit meiner ewgen Huld.» Und als Rhodope nun das Spieglein angenommen Und durch die Weiden nach dem Passe war geklommen, Erwählte sie ein Plätzlein hinterm hohlen Stein Am Höllenuferrand im grellen Sonnenschein Und kämmte singend vor dem Spieglein, wie befohlen, Das seidne Haar und blinzte nach dem Weg verstohlen. Und siehe da: Apoll, die Stirn vom Sieg geprägt, Im muntern Viergespann, vom Schnellauf froh erregt. Flugs sprang sie ihm entgegen, tanzte, hüpft und sang: «Heil dir und Glück dem Sieger!» und das Spieglein schwang Die Augen schmerzlich blendend den erschrocknen Rossen, Die drückten furchtsam sich zur Seite, unentschlossen. Und es bedachten sich und zweifelten die Füchse: «Wenn mir von jemand Aufschluß nur zum Trost erwüchse, In welches Tierreich zählt der Blendling, den wir schauen? Was meinst du, Bruder, soll mans wagen? kann man trauen?» «Still!» meint ein andrer, «laß den Meister uns befragen, Er meints ja ehrlich und verstehts. Er wirds uns sagen.» Dem Rate folgend, wandten sie sich ängstlich um: «Sag redlich, Meister, ists geheuer dort herum?» Apoll erklärte: «Liebe Freunde, wahr und ehrlich: Ein Mägdlein ists, zwar falsch, doch Pferden ungefährlich. Mit einem dummen Spieglein übt sie das Gefecht. Doch haltet still und prüft es und beseht euchs recht.» Vorsichtig aus dem Wagen steigend, führt er dann Vorüber an Rhodopen langsam das Gespann. Zwölf Schritte jenseits stieg er sachte wieder ein, Dann, sicher angekommen unterm hohlen Stein, Kehrt er sich um und rief Rhodopen blinzelnd zu: «Ei du scheinheilig gleisnerisches Schlänglein du! Mit einem Spieglein wolltest du Apoll verderben? Umsonst! Die Krone will ich dennoch wohl erwerben.» Beschämt, mit heißer Stirn und purpurroten Wangen, Warf sie das Spieglein in die Schlucht, und unbefangen Die Arme von sich spreizend, zu Apoll gewandt: «Ich habe ja, ich hab kein Spieglein in der Hand!» Dann auf den Boden sank die schöne Lügnerin, Bedeckt ihr Angesicht und weinte vor sich hin. Das Spieglein aber während seines Falles fing Sich im Gesträuch der Schlucht, daran es baumelnd hing. Zum Talwind sagte jetzt der Bergwind: «Siehst du nicht Das Spieglein dort im Busche mit dem lustigen Licht? Es ist, als hielt es tausend Funkelsternlein feil. Komm, laß uns mit ihm spielen, ich und du zum Teil.» Und kaum gesprochen, gab dem Spieglein er von links Ein Schüpflein, dann ein zweites, drittes neuerdings. Der Talwind aber trieb mit lässigem Händedruck Das Scheiblein ihm zurück. Und also Zuck auf Zuck. Da tauchten in die Milch der Brandung Feuerbäder, Und längs den Flühen jagten Riesensonnenräder. Und öfters wars, nachdem das Blendeglas sich drehte, Als ob von Silber eine Sichel Blitze mähte. Der Bachwind aber meinte: «Ei, ich seh nicht ein: Was jene dürfen, sollt es mir verboten sein?» Von unten stupfend, stieß das Gläslein er empor: Da lodert eine Flammensäule steil hervor. Indes erstürmten, kletternd aus des Abgrunds Dunkel, Den Stutz die Rappen. «Halt! Was will dort das Gefunkel?» Gesträußt die Ohren, reckten sie die Mäuler, schnoben Und glotzten steifgebannt. Umsonst Poseidons Toben. Kalt rieselte der Schweiß von ihren hastigen Flanken, Und pfadlos rasten die verzweifelten Gedanken. «Es flammt – und ist kein Stein – und hat doch Augen! Hu! So ists ein Wolf! – Siehst du die Flügel? Ai! Lauf zu!» Ein Schwung. Rechtsumgekehrt und köpflings in die Schlucht Hetzt, über Felsen schmetternd, die bestürzte Flucht. Die Deichsel spliß, die Räder schwirrten ab. Ein Schlitten, Hopste der Wagen. Krach! und er zerbarst inmitten. Weitab den Führer schleudert in den Bach der Prall, Und über seinen Körper schoß der Wasserschwall. Die führerlosen Rappen aber treiben strenge Talwärts, schluchtab. Doch unten im Verschluß der Enge, Am Reußtor, wo kein Ausweg durch die Mauer sprießt, Rennt auf ein Gitter Melanipp und wird gespießt. Melampus reißt sich los, jagt längs der Mauer, setzt Mit einem Riesensprung hinüber – such ihn jetzt! Anthrax und Korax aber halten kräftig krumm, Werfen das Rist zurück und kehren glücklich um: Blitzschnell hinan die alte Straße, hoch den Kopf, Verfolgt vom Rasseln und vom klappernden Geklopf Der nachgeschleppten Wagenstücke, die beständig Ihnen die Schenkel dreschen, boshaft und lebendig. Sie mögen noch so wilde Hufeshaspeln schlagen, Sie können doch dem eignen Fahrzeug nicht entjagen. «Er ists, er kommt! Schon spür ich ihn! Jetzt hat er mich! Willst du wohl sputen, Schnecke? Dopple! strecke dich!» Sie greifen in die Luft, sie schwimmen auf den Bäuchen, Und weithin hörbar pustet ihr verzweifelt Keuchen. Rhodope! Liebling! Aller Mägdlein Zierde du! Was weilst du noch und säumst und rastest ohne Ruh, Verhärmt, von Gram verzehrt und reuetränentrunken, Am Wegesrande, weltenblind und traumversunken? O wärst du doch dem Herrlichen, den du betrogen, Hurtig auf Bettelfüßen trippelnd nachgezogen, Mit deinen treuen Augen ihm ins Antlitz sehend, Ein Lächeln suchend, einen gnädigen Blick erflehend! Verzeihung hättest du mit einem Wort erreicht, Und deinem schweren Herzen wäre wohl und leicht. Halt ein! Was tust du? Weh! Rhodope! Nein! Halt ein! Erspring den nächsten Bergsims! Flieh nicht durch den Stein! Hörst du? Der Gang ist schmal! Die Flucht der feinen Sohlen Werden die fürchterlichen Hufe überholen! Spring lieber in den Wildbach, wenn dus noch erlangst! Zu spät. Auf Mörderfüßen stampft heran die Angst. Erreicht und überritten. Ungern stürzt sie, greift Nach einem Halt, erhascht den Zaum – und wird geschleift. Kein Schrei entfährt ihr, der erschrockne Atem wehrts. Gelähmt vor Überraschung, schweigt sogar der Schmerz. In Glück und Bosheit auf dem Thron inzwischen saß Und des Triumphes saftigen Vorschmack lüstern aß Hera. Und um Apoll ergiebiger zu schaden Und alle schwarzen Vögel auf sein Haupt zu laden, Kniff sie die beiden Daumen unverwandt nach innen Und spuckte heimlich aus. Versuchs jetzt, zu entrinnen! Da horch! Trompetenstoß! Und großen Bogens schwenkte Apoll den ruhigen Vierspann auf den Kampfplatz, lenkte Den Wagen vor den Hermeneus, und zum Beweis Des Zieles überreicht er ihm das Fichtenreis. Das war ein Faustschlag, der ihr grob ins Antlitz schlug. Aufschreiend schnellte sie vom Throne: «Halt! Betrug! Gesteh, Verruchter, sprich, was hast du unternommen, Daß wunderbar du deinem Schicksal bist entkommen Und von Anankes finstrem Urteilsspruch genasest?» «Gebiete deiner Zunge, Königin, du rasest!» Braust auf Themiurg. «Was Treue oder was Betrug, Entscheiden wir. Der Richter Stimme sagt genug.» Es riefs Themiurg. Die Fürstin überhörte dies, Fuhr fort und schrie, indem sie nach dem Gegner wies: «Steh Rede! Aufschluß heisch ich! Gib mir Rechenschaft: Was hast du mit Rhodopen, sprich, Apoll, geschafft? Hast du sie mir entwendet oder mir verführt? Die Freundin fordr ich und das Licht, das mir gebührt.» Da schrillte durch die Luft ein jäher Warnungsschrei. Gezeter flog daher. Die Menge stob entzwei. Ein Schnauben, Keuchen, Strampeln wie von tollen Rossen. Und Korax kommt mit Anthrax jetzt ins Feld geschossen. Da hast du, stolze Fürstin, von der Freundin Kunde! Rhodopen mit sich schleifend, jagen sie die Runde. Dann rückwärts nach der königlichen Schauburg sticht Die Hetze, trifft die Schranken, dran ihr Ansturm bricht. Ein Knäuel überwälzt sich. Von der Wucht des Pralls Geknickt, röcheln die Rappen mit gebrochnem Hals. Wer sahs? Wie kam sie her? Schon fällt die Königin Wehklagend über ihrer Freundin Leichnam hin, Ob sie vielleicht den bleichen Tod von dannen schrecke, Mit ihren Küssen den geliebten Atem wecke. «Wach auf, Rhodope, öffne deine treuen Augen! Laß mich dein Lächeln trinken, Trost und Heilung saugen Aus deinem Odem! Gönn mir eines Hauches Huld! Ach Jammer! Reuig spür ich deines Todes Schuld. Weh mir, der Mörderin! Wer kann mir Sühne leihen? Stirb nicht! noch nicht! Erst muß dein Segen mir verzeihen.» Ein Wimperschlag, ein Lippenzuck: ein mildes Licht Verklärte das bestäubte Marterangesicht. Und mit den blutigen Armen schwächlich nach den Wangen Der Herrin tastend, lispelte sie todumfangen: «Hera, Geliebte, Freundin und Gebieterin, Wehklage nicht! Ich zahle, was ich schuldig bin! Es schmerzt ja nicht, o nein, es heilt, für dich zu bluten. Nimm meinen Segen und gedenke mein im guten.» Dann ward sie stumm. Der Amazonen Trauerzug Erschien, der die und diese still von dannen trug. Jetzt aber seine Stimme ernst und feierlich Entnahm der Hermeneus und hob vom Stuhle sich: «Als Sieger», rief er, «dieses Tags im Wagenrennen Trug mir der Richter Wahlspruch auf, Apoll zu nennen. Doch weil Anankes nachtgeborner Todesschauer Das Antlitz der Gebieterin verhängt mit Trauer, Geziemt uns nicht, dem frohen Feste heut zu leben. Zieht heim! Ein jeder mög andächtig sich entheben.» Da brachen auf die Völker und entfernten sich. Der weint und jener murrte, der nach Hause schlich. Im Bachbett aber lag, betäubt, das Aug geschlossen, Poseidon, von des Sturzbads Wogen übergossen, Die tosend ihm umbrausten das erstaunte Ohr, Das, fallverwirrt, der Dinge Deutlichkeit verlor. Ein Trugbild gaukelt ihm der Wasserdonner vor: Gesang am Hochzeitsfest erachtet er zu hören, In Heras keusches Lager meint er zu gehören. Und mächtig schlenkert er die starken Bein und Arme, Ob er die spröde Braut erhasche, sie umarme. Steinblöcke packt er, die er hitzig an sich riß Mit Räuberküssen, die er in den Felsen biß. Und wie nun grölend der Zyklopen plumpe Scharen Zur Stelle polterten, ihn hilfreich aufzubahren, Wähnt er von wilden Feinden boshaft sich umstellt, Und gleich dem Löwen wehrte sich der tapfre Held. Man mußt ihn überrumpeln und mit Stricken schnüren, Um ihn dem unwirtsamen Kessel zu entführen. Und als sie in der Mechanei ihn arzeniert, Mit Butter eingesalbt, mit Kneten ihn hantiert Und ihm die vielen Beulen, Schrammen, Schelferwunden Mit Pflastern und mit Wickeln säuberlich verbunden, Ward er gepflanzt auf einen ältlichen Zentauren, Der trug ihn langsam heim mit Sorgfalt und Bedauren Und lud ihn schonend nieder vor Apollons Zelt. «Die Hand her, Bruder!» grüßte der verbundne Held, «Schlag ein! Laß dich umarmen! Ehrlich ists gemeint! Als treuer Freund verbleib ich herzlich dir vereint. Du hast den Sieg – ein wenig zwar aus Zufall nur –, Den Glanz, den Ruhm. Mir aber bleibt die Eigenspur, Das Ich, der Wildlingswuchs der Ungewöhnlichkeit» – Apoll fiel ein: «Hab Dank für die Versöhnlichkeit. Du redest Gold; der Glanz des fremden Ruhms ist Nickel. Doch wachs jetzt nicht so wildlings, denk an deine Wickel!» Sechster Gesang Der vierte Wettkampf: Traumdeutung und Prophezeiung                   Im Schlosshof war ein mächtiger Scheiterturm geschichtet. Darüber wurde jetzt ein Sarkophag errichtet, Darin, auf einem Blumenlager sanft und weich, Rhodope schlief, bestattet einer Fürstin gleich. «Es sei!» «Es muß!» Und als nun schauerlich und groß Die Flammen lohten durch den rauchigen Scheiterstoß, Erbarmungslos Rhodopens zarten Leib verzehrend, Von Tränen ungerührt, an keinen Schmerz sich kehrend, Unwiederbringlich raubend, was das Herz verlor, Erscholl von ächzendem Geschluchz ein Klagechor. Und trostlos jammert ein verzweifelndes Gewimmer Aus jedem Mund das giftige Höllenwörtlein «Nimmer». Doch als das Werk der Trauerfeier nun zu Ende, Der Tränen Quell versiegt, erschöpft der Klagen Spende, Löste sich Hera aus der Amazonen Mitte, Trat vor Rhodopens Asche mit gefaßtem Schritte, Stieß ihren Dolch daneben heftig bis zum Knauf: «Den Harm begrab ich, und die Rache pflanz ich auf!» Sie riefs. Dann zog ins Schlafgemach die Königin, Warf sich in finsterm Brüten auf den Boden hin, Die Ellenbogen aufgestemmt, die Finger krallend Ins faustgestützte Kinn und Zorngewitter ballend, Und als nun das Gesinde mit ergebnen Mienen Erschien, mit Trost und Zuspruch schüchtern ihr zu dienen, Und flehte: «Herrin, unsre treue Meinung sieh!» Zog sie die Stirn. «Ich bin nicht Herrin», herrschte sie. «Das bin ich: eine niedrige, verschupfte Magd, Die jeder Frechling straflos zu beschimpfen wagt.» Sie fielen auf die Knie: «Ach, wehre solchem Wahn!» «Hinweg! man kniet vor Hera nicht, man speit sie an.» Schließlich die Amazonenobersten befahl Sie auf ihr Zimmer. Sie erschienen allzumal. «Ihr tapfern Frauen», sprach sie, «schildert mir die Sage, Wie unlängst unsre Schwerter – Heil dem frohen Tage! – Den farbigen Olymp von Kronos' Herrschaft räumten, Die prahlerischen Götter, die umsonst sich bäumten, Entthronend, in den Abgrund stürzend die Empörer Und Tod und Schrecken zuckend unter die Verschwörer.» Sie sprachs. Und alle schauten gegen Promachos, Die, also aufgemahnt, zur Sage sich entschloß: «Dem raschen Siege war gefolgt ein Gegenschlag. Vernichtet unterm Bergesgipfel Seismos lag Der Amazonen Blüte, die umsonst gestürmt Die letzte Zuflucht, die die Götter aufgetürmt Hastig, mit klugen Händen, denn Prometheus lehrte, Orpheus entzündete den Mut, und Kronos wehrte. Und wie die Flucht der Unsrigen nun talwärts tollte, Dem heimatlichen Schloß entgegen, da entrollte Der Autochthonen trügrisch Volk des Aufruhrs Fahne. Es sind ja stets dieselben windigen Kumpane: Ergeht dirs wohl, im Jubeltaumel übermäßig, Doch, wendet sich das Glück, nach deinem Blut gefräßig. Du aber standest, noch ein Kind, im Throne neu, Des Kriegsgetümmels ungewohnt und waffenscheu, Verborgen hinter einem Gartenpfeiler, zitternd, Den Schritt des Unheils bang, doch neuheitslüstern witternd. Da griff ich mit verwegner Faust an deine Brust: ‹Führ uns! Sonst ist dein Thron und Leben in Verlust.› Und siehe, wie beim frühen Maienmorgenstrahl Die langverschloßne Knospe sich mit einemmal Erschließt und weist dir, mit kristallnem Tau verschönt, Die königliche Blume, dreifach rings gekrönt: So leuchtete dein Blick. Der Kleinmut sank dahin, Und aus dem Kind erwuchs die Heldenkönigin. Schon saßest lächelnd du, ein Siegeshort, zu Pferd, Und dein Erröten war zehntausend Lanzen wert. Triumph! Der Glaube war erfrischt, der Mut verjüngt, Und mit Empörerblute ward das Feld gedüngt. Doch als wir bergwärts nun entfalteten die Fahnen, Dem Fremdling zu, Kronos mit sämtlichen Titanen, Da stand ein andrer, Überlegner, kriegsbereit Uns bei: Anankes Eisenfaust entschied den Streit. Vom Barathron, der rauchenden Orakelschluft, Tönten zwölf Glockenschläge schallend durch die Luft. Beim ersten Schlage kam ein Wirbelwind gezogen, Davor die Wälder brausend sich zu Boden bogen. Beim zweiten änderten die Wasser ihren Lauf, So daß die Bäche fluteten den Berg hinauf. Beim dritten Schlage aber losch das Sonnenlicht, Und schwül und brandig war die Luft und dumpf und dicht. Doch als vollendet war die grause Glockenschlacht, Verstummte der Olymp im Bann der Mitternacht. Und Moira erst, aus strengem Mund Verdammnis hauchend, Dann Gorgo, blutigrot die finstre Nacht durchtauchend, Endlich Ananke selbst als dritter stieg empor, Ein fürchterlicher, dreigefalter Schicksalschor. Nach den Titanen stach Anankes Blick. Ein Stoß Von seiner Ferse leichthin auf den Boden bloß: Da lag gleich sprödem Ton zersplittert und zerspellt Die Götterfestung, die Prometheus schlau erstellt. Ein zweiter Tritt: der Berg riß auf den roten Mund, Und das Titanenvolk verschlang der Schwefelschlund. Endlich den Finger streckt er zeigend zum Beschluß: Die Wände stürzten in den Krater Schuß auf Schuß. Dann ward es Tag. Und als du blicktest rund umher, War im Olymp kein Feind und kein Verräter mehr. Dein Machtwort war Gesetz, dein Wille herrschte frei.». So Promachos. Allein mit einem rauhen Schrei Sprang Hera auf die Füße. Gleich wie zornerregt Der Adler ungebärdig mit den Flügeln schlägt Und krallt den krummen Ast mit ungeduldigem Griff Und hüpft empor und macht sich Luft mit schrillem Pfiff: «Hei!» rief sie, «haben wir den alten Wolf bezwungen, Was fürchten wir? Was droht uns von den schwachen Jungen? Wölflein in meinem Stall und Böck in meinem Garten! Weswegen uns enthalten? Sprich! Worauf noch warten? Ist Aphroditens frecher Hohn, ist Eros' Trug, Ist euch Rhodopens blutiger Leichnam nicht genug? Könnt ihr mit Augen länger noch das Schauspiel sehn, Wie diese Fremden trotzig mir entgegenstehn? Wie die Behörden, so Geronten als Prytanen, Behörden nicht, nein, Willensknechte der Titanen, Das Zepter mir entziehn, mir Hand und Mund verbinden Und nach Bedünken, ohne mein Geheiß, befinden? Schon hat des Aufruhrs Gift, mit gierigem Mund geschleckt, Mein eigen Volk erfaßt: Verschwörung wird geheckt, Man schweigt, wenn ich erscheine; grüßt nicht, jauchzt mir nicht; Der murrt, der mault, der glotzt mir dreist ins Angesicht. Doch dieses Volkes schlaffe Ehrfurcht aufzuwecken, Will ich die Todesangst durch ihre Adern schrecken. Sagt an, was meint ihr, redet, wollen morgen wir, Gebt bündig Antwort: wollet morgen ihr mit mir Das schnöd entzogne Zepter tätlich an uns reißen? Die fremde Freierhorde schlagen und zerschmeißen? Den Ungehorsam der Geronten und Prytanen Gebührend mit des Schwertes Schneide blutig ahnen? Und auch vielleicht ein wenig mit den Lanzenstiften Den allzu üppigen Wankelmut des Volks entgiften?» Sie riefs, umtobt von Beifallssturm. Und mit den Waffen Machten die stolzen Jungfern dröhnend sich zu schaffen. «Ans Werk!» Und Spieß und Lanzen wurden emsig jetzt Zum Streit geschliffen und die Schwerter all gewetzt. Und ein geschwänztes, bärtig Riesen-Mannsbild, roh Aus harzgetränkter Watte und geflochtnem Stroh Gestoppelt, richteten mit Stangen und mit Leitern Die Amazonen auf, den Kampfmut zu erheitern. Und Hohngelächter und Gekicher war im Schwang Bis spät am Abend. Doch nach Sonnenuntergang Entzündeten das brünstige Mannesungeheuer Geschäftige Fackeln zu gewaltigem Siegesfeuer. Und all die tapfern Jungfern mit Triumphgeschrei Und Schlachtgesängen standen der Verbrennung bei. Und als die Lohe losch und der verkohlte Rumpf Zu Boden fiel, ein lächerlicher schwarzer Schrumpf, War noch der Haß an seinem Überrest erpicht. Man stampft nach ihm, man überwirft ihn, haut ihn, sticht. Und Mädchen, Kinder selber, suchen vorzudringen, Um einen Fußtritt, einen Schimpf mit anzubringen. Wie wenn in eines Kehrichts Hadern und Gehudel Die Nase stößt ein herrenloses Hunderudel Und einen alten Fuchspelz, schäbig und verlaust, Stöbern sie auf, und jeder faßt ihn an und zaust Und beutelt den gemeinen Feind, und Dachs und Spitz Wetteifern, zu betätigen ihren grimmen Witz, Bedauernd, nicht dem Fuchse selbst es so zu lohnen: So mit dem Mannsbild die beherzten Amazonen. Am nächsten Morgen aber ritt die Königin Im Waffensturmgewitter nach dem Festplatz hin, Im Panzer und im Helm, bereit zum Widerparte, Beschützt vom Amazonenring, der sie umstarrte. «Was soll uns, heiliges Kind, der kriegerische Saus? Nach welchem Feind», rief Archelaos, «ziehst du aus?» «Du!» sprach sie, «deinem Amte widme deinen Fleiß. Warum ich etwas tu, geschieht, weshalb ichs weiß.» Erschrocken neigte jener sich, hielt an und schwieg. Da siehe, eben während sie den Thron bestieg, Senkte sich langsam zwischen dem entsetzten Volke Über dem Kampfplatz eine finstre Geisterwolke. Gespenstige Flammen drin, unstete Fackellichter, Draus grinsten der Erinnyen fahle Blaßgesichter. Ein Zähneklappern lief durch die erfrorne Menge. «Beginnt!» vermochte des Prytanen Atemenge. Und es begann und sprach mit Zittern und mit Beben Der Hermeneus: «Der Kampf, der heut sich soll begeben, Geht um die Traumweissagung. Wer sich dieser Kunst Vermißt, herbei! Die Probe steht ihm zur Vergunst.» Die Weibel eilten hin und her. «Vernehmt!» erscholl Sein Ruf. «Es meldet sich der einzige Apoll. Wer also, frag ich jeden, wer von allen nun Will den Geronten huldreich den Gehorsam tun, Dem Helden vorzuträumen? Also frag ich dich, Wer es auch sei, er nahe ohne Zagen sich.» Da flüsterte der Nachbar seinem Nachbarn zu: «Hörst du die Mahnung, Bruder? Geh doch, träume du!» «Entschließt euch», bat der Hermeneus, «o wollt nicht säumen.» Da herrschte rauhen Rufs die Fürstin: «Ich will träumen!» Mit diesen Worten stieg sie nieder zum Altar, Und auf den Dreifuß, der davor errichtet war, Sich setzend: «Gruß, Apoll, und Trotz und Feindschaft dir! Jetzt sieh dich vor! Heut gilt es zwischen dir und mir.» «Beliebt dir, Fürstin, dieser Schleier, daß als Binde Ich ihn um deine allzu muntern Augen winde?» Fragte der Hermeneus. «Denn ist das Licht entschwunden, Wird leicht der goldnen Träume Blumenpfad gefunden.» «Der Traum», hohnlachte Hera, «den ich träumen mag, Ist goldig nicht und hängt an keinem blumigen Hag. Von Klarheit will ich träumen und von bündigen Taten. Des Schleiers kann ich wohl, des Lichtes nicht entraten.» So sprechend schüttelte den Helm sie aufs Genick, Die Locken über Stirn und Wangen, stach den Blick Gleich einem Mörderspieße bohrend nach Apoll, Darauf begann sie haßerregt und feindschaftsvoll: «Mir träumt von einer Fürstin, frei und unbeschränkt, Die dem Olymp gebietet und die Erde lenkt. Wollt ihr den Namen? Hera heißt sie, daß ihrs wißt. Und ich bins selber, welche jene Fürstin ist. Nun aber nehmet meines Traumes Fortschritt wahr: Im Traum ist mir erschienen eine Wanderschar Fremder Titanen und vermessener Ambroten, Die jedes Herzeleid der Königin entboten. Aufruhr zur Linken, Meutrer und Empörer rechts, Ruchlose Überhöhung beiderlei Geschlechts. Bestritten ward ihr Ehr und Ansehn, Macht und Fug. Doch nicht genug mit alldem, wehe, nicht genug: Zwei Vöglein, wehe, zwei geliebte Zwillingstauben Gefiels den unbarmherzgen Mördern ihr zu rauben; Nicht Tauben, schlankgewachsne Mägdlein zart und fein: Rhodos, die falsche Schlange, und Rhodopen mein. Ach weh, Rhodope, Liebling, du so treu und gut, Ach Jammer, daß ich rinnen sah dein rotes Blut! Nie hören meine Ohren deine süßen Lieder, Nie trinkt mein Auge dein beglückend Lächeln wieder! Versteht mich wohl: ich habe rückwärts erst geträumt. Nun biet ich euch den Kelch, daraus die Rache schäumt. Ich schau im Traum die Königin vergeltungsfroh. ‹Ihr Amazonen›, rief sie, ‹auf! Wo sind sie, wo? Die Knecht und Helfershelfer alle der Titanen, Die schimpflichen Geronten, kläglichen Prytanen, Die jede Überhebung gegen mich gebilligt, Den ungerufnen Fremden Unterkunft bewilligt Und mich erniedrigten zum feilen Beutetier, Damit zu sättigen des Siegers schnöde Gier?› Sie riefs. Und des gerechten Urteils strenge Sprache Bestätigte der wackern Amazonen Rache. Sie taten willig, was zu tun geboten war: Im Blute wälzte sich die ungetreue Schar. Und wieder rief die Königin: ‹Die Helfersknechte Sind tot. Was tun wir mit dem mördrischen Geschlechte Der trotzigen Titanen? Ist das Barathron Etwa verrammelt? oder liegts zu weit hievon?› Die Amazonen, Furien der Gerechtigkeit, Waren zum kräftigen Vollzuge tatbereit. Gefesselt, krummgeschlossen, ein Gespött den Leuten, Schleiften die Götter sie hinaus auf Ochsenhäuten. Umsonst um Gnade bettelte die frevle Brut. Wo bleibt nun da, Ambroten, euer Übermut? Erweist euch! Spann doch, Hermes, deines Geistes Sehne! Lauf jetzt, Apoll! Poseidon, schüttle deine Mähne! Füllt denn nicht Ichor eure ewigen Götterleiber? Und ihr ertragts, daß euren Stolz besiegen Weiber? Man stieß sie reihenweis ins Barathron hinab. Doch als zuletzt Apoll sie stellten vor das Grab, Wehrte die Königin mit Wink und Wort: ‹Halt ein! Den hat das Schicksal mir geschenkt, der Mann ist mein. Muß ich Rhodopens Stimme seinetwegen meiden, So soll er selber mit Gesang mein Herze weiden.› Ein Kohlenbecken heischte sie zur Stelle, blitzte Den Dolch vom Gürtel, den sie in der Glut erhitzte: ‹Apoll, unsterblich bist du, doch nicht unverletzlich, Und Leid dir anzutun, ist meinem Haß ergetzlich. Die schönen Augen will ich dir mit eignen Händen, Den klaren, überlegnen Siegesblick dir blenden. Man sagt, der weichste Wohlgesang entströmt dem Mund, Ist eines Sängers Auge blind, sein Herze wund. Das also will ich dir, Apoll, gewißlich tun. Ob dich dein Dämon rette, das erfahre nun.› Sie riefs, indem sie das umzischte, glutdurchhauchte Mordeisen grausam in die schönen Augen tauchte. Und gleich wie bald mit sanfter Stimme, bald erbost, Man einen Haushund jetzt verstößt und jetzt liebkost, So zog nunmehr der launischen Herrin Gnad und Groll Beständig nach sich den geblendeten Apoll: ‹Weich aus! Rück fort! Wo bleibst du, Fauler? Folge mit!› Versüßt mit Schmeichelwörtlein oder Hieb und Tritt. Doch abends in der Freude nach genoßnem Mahl, Beim festlichen Gelag und Reigentanz, befahl Die Königin: ‹Apoll, du sollst die Laute bringen, Ein rührsam Lied zum Preis Rhodopens sollst du singen, Und wie ich ihren unverdienten Tod gerochen Und der Titanen frechen Übermut gebrochen.› Ungern vernahms Apoll, mit Tränen gab er Kunde, Und weinend floß der weiche Wohllaut ihm vom Munde. ‹Recht so!› belobte sie. Worauf sie ihm gebot: ‹Lobpreise mein Gewand, wie Feuer zündigrot.› Gehorsam tat ers. Aber zornig ins Gesicht Schlug ihn die Herrin: ‹Ei du arger Lügenwicht! Was nennst du zündigrot mein veilchenblau Gewand?› Und schlug ihm auf den Mund die lilienweiße Hand. So also lautet, herrlicher Apoll, mein Traum. Hat zur Weissagung dein Gemüt noch Ruh und Raum, Wohlan, erhebe deine Stimme, red und deute! Doch fürcht ich, was mein Traum geschaut, erwährt sich heute.» Also verkündet, auf dem goldnen Dreifuß sitzend, Hera, Verderben durch den finstern Stirnbusch blitzend. Und während ihre Zunge nach dem Gegner stach, Umstellten ihre Truppen heimlich nach und nach Die zitternden Behörden. Als die Herrin schwieg, Entblößten sie die Schwerter, schlagbereit zum Krieg. Da ward ein großes Jammern, kläglich anzuhören, Unter dem Volk und Gnadeflehn und Bittbeschwören, Doch mutigen Herzens durch das Wehgewimmer schwang Themiurg der richterlichen Stimme festen Klang: «O Königin, Gewalt und Allmacht eingeräumt: Welch einen bösen Traum hast du uns vorgeträumt!» Und Archelaos hob die Hände himmelwärts: «Rühr unsre Herrin, Moira, schmelz ihr steinern Herz!» Hochragend aber auf die Füße sprang Apoll, Sein Seherauge starrte und sein Busen schwoll: «Die Schwerter der Erinnyen hör ich schaurig läuten. Ruchlosem Wahnmut soll ich Mörderträume deuten. Wohlan, ich will weissagen, wahrlich ja, ich will! Du aber, Herrin, halte meiner Geißel still. Siehst du die geisterhaften, fürchterlichen Frauen, Die dort im Sand geduckt nach dir herüberschauen? Wer sind sie? Und was meinst du, lauert ihre Gier Mit schauerlichen Augen unverwandt nach dir? Das ist der höllischen Erinnyen Fluchgeschlecht, Das erst zum Frevel reizt, hernach den Frevel rächt. Gelockt von deinen Teufelsträumen sind sie hie, Und die Vollbringung deiner Bosheit hoffen sie. Des Mörders Jauchzen ist der Rache Morgenrot. Hast du verwirklicht, was dein Haß uns angedroht, So werden sie den Fuß aus unserm Blute schwingen, Und zu Ananke werden sie die Meldung bringen: ‹Wach auf, Ananke, deine Allmacht jetzt bewähre! Denn deine Würde gilts zu schützen, deine Ehre! Ein sterblich Jüngferlein in ihrem Torensinn, Hera mit Namen, speit dir Spottgelächter hin. Des Zepters unwert, das dein Amt ihr übergab, Stieß ihre Faust die Freier vom Olymp herab, Die göttlichen Ambroten, die auf steilen Stufen Dem Erebos entstiegen, weil von dir gerufen. Bist du veraltet, bist ohnmächtig du dort oben? Soll eine Amazonenjungfer dreist sich loben, Dem Herrn des Weltalls den gewaltgen Arm zu kürzen, Dir Trotz zu bieten, deinen Ratschluß umzustürzen?› Ruhig vernimmts Ananke, lächelt leis für sich, Dann langt er nach dem Schicksalsbuch. Ein Federstrich – Und alle Völker des Olymp verleugnen dich. Nun schlägt er in die Esse. Eine Flammensäule Stößt blutrot himmelan mit Windessturmgeheule; ‹Wen gibt es zu vertilgen?› Seine krumme Kralle Zeigt zielend nach den Amazonen: ‹Diese alle!› Was nützt den Tapfern jetzt des Armes Heldenkraft, Der Waffen Stahl, des kühnen Mutes Leidenschaft? Des Feuers tausendzüngiger Mörderrachen frißt Das Fleisch der todgeweihten Schar, die wehrlos ist. Hienach erlöst Ananke die Erinnyen: ‹Such!› Und hinter deinen flüchtigen Sohlen happt der Fluch. Dieselben Frauen dort, die deine Bosheit schüren, Die wirst du grausend dann auf deinen Fersen spüren, Durch Berg und Tal gejagt, vom Wutgebell geschreckt, Die Zunge riechend, die nach deinem Fleische leckt. Hera, du schöne Jungfrau, der ich bin zu eigen! O dürft ich, was ich jetzt erblicke, dir verschweigen: Indes durch Felsenwüsten und durch Wälder wild In Todesangst du flüchtest, ein gehetztes Wild, Zieht langen Zuges mit Geleit, Gefolg und Troß Die neue Königin nach deinem Heimatschloß. Du kennst sie: Aphrodite, deren Lockengold Das wankelmütige Volk Anbetung jubelnd zollt. Im königlichen Wagen fährt sie stolz einher, Und deine Flucht entdeckt ihr Aug von ungefähr, Sieht die Erinnyen hetzen hinter deinen Sohlen, Sieht ihre zähe Jagd bereit, dich einzuholen: Dein Tod scheint ihrem giftigen Hasse zu gelinde. Und auf die Kniee fallend, betet sie geschwinde: ‹Erlaub, o Schicksal, nicht›, so betet Aphrodite, ‹Erlaub es nicht, erhöre, Moira, meine Bitte, Daß jene, aller Missetaten Stifterin, Sie, der Geronten und Prytanen Mörderin, Die Bündnis und Vertrag, Gesetz und Recht geschändet, Die Freierschar verstoßen und Apoll geblendet, Erlaube nicht, daß ihre blutige Würgerseele In schnellem Tode ihrer Taten Lohn verfehle. Gewähre mir das Weib, gewähr es mir, gewähre, Auf daß sie nicht den Schmack der tiefsten Schmach entbehre!› Und siehe, kaum gebetet diese grause Bitte, So hemmen plötzlich die Erinnyen ihre Schritte Und wenden sich und kehren friedlich heim; indessen, Von einer neuen, schrecklicheren Angst besessen, Du hinter den Erinnyen flehend jagst dahin, Die eben noch Verfolgte jetzt Verfolgerin: ‹Halt! Steht! Zerreißt mich, Gnade! mit den scharfen Krallen! Laßt mich nicht lebend in die Hand der Feindin fallen!› Umsonst. Kein Halt. Kein Ausweg. Keine Rettung naht. Vor Aphroditens Füße zerrt dich der Verrat. Und gleich wie einer Sklavin, die ein grausam Los An einen zänkischen Herd verworfen, mitleidlos Die keifende Gebieterin von früh bis spät Der Arbeit schwerste Bürden auf die Schultern lädt, Des Stalles ekle Pflege und den Dienst der Dielen, Und schont die Kranke nicht und achtet nicht der Schwielen: So stößt die Feindin, ränkevoll, erbarmungsleer, Im angestammten Schloß dich Ärmste jetzt umher. ‹Schaff Wasser, Hera! Reg dich! Rühr dich! Scheiter schleppe; Striegle die Pferde, Nichtsnutz! Reinige die Treppe!› Nicht Ruh noch Rast. Beständig laufen, keuchen, sputen. Hernach zum Lohne, statt des schuldigen Dankes, Ruten; Doch abends in der Freude, nach genoßnem Mahl, Ruft Aphrodite lachend durch den lauten Saal: ‹Nun, Freunde, soll ein seltnes Lustspiel euch geschehn: Die Fürstin des Olympos sollt ihr tanzen sehn.› Sie rufts. Man holt, man zwingt dich. Finster trittst du ein, Stumm wie die Trauer über einem Grabmalstein. Doch jene, nach der Peitsche langend, schreit dir zu: ‹Ech, du unzüchtige Magd, du garstige Dirne du! Mit diesen Lumpen, diesen ungewaschnen Füßen Wagst du die Gäste Aphroditens zu begrüßen?› Und wenn nun deine arbeitsmüden Marterglieder Du peinlich auf und ab bewegst und hin und wieder, Sieht man im weiten gastgefüllten Saale keinen, Der nicht sein Angesicht verbirgt, um nicht zu weinen. Doch Aphrodite peitscht dich: ‹Ech, bei meinem Leben! Ich will dich lehren deine faulen Beine heben! Zu keiner Arbeit gut, zum Tanzen selbst nicht nütze: Aus welchem Stalle stammst du denn und welcher Pfütze?› Apoll, der Tränen bar, der Trauer nicht zugleich, Sitzt auf des Hauses Schwelle, blind und schmerzensreich, Bedacht, ein künstlich Augenlicht im Traum zu kosten. Zum Blinden taumelt Hera. Und am Treppenpfosten Zu Boden brechend, schlägt in wildem Reueschmerz Das edle Haupt sie blutig an dem kalten Erz. ‹Weh mir Verratnen!› jammert sie, ‹wie falsch, wie feig Ist doch ein Volk! Kein Volk: ein Brei, ein matscher Teig! Myriaden sah ich meinen Wimpern untertan. Sie blökten Ehrfurcht, jubelten mich grinsend an, Und von den Tausenden war keiner doch von allen, Der mannhaft die betörte Hand mir überfallen, Die wider Bund und Recht ich freventlich erhob Und lud mir blutige Schuld und Moiras Bannfluch ob. Nicht einer! Ach, ein einzig warnend Wörtlein bloß, Ein tapfrer Mund, wahrheitbeherzt und freimutgroß: Nicht litt ich heute Mägdedienst und Sklavennöte, Die Rute schmeckend und die Scham der Wangenröte. Als Herrin säß ich jetzt in diesem selben Saal, Geehrt, beschützt von meinem König und Gemahl. Mit strengen Blicken späht er drohend in die Runde, Doch Koseworte gönnt er mir aus seinem Munde.› So jammert Hera, stöhnend vor dem Pfosten liegend. Da spricht zu ihr Apoll, sein grollend Herz besiegend: ‹Wohl mir, erlauchte Herrin, daß dein Finger jach Den scharfen Dolch mir in die beiden Augen stach, Damit sie nicht das schnöde Schauspiel müssen sehn, Wie deiner hehren Hoheit Schimpf und Schmach geschehn. Und dünkt dich eine kleine Gunst für mich nicht schade, Wohlan, fahr fort, erweise mir die zweite Gnade: Nimm deinen Dolch, zerstöre das Gehör mir auch, Auf daß ich nicht vernehme deiner Seufzer Hauch, Hilflos und machtlos lauschend deinen Klagetönen, Die unnütz mir, dem blinden Mann, zu Herzen stöhnen.› Das ist des Traumes Deutung, die ich dir weissage. Das weitre steht bei dir. Hier bin ich. Morde! Schlage!» Es riefs Apoll. Und Abscheu und Verachtung rollte Sein strahlend Auge, das die Wahrheit furchtlos zollte. Und all die Zeit und Weile, da sein Strafgesang Mit wohlgezieltem Zwick die Geißel rüstig schwang, Zuckte die Königin und krümmt und wand den Rücken, Und öfters sah man sie den stolzen Nacken bücken Und Erde mit der Hand auf ihren Scheitel streuen Wie solche, die ein fluchbeladen Werk bereuen. Und kaum daß seiner strengen Rede Sprachgewalt Und seiner edlen Stimme Zürnen war verhallt, So stürzte sie, von Stolz und Hochmut jetzt verlassen, Laut jammernd ihm zu Füßen, seine Knie zu fassen: «Gnade! Versöhne mich! Den Fluch des Schicksals kette! Zu dir, dem Reinen, schrei ich: Rette mich! errette!» Aufatmend weinten alle Völker ringsumher. Und siehe, die Erinnyenwolke, schwarz und schwer, Bewegte sich und hob sich, wie von einem Hebel Gelüftet, langsam aus dem Feld und schwand zu Nebel. Danach, die schreckdurchwühlte Stimme lösend, brach Der Hermeneus die Stille, da er also sprach: «Hört der Geronten Spruch, den ich verkünden soll: Im Kampf der Traumweissagung Sieger ist Apoll.» «Heil dir, Apoll!» Ein Wahnsinnstaumel ohne Ende. Umzingelt ward Apoll, man küßt ihm Fuß und Hände. Themiurg, des Kampfgerichtes Oberhaupt, hierauf Erhob sich feierlich und nahm die Rede auf: «Ihr alle, dieser bangen Stunde Zeitgenossen, Erfahrt! Der würdige Rat der Richter hat beschlossen: In Anbetracht und in Erwägung, daß Phantome Sich regen in der Luft und im Gedankenstrome, So haben wir, um vorzubeugen fernem Sorgen, Des Freierkampfes Abschluß anberaumt auf morgen. Der letzte Wettstreit aber, den der Rat uns nennt, Betrifft die Herrschertüchtigkeit, das Regiment. Hernach wird sich entscheiden, wer der König sei. Doch heut schon, denk ich, waltet Zweifel keinerlei, Wem wir den Preis erkennen, ich gesteh es frei: Ich meine: jenem, der die andern all verdüstert, Ihm, dessen Namen jeder Wunsch dankinnig flüstert.» Hermes sprang vor: «Ich achte Recht und Billigkeit. Apollon mich zu fügen, bin ich gern bereit.» Poseidon rief: «Ich schenk es dir, Apoll, nimm hin! Auch ohne Kronenzierat weiß man, wer ich bin.» Und ähnlich redeten, begrüßt vom Beifallsschalle Des glückberauschten Volkes, die Titanen alle. Apollon nachzustehen schaffte keinem Leid, Denn seiner Güte Strahl entwaffnete den Neid. Zum Schlusse bot jetzt Archelaos der Prytan Der schweigenden Versammlung diesen Urlaub an: «Die Königin zu büßen ist nicht Landesbrauch, Wie sträflich ihre Willkür sich vermessen auch. Um aber ihre fromme Umkehr auszunützen, So wollen wir die junge Demut unterstützen. Anstatt des eitlen Festgeräusches Tanz und Tand Nehm einmal heute Ernst und Andacht überhand. Gar schlimme Fährnis zog an uns vorüber sacht: Ein Dankgebet zum Schicksal scheint mir angebracht. Wir wollen also zum Gebet beisammenbleiben Und Hinterlist und Tücke mit Gesang vertreiben. Fürs erste lege jeder neben den Altar Zum Friedensunterpfande seine Waffen dar. Zum zweiten sollen sich Gering und Groß bequemen, Um den Altar den Umgang zwölfmal vorzunehmen, Sich beugend vor dem Standbild der Gerechtigkeit. Auf nun! Wer sich dem Zug entzieht, ist fluchgeweiht.» So Archelaos. Seinem Worte ward genug, Und alles reihte sich zum frommen Reuezug. Und schimpflich hinter Hera, deren Opferschritt Die Qual verriet, die ihre Hoffart mühsam litt, Zogen gezwungen, Zorn im Blick, mit finstern Brauen, Die Amazonen, die besiegten freien Frauen. Siebenter Gesang Verrat                     Inzwischen standen Heras Haus und Hallen leer. Und nur des Schicksals Füße schlichen leis umher. Doch durch den stillen Schloßwald, wo allein das Hämmern Des Spechtes ward gehört und durch der Tannen Dämmern Das Licht in goldnen Trauben drang vereinzelt nur, Zog Zeus gesenkten Hauptes die Gedankenspur. Sein äußer Ohr vernahm des Spechtes warnend Picken, Doch tief im Herzen hört er die Versuchung ticken. Denn um die königliche Burg im Näherkreisen Trieb ihn die Habgier auf verstohlenen Geleisen. Den Blick beharrlich heftend auf das blanke Dach, Schlich er, gedeckt vom Busch, dem Inselgraben nach. Bis daß er endlich, spähend durch des Laubes Lücke, Sah überm Abgrund eines schmalen Grates Brücke. Doch auf des schwindelhaften Grates erstem Sprung Tobt ein Gigant mit Wutgebrüll und Keulenschwung. Dann folgends, lauernd auf des Grates zweitem Satze Lag eine falsche Sphinx, bewegend Schweif und Tatze. Zum letzten aber aus des Schlosses Gittertor Lugt eine sanfte Hindin unverwandt hervor. Mit großen Kinderaugen sah sie einen an: «Zurück!» enthielt ihr Blick, «das ist nicht wohlgetan.» Verborgen hinterm Buschwerk unbeweglich stand Der arge Zeus, den gierigen Blick zum Grat gewandt. Die Sünde schreckt ihn nicht, der Frevel dünkt ihn tätlich, Allein des Weges Wagnis schien dem Fuß nicht rätlich. Und möcht ihm auch des Grates Übergang geschehen, Den Kinderaugen traut er nicht zu widerstehen. «Was sinnst du?» raunte flüsternd eines Weibes Stimme, «Arglistiger Zeus? Und was begehrt dein Herz, das schlimme? Und auf der Schulter lag ihm eine sichre Hand. Wer da? Ein Blick, und sieh: an seiner Seite stand, An einen Baum gelehnt, ein ungewöhnlich Weib. Wie kalter Schlangenodem kams von ihrem Leib, Verführung schillerte von ihren straffen Brüsten, Und durch die Wimpern schrie ein höllisches Gelüsten. «Hinweg, verruchter Dämon!» stieß sein Mund hervor, Und seine Stimme zitterte, sein Blut gefror. «Willst du», betonte sie, «erwäge meine Worte, Den Grat gewinnen und den Einlaß durch die Pforte? Willst du, sag an, von Ruhm umstrahlt, in Prunk und Pracht Die Burg besitzen und die königliche Macht, Gebietend über den Olymp und über Erden? Ich harre deiner Antwort. Sprich, so soll dirs werden.» Gluthitze überfiel ihn, drauf ein eisig Schaudern. «Greif zu!» jauchzte die Gier. Entsetzen ließ ihn zaudern. «Willst du, o Zeus», führte das Weib die Frage fort, «Willst du, merk auf – es ist des Schicksals letztes Wort – Willst du, die dich gekränkt, die stolze Königin, Die dir Beschimpfung warf vor allem Volke hin, Barhaupt, barfuß im Staube vor dir knieen sehn, Um gnädgen Schutz dich bitten und um Obdach flehn?» «Fürwahr, das will ich!» braust er heftig auf. Dann leise: «Doch welches Tauschgeld», zagt er, «setzest du zum Preise?» Sie sprach: «Dies ist der Preis und dies das Geld zum Tausche: Daß du mein Buhle seist im blinden Liebesrausche Und unterwürfiger Knecht, mit Leib und Seel mein eigen, Und was ich stets belieben mag: gehorchen, schweigen.» «Ists Wahrheit, was du mir verheißest, sicherlich? Und was ist deine Macht? Und wie verbürgst du dich?» «Bürgschaft verlange», sagte sie, «von Gorgo nicht. Befehle sinds, nicht Gnaden, die mein Mund verspricht. Hier steh ich. Sieh mich an! Verwirf mich oder glaube! Nun komm, daß ich dir Ruh und Glück und Frieden raube.» Sie sprachs. Er stürzt ihr nach, erfaßt vom Ruhmesrausche. Und Glück und Frieden warf er hin in großem Tausche. Und wie er abermals am Inselgraben stand, Wies sie zum Schloß und Brückengrat mit ruhiger Hand: «Das Schicksal hat gezielt, die Absicht hat getroffen: Dem König von Olymp stehn Tor und Türen offen. Hinan, erhabner Zeus, zum höchsten Weltenturm!» Da packt ihn Taumel, und in wagetollem Sturm Ersprang er jetzt des schwindelhaften Grates Kante. Und siehe da, der keulenschwingende Gigante Sprang brüllend vor mit einem Riesengegensatz, Senkte die Keule, schmunzelte und räumte Platz. Jetzt mit erhobner Tatze züngelte die Sphinx Und leckte Zeus die Füße, knurrend allerdings. Doch wie er schon gewonnen schier das Gittertor, Schob durch das Gitter Aix, die Hindin, sich hervor Und sah mit ihren Kinderaugen groß ihn an: «O Zeus, kehr um! kehr um! Das ist nicht wohlgetan.» Reumütig wandt er sich. Da schreckt ihn mit Geheule Der Zahn der Sphinx und der Gigantenschwung der Keule. Verzweifelnd schwankt er, bang gewärtig seines Falls. Da sieh: ein Täflein, hangend um der Hindin Hals. Drauf stand mit Flammenschrift geschrieben: «Töte mich.» Er tats, obgleich mit Grausen, schauend hinter sich. Und wieder sprach zu ihm die Schrift: «Enthäute mich.» Unwillig tat ers, doch vollzogs geflissentlich. «Als Mantel brauche», rief das Täflein, «meine Haut, So wirst du jeden schrecken, der die Aigis schaut.» Und als er schließlich diese Vorkehr auch getroffen, Sprang auf die Tür, und alle Pforten klafften offen. Und also stieg er blutig jetzt und sündenschwer Treppan die königliche Burg, verwaist und leer. Wohin er trat, nur stiller Kammern stumme Grüße, Und drohend donnerte der Hall der frevlen Füße. In einem staubigen Saale gähnt ein alter Thron. «Das also», sann er, «ist des Lebens höchster Lohn.» Hier schliefen Kron und Mantel, die er gierig faßte. Und sieh, der Mantel saß ihm, und die Krone paßte. Das Zepter wog er und behändigte das Siegel. Doch wie sein Blick durch Zufall traf den Fensterspiegel, Schwirrte das Erdenleben, wies dem Menschen wird, Vorüber durch den Spiegel, planlos und verwirrt. Und also stetig steigend, kam er nach und nach Durch eine Luke auf des Schlosses Zinnendach. Da lag vor seinem Aug die unbegrenzte Welt Tief ihm zu Füßen, seiner Prüfung unterstellt. Aufmerksam machte sein enttäuschter Blick die Runde, Und seufzend ging das Urteil endlich ihm vom Munde: «Wie ists doch auf dem Weltendach so kalt und schaurig! Und sieh, der Hauch der Erde schmeckt so herb und traurig.» Doch während er so einsam zwischen Erd und Himmel Sinnend betrachtete das weltliche Gewimmel, Das Windessausen und der Wolken weichen Flug Und Stadt und Länder und der Berg und Flüsse Zug Und der Geschöpfe Hast, der Menschen Lauf und Kauf, Zeigte von unten her ein Finger zu ihm auf. Und an sein grausend Ohr gelangt ein fernes Klagen: «Was will, o Zeus, was will der Erdenlauf besagen?» Und lauter immer wälzte sich die Frage fort. «Halt stand, Gebieter! Stehe den Geschöpfen Wort!» Ein Wildbach, plötzlich überflutend Wehr und Damm, Toste der Notschrei um des Götterberges Stamm. Verzweiflung hetzte, Wut und Jammer liefen Sturm. Und all das Elend stürzt empor zum Weltenturm. Bereits erklettern sie die Burg. Die Zinnenwehr Wird siegreich überstiegen. Auf dem Dach nunmehr Fällt mit Triumphgeheul das wilde Bettlerheer Flehend und fluchend um den Weltenkönig her, Bestrebt, mit heftigem Ärmelzupfen, Griffen, Stößen Ihm Aufschluß abzutrotzen, Mitleid einzuflößen. «Wir halten dich, du kannst die Antwort nicht vertagen: Warum? Wozu? Was will der Erdenlauf besagen?» Das Ohr verhielt er und verhüllte das Gesicht. Der Bettelsturm ward dringender und ließ ihn nicht. Und als er unversehens jetzt mit jähem Rucke Sich losriß, treppwärts zu entfliehen durch die Luke, Prallt er zurück vor eines Anblicks Widerstoß: Denn aus der Luke tauchte Gorgo streng und groß. Winselnd vom Dache fiel enttäuscht der Bettlerschwarm. Doch Gorgo packte harten Griffs des Neulings Arm: «Man kauft, erhabner Zeus, die Herrschaft nicht im Stück, Und auf der Weltenhöhe gibt es kein Zurück. Betrachte die Aigide, merke, welche Last Du unabschüttelbar auf deinen Schultern hast.» Er tats. Sieh da, die Aigis blutete und lebte. Entsetzt schwang er den Arm, sich zu befrein: sie klebte. «Weh mir!» Verzweifelnd fiel er zu der Göttin Füßen: «So also», klagt er, «läßt du deine Diener büßen!» Ein Siegel nahm sie, prägt ein Mal ihm auf die Stirn: «Hell strahlt, doch nicht erwärmt des Ruhmes frostiger Firn. Erhabner Zeus, zur Größe bist du nun verdammt. Dir sprießt kein Glück, es sei, daß es von Ewland stammt.» Sie sprachs und wandte sich. Doch von des Siegels Macht Ward eines fremden Mutes Odem ihm entfacht. Aufspringend, hochgerichtet, seine Arme weit Ausbreitend, rief er weltwärts: «Jetzt und alle Zeit Weiß ich von eignen Wünschen nicht und eignem Leid. Der Welt und ihren Nöten weiß ich mich geweiht.» Er schwurs, und Wahrheit riefs aus tiefstem Herzensgrunde. Doch heimlich aus dem Schloßhof floh zur Abendstunde Der Pfauenvogel Ornis. Übers Dach entweichend, Durch Busch und Wald mit niederm Schwebefluge streichend, Rauscht er gesträubten Schopfs zum Feld Agon daher, Und kreischend kündet er dem Volk die böse Mär: «Unselge, welch ein Dämon hat euch denn verblendet? Indes ihr Dankgebete hier zur Unzeit spendet, Ist in das Schloß der Fürstin, das ihr friedlich glaubt, Der Wolf gebrochen, dessen Pfote wühlt und raubt, Hera, kehr um! In deiner Heimat haust der Feind! Apoll, der Preis, der deiner Tugend war gemeint, Die Krone, deren Ring den Würdigsten bedeutet, Sie hat die Hinterlist des argen Zeus erbeutet!» Ein Aufruhr raste durch den Platz im Wirbelwind. «Die Waffen reicht mir!»tobt Apoll, «mein Schwert geschwind!» Geheul entfuhr dem Volk, der Königin ein Schrei. Und die Prytanen zog ihr zorniger Wink herbei: «Das also», zischte sie, «ist eurer Weisheit Stärke! Was gafft ihr stumm? So rühmt doch, rühmt euch eurer Werke! Heran zu mir, daß ich euch Lob und Dank erweise! Hier steh ich machtlos, eine heimatlose Waise, Im öden Feld Agon, gleich einer schlichten Magd, Betrogen und beraubt, von Haus und Hof verjagt – Ich, die die Königin der Welt man gestern hieß. Und wem verdank ich das? Euch einzig schuld ich dies. Und wagts und zwingt mich zu Gebet und Litanei! Eure Gerechtigkeit? Lug! Falschheit! Heuchelei!» So zischt ihr Zorn. Kriegslüstern aber, wie sie war, Macht ihre Jungfernwache flink zum Streit sich klar. Da legte plötzlich sich das wilde Meer, denn Stille Gebot des Archelaos volkverehrter Wille: «Getrost, Apoll! Gemüt, o Fürstin! Die Prytanen Sind annoch da, gewillt, die Missetat zu ahnen. Erschlichne Ämter zählen nicht im Landesbuche. Der Frevel bloß geschah, das Werk stockt im Versuche. Ein Recht, ob schwer verletzt, stirbt nie. Drum, Richter, rechtet! Mit feierlichem Fluch den Kronenräuber ächtet!» Im Halbkreis um das Standbild der Gerechtigkeit Stellten die Richter sich zum finstern Fluch bereit. Zum grausen Urspruch hoben schrecklich sie die Hände Doch siehe: ihres stummen Schweigens war kein Ende. Jetzt ungeduldger schrie und heftiger und geller Die Königin: «Mein Ohr hat Eile, fluchet schneller!» Nun öffnen sie den Mund, doch ihre Zunge lallt Unförmliches Gestammel ohne Geistgehalt. Zornschnaubend heischte Hera: «Ist ein Fluch so schwer? Gebt mir die Acht des Räubers, gebt mein Recht mir her!» Und Archelaos: «Ja, ihr Richter, redet! ja!» Doch sieh, welch schauerliches Schauspiel jetzt geschah: Plötzlich vom Wahn befallen, der Vernunft beraubt, Schüttelt Themiurg in kindischem Tanz sein greises Haupt, Und gleich dem Hammel, den der Priester zum Altar Hinaufzerrt, läßt sein Mund ein ängstlich Blöken dar. Ihm nach die übrigen. Vertiert, verstandverlustig Hüpfen die Richter auf und nieder, narrenlustig. Und während noch von dem Ereignis schreckgelähmt Ein jeder peinlich sich des blöden Anblicks schämt, Schrillt aus der dämmerschattenschwarzen Waldesschluft Unheimliches Gelächter dreimal durch die Luft. «Schützt euer Haupt! Das sind Anankes Wunderzeichen!» Und alle Welt entflieht, und Halt und Schranken weichen. Das Zepter dem Themiurg mit schroffer Faust entwürgte Ingrimmig Archelaos: «Heiliges Kind, ich bürgte Mit meinem Leben, Macht und Ansehn dir zu hüten. Die Macht kann ich dir nicht, doch meine Schuld vergüten. Entwürdigt durch der Richter Abfall und entehrt, Leg ich dies Zepter, das dem Räuber nicht gewehrt, In deine Fürstenhand, Gebieterin, zurück. Auf dir allein beruht nun deines Schicksals Glück. Kein ander Rechtgesetz im Land gilt fürderhin Als dein Gebot und dein Belieben, Königin.» Mit diesem reicht er ihr das Zepter. Aber ehe Der Fürstin Finger es behändigt hatten – wehe! – So stieß er mit der dolchbewehrten Linken jach Den Tod sich in die Brust, daß er zu Boden brach. Und was ihm recht erschienen, galt den Brüdern gut. Ihm folgend, wälzten die Prytanen sich im Blut. Das blutbefleckte Weltenzepter aber schwang Erlöst die Fürstin, und ihr Machtgebot erklang: «Ich, fortan frei und unumschränkte Königin, Entbiete diesen Schwur mit klarem Wort und Sinn: Apoll, wenn du den Feind aus meinem Hause fegst, Den Kopf des Kronenräubers mir zu Füßen legst, Gewähr ich dir zum Lohn den ehelichen Kuß Und meines keuschen Leibes lieblichen Genuß.» Frohlockend rief Apoll: «Hie Königtum und Minne! Gegrüßt! Nur einer einzigen Sorge bin ich inne: Daß mir der Räuber stehe, daß er nicht entrinne. Umzingeln wir den Wolf! Und wenn der Morgen tagt, Sei ihm von mir der Krieg im Zweikampf angesagt!» Und trotz dem späten Abend ließ er ohne Säumen Die beiden besten Rosse vor den Wagen zäumen, Medon und Phronesis, wie Falken leicht gebaut, Dem Wink gehorchend und der Stimme wohlvertraut, Dann führt er schnellen Zuges sausend durch die Nacht Die zornigen Titanen zur gerechten Schlacht. Mit ihnen ritt das Amazonenheer vereint, Denn Zwist und Hader heilte der gemeine Feind. Und als der Wald umzingelt war und alle Wege Besetzt und das Gehölz versperrt mit Dorngehege Und stumme Wachen lauernd in den Büschen lagen, Trat ewig neben seinem kampfbereiten Wagen Apollons Unrast hin und her, die träge Zeit Verwünschend und der langen Stunden Klebrigkeit, Und öfters stampft er mit dem ungeduldigen Fuß. Da schreckt ihn Heras leiser, unverhoffter Gruß. Und als ihr Fingerwink den Staunenden gestillt: «Bist du, Apollon», raunt ihr Schmeicheln, «schlafgewillt? Verdrießt dich, mir zu folgen, die zu saure Mühe? Und kommt vielleicht die Brautnacht deinem Wunsch zu frühe? Wo nicht, wohlan, so reize deine heißen Rosse Und fahr mich heimlich durch den Wald hinab zum Schlosse, Auf daß noch heute mir zum Heil und dir zu Lieb, Falls uns das Schicksal wohlwill, du den Kronendieb, Den argen Zeus, erlegest und mein Herz ergetzest Und am gelobten Lohne deine Seele letzest. Denn sieh, der Friede flieht mich, und der Schlummer meidet Meinen vertränten Blick, der keine Ruhe leidet, Eh daß dem Unhold vor der heutigen Nacht Entnachtung Ins Antlitz ich gespuckt Verwünschung und Verachtung.» Freudig vernahms Apoll, und vor dem Wagen bald Schnaubten die Rosse prustend durch den finstern Wald, Wo Hera, weg- und stegbewandert, heimatkund Dem klugen Führer Rat erwies mit weisem Mund. Und also lenkt er richtig die verständigen Rosse Auf einen freien Felsenvorsprung nächst dem Schlosse. Verwundert aber sprach und staunend und entsetzt Die bange Königin zu dem Gefährten jetzt: «Ists Wahrheit? Oder täuscht das Dunkel meine Sinne?! Welch Großer steht dort oben auf des Schlosses Zinne? Ein Neuling, wie ich solchen niemals noch geschaut. Von schwarzem Blute scheint die finstre Stirn betaut, Das Joch der Augen weist des Willens Herrschersiegel, Und seine Feuerblicke sind der Hölle Spiegel.» «Er ists! der Feind! der Dieb!» erläuterte mit Hast Apoll, «nun spei ihm, was du ihm zu speien hast.» Doch stummen Schauders sah zum großen Zeus hinan Die Jungfrau, bis sie flüsternd wiederum begann: «Welch Ungeheuer aber», frug sie bebend, «sprich! Welch ungewöhnlich Weib hat jener hinter sich? Nicht eine Göttin, keinen Dämon nenn ich dies, Das ist von Ewland her ein Geist der Finsternis, Den ihm zum Hort und mir zum Leid Ananke schickte.» Doch immerwährend nach dem Feind inzwischen blickte Apoll, und gleich wie wenn beim lauten Männermahle Zum Rundgesange kreist des dunklen Weines Schale, Bis unversehens aus dem tückischen Erisbecher Der Streit entspringt und würgt die zornentbrannten Zecher, Und gleich der Löwin, die, der Mordlust zu genügen, Den Ochsen schlägt und trinkt sein Blut in durstigen Zügen, Doch desto mehr sie schlürft des Opfers dampfend Blut, Um desto wilder schäumt des grimmen Leuen Wut: So sog Apoll aus seines Feindes Angesicht Den Zorn, und länger zähmt er seine Zunge nicht: «O Zeus, Arglistiger, du Schlechtester der Schlechten! Zu schlaff, zu feig, im mutigen Männerkampf zu fechten, Zu falsch, um offnen Blicks dem Gegner festzustehn, Doch gleich dem tückischen Wolfe, der auf Diebeszehn Den Stall umkreist und holt sich plötzlich aus der Hürde Ein Lamm und flieht zum Wald mit seines Raubes Bürde, So brichst du, nur nach Beute, nicht nach Siegesruhm Verlangend, in ein unbewachtes Eigentum, Und was dein Unwert nicht verdient, nimmst du im Raube. Doch glaube meinen Worten, du Verruchter, glaube: Die schlau ersprungne Herrschaft bringt dir keinen Segen, Gleich einem Raubtier soll dich jetzt mein Pfeil erlegen.» Mit diesen Worten griff er flugs den Bogen auf, Pflanzte den flinken Federbolzen in den Lauf, Spannte danach mit mächtigem Zug den Draht der Sehne, Die starke Faust gebrauchend und den Ring der Zähne; Drauf zielt er mit des Blickes angestrengter Schärfe, Und singend schoß zur Ruh die schnelle Saitennerve. Doch siehe: Zeus beschirmend, vor dem Ziele stand Das ungeheure Weib und hob zur Wehr die Hand. Kraftlos zu Boden rollte klirrend das Geschoß, Und schmerzlich traf des Schützen Brust der Widerstoß. Ingrimmig aber zu Apoll nunmehr begann Das Weib und hub die scharfe Antwort drohend an: «Woher, Apollon, nimmst du die Befugnis, rede, Dem Schicksalsauserwählten zu entbieten Fehde? Welch einen Frevel meinst du, daß dein Finger rächt? Ist etwa Zeus' des Großen Anspruch nicht gerecht? Belehrung schenk ich dir, sag Dank und preis und lobe: Wie lautete des Wettkampfs letzte, höchste Probe, Vom Richtermund gesetzt zum schließlichen Entscheid? Das Regiment – nicht wahr? – die Herrschertüchtigkeit. Nun wohl! Die zeigt sich nicht durch noch so viele Gaben. Die erste Herrschertugend heißt: die Herrschaft haben. Gleichviel, mit welchen Mitteln sie erworben sei, Und wärs durch Hinterlist und Frevel: einerlei. Der taugt nicht auf den Thron, den ein Bedenken bindet, Wer nicht, wenns sein muß, auch den Mut zum Bösen findet. Drum fiel auf Zeus die Wahl, erwogen und bedacht, Weil ihm den Blick entzündete der Blick der Macht, Weil er verrucht, gewissenstaub, gefahrenblind Die Herrschaft an sich raffte, einfach und geschwind. Du aber bau auf deinen Dämon nicht zu viel! Ein Sonntagsdämon ists, geschickt zum Friedensspiel. Zurück! Komm mir nicht kreuz in meinen Weg gegangen, Sonst möge dir, Apoll, vor meiner Strafe bangen. Behalte das, und wolle deinen Eifer zügeln.» Bei diesen Worten schlug sie mit den Drachenflügeln, Daß schaurig klang des Fittichs rauschendes Geflitter, Draus zuckte Blitz um Blitz. Ein blendend Ungewitter Brüllt auf. Und mit dem widerstrebenden Genossen Entfloh die Königin, enttragen von den Rossen. «Die tückische Nacht ist dein, o Gorgo», rief im Wagen Zurückgewandt Apoll, «doch laß den Morgen tagen, Des Klarheit deiner finstern Künste Trug erhellt Und, was da falsch und was wahrhaftig, richtig stellt! Mag sein, mein Dämon, dem dein Hochmut Lachen beut, Mein Dämon, der des Tages reines Licht nicht scheut, Mag sein, daß seine Hand, gerechtigkeitsbewehrt, Dich Höllenfürstin seine Obmacht spüren lehrt, Auf daß du nicht zum zweitenmal vor meinen Pfeilen, Den frommen, mögest den verruchten Räuber heilen.» Er riefs. Doch in den Tann, unfern dem Königsschlosse, Entführten ihn, dann standen plötzlich still die Rosse. Jetzt auf den Boden sprang er, und als Ruhestätte Bereitet er den Wagenthron zum weichen Bette: «Getrost, sei ohne Furcht! Du lagerst sicher hier, O Königin», begann er ehrfurchtsvoll zu ihr, «Denn dich behütet deiner Hoheit Heiligkeit Und schützt Apoll, dein treuer Diener, kampfbereit.» Hierauf entzügelt er das zitternde Gespann, Ins Waldesdickicht leitet er die Rosse dann, Band sie an eine Buche, und mit Strick und Leine Hemmt er, zwar schonend, ihre allzuflüchtigen Beine. Doch als er ihnen sorgsam ebenfalls die Nüstern Verband, erhoben sie ein vorwurfsvolles Flüstern: «Genug, Apoll», begannen sie betrübt, «genug, Daß du die Knie uns fesselst. Ist denn solches Fug Und Brauch, daß man des Mundes Atem uns verbinde? Dies scheint mir hart; und du bist gütig und gelinde.» «Geduld, o Phronesis, und Medon du, Geduld! Denn morgen schenkt euch jede Freiheit meine Huld. Heut aber denk ich meiner Herrin», sprach Apoll, «Daß etwa euer Wiehern sie nie wecken soll.» Dann legt er neben Heras Lager sich zur Hut Und lauschte durch das Dunkel, wie der Wächter tut. Doch leise flügelten aus Moiras stillem Haus Zwei Vöglein: eine Fliege, eine Fledermaus, Die Luft durchschaukelnd auf der flaumigen Federwiege. Und es begann und sprach die Fledermaus zur Fliege: «Wohin die Reise, Kleine? und zu welchem Ende?» «Zur Königin, daß ich den Schlummer ihr entwende. Doch du, weswegen, rede? und zu welchem Zwecke?» «Daß ich Apollens Wächtergeist mit Schlaf bedecke.» «Ists also, komm, so laß uns miteinander ziehn.» Und also reisten sie vereint zur Schloßhardt hin. Dort flog die Fliege immer um der Fürstin Ohr, Reizt ihren Ärger, bohrt ihr Stachellieder vor. Doch samtnen Flügels zu Apoll gesellte sich Die Fledermaus, die seine Stirn mit Schlaf umstrich, Bis daß ihm Sinn und Geist und Willenskraft entsanken Und in das Traumland flohn die flüchtigen Gedanken. Und einen goldnen Traum von Glück und Glanze voll, Zu Heras Füßen schlummernd, träumte da Apoll: Daß er ob allem Volk, gekrönt mit Ruhm und Ehre, Der König von Olymp und Heras Gatte wäre. Sein eigen war die Welt, wohin der Blick sich wandte, Und fern von Erden nahten dienende Gesandte. Er aber sprach: «Dem Menschenvolke gebt zu wissen: Bekümmert ist mein Herz mit ihren Kümmernissen, Und keine Sorge wächst auf Erden und kein Leid, Sie sind mein Dornenkranz und heilig Marterkleid. Doch wahrlich, liebe Leute, will ich euch beschwören, Der Menschen Lobgesänge will ich preisen hören: ‹Das war vor alters einst Apollens Königstum, Da ging im Erdenlande Heil und Segen um, Da herrschte Güte mit Gerechtigkeit zugleich, Und Fried und Wohlfahrt zeitigten der Schönheit Reich›.» So träumt Apoll, und seines Traumes Glanz entfachte Die Sonne seines Mutes, daß er freudig lachte. Ins Ohr der Königin inzwischen eifrig zischte Die Fliege Stachelreden, die mit Gift sie mischte. Und manches sagte sie, und dieses überdies: «Sieh da Apoll, den Schönling, deiner so gewiß, So unbekümmert, selbstzufrieden, selbstbeneidet, Daß er in faulem Schlafe sein Genügen weidet! Er glänzt, er gleißt vor heitrer Minnezuversicht, Kein Wölklein ahnt er, einen Zweifel kennt er nicht. Ich bin gewiß kein Freund von hinterlistigen Taten, Doch deine Würde fordert, diesen zu verraten.» «Ach weh mir!» klagte Hera, «weh, mich hemmt mein Schwur.» Verächtlich flügelnd wippt empor die Fliege: «Nur?» «Wohin denn aber, vor Apoll entweichend, wandern?» Die Fliege schob den Stachel ihr ins Ohr: «Zum andern. Zu jenem, dem die Sünde aus den Augen sieht, Zu ihm, zu dem ein heimliches Gelüst dich zieht.» Wild tobt ein Zweifelsturm in Heras Herzensgrunde. Da horch! Ein Lachen aus Apollons Träumermunde. Aufsprang sie und verriet den Herrlichen zur Stunde, Des Schläfers Leichnam hinderte der Flucht den Weg. Mit sachter Zehe schritt sie über ihn hinweg. Gleich wie am Bergeshang, gehemmt von einer Quelle, Die Hirtin zaudernd stillesteht und prüft die Stelle, Wo auf den trocknen Stein den Tritt sie sicher setze Und wägt den Fuß, damit das Wasser ihn nicht netze: Also getraute sich die Zeh der Königin Behutsam über den verhaßten Leichnam hin. Doch bei dem Schläfer hielt sein Dämon, der nicht schlief, Der strafend der Verräterin entgegenrief: «Wohin, o Ungetreue, treibt dein lüstern Blut? Ist fliehen fürstlich? Freunde täuschen Edelmut? Wie hat Apoll um dich verschuldet solchen Hohn, Daß du ihm zahlst Skorpionendank und Spinnenlohn? Halt ein, Unselige, und wende deine Füße!» Da lispelte das Weib: «Verraten schmeckt so süße.» Verlegen sprach sies, froh der Schande, wirr vor Scham. Doch als sie mit dem Fußpfad an der Buche kam Vorüber und begegnete den treuen Rossen, Die dort gefesselt standen, von Apoll geschlossen, Da schäumten sie empor vor heftiger Ärgernis, Bewegten wild die Schenkel, fletschten das Gebiß, Und mächtig preßten sie die Stimme durch den Rachen Die Flucht mit warnendem Gewieher kundzumachen. Doch wehe! von den Fesseln, drin ihr Fuß verstrickt, War ihrer Hufe Kraft zur Abwehr ungeschickt, Und nicht Apollons schlafumhängtes Ohr berührte Der Mund der Warnungsstimme, die er selbst umschnürte. Und also mochte jene freien Durchlaß haben. Und ohne Aufenthalt bis an des Schlosses Graben Trieb sie die Flucht. Und Ornis, ihren treuen Pfauen, Beschied ihr leiser Ruf herüber im Vertrauen. «Ornis», begann sie, «flieg hinan zu Zeus und münde Die Botschaft ihm ins Ohr, die ich hiermit dir künde: Wach auf! Denn Thron und Zepter winken vor dem Tor. Die Fürstin des Olympos schaut zu dir empor. Den Räuber will als Gatten gnädig sie umfangen. Willst du sie ehrerbietig, wie sichs ziemt, empfangen?» Ornis entfernte sich, verzog ein kleines Stück, Und diese Antwort bracht er ihr sodann zurück: «Zeus meldet Hera: Dieses wisse zum Bescheid: Der Schimpf, damit du jüngst mich kränktest, schuf mir Leid. Genugtat heisch ich, eher bin ich nicht versöhnt, Als bis ich dir mein schuldig Gegengelt gelöhnt. Beidseitig muß das Unrecht sein, so wirds verziehn. Hinunter in den Staub, so lernst du vor mir knien.» Die Fäuste warf empor die stolze Königin Und schickte dieses Wort dem Unverschämten hin: «Was auch geschehe, Zeus, und was ich tu und lasse, Die Antwort lohn ich dir mit meinem ewigen Hasse.» Der Drohung wurde der Bescheid: «Der König spricht: Gib her den Haß, um deine Liebe werb ich nicht. Dich zu zerreiben ists, was einzig ich begehre. Jetzt wähle und entscheide, kniee oder kehre!» Der König sprachs, die Königin vernahms nicht gerne. Befehlen lag ihr nah, allein gehorchen ferne. Da plötzlich dachte sie des lachenden Apoll, Und Schimpf von jedem andern schien ihr ehrenvoll. «Fürwahr, jetzt will ich knien, Apoll zu Leid und Pein!» Und bald dem linken sprach sie, bald dem rechten Bein, Jetzt bittend, jetzt befehlend, Trost und Mahnspruch zu. Doch jedes flüsterte zum andern: «Tu es du!» Und wie nun ewig keins zu knieen sich entschloß, Sandt eine letzte Botschaft sie zum Schluß ins Schloß: «Grausamer Zeus, zum letzten Male laß dich fragen, Ein ehrlich Wort sollst du mir klar und bündig sagen: Wirst du mit deinem frevlen Arm die Gattin stützen? Vor jeder Ungebühr die Fürstin blutig schützen?» Sie frugs, und Antwort kam von Zeus ihr allsofort: «Also gelob ich redlich dir mit bündigem Wort: Ich will dir Schild und Panzer sein, dein Schwert dir werden. Wer immer je mit Blicken, Worten und Gebärden Dem Weib des Zeus versagt die ziemende Gebühr, Mit meinem roten Zorne juck ich jach herfür. Es bringt ihm selbst, nicht deinem Ansehn Schaden. Im Blut der Schuldigen will ich deine Hoheit baden. Fällt ein Unschuldiger mit, ich nehms nicht so genau. Denn gilts den Dienst der Gattin, bin ich scharf und rauh.» Da sprach das linke Knie: «Man siehts nicht bei der Nacht.» Das rechte sprach: «Am Tage wird mirs eingebracht.» Mit diesem bogen sie die königlichen Glieder. Und eine Brücke ließ sich jetzt vom Schloßtor nieder, Sich langsam senkend, ruhend über Schlucht und Graben, Drauf Zeus erschien mit ehrerbietigem Gehaben. «Gruß deiner Hoheit», sprach er, «mehr noch dem Verstande! Getrost, vor Zeus gekniet zu haben, bringt nicht Schande. Tritt ein, erhabne Königin, tritt fröhlich ein! Ich will dein strenger Schirmvogt und Gebieter sein.» Er sprachs. Und als sie kaum ins Schloß getreten war, Stieg sie aufs Dach und gab der Amazonenschar Über den Wald hinüber mittels Feuerzeichen Den heimlichen Befehl, sich in die Burg zu schleichen. Und so geschahs. Doch als sie sämtlich Unterschlauf Im Schloß gefunden, stieg die Brücke wieder auf. Achter Gesang Krieg und Versöhnung                       Schon rötete den Tag der Morgensonne Kuß, Und durch das Sieb der Blätter rieselte der Guß Der Zitterstrahlen in die grünen Waldeslauben, Der Käfer Surren weckend und der Turteltauben Verliebtes Gurren. Aber träg und traumbefangen Schlief noch Apoll, die Stirn von Schlummergold umhangen. Ihm log der Traum, daß er im Hochzeitsbette läge Und Heras wundersamen Leib im Arme wäge. Ists Traum? Ists Wahrheit? Sachte schickt er seine Hand Zu fragen, wo in Welt und Raum er sich befand. Doch wie nun statt beseelten Lebens Gegenwart Der leere Wagen traf den Finger fremd und hart Und des verwunderten Gehörs gespanntes Lauschen Nicht mehr vernahm des Busens traulich Atemrauschen Und keine Antwort brachte seine Stimme wieder, Sprang er erschreckt empor und sperrte weit die Lider. «Ach, weh mir ungetreuem Wächter!» schrie er klagend, Das Haar zerraufend und die Brust mit Fäusten schlagend, «Ein feindgesinnter Dämon hat mir unverspürt Den muntern Geist zur Unzeit, ach, mit Schlaf verführt Und während luftige Hoffnungsträume mich umwoben, Ist, was in Wahrheit ich bereits besaß, zerstoben.» Mit diesen Worten griff er Pfeil und Bogen auf Und jagte durch den Wald davon in hastigem Lauf, Beständig in die Luft den teuren Namen schreiend, Den Schlaf verwünschend und der Sündenschuld sich zeihend. So stürzt, wenn er der Hindin Angesicht verlor, Mit witterndem Gemäul und aufgeregtem Ohr Laut röhrend durch das Unterholz und widerwirsch Und schüttelt seines Hauptes Stolz der Edelhirsch. Also Apoll, doch ratlos nicht und blindlings nur, Ihn leitet eine sichre, wundersame Spur, Verläßlicher und deutlicher als Stapfen täten: Denn wo auch flüchtig nur der Fürstin Fuß getreten, Verblieb ein Farbenschein, als ob ein Kleinod glühte Mit Pfauenglanz, das Regenbogensonnen sprühte. War aber wo die Irisflammenspur zerronnen, Winkt ihm ein Haar, aus samtner Mitternacht gesponnen. Und also hitzig jagend, wie der Windhund spürt, Des Eifer keine Schranke hemmt, kein Mahnruf rührt, Vernahm er plötzlich wirres Laufen und Gesprenge Vom Schloß herüber durch den Tann wie Volksgemenge, Und sein erregter Argwohn hört ein Unheil läuten. «Wer sah die Königin? Was will der Lärm bedeuten?» Bot er dem nächsten Trupp entgegen. Doch sie sahen Ihn seltsam an und wichen aus bei seinem Nahen. Wie wenn der Arbeit ledig, drin sein Fleiß gewaltet, Heimwärts ein Mann die frohe Ungeduld entfaltet Und sieht ein flüsternd Nachbarvolk sein Haus umstehn Und keucht herbei: «Weh mir! Wen trafs? Was ist geschehn?» Doch keiner hat den Mut, das Schweigen aufzubrechen, Den Dolch der schlimmen Zeitung ihm ins Herz zu stechen, Er aber fliegt mit Doppelsätzen, sinnverwirrt, Dem Anblick in den Rachen, der ihn malmen wird, Des Unheils Art zu lernen und den Grad der Schwere, Ob nicht die Wahrheit milder als die Ahnung wäre: Also durchstürmt Apoll die aufgeregte Masse Des Volks. Doch wie er aus dem dunklen Waldgelasse Gelangte nach dem Graben vor dem Schlosse jetzt, Stemmt er den Fuß und prallte rückwärts, geistentsetzt. Denn siehe, wahrlich, oben auf des Schlosses Zinne Sie selbst, die Falsche, die Verräterin, in Minne Mit ihrem weißen Arm den Räuber Zeus umfangend. Herum die stolzen Amazonen, farbenprangend, Mit Pfauenbüschen, Spießen, Schwertern und Standarten. Sprachlos vernahms Apoll, und seine Augen starrten. Sein Geist entwich, der Atem mied ihn eine Weile, Und kraftlos aus den Fingern glitten ihm die Pfeile. «Seh ich Gespenster? Oder foppt mich Traumbetrug?» Er griff sich an den Kopf: «Ist jemand dort nicht klug?» Rieb sich die Augen, spornte seine Phantasie, Doch dieser Falschheit Urgebirg erstieg sie nie. «Dämon, mein edler Dämon, gib mir des Gewähr: Wes Brauches lebst du? Rede! Wannen kommst du her?» «Ich komme her vom Sonnenberg der Überwelt, Und meines Brauches ist die Wahrheit tagerhellt.» «Steht unsereinem an, mit Niedertracht zu fechten?» «Verzieh! Mit Weibesfalschheit kann ein Held nicht rechten.» Darauf das Antlitz rückwärts wendend, schroff und harsch: «Schafft einen räudigen Hund mir!» so befahl er barsch. Also geschah. Doch zornig herrscht Apoll: «Zu rein! Ein Hund ist sauber, eine Hündin muß es sein.» Und als auch das geschehen, tat er flink am Nacken Mit schuhbewehrter Hand die räudige Hündin packen, Schwang sie empor und zeigte nach der Königin: «Tfuh! Schließ die Augen! Puh! Sieh nicht nach Hera hin! Kein Balsam kann dir helfen, keine Salbe nutzen, Der Blick der Buhlin wird auf ewig dich beschmutzen!» Es riefs Apoll und warf die Hündin weg im Schwang, Darauf entfernt er sich weitab in festem Gang. Umsonst versuchten ihn mit freundlicher Gewalt Die Brüder umzustimmen. Ohne Aufenthalt, Den Bitten taub, ließ er die Freunde hinter sich Und schlug sich ins Gebirge unabänderlich. Nun aber tobte gegen Zeus der Kriegessturm, Und Zorn- und Rachewolken bäumten sich zum Turm. Die Burg zu brechen meinten trotzig die Titanen, Versuchend, eine Brücke nach dem Schloß zu bahnen, Dem grimmen Ares, dessen Schlachtruf aus der Weite Die Haufen holte, stellte Pallas sich zur Seite, Die Lanze hoch, die Stirn empor, den Helmbusch auf, Und jauchzend lief das Volk mit ihrem Siegeslauf. Hermes derweil, als Brautgebühr und Hochzeitssteuer, Beigt um den Graben einen Reisigkranz zum Feuer. Poseidon unternahms, den Bergbach einzudämmen, Gewillt, das Räubernest mit Wasser einzuschwemmen. Die wankelmütigen Autochthonen, stets dabei, Wenn Furcht sie nicht mehr bändigte, zur Meuterei, Gesellten treulos, ihrer Fürstin ungeacht, Die eignen Truppenscharen zu der Übermacht. So wälzte sich von allen Seiten tausendfache Gefahr herbei, und hochauf brandete die Rache. Doch wie der Maiblust, wenn der schwüle Fegwind feuchtet, Die Luft durchreisend, vor dem finstern Himmel leuchtet, Schwebt über all der Gärung Aphrodite hin, Im Sechsgespann, umjauchzt als Gegenkönigin. Doch Moira spottete der Feinde Überzahl. «Ich weiß ein Schnäblein, bissiger als Erz und Stahl. Zwar schlägt es blutige Wunden nicht, doch stiftet Leid.» Sie sprachs, und zum Olymp empor schwang sich der Neid. Kaum daß er seinen bleichen Schnabel eingesetzt, So war der Bund entzwei und Freund mit Freund verhetzt, Poseidon sprach zu Hermes: «Wie sich Ares bläht, Sich auf den Schenkeln wiegt und in den Hüften dreht! Fürwahr, man soll mich länger nicht Poseidon heißen, Die Königskrone will ich diesem Fant entreißen.» Hermes erwiderte: «Gewiß, du redest wohl. Doch glaubst du dir, Poseidon, denn ein Monopol? Du stehst nicht einzig, andre wohnen neben dir. Gebührt die Krone wem, warum nicht eben mir?» «Darüber», rief Poseidon, «tät mir leid zu reden. Mich lächerts. Herrschaft schickt sich nicht für einen jeden.» «Oho! Worin wohl», schrie ihm Hermes zornig zu, «Du Blasbalg, sag doch, bin ich schlechter denn als du?» Und also fort. Der Hochmut schwoll, der Dünkel dampfte, Als Ares königlichen Tritts vorüberstampfte. «Friede! Was geht hier vor?» heischt er gebieterisch. Sie schäumten ihm entgegen: «Deinen Kehricht wisch!» So diese. Aber ärgerlich zu Artemis Bog sich die kühne Pallas und versetzte dies: «Was ist das für ein sinnlos Jauchzen und Geschrei Um Aphrodite! Sind denn nichts wir andern zwei? Man preist sie schön. Ward Häßlichkeit denn uns zuteil? Ihr Liebreiz? Der ist billig, denn sie hält ihn feil. Sieh, wie sie mit den Äuglein keckt, die Lippen leckt; Jetzt halb den Busen, pfui! und jetzt ein Bein entdeckt. Ich aber will mich ungesäumt des Werks befleißen, Sie von dem stolzen Wagensitz herabzureißen. Fall du indessen nur den Pferden in die Zügel!» Doch Artemis: «Ich diene keinem Fuß zum Bügel. Beliebt es dir, so magst du selbst die Pferde halten.» «Bescheiden möge jeder seines Amtes walten.» «Bescheidenheit ziemt dir», fuhr Artemis dazwischen. Hoch richtete sich Pallas auf und rief mit Zischen: «Brauch nicht mit deiner künftigen Herrin diesen Ton!» «Uhu! Blindeule! Deine Herrin steht hier schon.» Verwundert nahm Hephaistos die Verwirrung wahr: «Ich bin ein biederer Zyklop, bescheiden gar, Doch seh ich nach dem Thron Poseidons Fäuste langen, Darf ich des nämlichen mich füglich unterfangen.» Darob erstaunte Uros der Zentaur: «Sieh doch! Von Königskronen träumt ich gestern nimmer noch. Doch wenn ich seh Hephaistos nach dem Zepter greifen, Was sollt ich hier allein im Hintergrunde schweifen?» Und also fort. An allen Enden Zank und Zwist, Und aus der Scheide flog das Schwert in kurzer Frist. Man rottet sich. Dem Willen steht der Widerwille. «Wag du den ersten Mordstreich!» schwieg die Totenstille. Doch siehe da – Irene, vor die Reihen tretend, Die Hand erhebend und Gesichte gläubig betend: «Ein alt Gedenkbild, Freunde, wird mir offenbart, Erinnrungskunde hab im Herzen ich bewahrt. Ich weiß gewiß: wir haben ehedem geweilt In einem seligen Land, wo aller Kummer heilt. Ein Schrein ward uns vertraut, ein Kleinod liegt darin, Das wehrt dem Bruderkrieg und zähmt den Eigensinn. Das Wunder zu erwähren schafft geringe Sorgen. Mich denkts, im Tempel hätt ich selbst den Schrein geborgen.» Und als berittne Boten rasch sich aufgemacht Und aus dem Tempelschatz das Kästlein dargebracht, Da zielten aller Augen einzig auf den Schrein, Gespannt, welch Kleinod möchte drin enthalten sein. Was war es, was Irenes Finger suchend fing? Ein staubiger Wanderschuh, verächtlich und gering. Doch kein Juwelgeschmeid, nicht Gold noch Silberglanz, Nicht des Rubins und nicht des Demants Feuerkranz Bewirkt ein solches Wunder je von ferne nicht Wie dieser plumpe Wanderschuh, unwert und schlicht. Der Neid entfloh, das Werk der Zwietracht war zerstört, Schluchzen ringsum und weinend Stammeln ward gehört. Dieweil der Schuh den Göttern ins Gedächtnis sprach, Daß längst verstorbne Bilder wurden wieder wach: Des Hades düstres Regenhaus, der Höllenhund, Der Auszug durch den atemlosen Felsenschlund, Des Kronos grauser Sprung, der Hebe bittre Nüsse Und der geliebten Himmelstöchter Freundschaftsküsse. «Ach Brüder», schluchzten sie «was soll der Streit uns frommen? Sind wir deswegen fernher zum Olymp gekommen, Um uns zu hassen, zu bekriegen, zu zerfleischen? Wer zwingt uns denn, des Nächsten Weh und Leid zu heischen? Sei König, wer da mag! Fahr hin! was liegt dabei? Doch uns zu lieben, Brüder, Schwestern, steht uns frei.» Jetzt Pallas trat, die Kluge, spruchbereit hervor: «Gönnt mir zu reden, Freunde, leiht mir euer Ohr. Wohl dem, dem Huld und Lieblichkeit im Herzen spielt! Doch gilts zu handeln, merk, was der Verstand empfiehlt, Dieweil nun nämlich doch verlangt Anankes Schluß, Daß uns ein König sei, ein Herr entstehen muß, Indes der einzige, vor dem sich jeder beugt, Er, den der Ruhm bekennt, dem selbst ein Dämon zeugt, Der herrliche, der unvergleichliche Apoll Sich unserm Wunsch entzieht, gekränkt, empört von Groll, So werde denn, da uns der Helden bester fehlt, Aus der Bewerber Zahl der Auswürfling erwählt. Es tut dem Ehrgeiz minder weh, dem Schelm zu weichen, Als hintenan zu stehn dem Manne seinesgleichen. Nie wird Poseidon Hermes König nennen wollen, Und Hermes wird Poseidon mühsam Ehrfurcht zollen. Dagegen Zeus erträgt der Stolz von obenher. Denn jeder denkt: eh als ein andrer, lieber der! Das hält. Nun will ich noch den Nachbaracker pflügen: Die Schwester wird sich nimmermehr der Schwester fügen. Es leidet weder Aphroditen, weder mich Die herbe Artemis als Fürstin über sich. Ich wieder dulde weder sie noch Aphroditen, Und diese wird sich beider Übermacht verbitten. Viel minder einer Fremden, wer sie immer wäre, Mißgönnen wir die Macht und weigern wir die Ehre. Drum rat ich: Nehmt vorlieb! Laßt sitzen auf dem Throne Mit ihrem Zeus die schnöde Jungfer Amazone.» Pallas, die Kluge, sprachs. Verständig schien das Wort, Und freundlich murmelnd pflanzte sich der Beifall fort., Ein Täflein heischte Pallas jetzt und einen Stift Und schickte dem Verräter diese Friedensschrift: «Pallas entbietet Zeus: Im Namen aller Götter, Du schnödes Ungeheuer, Krondieb, Rechtsverspötter, Da du den Thron nun einmal hast, magst ihn behalten. Die Braut dazu. Bekomms! Nun möge Friede walten.» Zeus schrieb zurück: «Den Urlaub, den ihr mir beschieden, Brauchts nicht. Ich hab den Thron. Doch sei es um den Frieden.» So wurde Friede denn gesetzt im ganzen Land Und Zeus von aller Welt als König anerkannt. Und eine Hochzeitfeier, wie sie keine noch Die Welt vordem geschaut, wie grau ihr Alter doch, Ließ Zeus, den Geiz und Knauserei nicht quälten, Zurüsten seiner königlichen Anvermählten. Da ruhten alle andern Sorgen und Geschäfte, Dem nahen Fest zu dienen wirkten alle Kräfte. Und einen Boten schickte Moiras Huld zu Zeus: «Das Fest, das jedermann ergetzt, auch dich erfreus. Von Mitternacht zu Mitternacht, den ganzen Tag Der Hochzeit werde, was dein Herz sich wünschen mag.» «Mein Wunsch?» erklärte