Henri Beyle - de Stendhal Bekenntnisse eines Ichmenschen Selbstbiographien, Tagebücher, Nekrologe Er lebte, schrieb, liebte Vorwort Bruchstücke einer großen Konfession – so kann man mit Recht auch die vorliegenden »Bekenntnisse eines Ichmenschen« nennen. Sie sind fragmentarisch wie Beyle-Stendhals ganzes Leben und Schaffen, nach Stimmung und Gelegenheit begonnen und wieder abgebrochen, aber gerade in diesem zwanglosen Aufnehmen und Fallenlassen, dieser unstilisierten Natürlichkeit liegt eine Gewähr für ihre Ehrlichkeit. Wie zwei große Eckpfeiler stehen am Anfang und am Schluß »Das Leben des Henri Brulard«, die Darstellung seiner Kindheit und Jugend bis zur Ankunft des Intendanturvolontars in Mailand, und die »Bekenntnisse eines Ichmenschen«, die Erinnerungen an seine reife Manneszeit, die sein Bewunderer Paul Bourget »neben Shakespeares Sonette, das » Journal intime « von Benjamin Constant, die Bekenntnisse des Hl. Augustinus und etliche andere erhabene oder sündhafte Meisterwerke von hervorragender Gefühlsverfeinerung« gestellt hat. Zwischen ihnen, die für eine spätere Veröffentlichung bestimmt waren, liegen die regellosen Massen der Tagebücher Beyles, die er nur für sich geschrieben hat, in denen er seine Erlebnisse à nu aufzeichnete, Kritik an Kunst, Literatur und Philosophie trieb, in denen er andere Menschen und vor allem sich selbst psychologisch zergliederte und nach seiner eigenen, eigenwilligen Wahrheit über Menschen und Dinge strebte. Sie sind noch mehr als seine beiden großen autobiographischen Fragmente unmittelbare Bekenntnisse, und als solche bilden sie den wichtigsten Schlüssel für das Werden seiner komplizierten und so scheu verschlossenen Persönlichkeit. Was er weder Mitlebenden noch seinen Werken anzuvertrauen wagte, sich selbst gegenüber hat er es hier offen und ohne Scham gestanden. Es gibt Künstler und Schriftsteller, die ganz in ihrem Werke verschwinden, deren Leben uns nur geringen Anteil abnötigt. Es gibt andere, deren Leben, ganz unabhängig von ihren Werken, selbst ein Kunstwerk oder ein spannender Roman ist. Werk und Leben sind zwar auch bei ihnen aufs innigste verknüpft, aber das Eigenste, Eigenartigste dieses Lebens geht doch nur mittelbar in das Werk über und wird von ihm halb verschleiert. So ist uns der Mensch Goethe heute ebenso fesselnd wie seine unsterblichen Werke; so erweckt auch der Mensch Stendhal unsere höchste Anteilnahme, selbst wenn er wenig oder gar nichts für die Öffentlichkeit bestimmt hätte. Deshalb sind seine persönlichen Aufzeichnungen von so hohem Wert für den, Seelenforscher, ganz unabhängig von seinen Werken, so sehr sie auch zu deren Verständnis beitragen. Sie sind der Niederschlag eines Lebensromans von kaleidoskopischer Buntheit, dessen Held Soldat, Handlungslehrling, Kriegskommissar, Auditor im Staatsrat und Hofmann, Europawanderer, Schriftsteller und Diplomat gewesen ist, die Beichte einer nach Paul Bourgets Wort »Essais de psychologie contemporaire«, endgültige Ausgabe (mit Nachträgen über Stendhal), Paris 1901. »verstandesscharfen, bis zur Narrheit zärtlichen, bis zur Grausamkeit ironischen, bis zur Tollkühnheit energischen und bis zur naivsten Empfindsamkeit romantischen Seele, der Seele eines Kindes, eines Soldaten und Dichters, eines Weltmannes und Einsamen, eines Freidenkers und Liebenden, kurz, der Seele eines Mannes, der im Alter über vierzig Jahren eine Romanform ohnegleichen erfand«. Es hat lange gewährt, bis der Mensch Stendhal hinter seinen Werken hervorgetreten ist, bis man ihn als solchen zu würdigen verstanden hat. Den ersten Versuch dazu machte auf Grund langjährigen persönlichen und brieflichen Verkehrs sein Freund Prosper Mérimée, der Carmendichter, in seinen » Notes et souvenirs «, die die Erstausgabe seines Briefwechsels (1855) einleiten und die im Anhang des vorliegenden Bandes wiedergegeben sind. Einen Schritt weiter tat dann Stendhals großer Schüler Hippolyte Taine, der ihn nicht mehr persönlich gekannt hat, in seiner Stendhalstudie, »Nouveaux essais de critique et d'histoire«, Paris 1866 (7. Auflage 1901). in der er Stendhal zuerst als Psychologen feierte, der »unter dem Anschein eines Causeurs oder Weltmanns die schwierigsten inneren Mechanismen erklärte, der den Finger auf die großen Triebfedern legte, der die wissenschaftliche Methode, die Kunst des Entzifferns, Zergliederns und Deduzierens, auf die Geschichte des Herzens anwandte«. Aber auch Taines geistvolle Analyse konnte nur ein Versuch sein, solange Stendhals Autobiographien und Tagebücher in seinem handschriftlichen Nachlaß schlummerten. Erst die Veröffentlichungen des nach Stendhals Vaterstadt Grenoble, dann nach Paris verschlagenen Sprachlehrers Casimir Stryienski, eines Polen jüdischer Abkunft, der nach jahrelanger mühevoller Entzifferungsarbeit der Handschriften Stendhals » Journal «, sein Tagebuch von 1801 bis 1814 (1888), die » Vie de Henri Brulard « (1890) und die » Souvenirs d' Egotisme « (1892) herausgab, schufen die Grundlagen einer psychologisch vertieften Stendhalforschung, zu einer Zeit, wo die psychologische Schulung des modernen Denkens weit genug gediehen war, um den geistigen Vorsprung Stendhals vor seinen Zeitgenossen einzuholen. Seitdem haben sich die Stendhalveröffentlichungen aller Art gehäuft. Unter ihnen nehmen neben seinen nachgelassenen Romanen »Lamiel« (1889) und »Lucian Leuwen« (1894) sowie den von mir entdeckten Novellen S. Band 3 dieser Ausgabe. vor allem das von Paul Arbelet herausgegebene » Journal d'ltalie « von 1801–1818 (1911) und die ebenfalls von Arbelet besorgte erste vollständige Ausgabe der » Vie de Henri Brulard « (1913), die Stryienski nicht restlos veröffentlicht hatte, die erste Stelle ein, daneben das Braunschweiger Tagebuch (1913) sowie die zahlreichen Briefveröffentlichungen, die uns in Band 8 beschäftigen werden. Und doch sind auch dies alles nur Bruchstücke aus der gewaltigen Hinterlassenschaft Beyles in den Bibliotheken von Grenoble und Paris, von der uns der verstorbene Adolphe Paupe eine summarische Ausstellung gegeben hat Im » Amateur des Autographes « vom November 1912, S. 329 ff. und von der ein großer Teil, darunter zahlreiche Tagebücher und autobiographische Aufzeichnungen, noch der Veröffentlichung harrt. Erst neuerdings hat die französische Stendhalforschung, die so lange ein oft rührendes Dilettantenbemühen oder eine subalterne Verhimmelung war, und die ihre stärksten Anregungen einem Zugewanderten (Stryienski) verdankt, ein ernsthaftes, wissenschaftliches Gepräge angenommen, und sie wird noch Jahrzehnte zu tun haben, um die vorhandenen Schätze zu heben. Dazu kommt, daß diese Last bei dem französischen Nationalcharakter, dem Stendhal, dieser Ausnahmefranzose, manche empfindliche Seitenhiebe versetzt hat, immer nur auf wenigen Schultern opferbereiter Männer ruhen wird, um so mehr als der Weltkrieg auch auf diesem Gebiet zu einer Stagnation des französischen Geisteslebens geführt hat, als wäre Frankreich nicht als Sieger, sondern als geistig und materiell zusammengebrochener Besiegter aus dem Völkerringen hervorgegangen. Man kann also auch heute noch von Stendhal das gleiche sagen, was Jakob Burckhardt von Leonardo da Vinci gesagt hat, daß wir die Umrisse seines Geistes bisher nur ahnen können. Immerhin ist die Fülle des ans Licht Gekommenen gegenwärtig groß genug, um ein Gesamtbild zu gewinnen. Man ist ja bei Stendhals Natur an das Fragmentarische und Problematische so gewöhnt, daß man es auch hier angesichts der Fülle des Fesselnden und Wertvollen, das darin liegt, gern hinnimmt. Es konnte nicht der Zweck dieses Bandes sein, Stendhals Autobiographien und Tagebücher mit dem ganzen Gewirr ihrer für den Forscher wertvollen Einzelheiten restlos wiederzugeben, zumal manches aus der damaligen französischen Zeitgeschichte dem heutigen deutschen Leser zu fern liegt und auch nur durch einen umständlichen Apparat von Anmerkungen lebendig zu machen wäre. Eine solche Fülle mosaikartiger Einzelheiten hätte zudem selbst den weitgespannten Rahmen dieses Bandes gesprengt und wäre für viele Leser durch ihre Breite verwirrend und ermüdend geworden. Ich habe mich daher bei dieser Zusammenstellung von ähnlichen Gesichtspunkten leiten lassen, wie bei der gekürzten Herausgabe seiner beiden italienischen Reiseschriften, »Reise in Italien« (Band 5 dieser Ausgabe) und »Wanderungen in Rom« (Band 6). indem ich veraltete oder fernliegende Einzelheiten unterdrückt und die großen Züge, die bedeutsamsten Stunden von Stendhals Leben um so stärker herausgearbeitet habe. Insbesondere das » Journal « ist stark gekürzt worden. Die zahlreichen Kritiken damaliger Bühnenwerke und Schauspielerleistungen in seinem Pariser Tagebuch sind für die Geschichte von Stendhals Geistesentwicklung gewiß von Bedeutung, gehen aber über den gesteckten Rahmen weit hinaus, nicht minder die breit ausgemalten täglichen Einzelheiten seiner aufkeimenden Liebe zu Melanie Guilbert oder – in den späteren Partien – seiner flüchtigen Liebeleien mit anderen Frauen, die sich bei dem verstümmelten Zustand ihrer Namen Ob diese schon im Urtext verstümmelt waren oder erst von Stryienski durch Anfangsbuchstaben ersetzt worden sind, ist bis zu einer wissenschaftlich zuverlässigen Ausgabe der Tagebücher nicht festzustellen, zumal die Nachprüfung der in Frankreich befindlichen Handschriften für Deutsche nahezu unmöglich geworden ist. nicht einmal mit Sicherheit feststellen lassen. Somit bildet die vorliegende Ausgabe nur Bruchstücke aus Bruchstücken, allerdings die bedeutsamsten, die bisher veröffentlicht sind. Gut die Hälfte davon erscheint hier zum erstenmal in deutscher Sprache. Neben dem » Journal « und dem » Journal d'Italie « ist es vor allem das »Braunschweiger Tagebuch«, das deutsche Leser besonders fesseln dürfte, zumal seine erste französische Veröffentlichung (1913) sich lediglich mit der Wiedergabe des Textes begnügt hat, ohne den zahlreichen, darin vorkommenden Gestalten irgendwie nachzuspüren. Durch Heranziehen der gedruckten Überlieferung wie durch Anfragen bei den Nachkommen der genannten Personen ist es mir gelungen, die Umwelt, in die der junge französische Kriegskommissar verschlagen wurde, lebendig zu machen. Einen Vorgänger habe ich hier freilich schon in dem verdienten Stendhalforscher Dr. Arthur Schurig gehabt, der zuerst den Lebensdaten von Stendhals deutschem Freunde Friedrich v. Strombeck, dessen Schwägerin Philippine v. Bülow und Stendhals platonischer deutscher Liebe, Wilhelmine v. Griesheim, nachgegangen ist, auch Briefe Stendhals an Strombeck entdeckt hat. Aufs höchste zu beklagen ist gewiß, daß das erste Braunschweiger Tagebuch, das die Anfänge seiner Liebe zu Wilhelmine enthalten muß, unwiederbringlich verloren ist: es fiel auf dem Rückzug aus Rußland mit Beyles ganzem Gepäck in die Hände der Kosaken. Strombeck selbst hat in seinen »Darstellungen aus meinem Leben und aus meiner Zeit« Braunschweig 1833, I, 267ff., II, 136f., 142ff. ein kurzes Lebensbild Beyles entworfen. »Ich darf sagen«, schreibt er, »daß wir Freundschaft für einander empfanden. Er war ein wissenschaftlich gebildeter junger Mann, bei aller echt französischen Lebhaftigkeit von einer Gutmütigkeit, die nicht übertroffen werden konnte. Fast täglich besuchte er mich, begleitete mich auf meinen Spazierritten, verweilte mit mir bisweilen auf meinem Landgute, und selbst auf meinen Harz- und Brockenfahrten war er mein Gefährte. Für den Nutzen meiner Fürstin Der Äbtissin Auguste Dorothea von Gandersheim. wachte er fast mit gleicher Sorgfalt wie ich selbst, und seine Ratschläge fand ich immer ausführbar. Ich habe ihn im Jahr 1811 zu Paris wieder gesehen, nach Napoleons Sturz noch einen Brief von ihm erhalten, nachher aber nichts mehr von diesem treuen Freunde gehört.« Die moralische Quintessenz dieses Braunschweiger Tagebuches, die Betrachtungen über die deutsche Liebe und Ehe, sind später – mit veränderten Orts- und Personennamen, um niemand bloßzustellen – in Stendhals psychologisches Werk »Über die Liebe« Band 4 dieser Ausgabe, Kap. 64. übergeflossen. Er hat stets eine Art von Bewunderung für die deutsche Liebe und Ehe bewahrt, die freilich den lockeren französischen Sitten seiner Zeit so völlig entgegengesetzt war. Ebenso bekennt er später, wie bedeutsam dieser dreijährige Aufenthalt in Deutschland und Österreich für seinen musikalischen Geschmack gewesen sei. Er selbst sollte 1814 eine freie Bearbeitung von Carpanis »Haydine« herausgeben, und noch auf seinem Grabsteinentwurf setzt er: »Quest' anima adorava Cimarosa, Mozart e Shakespeare« , d. h. seinen italienischen und deutschen Lieblingskomponisten und neben ihnen den großen Briten, der schon damals zum deutschen Nationaldichter geworden war, während Beyle selbst noch 1823 und 1825 in seinen Pamphleten »Racine und Shakespeare« den Versuch machen mußte, seinen Landsleuten für Shakespeares Größe die Augen zu öffnen. Der im Anhang (Nr. 3) mitgeteilte Brief der Philippine v. Bülow über die deutsche Musik und die (damalige) deutsche Empfindungsart zeigt, wie lebhaft der nach übernationaler Bildung strebende junge Franzose die Eindrücke der deutschen Umwelt in sich aufgenommen hat. Allerdings zeigt sein Braunschweiger Tagebuch auch das uns heute wieder geläufige traurige Bild, daß deutsche Hände es waren, die den Fremden ungünstige Bilder vom deutschen Geistesleben zeichneten. Der ganz im französischen Geschmack Friedrichs des Großen aufgewachsene alte Baron v. Bothmer ließ Beyle gegenüber kein gutes Haar an der deutschen Literatur, die doch damals gerade ihren Zenit erklomm, so daß Beyle von diesem Deutschen nur das Echo des französischen Rokokogeschmacks vernahm, den er selbst innerlich längst überwunden hatte. So glaubte er denn sogar die deutsche Literatur nach dem wenigen, was er aus Übersetzungen davon kannte, gegen Bothmer in Schutz nehmen zu müssen. Tiefer eingedrungen ist er in sie freilich nie, und wenn er gerade damals sich mehr mit dem englischen Schrifttum befaßte und zeitlebens das deutsche geringschätzig behandelt hat, so mögen dazu solche abschätzigen Urteile, wie er sie von Bothmer gehört hat, nicht weniger beigetragen haben als die Schwierigkeit des Erlernens der deutschen Sprache, die er später als »Rabengekrächz« bezeichnet hat. Vollends auf Kriegsfuß stand er sich zeitlebens mit der deutschen Philosophie, deren schwere Terminologie und metaphysische Spekulation seinem auf Klarheit dringenden und auf Empirie fußenden Geiste zu mystisch und verschwommen erschien. Insbesondere mußte ihn Kant abstoßen, vorausgesetzt, daß er ihn verstanden hat: war dessen kategorischer Imperativ der Pflicht doch das gerade Gegenteil von Beyles »egotistischer« Sittenlehre, dem »Beylismus«, der Pflichten nur gegen sich selbst und gegen Freunde anerkannte. Dagegen hat er in späteren Jahren eine große Hochachtung vor der deutschen Wissenschaft zur Schau getragen, obwohl er bei der Seltenheit von Übersetzungen wissenschaftlicher Werke nur wenig davon gelesen haben mag. Vermutlich lobte er sie nur »aufs Wort«, d. h. ihrem Rufe nach, was sonst bei ihm selten der Fall war, aber es mag ihm ein boshaftes Vergnügen bereitet haben, die Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit der deutschen Wissenschaft gegen die Oberflächlichkeit der (damaligen) französischen auszuspielen. So schreibt er in den »Wanderungen in Rom«: Band 6 dieser Ausgabe, S. 131 f. (4. März 1828). »In Wahrheit findet man wahre Wissenschaft nur jenseits des Rheins. D. h. von Frankreich aus. In Paris druckt man heute frischweg, was man gestern gelernt hat.« Daß Stendhal damit bedeutenden französischen Gelehrten, wie Cuvier, Ampère, Arago, mit denen er damals persönlich verkehrte, Unrecht tat, bedarf kaum des Hinweises. Einen wirklich tiefen Eindruck haben ihm nur A. W. Schlegels »Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur« (1805–11) hinterlassen, die er 1813 in französischer Übersetzung S. »Correspondance« I, 409ff. kennen lernte. Dies Buch hat ihn im Verein mit der Beeinflussung durch die Mailänder Romantik (in den Jahren 1815–21), die sich gleichfalls an deutschen Quellen inspiriert hatte, zum ersten Theoretiker der nachhinkenden französischen Romantik gemacht, als deren Vorkämpfer er in seinen bereits genannten Pamphleten »Racine und Shakespeare« aufgetreten ist. S. »Reise in Italien«, Einleitung, S. XXXIVff. Am meisten versündigt hat Stendhal sich durch oberflächliche und schiefe Urteile an Deutschlands größtem Geist, Goethe, obwohl gerade er mit ihm zahlreiche Berührungspunkte hatte: in seinem sinnenfrohen Realismus, seinem Glauben an die Persönlichkeit, seiner Bewunderung Napoleons und Lord Byrons, seiner Kunstbegeisterung und Italienschwärmerei und schließlich auch in seiner Stellung zum »Ewig-Weiblichen«; wie denn auch Goethe Stendhals italienischen Reisebildern (in denen Entlehnungen aus Goethes »Italienischer Reise« vorkommen, die diesem nicht entgingen) und seinem Roman »Rot und Schwarz« aufrichtige Bewunderung gezollt hat. Schließlich ist hier auch noch darauf hinzuweisen, daß Beyle sich sein bizarres Pseudonym de Stendhal, das zum erstenmal in seiner »Reise in Italien« auftaucht, von dem altmärkischen Städtchen Stendal geholt hat, allerdings nicht aus Begeisterung für den von ihm wenig geschätzten Winckelmann, der, wie er einmal schreibt, »in meinem Lehen geboren ist«, sondern wohl eher aus Laune oder in Erinnerung an irgendein Abenteuer in Stendal während seiner Braunschweiger Zeit. In seiner »Reise in Italien«, wo er sich als »Kavallerieoffizier« einführt, der »seit 1814 aufgehört hat, Franzose zu sein«, wollte er mit diesem deutschen Decknamen wohl den Eindruck erwecken, als sei er Angehöriger eines der früheren Rheinbundstaaten gewesen, wie denn jene Reise ja auch in Berlin beginnt und in Frankfurt a. M. endet. Auf seinem Grabstein hat er sich dann später, wie wir sehen werden, als Italiener (Milanse) bezeichnet. Alles in allem ist Stendhal, wenn man von seiner ehrlichen Liebe zur deutschen Musik, insbesondere zu Mozart, und seiner halb widerwilligen Bewunderung der deutschen Liebe und Ehe absieht, in deutsche Art und Verhältnisse bei weitem nicht so tief und mit so eifrigem Streben eingedrungen wie in die italienische und selbst die englische Wesensart. Aber er ist auch trotz seines traurigen Amtes, das Braunschweiger Land durch Kriegskontributionen auszupressen, nicht als überheblicher oder gleichgültiger Eroberer aufgetreten. Er ist vielmehr stets bestrebt, Augen und Ohren aufzutun und sich ein unvoreingenommenes Urteil zu bilden, freilich noch nicht mit dem psychologischen Scharfblick seiner reifen Mannesjahre, sondern häufig mit der für seine Jugend kennzeichnenden launischen Empfindlichkeit, mehr mit den Nerven als mit dem Verstande, wie er selber sagt. Eigenartig ist es, daß sein deutscher Freund Strombeck wohl als einziger an dem jungen Beyle eine Gutmütigkeit entdeckt, »die nicht übertroffen werden konnte«. Beyle hat es in seinen späteren Denkwürdigkeiten oft bitter beklagt, daß keiner seiner französischen oder italienischen Freunde seine »tiefe Seelengüte« erkannt habe, die er allerdings später unter der Maske geistreicher Spötterei zu verbergen suchte. Der gutherzige Deutsche hat sie aus verwandter Gemütsanlage heraus erkannt, und selbst von dem alternden, kaltspöttischen Stendhal sagt Ludwig Spacke, ebenfalls ein Deutscher, Beyle gehöre »zu den sonderbar angelegten Naturen, die sich jeder idealistischen Regung schämen und hinter diabolischem Spott oft nur ein tiefverwundetes, für innige Liebe angelegtes Herz bergen«. Bei französischen Zeitgenossen wird man diese Einsicht in eine Wesensseite Stendhals vergeblich suchen; sie wußten an ihm nur die Maske des Geistes zu schätzen, die er seinem Herzen vorhielt, bestenfalls seine Rechtschaffenheit und Offenheit gegen Freunde. Zum Abschluß dieses Bildes »Stendhal in Deutschland« seien noch ein paar Worte Strombecks über das Braunschweiger Leben in der Franzosenzeit zitiert. »Im herzoglichen Schlosse«, schreibt er, »hauste der Gouverneur, General Rivaud, im Bevernschen Palais der Intendant Martial Daru. An beiden Orten drängten sich Bälle und Gastmähler. Die jungen Damen prangten in ihrem schönsten Glanze und schienen zum größten Teil in den Franzosen keine Feinde zu erkennen. Es schien nicht anders, als wären unsere ungebetenen Gäste unsere Gastgeber. Jedoch muß man zu ihrer Ehre sagen, daß sie ihr böses Amt unter den humansten Formen verwalteten. Vorzüglich zeichnete sich in dieser Hinsicht der Intendant Martial Daru aus, der die Aufmerksamkeit gegen meine, ihm doch persönlich unbekannte Fürstin so weit trieb, daß er gleichsam allen ihren Wünschen, wenn er sie von mir nur angedeutet vernahm, entgegenzukommen suchte.« ... Ein Vergleich mit der Gegenwart liegt nahe, allerdings nicht zum Vorteil der heutigen Franzosen. Es kann nicht der Zweck dieses Vorworts sein, die französische oder italienische Umwelt, in der Beyle den größten Teil seines Lebens verbracht hat, in ähnlicher Weise zu skizzieren, denn er hat beide in seinen italienischen und französischen Reiseschriften und in seinen Romanen mit Meisterhand selbst gezeichnet. Ebensowenig soll hier ein Lebensabriß Beyles vorausgeschickt werden, um die verschiedenen Teile seiner Selbstschilderung lückenlos aneinander zu ketten. Dies wird vielmehr der Mitarbeit des Lesers überlassen. Nur für Stendhals Lebensabend, der hier fast nur durch seine lakonischen Testamente vertreten ist, soll weiter unten eine biographische Einstellung erfolgen. Und hier mögen noch ein paar Betrachtungen über seine freudlose Kindheit und Jugend in Grenoble folgen, die er im Leben des »Henri Brulard« so tiefbohrend geschildert hat. »Die bedeutendste Epoche eines Individuums ist die der Entwicklung« – dies Goethewort trifft auf wenige so zu wie auf Stendhal. Seine Kindheit verstehen, heißt die Eigenart seines Charakters verstehen. Er selbst hat sie geschildert, als die Kindheitserinnerungen vor dem geistigen Auge des alternden Mannes mit neuer Macht auftauchten, gebrochen durch das Medium von fünfzig inhaltsreichen Lebensjahren. Ibsens Wort: »Das wiedergeborene Auge verändert die alte Handlung«, könnte als Motto über dieser Darstellung von Stendhals Kindheit stehen. Wäre sein Leben anders verlaufen – und das war ohne Napoleons Sturz wahrscheinlich –, wäre er Oberst oder Baron oder Präfekt oder ein reicher Mann geworden, was er, wie er selbst betont, leicht hätte werden können, er hätte uns gewiß andere Lebenserinnerungen hinterlassen als diese, die, wie sein Kritiker Ernest Seillière »Die romantische Krankheit. Fourier und Beyle-Stendhal«. Deutsch, Berlin 1906, S. 292. sagt, auf jeder Seite den Jakobiner aus enttäuschtem Ehrgeiz, den Bonapartisten aus Widerspruchsgeist, den Anarchisten gegen die soziale Ordnung verraten. Sein Biograph und Widersacher Arthur Chuquet, dessen Hauptbestreben ist, Beyles widerspruchsvolle Natur bei Selbstwidersprüchen, Irrtümern und Unwahrheiten zu ertappen, hat sogar einen großen Teil dieser Kindheitserinnerungen ins Fabelbuch geschrieben, gestützt auf Beyles eigne Worte: »Wahr sind darin nicht die Tatsachen, sondern nur die Eindrücke.« Oder: »Für Tatsachen hatte ich stets nur ein schwaches Gedächtnis.« Nach Chuquets Meinung sind aber diese Eindrücke vielfach erst aus Beyles späterer Lebensanschauung in seine fernliegende Jugendzeit hineinprojiziert. So meint er, Beyle habe seine freudlose Kindheit absichtlich zu schwarz gemalt, um den Glanz der Mailänder Tage zu erhöhen, die doch in seinem Jugendtagebuch selbst so voller Schwermut und Weltschmerz erscheinen. Er weist nach, daß die tiefe Entfremdung zwischen Vater und Sohn erst eintrat, als dieser seinen Säbel mutwillig an den Nagel gehängt hatte, um in Paris seine eigenwillige Selbstausbildung fortzusetzen und einer Schauspielerin nach Marseille nachzureisen. Erst seit ihm der Vater wegen dieser Durchbrennerei die karge Zulage entzog und der Leutnant a. D., um seinen Lebensunterhalt zu fristen, als Handlungslehrling in ein Engros-Geschäft eintreten und »Schnapsfässer abwiegen mußte«, schimpft er den Vater in seinen Briefen an seine Schwester Pauline als »Bastard«. Ebenso bezweifelt Chuquet den Atheismus des vierjährigen Knaben und das Jakobinertum des elfjährigen. Seine Verherrlichung der Gegenrevolutionärin Charlotte Corday und ein (im Text fortgelassener) Dummjungenstreich, ein Attentat auf den Freiheitsbaum, zeigen ihn vielmehr als Antijakobiner, ebenso eine Stelle aus dem » Journal « von 1803, in der er ganz monarchistische Gesinnungen zeigt. Nach Chuquet hätte Stendhal erst seit der Restaurationszeit den Jakobiner hervorgekehrt, um seine legitimistischen Freunde zu ärgern. Gesteht er doch selbst erst nach der Rückkehr der Bourbonen und dem endgültigen Sturze Napoleons: »Zum erstenmal im Leben empfinde ich wahre Vaterlandsliebe.« S. Seite 436. Ebenso zweideutig erscheint seine Stellung zu Napoleon. Seine Tagebuchaufzeichnungen von 1805, als Napoleon sich die Kaiserkrone aufsetzte, sind gehässig; S. Seite 235, 240. ja, er nimmt zu jener Zeit offen Partei für Napoleons Feind und Nebenbuhler Moreau, als dieser als Verschwörer angeklagt und ausgewiesen wird. In einem seiner selbstverfaßten Nekrologe behauptet er sogar, sich an der Verschwörung zugunsten Moreaus beteiligt zu haben. Erst als er selbst unter Napoleon dient und dieser auf dem Zenit seiner Macht und seines Glanzes steht, erscheint er ihm als »der größte Mann«. » Journal «. S. 335, April 1809. Aber der Sturz Napoleons ist ihm, wie er selbst versichert, ganz recht gewesen, und erst in der Restaurationszeit wird er zum glühenden Napoleonschwärmer, besonders seit dem Tode seines gestürzten Abgottes. Weiter ficht Chuquet Beyles frühe tiefe Abneigung gegen Racine an, den er in seinem Tagebuch von 1804 noch bewundert. Floreal XII (1804). Und schließlich bezweifelt er die leidenschaftlichen Gefühle des Knaben für seine Mutter, die Beyle aber nicht erst in seiner Autobiographie von 1832, sondern schon in seinem selbstverfaßten Nachruf von 1821 mit einem Anflug von Zynismus gesteht. Aber gerade hier dürfte Beyle wohl die Wahrheit gesagt haben. Die Eifersucht auf seinen Vater, die erotische Empfindung gegenüber der Mutter, ja später selbst gegenüber seiner Todfeindin Seraphie, das alles würde für die neuste Wiener Psychologenschule vielmehr als Musterbeispiel von Pubertätsregungen bei einem frühreifen Knaben von nervöser Feinfühligkeit erscheinen. Aber Chuquet ist bei allem sachlichen Verdienst um die Stendhalforschung, das ihm niemand abstreiten darf, kein Psychologe; es genügt ihm, Widersprüche festzustellen, um Beyle zu widerlegen und ins Unrecht zu setzen. Und so kommt er zu dem lapidaren Schluß: »Viele Einzelheiten sind also eingebildet oder erfunden, oder, um mit ihm selbst zu reden, die meisten Urteile sind für sein damaliges Alter sehr frühreif.« Selbst wenn man dies zugeben wollte, so haben in dem widerspruchsvollen Knaben doch zweifellos manche Gegensätze gelegen, die eine so glatte Lösung wie die von Chuquet ausschließen. Über manches in seiner Kindheit ist er sich, wie er selbst sagt, erst als gereifter Psychologe klar geworden, und er mag oft nur das aufgezeichnet haben, was in seiner Entwicklungslinie lag, seinen Eigenwillen, seine Gegensätze zu seiner Umwelt, seinen selbständigen Geschmack, während er das, was er mit andern teilte, übergangen hat. Wäre sein äußeres Schicksal und somit auch seine innere Entwicklung anders verlaufen, er hätte, wie bereits gesagt, manches anders gefaßt. Die inneren Gegensätze seiner Darstellung aber beweisen oft gewiß nicht seine Unwahrhaftigkeit, sondern vielmehr seinen »ehrlichen Egotismus«. Daß er z. B. bei seiner liebeleeren Erziehung und seiner inneren Auflehnung gegen alles von seiner Familie Geachtete für die Jakobiner und Königsmörder Partei nahm, Dies bezeugt z. B. auch der Umstand, daß er sich mit dem gleichgesinnten Bigillion bei einer republikanischen Feier kennenlernte. (Arbelet, ›Jeunesse‹, I, 371.) schließt einen Dummenjungenstreich wie das Attentat auf den Freiheitsbaum oder seine Begeisterung für die politische Mordtat der Charlotte Corday keineswegs aus, denn die Taten und Meinungen des Knaben entsprangen aus Gefühlen und Jugendlaunen, nicht aus politischem Urteil und logischer Konsequenz. Ein rückschauender Historiker mag darin innere Widersprüche entdecken, die dem Knaben damals gewiß nicht voll zum Bewußtsein gekommen find; sonst hätte er eben gerade jenes allzu frühreife Urteil besessen, das Chuquet ihm abstreitet. Überhaupt läßt sich ein so schwieriger innerer Entwicklungsgang nicht so kurz und so dogmatisch abtun, wie Chuquet es bei seinem damals noch recht lückenhaften Material getan hat. Dazu bedarf es einer feinen Psychologenhand und eines auf zahlreiche Quellen zurückgehenden geduldigen Einzelstudiums, wie es neuerdings der verdienstvolle Paul Arbelet in seiner zweibändigen » Jeunesse de Stendhal « getrieben hat, vor allem aber auch größere Liebe zu seinem Gegenstand, als der gestrenge Chuquet besitzt. Eine Untersuchung wie die seine führt nur zur Stellung des Problems, nicht aber zu seiner Lösung. Auf einen Punkt von Arbelets Studie sei hier noch mit ein paar Worten eingegangen: auf die italienische Abkunft der mütterlichen Vorfahren Stendhals, auf die er sich kraft einer alten Familientradition beruft. Man hat über diesen italienischen »Mörderstammbaum« gespöttelt und darin nichts als eine Fabelei Stendhals gesehen, um sich seine Wahlverwandtschaft mit dem italienischen Charakter rationell zu erklären. Erst die Nachforschungen Arbelets haben seinem dunklen Instinkt und seiner Familientradition recht gegeben. Die Spur seiner mütterlichen Vorfahren führt zunächst tatsächlich, wie er angibt, nach der Provence, und zwar nach dem Dorfe Bédarrides bei Avignon, das bekanntlich vom Mittelalter bis zur französischen Revolution eine päpstliche Enklave in Südfrankreich war. Der italienische Name dieser Vorfahren (Gaignoni oder Gagnoni), der auch im florentinischen Mittelalter nachweisbar ist, legt die Einwanderung eines Vorfahren aus Toskana nahe. Einer dieser provenzalischen Gagnons wurde zu Anfang des 18. Jahrhunderts nach Grenoble verschlagen: es war der Vater von Beyles Großvater mütterlicherseits, Henri Gagnon. Wir haben hier eins der seltsamsten Beispiele für die Macht des Blutes und der Vererbung vor uns. Durch eine lange Reihe gekreuzter Geschlechter hindurch bricht in Beyle die italienische Seele mit instinktiver Gewalt hervor. So erklärt es sich, daß dieser Ausnahmefranzose zu einem halben Italiener werden konnte – ein im französischen Schrifttum wohl einzig dastehender Fall. »Das wahre Vaterland ist das Land, wo man die meisten Menschen trifft, die einem gleichen«, lautet eine seiner Maximen. In Italien fühlte er sich aus seiner moralischen Vereinsamung erlöst und um zehn Jahre verjüngt. Und wenn er sich schließlich auf seinem Grabstein als Sohn seines geliebten Mailand ( Milanese ) bezeichnet hat, so ist auch das keine bloße Grille oder, wie seine französischen Landsleute in ihrer empfindlichen Nationaleitelkeit gemeint haben, eine absichtliche Kränkung für sie, sondern der letzte, romantisch aufgehöhte Ausdruck seines tiefen Verwandtschaftsgefühls für das Land seiner mütterlichen Voreltern. Gerade solche Feststellungen erhöhen das Vertrauen in Stendhals Darstellung seiner Kindheit. Trotz aller Abstriche und Fragezeichen bleibt sie ein menschliches Dokument ersten Ranges und oft die einzige Quelle seiner Lebensgeschichte, und als solche benutzt sie auch Chuquet unbedenklich – besonders da, wo Stendhal gegen sich selbst zeugt. »Nicht aus Eitelkeit zu lügen«, ist in der Tat sein Grundsatz bei der Abfassung gewesen. Und der »ehrliche Egotismus« Das Wort »Egotismus« hat Stendhal wohl aus dem Englischen übernommen. Er gebraucht es im Gegensatz zum Egoismus, der gemeinen Selbstsucht, und meint damit seine egozentrische, individualistische Weltschauung. Näheres bei A. Schurig, »Das Leben eines Sonderlings«, S.378. erscheint ihm als ein gutes Mittel, »das menschliche Herz zu schildern, in dessen Erkenntnis wir seit Montesquieu Riesenfortschritte gemacht haben«. Tiefbohrende Psychologenneugier ist es, die ihn das eigene Herz mit Genuß und Staunen a nu studieren läßt, völlig jenseits von Gut und Böse, gewiß manchmal nicht ohne Zynismus, aber nicht aus Zynismus. Es »belustigt« ihn, »alle Schwächen des Tiers schonungslos aufzudecken, ohne sich Selbsttäuschungen hinzugeben«. Er setzt sich selbst oft genug ins Unrecht, wo ein anderer beschönigt, entschuldigt, gelogen hätte. Insofern gehört er, um mit Nietzsche zu sprechen, zum »Orden der heiligen Tollkühnheit«. Rousseaus Lebensbeichte schwebt ihm als Muster vor, aber er nimmt sich vor, freimütiger und ohne Rousseaus Schwulst zu schreiben, und ebenso vermeidet er Rousseaus rührseliges Tugendgeschwätz. Damit hat er Rousseaus »Rückkehr zur Natur« erst zu Ende gedacht. Hatte jener noch an die »ursprüngliche Güte der Menschennatur« geglaubt und die Laster als Ausgeburt der Kultur gebrandmarkt, so sieht Stendhals Psychologenauge die »ursprüngliche Bestie« durch allen Kulturfirnis hindurch und liebt sie just wegen ihrer amoralischen Energie und Natürlichkeit. Er war einer der ersten, die das Entkräftende, Lebensfeindliche der Moral, die Mittelmäßigkeit und Unselbständigkeit der »zivilisierten Menschheit« erkannten. Und darum liebte er die »rauhen Sitten« des italienischen Mittelalters und der Renaissance, weil sie die Tatkraft und Selbständigkeit des Menschen erhöhten, liebte er die Energie in all ihren Erscheinungsformen, auch im Denken, auch in den Künsten. Seine »Geschichte der italienischen Malerei« bezeichnete er als eine »Geschichte der Energie in Italien«, und ebenso bildet die Bewunderung der Kraft den Grundzug seiner Romanfiguren. Die Kehrseite dieser Auffassung ist freilich seine moralische Vereinsamung, seine Auffassung des Lebens als einer »Wüste des Egoismus«, die er doch nur selbst um sich geschaffen hat, sein Unverstand für soziale Bindungen und Institutionen, für Familie, Gesellschaft, Religion und Sitte, sein theoretischer Anarchismus. In dieser Einseitigkeit liegt seine Beschränkung, aber auch seine Kraft. Er hat einmal launig den Vergleich gezogen, daß er nur die eine Hälfte einer Orange sähe, seine Zeitgenossen dagegen die andere. Und so konnte es denn nicht ausbleiben, daß er die berufenen Hüter der Moral gegen sich aufgebracht hat und daß sie in ihren Biographien streng mit ihm ins Gericht gegangen sind. Sie haben ihn des Zynismus, der Unmoral, der Selbstsucht, der maßlosen Eitelkeit bezichtigt oder ihn als einen romantisch Erkrankten, einen »höheren Entarteten« hingestellt, dessen amoralische Sittenlehre entsittlichend wirke und daher abzulehnen und zu bekämpfen sei. Für die Vorzüge seiner ungeschminkten Darstellung dagegen, ihre hohe psychologische Bedeutung sind diese Kritiker blind gewesen. Und sie haben noch eins vergessen: Stendhal, dessen Mißtrauen so ausgeprägt war, hat seinen Lesern bisweilen auch das Mißtrauen gegen seine eigenen Ansichten gepredigt. Nicht Nachbeter wünschte er sich, sondern scharfkantige Persönlichkeiten wie er selbst, die in allen Dingen ihre eigene Wahrheit suchen, für die Widerspruch keine unfruchtbare Negation, sondern eine fruchtbare Anregung ist. So wird Stendhal bei aller Kühnheit, ja verletzender Schärfe seiner Gedanken ein Erzieher zur Persönlichkeit und nicht eine »Gefahr«, wenn man nur selbst sein eignes Zentrum besitzt. Auch wenn man ihm nichts aufs Wort glaubt und alles, was er sagt, gründlich prüft, wie er selbst es wünschte, wird man in Probleme hineingeführt, deren Ergründung unbedingt ein Gewinn ist. Darin liegt der Wert und die Bedeutung jeder eigengesetzlichen Seele, die ihre selbstgeschaffene Welt besitzt. Für solche Geister, für die happy few (die wenigen Glücklichen), denen er herausfordernd seine Bücher widmete, hat er allein geschrieben. Und ebenso wie er sich die Feindschaft jener andern zugezogen, hat er die Anerkennung, ja Bewunderung der freien Geister gefunden, die sich ihm verwandt fühlten, wie Goethe, Hippolyte Taine, Paul Bourget, Jakob Burckhardt, Friedrich Nietzsche, Hermann Grimm, Paul Heyse, Wilhelm Weigand und viele andere ... Gewiß wird nicht jedem Leser alles in dieser Lebensbeichte zusagen. Manchen wird seine »freie und freche Art« verletzen, die Goethe Brief an Zelter vom 18. März 1818. schon bei seinem ersten selbständigen Werk, der »Reise in Italien«, fand, aber er wird auch mit Goethe fortfahren: »Er zieht an, stößt ab, interessiert und ärgert, und so kann man ihn nicht loswerden.« Die Darstellung dieser Lebensbeichte springt regellos und unter Wiederholungen von Zeit zu Zeit, von Ort zu Ort, von Thema zu Thema, ganz wie der Zufall des Selbstgespräches es fügt. Und doch ist dieser skizzenhafte Zustand nicht zu beklagen. Er ist zunächst, wie schon gesagt, eine Gewähr für die subjektive Ehrlichkeit des Schreibers. »Vielleicht, wenn ich diesen Entwurf gar nicht durchfeile, gelingt es mir, nicht aus Eitelkeit zu lügen«, sagt er selbst. In der Tat hat er ihn nicht mehr durchgefeilt, beschönigt, retouchiert. Und ein zweiter Vorteil: durch das fortwährende Hin- und Herspringen erfahren wir manches aus anderen Lebensabschnitten Stendhals, was bei streng chronologischer Durchführung nie geschrieben worden wäre – lauter Bruchstücke oder Mosaiksteine seines Lebensbildes, die wir sonst nicht besäßen und die der geduldige Leser als solche zu benutzen wissen wird. So tief es zu beklagen ist, daß seine beiden großen autobiographischen Fragmente nicht weiter gediehen sind, so bietet doch gerade die Sprunghaftigkeit ihrer Darstellung wertvolle Bestandteile zur Ergänzung klaffender Lücken seiner Lebensgeschichte. Für das zweite große Bruchstück, die »Souvenirs d'Egotisme« , gilt das gleiche wie für »Das Leben des Henri Brulard«, nur mit dem Unterschiede, daß dort der zeitliche Abstand zwischen Erlebnis und Niederschrift kaum ein Dutzend Jahre beträgt und daher Verschiebungen der Perspektive und Gedächtnisfehler weit geringer sind als in der Darstellung der fernliegenden Kindheit. Außer den über beide Fragmente verstreuten Bruchstücken anderer Lebensphasen bieten sich noch zahlreiche andere Dokumente als Ergänzung und teils auch als Kontrolle und Berichtigung dar: 1. die zahlreichen Briefe, insbesondere die ehrlichen Freundesbriefe, die in Band 8 in Auswahl veröffentlicht werden; 2. die zwei selbstverfaßten Nachrufe am Schluß dieses Bandes, die trotz einzelner Aufschneidereien (wie die Teilnahme an der Schlacht bei Jena) manche wertvolle Aufschlüsse bieten; 3. die Testamente, deren wichtigste aus »den Zeiten innerer und äußerer Krisen, wirtschaftlicher Nöte und Lebensüberdrusses, Selbstmordgedanken und Todesgefühle ebenfalls am Schluß dieses Bandes wiedergegeben sind; 4. die Schilderungen von Zeitgenossen, von denen die seines Freundes Prosper Mérimée, die sich auf sein Leben und Schaffen in Paris seit 1822 bezieht, und die des Elsässers Ludwig Spach, der ihn nach 1831 in Rom kennen gelernt hat, im Anhang dieses Buches wiedergegeben sind (Strombecks kurzer Bericht weiter oben auf S.XII); 5. seine zahlreichen Tagebücher, die in diesem Band auszugsweise wiedergegeben sind. Diese Tagebücher sind die wichtigste Quelle für Beyles Leben, denn sie zeigen uns Tag für Tag das Werden seiner Seele, das Aufkeimen, den Höhepunkt und den Abklang seiner Leidenschaften, die bedeutsamsten äußeren Erlebnisse wie seine innersten Wünsche, seine geheimsten Nöte und Gedanken, alles in unmittelbarer, durch keine rückschauende Perspektive verschobener Gegenständlichkeit. Allerdings sind auch sie keine »Schlüssel für alles«. So erwähnt das erste italienische Tagebuch des Jünglings von 1801-02, das älteste erhaltene, mit keinem Wort seine schwärmerische Liebe zu Angela Pietragrua, die wir erst aus seinem italienischen Tagebuch von 1811 erfahren. So verrät das Braunschweiger Tagebuch nichts von seiner liebevollen Versenkung in die deutsche Musik, die wir aus späteren Aufzeichnungen entnehmen müssen. Um so breiter fließt das erste Pariser Tagebuch und das seiner Italienreise von 1811 dahin. Während das erste italienische Tagebuch von 1801-02 fast nur dokumentarischen Wert besitzt und in seiner Notizenhaftigkeit höchstens die altkluge Frühreife des eigenartigen jungen Offiziers verrät, ist das erste Pariser Tagebuch die eigentliche Fundgrube für Stendhals eigenwillige Selbstausbildung. Deren Gesamtergebnis erscheint freilich negativ, insofern nichts von dem, was Stendhal sich damals vornahm und anfing – seine dramatischen Versuche, seine Deklamations- und Musikstunden, seine Träume von einer »goldenen« Zukunft als Bankier – zu irgendeinem praktischen Ergebnis geführt haben. Seine wahre Begabung lag auf einem ganz andern Gebiet und sollte sich erst viel später entwickeln. Insofern war diese Pariser Studienzeit nur eine negative Orientierung. Wir kennen ähnliche Irrwege des Genies bei Goethe, der sich bis in die Zeit seiner »Italienischen Reise« hinein zum bildenden Künstler berufen fühlte. Aber wie für Goethe, so waren auch für Stendhal diese Tastversuche keineswegs umsonst. Seine Bekanntschaft mit Bühne, Musik und Theaterwelt sollte ihm später als Kunstkritiker und Ästhetiker mittelbar zugute kommen. Und wenn er auch niemals eine Komödie beendet hat und seine nachgelassenen Lustspielfragmente durchaus mittelmäßig sind, so hat er doch seinen Stil nach eigenem Geständnis an der Komödie geformt: nüchtern und ironisch überlegen. Nur ganz allmählich bildete sich seine wahre Begabung inmitten dieser dilettantischen Irrwege aus. Er hielt denn auch selbst nichts von Wunderkindern mit frühreifer Begabung. »Ach, nichts läßt das Genie ahnen, es sei denn die Widerspenstigkeit!« ruft er im »Henri Brulard« aus. Trotzdem war diese Pariser Zeit keineswegs nur mittelbar von Wert für seine Entwicklung. Instinktiv schloß er sich an die von der Revolution jäh verschüttete Geisteskultur des ancien régime an, studierte Montesquieu und Helvétius, versenkte sich in die Memoiren und Briefwechsel der Aufklärungszeit, schon hier als Psychologe forschend, noch mehr aber in die Nachblüte der materialistischen Rokokophilosophie. Cabanis': » Rapports du physique et du moral « wurde seine »Bibel«, und Destutt de Tracy, der Verfasser der »Idéologie«, erschien ihm später als der einzige, der ihn hätte umlernen lassen. In der Tat war sein eigenes späteres Werk »Über die Liebe« solch ein »Livre d'idéologie« , das seine erste Anregung aus de Tracy schöpfte, S. Band 4 dieser Ausgabe, Vorwort zur 2. Aufl. (1923). und zugleich eine Untersuchung über die »Beziehungen zwischen Seele und Leib«. Einige Aphorismen dieses Buches werden sogar bereits in seinem Pariser Tagebuch vorweggenommen. S. Seite 231. Diese Aufzeichnungen sind allerdings teils nur Lesefrüchte, wie Paul Arbelet in seiner Veröffentlichung › Le catéchisme d'un roué ‹ Auch in der »Geschichte der italienischen Malerei« sahen wir ihn einen Gedanken von Montesquieu und Cabanis, den von der beherrschenden Macht des Klimas und des Milieus, auf einen konkreten Fall anwenden und so Taines berühmte Milieulehre vorwegnehmen. Die Wurzeln zu alledem liegen in seinen Pariser Studienjahren. Die klare Verstandeskultur der französischen Aufklärungszeit formte damals seinen Geist, wie später der leidenschaftliche Individualismus der italienischen Renaissance und des zeitgenössischen Italiens sein Gefühls- und Geschmacksleben gebildet hat. In diesem Sinne ist das Tagebuch seiner Italienreise von 1811 ebenso grundlegend wie das erste Pariser Tagebuch. Es steht zu seiner »Reise in Italien« (1817) in dem gleichen Verhältnis wie Goethes italienisches Reisetagebuch zu dessen späterer »Italienischen Reise«. Es ist nicht nur deren erste Skizze, sondern es ergänzt sie auch in allem Persönlichen, dort Verschwiegenen, in seinen Herzenserlebnissen. Und es enthält ferner den ersten Keim seiner »Geschichte der Malerei«. Allerdings sinkt dies Tagebuch im Verlauf der Reise zum Notizbuch herab, weil der Reisende sich schließlich nur noch in Stunden der Erschöpfung, wo er zu nichts anderm mehr fähig ist, kurze Aufzeichnungen macht, und zweitens, weil er glückliche Stunden durch ihre Beschreibung zu entweihen fürchtet. Der Gedanke: »Das Glück beschreiben, heißt es verderben«, taucht bereits im ersten Pariser Tagebuch auf und kehrt zum Schaden seiner Aufzeichnungen immer wieder. So bilden seine Tagebücher oft nur das Gerippe seines Lebens und es bleibt der Phantasie des Lesers überlassen, sie mit Blut und Leben zu erfüllen. Aber selbst in diesem Zustand sind sie von hohem Wert. Ein anderer Mangel dieser Tagebuchaufzeichnungen ist ihre Geheimniskrämerei. Aus Sorge, sich oder andere bloßzustellen, falls seine Herzensbeichten in falsche Hände gerieten, später auch aus Angst vor der Polizei, die ihn, wie der Anhang (Nr. 4) zeigt, ja auch tatsächlich ( Revue bleue , 19. Juni 1909) nachgewiesen hat, die mir leider erst nach Drucklegung dieses Bandes zu Hände gekommen ist. Aber auch als solche behalten sie dokumentarischen Wert für die Geistesrichtung des Jünglings. bespitzelt, verfolgt und ausgewiesen hat, deutete er Personennamen oft nur an, belegte namentlich seine Geliebten mit allerlei Decknamen, die das Verständnis der Texte äußerst erschweren, ja teils unmöglich machen, und verbarg sich selbst hinter allerlei Masken. Den gleichen Mummenschanz hat Stendhal auch in seinen beiden großen autobiographischen Fragmenten getrieben, und so gilt das Obengesagte auch für sie. Aber nicht genug damit. Wie sein Geistesbruder Benjamin Constant, der einzige ebenbürtige Psychologe unter Beyles Zeitgenossen (wie sein autobiographischer Roman »Adolphe« beweist), sein Tagebuch in griechischen Lettern schrieb, verschanzte Beyle sich hinter seiner schlechten Handschrift, die »Indiskrete abschreckt«, wie er mit Genugtuung sagt. Und um die Polizei vollends irrezuführen, treibt er auch noch ein Versteckspiel mit Worten, besonders mit gefährlichen Worten. So schreibt er statt Religion gionreli, statt prêtre (Priester) repet, statt Rom Omar oder Mero, statt Mailand (Milan) 1000 ans, statt Republikaner Kainsrepubli; statt Gott und König gebraucht er englische Vokabeln. Selbst sein Lebensalter geheimist er in Rechenexempel hinein, wie 25 X ¼   3 (53 Jahre) oder 5² X 2   1/;9 – lauter Anagramme, die ernster Prüfung freilich nicht standhalten, aber oberflächliche »Spione« abschrecken mochten. Jedenfalls verraten sie seine fast krankhaft gesteigerte Geheimniskrämerei und Furcht vor der Polizei, die freilich nach den Verfolgungen durch die Metternichsche Polizei, die auch in Rom weitergingen, S. Nr. 4 im Anhang. durchaus nicht unbegründet war, aber doch bisweilen groteske Formen annahm, so wenn er auf jeden der drei Handschriftenbände seiner Jugendbiographie noch eine besondere Erklärung »für die Herren von der Polizei« setzt, wie: »Dies ist ein Roman im Stil des Landpredigers von Wakefield. Der Held, Henri Brulard, schreibt sein Leben mit 52 Jahren, nach dem Tode seiner Frau, der berühmten Charlotte Corday(!).« Allerdings vergißt er dabei, daß er der Polizei sein Alter hatte verheimlichen wollen. Solche kleine Schrullen, die der Wiedergabe nicht wert scheinen, enthüllen uns doch eine Seite von Beyles eigenartigem Charakter, und eine andere zeigt sich uns in den beiden klassischen Testamenten, die am Schluß des Fragments abgedruckt sind. In dem ersten bestimmt er, daß Exemplare derselben an die Bibliotheken von Edinburg, Philadelphia, Neuyork, Madrid, Mexiko und Braunschweig geschickt werden, und im zweiten vererbt er die Handschrift einer ganzen Reihe Pariser Verleger, und falls diese kein Interesse dafür haben, dem ältesten Londoner Verleger, dessen Namen mit einem C anfängt ... Selbst in dieser grotesken Form verrät sich Beyles brennende Sorge um seinen Nachruhm, den er sich an Stelle des ihm versagten und teils mutwillig von ihm verscherzten Tagesruhmes erhofft. Das Unterirdische, Scheue, Rebellische eines neuen Menschentypus kommt in solchen Bestimmungen ebenso zum Ausdruck wie in seiner heute bewahrheiteten Prophezeiung: »Ich werde erst um 1900 gelesen werden.« Er schreibt mit Bewußtheit für die Zukunft, wendet sich an Leser, deren Geistesart er nicht kennt, malt sich mit geheimer Freude aus, wie sie seine Lebensbeichte aufnehmen werden, und lebt als Toter unter noch nicht Geborenen, während er vor den Zeitgenossen den Schlüssel seines Wesens versteckt. Wahrlich »Memoiren von jenseits des Grabes«, wie Chateaubriand seine schon bei Lebzeiten veröffentlichten Denkwürdigkeiten nennt, und zutreffender für Beyles Fragment, das tatsächlich erst lange jenseits des Grabes ein immer steigendes Interesse erweckt hat, während Chateaubriands »Mémoires d'outre-tombe« längst der Literaturgeschichte verfallen sind. Als Beyle seine beiden großen autobiographischen Fragmente schrieb, hatten seine Tagebuchaufzeichnungen längst fast ganz aufgehört. In diesen Fragmenten erscheint er als rückblickender Geschichtschreiber seines eigenen Lebens, der sich selbst historisch geworden ist und dessen Urteil über Menschen und Dinge feststeht. Der Eindruck des Augenblicks, das Erlebnis ist nicht mehr mächtig genug, um sich in Tagebüchern zu entladen, und seine Vergangenheit erscheint dem alternden Manne wichtiger als sein gegenwärtiges Sein. Trotzdem wäre es falsch, ihn für geistig erstarrt zu halten. »Ich brauche täglich drei bis vier Kubikfuß neuer Ideen, wie ein Dampfschiff Kohlen braucht«, schreibt er damals aus Italien. Aber diese Ideen wirft er nicht mehr in Tagebuchform hin, sondern er verarbeitet sie schon seit 1817 in seine Werke hinein oder bringt sie in seinen Briefen zum Ausdruck. So werden diese Werke und Briefe zur letzten Quelle seines Lebensromans, und das Biographische mündet schließlich in seine Schöpfungen aus. Vergleicht man z. B. seine beiden großen Autobiographien mit »Rot und Schwarz«, so wird man darin tausend kleine Züge aus seinen persönlichsten Erinnerungen wiederfinden, wie ich dies in der Vorrede zu »Rot und Schwarz« bereits ausgeführt habe. Insofern ist Stendhal einer der ersten, bewußt nach Modellen arbeitenden Naturalisten, den der französische Naturalismus (Zola) zu seinem Ahnherrn erklärt hat, nur daß er seinen Personen oft mehr Geist gibt, als seine Modelle, besitzen und sie psychologisch in einer Weise vertieft, die dem konsequenten Naturalismus ganz fern lag, weswegen ihn wiederum die französische Psychologenschule (Paul Bourget) zu ihrem Ahnherrn erklärt hat. Ebenso zahlreiche Fäden aber spannen sich zwischen Beyles persönlichen Aufzeichnungen und Erlebnissen und seiner »Kartause von Parma«, so vor allem die höchst naturalistische und originelle Schilderung der Schlacht bei Waterloo, zu der offenbar sein Tagebuch der Schlacht bei Bautzen (in diesem Bande) die Eindrücke geliefert hat. Gestalten seiner Jugendliebe, wie die holde Clelia Conti, deren Urbild Mathilde Dembowska ist, die Herzogin von Sanseverina, zu der die »erhabene Dirne« Angela Pietragrua Modell gestanden hat, selbst Mathildes ihm verhaßte Kusine, Frau Traversi, in dem Roman Signora Raversi, tauchen wieder auf, daneben seine zahlreichen Erfahrungen mit dem Kleinstaatdespotismus in Oberitalien nach Napoleons Sturz, die sich in den (im Anhang Nr. 4) abgedruckten Wiener Polizeiakten spiegeln. Es würde zu weit führen, allen diesen Parallelen hier nachzugehen; sie sind in der Einleitung zur »Kartause von Parma« weiter verfolgt, und der gründliche Leser wird sie selbständig weiterspinnen. Hier handelte es sich nur darum, auf den Zusammenhang mit seinen persönlichen Auszeichnungen hinzudeuten. Über die Testamente seien noch ein paar Worte hinzugefügt, da sie in ihrer geschäftlichen Kürze der Ergänzung bedürfen. Die erste Gruppe (1-3) fällt in die letzten Monate des Jahres 1828. Was hatte zu dieser Krisis geführt, in der Stendhal offenbar mit Selbstmordgedanken spielte, wie die Worte der Entschuldigung an seinen Vetter Colomb »für all die Ungelegenheiten, die ihm dies bereiten wird« beweisen? Mit dem Jahre 1826 hatte eine neue Reihe von Schicksalsschlägen begonnen, ähnlich der Krisis von 1819 bis 1821, die mit dem Tod seines Vaters begann, der bei Beyle jede Hoffnung auf das erwartete Erbteil vernichtete, und die mit seiner Verdächtigung als Karbonaro, dem Bruch mit Mathilde und dem Abschied von seinem geliebten Mailand endete. Die Krisis von 1826 begann damit, daß ihn Menta (Gräfin Curial) verließ. Im folgenden Jahre erschien sein erster Roman »Armance«, der ein völliger Mißerfolg war und wegen des heiklen Stoffes als »Werk eines Mannes von schlechtem Ton« verurteilt wurde. Im Juli 1828 machte der englische Verleger Colburn bankrott, für dessen »New Monthly Review« Stendhal zahlreiche Beiträge geliefert hatte, so daß auch diese Einnahmequelle versiegte. Umsonst versuchten Colomb und Crozet, irgendeine Anstellung für ihn durchzusetzen. Er sollte an der Königlichen Bibliothek angestellt werden, gewiß ein geeigneter Posten für ihn, und Beyle hätte trotz seines oft betonten Widerwillens gegen die Bourbonen zugegriffen, wie ein Ertrinkender nach einem Rettungsseil, aber man wollte keinen »Wolf im Schafstall« haben, und so zerrann auch diese Hoffnung. Wie zum Hohn erhielt er darauf noch einen Titularposten ohne Gehalt beim Heroldsamt, der aber mit der Zeit weiter hätte führen können. Doch das gegenwärtige Bedürfnis war dringend, und Beyle, der alte Jakobiner, hielt es unter seiner Würde, im Heroldsamt zu erscheinen ... Nun blieb nur noch die Hoffnung auf einen kleinen buchhändlerischen Erfolg. Seit Juli 1828 hatte der treue Colomb seinen Vetter zur Ausarbeitung seiner »Wanderungen in Rom« bestimmt und arbeitete selbst mit ihm bis zum März 1829 unausgesetzt daran. S. Band 6 dieser Ausgabe, Einleitung, S. VIII. Dies hochherzige Benehmen Colombs half Beyle über die Krisis hinweg, und als das Buch sich der Vollendung näherte, ging Mareste auf die Verlegerjagd. Mitte März 1829 wurde es für bare 1500 Franken verkauft, aber es war doch wenigstens ein Lichtstrahl, der Beyle zur Vollendung einer ebenfalls schon begonnenen zweiten großen Arbeit, des Romans »Rot und Schwarz«, ermutigte, mit dem er sich seinen Weltschmerz und Ingrimm ganz von der Seele schrieb. Das Werk erschien im Druck erst nach der Julirevolution, die den darin gegeißelten Zuständen ein jähes Ende bereitete und die Beyles Leben noch einmal aufhellte. Durch Vermittlung einflußreicher Freunde wurde er von der Regierung Louis Philippes zum französischen Konsul in Triest ernannt, und als Metternich dem Verfasser »gottloser«, »liberaler« Schriften (s. Anhang, Nr. 4) das Exequatur verweigerte, zum Konsul in dem Hafenstädtchen Civitavecchia im Kirchenstaat. Dies »afrikanische« Fiebernest wurde für ihn also zum rettenden Hafen, wo er wenigstens auf seine alten Tage vor Nahrungssorgen geschützt war, aber das Fieberklima und körperliche Gebrechen, »Ich friere an den Beinen, habe etwas Kolik und bin schläfrig«, lautet eine seiner Randglossen bei der Niederschrift des »Henri Brulard« (27. Dezember 1835). »Die Kälte und der Kaffeegenuß am 24. Dezember sind mir auf die Nerven gegangen. Wie soll ich da erst die Kälte in Paris ertragen?« Gicht und Nierengrieß, und nicht minder der Mangel einer geistig ebenbürtigen Gesellschaft drückten ihn nieder. Auch häufige Aufenthalte in Rom, wo er sich eine zweite Wohnung eingerichtet hatte und monatelang »residierte«, bildeten keinen Ersatz für die geistreiche Unterhaltung der Pariser Salons, die ihm zum Lebensbedürfnis geworden war. So ward ihm das Schreiben zum Trost und zur Zerstreuung, aber die Last der »offiziellen Kette« hielt ihn von größeren Phantasieschöpfungen ab, und er fühlte doch, daß er der Welt noch manches zu sagen hatte, bevor die »Zauberlaterne« seiner Phantasie erlosch. Nur die einsamen Nachmittags- und Abendstunden hatte er für sich frei, und in ihnen entstanden neben einigen seiner italienischen Novellen die beiden großen autobiographischen Fragmente, die »Werke strenger Selbstprüfung«, in denen er die Summe seines Lebens zog, und daneben, in Stunden der Schwermut, der Todesahnung oder gar des Spleens, eine Reihe von Testamenten (Nr. 4-7). Wie fein und vornehm er in ihnen seinem Gönner, dem Grafen Molé, gedankt hat, indem er ihm seine einzige Kostbarkeit, die eben erst erworbene Tiberiusbüste, vermachte, darauf sei hier nur zart hingedeutet. Das eben gefallene Wort »Spleen« ist nicht übertrieben. Seine Gemütsdepressionen drücken sich nicht nur in verzweifelten Briefen aus, sondern auch in Testamenten wie das zweite, am Schluß des »Henri Brulard« (S. 209) abgedruckte, das geradezu auf Geistesverwirrung schließen läßt, oder gar in dem tragikomischen Wunsche des alternden Don Juans nach Weib und Kind und in dem 1835 gefaßten Entschluß, eine Ehe weit unter seinem Stande und noch mehr unter seinem geistigen Niveau einzugehen, was zum Glück vereitelt wurde, weil der Oheim der Braut, ein Mönch, an seiner Gottlosigkeit Anstoß nahm. » Soirées du Stendal-Club «, 331 ff. In solchen Seelenstimmungen sind die Testamente von 1835 bis 1836 entstanden. Besonders bedeutsam darin ist die Bestimmung, auf dem protestantischen Friedhof in Rom begraben zu werden. Der alte Freigeist, obwohl katholisch getauft und erzogen, wollte durch diese Bestimmung und sein Bekenntnis zur »Augsburger Konfession« verhüten, daß er als Diplomat auf einem katholischen Kirchhof bestattet würde. In solchen Gemütsstimmungen tauchte der alte Jugendtraum, in Paris zu leben und Bücher zu schreiben, mit erneuter Macht wieder auf. Beyle sehnte sich nach seinem Dachstübchen in der Rue Richelieu zurück, wo er, wie er jetzt glaubte, hundertmal glücklicher gewesen war. Dieser Wunsch sollte 1836 in Erfüllung gehen – zu seinem Glück wie zu dem der Weltliteratur. Er erhielt einen dreijährigen Urlaub nach Paris, wo sein unsterblicher Roman »Die Kartause von Parma« und seine Reisebilder aus Südfrankreich » Mémoires d'un touriste « (1838). entstanden. In diese Zeit fallen auch die Testamente Nr. 8 und 9 sowie die »Mitternachtsträumerei in Montpellier« (1838), die bereits den geistigen und körperlichen Abstieg und den häufigen Gedanken an das Ende seiner Lebensbahn verraten. Am selben Tage, wo Beyle die »Kartause von Parma« beendete, erfolgte der Sturz seines Gönners, des Grafen Molé (22. März 1839), ein schicksalsvolles Zusammentreffen, das ihn (im Juni) zur Rückkehr nach Civitavecchia nötigte. Aus diesem letzten kummervollen Aufenthalt stammt sein letztes, tatsächlich ausgeführtes Testament, worin er sich nochmals als Sohn seines geliebten Mailand erklärt. Die Migräne, die ihn plagte, war ein Vorbote des Schlaganfalls, der ihn am 15. März 1841 »das Nichts streifen« ließ. Alt und gebrochen kehrte er am 8. November nach Paris zurück, wo ihn am 22. März 1842 ein neuer Schlaganfall auf der Straße niederwarf, an demselben Tage, an dem dieser große Verpasser guter Gelegenheiten einen vorteilhaften Vertrag mit der » Revue des deux Mondes « zur Veröffentlichung neuer italienischer Novellen abgeschlossen hatte. Sie sind, soweit vollendet, 1912 von mir ans Licht gezogen worden. Vgl. Band IV dieser Ausgabe. Ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, starb er am 23. März 1842. Sein treuer Vetter und Testamentsvollstrecker Romain Colomb, sein Freund Mérimée und ein Dritter, Unbekannter, wahrscheinlich ein Diener, waren die einzigen, die ihm das letzte Geleit zum Montmartre- Friedhof gaben. Der Nachlaß dieses großen Schriftstellers, der seinem Lande und der Welt eine lange Reihe bedeutender und teils unsterblicher Werke hinterließ, ergab einen Gesamterlös von etwas über 3800 Franken. Angesichts dieses Endes sentimental zu werden, wäre nicht im Geiste Beyle-Stendhals. Auf ihn passen die Worte, die Edmond Rostand seinem Cyrano von Bergerac nachruft, dessen Leben und Tod den Vergleich mit Stendhal herausfordert: ... Il a vécu sans pactes, Libre dans ses pensées autant que dans ses actes. Nur durch seine eigenwillige Sorglosigkeit, seine Verachtung jedes Tagesruhms konnte er zu jener scharfkantigen Persönlichkeit, jenem tiefbohrenden Psychologen werden, als den ihn die Nachwelt bewundert hat. Die bis auf Arbelets Ausgabe des » Journal d'Italie « kärglichen oder gänzlich fehlenden Anmerkungen der französischen Texte sind in der vorliegenden Verdeutschung so reichlich vermehrt worden, als es das Verständnis des modernen deutschen Lesers zu erfordern schien. Angaben über Personen und Bücher sind meist bei der ersten Nennung des Namens oder Buchtitels erfolgt, in einzelnen Fällen erst dort, wo Stendhal näher auf sie eingeht. Jedenfalls sind sie an der Hand des Namenverzeichnis (am Schluß des Bandes) leicht aufzufinden. Für die Daten der Familiengeschichte ist im Anhang (Nr. 1) ein Stammbaum der Familien Beyle und Gagnon gegeben, um zahlreiche Anmerkungen sowie die Berichtigung chronologischer Fehler und anderer Irrtümer Stendhals zu ersparen. Kleine Erinnerungsfehler sind im Text selbst stillschweigend verbessert. Zu Stendhals Entschuldigung muß jedoch hinzugefügt werden, daß er diese Jugenderinnerungen als Fünfziger fern der Heimat und ohne die Möglichkeit, Urkunden einzusehen, die erst die neuste Forschung ans Licht gezogen hat, aus dem Gedächtnis niederschrieb. Trotzdem sind seine Irrtümer im ganzen unerheblich. Wer sich ausführlich mit den Daten seiner Jugendgeschichte bis 1802 beschäftigen will, wird mit Nutzen das schon genannte gediegene Werk Paul Arbelets » La Jeunesse de Stendhal « lesen, das erschöpfendes archivalisches Material bietet. Zum Schluß habe ich noch eine Dankespflicht abzutragen. Herr Archivrat Dr. Paul Zimmermann in Wolffenbüttel hatte die Güte, die Korrekturen des »Braunschweiger Tagebuches« mitzulesen und sie durch wertvolle Anmerkungen zu ergänzen. Ihm ist auch das schwer auffindbare Bildnis von Beyles Jugendfreund Frhr. v. Strombeck zu verdanken. Ferner hat der verdienstvolle Stendhalforscher Dr. Arthur Schurig in Dresden die Güte gehabt, einen großen Teil der Korrekturen dieses Bandes mitzulesen und ihn durch Anmerkungen aus seiner reichen Sachkenntnis zu vervollständigen. Beiden Herren sei auch an dieser Stelle für ihre wertvolle Unterstützung herzlich gedankt. Berlin, Frühjahr 1923. F. v. O.-Br. Das Leben des Henri Brulard [La vie de Henri Brulard] 1783-1800 Erstes Kapitel Rückblick des Fünfzigjährigen Heute morgen, am 16. Oktober 1832, Diese Lebensbeichte schrieb Stendhal, wie die Daten der folgenden Kapitel ergeben, im Winter 1835/36 in Rom und Civitavecchia. Das Datum 1832, wo er das fünfzigste Jahr erreichte, ist der Einstellung wegen fingiert. Doch ist ihm der Gedanke, dies Buch zu schreiben, tatsächlich 1832 bei San Pietro in Montorio gekommen, wie eine Randbemerkung zum 29.1.1836 ergibt. war ich in San Pietro in Montorio auf dem Janiculus in Rom. Die Sonne schien prächtig. Ein leichter, kaum merkbarer Scirocco wehte ein paar weiße Wölkchen über die Albaner Berge hin. Köstliche Wärme lag in der Luft. Ich genoß mein Leben. Deutlich erkannte ich die vier Miglien entfernten Orte Castel Gandolfo und Frascati mit der Villa Aldobrandini, in der sich Domenichinos herrliche Judith-Freske befindet. Deutlich sah ich die weiße Mauer der letzten Neubauten des Fürsten Francesco Borghese, desselben, den ich bei Wagram als Oberst eines Kürassierregiments gesehen habe. Weiterhin erblicke ich die Felskuppe von Palestrina und das weiße Haus von Castel San Pietro, dessen frühere Festung. Unter der Mauer, an die ich mich lehne, stehen die hohen Orangenbäume des Kapuzinergartens. Weiterhin sehe ich den Tiber und die Maltheservilla, etwas weiter rechts dahinter das Grabmal der Cäcilia Metella, San Paolo fuori und die Cestiuspyramide. Mir gegenüber Santa Maria Maggiore und die lange Linie des Quirinalspalastes. Das ganze alte und neue Rom von der alten Via Appia mit den Ruinen ihrer Grabmäler und Aquädukte bis zu dem herrlichen Garten auf dem Pincio, einer Schöpfung der Franzosen, entfaltet sich vor meinen Blicken. Manuskriptseite aus »La Vie de Henri Brulard« Dieser Ort ist einzig in der Welt, sagte ich mir traumverloren, und unwillkürlich zog ich das alte Rom dem neuen vor; alle Erinnerungen an Titus Livius wurden in mir wach. Auf dem Albanerberg, zur Linken des Klosters, erkannte ich das Hannibalslager. Welch prachtvoller Blick! Hier also hat man Raffaels »Verklärung« zweiundeinhalbes Jahrhundert lang bewundert. Welch ein Unterschied gegen die düstere graue Marmorgalerie im Vatikan, in der sie heute begraben ist! Zweihundertundfünfzig Jahre lang war dies Meisterwerk hier, zweihundertundfünfzig Jahre! ... Ach, in drei Monaten werde ich fünfzig Jahre alt! Ist's möglich? 1783 ... 1793 ... 1803 ... ich zähle es mir an den Fingern ab ... und 1833 fünfzig! Ist's möglich? Fünfzig? Bald bin ich in den Fünfzigern und kann mit Grétry singen: »Ist man erst fünfzig Jahre alt.« Diese unverhoffte Entdeckung regt mich keineswegs auf. Ich war bei Hannibal und den Römern. Größere als ich sind gestorben! ... Alles in allem, sagte ich mir, habe ich mein Leben nicht schlecht angewendet. Angewendet? Nun, das heißt, der Zufall hat mir nicht allzuviel Unglück beschert. Denn fürwahr: habe ich selbst irgendwie planvoll gelebt? Wie hätte ich mich sonst in Fräulein von Griesheim S. das »Tagebuch aus Braunschweig« in diesem Bande. verliebt? Was konnte ich von einem Edelfräulein erhoffen, der Tochter eines Generals, der zwei Monate vorher, nach der Schlacht bei Jena, den Dienst quittiert hatte! Brichaud hatte ganz recht, als er mir mit gewohnter Bosheit sagte: »Wenn man eine Frau liebt, so fragt man sich: ›Was will ich von ihr?‹« Ich habe mich auf die Stufen von San Pietro gesetzt und da ein bis zwei Stunden dem Gedanken nachgehangen: ich werde bald fünfzig Jahre alt; es wäre wohl Zeit, mich kennen zu lernen. Was war ich? Was bin ich? Fürwahr, ich wäre sehr in Verlegenheit, es zu sagen. Ich gelte für einen sehr geistreichen und fühllosen Mann, selbst für einen Roué, und doch sehe ich, daß ich immerfort unglücklich geliebt habe. Wahnsinnig geliebt habe ich Fräulein Kably, Fräulein von Griesheim, Frau von Diphortz, Vermutlich ein Deckname. Mathilde, und keine von ihnen habe ich besessen. Mehrere dieser Liebschaften haben drei bis vier Jahre gedauert. Mathilde hat in den Jahren 1818 bis 1824 mein ganzes Dasein erfüllt. Und ich bin noch nicht von ihr geheilt, muß ich hinzufügen, nachdem ich über eine Viertelstunde von ihr geträumt habe. Hat sie mich je geliebt? Ich war gerührt, begeistert, in frommer Stimmung. Und Menta Gräfin Clementine Curial, die Tochter der Gräfin Beugnot (Chuquet 180 ff.) – welchen Kummer hat sie mir nicht bereitet, als sie mich verließ. Mich schaudert bei dem Gedanken an den 15. September 1826 in San Remo nach meiner Rückkehr aus England. Was für ein Jahr habe ich vom 15. September 1826 bis zum 15. September 1827 durchlebt! An diesem furchtbaren Jahrestage war ich auf der Insel Ischia. Ich fühlte eine merkliche Besserung. Statt unmittelbar an mein Unglück zu denken, wie ein paar Monate vorher, schwebte mir nur noch die Erinnerung an den unseligen Zustand vor, in dem ich zum Beispiel im Oktober 1826 war. Diese Beobachtung war mir ein großer Trost. Was war ich also? Ich werde es nie wissen. Welchen noch so scharfblickenden Freund könnte ich befragen? Selbst di Fiore könnte mir keine Auskunft geben. Welchem Freunde habe ich je etwas über meinen Liebeskummer gesagt? Und das Sonderbarste und Unglücklichste war – so sagte ich mir heute morgen –, daß meine Siege (so nannte ich es damals, den Kopf voll militärischer Anschauungen) mir nicht halb soviel Genuß bereitet haben, wie meine Niederlagen mich grämten. Die Freude an dem erstaunlichen Sieg über Menta war nur ein Hundertstel so groß, als das Leid, das sie mir angetan hat, als sie mich um Herrn v. Bospiers willen verließ. War ich also von schwermütigem Charakter? Da ich darauf keine Antwort wußte, begann ich unbewußt wieder den herrlichen Anblick der Ruinen Roms und seiner jetzigen Größe zu genießen. Mir gegenüber ragt das Kolosseum, und mir zu Füßen liegt der Palazzo Farnese mit seinen schönen offenen Bogenstellungen, dicht unter mir der Palazzo Corsini. War ich geistreich? War ich zu irgend etwas befähigt? Graf Daru sagte, ich sei unwissend wie ein Karpfen. Ja, aber dies Wort hat mir Mareste hinterbracht, und der grämliche alte Generalsekretär beneidete mich um meinen fröhlichen Charakter. Aber war ich von fröhlichem Charakter? Kurz, ich bin erst vom Janiculus herabgestiegen, als der leichte Abendnebel mich vor der plötzlichen, sehr unangenehmen und ungesunden Kälte warnte, die hierzulande unmittelbar auf den Sonnenuntergang folgt. Ich kehrte schleunigst in den Palazzo Conti auf der Piazza Minerva zurück. Ich war matt. Ich trug Beinkleider aus weißer englischer Baumwolle. Innen auf den Gürtel habe ich geschrieben: »16. Oktober 1832: Je vais avoir la cinquantaine « (bald werd' ich fünfzig Jahre alt), und zwar, damit es niemand versteht, abgekürzt in: » J. vaisa voir la 5. « Abends, als ich ziemlich gelangweilt von dem Empfang beim Botschafter heimkehrte, sagte ich mir, ich müsse mein Leben aufschreiben. Wenn das vollbracht ist, in zwei bis drei Jahren, werde ich vielleicht endlich wissen, was ich war: heiter oder schwermütig, geistreich oder dumm, tapfer oder feige, und schließlich alles in allem: glücklich oder unglücklich. Und dies Manuskript kann ich meinem Freunde di Fiore zu lesen geben. Dieser Gedanke lächelt mir zu. Ja, aber die schreckliche Häufung von Ichs und Michs! Das kann auch den wohlwollendsten Leser verdrießen. Ich und Mich, das wäre – bis auf das Talent – wie bei Herrn von Chateaubriand, dem König der Egotisten: »Und immer fällst du in das Ich und Mich.