William Shakespeare Hamlet Prinz vom Dänemark Übersetzt von August Wilhelm von Schlegel PERSONEN KÖNIG CLAUDIUS von Dänemark HAMLET, Sohn des vorigen und Neffe des gegenwärtigen Königs POLONIUS, Oberkämmerer HORATIO, Hamlets Freund LAERTES, Sohn des Polonius VOLTIMAND CORNELIUS ROSENKRANZ GÜLDENSTERN OSRICK Ein EDELMANN } Hofleute [ Zwei EDELLEUTE ] Ein PRIESTER MARCELLUS , Offizier BERNARDO , Offizier FRANCISCO , ein Soldat [ } Edelleute auf Wache ] REINHOLD, Diener des Polonius SCHAUSPIELER Ein [ norwegischer ] HAUPTMANN Zwei Spaßmacher, TOTENGRÄBER [ Ein GESANDTER ] Englische GESANDTE Der GEIST von Hamlets Vater FORTINBRAS, Prinz von Norwegen KÖNIGIN GERTRUD von Dänemark, Hamlets Mutter OPHELIA, Tochter des Polonius Herren und Frauen vom Hofe, Offiziere und Soldaten, Matrosen, [ ein Diener, ein Bote. Gefolge ] Boten und anderes Gefolge . Die Szene ist in Helsingör, [ nur in der vierten Szene des vierten Aktes eine Ebene in Dänemark ] ERSTER AKT ERSTE SZENE Helsingör. Eine Terrasse vor dem Schlosse Francisco auf dem Posten, Bernardo tritt auf. BERNARDO Wer da? FRANCISCO Nein, mir antwortet; steht und gebt Euch kund! BERNARDO Lang lebe der König! FRANCISCO Bernardo? BERNARDO Er selbst. FRANCISCO Ihr kommt gewissenhaft auf Eure Stunde. BERNARDO Es schlug schon zwölf, mach dich zu Bett, Francisco. FRANCISCO Dank für die Ablösung! 's ist bitter kalt, Und mir ist schlimm zumut. BERNARDO War Eure Wache ruhig? FRANCISCO                        Alles mausestill. BERNARDO Nun, gute Nacht! Wenn Ihr auf meine Wachtgefährten stoßt, Horatio und Marcellus, heißt sie eilen. [ Horatio und Marcellus treten auf. ] FRANCISCO Ich denk, ich höre sie. - He, halt! Wer da? Horatio und Marcellus treten auf. HORATIO Freund dieses Bodens. MARCELLUS                        Und Vasall des Dänen. FRANCISCO Hab gute Nacht! MARCELLUS                  O grüß dich, wackrer Krieger. Wer hat dich abgelöst? FRANCISCO                         Bernardo hat den Posten. Habt gute Nacht. Ab. MARCELLUS                  Holla, Bernardo! BERNARDO                                    Sprecht! He, ist Horatio da? HORATIO                      Ein Stück von ihm. BERNARDO Willkommen Euch! Willkommen, Freund Marcellus! HORATIO Nun, ist das Ding heut wiederum erschienen? BERNARDO Ich habe nichts gesehn. MARCELLUS Horatio sagt, es sei nur Einbildung, Und will dem Glauben keinen Raum gestatten An dieses Schreckbild, das wir zweimal sahn; Deswegen hab ich ihn hieher geladen, Mit uns die Stunden dieser Nacht zu wachen, Damit, wenn wieder die Erscheinung kommt, Er unsern Augen zeug und mit ihr spreche. HORATIO Pah, pah! Sie wird nicht kommen. BERNARDO                                   Setzt Euch denn Und laßt uns nochmals Euer Ohr bestürmen, Das so verschanzt ist gegen den Bericht, Was wir zwei Nächte sahn. HORATIO                            Gut, sitzen wir, Und laßt Bernardo uns hievon erzählen. BERNARDO Die allerletzte Nacht, Als eben jener Stern, vom Pol gen Westen, In seinem Lauf den Teil des Himmels hellte, Wo jetzt er glüht, da sahn Marcell und ich, Indem die Glocke eins schlug - MARCELLUS O still! Halt ein! Sieh, wie's da wieder kommt! Der Geist kommt , in Waffen . BERNARDO Ganz die Gestalt wie der verstorbne König. MARCELLUS Du bist gelehrt, sprich du mit ihm, Horatio! BERNARDO Siehts nicht dem König gleich? Schau's an, Horatio! HORATIO Ganz gleich; es macht mich starr vor Furcht und Staunen. BERNARDO Es möchte angeredet sein. MARCELLUS Horatio, sprich mit ihm. HORATIO Wer bist du, der sich dieser Nachtzeit anmaßt, Und dieser edlen, kriegrischen Gestalt, Worin die Hoheit des begrabnen Dänmark Weiland einherging? Ich beschwöre dich Beim Himmel, sprich! MARCELLUS Es ist beleidigt. BERNARDO                    Seht, es schreitet weg. HORATIO Bleib, sprich! Sprich, ich beschwör dich, sprich! Geist ab. MARCELLUS Fort ists und will nicht reden. BERNARDO Wie nun, Horatio? Ihr zittert und seht bleich: Ist dies nicht etwas mehr als Einbildung? Was haltet Ihr davon? HORATIO Bei meinem Gott, ich dürfte dies nicht glauben, Hätt ich die sichre, fühlbare Gewähr Der eignen Augen nicht. MARCELLUS Siehts nicht dem König gleich? HORATIO                                 Wie du dir selbst. Genau so war die Rüstung, die er trug, Als er sich mit dem stolzen Norweg maß; So droht' er einst, als er in harter Zwiesprach Aufs Eis warf den beschlitteten Polacken. 's ist seltsam. MARCELLUS So schritt er, grad um diese dumpfe Stunde, Schon zweimal kriegrisch unsre Wacht vorbei. HORATIO Wie dies bestimmt zu deuten, weiß ich nicht; Allein soviel ich insgesamt erachte, Verkündets unserm Staat besondre Gärung. MARCELLUS Nun setzt euch, Freunde; sagt mir, wer es weiß, Warum dies aufmerksame, strenge Wachen Den Untertan des Landes nächtlich plagt? Warum wird Tag für Tag Geschütz gegossen Und in der Fremde Kriegsgerät gekauft? Warum gepreßt für Werften, wo das Volk Den Sonntag nicht vom sauren Werktag trennt? Was gibts, daß diese schweißbetriefte Eil Die Nacht dem Tage zur Gehülfin macht? Kann jemand mich belehren? HORATIO                            Ja, ich kanns; Zum mindsten heißt es so. Der letzte König Ward, wie Ihr wißt, durch Fortinbras von Norweg, Den eifersüchtger Stolz dazu gespornt, Zum Kampf gefordert; unser tapfrer Hamlet - Denn diese Seite der bekannten Welt Hielt ihn dafür - schlug diesen Fortinbras, Der laut dem untersiegelten Vertrag, Durch Recht und Rittersitte wohl bekräftigt, Mit seinem Leben alle Länderein, So er besaß, verwirkte an den Sieger; Wogegen auch ein angemeßnes Teil Von unserm König ward zum Pfand gesetzt, Das Fortinbras anheimgefallen wäre, Hätt er gesiegt, wie durch denselben Handel Und Inhalt der besprochnen Punkte seins An Hamlet fiel. Nun hat Jung Fortinbras Von unerprobtem Feuer heiß und voll, An Norwegs Ecken hier und da ein Heer Landloser Abenteurer aufgerafft, Für Brot und Kost zu einem Unternehmen, Das Herz hat; welches denn kein andres ist, Wie unser Staat das auch gar wohl erkennt, Als durch die starke Hand und Zwang der Waffen Die vorbesagten Land' uns abzunehmen, Die so sein Vater eingebüßt; und dies Scheint mir der Antrieb unsrer Zurüstungen, Die Quelle unsrer Wachen und der Grund Von diesem Treiben und Gewühl im Lande. BERNARDO Nichts anders, denk ich, ists als eben dies. Wohl trifft es zu, daß diese Schreckgestalt In Waffen unsre Wacht besucht, so ähnlich Dem König, der der Anlaß dieses Kriegs. HORATIO Ein Stäubchen ists, des Geistes Aug zu trüben. Im höchsten palmenreichsten Stande Roms, Kurz vor dem Fall des großen Julius, standen Die Gräber leer, verhüllte Tote schrien Und wimmerten durch alle römschen Gassen; Und ebensolche Zeichen grauser Dinge, Als Boten, die dem Schicksal stets vorangehn, Und Vorspiel der Entscheidung, die sich naht, Hat Erd und Himmel insgemein gesandt An unsern Himmelsstrich und Landsgenossen, Wie feuergeschweifte Sterne, blutger Tau, Die Sonne fleckig; und der feuchte Stern, Des Einfluß waltet in Neptunus' Reich, Krankt an Verfinstrung wie zum Jüngsten Tag. [ Der Geist kommt wieder. ] Doch still! Schaut, wie's da wieder kommt. Der Geist kommt wieder.                                             Ich kreuz es Und sollt es mich verderben. - [ Er breitet die Arme aus. ]                                 Steh, Phantom, Hast du Gebrauch der Stimm und einen Laut: Sprich zu mir! Ist irgendeine gute Tat zu tun, Die Ruh dir bringen kann und Ehre mir: Sprich zu mir! Bist du vertraut mit deines Landes Schicksal, Das etwa noch Voraussicht wenden kann: O sprich! Und hast du aufgehäuft in deinem Leben Erpreßte Schätze in der Erde Schoß, Wofür ihr Geister, sagt man, oft im Tode Umhergeht, Der Hahn kräht.             sprich davon! Verweil und sprich! [ Der Hahn kräht. ] Halt es doch auf, Marcellus! MARCELLUS Soll ich nach ihm mit der Hellbarde schlagen? HORATIO Tu's, wenns nicht stehen will! BERNARDO                                 's ist hier! HORATIO                                               's ist hier! MARCELLUS 's ist fort! Geist ab. Wir tun ihm Schmach, da es so majestätisch, Wenn wir den Anschein der Gewalt ihm bieten; Denn es ist unverwundbar wie die Luft, Und unsre leeren Streiche foppen uns. BERNARDO Es war am Reden, als der Hahn just krähte. HORATIO Und da fuhrs auf gleich einem sündgen Wesen Beim Aufruf zum Gericht. Ich hab gehört, Der Hahn, der als Trompete dient dem Morgen, Erweckt mit schmetternder und heller Kehle Den Gott des Tages, und auf seine Mahnung, Sei's in der See, im Feur, Erd oder Luft, Eilt jeder schweifende und irre Geist In sein Revier; und von der Wahrheit dessen Gab dieser Gegenstand uns den Beweis. MARCELLUS Es schwand erblassend mit des Hahnes Krähn. Sie sagen, immer, wann die Jahrszeit naht, Wo man des Heilands Ankunft feiert, singe Die ganze Nacht durch dieser frühe Vogel; Dann darf kein Geist umhergehn, sagen sie, Die Nächte sind gesund, dann trifft kein Stern, Kein Kobold schweift, noch können Hexen zaubern: So gnadenvoll und heilig ist die Zeit. HORATIO So hört auch ich und glaube dran zum Teil. Doch seht, der Morgen, angetan mit Purpur, Betritt den Tau des hohen Hügels dort; Laßt uns die Wacht abbrechen, und ich rate, Vertraun wir, was wir diese Nacht gesehn, Dem jungen Hamlet; denn, bei meinem Leben, Der Geist, so stumm für uns, ihm wird er reden. Ihr willigt drein, daß wir ihm dieses melden, Wie Lieb uns nötigt und der Pflicht geziemt? MARCELLUS Ich bitt Euch, tun wir das; ich weiß, wo wir Ihn am bequemsten heute finden werden. Alle ab. ZWEITE SZENE Helsingör. Ein Staatszimmer im Schlosse Der König, die Königin, Hamlet, Polonius, Laertes, Voltimand, Cornelius, Herren vom Hofe und Gefolge. KÖNIG Wiewohl von Hamlets Tod, des werten Bruders, Noch das Gedächtnis frisch, und ob es Unserm Herzen Zu trauern ziemte und dem ganzen Reich, In eine Stirn des Grames sich zu falten: So weit hat Urteil die Natur bekämpft, Daß Wir mit weisem Kummer sein gedenken, Zugleich mit der Erinnrung an Uns selbst. Wir haben also Unsre weiland Schwester, Jetzt Unsre Königin, die hohe Witwe Und Erbin dieses kriegerischen Staats, Mit unterdrückter Freude sozusagen, Mit einem heitern, einem nassen Auge, Mit Leichenjubel und mit Hochzeitklage, In gleichen Schalen wägend Leid und Lust, Zur Eh genommen; haben auch hierin Nicht Eurer bessern Weisheit widerstrebt, Die frei Uns beigestimmt. Für alles Dank! - Nun wißt Ihr, hat der junge Fortinbras Aus Minderschätzung Unsers Werts und denkend, Durch Unsers teuren selgen Bruders Tod Sei Unser Staat verrenkt und aus den Fugen, Gestützt auf diesen Traum von seinem Vorteil, Mit Botschaft Uns zu plagen nicht ermangelt Um Wiedergabe jener Länderein, Rechtskräftig eingebüßt von seinem Vater An Unsern tapfern Bruder. - So viel von ihm; Nun von Uns selbst und Eurer Herberufung. So lautet das Geschäft: Wir schreiben hier An Norweg, Ohm des jungen Fortinbras, Der schwach, bettlägrig, kaum von diesem Anschlag Des Neffen hört, daß er den fernern Gang Hierin mög hemmen, da ja doch die Werbung, Bestand und Zahl der Truppen, alles nur Aus seinem Volk geschieht; und senden nun Euch, wackrer Voltimand, und Euch, Cornelius, Mit diesem Gruß zum alten Norweg hin, Euch keine weitre Vollmacht übergebend, Zu handeln mit dem König, als das Maß Der hier erörterten Artikel zuläßt. Lebt wohl, und Eil empfehle Euren Eifer! CORNELIUS und VOLTIMAND Hier, wie in allem, wollen wir ihn zeigen. KÖNIG Wir zweifeln nicht daran. Lebt herzlich wohl! - Voltimand und Cornelius ab. Und nun, Laertes, sagt, was bringt Ihr Uns? Ihr nanntet ein Gesuch; was ists, Laertes? Ihr könnt nicht von Vernunft dem Dänen reden, Und Euer Wort verlieren. Kannst du bitten, Was ich nicht gern gewährt, eh du's verlangt? Der Kopf ist nicht dem Herzen mehr verwandt, Die Hand dem Munde dienstgefällger nicht, Als Dänmarks Thron es deinem Vater ist. Was wünschest du, Laertes? LAERTES                             Hoher Herr, Vergünstigung nach Frankreich rückzukehren, Woher ich zwar nach Dänmark willig kam, Bei Eurer Krönung meine Pflicht zu leisten; Doch nun gesteh ich, da die Pflicht erfüllt, Strebt mein Gedank und Wunsch nach Frankreich hin Und neigt sich Eurer gnädigen Erlaubnis. KÖNIG Erlaubts der Vater Euch? Was sagt Polonius? POLONIUS Er hat, mein Fürst, die zögernde Erlaubnis Mir durch beharrlich Bitten abgedrungen, Daß ich zuletzt auf seinen Wunsch das Siegel Der schwierigen Bewilligung gedrückt. Ich bitt Euch, gebt Erlaubnis ihm zu gehn. KÖNIG Nimm deine günstge Stunde: Zeit sei dein, Mit deinen Gaben nutze sie nach Lust. - Doch nun, mein Vetter Hamlet und mein Sohn - HAMLET beiseit. Mehr als befreundet, weniger als Freund. KÖNIG Wie, hängen stets noch Wolken über Euch? HAMLET Nicht doch, mein Fürst, ich habe zuviel Sonne. KÖNIGIN Wirf, guter Hamlet, ab die nächtge Farbe Und laß dein Aug als Freund auf Dänmark sehn. Such nicht beständig mit gesenkten Wimpern Nach deinem edlen Vater in dem Staub. Du weißt, 's ist aller Los: was lebt, muß sterben Und Ewges nach der Zeitlichkeit erwerben. HAMLET Ja, gnädge Frau, 's ist aller Los. KÖNIGIN                                      Nun wohl, Weswegen scheint es so besonders dir? HAMLET Scheint, gnädge Frau? Nein, ist; mir gilt kein »scheint«. Nicht bloß mein düstrer Mantel, gute Mutter, Noch diese Tracht, nach Brauch von ernstem Schwarz, Noch stürmisches Geseufz beklemmten Atems, Noch auch im Auge der ergiebige Strom, Noch die gebeugte Haltung des Gesichts Samt aller Sitte, Art, Gestalt des Grames Ist das, was wahr mich kundgibt; dies scheint wirklich; Es sind Gebärden, die man spielen könnte. Was über allen Schein, trag ich in mir; All dies ist nur des Kummers Kleid und Zier. KÖNIG Es ist gar lieb und Eurem Herzen rühmlich, Hamlet, Dem Vater diese Trauerpflicht zu leisten. Doch wißt, auch Eurem Vater starb ein Vater, Dem seiner, und der Nachgelaßne soll Nach kindlicher Verpflichtung einige Zeit Die Leichentrauer halten. Doch zu beharren In eigenwillgen Klagen ist das Tun Gottlosen Starrsinns, ist unmännlich Leid, Zeigt einen Willen, der dem Himmel trotzt, Ein unverschanztes Herz, störrisch Gemüt, Zeigt blöden, ungelehrigen Verstand. Wovon man weiß, es muß sein; was gewöhnlich Wie das Gemeinste, das die Sinne rührt: Weswegen das in mürrischem Widerstande Zu Herzen nehmen? Pfui! Es ist Vergehn Am Himmel; ist Vergehen an dem Toten, Vergehn an der Natur, vor der Vernunft Höchst töricht, deren allgemeine Predigt Der Väter Tod ist und die immer rief Vom ersten Leichnam bis zum heut verstorbnen: Dies muß so sein! - Wir bitten, werft zu Boden Dies unfruchtbare Leid und denkt von Uns Als einem Vater; denn wissen soll die Welt, Daß Ihr an Unserm Thron der Nächste seid, Und mit nicht minder Überschwang der Liebe, Als seinem Sohn der liebste Vater widmet, Bin ich Euch zugetan. Was Eure Rückkehr Zur hohen Schul in Wittenberg betrifft, So widerspricht sie höchlich Unserm Wunsch, Und Wir ersuchen Euch: Beliebt zu bleiben Hier in dem milden Scheine Unsers Auges, Als Unser erster Hofmann, Vetter, Sohn! KÖNIGIN Laß deine Mutter fehl nicht bitten, Hamlet; Ich bitte, bleib bei uns, geh nicht nach Wittenberg! HAMLET Ich will Euch gern gehorchen, gnädge Frau. KÖNIG Wohl, das ist eine liebe, schöne Antwort. Seid wie Wir selbst in Dänmark. - Kommt, Gemahlin! Dies willge, freundliche Nachgeben Hamlets Lächelt das Herz mir an, und dem zu Ehren Soll das Geschütz heut jeden frohen Trunk, Den Dänmark ausbringt, an die Wolken tragen, Und wenn der König anklingt, soll der Himmel Nachdröhnen irdschem Donner. - Kommt mit mir! [ König, Königin, Laertes und Gefolge ab. ] Alle außer Hamlet ab. HAMLET O schmölze doch dies allzu feste Fleisch, Zerging' und löst' in einen Tau sich auf! Oder hätte nicht der Ewge sein Gebot Gerichtet gegen Selbstmord! O Gott! O Gott! Wie ekel, schal und flach und unersprießlich Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt! Pfui, pfui darüber! 's ist ein wüster Garten, Der auf in Samen schießt; verworfnes Unkraut Erfüllt ihn gänzlich. Dazu mußt es kommen! Zwei Mond erst tot! - Nein, nicht soviel, nicht zwei! Solch trefflicher Monarch, verglichen diesem, Apoll bei einem Satyr! So meine Mutter liebend, Daß er des Himmels Winde nicht zu rauh Ihr Antlitz ließ berühren. Himmel und Erde! Muß ich gedenken? Hing sie doch an ihm, Als stieg das Wachstum ihrer Lust mit dem, Was ihre Kost war. Und doch, in einem Mond - Laßt michs nicht denken! - Schwachheit, dein Nam ist Weib! - Ein kurzer Mond; bevor die Schuh verbraucht, Womit sie meines Vaters Leiche folgte, Wie Niobe, ganz Tränen - sie, ja sie - O Himmel, würd ein Tier, das nicht Vernunft hat, Doch länger trauern! - meinem Ohm vermählt, Dem Bruder meines Vaters, doch ihm ähnlich, Wie ich dem Herkules! In einem Mond, Bevor das Salz höchst frevelhafter Tränen Der wunden Augen Röte noch verließ, War sie vermählt! - O schnöde Hast, so rasch In ein blutschänderisches Bett zu stürzen! Es ist nicht, und es wird auch nimmer gut. Doch brich, mein Herz, denn schweigen muß mein Mund! Horatio, Bernardo und Marcellus treten auf. HORATIO Heil Eurer Hoheit! HAMLET Ich bin erfreut, Euch wohl zu sehn; Horatio - wenn ich nicht mich selbst vergesse? HORATIO Ja, Prinz, und Euer armer Diener stets. HAMLET Mein guter Freund; vertauscht mir jenen Namen. Was macht Ihr hier von Wittenberg, Horatio? - Marcellus? MARCELLUS Gnädger Herr - HAMLET Es freut mich, Euch zu sehn. Habt guten Abend! - Im Ernst, was führt Euch weg von Wittenberg? HORATIO Ein müßiggängerischer Hang, mein Prinz. HAMLET Das möcht ich Euren Feind nicht sagen hören, Noch sollt Ihr meinem Ohr den Zwang antun, Daß Euer eignes Zeugnis gegen Euch Ihm gültig wär. Ich weiß, Ihr geht nicht müßig. Doch was ist Eur Geschäft in Helsingör? Ihr sollt noch trinken lernen, eh Ihr reist. HORATIO Ich kam zu Eures Vaters Leichenfeier. HAMLET Ich bitte, spotte meiner nicht, mein Schulfreund, Du kamst gewiß zu meiner Mutter Hochzeit! HORATIO Fürwahr, mein Prinz, sie folgte schnell darauf. HAMLET Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitschüsseln. Hätt ich den ärgsten Feind im Himmel lieber Getroffen, als den Tag erlebt, Horatio! Mein Vater - mich dünkt, ich sehe meinen Vater. HORATIO Wo, mein Prinz? HAMLET In meines Geistes Aug, Horatio. HORATIO Ich sah ihn einst, er war ein wackrer König. HAMLET Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem; Ich werde nimmer seinesgleichen sehn. HORATIO Mein Prinz, ich denk, ich sah ihn vorge Nacht. HAMLET Sah? Wen? HORATIO            Mein Prinz, den König, Euren Vater. HAMLET Den König, meinen Vater? HORATIO Beruhigt das Erstaunen eine Weil Durch ein aufmerksam Ohr, bis ich dies Wunder, Auf die Bekräftigung der Männer hier, Euch kann berichten. HAMLET Um Gottes willen, laßt mich hören! HORATIO Zwei Nächte nacheinander wars den beiden, Marcellus und Bernardo, auf der Wache In toter Stille tiefer Mitternacht So widerfahren. Ein Schatten wie Eur Vater, Geharnischt, ganz in Wehr, von Kopf zu Fuß, Erscheint vor ihnen, geht mit ernstem Tritt Langsam vorbei und stattlich; schreitet dreimal Vor ihren starren, furchtergriffnen Augen, So daß sein Stab sie abreicht, während sie, Geronnen fast zu Gallert durch die Furcht, Stumm stehn und reden nicht mit ihm. Dies nun In banger Heimlichkeit vertraun sie mir. Ich hielt die dritte Nacht mit ihnen Wache; Und da, wie sie's berichtet, in der Zeit Und der Gestalt buchstäblich alles wahr, Kommt das Gespenst. Ich kannte Euren Vater: Hier diese Hände gleichen sich nicht mehr. HAMLET Wo ging dies aber vor? MARCELLUS Auf der Terrasse, wo wir Wache hielten. HAMLET Ihr sprachet nicht mit ihm? HORATIO                              Ich tats, mein Prinz, Doch Antwort gab es nicht; nur einmal schiens, Es höb sein Haupt empor und schickte sich Zu der Bewegung an, als wollt es sprechen; Doch krähte eben laut der Morgenhahn, Und bei dem Tone schlüpft' es eilig weg Und schwand aus unserm Blick. HAMLET                                Sehr sonderbar! HORATIO Bei meinem Leben, edler Prinz, 's ist wahr; Wir hieltens durch die Pflicht uns vorgeschrieben, Die Sach Euch kundzutun. HAMLET Im Ernst, im Ernst, Ihr Herrn, dies ängstigt mich. Habt Ihr die Wache heut? [ ALLE ] MARCELLUS und BERNARDO                           Ja, gnädger Herr. HAMLET Geharnischt, sagt Ihr? [ ALLE ] BEIDE                         Geharnischt, gnädger Herr. HAMLET Vom Wirbel bis zur Zeh? [ ALLE ] BEIDE                          Von Kopf zu Fuß. HAMLET So saht Ihr sein Gesicht nicht? HORATIO O ja doch, sein Visier war aufgezogen. HAMLET Nun, blickt' er finster? HORATIO                           Eine Miene, mehr Des Leidens als des Zorns. HAMLET                             Blaß oder rot? HORATIO Nein, äußerst blaß. HAMLET                      Sein Aug auf Euch geheftet? HORATIO Ganz fest. HAMLET             Ich wollt, ich wär dabeigewesen. HORATIO Ihr hättet Euch gewiß entsetzt. HAMLET                                   Sehr glaublich, Sehr glaublich. - Blieb es lang? HORATIO                                    Derweil mit mäßger Eil Man hundert zählen konnte. MARCELLUS und BERNARDO                             Länger, länger! HORATIO Nicht, da ichs sah. HAMLET                      Sein Bart war greis, nicht wahr? HORATIO Wie ichs an ihm bei seinem Leben sah, Ein schwärzlich Silbergrau. HAMLET                                   Ich will heut wachen; Vielleicht wirds wiederkommen. HORATIO                                 Zuverlässig. HAMLET Erscheints in meines edlen Vaters Bildung, So red ichs an, gähnt' auch die Hölle selbst Und hieß mich ruhig sein. Ich bitt Euch alle: Habt Ihr bis jetzt verheimlicht dies Gesicht, So haltets ferner fest in Eurem Schweigen; Und was sich sonst zu Nacht ereignen mag, Gebt allem einen Sinn, doch keine Zunge. Ich will die Lieb Euch lohnen; lebt denn wohl! Auf der Terrasse zwischen elf und zwölf Besuch ich Euch. ALLE                   Eur Gnaden unsre Dienste. HAMLET Nein, Eure Liebe, so wie meine Euch. Lebt wohl nun! Horatio, Marcellus und Bernardo ab. HAMLET                 Meines Vaters Geist in Waffen! Es taugt nicht alles: ich vermute was Von argen Ränken. Wär die Nacht erst da! Bis dahin ruhig, Seele! Schnöde Taten, Birgt sie die Erd auch, müssen sich verraten. Ab. DRITTE SZENE Ein Zimmer in Polouius' Hause Laertes und Ophelia treten auf. LAERTES Mein Reisegut ist eingeschifft. Leb wohl! Und, Schwester, wenn die Winde günstig sind Und Schiffsgelegenheit sich findet, schlaf nicht, Laß von dir hören. OPHELIA                      Zweifelst du daran? LAERTES Was Hamlet angeht und sein Liebsgetändel, So nimms als Sitte, als ein Spiel des Bluts, Ein Veilchen in der Jugend der Natur, Frühzeitig, nicht beständig - süß, nicht dauernd, Nur Duft und Labsal eines Augenblicks; Nichts weiter. OPHELIA                 Weiter nichts? LAERTES                                 Nur dafür halt es; Denn die Natur, aufstrebend, nimmt nicht bloß An Größ und Sehnen zu; wie dieser Tempel wächst, So wird der innre Dienst von Seel und Geist Auch weit mit ihm. Er liebt Euch jetzt vielleicht, Kein Arg und kein Betrug befleckt bis jetzt Die Tugend seines Willens; doch befürchte, Bei seinem Rang gehört sein Will ihm nicht; Er selbst ist der Geburt ja untertan. Er kann nicht, wie geringe Leute tun, Für sich auslesen, denn an seiner Wahl Hängt Sicherheit und Heil des ganzen Staats. Deshalb muß seine Wahl denn auch beschränkt sein Vom Beifall und der Stimme jenes Körpers, Von welchem er das Haupt. Wenn er nun sagt, er liebt dich, Geziemt es deiner Klugheit, ihm zu glauben, Soweit er, nach besonderm Recht und Stand, Tat geben kann dem Wort, das heißt, nicht weiter, Als Dänemarks gesamte Stimme geht. Bedenk, was deine Ehre leiden kann, Wenn du zu gläubig seinem Liede lauschest, Dein Herz verlierst und deinen keuschen Schatz Vor seinem ungestümen Dringen öffnest. Fürcht es, Ophelia, fürcht es, liebe Schwester, Und halte dich im Hintergrund der Neigung, Fern von dem Schuß und Anfall der Begier! Das scheuste Mädchen ist verschwendrisch noch, Wenn sie dem Monde ihren Reiz enthüllt. Selbst Tugend nicht entgeht Verleumdertücken, Es nagt der Wurm des Frühlings Kinder an, Zu oft noch, eh die Knospe sich erschließt, Und in der Früh und frischem Tau der Jugend Ist giftger Anhauch am