Zeus. «Wohlan, ich wünsche mir, Daß mir zum Ruhm an meinem Tage Mensch und Tier Nicht dulde weder Seelennot noch Leibespein. Der Traurige soll froh, der Kranke schmerzlos sein.» Und wie nun stets die Stunden auf die Zeitenspindel Die Hore spann und der Minuten Kleingesindel, Kam an des Tages Vortag, der zum Fest erkoren, Wohl eine schlimme Mär der Königin zu Ohren: Es hätten sich mit Aphroditens Haß verschworen Pallas und Artemis, daß keine dieser drei Wohnte mit ihrer Gegenwart dem Feste bei, Verschmähend, ihr den schuldigen Kniefall zu gewähren Und Handkuß und die andern königlichen Ehren; Vielmehr, um die Verachtung frei zu offenbaren, So wollten sie dem Festzug in die Speichen fahren, Mit fürstlichem Gepräng, den Königswagen hindernd Und also ihr im Lande Furcht und Ansehn mindernd. Und also fort. In ewiger Meuterei beharrend, Die Fürstin ärgernd und mit allen Kräften narrend. Ein nächtlich Niemandweiß und heimlich Stelldichein Im stillen Wald entbot die Fürstin jetzt den drein, Ob sie mit sanftem Wort in gütlichem Verhandeln Vermöchte, bittend ihren Meutersinn zu wandeln Oder vielleicht mit einem kleinen Tauschgeschäfte Um einen billigen Preis die Eifersucht entkräfte. Hera hub an: «Liebschwestern, was begehret ihr? Sagts kurz! Sprecht klar!» «Die Amazonen fordern wir.» Hera erwiderte: «Zu welcherlei Beginn?» «Sie zu erwürgen. Dieses ist der klare Sinn.» «Mund zu! Hand weg! Das will ich kräftig euch verwehren.» «So sollst du keine Art von Herzeleid entbehren.» Entrüstet floh die Königin ein kleines Stück, Dann kam sie mit entschloßnen Schritten fest zurück. «Nehmt hin, ich will euch alle meine Schätze geben.» «Wir wollen Schätze nicht, der Amazonen Leben!» «Die Hälfte meines Reichs, die Erde laß ich euch.» «Die Amazonen laß! Wo nicht: die Hoffnung scheuch!» Die Lippen nagte Hera, biß sich in die Hand, Wandte zur Flucht sich, kehrte wieder, schwankte, stand. Dann plötzlich eilte sie waldeinwärts, kniete, grub Im Boden, bis sie eine bittre Wurzel hub, Zerkaute sie und sog den Saft mit heißen Tränen, Sprang auf und schleudert ihnen heftig zu: «Hyänen! Fluch euch! Fahr hin! Nehmt alle! Außer Promachos.» «Wir fordern alle, von der Wurzel bis zum Sproß.» Sie schluchzte: «Pallas, schone Promachos! Verschone Sie, Artemis!» «Nicht eine außer. Keine ohne.» Den Gürtel nahm sie, drin ihr stolzer Leib gezwungen, Und als sie um die Augen ihn als Band geschlungen: «Ich sehe nichts, ich höre nichts, was auch geschehe. Vergebt, ihr treuen Amazonen! Weh mir! Wehe!» Nach diesem reichten sie zum Bunde sich die Hände. Und durch den Wald entschlüpften munter und behende Die Schwestern drei. Doch wie von Harz gefangen, klebten Der Fürstin Schritte, und die schwachen Kniee bebten. Und als des Hochzeittages Morgen nun gekommen, Umsungen und umjauchzt, von Glück und Glanz umschwommen, Da trug die Welt ein selten Prachtgewand zur Schau. Gemustert wie Damast erschien des Himmels Blau, Und um den Sonnenball, in dessen Mittelpunkte Ein blitzender Demant in weißem Blendlicht prunkte, Schwang sich ein siebenfacher Hof von Flammengarben, Des Feuer wechselt unaufhörlich Form und Farben. Doch unten auf der Erde wich an diesem Tage Von Mensch und Tier die mannigfaltige Not und Plage. Der Kranke rief: «Welch Wunder! Sieh, nicht schmerzt mein Bein. Ists möglich? Ach, ich mein, ich muß im Himmel sein.» Und zu der Gattin sprach der Gatte: «Weine nicht! Vergib! Hör an, was meine Reue dir verspricht.» Und alles, was ein Weltenhochzeitfest erfordert, Ereignete sich pünktlich, wie es Zeus beordert. Und keines Edlen Huldigung gebrach dem Zug, Außer Apoll. Und jeder übte Zucht und Fug. Und vor der Fürstin knieten neben Artemis Pallas und Aphrodite. Sie vermochten dies. Und als sie gar der königlichen Braut die Hände Ehrfürchtig küßten, war des Jubelsturms kein Ende. Doch wie am Abend nun im festgeschmückten Saale Die Gäste sich erlabten an dem üppigen Mahle: «Poseidon», hauchte Hermes, «Bruder, ich gestehe, So wie ich jetzt so wohl, so wollt ich einst dir wehe.» Poseidon lachte: «Dies, o Bruder, liegt im Alten. Die Freundschaft wird deswegen um so zäher halten. Doch kannst du auch, o Zeus, verzeihen deinem Gaste, Daß ich dich einst, ich wills bekennen, grimmig haßte?» «Das wollen wir», geruhte Zeus, «entschlummern lassen. Jetzt scheint mir wichtiger, den Becher anzufassen.» Doch wie nun selbst die Königin mit Aphrodite Zärtlich verschlungen, nach vertrauter Freunde Sitte, Einander unermüdlich auf die Lippen küßten, Als wenn von jeher sie von nichts als Liebe wüßten, Da flossen aller Tränen, die der Anblick rührte, Und keiner, der nicht Andacht und Bewundrung spürte. Doch als der Abschiedslärm nun durch die Hallen schallte Mit schwerer Zunge, welche stammelnd Liebe lallte, Und mit erstauntem Blick besah die Morgensterne Das Zechervolk, eh daß es heimzog in die Ferne, Spähte durchs Fenster in den Amazonensaal Arglistig Aphrodite. Wie sie dort zumal Die tapfern Kriegerinnen schaute, weinestrunken Und schlafbesiegt am Boden sämtlich hingesunken, Entwehrt, entkleidet, ohne Argwohn, waffenlos, Ein Haufe blanken Opferfleisches, atmend bloß, Da stieg sie hurtig in die Rüstungskammer, drückte Den feinen Leib in einen Kinderharnisch, bückte Sich unter einen stolzen Helm, von Golde schwer, Und einen runden Schild und einen leichten Speer Ergreifend, eilte sie auf rachefrohen Sohlen, Des Ares Mörderschar zum blutigen Werk zu holen. «Holla! Was soll das? Stürmt man so zur Tür herein?» Und siehe: Aphrodite, rot vom Fackelschein. Nie kam des Todes schauerliche Mordgewalt Einher vermummt in eine holdere Gestalt. Von Schreck gelähmt, von Schlaf und Trunkenheit umnachtet, Ward wehrlos da das Amazonenheer geschlachtet. Als aber jetzt der Amazonen Mädchenschaft, Die lieblichen Parthenier, keusch und jugendhaft, Umfingen gnadeflehend Aphroditens Knie: «Laß leben diese», meinte Ares, «schone die!» «Mitnichten», widerhielt ihm Aphroditens Zorn, «Das liebe linde Dörnlein wächst sich aus zum Dorn.» Vom Hochzeitlager schreckte Zeus: «Was hör ich tönen? Was will das gräßliche Geschrei und röchelnd Stöhnen?» Und doppelfüßig sprang er aus dem Bett zu Boden Und lauschte nach dem Hof und hielt zurück den Oden. Dann brüllt er mächtig: «Hera! Weh und Leid! Erwache! Man mordet deine Amazonen! Auf zur Rache!» Sie schwieg. Kein Laut. Nur zähneklappernd Atemzittern, Und Fingernägel, die im Kissen krampfhaft knittern. Horch: Hilfgeheul die Treppen aufwärts. Wild, im Schuß Stürzt er zur Tür. Fluch! Außen hindert ein Verschluß. Zurück, und ihre Schulter schüttelnd: «Haifisch, stumm! Sperr auf dein Mordgebiß! Gesteh, du wußtest drum!» Und da sie nach wie vor das Wort versagte, riß Er sie zu seinen Füßen, ihrer Schuld gewiß. Still litt sie die Gewalttat, steif und stockig harrte Sie seiner Strafe, weil ihr Blick ins Leere starrte. Bis daß der grausige Lärm erstickte im Gewimmer, Und siehe da: der neue Tag im Morgenschimmer. Jetzt wischte mit der Hand sich über Stirn und Haar Die Schuldige: «Vorbei! Nun ists schon minder wahr!» Und atmete genesend, wie erlöst vom Wahn. «Verruchte!» keuchte Zeus, «was hast du da getan!» Und droht ihr mit geballter Faust, zum Schlag erhoben. Ruhselig lächelt ihm ihr feiner Blick nach oben: «Gewagt, den Richter aufzuspielen, Zeus, gewagt! Hab ich den Kronendieb um Rechenschaft gefragt?» Und rankte schlangenschmiegsam sich an ihm empor, Entrunzelt ihm die Stirn und schmeichelt ihm ins Ohr: «Du Böser, von der Bösen laß ein Wort dir sagen: Es können Wolf und Wölfin minnig sich vertragen.» Von ihrem Spruch betroffen, ihrem Hauch berührt, Stand er verraten da, entwaffnet und verführt. Mit Not entwand er ihren Armen seinen Leib, Und schaudernd knirschte seine Lustgier: «Welch ein Weib!» Sie hauchte: «Wünschest du mich anders als ich bin?» Und stellte sich in nackter Größe vor ihn hin, So daß das Morgenfrühlicht, das den Raum erfüllte, Dem Trunknen ihrer Schönheit Wunderbau enthüllte, Aus dessen tausend Reizen jauchzte Genesis: Hie Wert! Und jeder andre Wert ist ungewiß! Zeus schrie: «Die ganze Welt ist eitel Truggefüge! Willkommen, Weib, du einzig lebenswerte Lüge!» Und riß sie an sich, ihrer Blutschuld ungeacht. Das war des Zeus, des Weltenkönigs, Hochzeitsnacht. Am fernen Quell im Waldgebirge grollend lag Apoll. Da horch: am dritten nach dem Hochzeitstag Naht ein Geräusch vom Walde, unten längs dem Bache, Wie wenn ein starker Keiler oder eine Bache Mit wuchtigen Tritten durch die Lorbeerstauden bräche, Den Grund aufpflügend mit dem wühlenden Gebreche. Drohend rief an Apoll: «Wer wagts? in meinen Hain? Wer du auch seist, du sollst mir unwillkommen sein.» Da schwebt ein schwarzer Schatten aus dem Wald empor, Und finstern Hauptes trat der große Zeus hervor. Auf sprang Apoll, und sein ergrimmtes Auge maß Den Feind, der seinen Ruhm, sein Reich, sein Weib besaß. Als einzigen Gruß hob Zeus den Aigismantel hoch. «Apoll», beschloß er düster, «neidest du mich noch?» Und sieh: lebendige Traufen roten Blutes troffen Innen vom Mantel, außen starrten Augen offen, Dazwischen tönt es wie von kindlichem Gewimmer, Und beide aufgesperrten Augen tränten immer. «Elender!» rief Apoll, von Grausen jach erfaßt, «Sag an, Unseliger, wie trägst du diese Last?» «Dies ist mein Herrschermantel und mein täglich Hemd, Auf ewig unabwerfbar mir ins Fleisch geklemmt. Nun sprich, antworte, Bruder, wirst du noch mir neiden?» «Ist das der Preis, sei du der König von uns beiden!» «Wohlan», sprach Zeus, «vernimm denn meiner Ankunft Grund: Willst du, so laß uns schließen einen Fürstenbund. Zwar du bedarfst mich nicht, ich kann dir nichts gewähren, Ich aber und mein Volk kann deiner nicht entbehren. In dieser Welt, von Übeln krank, von Blute rot, Tut Geist und Schönheit, tut ein Flecklein Himmel not, Ein Glücklicher, der nichts vom Pfuhl des Jammers weiß, Ein Edler, rein von Schuld, ein Held, des Helmbusch weiß. Ich kann nicht dulden, daß du feindlich ferne weilest. Ich fordre dich, daß du die Herrschaft mit mir teilest. Zwar mir der Weltenlärm, der Völker Not und Streit, Die strenge Rute, waltend der Notwendigkeit, Doch dir im lichten Ätherglanz das Reich des Schönen, Wo hoch im freien Räume die Gedanken tönen. Ich setz dir im Gebirg ein unabhängig Schloß, Darin als Fürst du schaltest mit Gesind und Troß: Vor seiner Schwelle ende meines Zepters Fug. Ich heische kein Entgelt. Dein Dasein gilt genug. Nun laß durchs Ohr ins Herz dir meine Rede rinnen.» Apoll erwiderte: «Ich heische kein Besinnen. Vom Bösen bist du, Unhold, aber groß und wahr. Die Freundschaft schlag ich aus, das Bündnis nehm ich dar.» Er sprachs. Mit diesem schieden friedlich und versöhnt Er, der die Welt beherrscht, und der, der sie verschönt. Dritter Teil: Die hohe Zeit Erster Gesang Moiras Gnade                   Frühmorgens trippelte vom Gärtlein Unbekannt Das Knäblein Eidolon, mit Namen 'Glück' genannt. Ein Puppenfahrzeug schleift es, wonnigen Gesichts Die Locken wiegend, hinter sich, gefüllt mit nichts; Sang leise vor sich hin, verträumt, im Trällerton, Des Wegs nicht achtend. Ob auch hin und wieder schon Das Fuhrwerk kenterte, die Fracht litt keinen Schaden: Geduldig ward es aufgerichtet, neu beladen Mit Schein und Schemen; nun ein höher Lied zum Preise Der Mühetat, und weiter stolperte die Reise. Und alle Völker eilten auf das Feld geschwinde, Mit feuchten Augen seufzend nach dem seltnen Kinde. Und Sehnsucht schmolz, und Güte taute rings umher. Vom höchsten Himmel, drohend von der Mauerwehr, Blickte die Schicksalsgöttin, Moira die Gestrenge, Die Jagd des Lebens musternd und den Markt der Menge. Obschon sie steif und starr, ein Stein auf Steinen, stand, Ihr finstrer Schatten, kletternd von der Weltenwand, Verriet die Schreckliche; und winselnd floh das Grauen. Denn furchtbar war der Göttin Richterhaupt zu schauen: Da blüht kein Mund, da spielt kein farbig Augenlicht, Denn eine Eisenmaske hehlt ihr Angesicht, Mit Hörnern aus dem Helm, wo in verborgnen Schlitzen, Zehnfach von Erz umschlossen, ihre Ohren sitzen, Auf daß das Betteln sie nicht höre und die Schreie Der Erdgebornen und der Flüche schwarze Reihe, In dichten Massen hinter ihrem Haus versammelt, Heftig die Pforte rüttelnd, Tag und Nacht verrammelt. Als kaum ihr Blick das Knäblein Eidolon vernahm, Das arglos in die schlimme Welt getändelt kam, Ließ sie die Hörnermaske fallen, wand ums Haupt Zum Friedensgruß ein knospend Kränzlein, zart belaubt, Umgab die Schultern mit dem weißen Kleid der Gnade, Erhob den Fuß – und stieg hinab die Weltenpfade. Am Kreuzweg hielt sie, dann mit leichtem Achselstoß: «Der Erde hilft kein Arzt, der Bresten ist zu groß.» So sprechend bog sie seitwärts zum Olymp empor. Erbarmen trug sie mit, Gewährung schwebt ihr vor. «Was stehst du, Königin, im goldnen gütigen Tag Einsam mit düsterm Blick, versteckt am Gartenhag, Die Augen rollend und die Lippen blutig beißend, Mit heftiger Hand die Rosen von den Büschen reißend?» So grüßte Moiras milde Frage. Hera sprach: «Wie mir geschieht, nicht wahr, ist auch mein Mut danach. Hörst du vom Hofe das Gelaufe, Waffenklirren Und Hufgestampf, wie sie die Reiserosse schirren? Wer fragt nach mir? Die Fürstin zählt für nicht vorhanden. Zeus hat zu tun, Zeus hat Geschäft in Menschenlanden. Die andern Fraun, die dreimalglücklichen, befreit Vom Joch des Throns, genießen eine Gnadenzeit, Ein Stündchen Freud und Frieden, eine kurze Frist, Da ihr Gemahl, der noch ihr Freund und Diener ist, Nicht ihr Gebieter, ihnen sich ergibt zu eigen. Die nüchternen Geschäfte läßt er billig schweigen, Das Weltall ist ihm feil, nur ihr mag er gehören, Und seine Schwüre, seine Seufzer darf sie hören. Ich aber, am Altar geopfert, nicht getraut, Was hab ich von dem königlichen Gatten traut? Vielleicht ein karges Schmeichelwort, gewährt mit Hast, Und ab und zu ein Lächeln, aus Versehen fast. O ich begreif und schweige, ich beklag mich nicht. Geh nur! geh! geh! ich weiß: vor allem kommt die Pflicht. Der Herr hat sein Geschäft, der Herr hat halt zu tun. Ich aber steh verlassen und vergessen nun.» «Du bittre Königin, gesteift mit Stolz und Trutz, Sag Dank, des heutigen Tages Huld kommt dir zu nutz. Ich habe deinen Wunsch vernommen und gewährt, Den Willen deines hohen Gatten umgekehrt, Daß er nicht reist nach Erden fern ins Menschenland, Sondern die Fahrt verjährt und Zug und Zeug entspannt Und lenkt zu dir zurück den sehnsuchtsvollen Schritt. Nach Liebe dürstend, selber Liebe bringt er mit. Ein weitres gönnt dir meine Gnade über das: Nimm dieses Zauberreiflein hier von schlichtem Glas, So oft dein Finger, mit dem Zauberring bereift, Über die Stirn des königlichen Gatten streift, Kann er der ernsten Weltgeschäfte nicht gedenken, An dich allein nur muß er Herz und Seele henken. Doch willst du dir ein dornenloses Nestlein betten, Laß ihn nicht spüren, rat ich, deine Liebesketten: Freiwillig schlüpf er und mit Freudigkeit hinein. Darum bezwing dich, merk den Mann und führ ihn fein. Untätig allezeit sich nach dem Weib zu strecken Ertragen nur die allerwindigsten der Gecken. Ein Mann kann anders nicht als willenstätig ruhn, Mit einer kräftigen Kurzweil muß er sich vertun. Das Bauspiel ist der königlichen Herren Zier: Darum vergaum ihn mit dem Bauspiel, rat ich dir, Beginnend mit dem Dachstuhl, folgend mit dem Erker. Je mehr er baut, je mehr wird seine Baulust stärker. Bis er die Stirn sich wischt und jammert spät und frühe Mit seligem Blick: ‹O weh der übermächtigen Mühe!› Dann lobe seine Kunst; herzhaft, du darfst es wagen. So schafft ein kluges Weib dem hohen Herrn Behagen. Und willst du nach des Urlaubs Frist und Ende fragen, Vernimm die Antwort, grab sie ins Gedächtnis ein: Zeus bleibt dem Zepter fern, gehört nur dir allein, So lang das Reiflein deinen Finger noch umringt. Doch sieh dich vor! Das Zaubergläslein, wisse, springt, Wenn deine Bosheit reizt den ersten Ehezwist. Nun frag dich selber, was dein eigner Vorteil ist.» Zufrieden meinte Hera: «Wohl mir, denn fürwahr Mitnichten reich ich meinem Gatten Bosheit dar.» Blinzelnd erwiderte die Schicksalsgöttin: «Offen Gesagt, ich glaub es nicht, einstweilen mag ichs hoffen.» Und als nun pünktlich also, wie ihr Mund gesprochen, Geschehen war, der Zug nach Erden abgebrochen Und zu der ungeduldigen Gattin der getreue Gemahl zurückgeeilt, geführt von Lieb und Reue, Begann und sprach nach einem Stündchen Kuß und Kosen, Vollbracht im Seelenvollen und Gedankenlosen, Die Listige: «Der Dachstuhl, wehe! wisse, wässert.» Und als er kurzerhand den Schaden ausgebessert, Glitt sie zur Mauer, von der Mauer nach dem Erker: Je mehr er baute, wurde seine Bauwut stärker. Bis er den Schweiß sich wischte und die saure Mühe Des schweren Werks verwünschte, selig spät und frühe. Sie aber lobte seine Kunst; er konnts vertragen. So schuf die kluge Frau dem hohen Herrn Behagen. Doch Moira sprach zu sich: «Zum Haupt gehört der Kranz. Und hast du etwas angefangen, schaff es ganz!» Dieweil doch Liebesleuten Zudrang nicht vonnöten, Ließ sie die Klingelzüge sämtliche verlöten Und Tür und Tor verrammeln, außer einem Pförtchen Hinter der Küche, das sich auftat auf ein Wörtchen. Damit dem Frieden aber auch kein Brieflein schade, Schrob Moira vor den Eingang eine Wunderlade, Mit einem Siebe, welches jede Sendung seihte. Vernünftige Briefe freilich, fröhliche, gescheite, Beförderte das Sieb mit Schmunzeln flugs ins Haus, Dagegen unwillkommne Schreiben würgt es aus. Allein wer schützt des Königspaares freien Wandel Vor lästiger Leute Luftgeschwätz und Weisheitshandel? Drum legte sie an Hundes Statt zwei grimme Greifen Vors Tor, die mußten mit dem Königspaare schweifen. Zum Schluß, als dies geschehen, pflanzte sie hernach Die grüne Fahne Olbia auf des Schlosses Dach, Die seidne, deren Wimpelvorhang, zwiegespalten, Bauschend das Haus umzitterte mit stolzen Falten. Darunter schwebten Tag und Nacht im Gleichgewicht. Den Vorhang schürzt ein Wind: da sprühte spritzend Licht. Doch sieh: was Zartes trippelt da auf Kindersocken Zum fahnenschattigen Schloß im Mantel goldner Locken? Bangt dir nicht vor den argen Greifen, Eidolon? O Graus! Da schwankt es durch die bissige Gasse schon, Fiel über eins der Ungetüme Stolperdings. Unglaublich! Sieh: die Greifen wichen rechts und links, Liebheulten vor Vergnügen, geiferten in Gnaden: «Entschuldige, verzeih!» und stupften ihm die Waden, Gern ward dem Kind das Hinterpförtchen aufgetan. Im Schlosse trällerte sein Singelsang fortan. Und siehe, seiner Morgenstimme rosig Lächeln Vertrug sich mit dem waldesdüstern Fahnenfächeln. Also, von Mühsal schwer, im frohen Reich des Schönen Fand Zeus ein Schöpferglück in ruhigem Gewöhnen. Hinaus aufs Baufeld trieben ihn mit jedem Morgen Die aufgesparten lieben, ungeduldigen Sorgen, Wo er mit meisterhaftem Blick den Handwerksleuten Mocht einen Rat vergönnen, einen Wunsch bedeuten, Leutselig, sich als Gleicher zwischen Gleiche stellend Und zum verhüllten Tadel offnes Lob gesellend. Und aus des Urteils nie befriedigtem Genüge Wuchs herrlich himmelan des Wunderwerks Gefüge. Dann, heimgekehrt beim letzten Abendfeuerblitz, Nahm er das Weltenbuch, das vom gebäumten Sitz Der Adler Brontiphor behütet, jetzt zur Hand, Das schwere, wichtige, worin geschrieben stand, Was seit Beginn der Welt im wechselvollen Leben Sich alles hat auf Erden und Olymp begeben. Ein weniges nur las er. Doch mit großem Schwung Die Seele werfend, schöpft er aus Erinnerung Und Ahnung in vertieftem, tauchendem Versenken Vergeßne Geister; und ein Schauen wars, nicht Denken. Mitunter hob er, wenn von ernsten Bildern voll Das Herz ihm überflutete, das Haupt. Dann quoll, Entsendet von der Fensterscheiben Widerschein, Die Gegenwart in die verträumten Augen ein. Der Adler, auf des Herren Schulter kauernd, hackte Zum Spiel nach seinem Finger, den er schonend packte, Und stellte seinen zottigen Fuß, aus Freundschaft eitel Und Zärtlichkeit, vorsichtig auf des Königs Scheitel. Da rauschten Frauenschritte. Feindlich blasend wich Der Adler auf den Baum zurück und sträubte sich. Und Hera bog sich auf des Gatten Schulter, wand Der schmeichlerischen Arme flaumigweiches Band Ihm um den Hals. «Lies fleißig weiter», haucht ihr Mund. Doch andre Meinung gab ihr feuchtes Auge kund. Und nach verscheuchten Sorgen fand die Liebe Raum. Allein des Nachts im Schlafe führt ein stolzer Traum Den König ins Gebirge. Zacken hoch und hehr Verschlossen rings das Tal, und neben ihm einher Bewegte sich von Säulen ein lebendiger Gang. «Herbei!» befahl er. Links und rechts dem Weg entlang Entwimmelten die Blöcke aus dem Felsenbruch. «Auf!» Und sie türmten sich nach seinem Willensspruch. Kaum aber, daß er drohend mit den Brauen nickte, Erbebte rundum das Gebirge, schwankte, knickte Und sank in sich zusammen. Aber langsam, schau, Stieg es verjüngt empor, geformt, gefügt zum Bau. Nicht eine Wildnis mehr: es hatte Herz und Seele, Und dichtend schritt der Geist durch die erhabnen Säle. Den Finger zeigte Zeus und kehrte sich im Kreise: «Jetzund vergleich, du Wicht, und deine Werke weise, Ananke! Zwing das Weltall, meistre die Natur! Ich bin der König. Du: dich grüß ich 'Häuptling' nur.» Und als nun Moiras Rückschau von der Himmelswacht Das Werk betrachtete, das ihre Huld vollbracht, Und sah das minniglich verbundne Königspaar Einhellig, gegenwartvergnügt, der Sorgen bar, Kein Unheil schleichend, keine Arglist sie umgehend, Die grüne Fahne Olbia hoch vom Dachstuhl wehend Und durch das Haus treppauf, treppab den Silberton Des inzufriednen seligen Knäbleins Eidolon: Da kam von all dem Lieblichen, das sie getan, In schönem Rückschwall sie erneute Rührung an. «Der guten Stunde Wahrspruch lautet 'Überfluß'. Auf alle Welt erstrecke sich der Gnadenguß! Das Glück soll nicht vor einer einzigen Schwelle ruhn.» Und eine frohe hohe Zeit beliebt ihr nun: «Ich will ein großes Weltenfrühlingsfest beschließen, Die Götter vom Olymp hinab auf Erden gießen, Den alten Tränenboden freundlich zu verjüngen, Das ausgelebte Feld mit Mut und Geist zu düngen, Zwar ohne Schranken, frei, in wilder Anarchie, Daß niemand sie zur Rede stelle, was und wie. Den Göttern aber einen Anfangsschwung zu leihen, Will ich dem Weltraum einen neuen Anstrich weihen, Der Luft ein wärmer Blau, dem Wald ein frischer Grün, Und lodernd Lebensfeuer soll die Sonne sprühn, Singvögel, neue, um die Höhe zu verschönen, Mit einem Glockenspiel, den Frühling anzutönen.» Und in den Weltenwerkhof mit dem Schlüsselbunde Begab mit festen Schritten sie sich jetzt zur Stunde. «Hinweg mit dem verbrauchten Rumpel, abgenutzt! Huida! die Welt mit jungen Farben aufgeputzt!» Gesagt, gehorcht. Das gab ein Waschen und ein Scheuern. Gebirg und Tal und Himmel ließ sie schön erneuern. «Sagt selbst: ists jetzt nicht wahrlich eine andre Schau? Dem Horizont dort hinten noch ein bläuer Blau!» Singvögel aller Gattung ließ sie dann befehlen, Sah ihnen in die Schnäbel, spülte Kröpf und Kehlen. Endlich die Wendeltreppe nach dem Glockenzimmer Erstieg sie mit Harmonidas, dem Glockenstimmer. «Laß einmal diese hören! Dort an jene poch! Hast du», frug sie entmutigt, «keine andern noch? Die hier, die quaken einen niederträchtigen Ton.» «Die Kenner sagen: Üb dich, so gefällt dirs schon! Es ist noch eine irgendwo an einer Stelle, Allein die Kenner sagen: Ech! zu hoch! zu helle!» «Geh hin und such sie immer. Schaff die Glocke dar! – Wohl mir! o Wonne! tönt die Glocke wunderbar!» «Mir schiens am Anfang auch so. Doch dem äußern Erz, Sagten die Kenner, fehlt die Seele, mangelt Herz.» «Zeig, laß mich nochmals hören, wies geklungen hat.» Gehorcht. Und nie ward Moira des Gehöres satt. Und als die letzten Töne sangen «sim» und «sum», Hielt sie ihr Herz daran und schlang die Arme drum: «Wie trübt nur deinen sonnigen Sang nicht Dunst und Dampf! Kennst du nicht auch der Leidenschaften Qual und Kampf?» Die Glocke sprach: «Ich dachte, mich triffts, ob ich leide. Den andern, dacht ich, schuld ich heitre Ohrenweide.» «Begriffen», sagte Moira, «Größe stimmt dich schön. Die Glocke», rief sie, «sollt ihr auf den Turm erhöhn!» Und als nun schöngekämmt und spiegelblank, wie neu, Gleich einem jungen Fräulein stand das Weltgebäu, Kamen zwölf Schicksalsboten gen Olymp geritten, Und eine Tafel hielten sie empor inmitten. «Den Göttern sämtlich», schrieb die Tafel, «kund zu wissen: Moira, die Schicksalsgöttin, gnad- und huldbeflissen, Erlaubt der Königin zu Ehren und gewährt, Solang die Fahne Olbia auf dem Schloßdach währt, Euch allen eine unumschränkte Anarchie, Keinem befehlend noch verbietend, was und wie. Die weite Welt steht offen. Wählt nun! Wer da mag, Liege daheim. Doch morgen früh beim ersten Tag, Sobald ihr werdet obenher vom Weltenturm Die Frühlingsglocke läuten hören Freudensturm, Darf jedes Laune auf beliebigen Geleisen In alle Winde oder nach der Erde reisen. Einzig der Menschengau auf Erden vorbehalten, So ob als nid dem Wald: des wird der König walten. Nun tue jeder, was ihm gut dünkt und bequem. Glück auf! Flieg aus! Der Frohmut ist mir angenehm.» Wie wenn am mittagheißen Tannenwaldesrand, Der Eltern Ruf mißachtend, eines Knaben Hand Den Stecken grausam stochert in den Emsenhaufen Und zornigen Gewimmels rennt empörtes Laufen Des Kriegervolks dem Feind entgegen, Haß verheißend Und todverachtend in die Waffe sich verbeißend, Indes die angsterfüllten Mütter eibeladen Entfliehn, zu retten der geliebten Kinder Maden: So rüttelte der frohen Botschaft Jubellauf Die glückverschlafnen Götter des Olympos auf. Denn niemand dünkt es lästige Unmuß und Beschwerde, Daß er die liebe Seele schaukle nach der Erde. Bündnisse, Brüderschaften wurden flugs geschlossen: «Wir gehn zu Fuß!» «Wir fahren!» «Wir auf Flügelrossen!» Da gab es viel zu sorgen und zu rüsten viel. Doch gern geschah die Arbeit zum willkommnen Ziel. Und als am Morgen früh, des Zeichens bloß gewärtig, Auf allen Hügeln wanderfroh und reisefertig Die Götter nach der tiefen Erde spähten: «Schau, Nie sah den Wald ich je so grün, die Luft so blau! 's ist wie ein Schmuck, ein Kram, ein Leckergut zum Naschen, Und alles glänzt und glitzert wie in Schmelz gewaschen.» Horch! Stille! Was ist das? Das Volksgemurr verstummt. Ein Ton schlägt an. Ein majestätisch Dröhnen brummt. Das Auge frägt den Nachbarn . . . Großen Schwalles schwang Der Glockenmund vom Turm den Frühlingseinzugssang. Jetzt stürzte jauchzerfrohen Jubels alt und jung, Ein überschäumend Strombett, auf die Wanderung. Moira vernahms im Stübchen überm Glockenhaus, Zwei Handvoll Vögel warf sie in den Raum hinaus. Die Sehnsucht ihnen nach. Laß sehen, welches eh! Danach geschah mit Sturmgeschrei ein Rennen jäh. Und als nun Lust und Lärm von allen Hängen tollte: «Gelobt!» rief Moira. «Nun ists also, wie ich wollte.» Zweiter Gesang Boreas mit der Geissel                                 Den Haarbusch Harpalykes zerrte Boreas. Heiß schnellte sie herum, im Auge Hornishaß. «Ach, du bists!» Freundlich lächelt ihrer Wimpern Blink, Mit eins versöhnt. «Komm mit», verständigte sein Wink. Draußen im Freien auf dem blachen Feld hernach Sah Boreas sich um, worauf gedämpft er sprach: «Merk auf und schweig! Wir rüsten einen Sonderzug Nach Erden: nämlich mit dem Wolkenschiff im Flug. Dann kommen wir den andern vor, so daß ich ahne, Das Fett der Erde abzuschöpfen und die Sahne. Achtzig Gefährten, die ich selber mir erkoren, Warten abseits im Holz, zum Beutezug verschworen. Du kennst die meisten. Stramme Jägerinnen zwei: Kallisto und Dromaia hab ich auch dabei. Ich bin der Fürst, ich bin es, der die Beute teilt. Soviel wie mir, soviel auch dir. Rasch jetzt! Es eilt.» Hoch hüpfend schnalzte Harpalyke: «O Genuß!» Und zu den Raubkumpanen stürmten sie im Schuß. «Vorwärts!» «Hurra!» Erst ging es diebesduck im Walde, Dann gleich dem Wildbach stürzend durch die Uferhalde. Ein hölzern Häuslein, klein, doch schmuck in seiner Art, Dem Aiolos, dem wackern Wind- und Wolkenwart, Gehörig, klebt am Abgrund, welcher bolzgerade Kopfüber fällt vom felsigen Olympgestade. Von Blumenstöcklein lustig, kinderübervoll, Und alle Stuben sind von närrischem Lärmen toll, Da wird getanzt, geharft, georgelt und gepfiffen, Nach eines Kunst und nach des anderen Begriffen, Indes die meiste Zeit in einer nahen Grotte Die Nebelknechte schmausen mit dem Wolkengotte. Nach diesem Häuslein sauste der verwegne Trupp. «He, Aiolos, du Fauler! Heissa, hoppla, hupp! Die Winde angezäumt! Das Wolkenschiff gerüstet!» «Wozu? Wohin?» «Erdwärts.» «Warum?» «Weils uns gelüstet.» Murrend bequemt er endlich sich zur Wetterhöhle, Von wo ein wüstes ohrenwidriges Gegröle Den Meister grüßte. Schauerliche Raubtiertöne Von heiserm Heulen, Fauchen, hustendem Gcstöhne. Doch zärtlich mahnend, mit verliebter Stimme wehrte Der Windgebieter seiner ungebärdigen Herde: «Ruhig, ihr Kälblein! Sachte, sachte, meine Tauben! Biswind, beschweig dich! lobä! Föhn, was soll das Schnauben?» Und während an der Tür die stürmischen Gewitter Aufsprangen, ihre Tatzen hauend durch das Gitter, Schwang er die dreigeschwänzte Geißel, hob sie hoch Und öffnete das Tor ein wenig. Durch das Loch Die Schmitze zwickend, dann geschwind den Leib nachdrängend Und jeden einzeln durch den Spalt des Ausgangs zwängend Mit Zuspruch und Gewalt. Die Fliehenden empfing Der treuen Flügelhundemeute Doppelring, Der sie geschickt trotz ihrem Rasen allerwegen Dem Schiffsgestad und Wolkenwagen trieb entgegen. Und als das Räuberfahrzeug richtig angespannt Und reisefertig war, vollzählig auch bemannt, Mit Speisen, kriegerischen Waffen, Jagdgeschossen Beladen, klugen Hunden, schnellen Flügelrossen, Samt einem Wagenpark mit Kisten, Stricken, Schnüren, Lebwar und andre Beute abends heimzuführen: «Fertig!» Da horch, hihi, ein Flennen aus der Stube. «Ach Zephyros!» schalt Aiolos, «der dumme Bube! Der meint natürlich wieder heut, bei jedem Ritt, Der unvernünftige näsige Nichtsnutz, müss er mit.» Alekto bat, die Mutter: «Ei, so nimm ihn doch! Er schadet niemand. Und wer weiß, er hilft dir noch.» «So nimm», erlaubte Boreas, «so nimm den Rangen.» Und gnädig ward der Freudestrahlende empfangen. «Jetzt aber auf die Bänke! Huida! Hupp! Nehmt Platz!» Hops flog die Kumpanei herein mit Schwung und Satz. Dann Abschiedsjauchzen hin und her mit Tücherschwenken. «Kommt glücklich heim!» «Ich hoffs.» «Mit Schätzen und Geschenken!« «Kann sein.» Und rauschend wetterte, fahr wohl! im Saus Das Wolkenungeheuer in den Raum hinaus. Die aufgeregten Wind- und Wolkenrosse zogen Im Sturmgalopp, daß Locken und Gewänder flogen Und öfters einer, willenlos vom Ruck geprellt, Ward lachend auf des Nachbarn Hals und Schoß geschnellt. Und alles schwankte, jeder hielt und stützte sich. «Nicht also», kreischt ein Schrei, «nicht so unsinniglich! Langsamer! Hört ihr?» Doch die Geißel jetzt entriß Fürst Boreas dem Aiolos vor Ärgernis: «Mauskopf! Verdroßner! Allzeit mürrisch und verschlafen! Meinst du, mit Schnecken woll ich fahren oder Schafen?» Und klatsch! versetzt er einen Doppelpeitschenstreich Dem Nordwind und dem Biswind um den Bauch zugleich. Hei, wie die Flüchtigen angstvoll winselten und schnoben, Die heftigen Füße schleuderten, die Mäuler hoben! Vor Schrecken jug das Fahrzeug heulend in die Höh. Der Nordwind schlug die Trommel, Flöten pfiff die Böh. «Halt! Seht doch!» tönt ein Ausruf. «Seht dort oben, ech! Der unverschämte Erdenfalk, gesund und frech!» Vom Pfeilgeschwirr ward zick und zack die Luft durchquert. «Zu hoch!» «Zu tief!» «Zu kurz!» Der Falk blieb unversehrt. «Jetzt ich», schrie Harpalyke, «wartet! ruhig! still! Er muß. Ich schwöre ihm, ob er nicht will, ob er will.» Da purzelte der Falk, absausend als ein Stein, Begrüßt, verfolgt von Harpalykes Siegesschrein. Hallo! Jetzt in die Enge, juch! durchs Erdentor. Die Pförtnerinnen juckten feindgesinnt hervor. «Woher?» «Freigötter vom Olymp.» «Wie heißt das Schiff?» «Despoina.» «Wohinaus? Was habt ihr im Begriff?» «Wir schulden niemand Rede weder Rechenschaft.» «Wer gab zur Fahrt euch die Befugnis?» «Mut und Kraft.» Da schrie das Fräulein Oreithyia: «Um und kehr!» Sprang vor und hielt die Lanze vor den Eingang quer. «Nein, schau!» rief Boreas, «das soll der Hades walten! Solch zipprig Nebelfräulein will Olympier halten!» Stracks schwang er sich vom Schiffe, stach sie in die Flucht, Trieb sie ans Ufer, jagte sie von Bucht zu Bucht, Danach landeinwärts, berghinauf im Zickzackband Mit Schraubenzügen um das Schneegebirg Niphant. Oben am Gipfel schrie sie: «Gnade!» «Allsofort!» Und trug die Zappelnde, gilts Biß, gilts Kuß, an Bord. Da floh das Nebelvolk in kreischendem Gemenge: «Hilf, hilf!» Die Sieger aber jauchzten durch die Enge. Emporion heißt im Erdenland ein Bergesriff. Da hielt und warf die Anker aus das Götterschiff. Und als dem Schiff mit Roß und Troß die Räuberschar Entstiegen und das Kriegsgerät entladen war Und auf der Bergeswiese, ordentlich gereiht, Die ungeduldigen Pferde stampften, sprungbereit, Und jedermann, mit Murren meist und ungern bloß, Den Renner angenommen, den das blinde Los Ihm zugesprochen, Harpalykes Hand die Stute Tisiphone empfangend, heiß, doch zahm von Mute, Und Boreas den starken Phlogistos, den Hengst, Des Laufkraft alle andern übervorteilt längst: «Hussa! Ans Werk!» schrie Boreas, «die Zeit ist kurz.» Und abwärts stobs wie Steinschlag im Lawinensturz. Fürst Boreas voran, die Wolkengeißel schwingend, Mit Harpalyke neben sich, durchs Hifthorn singend. «Verteilt euch», lärmt er, «trennt euch doch! Zum Hades hin! Alle zugleich nach einer Richtung – hat das Sinn? Die bravste Geiß, gemelkt an einer einzigen Zitze Von hundert Händen, gibt dir eine magre Gitze. Die Welt ist rund, von allen Seiten winkt Erlaub. Die Männer in die Weiler auf den Jungfernraub, Und was sonst Leckres lockt: 's ist unser ungefragt. Die Jägerinnen in den Wald, das Wild gejagt. Daß niemand euch entschlüpfe, peitsch ich jeden Schnauf Vorn mit der Geißel aus den Mäuselöchern auf.» Gehört, gehorcht. Ein gellend Kriegsgeschrei: und fort Sauste die Mannschaft in die Weiler hier und dort. Von Tränen ungerührt, für Recht und Sitte taub, Betrieben sie mit roher Faust den Jungfernraub, Auch andern Speck – weswegen hätten sies gesollt? – Drum nicht verschmähend: sie begriffen Gut und Gold. Die Jägerinnen aber mit den Hunden allen Beflissen sich, des Waldes Wildfleisch anzufallen. Halli! im dunklen Busch welch lustiges Geläute! In Haufen floh das Vieh, in Herden vor der Meute. Umsonst. Denn stets begleitet ihre Wanderschaft Der schrecklichen Dromaia Mörderleidenschaft, Die, hochausgreifend, mit geschwinden Sprüngen zäh An ihrer Seite federte, und wen sie je Zum Ziele sich erkoren, nimmermehr vergaß, Eh ihm der Lanzenbiß im Schulterblatte fraß Oder der flinke Jagdger zittert im Gekröse. Da horch! Von wuchtigem Großtier polterndes Getöse. «Man hat ja», schnob der Auerochs, «nicht Ruhe mehr!» Der Wolf flog an, das Elen trampte hinterher, Und störrisch widersprach des Ebers grunzend Knurren. «Ei hört doch», rief Kallisto, «hört mir doch das Murren! Ich will euch, wart, olympische Götterkunde lehren!» Gesagt, und überfiel im Hui den nächsten Bären, Rittlings auf seinen Rücken; riß den Bogen vor, Schlug ihn dem Zottling ums Geschnäuz, die Faust ums Ohr.» «Schaut her», frohlockte sie, «ihr Brüder, Schwestern wert,» Welch seltnen Reitgaul ich besitzen mag zum Pferd.» Der Bär, der solcherlei Behandlung nie erfuhr, Fiel grölend auf das Elen, dieses auf den Ur. Ob diesem Anblick raste, sinnlos aufgestürmt, Das Wildzeug vor sich, eins aufs andere getürmt. Der Luchs geriet dem Wolf, der Wolf dem Hirsch zum Träger. Wer wird nun eigentlich gejagt? Und wer ist Jäger? Da bauzte Hundebiß, da zischten Speer und Pfeile, Und toller wälzte sich des garstigen Knäuels Eile. Zu Harpalykes Jauchzersang und Hifthornklang Behielt indes die Geißel Boreas im Schwang. So oft die Luft durchschnitt des Zwickes Pfeifensausen, Verneigte bücklings sich der Wald mit hohlem Brausen. Gischtschäumend brandete der See, der Ströme Lauf Vor feiger Angst kroch halskopfüber talhinauf. Kreischend Gevögel in den winddurchwühlten Lüften Schoß heimatlos umher, verscheucht aus allen Schlüften. «Sag!» meinte Boreas, «gib deine Meinung kund: Entdeckst du, sag mir, irgendeinen Gegengrund – Vorausgesetzt, versteht sich, daß dirs nicht mißfällt – Die Erde aufzupeitschen bis ans End der Welt? Um Neues aufzuspüren, muß man sich entfernen. Ich möchte gern den Schwanz der Erde kennen lernen. Willst du bis an den Schwanz der Erde? Rede frei.» «Eja! ich sehe keinen Gegengrund dabei.» Schön, wie nunmehr die Renner über Ried und Rasen Gleich Vögeln flogen, pustend mit gesenkten Nasen! So fährt der Sauberwind, der vor der Sonne schwebt. Kaum daß das Halmfeld sich bewegt, der Boden bebt, Wenn die beflüggten Hufe leicht das Erdreich drücken. «Wohl mir!» sprach Boreas. Sie rief: «Ich laß mirs glücken.» Doch da mit Phlogistos' gestählter Sehnenstrenge Tisiphone nicht eifern mochte auf die Länge: «Soll ich», geruhte Boreas, «gelinder fahren?» «Nicht so! Merk auf! Ein Kunststück wirst du gleich gewahren!» Gesagt, sprang ab und schenkelte zu Fuß im Saus Immer der Stute nebenher und oft voraus. Wenn als die Stute sie erreichte, gab sie sanft Der Herrin eine Mahnung mit des Maules Ranft. Wenn als ein Graben oder eine Hecke kam, So hing sich Harpalyke an die Mähne, nahm Den Schweif als Hebel. Eins, zwei, drei! ein Schwung: und hiß! Hopsa! so flog sie über jedes Hindernis. Also erheitert und des Mehrgewichts entlastet, Genas Tisiphone, gekräftigt als gerastet. Nun setzte Harpalyke sich gemächlich auf, Und mit verjüngter Schnelligkeit geriet der Lauf. «Obacht! der Boden, Harpalyke, hier ist hohl! Und was bedeuten, meinst du, all die Gruben wohl? Mit deinen scharfen Habichtaugen, gelb und grau, Spring doch einmal geschwind vom Pferd und geh und schau, Ob nicht in dieser Maulwurfsfestung etwas heckt, Kein Volk, kein Vogel oder Frosch darinnen steckt.» Mit eins schwang Harpalyke sich vom Pferd, begab Sich emsig kletternd vor das nächste Höhlengrab, Und als sie dort ein Weilchen, auf die Knie geduckt, Mit feinem Ohr gehorcht, mit klugem Aug geguckt: «Ich seh etwas, weiß nicht, von welcher Gattung Leute; Ich melde, was ich sehe, rate du und deute: Ich seh ein Volk auf ausgehockten Schemeln hocken, Gewohnheit säugen und vor jedem Lichtstrahl bocken.» Rief Boreas: «Dem Hock, dem muß man Beine schlagen! Die will ich mit der Geißel von den Schemeln jagen!» Drauf kniete Harpalyke vor ein ander Loch Und sah hinein. Sprach Boreas: «Was siehst du noch?» «Ich sehe Brauch und Sitte Überliefrung lutschen, Vor tausendjährigem Unsinn Ehrerbietung rutschen.» «Zum Hades», überschäumt er, «mit den Sittenbräuchlern! Die Geißel ums Gerutsch den ehrerbietigen Heuchlern!» Drauf kniete Harpalyke vor ein ander Loch Und sah hinein. «Eja, was siehst du, rede, noch?» «Ich seh verdroßnen Mißmut Langeweile gähnen, Doch keines rührt sich. Die bemühn sich nicht zu jenen.» «Der Langenweile», schnob er, «muß den Steiß man stupfen, Zickzick! den Mißmut lehr ich übers Springseil hupfen.» Drauf kniete Harpalyke wieder vor ein Loch Und sah hinein. «Was siehst du, rede, ferner noch?» «Ich seh ein Ungeziefer überlegen grinsen, Dem Quell, der Kraft, dem Glauben Hohngelächter zinsen.» «Das Grinsen», knirschte Boreas, «ist Krötenstil. Die Überlegenheit begehrt den Peitschenstiel.» Vor manches andre Troglodytenhöhlenloch Begab sich Harpalyke dienstgefällig noch. Doch sprach: «Es ist ein buntes, wüstes Einerlei: Es fault und rührt sich nicht und ist kein Trieb dabei.» «Was gilts?» rief Boreas, «den Faulberg werd ich kehren. Wart nur, ihr Lungerer, ich will euch leben lehren. Ergreif dein klares Hifthorn, diesen Troglodyten Die Tagfanfare in ihr dumpfes Haus zu tüten, Daß sie der Angstschreck an die blaue Luft bewege Und meine mutige Geißel ihnen Tatgeist fege. Wie? Sterbliche, die nach Unsterblichkeit sich sehnen, Und finden zwischen Grab und Wiege Zeit zum Gähnen!» Und als nun herdenweise, gleich Myriaden Mäusen, Die Troglodyten juckten aus den Erdgehäusen Und männiglich mit Tugendkrächzen und Sittio Vor der beherzten, kraftbeschwingten Geißel floh, Sprach Boreas zufrieden: «Wenig, ob du maulst: Sag Dank, du rührst dich doch, du lebst, bevor du faulst.» Dann lief die Rennfahrt weiter, wie das Glück gelang, Mit Jubeljauchzen, Hifthornruf und Peitschenklang, Ohne Verzug und Rast und ohne Wank und Wende, Bis sie gelangten zu der Erde Schwanz und Ende, In eine wirre Wildnis, wo Gesteingewalt Den nimmermüden Reitern trotzt ein stummes Halt. Jenseits der Wildnis lag die Wüste Aorist, Die niemand nütz und not, dafür unendlich ist. Erhabne Stille um und um, und Schweigen rings. Und siehe, in der Wüste lagerte die Sphinx, Die unerforschliche, die tiefe Göttin Ma. Geheimnisvoll im Schleierbette lag sie da. Doch welch ein Rätsel! In den eignen Hinterhuf Biß immerfort die Sphinx mit düsterm Weheruf. Und seufzte himmelan und stöhnt in einem zu: «Wer gibt, wer gibt mir vor den bösen Zähnen Ruh?» «Was stöhnst und wimmerst du und nagst an deinem Bein?» Rief Boreas verwundert, «laß es einfach sein!» Von diesem Lästerwort im Innersten verletzt, Blökte mit feierlichem Ton das Rätsel jetzt, Und alle seine Borsten, seine Läus und Flöhe Empörten sich und starrten strafend in die Höhe. Andächtig aber nahte sich mit würdigem Schritt Und mahnte mit dem Blick ein greiser Eremit: «Bet an das Schöpfungswunder, dessen Sinn vergebens, Erschaffner Geist, du spürst die Tage deines Lebens. Sieh dort von tausend Philosophen die Gerippe: Es hat der Denkerhäupter weise Stirn und Lippe Doch niemals noch, wieviel Systeme sie geschweißt, Erklärt, warum die tiefe Ma sich selber beißt.» Rief Boreas: «Ich weiß, warum: Sag ‹di›, sag ‹dumm›. Mir graut. Kehr um, o Harpalyke, komm, kehr um!» Und als nun mehr und mehr die müde Sonne sank Und trüppchenweise auf Emporions Bergesbank Die Schar der beuteschwerbeladenen Kumpanen Sich sammelte, von Harpalykes Hifthornmahnen Bestellt, und Boreas die Zahl der Seinen zählte Und jeder seinen Namen sprach und keiner fehlte, Geschah ein großer Räubermarkt und Handelskram. Weil aber keiner lassen wollt und jeder nahm, Entstand vor allzufettem Überfluß der Neid. Und aus der rücksichtslosen Selbstsucht sprang der Streit. «Das Ganze mein», schrie Boreas, «die Bleibsel dein! Wems nicht gefällt, dem peitsch ichs mit der Geißel ein.» «Ich bin die Fürstin», herrschte Harpalyke, «hier. Hand weg! Mund weg! Das Beste mir, die Reste dir.» Da rief Kallisto: «Freunde, pfuida! Neid schafft Leid. Komm, Zephyros, der Zufall spreche den Entscheid.» Beifall. Und Zephyros empfangend, setzte sie Sich ab, klemmt ihm die Wangen zwischen Knie und Knie, Zaust ihn im Haar und zupft ihn tüchtig an den Ohren: «Für wen, du Schlingel, hast du jenes Pfand erkoren, Das Boreas jetzt hinter deinen Rücken führt – Still! blinzle nicht! – und mit dem Peitschenstock berührt?» Und als nun Zephyros, mit Mühe hörbar bloß, Erstickte Namen munkelt in Kallistos Schoß, Versöhnte sich der zornige Hader im Gelächter, Und jeder nahm, was kam; wars gut nicht, um so schlechter. Drauf war das Schiff geladen zur olympischen Fahrt. Doch jammernd um Emporions Felsenfuß geschart, Wehklagte der verwaisten Eltern flehend Greinen, Und die gefangnen Töchter stimmten zu mit Weinen. So, wenn in Menschenlanden Hochzeit wird gefestet Und saftige Schaf und Zicklein, feist zum Tod gemästet, Meckern erbärmlich, bebend vor des Schlächters Grimme, Doch ihres angsterfüllten Herzens Klagestimme Erzielt nicht Grauen, sondern Schmunzeln bei den Leuten, Weil sie den Tonfall auf den leckern Festschmaus deuten. «Ihr schrecklichen Olympier, kennt ihr kein Erbarmen? Die Jungfraun, Gnade, gebt zurück den Mutterarmen.» Laut lachte Boreas: «Ich nehms vom andern Pol: Nicht was euch wehtut, frag ich, sondern was mir wohl. Indes sie werden sich mit ihrem Los versöhnen. Getrost, man kann sich an die Seligkeit gewöhnen. Fort jetzt! – Du, Aiolos, spiel auf! und geig und harf Mit deinen Nebelknechten! Aber fest und scharf! Wir wollen aller Welt zum Trotz und Gott und Geiern Im Wolkenschiffe auf dem Heimweg Hochzeit feiern.» Er sprach das Wort, dem Beifallstosen dröhnend dankte. Und das beladne Wolkenungeheuer schwankte Vom Erdgebirg empor heimwärts mit schwerem Steigen, Durchlärmt, durchtanzt von Hochzeitsjubel, Pfeifengeigen Und Lustgeschrei, vermischt mit schallenden Gesängen. Doch als sie nachmals schwenkten durch die Felsenengen Zwischen Olymp und Erde, ward im Luftgefecht Der Oreithyia Raub mit bitterm Krieg gerächt. Denn ihre Sippschaft hinderte den Weg mit Macht. Und um die Eingangspforte wütete die Schlacht. Da ward von Wetterwolken, himmelhochgetürmt, Der Donner losgeschossen und das Schiff gestürmt. Doch Oreithyia winkte: «Brüder, gebt Erlaub! Oft sprießt ein frommes Recht empor aus schnödem Raub. Wer ist das Opfer? Ich bins. Das Gericht ist mein. Drum wenn ich selbst vergebe, müßt auch ihr verzeihn. Denn siehe, seit der Wilde zärtlich mich geminnt, Bin ich dem ungestümen Helden wohlgesinnt. Gern mag um Boreas ich Hof und Heimat meiden, Denn Freundschaft waltet nun und Eintracht zwischen beiden.» So sprach das Fräulein. Friedlich lenkte durch den Paß Jetzt zum olympischen Gestade Boreas. Nun donnerndes Geschrei zum Gruß und Gegengruß, Und auf die heimatliche Küste trat der Fuß. «Ins Glied! Achtung! Vorwärts!» Im Stampf mit Sturmgesang Eroberte die Kumpanei den Haldenhang. Und als am Abend Schar um Schar und Zug um Zug Die Götter heimwärts mündeten vom Erdenflug, Da hielten sie dieselbe Nacht nach diesem Tage Im Hain Orgieion ein unendliches Gelage, Die Glieder auszuruhn, die Geister aufzufrischen Im Freien, auf den langen Bänken vor den Tischen, Scherzhafte Reden stichelnd, liebe Torheit plauschend Und des entschwundnen Tages Abenteuer tauschend, Samt Musensang, Mainadentanz und Minnespiel. Und jeder tat, was ihm beliebt und wohlgefiel. Doch welcher Freudesturm und Volkszusammenlauf Bewegt sich vom Gestade her den Rain bergauf? Und siehe da – «Willkommen! Gruß dir!» – Aiolos Trollte daher mit Kind, Gesind und Vetterntroß, Die ganze weltberühmte tönekundige Bande. Und jeder hielt ein Spielzeug unter dem Gewande: Baßgeigen, Fiedeln, Pfeifen, Hörner und Trompeten – Ein ganzer Möbelwald von lustgen Lärmgeräten. Und als nun Aiolos den Finger hob empor, Erscholl von dem gesamten Tausendgötterchor In scharfen Schwüngen, laut und fest, tonauf, tonab Ein Schrittgesang mit Händeklapp und Fußgetrapp, Daß das Gespenst im Walde sich entsetzt beschwörte, Daß mans auf Erden, in des Hades Tiefen hörte. Und staunend starrte Mensch und Tier, gebannt zur Stelle: «Wie läuft der Schrittgesang der lustigen Götter schnelle!» Bis unversehns mit spöttisch lächelndem Gesicht Vom Himmel sah das heiterhelle Morgenlicht. Darob Geschrei und Aufruhr: «Weh! wo ist mein Schlaf?» Doch als die Sonne selbst die durstigen Augen traf: «Sprich, bist du müde?» «Ich nicht. Aber du? Bekenn!» «Ich auch nicht.» «Kommt nach Erden, auf die Reise denn!» «Hallo!» Und gleich wie gestern stob weitaus der Zug. Jene zu Fuß und Wagen, die im Wolkenflug. Dritter Gesang Ajax und die Giganten                     Breitbeinig aber standen auf den Bergeskanten, Die Hände auf dem Rücken, grinsend die Giganten. Und wenn die Götter flogen auf die Erde als, So wieherten sie Hohngelächter aus dem Hals. Doch der Giganten Häuptling, der verwegne Thaut, Begann und sprach: «Genossen, wackre Brüder traut, Betrachtet diese neugebacknen Götterscharen, Der Herrschaft ungewohnt, im Weltland unerfahren, Indes ihr sogenannter König Zeus deswährend Im Lotterbette liegt, den Speck der Faulheit zehrend. Was meint ihr: soll man nicht ein klein Versüchlein spassen, Wieviel sie sich von unsereinem bieten lassen? Mag sein, wofern wir herzhaft sind und nicht bescheiden, Daß wir das Erdenfledern ihnen grundverleiden.» Also sprach Thaut. Und die Giganten jauchzten: «Ja! Leidwerken wir den Göttern! Höchste Not ist da.» Und gingen hin, und sonst schon Riesen überhaupt, So pflanzten sie großmächtige Helme auf ihr Haupt, Und auf die Helme, nur zum Trotz und zum Verdruß, Anstatt der Sträuße ganze Büsche Haselnuß, Mit denen sie, auf daß die Absicht werde klar, Hohnspöttische Wink und Zeichen wippten hin und dar. Also geschmückt, zu jeder Widerwart bereit, Stiegen sie eines Abends spät in Heimlichkeit Hinunter auf die Erde, wo die ganze Nacht Sie auf die Götter harrten, lungernd auf der Wacht Und gierig spähend gen Olymp. Und wenn nunmehr Die Götter aller Tage Morgen wie bisher Frohmütig reisten auf die lustige Erdenkehre, So trieben die Giganten ihnen in die Quere, Die einzelnen, die das Gefild zu Fuß durchzogen, In breiten Reihen stoßend mit den Ellenbogen, Sie zwingend, in den Sumpf und in den Bach zu weichen, Den Wagenzügen aber fahrend in die Speichen Geflissentlich und gern, den Rossen in die Beine, Und legten ihnen Balken auf den Weg und Steine. Die Götter grollten, daß man ihnen also tat, Und das Orakel fragten schließlich sie um Rat. Mit Blitz und Donner kam die Antwort: «Was von beiden Ist schlimmer: Unrecht handeln oder Unrecht leiden?» Da ließ das Göttervolk den Erdenflug fortan, Nach einem andern Weltteil lenkend Blick und Bahn. Die Hände rieb frohlockend Thaut: «Ihr Brüder, Mut! Der Karren nimmt den rechten Rank, der Has läuft gut. So laßt uns diesen schlaffen Göttlein denn zum zweiten Nach dem Olymp hinüber Ärgernis bereiten, Ein jeder sie verdrießend, wie er kann und weiß. Erfindung gilt; und spart mir nicht Geduld und Fleiß.» «Getrost!» versetzten die Giganten, «ohne Sorgen! Wir wollen diese Arbeit gut und gern besorgen.» Und auf den Trutzberg gegen den Olymp querüber Stieg das Gigantenvolk und lagerte darüber. Und wenn allabendlich die Götter sich beim Feste Mit Tanz und mit Gesang belustigten aufs beste, So johlten die Giganten – greulich klang es schon – Im Gegentakt dazwischen und im Nebenton. Am Tage warfen sie nach den olympischen Hainen Und Halden einen Hagelsturm von klotzigen Steinen. ; Und da den Göttern diese Grüße nicht behagten Und ihre Abgesandten das Orakel fragten, Verkündete mit mächtigem Donnerschlag und Blitz Den Göttern das Orakel dieser Weisheit Witz: «Das Glück wächst nicht im Walde, sondern wurzelt innen. Verachtet stolz den Feind und hebet euch von hinnen.» Demalso ließ das Göttervolk Gesang und Tänze Und hielt sich in der innern Landschaft fern der Grenze. Und hübsch zu Hause bei geschloßnen Fensterläden Beglückt ein still Familienwohlsein einen jeden. Empört rief Thaut: «'s ist ihre und nicht unsre Schuld! Merkt ihr die Bosheit? Mit verschmitzter Scheingeduld Versuchen sie uns krank zu ärgern und zu reizen. Wir aber wollen ihnen dies Geschäft verheizen. Mit Macht ans Werk! Es handelt sich um eine Brücke, Darauf man ihnen in die eignen Marken rücke.» Und als nun die Giganten, ohne anzufragen, Begannen, munter einen Brückensteg zu schlagen, Und für die Sparren, die sie in die Balken bolzten, Im Wald und in den Gärten der Olympier holzten, Da machten die Olympier ein verdutzt Gesicht: «Die Weisheit des Orakels, dünkt mich, hilft uns nicht. Giganten sind nicht fühllos, haben auch ein Herz. Auf! Beichten wir dem Thaut persönlich unsern Schmerz.» Und schickten zwölf Gesandte, auserlesne Leute, Den Thaut zu fragen, was der Brückenschlag bedeute. Bei Käs und Milch in seiner anspruchslosen Arche Erwartete sie Thaut, der biedre Patriarche, Im Kreise seiner Kinder. Schaukelnd auf den Knieen Durfte der Engel Barbara am Bart ihn ziehen, Indessen auf dem Boden Gog und Mog, die Buben, Die Nase in ein Götzenbilderbuch vergruben. Und eine ungeahnte, väterliche Milde Ging aus von des gefürchteten Giganten Bilde. Und als die Abgesandten nun mit bangem Schlucken Begannen, die Beschwerde stotternd darzumucken, Ihn fragend, was denn eigentlich die Brückenmache Bezwecke und die ganze sonstige Widersache, Sprach Thaut: «Ich bin ein schlichter, ehrlicher Gigant, Im Staatsgeschäft nicht besser als ein Kind gewandt, Verstehe nicht des Vorteils Pfiff, des Truges Kniff. Was ihr da vorbringt, übersteigt mir den Begriff. Doch ob ich nach dem Preis der Schlauheit nie geangelt, Ob mir der Zungenschliff, die Schriftgelehrtheit mangelt, So hab ich meinen unverdorbenen Verstand Zum Glück gesund und wohlbehalten bei der Hand, Wie die Natur, die gütige, ihn mir bescherte.» Worauf er ihnen alles rein und klein erklärte, Wie und wasmaßen der besagte Brückensprung Zur nähern Freundschaft diene und Verbrüderung. Auf daß jedoch zum Wort das Zeugnis sich geselle, Holt er ein altes, ziemlich schmutzig Buch zur Stelle, Woraus er ihnen manches andre überdies, Doch namentlich insonderheit den Satz bewies, Daß der Olymp, wie weit die Nachricht sich verlöre, Seit grauer Urzeit zum Gigantenreich gehöre, Und daß sie mindestens auf alle Uferketten Ein altes Recht und einen billigen Anspruch hätten. Erstaunt bemerkten die Gesandten: «Am Geruch Scheint uns, du predigst Staatsrecht aus dem Stierenbuch. Und ob es noch so trefflich deinen Satz erwährt, Es überzeugt uns nicht: du hältst das Buch verkehrt.» Jetzt schnaubend auf die Hinterbeine wie ein Bär Sprang Thaut, und diese Antwort schnarcht er ihnen her: «Ists bald genug? Ich kriege noch zuletzt die Kränke Von diesem ewigen Mäkeln, Feilschen und Gezänke! Wenn ihr durchaus mit uns Giganten Krieg wollt, sagts. So friedlich wir schon sind, wenns sein muß, uns behagts.» Und paukte seinen Brustkorb, kaute seinen Bart, Bei allen Götzen schwörend – Flüche nicht gespart – Er wolle Spargeln ziehn und Gerstensamen streuen Im Haus des Zeus und in der Stadt der Götter heuen, Weh! einen schwarzen Büffelschädel stülpt er jetzt Sich auf den Kopf, mit Hörnern fürchterlich besetzt, Und einen Drachenstrumpf, gespickt mit Eberklauen, Als Stiefel um die Waden, gräßlich anzuschauen. «Zu trinken, Barbara!» begehrte seine Wut. Was gab sie ihm zu trinken? Einen Eimer Blut! «Zu essen! flink!» Der Engel folgte dem Geheisch Und bracht ihm einen ungerupften Wolf als Fleisch. Und es geschah, ob diesen schauerlichen Szenen Entschlüpften den erschrockenen Gesandten Tränen. Und machten sich gering und bettelten vereint: «Vergib, erhabner Thaut, es war nicht bös gemeint.» Und Barbara der Engel und die Buben zwei, Am Rock des Vaters hangend, heulten ihnen bei. Nun spannte der Gigante die Entrüstung ab, Reckte die Gnadenhand in Großmut und vergab. Demalso feierten die beiden Völker zwei Zum ewigen Bruderbunde eine Brückenweih Mit Blumenpforten, Chören, Reigentanz und Fahnen. Und froh umarmten sich Giganten und Titanen. Und ward ein großes Liebesfest. Und auch die Kinder Vermählten sich zum Herzensbund; ob klein, nicht minder. Beglückt, mit stummer Rührung sahn die Eltern zu Und feuchten Blickes: «Weißt, wie damals ich und du.» «Jetzt aber, ihr Giganten», lachte Thaut, «jetzt dreist! Ein Lindwurm, wer noch zaudert und sich blöd erweist. Duckmäuser! die sich niemals mucken, alles schlucken! Was gilts? Ich will dem Zeus noch in den Teller spucken.» Also begannen häuslich mit Gepäck und Kisten Sich die Giganten am Olymphang einzunisten Und taten wie daheim mit unbefangnem Wesen Und fingen emsig an zu keltern und zu käsen. Auf daß man aber ihre Frechheit klar begreife, So schwärmten sie landeinwärts täglich auf die Streife Und schwatzten den Olympiern in die Töpfe: «Seht, Das müßt ihr also kochen! Schweiget und versteht!» Am Abend aber grinsten sie aus langen Hälsen Hohnspöttisch übers Feld, versammelt auf den Felsen, Allwo sie lärmend, rittlings hockend auf den Steinen, Zum Becherlupfe mogelten mit Würfelbeinen. Und wippten trotzig mit dem Strauß von Haselnuß, Denn, ohne wen zu ärgern – nicht wahr? – kein Genuß. War niemand, der im Abendrote sich erging, Der keinen Anwurf oder Schlötterling empfing. Im Volk der Götter aber, die vom Hades kamen, War ein gewaltiger Held, Ajax genannt mit Namen, Der Schönsten einer und der kräftigste von allen, Der Männer Liebling und der Frauen Wohlgefallen. Doch Leid und Jammer! Seit dem Unheilstag danach, Daß ihn ein giftiger Sonnenblitz am Mittag stach, Ward ihm die Leber böse und die Galle schlimm, So daß er unaufhörlich kochte bittern Grimm. Und jedes Ding, das sich vor seinem Blick bewegte, Vermochte, daß es seine wilde Wut erregte. Die winddurchwühlten Bäume riß in seinem Wahn Er aus den Wurzeln, Mond und Sonne fletscht er an. Mit Kindern aber und den Fraun und Mägdlein zart, Und was sonst schwächlich von Natur und Lebensart, Ging er geduldig wie ein frommes Schäflein um. Ob sie ihn neckten, ward er nicht verdrießlich drum. Auch von Asklep dem Arzt und seiner Pflegerin, Der keuschen Hawa, nahm er Tadel duldsam hin. Und selbst im Tollzorn konnte liebliche Musik Den Tobenden besänftigen im Augenblick. Einmal allwöchentlich bei gutem Wetter, weil Der Arzt es also wollte zu des Helden Heil, Bewegte man den Ajax um die Abendzeit Ins luftige Freie, gehend ein, zwei Meilen weit; Asklep beständig ihm zur Linken, Hawa rechts. Ein Trüpplein Edelkinder beiderlei Geschlechts Zog sittig ihm voran, in ihren Händen Flöten, Dem Kranken Sanftmut aufzuspielen, wenn vonnöten. Und kaum daß er die Wimper zuckt und spitzt ein Ohr, Hielt ihm Asklep ein Blümlein an die Nase vor, Und Hawa schmeichelt ihm mit ihren linden Händen Um Stirn und Augen, ihm die Aussicht zu entwenden. Und nicht genug damit. Denn weit hinaus ins Land War eine Doppelkette Wächter ausgespannt Dem Volk zur Warnung, daß ein Unheil nicht geschehe, Wenn einer sich verirrte in des Ajax Nähe. Blieb trotzdem ein gefährlicher Gesundheitslauf. Erleichtert atmet alles nach der Heimkehr auf. Doch wie sie wieder einmal so wie wöchentlich Den Ajax in die Weite führten, traf es sich, Daß das Gesundheitszüglein, schlendernd um den Rank, Hilf Himmel! unversehens vor die Felsenbank Geriet, wo die Giganten rittlings auf den Steinen Die Becher lüpften, mogelnd mit den Würfelbeinen. Hei, wie den Helden Hawa hurtig heimwärts renkte, Asklep das Blümlein ihm um Nas und Augen schwenkte! Indes die Edelkinder mit erschrocknen Armen Die Flöten drangsalierten, pfeifend zum Erbarmen. Nutzlos! Denn, steif nach hinten drehend das Genick, Ließ Ajax die Giganten nimmer aus dem Blick, Wie sie die Köpfe mit den Haselbüschen wippten, Aus heisern Hälsen wieherten, die Finger schnippten, Die Galle kocht ihm über, und die Leber schwoll. Und als nun wahrlich ihrer einer wahnwitztoll Den grimmen Helden, den sie kaum zu halten wußten, Mit Äpfelschalen zuckerte und Käsekrusten – Sieh, wo ist Ajax? «Fangt ihn! Fangt!» Zu spät. Entsprungen, Blitzschnellen Überfalles dem Gigantenjungen An seinen Hals, mit Fäusten Trommelspiel gemacht Und ihn vom Stein hinunter in den Wald gekracht. Der Wald war steil und stotz, kein Halten schlechterdings: Selbander in die Tiefe kugelkollernd gings. Zunächst im Schlitten, dann als Spielball in die Welt; Jetzt in den Bach, jetzt baumhoch durchs Gezweig geprellt; Zum letzten aus der Schleuder, jupp! ein Himmelflug: Am Fuß des Berges lagen sie. Jetzt halt: genug. Wer von den beiden hat noch seine ganzen Knochen? Wem ist sein Knie geschwollen? Wem der Hals gebrochen? Doch wenig kümmerte den Helden, was an Bresten Und Beulen ihm sein Körper etwa gab zum besten. «Das geht Asklep, nicht mich an», meinte sein Verlaß. Nur nach dem Feinde tastete sein Kampfeshaß. Dort liegt er in der Runse, im Geröll versteckt, Der patzige Gigant, die Beine ausgestreckt. Woran es eigentlich ihm fehlte, war nicht klar. Tot aber war er, maustot unanzweifelbar. Vergebens, daß mit weichem Wort und Händestreicheln Ajax dem Leichnam Atem suchte einzuschmeicheln, Inständig ihn belehrend, Leben tu ihm not, Damit er nochmals gründlicher ihn schlüge tot. Half alles nichts; der Tote gab nicht Schnupf noch Schnauf. «Maultier! Boshaftes!» Und enttäuscht sprang Ajax auf. Doch hinten, von den Höhen, kommt dort Hasenhetzen? Das stürzt vom Berg, das wirft sich von den Felsensätzen Dem gleichen Ziel, der Brücke zu, in Riesensprüngen, Ajax umlaufend in entsetzten Bogenschwüngen. Des Toten Zechgenossen sind es, die Giganten, Die, vor dem Beispiel schaudernd, um ihr Leben rannten. Verschiedne hielten auf der Flucht die Würfel fest, Nicht wenige die Flaschen an die Brust gepreßt. Wohin das Auge blickte, Feld und Wald und Wiesen Statt Käfern oder Hummeln war besprengt mit Riesen. Den Bart, die blutige Stirne schüttelte der Held; Ein Kriegsgeheul entließ er brüllend übers Feld Und wog sein Leichtgewicht auf tanzenden Gelenken, Unschlüssig, wen zuerst von allen zu bedenken. Doch welch Geschrei, welch Volksgemengsel und Gedrücke Vernimmt er vorn am nahen Abgrund auf der Brücke? Zwei Wagen, schien es, lagen quer, die Räder oben, Darunter Stiere zappelten und Rosse schnoben, So daß die wilde Flucht sich auf dem Stege staute, Wodurch ein Leiberknäuel sich zum Turme baute: Ein Turm, gelüpft von Schulterstoß und Fußgestampf, Der Gipfel hin und her bewegt vom Bruderkampf. Von jenseits stürmten Volksgenossen, neue immer, Dem eingeklemmten Hauf zu Hilf und machtens schlimmer. «O Heimat!» seufzte Ajax, «sehnsuchtsüß zu schauen! Dort drin herumzuwühlen! Dort hinein zu hauen! Ach, hätte meine Waffen, meinen Hengst ich da! Kein Eisen rund umher, nicht Schwert noch Lanze nah!» Erleuchtung: den Getöteten als Schlaggewehr Gebrauchen! Hammer oder Keule ungefähr! Ans Werk! Mit Mühe kaum und nicht im ersten Ruck Hob er den Leichnam, dessen toter Gegendruck Zu Boden klebrisch strebte, bis zum Schienbein fast. Nun, hupp, aufs Knie gehißt, ihn um den Leib gefaßt, Hernach, sich bückend, hurtig diesen Arm, dann jenen Unter die Last gewunden, dann mit straffen Sehnen Aus drehenden Gelenken mählich aufgeschroben, Endlich – Triumph! – freischwebend übers Haupt gehoben. Nie war so graus ein Kolben, den ein Kriegsheld schwang. Nun vorwärts, an den Feind! In täppischem Sohlengang, Die Schultern schwankend, doch die Schenkel um so strammer, Stieg keuchend er zum Angriff mit dem Knochenhammer. Obzwar sein eifrig aufwärts starrendes Gesicht, Beschäftigt, seiner Bürde gleitendes Gewicht Zu steuern, schon den Weg nicht sah: der Stimmenchor Des gellen Angstgezeters leitete das Ohr. Doch weiter war der Zwischenraum, als er geschätzt. Sein Arm erlahmte, bebte, zitterte zuletzt. Die Not der übermächtigen Mühsal abzukürzen, Begann sein Fuß im Taumellauf voranzustürzen. «Mag ichs erdauern? Unterlieg ich vor dem Ziel?» Nicht bloß der Leichnam schmetterte, er selber fiel Zugleich mit seiner Ladung riesenhafter Länge Vornüber auf des Feindes kreischendes Gemenge. Ein wilder Walzer stummen Aufruhrs. Plötzlich brach Das linke Holzgeländer, knack! der Länge nach – Und durch die weite Bresche wirbelte der Schuß Der Leiber in die blaue Tiefe Guß auf Guß. Ajax, vom Boden steigend, wischte sich den Schweiß Von Stirn und Wangen: «Gute Arbeit! aber heiß! – Jetzt wacker ins Geschirr! Das Schlachtfeld aufgeräumt!» Und schmiß ins Luftloch, was ihm vorkam, ungesäumt. Was soll der Karren? Weg mit! – Roßgestampf? Wozu? Am Schweif gepackt, zweihändig, und der Hölle zu. Zu welchem Ochsenkopf wohl die Gigantenwaden Gehören? Gleichviel! Such ihn selber! Abgeladen! Bis plötzlich Hades unten aus dem Erebos Die zornige Verwahrung in die Höhe schoß: «Heda dort oben im Olymp! was soll das heißen? Mir Unrat in den saubern Erebos zu schmeißen?» Mit seiner stärksten Stimme, die ihm war beschieden, Schrie Ajax dröhnend in den Stollen: «Du dort nieden, Großherr von Sumpfisweiher, Fürst von Tümpelhausen! Ich lasse dich, laß mich mein Ungeziefer lausen. Ich kratze, wo michs beißt; du, wo dichs brennt, da lösche. Ich striegle die Giganten, kämm du deine Frösche.»' Doch stille! Hört den wundersamen Zwiegesang, Der zart und fein, in lieblichem Zusammenklang Herüberflutet, hauchend vom Olympgestade! Verspätet angelangt auf einem Wendelpfade, Stehn Hand in Hand gefügt Asklep und Hawa dort, Und fromme Lieder singen sie in einem fort. Und kaum daß Ajax diese Symphonie vernommen, So kam ihm weiche Sanftmut ins Gemüt geschwommen. Dem Mordgeschäft entsagend, selig und verschwiegen, Begann er sich im Maß des Wohlgesangs zu wiegen, Und linde Schmelzerlaute schickt er dann und wann Hinüber nach der Freunde musischem Gespann. Schon aber hatte Hawa – «Weh! ich fürchte mich!» – Entlang der Brustwehr Zeh für Zeh und Schlich um Schlich Sich hergedreht und Ajax mit der Hand erreicht. Das übrige gelang der keuschen Jungfrau leicht. Ein Weilchen ihn liebkost, ein weniglein liebkraut, Mit Lächeln und mit Augenstücklein ihm gefraut, Wonach sie ihn gelassen wie ein Pädagog Am kleinen Finger sanft zurück ans Ufer zog. Kopfschüttelnd aber, Backen bleich und Nase lang, Nahm hier Asklep den Helden seufzend in Empfang, Betastet ihm den Puls und murmelte dazu: «Das war nicht, was wir brauchen für die Nervenruh!» Mit einem tiefen Atemzuge, grundgefühlt, Stöhnt Ajax ihm die Antwort: «Ha! Das hat gekühlt! Ja, schüttle deinen Kopf nur immer her und hin: Das tat mir wohler als die beste Medizin.» Friedfertig wie ein Lämmlein wendet er hiemit Hinter Asklep und Hawa heimwärts seinen Schritt. Wenn sich der Himmel spaltete und in die Hölle Ein Sprudel heiligen Segens durch die Bresche quölle, Der Sud, der Kessel Platzen und der Teufel Toben Gäb einen mindern Lärm als auf dem Trutzberg oben Der Aufruhr, welcher in der Heereslagerwacht Der wütenden Giganten tollte diese Nacht. Mordwaffenwetzen, Racheschrei und Kriegsgesänge, Geführt von Quaktrompeten, deren Schauerklänge, Unheimlich widerhallend in den Finsternissen, Das Herz vom Anker zerrten und das Ohr zerrissen; Indes der Thaut mit blutgesalbtem Schnauz und Maul, Schwertfuchtelnd, rittlings über einem Auergaul, Tripptrapp klippklapp auf seinem Mastodont von Pferde Versprach, daß er den Ajax lebend fressen werde. Auf seinem Helmspitz wippt ein Trauerweidenwedel, Auf seiner Fahnenstange glotzt ein Mammutschädel. Erschrecklich war der Zorn zu hören, den er brüllte. Wehklagen, Jammerruf und Bußgesang erfüllte Den zagenden Olymp. Gen Himmel ihre Hände, Das Angesicht im Staub: «Heut nahet unser Ende!» Da kam um Mitternacht mit aufgeregten Lungen, Das Angesicht im Schweiß, Asklep dahergesprungen, Unsinnig schwenkend eine fackelnde Laterne, Und Warnungsrufe schickt er angstvoll in die Ferne: «O höret, ihr Giganten, liebe Nachbarn traut! Verschließ der Warnung nicht dein Herz, großmächtiger Thaut! Hört an und macht im Brüllen eine kleine Pause! Ich komme, wie ich bin, im Hemd, von Ajax' Hause, Allwo der Höllen-Ramtamtam und Schättertätt, Den ihr verführt, vernommen wird bis an das Bett Des Helden, daß sein Schlummer, der doch, wie ihr wißt, Zumal nach solchem Tag ihm bitter nötig ist, Unruhig ihm gerät auf fiebrische Manier: Schlägt mit den Fäusten um sich, atmet wie ein Stier, Ja dann und wann, kaum konnten wir ihn niederzwingen, Will er im Traum vom Bett und aus dem Fenster springen. Und wäre nicht sein Schlaf mit Blei geladen, macht Der Müdigkeit, so war er zehnmal schon erwacht. Was aber dann geschähe, nur daran zu denken Erblaßt mein Blut. Ein gnädig Schicksal mögs uns schenken! Wir haben freilich, euren Lärm zu überlärmen, Des Helden Haus umstellt mit Musikantenschwärmen, Und Hawa spielt ihm ihre feinsten Künste vor, Zischt immerwährend Liebesflüstern ihm ins Ohr Und preßt das andre Ohr ihm zu mit schelmischem Kichern. Allein wie lang das vorhält, kann ich nicht versichern. Drum, liebe Nachbarn wert, den Kampf der Vorsicht kämpft, Ob ihrs vermögt, daß ihr die Höllenhochzeit dämpft.» So rief Asklep. Und einen schnellen Vorsichtsieg Erkämpften die Giganten. Augenblicklich schwieg Ihr Brüllen, leiser quakten die mit Tuch verstopften Trompeten, und die strohumwundnen Hufe klopften Unhörbar schier den Rasen. Aber wegen dessen Blieb ihr gewaltger Zorn und Aufruhr unvergessen. Gespensterhaft, wie Rachegeister anzusehen, Umschnurrten sie den Berg; sie tobten auf den Zehen. Und nicht als ob durch den gelinden Ton etwa Den Völkern des Olymp Beruhigung geschah: Weit ferne. Das Gemunkel schreckte schlimmer noch Als früher der Alarm. Als gar am Brückenjoch Geschäftige Truppen trappelten, geheimnisvoll Und unerklärlich, ward der Schrecken gänzlich toll. «Sie kommen!» «Auf, ihr Brüder, fliehet! Rettung sucht!» Und in die Berge wälzte sich die Völkerflucht. Erst im Gestrüpp der Wälder, möglichst hoch und weit, Hielten sie an und hofften sich in Sicherheit. Doch wie am Morgen deutlich nun der Schicksalstag Im hellen Sonnenschein auf allen Höhen lag Und, im Gehölz verborgen hinter Busch und Baum, Die Kühnsten einen scheuen Ausblick wagten kaum, Sieh! welch ein wunderlich unglaublich Narrenspiel Vom Land der Riesen ihnen in die Augen fiel: Allüberall von den Giganten keine Spur. Der Trutzberg reingefegt. Kein Laut, kein Echo nur. Die Brücke abgebrochen. Nichts als Ackerkrähen, Die überm Lagerplatze kreisten, zu erspähen. Ein feines Federwölklein, pfiffigen Gesichts, Beteuerte vom Himmel: «Ich? Ich weiß von nichts.» Ob dieser unerwarteten Gigantenlaune Stierte der Nachbar starr den Nachbar an: «Ich staune!» «Ists möglich?» raunten die Verblüfften, «kann das sein?» Und winkten ihren Brüdern in den Wald hinein. Doch halt! so schaut doch! Drüben auf der Lagerweide, Was hüpft denn dort durchs Gras im Sommervogelkleide? Der Engel Barbara fürwahr, mit Mog und Gog, Die harmlos ins Gebirg zur Alpenfrische zog. Und während beide Knäblein gingen Erdbeern rupfen, So saß sie ab und sang und übte Zitherzupfen. Und alsobald begann ein krampfhaft Saitenklirren Aus allen Gauen des Gigantenreichs zu schwirren. Drob lief ein unauslöschlich Jubelsturmgelächter Durch den Olymp. Und siehe: Zweierlei Geschlechter. Grünt zwecklos vor dem Walde wohl der weiche Rasen? Darinnen tanzten sie und sprangen und genasen. Seit diesem Tage zeigte kein Gigantenhaupt Mehr einen Helm, geschweige haselnußbelaubt. Bescheidne Käpplein auf den Köpfen trugen sie, Verziert mit Tausendschönchen und Vergißmeinnie. Und wenn die Götter neuerdings wie früher als Zur Erde zogen, tappt ein Riese allenfalls Mit einem krummen Bückling ihnen schief entgegen Und zeigte sich nach Kräften dienstbar allerwegen. Vor Roß und Wagen räumten sie gelenkig Platz Und sprangen in die Sümpf und Bäch im Fröschensatz. Die Frauen aber luden sie auf ihre Rücken, Sie trocken auf das feste Ufer hinzubrücken. Und alle lauen Sternennächte, wenn Gesang Der Götter vom Olympgebirg herüberdrang, Erstiegen sie den Trutzberg, standen still und lauschten, Weil ihre Ohren sich am Kunstgenuß berauschten. Dann in den Pausen hieben ihre Bärenpatschen Ein stürmisch berg- und talerschütternd Beifallklatschen Und bettelten: «Erbarmen! Wehe! Hungerqual! Oh, singt das, teure Götter, singt das noch einmal!» Thaut aber, heut vom Fenster, morgen durch die Tür, Gab jetzt sein Patriarchenangesicht herfür, Begrüßte die Vorüberzügler leutgesellig, Sein Käpplein lüpfend: «Einzukehren nicht gefällig?» Mitunter schickt er eine Kanne Honigseim Dem Zeus als schwaches Zeichen seiner Freundschaft heim, Anbei ein schüchtern Angebind von Turteltauben Für Hera, bittend, an sein weiches Herz zu glauben. So ward die Hochzeitsreise freier als vorher, Und niemand neckte fürder die Olympier mehr. Vierter Gesang Aktaion der wilde Jäger                             «Ajax gefällt mir, Ajax ist ein braver Mann!» Rief Zeus. «Weißt du, womit ich ihn erfreuen kann, Asklep? Sein Jähzorn, schade! kam mir zwar zuvor. Er handelt taub, dem kühnen Schnabel fehlt das Ohr. Ich hatte den Giganten einen saubern Blitz, Ihrem Gedächtnisschrein zum erblichen Besitz, Nebst einem saftigen Donner von gediegner Art, Hätt er mirs leider nicht verdorben, aufgespart. Denn daß ich tatenlos mich auf der Lauer hielt, Geschah nur, weil ich niemals schieße, eh gezielt. Man liefert trefflichere, giebigere Streiche, Wenn man den Feind sich häufen läßt im Nahbereiche. Trotz allem findet meine Überzeugung statt: 's ist nütz und nötig, daß man einen Ajax hat. Was sagtest du zu einem großen Ajaxfest, Wo man ihn preist und seine Glanztat leuchten läßt?» «Ach!» seufzt Asklep, «die Absicht deiner Majestät Ist gut. Indes, du weißt doch, wies mit Ajax steht. Er schätzt das nicht. Er lohnt dir Spuck für Ruhm und Ehren. Und lädst du ihn zum Fest, die Schenkel wird er kehren, Er kennt nur eine Wonne: an die Gurgel springen Und dir den Hals umdrehn. An nichts als solchen Dingen Hat er Gefallen; alles andre ist ihm Dunst. Will also wirklich deine königliche Gunst Ihm eine Hochzeit stiften, etwas, was ihn heut Und ewiglich bis in die kleine Zehe freut, So laß von einem tüchtigen Hammerschmiedgesellen Von Eisen oder Stahl ihm einen Popanz stellen, Mit Gliedern und Gelenken, in den Ohren Federn, Um ihn zu reizen, wenn sie keck im Luftzug fledern. Verstehst du? Etwas wie ein künstlicher Gigant. So hat sein Ingrimm täglich etwas bei der Hand, Das er nach Herzenslust verhaun, kopfüberschmeißen Und beuteln kann, doch nicht zerstückeln und zerreißen. Je mehr der blauen Beulen er dabei sich holt, Je mehr das sein Gemüt erheitert und erholt. Denn um so überzeugter kann er Antwort hauen. Es ist ihm auch gesund: darauf ist auch zu schauen. Davon zu schweigen, daß die scharfe Tätigkeit Uns Bürgschaft leistet für die Landessicherheit.» «Gewährt!» sprach Zeus. «Belohnen heißt mit dem begaben, Was einer herwünscht. Den Giganten soll er haben, Und nicht von feilem Eisen oder Stahl allein: Die Ohren und die Schnauze sollen golden sein.» Um aber über dieses dem Olympbefreier Ein Denkdaran an Stelle der geplanten Feier Zu stiften, seiner tapferen Heldentat zum Reim, Verfügte Zeus im königlichen Schloß daheim Zu Ajax' Ehren einen edlen Abend, leise Und unauffällig, ohne Pracht, im engsten Kreise. Nicht mehr der Gäste als geladne Männer sieben Um Zeus und Hera. Rausch und Reden unterblieben. Man sprach nicht viel, das wenige hingegen richtig, Und alle Sprüche galten Ajax' Ruhm, wie pflichtig. Und als nach vielen klugen Worten hin und her Des Witzes Vorrat war erschöpft und mehr und mehr Vom Wege sprangen die Gedanken: «Lasset nun», Rief Zeus, «hochedle Gäste, die Verhandlung ruhn Und lieber etwas Schönes schaun in farbigen Bildern. Die Wahrheit läßt sich auch im Fabelkleide schildern. Ist einer etwa, der uns eine Parallele Aus alter Zeit zu Ajax' jäher Tat erzähle, Ein Nebenbeispiel, das auf unsern Anlaß paßt, In andrer Form dieselbe Meinung, oder fast? Wer mag? Wer macht den Anfang? Lieber Linos, du?» Aufmunternd winkten alle Blicke Linos zu. «Gefällts euch, so bericht ich, was die Sage sagt», Willfahrte Linos, «von Aktaions wilder Jagd, Als König von Olymp war Minos der Gerechte, Des Daumen immer irgendein Bedenken schwächte, So daß er vor Gesetzen, Redespiel und Rat Niemals den rechten Finger fand zur kurzen Tat, Und trotz der alten Zeiten üblichem Gerühm War damals Meister in der Welt das Ungetüm. Aktaion aber hat nicht lange überlegt, Er hat die Drachen mit dem Messer weggefegt.» «Erzähl uns von Aktaion», lobte Zeus, «heb an! Gruß dem Befreier, dem beherzten Jägersmann!» Also gemahnt, erhob sich Linos und begann: «Zu König Minos wälzte sich das Hilfsgeschrei Bedrängter Bauern: ‹Gütiger König, steh uns bei! Des Ungeheuers Übermut im Erdenland Seit einiger Zeit nimmt unerträglich überhand. Sie kennen keine Grenzen, keine Schranken mehr. Auf die olympischen Berge steigen sie daher, Die Herden zehntend, Kinder aus der Wiege raubend Und nächtens rudelweise um die Dörfer schnaubend. Kein Turm ist sicher, keine Mauer schützt vor ihnen. Dem Daimonsreißzeug muß die Luft zur Reitbahn dienen.› Minos versprach: ‹Getrost, die Klage will ich buchen. Zieht ruhig heim, ich werd es gründlich untersuchen.› Ein halbes Dutzend Sachverständige ließ er kommen, Von denen ward ein Augenzeugnis aufgenommen. Sie reisten eines Morgens feierlich zur Stelle. ‹Dies ist ein Tröpflein Blut.› ‹Dies Flaum vom Drachenfelle.› Flugs nannten sies 'Befund'. Der wurde numeriert, Nach Haus getragen, überschrieben, registriert, Und als ein jedes unter seinem Deckel war Und zugesiegelt, meinte Minos: ‹Jetzt ists wahr.› Und wieder jammerte das Hilfgeschrei der Bauern: ‹Erbarmen, Herr! Es ist nicht länger zu erdauern. Am hellen Tage wagt aufs Feld sich niemand mehr, Es wäre denn zu Hauf, mit Waffen und Gewehr.› ‹Wenns das ist›, sagte Minos, ‹das ist anderlei. Zunächst geht sittsam ohne Lärmen und Geschrei Nach Hause, während ich mit einem großen Ting Erörtern werde, was zu tun in diesem Ding.› Der große Ting verwies es an den großen Rat, Der, weil es eilte, ungesäumt das Nötige tat. Um ja die flüchtige Zeit nicht werklos zu vergießen, Beschloß er schleunig, einen Ausschuß auszuschießen. Vom Ausschuß wurde – alle Zettel treu gezählt – Ein Ausschußvorstand nach dem Stimmenmehr gewählt. Der Vorstand schuf sich einen Obmann nebst Gevatter, Von diesem ward bezeichnet ein Berichterstatter. Als vollends der Berichterstatter namhaft war: ‹Jetzt›, meinte Minos, ‹jetzt ists richtig ganz und gar.› ‹Mir kommen keine Klagen mehr von Raub und Morden. Die Drachen sind vernünftig, scheints, und sanft geworden›, Rief Minos freudig. Und vergnügt ins Bauernland Schickt er zwei Diener, wie es stehe dort umhand. Vor Minos' Throne hielten diese fahl und bleich. ‹Nun was? Wie stehts? Was sagen sie im Bauernreich?› ‹Sie sagen nichts, erlauchter Herr, sie sind indessen Allmählich von den Ungeheuern aufgefressen. Die aber sind gesund und wohl und werkbeflissen: Schau her, sie haben unterwegs uns angebissen.