« Ich sage mir diesen Vers jedesmal auf, wenn ich etwas von ihm lese. Man könnte freilich in der dritten Person schreiben: Er tat, er sagte. Ja, aber, wie soll man da die inneren Seelenregungen wiedergeben? Gerade darüber möchte ich di Fiore um Rat fragen. Ich komme erst am 23. November 1835 zur Fortsetzung. Der Gedanke, my life Mein Leben zu beschreiben, ist mir zuletzt auf meiner Reise nach Ravenna gekommen. Allerdings habe ich ihn seit 1832 recht oft gehegt, aber stets hat mich die furchtbare Schwierigkeit des Ich und Mich abgeschreckt, durch die sich der Autor unleidlich macht, und ich weiß nicht, wie ich sie umgehen soll. Tatsächlich bin ich nichts weniger als sicher, etwas schriftstellerische, Begabung zu haben. Ich schreibe manchmal nur sehr gern, das ist alles. Wenn es eine andere Welt gibt, so werde ich nicht verfehlen, Montesquieu zu besuchen. Sagt er mir: »Armer Freund, Begabung hatten Sie ganz und gar nicht«, so wird mich das zwar ärgern, aber durchaus nicht überraschen. Ich fühle das oft: welches Auge kann sich selbst sehen? Erst vor drei Jahren habe ich das »Warum« gefunden. Ich sehe deutlich, daß viele Schriftsteller von großem Rufe unerträglich sind. Was heute über Chateaubriand zu sagen eine Lästerung wäre, wird im Jahre 1880 ein truism (Gemeinplatz) sein. Ich habe mein Urteil über Chateaubriand nie geändert: als sein » Génie du Christianisme « um 1803 erschien, fand ich es lächerlich. Aber die Fehler eines andern herauszufühlen, heißt das, selbst Begabung haben? Ingres ist gegen Gros völlig im Rechte, ebenso Gros gegen Ingres. (Ich wähle zwei Künstler, von denen man im Jahre 1935 vielleicht noch reden wird.) Diese Überlegung hat mich betreffs dieser Denkwürdigkeiten beruhigt. Angenommen, ich setze dies Manuskript fort und verbrenne es nicht, wenn ich es vollendet habe. Ich vermache es nicht einem Freunde, der fromm werden oder sich einer Partei verkaufen kann, wie der junge Leichtfuß Thomas Moore. Ich vermache es einem Verleger, z. B. Herrn Levavasseur in Paris. S. die Testamente am Schluß dieses Fragments. Somit bekäme nach meinem Tode ein Verleger einen dicken Band mit meiner abscheulichen Handschrift. Er wird etwas daraus abschreiben lassen und es lesen. Erscheint ihm das Zeug langweilig und spricht niemand mehr von Herrn von Stendhal, so wird er es liegen lassen, und vielleicht wird es nach zweihundert Jahren wieder aufgefunden, wie die Lebensbeschreibung des Benvenuto Cellini. Druckt er es und das Zeug erscheint langweilig, so wird man nach dreißig Jahren davon reden wie von der Dichtung »Die Schiffahrt« des Spions Esménard, von der bei den Frühstücken beim Grafen Daru im Jahre 1802 so oft die Rede war. Überdies war jener Spion vermutlich Zensor oder Leiter all der Zeitungen, die ihn allwöchentlich in den Himmel hoben. Er war der Salvandy jener Zeit, noch unverschämter, wenn das möglich ist, aber gedankenreicher. Meine Bekenntnisse werden also dreißig Jahre nach ihrer Drucklegung verschwunden sein, wenn die »Ichs« und »Michs« meine Leser zu sehr verdrießen. Jedenfalls aber werde ich die Freude haben, sie zu schreiben und eine gründliche Gewissensprüfung vorzunehmen. Haben sie zudem Erfolg, so habe ich die Aussicht, im Jahre 1900 von Seelen, die ich liebe, wie Frau Roland und Melanie Guilbert, gelesen zu werden. Heute, am 24. November 1835, komme ich aus der Sixtinischen Kapelle, wo ich gar keinen Genuß fand, obwohl ich mit einem guten Glase versehen war, um mir die Decke und das Jüngste Gericht von Michelangelo anzusehen. Aber ich hatte Nervenschmerzen infolge des unmäßigen Kaffeegenusses, dem ich vorgestern bei der Familie Gaetani Fürst Michelangelo Gaetani, bei Bruder des mit Stendhal befreundeten Don Filippo Gaetani. gefrönt hatte. Die Schuld trug eine allzugute Kaffeemaschine, die Don Michelangelo aus London mitgebracht hatte. Solch allzu guter Kaffee ist ein Wechsel auf die Zukunft; man bezahlt das augenblickliche Behagen mit dem künftigen Wohlbefinden. So kehrte denn mein altes Nervenleiden wieder, und ich war in der Sixtinischen Kapelle wie ein Hammel, d.h. ohne Genuß; die Phantasie konnte sich nicht aufschwingen. Ich bewunderte die in Fresko gemalte Brokatdraperie um den Thron, das heißt um den großen päpstlichen Lehnstuhl aus Nußbaumholz. Diese Draperie, die den Namenszug Sixtus IV. trägt, kann man mit der Hand berühren; sie ist zwei Schritt vom Auge entfernt und ruft nach 354 Jahren noch die Illusion von Brokat hervor. Da ich zu nichts fähig bin, nicht mal zum Schreiben amtlicher Briefe, habe ich mir Feuer anmachen lassen und schreibe diese Blätter – hoffentlich ohne zu lügen, ohne mir etwas vorzumachen, mit Vergnügen, wie einen Freundesbrief. Welche Begriffe wird dieser Freund von 1880 haben? Wie anders als die unsern! Heute ist es eine ungeheure Unklugheit, eine Ungeheuerlichkeit für drei Viertel meiner Bekannten, wenn ich von dem größten Schurken unter den Königen und dem heuchlerischen Tartaren rede, ohne ihre Namen zu nennen; Gemeint ist König Louis-Philippe von Frankreich, der » roi bourgeois «, und Zar Alexander I. um 1889 werden diese Bezeichnungen truisms (Gemeinplätze) sein. Das ist etwas Neues für mich: mit Leuten zu reden, deren Geistesbildung, Erziehung, Vorurteile und Religion ich gar nicht kenne! Welch Anreiz, wahr zu sein, schlicht wahr; nur das ist von Dauer. Benvenuto war wahr; man liest ihn mit Genuß, als hätte er gestern geschrieben, wogegen man die Memoiren des Jesuiten Marmontel kaum noch durchblättert. Und doch hat er als echter Akademiker alle erdenkliche Vorsicht angewandt, um nicht zu mißfallen. Ich mochte sie in Livorno nicht mal zu einem Franken den Band kaufen, ich, der ich solche Art von Büchern doch so hoch schätze! Aber wieviel Vorsicht ist nötig, um nicht zu lügen? So steht zu Beginn des ersten Kapitels etwas, das wie Prahlerei aussehen kann. Nein, lieber Leser, ich war 1809 bei Wagram nicht Soldat. Beyle hat der Schlacht überhaupt nicht beigewohnt. (Chuquet 100.) Du mußt wissen, daß es fünfundvierzig Jahre vor dir Mode war, Soldat unter Napoleon gewesen zu sein. Es ist also heute, 1835, eine durchaus der Aufzeichnung würdige Lüge, wenn man mittelbar und ohne direkte Lüge ( jesuitico more ) zu verstehen gibt, man sei bei Wagram Soldat gewesen. Tatsächlich war ich Wachtmeister und Leutnant bei den 6. Dragonern, als dies Regiment, ich glaube im Mai 1800, in Italien einrückte, und ich habe meinen Abschied in der kurzen Friedenszeit von 1802 genommen. Meine Kameraden widerten mich an, und ich fand nichts so süß, als in Paris als »Philosoph« zu leben. Das war das Wort, das ich damals mir selbst gegenüber gebrauchte, bei einer väterlichen Zulage von 150 Franken monatlich. Ich hoffte, nach meines Vaters Tode das Doppelte oder Vierfache zu haben; bei meinem damaligen brennenden Wissensdurst war das mehr als genug. Ich bin nicht Oberst geworden, wie ich es bei der mächtigen Protektion meines Vetters, des Grafen Daru, hätte werden können, aber ich glaube, ich bin glücklicher geworden. Bald dachte ich nicht mehr daran, Turenne zu studieren und ihn nachzuahmen, was mein Ziel während meiner dreijährigen Dienstzeit als Dragoner gewesen war. Bisweilen wurde dies Ziel durch ein andres verdrängt: Komödien wie Molière zu schreiben und mit einer Schauspielerin zu leben. Schon damals hatte ich einen tödlichen Widerwillen gegen anständige Frauen und die von ihnen unzertrennliche Heuchelei. Meine grenzenlose Faulheit trug den Sieg davon; sobald ich in Paris war, machte ich sechs Monate lang meinen Verwandten (den Darus, Frau Le Brun, Frau de Baure) keinen Besuch; ich verschob es immer auf den nächsten Tag. So verbrachte ich zwei Jahre im fünften Stock eines Hauses der Rue d'Angiviller mit schöner Aussicht auf die Kolonnaden des Louvre und las La Bruyère, Montaigne und J. J. Rousseau, dessen hochtrabender Stil mich jedoch verdroß. Dort formte sich mein Charakter. Ich las auch oft die Trauerspiele Alfieris und zwang mich, sie schön zu finden; ich verehrte Cabanis, de Tracy und J. B. Say. Ich las oft Cabanis, dessen unklarer Stil mich in Verzweiflung brachte. Ich lebte einsam und närrisch wie ein Spanier, tausend Meilen vom wirklichen Leben. Der gute Pater Jecki, ein Irländer, gab mir englische Stunden, aber ich machte keine Fortschritte; ich war vernarrt in Hamlet. Doch ich lasse mich fortreißen, ich schweife ab und werde unverständlich werden, wenn ich nicht chronologisch vorgehe; zudem werden mir die Einzelheiten dann nicht so gut wieder einfallen. Also: ich war 1899 bei Wagram nicht Soldat, sondern dem Kriegskommissariat Soviel wie Armee-Intendantur. zugeteilt, eine Stellung, die mein Vetter Daru mir verschafft hatte, um mich dem Laster zu entreißen, wie es damals bei meiner Familie hieß. Mein Einsiedlerleben in der Rue d'Angiviller hatte nämlich damit geendet, daß ich ein Jahr lang in Marseille mit einer reizenden Schauspielerin lebte, Melanie Guilbert. die eine hohe Seele besaß, und der ich nie einen Groschen gab. Das lag an der großartigen Vernunft meines Vaters, der mir monatlich nur 150 Franken zum Leben gab; außerdem wurde dieser Zuschuß im Jahre 1805 in Marseille sehr unregelmäßig gezahlt. Doch ich schweife wieder ab. Im Oktober 1806, nach Jena, wurde ich dem Kriegskommissariat zugeteilt, eine Stellung, auf die die Soldaten herabsahen. Am 3. August 1810 wurde ich Auditor im Staatsrat und kurz darauf Generalinspekteur der kaiserlichen Mobilien. Ich stand in Gunst, zwar nicht bei meinem Herrn und Meister, denn Napoleon sprach mit Narren meines Schlages nicht, wohl aber bei dem besten aller Menschen, dem Herzog von Friaul (Duroc). Doch ich komme wieder ab. Zweites Kapitel Lebenseinteilung Mailänder Dom Ich fiel mit Napoleon im April 1814. Seitdem lebte ich in Italien. Im Jahre 1821 verließ ich Mailand mit Verzweiflung im Herzen, Mathildes wegen, und nahe daran, mich totzuschießen. In Paris stieß mich anfangs alles ab; später schrieb ich zu meiner Zerstreuung. Mathilde starb (1824); so war es zwecklos, nach Mailand zurückzukehren. Ich wurde völlig glücklich, doch das ist zuviel gesagt, aber recht leidlich glücklich im Jahre 1830, als ich »Rot und Schwarz« schrieb. Die Julirevolution (1830) entzückte mich. Ich sah den Kämpfen unter den Kolonnaden des Théâtre français zu; es war nicht sehr gefährlich für mich. Nie werde ich die schöne Sonne und den ersten Anblick der Trikolore am 28. um 8 Uhr vergessen. Die Nacht hatte ich bei dem Major Pinto geschlafen, dessen Tochter sich fürchtete. Am 25. September wurde ich vom Grafen Molé, Damals Minister des Auswärtigen. den ich nie gesehen hatte, zum Konsul in Triest ernannt. Von Triest kam ich 1831 nach Civitavecchia und nach Rom, wo ich noch bin und wo ich mich langweile, weil es mir an Gedankenaustausch fehlt. Von Zeit zu Zeit muß ich den Abend mit geistreichen Leuten verplaudern, sonst ersticke ich. Dies also sind die großen Abschnitte meiner Darstellung: geboren 1783, Dragoner 1800, Student 1803-1806. Im Jahre 1806 Adjunkt beim Kriegskommissariat und Intendant in Braunschweig. Im Jahre 1809 Transport der Verwundeten von Eßling und Wagram, Aufträge im Donautal an den schneebedeckten Ufern, Liebschaft mit der Gräfin Palfy. Gräfin Alexandrine Daru. Um sie wiederzusehen, bat ich um eine Sendung nach Spanien. Am 3. August 1810 wurde ich durch ihre Vermittlung zum Auditor im Staatsrat ernannt. Auf dies verschwenderische Günstlingsleben folgt eine Sendung nach Moskau; dann wurde ich Intendant in Sagan in Schlesien, und schließlich fiel ich 1814. Wer sollte es glauben? Mir persönlich war dieser Sturz lieb! Nach diesem Sturze Studium, Schriftstellerei, Liebestorheiten, Drucklegung der »Geschichte der Malerei in Italien« (1817). Mein Vater wird Ultra, richtet sich zugrunde und stirbt 1819, glaube ich; im Juni 1821 kehre ich nach Paris zurück, voller Verzweiflung wegen Mathilde. Sie stirbt; sie war mir tot lieber als untreu; ich schreibe, ich tröste mich, ich werde glücklich. Im September 1830 werde ich wieder Verwaltungsbeamter, was ich noch bin, und sehne mich nach dem Leben eines freien Schriftstellers im dritten Stock des Hotel de Valois in der Rue de Richelieu 71. Seit dem Winter 1826 bin ich geistreich; vorher schwieg ich aus Trägheit. Ich gelte wohl für den heitersten und fühllosesten Menschen. Allerdings habe ich nie ein Wort über die Frauen gesagt, die ich liebte. In dieser Hinsicht zeige ich durchaus alle Symptome des melancholischen Temperaments, wie es Cabanis beschreibt. Neulich, auf dem einsamen Wege über dem Albaner See, träumte ich vom Leben und fand, daß das meine sich durch die folgenden Namen bezeichnen läßt, deren Anfangsbuchstaben ich wie Voltaires Zadig mit meinem Spazierstock in den Staub des Weges zeichnete, als ich auf der kleinen Bank hinter dem Kalvarienberg der Minori Menzati saß, der vom Bruder des Papstes Urban VIII. (Barberini) angelegt ist, unter den herrlichen Bäumen, die von einer kleinen runden Mauer eingefaßt sind: Virginie (Kably), Angela (Pietragrua), Adele (Rebuffet), Melanie (Guilbert), Minna (v. Griesheim), Alexandrine (Petit), Gräfin Daru Angelina (Bereyter), die ich nie geliebt habe, Angela (Pietragrua), Mathilde (Dembowski), Clementine (Curial), Giulia Madame Jules Gaulthier. und schließlich höchstens einen Monat lang Madame Azur, Alberthe de Rubempré. deren Vornamen ich vergessen habe, und gestern törichterweise Amalie B. ... Die meisten dieser holden Wesen haben mich durchaus nicht mit ihrer Huld beehrt, aber sie haben mein ganzes Leben buchstäblich ausgefüllt. Dann erst folgen meine Werke. Ehrgeizig bin ich eigentlich nie gewesen, doch im Jahre 1811 hielt ich mich für ehrgeizig. Der gewöhnliche Zustand meines Lebens war der des unglücklichen Liebenden und des Liebhabers von Musik und Malerei, d. h. des Genusses dieser Künste und nicht ihrer stümperhaften Ausübung. Mit ausgesuchter Empfindsamkeit habe ich schöne Landschaften aufgesucht; einzig deshalb bin ich gereist. Die Landschaften waren wie ein Violinbogen, der auf meiner Seele spielte. Landschaftsbilder, die niemand kennt, z. B. die Linie der Felsen, wenn man sich Arbois nähert (ich glaube, wenn man von Dôle auf der großen Straße kommt), sind für mich ein sinnfälliges, greifbares Bild von Mathildes Seele. Ich sehe, ich habe die Träumerei allem andern vorgezogen, selbst dem Ruhme, für geistreich zu gelten. Erst im Jahre 1826 habe ich mir diese Mühe gemacht und die Rolle des Improvisators im Gespräch übernommen, um die Gesellschaft, die ich besuchte, zu unterhalten. Es geschah aus Verzweiflung in den ersten Monaten jenes Schicksalsjahres. Kürzlich las ich in einem Buche (den Briefen Victor Jacquemonts), Ein Brief Jacquemonts an Stendhal ist im Anhang des Buches »Über die Liebe« (Bd. IV dieser Ausgabe) abgedruckt. jemand hätte mich für glänzend gehalten. Vor ein paar Jahren fand ich etwa das gleiche in einem damaligen Modebuche der Lady Morgan. » France in 1829-1830 «, 2 Bde., London 1830, I, 320f. Diese schöne Eigenschaft hatte ich vergessen; sie hat mir viele Feinde gemacht. (Es war vielleicht nur der Anschein dieser Eigenschaft, und die Feinde sind zu gemeine Seelen, um zu beurteilen, ob jemand glänzend ist.) Das große drawback (Nachteil), geistreich zu sein, liegt darin, daß man auf die Halbblöden in seiner Umgebung Rücksicht nehmen und auf ihre seichten Anschauungen eingehen muß. Ich habe den Fehler, mich an die am wenigsten Phantasielosen zu halten und für die andern unverständlich zu werden, was ihnen vielleicht um so lieber ist. Seit meinem Aufenthalt in Rom bin ich nur wöchentlich einmal für fünf Minuten geistreich; lieber träume ich. Die Leute hier verstehen die Feinheiten der französischen Sprache nicht genug, um die Feinheiten meiner Bemerkungen zu erfassen. Sie brauchen die groben Witze der Handlungsreisenden. Die Gesangsposse ist ihr Entzücken (Beispiel: Michelangelo Gaëtani) und ihr tägliches Brot. Die Aussicht auf einen solchen Erfolg macht mich eiskalt; ich mag nicht mehr mit Menschen sprechen, die einem Singspiel Beifall zollen. Ich sehe die ganze Nichtigkeit der Eitelkeit ein. Vor zwei Monaten also, im September 1835, als ich auf den Gedanken kam, diese Memoiren zu schreiben, am Ufer des Albaner Sees, zweihundert Schritt über dem Seespiegel, schrieb ich wie Voltaires Zadig diese Anfangsbuchstaben in den Staub: B.. Aa. Ad. M. Mi Al. Aine. Apg. Mde. C.. G.. Ar. Die gleichen Namen wie auf Seite 13. 1 2 3 4 5 6 Ich versank in tiefes Träumen über diese Namen und die erstaunlichen Torheiten und Dummheiten, zu denen sie mich veranlaßt haben (erstaunlich für mich, nicht für den Leser; zudem bereue ich nichts). In der Tat habe ich nur sechs der geliebten Frauen besessen. Galt meine größte Leidenschaft Melanie(2), Alexandrine, Mathilde oder Clementine(4)? Diese hat mir den größten Schmerz bereitet, als sie mich verließ. Aber läßt sich dieser Schmerz mit dem vergleichen, den mir Mathilde antat, als sie mir nicht sagen wollte, ob sie mich liebte? Ihnen allen und noch mehreren anderen gegenüber war ich stets wie ein Kind; daher meine geringen Erfolge. Aber dafür haben sie mich viel und leidenschaftlich beschäftigt und mir Erinnerungen hinterlassen, die mich teils noch nach vierundzwanzig Jahren entzücken, so die an die Madonna del Monte bei Varese im Jahre 1811. S. Seite 383 ff. Ich war keineswegs galant, jedenfalls nicht genug. Ich habe mich immer nur mit der Frau beschäftigt, die ich liebte, und wenn ich nicht liebte, träumte ich beim Anblick der menschlichen Dinge oder las mit Entzücken Montesquieu oder Walter Scott. Darum bin ich so wenig eingebildet auf ihre Listen und kleinen Gunstbeweise wie auf mein Alter (52 Jahre), und während ich dies schreibe, schwelge ich noch von einer langen chiacchierata , die Amalie gestern mit mir im Ballettheater hatte. Um diese Frauen möglichst philosophisch zu betrachten und so zu versuchen, sie des Glorienscheins zu entkleiden, der mich blendet und mir die Fähigkeit deutlichen Sehens raubt, will ich sie (mathematisch gesprochen) nach ihren verschiedenen Eigenschaften ordnen . Ich fange also mit ihrer gewöhnlichen Leidenschaft an, der Eitelkeit, und sage: zwei von ihnen waren Gräfinnen, Gräfin Daru und Gräfin Curial. eine Baronin. Baronin Mathilde Dembowski. Die reichste war Alexandrine. Ihr Gatte und besonders sie gaben im Jahre gut 80 000 Franken aus. Die ärmste war Minna von Griesheim, die jüngste Tochter eines Generals ohne Vermögen, des Günstlings eines gestürzten Fürsten, der mit seiner Familie von seiner Pension leben mußte; oder Fräulein Bereyter von der Komischen Oper. Ich suche den Reiz, das dazzling des Erlebnisses abzustreifen, indem ich sie so militärisch betrachte. Das ist mein einziges Mittel, um zur Wahrheit in Dingen zu gelangen, über die ich mit niemandem sprechen kann. Dank der Schamhaftigkeit des melancholischen Temperaments (Cabanis) war ich in dieser Hinsicht stets von einer unglaublichen, tollen Verschwiegenheit. Geistig überragte Clementine alle anderen. Mathilde übertraf sie durch ihren spanischen Edelmut, Giulia wohl durch ihre Charakterstärke, obwohl sie zuerst als die schwächste erschien. Angela P. war eine erhabene Dirne, eine rechte Italienerin, wie Lucrezia Borgia, und Madame Azur eine nicht erhabene Dirne wie die Dubarry. An Geldmangel habe ich nur zweimal gelitten, gegen Ende von 1805 und bis zum August 1806, denn mein Vater schickte mir kein Geld mehr, und, was das schlimmste war, ohne mich zu benachrichtigen. Einmal schickte er mir fünf Monate lang meine Zulage von 150 Franken nicht. Dann unser großes Elend mit dem Vicomte (Barral). Er bekam zwar seine Zulage regelmäßig, verspielte sie aber jedesmal am ersten Tage. In den Jahren 1829 und 1830 kam ich mehr durch Sorglosigkeit und Unachtsamkeit als durch wirklichen Geldmangel in Verlegenheit; denn von 1821 bis 1830 habe ich drei bis vier Reisen nach Italien, England und Barcelona gemacht, und am Ende dieses Zeitabschnitts hatte ich nur 400 Franken Schulden; diese Summe schuldete ich im September 1830 meinem Schneider Michel. Wer das Leben der jungen Leute zu meiner Zeit kennt, wird das sehr mäßig finden. Von 1800 bis 1830 war ich meinem Schneider nie einen Sou schuldig. Meine damaligen Freunde (1830), Mareste, Colomb, waren Freunde eigner Art. Sie hätten gewiß alles getan, um mich aus einer großen Gefahr zu retten, aber wenn ich mit einem neuen Rock ausging, hätten sie, besonders der erste, zwanzig Franken ausgegeben, wenn mir jemand Spülwasser darauf gegossen hätte. Mit Ausnahme vom Vicomte Barral und Bigillion (aus Saint-Ismier) hatte ich zeitlebens nur solche Freunde. Es waren brave, höchst verständige Leute, die es durch beharrliche Arbeit oder Geschicklichkeit zu einem Einkommen oder Gehalt von 12-15000 Franken gebracht hatten und die es verdroß, daß ich bei einem Einkommen von höchstens 4-5000 Franken heiter, sorglos und glücklich mit einem Buch Schreibpapier und einer Feder lebte. Sie hätten mich hundertmal mehr geliebt, hätten sie mich betrübt und unglücklich gesehen, weil ich nur die Hälfte oder ein Drittel ihres Einkommens hatte, ich, der sie einst vielleicht etwas gekränkt hatte, als ich mir einen Kutscher, zwei Pferde, eine Kalesche und ein Kabriolett hielt. Denn soweit hatte sich mein Luxus während des Kaiserreichs verstiegen. Damals war ich ehrgeizig oder hielt mich dafür; was mich dabei störte, war, daß ich nicht wußte, was ich mir wünschen sollte. Ich schämte mich meiner Liebschaft mit der Gräfin Alexandrine, ich hielt Fräulein A. Bereyter von der Komischen Oper aus, frühstückte im Café Hardy und war unglaublich unternehmungslustig. Von Saint-Cloud Wo Napoleon Hof hielt. kam ich eigens nach Paris, um einen Akt des » Matrimonio segreto « im Odeon (mit den Damen Barilli, Tachinardi, Festa und Bereyter) zu hören. Mein Kabriolett wartete vor dem Café Hardy. Das hat mein Schwager mir nie verziehen. Das alles konnte wie Geckenhaftigkeit aussehen, war es jedoch nicht. Ich strebte nach Genuß und Taten, aber nie suchte ich mehr davon vorzuspiegeln, als es tatsächlich der Fall war. Der Arzt Prunelle, ein geistvoller Mann, dessen Denkweise mir sehr zusagte, mordshäßlich, später als käuflicher Deputierter und Bürgermeister von Lyon um 1833 berühmt, gehörte damals zu meinen Bekannten. Er sagte von mir: »Das ist ein eingebildeter Geck.« Dies Urteil fand bei meinen Bekannten Anklang. Vielleicht hatte er übrigens recht. Mein trefflicher, höchst spießbürgerlicher Schwager Périer-Lagrange, François Daniel Périer, der Gatte seiner Schwester Pauline, »ein guter dummer Kerl und großer Pferdemensch, der meine Schwester während der Feldzuge in Deutschland heiratete«, wie Beyle andernorts (I, 258f.) sagt. ein früherer Kaufmann, der sich als Landwirt bei La Tour du Pin unüberlegt zugrunde richtete, frühstückte mit mir im Café Hardy und sah, wie ich den Kellnern kurze Befehle gab, denn bei allen meinen Dienstobliegenheiten hatte ich es oft eilig. Es freute ihn, daß die Kellner sich untereinander über meine Geckenhaftigkeit aufhielten, was mich aber gar nicht ärgerte. Ich habe das Spießbürgertum stets tief und gleichsam instinktiv verachtet. Trotzdem erkannte ich wohl, daß allein im Bürgertum sich energische Menschen befanden, so mein Vetter Rebuffet (Kaufmann in der Rue Saint-Denis), so Ducros, der Stadtbibliothekar von Grenoble, und der unvergleichliche Gros, der Feldmesser der guten Gesellschaft und mein Lehrer ohne Wissen meiner Angehörigen, denn er war Jakobiner und meine ganze Familie war stockkonservativ. Diese drei Männer besaßen meine ganze Hochachtung und mein ganzes Herz, soweit der Respekt und der Altersunterschied herzliche Beziehungen aufkommen läßt. Gegen sie war ich nicht anders als gegen die Wesen, die ich später allzu lieb hatte: stumm, verschlossen, stumpfsinnig, wenig liebenswürdig und bisweilen verletzend – alles aus Hingebung und Selbstvergessenheit. Meine Eigenliebe, mein Vorteil, mein Ich schwanden in Gegenwart des geliebten Wesens dahin; ich ging ganz in ihm auf. Wie aber, wenn dies Wesen durchtrieben war wie die Pietragrua? Doch ich greife immerzu vor! Werde ich den Mut haben, diese Bekenntnisse in einer verständlichen Weise zu schreiben? Ich muß erzählen, und ich schreibe Betrachtungen über unwesentliche Ereignisse, die gerade wegen ihrer mikroskopischen Kleinheit einer genauen Beschreibung bedürfen. Welche Geduld verlange ich von dir, mein Leser! Also: nach meiner Meinung gab es Tatkraft zu jeder Zeit (1811) selbst in meinen Augen nur bei der Klasse, die mit der wirklichen Not kämpfte. Meine adligen Freunde, Raymond de Bérenger (der bei Lützen fiel), de Saint-Ferréol, de Sinard (fromm und jung gestorben), Gabriel du B[ouchage] (eine Art Spitzbube oder gewissenloser Schuldenmacher, heute Pair von Frankreich und im Herzen Ultra), de Montval – sie kamen mir immer vor, als ob sie etwas Besonderes hätten, einen gewaltigen Respekt vor dem Herkommen (besonders Sinard). Stets suchten sie den guten Ton zu wahren oder comme il faut zu sein, wie man in Grenoble im Jahre 1793 sagte. Aber ich erkannte das damals keineswegs deutlich. Erst seit Jahresfrist steht mein Urteil über den Adel fest. Mein Geistesleben hat sich ungewollt auf die aufmerksame Beobachtung von fünf bis sechs Grundvorstellungen eingestellt, um zur Wahrheit über sie zu gelangen. Raymond de Bérenger war ein echtes und vorzügliches Beispiel für den Grundsatz noblesse oblige , wogegen Montval (er starb als Oberst allgemein verachtet 1829 in Grenoble) das Ideal eines Deputierten der Mittelparteien war. Das alles trat deutlich zutage, als diese Herren (um 1798) fünfzehn Jahre alt waren. Deutlich erkenne ich die Wahrheit über dies alles erst bei der Niederschrift im Jahre 1835. Bisher waren sie vom Glorienschein der Jugend umhüllt, infolge der übergroßen Lebhaftigkeit der Empfindungen. Durch dauernde Anwendung philosophischer Methoden, durch Einteilung meiner Jugendfreunde in Klassen , wie der Botaniker Adrien de Jussieu seine Pflanzen einteilt, suche ich die mir entfliehende Wahrheit zu erfassen. Ich erkenne, daß das, was ich im Jahre 1800 für hohe Berge ansah, meist nur Maulwurfshügel waren, aber diese Entdeckung habe ich erst recht spät gemacht. Ich sehe, daß ich wie ein scheues Pferd war, und diese Entdeckung verdanke ich einer Bemerkung, des Herrn de Tracy, des berühmten Grafen Destuit de Tracy, Pair von Frankreich, Mitglied der französischen Akademie und, was mehr wert ist, Verfasser des Gesetzes vom 3. Brumaire über die Zentralschulen. Ich muß ein Beispiel anführen. Um nichts und wieder nichts, zum Beispiel des Nachts vor einer halb offnen Tür, bildete ich mir ein, zwei Bewaffnete lauerten mir auf, um mich zu hindern, an einem Fenster vorüberzugehen, das auf eine Galerie ging, auf der ich meine Geliebte sah. Eine solche Einbildung hätte ein verständiger Mann wie Abraham Constantin Dem Stendhal dies Fragment vermachte. S. die Testamente am Schluß desselben. nicht gehabt. Aber nach wenigen Sekunden – höchstens vier bis fünf – gab ich mein Leben preis und stürzte mich wie ein Held auf die beiden Feinde, die sich in eine halb geschlossene Tür verwandelten. Erst vor zwei Monaten ist mir etwas Derartiges wenigstens in geistiger Beziehung zugestoßen. Das Opfer war gebracht und aller nötige Mut gefunden, da merkte ich nach vierundzwanzig Stunden beim nochmaligen Lesen eines schlecht gelesenen Briefes, daß ich mich getäuscht hatte. Teile ich also mein Leben wie eine Münzensammlung ein, so ergibt sich: Kindheit und erste Erziehung 1786–1800 15 Jahre Militärdienst 1800–1802 3 Jahre Zweite Erziehung, lächerliche Liebschaften mit Adele Clozel Lies Rebuffet. und der Mutter, die sich dem Liebhaber ihrer Tochter hingab. Leben in der Rue d'Angiviller. Schließlich die schöne Zeit in Marseille mit Melanie 1803–1805 2 Jahre Rückkehr nach Paris, Abschluß der Erziehung 1 Jahr Dienst unter Napoleon vom Oktober 1806 bis zur Abdankung Ende 1814 7½ Jahre Meine Beitrittserklärung in der gleichen Nummer des »Moniteur«, in der Napoleons Abdankung stand. Reisen, große schreckliche Liebschaften, Trost im Bücherschreiben von 1814–1830 15½ Jahre Zweiter Staatsdienst vom 15. September 1830 bis zu dieser Stunde 5 Jahre Mein erstes Auftreten in der Gesellschaft fand im Salon der Frau von Vaulserre statt, einer frommen Dame mit merkwürdigem, kinnlosem Gesicht, der Tochter des Barons des Adrets und Freundin meiner Mutter. Das war wohl im Jahre 1794. Ich war von feurigem, aber schüchternem Temperament, wie es Cabanis beschreibt. Einen äußerst starken Eindruck machten mir die schönen Arme von Fräulein Bonne de Saint-Ballier, wenn ich nicht irre. Ich sehe ihr Gesicht und ihre schönen Arme noch, aber der Name ist mir nicht sicher; vielleicht war es Fräulein de Lavalette. Herr von Saint-Ferréol, von dem ich nie mehr etwas gehört habe, war mein Feind und Nebenbuhler; de Sinard, unser beider Freund, beschwichtigte uns. Das alles spielte sich in dem prächtigen Erdgeschoß des Adretschen Hauses ab, das auf den Garten ging. Jetzt ist es zerstört und zu einem Bürgerhaus verwandelt. Es lag in der Rue Neuve in Grenoble. Damals begann auch meine leidenschaftliche Bewunderung für den Pater Ducros, einen säkularisierten Franziskanermönch und hervorragenden Mann, wenigstens in meinen Augen. Mein Busenfreund war mein Großvater Henri Gagnon, Doktor der Medizin. Nach so vielen allgemeinen Betrachtungen will ich zur Welt kommen. Drittes Kapitel Erste Erinnerungen Terrasse im Gagnon'schen Haus zu Grenoble Rom, 27. bis 30. November 1835. Meine erste Erinnerung ist, daß ich meine Kusine, Frau Pison-Dugalland, die Gattin des geistreichen Deputierten der verfassunggebenden Versammlung, in die Wange oder Stirn biß. Ich sehe sie noch. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt, beleibt und stark geschminkt. Wahrscheinlich hatte mich die Schminke gereizt. Sie saß mitten auf dem Rasenplatz, der das Glacis der Porte de Bonne bildete, und ihre Wange befand sich in Höhe meines Mundes. »Gib mir einen Kuß, Henri«, sagte sie zu mir. Ich wollte nicht, sie wurde böse und ich biß kräftig zu. Ich sehe den Auftritt noch. Aber wahrscheinlich nur, weil ich sofort Schelte bekam und mir meine Untat immer wieder vorgehalten wurde. Das Glacis war mit Wucherblumen bedeckt. Ich liebte diese Blumen und band sie zum Strauß. Meine Tante Seraphie erklärte, ich sei ein Ungeheuer und hätte einen abscheulichen Charakter. Diese Tante Seraphie besaß die ganze Verbitterung eines frömmelnden Mädchens, das keinen Mann gekriegt hat. Was hatte sie erlebt? Ich habe es nie erfahren. Die Skandalchronik unserer Verwandten bleibt uns ja stets unbekannt, und ich verließ Grenoble für immer mit sechzehn Jahren, nach drei Jahren der lebhaftesten Leidenschaft, die mich völlig vereinsamt hatte. Der zweite Charakterzug war noch weit schlimmer. Auf dem Glacis der Porte de Bonne hatte ich mir Binsen gesammelt. Ich wurde nach Hause gebracht. In einem Zimmer im ersten Stock, dessen Fenster auf den Marktplatz an der Ecke der Rue Grenette ging, baute ich mir einen Garten, indem ich die Binsen in zwei Zoll lange Stücke zerschnitt und sie zwischen den Balkon und die Fensterrinne legte. Das Küchenmesser, das ich dazu benutzte, entglitt mir und fiel auf die Straße hinunter, d. h. zwölf Fuß hoch, dicht bei Frau Chenavaz, dem boshaftesten Weib in der ganzen Stadt. Meine Tante Seraphie behauptete, ich hätte Frau Chenavaz töten wollen. Ich wurde für ein Scheusal erklärt und bekam Schelte von meinem trefflichen Großvater Gagnon, der vor seiner Tochter Seraphie, der angesehensten Betschwester der Stadt, Angst hatte. Ich bekam sogar Schelte von meiner trefflichen Großtante Elisabeth Gagnon, die eine hohe, spanische Seele besaß. Ich lehnte mich auf; ich war damals etwa vier Jahre alt. Aus dieser Zeit stammt mein Abscheu vor der Religion, den mein Verstand nur mit großer Mühe auf das rechte Maß eingeschränkt hat, und auch das erst neuerdings; es ist keine sechs Jahre her. Die Tante Seraphie war der böse Geist meiner Kindheit. Man verabscheute sie, aber sie stand bei der Familie in hohem Ansehen. Ich glaube, mein Vater hat sich später in sie verliebt, wenigstens machten sie lange Spaziergänge nach Les Granges, einem Sumpf vor den Stadtmauern, und ich nahm als lästiger Dritter daran teil. Ich langweilte mich dabei sehr. Wenn diese Spaziergänge bevorstanden, versteckte ich mich. Daran scheiterte das bißchen Liebe, das ich für meinen Vater hegte. Tatsächlich bin ich lediglich von meinem trefflichen Großvater, Henri Gagnon, erzogen worden. Der seltne Mann hatte eine Pilgerfahrt nach Ferney unternommen, um Voltaire zu besuchen, und dieser hatte ihn mit Auszeichnung empfangen. Er besaß eine kleine, faustgroße Voltairebüste, die auf einem sechs Zoll hohen Ebenholzsockel stand. Das war ein sonderbarer Geschmack, aber die schönen Künste waren weder Voltaires noch meines trefflichen Großvaters starke Seite. Diese Büste stand vor seinem Schreibtisch. Sein Arbeitszimmer lag am Ende einer sehr großen Wohnung, die auf eine vornehme, blumengeschmückte Terrasse ging. Es war für mich eine seltne Gunst, es betreten zu dürfen, und eine noch seltnere, wenn ich die Voltairebüste ansehen und anfassen durfte. Bei alledem haben mir Voltaires Schriften von jeher hervorragend mißfallen; sie kamen mir kindisch vor. Ich kann sagen, nichts von diesem großen Mann hat mir je gefallen. Damals konnte ich nicht wissen, daß er der Gesetzgeber und Apostel Frankreichs war, sein Martin Luther. Henri Gagnon trug eine runde gepuderte Perücke mit drei Reihen Locken, denn er war Doktor der Medizin und der Modearzt der Damen. Es hieß sogar, er sei der Liebhaber mehrerer von ihnen gewesen, unter andern der Frau Teisseire, einer der hübschesten Damen der Stadt. Ich entsinne mich nicht, sie je gesehen zu haben, denn damals hatten sich beide überworfen, aber man hat mir die Sache später auf merkwürdige Art hinterbracht. Wegen seiner Perücke ist mein trefflicher Großvater mir stets wie ein Mann von achtzig Jahren erschienen. Er hatte Grillen Vapeurs , ein Ausdruck des 18. Jahrhunderts: »Vermeintlich durch zum Gehirn aufsteigende Blähungen verursachte Beschwerden und darauf gegründete hysterische Launen« (Sachs-Villate). (wie ich Unglücklicher), litt an Rheumatismus, und das Gehen fiel ihm schwer, aber er nahm grundsätzlich keinen Wagen und setzte nie seinen Hut auf, einen kleinen, unter dem Arm zu tragenden Dreispitz, der meine Freude bildete, wenn ich ihn erwischen und aufsetzen konnte, was von der ganzen Familie als Achtungsverletzung betrachtet wurde. Schließlich unterließ ich es aus Respekt, mich mit dem Dreispitz und dem kleinen Spazierstock zu beschäftigen, dessen Griff aus Buchsbaumholz mit Perlmutter eingelegt war. Mein Großvater hatte eine Vorliebe für die unechten Episteln des Hippokrates, die er auf lateinisch las (obwohl er etwas Griechisch verstand), und für Horaz, den er in der Ausgabe von John Bond in abscheulich kleinen Lettern besaß. Er vererbte mir diese beiden Leidenschaften und tatsächlich fast seinen ganzen Geschmack, aber nicht so, wie er es wollte. Ich werde das später erklären. Sollte ich je wieder nach Grenoble kommen, so muß ich nach dem Geburts- und Todesschein Die Familienstandsdaten von Stendhals sämtlichen Verwandten befinden sich im Anhang 1 dieses Bandes. dieses trefflichen Mannes forschen, der mich vergötterte und seinen Sohn Romain Gagnon gar nicht liebte. Das war der Vater von Oronce Gagnon, der Schwadronschef bei den Dragonern wurde und vor drei Jahren einen Mann im Zweikampf getötet hat, was ich recht von ihm finde; wahrscheinlich ist er kein Tropf. Ich habe ihn dreiunddreißig Jahre nicht gesehen; er mag jetzt fünfunddreißig Jahre alt sein. Ich verlor meinen Großvater, während ich in Deutschland war, entweder 1807 oder 1813; ich kann mich nicht deutlich erinnern. Ich entsinne mich nur, daß ich nach Grenoble reiste, um ihn noch einmal zu sehen; ich fand ihn sehr niedergedrückt. Dieser liebenswürdige Mann, einst die Seele der Abendgesellschaften, sprach fast kein Wort mehr. Er sagte nur: »Es ist ein Abschiedsbesuch.« Dann ging er auf andre Dinge über; er hatte einen Abscheu vor der albernen Familienrührung. Eine Erinnerung fällt mir ein. Im Jahre 1807 ließ ich mich malen, um Alexandrine (Daru) zu bewegen, sich gleichfalls malen zu lassen. Da sie das Modellsitzen einwandte, führte ich sie zu einem Ölmaler Louis Leopold Boilly (1761-1845); das Bild ist auf Seite 268 reproduziert. gegenüber dem Dioramabrunnen, der in einmaliger Sitzung für 120 Franken malte. Dies Bild sah mein guter Großvater, denn ich hatte es meiner Schwester geschickt, wohl um es los zu sein. Er war schon nicht mehr ganz klar im Kopfe und sagte beim Anblick des Bildes: »Das ist er leibhaftig!« Dann versank er wieder in Teilnahmslosigkeit und Schwermut. Bald darauf starb er im Alter von fünfundachtzig Jahren. Er war um 1728 geboren. Manchmal erzählte er von der Schlacht bei Assiette, dem vergeblichen Einfall in die Alpen, den der Chevalier de Belle-Isle 1747 versuchte. Sein Vater, ein Mann von festem, tatkräftigem und ehrenhaftem Wesen, hatte ihn als Feldscher mitgehen lassen, um seinen Charakter zu stählen. Mein Großvater besaß ein altes Haus in der schönsten Lage der Stadt an der Place Grenette an der Ecke der Hauptstraße. Es lag voll nach Süden und auf dem schönsten Platz von Grenoble, gegenüber den beiden Cafés, die sich Konkurrenz machten, und im Mittelpunkt der guten Gesellschaft. Dort wohnte mein Großvater in dem sehr niedrigen, aber sehr freundlichen ersten Stock bis zum Jahre 1789. Er muß damals reich gewesen sein, denn er kaufte (1786) ein prächtiges Haus hinter dem seinen von den Damen de Marnais. Er zog in den zweiten Stock seines Hauses an der Place Grenette und in das entsprechende Stockwerk des Marnaisschen Hauses und hatte so die schönste Wohnung in der Stadt. Die Treppe war für jene Zeit prachtvoll; ein Saal mochte 35 Fuß lang und 28 Fuß breit sein. Die beiden Zimmer, die nach der Place Grenette gingen, wurden umgebaut; unter anderm wurde eine Scherwand aus Gips und hochgestellten Ziegeln eingezogen, um das Zimmer seiner Tochter, der schrecklichen Tante Seraphie, von dem seiner Schwester, meiner Großtante Elisabeth, zu trennen. Man schlug eiserne Klammem in diese Wand ein, und auf den Kalkbewurf jeder Klammer schrieb ich: »Henri Beyle 1789.« Ich sehe noch diese schönen Inschriften, die meinen Großvater entzückten. »Da du so schön schreiben kannst,« sagte er zu mir, »so verdienst du, Lateinisch anzufangen.« Dies Wort flößte mir eine Art von Schrecken ein. Ein abscheulicher Pedant und Formelkrämer, namens Joubert, groß, blaß, hager, zusammengeknickt, auf einen Knotenstock gestützt, brachte mir mura , die Maulbeere, bei. Wir kauften eine Grammatik beim Buchhändler Giroud in einem Hof an der Place des Herbes. Ich ahnte damals nicht, welches Marterwerkzeug man mir kaufte. Hier beginnen meine Leiden. Aber ich verschiebe allzulange eine notwendige Darstellung, eine von den zweien oder dreien, derentwegen ich diese Memoiren vielleicht ins Feuer werfen werde. Meine Mutter, Frau Henriette Gagnon, war eine reizende Frau, und ich war in sie verliebt. Ich setze schleunigst hinzu, daß ich sie mit sieben Jahren verlor. Als ich sie mit etwa sechs Jahren (1789) liebte, hatte ich durchaus denselben Charakter wie 1828, als ich Alberthe de Rubempré leidenschaftlich liebte. Meine Art, auf die Glücksjagd zu gehen, hat sich im Grunde genommen gar nicht geändert, nur mit einer einzigen Ausnahme; ich stand dem Physischen in der Liebe gegenüber wie Cäsar, wenn er wieder auf die Welt käme und Kanonen und Feuerwaffen gebrauchen sollte. Ich hätte es schnell gelernt und an den Grundlagen meiner Taktik nichts geändert. Ich wollte meine Mutter mit Küssen bedecken und wünschte, daß es keine Kleider gäbe. Sie liebte mich leidenschaftlich und küßte mich oft; ich erwiderte ihre Küsse mit solcher Glut, daß sie oft hinausgehen mußte. Ich verabscheute meinen Vater, wenn er unsre Liebkosungen unterbrach. Ich wollte sie stets auf die Brust küssen. Man vergesse jedoch nicht, daß ich sie infolge eines Wochenbettes verlor, als ich sieben Jahre alt war. Sie hatte volle Formen, war frisch und sehr hübsch, aber ich glaube, nicht sehr groß. Ihre Züge waren äußerst edel und von vollendeter Heiterkeit. Sie hatte dunkles Haar, war sehr lebhaft und von vornehmem Wesen. Oft vergaß sie, ihren drei Mägden Anordnungen zu geben, und schließlich las sie oft Dantes »Göttliche Komödie« in der Ursprache. Ich fand später fünf bis sechs verschiedene Ausgaben in ihrem Zimmer, das nach ihrem Tode stets verschlossen blieb. Sie starb in der Blüte der Jugend und Schönheit im Jahre 1790; sie mochte damals 28 bis 30 Jahre alt sein. Damit begann mein Innenleben. Meine Tante Seraphie warf mir vor, daß ich nicht genug weinte. Man ermesse meinen Schmerz und meine Gefühle! Aber ich glaubte, ich würde sie am nächsten Tage wiedersehen: ich begriff den Tod nicht. So verlor ich vor fünfundvierzig Jahren das Liebste auf der Welt. Sie kann mir nicht zürnen, wenn ich mir herausnehme zu sagen, daß ich sie liebte. Finde ich sie je wieder, so werde ich es ihr wiederholen. Übrigens nahm sie an dieser Liebe in keiner Weise teil. Sie benahm sich nicht wie eine Venezianerin, wie Signora Benzoni dem Verfasser von » Nella « gegenüber. Ich meinerseits war so verbrecherisch wie möglich; ich liebte ihre Reize leidenschaftlich. Eines Abends, als ich zufällig in ihrem Zimmer auf einer Matratze auf dem Fußboden schlief, sprang die lebhafte Frau behend wie eine Hirschkuh über meine Matratze weg in ihr Bett. Ihr Zimmer blieb nach ihrem Tode zehn Jahre lang verschlossen. Nur widerwillig erlaubte mir mein Vater im Jahre 1798, eine Tafel aus Wachsleinwand darin aufzustellen und daran meine mathematischen Studien zu treiben. Dies Gefühl meines Vaters macht ihm in meinen Augen viel Ehre, wenn ich jetzt darüber nachdenke. Sie starb in ihrem Zimmer in unserm Hause in der Rue des Vieux Jésuites, Jetzt Rue Jean Jacques Rousseau 14. dem fünften oder sechsten linker Hand, wenn man von der Hauptstraße kommt, gegenüber dem Hause des Herrn Teisseire. Dort war ich geboren; das Haus gehörte meinem Vater. Er verkaufte es später, als er seine neue Straße baute und Torheiten beging. Diese Straße, die sein Ruin wurde, hieß Rue Dauphin (mein Vater war ultrakonservativ, ein Anhänger der Junker und Pfaffen). Jetzt heißt sie, glaube ich, Rue Lafayette. Ich verbrachte meine Zeit bei meinem Großvater, dessen Haus keine hundert Schritt von dem unsern lag. Grande Rue 20. Viertes Kapitel Tod meiner Mutter Stendhals Geburtshaus in Grenoble Rom, 1. bis 2. Dezember 1835. Ich könnte einen Band vollschreiben, wollte ich die Umstände beim Tod eines so teuren Wesens schildern. Das heißt, von den Einzelheiten weiß ich gar nichts. Sie starb im Wochenbett Am 23. November 1790. offenbar infolge der Ungeschicklichkeit eines Wundarztes namens Hérault, eines Dummkopfes, der anscheinend aus Groll gegen einen andern Geburtshelfer, einen klugen und begabten Mann, gewählt worden war. Beinahe ebenso starb 1814 die Gräfin Daru. Ausführlich beschreiben kann ich nur meine Empfindungen. Sie werden wahrscheinlich allen denen übertrieben oder unglaubhaft erscheinen, die an die falsche Natur der Romane oder an die Blutleere der nach dem Herzen der Pariser konstruierten Romanfiguren gewöhnt sind. Ich muß dem Leser sagen, daß der Dauphineser seine eigne, lebhafte, eigensinnige, rechthaberische Empfindungsweise hat; ich habe sie in keinem andern Lande gefunden. Für scharfblickende Augen müßten Musik, Landschaft und Romane aller drei Breitengrade wechseln. So endet der provenzalische Charakter bei Valence an der Rhone. Dort beginnt der burgundische und macht zwischen Dijon und Troyes dem pariserischen Platz, der höflich, geistreich und oberflächlich ist und kurz gesagt, viel an den Mitmenschen denkt. Der Dauphineser Charakter hat eine Zähigkeit, eine Tiefe, einen Geist, eine Feinheit, die man in der benachbarten provenzalischen oder burgundischen Kultur umsonst suchte. Wo der Provenzale in wilde Schmähungen ausbricht, denkt der Dauphineser nach und hält Zwiesprache mit seinem Herzen. Bekanntlich war das Dauphiné bis 1349 ein von Frankreich getrennter, politisch halb italienischer Staat. Dann verwaltete der Dauphin, der spätere Ludwig XI., der mit seinem Vater zerfallen war, das Land sechzehn Jahre. 1440-1456. Ich möchte glauben, daß dieser tiefe und äußerst scheue Geist, der den ersten Regungen nie nachgab, dem Dauphineser Charakter seinen Stempel aufgedrückt hat. Noch zu meiner Zeit war Paris in der Anschauung meines Großvaters und meiner Tante Elisabeth, wahren Typen der kraftvollen und hochherzigen Familiengesinnung, kein Vorbild, sondern eine ferne, feindliche Stadt, deren Einfluß man fürchten mußte. Nachdem ich gefühlsarmen Lesern durch diese Abschweifung den Hof gemacht habe, will ich erzählen, daß ich und meine Schwester Pauline am Tage vor dem Tode meiner Mutter in der Rue Montorge spazieren geführt wurden. Wir waren bei unserm Großvater in dem Hause auf der Place Grenette untergebracht worden. Ich schlief auf dem Fußboden auf einer Matratze zwischen Fenster und Kamin, als gegen zwei Uhr morgens die ganze Familie schluchzend eintrat. »Haben denn die Ärzte kein Heilmittel gefunden?« fragte ich die alte Marion, eine Magd im Stil Molières, die an ihrer Herrschaft hing, aber kein Blatt vor den Mund nahm. Sie kannte meine Mutter von klein auf, hatte ihre Hochzeit vor zehn Jahren (1780) erlebt und liebte mich sehr. Diese Marie Thomasset aus Vinay, kurz Marion genannt, saß die ganze Nacht neben meiner Matratze, weinte heiße Tränen und sollte mich offenbar beruhigen. Ich war eher erstaunt als verzweifelt; ich begriff den Tod nicht und glaubte es kaum. »Wie,« sagte ich zu Marion, »ich soll sie nie wiedersehen?« »Wie willst du sie wiedersehen, wenn man sie doch auf den Kirchhof bringt?« »Und wo ist der Kirchhof?« »In der Rue du Murier; er gehört zur Kirche Notre Dame.« Das ganze Zwiegespräch jener Nacht ist mir noch gegenwärtig; ich brauchte es nur zu Papier zu bringen. Damals begann tatsächlich mein Innenleben; ich mochte sechseinhalb Jahre alt sein. Ich schlief wieder ein; am nächsten Morgen, als ich aufwachte, sagte Marion zu mir: »Du mußt zu deinem Vater gehen und ihn umarmen.« »Wie! Meine liebe Mama ist tot? Soll ich sie nie wiedersehen?« »Willst du wohl schweigen! Dein Vater hört dich. Er liegt da im Bett bei Großtante.« Widerstrebend ging ich an das Bett im Alkoven. Er war dunkel, denn die Vorhänge waren geschlossen. Ich hatte eine Abneigung gegen meinen Vater und umarmte ihn nur widerstrebend. Kurz darauf kam der Abbé Rey, ein großgewachsener, sehr kalter, pockennarbiger Mann, der geistlos und gutmütig war und näselte. Er war ein Freund des Hauses und wurde bald Großvikar. Wird man es glauben? Weil er Priester war, hatte ich einen Widerwillen gegen ihn. Der Abbé Rey setzte sich ans Fenster. Mein Vater stand auf, zog seinen Schlafrock an und kam aus dem Alkoven, der mit grünen Sergevorhängen verschlossen war. (Am Tage waren noch andre, schöne rosa Taftvorhänge mit weißer Stickerei darüber.) Der Abbé umarmte meinen Vater schweigend. Ich fand ihn recht häßlich; er hatte verschwollene Augen, und die Tränen überwältigten ihn immerfort. Ich war in dem dunklen Alkoven geblieben und sah alles sehr genau. »Mein Freund,« sagte der Abbé schließlich, »das ist Gottes Fügung.« Diese Worte aus dem Munde eines Mannes, den ich haßte, zu einem andern, den ich nicht liebte, versetzten mich in tiefes Nachdenken. Man hält mich vielleicht für fühllos; bisher war ich über den Tod meiner Mutter nur verwundert. Darf ich niederschreiben, was mir Marion oft vorwurfsvoll wiederholt hat? Ich wagte Gott zu lästern. Angenommen indes, daß ich über diese ersten Geistesregungen löge, so lüge ich gewiß nicht über das Übrige. Wenn ich in die Versuchung komme, zu lügen, dann erst später bei sehr großen, weit späteren Verfehlungen. Ich glaube gar nicht an die Anzeichen höheren Menschentums bei Kindern. Auf einem Gebiet, das weniger Anlaß zu Illusionen gibt, da die Dokumente erhalten bleiben, nämlich in der Malerei, haben alle schlechten Maler, die ich kennengelernt habe, mit acht bis zehn Jahren Erstaunliches vollbracht, das auf Genie schließen ließ. Ach, nichts kündigt das Genie an, es sei denn die Starrköpfigkeit. Am nächsten Tage war von der Beerdigung die Rede. Mein Vater, dessen Gesicht tatsächlich völlig verändert war, zog mir eine Art von schwarzem Wollmantel an, den er mir am Halse zuknöpfte. Das war im Arbeitszimmer meines Vaters in der Rue des Vieux Jésuites. Mein Vater war schwarz gekleidet und das ganze Zimmer schwarz ausgeschlagen, ein schrecklicher Anblick. Nur die blaugebundene Enzyklopädie von d'Alembert und Diderot stach von der allgemeinen Häßlichkeit ab. Alle unsere Verwandten und Freunde versammelten sich dort. In meinem schwarzen Mäntelchen stand ich zwischen meines Vaters Knien. Vater Picot, ein Vetter von uns, ernst und feierlich wie ein Hofmann, erschien. Er war hager, fünfundfünfzig Jahre alt und von gewichtigem Wesen, wodurch er in der Familie in hohem Ansehen stand. Statt zu weinen und traurig zu sein, begann er wie sonst zu plaudern und sprach vom Hofe. Wahrscheinlich sprach er vom Gerichtshofe; ich aber glaubte, er spräche von fremden Höfen, und war über seine Fühllosigkeit tief betroffen. Kurz darauf trat mein Oheim (Romain Gagnon) ein, der Bruder meiner Mutter, ein äußerst wohlgestalteter und liebenswürdiger junger Mann und höchst elegant gekleidet. Er war der Schwerenöter der Stadt. Auch er begann wie sonst zu plaudern und sprach mit Herrn Picot. Ich war tief empört und entsinne mich, daß mein Vater ihn einen Leichtfuß nannte. Trotzdem bemerkte ich, daß seine Augen stark gerötet waren, und da er ein allerliebstes Gesicht hatte, beruhigte ich mich etwas ... Ein lautes Geräusch entstand: der Sarg meiner armen Mutter wurde zur Aufbewahrung in den Salon gebracht. »Ach so! Ich weiß nicht, in welcher Reihenfolge die Zeremonie stattfindet«, sagte Herr Picot mit gleichgültiger Miene und stand auf. Ich war tief verletzt; es war meine letzte soziale Empfindung. Als ich den Salon betrat und den mit schwarzem Tuche bedeckten Sarg sah, der meine Mutter barg, packte mich die heftigste Verzweiflung: ich begriff endlich, was der Tod war. Meine Tante Seraphie hatte mir bereits meine Fühllosigkeit vorgeworfen. Ich erspare dem Leser die Schilderung aller Phasen meiner Verzweiflung in der Pfarrkirche Saint Hugues. Ich erstickte fast; man mußte mich, glaube ich, hinausführen, weil mein Schmerz allzu laut war. Nie habe ich diese Kirche und die anstoßende Kathedrale ruhigen Blutes ansehen können. Noch 1828, als ich wieder nach Grenoble kam, versetzte mich der Glockenklang der Kathedrale in düstere, herbe Traurigkeit ohne jede Rührung, jene Traurigkeit, die dem Zorne verwandt ist. Als wir zum Kirchhof kamen, der auf einer Bastion bei der Rue des Muriers lag (heute, oder wenigstens 1828, steht dort ein großes Gebäude, ein Pionierschuppen), beging ich Torheiten, die Marion mir später erzählt hat. Anscheinend wollte ich nicht, daß man Erde auf den Sarg meiner Mutter würfe, weil ihr das weh täte. Doch »Des trüben Bildes schwarze Farbenflecken – Auslöschen soll man sie oder verdecken.« Infolge der verwickelten Charakterverhältnisse meiner Familie war mit dem Tode meiner Mutter alle Freude meiner Kindheit dahin. Fünftes Kapitel Kleine Kindheitserinnerungen Porte de France und Bastille in Grenoble Rom, 17. bis 22. Dezember 1835. Als wir im ersten Stock des Hauses auf der Place Grenette wohnten, d. h. vor 1790, oder richtiger, in der Mitte des Jahres 1789, hatte mein Oheim, ein junger Advokat, eine hübsche kleine Wohnung im zweiten Stock an der Ecke des Platzes und der Hauptstraße. Er scherzte mit mir und erlaubte mir zuzusehen, wenn er abends um 9 Uhr vor dem Abendessen seine schönen Kleider ablegte und seinen Schlafrock anzog. Das war für mich ein köstlicher Augenblick. Voller Freude ging ich mit ihm in den ersten Stock hinunter und trug den silbernen Leuchter voran. Meine aristokratische Familie hätte sich für entehrt gehalten, wäre der Leuchter nicht von Silber gewesen. Allerdings steckte darin keine vornehme Wachskerze, sondern das damals gebräuchliche Talglicht ... Mein Oheim war jung, schmuck, leichtsinnig und galt für den liebenswürdigsten Mann der Stadt. Noch Jahre später wollte Madame Delauney ihre Tugend beweisen, die freilich oft Schiffbruch gelitten hatte. »Trotzdem«, sagte sie, »habe ich den jungen Herrn Gagnon nie erhört.« Mein Oheim machte sich sehr über die feierliche Miene seines Vaters lustig, als dieser ihn in Gesellschaft in eleganten, aber unbezahlten Kleidern traf und ein sehr erstauntes Gesicht machte. »Ich machte mich flugs aus dem Staube«, sagte er zu mir, als er mir diesen Fall erzählte. Eines Abends führte er mich ins Theater, trotzdem alles dagegen war. Gegeben wurde der »Cid«. »Der Junge ist verrückt«, sagte mein trefflicher Großvater, als ich zurückkam. Als Freund der schönen Künste hatte er sich meinem Theaterbesuch nicht widersetzt. Ich sah also den »Cid«, aber ich glaube, er trat in himmelblauem Seidenkleid mit weißen Atlasschuhen auf ... Ein andermal machte mein Oheim mir die Freude, mich in »Die Karawane von Kairo« mitzunehmen. Ich merkte sehr wohl, daß ich ihn in seinem Verkehr mit den Damen störte. Der Anblick der Kamele verdrehte mir den Kopf. »Die Infantin von Zamorra«, in der ein Hasenfuß oder vielmehr ein Koch, eine Arie sang – er trug einen Helm mit einer Ratte als Helmzier –, versetzte mich in einen Begeisterungstaumel. Das war für mich die wahre Komik. Ich sagte mir, allerdings ganz dunkel und nicht so deutlich, wie ich es hier schreibe: »Das Leben meines Oheims ist in jedem Augenblick ebenso köstlich wie dieser reizende Theaterbesuch. Es gibt nichts Schöneres auf Erden, als ein liebenswürdiger Mann zu sein wie mein Oheim.« Es kam mir damals nicht in den Sinn, daß mein Oheim nicht so glücklich wie ich war, als er die Kamele der Karawane vorbeiziehen sah. Doch ich schoß über das Ziel hinaus. Statt galant zu sein, war ich gegen die Frauen, die ich liebte, leidenschaftlich, und gegen die andern gleichgültig, vor allem jeder Eitelkeit bar. Daher mein Mangel an Erfolg und meine Fiaskos. Vielleicht hat kein Mann am kaiserlichen Hofe weniger Frauen besessen, und doch hielt man mich für den Liebhaber der Gattin des ersten Ministers! Das Theater, ein schöner tiefer Glockenklang (wie in der Kirche oberhalb Rolle im Mai 1800 beim Übergang über den Sankt Bernhard) haben stets einen tiefen Eindruck auf mein Herz gemacht und tun es noch heute. Selbst die Messe, an die ich doch so wenig glaubte, stimmte mich feierlich. Schon in meiner ersten Jugend, von meinem zehnten Jahre an, glaubte ich, daß Gott diese Taschenspielerei verachtete. Und doch, noch jetzt, nach zweiundvierzig Jahren des Nachdenkens, unterliege ich diesem Zauber, der für alle, die ihn ausüben, zu nützlich ist, um nicht Zauberlehrlinge zu finden. Deutlich sehe ich noch die runde gepuderte Perücke meines Großvaters mit ihren drei Lockenreihen vor mir. Diese Tracht – er trug nie einen Hut – machte ihn wohl im Volke bekannt und geachtet, zumal er von kleinen Leuten nie ein ärztliches Honorar nahm. Er war der Arzt und Hausfreund der meisten adligen Häuser und seit fünfundzwanzig Jahren, d. h. seit der Zeit, wo ich ihn kannte, der Anreger aller nützlichen Einrichtungen in Grenoble ... Ihm verdankt man die Bibliothek. Das war keine Kleinigkeit. Sie mußte zunächst gekauft und dann untergebracht und ein Bibliothekar angestellt werden. Er nahm sich aller jungen Leute an, die geistige Interessen hatten, unterstützte sie gegen ihre Eltern und half ihnen später aus. Den widerstrebenden Eltern hielt er das Beispiel Vaucansons Berühmter Mechaniker aus Grenoble (1709-82). vor. Als mein Großvater von Montpellier als Doktor der Medizin nach Grenoble kam, hatte er sehr schönes Haar. Aber die öffentliche Meinung von 1760 dekretierte gebieterisch: wenn er keine Perücke trüge, hätte kein Mensch Vertrauen zu ihm .... Sein Schlafzimmer im ersten Stock nach der Rue Grenette hatte einen grasgrünen Anstrich. Mein Vater sagte damals zu mir: »Der Großvater hat viel Verstand, aber gar keinen Kunstgeschmack.« Bei ihrem schüchternen Wesen mögen die Franzosen die kräftigen Farben nicht. Statt Grün, Rot, Blau, kräftiges Gelb ziehen sie die unbestimmten Farben vor. Davon abgesehen, finde ich an der Wahl meines Großvaters nichts auszusetzen. Sein Zimmer lag nach Süden, er las sehr viel und wollte seine Augen schonen, über die er manchmal klagte. Aber der Leser – wenn ich je Leser für diese »Abgeschmacktheiten« finde – wird leicht erkennen, daß alle meine Warums , alle meine Erklärungen sehr falsch sein können. Meine Erinnerungsbilder sind sehr deutlich, aber die Erklärungen finde ich erst jetzt bei der Niederschrift, fünfundvierzig Jahre nachher. Mein trefflicher Großvater war tatsächlich mein wahrer Vater und mein Busenfreund bis zum Jahre 1796, wo ich beschloß, durch die Mathematik von Grenoble fortzukommen. Er erzählte mir oft eine wunderbare Geschichte. An meinem ersten Geburtstag, dem 23. Januar 1784, ließ meine Mutter mich in ihr grünes Zimmer bringen und hielt mich stehend am Fenster. Mein Großvater, der am Bette stand, rief mich, und ich entschloß mich zu gehen und kam bis zu ihm. Dann redete ich ein paar Worte und sagte: »Atös« (Adieu). Mein Oheim neckte meine Mutter (seine Schwester) mit meiner Häßlichkeit. Anscheinend hatte ich einen riesigen haarlosen Kopf und ähnelte dem Pater Brulard, Gemeint ist Chérubin Beyle (geb. 1709), Franziskanermönch in Grenoble, der Oheim von Henris Vater Chérubin Beyle. einem schlauen, lebenslustigen Mönch, der großen Einfluß in seinem Kloster besaß. Er war ein Oheim oder Großoheim von mir und ist vor mir gestorben. Ich war sehr unternehmend. Daher zwei Ereignisse, die mein Großvater mit Schrecken und Trauer erzählte. In der Nähe des Felsens bei der Porte de France stach ich mit einem zugespitzten Stecken auf ein Maultier los, das so unverschämt war, mir mit seinen zwei Hufen gegen die Brust zu schlagen. Ich fiel hin. »Etwas stärker, und er war tot«, sagte mein Großvater. Ich stelle mir den Vorgang deutlich vor, aber wahrscheinlich ist es keine unmittelbare Erinnerung, sondern nur ein Erinnerungsbild, das ich mir davon machte, als man mir die Sache zum erstenmal erzählte. Das zweite tragische Ereignis war, daß ich zwischen meinem Großvater und meiner Mutter gegen eine Stuhlkante fiel und mir zwei Zähne ausschlug. Mein guter Großvater konnte sich von seinem Erstaunen gar nicht erholen. »Zwischen der Mutter und mir!« sagte er, wie um dies übermächtige Schicksal zu beklagen ... Der gesunde Dauphineser Verstand lehnte sich allmählich gegen den Hof auf. Ich entsinne mich sehr deutlich der Abreise meines Großvaters zu den Generalständen in Romans. Er war damals ein hoch geachteter Patriot, aber sehr gemäßigt, etwa wie Fontenelle als Volkstribun. Am Tage seiner Abreise herrschte eine Kälte, daß die Steine barsten. Es war der strenge Winter 1788-89; auf der Place Grenette lag ein Fuß hoch Schnee. Im Kamin meines Großvaters brannte ein mächtiges Feuer. Seine Freunde waren in Menge gekommen, um ihn den Wagen besteigen zu sehen, unter andern der berühmteste Advokat von Grenoble, das Orakel der Rechtskunde, eine schöne Stellung in einer Parlamentsstadt, Herr Barthélemy d'Orbane, ein Hausfreund der Familie. Ich stand vor dem knisternden Feuer als Held des Augenblicks, denn ich war überzeugt, daß mein Großvater nur meinetwegen Grenoble ungern verließ und mich allein liebte. In dieser Situation brachte mir Herr Barthélemy d'Orbane das Fratzenschneiden bei. Ich sehe uns beide noch. In dieser Kunst machte ich rasche Fortschritte; ich lachte selbst über die Fratzen, die ich schnitt, um die andern zum Lachen zu bringen. Vergebens widersetzte man sich alsbald meiner wachsenden Neigung zum Fratzenschneiden; ich habe sie noch und lache oft über meine Fratzen, wenn ich allein bin. Geht auf der Straße ein Geck mit blasierter Miene vorüber, so ahme ich seine Miene nach und lache. Es treibt mich mehr dazu, das Mienenspiel oder die absichtlich angenommenen Mienen nachzuahmen, als die Körperbewegungen. Im Staatsrat ahmte ich ungewollt in sehr gefährlicher Weise die dünkelhafte Miene des berühmten Grafen Regnault de Saint Jean d'Angely nach, der drei Schritte vor mir saß, zumal wenn er seinen überhohen Halskragen herabschlug, um den cholerischen Abbé Louis, der auf der andern Seite des Saales ihm gegenüber saß, besser zu hören. Dieser Trieb oder diese Kunst, die ich Herrn d'Orbane verdanke, hat mir viele Feinde gemacht. Heute wirft mir der verständige di Fiore die versteckte oder vielmehr schlecht versteckte Ironie vor, die ungewollt in meinem rechten Mundwinkel zuckt. In Romans fehlten meinem Großvater nur fünf Stimmen, um Abgeordneter zu werden. »Dann wäre ich jetzt tot«, wiederholte er oft und beglückwünschte sich, die Stimmen mehrerer Ackerbürger ausgeschlagen zu haben, die Vertrauen zu ihm hatten und ihn am Morgen aufsuchten. Seine Fontenellesche Vorsicht ließ ihn keinen ernstlichen Ehrgeiz empfinden. Trotzdem hielt er gern eine Rede vor einer gewählten Versammlung, zum Beispiel in der Bibliothek. Ich sehe mich noch dort als Zuhörer in dem ersten Saal. Er war voller Menschen und in meinen Augen riesengroß. Aber bei welcher Gelegenheit kamen die Menschen zusammen? Ich weiß es nicht. Nur das Bild ist geblieben ... Ich hegte große Zuneigung zu Herrn d'Orbane und zu seinem Bruder, dem dicken Chorherrn. Ich besuchte sie auf der Place des Tilleuls oder in dem gewölbten Durchgang von der Place des Tilleuls zur Place Notre Dame. Dicht dabei lag die Kirche, in der der Chorherr sang. Mein Vater oder Großvater schickten dem berühmten Advokaten zu Neujahr Truthähne. Ich liebte auch den Pater Ducros sehr, einen früheren Cordelier aus dem Kloster zwischen dem Stadtgarten und dem de Franquièresschen Hause, ebenso den liebenswürdigen Pfarrer Chélan Ihm hat Stendhal in seinem Roman »Rot und Schwarz« (Bd. I dieser Ausgabe) ein Denkmal liebevoller Erinnerung gesetzt. in Risset bei Claix. Das war ein kleiner, hagerer, nerviger, feuriger, geistsprühender Mann in reiferen Jahren, der mir alt vorkam, obwohl er erst vierzig bis fünfundvierzig Jahre zählen mochte. Seine Tischgespräche belustigten mich höchlichst. Er speiste stets bei meinem Großvater, wenn er nach Grenoble kam; die Mahlzeit war dann weit lustiger als gewöhnlich. Eines Tages beim Abendessen sprach er dreiviertel Stunden lang und hielt dabei einen Löffel Erdbeeren in der Hand. Schließlich führte er ihn an den Mund. »Abbé,« sagte mein Großvater, »Sie werden Ihre Messe morgen nicht lesen.« »Ich werde sie morgen lesen, aber nicht heute. Denn es ist schon Mitternacht durch.« Dies Zwiegespräch belustigte mich einen Monat lang. Es schien mir geistsprühend. So ist der Geist in der Vorstellung des Volkes oder der Jugend: die Bewunderung steckt in ihnen. Man sehe die bewunderten geistreichen Antworten von Boccaccio oder Vasari. In jenen glücklichen Zeiten nahm mein Großvater die Religion von der heiteren Seite, und man teilte seine Ansicht. Schwermütig und etwas fromm wurde er erst nach dem Tode meiner Mutter (1790), wohl auch in der unbestimmten Hoffnung, sie in der anderen Welt wiederzusehen, wie Herr von Broglie von seinem mit dreizehn Jahren verstorbenen liebenswürdigen Töchterchen sagte: »Mir ist, als sei meine Tochter in Amerika.« Ich glaube, der Abbé Chélan speiste bei uns an dem Tage der sogenannten »Ziegelschlacht«. Damals sah ich das erste, von der Revolution vergossene Blut fließen. Ein unglücklicher Hutmachergeselle bekam einen tödlichen Bajonettstich in den Rücken. Man stand mitten während der Mahlzeit vom Tische auf. Das Bild steht mir noch deutlich vor Augen; es mag dreiundvierzig Jahre her sein. 7. Juni 1788. Der Kommandierende im Dauphiné, Herr von Clermont-Tonnère, hatte das Regierungsgebäude besetzt, ein einzelnes Haus, das auf die Wälle ging (mit prachtvollem Blick auf die Höhen von Eybens, einem stillen, schönen Blick, Claude Lormins würdig) und von der Rue Neuve aus einen schönen Hofeingang hatte. Er wollte wohl einen Menschenauflauf zerstreuen. Das Volk verteidigte sich gegen seine zwei Regimenter, indem es von den Dächern herab Ziegel warf: daher der Name »Ziegelschlacht«. Einer der Unteroffiziere dieses Regiments war Bernadotte, der jetzige König von Schweden, eine edle Seele wie Murat, der Vizekönig von Neapel, aber weit geschickter. Der Friseur Lefèvre, ein Freund meines Vaters, hat uns oft erzählt, wie er dem General Bernadotte (so sagte er 1804) das Leben gerettet hätte, als er am Ende einer Allee scharf bedrängt wurde. Lefèvre war ein schöner, sehr tapferer Mann; der Marschall Bernadotte hatte ihm ein Geschenk gesandt. Aber das alles gehört der Geschichte an. Es ist zwar von Augenzeugen berichtet, aber ich habe es nicht gesehen. Ich will künftig nur das erzählen, was ich selbst gesehen habe. Meine Eltern waren während der Mahlzeit vom Tisch aufgestanden, und ich stand allein am Fenster des Eßzimmers im Erdgeschoß. Ich sah ein altes Weib, seine alten Schuhe in den Händen schwingend, und hörte sie rufen: »Ich empöre mir! Ich empöre mir!« Sie lief von der Place Grenette zur Hauptstraße. Die Lächerlichkeit dieses Aufruhrs machte mir großen Eindruck. Ein altes Weib gegen ein Regiment! Ich dachte noch an die Alte, als ich durch einen traurigen Anblick abgelenkt wurde. Der Hutmachergeselle, der, wie man sagte, einen Bajonettstich bekommen hatte, ging mit großer Mühe vorbei, von zwei Männern gestützt, auf deren Schultern er seine Arme gelegt hatte. Er war ohne Rock; sein Hemd und seine weiße Hose waren blutüberströmt. Ich sehe ihn noch. Seine heftig blutende Wunde war unten im Rücken, gegenüber dem Nabel. Man führte ihn mit Mühe in sein Zimmer im sechsten Stock des Périerschen Hauses; als er dort ankam, starb er. Meine Verwandten schalten mich aus und schickten mich von dem Fenster fort, damit ich diesen scheußlichen Anblick nicht sähe, aber ich ging immer wieder hin. Ich sah den Ärmsten durch die großen Treppenfenster in allen Stockwerken des Périerschen Hauses. Diese Erinnerung ist, wie begreiflich, die deutlichste, die mir aus jener Zeit geblieben ist. Dagegen habe ich nur undeutliche Erinnerungen an das Freudenfeuer in Le Fontail (an der Straße von Grenoble nach Voreppe), wo Lamoignon Großsiegelbewahrer (Justizminister), der 1789 die absolutistische Erklärung des Königs an das Parlament unterschrieb. verbrannt wurde. Mir tat es sehr leid, die große bekleidete Strohpuppe nicht zu sehen, aber meine »wohlgesinnten« Eltern, denen alles zuwider war, was gegen die Ordnung verstieß– »die Ordnung herrscht in Warschau«, sagte 1832 der General Sebastiani –, wollten nicht, daß ich Zeuge des Zornes und der Kraft des Volkes würde. Schon in diesem Alter war ich der gegenteiligen Ansicht, jedenfalls stand sie mit zehn Jahren fest. Eines Tages war bei meinem Großvater viel die Rede von der baldigen Ankunft des Marschalls de Vaux.. Er starb (1788); der majestätische Glockenklang bewegte mich tief. Man führte mich zu dem erleuchteten Katafalk. Der Anblick dieses schwarzen Sarges, den am hellen Tage zahlreiche brennende Kerzen umgaben, machte mir Eindruck. Zum erstenmal begriff ich den Tod. Der Kammerdiener meines Großvaters, namens Lambert, ein hübscher, sehr munterer junger Bursche, führte mich hin. Der folgende Tag war für mich ein Schlachttag. Mit großer Mühe erlangte ich die Erlaubnis, daß Lambert mit mir ausging, um den Trauerzug zu sehen. Die Menschenmenge war gewaltig. Der dumpfe Klang der mit schwarzem Tuch verkleideten Trommeln bewegte mich sehr. Ich stand am äußersten linken Flügel des Regiments Austrasien (glaube ich), das weiße Uniform mit schwarzen Aufschlägen trug. Ich stand dicht neben dem letzten Mann des Regiments. Plötzlich sagte er zu mir: »Etwas zurück, damit ich Ihnen beim Schießen keinen Schaden tue.« Es sollte also geschossen werden! Und so viele Soldaten! Sie trugen das Gewehr unterm Arm. Ich kam vor Angst um. Von weitem sah ich den schwarzen Wagen kommen. Er fuhr langsam über die Steinbrücke, von sechs oder acht Pferden gezogen. Zitternd wartete ich auf das Feuern. Endlich stieß der Offizier einen Ruf aus, und sofort krachte die Salve. Wie Bergeslast fiel es mir von der Seele. In diesem Augenblick drängte sich die Menge um den schwarz verhängten Leichenwagen, den ich mir in Muße ansah. Ich glaube, es waren Kerzen dabei. Dann folgte eine zweite und wohl auch eine dritte Salve außerhalb des Stadttors, aber ich hatte meine Feuertaufe erhalten. Ich glaube mich auch noch der Reise nach Vizille zu erinnern. (Die Provinzialstände tagten im Schlosse von Vizille, das vom Konnetabel Lesdiguières Der Herzog von Lesdignières (1543-1626), einer der berühmtesten Kriegsmänner unter Heinrich IV. und Ludwig XIII. erbaut war.) Mein Großvater war ein großer Altertumsfreund und machte mir durch seine Erzählungen einen großen Begriff von diesem Schloß. Ich war im Begriff, Verehrung für den Adel zu lernen, aber meine Kameraden de Saint-Ferréol und de Sinard heilten mich davon ... Der junge Mounier, wie mein Großvater ihn nannte, kam ins Haus ... Mein Großvater, der ein zärtlicher und eifriger Freund aller bildungshungrigen jungen Leute war, lieh ihm Bücher und nahm ihn gegen die Vorwürfe seines Vaters in Schutz. Wenn er durch die Hauptstraße ging, trat er bisweilen in dessen Laden und sprach mit ihm über seinen Sohn. Der alte Tuchhändler, der zahlreiche Kinder hatte und nur an das Nützliche dachte, war verzweifelt, daß sein Sohn seine Zeit mit Bücherlesen vertat ... Das kleine, steife, schlechte Bild in einem Nebenzimmer der Bibliothek von Grenoble, das ihn als Präfekten Er wurde 1802 Präfekt in Rennes. Vgl. Seite 241, Anm. darstellt, ist sehr ähnlich. Ein entschlossenes Gesicht, aber eine enge Stirn. Mouniers Stärke war sein Charakter, aber seine Einsicht stand nicht auf gleicher Höhe. Sein Sohn Eduard, mit dem ich 1803 und 1812 viel verkehrte, ist ein platter, verschlagener Fuchs, ein echter Dauphineser, genau wie der Minister Casimir Périer. Eduard Mounier ist jetzt Pair von Frankreich und Präfekt und verurteilt munter am Pariser Gerichtshof. Wird der Leser mir glauben, wenn ich sage, ich möchte nicht an Stelle der Herren Felix Faure Louis Joseph Felix Faure, geb. 1780 in Grenoble. und Munier sein, die jetzt Pairs von Frankreich sind und einst meine Freunde waren? ... Mein Großvater, der arbeitsfrohe junge Leute unterstützte, was ihm heute zum Verbrechen angerechnet würde, nahm auch den jungen Barnave Pierre Joseph Barnave, geb. 1761 in Grenoble, Begründer des Jakobinerklubs, 1793 wegen seiner Parteinahme für Ludwig XVI. und seiner Beziehungen zum Hofe guillotiniert. in Schutz. Er war unser Nachbar auf dem Lande, er in Saint-Robert, wir in Saint-Vincent. Seraphie konnte ihn nicht ausstehen und freute sich bald darauf über seinen Tod und das geringe Erbteil, das seinen Schwestern hinterblieb. Mein Großvater, der sich mit dem Adel gut stand, war auch das Orakel des Bürgertums, und ich glaube, die Mutter des unsterblichen Barnave, die mit Schmerzen sah, wie er seine Prozesse über der Lektüre von Mably Gabriel Monnot de Mably, geb. 1709 in Grenoble, Geistlicher, Aufklärungsschriftsteller, von großem Einfluß auf die Ideen der französischen Revolution ( †  1785). und Montesquieu vernachlässigte, wurde von meinem Großvater beschwichtigt. Damals galt unser Landsmann Mably nicht wenig, und zwei Jahre darauf erhielt die Rue des Clercs seinen Namen. Sechstes Kapitel Sitten von Grenoble Das Landgut Furonières bei Claix Rom, 2. Dezember 1835. Nach dem Tode meiner Mutter war mein Großvater in Verzweiflung. Ich erkenne, aber erst jetzt, daß er einen Charakter wie Fontenelle gehabt haben muß, bescheiden, klug, verschwiegen, äußerst liebenswürdig und unterhaltend bis zum Tode seiner Tochter. Seitdem hüllte er sich oft in zurückhaltendes Schweigen. Er liebte auf Erden nur diese Tochter und mich. Seine andre Tochter Seraphie langweilte und quälte ihn. Ihm ging der Friede über alles, und sie konnte ohne Szenen nicht leben. Mein guter Großvater, auf seine väterliche Autorität bedacht, machte sich lebhafte Vorwürfe, daß er ihr nicht die Zähne zeigte, wie man bei uns zulande sagt. Er achtete und fürchtete seine Schwester Elisabeth, die ihm in ihrer Jugend einen in Paris gestorbenen Bruder vorgezogen hatte. Das konnte er ihr nie verzeihen, aber bei seinem liebenswürdigen, friedfertigen Charakter zeigte er es ihr nie; ich erriet es erst später. Gegen seinen Sohn Romain Gagnon, meinen Oheim, einen glänzenden Lebemann, hatte er eine Art von Abneigung. Gerade diese Eigenschaft entzweite Vater und Sohn: beide waren in verschiedenem Sinne die liebenswürdigsten Leute der Stadt. Mein Großvater war maßvoll in seinen Scherzen; sein feiner kalter Witz konnte unbemerkt bleiben. Übrigens war er in jenen Zeiten grober Unwissenheit ein Wunder an Gelehrsamkeit. Aus Rache machten ihm die Dummköpfe oder Neider fortwährende Komplimente über sein Gedächtnis. Er kannte die anerkannten Schriftsteller auf allen Gebieten, zitierte sie und glaubte an sie. »Mein Sohn hat gar nichts gelesen«, sagte er manchmal mißlaunig. Das stimmte, aber in seiner Gesellschaft konnte man sich unmöglich langweilen. Mein Großvater hatte ihm eine reizende Wohnung in seinem Hause gegeben und ihn zum Advokaten gemacht ... Er gab ihm freien Tisch und 100 Franken monatliches Taschengeld, eine damals in Grenoble riesige Summe. Mein Oheim aber kaufte sich gestickte Kleider für 1000 Taler und hielt Schauspielerinnen aus. Ich bin nur halb hinter diese Dinge gekommen, habe sie aus Andeutungen meines Großvaters erraten. Ich glaube, mein Oheim ließ sich von seiner reichen Geliebten Geschenke machen, und für dies Geld kleidete er sich prächtig und hielt arme Geliebte aus. Allerdings galt es damals in unserem Lande nicht für schlimm, Geschenke von vornehmen Damen anzunehmen, wenn man sie nur gleich ausgab und nichts zurücklegte. Mehrmals kam es vor, daß mein Großvater bei Frau von Quinsonas oder in einem andern Kreise einen reichgekleideten jungen Mann sah, dem alle Welt zuhörte. Es war sein Sohn. »Mein Vater wußte von diesen Kleidern nichts«, sagte mein Oheim zu mir. »Ich machte, daß ich fortkam, ging nach Hause und zog meinen schlichten Frack an. Wenn mein Vater zu mir sagte: »Sage mir doch gefälligst, woher du das Geld für diese Kleidung nimmst?«, so antwortete ich: »Ich hatte Glück im Spiel.« – »Aber warum bezahlst du dann deine Schulden nicht?« – Aber Frau Soundso wollte mich doch in dem hübschen Kleid sehen, das sie mir gekauft hatte, fuhr mein Oheim fort. Ich zog mich mit irgendeinem Kalauer heraus.« Ich weiß nicht, ob der Leser von 1880 einen noch heute sehr berühmten Roman »Die gefährlichen Liebschaften« » Les Liaisions dangereuses1 «, Paris 1782, ein berühmtes Werk, Stendhals Vorläufer auf dem Gebiet des psychologischen Romans. Stendhal lernte den Verfasser 1802 in Mailand im Theater kennen. kennt, den der Artillerieoffizier Choderlos de Laclos in Grenoble geschrieben hatte und der die Sitten von Grenoble schildert. Ich habe Frau von Merteuil noch gekannt. Ihr Urbild war Frau von Montmort, die mir kandierte Nüsse schenkte. Sie war lahm und besaß das Haus Drevon oder Chevallon bei der Kirche von Saint-Vincent zwischen Le Fontanil und Boreppe. Der Besitz der Frau von Montmort und der meines Großvaters waren nur durch die Straße getrennt. Das reiche junge Mädchen, das ins Kloster gehen muß, war ein Fräulein von Blacons aus Boreppe. Diese Familie ist ein Muster von Trübsinn, Frömmigkeit, Sittenstrenge und reaktionärer Gesinnung. Wenigstens war sie es 1814, als der Kaiser mich als Kommissar in den siebenten Militärbezirk schickte. Mein Kollege war der alte Senator Graf Saint-Ballier, ein Lebemann aus der Zeit meines Oheims. Siehe das Tagebuch aus Grenoble von 1814 in diesem Bande. Er erzählte mir viel von ihm und den unglaublichen Torheiten, zu denen er ein paar Damen (die Namen habe ich vergessen) verleitete. Damals glühte ich von heiligem Feuer und war nur auf Mittel bedacht, um die Österreicher zurückzuwerfen oder wenigstens ihren raschen Vormarsch zu hemmen. Ich habe also die Sitten der Frau von Merteuil noch gerade erlebt, wie eben ein Knabe von neun bis zehn Jahren und von feurigem Temperament Dinge sehen konnte, die ihm jeder beim rechten Namen zu nennen vermied. Siebentes Kapitel Vater und Familienleben Rom, 2. Dezember 1835. Beim Tode meiner Mutter (um 1790) bestand die Familie also aus: Gagnon Vater, sechzigjährig, Romain Gagnon, seinem Sohn, fünfundzwanzig, Seraphie, seiner Tochter, vierundzwanzig, Elisabeth, seiner Schwester, vierundsechzig, Cherubin Beyle, seinem Schwiegersohn, dreiundvierzig, Henri, dessen Sohn, sieben, Pauline, seine Tochter, vier, und Zenaïde, seine Tochter, zweijährig. Das sind die Personen des traurigen Dramas meiner Jugend, das mich fast nur an Leiden und an tiefe innere Widerwärtigkeiten erinnert. Doch sehen wir uns den Charakter dieser Figuren etwas näher an. Die Tochter meines Großvaters, Seraphie Gagnon, war ein Teufel in Frauengestalt, seine Schwester Elisabeth Gagnon eine große hagere Frau mit schönen italienischen Zügen. Sie besaß einen durchaus edlen Charakter, aber edel mit allen Raffinements und Skrupeln des spanischen Gewissens. Sie hat in dieser Hinsicht mein Herz geformt: dieser Tante Elisabeth verdanke ich die abscheulichen Phantastereien spanischen Edelmutes, die ich in den ersten dreißig Jahren meines Lebens beging. Ich vermute, daß meine Tante Elisabeth, obwohl für Grenoble reich, infolge einer unglücklichen Liebe ledig geblieben war. Ich hörte so etwas in meinen ersten Kinderjahren aus dem Munde meiner Tante Seraphie. Schließlich gehörte auch mein Vater zur Familie. Joseph Cherubin Beyle, Advokat am Parlamentsgericht, Ultraroyalist und Ritter der Ehrenlegion, Adjunkt des Bürgermeisters von Grenoble, starb 1819 mit zweiundsiebzig Jahren, war also 1747 geboren. Im Jahre 1799 war er somit dreiundvierzig Jahre alt. Er war äußerst unliebenswürdig, hatte stets Käufe und Verkäufe von Gütern im Sinne, war äußerst gerieben durch die Gewohnheit, mit den Bauern zu handeln, ein Erzdauphineser. Ihm fehlte alles Spanische, verstiegen Vornehme, und so war er auch meiner Großtante Elisabeth zuwider. Er war äußerst häßlich und runzlig und den Frauen gegenüber verwirrt und schweigsam, obwohl er sie nicht missen konnte. Wegen dieser Eigenschaft hatte er Verständnis für die »Neue Heloise« und die übrigen Werke Rousseaus, von dem er nur mit Verehrung sprach, obwohl er ihn als gottlos schmähte, denn der Tod meiner Mutter hatte ihn zum Frömmler im höchsten und übertriebensten Maße gemacht. Er erlegte sich die Pflicht auf, alle Messen nachzusprechen; ein paar Monate lang wollte er sogar ins Kloster gehen und verzichtete wahrscheinlich nur darauf, um mir seine Advokatenstelle offen zu halten. Er sollte Konsistorialadvokat werden, eine vornehme Auszeichnung in seinem Stande, von der er sprach wie ein junger Offizier von dem Ehrenkreuz. Er liebte mich nicht als Menschen, sondern als Sohn und als Stammhalter der Familie. Er konnte mich auch schwerlich lieben, denn er sah deutlich, daß ich ihn nicht liebte und nie ohne Not mit ihm sprach. Stand er doch allen meinen schöngeistigen und philosophischen Ideen fremd gegenüber, welche die Grundlage meiner Fragen an meinen Großvater und der ausgezeichneten Antworten dieses liebenswürdigen Greises bildeten. Ich sah ihn nur selten. Mein leidenschaftlicher Wunsch, Grenoble, d. h. ihn zu verlassen, und meine Vorliebe für die Mathematik, das einzige Mittel, um aus dieser Stadt fortzukommen, die ich haßte und noch hasse, denn dort lernte ich die Menschen kennen, versenkten mich in den Jahren 1797 bis 1799 in tiefe Einsamkeit. Ich kann wohl sagen, in jenen beiden Jahren und schon teils im Jahre 1796 habe ich gearbeitet wie Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Seit meiner Abreise Ende Oktober 1799 – ich entsinne mich des Datums, denn am 18. Brumaire (9. November) Der Staatsstreich Napoleons fand an diesem Tage statt. war ich in Remours – bin ich für meinen Vater nur noch ein Geldforderer gewesen. Die Entfremdung nahm dauernd zu; er konnte kein Wort sagen, das mir nicht mißfiel. Für mich war es entsetzlich, einem Bauern ein Stück Land abzukaufen und acht Tage zu feilschen, um dreihundert Franken zu verdienen; das war gerade seine Leidenschaft. Nichts war natürlicher. Sein Vater, der den stolzen Namen Pierre Beyle trug, starb in Claix mit dreiundsechzig Jahren unversehens an der Gicht. Mein Vater sah sich dadurch mit achtzehn Jahren (es war also um 1765) im Besitz eines Gutes in Claix, das 800 oder 1800 Franken (eins von beiden) einbrachte, und einer Anwaltsstelle; dabei hatte er zehn Schwestern zu versorgen. Seine Mutter war eine reiche Erbin, d. h. sie besaß etwa 60 000 Franken und hatte als solche den Teufel im Leibe. Sie hat mich als Kind oft geohrfeigt, wenn ich ihren Azor, ein Bologneserhündchen mit langem weißen Seidenhaar, am Schwanze zog. Das Geld war also mit vollem Recht der einzige Gedanke meines Vaters; ich dagegen habe stets nur mit Ekel daran gedacht. Der Gedanke an Geld war mir stets qualvoll, denn Geld zu haben erregt mir keine Freude, und keins zu haben, ist ein elender Notstand. Nie vielleicht hat der Zufall zwei Wesen zusammengeführt, die mehr Abneigung gegeneinander hatten als mein Vater und ich. Daher meine freudlose Kindheit von 1790 bis 1799. Dies Lebensalter, von dem jedermann sagt, es sei die Zeit der wahren Lebensfreude, war für mich dank meinem Vater nur eine Kette von bittrem Leid und Ekel. Zwei Teufel waren auf meine armselige Kindheit losgelassen, meine Tante Seraphie und mein Vater, der seit 1791 ihr Sklave wurde. Der Leser braucht keine Angst vor dem Bericht meines Unglücks zu haben. Zunächst kann er ein paar Seiten überschlagen, worum ich ihn selbst bitte, denn ich schreibe drauf los, und was ich schreibe, ist vielleicht schon im Jahre 1835 langweilig, wieviel mehr also im Jahre 1880! Zweitens habe ich fast gar keine Erinnerung mehr an die traurige Zeit von 1790 bis 1795, wo ich ein armes verfolgtes Kind war, das bei jeder Gelegenheit gescholten wurde und allein bei einem sanften Weltweisen Schutz fand, der es meinetwegen aber nicht zum Kampf kommen lassen wollte, zumal seine großväterliche Autorität ihm gebot, seine Stimme zu erheben, wovor er gerade einen Graus hatte. Meine Tante Seraphie, die mich, ich weiß nicht weshalb, nicht ausstehen konnte, wußte das auch wohl. Vierzehn Tage bis drei Wochen nach dem Tode meiner Mutter kehrten mein Vater und ich in das traurige Haus zurück. Ich schlief in einem lackierten Kastenbettchen, das im Alkoven meines Vaters stand. Er entließ seine Dienstboten und speiste bei meinem Großvater, der nie etwas dafür annehmen wollte. Ich glaube, es geschah aus Liebe zu mir, daß mein Großvater derart die tägliche Gesellschaft eines ihm unsympathischen Mannes ertrug. Beide hatten nichts gemeinsam als den tiefen Schmerz über den Tod meiner Mutter. Meine Familie brach alle Beziehungen ab und lebte seitdem, um meinen Verdruß vollzumachen, in dauernder Zurückgezogenheit. Joubert, mein Pedant aus den Bergen, bei dem ich Lateinisch lernte – Gott weiß wie töricht, denn er ließ mich die Elementarregeln aufsagen, was meinen Verstand beleidigte, den man mir in hohem Maße zuschrieb – starb. Zum Unterricht ging ich zu ihm nach der kleinen Place Notre Dame –, wohl nicht ein einziges Mal, ohne an meine Mutter und das fröhliche Leben zu denken, das ich bei ihren Lebzeiten gefühlt hatte. Jetzt war mir selbst die Umarmung meines guten Großvaters zuwider. Der schreckliche Pedant, ein baumlanger, spindeldürrer Mensch in schwarzem, schmutzigem, zerrissenem Überrock, war im Grunde kein schlechter Mensch. Aber sein Nachfolger, der Abbé Raillane, war ein schwarzer Halunke im vollsten Sinne. Er ist das Urbild des Abbé Castanède in Stendhals Roman »Rot und Schwarz«. Ich meine nicht, daß er Verbrechen begangen hätte, aber schwerlich kann ein Mensch eine dürrere, allem Anständigen feindlichere, jedes Gefühls von Menschlichkeit barere Seele haben. Er war Priester, aus einem Dorf in der Provence stammend, klein, mager, sehr förmlich, mit grüner Gesichtsfarbe und falschen Augen mit schrecklichen Brauen. Er hatte soeben die Erziehung von Casimir und Augustin Périer und ihren vier bis sechs Brüdern beendet. Casimir ist ein sehr berühmter Minister geworden, hat sich aber nach meiner Meinung von Louis Philippe nasführen lassen ... Alle diese Brüder waren etwas verrückt; ich glaube, sie haben unsern gemeinsamen Lehrer, den Abbé Raillane, damit angesteckt. Dieser Mensch war aus Schlauheit oder aus Priesterinstinkt ein geschworener Feind der Logik und jeder geraden Vernunft. Mein Vater nahm ihn offenbar aus Eitelkeit. Périer, der Vater, galt für den reichsten Mann der Gegend. Tatsächlich hatte er zehn bis elf Kinder und hat jedem 500 000 Franken hinterlassen. Welche Ehre für einen Parlamentsadvokaten, den früheren Erzieher des Périerschen Hauses für seinen Sohn anzunehmen! Von den pekuniären Vereinbarungen, die mein Vater mit dem Abbé Raillane traf, habe ich nichts erfahren. Jede Erörterung von Geldfragen galt in meiner Familie als überaus niedrig und gemein. Es war gleichsam gegen den Anstand, von Geld zu reden. Das Geld war eine traurige, unvermeidliche Notdurft des Lebens, von der man nie sprechen durfte. Höchstens wurden einmal runde Summen genannt, die ein Grundstück kostete; das Wort Grundstück wurde mit Ehrerbietung ausgesprochen. Dieser Widerwille, von Geld zu reden, der dem Pariser Brauch so zuwiderläuft, hat sich in meinem Charakter völlig eingenistet. Der Anblick einer großen Summe Goldes bringt mich nur auf den einen Gedanken, wie verdrießlich es sein muß, sie vor Dieben zu schützen. Da dies Gefühl oft für Affektiertheit gehalten wurde, rede ich nicht mehr davon. Alle Ehrbegriffe, alle hohen, stolzen Gefühle der Familie stammten von meiner Großtante Elisabeth. Diese Gefühle herrschten despotisch im Hause, und doch sprach sie nur selten darüber, vielleicht alle zwei Jahre einmal. Diese Frau von seltnem Edelsinn betete ich an. Sie mochte damals fünfundsechzig Jahre alt sein. Sie war stets peinlich sauber und sehr einfach gekleidet, aber die Stoffe ihrer Kleider waren kostbar. Wie man sich denken kann, entdecke ich dies alles erst jetzt, wo ich darüber nachdenke. So habe ich den Gesichtsausdruck meiner sämtlichen Verwandten vergessen, und doch sehe ich ihre Züge bis in die kleinsten Einzelheiten vor mir. Wenn ich mir den Gesichtsausdruck meines trefflichen Großvaters etwas deutlicher vorstelle, so liegt das daran, daß ich ihn noch einmal besuchte, als ich schon Auditor oder Kriegskommissar war. Mein Charakter hat sich äußerst spät entwickelt; daraus erkläre ich mir heute diesen Mangel an Physiognomiengedächtnis. Bis in mein fünfundzwanzigstes Jahr, was sage ich, oft noch jetzt, muß ich mich zusammennehmen, um nicht dem Eindruck der Dinge zu unterliegen und sie mit Vernunft, mit meiner Erfahrung zu beurteilen. Aber was zum Teufel geht das den Leser an? Was liegt ihm an diesem ganzen Buche? Und doch: wenn ich Henris Charakter nicht vertiefe, so schwer mir auch die Selbsterkenntnis fällt, so bin ich kein ehrlicher Autor, der über seinen Gegenstand alles sagt, was er weiß. Eines Tages sprach meine Großtante Elisabeth gerührt von ihrem Bruder, der in jungen Jahren in Paris gestorben war. Ich war allein mit ihr in ihrem Zimmer an der Place Grenette, an einem Nachmittag. Offenbar entsprach seine hohe Seele ihrem Denken, und der Form halber sagte sie zu mir: »Welch ein Charakter!