gefährlichsten. Sei denn behutsam! Furcht gibt Sicherheit, Auch ohne Feind hat Jugend innern Streit. OPHELIA Ich will den Sinn so guter Lehr bewahren Als Wächter meiner Brust; doch, lieber Bruder, Zeig nicht, wie heilvergeßne Prediger tun, Den steilen Dornenweg zum Himmel andern, Derweil als frecher, lockrer Wollüstling Er selbst den Blumenpfad der Lust betritt Und spottet seines Rats. LAERTES                           O fürchte nichts! Zu lange weil ich - doch, da kommt mein Vater. Polonius kommt. Zwiefacher Segen ist ein zwiefach Heil; Der Zufall lächelt einem zweiten Abschied. POLONIUS Noch hier, Laertes? Ei, ei, an Bord, an Bord! Der Wind sitzt in dem Nacken Eures Segels, Und man verlangt Euch. Hier mein Segen mit dir - indem er dem Laertes die Hand aufs Haupt legt Und diese Regeln präg in dein Gedächtnis: Gib den Gedanken, die du hegst, nicht Zunge, Noch einem ungebührlichen die Tat. Leutselig sei, doch mach dich nicht gemein. Den Freund, der dein, und dessen Wahl erprobt, Mit ehrnen Haken klammr ihn an dein Herz. Doch schwäche deine Hand nicht durch Begrüßung Von jedem neugeheckten Bruder. Hüte dich, In Händel zu geraten; bist du drin, Führ sie, daß sich dein Feind vor dir mag hüten. Dein Ohr leih jedem, wenigen deine Stimme; Nimm Rat von allen, aber spar dein Urteil. Die Kleidung kostbar, wie's dein Beutel kann, Doch nicht ins Grillenhafte: reich, nicht bunt; Denn es verkündigt oft die Tracht den Mann, Und die vom ersten Rang und Stand in Frankreich Sind darin ausgesucht und edler Sitte. Kein Borger sei und auch Verleiher nicht; Sich und den Freund verliert das Darlehn oft, Und Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab. Dies über alles: Sei dir selber treu, Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage, Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen. Leb wohl! Mein Segen fördre dies an dir! LAERTES In Ehrerbietung nehm ich Abschied, Herr. POLONIUS Euch ruft die Zeit; geht, Eure Diener warten. LAERTES Leb wohl, Ophelia, und gedenk an das, Was ich dir sagte. OPHELIA Es ist in mein Gedächtnis fest verschlossen, Und Ihr sollt selbst dazu den Schlüssel führen. LAERTES Lebt wohl! Ab. POLONIUS Was ists, Ophelia, das er Euch gesagt? OPHELIA Wenn Ihr erlaubt, vom Prinzen Hamlet wars. POLONIUS Ha, wohl bedacht! Ich höre, daß er Euch seit kurzem oft Vertraute Zeit geschenkt, und daß Ihr selbst Mit Eurem Zutritt sehr bereit und frei wart. Wenn dem so ist - und so erzählt man mirs, Und das als Warnung zwar -, muß ich Euch sagen, Daß Ihr Euch selber nicht so klar versteht, Als meiner Tochter ziemt und Eurer Ehre. Was gibt es zwischen euch? Sagt mir die Wahrheit! OPHELIA Er hat seither Anträge mir getan Von seiner Zuneigung. POLONIUS Pah, Zuneigung! Ihr sprecht wie junges Blut, In solchen Fährlichkeiten unbewandert. Und glaubt Ihr den Anträgen, wie Ihrs nennt? OPHELIA Ich weiß nicht, Vater, was ich denken soll. POLONIUS So hörts denn: Denkt, Ihr seid ein dummes Ding, Daß Ihr für bar Anträge habt genommen, Die ohn Ertrag sind. Nein, betragt Euch klüger, Sonst, um das arme Wort nicht tot zu hetzen, Trägt Eure Narrheit noch Euch Schaden ein. OPHELIA Er hat mit seiner Lieb in mich gedrungen, In aller Ehr und Sitte. POLONIUS Ja, Sitte mögt Ihrs nennen; geht mir, geht! OPHELIA Und hat sein Wort beglaubigt, lieber Herr, Beinah durch jeden heilgen Schwur des Himmels. POLONIUS Ja, Sprenkel für die Drosseln. Weiß ich doch, Wenn das Blut kocht, wie das Gemüt der Zunge Freigebig Schwüre leiht. Dies Lodern, Tochter, Mehr leuchtend als erwärmend, und erloschen Selbst im Versprechen, während es geschieht, Nehmt keineswegs für Feuer! Kargt von nun an Mit Eurer jungfräulichen Gegenwart Ein wenig mehr; schätzt Eure Unterhaltung Zu hoch, um auf Befehl bereit zu sein! Und was Prinz Hamlet angeht, traut ihm so: Er sei noch jung und habe freiern Spielraum, Als Euch vergönnt mag werden. Kurz, Ophelia, Traut seinen Schwüren nicht; denn sie sind Kuppler, Nicht von der Farbe ihrer äußern Tracht, Fürsprecher sündlicher Gesuche bloß, Gleich frommen, heiligen Gelübden atmend, Um besser zu berücken. Eins für alles: Ihr sollt mir, grad heraus, von heute an Die Muße keines Augenblicks so schmähn, Daß Ihr Gespräche mit Prinz Hamlet pflöget. Seht zu, ich sags Euch! Geht nun Eures Weges. OPHELIA Ich will gehorchen, Herr. Beide ab. VIERTE SZENE Die Terrasse Hamlet, Horatio und Marcellus treten auf. HAMLET Die Luft geht scharf, es ist entsetzlich kalt. HORATIO 's ist eine schneidende und strenge Luft. HAMLET Was ist die Uhr? HORATIO                   Ich denke, nah an zwölf. MARCELLUS Nicht doch, es hat geschlagen. HORATIO                                 Wirklich schon? Ich hört es nicht; so rückt heran die Stunde, Worin der Geist gewohnt ist umzugehn. Trompetenstoß und Geschütz abgefeuert hinter der Szene. Was stellt das vor, mein Prinz? HAMLET Der König wacht die Nacht durch, zecht vollauf, Hält Schmaus und taumelt den geräuschgen Walzer; Und wie er Züge Rheinweins niedergießt, Verkünden schmetternd Pauken und Trompeten Den ausgebrachten Trunk. HORATIO                           Ist das Gebrauch? HAMLET Nun freilich wohl. Doch meines Dünkens, bin ich eingeboren Und drin erzogen schon, ists ein Gebrauch, Wovon der Bruch mehr ehrt als die Befolgung. Dies schwindelköpfge Zechen macht verrufen Bei andern Völkern uns in Ost und West; Man heißt uns Säufer, hängt an unsre Namen Ein schmutzig Beiwort; und fürwahr, es nimmt Von unsern Taten, noch so groß verrichtet, Den Kern und Ausbund unsers Wertes weg. So geht es oft mit einzeln Menschen auch, Daß sie durch ein Naturmal, das sie schändet, Als etwa von Geburt - worin sie schuldlos, Weil die Natur nicht ihren Ursprung wählt -, Ein Übermaß in ihres Blutes Mischung, Das Dämm und Schanzen der Vernunft oft einbricht, Auch wohl durch Angewöhnung, die zu sehr Den Schein gefällger Sitten überrostet - Daß diese Menschen, sag ich, welche so Von einem Fehler das Gepräge tragen - Sei's Farbe der Natur, sei's Fleck des Zufalls -, Und wären ihre Tugenden so rein Wie Gnade sonst, so zahllos wie ein Mensch Sie tragen mag: in dem gemeinen Tadel Steckt der besondre Fehl sie doch mit an, Der Gran von Schlechtem zieht des edlen Wertes Gehalt herab in seine eigne Schmach. [ Der Geist kommt. ] HORATIO O seht, mein Prinz, es kommt! Der Geist kommt. HAMLET Engel und Boten Gottes, steht uns bei! - Sei du ein Geist des Segens, sei ein Kobold, Bring Himmelslüfte oder Dampf der Hölle, Sei dein Beginnen boshaft oder liebreich, Du kommst in so fragheischender Gestalt, Daß ich dich sprechen will. Ich nenn dich, Hamlet, Fürst, Vater, Dänenkönig; o gib Antwort! Laß mich in Blindheit nicht vergehn! Nein, sag, Warum dein fromm Gebein, verwahrt im Tode, Die Leinen hat gesprengt, warum die Gruft, Worin wir ruhig eingeurnt dich sahn, Geöffnet ihre schweren Marmorkiefer, Dich wieder auszuwerfen? Was bedeutets, Daß, toter Leichnam, du in vollem Stahl Aufs neu des Mondes Dämmerschein besuchst, Die Nacht entstellend, daß wir Narren der Natur So fürchterlich uns schütteln mit Gedanken, Die unsern Seelen nicht erreichbar sind? Sag, was ist dies? Warum? Was solln wir tun? Der Geist winkt Hamlet zu sich. HORATIO Es winkt Euch zu, mit ihm hinwegzugehn, Als obs nach einer Mitteilung verlangte An Euch allein. MARCELLUS Seht, wie es Euch mit freundlicher Gebärde Hinweist an einen mehr entlegnen Ort; Geht aber nicht mit ihm! HORATIO                           Nein, keineswegs! HAMLET Es will nicht sprechen; wohl, so folg ich ihm. HORATIO Tuts nicht, mein Prinz! HAMLET                          Was wäre da zu fürchten? Mein Leben acht ich keine Nadel wert; Und meine Seele, kann es der was tun, Die ein unsterblich Ding ist, wie es selbst? Es winkt mir wieder fort, ich folg ihm nach. HORATIO Wie, wenn es hin zur Flut Euch lockt, mein Prinz, Vielleicht zum grausen Gipfel jenes Felsen, Der in die See nickt über seinen Fuß? Und dort in andre Schreckgestalt sich kleidet, Die der Vernunft die Herrschaft rauben könnte Und Euch zum Wahnsinn treiben? O bedenkt! Der Ort an sich bringt Grillen der Verzweiflung Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn, Der so viel Klafter niederschaut zur See Und hört sie unten brüllen. HAMLET                                       Immer winkt es. - Geh nur, ich folge dir. MARCELLUS Ihr dürft nicht gehn, mein Prinz! HAMLET                                    Die Hände weg! HORATIO Hört uns, Ihr dürft nicht gehn! HAMLET                             Mein Schicksal ruft Und macht die kleinste Ader dieses Leibes So fest als Sehnen des Nemeer Löwen. Der Geist winkt. Es winkt mir immerfort: laßt los!! Sich von ihnen losreissend.                                      Beim Himmel! [ Reißt sich los. ] Den mach ich zum Gespenst, der mich zurückhält! Ich sage, fort! - Voran, ich folge dir. Der Geist und Hamlet ab. HORATIO Er kommt ganz außer sich vor Einbildung. MARCELLUS Ihm nach! Wir dürfen ihm nicht so gehorchen. HORATIO Kommt, folgen wir! Welch Ende wird dies nehmen? MARCELLUS Etwas ist faul im Staate Dänemarks. HORATIO Der Himmel wird es lenken. MARCELLUS                             Laßt uns gehn! Beide ab. FÜNFTE SZENE Ein abgelegener er Teil [ der Terrasse ] des Schloßes Der Geist und Hamlet kommen. HAMLET Wo führst du hin mich? Red, ich geh nicht weiter. GEIST Hör an! HAMLET          Ich wills. GEIST                      Schon naht sich meine Stunde, Wo ich den schweflichten, qualvollen Flammen Mich übergeben muß. HAMLET                       Ach, armer Geist! GEIST Beklag mich nicht, doch leih dein ernst Gehör Dem, was ich kund will tun. HAMLET                              Sprich! Mir ists Pflicht Zu hören. GEIST            Auch zu rächen, wenn du erst Wirst hörn. HAMLET               Was? GEIST                     Ich bin deines Vaters Geist; Verdammt auf eine Zeitlang, nachts zu wandern Und tags, gebannt, zu fasten in der Glut, Bis die Verbrechen meiner Zeitlichkeit Hinweggeläutert sind. Wär mirs nicht untersagt, Das Innre meines Kerkers zu enthüllen, So höb' ich eine Kunde an, von der Das kleinste Wort die Seele dir zermalmte, Dein junges Blut erstarrte, deine Augen Wie Stern' aus ihren Kreisen schießen machte, Dir die verworrnen krausen Locken trennte Und sträubte jedes einzelne Haar empor Wie Nadeln an dem zorngen Stacheltier; Doch diese ewge Offenbarung faßt Kein Ohr von Fleisch und Blut. - Horch, horch, o horch! Wenn du je deinen teuren Vater liebtest - HAMLET O Himmel! GEIST - räch seinen schnöden, unerhörten Mord! HAMLET Mord? GEIST Ja, schnöder Mord, wie er aufs beste ist, Doch dieser unerhört und unnatürlich. HAMLET Eil, ihn zu melden, daß ich auf Schwingen, rasch Wie Andacht und des Liebenden Gedanken, Zur Rache stürmen mag! GEIST                         Du scheinst mir willig; Auch wärst du träger als das feiste Kraut, Das ruhig Wurzel treibt an Lethes Bord, Erwachtest du nicht hier. Nun, Hamlet, höre: Es heißt, daß, als ich schlief in meinem Garten, Mich eine Schlange stach; so wird das Ohr des Reichs Durch den erlognen Hergang meines Todes Schmählich getäuscht! Doch wisse, edler Jüngling, Die Schlang, die deines Vaters Leben stach, Trägt seine Krone jetzt. HAMLET O mein prophetisches Gemüt! Mein Oheim? GEIST Ja, der blutschänderische Ehebrecher, Durch Witzes Zauber, durch Verrätergaben - O arger Witz und Gaben, die imstand So zu verführen sind! - gewann den Willen Der scheinbar tugendsamen Königin Zu schnöder Lust. O Hamlet, welch ein Abfall! Von mir, des Liebe von der Echtheit war, Daß Hand in Hand sie mit dem Schwure ging, Den ich bei der Vermählung tat, erniedert Zu einem Sünder, von Natur durchaus Armselig gegen mich! Allein wie Tugend nie sich reizen läßt, Buhlt Unzucht auch um sie in Himmelsbildung; So Lust, gepaart mit einem lichten Engel, Wird dennoch eines Götterbettes satt Und hascht nach Wegwurf. - Doch still, mich dünkt, ich wittre Morgenluft: Kurz laß mich sein. - Da ich im Garten schlief, Wie immer meine Sitte nachmittags, Beschlich dein Oheim meine sichre Stunde Mit Saft verfluchten Bilsenkrauts im Fläschchen, Und träufelt' in den Eingang meines Ohrs Das schwärende Getränk, wovon die Wirkung So mit des Menschen Blut in Feindschaft steht, Daß es durch die natürlichen Kanäle Des Körpers hurtig wie Quecksilber läuft, Und wie ein saures Lab, in Milch getropft, Mit plötzlicher Gewalt gerinnen macht Das leichte, reine Blut. So tat es meinem, Und Aussatz schuppte sich mir augenblicklich, Wie einem Lazarus, mit ekler Rinde Ganz um den glatten Leib. So ward ich schlafend und durch Bruderhand Um Leben, Krone, Weib mit eins gebracht, In meiner Sünden Blüte hingerafft, Ohn Abendmahl, ohn Beicht, ohn letzte Ölung, Die Rechnung nicht geschlossen, ins Gericht Mit aller Schuld auf meinem Haupt gesandt. [ HAMLET ] O schaudervoll! O schaudervoll, höchst schaudervoll! [ GEIST ] Hast du Natur in dir, so leid es nicht, Laß Dänmarks königliches Bett kein Lager Für Blutschand und verruchte Wollust sein! Doch wie du immer diese Tat betreibst, Befleck dein Herz nicht; dein Gemüt ersinne Nichts gegen deine Mutter; überlaß sie Dem Himmel und den Dornen, die im Busen Ihr stechend wohnen. Lebe wohl mit eins: Der Glühwurm zeigt, daß sich die Frühe naht, Und sein unwirksam Feuer wird schon blasser. Ade! Ade! Ade! Gedenke mein! Ab. HAMLET O Heer des Himmels! Erde! - Was noch sonst? Nenn ich die Hölle mit? O pfui! Halt, halt, mein Herz! Ihr meine Sehnen, altert nicht sogleich, Tragt fest mich aufrecht! Dein gedenken? Ja, Du armer Geist, solang Gedächtnis haust In dem zerstörten Ball hier. Dein gedenken? Ja, von der Tafel der Erinnrung will ich Weglöschen alle törichten Geschichten, Aus Büchern alle Sprüche, alle Bilder, Die Spuren des Vergangnen, welche da Die Jugend einschrieb und Beobachtung; Und dein Gebot soll leben ganz allein Im Buche meines Hirnes, unvermischt Mit minder würdgen Dingen. Ja, beim Himmel! O höchst verderblich Weib! O Schurke, lächelnder, verdammter Schurke! Schreibtafel her, ich muß mirs niederschreiben, Daß einer lächeln kann und immer lächeln Und doch ein Schurke sein; zum wenigsten Weiß ich gewiß, in Dänmark kanns so sein. Schreibt. Da steht Ihr, Oheim! - Jetzt zu meiner Losung! Sie heißt: Ade, ade! Gedenke mein! - Ich habs geschworen. HORATIO hinter der Szene. Mein Prinz! Mein Prinz! MARCELLUS hinter der Szene. Prinz Hamlet! HORATIO hinter der Szene.                Gott beschütz ihn! HAMLET So sei es! MARCELLUS hinter der Szene.             Heda, ho! Mein Prinz! HAMLET Ha, heißa, Junge! Komm, Vogel, komm! Horatio und Marcellus kommen. MARCELLUS Wie stehts, mein gnädger Herr? HORATIO Was gibts, mein Prinz? HAMLET O wunderbar! HORATIO Sagt, bester, gnädger Herr! HAMLET                              Nein, Ihr verratets. HORATIO Ich nicht, beim Himmel, Prinz. MARCELLUS                                 Ich gleichfalls nicht. HAMLET Was sagt Ihr? Sollts 'ne Menschenseele denken? - Doch Ihr wollt schweigen? - HORATIO und MARCELLUS                              Ja, beim Himmel, Prinz! HAMLET Es lebt kein Schurk im ganzen Dänemark, Der nicht ein ausgemachter Bube wär. HORATIO Es braucht kein Geist vom Grabe herzukommen, Uns das zu sagen. HAMLET                    Richtig, Ihr habt recht! Und so, ohn alle weitre Förmlichkeit, Denk ich, wir schütteln uns die Händ und scheiden; Ihr tut, was Euch Beruf und Neigung heißt - Denn jeder Mensch hat Neigung und Beruf, Wie sie denn sind -, ich für mein armes Teil, Seht Ihr, will beten gehn. HORATIO Dies sind nur wirblichte und irre Worte, Herr. HAMLET Es tut mir leid, daß sie Euch ärgern, herzlich; Wahrhaftig herzlich. HORATIO                       Kein Ärgernis, mein Prinz! HAMLET Doch, bei Sankt Patrik, gibt es eins, Horatio; Groß Ärgernis. Was die Erscheinung angeht, Ich sag Euch, 's ist ein ehrliches Gespenst. Die Neugier, was es zwischen uns doch gibt, Bemeistert, wie Ihr könnt. Und nun, Ihr Lieben, Wofern Ihr Freunde seid, Mitschüler, Krieger, Gewährt ein Kleines mir! HORATIO                           Was ists? Wir sind bereit. HAMLET Macht nie bekannt, was Ihr die Nacht gesehn! HORATIO und MARCELLUS Wir wollens nicht, mein Prinz. HAMLET                                  Gut, aber schwört! HORATIO Auf Ehre, Prinz, ich nicht! MARCELLUS                              Noch ich, auf Ehre! HAMLET Schwört auf mein Schwert! MARCELLUS                                 Wir haben schon geschworen. HAMLET Im Ernste, auf mein Schwert, im Ernste. GEIST unter der Erde.                                           Schwört! HAMLET Haha, Bursch, sagst du das? Bist du da, Grundehrlich? Wohlan - Ihr hört im Keller den Gesellen - Bequemt Euch denn, zu schwören! HORATIO                                  Sagt den Eid! HAMLET Niemals von dem, was Ihr gesehn, zu sprechen, Schwört auf mein Schwert! GEIST unter der Erde.                            Schwört! HAMLET Hic et ubique? Wechseln wir die Stelle! Hierher, Ihr Herren, kommt Und legt die Hände wieder auf mein Schwert; Schwört auf mein Schwert, Niemals von dem, was Ihr gehört, zu sprechen. GEIST unter der Erde. Schwört [ auf sein Schwert ] ! HAMLET Brav, alter Maulwurf! Wühlst so hurtig fort? O trefflicher Minierer! - Nochmals weiter, Freunde! HORATIO Beim Sonnenlicht, dies ist erstaunlich fremd. HAMLET So heiß als einen Fremden es willkommen. Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, Als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio. Doch kommt! Hier, wie vorhin, schwört mir, so Gott Euch helfe, Wie fremd und seltsam ich mich nehmen mag, Da mirs vielleicht in Zukunft dienlich scheint, Ein wunderliches Wesen anzulegen, Ihr wollet nie, wenn Ihr alsdann mich seht, Die Arme so verschlingend, noch die Köpfe So schüttelnd, noch durch zweifelhafte Reden, Als: Nun, nun, wir wissen - oder: Wir könnten, Wenn wir wollten - oder: Ja, wenn wir reden möchten - Oder: Es gibt ihrer, wenn sie nur dürften - Und solch verstohlnes Deuten mehr, verraten, Daß Ihr von mir was wisset: Dieses schwört, So Gott in Nöten und sein Heil Euch helfe! GEIST unter der Erde.                                             Schwört! HAMLET Ruh, ruh, verstörter Geist! - Nun, liebe Herrn, Empfehl ich Euch mit aller Liebe mich, Und was ein armer Mann, wie Hamlet ist, Vermag, Euch Lieb und Freundschaft zu bezeugen, So Gott will, soll nicht fehlen. Laßt uns gehn Und, bitt ich, stets den Finger auf den Mund! Die Zeit ist aus den Fugen; Fluch der Pein, Muß ich sie herzustelln geboren sein! - Nun kommt, laßt uns zusammen gehn. Alle ab. ZWEITER AKT ERSTE SZENE Ein Zimmer im Hause der Polonius Polonius und Reinhold treten auf. POLONIUS Gib ihm dies Geld und die Papiere, Reinhold! REINHOLD Ja, gnädger Herr. POLONIUS Ihr werdet mächtig klug tun, guter Reinhold, Euch zu erkundgen, eh Ihr ihn besucht, Wie sein Betragen ist. REINHOLD                         Das dacht ich auch zu tun. POLONIUS Ei, gut gesagt, recht gut gesagt! Seht Ihr, Erst fragt mir, was für Dänen in Paris sind, Und wie, wer, auf was Art und wo sie leben, Mit wem, was sie verzehren; wenn Ihr dann Durch diesen Umschweif Eurer Fragen merkt, Sie kennen meinen Sohn, so kommt Ihr näher, Als Ihrs mit grad gezielten Fragen träfet. Tut gleichsam wie von fern bekannt; zum Beispiel: »Ich kenne seinen Vater, seine Freunde Und auch zum Teil ihn selbst.« - Versteht Ihr, Reinhold? REINHOLD Vollkommen, gnädger Herr. POLONIUS »Zum Teil auch ihn; doch«, mögt Ihr sagen, »wenig, Und wenns der rechte ist, der ist gar wild, Treibt dies und das« - dann gebt ihm nach Belieben Erlogne Dinge schuld; nur nichts so Arges, Das Schand ihm brächte, davor hütet Euch; Nein, solche wilden, ausgelaßnen Streiche, Als hergebrachtermaßen die Gefährten Der Jugend und der Freiheit sind. REINHOLD                                    Als Spielen. POLONIUS Ja, oder Trinken, Raufen, Fluchen, Zanken, Huren - so weit könnt Ihr gehn. REINHOLD Das würd ihm Schande bringen, gnädger Herr. POLONIUS Gewiß nicht, wenn Ihrs nur zu wenden wißt. Ihr müßt ihn nicht in andern Leumund bringen, Als übermannt' ihn Unenthaltsamkeit; So mein ichs nicht; bringt seine Fehler zierlich Ans Licht, daß sie der Freiheit Flecken scheinen, Der Ausbruch eines feurigen Gemüts Und eine Wildheit ungezähmten Bluts, Die jeden anficht. REINHOLD                     Aber, bester Herr - POLONIUS Weswegen Ihr dies tun sollt? REINHOLD                               Ja, das wünscht ich Zu wissen, Herr. POLONIUS                    Ei nun, mein Plan ist der - Und, wie ich denke, ists ein Pfiff, der anschlägt: Werft Ihr auf meinen Sohn so kleine Makel, Als wär er in der Arbeit was beschmutzt. Merkt wohl! Wenn der Mitunterredner, den Ihr aushorcht, In vorbenannten Lastern jemals schuldig Den jungen Mann gesehn, so seid gewiß, Daß selbger folgender Gestalt Euch beitritt: »Lieber Herr«, oder so; oder »Freund«, oder »mein Wertester«, Wie nun die Redensart und die Betitlung Bei Land und Leuten üblich ist - REINHOLD                                   Sehr wohl! POLONIUS Und hierauf tut er dies: - Er tut - ja was wollte ich doch sagen? Beim Sakrament, ich habe was sagen wollen. Wo brach ich ab? REINHOLD Bei »folgender Gestalt Euch beitritt«, bei »Freund oder so« und »mein Wertester«. POLONIUS Bei »folgender Gestalt Euch beitritt«. - Ja, Er tritt Euch bei: »Ich kenn ihn wohl, den Herrn, Ich sah ihn gestern oder neulich mal, Oder wann es war; mit dem und dem; und, wie Ihr sagt, Da spielt' er hoch; da traf man ihn im Rausch; Da rauft' er sich beim Ballspiel«; oder auch: »Ich sah ihn gehn in solch ein saubres Haus« - Will sagen: ein Bordell -, und mehr dergleichen. Seht nun: Eur Lügenköder fängt den Wahrheitskarpfen; So wissen wir, gewitzigt, helles Volk, Mit Krümmungen und mit verstecktem Angriff Durch einen Umweg auf den Weg zu kommen, Und so könnt Ihr, wie ich Euch Anweisung Und Rat erteilet, meinen Sohn erforschen. Ihr habts gefaßt, nicht wahr? REINHOLD                                Ja, gnädger Herr. POLONIUS Nun, Gott mit Euch! Lebt wohl! REINHOLD                                 Mein bester Herr - POLONIUS Erforscht mit eignen Augen seinen Wandel! REINHOLD Das will ich tun. POLONIUS Und daß er die Musik mir fleißig treibt! REINHOLD Gut, gnädger Herr. [ Ab. Ophelia kommt. ] POLONIUS Lebt wohl! - Reinhold geht ab. Ophelia kommt.               