› Ob dieser Nachricht fiel dem Könige vor Schreck Das Zepter auf die Zeh, die Krone ins Genäck. Hernach ermannt er sich, die Stirn von Zorne rot: ‹Hier hilft jetzt bloß Gewalt! Hier tut ein Beispiel not!› Ein fürchterlicher Rachefeldzug ward gerüstet, Mit Waffen sich bewehrt, mit Panzern sich gebrüstet. O weh! da greint aus allen Grüften, allen Triften Ein weinerliches Bittgeflenn und Friedensstiften: ‹Nur ja kein Blutvergießen! Alles! Nur kein Krieg! Beidseitig sich vergleichen ist der schönste Sieg.› Die Königin Arete selbst bekehrten sie: Die warf sich für die armen Tierlein auf die Knie. Bis Minos schließlich nicht mehr wußte, wo und wer, Und in den Thron versinkend: ‹Ach! mein Amt ist schwer.› Aktaion aber sprach zu sich, der Jägersmann: ‹Jetzt auf! jetzt drauf! Jetzt gehts mein Metzgermesser an. Ich habs genug, Langmut zu schäumen, Milch zu knirschen. Wozu das Mächelmach? Das Raubzeug muß man pirschen.› Nach Hause eilt er, riß mit grimmgeballter Hand Sein langes Metzgermesser Ophis von der Wand, Das wundengierige, dessen ewig durstiger Stahl Gelächter jubelt, wenn es säuft den blutigen Strahl. Die mörderischen Riesendoggen aus dem Bette Zerrt er danach hervor und nahm sie von der Kette: Lyssa, die blindlings alles, was sie einholt, reißt, Und Orthos, dessen Würgen sich gradaus befleißt, Mit diesen schritt er zu der Stute Pephredo, Der rotgescheckten, die von Fleische blutig roh Sich nährt, und ihres Maules Möken gleicht dem Stier. Vorsichtig ihre Bisse meidend, naht er ihr. Ein Schwung, und ehe sies vermutet, saß er oben. Da hämmerten die Hufe, daß die Funken stoben. So ausgerüstet trieb er eigenmächtger Weise Zum Erdenland hinab die todesschwangre Reise. Und jedermanns Gedanken seufzten: ‹Gnad und Heil, Wenn jemand diesem zu begegnen wird zuteil!› Und als, auf Erden angelangt, die Völkerscharen Sich an ihn hängten mit frohlockendem Gebaren Und küßten segnend ihm die Hände, wer zuerst, Und jauchzten: ‹Heil dir, der du in die Drachen fährst!› ‹Erst will ich›, kündet er, ‹mit einem guten Pfropfen Den Quell der Drachensippe, die Natur verstopfen.› ‹Such! such!› Schon winselten die Doggen auf der Spur, Und bald verbellten sie die Höhle der Natur. ‹Beigt Holz herum und Reiser›, heischt er, ‹räuchert, heizt!› Jetzt, von dem Feuerbrand umher und Qualm gebeizt, Keift es von innen: ‹Wer da! der sich unterfängt, Daß der Natur ehrwürdgen Schöpferschoß er sengt? Ananke, hilf!› Und siehe, schauerliche Zeichen Geschahn am Himmel: weh! die Sonne tat erbleichen, Aus finstern Wetterstürmen fegte Blitz um Blitz, Der Hagel pfiff, die Erde schwankt auf ihrem Sitz, Ein blutig Meteor durchflog die Atmosphäre, Und: ‹Fluch und Tod dem Frevler!› brüllten Flammenmeere. Doch spöttisch lacht Aktaion: ‹Eitel Wind und Wunder! Was kümmert einen Jäger solcher Klimaplunder? Wirst du nicht gleich, du Ur-, du Miß-, du Unnatur, Dich mir vertragen mittels einem heiligen Schwur, Daß du der Zeugerei von Drachenscheußlichkeit Und Ungetüm entsagst in alle Ewigkeit, So wirst du erstens – sei versichert und getröstet – Zur Strafe deiner Teufelskunst im Rauch geröstet, Hernach von meiner guten Doggen Zahngewalt Herausgezerrt aus deiner Mißgebäranstalt, Endlich verstöpselt, zugebüßt und zugenäht, Daß dir die kleinste Spinne nimmermehr gerät. Nunmehr entscheide, was du meinst, daß besser ist. Doch schnell; ich hab zu tun, ich gebe keine Frist.› Er riefs. Und widerstrebend fügte dem Vertrag Sich die Natur, daß fürder alle Jahr und Tag Von jedem Fische zwar und Vogel und Getier Sie munter schieße, was sie wolle, wegen mir, Das Untier aber und das Riesenvieh dagegen, Das lasse sie auf ewige Zeiten unterwegen. ‹Dies›, sprach er, sich die Hände reibend, ‹wäre gut. Wir sind behütet vor erneuter Drachenbrut. Jetzt vorwärts, Freunde! Trottet! Auf! Zur Schlacht geschwind, Die Ekel auszurotten, die vorhanden sind.› Nach diesen Worten setzt er eine Kesseljagd, Wo jedem ward sein Stand und Werkziel angesagt. ‹Vor jeder rechten Arbeit›, meint er, ‹hockt ein Plan. Ein kopflos Handwerk heißt gehauen, nicht getan. Jetzt Achtung! Tapfer! Keiner hintendrein geblieben!› ‹Hurra!› Die Hunde hetzten, und die Treiber trieben. Am Anfang freilich war der Ungeheuerschar Die bittre Meinung der Vertilgungsschlacht nicht klar, So daß manch einer mit erbostem Zornesschnauben Den Wunsch verriet, sich einen Imbiß zu erlauben. Bis daß aus Hundehilfsmacht, Waffenhebelkraft, Der Einigkeit, wo alles nach der Mitte schafft, Sie witterten die überlegne Geistesspur Und wandten sich zur Kehre, auf Verteidgung nur Bedacht. Wem nun gebührt der Ruhm des Sieges besser? Aktaions Machtwort? Ophis, seinem grimmen Messer? Oder den wilden Doggen, des Gemetzels froh? Oder der fleischbegierigen Stute Pephredo? Lyssas und Orthos' Schnauzen merkten sich zum Zeichen Des Feindes Eingeweid; sie knirschten in die Weichen. Wogegen Pephredos unschlächtig Roßgebiß Die Schultern knackte und die Köpfe niederriß. Doch selbst Aktaion, wenn er kaum ein Untier sah, Solch eine Blindwut, solch ein Haß ergriff ihn da, Daß er, die Pein des Überzornes abzukürzen, Sich mit dem Messer mocht in hundert Rachen stürzen. Was galt ihm die Gefahr? Was achtet er sein Leben? Die Drachenfratzen sah sein Jähzorn, nichts daneben. Wär ihm im Streit vielleicht sein scharfes Schwert entschliffen, Gewiß, mit Faust und Zähnen hätt er eingegriffen. Plötzlich ein Wank im Feindeshaufen, eine Bucht, Und heulend raste durchs Gefild des Untiers Flucht. Von allen Seiten scholls: ‹Erbarmen! Schonung! Gnade!› Wie schlimm schon einer war, er meint, um ihn wärs schade. Ein weißes Fähnchen schwankte zaghaft durch die Schlacht, Und ein Gesandter nahte, stark durch Redemacht. ‹Wieso, Aktaion, hat das männliche Geschlecht Mehr als wir Drachen auf der Erde Daseinsrecht?› ‹Ich bin in Rechtsgelehrtheit leider nicht geübt; Mit euch hingegen, weiß ich, Drachen, stehts betrübt.› ‹Wenn wir halt Drachen sind, so zwingt uns die Natur.› ‹Ich tadl euch ja auch nicht, bewahr, ich schlacht euch nur.› ‹Wie darfst dus, daß du uns zu schlachten nicht errötest, Der du doch selbst ein Jäger bist und raubst und tötest? Sieh, von demselben Hasen dort in meinem Schlund Guckt ja ein Hasenbein aus deinem eignen Mund.› ‹Ja›, sprach Aktaion, ‹zugegeben, das kann sein, Doch köstlich schmeckt in meinem Mund das Hasenbein, Wogegen mich der Has in deinem Magen grämt, Weil er abscheulich schmeckt und frech und unverschämt. Genug. Geht nun zunächst und schweigt und streckt die Glieder! Vor allem würg ich euch. Dann kommt und redet wieder.› So tönte der Bescheid, der dem Gesandten worden. Und weiter wütete des wilden Jägers Morden. Das war der Urweltungeheuer letzter Tag, Wo Schicht auf Schicht das Opfer auf der Strecke lag. Stöhnen von überall. Von Berg zu Tal Geröchel. Und tief im Blutstrom wateten der Jäger Knöchel. Da schrie zum Tod das Mitleid: ‹Weh der Metzelbank! Die Zukunft seh ich siechen, fluch- und wahnsinnskrank.› ‹Komm›, sprach der Tod,‹komm, kannst du rechnen? Setz dich her. Ein mindrer Wolf, wieviel gibt das der Lämmer mehr?› Kaum war das Wort gesprochen, schritt auf spitzer Zeh Das Leben schüchtern über das verstummte Weh. Ein Lächeln blühte durch die blutige Leichenschicht. ‹Hier Geist!› – und in den Urwald wagte sich das Licht. Wo gestern noch der Bosheit Stirn sich frech empört Mit giftigen Blicken, wurde jetzt Schalmei gehört. Wo winselnd einst umsonst mit zögerndem Gefieder Die Angst ein Obdach suchte, saß der Friede nieder. Geschäftig kam der Fleiß daher, der Mut gewann. Und freudig rief der Stolz: ‹Auf Erden herrscht der Mann.›» «Das also war», brach Linos die Erzählung ab, «Die Sage von Aktaion.» Beifallsmurmeln gab Ihm freudig Dank. Dann herrschte Schweigen, andachttief. Zeus aber, heftig sich vom Stuhl erhebend, rief: «Nicht einzig bloß die Ohren des Giganten, nein, Und seine Schnauze sollen lötig golden sein: Die Nase und die beiden großen Zehen auch. Und ein Karfunkel, faustgroß, vorn als Knopf im Bauch!» Freundlich ihr königliches Antlitz aber wandte Hera zu Linos, und mit holdem Lächeln sandte Sie ihm die gnädige Antwort: «Doch Aktaions Ende, O Linos, bleibst du unserm Wunsch noch schuldig. Spende Uns auch die Schilderung, was von dem wackern Helden Und seinem Schicksal weiter weiß die Mär zu melden.» «O laß bewenden», mahnte Linos, «laß bewenden! Laß nicht den Siegtrompetenton im Klaglied enden! Denn von Aktaions Tod die Sage ist zum Schauern; Und deine klaren Augen, Fürstin, würden trauern.» «An meiner Bitte, lieber Linos, halt ich fest», Warf ihm die Königin entgegen. «Man verläßt Nicht einen Braven, dessen Sieg man mitgenossen, Am Tag der Not. Das Herz hat einen Bund geschlossen. Laß hören drum, wie schaurig schon das Ende sei. Wem Hera zugejubelt, weint sie willig bei.» «Der Bitte beug ich mich.» Und abermals das Wort Ergreifend, setzte Linos die Erzählung fort. «Nachdem in der gewaltgen Ungeheuerschlacht Der große Haufen auf die Strecke war gebracht, Ward der versprengte Rest, der etwa noch geblieben, Einzeln gehetzt und vor der Jäger Dolch getrieben. Oft vom geduldgen Eifer ward nach manchen Stunden Noch hie und da ein Untier im Versteck gefunden. ‹Jetzt glaub ich›, meint Aktaion endlich, ‹jetzt sinds alle›. Und rings im Chor bestätigte das Echo: ‹alle!› Horch! Jagdgetümmel. ‹Fangt sie! Schnell, Aktaion! Nach! Die Flügelschlange Hydra, die den Zaun durchbrach!› Ja wahr! Dort flitzt der Flügel grüner Widerschein Von Busch zu Busch, den Berg hinan, den Wald hinein. ‹Zurück, Aktaion! Unnütz! Du erreichst sie nimmer.› ‹Das will ich erst erproben›, knirscht er. Und vom Schimmer Der Flüchtenden geleitet, folgt er stets und jäh Auf seinem schnellen Roß, wohin sie schwenkte je. In atemloser Hetze, jetzt durch Tal und Schlucht, Jetzt über Bergeskuppen hastete die Flucht. Schon war, vom vorgebeugten Arm geschwind geschwungen, Ihm dann und wann ein Zwick, ein Hieb, ein Stich gelungen, Und mit gelähmtem Fittich schob die schwere Schlange Den wunden Leib in immer müderm Schmerzensgange Voran. Indes durch der gespaltnen Zunge Zischen Die Todesangst begann den Klageton zu mischen. Da plötzlich eines steilen Haines Hindernis. Zu oberst eines Tempels frommer Giebelriß. Horch! Glockenklang. Und eines Frauenchores Mund Sang ein Gebet den Wald herab zum Talesgrund: ‹Hier ist der Berg des Friedens, hier der Hain Asyl. Du, der von Hasse heiß, von Leidenschaften schwül, Mit zornigen Tritten nahst, halt ein, den Nacken bück! Bet an und wende reuig deinen Fuß zurück! Denn dieser heiligen Stätte Hoheit rein und keusch Verabscheut Waffenlärm und kriegerisch Geräusch. Doch du herbei, Bedrängter, wenn dir Feindes Not, Den Tod nach deinen flüchtigen Fersen schleudernd, droht. Wirf ab des Herzens Unruh, hebe Blick und Hoffen! Denn Liebe lädt dich ein, Erbarmen steht dir offen. Ob unverdiente Rachsucht du von Bösen duldest, Ob du gerechte Sühne dem Verfolger schuldest, Ob schlecht, ob edel, ob dich holde Anmut ziert, Ob du mit eklem Felle garstig seist vertiert, Wir fragens nicht. Des Herzens Aufschrei ist dein Paß. Wer immer Drangsal leidet, findet hier Gelaß. Gnade mit dir! Willkommen! Tritt durch unsre Pforte! Dies Haus dient dir zum Hut und zuverlässigen Horte.› So sang vom Hain Asyl der Frauen Gnadenchor. Entgeistert stand er, starrend nach dem Schall empor; Indes die Hydra, von der Botschaft mutgestärkt, Die letzten Lebenskräfte spannend, unvermerkt Durchs Waldesdickicht nach der Tempelhöhle glitt. Darob erwacht Aktaion. Wilden Fluches ritt Er mit verwegnem Klettern durch Gehölz und Stein. Ein Pförtchen tat sich auf, das ließ die Hydra ein. Dann knarrend Riegelrammeln, Schlüsselklirren. Halt! Der Mauer hohe Schutzwehr höhnte die Gewalt. Und siehe, jetzt erschienen, wandelnd auf dem Walle, Mit feierlichem Schritt die Priesterinnen alle. Bendis voran, die königliche, kranzgekrönt, Iphigeneiens Herrscherhoheit auch, verschönt Von Jugendanmut, mild umstrahlt von sanfter Güte, Nebst Tauro, ihrer Zwillingsschwester an Gemüte. ‹Laß ab›, sang Bendis, ‹rückwärts, wilder Jägersmann! Denn der ist heilig, wer den Hain Asyl gewann.› Aktaion schäumte: ‹Wie! ein mörderischer Drache, Und ihr versuchts und hütet ihn vor meiner Rache?› ‹Ein wunder Mörder, lerne, ist kein Mörder mehr, Ein krank Geschöpf, erbarmenswert und jammerschwer.› ‹Ich aber will dem Lindwurm, euch zum Hohn und Leid, Mein Messer tauchen in sein giftiges Geweid!› So sprechend, trabt er spähend längs dem Mauerringe, Wo ihm am glimpflichsten der Übersprung gelinge. Hussa! Empfangen vom Geschrei der Priesterinnen, Die mit den Fäusten ihn verfluchten, stand er drinnen, Ritt trotzig durch der Marmorbilder Säulenwald Den Gang empor und kam dem Tempel nahe bald. Da öffnete das Haus das Doppelflügeltor: Sie selbst, die große Britomartis, trat hervor Im Schönheitsblendeglanz, gleich Sonnenblitz im Schnee. Was hält sie Zitterndes im Arm? Ein jährig Reh. Als kaum Aktaion Britomartis ward gewahr, Verstört ihn süßer Wahnsinn, daß er geistesbar Zu Gruß und Rede mochte nicht die Worte sammeln, Und was die Stimme stöhnte, war ein Liebesstammeln. ‹Was stammelst du von Liebe›, sprach die heilige Frau, ‹Und triefst von schwarzem Blut, du wilder Mörder? Schau! Und meiner Priesterinnen Fäuste fluchen dir. Willst du mir huldigen, so wende dich von hier.› Er schrie: ‹Anbetend will ich deine Knie umfassen. Ich will hinfort um dich mein blutig Handwerk lassen. Ich will der gläubige Schüler deines Mundes sein, Wenn du dich mir ergibst und wirst in Liebe mein.› Sie sprach: ‹Der Britomartis frauliche Gestalt Dient keines Mannes Liebe schimpflich zum Gehalt. Erbarmen nur, dem leidenden Geschöpf geweiht, Nicht Weibeswünsche deckt dies priesterliche Kleid, Enthebe dich, mein Freund, belohnt mit meinem Segen.› Aktaion rief: ‹Weil dus befiehlst, um deinetwegen.› Mit diesen Worten grüßten Abschied seine Hände, Dann griff er in die Zügel, daß er rückwärts wende. Da horch, vom Talgrund aus der Tiefe Stimmen, Leute, Getümmel, Jagdruf, Rossewiehern, Hundemeute! Und Pephredo, die Falsche, witternd Hörnergruß, Gehorchte nicht dem Zügel, sperrte Maul und Fuß. ‹Entflieh, o Britomartis! Wehe der, Gefahr! Ich meistre meine schlimme Stute nicht, fürwahr. Hörst du der Lyssa Schnauben? Orthos' Wutgeheul? Sie kennen kein Gehör, sie folgen dem Gemäul. Erwarte kein Erbarmen, keine Ehrfurcht heisch! Ob Göttin oder Wurm, gleichviel, sie nennens Fleisch.› Doch Britomartis sprach: ‹Ich steh an meiner Stelle. Mit meinem Leib und Leben deck ich diese Schwelle.› Schon stob die Jagd heran. Die Priesterinnen irrten Kreischend umher, und Lanzen flogen, Pfeile schwirrten, Indessen Britomartis, fest das Reh umschlingend, Gen Himmel betete, die Todesklage singend. Des Unheils erster Gruß: vom Mörderstein getroffen, Verschied das Reh. Und Britomartis' Tränen troffen. Schande! Was seh ich? Ist Aktaion geistentsetzt? Ist er geblendet? Ist vom Wahnsinn er gehetzt? Daß gegen jene, die als Herrin er bekennt, Er jetzt in zügellosem Ansturm feindlich rennt? Nicht er: die Stute Pephredo, die ungehemmt Von seinen starken Knien, die er verzweifelt klemmt, Von seiner Faust, die auf den Hals den Hammer schlägt, Ihn wider Willen gegen die Geliebte trägt. Sein Messer Ophis zückt er in der höchsten Not, Stößt mit dem Stahl dem Pferd ins Herz den kalten Tod. Vergebens. Der erworbenen Bewegung Schwung Leiht noch dem toten Roß den mörderischen Sprung. Geworfen von der Wucht, getreten von den Hufen, Sinkt Britomartis stöhnend auf die Tempelstufen; Indes, sich überschlagend, Pephredo entlebt Mitsamt dem Reiter hinstürzt, den ihr Bauch begräbt. Weh! Orthos naht mit Lyssa. ‹Rettet!› Mord und Graus! Im Fleisch der Britomartis wühlt ihr viehischer Schmaus! Aktaion kennt das ekle Schmatzen, ahnt den Fraß, Zwängt sich, die Fäuste stemmend, mühsam unterm Aas Hervor. Doch steht nicht auf. Geduckt, ein wölfisch Tier, Springt er, von blinder Wut geschnellt und Rachegier, Dem Hundepaar entgegen. Waffenstoßgewalt Verschmäht er. Statt des willenlosen Werkzeugs krallt Sein Haß die Fingernägel in die Augen ihnen. Sein Wahnsinn heult und bellt. Mit wildverzerrten Mienen, Schlägt er unsinnig seinen schwachen Manneszahn In ihre Raubtierschnauzen. Und ein Kampf hebt an. Denn die vordem von seiner Herrscherfaust die klugen Verdienten Peitschenstreiche winselnd oft vertrugen, Sind jetzt vom Biß empört, getäuscht. Den Herrn kennt keiner. Und fallen über ihn, als wär er ihrer einer. Und als sie plötzlich sich besannen, jach den Rücken Nach hinten juckend, lag er tot, zerfleischt, in Stücken. So endete Aktaion, der Olymp und Erde Befreite von des Untiers lästiger Beschwerde.» Hier schwieg der Sänger. Als er seinen Spruch geendet, War jedes Antlitz dem Erzähler abgewendet, Den starren Blick durchs Fenster, das Gefühl nach innen, Der Sage nachgedenk in traumgeschäftigem Sinnen. Zeus aber meinte: «Noch ein übriges zu sprechen Nach dem, was wir vernommen, schiene mir Verbrechen.» Worauf die Gäste leisen Trittes sich erhoben, Zumal erschüttert und geläutert und gehoben. Fünfter Gesang Apoll der Entdecker                               Im Osten stand des Tags prophetisches Gestirn. Des Dämons Schwingen rauschten um Apollons Stirn. «Wach auf! Schmeckt nicht dein Mund, spürt nicht dein Herz, Apoll, Den nahen Tag, klarheit- und mut- und tatenvoll? Hört deine Sehnsucht nicht vom Feld das Trittehallen Der Reisechorgesänge, die nach Erden wallen? Dein Neid von Busch zu Bach das Wanderglücksgeflüster Der Freundespaare, leuchtend durch das Dämmerdüster? Und du, vor Zeiten einst an Wagemut und Willen Der Fürst, du moderst hier im Trägen und im Stillen!» Apoll erklärte: «Erdwärts zielt für mich zu nieder, Und mit dem vielen Volk die Fahrt läuft mir zuwider.» «Führt ich dich jemals», rief der Dämon, «in den Haufen? Auf andre Pfade, sprich, als stolze Steg und Staufen?» Apoll erwiderte: «Das ist mir nicht genug. So steil der Horizont, so geil der Heuchler Lug. Weißt du mir einmal einen frischen Himmelsbogen, Hoch, frei und rein, darin noch niemals ward gelogen, Den keine Pfiffigkeit befleckte mit Verrat, Weil ihn kein Schlechter kennt, kein Feiger je betrat, Wohlan, dann melde dich, dann bin ich dein. Einstweilen Schließ ich die Fenster, von dem Heuchelhauch zu heilen.» «Was du bedingst», versprach der Dämon, «bring ich dir: In einen frischen Raum, Entdecker, folge mir.» Verwundert hob Apoll das Haupt, des Wortes Kern Und Geist zu lesen in des Sprechers Augenstern. Und sieh zum Beispiel seines Spruchs und Wahrheitssiegel Das Abbild eines Firnlichts glänzen aus dem Spiegel. Indes des Dämons aufgeregte Reiseschwingen Von Hochmut redeten und fürstlichem Gelingen. Aufsprang Apoll beseelt: «Voran! Ich folge mit.» Und auf des Hochgebirges Treppe trat ihr Tritt. Als sie erklommen das Gefäll der wilden Wand, Wo Fluh auf Flühen saß und Tann ob Tannen stand: «Was seh ich schimmern», rief Apoll, «im finstern Holz? Welch eines Weibes Schönheit scheinen, hehr und stolz? Ists Aphrodite, die mein staunend Auge schaut? Ists Hera selbst, die Falsche, hoheitübertaut?» Doch wie er stetig steigend nach dem Bilde blinkte, Geschah ihm Freundesgruß, und eine Stimme winkte: «Was wimpern so erstaunt und zwinkern deine Lider? Kennst du, Apoll, nicht Artemis die Freundin wieder?» «Wofür», begann Apoll, «kamst du hierher gegangen?» «Dich zu begrüßen, Freund, und lieblich zu empfangen.» «Wer gab dir Vorsicht meines Wegs und Vorempfinden?» «Ich wußt: auf Adlerhöhen ist Apoll zu finden.» «Und magst du, Traute, mit mir ziehn als Weggeselle?» «In alle Zeit, durch jeden Raum, zur fernsten Stelle.» «Dein Mund haucht Mut. An meine Seite schließe dich!» So zogen sie den Gang empor einträchtiglich. Und als, vom Walde mündend auf den freien Plan, Sie sich im Heitern auf der Bergeskuppel sahn, Da schritten sie zusammen nach dem Rasenrand Und schickten ihre Blicke übers tiefe Land. «Wohl mir», sprach Artemis, «hier oben weil ich gerne, Mein Liebling neben mir und das Gemeine ferne.» So rasteten sie müßig, mit den Augen nur Geschäftig, auf der klaren tagumblauten Flur. Horch! Rätselhaftes Rauschen, freudig, heldenharsch, Wie eines Feldherrn Schimmeltanz im Heeresmarsch. Ah! Aufschein eines strahlenkranzumzuckten Lichts, Sieh, hinterm Berghorn. Stille, ringsum Ruhe: Nichts, Erwartung, Täuschung. Da, mit einmal um die Spitze Blendet der starke Sonnenwagen. Stachelblitze Entfeuernd, treibt er flammenlodernd durch die Luft. Beständig wächst er, stetig mindert sich die Kluft. Jetzt jubelndes Gewühl von Wimpeln, Farbengold: Und dröhnend kommt das Schöngetüm ans Land gerollt. «Halt!» herrschte Helios. Stampfend standen die Maschinen. Und krabbelnd aus des Wagens Muschelkorb erschienen Ein Büschel Angesichter, frisch und lebensfroh, Gefolgt von Schultern, Armen, Hüften ebenso. Und als das Ganze schließlich, wie es kam und schlüpfte, Aus dem Gefängnis auf den grünen Rasen hüpfte, Da warens Helios' Töchter. Muntern Lachens sprangen Sie auf der Matte hin und wider, im Verlangen, Die Reiseglieder zu entsteifen und die jungen Von Übermut und Spottlust überfüllten Lungen Zu lüften. Dann, hinüberlaufend nach dem Quell, Kämmten sie sich und wuschen sich vom Ruße hell. Geneigten Blickes nahm das kecke Schauspiel wahr Und schlenderte zum Wagen hin das Freundespaar. «Daß euch! Ihr Elstern!» schalt mit väterlichem Grimme Vom Wagenkorb hernieder Helios' Biederstimme, «Ist das nun der Erziehung und der Sittenzucht, Womit ich täglich mich ereiferte, die Frucht? Ich habe wahrlich mehr Verstand in meinen Füßen Als ihr im Kopf. Wollt ihr wohl gleich gebührlich grüßen, Ihr blinden Hummeln? Hopla, hurtig, regt euch, knickt Und reichet ordentlich die Hände, wie sichs schickt.» Bestürzt erröteten die Töchter, schämten sich Und huschten zu dem Freundespaare. Ordentlich Die Hand zum Gruße bietend, mit bescheidnem Knicken, Indes der Mutwill lacht aus ihren Augenblicken. Selbst aber lud die fremden Gäste hübsch und fein Helios zum Anblick seiner Sonnenschmiede ein, Wo er, dem unerwarteten Besuch zu Ehren, Gütig das wundersame Triebwerk mocht erklären: Der Räder Hin- und Widerschwung, der Kolben Wechsel, Der Kurbeln Handlichkeit, der Stößel Macht und Drechsel Nebst allem übrigen, was etwa außerdem Merkwürdiges bot des Fahrwerks künstliches System. Dann, um die Kraft der Unterweisung zu ergänzen, Ließ er zum klugen Wort der Taten Beispiel glänzen, Indem er mit dem Sonnenschiff im luftigen Meer Vor ihren Augen fuhr ein Weilchen hin und her. Vorsichtig aber schleifte längs der Küstenzeile Das Fahrzeug, und die Sonne, wahrlich, hing am Seile. «Erfahrner Meister», frug Apoll, «erkläre mir: Verzeih das freie Wort – was nützt das Schleppseil hier? Sahst jemals einen Vogel du am Gängelbande? Warum auch fährst du gar so ängstlich längs dem Lande? Meinst du nicht selbst vielleicht, im Weiten und im Freien Müßte die Sonnenreise herrlicher gedeihen?» «O Fremdling», schmunzelte der Meister überlegen, «Was einer nicht versteht, das laß er unterwegen! Dann nützen die Gewalten, wenn im Zaum gehalten. Der Weise zügelt, nur ein Tor läßt Willkür walten.» Er sprachs. Da drehte Artemis sich lachend um. «Was lachst du?» fragte Meister Helios' Miene stumm. «Ich lache», rief sie, «weil das Lustspiel mich vergnügt, Wenn Meister Schmied den göttlichen Apollon rügt.» Ein Freudensturm, ein Aufruhr der Ergebung scholl, Als Artemis gestand den Namen des Apoll. Die Wangen küßten ihm, die Schultern und die Hände Die Sonnentöchter. Aber klagend ohne Ende Rief Helios: «Schmach der Kränkung, die du mir getan, Apoll, daß du dich gabst für meinen Schüler an, Der du mein überlegner Herr und König bist, Und keiner lebt, der dir an Kunst gewachsen ist.» «Freund», sprach Apoll, «laß dich den Irrtum nicht verdrießen. Den Vorteil deiner Lehre mocht ich gern genießen. Denn niemand ist so groß, und reicht er zu den Sternen, Eh daß er etwas kann, muß ers bescheiden lernen. Nun aber laß versuchen, ob ich wohl alleine Die Sonne führen möge, freihin, ohne Leine.» So sprechend, ließ er lösen alle Tau und Stricke. «Dämon, stehst du mir bei? Wenn ja, ein Zeichen schicke!» Und siehe da im Waffentanz den Dämon schreiten. Da sprang er kurz an Bord und ließ die Sonne gleiten. Jetzt gleich wie unterm Sattel ein erlesen Pferd Schönhüpft, wenn es den Reiter merkt, der seiner wert, Und gleich dem Schwan, der stolzen Flügelschlags den Gischt Aufpeitscht und aus gebognem Halse Hochmut zischt: So segelte die Sonne, als sie kaum verspürte, Daß selbst der königliche Held Apoll sie führte, Mit aufgeblähtem Wimpelwald in ebnem Flug Glückaus ins Blau, durch Ätherglanz und Wolkenzug. Bewundernd beugten mit dem Vater Haupt und Knie Die Sonnentöchter. «Preis der Großtat!» jauchzten sie. Leichthin versetzte Artemis: «Was jauchzt ihr bloß? Sein Werk ist seiner nur ein Teil. Er selbst ist groß.» Doch welche Wandlung jetzt begibt sich mit Apoll? Sein Haar fliegt auf. Sein ruhig Auge hoheitsvoll Strebt aus den Höhlen. Auf die Bank des Wagens steigt Im Sprung sein Fuß. Zum fernsten Horizonte zeigt Sein Finger, herrisch fordernd wie zu Streit und Fehde. Und stammelnd von der Zunge taumelt ihm die Rede. «Nein», rief er, «das ist keine Täuschung! Es ist wahr: Mit meinen wachen Augen nehm ichs deutlich wahr; Jenseits der Welt, wo Wissenschaft und Ahnung schweigen, Seh ich von einem neuen Gau ein Wölklein steigen. Das ist mit wonnigen Glückes Seligkeit beladen, Ein Widerschein, der zeugt von bessern Weltgestaden, Eja! Nicht will ich aus dem Sonnenwagen steigen, Zum Schlummer nicht fürwahr die müde Schläfe neigen, Eh meine Augen jenes Gaues Gärten grüßen Und das gesegnete Gestad mir liegt zu Füßen.» Und als ob dieser Rede Helios, der Entsetzte, Mit Warnungen die väterliche Zunge wetzte, Schwatzend den Kehrreim von der «Führerin Natur» Und also fort und «Nie verlassen ihre Spur»: «Ai!» rief Apoll, «Weisheit, welch schauerliche Speise! Wer wagts? Wer unternimmt mit mir die Heldenreise?» Da sah man Artemis von edlem Mut erglühn. Vom Rasenbord sich furchtlos schwingend, lief sie kühn Mit hochgehobnen Armen ihm entgegen. Schon Hielt sie entschlossen neben ihm im Wagenthron, Der Atem mutbewegt, die gläubge Stirn erleuchtet, Das strenge Augenpaar vom Liebesblick befeuchtet. «Du!» rief Apoll stirnrunzelnd, «du getraust dich viel! Ins Unbekannte ist kein Scherz und Weiberspiel. Der Ansprung tut es nicht. Geduld darf nicht versagen. Und wer mich hindert, wisse, werf ich aus dem Wagen.» Freudig erwidert Artemis: «Tu also! ja!» «Ists also», sprach Apoll, «willkommen! bleib mir nah!» «Haian! Paian!» Jetzt Räderrollen, Dampfgebraus, Und tosend fuhr der Wagen in den Raum hinaus. Durch weite Demantstrahlenmeere, wonnige Engen Von farbendämmernden erlauchten Wolkengängen, Umschwirrt von Schwalbenschrei, umwühlt von Glanzgewimmel, Durch blaue bald und bald durch goldne Rosenhimmel. Und eifersüchtige Adler kamen, mit den Fängen Sich flatternd an die Sonnenräder anzuhängen. Und während hinter ihnen Gruß und Grün verschied, Begann und jauchzte Artemis das Reiselied: «Trara! Hört ihr den Schrei der Kriegstrompeten klingen? Ein Morgenlied aus vollem Halse laßt mich singen. Vom Licht bin ich berauscht, vom Lichte muß ich tönen, Drum sing ich von den reisemutigen Sonnensöhnen: Zwei weiße Reiter seh ich durch den Weltraum blitzen, Zwei Feuerfähnlein sprühn auf ihren Lanzenspitzen. Auf ihrem blanken Helm nimmst du kein Stäubchen wahr: Das ist der Dioskuren edles Zwillingspaar, Die im Geläut die lichtgebornen Rosse strecken, Helana, die verlorne Schwester, zu entdecken Jenseits, im Metakosmos, wo der Hesperiden Gesegnet Eiland liegt, besonnt von Glück und Frieden. Und fragst du nach dem Führer, Leitstern und Kompasse, Der ihnen durch den Luftraum weist die rechte Gasse, Vernimm: des Herzens Hoffnung ist der Vorderreiter, Und Mut und Glaube sind die trefflichen Begleiter. Weil, gleich der Täubin, die der körnerreichen Blache Entsteigt und steuert nach dem heimatlichen Dache, Helana von der seligen Insel, wo sie weilt, Dem langentbehrten Brüderpaar entgegeneilt. Was meint ihr, welcher Freudentaumelsturm geschah Da, wo Helana ihre Brüder wiedersah? Wenn man mir sagte: Heida, zeichne mit dem Stift Die Stelle, wo man keusches Glück im Weltall trifft, Zwei Striche führt ich kreuzweis über jenen Ort, Und mit dem Finger nach der Kreuzung weisend: dort! Spott euch, ihr Dioskuren! müßt euch doch bescheiden, Um eine beßre Himmelfahrt mich zu beneiden. Denn nicht zum fernen Liebling zieh ich aus wie ihr: Mein Fürst, mein Held, mein Bräutigam steht neben mir. Ich kann ihn schaun, darf Blick und Odem mit ihm tauschen, Und seines Dämons großen Fittich hör ich rauschen.» Die Worte jauchzte Artemis. Und unterhalb Der Sonnenreise stand auf jeder grünen Alp Das Göttervolk und Mensch und Tier, in Hast versammelt, Die Botschaft zu gewahren, die der Ruhm gestammelt. Die Erde ward und der Olympos laut von Grüßen, Und Beifall streckt ein Jubelband zu ihren Füßen. Über den Wagen lehnte Artemis sich vor, Da lief die Welt ihr nach und rief zu ihr empor: «Was magst du? Wähle ohne Ziererei und Scham! Ich habe aller Dinge War in meinem Kram. Sag an: willst du vielleicht Gebirge?» Sprachs und warf Sie kettenweise hin. «Sind Fluren dein Bedarf? Da nimm sie! Willst du Stadt und Dörfer? Flüß und Seen? Ich habs zu Hunderten. Schau her, da kannst dus sehen.» Und tollen Laufes taumelten, mit Blust beladen, Vorbei die Hügelreihen, hingemäht in Schwaden. Indes dahinten, links und rechts, im Gegenzug Bedächtige Wälder gingen mit dem Wagenflug. Doch welterhaben, stolzen Schrittes stetig stieg Das Sonnenschiff, und seine Räder rollten Sieg. Und also weiter ohne Fährde noch Beschwerde, Solange sich die Reise hielt im Bann der Erde. Doch wie sie folgends hinterm letzten Erdensaum Einfuhren in den unbewohnten Weltenraum, Wo statt des Lebenshauches trauter Atmosphäre Nüchtern und farblos klaffte wesenlose Leere, Kein Ton das Ohr, kein Gegenstand das Auge grüßte, Ja selbst die Wolke mangelte der Strahlenwüste, Begann von den olympischen Königsadlern vielen Einer zu blinzeln und nach seinem Schwanz zu schielen. Husch, fiel er unversehens heimlich hinten ab. Die andern nach, getreu dem Beispiel, das er gab. «Ach!» seufzte Artemis, «mir bangt in diesen Gassen, Wo selbst die höhenkundigen Adler uns verlassen.» Apollon höhnte: «Ei, laß ziehen doch die Geier! Erleichtert von den halben Freunden fährt sichs freier.» Und weiter wetterte die kühne Fahrt nach oben. Da sieh, von abertausend Mücken und Mikroben Tanzt um den Sonnenwagenlauf ein feiger Schwarm, Frechheit im Rüssel, Untertänigkeit im Darm. Und alle wußten unumstößlich zu beweisen, Er fahre fehl, die eitle Hochfahrt müß entgleisen. Schüchtern begann, bescheiden fragend Artemis: «Bist du, o Freund, des rechten Weges auch gewiß?» «Schmach, daß du», rief Apoll, «an das Geschmeiß dich kehrst! Des Maulwerks Platz ist hinterm Rad. Einst fahr ich erst.» Und weiter wetterte zur Höh die kühne Fahrt, Umringt von Öde, mit Unendlichkeit gepaart. «Ach weh!» stöhnt Artemis, «im Nichts kann nichts gelingen. Unmöglichkeiten kann Apollon selbst nicht zwingen.» «Nunmehr», verwarnte scharf Apoll, «entscheide dich! Bist du Genosse? Oder Feind und wider mich?» Nun schwieg sie. Aber während ewig einerlei Die Stunden gähnten durch die Ätherwüstenei, Erlosch ihr Blick, die willenlosen Augensterne Starrten verzweifelt und ergeben in die Ferne. Durch flüchtige Pulse jagte wüstes Denkgeschwirre, Ihr Herz ward traurig und ihr schöner Glaube irre. «Doch still! Beinahe kam mir vor, ich röche Rauch, Wie eines unsichtbaren Herdes Waldeshauch.» «Das war ein Ton! Hast du gehört? Doch doch!» «Was hat Mich an die Wange da gestreift? Ein Blumenblatt. Schau her! Noch eins!» «Und dort: ein Küstennebelmeer!» «Und fremde Adler werfen ihren Schrei umher!» «Zu hinterst Schatten wie verhüllte Berggestalten!» «Ja, das ist lebend Land! Hier kann nicht Täuschung walten!» «Erreicht, erschwungen!» rief Apoll. Der Wagen stand, Gehemmt vom trotzgen Querwall einer Wolkenwand. Verworrenes Geräusch, das wonnige Laute rief, Verriet ein holdes Rätsel, das dahinter schlief. Über dem Wolkenscheitel schwankt ein Schemen auf: «Wer wagt zu diesem niebetretnen Herd den Lauf? Nach welchem Ziele strebst du? Was begehrst du hier?» «Zur Weltenkuppel hob mich Mut und Hochbegier, Und meine Sehnsucht sprach: zum Sieg oder Verderben! Was muß ich tun, sag an, mir Einlaß zu erwerben?» «Mit Gram und Sorge mußt du um den Schlüssel werben.» «Willkommen Sorg und Gram! Der Schlüssel tut mir not.» «Ists also, wohl! Vernimm Bedingung und Gebot: Ein Bogen wird dir werden und ein scharfer Pfeil. Kein zweiter gilt; von diesem einzigen hoffe Heil. In dieser Wolkenwand, dem Auge unsichtbar, Befindet sich ein Zweck, nicht breiter als ein Haar. Mit dunkler Ahnung muß der Treffer dir gelingen, So wird der Vorhang fliehen und die Pforte springen. Doch hast du deinen einzigen Pfeil umsonst verschossen, Kehr um, zieh heim; auf ewig bleibt das Tor verschlossen, Auf jetzt! Greif zu! Versammle deine Seelenangst, Ob dus errätst, ob dus erzweifelst und erbangst.» Nach diesen Worten flogen Pfeil und Bogen her. Als er den Bogen aufnahm, seufzt Apoll: «Wie schwer!» Als er den Pfeil auflegte und die Sehne strengte, Beschlich ihn Zweifel, der sein Urteil trübt und mengte. Als er die Arme zum Entscheidungsschuß erhoben Und sah nicht Ziel noch Zweck, nicht unten und nicht oben, Zur Linken keinen Deut und rechts nicht Wink noch Rat, Wankt er enttäuscht zurück: «Ich tauge nicht zur Tat!» Wohl rafft er reuig den Entschluß von neuem wieder, Doch immer sanken Mut und Arm ihm kraftlos nieder. Bis daß zuletzt Verzweiflung ihm den Willen lieh: Die Waffe legt er aus den Händen, fiel aufs Knie, Neigte das Haupt, verhüllte sich das Angesicht, Und eine Weile regt er sich und rührte nicht. Und als er wiederum die Stirn dem Tag vertraute, Da wars ein Mann, der aus dem Jünglingsantlitz schaute. Plötzlich ein Griff, ein Sprung. Und vom gespannten Bogen War Blick und Pfeil zugleich der tapfern Tat entflogen. «Weh mir und Mitleid! Fehlt ich?» frug der Schütze bang. Doch sieh: da schwankte, teilte sich der Wolkenhang, Und aus dem Schleier trat, gleich einer Jungfrau hold, Das Land der Oberwelt in Glück und Farbengold. Ein Wald von Blumen, ein Vulkan von Schmetterlingen, Und Berg und Täler, laut von Silberquellenspringen. Die Hände reichten sich, ergriffen, inverschwiegen Apoll und Artemis, worauf ans Land sie stiegen. Und sieh vom Berg gebieterisch den Schemen nahn, Des Schatten auf dem Wolkengipfel jüngst sie sahn. Er sprach, die Hände auf Apollons Scheitel faltend: «Als dieses Landes König, meines Amtes waltend, Das mir gebührt, erklär ich laut und feierlich: Mit Metakosmos' Inselreich belehn ich dich. Gebirg und Täler sollen deinen Namen tönen, Apoll. Jetzt aber, Sieger, laß vom Ruhm dich krönen! Dreifach, Apoll, ist deines Ruhmes Fürstenkrone: Du hasts geglaubt, das zeugt, daß Adel in dir wohne. Du hasts gewollt, das spricht, daß Heldenmut dich stählt, Du hasts gekonnt: du bist aus Tausenden erwählt. Nunmehr tritt ein, folg deinem Wunsch, lustwandle frei! Ich grüße dich, mein Werk ist all, mein Amt vorbei.» So sprechend, wandte sich der Schemen. Aber jach, Am Schritt ihn jetzt erkennend, eilt Apoll ihm nach Und faßte seinen Mantel: «Was betrügst du mich? Du bist mein eigner Dämon; ich erkenne dich.» Der Dämon sprach: «Ich bin es, ja. Wann sagt ich nein? Der Irrtum, der dein Urteil täuschte, er ist dein.» «Wie bist du ernst und fremd und hoch von Wuchs geraten!» «Ei, was befremdet dich? Ich wuchs durch deine Taten.» «Du fehltest mir, als pfadlos ich durch Wüsten fuhr.» «Ich ehrte dich: am Ziele harrt ich deiner Spur.» Hier endete der Spruch. Die Trennung ward geschlossen. Der Dämon schied. Indes die freundlichen Genossen Landeinwärts vom Gestade strebten freudig nun, Neugierig, welch Geheimnis möcht im Innern ruhn. Auf eine Höhe kamen sie mit Namen 'Selig', Dem Schmerz entrückt, lustreich, an Gütern überzählig, Bewohnt vom Hesperidenvolk, von Wesen gut, Von Anblick schön, das Böses weder kennt noch tut. Nie siehst du dortzuland ein mürrisches Gesicht: Die Wickelkinder in der Wiege weinen nicht, Und selbst beim Blumenfest im dichtesten Gemenge Hörst du kein Schelten, spürst du nirgends ein Gedränge. Denn statt der Schule, statt Gesetz und Sittenzwang Reimt eingeborne Lieblichkeit des Tages Gang. Indes, was brauchts der Wort und Schilderungen viele? Lern ihre Sinnesart aus diesem einzigen Spiele: Wenn zwei, wer immer auch, an sich vorübergehn, So lachen sie, solange sie einander sehn. Vor Freuden lachen sie, versteh, mit Aug und Munde. So wird das Leben inhaltreich und froh die Stunde. O welcher Wunder Fülle dann, erstaunlich gar, Zeigten der Hesperiden Gärten ihnen dar In hoher Gegenwart, vom ewgen Licht besiegelt! Das Vorgebirge sahn sie, wo sich jedes spiegelt Auf zweien Gegenfelsen namens 'War' und 'Wäre': Der eine schildert dir von überall die Märe, Was immer stündlich sich begibt; der andre Schroffen Der Dinge Möglichkeit, geträumt vom Herzenshoffen. Sie sahn den bösen Bruch, von wo entfiel die Welt; Die Halle, die der Dinge Musterbild enthält Nebst aller Wesen Urgestalt, vom Geist vermutet; Den Gießbach ferner, der in Harfenpsalmen flutet: Tief unten aus der Erde springen seine Quellen; Zum Liede schmilzt das Leid in diesen reinen Wellen. Den tiefen Waldsee ferner der Erinnerung, Wo das Vergeßne auferscheint, erfrischt und jung; Den Wendelberg, der sich verwandelt jeden Morgen, Und täglich neue Landschaft hält sein Hut verborgen; Die Zeder Amuna, die aus der Wahrheit sprießt: Der Irrtum schwindet, wer von seiner Frucht genießt. Hernach den Engpaß, wo die Stunden und Minuten In ewigem Wechselzuge hin und her sich sputen: Leicht heben sie den Fuß, hellsingend in der Frühe, Doch abends stumm, beschwert mit irdischer Not und Mühe. Doch als sie auch das Tal Eidophane zuletzt Entdeckten, wo, der Fesseln ledig, leibentsetzt, Vor deinem Blick lustwandelt dein enthülltes Ich: Hier stehst du, drüben grüßest du vom Walde dich – Da sprach Apollon: «Artemis, du edle Frau, Wenn ich die Seele dein vor mir lustwandelnd schau, So ist sie rein von Makel, wie von Golde lauter.» Darauf versetzte Artemis: «Geliebter, Trauter, Von lauterm Golde nicht, es ist ein Kern darinnen, Lebendig, warm und weich, der mag dich zärtlich minnen.» Und also weiter, durch des Eilands Überfluß. Nie fand der Wunsch Genüge, nie der Geist den Schluß, Weil neue Wunder schafften neue Zögernis. Bis daß der Zwang der Stunde sie von dannen riß. Und heimwärts zogen zum olympischen Gestade Apoll und Artemis ruhmreich die luftigen Pfade. Und es geschah um dieses Tages Mitternacht, Da sprach zu sich, aus traumbegabtem Schlaf erwacht, Apoll: «Welch geistisch Singen durch den Mondenschein Haucht aus der Höhe atmend in mein Herz hinein? Ich kenne diese Sprache, heimatlich bekannt, Und diese treue Stimme, herzlich anverwandt.» Und sieh: im Sternenhaus, vom Schlummergeist enttragen, Die Freundin Artemis, stehend im Mondenwagen. Schlafwandelnd lenkte sie durch schwindelhafte Räume Die blinde Fahrt. An ihrem Mantel hingen Träume. Phalänen huschten um die Räder. Und von ferne Folgten in leisem Zuge die erstaunten Sterne. Die Lippen öffnete die Heldin unbewußt, Die Zunge sprang, ein Hymnos quoll ihr aus der Brust: «Ich kann es nicht verschweigen, kann es nicht verschließen, Ich jauchz es in die Welt, und mags die Welt verdrießen: Es überhebt sich mir das Herz, es protzt, es prahlt, Weil meine Schläfen Sieg, die Schultern Ruhm umstrahlt. Nicht zwar für eigenes Verdienst aus meiner Kraft, Von einem andern, bessern zieh ich Lehenschaft, Von dem ich eitel bin ein matter Widerschein: Das ist mein Herr, mein Lehrer und Gebieter mein. Ein Aar an Ungestüm, ein Leu an heftiger Stärke, Doch nicht zu Haß und Hader, zum lebendigen Werke. Versöhnung lächelt, wo sein Augenblick geruht, Und was sein edler Finger stiftet, das ist gut. Und fragst du nach dem Namen, wer der Große wäre: Du Tor, von wem erzählt die Oberwelt die Märe? Wes Lobes ist der Himmel und die Erde voll? Wem beugt sich selber König Zeus? Sprich aus: Apoll. Du dort, zurück! Kriech in den Winkel, winziger Wicht! Schamloser Däumling, mit Apoll vergleich dich nicht! Umsonst! daß du die Zehen streckst, den Nacken steifst. Erst kniest du. Alsdann sorge, ob du ihn begreifst. Doch mir, wie mochte solche Gnade mir geschehn? Ich darf ihm aufrecht in die stolzen Augen sehn. Jawahr! Er duldet mich. Er zürnt nicht 'fort von hier'. Nein, 'Freundin, Freundin' gönnt des Helden Zunge mir. Drum jauchzt mein Herz, drum muß mein Hochmut überquellen. Wo ist ein Wort, ein Ton, es durch die Welt zu gellen?» So sang für sich im Traum die hehre Schläferin, Mit blinder Hand den Wagen steuernd vor sich hin. Apoll vernahms, und heimlich einen ewigen Bund Schloß er mit Artemis im tiefsten Herzensgrund: «Ich fahre mehr in keine stolze Höh und Weite, Du ständest denn mit deinem Glauben mir zur Seite. Ja, wahrlich ja! Und hoffe niemand zu entzweien, Die einst ins Tal Eidophane geblickt zu zweien!» Sechster Gesang Poseidon mit dem Donner                             «Nicht Löwen -», rief Poseidon, «Deinotherionslust Schüttelt mein zottig Herz in der Titanenbrust, Bedenk ich, was für prächtige Auerkerle zwei Wir sind, Apollon und ich selber gleicherlei. Herrlich ergänzt der eine je des andern Art. Zu glatt, zu weibisch wäre mir die Sonnenfahrt, Ich brauche Wettersturmluft mit Ozon und Schwefel, Und eher als zu zahm ertrüg ich etwas Frevel.» So sprechend wühlt er unterm Zeug im Waffenhaus. Und Gigas, einen alten Donner, sah er aus, Von Minos' Zeiten stammend, zwar zum Wolkenknacken Noch leidlich gut und Hagelheu und Waldverhacken, Allein der Knall der Flunkerblitze platzte blind, Und des gewaltigen Lärmens Endewerk war Wind. Den Donner rafft er, schleift ihn rasselnd hinterdrein. So zog er durch den staunenden Olymp feldein. «Holla!» rief lachend aus dem Fenster Zeus, «wohin? Was hast du mit dem Feuerkolben im Beginn?» Großartig sprach Poseidon: «Antwort geb ich keine.» Und stampfte durch Gemüs und Kraut ins Ungemeine. Den Gigas wägend, tat er einen Probestreich: Da heulten tausend Regenwolken Sturm zugleich. Pang! Blitze prasselten. Hüwih! die Luft zerriß, Und um die Füße stürzt ihm Höllenfinsternis. Also von Rauch umquirlt, umqualmt von Schwefelschwärze, Stieg ihm der Geist, und Ungeheures schwang sein Herze. Er sprach: «Mein Werk muß einzig sein und würdig meiner! Daß alle Welt erkenne: Ähnliches kann keiner! Ein Wunder, daß dem Krokodil der Rachen steht, Dem Wendekreis der Lauf, dem Wind der Schnauf vergeht.» Kurz etwas Neues, Unerhörtes, das ist klar. Doch was? Das war ihm minder deutlich offenbar. Zwei Bauern, Moros und Idiotokles, die wackern, Sah er im Rübenfeld mit Karst und Spaten ackern. «Was ist unmöglich?» schrie Poseidon ihnen zu. Den Kopf erhebend, stellten sie den Karst zur Ruh, Berieten sich mit Hydrokephalonios hinten: Die Zeit verstrich, sie konnten keine Antwort finden. Ein Züglein Handwerksburschen wanderte die Bahn. «Was ist unmöglich?» herrschte sie Poseidon an. Aus seinen wilden Mienen schöpften sie Bedenken, Kniffen das Bein und zogen vor, ins Korn zu schwenken. Mit Geißlein trippelte des Wegs ein Ziegenhirt. «Was ist unmöglich?» kam Poseidons Ruf geschwirrt. Geschwind begann das Büblein überlaut zu krähen: «Daß Wasser ob sich läuft.» «Oho! das wollt ich sehen!» Und über Stein und Stoppeln stürmend eilt er jach Hinüber nach dem Walde zum Forellenbach. Dort angekommen, mustert er den Wasserlauf: Stumpfsinnig lief er immer talwärts, nie bergauf. «Wer ist hier Bachgott?» heischte seine Stimme, «wer?» «Hier bin ich, Meister!» rauschte Gargaros daher. «Was läufst du geistlos abwärts, niemals umgekehrt?» «Weil mirs die Strudelnymphe Achys oben wehrt, Die unaufhörlich mit den Beinen nach mir stupft, Mir Tag und Nacht nicht Ruhe läßt, mich abwärts schupft.» «Laßt mir sofort die Strudelnymphe Achys kommen!» Mit ehrerbietigem Eifer kam sie angeschwommen. «Hier, mein Gebieter! Blick auf deine Dienerin.» «Was soll das, Achys, rede», warf sein Unmut hin, «Was soll das, daß du Gargaros und seinen Fluß Mit Beinen plagst, so daß er abwärts flüchten muß?» «Ach wehe der Bedrängnis!» ächzte Achys, «ach! Mich pufft der böse Katarrheus vom Trommelbach.» «Schafft eilends mir zur Stelle Katarrheus den Wicht!», Der schickte den Bescheid: «Poseidon kenn ich nicht.» Laut lachte da Poseidon: «Ei fürwahr! das wäre! Wer wagts – der Tropf! – und weigert mir Gehör und Ehre?» Er sprachs, und zähnebleckend protzt er auf im Nu Waldauf, die Schlucht hinan, dem Trommelbache zu. «Du dort», begann er, «Deutlichkeit vor allen Dingen! Willst du gehorchen? Oder muß ich erst dich zwingen?» Knurrte der Katarrheus: «Wozu willst du mich zwingen?» Poseidon gab: «Ich will, daß sämtliches Gewässer Hinfort bachaufwärts fließe. So gefällt mirs besser.» Und als hohnspöttisch ihm der grobe Katarrheus Just vor die Nase schoß sein schäumendes Geschneuß, Schaute Poseidon riesig um sich: «Himmel, merke! Erde, erheb den Blick! Poseidon geht zu Werke. Die Wassergötter», herrscht er, «die im Umkreis sind, Sämtlich herbei mit Nymphen und Gesind und Kind. Daß sie mit Schöpferkellen, Eimern, Ruderstangen Das träge Wasser aufwärts scheuchen. Angefangen!» Und als von tausend Armen nun gepeitscht, geklatscht, Die Strömung widerwillig kam bachaufgeplatscht, Entledigte Poseidon sich in Eiferseile Der hinderlichen Kleider samt dem Donnerkeile, Stürzt ins Gebäch, lud einen schwappen Wasserturm Flapp! auf den Arm und lief den Gegner an mit Sturm. Der Katarrheus fuchszornig ihm zuvor von oben. Und eine Wasserwut hub an mit Tummeltoben. Zur Felsenhöhle stieß Poseidons Trotz empor, Den Feind zurückzuwerfen in sein Ausfallstor. Doch gleich der Katze, die im Hundeangesicht Die Augen pflügt und Mund und Nase blutig ficht, Tanzte der Katarrheus und zischt und faucht und spuckte Dem blinden Feind ins Antlitz, das sich niesend duckte. Und Bergdämonen, heimatliche Kampfgenossen, Nahten mit Kübeln, die sie auf den Fremdling gossen. Ausgleitend brüllt er: «Schurken, das ist feiges Spiel!» Als ihn Anankes Knecht Hydraulos überfiel. Der zerrt ihn an den Füßen, hing sich an sein Knie: «Abwärts, abwärts, mein Teurer! Aufwärts zwingst dus nie.» Wie willst dus lieber nennen: Absturz oder Rolle? Im Graben lag der Deinotheriontatenvolle. «Ha!» schäumt er. «Zwar der erste Sturm vielleicht mißlang. Doch euer Fastnachtblecken, Narren, währt nicht lang. Ich habe da ein Mittelchen im Mordgewehre, Womit ich euch – was gilts? – das Grinsen leicht verlehre.» Sprachs und ergriff den Gigas. Klotzigen Rückens starrte Ein Block im Moos. Den Block erobert er als Warte. «Jetzt halt dich, Katarrheus!» Ein weiter Keulenschwung, Und plötzlich knatterte der Blitze Zackensprung. Aus hundert hohlen Hälsen heult ein einziger Krach: Zu Staub zerschmettert strich den Schweif der Trommelbach. «Triumph!» Und also frisch voran mit Donnerschmeißen. Doch siehe, welche Hinterlist! Was soll das heißen? Verrat! Statt eines Baches trommeln sieben Bäche. Und alle schneuzen talwärts ihr Gewässer freche. «Ech du!» Und ritsch! mit zorneskraftverjüngter Stärke Oblag sein Riesenarm dem Rachefeuerwerke. Gleich Schwertgefechten fegten Blitze Strahl auf Strahl, Und schreiend floh verbrüllte Nacht durchs Höllental. Da läutets im Gehölz. Geträuf, Geläuf von allen Gehängen. Von den Halden schwadernd Wasserfallen. Tümpel, im Grase glucksend, wachsen aus zu Seen, Die sich umarmen, Quellenwirbelwalzer drehen. Horch! in den Tannen oben, glaub ich, braust ein Fluß. «Platz da! Aus Weg!» lärmt eines Wildbachs Flutenschuß. «Oho», verwehrt ein Bollwerk, spannt den Bauch und dämmt. Ein Wogenstoß: im Hui gleich Halmen weggeschwemmt. Sieh dort: ein zweiter Schwall, ein dritter durch die Schlucht! Und dort! und dort! «Rette, wer kann», kreischt Vogelflucht. Der Herd bricht auf, die Hügel rutschen schiefe Kreise, Und alle Welt, leb wohl, begibt sich auf die Reise. Wohin der Blick sich wendet, eine Flutlawine. Starräugig staunte, stierverblüfft Poseidons Miene. «Heda!» Der Block, worauf er stand, begann den Huf Zu heben. «Still dort unten!» schnob Poseidons Ruf. Und gab ihm zur Erhärtung einen Fersenstampf. Da wälzte sich der trotzige Stein im Wasserdampf Und stiefelte hopp! hopp! zyklopentänzig bocks Und Stocks den Bach hinab, leichtfüßig wie ein Ochs. Verschnauft ein Weilchen, Atem schöpfend; plötzlich schlug Mitsamt dem Reiter, den er nicht um Urlaub frug, Er halskopfüber. In den Gischt des Strudels fuhr Der riesige Gott, kein Gott, der Wellen Spielball nur. Kopfauf, kopfab getaucht, als Eilgut unverpackt Talab gewürfelt über Fels und Katarakt, Kam ihm Geruch, Geschmack und Ortgefühl abhanden, Ein wirbelnd Wassermus, drin Erd und Himmel schwanden. «Wo ist nun meine Länge?» schmält er, «wo die Breite? Und was ist meine obre, meine untre Seite?» Ob diesen Zweifeln lag er plötzlich im Morast. «Da sitz!» Und weiter wirbelte des Stromes Hast. «Bist du das?» riet er, «oder bin ichs selber wieder? Mich wundert bloß, ob alle meine frühern Glieder Auch mitgekommen sind.» Und als nun seine Hand Tastend die treuen Freunde sämtlich wiederfand, Jedes an seinem Platz und, ob auch schmerzend, heil, Selbst Gigas neben ihm, der traute Donnerkeil, Ließ er das Wasser meinetwegen abwärts rasen. «Ich gönn ihms!» Und begann den Gigas anzublasen, Der etwas qualmt und mottete, vom Bad verkohlt, Bis daß der Donnerzunder glimmend sich erholt. «Nach welchem Werk nun weiter mit dem Willen fliegen? Was meinst, Poseidon?» Mittlerweile blieb er liegen. «Hier ruht sichs weich, man könnte sich im Bette wähnen.» Schloß Aug und Ohr und öffnete den Mund zum Gähnen. Behagen stöhnt aus selbstzufriednem Herzensgrunde, Und sägend röchelte der Schnarch ihm aus dem Munde. Im nahen Walde weilt um diese selbe Stunde Mit ihrer Amme, deren Obhut sie genoß, Das Töchterchen Elissa des Okeanos, Des stolzen Meeresfürsten, dem der Ozean Mit aller Küstenländerei ist untertan. Halb Kind noch, halber Jüngferlein: geht hin, entscheidet. Im Wald, am Bache weilte sie, zum Bad entkleidet. Noch hatte sie, vom kalten Quellenhauch entsetzt, Die furchtsam vorgestreckte Zehe nicht benetzt, Da horch! welch seltsam schauerliches Flutentoben Und Schloßentosen über sich im Schluchtwald oben. Die Amme zeterte. Die Frist war doch zu kurz: Im Fliehen überraschte sie der Wogensturz. «Weh uns!» Die links, die rechts. Elissens Füßefliegen Trug blitzschnell sie bergauf. «Wo bin ich?» Weh! Verstiegen! Kein Ruf erreichte die gewohnte Amme mehr. Und schwarze Waldesaugen lauerten umher. Verstummt der Wassersturm, und ihre irre Reise – Wie ging das zu? – bewegte endlos sich im Kreise. «Führt denn kein Laut, kein Licht aus diesem Grab hervor?» Schrie sie mit heißen Tränen, spannend Aug und Ohr. Umsonst. Da hörte sie von ungefähr das Schnarchen Und Riesentraumgestöhn des schlafenden Hydrarchen. Erst warf sie rasch den Leib herum, zur Flucht geschnellt. «Getrost! So selig schnauft kein Raubtier in der Welt.» Die Neugier zischelt ihr ins Herz. Und auf den Zehen Schlich sie hinzu, welch Unding wäre wohl zu sehen. Und siehe da: umschwelt vom Donnermottenfeuer, Der zottige Gott, das königliche Ungeheuer. Solch ein erstaunlich Schaustück schien dem Kinde das, Daß ihre Einfalt Furcht und Schüchternheit vergaß Und großen Auges gaffend, sachte, Tritt für Tritt, Dem wunderlichen Riesen nah und näher glitt. Jetzt stand sie über ihm, nicht ahnend die Gefahr. Wars Zufall? Oder nahm sein Ohr ein Rascheln wahr? Er schlug die Augen beide auf. «Hahum! Hahaum!» Ein Löwensprung, ein Griff. Mit Not entglitt sie kaum. Sinnlos vor Schrecken, stürzte sie den Wald hinab. Er nach, mit Nachtigallgeseufz im Bärentrab. «Was fliehst du mich, du süßes Vögelein? Halt ein!» Ob seiner Stimme fuhr die Angst ihr durchs Gebein. Und eine atemlose Jagd erfolgte jetzt. Gleich einem Reh, vom Bracken durch den Forst gehetzt, Entschnellte die Behende, pfeilgerecht gradaus Zumeist, dann plötzlich wendend in ein Nebenhaus. Es hofft ihr Blick: «Dies Dickicht wird mich decken.» Husch! Schlüpfte sie schlangengleich behende durch den Busch. Es schrie ihr klopfend Herz: «Vielleicht, daß List mich rette.» Und wechselte die Ufer längs dem Bachesbette. Doch wenig dient ihr Schnelligkeit und List zum Heile, Denn, weit ausholend mit dem wuchtigen Donnerkeile, In schwerer Wolkenstürze rollendem Gewitter Hieb der Verfolger hinter ihr den Wald in Splitter, So daß er, wo sein Blick die Fliehende erspähte, Sich kurz und bündig eine Gasse zu ihr mähte. Sie rief: «Ist keine Höhle denn, worin mich hehlen? Kein Winkelzug noch Labyrinth, wodurch mich stehlen?» Doch ihrer Schultern Schein, der Schenkel lichter Schimmer, Des blonden Vlieses sonniger Schweif verriet sie immer. Gleich wie den Wohlgeschmack, der ihn der Hundenase Verzeigt, bitter verwünscht der jagdgehetzte Hase Und sucht verzweifelt sein unseliges Arom Im Winde zu verwischen oder Wasserstrom, Also verschwor sie ihrer Schönheit Glanz, des Funkeln Dem Feinde leuchtete, ein Stern im Waldesdunkeln, Umsonst bemüht, zu bergen mit den schmalen Händen, Der Wangen Rosen jetzt und jetzt den Schnee der Lenden. Torheit! Mag auch ein Sonnenstrahl sich selbst verhüllen? Kann wer des Feuers Flammenmund mit Schatten füllen? Wer, meinst du, siegt zuletzt im Dauerlauf? Die Gier Oder die Angst? Näher und näher droht er ihr. Verbraucht ist schon die Kraft der feinen Flechsen fast, Der Atem ächzt nach Ruh, die Eile flattert Hast. Vertrauert lischt ihr Auge, draus die Hoffnung schwand – Da schau: ein Tor im Wald. Durchs Tor der Meeresstrand, Von Wellenzorn umbrandet. Heimat! Rettung! Mut! Und lächelnd glitt Elissa durch die salzige Flut. Der Spott ist billig in der Welt. Wozu ihn schonen? Von allen Seiten nahten höhnische Tritonen, Im Reitersitze auf den Wellenpferden schaukelnd Und spöttische Zeichen vor Poseidons Nase gaukelnd. Meernymphen, die den Sinn des Vorgangs schnell begriffen, Ermunterten das Possenspiel mit Muschelpfiffen. Und als Poseidon, der Bewundrung zwar vertrug, Doch nicht den Spott, den Donner nach dem Meervolk schlug, O Fluch der Schande! Welche Überraschung da Ihm von Okeanos, dem Meeresherrn, geschah! Ein Gegendonner schnurrt ihm ins Gesicht von drüben, Zehnmal gewaltger, als er selber mocht ihn üben. Und auf der Wetterwand mit Blitzesfunkenschrift Ward flammend ihm der scharfe Warnungsspruch zur Gift: «Zurück! Unhold! entarteter Titanensproß! Elissa scheu, die Tochter des Okeanos!» Verblüfft, mit offnem Munde stand Poseidon. «Was? Ein andrer wagts und donnert? Kann er? Darf er das? Da packt ein kräftiger Wasserarm ihn rund ums Bein, Hob mannshoch ihn empor und schleudert ihn waldein. Jetzt aber, unglückselig Weltmeer, halte dich! Okeanos, gedenk ich dein, so schaudert mich. Siehst du Poseidon nicht mit unheilschwangrem Schweigen Entschlossen auf die Uferklippe Ketos steigen? Zum Lagern legt er langsam sich zu Boden hier. Und ähnlich wie im Alpgebirg der Bullenstier Mit scheelem Blick beharrlich so bei Tag und Nacht Das dünne Weidenbäumchen allezeit bewacht, Darauf der Wandrer, dem die Angst vom Halse schwitzt, Mühsam mit krummgezognen Beinen zitternd sitzt, Und läßt nicht ab, vertrauend, daß geduldger Tücke Schließlich zum Lohn der aufgesparte Hornstoß glücke: Also belagerte den stolzen Ozean Poseidons zäher Rachedurst und Liebeswahn. Seht hin! Die Adern strotzen, rot vor Zorn geschwollen. Die Augen rädern hin und her, drin Pläne rollen. Das ist nicht unvernünftigen Wütens Raserei, Die mit der Stimme lärmt, doch ist kein Mark dabei; Kein taubes Wortgefuchtel und Gebärdeschwenken: Hier kocht ein fürchterliches, todgebeiztes Denken. Schon runzelt krankhaft er die Stirn in Geisteswehen. Weh mir! Er knirscht, er lacht, er fingert an den Zehen. Darob verging dem Meeresjungfernvolk der Hohn. Und in den sandigen Schlamm vergrub sich der Triton. Unwissend, welchen Rettich der Gewaltige nagte, War niemand, der sich mehr ans Meeresufer wagte. Chelonidas den Herold aber rief ins Schloß Und sandte grimmig gen Olymp Okeanos. «Sind das nun», schmält er, «schön so! im Olymp dort oben Der neugebacknen Königswirtschaft erste Proben? Wo steckt denn Zeus? Ists unter seinem Schutz erlaubt, Daß, wer da nur begehrt, vom Weg sich Jungfern raubt? Soll wohl das Kind Okeanos' des Meeresfürsten Das Opfer sein für jedes Strauchgotts Liebesdürsten? ‹'s ist zart, 's ist jung! Greif zu! Gefällig? Schmeckt der Schmaus?› Hält man mein Fürstenschloß denn für ein Lotterhaus?, Sind auf dem schlüpfrigen Olymp, dem Lasterpfuhle, Nicht Lüstlein überviel für jedermanns Gebuhle? Was braucht ihr obendrein nach Erden abzuschweifen, Wüstlinge, die ihr seid, und Fräulein anzugreifen? Und nicht genug damit: er pflanzt sich vor mein Meer, Den Handel hindernd und den friedlichen Verkehr, Daß meilenrund, soweit die Klippe Ketos ragt, Sich weder Bein noch Kieme mehr ans Ufer wagt! Geh hin und sage, daß ich bitter mich beschwere, Von Zeus verlangend, daß er stracks Poseidon wehre. Wünscht er, wir sollen ihm Gehör und Ehrfurcht zollen, So muß er selbst Gesetz und Sitte schirmen wollen.» So schalt Okeanos, der Herr der Meerespforten, Erregt. Der Herold ging und sprach mit seinen Worten. Doch Zeus verzog die Lippen: «Flüssige Geschichten! In Liebeshändel steck ich meine Hand mitnichten.» «So?» rief Okeanos, die Brauen kneifend, «so? Gut denn! Hab Dank, o Zeus: im Grunde bin ich froh. Der Herr fühlt sich zu hoch? Den Herrn geht das nicht an? Auch gut! So schlicht ich selbst auf eigne Faust den Span. Was gilts? Ich werde jedem die Versuchung wehren, Die Tochter Amphitritens lüsternd zu begehren Oder auch nur mit einem Blicklein anzurühren. Wer das nicht früher weiß, jenun, der mag es spüren.» Es riefs der Meeresfürst, Okeanos der Große. Und einen Käfig, schwimmend über einem Floße, Von Eisen stark und fest, ein Kerker anzuschauen, Verwahrt mit Schloß und Riegel, ließ er sputig bauen. Als dies geschehen, schickt er längs der Meeresküste Eilboten um: «Spürt einer liebliches Gelüste, Elissa, meine Tochter, heimzuführen, dreist! Die einzige Bedingung, die ich stelle, heißt, Daß er Poseidon mir in diesen Käfig zwinge. Wie? Das ist seine Kunst. Er sehe, wies gelinge. Ich trage nämlich nicht das mindeste Bedenken, Den zottigen Scheuel schlank im Schlamme zu ertränken, In einen Sack gebunden, zwischen einem Schwein Und einem Grunzochs, selbst der Unflat mittendrein.» So lautete der Aufruf. Und vom leckern Preise Gelockt, erschien aus tausend Grotten scharenweise Die junge Heldenschaft, auf Muscheln mancherlei Und Panzerkrebsen, eine stolze Reiterei, Die Fischerzinken zückend, schwingend Netz und Hamen. Doch wie sie fuchtelnd nun Poseidon nahe kamen, Geschah durch Zufall, daß der Schreckliche ums Ohr, Allwo ihn juckte, schnellen Griffs die Finger schor. Jetzt gleich wie wenn um Mittag, frei der Wächtersorgen, Der treue Hund, die Schnauze unterm Knie verborgen, Harmlosen Schlummers sich erfreut der Sonnenwärme Und seinen Leib umsurren schwarze Fliegenschwärme, Lüstern nach einer Blöße spähend oder Ritze, Darein zu bohren ihres Rüssels Stachelspitze, Doch kaum daß sich den Hals zu kratzen ihm beliebt, Als auch der ganze Mückenchor von dannen stiebt: Also die Meereshelden. Kaum Bewegung brauchte Der Arm des Schrecklichen, als alles untertauchte. Da warst es du, Okeanos, des Heldenmut Beglaubigte das königliche Fürstenblut. «Langt mir den Panzer! Schnell den Helm, den Schild gereicht!» Und fest, von Amphitritens Tränen unerweicht Und Bitten, schritt, ein Held, den Blitzstrahl in der Hand, Er von der Marmortreppe nach dem heftigen Strand. Woselbst, als sie den Herrn des Ozeans zum Streit Gerüstet sahn und seinen Blitzstrahl schußbereit, Die aufgeregten Wellen, wedelnd mit den Schwänzen, Ihm nach dem Munde sprangen in verwegnen Tänzen, Gleich gierigen Rüden, wenn den Anbeginn der Jagd Des Jägers blank Gewehr den Winselnden besagt. Die Völker hemmten ihn, umschlangen seine Knie; «Schone dein unersetzlich Leben!» flehten sie. Von Mahnungen betäubt, mit Weisheit übergossen, Stand er ohnmächtig da, gefangen, eingeschlossen. Sieh, da erschien Proteus als Helfer in der Not, Der Meergreis, der dem König diesen Rat entbot: «Je mehr, Okeanos, ich blick Poseidon an, Wird mir gewiß: er leidet am Icheinzigwahn. Ein solcher ist ein Riese zwar an Blast zumeist, Doch minder als der Schwulst belästigt ihn der Geist. Freiwillig, hoff ich, schlüpft er in des Käfigs Falle. Indes ich selbst zum Werke schreite, wollet alle Zum Austernteich der höchsten Göttin Dummheit treten Und um Gelingen meines frommen Anschlags beten.» Und während alle Welt zum Austernteiche trat Und vor der höchsten Göttin Dummheit Buße tat, Ließ Proteus, rittlings auf das Käfigdach gesetzt, Sich hurtig nach der Klippe Ketos rudern jetzt, Schwang eine Küchenglocke, schrill von Ton und gell, Und krähte unter unaufhörlichem Geschell: «Ob einer noch so stark sich fühlt und kräftig einer, In diesen Käfig kann er nicht. Nein, das kann keiner!» Kaum daß Poseidon hörte das vermeßne Wort, So sprang er von der Klippe, platsch, ins Meer sofort: «Wer wagts? Wer sagts? Wie? Wo? Was könnt ich nicht, du Wicht?» «In diesen Käfig», sprach der Schlaue, «kannst du nicht.» «Das wäre! Ha! die Wette sollst du, Lump, verlieren.» Und schnaubend in den Käfig kroch er auf den vieren. Proteus mit schnellem Griffe schnepperte die Falle. «Ich hab ihn!» lärmt er mit vergnügtem Glockenschalle. Und ob auch gleich dem Tiger, dem ein Rasselblech, Im Schweif verknotet, ewig trommelt ums Gemäch, Der schnöd Gefangne brüllend längs den Wänden tobte, Dem Weltall Krieg, dem Feinde blutgen Haß gelobte, Beteuernd, daß er alle Götter, Krebs und Fische Des Meers auffressen werde, wenn er sie erwische, Und mit dem Gigas, den er durch das Gitter hieb, Die Enten tötete und Sturm und Unfug trieb, So wagte nun das Meervolk mit Triumphgeschrei In hellen Haufen nach dem Floße sich herbei, Tritonen, Nymphen, Nereiden um die Wette. Und der am Stricke ziehend, jener eine Kette Ergreifend, schleppten sie, stets munterer voran, Quer übers Wasser durch den breiten Ozean Das Fahrzeug jenseits nach des Hafens Wasserturm, Wo sie verankerten den tollen Käfigsturm. Dann aber flohen sie geschwind und gaben Raum, Weil jetzt der Wütende der Brandung Wellenschaum Unsinnig brüllend braute mit dem Gigasblitze, Daß das Gewoge tanzte bis zur Turmesspitze. Doch um den Fischplatz wandelt ein Trompeterchor, Der spielte dem Erbosten Siegesmärsche vor. Schmunzelnd zum Könige die eiligen Schritte trieb Proteus: «Mit deinem Urteil nimmt er jetzt vorlieb. Beschließe frei! Poseidon ist in deiner Hand.» Des zum Beweise führt er ihn hinab zum Strand. Schon waren sie dem Wasserturme gänzlich nah – O dieser Schreck, der jetzt Okeanos geschah! Den Proteus an der Achsel packend, schrie er: «Du! So sieh doch hin! Der Käfig ist ja gar nicht zu! Wenn er, statt an den Wänden blindlings und verrückt Herumzutoben, einfach nur ans Pförtchen drückt, So ist er frei! Zehn Sprünge dann, und im Palast Hab ich das nackte zottige Ungetüm zu Gast! Nicht daß vor ihm mir bangte. Weit entfernt, bewahr! Den wollt ich kurzerhand bemeistern, leichtlich gar. Doch seines Anblicks Greuel! Ach mein schuldlos Kind, Des Augen reiner als das Blau des Himmels sind! Und des Gefühle ängstlicher als Tauben beben! Es würde dieses Schauspiel niemals überleben. Dein ist die Torentat, du schuldest deine Hilfe. Wetz deinen Witz, schaff eine Rettung aus dem Schilfe!» Stumm nach dem Käfig stierte Proteus schreckerstarrt Und kratzte sich im Haar und zupfte seinen Bart. «Willst du, erhabner Herr, mir nur die Hand nicht lähmen», Begann er endlich, «mag ich die Gefahr bezähmen. Zwar wird es unsern Ruf im Weltall schwerlich adeln. Ein Sittenrichter, fürcht ich, würde hart mich tadeln. Weißt du: was dem Poseidon Leid und Nöte schafft Und ihm den Zorn entzündet, ist die Überkraft. Gönn ihm der Liebe Balsamtrost, so wird der Wilde – Verlaß dich drauf! – urplötzlich wundersanft und milde. Obs just Elissa oder eine andre sei, Ist ihm im Grund, vermut ich, ziemlich einerlei. Darum gewähr ihm, rat ich, an Elissens Statt Eine der Nymphen, deren es die Menge hat, Auf daß sie lieblich heile den Gesundheitskranken. Versöhnt und friedlich wird er alsdann heimwärts wanken.» Verlegen schwieg Okeanos, der seitwärts blickte, Worauf sich Proteus ungesäumt zum Werke schickte. Durch einen staatlichen Gesandten, den er rief, Erließ er an die Meeresvölker diesen Brief: «Erlauchte Meeresnymphen, edle Nereiden! Ist eine unter euch, die für den Landesfrieden Und für Elissens Heil es über sich vermag, Daß sie dem Feinde sich in Liebe opfern mag, Die finde sich am Morgen früh am Hafen ein. Der Dankeslohn des Königs wird ihr sicher sein.» Als diese Botschaft durch das Meervolk kam gegangen, Ward mit Erstaunen und Entrüstung sie empfangen. Die lange Nacht geschah ein Murren in der Runde, Und Tadel und Verwünschung flog aus manchem Munde. Indes die Nymphen selber und die jungen Frauen Die Hände rangen überm Kopf vor Scham und Grauen. Doch als am Hafen morgens nach dem Wehgeschrei Proteus erwahren ging, ob eine willens sei, Sieh, welch ein heilig Wunder, andachtvoll zu schauen: In edlem Wettstreit standen Hunderte von Frauen Bereit zum frommen Opfer, schluchzend bitterlich, Und stürzten ihm zu Füßen: «Mich, o Proteus! mich!» Erschüttert sprach der Greis: «An solche Seelenleiden Wag ich mich nicht. Hier darf allein das Los entscheiden.» Und welche Jungfer durch das Los erkoren war, Die führt am Abend spät er dem Poseidon dar. Und pünktlich, wie er vorgesehen, so geschah. Urplötzlich war gestillt Poseidons Tobsucht da. Und auch am nächsten Morgen, als die Nacht entwich Und aus dem Käfig sich die Nymphe dannen schlich, Kam jenen Tag nichts andres aus Poseidons Arche Als eines seligen Schlummers friedliches Geschnarche. Und also bis zum Abend. Abends aber schrie Und wütete der Wilde greulicher als nie. Proteus beruhigte den König: «Nun, ei nun, Um eine zweite Nymphe ist es halt zu tun!» Hochherzig fügte sich zum vaterländischen Schritte Die zweite; an die zweite reihte sich die dritte. Und also weiter, wie das Los entschied: die vierte, Hernach die fünfte; keine, die sich sträubt und zierte. Doch Titis sprach zu sich, die greise Meeresmuhme: «Ei wie! Gehört denn Heldensinn zum Eigentume Der Jugend? Ist der Tatendurst ihr vorbehalten? Kann Adel je verjähren? Tugend je veralten?» So meinte sie. Und als sie festlich sich geschmückt: «Hier bin ich, Proteus», rief sie opfermutbeglückt. Ehrfürchtig wehrte Proteus: «Niemals, Titis! Nicht! Bei deinem Rang! bei deinem fürstlichen Gewicht! Zu kostbar, zu erhaben giltst du mir für ihn.» Sie fügte sich. Doch hat sies Proteus nie verziehn. An fünfzig Nereiden waren schon verbraucht, Poseidons Liebesfeuer war noch nicht verraucht. Und staunend schauten Proteus sich und Okean Mit hochgezognen Augenbrauen fragend an. Zur selben Zeit im keuschen Schlafgemach indessen Hielt hinterm Fenstersims Elissa traumvergessen. Ein wundersames Rätsel, schier unglaublich gar, Bot ihrem Blick sich von Poseidons Zwinger dar: Wehklagend tauchten Nacht für Nacht die Nereiden Durchs Pförtlein. Morgens, wenn sie aus dem Käfig schieden, So guckten sie vergnügt und schnalzten mit den Zungen Wie die Forellen, wenn der Käferfang gelungen. «Wie soll ich das erklären?» Wißgier wurde wach. Und unaufhörlich diesem Rätsel sinnend nach, Erschien sie eines Tages um des Morgens Mitte Gesenkten Blicks vor ihrer Mutter Amphitrite. Verschämt, mit rosigen Wangen stand sie züchtig da. «Poseidon wünsch ich zum Gemahle. Eja! Na!» Drob kreischt am Hof Okeanos' ein gell Entsetzen. Und alles lief, dem Kinde den Verstand zu wetzen. Man schrie, man schalt, verschwor, verstieß die Ungefüge. Das Mägdlein sagte 'na' – sie meinte, das genüge. Was nützen Strafen, helfen Bitten, Bott und Bill, Wenn einmal stotz und trotz ein Maidlein einen will? Sie gab sich nicht auf Gründe, sagte einfach 'na'. Die Eltern tobten 'nein' und seufzten schließlich 'ja'. «Doch bangt dir vor dem Unhold nicht, du Feine, Schlanke?» Elissa lachte: «O bewahre, kein Gedanke!» So ward Poseidon denn zum Eidam angenommen, Und huldvoll hieß die Meeresgottschaft ihn willkommen. Verschwägert und versippt, veronkelt und vervettert, Hatte sein Übermut bald gründlich ausgewettert. Denn schuppenweise nahten ihm die Anverwandten, Die plötzlich – weh mir! – ihren Lehrberuf erkannten, Ihn weisend, wie man schwimmt, wie man sich hält und blickt, Kurz alles, wie sichs für den Meereseidam schickt. Der sprach: «Nicht also!» Jener sagte: «Also nicht!» Doch einfach lacht ihn aus Elissens Blondgesicht. Bis endlich mit Ergebung sich beschied der Kühne, In jedem Ding zu halten Maß und Sophrosyne. Sein Donner aber ward versteckt in eine Truhe. So kam Poseidons Auertatentum zur Ruhe. Siebenter Gesang Dionysos der Seher                         Am späten Tag, als Dämmrung das Gefild umfing, Gefiel es Zeus, daß er die Stadt durchstreifen ging. Sechs Männeraugen sah er aus dem Düster blitzen Auf einer Bank. «Ists unzuviel, euch beizusitzen?» «Dein Haupt, erhabner Herr, ist uns erbetne Spende. Willkommen, König Zeus!» und reichten ihm die Hände. «Verwahrt, du mögest in Geduld dich willig fügen, Mit wunderlichem Volk, wie wir, dich zu begnügen. Der Mund ist unberedt, doch unsre Herzen danken.» Zeus sprach: «Wo Männer schweigen, reden die Gedanken.» Demalso setzt er sich den düstern Männern bei Mit spärlichem Gespräch, ein Stündchen, zwei und drei. Doch als die Nacht jemehr die Stadtgeräusche schweigte, Im Schleierwolkenhof der leise Mond sich zeigte, Stand von den Männern einer auf: «Mich zwingts zu sagen. Ob gern, ob ungern. Um Erlaubnis laßt mich fragen. Von einem armen Knaben schmerzt mich die Geschichte.» «Erzähl uns von dem Knaben», mahnte Zeus, «berichte! Ists denkenswert und fühlbar, hör ichs gläubig an.» «'s ist fühlbar», sprach der Unbekannte und begann: «Der Mond schwieg durch die Nacht, und Weltgeflüster floß. Ein Knabe sonderbar, genannt Dionysos, Schrie bebend auf: ‹Dies Augenpaar und dies Gesicht Stammt nicht von dieser Welt und ist ein Traum auch nicht. Urernste Wahrheit schauert dieses Blickes Spruch. Und meine Ahnung wittert Schöpfungskeimgeruch, Atmend zu hinterst aus den fernsten Weltengründen, Wo andre Sterne sprühn und andre Sonnen zünden. Steh auf und finde mir dies Antlitz, meine Seele! Wo nicht, fahr hin, küß meinen Fußtritt, Unrat! Wähle!› Er riefs, vom Wahrheitsrausch besessen, und fürwahr Stürzt er, vom Lager schnellend, wehrlos, wie er war, Ein trunkner Tor, verlustig der Verstandesmaße, Hinaus ins Fremde, auf die weite, weite Straße. Ins Antlitz schlug die kalte Nacht ihm: ‹Feigling! Halt! Denk deiner Braut, der Eltern heiliger Gestalt! Zurück! Denn deine Schritte hinterlassen Mord. An deinen Fersen schleppst du Fluch und Reue fort.› Er rief: ‹Ob auch zu Fluch und Reue! Dank und Segen Den Eltern mein. Dem Angesicht muß ich entgegen.› Wohin? Gleichviel. Und als der Morgen mühsam tagte: ‹Wo bin ich?› Sieh da: eine starre, bergumragte Schneewüste. Luft und Feld von frostgen Nebeln hart, Und von den Halden dämmerte gespenstige Hardt. Unendlich tappt er in der Wüste hin und her, Bergauf, bergab und über Bach und Sümpfe quer, Den grauen Tag. Nachts weint er über einem Stein: ‹O du, für die ich die geliebten Eltern mein Schnöde verlassen und mein sanftes Herzelieb, Schenk mir ein Wort, ein Zeichen, einen Wink nur gib! Sieh mich verwaist. Ich habe niemand nun als dich. Kein Tier, kein Vogel ist so seelenjämmerlich Wie ich, kann ich dein hehres Antlitz nicht erreichen. Warum denn, sprich, warum versagst du mir ein Zeichen?› So weint er, auf dem Stein gekauert, trüb und matt, Bis daß der Schlaf ihm Ruhe reicht an Trostes Statt. Und siehe da: die Göttin, die dem Wachen nicht Sich offenbart, erschien ihm jetzt im Traumgesicht. Im blauen Himmelsmantel, lächelnd hold und klar, Ein funkelnd Sternendiadem im goldnen Haar. Sie sprach: ‹Was weinest du, betört vom kindischen Wahn, Mein lieber Sohn, und härmst dein Herz und klagst mich an? Nicht ich, die Gnadenreiche, bin es, die dich flieht. Dein blindes Auge strafe, daß es mich nicht sieht. Schau um, du Kind! bin ich nicht stündlich um dich her? Im Schneegebirg, im Ried, im blauen Himmelmeer? Hörst du des Windes nicht, des Waldes Stimmenweben? Spürst du im Nebelhauch nicht meinen Odem schweben? Der Herd, soweit er reicht, die Welt, so hoch ihr Raum, Dient mir zu meinem Schleier nur und Kleidessaum. Mußt mit dem gläubgen Willen durch den Weltraum dringen, Mit angestrengtem Geist um meinen Anblick ringen.› So sprechend, legte sie die gnadenvolle Hand Ihm segnend auf den Scheitel, lächelt und verschwand. Er lief ihr schreiend nach: ‹Weh mir! ich liebe dich! Um welchen schweren Preis, sag an, erhörst du mich, Gestattend, daß ich deinen heilgen Leib umfasse? Fordre mein Leben, daß ichs lachend für dich lasse.› Da wandte sie sich huldreich um: ‹Wenn dus erzwingst, Wenn du mit wachem Aug den Weltenkreis durchdringst, Besiegend deines Leibes schimpflich Hindernis Mit willensstarker Seele, daß dein Blick gewiß Mein Wesen schaut, will ich in Liebe dir gehören.› ‹Mit welchem Namen darf mein Glaube dich beschwören?› ‹Ich bin der reine Geist, von Wesen keusch und strenge, Zu groß, als daß ein irdisch Namenswort mich zwänge. Doch wenn es gilt, mich vor den Leuten zu bekennen, Sprich von Astraia. Also darf dein Mund mich nennen; Denn überm Himmel thron ich in der Sternenpracht.› So sprach der Traum. Am Morgen hinter dieser Nacht Erschien die Wüste in ein Paradies verkehrt, Die Luft durchgoldet und das Schneegebirg verklärt; Vom Himmel nach der Erde ein lebendig Ziehen, Und aus den Schluchten rauschten Geistersymphonieen. Am Waldhang das Gewölk, im Nebelfeld die Krähe Verkündeten: ‹Spürst du Astraiens selige Nähe?› Und täglich trieb nun durch den Winter, frostvereist, Dionysos umher, wohin ihn stieß der Geist, Mit Willenskraft des Körpers Widerstand bezwingend Und mit der Seele um Astraiens Anblick ringend. Wenn ihm gelang, daß er den Weltenkreis durchdrungen Und sah der Wahrheit Gärten, engelchorumsungen, So sprach er: ‹guter Tag›. Wenn seine Kraft erlag, Daß er kein selig Scheinbild haschte: ‹schlechter Tag›. Inzwischen, wie er über einen Berg gegangen, Hielt ihn ein Wandrer an, Almosen zu empfangen. Seufzte Dionysos: ‹Du armer Wandrer du! Die Hungerschritte weiß ich auch und nichts von Ruh.› ‹Grausamer!› schrie der Wandrer, ‹was verhöhnst du mich? Die Augen dein, die leuchtenden, verraten dich. Ein Fürstenreich voll Gold und köstlichem Gestein, Ich sehs am Glanze, Falscher, nennst dereinst du dein. Wenn ich verderbe, wehe, dir gehört die Schuld.› Der Knabe sprach: ‹Es ist nicht meine größte Schuld.› Doch eines Abends zischelte das Herz zum Magen: ‹Pst! Schläft er, glaubst du? Kann man reden? Darf mans wagen?› Der Magen tröstete: ‹Er schläft. Sprich frank und frei.› Da schrie das Herz: ‹Und hört ers, sag ichs einerlei! Ich habs genug. Wenn du in alle Ewigkeit Dem Überwitzling, der so grausam uns kasteit, Knechtisch gehorchen willst, demütig und ergeben, Ich nicht! Das ist fürwahr ein Martergang, kein Leben! Verneint wird jeder Wunsch, das billigste Begehren Verweigert. Unsre einzige Speise heißt Entbehren. Zwar bin ich willig, Opfer mag ich gern entrichten, Doch auf ein Schlücklein Weltlust kann ich nicht verzichten. Ein Herz muß dann und wann an einem Glück sich laben, Es muß der Liebe viel und etwas Frohsinn haben.› ‹Also›, bestätigte der Magen, ‹mein ichs auch. Bin ich zwar bloß verächtlich ein gemeiner Bauch, So bin ich einmal mit. Mein Anspruch ist gerecht: Ich fordre Nahrung als mein angeboren Recht.› ‹Komm›, sprach das Herz, ‹wir wollen unsre Macht vereinen, Mit Speck und Butter ihm die Phantasie verscheinen. Nimm du das Bürschlein tüchtig in die Hungerschule, Indes ich ihm den Blick mit Schenkelbein verbuhle. Was gilts? Aus seinem metaphysischen Zenit Holt hurtig ihn herunter Brunst und Appetit.› Und als am andern Morgen nach verwichner Nacht Dionysos der heiligen Arbeit war bedacht, Schande, da war Astraiens Himmel weit und breit Verbuhlt mit Bildern wollustschwüler Üppigkeit; Und durch der Seele Trauer, durch den Geisteskampf Malte der Hunger Gastgelag und Bratendampf. Im andachtvollen Auge lüsterte die Gier, Und hinterm heiligen Willen lauerte das Tier. Da ward ihm schwer sein Dienst und saurer als zuvor, Doch blieb er treu der keuschen Göttin, der er schwor. ‹Fürwahr›, hohnlacht er, ‹welch ein Späßlein unerhört! Mein eigner Körper, der sich wider mich empört! Hinweg, du Schmach von Fleisch und Schleim, dich kenn ich nicht. Bleib du im Schmutz mit deinem irdischen Schwergewicht! Ich aber, spottend deiner Lüsternheit und Sünde, Entfliehe in Astraiens hohe Sternengründe.› Er riefs, und herrlicher und seliger gedieh Nach bitterm Kampf und Sieg die Geistersymphonie. Da sprach der rechte Fuß zum linken Knie: ‹Du scheinst Mir auch nicht ganz so stramm und rüstig mehr wie einst. Sieh, wie bei jedem Schritte du vornübersinkst, In den Gelenken schneppst und in den Flechsen hinkst.› Darauf erwiderte das linke Knie: ‹Ich schneppe Im Gleichschritt übereins mit deinem Fußgeschleppe. Umsonst, daß du gespreizt im Stelzengang dich steifst: Man merkt doch, wie du ängstlich mit den Zehen greifst, Den Ballen seitwärts wendest und die Hacke schleifst.