« (Sie meinte: welche Willenskraft.) »Welche Tatkraft! Ach, welch ein Unterschied!« (Das hieß: zwischen ihm und meinem Großvater Henri Gagnon.) Aber sofort besann sie sich, mit wem sie so sprach, und setzte hinzu: »So viel habe ich nie gesagt.« Das Gespräch dauerte lange. Sie kam auf ihren Vater. Unter hundert Einzelheiten, die ich vergessen habe, sagte sie: »Damals weinte er vor Wut, als er hörte, daß der Feind auf Toulon rückte.« (Das war wohl um 1736, in dem Kriege, der durch die Schlacht bei Assiette bezeichnet wird.) Er wollte, daß die Miliz aufgeboten würde. Nichts aber widersprach mehr der Gesinnung meines Großvaters Gagnon, eines wahren Fontenelle, des geistvollsten und unpatriotischsten Mannes, den ich kennen gelernt habe. Der Patriotismus hätte ihn in unvornehmer Weise von seinen eleganten literarischen Ideen abgelenkt. Mein Vater hätte sofort berechnet, was er dabei verdiente. Mein Oheim Romain hätte mit erschrockener Miene gesagt: »Zum Teufel, das kann gefährlich für mich werden!« Das Herz meiner alten Großtante und das meine hätte vor Teilnahme gepocht... Vielleicht gehe ich hier zu weit und schreibe mir mit sieben bis acht Jahren die Gefühle zu, die ich erst mit neun oder zehn Jahren hatte... Soviel aber steht fest: Das ernste, steife Bild meines Urgroßvaters in seinem vergoldeten Rahmen mit großen, einen halben Fuß breiten Rosetten, das mir fast Furcht einflößte, wurde mir teuer und heilig, als ich erfuhr, welche hochherzigen, mutigen Gefühle das Vordringen der Feinde gegen Toulon in ihm ausgelöst hatte. Achtes Kapitel Italienische Abkunft. Der Abbé Raillane Civitavecchia, 5. bis 6. Dezember 1835. Bei dieser Gelegenheit erzählte meine Großtante mir, daß mein Urgroßvater in Avignon in der Provence geboren sei, in dem Lande, wo die Zitronen wüchsen, wie sie im Ton des Bedauerns hinzufügte, und weit näher bei Toulon als bei Grenoble. Man muß nämlich wissen, daß die größte Herrlichkeit der Stadt in sechzig bis achtzig Orangenbäumen in Kübeln bestand, die vielleicht vom Konnetabel von Lesdiguières stammten, der letzten großen Persönlichkeit, die das Dauphiné hervorgebracht hat. Beim Nahen des Sommers wurden sie mit großem Pomp zur Seite der großen Kastanienallee Auf der Terrasse des Stadtgartens. Sie werden dort noch jetzt aufgestellt. (Arbelet.) aufgestellt, die wohl auch von Lesdiguières gepflanzt worden ist. »So gibt es ein Land, wo die Orangen aus dem Boden wachsen?« fragte ich meine Großtante. Heute verstehe ich, daß ich sie unwissentlich an das ewige Ziel ihrer Sehnsucht erinnerte. Sie erzählte mir, wir (d. h. die Gagnons) stammten aus einem noch viel schöneren Land als die Provence; der Großvater ihres Großvaters hätte infolge eines schicksalsvollen Vorfalls in Avignon am päpstlichen Hofe Zuflucht gefunden. Dort hätte er seinen Namen etwas verändern und sich verbergen müssen; er hätte dann als Wundarzt gelebt. Nach dem, was ich heute von Italien weiß, erkläre ich mir die Sache so: Ein Guadagni oder Guadanniano hatte in Italien irgend einen kleinen Mord begangen und war dann um 1650 im Gefolge eines Legaten nach Avignon gekommen. Näheres im Vorwort und in der Familientafel im Anhang. Was mir damals großen Eindruck machte, war, daß wir – denn ich betrachtete mich stets als Gagnon und dachte an die Beyles nur mit einem Widerwillen, der noch heute besteht – daß wir aus einem Lande stammten, wo die Orangen aus dem Boden wuchsen. Welch köstliches Land! dachte ich. In diesem Gedanken an die italienische Herkunft bestärkt mich der Umstand, daß die italienische Sprache in der Familie in hohen Ehren stand, etwas in einer Bürgerfamilie von 1780 recht Seltenes! Mein Großvater kannte und schätzte das Italienische; meine arme Mutter las Dante, was selbst heutzutage recht schwierig ist. Artaud, der zwanzig Jahre in Italien gelebt und soeben eine Dante-Übersetzung veröffentlicht hat, begeht auf jeder Seite wenigstens zwei Sinnfehler und eine Geschmacklosigkeit. Von allen Franzosen, die ich kenne, verstehen nur zwei Dante: Herr Fauriel, der mir die arabischen Liebesgeschichten gab Die Stendhal in sein Buch »Über die Liebe« (Bd. IV dieser Ausgabe) aufnahm. Über Fauriel siehe S. 68 sowie die »Bekenntnisse eines Ichmenschen« in diesem Bande, Kapitel 5 am Schluß. und Delécluze von den » Débats «. Und doch entstellen alle Schreiberseelen von Paris fortwährend seinen großen Namen, indem sie ihn zitieren und angeblich auslegen. Nichts empört mich mehr. Meine Danteverehrung ist alt; sie stammt von den Ausgaben her, die ich in dem Bücherregal der Bibliothek meines Vaters fand, auf dem die Bücher meiner armen Mutter standen – mein einziger Trost während Raillanes Tyrannei. Mein Abscheu vor dem Beruf dieses Mannes und vor dem, was er von Berufs wegen lehrte, ging so weit, daß er an Wahnsinn streifte. Wird man es glauben? Noch gestern, am 4. Dezember 1835, als ich von Rom nach Civitavecchia fuhr, hatte ich Gelegenheit, einer jungen Frau, die ich nicht für sehr spröde halte, ohne Mühe einen sehr großen Dienst zu leisten. Unterwegs brachte sie ohne mein Zutun meinen Namen heraus; sie hatte einen Empfehlungsbrief an meinen Sekretär. Sie hatte sehr schöne Augen, mit denen sie mich während der letzten acht Stunden der Reise keineswegs unfreundlich anblickte. Sie bat mich, ihr eine Wohnung zu besorgen; kurz, es lag wahrscheinlich nur an mir, ihre Gunst zu erringen, aber die peinliche Erinnerung an den Abbé Raillane tauchte in mir auf. Die etwas zu kleine Adlernase der hübschen Lyoneserin gemahnte mich an die des Abbé; fortan konnte ich sie nicht mehr ansehen und tat, als ob ich im Wagen schliefe. Selbst nachdem ich ihr aus Gutmütigkeit einen Schiffsplatz für 8 statt 25 Scudi hatte besorgen lassen, zauderte ich, das neue Lazarett zu besuchen, um ihr nicht wieder zu begegnen und mir ihren Dank zu ersparen. In meinen Erinnerungen an den Abbé Raillane ist nichts Tröstliches, nur Häßliches und Gemeines. Seit fünfundzwanzig Jahren wende ich meine Blicke voller Abscheu von jener schrecklichen Zeit ab. Dieser Mann hätte einen Schuft aus mir machen können. Er war, wie ich jetzt sehe, ein vollendeter Jesuit. Auf unsern Spaziergängen an der Isère, von der Porte de la Graille bis zur Mündung des Drac, oder einfach in einem Wäldchen jenseits der Insel, nahm er mich beiseite, um mir zu erklären, daß ich in meinen Worten unvorsichtig sei. »Aber Herr Abbé«, sagte ich (mit andern Worten), »es ist wahr, ich fühle so.« »Einerlei, mein junger Freund, man darf es nicht sagen, das gehört sich nicht.« Hätten seine Grundsätze Wurzel geschlagen, so wäre ich heute reich, denn drei- bis viermal hat der Reichtum an meine Türe gepocht, so im Jahre 1814, als ich den Posten des Generaldirektors des Verpflegungswesens von Paris ausschlug, das dem Grafen Beugnot unterstand, dessen Frau für mich die lebhafteste Freundschaft hegte. Ich wäre also reich, aber ich wäre nur ein Schurke, und ich hätte die reizenden Visionen des Schönen nicht, die meinen Kopf trotz meiner zweiundfünfzig Jahre noch häufig erfüllen. Der Leser glaubt vielleicht, ich wollte die peinliche Aufgabe, von dem Abbé Raillane zu sprechen, hinausschieben. Er hatte einen Bruder, einen Schneider an der Ecke der Hauptstraße, der die Gemeinheit in Person war. Nur eine unangenehme Eigenschaft fehlte diesem Jesuiten: er war nicht schmutzig, sondern vielmehr sehr reinlich und gepflegt. Er hatte eine Vorliebe für Kanarienvögel, die er hecken ließ und sehr reinlich hielt, aber dicht bei meinem Bette. Ich begreife nicht, daß mein Vater etwas so Gesundheitswidriges dulden konnte. Mein Großvater hatte das Haus seit dem Tod seiner Tochter nicht mehr betreten; er hätte es nicht über sich gebracht. Und mein Vater Cherubin Beyle liebte mich, wie schon gesagt, nur als Stammhalter, nicht als Sohn ... Der Abbé wurde böse, aber in der kalten, finstern und boshaften Art eines phlegmatischen Diplomaten, wenn ich mein trocknes Vesperbrot bei seinen Orangentöpfen aß. Diese Orangentöpfe waren eine wirkliche Manie von ihm, noch weit unbequemer als die der Kanarienvögel. Die Bäumchen waren drei Zoll bis einen Fuß hoch und standen auf dem Fenster. Die Sonne kam im Sommer wenigstens zwei Monate lang hin. Der gräßliche Abbé behauptete nun, die Graubrotkrumen lockten die Fliegen an, und diese schadeten seinen Orangenbäumchen. Er hätte den spießigsten Spießbürgern Lehren in der Kleinlichkeit geben können. Meine Schulgefährten, Chazel und Teissière, In der Urschrift Reytiers. hatten es weit besser als ich. Chazel war ein guter, schon großer Junge. Sein Vater, wohl ein Südfranzose, d. h. freimütig, heftig und grob, ein Angestellter Périers, hielt nicht viel vom Latein. Chazel kam allein (ohne Diener) gegen zehn Uhr, machte seine lateinische Aufgabe schlecht und schob um halb ein Uhr wieder ab. Abends kam er oft gar nicht. Teissière, ein bildhübscher Junge, blond und schüchtern wie ein Mädchen, wagte dem furchtbaren Abbé nicht ins Gesicht zu sehen. Er war der einzige Sohn des schüchternsten und frömmsten Mannes. Er erschien gegen acht Uhr unter der strengen Obhut eines Dieners, der ihn Schlag zwölf Uhr wieder abholte. Um zwei Uhr brachte der Diener ihn wieder, mit einem Korbe, in dem sein Vesperbrot lag. Im Sommer ging der Abbé mit uns gegen fünf Uhr spazieren, im Winter gegen drei Uhr, aber nur selten. Chazel, der ja schon »erwachsen« war und den diese Spaziergänge langweilten, verließ uns bald. Wir waren sehr darauf erpicht, nach der Isère-Insel zu gehen, von wo man einen köstlichen Blick auf die Berge hat. Es war ein falscher Erziehungsgrundsatz meines Vaters und des Abbé, immerfort von den Naturschönheiten zu schwärmen, die diese schönen Seelen doch kaum empfinden konnten: sie dachten nur daran, Geld zu verdienen. Durch sein ewiges Gerede von der Schönheit des Felsens von La Buisserate hatte der Abbé uns dahin gebracht, zu ihm aufzuschauen. Aber wir liebten das Ufer an der Insel aus einem ganz andern Grunde. Dort sahen wir armen Gefangenen andre Knaben, die ihre Freiheit genossen, die allein kamen und gingen und in der Isère und in einem kleinen Nebenfluß, der Biole, badeten. Ein Glück ohnegleichen, dessen Möglichkeit wir nur in weiter Ferne erblickten. Wie ein heutiges Regierungsblatt, wußte Raillane uns nur von den Gefahren der Freiheit zu erzählen. Nie sah er einen Knaben beim Baden ohne uns zu prophezeien, er würde schließlich ertrinken. So leistete er uns den Dienst, uns zu Weichlingen zu erziehen, und bei mir gelang ihm das vollauf: ich habe niemals Schwimmen gelernt. Als ich zwei Jahre später, wohl um 1795, frei war, und auch das nur, wenn ich meine Angehörigen beschwindelte und täglich eine neue Lüge erfand, dachte ich schon daran, um jeden Preis aus Grenoble fortzukommen, und war in Fräulein Kably verliebt. Damals fesselte mich das Schwimmen nicht mehr so, daß ich es lernte. Allemal, wenn ich badete, wurde ich von irgendeinem Stärkeren »getaucht«. Mir fehlen alle Daten während der abscheulichen Tyrannei Raillanes; ich wurde finster und haßte alle Welt. Mein großes Unglück war, daß ich nicht mit andern Kindern spielen durfte. Mein Vater, der sehr stolz war, einen Erzieher für seinen Sohn zu haben, fürchtete wahrscheinlich nichts mehr, als daß ich mit den gewöhnlichen Kindern ging, wie der damalige aristokratische Ausdruck lautete... Ich war düster, heimtückisch, mißvergnügt; ich übersetzte Virgil; der Abbé machte mich auf die Schönheiten dieses Dichters aufmerksam, und ich nahm seine Lobsprüche hin, wie heute die armen Polen die Lobsprüche auf die russische Gutmütigkeit in ihren bestochenen Zeitungen hinnehmen müssen. Ich haßte den Abbé und meinen Vater, den Quell der Macht Raillanes, noch mehr aber die Religion, in deren Namen er mich tyrannisierte. Ich bewies meinem Mitgefangenen, dem schüchternen Teissière, daß alles, was man uns beibrachte, Fabeln seien. Woher hatte ich diese Idee? Ich weiß es nicht. Wir hatten eine große, grün eingebundene Bibel mit Stichen im Text; nichts ist besser für Kinder. Ich entsinne mich, daß ich in dieser armen Bibel immerfort nach Lächerlichkeiten suchte. Teissière, der schüchterner und gläubiger war und von seinem Vater und seiner Mutter vergöttert wurde, –sie schminkte sich fingerdick und war einmal schön gewesen – gab meine Zweifel aus Gefälligkeit zu. Wir übersetzten also mühsam Virgil, als ich in der Bibliothek meines Großvaters eine Virgilübersetzung in vier sehr schön gebundenen Bänden entdeckte; ich glaube, sie war von dem Schuft, dem Abbé Desfontaines. Ich suchte den Band heraus, der das zweite Buch der » Georgica « enthielt, an dem wir uns grade abmühten; tatsächlich hatten wir keine Ahnung von Latein. Ich versteckte den glücklichen Fund auf dem Lokus in einem Wandschrank, wo die Federn der im Hause verzehrten Hühner aufbewahrt wurden. Dorthin gingen wir zwei- bis dreimal während unserer mühsamen Übersetzung und holten uns Rat bei Desfontaines. Der Abbé kam dahinter, wohl durch Teissières Einfalt, und es gab eine schreckliche Szene. Ich wurde immer finsterer, boshafter, unglücklicher. Ich verwünschte alle Welt, besonders meine Tante Seraphie. Ein Jahr nach dem Tode meiner Mutter verliebte sich mein Vater in sie, wie mir erst heute klar wird; daher die ewigen Spaziergänge nach Les Oranges, zu denen ich mitgenommen wurde. Vorsichtshalber mußte ich vierzig Schritte vorangehen, sobald wir die Porte de Bonne hinter uns hatten. Diese Tante Seraphie hatte einen Haß gegen mich gefaßt, weshalb weiß ich nicht, und ließ mich durch meinen Vater immerfort ausschelten. Ich verwünschte beide, und das merkten sie wohl. Selbst jetzt noch, wenn ich gegen jemand eine Abneigung habe, merken es die Anwesenden sofort. Ich verabscheute auch meine Schwester Zenaide – jetzt Frau Alexandre Mallein –, weil mein Vater sie liebte und sie jeden Abend auf seinen Knien in Schlummer wiegte, und weil Fräulein Seraphie sie besonders in Schutz nahm. Ich malte auf alle Kalkwände des Hauses Spottbilder auf »Zenaide als Angeberin«. Meine Schwester Pauline – jetzt verwitwete Frau Périer-Lagrange – und ich warfen Zenaide vor, daß sie uns ausspionierte, und daran war wohl auch etwas Wahres. Ich aß stets bei meinem Großvater zu Mittag, aber die Mahlzeit war um 1 ¼ vorüber, und wenn es vom Turm von Saint André 2 Uhr schlug, mußten wir aus dem schönen Sonnenschein der Place Grenette zurück nach den feuchten, kalten Hofzimmern in der Rue des Vieux Jésuites, wo der Abbé Raillane wohnte. Nichts war qualvoller für mich. Düster und heimtückisch, wie ich war, sann ich auf Flucht, aber woher sollte ich das Geld nehmen? Eines Tages sagte der Großvater zum Abbé Raillane: »Aber Herr Abbé, warum bringen Sie dem Jungen das Weltsystem des Ptolemäus bei? Sie wissen doch, daß es falsch ist.« »Aber es erklärt alles. Zudem wird es von der Kirche gebilligt.« Diese Antwort konnte mein Großvater nicht verwinden. Er erzählte sie oft, aber lachend. Er regte sich nie über Dinge auf, die von anderen abhingen. Meine Erziehung aber war Sache meines Vaters, und so wenig er dessen Wissen schätzte, so sehr achtete er seine Vaterrechte. Wer diese Antwort des Abbé, die mein hochverehrter Großvater so oft wiederholte, machte mich vollends zu einem fanatischen Gottesleugner. Mein Großvater war in der Astronomie bewandert, verstand aber nichts von der Berechnung. Wir verbrachten die Sommernächte auf der herrlichen Terrasse seiner Wohnung. Dort zeigte er mir den großen und kleinen Bär und sprach poetisch von den Hirten Chaldäas und von Abraham. So faßte ich Hochachtung für Abraham und sagte zu Teissière: »Er ist kein Schurke wie die andern Gestalten der Bibel.« Mein Großvater besaß ein Exemplar von Bruces »Reise nach Nubien und Abessinien«. James Bruce, » Voyage aux sources du Nil, en Nubie et en Abyssinie 1768-1772 «. Aus dem Englischen von J. H. Castera, Paris 1790ff., 6 Bde. Dieser Quartband war mit Stichen geschmückt; daher sein mächtiger Einfluß auf meine Erziehung. Bruce, der von den schottischen Königen abstammte, wie mein trefflicher Großvater mir erzählte, erregte bei mir lebhafte Vorliebe für alle Wissenschaften, von denen er sprach. Daher meine Leidenschaft für die Mathematik und die, wie ich zu sagen wage, geniale Idee, durch die Mathematik aus Grenoble fortzukommen. Neuntes Kapitel Claix. Heimliche Lektüre. Jakobinische Gesinnung Civitavecchia, 6. bis 7. Dezember 1835. Trotz seiner Dauphineser Schlauheit war mein Vater Cherubin Beyle ein leidenschaftlicher Mann. Seine Leidenschaft für Bourdaloue und Massillon war von der Leidenschaft für die Landwirtschaft abgelöst worden, die später durch die Bauwut verdrängt wurde, die er schon immer gehabt hatte, schließlich durch seinen Ultraroyalismus und die Leidenschaft, Grenoble zugunsten der Bourbonen zu verwalten. Er war 1803 bis 1816 Adjunkt des Bürgermeisters. Tag und Nacht träumte mein Vater von dem Gegenstand seiner Leidenschaft. Er besaß große Schlauheit, viel Erfahrung in den Kniffen der andern Dauphineser, und ich zöge daraus gern den Schluß, daß er begabt war. Aber davon weiß ich nicht mehr als von seinem Gesichtsausdruck. Zweimal wöchentlich pflegte mein Vater nach Claix zu gehen, wo er eine »Domäne« (d. h. ein kleines Landgut) von 150 Morgen (wenn ich nicht irre) südlich der Stadt besaß. Es lag am Berghang auf dem andern Dracufer. Die ganze Gegend von Claix und Furonières Dies ist der Name des Beyleschen Landgutes. ist wasserarm, kalkig und steinig. Ein freigeistiger Pfarrer kam 1750 auf den Gedanken, die Sümpfe westlich der Brücke von Claix zu entwässern; sie wurden zum Reichtum des Landes. Das Gut meines Vaters lag zwei Stunden von Grenoble; ich bin diese Strecke vielleicht tausendmal gewandert. Dieser Leibesübung verdankte mein Vater sicherlich seine gute Gesundheit, die ihn zweiundsiebzig Jahre alt werden ließ. Ein Grenobler Bürger ist übrigens nur angesehen, wenn er eine »Domäne« besitzt. Lefèvre, der Friseur meines Vaters, hatte eine Domäne in Carenc und fehlte oft in seinem Geschäft, weil er in Carenc war. Mein Vater war so erfüllt von seiner neuen Leidenschaft, daß er mir immerfort davon erzählte. Er ließ aus Paris oder Lyon das landwirtschaftliche Handbuch kommen, das mit Stichen geschmückt war. Ich blätterte oft darin; die Folge war, daß ich Donnerstags, wo wir frei hatten, oft nach Claix oder vielmehr nach unserm Hause in Furonières mitgenommen wurde. Ich ging mit ihm aufs Feld und hörte sehr ungern zu, wie er von seinen Plänen sprach. Immerhin machte es ihm solche Freude, ein williges Ohr für seine Phantasien oder sogenannten Berechnungen zu finden, daß ich mehrmals erst am Freitag in die Stadt zurückkehrte; manchmal gingen wir schon Mittwoch abends hin. Claix mißfiel mir, weil ich dort immerfort von den landwirtschaftlichen Plänen zu hören bekam, aber bald machte ich eine Entdeckung, die mich vollauf entschädigte. Ich fand Mittel und Wege, Bände der vierzigbändigen Voltaireausgabe zu mausen, die mein Vater in Furonières besaß. Sie war prachtvoll in marmoriertes Kalbleder gebunden. Die Bände standen sehr eng zusammen. Ich nahm zwei heraus und stellte die andern etwas mehr auseinander, so daß die Lücke nicht ausfiel. Zudem stand das gefährliche Werk im obersten Fach des Bücherschrankes. Er war aus Kirschholz mit Glastüren, die oft verschlossen waren. Gott sei Dank! Selbst in jenem Alter kamen mir die Stiche lächerlich vor, besonders die zur » Pucelle «. Dies Wunder läßt mich fast glauben, daß ich bestimmt war, einen guten Geschmack zu haben und eines Tages die »Geschichte der italienischen Malerei« zu schreiben. Wir verbrachten stets die Ferien in Claix, d. h. die Monate August und September. Meine Lehrer klagten darüber, daß ich während dieser Erholungszeit mein ganzes Latein vergäße. Nichts war mir verhaßter, als wenn mein Vater unsre Gänge nach Claix unser »Vergnügen« nannte. Ich war wie ein Galeerensträfling, den man zwang, eine weniger drückende Art von Ketten sein Vergnügen zu nennen. Ich war außer mir und wohl sehr boshaft und ungerecht gegen meinen Vater und den Abbé Raillane. Ich gestehe es, aber nur mit großer Überwindung, selbst im Jahre 1835, daß ich diese beiden Männer nicht ruhig beurteilen kann. Sie haben meine ganze Kindheit buchstäblich vergiftet. Sie hatten strenge Mienen und ließen mich mit gleichaltrigen Kindern nie ein Wort sprechen. Erst als ich in die Zentralschule kam, trat ich in Verkehr mit Altersgenossen. Aber ich war heimtückisch, boshaft, voller Rachegedanken wegen des geringsten Faustschlages, der auf mich wirkte, wie eine Ohrfeige unter Männern; kurz, ich war alles, nur kein Verräter. Das größte Übel der Tyrannei Raillanes war, daß ich mein Unglück fühlte. Immerfort sah ich auf der Place Grenette Kinder zusammen umhergehen und laufen; das aber wurde mir kein einziges Mal erlaubt. Ließ ich meinen Kummer durchblicken, so hieß es: »Du sollst spazierenfahren.« Frau Périer-Lagrange, die Schwiegermutter meiner Schwester, eine trübsinnige Frau, nahm mich in ihrem Wagen mit, wenn sie eine Spazierfahrt machte. Sie schalt mich mindestens ebenso wie dieser Raillane. Sie war eine kalte, frömmelnde Frau und hatte wie der Abbé eins jener unbeweglichen Gesichter, die nie lachen. Welch ein Ersatz für einen Spaziergang mit gleichaltrigen Buben! Wer sollte es glauben! Ich habe nie mit Murmeln gespielt, und einen Kreisel bekam ich nur durch Fürsprache meines Großvaters, dem seine Tochter Seraphie deshalb eine Szene machte. Ich war also sehr tückisch, sehr boshaft, als ich in der schönen Bibliothek in Claix einen französischen Don Quichotte entdeckte. Das Buch war mit Stichen geschmückt, aber alt, und ich verabscheute alles Alte, denn meine Verwandten verboten mir den Umgang mit der Jugend, und sie selbst kamen mir sehr alt vor. Schließlich aber begriff ich die Stiche, die mir Spaß machten: Sancho Pansa auf seiner Zicke sitzend, da Gines von Pasamonte ihm seinen Esel fortgenommen hat. Ich lachte mich tot über Don Quichotte. Man bedenke, daß ich seit dem Tode meiner armen Mutter nicht mehr gelacht hatte; ich war das Opfer der folgerechtesten aristokratisch-religiösen Erziehung. Meine Tyrannen hatten nicht einen Moment nachgegeben; jede Einladung wurde abgelehnt. Oft kam ich hinzu, wenn mein Großvater ein Wort für die Annahme einlegte. Meine Tante Seraphie widersprach unter Schmähungen auf mich; mein Vater, der ihr Knecht war, gab meinem Großvater jesuitische Antworten, die zu nichts verpflichteten. Meine Großtante Elisabeth zuckte die Achseln. War der Plan durch diesen Widerspruch noch nicht zum Scheitern gebracht, so ließ mein Vater den Abbé Raillane kommen, der erklärte, ich hätte eine Aufgabe von gestern noch nicht gemacht und müsse sie ausgerechnet zur Stunde des Spazierganges nachholen. Man stelle sich die Wirkung des Don Quichotte inmitten einer so schrecklichen Trübsal vor! Dies Buch, das ich unter der zweiten Linde des Baumganges las, bildet vielleicht den größten Abschnitt in meinem Leben. Wer sollt' es glauben? Als mein Vater mich laut lachen sah, kam er herbei, fuhr mich an und drohte, mir das Buch fortzunehmen. Das geschah mehrmals. Dann nahm er mich auf das Feld mit, um mir seine Meliorationspläne auseinanderzusetzen. Selbst beim Lesen des Don Quichotte gestört, versteckte ich mich in einem kleinen Buchengehölz an der Ostecke des Parks, das von Mauern umschlossen war. Ich entdeckte auch einen Molière mit Stichen; sie schienen mir lächerlich. Ich begriff nur den »Geizhals«... Ich finde in meiner Erinnerung die feststehende Tatsache, daß ich mit sieben Jahren beschlossen hatte, Komödien wie Molière zu schreiben... Mein Großvater war über meine Don-Quichotte-Begeisterung entzückt, als ich sie ihm erzählte, denn ihm erzählte ich fast alles; der treffliche Greis war tatsächlich mein einziger Kamerad. Er lieh mir ohne Wissen seiner Tochter Seraphie Ariosts »Rasenden Roland« in der Übersetzung oder Nachahmung von de Tressan ... Ariost bildete meinen Charakter. Ich verliebte mich sterblich in Bradamante, die ich mir als dickes Mädchen von vierundzwanzig Jahren mit Reizen von blendender Weiße vorstellte. Alle spießbürgerlichen, gemeinen Einzelheiten, die Molière zum Ausdruck seiner Gedanken benutzt hat, waren mir zuwider. Sie erinnerten mich zu sehr an mein elendes Leben. Noch vor drei Tagen (Dezember 1835), als zwei Bürgersleute meiner Bekanntschaft untereinander eine komische Heuchel- und Streitszene aufführten, ging ich zehn Schritte fort, um nichts zu hören. Mein Abscheu vor diesen Dingen hat mich verhindert, Erfahrungen zu sammeln. Das ist kein geringes Unglück. Alles, was gemein und platt im spießbürgerlichen Sinne ist, alles, was mich an Grenoble erinnert, flößt mir Abscheu ein; nein, Abscheu ist zu vornehm: Übelkeit. Grenoble ist für mich wie die Erinnerung an eine scheußliche Magenverstimmung; es ist keine Gefahr dabei, aber ein furchtbarer Ekel. Alles Gemeine und Platte ohne Gegengewicht; alles, was der geringsten hochherzigen Regung feind ist, alles, was sich über das Unglück eines Patrioten oder eines hochherzigen Menschen freut – das ist für mich Grenoble. Nichts hat mich auf meinen Reisen mehr verwundert, als wenn mir bekannte Offiziere sagten, Grenoble sei eine reizende, geistvolle Stadt, in der die hübschen Frauen nicht zu kurz kämen. Das erstemal hörte ich diese Behauptung im Jahre 1802 an der Tafel des Generals Moncey (jetzt Marschall und Herzog von Conegliano) in Mailand oder Cremona. Ich war so erstaunt, daß ich über den Tisch weg um nähere Begründung bat. Ich war damals ein ahnungsloser Leutnant. Der Generalstabsoffizier hatte fünfzehn oder achtzehn Monate in Grenoble verbracht und hielt seine Behauptung aufrecht, daß es die angenehmste Provinzialstadt sei. Er nannte mir eine Menge Namen aus der bürgerlichen und ein paar aus der aristokratischen Gesellschaft. Ach! diese Namen kannte ich kaum. Meine Verwandten erwähnten sie nur, um die Torheiten dieser Damen zu tadeln. Denn sie tadelten alles, sie hatten die Gelbsucht: das muß ich wiederholen, um mein Unglück mit Vernunftgründen zu erklären. Nach dem Tode meiner Mutter hatten sie in ihrem Schmerz alle Beziehungen abgebrochen; meine Mutter war die Seele und der Frohsinn der Familie gewesen. Mein finsterer, schüchterner, grollender, unliebenswürdiger Vater besaß den Genfer Charakter (stets Rechnen und nie Lachen) und hatte nur meiner Mutter wegen Verkehr gehabt. Auch mein Großvater, ein liebenswürdiger Weltmann, dessen Unterhaltung man in der ganzen Stadt vom Handwerker bis zum vornehmen Herrn, von der geistvollen Frau des Schusters Barthélemy bis zum Baron des Adrets suchte, war durch den Tod des einzigen Wesens, das er liebte, bis ins Mark getroffen und hatte mit seinen sechzig Jahren aus Lebensüberdruß mit der Gesellschaft gebrochen. Nur meine Großtante Elisabeth, die unabhängig und für Grenoble sogar reich war, verkehrte noch in einigen Häusern, wo sie vor dem Abendessen ihre Partie spielte. Trotz der Achtung vor den väterlichen Rechten nahm sie mich, wenn mein Vater in Claix war, aus Mitleid manchmal mit, angeblich, weil sie mich als Begleitung nötig hatte. Wir gingen zu Fräulein Simon, die in dem neuen Hause der Jakobiner wohnte, einmal sogar zu einem großen Souper. Ich erinnere mich noch des Lichterglanzes und des prächtigen Tafelschmuckes. In der Mitte stand ein Aufsatz mit silbernen Figuren. Am nächsten Tage pätzte mich meine Tante Seraphie bei meinem Vater an, und es gab eine Szene. Diese Auftritte waren in der Form sehr höflich, aber man sagte sich spitze Worte, die man nicht mehr vergißt. Das war das einzige Vergnügen dieser grämlichen Familie, in die mein Unstern mich geworfen hatte. Wie beneidete ich den Neffen der Schustersgattin Frau Barthélemy! Ich litt, ohne die Ursachen davon zu erkennen; ich schob alles auf meines Vaters und Seraphies Bosheit. Um gerecht zu sein, muß man sich sagen, daß es eine aufgeblasene Bürgerfamilie war, die ihrem »einzigen Sohn«, wie ich genannt wurde, eine aristokratische Erziehung geben wollte. Diese Ideen gingen über mein Alter hinaus, und wer hätte sie mir auch beibringen sollen? Meine einzigen Freunde waren die Köchin Marion und Lambert, der Kammerdiener meines Vaters. So oft Seraphie mich mit ihnen in der Küche lachen hörte, rief sie mich stets fort. Bei der finsteren Stimmung meiner Familie war ich ihre einzige Beschäftigung; diese Plackerei nannten sie Erziehung, und wahrscheinlich glaubten sie es selbst ... Bald kam die Politik hinzu. Meine Familie gehörte zu den aristokratischsten der Stadt; sofort fühlte ich mich als wütender Republikaner. Ich sah die schönen Dragonerregimenter nach Italien marschieren; stets hatten wir Einquartierung; ich verschlang sie mit den Blicken. Meine Familie dagegen verwünschte sie. Bald versteckten sich die Geistlichen; ein bis zwei Priester waren stets im Hause verborgen. Die Gefräßigkeit eines von ihnen, eines dicken Mannes mit vorquellenden Augen, ekelte mich an. Bei uns wurde höchst sauber und anständig gespeist. So durfte niemand beim Essen schmatzen. Die meisten Priester, Leute von niedriger Herkunft, schmatzten beim Essen und zerkleinerten das Brot in unappetitlicher Weise. Das genügte, um sie mir vollends zu verekeln. Einer unserer Vettern – Senterre– wurde in Lyon guillotiniert. Das verdoppelte die Verbitterung meiner Familie, ihren Haß und ihre Unzufriedenheit mit allem. Mein ganzes Unglück läßt sich in zwei Worte zusammenfassen: Ich durfte nie mit Altersgenossen sprechen, und meine Familie, die sich wegen ihrer völligen Zurückgezogenheit langweilte, beehrte mich mit ihrer beständigen Aufmerksamkeit. Aus diesen zwei Gründen war ich in der fröhlichen Kinderzeit boshaft, finster, unvernünftig, kurz, ein Sklave im schlimmsten Sinne, und allmählich nahm ich die Gesinnung dieses Standes an. Das bißchen Glück, das ich mir verschaffen konnte, verdankte ich der Lüge. In anderer Hinsicht war ich ganz wie die jetzigen Völker Europas: meine Tyrannen sprachen stets salbungsvoll von ihrer zärtlichen Fürsorge für mich, und ihre Stütze war die Religion. Ewig mußte ich Predigten über die Elternliebe und die Kindespflichten mit anhören. Eines Tages hatte ich von diesen Reden genug. Ich sagte zu meinem Vater: »Wenn du mich so sehr liebst, so gib mir täglich fünf Sous und laß mich leben, wie es mir gefällt. Übrigens sei versichert, sobald ich alt genug bin, werde ich Soldat.« Mein Vater schritt auf mich zu, wie um mich totzuschlagen; er war außer sich. »Du bist nur ein gottloser Bube!« fuhr er mich an. Das erinnert an den Zaren Nikolaus und die Stadtverwaltung von Warschau, von der heute (7. Dezember 1835) soviel die Rede ist. Man sieht daraus wieder, daß alle Tyranneien sich gleichen. Es ist ein großer Glücksfall, daß ich für den Rest meines Lebens nicht bösartig geblieben bin, sondern nur voller Ekel vor dem Bürgertum, den Jesuiten und den Heuchlern aller Art. Vielleicht haben mich meine Erfolge in den Jahren 1797 bis 1799 und das Bewußtsein meiner Kraft von der Bosheit geheilt. Außer meinen andern schönen Eigenschaften besaß ich auch noch unerträglichen Dünkel. Recht bedacht, bin ich von meinem unvernünftigen Abscheu vor Grenoble nie wirklich geheilt worden; ich habe ihn vergessen. Die herrlichen Erinnerungen an Italien, an Mailand, haben alles ausgelöscht. Mir ist nur ein erheblicher Mangel an Menschen- und Tatsachenkenntnis geblieben. Alle Einzelheiten, die das Leben Chrysales in Molières »Gelehrten Frauen« bilden, flößen mir Abscheu ein... An Stelle aller Tatsachen, die Chrysales Leben erfüllen, ist bei mir das Romantische getreten. Ich glaube, dieser Mangel an Weltkenntnis ist meinen Romanfiguren zugute gekommen; spießbürgerliches Wesen haben sie nie. Dies Wort »spießbürgerliches Wesen« wird um 1880 vielleicht sehr schwer verständlich sein. Dank den Zeitungen wird der Spießbürger in der Provinz zur Seltenheit: es gibt keine Standessitten mehr. Ein junger Pariser Lebemann, den ich in sehr lustiger Gesellschaft traf, war sehr gut und durchaus nicht geziert gekleidet und gab 8–10 000 Franken aus. Ich fragte nach seinem Berufe: er war ein sehr beschäftigter Rechtsanwalt. Als Beispiel spießbürgerlichen Wesens nenne ich den Stil meines trefflichen Freundes Fauriel vom Institut in seiner ausgezeichneten Studie »Dantes Leben«, die 1834 in der »Revue de Paris« erschien. Wer was wird im Jahre 1880 davon übrig bleiben? Irgend ein geistreicher Schriftsteller wird sich die gründlichen Untersuchungen des trefflichen Fauriel zunutze machen, und die Arbeit dieses höchst gewissenhaften Spießbürgers wird völlig vergessen sein. Er war der schönste Mann in Paris. Frau Concordet (Sophie Grouchy), die sich auf dergleichen verstand, eignete sich ihn an, und der gute Fauriel war so dumm, sie zu lieben. Als sie um 1820 starb, hinterließ sie ihm eine Rente von 1200 Franken – wie einem Lakaien. Er war tief gedemütigt. Als er mir zehn Seiten für mein Buch »Über die Liebe« Siehe S. 54, Anm. 2. gab, sagte ich zu ihm: »Wenn man mit einer Prinzessin oder einer sehr reichen Frau zu tun hat, muß man sie schlagen, sonst erlischt die Liebe.« Er fand das empörend. Zehntes Kapitel Der Lehrer Durand Civitavecchia, 9. bis 10. Dezember 1835. Ich erinnere mich nicht mehr, wie ich von der Tyrannei Raillanes erlöst wurde. Dieser Schurke hätte mich zu einem ausgezeichneten Jesuiten und zum würdigen Nachfolger meines Vaters oder zu einem trunksüchtigen Soldaten und Schürzenjäger gemacht. Wie bei Fielding hätte das Temperament die Gemeinheit ganz verhüllt. Ich wäre also zu einem dieser beiden reizenden Geschöpfe geworden, hätte ich nicht meinen trefflichen Großvater gehabt, der mir ungewollt seine Vorliebe für Horaz, Sophokles, Euripides und die elegante Literatur mitteilte. Zum Glück verachtete er das ganze galante Schrifttum seiner Zeit, und so bin ich durch Marmontel, Dorat und andre Schelme nicht vergiftet worden. Ich weiß nicht, warum er in einemfort seine Verehrung für die Geistlichen beteuerte, die ihn tatsächlich als etwas Schmutziges abstießen. Da aber seine Tochter Seraphie und mein Vater sie in seinen Salon eingeführt hatten, war er gegen sie höflich wie gegen jedermann. Um etwas zu reden, sprach er von Literatur, unter anderm von den geistlichen Schriftstellern, obwohl er sie nicht schätzte. Aber dieser höfliche Mann konnte nur mit größter Mühe den tiefen Abscheu verbergen, den ihm ihre Unwissenheit einflößte. »Was, nicht mal den Kirchenhistoriker Fleury kennen sie!« Diese Bemerkung hörte ich eines Tages; sie vermehrte mein Zutrauen zu ihm noch. Bald darauf machte ich die Entdeckung, daß er sehr selten zur Beichte ging. Er war äußerst höflich gegen die Religion, aber nicht eigentlich gläubig. Er wäre fromm geworden, hätte er die Hoffnung gehabt, seine Tochter im Himmel wiederzusehen ... Vielleicht mußte Raillane sich verborgen halten, weil er sich geweigert hatte, den Eid aus die bürgerliche Kirchenverfassung zu leisten. Jedenfalls war sein Abgang für mich das denkbar größte Ereignis, und doch habe ich keine Erinnerung daran bewahrt. Das ist eine Lücke in meinem Gehirn; ich habe deren mehrere entdeckt, seit ich vor drei Jahren auf der Terrasse von San Pietro in Montorio auf den klugen Einfall kam, daß ich fünfzig Jahre alt und daß es Zeit würde, mich zum Abschied zu rüsten, mir vorher aber das Vergnügen eines Rückblicks zu machen. Ich habe gar keine Erinnerung an die Zeiten und Augenblicke, wo mein Empfinden zu stark war ... Die große Schwierigkeit dieser Denkwürdigkeiten besteht dann, lediglich die Erinnerungen der Zeit, die ich gerade vorhabe, wachzurufen und niederzuschreiben, hier also der offenbar weit weniger unglücklichen Zeit, die ich unter dem Lehrer Durand verbrachte. Das war ein Biedermann von etwa fünfundvierzig Jahren, dick und behaglich in seinem Wesen. Er hatte einen erwachsenen Sohn von achtzehn Jahren, einen sehr netten Menschen, der sich später, glaube ich, in meine Schwester verliebte. Niemand war weniger jesuitisch und heimtückisch als der arme Durand. Dabei war er höflich, sehr schlicht gekleidet, aber nie schmutzig. Tatsächlich verstand er so wenig Latein wie ich, und so konnten wir uns nicht entzweien. Ich kannte das Selectae e profanis und vor allem die Geschichte von Androkles und seinen Löwen Siehe »Wanderungen in Rom« (Bd. VI dieser Ausgabe), S. 384. auswendig, kannte sogar das Alte Testament und vielleicht etwas von Birgit und Cornelius Nepos. Hätte man mir aber auf Lateinisch acht Tage Ferien gegeben, ich hätte, nichts davon verstanden. Bei Herrn Durand war es nicht anders. Er kannte die Autoren auswendig, die er seit zwanzig Jahren erklärte, als aber mein Großvater ein paarmal versuchte, ihn über einige Schwierigkeiten bei Horaz zu befragen, die Jean Bond nicht erklärt hatte, begriff er nicht mal, um was es sich handelte ... Ich habe also gar keine Erinnerung an das Ereignis, durch das ich den Abbé Raillane los wurde. Nach dem ewigen Leid, der Frucht der Tyrannei dieses boshaften Jesuiten, sehe ich mich plötzlich bei meinem trefflichen Großvater untergebracht. Ich schlief in einem trapezförmigen Stübchen neben seinem Schlafzimmer und erhielt lateinischen Unterricht durch den biederen Durand, der täglich zweimal, von 10 bis 11 und von 2 bis 3 Uhr, zu mir kam. Meine Angehörigen hielten nach wie vor daran fest, mich nicht mit »gewöhnlichen Kindern« in Berührung kommen zu lassen. Aber die Stunden bei Herrn Durand fanden im Beisein meines trefflichen Großvaters statt, im Winter in seinem Zimmer, im Sommer in dem großen Salon neben der Terrasse, bisweilen auch in einem Vorzimmer, das sonst niemand betrat. Die Erinnerung an die Tyrannei Raillanes war bis zum Jahre 1814 mein Graus; dann vergaß ich sie. Die Ereignisse der Restaurationszeit nahmen meinen ganzen Ekel und Abscheu in Anspruch. Mit Ekel allein denke ich an die Stunden bei dem Lehrer Durand im Hause zurück. Denn ich besuchte auch seinen Unterricht in der Zentralschule, aber da war ich verhältnismäßig glücklich. Ich begann Gefühl für das schöne Landschaftsbild zwischen den Hügeln von Eybens und Echirolles und die schöne englische Wiese vor der Porte de Bonne zu bekommen, auf die die Schulfenster gingen, glücklicherweise vom dritten Stock aus. Das übrige fand sich ... Herr Durand begann damit, mir Ovids Metamorphosen zu erklären. Ich setze ihn noch, ebenso die gelbe Farbe des Bucheinbandes. Der allzu heitere Gegenstand führte, wenn ich nicht irre, zu einer Auseinandersetzung zwischen Seraphie, die mehr denn je den Teufel im Leibe hatte, und ihrem Vater. Aus Liebe zur schönen Literatur hielt er stand, und statt der düsteren Schrecknisse des alten Testaments las ich die Liebe von Pyramus und Thisbe und vor allem Daphnes Verwandlung in einen Lorbeerbaum. Nichts machte mir soviel Spaß wie dies Märchen. Zum erstenmal im Leben begriff ich, daß die Kenntnis des Lateinischen, das bisher für mich nur eine Quälerei gewesen war, auch ihre Vorzüge hatte ... Das war vielleicht im Jahre 1794. Mein Großvater erlaubte mir manchmal die Benutzung der Übersetzung von Dubois-Fontanelle, Die Übersetzung erschien 1762 (7. Aufl. 1806). der später mein Lehrer wurde. Es kommt mir vor, als habe der Tod Ludwigs XVI. (21. Januar 1793) unter der Tyrannei Raillanes stattgefunden. Komischerweise – die Nachwelt wird es kaum glauben – las meine bürgerliche Familie, die sich aber fast zum Adel rechnete, besonders mein Vater, der sich für einen ruinierten Adligen hielt, alle Zeitungen und verfolgte den Prozeß des Königs wie den eines Freundes oder nahen Verwandten. Als die Nachricht von seiner Verurteilung eintraf, war meine Familie in völliger Verzweiflung. »Aber niemals werden sie es wagen, dies ruchlose Urteil zu vollstrecken«, hieß es. »Warum nicht?« dachte ich. »Wenn er Verrat geübt hat?« Ich befand mich also im Arbeitszimmer meines Vaters in der Rue des Vieux Jésuites. Es war gegen 7 Uhr abends und völlig dunkel. Ich las beim Licht meiner Lampe; von meinem Vater durch einen großen Tisch getrennt. Ich tat, als ob ich arbeitete, las jedoch in den » Mémoires d'un homme de qualité « vom Abbé Prévost, von denen ich ein altes verschossenes Exemplar entdeckt hatte. Da rasselte draußen der Wagen der Eilpost von Paris nach Lyon vorüber. »Ich muß nachsehen, was die Ungeheuer getan haben«, sagte mein Vater und stand auf. »Hoffentlich ist der Verräter hingerichtet«, dachte ich. Dann sann ich über den tiefen Unterschied zwischen den Gefühlen meines Vaters und den meinen nach. Zärtlich liebte ich unsre Regimenter, die ich von den Fenstern meines Großvaters über die Place Grenette marschieren sah. Ich stellte mir vor, daß der König danach trachtete, sie von den Österreichern schlagen zu lassen. Wie man sieht, war ich mit zehn Jahren der Wahrheit ziemlich nahe. Aber ich gestehe, es genügte für mich schon, daß der Großvikar Rey und die übrigen, mit der Familie befreundeten Priester solchen Anteil am Schicksal Ludwigs XVI. nahmen, um seinen Tod herbei zu wünschen. Auf Grund eines Liedes, das ich sang, wenn ich mich von meinem Vater und von meiner Tante Seraphie nicht gehört glaubte, hielt ich es damals für unbedingte Pflicht, für das Vaterland zu sterben, wenn es sein müsse. Was lag am Leben eines Verräters, der durch einen geheimen Brief eines jener schönen Regimenter hinmorden lassen konnte, die ich über die Place Grenette marschieren sah! Ich setzte mich gerade im stillen mit meiner Familie auseinander, als mein Vater zurückkam. Ich sehe ihn noch in seinem weißen Flanellrock, den er bei den paar Schritten vor die Tür nicht ausgezogen hatte. »Es ist geschehen,« sagte er mit einem schweren Seufzer, »sie haben ihn gemordet.« Mich ergriff eine der lebhaftesten Freudenwallungen meines ganzen Lebens. Der Leser hält mich vielleicht für grausam, aber so war ich mit zehn Jahren, so bin ich noch mit zweiundfünfzig. Als man im Dezember 1830 den unverschämten Lumpen, den Peyronnet, und die andern Unterzeichner der Ordonnanzen Die Ordonnanzen vom 26. Juli 1830, die die Auflösung der noch nicht zusammengetretenen Kammer, die Beschränkung der Preßfreiheit und Wahlrechtsänderungen vorschrieben und den Anlaß zur Julirevolution gaben. nicht mit dem Tode bestrafte, sagte ich von den Pariser Spießbürgern: sie halten ihre seelische Verkümmerung für Zivilisation und Großmut. Wie kann man nach einer solchen Schwäche den Mut haben, einen vierfachen Mörder zum Tode zu verurteilen? Ich war von diesem großen Akt der nationalen Justiz so begeistert, daß ich meinen Roman, zweifellos einen der rührendsten, die es gibt, nicht weiter lesen konnte. Ich versteckte ihn, nahm ein ernstes Buch vor – jedenfalls den Rollin, den ich lesen sollte – und schloß die Augen, um das große Ereignis in Frieden zu genießen. Genau das gleiche täte ich auch heute, nur muß ich hinzusetzen: außer einer gebieterischen Pflicht könnte nichts mich zum Zusehen bewegen, wenn das öffentliche Interesse den Verräter aufs Blutgerüst schickt. Ich könnte zehn Seiten mit Einzelheiten über diesen Abend füllen, aber wenn die Leser von 1880 ebenso blutarm sind wie die gute Gesellschaft von 1835, würden Held wie Szene ihnen ein Gefühl tiefer Entfremdung einflößen, das sich fast bis zu dem Gefühl steigern könnte, das die schwammigen Seelen Abscheu nennen. Ich hätte weit mehr Mitleid mit einem ohne völlig hinreichende Beweise zum Tode verurteilten Mörder, als mit einem König im gleichen Falle. Der Tod eines schuldigen Königs ist stets nützlich, weil er von den seltsamen Torheiten abschreckt, zu denen der Größenwahn die Inhaber absoluter Macht verleitet ... Diese Zeilen würden im Jahre 1835 selbst bei meinen Freunden Ärgernis erregen. Im Jahre 1829 verabscheute mich Frau Bernonde im Herzen, weil ich den Tod des Herzogs von Burgund gewünscht hatte. Selbst Herr Mignet (der heute Staatsrat ist), hatte einen Abscheu vor mir, und seine Gattin, die ich gern hatte, verzieh es mir nie. Sie nannte mich im höchsten Grade unsittlich und nahm im Jahre 1833 in Aix Anstoß daran, daß die Gräfin C[uria]l mich verteidigte. Ich kann wohl sagen, daß die Zustimmung von Wesen, die ich für schwach halte, mir höchst gleichgültig ist. Sie erscheinen mir als geistesschwach; ich erkenne deutlich, daß sie das Problem nicht verstehen. Kurz, angenommen, ich sei grausam! Schön, ich bin es! Man wird noch ganz andre Dinge von mir hören, wenn ich weiter schreibe. Aus dieser Erinnerung, die mir noch heute vor Augen steht wie vor vierundvierzig Jahren, ziehe ich den Schluß, daß ich im Jahre 1793 in der nämlichen Weise auf die Glücksjagd ging wie heute. Mit andern Worten: mein Charakter hat sich gar nicht verändert. Wenn es um das Vaterland geht, scheinen mir alle Rücksichten kindisch, ja ich würde sagen, verbrecherisch, wäre meine Verachtung der schwachen Seelen nicht grenzenlos. Ein Beispiel für diese ist Herr Felix Faure, Pair von Frankreich und Oberpräsident, der 1828 zu seinem Sohne über den Tod Ludwigs XVI. sagte: »Er ist von Elenden umgebracht worden.« Derselbe Mann verurteilt heute in der Pairskammer die achtbaren jungen Leute, die man Aprilverschwörer nennt. Ich würde sie für ein Jahr nach Cincinnati in Amerika verbannen und ihnen während dieser Zeit monatlich 200 Franken geben. Da die Post damals fünf volle Tage, wo nicht sechs, von Paris bis Grenoble brauchte, fand die Szene im Wohnzimmer meines Vaters wohl am 28. oder 29. Januar statt. Beim Nachtessen machte meine Tante Seraphie mir eine Szene über meinen abscheulichen Charakter. Ich blickte meinen Vater an, er tat den Mund nicht auf, anscheinend, um die Sache nicht auf die Spitze zu treiben. So grausam und abscheulich ich auch bin, ich galt in meiner Familie wenigstens nicht für feige. Mein Vater war zu sehr Dauphineser und zu schlau, um nicht, selbst abends in seinem Zimmer, die Gesinnung eines Zehnjährigen erraten zu haben. Mit zwölf Jahren war ich ein Wunder an Kenntnissen. Ich fragte meinen trefflichen Großvater immerfort aus, und mir zu antworten war sein Glück. Mit mir allein sprach er von meiner Mutter. Sonst wagte kein Familienmitglied mit ihm von diesem geliebten Wesen zu reden. Mit zwölf Jahren also war ich ein Wunder an Kenntnissen, und mit zwanzig ein Wunder an Unwissenheit. Von 1796 bis 1799 dachte ich an weiter nichts, als wie ich aus Grenoble fortkommen könnte, d. h. an die Mathematik. Voller Bangen berechnete ich, wie ich es anstellen könnte, um eine halbe Stunde Arbeit mehr zu gewinnen. Zudem liebte ich die Mathematik um ihrer selbst willen und liebe sie noch, weil sie die Heuchelei und die Unklarheit, meine beiden Schreckgespenster, ausschließt. In diesem Geisteszustände machte mir jede verständige und ausführliche Antwort meines trefflichen Großvaters tiefen Eindruck... Mit zehn Jahren schrieb ich ganz heimlich ein Lustspiel in Prosa, oder vielmehr einen ersten Akt. Ich arbeitete langsam, weil ich auf den Augenblick der Eingebung wartete, d. h. auf jenen Zustand der Begeisterung, der mich damals vielleicht zweimal im Monat ergriff. Diese Arbeit war ein großes Geheimnis. In meinen Werken war ich stets ebenso schamhaft wie in meinen Liebschaften. Nichts wäre mir peinlicher gewesen, als davon sprechen zu hören. Dies Gefühl empfand ich noch sehr lebhaft im Jahre 1830, als Herr Victor de Tracy mit mir über meinen Roman »Rot und Schwarz« sprach. Elftes Kapitel Amar und Merlinot Civitavecchia und Rom, 10. bis 13. Dezember 1835. Das sind zwei Volksvertreter, die eines Tages Am 21. April 1793. in Grenoble eintrafen. Kurz darauf veröffentlichten sie eine Liste von 152 notorisch Verdächtigen und 350 einfach Verdächtigen (d. h. von Leuten, die die Republik, die Regierung des Vaterlandes nicht liebten). Die notorisch Verdächtigen sollten verhaftet, die andern nur überwacht werden. Ich sah das alles von unten her, wie ein Kind. Mein Vater war notorisch verdächtig, und mein Großvater einfach verdächtigt. Hier irrt Stendhal: Sein Großvater stand nicht auf der Liste. Die Veröffentlichung beider Listen war ein Donnerschlag für meine Familie. Ich füge sogleich hinzu, daß mein Vater erst am 6. Thermidor, 24. Juli 1794. drei Tage vor Robespierres Sturz, freigelassen wurde. Jetzt fällt mir ein, daß er zweiundzwanzig Monate auf der Liste stand und nur zweiunddreißig oder zweiundvierzig Tage im Gefängnis saß. Nach Colombs Angabe ist Beyles Vater nicht gefangen gesetzt worden. Die obigen Daten ergeben, daß er nur fünfzehn Monate verdächtig war. Dies große Ereignis fand demnach wohl am 26. April 1792 statt. Meine Tante Seraphie zeigte bei diesem Anlaß viel Mut und Tatkraft. Sie ging zu den Mitgliedern der Departementsverwaltung, zu den Volksvertretern und setzte immer wieder einen Aufschub von fünfzehn bis zweiundzwanzig Tagen, bisweilen sogar von fünfzig Tagen durch. Mein Vater schrieb den Umstand, daß er auf die Liste gesetzt war, einer alten Rivalität mit Amar zu, der meines Wissens auch Advokat war. Er war tatsächlich Advokat am Parlamentsgericht in Grenoble gewesen. Zwei bis drei Monate nach dieser Plackerei, von der am Abend im Familienkreis stets gesprochen wurde, entfuhr mir eine »Naivität«, die meinen abscheulichen Charakter bestätigt. Man drückte in höflichen Worten den ganzen Abscheu aus, den der Name Amar einflößte. »Aber«, sagte ich zu meinem, Vater, »Amar hat dich auf die Liste gesetzt, weil du notorisch verdächtig bist, die Republik nicht zu lieben. Mir scheint es gewiß , daß du sie nicht liebst.« Bei diesen Worten wurde meine ganze Familie zornrot. Man wollte mich schon in mein Zimmer einsperren, und während des ganzen Nachtessens sprach niemand ein Wort mit mir. Ich dachte tief nach. »Nichts ist richtiger«, sagte ich bei mir. »Mein Vater verwünscht den neuen Zustand (so lautete der damalige aristokratische Ausdruck). Mit welchem Recht regen sie sich also auf?« Mit welchem Recht? Diese Art zu schlußfolgern war bei mir die Regel seit den ersten Willkürhandlungen nach dem Tod meiner Mutter, die meinen Charakter verbitterten und mich zu dem machten, was ich bin. Der Leser wird ohne Mühe merken, daß diese Art bald zur äußersten Auflehnung führte. Mein Vater Cherubin Beyle siedelte in das sogenannte Zimmer meines Oheims über. Der hatte in Les Echelles in Savoyen geheiratet, und wenn er alle paar Monate zum Besuch seiner alten Freunde nach Grenoble kam, wohnte er in diesem mit roten Damastmöbeln prächtig ausgestatteten Zimmer. Man wird auch hier die Besonnenheit des Dauphineser Charakters bewundern. Sich verborgen halten nannte mein Vater es, wenn er über die Straße ging und bei seinem Schwiegervater nächtigte, bei dem er, wie jedermann wußte, seit zwei bis drei Jahren zu Tisch war. Die Schreckenszeit war also in Grenoble sehr mild und, wie ich dreist hinzufüge, sehr vernünftig. Trotz des Fortschritts von zweiundzwanzig Jahren ist mir die Schreckenszeit von 1815, d. h. die Reaktion der Partei meines Vaters, weit grausamer erschienen. Doch in meinem maßlosen Ekel über die Ereignisse von 1815 habe ich die Einzelheiten vergessen; ein unparteiischer Geschichtschreiber ist vielleicht andrer Meinung. Ich bitte den Leser, wenn ich je einen finde, sich zu vergegenwärtigen, daß ich Anspruch auf Wahrheit nur betreffs meiner Empfindungen erhebe; für Tatsachen hatte ich stets nur ein schwaches Gedächtnis. So kam es auch, daß der berühmte Cuvier mich stets in den Debatten schlug, mit denen er mich in seinem Salon in den Jahren 1827 bis 1830 bisweilen beehrte. Um sich der furchtbaren Verfolgung zu entziehen, siedelte mein Vater in das Zimmer meines Oheims über. Es war im Winter, denn er sagte oft: »Dies ist der reine Eiskeller.« Ich schlief neben seinem Bett in einem hübschen Bett in der Art eines Vogelkäfigs, aus dem ich unmöglich hinausfallen konnte. Doch das war nicht von langer Dauer. Bald sah ich mich in dem trapezförmigen Zimmer neben meines Großvaters Schlafzimmer... Da ich meinen Vater nun nahebei im Zimmer meines Oheims sah, beobachtete ich zu meinem großen Erstaunen, daß er nicht mehr Massillon, Bourdaloue oder seine Bibel las. Der Tod Ludwigs XVI. hatte ihn wie so viele andre auf die Lektüre von Humes »Geschichte Karls I.« gebracht. Da er kein Englisch verstand, las er damals die einzige Übersetzung von Belot. Bald war mein Vater, der in seinen Neigungen stets veränderlich und unbedacht war, der reine Politiker geworden. Das Lächerliche dieses Umschwungs erkannte ich damals als Kind nicht, jetzt wird mir das Warum klar. Vielleicht war mein Vater, der ausschließlich immer nur einer Leidenschaft (oder Neigung) nachhing, deswegen kein ganz gewöhnlicher Mensch. Er war also jetzt ganz in Hume und Smollett vertieft und wollte mir Geschmack an diesen Büchern beibringen, wie ich zwei Jahre vorher Bourdaloue bewundern sollte. Man kann sich die Wirkung dieser Zumutung denken. Der Haß der verbitterten Frömmlerin Seraphie nahm noch zu, als sie mich bei ihrem Vater als Günstling sah. Ich hatte schreckliche Auftritte mit ihr, denn ich bot ihr die Stirn, ich widersprach, und das versetzte sie in Wut... Denke ich an diese Szenen seit ihrem Beginn, d. h. seit 1793, zurück, so kann ich sie mir etwa wie folgt erklären: Seraphie war leidlich hübsch und hatte ein Verhältnis mit meinem Vater. In mir haßte sie leidenschaftlich das Wesen, das ein moralisches oder gesetzliches Hindernis für ihre Ehe bildete. Festzustellen wäre freilich, ob die Kirchenbehörde im Jahre 1793 eine Ehe zwischen Schwager und Schwägerin gestattet hätte. Ich glaube ja; Seraphie gehörte neben einer Frau Vignon, ihrer Busenfreundin, zu den größten Betschwestern der Stadt. Während dieser heftigen Auftritte, die allwöchentlich ein- bis zweimal wiederkehrten, sprach mein Großvater kein Wort. Wie ich schon sagte, hatte er einen Charakter wie Fontenelle, aber im Grunde merkte ich, daß er auf meiner Seite stand. Was konnte auch wirklich ein Mädchen von sechsundzwanzig bis dreißig Jahren mit einem zehn- bis zwölfjährigen Kinde gemeinsam haben? Die Dienstboten, nämlich Marion, Lambert und dann sein Nachfolger, standen auf meiner Seite, ebenso meine Schwester. Pauline, ein hübsches Kind, das drei bis vier Jahre jünger war als ich. Meine zweite Schwester Zenaide dagegen stand auf Seraphies Seite, und ich wie Pauline bezichtigten sie, uns auszuspionieren. Meine Kusinen, Frau Romagnier und Frau Colomb, die ich zärtlich liebte – sie waren damals dreißig bis vierzig Jahre alt und die letztere ist die Mutter meines besten Freundes, Romain Colomb –, wunderten sich über diese Szenen, die ich mit Seraphie hatte und die oft so weit gingen, daß die Bostonpartie unterbrochen wurde; aber ich glaube deutlich zu erkennen, daß sie mir gegen diese Närrin recht gaben. Eines Tages hatte ich im alten Hause meines Vaters in dem großen Korridor, der aus dem Speisesaal in die Zimmer an der Grenette führte, ein Spottbild Zenaides als »Angeberin« an die Wand gemalt. Diese Kleinigkeit führte eine scheußliche Szene herbei, die mir noch deutlich vorschwebt. Seraphie war wütend, das Spiel wurde unterbrochen. Es war schon 8 Uhr abends. Frau Romagnier und Frau Colomb fühlten sich durch diesen Streich der verrückten Person verletzt, und da weder Seraphies Vater, (Henri Gagnon) noch ihre Tante (Elisabeth Gagnon) den Mut oder die Möglichkeit hatten, sie zum Schweigen zu bringen, beschlossen sie fortzugehen. Nun brach das Unwetter erst recht los. Mein Großvater oder meine Großtante ließ ein ernstes Wort fallen; Seraphie wollte über mich herstürzen, ich griff nach einem Rohrstuhl, um sie mir vom Leibe zu halten, und entfloh in die Küche, da ich sicher war, die gute Marion, die mich vergötterte und Seraphie verabscheute, würde mich in Schutz nehmen. Neben diesen deutlichen Bildern finde ich Lücken in meiner Erinnerung, wie an einer großenteils von der Wand abgefallenen Freske. Ich sehe noch, wie Seraphie die Küche verließ und ich dem Feind durch den Korridor folgte. Ich war sehr gern in der Küche, in der meine Freunde Marion und Lambert und die Magd meines Vaters hausten, die den großen Vorzug hatten, keine »Vorgesetzten« zu sein. Dort allein fand ich holde Gleichheit und Freiheit. Ich benutzte die Szene, um bis zum Nachtessen nicht zum Vorschein zu kommen. Ich glaube, ich heulte vor Wut über die unerhörten Schimpfworte, die Seraphie mir an den Kopf geworfen hatte, aber ich schämte mich tief meiner Tränen... »Unwürdiger Bursche!« sagte einmal mein Vater zu mir und kam wütend auf mich zu. Aber geschlagen hat er mich nie, höchstens zwei- bis dreimal. Diese Worte bekam ich deshalb zu hören, weil ich Pauline geschlagen hatte, die mit ihrem Heulen das Haus erfüllte. In den Augen meines Vaters hatte ich einen abscheulichen Charakter. Diese Wahrheit war durch Seraphie festgestellt und durch Tatsachen bewiesen: den Mordversuch an Frau Chenavaz, den Umstand, daß ich Frau Pison-Dugalland in die Stirn gebissen hatte, und mein Wort über Amar. Bald kam der berühmte anonyme Brief, unterzeichnet Gardon, hinzu. Aber dies große Verbrechen bedarf der Erklärung. Tatsächlich war es ein übler Streich, über den ich mich ein paar Jahre geschämt habe, als ich noch an meine Kindheit dachte, d.h. vor meiner Liebe zu Melanie [Guilbert], die 1805, als ich zweiundzwanzig Jahre alt war, ihr Ende nahm. Heute fällt mir dieser Anschlag deutlich wieder ein. Zwölftes Kapitel Der gefälschte Brief Rom, 14. Dezember 1835. Es wurden Jugendwehrbataillone formiert. Ich brannte darauf, ihnen anzugehören, wenn ich sie vorbeimarschieren sah. Heute erkenne ich, daß es eine vorzügliche Einrichtung war, die einzige, durch die man den Jesuitismus in Frankreich ausrotten kann. Anstatt in der Kapelle zu spielen, wird die kindliche Phantasie mit Gedanken an Krieg und Gefahren vertraut. Zudem sind die jungen Leute, wenn sie mit zwanzig Jahren einberufen werden, schon einexerziert, und statt vor dem Unbekannten zu bangen, denken sie an ihre Kinderspiele zurück. Die Schreckenszeit war in Grenoble so wenig schrecklich, daß die Aristokraten ihre Kinder nicht hinschickten. Ein Abbé Gardon, der aus der Kutte gesprungen war, leitete die Jugendwehr. Ich beging eine Fälschung, nahm ein Stück Papier in Querformat und schrieb, seine Handschrift nachahmend, an den Bürger Gagnon, er solle sein Enkelkind, Henri Beyle, nach Saint-André schicken, damit er in die Jugendwehr aufgenommen würde. Der Brief schloß: »Heil und Brüderlichkeit – Gardon.« Schon der Gedanke, nach Saint-André zu kommen, war für mich der Gipfel des Glückes. Meine Angehörigen bewiesen wenig Einsicht; sie ließen sich durch diesen Knabenbrief täuschen, der mindestens hundert Verstöße gegen die Wahrscheinlichkeit enthielt. Sie zogen einen kleinen Buckligen, namens Tourte, zu Rate, einen richtigen »Krötenschlucker«, der sich durch seine Kriecherei ins Haus eingeschlichen hatte. Wird man das im Jahre 1880 überhaupt noch verstehen? Dieser Tourte, der einen scheußlichen Buckel hatte, war expedierender Sekretär in der Departementsverwaltung. Er gab Pauline Schreibunterricht. Ich sehe ihn noch mit wichtiger Miene Federn schneiden. Er trug eine Brille mit Gläsern von der Dicke eines Flaschenbodens. (Anmerkung Stendhals.) Er hatte sich als subalternes Wesen ins Haus eingeschlichen, schmeichelte allen und nahm nichts übel. In seiner Eigenschaft als amtlicher Schreiber kannte er offenbar die Unterschrift Gardons. Er verlangte meine Schrift zu sehen, verglich sie mit bureaukratischem Scharfsinn, und mein armseliger Kniff, um aus meinem Käfig hinauszukommen, wurde entdeckt. Während man über mein Schicksal beriet, wurde ich in das Naturalienkabinett meines Großvaters eingesperrt, von dem man auf unsere prächtige Terrasse gelangte. Dort vergnügte ich mich damit, eine rote Tonkugel in die Luft zu werfen. Ich befand mich in der Lage eines jungen Deserteurs, der erschossen werden soll... In diesem Vorraum der Terrasse hing eine prächtige, vier Fuß breite Wandkarte des Dauphiné. Mein Großvater hing sehr an ihr. Meine Tonkugel streifte beim Herunterfallen diese kostbare Karte und zog einen langen roten Strich darüber hin. Ich dachte: »Da beleidige ich meinen einzigen Beschützer.« Und mir tat es zugleich sehr leid, etwas für ihn Unangenehmes getan zu haben. Da wurde ich gerufen, um vor meinen Richtern zu erscheinen, Seraphie voran und neben ihr der scheußliche Bucklige. Ich hatte mir vorgenommen, wie ein Römer zu antworten, d. h. ich wollte dem Vaterland dienen; das sei meine Pflicht und mein Vergnügen usw. Aber das Bewußtsein meiner Sünde gegen meinen trefflichen Großvater (der rote Strich), den ich wegen des Schreckens, der ihm der mit Gardon unterzeichnete Brief bereitet hatte, leichenblaß sah, rührte mich, und ich glaube, ich benahm mich kläglich. Ich habe stets den Fehler gehabt, mich durch das geringste unterwürfige Wort von Leuten, auf die ich wütend war, rühren zulassen. Nie war ich meines Zornes sicher. Leider büßte ich durch meine Herzensschwäche (nicht Charakterschwäche) meine vorzügliche Lage ein. Ich hatte mir vorgenommen, damit zu drohen, daß ich selbst zum Abbé Gardon gehen und ihm sagen würde, daß ich dem Vaterland dienen wolle. Das erklärte ich auch, aber kleinlaut. Selbst mein Großvater verurteilte mich nun; der Spruch lautete dahin, daß ich drei Tage lang nicht bei Tisch mitessen sollte. Kaum war ich verurteilt, so verflog mein Zartgefühl und ich wurde wieder zum Helden. »Lieber allein essen«, sagte ich, »als mit Tyrannen, die mich immerfort schelten.« Der kleine Tourte wollte mich schulmeistern, aber ich fiel ihm ins Wort: »Schämen Sie sich und schweigen Sie still. Sind Sie mein Verwandter, so zu mir zu reden?« Er wurde puterrot hinter seinen Brillengläsern. »Aber als Freund der Familie«, wandte er ein. »Ich lasse mich von einem Manne wie Sie nicht schelten.« Diese Anspielung auf seinen Riesenbuckel brachte ihn zum Schweigen. Als ich das Zimmer meines Großvaters verließ, in dem dieser Auftritt stattgefunden hatte, war ich in finsterer Laune. Ich hatte das undeutliche Gefühl, daß ich ein Schwächling war; je mehr ich darüber nachsann, um so mehr grollte ich mir. Wenn der Sohn eines notorisch Verdächtigen, der durch immerwährende Aufschübe noch immer nicht eingekerkert war, den Abbé Gardon bat, dem Vaterland dienen zu dürfen – was konnten meine Verwandten, die jeden Sonntag mit achtzig Menschen zur Messe gingen, dagegen einwenden? Infolgedessen machte man mir auch vom nächsten Tage an den Hof. Aber dieser Vorfall, den Seraphie mir bei der nächsten Szene gleich wieder vorwarf, errichtete eine Scheidewand zwischen mir und meiner Familie. Ungern gestehe ich es: meine Liebe zu meinem Großvater ließ nach, und zugleich erkannte ich deutlich seine Schwäche: er fürchtete sich vor seiner Tochter Seraphie! Nur meine Großtante Elisabeth blieb mir treu. Meine Verehrung für sie nahm denn auch noch zu. Soviel ich mich entsinne, bekämpfte sie meinen Haß gegen meinen Vater und schalt mich tüchtig aus, als ich ihn einmal im Gespräch mit ihr diesen Mann nannte... Meine Großtante Elisabeth besaß eine spanische Seele. Sie teilte mir diese Gefühlsweise in vollem Maße mit; daher alle meine lächerlichen Torheiten aus Zartgefühl und Seelengröße. Diese Torheit ließ bei mir erst im Jahre 1810 nach, als ich die Gräfin Daru Im Urtext Madame Petit. liebte. Aber selbst heute sagte der treffliche di Fiore zu mir: »Sie spannen Ihre Netze zu hoch« (Thukydides). Meine Großtante Elisabeth besaß eine ziemliche Verachtung für das Fontenellesche Wesen ihres Bruders (meines Großvaters), zeigte sie aber nicht. Sie vergötterte meine Mutter, sprach aber von ihr nie gerührt wie er. Ich glaube, ich habe sie nie weinen gesehen. Sie hätte mir alles eher verziehen, als daß ich meinen Vater »diesen Mann« nannte... Eines Tages, als wir von meiner Mutter sprachen, sagte sie zu mir, sie hätte gar keine Zuneigung zu ihm gehabt. Dies Wort war für mich äußerst bedeutsam. War ich doch im Herzensgrunde noch immer eifersüchtig auf meinen Vater. Ich erzählte diese Äußerung Marion, die mich vollends beglückte, als sie mir erzählte, im Jahre 1780, als meine Mutter heiraten sollte, hätte sie einmal zu meinem Vater, der ihr den Hof machte, gesagt: »Laß mich zufrieden, häßlicher Kerl.« Ich sah damals nicht das Gemeine und Unwahrscheinliche dieses Wortes; ich erfaßte nur den Sinn, der mich entzückte. Tyrannen sind oft ungeschickt; darüber habe ich im Leben vielleicht am meisten gelacht... Die größte Dummheit meiner Tyrannen bestand eben darin, daß mein Großvater sich die Brille aufsetzte und der ganzen Familie laut alle Zeitungen vorlas. Ich verlor keine Silbe davon: Und im Herzen machte ich mir Kommentare, die das genaue Gegenteil derer wären, die ich hörte. Seraphie war eine fanatische Frömmlerin, mein Vater, der bei dieser Lektüre oft fehlte, ein ausgesprochener Aristokrat, mein Großvater ein gemäßigter Aristokrat; er haßte die Jakobiner vor allem als schlecht gekleidete, ungebildete Leute. Meine Großtante Elisabeth verabscheute nur die Hinrichtungen. Die Titel dieser Zeitungen, von denen ich jedes Wort verschlang, lauteten: Perlets » Journal des hommes libres « – ich sehe es noch vor mir –, das » Journal des Débats et des Décrets « und das » Journal des Défenseurs de la patrie «... Bisweilen war mein Großvater erkältet, und ich mußte dann vorlesen. Welche Ungeschicklichkeit von seiten meiner Tyrannen! Das ist, wie wenn die Päpste eine Bibliothek gründen, statt alle Bücher zu verbrennen, wie der Kalif Omar. Diese Zeitungslektüre dauerte, glaube ich, noch ein Jahr über Robespierres Tod hinaus und nahm allmorgendlich zwei Stunden in Anspruch. Ich entsinne mich nicht eines einzigen Males, wo ich mit meinen Angehörigen gleicher Meinung war. Ich war so klug, den Mund zu halten; und wenn ich einmal reden wollte, gebot man mir Schweigen, statt mich zu widerlegen. Heute erkenne ich, daß diese Lektüre ein Mittel gegen die furchtbare Langeweile war, in die meine Familie seit dem Tode meiner Mutter und dem Abbruch aller geselligen Beziehungen versunken war... Herr Durand kam nach wie vor ein- bis zweimal täglich ins Haus, ich glaube allerdings zweimal, und zwar aus folgendem Grunde. Ich hatte das unglaublich törichte Alter erreicht, wo man den Lateinschüler Verse machen läßt, um zu sehen, ob er poetische Begabung hat. Aus jener Zeit stammt meine Abscheu vor Versen. Um diese poetische Begabung bei mir zu entwickeln, brachte Herr Durand einen abscheulich fettigen und schmutzigen Duodezband mit. Hatte mich schon die Unsauberkeit der Ariostausgabe von de Tressan abgeschreckt, obwohl ich Ariost vergötterte, so kann man sich die Wirkung des schwarzen Buches des Heim Durand denken, der selbst ziemlich schlecht gekleidet war. In dem Buche stand das Gedicht eines Jesuiten über eine Fliege, die in einer Satte Milch ertrinkt. Der Witz dabei war der Gegensatz zwischen der weißen Milch und der schwarzen Fliege, dem süßen Trank, den sie sucht, und dem bittern Tode. Durand diktierte mir nun Verse, indem er die schmückenden Beiwörter fortließ, zum Beispiel: Musca (Beiwort) duxerit annos (Beiwort) multos (andres Wort). Ich schlug den Gradus adä parnassum auf, las alle Beiwörter für musca durch, volucris, avis, nigra , und wählte das aus, das zu dem Versmaß paßte, also nigra für musca , felices für annos . Der schmutzige Schmöker und die Geistlosigkeit dieser Arbeit ekelte mich dermaßen an, daß mein Großvater regelmäßig um zwei Uhr die Verse selbst gemacht hatte, während er mir anscheinend half. Um sieben Uhr abends kam Herr Durand wieder und machte mir den Unterschied zwischen meinen Versen und denen des Jesuitenpaters klar. Es bedarf durchaus des Wetteifers , um solche Albernheiten herunterzuwürgen. Mein Großvater erzählte mir von seinen Streichen auf der Schule, und ich sehnte mich nach der Schule: dort konnte ich doch wenigstens mit Altersgenossen sprechen. Bald sollte ich diese Freude haben. Es wurde eine Zentralschule eingerichtet, und mein Großvater gehörte zum Organisationsausschuß. Er ließ Herrn Durand zum Lehrer ernennen. Dreizehntes Kapitel Der Tod des armen Lambert Rom, 15. Dezember 1835. Von neuem beteure ich, daß ich keinen Anspruch erhebe, die Dinge so zu schildern, wie sie sind, sondern nur wie sie auf mich gewirkt haben... Da ich nach dem barbarischen System meines Vaters und Seraphies keinen gleichaltrigen Freund oder Gefährten hatte, so verteilte sich mein Mitteilungsbedürfnis wie folgt: Mein Großvater war mein ernster, ehrwürdiger Kamerad. Mein Freund aber, dem ich alles sagte, war sein Kammerdiener Lambert, ein sehr gewandter Bursche. Meine Anvertrauungen langweilten ihn zwar oft, und wenn ich ihm zu stark zusetzte, gab er mir eine kleine harte Kopfnuß, die meinem Alter entsprach. Ich liebte ihn dafür nur um so mehr. Seine Hauptaufgabe, die ihn sehr verdroß, war, aus Saint-Vincent (bei Le Fontanil), dem Anwesen meines Großvaters, Pfirsiche zu holen. Nahe bei dieser Hütte, die ich herrlich fand, waren sehr gut angelegte Spaliere, die vorzügliche Pfirsiche trugen. Daneben waren Weingitter mit ausgezeichneten Trauben. Das alles beförderte Lambert in zwei Körben am Ende eines Stockes, den er über der Schulter trug. Der Weg bis Grenoble war vier Stunden. Lambert war mit seinem Schicksal unzufrieden und suchte es zu verbessern, indem er Seidenraupen züchtete. Er hatte sich einen Maulbeerbaum erstanden, und beim Abpflücken der Blätter fiel er herunter; man brachte ihn auf einer Leiter ins Haus. Mein Großvater pflegte ihn wie einen Sohn. Aber er hatte eine Gehirnerschütterung und sah nichts mehr; nach drei Tagen war er tot. In seinem Delirium stieß er klägliche Rufe aus, die mir das Herz durchbohrten. Zum erstenmal lernte ich den Schmerz kennen und dachte an den Tod. Der Verlust meiner Mutter hatte mich in einen Zustand des Wahnsinns versetzt, in den sich viel Liebe mischte. Mein Schmerz über Lamberts Tod war ein Schmerz, wie ich ihn zeitlebens empfunden habe, ein bewußter, herber Schmerz ohne Tränen und Trost. Ich war tief bekümmert und fiel beinahe um (was Seraphie herb tadelte), wenn ich zehnmal am Tage in das Zimmer meines Freundes ging und sein schönes Gesicht anstarrte; er lag im Sterben. Nie vergessen werde ich seine schönen schwarzen Augenbrauen und sein kräftiges, gesundes Aussehen, das durch sein Fieber nur noch gesteigert wurde. Ich sah zu, wie er zur Ader gelassen wurde. Nach jedem Aderlaß machte man das Experiment mit einem Licht, das man ihm vor Augen hielt... Ich könnte noch zwanzig bis dreißig Seiten mit den deutlichen Erinnerungen von diesem großen Schmerz anfüllen. Man nagelte seinen Sarg zu und trug ihn fort ... Sunt lacrimae rerum . Die gleiche Saite meines Herzens wird von gewissen Stellen der Begleitung in Mozarts »Don Juan« berührt. Acht Tage nach seinem Tode geriet Seraphie in berechtigten Zorn, weil man ihr irgendeine Suppe in einem kleinen ausgebrochenen Steinguttopf brachte – ich sehe ihn noch, nach vierzig Jahren – in dem Lamberts Blut bei dem Aderlaß aufgefangen worden war. Ich brach plötzlich in Tränen aus und erstickte vor Schluchzen. Beim Tode meiner Mutter hatte ich nie weinen können. Erst nach Jahresfrist begann ich zu weinen; ich weinte des Nachts allein in meinem Bette. Als Seraphie meine Tränen über Lambert sah, machte sie mir eine Szene. Ich ging in die Küche und murmelte halblaut, wie um mich zu rächen: »Die Niederträchtige! Die Niederträchtige!