Sieh da, Ophelia! Was gibts? OPHELIA O lieber Herr, ich bin so sehr erschreckt! POLONIUS Wodurch, in's Himmels Namen? OPHELIA Als ich in meinem Zimmer näht, auf einmal Prinz Hamlet - mit ganz aufgerißnem Wams, Kein Hut auf seinem Kopf, die Strümpfe schmutzig Und losgebunden auf den Knöcheln hängend; Bleich wie sein Hemd und schlotternd mit den Knien; Mit einem Blick, von Jammer so erfüllt, Als wär er aus der Hölle losgelassen, Um Greuel kundzutun - so tritt er vor mich. POLONIUS Verrückt aus Liebe? OPHELIA                      Herr, ich weiß es nicht, Allein ich fürcht es wahrlich. POLONIUS                                 Und was sagt' er? OPHELIA Er griff mich bei der Hand und hielt mich fest, Dann lehnt' er sich zurück, so lang sein Arm: Und mit der andern Hand so überm Auge Betrachtet' er so prüfend mein Gesicht, Als wollt ers zeichnen. Lange stand er so; Zuletzt ein wenig schüttelnd meine Hand Und dreimal hin und her den Kopf so wägend, Tat er solch einen bangen, tiefen Seufzer, Als sollt er seinen ganzen Bau zertrümmern Und endigen sein Dasein. Dies getan, Läßt er mich gehn, und über seine Schultern Den Kopf zurückgedreht, schien er den Weg Zu finden ohne seine Augen; denn Er ging zur Tür hinaus ohn ihre Hülfe Und wandte bis zuletzt ihr Licht auf mich. POLONIUS Geht mit mir, kommt, ich will den König suchen. Dies ist die wahre Schwärmerei der Liebe, Die, ungestüm von Axt, sich selbst zerstört Und leitet zu verzweifelten Entschlüssen, So oft als irgendeine Leidenschaft, Die unterm Mond uns quält. Es tut mir leid - Sagt, gabt Ihr ihm wohl kürzlich harte Worte? OPHELIA Nein, bester Herr, nur wie Ihr mir befahlt, Wies ich die Briefe ab und weigert ihm Den Zutritt. POLONIUS               Das hat ihn verrückt gemacht. Es tut mir leid, daß ich mit besserm Urteil Ihn nicht beachtet hab. Ich sorgt, er tändle nur Und wolle dich verderben: doch verdammt mein Argwohn! Uns Alten ists so eigen, wie es scheint, Mit unsrer Meinung übers Ziel zu gehn, Als häufig bei dem jungen Volk der Mangel An Vorsicht ist. Gehn wir zum König, komm! Er muß dies wissen, denn es zu verstecken Brächt uns mehr Gram, als Haß, die Lieb entdecken. [ Komm! ] Beide ab. ZWEITE SZENE Ein Zimmer im Schlosse Der König, die Königin, Rosenkranz, Güldenstern und Gefolge. KÖNIG Willkommen, Rosenkranz und Güldenstern! Wir wünschten nicht nur sehnlich, Euch zu sehn, Auch das Bedürfnis Eurer Dienste trieb Uns zu der eilgen Sendung an. Ihr hörtet Von der Verwandlung Hamlets schon; so nenn ichs, Weil nicht der äußre noch der innre Mensch Dem gleicht, was sonst er war. Was es nur ist, Mehr als des Vaters Tod, das ihn so weit Von dem Verständnis seiner selbst gebracht, Kann ich nicht raten. Ich ersuch Euch beide, Da Ihr von Kindheit auf mit ihm erzogen Und seiner Laun und Jugend nahe bliebt, Ihr wollet hier an unserm Hof verweilen Auf einge Zeit, um ihn durch Euren Umgang In Lustbarkeit zu ziehn und zu erspähn, Soweit der Anlaß auf die Spur Euch bringt, Ob irgendwas, uns unbekannt, ihn drückt, Das, offenbart, zu heilen wir vermöchten. KÖNIGIN Ihr lieben Herrn, er hat Euch oft genannt; Ich weiß gewiß, es gibt nicht andre zwei, An denen er so hängt. Wenns Euch beliebt, Uns soviel guten Willen zu erweisen, Daß Ihr bei uns hier eine Weile zubringt Zu unsrer Hoffnung Vorschub und Gewinn, So wollen wir Euch den Besuch belohnen, Wie es sich ziemt für eines Königs Dank. ROSENKRANZ Es stände Euern Majestäten zu, Nach herrschaftlichen Rechten über uns Mehr zu gebieten nach gestrengem Willen, Als zu ersuchen. GÜLDENSTERN                   Wir gehorchen beide Und bieten uns hier an, nach besten Kräften Zu Euren Füßen unsern Dienst zu legen, Um frei damit zu schalten. KÖNIG Dank, Rosenkranz und lieber Güldenstern! KÖNIGIN Dank Güldenstern und lieber Rosenkranz! Besucht doch unverzüglich meinen Sohn, Der nur zu sehr verwandelt. Geh wer mit Und bring die Herren hin, wo Hamlet ist. GÜLDENSTERN Der Himmel mach ihm unsre Gegenwart Und unser Tun gefällig und ersprießlich! KÖNIGIN So sei es, Amen! Rosenkranz, Güldenstern und einige aus dem Gefolge ab. Polonius kommt. POLONIUS Mein König, die Gesandten sind von Norweg Froh wieder heimgekehrt. KÖNIG Du warest stets der Vater guter Zeitung. POLONIUS Nicht wahr? Ja, seid versichert, bester Herr, Ich halte meine Pflicht wie meine Seele: So meinem Gott wie meinem gnädgen König! Und jetzo denk ich - oder dies Gehirn Jagt auf der Klugheit Fährte nicht so sicher, Als es wohl pflegte -, daß ich ausgefunden, Was eigentlich an Hamlets Wahnwitz schuld. KÖNIG O davon sprecht; das wünsch ich sehr zu hören! POLONIUS Vernehmt erst die Gesandten; meine Zeitung Soll bei dem großen Schmaus der Nachtisch sein. KÖNIG Tut ihnen selber Ehr und führt sie vor! Polonius ab. Er sagt mir, liebe Gertrud, daß er jetzt Den Quell vom Übel Eures Sohns gefunden. KÖNIGIN Ich fürcht, es ist nichts anders als das eine: Des Vaters Tod und unsre hastige Heirat. KÖNIG Gut, wir erforschen ihn. Polonius kommt mit Voltimand und Cornelius zurück. Willkommen, liebe Freunde! Voltimand, Sagt, was Ihr bringt von unserm Bruder Norweg. VOLTIMAND Erwiderung der schönsten Grüß und Wünsche. Auf unser erstes sandt er aus und hemmte Die Werbungen des Neffen, die er hielt Für Zurüstungen gegen den Polacken; Doch, näher untersucht, fand er, sie gingen Auf Eure Hoheit wirklich. Drob gekränkt, Daß seine Krankheit, seines Alters Schwäche So hintergangen sei, legt' er Verhaft Auf Fortinbras, worauf sich dieser stellt, Verweis' empfängt von Norweg und zuletzt Vor seinem Oheim schwört, nie mehr die Waffen Zu führen gegen Eure Majestät. Der alte Norweg, hoch erfreut hierüber, Gibt ihm dreitausend Kronen Jahrgehalt Und seine Vollmacht, gegen den Polacken Die so geworbnen Truppen zu gebrauchen; Nebst dem Gesuch, des weitern hier erklärt: übergibt ein Papier. Ihr wollt geruhn, für dieses Unternehmen Durch Eur Gebiet den Durchzug zu gestatten, Mit solcherlei Gewähr und Einräumung, Als abgefaßt hier steht. KÖNIG                           Es dünkt Uns gut; Wir wollen bei gelegner Zeit es lesen, Antworten und bedenken dies Geschäft. Derweil habt Dank für wohlgenommne Müh; Geht auszuruhn, wir schmausen heut zusammen. Willkommen mir zu Haus! Voltimand und Cornelius ab. POLONIUS So wäre dies Geschäft nun wohl vollbracht. Mein Fürst und gnädge Frau, hier zu erörtern, Was Majestät ist, was Ergebenheit, Warum Tag Tag; Nacht Nacht; die Zeit die Zeit: Das hieße, Nacht und Tag und Zeit verschwenden. Weil Kürze denn des Witzes Seele ist, Weitschweifigkeit der Leib und äußre Zierat: Faß ich mich kurz. Eur edler Sohn ist toll, Toll nenn ichs: denn worin besteht die Tollheit, Als daß man gar nichts anders ist als toll? Doch das mag sein. KÖNIGIN                     Mehr Inhalt, wenger Kunst! POLONIUS Auf Ehr, ich brauche nicht die mindste Kunst. Toll ist er, das ist wahr; wahr ists, 's ist schade; Und schade, daß es wahr ist. Doch dies ist 'ne törichte Figur: sie fahre wohl, Denn ich will ohne Kunst zu Werke gehn. Toll nehmen wir ihn also; nun ist übrig, Daß wir den Grund erspähn von dem Effekt, Nein, richtiger den Grund von dem Defekt; Denn dieser Defektiv-Effekt hat Grund. So stehts nun, und der Sache Stand ist dies. Erwägt: Ich hab 'ne Tochter; hab sie, weil sie mein; Die mir aus schuldigem Gehorsam, seht, Dies hier gegeben. Schließt und ratet nun! Liest. »An die Himmlische und den Abgott meiner Seele, die liebreizende Ophelia« - Das ist eine schlechte Redensart, eine gemeine Redensart; liebreizend ist eine gemeine Redensart. Aber hört nur weiter: Liest. »An ihren trefflichen zarten Busen diese Zeilen« und so weiter. KÖNIGIN Hat Hamlet dies an sie geschickt? POLONIUS Geduld nur, gnädge Frau, ich meld Euch alles. Liest. »Zweifle an der Sonne Klarheit, Zweifle an der Sterne Licht, Zweifl, ob lügen kann die Wahrheit, Nur an meiner Liebe nicht! O liebe Ophelia, es gelingt mir schlecht mit dem Silbenmaße; ich besitze die Kunst nicht, meine Seufzer zu messen, aber daß ich Dich bestens liebe, o Allerbeste, das glaube mir. Leb wohl! Der Deinige auf ewig, teuerstes Fräulein, solange diese Maschine ihm zugehört. Hamlet.« Dies hat mir meine Tochter schuldgermaßen Gezeigt und überdies sein dringend Werben, Wie sichs nach Zeit und Weis' und Ort begab, Mir vor das Ohr gebracht. KÖNIG                            Allein wie nahm Sie seine Liebe auf? POLONIUS                       Was denket Ihr von mir? KÖNIG Daß Ihr ein Mann von Treu und Ehre seid. POLONIUS Gern möcht ichs zeigen. Doch was dächtet Ihr, Hätt ich gesehn, wie diese heiße Liebe Sich anspann - und ich merkt es, müßt Ihr wissen, Eh meine Tochter mirs gesagt -, was dächtet Ihr, oder meine teure Majestät, Eur königlich Gemahl, hätt ich dabei Brieftasche oder Schreibepult gespielt, Hätt ich mein Herz geängstigt still und stumm Und müßig dieser Liebe zugeschaut? Was dächtet Ihr? Nein, ich ging rund heraus Und redete zu meinem jungen Fräulein: Prinz Hamlet ist ein Fürst, zu hoch für dich; Dies darf nicht sein; - und dann schrieb ich ihr vor, Daß sie vor seinem Umgang sich verschlösse, Nicht Boten zuließ', Pfänder nicht empfinge. Drauf machte sie sich meinen Rat zunutz, Und er, verstoßen, um es kurz zu machen, Fiel in 'ne Traurigkeit; dann in ein Fasten; Drauf in ein Wachen; dann in eine Schwäche; Dann in Zerstreuung; und durch solche Stufen In die Verrücktheit, die ihn jetzt verwirrt Und sämtlich uns betrübt. KÖNIG                            Denkt Ihr, dies sei's? KÖNIGIN Es kann wohl sein, sehr möglich. POLONIUS Habt Ihrs schon je erlebt, das möcht ich wissen, Daß ich mit Zuversicht gesagt: So ists, Wenn es sich anders fand? KÖNIG                            Nicht, daß ich weiß. POLONIUS indem er auf seinen Kopf und Schulter zeigt. Trennt dies von dem, wenns anders sich verhält. Wenn eine Spur mich leitet, will ich finden, Wo Wahrheit steckt, und steckte sie auch grade Im Erdenzentrum. KÖNIG                   Wie läßt sichs näher prüfen? POLONIUS Ihr wißt, er geht wohl Stunden auf und ab Hier in der Galerie. KÖNIGIN                       Das tut er wirklich. POLONIUS Da will ich meine Tochter zu ihm lassen. Steht Ihr mit mir dann hinter einem Teppich, Merkt auf den Hergang: wenn er sie nicht liebt Und dadurch nicht um die Vernunft gekommen, So laßt mich nicht mehr Staatsbeamten sein, Laßt mich den Acker baun und Pferde halten! KÖNIG Wir wollen sehn. [ Hamlet kommt lesend. ] KÖNIGIN Seht, wie der Arme traurig kommt und liest. POLONIUS Fort, ich ersuch Euch, beide fort von hier! Ich mache gleich mich an ihn. O erlaubt! König, Königin und Gefolge ab. Hamlet kommt lesend. Wie geht es meinem besten Prinzen Hamlet? HAMLET Gut, dem Himmel sei Dank! POLONIUS Kennt Ihr mich, gnädger Herr? HAMLET Vollkommen. Ihr seid ein Fischhändler. POLONIUS Das nicht, mein Prinz. HAMLET So wollt ich, daß Ihr ein so ehrlicher Mann wärt. POLONIUS Ehrlich, mein Prinz? HAMLET Ja, Herr, ehrlich sein heißt, wie es in dieser Welt hergeht: Ein Auserwählter unter Zehntausenden sein. POLONIUS Sehr wahr, mein Prinz. HAMLET Denn wenn die Sonne Maden in einem toten Hunde ausbrütet, eine Gottheit, die Aas küßt ... Habt Ihr eine Tochter? POLONIUS Ja, mein Prinz. HAMLET Laßt sie nicht in der Sonne gehn! Empfänglichkeit ist ein Segen; aber da Eure Tochter empfangen könnte - seht Euch vor, Freund! POLONIUS Wie meint Ihr das? Beiseit. Immer auf meine Tochter angespielt. Und doch kannte er mich zuerst nicht; er sagte, ich wäre ein Fischhändler. Es ist weit mit ihm gekommen, sehr weit! Und wahrlich, in meiner Jugend brachte mich die Liebe auch in große Drangsale, fast so schlimm wie ihn. Ich will ihn wieder anreden. - Was leset Ihr, mein Prinz? HAMLET Worte, Worte, Worte. POLONIUS Aber wovon handelt es? HAMLET Wer handelt? POLONIUS Ich meine, was in dem Buche steht, mein Prinz. HAMLET Schändlichkeiten, Herr, denn der satirische Schuft da sagt, daß alte Männer graue Bärte haben, daß ihre Gesichter runzlicht sind, daß ihnen zäher Ambra und Harz aus den Augen trieft, daß sie einen überflüssigen Mangel an Witz und daneben sehr kraftlose Lenden haben. Ob ich nun gleich von allem diesem inniglich und festiglich überzeugt bin, so halte ich es doch nicht für billig, es so zu Papier zu bringen; denn Ihr selbst, Herr, würdet so alt werden wie ich, wenn Ihr wie ein Krebs rückwärts gehen könntet. POLONIUS beiseit. Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode. Wollt Ihr nicht aus der Luft gehn, Prinz? HAMLET In mein Grab? POLONIUS Ja, das wäre wirklich aus der Luft. Beiseit. Wie treffend manchmal seine Antworten sind! Dies ist ein Glück, das die Tollheit oft hat, womit es der Vernunft und dem gesunden Sinne nicht so gut gelingen könnte. Ich will ihn verlassen und sogleich darauf denken, eine Zusammenkunft zwischen ihm und meiner Tochter zu veranstalten. - Mein gnädigster Herr, ich will ehrerbietigst meinen Abschied von Euch nehmen. HAMLET Ihr könnt nichts von mir nehmen, Herr, das ich lieber fahren ließe - bis auf mein Leben, bis auf mein Leben. POLONIUS Lebt wohl, mein Prinz! HAMLET Die langweiligen alten Narren! Rosenkranz und Güldenstern treten auf. POLONIUS Ihr sucht den Prinzen Hamlet auf; dort ist er. ROSENKRANZ zu Polonius. Gott grüß Euch, Herr. Polonius ab. GÜLDENSTERN Verehrter Prinz - ROSENKRANZ Mein teurer Prinz - HAMLET Meine trefflichen guten Freunde! Was machst du, Güldenstern? Ah, Rosenkranz! Gute Burschen, wie gehts euch? ROSENKRANZ Wie mittelmäßigen Söhnen dieser Erde. GÜLDENSTERN Glücklich, weil wir nicht überglücklich sind. Wir sind der Knopf nicht auf Fortunas Mütze. HAMLET Noch die Sohlen ihrer Schuhe? ROSENKRANZ Auch das nicht, gnädger Herr. HAMLET Ihr wohnt also in der Gegend ihres Gürtels, oder im Mittelpunkte ihrer Gunst? GÜLDENSTERN Ja wirklich, wir sind mit ihr vertraut. HAMLET Im Schoße des Glücks? O sehr wahr, sie ist eine Metze. Was gibt es Neues? ROSENKRANZ Nichts, mein Prinz, außer daß die Welt ehrlich geworden ist. HAMLET So steht der Jüngste Tag bevor; aber eure Neuigkeit ist nicht wahr. Laßt mich euch näher befragen: Worin habt ihr, meine guten Freunde, es bei Fortunen versehen, daß sie euch hieher ins Gefängnis schickt? GÜLDENSTERN Ins Gefängnis, mein Prinz? HAMLET Dänemark ist ein Gefängnis. ROSENKRANZ So ist die Welt auch eins. HAMLET Ein stattliches, worin es viele Verschläge, Löcher und Kerker gibt. Dänemark ist einer der schlimmsten. ROSENKRANZ Wir denken nicht so davon, mein Prinz. HAMLET Nun, so ist es keiner für euch, denn an sich ist nichts weder gut noch schlimm; das Denken macht es erst dazu. Für mich ist es ein Gefängnis. ROSENKRANZ Nun, so macht es Euer Ehrgeiz dazu; es ist zu eng für Euren Geist. HAMLET O Gott, ich könnte in eine Nußschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermeßlichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären. GÜLDENSTERN Diese Träume sind in der Tat Ehrgeiz; denn das eigentliche Wesen des Ehrgeizes ist nur der Schatten eines Traumes. HAMLET Ein Traum ist selbst nur ein Schatten. ROSENKRANZ Freilich, und mir scheint der Ehrgeiz von so lustiger und loser Beschaffenheit, daß er nur der Schatten eines Schattens ist. HAMLET So sind also unsre Bettler Körper, und unsre Monarchen und gespreizten Helden der Bettler Schatten. Sollen wir an den Hof? Denn, mein Seel, ich weiß nicht zu räsonieren. BEIDE Wir sind beide zu Euren Diensten. HAMLET Nichts dergleichen, ich will euch nicht zu meinen übrigen Dienern rechnen, denn, um wie ein ehrlicher Mann mit euch zu reden: mein Gefolge ist abscheulich. Aber um auf der ebnen Heerstraße der Freundschaft zu bleiben: was macht ihr in Helsingör? ROSENKRANZ Wir wollten Euch besuchen, nichts andres. HAMLET Ich Bettler, der ich bin, sogar an Dank bin ich arm. Aber ich danke euch, und gewiß, liebe Freunde, mein Dank ist um einen Heller zu teuer. Hat man nicht nach euch geschickt? Ist es eure eigne Neigung? Ein freiwilliger Besuch? Kommt, kommt, geht ehrlich mit mir um! Wohlan! Nun, sagt doch! GÜLDENSTERN Was sollen wir sagen, gnädiger Herr? HAMLET Was ihr wollt - außer das Rechte. Man hat nach euch geschickt, und es liegt eine Art von Geständnis in euren Blicken, welche zu verstellen eure Bescheidenheit nicht schlau genug ist. Ich weiß, der gute König und die Königin haben nach euch geschickt. ROSENKRANZ Zu was Ende, mein Prinz? HAMLET Das muß ich von euch erfahren. Aber ich beschwöre euch bei den Rechten unsrer Schulfreundschaft, bei der Eintracht unsrer Jugend, bei der Verbindlichkeit unsrer stets bewahrten Liebe und bei allem noch Teurerem, was euch ein besserer Redner ans Herz legen könnte: geht grade heraus gegen mich, ob man nach euch geschickt hat oder nicht? ROSENKRANZ zu Güldenstern. Was sagt Ihr? HAMLET beiseit. So, nun habe ich euch schon weg. Wenn ihr mich liebt, tretet nicht zurück. GÜLDENSTERN Gnädiger Herr, man hat nach uns geschickt. HAMLET Ich will euch sagen, warum; so wird mein Erraten eurer Entdeckung zuvorkommen, und eure Verschwiegenheit gegen den König und die Königin braucht keinen Zoll breit zu wanken. Ich habe seit kurzem - ich weiß nicht, wodurch - alle meine Munterkeit eingebüßt, meine gewohnten Übungen aufgegeben, und es steht in der Tat so übel um meine Gemütslage, daß die Erde, dieser treffliche Bau, mir nur ein kahles Vorgebirge scheint; seht ihr, dieser herrliche Baldachin, die Luft, dies wackre umwölbende Firmament, dies majestätische Dach mit goldnem Feuer ausgelegt: kommt es mir doch nicht anders vor als ein fauler, verpesteter Haufe von Dünsten. Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie bedeutend und wunderwürdig! Im Handeln wie ähnlich einem Engel! Im Begreifen wie ähnlich einem Gott! Die Zierde der Welt! Das Vorbild der Lebendigen! Und doch, was ist mir diese Quintessenz von Staube? Ich habe keine Lust am Manne - und am Weibe auch nicht - wiewohl ihr das durch euer Lächeln zu sagen scheint. ROSENKRANZ Mein Prinz, ich hatte nichts dergleichen im Sinne. HAMLET Weswegen lachtet ihr denn, als ich sagte: ich habe keine Lust am Manne? ROSENKRANZ Ich dachte, wenn dem so ist, welche Fastenbewirtung die Schauspieler bei Euch finden werden. Wir holten sie unterwegs ein; sie kommen her, um Euch ihre Dienste anzubieten. HAMLET Der den König spielt, soll willkommen sein, seine Majestät soll Tribut von mir empfangen; der fahrende Ritter soll seine Klinge und seine Tartsche brauchen; der Liebhaber soll nicht unentgeltlich seufzen; der Launige soll seine Rolle in Frieden endigen; der Narr soll den lachen machen, der ein kitzliges Zwerchfell hat; und das Fräulein soll ihre Gesinnung frei heraussagen, oder die Verse sollen dafür hinken. Was für eine Gesellschaft ist es? ROSENKRANZ Dieselbe, an der Ihr so viel Vergnügen zu finden pflegtet: die Schauspieler aus der Stadt. HAMLET Wie kommt es, daß sie umherstreifen? Ein fester Aufenthalt war vorteilhafter, sowohl für ihren Ruf als ihre Einnahme. ROSENKRANZ Ich glaube, diese Unterbrechung rührt von der kürzlich aufgekommenen Neuerung her. HAMLET Genießen sie noch dieselbe Achtung wie damals, da ich in der Stadt war? Besucht man sie ebensosehr? ROSENKRANZ Nein, freilich nicht. HAMLET Wie kommt das? Werden sie rostig? ROSENKRANZ Nein, ihre Bemühungen halten den gewohnten Schritt; aber es hat sich da eine Brut von Kindern angefunden, kleine Nestlinge, die immer über das Gespräch hinausschreien und höchst grausamlich dafür beklatscht werden. Diese sind jetzt Mode und beschnattern die gemeinen Theater - so nennen sie's - dergestalt, daß viele, die Degen tragen, sich vor Gänsekielen fürchten und kaum wagen hinzugehn. HAMLET Wie, sind es Kinder? Wer unterhält sie? Wie werden sie besoldet? Wollen sie nicht länger bei der Kunst bleiben, als sie den Diskant singen können? Weiden sie nicht nachher sagen, wenn sie zu gemeinen Schauspielern heranwachsen - wie sehr zu vermuten ist, wenn sie sich auf nichts Bessers stützen -, daß ihre Komödienschreiber unrecht tun, sie gegen ihre eigne Zukunft deklamieren zu lassen? ROSENKRANZ Wahrhaftig, es hat an beiden Seiten viel zu tun gegeben, und das Volk macht sich kein Gewissen daraus, sie zum Streit aufzuhetzen. Eine Zeitlang war kein Geld mit einem Stück zu gewinnen, wenn Dichter und Schauspieler sich nicht darin mit ihren Gegnern herumzausten. HAMLET Ist es möglich? GÜLDENSTERN Oh, sie haben sich gewaltig die Köpfe zerbrochen. HAMLET Tragen die Kinder den Sieg davon? ROSENKRANZ Allerdings, gnädiger Herr, den Herkules und seine Last obendrein. HAMLET Es ist nicht sehr zu verwundern, denn mein Oheim ist König von Dänemark, und eben die, welche ihm Gesichter zogen, solange mein Vater lebte, geben zwanzig, vierzig, fünfzig bis hundert Dukaten für sein Porträt in Miniatur. Wetter, es liegt hierin etwas Übernatürliches, wenn die Philosophie es nur ausfindig machen könnte. Trompetenstoß hinter der Szene. GÜLDENSTERN Da sind die Schauspieler. HAMLET Liebe Herren, Ihr seid willkommen zu Helsingör. Gebt mir Eure Hände! Wohlan! Manieren und Komplimente sind das Zubehör der Bewillkommnung. Laßt mich Euch auf diese Weise begrüßen, damit nicht mein Benehmen gegen die Schauspieler - das, sag ich Euch, sich äußerlich gut ausnehmen muß - einem Empfang ähnlicher sehe als der Eurige. Ihr seid willkommen! Aber mein Oheim-Vater und meine Tante-Mutter irren sich. GÜLDENSTERN Worin, mein teurer Prinz? HAMLET Ich bin nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind südlich ist, kann ich einen Falken von einem Reiher unterscheiden. Polonius kommt. POLONIUS Es gehe Euch wohl, meine Herren! HAMLET Hört, Güldenstern - und Ihr auch -, an jedem Ohr ein Hörer: Der große Säugling, den Ihr da seht, ist noch nicht aus den Kinderwindeln. ROSENKRANZ Vielleicht ist er zum zweitenmal hineingekommen, denn man sagt, alte Leute werden wieder Kinder. HAMLET Ich prophezeie, daß er kommt, um mir von den Schauspielern zu sagen. Gebt acht! - Ganz richtig, Herr, am Montagmorgen, da war es eben. POLONIUS Gnädiger Herr, ich habe Euch Neuigkeiten zu melden. HAMLET Gnädiger Herr, ich habe Euch Neuigkeiten zu melden. Als Roscius ein Schauspieler zu Rom war - POLONIUS Die Schauspieler sind hergekommen, gnädiger Herr. HAMLET Lirum, larum. POLONIUS Auf meine Ehre - HAMLET »Auf seinem Eselein jeder kam« - POLONIUS Die besten Schauspieler in der Welt, sei es für Tragödie, Komödie, Historie, Pastorale, Pastoral-Komödie, Historiko-Pastorale, Tragiko-Historie, Tragiko-Komiko-Historiko-Pastorale, für Einheit des Ortes oder nicht beschränktes Gedicht. Seneca kann für sie nicht zu traurig, noch Plautus zu lustig sein. Für das Aufgeschriebene und für den Stegreif haben sie ihresgleichen nicht. HAMLET »O Jephtha, Richter Israels« - Welchen Schatz hattest du? POLONIUS Welchen Schatz hatte er, gnädiger Herr? HAMLET Nun: Hätt ein schön Töchterlein, nicht mehr, Die liebt' er aus der Maßen sehr.« POLONIUS beiseit. Immer meine Tochter. HAMLET Habe ich nicht recht, alter Jephtha? POLONIUS Wenn Ihr mich Jephtha nennt, gnädiger Herr, so habe ich eine Tochter, die ich aus der Maßen sehr liebe. HAMLET Nein, das folgt nicht. POLONIUS Was folgt denn, gnädiger Herr? HAMLET Ei, »Wie das Los fiel, Nach Gottes Will.« Und dann wißt Ihr Darauf traf ein, Was sollte sein.« Der erste Vers von dem Kirchenlied wird Euch mehr verraten; denn seht, da kommen die Abkützer meines Gesprächs. Vier oder fünf Schauspieler kommen. Seid willkommen, ihr Herren, willkommen alle! - Ich freue mich, dich wohl zu sehn. - Willkommen, meine guten Freunde! - Ach, alter Freund, wie ist dein Gesicht betroddelt, seit ich dich zuletzt sah! Du wirst doch hoffentlich nicht in den Bart murmeln? - Ei, meine schöne junge Dame! Bei Unsrer Frauen, Fräulein, Ihr seid dem Himmel um die Höhe eines Absatzes näher gerückt, seit ich Euch zuletzt sah. Gebe Gott, daß Eure Stimme nicht wie ein abgenutztes Goldstück den hellen Klang verloren haben mag. - Willkommen alle, ihr Herrn! Wir wollen frisch daran, wie französische Falkoniere, auf alles losfliegen, was uns vorkommt. Gleich etwas vorgestellt! Laßt uns eine Probe eurer Kunst sehen. Wohlan, eine pathetische Rede! ERSTER SCHAUSPIELER Welche Rede, mein wertester Prinz? HAMLET Ich hörte dich einmal eine Rede vortragen - aber sie ist niemals aufgeführt oder, wenn es geschah, nicht mehr als einmal; denn ich erinnre mich, das Stück gefiel dem großen Haufen nicht, es war Kaviar für das Volk. Aber es war, wie ich es nahm, und andere, deren Urteil in solchen Dingen den Rang über dem meinigen behauptete, ein vortreffliches Stück, in seinen Szenen wohlgeordnet und mit ebensoviel Mäßigung als Verstand abgefaßt. Ich erinnre mich, daß jemand sagte, es sei kein Salz und Pfeffer in den Zeilen, um den Sinn zu würzen, und kein Sinn in dem Ausdrucke, der an dem Verfasser Ziererei verraten könnte, sondern er nannte es eine schlichte Manier, so gesund als angenehm, und ungleich mehr schön als geschmückt. Eine Rede darin liebte ich vorzüglich: es war des Äneas Erzählung an Dido; besonders da herum, wo er von der Ermordung Priams spricht. Wenn Ihr sie im Gedächtnisse habt, so fangt bei dieser Zeile an. - Laßt sehn, laßt sehn -     Der rauhe Pyrrhus, gleich Hyrkaniens Leun - nein, ich irre mich; aber es fängt mit Pyrrhus an.     