› ‹Das kommt›, erwiderte der Fuß, ‹von meinem kranken Zerschundenen Geknöchel. Doch warum uns zanken? Wer trägt die Schuld? Dies kindische Männlein jahresjung, Das aus dem Körper unternimmt den Narrensprung! Weltüber fühlt er sich vergeistet und vergottet Und merkt nicht, daß er über Sümpf und Steine trottet. Allein was gilts, daß er nicht länger uns verlacht! Wenn wir nur wollen, halten wir die Obermacht. Beständiger Schmerz bezwingt den Stärksten. Darum beiße Und brenn und stich ihn, während ich ihn zerr und reiße.› Dermaßen schlossen sie den bösen Rädelsbund, Die matten Kniee und die kranken Füße wund, So daß nunmehr Dionysos bei jedem Tritt Vor Qualen stöhnte, die er im Gebeine litt, Und mühsam wankt er durch des Nebels feuchte Gassen: Er mochte doch von seiner lieben Frau nicht lassen. ‹Gleichgültig›, ächzt er, ‹was den Leib mir kneift und zwickt! Dafür hab ich den Geist, daß mich kein Übel knickt.› Und wenn Gefolgschaft ihm verweigerten die Glieder, Daß er zusammenbrach, zwang er empor sich wieder. Bis eines Tages in der Dämmrung sich begab, Daß er vom Sattel schaute in ein Tal hinab, Erhellt von Stimmen, übersät mit Lichtgefunkel, Und schwarze Türme, Mauern ragten aus dem Dunkel. Da sprach zu sich Dionysos: ‹O Heimatstadt, Wo sie in warmen Betten ruhn, gesund und satt!› Nachdem er seine Sehnsucht vollgenug geweidet, Des eignen Loses herben Gegensatz beleidet: ‹Ich darf fürwahr›, begann er, ‹hehre Frau, mir sagen: Ich habe freudig dein geliebtes Joch getragen. Nicht Mühsal, noch Entbehrung mochten mich verdüstern; Des Hungers Gier hab ich verhöhnt, des Fleisches Lüstern Verschmäht; des Herzens traute Stimme ward mir fremd; Des Körpers Trotz hat mich gehindert, nicht gehemmt. Mochten die Glieder meutern, mochten sie erkranken: Wenn meine Qualen schrien, so sangen die Gedanken. Aus Trübsals Nacht floh ich zu dir, im Glauben heiter. Doch hier ist meines Wandels Ziel, ich kann nicht weiter. Ich haft im Leib, der Tod hat über mich Gewalt; Drum, wenn michs trifft zu sterben, muß ich sterben halt. Doch eher als ich stumm und spurlos hier verende, Rüst ich zum Sieg und schwing zur Opfertat die Wende. Mit meinem Blut will ich von dir, Astraia, zeugen, Der Erde Völker unter deinen Namen beugen. O stärke mich zum Werk, geliebte Göttin mein! Verlaß im Tode nicht den treuen Diener dein! Vielleicht, daß du mit einem Lächeln mich besonnst, Wo nicht, nimm meinen Abschiedsgruß, ich tus auch sonst.› Und als der neue Tag sich hob durchs Morgenrot, Stand auf und schmückte sich Dionysos zum Tod, Bekränzte sich mit Efeu, wusch sich überm Quell, Und seine Seheraugen glänzten schön und hell. Als er die Weinbergstufen schwankend stieg hinab, Wo sein verklärter Blick die Berge rings umgab: ‹Dies alles nehm ich›, sprach sein gläubiger Wunderwitz, ‹Für meine keusche Himmelsgöttin in Besitz.› Ein Zollhaus stand am Weg. Ein lieblich Mägdlein kraus Guckte durchs Fenster zwischen Blumenstöcken aus. ‹Wes Namens sind die Leute, die dort unten wohnen?› Das Mägdlein sprach: ‹Du siehst die Hauptstadt der Hedonen. Doch, Pilgrim jung und fein, warum schaust du so traurig?› Er sprach: ‹Von ernstem Glück ist meinem Herzen schaurig.› ‹Wann kehrst du wieder diesen selben Pfad einmal?› ‹Weiß nicht. Bin nicht mein eigner Herr, hab nicht die Wahl.› Doch als er ins Gewühl der städtischen Straßen kam, Im hellen Tageslicht den Lebenslärm vernahm Mit seinen Werkelsorgen, strebsam und geschäftig, Und sah die schönen Fraun, die Männer klug und kräftig, Da ward sein Eremitenmut ihm plötzlich klein, Und unter Tausenden verspürt er sich allein. Und wie er vollends seine wilde Tracht verglich Mit den geputzten Herrenleuten, schämt er sich. An einer Ecke stand ein Grüpplein Volk versammelt. Hier ward von ihm ein zaghaft Wort verwirrt gestammelt, Von Sternen stotternd und von einer Göttin blau; Wohin er zielte, wußt er selber nicht genau. Kaum rief sein Spruch ein achselzuckendes Gelächter. Gleichgültig zog vorbei die Menge der Verächter. ‹Weh meiner Torheit›, stöhnt er, ‹meinem Unverstande: Des Todes nur gedenk, vergaß ich Schimpf und Schande.› Errötend kehrt er um, beschämt, enttäuscht, vernichtet. ‹Heim in die Wüste!› war sein einziger Wunsch gerichtet. Sich durch die Gassen stehlend, längs der Wand gedrückt, War bis zum Tor ihm schier die hastige Flucht geglückt, Und schon gedacht er, daß ins freie Feld er lenke. Da schoß Thiasos wuchtigen Schrittes aus der Schenke, Von Wein betrunken, von Gedankenarmut nüchtern, Und feindlich jedem, den er zaghaft sah und schüchtern. Dionysos erblickend, brüllt er: ‹Seht auf den!› Und aus der Schenke trabt auf seinen Ruf Silen. Umsonst des Knaben Flucht. Von allen Seiten schon Feindlich umringt, empfing ihn Haß, verfolgt ihn Hohn. ‹Ohe! – der Efeunarr!› erscholl des Pöbels Gellen, Verstärkt mit Beckenrasselsturm und Klingelschellen. Durchs Tor und durch die Vorstadt in den Weinberg weit Hing sich an seinen Fuß das hetzende Geleit. Bis endlich, eingedenk der heimatlichen Schenken, Der wüste Schwarm geruhte lärmend umzuschwenken. Er selbst, nach kurzem Weitertaumeln ohne Ziel, Brach machtlos auf den Boden; gleich, wohin er fiel. Zum Zöllnertöchterlein Ariagne sprang die Magd: ‹Jammer! Im Weinberg unten›, hat sie ihr gesagt, ‹Am Weg, den Kopf im Graben, liegt der feine Knabe, Den ich im Zwiegespräch mit dir gesehen habe. Ich weiß nicht, was sie ihm getan und was ihm fehlt. Gleich einem Leichnam liegt er da, doch scheint beseelt.› Oinos, den Vater, rief Ariagnes Ruf herbei, Drauf gingen sie den Knaben holen alle drei, Und pflegten, speisten, trösteten den kranken Gast, Als Fremdling nicht, als einen Sohn und Bruder fast. Kein Kind wird sorglicher und zärtlicher geborgen. Darüber ward es manchmal Nacht und manchmal Morgen, Des Knaben Blick ward muntrer, sein Geblüt genas. O welch ein Festtag war im Zöllnerhäuslein das! Recht so, als ob vom Grab er auferstanden wäre. Und jeder wähnte, daß es ewig also währe. Doch eines Abends, als wie sonst das Brot man brach, Sah still er für sich hin, worauf er traurig sprach: ‹Ihr lieben Leute, hätt ich einen Feuerstift Und eine Leiter hoch, ich schriebs mit Flammenschrift Leuchtend am Himmel auf, was ihr an mir getan. Mich aber tritt der Bann der Weiterreise an. Ich bin ja nun genesen, kann jetzt wieder leiden. Habt Dank, ihr lieben Leute, morgen muß ich scheiden.› Da stieß Ariagne heftig ihre Schüssel für, Sprang auf vom Stuhl und rannte schluchzend durch die Tür Und lauert insgeheim, bis man vom Mahl erstand. Dann zog sie ihn zum Birnbaum an der Hinterwand. ‹Geliebter Knabe›, zürnte sie, ‹du darfst nicht wandern; Wir wollen täglich, stündlich bleiben eins beim andern.› Er sprach: ‹Du freundlich Mägdlein, schade, ich muß scheiden.› Sie schrie: ‹Allein das darfst du nicht! Ich kanns nicht leiden. Vielmehr wirst du mein Gatte, erbst des Vaters Zoll, Dann sind wir arm an Schätzen, aber Glückes voll.› ‹Dein Mund spricht süß›, beharrt er, ‹dennoch muß ich scheiden. ‹Weshalb›, begehrte sie unwillig, ‹mußt du scheiden?› Da wuchsen seine Augen, und sein Herze schwoll. Und von Astraias Pracht erzählt er sehnsuchtsvoll Und ihrer Herrlichkeit, und teilt ihr jedes mit, Was er erlebte und im Wüstenschnee erlitt. Und Wunder, wie dem schüchternen Dionysos Die Rede jetzt in tönendem Gesange floß! Zu Boden glitt sie, faßte gläubig seine Knie: ‹Nimm an Astraias Jüngerin!› erklärte sie. ‹Ob ich auch nicht begreife, wer Astraia ist, Genug, daß du sie liebst und du ihr Fürsprech bist.› Inwendig aber kreischte sie: ‹Jetzt erst, jetzt recht, Jetzt halt ich ihn. Gleichviel, mit Unrecht oder Recht!› Und wühlt in den Gedanken, was sie möcht erfinden, Ihn zu betören, zu versäumen und zu binden. Um Mitternacht, als er im tiefsten Schlafe ruhte, Ging, auf den Zehen schleichend, sie die Magd, die gute, Aufwecken, daß sie zu dem listigen Betrug Ihr helfe, den sie im verliebten Busen trug. ‹Mach schnelle! Schminke mir die Wangen und den Mund Mit Rot, schwärz einen Bogen um die Augen rund!› Drauf ließ mit duftgem Öl sie das gewellte Haar Sich salben, mit Arom den Körper ganz und gar, Mit einem Flitterdiadem die Stirn sich krönen. ‹Die Schärpe dort! Den Gürtel auch, den roten, schönen! Nun einen Becher hurtig noch vom stärksten Wein!› Tat von berauschendem Gewürz ein Pulver drein. So ausgerüstet trat sie in sein Kämmerlein. Und während hinter ihr die Magd mit einem Docht Und einer rußigen Fackel Feuerringe focht, Begann sie feierlich mit priesterlichem Ton: ‹Wach auf, Dionysos, wach auf, wach auf, mein Sohn! Astraia naht. Bet an! Doch wehe! frage nicht! Und mir ins Angesicht zu schauen, wage nicht! Auf daß du zum Empfange würdig seist und rein, Sollst du mit diesem Trunke Leib und Seele weihn.› Also befahl Ariagne. Ungelehrt im Lügen, Ließ sich der Knabe von der blöden List betrügen Und schlürft auf einen Zug den Becher. Kaum getrunken, War er, vom würzigen Wein bezwungen, hingesunken. Jetzt ihm zur Seite liegend: ‹Feuer über dich Und Wolf und Bären, wagst dus und berührst du mich.› ‹Ach›, seufzt er, an die Wand sich drückend, ‹ach, haja! Lieg ich im Himmel oder in der Hölle da?› Und wenn er kaum die Nase hob, die Zehe kehrte, So kam ein Nadelstich, der ihn den Rückweg lehrte. Und also fort mit Seufzen und mit Nadelstrafen, Bis daß er schließlich gähnend vorzog, einzuschlafen. Jetzt schrob sie sachte sich vom Bette, bog sich vor Und tönt ihm den posaunenden Befehl ins Ohr: ‹Mich ziehts. Die Sterne rufen. Büß und bete fein. Denn morgen nah ich wieder dir im Kämmerlein. Erwarte mich. Fluch, wirst du mein Gebot verachten!› Und ähnlich tat sie sieben Tage. Doch am achten Geschah ihr, daß vor großem Liebesübermaß Sie beides: Vorsicht, Scham und Züchtigkeit vergaß Und küßt und herzt ihn, und, in seinem Arm geborgen, Entschlief sie, selig schlummernd bis zum späten Morgen. Und als er blinzelnd nun beim hellen Tageslicht Ariagne ihm zur Seite fand, Astraia nicht, Und sah die Schminke über ihre Wangen rinnen, Entdeckt er den Betrug und stahl sich still von hinnen. Zum Abschied aber schrieb er mit geschwinder Hand Das harte Sprüchlein an des Hauses Hinterwand: ‹Wahrheit und Schminke tun mir nicht denselben Dienst. Leb wohl! ich gehe suchen jene, die du schienst.› Dann zog er fort. Bis daß des Birnbaums Wipfel nur Von der verschmähten Heimat zeichnete die Spur. Da stach ihn Reue, also daß er stehenblieb, Rückwärts gewandt. Und als sein Fuß ihn weitertrieb, Und vor und hinter ihm und weitwärts ohne Ende Gleichgültig ihn umstand ein liebelos Gelände, Da fühlt er plötzlich sich verlassen und verwaist, Und alles Warme schien ihm aus der Welt verreist. Die Hände streckt er aus zum nächsten Hügelrücken: ‹Möcht wissen, welch ein Los mir wird dahinter glücken.› Da kam ein schwarzer Wind und ein Gewölk von dort. ‹Ich wüßt es!› heult es aus der Wolke. Zwar das Wort Verstand er nicht, doch eines bösen Hauches Schauer Umfing sein ahnendes Gemüt mit Todestrauer. ‹Ich möchte doch, ich glaub, so jung nicht sterben müssen!› Das Leben schmeckt ihm traulich seit Ariagnes Küssen. Dann stieg er auf den Hügel. Als ins Tal er sah, Lagen der Dörfer manche um ein Kloster da. ‹Soll dorthin oder soll ich eher seitwärts ziehn? Gleichviel.» Lahmwillig steuert er zum Kloster hin. Als er die Schilderung der Klosterwand beschaute, Warf er die Arme hoch, und trunkne Wonnelaute Lallte sein Mund. Denn eine Himmelskönigin, Astraia gleich, gewahrt er im Gemälde drin. Vom Fenster frug der Pförtner: ‹Ei, was freut dich so?› Er sprach: ‹Astraias süßes Abbild macht mich froh!› Da zeterte der Pförtner: ‹Hilf mir, Astaroth! Wer ist Astraia?› ‹Also›, sagt er, ‹heißt mein Gott, Die keusche Himmelskönigin, die Sternenbraut, Die ich, wohl mir, im wüsten Schneegebirg geschaut.› Da schrie der Pförtner: ‹Frommen Leute, eilt herbei! Er lästert Istar Astaroth!› Auf sein Geschrei Erschienen flugs die Mönche. Aber Korybas, Der Abt: ‹Was ist dein Glaube?› forscht er schmunzelnd, ‹was?› Und als Dionysos nun schlicht und einfach wahr Erzählte, wie Astraia ihm erschienen war, Im blauen Mantel, thronend auf dem Sternenwagen, Und alles, wie es war, und wie sichs zugetragen, Schlug ihm der Abt die Faust entrüstet ins Gesicht: ‹Bekenne Astaroth, du Gauch, und lästre nicht!› Die Nachricht schrie herum, und Grauen fror die Leute. Aufruhr und Wutgebrüll erscholl und Sturmgeläute. ‹Greuel! Bewahre unsre Gauen, Astaroth, Vor Sündenspott! Er lästert Gott! Er leugnet Gott!› Und eine Treibjagd wurde wider ihn gesetzt Und einem Raubtier gleich Dionysos gehetzt. Bei Nacht verkroch er sich im Busch, versteckt im Straub. Ist das der Morgenwind, der raschelt dort im Laub? ‹Herbei! da liegt er ja, der Gottesleugner! Schaut! Leise! – Jetzt drauf! Hui! faßt den Unhold! Herzhaft! Haut!› Als er dem ersten Streiche taumelnd unterlag, Stöhnt er: ‹Das ist für meiner Eltern Sorg und Plag.› Als sie die Knochen ihm zerbrachen und die Glieder: ‹Das ist für meiner Braut verweinte Augenlider.› Doch als das Herz sie würgten in der Brust dem Armen: ‹Wie anders›, schrie er, ‹damals in Ariagnes Armen!› Dann ward er sterbend übers Feld gezerrt, zerrissen, Zerstückt, zerfleischt von frommen Weibern gottbeflissen. Also erlitt Dionysos das Strafgericht. Gleichgültig zog herauf das frostige Tageslicht, Und schielend langten an die Krähen: ‹Kria! kreisch! Heut gibt es Dichteraugen mit Prophetenfleisch.› Der Regen tröpfelte: ‹Des Lebens Zweck ist Schmutz. Gehirn und Herz gibt Dünger, für die Rüben nutz.› Der Nordwind pfiff: ‹'s ist alles eins, Gestank und Duft. Im Stein ist Wahrheit. Blut verraucht und Geist verpufft.› Allein nach dieser Zeit nach langen, langen Jahren Kam einst ein Fremdling ins Hedonenland gefahren: ‹Was deutet, sagt mir, diese liebliche Kapelle?› ‹Knie ab, das ist der Gnadenort, die Wunderstelle, Wo vorzumal am Zoll das Winzerhäuschen stand, Da unser Herr die heilige Ariagne fand.› ‹Und wem gehört der Dom danieden in der Stadt, Der große, welcher eine goldne Kuppel hat?› ‹Der Dom, das ist der Tempel des Dionysos, Am Platz, wo er zum Predigtwort den Mund erschloß.› ‹Halt, sieh dort, welch ein Zug mit Efeu naht sich da?› ‹Sprich leis. Das ist die Äbtin Korybasida Mit den Ariagnepriestern. Hörst du das Geschrei: Ohe! Ewö! Der ganze Adel ist dabei Mit seinen stolzen Fraun und Jungfraun, schönen, weißen. Doch knie nun hurtig ab, daß sie dich nicht zerreißen!›» So tönte von Dionysos die Mär, im Dunkeln Gestanden auf der Männerbank beim Mondenmunkeln Von einer rätselhaften Stimme unbekannt. Zeus aber sprach: «Bist du Dionysos genannt? Das hast du nicht erfunden, Freund, das ist gereift. Den Buben hast du mit der Schulter angestreift, Und zu dem Winzerhäuschen kennst du wohl die Pfade. Keimt dir ein Wunsch, so sprich! Ich nenn es Dank, nicht Gnade.» Da sprach der Unbekannte: «Eines wünsch ich. Dies: Dem heiligen Mägdlein, die mein Lied Ariagne hieß Und die vergessen liegt im fernen Grabesgrunde, Spend einen Ruhm aus deinem königlichen Munde.» Da reckte sich der große König, und mit Macht Schickte sein Mund die Stimme durch die finstre Nacht: «Den Toten allen schuldigen Andachtsgruß zuvor! Ein Mägdlein ruft vom Grabe mein Gebet empor, Ariagne, oder wessen Namen du dich lobst, Pathos! Die du den Knaben von der Straße hobst, Pathos! Die du sein frierend Herz mit Lieb erwärmt, Pathos! Die du um ihn zu Tode dich gehärmt, Sei heilig mir! Zwar Denkmalbaun und Tempelmessen Hält Zeus nicht im Geschmack. Du selbst bleibst unvergessen!» So betete der König. Und die andern drei Standen entblößten Hauptes ehrerbietig bei. Drauf sprach er: «Habt nun Dank. Mein Urlaub neigt zu Ende. Die Stunde mahnt; daß ich zur Heimat jetzt mich wende. Hier meine Hand. Die Weile wurde mir zum Feste. Und einen andern Abend seid ihr meine Gäste.» Achter Gesang Hyphaist der Zwerg                       Goldfischlein atzend wandelt überm Marmorteiche Geduldig auf und ab Pallas die Gnadenreiche, Weil Aphrodite sah von fern der Atzung zu. «Laß helfen», rief sie, «leih mir von den Brocken du.» Und kaum daß Aphrodite nach dem Teich gekommen, Kamen die Fischlein allesamt zu ihr geschwommen. Wieviel des Brotes immer Pallas mochte spenden, Sie nahmens nicht, allein von Aphroditens Händen. «Merkwürdig, sieh doch», rief die Falsche, «sonderbar! Warum verlassen dich die Fischlein ganz und gar?» Pallas erboste: «Schlänglein, keine eitle Wonne! Im Schatten fisch ich halt, du einfach in der Sonne: Ständ ich, wo du, so nähmen sie von mir die Letze.» «Wohlan denn, laß versuchen, tauschen wir die Plätze!» Kaum aber hatten sie den Platz gewechselt, jach Schwammen die Fischlein wieder Aphroditen nach. Die Achsel lüpfte Pallas: «Und? Was ist dabei? Spar, bitte, deiner Blicklein töricht Sieggeschrei! Ein Gleichnis tuts noch nicht, man muß es erst verstehen. Der Fische Stumpfsinn läßt das Beispiel sinnreich sehen. Das Urteil möchte anders lauten, glaub daran, Wenn zwischen mir und dir entscheiden würd ein Mann.» «Weswegen? Sag, bekenn!» «Des wenigen Geistes wegen.» «Du!» zischte Aphrodite, «nicht so überlegen! Denn nicht am Eigenruhme, weißt, erwährt sich Geist Und Selberdünkel, sondern daß man ihn beweist.» «Laß sehn die Probe», herrschte Pallas, «schweig indessen!»! «Topp da! Mit deinem Witz mag ich mich fröhlich messen.» Und also lebhaft fort in munterm Bosheitschauer, Verblümt mit Lächelgleißen zwischen süß und sauer. Bis ihnen der vernünftige Einfall kam von oben, An einem Beispiel ihre Schlauheit zu erproben. Und dieses setzten sie zum Beispiel des Examens: Daß, wer das nächste Mannsbild, gleichviel welchen Namens, Von einer grünen Sonne könnte überzeugen, Vor deren Geiste sollte sich die andre beugen. «Doch ich», bedingte Pallas, «will die erste sein.» Gnädig bewilligt Aphrodite: «Wegen mein! Hingegen mir gebührt nunmehr die Wahl der Szene: Der Pfirsichumgang.» Das gewährte wieder jene. Alles vereinbart, huschten sie ins Gartenhaus Und lugten auf die Straße nach den Wandrern aus. «Wer kommt als erster?» Sieh, da kam gedankenschwer Asklep der Arzt mit würdevollem Schritt daher. Ein Zuruf. Arglos nahte, ahnungslos der Kniffe, Asklep. Und Pallas erst verpfuscht ihm die Begriffe. Mit 'dennoch', 'trotzdem', 'nichtsdesweniger' und 'zwar' Rührt ihre Redekochkunst ihm den Hirnbrei gar, Und ihrer Hände hitzig Gaukelspiel verstärkte Das Hafermus, das ihre fleißige Zunge werkte. So trieb sie durch den Pfirsichgang ihn in die Enge. Doch immer streckt er aus dem logischen Gedränge Den Kopf hervor, und könnt er keine Gründe schenken, So schüttelt er das Ohr mit zweifelndem Bedenken. «Nun was, Asklep?» begann, als aus dem Pfirsich beide Zum Vorschein kamen, Aphrodite: «Nun entscheide, Wie ist die Sonne?» Zaudernd gab er Antwort: «Hum! Ist schwierig zu beschreiben, Worte bleiben stumm, So etwas zwischen gelb und grün und blau und rot. Ich suchs, ich habs, der Ausdruck einzig schafft mir Not.» Hernach nahm Aphrodite die Bekehrung auf, Zog an der Hand ihn zum Spalier in kindischem Lauf, Pflückt einen saftigen Pfirsich, voll und prall und rund, Biß ab und schob den Imbiß jenem in den Mund. Dann wallten sie großäugig, armverschränkt die Bahn, Sprachen kein Wort und lächelten einander an. Feinspöttisch meinte Pallas: «Lächeln mit den Augen Ist fürs Gemüt. Zur Logik wird es wenig taugen. Allein wo sind sie?» Weg. Vergangen und verschwunden. Und als sie auferschienen über einige Stunden, Schritt züchtig Aphrodite. Aber sagt doch, seht, Was hüpft dort für ein Spielball übers Rasenbeet? Ist das der würdige Asklep?! Gemsfüßig sprang Er wie ein Kreisel durch den Garten, jauchzt und sang: «Grün ist die Sonne, erbsgrün, grasgrün wie Smaragd! Oder auch mäusegrau, wenns Aphrodite sagt. Allein der Mond, der benedeite Mond ist weiß. Das wag mir niemand abzustreiten, weil ichs weiß!» So jauchzend tanzt er ab und hinterließ die Frauen. Unmutig grollte Pallas und verzog die Brauen. Doch Aphrodite hauchte: «Liebste, laß dich weisen: Handum ins Netz der Narrheit gängelst du die Weisen Mit Blümchenzucker aus dem Honigreich des Schönen. Genug davon. Komm, laß ein ander Glöcklein tönen.» Sie sprachs. Vereinigt schritten zum ambrosischen Mahle Die zwei. Und Nektar schlürften sie aus goldner Schale. Dann, nach genoßner Mahlzeit, träg von Wohlbehagen: «Was rätst du, Pallas, Traute, freundlich laß dich fragen, Womit ergötzen wir die liebe Leber nun? Soll man ein wenig wandeln? oder was sonst tun?» Pallas gewährte: «Laß uns wandeln, meinetwegen.» So machten sie sich auf, feldein, der Stadt entgegen. Und haufenweis umringte sie mit scheuen Tritten Das Volk, bewundernd, starren Blicks nach Aphroditen. «Ach weh mir, Pallas!» seufzte diese, «Pein und Scham! Wie hin ich dieser lästigen Bewundrung gram! Du Glückliche bewegst dich lediger und freier.» Ihr kam zurück: «Warum denn trägst du keinen Schleier?» Desgleichen später auf dem Markt beim Glockenturm, Wo Aphroditens Schritt umflog ein Jubelsturm: «Ach wüßtest du, o Pallas, wie mich plagt der Neid Auf deine unbemerkte Unansehnlichkeit! Kein Zuruf, wohl dir, kränkt dein zagend Zartgefühl.» Ihr kam die Antwort: «Aber wanderst ins Gewühl!» Doch auf dem Heimweg, oben zwischen Wall und Graben, Im Schanzenwinkel, über Stadt und Land erhaben, Saß vor der Tür Hyphaist der Töpfer, einen Krug Bemalend, den er sorgsam auf den Knieen trug. Gedeihen schien zu folgen seinen Pinselzügen, Denn ob dem fleißgen Handwerk sang er vor Vergnügen. Er sah nicht auf, bemerkte nicht die edlen Gäste. «Nun», höhnte Pallas, «Aphrodite, Liebste, Beste! Glückauf! dein Wunsch geschieht. Hier bleibst du unbeachtet.» «Weil er mich halt nicht sieht, nur sein Geschäft betrachtet.» Stand stille, hüstelte ein wenig und begann: «Was malst du da?» Hyphaistos sprach: «Was gehts dich an?» «So sieh doch endlich einmal auf, Altmeister traut.» Er sprach: «Wozu? Ich hab schon manche Gans geschaut.» Laut jauchzte Pallas, daß die Mauern widergellten. Doch Aphrodite spie: «Das soll er mir entgelten!» Und wie nun immerfort den lieben Heimweg lang Pallas vergnügten Herzens für sich summt und sang: «Dein Singen», keifte jene, «lohnt dir kaum die Mühe. Du und dein saubrer Günstling spotten mein zu frühe. Ich zahl ihms grausam heim!» «Haltla! Ich werd ihn schützen.» «Ich lache des! Dein Schutz wird ihm kein Bröslein nützen.» Und also fort von Spruch zum Widerspruch die Kette, Bis daß sie sich auf eine feierliche Wette Vertrugen, was von beiden möge schwerer wägen: Ob Aphroditens Rache oder Pallas' Segen. Und ihrer Zuversicht zum prahlenden Beweis Setzten sie beide je ein köstlich Pfand zum Preis, Auf daß es scharf verspüre, welche unterliege, Und Schadenfreude leihe Salz und Schmack dem Siege. «Mein goldnes Mieder, Aphrodite, setz ich dir.» «Ich dir den kleinodübersäten Gürtel hier.» «Doch wo ein Richter, der des Kampfes Regel finde? Hernach das Urteil spreche, das uns beide binde?» Bei diesen Worten trat in ihre Mitte, sieh, Von hinten her die Schicksalsbotin Eironie. «Ich habe eure Wette», sagte sie, «vernommen. Als Richter will ich dienen, falls ich euch willkommen.» Verwundert nach dem Fremdling schauten um die zwei, Dann stimmten sie zusammen: «Ei wohlan, es sei! Richt uns! Und schimpflich büße, wer dein Recht verletzt.» Eironia sprach: «Zu Recht und Regel sei gesetzt: Dreimal mag Aphrodite dem Hyphaistos schaden, Und dreimal Pallas ihn begünstigen mit Gnaden. Im Fall nachher Hyphaist sein elend Los beklagt, So wird das Mieder Aphroditen zugesagt. Doch gleißt sein Antlitz Glück, ist Pallas Siegerin, Der schöne Gürtel kommt ihr füglich zu Gewinn. Auf nun, ans Werk! Der einen wie der andern gibt Das Schicksal jede Handlung frei, die ihr beliebt.» Als erste machte Aphrodite sich ans Werk. Hyphaist ins Mark zu treffen, war ihr Augenmerk. Ihn zu ergründen stellte sie zu diesem Zwecke Sich morgens auf die Lauer an der Schanzenecke, Geduldig wartend. Lange stand sie nicht, so drang Ein Brummen ihr zu Ohren, ähnlich wie Gesang: «Hyphaistos heiß ich, bin bescheiden bloß ein Töpfer, Abschreiber der Natur, nicht Urgestaltenschöpfer, Von innen derb und knorrig, außen unansehnlich, An Wuchs ein Zwerg, an Schönheit eher affenähnlich. Und doch, juchhei! so froschzufrieden so wie ich Ist im Olymp nicht Zeus, nicht Eidechs sicherlich. Ei, sagt mir doch, warum sollt ich nicht fröhlich sein? Die ganze Welt mit allem, was sie hält, ist mein. Komm doch, du Tropf, schau her, sie sitzt auf meinen Schalen; Ein jedes Ding ist da, denn alles läßt sich malen. Ob garstig, ob gefällig, freundlich oder bös, Gleichviel: es dient mir, gibt mir lieblichen Erlös. Nicht wahr, der Esel, nehm ich, und das Krokodil Sind häßlich ohne Frage, boshaft, wenn man will. Kaum aber nimmt mein Pinsel eins davon beim Ohr, So kommt dir jetzt sein Schnabel plötzlich traulich vor. Weiß nicht, durch welch ein närrisch Wunder das geschieht. Und wenn ichs wüßte, einerlei, mich kümmerts nicht. Eins ist, was ich im Kopf und in den Zehen weiß: Juchhe, wie ist die Welt so reich! Juchheißaheiß!» So sang mit Schnörkeln, die er frei vermannigfachte, Hyphaistos, während Aphrodite für sich lachte. Ein Weilchen blieb es folgends stille. Aber dann Hub wiederum das frohgemute Brummen an: «Wenn ich auf meine plumpen Fußgestelle seh, Mit denen ich die weite Welt durchtrollen geh, So mach ich mir kein Hehl und Lichteleien keine: Das sind nicht Aphroditens, nicht Apollons Beine. Sind mir doch lieb und wert, so klobig wie sie sind. Dienen mir treu und unermüdlich und geschwind, Geläufig mich an jede Stelle stops zu führen, Wo in den Winkeln etwas Gutes ist zu spüren. Hansdampf! Es kommt mir nicht von selbst ins Haus gestohlen. Die feinen Kräutlein muß man suchen, muß man holen.» Er sangs und schwieg. Nichts mehr. Der Psalter schien beendet. Flugs hatt ein Steinchen Aphrodite aufbehändet Und wirbelt es empor. «Was tut dem Männlein weher? Schlag ich die Hand ihm? Lahm ich ihm die Füße eher?» Das Steinchen zauderte. Doch als es niederfiel: «Du lähmst ihn an den Füßen», lautete das Spiel. Tagfolgends aber, als der Morgen angebrochen: «Ai!» schrie Hyphaist, von spitzem Schmerz ins Bein gestochen. Und hinkt und humpelte herum vor Pein und Plage Und stöhnt und ächzt und knurrte die verdroßne Klage: «Pfui Leid! Soll wegen diesem dummen Hinkebein Fortan die frohe Wanderschaft zu Ende sein?» «Jetzt aber ich!» rief Pallas. «Mir gebt her den Lahmen!» Drückt eine Scheibe aus Hyphaistos' Fensterrahmen, Setzte dafür ein wundersames Spiegelglas: Was in der weiten Welt sich umtrieb, zeigte das Samt allen Dingen, zwar zu kleinerm Maß vermindert, Doch Form und Farbe gab sie gänzlich unbehindert. Frohlockend rief Hyphaist: «Gelobt! Ich habs bequem. Jetzt seh ichs wie zuvor und lieg noch außerdem. Und schöner, guck, und wahrer glänzt das Spiegelbild Als drunten sein leibhaftig Vorspiel roh und wild.» Eironia sprach: «Was recht ist, wird mir da bewußt: Für diesmal, Aphrodite, bist du im Verlust.» Gereizt vernahm sies, und die Nasenflügel schnoben. «Fahr hin! Zum zweiten Male wollen wirs erproben.» Ein bucklig Werkelweib, triefäugig als ein Graus, Schickt Aphrodite zweitens dem Hyphaist ins Haus, Das ihn vom Sessel putzt und aus dem Zimmer stäubte Und Tag und Nacht mit belferndem Gezänk betäubte. Pallas hingegen hing den Vogel Phantasie Im Käfig an die Decke, dessen Melodie In Frühling wandelt die verdroßne Winternacht Und Regennaß in sonnengoldne Sommerpracht. Und als Eironia nun Hyphaist zu prüfen kam Und förschelnd allerlei zu frägeln unternahm, Ob ihm des bösen Weibes Geifer nicht die Galle Verschüttet und verscheucht die Lebensgeister alle, Verlor vor Iltiszorn Hyphaistos Maß und Zügel, Und Fäustlings hinterm Ofen packend einen Prügel: «Weh deines Lästermaules schmutzigem Lügenranft, Wenn du mein Werkweib schmähst, die Huldin mild und sanft!» «Mir ist um Aphroditen», sprach Eironia, «leid. Doch Pallas hat gesiegt. Bedaure den Entscheid.» Das Gift verschluckend, nahm die Schönin das von oben: «Gegönnt! Des Endesieges wird sie nicht sich loben.» Drei Tage schlich sie sorgenvoll und kummerschwer, Mit tückischen Gedanken schwanger, trüb umher. «Jetzt weiß ich», zischte sie, «den schlimmsten, tiefsten Stich: Jetzt treff ich ihn ins Herz: ich mach ihn lächerlich.» Und diese Narrheit gab sie unvermerkt ihm ein, Daß er für Hera schmachten mußt in Liebespein. Hera, die hohe, stolze Himmelskönigin, Der alte, pöbelhafte Zwerg, verrückt von Sinn! Ein kläglich Schauspiel gab Hyphaist dem Volke da. Wo Heras fürstliche Erscheinung nur geschah, Sah man in erster Reihe nun den Liebestollen Tränen vergießen, seufzen, Karpfenaugen rollen. Im Mitleid halb ertrunken, halb ersäuft in Schande, Ward bald sein Name zum Gespött in Stadt und Lande. Die Tür verrammelt er, verschloß die Fensterladen, Schuf sich ein Uhrwerk, das mit Schlegeln war geladen; Und wenn der Eisenräder rasselnder Betrieb Die Schlegel trommelte, ihn prügelnd Hieb auf Hieb, Tanzt er hochauf vor Schmerz und Invergnügen. «Ai! Au weh! Recht so! Schlag stärker! Noch mehr! Ai, juchhai! Du Narr, du Unverschämter, wart, ich will dich lehren, Die Himmelskönigin, du Tropf, im Traum begehren!» «Jetzt», höhnte Aphrodite, «weise deine Kunst, Pallas! Was hilft dem Narren deiner Weisheit Gunst?» Pallas besann sich: «Wider Schand und Narrentum», Bedachte sie, «weiß ich ein einzig Heil: den Ruhm.» Verkleidet, ähnlich einer Trödelkrämerin, Begab sie schlurpend sich zur Töpferbude hin. «Ich möchte», feilschte sie, «mir einen Krug erwerben.» «Da nimm», versetzt er traurig, «nimm die Lumpenscherben.» Verständig prüfend, wählte sie den klügsten Krug, Den sie sofort ins Schloß hinauf zum König trug. Zeus aber, als er kaum das feine Handwerk sah, Verstummt, verstaunt, versteinert stand er leblos da. Hernach den Hofstaat hurtig herbescheidend, wies Er großen Auges nach dem Kruge: «Schmeckt ihr dies?» Und wendete das Werk und staunte neu und neuer. Endlich mit dumpfer Stimme: «Das ist ungeheuer! Weiß man den Meister? Wo er wohnt und wie er heißt?» Nachlässig lehrte Pallas: «Unterm Tor. Hyphaist.» «Schnell!» heischte Zeus, «sechs Pferde vor den Ehrenwagen! Mit Paukenspiel den Meister hübsch zu mir zu tragen.» Und als nun in den Wagen war Hyphaist geschoben Und schaukelt in den Polstern, auf- und abgehoben: «Hier wird man», mault er schmunzelnd, «angenehm geprellt, Das kommt von dem Gefieder, das den Kasten schnellt.» Dann oben auf dem Schloß, im königlichen Saale, Umringt von Götterfraun beim süßen Nektarmahle, Als ehrfurchtsvoll mit untergebnen Schüleraugen Die Götter suchten seinen Anblick einzusaugen Und Zeus erschien mit einem rätselhaften Buch, Verlegen frägelnd: «Meister, einen weisen Spruch?» Und Hera huldvoll raunte: «Wie gefällt es dir? Und hast du etwa einen Wunsch? Und ziehts nicht hier?» Verstummt er plötzlich, schluckend vor erstickter Not, Die Wangen von verschämtem Herzenswünsche rot. «Heraus damit!»rief Zeus, «was soll, was meint das Schnupfen?» «Den kleinen Finger Heras», keucht er, «anzutupfen!» «Gib du ihm lieber», lachte Zeus, «gib herzhaft, Schatz, Dem braven Kobold einfach einen tüchtigen Schmatz.» Hera sprang auf: «Vor diesem wackern Widerhold Ekelt mir minder als vor manchem Salbenbold.» Sprachs, und die Augen schließend, auf die Zähne beißend, Versetzte sie den Kuß, der Eile sich befleißend. Darob geschah ein hauserschütternd Beifallschallen Mit lustigem Händeklatsch von den Titanen allen, Indes Hyphaist, sprachlos, vom unverhofften Kuß, Verblitzt, des jähen Liebesglückes Überfluß Nicht länger mehr im krampfumschnürten Herzen dämmte Und Kinn und Bart mit seligen Tränen überschwemmte. Doch als sein Busen Luft, sein Atem Ton gewann, Hub er ein ungeschlachtes Stimmentoben an, Den Takt mit Fäusten schlagend statt des Trommelschalls Und links und rechts den Nachbarn singend in den Hals. Soviel lebendige Seele wohnt im Schloß, soviel Zog um Hyphaist herum jetzt König Zeus ins Spiel. «Betrachtet», sprach er ernst, «bedenkt und merkt dies Stück: Das ist das echte, neidenswerte Zwergenglück.» «O schade, Aphrodite», sprach Eironia, «schade Um deinen schönen Gürtel! Gib ihn her gerade!» Gehört, den Gurt vom Leib gerissen, hingeschmissen, Ein Natternblick, dann heim, aufs Lager, in die Kissen. Wogegen Pallas, die der Gürtel prächtig zierte, Die Hüften wiegend, nach dem Schloß hinauf stolzierte; Und morgensonnig, in des Schadenglückes Blüte: «Ratet einmal, von wessen übergroßer Güte Hab ich den wundervollen Gürtel? Denkt euch, denkt! Den hat die liebe, gute Aphro mir geschenkt.» Neunter Gesang Hylas und Kaleidusa über Berg und Tal                       Die Nacht zog ab, verscheucht, verfolgt vom Hahnenschrei. Geschäftig drängte sich der fleißige Tag herbei; Indes die Luft, vom Lichtgeflüster halb geweckt, Verträumt noch schlummerte, im Dämmer hingestreckt. Da stahl, den Rücken längs der Weinbergmauerwand Geduckt, das Blattwerk teilend mit gespreizter Hand, Sich Hermes' Bruder Hylas durch den Pfad der schwanken, Tauschweren, morgenwindbewegten Rebenranken, Vom Amselspott geneckt, vom Grillenlärm verschrieen. Schon war ihm bis zur Erde schier die Flucht gediehen – Bosheit! Ein Stich, ein Strahl, ein Schwertblitz von Demant, Von roter Sonnenlohe Ost und Süd entbrannt, Ein Farbentaumel, der von allen Himmeln quoll: Und auf dem Flammenwagen stieg empor Apoll. «Was eilst du, Bruder Hylas, dämmernachtverstohlen Zu Tal? Wen willst du meiden oder überholen?» Aufschauend blinzte Hylas dem Verräter zu: «Eja, ich halt es, lieber Bruder, halt wie du: Vermeinend, daß zum Wandern, Schlafen, Seligsein Nicht etliche gehören, sondern zwei allein. Der Unterschied ist nur: du flüchtest in die Wolke, Ich aber erdwärts in die Waldschaft vor dem Volke.» Sprachs und beschleunigte die flüchtgen Schritte. Bald Langt er auf Erden an und trieb zum nahen Wald. Dort hielt er still. Ein Kuckuckruf aus seinem Mund, Gefolgt von Turtelgurren aus dem Eichengrund: Und morgenmunter tauchte hinterm Waldestor Die Nymphe Kaleidusa marschbereit hervor. Ein Koselaut, ein Lächelgruß. Dann eilten sie Vereinten Wegs waldab mit gleichbeschwingtem Knie. Und schöpften sich ins Herz den reichen farbigen Tag, Die Märchen aus der Luft, die Blüten aus dem Hag, Der Freundschaft Liebesblick aus schönem Wimpernschlag. Und aller Dinge, aller Wesen Sinnbild war Ihren gescheiten, weltvertrauten Augen klar. Der Gräser Säuseln, das Gewölk im Himmelmeer Verschwieg der klugen Frage kein Geheimnis mehr. «Hörst du die Bienen summen unterm Wipfeldach? Und was sie sich von uns erzählen, Freund?» Er sprach: «Wohl hör und seh ich, Kaleidusa, viel des Schönen, Doch lieber ist mir deiner treuen Tritte Tönen Am Wegesrand und deines Busens Seufzerrauschen. Dies Liedlein möcht ich nicht um Orgelpsalmen tauschen.» Und also fort im Gleichschritt mit dem rüstigen Tag. Bis daß des Mittags Wollust in den Büschen lag: Da mochten sie, vom kühlen Wasserhauch geladen, Im schattigen Weiher oder Springbach frei sich baden. Sodann, die Glieder weitgestreut im Nußbaumgrunde, Genossen sie der Rückenruhe manche Stunde, Bis frischer Luftzug reizte zu erneutem Lauf: Da nahm ein jeder Arm und Beine wieder auf. Und sprangen lustig an und klatschten in die Hände Und eilten singend durch die Wälder ohne Ende. Gleichviel wohin. Das Ziel nicht, bloß der Weg verschlug. Da sprach zum Nachmittag der Abend: «Nun genug!» Er sprachs, und flatternd schwang er die vereinten Flügel, Und schrägen Schwebens sinkend auf den Maienhügel, Ließ er den Purpurmantel von den Schultern fallen. Aus dessen Falten kroch ein wimmelnd Schattenwallen. Jetzt, eine Bank erspähend, legt er auf die Knie Die Landschaftsbilderbibel und bemalte sie. Ihn fragte Kaleidusa: «Darf man? Ists erlaubt?» Und standen auf die Zehn und sahn ihm übers Haupt. Heimlich im frischgemähten Mättlein unter ihnen, Am waldesschattenübertuschten Rain erschienen Die leisen Töchter Pans: Morpho und Pantaphile, Das junge Herz vergnügend im Verwandlungsspiele. In Tier und Vögel ihren schlanken Leib vertauschend, Bald als beschwingte Reiher in den Lüften rauschend, Bald sich belustigend als sprunggewandte Rehe. Ein Wunsch: und schlank und lieblich standen sie wie ehe, Pans leise Töchter anzuschaun, nicht mehr und minder. Drüben im Menschendorfe lärmten Menschenkinder, Verschränkten Arms im Kriegslauf schreitend: «Eins und zwei.» Doch kaum mit «drei», so war die Kinderzeit vorbei. Nachdenklich saßen sie als Männer vor dem Haus. Da sargte Glockenwimmern sie vors Dorf hinaus. «Wo ist der Unterschied?» raunte der Mühlebach. «Morpho und Mensch, Verwandlung schmelzt ja alles, ach! Sie nennen es 'Natur', glaub ich, behaupten sie. O weh! Anankes unheilbunte Phantasie!» Also versäumten sich in traulichem Vereine Hylas und Kaleidusa auf dem Abendraine, Bis daß vom Tal im nebelduftigen Gelock Die rotbekappte Dämmrung mit dem Hirtenstock Der Träume stille Herde weidete heran Und aus dem Bachgrund, wo er schlief, der leise Pan Mit weichem Fiederflug gespenstig sich erhob, Um Hain und Hecken seine Zeichenrätsel wob Und mit den feinen Fingern dem erfüllten Tage Aus Fels und Busch entlockte die ergiebige Sage. Da steuerten sie heimwärts, nächtens unterm Mond, Erinnerungdurchleuchtet, freundschaftsglückbelohnt. Und als der Abschied, wartend überm Waldessaum, Mit strenger Hand sie trennte: es verdroß sie kaum. Der Wunsch war satt, der Reise süße Frucht geborgen, Und Küsse flüsterten das frohe Bündnis: «morgen». Doch Ärgernis erwuchs aus ihrem Glück dem Neide. Und alle taten sich zusammen gegen beide. Die Eintracht zu entzwein schien nötig jedenfalls. Deswegen, wenn am Abend nach der Trennung als Hylas nach Hause zielte, huschten aus dem Hag Die Heckennymphen: «Hör doch, Hylas, –warte, sag, Mit welchem Häftlein, sprich die Wahrheit, oder Leim Hält Kaleidusa dich gefangen insgeheim, Daß du an ihrem Röcklein gleich der Klette klebst, Gleich einem Arbeitsgaul an ihrer Seite träbst? Es gibt der Nymphen, Lob und Dank! die Überzahl, Schöner als Kaleidusa. Greif, du hast die Wahl! 's ist schad um dich, so fein, so zierlich! Komm ein klein Mit uns. Es reut dich nicht. Wir wollen lieblich sein.» Hylas erwiderte: «Seht, das verhält sich so: An Kaleidusens kleiner Zehe oder wo Hat sie ein winzig Sandkorn. Wenn sich dieses dreht, Geschieht, daß längs dem Wege Farbenglanz entsteht: Und glaubt mir, vielmal schöner leuchten diese Farben Als Sonnenschein. Der Farben kann ich halt nicht darben. Zum zweiten hat sie zwischen Zunge, zwischen Zahn Ein Singspiel. Hebt sie kaum damit zu singen an, So singt die ganze Welt dazu, mein Herz damit. Das also ist der Leim, danach ihr fragt, und Kitt. Wenn einst das Singspiel schweigt, erlischt das Farbenfeuer, Wohlan, dann laß ich Kaleidusa, bin ich euer.» Zu gleicher Zeit im Heimweg zwischen Damm und Graben Versuchten Kaleidusen arge Satyrknaben: «Fürwahr, das nenn ich eine sonderbare Lust, Über Gestein und Stoppeln ohne Rast und Rust Mit Hylas umzulaufen wie die Mühleräder! Was siehst du denn an ihm? Was hat er mehr als jeder? Sind etwa Satyrburschen nicht genug im Lande, Daß mit Olympiern du dich paarst zu unsrer Schande? Ich weiß von Münzen, wenn nach Golde du gelüstest Und köstlichen verborgnen Schätzen, wenn du wüßtest!» «Seht», sagte Kaleidusa, «seht, wie sichs verhält: Zehnhundertmal zehntausend Täler hat die Welt. In jedem Tale wächst ein Beerlein Hadamak, Das hat nur selben, keinen ähnlichen Geschmack. Drum will ich täglich wandern, hab ich halt beschlossen, Bis daß ich jedes Tales Beerlein abgenossen. Nur Hylas schmeckt, sonst keiner, wo die Beerlein sind. Nun habt ihr den Bescheid. Jetzt gebt mir Raum geschwind!» «Geh nur! Du wirst der Reisefron doch schließlich satt.» «Am jüngsten Morgen, wenn die Welt ein Ende hat.» Also von der Versucher Hinterlist befreit, Zog mit der Freundin Hylas aus in Ewigkeit. Doch eines heißen Tages um die Mittagsstunde, Als sie zur Ruh sich betteten im Nußbaumgrunde: «Ei sieh doch», meinte Kaleidusa, «was die Schrift An jenem Baumstamm wohl besagt und wen betrifft!» Sprang auf und las. So sprach die Tafel unterm Baum: «Warnung! Dem Unvorsichtgen, den dahier ein Traum Im Schlaf beschleicht, dem wird sein künftig Schicksal klar. Weich aus! Willkommnes reicht die Zukunft keinem dar.» «Der weisen Warnung», rief sie, «mag ich gern mich fügen! Die Gegenwart ist süß, sie kann mir baß genügen.» Mit diesen Worten kam zufrieden sie zurück, Saß ab, umschlang den lieben Freund und schlief ein Stück. Desgleichen übte sie verständig sieben Tage. Am achten aber schafft ihr doch der Fürwitz Plage, So daß sie, während Mittagsschlaf den Freund umfing, Sich heimlich unter jenen Baum zu legen ging, Dämmrigen Geists entschlummernd. Doch entschlummert kaum, Schluchzte sie auf und jammerte und schrie im Traum. Die Augen rieb sich Hylas: «Ward mein Ohr betört?» Versetzt er, «oder hab ich weinen dich gehört? Und feucht verschleiert blickt dein Auge, wie mir scheint.» Sie sprach: «Mein Blick ist hell, ich habe nie geweint.» Dann, als sie weiterzogen die gewohnten Wege: «Wie ist dein Tritt», rief er verwundert, «heut so träge! Und müde hängt dein Haupt und schwer wie kummersatt.» Sie sprach: «Ich selbst bin munter, einzig du bist matt.» Doch abends spät im finstern Forste unterm Mond, Nachdem zum heimischen Olympos wie gewohnt Hylas fernhin verzogen war und rund umher Einsame Höhle klaffte, licht- und freundschaftsleer, Brach sie zu Boden mit unbändgem Tränenschwall, Und weithin hörbar, wie der Ruf der Nachtigall Im Maienhain, erfüllte sie die Nacht mit schönen, Von Herzeleid durchwühlten Liebesklagetönen. Erbarmungsvoll erschienen aus dem Waldrevier Die Schwestern, nahmen ihr die Hand und kosten ihr Zärtlich die Locken: «Rede, Schwester, was dir fehlt! Hat Hylas dich mit einem harten Wort gequält, Das Herz verwundend ungewollt und unbedacht, Daß du die Augen schüttest in die schwarze Nacht?» «Ach Jammer, liebe Schwestern», klagte sie, «ach nein! Nicht Hylas, nur mein Fürwitz strafte mich allein. Ach weh mir, daß ich träumte unterm Schicksalsbaum Denn diese Zukunft offenbarte mir der Traum: Ich sah den Herzensfreund an mir vorübergehn, Den Gruß mir nicht erwidern und beiseite sehn.» «Schade! Doch ists getan. Du kannsts nicht rückwärts tun.» «Drum will ich sterben. Eja, sterben will ich nun.» «Wie sprichst du töricht, liebe Schwester, da du weißt: Unsterblich ist der luftigen Waldesnymphen Geist. Wir mögen nicht wie Sterbliche den Tod erhandeln. In Duft und Dinge können höchstens wir uns wandeln.» «Deshalb», rief Kaleidusa, «will ich mich verwandeln. Ich will nicht warten, bis er selber mich vergißt. Ich muß ihm schmerzlich mangeln, daß er mich vermißt.» Und blieb dabei. Kein Schmälen und kein Tränenguß Erweichten ihren unabänderlichen Schluß. Und als nach schwerem Scheidegruß mit Grabgesängen Die Schwestern sich verloren in den Waldesgängen, Bedachte sie die lange Nacht im Schmerzensrausche, In welch ein duftig Ding sie wohl die Seele tausche, Daß sie in Hylas' Herz sich und Gedächtnis schiebe Und, wo er immer weile, ihm vor Augen bliebe. Warf der Gedanken tausend auf und Pläne viel: Umsonst, denn nie gewann ihr müder Geist ein Ziel, Der Wille war zu krank, er konnte nichts beschließen, Und all ihr Denken taugte, Tränen zu vergießen, Bis daß der blaue Tag den Himmel überzog Und lustige Farben auf den Erdenjammer log. «Ach», seufzte sie, «jetzt naht die wehmutvolle Stunde, Wo sonst mein Freund mich suchen kam im Eichengrunde. Wer weiß, schon eilt er vom Olymp in Freud und Frieden, Nicht ahnend, welche herbe Täuschung ihm beschieden. Ich fühls, mein Vorsatz wankt, mein kleiner Stolz entweicht. Auf! ehe seine traute Stimme mich erreicht!» Schnell stieg sie auf die Blöße überm Tannenhain. «Mut, Kaleidusa!» mahnte sie, «es muß ja sein!» Wohl sprach sie das und schöpft ins Herz sich handvoll Mut, Allein zum Leben. Ach, das schmeckte heut so gut! Da rauschte überm morgenroten Wipfelmeer Der Feuervogel Phönix durch die Luft daher. Auf eine Tanne nebst der Blöße schwebt er nieder, Äugt um sich, glättete das schimmernde Gefieder, Dann öffnet er den Schnabel, schloß den Blick und sang Sein Morgenlied, volltönend gleich wie Glockenklang. So lautete das bilderschwere Morgenlied, Das Phönix mit dem Glockenmund der Welt beschied: «Wes ist die Seele, fragst du, die aus Feld und Au Mit sinnigen Augen dich bespricht im Morgentau? Vernimm: das ist des Gottessohnes Zeichenschrift, In finstrer Nacht gegossen über Tal und Trift, Wenn er, in weltenferner Wüstenei gefangen, Die Hände streckt durch das Gebiß der Kerkerstangen, Verstohlne Botschaft streuend auf die dunkle Erde, Damit von seinem Dasein täglich Meldung werde. Aurosa, der entfernten Freundin, gilt der Brief. Der sagt von Troste hoch und singt von Schwermut tief. Am frühsten Morgen naht vom Wald die Gottesbraut Und aus dem Felde silbertropfenübertaut Versammelt sie mit emsigem Fingerfleiß behende Die Zeichen, die gestiftet des Geliebten Hände. Geheim zwar ist die Schrift, undeutlich andern Wesen. Aurosa einzig kann die heiligen Runen lesen Kraft ihres Diadems mit Namen Horizont. Sobald des Tages Strahl das Diadem besonnt, Erscheint der Runen richtige Zusammenkunft, Der Sinn keimt auf, die Liebe zeitigt die Vernunft. Dann schwelgt sie überm Briefe in den Winkelnissen. Sie mag nichts von der Welt, nur vom Geliebten wissen.» So sang der Vogel Phönix überm Tannenhorst, Über der Blöße auf dem morgenroten Forst. Horch: Hylas' Stimme, fernher von den Bergesstufen, Und Kaleidusens Namen forderte sein Rufen. Jäh schnellte sie empor. Und ob der Eile Drang Geriet ihr der Entschluß, den Tatkraft nicht erzwang. Rasch sich vornüberbeugend auf den nächsten Strauch Am Waldesrande, rief sie, ihres Atems Hauch Durch die gehöhlten Hände sendend: «Vater Pan, In ihrer Not die Waldesnymphe ruft dich an!» Pan stellte sich: «Was soll ich dir? Was tut dir not?» «Ich heische», sprach sie zagend, «den Verwandlungstod.» «Vom Tode hilft kein Wunsch zurück und keine Macht.» «Bewußt, o Vater Pan, gewollt und überdacht.» «In welch ein Ding willst du die liebe Seele wenden?» «In einen schönen Lichtstrahl, daß von allen Enden Hylas den Trauten unablässig grüßt mein Schein: So werd ich sein Gefährte, seine Sehnsucht sein.» «Ists also, Kaleidusa, so umarme mich!» «Ach Vater, lieber Vater Pan, ich fürchte dich.» «Es ist kein Tod, er muß erst mit dem Leben ringen. Den Körper tauschen rechnet zu den ernsten Dingen.» Nachdem sie peinlich mit dem starken Pan gerungen Und aus dem Leib die liebe Seele war entzwungen, Da dehnte Kaleidusens Geist mit weitem Schwall Sich frei und unbehindert durch das luftige All. Sie war nicht hier, nicht da, sie war an allen Orten. Und flugs sich stellend in die blauen Waldespforten, Schwang sie zum Gruße ihren neuen Strahlenkranz. «Hylas, hier bin ich!» jubelt ihres Blickes Glanz. Und als nun Hylas in Verzweiflungspein und -plage Um die verschwundne Freundin schrie die Trauerklage, Da nahten aus dem Busch, entsandt vom Vater Pan, Morpho und Pantaphile hilf bereit heran: «Willst du, o Hylas, unsrer Kunst dich anvertrauen, So halte still, wir lehren dich die Freundin schauen.» Nach diesen Worten hielt mit zarten Fingerzangen Morpho die Hände hinterm Rücken ihm gefangen. «Jetzt schließ die Augen beide», heischte Pantaphile Und haucht ihm auf die Augenlider Küsse viele. «Schau auf!» Sieh da, im Strahl mit herzlichem Erwarmen Erkannt er Kaleidusen. Und mit Sehnsuchtsarmen Stürzt er zum Gruß ihr schnell entgegen. Wehe da! Nie kam er Kaleidusens schönem Scheine nah. Weil allsooft er sie zu fassen schon gehofft, Sie über Tal und Hügel ihm entsprang so oft. Also geschah nun alle Stunden aller Tage Dem flüchtigen Hylas wonniger Sehnsucht süße Plage, Da er der Freundin folgte über Berg und Tal. Doch immer wich vor seinem Griff ihr neckischer Strahl, Ob auch vor seinen Augen schalkhaft Willkomm fächelnd. Doch Kaleidusa rief, im Gaukelspiele lächelnd: «O Wonne! Sieh! Jetzt ist das Bündnis enger schier, Als da wir wegten durch die Wälder, er mit mir.» Zehnter Gesang Hermes der Erlöser                           Als Hermes einsam eilte durch den Erdenwald, Warf sich ein Jüngling ihm zu Füßen, Wohlgestalt: «Der du auf Siegessohlen durch die Wälder eilst, Die Erde segnest, ihrer Kinder Kummer heilst, Hermes, du Freundlicher, hilfreich und hold und gut, Wohl mir! bei deinem sonnigen Anblick schöpf ich Mut. Denn nie vergebens, heißt es, schreit zu dir die Klage.» Huldreich erhob den Jüngling Hermes: «Rede, sage!» «Unweit von hier», sprach dieser, «im Gebirge Gaja Wohnt meine Königin, die Nymphenfürstin Maja, Jung, schön und wohlgetan, an jeder Tugend reich; Auf tausend Berg und Tälern ruht ihr Königreich. Das Tal von Fleiß, der Berg von Gold und Silber voll, Und Dank und Liebe statteten der Herrin Zoll. Doch ach! in freudenloser Schwermutkrankheit schmachtet Die Göttin, und von Trauer ist ihr Geist umnachtet, Seitdem ein jäher Tod den Gatten ihrer Wahl Ihr roh entriß, Pluton, den mächtigen Gemahl. Die Zukunft losch, die Gegenwart mit jenem Tage. Ihr Atem ist das Einst, ihr Dichten Totenklage. Und würde nicht ihr Leid vom Mitleid überlistet, Daß Trunk vom Quell Hebagone ihr Leben fristet, Dem Wunderborn, aus welchem ewige Jugend sprießt Und den ihr Mund allein, ihr Wille nicht genießt, So wäre mit dem Frohsinn, mit der mutigen Kraft Ihr Leben längst, ihr edler Leib dahingerafft. Das Wort klingt schal, mein Seufzen nimm, mein Flehen hin: O heile, Hermes, heile meine Königin!» «Weh meiner Ohnmacht!» klagte Hermes, «lieber Sohn! Viel Leid auf Erden heilte meine Kenntnis schon. Doch Trauersiechtum, das aus Gräberschollen schattet, Das ist ein Weh, dawider Kraut und Kunst ermattet.» Er sprachs und ging. Doch tausend Schritte kaum gegangen, Ward er von eines Mannes Ansturm rauh empfangen: «Hermes, den man den Helfer der Bedrückten heißt, Nicht Rührung heisch ich, deinen grimmigen Mannesgeist. Vernimm: Zunächst von hier, im Waldgebirge Gaja, Wohnt unsre kranke Königin, die Göttin Maja. Einst unsres Volkes Wonne. Pluton stand ihr bei. Wir schafften froh, der Blick war hoch, die Handlung frei. Doch Fluch uns! Seit die Grube Plutons Kraft verschlungen, Sind Fleiß und Freiheit lahm, der Mut, die Lust verklungen. Ein Volk von Knechten sind wir, das in Ketten schmachtet, Der Bauer zählt zum Vieh, der Edle wird verachtet. Nicht zwar als hätte Majas Güte sich verwandelt: Von fremden Leichnamspfaffen wird ihr Schmerz verhandelt, Die, um sich Ämter, Ehren, Ansehn zu erschleicheln, Dem abergöttischen Witwenleid der Fürstin schmeicheln. Unnütze, unverschämte, hündische Eunuchen, Die jeden Spuck und Druck des seligen Herren buchen, Verehrung und Vergötterung dem Toten heuchelnd Und immerfort im Staub vor Plutons Spuren bäuchelnd. Denn wer am ekelsten die Stapfen Plutons leckt, Der wird von ihr erhoben und mit Gunst bedeckt. Und all das hält die arme Königin umzwängt, Die Freunde fern, die treue Ritterschaft verdrängt. Und statt lebendiger Arbeit, Werktat, Geist und Kunst Nur Wurmbewegung, Knochendienst und Räucherdunst Und Litanei und untertänige Orgelmühlen, Die mit dem Namen Pluton sich die Zunge spülen. Sag selber, Hermes, soll man nicht, sag ehrlich an, Komm mit und hilf, die Gleißnerbrut zusammenschlan?» Hermes erwiderte: «Geschmeiß und Schleimgezüchte Besteht den Spieß. Spuck um dich, schüttle dich und flüchte.» Er sprachs und ging. Doch tausend Schritte kaum voran, Zupft ihn ein Weib, sah ängstlich um sich und begann: «Siehst du die Höhe dort im Waldgebirge Gaja? Dahinter herrscht die Fürstin mein, die Göttin Maja. Nicht sie: in ihrem Namen eine Heuchelhorde, Lammsanft von Tritt, doch nicht zu sanft zum Meuchelmorde. Vernimm, was Eigennutz, mit Frömmigkeit beschuht, Vermag, wenn das, was keiner täte, jeder tut. Seit Pluton den Gemahl die Herrin hat verloren, Ward ihm von ihr ein Knäblein, Mellon, nachgeboren; Allein, weil krank und irr, gebar sies unbewußt. Wer kam, wer nahm, wer stahl das Kind ihr von der Brust? Sie rupften all ein wenig: also raubt es keiner. Genug, das Kind kam fort. Triumph! Die Luft war reiner, Ich aber weiß, ich einzig, wo das Kind sie haben: Weil es unsterblich, haben sies für tot begraben. Dann überm Grabe türmten sie, die Last zu mehren, Ein steinern Riesendenkhaus zu des Vaters Ehren. Und pflanzten sich aufs Dach und predigten von oben Den Namen Plutons mit frechmäuligem Lobtoben, Daß man nicht höre aus der Grube das Gewimmer. Du kannst sie leibhaft sehn, sie hocken dort noch immer. Und jeder macht sich schwer und drückt mit seinem Teil, Das Knäblein zu ersticken; ja, das war ihr Heil! Nun weißt du, wies im Lande Gaja sich verhält. Ich tat, was mir gehört. Mach du, was dir gefällt.» «Ja wahr!» rief Hermes. «Ja! Das Knäblein will ich retten, Die Fürstin heilen, das gezwungne Volk entketten. Erheb den Finger, daß du mir die Richtung zeigst.» «Wenn du», gab an das Weib, «auf jene Höhe steigst, Von dort den Blick hinunter übers Waldtal neigst, Gewahrst du einen Brunn, genannt Hebagone, Von dort rechts abwärts mit dem schmalen Waldpfad geh, Der schließlich nach dem Schloß der Nymphe Maja mündet. Doch sieh dich vor! glaub mir, die Warnung ist begründet.» Sie sprachs, enteilend, ob sie unbemerkt entflöhe. Hermes indes erstieg mit rüstigem Fuß die Höhe. Und als von dort er unter sich die Waldschaft sah, Ein ausgestorbenes Geländ erblickt er da, Getreu der schlimmen Zeitung, die ihm ward geschildert: Verlassen Feld und Flur, Geschäft und Markt verwildert, Verstummt des Fleißes Hammerschlag, der Herden Zug Verschwiegen. Nirgends Vogelsang noch Bienenflug. Nur Denkelsäulen, dumpf von Litanei umtönt, Und feierliches Kriechen, geist- und kraftentwöhnt. Und als er längs dem Waldessaum auf flinker Zeh Talab sich näherte dem Quell Hebagone, Erschien ein Mägdlein aus dem Waldverlies, das trug, Auf ihrer Schulter schwebend, einen Wasserkrug. Den stellte sie zu Boden vor des Brunnens Sprudel. Und während ungesäumt der überflüssige Strudel Mit lustigem Lachen gurgelnd ihn erfüllte, lüpfte Sie unterdes das Bein und sang und kreist und hüpfte. Jetzt trat er unerwartet aus dem Busch hervor. «Gegrüßt, o Mägdlein!» rief er. «Ai!» schrak sie empor. «Wie heißest du, anmutige Wasserschöpferin?» «Herse. Gesetzt, es kümmert dich» warf sie ihm hin. «Willst du den Weg nach Majas Schloß mir freundlich weisen?» «Fremdling, laß ab! Die Absicht möcht ich dir verweisen. Denn alles Männliche ist meiner Frau verhaßt. Nur alterskundige Grübler duldet sie zu Gast Und ihre Leichenheiligen, wenig zum Erlaben, Vor denen, wie sie meint, wir sollten Ehrfurcht haben. Du blinzelst? Nun, ich werde zwecklos doch nicht lügen. Merk auf und hör, so wirst du dich der Wahrheit fügen: Außen am Schloßpark, oben an der Mauerpforte Hängt eine Tafel, wo geschrieben stehn die Worte: ‹Fremdling, wofern du edel bist und bosheitsohne, Erhöre meine Bitte: meine Trauer schone! Ein heiliger Todesschatten wandelt durch dies Haus, Des feierliche Hoheit schließt den Fremdling aus. O wollest meinen Schmerz verstehn und ihm verzeihen! Zieh weiter, Freund, und möge deine Fahrt gedeihen!› So lautet, was du liesest vor dem Park am Tor. Dringst du, der Inschrift ungeachtet, weiter vor, So hindert eine zweite Tafel deinen Fuß, Außen am Hof, mit einem minder hübschen Gruß: ‹Du Ungeschlachter, der du nichts von Großmut weißt, Eh du mit plumpem Stiefel dieses Haus entweihst, Magst du, was deiner Keckheit wartet, vorerfahren. Bedenks, so wirst du mir und dir Verdruß ersparen: Wenn du an Plutons Herd zu setzen dich erdreistest, Verlang ich, daß du ebenbürtige Werke leistest. Ich will dich gründlich prüfen, will dich rundum proben, Und kann ich ebenbürtigen Wertes dich nicht loben, Befördr ich dich, vertrau mir, schimpflich aus dem Lande. So lehr ich einen Unverschämten Scham durch Schande.› Merk auf, wie selber meine Frau jetzt den empfängt, Der trotz der Doppelmahnung sich zur Schwelle drängt. Kaum sieht sie dich, erglüht vor Zorn ihr Angesicht. ‹Schamloser›, schreit sie, ‹eitler, dünkelhafter Wicht! Hast du mit meinem Schmerz Erbarmen nicht gespürt, Hat weder Bitte, weder Mahnung dich gerührt, Mag sein, vielleicht empfindest besser du die Ruten. Sie sind nicht schlecht von Holz, ich hoffe, daß sie guten!› So schreiend, klatscht sie mit den Händen. Kaum geschehen, Siehst du zwei Riesen peitschenschwingend bei dir stehen, Dann legt sie dir, nach ihrer Laune freier Wahl, Aufgaben vor, möglichst verzwickte, zwölf an Zahl, Und hast du einen einzigen Fehler nur verbrochen, Geschieht dir auf den bloßen Rücken wie versprochen. So wird in meiner Herrin Haus der Gast begrüßt. Laß ab! Noch jeder hat den Fürwitz hart gebüßt.» «Ei nun!» rief Hermes, «ei, was ist dabei vom Bösen? Man muß die Proben leisten halt, die Rätsel lösen.» Laut lachte Herse: «Welch ein Neuling», rief sie, «bist, Ein unerfahrner, du in Weibeshinterlist! Vielmal unmöglich leistest du der Göttin Proben, Und wärst du Zeus und kämest vom Olymp hoch oben, Oder der schlaue Hermes selbst, gefeimt in Tücken: Es hälf ihm alles nichts, es würd ihm doch mißglücken. Nimm an, du habest, ob es keinem zwar gelungen, Die erste Probe, nehm ich an – nicht wahr? – bezwungen, So weicht sie schief hinüber links aufs Lügenfeld, Indem sie Vogelfallen dir und Scheren stellt, Nach zweien Seiten klappend, also daß mit ja Und nein du gleichwohl zappelst in der Schlinge da. Doch nun, mit einem Gegendienste mir zu nützen, Wollest den Wasserkrug mir auf die Schulter stützen. Hab Dank. Fahr wohl!» Verschwunden unterm Waldesdach War Herse. Hermes aber folgt ihr heimlich nach. Hohl hallte Majas Haus, als Hermes dort erschien. «Sie weilt», bedeutet ein erschrockner Pförtner ihn, «Im Park, in Plutons Denkmaltempel beim Gebet Mit Babo, ihres Oberpriesters Majestät.» In des verwaisten Hauses Vorsaal trat er ein. Sieh: Plutons Höllenhaupt, geschnitzt aus Marmorstein, Die geistdurchblitzte Stirn von Herrlichkeit umstrahlt, Die Locken schwarz, als ob er lebte, übermalt. Das Antlitz sah gestrenge, aber blickte milde. Andächtig sinnend weilte Hermes vor dem Bilde. Hierauf begann er: «Pluton, höre mein Versprechen: Dein Zorn ist mein. Dein Weib, dein Knäblein will ich rächen.» Und sieh, das Bild begann die Lippen zu bewegen: «Hermes, hab Dank! Glückauf! Gelings mit meinem Segen!» Horch! Stimmen vor dem Hause, nahend aus dem Garten, Zwei Frauenfüße pochten, Männerschritte scharrten. «Wie», krächzte Babo und verwarf die Arme, «wie! Stehst vor dem Plutonbild und fällst nicht auf die Knie!» Hermes erwiderte: «Ich habe nicht im Brauch, Vor irgendwem zu knien und rutschen auf dem Bauch. Du aber, hündischer Höfling, wage nicht, du Tropf, Vor Hermes dazulungern mit bedecktem Kopf!» So sprechend, schlug er mit Gewalt den Wanderstab Ihm ins Gesicht: «Achtung vor Hermes! Ehrfurcht hab!» Giftmaulend wich er. Aber bösen Blicks zwei Riesen Rief Majas Wutschrei. «Nehmet», herrschte sie zu diesen, «Für den da statt der Ruten diesmal Angelhaken, Scharfe, dreispitzige, mit krummen Widerzacken! Nun, Hermes», zischte sie, «nun halte dich gefaßt, Denn niemals hab ich jemand so wie dich gehaßt. Zwölf Proben warten dein. Die erste lern erfahren: Ich werde dich in eine wilde Bergschlucht fahren, Wo höllisches Orakel aus dem Boden raucht. Mein Herr und König war gewohnt und hat gebraucht, Daß er, der Mächtige, mit Zauberkraft Geweihte, Des künftigen Tages Dinge dort mir prophezeite. Dasselbe setz ich dir: du sollst mir prophezein, Was morgen mir vom Schicksal wird beschieden sein; Doch hoffe ja nicht, mit geschwätzigem Erfinden Dich zwischen links und rechts geschmeidig durchzuwinden. Denn wisse: Beim Orakel wächst ein Eibenbaum. Hast du ein einzig Lüglein bloß entlassen kaum, So wird die Eibe mit gesträubten Borsten brausen, Sich abwärts krümmen und dich mit den Zweigen zausen. Doch prophezeist du wahr, so steht sie schlank und feste: Und richtet nach dem Himmel bolzgerad die Äste. Doch Jammer! Als von seinem nahen Tod die Sage Mein großer Herr mir leise sang, an jenem Tage Klappte der Baum die Äste, in sich selbst verschrumpft. Ich gehe nun voran und harre deiner Kunft!» Sie sprachs. Und vor des Wagens rasselndes Geklirr Warf sie die beiden Feuerrappen ins Geschirr, Setzte sich ein, lud ihren Gast zur Linken auf. Ein Zungenschlag: und nach der Bergschlucht flog der Lauf. Doch hinter ihnen mit den Angelruten ritten Die grimmen Riesenbüttel, folgend ihren Schritten. Und als sie nun mit Hermes bei der Eibe stand, Begehrt er: «Edle Fürstin, reich mir deine Hand! Denn singen kann ich anders nicht und prophezeien Als warm und weh; das Herz muß den Gedanken schreien.» Er sprachs. Hierauf, nachdem er ihre Hand genommen: «Vernimm des Tages Dinge, die dir morgen kommen: Jung, schön und froh, wie froher niemals du gewesen, Der Krankheit ledig und von Traurigkeit genesen, Wirst du vom Blumenwagenthron im Festgewande Den Frühling streuen über auferstandne Lande. Nicht einsam und allein: an deiner Seite reist Ein lieblicher Begleiter, der mit Trost dich speist.» Empört, mit jähem Rucke riß die Hand sie los: «Gaukler! Du lügst! Den Eibenbaum erwarte bloß!» Doch siehe: aufrecht wie ein Kriegsmann stand die Eibe Mit hochgesträußten Zweigen und gestrecktem Leibe, Betroffen starrte die bestürzte Königin Ungläubig nach der ungetreuen Eibe hin. «Mich täuschen meine Augen», hofft ihr Widerwille. Schließlich mit Hermes schlich sie nach dem Wagen stille Und sann und sann, sprachlos, in grübelsinnigem Denken. Und Hermes übernahm die Zügel, heimzulenken. Endlich begann sie: «Falscher du, in Lug gewitzt, Wen meinst du, daß er morgen mir zur Seite sitzt? Möchtest wohl selbst mein schmählicher Begleiter sein?» Hermes erwiderte: «Mitnichten, Herrin, nein! Ein Knäblein wird es sein. Und siehe, es ist dein.» Mit heftigen Sehnsuchtstränen schluchzt ob diesem Wort Maja und weinte für sich hin in einem fort, Bis daß das Dach sie überm heimatlichen Schlosse Entstehen sah und wiehernd zogen aus die Rosse. Da fuhr sie auf und knirschte mit beherztem Biß In ihren weißen Armbug einen blutigen Riß. «Hermes, du Arger», rief sie, «meine Großmut lobe! Als recht bestanden zähl ich dir die erste Probe. Ob ich zwar weiß, du lügst, es ist ein schöner Wahn, So hat er mir mit weicher Wehmut wohlgetan. Dir aber klemmt getreulich deiner Siege Zahl Mein Zorn in meinen Arm, zu meiner Schande Mal.» «Schade für deinen Arm, wenn du das Dutzend Proben», Meint er, «einkerben willst von unten bis nach oben.» «Des hab du keinen Kummer», herrschte sie, «noch Sorgen! Wolle für deinen eignen Rücken, rat ich, sorgen!» Zu Babo, dem geliebten, floh sie kläglich hin, Küßt ihn und herzt und hätschelt und vertändelt ihn: «Babo, mein süßer Babo, hilf in dieser Not! Sieh meinen Arm von Blut, die Stirn von Schande rot. Gefährlich ist der Fremdling, weil er mich begreift, Mir durch die Augen schaut, mir in die Seele greift. Schon hat er, wo doch jeder andre ward zuschanden, Die erste Prüfung, weh uns, siegreich überstanden. Mir bangt vor seiner seelenkundigen Wissenschaft!» Babo gab an: «Feingeist geht kaum mit grober Kraft.» Zwei Kessel schwarzer Kohlen, schwierig von Gewicht, Drei Männer rückten jeden von der Stelle nicht, Gebot sie her: «Die sollst du auf den Speicher tragen.» «Gehorcht!» sprach Hermes. Schrob ein Rad vom nächsten Wagen, Holt einen Strick und rüstet einen Flaschenzug, Der flink und glatt die Kessel auf den Speicher trug. Sie rief: «Das hast du nicht getan mit deiner Kraft. Der Einfall nur ist dein. Der Hebel hats geschafft.» «Die Kraft», entgegnet er, «liegt nicht im Keuchen viel Und Schwitzen, sondern daß man etwas treibt ans Ziel. Wolle daher ein wenig in den Arm dich beißen Und wiederum ein ander Werk mich leisten heißen.» «Du sollst den Stall», beliebte sie, «vom Dünger räumen.» «Gehorcht!» sprach Hermes, «hohe Herrin, ohne Säumen.» Und schnell zum Volk herum sich wendend: «Hurtig! Alle! Und räumet mir den Dünger plötzlich aus dem Stalle!» Die Fürstin dachte: «Ei, wie soll ich das verstehn?» Doch als die schmutzige Arbeit vollends war geschehn: «Der Stall ist nunmehr rein», sprach Hermes, «komm, sieh an!» «Das hast nicht du, die Knechte haben dirs getan.» «Das edle Werk dem Herrn, das ruppige dem Knecht.» «Im Grunde», lachte sie, «im Grunde hast du recht.» Zu Babo eilte sie, ein Mittel zu verlangen. «Versuch ihn», riet er, «mit der Rechenkunst zu fangen.» «Hermes», verlangte sie, «ein trefflicher Verwalter War Pluton, mein Gemahl, und scharfer Ordnungshalter. Doch seit der Tod ihn mir entrissen, fehlt der Wirt, Die Zahlen stimmen nicht, die Bücher sind verwirrt.« Entdeck den Irrtum und woran und wo es fehlt.» «Gehorcht», sprach Hermes, «gib! Doch eh ich nachgezählt, Versammle mir zunächst das sämtliche Gesind, So die im Acker als im Haus und Hofe sind.» Als dies geschehen, rief er mit gespieltem Grimme: «Unselige, vernehmt des Zahlenrichters Stimme! Aufs Knie, wer einer Fälscherzahl sich hat getraut! Er melde sich, eh daß ich den Betrug durchschaut. Zu unsrer Herrin Füßen mög ers frei gestehn. Verzeihung bürg ich ihm; es gilt für ungeschehn. Doch wer der Reue sich verstockt, weh ihm, er zittre! Gar grausam ist die Strafe, die ich für ihn wittre.» Er riefs. Und kaum daß seine Drohung war gesprochen, Sah Maja plötzlich sich umkniet, umweint, umkrochen. Mehr als die Hälfte trafs vom dienenden Gesinde. Und hundertstimmig scholls: «Sei gnädig, sei gelinde!» Erstaunt, erschrocken starrte Maja. Endlich: «Dies, O Hermes», rief sie, «dies verdient den vierten Biß.» Hermes erklärte: «Freilich, keine Rechnung stimmt, Ist keine Herrschaft da, die Rechenschaft vernimmt.» «Babo, so ist denn nichts, was ihm verderblich wird?» Wehklagte weinend sie, erniedrigt, schamverwirrt. «Nur eins noch weiß ich», meint er, «was mir rätlich scheint: Verstand ist selten mit der Tönekunst vereint. Klarheit und Dunkel ist verschiedner Farbenstil. Geh hin, Versuchs, verschänd ihn mit dem Saitenspiel.» Im Haus, mit Wechselreden hielt sie hin den Gast. Dann, als die Dämmerung der Nacht gewichen fast Und alter Zeit Erinnrung durch die Fenster schaute, Entsagte sie der Rede und ergriff die Laute, Die Töne lenkend, je wie das Gefühl sie trieb, In düstrer Trauer, dem Gemahl zu Dank und Lieb. Als sie geendet, hielt sie ihm die Laute zu: «Jetzt, Hermes», sprach sie, «ich bin müde, spiel jetzt du!» «Ich höre den Befehl.» Er sprachs, doch übernahm Die Laute nicht allein, auch ihren Seelengram, Indem in gleicher Weise, wie sie angefangen, Die Saiten teilnahmvoll von seiner Hand erklangen. Doch seine Spielart hatte größre Kraft und Kunst, Und Form und Maß gestalteten den Stimmungsdunst. Erst schwieg sie. Dann begann die Wehmut sich zu dehnen, Und unaufhörlich flossen, flossen ihre Tränen. Dann plötzlich sprang sie heftig auf: «Was ist denn das? Kannst du denn alles? Sprich, antworte, sag etwas!» Hernach sich wieder setzend: «Schwierig zu verstehen Bist du. Ich kann den Boden deines Blicks nicht sehen.» Zwei Dutzend Lichte jetzt befahl sie, heiterhelle, Und einen ausgestopften Fuchs trug sie zur Stelle. «Was hältst du, Hermes», forschte sie, «antworte mir, Was hältst du von dem hinterlistigen, falschen Tier?» «Ich halte», sagt er, «daß es hinter seiner List Dem Wohl und Weh wie jedes andre pflichtig ist.» «Das hast du zwar», versetzte sie, «nicht schlecht gesagt. Doch wisse, daß gespaltner Blick mir nicht behagt. Was gut und edel ist, das zeigt sich offenbar. Wer aber mannigdeutig ist, der ist nicht wahr. Sieh, deine Rede, deine Miene wechselt stündlich, Und anders bist du außen, anders bist du gründlich.» «Dann also wär ich, hohe Herrin, gleich wie du.» «Beweise das», rief sie voll Zorn ihm hitzig zu. Er sprach: «Mit leichter Mühe mag ich das beweisen. Denn außen willst du Grausamkeit und Härte weisen, Doch innen, tief verborgen, keimt ein weicher Kern, Und schöne Lieb und Güte strahlt der edle Stern.» Peinlich erglühte sie, von jähem Herzblut rot. Worauf sie frei, mit großem Blick, die Hand ihm bot: «Mein Freund, das soll für fünf gelöste Proben zählen. Ach weh mir! Ach! Was kann ich mehr vor dir verhehlen?» Danach verharrte sie geraume Zeit im Sinnen Und blickte bald nach ihm und schaute bald nach innen. Dann sprach sie leise: «Fern im tiefen Grabeshaus Hat Pluton ein Gewichtiges vor dir voraus: Vernimmst du seine heilige, feierliche Stille?» Er sprach: «Die Stille zu entweihn ist nicht mein Wille.» Schon ward allmählich ihre stolze Stimme weicher, Die Rede freundlicher, das Auge gnadenreicher. Plötzlich begehrte sie: «Was hältst du von der Treue?» «Armut und Kleinmut», sprach er, «klammern sich an Treue, Doch großen Mutes Sehnsucht glaubt ans Ewigneue.» Da schnellte sie, von Ärger überrascht, empor: «Geht auch, bekenn, aus deinem schnöden Spruch hervor, Daß je ein Mann ein liebend Weib mit Fug verlasse? Antworte schnell, damit ich dich gebührend hasse!» Hermes erwiderte: «Aus meinem Spruch erhellt, Was wahr ist, obs gefalle oder nicht gefällt.» «Das war ein Nagel in mein Fleisch! ein giftiger Dorn! Die Freundschaft ist entzwei, mein Haß beginnt von vorn. Weh dir und Schmach! Noch bleibt mir eine Doppelprobe, Mit der ich sicher dich zu fällen kühn mich lobe. Rück her: zum Halmawettkampf fordr ich dich zuletzt!» Dann, als sie gegenüber sich zum Tisch gesetzt: «Nun Obacht, welche Rettung diesmal du ersinnst! Zum ersten trachte, daß beim Wettspiel du gewinnst, Dann melde morgen, wo ich diese Nacht gewesen. Aus dieser Not, Verschmitzter, wirst du nicht genesen.» Er sprach: «Wer vor der Probe redet, spricht zuviel.» Nach diesem unternahmen sie das Halmaspiel. Unredlich spielte Maja und betrügerisch, Bestritt ihm Zug für Zug und zürnt und zankte frisch. Doch ungeachtet ihrer falschen Sprüng und Gänge Schlug er sie aus dem Felde, stetig und gestrenge. Gezwungen lachte sie, erbittert: «Immerhin! Ob du beim Spiele siegst, was hast du des Gewinn? Willst meinen Rat du hören: deine Augen reibe, Damit du sehest, wo ich heute nacht verbleibe.» Und als nach stillen Stunden, steif beim Spiel verbracht, Auf leisen Socken zog herbei die Mitternacht, Da nickte sie mit beiden Wimpern und entwich Dem Körper, dank der Seele, die von dannen schlich; Indes sie mit dem äußern Leibe wie zuvor Am Tische saß und fingernd Zug um Zug erkor. Doch Hermes, weil gewarnt von Vorsicht und Verdacht, Nahm ihrer Wimpern seltsam Nicken wohl in acht, Und selber mit der Seele aus dem Körper weichend, Folgt er ihr unvermerkt, auf ihren Spuren schleichend, Indes er mit dem Körper blieb am Tische dort. Und über Feld und Anger eilte Maja fort; Sicher, mit festem Tritt, von Zweifeln unberührt, Wie wen da Übung leitet und Gewohnheit führt. Endlich auf einem wilden, schauerlichen Feld, Von finsterm Wald umgähnt, vom Mondenschein erhellt, Fiel schluchzend sie zu Boden, schlug sich schuldbewußt, Mit lauter Stimme sich verklagend, Stirn und Brust: «O mein Gebieter, den der Räuber Tod mir stahl, Pluton, mein großer, unvergleichlicher Gemahl, Ach steh mir bei! Verlaß mich nicht in meinen Nöten! Hilf mir den Feind in meiner Brust, den schlimmen, töten! Wisse: ein Fremdling ist an unsern Herd gekommen, Des schlaue Arglist hat mich Ärmste übernommen, Daß meine Treue, die ich ewig dir geweiht, Mich schnöd verrät, da sie nach diesem Fremdling schreit. Mitleid! Mit deinem Antlitz, Pluton, stärke mich! Erscheine mir, Erlauchter, offenbare dich!» Und da er nicht erschien und ringsum Schweigen höhnte, So tat sie ungebärdig, krümmte sich und stöhnte Und raufte sich das Haar, verzweifelt, trostberaubt. Die Segenshände legte Hermes ihr aufs Haupt: «Die Toten», sagt er, «müssen ihre Wege gehn. Sie können nicht zu unsern Gunsten auferstehn. Doch ihre weltentfernte Stimme darfst du hören, Wenn dus vermagst, die Höllenquellen zu beschwören.» Und als nun Maja hob ihr Tränenangesicht Zu ihm empor, erkannte sie sein Antlitz nicht; Denn jeder Maske bar, vom Körper nicht begrenzt, Stand Hermes göttlich da, von schönem Licht umglänzt. «Wer bist du», fragte sie, «des Stimme meinen Wunden Den Stachel nimmt und läßt vom Giftbrand sie gesunden?» «Ich heiße Lysios», sagt er, «Liebe leiht mir Kraft. Mit herzlichem Erbarmen lindr ich Leidenschaft.» Nach diesen Worten stieß er mit dem Zauberstab Die Erde. «Lysios meldet sich», rief er hinab. «Zum Zeichen dessen, daß du Lysios bist», beschied Von unten eine Stimme, «sing das Totenlied!» Da öffnet er die Lippen, hob die Brust und schwang Durch Nacht und Einsamkeit mit dröhnendem Gesang Ein Lied, das man mit keinem irdischen Maße mißt Und das, wer einmal es vernommen, nie vergißt. Und horch! Von abertausend Seelen allzumal Gab, aus der Tiefe hallend, Antwort ein Choral. Und Maja, ihren Arm um Lysios' Schulter schlingend, Sang mit den übrigen, die Tränen niederzwingend. Und kräftig aus dem abgeklärten Totenchor Tönt ihrer Herzensstimme gläubiger Ruf hervor. Jetzt löste sich vom Totenchor ein Mannesmund, Mächtig und ernst, und tat erstaunt die Frage kund: «Ich kenne diese Stimme, die den Tod durchdringt: Maja, die treue Gattin ist es, die da singt. Warum doch lautet ihre Stimme tränenschwer? Welch einen Kummer trägt im Busen sie einher?» Zur Erde stürzte, Plutons Namen schreiend, sie. Doch Hermes, sie erhebend: «Pluton», rief er, «sieh Dein edles treues Weib von finsterm Kummer krank, Denn täglich, stündlich ist sie dein gedenk und dank, Daß sie zum Leben nicht erstarkt und seinen Sorgen. Woll einen Trost ihr, eine milde Mahnung borgen!» Da sprach den milden Segen Pluton wahr und schlicht: «Du fängst und fesselst doch, geliebte Gattin, nicht Geschwundne Schatten. Laß den mörderischen Harm! Du jammerst nimmer meinen kalten Leichnam warm, Denn Tod und Leben pilgern auf getrennten Pfaden, Und jedes ist mit seiner eignen Müh beladen. Soll ich zu meiner, willst dus, deine Last noch tragen? Kehr um, Geliebte, laß den mutigen Frohsinn tagen In deinem Herzen und die alten Tränen stille! Tu also, teures Weib, denn also ist mein Wille.» Maja vernahms. «Will das dein heilger Wille: ja! Weh mir! Nimm hin! Sieh mich in Demut folgsam da.» Worauf sie leisen Fußes schnell nach Hause glitt. Doch nicht allein, denn Hermes folgt ihr heimlich mit. Und wieder in den Körper schlüpfend, der indessen Ruhig daheim am Halmatische dagesessen, Betrieben sie, als wäre nichts geschehn, das Spiel. Und immer führte Hermes seine Schar ans Ziel. Dann aber, als die Tageshelle allgemach Die Kerzen löschte und die Sonne das Gemach Freundlich durchstrahlte, reizte spöttisch ihren Gegner Maja: «Ob auch im Brettspiel schon mein Überlegner, Weißt du trotz deiner Schlauheit nimmer doch fürwahr, Was ich getan verwichne Nacht und wo ich war.» «Erhabne Herrin», sagt er mit gelaßnen Worten, «Du warst verwichne Nacht an zwei verschiednen Orten. Zwar außen mit dem Körper bliebst du immer hier, Wie jetzt am Tische sitzend, gegenüber mir. Doch selber mit der Seele warst du anderswo.» Erbleichend sprang sie auf: «Wo war ich, Gauner? Wo?» Jetzt vor sie tretend: «Sieh mir», heischt er, «ins Gesicht. Erkennst du Lysios, deinen Freund und Tröster, nicht?» Sie taumelte, verblitzt, vernichtet. Plötzlich spie Sie heftig ihm entgegen: «Neinmal nein und nie! Du bist nur Hermes, mein verruchter Widerpart, Versteckt und tückisch. Lysios ist von edler Art.» Da sieh: zum Gotte wuchs jetzt Hermes hoch empor, Und drohend stieß sein Mund das strenge Wort hervor: «Er, der in allen Proben ehrlich dich bezwang, Er, der mit dir das Totenlied im Felde sang, Der Plutons Höllenstimme vor dein Ohr beschieden, Der dich vom Trauerleid erlöst und gab dir Frieden, Er, Hermes-Lysios selber, siehe, steht allhier, Und ihm zu huldigen befiehlt er, Maja, dir.» Da starrte sie ihn an. Und wilden Zweikampf stritt Die Liebe, die sie zog, der Zweifel, den sie litt. Endlich, ihn klar erkennend, stürzte schreiend sie Zu seinen Füßen und umarmte seine Knie: «Lysios, ich segne dich! Hermes, du hast gesiegt! Sieh deine Magd, die reuig dir zu Füßen liegt; Die, schuldig, schuldigen Gehorsam dir entbietet, Mit Land und Leuten, allsoweit ihr Wort gebietet.» Spießruten holte sie, entblößte ihren Rücken: «Ach, wollest gnädig meiner Bosheit Strafe zücken!» Doch Hermes rief: «Die Bosheit, die im Schmerzenswahn Ein Kranker zeugt, acht ich gelitten, nicht getan. Die Tränen hab ich, deine Schluchzer gramdurchwühlt, Die Bisse deines Zornes hab ich nicht gefühlt!» Dann, durch der Marmorsäule königliche Hallen Ließ er gebieterisch die Heldenstimme schallen: «Schmückt eure Herrin mit dem schönsten Feierkleide, Fröhlich und lieblich, hell von farbenprächtiger Seide! Mit duftigen Blumen überstreut sie ganz und gar, Die Königskrone heftet ihr ins Lockenhaar!» Und jeder staunt und jauchzte, der sie also sah: «Maja! die Frühlingsgöttin Maja schau ich! Ja!» Zum andern Male rief er: «Hört, denn ich befehle: Öffnet die Fenster sämtlich! Lüftet alle Säle!» Und siehe da: auf jungen Morgenflügeln flogen Die Jahreszeiten aus, von Lebensmut gewogen; In allen Gauen grünt und blühte das Erwachen, Umjubelt von Gesang, umglänzt von frohem Lachen, Und jauchzend taumelte das Volk auf allen Wegen. «Nun wollen wir», rief Hermes, «noch den Unrat fegen.» Bewehren und bewaffnen ließ er alle Mannen, Die Panzerrosse vor den Königswagen spannen: «Tritt ein, erhabne Frau, geruh und nimm Besitz.» Sich selbst als Feldherrn stellt er neben ihren Sitz. Und nach dem Plutondenkhaus zu den Pfaffenscharen Ließ er geschwind im kriegerischen Zuge fahren. Die Pfaffen heulten, hockend auf dem Giebelstein: «Greuel! Wollt diese heilige Stätte nicht entweihn!» «Es ist nicht ums Entweihn, ihr Gleisner», rief mit Hohn Hermes, «es ist um eurer Freveltaten Lohn.» «Die Heuchelhochburg», rief er harsch zum Volk, «zerschmettert!» Da ward von 'Roheit' viel gejammert und gezetert. Und als das Denkhaus war in Trümmer hingestreckt: «Die Zwinger brechet auf! den Untergrund entdeckt!» Horch! Eines Kindes Wimmern. Majas Sehnsuchtschrei. Und Mellon, Plutons Knäblein, zogen sie herbei. Da ward des Küssens viel und selige Augenweid. Im Mutterglück genas der Witwe Herzeleid. Dann Babos und der Pfaffen Folterstrafe heischte Der Fürstin Mund, der nach gerechter Rache kreischte. Hermes entgegnete: «Es ist nicht um die Brut. Doch Foltern schmeckt olympischem Geschmack nicht gut. Laß jedem zum Gedächtnis schenken einen Tritt Und jag sie schimpflich aus dem Gau. Genug damit! Du magst, um nicht zu tief in ihrer Schuld zu bleiben, Zuvor die Nase ihnen um das Denkmal reiben.» Also geschah. Und als es war gebracht zu Ende, Nahm Hermes, heimlich kehrend, nach dem Schloß die Wende. Und vor das Antlitz Plutons dort, aus Stein errichtet, Sich stellend: «Rede, Pluton, hab ich recht gerichtet?» Und mächtig donnerte die Stimme durch den Stein: «Haja! Welch herrlich Festspiel zum Gedächtnis mein!» Die Sohlen schnallte Hermes um, ergriff den Stab Und stahl sich weg. Doch kaum gelangt zum Hof hinab, Sieh: Maja mit dem Knäblein. «Hermes, eh du scheidest, Ertrage, daß du noch ein letztes Rätsel leidest: Was tut, aus tiefster Seelentraurigkeit entkrankt, Ein Weib dem Manne, dem sie die Erlösung dankt?» Er lächelte: «Der Wunsch soll mir die Antwort lenken: Sie mag wohl hin und wieder freundlich sein gedenken.» «O nein! Sie heißt den Stolz, die Scham, die Würde schweigen Und gibt mit Lieb und Leib sich selbstlos ihm zu eigen. Jetzt, wenn du meinen Dank verschmähst, entferne dich! Du aber, Mellon, heb die Händlein, bitt für mich!» So sagte sie. Da kehrt er um. Und schön und reich Erblüht ein junges Glück in Majas Königreich. Elfter Gesang Pallas und der Pelarg                           Ein Bündel Sonnenstrahlen, das durchs Fenster fiel, Vergnügte sich mit Pallas' Helm im Feuerspiel. Ein Blendgefecht von Funkenblitz und Flammenkerzen Durchloderte die Luft und tanzte Mut im Herzen. «Heut gilt die Tat! Heut heißt es Heldenruhm verdienen!» Sie riefs, schlüpft in die Kleider, in die Panzerschienen, Hierauf gewappnet und gegürtet, helmbewehrt Trat sie ins Freie, schritt zum Hof und stieg zu Pferd. So zog sie in den Morgen, herrisch aufgerichtet, Im ruhigen Aug des Adlers Blick, der Fernlust dichtet. Indes von Wald und Flur, wie weit sie schauen konnte, Der klare Tag ihr Gruß und Heil entgegensonnte. Gern folgte sie der breiten Völkerstraßenspur, Die vom Olymp einladend ihre weiße Schnur Zum Erdenland in schöngeschwungnen Schleifen rollte. Und hin und wieder bei der Straßenwende zollte Sie einen Ausblick von der windumwehten Treppe Des Berges auf den Gau und auf die blumige Steppe. Nun hielt sie unten vor dem felsumrahmten Tor. Ehrfürchtig sprangen dienstbereite Wächter vor, Erschlossen ihr die hochgewölbte Schanzenhalle: Ins Dunkel donnerte der Huf mit hohlem Schalle. Dann mit der Brücke durch die Wassergrabenkluft. Jetzt tritt sie Gräbergrund und atmet Erdenluft. Ein hungrig Bettlervolk, am Straßenborde kauernd, Hielt längs dem Weg, geduldig auf Almosen lauernd, Die, kaum daß sie die Göttin vom Olymp gewahrten, Sich hilfeflehend haufenweis um Pallas scharten, Die mit Geplärr und die mit weicher Psalmodie. Huldvoll das Pferd mit Zaum und Schenkel hemmte sie, Warnte die Kinder sorglich von den Hufen fort, Bot diesem ein Bedauern, dem ein gütig Wort Und warf ihr Perlenhalsband streuend in die Menge. Doch immer ungebärdiger drückte das Gedränge Von allen Seiten, Gnade witternd, jetzt herbei. Bis daß in eiligem Lauf Anankes Polizei, Voran ihr Meister Tod, laut scheltend durch die Masse Gewaltsam sich zu Pallas bohrte eine Gasse. Und während sein Gefolg mit Puff und Knüppelhieb Das Volk vom Weg rainabwärts in die Wiesen trieb, Führte der Tod am Zügel durch die Schergenreihe Die Seufzende und Schlechtzufriedene ins Freie. Ein Hauderwagen, mit Gerät geladen schwer, Der Fuhrmann oben, wackelte vor ihnen her. «Platz da», befahl der Tod, «wenn Götter reiten! Ho!» «Ich hab die Augen vorn im Kopf, drum nicht so roh!» «Willst du wohl schweigen, oder muß ich zu dir kommen?» Der Fuhrmann grölte: «Eja! Komm nur! Unbenommen!» «Ich komme.» Schnaubend lief der Tod dem Wagen vor Und schlug den Pferden seinen Säbelgurt ums Ohr. Nun wich der Wagen, aber übern Straßendamm Kopfüber. Drunter lag der Fuhrmann in der Klamm, Erbärmlich schreiend. «Maul zu!» Aber zornentbrannt Kam Pallas mit erhobnem Lanzenschaft gerannt, Und mit ergrimmten Schlägen scheuchte sie und jug Den Tod im Sturmgalopp, wohin die Flucht ihn trug. Durch Feld und Stoppeln hetzt ihn ihre heiße Jagd. Dann hielt und trauerte die großgemute Magd. Vergiftet war ihr Frohsinn, ihr Geblüt vergällt, Der lustige Sonnenschein vertrieben aus der Welt. Was freut sie ihre Gottheit, wenn die Erde nötet? Und spürte peinlich sich von Ohnmachtsscham gerötet. Darüber fing sie an zu denken und zu deutern, Gegen die Schöpfung, gegen Unbekannt zu meutern. Ihr schien, wenn man den Tod zum Polizeivogt wähle, Daß oben in der Weltregierung etwas fehle. Inzwischen lief der Tod zur Oberweltamtstatt: «Da seht und schauet, wie man mich behandelt hat!» Bedauernd klagte Moira: «Wer hat dich geschlagen?» «Pallas.» «Wer gab ihr des Erlaub? Wie darf sies wagen?» Und als der Tod nun alles, wie und was, warum, Berichtet, samt den Nebenständen dran und drum, Wasmaßen ledig wegen Amtgeschäftigkeit Und Eifer er bezichtet ward der Grausamkeit: «Getrost! Zieh ruhig heim und überlaß das mir», Beschied ihn Moira, «traun! Genüge schaff ich dir. Ich weiß, womit ihr deinen guten Wert beweisen: Ich will sie zum Pelarg im Berg des Schweigens weisen.» Und während Pallas, immer ihren Groll im Sinn, Das Feld durchschweifte, einerlei woaus, wohin, Sieh da vor ihr ein Windspiel, auf dem Acker liegend, Verschüchtert und die Wampen an die Scholle schmiegend. Mitleidig lockte Pallas: «Ach du armes Tier! Was fehlt dir? Bist du krank? Komm her! Erzähle mir!» Stracks kam das Hündlein, hüpft an ihrem Bein empor, Leckt ihr die Hand und stieß ein Dankgebell hervor, «Willst du mit mir nach dem Olymp? Gestehe, sag!» Das Hündlein gab ein widerlich Geheul zutag. «So sag: was willst du? Sags doch! Ich versteh dich nicht.» Jetzt zog das Windspiel ein gescheites Blinzgesicht Und kratzt an ihrem Fuße, bettelnd flehentlich, Dann trollt es dem Gebirg zu, äugelnd hinter sich. Und wie es nun die Freundliche ihm folgen sah, Nahm es Galopp. «Hast gut verstanden», jauchzt es, «ja!» Kaum aber daß sie zauderte ein kleines Stück, So wandte sich das Windspiel vorwurfsvoll zurück, Den Schwanz, den Kopf, die Ohren henkend auf die Erde, Und wartete, vertrauend, daß sie kommen werde Und also fort. Wohin das Hündlein immer drehte, Trieb die barmherzige Reiterin geduldig stete. Jetzt über Feld und Rain, jetzt durch den finstern Wald. In des Gebirges Wirrsal mündeten sie bald, Umringt von Felsentürmen, Zacken, Schluchtengraus, Umtost, umbrüllt von Wasserdonner und Gebraus. Plötzlich in einem wilden, schauerlichen Tal Nieste das Hündlein und verschwand mit einemmal. Wo stand sie? Ringsum Wüste. Weder Busch noch Baum Umher zu sehen, Heidegras und Unkraut kaum. Im Talverschluß ein greiser Kalkberg, grau verwittert, Mit Schnee bereift, von fahlem Wolkenglast umzittert, Aus dessen Spalten feiner Sand, dem Wind zum Raub, Die Nachbarberge pulverte mit weißem Staub. Doch unten, wo der Berg im Tal die Wurzel hat, Sieh dort, ein Gräberfeld mit einer Tempelstadt. Was meint, nach welchem Heiligen zielt der gläubige Wille? Geheimnis. Nichts als tiefe hundertstimmige Stille. Indes ein Rätsel, das vom Bergeshaupte lauschte, Ein Frag- und Antwortschweigen mit den Tempeln tauschte. Andächtig weilte Pallas in des Berges Bann, In stummem Sinnen, Seufzer ziehend dann und wann, Weil des Gedankens ernste Flüsterstimme mahnte, Daß Welten wohnen, die man im Olymp nicht ahnte. Horch! Ferne dumpfe Paukenschläge hinter ihr Und Leidgesänge. Ein Begräbnis, dünkt mich schier. Zwar noch vom Rank verborgen. Näher kommt es mehr Und mehr. Und jetzt entsteigt dem Tal ein heilig Heer Von Trauernden. Voran, um eine schwarze Fahne Geschart, die Priester. Folgends eine Karawane Von Mannsvolk; dann ein hochgebauter Blumenwagen. Wohlmöglich birgt er einen Sarg, doch schwer zu sagen. Den Zug beschließt ein wimmelnder erregter Streifen Von Weibern, welche finstere Gebete keifen. Und alles schlägt sich auf die Brust und schluchzt und weint. Ein ganzes Volk ist leidgetroffen, wie es scheint. Jetzt tönte von des Blumenwagens duftigem Grab Ein angstvoll Flehen auf das Trauervolk herab: «Grausame! Unerbittlicher als Stahl und Erz, Härter als Kieselstein! Wo habt ihr euer Herz, Daß ihr nicht mehr Erbarmen als ein Raubtier spürt? Da ihr, von einer Jungfrau Tränen ungerührt, Mich in die Höhle des Pelarg zu schleppen duldet? Mich, die des Martertodes Strafe niemand schuldet! O Heimat mein, bist du an Mannheit so verarmt, Daß keiner, nicht ein einziger, sich mein erbarmt? Wo seid ihr, sagt, wo seid ihr heut versteckt, ihr vielen, Zeigt euch, die ihr mit gleisnerischen Mienenspielen Mich wie die Bienen ihre Königin umflogt, Ein Lächeln von mir betteltet, mir Liebe logt? 