« ... Sein Bruder hatte ein kleines, sehr gewöhnliches Café in der Rue de Bonne bei der Kaserne. Ich fand damals, daß nichts so gewöhnlich war wie dieser Bruder, zu dem Lambert manchmal mit mir ging. Denn wie ich gestehen muß, trotz meiner durchaus republikanischen Anschauungen hatte ich von meinen Verwandten das aristokratische, zurückhaltende Wesen vollkommen geerbt. Dieser Fehler ist mir geblieben; er hat mich noch vor nicht zehn Tagen gehindert, ein galantes Abenteuer wahrzunehmen. Ich verabscheue den Pöbel, wenn ich mit ihm in Berührung komme, und habe doch zugleich den leidenschaftlichen Wunsch, daß er unter dem Namen »Volk« glücklich ist. Ich glaube auch, man kann ihm dies Glück nur verschaffen, wenn man ihm Fragen über ein wichtiges Thema stellt, d.h. wem man das Volk seinen eignen Abgeordneten wählen läßt. Meine Freunde oder angeblichen Freunde bezweifelten daher die Echtheit meiner liberalen Gesinnung. Alles Schmutzige widert mich an, und in meinen Augen ist das Volk stets schmutzig. Eine Ausnahme bildet nur Rom; da ist der Schmutz mit Wildheit umkleidet. Wer denkt heute noch an Lambert, außer meinem Freundesherzen? Ich gehe noch weiter: Wer denkt heute noch an Alexandrine, Die Gräfin Daru. die im Januar 1815, vor zwanzig Jahren starb? Wer denkt an Mathilde Mathilde Dembowska. die 1825 starb? Gehören sie nicht mir, der ich sie mehr liebe als alle Menschen auf Erden? Mir, der zehnmal in der Woche und oft zwei Stunden hintereinander leidenschaftlich an sie denkt! Vierzehntes Kapitel Unterricht im Zeichnen. Der Jakobinerklub Rom, 17. Dezember 1835. Meine Mutter besaß ein seltnes Zeichentalent, wie in der Familie erzählt wurde. »Ach! wie schön zeichnete sie!« seufzte man tief. Dann folgte ein langes, trübes Schweigen. Tatsächlich war der Unterricht im Zeichnen in Grenoble vor der Revolution, die in diesen zurückgebliebenen Gegenden alles veränderte, ebenso lächerlich wie der lateinische. Zeichnen hieß mit einem Rötelstift schöne gleichlaufende Striche ziehen wie auf einem Kupferstich; auf die Umrisse gab man wenig acht. Oft fand ich große Köpfe in Rötelzeichnung, die von meiner Mutter stammten. Mein Großvater benutzte diesen allmächtigen »Vorgang«, und trotz Seraphies Einspruch bekam ich Zeichenunterricht bei Herrn Le Roy. Das war ein großer Gewinn. Da Le Roy im Teissièreschen Hause vor dem großen Portal des Jakobinerklosters wohnte, Jetzt Place Grenette 5. ließ man mich nach und nach allein zu ihm hingehen und vor allem heimkehren ... Ich begriff, daß ich bei schnellem Gehen, denn man zählte die Minuten und Seraphies Fenster ging just auf die Place Grenette, einen Umweg über die Place des Halles machen konnte. Ich sollte Le Roys Haus um halb vier oder vier Uhr (eins von beiden) verlassen und mußte fünf Minuten darauf zurück sein. Le Roy oder vielmehr seine Frau, ein Teufelsweib von fünfunddreißig Jahren, sehr pikant und mit schönen Augen, war besonders beauftragt – wahrscheinlich unter der Androhung, einen gut zahlenden Schüler zu verlieren –, mich erst um dreiviertel vier Uhr fortzulassen. Beim Hinweg aber hielt ich mich oft eine ganze Viertelstunde auf und blickte durch das Treppenfenster, ohne ein andres Vergnügen, als mich frei zu fühlen. In diesen seltnen Augenblicken berechnete ich nicht etwa die Maßnahmen meiner Tyrannen, sondern meine Phantasie verlor sich ins Blaue. Die Hauptsache wurde für mich bald, zu erraten, ob Seraphie um dreiviertel vier, wo ich zurück sein mußte, im Hause war. Meine gute Freundin, die Magd Marion, war mir sehr behilflich. Eines Tages sagte sie zu mir, Seraphie ginge nach dem Kaffee um drei Uhr zu ihrer guten Freundin, der Betschwester Frau Vignon, und so wagte ich mich in den Stadtpark, wo sich eine Menge Gassenjungen herumtrieben ... Ich wurde ertappt; irgendein Freund oder Schützling Seraphies verriet mich, und am Abend gab es eine große Szene in Gegenwart der Großeltern. Ich log, wie begreiflich, als Seraphie mich fragte: »Bist du im Stadtpark gewesen?« Darauf schalt mich mein Großvater mild und höflich, aber bestimmt wegen meiner Lüge. Ich fühlte deutlich, was ich nicht ausdrücken konnte. Ist die Lüge nicht die einzige Zuflucht der Sklaven? Fortan mußte ein alter Diener, der Nachfolger Lamberts, der die Befehle meiner Verwandten gewissenhaft ausführte, mich zu Le Roy begleiten. Frei war ich nur an den Tagen, wo er nach Saint-Vincent ging, um Obst zu holen. Dieser Freiheitsschimmer machte mich rasend. »Warum das alles?« fragte ich mich. »Welcher Junge in meinem Alter geht nicht allein?« Mehrmals ging ich in den Stadtgarten; wurde ich ertappt, so bekam ich Schelte, aber ich sagte nichts. Man drohte mir, den Unterricht einzustellen; ich setzte meine Gänge fort. Mein Vater begann sich damals in die Landwirtschaft zu verlieben und ging oft nach Claix. Ich glaubte zu bemerken; daß Seraphie in seiner Abwesenheit Angst vor mir bekam. Meine Großtante Elisabeth, die aus spanischem Stolz keine rechtmäßige Autorität hatte, blieb neutral; mein Großvater verabscheute bei seinem sanften Wesen alles Geschrei; nur Marion und meine Schwester Pauline waren ganz auf meiner Seite. Ein freundliches Wort bei Frau Colomb ließ mich damals in mich gehen, woraus ich schließe, daß man mit etwas Sanftmut alles aus mir hätte machen können, wahrscheinlich einen platten, verschlagenen Dauphineser. Ich bot Seraphie nach wie vor Trotz und hatte furchtbare Wutanfälle. »Du gehst nicht mehr zu Herrn Le Roy«, gebot sie. Bei scharfem Nachdenken kommt es mir vor, als ob Seraphie den Sieg davontrug und als ob der Unterricht eine Weile aufhörte. Die Schreckenszeit war in Grenoble so mild, daß mein Vater bisweilen in seinem Hause wohnte. Dort sehe ich Herrn Le Roy, wie er mir an dem großen Schreibtisch in meines Vaters Zimmer seine Stunden gab und mir nachher sagte: »Sagen Sie Ihrem lieben Vater, ich kann nicht mehr für 35 (oder 40 Franken im Monat kommen.« Das hing mit dem Kurssturz der Assignate zusammen. Die Zeichnungen des Herrn Le Roy waren mir das Gleichgültigste bei der Sache. Er ließ mich Augen von vorn und in der Seitenansicht und Ohren in Rötel zeichnen, nach Musterblättern, die in der Art von Bleistiftzeichnungen gestochen waren. Er war ein sehr höflicher Pariser, nüchtern und schwächlich und durch ein höchst ausschweifendes Leben früh gealtert. Das war wenigstens mein Eindruck, aber wie konnte ich die Bezeichnung »höchst ausschweifend« rechtfertigen? Jedenfalls war er höflich und gebildet, wie man es in Paris ist. So fand ich ihn denn äußerst höflich, denn ich war an das kalte, mißvergnügte, durchaus ungebildete Wesen der schlauen Dauphineser gewöhnt. (Siehe den Charakter von Sorels Vater in »Rot und Schwarz«. Aber was wird »Rot und Schwarz« im Jahre 1880 sein? Es wird den düsteren Strand überschritten haben.) Eines Abends spät, als es kalt war, hatte ich die Frechheit, auszukneifen, jedenfalls um meine Großtante Elisabeth bei Frau Colomb abzuholen. Ich wagte mich in den Jakobinerklub, der seine Sitzungen in der Kirche Saint-André abhielt. Mein Geist war voll von den Helden des alten Rom; ich sah mich im Geiste schon als Camillus oder Cincinnatus oder als beide zugleich. »Gott weiß, welcher Strafe ich mich aussetze,« sagte ich bei mir, »wenn ein Spion Seraphies (das war damals meine fixe Idee) mich hier bemerkt!« Man bat ums Wort und sprach ziemlich regellos durcheinander. Mein Großvater pflegte sich über die Sprechweise der Jakobiner lustig zu machen. Ich fand sofort, daß er recht hatte. Der Eindruck war ungünstig; ich fand diese Leute, die ich gern geliebt hätte, scheußlich gewöhnlich. Die enge, hohe Kirche war sehr schlecht erleuchtet. Ich fand dort viel Weiber aus dem niedrigsten Volke. Kurz, ich war damals wie heute; ich liebe das Volk und hasse die Bedrücker, aber es wäre für mich eine stete Qual, mit dem Volke zu leben. Ich will einen Augenblick wie Cabanis sprechen. Ich habe eine viel zu zarte Haut, eine Frauenhaut; später hatte ich stets Schwielen. wenn ich eine Stunde lang meinen Säbel gehalten hatte. Ich stoße mir bei jeder Gelegenheit die Finger wund, die sehr schön geformt sind; kurz, ich stecke in einer Frauenhaut. Daher kommt vielleicht mein unüberwindlicher Abscheu vor allem, was schmutzig, feucht oder schwärzlich aussieht. Dergleichen war bei den Jakobinern von Saint-André vielfach zu finden. Als ich eine Stunde später zu Frau Colomb kam, blickte meine spanische Großtante mich fast streng an. Beim Heimweg sagte sie zu mir: »Wenn du derart auskneifst, wird dein Vater es merken« ... »Nur wenn Seraphie mich anpätzt.« »Hör mich an. Ich mag mit deinem Vater nicht über dich reden. Ich nehme dich nicht mehr zu Frau Colomb mit.« Diese schlichten Worte rührten mich tief. Die Häßlichkeit der Jakobiner hatte mich abgestoßen; ich war an den nächsten Tagen nachdenklich: mein Idol war erschüttert. Hätte mein Großvater meine Empfindung erraten, hätte ich ihm alles gesagt, als wir zusammen die Blumen auf seiner Terrasse begossen, so hätte er mir die Jakobiner für immer lächerlich gemacht und mich wieder zur Aristokratie bekehrt. Statt die Jakobiner zu vergöttern, hätte meine Phantasie sich den Schmutz ihres Saales in Saint-André immerfort vorgestellt und ihn übertrieben... Damals erfaßte ich intuitiv die Kunst – mit den Sinnen, würde ein Prediger sagen. In Le Roys Atelier hing eine große, schöne Landschaft. Am Fuße eines steilen bewaldeten Berges floß ein nicht tiefer, aber breiter und klarer Bach von links nach rechts am Fuße der letzten Bäume. Dort badeten vergnügt drei fast oder ganz nackte Frauen. Es war fast die einzige helle Stelle auf dem Bilde. Diese herrlich grüne Landschaft wurde für mich dank der Vorbereitung durch »Félicia« Siehe S. 98, Anm. 1. zum Ideal des Glückes. Es war ein Gemisch zarter Gefühle und sanfter Wollust. Wer mit so reizenden Frauen baden dürfte!... Später, im Jahre 1805 in Marseille, hatte ich die köstliche Freude, meine herrlich gewachsene Geliebte Melanie Guilbelt. in der Huveaune unter hohen Bäumen baden zu sehen; es war in der Bastide der Frau Roy. Da entsann ich mich lebhaft der Landschaft Le Roys, die für mich vier bis fünf Jahre lang das Ideal wollüstigen Glückes bedeutete. Ich hätte wie ein alberner Romanheld ausrufen können: »Das ist ja mein Ideal!« Das alles hat, wie man wohl einsieht, mit dem Wert der Landschaft nichts zu tun; wahrscheinlich war es nur ein Gericht Spinat ohne Luftperspektive. Später wurde für mich der »nichtige Vertrag«, eine Oper von Gaveau, zum Anfang der Leidenschaft für die Musik, die zu Cimarosas »Heimlicher Ehe« und zum »Don Juan« führte. Fünfzehntes Kapitel Hinrichtung zweier Priester. Die »Neue Heloise« Rom, 15. bis 16. Dezember 1835. Ich arbeitete an einem Tischchen am zweiten Fenster des großen italienisch eingerichteten Salons und übersetzte mit Vergnügen Virgil oder Ovids Metamorphosen, als das dumpfe Murren einer riesigen Menge auf der Place Grenette mir ankündigte, daß zwei Priester guillotiniert waren. Es war das einzige Blut, das in der Schreckenszeit in Grenoble floß. Ich komme nun zu einer meiner großen Sünden. Meine Leser von 1880, die der damaligen Parteiwut fernstehen, werden es mir übelnehmen, wenn ich ihnen gestehe, daß diese Hinrichtung, die meinen Großvater vor Schrecken erstarren ließ, die Seraphie mit Wut erfüllte und das hochmütige, spanische Schweigen meiner Großtante Elisabeth verdoppelte, mir Vergnügen machte. Da steht das Wort. Mehr noch: Auch im Jahre 1835 liebe ich die Männer von 1794 noch. Mein Beichtvater Dumolard (einäugig, sonst aber recht gut aussehend und seit 1815 ein wütender Jesuit) zeigte mir mit Gebärden, die mir lächerlich vorkamen, lateinische Gebete oder Verse der Herren Revenas und Guillabert, Sie wurden am 26. Juni 1794 hingerichtet. die er mir durchaus als Brigadegenerale hinstellen wollte. Ich antwortete ihm stolz: »Mein guter Papa (Großvater) hat mir gesagt, vor zwanzig Jahren wären auf demselben Platz zwei protestantische Geistliche gehenkt worden.« »Das ist was ganz andres!« »Das Parlament hat die beiden ersteren wegen ihrer Religion verurteilt; das bürgerliche Kriminalgericht hat die andern als Verräter verurteilt.« Das wenigstens war der Sinn meiner Worte. Aber ich wußte noch nicht, wie gefährlich es ist, mit Tyrannen zu disputieren. Mußte man in meinen Blicken doch lesen, daß ich wenig Mitgefühl mit zwei Vaterlandsverrätern hatte. (Es gab damals und gibt auch heute noch für mich kein Verbrechen, das dem gleich käme.) Ich wurde furchtbar ausgezankt. Mein Vater geriet in die höchste Wut, deren ich mich entsinne. Seraphie triumphierte. Meine Großtante Elisabeth nahm mich unter vier Augen vor. Zum Glück trat mein Großvater meinen Feinden nicht bei. Insbesondere war er ganz meiner Ansicht, daß der Tod der beiden protestantischen Geistlichen auch zu verurteilen war. »Wie engherzig! Unter Ludwig XV. war das Vaterland nicht in Gefahr.« Hätte mein Großvater, der schon in dem Falle Gardon gegen mich gewesen war, auch jetzt gegen mich Partei genommen, so war es mit der Liebe zu ihm aus. Unsre Gespräche über schöne Literatur, über Horaz, Voltaire, das 15. Kapitel des »Belisar«, die schönen Stellen im »Telemach« und »Sethos«, die meinen Geist gebildet haben – alles hätte ein Ende gehabt, und ich wäre in der ganzen Zeit von dem Tode der beiden unglücklichen Priester bis zu meiner ausschließlichen Leidenschaft für die Mathematik im Frühjahr 1797 noch viel unglücklicher gewesen. Die Winternachmittage verbrachten wir mit den Beinen in der Sonne im Zimmer meiner Großtante Elisabeth, das auf die Grenette ging. Über oder richtiger neben der Kirche Saint-Louis ragte die eckige Linie der Berge bei Villard du Lans. Dort schwärmte meine Phantasie, vom Ariost des Herrn de Tressan beflügelt, und träumte von einer von hohen Bergen umschlossenen Wiese. Wenn mein Großvater um zwei Uhr seinen vorzüglichen Kaffee trank und sich die Beine von der Sonne bescheinen ließ, sagte er: »In diesem Klima ist es von Mitte Februar ab schön in der Sonne.« Ich bemerkte mit meiner Schwester Pauline, daß die Unterhaltung zu dieser schönsten Tageszeit stets aus Seufzern und Klagen bestand. Man klagte über alles. Die Sommerabende von sieben bis halb zehn verbrachten wir auf der Terrasse. Um neun Uhr läutete es von Saint-André zum Sanktus; der volle Glockenklang rührte mich tief. Mein Vater war wenig empfänglich für die Schönheit des Sternenhimmels (ich sprach mit meinem Großvater immerfort von den Sternbildern). Er meinte, man erkältete sich draußen, und zog sich in das anstoßende Zimmer zurück, wo er sich mit Seraphie unterhielt. Diese Terrasse, die durch eine mächtige sogenannte Sarazenenmauer von fünfzehn bis zwanzig Fuß gebildet wurde, hatte einen prachtvollen Blick auf die Berge von Sassenage, wo die Sonne im Winter unterging, auf die Felsen von Voreppe, wo sie im Sommer unterging, und im Nordwesten auf die Bastille, deren Berg alle Häuser und die Tour de Rabot überragte, wo der alte Stadteingang gewesen sein muß. Mein Großvater gab für diese Terrasse viel Geld aus. Er ließ achtzehn Zoll breite und zwei Fuß hohe Kästen aus Kastanienholz aufstellen, in die Weinstöcke und Blumen gepflanzt wurden. Zwei Weinstöcke wuchsen aus dem Garten unsres Nachbars, des guten Trottels Périer-Lagrange, empor. Auch ließ er eine Weinlaube mit Balken aus Kastanienholz anbringen. Das war eine große Arbeit, die ein Tischler Poncet ausführte, ein lustiger Trunkenbold von etwa dreißig Jahren, mit dem ich mich anfreundete, denn bei ihm fand ich die holde Gleichheit. Mein Großvater begoß seine Blumen täglich, oft zweimal. Seraphie kam nie auf die Terrasse; da hatte ich einmal Ruhe. Ich half meinem Großvater beim Begießen; er erzählte mir von Linné und Plinius, nicht aus Schulmeisterei, sondern zum Vergnügen. Diesen großen, außerordentlichen Dank schulde ich dem trefflichen Manne. Um mein Glück zu vollenden, spottete er über die Pedanten; er hatte einen Geist wie der Ägyptologe Letronne. Jean Antoine Letronne (1787-1848), berühmter Archäologe. Verständnisvoll erzählte er mir von Ägypten und zeigte mir die Mumie, die die Stadtbibliothek auf seine Veranlassung angekauft hatte. Trotz Seraphies heftigem Tadel und meines Vaters schweigender Zustimmung gab er mir »Sethos« zu lesen, einen schwerfälligen Roman des Abbé Terrasson, » Séthos, Histoire ou vie tirée des monuments et anecdotes de l'ancienne Egypte «, von Jean Terrasson, Paris 1731, 3 Bde. den ich damals himmlisch fand. Ein Roman ist wie ein Violinbogen; der Violinkasten, der den Ton gibt, ist die Seele des Lesers. Meine Seele war damals närrisch, und ich will erzählen, warum. Als mein Großvater in seinem Lehnstuhl gegenüber der kleinen Voltairebüste las, stöberte ich in seiner Bibliothek und fand die Quartausgabe des Plinius mit Text und Übersetzung nebeneinander. Dort suchte ich vor allem die Naturgeschichte des Weibes auf. Schließlich stieß ich auf einen Haufen ungebundener Bücher, die ungeordnet durcheinanderlagen. Es waren schlechte Romane, die mein Oheim in Grenoble zurückgelassen hatte. Diese Entdeckung war für meinen Charakter entscheidend. Ich schlug mehrere dieser Romane auf; es war seichtes Zeug von 1780, aber für mich der höchste Genuß. Mein Großvater verbot mir, sie anzurühren, aber ich lauerte auf den Augenblick, wo er in seinem Lehnstuhl in die neuen Bücher vertieft war, die er stets, ich weiß nicht woher, in großen Mengen bekam. Dann stahl ich einen der Romane meines Oheims. Mein Großvater merkte zweifellos meine Diebstähle, denn ich sehe mich in das Naturalienkabinett verwiesen und dort darauf lauernd, daß irgendein Patient meinen Großvater sprechen wollte. Dann jammerte er, daß er aus seinen geliebten Studien gerissen würde, und empfing den Patienten in seinem Zimmer oder im Vorzimmer. Flugs war ich aus dem Kabinett heraus und stahl einen Band. Mit unbeschreiblicher Leidenschaft verschlang ich diese Bücher. Nach ein bis zwei Monaten fand ich »Félicia oder meine Jugendstreiche«. » Felicia ou mes fredaines « von André de Nerciat, Amsterdam 1788, 2 Bde. Ich wurde gänzlich toll; der Besitz einer wirklichen Geliebten, damals der Inbegriff meiner Sehnsucht, hätte mich nicht derart berauschen können. Seitdem stand mein Beruf fest: In Paris zu leben und Lustspiele zu schreiben wie Molière. Das war mein fixer Gedanke, den ich hinter tiefer Heuchelei verbarg; Seraphies Tyrannei hatte mir Sklavengewohnheiten eingeimpft. Nie habe ich von dem sprechen können, was ich anbetete; ein solches Gespräch wäre mir als Lästerung erschienen. Das fühle ich im Jahre 1835 ebenso lebhaft wie damals. Diese Bücher meines Oheims trugen die Adresse des Herrn Falcon, der damals das einzige Lesekabinett in Grenoble besaß. Er war ein glühender Patriot, Der Buchhändler Falcon (1753-1830) war ein fanatischer Revolutionär, dessen Laden der Treffpunkt der Gleichgesinnten war, so daß diese Zusammenkünfte nach dem Ende der Schreckensherrschaft unter Strafandrohung verboten wurden. mein Großvater verachtete ihn tief; meine Tante Seraphie und mein Vater haßten ihn gewaltig. Somit begann ich ihn zu lieben. Er ist vielleicht von allen Grenoblern derjenige, den ich am meisten geschätzt habe. In diesem alten Lakaien der Frau von Brizon steckte eine zwanzigmal edlere Seele, als die meines Großvaters und meines Oheims, von meinem Vater und der Jesuitin Seraphie gar nicht zu reden. Vielleicht war allein meine Großtante Elisabeth mit ihm zu vergleichen. Er war arm, verdiente wenig und verschmähte den Gelderwerb, aber bei jedem Siege der Armeen und an den Festtagen der Republik hängte er die Trikolore zu seinem Laden hinaus. Er vergötterte die Republik unter Napoleon wie unter den Bourbonen und ist um 1820 mit zweiundachtzig Jahren gestorben, nach wie vor arm, aber im höchsten Maße ehrbar. Er war der schönste Vertreter des Dauphineser Charakters. Er besaß eine sehr häßliche Tochter, die gewöhnliche Zielscheibe von Seraphies Scherzen, die ihr nachsagte, sie hätte Liebschaften mit den Patrioten, die das Lesekabinett ihres Vaters besuchten: Damals war ich so dreist, bei ihm zu lesen. Ich weiß nicht, ob ich in der Zeit, wo ich die Bücher meines Großvaters stahl, so frech war, mich bei ihm zu abonnieren, aber es kommt mir vor, als hätte ich so oder so Bücher von ihm gehabt... Bald verschaffte ich mir Rousseaus »Neue Heloise«. Ich glaube, ich nahm sie vom höchsten Regal der Bibliothek meines Vaters in Claix. Ich las sie, auf meinem Bette liegendem meinem »Trapez« in Grenoble, nachdem ich mich vorsichtig eingeschlossen hatte. Mein Überschwang an Glück und Genuß bei dieser Lektüre war unbeschreiblich Heute erscheint mir das Werk pedantisch, und selbst 1819, im tollsten Überschwang der Liebe, konnte ich keine zwanzig Seiten davon hintereinander lesen. Seitdem ward das Bücherstehlen meine Hauptbeschäftigung. Ich hatte ein Eckchen neben dem Schreibtisch meines Vaters in der Rue des Vieux Jésuites, wo ich die Bücher, die mir gefielen, unauffällig versteckte. Das waren Ausgaben von Dante mit wunderlichen Holzschnitten, Übersetzungen des Lukian von Perrot d'Ablancourt, der Briefwechsel zwischen Milord All-eye mit Milord All-ear vom Marquis d'Argens » L'Espion anglois ou correspondance secrète entre Milord A. et Milord A. «, London 1777/78, 3 Bde. und schließlich die » Mémoires d'un homme de qualité retiré du Monde « (vom Abbé Prévost). Ich fand Mittel und Wege, mir das Schreibzimmer meines Vaters öffnen zu lassen, das seit der Schreckensherrschaft von Amar und Merlinot leer stand. Dort hielt ich scharfe Musterung unter den Büchern. Ich fand eine prächtige Sammlung von Elzevirausgaben, aber zum Unglück verstand ich kein Latein, obwohl ich das Selectae e profanis auswendig wußte. Ich versuchte auch ein paar Artikel der Enzyklopädie zu lesen. Aber was war das alles neben »Félicia« und der »Neuen Heloise«! Mein Vertrauen zu meinem Großvater in literarischen Dingen war grenzenlos. Ich war sicher, daß er mich meinem Vater und Seraphie nicht verriet. Ohne ihm zu gestehen, daß ich die »Neue Heloise« gelesen hatte, wagte ich sie vor ihm zu rühmen. Seine Bekehrung zum Jesuitentum mußte nicht weit her sein; statt mich auszuforschen, erzählte er mir, wie der Baron des Adrets (der einzige Freund, bei dem er seit dem Tode meiner Mutter regelmäßig zwei bis dreimal im Monat speiste) zu der Zeit, wo die »Neue Heloise« erschienen war (also etwa 1761), eines Tages zu Tisch auf sich warten ließ. Als seine Gattin ihn nochmals rufen ließ, erschien der sonst so kalte Mann ganz in Tränen. »Was hast du denn, mein Lieber?« fragte die Baronin bestürzt. »Ach, Julie ist tot!« entgegnete er und aß fast nichts. Ich verschlang die Bücheranzeigen in den Zeitungen. Nach den Titeln »Gonsalvo de Cordova«, »Estella« usw. bildete ich mir ein, die Bücher von Florian müßten herrlich sein. Ich steckte einen Taler in einen Brief und schrieb an einen Pariser Buchhändler, er solle mir ein bestimmtes Werk von Florian schicken. Das war kühn: was hätte Seraphie bei der Ankunft der Sendung gesagt? Aber sie traf nie ein, und für einen Louisdor, den mir mein Großvater zu Neujahr geschenkt hatte, kaufte ich mir einen Florian. Aus den Werken dieses großen Mannes habe ich den Stoff zu meiner ersten Komödie genommen. »Picklar«. Siehe S. 103.) Sechzehntes Kapitel Landaufenthalt. Der Pater Ducros Rom, 16. bis 29. Dezember 1835. Seraphies Busenfreundin, Flau Vignon, die erste Betschwester der Stadt, war die Frau eines Anwalts, aber als Kirchenmutter geachtet, denn sie brachte die Priester unter und hatte stets welche zu Besuch bei sich. Was mich rührte, war ihre fünfzehnjährige Tochter, die die dicken, roten Augen eines weißen Kaninchens hatte. Umsonst versuchte ich, mich während einer Reise von ein bis zwei Wochen nach Claix in sie zu verlieben. Dort hielt mein Vater sich nie verborgen und wohnte stets in seinem Hause, dem schönsten im Umkreise. An dieser Reise nahmen teil: Seraphie, Frau Vignon, ihre Tochter, meine Schwester Pauline, ich und, wenn ich nicht irre, ein Herr Blanc aus Seyssins, ein lächerlicher Mensch, der Seraphies nackte Beine bewunderte. Sie erschien nämlich des Morgens mit bloßen Füßen im Park. Ich war derart vom Teufel besessen, daß die Beine meiner grausamsten Feindin mir Eindruck machten. Gerne hätte ich Seraphie geliebt. Mir dünkte es eine köstliche Lust, diese Todfeindin in meine Arme zu schließen ... In Grenoble hielt mein Vater sich nach wie vor versteckt, d. h. er wohnte bei meinem Großvater und ging tagsüber nicht aus. Seine politische Leidenschaft hielt nur anderthalb Jahre an. Dann kam die Leidenschaft für die Landwirtschaft dran. Ich verstehe wohl, was den Anlaß dazu gab: in Claix konnte er frei herumgehen. Aber war das alles nicht durch seine Liebschaft mit Seraphie bedingt, wenn diese tatsächlich bestand? Ich kann die Dinge nicht im richtigen Licht sehen, ich habe nur meine Kindheitserinnerung. Ich sehe Bilder, ich erinnere mich der Wirkungen auf mein Gemüt, aber die Ursachen und das Aussehen der Dinge kenne ich nicht... Allmählich wurde meines Vaters Leidenschaft für sein Landgut in Claix und die Landwirtschaft grenzenlos. Er ließ große Meliorationen vornehmen: So ließ er den Boden zwei und einen halben Fuß tief aufgraben und alle Steine in eine Ecke schaffen. Er übernahm vom Krankenhaus durch Tausch den Weinberg, ließ ihn niederreißen, die Weinbergsmauern zuschütten und das Ganze bepflanzen. Diese Art von Narrheit ist südlich von Lyon und Tours häufig. Sie besteht im Ankauf von Grundstücken, die ein bis zwei vom Hundert einbringen, zu dem Zweck gegebene Hypotheken, die fünf bis sechs vom Hundert einbringen, zu kündigen und bisweilen Geld zu fünf vom Hundert aufzunehmen, nur um seinen Besitz »abzurunden«. Mein Vater war ein denkwürdiges Beispiel dieser Schrulle, die ihre Quelle in Habsucht, Dünkel und aristokratischer Sucht hat. Ein Minister des Innern, der sein Geschäft versteht, müßte dagegen einschreiten, denn sie zerstört den Wohlstand und das Glück, soweit es vom Besitz abhängt. Diese Sucht hat meinen Vater schließlich ganz zugrunde gerichtet und mir als einziges Erbteil ein Drittel von der Mitgift meiner Mutter hinterlassen. Damals jedoch verschaffte sie mir viel Glück... Am 21. Juli 1794 wurde mein Vater aus der Liste der Verdächtigen gestrichen. Damit war das Ziel unseres Ehrgeizes seit einundzwanzig Monaten erreicht. Seitdem hielt er sich oft und lange in Claix (oder vielmehr in Furonières) auf. Hier begann meine Unabhängigkeit, wie die Freiheit der italienischen Städte seit dem achten Jahrhundert, durch die Schwäche meiner Tyrannen. Während der Abwesenheit meines Vaters kam ich auf den Einfall, im Salon unseres Hauses in der Rue des Vieux Jesuites zu arbeiten, den seit vier Jahren niemand betreten hatte. Dieser Einfall, aus der Not des Augenblicks entsprungen, wie jede praktische Erfindung, brachte mir gewaltige Vorteile. Erstens war das Haus nur zweihundert Schritte von dem Gagnonschen entfernt und ich ging allein hin. Zweitens war ich dort sicher vor Seraphies Überfällen, die, wenn sie besonders vom Teufel geplagt war, meine Bücher und Papiere zu durchstöbern pflegte. In dem stillen Salon, wo die schönen, von meiner armen Mutter gestickten Möbel standen, begann ich mit Lust zu arbeiten. Ich schrieb meine Komödie, die sich, wenn ich nicht irre, »Picklar« betitelte, wartete aber stets den Augenblick der Eingebung ab. Diese Narrheit habe ich erst später überwunden. Hätte ich es früher getan, so wäre meine Komödie »Letellier«, Von ihr ist später in den Tagebüchern aus Paris 1800–1806 mehrfach die Rede. die ich nach Moskau mitnahm und wieder mit zurückbrachte, fertig geworden. Diese Torheit hat die Zahl meiner Arbeiten sehr beschränkt. Noch 1806 wartete ich den Augenblick von Eingebung ab, um zu schreiben. Mein ganzes Leben lang habe ich nie über das gesprochen, was mich begeisterte; der geringste Einwand hätte mir das Herz durchbohrt. Nie habe ich über Literatur gesprochen. Mein damaliger Busenfreund de Mareste (geboren in Grenoble um 1782) schrieb mir nach Mailand sein Urteil über »Das Leben Haydns, Mozarts und Metastasios«. Stendhals Erstlingswerk (1814). Er hatte keine Ahnung, daß ich der Verfasser war... Nach vier bis fünf Jahren des tiefsten und eintönigsten Unglücks atmete ich jetzt auf, wenn ich mich allein in der Wohnung in der Rue des Vieux Jesuites eingeschlossen hatte, die mir bis dahin so verhaßt gewesen war. In diesen vier bis fünf Jahren hatte sich mein Herz mit dem Gefühl ohnmächtigen Hasses erfüllt. Ohne meine sinnenfrohe Natur wäre ich bei einer solchen Erziehung vielleicht ein finsterer Bösewicht oder ein glatter, heuchlerischer Schelm geworden, ein echter Jesuit, und jedenfalls steinreich. Die Lektüre der »Neuen Heloise« und Saint Preux' Gewissensskrupel machten mich zum grundanständigen Menschen. Nachdem ich dies Buch mit Tränen in den Augen und mit überschwenglicher Liebe zur Tugend gelesen, konnte ich wohl noch Schurkenstreiche begehen, aber dann hätte ich mich als Schurke gefühlt. So machte mich ein Buch, das ich in größter Heimlichkeit und gegen den Willen meiner Angehörigen las, zum anständigen Menschen. Die römische Geschichte von Rollin hatte mir trotz seiner seichten Bemerkungen den Kopf mit Beispielen von Tugend angefüllt, jener Tugend, die auf der Nützlichkeit und nicht auf der eitlen Ehre der Monarchien beruht. Die Tatsachen, die ich aus Rollin geschöpft hatte, und die durch die dauernde Unterhaltung mit meinem trefflichen Großvater und die Theorien Saint Preux' bestätigt, erläutert und veranschaulicht wurden, flößten mir unvergleichlichen Widerwillen und tiefe Verachtung für die Priester ein, die ich jeden Tag über die Siege des Vaterlandes betrübt und von dem Wunsche erfüllt sah, die französischen Heere möchten geschlagen werden. Die Unterhaltung mit meinem trefflichen Großvater, dem ich alles verdanke, seine Verehrung für die Wohltäter der Menschheit, die den christlichen Ideen so zuwider lief, hat mich gewiß davor bewahrt, mich wie eine Fliege in den Spinnennetzen der religiösen Zeremonien zu verfangen, die mich stets tief bewegt haben. Heute erkenne ich, daß hier die Wurzel meiner Liebe zur Musik, zur Malerei und zum Ballett lag. Ich will gern glauben, daß mein Großvater erst neuerdings fromm geworden war; vielleicht hatte er auch als Arzt die Unterstützung der Geistlichkeit nötig und trug daher einen leichten Schleier von Heuchelei, wie er seine Perücke mit den drei Lockenreihen trug. Das letztere dünkt mir am wahrscheinlichsten... Zu bemerken ist auch, daß die Geistlichen damals nicht alle Folgerungen aus der Theorie zogen und lange nicht so unduldsam und unsinnig waren wie im Jahre 1835. Man hatte gar nichts dagegen, daß er vor seiner kleinen Voltairebüste arbeitete und daß seine Unterhaltung mit einer Ausnahme genau so war, wie sie in Voltaires Salon gewesen wäre. Ja, er nannte die drei Tage, die er dort verbracht hatte, die glücklichsten seines Lebens, so oft sich Gelegenheit dazu bot. Kritik an Priestern oder anstößigen Anekdoten über sie unterdrückte er nie, und bei seiner langen Erfahrung hatte dieser kalte und kluge Geist hunderte solcher Anekdoten gesammelt. Nie log und übertrieb er. Ich darf also heute behaupten: geistig war er kein Spießbürger, aber er konnte wegen geringfügiger Kränkungen einen unauslöschlichen Haß fassen, und so glaube ich, sein Andenken nicht ganz von dem Vorwurf des Spießertums reinwaschen zu dürfen ... Große Liebe für meinen Großvater besaß der Pater Ducros, ein Cordelier, den ich für ein Genie halte. Er war sein Patient und verdankte ihm seine Stellung als Bibliothekar. Trotzdem hatte er einen Anflug von Verachtung für seine Charakterschwäche. Unerträglich waren ihm Seraphies Launen, die oft sogar die Unterhaltung störten und Bekannte zum Fortgehen zwangen. Charaktere wie Fontenelle sind gegen diese Art unausgedrückter Mißachtung sehr empfindlich. Mein Großvater bekämpfte also oft meine Begeisterung für den Pater. Manchmal, wenn er mit einer fesselnden Neuigkeit ins Haus kam, wurde ich in die Küche geschickt. Ich war nicht beleidigt, ärgerte mich aber, daß ich die Neuigkeit nicht erfuhr. Dieser Philosoph war also empfindlich gegen meine lebhafte Vorliebe für Pater Ducros, und so verließ ich das Zimmer nie, wenn er da war... Der Pater war wohlhabend. Er hatte einen großen dicken Diener, einen guten Kerl, der zugleich Bibliotheksdiener war und eine vorzügliche Magd. Auf Anraten meiner Großtante Elisabeth gab ich beiden Trinkgelder. War ich doch höchst unerfahren durch das Wunder dieser abscheulichen Einzelerziehung im Schoß einer Familie, die an mir armem Knaben mit Wut herum erzog, weil sie keine andre Beschäftigung hatte. Diese Unerfahrenheit in den einfachsten Dingen war schuld daran, daß ich im Daruschen Hause vom November 1799 bis Mai 1800 viele Ungeschicklichkeiten beging ... Die übrigen Priester, die im Hause speisten, glaubten sich für die ihnen erwiesene Gastlichkeit dankbar erzeigen zu müssen, indem sie die Bibel von Reyaumont pathetisch rühmten. Der süßlich-heuchlerische Ton dieses Werkes erregte meinen tiefsten Widerwillen. Hundertmal lieber war mir das Neue Testament auf Lateinisch, das ich ganz auswendig gelernt hatte. Wie die heutigen Könige wollten meine Angehörigen mich durch die Religion in Gehorsam halten, und ich atmete nichts als Auflehnung. Ich sah die Allobrogische Legion vorbeimarschieren und dachte immerfort an die Armee. Sollte ich nicht Soldat werden? Ich ging jetzt oft allein aus, auch in den Stadtgarten, aber ich fand die andern Knaben zu vertraulich. Von weitem brannte ich darauf, mit ihnen zu spielen; in der Nähe erschienen sie mir ungeschliffen. Ich glaube, ich ging jetzt sogar ins Theater, und verließ es im fesselndsten Augenblick, wenn ich den Sanktus läuten hörte. Jede Tyrannei empörte mich. Meine Aufgaben machte ich an einem hübschen Nußbaumtisch im Vorzimmer des großen Saales. Eines Tages kam ich auf den Einfall, auf diese Tafel die Namen aller Fürstenmörder zu schreiben, z. B. Poltrot – Herzog von Guise 1562. Mein Großvater, der mir beim Fabrizieren meiner lateinischen Verse half oder sie vielmehr selber machte, sah diese Liste. Seine friedliche, allem Gewalttätigen abholde Seele war tief betrübt. Fast meinte er, Seraphie hätte recht gehabt, als sie sagte, ich hätte einen abscheulichen Charakter. Vielleicht kam ich auf meine Mörderliste durch die Tat der Charlotte Corday am 11. oder 12. Juli 1793, für die ich schwärmte. Ich war damals für Cato von Utica begeistert; die süßlichen, christlichen Phrasen des »guten Rollin«, wie ihn mein Großvater nannte, schienen mir der Gipfel des Lächerlichen. Siebzehntes Kapitel Spanischer Charakter Rom, 30. Dezember 1835. Wenn ich meinen Vater mit Recht um Geld bat, z. B. wenn er es mir versprochen hatte, so brummte er, wurde böse und gab mir statt der versprochenen sechs Franken nur drei. Das empörte mich: wie kann man ein Versprechen nicht halten? Die spanischen Empfindungen, die ich meiner Großtante Elisabeth verdankte, trugen mich in die Wolken, ich dachte an nichts als an Ehre und Heldentum. Ich besaß nicht die mindeste Geschicklichkeit, die geringste Kunst, mich zu drehen und zu wenden, die geringste jesuitische Heuchelei. Dieser Fehler ist mir geblieben trotz aller Erfahrung, aller Vernunftgründe und der Reue über eine Unmenge von Betrügereien, denen ich aus Donquichotterie zum Opfer gefallen bin. Noch heute werde ich täglich beim geringsten Einkauf um einen oder zwei Paoli betrogen. Wegen der Vorwürfe, die ich mir eine Stunde darauf mache, habe ich mich daran gewöhnt, wenig zu kaufen. Manchmal fehlt mir ein Jahr lang ein kleines Stück Hausrat im Wert von zwölf Franken, weil ich sicher bin, beim Ankauf betrogen zu werden. Das würde mich mehr verdrießen, als der Besitz dieser Kleinigkeit mich freuen würde... Dieser Charakterzug ist schuld daran, daß Geldfragen eine so heikle Sache zwischen einem fünfzigjährigen Vater und einem fünfzehnjährigen Sohne, meinerseits mit einem Anfall tiefer Verachtung und verhaltener Entrüstung endeten. Bisweilen erzählte ich meinem Vater – nicht aus Schlauheit, sondern rein zufällig – mit beredten Worten von etwas, das ich mir kaufen wollte, ohne zu ahnen, daß ich ihn mit meiner Leidenschaft ansteckte; dann gab er mir ohne weiteres, ja gern alles, was ich brauchte... Hätten meine Angehörigen mich zu behandeln gewußt, sie hätten aus mir den üblichen Provinztrottel gemacht. Der Unwille, den ich infolge meiner spanischen Empfindungen von klein auf in höchstem Maße empfand, hat mir trotzdem den Charakter gegeben, den ich besitze. Aber welcher Charakter ist das? Es fiele mir schwer, das zu sagen. Vielleicht erkenne ich die Wahrheit mit fünfundsechzig Jahren, wenn ich so alt werde. Ein Bettler, der mich in tragischem Stil anredet, wie es in Rom Brauch ist, oder im Komödienstil, wie in Frankreich, erregt meinen Unwillen, denn erstens ist es mir widerlich, in meiner Träumerei gestört zu werden, und zweitens glaube ich nicht ein Wort von dem, was er mir sagt. Gestern auf der Straße sagte eine vierzigjährige, aber noch gut aussehende Frau zu einem Manne, mit dem sie ging: » Bisogna comprar « (man muß doch leben). Dies ehrliche Wort hat mich zu Tränen gerührt. Armen, die mich anbetteln, gebe ich nie etwas, und ich glaube, nicht aus Geiz ... Mein spanischer Charakter raubt mir den Sinn für das Komische. Von allem Gemeinen blicke ich weg und lösche es aus meinem Gedächtnis aus. Wie als zehnjähriger Knabe, als ich den Ariost las, schwärme ich für alle Erzählungen von Liebe, vom Walde mit seiner tiefen Stille, und vom Edelmut. Die geringste spanische Erzählung, wenn nur Edelmut darin vorkommt, rührt mich zu Tränen, während ich mich vom Charakter von Molières Chrysale abwende, mehr noch von der Bosheit, die den Grundzug von »Zadig«, »Candide« und andern Werken Voltaires bildet ... Heute erscheinen mir Ariosts Helden als Stallknechte und Lastträger, deren Kraftmeierei mich langweilt. Von 1796 bis 1804 machte mir Ariost nicht seinen wirklichen Eindruck. Die zärtlichen und romantischen Stellen nahm ich durchaus ernst. Sie bahnten ohne mein Wissen den einzigen Weg, auf dem die Rührung zu meiner Seele dringen kann. Wirklich gerührt werde ich nur nach einer komischen Stelle. Daher meine fast ausschließliche Vorliebe für die komische Oper, daher der Abgrund, der meine Seele von allem trennt, was sich im Jahre 1830 den Mut nur mit einem Schnurrbart vorstellen kann. Dieser Absatz ist aus einer späteren Stelle eingeschoben. Diese spanische Gesinnung, die ich von meiner Großtante Elisabeth habe, macht mich noch in meinen Jahren zu einem unerfahrenen Kinde, einem Narren, der »zu irgendeiner ernsten Sache immer unfähiger wird«, wie mein Vetter Colomb, ein echter Spießbürger, wörtlich sagte. Die Unterhaltung des echten Spießbürgers über Menschen und Leben, die nichts als eine Häufung häßlicher Einzelheiten ist, versetzt mich in tiefen Spleen, wenn ich ihn aus Höflichkeit eine Weile anhören muß. Darin steckt auch das Geheimnis meines Abscheus vor Grenoble im Jahre 1816, den ich mir damals nicht erklären konnte. Auch heute, mit zweiundfünfzig Jahren, kann ich mir die unglückliche Stimmung nicht erklären, die mich am Sonntag befällt. Ich bin heiter und zufrieden, und nach zweihundert Schritten auf der Straße sehe ich, daß die Läden geschlossen sind. »Ach! heute ist Sonntag!« sage ich mir. Und sofort ist meine ganze Glücksstimmung verflogen. Ist es Neid auf die zufriedenen Mienen der Arbeiter und Bürgersleute im Sonntagsstaat? Umsonst sage ich mir: ich verliere zweiundfünfzig Sonntage im Jahr und vielleicht zehn Festtage. Es ist stärker als ich; ich habe kein Mittel dagegen als angestrengte Arbeit. Dieser Fehler – mein Abscheu vor Chrysale – hat mich jung erhalten. Das wäre also Glück im Unglück, ebenso wie das, wenig Frauen besessen zu haben. Da ich fast nie spießbürgerliche Frauen besessen habe, bin ich mit zweiundfünfzig Jahren nicht im geringsten blasiert, d. h. geistig, denn physisch bin ich natürlicherweise beträchtlich abgestumpft, so daß ich sehr wohl vierzehn Tage bis drei Wochen ohne Weib leben kann. Diese Fastenzeit ist mir nur in der ersten Woche peinlich... Achtzehntes Kapitel Die Belagerung von Lyon und Toulon. Seraphies Tod Die Belagerung von Lyon versetzte ganz Südfrankreich in Aufregung. Ich war für Kellermann und die Republikaner, meine Verwandten für die Emigrierten und für Précy. Ihren Leiter, Herrn de Précy, habe ich in Braunschweig 1806-09 gut gekannt. Er war mein erstes Muster eines Mannes der guten Gesellschaft nach Herrn de Tressan in meiner ersten Jugend. (Anm. Stendhals.) Unser Vetter Senterre, der Neffe dessen, der in Lyon kämpfte, kam täglich zweimal ins Haus. Er war bei der Briefpost angestellt und brachte beständig sechs bis sieben Zeitungen mit, die er den Bestellern für zwei Stunden vorenthielt, um unsre Neugier zu befriedigen. Oft standen Nachrichten aus Lyon darin. Da es im Sommer war, tranken wir unsern Morgenkaffee in dem Naturalienkabinett auf der Terrasse. Dort habe ich vielleicht den größten Überschwang an Vaterlandsliebe und an Haß auf die Aristokraten (die Legitimisten von 1835) und die vaterlandsfeindlichen Priester empfunden. Abends trat ich allein auf die Terrasse und horchte, ob ich den Kanonendonner von Lyon hörte. Die Stadt wurde am 9. Oktober 1793 genommen. Es war also im Jahre 1793, als ich zehn Jahre war und auf den Kanonendonner lauschte. Aber ich hörte ihn nie. Voller Neid blickte ich nach dem Berg von Méaudre, von wo man ihn vernahm. Aber diesen Wunsch durfte ich nicht äußern. Auch die Belagerung von Toulon regte mich in jenem Sommer sehr auf. Selbstverständlich billigten meine Verwandten die Verräter, die die Stadt (an die Engländer) auslieferten; nur meine Großtante Elisabeth in ihrem kastilischen Stolze sagte zu mir... [Lücke]. Ich sah den General Cartaud abmarschieren. Er hielt auf der Place Grenette eine Parade ab. Ich sehe noch seinen Namen auf den Trainwagen, die langsam durch die Rue Montorge rasselten. Bonaparte eroberte Toulon am 19. Dezember 1793. Vielleicht hätte ich diese Einzelheiten früher anführen müssen, aber ich wiederhole es, für meine Kindheit habe ich nur deutliche Erinnerungsbilder, ohne Datum und ohne Physiognomie. Ich schreibe sie hin, wie sie mir einfallen. Ich beanspruche durchaus nicht, ein Geschichtsbuch zu schreiben. Ich will einfach meine Erinnerungen aufzeichnen, um zu erraten, was für ein Mensch ich war: dumm oder geistvoll, feig oder tapfer. Ein großes Ereignis trat für mich ein. Es machte mir im Augenblick großen Eindruck, aber er kam zu spät. Jedes Band der Freundschaft zwischen mir und meinem Vater war für immer zerrissen und mein Abscheu vor dem bürgerlichen Leben und Grenoble nicht mehr auszurotten. Meine Tante Seraphie war seit lange krank. Schließlich sprach man von Lebensgefahr. Es war meine Freundin Marion, die dies große Wort aussprach. Die Gefahr nahm zu; die Priester kamen herbei. Eines Abends im Winter, glaube ich, war ich um sieben Uhr in der Küche. Jemand kam herein und sagte: »Sie ist hingegangen.« Ich sank auf die Knie um Gott für diese große Befreiung zu danken. Wenn die Pariser um 1880 noch so albern sind wie im Jahre 1835, wird ihnen diese Art, den Tod der Schwester meiner Mutter aufzufassen, barbarisch, grausam, abscheulich vorkommen. Wie dem aber auch sei, wahr ist es doch. Nach der ersten Woche der Totenmessen und Gebete atmete alles im Hause auf. Ich glaube, selbst mein Vater war froh, von dieser teuflischen Geliebten (wenn sie es war) oder dieser teuflischen Herzensfreundin befreit zu sein. Eine ihrer letzten Handlungen war, daß sie eines Abends, als ich auf der Kommode meiner Großtante Elisabeth die »Henriade« Von Voltaire. oder den »Belisar« Von Marmontel (1767). las, den mein Großvater mir geliehen hatte, in die Worte ausbrach: »Wie kann man diesem Kinde solche Bücher geben! Wer hat ihm das Buch gegeben?« Auf diesen unverschämten Vorwurf seiner Tochter antwortete mein Großvater nur achselzuckend: »Sie ist krank.« Das Datum ihres Todes habe ich völlig vergessen. Es war der 9. Januar 1797. Ich glaube, daß ich bald danach auf die Zentralschule kam, etwas, das Seraphie nie geduldet hätte. Das war, glaube ich, um 1797. Die Zentralschule wurde am 21. November 1796 eröffnet, also vor Seraphies Tode. Ich war nur drei Jahre auf der Zentralschule. Neunzehntes Kapitel Die Zentralschule Rom 30. Dezember 1835 bis 1. Januar 1836. Viel später, um das Jahr 1817, erfuhr ich von Herrn de Tracy, daß das ausgezeichnete Gesetz über die Zentralschulen großenteils auf ihn zurückging. Mein Großvater war der würdige Vorsitzende des Ausschusses, der die Schule einrichten und der Departementsverwaltung die Lehrer vorschlagen sollte. Seraphie hatte ihn heftig getadelt, weil er dies Amt angenommen hatte. Aber als Begründer der öffentlichen Bibliothek war er es seinem Rufe schuldig, Leiter der Zentralschule zu sein. Mein Magister Durand, der mir Stunden im Hause gegeben hatte, wurde Lateinlehrer an der Zentralschule: warum sollte ich dort an seinem Unterricht nicht teilnehmen? Seraphie hätte gewiß einen Gegengrund gefunden, aber wie die Dinge jetzt lagen, begnügte mein Vater sich mit ernsten Ermahnungen über die sittlichen Gefahren schlechter Bekanntschaften. Ich war gar nicht entzückt; die feierliche Eröffnung fand in den Sälen der Bibliothek statt, wo mein Großvater eine Ansprache hielt. Die Lehrer waren: für Latein Durand; für Grammatik und ich glaube sogar für Logik Gattel; für Literatur Dubois-Fontanelle, Verfasser des Trauerspiels »Ericia oder die Vestalin« (1767), der zweiundzwanzig Jahre lang Redakteur der Zweibrückener Zeitung gewesen war; Die 1770 begründete » Gazette universelle de Politique et de Littérature de Deux-Ponts ‹, an der er jedoch nur bis 1776 mitgearbeitet hatte. für Chemie Troussel, ein junger Arzt; für Zeichnen Jay, ein großer Schönredner, ohne eine Spur von Talent, aber gut, um den Kindern den Kopf heiß zu machen; für Geschichte Chalvet, ein junger armer Lüderjahn, ein Schriftsteller ohne jedes Talent; und schließlich für Mathematik Dupuy, Dupuy de Bordes (1746-1815), Napoleons Lehrer in der Artillerieschule zu Valence. der schwülstigste und väterlichste Spießbürger, den ich je gesehen habe, ohne einen Schatten von Talent. Dieser Mensch, knapp ein Feldmesser, wurde in einer Stadt gewählt, die einen Gros besaß! Aber mein Großvater hatte keine Ahnung von Mathematik und haßte sie; zudem empfahl sich Vater Dupuy, wie wir ihn nannten, durch sein schwülstiges Wesen der allgemeinen Hochschätzung. Dieser gedankenlose Mensch hat trotzdem ein großes Wort gesprochen: »Mein Kind, studiere die Logik von Condillac; sie ist die Grundlage für alles.« Das Spaßigste dabei ist, daß er nach meiner Meinung kein Wort von dieser Logik verstand, die er uns empfahl. Doch ich greife wieder mal vor. Der einzige, der wirklich am rechten Platze war, war der Abbé Gattel, ein koketter, geschniegelter Mann, der stets in Frauengesellschaft war, ein echter Abbé des 18. Jahrhunderts. Aber er nahm seinen Unterricht sehr ernst, und ich glaube, er beherrschte die ganze damalige Sprachwissenschaft. Kurz, er war ein Mann, der täglich fünf bis sechs Stunden arbeitete, etwas Seltenes in der Provinz, wo man den ganzen Tag lang herumbummelt... Die Ernennung der Lehrer kostete wenig und war bald erledigt, aber das Gebäude mußte stark renoviert werden. Trotz des Krieges geschah damals alles mit Tatkraft. Mein Großvater forderte von der Departementsverwaltung immer neue Mittel. Der Unterricht begann, ich glaube im Frühjahr, in provisorischen Räumen. Das Schulzimmer Durands hatte eine herrliche Aussicht, und nach Monatsfrist hatte ich Empfindung dafür. Meine Angehörigen rühmten mir immerfort auf ihre Weise die Schönheit der Fluren, des Grüns, der Blumen, der Ranunkeln usw. Diese platten Redensarten haben mir eine Abneigung gegen Blumen und Blumenbeete eingeflößt, die noch andauert. Zum Glück überwand ich den Widerwillen, der mir derart eingeimpft wurde, durch die prächtige Aussicht, die ich von selbst aus einem Schulfenster entdeckte. Ebenso veranlaßten mich viele Jahre später die vielen hochtrabenden Phrasen der Herren Chateaubriand und Salvandry, »Rot und Schwarz« in einem zu abgehackten Stil zu schreiben. Eine große Torheit, denn wer denkt in zwanzig Jahren noch an den heuchlerischen Schwulst dieser Leute? Ich habe ein Los in einer Lotterie genommen, deren Hauptgewinn heißt: im Jahre 1935 gelesen zu werden... Es war für mich recht seltsam, im Frühjahr 1795 S. Seite 112, Anm. 2. als zwölfjähriger Knabe zum erstenmal eine Schule zu besuchen, wo ich zehn bis zwölf Kameraden hatte. Ich fand die Wirklichkeit weit unter den tollen Bildern meiner Einbildungskraft. Diese Kameraden waren nicht heiter, nicht närrisch genug, und sie hatten recht gemeine Manieren. Ich glaube, Herr Durand, der von seiner Stellung an der Zentralschule sehr geschwollen, aber nach wie vor gutmütig war, ließ mich Sallusts Jugurthinischen Krieg übersetzen. Die Freiheit zeitigte ihre ersten Früchte. Ich wurde wieder vernünftig, verlor meinen Ingrimm und fand viel Geschmack an Sallust. Alles an dieser neuen Freiheit verwunderte mich. Die Reize, die ich fand, waren nicht die erträumten. Die Kameraden, die ich mir so heiter, so liebenswürdig, so edel vorgestellt hatte, fand ich nicht, dafür sehr selbstsüchtige Gassenjungen. Solche Enttäuschungen habe ich fast lebenslänglich gehabt. Nur das Glück des befriedigten Ehrgeizes war frei davon, als ich 1810 Auditor im Staatsrat und vierzehn Tage darauf Inspektor der kaiserlichen Mobilien wurde. Drei Monate lang schwamm ich in Genugtuung darüber, daß ich nicht mehr Kriegskommissar und als solcher dem Neid und der schlechten Behandlung der groben Handlanger des Kaisers bei Jena und Wagram ausgesetzt war. Die Nachwelt wird sich nie einen Begriff davon machen, wie grob und dumm diese Leute waren, wenn sie nicht auf dem Schlachtfelde waren. Und selbst da – woran dachten sie da? Wie der Admiral Nelson dachten sie stets daran, was jede Wunde ihnen an Dotationen und Orden einbrächte. Welche Bestien im Vergleich zu der hohen Tugend des Generals Michaud Beyle war 1801/02 bei ihm Adjutant. Siehe das Tagebuch aus Italien in diesem Bande. und des Obersten Mathis! Erwähnt in »Über die Liebe« (Bd. IV dieser Ausgabe), S. 250. – Zum Glück für die Wahrheit wird die Nachwelt ihr Heldentum im Jahre 1809 nach ihrem feigen Benehmen als Pairs von Frankreich und Richter im Jahre 1835 beurteilen!... Doch mein Gott, wo war ich eigentlich? Bei meinen Lateinstunden im Schulgebäude! Bei meinen Kameraden hatte ich kein Glück. Heute erkenne ich, daß ich damals ein höchst lächerliches Gemisch von Hochmut und Vergnügungsbedürfnis war. Ihrem schroffen Egoismus setzte ich meine Ideen von spanischem Edelmut entgegen. Es wurmte mich, wenn sie mich bei ihren Spielen beiseite ließen. Um das Unglück voll zu machen, kannte ich diese Spiele nicht. Mein Zartgefühl, mein Edelsinn mußte ihnen als völliger Blödsinn erscheinen. Ein schlauer, tatkräftiger, schroffer Egoismus ist das einzige, was bei Kindern Erfolg hat. Um meinem Mißerfolg die Krone aufzusetzen, war ich schüchtern gegen den Lehrer. Ein zufälliger Tadel, den dieser kleine pedantische Spießbürger mit der rechten Betonung aussprach, trieb mir die Tränen in die Augen. Das war eine Feigheit in den Augen meiner Mitschüler Gauthier, de Saint-Ferréol, Robert (jetzt Direktor des italienischen Theaters in Paris) und besonders Odru. Das war ein sehr kräftiger und noch gröberer Bauernjunge, einen Fuß größer als wir alle. Wir nannten ihn daher Goliath. Er war tolpatschig wie dieser und gab uns kräftige Kopfnüsse, wenn sein grobes Hirn merkte, daß wir ihn zum besten hatten. Herr Dupuy, dieser schwülstige, lachhafte Spießbürger, war eine Art von untergeordnetem Nebenbuhler meines Großvaters. Vor dem Adel lag er auf dem Bauche, aber dieser Vorteil, den er vor Herrn Gagnon voraus hatte, wurde durch den völligen Mangel an Liebenswürdigkeit und literarischen Ideen aufgewogen, die damals gewissermaßen das tägliche Brot der Unterhaltung bildeten. Da er eifersüchtig auf Herrn Gagnon war, der Vorstand der Schulkommission und sein Vorgesetzter war, ließ er die guten Worte, die dieser erfolgreiche Nebenbuhler für mich einlegte, nicht gelten, und so erkämpfte ich mir meine Stellung in der mathematischen Klasse nur durch eignes Verdienst... Am Schluß des Jahres Die ersten Preise wurden am 16. September 1797 verteilt. Im Revolutionskalender endete das Jahr im Herbst-Äquinoktium. fanden Prüfungen im Beisein der Schulkommission und eines Departementsmitgliedes statt. Ich wurde nur mit Ach und Krach versetzt, wahrscheinlich nur aus Gefälligkeit für Herrn Gagnon und ein andres, mit ihm befreundetes Kommissionsmitglied. Mein Großvater fühlte sich beschämt und sagte mir das mit aller Höflichkeit... Diese Lehre der Bescheidenheit war mir sehr nötig, denn um die Wahrheit zu sagen, hatten meine Angehörigen, deren Werk ich war, mir einen hohen Begriff von meinen Talenten beigebracht, und ich hielt mich für den vornehmsten Jungen in Grenoble. Meine Minderwertigkeit bei den Spielen meiner Mitschüler hatte mir jedoch schon etwas die Augen geöffnet ... »Warum hast du keinen Preis bekommen?« fragte mich mein Großvater. »Ich hatte keine Zeit dazu.« Der Unterricht hatte in diesem ersten Jahre, soviel ich mich entsinne, nur vier bis fünf Monate gedauert. In Claix ging ich auf die Jagd, aber während ich durch die Felder streifte, wiederholte ich mir immerfort die Frage: »Warum hast du keinen Preis bekommen?«... Zwanzigstes Kapitel Die erste Liebe Rom, 2. bis 3. Januar 1836. Von der Tyrannei befreit, begann meine Seele sich etwas aufzurichten. Mich bedrückte nicht mehr fortwährend das entnervende Gefühl ohnmächtigen Hasses. Meine gute Großtante Elisabeth wurde meine Vorsehung. Sie ging fast allabendlich zu Frau Colomb oder Frau Romagnier, um ihre Partie Karten zu spielen. Die beiden trefflichen Schwestern hatten nichts Spießbürgerliches, von einigen Ängstlichkeiten und Gewohnheiten abgesehen. Sie waren schöne Seelen, etwas in der Provinz sehr Seltenes, und meiner Großtante zärtlich zugetan. Aber ich sage nicht Gutes genug von diesen guten Basen; sie besaßen eine große, hochherzige Seele und haben mir das bei den großen Gelegenheiten ihres Lebens in eigenartiger Weise bewiesen. Mein Vater ging mehr und mehr in seiner Leidenschaft für die Landwirtschaft und für Claix auf und verbrachte dort drei bis vier Tage in der Woche. Das Gagnonsche Haus, in dem er seit dem Tode meiner Mutter täglich speiste, war ihm bei weitem nicht mehr so sympathisch. Offen gesprochen hatte er nur mit Seraphie. Meine Großtante Elisabeth hielt ihn durch ihre spanische Gesinnung in Respekt; sie sprachen immer nur sehr wenig miteinander. Die kleinliche Dauphineser Verschlagenheit und peinliche Schüchternheit meines Vaters paßte schlecht zu der edlen Aufrichtigkeit und Schlichtheit meiner Großtante. Auch der Unterhaltung mit meinem Großvater war mein Vater wenig gewachsen. Er war ehrerbietig und höflich und Herr Gagnon sehr höflich. Das war alles. Mein Vater brachte also kein Opfer, wenn er die halbe Woche in Claix blieb. Ein paarmal, als ich mit ihm dorthin gehen mußte, sagte er zu mir, es sei in seinem Alter traurig, kein Heim zu haben. Wenn ich zum Abendessen nach Hause kam, hatte ich kein allzu strenges Verhör zu erwarten. Meist sagte ich lachend, ich hätte meine Großtante von Frau Colomb oder Frau Romagnier abgeholt. Tatsächlich begleitete ich sie auch häufig bis zur Haustür, lief dann aber zurück und verbrachte eine halbe Stunde im Stadtgarten, wo sich im Sommer bei Mondscheinabenden die junge, elegante Welt der Stadt unter den prächtigen, uralten Kastanienbäumen ein Stelldichein gab. Bald wurde ich dreister und ging öfter ins Theater, immer auf Stehplatz ins Parkett. Mit zärtlichem Interesse betrachtete ich eine junge Schauspielerin, Fräulein Kably. So die eingebürgerte Lesart. Nach Arbelet,» Jeunesse de Stendhal «, hieß sie Virginie Cubly. Bald war ich sterblich in sie verliebt. Gesprochen habe ich mit ihr nie. Sie war ein ziemlich großes Mädchen mit Adlernase, hübsch, schlank und gut gebaut. Sie besaß noch die Magerkeit der ersten Jugend, aber ein ernstes, oft schwermütiges Antlitz. Alles war neu für mich in dem seltsamen Wahnsinn, der plötzlich alle meine Gedanken beherrschte. Jedes andere Interesse erlosch bei mir. Kaum erkannte ich das Gefühl wieder, dessen Schilderung mich in der »Neuen Heloise« entzückt hatte; noch weniger war es das wollüstige Gefühl der »Felicia«. Ich wurde völlig gleichgültig und gerecht gegenüber meiner ganzen Umgebung; damals erstarb auch mein Haß auf meine tote Tante Seraphie. Fräulein Kably spielte Liebhaberinnenrollen im Lustspiel und sang auch in der komischen Oper. Man begreift wohl, daß das echte Lustspiel nichts für mich war. Mein Großvater redete mir zwar stets die Ohren voll mit dem großen Wort »Kenntnis des Menschenherzens«, aber was konnte ich über dies Menschenherz wissen? Höchstens ein paar Vermutungen, die ich mir zusammengelesen hatte, besonders aus dem »Don Quichotte«, wohl dem einzigen Buche, gegen das ich kein Mißtrauen hegte. Alle übrigen waren mir ja von meinen Tyrannen empfohlen worden, und als Neubekehrter enthielt sich mein Großvater aller Scherze über die Bücher, die mein Vater und Seraphie mir zu lesen gegeben. Was ich brauchte, war also das romantische Lustspiel, oder vielmehr ein Schauspiel, in dem wohl unglückliche Liebschaften, aber keine Geldnöte vorkamen. Traurige Stücke, die auf Geldnöten beruhten, haben mich stets als spießbürgerlich und allzu naturwahr abgestoßen. Fräulein Kably glänzte besonders in Florians »Claudine«. Eine dreiaktige Prosakomödie von Pigault-Lebrun nach einer 1793 veröffentlichten Novelle von Florian, 1797 in Paris zuerst aufgeführt, vermutlich 1798 in Grenoble. Beyle war damals fünfzehn Jahre alt. Das obige Motiv aus »Claudine« hat er später in seiner Novelle »Minna Wangel« verwertet. (Arbelet, » Jeunesse «, 357, 361.) Eine junge Savoyardin, die von einem eleganten Reisenden ein Kind gehabt hat, legt Männerkleider an und geht mit ihrem Murmeltier nach Turin, wo sie auf einem öffentlichen Platz das Handwerk des Stiefelputzers ausübt. Sie findet ihren noch immer geliebten Freund wieder und wird sein Diener, aber er will sich verheiraten. Der Darsteller des Liebhabers – er hieß Poussi, wie mir nach so langer Zeit plötzlich wieder einfällt – ruft in einem gewissen Augenblick, wo er seinen Diener ausschilt, weil er schlecht von seiner Braut spricht, mit dem natürlichsten Ausdruck: »Claudio! Claudio!« Sein Tonfall klingt noch heute in meiner Seele wider; ich sehe den Darsteller noch vor mir. Das Stück wurde auf Wunsch des Publikums einige Monate lang häufig gegeben. Es gewährte mir den lebhaftesten Genuß, den ein Kunstwerk mir hätte geben können, wäre mein eigentlicher Genuß nicht seit lange eine zärtliche, treue und tolle Bewunderung gewesen. Ich wagte Fräulein Kablys Namen nicht auszusprechen. Nannte ihn jemand in meiner Gegenwart, so empfand ich eine seltsame Herzensregung und fiel beinahe um. Meine Pulse flogen. Sagte jemand etwa »die Kably« statt Fräulein Kably, so hatte ich ein kaum bezwingbares Gefühl von Haß und Abscheu. Mit ihrem dünnen Stimmchen sang sie auch in der Oper »Der nichtige Vertrag« von Gaveau, Auch dies Stück wurde 1797 zuerst in Paris aufgeführt. (Arbelet, 1. c.) einem Armen im Geist, der ein paar Jahre später im Wahnsinn starb. Dort begann meine Liebe zur Musik, die vielleicht meine stärkste und kostspieligste Leidenschaft gewesen ist. Sie beherrscht mich noch jetzt mit zweiundfünfzig Jahren und ist lebendiger denn je. Ich weiß nicht, wieviel Meilen ich zu Fuß zurücklegen oder wieviel Tage Gefängnis ich auf mich nehmen würde, um Mozarts »Don Juan« oder Cimarosas » Matrimanio segreto « zu hören, und ich weiß nicht, für was sonst ich dies Opfer brächte. Leider verabscheue ich alle mittelmäßige Musik; sie ist in meinen Augen eine Satire gegen die gute, z. B. Donizettis » Furioso «, den ich gestern abend in Rom im Valletheater hörte. Die Italiener sind darin ganz anders als ich; sie mögen eine Musik nicht mehr, wenn sie fünf bis sechs Jahre alt ist. Neulich sagte einer zu mir: »Kann eine Musik, die ein Jahr alt ist, gut sein?« Doch mein Gott, wie schweife ich wieder ab! Ich lernte also mit Wonne die dünne, abgehackte, säuerliche Musik des »Nichtigen Vertrages« auswendig. Ein leidlicher Schauspieler, der ganz lustig die Bedientenrolle spielte – heute erkenne ich, daß er die echte Sorglosigkeit eines armen Teufels besaß, der zu Hause nur auf traurige Gedanken kommt und daher mit Freuden in seiner Rolle aufgeht – gab mir den ersten Begriff vom Komischen ... Er brachte mich herzlich zum Lachen, solange Fräulein Kably nicht auftrat; sprach er mit ihr, so war ich gerührt und bezaubert. Eine Landschaft von der Größe eines Wechselbriefes, in der viel Gummigutti, durch Braun verstärkt, vorkam – ich hatte sie von Le Roy gekauft und kopierte sie mit Wonne – schien mir völlig das gleiche wie das Spiel dieser komischen Figur. Daher kommt es vielleicht, daß ein Musikstück oder ein Gemälde bei mir noch heute oft den gleichen Eindruck hervorruft. Wie oft ist mir das nicht in der Brera in Mailand (1812 und 1814) begegnet! Die enge Verbindung zwischen diesen beiden Künsten vollzog sich bei mir für immer im Alter von zwölf bis dreizehn Jahren, durch vier bis fünf Monate lebhaftesten Glücksgefühls und der stärksten, fast bis zum Schmerz gesteigerten Wonne, die ich je empfunden habe. Fräulein Kably sang auch in Grétrys »Probe auf dem Dorfe«, 1783. die weit besser war als der »Nichtige Vertrag«, und in anderen Opern. Kurz, dank Fräulein Kably erhob ich alle schlechten Opern von 1794 in den Himmel; nichts erschien mir platt und gewöhnlich, sobald sie auftrat. Eines Tages nahm ich allen Mut zusammen und erkundigte mich, wo sie wohnte. Das ist wahrscheinlich die größte Heldentat meines Lebens. »In der Rue des Clercs«, war die Antwort. An Tagen, wo ich großen Mut hatte, ging ich pochenden Herzens durch diese Straße. Vielleicht wäre ich umgefallen, wenn ich ihr begegnet wäre. Ich fühlte mich sehr erleichtert, wenn ich die Straße durchschritten hatte und sicher war, ihr nicht mehr zu begegnen. Eines Morgens ging ich allein am Ende der hohen Kastanienallee im Stadtgarten, wie stets an sie denkend, als ich sie am andern Ende des Gartens vor der Mauer des Intendanturgebäudes Des Rathauses. erblickte. Ich wurde fast ohnmächtig und nahm schließlich Reißaus, wie vom Teufel verfolgt. Zum Glück bemerkte sie mich nicht, zumal ich ihr völlig unbekannt war. Das ist ein hervorstechender Zug meines Charakters; so war ich stets (selbst vorgestern noch). Das Glück, sie in der Nähe, ein paar Schritt von mir zu sehen, war zu groß; es versengte mich und ich floh vor diesem Brand wie vor einem wirklichen Schmerz. Diese Eigentümlichkeit läßt mich glauben, daß ich in der Liebe das melancholische Temperament besaß, wie es Cabanis beschreibt. Tatsächlich war die Liebe für mich stets die Hauptsache, oder vielmehr das Einzigste. Vor nichts habe ich mich mehr gefürchtet, als daß meine Geliebte einen Nebenbuhler vertraulich anblickte. Mein Groll auf den Nebenbuhler ist sehr gering; er tut, was er kann, sage ich mir; aber mein Schmerz ist grenzenlos und stechend. Er ist so stark, daß ich mich vor der Haustür auf eine Steinbank setzen muß. An dem bevorzugten Nebenbuhler bewundre ich alles. Kein anderer Kummer übt auf mich den tausendsten Teil dieser Wirkung aus. Beim Schreiben bin ich weder schüchtern noch schwermütig. Ich trotze der Gefahr, ausgepfiffen zu werden. Ich fühle mich mutig und stolz, wenn ich einen Satz schreibe, der von einem der heutigen Großen (Chateaubriand oder Villemain) verworfen würde. Um 1880 wird es gewiß auch ein paar geschickte, maßvolle Modeschriftsteller und Marktschreier dieser Art geben. Aber wenn man diese Zeilen liest, hält man mich gewiß für neidisch, und das macht mich untröstlich: dies gemeine spießbürgerliche Laster liegt meinem Charakter wohl gänzlich fern. Tödlich eifersüchtig bin ich nur auf Leute, die meiner Geliebten den Hof machen, ja sogar auf solche, die es vor zehn Jahren getan haben... Seit einer Stunde finde ich großes Vergnügen daran, meine Empfindungen zur Zeit von Fräulein Kably richtig zu schildern, aber wer zum Teufel wird den Mut haben, diese schreckliche Häufung von Ichs und Michs zu lesen? Dabei kann ich dies fade Gericht nicht mal mit einer marktschreierischen Sauce würzen, wie Rousseau in seinen »Bekenntnissen« ... Ach, auch wegen dieser Bemerkung wird man mich für einen Neidbold halten, der einen grauenhaft sinnlosen Vergleich mit dem Meisterwerk dieses großen Schriftstellers ziehen will! Ich schwöre noch einmal und ein für allemal: ich hege eine gewaltige, ehrliche Verachtung gegen alle Aufschneider, bestochenen Pedanten und Jesuiten vom » Journal des Débats «, aber deshalb halte ich mich noch lange nicht für einen großen Schriftsteller. Ich schreibe mir kein andres Verdienst zu, als die Natur ähnlich zu schildern. Zweitens bin ich meiner völligen Ehrlichkeit, meiner Verehrung der Wahrheit gewiß, und drittens meiner Schreiblust, die im Jahre 1817 in Mailand in der Corsia del Giardino bis zur Schreibwut ging. Einundzwanzigstes Kapitel Musikunterricht Rom, 3. bis 6. Januar 1836. Doch kehren wir zu Fräulein Kably zurück! Wie fern war ich ja überhaupt dem Gedanken an andre Menschen! Für mich gab es nur ein Wesen auf Erden, Fräulein Kably, nur ein Ereignis: ob sie an diesem oder erst am nächsten Abend auftrat. Wie enttäuscht war ich, wenn sie nicht spielte und wenn ein Trauerspiel gegeben wurde! Wie rein, zärtlich, triumphierend war mein freudiges Entzücken, wenn ich ihren Namen auf dem Theaterzettel las! Ich sehe diesen Zettel noch vor mir, seine Form, sein Papier, seine Lettern! Ich las diesen teuren Namen nacheinander an den drei bis vier Stellen, wo er angeschlagen war, und nicht nur ihren Namen, sondern den ganzen Zettel. Die abgenutzten Lettern der schlechten Druckerei, die diese Zettel herstellte, wurden mir lieb und wert, und jahrelang liebte ich sie mehr als die schönsten Typen. Ja, ich entsinne mich, als ich im November 1799 nach Paris kam, ärgerte mich die Schönheit der Lettern; es waren nicht mehr die gleichen, mit denen der Name Kably gedruckt war! Eines Tages war sie fort, wann, weiß ich nicht. Schon lange konnte ich nicht mehr ins Theater gehen. Ich durfte Musikunterricht nehmen, aber nicht ohne Kampf. Mein frommer Vater fand diese Kunst zu weltlich, und mein Großvater hatte nicht das geringste für Musik übrig. Ich bekam einen Violinlehrer namens Mention, einen höchst spaßhaften Menschen, ein Gemisch von alter französischer Lustigkeit, Bravour und Liebe. Er war sehr arm, hatte jedoch ein Künstlerherz. Eines Tages, als ich schlechter spielte als sonst, klappte er das Notenheft zu und sagte: »Ich gebe keine Stunden mehr.« Ich ging zu einem Klarinettenlehrer namens Hoffmann, einem biedern Deutschen; dort spielte ich etwas weniger schlecht. Schließlich bekam ich, wie, weiß ich nicht, Unterricht bei einem Herrn Holleville, einem recht leidlichen Violinspieler. Er war taub, merkte jedoch die geringste falsche Note. Schließlich nahm ich ohne Wissen meiner Verwandten Gesangstunden um sechs Uhr morgens bei einem recht guten Sänger. Aber daraus wurde nichts: ich erschrak zu allererst selbst vor den Lauten, die ich hervorbrachte. Ich kaufte mir italienische Arien, die ich sehr bewunderte, aber ich verstand nichts davon. Ich hatte zu spät angefangen. Wenn mich irgend etwas von der Musik hätte abschrecken können, so waren es die abscheulichen Laute, die man beim Lernen hervorbringen muß. Nur durch das Piano hätte ich die Schwierigkeit umgehen können; aber ich stammte aus einer zu unmusikalischen Familie. Als ich später über Musik schrieb, haben meine Freunde mir diese Unkenntnis besonders entgegengehalten. Aber ich kann ohne Überhebung sagen, daß ich in einem vorgetragenen Musikstück sofort Nuancen bemerkte, die ihnen entgingen. Ebenso merke ich die Nuancen im Ausdruck in verschiedenen Kopien eines Gemäldes. Ich sehe das alles so deutlich wie durch einen Kristall. Als Fräulein Kably ein paar Monate fort war und ich wieder zum Leben erwachte, war ich ein anderer geworden. Mein Haß auf Seraphie war verschwunden; ich hatte sie vergessen. Was meinen Vater betraf, so hegte ich nur einen Wunsch: nicht mehr mit ihm zusammen zu sein. Reuevoll bekenne ich es: ich besaß für ihn nicht einen Tropfen Zuneigung oder Zärtlichkeit. Ich bin also ein Scheusal, sagte ich mir. Jahrelang habe ich auf diesen Vorwurf keine Antwort gewußt. In meiner Familie wurde immerfort bis zum Übelwerden von Zärtlichkeit gesprochen. So nannten die guten Leute die ewige Unterdrückung, mit der sie mich seit fünf bis sechs Jahren beehrten. Ich begann zu ahnen, daß sie sich tödlich langweilten, und da sie zu stolz waren, um ihre geselligen Beziehungen wieder aufzunehmen, daß ich ihre Ablenkung gegen die Langeweile bildete. Doch nach allem, was ich durchgemacht hatte, konnte mich nichts mehr bewegen. Ich lernte fleißig Latein und Zeichnen und bekam in einem dieser Fächer einen ersten Preis sowie einen zweiten. Mit Vergnügen übersetzte ich das Leben des Agricola von Tacitus; es war fast das erstemal, daß ich Geschmack am Latein fand. Diese Freude wurde mir nur vergällt durch die groben Püffe, die mir der lange Odru gab, jener dicke, unwissende Bauernbursche, der unser Mitschüler war und gar nichts begriff. Mit Giroud prügelte ich mich weidlich. Ich war noch ein halbes Kind. Trotzdem hatte das stürmische innere Erlebnis der letzten Monate mich gereift. Ich sagte mir allen Ernstes: »Du mußt dich zu etwas entschließen und versuchen, aus dieser Mistpfütze herauszukommen.« Dazu bot sich nur ein Mittel: die Mathematik. Aber der Unterricht war so dumm, daß ich gar keine Fortschritte machte. Meine Mitschüler allerdings noch weniger, wenn das möglich war. Der lange Dupuy erklärte uns die Lehrsätze wie eine Reihe von Rezepten zur Essigbereitung ... Zweiundzwanzigstes Kapitel Jugendfreundschaft Rom, 6. bis 10. Januar 1836. Zu jener Zeit freundete ich mich, wie, weiß ich nicht, mit François Bigillion an (der später Selbstmord beging, ich glaube, aus Verdruß über seine Frau). Er lernte François Bigillion in der Kirche Saint-André bei einer republikanischen Feier kennen. (Arbelet, Jeunesse , I, 371). François Bigillion war 1782 geboren, sein unten genannter Bruder Rémy 1784, die Schwester Viktorine 1783. Er war schlicht, natürlich, aufrichtig und prahlte nie mit seinen »Erfahrungen« mit der Welt und den Frauen. Das war nämlich unser großer Ehrgeiz und unsere Hauptnarrheit in der Schule. Jeder von diesen Schlingels wollte den andern weismachen, er hätte Frauen besessen und kennte die Welt. Nichts dergleichen tat der gute Bigillion. Wir machten zusammen lange Spaziergänge, besonders nach der Tour de Rabot, einem alten Turm, und der Bastille, die in verschiedener Höhe auf dem Berge lagen, der die Stadtwälle umschließt. Der herrliche Blick von dort, besonders gegen Eybens, dahinter die hohen Alpenketten, erhob unsere Seele. Auf diesen Spaziergängen teilten wir uns ehrlich alles mit, was wir von jenem wilden, düsteren und köstlichen Walde hielten, den wir alsbald betreten sollten. Ich meine die Welt und die Gesellschaft. Bigillion hatte den großen Vorzug vor mir, daß er von klein auf frei gelebt hatte. Sein Vater liebte ihn nicht übermäßig und hatte andre Freuden als die, seinen Sohn zu seinem Spielzeug zu machen. Dieser Vater war ein sehr wohlhabender Ackerbürger aus Saint-Ismier, einem Dorf östlich von Grenoble in schöner Lage im Isèretal. Er aß und trank gern gut und vergnügte sich mit den Bauerndirnen. In Grenoble hatte er eine Wohnung für seine beiden Söhne gemietet, die dort erzogen wurden. Der ältere wurde nach Landesbrauch Bigillion genannt, der zweite Rémy. Das war ein witziger, wunderlicher Bursche, ein echter Dauphineser, aber hochherzig und etwas eifersüchtig auf seines Bruders Freundschaft mit mir. Da diese Freundschaft völlig ehrlich war, wurde sie binnen vierzehn Tagen intim. Bigillions Oheim war ein gelehrter Mönch und, wie mich dünkt, sehr wenig Mönch; der gute Pater Morlon war, glaube ich, Benediktiner. Was mich überraschte, war sein sanftes und höfliches Wesen, so ganz anders als die Rauhbeinigkeit der trübsinnigen Schulfüchse, wie der Abbé Raillane, denen mein Vater mich zumeist ausgeliefert hatte. Dieser gute Pater war von großem Einfluß auf meinen Geist. Er besaß Shakespeare in der Übersetzung von Letourneur, und sein Neffe lieh sich bei ihm für mich nacheinander alle achtzehn oder zwanzig Bände dieses großen Werkes aus. Bei dieser Lektüre fühlte ich mich wie neugeboren. Zunächst besaß sie den gewaltigen Vorteil, daß meine Angehörigen mir Shakespeare nie gerühmt und anempfohlen hatten, wie Racine. Denn es genügte, daß sie etwas lobten, um es mir gründlich zu verleiden. Damit nichts an Shakespeares Macht über mein Herz fehlte, schalt mein Vater, glaube ich, auch noch auf ihn ... Von 1796 bis 1799 habe ich ständig Shakespeare gelesen. Racine, den meine Verwandten immerfort priesen, erschien mir als platter Heuchler. Mein Großvater hatte mir die Anekdote erzählt, daß er gestorben sei, weil Ludwig XIV. ihn nicht mehr anblickte. Außerdem verdrossen mich seine Verse, weil sie die Sätze dehnten und sie um ihre Deutlichkeit brachten. Das Wort »Renner« statt Pferd war mir abscheulich; ich nannte das Heuchelei ... Corneille mißfiel mir schon weniger. Die Schriftsteller, für die ich damals bis zum Wahnsinn schwärmte, waren Cervantes (»Don Quichotte«) und Ariost (alle beide in Übersetzung). Gleich darauf kam Rousseau, der aber das doppelte drawback (Nachteil) hatte, daß er die Priester lobte und von meinem Vater gelobt wurde. Mit Wonne las ich La Fontaines Fabeln und »Félicia«, doch das waren keine »literarischen Genüsse«. Ich las sie sozusagen nur mit einem Auge ... Als ich 1824, zu der Zeit, wo ich mich in Clementine verliebte, meine Seele nicht durch den Anblick ihrer Reize schwach werden lassen wollte, schrieb ich »Racine und Shakespeare«. Man beschuldigte mich damals des Komödienspiels und der Verleugnung meiner ersten Kindheitseindrücke. Auch der Stendhalforscher A. Chuquet bezweifelt diese frühe Abneigung gegen Racine, da Beyles Tagebuch von 1804 (9. Floreal) noch voller Bewunderung Racines ist. Hier sieht man nun, wie wahr es war (ich hütete mich, es zu sagen, weil es mir keiner geglaubt hätte), daß meine erste Liebe Shakespeare gegolten hatte, unter andern »Hamlet« und »Romeo und Julia«. Die Bigillions wohnten, wenn ich nicht irre, in der Rue Chenoise, gegenüber dem Oratorium, in dem mein Vater und Herr Colomb, der Vater meines ältesten Freundes, ein paar Tage lang gefangen gesessen hatten. Dort hatte sich Beyles Vater vielleicht verborgen gehalten, aber gewiß war er dort nicht eingekerkert worden. Colombs Vater war in der Conciergerie eingekerkert. (Anmerkung Colombs.) Dort war ein berühmter Antiquar, den ich oft besuchte. Die Wohnung lag im dritten Stock; dort hausten die beiden Brüder mit ihrer Schwester Viktorine, einem sehr hübschen, sehr schlichten Mädchen von durchaus ungriechischer Schönheit. Sie hatte vielmehr ein völlig allobrogisches Gesicht; heute nennt man das wohl gallische Rasse. Fräulein Viktorine besaß Geist und dachte viel nach; sie war äußerst frisch. Ich leistete ihr und ihren Brüdern oft Gesellschaft beim Nachtessen, das ihnen eine schlichte Bauernmagd anrichtete. Sie aßen Graubrot, was mir unbegreiflich dünkte, denn ich war nur an Weißbrot gewöhnt. Das war mein ganzer Vorzug ihnen gegenüber; für sie war ich von höherem Stande; der Enkel des Herrn Gagnon, Mitglieds der Schulkommission, war adlig und sie Ackerbürgerskinder ... Wir saßen in aller Harmlosigkeit zu viert um den mit einem Tischtuch aus ungebleichter Leinwand bedeckten Tische, aber noch halbe Kinder, von keinem Erwachsenen gestört. Wir lebten miteinander wie junge Kaninchen, die im Walde äsen und spielen. Viktorine spielte die Hausfrau; sie hatte getrocknete Weintrauben, die sie in einem zugebundenen Weinblatt aufhob; die liebte ich fast ebenso wie ihr hübsches Gesicht. Manchmal bat ich sie um eine zweite Traube, aber sie verweigerte sie mir oft mit den Worten: »Wir haben nur noch acht und müssen für die Woche ausreichen.