Der rauhe Pyrrhus, er, des düstre Waffen,     Schwarz wie sein Vorsatz, glichen jener Nacht,     Wo er sich barg im unglückschwangern Roß,     Hat jetzt die furchtbare Gestalt beschmiert     Mit grauserer Heraldik; rote Farbe     Ist er von Haupt zu Fuß; scheußlich geschmückt     Mit Blut der Väter, Mütter, Töchter, Söhne,     Gedörrt und klebend durch der Straßen Glut,     Die grausames, verfluchtes Licht verleihn     Zu ihres Herrn Mord. Heiß von Zorn und Feuer,     Bestrichen mit verdicktem Blut, mit Augen,     Karfunkeln gleichend, sucht der höllische Pyrrhus     Altvater Priamus - Fahrt nun so fort. POLONIUS Bei Gott, mein Prinz, wohl vorgetragen mit gutem Ton und gutem Anstande. ERSTER SCHAUSPIELER                          Er findt alsbald ihn, Wie er den Feind verfehlt; sein altes Schwert Gehorcht nicht seinem Arm, liegt, wo es fällt, Unachtsam des Befehls. Ungleich gepaart Stürzt Pyrrhus auf den Priam, holt weit aus - Doch bloß vom Sausen seines grimmen Schwertes Fällt der entnervte Vater. Ilium Schien leblos, dennoch diesen Streich zu fühlen; Es bückt sein Flammengipfel sich hinab Bis auf den Grund und nimmt mit furchtbarm Krachen Gefangen Pyrrhus' Ohr; denn seht, sein Schwert, Das schon sich senkt auf des ehrwürdgen Priam Milchweißes Haupt, schien in der Luft gehemmt. So stand er, ein gemalter Wütrich, da Und, wie parteilos zwischen Kraft und Willen, Tat nichts. Doch wie wir oftmals sehn vor einem Sturm Ein Schweigen in den Himmeln, still die Wolken, Die Winde sprachlos und der Erdball drunten Dumpf wie der Tod - mit eins zerreißt die Luft Der grause Donner: so, nach Pyrrhus' Säumnis, Treibt ihn erweckte Rach aufs neu zum Werk, Und niemals trafen der Zyklopen Hammer Die Rüstung Mars', gestählt für ewge Dauer, Fühlloser als des Pyrrhus blutges Schwert Jetzt fällt auf Priamus. - Pfui, Metze du, Fortuna! All ihr Götter Im großen Rat, nehmt ihre Macht hinweg; Brecht alle Speichen, Felgen ihres Rades, Die runde Nabe rollt vom Himmelsberg Hinunter bis zur Hölle! POLONIUS Das ist zu lang. HAMLET Es soll mit Eurem Barte zum Balbier. - Ich bitte dich, weiter! Er mag gern eine Posse oder eine Zotengeschichte, sonst schläft er. Sprich weiter, komm auf Hekuba. ERSTER SCHAUSPIELER                         Doch wer, o Jammer! Die schlotterichte Königin gesehn - HAMLET Die schlotterichte Königin? POLONIUS Das ist gut; schlotterichte Königin ist gut. ERSTER SCHAUSPIELER Wie barfuß sie umherlief und den Flammen Mit Tränengüssen drohte, einen Lappen Auf diesem Haupte, wo das Diadem Vor kurzem stand, und an Gewandes Statt Um die von Wehn erschöpften magern Weichen Ein Laken, in des Schreckens Hast ergriffen - Wer das gesehn, mit giftgem Schelten hätte Der an Fortunen Hochverrat verübt. Doch wenn die Götter selbst sie da gesehn, Als sie den Pyrrhus argen Hohn sah treiben, Zerfetzend mit dem Schwert des Gatten Leib, Der erste Ausbruch ihres Schreies hätte, Ist ihnen Sterbliches nicht gänzlich fremd, Des Himmels glühnde Augen taun gemacht, Und Götter Mitleid fühlen. POLONIUS Seht doch, hat er nicht die Farbe verändert und Tränen in den Augen? Bitte, halt inne! HAMLET Es ist gut, du sollst mir das übrige nächstens hersagen. - Lieber Herr, wollt Ihr für die Bewirtung der Schauspieler sorgen? Hört Ihr, laßt sie gut behandeln, denn sie sind der Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters. Es wäre Euch besser, nach dem Tode eine schlechte Grabschrift zu haben als üble Nachrede von ihnen, solange Ihr lebt. POLONIUS Gnädiger Herr, ich will sie nach ihrem Verdienst behandeln. HAMLET Potz Wetter, Mann, viel besser! Behandelt jeden Menschen nach seinem Verdienst, und wer ist vor Schlägen sicher? Behandelt sie nach Eurer eignen Ehre und Würdigkeit; je weniger sie verdienen, desto mehr Verdienst hat Eure Güte. Nehmt sie mit! POLONIUS Kommt, Ihr Herren! HAMLET Folgt ihm, meine Freunde; morgen soll ein Stück aufgeführt werden. - Polonius geht mit allen Schauspielern außer dem ersten ab. Hört, alter Freund, könnt Ihr die Ermordung Gonzagos spielen? ERSTER SCHAUSPIELER Ja, gnädiger Herr. HAMLET Gebt uns das morgen abend. Ihr könntet im Notfalle eine Rede von ein Dutzend Zeilen auswendig lernen, die ich abfassen und einrücken möchte? Nicht wahr? ERSTER SCHAUSPIELER Ja, gnädiger Herr. HAMLET Sehr wohl! - Folgt dem Herrn, und daß Ihr Euch nicht über ihn lustig macht. [Polonius und die Schauspieler ab.] Erster Schaupieler ab. Meine guten Freunde, zu Rosenkranz und Güldenstern. ich beurlaube mich von euch bis abends. Ihr seid willkommen zu Helsingör! ROSENKRANZ [und GÜLDENSTERN ] Sehr wohl, gnädiger Herr! Rosenkranz und Güldenstern ab. HAMLET Nun, Gott geleit euch! - Jetzt bin ich allein. O welch ein Schurk und niedrer Sklav bin ich! Ists nicht erstaunlich, daß der Spieler hier Bei einer bloßen Dichtung, einem Traum Der Leidenschaft, vermochte seine Seele Nach eignen Vorstellungen so zu zwingen, Daß sein Gesicht von ihrer Regung blaßte, Sein Auge naß, Bestürzung in den Mienen, Gebrochne Stimm und seine ganze Haltung Nach seinem Sinn. Und alles das um nichts! Um Hekuba! Was ist ihm Hekuba, was ist er ihr, Daß er um sie soll weinen? Hätte er Das Merkwort und den Ruf zur Leidenschaft Wie ich: was würd er tun? Die Bühn in Tränen Ertränken und das allgemeine Ohr Mit grauser Red erschüttern, bis zum Wahnwitz Den Schuldgen treiben und den Freien schrecken, Unwissende verwirren, ja betäuben Die Fassungskraft des Auges und des Ohrs. Und ich, Ein blöder, schwachgemuter Schurke, schleiche Wie Hans der Träumer, meiner Sache fremd, Und kann nichts sagen, nicht für einen König, An dessen Eigentum und teurem Leben Verdammter Raub geschah. Bin ich 'ne Memme? Wer nennt mich Schelm, bricht mir den Kopf entzwei, Rauft mir den Bart und wirft ihn mir ins Antlitz? Zwickt an der Nase mich und straft mich Lügen Tief in den Hals hinein? Wer tut mir dies? Ha, nähm ichs eben doch. Es ist nicht anders: Ich hege Taubenmut, mir fehlts an Galle, Die bitter macht den Druck, sonst hätt ich längst Des Himmels Geier gemästet mit dem Aas Des Sklaven. Blutiger, kupplerischer Bube! Fühlloser, falscher, geiler, schnöder Bube! O Rache! Ha, welch ein Esel bin ich! Trefflich, brav, Daß ich, der Sohn von einem teuren Vater, Der mir ermordet wand, von Höll und Himmel Zur Rache angespornt, mit Worten nur, Wie eine Hure, muß mein Herz entladen Und mich aufs Fluchen legen wie ein Weibsbild, Wie eine Küchenmagd! Pfui drüber! Frisch ans Werk, mein Kopf! Hum, hum, Ich hab gehört, daß schuldige Geschöpfe, Bei einem Schauspiel sitzend, durch die Kunst Der Bühne so getroffen worden sind Im innersten Gemüt, daß sie sogleich Zu ihren Missetaten sich bekannt, Denn Mord, hat er schon keine Zunge, spricht Mit wundervollen Stimmen. Sie sollen was Wie die Ermordung meines Vaters spielen Vor meinem Oheim: ich will seine Blicke Beachten, will ihn bis ins Leben prüfen; Stutzt er, so weiß ich meinen Weg. Der Geist, Den ich gesehen, kann ein Teufel sein; Der Teufel hat Gewalt, sich zu verkleiden In lockende Gestalt, ja, und vielleicht, Bei meiner Schwachheit und Melancholie, Da er sehr mächtig ist bei solchen Geistern, Täuscht er mich zum Verderben. Ich will Grund, Der sichrer ist. Das Schauspiel sei die Schlinge, In die den König sein Gewissen bringe. Ab. DRITTER AKT ERSTE SZENE Ein Zimmer im Schlosse Der König, die Königin, Polonius, Ophelia, Rosenkranz und Güldenstern. KÖNIG Und lockt ihm keine Wendung des Gesprächs Heraus, warum er die Verwirrung anlegt, Die seiner Tage Ruh so wild zerreißt Mit stürmischer, gefährlicher Verrücktheit? ROSENKRANZ Er gibt es zu, er fühle sich verstört, Allein wodurch, will er durchaus nicht sagen. GÜLDENSTERN Noch bot er sich der Prüfung willig dar, Hielt sich vielmehr mit schlauem Wahnwitz fern, Wenn wir ihn zum Geständnis bringen wollten Von seinem wahren Zustand. KÖNIGIN Und wie empfing er Euch? ROSENKRANZ                           Ganz wie ein Weltmann. GÜLDENSTERN Doch tat er seiner Fassung viel Gewalt. ROSENKRANZ Mit Fragen karg, allein auf unsre Fragen Freigebig mit der Antwort. KÖNIGIN                             Ludet Ihr Zu irgendeinem Zeitvertreib ihn ein? ROSENKRANZ Es traf sich grade, gnädge Frau, daß wir Schauspieler auf dem Wege eingeholt; Wir sagten ihm von diesen, und es schien, Er hörte dies mit einer Art von Freude. Sie halten hier am Hof herum sich auf Und haben, wie ich glaube, schon Befehl, Zu Nacht vor ihm zu spielen. POLONIUS                               Ja, so ists, Und mich ersucht' er, Eure Majestäten Zum Hören und zum Sehn des Dings zu laden. KÖNIG Von ganzem Herzen, und es freut mich sehr, Daß er sich dahin neigt. Ihr lieben Herrn, schärft seine Lust noch ferner Und treibt ihn zu Ergötzlichkeiten an! ROSENKRANZ Wir wollens, gnädger Herr. Rosenkranz und Güldenstern ab. KÖNIG Verlaß uns, liebe Gertrud, ebenfalls; Wir haben Hamlet heimlich herbestellt, Damit er hier Ophelien wie durch Zufall Begegnen mag. Ihr Vater und ich selbst, berufne Späher, Wir wollen so uns stellen, daß wir sehend, Doch ungesehn, von der Zusammenkunft Gewiß urteilen und erraten können, Obs seiner Liebe Kummer ist, ob nicht, Was so ihn quält. KÖNIGIN                    Ich werde Euch gehorchen. Was Euch betrifft, Ophelia, wünsch ich nur, Daß Eure Schönheit der beglückte Grund Von Hamlets Wildheit sei; dann darf ich hoffen, Daß Eure Tugenden zurück ihn bringen Auf den gewohnten Weg, zu beider Ehre. OPHELIA Ich wünsch es, gnädge Frau. Königin ab. POLONIUS Geht hier umher, Ophelia! - Gnädiger Herr, Nehmen wir unsern Platz ! Zu Ophelia.                            Lest in dem Buch, Daß solcher Übung Schein die Einsamkeit Bemäntle. - Wir sind oft hierin zu tadeln - Gar viel erlebt mans -: mit der Andacht Mienen Und frommem Wesen überzuckern wir Den Teufel selbst. KÖNIG beiseit.                      O allzuwahr! Wie trifft Dies Wort mit scharfer Geißel mein Gewissen! Der Metze Wange, schön durch falsche Kunst, Ist häßlicher bei dem nicht, was ihr hilft, Als meine Tat bei meinem glattsten Wort. O schwere Last! POLONIUS Ich hör ihn kommen; ziehn wir uns zurück. König und Polonius ab. Hamlet tritt auf. HAMLET Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden oder, Sich waffnend gegen eine See von Plagen, Durch Widerstand sie enden? Sterben - schlafen - Nichts weiter! Und zu wissen, daß ein Schlaf Das Herzweh und die tausend Stöße endet, Die unsers Fleisches Erbteil, 's ist ein Ziel, Aufs innigste zu wünschen. Sterben - schlafen - Schlafen! Vielleicht auch träumen! Ja, da liegts: Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, Wenn wir die irdische Verstrickung lösten, Das zwingt uns stillzustehn. Das ist die Rücksicht, Die Elend läßt zu hohen Jahren kommen. Denn wer ertrüg der Zeiten Spott und Geißel, Des Mächtigen Druck, des Stolzen Mißhandlungen, Verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub, Den Übermut der Ämter und die Schmach, Die Unwert schweigendem Verdienst erweist, Wenn er sich selbst in Ruhstand setzen könnte Mit einer Nadel bloß? Wer trüge Lasten Und stöhnt' und schwitzte unter Lebensmüh? Nur daß die Furcht vor etwas nach dem Tod, Das unentdeckte Land, von des Bezirk Kein Wandrer wiederkehrt, den Willen irrt, Daß wir die Übel, die wir haben, lieber Ertragen als zu unbekannten fliehn. So macht Bewußtsein Feige aus uns allen; Der angebornen Farbe der Entschließung Wird des Gedankens Blässe angekränkelt; Und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll, Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, Verlieren so der Handlung Namen. - Still! Die reizende Ophelia! - Nymphe, schließ In dein Gebet all meine Sünden ein! OPHELIA Mein Prinz, wie geht es Euch seit so viel Tagen? HAMLET Dank untertänigst; wohl, wohl, wohl. OPHELIA Mein Prinz, ich hab von Euch noch Angedenken, Die ich schon längst begehrt zurückzugeben. Ich bitt Euch nun, nehmt sie zurück! HAMLET                                       Nein, ich nicht; Ich gab Euch niemals was. OPHELIA Mein teurer Prinz, Ihr wißt gar wohl, Ihr tatets, Und Worte süßen Hauchs dabei, die reicher Die Dinge machten. Da ihr Duft dahin, Nehmt dies zurück; dem edleren Gemüte Verarmt die Gabe mit des Gebers Güte. Hier, gnädger Herr! HAMLET Haha! Seid Ihr tugendhaft? OPHELIA Gnädiger Herr? HAMLET Seid Ihr schön? OPHELIA Was meint Eure Hoheit? HAMLET Daß, wenn Ihr tugendhaft und schön seid, Eure Tugend keinen Verkehr mit Eurer Schönheit pflegen muß. OPHELIA Könnte Schönheit wohl bessern Umgang haben als mit der Tugend? HAMLET Ja freilich: denn die Macht der Schönheit wird eher die Tugend in eine Kupplerin verwandeln, als die Kraft der Tugend die Schönheit sich ähnlich machen kann. Dies war ehedem paradox, aber nun bestätigt es die Zeit. Ich liebte Euch einst. OPHELIA In der Tat, mein Prinz, Ihr machtet michs glauben. HAMLET Ihr hättet mir nicht glauben sollen, denn Tugend kann sich unserm alten Stamm nicht so einimpfen, daß wir nicht einen Geschmack von ihm behalten sollten. Ich liebte Euch nicht. OPHELIA Um so mehr wurde ich betrogen. HAMLET Geh in ein Kloster! Warum wolltest du Sünder zur Welt bringen? Ich bin selbst leidlich tugendhaft, dennoch könnte ich mich solcher Dinge anklagen, daß es besser wäre, meine Mutter hätte mich nicht geboren. Ich bin sehr stolz, rachsüchtig, ehrgeizig; mir stehn mehr Vergehungen zu Dienst, als ich Gedanken habe, sie zu hegen, Einbildungskraft, ihnen Gestalt zu geben, oder Zeit, sie auszuführen. Wozu sollen solche Gesellen wie ich zwischen Himmel und Erde herumkriechen? Wir sind ausgemachte Schurken, alle: trau keinem von uns! Geh deines Wegs zum Kloster! Wo ist Euer Vater? OPHELIA Zu Hause, gnädiger Herr. HAMLET Laßt die Tür hinter ihm abschließen, damit er den Narren nirgend anders spielt als in seinem eignen Hause. Leb wohl! OPHELIA O hilf ihm, gütger Himmel! HAMLET Wenn du heiratest, so gebe ich dir diesen Fluch zur Aussteuer: Sei so keusch wie Eis, so rein wie Schnee, du wirst der Verleumdung nicht entgehn. Geh in ein Kloster, leb wohl! Oder willst du durchaus heiraten, nimm einen Narren, denn gescheite Männer wissen allzu gut, was ihr für Ungeheuer aus ihnen macht. In ein Kloster, geh, und das schleunig! Leb wohl! OPHELIA Himmlische Mächte, stellt ihn wieder her! HAMLET Ich weiß auch von euren Malereien Bescheid, recht gut. Gott hat euch ein Gesicht gegeben, und ihr macht euch ein anders; ihr schlendert, ihr trippelt, und ihr lispelt und gebt Gottes Schöpfung verhunzte Namen und gebt eure Lüsternheit als Einfalt aus. Geht mir, nichts weiter davon, es hat mich toll gemacht. Ich sage, wir wollen nichts mehr von Heiraten wissen; wer schon verheiratet ist - alle außer einem -, soll das Leben behalten; die übrigen sollen bleiben, wie sie sind. In ein Kloster, geh! Hamlet ab. OPHELIA O welch ein edler Geist ist hier zerstört! Des Hofmanns Auge, des Gelehrten Zunge, Des Kriegers Arm, des Staates Blum und Hoffnung, Der Sitte Spiegel und der Bildung Muster, Das Merkziel der Betrachter: ganz, ganz hin! Und ich, der Fraun elendeste und ärmste, Die seiner Schwüre Honig sog, ich sehe Die edle, hochgebietende Vernunft Mißtönend wie verstimmte Glocken jetzt, Dies hohe Bild, die Züge blühnder Jugend, Durch Überschwang zerrüttet: Weh mir, wehe, Daß ich sah, was ich sah, und sehe, was ich sehe. Der König und Polonius treten wieder vor. KÖNIG Aus Liebe? Nein, sein Hang geht dahin nicht, Und was er sprach, obwohl ein wenig wüst, War nicht wie Wahnsinn. Ihm ist was im Gemüt, Worüber seine Schwermut brütend sitzt, Und, wie ich sorge, wird die Ausgeburt Gefährlich sein. Um dem zuvorzukommen, Hab ichs mit schleuniger Entschließung So vorgesehn: Er soll in Eil nach England, Den Rückstand des Tributes einzufordern. Vielleicht vertreibt die See, die neuen Länder Samt wechselvollen Gegenständen ihm Dies Etwas, das in seinem Herzen steckt, Worauf sein Kopf, beständig hinarbeitend, Ihn so sich selbst entzieht. Was meint Ihr dazu? POLONIUS Es wird ihm wohltun, aber dennoch glaub ich, Der Ursprung und Beginn von seinem Gram Sei unerhörte Liebe. - Nun, Ophelia? Ihr braucht uns nicht zu melden, was der Prinz Gesagt; wir hörten alles. - Gnädger Herr, Tut nach Gefallen; aber dünkts Euch gut, So laßt doch seine königliche Mutter Ihn nach dem Schauspiel ganz allein ersuchen, Sein Leid ihr kundzutun; sie mag nur rund Heraus ihn fragen. Ich, wenns Euch beliebt, Stell ins Gehör der Unterredung mich. Wenn sie es nicht herausbringt, schickt ihn dann Nach England oder schließt ihn irgendwo Nach Eurer Weisheit ein. KÖNIG                           Es soll geschehn; Wahnsinn bei Großen darf nicht ohne Wache gehn. Alle ab. ZWEITE SZENE Ein Saal im Schlosse Hamlet und einige Schauspieler treten auf. HAMLET Seid so gut und haltet die Rede, wie ich sie Euch vorsagte, leicht von der Zunge weg; aber wenn Ihr den Mund so voll nehmt wie viele unsrer Schauspieler, so möchte ich meine Verse ebensogern von dem Ausrufer hören. Sägt auch nicht zuviel mit den Händen durch die Luft, so - sondern behandelt alles gelinde! Denn mitten in dem Strom, Sturm und, wie ich sagen mag, Wirbelwind Eurer Leidenschaft müßt Ihr Euch eine Mäßigung zu eigen machen, die ihr Geschmeidigkeit gibt. O es ärgert mich in der Seele, wenn solch ein handfester, haarbuschiger Geselle eine Leidenschaft in Fetzen, in rechte Lumpen zerreißt, um den Gründlingen im Parterre in die Ohren zu donnern, die meistens von nichts wissen als verworrnen, stummen Pantomimen und Lärm. Ich möchte solch einen Kerl für sein Bramarbasieren prügeln lassen; er herodisiert noch über den Herodes. Ich bitte Euch, vermeidet das! ERSTER SCHAUSPIELER Eure Hoheit kann sich darauf verlassen. HAMLET Seid auch nicht allzu zahm, sondern laßt euer eignes Urteil euren Meister sein: paßt die Gebärde dem Wort, das Wort der Gebärde an; wobei ihr sonderlich darauf achten müßt, niemals die Bescheidenheit der Natur zu überschreiten. Denn alles, was so übertrieben wird, ist dem Vorhaben des Schauspiels entgegen, dessen Zweck sowohl anfangs als jetzt war und ist, der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten; der Tugend ihre eignen Züge, der Schmach ihr eignes Bild, und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen. Wird dies nun übertrieben oder zu schwach vorgestellt, so kann es zwar den Unwissenden zum Lachen bringen, aber den Einsichtsvollen muß es verdrießen, und der Tadel von einem solchen muß in eurer Schätzung ein ganzes Schauspielhaus voll von andern überwiegen. O es gibt Schauspieler, die ich habe spielen sehn und von andern preisen hören, und das höchlich, die, gelinde zu sprechen, weder den Ton noch den Gang von Christen, Heiden oder Türken hatten und so stolzierten und blökten, daß ich glaubte, irgendein Handlanger der Natur hätte Menschen gemacht und sie wären ihm nicht geraten: so abscheulich ahmten sie die Menschheit nach. ERSTER SCHAUSPIELER Ich hoffe, wlr haben das bei uns so ziemlich abgestellt. HAMLET O stellt es ganz und gar ab! Und die bei euch die Narren spielen, laßt sie nicht mehr sagen, als in ihrer Rolle steht; denn es gibt ihrer, die selbst lachen, um einen Haufen alberne Zuschauer zum Lachen zu bringen, wenn auch zu derselben Zeit irgendein notwendiger Punkt des Stückes zu erwägen ist. Das ist schändlich und beweist einen jämmerlichen Ehrgeiz an dem Narren, der es tut. Geht, macht euch fertig! Schauspieler ab. Polonius, Rosenkranz und Güldenstern kommen. Nun, Herr, will der König dies Stück Arbeit anhören? POLONIUS Ja, die Königin auch, und das sogleich. HAMLET Heißt die Schauspieler sich eilen! Polonius ab. Wollt ihr beide sie treiben helfen? ROSENKRANZ und GÜLDENSTERN Ja, gnädiger Herr. Beide ab. HAMLET He! Horatio! Horatio kommt. HORATTO Hier, lieber Prinz, zu Eurem Dienst! HAMLET Du bist grad ein so wackrer Mann, Horatio, Als je mein Umgang einem mich verbrüdert. HORATIO Mein bester Prinz - HAMLET                      Nein, glaub nicht, daß ich schmeichle. Was für Befördrung hofft ich wohl von dir, Der keine Rent als seinen muntern Geist, Um sich zu nähren und zu kleiden, hat? Weswegen doch dem Armen schmeicheln? Nein, Die Honigzunge lecke dumme Pracht, Es beuge sich des Knies gelenke Angel, Wo Kriecherei Gewinn bringt. Hör mich an: Seit meine teure Seele Herrin war Von ihrer Wahl und Menschen unterschied, Hat sie dich auserkoren. Denen du warst, Als littst du nichts, indem du alles littest, Ein Mann, der Stöß und Gaben vom Geschick Mit gleichem Dank genommen; und gesegnet, Wes Blut und Urteil sich so gut vermischt, Daß er zur Pfeife nicht Fortunen dient, Den Ton zu spielen, den ihr Finger greift. Gebt mir den Mann, den seine Leidenschaft Nicht macht zum Sklaven, und ich will ihn hegen Im Herzensgrund, ja in des Herzens Herzen, Wie ich dich hege. - Schon zu viel hievon. Es gibt zu Nacht ein Schauspiel vor dem König; Ein Auftritt kommt darin dem Umstand nah, Den ich von meines Vaters Tod dir sagte. Ich bitt dich, wenn du das im Gange siehst, So achte mit der ganzen Kraft der Seele Auf meinen Oheim; wenn die verborgne Schuld Bei einer Rede nicht zum Vorschein kommt, So ists ein höllscher Geist, den wir gesehn, Und meine Einbildungen sind so schwarz Wie Schmiedezeug Vulkans. Bemerk ihn recht, Ich will an sein Gesicht mein Auge klammern, Und wir vereinen unser Urteil dann Zur Prüfung seines Aussehns. HORATIO                               Gut, mein Prinz! Wenn er was stiehlt, indes das Spiel gespielt wird, Und schlüpfet durch, so zahl ich für den Diebstahl. HAMLET Man kommt zum Schauspiel, ich muß närrisch sein. Wählt einen Platz! Ein dänischer Marsch. Trompetenstoß. Der König, die Königin, Polonius, Ophelia, Rosenkranz, Güldenstern und andre. KÖNIG Wie lebt unser Vetter Hamlet? HAMLET Vortrefflich, mein Treu: von dem Chamäleonsgericht. Ich esse Luft, ich werde mit Versprechungen gestopft; so kann man Kapaunen nicht mästen. KÖNIG Ich habe nichts mit dieser Antwort zu schaffen, Hamlet; dies sind meine Worte nicht. HAMLET Meine auch nicht mehr. Zu Polonius. Ihr spieltet einmal auf der Universität, Herr? Sagtet Ihr nicht so? POLONIUS Das tat ich, gnädiger Herr, und wurde für einen guten Schauspieler gehalten. HAMLET Und was stelltet Ihr vor? POLONIUS Ich stellte den Julius Cäsar vor; ich ward auf dem Kapitol umgebracht, Brutus brachte mich um. HAMLET Es war brutal von ihm, ein so kapitales Kalb umzubringen. - Sind die Schauspieler fertig? ROSENKRANZ Ja, gnädiger Herr, sie erwarten Euren Befehl. KÖNIGIN Komm hieher, lieber Hamlet, setz dich zu mir! HAMLET Nein, gute Mutter, hier ist ein stärkerer Magnet. POLONIUS zum Könige. Oho, hört Ihr das wohl? HAMLET Fräulein, soll ich in Eurem Schoße liegen? [ Setzt ] Legt sich zu Opheliens Füßen. OPHELIA Nein, mein Prinz. HAMLET Ich meine, den Kopf auf Euren Schoß gelehnt. OPHELIA Ja, mein Prinz. HAMLET Denkt Ihr, ich hätte erbauliche Dinge im Sinne? OPHELIA Ich denke nichts. HAMLET Ein schöner Gedanke, zwischen den Beinen eines Mädchens zu liegen. OPHELIA Was ist, mein Prinz? HAMLET Nichts. OPHELIA Ihr seid aufgeräumt. HAMLET Wer? Ich? OPHELIA Ja, mein Prinz. HAMLET Oh, ich reiße Possen wie kein andrer. Was kann ein Mensch Besseres tun, als lustig sein? Denn seht nur, wie fröhlich meine Mutter aussieht, und doch starb mein Vater vor noch nicht zwei Stunden. OPHELIA Nein, vor zweimal zwei Monaten, mein Prinz. HAMLET So lange schon? Ei, so mag der Teufel schwarz gehn; ich will einen Zobelpelz tragen. O Himmel! Vor zwei Monaten gestorben, und noch nicht vergessen! So ist Hoffnung da, daß das Andenken eines großen Mannes sein Leben ein halbes Jahr überleben kann. Aber, bei Unsrer Lieben Frauen! Kirchen muß er stiften, sonst denkt man nicht an ihn; es geht ihm wie dem Steckenpferde, dessen Grabschrift ist: Denn oh! denn oh! Vergessen ist das Steckenpferd. Trompeten, hierauf die Pantomime. Ein König und eine Königin treten auf, sehr zärtlich; die Königin ummarmt ihn und er sie. Sie kniet und macht gegen ihn die Gebärden der Beteurung. Er hebt sie auf und lehnt den Kopf an [ ihre Brust ] ihren Hals ; er legt sich auf ein Blumenbette nieder, sie verläßt ihn, da sie ihn eingeschlafen sieht. Gleich darauf kommt ein Kerl herein, nimmt ihm die Krone ab, küßt sie, gießt Gift in die Ohren des Königs und geht ab. Die Königin kommt zurück, findet den König tot und macht leidenschaftliche Gebärden. Der Vergifter kommt mit [ zwei oder drei ] drei oder vier Stummen zurück und scheint mit ihr zu wehklagen. Die Leiche wird weggebracht. Der Vergifter wirbt mit Geschenken um die Königin; sie scheint anfangs unwillig und abgeneigt, nimmt aber zuletzt seine Liebe an. Sie gehen ab. OPHELIA Was bedeutet dies, mein Prinz? HAMLET Ei, es ist spitzbübische Munkelei; es bedeutet Unheil. OPHELIA Vielleicht, daß diese Vorstellung den Inhalt des Stücks anzeigt. Der Prolog tritt auf. HAMLET Wir werden es von diesem Gesellen erfahren. Die Schauspieler können nichts geheimhalten, sie werden alles ausplaudern. OPHELIA Wird er uns sagen, was diese Vorstellung bedeutet? HAMLET Ja, oder irgendeine Vorstellung, die Ihr ihm vorstellen wollt. Schämt Euch nur nicht, ihm vorzustellen, sa wird er sich nicht schämen, Euch zu sagen, was es bedeutet. OPHELIA Ihr seid schlimm, Ihr seid schlimm; ich will das Stück anhören. PROLOG   Für uns und unsre Vorstellung Mit untertänger Huldigung Ersuchen wir Genehmigung. HAMLET Ist dies ein Prolog oder ein Denkspruch auf einem Ringe? OPHELIA Es ist kurz, mein Prinz. HAMLET Wie Frauenliebe. Ein König und eine Königin treten auf. KÖNIG im Schauspiel. Schon dreißigmal hat den Apoll sein Wagen Um Nereus' Flut und Tellus' Rund getragen, Und zwölfmal dreißig Mond in fremdem Glanz Vollbrachten um den Erdball ihren Tanz, Seit unsre Herzen Liebe treu durchdrungen Und Hymens Bande Hand in Hand geschlungen. KÖNIGIN im Schauspiel. Mag Sonn und Mond so manche Reise doch, Eh Liebe stirbt, uns zählen lassen noch. Doch leider seid Ihr jetzt so matt von Herzen, So fern von vorger Munterkeit und Scherzen, Daß Ihr mich ängstet; aber zag ich gleich, Doch, mein Gemahl, nicht ängsten darf es Euch, Denn Weiberfurcht hält Schritt mit ihrem Lieben: In beiden gar nichts oder übertrieben. Wie meine Lieb ist, hab ich Euch gezeigt; Ihr seht, daß meine Furcht der Liebe gleicht. Das Kleinste schon muß große Lieb erschrecken Und ihre Größ in kleiner Sorg entdecken. KÖNIG im Schauspiel. Ja, Lieb, ich muß dich lassen, und das bald; Mich drückt des Alters schwächende Gewalt. Du wirst in dieser schönen Welt noch leben, Geehrt, geliebt; vielleicht wird, gleich ergeben, Ein zweiter Gatte - KÖNIGIN im Schauspiel.                      