's ist leichter, gelt, ein Beerlein mir vom Strauch zu pflücken, Ein Bändchen mir zu stehlen und ans Herz zu drücken Und auf die Knie zu fallen, wenn es niemand sieht, Als mannhaft mir zu helfen, wenn mir Leid geschieht! Und ihr, herzliebe Eltern! liebste Mutter mein! Reut dich Tamyris nicht, die treue Tochter dein? Was tat ich denn so Unerhörtes euch zuleid, So Schändliches, das nach der Todesstrafe schreit? Gewiß, ich weiß mir Fehler: doch wie schlimm sie sind, War ich nicht allezeit ein liebevolles Kind? Dem Wink gehorsam und zu jedem Dienste willig? Die Rüge scheint mir, nicht das Todesurteil billig. Allein ich will nicht rechten, euern Spruch nicht schelten, Nur Gnade schrei ich, Gnade, Gnade laßt mir gelten!» «Halt!» herrschte Pallas, «steht und gebt mir Rechenschaft! Was hat Tamyris euch getan? welch Leid geschafft, Daß ihr sie eines Martertodes würdig wertet Und gegen ihren Jammer euer Herz verhärtet?» «Du», scholl ein feindlich Murren, «du! Gib Raum! Weich aus! Zwar ist sie rein von Schuld, doch wills der Hieraus, Der heilige Pelarg, der Greis im Berge Schweigen. Herab vom Pferd und wolle deinen Nacken neigen!» «Dem Hieraus, dem soll mein Fluch ins Antlitz speien! Erst aber will sein schuldlos Opfer ich befreien.» Und reizte ihren Renner, stürmend in den Haufen, Gewillt, der Jungfrau Heil gewaltsam zu erkaufen. Hu, dieses Wutgebrüll! Ein grimmer Männerknäuel Eilt ihr zuvor, zu hindern den gewollten Greuel. Ein Priester schwang die schwarze Fahne. Kaum gesehn, So war ein höllisch Wunder handkehrum geschehn: Nicht Trauernde, nicht fromme gläubige Beter mehr, Viel tausend Teufel fielen über Pallas her. Und nicht zufrieden, Roß und Reiter von der Bahn Zu drängen: Pallas zu erschlagen zielt der Wahn. Erst brauchte schonend sie, und nur zum Schutze, flach Die Klinge, niemand zu verletzen ängstlich wach, Dann aber in der Notwehr äußerstem Bedarf Entsagte sie der Gnade und verbat sichs scharf, Mit Hieb und Stich den Degen brauchend wirbelweis, Mit Feindesblut sich fegend Luft und Raum im Kreis. Doch jetzt erbleichte sie vor Schreck! Wohin entrinnen? Vor Teufeln bangt ihr nicht, allein vor Teufelinnen! Der Puls gefriert vor ihrem Heulen und Gekreisch, Und ihre Nägel, ihre Zähne fordern Fleisch. Schon haben in des Pferdes Hals sie sich verbissen, Sie selbst ist wund von manchen Zahn- und Nägelrissen. Da steigt in seiner Todesangst das Pferd und steht Auf seinem hintern Hufpaar, das sich schwankend dreht, Dann wieder auf den Boden prallt sein wuchtiger Stampf, Plotz! unversehens ohne Widerstand und Kampf In mörderischen Sätzen durch den Feind hinaus, Und haltlos über Berg und Täler fliegt sein Saus, Den Bauch zu Boden und den stieren Blick verglast, Der blindlings folgt, wohin die Jagd der Beine rast. Himmel und Erde nur ein einziger Länderschuß Aus einem Wurfgeschütz, das weiß nicht, was es muß. Wo wird der Sturz, von welcher Felsfluh wohl geschehen? Plötzlich mit prallem Rückstoß bleibt es lammfromm stehen. Und Atem suchend zittern Roß und Reiter beide, Eins vor Erschöpfung, eins vor Scham und zornigem Leide. «Hier mangelt Hermes», schnaubte sie empörungsrot Und nagte ihre Lippen, «Hermes tut hier not!» Und ließ vom Berge, wo sie stand, nach allen Seiten Im Kreis umher das Adlerauge forschend gleiten, Ob sie errate, wo auf Erden Hermes sei. Zu ihren Füßen lagen Länder mancherlei, Doch geist- und zwecklos gafften sie zum Himmel, dumm, Und blieben ihrem dringlichsten Gesuche stumm. Ei sieh doch: überm letzten Wald, zuhinterst ganz, Ein seltsam Etwas! Nenn ichs Odem? Seelenglanz? Etwas wie Heimatgruß und Freundesangesicht. Du kannst es billig leugnen, zeigen läßt sichs nicht, Doch fühlt und spürt mans. Prüfend nach dem Glanzschein zielte Der Göttin Blick, worin ein kluges Lächeln spielte. Und als sie erst den Winkel, um wie weit entfernt, Gemessen und des Weges Richtung eingelernt, Hob sie die Zügel, schwenkt und steuerte die Fahrt Dorthin, wo sie erhoffte Hermes' Gegenwart. Nach frischer stundenlanger Reise ohne Rast Erreichte sie am frühen Abend den Palast Der Göttin Maja, band das Rößlein an die Mauer Und stellte sich am Gartengitter auf die Lauer. Und da sie alle Türen offen sah, so stahl Sie sich ins stille Haus und in den schattigen Saal. Ein Frauenbild, der Maja gleich, das Blumen stickte, Saß dort auf einem Stuhle, lächelte und nickte. Doch ihrer rätselhaften Augen Blickgespenster Spielten verstohlen auswärts durch ein Seitenfenster. Doch Pallas spottete: «Du Lügenbild, vergebens Äffst du Gestalt und Farbe des beseelten Lebens! Ich sehe keinen warmen Geist in deinem glatten Gesicht, und deine Finger spiegeln keinen Schatten.» Und kehrte um und schwenkte nach der Richtung hin, Wohin durchs Seitenfenster sah die Lügnerin. Im fernen Feld, abseits vom Weg, am Waldessaum Lag Hermes, träumend einen seherischen Traum. Dem Schlummernden zur Seite, seinem Antlitz nah, Saß Maja, welche, was ihr Freund im Traume sah, In gläubiger Liebesehrfurcht mit dem Malerstift Auf eine Tafel schilderte in Bilderschrift. Da nahte Pallas. Stift und Schrift verwerfend schnellte Vom Sitze Maja. «Weg vom heiligen Glücke!» gellte Ihr Haß der Kommenden entgegen. «Fluch dir! Feind! Was suchst du hier? Wie ist dein frevler Gang gemeint? Wer wagts, den Frieden und der Liebe Recht zu stören?» «Hermes darf einem Weib», sprach Pallas, «nicht gehören. Beglücken nicht, Erlösen lautet sein Beruf. Zum Paradiese haben Helden nicht Behuf.» «Wen gibt es zu erlösen?» wachte Hermes auf, Fuhr jach empor und rüstete den Fuß zum Lauf. «Hier bin ich, Pallas, künde, wo man mein bedarf! Ich folge! Auf! Führ an!» Aufschreiend aber warf Sich Maja in den Weg: «Entschiedenem Befehle Allein gehorch ich. Zwischen mir und jener wähle!» Hermes entschied: «Ob Dank mich straft und Reue quält: Gilts zwischen Weib und Tat, so hat ein Mann gewählt.» ' Er sprachs und folgte seiner Führerin von dannen. Verlassen stand sie da, und ihre Tränen rannen. Beschämt, vernichtet starrte sie dem Flüchtling nach. Was tun mit ihrem Leben, wenn der Freund gebrach? «Doch halt! Was seh ich!» Eilends holte ihre Hast Die Feindin ein. Sie strengen Griffs am Arm gefaßt Und vor ihr Richteraug gedreht: «Der Frage steh!» Und tränenschluckend sprudelte ihr zornig Weh: «Wenn ichs vermochte, wehrend meinem Schmerz und Hasse, Daß ich den Liebsten mein der Fremden überlasse, So ist das mindeste, daß sie mir Bürgschaft gibt: Sie ist ihm freund, sie will ihm wohl, sie sorgt, sie liebt. Unweib! Unseliges! Was hast du im Beginn? Zu welchem Ende führst du meinen Liebling hin? Der Staub auf deinem Kleid, die Nägelstriemen zeigens: Leugne, soviel du willst, du kommst vom Berg des Schweigens, Und deine Führung trachtet in das Höhlenhaus Des schrecklichen Pelarg, des Mörders Hieraus. Zum Angebinde schenkst du Hermes die Gefahr.» «Du sagsts», versetzte Pallas ruhig, «ja, fürwahr!» «Und sträubt sich nicht dein Herz und stirbt vor Angst und Pein?» «Warum denn das?» sprach Pallas, «ei, gewiß nicht! Nein!» Ob diesem Spruch versagte Majas Zorn, gelähmt Von Ehrerbietung, von Bewunderung beschämt. Denn ihre Ahnung spürte größre Seelengaben, Die ihr nicht eigen, über Liebesleid erhaben. Der Arm entfiel ihr, und in milderm Tone quoll Ihr aus dem Mund die weiche Klage demutvoll: «Ihr starken Götter vom Olymp, verzeiht der Armen, Der Törichten, die hofft' in Liebe zu erwarmen. Man weiß es ja, doch niemals glaubts das Herz hinlänglich, Daß Liebe flüchtig ist und Erdenglück vergänglich, Hab nicht die Kraft zu grollen. Reichet mir die Hände; Mein Trotz, mein Stolz, sie sind mit meinem Glück zu Ende. Drum bitt ich euch, statt fremd und frostig zu enteilen, Als Gäste heute nacht in meinem Haus zu weilen. Ich will euch vom Pelarg erzählen in der Frist: Und wird auch leider, fürcht ich, was beschlossen ist, Die Warnung meiner schlimmen Märe schwerlich hindern, So kann vielleicht die Kenntnis die Gefahr vermindern.» Und als sie nun zur Nachtzeit nach genoßnem Mahl Beisammen saßen in dem lichterhellten Saal, Begann und schilderte mit manchem Seufzer schwer Die Göttin Maja vom Pelarg die grause Mär: «Im Tal des Schweigens steht ein Berg, kein Berg: ein Sarg. Drin wohnt der Hieraus, der schreckliche Pelarg. Nicht daß durch Körperstärke zwar, im Gegenteil, Er jetzt noch furchtbar wäre: Siechtum ist sein Teil. Und was er einst für Missetaten wohl verübt, Weiß keine Sage, denn Vergessen hats getrübt, Heut ists ein Greis, fast eine Leiche von Gestalt, Des Geist entschwunden, dessen Zunge Torheit lallt: Der Last von tausend Jahren ist sein Nacken bürdig, Und längst zu sterben ist sein morscher Leichnam würdig. Allein mit List und schlauen Vorsichtskünsten wehrt Dem Tode Hagia, die den Vater göttlich ehrt. Fürs erste hat sie dieses Hirngespinst gezüchtet: Ins Kalkgebirg des Schweigens hat sie ihn geflüchtet, In dessen Höhlen wächst der Bimsstein Athanast, Dem Tod wie Knoblauch so zuwider und verhaßt. Fürs zweite schützt sie ihn mit abergöttischer Pflege, Damit er auch nicht sterbe auf dem Alterswege. Kein Licht, kein Häuchlein läßt sie an sein Lager dringen, Kein lauter Ton darf in der Krankengruft erklingen. Das Schweigen schleicht darin umher in ewigem Dunkel, Und jede Stimme dämpft ihr Mahnblick zum Gemunkel. Mit einem Schwarm von Ärzten hat sie ihn umgeben. Und um den kalten Leichnam künstlich zu beleben, Ersann ein schaurig Mittel ihre fromme Wut: Mit Blut ernährt sie ihn, lebendigem Jungfernblut, Das sie ihm frisch und warm, wies aus den Adern fließt, Aus einem Becher stündlich durch die Lippen gießt. O wieviel Jugend ist zum Opfer schon gefallen, Damit ein blöder Alter möge länger lallen, Damit ein Kranker leiden dürfe fernre Stunden!» Hermes ergrimmte: «Dafür ist der Tod erfunden.» «Du fragst, ob nicht der Opfer bänglich Wehgeschrei Ihr selbst zur Qual, zum Schauder und Erbarmen sei. Vernimm: kein Schrei, kein Stöhnen gibt die Qualen kund, Die sie erdulden, denn verbunden ist ihr Mund, Damit ihr Flehen nicht das Mitgefühl empöre, Damit ihr Wimmern nicht des Vaters Ächzen störe. Und weil sie niemand auftreibt, der zum Mord beständig, So schlachtet sie die Opfer selber, eigenhändig. Du fragst: wo sind die Väter denn, die Brüder nur Und Stammverwandten, daß sie nicht, zum Racheschwur Vereint, in trotzigem Reisezug mit Heeresmacht Die Mörderhöhle zwingen in beherzter Schlacht? Vernimm: der Hagia heilige Kindesfrömmigkeit Hat einen Glauben angezündet mit der Zeit. Apostel haben Tempel um den Berg gesetzt, Der Völker schlicht Gemüt zum Wahnsinn aufgehetzt, So daß, vor abergöttischem Eifer mitleidlos Und hart, sie nicht gewaltsam und gezwungen bloß, Nein, gern und willig ihrer Kinder blühend Leben Dem Hieraus zur Krankenzehrung übergeben; Wehklagend zwar, doch heiligen und segnen ihn Und rutschen vor dem Berg anbetend auf den Knien. Und niemand wage, daß dem Jungfernraub er wehre. Sonst wehe ihm, und obs ein Gott und Heiland wäre!» Pallas rief aus: «Ich setz den Zeigefinger zu. Erfahrung leiht dir Zeugnis: Wahrheit redest du. Hab Dank nun, Maja, Dienst ist Gegendienstes wert: Das übrige erzählt dir Hermes' Faust und Schwert.» Doch Maja schüttelte die Locken, stumm verneinend, Und eine Weile schwieg sie, still nach innen weinend. Dann fuhr sie fort: «Nimm an, ein Wunder fände statt: Er wäre durch die Volkswut, durch die Tempelstadt Mit ihren Priestern bis zum Berge vorgedrungen – Unmöglich ists, allein nimm an, es sei gelungen – Was hülf es ihm? Kein unbefugtes Auge findet Den Gang, der zum Pelarg sich durch den Bergbauch windet. Denn eine glatte Felsenmauerwand verschweigt Das Tor, des Stelle kein erkennbar Merkmal zeigt. Hätt ers durch Zufall auch erspürt, nimm ferner noch, So ist der Gang ein moderdunstig Kellerloch, Wo nicht des schwächsten Lichtes Schimmer Führung spendet. Und während sich der Weg in jähen Winkeln wendet Ohne Geländer, klaffen in den Winkeln allen Abgründige Schachte; soviel Winkel, soviel Fallen. Und nicht genug: Sturzbäche täuschen deine Schritte. Auf halbem Weg zur Höhe, in des Berges Mitte, Hält sich ein Riese namens Olim dort versteckt, Der, eh vermutet, mit dem Schwert dich niederstreckt: Der Kampfgefährte einst, in seinem jungen Leben, Des Hieraus, dem Kranken annoch treu ergeben. Ihm schadet nicht das Feuer, schaden keine Waffen, Denn unverwundbar hat ihn die Natur geschaffen. Und also sicher ist er, also sieggewöhnt, Daß er im hitzigsten Gefecht den Gegner höhnt: Er bietet ihm zum Amboß seinen breiten Rücken Und läßt sich alle Hieb und Stiche schmunzelnd glücken. Zeig mir die Möglichkeit, wie tapfer du schon bist, Einen zu meistern, welcher unverwundbar ist! Doch meinetwegen! Denken wir den Riesen weg, Dann kreuzt ein schlimmer Scheusal noch des Fremdlings Weg: Zuoberst vor des Mörders eignem Wohngemache Die Schlange Hypokrisis. Also heißt ein Drache, Der tödlich Gift aus hundert Vipernrachen zischt Und dessen Leben unter keinem Streich erlischt, Es wäre denn, daß einer die drei Worte wüßte, Ihm so verhaßt, daß er davon verenden müßte. Und noch nicht alles. Noch ein letztes bleibt zu sagen: Es heißt, des Mörders Anblick kann kein Mann ertragen, Weil seine Runzelstirn Erinnerung entriegelt, Weil sich in seinem blöden Blick die Urwelt spiegelt. Und während Haß mit Andacht staunend sich vereint, Bleibst du mit lahmem Racheschwert vergafft, versteint. Indessen Hagias Messer dir zur Seite schleicht Und, was die Bosheit ihr befiehlt, vollendet leicht. Des Weibes Auge einzig ist davor geschützt, Weil ihr das Unverständnis übers Staunen nützt. Das also sind im Berg des Schweigens die Gefahren. Ihr seid gewarnt. Die Mahnung mag ich euch ersparen. Jedwedem Willen seinen Lauf und seine Strafe.» Dann trennten sich die drei und legten sich zum Schlafe. Von stolzen Tatenträumen eingewiegt, entschlief Das herbe Haupt der Pallas, atmend gleich und tief. Mit Tränen schluckte Maja leis ihr Maß des Kummers; Nicht fand sie, noch begehrte sie den Trost des Schlummers. Doch Hermes, als der letzte Ton im Haus entschwieg, Entglitt dem Lager, stahl sich nach dem Felde, stieg Durch des Orakels finsteren Geheimnisschlund Die Stufen abwärts in den unterirdischen Grund. Und in der Höllenfürstin Isis Feuerbronnen, Der heller strahlt und schöner als die Tagessonnen, Dreht er im Sprudel seine Lanze, daß die Flammen Als Fahne flatterten vom Schaft, im Schweif zusammen. Dann in die Lohe taucht er seines Schwertes Spitze, Bis daß sie Sternenräder sprüht und Stachelblitze. Also bewaffnet kehrt er wiederum verborgen Durchs Feld nach Hause und erwartete den Morgen. Und als der Morgen langsam nun gegangen kam, Des Aufbruchs mannigfach Geschäft den Anfang nahm, Da führte Maja durch den Hof mit eigner Hand Den Feuerrappen Plutons als Erinnrungspfand Und Gastgeschenk dem Hermes vor, reicht ihm die Zügel Behutsam dar. Ein Schwung, und Hermes stand im Bügel. Dann trat sie ihm zur Seite ohne Wort und Gruß, Koste das Pferd, doch küßte heimlich Hermes' Fuß. Drauf ritten die Olympier in den jungen Morgen. «Hei Schicksalsglück! Ein Siegessinnbild sollst uns borgen!» Sieh da: in eines hohlen Weidenstrunkes Fäule Glotzte, den Schnabel wetzend, eine alte Eule. Zwei mutige Falken aber kamen und vertrieben Den Uhu aus dem Nest mit kräftigen Schnabelhieben. «Dies Bild ergreif ich», jauchzte Hermes durch den Wald. Und auf die ebne Straße bogen beide bald. Doch hinter ihnen, ferne zwar und scheu seitab, Folgte der Tod auf einem Gaul im Klappertrab. Wie hinterm Löwen, wenn er längs der Wüstenlehne Zum Jagdgrund schreitet, hinkt die trippelnde Hyäne. Und als sie nun nach unablässigem Dauerlauf Durchs Tal des Schweigens zogen nach dem Berg hinauf Und des erbosten Volkes frommes Teufelstoben Die Fäuste wies und von dem höchsten Tempel oben Der Hohepriester seine schwarze Fahne schwang Und Aufruhr heulte wider sie und Fluchgesang, Da zeigte in der Luft mit mächtigem Armesstoß Hermes dem Feind die höllische Standarte bloß, Von deren Spieß ein rotgeschwänztes Flammenmeer Über die tausend Köpfe sprang im Flug daher Und fraß die Lügenfahne, daß sie hing in Fetzen. Und alles Volk entfloh in schreiendem Entsetzen. Und als er erst sein weithin leuchtend Freiheitszeichen Gebieterisch gepflanzt in eines Hügels Weichen, Ritt er mit Pallas um den Berg, der Wand entlang, Die Tür zu finden nach dem unterirdischen Gang. Und wie der Dachshund, wenn er einen Maulwurf wittert, Die gierige Nase, die vor Jagdlust fiebrisch zittert, Mit aufgeregten Sprüngen hier- und dorthin führt, Dann plötzlich, wenn er das ersehnte Mausloch spürt, Steckt er sein Maul hinein mit Schneuzen und mit Schmatzen, Und jetzt beginnt ein emsig zappelnd Pfotenkratzen: So schnupperte des Hermes Rappen längs der Wand Und pochte mit den Hufen, bis er Echo fand. Hier bäumt er hochaufspringend sich am Fels empor Und schlug den Hammer. Knarrend tat sich auf das Tor. Jetzt beide in den finstern Kellerzug hinein, Erhellt von Hermes' Degenblitz im Widerschein Und von des Feuerrappen goldnem Nüsternschnauf. Durch alle Winkel zündet ihnen Licht vorauf. Indes von hinten durch das Tor die windbewegte Lebendige Himmelsluft die Moderdüfte fegte. «Heda, ihr zwei! Was will die Feuerreiterreise?» Hermes bekannte: «Tod dem mörderischen Greise.» «Das will ich», wetterte der Riese, «dir verleiden.» «Darüber wird das Schwert und nicht dein Maul entscheiden.» Schon wetzten kreischend aneinander sich die Klingen, Und Stahl auf Stahl begann den Zwiegesang zu singen. Des Hermes Arm und Augen hielten treue Wacht, Die ungeschlachten Hiebe, die ihm zugedacht, Blitzschnell nach außen werfend rechtshin oder links, Die Stiche aufwärts oder abwärts weisend flinks. Und hin und wieder lobt er spöttisch seinen Feind: «Nicht übel! Gelt, das war auf meinen Kopf gemeint?» Dann rief er: «Bist du fertig und gefällt es dir, So hab nun ich das Wort. Obacht! Jetzt ists an mir.» Zuerst mit kühlem Blute, ohne Leidenschaft Und ohne groß zu denken, nahm ers mit der Kraft, Ob durch den Degenkorb er ihm die Handgelenke Verstauchen möge oder ihm den Arm verrenke Oder mit einem Hauptschlag auf die Weisheitskammer Das Schädeldach zerschmettre mit dem wuchtigen Hammer. Umsonst; zwar jeder dritte seiner Hiebe saß, Und jedem andern wärs genug im Übermaß: Der Olim aber kratzte sich und lachte bloß. Da wurde Hermes mählich heiß und legte los. Den Rappen reizend, daß sein steiler Angriffssprung Des Riesen Nacken herzte mit Umklammerung, Begann er ihm mit schnellgeführten Paukenschlägen Den Scheitel auszustauben und den Kopf zu fegen Und gab ihms durch das Maul auf dies und jenes Ohr: Der Unhold zahnte nur und wies die Zunge vor. Danach versucht ers mit dem abgefeimten Witze, Heimtückisch ihm die Nase mit der Degenspitze Umstichelnd, gleich als ob er nach den Augen zielte, Wozu er hässig nach der rechten Schulter schielte, Bis daß er unversehens wie der Biswind jach Ihm um den Bauch schlug und nach seiner Leber stach. Der Olim rief: «Das dient der Mahlzeit zum Vertrieb. Hab Dank!» Wonach er blinzelnd sich den Magen rieb. «Ist denn auf Erden nirgendwo ein Mittel gut Für diesen Vorweltrüpel?» schäumte Hermes' Wut. Doch eine neue Überraschung jetzt bescherte Dem Schäumenden der Ungefüge. Schmunzelnd kehrte Er ihm den ungeschlachten Rücken: «Nach Belieben!» Und stellte sich zum Amboß friedlich seinen Hieben. Da starb Verstand und Glauben in des Hermes Hirn, Und ratlos wischt er sich die schweißbedeckte Stirn. Der Riese höhnte: «Gelt, dein Winkelmaß entschwebt? Das hast du, kleiner Schäker, niemals noch erlebt? Es geht halt in der Welt nicht alles nach der Regel.» Und setzte sich und kaute seine Zehennägel. Der Freundin aber, die von hinten unbeachtet Dem Kampfe zugeschaut und alles wohl betrachtet, So daß kein Vorfall, selbst der kleinste nicht von allen, Ihr dunkel blieb, war wiederholt schon aufgefallen, Wie ab und zu der Olim, auch im schärfsten Streit, Geschwinde mit dem linken Arm in Heimlichkeit Aus einer Nische langte einen Henkelkrug Und ihn zum Munde führte, schluckend einen Zug; Worauf er sich verjüngt den borstigen Schnurrbart leckte, Den Krug sofort dann ängstlich wiederum versteckte, Und als der Höhnische, von Dünkel trunken ganz, Nun aufsprang und nach einem täppischen Waffentanz Nochmals zum Kampfe brüllte und zum Vorbegriff Sein Schwert zweihändig auf- und abschwang, Saus und Pfiff, Und Hermes gnädig überließ, sich auszubitten, Wie er sich wünsche, querdurch oder längs zerschnitten, Und ob er lieber gar gekocht in Öl und Schmalz- Gefressen werden wolle oder roh mit Salz: Da stach sie mit der Lanze an des Freundes Seite Vorüber nach dem Krug und stieß ihn in die Weite, So daß er hintenüber an die Mauer prellte, Von dort zu Boden, wo in Scherben er zerschellte. Wehklagend rief der Riese: «Jammer! Meine Lungen, Mein Schnaufgestell, mein Atemhäuslein ist zersprungen! Pelarg, mit deinem treuen Olim ist es aus! Nicht länger schützt dich seine Kraft vor Feindesgraus. Pfui Scham! Durch einer Weiberschürze Hinterlist Den Tod zu finden, wenn man unverwundbar ist!» Nach diesem tat der Olim einen Schnapp und knickte Machtlos zu Boden, keuchte, röchelt und erstickte. Und halber über seine Leiche, halb vorbei Verfolgten weiter ihren Lauf die Freunde zwei. Und als nach mancherlei Geduld- und Vorsichtsproben Sie glücklich kamen an des Ganges Ende oben Vors Wohngemach, zu dem statt Riegeltür und Schloß Ein Vorhang bloß den Eintritt wehrte, nicht verschloß, Vernahm ihr lauschend Ohr aus einem fernen Zimmer Ein lautes Lallen neben Krankheitsnotgewimmer, Indes ein Fäulnis- und Verwesungspestgeruch Die Mörderhöhle meldete mit grausem Spruch. Still standen sie und hielten bang den Atem an. Da schoß der Drache Hypokrisis auf den Plan, Ein einziger Teufelswurm, geflickt aus hundert Schlangen. Und ringsum schießend, hatte sie der Wurm gefangen. «Ach weh mir Armen» klagte Pallas, «wie viel Gift! Mach, daß dein Mund durch Zufall die drei Worte trifft!» Doch Hermes tröstete: «Das Scheusal faucht vergebens, Ich spuck ihm in sein Giftgezisch den Hauch des Lebens.» Kaum daß das Wörtlein 'Leben' rief des Hermes Eifer, Ergriff der Wurm bestürzt die Flucht, und blutiger Geifer Entquoll mit gräßlichem Geheul aus seinem Rachen. Auflachend strafte Hermes' Hohn den flüchtigen Drachen: «Ei, was das Wörtlein 'Leben' über dich vermag, Du Teufelsbrut, du Nachtgezücht, das flieht den Tag!» Kaum 'Tag' gesprochen, überzog den Wurm ein Krampf, Und Kreisel ringelnd wälzt er sich im Todeskampf. Zu Pallas lachte Hermes: «Daß man Wunder tut Und Rätsel löst, brauchts Schlauheit nicht, es reicht der Mut!» Beim Wörtlein 'Mut' vollzog der Drache einen Schnauf Und Schnarch und löste sich in Schleim und Unrat auf. Ein Spritz noch, und verendet; gleich der Weinbergschnecke, Wenn ihr ein Bub des feuchten Leibes Unterdecke Mit Salz vergiftet, ihr zum tödlichen Geschwür. Dann stießen beide Reiter durch die Vorhangtür, Die Hand am Schwert, den Atem hemmend mit der Seele, Neugierig, welch ein häßlich Schauspiel sie verhehle. Kein Zimmer, nein, ein Schlachthof, eine Henkerstätte Empfing sie, ähnlich eines Geiers Luderbette. Gerippe, Knochen, halb entfleischte Frauenschädel, An denen noch des sanften Haares Lockenwedel Herunterwallten oder Zöpfe lang und schwer, Deckten den Boden – ein gefroren Knochenmeer. Und Fleischerhaken längs der Wand und Metzgerschragen, Wo blutige Rumpfe hingen, bleiche Glieder lagen. Ungern nur tastete der Pferde Kniegezappel Sich Bahn durch klapperndes Geripp und Knochenrappel. Ein zweiter Vorhang. Jenseits hinter seiner Schwelle Kam ein Altar. Auf des Altares Opferstelle Lag – siehe da! – Tamyris nackend überm Stein, Der Mund verstopft und schnöd gefesselt Arm und Bein. Zornschreiend glitt vom Pferderücken Pallas da Und sprang eins zwei der Jungfrau hilfsgeschäftig nah. Indessen Hermes durch den letzten Zwischenhang Ins eigne innerste Gelaß des Mörders drang, Das Schwert gezückt, das Roß gerafft zum Angriffssprunge,. Die Rache in der Faust, Verwünschung auf der Zunge. Doch vor dem heiligen Anblick, welcher seiner harrte, Erschauerte sein Herz, und Aug und Hand erstarrte: In einem Schwarm von Ärzten, die Entrüstung glotzten, Gelehrte Mützen auf dem Kopf, die Weisheit protzten, Von tausend Tiegeln, Gläslein, Töpfchen rings umstellt, Der Arzenei gesamte Apothekenwelt, Daraus ein widerspruchvermengter Würzebrodem Die Luft verbrenselte mit sauersüßem Odem, Saß der Pelarg, der greise kranke Hieraus, Im Bett und stierte geistlos aus den Augen aus; Vom eignen Arme nicht, dem keine Muskel nützt, Von seiner Tochter Hagia Händen unterstützt, Die jetzt ein Schüsselchen mit schmeichlerischem Blick Ihm vorhielt, jetzt das Kissen unter dem Genick Zurechtschob, kosend und des harten Dienstes froh. Ungnädig litts der Alte. Widerwirsch und roh Schlug er nach ihr, ob kraftlos und vergeblich immer. Da, seis vor Leibes-, seis vor Seelenleid: Gewimmer Und Lallen kam aus seinem Mund und ächzend Stöhnen, Gemischt mit leisen langgezognen Klagetönen. Den trüben Greisenblick verklärten Widerlichter Von einstiger Jugend und Erinnerungsgesichter Vergangner Dinge. Eine Ahnenwelt genas, Darin des Hermes Seherauge brünstig las, Heißdurstig, einer fremden Vorzeit Urgeschichten Zu schlürfen, die ihm eine zweite Schöpfung dichten. Doch horch! Vom Vorraum Stimmen: Pallas' Adlerschrei Mit der erlösten Jungfrau Weinen zwischenbei. Darob erwachte Hermes und besann sich. Sporn Und Zügelruck, und vorwärts fliegt des Rappen Zorn. Doch Hagia, drohend ihren Arm als Schild erhoben, Wirft sich ins Mittel: ihres Busens Stürme toben, Ihr Blick schreit Angst, dem Mund entfährt ein Stoßgebet. Von fremden Reden, deren Schmerz man nur versteht. Er schwankt. Wer hat das Vorrecht auf den ersten Stoß? Die Wahl ist schwer, und die Gewissensnot ist groß. Ihm zielt der vorgestreckte Stahl mit Doppellust Bald nach des Mörders Hals, bald nach der Mördrin Brust, Da krampft sich hinterrücks – wer ist, wer darf das? halt! – Um seine Rechte einer fremden Hand Gewalt Und stößt sie samt dem Schwert, ihm selber ungewollt, Nach Hagias Busen, die im Blut zu Boden rollt. Wild sah er um sich. Pallas trotzt ihm ins Gesicht: «Ich wars, ich tats. Und nenn es billiges Gericht. Auf jetzt, zum Hieraus! Und nichts von Schonung! Scharf!» Zu spät. Der hat des Richters fürder nicht Bedarf. Denn, weil nicht länger unterstützt, vom Sitz gebrochen, Wie ein Gespenst als Häuflein in sich selbst gekrochen, Raubt ihm der Schreck des tausendjährigen Atems Rest. So feierte die Strafe das Vergeltungsfest. Nun noch die Ärzte teils mit flachen Klingenhieben, Teils mit der Spitze in den Gang vorausgetrieben, Tamyris hinter Pallas übers Pferd gesetzt, Und nun zurück, den Berg hinab, zum Ausgang jetzt. Da wo sein Flammenzeichen Hermes eingerammt, Dort knieten nun die gläubigen Völker insgesamt. Und dankbegeistert wurden von den Andersfrommen Pallas und Hermes mit Tamyris aufgenommen. Allein wer ist, zuoberst auf dem Gipfelstock, Der Mann mit Ehrenzeichen am Beamtenrock? Das ist der Meister Tod. Das Maul von Spott umglänzt, Der Kappenschirm mit einem Lorbeerzweig bekränzt, Steht er spreizbeinig grätschend auf zwei Flühen oben, Des Berges Gleichgewicht und Tanzkunst zu erproben. Von seiner Schenkel immer stärkerm Schaukelschwanken Gerät der First, bald auch des Berges Rumpf ins Wanken. Gefahr! Noch schnell mit aller Kraft ein letzter Schwung, Dann flink abseits aus dem Bereich, mit Satz und Sprung. Und jetzt beginnt der Berg und hebt die Füße! «Uch! Entflieht!» – «Hast du gehört? Das war Gewölbebruch. Ich denk: im Mördergang.» «Hu, wie das Dach sich neigt Und Fels auf Fels sich türmt! Und alles Treppen steigt!» Mit einemmal ein himmelhoher Weltensturz Mit höllischem Gepolter. Fertig. Das war kurz. Kein Berg mehr, nichts als eine Wolkenflut von Staub. Hast dus begriffen? Nein? Allein du siehsts, so glaub! Und während jedes Auge nach der Bresche staunte, So tänzelte der Tod an Pallas' Ohr und raunte: «Vielleicht dient dieses Beispiel, Herrin, dir zur Stütze: Bin ich nicht lieblich, bin ich nötig doch und nütze.» «Und ob du noch so nötig seist und nütze noch», Versetzte Pallas harsch, «ein Schurke bleibst du doch! Nie daß du meines Hasses Abgrundtiefe lernst!» Dann ritten beide nach der Heimat, froh und ernst. Zwölfter Gesang Apoll der Held                               Zu öftern Malen hatte schon sichs zugetragen, Daß, wenn Apoll am Morgen früh im Sonnenwagen Mit seiner Freundin Artemis gewohnterweise Nach Metakosmos leitete die mutige Reise, Im Augenblicke, da er um die Ecke bog, Ein Stein an seinem Kopfe dicht vorüberflog Oder ein tückischer Bolzen, giftiger als geschickt Von einem unsichtbaren Mundstück ausgespickt. «Ei sieh doch», rief er aus, «jetzt hätt ich wirklich schier, Jetzt hätt ich wahrlich bald geglaubt, das gelte mir!» Doch eines Abends, als die traulichen Gefährten Zur heimatlichen Küste sorglos wiederkehrten, Sieh: Hermes, am Gestade stehend auf der Warte, Der unverwandt geduldig ihrer Ankunft harrte. «Willkommen, Hermes! Aber welche schlimme Kunde Muß ich gewärtigen aus deinem Freundesmunde? Denn etwas Gutes, muß ich fürchten, ist es nicht, Was deine ernste Miene, was dein Schweigen spricht. War einem meiner edlen Brüder, der Titanen, Ein Unheil widerfahren, fürcht ich, muß ich ahnen?» Hermes erwiderte: «Nicht Unheil noch Gefahr Droht einem unsrer Brüder, der Titanen, zwar. Allein um deine eigne Wohlfahrt sorg ich schwer. Und dich zu warnen, trieb mich meine Freundschaft her. Apoll, um deinen Namen sammelt sich der Haß. Es brodelt etwas wider dich, es kocht etwas. Die Tümpel haben mit den Sümpfen sich verschworen, Ein Bündnis aller Plattfußvölker ward gegoren. Zwar was da eigentlich gebrütet wird im Schleim, Das halten selbstverständlich weislich sie geheim, Und durch die graue, übelrüchige Nebelschicht, Darin sie hausen, sehn Olympieraugen nicht. Etwas Verruchtes ists gewiß. Beweis: der Dung Gibt Herzenstöne von sich, bellt Begeisterung. Wenn aber einmal diese Rotte sich begeistert, Sei sicher: etwas Niederträchtges wird gekleistert. Einstweilen wird im Erdenland herumgepredigt, Dein Namenslaut mit Schimpf und Haß und Hohn erledigt. Vernahmst du selbst denn weder Spur noch Zeichen des? Erst gestern wieder sah den feigen Kakokles Ich hinter einem Busch geduckt mit giftigem Schielen Heimtückisch einen Stein nach deinem Kopfe spielen. Das weißt du nun. Ich maße mir nicht an zu raten. Dein Geist ist reif, er kann des meinigen entraten. Auch Beistand biet ich nicht, Apoll braucht keinen Hort.» «Dank deinem Wort, mein Freund, doch duld ein Gegenwort! Unmöglich dünkt mich, daß ein noch so hässiger Mann, Und ob ers möchte, meinen Namen hassen kann. Ich fahre still und einsam meine hohen Wege, Schaff keinem Leid und komme niemand ins Gehege.» «Von oben her, vom blauen Äther siehst es du», Versetzte Hermes, «nieden geht es anders zu. Meinst du, weil du bescheiden bist und herzensmild, Das diene gegen ihre Bosheit dir zum Schild? Im Gegenteil: just weil du königlich und gütig, Das macht das Gift in ihrer Viperndrüse wütig. Dich still und groß in reine Höhen zu erheben, Das wird kein Lurch und Kriechtier jemals dir vergeben. Denn du beleidigst ihre Schleimhaut, da du strahlst, Und ihren Blinddarm durch die Schönheit, die du malst. Die bloße Ruhe deiner leuchtenden Erscheinung Spricht ja dem Schleichgewürm Verachtung und Verneinung. Drum wetze deine Waffen und die Abwehr schmied!» Mit diesem Spruche wandte Hermes sich und schied. Verwundert aber schloß Apoll zu Artemis: «Ich kann mir nicht erklären: du, verstehst du dies? Weshalb ist einer denn nicht lieber einfach gut? Ihm wäre leichter doch und lediger zumut.» Beständig aber fraß die wunderliche Kunde, Die er empfangen aus des Freundes Warnermunde, Apoll am Herzen. Daß sich Leben ließe finden, Das seinem Leben fluche, könnt er nicht verwinden. Und als nun stetig Stund auf Stund und Schub auf Schub Der Tag entwich und Finsternis die Welt begrub, Enthob er sich dem Hause, schlug sich in die Heide, Und eine Klage quoll aus seinem Herzeleide: «Der du vordem dem Jugendmutigen so oft Zur Seite standest, ungerufen, unverhofft, Mein großer Dämon, heute wirst du nicht dem Zagen Und Zweifelnden, der dein bedarf, den Trost versagen. Von einer Trauerbotschaft ist mein Denken wirr, An meinem Wert, an meinem Rechte werd ich irr. Von einem tausendköpfigen Volk wird mir berichtet, Das mich verwünscht und mich mit heißer Feindschaft richtet, Mich, ders mit jeglichem Geschöpfe freundlich meint. Sieh, diese Strafe schmerzt, und mein Gedanke weint! Du weißt: wenn keine Schicksalsunbill mich bezwungen, Mir nicht den Mut, ja selbst den Frohsinn nicht entrungen, So tats ein Zauber, der mich kräftig auferbaut – Die freudige Gewißheit: binnen meiner Haut, Gleichviel was mir an Tugend und Gerechtheit fehle, Wohn ich im Hause einer nie beschmutzten Seele; Der stolzgemute Glaube, ob mich keiner kenne, Daß niemand meinen Namen ohne Ehrfurcht nenne. Der Zauber ist verflogen, seine Kraft dahin. Um eine böse Frage komm ich nicht umhin: Wenn Tausende mich hassen, wär ich hassenswürdig? Unehrenhaftig? Eines eklen Schandflecks bürdig? Ein Oberurteil ists, was ich von dir bedarf. Prüf mich erbarmungslos und sag mir streng und scharf, Ob etwa, ohne mein Gewissen, unentdeckt, Ein hassenswerter Makel mein Gesicht befleckt. Wenn ja, so steig ich von dem stolzen Sonnenwagen, Um meine Schande in den tiefsten Wald zu tragen. Wenn nicht, so wollest mich mit klarem Spruch entsühnen, Damit ich freudig mich zum Kampfe mag erkühnen.» Der Dämon sprach: «Getrost, Apoll, du bist erprobt, Vom Ruhm gepriesen und vom Liebesdank gelobt. Aufrechten Hauptes ziehe fröhlich ins Gefecht, Denn jeder, der dir feind ist, meldet: er ist schlecht. Auf daß Genesung dir von Zweifelsnot gedeihe, Knie nieder, daß ich dich zum künftigen Kampfe weihe: Durch dieses Schwert, womit ich jetzt dein Haupt berühre, Erklär ich, daß ich dich zu meinem Kämpen küre. Wenn du die grimme Lanze schwingst zum bittern Krieg, Heil deiner Faust! Dein Vorteil ist der Gutheit Sieg. Die andern brauchen Heereszeichen mancherlei, Haben ein Banner nötig, Kriegs- und Feldgeschrei: Dein Kampfruf sei dein Name, welcher Hoheit hallt, Dein Banner deine weithinleuchtende Gestalt. Nun laß uns schauen, wer zuletzt in dieser Welt: Der Tümpel oder der Olymp die Hand behält!» So tröstete der Dämon, segnend mit dem Schwert Den Knieenden. Apoll erhob sich: «Nun, bewehrt Mit deinem Freispruch, der mich ehrenvoll entläßt, Erwart ich furchtlos jeden Feind, gefeit und fest.» Nur wenige Tage später, als sich das begab, Geschah es, daß der ganze hocherlauchte Stab Der Plattfußvölker, Feldherr, Fürst und Diplomat, Beisammensaß zum außerordentlichen Rat Im alten Burgsaal auf dem Inselstein im See, Wo kein Verräter umschleicht, keines Horchers Zeh. Urfelsen sind die Mauern, die kein Laut durchbricht. Kein Fenster; einzig durch die Kuppel atmet Licht. Vollzählig sind sie pünktlich auf den Ruf erschienen. Es melden schon die ernsten, grabesdüstern Mienen, Daß heute Wichtiges verhandelt werden soll: Der Bundeskrieg, der Feldzug wider den Apoll. Dem ja gehört der Plattfußvölker ganzes Sinnen. «Worauf nur warten wir? Warum nicht gleich beginnen?». Sieh! Da erhob sich feierlich der Plattfuß-Zeus, Der große König der Gangrenen, Pyoneus: «Getreue Freunde, unser jedem ist noch jung Und lebhaft ohne Zweifel in Erinnerung, Wie wir das letztemal – es jährt sich heute fast – Einstimmig den begeisterten Beschluß gefaßt, Apollons unerträglich Selbstgefühl zu kürzen Und ihn vom Sonnenwagenthron herabzustürzen. Zu diesem Zweck bedurft es einer Luftschifflotte, Denn nicht am Boden kämpft sichs mit dem Sonnengotte. Da euer großes, allzu unverdient Vertrauen Geruhte, mich mit diesem Auftrag zu betrauen, Erteil ich nun dem Bundesrate Rechenschaft, Was ich getan in Punkt der Flotte und beschafft: Nebst hundert kleinen Aero- und Flügelnachen, Luftkörben, Bällen, Mechanauten, Schwebedrachen, Im Wenden flink, geschickt, sich um den Feind zu drehen, Als Fahrzeug dienlich für die rührigen Pygmäen, Ließ ich zu unsrer Herrschaft Sinnbild und Begriff Und unsrer Truppenmacht zum Haus ein Riesenschiff Von Meilenlänge, namens Gangrenopteros, Von unserm wackern Tausendkünstler Daidalos, Dem nichts zu schwierig, nichts unmöglich ist, erbauen. Und nicht beschämt er seinen Ruf und mein Vertrauen. Immer bedacht, das Werk an den Befehl zu binden, Erwies sein Geist sich unerschöpflich im Erfinden. Um das gewaltige Fahrzeug in die Luft zu heben, Genügte weder Triebgewalt noch Luftballschweben. Darum verbanden mit dem älteren System Wir eine gänzlich neue Flugkraft außerdem. Erfahrt, wie etwas leicht und selbstverständlich ist, Nachdems einmal erspürt hat des Erfinders List: Den Atemblast, der nutzlos aus Myriaden Lungen Verpufft, den haben wir in unsern Dienst gezwungen. Denn auch im Lebensatem wohnt ja Arbeitskraft, Der, massenhaft und klug benutzt, Mechanik schafft. Also ich stelle alle meine Mannen ein Und lasse sie das Fuhrwerk in den Himmel schrein, Die mit Hosianna, die mit Mundstück und Posaunen. Einfach, nicht wahr? Daß mans nicht früher fand, macht staunen. Was nun den Bau des Gangrenopteros betrifft, So leg ich seiner äußern Ansicht Zeichenschrift An Stelle vieler Worte samt den Plänen hier Vor eure Augen. Auskunft, wenn gewünscht von mir, Erteil ich gern. Auch seid mir allesamt in Gnaden, Bestimmt mir nur den Tag, zum Augenschein geladen. Einstweilen unterbreit ich dem gestrengen Rat Die Frage, ob sein Urteil billigt, was ich tat.» Dem Redner zollte die Versammlung Dankbezeugung Und Ehrengruß mit untertäniger Verbeugung. «Wir haben ferner», fuhr er fort, «wie euch bekannt, Zu Oberfeldherrn für den Bundeskrieg ernannt Das Fürstenpaar Phaulonidas und Kakokles. Mit scharfgetrenntem Auftrag und Beruf indes, So daß Phaulonidas, nachdem ers bestens wüßte, Das Heer zum Kampf bereite und das Kriegszeug rüste, Daß Kakokles, der Redekundige, dagegen Unter die Erdenvölker reise allerwegen, Damit er Hilfsgenossen uns zum Kriege werbe Und mit dem Maul Apollons guten Ruf verderbe. Phaulonidas als erster mög uns Meldung statten, Ob seines Heeres Rüstung glücklich lief vonstatten, Auf was für Kriegszeug seine Sorge war bedacht Und welchen Angriffsplan er vorsieht für die Schlacht.» Auf stand Phaulonidas. Sein Antlitz anzuschauen, Erweckte schon die Zuversicht und das Vertrauen. «Das Heer, wohledle strenge Herren, ist im Schliff, Im Waffendienst gedrillt, gehorsam auf den Pfiff. Das Kriegszeug anbelangend, weiß ein jedes Kind, Daß Götter und Titanen unverwundbar sind. Aus diesem Grunde hab auf Lanzen ich verzichtet, Auf stumpfe Mittel mehr mein Augenmerk gerichtet. Um eines anzuführen, hoff ich großes Glück Von einem künstlichen Maschinenwunderstück, Das ich aus mir ersonnen mit dem eignen Witze: Ich meine eine dampfbewegte Sonnenspritze, Von der ein einziger, ob ferner Wasserschuß Die Sonne plötzlich auslöscht durch den Überguß. Der Sonnenspritze, ich getraue mir den Satz, Gebührt im Gangrenopteros der erste Platz. Der Schlachtplan muß sich schmiegsam nach dem Feinde fügen. Ich kann ihn bloß entwerfen in den gröbsten Zügen. Erst macht man mit Geschrei und wüstem Schimpfgeschwirr Apoll die Nerven zornig und die Sinne wirr. Inzwischen segelt die Pygmäenflotte leise Um ihn herum. Und hat sie ihn umringt im Kreise, Beginnen ihre eingeschulten Luftschiffschnuppen Plötzlich von überall den Angriff zu entpuppen. Und prächtige Listen, glaubt mir, werden sie entfalten. Was für: darüber sei mir Schweigen vorbehalten. Genug: man stößt und zerrt ihn hinterrücks vom Sitze. Zu gleicher Zeit erschein ich mit der Sonnenspritze. Doch Einzelheiten, wie gesagt, sind überflüssig. Im Drang des Augenblickes wird der Feldherr schlüssig.» So meldete Phaulonidas. Erfreut darob Erteilt ihm langes Dankgemurmel Preis und Lob. «Als zweiter möge Kakokles uns unterweisen», Mahnte der König, «vom Ergebnis seiner Reisen: Ob er das Maul, das ihm gegeben, ausgenutzt, Apollons Leumund brav gelästert und beschmutzt, Mit welchen Völkern er den Freundschaftsbund geschlossen Und welche Zufuhr er uns bringt als Kriegsgenossen. Tönt seine Botschaft wie die andre hoffnungsreich, So können wir den Krieg beginnen alsogleich.» Allein Enttäuschung, Überraschung! Leichenblaß Erhob sich Kakokles, das Auge tränennaß: «Ich rede frank und halte keinen Vorhang feil. Mein Reiseziel erreicht ich bloß zum kleinsten Teil. Ich kann euch freilich massenhaften Zuzug liefern, Doch leider nur von Kötern und von Ungeziefern – Verschiednes Ungeflügel: Krähen, Elstern, Raben, Die auf Apollon sonst schon einen Schnabel haben, Und eine Hundemeute, auf den Gott geübt, Die keine Ehrfurcht hemmt und kein Bedenken trübt. Schnall ihnen Flügel um den Bauch und um den Hals, So leisten sie uns Vorhutdienste allenfalls. Die Erdenvölker aber, ehrlich seis geklagt, Trotz meiner Hetze, haben ganz und gar versagt. Nicht das bloß, daß kein einziger uns hilft von allen: Sie würden uns im Kriege in den Rücken fallen, So daß wir, ferne, den Apoll zu überwinden, Wohl leichtlich könnten grausige Vernichtung finden. Es ist nicht meine Schuld: ich habe fest gelogen, Die Wahrheit rundum in ihr Gegenteil gebogen, Nicht schmähend, sondern mit Gedankenseife lästernd, Stets die Verleumdung mit der Wahrheit Schein verschwesternd. Was an Apoll erstaunlich und nicht deutlich reiflich, Dem legt ich Niedertracht zugrund, so schiens begreiflich; Behauptend, daß er bloß aus gelbem giftigem Neide Am Himmel fliege und die Plattfußgegend meide, Weil halt der Sumpf, wohin er möchte heftig gerne, Ihm unerschwingbar sei, der schwachen Kraft zu ferne, Und weil die Wohlfahrt an das Ansehn, das uns sprieße, Ihn ärgere und seine Eifersucht verdrieße. Sogar das schnöde Unrecht, das er mußt ertragen, Da man ihm Ruhm und Braut und Zepter unterschlagen, Hab ich zu seinem Schimpf und Unglimpf ausgebeutet, Das heißt: die Narben ihm zu Lastern umgedeutet, Indem ich ihn als bitter, hässig und vergällt, Als einen bösen, bissigen Neidhart hingestellt. Auch hab ich selbstverständlich von verlorner Ehre Gemunkt, und wie er im Olymp verachtet wäre, Weshalb er, ausgestoßen, fliehend seinesgleichen, Genötigt worden, zu den Sternen auszuweichen. Kurzum, ich lästerte mir Hals und Rachen wund: Mir schlugen sie aufs Maul, sein Leumund blieb gesund. Apoll genießt einmal, ich kanns nur Einfalt taufen, Bewunderung und Liebe bei dem großen Haufen. Seis seiner Taten Ruhm, sein sogenannter Adel Oder sein Wesensbild, angeblich ohne Tadel, Am allermeisten wohl das blöde Sonnengold: Die ganze Erde ist und bleibt dem Schönling hold, 's ist hoffnungslos. Ich fürchte, sie erfassen nie Den Sinn des Sumpfes und der Fäulnis Poesie.» «So wären alle Opfer denn umsonst geschehn?» «Ich kann nur Niederlage, keine Hoffnung sehn.» Bestürzung schuf der schlimme Spruch. Manch scheeler Blick Lohnte dem Kakokles sein leidig Ungeschick. Es roch nach Zank und Hader . . . Siehe da! Was blitzt, Was strahlt, was funkelt durch die Kuppelwölbung itzt? O Fluch! Pfui Ekel! Ohrenschelle, Nasenstüber! Am Himmel flog mit Artemis Apoll vorüber. Im Sonnenwagen, goldumglänzt, im Strahlenreif, Und hinter ihnen streckte sich ein Adlerschweif. Drob ungestümer Aufruhr. Dann, von Haß gebannt, Standen sie starr, die Nasen in die Luft gespannt. «Wie er sich bläht und reckt! Wie er sich fühlt und meint!» «Wie er in seinem Glitzerglanz sich wichtig scheint!» «Von der gerühmten Schönheit seh ich nicht die Spur.» «Die Sonne riecht nicht, dampft nicht, pfeift nicht: Blendwerk nur!» «Was mir am meisten fehlt, ist ein gesunder Rauch.» «Die Poesie der Mitternacht vermiß ich auch.» «Und wie pedantisch: Tag für Tag dieselbe Reise! Kein kühner Luftsprung, keinen Zollbreit vom Geleise!» Und also fort, der neidischen Ohnmacht tiefen Schmerz Verbergend hinter überlegnem Spötterscherz, Solang Apollon sichtbar blieb im blauen Raum. Doch kaum verzogen jenseits hinterm Kuppelsaum, So schauten sie einander an. Mit einmal brach Ein schallend Hohngelächter dem Verschwundnen nach. Allein nicht also Kakokles. Schon lange war Die Luft von dem verhaßten Feinde wieder klar, So stiert er gleichwohl unbeweglich immer noch, Als wie verzaubert, nach dem leeren Kuppelloch, Die Faust zum Ball gekrampft, das Auge haßbesessen, Die Kieferknirsche wutverbissen wie zum Fressen. Andächtig blieb ein jeder Blick auf ihn gerichtet, Und Flüstern mahnte: «Stille! stört ihn nicht! er dichtet!» Und als er endlich aus der Dichterewigkeit Den Geist zurückfand in die traute Wirklichkeit Und zu den Freunden wieder wandte sein Gefreß, Sieh da: ein neuer, gänzlich andrer Kakokles. Kein blasser zager Greiner mehr, der Warnung zollt: Ein Beutefuchs, ein siegessichrer Ränkebold. «Willkommen! Rede! Sput dich! Bring uns Meldung dar: Was gab dein Sehergeist dir Neues offenbar?» Da öffnet er den Mund, sein Wille sprang durchs Tor, Gebieterisch den Herrscherfinger streckt er vor: «Brüder, den Weg des Sieges will ich euch verkünden. Er heißt: Wir müssen eine Gegensonne gründen. Ihr staunt, ihr lacht, ihr springt zurück, Entsetzens voll. Ihr glaubt, ich spaße, denkelt: ‹Kakokles ist toll.› Nicht wahr? Ich bitte, unterbrecht mich nicht, gemach! Hört mich geduldig an und denkt mir ruhig nach! Ein Weiser lebt in unserm teuren Vaterland, Reich an Verdienst, doch lang nicht nach Verdienst erkannt. Er selbst heißt Augias, seine Weisheit heißt Chemie: Da gilt Gelehrtheit nicht, nur Zufall mit Genie. Den feinsten Schlichen, schlimmsten Tücken der Natur Kommt er mit Gläslein und mit Näpflein auf die Spur, Indem er munter Säuren durcheinandermischt. Und nie mißlingt ihm etwas: was er mischt, das zischt. Demselben Augias nun, des Zauberwissenschaft Kann Dampf in Geist verwandeln und Gestank in Kraft, Demselben ists ein kleines, aus Kloakendunst Und Sumpfgas uns zu brauen eine Sonnenbrunst. Was fault, das gärt; was gärt, das brütet heimlich Feuer. Und unsrer Sümpfe Reichtum ist ja ungeheuer. Obs nachher glänzt, ob nicht, kommt wenig in Betracht: Der Schlot, der Rauchfang ist es, was die Sonne macht. Und wärs ein winzig Flämmlein, wärs ein Fünklein bloß: Mal einen Zeigefinger vor, so scheint es groß. Drum sorgt nur für ein himmelstößiges Kamin, So wird die Augiassonne Glaubensfeuer ziehn. Für solche, welche mit den Ohren mehr begreifen, Steckt oben in den Rauchfang ein Geheul von Pfeifen.» Nun ward den Plattfußhäuptern das Verständnis heiter, Und freudig scholls: «Setz fort, o Kakokles, fahr weiter!» «Nimm an», versetzt er, «was ich anriet, sei getan, Die Sonne fertig und der Schornstein drauf und dran, So gilts, der Welt die neue Sonne anzuzeigen. Sie muß auf einen Stengel oder Sockel steigen, Sie muß sich fortbewegen lassen, vorwärts rühren, Man muß sie können um den runden Himmel führen. Ein Luftschiff ist zum Wolkenritt das rechte Roß. Also: man pflanzt sie auf das Gangrenopteros. Dann sammeln wir mit unvernünftigem Geschrei Die Wundergier der Erdenvölkerschaft herbei Und lassen auf der festgeschmückten Angerau Das Sonnenluftschiff steigen, vorderhand am Tau. So daß die Welt sich von Apollons Sonne kehrt Und unserm Lichte Götzenhuldigung gewährt. Dann wallen wir als Sonnenpriester in den Krieg, Die Völker rutschen mit, und unser ist der Sieg.» «So schnell jedoch, den Zweifel mußt du uns erlauben, Machst du die Erde nicht an unsre Sonne glauben.» «Oh, wäre keine Arbeit schwieriger als die!» Gab ruhig Kakokles, «ich weiß Psychagogie. Das Beispiel tuts, Begeistrung ruft die Geister wach. Singt einer vor, so singen alle andern nach. Vernehmet, wie ich ihnen will den Gläubel drehn, Und pünktlich, wie ichs prophezeie, wirds geschehn: Sobald daß unsre Sonne auf dem Luftschiffpferd, Dem Gangrenopteros, vom Stapel aufwärts fährt, So renn ich plötzlich wie von Sinnen um den Platz Und schrei in einem zu, so laut ich kann, den Satz: ‹Dies ist der Oz Koproz, dies ist das große Licht, Und ist das einzig echte, wahre Sonnenlicht! Denn Oz ist Oz, und falsch ist jedes andre Licht, Denn andre Sonnen als den Ozen gibt es nicht!› Dann geb ich meiner Trommelpfaffenschar ein Zeichen, Die allsofort die Pauken mit den Schlegeln streichen. Was gilts? Wer hält die Wette? Wunder sollt ihr sehen, Wie alle bis zum letzten Manne mit mir krähen! Denn also bockbeinstörrisch ist kein irdisch Haupt: Wenn mans gehörig paukt, verwundert sichs und glaubt. Wenn später unsre Sonne in den Lüften schwimmt, So wird von mir die zweite Strophe angestimmt: ‹Der Oz ist Gott, denn heilig, heilig ist der Oz, Und ist kein andrer Gott als Oz, genannt Koproz. Drum steinigt, liebe Brüder, steinigt, schlagt ihn, stäupt Den Gottverächter, den verruchten, der nicht gläubt!› Wonach die Paukenpfaffen mit erhobnen Schlegeln Aus Leibeskräften abermals die Trommeln flegeln. Ich aber falle zähneknirschend auf den Bauch, Verdreh die Arm und Beine und die Augen auch. Im Fallen reiß ich meine Nachbarn auf die Bäuche, Die Nachbarn ihre Nachbarn – fertig ist die Seuche. Dann laß ich von der Kette die Zeloten los, Die einfach, was noch aufrecht steht, zerreißen bloß. So stiftet man auf Erden einen neuen Glauben. Mit diesem Worte möcht ich mir den Schluß erlauben.» Gesagt und setzte sich. Und gieriges Gelüsten Ergriff den Bundesrat, das Sonnenlicht zu rüsten. Nur fürs Gewissen wurden noch Bedenken laut: «Gesetzt, daß einer mit den eignen Augen schaut Und ruft: ‹Wo ist denn da das Sonnenlicht?› – nimm an – ‹Ich sehe nichts als Rauch!› – was tust, was sagst du dann?» «Das wäre!» lachte Kakokles. «Wenn das geschieht, Wenns einer wagt und mit den eignen Augen sieht, Dann klatsch ich mir ein Pflaster vor ein Auge vor Und krümme mich und stoß ein Schmerzgeheul empor: ‹Nehmt euchs zur Warnung! Vor die Augen schützt die Hände, Daß euch der Überglanz nicht ebenfalls verblende!›» Alle Bedenken scheuchte dieser kluge Spruch. «Wohlan», fiel der Entscheid, «es gelte der Versuch.» Demnach begaben sich die Bundesratsgesellen Zum weisen Augias, eine Sonne zu bestellen. «Kannst du uns eine Sonne heut in einer Woche Abliefern? Aber eine, die da macht Epoche! Nur eine beste Sonne können wir gebrauchen, Die nicht bloß leuchtet, sondern riechen kann und rauchen.» Verächtlich guckt er über seine Achsel her: «Was sonst? Nur diese Kleinigkeit? Und sonst nichts mehr?» Und eine zimmerhohe Kugel von Asbest Ließ er zur Stelle rollen, gegen Feuer fest, Bestieg die Leiter, strich das hohle Innenhaus Mit einer Lage Harz und Pech und Schwefel aus, Warf Öl und Salz hinein und pumpte mit dem Schlauche Aus den Kloaken einige Faß gegorner Jauche, Womit er bis zur Hälfte füllte das Gefäß; Verrührt es langsam mit der Kelle kunstgemäß, Dann links aus einer Flasche, rechts aus einem Glase Gewann er einige Luftvoll feuersaure Gase, Die er behutsam in den Sonnenhafen tat; Rührte von neuem mit dem Löffel den Salat, Noch etwas Ololul, ein wenig Ulolin, Jetzt Metolyloluloxyd darüber hin – Bewundernd schauten ihm die Plattfußfürsten zu: «Fürwahr, mit Recht ein Weiser heißest, Augias, du. Doch eine Sorge laß bescheiden uns bekennen: Wo ist das Feuer, um die Sonne anzubrennen?» Er sprach: «Das eben ist der Tiefsinn der Natur: Wenn einer bloß ein Gas, von dem er nicht die Spur Versteht, mit einem andern, das er auch nicht kennt, Zusammenmelkt– paß auf, lauf fort: es springt, es brennt.» Und während er noch sprach, geschah ein brausend Brodeln Im Sonnenfaß. Horch: Blasenzischen, Säurejodeln! Mit einmal – «Wehe! Obacht! Auseinander!» – juff! Geschah ein fürchterlicher Feuerflammenpuff, Und aus dem Hafen strudelnd stürzten Loderbäche Von Jauchebrei und Schwefelmus und schwarzem Peche. Die Hände rieben sich mit freudigem Geschrei Die Ratsherrn: «Gelt, Apoll? Das ist jetzt anderlei!» Und als die Augiassonne fertig war getan, Samt dem Kamin darauf und Pfeifen obendran, Da nagelten die Zimmerleute den Koloß Aufs oberste Verdeck des Gangrenopteros. Jetzt eine Karawane Gäule vorn daran, Die schleppten schlittlings über eine Bretterbahn Das Wunder nach der festgeschmückten Angerau. Dann alles Erdenvolk herbeigelärmt zur Schau. Am Anfang freilich war des Volkes Glaubensfeuer Nur mäßig ob dem rußigen Sonnenungeheuer. Man fand, man sähe, wenn schon einige Brenze auch, Hauptsächlich weiter nichts als Dampf und Qualm und Rauch. «Und nicht nur das, mir scheint, zu schließen nach der Nase, Ich röche – oder täusch ich mich? – verwünschte Gase!» Hinwieder, wenn sie nun bestaunten das Kamin, Da konnte die Bewundrung trotzdem nicht umhin: «Ich kann nicht anders: es ist kühn und himmelstößig, Nicht schön, allein – wie soll ich sagen? – neuig, größig.» Verdutzt, verblüfft, vertattert stand die Menge da, Mit offnem Maul, und wußte nicht: ob ja, ob na. Da horch: ein Wehgeheul! Das linke Auge, klatsch! Verklebt mit einem schwarzen Pflasterkataplatsch, Lief Kakokles umher und krümmte sich vor Schmerzen: «Nehmt euch an mir ein Beispiel! Warnung mögt beherzen: Schützt eure Augen! Daß sich jeder schleunig wende, Damit der Überglanz ihn nicht gleich mir verblende!» Hei, wie sich alles Volk geschwind zur Seite duckte! Kaum daß die Neugier durch die Fingerspalten guckte. Doch als nach langem Warten jetzt Maschinenrappel Im Luftschiff hörbar ward und unter Bauchgezappel Und Flankenzittern, sieh, das Gangrenopteros Lautstöhnend mühevoll zum Aufstand sich entschloß, Den Schnabel hoch, zum Luftgaloppe im Begriff, Und Dampfgeheul Triumph aus allen Pfeifen pfiff Und Kakokles mit hohen Sprüngen um den Platz Als wie besessen schrie den Evangeliensatz: «Dies ist der Oz, dies ist das große Sonnenlicht! O Wunder, wie es herrlich leuchtet! Riecht ihr nicht?» Und Paukenflegelsymphonie zum Überfluß Bestätigte den überirdischen Genuß: Da spürten sie des Glaubens ersten Geistestritt Und sprangen nach und schrien aus Leibeskräften mit. Oha ! Hopla! Mir scheint, dort oben ist am Steuer, Kann sein an den Maschinen, etwas nicht geheuer. Ein Hecht, still glotzend, liegt das Luftschiff leblos quer. «Wind in die Segel! Pumpen, Blasebälge her!» «Nicht doch! Holt Hebestangen, aber hurtig! Quick!» «Ei, solcher Unsinn! Nehmts ins Schlepptau, zieht am Strick!» «Hufnasen!» wetterte der Pyoneus darein, «Einfach Posaunen blasen und Hosianna schrein!» Schnell stellten sich die Plattfußmannen unten hin, Bliesen die Backen auf, trompeteten und schrien; Und also mit Hosianna, Gittit, Hüst und Hott – Juchhei, hurra! da ward die Sonne wieder flott. Nun braucht es weder Kakokles noch Pauken mehr: Von selber taumelten die Völker rings umher. Und einesmals, gepackt von jäher Glaubensseuche, Stürzt alles betend auf die Knie und auf die Bäuche: «Der Oz ist Gott! Und ist der einzig wahre Gott! Denn jeder andre Gott als Oz ist Lügenspott!» Dann stürmten sie davon landein zur Ketzerjagd, Wo jeder, der nicht kniete, ward zu Tod geplagt. Verrascht sah Kakokles sich um. Dann aufgeräumt: «Ei sieh! Das lief noch glatter, als ich mir geträumt. Nun komm, Apoll, das Leuchten will ich dir verleiden!» Und Satyros den Schneider ließ er herbescheiden: «Hol Tuch aus deinem Laden, Geist aus deinem Hirn! Ein weißes priesterliches Festgewand mir zwirn. Vorn auf dem Bauch ein rotgeflammter Sonnenfladen Und sternbesäte Ätherstrümpfe um die Waden.» Und als von Satyros der Auftrag war vollbracht Und Kakokles in seiner Glitzersternentracht Auf seinen Sonnenfladen schaute bauchbergab, Sieh, welch ein Seelenwunder sich mit ihm begab! Der heilige Anzug schlug ihm einwärts in den Geist, So daß, von Ahnungen und Dämonsspuk umkreist, Er an den Ozen, den er für die Einfalt klaubte, Nunmehr wahrhaftig selber halb und halber glaubte. Und stiftete dem Ozen einen Schiffsaltar, Um diesen sät er eine Feuerpriesterschar, Die ewig unter Salamam und Salamechen Weihrasselten mit roten Sonnenscheibenblechen. Indes er selber einen Purpurbaldachin Geruhte hinterm Schiffsaltare zu beziehn, Gebetversunken in dem Purpurschneckenhaus. Zum Gottesdienste kam jeweilen er heraus Und rutschte mit Gymnastik und mit Psalmodieren Hundbäuchlings um den Ozaltar auf allen vieren, Bis daß der Ozenglanz mit Rausch ihn überfüllte, Worauf er seine Inbrunst in den Weltraum brüllte, So daß in alle Lande flog die frohe Mär Vom Sonnengotte Kakokles. Denn er ist Der! War niemand, den Apollons naher Fall mehr reute, Weil sich der Erdkreis eines Kakokles erfreute. (Zwölfter Gesang)                           Inzwischen nahm Apollons Tagfahrt wie vorauf An Seite seiner Freundin den gewohnten Lauf. Und in des Metakosmos reinem Ätheroden Talauf, talab lustwandelnd durch den Blumenboden Und aus dem tiefen Brunnen hinter Zeit und Raum Die Urgeschichte schöpfend in erhabnem Traum, War Kakokles und alle Bosheit unterdessen Gleich Nachtgespenst am Tag veraltet und vergessen. Und keine Sorge trübt ihr selig Ungefähr. Doch eines Abends auf der Reisewiederkehr, Als sie, die Seele schön vom Wellenwiderhall Der heut geschauten inhaltschweren Wunder all, Wie unter einem unsichtbaren Ehrenbogen In ernstem Glück die fleckenlose Luft durchzogen, Und schon begrüßte sie von fern das Berggewimmel Des traulichen Olymp im heimischen Erdenhimmel: «Was kommt dort», rief Apoll verwundert, «für ein Dunst Und Dampf und Schwelen wie von Mottenfeuersbrunst? Und innen aus dem Dunste steigt ein Stoß von Rauch, Brandschwarz und mauerdick, als wär ein Moor im Schmauch!» «Und welch ein Tausendstimmentosen überdies Hörst du vom Tal herauf?» ergänzte Artemis: «Es jauchzt von allen Höhen, alle Hügel lang. Auf Erden, mut ich, ist ein Völkerfest im Schwang.» Mißtrauisch horchte mit den feinen Ohren hin. Apollon: «Anders deut ich mir des Tosens Sinn. Kein Fest ists, eine Hetze! Solchen heißen Eifer Vermag die Freude nicht: so jauchzt der Glaubensgeifer, Wenn mit der Frömmigkeit die Mordgier lechzt dabei.» Und während er noch sprach, erscholl ein Warnungsschrei: «Kehr um, Apoll! Gefahr! Kehr schleunig um! Entflieh! Die Feinde nahen. Hunderttausend zählen sie. Das Gangrenopteros mit Oz dem Aftergotte, Dahinter des Phaulonidas gesamte Flotte Und aller Plattfußvölker mächtige Heeresstärke. Dich in den Grund zu stürzen, haben sie im Werke.» Die Brauen runzelte und auf die Lippen biß Apoll, und mit der Schulter schräg zu Artemis Sich wendend, schickt er ihr die Worte, während stete Er nach dem rätselhaften Qualmgewölbe spähte: «Sag an, mein Liebling, Freundin und Gefährte mein, Willst du in Kampfesnot mein flinker Knappe sein?» «Ei ja, ich will!» «So heb den Deckel ab vom Spind Und rüste mir die stärkste Lanze, die sich findt.» Sie tats. Er selber aber steuert in der Nähe Auf einen Wolkenberg, damit er besser spähe. Und näher immer quoll die finstre Brodelwand. Darüber weht ein roter Strauß von Glutenbrand. Jetzt siehe: aus dem Qualm gespensterhaft erschien Der Kopf von einem feuerfauchenden Kamin. Mit dem Kamin im Gleichschritt zog ein Krähenheer, Das ihn umkreiste wie um einen Galgen her. Horch! Aus dem Innern schallt ein gläubiger Choral, Gekeucht von haßerfüllten Kehlen ohne Zahl: «Dies ist die große Sonne, dieses ist der Oz. Und ist kein andrer Gott als Oz, genannt Koproz. Und ist das einzig echte wahre Sonnenlicht. Denn Oz ist Oz, und andre Sonnen gibt es nicht. Drum steinigt, liebe Brüder, steinigt, schlagt ihn, stäupt Den Gottverächter, den verruchten, der nicht gläubt!» Und als der gläubige Choral verklungen war, Erzitterte die Rauchwand, kreißte und gebar Ein scheußliches Gebrüt, an Zahl unabzusehen, Von Mordgeziefer: Flügelhunden, Elstern, Krähen, Verblümt mit einem Schwarm blutgieriger Zeloten, Die selbst die Hunde an Gehünde überboten. Mit roten Feuerröcklein waren sie geschmückt, Hielten ein Sonnenlänzlein in der Faust gezückt, Das schwangen sie als Banner um den Kopf umher Und schossen hirnlos durch den Weltraum kreuz und quer. Plötzlich, Apoll gewahrend, hielt die Meute stille, Und offnen Rachens keckerte ihr Widerwille. Doch siehe jetzt ein weiß Gesandtenfähnlein lachen! In einem kleinen königlichen Luftballnachen Trieb aus dem Schwarm hervor Kyonops der Zelot, Der feierlich Apollon diesen Gruß entbot: «Weswegen kommst, Apoll, du mit den andern nicht, Zu knieen hinterm großen Sonnenwunderlicht Und mitzusingen: ‹Heilig, heilig ist der Oz, Und ist kein ander Licht als Oz, genannt Koproz?