« Allwöchentlich ein- bis zweimal wurden die Vorräte aus Saint-Ismier gebracht, wie es in Grenoble Brauch ist ... Ich liebte Viktorine nicht; dazu war mein Herz noch zu wund von Fräulein Kablys Abreise, und ihrem Bruder stand ich so nahe, daß ich ihm meine Torheit aus Furcht vor Spott kurz und bündig gestanden hatte. Er nahm es mir gar nicht übel, denn er war der beste und schlichteste Mensch, dazu mit dem klügsten gesunden Menschenverstand begabt. Noch weit mehr davon besaß sein Bruder und Busenfreund Rémy, eine kalte Natur, der manchmal den ganzen Nachmittag den Mund nicht auftat. In diesem dritten Stockwerk habe ich die glücklichsten Tage meines Lebens verbracht. Gegen Viktorine war ich sehr schüchtern; ich bewunderte ihren keimenden Busen, vertraute ihr aber alles an, z. B. die Verfolgungen, die ich durch Seraphie erduldet hatte und die ja noch kaum hinter mir lagen. Wie ich mich erinnere, wollte sie mir das nicht glauben, was mich tief schmerzte. Sie ließ durchblicken, daß ich einen schlechten Charakter hätte. Dreiundzwanzigstes Kapitel Weitere Freundschaften Rom, 10. bis 13. Januar 1836. Der strenge Rémy hätte es nur mit scheelen Blicken gesehen, wenn ich seiner Schwester den Hof machte. Bigillion gab mir das zu verstehen; es war das einzige, worin zwischen uns nicht volle Aufrichtigkeit herrschte. Oft, wenn ich gegen Abend nach dem Spaziergang Miene machte, zu Viktorine hinaufzusteigen, bekam ich ein kurzes Lebewohl zu hören, das mich sehr verdroß. Ich bedurfte der Freundschaft und der offenen Aussprache; mein Herz war zerfressen von all den Bosheiten, denen ich mich zu Recht oder Unrecht ausgesetzt geglaubt hatte. Trotzdem muß ich gestehen, daß ich diese natürliche Unterhaltung weit lieber mit Viktorine als mit ihren Brüdern führte. Heute erkenne ich mein damaliges Empfinden. Es war mir schier unglaublich, das furchtbare Wesen, genannt Weib, so nahe zu sehen, noch dazu mit prächtigem Haar, einem zwar etwas mageren, aber köstlich gebildeten Arm und schließlich einem reizenden Busen, der bei großer Hitze oft nur halb verhüllt war. So saß ich an dem Nußbaumtisch, zwei Schritte von Viktorine, zwischen uns die Tischkante, und sprach wohlweislich nur mit den Brüdern. Deswegen aber hatte ich gar keine Liebesgelüste, ich war scolato (gebrannt), wie man auf italienisch sagt; ich hatte gelernt, daß die Liebe etwas Ernstes und Schreckliches ist. Ich fühlte sehr deutlich, ohne es mir zu sagen, daß meine Liebe zu Fräulein Kably mir alles in allem wohl mehr Pein als Lust bereitet hatte. So harmlos aber mein Gefühl für Viktorine in Worten und selbst in Vorstellungen auch war, ich vergaß doch meinen Haß und vor allem den Wahn, daß ich gehaßt würde. Rémys brüderliche Eifersucht schien sich übrigens nach einer Weile zu legen. Oder ging er für ein paar Monate nach Saint-Ismier? Vielleicht wurde er inne, daß ich sie nicht liebte, oder er hatte andre Dinge im Sinn; wir waren eben mit dreizehn bis vierzehn Jahren alle Politiker. Im Dauphiné aber ist man in diesem Alter sehr schlau; wir besitzen nicht die Sorglosigkeit des Pariser Jungen, und die Leidenschaften regen sich bei uns früh. Gewiß nur für Kleinigkeiten, aber schließlich hegen wir doch leidenschaftliche Wünsche ... Ohne von unserer gegenseitigen Freundschaft zu sprechen, war ich so unklug, die Familie Bigillion eines Tages beim Nachtessen vor meinen Angehörigen zu erwähnen. Mein Leichtsinn wurde streng bestraft. Ich sah die ausdrucksvollsten Gebärden der Verachtung. »Ist nicht auch eine Tochter vorhanden? Jedenfalls eine Landpomeranze.« Nur undeutlich entsinne ich mich der Ausdrücke furchtbarer Mißachtung und der Mienen kalter Geringschätzung, die nun folgten. Behalten habe ich nur den brennenden Eindruck, den mir diese Verachtung machte. Mit der gleichen kalten, höhnischen Geringschätzung sprach gewiß der Baron des Adrets von meiner Mutter oder Tante. Obwohl die Meinigen nur Mediziner und Advokaten waren, fühlten sie sich doch fast als adlig; mein Vater hielt sich sogar für einen herabgekommenen Edelmann. Den Vater meiner Freunde verachteten sie als Ackerbürger und als Bruder des Gefängnisdirektors des Departements, einer Art von höherem Kerkermeister ... Dieser Dünkel war eine Unterhaltung für meine Familie, die vor Langeweile umkam; ich aber hatte den Appetit verloren, als ich über meine Freunde derart reden hörte. Man fragte mich, was ich hätte. Ich log, ich hätte erst sehr spät gevespert. Die Lüge ist ja das einzige Hilfsmittel der Schwachen. Ich erstickte vor Wut auf mich selbst. Wie hatte ich nur so dumm sein können, mit meinen Angehörigen von etwas zu reden, was mir naheging! Diese Verachtung verwirrte mich tief – Viktorines wegen, wie ich jetzt einsehe. Also war es nicht ein schreckliches, so gefürchtetes, aber so ausschließlich angebetetes Wesen, nicht ein hübsches, standesgemäßes Mädchen, mit dem ich das Glück hatte, allabendlich fast vertraulich zu plaudern? Nach vier bis fünf Tagen trug Viktorine den Sieg davon. Ich fand sie liebenswürdiger und standesgemäßer als meine trübsinnige, verkümmerte, menschenscheue Familie, die niemand zum Essen einlud, nie in eine Gesellschaft ging, während Fräulein Bigillion bei Herrn Faure in Saint-Ismier und bei den Verwandten ihrer Mutter oft große Diners mitmachte. Erst viele Jahre später erkannte ich, was damals in meinem Herzen vorging, und mangels eines besseren Wortes habe ich es Kristallbildung benannt ... In seinem Buch »Über die Liebe« (Bd. IV dieser Ausgabe). In einer Anmerkung sagt Stendhal: »Als ich um 1806 wieder mal nach Grenoble kam, sagte mir jemand, der Bescheid wußte, Viktorine sei verliebt. Ich war sehr eifersüchtig auf den Betreffenden und vermutete, es sei Felix Faure. Später erzählte mir jemand, sie hätte mit ihm von dem Manne gesprochen, den sie so lange geliebt habe, und dabei gesagt: ›Schön ist er wohl nicht, aber man wirft ihm nie seine Häßlichkeit vor. Er war der geistvollste und liebenswürdigste unter den jungen Leuten meiner Zeit.‹ ›Kurz,‹ setzte der Betreffende hinzu, ›Sie waren es.‹ Diese so glorreich ausgefallene Verachtung schuf eine neue Tatsache zwischen Fräulein Kably und meinem damaligen Zustand. Das war ein großer Schritt, obwohl ich es in meiner Unschuld nicht ahnte. Muß man doch zwischen sich und seinen Kummer neue Tatsachen legen, und wäre es ein Armbruch ... Nach Seraphies Tod hätte ich mich aus Liebesbedürfnis mit meiner Familie wieder aussöhnen können. Dieser Zug von Hochmut stellte Viktorine zwischen mich und sie. Ich hätte es den Bigillions verziehen, wenn man ihnen ein Verbrechen nachsagte, aber Verachtung nicht! Mein Großvater hatte sie mit größter Grazie und daher größter Wirkung ausgedrückt. Ich hütete mich wohl, meiner Familie von anderen Freundschaften zu erzählen, die ich damals schloß: mit Galle und La Bayette. Galle war der Sohn einer Witwe und ihr ein und alles; der Vater war wohl ein alter Offizier gewesen. Dieser für mich so seltsame Anblick fesselte und rührte mich. »Ach!« sagte ich bei mir, »wenn doch meine arme Mutter noch lebte!« Hätte ich doch wenigstens Verwandte wie Frau Galle gehabt, wie hätte ich sie geliebt! Sie behandelte mich sehr respektvoll als Enkel des Herrn Gagnon, des Wohltäters der Armen, die er umsonst behandelte und denen er sogar ein Pfund Fleisch zur Kraftbrühe schenkte. Mein Vater war unbekannt. Galle war blaß, mager, schmächtig und pockennarbig, übrigens von sehr kaltem, zurückhaltendem, bedachtem Wesen. Er war im Besitz eines kleinen väterlichen Erbteils und fühlte, daß er es nicht verlieren durfte. Er war schlicht, ehrlich und durchaus kein Aufschneider und Lügner. Ich glaube, er verließ Grenoble vor mir, um in Toulon zur Marine zu gehen. Zur Marine wollte auch der liebenswürdige La Bayette, ein Neffe oder Verwandter des Konter- oder Vizeadmirals Morard de Galles. Er war ebenso liebenswürdig und vornehm, wie Galle achtbar war. Ich entsinne mich noch der reizenden Nachmittage, die wir im Fenster seines Stübchens verplauderten. Es lag im dritten Stock eines Hauses, das auf den neuen Departementsplatz Heute Place de Gordes. ging. Ich teilte mit ihm sein Vesperessen: Graubrot und Äpfel. Ich war hungrig auf jede ehrliche, ungeheuchelte Unterhaltung. Zu diesem Verdienst, das alle meine Freunde besaßen, kam bei La Bayette noch große Vornehmheit der Gesinnung und der Manieren und ein seelisches Zartgefühl, das zwar nicht zu tiefer Leidenschaft befähigte, wie bei Bigillion, aber eleganter im Ausdruck war. Ich glaube, er gab mir gute Ratschläge, als ich in Fräulein Kably verliebt war. Er war so gut und ehrlich, daß ich ihm davon zu erzählen wagte. Wir kramten alle unsere kleinen Erfahrungen über das Weib aus, oder vielmehr alles, was wir aus Romanen wußten. Unsere Unterhaltung muß sehr spaßig gewesen sein. Nach Seraphies Tod hatte ich die »Geheimen Memoiren« » Mémoires secrets sur les règnes de Louis XIV. et de Louis XV. « Paris 1791. von Duclos gelesen und bewundert; mein Großvater las sie. Ich glaube, in der Mathematikklasse lernte ich beide Freunde kennen. Jedenfalls freundete ich mich dort mit Louis de Barral an, der jetzt mein ältester und bester Freund ist. Er liebt mich von allen Menschen am meisten, und ich glaube, kein Opfer wäre mir für ihn zu groß. Damals war er sehr klein, mager und schmächtig, aber sein blasses Gesicht, die Folge einer schlechten Angewohnheit, die wir alle hatten, wurde eigenartig belebt durch die prächtige Uniform eines Ingenieurleutnants, die er trug. Man nannte das, dem Ingenieurkorps zugeteilt sein. Das wäre ein gutes Mittel gewesen, um die wohlhabenden Familien mit der Revolution auszusöhnen oder doch ihren Haß zu dämpfen ... Was mich an Barral bestach, war seine schöne blaue Uniform und die Art, wie er Voltaireverse aufsagte. Seine Mutter, eine sehr vornehme Dame, war eine Grolée, wie mein Großvater mit Ehrerbietung sagte. Sie war die Beste ihres Ordens, die diese Tracht trug. Ich sehe sie noch bei der Herkulesstatue im Stadtgarten, in einer geblümten blauen Satinrobe mit mächtigen Bäuschen, einer riesigen Puderperücke und wohl einem Hündchen im Arm. Die Gassenbuben folgten ihr bewundernd von weitem, und ich wurde von dem treuen Lambert geführt; ich mochte drei bis vier Jahre alt sein, als ich diese Erscheinung sah. Diese vornehme Dame hatte chinesische Sitten. Ihr Gatte, der Parlamentspräsident Marquis de Barral, wollte [während der Revolution] nicht auswandern und wurde dafür von meiner Familie geschmäht, als hätte er zwanzig Ohrfeigen erhalten ... Er hatte sich 20-25000 Franken Einkommen gerettet, von denen er 1793 die Hälfte oder zwei Drittel dem Vaterland schenkte, d. h. um nicht guillotiniert zu werden. Vielleicht hatte ihn seine Liebe zu Frau Brémont, die er später heiratete, an Frankreich gekettet. Ich will nicht behaupten, daß der Gerichtspräsident de Barral Er war erster Gerichtspräsident von 1804-15. ein Genie war, aber in meinen Augen war er das völlige Gegenteil meines Vaters und hatte solchen Abscheu vor aller Pedanterie, daß er es sorglich vermied, die Eigenliebe seines Sohnes zu verletzen... Er brachte ihm Voltaires Satiren bei, das einzige wirklich Vollkommene, das dieser große Reformator nach meiner Meinung geschaffen hat. Damals lernte ich, was guter Ton ist, und es nahm mich sofort für ihn ein. Immerfort verglich ich diesen Vater, der Verse machte und seine Kinder äußerst schonend behandelte, mit der finsteren Pedanterie meines Vaters. Ich hegte die größte Hochachtung vor dem Wissen meines Großvaters und liebte ihn aufrichtig. Ich sagte mir zwar nicht: »Ließe sich das grenzenlose Wissen meines Großvaters nicht mit der heiteren, höflichen Liebenswürdigkeit des Herrn von Barral vereinen?« Aber mein Herz nahm diesen Gedanken gleichsam vorweg; er sollte später für mich grundlegend werden ... Ich machte mir damals kein Idealbild von Herrn von Barral, da er meiner Familie wegen seiner Nichtauswanderung ein Greuel war. Weil die Not mich zum Heuchler machte (ein Fehler, den ich seitdem nur zu sehr abgelegt habe, was mir z. B. in Rom sehr geschadet hat), erzählte ich zu Hause von meinen neuen Freunden La Bayette und de Barral. »La Bayette, gute Familie!« versetzte mein Großvater. »Sein Vater war Kapitän zur See, sein Oheim Parlamentspräsident. Aber Barral ist ein Flachkopf.« Hier muß ich gestehen, daß Herr von Barral mit zwei Stadtpolizisten eines Nachts um zwei Uhr zu dem früheren Parlamentsrat d'Anthon kam, um ihn zu verhaften. Der arme Kerl war halb blind und außerdem notorisch verdächtig wie mein Vater. Er war von fanatischer Frömmigkeit, sonst aber nicht bösartig. Man fand es eines Barral unwürdig, daß er einen früheren Kollegen am Parlamentsgericht verhaftete ... Man muß gestehen, daß ein französischer Bürger von 1794 ein recht komisches Tier war. Er klagte beständig über den Adelsdünkel, schätzte aber einen Menschen nur wegen seiner Geburt. Tugend, Güte, Hochherzigkeit galten nichts. Ja, je mehr sich jemand hervortat, um so mehr wurde ihm sein Mangel an vornehmer Abkunft vorgeworfen! ... Wenn ich mit Barral spazieren ging, begegneten wir Michoud, der ein sehr dummes Gesicht hatte, aber ein guter Kerl war ... Er hat mich bis zu seinem Tode geliebt, und ich hegte die größte Hochachtung vor seinem gesunden Verstand und seiner Gutmütigkeit. Ein andermal schlugen wir uns mit Fäusten, und da er doppelt so groß war wie ich, zog ich den kürzeren. Ich machte mir Vorwürfe darüber, nicht, weil ich Prügel bekommen, sondern weil ich seine große Gutmütigkeit verkannt hatte. Ich war boshaft und machte spitze Bemerkungen, die mir manchen Faustschlag eingetragen haben. Der gleiche Charakterzug hat mir in Italien und Deutschland beim Heere etwas Besseres eingebracht und in Paris scharfe Kritiken in den kleinen Literaturblättern. Wenn mir ein Witzwort einfällt, sehe ich immer nur seinen Witz und nicht seine Bosheit. Ich bin stets von seiner Wirkung überrascht. Jetzt bin ich so klug, solche Bemerkungen nicht mehr zu machen, und Don Filippo Gaëtani hat mir das Zeugnis ausgestellt, ich sei einer der am wenigsten boshaften Menschen, die er je gesehen habe, obwohl ich in dem Ruf eines äußerst geistvollen, aber sehr boshaften und noch mehr unmoralischen Menschen stände. (Unmoralisch, weil ich über Frauen und Liebe geschrieben habe und weil ich mich unwillkürlich über die Heuchler lustig mache, eine Zunft, die, wer sollte es glauben? in Paris noch mehr in Ansehen steht als in Rom.) Kürzlich sagte die Signora Toldi vom Balletheater, als ich ihr Haus verließ, zum Fürsten Gaëtani: »Das ist Herr von Stendhal, dieser geistvolle und so unmoralische Mensch.« Das sagte eine Schauspielerin, die vom Prinzen Leopold von Neapel ein Kind hat! Der gute Don Filippo nahm mich gegen den Vorwurf der Unmoralität sehr ernstlich in Schutz. – Selbst wenn ich erzähle, daß ein gelber Kutschwagen durch die Straße fährt, habe ich das Unglück, die Heuchler und sogar die Dummköpfe tödlich zu verletzen. Je nun, lieber Leser, ich weiß selbst nicht, was ich bin, gut oder boshaft, geistreich oder dumm. Ich weiß nur, was mir Freude oder Leid bereitet, was ich begehre oder hasse. Ein Salon voll reich gewordener Provinzler, die ihren Luxus zur Schau stellen, ist mir zum Beispiel ein Greuel. Danach kommt ein Salon voll Marquis und Großkordons der Ehrenlegion, die Moral predigen. Ein Salon von acht bis zehn Personen, wo die Frauen sämtlich Liebhaber haben, wo die Unterhaltung heiter und anekdotisch ist und um Mitternacht eine leichte Bowle gereicht wird, – das ist die Stätte, wo ich mich am wohlsten fühlte. Hier, wo ich zu Hause bin, höre ich weit lieber einen andern sprechen, als selbst zu reden. Gern versinke ich in beglücktes Schweigen, und wenn ich rede, geschieht es nur, um meinen Beitrag zur Unterhaltung zu zahlen, ein Wort, das ich in Paris eingeführt habe, ebenso wie fioritura , das ich immerfort höre, seltner dagegen »Kristallbildung« (aus meinem Buch »Über die Liebe«). Wenn man ein besseres findet, mir soll's recht sein. »An diesem Wort hat ein so großer Freund der Literatur wie der Minister des Innern, Graf d'Argout, gewaltigen Anstoß genommen«, sagt Stendhal a. a. O., und in einer Randbemerkung wiederholt er die in seinem Buch »Über die Liebe« gegebene Erklärung: »Eine Art Wahnsinn, infolgedessen man alles an dem geliebten Wesen als Vollkommenheit empfindet. Ist sie arm – um wieviel mehr liebe ich sie! Ist sie reich – um wie viel mehr liebe ich sie!« Vierundzwanzigstes Kapitel Louis Crozet Rom, 13. bis 15. Januar 1836. Heute erkenne ich als gemeinsame Eigenschaft meiner Freunde die Natürlichkeit oder den Mangel an Heuchelei. Frau Vignon und meine Tante Seraphie hatten mir für diese erste Eigenschaft, die in der heutigen Gesellschaft Erfolg verbürgt, einen bis zum Ekel gesteigerten Abscheu eingeflößt, der mir sehr geschadet hat. Die längere Gesellschaft eines Heuchlers ruft bei mir ein Gefühl der Übelkeit hervor ... Ich wundre mich, wie vieles mir beim Schreiben dieser Bekenntnisse wieder einfällt. Plötzlich ist es wieder da, und mir scheint, ich beurteile es unparteiisch. Immerfort sehe ich, wie ich es hätte besser machen müssen ... Eben merke ich, daß ich einen meiner nächsten Freunde vergessen habe – Louis Crozet, Louis Joseph Mathias Crozet, geb. 1784, der Sohn eines Advokaten. jetzt ein würdiger Oberingenieur, aber durch seine Ehe für die Welt verloren und in der engen Selbstsucht des neidischen Kleinbürgertums in einem Bergnest meiner Heimat versauert. Louis Crozet hatte das Zeug, um in Paris eine der glänzendsten Rollen zu spielen; in einem Salon hatte er über Koreff, Ferdinand Koreff (1783-1851), ein deutsch-jüdischer Arzt, der lange in Paris lebte. Über ihn siehe meine Studien »Ein Vergessener« in der Sonntagsbeilage zur »Vossischen Zeitung«, Nr. 46-48 (1906). u. »D. F. Koreff« in der Beilage zur »Allgemeinen Zeitung«, Nr. 6-8 (1907). Pariset, Lagarde und nächst ihnen über mich den Sieg davongetragen (wenn man von sich selbst reden darf). Hätte er die Feder geführt, er wäre ein Geist im Stil von Duclos geworden, dem Verfasser des »Versuchs über die Sitten«, » Mémoires sur les mœurs du 18. siècle «, Paris 1749. von dem d'Alembert sagte, er hätte zu einer bestimmten Zeit den meisten Geist besessen. Ich glaube, ich freundete mich im lateinischen Unterricht mit Crozet an. Er war damals der häßlichste und unfreundlichste Junge auf der ganzen Zentralschule; geboren war er 1784. Er hatte ein rundes, bleiches Gesicht mit starken Pockennarben und sehr lebhaften blauen Äuglein, deren Ränder durch die scheußliche Krankheit angefressen waren. Das alles wurde durch eine leicht pedantische, mürrische Miene vervollständigt. Da er zudem krummbeinig war und einen schlechten Gang hatte, so war er zeitlebens der völlige Gegensatz eines Elegants und suchte leider stets elegant zu sein. Dabei besaß er einen göttlichen Geist, wie La Fontaine sagt. Er war selten empfindsam, dann aber voll leidenschaftlicher Vaterlandsliebe und wohl zum Heldentum befähigt ... Kurz, er war von allen Dauphinesern, die ich kenne, der geistvollste und scharfsinnigste. Und er besaß jenes Gemisch von Kühnheit und Schüchternheit, ohne das man in einem Salon nicht glänzen kann; wie der General Foy, fing er bei seinen eigenen Worten Feuer. Sehr nützlich wurde er mir durch seinen Scharfsinn, der mir natürlich völlig abging, und ich glaube, er hat ihn mir zum Teil beigebracht. Zum Teil, sage ich, denn ich muß mich immer dazu zwingen. Wenn ich etwas entdecke, neige ich dazu, mir dessen Bedeutung zu übertreiben und weiter nichts zu sehen. Ich entschuldige diesen Fehler als notwendige und unvermeidliche Wirkung übermäßiger Empfindsamkeit. Ergreift mich auf der Straße ein Gedanke allzu mächtig, so falle ich hin. So ging es mir 1826 in Paris ... Überfällt mich auf der Straße ein Gedanke, so bin ich stets in Gefahr, jemanden anzurennen, zu fallen oder überfahren zu werden. So sah ich einmal in Paris (ein Zug unter hundert) den Dr. Edwards an, ohne ihn zu erkennen. D. h., in mir ging zweierlei vor; ich sagte mir wohl: »Das ist Dr. Edwards«, aber zugleich war ich in meinen Gedanken verloren und sagte mir nicht: »Du mußt ihm guten Tag sagen und mit ihm reden.« Er war sehr erstaunt, aber nicht beleidigt; er nahm mein Benehmen nicht für eine Komödie des Genies, wie sie Felix Faure und viele meiner Bekannten und Freunde aufgeführt hätten. Ich hatte das Glück, Crozet oft wieder zu finden, in Paris 1800 und von 1803 bis 1806, in Planey von 1810 bis 1814, wo ich ihn besuchte und wo ich meine Pferde während irgendeines vom Kaiser erteilten Auftrages in Pension gab. Schließlich schliefen wir zusammen 1814 bei der Einnahme von Paris im selben Zimmer in der Rue de L'Université im Hôtel de Hambourg. Er wurde in der Nacht vor Kummer magenkrank; ich, der alles verlor, sah die Sache wie ein Schauspiel an. Zudem war ich verstimmt wegen des stumpfsinnigen Schriftwechsels mit dem Herzog von Vassano Hugues Bernard Maret (1763-1839), Napoleons Vertrauter, 1809 Herzog von Bassano, bis 1813 Minister des Auswärtigen. und auch – ich gestehe es zu meiner Schande – wegen des Benehmens des Kaisers gegen die gesetzgebende Körperschaft ... Um mit Crozet nicht die Zeit in bewunderndem Gerede über La Fontaine, Corneille oder Shakespeare zu vertun, brachten wir sogenannte »Charaktere« zu Papier. (Ich möchte das Zeug heute wiedersehen!) Es waren sechs bis sieben Folioseiten, worin wir den Charakter eines unserer Bekannten (unter falschem Namen) vor einem Schiedsgericht schilderten, das aus Helvétius, de Tracy und Machiavelli, oder aus Helvétius, Montesquieu und Shakespeare bestand. Das waren damals unsere Leuchten. Wir lasen zusammen Adam Smith und J. B. Say, gaben aber die Volkswirtschaftslehre wieder auf, da wir darin Dunkelheiten und sogar Widersprüche entdeckten. Wir waren ausgezeichnete Mathematiker, und Crozet war nach dreijährigem Besuch der Zentralschule so stark in der Chemie, daß ihm eine Anstellung angeboten wurde. Wir lasen Montaigne und wer weiß wie oft Shakespeare in der Übersetzung von Letourneur, obwohl wir genug Englisch verstanden ... Es ist vielleicht dünkelhaft von mir, daß ich mich oben als vorzüglichen Mathematiker bezeichnete. Die Differential- und Integralrechnung habe ich nie gelernt, aber eine Zeitlang träumte ich dauernd mit Freuden davon, die mathematische Metaphysik (wenn ich so sagen darf) in Gleichungen zu bringen. Ich trug den ersten Preis (und zwar ohne jede Bevorzugung; im Gegenteil, mein Hochmut verstimmte) über acht junge Leute davon, die Ende 1799 sämtlich in die Polytechnische Hochschule aufgenommen wurden. Mit Crozet habe ich in der Rue de l'Université In Paris 1805. gut sechshundert bis achthundertmal fünf bis sechs Stunden hintereinander stramm gearbeitet oder »geschuftet«, wie wir das auf der Polytechnischen Hochschule nannten. Diese Stunden waren meine eigentliche literarische Erziehung. Mit Hochgenuß gingen wir an die Entdeckung der Wahrheit. Wir ließen nichts aus; wir fürchteten stets, uns durch die Eitelkeit irreführen zu lassen, denn wir hielten keinen unserer Freunde für fähig, mit uns über solche Dinge zu reden. Diese Freunde waren die Brüder Basset (der eine, Jean Louis Basset, jetzt Baron de Richebourg, Auditor im Staatsrat und früher Unterpräfekt, reich, geckenhaft, geistlos, aber nicht boshaft, der kein andres Verdienst besaß, als daß er einen Bajonettstich in die Brust bekommen hatte), Louis de Barral (ebenso eng mit mir befreundet wie Crozet) und Plana Jean Antoine Amedée Plana (geb. 1781 in Boghera). (Professor in Turin, Mitglied aller Akademien und Ritter aller Orden dieses Landes). Crozet und Plana waren in der Mathematik um ein Jahr zurück. Sie lernten noch Arithmetik, während ich schon bei der Trigonometrie und der Algebra war ... Fünfundzwanzigstes Kapitel. Schulunterricht Rom, 16. bis 20. Januar 1836. Alles, was ich bei Herrn Dubois-Fontanelle T. G. Dubois-Fontanelle (1737-1812). Beyle tut diesem Lehrer Unrecht in seiner Darstellung. Er besaß einen weltliterarischen Horizont und machte seine Schüler mit den fremden Literaturen (u. a. Shakespeare) bekannt. Er war freisinnig genug, ihnen einen so freien Roman wie die » Liaisons dangereuses « von Choderlos de Laclos (s. S. 45), als den besten, seit lange geschriebenen Roman zu empfehlen. Vgl. Arbelet, » Jeunesse «, I, 260 ff. lernte, war in meinen Augen nur ein äußerliches und falsches Wissen. Ich hielt mich für ein Genie – wo zum Teufel hatte ich diesen Gedanken her? – und wollte in Molières oder Rousseaus Fußtapfen treten. Aufrichtig und ehrlich verachtete ich Voltaire; ich fand ihn kindisch. Ich schätzte aufrichtig Corneille, Ariost, Shakespeare, Cervantes und, was die Worte betraf, Molière. Nur fiel es mir schwer, sie in Einklang zu bringen. Im Grunde ist mein literarisches Schönheitsideal seit 1796 das gleiche geblieben; es vervollkommnet sich nur alle halbe Jahre oder es ändert sich etwas, wenn man will. Das ist die einzige Arbeit meines Lebens. Alles Übrige war nur Brotverdienst im Verein mit etwas Eitelkeit, mein Brot so gut zu verdienen wie andre. Eine Ausnahme bildet nur meine Tätigkeit als Intendant in Braunschweig nach Martial Darus Fortgang. Hier reizte mich die Neuheit und wohl auch der Tadel, den Herr Daru dem Intendanten in Magdeburg aussprach. Mein literarisches Schönheitsideal besteht weit mehr darin, die Werke der andern zu genießen und sie zu würdigen, über ihr Verdienst nachzugrübeln, als selbst zu schreiben. Wenn ich schreibe, denke ich nicht mehr an mein Schönheitsideal, sondern werde von Gedanken bestürmt, die ich aufschreiben muß. Ich denke mir, Herr Villemain wird von Satzformen bestürmt, und ein sogenannter Dichter, ein Delille, ein Racine, von Versformen. Corneille wurde von Antithesen bestürmt. Da also mein Schönheitsideal alle halbe Jahre wechselt, so kann ich nicht mehr sagen, welcher Art es um 1795 oder 1796 war, als ich ein Drama schrieb, dessen Titel ich vergessen habe. Die Hauptfigur hieß Picklar und war wohl aus Florian entlehnt. Das einzige, was ich deutlich erkenne, ist, daß mein Ideal seit sechsundvierzig Jahren darin besteht, in Paris im vierten Stockwerk zu wohnen und ein Drama oder ein Buch zu schreiben. Die endlosen Kriechereien und die zähe Energie, die nötig ist, um ein Drama auf die Bühne zu bringen, haben mich wider Willen gehindert, ein Theaterstück zu schreiben; noch vor acht Tagen empfand ich bittre Reue darüber. Ich habe zwanzig Entwürfe gemacht, stets mit zuviel Einzelheiten und zu tief, zu unverständlich für das blöde Publikum, mit dem die Revolution von 1789 die Theater bevölkert hat. Als der Abbé Siéyès mit seiner unsterblichen Streitschrift » Qu'est-ce que le tiers-état? « den ersten Streich gegen die politische Aristokratie führte, hat er unwissentlich die literarische begründet. Ich hatte also ein bestimmtes literarisches Ideal im Kopfe, als ich 1796 oder 1797 den Kursus des Herrn Dubois-Fontanelle durchmachte; es war sehr verschieden von dem seinen. Der Hauptzug dieser Verschiedenheit war meine Bewunderung für die schlichte, tragische Wahrheit Shakespeares im Gegensatz zu Voltaires kindischer Schwulst ... Wenn er Shakespeare tadelte, errötete ich innerlich. Aber ich lernte jene literarische Lehrmeinung um so besser, weil ich mich nicht für sie begeisterte. Es gehört zu meinem Unglück, daß ich denen, für die ich begeistert war, nicht gefiel (so Frau Pasta und Herrn de Tracy); offenbar liebte ich sie auf meine und nicht auf ihre Weise. Ebenso geht es mir oft bei der Darlegung einer Lehrmeinung, die ich anbete. Jemand widerspricht mir, die Tränen treten mir in die Augen, und ich kann nicht weiterreden. Wenn ich es wagte, ich riefe: »Ach, Sie durchbohren mir das Herz!« ... Literarisch gesprochen, war mir der Kursus des Herrn Dubois (später in vier Bänden von seinem Enkel gedruckt) Dubois-Fontanelle, » Cours de belles lettres «, Paris 1813-20, 4 Bde. als allgemeine literarische Übersicht von Nutzen. Auch bewahrte er meine Phantasie davor, mir übertriebene Vorstellungen von den mir noch unbekannten Dichtern, wie Sophokles, Ossian usw. zu machen. Er förderte auch meine Eitelkeit, indem er die allgemeine Ansicht bestärkte, daß ich zu den sechs bis sieben klugen Köpfen der Schule gehörte. Für Herrn Fontanelle war die Zeit, von der er mit Rührung sprach, die seiner Ankunft in Paris im Jahre 1750 gewesen. Alles schwärmte damals für Voltaire und seine unaufhörlich erscheinenden Werke. Mir machte das gar keinen Eindruck; ich verabscheute Voltaires Kindereien in seinen geschichtlichen Werken und seinen niedrigen Neid auf Corneille. Wie mir scheint, fühlte ich damals schon den pfäffischen Ton in seinem Kommentar zu der schönen, mit Stichen geschmückten Corneille-Ausgabe heraus, die in einem der obersten Fächer des verschlossenen Bibliotheksschranks meines Vaters in Claix stand, dessen Schlüssel ich mir stahl. Dort hatte ich, wie mir scheint, vor ein paar Jahren die »Neue Heloise« entdeckt und sicherlich später »Grandisson«, Roman in Briefform von S. Richardson (1753). den ich mit Tränen der Rührung in einer Dachstube im zweiten Stock des Hauses in Claix las, wo ich mich sicher fühlte. Herr Jay, Louis Joseph Jay, Maler und Zeichenlehrer (1755-1836). dieser große Schönredner und unfähige Maler, besaß die ausgesprochene Gabe, unsere Herzen zum heftigsten Wettstreit zu entflammen, und das erscheint mir jetzt als das größte Talent eines Lehrers. Wie anders dachte ich 1796! Mein Kult galt dem Genie und der Begabung ... Ich war entzückt wie über die schwierigste und schönste Beförderung, als Herr Jay mitten im Jahre mit seiner majestätisch-väterlichen Miene zu mir sagte: »Nun, Herr Beyle, nehmen Sie Ihre Zeichenblätter und gehen Sie in die Modellklasse.« Die Anrede »Herr«, in Paris so häufig, war in Grenoble einem Knaben gegenüber ganz ungewöhnlich und verwunderte mich stets, wenn sie mir galt. Ich weiß nicht, ob ich diese Beförderung einem Fürwort meines Vaters oder meinen schönen, gleichlaufenden Strichen in der Zeichenklasse verdankte. Jedenfalls verwunderte sie mich und die andern. Ich kam also zu den zwölf bis dreizehn Modellzeichnern, und meine Zeichnungen in schwarzer und weißer Kreide nach den Köpfen der Niobe und des Demosthenes überraschten Herrn Jay, der mir nicht soviel Talent zutraute wie den andern. Er schien sich sogar darüber zu ärgern. Bald bekam ich in der Klasse einen Preis. Er erhielt am 16. September 1797 nur eine ehrenvolle Erwähnung im Zeichnen und in der Mathematik. Den ersten Literaturpreis errang er erst am Schluß des folgenden Jahres. Der obenerwähnte Preis ist nicht nachweisbar: Beyle dürfte ihn während des Schuljahres erhalten haben. (Arbelet.) Wir waren unser zwei bis drei und mußten losen. Ich zog den »Versuch über Poesie und Malerei« vom Abbé Dubos, » Réflexions sur la Poésie et la Peinture «, Paris 1719, 2 Bde. Der Einfluß dieses Buches auf Stendhal war tief und nachhaltig. Vgl. Arbelet, » Jeunesse «, I, 304 ff., und » Histoire de l'histoire de la Peinture en Italie «. den ich mit lebhafter Freude las. Das Buch entsprach meinen mir selbst unbekannten Herzensempfindungen. Sechsundzwanzigstes Kapitel Ein Duell Rom, 19. bis 22. Januar 1836. Eines Tages, wir hatten zwei Modelle, hinderte mich der lange Odru aus der Lateinklasse am Sehen. Ich gab ihm eine gewaltige Maulschelle. Einen Augenblick darauf, als ich mich wieder gesetzt hatte, zog er mir den Stuhl von hinten weg, so daß ich auf mein Gesäß fiel. Er war einen Fuß größer als ich und haßte mich sehr. Auf dem Gange hatte ich im Verein mit zwei andern eine riesige Karikatur auf ihn gezeichnet und darunter geschrieben: »Odruas Kambin«. Er wurde rot, wenn man ihn Odruas nannte, und er sagte Kambin statt quand bien. Sofort wurde ein Zweikampf auf Pistolen beschlossen. Wir liefen in den Hof hinab; Herr Jay wollte sich ins Mittel legen, aber wir nahmen Reißaus. Die ganze Schule folgte uns. Ich bat Maurice Diday, der dabei war, mein Sekundant zu sein; ich war sehr verwirrt, aber voller Kampfesglut. Wir schlugen den Weg nach der Porte de la Graille ein, sehr belästigt durch unser Geleit. Wir mußten uns Pistolen verschaffen, und das war nicht leicht. Schließlich bekam ich eine acht Zoll lange Pistole. Ich sah Odru zwanzig Schritt vor mir gehen; er überschüttete mich mit Schmähungen. Man ließ uns nicht zusammen; er hätte mich mit einem Faustschlag getötet. Ich antwortete auf seine Schmähungen nicht, aber ich zitterte vor Wut. Ich will nicht behaupten, daß ich keine Angst gehabt hätte, wäre das Duell in der gewöhnlichen Form verlaufen, wo vier bis sechs Beteiligte des Morgens um sechs Uhr kalt in einer Droschke sitzen und eine Stunde weit aus einer Stadt fortfahren. Diese Prozession halbwüchsiger Knaben war ebenso lächerlich wie unbequem für uns. Die Wache an der Porte de la Graille wäre beinahe ins Gewehr getreten. Sobald wir aus irgendeinem Grunde stehen blieben, schrie alles: »Werden sie sich schießen oder nicht?« Endlich, nach halbstündiger Verfolgung, als es schon dunkelte, ließen die Bengels von uns ab. Wir stiegen in den einen Fuß tiefen Stadtgraben hinab oder blieben am Rande stehen. Dort wurden die Pistolen geladen, es wurde eine Anzahl furchtbarer Schritte abgeschritten und ich sagte mir: »Nun gilt es, Mut haben!« Ich weiß nicht, warum Odru den ersten Schuß hatte. Ich starrte auf ein kleines viereckiges Felsstück gerade über ihm. Ich weiß nicht, warum nicht geschossen wurde. Wahrscheinlich hatten die Sekundanten die Pistolen nicht geladen. Es kommt mir vor, als ob ich gar nicht anschlug. Wir mußten uns vertragen, gaben uns aber nicht die Hand, geschweige denn, daß wir uns umarmten. Der wütende Odru hätte mich durchgebläut. Auf dem Rückweg sagte ich zu Diday: »Um keine Angst zu haben, während Odru auf mich anlegte, blickte ich auf den kleinen Felsen oberhalb Seyssins.« »Dergleichen darfst du nie sagen«, entgegnete er und hielt mir eine Strafpredigt. Ich war sehr erstaunt darüber und bei näherer Überlegung höchst aufgebracht über diese Rüge. Aber am nächsten Tage stellte sich bei mir furchtbare Reue ein, weil ich die Beilegung der Sache zugelassen hatte. Das verletzte all meinen spanischen Stolz. Wie durfte ich es noch wagen, den Cid zu bewundern, nachdem ich mich nicht duelliert hatte? Wie durfte ich noch an Ariosts Helden denken? Wie die großen Gestalten der römischen Geschichte, deren Großtaten ich oft in dem süßlichen Rollin las, noch bewundern und beurteilen? Während ich diese Worte schreibe, habe ich ein Gefühl, als legte ich die Hand auf eine vernarbte Wunde. Seit meinem zweiten richtigen Zweikampf mit Herrn Raindre (Rittmeister oder Oberst der leichten Artillerie) in Wien im Jahre 1809 habe ich nicht zweimal mehr an dies erste Duell gedacht. Jetzt erkenne ich, daß es mein steter Gewissensbiß in meiner ersten Jugend und der eigentliche Grund für meine Frechheit bei dem Duell in Mailand Mit Augustin Petiet. war, bei dem Cardon mein Sekundant war. Im Fall Odru war ich erstaunt, verwirrt und ließ mich gehen. Die Angst, von dem riesigen Burschen verhauen zu werden, machte mich zerstreut; von Zeit zu Zeit hatte ich Anwandlungen vor Angst. Während des zweistündigen Geleitzuges sagte ich mir: »Erst wenn die Entfernung abgeschritten ist, droht dir Gefahr.« Was mich entsetzte, war, wie der arme Lambert auf einer Leiter nach Hause getragen zu werden. Aber ich kam keinen Augenblick auf den Gedanken, daß die Sache beigelegt würde. Während Odru auf mich anlegte – ich glaube, seine Pistole versagte mehrmals –, studierte ich die Umrisse des kleinen Felsens; die Zeit dünkte mir nicht lang. Kurz, ich spielte nicht Komödie, ich war völlig natürlich und tapfer, prahlte aber nicht mit meinem Mute. Das war verkehrt; ich hätte renommieren sollen. Da ich den festen Vorsatz hatte, mich zu schlagen, hätte ich mir einen Namen in meiner Vaterstadt gemacht, in der man sich häufig duellierte, nicht wie die Neapolitaner von heutzutage, bei denen es kaum Tote gibt, sondern tapfer. Bei meiner großen Jugend und meinem zurückhaltenden, aristokratischen Wesen hätte ich mir einen großen Ruf verschafft, wenn ich den Mund etwas aufgetan hätte. Aber in großer Gefahr war ich stets schlicht natürlich. Das fand der Herzog von Friaul in Smolensk sehr geschmackvoll, und Herr Daru, der mich nicht liebte, schrieb an seine Frau ein gleiches, ich glaube, aus Wilna, beim Rückzug von Moskau. Aber in den Augen des Pöbels spielte ich nicht die glänzende Rolle, nach der ich nur die Hand auszustrecken brauchte ... Nach meinem Preis in der Modellklasse, der alle Höflinge des Herrn Jay, die es weitergebracht hatten als ich, gewaltig verdroß, wäre ich ins Feuer gegangen, um am Ende des Jahres nochmals einen Preis davon zu tragen. Das muß ich wohl erreicht haben, sonst hätte ich eine Erinnerung an den Kummer des Mißerfolges. Ich bekam einstimmig den ersten Preis in der Literatur und einen zweiten Preis in der Mathematik, Den ersten Literaturpreis nebst der Homerübersetzung von Bitaubé erhielt Beyle am 16. September 1798. Zugleich wurde er in die Modellklasse der schwer zu erringen war. Herr Dupuy hatte einen ausgesprochenen Widerwillen gegen meine Klugrednerei. Täglich rief er die Brüder de Monval, de Sinard, de Saint-Ferréol, lauter Adlige – er selbst erhob Ansprüche auf den Adel – ferner den guten Aribert, den er protegierte, den liebenswürdigen Mante usw. an die Tafel, mich dagegen so selten wie möglich, und wenn es geschah, hörte er mir gar nicht zu, was mich demütigte und sehr verwirrte, denn die andern ließ er nicht aus den Augen. Trotzdem faßte ich eine ernste Vorliebe für die Mathematik, und wenn ich auf eine Schwierigkeit stieß, legte ich sie ihm an der Tafel dar. Dann mußte er antworten, aber da lag der Hase im Pfeffer. Er bat mich immerfort, ich möchte ihm meine Zweifel privatim darlegen, um den Unterricht nicht aufzuhalten, und betraute den guten Sinard damit, mir meine Zweifel zu beheben. Sinard war weit stärker als ich (in der Mathematik), aber ehrlich, und so verbrachte er ein bis zwei Stunden damit, meine Zweifel zu zerstreuen, dann sie zu verstehen, und schließlich gab er mir zu, daß er mir keine Antwort geben könne. Mir scheint, für alle diese guten Jungen, mit Ausnahme Mantes, war die Mathematik bloß eine Sache des Gedächtnisses. Herr Dupuy schien höchst verdutzt über meinen glänzenden ersten Preis in der Literatur. Die Prüfung fand wie stets in Anwesenheit der Mitglieder des Departements, der Schulkommission, aller Lehrer und zwei- bis dreihundert Schüler statt. Ich belustigte die Herren, denn ich sprach gut, und die Herren vom Departement, die sich wunderten, sich nicht zu langweilen, machten mir ein Kompliment und sagten am Schluß der Prüfung: »Herr Beyle, Sie bekommen den Preis. Aber machen Sie uns den Spaß, noch ein paar Fragen zu beantworten.« Dieser Triumph ging, soviel ich mich entsinne, der Prüfung in der Mathematik voraus und gab mir ein Ansehen und eine Sicherheit, versetzt (nicht eher, wie er irrtümlich angibt). Die ehrenvolle Erwähnung in der Mathematik hatte er im Vorjahre erhalten. (Arbelet.) infolge deren Herr Dupuy Er nannte sich Nupuy de Bordes. mich im folgenden Jahre oft an die Tafel rufen mußte ... Wie gern erinnere ich mich jetzt all dieser kleinen Ereignisse! Damals war ich im Aufstieg des Lebens, und mit glühender Phantasie malte ich mir die künftigen Freuden aus ... Jetzt bin ich im Abstieg. Nach diesem Triumph im August wagte mein Vater sich nicht mehr so sehr wie früher meiner Jagdpassion zu widersetzen. Er ließ es, wenn auch ungern, zu, daß ich sein Jagdgewehr nahm ... Ich glaube, in jenem Herbst hatte ich das köstliche Vergnügen, eine Wachtel zu schießen. Es war eine der lebhaftesten Freuden meines Lebens. Bei der Heimkehr sagte ich zu einem alten mürrischen Diener, der etwas Jäger war: »Barbier, Ihr Schüler hat von Ihnen gelernt.« Es hätte ihm gewiß mehr Eindruck gemacht, wenn ich ihm zwei Sous geschenkt hätte; zudem verstand er gar nicht, was ich meinte. Sobald ich erregt bin, falle ich in die spanische Geistesart, die ich von meiner Großtante Elisabeth geerbt habe. Schön wie der Cid, pflegte sie zu sagen. Tief in Träume versunken, durchstreifte ich mit der Flinte im Arm die Weinberge der Umgegend von Furonières. Da mein Vater, der mir in allem entgegenwirkte, mir das Jagen verbot oder es höchstens aus Schwachheit duldete, ging ich fast nie mit richtigen Jägern auf die Jagd, höchstens mit Joseph Brun, der unsere Weinstöcke beschnitt, auf die Fuchsjagd in den Felsklippen von Comboire. Dort postierte ich mich und zürnte mir selbst ob meiner Verträumtheit, denn man hätte mich wachrütteln müssen, wenn ein Fuchs kam. Einmal kam einer auf fünfzehn Schritt langsam an mir vorbeigelaufen. Ich schoß drauflos und traf ihn nicht. Die Gefahr an den abschüssigen Felsen am Dracufer war so groß, daß ich mit meinen Gedanken beim Heimweg war. Die Bauern, mit denen ich jagte, hatten von klein auf ihre Schafherden in diese Felsklippen geführt und zogen im Notfall ihre Schuhe aus. Für mich kam das nicht in Frage, und so ging ich höchstens zwei- bis dreimal in diese Felsen. Weit größere Angst stand ich eines Tages in Schlesien im Jahre 1813 aus, als ich in einem Hanffeld stand und plötzlich achtzehn bis zwanzig Kosaken auf mich zukamen. Das bezieht sich wohl auf den Überfall der Bagage des Großen Hauptquartiers durch 20 Kosaken am 24. Mai 1813, bei der Stendhal zugegen war und über die er einen Bericht (Chuquet 494) aufgesetzt hat. Am 2. Juni in Glogau hat er auch Napoleon darüber berichtet. Vgl. Chuquet, 126ff. Ich schoß im Jahre 1795 Wegen der Preisverteilung wohl erst 1798. noch zwei Wachteln. Die zweite fiel senkrecht auf mich herab und schlug mir fast ins Gesicht. Ich sehe noch die dicken Bluttropfen, die aus ihr hervorquollen. Dies Blut war ein Siegeszeichen. Erst 1808, in Braunschweig, als ich zu den Leitern der Treibjagden gehörte, bei denen fünfzig bis sechzig Hasen geschossen wurden, siegte mein Mitleid über das Jagdvergnügen; heute erscheint mir nichts platter, als einen hübschen Vogel in vier Unzen toten Fleisches zu verwandeln. Ich würde ohne Not keine Mücke töten... Ich denke noch an einen köstlichen Morgen, wo ich bei warmem Wind und schönem Mondschein mit Barbier aufbrach. Wir gingen zum Jahrmarkt nach Sassenage, der Wiege meiner Familie. Dort waren die Beyles Richter ( beyles ) gewesen, und der ältere Zweig war 1795 noch ansässig. Dieser Zweig besaß 15-20 000 Franken Einkommen; sie wären mir ohne das Gesetz vom 13. Germinal ganz zugefallen. Mein Patriotismus hat darunter nicht gelitten; allerdings wußte ich damals nicht, was Mangel und harte Brotarbeit heißt. Geld war für mich nur zur Befriedigung der Launen da; da ich jedoch keine Launen hatte, nie in Gesellschaft ging und kein weibliches Wesen sah, war das Geld in meinen Augen nichts. Ich war damals wie ein großer Fluß, der in einem Wasserfall zu Tale stürzen will, wie der Rhein bei Schaffhausen. Sein Lauf ist noch still, aber alsbald wird er in ungeheurem Sturz aufschäumen. Mein Rheinfall war die Vorliebe für die Mathematik, die mich zunächst als Mittel, aus Grenoble, dem Inbegriff des Spießbürgertums, fortzukommen, dann aber um ihrer selbst willen völlig in Anspruch nahm. Die Jagd war meine letzte Seelenregung vor der Liebe zur Mathematik. Ich ging freilich, so oft ich konnte, noch zu Victorine Bigillion, aber sie war in jenen Jahren wohl lange Zeit auf dem Lande. Ich verkehrte auch viel mit ihrem älteren Bruder, mit La Bayette, Galle, Barral, Michoud, Colomb und Mareste, aber mein Herz war bei der Mathematik. Siebenundzwanzigstes Kapitel Mathematischer Wissensdurst Rom, 24. bis 26. Januar 1836. Ich liebte die Mathematik um so mehr, als ich meine Lehrer, Herrn Dupuy und Herrn Chabert, mehr verachtete. Trotz der hochtrabenden, weltmännischen und salbungsvollen Art, mit der Dupuy die Leute anredete, erriet ich doch, daß er weit unwissender war als Chabert, der in der sozialen Rangordnung des Grenobler Bürgertums weit unter Herrn Euler stand, aber am Sonntagmorgen bisweilen einen Band Euler vornahm und sich ehrlich mit den Schwierigkeiten herumschlug. Trotzdem machte er stets den Eindruck eines Apothekers, der gute Rezepte kennt, aber keine Ahnung hat, wie eins aus dem andern entsteht. In seinem Kopf war keine Logik, keine Philosophie; infolge seiner Erziehung oder aus Eitelkeit, vielleicht auch aus Frömmigkeit, haßte er selbst die Worte dafür. Es ist nicht zu verwundern, daß ich nicht gleich auf eine Abhilfe kam. Niemand half mir; mein Großvater hatte eine Abneigung gegen die Mathematik, die einzige Lücke in seinem fast universellen Wissen. Und mein Vater verabscheute sie aus Frömmigkeit; etwas Nachsicht hatte er mit dieser Wissenschaft wohl nur deshalb, weil man daraus lernt, Pläne von Grundstücken aufzunehmen. Ich machte ihm denn auch immerfort Kopien der Pläne seiner Güter. In der Zentralschule waren allerdings fünf bis sechs mathematische Leuchten, die 1797 oder 1798 auf die Polytechnische Hochschule kamen, aber auf meine Zweifel ließen sie sich nicht ein. Vielleicht drückte ich mich nicht deutlich genug aus, oder meine Fragen setzten sie in Verlegenheit ... Um ruhiger nachzudenken, setzte ich mich in den Salon meiner armen Mutter, der höchstens ein- bis zweimal im Jahre geöffnet wurde, um den Staub zu entfernen. Dies Zimmer gab mir innere Sammlung; ich hatte damals noch das Bild der hübschen Soupers vor Augen, die meine Mutter gegeben hatte. Schlag zehn Uhr ging die Tischgesellschaft aus dem lichterstrahlenden Salon in den schönen Speisesaal, wo ein riesiger Fisch angerichtet wurde. Das war der Luxus meines Vaters; dieser Trieb zeigte sich noch in seiner Frömmelei und in seinen landwirtschaftlichen Spekulationen, zu denen er herabgesunken war. Meine Begeisterung für die Mathematik beruhte wohl vor allem auf meinem Abscheu gegen alle Heuchelei, deren Inbegriff für mich meine Tante Seraphie, Frau Vignon und ihre Pfaffen waren. In der Mathematik schien mir jede Heuchelei ausgeschlossen, und in meiner jugendlichen Einfalt wähnte ich, das gleiche sei bei allen Wissenschaften der Fall, auf die sie Anwendung findet. Wie wurde mir da zumute, als mir niemand einen algebraischen Grundsatz erklären konnte, nämlich, daß – x – =   ist. Aber was noch schlimmer war, statt mir diese Schwierigkeit zu erklären (denn sie ist gewiß erklärbar, weil sie zur Wahrheit führt), führte man Gründe ins Feld, die denen, welche sie mir angaben, offenbar selbst nicht recht klar waren. Setzte ich Herrn Chabert zu, so wurde er verwirrt, sagte seine Aufgabe her, gegen die ich gerade meine Bedenken erhob, und sagte schließlich etwa: »Aber das ist so Brauch, jedermann läßt diese Erklärung gelten. Für Euler und Lagrange, die gewiß soviel verstanden wie Sie, genügte sie. Wir wissen ja, daß Sie viel Geist besitzen (das hieß: daß ich einen ersten Preis in der Literatur davongetragen und mit den Herren vom Departement geredet hatte), aber Sie wollen offenbar ein Eigenbrötler werden.« Herr Dupuy schließlich begegnete meinen schüchternen Einwänden mit hochmütigem Lächeln. Obwohl weit weniger bewandert als Chabert, war er weniger spießbürgerlich und beschränkt und schätzte seine eigenen mathematischen Kenntnisse vielleicht richtig ein ... Lange brauchte ich zu der Erkenntnis, daß mein Einwand gegen Minus mal Minus gleich Plus dem Herrn Chabert nicht in den Kopf wollte, daß Herr Dupuy mir immer nur mit hochmütigem Lächeln antwortete und daß die »hellen Köpfe«, denen ich Fragen stellte, sich über mich lustig machten. Von meinen Verwandten unter einer Glasglocke erzogen und bis zu meinem fünfzehnten Jahr ohne Berührung mit Menschen, hatte ich zwar lebhafte Empfindungen, war aber noch weit unfähiger als andre Knaben, die Menschen zu beurteilen und ihre verschiedenen Komödien zu durchschauen. So sagte ich mir denn schließlich, was ich mir noch heute sage: Minus mal Minus muß Plus ergeben, denn wenn man diesen Grundsatz beim Rechnen stets anwendet, gelangt man zu wahren und unanfechtbaren Resultaten ... Wer ich fragte mich, ob die Herren Dupuy und Chabert nicht eben solche Heuchler wären wie die Priester, die bei meinem Großvater die Messe lasen, und ob meine geliebte Mathematik nicht nur ein Betrug sei. Ich wußte nicht, wie ich zur Wahrheit gelangen sollte. Wie begierig hätte ich jedes Wort über die Logik oder über die Kunst, die Wahrheit zu finden, aufgenommen! Das wäre der rechte Augenblick gewesen, mir de Tracys Logik zu erklären. Vielleicht wäre ich dann ein andrer geworden und hätte einen weit schärferen Verstand gehabt. Mit meinem armseligen Verstande schloß ich also, daß Herr Dupuy wohl ein Heuchler sein könne, daß aber Herr Chabert ein eitler Spießbürger sein müsse, der nicht einsehen könne, daß es Einwände gäbe, die er nicht erkenne. Mein Vater und Großvater besaßen die Folioausgabe der »Enzyklopädie« von Diderot und d'Alembert, ein Werk im Werte von 700 bis 800 Franken. Es gehörte gewiß viel dazu, daß ein Provinzler ein solches Kapital in ein Buch steckte, woraus ich schließe, daß mein Vater wie mein Großvater vor meiner Geburt völlig zur Partei der Philosophen gehört hatten. Mein Vater sah es nur mit Verdruß, wenn ich in der »Enzyklopädie« blätterte. Ich aber setzte das größte Vertrauen darein, weil ich sah, daß mein Vater eine Abneigung dagegen hegte und daß die Priester, die im Hause verkehrten, einen Haß darauf hatten ... Ich schlug also d'Alemberts mathematische Artikel auf, aber ihr geckenhafter Ton, der Mangel jeder Verehrung für die Wahrheit stieß mich ab; zudem begriff ich wenig davon. Wie glühend verehrte ich damals die Wahrheit! Wie ehrlich war mein Glaube, sie sei die Königin der Welt, die ich betreten sollte! Ich sah keine andern Feinde der Wahrheit als die Priester. War mein Kummer über Minus mal Minus gleich Plus aber schon groß gewesen, wie verdüsterte sich erst meine Seele, als ich die Statik von Louis Monge studierte, der die Aufnahmeprüfungen für die Polytechnische Hochschule leitete! Im Anfang der Geometrie hieß es dort: »Parallelen nennt man zwei Linien, die, unendlich verlängert, sich niemals berühren.« Am Anfang der Statik aber hieß es: »Wenn man zwei parallele Linien unendlich verlängert, so kann man annehmen, daß sie sich berühren.« Ich glaubte, einen Katechismus zu lesen, noch dazu einen sehr ungeschickten. Umsonst bat ich Herrn Chabert um Aufklärung. »Lieber Junge,« sagte er mit jener väterlichen Miene, die dem Dauphineser Fuchs so schlecht ansteht, »das werden Sie später erfahren.« Dann trat er an seine Tafel, zog in geringem Abstand zwei Parallelen und sagte: »Sie sehen, man kann sagen, daß sie sich im Unendlichen berühren.« Ich war nahe daran, alles aufzugeben. Ein geschickter, scheinheiliger Jesuit hätte mich damals bekehren können, wenn er zu mir gesagt hätte: »Du siehst, alles ist Irrtum. Oder vielmehr, nichts ist falsch und auch nichts wahr. Alles ist Übereinkunft. Nimm die Übereinkünfte hin, die dich in der Welt vorwärts bringen. Der Pöbel ist patriotisch und wird diese Seite der Frage stets besudeln. Werde also Aristokrat Wie deine Eltern, und wir werden Mittel und Wege finden, dich nach Paris zu schicken und dich einflußreichen Damen zu empfehlen.« Hätte man mir das mit Beredsamkeit gesagt, ich wäre ein Schurke geworden und heute steinreich. Achtundzwanzigstes Kapitel Der Mathematiker Gros. Das Examen Rom, 26. bis 30. Januar 1836. Ich glaube, ich sagte mir: »Ob wahr oder falsch, die Mathematik wird mir aus Grenoble forthelfen, aus diesem Schlamm, der mich anekelt.« Ich finde diesen Gedankengang allerdings für mein Alter sehr frühreif. Ich arbeitete also weiter – die Unterbrechung wäre mir zu schmerzlich gewesen –, aber ich war tief beunruhigt und betrübt. Schließlich zeigte mir der Zufall einen bedeutenden Mann, und so ward ich kein Schurke. Auch in diesem Falle ist die Sache bedeutungsvoller als meine Darstellung. Ich will versuchen, nicht zu übertreiben. In meiner Verehrung für die Mathematik hörte ich seit einiger Zeit von einem jungen Manne reden, einem berühmten Jakobiner, einem großen, unerschrockenen Jäger, der weit mehr von Mathematik verstand als die Herren Dupuy und Chabert, aber sie nicht berufsmäßig betrieb. Nur gab er hin und wieder Mathematikunterricht, da er wenig bemittelt war. Aber bei meiner Schüchternheit wußte ich nicht, wie ich den Weg zu ihm finden sollte, und sein Unterricht war furchtbar teuer, zwölf Sous für die Stunde – woher das Geld nehmen? Ich schüttete mein Herz meiner Großtante Elisabeth aus, die damals wohl achtzig Jahre alt war. Aber ihr treffliches Herz und ihr vielleicht noch besserer Verstand waren nur dreißig Jahre alt. Freigebig gab sie mir einen Haufen Sechsfrankenstücke. Aber nicht das Geld war es, was dieser hochherzigen Seele schwer fiel; bei ihrem nur zu berechtigten Stolz und Zartgefühl mußte ich diese Stunden ohne Wissen meines Vaters nehmen, und welchen berechtigten Vorwürfen setzte sie sich dadurch aus!... Ich weiß nicht, wie ich bei meiner Schüchternheit den Weg zu Herrn Gros fand, aber ich sehe mich in seinem Stübchen in Saint-Laurent, dem ältesten und ärmsten Stadtteil, in einer engen Straße zwischen Berg und Fluß. Ich hatte noch einen Studiengenossen, aber wer war das? Ich weiß es nicht mehr; meine ganze Aufmerksamkeit galt Herrn Gros. Er war dunkelblond und sehr lebhaft, obwohl sehr fett; er mochte fünf- bis sechsundzwanzig Jahre alt sein. Er hatte ziemlich lange krause Haare und trug einen Überrock. In »Rot und Schwarz« hat Stendhal ihm ein Denkmal der Liebe gesetzt. »Citoyens,« sagte er, »womit wollen wir anfangen? Ich muß wissen, was Sie schon können.« »Wir können die Gleichungen zweiten Grades.« Als vernünftiger Mann begann er sie uns zu erklären. Der Himmel tat sich mir auf. Endlich erkannte ich das Warum der Dinge; es war kein Apothekerrezept zur Lösung der Gleichungen mehr. Ich hatte lebhafte Freude daran, wie beim Lesen eines spannenden Romans ... Nach ein paar Stunden ging Gros zu den Gleichungen dritten Grades über; da war alles für uns neu. Mir ist, als hätte er uns mit einem Schlage bis an die Grenzen des Wissens geführt und vor die zu bezwingenden Schwierigkeiten gestellt, oder vor den Schleier, der gelüftet werden sollte. So zeigte er uns nacheinander die verschiedenen Arten der Lösung dieser Gleichungen, die ersten Versuche Cardanis, dann die Fortschritte und schließlich die neuste Methode. Wir wunderten uns, daß er uns nicht nacheinander dieselbe Sache beweisen ließ. War etwas richtig verstanden, so ging er zu anderen Dingen über. Ohne die geringste Marktschreierei besaß er die für einen Lehrer wie für einen Feldherrn gleich wichtige Gabe, die Seele seiner Schüler ganz zu erfüllen. Ich achtete und verehrte ihn so sehr, daß ich ihm vielleicht mißfiel. Eines Tages, als eine große Nachricht eintraf, sprachen wir die ganze Stunde von Politik, und am Schluß wollte er kein Geld nehmen. Ich war derart an die Schäbigkeit der Dauphineser Lehrer gewöhnt, daß dieser sehr einfache Zug meine Bewunderung und Begeisterung noch vermehrte. Ich habe fast gar keine Erinnerung mehr an die beiden letzten Jahre in Grenoble. Die Leidenschaft für die Mathematik nahm mich so völlig in Anspruch, daß Felix Faure mir einmal sagte, ich trüge meine Haare viel zu lang. Mich dauerte die halbe Stunde, die ich mit dem Haarschneiden verlieren mußte. Gegen Ende 1799 blutete mein Bürgerherz ob unserer Niederlage in Italien (Novi u. a. m.), über die meine Familie frohlockte, freilich mit einem Gemisch von Sorge. Mein Großvater war verständiger; er wünschte nicht, daß die Russen und Österreicher bis Grenoble vordrängen. Aber sicher bin ich dessen nicht: die Hoffnung, bald fortzukommen, und meine Leidenschaft für die Mathematik erfüllten mich derart, daß ich wenig auf die Reden meiner Verwandten achtete. Ich sagte mir vielleicht nicht, aber ich fühlte: Wie die Dinge jetzt für mich liegen, ist mir ihr Gerede ganz gleichgültig! Bald aber mischte sich eine selbstsüchtige Befürchtung in meinen patriotischen Kummer: ich fürchtete, das Examen in Grenoble könnte wegen des Anrückens der Russen nicht stattfinden. Da landete Bonaparte in Fréjus. Am 9. Oktober 1799. Ich gestehe, ich hatte den ehrlichen Wunsch, der junge Bonaparte, den ich mir als jungen, schönen Opernobersten vorstellte, möchte König von Frankreich werden. Dieser Gedanke löste in mir nur glänzende, hochherzige Bilder aus. Es war die Frucht meiner platten Erziehung. Meine Angehörigen waren dem König gegenüber wie Lakaien. Bei dem bloßen Wort König oder Bourbonen waren sie zu Tränen gerührt. Tatsächlich bewirkte das Anrücken der Feinde, daß der Examinator der Polytechnischen Hochschule, Louis Monge, nicht nach Grenoble kam. Dann müssen wir nach Paris, sagten wir uns alle. Aber wie sollte ich die Reise dorthin bei meinen Verwandten durchsetzen? Mit sechzehn Jahren nach dem Seinebabel, der Stätte der Verderbnis reisen! Ich war in größter Aufregung. Die Prüfung in der Mathematik begann; sie war ein Triumph für mich. Ich trug den ersten Preis über acht bis neun junge Leute davon, die meist älter und bevorzugter waren als ich und alle in die Polytechnische Hochschule aufgenommen wurden. Ich war an der Tafel beredt; sprach ich doch von Dingen, über die ich seit mindestens fünfzehn Monaten leidenschaftlich nachgedacht und die ich seit drei Jahren studiert hatte. Als Herr Dausse, ein eigensinniger, gelehrter Mann, sah, was ich wußte, stellte er mir die schwierigsten Fragen, um mich in die Enge zu treiben. Er sah bärbeißig aus und ermutigte einen nie. Er war Chefingenieur und ein Freund meines Großvaters, der bei der Prüfung zugegen und höchst entzückt war. Außer dem ersten Preis bekam ich einen Quartband von Euler. »Vielleicht bekam ich ihn schon am Schluß des Jahres 1798, wo ich gleichfalls den ersten Preis in der Mathematik davontrug«, setzt Stendhal hinzu. In der Tat errang er diesen ersten Preis schon am 7. November 1798 nebst Eulers »Einführung in die Infinitesimalrechnung« (lateinische Ausgabe). (Arbelet.) Am Abend nach der Prüfung, oder vielmehr am Abend des Tages, wo mein Name so ehrenvoll öffentlich angeschlagen wurde, ging ich im Stadtpark zwischen der Herkulesstatue und dem Gitter mit Bigillion und zwei oder drei andern Schulgefährten spazieren, die über meinen Triumph begeistert waren ... Nach unsrer Gewohnheit sagte ich philosophierend zu Bigillion: »In solchen Augenblicken könnte man all seinen Feinden vergeben.« »Im Gegenteil«, erwiderte er, »man muß an sie herangehen, um sie zu besiegen.« Die Freude berauschte mich zwar etwas, und ich hielt verständige Reden, um sie zu verbergen, aber im Grunde zeigte diese Antwort die höchst niedrige Gesinnung Bigillions, der mehr Erdenwurm war als ich war, und meine spanische Ader, die ich leider zeitlebens behalten habe. Ich sehe mich noch mit Bigillion und meinen Gefährten, wie wir den öffentlichen Anschlag mit dem Satz über mich lasen. Das Prüfungsprotokoll, von den Departementsmitgliedern unterzeichnet, war an der Tür des Konzertsaals angeschlagen. Nach dieser glänzenden Prüfung ging ich nach Claix. Ich bedurfte unbedingt der Ruhe. Aber dort ergriff mich eine neue Unruhe: würde mein Vater mir das Geld zur Reise nach dem Mittelpunkt der Sittenlosigkeit mit sechzehneinhalb Jahren geben? Doch auch hier hat das Übermaß der Leidenschaft und der Erregung jede Erinnerung verwischt. Ich weiß durchaus nicht, wie meine Abreise vonstatten ging. Mein Oheim schenkte mir zwei oder vier Louisdors, die ich aber zurückwies. Wahrscheinlich machten mir mein Großvater und meine Großtante Elisabeth Geschenke, aber ich habe das völlig vergessen. Meine Abreise erfolgte in Begleitung eines Herrn Rosset, eines Bekannten meines Vaters, der nach Paris, seinem Wohnsitz, zurückkehrte. Ich muß hier etwas wenig Schönes berichten. Im Augenblick der Abreise, als ich auf den Wagen wartete, sagte mein Vater mir im Stadtgarten Lebewohl. Er weinte etwas. Der einzige Eindruck, den mir seine Tränen machten, war, daß ich ihn recht häßlich fand. Wenn der Leser mich verabscheut, so möge er an die hundert erzwungenen Spaziergänge nach Les Oranges zurückdenken, die mein Vater mit meiner Tante Seraphie »zu meinem Vergnügen« machte. Diese Heuchelei erbitterte mich am meisten, und deshalb habe ich dies Laster am meisten verabscheut. Die Erregung hat mich jeder Erinnerung an meine Reise mit Herrn Rosset von Grenoble über Lyon nach Nemours beraubt. Es war Anfang November, denn in Nemours, zwanzig bis fünfundzwanzig Wegstunden von Paris, erfuhren wir die Ereignisse des 18. Brumaire (9. November 1799), die am Tage zuvor stattgehabt hatten. Ich begriff nicht viel davon und war entzückt, daß der junge Bonaparte sich zum König von Frankreich machte ... Meine fixe Idee bei der Ankunft in Paris, eine Idee, auf die ich vier- bis fünfmal am Tage zurückkam, wenn ich ausging, bei Dunkelwerden, in jener Stunde der Träumerei, war, daß eine hübsche Pariserin, weit schöner als Fräulein Kably oder meine arme Viktorine, in meiner Nähe mit dem Wagen umschlug oder in eine große Gefahr geriet, aus der ich sie rettete, und daß ich dafür ihr Geliebter wurde. Ich hätte sie so überschwenglich geliebt, daß ich sie finden mußte! Diese nie eingestandene Torheit hat vielleicht sechs Jahre angehalten. Erst die Reizlosigkeit der Damen des Braunschweiger Hofes, unter denen ich im November 1806 debütierte, heilte mich etwas davon. Neunundzwanzigstes Kapitel Paris Rom, 30. Januar bis 2. Februar 1836. Herr Rosset setzte mich in einem Gasthof an der Ecke der Rue de Bourgogne und der Rue Saint-Dominique ab. Es sollte in der Nähe der Polytechnischen Hochschule sein, weil man glaubte, ich würde sie besuchen. Ich war sehr erstaunt über den Klang der Glocken, die die Stunden anschlugen. Die Umgebung von Paris war mir äußerst häßlich erschienen: es gab gar keine Berge! Diese Abneigung nahm in den nächsten Tagen rasch zu. Ich verließ den Gasthof und nahm mir aus Sparsamkeit ein Zimmer an der Esplanade des Invalides. Etwas Anschluß und ein paar Ratschläge erhielt ich durch die Mathematikschüler, die im Jahre vorher die Polytechnische Hochschule bezogen hatten. Ich suchte sie auf. Danach mußte ich meinem Oheim Daru Noël Daru (1729-1804), bis 1786 Generalsekretär des Languedoc. Er war damals also siebzig Jahre alt. meinen Besuch machen. Es war tatsächlich der erste in meinem Leben. Herr Daru, ein Weltmann, etwa fünfundsechzig Jahre alt, muß sich über mein linkisches Benehmen recht geärgert haben, und dies Benehmen muß sehr der Grazie entbehrt haben. Dabei kam ich mit dem festen Vorsatz nach Paris, ein Frauenverführer zu werden, das, was ich heute nach Mozarts Oper einen Don Juan nennen würde. Herr Daru war lange Generalsekretär des Herrn von Saint-Priest, Intendanten des Languedoc, gewesen, das heute in sieben Departements zerfällt. Als Kronland mit Überresten öffentlicher Rechte und Freiheiten erforderte es einen gewandten Generalsekretär und als Intendanten einen Grandseigneur, wie es Herr von Saint-Priest Marie Joseph de Saint-Priest (geb. 1732 in Grenoble) war 1764-86 Intendant des Languedoc. war. Herr Daru aus Grenoble, der Sohn bürgerlicher Eltern, die Anspruch auf den Adel erhoben, aber arm aus Stolz waren, wie meine ganze Familie, hatte sich aus eigner Kraft emporgearbeitet und auf ehrliche Weise wohl 400-500 000 Franken erworben. Die Revolution hatte er mit Geschick überstanden, ohne sich durch Liebe oder Haß verblenden zu lassen, die er für Vorurteile, Adel oder Klerus hätte haben können. Er war ein Mann ohne andre Passion als das Nützliche in der Eitelkeit oder das Eitle in nützlichen Dingen. Er besaß ein Haus in der Rue de Lille 505, in dem er bescheidentlich nur die kleine Wohnung über der Toreinfahrt innehatte. Den ersten Stock auf der Rückseite des Hofes hatte Frau Rebuffet gemietet, die Gattin eines äußerst tüchtigen Kaufmanns, eines charaktervollen, warmherzigen Mannes, der das gerade Gegenteil des Herrn Daru war. Herr Rebuffet verbrachte täglich eine Viertelstunde bei seiner Frau und seiner Tochter Adele; Jean Baptiste Rebuffet starb um 1804: seine Tochter Adele (Adelaide) Baptistine, geb. 1788 in Marseille, heiratete 1808 Alexandre Pétiet und starb 1861. im übrigen lebte er in seinem Geschäftshaus in der Rue Saint-Denis mit Fräulein Barberen, seiner Geschäftsteilhaberin und Geliebten, einem tatkräftigen, gewöhnlichen Mädchen von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, die mir sehr danach aussah, als ob sie ihrem Liebhaber Szenen machte und Hörner aufsetzte und ihn gründlich langweilte. Der gute Herr Rebuffet nahm mich liebevoll und mit offnem Herzen auf, wogegen Herr Daru mich mit schönen Worten über seine Zuneigung und Anhänglichkeit für meinen Großvater empfing, die mir das Herz zusammenschnürten und mir den Mund verschlossen. Wie ganz anders wäre ich geworden, hätte mein Großvater Gagnon mich an Herrn Rebuffet an Stelle des Herrn Daru empfohlen. Er hätte alles aus mir gemacht, und ich wäre verständiger geworden, hätte der Zufall mich unter seine Obhut gestellt. Aber es war mein Schicksal, alles mit dem Degen in der Hand zu erkämpfen. Welchen Ozean heftiger Empfindungen habe ich mein Leben lang durchschwommen, namentlich zu jener Zeit! Herr Daru war ein großer und recht schöner Greis mit großer Nase, was im Dauphine selten ist. Mit dem einen Auge schielte er leicht und hatte dadurch einen falschen Ausdruck. Bei ihm lebte ein altes verschrumpeltes Frauchen, eine rechte Provinzlerin, seine Frau. Suzanne, geb. Périès Er hatte sie einst ihres Geldes wegen geheiratet; übrigens wagte sie in seiner Gegenwart nicht zu mucksen. Sie war im Grunde gutmütig und sehr höflich, mit jener Art von Würde, wie sie der Frau eines Unterpräfekten in der Provinz zukommt. Im übrigen bin ich nie einem Wesen begegnet, dem es an himmlischem Feuer mehr gefehlt hätte. Nichts auf der Welt hätte ihre Seele für etwas Edles und Hochherziges begeistern können. Die selbstsüchtigste Klugheit, deren man sich auch noch rühmt, erstickt bei diesem Menschenschlag jede Zorneswallung oder hochherzige Regung. Diese vorsichtige, verständige, aber wenig liebenswürdige Art machte auch den Charakter ihres ältesten Sohnes aus, des Grafen Pierre Daru, Pierre Antoine Daru, geb. in Montpellier am 12. Januar 1767, 1806 Generalintendant in Preußen, 1809 in Österreich, 1811 Minister und Staatssekretär, 1818 Pair von Frankreich, gest. 5. September 1829. des späteren Ministers und Staatssekretärs Napoleons, der so großen Einfluß auf mein Leben gehabt hat, ebenso den Charakter ihrer jüngeren Töchter, der späteren Frau Sophie de Baure und der Frau Le Brun, jetzt Marquise de Graves. Ihr zweiter Sohn, Martial Daru, Martial Daru, geb. in Montpellier am 2. Juli 1774, Intendant in Braunschweig 1807, Intendant der Krone in Rom 1811, Baron 1813, gest. 18. Juli 1827. hatte weder Verstand noch Geist, aber ein gutes Herz; er konnte keinem Menschen wehtun. Frau Cambon, die älteste Tochter des Hauses, hatte vielleicht einen großen Charakter, aber ich konnte ihn nur ahnen; sie starb wenige Monate nach meiner Ankunft in Paris. Brauche ich zu sagen, daß ich den Charakter dieser Personen so schildere, wie ich sie später sah? Das endgültige Bild, das mir als wahr erscheint, läßt mich alle früheren Züge vergessen. Von meinem ersten Auftreten im Daruschen Salon habe ich nur Erinnerungsbilder. So sehe ich noch deutlich das rote Kattunkleidchen eines hübschen, fünfjährigen Mädchens, des Enkelkindes des alten Herrn, mit dem er seine Kurzweil trieb, wie der alte, müde Ludwig XIV. mit der Herzogin von Burgund. Ohne dies reizende Kind hätte in dem Salon in der Rue de Lille oft trübsinniges Schweigen geherrscht ... Ich war damals weit entfernt, die Dinge, selbst die äußeren Dinge, deutlich zu sehen. Ich war ganz Erregung, und diese übermäßige Erregung hat mir nur einige sehr deutliche Bilder hinterlassen, ohne Erklärung für das Wie und Warum. Was ich heute sehr klar sehe und 1799 nur sehr undeutlich fühlte, war, daß mit meiner Ankunft in Paris zwei große Ziele meines beständigen, leidenschaftlichen Sehnens mit einem Schlage in Nichts versanken. Ich hatte Paris und die Mathematik angebetet: Paris ohne Berge flößte nur eine so tiefe Abneigung ein, daß ich fast Heimweh bekam. Die Mathematik war für mich nur noch wie das Gerüst eines abgebrannten Feuerwerks. Mich quälte dieser Umschlag, dessen Wie und Warum ich mir mit meinen sechzehneinhalb Jahren nicht zu erklären wußte. Tatsächlich hatte ich Paris nur aus Abscheu vor Grenoble geliebt. Auch die Mathematik war nur ein Mittel zum Zweck gewesen. Ich haßte sie sogar etwas im November 1799, denn ich fürchtete sie. Ich war entschlossen, mich in Paris keiner Prüfung zu unterziehen, wie es meine sieben bis acht Mitschüler von der Zentralschule taten, die sämtlich die Polytechnische Hochschule bezogen. Hätte mein Vater sich im geringsten um mich gekümmert, so hätte er mich zu diesem Examen gezwungen und ich hätte die Hochschule bezogen, aber dann konnte ich nicht mehr in Paris leben und Komödien schreiben. Das war die einzige von allen meinen Passionen, die mir geblieben war. Ich begreife nicht, daß mein Vater mich nicht zu diesem Examen gezwungen hat, aber dieser Gedanke kommt mir erst jetzt, wo ich dies schreibe, siebenunddreißig Jahre später. Wahrscheinlich verließ er sich auf die außergewöhnliche Leidenschaft für die Mathematik, die er bei mir gesehen hatte. Übrigens regte sich mein Vater nur über Dinge in seiner nächsten Nähe auf. Trotzdem hatte ich eine Todesangst, zum Beziehen der Hochschule gezwungen zu werden, und wartete mit größter Ungeduld auf den Beginn der Vorlesungen. In den exakten Wissenschaften kann man nämlich einen Kursus von der dritten Stunde an nicht mehr anfangen. Doch kehren wir zu meinen Erinnerungsbildern zurück. Ich sehe mich allein und verlassen in meinem möblierten Stübchen sitzen und essen. Die tiefe Enttäuschung über Paris war mir auf den Magen gefallen. Der Pariser Schmutz, das Fehlen der Berge, der Anblick so vieler geschäftiger Leute, die in schönen Wagen an mir vorüberfuhren, als hätten sie nichts zu tun, versenkte mich in tiefen Kummer. Ein Arzt, der sich die Mühe gemacht hätte, meinen gewiß nicht komplizierten Fall zu untersuchen, hätte mir ein Brechmittel gegeben und mich alle drei Tage nach Versailles oder Saint-Germain geschickt. Ich fiel jedoch in die Hände eines Kurpfuschers, eines Wundarztes, der in der Nähe des Invalidendoms wohnte, einer damals sehr ärmlichen Stadtgegend, und der die Schüler der Polytechnischen Hochschule von ihren Studentenleiden kurierte. Er verschrieb mir Teufelszeug, das ich in meinem Stübchen allein und verlassen einnahm. Es war ein reines Kellerloch mit einem einzigen, sehr hoch gelegenen Fenster. Dort sehe ich mich an einem eisernen Öfchen sitzen; meine Medizin stand am Boden. Aber mein eigentliches Leiden war der stets wiederkehrende Gedanke: »Mein Gott! Welche Enttäuschung! Was soll ich mir denn noch wünschen!« Dreißigstes Kapitel Schmerzliche Enttäuschung Rom, 2. bis 3. Februar 1836. Wie man gestehen muß, war der Sturz tief, furchtbar. Und das bei einem Jüngling von sechzehneinhalb Jahren mit einer der leidenschaftlichsten und unvernünftigsten Seelen, die ich kenne! Ich traute keinem mehr ... Mein einziger Halt war mein Menschenverstand und mein Glaube an Helvétius und sein Buch »Vom Geist«. Ich sage Glaube, denn da ich unter einer Glasglocke erzogen und durch den Besuch der Zentralschule kaum selbständig geworden war, konnte Helvétius für mich nur eine Prophezeiung dessen sein, was mir bevorstehen mußte. Ich traute dieser Prophezeiung, denn zwei bis drei kleine Vorhersagen waren bei meiner so kurzen Erfahrung in Erfüllung gegangen ... Auf den Straßen von Paris war ich ein leidenschaftlicher Träumer, der in den Himmel blickte und stets Gefahr lief, von einem Wagen überfahren zu werden. Kurz, ich besaß keine Lebensgewandtheit, und so nahmen mich auch andre nicht voll. Die Erkenntnis meines Zustandes hätte Lebensgewandtheit vorausgesetzt. Die Brüder Monval, meine Schulgefährten, die ich in Paris auf der Polytechnischen Hochschule wiederfand, wo sie seit Jahresfrist waren, gaben mir zwar wohlweise Ratschläge, wie ich mich täglich nicht um ein bis zwei Sous betrügen lassen sollte, aber ihre Ideen widerten mich an. Sie mußten mich für einen Trottel auf dem Wege zum Irrenhaus halten. Allerdings drückte ich meine Gedanken aus Hochmut kaum aus. Mir scheint, daß die Monvals oder andere Schüler, die seit Jahresfrist in Paris waren, mir mein Zimmer und meinen Arzt billig besorgt hatten. Im Kreise dieser Freunde oder vielmehr dieser vernünftigen Jungen, die sich mit ihrem Wirt täglich um drei Sous zankten, lebte ich in ungewollten Ekstasen und endlosen Träumereien ... Ich war dauernd tief erregt. Was sollte ich denn noch lieben, da Paris mir mißfiel? Ich antwortete mir: »Eine reizende Frau, die zehn Schritt von mir hinfällt. Ich werde sie aufheben und wir werden uns anbeten. Sie wird meine Seele verstehen und sehen, wie verschieden ich von den Monvals bin.« Diese Antwort gab ich mir allen Ernstes zwei- bis dreimal am Tage, besonders bei Anbruch der Nacht, der für mich noch häufig ein Augenblick zärtlicher Rührung ist. Dann umarme ich meine Geliebte mit Tränen in den Augen, wenn ich eine habe. Ich war dauernd erregt. Darf ich es zu sagen wagen? Aber vielleicht ist es falsch: ich war ein Dichter . Nicht zwar wie der liebenswürdige Abbé Delille, den ich ein paar Jahre später kennen lernte, aber wie Tasso, ein Hundertstel von Tasso: man verzeihe mir meinen Dünkel! Im Jahre 1799 war ich nicht so dünkelhaft; konnte ich doch keinen Vers machen. Erst seit vier Jahren sage ich mir, daß ich 1799 beinahe ein Dichter war. Mir fehlte nur die Kühnheit zu schreiben, nur ein Mittel für mein Genie , sich zu entladen. Erst Dichter und nun Genie; Verzeihung für diese Kleinigkeit! »Seine Empfindsamkeit ist allzu rege geworden; was die andern nur berührt, verletzt ihn bis aufs Blut.« So war ich 1799, so bin ich noch im Jahre 1836, aber ich habe gelernt, das alles unter der Maske der Ironie zu verbergen, die der große Haufe nicht merkt, die aber di Fiore richtig durchschaut hat. »Zuneigung und Zärtlichkeit sind bei ihm gewaltsam und maßlos, seine Begeisterungsausbrüche führen ihn irr; sein Mitgefühl ist allzu lebhaft; die, welche er bedauert, leiden weniger als er selbst.« Das trifft buchstäblich auf mich zu. Was mich jedoch von jenen aufgeblasenen Tröpfen unterscheidet, die »ihr Haupt wie eine Monstranz tragen«, ist, daß ich nie geglaubt habe, die Gesellschaft sei mir das Geringste schuldig. Vor dieser gewaltigen Torheit hat mich Helvétius gerettet. Die Gesellschaft bezahlt nur sichtbare Verdienste. Tassos Irrtum und Unglück war es, sich zu sagen: »Wie, dies ganze reiche Italien kann seinem Dichter nicht einen Jahressold von 200 Zechinen zahlen?