O halt ein, halt ein! Verrat nur könnte solche Liebe sein. Beim zweiten Gatten würd ich selbst mir fluchen; Die einen totschlug, mag den zweiten suchen. HAMLET beiseit. Das ist Wermut. KÖNIGIN im Schauspiel. Das, was die Bande zweiter Ehe flicht, Ist schnöde Sucht nach Vorteil, Liebe nicht. Es tötet noch einmal den toten Gatten, Dem zweiten die Umarmung zu gestatten. KÖNIG im Schauspiel. Ich glaub, Ihr denket jetzt, was Ihr gesprochen, Doch ein Entschluß wird oft von uns gebrochen. Der Vorsatz ist ja der Erinnrung Knecht, Stark von Geburt, doch bald durch Zeit geschwächt, Wie herbe Früchte fest am Baume hangen, Doch leicht sich lösen, wenn sie Reif erlangen. Notwendig ists, daß jeder leicht vergißt Zu zahlen, was er selbst sich schuldig ist. Wo Leidenschaft den Vorsatz hingewendet, Entgeht das Ziel uns, wann sie selber endet. Der Ungestüm sowohl von Freud als Leid Zerstört mit sich die eigne Wirksamkeit. Laut klagt das Leid, wo laut die Freude schwärmet; Leid freut sich leicht, wenn Freude leicht sich härmet. Die Welt vergeht: es ist nicht wunderbar, Daß mit dem Glück selbst Liebe wandelbar; Denn eine Frag ists, die zu lösen bliebe, Ob Lieb das Glück führt, oder Glück die Liebe. Der Große stürzt, seht seinen Günstling fliehn; Der Arme steigt, und Feinde lieben ihn. So weit scheint Liebe nach dem Glück zu wählen. Wer ihn nicht braucht, dem wird ein Freund nicht fehlen, Und wer in Not versucht den falschen Freund, Verwandelt ihn sogleich in einen Feind. Doch um zu enden, wo ich ausgegangen, Will und Geschick sind stets in Streit befangen. Was wir ersinnen, ist des Zufalls Spiel, Nur der Gedank ist unser, nicht sein Ziel. So denk, dich soll kein zweiter Gatt erwerben. Doch mag dies Denken mit dem ersten sterben. KÖNIGIN im Schauspiel. Versag mir Nahrung, Erde; Himmel, Licht! Gönnt, Tag und Nacht, mir Lust und Ruhe nicht! Verzweiflung werd aus meinem Trost und Hoffen, Nur Klausnerbuß im Kerker steh mir offen! Mag alles, was der Freude Antlitz trübt, Zerstören, was mein Wunsch am meisten liebt, Und hier und dort verfolge mich Beschwerde, Wenn, einmal Witwe, jemals Weib ich werde! HAMLET zu Ophelia. Wenn sie es nun brechen sollte - KÖNIG im Schauspiel. 's ist fest geschworen. Laß mich, Liebe, nun; Ich werde müd und möcht ein wenig ruhn, Die Zeit zu täuschen. Schläft. KÖNIGIN im Schauspiel.                        Wiege dich der Schlummer, Und nimmer komme zwischen uns ein Kummer! Ab. HAMLET Gnädige Frau, wie gefällt Euch das Stück? KÖNIGIN Die Dame, wie mich dünkt, gelobt zu viel. HAMLET Oh, aber sie wird ihr Wort halten! KÖNIG Habt Ihr den Inhalt gehört? Wird es kein Ärgernis geben? HAMLET Nein, nein; sie spaßen nur, vergiften im Spaß, kein Ärgernis in der Welt. KÖNIG Wie nennt Ihr das Stück? HAMLET Die Mausefalle. Und wie das? Metaphorisch. Das Stück ist die Vorstellung eines in Vienna geschehnen Mordes. Gonzago ist der Name des Herzogs, seiner Gemahlin Baptista; Ihr werdet gleich sehen, es ist ein spitzbübischer Handel. Aber was tuts? Eure Majestät und uns, die wir ein freies Gewissen haben, trifft es nicht. Der Aussätzige mag sich jucken, unsre Haut ist gesund. [ Der Schauspieler, der den ] Lucianus [ spielt, ] tritt auf. Dies ist ein gewisser Lucianus, ein Neffe des Königs. OPHELIA Ihr übernehmt das Amt des Chorus, gnädiger Herr. HAMLET O ich wollte zwischen Euch und Eurem Liebsten Dolmetscher sein, wenn ich die Marionetten nur tanzen sähe. OPHELIA Ihr seid spitz, gnädiger Herr, Ihr seid spitz. HAMLET Ihr würdet zu stöhnen haben, ehe Ihr meine Spitze abstumpftet. OPHELIA Immer noch besser und schlimmer. HAMLET So wählt Ihr Eure Männer. - Fang an, Mörder; laß deine vermaledeiten Gesichter und fang an! Wohlauf: Es brüllt um Rache das Gekrächz des Raben - LUCIANUS Gedanken schwarz, Gift wirksam, Hände fertig, Gelegne Zeit, kein Wesen gegenwärtig. Du schnöder Trank aus mitternächtgem Kraut, Dreimal vom Fluche Hekates betaut: Daß sich dein Zauber, deine grause Schärfe Sogleich auf dies gesunde Leben werfe! Gießt dar Gift in das Ohr des Schlafenden. HAMLET Er vergiftet ihn im Garten um sein Reich, sein Name ist Gonzago; die Geschichte ist vorhanden und in auserlesenem Italienisch geschrieben. Ihr werdet gleich sehn, wie der Mörder die Liebe von Gonzagos Gemahlin gewinnt. OPHELIA Der König steht auf. HAMLET Wie? Durch falschen Feuerlärm geschreckt? KÖNIGIN Wie geht es meinem Gemahl? POLONIUS Macht dem Schauspiel ein Ende. KÖNIG Leuchtet mir! Fort! [ POLONIUS ] ALLE Licht ! Licht! Licht! Alle ab, außer Hamlet und Horatio. HAMLET Ei, der Gesunde hüpft und lacht, Dem Wunden ists vergällt; Der eine schläft, der andre wacht, Das ist der Lauf der Welt. Sollte nicht dies und ein Wald von Federbüschen - wenn meine sonstige Anwartschaft in die Pilze geht - nebst ein paar gepufften Rosen auf meinen geschlitzten Schuhen, mir zu einem Platz in einer Schauspielergesellschaft verhelfen? HORATIO O ja, einen halben Anteil an der Einnahme. HAMLET Nein, einen ganzen. Denn dir, mein Damon, ist bekannt, Dem Reiche ging zugrund Ein Jupiter; nun herrschet hier Ein rechter, rechter - Affe. HORATIO Ihr hättet reimen können. HAMLET O lieber Horatio, ich wette Tausende auf das Wort des Geistes. Hast du's gemerkt? HORATIO Sehr gut, mein Prinz. HAMLET Bei der Rede vom Vergiften? HORATIO Ich habe ihn genau beachtet. HAMLET Haha! Kommt, Musik, kommt, die Flöten! - Denn wenn der König von dem Stück nichts hält, Ei nun, vielleicht - daß es ihm nicht gefällt. [ Rosenkranz und Güldenstern kommen. ] Kommt, Musik! Rosenkranz und Güldenstern kommen. GÜLDENSTERN Bester, gnädiger Herr, vergönnt mir ein Wort mit Euch! HAMLET Eine ganze Geschichte, Herr! GÜLDENSTERN Der König - HAMLET Nun, was gibts mit ihm? GÜLDENSTERN Er hat sich auf sein Zimmer begeben und ist sehr übel. HAMLET Vom Trinken, Herr? GÜLDENSTERN Nein, gnädiger Herr, von Galle. HAMLET Ihr solltet doch mehr gesunden Verstand beweisen und dies dem Arzte melden, denn wenn ich ihm eine Reinigung zumutete, das würde ihm vielleicht noch mehr Galle machen. GÜLDENSTERN Bester Herr, bringt einige Ordnung in Eure Reden und springt nicht so wild von meinem Auftrage ab. HAMLET Ich bin zahm, Herr, sprecht! GÜLDENSTERN Die Königin, Eure Mutter, hat mich in der tiefsten Bekümmernis ihres Herzens zu Euch geschickt. HAMLET Ihr seid willkommen. GÜLDENSTERN Nein, bester Herr, diese Höflichkeit ist nicht von der rechten Art. Beliebt es Euch, mir eine gesunde Antwort zu geben, so will ich den Befehl Eurer Mutter ausrichten; wo nicht, so verzeiht, ich gehe wieder, und damit ist mein Geschäft zu Ende. HAMLET Herr, ich kann nicht. GÜLDENSTERN Was, gnädiger Herr? HAMLET Euch eine gesunde Antwort geben. Mein Verstand ist krank. Aber, Herr, solche Antwort, als ich geben kann, ist zu Eurem Befehl, oder vielmehr, wie Ihr sagt, zu meiner Mutter Befehl; drum nichts weiter, sondern zur Sache. Meine Mutter, sagt Ihr - ROSENKRANZ Sie sagt also folgendes: Euer Betragen hat sie in Staunen und Verwunderung gesetzt. HAMLET O wundervoller Sohn, über den seine Mutter so erstaunen kann! Kommt kein Nachsatz, der dieser mütterlichen Verwunderung auf dem Fuße folgt? [ Laßt hören! ] ROSENKRANZ Sie wünscht mit Euch in ihrem Zimmer zu reden, ehe Ihr zu Bett geht. HAMLET Wir wollen gehorchen, und wäre sie zehnmal unsre Mutter. Habt Ihr noch sonst was mit mir zu schaffen? ROSENKRANZ Gnädiger Herr, Ihr liebtet mich einst - HAMLET Das tu ich noch, bei diesen beiden Diebeszangen hier! ROSENKRANZ Bester Herr, was ist die Ursache Eures Übels? Gewiß, Ihr tretet Eurer eignen Freiheit in den Weg, wenn Ihr Eurem Freunde Euren Kummer verheimlicht. HAMLET Herr, es fehlt mir an Beförderung. ROSENKRANZ Wie kann das sein, da Ihr die Stimme des Königs selbst zur Nachfolge im dänischen Reiche habt? HAMLET Ja, Herr, aber »derweil das Gras wächst« - das Sprichwort ist ein wenig rostig. Schauspieler kommen mit Flöten. O die Flöten! Laßt mich eine sehn. - Um Euch insbesondre zu sprechen: [ Nimmt Güldenstern beiseit. ] Weswegen geht Ihr um mich herum, um meine Witterung zu bekommen, als wolltet Ihr mich in ein Netz treiben? GÜLDENSTERN O gnädiger Herr, wenn meine Ergebenheit allzu kühn ist, so ist meine Liebe ungesittet. HAMLET Das versteh ich nicht recht. Wollt Ihr auf dieser Flöte spielen? GÜLDENSTERN Gnädiger Herr, ich kann nicht. HAMLET Ich bitte Euch. GÜLDENSTERN Glaubt mir, ich kann nicht. HAMLET Ich ersuche Euch darum. GÜLDENSTERN Ich weiß keinen einzigen Griff, gnädiger Herr. HAMLET Es ist so leicht wie lügen. Regiert diese Windlöcher mit Euren Fingern und Daumen, gebt der Flöte mit Eurem Munde Odem, und sie wird die beredteste Musik sprechen. Seht Ihr, dies sind die Griffe! GÜLDENSTERN Aber die habe ich eben nicht in meiner Gewalt, um irgendeine Harmonie hervorzubringen; ich besitze die Kunst nicht. HAMLET Nun, seht Ihr, welch ein nichtswürdiges Ding Ihr aus mir macht? Ihr wollt auf mir spielen, Ihr wollt tun, als kenntet Ihr meine Griffe, Ihr wollt in das Herz meines Geheimnisses dringen, Ihr wollt mich von meiner tiefsten Note bis zum Gipfel meiner Stimme hinauf prüfen; und in dem kleinen Instrument hier ist viel Musik, eine vortreffliche Stimme, dennoch könnt Ihr es nicht zum Sprechen bringen! Wetter, denkt Ihr, daß ich leichter zu spielen bin als eine Flöte? Nennt mich was für ein Instrument Ihr wollt, Ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen. Polonius kommt. Gott grüß Euch, Herr! POLONIUS Gnädiger Herr, die Königin wünscht Euch zu sprechen, und das sogleich. HAMLET Seht Ihr die Wolke dort, beinah in Gestalt eines Kamels? POLONIUS Beim Himmel, sie sieht auch wirklich aus wie ein Kamel. HAMLET Mich dünkt, sie sieht aus wie ein Wiesel. POLONIUS Sie hat einen Rücken wie ein Wiesel. HAMLET Oder wie ein Walfisch? POLONIUS Ganz wie ein Walfisch. HAMLET Nun, so will ich zu meiner Mutter kommen, im Augenblick. Sie närren mich, daß mir die Geduld beinah reißt. - Ich komme im Augenblick. POLONIUS Das will ich ihr sagen. [ Ab. ] HAMLET Im Augenblick ist leicht gesagt. Polonius ab.                                   Laßt mich, Freunde! Rosenkranz, Güldenstern, Horatio und die andern ab. Nun ist die wahre Spukezeit der Nacht, Wo Grüfte gähnen und die Hölle selbst Pest haucht in diese Welt. Nun tränk ich wohl heiß Blut Und täte Dinge, die der bittre Tag Mit Schaudern säh. Still, jetzt zu meiner Mutter! O Herz, vergiß nicht die Natur! Nie dränge Sich Neros Seel in diesen festen Busen! Grausam, nicht unnatürlich, laß mich sein; Nur reden will ich Dolche, keine brauchen. Hierin seid Heuchler, Zung, und du, Gemüt: Wie hart mit ihr auch meine Rede schmäle, Nie willge drein, sie zu versiegeln, Seele! Ab. DRITTE SZENE Ein Zimmer im Schlosse Der König, Rosenkranz und Güldenstern treten auf. KÖNIG Ich mag ihn nicht; auch stehts um Uns nicht sicher, Wenn frei sein Wahnsinn schwärmt. Drum macht Euch fertig! Ich stelle schleunig Eure Vollmacht aus, Und er soll dann mit Euch nach England hin. Die Pflichten Unsrer Würde dulden nicht Gefahr so nah, als hinter seinen Brauen Sie stündlich uns erwächst. GÜLDENSTERN                              Wir wolln uns vorsehn. [ GÜLDENSTERN ] Es ist gewissenhafte, heilge Sorge, Die vielen, vielen Seelen zu erhalten, Die Eure Majestät belebt und nährt. ROSENKRANZ Schon das besondre, einzelne Leben muß Mit aller Kraft und Rüstung des Gemüts Vor Schaden sich bewahren; doch viel mehr Der Geist, an dessen Heil das Leben vieler Beruht und hängt. Der Majestät Verscheiden Stirbt nicht allein, es zieht gleich einem Strudel Das Nahe mit. Sie ist ein mächtig Rad, Befestigt auf des höchsten Berges Gipfel, An dessen Riesenspeichen tausend Dinge Gekittet und gefugt sind; wenn es fällt, So teilt die kleinste Zutat und Umgebung Den ungeheuren Sturz. Kein König je Seufzte allein ohn allgemeines Weh. KÖNIG Ich bitte, rüstet Euch zur schnellen Reise; Wir müssen diese Furcht in Fesseln legen, Die jetzt zu freien Fußes geht. ROSENKRANZ und GÜLDENSTERN Wir eilen. Beide ab. Polonius kommt. POLONIUS Mein Fürst, er geht in seiner Mutter Zimmer. Ich will mich hinter die Tapete stellen, Den Hergang anzuhören; seid gewiß, Sie schilt ihn tüchtig aus, und wie Ihr sagtet - Und weislich wars gesagt -, es schickt sich wohl, Daß noch ein andrer Zeug' als eine Mutter, Die von Natur parteiisch, ihr Gespräch Im stillen anhört. So lebt wohl, mein Fürst! Eh Ihr zu Bett geht, sprech ich vor bei Euch Und meld Euch, was ich weiß. KÖNIG                               Dank, lieber Herr! Polonius ab. O meine Tat ist faul, sie stinkt zum Himmel; Sie trägt den ersten, ältesten der Flüche, Mord eines Bruders! - Beten kann ich nicht, Ist gleich die Neigung dringend wie der Wille: Die stärkre Schuld besiegt den starken Vorsatz, Und wie ein Mann, dem zwei Geschäft obliegen, Steh ich in Zweifel, was ich erst soll tun, Und lasse beides. Wie, wär diese Hand Auch um und um in Bruderblut getaucht, Gibt es nicht Regen gnug im milden Himmel, Sie weiß wie Schnee zu waschen? Wozu dient Die Gnad, als vor der Sünde Stirn zu treten? Und hat Gebet nicht die zwiefache Kraft, Dem Falle vorzubeugen und Verzeihung Gefallnen auszuwirken? Gut, ich will Emporschaun; mein Verbrechen ist geschehn. Doch oh, welch eine Wendung des Gebets Ziemt mir? Vergib mir meinen schnöden Mord? Dies kann nicht sein; mir bleibt ja stets noch alles, Was mich zum Mord getrieben: meine Krone, Mein eigner Ehrgeiz, meine Königin! Wird da verziehn, wo Missetat besteht? In den verderbten Strömen dieser Welt Kann die vergoldete Hand der Missetat Das Recht wegstoßen, und ein schnöder Preis Erkauft oft das Gesetz. Nicht so dort oben! Da gilt kein Kunstgriff, da erscheint die Handlung In ihrer wahren Art, und wir sind selbst Genötigt, unsern Fehlern in die Zähne, Ein Zeugnis abzulegen. Nun? Was bleibt? Sehn, was die Reue kann. Was kann sie nicht? Doch wenn man nicht bereuen kann, was kann sie? O Jammerstand! O Busen, schwarz wie Tod! O Seele, die, sich frei zu machen ringend, Noch mehr verstrickt wird! - Engel, helft! Versucht! Beugt euch, ihr starren Knie! Gestähltes Herz, Sei weich wie Sehnen neugeborner Kinder! Vielleicht wird alles gut. Entfernt sich und kniet nieder. Hamlet kommt. HAMLET Jetzt könnt ichs tun, bequem; er ist im Beten. Jetzt will ichs tun - und so geht er gen Himmel, Und so bin ich gerächt? Das hieß': ein Bube Ermordet meinen Vater, und dafür Send ich, sein einzger Sohn, denselben Buben Gen Himmel. Ei, das wäre Sold und Löhnung, Rache nicht. Er überfiel in Wüstheit meinen Vater, Voll Speis', in seiner Sünden Maienblüte. Wie seine Rechnung steht, weiß nur der Himmel, Allein nach unsrer Denkart und Vermutung Ergehts ihm schlimm; und bin ich dann gerächt, Wenn ich in seiner Heiligung ihn fasse, Bereitet und geschickt zum Übergang? - Nein. Hinein, du Schwert! Sei schrecklicher gezückt! Wenn er berauscht ist, schläft, oder in Wut, In seines Betts blutschänderischen Freuden, Beim Spielen, Fluchen oder anderm Tun, Das keine Spur des Heiles an sich hat: Dann triff ihn, daß die Fersen ihm gen Himmel Ausschlagen, daß die Seele so verflucht Und schwarz sei wie die Höll, wohin sie fährt! - Die Mutter wartet mein. - Dies Mittel schlage Nur an zur Dehnung deiner siechen Tage! Ab. Der König steht auf und tritt vor. KÖNIG Das Wort fliegt auf, der Sinn hat keine Schwingen, Wort ohne Sinn kann nicht zum Himmel dringen. Ab. VIERTE SZENE [ Zimmer der Königin ] Ein anderes Zimmer im Schloß Die Königin und Polonius treten auf. POLONIUS Er kommt sogleich; setzt ihm mit Nachdruck zu; Sagt ihm, daß er zu wilde Streiche macht, Um sie zu dulden, und daß Eure Hoheit Sich zwischen große Hitz und ihn als Schirm Gestellt hat. Ich will hier mich still verbergen. Ich bitt Euch, schont ihn nicht! HAMLET hinter der Szene. Mutter, Mutter, Mutter! KÖNIGIN                          Verlaßt Euch drauf; Sorgt meinetwegen nicht. Zieht Euch zurück, Ich hör ihn kommen. Polonius verbirgt sich hinter dem Arras-Wandteppich . Hamlet kommt. HAMLET Nun, Mutter, sagt: was gibts? KÖNIGIN Hamlet, dein Vater ist von dir beleidigt. HAMLET Mutter, mein Vater ist von Euch beleidigt. KÖNIGIN Kommt, kommt! Ihr sprecht mit einer losen Zunge. HAMLET Geht, geht! Ihr fragt mit einer bösen Zunge. KÖNIGIN Was soll das, Hamlet? HAMLET                        Nun, was gibt es hier? KÖNIGIN Habt Ihr mich ganz vergessen? HAMLET                                Nein, beim Kreuz! Ihr seid die Königin, Weib Eures Mannes Bruders, Und - wär es doch nicht so! - seid meine Mutter. KÖNIGIN Gut, andre sollen zur Vernunft Euch bringen. HAMLET Kommt, setzt Euch nieder; Ihr sollt nicht vom Platz, Nicht gehn, bis ich Euch einen Spiegel zeige, Worin Ihr Euer Innerstes erblickt. KÖNIGIN Was willst du tun? Du willst mich doch nicht morden? He, Hülfe! Hülfe! POLONIUS hinter der Tapete.                    Hülfe! He, herbei! HAMLET Wie? Was? Eine Ratte? Er zieht.                        Tot! für 'nen Dukaten, tot! Tut einen Stoß durch die Tapete. POLONIUS hinter der Tapete. Oh, ich bin umgebracht! Fällt und stirbt. KÖNIGIN                          Weh mir! Was tatest du? HAMLET Fürwahr, ich weiß es nicht; ist es der König? Zieht den Polonius [ hinter der Tapete ] hervor. KÖNIGIN O welche rasche, blutige Tat ist dies! HAMLET Ja, gute Mutter, eine blutige Tat, So schlimm beinah, als einen König töten Und in die Eh mit seinem Bruder treten. KÖNIGIN Als einen König töten! HAMLET                         Ja, so sagt ich. Zu Polonius. Du kläglicher, vorwitzger Narr, fahr wohl! Ich nahm dich für 'nen Höhern; nimm dein Los, Du siehst, zu viel Geschäftigkeit ist mißlich. - Ringt nicht die Hände so! Still! Setzt Euch nieder, Laßt Euer Herz mich ringen, denn das will ich, Wenn es durchdringlich ist, wenn nicht so ganz Verdammte Angewöhnung es gestählt, Daß es verschanzt ist gegen die Vernunft. KÖNIGIN Was tat ich, daß du gegen mich die Zunge So toben lassen darfst? HAMLET                          Solch eine Tat, Die alle Huld der Sittsamkeit entstellt, Die Tugend Heuchler schilt, die Rose wegnimmt Von unschuldvoller Liebe schöner Stirn Und Beulen hinsetzt, Ehgelübde falsch Wie Spielereide macht; o eine Tat, Die aus des Treubunds Leib die Seele wahrhaft Ausreißt und die den süßen Glauben macht Zum Wortgepräng. Des Himmels Antlitz glüht, Ja, diese Feste, dieses Weltgebäude, Mit Trauermiene, wie vorm Jüngsten Tag, Ist trübsalskrank vor dieser Tat! KÖNIGIN                                    Weh mir! Welch Tat, donnerverkündet, brüllt so laut? HAMLET Seht hier auf dies Gemälde und auf dies, Das nachgeahmte Gleichnis zweier Brüder. Seht, welche Anmut wohnt auf diesen Brauen! Apollos Locken, Jovis hohe Stirn, Ein Aug wie Mars, zum Drohn und zum Gebieten, Des Götterherolds Stellung, wenn er eben Sich niederschwingt auf himmelnahe Höhn; In Wahrheit, ein Verein und eine Bildung, Auf die sein Siegel jeder Gott gedrückt, Der Welt Gewähr für einen Mann zu leisten: Dies war Eur Gatte. - Seht nur her, was folgt: Hier ist Eur Gatte, gleich der brandgen Ähre Verderblich seinem Bruder. Habt Ihr Augen? Die Weide dieses schönen Bergs verlaßt Ihr Und mästet Euch im Sumpf? Ha, habt Ihr Augen? Nennt es nicht Liebe! Denn in Eurem Alter Ist der Tumult im Blute zahm; es schleicht Und wartet auf das Urteil; und welch Urteil Ging' wohl von dem zu dem? Sinn habt Ihr sicher, Sonst könnte keine Regung in Euch sein; Doch sicher ist der Sinn vom Schlag gelähmt, Denn Wahnwitz würde hier nicht irren; nie Hat so den Sinn Verrücktheit unterjocht, Daß nicht ein wenig Wahl ihm blieb, genug Für solchen Unterschied. Was für ein Teufel Hat so beim Blindekuhspiel Euch betört? Sehn ohne Fühlen, Fühlen ohne Sehn, Ohr ohne Hand und Aug, Geruch ohn alles, Ja nur ein Teilchen eines echten Sinns Tappt nimmermehr so zu. Scham, wo ist dein Erröten? Wilde Hölle, Empörst du dich in der Matrone Gliedern, So sei die Keuschheit der entflammten Jugend Wie Wachs und Schmelz in ihrem Feuer hin; Ruf keine Schande aus, wenn heißes Blut Zum Angriff stürmet, da der Frost ja selbst Nicht minder kräftig brennt und die Vernunft Den Willen kuppelt. KÖNIGIN                       O Hamlet, sprich nicht mehr! Du kehrst die Augen recht ins Innre mir; Da seh ich Flecke, tief und schwarz gefärbt, Die nicht von Farbe lassen. HAMLET                              Nein, zu leben Im Schweiß und Brodem eines eklen Betts, Gebrüht in Fäulnis, buhlend und sich paarend Über dem garstigen Nest - KÖNIGIN                             O sprich nicht mehr! Mir dringen diese Worte ins Ohr wie Dolche. Nicht weiter, lieber Hamlet! HAMLET Ein Mörder und ein Schuft; ein Knecht, nicht wert Das Zehntel eines Zwanzigteils von ihm, Der Eur Gemahl war; ein Hanswurst von König, Ein Beutelschneider von Gewalt und Reich, Der weg vom Sims die reiche Krone stahl Und in die Tasche steckte. KÖNIGIN Halt inne! [ Der Geist kommt. ] HAMLET             Ein geflickter Lumpenkönig! - Der Geist kommt. Schirmt mich und schwingt die Flügel über mir, Ihr Himmelsscharen! - Was will dein würdig Bild? KÖNIGIN Weh mir! Er ist verrückt! HAMLET Kommt Ihr nicht, Euren trägen Sohn zu schelten, Der Zeit und Leidenschaft versäumt zur großen Vollführung Eures furchtbaren Gebots? O sagt! GEIST          Vergiß nicht! Diese Heimsuchung Soll nur den abgestumpften Vorsatz schärfen. Doch schau! Entsetzen liegt auf deiner Mutter; Tritt zwischen sie und ihre Seel im Kampf; In Schwachen wirkt die Einbildung am stärksten: Sprich mit ihr, Hamlet! HAMLET Wie ist Euch, Mutter? KÖNIGIN                        Ach, wie ist denn Euch, Daß Ihr die Augen heftet auf das Leere Und redet mit der körperlosen Luft? Wild blitzen Eure Geister aus den Augen, Und wie ein schlafend Heer beim Waffenlärm Sträubt Euer liegend Haar sich als lebendig Empor und steht zu Berg. O lieber Sohn, Spreng auf die Hitz und Flamme deines Übels Abkühlende Geduld! Wo schaust du hin? HAMLET Auf ihn, auf ihn! Seht Ihr, wie blaß er starrt? Sein Anblick, seine Sache würde Steine Empfänglich machen. Nein, sieh nicht auf mich, Damit nicht deine klägliche Gebärde Mein strenges Tun erweicht; sonst fehlt ihm dann Die echte Art; vielleicht statt Blutes Tränen. KÖNIGIN Mit wem besprecht Ihr Euch? HAMLET                              Seht Ihr dort nichts? KÖNIGIN Gar nichts; doch seh ich alles, was dort ist. HAMLET Und hörtet Ihr auch nichts? KÖNIGIN                              Nein, nichts als uns. HAMLET Ha, seht nur hin! Seht, wie es weg sich stiehlt! Mein Vater in leibhaftiger Gestalt: Seht, wie er eben zu der Tür hinausgeht! Geist ab. KÖNIGIN Dies ist bloß Eures Hirnes Ausgeburt; In solcher wesenlosen Schöpfung ist Der Wahnsinn sehr geübt. HAMLET                            Der Wahnsinn? Mein Puls hält ordentlich wie Eurer Takt, Spielt ebenso gesunde Melodien; Es ist kein Wahnwitz, was ich vorgebracht. Bringt mich zur Prüfung, und ich wiederhole Die Sach Euch Wort für Wort, wovon der Wahnwitz Abspringen würde. Mutter, um Eur Heil! Legt nicht die Schmeichelsalb auf Eure Seele, Daß nur mein Wahnwitz spricht, nicht Eur Vergehn; Sie wird den bösen Fleck nur leicht