›» «Eh daß ich eurem Sonnenlicht Verehrung zahle, So will zuvor ichs sehn: es zeige, wie es strahle!» «Wenn gegen Warnung du verhärtest deine Seele, Vielleicht daß du gehorchst dem deutlichen Befehle, Im Namen Kakokles' des Priesters steh ich hier, Und Kakokles durch meinen Mund gebietet dir, Daß du dein nichtig Sönnlein, das du prahlend zeigst, Ausblasest, eilends aus dem Dünkelwagen steigst, Fromm hinterm Ozen in den Schweif des Anhangs schwenkend, Bescheiden nach der Pauke deinen Wandel lenkend.» «Wer Kakokles? Ich kenne keinen Kakokles! Was mir ein Ozenpfaff befiehlt, ich spotte des. Ich meine Sonne löschen? Ich dem Oz nachlaufen? Stört euch mein Licht, so mögt ihr Sonnenschirme kaufen!» «Bedenks! Besinn dich wohl! Ist dies dein letztes Wort?» Und schaukelte mit seinem Luftschiffnachen fort. Und näher immerzu und größer immermehr Wankte das unheilschwangre Qualmgebirg daher. Schon unterschied man Feldherrnruf und Waffenklirren, Schon sah man einzelne Pygmäenschifflein schwirren, Indes von einem Ungetüm, das Donner schnob, Entsetztes Luftgewoge Sturmgewitter stob. Jetzt zeigte sich im Schwarzgewölk ein schwärzrer Kern Von Loderpech mit einem roten Augenstern. Da unversehens teilte sich das Schwefelhaus, Und kriegerischen Sprunges aus dem Rauch heraus Mit Pfeifenschrillen und Maschinenzappeln schoß, Den Schnabel in die Höh, das Gangrenopteros, Zwar auf und nieder torkelnd und gefährlich wackelnd, Darauf der Oz, Rußfahnen aus dem Schornstein fackelnd, Augias mit seinen Knechten unterhielt das Feuer; Doch hinten beim Altar, im Heck, zunächst dem Steuer, Umtanzt vom Salamek der Sonnenpriestersippe, Stieg Kakokles mit gottbegeistertem Gewippe Gebetgymnastik auf und ab und her und hin, Die Augen abgewandt, geblendet, wie es schien. Apollon aber, kaum den Oz gewahrend, bäumte In wildem Sprung sich straff empor. Sein Ingrimm schäumte. Den steilen Wolkenberg hinab auf jähen Stegen Fuhr er ins blaue Himmelsfeld, dem Feind entgegen. Und raschen Griffs von ihr, die ihm zur Seite stand, Die wuchtige Lanze raffend aus der feinen Hand, Hob er sie trotzig hoch und schüttelte den Schaft, Und schnaubend schrie sein Zorn mit aller Lungenkraft: «Zuviel des Hohns! Zuviel der unverschämten Scherze! Wie? Wegen diesem Nachtlicht, dieser Unschlittkerze, Ihr Lügenbolde, habt ihr mir befehlen wollen, Mein edles goldnes Feuer hätt ich löschen sollen? Vor dieser jämmerlichen rußigen Stallaterne Müßt ich mich beugen und mich drücken in die Ferne? Heran, ihr Heuchler, sintemal euch Krieg gefällig! Ich nehm ihn an, ich halt euch stand! Apoll ist stellig.» Wenn wer in eines kuglichten Gespinstes Kloß Mit einer dünnen Nadelspitze stochert bloß, So platzt dem Staunenden ein Knäuel Kindersegen Von Spinnenbrut mit wütendem Gesicht entgegen, Der, je nachdem dem giftigen Wunsch der Mut gelingt, Blitzschnell entzappelt oder dir ins Antlitz springt: So ward, als kaum Apoll den trotzigen Hohnruf sprach, Im Plotz die Luft lebendig und die Hölle wach. Wohin er blickte: wilde Augen, rote Rachen. Wohin er hörte: Wolfsgeheul, Hyänenlachen Und teuflisches Gebrüll aus schäumendem Gemäule. Vom Himmel bis zur Erde eine Geifersäule. Erstaunt, aus großen Frageaugen schauend, maß Apoll des giftbetrunknen Unsinns Übermaß: «Ich hätte nie gedacht, daß unterm Himmelszelt Solch eine Sammlung Schurken blühe in der Welt!» Und während immer wüster tobte das Geschrei, Ward seine Seele heiter und sein Lächeln frei. Wider den ganzen Klumpen Bosheit, dummheitsfeist, Warf er sein Selbstgefühl und setzte seinen Geist, Stellte die Lanze neben seinen Fuß zur Ruh, Entwölkte die erzürnte Stirn und schaute zu. Ob dieses Anblicks heitrer Hoheit aber riß Bewundrung auf die Knie zu Boden Artemis: «O Glück, o Seligkeit, o benedeiter Tag, Daß ich Unwürdige dieses Schauspiel schauen mag! Schön warst du, Edler, Herrlicher, als still und groß, Ohn einen Führer, ohne Vorfahr, blindlings, bloß Auf deinen Hochtrieb, deines Dämons Flügelschwung Den Willen stützend, aus der Erde Niederung In Höhen, wo kein Stern und keine Hoffnung grüßte, Gen Himmel stürmtest durch die spurenlose Wüste; Schön, als des Metakosmos Tausendwunderschloß, Das spröde, das noch keinem Auge sich erschloß, Von dir gemahnt, mit Quellensang und Blumenspiel, Den Herrn bekennend, lächelnd dir zu Füßen fiel. Doch schöner, vielmal schöner als das alles noch, Das ist der Zornesblitz aus deinem Augenjoch, Das ist der trotzigen Lippe freudiger Übermut, Den Hohnruf schleudernd in den Haß der Lügenbrut. O höchstes, hehrstes Schauspiel, das die Welt enthält: Ein Großer, widerstehend der gesamten Welt! Ich unnütz Weib! Ich Mißgeburt, von Kraft verlassen! Wie darf, wie wag ichs, solche Größe zu erfassen! Nicht knien! Zu wenig: fußtief in den Boden sinken! Anbetend deiner Taten Ruhm und Abglanz trinken! Nicht dich, nur deinen Schatten, deine Spur umarmen! Halt ein, Apoll! Zu reich, zu viel der Gunst mir Armen! Mit deinem Riesengange, deinem Heldentritt Hält mein Gedanke, meine Ahnung nicht mehr Schritt.» Doch weh mir! Was für unheilvolle Klagetöne Kommen gegurgelt aus dem Ozkamingekröne? Es ächzt, es stöhnt, es schnauft wie Orgelpfeifensausen, Und alle Plattfußvölker packt andächtig Grausen. Das ist der Oz Koproz, der dies Miauen mundet, Weil von Apollons Gotteslästerung verwundet. Versteh: kraft einem unsichtbaren Apparat Am Knie spielt Kakokles das Orgelstück am Draht. Ein Zuck, so schneuzt es. Während vor Bekümmernis Zu gleicher Zeit er sich im Haar und Barte riß Und mit den Fäusten, also stark er es vermochte, Den Busen vor Entsetzen hämmerte und pochte. Den Paukenpfaffen winkt er mit den Augen harsch Ein Zwinkern, da ertönt ein dumpfer Trauermarsch. Die Priester hieß er sich zum Femgericht vereinen, Schluckte die Tränen, wimmert und begann zu greinen: «Hüter des heiligen Feuers, euer Amt verrichtet! Apollon klag ich an, merkt auf, ermeßt und richtet. Was ist die Strafe, welches das verdiente Los Des Frevlers, der ohn Anlaß, aus Verruchtheit bloß, Weil er nicht Frömmigkeit, noch Scheu und Ehrfurcht kennt, Die Gottheit lästert und den Ozen Unschlitt nennt?» Die Priester rasselten mit ihren Sonnenblechen: «Für solch ein unerhörtes greuliches Verbrechen», Urteilten sie, «schafft Wahl und Zweifel uns nicht Not. Die Strafe solchen Frevels lautet: Fluch und Tod.» Aufrichtete sich Kakokles, erhob die Stimme Und rief in alle Welt mit schmerzempörtem Grimme: «Ich, Kakokles, als Sonnendiener, der ich bin, Gemäß dem Richterspruch, geschehen über ihn, Erkläre – kundzutun den Erdenvölkern allen – Apollon für entthront, verflucht, dem Tod verfallen. Phaulonidas! Das Urteil ist zu Recht gediehn. Dein ist das Amt, es scharf und peinlich zu vollziehn.» Und alsobald begannen auf des Kriegsherrn Zeichen Die Schifflein der Pygmäen um Apoll zu schleichen. Da sprach Apoll zu seinem Dämon: «Eine Frage: Ist auch Vernunft dabei, antworte mir und sage, Schafherzig mit verschränkten Armen abzuwarten, Bis diese Frommen insgesamt zum Angriff starten? Wie wär es, oder würdest du es Sünde nennen, Dem Oberheuchler Kakokles eins aufzubrennen?» Der Dämon sprach: «Brenn auf! Ich kanns nicht Sünde nennen!» Blickfeuer züngelnd aus den Augen, wandte sich Apoll zu seiner Lanze: «Auf! Die Wahrheit sprich: Bist du bereit? Hab ich Verlaß? Kannst du mir bürgen Für sichern Schuß?» Die Lanze flehte: «Würgen! würgen!» «Doch daß du mir nicht schlinkerst mit dem Schaft – verstehst? – Und seitwärts trottelst oder Zickzacksprünge drehst, Gleich einem Buben, dem die ungewohnte Gere Windschief zum Ziele pendelt, schlottrig, in die Quere! Fest in der Richtung, strenge federnd, daß es saust!» Er bog den Arm: aufflog die Waffe mit der Faust In Waagestellung. «Warte!» flüsterte die Hast Der Lanze: «Warte! Weiter hinten angefaßt!» Drum, Ruck um Ruck die Stange vorwärtswürfelnd, fing Er weiter hinten, bis sie vorn herunterhing. Dann mit dem Arm nach hinten mächtig ausgerückt, Die Muskeln strammgestreckt, den Spitz hinaufgedrückt. «Ich habs! Beide zusammen! Achtung! Herzhaft! Heil!» Und kräftig nahm der Schuß den Bogen, steif und steil. Aufsprang, vom Boden schnellend, Artemis, begierig, Ob ihm der Wurf gelungen. Zweifel. Hoffnung schwierig. Weit aus dem Wagen lag sie, Mund und Augen offen. Ein Sprung, ein Jubelruf: «Glück auf, Apoll! Getroffen! Der Heuchler Kakokles! Sieh, wie er zuckt und stampft, Wie er den Halt verliert, um den Altar sich krampft!» So Artemis. Und ihrer Meldung stimmte bei Vom Gangrenopteros der Truppen Wehgeschrei. Dann im Geschwindlauf flog die Mär von Mund zu Mund: «Der Liebling ist gefallen, Kakokles ist wund!» Erst schlug die Überraschung die Empörung nieder, Die Zungen lähmend und die schreckerstarrten Glieder. Dann plötzlich brandete die Rache schäumend auf. «Tod über ihn, den Mörder!» scholls im Feuerlauf. Und ungeheißen stürzte sich der ganze Bann Der Plattfußvölker auf Apollon wie ein Mann. Pygmäen suchten mit gekrümmten Hakenstangen Der ihm ein Bein und jener einen Arm zu fangen. Andre, mit Netzen ausgerüstet oder Schlingen, Vermeinten hinterrücks den Hals ihm zu umringen. Die meisten allerdings, von klügerem Kaliber, Bewiesen ihre Tapferkeit von weitem lieber. Die warfen nach Apollons Kopf mit Mützen, Säcken Und Bienenkörben, in den Käfig ihn zu stecken. Auch Flugsand kam, um ihm die Augen zu verblenden. Sie konnten ihren pfiffigen Vorsatz nicht vollenden. Denn öfters zwang Apollons Lanze, da er kühl Und ruhig äugte durch das tobende Gewühl, Den Feind zu überstürzter Flucht und stets zur Hut. Wen er zum Ziel sich auserkoren, traf er gut. Und lieber als den dreisten Frechling wählt er gerne Die feigen Hintermänner, keifend aus der Ferne. Und Artemis, unwillig, daß zum niedern Amt Des Waffendienstes bloß ihr Eifer sei verdammt, Griff Bogen, Pfeil und Köcher, übersprang die Schwelle Des Wagens, und als hochgemuter Kampfgeselle Half sie dem Freund im Streite, um die Räder kreisend, Den vordersten den straff gespannten Bogen weisend; Und ab und zu, zum Beispiel, dem Vermerk zu Handen, Schoß sie die Eifrigsten, Gefährlichsten zuschanden. Also mit wenigen Schüssen, aber wohlgezielt, Erzwangens beide, daß der Ansturm Abstand hielt. Da zischelte zum Erdenwind der Himmelswind: «Zeig, komm! Ich muß dir etwas sagen. Komm geschwind! Meinst du, ich wolle feig und faul mit leeren Backen Zugucken, wie die Zwerge den Titanen zwacken? Es ist uns zwar, ich weiß, verboten. Einerlei: Was mich betrifft, ich nehme für Apoll Partei. Es geht zuletzt auch uns an. Oder wär dirs gleich – Mir nicht! – im blauen, saubern, fleckenlosen Reich Der Lüfte an Apolls und seiner Freundin Statt, Die anzuschaun man seine Herzeweide hat, Ein niederträchtig, krötig Sumpfgeschmeiß, pfui Teufel, Mitanzusehn und einzuatmen ihr Geschnäufel? Komm, laß uns das Gelichter auseinanderblasen!» Gesagt, und schnell gefüllt die Backen und die Nasen, Versetzten sie vereinter Kraft mit Nies und Hust Den Zwergenschifflein einen sturmgeladnen Pust. «Hilf, hilf!» Ein Dritteil aller Schifflein umgekehrt, Die Zwergenware halskopfüber ausgeleert, Der Rest versprengt wie auf dem Tenn die Spreu der Gerste – Genug. Vor den Pygmäen hat man Ruh fürs erste. Da siehe! Überraschung einer neuen Tücke. Aus einem schlau verborgenen Maschinenstücke Des Luftschiffs kamen dicke Wasserbombenschüsse Herangespritzt und schmutzige Regenflutengüsse, Verziert mit toten Ratten und lebendigen Fröschen, Ob sie damit die Sonne, hoff ich, möchten löschen. «Was soll mir», höhnt Apoll, «die kindische Wasserkanne? Behaltet selber eure Fröschebadewanne!» Zwei Kolben, eine Kurbel hin und her gerückt, Hierauf mit weiser Hand auf einen Knopf gedrückt: Und leuchtend aus der Sonne schoß mit Blitzesschnelle Dem Feind entgegen eine breite Strahlenwelle. Welch Hindernis sie traf auf ihrer Feuerstraße, Dient ihrem heißen Löwenmaul zum spöttischen Fraße. Die Wasserflut, in Dämpfe aufgelöst zuerst, Zurückgeschleudert, falls ein Dampfbad du begehrst. Dann gegen das Besatzungsheer den Strahl gewendet, Ihnen den Blick verwirrt, das Augenlicht geblendet Und ihre bleichen Sumpfgesichter braun gebraten. Da konnte weder Abwehr weder Schutz geraten. Ein zornig Schmerzgeschrei, ein toller Zappeltanz Begab sich längs dem Deck vom Bugspriet bis zum Schwanz. Mit Bitten hier, und dort mit heftigen Drohgebärden Suchte Phaulonidas des Aufruhrs Herr zu werden. Umsonst! War niemand zum Gehorsam mehr erbötig. Ein einziger, tausendstimmiger Ruf: «Zurück ist nötig!» Man lief ans Steuer, stellte die Maschinen. Stopp! Ein Ruck, ein Wank, im Kreis herum ein Kuhgalopp – Dann plötzlich gleich dem Walfisch, der, vom Spieß geritzt, Kopfüber in die Tiefe taucht und Wasser spritzt, Entlief das Gangrenopteros, und Ströme Peche Entwichen seinem Schlot vor Angst und Magenschwäche. Ihm nach Apoll, dem halber Sieg nicht ganz behagt, Und donnernd durch den Luftraum raste Flucht und Jagd. Doch Kakokles, dem schon des Todes Dämmerschatten Den Blick verdüstert und den Geist umschleiert hatten, Als er, geweckt vom Notgezeter, das geschah, Apollons fürstliche Gestalt anstürmen sah, Im Strahlenglanze, Sieg auf seinem Scheitel schwebend, Die Freundin ihm zu Füßen, Lieb und Ehrfurcht bebend, Und hinter ihm am Horizont in blauer Ferne Der Metakosmosgärten farbige Augensterne: Da ward der Wunde Schmerz, des nahen Todes Leid Verdrängt von einem jähen namenlosen Neid. Und auf den alten pfropfend einen frischen Haß, Wühlt er jähsputig in des Busens Bosheitsfaß, Ob er nicht irgendwo in seiner Denkerei Erfinden möcht ein hübsch getüpfelt Teufelsei, Womit zum frommen Nachlaß nach dem eignen Sterben Apoll er schädigen könnt und, wills das Glück, verderben. «Gefunden! Licht!» Mit flehentlichem Fingerwink Holt Augias er herbei. Und Augias nahte flink. «Lauf hurtig, Augias, sput dich! Einen Stöpsel hasche Aus festem Kork und eine buchtige Weingeistflasche. Sobald die Seele mir beim jüngsten Atemzug Entfährt, so fang sie in die Flasche auf im Flug, Dann augenblicklich mit dem Stöpsel kork sie zu, Und in den Herd der Sonnenküche wirfst es du.» Den Spruch vermachte Kakokles. Worauf er jach Geknickt vornüberstürzt und tot zu Boden brach. Und Augias heimste mit dem bauchigen Flaschenschlund Geschwind dem Kakokles die Seele aus dem Mund, Verkorkte fieberhaft den Flaschenhals im Nu Und rannte mit dem Schatz dem Sonnenhafen zu. Kaum daß die Flasche in den Herd geschleudert war, Ward eine schauerliche Bratenschweize gar, Und oben aus des Ozen zügigem Kamin Kam jetzt die fürchterlichste Nasenmedizin, Die je seit Anbeginn der Welt ein Haupt gerochen, In unbarmherzigem Strudelstrom hervorgekrochen. Beschreiben läßt sichs nicht, ein Gleichnis kostet Mühe: Nicht Rauch, nicht Schlacke, eine zähe Teufelsbrühe. Und statt sich zu vermindern, kams beharrlich mehr, Ein unerschöpflich quellend schwarzes Sprudelmeer. Vor dieser Lava flüchtete das Tageslicht. Die tapfre Sonne selber leistete Verzicht, Die zähen Wogen, die den Flammenatem scheuchten, Mit ihren Strahlen zu durchdringen und durchleuchten, Zufrieden, daß dem giftigen Gemüs sie rote Gespenstige Brandmalzeichen spucks ins Wappen lohte. So wälzten sich mit Nacht vermählt die Pestilenzen Haltlos bis in den fernsten Weltraum ohne Grenzen. Du meinst, Plattfüßler und Pygmäen, so beschert, Wären entsetzt da von gestoben? Umgekehrt! Gleich wie in einem Nahrungsschleim, wofür ich dankte, Vor dessen Anblick schon ein braver Mann erkrankte, Myriaden schwänzelnder Mikroben und Bakteren Vergnüglich schwimmen und gedeihlich sich vermehren, So ward in diesem schauerlichen Alkohol Den sumpfgebornen Unkenseelen innig wohl. Und turnten mit den Muskeln, protzten mit der Brust Und schlugen Purzelbaum vor üppiger Lebenslust. Vergessen war die Niederlage. Trunkner Mut Berauschte zur Verwegenheit die Tümpelbrut. Und keckgelaunt begannen sie die zweite Schlacht, Diesmal im Schutz der Pestilenz und Mitternacht. Anders Apollon. Kaum daß seine Nüster nur Den Vorschmack dieses gräßlichen Gerichts erfuhr, So prallt er, von gewaltgem Ekel übermannt, Schaudernd zurück, sich klammernd an die Wagenwand. Dann aber, als er plötzlich in dem Höllenquarke Ahnend erkannte Kakokles' verruchte Marke Und witterte die Absicht, wie sie war gemeint, Und sah den schon geschlagnen und vertriebnen Feind Aufs neu mit wölfischem Geheul und Fuchsgekicher Frecher als eh zum Angriff stürmen siegessicher, Verwandelte sein Ekel sich in Raserei. Und grimmig forderte sein haßerfüllter Schrei: «Ihr Feigewichter, Fäulnisbolde, schmutzgeschaffen, Sind das, ihr neidgeschwollnen Zwerge, eure Waffen? Mit solchen Stänkern soll ein ehrlicher Titan Ums Dasein fechten? Komm denn, Arbeit, sei getan!» Und leidenschaftlich abgeschleudert, zornesheftig Flog seine Lanze in die Haufen, mordgeschäftig. Allein weil nun den Feind verbarg die Finsternis, Zielt er ins Blinde, aufs Gehör hin, ungewiß; Und allzu häufig gab aus tausendstimmigem Mund Ein Hohngelächter ihm von einem Fehlschuß kund. Und jetzt versagt auch schon dem Helden nach und nach Der Odem, dem der Trank der Lebensluft gebrach. Oft hielt er inne, seiner Sinne nicht mehr mächtig, Gelähmt, zu kämpfen nicht, zu atmen nur bedächtig. Und mit Betrübnis nahm der Freundin Auge wahr, Wie er mitunter taumelte und wankte gar. Sonst, wenn des Weibes Herz, zum Mitleid allzeit fertig, Krankheit vermutet oder Ohnmacht gegenwärtig, Eilt sie geschwind zur Stelle, ob sie unterstütze Oder den Dulder hebe oder sonstwie nütze, Und selbstvergessen auf die Knie zu Boden kauernd, Jetzt mahnend, jetzt mit sanftem Klagelaut bedauernd, Weiß sie mit ihren zartgeschäftigen Pflegerhänden Nicht Hilfe bloß allein, auch Trost und Mut zu spenden. Nicht also Artemis. Den Glauben ihr zu rauben, Das konnt ihr Stolz sogar dem Mitleid nicht erlauben. Ein andres tat sie: ihre Trauer niederzwingend, Umlief sie lachend, überm Kopf den Bogen schwingend, In schnellem Sprung den Wagen wie im Siegesreigen, Und wie zum Tanze ließ sie ihre Kniee steigen, Bis daß sie, mühsam freilich und geflissentlich, Ein Lächeln auf des Freundes Lippen sich erschlich. Doch auch dem Feindesauge blieben nicht verborgen Apollons Nöte, seine schweren Atemsorgen. Von jubelndem Triumph ein donnerndes «Glückauf!» Durchflog das hässige Heer wie Sturm und Feuerlauf. «Er wankt, seht hin! er ächzt, er taumelt, er verendet! Drum alle Kräfte zur Entscheidung! Frisch! Vollendet!» Das war der Lanzen letzte. Ihr vermacht Apoll Zum Abschied seinen bittern schmerzdurchzuckten Groll: «Du meine einzige, letzte Waffe, höre mich! Jetzt keinen Fehlschuß, Mitleid, ich beschwöre dich. Nichts bleibt dem Manne, welcher, herrschte Maß und Recht In dieser Welt, und wär sie nicht so feig und schlecht, An König Zeus' erhabner Stelle drohend säße Und gnädig allem Leben die Gesetze mäße, Als noch die Hoffnung, einem dieser Schmutzgesellen Sein belfernd Hohngelächter gründlich zu vergällen. 's ist ein bescheidner Wunsch, das mußt du selber sagen, Du kannst es nicht vermögen, mir ihn abzuschlagen.» Und zielt und zielte . . . konnte doch sich nie entschließen, Die äußerste, die letzte Notwehr zu verschießen. Ein neues! Unten von der Erde, aus dem Tal, Stieg in die Luft von Flößen eine große Zahl, Und ihren Kriegsruf jauchzten sie in Menschensprache. Wem gilt die Hilfe? Welchem ihre Widersache? Pfui Überraschung! Ihm ists, dem sie Feindschaft zollen! Ihm, dem Bedrängten, den sie mitverderben wollen! Da fuhr Apoll der Ekel nicht mehr in die Nase: Ins Herz, und aus dem Herzen in die Gallenblase. Verachtung übernahm ihn, fühllos ward sein Sinn, Und weit die Waffe von sich werfend, gleich wohin: «Wenns also ist, wenns wirklich also ist bestellt In diesem Gastopf, dieser sogenannten Welt, Daß ein Friedfertiger einzig deshalb und allein, Weil er nicht niederträchtig ist und plattgemein, Dem Haß des ganzen Lebensviehstands ausgesetzt, Wird wie ein Wild im Wald von Wutgefletsch gehetzt, Wenn den Titanen übermag der Lumpenhauf, Wenn Feigheit Trumpf, wenn Bosheit schaukelt obenauf, Dann kann ich ohne Reue von dem Kumpel scheiden, Die Ehre dieser Kameradschaft mag ich meiden. Mein Herz ist müd. Komm her, Vernichtung, hol dein Recht! Denn die – denn die Gesellschaft wahrlich ist zu schlecht!» So sprechend stemmt er seine Fäuste in die Hüfte Und spuckte nach dem Weltall dreimal in die Lüfte. Da siehe: Artemis, die ihm zur Seite glitt Und freien Blickes, freudestrahlend: «Halt! Ich mit! Sonst flieh ich in den tiefsten Schatten demutwillig; Doch gilts zu sterben, ist der Ehrenplatz mir billig. O heilige Stunde, andachtschaurig, hochmutreich! In diesem Augenblick, Apollon, stehn wir gleich!» Doch welch ein Geist, herrisch das siegestrunkne Heer Der Feinde teilend, schwebt jetzt riesengroß daher? Apollons Dämon. Einen Becher in der Hand, Neigt er sich vor, und, freundlich zu Apoll gewandt, Sprach er ihm zu und bot den Trank ihm gastlich dar. Und kaum vom Becherrand gekostet: wunderbar! Da waren Ekel, Bitterkeit und Atembangen Vom lebenskräftigen Labetrunk mit eins vergangen, Und von den Perlengarben, quirlend aus dem Schaum Des Bechers, puffte Demantsprühlicht in den Raum, So daß als wie von einer Ätherblitzoase Umringt, der Held den Hauch der todesschwangern Gase, Der ihn umwölkte, unbeschädigt jetzt bestand, Genesung schöpfte und die Hoffnung wiederfand. Die Hoffnung nicht allein, den grimmen Kampfzorn mit, Der Rache heischte für die Schmach, die er erlitt, Und den wie Schlag ins Feuer lichterloh empörte Das tolle Siegesjauchzen, das er ringsum hörte. Sein Auge lauerte: nach welcher Richtung schießen, Daß ihm die Rache möcht am tödlichsten ersprießen? Da horch! Gesang vom nachtumhüllten Schiff herbei Und Plattfußreigenstampfen, Dudeln und Schalmei: «Juchhui! Jetzt kommt das Plattfußregiment in Kraft! Da wird der Himmel und die Sonne abgeschafft. Die Hügel und die Berge werden wir entfernen, Und der Olympier muß den Tümpelplattschritt lernen!» «Geduld! nicht solche Hast!» hohnlacht Apoll: «Zu frühe Verkötert ihr die Welt! Spart die Prophetenmühe!» Und aufs Gehör hin, nach der Richtung, wo der Chor Der zukunftsseligen Plattfußvölker scholl hervor, Dreht er das Steuer, daß der Wagenspitz als Keil Und Ramm entgegenlief dem Luftschiffmittelteil. «Jetzt Obacht, Artemis! Die Füße aufgestemmt! Halt fest an mir, den Arm um meinen Hals geklemmt!» Und früher als vermutet, eher als versehn, War schon des Feindes nächste Gegenwart geschehn: Ein riesig Schiffsgespenst, von Feuerodem schwül, Drin tobte der Besatzung festliches Gewühl, Unsinnige Siegestänze stampfend auf der Stelle, Und Augias, lustig feuerwerkend mit der Kelle. Die Augenlider schloß vor Schrecken unbewußt Die Jungfrau Artemis. Und an die mächtige Brust Des Freundes schmiegte sie die bleiche Stirn entsetzt. «Nicht bangen! Nur den Arm nicht lösen! Mutig! Jetzt!!» Ein Prall, ein Krach, ein Prasseln. Dann vom Gegenstoß Ein schwindelnd Auf- und Niederschwanken. «Halt dich bloß!» Nun Splitterregen, Masten-, Schornsteintrümmerfall, Durch Feuergarben schmetternd. Dann ein Donnerknall, Ein Platz, als oh die Welt den Untergang gefunden. Wo ist das Gangrenopteros? Geh such! – Verschwunden! Es wäre denn, daß Brander, die zur Erde fuhren, Bedeuteten des Sonnenstürmers letzte Spuren, Atome bloß der einstigen prahlerischen Masse . . . Indessen siegreich aus der wüsten Todesgasse, Den Wolkenhang durchschneidend, der nach hinten bauschte, Die Sonne heil mit jungem Strahlenglanze rauschte. Vor ihrem Atem sprang im Rauchdampf eine Kluft, Dahinter – Gruß dir! – blüht ein Flecklein blauer Luft. Darob begann mit wundersamen Glockentönen Das stumme Sonnengold ein Heldenlied zu dröhnen, Wie tausend Tuben und Trompeten so gewaltig, Doch nicht im Dreiklang, vielmal besser: dutzendfaltig, So daß das fernste Erdental erlöst vernahm, Daß siegreich aus dem Krieg Apollon wiederkam. Und jetzt, vom Feind befreit, gerettet, heilsgewiß, Schauten einander an Apoll und Artemis, Vermählend ihr Gefühl und preisend ihr Geschick. Allein kein Händedruck, kein inniger Liebesblick Beschloß ihr neues Freundschaftsbündnis. Denn zu heiß Noch wallt ihr Blut vom kriegerischen Mörderfleiß, Zu stürmisch wogt ihr Atem ob der grimmen Rache. Der Kampfmut wollte eine kühnre, wildre Sprache, Die Sprache, die zur Pantherin der Panther braucht, Wenn er den Willkomm ihr aus blutigem Maule faucht: Sie tauschten ihren Heldenatem. Beide fanden Genügen in dem Gruß, weil beide sich verstanden. Da horch! Trompetenruf. Ein weißgewandet Heer Von Flügelreitern saust im Sturmgalopp daher, Die Schwerter hoch, mit schwingendem Gesang und Fahnen: Von Metakosmos sinds Apollons Untertanen, Die, weil verspätet, hitziger zum Dienst bereit, Die Nachtragarbeit leisten zum entschiednen Streit. Wo ein Geschwader noch bestand, im Weichen träge, Oder sich sammelte, die warf ihr Schwertgefege Kopfüber; wo sich Waffen zeigten, Häupter hoben, Das ritten sie zu Tal, im Sprunggalopp von oben. Sie litten keine Rottung, sprengten jeden Hauf. «Ich halt: die Luft muß sauber sein!» Sie räumten auf. Und als der Feind verjagt, des Trümmerwaldes Lohe Im Tal verkohlt, verglommen war, umritt die frohe Gefolgschaft jauchzend das vermählte Siegespaar, Und Degengrüße brachten sie dem Fürsten dar: «Heil dir, Apoll, und schuldigen Gehorsam dir! Aus deinem Mund den Urteilsspruch erwarten wir, Ob du den Helferdienst, gewollt mehr als getan, Huldreich mit gnadenvollen Augen schauest an Oder die späten Freunde unmutvoll verachtest. Genehm: wir beugen uns, was immer du erachtest.» «Dank hab ich», gab Apoll zurück, «ein Urteil nicht! Nie kommt zu spät ein treues Freundesangesicht. Wohltat dem Herzen, nach dem Tausendschurkengraus Im gift- und haßerfüllten Höllenhinterhaus Ein offen Aug und eine edle Stirn zu schauen, An einer guten Stimme Klang sich zu erbauen! Drum, liebe Freunde, eine Bitte laßt mir gnaden: Laßt mich ein Weilchen noch in eurem Anblick baden.» Demalso ritten ihrem Fürsten sie zur Seite, Im Schritt des Sonnenlaufs als ehrendes Geleite, Bis daß des Akrolympos dunkle Wälderkränze Auftauchten und der grünen Matten duftige Lenze. Und als sie grüßend heimwärts wendeten den Flug, Da wars in Adlerhöhn ein Schwanenreisezug. Doch talwärts schauend auf die brandige Schlachtfeldstätte, Wo tausend Leichen staunten aus dem Totenbette Und Klagen jammerten, vom Wind heraufgeweht, Erhob Apoll die ernste Seele zum Gebet: «Der König aller Wünsche, die mein Herz geschwungen, Der Trost, womit ich jede Widerwart bezwungen, Er hieß, daß meine Hand kein lebend Blut vergieße, Daß meinetwegen keines Auges Träne fließe. Es ward mir nicht vergönnt. Als Held im Kampfe, ja. Das heißt als Lebenstöter steh ich trauernd da! Den blutigen Makel aber, der mich nun befleckt, Den werf ich jenem, der die böse Welt geheckt, Er heiße, wie er mag, ins Antlitz schimpflich zu. Mein grausam Werk ist dein. Der Schuldige bist du, Wenn selbst der Friedlichste sich härten muß zum Mann, Weil der nicht Duldung findet, der nicht töten kann.» So betet er. Und einen Totensegen sprach Er über die Gefallnen. Seinen Spruch durchbrach Ein Jubelsturmgewitter, das den Helden zweien Entgegengrüßten heimatliche Völkerreihen. Von allen Höhen des Olympos jauchzten sie, Von jeder Warte, wo ein Ausblick nur gedieh. Wohin das Auge schaute, Freunde allerorten! Sieh: Hermes hier, und Aphrodite, Pallas dorten. Zeus auf der Zinne seines Schlosses neigte sich, Die Hand zur Stirne führend, demutköniglich. Aus einem Maien schickte Hera Zaus für Zaus Holdlächelnd Blumenblätter in die Luft hinaus. Und Festgesang und Teppichschwang von allen Enden. Apollon deutete mit hocherhobnen Händen Allen den Dank und manchem seinen Wink zurück. Allein zu heftig schrie das ungestüme Glück, Zu enge wars im überfüllten Blick gefangen. Kein Riegel: Tränen stürzten über seine Wangen. Und tiefen Atemzugs die mächtige Brust geweitet, Die Freundesarme allumschließend ausgebreitet: «Wohl mir! Wie sind auf Erden noch der Edlen viel! Kommt alle, alle! Keiner fehle! Nie zuviel!» Vierter Teil: Der hohen Zeit Ende Erster Gesang Aphrodite                           Aufwachend blinzelt eines Morgens Aphrodite: «Charis, das war ein schöner Traum! Mir träumt, ich glitte Halb schwebend und halb schwimmend durch den rosigen Raum So sanft wie auf der Schaukel und so leicht wie Flaum. Sphärengesang umwogte mich und Sternenball, Um mich zu fangen, zappelten die Götter all. Plötzlich erschien – wer meinst du, Charis? Rate: wer?» «Apoll?» «Nein, höher!» «Also Zeus?» «Nein, auch nicht der: Ananke selbst. Auf einer Kugel ganz von Gold Kam rittlings er den Sternenweg herabgerollt. Am Rücken hatt er eine Hotte angeschnallt, Und statt des Steuers lenkt er mit dem Absatz halt. Kaum mich erblickt, verneigt er sich und grüßte mich Und hielt die Kugel an: ‹Steig ein!› Natürlich ich Ihm in die Hotte, mit den Armen ihn umhalst, Dann – ‹Platz da! Hupsassa!› – die Welt hinabgewalzt. Je nach dem Zipfel, daß ich ihn am Barte zog, Warf gegen Sonne oder Mond, wohin er bog. Und weil ich ihm die Stirne streichelte manchmal, Gelang mir, daß ich ihm die Herrscherbinde stahl. Doch melde, Charis: ist der Morgen spät am Tag? Und wie verhält sichs mit dem Wetter heute? Sag!» Charis verkündete: «Noch glänzt im Gras der Tau, Und wolkenlosen Frühling atmen Feld und Au.» Ungläubig hörte, zweifelnd, Aphrodite dies. Doch wie sie nun die Fensterläden dannen stieß, Prallt ihr von Himmelblau und Blust und Lerchensang Ein Schwall ins Antlitz, daß es ihr den Odem zwang. Aufschnellte sie: «Charis, geschwind die Morgenspeise, Die Schuhe und den Wanderrock.!» «Wohin die Reise?» «Weiß nicht. Hinab ins Tal, nach Erden, in die Ferne, Wohin der Mut mir zündet und die Augensterne.» Flink schafften Charis' Hände das Geheischte dar. Und kaum daß Aphrodite reisefertig war, Entschlüpfte sie dem Haus. Dann schräg ins Feld behende Enteilend durch das lerchenjubelnde Gelände, Gelangt in Bälde sie zum heißen Erdbeersitz Am äußersten Olymp, am letzten Waldesspitz. Drei Wege stürzten zwischen harzigen Tannengrotzen Erdwärts ins Tal hinab auf schwindelhaften Stotzen. Zwei lagen türweit offen, einer war versperrt Von einem Holzverschlag, mit Strauchwerk durchgezerrt. Ein Strohwisch hing dabei, gepfropft auf eine Stange, Und eine Tafel machte der Versuchung bange Mit barscher Warnung, die darauf geschrieben stand: «Achtung! Verbotner Durchgang! Weg ins Menschenland!» Scheu sah sie um sich, lauschte mit gespanntem Ohr. Nichts regte sich. Da schlich sie zu dem Strohwisch vor Und hielt nachdenklich vor der Warnungstafel still. «Bewahr! Nicht daß ich nach dem Menschenlande will! Nur frag ich mich, was ein Verbot für Bürgschaft beut, Ist keine Buße für Umgehung angedräut.» Dann prüfte sie das Sperrwerk, zog es wider sich Und stieß es dannen. «Hudelarbeit! Liederlich! Wer das gezimmert hat, verdiente das Verzeigen. Da könnte jeder, der da mag, hinübersteigen. Das glaubt ihr nicht? Ich wills euch gleich beweisen!» Jung! Die Hände aufgestemmt, und drüben war ihr Schwung.' «Nur gut, daß nicht schon längst ein anderer statt mir Auf diesen schlauen Einfall kam! Mich wunderts schier, Ein Glück für euch! Denn einer einmal nur so weit, So war ins Menschenland ihm eine Kleinigkeit. So zeigt mir eine Schranke, nennt ein Hindernis! Laß sehn!» Und schwenkte in die Felsendüsternis. Kein Laut, kein Leben um und um, kein Sonnenstrahl, Nur eines Kuckucks Glockenruf vom tiefen Tal. «Jetzt, ob man einige zwanzig Schritte oder nicht Etwa den Weg hinabläuft, fällt nicht ins Gewicht. Die Umkehr steht ja immer frei.» Gedacht, und sprang Den schattenkühlen Pfad hinab am Bergeshang. Hei Wollust! Wieviel köstlicher im Grunde doch Verbotne Luft als Veilchen oder Rosen roch! Genesend schlürfte sie mit gierigen Nasenzügen Der Sünde heimlichsüßes, inniges Vergnügen. Aus tiefstem Mund, die Hände pressend vor die Brust, Die Lippen offen, sog sie Abenteuerlust. Bis der erlabte Atem gab die Stimme frei Und durch die stummen Hallen trotzt ihr mutiger Schrei. O Schreck, davor ihr fast das Herzblut stille stand! Bei einem kurzen Rank um eine steile Wand Kam ihr von unten, kletternd auf den Ziegenstegen, Auf seinem Einhorn reitend, plötzlich Pan entgegen. Rückwärts zu flüchten wars zu spät, und seitwärts glückte Kein Ausschlupf zwischen Fels und Abgrund. Also drückte Sie sich an einen Stamm, bis er vorüberzog. «Schön guten Morgen! Prächtiges Wetter heute!» flog Ihr Anruf: «Doch Verzeihung, Meister, eine Frage: Ist dies der richtige Fußweg nach der Erde? Sage!» Mit klugen Augen schaute Pan ihr ins Gesicht Und blinzelte ein wenig. Antwort gab er nicht. Indes das Einhorn, während es vorübertrappte, Nach hinten schielte und mit beiden Ohren knappte. Sie aber, um den Schreck ein wenig auszugleichen, Verhöhnte hinterm Rücken Pan mit spöttischen Zeichen, Schlug seinen unbequemen Blick sich aus dem Sinn Und sprang erleichterten Gemüts des Wegs dahin, Tralli, tralla, gemäß dem Takt der Melodie. «So mühelos, so herrlich federt ich noch nie!» Drum also lustig vorwärts, Zeit ist ja genug! Bis daß mit einmal unvermutet – o Betrug! – Sie auf ein Bödelein geriet, wo in die keusche Waldschweigsamkeit von draußen Stimmenlärmgeräusche Von einem nahen Hause ihr zu Ohren drangen: Anrufe, Reden, welche durcheinanderklangen. Umsichtig teilte sie das Buschwerk, zu erfahren, Welch eine Wohnung ihr gelänge zu gewahren. Und siehe: hinter einer kleinen, frisch gemähten Waldwiese war ein Park mit Spiel- und Turngeräten. Jenseits des Parkes, überm Ulmenwipfelkranz, Tändelt ein rotes Fähnlein in der Lüfte Tanz. Ein Giebel sah hervor; am Dachfirst rechts daneben Lud eine Inschrift ein: «Gasthof zum Menschenleben». Neulüstern schob den Fuß sie hinterm Waldessaum Geduckten Nackens, auf den Zehen, atmend kaum, Dem Haus entlang: ob ihr vielleicht durch eine Lücke Des Gartens Einsicht in den Gasthofhaushalt glücke. Jetzt schob sich unterm Dachsims an der Mauerfläche Ein Wandgemäld in Sicht. «Laß sehen, was es spreche! Der Maler schildert, scheint mir, wenn ich richtig ahne, Die Völkerstraße, wo die lange Karawane Der Pflanzen und die ungeborne Kreatur Der Tier und Menschen aus dem Werkhof der Natur Ungern und zaudernd nach dem Erdentale schreitet, Von ungeduldigen Engeln links und rechts begleitet . . . Was schiert mich das? Komm, Aphro! Leise! Ziehn wir weiter!» Ah jetzt! Jetzt kommt das Haus hervor im Tagesheiter. Die Tür, der Saal, die Küche, ein Altan ist da! Und dort, o Spaß! lebendige Leute, die sie sah: Kurgäste, welche mit behaglichen Gefühlen Sich auf der Laube schaukelten in Wackelstühlen, Bedient von einer abgefeimten Gaunerschar Von Kellnerinnen, lieblich anzuschauen zwar, Selbst jung von ferne; freilich stark geschminkt, ich glaube. Die einen hatten Rosaschleifen in der Haube, Die ändern wasserblaue Bänder vorn am Mieder Und alle Engelsfittiche von Gansgefieder. Im Garten kroch ein Trüpplein Kranker auf und nieder, Gestützt auf Alpenstöcke, welche statt dem Knopf Am obern Ende wiesen einen Totenkopf; Indes auf einem alten, gichtischen Klavier Im Speisesaal, verstimmt und ohne Tasten schier, Ein beinernes Geripp mit klappernden Akkorden Sich steifte, falsch im Takt, den Totentanz zu morden. «Halt! Seh ich recht?! – Nein, Ziegen sinds; der Anschein trog. Das Einhorn Pans, fast meint ich, tränk am Brunnentrog.» Gebannten Blicks, ergötzt, vergnügt, von Spott beglückt, Verfolgte sie vom Walde, hinterm Busch gebückt, Den spaßigen Spuk, so sehr von Wundergier besessen, Daß sie – «was tust du?» – Beifall klatschte im Vergessen. Dann trieb sie weiter, talwärts, unterm Haus vorbei, Durch neuen Wald, ins fremde Land, wohin es sei. Jetzt ward es lichter, durch die Blätter mehr und mehr Glitzerten Silberblitze, glänzt ein blaues Meer. Mit einmal lag vor ihrem Blick die weite Welt: Äcker und Wiesen, unabsehbar, Feld an Feld. Und auf den Äckern – also endlich! – Menschen, echte, Leibhaftige Menschen, ob von bäurischem Geschlechte. Die einen werkten hinterm Pflug; ein Grüpplein schürfte Die Krume mit der Egge. «Schade! Wenn man dürfte! Nichts weiter als ein Grüßchen! Bloß ein Wörtlein sprechen, Ein einziges bloß! Nur für die Sünde, fürs Erfrechen! Was meinst du? Oder könnt ich denn, sag selbst, nicht wahr? Nachdem ich diese weite Fahrt – obs richtig war, Ob nicht, zählt gleich – nun einmal halb vollbracht, in Ehren Knapp vor dem Ziel ohn ein Ergebnis wiederkehren?» Und ehe noch den naseweisen Wunsch gebilligt Die Überlegung und ihr Wille eingewilligt, Trat sie mit flinken Schritten keck hinaus ins Freie. Hoch aus dem grünen Anger, aus der langen Reihe Der Ackerzeilen, deren flache Niederung Mählich rainab sich senkte ohne Bodenschwung, Ragt ihre Größe, strahlt ihr Götterglanz hervor: Ein sonniger Leuchter, ein lustwandelnd Meteor. Sieh dort im Rasen, unter eines Kirschbaums Schatten, Ein Knäblein, weichgebahrt in einem Bett von Matten. Dem Mutterauge, das von fern den Liebling hütet, Wird alle Sorg und Müh mit Strampeln reich vergütet. Auf spitzen Zehen durch die Ackerbeete stieg Jetzt Aphrodite, sah dem Knäblein zu und schwieg Ihm, mit dem Finger drohend, einen langen Blick Der Warnung: «Männlein, Männlein, lobe dein Geschick! Nur bloß ein klein Jahrdutzend älter, Gnade dir! Du gucktest nicht so ungestraft ins Antlitz mir!» In solcherlei Gedanken sah sie auf und pflückte Ein Hämpflein Kirschen, die sie ihm ins Fäustchen drückte. Und weil das Kind, das nur an Milch und Zucker glaubte, Noch nicht an Früchte, ratlos an den Beeren klaubte, Entsteinte sie die reifste Kirsche, schob jetzund Das Fleisch dem Büblein mit dem Finger in den Mund. Drauf schloß sie ihm mit einem Kuß die Lippen zu Und sang ein Liedlein: «Weh dir, feines Büblein du! Der Aphrodite Küsse sind dem Herzen Gift, Das freundlich schmeckt und langsam wirkt, doch sicher trifft. Der Liebe bist du nun zeitlebens untertan, Das Weib mit seinen Reizen ficht dich ewig an. Von keiner Wollust, keinem Laster unversucht, Erschwingst du Tugend nicht, dein Sinnen ist verrucht, Noch Glück und Weisheit. ‹Eitel›, jammert deine Reue, Und suchst im Jast der Leidenschaft die Ruh aufs neue. Bis daß der Tiegel leer, das Lämplein ausgebrannt. Dann lautet deine Grabschrift: ‹Mensch, vom Weib entmannt.› Was greinst du so? Was bettelst du mit Aug und Armen? Laß ab! Von Aphrodite hoffe kein Erbarmen! Weg, Mitleid! Heißa! Herzzerbrechen muß es geben! Und seis durch Schmach und Schande: Liebe nur heißt leben.» Dies Liedlein sang sie. Dann, vom eignen Schuldgewissen Vertrieben, wandte sie den Schritt, der Flucht beflissen. Argwöhnisch aber hatte längst die treue Wacht Der Mutter fern im Feld gelauert, von Verdacht Beschlichen ob dem rätselhaften Lippenspiel Der Fremden und dem ständigen Weilen ohne Ziel. Und wie sie jene jetzt geschwind vom Platze rennen Und fliehen sah, verfolgt von ihres Kindes Flennen: «Ech, du verwünschte Hexe!» flammt ihr Zornesfeuer, «Du Unhold!» keifte sie, «du gleißend Ungeheuer Von einer Riesin! Steh mir Rede, sprich, bekenn: Was hattest du bei meinem Kind zu schaffen denn? Was hat dein böser Blick für Zauber ihm gebraut? Welch Unheil hast du ihm gelispelt und gekaut?» Und weil ihr Zorn sie nicht erreichte – leider, ach! – Warf sie nach ihr mit Steinen, schlecht gezielt und schwach. Jetzt aber stürzte bäurisch Mannsvolk auf den Plan. Des Kindes Vater, beilbewaffnet, weit voran. Dem Mannsvolk hielt sie stand, die Hände auf dem Rücken; Der Macht der Schönheit sicher und der Kraft der Tücken. Und als der Vater nun, die Waffe wild geschwungen, Mit schweren Stolpersätzen kam herangesprungen, Unschlüssig, ob er drohen bloß, ob schlagen will, Stellte mit dreien Blicken sie den Zornigen still. Den ersten Blick nach seinen großen, plumpen Füßen: Da stemmt er rückwärts und besann sich auf das Grüßen. Dann in sein wüst Gesicht hob sie den Scharfblick wieder: Da schlug er peinlich und beschämt die Augen nieder. Der dritte staunt auf seine Faustgefährlichkeiten: Da ließ er hinterrücks das Beil zu Boden gleiten. Jetzt, wie er reuig Buße stand, Bücklinge schlotternd, Das Wort nicht wagend, halbverschluckte Laute stotternd, Trat sie ihm nahe, mustert ihn und sprach ihm kalt Das Urteil der Verachtung: «Mensch! warum so alt?» Drauf kehrte sie die Schultern und entfernte sich. «Was gabs?» «Was sagte sie?» «Was stehst so jämmerlich?» Scholls hinter ihr. Spottnamen, grimmige Widerrede. Dem Trotz kam Hohn. Gekeif vergiftete die Fehde. Wortstreit hüb an mit Wutgebrüll und Flücheschnaufen. Zum Schluß ein stummes, haßerfülltes, tödlich Raufen. Inzwischen flüchtete die Schönin querfeldein Bis an die Ackerrampe überm Wiesenrain. Dicht unter ihr, behaglich in ein Tal gebettet, Lagert ein harmlos Städtlein hügelkranzumkettet. Ein Fluß schlang seinen Silberarm im Kreise krumm Unter zwei Brücken um das Städtchen halb herum, Indes am Himmel hoch, als einzige Wolke Im glastdurchgleißten Blau, von weißem Taubenvolke Ein Schwarm vorüberflog, vom Saatfeld kehrend wieder, Und auf die Dächer streuten sie ihr Schneegefieder. Lüstern beschaute sie den heimatlichen Frieden. «Wär nur dies eine noch, dies letzte mir beschieden: Daß ich hinab in dieses kleine Städtchen dürfte, Mit meinem Blick der Menschen Neuigkeiten schlürfte! Wem brächt es Leid? Nur einen flüchtigen Zehengang, Eilends, ohn Aufenthalt, der Häuserflucht entlang, Über die Brücke unten flugs hinein durchs Tor Und auf der Gegenbrücke wiederum hervor. Ich wüßte wahrlich nicht, wieso das jemand kränkte! Nennt einen Grund, weshalb ich mir den Schmaus nicht schenkte!» Sie fragte sichs. Und weil vor ihrem Fuß gerade Vom Hügel hüpften eines Obstgangs lustige Pfade, So eilte sie ins Tal hinab, dem Städtchen zu, Und auf die Brücke setzte sie den frevlen Schuh. Dann unters Tor. Hier hielt sie an, rafft ihr Gewand Schräg übers Knie zusammen mit gespreizter Hand, Bog mit gespanntem Blick den Körper vor und lauschte. Leer schien das Städtchen. Einzig eine Säge rauschte Durch weiches Föhrenholz, Tonleitern abwärts singend, Und Scheiter sanken auf das Pflaster, lieblich klingend. Nun schöpfte sie das Herz voll Mut und Atem. «Auf!» Und längs den Häusern wagte sie den Zehenlauf; Leichtfüßig, beides: kühn und zaghaft, ortverwirrt, Der Hindin gleich, die, aus dem heimischen Wald verirrt, Sich plötzlich zwischen dunkeln Dächern sieht gefangen, Und Angstgespenster scheuchen sie und Fluchtverlangen. So huschte sie in hochbeschwingtem Schwebegang Der Schattenseite nach, der Mauerzeil entlang, Trotz banger Eile doch den Mutwill nicht verschmähend, Eifrig durch jede Tür, durch alle Fenster spähend Und im Vorbeilauf schnuppernd in die Häusergänge, Ob ihr ein Scherz vielleicht, ein Schabernack gelänge; Befriedigt, wenn ob ihrer Augen Sonnenspiel Dem Schmied die Faust, dem Schreiberlein der Stift entfiel. Doch kann der Feuersäule Schein, wenn Abend nachtet, Jemals verborgen bleiben oder unbeachtet? Kann einer Löwin königliche Fremdgestalt Die Stadt durchschreiten, ohne daß ein Warnruf schallt? Wo sie vorbeigezogen, wurde hinter ihr Die Straße laut und von erregten Leuten wirr. Erschrockne Stimmen, Fensterklirren, Türenknarren Und hastigen Volkszusammenlaufes Füßescharren; Indes vor ihren Schritten, Überhangs vom Dach, Spengler und Schieferdecker schrien das Aufsehn wach. Von allen Seiten rufts und mahnts und rennt und springt. Schon sah sie sich von staunendem Geleit umringt – Da wirbelte vom Dach ein Menschenkörperfall, Aufs harte Pflaster schlagend, dumpf in grausigem Prall. Dort häufte sich die Hilfe. Eine Sammlung Jammer Befreite die Bedrängte aus der lästigen Klammer. Dem Jammer aber folgten Flüche, Zorngeschrei. Da bog sie hurtig in ein Gäßchen nebenbei, Die Hühner vor sich scheuchend. Durch die Haustür schnellte Ein Spitz hervor, der sie mit giftiger Wut verbellte. Auf einen Stock gestützt, vor Alter krumm und krank, Humpelt ein Weiblein mühevoll des Wegs im Wank. Vor Aphroditen schaute sie erschrocken auf, Wich aus und schlug von hinten mit dem Krückenknauf Nach ihr; feindselig, doch ohnmächtig. Mittlerweile War in die Hintergasse schon der Göttin Eile Heimlich gelangt. Enttäuschung! Denn ein Kinderschwarm Nach allen Seiten stiebend, zeterte Alarm. Zwei Rosse, die vor einem Wagen, plump und schwer, Im Schlafschritt klapperten gedankenlos daher, Bäumten, verblüfft von Aphroditens Götterbild, Sich hoch, warfen das Rist herum und sprengten wild In blindem Lauf, von toller Todesangst enttragen, Davon, und rasselnd folgte der entsetzte Wagen. Langstimmige, hochgetönte Weheklagerufe Bezeichneten die Spur der schonungslosen Hufe. Hier wieder von Verwünschungen begrüßt, entwich Die Schönin – «Augen, sagt, wohin verberg ich mich?» – Entschlossen in den nächsten Hausgang, und von dort In einen Hof. Vom Hof zum Garten, und so fort Die schnelle Winkelreise. Immer frisch sich wendend, Bald hier, bald dort erschaut, doch stets die Blicke blendend. Dem Sonnenblitze gleich, im Spiegelglas gefenstert, Der jetzt im Keller spukt und jetzt am Dach gespenstert. «Hier bin ich!» neckt sein Spott: du jagst umsonst den Raschen. Ein jeder sieht ihn, aber keiner kann ihn haschen. Frechheit! Aus einem Stall rennt ihr ein Bursch entgegen, Vertierten Blicks, die rohe Faust zum Raub verwegen. «Knie ab! Bet an! Die Hände hoch! Die Augen zu!» Er tats unwillentlich. Sie, husch! vorbei im Nu. Also von Gang zu Gang, durch Gäßlein und durch Gassen Kam sie in eine ernste Straße weltverlassen. Kein fragend Auge hier, und die Verfolger ferne. Sie späht umher. Ihr schien, ein Späßlein tät sie gerne; Kaum die Gefahr vorüber, kam der Mutwill neu. Sieh da: auf ihrem Weg ein stattlich Ratsgebäu. Im Rathaus träumt ein Hof, darin ein Brunnen loff, Des Wasserguß in ein geräumig Becken troff. Von nackten Marmornymphen ein bequemes Rudel Lag auf dem Rand, Trinkschalen reichend nach dem Sprudel, Indessen auf den leisen Plätscherwasserfall Ringsum gewölbte Säulengänge überall Und luftige Labyrinthe freier Treppenstiegen In farbigem Halblicht feierlich herunterschwiegen. Drei scharfe, schnelle Diebesblicke schickte scheu Die Schönin in den Hof und aufwärts ins Gebäu. Dann flink durchs Gittertor, in eine schattige Ecke Der Flur. Dort, hinter einem Pfeiler im Verstecke Geschwind entkleidet und entschuht, auch ordentlich Die Kleider und die Schuh geborgen, schwang sie sich Auftänzelnd in die Nymphengruppe liegend ein, Bewegungslos, als wäre sie von Marmelstein. Gesellig gab der starren Jungfern Marmormund Den Schwesternwillkomm ihr zum Ankunftsgruße kund: «Die du in unsre Reihe, Herrin, dich bequemst, Mit deiner Hoheit unsre Niedlichkeit beschämst, Wir können nicht, den Ehrfurchtszoll dir darzuzeigen, Demütig dir zu Füßen auf die Erde steigen, Denn unsre Glieder sind vom Bann des Steins gezähmt, Und unsre Liebe, unsre Andacht ist gelähmt.» Und murmelnden Gesanges aus den sieben Röhren Ließ seine Huldigung der Brunnenkönig hören: «Die lange Ewigkeit, daß ich durch diese Räume Von Quellensprudel und von Waldgeflüster träume, War nie ein Tag wie dieser gnadenvolle Tag, Da ich der Schönheitswunder schönstes schauen mag. Und wäre nicht von Mauern mir erwürgt die Kehle, Mit Eisenzwingen schnöd entmannt der Sturm der Seele, Wie wollt ich gleich dem Feuerbrand im Windessausen Dein Lied mit Donnerzungen durch die Lande brausen! Es ist nicht meine Schuld: drum, Herrliche, vergib! Mit diesem Zeichen zum Ersatze nimm vorlieb.» Und sieben Räder siebenfarbiger Regenbogen Warf er umher, die funkelnd sie im Kreis umflogen. Und als nach einer Weile nun die Ratsgenossen Sich plaudernd von den Treppen in den Hof ergossen, Da hemmten sie verdutzt den Wandel: «Sieh doch! Sieh Dort eine neue Nymphe! Ei, woher kommt die?» «Wißt ihr», begann der Schultheiß, «wißt ihr, was ich denk? Das ist von Gönnerhand ein ungenannt Geschenk.» Worauf er weidlich den geheimen Schenker pries, Den Wert der Gabe und des Werkes Witz bewies, Und wie das Heiligste im Weltenwunderbau, Auch in der Bildkunst wäre die Gestalt der Frau, Wenn ohne fremde Zutat, ohne Schmuck und Schminke, Sie aus des Schöpfers Hand in keuscher Nacktheit blinke. Beifall belobt ihn: «Wer hier etwas andres täte Als Andacht spüren und Erhebung zum Gebete, Der gäb uns seines Herzens Lieblingsstandpunkt kund: Das heißt im Stall, mit einem Schwein im Hintergrund.» Inzwischen stieg von oben eine Minderschar, Die schon von ferne nicht derselben Ansicht war. Die Nase rümpfend, traten hämisch sie herum Und steckten sich zum Kunstgericht zusammen: «Hum! Der Ausdruck ist nicht allzuschlimm, zu leblos nur.» «Der Arm sitzt falsch.» «Dies Bein läuft wider die Natur.» «Mir ists zu regelmäßig, zu geleckt, zu glatt», Brummt einer, der am Buckel einen Höcker hat. Ein Schläuling aber, den der feine Philipp schupfte, Netzte den Finger, kam mit seiner Hand und tupfte, Ob nicht der Marmor etwa sei gemeiner Gips, Der Göttin auf das Rückgrat einen Kennertips. Bis daß das Lachen, das ihr durch die Nüstern schnob, Sie länger nicht verhielt und jubelnd sich erhob. Darob Entrüstung und Verwirrung. «Ui, Betrug! Sie lebt!» «Pfui Scham!» «Ich finde Worte nicht genug!» «Was tust du, Schandweib, hier? Wo kommst du hergetrottet? In einem Aufzug, welcher Zucht und Anstand spottet?» Und mächtig rief des Schulzen Tugendwehgeschrei Nach Hemden und nach Hosen, Stock und Polizei. Doch wie sie leichten Satzes nun zu Boden sprang Und hoch, in ihrer ganzen Göttergröße lang, Geschritten kam in fürstlichem Titanengang, Jeder Bewegungszug ein schweigender Gesang, Als Bote vor ihr her ein Strahlenschimmertanz, Als ob du schütteltest Kristall im Sonnenglanz, Erkannten schauernd sie nach diesen Adelsproben Das Götterblut: «'s ist eine vom Olymp dort oben!» Und staunend beugten sie ein schuldbewußtes Knie. Frei unbefangen trat sie herrisch unter sie: «Ihr Menschenmännlein, lernt, ich bin des ungewohnt, Daß man mir Aufruhr zinst und mir mit Gaffen lohnt, Huida! Hinweg mit euren Augen! Dreht euch um! Und während ich mich kleide, bleibt mir blind und stumm! Gnade gewähr ich. Aber mein Gebot beherzt! Blickt einer um sich, hat er meine Gunst verscherzt.» Zaudernd gehorchten sie, der strengen Majestät Sich fügend. Gerne hätten sie sich umgedreht. Doch weil der Nachbar jedenfalls dem Nachbarhaupt Den Blick nicht gönnte, der ihm selber nicht erlaubt, Bewachten sie, aus eitel Neid und Mißgunst schon, Jeder die andern alle giftig als Spion. Damit nur ja kein einzger einen Vorteil holen Vor andern dürfte, brieten sämtliche auf Kohlen. So hielten sie, ob zehenzappelnd, das Gebot. Bösartig aber weidete an ihrer Not Sich Aphrodite. Und um ihre Pein zu schüren, Gefiel ihr, ungesehn ein Schauspiel aufzuführen: Beschrieb mit ihren Beinen frevelhafte Zeichen Und seufzt und stöhnt und hustete zum Steinerweichen. Und also mehr des windigen Gaukelspiels die Menge, Und zog die kurze Arbeit künstlich in die Länge. Dann, als sie hinter ihrem Rücken endlich gar Gekleidet und zur Weiterfahrt gerüstet war: «Ist einer», rief sie, «wenn ihr die Bedingung wüßtet, Des Mund, nimm an, vielleicht nach meinem Mund gelüstet?» Und als nun – wie man etwa, die Geduld zu üben, Gefleckten Schweinchen Semmelbrot und saftige Rüben Über den Köpfen spiegelt, daß in allen Tönen Ein grunzend Quieken sich erhebt und bettelnd Stöhnen – Die gierigen Räte, Feuerpein in jeder Fiber, Erbärmlich ächzten in verliebtem Bullenfieber: «Wohlan! Erfahrt denn die Bedingung! Merket auf! Zuoberst auf der Brunnensäule, hinterm Knauf, Hab ich ein Hageröslein, das ich heut am Morgen Im Berg gefunden und im Busen trug, verborgen. Dem ersten, wer er wäre, dem der Schick gelingt, Daß er selb Röslein ab dem Brunnenknopf mir bringt, Gelob ich – weh mir, daß ichs ausgesagt! Verdruß! – Gelob ich – Schmach mir Schamvergeßnen! – einen Kuß!» Ein Trüpplein Rattenfänger, die am kurzen Strick Des Jägers straffer Arm auf einen Augenblick, Die Füße stemmend, knapp mit Not gezügelt hatte, Stürzt losgelassen nicht so gierig auf die Ratte, Wie jetzt der Ratsherrn aufgeregter Freierchor, Zum Brunnen stürmend, jucks am Becken schnellt empor. Schwer wars ja nicht, vom Brunnenfuß den niedern, weiten Nymphengeschmückten Saum des Beckens zu erreiten. Doch ob den vielen Leibern, die in steifer Zwänge Den Vorrang sich mißgönnten, drückend durchs Gedränge, Geschah es, daß ein jeder noch so tapfrer Ritt, Vielseitig umgestoßen, platsch ins Wasser glitt. Und dringlicher als Kuß und Röslein zu erkaufen Erschien das Kunststück jetzt, nicht völlig zu ersaufen. Plumps wälzten sich die Rücken im durchwühlten Faß, Vom Gischt der Sturzflut wurden Hof und Treppen naß. Falls aber jemals zäherm Mut und besserm Glück Gediehen war, emporzuklimmen kaum ein Stück, So zog der Neid ihn rücklings in den Schaum der Schwenke. Das war kein Brunnen mehr, nenns lieber eine Tränke Und Pferdeschwemme, eine tollgewordne Spritze. Und immer wilder wütete des Kampfes Hitze. Da horch! Von draußen auf der Straße Hetzgelauf! Gekreisch, Geheul von einem hässigen Weiberhauf: «Wo ist die Hexe? Greift sie! Helft sie einzufangen! Sucht! Sucht! Hier muß sie stecken. Hier kam sie gegangen.» Entdeckt! Die Flucht versperrt! Da schwenkte sie seitaus, Im Sprung die Treppen aufwärts ins verwaiste Haus. Husch, durch die Winkelzüge langer, dunkler Gänge! Zimmer- und Stubentüren links und rechts die Menge. Jetzt breites Licht aus einem klaffenden Portal: Dahinter dämmerte ein leerer Ratsherrnsaal. Hinein, die Pforte zugeschlagen und verschlossen, Dann schnell ans Fenster, einen hastigen Blick genossen. Wohl mir: ein ödes Gäßchen, nächstens eine Brücke, Darüber Berg und Wald und Feld im Sonnenglücke! Hinter dem Schultheißthron winkt eine Dienertür, Die trepphinab ins Gäßchen, hoff ich, leitet für. Wart! halt! Dort auf dem Pulte, siehe, liegt ein Buch Mit einem strengen, obrigkeitlichen Geruch. Flink in den Thron gesessen, ihren Namenszug Hineingeschrieben, aber dann – Gefahr! – im Flug Durchs Hintertürchen eine finstre Treppenreihe Hinabgeflitzt, und unten durch den Flur ins Freie. Erst noch das Gäßchen auf und ab geguckt – glückzu! Gebückten Laufes auf die nahe Brücke zu. Jenseits der Brücke stracks bergan in Korn und Keim, Durch Sommervögeldörfer und durch Grillenheim. Pfui Hemmschuh und Belästigung! Ein armer Tropf Von Buben trottete, die Augen aus dem Kopf, Ihr, wie ein Hund am Kleide klebend, lechzend nach. Vergeblich Mahnung, Drohung, die sie ihm versprach. Er hörte nichts, er spürte nichts: er sah, er sog, Das Schönheitswunder schlürfend, das ihn nach sich zog. Jetzt drehte sie sich um, die Augen falsch und böse, Verrat erfindend, der sie räche und erlöse: «Büblein, komm her! Willst etwas mir zuliebe tun?» Heiß flammten seine Wangen, seine Schläfen. «Nun, So lauf hinab zur Brücke, überschwimm den Fluß!» Und kaum gesagt, flog er durchs Korn talab im Schuß. Ein Schulterzuck, dann ohne umzuschauen, kalt, Eilte sie weiter, auf den Hügel, in den Wald. Hier ruhte sie, mit sich und ihrem Werk zufrieden. Bestimmt: das Städtchen hatt ihr wohlgetan, entschieden! Und bosheitsmunter, mit vergnügtem Siegesträllern Hüpfte sie Tanzschritt in den grünen Waldeskellern. Achtung! Was leuchtet dort im Holz? Ein Sonnenfleck? Doch nein, es rührt sich und vertauscht den Ort. O Schreck! Mich täuscht kein Augenspiel, mich äfft kein Bild des Wahns: Dort äst, so wie es leibt und lebt, das Einhorn Pans. In weitem Bogen um die Haselbüsche wich Sie seitwärts, stets die Blicke furchtsam hinter sich, Dem Waldesinnern zu, ins Schwarz der Tannennacht. Da rührt an ihre Schulter von der Seite sacht Ein feiner Finger. Wie vom Blitz getroffen zuckte Ihr Nacken, daß den Kopf sie unwillkürlich duckte. Und wie sie bebend nun, das Antlitz bleich und fahl, Den angsterfüllten Frageblick nach oben stahl, Da prallte sie zurück, entsetzt vom Gegenstoß: Er selber, Pan, vor ihren Augen ernst und groß. Die Strafe seiner Denkerstirne drohte Fehde, Und seine strenge Miene heischte: «Steh mir Rede!» Schon aber war ihr Weibestrotz emporgeschäumt. Und stolz sich streckend, straffen Leibes, hochgebäumt, Mit ihrem Schönheitszauber kreuzend seinen Bann, Warf sie verächtlich ihm das einzige Wort hin: «Mann!» Drauf lachte sie an ihm vorbei in festem Tritt Und zog von dannen in gelaßnem Siegesschritt. Kaum aber daß im Rank um eine steinige Wand Ihr Nacken nicht mehr spürte seiner Blicke Brand, So stürzte sie ins Dickicht. «Wohinaus entfliehn?» Schau, über eine Niederung des Waldes schien Breitrückig des Olympgebirges traulich Dach. Nach dieser Richtung lenkte sie die Heimfahrt jach. Schon lichtete zum Buschwald mählich sich der Tann, Und fleißige Feldgeräusche grüßten dann und wann Die eilends Strebende von immer nähern Äckern, Und Peitschenklatschen, Rossewiehern, Ziegenmeckern Da horch: welch hastig Füßetrippeln hinter ihr! Ein mannigfaltig waldeinheimisches Getier Folgt ihrem Wandel. Vorn, mit prahlendem Geweih, Auf hohem Gangwerk stelzend, mächtige Hirsche zwei. Danach Rehböcke, Marder, Hasen, Dachse, Füchse; Unzählige, als ob es aus dem Boden wüchse. Und das gesamte Waldbein, friedlich, wie es scheint, Zu einem einzigen langen Hochzeitszug vereint, Gab liebedienend Aphrodite das Geleite, Erst hinter ihr, dann mählich dreister, ihr zur Seite. Des Stocks entratend, brach sie einen Zweig zur Gerte, Womit sie je und je dem Überandrang wehrte. «Obacht, ihr da, auf euer Maul und eure Pfote!» Sie riefs. Die Gerte sauste und ihr Auge drohte. Noch gar! O Spaß! Jetzt wirds vom Felde her lebendig. Gebrüll, Gegrunz, Gemuhe nähert sich beständig, Es trampt im Busch, es knacken Zweig und Äste. Sieh, Zum Waldgetier wahrhaftig noch das zahme Vieh! Esel und Gäule, dort ein Schwein, zwei Widder hier, Auch Hunde zwischenbei, im Hintergrund ein Stier. Umstellt ersprang sie hurtig eines Felsblocks Stufen, Der einsam aus dem Boden ragte wie gerufen. Von dort hoch oben wie ein Standbild auf der Säule Beherrschte ruhig sie das schmachtende Gemäule, Aus welchem, je nach eines Rachens Liederkunst, Ihr Werbung kam gemuht, gewinselt und gegrunzt. Wenn manchmal sie zum Neck die Gerte pfeifend schwang, Lief Fauchen und Geknurr die Freierschar entlang; Doch wenn sie mit den Fingern schnippend zärtlich lockte, So bäumte sich der ganze Hauf und hüpft und bockte. Doch Schauder! pfui! Was kommt dort – halt die Nase zu! – Vom Feld her blähend für ein geiler Odem? Puh! Welch einem märchenhaften Höllenungeheuer Sind solche Hauche eigen, solche Düfte teuer? Und siehe da: im Zottenpelz, gehörnt, gebartet, Kam wichtigen Schritts ein mächtiger Ziegenbock gestartet. Erst schielt er etwas, dann bestampft er: «Das bin ich, Das Horn der Welt, der Schöpfung Blumenkrone. Riech!» «Schau her», jauchzt Aphroditens Hohn, «gestrenger Pan! Komm her und sieh dir deinen Zwillingsbruder an! Nenns Gott, nenns Mensch, nenns Tier: 's ist nur ein andrer Rock Und neuer Name: innen geilt der gleiche Bock.» So höhnte sie. Doch nun genug! Die Wollenrücken Von zweien runden Widdern ungefragt als Brücken Und Schaukelpferd im Tanz und Schwebeschritt benutzend Glitt listig sie vom Stein zur Erde. Kaum zwei Dutzend Geschwinde Sprünge noch, so sah sie sich im Freien. Und jetzt im Schnellauf flüchtlings durch die Ackerreihen, Den Vorsprung nutzend, dem Gebirg zu. Jenseits, hüpp! Über den Hag und Graben glücklich ins Gestrüpp. Auflachend lauschte sie, wie ferne hinter ihr, Vom Taumel übermannt, das Vieh in wilder Gier Auf ihrer Spur sich auf dem Bauch und Rücken wälzte Und eins das andre neidisch überfiel und pelzte. Sieh: überm Wald das Gasthoffähnlein! «Gruß dir! Ha!» In Bälde war sie wiederum dem Bergstutz nah. «Jetzt tapfer, Aphro! Sammle dich! Der Berg ist hoch.» Doch während sie vor wenigen kurzen Stunden noch Beim Morgentau des Pfades schattenkühle Rigen In Sprung und Tanz hinabgelaufen, fast im Fliegen, Gelang ihr jetzt am heißen Tag die Wiederkehr Die steilen Schnecken aufwärts langsam nur und schwer. Die Beine wollten nicht, der Atem auf die Dauer Kam nicht mehr nach, und von der leidigen Daimonsmauer, Die ewig unverringert ihr zu Häupten ragte, Glitt ihre Hoffnung ab, und Mut und Kraft verzagte. «Und nirgends eine Bank, ein Sitz, um auszuruhn! Wer hieß mich Törin diese Unheilstraße schuhn!» Die Lippen zuckten, Zähren zitterten bereits. «Gegrüßt mir! endlich!» Hinterm Busch, abseits Vom Weg entdeckte sie ein Älplein, felsumkettet, Als Kanzel überm Abgrund in die Luft gebettet, Ein Blumenfensterlein im Berg, ein Guckinsblau. Nach diesem Älplein schwenkte die erfreute Frau. Jetzt nur ein einziger Gedanke: abgesessen! Und weiter nichts als ruhen, atmen und vergessen! Nicht wissen, wie man heißt, nicht fühlen, daß man lebt, Nicht spüren, daß ein Körper uns am Schleppseil klebt, Nur at – nur atmen! – «Ai, die Zehen! Tun die weh! Das Daimonsmarterschuhzeug! Fort damit! ade!» Ha, welche Labsal, dieser laue Lenzeshauch Um Stirn und Wangen! «Soll der liebe Leib nicht auch Ihn kosten dürfen? Sagt, laut welchen Rechtes Kraft Schmachtet mein Bein in Banden, meine Hüft in Haft? Wofür im Kerker, bitte, muß mein Busen büßen?» Gesagt, und die Gewänder rauschten ihr zu Füßen, Im Kreise sie umringend, ein Bewundrungskranz Vor ihrer Schenkel Schimmer, ihrer Schultern Glanz. «Wohl mir, jetzt bin ich!» Ließ erlöst die Hüllen liegen, Erhob das Knie, ein kühner Schritt, und überstiegen. Also freiledig tat sie einen Müßiggang Rund um das Älplein und dem Außenbord entlang Und schaute nach der Tiefe auf den Wälderfall Den Berg hinab und unten auf die Täler all. Weit weit am Horizont, im nebelduftigen Grund, Tat von der Menschenstadt ein hoher Turm sich kund. Nun stand sie still, und nach dem Turme schaute sie, Halb in Gedanken, halb im Bild der Phantasie, Märlein ersinnend, handelnd in der Menschenstadt, Bis daß zuletzt ihr Geist versagte, satt und matt. «Wie, wenn wir uns aufs Lager streckten gegenwärtig? Sieh dort im Gras mein Leibrock, just zum Polster fertig!» Getan. Und müde, ohne Widerstreben viel, Ergab sie sich dem Schlummer und dem Traum zum Spiel. Doch närrisch schien und boshaft, was im Traum sie sah, Denn manchmal lachte sie im Schlaf und jauchzt etwa. Doch aus dem Felsentore trat der leise Pan Auf seinem Einhorn zu der Schlummernden heran. Als kaum sein Schatten Aphroditens Schläfe traf, So ächzte sie und richtete sich auf im Schlaf; Krampfhaft, mit aufgesperrten Augen, die nicht sahen, Die Mienen angstentsetzt, als wollt ein Schrecknis nahen. Die Hand erhob er, machte mit den zauberreichen Gedankenfingern gegen sie geheime Zeichen, Bis daß er ihren Geist in seine Macht gebannt. Danach begann er strenge, Blick in Blick gespannt: «Ich, Pan, der Oberherr der unbewußten Seele, Ich will von dir, o Aphrodite, und befehle, Daß du der Lüge samt der Ausflucht dich entschlagest, Auf meine Frage mir die lautre Wahrheit sagest: Sag an, du Spötterin, du Mannsverderberin, Was birgst du hinter deinem windigen Flattersinn? Ist deine Seele gänzlich kalt und liebeleer, Ohn ein Bedürfnis, ohne zärtlichen Begehr? Kennst du kein Fühlen, spürst kein Herz du in der Brust, Daß Ränkespiel und Mutwill sättigt deine Lust? Das frag ich dich. Und meinen Willen setz ich zu, Daß du die Wahrheit mir bekennest, Unweib du!» Ein Sehnsuchtseufzer, eine Tränenflut verschönte Die Schläferin, die schluchzend ihm die Antwort stöhnte: «Weh, daß dein schonungsloser, seelenkundiger Geist, Was ich mir selbst verschwieg, der Zunge schnöd entreißt! Wohlan, es sei! Auf deine meuchlerischen Fragen Werd ich, weil mich dein Wille zwängt, die Wahrheit sagen: Es ist kein Weib so spröd im weiten Weltenrund, Das nicht nach Liebe lechzt im tiefsten Herzensgrund. Ob ihre Hoffart über Mond und Sterne fliege, Geschiehts, um den zu suchen, dem sie unterliege. Drum, wenn ich Ärmste allezeit mit Narretei Die Männer äffe, ach, wie kalt mich friert dabei! Wie gerne würd ich all den stolzen Staat entfernen, Kam einer, der mich lehrte Mägdedemut lernen! Gleich einem Heiland und Erlöser grüßt ich ihn, Und jauchzend würf ich ihm den Dank zu: knieen, knieen! Haß über dich, grausamer, unbarmherziger Pan! Was hast du mir, der Niebezwungenen, getan! Ich, die vor Hermes selber und Apollon nicht Und nicht vor Zeus' gekröntem Herrscherangesicht, Die Argheit zähme und des Gleichmuts mich enthebe, Vor deiner Stärke werd ich klein; mir bangt, ich bebe. In dir begrüß ich unterwürfig meinen Meister. Die Schönheitskönigin bekennt den Herrn der Geister. Doch wenig frommt dir, was im Schlaf ich dir gestehe. Weh dir, wenn ich erwache! Laß dich warnen! Wehe! Sobald ich wieder spüre meiner Schönheit Wehr, Weiß meine Herrschsucht, was ich dir gestand, nicht mehr. Mit allen Tücken, die Natur und Kunst mich lehrten, Werd ich zum feigen Liebessklaven dich entwerten, Den Stolz dir rauben, dir dein Selbstgefühl entziehn, Und ist der Sieg gelungen, mein Triumph gediehn, Dann werd ich dich verachten, dich von oben hassen, Dafür, daß du den Sieg mir hast gelingen lassen; Frohlockend, daß ich es vermocht, den starken Pan Zu bändigen, verwünschend, daß ich es getan. Ich muß, mich zwingts: 's ist eine unvernünftige Wut, Ein Weh, ein Fluch Anankes, mir geheult ins Blut. Darum, Geliebter, Starker, laß dich warnen: ziehe! Was immer männlich ist, vor Aphroditen fliehe!» Schweigend beharrte Pan, den Warnspruch überlegend, Der Manneskraft bewußt, des Weibes Arglist wägend. Bedenklich aber hob den Huf das Einhorn, kraute Sich hinterm Ohr und schielt, als ob ihm hier nicht traute. Da lächelt Aphrodite, züngelnd aus den Zähnen, Und wälzte sich im Schlaf mit üppigem Gliederdehnen. Jetzt vom bewegten Frauenreiz verwirrt, verblendet, Den Mantel vor den Augen, furchtsam abgewendet, Verzog er weislich in die Schluft der Felsengasse, Der starke Zaubrer vor des Weibes Lieb und Hasse. Und Aphrodite, aus dem Bann entlassen, schlief Und schlief, den Stundenlauf nicht achtend, lang und tief, Und als sie endlich fröstelnd sich zum Sitze schnellte, Glitzert ein Sternenheer am finstern Himmelszelte. Schwarz klaffte der gespenstische Waldgrund unter ihr, Ein Käuzchen klagte, fern im Tale brüllt ein Stier. «Verspätet!!» Tastend Zeug und Schuh herbeigesucht, Dann – «sput dich, Aphro!» – eilends heimwärts auf die Flucht. «Doch ist das auch der Weg? Er sah mir anders aus Heut mittag. Hätt ich etwa mich verirrt? O Graus! Was raschelt da? War das ein Tier, das nach mir langte? Ein Zweig? ein Mensch?» Sie fror, sie zitterte; ihr bangte. Und plötzlich gellte durchs Gebirg ihr Angstgeschrei: «Zu Hilfe, Freund! Erscheine, starker Pan! Herbei! Vergiß! Sei milde! o vergib mir! Gnade! Höre! Ich will mich büßen! Ich bereue, Pan, ich schwöre! Komm, schilt mich, Teurer! Straf mich mit den strengen Händen! Nur laß mich einsam nicht im finstern Wald verenden!» Da wars, als ob vom Felsen strahlend eine Flut Von Freundschaftsodem sie umwoge, warm und gut. «Wie? hör ich recht?» – O Wohllaut! Charis' Stimme! Ja! – «Dank dir, o Pan, für deinen Beistand!» – Und so nah! Gerettet! – «Gruß dir, Charis!» Küsse viel versetzt Im Freudesturm; hernach erzählt, gelacht, geschwätzt, Bis daß die Wucht der überstandnen Nöte all Sie jählings übernahm in wildem Überschwall Und unter Schluchzen, Leidgestöhn und Atemkampf Sie an der Freundin Busen warf ein Tränenkrampf. Doch als nun Charis' Mund bedauernd, teilnahmsvoll Liebkosung ihr entbot und Trost und Mitleidszoll, Enthaltung von den Erdenfahrten ihr empfahl, Mahnend: «Das war das erste und das letzte Mal», Weil ja hier oben alles, was ein Herz bedürfe, Der gütige Olymp uns in die Schürze würfe – Da riß aus Charis' Armen Aphrodite sich Gewaltsam los: «Vernimm, o Charis, höre mich! Wenn einer käm und würde alle Lustbarkeiten, Die der Olymp vermag, zu meinen Füßen breiten, Samt allen Schätzen, und es mir zum Tausche böte: Ich nahm es nicht für dieses Tages Angst und Nöte! Und nicht ein letztes Mal ists heut gewesen, nein: Ein junger Anfang nur, ein schüchtern Vorderbein. Fortsätzlein hab ich etliche mir aufgespart, Davor die Welt erstaunen wird, wenn sies gewahrt. Ich sage dir: es wird geschehn, daß Zeus vor Neid Erkranken wird ob meiner Überlegenheit. 's ist wahr, man nennt ihn 'Herr'. Er königt. Meinetwegen. In Wirklichkeit regier auf Erden Ich hingegen. Behalt nur Thron und Krönlein: ich erlaub dirs froh! Du lenkst den Mann beim Kopf, ich zäum ihn anderswo. Genug davon; das Weitre wirst du gleich erfahren. Komm jetzt und laß das Trösteln, kannst dein Mitleid sparen!» Und ungeduldig heimgekehrt in rüstigem Lauf, Beschied sie Boten zu sich. Diesen lud sie auf: «Geht hin, und mit Trompetenstoß und Glockenschwang Posaunt durch den Olymp zwei Nacht und Tage lang: Ein köstlich Lustspiel und Theater gibts zu schauen Von heut am dritten Tage vor dem Abendgrauen! Zu welchem Lustspiel hübsch von Aphroditens Gnaden Die Völker des Olymp sind sämtlich eingeladen. Und dieses ist der Inhalt, den das Lustspiel hat: Das ganze Mannsvolk, hausend in der Menschenstadt, Soviel sie sind, in einer langen Reihe zwar, Die Könige im Staat, die Priester im Talar, Wird Aphrodite, wie man zahme Hündlein führt Und mit dem Finger lenkt, nachdem die Laune kürt, Vor den Olymp daher zur Augenweide bringen, Und Spottgelächter wird euch reichlich wohlgelingen! Gefällt es jemand, meiner Fahrt sich anzuschließen, Des geb ich jedem die Erlaubnis zu genießen.» Also befahl die Übermütge. Und die Boten Verneigten sich und taten, wie ihr Mund geboten. Doch beides: Lachen und Entsetzen überkam Das Göttervolk, als diese Botschaft es vernahm. Zweiter Gesang Anankes «Halt!»                       Im Turm der Weltenwerkstatt, wo die tausend Tasten Und Klappen der verborgnen Drähte niemals rasten, Die pünktlich Meldung bringen, was in aller Welt An jedem Orte Stund um Stund ins Dasein fällt, Und ohne Unterbruch die Schreibenadel schwirrt, Schriftzeichen stechend, die kein sterblich Aug entwirrt, Saß, überm Rechentisch die Stirn gebeugt, Ananke, Und sorgenvollen Fleißes prüfte sein Gedanke Den Gang des Lebens, der Gestirne Gleichgewicht – Doch halt! Der Draht, der vom Olymp kam, stimmte nicht. Kopfschüttelnd stand er auf und trat mit leisem Murren An einen Spiegeltisch und ließ ein Rädchen schnurren. Lebendig auf dem Spiegeltische, siehe da, Erschien in farbigem Bild, was im Olymp geschah: Der meisterlosen Götter kecker Reiseflug Täglich in alle Welt, wohin die Laune trug, Der Schranken nicht gedenk, die Unterordnung höhnend, Und Zeus daheim, der trägen Liebeswollust frönend. «Ei sieh doch!» rief sein Zorn. «Wieso geht das vonstatten? Nicht dafür einzig, denk ich, um sich zu begatten, Hab ich zum König, will mir scheinen, Zeus ernannt, Sondern damit er halte Hof im Menschenland. Ich will doch wahrlich wissen, wer sich unterfängt, Daß er die Finger in die Weltgeschäfte mengt!» Zum Schreibepult hinüber schritt sein Unmut jetzt, Und eine Frage hurtig aufs Papier gesetzt, Schob er den Zettel einem klugen Eisenmann Ins Ohrenloch. Geschwind die Kurbel faßt er dann Am Handgriff, dreht ein paarmal kräftig um, soweit Es ging, und wartete. Nach einer schwangern Zeit Begann ein schauerlicher Eingeweidekampf Im Eisenmann, mit Krämpfen und mit Fußgestampf. Dann klappt er mit den Kiefern, würgte und gebar Aus seinen Zähnen einen langen Streifen dar. Und auf dem Streifen stand, in Kleinschrift aufgeschrieben, Die Antwort auf Anankes Frage und Belieben: Wo er der Schicksalsgöttin Eingriff jetzt erfuhr, Wie Moiras Gnade, ohne anzufragen nur, Aus Mitleid Hera einen Ferienbund gestiftet, Solang ein Ehezwist den Frieden nicht vergiftet, Und zwar dem Göttervolk den Weltraum überhaupt, Allein das Menschenland ausdrücklich nicht erlaubt, Und wie zum Zeichen, daß der Ferienbund bestehe, Die grüne Fahne Olbia überm Firste wehe, Die aber polternd jenen Tag vom Dache stürze, Wenn Heras Bosheit sträflich Zank und Zwietracht schürze. «Wo nimmt sie, möcht ich wissen, die Befugnis her? Doch falls sie meint, ich laß ihr dessen die Gewähr, So täuscht sie sich! Wer ist denn schließlich eigentlich Im Weltall Herr und Meister? Jene oder Ich?» Und seines Geistes Unruh, seines Ärgers Jast Trieb ihn vom Turm, und immer weiter ohne Rast, Bis daß er war gekommen in ein Gartenhaus, Das lugte mitten gegen den Olymp hinaus. Dort hinterm Lattengitter, das im Efeu faulte, Tückisch verborgen, setzt er sich und grollt und maulte. «Die Lotterwirtschaft», knirscht er, «kann noch lange währen! Bis an des jüngsten Tages Morgen! Wer solls wehren? Es sei denn, daß in diese Kartenpfuschermische Ich selber mit dem Stöcklein etwas Ordnung frische!» Und während so sein Herrscherunmut schußbereit Den Willen wog in zweifelndem Gedankenstreit: «Wart! still! War das ein Windstoß? Oder hört ich recht? Was soll dies Prahlen, das sich vom Olymp erfrecht? Trompetenblasen, scheint mir, Glockenschellenläuten Und Botenruf! Laß sehn, was mag denn das bedeuten?» Und seine fürchterliche Raubtiermaske schob Er wildlings durch den Efeu, welche Ingrimm schnob. Und als sein Blick nun wahrnahm, wie die Botenrunde Den Götterberg umschritt mit Aphroditens Kunde, Und ihrer frevlen Meldung Wortlaut traf sein Ohr, Wasmaßen sich die Übermütige verschwor, Daß sie die ganze Menschheit aus der Menschenstadt Samt Priestern und den Obrigkeiten, die sie hat, Kraft ihrer Schönheit liebebuhlerisch vertolle, Hernach zur Schau vor den Olymp bewegen wolle, Zwar ohne Not und Nutzen, ohne Sinn und Zweck, : Bloß für die windige Kurzweil, nur zum Wipp und Neck, Sprang er empor. «Jetzt dieses», schäumt er, «dies jetzund, Dies Stücklein stößt dem Faß den Zapfen aus dem Spund! Für eines Weibleins Launen ist mir quellend Blut Und atmend Leben der Geschöpfe doch zu gut! Ich bin, bewahre, nicht empfindsam, weit entfernt! Man nennt mich grausam, Mitleid hab ich nie gelernt. Doch wenn ich würge, würg ich ernsthaft; Possenspiel Zum Hohn der Kreatur ist nicht Anankes Stil. Was gilts, o Aphrodite, wetten wir zwei beiden: Das Erdenschlenkern will ich schleunig dir verleiden. Ich weiß, kann sein, ein Mittel, daß das Menschenkind Vor deinen losen Narrenbeinlein Frieden findt!» Sprachs, und den Oberkellermann der Wasserwerke Hygramp beschied er vor sein Antlitz: «Hör und merke: Hüpp! ohne Säumen! Laß dichs Fleiß und Eile kosten! Mit deinen Knechten öffne alle Wasserposten, Welche den Dampf der erebinischen Sümpfe hemmen. Mit Regen gilts das Menschenland zu überschwemmen. Laß regnen, daß das Maul der Erde überläuft! Laß regnen, regnen, bis der Schmutz im Kot ersäuft!» Unwirsch vernahms Hygramp, der Mürrische. Verdrossen Macht er sich auf mit seinen plumpen Werkgenossen Und öffnete die rostigen Riegel und die Sparren Der Wasserwerke all. Aufsprangen sie mit Knarren. Und langsam kletterten die Wolken durch die nassen Gehäuse, dampfend aus des Hades sumpfigen Gassen; Durchnebelten die Felder, krochen nach dem Berg Und hockten fröstelnd aufeinander überzwerch. Und als sie gähnend nun das Menschenland umzingelt, Da ward im Plätscherchor das lange Lied geklingelt. Ein rieselndes Getropf, gespult vom ewigen Seile, Und alle Welt ertrank in Schmutz und Langeweile. Hohnspöttisch sahs Ananke, lachend in den Bart: «Nun, Aphrodite, wohl bekomm die Erdenfahrt! Fußhoch im Kote platschend deine Siegesbahn, In Wasserstiefeln, einen Wachstuchmantel an!» So sprechend, blickt er spöttisch nach dem ewig heitern Schönfarbigen Olymp und wartete des weitern. Und als am dritten Morgen nun, bekränzt, geschmückt Die lose Göttin auf die Straße kam gerückt, Gefolgt von einem übermütigen Maskenzug Von Gauklervolke, welches Narrenbanner trug Und Rasselklappern um das Menschenkind zu foppen, Und unter stetem Johlen, Springen und Galoppen Nach einem Stündlein Fahrt die ausgelaßne Schar Den Wald hinab zum heitern Rank gekommen war, Wo sonst den freudigen Blick des Wandrers insgewohnt Die Schau der weiten Erdenländerei belohnt, Prellte der Vortrab hinter sich, enttäuscht, betroffen, Der Zug hielt an, und alle Mäuler standen offen. Denn statt der trauten, farbenfrohen Ländersicht – O Leid! – lag eine dicke, trübe Wolkenschicht Dummstumm vor ihren Augen, deren graue Decke Gebirg und Tal begrub in neidischem Verstecke. Gleich Kühen krochen sie, mit trägem Wiedermampfen, Aus deren Schnauzen schnauft ein kochend Nebeldampfen. Myrmex der Förster ward in Eile herbeschieden, Zu deuten dieses rätselhafte Wolkensieden. «Hm!» munkte Myrmex, «sauber ist das Wetter nicht. Der Wasserwind ist Meister, was für Regen spricht. Zwar, wenn der Unterwind gewinnt die Oberhand, Mag sein, so hälts vielleicht bis morgen noch Bestand.» Neben den Förster trat der Jäger jetzt hervor, Der tröstlicher erläuterte das Meteor: «Mich dünkt das Wetter nicht so übel, wie es scheint. 