« Das habe ich in einem seiner Briefe gelesen. Tasso, der Helvétius nicht kannte, sah nicht ein, daß die hundert Menschen, die von zehn Millionen eine Schönheit verstehen, die keine Nachahmung oder Vollendung der vom großen Haufen bereits begriffenen Schönheit ist, zwanzig bis dreißig Jahre brauchen, um die zwanzig nach ihnen empfänglichsten Seelen davon zu überzeugen, daß diese neue Schönheit wirklich schön ist. Eine Ausnahme tritt nur ein, wenn der Parteigeist sich einmischt. So hat Lamartine in seinem Leben wohl zweihundert schöne Verse gemacht. Als die Ultras 1818 als dumm bezichtigt wurden, rühmte ihre verletzte Eitelkeit das Dichterwerk eines Adligen mit dem Ungestüm eines stürmischen Sees, der seine Dämme durchbricht. Ich hatte also nie den Gedanken, daß die Menschen ungerecht gegen mich wären. Höchst lächerlich finde ich das Unglück all unsrer sogenannten Dichter, die sich von diesem Gedanken nähren, und den Zeitgenossen des Cervantes und Tasso Vorwürfe machen. Mir scheint, daß mein Vater mir damals 100 oder 150 Franken monatlich gab. Das war ein Schatz. Ich dachte nicht im entferntesten daran, daß es mir an Geld fehlen könne, und somit überhaupt nicht an Geld. Was mir fehlte, war ein liebendes Herz, war ein Weib. Die Dirnen ekelten mich an. Was wäre einfacher gewesen als es wie heute zu machen: mir ein hübsches Mädel aus der Rue des Moulins für einen Louisdor zu nehmen? Aber das Lächeln eines liebenden Herzens! Aber der Blick von Victorine Bigillion! All die lustigen Mordsgeschichten von der Habgier und Verderbtheit der Dirnen, die ich von den Mathematikstudierenden hörte, die Freundesstatt an mir vertraten, erregten bei mir ein Gefühl der Übelkeit ... Ein Freundesherz fehlte mir. Herr Rosset lud mich manchmal zum Essen ein, Herr Daru wohl auch, aber diese Menschen standen meinen Überschwenglichkeiten so fern, ich war aus Eitelkeit so schüchtern, besonders Frauen gegenüber, daß ich nichts sagte. Oft träumte ich überschwenglich von unsern Dauphineser Bergen und dachte zärtlich an Victorine Bigillion zurück, aber ich war fest überzeugt, daß eine junge Pariserin ihr hundertmal überlegen sei. Trotzdem hatte mir Paris beim ersten Anblick im höchsten Maße mißfallen. Diese tiefe Mißstimmung, diese Ernüchterung im Verein mit einem schlechten Arzte machten mich wohl ziemlich krank. Ich konnte nichts mehr essen. Plötzlich sehe ich mich in einem Dachstübchen im dritten Stock der Rue du Bac. Ich muß wohl recht krank gewesen sein, denn Herr Daru ließ den berühmten Dr. Portal holen, dessen Gesicht mich entsetzte. Er sah aus, als stände er vor einem Leichnam. Ich bekam eine Krankenpflegerin, etwas ganz Neues für mich. Später erfuhr ich, daß ich Brustfellentzündung gehabt hatte. Ich bekam das Delirium und lag drei bis vier Wochen zu Bette ... Nach meiner Genesung sehe ich mich plötzlich in einem Zimmer im zweiten Stock des Daruschen Hauses in der Rue de Lille. Dies Zimmer hatte Aussicht auf vier Gärten, es war ziemlich groß, etwas dachstubenmäßig. Mir sagte es sehr zu. Ich nahm ein Heft, um Komödien zu schreiben. Damals, glaube ich, wagte ich zu Cailhava zu gehen, um mir seine »Lustspielkunst« » L'Art de la Comédie «, 1772. zu kaufen, die ich bei keinem Buchhändler fand. Ich glaube, ich fand den alten Knaben in einem Zimmer des Louvre. Er sagte mir, sein Buch sei schlecht geschrieben, was ich tapfer bestritt. Er muß mich für verrückt gehalten haben. Ich habe in diesem elenden Machwerk nur einen Gedanken gefunden, und der war nicht von Cailhava, sondern von Bacon. Aber ist es schon nicht etwas, einen Gedanken in einem Buche zu finden? Mein leidenschaftliches Verhältnis zur Mathematik hat mir eine tolle Vorliebe für gute Definitionen beigebracht, ohne die es in allen Dingen nur ein Ungefähr gibt. Einunddreißigstes Kapitel Musikleidenschaft Rom, 3. bis 5. Februar 1836. Als ich meine »Kunst des Lustspiels« vor mir liegen hatte, erwog ich ernstlich die große Frage, ob ich Opern komponieren sollte wie Grétry oder Komödien schreiben? Kaum konnte ich die Noten lesen. Aber ich sagte mir: die Noten sind nur die Buchstaben der Musik; die Hauptsache ist, Einfälle zu haben. Und die glaubte ich zu haben. Das Scherzhafte ist, daß ich es noch heute glaube ... Für die reine Instrumentalmusik habe ich nichts übrig; selbst die Musik in der Sixtinischen Kapelle und im Chor des Kapitels der Peterskirche macht mir keine Freude mehr. Allein die Vokalmusik scheint mir ein Erzeugnis des Genius. Ein Dummkopf kann wohl Gelehrter werden, er kann aber keinen schönen Gesang erfinden, wie Se amor si gode in pace (erster Akt des Matrimonio segreto ). In den schönen Zeiten meiner Musikleidenschaft in Mailand von 1814 bis 1821, wenn ich mir am Morgen vor einer neuen Oper mein Libretto aus der Scala holte, konnte ich beim Lesen desselben nicht umhin, mir die ganze Musik auszudenken die Arien und Duette zu singen. Und – darf ich es sagen? – am Abend fand ich meine Melodie manchmal edler und rührender als die des Maestro. Da ich nie die geringste technische Kenntnis besaß und die Melodie in keiner Weise zu Papier bringen konnte, um sie verbessern zu können, ohne den Anfang zu vergessen, so war das stets wie die erste Idee zu einem Buche. Sie ist stets hundertmal unverständlicher als nach der Durcharbeitung. Aber diese erste Idee finde ich in den Büchern der Durchschnittsschriftsteller nie. So habe ich, wie ich glaube, eine reizende Melodie (ich sah die Begleitung) zu ein paar Versen von La Fontaine gemacht, wohl die einzige zu französischen Worten. Die Franzosen scheinen mir das ausgesprochenst unmusikalische Volk zu sein, wie die Italiener die auffälligste Nichtbegabung für den Tanz haben. Manchmal frage ich mich selbst, um der Gegenpartei in mir (die ich oft deutlich fühle) etwas zum Lachen zu geben: »Aber wie kann ich als Franzose Begabung für die Musik Cimarosas haben?« Dann antwortete ich: »Durch meine Mutter, der ich ähnlich bin, habe ich vielleicht italienisches Blut.« (Der Gagnoni, der sich nach einem in Italien begangenen Morde nach Avignon rettete.) Mein Großvater und meine Großtante Elisabeth hatten offenbar italienische Gesichter, Adlernasen usw. Jetzt, wo ich durch fünfjährigen dauernden Aufenthalt in Rom die Körperbeschaffenheit der Römer genauer kenne, sehe ich, daß mein Großvater durchaus römischen Wuchs, Kopf- und Nasenbildung hatte. Mein Oheim Romain hatte sogar einen fast römischen Kopf, abgesehen von seiner sehr schönen Hautfarbe. Nie habe ich ein schönes Lied gehört, das ein Franzose erfunden hätte; die schönsten gehen nicht über das grobe Gepräge hinaus, das ein volkstümliches Lied haben muß, wie das Revolutionslied › Allons, enfants de la patrie ‹ von dem Kapitän Rouget de Lisle, das eines Nachts in Straßburg erfunden wurde. Dies Lied scheint mir bei weitem besser als alle die französischen Köpfen entsprungen sind, aber seiner Art nach steht es notwendig zurück hinter Mozarts Là, ci darem la mano, Là, mi dirai di si ... Vollkommen schön finde ich nur die Melodien von Mozart und Cimarosa. Ich ließe mich hängen, wenn ich sagen sollte, welchem ich den Vorzug gebe. Wenn ich das Unglück gehabt habe, in zwei langweilige Salons zu geraten, ist mir der zweite stets der verdrießlichste. Und wenn ich Mozart oder Cimarosa gehört habe, gab ich stets dem zuletzt Gehörten den Vorzug. Paisiello ist für mich wie ein leichter, schmackhafter Landwein, den man sogar gern trinken kann, wenn ein guter Wein einem zu schwer ist. Aber man findet ihn nur zu bald schal. Man darf nur ein Glas davon trinken ... Umsonst würde man versuchen, einem Jagdhund die Gelehrigkeit eines Pudels beizubringen oder von einem Pudel zu verlangen, einen Hasen zu wittern, der vor sechs Stunden vorbeigewechselt ist. Es gibt wohl individuelle Ausnahmen, aber im ganzen haben Pudel und Jagdhund jeder seine besondre Begabung. Das gilt auch für die Menschenrassen. Im Jahre 1834 sah ich eine ganze römische Gesellschaft, die ganz in der Musik aufgeht und sehr gut die Finales von Rossinis »Semiramis« und die schwierigsten Musikstücke singt, eine ganze Nacht lang nach einer freilich wenig taktfesten Kontertanzmusik Walzer tanzen. Der Römer und überhaupt der Italiener hat den ausgesprochensten Mangel an Sinn für den Tanz. Die Franzosen dagegen – wenigstens die von 1830 – haben nicht den geringsten Sinn für Vokalmusik, sowohl als Zuhörer wie als Ausübende. Sie sind seit 1820 zwar musikverständig geworden, bleiben aber im Grunde Barbaren. Beweis: der Erfolg von Meyerbeers »Robert der Teufel«. Für die deutsche Musik, Mozart ausgenommen, hat der Franzose eher Verständnis. Was er an Mozart bewundert, ist nicht die gewaltige Neuheit von Leporellos Gesang, als er die Statue des Gouverneurs zum Mahle einlädt, sondern eher die Begleitung. Zudem hat man diesen vor allem eitlen Wesen gesagt, jenes Duett oder Trio sei erhaben. Ein eisenhaltiger Fels, der aus der Erde hervorragt, kann uns auf den Gedanken bringen, Eisen zur Genüge zu finden, wenn man tiefe Stollen in den Fels treibt. Vielleicht findet man auch keins. So war es bei mir 1799 mit der Musik. Der Zufall brachte mich dahin, die Klänge meiner Seele durch gedruckte Worte auszudrücken. Trägheit und der Mangel an Gelegenheit, das Technische und Stumpfsinnige der Musik zu lernen, nämlich Klavier zu spielen und Noten zu schreiben, haben viel zu diesem Entschluß beigetragen. Er wäre ganz anders ausgefallen, hätte ich einen Oheim oder eine Geliebte gefunden, die die Musik liebten. Die Leidenschaft für sie ist die gleiche geblieben. Ich liefe zehn Stunden zu Fuß durch den Straßenschmutz, das Widerwärtigste, was es für mich gibt, um eine gute Ausführung des »Don Juan« zu hören. Höre ich ein italienisches Wort daraus, so ergreift mich sofort die zärtliche Erinnerung an die Musik und erfüllt mich ganz. Ich habe nur einen wenig verständlichen Einwand: gefällt die Musik mir als Zeichen , als Erinnerung an das Jugendglück, oder um ihrer selbst willen? Ich bin für das letztere. Bei einigen kleineren Opern mag der Genuß nur ein Zeichen sein, dafür rühme ich sie aber nicht als Meisterwerke. Aber niemals trifft dies für das » Matrimario segreto « zu, das ich im Odeon in Paris 1810 wohl sechzig- bis hundertmal gehört habe. Und sicherlich bereitet mir keine opera d'inchiostro , kein Schriftwerk, einen so lebhaften Genuß wie der »Don Juan«. Ein großer Beweis für meine Musikliebe ist mir, daß die komische Oper von Feydeau mich ärgert. Ich habe sie immer nur zur Hälfte anhören können. Alle zwei bis drei Jahre gehe ich aus Neugier in die komische Oper, und beim zweiten Akt gehe ich hinaus. Die französische Oper hat mich bis 1830 noch mehr geärgert und mir 1833 noch gründlich mißfallen. Ich bin ausführlich geworden, denn man ist stets ein schlechter Richter seiner Leidenschaften oder seines Geschmacks, zumal wenn dieser der Geschmack der guten Gesellschaft ist. Jeder gezierte junge Mann vom Faubourg Saint-Germain schwärmt angeblich für Musik. Ich dagegen verabscheue die französische Romanze. Gute Musik versenkt mich in holdes Träumen über den Gegenstand, dem gerade mein Herz gehört. Daher die köstlichen Augenblicke in der Scala in Mailand von 1814 bis 1821, der Blütezeit meines Lebens. Zweiunddreißigstes Kapitel Im Hause Daru Rom, 5. bis 7. Februar 1836. Ich wohnte nicht nur im Daruschen Hause, ich mußte zu meinem größten Verdruß auch dort essen. Die Pariser Küche mißfiel mir; es war nicht die meines Elternhauses, das mir doch als ein Ausbund alles Schlimmen erschienen war. Fast ebenso mißfiel mir die berglose Gegend, an die ich in der Heimat nicht gewöhnt war. Was Geldmangel war, wußte ich nicht. Darum mißfiel mir nichts so, wie die Mahlzeiten in der kleinen Daruschen Wohnung. Wie gesagt, lag sie über der Toreinfahrt. In jenem Salon und Eßzimmer habe ich grausam gelitten und die Erziehung durch andre erhalten, die meine Familie mir so wohlweise vorenthalten hatte. Das höfliche, zeremonielle Wesen, die peinliche Erfüllung aller Anstandspflichten, die mir noch heute abgeht, läßt mich erstarren und verstummen. Kommt dann noch ein religiöser Anflug und das Deklamieren über die großen Grundsätze von Moral hinzu, so bin ich tot. Man denke sich die Wirkung dieses Giftes im Jahre 1800 auf meinen noch ganz frischen Organismus, der in seiner gespannten Aufmerksamkeit keinen Tropfen davon verlor. Um halb sechs Uhr betrat ich den Salon und zitterte bei dem Gedanken, einer der Damen den Arm bieten zu müssen, um zu Tische zu gehen. Kein Bissen schmeckte mir. Die Pariser Küche mißfällt mir noch heute ebenso wie damals. Aber das hatte in jenen Jahren wenig zu besagen; das merkte ich, wenn ich in ein Restaurant gehen konnte. Es war der moralische Zwang, der mich umbrachte. Nicht das Gefühl des Unrechts und des Hasses wie gegenüber meiner Tante Seraphie, sondern etwas weit Schlimmeres: das beständige Gefühl dessen, was ich mir vorgenommen hatte und nicht erreichen konnte. Ich, der ich mich zugleich für einen Saint Preux Aus Rousseaus »Neuer Heloise«. und für einen Valmont Aus den »Gefährlichen Liebschaften« von Choderlos de Laclos. hielt, ich, der ich ein unendliches Liebesverlangen in mir trug, ich sah mich unterlegen und linkisch in einer Gesellschaft, die ich für trübsinnig und mürrisch hielt. Wie wäre mir erst in einem liebenswürdigen Salon zumute gewesen! Das also war das so heiß ersehnte Paris! Ich verstehe nicht, daß ich zwischen dem 10. November 1799 und dem 20. August 1800, Lies: 7. Mai. wo ich nach Genf aufbrach, nicht wahnsinnig geworden bin. Aber wie soll ich meinen Wahnsinn begreiflich machen? Ich stellte mir die Gesellschaft lediglich, nach den »Geheimen Denkwürdigkeiten« von Duclos, den drei bis sieben damals erschienenen Bänden von Saint-Simon » Mémoires «, Paris 1788 f., 7 Bde. und nach den Romanen vor. Das Schweigen, das nur zu oft an dem Hofe des alten gelangweilten Spießbürgers Daru herrschte, rechnete ich mir daher zur Schande, ja zum Verbrechen an. Das war mein Hauptkummer. Ein Mann mußte nach meiner Idee leidenschaftlich verliebt sein und zugleich Freude und Leben in jede Gesellschaft tragen, in der er erschien. Noch dazu durfte diese allgemeine Freude, diese Kunst, allen zu gefallen, kein Kunstgriff sein, mit dem man den Neigungen und dem Geschmack aller schmeichelt; ich ahnte diese Kunst nicht einmal, sonst hätte sie mich wahrscheinlich empört. Die Liebenswürdigkeit, nach der mir der Sinn stand, war die reine Freude von Shakespeares Lustspielen, der Frohsinn, der am Hofe des in die Ardennen verbannten Herzogs In Shakespeares »Wie es Euch gefällt«. herrscht. Und diese reine, himmlische Heiterkeit suchte ich am Hofe eines alten verlebten, gelangweilten, frömmelnden Präfekten! Weiter kann die Torheit nicht gehen; trotzdem war mein Unglück, obwohl es auf Torheit beruhte, doch sehr wirklich. Das Schweigen, das in meiner Gegenwart in diesem Salon herrschte, brachte mich in Verzweiflung. Ich tat den Mund nicht auf. Ich starb vor Zwang, vor Enttäuschung, vor Unzufriedenheit mit mir selbst. Wer hätte mir damals gesagt, daß das größte Glück meines Lebens mir fünf Monate darauf in den Schoß fallen sollte! Es fiel tatsächlich, fiel vom Himmel, und doch kam es aus meiner Seele, die auch meine einzige Zuflucht in den vier bis fünf Monaten war, wo ich im Daruschen Hause wohnte. Alle Salonschmerzen waren vergessen, wenn ich allein in meinem Zimmer mit dem Blick auf die Gärten war und mich fragte: »Soll ich Komponist werden oder Lustspiele schreiben wie Molière?« Nur unklar gab ich mir zu, daß ich weder die Welt noch mich hinreichend kannte, um mich zu entscheiden. Eine weit irdischere und dringlichere Frage scheuchte mich aus diesen luftigen Gedanken auf. Herr Daru, ein Mann der Ordnung, begriff nicht, warum ich die Polytechnische Hochschule nicht bezog oder doch, da es für dies Jahr zu spät war, meine Studien nicht fortsetzte, um mich im nächsten September zum Examen zu stellen. Der strenge Greis machte mir sehr höflich und maßvoll klar, daß wir darüber ins reine kommen müßten. Diese gemessene Höflichkeit von Seiten eines Verwandten war mir so neu, daß sich meine Schüchternheit und meine tolle Einbildungskraft noch steigerte. Jetzt kann ich mir das erklären. Die Grundfrage war mir ganz klar, aber diese höflichen, ungewohnten Vorbereitungen ließen mich unbekannte, furchtbare Abgründe wittern, aus denen ich mich nicht retten konnte. Das diplomatische Vorgehen des geschickten alten Präfekten entsetzte mich derart, daß ich meine Ansicht nicht zu vertreten wagte. Der bloße Anblick dieses imponierenden Mannes, vor dem alles zitterte, von seiner Frau und seinem ältesten Sohn angefangen, noch dazu unter vier Augen und bei verschlossenen Türen, wirkte derart auf mich, daß ich keine zwei Worte vorzubringen vermochte. Ihn nicht zu sehen, erschien mir als höchstes Glück. Diese tiefe Verwirrtheit hat mir fast alle Erinnerungen geraubt. Vielleicht sagte Vater Daru zu mir: »Lieber Vetter, du mußt dich binnen acht Tagen entscheiden.« Im Übermaß meiner Schüchternheit, meiner Angst und Verwirrung antwortete ich etwa: »Meine Angehörigen lassen mir die freie Entscheidung.« »Das merke ich freilich!« entgegnete Herr Daru mit bedeutungsvollem Tone, der mir bei einem so maßvollen, diplomatischen Manne tiefen Eindruck machte. Alles weitere habe ich vergessen ... Sobald ich allein war und mich beruhigt hatte, kehrte das tiefe Gefühl wieder: »So ist also Paris?« Es war nicht der Schmerz über das Opfer dreier Jahre, das ich gebracht hatte; trotz der Angst, im nächsten Jahre die Hochschule beziehen zu müssen, liebte ich die Mathematik noch. Die schreckliche Frage, die ich mir aber nicht deutlich zu stellen verstand, war: »Wo gibt es auf Erden ein Glück?« Und bisweilen sagte ich mir sogar: »Gibt es auf Erden ein Glück?« ... Scharfsinn war nie meine Stärke. Damals ging er mir ganz ab. Ich war wie ein scheues Pferd, das nicht die Wirklichkeit sieht, sondern eingebildete Hindernisse oder Gefahren. Zum Glück war mein Herz tapfer; und ich ging ihnen mutig entgegen. So bin ich noch heute. Je mehr ich in Paris herumkam, um so mehr mißfiel es mir. Die Familie Daru erwies mir große Freundlichkeiten. Frau Cambon machte mir Komplimente über meinen olivenfarbenen Künstlerrock mit Samtaufschlägen. »Er steht dir sehr gut«, sagte sie. Eines Tages nahm sie mich mit mehreren Familienmitgliedern und einem Herrn Gorse ins Museum mit. Das war ein dicker, gewöhnlicher Mensch, der ihr etwas den Hof machte. Sie siechte in tiefer Schwermut dahin, weil sie vor Jahresfrist ihre einzige sechzehnjährige Tochter verloren hatte. Ein paar Monate später starb sie an ihrem Schmerze. Als wir das Museum verließen, bot sie mir einen Platz in ihrem Wagen an. Ich ging zu Fuß durch den Schmutz, aber weil sie so freundlich gegen mich war, kam ich auf den großartigen Einfall, sie aufzusuchen. Ich fand sie unter vier Augen mit Herrn Gorse. Nun begriff ich meine ganze Torheit, oder doch wenigstens teilweise. »Warum bist du denn nicht mitgefahren?« fragte Frau Cambon erstaunt. Ich verschwand schleunigst. Herr Gorse mochte schöne Dinge von mir denken. Ich muß für die Familie Daru ein seltsames Fragezeichen gewesen sein. Die Antwort mußte lauten: ein Tropf oder ein Narr. Dreiunddreißigstes Kapitel Pierre Daru Civitavecchia, 29. Februar bis 1. März 1836. Frau Le Brun, jetzt Marquise de Grades, hat mir gesagt, alle Bewohner dieses kleinen Salons wären über mein völliges Stillschweigen betroffen gewesen. Ich schwieg instinktiv; ich fühlte, daß mich niemand verstände. Wie konnte ich diesen Gesichtern von meiner zärtlichen Bewunderung für Bradamante erzählen! Dies Schweigen war indes die klügste Politik, das einzige Mittel, um etwas persönliche Würde zu wahren. Wenn ich diese geistvolle Frau je wiedersehe, muß ich sie darüber ausfragen, wie ich damals war. Ich selbst weiß es nicht. Da ich stets die gleichen Gedanken in die Tiefe gegraben habe, wie soll ich da wissen, wo ich damals war? Der Schacht war zu jener Zeit zehn Fuß tief. Mit jedem Jahre habe ich fünf Fuß tiefer geschürft: wie soll ich da jetzt, wo der Schacht neunzig Fuß tief ist, mir ein Bild machen, wie er im Februar 1800 bei zehn Fuß Tiefe war? ... Ach, wie wohl hätte mir damals ein guter Rat getan! Selbst noch im Jahre 1821! Aber zum Teufel: niemand hat ihn mir gegeben. Um 1826 erkannte ich ihn selbst, aber damals kam er fast zu spät; außerdem lief er meinen Gewohnheiten zuwider. Seitdem habe ich deutlich erkannt, daß er in Paris die conditio sine qua non ist, aber dann wären meine schriftstellerischen Gedanken auch weniger wahr und originell geworden. Wie anders wäre ich geworden, hätte Herr Daru oder Frau Cambon mir im Januar 1800 gesagt: »Lieber Vetter, willst du in der Gesellschaft etwas vorstellen, so müssen zwanzig Personen ein Interesse daran haben, Gutes von dir zu sagen. Somit suche dir einen Salon aus, gehe regelmäßig zu jedem Empfangstage hin, gib dir Mühe, liebenswürdig oder doch sehr höflich gegen jedermann zu sein. Dann stellst du etwas in der Welt vor und kannst hoffen, einer liebenswürdigen Frau zu gefallen, wenn zwei oder drei Salons für dich eintreten. Nach zehn Jahren der Beständigkeit können diese Salons, wenn du sie in unsern Gesellschaftskreisen wählst, dich zu allem führen. Die Hauptsache ist Beständigkeit und regelmäßiges Erscheinen.« Das hat mir stets gefehlt. Deswegen rief Herr Delécluze von den » Débats « im Jahre 1828 aus: »Hätten Sie nur etwas mehr Erziehung!« Das Glück, dem ich soviel zu danken habe, hat mich zwar später in verschiedene, höchst einflußreiche Salons geführt. Aber im Jahre 1814 schlug ich eine Stellung aus, mit der ich Millionen verdienen konnte, Siehe S. 55. und im Jahre 1828, als ich mit den Herren Thiers (dem jetzigen Minister des Auswärtigen), Mignet, Aubernon und Béranger intim verkehrte und in jenem Salon in großem Ansehen stand, fand ich Herrn Aubernon langweilig, Mignet geistlos, Thiers zu unverschämt und geschwätzig, und allein Béranger gefiel mir. Aber ich besuchte ihn nicht im Gefängnis, Béranger kam wegen seiner Opposition gegen die Bourbonen mehrfach ins Gefängnis. um nicht vor der Macht auf dem Bauche zu liegen, und ich ließ es zu, daß Frau Aubernon mich als »unsittlichen Menschen« ansah. Und nun gar die Gräfin Bertrand im Jahre 1808 und 1809! Welch ein Mangel an Ehrgeiz, oder vielmehr, welche Trägheit! Ich bedaure die verscherzte Gelegenheit kaum. Statt 10 000 hätte ich 20 000 Franken; statt Ritter, wäre ich Offizier der Ehrenlegion, aber ich hätte täglich drei bis vier Stunden mit jenen ehrgeizigen Banalitäten vertan, die man als »Politik« beschönigt, und ich hätte viele Niedrigkeiten begangen. Ich wäre dann Präfekt des Departements Mans geworden, was mir 1814 bevorstand. Aber ich war nun mal ein Narr, der mehr an »Hamlet« und an den »Menschenfeind« [von Molière] dachte als an das wirkliche Leben. Langweilte ich mich in einem Salon, so blieb ich die nächste Woche fort und erschien erst nach vierzehn Tagen wieder. Bei meinem offnen Blick und der tief unglücklichen, gezwungenen Miene, die mir die Langeweile gibt, kann man sich vorstellen, wie sehr ich meine Sache durch solches Fortbleiben förderte. Zudem sagte ich von einem Tropf stets: »Er ist ein Tropf.« Dieser Schrulle verdanke ich eine Welt von Feinden. Seit ich (Anno 1826) geistreich wurde, machte ich immerfort spitze Bemerkungen und Äußerungen, die man nicht mehr vergißt , wie mir eines Tages die gute Frau Mérimée sagte. Ich hatte zehnmal im Duell fallen müssen, und doch habe ich nur drei Wunden, davon zwei bloße »Schrammen« (an der Hand und am linken Fuße). Herr Daru (der spätere Minister) hatte damals (1800) eine kleine Dichtung im Jesuitenstil, die »Cléopédie« veröffentlicht, d. h. eine Dichtung im Stil der lateinischen Gedichte, wie sie die Jesuiten um 1700 machten. Sie schien mir seicht und flüssig; ich habe sie seit dreißig Jahren nicht mehr gelesen. Herr Daru, im Grunde geistlos, war sehr stolz darauf, Vorsitzender von vier literarischen Gesellschaften zu sein. Diese Albernheit grassierte um 1860, war aber nicht so seicht, wie sie heute erscheint. Es war ein Wiederaufleben der Gesellschaft nach der Schreckenszeit von 1793 und der halben Schreckenszeit der folgenden Jahre ... Eines Abends nahm er mich in eine dieser Gesellschaften mit. Er trug seine Verse mit einer gutmütigen Miene vor, die mir auf seinem strengen, geröteten Gesicht seltsam erschien, und ich blickte ihn erstaunt an. Ich sagte mir: »So mußt du es auch machen«, aber ich hatte gar keine Neigung dazu. Diese Poesie entsetzte mich: welch ein Gegensatz gegen Ariost und Voltaire! Das war spießbürgerlich und platt, aber ich bewunderte mit lüsternen Blicken den Busen der Frau Constance Pipelet, die ein Gedicht vortrug ... Ich ging auch ins Louvre zu Régnault, J. B. Régnault (1754-1829). Nach Colombs › Notice ‹ XX hat Beyle mehrere Monate bei ihm gearbeitet. dem Maler der »Erziehung Achills«, eines platten Gemäldes, Und wurde Schüler in seiner Akademie. Alle Trinkgelder für Schrankfächer, Stühle usw. erstaunten mich sehr. Ich kannte alle diese Pariser Bräuche nicht und überhaupt keine Bräuche. Ich muß wohl als knickerig erschienen sein. Ohne die heimlich gelesenen Autoren hätte ich wohl Geschmack an jener Art von Literatur gefunden, hatte die » Cléopédie « und den Geist der französischen Akademie bewundert. Wäre das ein Schade gewesen? Ich hätte von 1815 bis 1830 Erfolg, Ruf und Geld gehabt, aber meine Werke wären weit seichter – und viel besser geschrieben. Ich glaube, die Geziertheit, die man von 1825 bis 1836 als »guten Stil« bezeichnet, wird um 1860 recht lächerlich erscheinen, sobald Frankreich nicht mehr alle fünfzehn Jahre politische Umwälzungen durchmacht und Zeit findet, über die Geistesfreuden nachzudenken. Die starke, gewaltsame Regierung Napoleons (den ich persönlich so liebte) hat nur fünfzehn Jahre gewährt, die ekelhafte Regierung der blöden Bourbonen ebenso lange. Wie lange wird die dritte währen? Wird sie mehr Verstand haben? Doch ich schweife ab... Unsere Enkel müssen uns diese Seitensprünge verzeihen; wir halten in einer Hand die Feder, in der andern den Säbel... Ich kehre also zum Januar 1800 zurück. Da ich kaum auf der Schule gewesen war, besaß ich tatsächlich nur die Erfahrung eines zehnjährigen Kindes und wahrscheinlich einen teuflischen Hochmut. Ich war tatsächlich der beste Schüler der Zentralschule gewesen. Außerdem – und das war mehr – besaß ich richtige Gedanken über alles, hatte ungemein viel gelesen und liebte das Lesen über alles. Ein neues Buch tröstete mich über alles hinweg. Die Familie Daru jedoch war trotz der Lorbeeren des Horazübersetzers Pierre Daru hatte 1798 eine Übersetzung der Episteln des Horaz herausgegeben. Er schrieb später Geschichtswerke, die ihm 1828 die Pforten der französischen Akademie öffneten, die » Histoire de la République de Venis « (1819), die » Histoire des Ducs de Bretagne « (1824), die Stendhal mit Interesse gelesen und besprochen hat. ( Correspondance , II, 151,287,319.) durchaus unliterarisch. Es war eine alte Höflingsfamilie aus der Zeit Ludwigs XIV., wie Saint-Simon sie geschildert hat. An Pierre Daru bewunderte man nur den Erfolg; jede literarische Erörterung wäre ein politisches Verbrechen, ein Antasten des Familienruhmes gewesen. Eine Stätte gab es jedoch, wo ich weniger verlegen und natürlicher sein konnte: den Salon der hübschen, trefflichen Frau Rebusset, die im ersten Stock des Daruschen Hauses wohnte. Mein Zimmer lag, glaube ich, gerade über ihrem Salon. Meine Base, Frau Rebusset, hatte eine Tochter Adele, die viel Geist erwarten ließ; mir scheint aber, sie hat später nicht Wort gehalten. Nachdem wir uns wie Kinder geliebt hatten, traten Gleichgültigkeit und Haß an Stelle der Kindereien, und ich verlor sie 1806 völlig aus den Augen. Wie ich 1835 in den Zeitungen las, ist ihr dummer Gatte, der Baron August Pétiet Hier irrt Stendhal. August (Augustin) Pétiet (geb. 1784) starb erst 1858. (Chuquet 48 f.) Wegen des Duells vgl. S. 213, Anm. 5. – derselbe, der mich im Duell am linken Fuße verletzte – gestorben und hat sie als Witwe mit einem halbwüchsigen Sohn hinterlassen. Vierunddreißigstes Kapitel Im Kriegsministerium Civitavecchia, 1. bis 4. März 1836. Pierre Daru war ein großer Arbeiter. Allerdings sprach er immerzu davon und wenn er zum Essen kam, war er stets schlechter Laune. Bisweilen ließ er seinen Vater und die ganze Familie eine Stunde lang warten. Schließlich erschien er mit verbüffeltem Gesicht und roten Augen. Am Abend ging er oft nochmals in sein Bureau; allerdings war alles neu zu ordnen: wurde doch insgeheim der Marengofeldzug vorbereitet. Jetzt werde ich geboren, wie Tristram Shandy sagt, und der Leser wird der Kindereien quitt. Eines Tages nahm sein Vater mich beiseite und sagte zu mir (ich zitterte): »Mein Sohn will Sie im Kriegsministerium arbeiten lassen.« Wahrscheinlich bedankte ich mich nicht mal, sondern verharrte in scheuem Schweigen. Am nächsten Tage ging ich mit dem Grafen Daru (so will ich ihn nennen, obgleich er erst später Graf wurde). Ich bewunderte ihn, konnte mich aber nie an ihn gewöhnen, noch er an mich. Wir gingen ins Kriegsministerium. Dort sehe ich mich an meinem Tische sitzen. An dem andern Schreibtisch saß Mazoyer, 1775-1841. Sein »Theseus« erschien 1800. der Verfasser des Trauerspiels »Theseus«, einer blassen Nachahmung Racines. Am Ende des Gartens standen unglückliche, stark gekappte Linden – meine ersten Freunde in Paris. Ihr Schicksal rührte mich. Ich verglich sie mit den schönen Linden in Claix, die inmitten der Berge frei aufwuchsen. Aber hätte ich in jene Berge zurückkehren mögen? Ja, wenn ich meinen Vater dort nicht wiedergefunden hätte, wenn ich bei meinem Großvater hätte leben können, aber frei. Die Linden begannen zu knospen; endlich bekamen sie Blätter; ich war tief gerührt. Der Anblick dieser Freunde erfrischte meine Seele. Ich liebe sie noch heute. Herr Daru setzte mich an einen Schreibtisch und ließ mich einen Brief abschreiben. Von meiner Handschrift will ich nichts sagen, obwohl sie weit schlechter war als jetzt, aber er entdeckte, daß ich »dies« mit ß schrieb. Das war also der Literat, der glänzende Humanist, der Racine die Palme streitig machte und in Grenoble alle Preise davon getragen hatte! Heute, aber erst heute, bewundre ich die Güte der ganzen Familie Daru. Was sollte man mit einem so hochmütigen und unwissenden Geschöpf anfangen? Trotzdem griff ich Racine in meinen Unterhaltungen mit Mazoyer kräftig an. Wir waren unser vier, und die beiden andern hörten, glaube ich, zu, wenn ich mit Mazoyer stritt. Ich hatte eine eigne Theorie, die ich unter dem Titel » Filosofia nova « Bruchstücke sind in Stendhals » Journal «, S. 451 f., veröffentlicht worden. zu Papier bringen wollte ... Ich glaube, was mich vor dem schlechten Geschmack bewahrt hat, die » Cléopédie « des Grafen Daru und bald darauf den Abbé Delille zu bewundern, war diese eigne Theorie, die sich auf den wahren, tiefen, überlegten Genuß gründete, den ich der Lektüre von Cervantes, Shakespeare, Corneille, Ariost und dem Haß auf die Kindereien Voltaires und seiner Schule verdankte. Darüber sprach ich mit schneidender, ja fanatischer Schärfe, wenn ich überhaupt zu sprechen wagte. Ich ließ keinen Zweifel darüber, daß alle anständigen und nicht literarisch verbildeten Menschen ebenso dächten. Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß die große Mehrzahl sich in ihrem natürlichen Kunstempfinden durch den Modeautor leiten läßt; das war 1788 Voltaire und 1828 Walter Scott. Und heute, im Jahre 1836? Zum Glück keiner. Diese Vorliebe für Shakespeare und Ariost (wenn auch nur in Übersetzungen) und nächstdem für die »Neue Heloise« bewahrte mich also vor dem schlechten Geschmack, der im Daruschen Hause herrschte und der für mich um so gefährlicher, um so ansteckender war, als Graf Daru gerade damals produktiv war und aus anderen Gründen von jedermann, auch von mir, bewundert wurde. War er doch der Hauptorganisator jener Armee gewesen, die Frankreich bei Zürich unter Massena herausgehauen hatte. Vater Daru wiederholte uns immerfort Massenas Worte von seinem Sohn: »Das ist ein Mann, den ich meinen Freunden wie meinen Feinden vorstellen kann.« Immerhin stahl Massena wie eine Elster, d. h. aus Instinkt (in Rom spricht man noch davon); Herr Daru aber hat nie einen Pfennig gestohlen ... So turmhoch aber Herr Daru als Mann der Arbeit und als Berater über mir und vielen andern stand, er besaß doch nicht Scharfsinn genug, um den inneren Wert eines hochmütigen Narren zu erkennen. Nur mein Kollege Mazoyer, der sich über mein Gemisch von Hochmut und Wahnsinn offenbar weniger langweilte als über den Stumpfsinn unserer beiden Arbeitsgenossen, machte einiges Aufheben von mir, aber ich war gleichgültig dagegen. Für mich war alles, was den »gewandten Höfling« Racine bewunderte, unfähig, die wahre Schönheit zu erkennen und zu empfinden. Die Schmähreden, mit denen Mazoyer damals Shakespeare beehrte, rührten mich bis zu Tränen und machten mir diesen großen Dichter noch teurer. Später wurde meine Bewunderung für Mathilde Dembowska durch nichts so bestärkt wie durch den Mailänder Stadtklatsch. Ich darf diese reizende Frau wohl hier nennen, denn wer denkt heute noch an sie? Bin ich nicht vielleicht der einzige seit den elf Jahren, wo sie die Erde verließ? Ein gleiches gilt für die Gräfin Alexandrine Daru. Im Urtext Petit. Bin ich heute, nach zweiundzwanzig Jahren, nicht ihr bester Freund? Und wenn dies Buch je erscheinen sollte, wer denkt dann noch an Mathilde und Alexandrine? Werden sie sich nicht über dies Buch freuen, wenn sie vom Jenseits darauf herabblicken, trotz ihrer frauenhaften Bescheidenheit und ihrem Abscheu, die Öffentlichkeit zu beschäftigen? For who to dumb forgetfulness a prey Denn wer dumpfem Vergessen zur Beute fiel. Aus Grays »Elegien«, Stanze 22 (1750). – wird er nicht nach so langer Zeit froh sein, seinen Namen im Mund eines Freundes zu hören? Aber zum Teufel, wo war ich denn? In meinem Bureau, wo ich »dies« mit ß schrieb. Ein gewöhnlicher Leser denkt vielleicht, diese Abschweifung hätte nur den Zweck, meine Scham über diesen orthographischen Schnitzer zu verbergen. Doch er irrt sich. Ich bin ein andrer geworden. Die Torheiten des Jünglings von 1800 sind Entdeckungen, die ich meist erst beim Schreiben dieses Buches mache. Nach so vielen Jahren und Erlebnissen erinnere ich mich nur noch des Lächelns meiner Geliebten. Die Farbe der Uniform, die ich trug, hatte ich schon am nächsten Tage vergessen. Und du weißt doch, geneigter Leser, was eine Uniform bei einer siegreichen Armee ist, dem einzigen Augenmerk der Nation, wie es die Heere Napoleons waren. Ich weiß nicht mal mehr, in welcher Straße das Bureau lag, in der ich zum ersten Male die Feder des Verwaltungsbeamten ergriff. Wie anders wäre es gewesen, hätte Herr Daru zu mir gesagt: »Wenn du einen Brief zu schreiben hast, überlege erst, was du schreiben willst, dann die Form des Tadels oder des Befehls, den der Minister, der ihn unterzeichnet, ihm zu geben wünscht. Bist du dir darüber klar, so schreibe dreist drauf los.« Anstatt dessen suchte ich die Form von Herrn Darus Briefen nachzuahmen. Er gebrauchte häufig die Wendung »in der Tat«, und so spickte ich meine Briefe damit. Wie ganz anders waren die großen Schreiben, die ich 1809 in Wien entwarf, als ich eine scheußliche Krankheit, Beyle hatte seit 1808 die Syphilis, wie ein ärztliches Attest des Dr. Richerand in Paris vom 14. Dezember dieses Jahres beweist. (Arbelet.) die Sorge für ein Lazarett mit 4000 Verwundeten, eine Mätresse, die ich aushielt, und eine angebetete Geliebte hatte. Gräfin Daru. Diesen großen Wandel verdanke ich lediglich eigner Überlegung. Herr Daru gab mir nie einen Rat und strich die Briefe, die ihm mißfielen, wütend durch. Der gute Martial Daru stand mit mir stets auf dem Scherzfuß. Er kam oft ins Kriegsministerium; das war für ihn als Kriegskommissar der Hof. Er hatte damals die Lazarettverwaltung des Val de Grace unter sich, und sein Bruder, der beste Kopf im Ministerium, besaß das Geheimnis der Reservearmee. Die Eitelkeit aller Kriegskommissare war bis zur Siedehitze gesteigert; es handelte sich um die Organisation dieser Körperschaft und vor allem um die Bestimmung der Uniform für die Intendanturräte; sie bildete den Hauptgesprächsstoff im Daruschen Hause. Der gute Martial eröffnete mir bald die Aussicht, diese reizende Uniform zu tragen. Ich glaube sie noch zu sehen: einen königsblauen Rock mit goldgesticktem Kragen und Aufschlägen. Doch in dieser fernliegenden Zeit verschmilzt das Geschehene mit dem, was ich mir nur einbilde, wenigstens bei Dingen der Eitelkeit, die bei mir nur eine Leidenschaft zweiten Ranges war. Jedermann zitterte beim Betreten von Darus Bureau. Ich hatte schon Angst, wenn ich nur die Tür sah. Ich war von jeher sehr empfindlich, und er konnte maßlos grob werden. Allerdings hatte ich lange eine zu untergeordnete Stellung, um von ihm angeranzt zu werden. Und jetzt, wo ich darüber nachdenke, entsinne ich mich nicht, daß er mich je wirklich schlecht behandelt hat ... Ich komme daher auf den ganz neuen Gedanken: sollte Herr Daru mich geschont haben? Das ist wohl möglich. Aber meine Angst vor ihm war stets derart, daß ich erst jetzt, 1836, darauf komme. Die groben Gesellen, mit denen er zu tun hatte, empfanden die Ausfälle dieses wütenden Ochsen gegen alle, die ihm in Augenblicken der Überarbeitung nahten, wohl nicht so wie ich. Doch mit diesem Schrecken, den er verbreitete, regierte er die sieben- bis achthundert Beamten des Kriegsministeriums, dessen fünfzehn bis zwanzig Abteilungsleiter, meist talentlose Leute, er gewaltig anblies. Diese Schafsköpfe verkürzten und vereinfachten die Dienstgeschäfte nicht etwa, sondern brachten sie oft in Verwirrung, und das konnte einen Mann wohl verrückt machen, der auf seinem Schreibtisch zwanzig oder dreißig Schriftstücke liegen sah, die schleunige Erledigung heischten. Oft sah ich auf Darus Schreibtisch einen fußhohen Stoß solcher Briefe, worin um Befehle gebeten wurde ... Meine Beziehungen zu ihm, die auf diese Weise im Januar oder Februar 1800 begannen, endeten erst mit seinem Tode im Jahre 1829. Er war mein Wohltäter, insofern er mich vielen andern vorgezogen hat. Aber ich habe manchen Regentag in einem überheizten Zimmer mit Kopfschmerzen gesessen und von zehn Uhr früh bis ein Uhr nachts geschrieben, und das unter den Augen eines Mannes, der stets wütend und aufgebracht war, weil er Furcht hatte. So prallte der Ball stets zurück. Er hatte eine Todesangst vor Napoleon und ich vor ihm. In Erfurt im Jahre 1809 erreichte unsre Arbeit ihr non plus ultra . Herr Daru besorgte mit mir allein die ganzen Intendanturgeschäfte der Armee drei oder acht Tage lang. Wir hatten nicht mal einen Schreiber. Entzückt über seine Leistung brauste Herr Daru nur zwei- bis dreimal am Tage auf; das war seine Erholung. Ich ärgerte mich über mich selbst, daß mich seine harten Worte verletzten. Meine Beförderung wurde dadurch weder beeinträchtigt noch gefördert, und außerdem war ich kein Streber. Heute erkenne ich es: ich suchte mich von Herrn Daru möglichst entfernt zu halten, und wenn es nur durch eine halb offne Tür war. Seine harten Worte über Anwesende und Abwesende waren mir unerträglich. Fünfunddreißigstes Kapitel Freunde und Bekannte Civitavecchia, 5. bis 7. März 1836. Als ich »dies« mit ß schrieb, kannte ich die ganze Schroffheit Darus noch nicht; er spie Schmähungen wie ein Vulkan aus. Ich war nur tief erstaunt; war ich doch trotz meiner siebzehn Jahre unerfahren wie ein Kind. Was mich in Verzweiflung brachte, war die ununterbrochene Unterhaltung meiner Kollegen, die mich am Arbeiten und Nachdenken hinderte. Sechs Wochen lang war ich von vier Uhr ab ganz verblödet davon. Felix Faure, mit dem ich mich in Grenoble angefreundet hatte, teilte meine tolle Schwärmerei über die Liebe und über die Kunst nicht. Dieser Mangel an Begeisterungsfähigkeit hat unserer Freundschaft stets die Spitze abgebrochen, so daß sie nur eine Kameradschaft blieb. Selbstsucht und nicht ein Funken von Hochherzigkeit, dazu ein trübsinniger englischer Charakter und die Angst, wie seine Mutter oder Schwester verrückt zu werden – das waren die Wesenszüge dieses meines Kameraden. Er war der oberflächlichste unter meinen Freunden und hat die größte Karriere gemacht. Heute ist er Pair von Frankreich und Gerichtspräsident und verurteilt die armen Narren, die sogenannten Aprilverschwörer, zu zwanzig Jahren Gefängnis... Welch ein Unterschied gegen den hochherzigen Crozet und Bigillion! Crozet hätte lieber sein Leben mutig aufs Spiel gesetzt, als einen hochherzigen Narren, der mit sechs Monaten Gefängnis genug bestraft war, zu zwanzig Jahren Gefängnis zu verurteilen. Colomb wäre noch weniger dafür zu haben, aber er ließe sich täuschen. Nur Mareste wäre dazu fähig, aber er gäbe sich keiner Selbsttäuschung hin; er täte es der Beförderung halber und wie ein Italiener... Auf meine Bitte führte Faure mich zu dem Fechtmeister Fabien in der Rue Montpensier beim Théâtre français. Dort nahm ich Fechtstunden in demselben Fechtsaal mit mehreren Grenoblern, darunter Casimir Périer, Geb. 1777 in Grenoble, 1828 Finanzminister, 1831 Ministerpräsident, gest. 1832, der Begründer der Lehre vom Juste mileu. dem späteren Minister, einem schwarzen Schurken (nicht äußerlich, sondern seelisch, und nicht in Staatsgeschäften, sondern in seinen Privatangelegenheiten). Äußerlich war er damals vielleicht der schönste junge Mensch in Paris; er war finster, menschenscheu, und der Blick seiner schönen Augen hatte einen Anflug von Irrsinn. Seine Schwester, Frau Savoye de Rollin, eine berühmte und doch nicht boshafte Frömmlerin, war irrsinnig gewesen und hatte monatelang Reden gehalten, die eines Aretin würdig waren, aber ohne die geringste Verhüllung. Das ist seltsam: wo lernt eine Frömmlerin aus guter Familie Worte, die ich hier nicht niederzuschreiben wagte? Erklärlich wird diese Verirrung vielleicht dadurch, daß ihr Gatte, ein höchst geistvoller Mann und philosophischer Freigeist, ein Freund meines Oheims, ein paar Jahre vor der Ehe impotent geworden war ... Trotz seiner geschäftlichen Unlauterkeit besaß Casimir Périer doch eine Dauphineser Eigenschaft: die Willenskraft. Der schwächende, die Willenskraft brechende Hauch von Paris war um 1800 noch nicht in unsere Berge gedrungen ... Der sanfteste, wahrhaft jugendlichste unter all den finsteren Grenoblern, die bei dem eleganten Fabien Fechtstunden nahmen, war zweifellos Cäsar Pascal, Gestorben 1838. (Colomb.) der Sohn eines liebenswürdigen Vaters ... Bei diesem Fechtmeister überzeugte ich mich von meinem Ungeschick im Fechten ... Ich hatte das Glück, mich stets auf Pistolen zu duellieren, aber im Jahre 1800 konnte ich das nicht voraussehen, und aus Verdruß darüber, daß ich die Quart und Terz stets zu spät parierte, beschloß ich, im Notfall auf meinen Gegner geradeaus loszustoßen. Dies Ungeschick wurde mir stets lästig, wenn ich als Soldat zur Waffe greifen mußte. So hätte es mir in Braunschweig bei meinem Duell mit dem Kammerherrn von Münchhausen das Leben kosten können; zum Glück hatte er an jenem Tage keinen Schneid, oder er wollte sich nicht in Verlegenheit bringen. Ebenso ungeschickt war ich im Violinspiel, dagegen besaß ich ein angeborenes Talent, Rebhühner und Hasen zu treffen. In Braunschweig schoß ich auf vierzig Schritt einen Raben mit der Pistole aus dem rasch fahrenden Wagen, was mir bei dem Adjutanten des Generals Rivaut großen Respekt verschaffte. Kurz, ich habe zeitlebens den Degen getragen und ihn nicht zu führen verstanden. Ich war stets beleibt und leicht außer Atem. Mein Plan war stets ein grader Sekondstoß. Zu der Zeit, wo ich mit Cäsar Pascal, Felix Faure, Casimir Périer und ein paar andern Grenoblern Fechtstunden nahm, machte ich Périers Vater einen Besuch. Er wohnte in einem seiner schönen Häuser in der Rue des Feuillants, und zwar in einer Wohnung, die er nicht vermieten konnte. Er war der lustigste Geizhals und der beste Gesellschafter. Ich begriff nicht, wie ein scheinbar so liebenswürdiger Mann seine Söhne Casimir und Scipion darben lassen konnte. Das Bankhaus Périer nahm die Ersparnisse von Dienstmädchen, Portiers und kleinen Rentnern zu fünf v. H. an; es waren Summen von 500 bis höchstens 1500 Franken. Als die Assignate kamen und man für ein Goldstück hundert Franken erhielt, zahlte das Bankhaus alle diese armen Teufel (in Papiergeld) aus; mehrere erhängten sich oder gingen ins Wasser. Meine Familie fand dies Verfahren niederträchtig. Bei Kaufleuten wundert es mich nicht, aber wie konnte Herr Périer, nachdem er Millionen verdient hatte, nicht ein anständiges Mittel finden, um die Dienstmädchen voll auszuzahlen? In Geldsachen war meine Familie stets vornehm; sie verkehrte kaum mehr mit einem unserer Verwandten, der eine Summe von 8 bis 10 000 Franken, die seinen Eltern in Lawschen Banknoten (1718) geliehen war, in Assignaten zurückzahlte. Sechsunddreißigstes Kapitel Aufbruch ins Feld Civitavecchia, 7. bis 8. März 1836. Ich würde einen Roman schreiben, wollte ich hier die Eindrücke schildern, die mir Paris machte; sie haben seitdem stark gewechselt. Ich entsinne mich noch der tiefen Langeweile an den Sonntagen, wo ich auf gut Glück spazieren ging. Alle Menschen erschienen mir prosaisch und platt in ihren Gedanken über Liebe und Literatur. Ich hütete mich wohl, jemandem mein Mißfallen anzuvertrauen. So kam es, daß ich nicht merkte, daß eine Stunde von Paris ein herrlicher Wald lag. Wie entzückt wäre ich gewesen, hätte ich im Jahre 1809 den Wald von Fontainebleau gesehen, wo es doch wenigstens ein paar Miniaturfelsen gab. Die Wälder waren ja mit meinen Träumereien von zärtlicher, treuer Liebe (wie bei Ariost) aufs engste verknüpft. Die von Versailles und Saint-Cloud hätte ich allerdings wohl zu gartenhaft gefunden. Damals war von der Ernennung von Adjunkten bei den Kriegskommissaren die Rede. Ernannt wurde unter andern Herr Barthomeuf, ein gewöhnlicher Mensch, aber ein tüchtiger Arbeiter, der seine Laufbahn als Sekretär des Grafen Daru begann und als solcher in dessen Zimmer arbeitete. Dort mußte er alle die seltsamen Ausfälle des furchtbaren Mannes erdulden und wurde von ihm mit Arbeit überlastet, wie alle, die mit ihm zu tun hatten. Ich war auf diese Beförderung eifersüchtig, denn ich mochte Barthomeuf nicht. Ich seufzte etwas beim Anblick seiner goldbestickten Uniform, seines Hutes und Degens. Wie gesagt, war er ein tüchtiger Arbeiter, dessen Briefe Herr Daru fast stets unterschrieb, d. h. von zwanzig, die er ihm vorlegte, unterschrieb er zwölf unverbessert und sieben oder acht mit handschriftlichen Verbesserungen; nur einer bis zwei mußten neu aufgesetzt werden. Von meinen Briefen unterschrieb er höchstens die Hälfte, und dabei waren sie noch unwichtig. Aber Herr Barthomeuf hatte den Geist und das Gesicht eines Apothekergehilfen, und abgesehen von den lateinischen Autoren, die er wie die Besoldungsvorschrift beherrschte, war er unfähig, ein Wort über die Beziehungen zwischen Literatur und Menschennatur zu äußern. Ich dagegen verstand sehr wohl die Erklärung des Helvétius über Regulus Näheres siehe in »Über die Liebe« Bd. IV dieser Ausgabe), S. 276. und machte ganz allein allerhand Nutzanwendungen darauf; ich verstand von der Kunst des Lustspiels weit mehr als Herr Cailhava Siehe S. 168. usw., und so hielt ich mich für was Besseres als Herr Barthomeuf oder doch für ihm ebenbürtig. Herr Daru hätte mich zum Kommissar machen und mich dann tüchtig arbeiten lassen sollen. Aber bei den fünf bis sechs großen Gelegenheiten meines Lebens hat mich stets der Zufall geleitet. Tatsächlich schulde ich Fortuna ein kleines Denkmal ... Alle diese für mich so neuen Dinge lenkten mich grausam von meinen literarischen Ideen und meinen leidenschaftlichen und romantischen Liebesträumereien ab. Mein Widerwille gegen Paris ließ freilich nach, aber ich war ganz närrisch; was mir an einem Tage als wahr erschien, hielt ich am nächsten Tage für falsch. Mein Kopf war völlig der Spielball meiner Seele. Aber wenigstens vertraute ich mich niemandem an. Seit mindestens dreißig Jahren habe ich diesen ersten lächerlichen Aufenthalt in Paris vergessen. Ich wußte, daß im ganzen nichts Gutes daran war, und so dachte ich nicht mehr daran. Erst seit acht Tagen fällt er mir wieder ein, und wenn ich ihn jetzt zu Papier bringe, so geschieht es mit Voreingenommenheit gegen den Brulard von 1800. Ich habe nicht mehr die geringste Erinnerung an meine Abreise nach Dijon und zur Reservearmee; das Übermaß der Freude hat alles ausgelöscht. Graf Daru, der Armeeintendant geworden war, und Martial Daru, der zum Unterintendanten ernannt war, hatten Paris schon vor mir verlassen. Beyle verließ Paris am 9. Mai 1800 und kam am 18. in Genf an. Auch an meine Ankunft in Dijon und in Genf habe ich keine Erinnerungen mehr. Das Bild dieser beiden Städte ist durch die vollständigeren Bilder verdrängt worden, die ich auf späteren Reisen erhielt. Ich hatte etwa dreißig Bücher in dem damals frisch erfundenen Stereotypverfahren mit mir ... Als Verehrer der »Neuen Heloise« ging ich in Genf sofort nach dem alten Hause, in dem J. J. Rousseau 1712 geboren wurde. Im Jahre 1833 fand ich es in ein prächtiges Geschäftshaus verwandelt, ein Muster des Nützlichen! In Genf gab es keine Postwagen mehr. Ich fand die beginnende Unordnung, die beim Heere zu herrschen schien. Ich war an irgend jemand empfohlen, wahrscheinlich an einen französischen Kriegskommissar, Lambert. der für die Nachschübe zurückgelassen war. Graf Daru hatte ein krankes Pferd dort gelassen; ich wartete ab, bis es wieder gesund war. Hier beginnen meine Erinnerungen. Siebenunddreißigstes Kapitel Zum Großen Sankt Bernhard Civitavecchia, 8. bis 9. März 1836. Nach mehreren Verzögerungen wurde mein riesiger Mantelsack eines Morgens um acht Uhr auf das junge Schweizer Pferd, einen hellen Braunen, geschnallt, und dicht vor dem Lausanner Tor saß ich auf. Es war das zweite- oder drittemal im Leben. Mein Vater und Seraphie waren stets dagegen gewesen, daß ich reiten oder fechten lernte. Das Pferd, das seit einem Monat im Stalle gestanden hatte, ging nach zwanzig Schritten durch. Es verließ die Straße und lief in ein mit Weiden bestandenes Feld nach dem See zu. Ich glaube, der Mantelsack drückte es. Ich kam vor Angst um, gab aber mein Leben preis; auch die größten Gefahren haben mich nie zurückgehalten. Ich blickte auf die Schultern des Pferdes; die drei Schritt Abstand vom Boden dünkten mir ein Abgrund. Der Gipfel der Lächerlichkeit war, glaube ich, daß ich Sporen trug. Mein junges stallmutiges Pferd galoppierte also drauf los durch die Weiden, als ich hinter mir rufen hörte. Es war der verständige Bursche des Kapitäns Burelvillers, der mir zurief, den Zügel anzuziehen, und der hinterherlief, um das Pferd schließlich anzuhalten. Ich war wohl eine Viertelstunde lang kreuz und quer galoppiert. In meinen zahllosen Ängsten fürchtete ich auch, daß es in den See lief. »Was wollen Sie von mir?« fragte ich den Burschen. »Mein Herr wünscht Sie zu sprechen.« Sofort dachte ich an meine Pistolen. Das war gewiß einer, der mich verhaften wollte. Die Straße wimmelte zwar von Menschen, aber zeitlebens habe ich nur meinen Gedanken gesehen und nicht die Wirklichkeit; »wie ein scheues Pferd«, sagte mir siebzehn Jahre später Graf de Tracy. Stolz ritt ich auf den Kapitän zu, der höflich am Straßenrand hielt. »Was wünschen Sie, mein Herr?« fragte ich, bereit, meine Pistole zu ziehen. Der Kapitän war ein großer blonder Mann in reiferen Jahren, hager und von heimtückischem Aussehen. Er hatte nichts Einladendes, im Gegenteil! Er erklärte mir, als er durch das Tor geritten sei, hätte jemand zu ihm gesagt: »Dort reitet ein junger Mann zur Armee. Er sitzt zum erstenmal zu Pferde und ist noch nie im Felde gewesen. Nehmen Sie sich seiner für die ersten Tage an.« Ich wollte noch immer böse werden und dachte an meine Pistolen. Aber ich sah den graden, riesig langen Säbel des Kapitäns, der wohl der schweren Kavallerie angehörte: Er war Kapitän im 3. Kavallerieregiment, ein schwieriger Untergebener, der tatsächlich, wie Stendhal weiter unten vermutet, in ein anderes Regiment zu kommen suchte und 1801 seinen Abschied nahm. (Chuquet 45.) blauer Rock mit silbernen Knöpfen und Achselstücken. Ich glaube, als Gipfel der Lächerlichkeit trug ich auch einen Säbel. Wenn ich nachdenke, bin ich dessen gewiß. Soweit ich beurteilen kann, gefiel ich dem bärbeißigen Kapitän, der vielleicht von einem Regiment weggejagt war und sich an ein anderes anzuhängen suchte. Er beantwortete meine Fragen und gab mir Reitunterricht. Wir machten den Marsch gemeinsam und bekamen zusammen unsre Quartierzettel. So ging es bis nach Mailand. Ich war völlig trunken und toll vor Glück und Freude. Mein Entzücken legte sich erst etwas, als ich sechster Dragoner wurde. Ich glaubte mich damals auf dem Gipfel des Glücks, den ein Mensch zu erreichen vermag, und das vier Monate, nachdem ich in Paris so unglücklich gewesen war und gemerkt hatte, daß Paris nicht der Gipfel des Glückes war. Wie soll ich mein Entzücken in Rolle Am Genfer See. schildern? Da ich mein Leben Fortuna preisgegeben hatte, ritt ich äußerst dreist drauf los, fragte aber den Kapitän immerfort: »Werde ich mir den Hals brechen?« Zum Glück war es ein Schweizer Pferd, friedlich und verständig wie die Schweizer sind; wäre es römisch und tückisch gewesen, es hätte mich hundertmal umgebracht. Offenbar gefiel ich Herrn Burelvillers, und er begann mich in jeder Hinsicht zu erziehen. Er war auf diesem Marsche von Genf nach Mailand, wo wir täglich vier bis fünf Wegstunden ritten, ein ausgezeichneter Prinzenerzieher. Unser Leben war eine angenehme Unterhaltung, mit eigenartigen Ereignissen und kleinen Gefahren gepaart; somit konnte keine Langeweile aufkommen. Von meinen Hirngespinsten und meinen literarischen Ideen sagte ich diesem Lebemann Ende der Zwanziger nichts; er schien mir das Gegenteil eines Gefühlsmenschen. Im Quartier verließ ich ihn sofort, gab seinem Burschen ein gutes Trinkgeld, damit er mein Pferd versorgte, und konnte dann friedlich träumen. In Rolle kamen wir frühzeitig an. Ich war berauscht von Glück, von der Lektüre der »Neuen Heloise« und von dem Gedanken, nach Vevey zu kommen, als ich plötzlich den majestätischen Glockenklang einer auf der Anhöhe liegenden Kirche vernahm, eine Viertelstunde von Rolle oder Nyon. Ich stieg hinauf und sah den schönen See sich zu meinen Füßen ausbreiten. Der Glockenklang war eine holde Begleitung zu meinen Gedanken und gab ihnen etwas Erhabenes. Damals, so dünkt es mich, bin ich dem vollkommenen Glück am nächsten gekommen. Für einen solchen Augenblick lohnt es sich, gelebt zu haben. Ich werde weiterhin noch von ähnlichen Augenblicken reden, wo das Glück vielleicht eine tatsächlichere Grundlage hatte; aber war die Empfindung da ebenso stark, der Glücksüberschwang ebenso vollkommen? Was soll man von solch einem Augenblick sagen, ohne zu lügen und einen Roman zu schreiben? In Rolle oder Nyon begann die glückliche Zeit meines Lebens; es mochte am 8. oder 10. Mai 1800 sein. Noch jetzt pocht mir das Herz, wo ich dies niederschreibe, sechsunddreißig Jahre danach. Ich stehe auf, gehe durchs Zimmer und setze mich wieder zum Schreiben. Lieber will ich einen wahren Zug auslassen, als in das übliche Pathos zu verfallen. In Lausanne muß ich Herrn Burelvillers gefallen haben. Ein früherer Schweizer Offizier, noch ein junger Mann, war Magistratsbeamter. Bei der unangenehmen Aufgabe, den französischen Eisenfressern Quartierzettel auszustellen, zankte er sich mit uns herum, und als das Wort fiel, wir hätten die Ehre, unserem Vaterlande zu dienen, versetzte er: »Wenn das eine Ehre ist...« Ich legte die Hand an den Säbel und wollte ihn ziehen. Das beweist mir, daß ich einen Säbel trug. Herr Burelvillers hielt mich zurück. »Es ist spät, die Stadt ist überfüllt; wir müssen sehen, daß wir noch ein Quartier kriegen.« Wir verließen den ehemaligen Offizier und Magistratsbeamten, nachdem wir ihm tüchtig die Wahrheit gesagt hatten. Am nächsten Tage, als wir nach Villeneuve ritten, fragte mich der Kapitän nach meiner Fechtkunst. Als ich ihm meine völlige Unkenntnis gestand, war er verblüfft. Beim ersten Halt ließ er mich die Fechtstellung einnehmen. »Und was hätten Sie getan, wenn dieser Hund von einem Aristokraten mit uns hinausgegangen wäre?« »Ich hätte auf ihn losgeschlagen.« Offenbar sagte ich das so, wie ich es dachte. Der Kapitän schätzte mich seitdem hoch und sagte es mir. Meine völlige Unschuld und Ehrlichkeit muß so sonnenklar gewesen sein, daß das, was in jedem andern Falle eine grobe Aufschneiderei war, mir bei ihm Achtung verschaffte. Des Abends in unsern Quartieren gab er mir ein paar Fechtstunden. »Sonst werden Sie aufgespießt wie ein...« (Ich habe das Bild vergessen.) Ich war munter und beweglich wie ein Füllen. Ich verglich mich mit Calderon, der in Italien den Krieg mitgemacht hatte; ich hielt mich für einen neugierigen Schlachtenbummler, der dazu bestimmt war, Lustspiele wie Moliere zu schreiben. Sollte ich später ein Amt annehmen, dann nur, um mir mein Brot zu verdienen, da ich nicht reich genug war, um auf eigne Kosten durch die Welt zu reisen. Ich war nur auf eins begierig: große Dinge zu sehen... Da die Schweizer, bei denen wir in Lausanne, Villeneuve, Sion usw. wohnten, uns ein schreckliches Bild von dem Großen Sankt Bernhard machten, war ich lustiger als sonst, oder vielmehr glücklicher. Mein Glück war so lebhaft, so innig, daß ich nachdenklich wurde... Aber ohne die Warnungen des Kapitäns, die mir bisweilen übertrieben und fast lächerlich dünkten, wäre ich vielleicht schon beim Hinaufreiten verunglückt. Man denke an meine lächerliche Erziehung! Körperlich war ich wie ein vierzehnjähriges Mädchen. Ich war zwar über siebzehn Jahre alt, aber nie ist der Sohn eines vornehmen Herrn so weichlich erzogen worden. Kriegerischer Mut war in den Augen meiner Familie eine Jakobinertugend. Sie schätzte nur den Mut vor der Revolution, der dem Oberhaupt des reichen Familienzweiges in Sassenage das Sankt-Ludwigskreuz eingetragen hatte... Was wäre aus mir also ohne den Kapitän Burelvillers auf dem Sankt Bernhard geworden, hätte ich den Marsch allein machen müssen! Obwohl mit Geld versehen, hatte ich nicht mal daran gedacht, mir einen Diener zu nehmen. Durch meine holden Träumereien infolge der Lektüre Ariosts und der »Neuen Heloise« betört, ließ ich alle vernünftigen Ratschläge meiner Schweizer Quartierwirte an mir abprallen. Ich fand sie spießbürgerlich, platt, verächtlich. Eine spaßige Ansicht bei einem Nachfolger Molières! Achtunddreißigstes Kapitel Der Sankt Bernhard Civitavecchia, 9. März 1836. In einer gewissen Höhe wurde die Kälte schneidend. Ein beißender Nebel umgab uns; schon lange war die Straße mit Schnee bedeckt. Bald war es nur noch ein schmaler Pfad zwischen nackten Felswänden; unter der dichten Decke von schmelzendem Schnee lag Steingeröll. Von Zeit zu Zeit scheute mein Pferd vor einem toten Pferde, aber schließlich unterließ es auch das; es war eben nur ein Klepper. Der Weg wurde immer schlechter. Zum erstenmal kam ich in Gefahr. Sie war zwar nicht groß, aber doch für ein vierzehnjähriges Mädchen, das noch nicht zehnmal im Leben eingeregnet war. Die Gefahr lag also in mir selbst: die Umstände setzen den Menschen herab. Ich schäme mich nicht, mir gerecht zu werden: ich war dauernd lustig. Wenn ich träumte, so dachte ich darüber nach, mit welchen Worten J. J. Rousseau wohl diese runzeligen, schneebedeckten Berge geschildert hätte, deren Spitzen sich in den dahineilenden dichten grauen Wolken verloren. Mein Pferd stolperte, der Kapitän fluchte und machte ein finsteres Gesicht; sein vorsichtiger Diener, mit dem ich mich angefreundet hatte, war leichenblaß. Ich war völlig durchnäßt; immerfort wurden wir durch Gruppen von fünfzehn bis zwanzig bergauf marschierenden Soldaten behindert und gehemmt. Nach sechs Jahren heroischer Träumereien erwartete ich Gefühle heldenhafter Freundschaft bei ihnen, aber ich fand nur verbissene, boshafte Egoisten; oft fluchten sie auf uns, weil wir ritten und sie zu Fuße laufen mußten. Noch einen Schritt weiter, und sie raubten uns unsere Pferde. Dieser Anblick des menschlichen Charakters machte mich stutzig, aber ich half mir bald darüber hinweg mit dem Gedanken: Ich sehe also etwas sehr Schwieriges! Kurz, nach einer Unzahl von Schlangenwindungen, die mir unendlich lang vorkamen, erblickte ich in einer Schlucht zwischen zwei riesigen, spitzen Felsen linker Hand ein niedriges schwarzes Haus, fast von einer vorbeiziehenden Wolke verdeckt. Das Hospiz! Wir erhielten dort wie die ganze Armee ein halbes Glas halb gefrorenen Weines. Wahrscheinlich bekamen wir auch ein Stück Brot und Käse dazu. Mir ist, als ob wir hineingingen, aber vielleicht haben auch die Beschreibungen vom Innern des Hospizes dies Bild in mir hervorgerufen, das nun, nach sechsunddreißig Jahren, an Stelle der Wirklichkeit tritt. Diese Gefahr der Lüge ist mir gegenwärtig, seit ich an dies wahrheitsgetreue Tagebuch denke. So stelle ich mir den Abstieg sehr deutlich vor. Aber ich muß gestehen, daß ich fünf bis sechs Jahre später einen Stich davon sah, der mir sehr ähnlich schien, und meine Erinnerung ist allein der Stich. Darin liegt auch die Gefahr, sich Stiche von schönen Bildern auf Reisen zu kaufen. Bald verdrängt der Stich die Erinnerung völlig und zerstört das wirkliche Bild. So ist es mir mit der Sixtinischen Madonna in Dresden und dem schönen Stich von Müller ergangen. Was ich deutlich sehe, ist, daß ich Mühe hatte, mein Pferd am Zügel zu halten; der Pfad bestand aus starren Felsen, auf denen die vier Pferdefüße grade Platz hatten, und dabei machte der Klepper Miene zu stürzen. Rechts war nicht viel Gefahr dabei, aber links klaffte ein Abgrund! Was hatte Herr Daru gesagt, wenn ich sein Pferd verlor! Außerdem waren all meine Habseligkeiten und der größte Teil meines Geldes in dem riesigen Mantelsack. Der Kapitän fluchte auf seinen Burschen, der ihm sein zweites Pferd wundritt. Er schlug seinem eignen Pferde mit der Gerte auf den Kopf; er war ein heftiger Mensch und fragte im übrigen ganz und gar nicht nach mir. Um das Unglück voll zu machen, kam ein Geschütz vorbei; wir mußten nach rechts ausweichen; aber darauf kann ich nicht schwören; es ist so auf dem Stiche. Sehr deutlich entsinne ich mich des langen Abstiegs in kreisförmigen Windungen um den zugefrorenen See. Endlich, in der Gegend von Etrouble, begann die Natur weniger wild zu werden. Das war für mich ein köstliches Gefühl. Ich sagte zu dem Kapitän: »Ist der Sankt Bernhard weiter nichts?« Ich glaube, er wurde böse und hielt mich für einen Prahlhans. Soweit ich mich entsinne, behandelte er mich als Rekruten, was mich tief beleidigte. In Etrouble, wo wir nächtigten, war ich überglücklich, aber ich begriff, daß ich meine Bemerkungen nur in Augenblicken machen durfte, wo der Kapitän guter Dinge war. Ich sagte mir: »Ich bin in Italien, in dem Lande, wo Rousseau seine Julietta in Venedig fand, in Piemont, im Lande der Frau Bazile. Ich begriff aber, daß solche Gedanken für den Kapitän noch mehr Konterbande waren; ich glaube, er hatte Rousseau einmal als Schlingel von Schriftsteller bezeichnet ... Ich vergaß zu sagen, daß ich aus Paris meine Unschuld mitbrachte; erst in Mailand sollte ich diesen Schatz verlieren. Das Spaßigste dabei ist, daß ich mich nicht deutlich entsinne, mit wem. Meine Schüchternheit und die Gewalt des Eindrucks hat die Erinnerung völlig verwischt. Unterwegs gab mir der Kapitän Reitunterricht. Zur Beschleunigung gab er seinem Pferde Schläge auf den Kopf, so daß es aufbäumte. Das meine war ein träger, vorsichtiger Klepper, den ich nur mit kräftigen Sporenstichen anfeuern konnte. Zum Glück war es sehr kräftig. Da ich dem Kapitän die Geheimnisse meiner tollen Einbildungskraft nicht anzuvertrauen wagte, stellte ich ihm wenigstens Fragen über die Reitkunst, und zwar ganz unverblümt. Ich glaube, ich habe ihn weidlich gelangweilt. Sein kluger Bursche erbot sich, in meinen Dienst zu treten; er hätte mich völlig gegängelt, während der schroffe Burelvillers ihn schlecht behandelte. Mir machte das Schimpfen des Kapitäns gar keinen Eindruck; ich glaubte ihm unendlichen Dank zu schulden. Zudem war ich so beglückt über den Anblick der schönen Landschaften und das Prangen des Frühlings, daß ich nur den einen Wunsch hegte, dies Leben möchte ewig währen. Wir glaubten, die Armee sei weit voraus. Plötzlich fanden wir sie durch das Fort Bard aufgehalten. Ich sehe mich eine halbe Stunde von diesem Fort biwakieren, links von der Straße. Soweit ich mich entsinne, hielt uns die Bergfeste zwei bis drei Tage auf. War der Erste Konsul bei uns? In »Vie de Napoléon« XVIII sagt Stendhal: »Ich sah den General Bonaparte zwei Tage nach seinem Übergang über den Großen Sankt Bernhard (30. Floréal VIII = 20. Mai 1800). Es war beim Fort Bald am 22. Mai 1800 (vor 37 Jahren, o Leser!). Acht bis zehn Tage nach der Schlacht bei Marengo betrat ich seine Loge in der Scala, um Bericht über die Maßnahmen bei der Besetzung der Zitadelle von Arona zu erstatten.« War es während unsers Lagerns in der kleinen Ebene vor dem Fort, als der Oberst Dufour es durch einen Handstreich zu nehmen suchte und zwei Pioniere die Ketten der Zugbrücke durchschlagen wollten? Sah ich die Geschützräder mit Stroh umflochten? Oder ist das nur die Erinnerung an die Erzählung dieser Ereignisse? Der furchtbare Kanonendonner zwischen den hohen Felsen in einem so engen Tale machte mich toll vor Erregung. Schließlich sagte der Kapitän: »Wir reiten über einen Berg links vorbei. Das ist der Weg.« Es war der Albaredo, wie ich nachher erfuhr. Nach einer halben Stunde hörte ich, wie von Mund zu Mund weiter gerufen wurde: »Zügel locker fassen, damit die Pferde euch beim Abstürzen nicht mitreißen.« »Teufel! Es ist also gefährlich!« sagte ich mir. Wir machten auf einer kleinen Hochfläche halt. »Ach, jetzt schießen sie auf uns!« versetzte der Kapitän. »Sind wir in Schußweite?« fragte ich ihn. »Sie haben wohl schon Angst, Bürschchen?« entgegnete er mürrisch in Gegenwart von sieben bis acht Personen. Das war für mich der Hahnenschrei. Ich ritt bis an den Rand der Hochfläche, um mich mehr auszusetzen, und als er weiterritt, blieb ich ein paar Minuten zurück, um meinen Mut zu zeigen. Das war meine Feuertaufe. Diese Art von Entjungferung drückte mich nicht mehr als die andre. Neununddreißigstes Kapitel Von Bard bis Mailand Civitavecchia, 15. März 1836. Am Abend, als ich darüber nachdachte, kam ich nicht von meinem Erstaunen los. »Was? Weiter nichts?« fragte ich mich. Dies etwas alberne Erstaunen und dieser Ausruf sind mir durchs ganze Leben gefolgt. Ich glaube, das kommt von der Einbildungskraft... Ich war so töricht, ihn mehrmals laut zu machen; schließlich schalt mich der Kapitän aus. Trotz meiner Unschuld hielt er ihn für Prahlerei. Meine Naivitäten haben sehr oft die gleiche Wirkung gehabt. Ein lächerliches oder auch nur übertriebenes Wort konnte mir die schönsten Dinge verleiden. So hielt ich bei Wagram neben einem Geschütz Vgl. Seite 9, Anm. 2. und das Gras fing Feuer. Da rief ein mir befreundeter Oberst, ein rechter Prahlhans: »Welch eine Gigantenschlacht!« Der Eindruck des Großartigen war mir für den ganzen Tag verdorben. Doch zurück zu meiner Erzählung! Ehe ich meinen Felsvorsprung verließ, merkte ich, daß die Kanonade von Bard einen Höllenlärm machte. Das war das Erhabene, nur etwas zu sehr mit Gefahr verknüpft. Statt rein zu genießen, mußte die Seele sich etwas zusammennehmen... Sehr deutlich entsinne ich mich des Walles, von dem heftig auf uns geschossen wurde. Der Kommandant dieses meisterhaft angelegten Sperrforts glaubte den General Bonaparte aufzuhalten. Am Abend waren wir, glaube ich, im Quartier bei einem Pfarrer, der bereits von den 25 000 bis 30 000 Mann, die vor dem Kapitän Burelvillers und seinem Schüler durchmarschiert waren, viel zu leiden gehabt hatte. Der selbstsüchtige, boshafte Kapitän fluchte; ich hatte Mitleid mit dem Pfarrer und sprach ihn, glaube ich, auf Lateinisch an, um seine Angst zu lindern. Das war eine große Sünde; zum Glück holte der Kapitän mich nicht. Aus Dankbarkeit brachte der Pfarrer mir bei, daß Donna Frau hieß, cattiva schlecht, und daß ich fragen mußte: Quante sono miglia di quà a Ivrea ? um zu erfahren, wieviel Meilen es noch bis Ivrea seien. Das war der Anfang meines Italienisch. Der Anblick der vielen gefallenen Pferde und der übrigen Trümmer der Armee zwischen Bard und Ivrea machte mir solchen Eindruck, daß ich keine deutliche Erinnerung mehr daran habe. Zum erstenmal hatte ich jenen Eindruck, den ich seitdem so oft empfunden habe: mich zwischen den Kolonnen einer Armee Napoleons zu befinden. Der Eindruck des Augenblicks verschlang alles, genau wie die Erinnerung an den ersten Abend, wo Madame Jules (Gaulthier) mich als Geliebten behandelte. Meine Erinnerung ist nur ein bei diesem Anlaß gedichteter Roman. Ich sehe noch den ersten Blick auf Ivrea auf dreiviertel Stunden Entfernung. Es war links im Hintergrunde von Bergen überragt, vielleicht jenem Rezegon di Lek, den ich später so bewundert habe. Siehe »Reise in Italien« (Bd. V dieser Ausgabe), S. 40. Es war zwar nicht schwer, von den verängstigten Einwohnern einen Quartierzettel zu kriegen, wohl aber, ihn gegen die Trupps von drei bis vier plündernden Soldaten zu verteidigen. Mir ist, als hätte ich zum Säbel gegriffen, um unsere Haustür zu verteidigen, die Jäger zu Pferde ins Biwak fortschleppen wollten. Am Abend hatte ich einen unvergeßlichen Eindruck. Ich ging ins Theater, gegen den Willen des Kapitäns, der mein kindisches Wesen und meine Fechtkunst wohl richtig einschätzte und daher gewiß fürchtete, ich möchte an einer Straßenecke erstochen werden. Uniform trug ich nicht, und das war wohl das Schlimmste inmitten der Kolonnen einer Armee. Kurz, ich ging ins Theater. Gegeben wurde Cimarosas » Matrimonio segreto «; der Darstellerin der Karoline fehlte ein Vorderzahn. Das ist alles, was mir von einem göttlichen Glück geblieben ist. Sofort verschwanden meine beiden Großtaten, der Übergang über den Sankt Bernhard und die Feuertaufe. Das alles schien mir roh und gemein. Ich empfand eine Begeisterung wie bei der Kirche von Rolle, aber weit reiner und lebhafter. Bei Rousseau hat mich die Pedanterie der Julie von Etange stets geärgert; bei Cimarosa war alles göttlich. In den Pausen meiner Freude sagte ich mir: »Und nun bist du einem rohen Handwerk verfallen, statt dein Leben der Musik zu weihen!« Ich antwortete mir ohne Groll: »Ich muß leben. Ich will die Welt sehen und ein tapfrer Soldat werden. Nach ein bis zwei Jahren kehre ich zur Musik, meiner einzigen Liebe, zurück.« Ich fühlte neues Leben; all meine Enttäuschung über Paris war verschwunden. Nun sah ich deutlich, wo das Glück war. Der Abend in Ivrea löschte in mir auch die Erinnerung an das Dauphiné für immer aus. Ohne den Anblick der schönen Berge am Morgen bei der Ankunft wäre sie vielleicht nicht auf ewig tot gewesen. In Italien leben und solche Musik hören, ward der Ausgangspunkt aller meiner Gedanken. Am nächsten Morgen, als ich mit dem Kapitän neben unseren Pferden einherging, war ich so kindisch, von meinem Glück zu sprechen. Er antwortete mir mit groben Witzen über die lockeren Sitten der Schauspielerinnen. Das Wort Schauspielerin war mir heilig, sowohl wegen der Erinnerung an Fräulein Kably wie vor allem wegen der Karoline (im » Matrimonio segreto «). Ich glaube, wir veruneinigten uns ernstlich und ich hegte Duellgedanken. Ich begreife meinen Wahnsinn nicht; es war wie meine Herausforderung des trefflichen Joinville (jetzt Baron und Militärintendant in Paris). Ich konnte meinen Säbel nicht wagrecht halten. Nachdem ich mich mit dem Kapitän wieder vertragen hatte, gerieten wir, glaube ich, in die Schlacht am Tessin, aber es war keine Gefahr dabei. Doch ich sage nichts weiter, um keinen Roman zu schreiben. Dies Gefecht wurde mir wenige Monate später mit allen Einzelheiten erzählt, und ich fürchte, diese Darstellung für eine Erinnerung zu halten ... Jedenfalls konnte es sich für uns nur um Geschützfeuer handeln; vielleicht fürchteten wir auch, zusammengehauen zu werden, da wir mitsamt einer Kavallerieabteilung zurückgeworfen wurden. Deutlich sehe ich nun noch den Dampf der Geschütze oder das Gewehrfeuer; alles andre ist undeutlich. Abgesehen von dem lebhaftesten, tollsten Glücksgefühl habe ich von Ivrea bis Mailand nichts zu erzählen. Der Anblick der Landschaft entzückte mich. Es war nicht die vollkommene Schönheit, aber als jenseits des Tessin der Baumreichtum und die Kraft des Pflanzenwuchses, selbst die hohen Maisfelder die Aussicht auf hundert Schritte beschränkten, fand ich: das war das Schöne. So war Mailand für mich zwanzig Jahre lang (von 1800 bis 1820). Kaum beginnt dies geliebte Bild sich von der Schönheit zu trennen. Mein Verstand sagt mir: Die wahre Schönheit, das ist Neapel und der Posilipp, das ist die Umgebung von Dresden, sind die niedergelegten Wälle von Leipzig, die Elbe bei Altona, der Genfer See usw. Mein Herz empfindet nur Mailand und die üppige Landschaft seiner Umgebung. Hier bemerkt Stendhal am 26. März bei der Durchsicht des Kapitels: »Genehmigung des Urlaubs nach Paris. Die Phantasie fliegt fort. Damit Unterbrechung dieser Arbeit. Die Langeweile macht den Geist schwerfällig: zu oft in Rom 1832-36 verspürt. Dazu die ewige Unterbrechung durch die Amtsgeschäfte. Das merkt man der Arbeit gewiß an.« In der Tat hat Stendhal nur noch das folgende Kapitel geschrieben; sein dreijähriger Urlaub in Paris nahm ihn als produktiven Schriftsteller ganz in Anspruch. Er verließ Civitavecchia nach dem 5. Mai 1836 und war am 25. in Paris. Erst im Juni 1839 kehrte er zurück. Vierzigstes Kapitel Mailand Civitavecchia, 15. bis 17. März 1836. An einem herrlichen Frühjahrsmorgen – o welcher Frühling und in welchem Lande! – ritt ich in Mailand ein. Ich sah Martial drei Schritte von mir neben meinem Pferde. Ich sehe ihn noch. Es war in der Corsia del Giardino, am Anfang der Corsia di Porta Nova. Er trug den blauen Waffenrock und den betreßten Hut eines Generaladjutanten. Er war hocherfreut, mich zu sehen. »Man hielt dich für verschollen«, sagte er. »Mein Pferd war in Genf krank«, entgegnete ich. »Ich will dir das Haus zeigen; es ist nur ein paar Schritte von hier.« Ich verabschiedete mich von dem Kapitän Burelvillers; ich habe ihn nie mehr gesehen. Martial kehrte um und führte mich nach der Casa d'Adda. Die Front des Gebäudes war unfertig; der größte Teil war in Ziegelrohbau wie San Lorenzo in Florenz. Ich kam in einen prächtigen Hof, saß ab und bewunderte alles voller Staunen. Dann stieg ich eine prachtvolle Treppe hinauf. Martials Diener schnallten meinen Mantelsack ab und führten mein Pferd fort. Ich ging mit ihm hinauf und befand mich alsbald in einem prächtigen Saal mit dem Blick auf die Corsia. Zum erstenmal machte mir die Architektur Eindruck. Bald wurden ausgezeichnete panierte Koteletten gebracht; dies Gericht hat mich jahrelang an Mailand erinnert. Diese Stadt wurde für mich der schönste Ort der Welt. Für die Schönheiten meines Vaterlandes habe ich keinen Sinn; gegen meine Geburtsstadt hege ich eine Abneigung, die bis zum körperlichen Übelwerden geht. Mailand war für mich von 1800 bis 1821 der Ort, wo ich dauernd zu leben wünschte. Im Jahre 1800 habe ich ein paar Monate dort verbracht; es war die schönste Zeit meines Lebens. In den Jahren 1801 und 1802 besuchte ich es, sooft ich konnte; ich stand in Garnison in Brescia und Bergamo; und schließlich habe ich von 1815 bis 1821 nach eigner Wahl dort gelebt. Nur mein Verstand sagt mir, selbst im Jahre 1836, daß Paris den Vorzug verdient. Im Jahre 1803 oder 1804 wagte ich in Martials Arbeitszimmer nicht zu einem Stich aufzublicken, der die Aussicht auf den Mailänder Dom zeigte; die Erinnerung war zu zart und tat mir weh. Es mochte Ende Mai oder Anfang Juni sein, als ich die Casa d'Adda betrat: dieser Name ist mir heilig geblieben. Martial war reizend gegen mich und ist es tatsächlich stets geblieben. Es tut mir leid, daß ich das bei seinen Lebzeiten nicht besser erkannt habe; da er erstaunlich viel kleinliche Eitelkeit besaß, schonte ich sie. Aber was ich ihm damals aus Höflichkeit sagte (ich begann sie zu lernen) und wohl auch aus Freundschaft, das hätte ich ihm aus begeisterter Freundschaft und aus Dankbarkeit sagen müssen. Er war gar nicht romantisch, ich aber trieb diese Schwäche bis zum Wahnsinn. Ihr Fehlen ließ ihn in meinen Augen oberflächlich erscheinen. Bei mir erstreckte sich das Romantische auf die Liebe, auf die Tapferkeit, auf alles ... Vom Ende Mai bis zum Oktober oder November 1800, wo ich Leutnant bei den sechsten Dragonern wurde, fand ich fünf bis sechs Monate himmlischen, vollkommnen Glücks. Man kann den Teil des Himmels in der Nähe der Sonne nicht deutlich erkennen. Aus dem gleichen Grunde fiele es mir schwer, meine Liebe zu Angela Pietragrua zu beschreiben. Wie soll man soviel Torheiten vernünftig darstellen oder auch nur verständlich machen? Ich fange schon an, Schreibfehler zu machen, wie es mir in den großen Ekstasen der Leidenschaft geschieht, und doch liegt das alles um sechsunddreißig Jahre zurück! Verzeih mir, geneigter Leser! Oder, wenn du über dreißig Jahre alt bist oder mit dreißig Jahren eine prosaische Seele hast, klappe dies Buch zu! Wird man es mir glauben? Dieser himmlischen, leidenschaftlichen Liebe, die mich ganz der Erde entrückte und mich in die himmlischsten, köstlichsten, erwünschtesten Träume versetzte, wurde erst im September 1811 der sogenannte Lohn zuteil! Elf Jahre, wo nicht der Treue, so doch einer Art von Beständigkeit. Die Frau, die ich liebte und bei der ich Gegenliebe zu finden glaubte, hatte noch andre Liebhaber, Angela Pietragrua, geb. Borrone, damals dreiundzwanzig Jahre alt, war zu jener Zeit die Geliebte des Kriegskommissars Louis Joinville. Näheres im Tagebuch aus Italien von 1811. aber sie würde mich bei gleichem Range vorziehen, sagte ich mir. Ich bin eine Viertelstunde ausgegangen, bevor ich weiter schreibe. Wie soll ich jene Zeit vernünftig darstellen und dabei meinem Gegenstand gerecht werden? Ich will ja nicht sagen, was die Dinge waren – das entdecke ich wohl erst jetzt im Jahre 1836, aber wenn ich das schreibe, was sie für mich im Jahre 1800 waren, so würfe der Leser das Buch fort. Was soll ich tun? Welchen Entschluß fassen? Ist der Leser je wahnsinnig verliebt gewesen? Hat er je das Glück gehabt, mit der Frau, die er im Leben am meisten geliebt hat, eine Nacht zu verbringen? Doch ich fühle, ich werde lächerlich oder vielmehr unglaubwürdig. Meine Hand versagt mir den Dienst. Ich bin wie ein Maler, der nicht mehr den Mut hat, ein Stück seines Gemäldes zu vollenden. Um das Ganze nicht zu verderben, skizziert er das, was er nicht malen kann. Man verdirbt so holde Erinnerungen, wenn man sie erzählt. (Ende der Handschrift.) Testament Ich vermache und schenke dies Manuskript »Das Leben des Henri Brulard« sowie alle meine Lebenserinnerungen Herrn Abraham Constantin, Ritter der Ehrenlegion, und wenn er es nicht veröffentlicht, dem Verleger, Herrn Alphonse Levavasseur, Place Vendôme. Wenn er vor mir stirbt, vermache ich es nacheinander den Verlegern Lavocat, Fournier, Amyot, Treuttel und Würtz, Didot unter der Bedingung: Vor der Drucklegung alle Frauennamen völlig zu verändern und alle Männernamen stehen zu lassen. Exemplare an die Bibliotheken zu Edinburg, Philadelphia, Neu-York, Mexiko, Madrid und Braunschweig zu senden. Das Werk erst nach meinem Tode zu drucken. Civitavecchia, 30. November 1835. H. Beyle. Testament Ich vermache und schenke den vorliegenden Band dem Porzellanmaler, Herrn Abraham Constantin aus Genf. Läßt Herr Abraham Constantin ihn nicht binnen tausend Tagen nach meinem Tode drucken, so vermache und schenke ich diesen Band nacheinander dem Verleger, Herrn Alphonse Levavasseur, Place Vendôme Nr. 7, dem Schriftsteller Philarète Chasles, dem Verleger Henri Fournier, Rue de la Seine, dem Verleger Paulin, dem Verleger Delauney, und wenn keiner dieser Herren es für vorteilhaft hält, ihn in den fünf, auf meinen Tod folgenden Jahren zu drucken, hinterlasse ich diesen Band dem ältesten Verleger in London, dessen Name mit einem C. anfängt. Civitavecchia, 24. Dezember 1835. H. B. Tagebücher Tagebuch aus Italien (1801) Mailand, 28. Germinal IX (18. April 1801). Ich will die Geschichte meines Lebens Tag für Tag aufzeichnen. Ob ich die Kraft haben werde, diesen Vorsatz durchzuführen, weiß ich nicht. In Paris habe ich schon damit begonnen. Davon ist nichts erhalten. Ich werde mich nicht genieren und grundsätzlich nichts streichen, auch wenn ich Fehler gemacht habe ... 