verharschen, Indes Verderbnis, heimlich untergrabend, Von innen angreift. Beichtet vor dem Himmel, Bereuet, was geschehn, und meidet Künftges; Düngt nicht das Unkraut, daß es mehr noch wuchre. Vergebt mir diese meine Tugend; denn In dieser feisten, engebrüstgen Zeit Muß Tugend selbst Verzeihung flehn vom Laster, Ja kriechen, daß sie nur ihm wohltun dürfe. KÖNIGIN O Hamlet, du zerspaltest mir das Herz! HAMLET O werft den schlechtern Teil davon hinweg Und lebt so reiner mit der andern Hälfte. Gute Nacht! Doch meidet meines Oheims Bett, Nehmt eine Tugend an, die Ihr nicht habt. Der Teufel Angewöhnung, der des Bösen Gefühl verschlingt, ist hierin Engel doch: Er gibt der Übung schöner, guter Taten Nicht minder eine Kleidung oder Tracht, Die gut sich anlegt. Seid zu Nacht enthaltsam, Und das wird eine Art von Leichtigkeit Der folgenden Enthaltung leihn, die nächste Wird dann noch leichter; denn die Übung kann Fast das Gepräge der Natur verändern, Sie zähmt den Teufel oder stößt ihn aus Mit wunderbarer Macht. Nochmals, schlaft wohl! Um Euren Segen Bitt ich, wenn Ihr selbst Nach Segen erst verlangt. - Für diesen Herrn Tut es mir leid: Der Himmel hat gewollt, Um mich durch dies und dies durch mich zu strafen, Daß ich ihm Diener muß und Geißel sein. Ich will ihn schon besorgen und den Tod, Den ich ihm gab, vertreten. Schlaft denn wohl! Zur Grausamkeit zwingt bloße Liebe mich; Schlimm fängt es an, und Schlimmres nahet sich. Ein Wort noch, gute Mutter! KÖNIGIN                              Was soll ich tun? HAMLET Durchaus nicht das, was ich Euch heiße tun; Laßt den gedunsnen König Euch ins Bett Von neuem locken, in die Wangen Euch Mutwillig kneipen, Euch sein Mäuschen nennen, Und für ein paar verbuhlte Küss', ein Spielen In Eurem Nacken mit verdammten Fingern, Bringt diesen ganzen Handel an den Tag, Daß ich in keiner wahren Tollheit bin, Nur toll aus List. Gut wärs, Ihr ließts ihn wissen! Denn welche Königin, schön, keusch und klug, Verhehlte einer Kröte, einem Molch So teure Dinge wohl? Wer täte das? Nein, trotz Erkenntnis und Verschwiegenheit Löst auf dem Dach des Korbes Deckel, laßt Die Vögel fliegen und, wie jener Affe, Kriecht in den Korb, um Proben anzustellen, Und brecht Euch selbst den Hals! KÖNIGIN Sei du gewiß: Wenn Worte Atem sind, Und Atem Leben ist, hab ich kein Leben, Das auszuatmen, was du mir gesagt. HAMLET Ich muß nach England; wißt Ihrs? KÖNIGIN Ach, ich vergaß; es ist so ausgemacht. HAMLET Man siegelt Briefe; meine Schulgesellen, Die beiden, denen ich wie Nattern traue, Sie bringen die Bestellung hin; sie müssen Den Weg mir bahnen und zur Schurkerei Herolden gleich mich führen. Sei es drum! Der Spaß ist, wenn mit seinem eignen Pulver Der Feuerwerker auffliegt; und mich trügt Die Rechnung, wenn ich nicht ein Klafter tiefer Als ihre Minen grab und sprenge sie Bis an den Mond. O es ist gar zu schön, Wenn so zwei Listen sich entgegengehn! - Der Mann packt mir 'ne Last auf; Ich will den Wanst ins nächste Zimmer schleppen. - Nun, Mutter, gute Nacht! - Der Ratsherr da Ist jetzt sehr still, geheim und ernst fürwahr, Der sonst ein schelmischer, alter Schwätzer war. Kommt, Herr, ich muß mit Euch ein Ende machen. - Gute Nacht, Mutter! Sie gehen nach verschiedenen Seiten ab. Hamlet schleift den Polonius hinaus. VIERTER AKT ERSTE SZENE Ein Zimmer im Schlosse Der König, die Königin, Rosenkranz und Güldenstern. KÖNIG In diesen tiefen Seufzern ist ein Sinn; Legt sie Uns aus, Wir müssen sie verstehn. Wo ist Eur Sohn? KÖNIGIN zu Rosenkranz und Güldenstern. Räumt diesen Platz uns auf ein Weilchen ein. Die beiden ab. Ah, mein Gemahl, was sah ich diese Nacht! KÖNIG Wie, Gertrud? Was macht Hamlet? KÖNIGIN Er rast wie See und Wind, wenn beide kämpfen, Wer mächtger ist; in seiner wilden Wut, Da er was hinterm Teppich rauschen hört, Reißt er die Kling heraus, schreit: eine Ratte! - Und tötet so in seines Wahnes Hitze Den ungesehnen guten alten Mann. KÖNIG O schwere Tat! So wär es Uns geschehn, Wenn Wir daselbst gestanden. Seine Freiheit Droht aller Welt, Euch selbst, Uns, jedem andern. Ach, wer steht ein für diese blutge Tat? Uns wird zur Last sie fallen, deren Vorsicht Den tollen jungen Mann eng eingesperrt Und fern von Menschen hätte halten sollen. Doch Unsre Liebe war so groß, daß Wir Nicht einsehn wollten, was das Beste war. Und wie der Eigner eines bösen Schadens, Den er geheim hält, ließen Wir ihn zehren Recht an des Lebens Mark. Wo ist er hin? KÖNIGIN Er schafft den Leichnam des Erschlagnen weg, Wobei sein Wahnsinn wie ein Körnchen Gold In einem Erz von schlechteren Metallen Sich rein beweist: er weint um das Geschehne. KÖNIG O Gertrud, laßt uns gehn! Sobald die Sonne an die Berge tritt, Schifft man ihn ein; und diese schnöde Tat Muß Unsre ganze Majestät und Kunst Vertreten und entschuldigen. - He, Güldenstern! Rosenkranz und Güldenstern kommen. Geht, beide Freunde, nehmt Euch wen zu Hülfe. Hamlet hat den Polonius umgebracht In seinem tollen Mut und ihn darauf Aus seiner Mutter Zimmer weggeschleppt. Geht, sucht ihn, sprecht ihm zu und bringt den Leichnam In die Kapell. Ich bitt Euch, eilt hiebei. Rosenkranz und Güldenstern ab. Kommt, Gertrud, rufen wir von unsern Freunden Die klügsten auf und machen ihnen kund, Was wir zu tun gedenken und was leider Geschehn. So kann der schlangenartge Leumund, Des Zischeln von dem einen Pol zum andern, So sicher wie zum Ziele die Kanone Den giftgen Schuß trägt, unsern Namen noch Verfehlen und die Luft unschädlich treffen. O komm hinweg mit mir! Entsetzen ist In meiner Seel und innerlicher Zwist. Beide ab. ZWEITE SZENE Ein andres Zimmer im Schlosse Hamlet kommt. HAMLET Sicher beigepackt. ROSENKRANZ und GÜLDENSTERN hinter der Szene. Hamlet! Prinz Hamlet! HAMLET Aber still - was für ein Lärm? Wer ruft den Hamlet? Oh, da kommen sie. Rosenkranz und Güldenstern kommen. ROSENKRANZ Was habt Ihr mit dem Leichnam, Prinz, gemacht? HAMLET Ihn mit dem Staub gepaart, dem er verwandt. ROSENKRANZ Sagt uns den Ort, daß wir ihn weg von da In die Kapelle tragen. HAMLET                          Glaubt es nicht. ROSENKRANZ Was nicht glauben? HAMLET Daß ich Euer Geheimnis bewahren kann und meines nicht. Überdies, sich von einem Schwamme fragen zu lassen! Was für eine Antwort soll der Sohn eines Königs darauf geben? ROSENKRANZ Nehmt Ihr mich für einen Schwamm, gnädiger Herr? HAMLET Ja, Herr, der des Königs Miene, seine Gunstbezeugungen und Befehle einsaugt. Aber solche Beamte tun dem Könige den besten Dienst am Ende. Er hält sie, wie ein Affe den Apfel, im Winkel seines Kinnbackens: zuerst in den Mund gesteckt, um zuletzt verschlungen zu werden. Wenn er braucht, was Ihr aufgesammelt habt, so darf er Euch nur drücken, so seid Ihr, Schwamm, wieder trocken. ROSENKRANZ Ich verstehe Euch nicht, gnädiger Herr. HAMLET Es ist mir lieb; eine lose Rede schläft in dummen Ohren. ROSENKRANZ Gnädiger Herr, Ihr müßt uns sagen, wo die Leiche ist, und mit uns zum Könige gehn. HAMLET Die Leiche ist beim König, aber der König ist nicht bei der Leiche. Der König ist ein Ding - GÜLDENSTERN Ein Ding, gnädiger Herr? HAMLET - das nichts ist. Bringt mich zu ihm! Versteck dich, Fuchs, und alle hinterdrein! Alle ab. DRITTE SZENE Ein andres Zimmer im Schlosse Der König tritt auf mit Gefolge. KÖNIG Ich laß ihn holen und den Leichnam suchen. O wie gefährlich ists, daß dieser Mensch So frank umhergeht! Dennoch dürfen wir Nicht nach dem strengen Recht mit ihm verfahren; Er ist beliebt bei der verworrnen Menge, Die mit dem Aug, nicht mit dem Urteil wählt, Und wo das ist, wägt man des Schuldgen Plage, Doch nie die Schuld. Um alles auszugleichen, Muß diese schnelle Wegsendung ein Schritt Der Überlegung scheinen; wenn die Krankheit Verzweifelt ist, kann ein verzweifelt Mittel Nur helfen, oder keins. Rosenkranz kommt.                          Was ist geschehn? ROSENKRANZ Wo er die Leiche hingeschafft, mein Fürst, Vermögen wir von ihm nicht zu erfahren. KÖNIG Wo ist er selber? ROSENKRANZ                    Draußen, gnädger Herr, Bewacht, um Eur Belieben abzuwarten. KÖNIG So bringt ihn vor Uns! ROSENKRANZ He, Güldenstern! Bringt den gnädigen Herrn herein! Hamlet und Güldenstern kommen. KÖNIG Nun, Hamlet, wo ist Polonius? HAMLET Beim Nachtmahl. KÖNIG Beim Nachtmahl? Wo? HAMLET Nicht wo er speist, sondern wo er gespeist wird. Eine gewisse Reichsversammlung von politischen Würmern hat sich eben an ihn gemacht. So 'n Wurm ist Euch der einzige Kaiser, was die Tafel betrifft. Wir mästen alle andern Kreaturen, um uns zu mästen, und uns selber mästen wir für Maden. Der fette König und der magre Bettler sind nur verschiedne Gerichte; zwei Schüsseln, aber für eine Tafel: das ist das Ende vom Liede. KÖNIG Ach Gott, ach Gott! HAMLET Jemand könnte mit dem Wurm fischen, der von einem König gegessen hat, und von dem Fisch essen, der den Wurm verzehrte. KÖNIG Was meinst du damit? HAMLET Nichts, als Euch zu zeigen, wie ein König seinen Weg durch die Gedärme eines Bettlers nehmen kann. KÖNIG Wo ist Polonius? HAMLET Im Himmel. Schickt hin, laßt nachsehn! Wenn Euer Bote ihn da nicht findet, so sucht ihn selbst an dem andern Orte. Aber wahrhaftig, wo Ihr ihn nicht binnen dieses Monats findet, so werdet Ihr ihn wittern, wenn Ihr die Treppe zur Galerie hinaufgeht. KÖNIG zu einigen aus dem Gefolge. Geht, sucht ihn dort! HAMLET Er wird warten, bis ihr kommt. Einige aus dem Gefolge ab. KÖNIG Hamlet, für deine eigne Sicherheit, Die Uns so wert ist, wie Uns innig kränkt, Was du begangen hast, muß diese Tat In feuriger Eile dich von hinnen senden. Drum rüste dich; das Schiff liegt schon bereit, Der Wind ist günstig, die Gefährten warten, Und alles treibt nach England auf und fort. HAMLET Nach England? KÖNIG Ja, Hamlet. HAMLET Gut. KÖNIG So ist es, wenn du unsre Absicht wüßtest. HAMLET Ich sehe einen Cherub, der sie sieht. - Aber kommt! Nach England! - Lebt wohl, liebe Mutter! KÖNIG Dein liebevoller Vater, Hamlet. HAMLET Meine Mutter. Vater und Mutter sind Mann und Weib; Mann und Weib sind ein Fleisch: also meine Mutter. - Kommt, nach England! Ab. KÖNIG Folgt auf dem Fuß ihm, lockt ihn schnell an Bord; Verzögert nicht; er muß zu Nacht von hinnen. Fort! Alles ist versiegelt und geschehn, Was sonst die Sache heischt. Ich bitt Euch, eilt. Rosenkranz und Güldenstern ab. Und, England, gilt dir meine Liebe was, Wie meine Macht sie dich kann schätzen lehren - Denn noch ist deine Narbe wund und rot Vom Dänenschwert, und deine Ehrfurcht leistet Uns willig Lehenspflicht -, so darfst du nicht Das oberherrliche Geheiß versäumen, Das durch ein darauf zielndes Schreiben dringt Auf Hamlets schnellen Tod. O tu es, England! Wie hektisch Fieber rast er mir im Blut, Du mußt mich heilen! Mag mir alles glücken; Bis dies geschehn ist, kann mich nichts erquicken. Ab. VIERTE SZENE Eine Ebene in Dänemark Fortinbras und Truppen, im Marsch begriffen. FORTINBRAS Geht, Hauptmann, grüßt von mir den Dänenkönig, Sagt ihm, daß Fortinbras auf sein Gestatten Für den versprochnen Zug durch sein Gebiet Geleit begehrt. Ihr wißt, wo wir uns treffen. Wenn Seine Majestät uns sprechen will, So wollen wir pflichtmäßig ihn begrüßen: Das meldet ihm! HAUPTMANN                  Ich will es tun, mein Prinz. FORTINBRAS Rückt langsam vor! Fortinbras und Truppen ab. Hamlet, Rosenkranz, Güldenstern und andere kommen. HAMLET Wes sind die Truppen, lieber Herr? HAUPTMANN Sie sind von Norweg, Herr. HAMLET Wozu bestimmt, ich bitt Euch? HAUPTMANN Sie rücken gegen Polen. HAMLET Wer führt sie an? HAUPTMANN Des alten Norwegs Neffe, Fortinbras. HAMLET Und geht es auf das ganze Polen oder Auf einen Grenzort nur? HAUPTMANN Um wahr zu reden und mit keinem Zusatz, Wir gehn, ein kleines Fleckchen zu gewinnen, Das keinen Vorteil als den Namen bringt. Für fünf Dukaten, fünf, möcht ichs nicht pachten, Auch bringts dem Norweg oder Polen sicher Nicht mehr, wenn man auf Erbzins es verkauft. HAMLET So wird es der Polack nicht halten wollen. HAUPTMANN Doch; es ist schon besetzt. HAMLET Zweitausend Seelen, zwanzigtausend Goldstück Entscheiden diesen Lumpenzwist noch nicht. Dies ist des Wohlstands und der Ruh Geschwür, Das innen aufbricht, während äußerlich Kein Todesgrund sich zeigt. - Ich dank Euch, Herr. HAUPTMANN Geleit Euch Gott! Ab. ROSENKRANZ                    Beliebt es Euch zu gehn? HAMLET Ich komme gleich Euch nach. Geht nur voran! [ Rosenkranz und die übrigen ab. ] Alle außer Hamlet ab. Wie jeder Anlaß mich verklagt und spornt Die träge Rache an! Was ist der Mensch, Wenn seiner Zeit Gewinn, sein höchstes Gut Nur Schlaf und Essen ist? Ein Vieh, nichts weiter. Gewiß, der uns mit solcher Denkkraft schuf, Voraus zu schaun und rückwärts, gab uns nicht Die Fähigkeit und göttliche Vernunft, Daß ungebraucht sie in uns schimmle. Nun, Sei's viehisches Vergessen oder sei's Ein banger Zweifel, welcher zu genau Bedenkt den Ausgang - ein Gedanke, der, Zerlegt man ihn, ein Viertel Weisheit nur Und stets drei Viertel Feigheit hat -, ich weiß nicht, Weswegen ich noch lebe, um zu sagen: »Dies muß geschehn«; da ich doch Grund und Willen Und Kraft und Mittel hab, um es zu tun. Beispiele, die zu greifen, mahnen mich. So dieses Heer von solcher Zahl und Stärke, Von einem zarten Prinzen angeführt, Des Mut, von hoher Ehrbegier geschwellt, Die Stirn dem unsichtbaren Ausgang beut Und gibt sein sterblich und verletzbar Teil Dem Glück, dem Tode, den Gefahren preis, Für eine Nußschal. Wahrhaft groß sein, heißt, Nicht ohne großen Gegenstand sich regen, Doch einen Strohhalm selber groß verfechten, Wenn Ehre auf dem Spiel. Wie steh denn ich, Den seines Vaters Mord, der Mutter Schande, Antriebe der Vernunft und des Geblüts, Den nichts erweckt? Ich seh indes beschämt Den nahen Tod von zwanzigtausend Mann, Die für 'ne Grille, ein Phantom des Ruhms Zum Grab gehn wie ins Bett; es gilt ein Fleckchen, Worauf die Zahl den Streit nicht führen kann, Nicht Gruft genug und Raum, um die Erschlagnen Nur zu verbergen. O von Stund an trachtet Nach Blut, Gedanken, oder seid verachtet! Ab. FÜNFTE SZENE Helsingör. Ein Zimmer im Schlosse Die Königin , [ und ] Horatio und ein Edelmann treten auf. KÖNIGIN Ich will nicht mit ihr sprechen. [ HORATIO ] EDELMANN Sie ist sehr dringend; wirklich, außer sich; Ihr Zustand ist erbarmenswert. KÖNIGIN                                 Was will sie? [ HORATIO ] EDELMANN Sie spricht von ihrem Vater, sagt, sie höre, Die Welt sei schlimm, und ächzt und schlägt die Brust; Ein Strohhalm ärgert sie; sie spricht verworren Mit halbem Sinn nur; ihre Red ist nichts, Doch leitet ihre ungestalte Art Die Hörenden auf Schlüsse; man errät, Man stückt zusammen ihrer Worte Sinn, Die sie mit Nicken gibt, mit Winken, Mienen, So daß man wahrlich denken muß; man könnte Zwar nichts gewiß, jedoch viel Arges denken. [ KÖNIGIN ] HORATIO Man muß doch mit ihr sprechen; sie kann Argwohn In Unheil brütende Gemüter streun. KÖNIGIN Laßt sie nur vor! - Horatio ab. Der kranken Seele, nach der Art der Sünden, Scheint jeder Tand ein Unglück zu verkünden, Von so betörter Furcht ist Schuld erfüllt, Daß, sich verbergend, sie sich selbst enthüllt. Horatio kommt mit Ophelia. OPHELIA Wo ist die schöne Majestät von Dänmark? KÖNIGIN Wie gehts, Ophelia? OPHELIA singt. Wie erkenn ich dein Treulieb Vor den andern nun? An dem Muschelhut und Stab Und den Sandelschuhn. KÖNIGIN Ach, süßes Fräulein, wozu soll dies Lied? OPHELIA Was beliebt? Nein, bitte, hört: Singt. Er ist lange tot und hin, Tot und hin, Fräulein! Ihm zu Häupten ein Rasen grün, Ihm zu Fuß ein Stein. Oh! KÖNIGIN Aber sagt, Ophelia - OPHELIA                       Bitt Euch, hört: Singt. Sein Leichenhemd weiß wie Schnee zu sehn - Der König tritt auf. KÖNIGIN Ach, mein Gemahl, seht hier! OPHELIA singt. Geziert mit Blumensegen, Das unbetränt zum Grab mußt gehn Von Liebesregen. KÖNIG Wie gehts Euch, holdes Fräulein? OPHELIA Gottes Lohn, recht gut! Sie sagen, die Eule war eines Bäckers Tochter. Ach Herr, wir wissen wohl, was wir sind, aber nicht, was wir werden können. Gott segne Euch die Mahlzeit! KÖNIG Anspielung auf ihren Vater. OPHELIA Bitte, laßt uns darüber nicht sprechen; aber wenn sie Euch fragen, was es bedeutet, sagt nur: Singt. Auf morgen ist Sankt Valentins Tag, Wohl an der Zeit noch früh, Und ich 'ne Maid am Fensterschlag Will sein eur Valentin. Er war bereit, tät an sein Kleid, Tät auf die Kammertür, Ließ ein die Maid, die als 'ne Maid Ging nimmermehr herfür. KÖNIGIN Holde Ophelia! OPHELIA Fürwahr, ohne Schwur, ich will ein Ende machen: Singt. Bei unsrer Frau und Sankt Kathrin! O pfui! was soll das sein? Ein junger Mann tuts, wenn er kann, Beim Himmel, 's ist nicht fein. Sie sprach: Eh Ihr gescherzt mit mir, Gelobtet Ihr mich zu frein. Er antwortet: Ich brächs auch nicht, beim Sonnenlicht! Wärst du nicht kommen herein. KÖNIG Wie lang ist sie schon so? OPHELIA Ich hoffe, alles wird gut gehn. Wir müssen geduldig sein; aber ich kann nicht anders als weinen, wenn ich denke, daß sie ihn in den kalten Boden gelegt haben. Mein Bruder soll davon wissen, und so dank ich euch für euren guten Rat. Komm, meine Kutsche! Gute Nacht, Damen, gute Nacht, süße Damen, gute Nacht, gute Nacht! Ab. KÖNIG Folgt auf dem Fuß ihr doch; bewacht sie recht! Horatio ab. O dies ist Gift des tiefen Grams, es quillt Aus ihres Vaters Tod. Und seht nun an, O Gertrud, Gertrud, wenn die Leiden kommen, So kommen sie wie einzelne Späher nicht, Nein, in Geschwadern. Ihr Vater umgebracht; Fort Euer Sohn, er selbst der wüste Stifter Gerechten eignen Banns; das Volk verschlämmt, Schädlich und trüb in Wähnen und Vermuten Vom Tod des redlichen Polonius; Und töricht wars von uns, so unterm Husch Ihn zu bestatten; dann dies arme Kind, Getrennt von sich und ihrem edlen Urteil, Ohn welches wir nur Bilder sind, nur Tiere. Zuletzt, was mehr als alles in sich schließt: Ihr Bruder ist von Frankreich insgeheim Zurückgekehrt, nährt sich mit seinem Staunen, Hält sich in Wolken und ermangelt nicht Der Ohrenbläser, um ihn anzustecken Mit giftgen Reden von des Vaters Tod, Wobei Verlegenheit, an Vorwand arm, Sich nicht entblöden wird, Uns zu verklagen Von Ohr zu Ohr. O liebste Gertrud, dies Gibt wie ein Traubenschuß an vielen Stellen Mir überflüßgen Tod. Lärm hinter der Szene. KÖNIGIN                       O weh! Was für ein Lärm? [ Ein Edelmann kommt. ] KÖNIG Herbei! Wo sind die Schweizer? Laßt die Tür bewachen. Ein Edelmann kommt. Was gibt es draußen? EDELMANN                       Rettet Euch, mein Fürst! Der Ozean, entwachsend seinem Saum, Verschlingt die Niedrung ungestümer nicht, Als an der Spitze eines Meutrerhaufens Laertes Eure Diener übermannt. Der Pöbel nennt ihn Herrn, und gleich als finge Die Welt erst an, als wär das Altertum Vergessen und Gewohnheit nicht bekannt, Die Stützen und Bekräftger jedes Worts, Schrein sie: Erwählen wir! Laertes werde König! Und Mützen, Hände, Zungen tragens jubelnd Bis an die Wolken: König sei Laertes! Laertes König! KÖNIGIN Sie schlagen lustig an auf falscher Fährte. Verkehrt gespürt, ihr falschen Dänenhunde! Lärm hinter der Szene. KÖNIG Die Türen sind gesprengt. Laertes kommt bewaffnet. Dänen hinter ihm. LAERTES Wo ist denn dieser König? - Herrn, bleibt draußen! DÄNEN Nein, laßt uns mit hinein! LAERTES                             Ich bitt, erlaubt mir! DÄNEN Gut, wie Ihr wollt. Sie ziehen sich hinter die Tür zurück. LAERTES                      Dank Euch! Besetzt die Tür! - Du schnöder König, gib mir meinen Vater. KÖNIGIN Guter Laertes, ruhig! LAERTES Der Tropfe Bluts, der ruhig ist, erklärt Für Bastard mich, schilt Hahnrei meinen Vater, Brandmarkt als Metze meine treue Mutter, Hier zwischen ihren reinen, keuschen Braun. KÖNIG Was ist der Grund, Laertes, daß dein Aufstand So riesenmäßig aussieht? - Laßt ihn, Gertrud, Befürchtet nichts für Unsere Person, Denn solche Göttlichkeit schirmt einen König: Verrat, der nur erblickt, was er gewollt, Steht ab von seinem Willen. - Sag, Laertes, Was bist du so entrüstet? - Gertrud, laßt ihn! - Sprich, junger Mann. LAERTES                       Wo ist mein Vater? KÖNIG                                           Tot. KÖNIGIN Doch nicht durch ihn. KÖNIG                         Laßt ihn nur satt sich fragen. LAERTES Wie kam er um? Ich lasse mich nicht äffen. Zur Hölle, Treu! Zum ärgsten Teufel, Eide! Gewissen, Frömmigkeit, zum tiefsten Schlund! Ich trotze der Verdammnis; so weit kams: Ich schlage beide Welten in die Schanze, Mag kommen, was da kommt! Nur Rache will ich Vollauf für meinen Vater. KÖNIG                            Wer wird Euch hindern? LAERTES Mein Wille, nicht der ganzen Welt Gebot, Und meine Mittel will ich so verwalten, Daß wenig weit soll reichen. KÖNIG                               Hört, Laertes, Wenn Ihr von Eures teuren Vaters Tod Das Sichre wissen wollt: Ists Eurer Rache Schluß, Als Sieger in dem Spiel so Freund als Feind, Gewinner und Verlierer fortzureißen? LAERTES Nur seine Feinde. KÖNIG                    Wollt Ihr sie denn kennen? LAERTES Den Freunden will ich weit die Arme öffnen Und wie der Lebensopfrer Pelikan Mit meinem Blut sie tränken. KÖNIG                                So, nun sprecht Ihr Als guter Sohn und echter Edelmann. Daß ich an Eures Vaters Tode schuldlos Und am empfindlichsten dadurch gekränkt, Soll Eurem Urteil offen dar sich legen, Wie Tageslicht dem Aug. DÄNEN hinter der Szene.                          Laßt sie hinein! LAERTES Was gibts? Was für ein Lärm? Ophelia kommt, phantastisch mit Kräutern und Blumen geschmückt.                               O Hitze, trockne Mein Hirn auf! Tränen, siebenfach gesalzen, Brennt meiner Augen Kraft und Tugend aus! Bei Gott, dein Wahnsinn soll bezahlt uns werden Nach dem Gewicht, bis unsre Waagschal sinkt! O Maienrose! Süßes Kind! Ophelia! Geliebte Schwester! - Himmel, kann es sein, Daß eines jungen Mädchens Witz so sterblich Als eines alten Mannes Leben ist? Natur ist fein im Lieben; wo sie fein ist, Da sendet sie ein kostbar Pfand von sich Dem, was sie liebhat, nach. OPHELIA singt. Sie trugen ihn auf der Bahre bloß, He non nonni, nonni, he nonni! Und manche Trän fiel in Grabes Schoß - Fahr wohl, meine Taube! LAERTES Hättst du Vernunft und mahntest uns zur Rache, Es könnte so nicht rühren. OPHELIA Ihr müßt singen: »'nunter, hinunter, und ruft ihr ihn 'nunter!« O wie das Rad dazu klingt! Es ist der falsche Verwalter, der seines Herrn Tochter stahl. LAERTES Dies Nichts ist mehr als Etwas. OPHELIA Da ist Vergißmeinnicht, das ist zum Andenken; ich bitte Euch, liebes Herz, gedenkt meiner! - Und da ist Rosmarin, das ist für die Treue. LAERTES Ein Sinnspruch im Wahnsinn: Treue und Andenken bezeichnet. OPHELIA Da ist Fenchel für Euch und Aglei - da ist Raute für Euch, und hier ist welche für mich; wir können sie Sonntagsgnadenkraut nennen. - Ihr könnt Eure Raute mit einem Zeichen tragen. - Da ist Maßlieb - ich wollte Euch ein paar Veilchen geben, aber sie welkten alle, da mein Vater starb. - Sie sagen, er nahm ein gutes Ende. - Singt. Denn traut lieb Fränzel ist all meine Lust - LAERTES Schwermut und Trauer, Leid, die Hölle selbst Macht sie zur Anmut und zur Artigkeit. OPHELIA singt. Und kommt er nicht mehr zurück? Und kommt er nicht mehr zurück? Er ist tot, o weh! In dein Todesbett geh, Er kommt ja nimmer zurück. Sein Bart war so weiß wie Schnee, Sein Haupt dem Flachse gleich: Er ist hin, er ist hin, Und kein Leid bringt Gewinn; Gott helf ihm ins Himmelreich! Und allen Christenseelen! Darum bet ich! Gott sei mit euch. Ab. LAERTES Seht Ihr das? O Gott! KÖNIG Laertes, laßt mit Euerm Gram mich sprechen, Versagt mir nicht mein Recht. Entfernt Euch nur, Wählt die verständigsten von Euren Freunden Und laßt sie richten zwischen Euch und mir. Wenn sie zunächst Uns, oder mittelbar, Dabei betroffen finden, wollen Wir Reich, Krone, Leben, was nur Unser heißt, Euch zur Vergütung geben; doch wo nicht, So seid zufrieden, Uns Geduld zu leihn; Wir wollen dann, vereint mit Eurer Seele, Sie zu befriedigen trachten. LAERTES                               Ja, so sei's. Die Todesart, die heimliche Bestattung, Kein Schwert noch Wappen über seiner Gruft, Kein hoher Brauch noch förmliches Gepräng, Alles ruft laut vom Himmel bis zur Erde, Daß ichs zur Frage ziehn muß. KÖNIG                                Gut, das sollt Ihr, Und wo die Schuld ist, mag das Strafbeil fallen. Ich bitt Euch, folget mir! Alle ab. SECHSTE SZENE Ein andres Zimmer im Schlosse Horatio und ein Diener treten auf. HORATIO Was sinds für Leute, die mich sprechen wollen? DIENER Matrosen, Herr; sie haben, wie sie sagen, Euch Briefe zu bestellen. HORATIO                             Laßt sie vor! Diener ab. Ich wüßte nicht, von welchem Teil der Welt Ein Gruß mir käme als vom Prinzen Hamlet. Matrosen kommen. ERSTER MATROSE Gott segn Euch, Herr! HORATIO                         Dich segn er ebenfalls. ERSTER MATROSE Das wird er, Herr, so es ihm gefällt. Hier ist ein Brief für Euch, Herr - er kommt von dem Gesandten, der nach England reisen sollte -, wenn Euer Name Horatio ist, wie man mir versichert. HORATIO liest. Horatio, wenn Du dies durchgesehn haben wirst, verschaffe diesen Leuten Zutritt beim Könige; sie haben Briefe für ihn. Wir waren noch nicht zwei Tage alt auf See, als ein stark gerüsteter Pirat Jagd auf uns machte. Da wir uns im Segeln zu langsam fanden, legten wir eine notgedrungene Tapferkeit an, und während des Handgemenges enterte ich; in dem Augenblick machten sie sich von unserm Schiffe los, und so wand ich allein ihr Gefangner. Sie haben mich wie barmherzige Diebe behandelt, aber sie wußten wohl, was sie taten; ich muß einen guten Streich für sie tun. Sorge, daß der König die Briefe bekommt, die ich sende, und begib Dich zu mir in solcher Eile, als Du den Tod fliehen würdest. Ich habe Dir Worte ins Ohr zu sagen, die Dich stumm machen werden, doch sind sie viel zu leicht für das Gewicht der Sache. Diese guten Leute werden Dich hinbringen, wo ich bin. Rosenkranz und Güldenstern setzen ihre Reise nach England fort; über sie hab ich Dir viel zu sagen. Lebe wohl! Den Du als den Deinen kennst, Hamlet.     