's ist Westerluft mit etwas Südnordost vereint. Der Hamster ist ins Feld, der Rehbock ist gesprungen, Die Dächsin und die Füchsin säugen ihre Jungen.» Ein Hirt mit schlauem Lächeln hörte blinzelnd zu. «Nun, was ist deine Meinung? Wie verstehst es du?» Der Hirt sah um den Himmel, schwieg und dachte viel. «Was mich betrifft», geruht er, «ist der Föhn im Spiel.» Doch Aphrodite spottete: «Ei was! Ah bah! Was ist das für ein Ratsherrnschwatzgeplapper da! Meint ihr, ich hätte nichtsfürnichts die lange Nacht Außer dem Bett gestanden und mich schön gemacht? Vorwärts! mir nach! Laßt die gelehrten Stoffel plaudern! Ich wenigstens, ich geh. Die Weisheit macht mich schaudern.» Gesagt, stellte die ausgespreizten Arm und Hände Ins Gleichgewicht, dann flugs bergab gejauchzt behende. Die ändern lärmend nach. Den ersten Nebelgruß Empfing man mit Verbeugung, Knix und Hahnenfuß. Dann niesend in die Wolkensuppe eingetaucht Und hustend weiter, blind, von Nässedampf umraucht. Doch unten auf dem freien, weiten Erdenplan Gings fröhlicher, im Schwarm und Siegestanz voran, Mit Schellen und Trompeten, Schreien und «Juhu!», Stets lustiger und toller, lärmend immerzu. Ein Schreckruf. «Halt! es tröpfelt!» «Torheit! Was noch gar! Woher denn?» «Wenn ichs aber spüre, ists denk wahr!» Mit eins war Jauchzen und Galoppen eingestellt. Still standen sie, einsam im weiten wüsten Feld; Ein Wimmelzug von finstern Wolken rings umher, Die stierig aufeinanderhockten plump und schwer. Hier klettern sie, dort siehst du sie in Trauben hangen; Am Himmel nicht: am Boden kommen sie gegangen, Als wollten sie die Schnauzen in den Acker wühlen. Und also nah: man konnte sie mit Fingern fühlen. Eins ist gewiß: wenn Regen kommt, so regnets tüchtig. Wie da die Narrheit kleinlaut ward und zahm und züchtig! «Heim oder vorwärts?» «Dumm! Das wird man später sehn. Einstweilen, mein ich, heißts vor allem unterstehn.» «Ja; aber wo?» Kein Schutz, kein Schirmdach zu erkennen. Und ratlos ging es an ein unvernünftig Rennen. Die im Galopp und die im Trab und Zotteltrott, Mit Schreckensrufen dort, und hier mit Selberspott. Jetzt das, da hilft kein Leugnen, das: das nennt man Regen! Ein Wettlauf beinelte, unsinnig und verwegen. Platsch! kommt mit einem kieselharten Donnerschlag Ein Wolkenbruch, der schüttet, was es schütten mag. Versprengt, verjagt, in Sprüngen durch die Ackerschollen, Und jeder blieb für alle übrigen verschollen. An einem Wiesenhäuschen nahe einem Bach Hielt endlich Aphrodite unter Schirm und Dach. Sie wußte selber nicht, wie sie hieher geschah: So blind und hitzig gings. Genug, sie stand halt da. Philosophie darüber schien ihr überflüssig. Zuerst, am Anfang, war sie mit sich selbst nicht schlüssig, Ob sie sich ärgern oder ob sie lachen sollte. Ein günstig Zeichen: horch! Gewitterdonner rollte. Folglich: je greulicher es schüttete vom Zuber, Um desto bälder ist der Wolkenbruch vorüber. Wenn also dann und wann es wie aus Kannen platschte, So rief sie: «Danke schön!» und trällerte und klatschte. Das kräftige Abenteuer macht ihr schließlich Spaß. Eins konnte freilich sie nicht leugnen: sie war naß. Pflotschnaß wie keine Nymphe, die im Brunnen lebte. Ihr töricht Buhlgewand, das lockre Hemdlein, klebte An ihrem Leib so eng wie eine Oberhaut, Jedweden Linienschwung getreu nachzeichnend: schaut! Im See des Schuhwerks gabs beim kleinsten Sohlenglitschen Gesang, bald lautes Schmatzen, bald ein schüchtern Quietschen. Und aus dem Blumenkranz im Haar die Lilienkelche Hingen ihr auf die Stirn, sogar ums Ohr etwelche. Sie nahms vom Frohen und vom Freien: «Wenig schade!» Rief sie. «So komm ich halt dem Mannsvolk als Najade! Die Augen kanns nicht schmelzen: wenn die bei mir sind, So fürcht ich weder Göttersohn noch Menschenkind!» Und schüttelte mit Macht die Mähne wie ein Pudel, Der aus dem Schwimmbad steigt, so daß ein Wirbelstrudel Von Tropfenfeuer sie rundum mit lustigen Ringeln Umsprühte; wärens Glöcklein, hörte man sie klingeln . . . Drauf duckte sie den Nacken in den Guß der Traufe, Neugierig, ob er halsab oder rücklings laufe. Und da's nun einmal also stand: warum nicht besser Herzhaft ins Freie? Trunkner Schwamm wird niemals nässer. Ein Schritt mit spitzer Zeh, ein Sprung auf einen Stein, So stellte sie sich tapfer in den Regen ein; Den Kopf zurückgebeugt, die Arme ausgestreckt, Mit halb erschloßnem Mund die Tropfen eingeleckt. «'s ist frisch, 's ist rein! So sagt: wo liegt denn die Gefahr?» Lustatmend vor Vergnügen, wenn ihr mächtig Haar, Das von dem Wasserschlucken immer schwerer wog, Die Stirn wie ein Gewichtstein sanft nach hinten zog. Wärs nicht so kühl und lief ein Sträßlein durch den Schmutz, Sie machte sich den nahen Bach zum Bad zunutz. Bis daß ihr von dem unablässigen Geklopf Auf Stirn und Scheitel schließlich taumelte der Kopf. Da flüchtete sie wieder auf den alten Stand Und sah das Häuslein an mit Ruhe und Verstand. Kreuzbalken unten, oben eine Wand von Latten, Die Zwischenklüfte, Löcher, Altersbresten hatten. Was wohnt wohl drinnen? Dunkel. «Dem Geruch nach Heu.» Sie zupft ein Pröbchen an sich. «Richtig, meiner Treu! Ein Häslein oder Vöglein, würd es drinnen hocken, Geborgen wärs im weichen Neste, warm und trocken. Laß sehen, zeig!» Im Rundgang schlich sie auf die Spür, Ob wo ein Schlupf sich öffne, lieber eine Tür. Sieh da: ein Pförtchen oben in der Lattenwand, Ein wenig hoch zwar, doch erreichbar mit der Hand. «Pfui Leid! der alte Geizhals!» Neidisch abgesperrt! Mit kindischem Zorn das Türlein angepackt, gezerrt – O Überraschung! Jupp! Der morsche Pfosten – krach! – Die Latte, drauf das Schloß genagelt war, gab nach. Ein Nachdruck noch, und gastlich stand die Haustür offen. Mit etwas Turnkunst kann man einzusteigen hoffen. Allein ein spinnenseiden Hemd mit Spitzenbort Und Blumenstickerei taugt nicht zum Klettersport. Sie schaute um sich: nichts als Dunst von Regenschauern, Die Einsamkeit verteidigend mit Wassermauern. Also die nasse Fischhaut sich vom Leib geschält, Den Arm durchs Armloch und den Kopf hinausgequält, Hernach das Hemd zur Wurst gedreht und ausgerungen, Gezielt, und hupp! das Bündel durch die Tür geschwungen. Verschwunden. Liegt im Heustock. Gelt, das war geschickt! Die Schuhe ausgeleert und hinterdreingeschickt. Und nun, zeig deine Kletterkünste, Aphrodite! Schön abgemessen, gleichen Abstands von der Mitte Die Hände angesetzt. – Gut so! Jetzt stemm ein Knie Fest an die Balken! «Ai! au weh! Das kann ich nie!» «Zieh an! Es geht! Es muß!» Verzweifelt Füßekrabbeln Am Holz hinauf mit Rückenfleiß und Schenkelzappeln – «Brav so! Triumph!» Nachrückenarbeit, Lendenwallen: Drin lag sie, ob auch mehr gepurzelt als gefallen. «Ha! Wie sichs warm und wohlig wohnt im Heu hierin!» Und watet einen Stampfspaziergang her und hin. Endlich sich frei und offen rücklings hingeschmissen. «Hei! lustig! Spielball!» Drum des Schaukelns sich beflissen, Bergauf, bergab mit Hüftenstoß und Waagewiegeln, Und horchte nach dem Regen, trommelnd auf den Ziegeln. «Nur zu! Mags Frösche regnen oder Hühner hageln! Mir gleich!» Und fröhlich schwang ihr friedlich Wiegewaageln. Doch während sie sich so im Bette gütlich tat, Geschah im Winkel hinten ein geheimer Rat Von Kleingeziefer, flüchtend aus dem schwanken Schochen. Die Tagesneuigkeit ward aufgeregt besprochen. Zitternd hub an ein Käfer: «Nie in meinem Leben Erlitt ich solch ein katastrophisch Grashaufbeben! Ein fabelhaftes Ungeheuer, riesengroß, Stampft mit den fürchterlichen Hüften Stoß auf Stoß.» Ihm widerhielt ein winziger Mottenschmetterling: «Wie schlimm schon die Gefahr, es ist ein eigen Ding: Lacht meinetwegen, heißt mich närrisch, nennt es Wahn – Ich bleib dabei: das Ungeheuer zieht mich an. Ein Licht strahlt aus von seiner Haut, so rein, so weiß, Wie ich von keiner Kerze, keiner Ampel weiß.» Ein Heuschreck nickte mit den Fühlern: «Seht mich da: Sie hat ein Bein mir abgedrückt. Es schmerzte. Ja. Doch also wund und hinkebeinig, wie ich bin, Und wärs zum Tod, ich hopple wieder zu ihr hin!» Belehrend kam der Spruch aus einem Fliegenschwarme: «Ob noch so groß, gefährlich sind allein die Arme. Wo die nicht reichen, könnt ihr unbekümmert schalten. Drum immer möglichst unten oder hinten halten!» «Und das Gesicht!» pfiff eine Mücke, «und die Ohren! Ich sage: frisch ans Werk! Sofort den Mund anbohren!» Drob packte tapfre Angriffslust die Kerbgenossen. Und also ward einstimmig jetzt im Rat beschlossen, Vereint, nach jedermanns Vermögen und Erfrechen, Den Findling anzuknuspern oder anzustechen. «Merkwürdig», meint auf ihrer Schaukel Aphrodite Und stellte den Betrieb mit heftigem Gegentritte, «Der Heustock war doch früher, schien mir, nicht so heiß, Und nicht so spitzig Stroh darin, soviel ich weiß. Es ist, als ob ich Feuer in den Beinen hätte!» Und strampelte mit allen Gliedern um die Wette. Bald auf die Seite warf sie sich, bald auf den Bauch, Schlug mit den Armen um sich. «Ui! Was ists denn auch?» «Nichts ist, als dein Gezappel! Nimm dir Ruhe vor!» «Wenns beißt!» Und schnellte wie ein Fisch im Gras empor. Plötzlich mit einem Zornschrei sprang sie in die Höhe: «Ich bitt um Büffel, Wolf und Bären! Aber – Flöhe! Das also war die Hitze, die mich so geplagt!» Und da ergebnislos verblieb die Einzeljagd, Verfügte sie ein allgemeines Strafgericht: Mit weiten Armen um sich greifend, warf sie schlicht, Soviel von Heu sie laden konnte, in den Regen. «Ertrinkt! Geschieht euch recht, der bissigen Bosheit wegen. Wie das erleichtert! Wie das abkühlt!» Herzerfreut Setzte das Werk sie fort. Und weiter ward geheut, Armvoll um armvoll auswärts durch die Tür beschert Mit emsigem Fleiße, bis der Schochen war geleert. «Endlich!» So saure Arbeit war ihr nie beschieden. Auf seufzte sie und pustete, befreit, zufrieden. Doch weil nun leerer Raum im Hüttchen war enthalten, Fegte der Durchwind pfeifend durch die Lattenspalten. Und hier aus einem Loche, dort durch eine Ritze Erschienen hin und wieder schräge Regenspritze. Erst zuckte sie dazu die Achseln. Aber bald Mußte sie zugestehn: es war abscheulich kalt. «Bewegung wärmt!» Drum nahm sie Wildgebärden vor Und sprang herum. Half nichts: sie zitterte, sie fror. Das Hemd anziehn? Vielleicht, es gilt um den Versuch! «Brr! Nein! Fort mit dem nassen, eisigen Leichentuch! – Kann sein, daß hinten in der windgeschützten Ecke, Wenn ich mich kauere, mir Eigenwärme klecke!» Gesagt, ging hin, verbeugte sich und ließ sich nieder. «Ai! Sind die eklen Planken hart!» Aufstand sie wieder. «Vielleicht gehts glimpflicher, mich länglich hinzulegen.» Auch nicht. Lieg so, lieg anders: Schmerzen allerwegen. Darob ergriff sie eine sehnsuchtsvolle Reue Nach dem verschmähten warmen, weichen, molligen Heue. Zum Fenster eilend, lehnte sie vornüber, fischte Mit langem Arm, bis eine Handvoll sie erwischte. Verrat! Knitschknätschig naß vom Platsch der Regenbraut! Das war kein Heu mehr: eingeweichtes Sauerkraut. So traf sie die Enttäuschung, daß zum erstenmal Ihr Frohsinn schwand und Wehmut in ihr Herz sich stahl. Beiläufig das Gewändlein traurig aufgerafft, Mit kluger Hand ein vierfach Polster draus geschafft, Dann in die Ecke sich gesetzt, sich krumm gemacht, Die Arme auf den Knieen, und an nichts gedacht. Der Mut dahin, der Reise Ziel und Zweck verloren, Nichts weiter als gebebt, geschlottert und gefroren. . Und immer waltete der leidige Regen noch! Wo bleibt die Sonne eigentlich? Was treibt sie doch? Und endlos kroch der Zug der stummen Wolkenkühe Über der eingeschwemmten Äcker braune Brühe. An ihren Schwänzen schleiften sie den Tag vorüber, Der immer hoffnungsloser ward und immer trüber. Dies Schmutzgrau will wohl Dämmrung heißen? «Wenn ich wüßte, Daß ich in diesem Eisschrank übernachten müßte!» Sie kam, sie blieb, die endlos lange, ewige Nacht. Des Schlafes bar, mit Zähneklappern zugebracht, Das Ohr vom Windgeheul beständig wachgestört, Der trotzige Geist vom Unbehagen zornempört. «Gebt mir mein Recht zu schlafen!» Schließlich gegen Morgen Dünkt ihr, der Schlummer woll ein Gnadenstündlein borgen. Tief hing ihr Haupt herab vom lässigem Genick. Im Doppelspiel von Wirklichkeit und Traumgeschick Schwebt ihr, als ob das Menschenvolk mit Haßgegröle Zur Strafe sie vergrub in eine Gletscherhöhle – Pam! Heftig schreckend aus dem Gletschergrabe, fuhr Sie stöhnend in die Wirklichkeit: «Was gibts denn nur? Wer kommt? Was will man Welcher Frechling darf das wagen?» Ach so! Nichts als vom Wind das Türlein zugeschlagen . . . Und weiter quälte sie die hässige Menschenbande, Die Hexe schleppend vor die Stadt zum Feuerbrande Auf hohem Scheiterstoß, von Henkershand getürmt – – «Hu, wie es bläst und windet! Wie der Regen stürmt!» Unangekündigt packt ein wütender Orkan Das Hüttlein wie mit hundert Fäusten brüllend an Und schüttelt es wie einen jungen Apfelbaum. Zwar hielt es dank dem Gegendrucke, aber kaum. Nun Todesschweigen. Dann von einem grimmigen Stoß Im Nu ein Schock von Ziegeln wie zum Spiele bloß Vom Dach gefegt, der Fensterladen abgeknickt Und polternd mit der Feldpost über Land geschickt. Ihr Auge funkelte. «Ists fertig?» Klatsch! ein Schuß Durchs Fenster, und ein dicker Schwall von Regenguß Verwandelte den Boden in ein pflotschig Meer. Heuhäuschen heißt ihr das? Ein Badehäuschen mehr . . . Jetzt aber, jetzt, jetzt ist das Maß des Ärgers voll! Tobsüchtig ward sie, schnitt Gesichter, tat wie toll. «Was ists denn heute? Ist Ananke wassersüchtig? In welch ein Mausloch ist die feige Sonne flüchtig? Lacht immerhin! Leert alle Blasen aller Welten: Die Nacht, die Nacht, die soll das Mannsvolk mir entgelten!» Dann wieder in den Winkel mit verhaltner Wut Und rollte sich zum Knäuel, wie die Viper tut, Die Schultern um die Ohren, um den Hals die Knie, Und aus dem Knäuel fauchte sie und zischte sie. «Und keine Charis, um mich Ärmste zu beklagen! Kein fühlend Herz, nicht Eine Seele, um zu plagen!» Endlich! «Erlösung!» Endlich fing es an zu tagen. Jetzt nur ein einziger Gedanke: Fort! Hinaus Aus dem verwünschten höllensüchtigen Marterhaus! Zwar regnets Wassersuppen, und der Ackerbrei Vermengt sich mit dem Grasgemüse. Einerlei! Und gings durchs Feuer, käms in einen Hühnerstall: Aus dieser Hölle loszukommen ist der Fall. Hei, ward ihr diesmal Klettern und Gymnastik leicht! O Jubel! «Draußen!» Und die Freiheit kaum erreicht, Erfand sie etwas Schönes: «Weil du mich gepeinigt, Du Folterhäuslein, dafür wirst du jetzt gesteinigt.» Und Kieselsteine, sturmgebrochne Äste flogen Ins Innerste, von ihrem Rächerarm gewogen. Nun aber auf die Flucht, ins Weite, in den Regen! «So nackt und barfuß wie ein Graswurm?» «Meinetwegen!» Also stelzbeinig durch das nasse Kraut gepflutscht Mit Storchenschritten; oft geglitscht und ausgerutscht. Stets weicher ward es unter ihrem Fuß und feister. Vermutlich Ackergrund. Nicht Grund, nicht Acker: Kleister. Drob stutzte sie. Die Nässe litt sie noch zur Not, Die Kälte hatte sie gelernt, hingegen – Kot! Die reine, weiße Schönheitskönigin und Schmutz! «Seis drum, wenns muß! Zur Wäsche ist der Regen nutz.» Und seufzend watschelte sie entlings durch den Leim. Ach! anders gehts im farbigen Olymp daheim! Und Regenwürmer mehr als schön, und Schnecken, Kröten, Wo Schwebetanzkunst nötig war, um keins zu töten. Ja was! Was kommt denn da für Neues! Sieh doch! He! Rundum, soweit das Auge reicht, ein gelber See. «In dieses Weltmeer, glaubt ihr, bringt man mich hinein?» «Es ist doch wenigstens verhältnismäßig rein.» «Und ob ich drin ertrinke, scheint dir nebensächlich?» «Kunststück! Im Regenwasser, seicht und oberflächlich!» «Wenn aber Gruben oder Gräben drunter wären?» «Jetzt bitte, sag, wie lange soll das Feilschen währen? Zwar, wenn vielleicht die Rolle besser dir gefällt, Als Regenpilz zu schimmeln auf dem freien Feld, Oder zurück ins Hüttchen –» «Wehe!» Das entschloß. «Nur das nicht!» Also mutig – «Hilf, Okeanos!» – Die Zehe vor, und in das gelbe Meer getastet, Mißtrauisch, und nach jedem Siegesschritt gerastet. Allmählich ward sie sichrer und begann zu schwadern. Bald kitzelte der Übermut in allen Adern, So daß sie Wellen mit den Füßen wogte. – Pflumpf! – Wie kams? – Bis an die Hüfte steckte sie im Sumpf. «Ach!» greinte sie, «ich habs ja immer prophezeit: Das gelbe Meer ist voller tückischer Teufelkeit! Und wer verbürgt mir, daß nicht später – unbenommen – Noch zehnmal schlimmere und tiefre Gruben kommen? Ach, wär ich wieder auf der Schneckenwiese doch!» Und wagte sich nicht vor-, nicht rückwärts aus dem Loch. «Vorsicht! Sich lieber gar nicht rühren!» riet ihr Wille. Sie lauschte – und erschrak vor ihrer eignen Stille. Die öde, weite Wasserfläche schafft ihr Grausen. Dämonen sah sie im Gewölk. Im Regenbrausen, Im Sturmgeheul vermeinte sie Getier zu wittern. Ein Krähenruf, ein Busch im Winde ließ sie zittern. «Wenn nur nicht etwa Molche, fürcht ich, drinnen sind! Dort kräuselt es verdächtig.» Täuschung, bloß der Wind. «Jetzt aber! jetzt! o weh! kein Trug! Ganz deutlich schlingelt Etwas durchs Wasser! Seht nur, wie es Kreise ringelt! Gibts krumme Fische?» Schaudernd fing sie an zu stöhnen Und wimmern in gesungnen leisen Klagetönen. «Und just ein Aal! Das einzige Tier, vor dem ich bange! Beißt eigentlich ein Aal? – Hilf!! Eine Wasserschlange!» So jäh, so blitzschnell, wie sie aus der Grube fuhr Und durch die Flut flog, das ist Zauber, nicht Natur! Und kaum auf Schneckenboden, gings mit lautem Schrein In toller Flucht gradaus. «Sie ist mir hinterdrein! Ich spüre sie! So helft doch, liebe Leute! eilt!» Gestürzt und wiederaufgeflitzt und fortgepfeilt. «Ist denn kein Hort, kein Schirm noch Zuflucht auf der Welt? Ein Hüttchen! Wohl mir! Hoffnung!» Wild drauflosgeschnellt, Ein Sprung aufs Heu, ein kühner Schwung. «Gerettet! binnen!» Da stak sie wieder in dem Marterhäuslein drinnen. «Laß währen», rief Ananke, «o Hygramp! Laß währen! Besinn dich nicht, den ganzen Hades auszuleeren! Du kannst ja, um den Regen etwas aufzufrischen, Von Zeit zu Zeit ein wenig Schnee daruntermischen!» Ein Fuhrwerk klingelte gemächlich mit Bedacht, Tripp, trapp, von Erden gen Olymp um Mitternacht. Was drin ist? Ein Geheimnis, mit Geknurr gefüllt. Ein Rätsel, dick in Pelz und Decken eingehüllt. Ob lang, ob breit, ob Mann, ob Weiblein, merkst du nicht. 's ist alles kuglig eingemummt. Selbst vom Gesicht Erkennt man hinter einem Büschel tschupper Haare, Von Heu durchstrubelt und dergleichen Wiesenware, Einzig ein Paar fuchszornige Augen, die im Dunkeln Bös und gefährlich wie zwei heiße Kohlen funkeln. Doch Charis, rückwärts predigend vom Kutschersitze, Versetzte der Erbosten sanfte Geistesblitze, Erinnernd, daß ihr doch kein Knochenbruch begegnet, Und tröstend, daß halt niemand Gott ist, wenn es regnet. Und also lehrreich fort im Weisen und im Frommen . . . Schließlich, vor Aphroditens Hause angekommen, Bewegten sich die Pelze. Zischen kam vom Mumm, Und husch! vom Wagen, rollt er durch die Haustür stumm. Zwei Wochen blieben drauf die Fensterläden all Lichtscheu geschlossen wie bei einem Trauerfall. Und stille wars, als ob kein Schnauf im Hause wäre. Doch eine solche wutgeladne Atmosphäre Von Racheklima, solch ein heißer Zorneshauch Blies durch die Mauern, ob granitgepanzert auch, Daß, wer auf hundert Schritt am Haus vorüberzog, Vor Schrecken schleunig in die Büsche seitwärts bog. Indes im Dachstuhlkämmerlein der Hinterwand Charis am Fenster heimlich Wacheposten stand, Den Finger – pst! – am Mund, verdreht die Augensterne, Mit Angstgebärden heftig mahnend in die Ferne. «Zum Wohlsein !» schmunzelte Ananke. «Mögs bekommen! Die Menschheit, denk ich, lässest du hinfort im Frommen! Das Nächste, Dringendste, das wäre nun getan. Jetzt setzen wir den Hebel an den Hauptklotz an! Wir wollen einmal, diesen Schlendrian zu heilen, Dem faulen Zeus ein kleines Rüttlemich erteilen, Dem, scheints, der Liebesspeck den Nerv des Willens frißt. Dir gehts zu wohl? es mangelt dir der Ehezwist? Getrost! Du sollst der Liebsten Hörnlein sputig spüren! Ein Drache kohlt in jedem Weib: den will ich schüren.» Gesagt, ging hin, und aus dem Geierkäfig nahm Sein Griff, was ihm an Bosheit in die Finger kam; Drehte sie prüfend um, und was da männlich war, Verwarf er flugs ins Nest zurück, verächtlich gar. Doch mit den Weibchen stopft er sich die Taschen voll, Daß rundlich ihm der Rock und Mantelbusen schwoll. Und welche Bosheit allzu gierig keift und boste, Besänftigt er, indem er schmeichelnd sie liebkoste: «Ruhig, ihr Kätzchen! Ruhig, ruhig in der Welt! Gar schönen Taglohn kriegt ihr heute zum Entgelt: Der Erdenfürstin Hera heimlich Herzenshaus – Wie schmeckt das? – liefr ich euch zum Tummelplatze aus. Darinnen dürft ihr alle Sprüng und Tänze stäuben Und jede Teufelsdaimonsweibesbosheit täuben!» Nach diesen Worten nahm er Hut und Wanderstab Und reiste gen Olymp hinunter weltbergab, Wo er am Gartenhag hinan zum Schlosse schlich. Nacht wars, und kein Geräusch im Hause regte sich. Entlang der Mauer streichend zwischen Tür und Dach, Gelangt er um die Ecke vor das Schlafgemach Des königlichen Paars. Dort griff er in die Taschen, So viele Bosheit fassend, als er mocht erhaschen. Also zum Schuß gerüstet, lugt er auf den Zehen Durchs offne Fenster, ob er Hera möcht erspähen. Und siehe da: im blassen Schein des Mondenstrahls Die arglos Schlummernde zur Seite des Gemahls. Von schönem Doppelfrieden ein vereinter Traum Durchatmete den sorgenlosen, ruhigen Raum. Doch wie er nun so lauernd vor dem Fenster stand, Die Bosheitsgeier wägend in der hohlen Hand, Geschah es, daß sein schwarzer Schatten durch den Schlaf Der Königin den Urgrund ihrer Seele traf, So daß die Träume, die vor ihre Augen zogen, Nun ernst gerieten, schwer, von Trauer vollgesogen. Ihr träumt, als thronte sie, von vielem Volk umgeben, Mit ihren Frauen und der Götterschar daneben In eines dunklen Tempels heiliger Finsternis. War nichts zu schauen als der düstre Linienriß Eines Altars zuhinterst in des Schiffes Bauch, Wo eines kleinen Feuers glanzdurchglühter Rauch Das weite Haus durchflutete mit harzigem Hauch. Und während in des Tempels Grüften kellertief Ein Grabgesang beständig unterm Boden lief, Gab jetzt das Rauchorakel, qualmend vom Altar, Vor einem Vorhang Farbenbilder offenbar, Dem Feuerherd entsteigend, flüchtig wie Gedanken, Indem sie, kaum entstanden, wiederum versanken: Beispiele des geschaffnen Lebens allerlei, Von jeder Kreatur ein treues Konterfei. Doch blindlings nicht und wahllos hingeworfen nur Erschien der Beispielzug. Die tierische Natur Nahm zu an Rang, auf stetig höhern Formenstufen, Als wie von einer zielenden Vernunft gerufen. Schon war der Fische stumm Geschlecht, der Molch und Unken Und Schlangen schleimige Brut erschienen und versunken, Hernach der Vögel Schwärme und, unzählbar schier, Das mannigfaltige Heer von wandelndem Getier. Der Affe ging, der Mensch verschwand . . . Willkommen! ah! Der Herr der Welt, der göttliche Titan, steht da. Nach diesem Beispiel ruhte das Orakel aus, Und Neugier und Erwartung flüsterten durchs Haus. Horch! Demutmurmeln, gottesfürchtig wie Gebet. Und leuchtend vor des Vorhangs samtnem Grund entsteht Das Gleichbild Heras, königlich und groß und hehr; Ihr strenges Antlitz straft die niedre Welt umher. Fürwahr: des Lebens Krönung! Innig lächelnd grüßte Ihr Blick das Schwesterantlitz, das ihr Herz versüßte. Und während, ihr zur Huldigung, mit Preis und Lob Einmütig die Versammlung rauschend sich erhob, Gewährte sie vom Thron herab mit gnädigen Händen Leutselige Küsse unters Volk nach allen Enden. Doch halt! Verrat! Täuscht mich mein Auge? Seh ich recht? Der Schein verblaßt. Ein neues Frauenbild erfrecht, Ein fremdes, sich an die verwaiste Ehrenstelle, Höher als sie, in noch vermehrter Strahlenhelle. Und die noch eben – die Verräter! – demutsvoll Ihr Huldigung erwiesen und Verehrungszoll, Begrüßen jetzt, die Schamvergeßnen, Würdelosen, Das neue Weib mit Jubelsturm und Beifallstosen. Die Galle quoll ihr in den Mund. Mit wildem Schreien Gedachte sie den Haß des Herzens zu befreien. Allein kein Laut, kein Wörtlein wollte ihr gedeihen. Da sprang sie zum Altar, und mit dem Zepter hieb Sie feindlich nach dem Unweib. Doch das Unweib blieb; Ob schwankend zwar und unbestimmt und unbegrenzt, Doch klar von Farbe, siegessonnenlichtdurchglänzt. Geh! Wider Trug- und Traumgespinste kämpft sichs schlecht! Kann gegen Nebelwolken fruchten ein Gefecht? Und schaurig aus des Tempels Kellerhöhlen tönte Ein Spottgelächter, welches ihre Ohnmacht höhnte: «Laß ab! Dein brüchig Königsstöcklein hat nicht Macht Wider Ananke, welcher deines Zornes lacht. Glaubst du vielleicht, weil du für eine kurze Frist Zuoberst auf der Schaukel, daß du wichtiger bist Als der geringste Wurm, als der gemeinste Schneck? Törin! Was immer lebt, ist Mittel bloß zum Zweck, Ein Stein im Brett, ein Punkt im ungeheuren Plan. Auch du vergehst, und eine andere tritt an.» So höhnte das Gelächter. «Gnade! Schweig! Zuviel!» Und während sie bewußtlos auf die Fliesen fiel, Stürzten mit polterndem Gekrach in Rauch und Flammen Des Tempelhauses Wände über ihr zusammen. Mit Bergen zentnerschwerer Quadern überdacht, Lag sie für tot; wohin sie sah, Verzweiflungsnacht. Das war das Traumspiel, welches durch den Mondenschein Anankes Schatten schwärzt in ihr Gemüt hinein. Und von des Traumgesichtes fürchterlichem Alp So stöhnt und ächzte sie im Schlaf, erstickend halb. Beharrlich aber lauerte durchs Fenster steif Ananke. «Auf! Laß uns beginnen! Sie ist reif.» Ein Wurf, mit sichrem Blick und treuem Arm gewogen: Da war die Bosheit in ihr armes Herz gezogen. Ob schlafend schon, so wehrte sie und sträubte sich Und schlug den Kopf aufs Kissen, weinend bitterlich, Dem Kranken gleich, der, ob bewußtlos, klagt und wimmert, Dieweil der Arzt an ihm mit Beil und Säge zimmert, Darum daß jenen Feind, den der betäubte Geist Nicht merkt, der Schmerz den klügern Körper fühlen heißt. Doch als sie endlich nun von Bosheit ganz und gar Erfüllt, allseits durchdrungen und gesättigt war, Da lag sie eine lange Zeit in Leichnamsruh, Den Atem angehalten und die Augen zu. Dann sperrte sie die Lider auf und hob sich, wach, Zum Sitz, umklammert ihre Knie und dachte nach. Zu Tode traurig war das Herz der Bosheitskranken, Und Hader suchten ihre blutenden Gedanken. Dieweil sie aber nicht erspürte, was ihr fehlte, So wars ihr Freund und Gatte, den ihr Groll erwählte. «Ach», klagte sie, «wie ist das Los, das mir beschieden, Von jenem, das ich mir geträumt, so ganz verschieden! Was hab ich armes Kind im Ehestand gefunden? Ein dürstend Herz, Entbehrung, Frost, Enttäuschungswunden! Und wenn ich überdenke, was in meinem Leben Ich diesem Einen da zum Opfer hingegeben! Den Stolz der Amazonin, mühsam nur bezwungen, Den Eheschwur, dem Widerwillen abgerungen, Das königliche Zepter mit dem Weltenruhme, Der jüngferlichen Keuschheit unberührte Blume. Wer hieß mich denn die andern allesamt verschmähen, Um diesen mit Umgehung Beßrer zu ersehen? Daß ihn mein Herz erhob, war meine freie Gnade. Und daß ichs tat, erscheint mir Torheit heut und Schade. Denn wenn er wenigstens die vielen Opfer schätzte! Mit schuldigem Dienstfleiß, was an Wert ihm fehlt, ersetzte! Das mindeste für jemand, der auf Würde hält Und Takt und Adel, wäre, daß er zum Entgelt – Nicht wahr? – mausklein, demütig und bewußtseinsmürbe Tagtäglich neu um meine Liebe ängstlich würbe, Damit am Abend ihm vielleicht die Huld gediehe, Daß seine lästige Gegenwart ich ihm verziehe. Bewahre! Meint ihr, solches kam ihm in den Sinn? Nimmt meinen Liebessold für selbstverständlich hin. Was brauchts denn da noch Werbung, Furcht und Geisteswitz? Ich bin ja sein, ich bin sein rechtlicher Besitz. Gefällts dem Herrn, mit seines Weibes Leib zu spassen: Ich bin die Magd, ich muß es mir gefallen lassen. Und hat er nur sein Stündlein Wollust schnell geborgen, So schafft ihm das Gemüt der Gattin keine Sorgen: Betrügt die Zeit mit Unkram, Tindeltand und Kunst, Und was den langen Tag ich fühle, ist ihm Dunst. Zum Spielzeug höchstens taug ich, zur Belustigung. Das nenn ich Schmach, das zähl ich für Erniedrigung.» Und also weiter, klagend ohne Unterlaß, Und aus dem wunden Herzen jammerte der Haß. Ananke hörte zu. Ein Lächeln, falsch und fein, Verglänzte sein Gesicht mit hämischem Höllenschein: «Wenn eine Gattin einmal säuselt ‹unverstanden›, So ist der Teufel schon im Unterrock vorhanden. Der Spalt ist da, die Zwietracht nah, der Zank nicht weit, Gekocht und angerichtet ist der Ehestreit. Sie wird die Wonne länger nicht, ich riechs, vertagen, Den Krebs ihm auf der Schüssel zierlich aufzutragen.» Sprachs und verzog, ein Liedlein zwitschernd vor Behagen. Fünfter Teil: Zeus Erster Gesang Die Fahne Olbia fällt                           Im Garten wandelten zur Feierabendstunde Hera und Zeus, gemächlich schlendernd in die Runde. «Gefällt dir, teure Gattin», wagt er untertänig, «Der Garten, den ich dir geschaffen, auch ein wenig? Erzielt der Blumenköpflein Lächeln dein Ergetzen? Oder was fehlt dem Wunsch? Was übrigt auszusetzen?» Wegwerfend streift ihr lässiger Blick den anmutvollen Glutäugigen Flor. Hierauf geruhte sie mit Schmollen: «Freilich erblick ich zwar der Farbenfeuerspiele, Aus schöngeschwungnen Beeten leuchtend, üppig viele, Und aller Arten Blumen seh ich tausendhundert. Warum nun aber einzig, frag ich mich verwundert, – Ists Absicht? ists Vergeßlichkeit? sinds Königslaunen? – Fehlen die trauten Erdenveilchen? muß ich staunen!» «Hast du olympischer Veilchen nicht die Überzahl, Die doppelt größer sind und schöner tausendmal?» «Das schon», versetzte sie, «allein es ist nicht das!» «Was mangelt dir an den olympischen Veilchen? was?» «Ach!» stöhnte sie gereizt, «du kennst nur Widerspruch! Kurz, Erdenveilchen reden einen Lenzgeruch, Den die olympischen Veilchen einmal halt nicht haben. Genug hievon. Wir wollen diesen Zank begraben.» Zeus merkte sich das Wort. Doch tat mit keinem Zeichen Noch Deut, was sein Gedanke brütete, dergleichen. Bis daß der Gattin Füße, mit den feuchtern Schatten, Sie nach dem heimatlichen Schloß enttragen hatten. Jetzt eilt er leisen Trittes, heimlich und verstellt, Zum Gartenvater Prasios im Gemüsefeld. «Bedrängnis, lieber Prasios! Eile! Zwangsgebot! Zwölf Karren Erdenveilchen tun mir plötzlich not! Gleichviel ob möglich oder nicht. Spitz deinen Willen! Der Herrin sehnliches Verlangen gilts zu stillen. Erwidre nichts! Ich kenne keine Hindernisse. Die Veilchen brauch ich morgen abend. Solches wisse.» Gesagt, kehrt um und ging; verlassend ohn Erbarmen Den wackern Prasios, der wehklagte mit den Armen: «Zu so viel Veilchen reicht mein Gärtnervolk nicht aus!» «Zieh alles Weibsgesind herbei aus Hof und Haus.» «Zum allermindesten bedürft ich Pferd und Wagen!» «Bedarf! bedarf! Nimm allsoviele dir behagen!» «Man müßte schon hinunter bis ins Tal Orest!» «So geh, so geh – was hindert dich? – ins Tal Orest!» Demnach geschah am Morgen früh vor Hahnenschrei Geschäftiges Getümmel um die Gärtnerei. Mägdegelächter, Knechtezank, Verwirrung, Schelten, Ein Lärm, als sollt es Krieg, nicht Blumenernte gelten. Und als doch schließlich alles fertig ward zuletzt Und auf die Wagen sich das Gärtnervolk gesetzt: «Während ich nun», sprach Prasios, «mit Gemach und Maße Mit meinen Leuten fahre die gebahnte Straße, Mögen die Mägde durch den Wald den nicht bequemen, Doch nähern Fußpfad nach der Erde unternehmen. Wer von uns beiden, dank dem bessern Reiseglücke, Als erster wird gelangen unten an die Brücke Im Tal Orest, wo das Forellenbächlein glänzt, Das den Olymp vom Menschenoberland begrenzt, Der wartet auf den andern; lange wirds nicht währen. Glück zu! Auf Wiedersehn! Geht hin in Zucht und Ehren» Es sprachs der Gartenvater. Kaum gesprochen, zogen Die Pferde rüstig aus. Von kräftigem Trab gewogen, Verschwand im Dämmerduft das Wagenzüglein bald, Die Mägde aber tauchten in den finstern Wald, Dem Fußweg folgend in gestreckter Gänsereihe; Und Sang und Schwang entwürdigte die Waldesweihe. Und als nach zweien Stündchen sie vom Wald ins Freie Und in das Tal Orest hinab ans Brücklein kamen, Da war von Prasios nicht der Schatten, nicht der Namen, Noch seines Namens Schatten sichtbar weit und breit. Da harrten sittsam sie fürs erste einige Zeit Geduldig aus. Dann, wie je länger nie und nie Des Meisters Haupt zum Vorschein kam, begannen sie Zu schäkern und zu dahlen, Unfug anzugaukeln, Sich am Geländer umzuschwingen, drauf zu schaukeln; Und um die Ecke storchten etliche zu Bach, Die, um zu plätscherbaden, die den Krebsen nach. Ein Händler trödelte daher vom Erdenland. Kramwaren zeigt er aus dem Tragkorb allerhand. «Ihr schmucken Jungfern vom Olymp, ihr Zofen fein, Kommt her und schaut! Der Wunder seltenste sind mein. Ganz neu und unbekannt. Wer ist zum Anblick willig? Ich gebs umsonst. Geschenke sind den Schönen billig. Hier dieses Schallrohr nehm ich. Hebt es bloß ans Ohr, So tönt aus seinem Trichter jeder Laut hervor, Der jemals seit der ältsten Ewigkeiten Kluft Aus einem Munde bebte durch die Erdenluft. Kein Donner stiftet, ob er noch so mächtig brüllt, So viel Getös, wie alsdann euer Ohr erfüllt. – Den Stock betrachtet. Außen scheint er von Natur Gemeingewöhnlich, nicht wahr? Wie die andern nur. Doch stoßt ihn auf den Grund, so stehn vom Boden auf Die Tier und Menschen, die in aller Zeiten Lauf Hierorts zu Tale je im Leibe mußten leben. Und zu dem Nebenmenschen sagt der Mensch daneben: ‹Wie hast du damals mir im Herzen weh getan!› ‹Ungern! Ich mußte halt. Ich tats mit Tränen dran.› Und zu der Katze sagt die Maus: ‹Warum so häßlich Hast du mich dazumal gemartert und so gräßlich?› ‹Ich kann es selber›, sagt die Katze, ‹nicht begreifen. Man gab mir Teufelskrallen, folglich mußt ich greifen. Man gab mir Zähne, folglich mußt ich reißen. Weißt: Die Tigerflecken färbten einwärts auf den Geist.› – Das Allerfeinste, was ich euch empfehlen kann, Geht aber diese wundersame Salbe an. Wenn ihr den Finger, in der Salbe umgerührt, Nur mit der Beere leicht an Stirn und Busen führt, Könnt ihr in jedes Tieres Leibverfassung schlüpfen, Die euch beliebt: als Fliege fliehn, als Hündlein hüpfen.» Die Mägde schrien: «Du aber lügst; das ist nicht wahr!» «Ei nun, so nehmt es», rief er, «mit den Augen wahr!» Stellte den Korb beiseite mit dem Warenkram, Schrieb einen Zirkel auf den Brückenboden, kam Herein, salbte die Fingerspitze, tupfte sich: «In einen Salamander, acht, verwand! ich mich.» Und kaum das Wort gesprochen, als verschwunden war Der Händler, und an seiner Stelle hielt fürwahr Ein Salamander, schwarz, mit höllischen Tupfen noch, Züngelt ein wenig, blinzte mit den Lidern, kroch Auf das Geländer. Plötzlich sprang ein Glockenton Aus seinem Munde: «Aïdeus!» Entwandelt schon Stand er als Krämer auf den Beinen wie vorher. Gierig umdrängten ihn die Mägde: «Ist das schwer? Bekenn!» Und ihre Augen funkelten begehrlich. «Und bist du treu? Und ist das Spiel auch ungefährlich?» Der Händler tröstete: «Gefahr ist nicht dabei, Wofern nur einer hütet die Gebote drei: Zum ersten, daß allwährend er verwandelt ist, Er keine Erdenfrucht zu speisen sich vermißt; Zum zweiten, daß kein Herd ihm auf den Scheitel fällt; Zum dritten, daß er seinen Namenslaut behält; Denn, um den Wandelzauber wieder umzubrechen, Muß einer in Gedanken seinen Namen sprechen. Auf nun, ihr kecken Jungfern! Jupa! Wer hat Mut? Wer will versuchen, wie die lustige Salbe tut?» Doch furchtsam wichen sie zurück, und jede steckte Sich möglichst hinter eine andre, die sie deckte. Sie spürten wohl den Wunsch, doch der Entschluß versagte. «Pfui Schande!» schmält er höhnisch. «Memmen ihr, verzagte!» Ihm kam zurück: «Ein Sprichwort läuft bei uns zu Lande: Das Unheil trifft den Hals, den Balg nur streift die Schande!» Umsonst hielt er den einzelnen die Salbe hin, Bis er zu Ganymede kam, der Tänzerin. Die patzte mit den Brauen, schüttelte den Schopf: «Her mit der Schminke! Bah! Es kostet nicht den Kopf!» Und tupfte sich die Schläfen. «Schön so!» pries sein Gruß. «Jetzt tritt mir mit den Zehen herzhaft auf den Fuß! Welch Vöglein willst du nunmehr werden?» – «Einen Hasen!» Gesagt. Und sieh: verschwunden, wie vom Wind verblasen War Ganymede. Eine Häsin, blank wie Schnee, Mit rosigen Augen, saß, wo sie gestanden eh. Drob Freudenruf und Koselaut aus hundert Herzen. Und alles eiferte, das Vögelein zu herzen. Und setztens auf den Rasen: «Kannst du springen? Zeig! Und deine Ohren sträußen? Mach das Männlein, steig!» Und Ganymede sprang und purzelte und stand Als wie ein richtiger Hase, aber mit Verstand. Jetzt siehe: von der Häsin Truggestalt verlockt, Kam durch den Wiesenrain ein Häserich gebockt. Liebsüchtig naht er ihr. Und Ganymede, froh Der Täuschung, äugelt ihm entgegen, winkt ihm, floh Ein wenig, kehrte sich und knappte mit den Ohren. Endlich, nachdem sie seine Inbrunst gar gegoren, Schnupfte sie minniglich und hielt ihm gnadenvoll; Wozu der Mägde zügellos Gelächter scholl. Da rauscht es in den Lüften, und ein schwerer Stein, Vom Himmel stürzend, wettert in den Spaß hinein. Kein Stein – ein Geier. Angepackt, gekrallt, enttragen, Schrie durchs Gewölk des Hasenbockes schmerzlich Klagen. In wilden Sprüngen aber, todesangstentsetzt, Schoß Ganymede sinnlos in die Runde jetzt. «Nicht fliehn, du Närrin!» schrie der Schwestern hitzige Rede, «Entwandle dich, entwandle dich, o Ganymede!» Freude! Gerettet stand in echter Tracht sie da! Doch Mitleid rührte, wer die Leichenfahle sah. Die Lippen zuckend und der Augen Geist verstört, Der Herzensatem vom erlittnen Schreck empört. «Ich hatte», keuchte sie, von Rückangst noch besessen, «Ich hatte meinen Namen», würgte sie, «vergessen! Bewundrung aber, heilge, muß dem Tier ich gönnen Für ihren Mut: daß sies ertragen, daß sies können!» Darob Gelächter. Doch vom Händler kam die Rede: «Süß bist du, aber töricht, schöne Ganymede! Willst du die Welt verstehn, vergiß nicht die Gewalt. Sie könnens freilich nicht, allein sie müssen halt!» Horch! Peitschenklang vom Berge, Pferdeschellenläuten. «Still, Prasios' Stimme! Hört ihr? Mit den Gärtnerleuten!» Eilends verschwand der Händler mit dem Zauberkram. Die Mägde stellten sich und gleißten Zucht und Scham. Eindringlich raunte Ganymede: «Nichts verraten Von allem, was da hier geschah und was wir taten!» Doch traurig schauend aus den hohlen Herdgehäusen, Meinten die Wiesenmäuse zu den Ackermäusen: «Ich möcht auch also mein unselig Mäusekleid Eins zwei vertauschen können wie dieselbe Maid!» Noch war das Tal Orest vom Sonnenstrahl nicht heiß, Und in den schattigen Halden wirtete der Fleiß. Ähnlich wie wenn von emsigen Bienen oder Hummeln Geschäftge Völker sich im Lindenbaume tummeln, Um jeden Blütenbüschel wumselndes Gesumm, Vergnügen gilt, die Arbeit feiert nicht darum: Also betrieben auf und ab vom Bach zum Hang Die Mägde unter Trillersang den Veilchenfang. Sie heimsten förderlich, denn jung und flink war jede. Doch sämtliche besiegte leichtlich Ganymede, Die gleich dem Wiesel durch Gebüsch und Hecken schlüpfte, Bald zu den Felsen sprang und bald dem Bach zu hüpfte. Indes die Gärtner, die des Meisters Auge fühlten, Mit kundigem Spatenstich die Würzlein unterwühlten Und die gefüllten Körbe, feucht mit Moos verladen, Zum Wasserfalle trugen, um vor Sonnenschaden Und Trockentod das zarte Pflanzenvolk zu hüten Und den erschrocknen Saft mit Bachstaub zu vergüten. «Halt!» mahnte schließlich Prasios. «Wenn mein Blick nicht trügt, So haben wir der Veilchen mehr als wie genügt. Spannt ab und gönnt euch Ruh! Vor abends aufzubrechen Mit Pflänzlein durch die Sonne, wäre Hochverbrechen. Jetzt wollen wir ein Wörtlein mit dem Imbiß sprechen.» Gesagt. Die Mägde mit den Gärtnern jauchzten: «Ruh!» Und unterm Nußbaum sprachen sie dem Imbiß zu. Und als nun Durst und Hunger sattsam war gestillt, Zu keinem Trunk, zu keiner Speise mehr gewillt, Und der erfrischte Leib, gestärkt und ausgeruht, Nach Neuigkeiten spürte Lust und Lebensmut, Rief Ganymede: «Meister Prasios, Dank und Segen Für Most und Kost! Jetzt will ich meine Knöchlein regen!» Sprang auf, ging hin, und auf des Mättleins weichem Wasen Begann sie einen ausgelaßnen Tanz zu rasen. Freisorglos, was zuunterst, was zuoberst kam: Und niemand weiß, woher sie all die Beine nahm. Und siehe da: vom Bild des Vorspiels angesteckt, Ward bald ein Allerjungfernwirbeltanz geweckt, Die, Hand in Hand zum schmucken Maienkranz geschlossen, Mit immer wilderm Schwung die Taumelringel schossen. Juchhei erscholl und Lustgeschrei: «Triump, Triampe!» Die Gärtner brachen auf und halfen mit Getrampe. Hier galt nicht Kunst noch Regel. Wer nicht konnte, mochte; Und wenn der Mut verglomm, ward Mahnung ihm zum Dochte. Weil Prasios unterdessen in des Kreisels Mitte Mit Händeklatschen regelte des Taktes Schritte. Neugierig aber streckten ihre struppigen Köpfe Aus Busch und Baum hervor die irdischen Geschöpfe, Sich stupfend mit den Ellenbogen: «Darf man, du?» Und wagten sich heran und drückten sich herzu. «Ei, seht doch!» schnauzt ein Gärtner, «ja noch gar, das wäre! Weg da! Mit Göttern tanzen glückt euch nicht die Ehre!» «Du schweig!» rief Ganymede. «Maul zu! Unbenommen! Ein jedes Vöglein ist am heutgen Tag willkommen. Vierbeinig oder zwei: mir gleich und einerlei! Weiß ja, wies ihnen tut, war selber auch dabei. Alles heran! Was Atem hat und Herz und Beine, Das tanze harmlos mit! Denn ich bins, die das meine.» Also ermutigt, reihten harmlos sich zum Ganzen Die Erdenvögel und begannen mitzutanzen: Hirsche gemengt mit Störchen, Gott und Mensch gepaart, Und jedes gab die Stimme laut nach seiner Art; Wem nicht Gesang gedieh, begnügte sich mit Grölen. Und immer neue Tiere hüpften aus den Höhlen. Von Jubel füllte sich das Freundschaftstälchen voll, Und stündlich toller ward der Bundeswalzer toll. Bis daß der Sonntag, der sein goldnes Licht verbraucht, Dem Abend wich und, in ein saftger Grün getaucht, Das Eital ruhte und den rötern Himmelsbogen Durchquoll vom Menschenland der Vesperglocken Wogen. «O weh!» schalt Prasios, «hupp! Brecht auf! Den Heimweg sucht!» Und zum Olympos wälzte sich die hastige Flucht. Und als nun Zeus, wartwandelnd vor dem Gärtnerhaus, Zur Vordernachtzeit, zwischen Mond und Fledermaus, Endlich das Reisezüglein aus der Waldesschluft Vernahm, umschwebt von tausendstimmigem Veilchenduft: «Schön!» warf er ihnen froh entgegen, «brav gemacht! Seid mir gepriesen und mit Lob und Dank bedacht! Zum Lohne dessen will mit reichlichen Geschenken Ich morgen jeden ohne Unterschied bedenken. Jetzt frag ich: Wollt ihr weiter euren Dienst mir spenden Und, was ihr also schön begonnen habt, vollenden? Die Nachtruh und den Schlummer opfernd euerm Herrn?» «Ei ja», willfahrten sie, «um deinetwillen gern!» Wohlan, die Gärtner sollen denn der Pferd und Wagen Obhut besorgen, die Geräte dannentragen. Das Frauenzimmer aber mag mit Blumenschwänzen – Doch leise, ohne Lärm! – den Frühstückssaal bekränzen, Auf daß am rosigen Morgen, wenn der Tag sich neut, Der Herrin sich ein unverhoffter Anblick beut. Sind wir des einig? Seid ihr zu dem Werk zufrieden?» «Ei ja!» frohlockten sie und hüpften auf und schieden. Zagreus den Sänger aber ließ der König holen. «Ein Wunsch, mein Freund!» «Der ist», genehmigt er, «empfohlen.» «Im Saale führt das Weibervolk, du kennst den Saus, Hienacht laut meinem Auftrag eine Arbeit aus. Um sie von lockerm Schwatz und Unfug abzuhalten, Spend ihnen eine Sage, laß ein Märlein walten. Das Weib mags gern, wenn des Gesanges Odem rauscht. Und spricht das hohe Wort, so seufzt sein Herz und lauscht.» «Gehört!» sprach Zagreus, ging und tat, wie ihm befohlen. Zeus aber folgt ihm heimlich nach und saß verstohlen In einen Seitenwinkel, wo der Mondenschimmer Ihn nicht verriet. Und welche von den Mägden immer Beiläufig ob dem Handwerk ihm vorüberstreifte, Mit Veilchenblust beladen, die erbost und keifte: «Platz da, Faulpelz!» und stieß ihn mit dem Ellenbogen. Nur Zagreus kannt ihn am Gebaren. Und erwogen, Daß man erhabner Herren königlichem Geist Mit denkenswürdiger Sage Huldigung erweist, So wählte Zagreus vor des Königs Angesichte Von Koras Erdengang die ewige Geschichte. So lautete von Koras ewgem Erdengang Zagreus' des Sängers mitternächtlicher Gesang: «In grauer Vorzeit, sagenhaft und wunderbar, Als noch den Göttern im Olymp kein König war Und das Geschlecht der Menschen, neuerlich entstanden, Noch unbekannt und Recht und Satzung nicht vorhanden, Zogen am ersten Frühlingstag nach altem Brauch Die Jungfern vom Olympos einmal wieder auch Mit jauchzenden Gesängen, Zimbelspiel und Leier Ins Tal hinab nach Erden zur Adonisfeier. Nachdem das heilge Drama von dem Siegeslauf Des Sonnenjünglings durch die Hölle und hierauf Der Reigenumgang um das blumige Gelände Mit Todesklagen und Gebeten war zu Ende, Begannen, wie's ererbter Sitte so gefiel, Zum letzten sie das launige Verwandlungsspiel, Indem sie, teils zum Sinnbild, teils zum Zeitvertreib, Den Körper tauschten gegen einen Erdenleib. Kora, der Jungfern jüngste, schönste, fand vor allen An den Verwandlungskünsten freudiges Gefallen; Die bald als Täubin, bald als Schwan vom Walde stieß, Bald als ein Mäuslein rollte in ein Erdverlies Und jubelte: ‹Dem Schöpfer Preis und Dank gebracht, Daß er des lustigen Getiers soviel gemacht!› Und also bis zum späten Abend, wo man dann Vergnügt nach Hause wanderte Olymp hinan. ‹Kora!› begehrt ein Anruf. ‹Kora, hör doch!› schmälte Gereizte Ungeduld. Ein Angstschrei: Kora fehlte. Darob Entsetzen. ‹Torheit doch! Wozu uns ängsten? Sie lief voraus. Sie ist gewiß daheim des längsten.› Doch wie sie dann bei nebelnächtger Dämmerung Zum Brunnen kamen auf der Egg beim Straßenschwung, Hielten am Weg der Kora Brüder im Verlangen, Der trauten Schwester Heimkehr grüßend zu empfangen. Arglos erbaten sie, mit frohem Blick und Munde Die Kommenden befragend, von der Schwester Kunde. Doch über ihre Schulter wuchs, vom Schreck beglaubt, Der schwarzen Wahrheit augenloses Mörderhaupt. Am andern Morgen aber ward ein Trauerfahren Olympischen Volks nach Erden in getrennten Scharen. Da, wo noch gestern Lieder, Flöten und Schalmei Erklangen, irrte jetzt des Jammers Wehgeschrei. Doch ob sie in des Tales Falten, in den Schluchten Des Waldes die Vermißte mit der Stimme suchten, Immer gewärtig, daß bei eines Rankes Wende Plötzlich das liebe Antlitz lachend auferstände, Das Waldgebirg blieb einsam und die Fläche leer. Sieh da, Trophonios, der des Weges kam daher: ‹Zieht heim, Unselge! Spart die Wandermüh! Verloren Ist eure Hoffnung! Nimmer wieder seht ihr Koren! Ach Jammer, daß sie in den Zauberkreis geriet, Worin der Kirke Stab die Leiber an sich zieht Kraft des Magnetes, den zu ihrer Bosheit Danke Der Vater ihr verlieh, der Weltenherr Ananke. Vergeßt, vertrauert Kora! In der Kirke Haft Ist sie verdammt zu ewger Körperwanderschaft. Und keine Hoffnung zu entfliehn. Und niemand glaube, Daß seine Heldenstärke die Entführte raube! Tief in der Erde liegt der Kirke sonnenlose, Von keinem Lichtstrahl frohe Burg Metempsychose, Und keine Straße führt in jene Finsternisse, Außer ein einziger versteckter Schlupfweg. Wisse: Da, wo in einer welligen Wiese weichem Bette Drei schwarze Asphodillen stehn, dort ist die Stätte. Durch eine Erdenspalte, die das Gras verschweigt, Führt eine steile Leiter, drauf man abwärts steigt. Doch dreimal wehe jedem, wer er immer ist, Der jenem Leitersteg zu folgen sich vermißt! Sich selbst verdirbt er. Kora rettet er nicht mehr. Aus Kirkes Hause mündet keine Wiederkehr.› Trophonios riefs. Und seiner unheilvollen Sage Antwortete Verzweiflungsschrei und Trauerklage. Doch Attis, Koras ältster Bruder, sprach: ‹Mein Schwert Ist gut; die Schwester ist gerechter Rache wert. Was gilt mir Zauberlist? Ich achte keine Fährde. Die Schwester werd ich retten. Wahrlich, ja, ich werde!› Und jenen Abend pilgert er bei Nacht und Grau Ins Erdenland, erfrug die Asphodillen-Au, Fand dort die Leiter, stieg hinunter in den Gang, Bis er zu Kirkes nachtumhülltem Raubschloß drang. Dort hieb er mit dem Schwerte dröhnend an die Pforte. ‹Gib Kora wieder!› heischten seine Donnerworte. Ein Glanzschein ihm zur Seite. Aus dem Glanze tauchte Ein strahlend Weib, das gleisnerische Worte hauchte: ‹Fremdling, was zürnst du mir? Halt ich, unwissend zwar, Kora, die göttliche, gefangen wirklich wahr, Und unterfängst du dich, daß du sie klar erkennest, In jeglicher Verwandlung sie mit Namen nennest, So ist sie frei; nimm hin. Doch wenn du mich betrügst Und klagst des Raubs mich fälschlich an, und nicht genügst Der Forderung, daß du die Schwester klar erkennest Und, ob verwandelt schon, sie von den andern trennest, Dann bist du selbst, Verleumder, meinem Zorn verfallen, Und Strafen sollst du spüren, die dir nicht gefallen!› So lautete der Willkommgruß, den Kirke bot. Attis frohlockte: ‹Wohl mir! Zweifel tut nicht not. In jeglicher Verwandlung, Vogel oder Tier, Die Schwester aufzuspüren: des getrau ich mir. Denn an der Augensprache ist sie mir bekannt, Die sagt zu mir: 'Attis, ich bin dir anverwandt.' Gewißlich nenn ich sie; sonst duld ich jede Buße.› ‹Wohlan denn›, winkte Kirke, ‹folge meinem Fuße.› Durch einen Hof gelangten sie zu einem Garten, Wo tausend Käfige mit Vögeln aller Arten Und grumselndem Getier in meilenlangen Zeilen Den Weg umsäumten; während von entlegnem Teilen Des Parks aus steinbewehrten Zwingern, Kerkern, Koben Durch das Gezwitscher Eber grunzten, Leuen schnoben. Ists Wahn? Sind diese Schauertöne Fiebersprüche? ‹Nicht Wahn! Wir leben!› klagen grausige Gerüche. ‹Hier›, höhnte boshaft Kirke, ‹such sie, triff die Wahl! Sieh hin, ob deine Schwester weilt in dieser Zahl!› Sprachs, klatschte mit den Händen, und mit hellem Munde Warf sie die Stimme nach des Gartens fernstem Grunde: ‹Vernehmet alle, die in einen Leib beklommen, Die Botschaft, die ich bringe: Einer ist gekommen, Kora, das Götterkind, zu lösen allsofort. Wo Kora immer sei, erhebe sie das Wort!› Da ward aus abertausend Tier- und Vogelkehlen Ein jämmerliches Rufen der gefangnen Seelen. Und flehend durch die Tür der Käfige und Zwinger Zwängten sich Schnauzen, bettelten bekrallte Finger. ‹Ach, Bruder›, weint ihr Blick, ‹erkennst du, Attis, nicht In der Verkleidung deiner Schwester Angesicht?› Und wie nun Attis vor dem wüsten Bettelchor Erbleichend stand und stammelte kein Wort hervor: ‹Was schwankst du?› höhnte sie. ‹Wenn Zweifel dich beschleicht, Entdeckst du sie in anderer Gestalt vielleicht!› Und hurtig in des Kleides Busen langend, griff Sie jetzt ein Flötlein, drauf sie schrille Töne pfiff. Da tat sich auf die Erde. Frösche, Mäuse, Schlangen, Ameisen kamen aus den Löchern hergegangen. Und aus den Lüften saust ein schwärmendes Gefieder In kreischendem Gewölk zu Kirkes Füßen nieder. Und alles zappelte erregt zu Attis hin, Hing sich an seine Knie, bedrängt und rüttelt ihn: ‹O Bruder Attis› tränt ihr Auge, ‹kennst du nicht In der Verkleidung Koras treues Angesicht?› Und immer neuen Schwarmes rauschten Vogelstürme, Und niemals endete das wimmelnde Gewürme. Bis daß betäubt, bewältigt, unterliegend fast, Er grausend floh, von jähem Wahnsinnschreck erfaßt. Jetzt mit dem Stab, den sie verborgen bei sich führte, Schlug sie nach ihm. Und kaum daß ihn der Stab berührte, So schrumpften seine Glieder. Zottig Hundefell Umzwängt ihn, und Verzweiflung winselte Gebell. In einen Koben stieß ihn Kirkes heftiger Fuß: ‹Nun, Kinder, wünschet eurem neuen Bruder Gruß!› Und als am Morgen nicht und alle Tage weiter Attis nach Hause kehrte, sprach der Brüder zweiter, Jakchos: ‹Zwei Augen sind der Mutter mein geboren. Der beiden Augen eines weint sie aus für Koren, Das andere für Attis. Soll sie nicht erblinden, Muß ich aus Kirkes Kerker die Gefangne finden.› Gesagt. Und machte sich beim Sternenschein im stillen Nach Erden auf, zur Wiese nach den Asphodillen, Stieg in die Schlucht hinab und kam dem Schlosse nah. Doch was dem Attis war geschehen, das geschah Ihm ebenfalls in allen Stücken gleicherweis. Und dreier Kinder ward die Mutter Rhea wais. Und also fort, bis von den Brüdern Koras sieben Ein einzger bloß, der Jüngste, übrig war geblieben, Alastor, noch ein Kind an Jahren, schwach und zart, Ein Hort der Zukunft, unnütz für die Gegenwart. Den setzte Rhea eines Abends auf ihr Knie, Und, ihm die Hände faltend, sagte weinend sie: ‹Ich gehe nun, leb wohl, den bösen Weg gegangen Zu Kirke, wo der Kinder Tränen mein verlangen. Zwar mangelt mir die Kraft, zu helfen und zu heilen, Doch nicht das Herz, ihr klägliches Geschick zu teilen. Doch meine Rache, meinen Fluch vermach ich dir. Alastor, falte deine Händchen, schwöre mir: Wenn einst, mit Manneskraft und Heldengeist gestählt, Dein Herz von Taten singt, dein Blick von Mut erzählt, Rühr einen Aufruhr im Olymp! Im Völkersturm Ersteig, erbrich Anankes blutigen Weltenturm! Knie auf die Brust dem Ungeheuer! Knet ihn, würge, Es wäre, daß er Koras Freiheit dir verbürge.› Nach diesen Worten küßte sie mit Tränen lange Das Knäblein und verzog nach Kirkes finsterm Gange. Und als Alastors Bart von Manneskraft erzählte, Sein Auge funkelte, drin Tatenfeuer schwelte, Erklomm er einen Fels, den äußersten von allen, Und ließ des Aufruhrs Stimme durch sein Alphorn schallen. Von Wand zu Wand im Echo grausig wandernd, schuf Entsetzen und Empörung der gewaltge Ruf. Aus allen Tälern des Olymp ein rennend Laufen, Und drohend ballten sich die meuterischen Haufen. Nicht des Olymp allein, denn sieh: von Erden wallten Die sämtlichen Geschöpfe, eifernd mitzuhalten. Voran die Reiterei der Luft im Windesheulen, Von königlichen Adlern angeführt und Eulen. Danach das Fußvolk: das unzählige Getier Und Vieh, den Boden stampfend mit den Beinen vier: Dumpfdonnernd dröhnten ihre Tritte. Dann der Troß Des zischenden Gewürmes, das den Aufmarsch schloß. Nie überblickt ein Feldherr buntre Bataillone. Doch keine Zwietracht störte, noch Verwirrung. Ohne Ansicht des Pelzes, der Gestalt und Leibeslüge Lieh jeder den Gehorsam zum Gemeingefüge. Ein einzig Maskenheer, entflammt von Brudergeist, Ein Racheknäuel, drin das Weltweh Hoffnung kreißt. Sieh dort: was regt sich in den Gräbern, steigt vom Boden, Die Leichensteine hebend? Fleischlos, Haß für Oden Und Wut für Blut? Die Toten sind es, die vom Mahnen Des Alphornsammelrufs geweckt, Vergeltung ahnen. Und alles schart sich um Alastors schwarze Fahnen. Und ward von sämtlichem Geschöpf ein Freiheitskrieg, Der feindlich nach Anankes Mörderweltburg stieg. ‹Zum Angriff!› röchelte des Rächers rauhe Kehle. Da jauchzten die Trompeten, gellten Hornbefehle, Und der gesamte tausendköpfige Heereswurm Des Lebens stieß mit Fluchgeheul empor zum Sturm. Schon war, vom aufgesparten Haß mit Wut berannt, Der Schanzenring erstürmt, die Mörderburg verbrannt. Die Trümmer taumelten, der Einsturz brüllt im Wanke: ‹Hie Dach! Mir nach!› Und in den Keller floh Ananke. Darob ein welterschütternd selig Sieggeschrei, Und das Geschöpf umarmte sich: ‹Die Welt ist frei!› Doch jetzt, von einem tückischen Denkblitz schlau beraten, Versteckte sich Ananke in den Automaten, Den unbeseelten Eisenriesen, dessen Herz Aus Stein beschaffen, seine Panzerhaut von Erz. Ein Wellbaumschwung durch ewig fleißige Räderwerke Beköstigt seiner Armscharniere Hammerstärke. Sein Blick ist rotes Feuer und sein Atem Dampf. Und als nun durch den Kellergang zum letzten Kampf Im Siegesrausch des Feindes hitzige Vordermannen Den Freudenjubel stürzten, meinend, den Tyrannen Mit leichter Hand zu fällen, juckte hinterm Tor, Den Paß versperrend, plotz! der Automat hervor. Gleichgültig, frei von Leidenschaft und Nervgefühlen, Schlug er des Keulenwirbels nimmermüde Mühlen. Doch wessen Leib und Leben traf sein Kolbenschlag, Und schöpft er aus gigantischer Stärke, der erlag. Zur Todestreppe türmten sich die Leichenstufen, Und bänglich Notgeschrei erstickt im Hilferufen. Sieh da! Der Feldherr selbst, der finstre Fürst der Rache. ‹Heil uns! Hoffnung, erhebe dich! Blick auf! erwache!› Mit wildem Ansprung über Fluch und Leichengreuel Warf sich Alastors Wutschrei auf den Eisenscheuel. Der langen Tage sieben und der bangen Nächte Setzt er dem Automaten zu im Schwertgefechte. Doch wider leblos Eisen fruchtet keine Schlacht: Des Unholds Rohgewalt behielt die Obermacht. Zerschmettert lag Alastor, schrecklich anzuschauen, Und rückwärts flutete das Erdenvolk mit Grauen. Also verendete der Weltenfreiheitskrieg, Da das Geschöpf des Schöpfers Mörderburg erstieg. Von neuem knirscht das Weltall in Anankes Zangen, Und Kora schmachtet noch, in Kirkes Haft gefangen.» Also erzählte Zagreus. Während seiner Rede Suchten viel scheue Augen furchtsam Ganymede; Indessen heimlich manche Hand mit sachtem Streifen Den eignen Leib befühlte, gierig, zu begreifen, Daß vor Verwandlung sicher, haltbar und gesund Ihr junger Leichnam sich bewähre, um und rund. Still waltete der Fleiß, von Plaudern ungestört Und Lachen. Ward kein Laut im weiten Saal gehört Als Blätterrascheln durch die Finger, Atemholen Und hie und da ein feiner Tritt geschäftger Sohlen. Doch während also emsiger Hände Heimlichkeit Im fernen Saale wirkte, hob zur selben Zeit Sich Hera aus dem Bette, öffnete die Tür Und streckte schnuppernd durch den Spalt die Nase für. «Riechst du», raunt ihr das Selbstgefühl frohlockend zu, «Und merkst du, benedeiteste der Frauen du? Nämlich der ganze unvernünftige Veilchensegen Geschieht für dich, nur deines flüchtigen Wunsches wegen. Und der dir also huldigt, ist der Himmelskönig, Der mächtige, starke Zeus, dem alle Lande frönig. Allein was hilft ihm, daß die Welt ihm untertan? Dir dient er, deiner Wörtlein kleinstes hört er an!» Und schmeichelnd sprach ihr zu ein freundlicher Gedanke, Daß sie dem Gatten seinen Eifer hold verdanke, Geheim mit Blick und Kuß in stiller Liebesfeier. Doch nicht erlaubten dies die argen Bosheitsgeier In ihrem Herzen. Eintracht war nicht ihr Gefallen. Wild sperrten sie die Schnäbel, spreizten Schopf und Krallen. Und einer aus der Zahl, der giftigste von allen, Hub an und pfiff und fauchte: «Meinst du, einfach machen, Was man gesagt hat, müßte meinen Dank entfachen, Daß ich Bewunderung ihm zappelt aus dem Schoß? Du bist genügsam: mir gilt solch Verdienst nicht groß. Das kann ein Bauer, kann ein Knecht, ein jeder kanns. Erhabner ist das Ehrenamt des Ehemanns, Ob freilich schwieriger. Doch wenns nicht schwierig wäre, Worin bestände sonst der Vorzug und die Ehre? Erfahre denn: als mindeste der Ehetaten Acht ich, der Gattin Wunsch im Urkeim zu erraten. Gelüste, die man selbst nicht spürt, so sind sie fein, Die müssen dem Gemahl Gebot und Richtschnur sein. Ich sage: 'nein' – jetzt ahne: heißt das nein, heißts ja? Siehst du: das nenn ich Zartgefühl, die Kunst ist da! Dagegen Blindgehorsam ohne Geistesschwung Ist keine Ehrerweisung, nein: Beleidigung. Den Sklavensinn, das Pöbelblut erkenn ich dran – Und überhaupt, gesteh doch selbst, ist das ein Mann? Immer an meinen Fersen klebrig, unterwürfig, Nach einem Lächeln schmächtig, einem Blicklein schlürfig! Wer gab mir diese teige königliche Grütze? Ein Weib begehrt vom Mann vor allem eine Stütze, Ein Ding, darin ein Mark und ein Charakter haust, Der ihr den Willen zeigt und, tut es not, die Faust. Viel eher als den Sänftling, der mir Liebe gurrt, Trüg ich den Polterich, von kräftigem Zorn durchknurrt!» Und ließ nicht nach, bis daß verwirrt, verschwatzt, verhetzt, Sie sich von Zeus beleidigt achtete zuletzt Und, was durch Bosheit innen ihr zuleid geschah, Im Spiegelbild sie in des andern Absicht sah. Stillgrimmig unterzog sie wieder sich der Decke, Bekümmert, welchen Molch sie ihm zum Undank hecke. Und als am andern Morgen nun, gedehnt, gegähnt, Sie den Gemahl, von Schenkerungeduld zersehnt, Wartwandeln hörte draußen vor dem Schlafgemach, Warf sie sich wieder in die Kissen: «Nur gemach! Vor allem will ich dir, mein Herr, die Gunst gewähren – Nimms dankbar an für Gnade – dich Geduld zu lehren.» Und ließ ihn ruhig räuspern, hüsteln, wie er mochte. Und wenn sein Finger zaghaft an die Türe pochte, Durchs Schlüsselloch er schüchtern ihren Namen rief, So stellte sie sich schlafend, atmend gleich und tief. Bis daß sie ihm die Freude wurzelgrundverleidet. Jetzt aus dem Bett geschlichen, still sich angekleidet: «Was wollte, weißt dus», überfiel sie ihn, «nachtheute Der Lärm, der mich nicht schlafen ließ, der vielen Leute?» «Vielleicht», sprach Zeus, «daß mir dein Unmut gern verzeiht, Vernimmst du eine Überraschung, dir geweiht.» Sie aber, ihre Nase schützend, nieste: «Uch! Was ist das für ein widerlicher Ungeruch?» «Ich weiß nicht, was du meinst . . .» Und schmunzelnden Gesichts Die Veilchen zeigend: «Teure Gattin, siehst du nichts?» Beleidigt prallte sie zurück, die Augen naß Von Tränen: «Wem gefiel der abgeschmackte Spaß?» Drob blitzten seine Blicke: «Liebe Gattin wert, Hast du nicht Erdenveilchen sehnlich jüngst begehrt?» «Wann hätt ich das? Wie? Wo? Das hab ich nie gesagt!» «Du hasts gesagt. Ich sags, weil Wahrheit mir behagt.» «Ein hübscher Morgengruß, mich Lügnerin zu nennen!» «Das tu ich nicht. Die Wahrheit wollt ich bloß bekennen.» «Genug, behalte recht. Nimm an, ich hätts getan, Da dus begehrst. Rück jetzt mit deinem Rätsel an! Anstatt mit ewgen Zänkereien mich zu mähen, Zeig endlich deine Überraschung, laß sie sehen!» Die Augen rollte Zeus und knirscht und stöhnte: «Weib, Du wählst dir heute einen schlimmen Zeitvertreib! Ich habe viel Geduld, doch schließt sie mit dem Ende, Und wenn mein Zorn einmal erwacht, so gehts behende!» «Recht so», hohnlachte sie, «fahr weiter! Besser ist, Du zeigst dich unverstellt als Bauer, der du bist. Laß meine Torentat – ich habs verdient! – mich büßen. Daß ich es nicht verschmäht, als Gatten dich zu grüßen. O Pein und Scham, o bittre Reue tränenheiß! Ach, wenn ich damals wußte, was ich heute weiß! Schlag zu, mißhandle mich, es ist gerechter Zoll. Weswegen hab ich einst den herrlichen Apoll – Ach, wenn mans zweimal dürfte! – den mein Herz ersehnt, Um eines rohen Wütrichs willen abgelehnt? Weh! In die beiden Augen hab ich mir gestochen! Ich werde hart gestraft: Apoll, du bist gerochen!» Ob diesem Wort begab sich, daß im Übermaß Des Ärgers Zeus der Rede Schicklichkeit vergaß: «Ech du huhnhirnige, verwöhnte Pfauenhenne – Verzeih, gestatte, daß ich dich beim Namen nenne – Schnapp nur nicht, laß dich bitten, Fliegen nach Apollen! Kaum dein, du hättest mich statt seiner haben wollen. Und überhaupt, er oder wer, das bleibt sich gleich: Es wohnt kein Mannsbild weder hoch im Himmelreich Noch auf der Erde weder in der Unterwelt, Des Lammessanftmut wider deine Pfauheit hält! Soll ich dir sagen, willst du, was dir täte not? Die magre Armut, Sorge für das liebe Brot, Arbeit ohn Unterbruch mit eigner Muskelmühe, Statt Nektar und Ambrosia Grieß und Erbsenbrühe, Verziert mit einem hand- und ehrenfesten Mann, Mit Haaren auf den Armen und zwei Fäusten dran, Der allemal, wenn dich die Daimonsbosheit juckt, Dir einen Trauermarsch auf deine Sitzung zuckt. Was gilts: die Liebe würde plötzlich sich beeilen! – Ich war ein bißchen scharf, je nun, es mög dich heilen!» Ein Schluck, ein Krampf, ein Blick auf den Vermeßnen hin, Und stolz verrauschend floh die wunde Königin. Geschehen. Staunen; bange Stille. Horch! da brach Die Fahne Olbia polternden Gefälls vom Dach. Und des holdselgen Knäbleins Friedensmelodei Riß plötzlich mitten durch mit einem Schluchzerschrei. Bestürzt vernahm die unheilkundigen Warnungszeichen Der König. Reue überfiel den Schreckensbleichen. Und als sein aufgeregtes Horchen vollends schon Im Treppenhaus die Flucht des Knäbleins Eidolon Erlauschte, wie mit kindischem Hopsen Sprung für Sprung Es trepphinunter trieb die Abschiedswanderung, Eilt er ihm hurtig nach, ob ihm vielleicht gelinge, Daß ers mit schmeichelnder Gewalt zum Bleiben bringe. Da sieh: den Flüchtling aufzuhalten ihrerseits, War ihm zuvorgekommen Heras Fuß bereits. So trafen sie sich Aug in Aug in nächster Nähe; Doch jedes tat, als obs das andere nicht sähe. Das Lockenhäuptlein streichelte, die Stirn, die Wangen Jetzt Zeus dem Kind und sprach die Rede leidbefangen: «Wenn ich nur wüßte, ob nicht eitel Spott und Hohn Und Schmach ich erntete zum wohlverdienten Lohn, So könnte sich mein Stolz zur Buße wohl verstehen, Den Bittgang in der Gattin Kammer würd ich gehen.» Und Hera, auf die Augen, auf den Kindermund Das Knäblein küssend, gab verschämt die Antwort kund: «Wenn Zeus vor meine Schwelle reuig kommt gegangen, Will ich den Schimpf vergessen und ihn hold empfangen.» So zettelten die beiden einen Friedensplan Im Scheingespräche zu dem Kind versöhnlich an. Drauf kehrte Hera mit geschwinden Schritten heim Und guckt am Fenster durch den Vorhang insgeheim Zum Hof hinunter, ihres Gatten Kunft gewärtig. Doch als nun über kurzem, fromm, zur Buße fertig, Der König durch den Hof den widerspenstigen Fuß Zum Bittgang zwängte, zählend auf den holden Gruß, Da stachelten die Bosheitsgeier: «Wie! so frühe? Erkauft sich die Verzeihung mit so leichter Mühe? Für all die bösen Worte, hohn- und haßgeladen, Womit er dich beschimpft, soll schon ihm Liebe gnaden?» Und rasch die Tür verschließend, fieberfingrig zwar, Verblieb sie hinterm Vorhang stumm und unsichtbar, So daß nach einiger Zeit des Wartens, rot vor Scham Und Zorn, der König finstern Blicks den Rückweg nahm, Verfolgt vom frechen Frageblick der strammen Wächter Und von der Zofen kaum verhaltenem Gelächter. «Ach, weh mir armen Törin! Warum tat ich dies? O käm er wieder! Dann erhört ich ihn gewiß!» Allein am andern Tag bei seiner Wiederkehr Erlag ihr Herz den Bosheitsgeiern wie vorher, Verweigert ihm den Zutritt, riegelte die Tür Und gab ihr Antlitz hinterm Vorhang nicht herfür. Dann rang sie Tag und Nacht nach Atem angstbeklommen: «Ach möcht er einmal noch, nur einmal wiederkommen!» «Wohl mir!» rief sie bei seiner dritten Wiederkunft, «Heut ist der Koller weg, heut spür ich die Vernunft. Bewahre, daß ich nochmals den Empfang verschöbe! Nur daß man gar so hoch und plötzlich ihn erhöbe – Wie wärs zum Beispiel, wenn ich eine Stufenleiter Erstellte: heut zunächst ein Blicklein, morgen weiter Ein Lächeln ihm gewährte, später dann ein Wort Der Gnade, und so immer mählich aufwärts fort –» Und während sie so schwankte in des Zweifels Mitte, Stieß Zeus vom Hof daher die widerwilligen Schritte: «Nun war ich zweimal schon den Lämmergang gewohnt, Und beidemal mit Hohnspott wurde mir gelohnt!» «Sei groß! Versöhnung läßt sich mehr als zweimal suchen; Ein häßliches Geschäft, der Liebsten Schulden buchen.» «Seis drum!» Da würgt ihn Ekel. Eine Kröte kroch Von Heras Schwelle ihm entgegen. «Einmal noch, Ein einziges kleines Mal!» Die Kröte kränkt ihn doch. Bis plötzlich er den Mantel von den Schultern riß, Ihn mit den Füßen trat, die Fäuste von sich schmiß: «Bin ich ein Hund denn, den mit Prügeln man erzieht? Und alles um die Daimonsveilchen, was geschieht! Gehabs! Üb du die Veilchen-, üb die Hühnerzucht! Ich habe dir den Pfau zu krauen nicht die Sucht!» Er riefs und stampfte heimwärts mit entschloßnem Gang. «Meine Geduld ist all, die Weile wird mir lang», Rief Hera, «geht doch: wo der Zuchtvergeßne bleibt, Was das bedeuten soll und was er unnütz treibt?» «Herrin, er lehnt im Thron, umringt vom Heroldchor, Und mächtige Befehle spricht er ihnen vor.» «Holt eilends ihn herunter, sagt, ich send ihm Grüße Und heute wär ich hold gesinnt und sanft und süße.» «Ach Herrin, liebste Herrin», meldeten mit Zagen Die Dienerinnen, «dein Gebieter läßt dir sagen: ‹Den Bittenden erhöre, allsolang er fleht. Hast du den Stolz einmal entzündet, ists zu spät.›» Die Haare zerrte sich die Königin: «Verrat! Doch fordr ich Rache», schneuzte sie, «für diese Tat! Halt – wart doch! Still! Was war das? Sahst du nichts? Was sprang Mir Glitzerndes zu Boden, klirrend kling und klang?» Das Wundergläslein wars, der Zauberfingerring, Den sie aus Moiras gnädigen Händen einst empfing. Dort sieh: da liegts; allein zersplittert und zerschellt. Kein Künstler heilt es wieder, keine Macht der Welt. Geistlosen Blicks, zunächst das schmucke Kleinod nur Betrauernd, stierte Hera auf die Scherbenspur. Dann, sich erinnernd, trostverlaßnem Schmerz zum Raub, Fiel sie, dem Ringlein nach, lautweinend in den Staub. Zweiter Gesang Zeus ruft die Götter heim                                 Inzwischen gab der ehrerbietigen Heroldschar Die mächtigen Befehle Zeus vom Throne dar: «Zu Aiolos am Stad! Weckt ihn mit Knuff und Kniff, Daß er euch liefere sein schnellstes Wolkenschiff. Fahrt dreimal um die Welt, soweit der Raum es gönnt, Posaunt und schellt und ruft umher, so laut ihr könnt: ‹Zeus ist erwacht. Zu Ende läuft die Reisezeit. Zu hurtiger Heimkehr mache jeder sich bereit. Es sollen alle sich von heut in sieben Tagen Im Schloß versammeln, meinen Willen zu befragen.›» Und also wie befohlen, also auch geschah. Und alle Götter kehrten heim von fern und nah. Und als von heut in sieben Tagen nun die Menge Der Götterfraun und -männer des Palastes Gänge Und Treppen mit Geplauder schmückten nach und nach, Und jedem Neuling Freudenruf den Willkomm sprach, Und Wiedersehen war in jedem Aug zu lesen, Und fragten sich einander: «Wo bist du gewesen Die ganze Zeit? Erzähl! Es ist dir wohl bekommen Dem Aussehn nach, denn, siehe, du hast zugenommen! 's war eine schöne Zeit; allein daheim, nicht wahr, Auf dem Olymp ists doch am allerschönsten zwar?» Horch: draußen ein Getümmel, Volkszusammenlauf. Und durch die Fenster sahen sie den Berg herauf Die Wendelstraße ziehn den sonderbarsten Zug, Den jemals der Olymp auf seinem Rücken trug: Fischschwänzige Tritonen, Hummer, Stachelrochen, Die mühsam, wie es ging, auf Schuppenbäuchen krochen; In ihrer Mitte aber, frei emporgetragen, Poseidon mit Elissa auf dem Muschelwagen. Dem Zuge gab ein staunend Volksspalier Gelaß, Und Weg und Stege wurden von dem Meervolk naß. Und während eilends in des Hofes Brunnenbecken Sich das Gefolge warf, die Flossen auszustrecken, Trat riesig durch des Doppelflügeltores Weite Poseidon mit der Braut in selbstbewußter Spreite. Neugierig ward Elissas Anmut aufgenommen, Und Schmeichelwort und Küsse wurden viel vernommen. Doch aller Staunen und Bewunderung erregte, Wie fein und züchtiglich Poseidon sich bewegte. Da tat sich knarrend auf der goldne Säulensaal, Und lachend strömte durch die Tür die edle Zahl. Drin warteten sie schweigend auf des Königs Fuß. Sieh da, schon trat er unter sie mit trautem Gruß. Mit raschem Blicke zählt er die verwandte Schar, Bot jedem einen Händedruck, ein Lächeln dar, Nach seinen Taten fragend, spöttelnd mit dem Munde. Kaum aber gab sein Aug ihm von Elissa Kunde, Stürmt er Poseidon an: «Wo nahmst du, Auerbär», – Und schlug ihm aufs Genick – «solch köstlich Kleinod her?» Hernach im Saale forschend: «Wo ist Hermes?» «Hier!» «Du schlauer Sünder, was versteckst du dich vor mir?» Und feinen Blinzelns Hermes untersuchend, las Er ihm ein Frauenhaar vom Bart: «Was ist denn das?» Den Fund im Kreise zeigend, den er hoch erhob. Und jubeljauchzendes Gelächter scholl darob. Nachdem er dann das ganze Trüpplein durchgeschritten, Noch manchen Scherz gestichelt, manchen auch erlitten, Begab er sich zum Throne, setzte huckbequem Sich auf den Stuhlarm, räusperte und sprach nach dem: «Vielliebe Vettern, vielgeliebte Basen beide, Es ist fürwahr mir eine Herz- und Augenweide, Wieviel der kräftigen Männer und der Frauen lind Wir hier in edler Sippschaft warm beisammen sind. Stolz steht im Holz der Wald der stämmigen Titanen, Und kerniger Taten Zukunft darf ich freudig ahnen. Vor allem lasset mich Elissen, unsrer neuen Lieben Verwandten, einige Grußesworte streuen: Im Namen aller heiß ich herzlich sie willkommen. Als Schwester unter dem Geschwister aufgenommen, Sei im Olymp sie stets ein gern gesehner Gast Gleich unsereinem. Also wünsch ichs aufgefaßt. Zum zweiten nehmet sämtliche, so Weib als Mann, Meinen gefühlten königlichen Dankspruch an, Daß euer keiner bei dem ersten Mahnungszeichen Dem Heimruf sich entzog und schmählich mocht entweichen. Von selbst sich fügen ist der freien Seelen Kunst; Ich bitt um eures ferneren Gehorsams Gunst. Aus Laune nicht, hochedle Freunde, und nicht gerne Hab ich aus grüner Heimlichkeit und blauer Ferne Euch heimgenötigt und der Ferien Lieblichkeit Vorschnell gekürzt. Allein der Ernst ist an der Zeit. Gar manches gibts zu sorgen, mehreres zu schlichten. Das Menschenvolk vor allem heißt mein Amt mich richten. Doch das ist mein Geschäft, ich werd es sorglich lenken. Ihr andern wollet dieser Satzung Folge schenken: Auf dem Olymp verbleibet sämtlich überhaupt; Die Erdenfahrt ist fortan keinem mehr erlaubt, Es wäre denn, er habe des mein Wort dabei. Sonst setz ich keine Schranken, der Olymp ist frei. Um aber eure treue Folgsamkeit zu löhnen Und eure Herzen an die Heimat zu gewöhnen, Will ich zu eurer trauten Ankunft Gruß und Ehren Ein allgemeines mondenlanges Fest gewähren Oben im Bundesfelde rings der Jubelhalle Für die gesamten Völker des Olympos alle. Niemand ist ausgeschlossen, bloß die Trübsal fehle. Und was das Herz gelüstet, übe jede Seele. Enthebt euch nun, geliebte Vettern, rüstet, schmückt Euch emsig, laßt die Sorgen und zum Feste rückt!» Demalso wallten festlich nach der Jubelhalle Die vielgestalten Völker des Olympos alle. Vom fürstlichen Titanen, dessen Göttergang Im Purpurmantel kündete den Herrenrang, Über der Halb- und Viertelsgötter Zwitterschar, An Rang unebenbürtig, aber lieblich gar, Bis zum Zentauren abwärts alle Zwischenstufen, Wie sie des Zufalls Spiel und Liebeslaune schufen. Von tausend Trachten eine einzige Völkerwelt. Und alles strömte durcheinander, traut gesellt. Sieh: zwischen ernsten Musen, heiligen Kamönen Bockbeinige Satyrn; neben stolzen Göttersöhnen Ein Schwarm Mainaden, nackt vom Wirbel bis zur Zeh. Wollust und Würde tun sich im Olymp nicht weh. Und war ein großes Fest. Und seine vielen Gäste Bewirtete der König königlich aufs beste. Und jedem durfte seine Herzbegehr gelingen. Die Wasserkünste ließ den langen Tag er springen; Am müden Abend aber nach der Dämmerung Lieh er dem Fest mit Feuerspielen frischen Schwung: Erst Puff und Knall, dann lustige Lämplein, Fackelbrand; Leuchtfässer kamen lodernd vom Gebirg gerannt, So daß der flammende Olymp, von Glutschein rot, Die Nacht durchqualmte, gleich als litt er Feuersnot. Und war der Kurzweil bei dem Feste allerhand, Was nur die Seele wünschte und der Witz erfand. Bald aber schauten alle auf ein Wonnespiel, Das jedem mehr, als was das Fest ihm bot, gefiel: Sie schauten nach dem Tisch, an welchem Aphrodite, Gesellig plaudernd, lagert in der Schwestern Mitte. Und Antwort gab dem Staunen die Bewundrung kund: «Sie nickt!» «Jetzt lächelt sie!» «Sie öffnet halb den Mund!» Hernach mit Ungestüm: «Schnell, Freunde, kommt doch, seht: Wahrhaftig, sie steht auf, sie blickt umher, sie geht!» «Wie groß!» «Und doch so leicht!» «Mich mahnts an Hirschengang. Der Glieder edles Gleichmaß schreitet wie Gesang!» Mit schmeichelndem Gesicht zu Aphrodite trat Jetzt Zeus: «Herztraute Aphro, meine Keckheit naht Mit einer Bitte: Hebe dich auf jene Bühne, Daß allem Volk der Frühling deines Anblicks grüne.» «Ich finde weder Fleck noch Fehl in deiner Bitte.» Und hurtig auf die Bühne klettert Aphrodite. Und als die Bühne Aphrodite kaum erstiegen, Verstummte Sang und Klang, und die Gespräche schwiegen, Weil aller Augen Sehnsucht an dem Zauber hing, Der ihrem Liebreiz unaufhörlich auserging. «O Aphrodite, schreite!» «Bück dich!» «Drehe dich!» Und jedem Wunsch willfuhr sie angelegentlich. Und also immer weiter in Vergnüglichkeit Durch ungezählte Stunden eine lange Zeit. Kniefällig ließ sich endlich Aphrodite nieder, Und Küsse nach dem Volke schickend immer wieder: «Ach, liebste Freunde», rief sie, «laßt es nun bewenden!» Ein jedes Spiel wird überdrüssig, wills nicht enden. Seht, wie ich müde bin und mürb und krafterschöpft. Die Arme sind mir Blei, die Beine wie geköpft. Wollt drum, doch rechnet mir die Bitte nicht zum Bösen, Mich von der allzuheißen Huldigung erlösen!» Darob erhob sich ein Tumult: «Mitnichten, nein! Bleib noch ein Weilchen! Gnade! Nur ein Stündchen klein!» Bis endlich Zeus mit ihrem Ächzen Mitleid spürte Und die Erschöpfte, Weinende dem Volk entführte. Geknickt, gebrochen und gelähmt, mit wankem Schritte An Pallas' Busen sinkend, stammelt Aphrodite: «Ach, welche Marter! Weh! Ich bin zu Tode froh! Doch morgen, hoff ich, leid ich schlimmer noch als so.» Und alle Tage also wie zu Anbeginn Hob sie des Volkes Gunst zur Wonnekönigin. Doch als der Abende und Morgen stete Reise Den Mond des Festes lenkte nach dem Ende leise, Gefiel es eines späten Abends Zeus, das Prassen Der Götter in der Jubelhalle zu verlassen. Und auf dem Söller draußen unterm weiten freien Nachthimmel ließ er sich des Denkens Traum gedeihen. Und wie er so geruhsam in der samtnen Nacht Betrachtete der glitzernden Gestirne Pracht, Geschah es, daß ein Windstoß, der in Wirbeln wehte, Den Sternenvorhang seitwärts auseinanderblähte, So daß ein weiter Spalt entstand und durch den Spalt Dem Blick gelang, der Wahrheit wirkliche Gestalt Hinter dem gleisnerischen Schleier anzuschauen. Doch was er schaute, füllte seine Brust mit Grauen. Anankes zornige Riesenfüße sah in steten Gemeßnen Tritten er die Weltenmühle treten, Darob viel tausend Sonnen außer dem Geleise Den Raum durchwirbelten in schwindelhaftem Kreise. Mitunter kreuzten sie einander auf der Reise: Alsdann geschah mit Gasgeheul und Gischt und Dampf Ein heißer gegenseitiger Vernichtungskampf. Die Sonnen platzten, und ein Eisenschlackenregen Schoß blindlings durch die Weltenhöhlen allerwegen. Sieh dort ein Blümchen Leben, ein erbärmlich Ei Von Gottesseele fliehen durch die Wüterei, Verzweifelnd, wo es in dem tollen Sterngewinde Ein Ruheplätzchen für ein Stündchen Seufzer finde. «Dort schwirrt die Erde! Wag ichs? Wird sie Schutz mit leihn?» In eine Bodenspalte duckt sichs hinterm Stein Und drückt sich platt mit eingezogenem Genick. Schon aber hat Anankes scharfer Mörderblick Es ausgespäht. «Was seh ich! Wie? Lebendig Leben? Fluch und Verrat! Wer tats? Wie hat sich das begeben? Auf, Henker Tod! Verjag es, töte, tilge, rott! Es wagts, es keimt im Weltraum noch ein Tröpflein Gott!» So schäumt Anankes Wut. Was weiter sich begab, Schnitt der Zusammenschluß des Vorhangs neidisch ab, Der wiederum des Sternenhimmels Friedensbild Über die Wahrheit schob als lustigen Lügenschild. Das war die schlimme Wahrheit, welche Zeus vernahm. Und als er wieder in die Jubelhalle kam, Traurig, mit gramumwölkter Stirne, still und stumm, Da ging ein heimlich Zischeln bei den Gästen um: «Ei seht doch, liebe Freunde! Sagt: ist Zeus berauscht, Daß er so umgewandelt dasitzt wie vertauscht?» Am Morgen aber ward durch königliche Boten Willkommner Aufruf unterm Volk herumgeboten: «Dieweil des Jubels Ende gern den Gipfel mag, Gestattet Zeus als Schlußstück auf den letzten Tag Für jeden, wer er wäre, gleich und einerweis, Ein Rätselfrägsel und ein golden Ei zum Preis: Wer an Anankes Welt an irgendeinem Flecke Eine gesunde Zwiebel, einen Zweck entdecke.» Ob diesem Spruch entstand ein abgrundtiefes Denken Mit Stirnerunzeln, Nägelkauen, Köpfehenken. Denn ob aus Goldgier oder Ehrgeiz, einerlei, Sie guckten alle nach dem goldnen Weisheitsei. Doch als nun vor vereintem Volk am letzten Tage Der König Antwort heischte auf die Rätselfrage, Versuchte mancher manche Lösung, findig zwar Und köstlich fürs Gemüt – nur schad, sie war nicht wahr. Darob Verlegenheit und allgemeines Schweigen, Denn jeder wußte nichts, und niemand mocht es zeigen. «Nun, Aphrodite», scherzte Zeus, «komm nieder, heck! Was meinst denn du dazu? Wo hat die Welt den Zweck?» «Ei was», rief sie, «der einzige Zweck, von dem ich meine, Bin ich! Flari flara!» Und wippt ihm mit dem Beine. Verwundert schaute Zeus sich und bedenklich um: «Wißt, was die Schönin gluckste, ist nicht gar so dumm. Erbaulich klingts zwar nicht, allein es wird so sein: Der Weltenwerte höchste heißen Form und Schein. Komm, Aphro, hol ihn, deinen Weisheitshennepreis! Drum lach mich lieblich an und küß mich zum Beweis!» Gern ließ die Schmunzelnde das Urteil sich gefallen, Und Beifallsjauchzen scholl von den Olympiern allen. Doch als nun Aphrodites Kühnheit sich vermaß, Daß sie auf Heras leeren Thronsitz lachend saß, Rief Zeus: «Auf! Lüpf du deine losen Schenkelinnen, Du lockre Geiß, von Heras Ehrenstuhl von hinnen! Obgleich in bitterm Streit mit mir und Ehezwist, So bleibt sie mein Gemahl, die deine Fürstin ist.» Dritter Gesang Die Menschen                               Und als des Festes Tandradei und Bruhaha Verrauscht, und nüchtern lag die Jubelhalle da, Und auf dem öden, gestern noch von Lust durchschäumten Festplatz die flinken Diener Tisch und Bänke räumten, Ermannte sich der König: «Fertig! Abgetan! Das Tändeln ist vorbei; jetzt hebt der Werktag an!» Und kräftig seinen Willen weckend, arbeitsmunter, Sandt einen Boten er ins Menschenland hinunter, Daß alle Welt zum schicklichen Empfang sich rüste: Gericht zu halten wäre Zeus' des Herrn Gelüste. Dann eines Morgens früh nach einigen Wartetagen Hieß er den feierlichen königlichen Wagen, Den mit den Flügelrädern und dem Adlerkopf, Zum Stall hinunterstoßen aus dem Wagenschopf, Sechs Schimmelrosse spannen vor den Wagen dann, Zwei an die Deichsel, vier am Strick im Freigespann; Den Purpur ließ er sich hierauf vom Nagel reichen, Die Weltenkrone und den Herrscherstab desgleichen. Und als er einige Zeit geduldig ausgeharrt, Der Wagen aber niemals reisefertig ward: «Ich kann ja», meint er schließlich, «schadlos mittlerweile Den Park hinab lustwandeln eine kleine Zeile.» Gedacht, und schlendert ohne Zweck und Absicht so In lässigem Gang den Park hinunter irgendwo, Gleichviel wohin; der Zufallsführung folgt er gerne. Ein alter Diener aber zog ihm nach von ferne. Und wie er also durch die grüne Heimlichkeit Einsam, kein Laut zu hören in der Runde weit, Dahinzog in des Buschwalds Zwischenfinsternissen, Trat eine Stimme auf, die sprach ihm ins Gewissen: «Du, der du deine eigne Missetat vergissest, Wie wagst dus, daß du fremde Sünden wägst und missest? In deinen frevelhaften Händen, schuldbeschwert, Wankt nicht das Zepter? zittert nicht das Richterschwert? Die, welche du mit überlegner Rechtsgebärde Zu richten unternimmst, das Menschenvolk der Erde, Sie haben für die Höhe ihrer Sündenlast Ein Wort sich zur Entschuldigung, das du nicht hast: Das Wort, daß sie der Krankheit und des Todes Kind, Von Schmerz verwirrt, in Leidenschaft befangen sind. Nun, spürst du noch zum Rächeramte Mut, so wags! Und hast du einen Einwand zu erwidern, sags!» Zerknirscht vernahm die Rede Zeus, und schuldbewußt Senkt er das mächtige Haupt und griff sich an die Brust: «Der Kronenraub, den ich mit frevler Faust getan, Geht nicht mich selber, sondern geht das Schicksal an. Sein strenger Wille hat zum König mich verdammt, Und mit dem Herrscher- hab ich auch das Richteramt. Den Vorteil aber leit ich aus der eignen Sünde, Daß sie in gnädige Duldung für die Sünder münde. Mein Fehl gereiche denn dem Menschenvolk zum Schilde, Und auf der Spitze meines Zepters trag ich Milde. Zehntausend Laster will ich jedem, nur allein Die Lüge und die feige Bosheit nicht verzeihn. Und eine einzige Tugend fordert mein Gemüte Von jeglichem Geschöpf, die leichteste: die Güte.» So in Gedanken kam er nach dem Aussichtsplatz Jenseits des Parkes auf dem letzten Felsensatz. Dort lehnt er mit den Armen auf die Mauerwehr Und sendete den Blick ins weite Äthermeer. Doch merkte nicht das Erdgelände unter sich Und nicht am Berg der Wolken Zug, des Nebels Strich; Sah nur die Bilder, die er mit dem Geiste schaute Und die sein Aug ihm in den blauen Himmel baute. Das war das Denkgemälde, das im Geist er sah In goldnem Licht, als ständ es leiblich vor ihm da, Ein Zukunftsbild: sich selbst, im Spiegel der Person, Vom Menschenvolk umjubelt auf dem Richterthron, Das seine Hände küßte, ihm zu Füßen sank: «Dank deinem gnädigen, barmherzgen Urteil, Dank!» Dieweil er so im Geist an diesem Traumbild hing, Ward sein Gesicht unruhig, schnupperte und fing Zu wittern an: «Was ist das für ein ekler, öder, Abscheulicher Geruch als wie von faulem Köder?» Der Diener kam und schnob mit schnellen Nasenzügen: «Das kommt von Heuchelhäuchen», sagt er, «wenn sie lügen.» Jetzt beugte Zeus sich horchend auf die Brüstung vor: «Was für ein seltsam Stimmentosen hört mein Ohr, Als wie verrückter Leute Toben unsinnsmunter? Und wie das Pfeiflein des Verrates tönts mitunter!» Der Diener sprach: «Das kommt vom Menschenvolke ja! Von deinem Anblick trunken, jauchzen sie: hurra!» «Was jauchzen sie», frug Zeus, «was hurren sie mich an? Noch hab ich nichts für sie geleistet und getan!» «Je nun, es ist im Menschenvolk einmal so Brauch, Vor irgendwem im Staub zu liegen auf dem Bauch.» Kopfschüttelnd sprach der König: «Laß mich einmal doch Durchs Fernrohr dieses Volk betrachten näher noch.» Und hinters Fernrohr tretend, fingert er und drehte, Bis in den Tiefen er das Menschenvolk erspähte. Und lange währt es nicht, so fing er an zu murren, Verbißne Rufe knirschend in das Glas zu knurren. Jetzt focht er mit den Armen, wild, mit Fäustekrampfen, Und trat den Takt dazu mit aufgebrachtem Stampfen. «Geh heim und melde, daß ich diesen Tag nicht fahre, Daß ich die Abfahrt auf den nächsten Morgen spare. Ich will mir alles nochmals reiflich überlegen: Vielleicht versuch ich sie auf andern, leisern Wegen. Und trag zugleich mir, bitte, diesen Unrat fort!»