10. Floréal (30. April). Ich bin immer noch in Mailand. Die 6. Dragoner sind durchmarschiert. Beyles Regiment. Er selbst war seit dem 1. Februar 1801 (12. Pluviose IX) als Adjutant des Generals Michaud abkommandiert. Sie sollen nach Piemont, wo der General Jourdan mit der Vollmacht eines Vizekönigs kommandiert. Heute fand auf dem Schloßplatz eine große Friedensfeier statt. Abends dürftiges Feuerwerk. Ziemlich langweilige lyrische Szene im großen Theater Die Scala. und Ball, bei dem die Damen der Gesellschaft tanzten. 11. Floréal (1. Mai). Morgen gehe ich nach Bergamo. Martial (Daru) soll nach Florenz und Marigner Ein von Beyle geschätzter Intendant. (Chuquet 50.) nach Bologna. Man spricht viel von einem Kriege ... Seit ich nicht mehr an die reizende Frau Martin Ihretwegen hatte Beyle ein Duell mit dem Adjunkten beim Kriegskommissariat Augustin Pétiet (1784-1858), dem Sohn des auf Seite 221, Anm. 2, genannten Statthalters der Lombardei. Vgl. Chuquet 49. denke, habe ich La Harpe gelesen. Ich habe Band eins bis acht seines »Kursus« › Cours de littérature ‹. Paris 1799-1805, 16 Bde. durchstudiert. Ich habe viel über die dramatische Kunst nachgegrübelt, während ich die Verse von »Selmours« wieder durchlas. Einer der zahlreichen dramatischen Versuche Beyles; Pläne und drei fertige Akte sind in der Bibliothek zu Grenoble. (Arbelet.) Sie kamen mir weniger schlecht vor als bei der Niederschrift. Ich will Verse schreiben lernen, denn es wäre viel besser, wenn die »Verwechselungen« ein Versstück wären. » Les Quiproquos «, ebenfalls ein dramatischer Versuch Beyles; Reste in Grenoble. (Arbelet.) [Bergamo,] 12. Floréal. Die Straße von Mailand nach Bergamo ist prachtvoll, und das im schönsten Land der Welt. In Canonica, einem Dorfe 20 Miglien von Mailand an der Adda, hat man einen der schönsten Blicke, die es gibt. Der Blick von dem hochgelegenen Bergamo ist weniger schön, aber weitumfassend. Von der Casa Tersi, wo der General Michaud Claude Ignace François Michaud (1751 – nach 1832), Divisionsgeneral seit 1792, Generalinspekteur der Infanterie seit 1802. wohnt, erkennt man sehr deutlich die Apenninen auf fünfundzwanzig Miglien Entfernung. Nur nach Nordost und Südwest ist der Blick durch die Anhöhen begrenzt, an die sich Bergamo lehnt. Es gibt hier zwei Theater, ein sehr schönes im Borgo (der Unterstadt) und ein anderes aus Holz auf dem Platz der Altstadt. Wir gehen jeden Abend in dieses, da es ganz in der Nähe liegt. 19. Floréal (9. Mai). Ich habe mir einen Fechtmeister genommen. Ich habe Band 7 von Voltaires Werken und ein paar Bücher, die ich mir aus Mailand mitgenommen hatte, sehr schnell durchgelesen und habe mich aus Mangel an Büchern sehr gelangweilt. 25. Floréal (15. Mai). Der General (Michaud) hat zu Alpy gesagt: »Ich mag den kleinen Beyle sehr gern; er hat viel Verstand. Ich hoffe stark, daß er seine Bestätigung als Adjutant erhält; er ist zu offenherzig und zu scharf.« 28. Floréal (18. Mai). Heute nacht hatte ich einen sehr starken Fieberanfall. Beyle spricht schon am 23. von einem Fieberanfall. Am liebsten bäte ich den General um einen Tag Urlaub nach Mailand, um zum Dr. Gonel zu gehen. 29. Floréal. Heute abend wurde » Zelinda e Lindoro « von Goldoni gespielt, ein ausgezeichnetes Lustspiel, aus dem sich ein gutes französisches Stück machen ließe. 30. Floréal. Mein Bursche ist mit meinen beiden Pferden aus Mailand angekommen. Könnte man nicht ein Stück »Die Soldatomanie« oder »Die Militärmanie« schreiben? 1. Prairial (21. Mai). Da mein Fieber täglich zunimmt, bin ich am 1. nach Mailand geritten, um Dr. Gonel aufzusuchen, und am 5. zurückgekehrt ... Martial macht der Signora Monti Die Gattin des Dichters Vincenzo Monti, geb. Pickler, aus Rom. Siehe »Reise in Italien«, S. 73. den Hof. Er ist ganz verliebt in sie; als ich sie verließ, war er schon sehr weit gekommen ... Ich habe mir von Giegler Giegler war Buchhändler in Mailand. »Das Zeitalter Ludwigs XV.«, ein nachgelassenes Werk des Abbé Arnoux Laffrey »Das Privatleben Ludwigs XV.« von Mouffle d'Angerville (London 1781, 4 Bde.). Neudruck (2 Bde.) unter dem falschen Namen Arnoux Laffrey. (Arbelet.) und die drei ersten Bände der Russischen Geschichte von Lévesque »Geschichte Rußlands«, Paris 1782, 5 Bde. (Arbelet.) mitgebracht. 7. Prairial (28. Mai). Ich habe fünfundzwanzig Tropfen Ipecacuana und ein Tropfen Brechweinstein eingenommen, mich aber nur einmal leicht übergeben. Ich lese Cäsars Feldzüge in der Übersetzung von Baudrecourt. Beim Buchhändler Antoine auf dem Platz in der Oberstadt habe ich mir den ersten Band von Goldonis Lustspielen geliehen, in dem » Gli amori di Zelinda e Lindoro « steht. 14. Prairial. Jeden Abend Fieber. 15. Prairial (4. Juni). Martial hat mir einen Brief meines Obersten Le Baron an ihn geschickt, mit dem Befehl für mich, zum Regiment zu gehen. Ich habe Martial gebeten, an Herrn Daru zu schreiben, und dem Obersten geantwortet, ich würde zum Regiment nach Savigliano in Piemont gehen, sobald mein Zustand es erlaubte. Die Art, wie die beiden Schreiben Le Barons abgefaßt sind, hat mich eine Weile niedergedrückt. Ich habe keinen, der mir riete, keinen Freund, und bin von dem langen Fieber geschwächt. Trotzdem habe ich meinen Entschluß gefaßt, in der Überzeugung, daß ich es durch Dreistigkeit und Beharrlichkeit noch zum Adjutanten des Generals Michaud bringe. Beyle fungierte zwar schon seit 1. Februar 1801 als Michauds Adjutant, wurde es aber nie offiziell. Am 1. Complémentaire (siehe S. 220) mußte er wieder zu seinem Regiment zurück. Diesen Erfolg werde ich dann wie alle andern nur mir zu danken haben. Ich habe beschlossen, eine ähnliche Medizin zu nehmen wie die, welche ich vor sechs Tagen ausgespieen habe. 17. Prairial. Die Medizin hat gewirkt; ich glaube, das Fieber läßt nach. Morgen nehme ich meine Fechtstunden wieder auf. Ich habe die Übersetzung von »Zelinda und Lindor« halb fertig. 18. Prairial. Nach der Fechtstunde habe ich einen Ritt rings um die reizende Bergkette gemacht, an die Bergamo angeklebt ist. Eine herrliche Gegend mit bezaubernden Aussichten. 20. Prairial. Ich nehme seit gestern stets zwei Chinintabletten. Das Fieber ist nur noch schwach. Seit heute nehme ich Unterricht auf der Klarinette beim Musikmeister der 91. Halbbrigade. Er scheint mäßig zu sein. 23. Prairial (12. Juni). Um ein Uhr früh die Übersetzung von »Zelinda und Lindor« beendet. Die Übersetzung befindet sich in der Bibliothek von Grenoble. (Arbelet.) Immer noch schwaches Fieber. Ich will morgen ein Purgiermittel nehmen. Ich habe meinen Klarinettenlehrer entlassen; er taugt nichts. Die italienische Armee D. h. die französische Armee in Italien. besteht nicht mehr. Die Truppen in der Zisalpinischen Republik werden von einem Generalleutnant, sechs Divisionsgeneralen und zwölf Brigadegeneralen befehligt. Gespielt wurde ein ausgezeichnetes Stück von Kotzebue »Die Zwillingsbrüder oder der Arzt als Versöhner«. Eine Bearbeitung der »Beiden Klingsberge« von Weiß, Faugres und Pakrat. Sanfte Sitten, reine Moral, natürliche Gefühle im Stil Geßners, geschlossene Handlung. 27./28. Prairial. Ich habe mit dem General Michaud große Spazierritte gemacht. Die Umgegend von Bergamo ist wirklich das schönste, was ich gesehen habe. Die bewaldeten Höhen hinter Bergamo sind das köstlichste, was sich denken läßt. Der General Brunet Brigadegeneral (1765–1824). ist mit seinem Adjutanten zum Besuch des Generals Michaud gekommen. Er ist räuberisch, eitel, dumm und schwatzhaft: sein Adjutant ist ein taktloser Schwätzer und scheint die Syphilis gehabt zu haben... (Brescia) 3. Messidor (22. Juni). Nach siebenstündigem Ritt sind wir in Brescia angelangt... 13. Messidor (2. Juli). Einen italienischen Lehrer genommen. Immer noch Fieber. 15. Messidor (4. Juli). Gespielt wurde ein fünfaktiges Stück des Venezianers Carlo Gozzi: » La Donna contraria al consiglio «. Es wäre ein hübscher Stoff für eine komische Oper... Ein schwerfälliger deutscher Liebhaber, ein flatterhafter Franzose, die Frauencharaktere, die eine leichtsinnig, die andre langsam und einfältig, der luftige, geistreiche Bediente, der als venezianischer Philosoph auftritt – das alles gibt dem Stück Abwechslung. Das Thema ist zwar etwas abgedroschen, aber die Einzelheiten könnten gut wirken. 18. Messidor (7. Juli). Ich gehe bis zum 20. nach Cremona. Ein großes Nest, in dem man vor Langeweile und Hitze umkommt. 23. Messidor (12. Juli). Gespielt wird ein gutes Lustspiel von Albergati: Der Marchese Albergati-Capacelli (1728-1804) in Bologna war ein Nacheifern Goldonis. » Il sagio amico «. Wenn man es übersetzte, wie es ist, hätte es in Frankreich Erfolg. Gespielt wird »Ariodant«; daraus ließe sich wohl ein schönes Trauerspiel machen. Eine Episode aus Aliost, von Simon Mayr in Musik gesetzt. Vgl. Stendhals › Vie de Rossini ‹ , 20 ff. Im »Inventar seiner Brieftasche« gibt Stendhal eine Tragödie dieses Titels in 5 Akten an. (Arbelet) Jeden Abend um elf Uhr habe ich leichte Fieberanfälle. Genießen wir das Leben. Unsre Stunden sind gezählt; auch die Stunde, wo ich schwermütig war, bringt mich dem Tode näher. Arbeiten wir, denn die Arbeit ist die Mutter des Vergnügens, aber seien wir nie schwermütig. Überlegen wir, ehe wir handeln; ist der Entschluß gefaßt, so ändern wir ihn nie. Mit Beharrlichkeit erreicht man alles. Schaffen wir uns Talente an; eines Tages würde ich die verlorene Zeit bedauern. Ein großer Trost liegt darin, daß man nicht alles auf einmal genießen kann. Man bekommt eine große Vorstellung von sich, wenn man sich in einigen Dingen überlegen sieht. Man vergleicht sich mit denen, die weniger leisten, fühlt sich ihnen überlegen und ist dann tief beschämt, wenn man sieht, daß sie in irgendeiner Sache Erfolg haben, auf die sie sich besonders geworfen haben. Es wäre zu grausam, wenn ein Mensch in allen Dingen überlegen wäre. Ich weiß nicht mal, ob das offenbare Glück, das daraus entspränge, nicht bald durch Langeweile getrübt würde. Trotzdem muß man nach dieser Überlegenheit trachten. Sie ist zwar nie absolut, aber doch mehr oder minder vorhanden und zumeist die Quelle des Erfolges. Zudem gibt sie uns die Zuversicht, die fast stets den Erfolg bedingt. So glaube ich, daß ich eines Tages etwas im Theaterfach leisten werde. Die Entwürfe zu ›Selmours‹, zur ›Modeehe‹, zu den ›Verwechselungen‹, die Idee des ›Nächtlichen Abenteurers‹, die Tragödie ›Der heimkehrende Kreuzfahrer‹ und ›Ariodant‹ scheinen diese Hoffnung zu rechtfertigen. Dramenpläne Beyles. Mein stets reger Geist läßt mich stets nach einer Belehrung suchen, die diese Hoffnungen rechtfertigen kann. Sobald sich eine Gelegenheit zu Belehrung oder Unterhaltung bietet, muß ich daran denken, daß ich Weltkenntnis lerne, um mir den rechten Genuß auszusuchen, Wie kann ich mich da wundern, daß ich Frauen gegenüber linkisch bin und kein Glück bei ihnen habe, daß ich in der Gesellschaft nur dann glänze, wenn ernstlich disputiert wird oder wenn von den Charaktereigenschaften und Leidenschaften die Rede ist, die mein dauerndes Studium bilden! 28. Messidor (17. Juli). Ich habe mein Patent als Leutnant im 6. Dragonerregiment erhalten. Das am 5. Messidor (24. Juni 1801) ausgestellte Patent bestätigte Beyles am 1. Brumaire des Jahres IX (23. Oktober 1800) erfolgte vorläufige Ernennung zum Leutnant im 6. Dragonerregiment durch den damaligen Divisionsgeneral Davoust. Man muß sehr mißtrauisch sein; der Durchschnitt der Menschen verdient es nicht anders; aber man darf sein Mißtrauen nicht zeigen. 2. Fructidor (20. August). Wenn eine Reise lehrreich sein soll, muß sie ein Urteil über die verschiedenen Dinge sein, die man gesehen hat. Als ich nach Italien kam, kannte ich Frankreich nicht. Nutzen kann ich von meiner Reise also erst haben, wenn ich Frankreich oder irgendein anderes Land kenne und Vergleiche ziehen kann. 1. Complémentaire IX (18. September 1801). Ich reite um halb sechs Uhr früh mit meinem Burschen von Brescia nach Bra, esse in Chiari zu Mittag und übernachte in einem elenden Nest. Ich habe Schnupfenfieber. Anmerkung: Das heißt, er kehrte zu seinem Regiment zurück, da nach einer Verfügung des Kriegsministers alle Adjutantenstellen nur mit Oberleutnants besetzt werden sollten. Die Order seiner Ablösung vom selben Tage lautet: Französische Republik. Hauptquartier Brescia, Zisalpinisches Korps. 1. Complimentaire IX. 3. Division. Der Divisionsgeneral Michaud befiehlt dem Bürger Henri M. Beyle, Leutnant im 6. Dragonerregiment, morgen Brescia zu verlassen und zu seinem Truppenteil in Savigliano im Departement Tanaro in Piemont zurückzukehren. Zu diesem Zweck ist ihm vom Kriegskommissar eine Marschroute auszustellen. Michaud Unter diesen Befehl schrieb der General den Zusatz: Der General Michaud, Kommandeur der 3. Division, bescheinigt, daß der Bürger Henri M. Beyle; Leutnant im 6. Dragonerregiment, bei ihm die Stelle eines Adjutanten vom 12. Pluviose IX (1. Februar 1801) bis auf diesen Tag bekleidet hat und daß er nur seine volle Anerkennung über die taktvolle und vorzügliche Art aussprechen kann, mit der er dauernd seinen Dienst erfüllt hat. Er benutzt den Zeitpunkt seiner Rückkehr zu seinem Truppenteil, um ihm dies Zeugnis seiner Achtung und Freundschaft sowie seiner Zufriedenheit mit seiner ausgezeichneten Führung auszustellen Michaud. 2. Complémentaire. Um acht Uhr verlasse ich meine elende Herberge, esse in Cassano zu Mittag und fahre in einer Sediola in zwei Stunden nach Mailand... [Mailand], 3. Complémentaire. Ich suche, den Wundarzt Dr. Gonel, einen Freund des Generals Michaud, auf. Abends prächtige Aufführung. ›II Mercato di Monfregoso‹ Von Zingarelli (1793). ist gewiß die hübscheste Oper, die ich in Italien gehört habe, sowohl die Musik wie der Gesang. ›Cleopatra‹ ist ein prachtvolles Ballett, das anderthalb Stunden dauert. 1. Vendémiaire X (25 September 1801). Der Minister Petiet Claude Pétiet (1749–1806), damals Statthalter der Lombardei. Beyle war an ihn empfohlen worden und hatte 1800 bei ihm in der Casa Bovara gewohnt und gearbeitet. (Arbelet.) gibt einen großen Ball im Palast der Consulta. Morgens Parade vor dem General Murat. Damals Höchstkommandierender der Truppen in Italien Abends ist das Theater taghell erleuchtet; nachher Maskenball. Um Mitternacht war das Gedränge so groß, daß man keinen Schritt weiter kam. Feuerwerk auf dem Foro Bonaparte. Die Esplanade des von Napoleon geschleiften alten Kastells der Sforza. 4. Vendémiaire. Um halb fünf Uhr früh fahre ich auf dem Bock einer Vettura nach Tortona. Mein Bursche kommt mit den Pferden nach. Am Mittag sind wir in Pavia. Um zwei Uhr fahren wir auf einer gedeckten Brücke über den Tessin und kurz danach auf einer Schiffbrücke über den Po. Um acht Uhr kommen wir endlich in Boghera an. Wir hatten große Angst, überfallen zu werden. 5. Vendémiaire. Um halb fünf Uhr fahren wir von Boghera ab. Die Straße nach Tortona ist schön; man hat fast stets einen Blick auf die Berge. Die Reisenden werden oft angefallen. Um sieben Uhr bin ich in Tortona angelangt. Die Stadt liegt am Fuß einer Anhöhe, auf der eine starke, jetzt völlig geschleifte Festung liegt. Mittags reise ich weiter nach Alessandria. Die Straße ist kaum ein Weg. Die Gegend ist stets voller Räuber, da sie leicht in die Berge fliehen können. Drei Stunden jenseits Tortona sah ich das berühmte Schlachtfeld von Marengo. Man sieht ein paar abgeschlagene Bäume und viele Menschen- und Tierknochen. Die Schlacht fand vor fünfzehneinhalb Monaten statt Am 14. Juni 1800. Sie machte Napoleon zum Herrn der Lombardei. ... 6. Vendémiaire. Ich verlasse Alessandria um sechs Uhr. Ein Vetturino fährt mich nach Asti. Die Straße ist recht malerisch. Man kommt durch eine lehmige Ebene, die im Winter oder bei Regen unpassierbar ist. Abends lange ich in Asti an. (Bra,) 7. Vendémiaire. Ein Vetturino fährt mich für einen Louisdor nach Bra, wo ich um sechs Uhr ankomme. Ich gehe sofort zum Major Remy, der die beiden Schwadronen in Bra befehligt. Mein Kapitän Debelle ist auf Jagd. Er war ein Landsmann Beyles aus Boreppe bei Grenoble. Ich esse mit den Offizieren. 10. Vendémiaire. Ich gehe mit dem Kapitän Debelle auf die Jagd. Ich durchschreite bei großer Hitze einen Arm der Stura. Die Folge ist eine achttägige Kolik mit furchtbaren Schmerzen. Man setzt mir Blutegel an. Ich nehme Chinin und Opium, was mich wieder hochbringt. Ich habe nur noch Schmerzen infolge der Syphilis Diese Seuche, die sich Beyle wohl schon 1800 in Mailand zugezogen hatte, erklärt seine scheue Zurückhaltung vor dem weiblichen Geschlecht in jener Zeit. und des Quecksilbers. 1. Brumaire (23. Oktober). Der Major Remy erhält Befehl, am 3. mit den zwei Schwadronen nach Fossano zu marschieren. Ich verlasse Bra gern, denn das Nest hat nichts als seine hübsche Lage. Wir haben gar keine Geselligkeit und nur ein Billard im Orte. Heute bin ich ein Jahr Dragonerleutnant. Ich beginne meine Dienstvorschrift zu studieren. 3. Brumaire. Acht Uhr früh von Bra abmarschiert und um ein Uhr in Fossano angelangt. 4. Brumaire. Um acht Uhr nach Saluzzo. Ankunft um zwei Uhr. Ich bin ganz erschöpft. (Saluzzo,) 5. Brumaire. Ich habe Fieber und große Atemnot. Ich schicke zu Herrn Depetas, dem vorzüglichen hiesigen Arzt, der mir ein Brechmittel gibt. Ich werde dreimal zur Ader gelassen. Am 3. waren mir schon zehn Blutegel gesetzt worden. Nach einer starken Schwitzkur stehe ich am 16. wieder auf und bin hergestellt. 18. Brumaire (9. November). Die Glocken in Saluzzo läuten zur Feier des 18. Brumaire Napoleons Staatsstreich 1799. und des Friedens mit England. Die Stadt liegt halb auf einer Anhöhe, halb an ihrem Fuße in der Ebene. Fast alle Läden sind in den Laubengängen auf dem Marktplatz, wo viel Leben herrscht. Der Aufstieg von der Unterstadt zur Oberstadt ist ziemlich steil. Einige Straßen steigen in vielen Windungen sanft an; kleine Treppenwege fuhren schnurgerade aufwärts. Die Familie der alten Markgrafen von Saluzzo lebt noch. Mein Quartierwirt, Graf Benevello della Chiesa, hatte in erster Ehe eine Tochter dieses Geschlechts zur Frau. Jetzt sind 250 Invaliden im Schlosse untergebracht; die Offiziere wohnen in guten Bürgerquartieren. 18. Frimaire (9. Dezember). Stets krank oder rekonvaleszent. Ich werde noch zweimal zur Ader gelassen. Schließlich geht es mir besser. Heute morgen las ich die Odyssee in der Übersetzung von Bitaubé (1785) Beyles Schulpreis; s. Seite 147. zu Ende. Ich fand, daß Penelope ein vorzüglicher Stoff zu einem Trauerspiel ist. In dem »Verzeichnis seiner Brieftasche« figuriert tatsächlich eine fünfaktige Verstragödie »Odysseus«. (Arbelet.) Der große Vorteil liegt darin, daß man schöne Charaktere zu entwickeln hat, die allgemein bekannt sind ... Eine Komödie über die Neugier schreiben. In Brescia sah ich ein italienisches Stück dieses Inhalts. Es war eine Gesellschaft von Freunden, die sich bisweilen in einer Privatloge trafen und die Frauen ausschlossen, um ungestört zu sein. Mit Hilfe einer schlauen Kammerzofe setzten ihre Frauen alles in Bewegung, um zu erfahren, was sie dort trieben. 19. Frimaire. Einer Frau einen hohen Begriff von seiner Einsicht zu geben, ist ein sicheres Mittel, um sie kirre zu machen. Helden haben Anfälle von Furcht, Feiglinge Anwandlungen von Mut und tugendhafte Frauen haben schwache Stunden. Die Kunst besteht darin, diese zu erkennen und zu erfassen. Fast alles Unglück im Leben kommt von den falschen Vorstellungen, die wir uns von dem machen, was uns zustößt. Gründliche Menschenkenntnis und richtige Beurteilung der Ereignisse ist also ein großer Schritt zum Glück. 21. Frimaire (12. Dezember). Nach einer Aussprache mit Herrn Depetas, den ich für einen vorzüglichen Arzt halte, scheint mein gewöhnliches Leiden Schwermut ( ennui ) zu sein. Viel Bewegung, viel Arbeit und nie Einsamkeit werden mich heilen. Ich glaube, ich werde mein Leben lang gut tun, viel zu handeln. Herr Depetas fand an mir Symptome von Heimweh und Melancholie. 29. Frimaire (19. Dezember). Ich habe jeden Abend Fieber und erwarte mit Ungeduld meinen Erholungsurlaub. Beyle langte um die Jahreswende 1801/02 in seiner Vaterstadt Grenoble an und war am 15. April 1802 wieder in Paris. Tagebuch aus Paris und Marseille (1802-1806) Savigliano, Das Ortsdatum ist fingiert, da das Regiment in Savigliano stand. Beyle war damals in Paris. Vgl. Anhang, Nr. 2. 1. Thermidor X (20. Juli 1802). 6. Dragoner-Regiment. Ich Unterzeichneter, Leutnant im 6. Dragoner-Regiment, erkläre, daß ich meinen Abschied im genannten Regiment einreiche. H. Beyle. 10. Thermidor X (29. Juli 1802). Ich bin verliebt in Adele. Rebuffet. Siehe S. 161, Anm. 3. Sie gibt mir tausend Zeichen der Bevorzugung. Sie schenkt mir Haare von sich. Brumaire XI. Ich habe nur einen Monat (englischen) Unterricht bei Dowtram genommen. Seit dem 16. Messidor habe ich einen irischen Franziskaner Jecki als Lehrer. 20. Brumaire XI (11. November 1802). Seit dem 20. Vendemiaire lerne ich lediglich Englisch. Das soll bis zum 1. Frimaire dauern, wo ich Griechisch anfangen will. Ich erkläre Shakespeares »Hamlet«. 27. Nivose XI (17. Januar 1803). Der große Fehler von Voltaires Helden ist der, daß sie mir zu sagen scheinen: »Aufgepaßt! Jetzt werde ich ein schönes Wort sagen, eine schöne Tat tun!« Das ist ein Verstoß gegen die schöne Natur. Der wahre Held vollbringt seine schöne Tat, ohne zu ahnen, daß sie schön ist (oder doch ohne sie für so erhaben zu halten, wie die Nachwelt es tun wird). Er findet sie recht und vollbringt sie oft mit Überwindung. Je mehr Opfer er der Gerechtigkeit bringt, desto schöner erscheint er uns. Also ist Brutus der größte Mensch. 21. Pluviose (10. Februar 1803). Ich muß mir viel Zeit zum Arbeiten zu erübrigen suchen. Darum muß ich mich befleißigen, so wenig Zeit wie möglich mit Nichtigkeiten zu verlieren. 29. Ventose (20. März). Was ist mein Ziel? Den Ruhm des größten französischen Dichters zu erringen, nicht durch Ränke wie Voltaire, sondern durch wahres Verdienst. Zu dem Zweck: Griechisch, Lateinisch, Italienisch, Englisch können. Meinen Geschmack nicht nach meinen Vorgängern bilden, sondern durch Analyse, indem ich herausfinde, wie die Dichtkunst den Menschen gefällt und soviel wie möglich gefällt. Das ist eine Aufgabe für ein langes Leben. Die Menschen in der Geschichte und in der Welt studieren. Ein Lustspiel und ein Trauerspiel schreiben, um mich in der Welt durchzusetzen, Vertrauen in mein Talent zu bekommen und die Verse zu meistern. Dann Philosophie für den Rest meines Lebens. Keine vornehme Dame lieben, denn dann würde ich den kürzeren ziehen; zudem wäre es Zeitverlust. Nicht vergessen, daß das Einzige, worin man im Stil streben muß, die Klarheit ist. 7. Floreal (27. April). Will ich in der Gesellschaft Erfolg haben, so muß ich alles analysieren, was dort geschieht. Dann werde ich finden, daß die Kunst zu erzählen und nie von sich zu sprechen, fast den liebenswürdigen Menschen ausmacht. 8. Floreal. Es wäre möglich, daß der gesamte Zustand der Menschen und Dinge von heute so günstig wie nie für einen Mann wie Molière oder Corneille ist. 25. Floreal (15. Mai). Ich muß von einer Sorglosigkeit ohnegleichen sein, weil ich nicht gleich die »Zwei Menschen« schreibe. Die Verskomödie »Letellier«, an der Beyle zehn Jahre arbeitete, ohne sie je zu vollenden. Ein Stück daraus ist in Stendhals »Journal« (1899) ans Licht gezogen worden. Mir fehlt es an allem. Ist dies Stück fertig, so habe ich alles im Überfluß. Gesellschaft, Geld, Ruhm, nichts wird mir fehlen. 4. Pairial (27. Mai). Wäre ich reich, eine Reise durch Frankreich machen und mich in jeder Stadt ein halbes Jahr aufhalten. Grenoble als eine dieser Städte betrachten. 6. Thermidor (25. Juli). In der Moral ist die Frauenliebe ein sehr kleines Übel. Alle großen Griechen waren Lebemänner. Diese Leidenschaft deutet bei einem Manne auf Energie, ohne die es kein Genie gibt. Das Urteil Bonapartes: Das ist ein Mann, der Dirnen hat. Schwach ist eine Frau, der man einen Fehltritt vorwirft und die ihn sich selbst vorwirft. 15. Thermidor (3. August). Die Neugier bedeutet in der Liebe viel. Ich, der durch das Zeichnen gelernt hat, die Nacktheit unter den Kleidern zu suchen und sie mir deutlich vorzustellen, bin also weniger für Liebe empfänglich als ein andrer. Eine geistreiche Frau bemißt ihren Widerstand nach dem Grade des Müßiggangs ihres Liebhabers. 12. Fructidor (30. August). In der Menschenkenntnis fehlt es mir vor allem an Feinheit. Ich weiß zwar, daß eine bestimmte Leidenschaft die und die Wirkung hat, aber ich weiß an einem Menschen, den ich in Gesellschaft treffe, nicht alle ihn beseelenden Leidenschaften zu entdecken. Zudem macht die verdammte Sucht zu glänzen, daß ich mich mehr damit befasse, einen tiefen Eindruck zu hinterlassen, als die andern zu erraten. Ich beschäftige mich zu sehr damit, auf mich selbst zu achten, um Zeit zur Beobachtung andrer zu finden. Der Philosoph kann die Schilderung der Kraft seiner Leidenschaft durch diesen Gedankengang verstärken: »Ich weiß, um stets geliebt zu werden, müßtest du meiner Leidenschaft nie ganz sicher sein. Aber ich kann dich täuschen; ich fühle, daß ich nicht mehr lieben kann.« Die Liebe ist ein Kampf zwischen Stolz und Hoffen. Fühllos ist eine Frau, die den, welchen sie lieben muß, noch nicht gesehen hat. [Grenoble,] 3. Ventose XII (23. Februar 1804). Ich bin am 5. Thermidor XI (24. Juli 1803) in Grenoble angekommen und verlasse es jetzt. Die Abreise erfolgte erst am 29. Ventose (20. März). Siehe Correspondance I, 81ff. Ich habe meine Familie nicht so gefunden, wie ich sie mir in Paris ausmalte (Pauline ausgenommen). Sie liebt mich zwar, aber nicht mit jener himmlischen Liebe, die ich mir vorstellte. [Grenoble,] 9. März 1804. Ich glaube, ich werde gut tun, die Gerichtsverhandlungen in allen Ländern, in denen ich sein werde, zu verfolgen. Da kann man die Menschen studieren, und wenn ich je einen Beruf ergreifen müßte, werde ich Advokat. Wenn ich vom Denken ermüdet bin, müßte ich sofort eine Zerstreuung finden. [Paris,] 19. Germinal (9. April 1804). Beyle war kurz vorher nach Paris zurückgekehrt, und zwar mit einem Umweg über Genf. Das Tagebuch dieser Reise (mit seinem späteren Schwager Mallein, Alphonse Périer und Felix Penet) ist in der »Revue critique« vom 13. März 1913 veröffentlicht, aber belanglos. Ich fühle mich vernünftiger als bei meinem letzten Aufenthalt, und somit werde ich glücklicher sein. Das verdanke ich der Erfahrung, die ich in Grenoble gemacht habe. Da habe ich den Menschen in der Natur und nicht mehr in den Büchern gesehen. Diese Zerstreuung für Herz und Verstand wird mir auch as a Bard Als Dichter. zugute kommen. 24. Germinal Von dem Worte Freund hatte ich mir recht falsche Begriffe gemacht. Ich wünschte mir einen einzigen Freund, aber er sollte für mich alles sein, wie ich für ihn. Dazu ist der Mensch nicht vollkommen genug. Ich muß mich darauf beschränken, die Eigenschaften, die ich bei einem vereinigt wünschte, unter allen meinen Freunden verstreut zu sehen. Hier folgt eine Liste seiner Freunde und Bekannten, unter denen er Mante und Cardon als true friends (treue Freunde) bezeichnet, ferner Crozet, de Barral, Martial Daru u.a. Zudem kann ich in Paris nicht zuviel Verkehr haben. Nichts ist leichter, als sich gut mit einem Menschen zu stehen, den man nur einmal im Monat sieht. 27. Floreal (17. Mai). Es ist recht töricht, sein Glück in entgegengesetzte Genüsse zu setzen. Ich will arbeiten und in Gesellschaft gehen. Das ist völlig unvereinbar. 21. Prairial (10. Juni). Um in der Gesellschaft wohl gelitten zu sein, darf man nicht allein leben. Um erhabene Werke zu schaffen, muß man nur für sein Genie leben, es ausbilden, pflegen, verbessern. 9. Messidor (28. Juni). Es gibt Menschen, die mich in Verlegenheit setzen und mit denen ich nicht natürlich sein kann, so Faure und Boissat. Das liegt wohl daran, daß ich fühle, daß meine natürliche Art ihnen nicht zusagt, und doch Wünsche ich ihnen zu gefallen. Unselige Eitelkeit! Sie macht, daß ich, um gefallen zu wollen, weniger gefalle. Gehe ich in Gesellschaft, so muß ich an den ersten Tagen nichts sagen, bis ich die Kraft habe, natürlich zu sein. Versuchen, ich selbst zu sein; das ist das einzige Mittel, um zu gefallen. Harmlosigkeit und Offenheit sagen mir täglich mehr zu. Ich bin in La Fontaine verliebt. 19. Messidor (8. Juli). Heute, am Sonntag, stelle ich mehrere Betrachtungen über das Glück an: 1. In meiner Unterhaltung, ausgenommen mit Mante, Fortuné Mante war 1781 in Grenoble geboren. stets scherzen. Daran muß ich mich gewöhnen. 2. Bei einem Volke, dessen herrschende Leidenschaft die Eitelkeit ist, vermag ein geistreiches Wort alles. Mich also gewöhnen, nie aus Leidenschaft zu handeln, sondern stets kaltblütig sein. 3. Diese Gewohnheit auch bei Kleinigkeiten annehmen, beim Gehen auf der Straße, beim Betreten eines Cafes, beim Abstatten eines Besuches. Deswegen braucht man keine kalte Miene zu haben, im Gegenteil! Um das zu erreichen, mir Halt gebieten, sobald eine Leidenschaft mich beherrscht. Stets daran denken, daß die Leidenschaften uns verzehren und daß die Neigungen uns belustigen. Zu meinem Glück habe ich frühzeitig meine Richtung bekommen. Seit meiner zartesten Kindheit, soweit ich zurück denken kann, wollte ich Lustspieldichter werden. Alle Tätigkeit meines Leibes, meines Kopfes und meiner Seele war auf dies Ziel gerichtet. Ich bin nicht hin- und hergerissen worden, wie es Brissot von sich sagt. Ein französischer Revolutionär (1754–1793), der es zum Parteiführer im Konvent brachte, aber guillotiniert wurde. Das muß mir die größte Anlage zum Dramatiker gegeben haben, nicht wie Goldoni, der rasch ein Lustspiel von schönem Mittelmaß zusammenschreibt, sondern im Gegenteil in höchster Verfeinerung, in dem Bestreben, in allem das Beste zu leisten und dann die Leiter hinter mir hochzuziehen. 22. Messidor (11. Juli). Wenn ich Tencins Eitelkeit schmeichle, mache ich ihn mir zum Freunde und kann einen der besten Charaktere studieren, die ich je getroffen habe. Er wird zutraulich zu mir sein. 23. Messidor, beim Durchlesen meiner Eindrücke. Mein Mangel an Sicherheit kommt von meiner steten Geldverlegenheit. Wenn ich kein Geld habe, wie es oft vorkommt, bin ich schüchtern. Die üble Neigung, mich durch alles verschüchtern zu lassen, ist mir fast zur Gewohnheit geworden. Davon muß ich mich durchaus frei machen. Das beste Mittel wäre, so wohlhabend zu sein, daß ich ein Jahr lang täglich 100 Louisdors in Gold bei mir tragen könnte. Dies goldne Gewicht würde das Übel mit der Wurzel ausrotten. 14. Juli 1804. Herrlicher Tag. Wir gehen zusammen nach den Tuilerien, wo wir bis ein Uhr bleiben. Wir sehen Bonaparte deutlich. Er reitet fünfzehn Schritt an uns vorüber, auf einem schönen Schimmel, in schöner neuer Uniform als Oberst seiner Garde mit schwarzem Hut und Fangschnüren. Er grüßt oft und lächelt. Ein Theaterlächeln, bei dem man die Zähne zeigt, aber die Augen lächeln nicht mit. Als er vorbeikam, rief man: »Es lebe der Kaiser!« aber sehr matt, und noch weniger: »Es lebe die Kaiserin!« Die offizielle Kaiserkrönung fand erst am 2. Dezember 1804 statt. Siehe S. 240. Am 13. war er im Théâtre français in einer Gratisaufführung der »Iphigenie«; er erhielt keinen Beifall. Es wird in Frankreich solange keine Monarchie geben, bis man ihre Uniform mit Stolz trägt. 4. Thermidor (23. Juli). Nach Guiberts Graf Hippolyt Guibert (1743–90), bekannt durch seine Beziehungen zu Fräulein von Lespinasse, schrieb eine »Eloge du Roi de Prusse« (Berlin 1787), deutsch von Zöllner (Berlin 1788). Beyle war zeitlebens ein großer Bewunderer Friedrichs des Großen. Eins seiner Tagebücher trägt die Aufschrift: »Dem festen Willen oder dem Preußenkönig Friedrich.« Wort war Friedrich der Große fast ein künstliches Wesen. Er hatte viele Gewohnheiten bezwungen und viele neue angenommen. Das gleiche zu tun, könnte die Vollendung meiner Werke verdoppeln. Vielleicht brächte es mich auch auf einen großen Grundsatz, den ich sonst nur ahnte. Aber welche Eigenschaften soll ich annehmen? Das ist die Frage. 5. Thermidor. Ich gehe abends in die Oper, die ich seit etwa anderthalb Jahren nicht mehr besucht hatte... 12. Thermidor (31. Juli). In meinen Eindrücken gelesen. Meine Leistungen stinken mich an, nicht meine alten Beobachtungen, die Vorstufen waren, wohl aber meine Verse, meine Prosa als Kunstwerk. Der Grund ist wohl der, daß sie mir eine schlechte Meinung von mir selbst geben. Stets hoffe ich Besseres zu leisten. Ich bin wie einer, der nil actum reputans, si quid supresset agendum . Dem gar nichts geschehen scheint, wenn es besser gemacht werden könnte. 20. Thermidor (7. August). Rückblick. – Ich habe Tencin, Martial und Mante gesehen. Ich bin oft ins Theater gegangen, habe selten an meine alten Luftschlösser von Liebesglück gedacht. Dieser Monat war dem Studium der großen Philosophie gewidmet, um die Grundlagen für die bestmöglichen Lustspiele und die besten Dichtungen überhaupt zu finden und den besten Weg einzuschlagen, der mich in der Gesellschaft zu allem Glück führt, das sie mir geben kann. Ich habe allabendlich etwas Fieber; trotzdem war ich glücklich. Ich wünschte mir für den Rest meines Lebens das gleiche Glück wie in diesem Monat. 3. Fructidor XII (21. August 1804). Martial und ich nehmen die erste Deklamationsstunde bei La Rive. J. Mauduit de la Rive, berühmter Schauspieler und Lehrer der Vortragskunst. 8. Fructidor. Der heutige Tag war so, wie ich mir das Leben vorstellte, als ich ernstlich daran dachte, ein großer Dichter zu werden. Vormittags fruchtbare Arbeit, abends in der größten Gesellschaft. 10. Fructidor. Heute vormittag sagte La Rive zu uns, er fände in Paris keine zwei Schüler mit besseren Anlagen als uns beide. 17. Fructidor (4. September). Man muß die Frauen zum Lachen bringen, indem man ihrem Geist möglichst wenig Arbeit zumutet. Mir diese leichte Art möglichst aneignen und jenen inhaltsreichen Esprit aufgeben, der ermüdet und schwerfällig und pedantisch wirkt. 4. Complementaire XII (21. September 1804). Nachstehend meine Lebenspläne. Sobald ich Herr des Vermögens bin, das mir eines Tages zufällt Durch Beerbung seines Vaters. und mir wahrscheinlich 12 000 Einkommen bringt, eine Hypothek von 100 000 Franken zu 6 v. H. aufnehmen. Ich tue mich mit Mante zusammen, wie wir heute vereinbart haben. Diese Summe wird mir im Durchschnitt 20 v. H. einbringen, von denen ich sechs an Zinsen zu zahlen habe. Bleiben 14000 Franken Jahreseinkommen. Dazu die obigen 12000 Franken, macht 26 000 Franken. Ich habe also als Junggeselle 26 000 Franken Einkommen und werde in der Welt als der Epikuräer und reiche Bankier Beyle dastehen, der zu seinem Vergnügen Verse schreibt. Das ist die glücklichste Lage, in die ich gelangen kann. Ich heirate ein Mädchen mit 19 000 Franken, dann habe ich 45 000 und durch meinen Kredit mache ich mich zum Tribun. Das gibt nochmals 15 000 Franken. Wahrscheinliche Gesamtsumme höchstens 60 000 Franken Einkommen. 3. Brumaire XIII (25. Oktober 1804). Heute abend war ich gegen Penets drei Kameraden zu scharf und nicht humoristisch genug. Diese Art erschreckt; es ist stets mein Fehler bei der ersten Bekanntschaft. 12. Brumaire (3. November). Ich zwinge mich zur Arbeit an der guten Sache, Sein Lustspiel »Letellier«. obwohl ich gar keine Lust dazu habe. Eben habe ich die beste Komödienszene beendet, die ich je schrieb, die dritte des ersten Aktes. Schlaflose Nacht; ich denke viel an den Plan des »Höflings«, eines fünfaktigen Verslustspiels. Ich habe meine Gedanken wieder mal nicht aufgeschrieben und sie vergessen. 29. Brumaire (20. November). Wenn ich Pascal lese, glaube ich, mich selbst zu lesen, und da ich den hohen Ruhm dieses großen Mannes kenne, empfinde ich großen Genuß. Ich glaube, von allen Schriftstellern steht er mir seelisch am nächsten. Nie ein Trauerspiel auf die griechische Mythologie begründen, diese lächerliche Barbarei, die Verbrechen mit Verbrechen straft und in zweihundert Jahren völlig lächerlich sein wird. Der gegenwärtige Komödienstil muß die komischen Züge herausarbeiten, darf sie aber nicht zu bloßem Scherz herabdrücken. Er muß also so natürlich und so wenig erklügelt wie möglich sein. Mir stets die Verhandlungen des Prozesses gegen Moreau Jean Victor Moreau (1761–1813), der Sieger von Hohenlinden, von Napoleon als Nebenbuhler 1804 als Verschwörer angeklagt und nach Amerika verbannt. Beyle nimmt in seinem Tagebuch mehrfach scharf Partei für Moreau und gegen Napoleon. – Wie er hier einen Prozeß als Richtschnur für seinen Stil nimmt, hat er später den Ton seines »Lucian Leuwen« und seiner »Kartause von Parma« am Bürgerlichen Gesetzbuch abgestimmt, »um stets natürlich zu sein«. vergegenwärtigen. Der Stil ist weder elegant noch korrekt, aber stets völlig verständlich. Man sieht, daß der, welcher das Wort führt, das Bestreben hat, verstanden zu werden, und er ist von lebendiger Leidenschaft. Daran muß ich denken und mich zur Ordnung rufen, wenn ich abirre. Im übrigen schreiben, was ich denke und wie ich es sprechen würde; wagen, ich selbst zu sein. 30. Brumaire. Meinen Geschmack von La Harpe und Gagnon Sein Großvater. befreien, indem ich oft die großen Dramatiker lese: Äschylos, Sophokles, Euripides, Shakespeare, Corneille, Alfieri, Racine, Aristophanes, Molière, Goldoni, Plautus. Mein Urteil von Rousseau befreien, indem ich Destutt [de Tracy], Tacitus und Prévost (aus Genf) Pierre Prévost (1754–1839), Übersetzer englischer Werke und Verfasser wissenschaftlicher und philosophischer Traktate. lese. 3. Frimaire (24. November). Sobald ich 50 Louisdors übrig habe und der Friede geschlossen ist, nach London reisen, um Shakespeare aufführen zu sehen. Von Grenoble könnte ich nach Turin fahren, um Alfieris Dramen auf der Bühne zu sehen. Sonntag, 11. Frimaire (2. Dezember 1804), Tag der Kaiserkrönung. Mante und ich haben keinen Sou in der Tasche. Er holte mich um halb acht Uhr ab. Wir gingen ganz einfach nach der Rue Saint-Honoré. Wir sahen sehr gut den Papst und anderthalb Stunden darauf die kaiserlichen Wagen und den Kaiser selbst. Ich dachte den ganzen Tag über dies offenbare Bündnis aller Marktschreier nach. Die Religion sanktioniert die Tyrannei, und das alles angeblich zum Wohl der Menschheit. Ich spülte mir den Mund, indem ich etwas in Alfieris Prosa las. Mittwoch, 21. Frimaire (12. Dezember). Martial führt mich zu Dugazon. Ich bin von diesem tiefen Schauspieler entzückt. Er steht dermaßen über La Rive, daß ein Vergleich gar nicht möglich ist. Die Bekanntschaft mit ihm ist eins der glücklichsten Ereignisse für mein Talent. Il zio Mein Oheim (Daru). hat Beauharnais Napoleons Stiefsohn Eugen Beauharnais (1781–1824), seit 1805 Vizekönig von Italien. gesehen. Er erzählte mir, wie freundschaftlich er ihn empfangen hätte. Darob schwelge ich zwei Stunden in ehrgeizigen Träumen. 1. Januar 1805. Ich lese mit größter Befriedigung die ersten 112 Seiten von Tracy » Eléments d'Idéologie «, Bd. 1, 1801. so geläufig wie einen Roman. Abends habe ich etwas Schmerzen, aber keine schlimmen. Ich lese dabei einen ganzen Band von Voltaires Briefwechsel. Ich bin in Geldverlegenheit, ich muß nach Grenoble. Aber gestern war ich in »Philinte«, Von Fabre d'Eglantine. habe mir Tracy gekauft und werde morgen drei Stunden mit Dugazon, Fräulein Duchesnois Berühmte Tragödin (1777–1835). und Martial verbringen, also bleiben wir in Paris. Meine Lage ist so gut wie möglich, trotz meinem barbarischen Vater, der es zuläßt, daß ich meine Gesundheit durch tägliches Fieber zerrütte, wo etwas Geld mich gesund machen kann. Und dieser Vater kann mich lieben! 17. Nivose (7. Januar 1805). Ich gehe zu Dugazon, ohne zu deklamieren, dann im Straßenanzug zu Pierre Daru, um ihn um 200 Franken zu bitten (die mein Großvater mir geschenkt hat). Ich treffe in der Bibliothek Frau Daru, Martial, Frau Rebuffet und Adele. Man lädt mich mit ihnen zum Essen ein. Ich gehe aber um sieben Uhr fort, obwohl ich gern geblieben wäre. Ich hatte nur 26 Sous in der Tasche und hätte vielleicht eine Droschke bezahlen müssen, um die Damen nach Hause zu bringen. In eine solche Lage bringt väterlicher Geiz einen der hochherzigsten Charaktere. Trotzdem bin ich heute abend zufrieden. Die Aussicht auf die 200 Franken morgen trägt viel dazu bei; ich war heute schlecht angezogen... Was ist ein großer Charakter? Diese Frage ist die erste Frucht der Lektüre von Tracys »Ideologie«. Nur Frauen mit großem Charakter können mich beglücken. Die Mutter Daru überhäuft mich mit Güte. Ich speise bei ihr in einer mein Herz erfreuenden Weise zwischen Martial und Adele. Ich fühle es, als wir uns zu Tisch setzen. Kaum kann ich die Worte zurückhalten: »Sie setzen mich neben das Liebste, was ich habe.« 24. Nivose (14. Januar). Die Freuden der Eitelkeit sind für meine empfindsame und etwas geizige Seele so selten, daß ich mich ganz meiner Liebe zu Viktorine Viktorine Mounier, die Tochter des auf Seite 42 f. genannten Präfekten, Beyle hatte sich wohl während seines Aufenthaltes in Grenoble nach der Rückkehr aus Italien in sie verliebt und sie dann in Paris kurz wiedergesehen. »Infolge einer gewaltsamen Trennung«, schreibt er in der Vie de Henri Brulard « (I, 67), »faßten ich und Viktorine keine heftige Leidenschaft für einander, als wir 1803 oder 1804 bei einem Platzregen unter einer Toreinfahrt standen.« Diese »gewaltsame Trennung«, die Ernennung des Vaters zum Präfekten in Rennes, fand aber schon am 13. April 1802 statt. Beyle kam erst am 15. April 1802 nach Paris, und Viktorine verließ es am 15. Mai (Arbelet, Jeunesse , II, 212). An einer andern Stelle der » Vie de Henri Brulard « (II, 34) behauptet Beyle, ihretwegen hätte er seinen Abschied genommen und sei nach Paris »geflüchtet«. Aber das ist spätere romantische Ausschmückung, die auch in seinen beiden Nekrologen (am Schluß dieses Bandes) wiederkehrt; vielmehr ist Beyle mit vollem Einverständnis seiner Familie nach Paris gegangen. Die obige Aufzeichnung zeigt jedoch, daß er noch 1805 an ihr hing und ihr verliebte Briefe schrieb – ungeachtet seiner Liebe zu Adele Rebuffet. und dem Ruhm widmen muß. Aber das wird eines Tages gewiß noch kommen. Ein Jahr Luxus, Genuß und Eitelkeit und ich habe die Bedürfnisse befriedigt, die mein Jahrhundert mir einflößt. Ich kehre zu den wahren Seelenfreuden zurück, die mir nie schal werden können. Aber in jener Zeit der Torheit werde ich meine Schüchternheit überwunden haben, was durchaus nötig ist, damit mein wahres Wesen herauskommt. Bis dahin wird man nur ein beherrschtes, künstliches Wesen sehen, fast das völlige Gegenteil dessen, was in mir steckt. Das merkte ich wohl bei den Briefen, die ich gestern und vorgestern an Viktorine schrieb. Sie waren abscheulich. Sie brachten mein Herz nicht zum Ausdruck, wie es wirklich ist, und ich konnte sie weder verbessern, noch durch Mienenspiel ergänzen. Auch das, was ich hier schreibe – ich fühle es – ist nichts als Phrase. Es ist noch nicht mein klares, ungetrübtes Denken. Dazu muß ich Weltgewandtheit bekommen, und dazu brauche ich Geld. Meine edlen, republikanischen Gedanken: mein Haß gegen die Tyrannei, meine natürliche Neigung, falsche Biedermänner zu durchschauen, meine Unklugheit, zu sagen, was ich in ihrer Seele lese, und die Energie, die man in der meinen sieht, die angeborne, oft schlecht verhehlte Ungeduld gegenüber allem Mittelmäßigen. 28. Nivose (18. Januar). Ich dachte eben zwei Stunden über das Benehmen meines Vaters nach, denn meine Gesundheit wird seit sieben Monaten durch starke Fieberanfälle untergraben. Ich habe mich nicht kurieren können, denn erstens hatte ich kein Geld, um den Arzt zu bezahlen, und zweitens wäre es zwecklos, ja selbst schädlich, den Körper durch Arzneien anzustrengen, um eine Krankheit zu vertreiben, die ich mir allein durch meine Armut hätte zuziehen können, selbst wenn ich sie nicht schon vorher gehabt hätte. In dieser schmutzigen Stadt habe ich stets die Füße im Wasser, keine Stiefel und friere auf alle mögliche Weise, weil ich kein Brennholz und keine Kleider habe. Dazu nehme man all die inneren Demütigungen und die stete Sorge in meinem Leben, wo ich oft nur zwanzig, zwölf, vier Sous oder gar nichts in der Tasche habe, und man hat den rechten Begriff davon, in welcher Lage dieser »tugendhafte« Mann mich läßt. Man berechne die Wirkung eines achtmonatlichen schleichenden Fiebers, das durch jedes denkbare Elend genährt wird, auf eine Konstitution, die bereits durch Verstopfung und Schwäche im Unterleib angegriffen ist, und man wird mir zugeben, daß mein Vater mein Leben verkürzt. Ohne meine Studien, oder besser, die Liebe zum Ruhm, die in meinem Busen ungewollt keimt, hätte ich fünf- bis achtmal Selbstmord begangen. Er geruht seit über drei Monaten nicht, auf meine Briefe zu antworten, in denen ich ihm mein Elend schildre und um einen kleinen Vorschuß, um mir Kleider zu kaufen , auf meine jährliche Zulage von 3000 Franken bat, die er auf 2400 Franken herabgesetzt hat. Diesen Vorschuß hätte kein Fremder einem Fremden abgeschlagen, der krank und frierend hundertfünfzig Wegstunden von seiner Heimat ist. Ich bat ihn darum im Vendémiaire des Jahres XIII, als er noch die 2400 Franken von meiner jährlichen Zulage in Händen hatte. Nach alledem ist mein Vater gegen mich ein elender Bösewicht ohne Tugend und Erbarmen. Senza virtù ne carità , wie Karoline im » Matrimonio segreto « sagt. Er hatte mir 3000 Franken versprochen, damit ich den Militärdienst verlassen könnte. Und so hält er sein Versprechen. Aus Gründen, die er nicht kennt, mag ich in diesem Entschluß mein Glück gefunden haben. Aber trotzdem ist ein Mensch, der einen wohlgezielten Schuß auf mich abgibt und mich nur deshalb nicht tötet, weil ich gepanzert bin, doch ein Mörder. Diese große Wahrheit gibt mir von Anfang an recht. Wenn man mich nach alledem bezichtigt, ein unnatürlicher Sohn zu sein , so ist das eitles Geschwätz. Nachschrift. – Ich schreibe dies lediglich zum Wohl meiner Kinder und um mich in dreißig Jahren vor Geiz zu hüten. Wirst du nicht im tiefsten Herzen erröten, wenn du dies im Jahre 1835 wieder liest? Bedarf es einer langen Beweisführung? Geh in dich. 14. Pluviose (3. Februar). Seit dem Vierten verbrachte ich die reizendsten Tage bei Dugazon, vielleicht Tage des größten Glückes, die Menschen im ganzen genommen mir bereiten können. Kurz, diese Tage waren göttlich und die glücklichsten, die ich auf Erden verlebt habe. Die Liebe zum Ruhm trägt viel dazu bei. Ich habe Louason Die junge Schauspielerin Melanie Guilbert, die er bei seinen Deklamationsstunden kennengelernt hatte. nach ihrer Wohnung begleitet. Ich habe fast Lust, mich mit ihr anzufreunden; das wird mich von meiner Liebe zu Viktorine heilen. Ich werde mit meiner kleinen Louason alle Freuden der glücklichen Liebe und des Frohsinns auskosten, bis ich nach Grenoble abreise. Aber sie muß eine Seele haben. Viktorine verachtet mich oder hat meine Briefe nicht erhalten. 22. Pluviose (11. Februar). Gestern im Café de la Régence gefrühstückt. Mir ein Beispiel an Shakespeare nehmen. Wie er dahinfließt wie ein alles überschwemmender, fortreißender Strom. Welch ein Schwung in seinem Dahinströmen. Wie breit ist seine Schilderung, ganz Natur. Immerfort wechsle ich bei diesem Großen zwischen zärtlichster Liebe und lebhaftester Bewunderung. Er ist für mein Herz der größte Dichter, der je gelebt hat. Bei allen andern mischt sich stets etwas wortgläubige Schätzung ein; bei ihm fühle ich stets tausendfach mehr, als ich sagen kann. Ich bin im Begriff, eine zärtliche Neigung für sie Louason. zu fassen. Ich bete in ihr die Wollust selbst an, alle wirklichen Freuden der Liebe ohne die Schwermut und das Finstere dieser Leidenschaft. Und dann ist unsre äußere Lage so ähnlich! Ich will sie durchaus zu meiner Freundin machen. Zu lange schon weiß ich, daß ich zu empfindsam bin, daß das Leben, das ich führe, mich mit tausend Dornen zerreißt. Diese Dornen wären durch ein Einkommen von 10 000 Franken zu beseitigen. Vermögen ist für mich nicht in dem Sinne nötig wie für andre, um so mehr wegen meiner übermäßigen Feinfühligkeit, infolge deren mich die Betonung eines Wortes, eine unauffällige Gebärde beseligen oder tief unglücklich machen kann. Das alles verberge ich unter meinem Husarenmantel. Ein Bankunternehmen mit einem so zuverlässigen Freunde wie Mante und ein Einkommen von 6000 Franken wird mich von allen Leiden befreien und mir die Muße geben, alle Freuden dieser Empfindsamkeit zu genießen, von der niemand etwas erfahren soll. Ich bedarf einer Dichterseele, einer Seele wie Sappho, die ich schon nicht mehr zu finden hoffte, aber dann würden wir übermenschliche Wonnen genießen. Also muß ich Louason am nächsten Mittwoch begleiten, zu ihr hinaufgehen und sie mit Zärtlichkeit überhäufen, um ihr zu beweisen, daß ich kein gewöhnlicher Lebemann bin. Der schlimmste Betrug, zu dem die Kenntnis der Frauen führen kann, ist, aus Furcht, betrogen zu werden, nie zu lieben. Am letzten Mittwoch und Freitag, den 17. und 19. Pluviose I spoke of my love. Sprach ich von meiner Liebe. Am 19. ein Augenblick ausgesprochener Rührung, der zum Ziel hätte führen müssen. Alle meine Liebesgespräche waren gespielt, nicht eins war natürlich. Der reine Fleury, den ich ihr vortrug; ich hätte fast das Stück bezeichnen können, aus dem ich jede Gebärde entnahm, und doch liebte ich sie. Traue noch einer dem Augenschein! Wenn ich erst 6000 Franken Einkommen habe, werde ich wagen, in der Liebe ich selbst zu sein. 24. Pluviose, 11 Uhr abends (13. Februar 1805). Alles geht gut. Sie scheint einen großen Charakter zu haben. Aber als sie ihrer Magd gebot, mich hinauszulassen, sah ich ihre Augen leuchten, als wollte sie sagen: »Besessen hat er mich noch nicht!« Freitag, 26. Pluviose. Ich hatte ihr reizende Dinge zu sagen. Als sie bei Dugazon erschien, hatte ich alles vergessen... Wir sprachen mit der Vertraulichkeit zweier großer Seelen, die einander verstehen. Von Zeit zu Zeit blickte sie mich mit leicht verklärten Augen an, ohne etwas zu sagen. Sie sagte mir mit natürlichem Anstand, sie wolle keinen Liebhaber haben, bevor sie kein Engagement hätte, aus Furcht vor einem Kinde. Sie deutete das ebenso zart an, wie dieser Ausdruck grob ist. 30. Pluviose XIII (19. Februar). Sie erzählte mir ihre Lebensgeschichte. Das beweist mir, daß sie eine ebenso empfindsame Seele hat wie ich; denn sie erzählte mir Umstände, die nur eine feinfühlige Seele bemerken kann. Sie heißt Melanie Guilbert und stammt aus Caen... Sie war göttlich, als sie mir ihre Familienverhältnisse erzählte. Ich saß neben ihr, die Hände in den ihren, und blickte ihr ins Gesicht. Ich verlor keine ihrer Mienen. Sie merkte wohl, daß ihre zärtliche Seele Eindruck machte. Nur etwas habe ich ihr vorzuwerfen, aber welche Frau ist nicht etwas gefallsüchtig? Sie war wirklich gerührt, als sie von ihrem verstorbenen Vater erzählte, aber sie trocknete sich zweimal die Augen, obwohl keine Tränen darin waren. Ich raubte ihr zwanzig Küsse und sie sträubte sich nicht allzu sehr; ich glaube, sie liebt mich. Wir haben ausgemacht, daß ich sie Melanie nenne und sie mich Henri. Ich habe sie herzlich geküßt und bin um drei Uhr fortgegangen. Dieser holde Tag und dies Glück, das ich in der Provinz nie fände (Kunst und die zarte Liebe eines geistvollen Mädchens), haben mir nicht soviel Eindruck gemacht, wie sie es vor drei Tagen getan hätten. Ich beginne, mich an das Glück zu gewöhnen. 1. Ventose (20. Februar). Ich fühle, daß in allem, was mich umgibt, nichts Wahres ist als meine Liebe. Elf Uhr. – Ich komme von ihr; ich habe den Abend mit ihr verbracht und möchte bis zum Wiedersehen morgen Mittag ausgelöscht sein. Meine Seele ist zu erschöpft, um niederzuschreiben, was ich heute alles empfunden habe. Alles läßt mich glauben, daß sie mich liebt. Um die Gefühle niederzuschreiben, die Melanie in mir erweckt hat, müßte ich einen frischen Geist und fünfzig Seiten haben. Aber ich bin erschöpft und möchte schlafen. Deshalb kann ich auch nichts von den großen Einblicken in den menschlichen Geist sagen, die mir dieser Tag beschert hat. Mein Empfinden war heute abend so stark, daß ich heftige Magenschmerzen habe. 4. Ventose (23. Februar). Gripoli Einer der Teilnehmer an den Deklamationsstunden. ging mit mir zwei Stunden in den Tuilerien spazieren und erzählte mir von der schrecklichen Wirkung, die meine Art von Geist auf die Menschen hat. Das verknüpft mich noch mehr mit meiner Louason. Sie hat eine Künstlerseele, und ich werde diese Seele lieben, die ebenso zärtlich ist wie die meine. Die Dummköpfe aber werden meine Scherze für kaltblütige Behauptungen nehmen, und da sie meine Seele nirgends erfassen können, werden sie mich für einen gefährlichen und somit bösen Menschen halten. Wenn ich am Leben bleibe, wird mein Wandel beweisen, daß kein Mensch dem Mitleid zugänglicher ist als ich. Die geringste Kleinigkeit bewegt mich und treibt mir die Tränen in die Augen. Immerfort siegt der Eindruck über die Wahrnehmung. Daher vermag ich auch nicht den geringsten Plan zu befolgen. Kurz, es gibt keinen gutherzigeren Menschen als mich. Das alles verdoppelt meine Liebe zu der göttlichen Melanie. Montag, 6. Ventose. Maximum of wit of my life. Maximum an Esprit in meinem Leben. Ich komme von Louason. Ich war zum erstenmal glänzend, aber mit Besonnenheit und nicht mit Leidenschaft. Sie war bezaubert von mir und gab mir leichtes Spiel, ihr eine Erklärung zu machen. Herr von Chateauneuf »Ein schöner Mann von 36 Jahren, von schwerfälligem Geist und ohne jeden Charakter, eine sehr schlechte und sehr kalte Kopie von La Rive, ein dummer Geck«, nennt ihn Beyle an andrer Stelle. kam zu ihr; ich begrüßte ihn sehr höflich; er erzählte uns sein Leben; seine Unterhaltung ist langsam und trocken auch bei den schönsten Gegenständen. Ich riß alsbald das Gespräch an mich und kam vom Hundertsten aufs Tausendste, mit einer Gewandtheit, die mich selbst erstaunte. Nachdem ich meinen Mann durch alle denkbaren Gesprächsstoffe gehetzt hatte, brachte ich ihn auf Alfieri. Er hat ihn gut gekannt und einen Monat bei ihm gewohnt. Da erwachte meine Begeisterung für diesen Großen. Schließlich fragte er mich nachlässig, als ob er ein Nein erwartete: »Können Sie Italienisch?« »Si, lo capisco molto, sono stato tre anni in Italia«, entgegnete ich in der besten Aussprache. Sein Gesicht drückte lebhafte Überraschung und Freude aus. Ich war für ihn schön bis zur Erhabenheit und beginne überhaupt erhaben zu werden. Louason hörte aufmerksam zu. Dann sagte er mir das prachtvolle Sonett Alfieris auf, dessen tiefe Wahrheiten in eine prunkhafte, gefühlvolle Sprache gekleidet sind. Ich ließ mein Gefühl hervorbrechen: es war der Ausdruck der lebhaftesten Bewunderung. »Wenn Sie fortfahren«, sagte Louason zu ihm, »so wird er verrückt...« Das war zweifellos der schönste Tag meines Lebens. Ich kann größere Erfolge haben, aber nie mehr Begabung entwickeln. Das ist das erstemal, daß ich mein Talent in diesem Maße an mir sehe – gewiß ein Anlaß zu einer Freude der Eitelkeit! Wohlan! Ich fühlte es gestern und fühle es noch heute: ich bin völlig unfähig dazu. Nur die Liebe macht mir die Erinnerung an diesen Tag so hold. Ich wünsche nichts als das Liebesglück bei Melanie. Alles andre hat wenig zu sagen. Am Abend war ich völlig erschöpft und zu nichts fähig. Ich müßte eine Gesellschaft haben, in der ich mich ausruhen könnte, ein Konzert in einem Hause, in dem ich völlig frei wäre. Da ich das nicht habe, ging ich um acht Uhr zu Bett. 9. und 10. Ventose. Gestern und heute sah ich die liebenswürdige Melanie. Meine Liebe ist erstaunlich gewachsen. Heute abend war sie mein Leben. Ich glaube, Herr Le Blanc Ein Verehrer Melanies. hält sie keineswegs aus, sondern er ist einfach ein Literat, der mit ihr ihre Rollen bespricht, aber Geheimhaltung verlangt hat. Trifft das zu, welche engelhafte Seele! Sie begriff nicht mal meinen Argwohn, und meine groben Worte können ihr Zartgefühl nicht im entferntesten ausdrücken. Sie liebt mich und will es mir nicht sagen. Ich muß ihr morgen mein Bedauern zeigen. Sonntag, 12. Ventose (3. März). Ich habe rechtes Unglück in meiner Liebe gehabt. Ich konnte abends nicht ins Theater gehen. Ich wollte sie um Verzeihung für meine Indiskretion bitten, denn es war eine, und zwar eine recht dumme. Damit wäre alles beigelegt gewesen, und sie wäre jetzt die Meine. Gestern mittag ging ich zu ihr. Man sagte mir, sie sei ausgegangen. Nachher ging ich zu Herrn de Baure; er empfing mich, als hätte er mich erst gestern gesehen, obwohl ich seit zwei Monaten nicht bei ihm war. Nie habe ich soviel Genuß an der Unterhaltung mit einem geistvollen Manne gehabt. Solch ein Genuß ist wegen des Gegenstandes der Unterhaltung in der Provinz unmöglich. Heute mittag um ein Uhr ging ich klopfenden Herzens wieder zu ihr. »Madame ist ausgegangen.« Es liegt also auf der Hand, daß sie mir heute und wohl auch gestern die Tür verschlossen hat. Morgen darf ich mich nicht im geringsten beleidigt zeigen; sie hat mir eine wohlverdiente Lehre gegeben. Montag, 13. Ventose. Ich glaube fast, sie hat mich nie geliebt oder will mit mir brechen. Ein Kuß, den Wagner Ein deutscher Teilnehmer an dem Deklamationskursus. ihr heute morgen raubte, hat mich fast außer mir gebracht, und doch war es vielleicht nur eine Folge der Schauspielersitten. Was mich in Verzweiflung versetzt, ist, daß sie mich höflich behandelt; keine Vertraulichkeit mehr. Dienstag, 14. Ventose. Ich hatte weder Mut noch Zeit, das folgende am selben Tage zu schreiben, so unglücklich war ich. Ich fühlte alle Qualen einer unerwiderten Liebe, die gräßliche Demütigung, die man in Augenblicken der Wut, der Schwermut und der Tränen empfindet. Wird man danach melancholisch, so ist der Zustand schon erträglicher. Mittags ging ich zu Melanie, vor Erregung fast außer mir. Ich klingle, niemand antwortet. Ich ging zum Pont Royal und verbrachte dort eine halbe Stunde, wohl eine der peinlichsten meines Lebens; meine einzige Ablenkung war, meinen Zustand zu beobachten, und das war eine große Ablenkung. Ich ging nochmals zu ihr; noch niemand da. Ich ging trotz heftigen inneren Widerstrebens zum dritten Male hin. Mir wurde geöffnet, ich trat ein und fand sie mit Chateauneuf. Sie empfing mich mit dem Lächeln, das sie für jedermann hat, und wich meinen Blicken beständig aus. Wenn sie mich ansah, waren ihre Blicke kalt und höflich. Ich merkte ihre Absicht, mit mir zu brechen. Was mich etwas beruhigte, war, daß sie sehr erregt schien. Bald hatten ihre Augen einen feuchten Schimmer und ihr Gesicht war gerötet, bald waren ihre Züge erloschen und totenbleich. Sie war sehr zerstreut. Ich drückte mich gegen ein Uhr, als Herr Le Blanc erschien. Abends sah ich sie im Theater. Ich sah sie in Begleitung von Dusausoir J. F. Dusausoir (1737–1822), ein fruchtbarer Theaterschriftsteller. hinausgehen. Da sie es nicht vermeiden konnte, grüßte sie mich sehr kalt und höflich. Ich war verzweifelt. Ich zerstreute mich, indem ich Fräulein Duchesnois in ihrer Garderobe besuchte. 15. Ventose (6. März 1805). Ich hatte bei Dugazon eine kleine Auseinandersetzung mit ihr. Sie antwortete auf meine Frage ganz natürlich: »Aber es war doch nichts« usw. Nach der Stunde schlug sie mir vor, ins Luxemburg-Museum zu gehen. Ich sagte ihr, es sei jetzt nicht geöffnet, und so vereinbarten wir, den Botanischen Garten zu besuchen. Ich empfand dies Glück nicht so lebhaft, wie ich es an den ersten Unglückstagen getan hätte. Ich war körperlich und geistig erschöpft. Auch legte sie in dies reizende Wort nicht soviel Liebe wie sonst. Wir fuhren also nach dem Botanischen Garten, frühstückten in der reizenden frischen Hütte und durchstreiften den Tierpark und das Treibhaus. Dann kehrten wir zu ihr zurück. Wir waren glücklich, aber ohne den ganzen Liebesüberschwang, den ich manchmal empfinde. Als ich ihr sagte, ich sei um so glücklicher, als ich seit vier Tagen gefürchtet hätte, sie wollte mit mir brechen, verstand sie meine Gründe nicht. Sie sagte, Chateauneuf hätte sie furchtbar gelangweilt, und deshalb hatte sie diese Miene gehabt. Und am Abend im Theater hätte sie mich dreimal gegrüßt, aber ich hätte getan, als sähe ich sie nicht. »Er wird wohl seinen... haben, sagte ich mir.« Ich weiß nicht, welchen Ausdruck sie gebrauchte; sie machte wohl nur eine Gebärde. »Aber dieser kalte, höfliche Gruß?« »Und wie soll ich Sie vor aller Welt anders grüßen?« Beim Abschied ließ sie sich ohne Sträuben küssen. 19. Ventose, 2 Uhr nachts. Heute habe ich zwanzig Stunden gelebt. Dieser Tag war einer der fesselndsten meines Lebens. Macht man bei ihrem Geiste einem ungeliebten Manne soviel Anvertrauungen? Wir haben zwölf Stunden miteinander verbracht. Ich gehe schlafen und segne den Himmel, eine so starkfühlende Seele zu haben. Ich habe an diesem Tage vielleicht mehr gelebt, als Gripoli in einer Woche. 20. Ventose XIII (11. März). Ich muß mein Liebessystem Louason gegenüber völlig ändern. Meine Erfolge dienen mir zur Lehre. Ich muß in Melanies Augen liebenswürdig erscheinen, wie heute in der großen Allee der Tuilerien, und ihr nicht immerfort sagen, daß ich sie liebe. Da ich sie oft unter vier Augen sehe, könnte ich sie damit leicht langweilen. Ich fürchte, zu häßlich zu sein, um von ihr geliebt zu werden. Ich fürchte, daß diese Furcht mich linkisch macht; ich muß sie bezwingen. Ich will ihr also nur bei Gelegenheit von meiner Liebe reden, sie aber stets so zeigen, daß sie sie nicht für erloschen hält. Eins ist klar: ich habe ein großes Mittel, ihr zu gefallen. Ich lese in ihrer Seele wie in einem Buche, und ich lerne täglich besser darin lesen. Ich kenne die Leidenschaften; statt ihr zu sagen, was ich vor einer Stunde oder Viertelstunde dachte – das ist oft sproposito Falsch angebracht, zur Unzeit. – muß ich ihr sagen, was ich im Augenblick empfinde. Die Langeweile, die ich manchmal bei ihr empfinde, kommt von meiner Schüchternheit, infolge deren ich mir das, was ich sagen will, wie ein Buch zurechtlege. Langeweile aber ist ansteckend. Mein Entschluß steht also fest: ihr in jedem Augenblick das zu sagen, was ich denke und fühle, um dabei den Blick auf ihre Seele zu richten. 23. Ventose. Ich fühle es, sie erfüllt meine ganze Seele. Ich habe für nichts anderes mehr Empfindungsvermögen. Ich handle mechanisch; mein Denken ist stets auf sie eingestellt; ich habe sie stets vor Augen. Und da ich zu gewitzigt bin, mich irgendwem anzuvertrauen, ist dies Tagebuch meine einzige Erleichterung. Alles übrige läßt mich kalt. Ich brächte die größten Opfer, ohne sie zu empfinden. Man macht sich im allgemeinen keine richtige Vorstellung von den Opfern, die man im Zustand großer Leidenschaft bringt. Steht es mit den andern wie mit der Liebe, so fühlt der, welcher das Opfer bringt, es nicht. Heute habe ich mir zum erstenmal im Leben Vermögen gewünscht. Bisher war das nur ein unbestimmter Wunsch gewesen, aber heute war er so lebhaft, daß ich mehrere Jahre Bureauarbeit auf mich genommen hätte. Wäre ich bemittelt, so wäre sie heute die Meine geworden, und mein Tag wäre vielleicht hold gewesen, statt ganz trübsinnig zu sein. Der Grund, weshalb ich bei ihr nicht weiterkomme, ist vielleicht der: Ich liebe sie so sehr, daß ich ihren Worten mit Genuß lausche und mich ganz diesem Gefühl hingebe. Selbst wenn mir die Denkkraft verbliebe, hätte ich wahrscheinlich nicht die Kraft, sie zu unterbrechen, um selbst etwas zu sagen. So erringen die wahren Liebenden vielleicht oft die Gunst ihrer Geliebten nicht. Jedenfalls schwelgte ich zu sehr im Genuß meiner Empfindungen und wagte sie nicht zu küssen; das war wohl verkehrt. Ich kenne das Spiel der Leidenschaften so gut, daß ich mich mit beiden Händen festhalten muß, um nicht mißtrauisch zu werden, und nie meiner Sache sicher bin, weil ich alle Möglichkeiten sehe. Alles in allem bin ich ein Schaf; sie hat mich am Sonntag nicht abgewiesen, und gestern und heute habe ich die Gelegenheit verpaßt. Sonntag, 26. Ventose (17. März). Um Mittag kleidete ich mich an. Ich hatte das Gefühl der Langeweile, weil Sonntag ist. Dieser Tag ist mir gräßlich zuwider. Ich ging stolz zu Dugazon: große, schwarze Locken, gute Haltung, Halsbinde, Jabot, zwei prächtige Westen, tadelloser Anzug, Beinkleider aus Kaschmir, Wadenstrümpfe und Schuhe. Es war einer der Tage, wo ich am besten aussah. Mein Auftreten war vornehm und sicher wie das eines Weltmannes. Dugazon hatte mich bis ein Uhr erwartet und war nach Versailles gefahren. Ich ging zu Melanie. Ich war etwas kalt (wahrscheinlich wegen meines Geldmangels). Ich muß ihr etwas gekränkt erschienen sein. Wahrhaftig, ich bin ein Kind! Ich bin zu empfindsam, und bisher hatte ich zuviel Vertrauen in meiner Empfindsamkeit, um liebenswürdig zu sein. Ich bin ein in jedem Sinne unfertiges Kind. Um halb fünf kehre ich tief niedergeschlagen zurück, nicht in düsterer Verzweiflung, aber dem Weinen nahe. Welche Freude hätte ich heute abend im Theater gehabt, aber ich habe kein Geld; selbst die Sorgen am Monatsende trugen zu meiner Trübsal bei... Heute habe ich alle Nachteile der Natürlichkeit erfahren. Ich war unter vier Augen mit ihr und habe ihr nicht von meiner Liebe gesprochen, sie nur zweimal geküßt. Die Zeit verstrich; ich war glücklich. Ich wäre es vollständig gewesen, hätte ich vier Louisdors in der Tasche gehabt. Dann hätte ich die Keckheit gehabt, ohne die es keine Schönheit gibt. Sie las in den Memoiren der Clairon Hippolyte Clairon, französische Tragödin (1723–1803), Ihre Memoiren waren 1799 erschienen. und schien ganz mit ihrer Kunst beschäftigt. Und doch wäre das wohl der erste Moment gewesen, um von meiner Liebe zu sprechen. Doch dazu bedurfte es einer geschickten Wendung und eines gespielten Geistes, ich aber war ganz Seele. Ich zitterte leicht und seufzte. (Das war teils gespielt, ein Herausarbeiten der Natur.) Bei der Heimkehr war ich von dem Gedanken meiner Schüchternheit so bedrückt, daß ich dies nicht zu schreiben wagte. Erst als ich mir sagte, daß meine Liebe ihr lästig gefallen wäre, da sie ganz mit ihrer Kunst beschäftigt war, und daß es vielleicht das beste war, ihr als schüchterner Liebhaber zu erscheinen und daß ich vielleicht nicht so töricht war, als ich anfangs glaubte, lebte ich wieder etwas auf und fand die Kraft, dies zu schreiben. Fortsetzung vom Sonntag, den 26. Ventose. Als ich zu ihr ging, kleidete sie sich an. Ich bin bei solchen Gelegenheiten zu keusch. Ich bin stets ein Saint-Preux. In Rousseaus »Neuer Heloise«. Wir gingen in die Tuilerien. Ich konnte ein glänzendes Witzfeuerwerk sprühen lassen, aber das kann ich nur, wenn es natürlich ist; ich kann es nicht schreiben. Nachher gingen wir in die Champs Elysees. Unsere Unterhaltung war etwas kalt; das ist der Fehler natürlicher Menschen, aber damit erkauft man erlesene Augenblicke. Bei der Rückkehr sprachen unsere Seelen miteinander. Wenn sie hier kein Engagement findet, geht sie nach Marseille. Das ist ein für mich einziger Glücksfall. Ich sagte ihr, wenn sie nach Marseille ginge, so würde ich ihr folgen und ihr Paris zum Opfer bringen. Ich darf mich über den Zufall in Kleinigkeiten nicht mehr beklagen, da er mich in einer so wichtigen Sache derart begünstigt. »Trotzdem«, fügte ich zu ihr, »opfere ich mein Interesse dem deinen, und ich wünschte, du bliebest hier.« Das trifft zu. Unsere Seelen sprachen miteinander, und ich war glücklich. So ist ein natürlicher Mensch und kein Romanheld. Ich fühle wohl, ich kann nie aufhören, Adele zu lieben und an ihre Mutter zu denken, und doch wäre ich der glücklichste Sterbliche, wenn Melanie mit mir in Marseille ist. Wir sprachen von meiner Liebe. Sie sagte, ich spräche nicht wie ein wirklich Verliebter. Ich parierte den Schlag, indem ich ihr Herz rührte, aber trotzdem sprach ich zu heiter von der Liebe. Ein schöner Fehler, aber doch ein Fehler, den ich mir angewöhnt habe, aus Furcht, zu sentimental und traurig zu erscheinen. Ich sprach von meiner Schüchternheit; sie sagte, ich machte einen dreisten Eindruck. Sie glaubt es, und ich auch. Sie findet mich frech und machte einen Ausfall gegen Martial und den respektlosen Ton der jungen Lebemänner. Alles in allem sehe ich wohl, daß ich mit Melanie zum Schluß kommen muß, aber ich liebe sie zu sehr, um es absichtlich zu tun. Sie muß mir bei Gelegenheit nachhelfen, und die Gelegenheit werde ich herbeiführen, sobald ich bei Gelde bin. 30. Ventose (21. März). In sechs Jahren bliebe ich nicht sechs Wochen lang auf diesem Fuße mit einer Frau, die mir gefiele. Wahrscheinlich wäre sie nach einem Monat die Meine. Wäre ich dann aber ebenso glücklich? Das Glück macht alles. »Das Herz macht alles«, sagt Fräulein Duchesnois. Werde ich das Herz haben, wenn die Stunde schlägt? Als wir in zärtlichstem Beieinander waren, ging die Klingel. Das ist er, der Teufel soll ihn holen! Ich küßte sie drei-, viermal hintereinander. Sie fühlte meine Küsse. Herr Le Blanc trat ein, und sie verstand es, eine reizende Unterhaltung zu führen. Man kann nicht geistreicher sein. Sie sagte über Gott und die Seele alles, was Mante und ich davon denken, und doch hat sie nie Helvétius, Tracy oder Bayle gelesen! Das ist der beste Beweis eines seltenen gesunden Menschenverstandes: sie selbst hat all das gefunden, was sie sagte. Man mache mir eine Frau ausfindig, die es ebenso macht! Dies das leblose Skelett der reizendsten Stunde, genau wie ein Plan der Borromeischen Inseln und der Gestade des Lago Maggiore, Der Plan gibt alles an, was man nicht gesehen hat. Ma la pioggia amena, la selva lusinghiera, dove sono? Aber der erquickende Regen, der köstliche Wald, wo sind sie? Melanie ist wirklich zur Ninon Ninon de Lenclos, berühmte französische Kurtisane (1616–1706), die ihre Memoiren hinterließ. geschaffen, nur mit dem Unterschied, daß sie im Leben bloß vier bis fünf Liebhaber haben wird. Das trifft um so mehr zu, als sie keinen gespielten ( attacato ) Charakter hat. Sie hat Ninons Charakter nicht in Büchern gelesen, sucht ihn nicht aus Prinzip zu haben, weil er der glücklichste oder liebenswürdigste ist; sie hat ihn ganz von Natur. Ein solcher Vorzug ist für Martial ganz unsichtbar. Mehr noch, er sieht vielleicht nur dessen Schwächen, selbst abgesehen von dem Rachegefühl, das der Eindruck ihrer Überlegenheit wahrscheinlich in ihm aufkeimen ließe. Danach glaube man noch an den Ruf! Was sind alle Reisebeschreibungen wert! 2. Germinal (23. März). Wir haben bis halb zwei Uhr geschäkert. Sie hat ernstliche Absichten auf mich. Aber ich fühle mich für ewig unfähig, sie im Sturm zu erringen. 8. Germinal. Der liebe Dugazon ist ein wenig Zuhälter von Beruf. Sie sagte zu mir: »In der ersten Zeit, als ich zu ihm ging, hat er mir schändliche Anerbietungen gemacht. ›Siehst du den Mann im Théâtre français‹, sagte er zu mir. ›Nun wohl, er ist in dich verliebt. Es ist Bacciochi. Fürst Bacciochi, der Gatte von Napoleons Schwester Elisa, seit 1805 von ihr getrennt. Wenn du willst, bringe ich dich in sein Landhaus; er gibt dir 25 Louisdor monatlich.‹« Sie wußte nicht, was sie sagen sollte, und schlug es ein andermal aus. Er sagte zu ihr: »Verkaufe dich nicht für einen Hut. Du mußt wenigstens davon profitieren.« Das Wort »Hut« machte mir Eindruck. Sie hat mich heute vorzüglich behandelt. Sie befolgt Dugazons Rat nicht. Mir hätte sie sich für einen Hut hingegeben. 16. Germinal (6. April). Die Lust, schnell zu sprechen und den flotten Vortrag Fleurys zu haben, während ich etwas Geistreiches sage, was ich fälschlich für geistreich halte, läßt mich nicht zum Nachdenken und zum Geistreichsein kommen. Wir sprachen von mir, und daß ich vielleicht mit achtundzwanzig Jahren geistreich sein würde. Sie sagte etwa: »Du hast nicht den glänzenden, unterhaltenden Geist, du hast Leidenschaft. Du würdest sie verlieren, ohne vielleicht jenen Geist zu erwerben.« Ich Tropf, der ich bin! Wie hat meine schlechte Angewohnheit mir geschadet! Ich wäre zu ihren Füßen erhaben gewesen, wie Rousseau zu denen der Frau von Houdetot, hätte ich mir die Zeit zum Nachdenken genommen! Statt dessen habe ich mit vier bis fünf Fratzen von Fleury geantwortet! Allgemeine Regel: Mir stets Zeit zum Nachdenken nehmen, wenn man mit mir spricht, statt den Marquis aus der Komödie zu spielen. Mich vor allem Falschen hüten, das die Anmut zerstört. Ich schreibe besser, als ich spreche; da tritt meine Seele hervor. Zur Schönheit gehört das baldanzoso , Die Kühnheit. das man bei Apollo bewundert. Es schmeichelt einer Frau bei ihrem Liebhaber, indem es sie selbst sagen läßt: »Ich werde seinen Stolz unterwerfen.« Mein Benehmen hat in Melanies Augen nichts dergleichen. Wenn ich ihre Liebe erringe, so nur durch äußerstes Vertrauen. Mich von ihr leiten lassen; ich könnte wahrhaftig nichts Besseres tun. Ihr morgen meine Verse bringen. Das Verslustspiel »Letellier«. Ich schreibe die holden Erinnerungen nicht mehr nieder; ich habe gemerkt, daß sie dadurch verdorben werden. 18. Germinal XIII (8. April 1805). Ich ging um drei Uhr zu ihr. Ich traf sie noch mit Haarwickeln, wie sie ihre Wäsche zusammenlegte, die ihr Mädchen bügelte. Sie empfing mich mit glücklichem Lächeln. Hätte sie jeden andern so begrüßt, der sie in diesem Moment überraschte, oder war es etwas Besonderes für mich? Ich habe nicht Erfahrung genug, um das zu ergründen. Wir gingen in ihrem Stübchen auf und nieder, Arm in Arm und Hand in Hand. Wir sprachen von ihrem ersten Auftreten und von ihren Plänen, falls sie kein Engagement fände. Sie sagte mir, sie hätte ihr Vermögen halb aufgebraucht und wollte mit ihrer Tochter aufs Land ziehen. Wir waren beide sehr gerührt. Sie hatte Tränen im Auge. Endlich erbot ich mich, mit ihr in einem Winkel Frankreichs zu leben, wo sie wollte. Als sie recht begriffen hatte, daß ich um ihretwillen alles aufgeben und ihrer Tochter Unterricht geben wollte, wandte sie eine Weile den Kopf zum Fenster, damit ich sie nicht weinen sähe. Dann bat sie mich um mein Taschentuch. Ich wagte ihre holden Tränen nicht selbst zu trocknen. Es waren offenbar Tränen des Glücks; sie fand mich so gut, daß sie weinte. Bei etwas mehr Sicherheit oder etwas weniger Liebe wäre ich vielleicht erhaben gewesen, und sie wäre an diesem Tage die Meine geworden. Ich glaube, ich habe ihr tiefen Eindruck gemacht. 