Kommt, ich will diese eure Briefe fördern,     Und um so schneller, daß ihr hin mich führt     Zu ihm, der sie euch mitgab. Alle ab. SIEBENTE SZENE Ein andres Zimmer im Schlosse Der König und Laertes treten auf. KÖNIG Nun muß doch Eur Gewissen meine Unschuld Versiegeln, und Ihr müßt in Euer Herz Als Freund mich schließen, weil Ihr habt gehört, Und mit verständigem Ohr, daß eben der, Der Euren edlen Vater umgebracht, Mir nach dem Leben stand. LAERTES                            So ists. Doch sagt mir, Warum belangtet Ihr nicht diese Taten, Die so verbrecherisch und todeswürdig, Wie Eure Größe, Weisheit, Sicherheit, Wie alles sonst Euch drang? KÖNIG                              Aus zwei besondern Gründen, Die Euch vielleicht sehr marklos dünken mögen, Allein für mich doch stark sind. Seine Mutter, Die Königin, lebt fast von seinem Blick, Und was mich selbst betrifft - sei's, was es sei, Entweder meine Tugend oder Qual - Sie ist mir so vereint in Seel und Leben: Wie sich der Stern in seinem Kreis nur regt, Könnt ichs nicht ohne sie. Der andre Grund, Warum ichs nicht zur Sprache bringen durfte, Ist, daß der große Hauf an ihm so hängt: Sie tauchen seine Fehl' in ihre Liebe, Die, wie der Quell, der Holz in Stein verwandelt, Aus Tadel Lob macht, so daß meine Pfeile, Zu leicht gezimmert für so scharfen Wind, Zurückgekehrt zu meinem Bogen wären Und nicht zum Ziel gelangt. LAERTES Und so verlor ich einen edlen Vater, So wand mir eine Schwester hoffnungslos Zerrüttet, deren Wert, wofern das Lob Zurückgehn darf, auf unsrer Zeiten Höhe Auffordernd stand zu gleicher Trefflichkeit. Doch kommen soll die Rache! KÖNIG Schlaft deshalb ruhig nur. Ihr müßt nicht denken, Wir wären aus so trägem Stoff gemacht, Daß Wir Gefahr am Bart Uns raufen ließen Und hielten es für Kurzweil. Ihr vernehmt Mit nächstem mehr. Ich liebte Euren Vater, Auch lieben Wir Uns selbst: das, hoff ich, wird Euch einsehn lehren - Ein Bote kommt.                        Nun? Was gibt es Neues? BOTE Herr, Briefe sinds von Hamlet; dieser da Für Eure Majestät, der für die Königin. KÖNIG Von Hamlet? Und wer brachte sie? BOTE Matrosen, heißt es, Herr; ich sah sie nicht. Mir gab sie Claudio, der vom Überbringer Sie selbst empfing. KÖNIG                       Laertes, Ihr sollt hören. - Laßt uns! Bote ab. Liest. Großmächtigster! Wisset, daß ich nackt an Euer Reich ausgesetzt bin. Morgen werde ich um Erlaubnis bitten, vor Euer königliches Auge zu treten, und dann werde ich, wenn ich Euch erst um Vergünstigung dazu ersucht, die Veranlassung meiner plötzlichen und wunderbaren Rückkehr berichten. Hamlet. Was heißt dies? Sind sie alle wieder da? Wie? Oder ists Betrug und nichts daran? LAERTES Kennt Ihr die Hand? KÖNIG                      Es sind Hamlets Züge. »Nackt«, Und in der Nachschrift hier sagt er: »Allein«. Könnt Ihr mir raten? LAERTES Ich bin ganz irr, mein Fürst. Allein er komme! Erfrischt es doch mein Herzensübel recht, Daß ichs ihm in die Zähne rücken kann: Das tatest du! KÖNIG                 Wenn es so ist, Laertes - Wie kann es nur so sein? Wie anders? -, wollt Ihr Euch von mir stimmen lassen? LAERTES                               Ja, mein Fürst, Wenn Ihr mich nicht zum Frieden stimmen wollt. KÖNIG Zu deinem Frieden. Ist er heimgekehrt, Als stutzig vor der Reis' und denkt nicht mehr Sie vorzunehmen, so beweg ich ihn Zu einem Probstück, reif in meinem Sinn, Wobei sein Fall gewiß ist; und es soll Um seinen Tod kein Lüftchen Tadel wehn, Selbst seine Mutter soll die List nicht zeihen, Nein, nenne Zufall sie! LAERTES                          Ich will Euch folgen, Herr, Und um so mehr, wenn Ihrs zu machen wüßtet, Daß ich das Werkzeug wär. KÖNIG                             So trifft sichs eben. Man hat seit Eurer Reis' Euch viel gerühmt, Und das vor Hamlets Ohr, um eine Eigenschaft, Worin Ihr, sagt man, glänzt; all Eure Gaben Entlockten ihm gesamt nicht so viel Neid Als diese eine, die nach meiner Schätzung Vom letzten Rang ist. LAERTES Und welche Gabe wär das, gnädger Herr? KÖNIG Ein bloßes Band nur um den Hut der Jugend, Doch nötig auch, denn leichte, lose Tracht Ziemt minder nicht der Jugend, die sie trägt, Als dem gesetzten Alter Pelz und Mantel Gesundheit schafft und Ansehn. - Vor zwei Monden War hier ein Ritter aus der Normandie. Ich kenne selbst die Franken aus dem Krieg, Und sie sind gut zu Pferd; doch dieser Brave Tat Zauberding'; er wuchs am Sitze fest Und lenkt' sein Pferd zu solchen Wunderkünsten, Als wär er einverleibt und halbgeartet Mit diesem wackern Tier; es überstieg So weit die Vorstellung, daß mein Erfinden Von Wendungen und Sprüngen hinter dem Zurückbleibt, was er tat. LAERTES                             Ein Normann wars? KÖNIG Ein Normann. LAERTES Lamord, bei meinem Leben! KÖNIG                            Ja, derselbe. LAERTES Ich kenn ihn wohl, er ist auch in der Tat Das Kleinod und Juwel von seinem Volk. KÖNIG Er ließ bei uns sich über Euch vernehmen Und gab Euch solch ein meisterliches Lob Für Eure Kunst und Übung in den Waffen, Insonderheit die Führung des Rapiers. Es gäb ein rechtes Schauspiel, rief er aus, Wenn wer darin sich mit Euch messen könnte. Er schwur, die Fechter seines Landes hätten Nicht sichre Hut, noch Auge, noch Geschick, Wenn Ihr sie angrifft; dieser sein Bericht Vergiftete den Hamlet so mit Neid, Daß er nichts tat als wünschen, daß Ihr schleunig Zurückkämt, um mit Euch sich zu versuchen. Nun, hieraus... LAERTES                  Was denn hieraus, gnädger Herr? KÖNIG Laertes, war Euch Euer Vater wert? Wie, oder seid Ihr gleich dem Gram im Bilde Ein Antlitz ohne Herz? LAERTES Wozu die Frage? KÖNIG                  Nicht als ob ich dächte, Ihr hättet Euren Vater nicht geliebt. Doch weiß ich, durch die Zeit beginnt die Liebe, Und seh an Proben der Erfahrung auch, Daß Zeit derselben Glut und Funken mäßigt. Im Innersten der Liebesflamme lebt Eine Art von Docht und Schnuppe, die sie dämpft; Und nichts beharrt in gleicher Güte stets, Denn Güte, die vollblütig wird, erstirbt Im eignen Allzuviel. Was man will tun, Das soll man, wenn man will; denn dies »will« wechselt Und hat so mancherlei Verzug und Schwächung, Als es nur Zungen, Hände, Fälle gibt; Dann ist dies »soll« ein prasserischer Seufzer, Der lindernd schadet. Doch zum Kern der Sache! Hamlet kommt her: was wollt Ihr unternehmen, Zu zeigen Euch als Eures Vaters Sohn In Taten mehr als Worten? LAERTES Die Kehle ihm durchschneiden in der Kirche! KÖNIG Mord sollte freilich nirgends Freistatt finden, Und Rache keine Grenzen. Doch, Laertes, Wollt Ihr dies tun, so haltet Euch zu Haus; Kommt Hamlet heim, erfährt er Eure Rückkehr. Wir lassen Eure Trefflichkeit ihm preisen Und doppelt überfirnissen den Ruhm, Den Euch der Franke gab; kurz, bringen Euch zusammen Und stellen Wetten an auf Eure Köpfe. Er, achtlos, edel, frei von allem Arg, Wird die Rapiere nicht genau besehn; So könnt Ihr leicht mit ein paar kleinen Griffen Euch eine nicht gestumpfte Klinge wählen Und ihn mit einem wohlgeführten Stoß Für Euren Vater lohnen. LAERTES                          Ich wills tun Und zu dem Endzweck meinen Degen salben. Ein Scharlatan verkaufte mir ein Mittel, So tödlich, taucht man nur ein Messer drein, Wo's Blut zieht, kann kein noch so köstlich Pflaster, Von allen Kräutern unterm Mond mit Kraft Gesegnet, das Geschöpf vom Tode retten, Das nur damit geritzt ist; mit dem Gift Will ich die Spitze meines Degens netzen, So daß es, streif ich ihn nur obenhin, Den Tod ihm bringt. KÖNIG                      Bedenken wir dies ferner, Was für Begünstigung von Zeit und Mitteln Zu unserm Ziel kann führen. Schlägt dies fehl Und blickt durch unsre schlechte Ausführung Die Absicht, so wärs besser nicht versucht; Drum muß der Plan noch eine Sichrung haben, Haltbar und wirksam, wenn sich jener nicht Bewährt. - Still, laßt mich sehn! - Auf Eure Fechtkunst Schließen wir feierliche Wetten ab - Ich habs: Wenn ihr vom Fechten heiß und durstig seid - Ihr müßt deshalb die Gänge heftger machen - Und er zu trinken fordert, soll ein Kelch Bereitstehn, der, wenn er davon nur nippt, Entging er etwa Eurem giftgen Stich, Noch unsern Anschlag sichert. [ - Aber still! Was für ein Lärm? ] Die Königin kommt.                              Nun, werte Königin? KÖNIGIN Ein Leiden tritt dem andern auf die Fersen, So schleunig folgen sie: Laertes, Eure Schwester ist ertrunken. LAERTES Ertrunken sagt Ihr? Wo? KÖNIGIN Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach Und zeigt im klaren Strom sein graues Laub, Mit welchem sie phantastisch Kränze wand Von Hahnfuß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen, Die dreiste Schäfer derber wohl benennen, Doch unsre Mädchen Toten-Mannes-Finger. Dort, als sie aufklomm, um ihr Laubgewinde An den gesenkten Ästen aufzuhängen, Zerbrach ein falscher Zweig, und nieder fielen Die rankenden Trophäen und sie selbst Ins weinende Gewässer. Ihre Kleider Verbreiteten sich weit und trugen sie Sirenen gleich ein Weilchen noch empor, Indes sie Stellen alter Weisen sang, Als ob sie nicht die eigne Not begriffe, Wie ein Geschöpf, geboren und begabt Für dieses Element. Doch lange währt' es nicht, Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken, Das arme Kind von ihren Melodien Hinunterzogen in den schlammigen Tod. LAERTES Ach, ist sie denn ertrunken? KÖNIGIN Ertrunken, ertrunken. LAERTES Zu viel des Wassers hast du, arme Schwester, Drum halt ich meine Tränen auf. Und doch Ists unsre Art; Natur hält ihre Sitte, Was Scham auch sagen mag: sind die erst fort, So ist das Weib heraus. - Lebt wohl, mein Fürst. Ich habe Flammenworte, welche gern Auflodern möchten, wenn nur diese Torheit Sie nicht ertränkte. Ab. KÖNIG                       Laßt uns folgen, Gertrud! Wie hatt ich Mühe, seine Wut zu stillen! Nun, fürcht ich, bricht dies wieder ihre Schranken: Drum laßt uns folgen. Beide ab. FÜNFTER AKT ERSTE SZENE Ein Kirchhof Zwei Totengräber kommen mit Spaten usw. ERSTER TOTENGRÄBER Soll die ein christlich Begräbnis erhalten, die vorsätzlich ihre eigne Seligkeit sucht? ZWEITER TOTENGRÄBER Ich sage dir, sie solls, mach also flugs ihr Grab. Der Totenbeschauer hat über sie gesessen und christlich Begräbnis erkannt. ERSTER TOTENGRÄBER Wie kann das sein, wenn sie sich nicht defensionsweise ertränkt hat? ZWEITER TOTENGRÄBER Nun, es ist so befunden. ERSTER TOTENGRÄBER Es muß aber se offendendo geschehn, es kann nicht anders sein. Denn dies ist der Punkt: Wenn ich mich wissentlich ertränke, so beweist es eine Handlung, und eine Handlung hat drei Stücke: sie besteht in Handeln, Tun und Verrichten: Ergel hat sie sich wissentlich ertränkt! ZWEITER TOTENGRÄBER Ei, hört doch, Gevatter Schaufler! ERSTER TOTENGRÄBER Erlaubt mir! Hier steht das Wasser: gut; hier steht der Mensch: gut! - Wenn der Mensch zu diesem Wasser geht und sich selbst ertränkt, so bleibts dabei, er mag wollen oder nicht, daß er hingeht. Merkt Euch das! Aber wenn das Wasser zu ihm kommt und ihn ertränkt, so ertränkt er sich nicht selbst. Ergel, wer an seinem eignen Tode nicht schuld ist, verkürzt sein eignes Leben nicht. ZWEITER TOTENGRÄBER Ist das Rechtens? ERSTER TOTENGRÄBER Ei freilich, nach dem Totenbeschauer-Recht. ZWEITER TOTENGRÄBER Wollt Ihr die Wahrheit wissen? Wenns kein vornehmes Fräulein gewesen wäre, so wäre sie auch nicht auf geweihtem Boden begraben. ERSTER TOTENGRÄBER Ja, da haben wirs. Und es ist doch ein Jammer, daß die großen Leute in dieser Welt mehr Aufmunterung haben, sich zu hängen und zu ersäufen, als ihre Christenbrüder. Komm, den Spaten her! Es gibt keine so alten Edelleute als Gärtner, Grabenmacher und Totengräber: sie pflanzen Adams Profession fort. ZWEITER TOTENGRÄBER War der ein Edelmann? ERSTER TOTENGRÄBER Er war der erste, der je armiert war. ZWEITER TOTENGRÄBER Ei, was wollt er! ERSTER TOTENGRÄBER Was? Bist ein Heide? Wie legst du die Schrift aus? Die Schrift sagt: Adam grub. Konnte er ohne Arme graben? Ich will dir noch eine andere Frage vorlegen; wenn du mir nicht gehörig antwortest, so bekenne - ZWEITER TOTENGRÄBER Nur zu! ERSTER TOTENGRÄBER Wer baut fester als der Maurer, der Schiffsbaumeister oder der Zimmermann? ZWEITER TOTENGRÄBER Der Galgenmacher, denn sein Gebäude überlebt an die tausend Bewohner. ERSTER TOTENGRÄBER Dein Witz gefällt mir, meiner Treu. Der Galgen tut gut; aber wie tut er gut? Er tut gut an denen, die übel tun. Nun tust du übel zu sagen, daß der Galgen stärker gebaut ist als die Kirche, also würde der Galgen an dir gut tun. Noch mal dran, frisch! ZWEITER TOTENGRÄBER Wer stärker baut als ein Maurer, ein Schiffsbaumeister oder ein Zimmermann? ERSTER TOTENGRÄBER Ja, sag mir das, und du sollst Feierabend haben. ZWEITER TOTENGRÄBER Mein Seel, nun kann ichs sagen! ERSTER TOTENGRÄBER Frisch! ZWEITER TOTENGRÄBER Sapperment, ich kanns doch nicht sagen! Hamlet und Horatio treten in einiger Entfernung auf. ERSTER TOTENGRÄBER Zerbrich dir den Kopf nicht weiter darum, der dumme Esel geht doch nicht schneller, wie du ihn auch prügeln magst, und wenn dir jemand das nächste Mal die Frage tut, antworte: der Totengräber. Die Häuser, die er baut, währen bis zum Jüngsten Tage. Geh, mach dich ins Wirtshaus und hole mir einen Schoppen Branntwein. Zweiter Totengräber ab. ERSTER TOTENGRÄBER gräbt und singt. In jungen Tagen ich lieben tät, Das dünkte mir so süß. Die Zeit - oh - zu verbringen - ah - früh und spät, Behagte mir - ah - nichts wie dies. HAMLET Hat dieser Kerl kein Gefühl von seinem Geschäft? Er gräbt ein Grab und singt dazu. HORATIO Die Gewohnheit hat es ihm zu einer leichten Sache gemacht. HAMLET So pflegt es zu sein; je weniger eine Hand verrichtet, desto zarter ist ihr Gefühl. ERSTER TOTENGRÄBER singt. Doch Alter mit dem schleichenden Tritt Hat mich gepackt mit der Faust Und hat mich weg aus dem Lande geschifft, Als hätt ich da nimmer gehaust. Wirft einen Schädel auf. HAMLET Der Schädel hatte einmal eine Zunge und konnte singen. Wie ihn der Schuft auf den Boden schleudert, als wär es der Kinnbacken Kains, der den ersten Mord beging! Dies mochte der Kopf eines Politikers sein, den dieser Esel nun überlistet; eines, der Gott den Herrn hintergehen wollte, nicht wahr? HORATIO Wohl möglich, mein Prinz. HAMLET Oder eines Hofmannes, der sagen konnte: Guten Morgen, geliebtester Prinz, wie gehts, bester Prinz! - Dies mochte der gnädige Herr der und der sein, der des gnädigen Herrn des und des Pferd lobte, wenn er es gern zum Geschenk gehabt hätte, nicht wahr? HORATIO Wohl möglich, mein Prinz. HAMLET Jaja, und nun Junker Wurm, eingefallen und mit einem Totengräberspaten um die Kinnbacken geschlagen. Das ist mir eine schöne Verwandlung; wenn wir nur die Kunst besäßen, sie zu sehen. Haben diese Knochen nicht mehr zu unterhalten gekostet, als daß man Kegel mit ihnen spielt? Meine tun mir weh, wenn ich daran denke. ERSTER TOTENGRÄBER singt. Eine Spitzhack und ein Spaten wohl, Samt einem Kittel aus Lein Und oh, eine Grube gar tief und hohl Für solchen Gast muß sein. Wirft einen Schädel auf. HAMLET Da ist wieder einer. Warum könnte das nicht der Schädel eines Rechtsgelehrten sein? Wo sind nun seine Klauseln, seine Praktiken, seine Fälle und seine Kniffe? Warum leidet er nun, daß dieser grobe Flegel ihn mit einer schmutzigen Schaufel um den Hirnkasten schlägt, und droht nicht, ihn wegen Tätlichkeiten zu belangen? Hum! Dieser Geselle war vielleicht zu seiner Zeit ein großer Käufer von Ländereien, mit seinen Hypotheken, seinen Grundzinsen, seinen Kaufbriefen, seinen Gewährsmännern, seinen gerichtlichen Auflassungen. Ist dies nun der Kauf seiner Käufe und der prächtigste Bodenerwerb, daß er seine prächtige Hirnschale voll prächtigem Dreck hat? Werden ihm seine Gewährsmänner nicht mehr von seinen erkauften Göttern gewähren als die Länge und Breite von ein paar Kontraktsdokumenten? Sogar die Übertragungsurkunden seiner Ländereien könnten kaum in diesem Kasten liegen; und soll der Eigentümer selbst nicht mehr Raum haben? He? HORATIO Nicht ein Tüttelchen mehr, mein Prinz. HAMLET Wird nicht Pergament aus Schafsfellen gemacht? HORATIO Ja, mein Prinz, und aus Kalbsfellen auch. HAMLET Schafe und Kälber sind es, die darin ihre Sicherheit suchen. Ich will diesen Burschen anreden. - Wessen Grab ist das? Heda! ERSTER TOTENGRÄBER Meines, Herr. Singt. Und oh, eine Grube gar tief und hohl Für solchen Gast muß sein. HAMLET Ich glaube wahrhaftig, daß es deines ist, denn du liegst darin. ERSTER TOTENGRÄBER Ihr liegt draußen, Herr, und also ists nicht Eures; ich liege nicht darin, und doch ist es meines. HAMLET Du lügst darin, weil du darin bist und sagst, daß es deines ist. Es ist aber für die Toten, nicht für die Lebendigen; also lügst du. ERSTER TOTENGRÄBER 's ist eine lebendige Lüge, Herr, sie will von mir weg, zu Euch zurück. HAMLET Für was für einen Mann gräbst du es? ERSTER TOTENGRÄBER Für keinen Mann. HAMLET Für was für eine Frau denn? ERSTER TOTENGRÄBER Auch für keine. HAMLET Wer soll denn darin begraben werden? ERSTER TOTENGRÄBER Eine gewesene Frau, Herr; aber Gott hab sie selig, sie ist tot. HAMLET Wie eigensinnig der Bursch ist! Wir müssen nach der Schnur sprechen, oder er sticht uns mit Silben zu Tode. Wahrhaftig, Horatio, ich habe seit diesen drei Jahren darauf geachtet: das Zeitalter wird so spitzfindig, daß der Bauer dem Hofmann auf die Fersen tritt. - Wie lange bist du schon Totengräber? ERSTER TOTENGRÄBER Von allen Tagen im Jahre kam ich just den Tag dazu, da unser voriger König Hamlet den Fortinbras überwand. HAMLET Wie lange ist das her? ERSTER TOTENGRÄBER Wißt Ihr das nicht? Das weiß jeder Narr. Es war denselben Tag, wo der junge Hamlet geboren ward, der nun toll geworden und nach England geschickt ist. HAMLET Ei so! Warum haben sie ihn nach England geschickt? ERSTER TOTENGRÄBER Nu, weil er toll war. Er soll seinen Verstand da wiederkriegen; und wenn er ihn nicht wiederkriegt, so tuts da nicht viel. HAMLET Warum? ERSTER TOTENGRÄBER Man wirds ihm da nicht viel anmerken; die Leute sind da ebenso toll wie er. HAMLET Wie wurde er toll? ERSTER TOTENGRÄBER Seltsam genug, sagen sie. HAMLET Wie, seltsam? ERSTER TOTENGRÄBER Mein Seel, just dadurch, daß er den Verstand verlor. HAMLET Kennt Ihr den Grund? ERSTER TOTENGRÄBER Freilich, dänischer Grund und Boden. Ich bin hier seit dreißig Jahren Totengräber gewesen, in jungen und alten Tagen. HAMLET Wie lange liegt wohl einer in der Erde, eh er verfault? ERSTER TOTENGRÄBER Mein Treu, wenn er nicht schon vor dem Tode verfault ist, wie wir denn heutzutage viele lustsieche Leichen haben, die kaum bis zum Hineinlegen halten, so dauert er Euch ein acht bis neun Jahr aus; ein Lohgerber neun Jahre. HAMLET Warum der länger als ein andrer? ERSTER TOTENGRÄBER Ei; Herr, sein Gewerbe gerbt ihm das Fell so, daß es eine lange Zeit das Wasser abhält, und das Wasser richtet so 'ne Blitzleiche verteufelt zugrunde. Hier ist ein Schädel, der Euch dreiundzwanzig Jahre in der Erde gelegen hat. HAMLET Wem gehört er? ERSTER TOTENGRÄBER Einem unklugen Blitzkerl. Wer denkt Ihr, daß es war? HAMLET Ja, ich weiß nicht. ERSTER TOTENGRÄBER Das Wetter über den unklugen Schalk! Er goß mir einmal eine Flasche Rheinwein über den Kopf. Dieser Schädel da war Yoricks Schädel, des Königs Spaßmacher. HAMLET Dieser? [ Nimmt den Schädel. ] ERSTER TOTENGRÄBER Ja, ja, eben der. HAMLET Laß mich sehen. Nimmt den Schädel. Ach armer Yorick! - Ich kannte ihn, Horatio; ein Bursch von unendlichem Humor, voll von den herrlichsten Einfällen. Er hat mich tausendmal auf dem Rücken getragen, und jetzt, wie schaudert meiner Einbildungskraft davor! Mir wird ganz übel. Hier hingen diese Lippen, die ich geküßt habe, ich weiß nicht wie oft. Wo sind nun deine Schwänke? Deine Sprünge? Deine Lieder, deine Blitze von Lustigkeit, wobei die ganze Tafel in Lachen ausbrach? Ist jetzt keiner da, der sich über dein eigenes Grinsen aufhielte? Alles weggeschrumpft? Nun begib dich in die Kammer der gnädigen Frau und sage ihr, wenn sie auch einen Finger dick auflegt: so'n Gesicht muß sie endlich bekommen; mach sie damit lachen! - Sei so gut, Horatio, sage mir dies eine! HORATIO Und was, mein Prinz? HAMLET Glaubst du, daß Alexander in der Erde solchergestalt aussah? HORATIO Geradeso. HAMLET Und so roch? Pah! Wirft den Schädel weg. HORATIO Geradeso, mein Prinz. HAMLET Zu was für schnöden Bestimmungen wir kommen, Horatio! Warum sollte die Einbildungskraft nicht den edlen Staub Alexanders verfolgen können, bis sie ihn findet, wo er ein Spundloch verstopft? HORATIO Die Dinge so betrachten hieße sie allzu genau betrachten. HAMLET Nein, wahrhaftig, im geringsten nicht. Man könnte ihm bescheiden genug dahin folgen und sich immer von der Wahrscheinlichkeit führen lassen. Zum Beispiel so: Alexander starb, Alexander ward begraben. Alexander verwandelte sich in Staub; der Staub ist Erde; aus Erde machen wir Lehm; und warum sollte man nicht mit dem Lehm, worein er verwandelt ward, ein Bierfaß stopfen können? Der große Cäsar, tot und Lehm geworden, Verstopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden. O daß die Erde, der die Welt gebebt, Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt! Doch still, doch still, beiseit! Hier kommt der König! Priester usw. kommen in Prozession; die Leiche der Ophelia; Laertes und Leidtragende folgen ihr; der König, die Königin, ihr Gefolge usw. Die Königin, der Hof - wem folgen sie? Und mit so unvollständgen Feierlichkeiten? Ein Zeichen, daß die Leiche, der sie folgen, Verzweiflungsvolle Hand an sich gelegt. Sie war von Stande; lauern wir ein Weilchen Und geben acht. Zieht sich mit Horatio zurück. LAERTES Was für Gebräuche sonst? HAMLET                            Das ist Laertes, Ein edler junger Mann. Gebt acht! LAERTES Was für Gebräuche sonst? ERSTER PRIESTER Wir dehnten ihr Begräbnis aus, soweit Die Vollmacht reicht; ihr Tod war zweifelhaft, Und wenn kein Machtgebot die Ordnung hemmte, So hätte sie in ungeweihtem Grund Bis zur Gerichtsdrommete wohnen müssen. Statt christlicher Gebete sollten Scherben Und Kieselstein auf sie geworfen werden. Hier gönnt man ihr doch ihren Mädchenkranz Und das Bestreun mit jungfräulichen Blumen, Geläut und Grabstätt. LAERTES So darf nichts mehr geschehn? ERSTER PRIESTER                                 Nichts mehr geschehn. Wir würden ja der Toten Dienst entweihn, Wenn wir ein Requiem und Ruh ihr sängen Wie fromm verschiednen Seeln. LAERTES                                Legt sie ins Grab. Und aus der schönen, unbefleckten Hülle Solln Veilchen wachsen! - Harter Priester, höre: Ein Engel am Thron wird meine Schwester sein, Wenn du liegst heulend. HAMLET                          Was? Die schöne Ophelia? KÖNIGIN Blumen streuend. Süßes der Süßen. Lebe wohl! - Ich hoffte, Du solltest meines Hamlet Gattin sein. Dein Brautbett, dacht ich, süßes Kind, zu schmücken, Nicht zu bestreun dein Grab. LAERTES                               O dreifach Wehe Treff zehnmal dreifach das verfluchte Haupt, Des Untat deiner sinnigen Vernunft Dich hat beraubt! - Laßt noch die Erde weg, Bis ich sie nochmals in die Arme fasse! Springt in das Grab. Nun häuft den Staub auf Lebende und Tote, Bis ihr die Fläche habt zum Berg gemacht, Hoch über Pelion und das blaue Haupt Des wolkigen Olymp. HAMLET vortretend.                      