– Den Purpur und die Krone zeigte dieses Wort. Und als der Diener nun das Herrschgerät empfing, Mit Kron und Purpur ungesäumt von dannen ging, Sieh, welch ein Wunder: dorthin, wo der Diener schritt, Folgte des Menschenvolkes Jubeljodel mit. «Fast scheint mir», höhnte Zeus, «die ganze Herzensbrunst Verdank ich einzig meines goldnen Reifleins Gunst. Komm, laß uns doch versuchen: geh einmal und steig Mit deinem Königströdel nach dem Walde, zeig!» Richtig! Dem Diener folgte das Gejohl zum Walde. «Jetzt her zu mir!» Juch, kam der Jubel mit alsbalde. «So, das genügt! Kannst gehn. Die Treue ist mir klar.» Hernach, sobald der Diener weggegangen war, Ersah er eine Bank, von Waldeseinsamkeit Umschlossen, friedlicher Beschaulichkeit geweiht. Auf diese schritt er feindlich zu, saß nieder, hängte Das grimmige Haupt und zählte, während der bedrängte Gedanke einen Seufzer ab und zu entließ, Die Kiesel, die er mit dem Fuße von sich stieß. Und also bis zum Abend. Abends heimgekehrt, Beschied er seinen Schreiber. «Lieber Schreiber wert, Weißt du vielleicht in unsern Büchern keine Schrift, Welche des Menschenvolkes Art und Weis betrifft, Seis nun Erzählung oder seis Naturgeschichte?» «Es sind da», sprach der Schreiber, «allerlei Berichte. «So hole sie!» Also geschah. «Fang an, lies vor!» Ein Heft aufschlagend, las er zu des Königs Ohr: «Der Mensch hat fromme Augen, eine hohe Stirn, Gespaltne Seele und ein doppeltes Gehirn. Er kann auf einem Grundsatz oder Standpunkt stehn Und nach Bedürfnis seine Überzeugung drehn. Sein Kleid besteht aus Wolle, Leder oder Leinen, Im Rückgrat hat er den Charakter oder keinen. Stets siehst du ihn mit einem Tügendchen im Mund, Daran er kaut: das hält ihn aufrecht und gesund. Der Mensch ist klug: er hält den Finger an die Nase, Und jeder Aberwitz versetzt ihn in Ekstase. Kein Rätsel ist so schwer, er löst dirs ohne Schnaufen. Er predigt: 'rechts um', also wird er linksum laufen. Der Mensch ist stolz; doch äußert sich sein Stolz verschieden: Nach oben hündelt er und bläst sich auf nach nieden.» «Genug», versetzte Zeus, «hab Dank und geh zur Ruh!» Selbst aber tat er diese Nacht kein Auge zu. Endlich, nachdem die Morgensonne angekommen: «Holt mir den Affen Greulich!» rief sein Mund. «Vernommen.» Und als der Affe Greulich ihm zur Stelle war, Von äußerm Anblick menschenähnlich auf ein Haar, Doch innen feig und böse, von Gesinnung frech, 'Makak' war seiner Rede einziges Gesprech, Hängt um das zottige Brustfell, filzig und zerlaust, Er ihm den Purpurmantel, drückt ihm in die Faust Sein Zepter, stülpt ihm auf den buschigen Augenwulst Die goldne Königskrone. Hei, wie vor Geschwulst Der Affe jetzt sich blähte und vor Hochmut spreizte, Mit Blicken um sich warf, mit gnädigem Lächeln geizte! Mit einem Fußtritt zwischen Peitschenhieben dann Lud er den Unhold auf das Schimmelsechsgespann. Von seinen Herolden die liebsten, treusten zwei, Ihm blind ergeben, holte jetzt sein Wink herbei: «Setzt euch zu Pferd, geleitet diesen Schuft nach Erden; Zeigt ihm Gehorsam, laßt ihm Gruß und Bückling werden. Und angelangt im Menschenlande, so posaunt: ‹Dies ist der König Zeus, kniet nieder und erstaunt!›» So Zeus. Heimlächelnd aber, schelmisch und verstohlen, Übte das treue Heroldpaar, wie Zeus befohlen, Und leitete durch des Olymp belustigt Gaffen Ins Menschenland mit Ehrfurcht den vermummten Affen. Hierauf am frühen Morgen nach der zwölften Nacht Zog selber Zeus ins Menschenland in Pilgertracht, Erinnyen hinter ihm, des Urteils finstre Wärter, Das Haupt verkappt, im Mantel hehlend ihre Schwerter. Doch unten auf dem Älplein, welches sanftgeneigt Durch weite Wiesen in den Gau hinuntersteigt, Von Busch und Hag durchkreuzt, besät mit Hof und Haus, Teilte das Züglein sich: Zeus selber schritt voraus, Doch die Erinnyen, daß ihr drohendes Geleit Den Rächer nicht verrate, hielten sich abseit, Getrennt, in weitem Abstand tretend das Gewicht Der schweren Schritte, ferne folgend, doch in Sicht. Doch horch: von oben welche Pfiffe, gell und schrille, Entweihn des hehren Himmelsfriedens blaue Stille? Hoch am Zenit, wohin die Blicke kaum mehr weisen, Bewegt sich ein Gefiederschwarm in heftigen Kreisen. Sinds Kranichzüge oder Stare, die zu andern, Wärmern Gefilden sonnensehnsuchttrunken wandern? Doch kühner als der Kraniche Trompetenstöhnen Und Krächzen, als des Starenvolks geschwätzig Höhnen Rufen die Stimmen; hart und herrisch tönt das Pfeifen, Und mächtig segeln sie mit großen Flügelschweifen. Die Adler sind es vom Olymp, die ungefragt Ihrem Gebieter, den ihr scharfer Blick erjagt, Auf Wolkenstraßen bringen der Geleitschaft Zoll. Unwillig sah ers; seine Augen blitzten Groll. Und gleich wie wenn in seines Herzens Liebesnot Ein treues Hündlein, trotzend Zuspruch und Verbot, Auf seines reisefrohen Meisters Spuren schleicht, Jetzt stillesteht, jetzt vorspringt, wieder rückwärts weicht, Er aber sucht mit heftig winkenden Gebärden Von fern des treuen Ungehorsams Herr zu werden: So schaute, zornig winkend, Zeus nach oben, drohte Mit bösem Warnungsblick, darinnen Strafe lohte, Den Adlern, bis sie endlich über eine Zeit Ungern und zaudernd sich verzogen. Und befreit Schritt weiter Zeus den krummen Wiesenfeldweg hin. Ein Bauer holt ihn ein, der grüßte zögernd ihn: «So ganz allein? Mag dich Gesellschaft nicht verdrießen? Du scheinst mir fremd hierorts, nach deiner Tracht zu schließen. Ich kann dich führen, kenne Weg und Steg beineben. Du willst, vermut ich, dich zur Stadt zum Fest begeben? Ich nicht; ich fürchte das Gewühl, denn heut gehts strenge. Von allen Bergen strömt es. Hörst du die Gesänge? Und wie vom Tal herauf die Freude lärmt und leiert?» «Was für ein Fest», frug Zeus, «wird heute denn gefeiert?» «Ei, weißt du nicht? Dies ist der feierliche Tag, Wo sich der große Zeus dem Volke zeigen mag Der Weltenkönig, welcher vom Olymp herab Die Menschheit zu besuchen uns die Ehre gab. Doch hast du nicht ein Fensterplätzchen vorgeborgt, Gelingt dir schwerlich, ihn zu sehn; ich bin besorgt.» Zeus lächelte: «Den Zeus werd ich gewiß gewahren. Doch eines möcht ich fragen, Freund, laß mich erfahren: Schmeckt auch der Zeus den Menschenleuten angenehm? Ist er gescheit geschaffen, lieblich außerdem?» Ängstlich im Kreise schaute sich der Bauer um: «Fremdling, frag also nicht. Es ist Gefahr darum. Wohl schien es uns am Anfang, sonderbar beschaffen Wäre der Zeus, nicht ganz unähnlich einem Affen. Gesichter schnitt er, übte Spuk und Schabernack, Und seine ganze Rede lautete: 'Makak'. Und mancher schaute zweifelhaften Blicks auf diesen, Bis daß die Weisen uns das Gegenteil bewiesen. Mit vielem 'trotzdem also', mit 'obschon' und 'weil' Bekehrten sie dem Volk die falsche Meinung heil. Klugredner hetzten hundertweis von Land zu Land: Nach sieben Tagen war der König anerkannt. Einzig zwölf Männer, im Verständnis eingeengt, Wollten nicht glauben – nun, die hat man halt gehängt. Drei andre, welche lästerlich zum Trotz behauptet, Er wäre doch ein Affe, hat man dann enthauptet. Das hat gewirkt: du glaubst nicht wie! Es bleibt der Henker In allen Zweifelsfragen doch der schärfste Denker. Jetzt ist der Jubel Meister, jeder Einspruch still. Hauptsache: man gehorcht; so tut man, was man will.» «Noch eines sag mir: wenn ers selber wüßte, Zeus, Die Zweifler abzuschlachten, meintet ihr, ihn freus?» «Es darf im Land nur eine Überzeugung sein. Glaub oder stirb! Wie könnte Ordnung sonst gedeihn?» Sprachs und entlief. Zeus aber grollte: «Welche Brut! Wenn Wahrheit munkelt, straft die Lüge sie mit Blut!» Nach diesen Worten schritt er weiter seine Bahn. Gen Mittag langt er auf dem Schanzenhügel an, Wo man das weite Häusermeer der Menschenstadt Und ob der Stadt die feste Burg vor Augen hat. Hier winkt er den Erinnyen: «Hört und prägt euch ein! Mein Wille spricht: ich ziehe nun zur Stadt allein. Ihr bleibt indes dahier. Und welch ein Abenteuer Mir auch geschehe, dämpfet eures Zornes Feuer. Und ob mir Hohn und Unglimpf schimpflich widerführen Und Grobgewalt, ihr sollt euch nicht vom Platze rühren, Eh daß ichs euch mit lauter Stimme deutlich heiß. Doch wenn ich rufe, eilt zur Stelle, heißa heiß!» «Verstanden», knirschten sie, «wir bleiben still, doch wach.» Hinab zur Menschenstadt begab sich Zeus danach. Viel Volksgetümmel stieß sich festlich durch das Tor, Von dessen Dachsims sah ein närrisch Bild hervor: Ein Affenkopf, geschmückt mit einer Krone; treulich, Als ob er lebte, nachgemacht dem Affen Greulich. Willst du der Weisheit Wunder kennenlernen, sieh: Innen im Bild versteckt lief eine Mechanie, Ein künstlich Uhrwerk, daß bei jedem Tick und Tack Das Bild das Maul aufriß und klapperte 'Makak!' Andacht! Ein Heilgenschein umstrahlt ihm Stirn und Ohren! Zeus sah das Bildnis an, still lächelnd, traumverloren. Da fuhr ihn gröblich an ein barscher Waffenknecht: «Woher? wohin? Wie ist dein Name? Wo dein Recht?» Finster versetzte Zeus: «Ich heiße Unabhängig. Wohin es mir beliebt, sind meine Füße gängig.» «Wie wagst du, daß du vor dem Zeus dich nicht verneigst Und, während alle Ehrfurcht beten, Lächeln zeigst?» «Vor Zeus mich zu verneigen, hab ich selbst nicht nötig. Und eh ich einen ehre, sei er echt und lötig.» «Folg mir zur Wache!» So geschah. «Der Mann dahier, Ihr Herrn», begann der Kriegsknecht, «scheint verdächtig mir, Weil er nicht bloß dem Königsbild den Gruß verweigert, Sondern die Störrigkeit mit trotziger Rede steigert.» Mit strengem Forscherblick durchbohrten sie ihn stumm; Dann schnauzte der Befehl: «Kehr deine Taschen um! Hast du nichts Falsches oder Böses umgebunden?» Umsonst: es wurde nichts Gefährliches gefunden. Mißtrauisch, doch unschlüssig munkelt es im Rat: «Sein Blick ist schlimm, doch mangelt uns die Händetat. Für diesmal mag er laufen!» – «Huppla! Trolle dich! Doch nimm dich wohl zusammen, halt dich ordentlich! Daß wir dich heut nicht fassen können, tut mir leid.» Zeus sprach: «Ich danke für den gnädigen Bescheid.» Nach diesem Wort begab er sich durchs Tor und bog In eine Gasse, schwarz von heftigem Volksgewog. Und vom gesamten Volke ward mit trunknen Zungen Ein Hohelied zum Preise des Makak gesungen. «Du!» heischten zornige Stimmen, «wie? du singst nicht mit?» Zeus sprach: «Des hiesigen Liedes kenn ich nicht den Schritt. Indessen, wenn ich singen soll, wohlan denn, gib! Doch tönt es anders, als ihr möchtet, nehmt vorlieb!» Und allsofort aus seinem langverhaltnen Grimme Schwang er in heftigem Unmut mächtig seine Stimme, Gleich einem Löwen, der verachtungszornerfüllt Den Ankunftsgruß den kläffenden Schakalen brüllt. Vor seinem Sange wich die Menge schreckensvoll: «Ihr Leute, weh! Gefahr! Gebt Raum! Der Mann ist toll!» Dann trieb den Schritt er weiter. Durch verschiedne Straßen Gelangt er in den Hauptweg unverhofftermaßen. Dort aber, von der Menge Widerstand gehemmt, Sah er sich bald in dichte Haufen eingeklemmt, Welche, erwartungsvoll den Blick zum Schloß gerichtet, Hüben und drüben standen, zum Spalier geschichtet. Kriegsoberste zu Pferde sprengten zwischen ihnen, Und alle wiesen feierliche Demutmienen. Horch: Glockenbrausen von den Türmen allzumal, Trompetenstöße, Jubeljauchzen und Choral. «Der König naht!» Jetzt Fahnenflattern, Grüßeschwingen, Und alles suchte seinen Anblick zu erzwingen. Umglänzt von Helmgefunkel, bunten Federwischen Und Waffenblendeblitzen, wallten stolz inzwischen Vom Schloß herab die kriegerischen Truppenscharen, Von Harfenspiel geführt und Pauken und Fanfaren. Erlesne Jungfraun, lieblich anzuschaun, darunter, Und lustige Kinderhäuptlein, äugelnd keck und munter. Doch als nun selbst der festgeschmückte Wagenzug, Der die Behörden mit dem falschen König trug, Mit feierlichen Schritten, langsam, hehr und schwer, Durch die verzückte Jubelgasse schwankt einher, Voraus zu Pferd auf den olympischen Edelrappen Das Heroldpaar, die beiden jugendschönen Knappen, Mit schweigenden Posaunen, die von Scham und Schmerz Vergrämte Stirn gesenkt, die Augen innenwärts: Geschah es, daß der Herold einer, seitwärts sehend, Plötzlich den Zeus erkannte, im Gedränge stehend. Von seines Herren Wink gezügelt, wehrt er zwar Dem frohen Gruß, wie schwer die Mäßigung ihm war. Er konnte dennoch nicht umhin, sein Herz zu letzen: Er mußte die Posaune an die Lippen setzen, Und was in Worten notgedrungen er verschwieg, Sagt er im Lied, das schmetternd auf gen Himmel stieg; Indes sein Rappe wiehernd sich zum Gruße bäumte, Vorwärts und rückwärts tanzte, am Gebisse schäumte. «Laß sehen», hoffte Zeus, «den Affen selber da!» Sein Grimm verrauchte, und das Lachen rückt ihm nah. Denn sieh: geruhsam auf ein Polster hingestreckt, Den Kopf, von Dünkel aufgeschwollen, hochgereckt, Über den Bürgermeistern, Obersten und Fürsten, Die allesamt nach seinem gnädigen Lächeln dürsten, Zwischen dem Menschenkönig und der Königin Der Affe Greulich auf dem Throne obendrin. «Verwundre dich, mein Auge, staune, was du lernst!» Rief Zeus. «Ich glaube gar, der Unflat nimmt sich ernst! Zorn ist hier nicht am Platz, Frohsinn scheint mir gerechter.» Und schallend aus dem Munde kam ihm ein Gelächter. «Wer lacht da?» tönt es aus dem Wagen aufgebracht. Und hundert Stimmen wiederholten: «Einer lacht!» Und als der Greulich ebenfalls die Augen wandte Und in dem Lachenden, o Schreck, den Zeus erkannte, Klappt er vorerst zusammen, duckte schnell, der Tropf, Mit vorgeschobnen Ellenbogen seinen Kopf, Und ein geängstigt Blöken ward von ihm vernommen, Wie wer den Stecken fürchtet, den er oft bekommen. Dann aber, sich besinnend, daß er König heißt, Die Krone auf dem Schopf, von Glück und Ehren feist, Blies er sich auf und sah auf Zeus herunter dreist. «Ei was! du wagsts», schrie Zeus, «daß du mir Hochmut schneuzest! Mit deinen eklen Guckern meine Blicke kreuzest! Wirst du wohl gleich, du frecher, äffischer Gesell, Vor Zeus, wie sichs gebührt, den Nacken bücken schnell? Ansonst verspar ich dir auf deine hintern Hügel Zum Schluß des Possenspiels daheim ein Sätzlein Prügel!» Darob Tumult. Die Waffen wurden wild gezückt. «Er nennt sich Zeus! Schlagt ihn! – Nicht doch, er ist verrückt!» Indes die Herolde, im Lauf dahergehastet, Die Menge teilten: «Halt! Den Zeus nicht angetastet!» Der Menschenkönig schlichtete den Aufruhr: «Gnade! Daß niemands blinder Eifer Blutschuld auf uns lade! Ob Wahnsinn oder Frevel, wird den Richter rühren. Fürs erste wollt den Tollen ins Gefängnis führen.» Also ward Zeus gewaltsam auf die Burg gezerrt Und hinter Schloß und Riegel sicher eingesperrt. Dort ward ein Frag- und Antwortspiel mit ihm gebucht. Von dreien Ärzten wurd er gründlich untersucht. Bedenklich pochten sie um seinen Körper rund, Befühlten seine Schläfen, guckten in den Mund; Hernach, als sie ein Weilchen also ihn betastet: «Warst du vordem schon krank? Bist erblich du belastet? Littst du einmal an Zittern oder etwas wie Gedächtnisschwäche? Ohnmacht? Geistesstörung?» «Nie.» Dann munkelnd, einer zu dem anderen gewandt: «Der Tollheit trau ich nicht; er ist ein Simulant.» Um nicht die Pflicht der Nächstenliebe zu vergessen, Schickt ihm der Wärter durch sein Kind das Abendessen. «Ich geh zu jedem Schelm und Mörder nach Belieben», Verwahrte sich das Kind, «nur nicht auf Nummer Sieben!» Und als zuletzt, vom steifen Vaterwort gezwungen, Sie widerstrebend sich Gehorsam abgerungen, Warf sie den Teller ekelnd hin und floh geschwind. Zeus lächelte: «Ich bin nicht räudig, liebes Kind.» Ans Fenstergitter stellte der Gefangne sich, Weit über Stadt und Land hinweg zum blauen Strich Des langgezogenen Olympgebirges schauend, Ingrimm im Herzen, Rache brütend, Strafen brauend. Und als nun Stund um Stunde leise nach und nach Verrann und nach verblichnem Abendrot gemach Die Welt mit Dämmerdüsterschleiern sich umzog Und schwarzen Wolkendampf die Nacht herniederwog, Von Donner schwer, getränkt von wetterschwangerm Regen, Begann es fern am Horizonte sich zu regen. Gespenstische Riesenleiber, tauchend aus dem Grab Der Finsternisse, tanzten heftig auf und ab: Die Leiber der Erinnyen welche vor dem Tor Über der Schanze Zeus' Gebot und Bann verlor. Unruhig springend horchten sie umher und drehten Die roten Feueraugen, ob sie Zeus erspähten. Und wie sie endlich hinter Stein und Kerkerstangen Verborgen auf der Burg geschlossen und gefangen, Den Herrn ergründeten, die Stirn am Fenstergitter, Gellten sie auf und heulten Zornesungewitter: «O weh, welch Schauspiel müssen meine Augen sehn! Unbill, Gewalt und Schimpf ist Zeus dem Herrn geschehn, Dem Herrn des Himmels und der Erde, ruhmgewöhnt, Vom schlimmen Menschenvolke, das sein Haupt verhöhnt. Was zauderst du? Was brauchts noch mehr der Missetat? Heißa! vertilge sie! Es ist um keinen schad!» Zur Ruhe winkte Zeus mit fürstlicher Gebärde: «Geduldet euch in Langmut, bis ich rufen werde. Ein lumpiger König, wer, wenn noch so schwer beleidigt, Nur seine Ehre rächt, nur seine Macht verteidigt. Ich richte nicht im Zorn, mein Urteil will ich wägen, Und eh ich wen verdamme, mag ichs überlegen. Wer weiß, ob ein Gerechter nicht die Strafe wendet. Noch findet Gnade Raum. Erwartet, wie sichs endet!» Inzwischen war ums Schloß ein Gartenfest erwacht, Und Schmaus und Feuerwerk erheiterte die Nacht. Mitunter zeigte sich ein Häuptling vom Altan, Dann ging ein ungeheures Beifalltosen an. Doch als nun selber wahrlich auf des Schlosses Zinne Zwischen dem Menschenkönig und der Königinne Der Affe Greulich unvermutet auferschien, Da schlug ein Jubeldonner rasend gegen ihn. «Makak!» bekannte alles Volk, «heil dir, Makak! Du Kräutlein meines Herzens, Wonne, Wohlgeschmack!» Immer von neuem schrie Begeisterung hellauf, An eigner Glut entzündet. Und wie Feuerlauf Wälzte die Wonnewut sich weiter durch die Gassen Der Stadt; auf Markt und Platz mit trunkenem Umfassen Vermählten sich die Haufen; ein vereinter Rausch Der Liebe schloß Verbrüderung und Küssetausch. Indessen nach der Zinne, wo der Affe stand, Man eine Leiter stützte mit geschwinder Hand; Und Redeschwätzer stiegen flink die Lobesleiter Hinan, und jeder schwang den Schmeichel etwas weiter, Belehrend, daß das kurze Wort Makak im Grund Der Weisheit innigstes Geheimnis gebe kund, Und wie, was Ringelschwanz und Affenmähne scheine, Wenn mans versteht, die Schönheit aller Welt vereine. Der Affe zürnt es nicht, er ließ sich tapfer loben, Lauste sich auf und ab und grunzte hold von oben. Doch die Erinnyen auf dem Hügel vor der Stadt, Aufschäumend vor Verachtung, ekelübersatt, Die Racheschwerter schwingend mit erhobnen Armen, Tanzten umher in wilden Sprüngen: «Zeus! Erbarmen! Alle Gewalt und Schmach und Unbill, die inmitten Des Menschenvolks du diesen Tag bisher erlitten, Schmeckt mir erträglich gegen dieses Wettgeschmeichel, Durchjauchzt mit Jubellügenwitz und Redespeichel. Hab Mitleid! Länger nicht die Faust der Strafe lähme! Erlaub, erlös die Rache, die ich nicht mehr zähme!» Zeus rief: «Gemach! Die Strafe meß ich an der Schuld. Mir dämmert eine Offenbarung: drum Geduld! Mir ahnt, ich will in einer riesigen Kloake Der Menschen Land und Volk – versteht sich: der Makake, Ihr Abgott, mitten drinnen – brüderlich ertränken! Und Redner müssen ihnen die Belehrung schenken, Wasmaßen die Kloake ihnen eine Ehre Und köstlich von Geschmack und lieblich duftend wäre. Doch störet nicht das Ende, laßt die Werke reifen! Man soll der Dinge Schluß nicht vor dem Schwanze greifen. Irrtum warf mich in diesen Kerker. Hoffnung grünt: Die Reue gibt mich frei, und vieles ist gesühnt.» Still! welch ein wüstes Wutgebrüll, als ob die Hölle Plötzlich von abertausend Teufeln überquölle, Stürzt mordbegierig aus der Stadt zur Burg empor? Sind das noch Menschen? Ist es ein Hyänenchor? «Wo ist der Schurke, der verruchte Fremdling, wo, Des maßvergeßne Bosheit, höhn- und lästerfroh, Den Zeus-Makak mit frevelhaftem Spott geschändet? Wo habt ihr ihn? in welchem Burgverlies gepfändet? Entlaßt ihn, daß wir ihn zerreißen! Gebt heraus! Sonst brechen wir die Mauern, brennen wir das Haus!» Steinhagel prasselten, in Reihen ward gestürmt; Brandfackeln schwelten, Scheiter wurden aufgetürmt. Schon hat, von frischem Zulauf stets verhundertfältigt, Des Volkes trotzige Macht die Wachen überwältigt Und hingemetzelt, den zerfleischt und den erstochen, Und durch das Fenster, halb vom Hammerschlag erbrochen, Griffen ergrimmte Fäuste, zischten Säbelstreiche, Ob ihre Mordwut den Gefangenen erreiche – Da horch: ein Siegesjauchzen, das den Lärm durchgellt, Den Haß beseligt und den Ansturm stillestellt. Grausig von Weibern im Triumph einhergetragen Auf zweien Stangen sieht man Leichenköpfe ragen, Die fahlen Stirnen wund, das Haar mit Blut getränkt: Die wurden dem Gefangnen höhnisch vorgeschwenkt. Und während rundum hämisches Frohlocken schrie: «Kennst du die beiden?» tönt es, «lustig! grüße sie! Vielleicht, daß einen leckern Vorschmack du gewinnst Des eignen Martertodes, dem du nicht entrinnst!» Und als der König nach den blutigen Häuptern sah: Jammer! das treue Heroldpaar erkannt er da. «Genug!» stöhnt auf sein Schmerz., «genug! Zuviel geworden! Wölfe! Ihr lechzt nach Mord? Wohlan, ich will euch morden! Auf, ihr Erinnyen! Heißa! auf! An meine Seite! Aus dieser Stadt des Fluches gebt mir das Geleite!» Da knallt ein Donnerschlag. Ein Wetterwolkenriß Begrub die Welt mit schwarzer Höllenfinsternis. Und durch die Hagelstürze, durch das Regendampfen Lief des Erinnyentanzes fürchterliches Stampfen. Winselnd entfliehn die Winde. Wirbelstürme rasen Vor ihres Liedes Schrei, vor ihres Atems Blasen. Welch Licht lenkt ihre Schritte? Ihre Augen rot. Wie wollen sie den Kerker brechen? Keine Not; Nicht Kunst noch Werkzeug brauchts, zu ihrem Herrn zu dringen: Ein Hieb von ihrem Schwert, und Tor und Riegel springen. Jetzt ruhig, mit gemeßnen Schritten, ohne Hast, Geleitet ihre Hut den königlichen Gast Durch eine blitzumzuckte blaue Feuergasse Nach dem Olymp, fern von der Menschheit Hohn und Hasse. Dort, zu dem grimmigen Gefolge, vor der Pforte Des heimischen Schlosses, kehrt er sich und sprach die Worte: «Erfahret, was verdienter Strafe zur Genüge Ich über diese Menschenhorde jetzt verfüge! Ihr kennt des schwarzen Felsenscheuels Riesensäule, Des Ungeheuerkopf mit grinsendem Gemäule Ins tiefe Menschenland hinunter drohend blickt, Den Stierennacken krümmend, der vornüber nickt: Wohlan! Höhlt diesem Felsenungetüm den Bauch, Mit Blitzstoff ladet ihn und Donnersamen auch. Ich will mit einem einzigen Felsenübersturz Die ganze Menschenbrut zerschmettern. Das ist kurz. Und auch gerecht; sie zu bedauern ist kein Grund. Hernach zum Herrn der Erde setz ich ein den Hund. Der wenigstens ist sicher, der ist gut und treu, Kennt seinen Herrn und schwatzt nicht Tugendheuchelheu.» Aufjauchzte der Erinnyen hassesheiße Kehle, Und eifrig folgten sie dem tödlichen Befehle. Doch als am Morgen das Gerücht die Unheilsmär Von Zeus entsetzlichem Beschlusse trug umher, Ergrimmte Hera. Das ererbte Herrschaftszeichen, Den goldnen Apfel, ließ sie in die Hand sich reichen, Schickte zu Zeus hinüber eine Botschaft dann: «Ich, Hera, die das Fürstenrecht von Bott und Bann So über den Olymp als auf die Erdenwelt Als angestammtes Erbgut in den Händen hält, Entbiete Zeus zu mir, daß er mir Rede stehe, Was er beschlossen zu der Menschheit Wohl und Wehe.» Zeus gab zurück, nachdem die Botschaft er vernommen: «Du, wenn du etwas von mir willst, magst selber kommen.» Und wieder schickte Hera herrisch zu ihm hin: «Ich, Hera, die der Menschen Hort und Schirmvogt bin, Ich wehre dir die frevle Untat, die du dichtest, Strenge verbietend, daß die Menschheit du vernichtest.» «Den, der mir etwas streng verbietet, möcht ich sehn! Pünktlich wie ich beschlossen, also wirds geschehn.» Und wieder sandte sie zu ihm zum drittenmal: «Ein letztes ernstes Wort, mein bitterer Gemahl: Wenn du, wenn du es wagst, mit deinen Donnerwettern Den schwarzen Felsen auf das Menschenvolk zu schmettern, So stell ich mich zuoberst auf den Felsensatz, Auf daß mein Leib ihr Schicksal teile. Merk den Satz!» Zeus sandte den Bescheid: «Ich würde das bedauern. Darum bedenk dirs nochmals näher im genauern.» Zum zweiten nahm die schwere Arbeit Pallas vor, Vernunft zu flößen in ein zornverstopftes Ohr. Statt aber mittels Boten wie die Königin Ihn zu versuchen, ging sie selber zu ihm hin. Pochte mit zartem Finger an die Türe leicht: «Komm ich wohl ungelegen? Stör ich dich vielleicht?» Und wie sie Zeus mit tückischer Mördermiene da Zur Seite eines prächtigen Hundes sitzen sah, Der ihm die Pfote in die Hand, die dargestreckte, Vertraulich legte, ihm das Antlitz schmeichelnd leckte: «O Wonne», rief die Schlaue, «welch ein schönes Tier!» «Nicht wahr?» versetzte grimmig Zeus, «gefällt er dir?» «Den also willst du, wie mein Ohr vernommen hat, Zum Herrn der Erde setzen an des Menschen Statt?» «Das will ich», knirschte Zeus, «willst du mirs etwa wehren?» «Des hüt ich mich. Der Hund ist treu. Den Hund in Ehren. Nur eine kleine zage Frage: Wenn du heute Zum Beispiel, nehm ich an, in eine Hundemeute Als Unbekannter kämst in Pilgertracht gegangen, Würdest du besser als vom Menschenvolk empfangen?» «Das freilich nicht! Allein die Hundeschnauze lügt Doch nicht dazu; sie beißt mich einfach: das genügt! Es braucht ja übrigens nicht just der Hund zu sein.» «Also ein ander Tier. Ich rate dir zum Schwein.» «Warum nicht?» lachte höhnisch Zeus, «kann sein, kann sein!» «Oder zum Wolf, der alles Lebende zerreißt.» «Er gleist doch Tugend nicht», schrie Zeus, «dieweil er beißt!» «Ich will dich länger nicht vom Hinterhalt befehden. Sag: darf ich einfach, darf ich offen zu dir reden?» «Du darfst.» «Wohlan, so hör!» Jetzt mit beredtem Mund Gab sie ihm alle hunderttausend Gründe kund, Wasmaßen, wenn mans gründlich prüft, vergleicht und mißt, Der Mensch auf Erden immer noch der beste ist: Nicht gut, weit weg, und nicht zum schönsten ausgefallen, Doch unter dem Geschöpf das leidlichste von allen; Als Herdentier, nicht wahr, versteht sich, meinungsfeige, Weil Rind und Vieh halt wandeln in der Ochsensteige, Wie aber leider auf der kriegerischen Erde Kein ander Heil vorhanden als im Schutz der Herde. Und also fort die Wörtleinleiter Sproß für Sproß. Und all die Weile, da ihm die Belehrung floß, Hielt Zeus verliebt den Hundehals umschlungen, blickte Ihr Beifall zu: «Ganz meine Ansicht, ja!» und nickte. Dadurch ermutigt, gab sie der Begeisterung Des weisen Lehrichts einen neuen Redeschwung, Indem sie, um sich besser in sein Herz zu schmeicheln, Begann, mit zarter Hand dem Hund den Kopf zu streicheln. «Drum also», schloß sie freudig, «ziehn wir denn den Schluß, Den dein Verstand aus dem Gesagten folgern muß.» «Ich schließ und folgre», sprach er, «daß ich jedenfalls Der Menschheit schmettere den Bergklotz auf den Hals.» Aufjagte sie der Jähzorn: «Engres Maultierhirn Sah ich noch nie als hinter dieser Königsstirn!» Zeus schnob sie an: «Du hast sie halt nicht selbst gesehn, Die Teufelstugendfrommgesichter, die sie blähn!» Doch wutentbrannt flog Pallas schon die Treppenstufen Hinab: «Wenn du mich wieder brauchst, so kannst mich rufen!» Und als nun immer neu mit flehentlichen Bitten Die Götter kamen vor sein Angesicht geschritten, Verlor er die Geduld und rafft in heißer Hast Ein ungeheures Donnerblitzstück, größer fast Als er; das hängt er als ein Warnbild seines Grimms Hinaus zum Fenster, überhängs dem Mauersims: «Wagts einer noch einmal mit seinem Zungenwitz Und kommt und bittet für die Menschen, seht den Blitz! Ich schwörs bei meinem Zorn, bei meinem Gallengift, Daß ihn der Donner auf sein vorlaut Maulwerk trifft! Es steigt mir schließlich nach dem Halse auf die Dauer.» Und hockte hinterm Blitze glotzend auf der Lauer. Jetzt erst ward jedes Herz in schreckerfüllter Brust Des ernsten Willens in des Königs Zorn bewußt. Und eine stumme bange Landestrauer schlich Durchs Götterreich, davor der Lebensfrohmut wich. Ob wundergläubig, niemand, der noch Hoffnung hätte, Wie er vom Untergang das Menschenvolk errette. Indes die Menschen selber, die den Donnerrauch Unheimlich schwelen sahen in dem Felsenbauch Und der Erinnyen schreckliches Geschäft erspähten, Wie sie den Feuersamen in die Höhlen säten, Ein Unheil ahnend, nun aus Stadt und Land herbei Um den Olymp sich sammelten mit Angstgeschrei. Und jeden Abend spät bei Anbeginn der Nacht Enthob der König sich dem Hause, schlich sich sacht Aufs Dach hinauf und spähte prüfend in die Weite, Ob der Erinnyen Mörderwerk auch vorwärts schreite. Doch eines Abends, als wie täglich immer so Er auf der Zinne stand, verbissen, rachefroh, Geschah ihm von der nachtverhüllten Erde her Ein Traumtheater, bilderreich und inhaltschwer. Das war die Schilderung, die ihm vor Augen stieg: Der irdischen Geschöpfe ewiger Bruderkrieg, Entfacht vom Hungerszwang, der herrisch Speise heischt, Alle verdammt, daß eins das andere zerfleischt. Er sah der Pflanzen stummen hinterlistigen Hader, Wie sie einander die begehrte Wasserader Unter der Decke rauben mit dem krummen Fuß, Indes ihr Arm mit heuchlerischem Liebesgruß, Des duftige Blumensprache Freundschaft nicht verbürgt, Tückisch des Nachbarn Hals umschlingt und still erwürgt. Umsonst des Haders Müh. Denn Freund und Feind indessen Wird einerlei vom scharfen Schneidezahn gefressen. Was irgend Maul hat, rupft und nagt und kaut und weidet Gleichgültig ihr verträumtes Herz, das schweigend leidet. Er sah das tausendfach gestaltete Getier In Wasser, Land und Luft, erfüllt von Mordbegier, Einander gegenseitig wütend überfallen: «Ich muß. Warum sonst ließ Ananke mir die Krallen? Drum halt doch still! Versteh: du bist verwandtes Blut, Dein Fleisch gibt Kraft, dein Mark tut meinen Nerven gut!» Ein jeder schreit zum Nachbarn links: «Wer beißt mich? ach! Warum denn das?» Und beißt den Nachbarn rechts danach. Kein Ort auf Erden, wo kein Klageseufzer quölle. Eine verschämte, sonnenscheingeschminkte Hölle. Das schaute Zeus: den Lebenskrieg, wo niemand siegt Noch Nutzen hat vom Streit und jeder unterliegt. Doch sieh: wer ist das, der sich dort vom Boden hebt, Das Haupt emporgerichtet, das gen Himmel strebt? Erst wankt er, greift nach Stützen, wagts und findet Halt Im edlen Gleichgewicht der eigenen Gestalt. Nun öffnet er die Augen, schaut das grause Toben Des Lebenskampfs, sieht schaudernd weg und blickt nach oben. Jetzt, gleich wie wenn des Tages strahlendes Gestirn Im Morgengruß umglüht des Gipfels Silberfirn, So grüßt aus ferner Weltenwüste, gottverwaist, Des Menschen Stirn der heimatlose Flüchtling Geist. Geblendet schützt der Mensch die schönen Augen, senkt Die Lider, schaut nach innen, fragt sich, ratet, denkt. Bewundernd halb und halb erschrocken schauen scheu Die Tiere auf des Menschen wundersam Gebäu. Während ihr Auge noch nach längrer Schau gelüstet, Ist schon die Pfote zur bestürzten Flucht gerüstet. Und einer aus der Zahl erhebt die bange Frage: «Erhabner Fremdling, gönn uns redlich Auskunft, sage: Bist als Erlöser du und Heiland uns zum Frommen, Bist du als blutiger Würger über uns gekommen?» Den sprachbegabten Mund erschloß der Mensch und schwang Über das zagende Geschöpf den Trostgesang: «Oh, daß das Helferamt, das ihr mir zugedacht Und das ich gerne träumte, lag in meiner Macht! Es wäre anders, gnädiger um euch bestellt, Das Leiden wäre zu dem Dasein nicht gesellt. Doch ach, ich bin nicht Heiland, habe nicht die Waffen, Den Tod, den Schmerz, den Hader aus der Welt zu schaffen. Bin bloß ein Mensch, vom selben Stoff gebaut wie ihr, Und wär ich selbst ein Halbgott, bin ich ganz ein Tier. Auch ich bedarf zum Leben fremdes Fleisch und Blut, Muß sterben und muß töten, wie ihr alle tut. Von tausend Fehlern, Lastern und Gebrechen häßlich, Bin ich in jeder Tugend schwach und unverläßlich. Nur eines bring ich euch auf brüderlichen Armen Als Gastgeschenk: das Herz, das Mitleid, das Erbarmen. Mögt wissen, daß in diesem irdischen Mordgewühle Ich euer Leben zähle, euer Leiden fühle. Mögt glauben, daß, wenn auch von schnöder Gier gezwungen Oder vom Jähzorn oder hungersnotgedrungen Ich euer einen widerwillentlich erschlage, Ob meiner Händetat vergrämt ich Trauer klage!» So sang der Mensch. Ein Rausch, ein Freudensturm durchlief Das Volk der Tiere, das ihm diese Antwort rief: «Welch wundersame Neuigkeit, unfaßlich schier Dem kriegeslärmgewohnten Ohr, vernehmen wir! In diese wilde Welt, verfeindet und verhaßt, Erscheint die Liebe, das Erbarmen kommt zu Gast! Uns Ärmsten, die als schmerzbegabte Klumpen bloß, Dem Feind zum Fraß, geschaffen schienen, namenlos Und ungezählt im gottverlaßnen Raum verloren, Uns steht ein Bruder auf, ein Freund ist uns geboren, Der uns begreift, uns Mitgefühl und Mitleid lohnt, Der, ob uns seine Hand nicht rettet, unser schont.» Und brandete ein Dankesaufruhr unter ihnen: «Heil, König Mensch!» Und alle eilten, ihm zu dienen. Und hoben ihn auf ihre Schultern, trugen ihn Vor den Olymp und drohten, zeterten und schrien: «Der du dich Richter nennst, der du dich König heißest, Wie darfst dus, Zeus, daß du den Fürsten uns entreißest? Öd ist die Erde, lebensunwert, trostverarmt, Schlägst du den einzgen, der sich unsrer Not erbarmt. Magst, wenn dein Zorn es heischt, in unsern Reihen töten! Den Menschen laß! Sein Geist, sein Herz ist uns vonnöten.» So schrieen sie, indes zugleich dem Berg entlang Der Menschheit jammernd Angstgeheul die Nacht durchdrang. Erschüttert hört es Zeus. Sein Urteil wollte wanken, Und nach der mildern Seite schwenkten die Gedanken. Da sah er der Erinnyen roten Feuerblick, Erinnrung weckend an sein schmähliches Geschick, Hörte das Menschenvolk dem Affen Jubel kreischen, Die Herolde ermorden, seine Marter heischen: Und neuerdings ergriff ihn grimmer Menschenhaß. «Nein, keine Gnade!» knirscht er. «Teufeln kein Erlaß! Laß dich, bleib fest, von all dem Winseln nicht betören!» Und hielt mit Macht die Ohren zu, um nicht zu hören. Zwei Fäuste packten ihn, die rissen rücksichtslos Die Hände ihm herunter, von den Ohren los. Und als er wutentbrannt den Kopf herumwarf, sieh: Gorgo, die ihm den Ankunftsgruß entgegenspie: «Rebell! Zu lange währt die Tobsucht mir zuletzt! Hab ich zum Henker dich und Mörder eingesetzt? Ist das ein Richter, wer nur seinen Ingrimm frägt? Ein König, wer die eignen Untertanen schlägt? Den Einzelnen, verdamm ihn, würg ihn; er ist dein, Aber die Menschheit tilgen – halt da! Hand weg! Nein! – Ei, seht mir doch die tückischen Blicklein, die er duckt! Wahrhaftig gar, ich glaub, er wagts, er mault, er muckt. Was gilts? Dich zwing ich! Schnell! Hinunter auf die Knie!» Gesagt. Und seine Handgelenke packte sie Und drehte sie und renkte, rang sie und verrückte, Bis daß den Knirschenden sie auf die Kniee drückte. Und als sie ihn am Boden hatte: «Torenwicht! Du bist nicht unentbehrlich, unersetzlich nicht. Gefällt es Zeus zu meutern: habs! Ein Nasenstüber, Ein Daumenspick: dein Weltenkrönlein fliegt vornüber! Schon hör ich ihn, wie seine Nüster Hoffnung schnaubt, Den Erben deiner Herrschaft. Sieh sein lüstern Haupt Dort lauern hinterm Waldspitz! Einen Wink nur braucht Mein Deutefinger, daß es aus dem Dunkel taucht.» So warnte Gorgo. Dann mit lautem Flügelschwirren Verließ sie den Gebrochenen, Verstandeswirren. Am frühen Morgen aber hinter dieser Nacht: «O Herr, des Rachewerkes Rüstung ist vollbracht. Die harrenden Erinnyen, deiner Kunst gewärtig, Umstehn den Todesfelsen, der zum Absturz fertig.» Es meldetens die Boten. Aber stimmlos tönte Die bleiche Rede, und ihr Atem keucht und stöhnte. Zeus schwieg. Und schrecklich zittert in der bangen Runde Des Schweigens Widerhall. Endlich mit leisem Munde: «Der Schreiber komme! – Schreib denn also, schreibe: 'Gnade'. Bemerk dazu, es wäre für den Donner schade – Hast dus? Dann fort nach Erden mit dem Gnadenschleim! Und die Erinnyen rufet von der Richtstatt heim.» Hei, wie die Blicke jauchzten, wie die Beine sprangen! Wie sie die Friedensbotschaft auf die Straße schwangen! Doch als er draußen jetzt Zusammenlauf von Leuten Vernahm und jähen Jubelschrei und Glockenläuten Und hörte der Erinnyen Schrittestampf danach, Wie sie die Blitze nach dem Speicher unterm Dach, Verächtlich maulend, langsam auf der Hintertreppe Hinauf beförderten mit zögerndem Geschleppe, Sie wieder in die heimischen Büchslein und Schablonen, Die unbenutzten und enttäuschten, einzuwohnen: Packt ihn der Ingrimm jählings wieder an aufs neue, Und grinsend strafte den Entwaffneten die Reue. Die Tür aufreißend schnob er in den Jubel: «Stank! Den Ablaß habt ihr, aber geifert mir nicht Dank!» Tür zu. Verschloß die Riegel und die Schlösser alle Und setzte sich aufs Bett und schluckte seine Galle. Als endlich seines Blutes heilsam Wellenwogen Die Leber rein geschwemmt, die Galle aufgesogen: «Es ist dahin! Das Schwert der Rache ist begraben. Ich aber muß auf Erden einen Sehpunkt haben; Etwas wie einen meinesgleichen trotzigen Mann, Auf dem mein Auge ruhn und sich erholen kann. Komm denn; ich hab auf keines Schurken Rat zu warten.» Und eilte stracks zu Genesis im Pflanzschulgarten: «Was steht zu Kauf», frug Genesis, «und zu Befehle?» «Ich brauche eine halbwegs saubre Menschenseele.» «Zuhinterst, ganz zuletzt beim Gartenzaun im Teich.» Und kaum zum Menschenseelenteich gekommen, gleich Schwammen die Seelen sämtlich träumerisch heran. Den Finger hob er jetzt empor, befahl sodann: «Rechtsum! – linksum! Wer kanns am besten, Menschenkinder?» Und alle folgten seiner Weisung mehr und minder. Nur einer in der letzten Reihe Hintergrund Rührte sich nicht und tat auch nicht den Willen kund. «Weswegen willst du», fragte Zeus, «nicht rechtsum drehn?» «Weil kein vernünftiger Grund dafür ist einzusehn.» «Aber die andern alle, siehst du, tuns ja doch.» «Mir gleich; ich stehe nicht in ihrem Dienst und Joch.» «Ich bin der König. Schmeck, was Ehrerbietung ist!» «Beweist noch lang nicht, daß du kein Halunke bist.» «Wie heißest du?» Die Seele trotzte: «Herakles». Zu Genesis gewendet, die zum Teich indes Getreten, sprach der König: «Herakles ist mein.» «O! nimm ihn! Wohlfeil! Brauchst du sonst noch etwas?» «Nein!» Nach Kauf und Schilling nahm er Herakles zur Hand Und führt ihn zur olympischen Heimat über Land. Und eine Übung nahm mit Herakles zur Zucht Er vor, zu stärken seine Wahrheitseifersucht. Ein Zweiglein hielt er ihm vor Augen: «Huida! Schau Das himmelblaue Zweiglein; darum rufe: blau!» Die Brauen rümpfte Herakles; dann schnauzt er: «Grün!» «Wart», wütete der König, «Einsicht soll dir blühn!» Und wetterte mit Blitz und Donner um ihn her. «Antworte! Ists jetzt blau?» Er spuckte: «Nichts desmehr!» «Brav!» rief der König, ihn umarmend, «brav so, brav! Sei deiner wahren Meinung und kein Völkerschaf!» Und also fort. An tausend Pauker ließ er kommen, Die mußten täglich Unsinn ihm vor Ohren trommen, Und sieben Fräulein, von den glatten, von den jungen Die ihn umschlängelten mit ihren Lügenzungen. Und rief: «Nicht eher geh ich den nach Erden los, Bis daß er immer ohne Zaudern zweifellos Die Wahrheit wider die gesamte dammte Welt Und Mond und Stern und Gott und Geier aufrecht hält!» Und jedes Tages Morgen übt er solche Zucht. Und erbte Lohn an Herakles und Freud und Frucht. Vierter Gesang Hera und der Tod                       Ins Morgenzwielicht starrte, gegenwartentrückt, Die Königin, die Stirn ans Fensterkreuz gedrückt, Dem Schicksal grollend, ihrem Gatten grimm und gram, Das Herz zerwühlt von der Erinnrung Reuescham. Und während sie so seufzte, mit sich selbst entzwei, Ging draußen unterm Fenstersims der Tod vorbei. Beleidigt prallte sie zurück, denn ruppig war Des Todes Maul und pöbelhaft sein Schnauzenhaar. «Pfui, Unhold! Weg aus dem Gesichte, hurtig, husch!» Lief aus dem Zimmer, eilt ins Schlafgemach und wusch Die Augen, zwei- und dreimal, Sicherheit zulieb. Allein kein Augenwasser half; das Unbild blieb Und folgt ihr nach, wohin sie trat, den langen Tag. «Was oft des Willens Faust nicht unterdrückt, vermag Des Schlafes sanfte Hand: sie wird Vergessen bringen.» Doch weder Schlaf noch Ruhe mochten ihr gelingen, Das Dunkel war zu schwarz, das Kissen war zu heiß, Und Alpgesichte schreckten sie empor im Schweiß. Entschlummert um die Stunde, da der Tag sich rötet, Sah sie im Traum vom garstigen Unhold sich genötet. «Was schafft doch unser Torenkopf so manchesmal Mit Hirngespenstern», sprach sie, «einem unnütz Qual! Indes das Wahnbild, das uns so bedrohlich deucht, Der Tag mit seiner Klarheit handkehrum verscheucht. Kein Ding ist so entsetzlich, blickst du hin genauer.» Und stellte sich am Fenster morgens auf die Lauer. Doch als der Tod nun wieder kam des Wegs daher, Pfui, leid! war er noch häßlicher und schlimmer mehr. Und nicht entging ihr, wie der Falsche hinterarg Geschwind ein breites Messer in den Ärmel barg. Das Messer aber blickte boshaft und gehässig Und zielte just nach ihren Augen unablässig. «Ihr Zymbler, Flötenpfeifer, Saitenfiedler all, Her mit den Tongeschirren! Hochzeit ist der Fall!» Die Läden schloß sie, stopfte alle Ritzen zu, Steckte die Leuchter an: «Jetzt heißa, hopsa, ju!» Sie sprang umher, rief: «Lustig!», jubelte: «Vergnügen!» Doch konnte nie das Messer aus den Augen lügen. Schauspieler dann bestellte sie und Possennarren: «Gebt eure neusten Schnurren, eure wägsten Schmarren!» Sie lachte viel; allein das Metzgermessermessen Focht ihr um Aug und Ohr und ließ sich nicht vergessen. «Mit Wein und Mahlzeit treib ich das Gedächtnis aus!» Sie aß und trank, doch heulte Elend überm Schmaus. Bis daß ihr mit dem Rausch das Lachen ausgegangen. «Mit Torheit nütz ich nichts, Verstand ist anzufangen. Versteh! Ein Messer sticht nach vornen. Hinterm Heft, Einträchtig mit dem Arm, ist friedliches Geschäft. Auf denn! Ich will mich mit dem Tode freundlich stellen, Ihn mir gewinnen, mir ihn lieblich angesellen!» Ins salbenduftige Bad, von linden Wassern lau, Tauchte des wonniglichen Leibes Wunderbau Sie schamhaft nieder, glättete die Nägel, kränzte Das schwarze Haar, darin ein Demantsönnlein glänzte. «Welch einen Rock, was meinst du, Hera, wähl ich mir?» «Weiß ist der fleckenlosen Frauenschönheit Zier.» Ein lieblich Lächeln, vor dem Spiegel schwenkend, dann Und süßes Augenspiel gewöhnte sie sich an, Geschickt, der Männer Herz und Sinne zu bewegen. So vorbereitet, trat sie morgens ihm entgegen. «Woher des Weges, Freund», empfing sie gleisend ihn, «So früh am Morgen und so eilig? und wohin? Komm, tritt ein wenig ein, setz dich, ein Stündchen nur!» «Hab keine Zeit, bin von beschäftigter Natur.» «Von Honig hab ich dir ein leckeres Gericht Zum Frühstückimbiß.» «Danke! Honig eß ich nicht.» Scheu um sich blickend, beugte sie sich heimlich vor, Hielt ihn am Rockschoß fest und zischelt ihm ins Ohr. Die Augen kniff der Tod und schielte: «Wohlgestalt Und Weibergunst versucht mich nicht; ich bin zu alt. Allein, so leid mirs wirklich tut, noch andre Leute Warten auf mich», und zog die Uhr, «mit Schmerzen heute.» Mit diesen Worten grüßt er leicht und lief von dannen. Ins Vorhaus stürzend, schrie sie: «Holla, alle Mannen! Wer mir den Tod, gleichgültig, ob mit offner Kraft Oder vom Hinterhalte, aus dem Leben schafft, Ein köstlich Heimgut will ich ihm zum Lohne des Erstatten im Olymp, samt einem Sommerseß Im Menschenbiet, an Knechten und an Herden reich, Mit Äckern, Weinberg, saftigen Triften im Bereich!» So rief die Zornige. Und als nun, wie gepflogen, Der Tod am nächsten Morgen kam dahergezogen, Geschahen schrille Pfiffe hinter ihm. Alsbald Stürzte der Mörder Überfall aus Busch und Wald Und stachen auf ihn los und schlugen ihn erbittert. Doch klirrend sprang von seinem Panzerfell, zersplittert, Der Schwerterklingen stumpfe Ohnmacht. Welche Hand Ihn gröblich angegriffen, die erstarb im Brand. Zu Hera aber, welche wut- und schreckensblaß Vom Hausflur sah, beschämt und flehend um Erlaß, Verneigte sich und grüßte zwischen Gnad und Hohn Der Tod: «Tut nichts, zählt zum Geschäft, das kenn ich schon!» Sinnlos vor Angst, des Hauses schwüle Unterkunft Verschmähend, wich ins Feld der Fürstin Unvernunft, Weil ihr gehetztes Herz auf der Verzweiflung Höhe Die Hoffnung überriet, daß sie dem Tod entflöhe; Fortstürmend Tag und Nacht, gleichviel wohin, nur fort. Sie grüßte Wildnis 'Rettung', nannte Irrnis 'Hort'. Doch als sie einst durch eine finstre Tannenschlucht Auf kranken Sohlen trieb die willenlose Flucht: Fluch und Verrat! Da tänzelte der Tod vor ihr Und lüftete den Hut: «Wie gehts? Spazieren wir?» Danach begriff sie ihrer Hoffnung Torentum, Hängte das müde Haupt und kehrte wankend um. Mit jenem Tage packt ein grauser Fieberwahn Die Todesangstgehetzte mit den Krallen an, So daß sie stets des Todes Moderhauch zu wittern Vermeint und sprach: «Hört ihrs? Den Boden spür ich zittern Von seinem Tritt. Und seht die Wände, wie sie beben!» Doch wenn die Stunde nahte, wo der Tod beineben Leibhaft am Haus vorüberzog, um jene Stunde Schrak sie empor und lauerte mit offnem Munde Auf ein Geräusch, das ihr des Unholds Ankunft bürgte: «Jetzt, jetzt!» Ihr Herz entfärbte sich, der Atem würgte. Doch war der schauerlichen Schritte Zug vorbei, Sank sie für tot ins Kissen mit erlöstem Schrei. Zu Ohren Zeus' des Königs kam die Trauermäre, Daß krank die Königin, die traute Gattin, wäre. An Ärzten ließ er laden, was der Umkreis bot: «Ach, liebe Freunde», klagt er, «helft mir! Bittre Not! Krank ist die hohe Herrin, weil sies nicht verfrißt, Daß sie, die Götterfürstin, nicht unsterblich ist. Den Tod verschmerzt sie nicht, ihr ekelt vor dem Sterben. Um euer Mitleid, eure Einsicht laßt mich werben. Vielleicht, wenn man ihr Ichor in die Adern gösse, Wenn Nektar und Ambrosia stündlich sie genösse?» «O Herr», versetzten sie, «wer sterblich ward geboren, Dem nützt kein Ichor nichts, der Nektar ist verloren.» Herolde sprengte Zeus umhin umher im Reich. «Weiß einer Rettung vor dem Sterben: hurtig, gleich! Ich lohns ihm fürstlich.» Siehe, da erschien in Schauern Ein Schwarm von Pfuschern, Wettermausern, Wasserschauern. Sie brachten Kräutlein viel: die Krankheit mochte dauern. «Nach Erden flugs hinab zum Menschenvolke! Eile! Ist einer, der von Todesangst die Herrin heile, Die Schätze des Olymp, er hat mein Wort, sind sein.» Doch schaut, sagt an: was steigt denn dort vom Tannenrain Mit wichtigen Gesichtern, sieh, für eine Bande? Salbader sinds und Gaukler aus dem Menschenlande. Zweifelnd empfing sie Zeus: «Gering ist mein Vertrauen. Doch auf! Zur Probe! Zeigt, laßt eure Künste schauen!» Der Gaukler tats zuerst. Der wippte mit Begriffen, Die Wörtlein händefingernd mit Gedankenkniffen, Belehrend, wie der Tod ja lediglich Verneinung, Desfolgends ohne Jasein-Dasein. Schmeckst die Meinung? Der zweite pries ein Sälblein Jehukanaan Als Schmalz und Balz für alle Weltenübel an. Der dritte rief: «Darüber bin ich weg! Aha! Andacht! Ich weiß es auf der Sternharmonika!» Saß ab und meckerte das Liedlein 'Bababäh' Vom Mütterlein Natur, der milden Mama Mäh. Zeus schnob: «Stopft denen einen Schnuller in den Mund! Denn wehe wird mir von dem Quatsch und wind und wund. Ist das nun Bosheit oder Feigheit oder was Von diesen schauerlichen Apothekern das? Anankes blutige, schmerzdurchzuckte Fleischerhöhlen Mit solchen kindischen Läpplein-Päpplein reinzuölen! Ach Reue, daß ich nicht den ganzen Menschenlug, Wie vormals ich beschlossen, kurz zusammenschlug!» Und neuerdings mit goldnen Preisen ohne Geizen Ließ er den Trost aus jedem Busch und Winkel reizen. Heilande reisten an und Lehrer und Bekehrer, Doch schwärzer ward der Kranken Mut und kummerschwerer. Bis daß ihr eines Nachts ums Morgenrot geschah, Daß sie im Schlummertraum Apollons Scheinbild sah, Im Sonnenwagen thronend, klar von Glanz und Gold, Die edle Stirn von Freundschaft und Erbarmen hold. Drob klirrt ein alt, verrostet Herzenspförtchen, lang Verschlossen und vergessen. Aus dem Pförtchen sprang Gierig die Sehnsucht. Schluchzer, Tränen stürzten nach, Und weiche Zartgefühle wurden weinend wach. Aufschnellte sie vom Lager, frischer Hoffnung froh: «Dort, bei Apoll blüht Trost mir: anders nirgendwo!» Zierat und Schmuck verwarf sie: «Einfach sei mein Kleid: Zum Bußgang vor sein Antlitz ziemt mir kein Geschmeid.» Dann fort, die Sehnsuchtstraße durch Gebirg und Wald, Und vor Apollons Hause zagt ihr Kleinmut bald. «Edler», versuchte sie, sich schmiegend an die Tür, «Ein reuig Herz entbietet schuldige Bußgebühr. Auf deiner Schwelle bangt es, unter deinem Dache, Hofft Mitleid, heischt Gehör, hält still gerechter Rache.» Der Riegel rührt sich. Er erscheint, Apollon: «Hier, Erlauchte Königin! Was soll Apollon dir?» «O Herr, laß mein verweintes Antlitz dir genügen! Weiß nicht, womit beginnen, wie die Worte fügen, Kann nicht mehr denken, nicht mehr atmen, jammern nur. Verzweiflung grinst; sie trieb mich auf des Trösters Spur. Mitleid! Spend einen weisen Spruch mir zur Errichtung! Denn mich verfolgt der Tod: sein Messer zischt Vernichtung.» Apollon sprach: «Vom Glücklichen der Weisheitsspruch In ein beklommen Herz hat ranzigen Geruch. Lauf zu den Menschen, wenn du Zungenbalsam magst! Doch da nach einem Trost, Unglückliche, du fragst, Vernimm die Antwort: In Anankes harter Welt Gedeiht in Berg und Tal kein andrer Trost, der hält, Als zweier Augen Zwiegestirn, von Freundschaft traut, Und einer dankbewegten Lippe Liebeslaut. Hast Liebe du erworben, dich verpflichtet wem, Was irrst du in die Ferne? Rüstig flieh zu dem!» Sie rief: «Du täuschest mich, du hältst mir Wörtlein feil! Die Liebe nicht, die Gegenwart, der Ort bringt Heil. Der einzige Wunsch, von dem ich weiß, um den ich flehe, Bist du, Apollons Blick, sein Atem, seine Nähe. Ob mich dein Spruch verdammt, ob deine Huld mir sprießt: Wenn nur mein Hunger deiner Stimme Ton genießt. Wohl mir! Vor deinem Anblick macht die Hölle halt, Die Schatten flüchten, und kein Schrecknis hat Gewalt. Drum straf mich, tritt mit Füßen mich! ich bin bereit: Allein von hinnen weich ich nicht in Ewigkeit.» Apollon sprach: «Ich habe nicht, ein andrer hat Auf deine Tränen Anspruch jetzt an meiner Statt. Dein flehend Antlitz wegzuweisen, schmeckt mir schlecht; Denn Gnade heißt mein Brauch. Hier hab ich des kein Recht. Es gibt ein Bündnis, nenn es Mädchenraub, nenns Ehe, Das einem einzgen schenkt des einzgen Weibes Nähe. Ob Glück in Frieden oder Zwietracht mit Verdruß: Die übrigen enterbt der zwei Zusammenschluß. Dem alles, jenem nichts. Ein Weib ist nicht zu teilen. Der darf verwunden, und der andre darf nicht heilen. Antworte: bindet dich ein Bündnis, Hera? Sprichs! Und welchem hast du dich verbündet? Sag: bin ichs? Ruf 'Zeus' und nicht 'Apoll'! Du hattest dazumal, Verspätete, doch heute hast du nicht die Wahl.» «Erbarmen! Sei mein Fürsprech, Großer! Sprich: Vergeben!» «Vergeben», sprach Apoll, «vergessen mit daneben.» «Nein!» schrie sie, seine Knie umklammernd, «nicht vergiß Und nicht vergib! Liebkose deine Rache, bis Verjährter Groll, von junger Großmut überragt, Versöhnt mich ansieht. Strafe, quäle deine Magd! Willkommen deine Richterfaust! Die Schuld ist mein. Erinnrung aber laß dir ins Gedächtnis schrein: Es war ein Tag – o benedeiter Frühlingstag! – Da mir der Männer edelster zu Füßen lag. Ach blinde Törin, falsche Schlange, die ich war! Daß du mich liebtest, Herrlicher, bleibt dennoch wahr. Sprich nicht: ‹vergangen›, lüge nicht: ‹es ist zu spät!› Was heißt Vergangenheit? was Zeit? Ein Wort. Noch steht Im Wald derselbe Fels, noch duften jene Tannen, Wo ich Unselige stieß die Seligkeit von dannen. Nicht ich: denn eine andre siehst du vor dir beben, Geläutert und gebessert, namens 'Dir-ergeben'. Blick um dich! Schau ein hocherlauchtes Gleichnis! Deute! So wie dem müden Gestern stets ein junges Heute Der goldne gütige Tag entlockt, ist allezeit Der Liebe Sonnenschein im Herzen frisch bereit. 'Jetzt' heißt des Glückes Losung. Komm, was brauchts dazu, Zur wonnigen Wiedergegenwart, als ich und du?» Apoll erwiderte: «Kein Wort bloß ist die Zeit, Ein Raubtier nenns, gefräßig an der Ewigkeit. Wohl grüßt sich oft im runden Lauf der Jahreskreise Der Dinge Wiederkehr, doch keins auf alte Weise. Anankes Weltall ist getauft: 'Veränderlich'. Was stand, das liegt; und die sich suchten, meiden sich. Die Felsen stehn, allein vermoost und minder jung. Die Tannen duften noch, doch zeigen Rindensprung. Unbill und Kränkung leidet keiner unverwundet, Und kein zertretnes Glück, pflegs wie du willst, gesundet. Laß ab! Dem Rufe 'Hera' folgt dahier kein Reim: Ein neuer Name ist in meinem Haus daheim. Hast du den Efeu in den Kehricht abgedankt, Ertrage, daß er sich um andre Simsen rankt. Ich weiß von Liebe, weiß von Treue, Königin, Und zwischen mir und dir der Handel ist dahin.» Und während er noch sprach, horch: helles Singen! Rüstig, Auf schlanken Schenkeln, hoheitsstirnig, heldenbrüstig Flog aus dem Wald daher mit freiem Atemschwung Die Freundin Artemis, von Glück und Frohsinn jung. Auf schnellte Hera, steif von steilem Stolz gebäumt, Und neidisch nach der Feindin blickend, wutdurchschäumt: «Es gibt ja», zischte sie, «die sich der Notdurft fügen Und statt der Adlerin mit Kranichen begnügen!» Zum Schutz die Arme breitend, wehrt Apollon: «Hort!» Ergriff der Freundin Hände: «Schenks, das Gegenwort! Das hat Verzweiflung dir gespuckt; wisch ab, verziehen. Tritt ein, o Artemis. Die Gleichung ist gediehen!» Als Hera von Apollons Schwelle trostesleer Zur Heimat leitete die trübe Wiederkehr, Saß sie, den glasigen Blick verzweiflungsnachtdurchgraust; Auf einem Schemel, stützte mit geballter Faust Das Kinn und stierte unablässig in die Ecke. War niemand, der zu einem Wörtlein sie erwecke. Kaum daß zum Schlingen mühsam sie den Mut erhob, Wenn wer ihr Trank und Speise durch die Zähne schob. «Ich will zum Automaten!» wimmerte der Schluß. Und als nun der vernünftgen Gründe Redefluß Ihr hitzig widerriet, erinnernd, daß von Erz Der Automat geschaffen, nicht von Fleisch und Herz, Daß keines Weges Spur zum Haus des Harten reiche, Geschweige daß das Mitleid sein Metall erweiche: «Ihr sprecht Vernunft, ich aber will zum Automaten!» «Wer wird den Weg dir zeigen und die Richtung raten?» «Das weiß ich nicht; ich weiß, ich will zum Automaten!» Mahnung und Bitte bot ihr Zeus. Sie schwieg darob. Den Gürtel um, in Wanderschuhen plump und grob Die feinen Füße, in der Hand den Pilgerstab, Tür zu! Und ohne Gruß ins Erdenland hinab. «Freunde, wo zweigt der Weg, wo haust der Automat?» Heischte die ewige Frage, die sie tonlos tat. Von Tür zu Fenster warfen sich die Menschen zu: «Weißt du etwas vom Automaten? Kennst ihn du?» Und schüttelten die Köpfe: «Fremd und unbekannt Ist uns der Name Automat hierum zuland. Doch ist das, ei wahrhaftig, ist das, ist das nicht, Seht doch, mich dünkt, die Königin von Angesicht?» Und machten ihr zum Willkomm einen Ehrensturm, «Ach!» klagte sie, «nicht Königin, ein armer Wurm!», Und irrte weiter, wer ihr Wegbelehrung schenke. Sieh da! Von ungefähr im Läubchen einer Schenke Gewahrte sie den Tod am Wirtstisch hinterm Glase. Entsetzen lähmte sie. Der Tod erhob die Nase Und lüftete den Hut, höflich, auf seine Weise: «Wir gehn zum Automaten? hi? Glückauf zur Reise!» «Ich mache des», bekannte trotzig sie, «kein Hehl. Falls ich sein Mitleid rühre, hörst du den Befehl, Daß mich dein Messer schont.» Der Tod verneigte sich Mit unterwürfigem Buckel: «Jaha! sicherlich! Ich bin sein Knecht bloß, töte nicht aus mir.» «Nun, wenn Dem also ist, so weise mir die Straße denn!» Diensteifrig sich erhebend, sputet er vors Haus Und führte sie aufs freie Feld, vors Dorf hinaus. «Horche», begann er und berührte sacht ihr Ohr. Da drang ein dröhnend Tosen aus dem Grund hervor, Als ob auf tausend unterirdischen Geleisen Myriaden von Maschinen, schwer von wuchtigem Eisen, Von fern nach ferne stampften ohne Aufenthalt. Und alle donnerten das eine Wort: 'Gewalt!' Danach betupft er ihr die Augenlider: «Schau!» Jetzt sieh, am Horizonte, hinterm Himmelsblau, Jenseits vom farbigen Tageslicht und Sonnenschein Stieg ein Gebirge, schwarz, vom ältsten Urgestein, Ins Augenfeld. Stärker an Leib und wahrer war Als was gemeiniglich sich beut dem Blicke dar. Von blitzdurchzuckten Wolken ein gespenstiger Hut Beschattet eines rätselhaften Unheils Brut, Indes von Dampf und Qualm ein rauchiger Nebelring Im Kreisschritt immerfort den bösen Berg umging. Was schreibt das rote Banner auf dem Gipfel? «Weh!» Den Finger hob der Tod nach dem Gebirge: «Geh!» Drei Tag und Nächte wanderte sie richtgerade, Der Doppelführung folgend, nach dem Ziel die Pfade, Die Augen heftend auf den Unheilsgipfel 'Böse', Das Ohr geleitet von dem höllischen Getöse. Doch als sie selber nun die donnerlärmumtäubte Bergtreppe zagend stieg, doch steif, empor, da sträubte Und krümmte sich in ihrer Hand der Wanderstab, Erschloß den Mund und gab die Warnung grausend ab: «Nach welchem ungeheuren Ziele schauerlich, Tollkühne Herrin, nötigst du, Verwegne, mich? Getreulich bin ich alle Pfade je gegangen, Doch vor dem Horst des Automaten schnürt mich Bangen.» «Ich will der Wahrheit schauen in den schwarzen Mund, Ich will ergründen aller Übel letzten Grund, Ich will den Schmack des Schmerzes an der Quelle schmecken, Und ist kein Trost, des Trostes Eitelkeit entdecken.» Ob Hagel sie umtoste, Feuer sengt ihr Haar, Kam sie durch eines Zufalls Willkür wunderbar Hinauf zum Gipfel, überm Weltgewölk hinaus, Und siehe da: des Automaten Hof und Haus. Vor ihrem Blick ein schroffer Mauerring von Stein, Und ein Gewölbe führte nach dem Hof hinein, Aus dessen Innern Räderschwang, Maschinengang In steten Dampfesatemstößen brüllend drang. Kein Wächter wehrte; offen stand die Eingangshalle, Und höhnisch lud vom Dach ein Zuspruch: «Kommet alle!» Nachdem sie eine Weile erst, um Mut zu fassen Und ihren Geist dem künftgen Schrecknis anzupassen, Von fern gestanden, trat sie in den Gang und sah. Dies war der Anblick, der der Schaudernden geschah: Auf einem ungeschlachten Eisenriesenroß Hockte der Automat, ein eherner Koloß. Von Kiesel war die Maske seines Angesichts, Aus deren Löchern, statt belebten Augenlichts Und statt des Atems, während er das stahlbeschiente Geleis der Reitbahn, das dem Roß zur Straße diente, In stößigem Holpertrabe stolperstocks durchstrauchte, Von Zeit zu Zeit ein Pfiff erscholl, ein Feuer rauchte. Des Rosses Hufe aber sprangen nicht: sie rollten, Gleich Rädern laufend, willenlos die ewigen Volten. Auf dem Geleise vor dem Rosse, sieh, was hupfen Denn dort für Abertausende Millionen Tupfen? Sinds Stäubchen oder sandige Körner? Nein, sie heben Und regen sich von selber: Würmlein sinds, die leben. Nicht Würmlein! Richtige, vernünftige Geschöpfe Mit Aug und Ohren; zweckvoll wenden sie die Köpfe. Sie schwingen Fähnlein über ihnen, rufen «Recht» Und «Unrecht», sagen: «das ist gut» und «dies ist schlecht» Und lehren: «Weisheit», warnen: «jenes ist ein Wahn» – Da poltert auf dem Tier der Automat heran. Jetzt Notgezeter, dann erreicht, zermalmt: ein Schrei, Ein Brei, ein Räuchlein Stank und Stickstoff– hui, vorbei! Das war das Stück, vor welchem geistlos, schreckentkräftet Die Fürstin stand, den Angstblick auf den Brei geheftet. Da stieß der Tod sie mit den Ellenbogen: «Juch! Fang an, klag jetzt dem Automaten dein Gesuch!» Da senkte sie das Haupt, erhob den Wanderstab Und kehrte rückwärts den Enthoffnungsberg hinab. Als sie beim ersten Wegesrank den Sonnenball Von neuem sah in seinem gelben Strahlenschwall, Grinst er entlarvt, ein Wirbelsturm von giftigen Gasen, Ein Fluch, vom heißen Hauch des Weltenschlunds geblasen. Als sie die Erde wiederfand beim zweiten Ranke, Sah eine Decke, eine spinnendünne, kranke, Sie um ein donnertobend Hammerwerk sich weben Und auf der Decke wimmeln unvorsichtig Leben. Doch als die Menschen selbst ihr kamen zu Gesicht, Hob sie die beiden Arme hoch: «Und heulen nicht!!» Die Haare wirr, die Augen irr, durchflog sie kurz, Gradaus, dem Tollhund gleich, den Menschengau im Sturz, Den Pilgerstab an Tür und Läden schlagend: «Auf! Verschlafne Schleimtierseelen! Sammelt euch zuhauf! Beim Schall der Trauerglocken rückt hinaus aufs Feld! Auf einen himmelhohen Turm ein Schandmal stellt Ananke, eurem Würger, der dem Automaten Euch hat verkauft und euer Herz dem Tod verraten! Kann schon Empörung euer kläglich Los nicht wenden, Empfangt es doch nicht lammstumm aus des Henkers Händen!» Doch wie sie dann, des Erdenlandes grünen Plan Verlassend, floh den waldigen Olymp hinan Und plötzlich auf demselben Stufenpfade da, Den sie gekommen, ihre Hoffnung liegen sah, Mit zugeschnürtem Hals, verschmachtet und verendet, Das Antlitz von des Automaten Hohn geschändet, Warf sie den Trotz empor, und saure Seelengalle Brach giftig schäumend ihr vom Mund in stürmischem Schwalle: «Ist einer», gellte sie, das Auge flammenlohend, Und wies den Stock mit zorniger Faust, dem Weltall drohend, «Ist einer, frag ich, nur ein einzger, den es kümmert, Wenn über mich der Himmel fällt, die Erde trümmert? Herzlose Menschheit, die nur eignes Unheil grämt! Und du, dummdicke Welt, unendlich, unverschämt! Weg mit dem blauen Frätzlein, Himmel, das du machst! Was tust du, wenn ich tot bin, Sonnenschein? Du lachst. Der Amsel dort, der schwarzen Heuchlerin, gelingt, Wenn ich im Sterbenskrampf mich wälze, daß sie singt. Zwei Namen ächzt nur mein Gedanke: 'Du' und 'Ich'. Du kennst nicht Trost noch Mitgefühl. Ich hasse dich!» Sieh: während ihres Spruches wand von ungefähr Ein Schlänglein sich des Weges, schräg vom Wald daher. Nachlässig, halb zum Spiele, mit dem Stock gezwickt Und weiten Schwunges in die Dornenschlucht geschickt! Ein Sieggedanke: «Ha, auch ich bin Automat! Mit Energie geladen, kraftgespannt zur Tat! So habts denn: ihr bleibt stumm und kalt bei meinen Leiden, Hei nun, so will ich mich an euren Qualen weiden! Es keimt in mir, ich spüre Mut, ich schaue Licht. Den Trost, den alle Tränen, alle Schluchzer nicht Der kranken Dulderin gewannen, aufrecht! munter! Ich reiß ihn mit der Bosheit Tatzenschlag herunter. Bosheit ist Liebkind in des Schöpfers Weltenplan. Die Unschuld würgts, die Wahl heißt: Speise oder Zahn. Wem zahlt Natur Gesundheit? Wer die andern frißt. Und ich soll leiden, wenn mir Plagen möglich ist? Der Zufall hat ein grimmig Possenspiel erdacht: Man grüßt mich 'Fürstin', Willkür nenn ich mein und Macht. Und Unheil darf ich schauen, das ich selber schuf. Wohlan, so sei mir Frevel Zweck und Mord Beruf! Ich will den Todesgang mir mit des Hasses Lastern Versüßen und den Weg mit Graus und Schrecken pflastern! Wohl ist er kurz, des Lebens flüchtiger Zwischensatz; Doch andern wehzutun: dafür, dafür ist Platz.» Hernach mit heftigem Schritt und kreischendem Gesang Trieb sie zum heimischen Herd den kriegerischen Gang. Fünfter Gesang Herakles' Erdenfahrt                           Und als nun Herakles hinlänglich menschenhart Befunden war, ein Lügenfeind und Widerpart Der Massenfeigheit und der Herdenheuchelei, Gemäß des Schöpfers Vorbild als sein Konterfei, Erhob die Arme Zeus zum Schicksal im Gebet: «Erhöre, Moira! Zeus der Himmelskönig fleht. Nicht für sich selber. Mitleid heißt den Wunsch mich weinen, Daß dein Erbarmen du vermählest mit dem meinen. Ein Abbild hab ich mir geschaffen, willensgroß, Zwar an Geblüt und Leibestracht ein Menschlein bloß, Der Erde pflichtig. Vor der Übelnisse Scharen, Ob Zeus ich heiße, kann mein Arm ihn nicht bewahren. Gleich jedem andern wartet sein das Tränenbrot, Und seiner tausend Mühen Endziel ist der Tod. Ich heische keinen Göttertisch für meinen Sohn, Nicht Volksgunst, weder Herrschermacht noch Ehrenlohn. Um eins nur bitt ich: woll dem Ungeziefer wehren! Laß Kränkung nicht erbittern dieses Edlen Schwären! Gib, daß das Menschenvolk geziemlich ihn begrüße, Und wer ihm ungebührlich naht, es schimpflich büße.» Sieh, Moira ihm zur Seite. «Fordre!» sagte sie, «Ich schreibe.» Sprachs und setzte sich bereit, ein Knie Aufs andre, netzte mit dem Mund des Griffels Stift: «Dreimal, was du verlangest, schreib ich ihm zur Gift.» «Zunächst begehr ich», sprach er, «ihm zum Eigentum Das, was dem Sohn des Zeus zu Recht gebührt: den Ruhm. Auf daß der Frechheit Schopf gezwungen sich verneige, Und, wenn er seinen Mund erschließt, der Schwätzer schweige.» «Vernommen», sagte Moira, «'Ruhm' hab ich geschrieben. Fahr fort, ich höre zu. Was mag dir mehr belieben?» Und als er zweifelte: «Ich warte: was verfügt Dein Wille weiter?» – «Nichts mehr», schloß er, «das genügt.» «Wie dir gefällt!» Stand auf, reicht ihm die Schicksalsrolle Für Herakles; hernach verschwand die Gnadenvolle. Der König aber lud zu sich die Heroldschar: «Die Harfenspieler und die Sängerinnen dar! Auf daß mit Hall und Schall in lieblichem Geleite Gestärkten Mutes Herakles nach Erden schreite!» Und als nun vor dem Tor gedämpftes Saitenschwirren Vernommen ward und des Gelächters Gurgelgirren Verriet der Sängerinnen übermütige Nähe, Sprach Zeus zu Herakles: «Nun tut der Abschied wehe!» Führt ihn hinab zum Hof und Brunnen, langt ein Glas Und füllt es unterm Sprudel, trank daraus etwas Und bot das übrige dem Sohne freundlich dar: «Trink herzhaft», mahnt er,«denn der Quell ist klar und wahr!» Dann, ihm die Hände auf die Schultern legend: «Mann! Geschehe, was da will, und komme, was da kann: Du hast empfangen eine königliche Taufe, Du hast geschlürft vom Sprudel aus der Wahrheit Traufe, Du hast mit Zeus aus einem selben Glas getrunken – Das raubt dir keine Macht von Tausenden Halunken. Und brauchst du Trost einmal in einer schwarzen Stunde, Schau auf, erinnre dich: du stehst mit mir im Bunde. Was ich für dich vermochte, ist hiermit geschehn. Wir wollen jetzt nach deinem Weggefolge sehn.» Und wie nun unter Saitenspiel und Sangesbraus Der König mit dem Sohne trat vors Haus hinaus, Horch: Geißelknallen, Pferdeklingeln! Federn, Fahnen! Und sieh: ein Wagenzug von fürstlichen Titanen. «Willkomm zum Gruß! Was habt ihr mir?» rief Zeus. «Wir haben Den Sohn des Zeus mit Angebinden zu begaben.» «Habt Dank! Daran erkenn ich lieber Vettern Weise.» Die Fürsten stellten sich um Herakles im Kreise: Den Adel schenkt ihm Artemis, Apoll den Mut, Pallas den scharfen Geist, der keinen Irrtum tut, Hermes der Augen schönen Blick, erwärmt von Güte Und Aphrodite lacht ihm Frohsinn ins Gemüte. Zeus aber sprach, den Schicksalsrodel um die Brust Des Sohnes hängend: «Da du endlich ziehen mußt, Empfang denn meinen Wegspruch: Allzeit Trotz im Kopf! Scher dich um keinen Lumpenhund und sei kein Tropf!» Danach verzog mit Sang und Klang das Weggeleite, Geschart um Herakles, feldeinwärts in die Weite. Hoch schwang das Reiselied voraus ins Himmelsblau, Und goldne Ähren hielten von den Hügeln Schau. Wer von den Ackerleuten Herakles erblickte, War keiner, der ihm nicht ein freundlich Sprüchlein schickte, «Wohlfahrt nach Erden! Wohlergehn im Menschenland!» Die Knaben sprangen her und boten ihm die Hand. Ein Mägdlein lacht aus Aug und Mund und Backen aus Und steckt ihm vor den Busen einen Blumenstrauß. Und andre Menschenseelen, kreuzend seine Bahn, Lugten aus Traumesaugen ihn verwundert an: «Wer kommt da, dessen Schritte tönen Sieg und Heil? Und seines Heldenwuchses Stamm ist stolz und steil!» Doch eine Jungfrau, von den Menschenseelen eine, Höher und schöner als der andern Jungfraun keine, Ging auf ihn zu, die Locken wie im Schlaf bewegend, Und stellt ihn still, den Finger vor die Brust ihm legend. Dann senkte sinnend sie die Stirn und seufzte: «Oh! Wo ist dort fremd im Erdenland die Straße, wo? – Sag mirs, du großer Unbekannter, sag das mir – Die über Berg und finstre Wälder führt zu dir? Und wärens vieler Tag und Nächte tausend Meilen, Ich will mit hastgem Herzensatem dich ereilen. Und wärs durch spitze Dornen, wärs durch blutige Wunden, Ich will den Fuß nicht warten, bis ich dich gefunden. Denn sieh: auf Erden weiß ich nicht, wo Heimat ist, Drum will ich wohnen gehen, wo du mit mir bist.» So seufzt im Traum die Jungfrau. Dann, den Spruch beendet, Verzog sie ihres Wegs, den Blick zurückgewendet. Und Herakles, von Lieb und Güte so umkreist, Erhob im Rausch die Seele und begann im Geist: «Von Erden einen Gipfel seh sich mahnend ragen. Aus ernster Andacht ein Gelöbnis will ich sagen: Ihr wonnigen Gauen des Olympos, farbenschön, Du hehrer Himmel, schwebend über Wolkenhöhn, Ihr Teuren alle, seid mir Zeugen: ja, ich schwöre, Daß ich nicht mir, nur meinem Werk allein gehöre Mit Herz und Händen, weder Lust noch Rust mir gönnend, Das Große mögend und das Nievermochte könnend. O Menschen, liebe Brüder, liebe Schwestern mein, Ich will euch Freund und treuergebner Beistand sein. Um keinen Lohn, es sei denn nach vollbrachter Tat Ein stummer Blick der Besten, wissend, was ich tat. Gegrüßt mir, Erde! Willig zahl ich Mühezoll. Beseelten Mutes komm ich leisten, was ich soll.» Er riefs, die Chöre jauchzten auf, die Harfen hallten, Und weiter ging es durch die goldnen Felderfalten. Doch als sie nachmals kamen auf die kahle Heide Mit Namen Ate, oben auf der Wasserscheide, Und nahten dem unheimlichen, verrufnen Stein, Wo nachts Schakale heulen und tagaus, tagein Ein scheußliches Geflügel krächzt, als schmutzige Reiher, Aaskrähen, feige, und verschmitzte Gänsegeier, Da trat, gebieterisch den Durchpaß mit dem Leib Versperrend, hinterm Stein hervor ein feindlich Weib. «Halt!» herrschte sie, die Arme wehrend vor sich hin. Und zagend zischelte der Schreck: «Die Königin!» «Schwenkt um!» tönt ihr Befehl. «Genug der Narrenfuhr! Ich selber übernehme diesen. Heim die Spur!» Bestürzt vernahmens die Gefährten: «Weh der Schere! Zwei Fürstenworte fechten kreuzweis in die Quere. Dort 'vorwärts', hier 'zurück!' Was tun? Verübeln freilich Wird es der Herr. Doch Frauengroll ist nicht gedeihlich.» Und gaben zögernd nach und lieferten, nicht gerne, Das Opfer aus und kehrten kleinlaut in die Ferne. «Jetzt, Herakles», hohnlachte Hera, «bist du mein. Und was ich mit dir habe, wird dir deutlich sein.» Den Handbrief Moiras riß sie ihm mit heftiger Faust Vom Hals und streut ihn in den Wind, zerpflückt, zerzaust. Die Gänsegeier sahen zu mit Hump und Hink, Erhaschten husch die Fetzen und entwischten flink. «Wer darf», schrie Herakles, «wer darf sich das erlauben, Mein Recht von Zeus und Moiras Gnaden mir zu rauben? Und wer bist du, daß Grausamkeit dich mag ergetzen?» «Getrost!» rief sie, «ich will dir den Verlust ersetzen!» Und hurtig in des Mantels Busen langend, schlang Sie ihm ein schwarzes Brieflein um den Hals mit Zwang. Geschlossen war das Schreiben und versiegelt noch; Doch kaum daß er den Rauch der giftigen Runen roch, Warf ekelnd er die Stirn zurück und sträubte sich, Von Abscheu übermannt, und ächzte bitterlich. Dem Ochsen gleich, wenn er, dem Todesbeil verkauft, Plötzlich die Schlachthofmauer sieht und stöhnt und schnauft Und sperrt die Beine, schaudernd vor dem Blutgeruch: So Herakles vor seinem andern Schicksalsspruch. Hera indessen rief mit einem schrillen Schrei Einen Gewaltgen, hinterm Stein versteckt, herbei. «Hinweg mit diesem», gellte sie, «wohin du weißt!» «Bewußt, erhabne Herrin, was Gehorsam heißt.» Und wie nun Herakles an des Gewaltgen Seite Mit schwerem Mute traurig wandert in die Weite, Verschwindend in den Hohlweg hinterm Steine dort, Erschwang mit schnellem Lauf Hera das Rasenbort, Das überm Hohlweg ansteigt, folgt ihm stetig nach, Verhöhnend den Verdammten, rief ihn an und sprach: «Was zögerst du und weigerst Widerwillentlich Die lahmen Füße? Heißa! lustig! tummle dich! Schützel des Zeus! Erheb zum Tanz den Hochzeitsgang: Gar lieblich wartet dein des Menschenvolks Empfang. Mehr sag ich nicht. Geheim! Nicht an der Zukunft naschen! Es ist ein Findmichnicht, es soll dich überraschen. Schatzkind der Götter, goldnes Herzblatt aller Seelen, Komm, lehn an meine Brust, ich will dir hübsch erzählen: ‹Es war einmal ein Bulle, aus dem Pferch gestoßen: In Wüsteneinsamkeit mocht er beliebig großen. Es war einmal ein Held, den Helden überlegen: Sie wölkten Finsternis um ihn. Nun ficht dagegen! Es war einmal ein Adler, flügellahm geschossen: 'So mußt du fliegen', zeigten Sperling und Genossen. Es starb einmal ein Riese. 'Brauchts zur Warnung, Buben!' Lehrten die Zwerge, die ihn weinerlich begruben. Ha! schüttle nur den Stirnbusch! Stemm nur dein Genick! Wie? du versuchsts? du wagsts? du kreuzest meinen Blick? Wahnwitzger Wicht! Mach auf den Schicksalsbrief und lies! Schmeck seinen Inhalt! Schleck die Zunge! Mundet dies? Ein Stein am Weg mit Namen 'Nichts'; ein Blatt im Garten; Dem Lebensdurst die ewige Antwort: 'Warten, warten!' Die Jugend, die dir klanglos von den Schultern fault; Das Anrecht, das vergebens nach dem Richter mault; Ohnmächtig spürend, wie dir Glaub und Hoffnung flieh'n; Durchs Fenster schauend, wie Jahrzehnte haltlos ziehn; So Weg als Steg, so Tür als Tor zum Licht verrammelt: Zähl, wieviel Bitterkeit ein Menschenleben sammelt! Du meinst: 'Halt aus! Am letzten lohnt der Sieg!' Huida! Besorge nichts: der Tanz ist um, der Tod ist da!›» Sie riefs. Vergrämt die Straße wankend, kehrt indes Das düstre Haupt und hob die Stimme Herakles: «Ich frag und forsche nicht, du Unheilsweib, warum Dein Geifer mich verfolgt. Behalts zum Eigentum! Aus deinen Blicken, deinem Atem faucht der Haß, Und leckern Trunk erwart ich nicht aus faulem Faß. Doch wenn du etwa wähnst, mit deinen Mörderstreichen Zu Bitten meine Manneswürde zu erweichen, Enttäusch dich, Weib! Wohl schmeckt es herb und sauer zwar, Im Dunkeln zu ersticken, wenn man Leuchter war, Und für zu hohen Wuchs verfemt auf Lebenszeit, Mein bebend Herz bekennts, ist keine Kleinigkeit. Kannst eines doch mir nicht entwenden, Unhold, eins: Daß ich mit meinem Amt und meiner Seele eins, Daß ich verspüre, was ich kann und wer ich bin; Die Werke, die ich wäge, würgst du mir nicht hin. Laß immer deines Neides Krähenschwänze rauschen: Ich heiße Herakles, mit keinem möcht ich tauschen!» Aufschäumte sie, zerriß vor Schmerz und wilder Wut Die Kleider, schlug die Stirn sich, biß die Faust aufs Blut: «O Schlag ins Angesicht! O Schmach der schmutzigen Schande! Heiße die Himmelskönigin, und nicht imstande, Ein nichtig sterblich Menschenmännlein weich zu schlagen! Frechheit, noch nie erhört: ein Mensch, und will nicht klagen! Zu dir, allmächtge Bosheit, die das Weltall schuf, Daß jeglich Leben dir erstatte Weheruf, Gellt mein Geschrei: Schau her, hier streitet deine Sache. Rache für einen Glücklichen verlang ich, Rache!» Und während sie noch sprach: ein Pfiff. Ein Bosheitsblitz Flog an, und ein Gedanke – «ich bins!» – sprang vom Sitz. Der züngelt ihr ins Ohr: «Willst einen Mann du kränken, Mußt nicht an Schaden, an Beschämung mußt du denken.» Gelernt, gemerkt. Und frischen Mutes hatte schon Sie Herakles erreicht und schüttelt ihm den Hohn Aus vollem Ärmel übers Haupt: «Viel Gunst und Gaben Hast du von andrer Huld! Du darfst auch meine haben: Ein weiches Narrenherz vermach ich dir – greif zu! – Daß nie ein ärmrer Narr auf Erden war als du; Das nach geträumten Sonnen deine Sehnsucht prellt, Das Fleisch und Blut als Gottheit dir vor Augen stellt. Dem Weib, du trotzger Herr von oben, sollst du dienen, Um Gnade bettelnd aus der nächsten Huldin Mienen. O welche Hoheit! Seufzer schmachten, Schluchzer plärren! Und deine Wunden darf man durch die Mäuler zerren. Such dann dein Selbstbewußtsein, ob im Spott dus findest: Vielleicht, daß du den Ruhm an deine Possen bindest. Dank hübsch, verneig dich: Schellen sind zum Frohsinn nütze. Fahr wohl, o Sohn des Zeus, im Schmuck der Narrenmütze!» Die Lippen nagend, sprach er düster: «Gut gehaßt! Das war der rechte Fleck, den du getroffen hast. Diesmal, ich sag es frei, denn Wahrheit nenn ich Sitte, Bin ich besiegt. Ein Bettler steht vor dir: ich bitte. Um Mitleid nicht, um Anstand. Weib, der Jägerstolz Kennt ein Gesetz: dem Hochwild gilt kein bübischer Bolz. Drum schinde nicht, bedien dich weidgerechter Waffen. Im Namen Zeus', der mich zu großem Werk geschaffen, Im Namen der Titanenfürsten, deren Gaben Mit Willensmut und Tatkraft mich gezeichnet haben, Ruft mein Gebet: Sei grausam, sei nicht adelsohne! Vom Narrenherzen schone meine Würde, schone! Enterbt, beraubt, verbannt: genügt dem Haß, mir scheint. Demütigung ward hie von edlem Feind gemeint. Laß deine Flüche, brauchst dus, doppelt mich erfahren: Die Röte der Beschämung sollst du mir ersparen!» Im Kreise schwang sich Hera: «Wohl mir, das behagt! Die Stimme tränt, die Worte hat der Schmerz gesagt. O Labsal! Süße Wonne, mehr als Honig gut: Mitleid zu spüren, wies dem Feinde wehe tut!» Sie riefs. Und jung genesen, seiner Qual gewiß, Zog sie von dannen in erquickter Heiternis. Doch Herakles hub an, den Blick zurückgewandt: «Mein Vater Zeus, der du nach Erden mich gesandt! Dein gnädiger Wille hieß, daß Werk und Lohn sich eine, Daß mir für viele Müh ein wenig Sonne scheine. Es ist dahin, vom Neid entwendet und gestohlen. Nun liegt mir ob, im Undank mein Verdienst zu holen. Wenn meine Werk und Taten minder mir gedeihen, So wolle Nachsicht mir darum, mein Vater, leihen!» Er sprachs. Und vor dem Odem, der den Spruch durchwehte, Beugte der Scherge Haupt und Nacken zum Gebete. Hinter dem Hohlweg ging die Reise allgemach Talwärts, der Erde zu, auf sanft geneigtem Dach. Doch wie sie schließlich kamen an die schroffe Wand, Von wo der Weg hinabstürzt in das Erdenland Und wo aus hundert Höhlen, tausend Felsenklausen Die Wasserfälle des Olymp zur Tiefe brausen: Horch, hinter ihren Schritten Adlerflügelsausen; Und in der Ferne, sieh, auf luftiger Bergesspitze Der große Zeus im Blendeglanz der Sonnenblitze. Freiragend schaut er von dem waldumkränzten Throne, Und Abschiedsgrüße winkt er freundlich seinem Sohne. Jetzt aufrecht, hoch den Arm zum Gegengruß erhoben, Schwang Herakles das stolze Wort ihm zu nach oben: «Hie Wasserdonnertanz, umrauscht von Adlerflug! Mut sei mein Wahlspruch bis zum letzten Atemzug! Mein Herz heißt 'Dennoch'. Herakles bedarf nicht Dank; Auch mit verhärmten Wangen geht sichs ohne Wank. Genug, daß über meinem Blick der Himmel steht; Getrost, daß eines Gottes Odem mich umweht. Und wenn im Spiegel Torheit mich und Schwächen grüßen, Ich nehms in Kauf; was tuts? man wird es eben büßen. Dummheit, ich reize dich! Bosheit, heran zum Streit! Laß sehen, wer da bändigt, welchen Zeus geweiht!» Er riefs, warf seinen Trotz voraus die Erdenstraße Und folgte festen Trittes nach mit Ruh und Maße.