Wer ists, des Gram So voll Emphase tönt? Des Wehespruch Der Sterne Lauf beschwört und macht sie stillstehn Wie schreckbefangne Hörer? - Dies bin ich, Hamlet der Däne. Springt in dar Grab. LAERTES                   Dem Teufel deine Seele! Ringt mit ihm. HAMLET Du betest schlecht. Ich bitt dich, laß die Hand von meiner Gurgel; Denn ob ich schon nicht jäh und heftig bin, So ist doch was Gefährliches in mir, Das ich zu scheun dir rate. Weg die Hand! KÖNIG Reißt sie doch voneinander! KÖNIGIN                              Hamlet! Hamlet! ALLE Ihr Herren! HORATIO              Bester Herr, seid ruhig! Einige vom Gefolge bringen sie auseinander, und sie kommen aus dem Grabe hervor HAMLET Ja, diese Sache fecht ich aus mit ihm, So lang, bis meine Augenlider sinken. KÖNIGIN O mein Sohn, welche Sache? HAMLET Ich liebt Ophelien, vierzigtausend Brüder Mit ihrem ganzen Maß von Liebe machten Nicht meine Summ. - Was willst du für sie tun? KÖNIG Er ist verrückt, Laertes. KÖNIGIN Um Gottes willen, laßt ihn! HAMLET Beim Element, sag, was du tun willst: Willst weinen? Fechten? Fasten? Dich zerreißen? Willst Essig trinken? Krokodile essen? Ich tu's. Kommst du zu winseln her? Springst, um mir Trotz zu bieten, in ihr Grab? Laß dich mit ihr begraben, ich wills auch; Und schwatzest du von Bergen, laß auf uns Millionen Hufen werfen, bis der Boden, Die Scheitel an der glühnden Zone sengend, Den Ossa macht zur Warze. Prahlst du groß, Ich kanns so gut wie du. KÖNIGIN                           Dies ist bloß Wahnsinn; So tobt der Anfall eine Weil in ihm, Doch gleich, geduldig wie das Taubenweibchen, Wenn sie ihr goldnes Paar hat ausgebrütet, Senkt seine Ruh die Flügel. HAMLET                              Hört doch, Herr! Was ist der Grund, daß Ihr mir so begegnet? Ich liebt Euch immer; doch es macht nichts aus. Laßt Herkules selbst nach Vermögen tun, Die Katze maut, der Hund will doch nicht ruhn. Ab. KÖNIG Ich bitte dich, Horatio, geh ihm nach! - Horatio ab. Zu Laertes. Laertes, unser gestriges Gespräch Muß die Geduld Euch stärken. Wir betreiben Indessen schnell die Sache. - Gute Gertrud, Setzt eine Wache über Euren Sohn! - Dies Grab soll ein lebendig Denkmal haben. Bald werden wir der Ruhe Stunde sehn, So lang muß alles mit Geduld geschehn. Alle ab. ZWEITE SZENE Ein Saal im Schlosse Hamlet und Horatio treten auf. HAMLET Hievon genug; nun komm ich auf das andre. Erinnert Ihr Euch jeden Umstands noch? HORATIO Erinnern, gnädiger Herr! HAMLET In meiner Brust war eine Art von Kampf, Der mich nicht schlafen ließ; mich dünkt', ich läge Noch schlimmer als im Stock die Meutrer. Rasch - Und dank dem raschen Mute! Laßt uns einsehn, Daß Unbesonnenheit uns manchmal dient, Wenn tiefe Pläne scheitern, und das lehr uns, Daß eine Gottheit unsre Zwecke formt, Wie wir sie auch entwerfen. HORATIO                              Sehr gewiß. HAMLET Aus meinem Schlafgemach, Den Schiffermantel umgeworfen, tappte Im Dunkeln ich nach ihnen, fand sie glücklich, Griff ihr Paket und zog mich schließlich wieder Zurück in die Kajüte; meine Furcht Vergaß die Schicklichkeit, und dreist erbrach Ich ihren höchsten Auftrag. Hier, Horatio, Fand ich ein königliches Schurkenstück: Ein streng Geheiß, gespickt mit vielen Gründen, Betreffend Dänmarks Heil und Englands auch, Und, heida, solch ein Spuk, wenn ich entkäme, Daß gleich auf Sicht, ohn alle Zögerung, Auch nicht so lang, um nur das Beil zu schärfen, Das Haupt mir abgeschlagen werden sollte. HORATIO Ists möglich? HAMLET Hier ist der Auftrag; lies ihn nur bei Muße. Doch willst du hören, wie ich nun verfuhr? HORATIO Ja, ich ersuch Euch drum. HAMLET So rings umstrickt mit Bübereien, fing, Eh ich noch den Prolog dazu gehalten, Mein Kopf das Spiel schon an. Ich setzte mich, Sann einen Auftrag aus, schrieb ihn ins reine, Ich hielt es einst wie unsre großen Herrn Für niedrig, schön zu schreiben, und bemühte Mich sehr, es zu verlernen; aber jetzt Tat es mir Ritterdienste. Willst du wissen, Was meine Schrift enthielt? HORATIO                             Ja, bester Herr. HAMLET Die ernstlichste Beschwörung von dem König, Wofern ihm England treu die Lehnspflicht hielte, Wofern ihr Bund blühn sollte wie die Palme, Wofern der Fried in seinem Ährenkranz Stets beider Freundschaft bindend sollte stehn, Und manchem wichtigen Wofern der Art, Wenn er den Inhalt dieser Schrift ersehn, Möcht er ohn alles fernere Bedenken Die Überbringer schnell zum Tode fördern, Selbst ohne Frist zum Beichten. HORATIO                                  Und wie versiegelt? HAMLET Auch darin war des Himmels Vorsicht wach. Ich hatt im Beutel meines Vaters Petschaft, Das dieses dänschen Siegels Muster war. Ich faltete den Brief dem andern gleich, Dann unterschrieb ich, drückte drauf das Siegel, Legt ihn an seinen Ort. Der Wechselbalg Ward nicht erkannt. Am nächsten Tage nun War unser Seegefecht, und was dem folgte, Das weißt du schon. HORATIO Und Güldenstern und Rosenkranz gehn drauf. HAMLET Ei, Freund, sie buhlten ja um dies Geschäft. Sie rühren mein Gewissen nicht; ihr Fall Entspringt aus ihrer eignen Einmischung. 's ist mißlich, wenn die schlechtere Natur Sich zwischen die entbrannten Degenspitzen Von mächtigen Gegnern stellt. HORATIO                                Was für ein König! HAMLET Was dünkt dir, liegts mir jetzo nah genug? Der meinen König totschlug, meine Mutter Zur Hure machte, zwischen die Erwählung Und meine Hoffnungen sich eingedrängt, Die Angel warf nach meinem eignen Leben Mit solcher Hinterlist: ists nicht vollkommen billig, Mit diesem Arme dem den Lohn zu geben? Und ist es nicht Verdammnis, diesen Krebs An unserm Fleisch noch länger nagen lassen? HORATIO Ihm muß von England bald gemeldet werden, Wie dort der Ausgang des Geschäftes ist. HAMLET Bald wirds geschehn; die Zwischenzeit ist mein. Ein Menschenleben ist, als zählt man »eins«. Doch ich bin sehr bekümmert, Freund Horatio, Daß mit Laertes ich mich selbst vergaß, Denn in dem Bilde meiner Sache seh ich Der seinen Gegenstück. Ich will Versöhnung. Doch wirklich, seines Schmerzes Prahlerei Empörte mich zu wilder Leidenschaft. HORATIO Still doch! Wer kommt? Osrick kommt. OSRICK Willkommen Eurer Hoheit hier in Dänemark! HAMLET Ich dank Euch ergebenst, Herr. - Kennst du diese Mücke? HORATIO Nein, bester Herr. HAMLET Um so besser ist für dein Heil gesorgt, denn es ist ein Laster, ihn zu kennen. Er besitzt viel und fruchtbares Land; wenn ein Tier Fürst der Tiere ist, so wird seine Krippe neben des Königs Gedeck stehn. Er ist eine Elster, aber, wie ich dir sagte, mit weitläufigen Besitzungen von Kot gesegnet. OSRICK Geliebtester Prinz, wenn Eure Hoheit Muße hätte, so wünschte ich Euch etwas von Seiner Majestät mitzuteilen. HAMLET Ich will es mit aller Aufmerksamkeit empfangen, Herr. Eure Mütze an ihre Stelle; sie ist für den Kopf. OSRICK Ich danke Eurer Hoheit, es ist sehr heiß. HAMLET Nein, auf mein Wort, es ist sehr kalt; der Wind ist nördlich. OSRICK Es ist ziemlich kalt, in der Tat, mein Prinz. HAMLET Aber doch dünkt mich, es ist ungemein schwül und heiß für mein Temperament - OSRICK Außerordentlich, gnädiger Herr, es ist sehr schwül - auf gewisse Weise - ich kann nicht sagen wie. Gnädiger Herr, Seine Majestät befahl mir, Euch wissen zu lassen, daß er eine große Wette auf Euren Kopf angestellt hat. Die Sache ist folgende, Herr: - HAMLET Ich bitte Euch, vergeßt nicht! Hamlet nötigt ihn, den Hut aufzusetzen. OSRICK Erlaubt mir, wertester Prinz, zu meiner eigenen Bequemlichkeit. Vor kurzem, Herr, ist Laertes hier an den Hof gekommen - auf meine Ehre, ein vollkommner Kavalier, von den vortrefflichsten Auszeichnungen, von einer sehr gefälligen Unterhaltung und glänzendem Äußern. In der Tat, um mit Sinn von ihm zu sprechen, er ist die Musterkarte der feinen Lebensart; denn Ihr werdet in ihm den Inbegriff aller Gaben finden, die ein Kavalier nur wünschen kann zu sehn. HAMLET Seine Erörterung, Herr, leidet keinen Verlust in Eurem Munde, ob ich gleich weiß, daß es die Rechenkunst des Gedächtnisses irremachen würde, ein vollständiges Verzeichnis seiner Eigenschaften aufzustellen. Und doch würde es nicht geraden Kurs halten, in Rücksicht seiner behenden Fahrt. Aber im heiligsten Ernste der Lobpreisung, ich halte ihn für einen Geist von großem Umfange und seine innere Begabung so köstlich und selten, daß, um uns wahrhaft über ihn auszudrücken, nur sein Spiegel seinesgleichen ist, und wer sonst seiner Spur nachgehen will, sein Schatten, nichts weiter. OSRICK Eure Hoheit spricht ganz untrüglich von ihm. HAMLET Der Betreff, Herr? Warum lassen wir den rauhen Atem unsrer Rede über diesen Kavalier gehen? OSRICK Prinz? HORATIO Ist es nicht möglich, uns in einer andern Sprache zu verständigen? Ihr könnt das gewiß, Herr. HAMLET Was bedeutet die Nennung dieses Kavaliers? OSRICK Des Laertes? HORATIO Sein Beutel ist schon leer; alle seine goldnen Worte sind ausgegeben. HAMLET Ja, des nämlichen. OSRICK Ich weiß, Ihr seid nicht ununterrichtet - HAMLET Ich wollte, Ihr wüßtet es, Herr, ob es mich gleich, bei meiner Ehre, noch nicht sehr empfehlen würde. Nun wohl, Herr! OSRICK Ihr seid nicht ununterrichtet, welche Vollkommenheit Laertes besitzt - HAMLET Ich darf mich dessen nicht rühmen, um mich nicht mit ihm an Vollkommenheit zu vergleichen; einen andern Mann aus dem Grunde kennen, hieße sich selbst kennen. OSRICK Ich meine, Herr, was die Führung der Waffen betrifft; nach der Beimessung, die man ihm erteilt, ist er darin ohnegleichen. HAMLET Was ist seine Waffe? OSRICK Degen und Stoßklinge. HAMLET Das wären dann zweierlei Waffen; doch weiter. OSRICK Der König, Herr, hat mit ihm sechs Berberhengste gewettet, wogegen er, wie ich höre, sechs französische Degen samt Zubehör, als Gürtel, Gehenke und so weiter, verpfändet hat. Drei von den Gestellen sind in der Tat dem Auge sehr gefällig, den Gefäßen sehr angemessen, unendlich zierliche Gestelle und von sehr geschmackvoller Erfindung. HAMLET Was nennt Ihr die Gestelle? HORATIO Ich wußte, Ihr würdet Euch noch an seinen Randglossen erbauen müssen, ehe das Gespräch zu Ende wäre. OSRICK Die Gestelle sind die Gehenke. HAMLET Der Ausdruck würde schicklicher für die Sache sein, wenn wir eine Kanone an der Seite führen könnten; bis dahin laßt es immer Gehenke bleiben. Aber weiter: sechs Berberhengste gegen sechs französische Degen, ihr Zubehör, und drei geschmackvoll erfundene Gestelle: das ist eine französische Wette gegen eine dänische. Weswegen haben sie dies verpfändet, wie Ihrs nennt? OSRICK Der König, Herr, hat gewettet, daß Laertes in zwölf Stößen von beiden Seiten nicht über drei vor Euch voraushaben soll; er hat auf zwölf gegen neun gewettet; und es würde sogleich zum Versuch kommen, wenn Eure Hoheit zu der Erwiderung geneigt wäre. HAMLET Wenn ich nun erwidre: nein? OSRICK Ich meine, gnädiger Herr, die Stellung Eurer Person zu dem Versuche. HAMLET Ich will hier im Saale auf und ab gehen; wenn es Seiner Majestät gefällt: es ist jetzt bei mir die Stunde, frische Luft zu schöpfen. Laßt die Rapiere bringen; hat Laertes Lust und bleibt der König bei seinem Vorsatze, so will ich für ihn gewinnen, wenn ich kann; wo nicht, so werde ich nichts als die Schande und die überzähligen Stöße davontragen. OSRICK Soll ich Eure Meinung so erklären? HAMLET In diesem Sinne, Herr, mit Ausschmückungen nach Eurem Geschmack. OSRlCK Ich empfehle Eurer Hoheit meine Ergebenheit. [ Ab. ] HAMLET Der Eurige. - Osrick geht ab. Er tut wohl daran, sie selbst zu empfehlen; es möchte ihm sonst kein Mund zu Gebote stehn. HORATIO Dieser Kiebitz ist mit der halben Eierschale auf dem Kopfe aus dem Nest gelaufen. HAMLET Er machte Umstände mit seiner Mutter Brust, ehe er daran sog. Auf diese Art hat er, und viele andere von demselben Schlage, in die das schale Zeitalter verliebt ist, nur den Ton der Mode und den äußerlichen Schein der Unterhaltung erhascht, eine Art von Schaumansammlung, die sie weiterträgt, und zwar durch die tiefsten und gesiebtesten Beurteilungen hindurch; aber man puste sie nur zu näherer Prüfung an, und die Blasen platzen. Ein Edelmann kommt. EDELMANN Gnädiger Herr, Seine Majestät hat sich Euch durch den jungen Osrick empfehlen lassen, der ihm meldet, daß Ihr ihn im Saale erwarten wollt. Er schickt mich, um zu fragen, ob Eure Lust, mit Laertes zu fechten, fortdauert, oder ob Ihr längern Aufschub dazu verlangt. HAMLET Ich bleibe meinen Vorsätzen treu, sie richten sich nach des Königs Wunsche. Wenn es ihm gelegen ist, bin ich bereit, jetzt oder zu jeder andern Zeit; vorausgesetzt, daß ich so gut imstande bin wie jetzt. EDELMANN Der König, die Königin und alle sind auf dem Wege hierher. HAMLET In Gottes Namen. EDELMANN Die Königin wünscht, Ihr möchtet den Laertes freundschaftlich anreden, ehe Ihr anfangt zu fechten. HAMLET Ihr Rat ist gut. Der Edelmann ab. HORATIO Ihr werdet diese Wette verlieren, mein Prinz. HAMLET Ich denke nicht. Seit er nach Frankreich ging, bin ich in beständiger Übung geblieben; ich werde bei der ungleichen Wette gewinnen. Aber du kannst dir nicht vorstellen, wie übel es mir hier ums Herz ist. Doch es tut nichts. HORATIO Nein, bester Herr - HAMLET Es ist nur Torheit; aber es ist eine Art von schlimmer Ahnung, die vielleicht ein Weib ängstigen würde. HORATIO Wenn Eurem Gemüt irgend etwas widersteht, so gehorcht ihm; ich will ihrer Ankunft zuvorkommen und sagen, daß Ihr nicht aufgelegt seid. HAMLET Nein, ja nicht! Ich trotze allen Vorbedeutungen; es waltet eine besondere Vorsehung über den Fall eines Sperlings. Geschieht es jetzt, so geschieht es nicht in Zukunft; geschieht es nicht in Zukunft, so geschieht es jetzt; geschieht es jetzt nicht, so geschieht es doch einmal in Zukunft. In Bereitschaft sein ist alles. Da kein Mensch besitzt, was er verläßt, was kommts darauf an, frühzeitig zu verlassen? Mags sein! Der König, die Königin, Laertes, Herren vom Hofe, Osrick und anderes Gefolge mit Rapieren usw. KÖNIG Kommt, Hamlet, kommt! Nehmt diese Hand von mir! Der König legt die Hand des Laertes in die des Hamlet. HAMLET Gewährt Verzeihung, Herr! Ich tat Euch unrecht; Allein verzeiht um Eurer Ehre willen! Der Kreis hier weiß, Ihr hörtets auch gewiß, Wie ich mit schwerem Trübsinn bin geplagt. Was ich getan, Das die Natur in Euch, die Ehr und Sitte Hart aufgeregt, erklär ich hier für Wahnsinn. Wars Hamlet, der Laertes kränkte? Nein! Wenn Hamlet von sich selbst geschieden ist Und, weil er nicht er selbst, Laertes kränkt, Dann tut es Hamlet nicht; Hamlet verleugnets. Wer tut es denn? Sein Wahnsinn. Ist es so, So ist er ja auf der gekränkten Seite: Sein Wahnsinn ist des armen Hamlets Feind. Vor diesen Zeugen, Herr, Laßt mein Verleugnen aller schlimmen Absicht So weit vor Eurer Großmut frei mich sprechen, Als ich den Pfeil nur sandte übers Haus Und meinen Bruder traf. LAERTES Mir ist genug geschehn für die Natur, Die mich in diesem Fall am stärksten sollte Zur Rache treiben. Doch nach Ehrenrechten Halt ich mich fein und weiß nichts von Versöhnung, Bis ältre Meister von geprüfter Ehre Zum Frieden ihren Rat und Spruch verleihn Für meines Namens Rettung. Bis dahin Empfang ich Eure dargebotne Liebe Als Lieb und will ihr nicht zu nahe tun. HAMLET Gern tret ich bei und will mit Zuversicht Um diese brüderliche Wette fechten. - Gebt uns Rapiere, kommt! LAERTES                           Kommt, eines mir! HAMLET Ich werd zur Zierde Eures Ruhms, Laertes; Mein Ungeschick läßt Eure Kunst erglänzen Wie tiefste Nacht die Sterne. LAERTES                                Ihr treibt Spott! HAMLET Wahrhaftig nicht! KÖNIG Gebt ihnen die Rapiere, junger Osrick. - Ihr wißt doch, Vetter Hamlet, unsre Wette? HAMLET Vollkommen: Eure Hoheit hat den Ausschlag Des Preises auf die schwächre Hand gelegt. KÖNIG Ich fürcht es nicht, ich sah euch beide sonst; Er lernte zu, drum gibt man uns voraus. LAERTES Das ist zu schwer, laßt mich ein andres sehn! HAMLET Das steht mir an. Sind alle gleicher Länge? Sie bereiten sich zum Fechten. OSRICK Ja, bester Herr! KÖNIG Setzt mir die Flaschen Wein auf diesen Tisch! Wenn Hamlet trifft zum ersten oder zweiten, Wenn er beim dritten Tausch den Stoß erwidert, Laßt das Geschütz von allen Zinnen feuern, Der König trinkt auf Hamlets Wohlsein dann, Und eine Perle wirft er in den Kelch, Mehr wert, als die vier Könige nacheinander In Dänmarks Krone trugen. Gebt die Kelche! Laßt die Trompete zu der Pauke sprechen, Die Pauke zu dem Kanonier hinaus, Zum Himmel das Geschütz, den Himmel zur Erde! Jetzt trinkt der König Hamlet zu! - Fangt an, Und ihr, ihr Richter, habt ein achtsam Auge! HAMLET Kommt, Herr! LAERTES Wohlan, mein Prinz! Sie fechten. HAMLET Eins! LAERTES Nein. HAMLET Richterspruch! OSRICK Getroffen, offenbar getroffen! LAERTES Gut, noch einmal! KÖNIG Halt! Wein her! - Hamlet, diese Perl ist dein, Hier auf dein Wohl! Trompetenstoß und Kanonenschuß hinter der Szene.                      Gebt ihm den Kelch! [ Trompetenstoß und Kanonenschüsse hinter der Szene. ] HAMLET Ich fecht erst diesen Gang, setzt ihn beiseit! - Kommt! Sie fechten.         Wiederum getroffen; was sagt Ihr? LAERTES Berührt, berührt! Ich geb es zu. KÖNIG Unser Sohn gewinnt. KÖNIGIN Er ist in Schweiß und außer Atem. - Hier Hamlet, nimm mein Tuch, reib dir die Stirn! Die Königin trinkt auf dein Glück, mein Hamlet. HAMLET Gnädige Mutter - KÖNIG Gertrud, trink nicht! KÖNIGIN Ich will es, mein Gemahl; ich bitt, erlaubt mir. KÖNIG beiseit. Es ist der giftge Kelch! Es ist zu spät! HAMLET Ich darf jetzt noch nicht trinken, gnädge Frau; Sogleich. KÖNIGIN Komm, laß mich dein Gesicht abtrocknen. LAERTES Mein Fürst, jetzt treff ich ihn. KÖNIG                                   Ich glaub es nicht. LAERTES beiseit. Und doch, beinah ists gegen mein Gewissen. HAMLET Laertes, kommt zum Dritten nun! Ihr tändelt; Ich bitt Euch, stoßt mit Eurer ganzen Kraft! Ich fürchte, daß Ihr mich zum besten habt. LAERTES Meint Ihr? Wohlan! Sie fechten. OSRICK                      Auf beiden Seiten nichts. LAERTES Jetzt seht Euch vor! Laertes verwundet den Hamlet, drauf wechseln sie in der Hitze des Gefechts die Rapiere, und Hamlet verwundet den Laertes. KÖNIG                        Trennt sie, sie sind erhitzt! HAMLET Nein, noch einmal! Die Königin sinkt um. OSRICK                     Seht nach der Königin! HORATIO Sie bluten beiderseits. - Wie stehts, mein Prinz? OSRICK Wie stehts, Laertes? LAERTES Gefangen in der eignen Schlinge, Osrick! Mich fällt gerechterweise mein Verrat. HAMLET Was ist der Königin? KÖNIG Sie fällt in Ohnmacht, weil sie bluten sieht. KÖNIGIN Nein, nein! Der Trank, der Trank! - O lieber Hamlet! Der Trank, der Trank! - Ich bin vergiftet. Sie stirbt. HAMLET O Büberei! - Ha! Laßt die Türen schließen! Verrat! Sucht, wo er steckt! Laertes fällt. LAERTES Hier, Hamlet! Hamlet, du bist umgebracht; Kein Mittel in der Welt errettet dich, In dir ist keine halbe Stunde Leben. Des Frevels Werkzeug ist in deiner Hand, Unabgestumpft, vergiftet; meine Arglist Hat sich auf mich gewendet: sieh, hier lieg ich, Nie aufzustehn - vergiftet deine Mutter - Ich kann nicht mehr - des Königs Schuld, des Königs! HAMLET Die Spitze auch vergiftet? So tu denn, Gift, dein Werk. Er ersticht den König. OSRICK und Herren vom Hofe.                               Verrat! Verrat! KÖNIG Noch helft mir, Freunde! Ich bin nur verwundet. HAMLET Hier, mördrischer, blutschändrischer, verruchter Däne! Trink diesen Trank aus! - Ist die Perle hier? Folg meiner Mutter! Der König stirbt. LAERTES                      Ihm geschieht sein Recht; Es ist ein Gift von seiner Hand gemischt. Laß uns Vergebung wechseln, edler Hamlet! Mein Tod und meines Vaters komm nicht über dich, Noch deiner über mich! Er stirbt. HAMLET                         Der Himmel mache Dich frei davon! Ich folge dir. - Horatio, Ich sterbe. - Arme Königin, fahr wohl! - Ihr, die erblaßt und bebt bei diesem Fall Und seid nur stumme Hörer dieser Handlung, Hätt ich nur Zeit - der grause Scherge Tod Verhaftet schleunig -, o ich könnt euch sagen! Doch sei es drum. - Horatio, ich bin hin; Du lebst: erkläre mich und meine Sache Den Unbefriedigten. HORATIO                      Nein, glaub das nicht. Ich bin ein alter Römer, nicht ein Däne: Hier ist noch Trank zurück. HAMLET                              Wo du ein Mann bist, Gib mir den Kelch! Beim Himmel, laß! Ich will ihn! O Gott! - Welch ein verletzter Name, Freund, Bleibt alles so verhüllt, wird nach mir leben! Wenn du mich je in deinem Herzen trugst, Verbanne noch dich von der Seligkeit Und atm in dieser herben Welt mit Müh, Um mein Geschick zu melden. - Marsch in der Ferne, Schüsse hinter der Szene. Welch kriegerischer Lärm? OSRICK Der junge Fortinbras, der siegreich eben Zurück aus Polen kehrt, gibt den Gesandten Von England diesen kriegerischen Gruß. HAMLET O ich sterbe, Horatio! Das starke Gift bewältigt meinen Geist; Ich kann von England nicht die Zeitung hören, Doch prophezei ich: Die Erwählung fällt Auf Fortinbras; er hat mein sterbend Wort! Das sagt ihm, samt den Fügungen des Zufalls, Die es dahin gebracht. - Der Rest ist Schweigen. Er stirbt. HORATIO Da bricht ein edles Herz. - Gute Nacht, mein Fürst! Und Engelscharen singen dich zur Ruh! - Weswegen naht die Trommel? Marsch hinter der Szene. Fortinbras, die englischen Gesandten und andre kommen. FORTINBRAS Wo ist dies Schauspiel? HORATIO Was ists, das Ihr zu sehn begehrt? Wenn irgend Weh oder Wunder, laßt vom Suchen ab! FORTINBRAS Dies grausige Bild schreit Mord. - O stolzer Tod, Welch Fest geht vor in deiner ewgen Zelle, Daß du auf einen Schlag so viele Fürsten So blutig trafst? ERSTER GESANDTER                    Der Anblick ist entsetzlich. Und das Geschäft von England kommt zu spät. Taub sind die Ohren, die Gehör uns sollten Verleihen, sein Befehl sei ausgeführt Und Rosenkranz und Güldenstern sei'n tot. Wo wird uns Dank? HORATIO                     Aus seinem Munde nicht, Hätt er dazu die Lebensregung auch; Er gab zu ihrem Tode nie Befehl. Doch weil so schnell nach diesem blutgen Schlage Ihr von dem Zug nach Polen, ihr aus England Hiehergekommen seid, so ordnet an, Daß diese Leichen hoch auf einer Bühne Vor aller Augen werden ausgestellt, Und laßt der Welt, die noch nicht weiß, mich sagen, Wie alles dies geschah; so sollt Ihr hören Von Taten, fleischlich, blutig, unnatürlich, Zufälligen Gerichten, blindem Mord; Von Toden, durch Gewalt und List bewirkt, Und Plänen, die verfehlt zurückgefallen Auf der Erfinder Haupt: dies alles kann ich Mit Wahrheit melden. FORTINBRAS                        Eilen wir zu hören, Und ruft die Edelsten zu der Versammlung. Was mich betrifft, mein Glück umfang ich trauernd; Ich habe alte Recht' an dieses Reich, Die anzusprechen mich mein Vorteil heißt. HORATIO Auch hievon werd ich Grund zu reden haben, Und zwar aus dessen Mund, des Stimme mehre Wird nach sich ziehen. Aber laßt uns dies Sogleich verrichten, da noch die Gemüter Der Menschen wild sind, daß kein Unheil mehr Aus Ränken und Verwirrung mög entstehen. FORTINBRAS Laßt vier Hauptleute Hamlet auf die Bühne Gleich einem Krieger tragen; denn er hätte, Wär er hinaufgelangt, unfehlbar sich Höchst königlich bewährt! Und bei dem Zug Laßt Feldmusik und alle Kriegsgebräuche Laut für ihn sprechen! Nehmt auf die Leichen! - Was wir sehen dort, Dem Schlachtfeld ziemend, schändet diesen Ort. Geht, heißt die Truppen feuern! Ein Totenmarsch. Sie gehen ab, indem sie die Leichen wegtragen; hierauf wird eine Artilleriesalve abgefeuert.