20. Germinal (10. April). Melanie muß verständig geworden sein und sich Sorgen um die Zukunft machen, denn sie liebt ihre Tochter, und diese wäre mittellos, wenn sie die Mutter verlöre. Das war vielleicht ein Grund für ihre Schwermut; er muß sie für Güte empfänglich gemacht haben. Wenn ich sage: »gemacht haben«, so ist das kein Tadel für dies himmlische Mädchen, das vielleicht eine große Seele hat. Sie wird meinen Charakter bilden und mich geselliger machen. Ich werde lernen, meinen Beitrag zu den Freuden der Geselligkeit zu liefern und mich dadurch in Gesellschaft angenehm machen. Mir scheint, ich werde Melanie stets zur Freundin, wo nicht zur Geliebten haben, und tatsächlich liebe ich sie von ganzem Herzen. Wenn sie beim Théâtre français keine Anstellung findet, wird sie den günstigen Augenblick in Marseille abwarten, wo sie anscheinend Freunde hat. Adele wird zur gleichen Zeit mit ihrer Mutter da sein. Ist das nicht seltnes Glück? Ich werde auch hingehen und mit Mante an der Bank arbeiten. Inzwischen muß ich für ein paar Monate nach Grenoble reisen; selbst diese Pflicht ist ein Vergnügen, denn ich werde meine liebe Pauline dort wiedersehen. Ich glaube, es gibt wenige Brüder wie ich, die das Glück haben, l'amico riamato Der geliebte Freund. eines genialen Mädchens und der schönsten Seele zu sein. Was kann ich in meiner Lage mehr verlangen? Unglück oder das, was ich bisher so nannte, kann mir nur aus Geldsorgen kommen. Wohlan, ich habe einen geizigen Vater: bin ich der einzige? Ich beginne, meinen Charakter zu verbessern: ein reizendes Weib, das ich anbete, verbessert mich. Vorwärts! Saute, Marquis! 9. Floréal (29. April). Barral ist gestern zu seinem Regiment nach Utrecht abgereist. Crozet ist um zehn Uhr abgereist. Ich bin zu Melanie gegangen. Nie ist sie mir so hübsch erschienen. Sie trug ein weißes Kleid und einen Strohhut, mit Rosen garniert. Sie sah aus wie ein schöner Frühlingstag. Herr Le Blanc war bei ihr. Als ich fortging, sagte sie zu mir: »Ich habe Ihnen etwas zu sagen. Kommen Sie um fünf Uhr wieder.« Ich hätte sie tausendmal besitzen können, wenn ich es gewollt hätte, aber meiner Treu, es ist unmöglich! Ich fuhr mit ihr spazieren. Sie erzählte mir die Geschichte ihres Fehltritts; sie ist verführt worden. Sie sagte mir, daß sie in acht Tagen nach Marseille abreist. Sie ist dort für 6500 Franken jährlich engagiert. Ich erbot mich, sie bis Lyon Von Lyon fuhr Beyle nach Grenoble. zu begleiten. Sie war überrascht. Während dieser Reise muß sie durchaus die Meine werden! Hätte ich nur Wagemut! Je mehr ich sie liebe, desto schüchterner bin ich ... Ich habe noch 320 Franken. 10. Floréal (30. April 1805). Mit Martial gefrühstückt. Um zwei bei Melanie. Dann bei Adele, eine Stunde unter vier Augen. Abends im Theater. Ich stecke bis zum Halse im Gefühlvollen, somit in der Melancholie und in zärtlichem Bedauern, Paris zu verlassen. Das ist ein Vorurteil! Was lasse ich zurück? Was kann ich hier ohne Geld und ohne meine Freunde tun? Ich muß gestehen, daß ich aus einem seltsamen Zustand des Wahnsinns erwache. Augenblicke der Verzweiflung im Stil Rousseaus waren mir zur Gewohnheit geworden. Ich hielt das für Genie, pflegte es selbstgefällig und blickte mitleidig auf alle, die es nicht hatten. Ich muß es für den Schreibtisch aufsparen, sonst werde ich für immer unglücklich. Mir einen Plan meiner Lebensweise vorzeichnen und ihn niemandem sagen, außer Pauline. Im Urtext englisch. Ihn Punkt für Punkt in Marseille befolgen und mir das ideale Ziel, dem ich zustrebe, deutlich vor Augen stellen. Wenn M. unterwegs nicht die Meine wird, werde ich stets unglücklich mit ihr sein. Andernfalls werde ich der glücklichste Mensch in Marseille sein. Die beiden letzten Sätze im Urtext englisch. Du Tropf, bisher hast du die Kraft der Leidenschaften nicht gehabt! Du hieltest dich für sehr stark, weil du leidenschaftlich warst. Du bist ganz charakterlos, erhaben in deinen Luftschlössern, aber untauglich in der Welt. Nimm dich in Marseille tüchtig in die Mache. Habe nur ein Ziel: Lachen zu erregen, und sobald du einmal natürlich bist, wirst du sehen, wie weit du kommst. Kurz, meinen Charakter bilden. Charakter heißt, das zu tun, was ich mir vorgenommen habe, mit oder ohne Hilfe von Leidenschaft, mit Schwung und Heiterkeit. Mich stets unter die Augen von Martial und Herrn de Baure versetzen; ihnen zu gefallen suchen. Statt, wenn ich schüchtern bin, meine Leidenschaft aufzupeitschen, indem ich Romane lese oder aus meinem Herzen schöpfe, nur nüchterne Bücher lesen wie Duclos. Nach dem Siege habe ich Zeit genug, mich meinem allzu zärtlichen Charakter hinzugeben. Bis dahin ein gewöhnliches Weib in ihr sehen, ihr Herz zergliedern und mit der Leidenschaft spielen; sonst wirst du, stets schüchtern und dumm, erst nach dem Siege liebenswert und du selbst sein. Ich bin überzeugt, sie wird darob staunen. Der Zustand der Reflexion, mein gewöhnlicher Zustand, ist das Gegenteil dessen der Erfahrung, ohne den ich nie ein echter Dichter sein werde. In meinem künftigen Benehmen alle Gelegenheiten zum Handeln suchen, und wäre es auch nur, um Torheiten zu begehen. Das Beispiel meines Benehmens gegen Chateauneuf zeigt mir den Weg, den Menschen zu gefallen. Dies Mittel bei jedermann anwenden, mit Ausnahme von Pauline. Sie allein hat eine Seele, hoch genug, die meine zu verstehen. Genau mit meinen Leidenschaften rechnen. Die erste, stärkste, einzige ist this of the fame . Die Ruhmbegierde. Mit niemand davon sprechen. Sie im stillen befriedigen. Im übrigen unter Menschen ganz gleichgültig sein; ich muß reizend sein. Heiterkeit, Glanz und besonders Keckheit, und du wirst tausendmal mehr Erfolg haben, als wenn du durch Taten den erhabensten Charakter beweist. Meine Auffassung vom Schönheitsideal für meine Werke vorbehalten, aber in der Welt ist Martial fast das Schönheitsideal. Die Trübsal dessen, der die Welt kennt, beweist, daß er Leidenschaften hat, von denen ihn die Unmöglichkeit, sie zu befriedigen, noch nicht geheilt hat. Die Trübsal des Weltunkundigen beweist nur Feigheit, die am Erfolge verzweifelt. Deine wahre Leidenschaft ist, zu erkennen und zu erfahren. Du hast sie noch nie befriedigt. Marseille, 6. Thermidor XIII (25. Juli 1805). Dies Bruchstück aus Gabriel Faure, › Au Pays de Stendhal ‹, S. 101 ff. Endlich bin ich am 3. Thermidor nach Marseille abgereist. Ich verließ Grenoble mittags mit der Briefpost und kam am 4. um sechs Uhr früh in Valence an. Die Sonne schien hell auf das steile, gegenüberliegende Rhoneufer. Hätte ich geglaubt, was man mir sagte, ich hätte acht Tage bis Marseille gebraucht, but love had given wings to me . Aber die Liebe gab mir Flügel. Allerdings flog ich nicht nach Avignon, sondern ich fuhr auf einem Schiffe... Brennende, völlig schattenlose Glut zur Mittagszeit. An den Ufern kleine elende, kahle, sonnenverbrannte Felsen, überragt von ein paar alten Befestigungen in dem leichten, eleganten, schlanken, aber wenig soliden arabischen Stil, Schiffersitten, ein Trachten nach dem augenblicklichen Glück, den Soldatensitten ähnlich. Ein paar Stunden vor Saint-Andéol werden die Ufer weniger dürr. Ein erfrischender Mittagswind tut sich auf. Wir müssen in Saint-Andéol Rast machen. Hübsche Wirtin; südliche Sitten, so ganz anders als die auf der Straße von Paris nach dem Dauphiné. Wir bleiben bis drei Uhr morgens dort. Wir fahren unter der Heiligen-Geist-Brücke hindurch, ohne jede Gefahr und mit gewöhnlicher Schnelligkeit. Das gleiche hatte ich schon beim Sankt Bernhard und beim Mont Cenis erfahren. Die Brücke ist elegant, leicht, in sauberer Ziegelwölbung, gleichfalls sarazenisch oder arabisch. Um Mittag hielt das Boot am Ufer bei Avignon. Weiße, bestaubte, blendende Häuser wie in Italien; etwas in der Großartigkeit Italiens. Im Norden (Châlons, Lyon, Grenoble) ist der Schmutz an den Häusern feucht und schwarzgrün. Fontainebleau und Paris sind etwas heller und sauberer wegen ihrer Steinbauten. Avignon, Aix, Marseille dagegen sind weiß, trocken und voller Staub. Schöne, in Trümmer sinkende Brücke von großartigem Stil. Man fährt unter einem Brückenbogen von schöner antiker Farbe (olivgrau) hindurch. Unser Schiffer hat ein Raffaelisches Gesicht. Es muß früher sein gewesen sein; jetzt trägt es die traurigen Spuren harter Arbeit. Einer seiner Söhne (wohl der ältere), ein junger Mann von zwanzig Jahren, gemahnt an Raffaels Selbstporträt (im Musée Napoléon ). Jetzt in den Uffizien in Florenz. Nur ist er brauner, energischer und um fünf Jahre älter (Raffael ist auf dem Bilde erst fünfzehn). Seine Augen sind ganz wie auf Raffaels Bildern; der Schatten über dem obern Augenlid ist weit ausgesprochener als aus den griechischen Köpfen (Antinous, Apoll); feine, dünne Brauen. Diese Leute taten mir leid; ich sah ihre angestrengte Arbeit, die Folge einer schlechten Regierung, die zur Qual geworden ist. Zugleich sagte ich mir, man dürfe die Arbeit nicht hassen, weil sie in schlechtem Rufe steht; meine Arbeit in der Bank wäre weit weniger beschwerlich. Wir kommen nach Beaucaire; ich lasse mich mit einem Lastträger, den ich mitnehme, nach Tarascon übersetzen. Aber ich bin gegenwärtig zu sehr Empfindung, um so wenig rührende Einzelheiten zu beschreiben. Ich fühle mich würdig, den Apoll zu betrachten und an einem neuen zu arbeiten, wenn ich das Bildhauerwerkzeug in Händen hätte. Ich verbrachte meine Zeit seit zwei Uhr einsam. Solche Einsamkeit bildet und vertieft die Seele. Ich hatte Zeit, meine Empfindungen zu genießen. Ich schreibe nicht weiter, denn ich habe bemerkt, daß ich meine Erinnerungen, diesen holden Teil des Lebens, verderbe. Ich brauchte fünfzig Stunden Arbeit mit glühender Empfindsamkeit, die wie ein Fluß hinströmt und alles erfüllt, um alles zu beschreiben, was ich von drei bis neun Uhr (jetzt) empfunden habe. Das aber ist unmöglich. Ich würde also schlecht beschreiben und mich in vierzehn Tagen des Beschriebenen nicht mehr erinnern. Ich will also nur lächerliche, satirische Anekdoten aufschreiben; ich wäre schön dumm, zarte Erinnerungen zu verderben. Ich rede also nicht von dem, was mich beherrscht, was alle meine Augenblicke erfüllt; ich empfinde fast nichts außer ihm. Am 6. Thermidor um sieben Uhr abends kam ich in Marseille an... Marseille, 15. Mai 1806. Mir fehlt es an Einbildungskraft in allem, was Höflichkeit ist. Erst seit anderthalb Jahren beginne ich daran zu denken. Meist ignoriere ich das, was Brauch ist, und weiß nichts Liebenswürdiges zu erfinden. Aber ich ahme sehr gut nach, und die Beispiele sind nicht verloren. In gesellschaftlicher Hinsicht bin ich höchstens siebzehn Jahre alt. Ein Jahr des Zusammenlebens mit Martial, wenn ich das Glück hätte, ihm zugeteilt zu werden, würde mich bilden. Um glücklich zu sein, brauche ich eine Arbeit, die den Geist in Anspruch nimmt und mich vorwärts bringt. Auditor [im Staatsrat] zu sein, wo ich Berichte zu machen hätte und mich auszeichnen könnte, wäre wunderbar für mich geeignet. Gap, 30. Mai 1806. Melanie war, da ihr Engagement abgelaufen war, bereits im März 1806 nach Paris zurückgekehrt. Ende Mai verließ auch Beyle Marseille und fuhr über Apt und Gap nach Grenoble. Sein Tagebuch aus Gap, aus dem das Folgende entnommen wurde, ist in der » Revue critique « vom 10. März 1913 veröffentlicht. Gap ist nur ein Nest, obwohl es Sitz eines Präfekten ist. Wie öde muß es sein, fünf bis sechs Jahre in solch einem Loch zu verbringen! Da muß ein Präfekt ja selig sein, wenn er in Grenoble ist! Der Ort liegt in einem Talkessel, der von ziemlich hohen, mäßig bewaldeten Bergen umgeben ist; dahinter ragen schneebedeckte Berge auf. Im Innern welche Faulheit, welche Langeweile! Mein Wirt hat mehrere Töchter; die drei ältesten hielten sich immerfort in einem Zimmer neben dem meinen auf; die Tür stand stets halb offen. Ich bin zu wohl erzogen, um das zu sagen und zu tun, was notwendig war, um von dieser offnen Tür zu profitieren. Aber das kommt noch. Ich las einen Gesang von Tasso, der mich rührte. Gestern abend, als ich einen Gang um die verfallenen Stadtmauern machte, ergriff mich die Schwermut. Heute morgen sann ich über ein episches Gedicht nach, aber ich fühle, wie weit mein Geist unter einer solchen Aufgabe steht. Wie kommt es, daß es noch keinem Beobachter aufgefallen ist, daß die Menschen, wenn sie in großer Masse zusammenkommen, notwendig danach trachten, einander mehr zu gefallen als in kleinem Kreise? Ich kann meine Empfindung nicht recht beschreiben, aber ich fühle einen ausgesprochenen Unterschied zwischen Marseille und Gap wie zwischen Marseille und Paris. Hier herrscht eine Langeweile und Verbitterung, die in Marseille ganz unbekannt ist, und in Paris, glaube ich, eine Eitelkeit, die uns aus Selbstgefälligkeit gern belustigen möchte. Eine nette Tugend! Die echte Tugend bestände darin, das Glück des Nächsten aus Mitgefühl zu teilen, aber schließlich ist die Wirkung die gleiche. In Paris ist man stets dem Anblick dünkelhafter Menschen ausgesetzt,... aber in der Provinz empfindet der Weltmann Langeweile: alles schmeckt schal, wenn man an gesalzene und gepfefferte Speisen gewöhnt ist. Man übertreibt stets die Mängel seines jeweiligen Aufenthaltsortes. Darum sagt Helvétius vielleicht nichts von der Provinz. Rousseau liebte sie fälschlich, weil sie der Wildheit am nächsten steht. Nur Duclos hat ein richtiges Wort darüber gesagt. Das Einfache schreckt den Provinzialen und erscheint ihm als nackt, zumal wenn es sich mit dem Großen paart. Deshalb gibt es in der Provinz keine Mode. Grenoble, 27. Juni 1806. Mein Vater ist mir näher gekommen, das freut mich. Bei mehr Offenheit von seiner Seite kämen wir gut miteinander aus und würden uns glücklich machen. Nichts macht mir viel Vergnügen. Die Entzückungen sind bei mir tot, außer halbstündigen Entzückungen bei Frauen. Ich bin am 10. Juli in Paris angekommen. 22. August 1806. Von fünf bis acht mit Melanie in den Champs Elysées. Sie ist gekränkt und spricht keine vier Worte. 26. August. Gestern fuhr ich mit Adele [Rebuffet] und ihrer Mutter nach dem Botanischen Garten. Ich verließ sie um acht Uhr. Acht Stunden zusammen! Nach und nach taue ich ihr gegenüber etwas auf, aber das Vergnügen ist nie recht lebhaft, denn sie ist zu ideenarm. »Sie müssen sich aus diesen Verhältnissen herausreißen«, sagte sie zu mir. »Ich spreche auch etwas im eignen Interesse. Wenn Sie es nicht tun, gewöhnen Sie sich einen schlechten Ton an, und wir können Sie nicht mehr sehen. Man kann zu der Georges, der Duchesnois, den Sternen der Bühnenkunst gehen, aber die andern muß man aufgeben. Martial hatte einen abscheulichen Ton, weil er mit ihnen verkehrte.« Ich erhielt 300 Franken von meinem Vater, das erste Geld, das er mir schickt. 10. September. Heute fühle ich mich unglücklich, weil ich keine Stellung habe. Ich habe keine Stimmung für mein Lustspiel; das macht mich noch unglücklicher. 18. September. Paris ist ein Feldlager. Napoleon sagt zu Mollien: »Ich reise bald ab. Ich will im Frankfurter Bundestag den Vorsitz führen. Ob es zum Krieg kommt, weiß ich nicht, aber ich will ihnen Angst machen.« Wenn alles abreist, was wird aus mir? Werde ich diesen Winter ein Pariser Spießbürger bleiben? Werde ich Rang und Würden im Norden erlangen? Lieber zöge ich mit, besonders mit Martial. Nichts ist für Daru leichter, als mich unterzubringen. Aber wird Daru an mich denken? Dienstag, 23. September. Ich war den ganzen Vormittag von Ehrgeiz verzehrt, so daß ich kaum lesen kann. Um zwei Uhr gehe ich zu Martial und finde ihn voller Wut gegen seine Untergebenen, die tatsächlich nur kalte, eitle Maschinen sind. Ich diktiere ihnen bis vier Uhr einen Bericht und gehe, von der Arbeit betäubt, zur Mutter Daru. Ich merke, was ich schon wußte, daß ich ein tüchtiger Arbeiter sein kann. 27. September. Heute früh war ich zwei Stunden bei Martial. Ich brachte das Gespräch auf mich. Er sagte mir, wenn ich wolle, könne ich mit ihm reisen. Er wolle noch diesen Vormittag mit Daru sprechen, so daß sich mein Schicksal jetzt entscheidet. Ich möchte Kriegskommissar und bei Martial angestellt werden. Wenn ich abreise, nehme ich über 3000 Franken mit. Ich habe mir eine Karte von Deutschland gekauft. 6. Oktober 1806. Heute mittag hat Martial in seinem Arbeitszimmer mit mir ausgemacht, daß ich ihn begleiten soll. Er nimmt niemand aus seinem Bureau mit; wir reisen Sonnabend oder Sonntag ab, ich ohne Titel; das ist die Kehrseite der Medaille. Tagebuch aus Braunschweig (1807-1808) Wilhelmine von Griesheim Ich beginne dies Heft mit der ganzen Demut, die ein guter Christ verlangen kann. Das Abenteuer mit M[inette] Minna (Wilhelmine) v. Griesheim (1786-1861), eine Tochter des Generals August Heinrich Ernst v. Griesheim (1757–1810). Sie starb als Stiftsdame zu St. Marien in Pr.-Minden. ist eine verlorene Schlacht: das wird mich lehren, den Wert der Zeit zu schätzen. Hat sie mir auch keinen holden Augenblick geschenkt, wie Adele Adele Rebuffet. »Einer der köstlichsten Augenblicke meines Lebens«, schreibt Beyle in seinem » Journal « (18. August 1804), »war, als Adele sich bei dem Feuerwerk in Frascati [Vergnügungspark] auf meinen Arm stützte. Es war wohl im Jahre X.« (1802.) Vgl. die Aufzeichnung vom 29. Juli 1802. in Frascati, so habe ich doch manche köstliche Stunde mit ihr verlebt. Je ne veux en aimant que la douceur d'aimer. Dieser Vers trifft für meine Seele fast zu, wenn auch nicht für meinen Stolz, der mich seit Donnerstag in schlechte Laune versetzt hat... Ich will unverzüglich reiten lernen... Ich habe mich im Pistolenschießen geübt; ich habe etwa zehnmal geschossen, höchstens sieben- bis achthundert Schuß. M[inette] sagte: »Es wäre sehr undankbar von mir, wenn ich ihn nicht liebte. Er liebt mich ja schon so lange...« 17. Juni 1807. Konzert im »Grünen Jäger«, nachdem ich Fräulein von T[reuenfels] In den weiter unten genannten »Briefen einer Braut« wird um diese Zeit eine aus Breslau angekommene Familie v. Treuenfels erwähnt, die mit der Familie v. Griesheim intim verkehrte. Die älteste Tochter, Minette v. Treuenfels, besaß »unendlich viel Verstand«. begleitet hatte... Minette war reizend anzusehen. Wir haben mit der Pistole geschossen, Str[ombeck] Freiherr Friedrich Karl v. Strombeck (1771–1848), seit 1799 Hof- und Abteirat und verheiratet mit Amalie v. Bülow, wurde 1810 Präsident des Man kann sich ein bis zwei Monate verstellen, aber der wahre Charakter bricht doch wieder durch. Ich werde es nicht darauf anlegen, viele Frauen zu besitzen. Martial [Daru] hat vom achtzehnten bis einunddreißigsten Jahre etwa zweiundzwanzig Frauen besessen, zwölf davon nach einem richtigen Liebeshandel. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt und werde in den nächsten zehn Jahren vielleicht sechs Frauen besitzen. Dagegen werde ich zwanzig Pferde besitzen, bis mir das Alter das Reiten verbietet. und ich, dreißig Schuß, ich sehr schlecht. Donnerstag, 18. Juni. Minette sagte beim Intendanten Appellationsgerichts in Celle, 1813 Geheimrat in Kassel. Er hat in jenen ›Darstellungen aus meinem Leben und meiner Zeit‹ (Braunschweig 1833) Erinnerungen an Stendhal hinterlassen. (Näheres in der Einleitung dieses Bandes). Ausführlich handelt über ihn und seine Tätigkeit in der Literatur wie im Staatsdienst die Monatsschrift ›Zeitgenossen‹, V, 3 S. 143 ff. (Leipzig 1821). zu mir: »Sie haben mir neulich ein paar Fragen gestellt. Nun darf ich Ihnen wohl eine Frage stellen. Meinen Sie es mit Fräulein von T[reuenfels] ernst oder halten Sie sie zum besten?« »Damit ich Ihnen jetzt antworten könnte, hätten Sie mir neulich eine andere Antwort geben müssen. Ich habe Sie leidenschaftlich geliebt und liebe Sie noch; es gibt kein Opfer, keine Torheit usw. ... (Leidenschaftliche Liebeserklärung, die sie zweifellos mit selbstgefälliger Freude anhörte.) Werden Sie mich noch empfangen, wenn Sie erst Frau von Heerdt sind?« »Gewiß, aber das hat noch gute Weile.« Der Zukünftige kam dazu und machte unserem Gespräch ein Ende. Das beweist, daß ich noch nicht zu den Gleichgültigen zähle und daß sie für H[eerdt] keine Leidenschaft empfindet. Ich war zu Beginn der Gesellschaft sehr geistreich, aber in lächerlicher Weise, wie Desmazure. Wirklicher Geist wäre höchstens von Frau von Spiegel Emilie Freifrau v. Spiegel, geb. Gräfin Stolberg, die Gattin des weimarischen Oberhofmarschalls Emil Frhr. v. Spiegel. verstanden worden, einer wirklich schönen Frau, die aber in acht Tagen nach Weimar zurückkehrt... Minette und Philippine Wilhelmines u. Griesheim jüngste Schwester (1790–1881). Sie verlobte sich bald darauf mit dem Leutnant Alfred v. Wedell, den Napoleon mit zehn anderen Offizieren wegen Beteiligung am Schillschen Aufstand 1809 in Wesel erschießen ließ. Vgl. ihre »Briefe einer Braut aus den Jahren 1806–1813« (Berlin 1905). haben Herrn von Str[ombeck] über mich ausgefragt. Minette sagte zu ihm: »Ich bin sicher, daß Minna Minette v. Treuenfels ihn nicht liebt; sie hat einen andern im Herzen.« Phil[ippine]: »Sagen Sie mir, sind Sie neulich zufällig in den ›Grünen Jäger‹ gekommen?« Str[ombeck] sagte ihr, er wisse es nicht. Ich sei zu Pferde gekommen, um ihn abzuholen usw. ... Ich reize ihre Gefallsucht. Bei Tisch sprach ich viel mit Emperius, S. Seite 290, Anm. 1. einem geistvollen, aber seelenlosen Manne. Er hat im Gespräch keinen Funken von Corinnas Feuer. Er stellt Str[ombeck] völlig in Schatten. Freitag, 19. Juni 1807. Um fünf Uhr nehme ich meine erste Reitstunde beim Brigadier Lefèvre, Dieser Lefèvre, ein würdiger Vorfahr der jetzigen Franzosen, erstach nach einem Streit im Theater in der Nacht vom 4. zum 5. September einen Braunschweiger Bürger. Es kam zu einem Volksaufruhr, der blutig niedergeschlagen wurde. Auch Beyle wurde darein verwickelt; sein Anteil ist später von ihm selbst und von Zeitgenossen stark aufgebauscht worden. Vgl. Chuquet, 92 f., und »Braunschweiger Magazin«, 1897, S. 181. einem beschränkten Kopfe. Ich gehe mit Münchhausen Arthur Schurig hat sechs Mitglieder der Familie v. Münchhausen ausfindig gemacht, die damals mit Beyle verkehrt haben. S. »Das Leben eines Sonderlings«, herausgegeben von Arthur Schurig (Leipzig 1921, S. 718 f.). Auguste v. Griesheim, Wilhelmines älteste Schwester, hatte 1804 Christian Frhr. v. Münchhausen geheiratet. und Herrn von Heerdt Pistolen schießen. Ich schieße ziemlich schlecht. Diese Gesellschaft ist mir zuwider. Herr von Heerdt gleicht körperlich wie geistig dem Mathematiklehrer David. Er ist klein, ohne Anmut und Kraft, ziemlich vernünftig, spricht mehrere Sprachen ganz gut, bringt es aber nach meiner Meinung nicht zum Esprit. Infolgedessen hat er wohl nicht gemerkt, daß mein Witz gezwungen war. Sie haben ziemlich frei über Minette und Minna gescherzt; ich brauchte nur auf diesen Ton einzugehen, aber ich war ziemlich peinlich berührt und ließ die Gelegenheit ungenutzt; nachher bot sie sich nicht mehr dar. Heerdt sagte zu Str[ombeck]: »Es freut mich sehr, daß Herr de Beyle Beyle legte sich damals ein de offiziell zu und ließ sich ein Wappensiegel seines Vaters aus Grenoble kommen. »Dergleichen Albernheiten«, sagte er, »stehen in Deutschland in hohem Werte. Mit Hilfe dieses Sprungbrettes überspringen viele anständige Leute die Vorurteile, die sie von mir trennen.« (Chuquet 91). mit mir geht. Ich mag ihn sehr gern.« Ich gefalle ihm sehr; er behandelt mich durchaus nicht als Nebenbuhler. Ich muß diese Meinung bei ihm auf unserm morgigen Ausflug bestärken... In Frau von Str[ombecks] Augen habe ich mich herabgesetzt, weil ich eines Abends den Schwerenöter gespielt habe. Es ist nicht das erstemal, daß ich zu stark anklopfe. Herr von Lauingen hat mich nach Lauingen zu Tisch eingeladen, ferner Frau und Fräulein von Griesheim, Herrn von Heerdt, Herrn von Str[ombeck]. Die Damen kehren am Abend zurück; Str[ombeck] und ich gehen nach Groß-Twülpstedt. Strombecks Landgut. Heute mittag ein Uhr, bei der Rückkehr von der Masch, wo ich zwei Stunden mit den Herren von Heerdt und Münchhausen verbracht hatte, war mir zwei Stunden lang die ganze Welt zuwider, selbst das Buch »Vom Menschen« von Helvétius, » De l'Esprit «, Paris 1758. in dem ich las und das mir als ein Ausbund von Vernunft erscheint. In einem Kapitel davon finde ich mehr Verstand als in ganzen Bänden von anderen, dazu klarer ausgedrückt und besser bewiesen. Str[ombeck] gab mir heute abend zu, daß die Deutschen den Fehler haben, zu kleinlich zu sein. Gewiß verleitet sie ihre Gesetzgebung dazu. Wieviel Steuerzahlstellen, wie viel Kassen, wie viel Ämter in der Finanzverwaltung von Braunschweig! Wie verzwickt ist das Gerichtsverfahren! Nachher ging ich ins Theater. Der »Theaterdirektor« » L'Impresario in angustie «, Operette von Cismaro (1786). von Cimarosa, entzückende Musik... Friedrich Karl Freiherr von Strombeck 23. Juni 1807. Gestern abend bin ich von Groß-Twülpstedt zurückgekommen. Wir fuhren Sonnabend um halb neun Uhr hin, Str[ombeck] und ich, Frau von Strombeck und Frau von Griesheim. Sophie Louise, geb. Freiin v. Cornberg (geb. 1758). Philippine und Minette waren eine halbe Stunde vorher abgefahren; Herr von Heerdt begleitete sie zu Pferde. Um halb zwölf kamen wir in Lauingen Das Gut des vorher genannten Herrn v. Lauingen bei Königslutter. an, wo wir gut frühstückten, wie ein Deutscher sagen würde: Rum, Bischof, Kuchen, Butter und Schokolade, nichts Warmes. Ich war den ganzen Tag mit mir zufrieden; meine Stellung zu Minette und Herrn von Heerdt beschäftigte mich. Minette machte sich beständig an mich heran; ich war bis zum Mittagessen etwas schüchtern, dann erfolgte ein Umschwung. Nach Tisch sah ich deutlich, daß Minette in einer verliebten Ekstase war, die zwar nicht gefühlvoll war, im Gegenteil, aber gerade deshalb eine gute Gelegenheit zur Verführung bot. Schließlich sprach ich zu ihr von meiner Liebe, und zwar sehr gut, verblümt und doch sehr deutlich. Von diesem Augenblick bis zur Abfahrt war Herr von Heerdt traurig: er liebt sie wirklich. Heerdt ist ein leicht französierter Holländer; der gesunde Verstand kommt bei ihm immer wieder durch. Er riet Str[ombeck], nicht dazu beizutragen, daß Philippine Vgl. Brief 10 Philippines in »Briefe einer Braut«. Lauingen war 44 Jahre alt, Philippine 17. Herrn von Lauingen heiratet. Das gäbe eine schlechte Ehe, d. h. sie würde ihn betrügen. Er jedoch liebt Minette tief; er ist dauernd um sie und redet immerfort mit ihr. Das ist durchaus gegen die französischen Sitten. Diese offne Bevorzugung verletzt die Gesellschaft, ja stört sie. Die Deutschen sind weniger gesellschaftlich gebildet; sie denken weit weniger als wir an das, was die Geselligkeit stört. Die Ehemänner liebkosen ihre Frauen immerzu, aber kalt und phlegmatisch. Alle Deutschen aus Str[ombecks] Bekanntschaft haben aus Liebe geheiratet, nämlich er selbst, Herr von Münchhausen, dessen Bruder Georg, Karl v. Münchhausen (1777–1859) und Georg (gest. 1829). Herr von Bülow, Herr von Lauingen. Ich muß Faure um eine Liste von zwanzig bis dreißig französischen Ehemännern mit den Beweggründen ihrer Heirat bitten; es sind meist Konvenienzehen, was mit der Eitelkeit, der Hauptleidenschaft der Franzosen, zusammenhängt. Die Deutschen, die ich kenne ... Hier ist eine Lücke in der Handschrift. Die Ergänzung bietet das Buch »Über die Liebe« (Band IV dieser Ausgabe, S. 234 f.), wo dies Tagebuch unter Verwendung von Decknamen verwertet ist. 30. Juni (1. Juli). Vergnügter Tag wegen der Geldsendung, die ich heute morgen von meinem Vater erhielt. Um ein Uhr reite ich nach dem »Grünen Jäger« zum Scheibenschießen. Ich gebe auf fünfundzwanzig Schritt dreißig Schuß ab, zwei in den Spiegel. Beim Rückweg erster schöner Trab in diesem Jahre. Abends gehe ich mit Str[ombeck] noch einmal hin. Fräulein von Griesheim und von Oeynhausen Charlotte v. Oeynhausen, von Strombeck in seinen »Darstellungen«, II, 71, erwähnt. sind da. Beim Abendessen mache ich diese etwas verliebt, soweit ich beurteilen kann. Str[ombeck] kehrt mit mir zurück, wir betrachten die Sterne. Heute morgen, am 1. Juli, habe ich mit Herrn Denys zum erstenmal das Duett » Se fiato in corpore avete « Aus Cimarosas »Matrimonio segreto« gesungen. 3. Juli. Glücklicher Tag. Wir gehen auf den Hasseberg, die Fräuleins von Griesheim, ihre Mutter, Frau von Str[ombeck], Fräulein von Oeynhausen, Herr von Heerdt, Strombeck und ich. Die Erfahrung lehrt mich eine Wahrheit, von der mich meine Trägheit fernhält, nämlich, wie nützlich es ist, die Gelegenheit wahrzunehmen. Ich hätte diesen Grundsatz Martial Daru und den Frauen gegenüber wahrnehmen sollen. Ich sah Philippine, die dicke Philippine Ihr Bildnis in den »Briefen einer Braut« zeigt ein volles Gesicht und volle Formen. gefühlvoll. Heute hätte man ihr Dinge zu verstehen geben können, die an anderen Tagen unmöglich wären. Wir machen uns alle unglücklich, sie, Minette, Herrn von Heerdt und mich. Zorn bei Frau von Griesheim; gezwungene Mienen des empfindlichen Gastgebers Lauingen; abscheuliche Mahlzeit. Ich war an diesem Tage ein schöner Mann (soweit meine Gestalt dies zuläßt). Zum erstenmal im grauen Rock. Ich glaubte auf Philippines Gesicht etwas Verwirrung zu lesen, als ich um halb neun Uhr bei Str[ombeck] erschien. Sie bleibt vier Tage hier. Glücklicher Tag... Montag, 6. Juli 1807. Sehr hübscher Ausflug nach Wolfenbüttel, von Str[ombeck] veranstaltet. Wir brechen um zwei Uhr auf, Frau und Fräulein von Griesheim, Fräulein von Oeynhausen, Herr und Frau von Str[ombeck], Herr von Heerdt und ich. Ich sitze gut zu Pferde und bin elegant gekleidet ... Heerdt ist ein guter Kerl. Seine Anekdoten, die er für hiesige Verhältnisse gut erzählt, gewinnen ihm Strombecks Freundschaft. Er ist offen und ehrlich in Minette verliebt und fortwährend hinter ihr her. Er spricht immerzu mit ihr, oft zehn Schritt von den andern entfernt, meist Französisch, mit ernster Miene, schwerfällig und ohne Grazie. Er hat ein gewöhnliches Gesicht, plumpe Züge und ist viel kleiner als ich. Kein Geist (neue Gedanken, Einfälle, Lebhaftigkeit), aber gesunder Verstand. Er erzählt deutlich und mit ziemlich viel Wärme, bringt das Holländische und Deutsche immerfort durcheinander, was sehr spaßig wirkt. Lichtenberg sagt: »Ein Esel ist ein Pferd, ins Holländische übersetzt.« Für ein deutsches Ohr ist das Holländische der Gipfel des Lächerlichen. Ich habe gestern und heute den Fehler begangen, Strombeck mit meiner Person zur Last zu fallen. Ich bringe mich um jede Anmut, wenn ich oft mit ihm zusammen bin; ich langweile ihn damit oft. Jetzt, wo er allein mit seiner Frau speist, will ich mich beliebter machen, indem ich am Abend seltner hingehe. Die Offenheit, mit der Herr von Heerdt Minette den Hof macht, wäre in Frankreich der Gipfel des Lächerlichen und Unanständigen. Dafür sagte mir Strombeck bei der Heimkehr, er glaube nicht, daß eine einzige Frau in seiner weitverzweigten Familie ihren Mann betröge. Der merkwürdige Vorschlag, den er seiner Schwägerin, Frau von Kniestedt, machte, deren Familie mangels eines männlichen Erben aussterben wird, so daß alle Güter an den Herrscher zurückfallen, wurde mit Kälte aufgenommen: »Sprechen Sie mir nie mehr davon.« In verhüllten Worten teilt er Philippine Hier ist Philippine v. Bülow (geb. 1777), Strombecks Schwägerin, gemeint. Vgl. den im Anhang (Nr. 3) wiedergegebenen Brief Philippines an Beyle. etwas davon mit. Ungeheuchelte Entrüstung, durch die folgenden Worte eher gemildert als gesteigert: »Haben Sie denn gar keine Achtung mehr vor unserm Geschlecht? Ich will zu Ihrer Ehre annehmen, daß Sie scherzen.« Während einer Reise lehnte sich Philippine an seine Schulter und schlief oder tat doch so. Ein Stoß des Wagens warf sie etwas auf ihn; er drückte sie an sich; sie setzte sich in die andere Wagenecke. Er hält sie nicht für unverführbar, aber er glaubt sicher, sie würde am nächsten Tage Selbstmord begehen. Diese Folge befürchtet er vielleicht aus Eigenliebe, er hat sie leidenschaftlich geliebt, si fè riamato e non l'ebbe . Fand Gegenliebe und besaß sie doch nicht. Andrerseits kann ein des Ehebruchs überführter verheirateter Mann vom Gericht zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt werden. Das Gesetz ist außer Gebrauch gekommen, verhindert aber noch immer, daß man in dieser Hinsicht leichtfertig ist. Der Ehebruch ist durchaus nicht wie in Frankreich eine Eigenschaft, die man einem Manne nicht abstreiten darf, ohne ihn zu beleidigen. Wenn jemand meinem Onkel oder Chi[ese] Ein Freund von Stendhals Familie. S. » Vie de Henri Brulard «, Paris 1913, II, 127. ins Gesicht sagte, sie hätten seit ihrer Heirat kein Verhältnis mehr gehabt, so wären sie gewiß beleidigt. Vor ein paar Jahren gestand eine Frau ihrem Manne, der hier eine Hofstellung hatte, sie hätte ihn betrogen. Er war so dumm, es dem Herzog zu erzählen. Der Ehebrecher mußte alle seine Ämter niederlegen und das Land binnen vierundzwanzig Stunden verlassen; andernfalls drohte der Herzog, das Gesetz in Anwendung zu bringen. Wie schon früher gesagt, heiraten die Männer meist aus Liebe. Sie werden nicht betrogen – aber welche Frauen sind das auch! Holzpuppen, seelenloses Fleisch. Das ist mir freilich immer noch lieber als die Frau von Martial Daru, die die Rolle einer Französin spielt, aber wie eine schlechte Anfängerin, ohne Beweglichkeit und ohne Fortschritte. Noch ein Wort über die Mitgift. Sie ist wegen des Lehnswesens gleich Null. Fräulein von Oeynhausen, deren Vater ein Einkommen von 30 000 Franken hat und seine Güter ertragreich bewirtschaftet, bekommt vielleicht 2000 Taler (7500 Franken) Mitgift. Frau von Strombeck hat 4000 Taler bekommen und bekommt vielleicht noch 1500 bis 2000 beim Tod ihrer Mutter. Den Ersatz für die Mitgift bildet die Eitelkeit, bei Hofe zu verkehren. Wie Strombeck mir sagte, könnte man im Bürgerstand Partien mit 100–150 000 Taler finden, aber dann wird man nicht mehr bei Hofe vorgestellt und ist von jeder Gesellschaft ausgeschlossen, in der ein Prinz oder eine Prinzessin erscheint. »Das ist schrecklich.« Eine Deutsche mit der Seele Philippines, viel Geist und dem edlen, gefühlvollen Antlitz, das sie mit siebzehn Jahren gehabt haben muß (jetzt ist sie neunundzwanzig oder dreißig), die anständig und dank der Landessitten natürlich ist und aus dem gleichen Grunde nur so viel Religion hat, als nützlich ist, könnte ihren Gatten gewiß sehr glücklich machen. »Aber er war doch verheiratet!« gab sie mir heute morgen zur Antwort, als ich das vierjährige Schweigen von Corinnes Liebhaber, Lord Nelvil, tadelte. Sie hat bis drei Uhr nachts in der »Corinne« gelesen. Sie ist empfänglich dafür, und doch antwortet sie: »Aber er war doch verheiratet.« Eine solche Frau würde sich durch die Ehe gebunden fühlen. Darum habe ich ihr zuliebe heute gut vier Stunden zurückgelegt, obwohl sie nicht hübsch ist und von kleinen Geistern und kleinen Seelen wie Christian von Münchhausen sogar für spröde und nüchtern gehalten wird ... Ich tat ihm unrecht. Er ist ein guter Kerl und einer der Leute vom besten Ton im Lande, aber geistlos und wenig gefühlvoll. (Zusatz Stendhals vom Oktober 1808.) Über Christian v. Münchhausen s. S. 275, Anmerk. 6. 9. November 1807. Man muß zu viel Worte machen, um gut zu beschreiben. Deshalb habe ich dies Tagebuch seit Anfang Juli unterbrochen. Es wäre nützlich, die Annalen seiner Begierden, seiner Seele zu schreiben, dadurch lernte man sie verbessern, aber vielleicht hätte das auch den Nachteil, kleinlich zu werden. Ich habe zu meinem großen Erstaunen drei Rebhühner im Fluge erlegt. Der Oberhofmarschall von Münchhausen Börries v. Münchhausen (1757–1810). Vgl. S, 189. hat mir durch eine Art von Entschuldigung volle Genugtuung gegeben. Die Sache ist erledigt und wird am besten vergessen. Von meiner Liebe zu Minette bin ich geheilt. Beide wurden übrigens bald von einander getrennt. Jérôme Napoleon, König von Westfalen, hatte Wilhelmines Vater zum Brigadegeneral ernannt, jedoch verletzt durch einen abratenden Brief seiner Frau, der aufgefangen worden war, die ganze Familie Ende Dezember 1807 »binnen acht Tagen« aus Braunschweig ausgewiesen. Sie siedelte infolgedessen nach Köthen über. Alle drei bis vier Tage schlafe ich, um meinem physischen Bedürfnis zu genügen, mit Charlotte Knabelhuber, einem Mädchen, das ein reicher Holländer, Herr von Kutendvilde, aushält. Frau Alexandrine D[aru] ist durchgekommen und hat mich sehr freundschaftlich empfangen. Gestern belebter Ball bei Frau von Marenholtz, S. Seite 285, Anm. 1. mit der B[richaud] öffentlich zusammenlebt. 14. Januar 1808. Von allen meinen Braunschweiger Bekannten hat nur einer wirklich Geist, nämlich Jacobsohn. Israel Jacobsohn (1768–1828), Bankier, braunschweigischer Hofagent und Rabbiner, 1807 Ehrendoktor der Universität Helmstedt, seit 1808 finanzieller Vertrauensmann des Königs Jérôme. Er spielte eine Rolle in der deutschen Judenemanzipation, für die er sich nach Kräften einsetzte. U. a. führte er den Gottesdienst in deutscher Sprache mit Orgelmusik in der Synagoge ein. Im Bade Helmstedt hatte er eine Brücke erbauen lassen, die seinen Namen erhielt. In Seesen hatte er eine Schule begründet. Er lebte persönlich einfach, gab aber viel für wohltätige Zwecke aus. Ein ausführliches Lebensbild von ihm entwirft Dr. Paul Zimmermann im »Braunschweigischen Magazin« von 1906, Nr. 9–10. Dazu besitzt er die ganze Gerissenheit eines Juden und zwei Millionen. Viel orientalische Phantasie, aber er spricht nicht gut Französisch, und seine Eitelkeit ist zu offensichtlich. Im Bade Helmstedt, wo man ihm schmeichelte, hat er aus Eitelkeit 2000 Taler ausgegeben. Wenn man sich an ihn heranmacht, könnte man ihn dazu bringen, 10 000 auszugeben, aber in seinem Haushalt bleibt er stets knickrig wie ein Jude. Seine Bemerkung gegenüber der Herzogin über das Agio der Religion ist hübsch. Der Oberjägermeister von Sierstorpf ist, was den Geist betrifft, Nr. 2. Er ist sechzig Jahre alt und hat 60 000 Franken Einkommen, In seinem Gesichtsausdruck liegt Schlauheit und Bosheit. Herzlos, hat nie einem Menschen mit Geld ausgeholfen. Er bestellt bei einem armen jungen Mechaniker in Braunschweig ein Fernrohr. Der arme Kerl soll 200 Taler dafür bekommen, als es aber fertig ist, will er ihm nur 60 geben. Wie man sagt, ist ihm der Tod seines einzigen Sohnes, der mit vierundzwanzig Jahren starb, nicht sehr nahegegangen. Er bekämpfte dessen Leidenschaft für eine natürliche Tochter des Herzogs, die aber den Titel Gräfin trug, Ehrendame war, bei Hof empfangen wurde usw. Ein harter Mann ohne jede Rücksicht gegen das Unglück. Sieht einem Eber ziemlich ähnlich. Nr. 3. Gesandter von Münchhausen Nach A. Schurig wohl der Oberhauptmann Börries v. Münchhausen (1745 – 1829). und Geheimrat von Strombeck. Aus diesen zwei Leuten, durcheinandergemischt, könnte man zwei reizende Menschen machen. Sie haben jeder ganz verschiedene Vorzüge. Münchhausen ist Weltmann, ein erbarmungsloser Schwätzer, der immerfort ganz nette Anekdoten erzählt. Er stellt sich etwas zu sehr in den Vordergrund, indem er stets andeutet, daß er dabei war, als Prinz Heinrich, Der Bruder Friedrichs des Großen. Herr von Boufflers, Stanislas Jean Marquis de Boufflers (1738 – 1815), genannt »Chavalier de Boufflers«, Dichter und Soldat, wanderte in der französischen Revolution aus, erhielt vom König von Preußen große Konzessionen in Polen zwecks Begründung einer Kolonie von Réfugiés und wurde Mitglied der Berliner Akademie. Er kehrte 1800 nach Frankreich zurück. Herr von Nivernais Der Herzog von Nivernais war 1756 in politischer Sendung in Berlin gewesen und von Friedrich dem Großen glänzend empfangen worden. usw. eine geistreiche Bemerkung machten. Er hat 36000 Franken Einkommen, meist in Leibrenten. Er ist schmutzig geizig. Sein ganzes Glück, sein ganzes Dasein besteht in Orden und Ordensbändern. Im Herzensgrunde ein guter Kerl. Ein guter Musiker, spielt gut Harmonika, Klavier usw., hat auch Musikstücke drucken lassen. Alles in allem das Bruchstück eines Weltmannes (fünfundfünfzig Jahre). Das Gegenteil ist Herr von Strombeck, der wie ein Apotheker aussieht. Sein Geist ist schwerfällig, langsam und bedächtig, doch sind seine Vorstellungen von Bürgertugend und Regierung weder klar noch richtig. Ein guter Freund, ein zärtlicher Vater, ein guter Sohn und Bruder. Er liebt die Künste, versteht etwas von Sternenkunde, ist sehr gebildet, aber ohne philosophische Neigungen, kann sich nicht konzentrieren. Liebt Philippine. Fünfunddreißig Jahre und 12000 Franken Einkommen. Seine Frau ist Mutter, weiter nichts. Völlig unbedeutend, sanft, tugendhaft, aber entsetzlich schwerfällig, so deutsch wie nur möglich. 4. Herr von Bothmer, Oberkammerherr, sechsundsechzig Jahre. Hans Friedrich Hartwig Ludwig Hugo Frhr. v. Bothmer (1745 – 1808), braunschweigischer Oberkammerherr. Von seinen fünf Kindern war Friederike (1775 – 1809) mit dem Landdrost Frhr. v. Marenholtz verheiratet und seit 1805 verwitwet, seine Tochter Karoline (1776 – 1837) unverheiratet, sein Sohn Ferdinand (1778 – 1863) braunschweigischer Rittmeister. (Nach gütiger Auskunft des Herrn Major Frhr. v. Bothmer in Arnswalde.) Wäre er vierzig Jahre alt, so gehörte er unter Nr. 1. Unersättlicher Esser, ißt Fleisch für drei. Spricht sechs Sprachen, hat hübsche deutsche Sprichwort-Lustspiele geschrieben und besitzt den literarischen Geschmack, der in Deutschland unter Friedrich dem Großen herrschte. Betet die französische Art mit ihren Vorzügen und Schwächen an. Die großen Deutschen, Goethe, Wieland, Klopstock, Bürger, Herder, Schiller haben darin Wandel geschaffen. Herr von Bothmer ist nur noch der Schatten dessen, was er früher gewesen sein muß. Er lebt allein von seinem Gehalt (6 – 7000 Franken), ist Komtur des protestantischen Zweiges des Deutschordens. Er ist gut durch seine Philosophie und wohl auch infolge seines zärtlichen Herzens. Aus Berechnung lobt er jedermann mit treuherziger Miene, wenn er mit jemand oder über ihn spricht; daher ist er allgemein beliebt. Er liebt seine Tochter, Frau von Marenholtz, sehr; sie ist äußerst gefallsüchtig und hat Brichaud S. S. 283. völlig umgarnt. Sein Sohn Ferdinand ist ein geistloser Barbar, ein richtiger Soldat, äußerst stark, kann einen denkenden Menschen vom Waffenhandwerk abschrecken. Seine Tochter, Karoline von Bothmer, war die Geliebte des Herrn von Haugwitz, der sich erschossen hat. Ihre Geschichte ist rührend. Ihr Herz ist nur noch ein Aschenhäufchen; etwas Eitelkeit belebt es hin und wieder noch. Herr von Bothmer hat über nichts große und feststehende Begriffe. Seine Philosophie ist klein, mittelmäßig und liebenswürdig. Jacobsohn dagegen ist hier wirklich der geistvollste Mann. Niemand zweifelte daran, spräche er nur leidlich Französisch. 17. [Januar]. Diner beim General Rivaud, dem Kommandeur der Division. Seit drei Tagen leichte Schwindelanfälle; Hacur ist ein vernünftiger Arzt. Martial ist mit seinem Bruder noch immer in Kassel, und ich baue hier Luftschlösser und sehe mich binnen drei Monaten als Kriegskommissar oder, was noch mehr ist, mit Pierre Daru in Portugal oder in Griechenland. Auf die Reise freue ich mich. Im ganzen bin ich mit meiner Stellung zufrieden; nur das Klima verdrießt mich bisweilen. Ich lese mit Vergnügen Sismondi. Sismondis »Histoire des républiques italiennes du moyen-age« (Zürich und Paris 1807–18, 16 Bde., deutsch Zürich 1807–24, 16 Bde.) hat Stendhal in seiner »Geschichte der italienischen Malerei« und auch sonst stark beeinflußt, ist aber später von ihm als »plumpes liberales Machwerk« abgelehnt worden. 20. Januar. Schlichtheit, Tragödie, Julius Cäsar. Schichten Riesen eine Mauer aus Felsblöcken auf, so können sie haushohe Felsen ebenso leicht übereinander türmen, wie ein Maurer Stein auf Stein schichtet. Ebenso ist es, wenn große Seelen eine große Tat vollbringen. Einem Brutus, Regulus usw. wird es ebensowenig schwer fallen, jene Taten zu vollbringen, durch die sie berühmt wurden, wie einem Infanterieleutnant, Feuer zu kommandieren. Das ist die edle Schlichtheit und Natürlichkeit, die tragische Helden besitzen müssen. Daraus entspringt sofort das Erhabene; es ist beinahe das sine qua non der Tragödie. Corneille hat es bisweilen, Voltaire nie. I think that I shall have this in my character . Ich denke, das habe ich in meinem Charakter. Seit acht Monaten habe ich kein Stück von Corneille oder Racine gelesen. Die »Schule der Ehemänner« von Molière, »Othello« und »Julius Cäsar« von Shakespeare. Shakespeare langweilte mich vor drei Monaten. Jetzt achte ich nicht mehr auf seinen Schwulst, und er fesselt mich. »Othello« schien mir fast vollkommen. 26. Januar 1808. Gestern war ich im deutschen Theater; ich hatte etwas Fieber,.. 1. Februar. Ich erhalte einen Brief von Herrn Daru, worin er mir die Domänenverwaltung überträgt. Ich bin über diesen Gunstbeweis nicht entzückt; ich weiß nicht, was ich davon halten soll. 18. Februar. Ich habe mir das »Abendmahl«, Von Leonardo da Vinci. die Bilder Friedrichs [des Großen) und Raffaels gekauft, eine schöne Landschaft von Claude Lorrain und die »Mitternachtssonne« in Torneo. Unter diese Bilder und Landschaften werde ich schreiben: Nord und Süd, beide groß. Welcher war glücklicher? 19. Februar. Ich besichtige die ganze Domänenkammer... Morgen gehe ich auf die Hasenjagd nach Wolfenbüttel. Von Zeit zu Zeit tummle ich Fräulein Charlotte. Ich habe starke, aber sehr vergängliche Neigungen für einige Frauen. In dieser Hinsicht habe ich Fortschritte gemacht. Ich bin nicht mehr so schüchtern... Ich muß auch noch eine gewisse Pedanterie in meinem Wesen ablegen, die die Folge meiner Schüchternheit ist. 25. Februar. Seitdem habe ich drei Hasen geschossen, die ersten Vierfüßler in meinem Leben... Herrliches Wetter, seit acht Tagen Frost und Sonnenschein. Wein und Musik machen mir Vergnügen. Gestern war ich bei Heim von Praun Wohl Geheimrat Karl v. Praun, der am 30, März ds. Js. starb. (zum Essen). Ich fühlte mich wohl und spürte mein Fieber nicht mehr, aber ich war Braunschweigs überdrüssig und aus Langeweile fast unglücklich ... 2. März. Ich habe einen langen Brief an Lambert Der auf S. 193 genannte Kriegskommissar, den Beyle 1811 wieder aufsuchte. S. die Aufzeichnung vom 9. Oktober 1811. geschrieben, worin ich ihm meine Meinung über dies Land gesagt habe, d. h. schlimmer als gehenkt werden. Dadurch war ich heute abend gut gelaunt und gar nicht schüchtern. Lamberts Brief enthält Bemerkungen über Kalabrien und die Musik in Neapel, die meine Anschauungen bestätigen. Die Menschen in Kalabrien müssen fast Naturkinder sein. Meine Augen haben sich heute abend an der Schönheit des Fräuleins von Klösterlein ergötzt. Wohl die Tochter des in den »Briefen einer Braut« erwähnten Obersten v. Klösterlein, der in westfälische Dienste getreten war. 3. März. Gesellschaft und langweiliges Pharaospiel beim General Rivaud ... Ich werde immer mehr der Vertraute der Frau Struve. Wohl Lisette v. Struve, geb. Gräfin Oexel; ihre Mutter war eine geborene v. Sierstorpf. 6. März. Das Volk von Braunschweig leistet den Treueid. Häßliche Gotik des Gebäudes, in dem sich die Behörden befinden. Gemeint ist jedenfalls das alte Rathaus, eine Perle der deutschen Gotik. Die spießige Gewöhnlichkeit bei Zeremonien verursacht mir immer Übelkeit. Der Bürgermeister von Braunschweig Joh. Heinrich Wilmerding, ein derber Niedersachse. eine lächerliche Gestalt, hat eine Rede vorgelesen, die niemand gehört hat. Er hatte nicht soviel Verstand, dem Volke zu sagen, wann es die Hand hochheben solle. Jeder hat es für sich getan, und alles hat gelacht... Zeremonien sind mir stets zuwider, sie erinnern mich an die Spießbürgerlichkeit von Grenoble. Sähe ich sie dort, sie wären mir noch weit unleidlicher. 11. März. Ich schreibe alle meine amtlichen Briefe zu Füßen des Bildes von Raffael, dessen Ausdruck nach den Tagesstunden wechselt. Dies schöne Gesicht, das sein Glück aus dem Herzen schöpfte, bewahrt mich davor, daß meine Seele ganz ausdörrt. Ich will das Bild Friedrichs II. neben Raffael hängen... Gestern abend um elf Uhr wurde an meine Tür geklopft; der treffliche General Michaud und Durcy Ein Untergebener von Michaud, Stendhals Brigadegeneral in der Lombardei (s. S. 214), der in seinem Tagebuch von 1801 mehrfach genannt wird. waren im »Englischen Hof« abgestiegen. Der General empfing mich aufs herzlichste. Wie zufrieden war seine Miene! Wie umarmte er mich beim Kommen und Gehen und leuchtete mir bis zur letzten Stufe! Als ich um ein Uhr nachts heimkehrte, war ich von der seltenen Freude erfüllt, die die Zufriedenheit den Menschen gewährt... 17. März. Ich bin sehr glücklich, daß der Zufall mich vom Hofe ferngehalten hat, wo ich vor zwei Jahren gern eine Anstellung gefunden hätte. Es war ein großer Irrtum von mir, der mich in bezug auf zwei Dinge vorsichtig machen soll: die Ehe und das Aufgeben meiner Stellung. Möglich, daß ich zu beiden Lust bekomme, aber ich muß mir das lange überlegen. Die Erfahrung eines Jahres, wo ich an eine Person gebunden war, bestärkt mich in dem Gedanken, daß ich mich gar nicht für den Hof eigne. Eine einsame, selbständige Stellung wie die jetzige paßt weit besser für mich. Allerdings langweile ich mich gewaltig dabei... Übrigens bekomme ich von meinem Vater monatlich 400 Franken. Ich habe noch 3000 Franken Schulden, trotz den Wohltaten des Herrn von N. 18. März 1808. Ich nehme ausgezeichneten englischen Unterricht bei Herrn Emperius. Joh. Ferd. Friedrich Emperius (1759-1822), Professor der klassischen Literatur am Carolinum zu Braunschweig und Kustos des Braunschweiger Museums. Während der Franzosenzeit lehrte er Geschichte und Englisch an dem zur Militärakademie verwandelten Carolinum. Ich erkläre »Richard III.« und bin davon sehr gepackt... Mir kommt der Gedanke, eine Tragödie »Der Usurpator« zu schreiben, der ich einen Stich ins Komische geben möchte, etwa wie im »Richard III.« in der Szene vor dem Erscheinen der Königin Margarete. Gemeint ist wohl 1. Akt, 3. Szene. Ich habe diesen Charakter einen Augenblick deutlich vor Augen und bin sicher, daß er großen und tiefen Eindruck machen würde. 19. März 1808. Es ließe sich ein sehr fesselndes Buch von 500 Seiten über die Geschichte der katholischen Religion von Christus bis auf die Gegenwart schreiben. Wenn ich 500 Seiten sage, so setze ich damit die größte Unparteilichkeit und vor allem äußerst wenig gelehrte und kritische Erörterung der Tatsachen voraus. Es käme darauf an, far suoi i temi gia prima trattati . Sich die schon behandelten Gegenstände zu eigen zu machen. 29. März. Ich sehne mich nach Charlotte, seit ich sie nicht mehr habe ... Offenheit war der Hauptzug ihres Wesens. (Randbemerkung Stendhals im Jahre 1815.) 11. April. Ich schreibe an Frau de Baure und an Mutter Daru und bitte, daß ich nach Spanien geschickt werde, wenn mein hiesiger Auftrag beendet ist. Ich bitte meinen Großvater, in der gleichen Sache an Herrn und Frau Daru und an Martial zu schreiben. Damit werden alle Saiten in Schwingung versetzt. 23. April. Herr von Bothmer wiederholt mir, daß es weder ein gutes Trauerspiel noch ein gutes Lustspiel in deutscher Sprache gäbe. Ich glaube das nicht ganz, denn in den vier Stücken von Schiller, die ins Französische übersetzt sind, Jean Ferdinand La Martelière (eig. Schwindenhammer) veröffentlichte 1785 die erste Verdeutschung der »Räuber«, die 1792 aufgeführt wurde, und 1799 ein »Thèâtre de Schiller«, das »Kabale und Liebe«, »Fiesco« und »Don Carlos« enthielt (2. Aufl. 1806). Im selben Jahre erschien auch eine Übersetzung des »Don Carlos« von Adrien Lezay-Marnesia. Vgl. Th. Süpfle, Geschichte des deutschen Kultureinflusses auf Frankreich, Gotha 1886 ff., II, I, S. 63 ff. finde ich manches Gute... Der Architekt des Königs, der aus Rom kommt, ein Mann von Geist und Talent, sagt mir, es gäbe im Deutschen drei gute Lustspiele, nämlich ... Die Titel hat Stendhal weggelassen! 1. Mai. Zufällig kam ich in eine Gesellschaft beim Justizminister, zu der alle Welt außer den Franzosen eingeladen war. Ich mache beim Pharaospiel gute Beobachtungen. Frau von Marschall Wohl die Gattin des zu Lessings Bekannten gehörenden Kammerherrn Aug. Dietr. v. Marschall. (Zimmermann.) könnte mir gefallen, obwohl sie eine heiratsfähige Tochter hat. Sie scheint Geist zu haben und nicht prüde zu sein. Aber ich bin schüchtern gegen sie, und zudem haben wir keine Gelegenheit... 3. Mai 1808. Ich schreibe dies Punkt acht Uhr. Bisher habe ich ohne jede Mühe das »Leben Johnsons« Das berühmte Werk von James Boswell: » Life of Samuel Johnson « (London 1791). gelesen, die mir Herr Eschenburg geliehen hat. Joh. Joachim Eschenburg (1743-1820), seit 1777 Professor am Carolinum zu Braunschweig, der Überarbeiter und Ergänzer von Wielands Shakespeareübersetzung. Er wies auch sonst auf die englische Literatur hin (»Britisches Museum«, Leipzig 1777-80, »Britische Literatur«, ebd. 1780-81) und verfaßte einflußreiche literarhistorische und ästhetische Schriften. Ich glaube nicht, daß man zu dieser Stunde in Marseille oder Madrid lesen kann. Nachfolgend mein heutiges Leben: es soll mir als Probe dienen, wie ich im Frühjahr 1808 gelebt habe. Um acht Uhr hat mich der Barbier im großen Salon geweckt, in dem ich zum erstenmal schlief. Das hatte zur Folge, daß ich um vier Uhr morgens einen militärischen Spaziergang mit dem Degen in der Hand machte. Ich hörte Geräusch in den Nebenzimmern und lag noch tief in Träumen; sobald meine Einbildungskraft wach ist, bin ich schüchtern. Tapfer bin ich nur, solange ich blöde bin; dann verliere ich die Erde nicht aus den Augen. Ich rede von der wirklichen Tapferkeit. Meine Phantasie bestärkt die Art von Tapferkeit, die aus den Leidenschaften entspringt. Mein Zorn ist so heftig, daß ich vierundzwanzig Stunden lang Magenweh habe. Als der Barbier fort war, las ich ein paar Seiten im »Leben Johnsons«, das mir Herr Eschenburg geliehen hatte. Herr Koechi Joh. Karl Theodor Koechi, Professor der neueren Sprachen am Carolinum, dann an der Militärakademie. (Zimmermann.) kommt zum deutschen Unterricht. Ich erkläre drei Seiten der Geschichte »des großes Friederich«. Diese drei Worte, in denen mindestens drei Fehler sind, zeigen meine Fortschritte in dieser Sprache, die von langweiligen Menschen gesprochen wird, aber einige ausdrucksvolle Worte hat. Nachdem Herr Koechi gegangen ist, habe ich das Protokoll über die Zahlung und Verteilung einer Summe von 16 000 Talern in Gold abgefaßt und eine Suppe aus Brot, Wasser und Butter gegessen. Dann bin ich zu Herrn Emperius gegangen, um meine englische Stunde zu nehmen... Er hat mich ein englisches Buch, das er mir auf französisch vorlas, auf englisch niederschreiben lassen. Dann habe ich die vierte und fünfte Szene des ersten Akts von »Macbeth« erklärt. Es war sehr verkehrt von mir, Herrn Emperius nicht schon bei meiner Ankunft in Braunschweig zu nehmen; dann könnte ich jetzt Englisch und Latein. Er besitzt zwar keinen Esprit, ist aber ein ausgezeichneter Sprachlehrer. Nachdem ich anderthalb Stunden bei ihm verbracht habe, bin ich nach Hause gegangen und habe bis drei Uhr im »Leben Johnsons« gelesen. Ich habe heute im ganzen 100 Oktavseiten mit Genuß gelesen, und zwar ohne Wörterbuch, denn ich habe keins. Von drei Uhr ab habe ich dreiviertel Stunden in meinem Bureau gearbeitet; dann habe ich Mittag gegessen: geröstetes Hammelfleisch mit Bratkartoffeln und Salat. Die beiden ersten Gerichte kamen von Janaux; sie kosteten sechs Bonger (18 Sous). Nach Tisch Johnson. Um sechs Uhr reite ich aus und kehre um 7 ¼ zurück. Ich komme bei der Schuhmacherstochter vorüber, die mich anlächelt und wieder ins Haus tritt. Mein ganzer gestriger Tag war bewegt und glücklich infolge des Stelldicheins, das sie mir gab und das sehr originell war. Um neun Uhr traf ich Charlotte und wir machten einen Mondscheinspaziergang. Aber das hübsche Mädchen, von dem ich kam, hatte mich gegenüber dieser Schönheit von fünfundzwanzig Jahren, die wie zweiunddreißig Jahre alt aussieht, stark abgekühlt. Heute, als ich vom Spazierritt zurückkam, habe ich Tee getrunken – drei Tassen, um mich diesen Abend mit meinem Geiste zu unterhalten. Ich habe bis acht Uhr gelesen und beende diese Zeilen um acht Uhr fünfunddreißig Minuten. Am 15. April habe ich die ersten Knospen gesehen und das volle Erwachen der Natur am 26. Dem Pflanzenwuchs und meinen Nerven fehlt ein warmer Regen. 4. Mai, nach der Lektüre von »Tom Jones« Englischer Sittenroman (1750) von Henry Fielding (1707-54). Die Ideen des Eigentums und der Gefahr kehren in irgendeinem englischen Buche weit öfter wieder als in einem französischen über das gleiche Thema. Ich muß zusehen, ob diese Verallgemeinerung zutrifft, und wenn sie zutrifft, die Ideen heraussuchen, die am häufigsten in französischen und italienischen Büchern vorkommen. Ich habe die schlechte Angewohnheit, meine Beobachtungen sofort zu verallgemeinern. Das kommt von dem Dünkel, eine wichtige Entdeckung gemacht zu haben, und von der Trägheit; denn es ist weit leichter, auf diese Weise eine Bemerkung zu verallgemeinern, als sorgfältig zu prüfen, ob man wirklich sehr oft Gelegenheit hatte, sie zu machen. 20. September. Ich komme aus Schillers »Kabale und Liebe«. Ich finde die Gefühle unklar; der Autor hat die großen Gedanken nicht genügend vertieft, und schließlich sind seine Personen nicht geistreich genug. Abgesehen davon und von den Längen am Schluß ist es ein gutes Stück, aber diese Empfindsamkeit, die sich wie die Werthers auf unklare, schwülstige Ideen stützt, rührt mich nicht. Sie scheint eine Folge des Mangels an Geist und Charakter bei diesem Volke zu sein. Der Hauptfehler der Deutschen ist in meinen Augen ihre Charakterschwäche. Abgesehen von dem Leben, das ich täglich beobachte, ergibt sich das wohl deutlich aus dem Unterschied zwischen dem deutschen und spanischen Stil, selbst in französischer Übersetzung. Man lese die Novellen des Cervantes, die Memoiren des Don Philippo und zwei entsprechende deutsche Werke. Ferner hat ihre Regierung ihnen den Geist des Formalismus und der Juristerei beigebracht. Schließlich sind sie durch ihr Bibellesen einfältig und aufgeblasen geworden. Das wirkt auch auf den englischen Charakter... Bemerkenswert ist die Ehrlichkeit des Volkes. Ein Beweis sind die zahlreichen Geldsendungen durch die Post. Seit etwa einem Monat fallen die Vorurteile, die mir den deutschen Charakter verbargen, von mir ab, und ich beginne ihn klar zu erkennen. Die größten Herrscher des 18. Jahrhunderts, Friedrich II. und Katharina II., waren Deutsche. Aber ich finde bisher, seit die Deutschen jenen Charakter verloren haben, den ihnen Tacitus zuschreibt, kein feuriges Genie bei ihnen, wie etwa den Prinzen von Condé. Louis II., Prinz von Condé, der »große Condé« (1621-86), ein berühmter Kriegsmann unter Ludwig XIV. 26. September 1808. Nun bin ich fast zwei Jahre in Braunschweig, woran ich folgende Betrachtung knüpfe. Ich bin den Menschen dieses Landes so recht als junger Mensch und als Franzose entgegengetreten. Was mir tadelnswert schien, habe ich vor ihnen getadelt, als ob sie alle Philosophen und über Vorurteile erhaben wären. Ich habe sogar meine Verachtung für ihre plumpe Schwerfälligkeit durchblicken lassen. Wenn ich das nächste Mal an den Ufern des Ebro oder der Elbe in Garnison stehe, werde ich gleich bei meiner Ankunft meine Bewunderung für das Land erklären ... 13. Oktober 1808. Historischer Stil. – Ernst, Ernst... Mein Stil wird von besonderer Art sein, indem er sich ein wenig über alles lustig macht, deutlich ist und nicht einschläfert. Wozu Ernst? Um die Geschichtschreiber zu Predigern zu machen und die Laster auszurotten? Wem soll die Geschichte eine Lehre sein? Den Königen? Sie pfeifen darauf. Indem man ihre Werkzeuge lächerlich macht, macht man es ihnen schwer, ja unmöglich, das zu verabscheuen, was man gebrandmarkt hat. Ich sollte es unterlassen, eine hübsche Frau zu entführen, weil ein ernster, geachteter Schriftsteller, ein Tacitus, dies Verbrechen geißelt. Ein schöner Grund! 14. Oktober 1808. Die Herrscher haben in Fragen des Geschmacks einen großen Vorteil: sie sind von der Auslese der zeitgenössischen Künstler umgeben. Der Kaiser hat Goethe in Erfurt eine Audienz gewährt Die berühmte Unterredung Goethes mit Napoleon fand am 2. Oktober 1808 statt. und mit ihm über die deutsche Literatur gesprochen. Der Dichter wird vermutlich seine leitenden Gedanken dargelegt haben. Der Kaiser kann über diese Literatur also viel richtigere Ansichten haben als ein Durchschnittsmensch. So ist es in allem. Ludwig XIV. sprach mit Boileau, Molière und Racine über die Dichtkunst. 28. Oktober 1808. Der schönste Herbsttag, den ich hier erlebt habe. Alles Weitere umstehend. Es sind einige Gedanken über den Spanischen Erbfolgekrieg, an dem Stendhal damals arbeitete. Charlotte ist eifersüchtig und von Liebe durchdrungen ... Ich mache heute meinen ersten deutschen Aufsatz. November 1808. Reizende Reise nach Kassel. Hin und zurück in Begleitung des Holländers Mauvillon. Am 11. November 1808 erhielt ich in Braunschweig Befehl, nach Paris zu kommen. Ich bin am 1. Dezember dort angelangt. Eindrücke aus Norddeutschland Das Folgende ist aus »Napoléon« (Fragment), herausgegeben von J. de Mitty, Paris 1898, S. 97 ff. entnommen. (18.) April 1808. Am 13. November 1806 kam ich in einem Ländchen von 200 000 Einwohnern an, das durch seinen Fürsten berühmt ist. Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig (1725-1806), seit 1780 Herzog, preußischer Heerführer in den Revolutionskriegen und bei Jena und Auerstedt, wo er tödlich verwundet wurde. Das Herzogtum Braunschweig ist anscheinend das bekannteste aller kleinen deutschen Fürstentümer. Man stelle sich eine große, nach Norden abfallende, lehmige Ebene mit Sandinseln vor, dann hat man ein Bild von diesem sechzig Stunden im Umkreis großen Lande. Indes gibt es ein paar Erhebungen: den Elmwald, wo wir auf die Hirschjagd gegangen sind, und das Assegebirge, wo ich zwei angenehme Tage verbracht habe. Aber zumeist Schmutz und Kälte, das war mein gewöhnlicher Eindruck seit den sechzehn Monaten meines Hierseins. Man darf nicht glauben, der 52. Breitengrad, unter dem Braunschweig liegt, mache sich durch 15-20 Grad Reaumur und schönen Sonnenschein geltend. Das Wetter war meist viel unangenehmer; es ist dauernd veränderlich. Das Thermometer sinkt nie unter 7 Grad unter Null, aber Schnee und Sonnenschein wechseln fünf- bis sechsmal am Tage. Von weitem sieht man eine stahlgraue Wolke anziehen; die Sonne verbirgt sich, es schneit. Die Wolke zieht vorüber, die Sonne scheint wieder, die Dächer tropfen, und zwei Stunden darauf ist kein Schnee mehr zu sehen. Es regnet viel. Die Wege sind sieben Monate im Jahre durch Schlamm grundlos. Es gibt keinen Frühling; mit Verwunderung sieht man die Blätter in der kalten Winterluft sprießen. Niemals jene samtweiche, für zarte Lungen so wohltätige Luft; niemals jene Abende, wo man nur für das Glück lebt, eine milde Luft einzuatmen. Daß dies Wetter hier so selten ist, verleidet mir das Land besonders... Die Landstraßen sind so schlecht, so ganz anders als in Frankreich, daß ich monatelang bei Wagenfahrten in Angst schwebte. Die gewöhnlichen, fast ununterbrochenen Zurufe der Postillione sind die gleichen wie in Frankreich bei großer Gefahr. Immerfort verlassen sie die Straße oder was so bezeichnet wird und fahren querfeldein. Aber das ist noch gar nichts. Auf den Poststationen hat ein etwas lebhafter Mensch zu leiden: stets muß man zwei Stunden warten. Bitten, Schläge, Trinkgeld oder Schlafen, alles ist einerlei. Bei jeder Poststation ist zwei Stunden Aufenthalt. Ein Wagenmeister schmiert den Wagen mit schwarzem Wasser ein und zieht im voraus den Preis für die Pferde ein. Am Ende der Fahrt gibt man den Postillionen ein Trinkgeld. Auch wenn man das dreifache gäbe, ginge es nicht schneller. Ein großer behäbiger Bauer mit frischen Farben, der im Braunschweigischen einen gelben und im Hannöverschen einen roten Sack und eine Schnur kreuzweise über der Brust trägt und mit schweren Schritten einhergeht, hört ruhig zu, wenn man flucht, und raucht seine Pfeife. Es juckt einem in der Hand, ihn zu prügeln, doch entsinne ich mich nicht, das je getan zu haben. Andere Franzosen haben die Postillione tüchtig geprügelt; die Wirkung war vorzüglich. Infolge der Scherereien bei der Postfahrt fahren alle Franzosen mit requirierten Pferden, Man kommt an, geht zum Kriegskommissar, zum Ortskommandanten oder Bürgermeister, und nach zwei Stunden sind vier schöne Pferde mit zwei Bauernjungen von frischer Farbe zur Stelle, deren blondes Haar viereckig geschnitten ist wie auf den Bildern Karls des Großen. Sie haben grobe Züge und dumme Mienen. Vor sich her auf den Schenkeln tragen sie einen Sack voll Hafer, mit Häcksel gemischt, binden ihn hinten auf, spannen an und fahren besser als die Post. Ist man sehr freigebig, so gibt man ihnen alle vier bis sechs (französische) Meilen zwölf gute Groschen. Das Berühren großer Städte mit ihren Militärbehörden ist bei dieser Art des Reisens freilich nachteilig. Man wird schlechter bedient und hängt vom Kriegskommissar ab. Am bequemsten reist man bei Nacht mit der Post und am Tage mit den Bauern... Man trinkt in Deutschland erstaunlich viel Kaffee. Bei der Ankunft im Gasthof wird einem Milchkaffee mit Butterbrot angeboten, zwei sehr dünne Scheiben Schwarzbrot mit Butter dazwischen. Die braven Deutschen essen vier bis fünf Butterbrote, trinken zwei große Glas Bier und zuletzt einen Schnaps. Diese Lebensweise kann den heftigsten Menschen phlegmatisch machen. Mir raubt sie alles Denken. Außer dieser kleinen Mahlzeit, die einem in den Gasthöfen angeboten wird, wenn man sehr früh oder sehr spät ankommt, findet man um ein Uhr ein Mittagessen, d. h. eine Wein- oder Biersuppe, gekochtes Fleisch, eine riesige Schüssel Sauerkraut (auch ein verdummendes Gericht), dann einen Braten mit Krautsalat, glaube ich, der abscheulich riecht. Zu diesem Mahl, das man wütend verzehrt, gibt es gepanschten Wein, der nach Zucker schmeckt, Burgunder heißt und 35-40 Sous kostet. Besonders scheußlich ist der Wein in Hessen, einem hübschen, aber armen Lande; der Kurfürst, geizig wie Harpagon, besaß alle Güter. Ich bin noch etwas verkatert von einer Weinkneiperei bei Herrn Stahler, einem reichen Weinhändler und Hauptmann der Bürgerwehr, an dem ich gestern teilnahm. Es waren sieben bis acht Bürger und Weinkenner da, darunter der berühmte Herr von Rothschild, Mayer Anselm Rothschild (1743-1812), der Begründer des berühmten Bankhauses. der seit sechzig Jahren Feinschmecker und Gast an fürstlichen Tafeln ist. Er wunderte sich über die Begeisterung, mit der alle diese Leute ein scheußliches Gemisch von Stachelbeersaft und Moselwein hinuntergössen, das als Champagne rosé kredenzt wurde. Ich verstehe mich zwar sehr wenig darauf, aber ich finde, daß alle hiesigen Weine nicht den feinen, charakteristischen Geschmack des Burgunders und anderer südfranzösischer Weine haben. Das Abendessen besteht aus Suppe und Braten; zum Nachtisch etwas Gebäck, sehr wenig Obst, meist Erdbeeren, aber deutsche, d. h. groß, schön und geschmacklos. Danach muß man zu Bette gehen, und das ist das Schlimmste. Man stelle sich als Matratze ein Federbett vor, in dem man versinkt. Von der Mitte der Bettlänge erhebt sich ein Haufen von Federkissen, die einem zum Sitzen nötigen, so gern man sich ausstrecken möchte. Obendrauf liegt ein Bettuch, das an den Seiten nicht eingesteckt ist; statt einer Decke ein riesiger Federsack ohne Überzug. Da unter dieser Art von Decke jedermann schwitzt, hat man die Annehmlichkeit der Gemeinschaft mit allen Reisenden, die unter dergleichen Decke schon geschwitzt haben. Ich glaube, in den guten Gasthöfen werden die Betten jährlich zweimal gereinigt... Ein Franzose kann also nichts Besseres tun, als sich Stroh bringen zu lassen und darauf, in seinem Mantel gehüllt, zu schlafen. Die eben beschriebene Einrichtung versetzt einen in eine Unruhe, die ich das erstemal für ein Anzeichen des gelben Fiebers gehalten habe. Sollte ich je zu meinem Vergnügen in diesem Teil Deutschlands reisen, so werde ich im Juli den Rhein verlassen. Der Anblick der Braunschweiger Landschaft ist trüb und eintönig, bisweilen ossianisch. Im Norden herrscht viel mehr Abwechslung. Die Umgegend von Berlin ist ein Sandmeer. Wer dort eine Stadt erbaut hat, muß vom Teufel geplagt gewesen sein. Bei Potsdam ist die Landschaft reizend. Die Havelinseln, von Sanssouci aus gesehen, sind nach meiner Meinung das Anmutigste und Edelste in ganz Norddeutschland, etwa das, was für Italien die Borromeischen Inseln sind. Sie haben etwas Weicheres, Schwermütigeres. An glücklichen Tagen, wo man empfindsam ist, rührt ihr Anblick tief... In acht Tagen sieht man in den Städten ein Gerüst aus Eichenholz entstehen; in den nächsten acht Tagen wird es mit Ziegeln gefüllt und die Lücken mit Mörtel verschlossen; schließlich setzt man des Schnees wegen ein spitzes, ziemlich hohes Dach darauf. So wird ein Haus in vier Wochen gebaut und kann 300 Jahre stehen. Der Kalkbewurf eines Hauses in meiner Nachbarschaft ist durch die Feuchtigkeit abgefallen. Auf dem Holzbalken las ich: 1554. Früher war es Brauch, auf einem sichtbaren Balken in erhabener Arbeit den Namen des Mannes und der Frau, die das Haus erbauen ließen, nebst der Jahreszahl anzubringen. Man sieht das noch auf den Dörfern, überall mit Jahreszahlen, bisweilen auf dem Dache, mit verschiedenen Farben gemalt. Aber diese Häuser sehen merkwürdig aus. Das Obergeschoß springt in der Höhe von zehn bis zwölf Fuß um zwei Fuß über die Mauer des Erdgeschosses vor. Das ist, glaube ich, ein Kennzeichen des deutschen Hauses, das man von Frankfurt an findet, ebenso die große Zahl und die Kleinheit der Fenster, etwas, das ich bei einem so kalten Klima nicht verstehe. Die Fensterscheiben sind in Blei gefaßt und die Fensterrahmen mit zwei Riegeln verschlossen. Das ist alles, keine Doppelfenster, keine Läden, keine Jalousien, Ein grauer Vorhang fällt innen herab. Die ganze Familie haust in einem einzigen Zimmer, der »Stube«. Den ganzen Winter über hütet man sich wohl, zu lüften. Wenn geraucht wird, kann man sich den Dunst vorstellen... Bisweilen wird der Fußboden gescheuert und weißer oder gelber Sand gestreut; das ist die äußerste Sauberkeit und Höflichkeit. Der Ofen wird zum Zerplatzen geheizt. Das feuchte Holz des Fußbodens und der Sand verursachen einen Geruch, von dem ein Franzose sofort Kopfweh bekommt. Trotzdem beginnen wir uns seit sechzehn Monaten daran zu gewöhnen und pflichten schließlich dem Marschall Berthier bei, der gesagt hat: »Man muß einen Ofen wie seine Frau und einen Kamin wie seine Geliebte ansehen.« Ein Haus muß sehr arm sein, wenn die kleinen Fenster nicht im Innern mit einem Musselinvorhang mit Fransen geschmückt sind. Das ist zwar nicht schön und reich, aber sauber und anmutig. Die Deutschen (ich rede von denen von Frankfurt bis Berlin und besonders vom Herzogtum Braunschweig) haben eine Vorliebe für Stiche. Man findet sieben bis acht, und nicht mal schlechte, bei einem Flickschuster, oft einen Niobe- oder Apollokopf. Aber man wundert sich, neben einem schönen Antinouskopfe einen Stich für 25 Sous in einem kostbaren Rahmen zu finden. Das ist nicht die Seele des Italieners, auch nicht der Geschmack des Franzosen; bei diesem wäre alles gleich mittelmäßig. Einen Antinouskopf fände er zu einfach. Neben den Stichen findet man ziemlich häufig kleine Miniaturpinseleien oder wenigstens Schattenrisse. Es sind die Bilder der Eltern und der ganzen Familie. Diese steifen Figuren sind ohne Geschmack und Anmut. Die letztere fehlt den Deutschen, die man auf der Straße trifft, am meisten. Sie haben stärkere Gliedmaßen und schönere Gesichtsfarbe als die Franzosen, rote Backen, fast durchweg blonde, bisweilen rote Haare, einen schwerfälligen, oft dummen Ausdruck. Unerträgliche Dünkelhaftigkeit auf diesen Gesichtern. Gar keine Anmut und viel Geziertheit, keine Spur von Natürlichkeit – das macht einen deutschen Gecken zum lächerlichsten Wesen, dem man begegnen kann. Oft trägt er sehr spitze Stiefel, eine dicke Halsbinde, eine kleine schmutzige gelbe Weste und einen Rock mit zwei Zoll langen Schößen. Auf dem Kopf einen rießigen Hut mit Troddeln und Quasten, dazu einen Gang, als wollte er sich zu Boden werfen. Dieser Tropf hat prächtige Hautfarbe, schöne blaue Augen, bisweilen mit schwarzen Wimpern, und herrliches blondes Haar. Aber keine Seele, keinen Ausdruck als den der Geistlosigkeit. Die Braunschweiger Frauen, besonders die Dienstmädchen, gehören zu den schönsten, die ich kenne. Welche dicht geschlossenen Schenkel, schöne Arme, die schönste Hautfarbe, schöne Haare. Man findet oft griechische Züge in ihren Gesichtern, weit häufiger als in Frankreich. Sie haben oft kleine dünne Nasen, schmale Wangen und niedrige Stirnen. Äußerst selten findet man den kühnen Schwung und die ausgeprägten Züge des Niobekopfes, aber oft eine sehr hübsche, bisweilen schöne, fast stets anmutige Gesichtsform. Schöne Augen, häßliche Zähne und Füße, meist schöne, etwas zu kleine Busen. In der guten Gesellschaft, im Adel, den wir hier allein sehen, findet man viele angezogene Bohnenstangen. Man kennt die schön kolorierten Stiche von Alexander I., dem Kaiser von Rußland; diese Art femininer Schönheit findet man oft. Gestern erregte mein Erstaunen eine Dienstmagd in der Küche des »Englischen Hofes« beim Geschirrwaschen; sie hatte ein vollendetes griechisches Gesicht in der Art des Kaisers Alexander. So gut die Frauen aussehen, so unrettbar häßlich sind die Männer: barbarisch verzogene und meist gemeine Gesichtszüge. Auf zwanzig Schritt erscheint ein junger deutscher Offizier vielleicht schön (auch wie Alexander), aber bei näherer Betrachtung kann er nur verlieren. Entweder ist sein Gesicht geckenhaft abstoßend oder er hat den Ausdruck eines rohen, stumpfsinnigen Soldaten. Die jungen Franzosen sehen weit besser aus als die Deutschen. Die deutschen Soldaten im Dienst sind zum Totlachen; so plump und linkisch sind sie. Sie haben keine Ahnung von dem leichten, eleganten Marsch der kaiserlichen Gardeinfanterie. Bei den Bürgersleuten fand ich zu Anfang und finde ich noch heute etwas Militärisches. Dazu trägt jeder Mann hohe Stiefel, viele schwarze Halsbinden, riesige Dreispitze, und die Kleider haben einen strengen Schnitt. Nie etwas Leichtes, nichts, das zum Gezierten oder Lächerlichen neigt, sobald es unmodern ist, wie vielfach unsere Kleidung in Frankreich, Dazu einen schweren, langsamen Schritt, nicht ruhig, wie bei den Türken, sondern eckig, wie bei Rekruten. Ich bin zwar kein kompetenter Richter, aber ich halte sie für keckere Reiter als uns. Die Wohlhabenden halten sich englische Pferde oder schöne Mecklenburger, die den normannischen sehr ähnlich sind. Ihr Tanz ist sicher, hart und schnell; bei etwas mehr Anmut könnte er sehr gefällig sein. Der Walzer ist hier zweimal schneller als in Paris. Die Tanzmusik ist sehr schön und geeignet, aber die Musiker spielen abscheulich und verderben diese schönen Melodien erbärmlich. Jeder Ball schließt mit einem »Kehraus«, einer Reihe von bestimmten Figuren, die durch Polonäsen geschieden sind. Dieser Schrittanz ist das Gegenteil von der Schnelligkeit und Eckigkeit des deutschen Tanzes. Die Männer tragen ihr Haar kurzgeschnitten wie in Frankreich, die Frauen sind nicht mehr gepudert als bei uns. Die Ballkleider sind einfacher, bescheidener und kälter als bei uns in der Provinz. Die jungen Männer sehen ebenso gut aus wie die Mädchen. Aber von einem gewissen Alter ab sind die Männer lächerlich. Alle Gelehrten, besonders die Professoren, die Bürgermeister, die Geheimräte sind spaßhaft gekleidet. Sie tragen sehr lange schwarze Röcke, die über der Brust schrecklich eng sind, und vor allem einen endlos langen Degen. Vorgestern, beim Diner beim Präfekten, erschien Herr P... ganz in Schwarz: schwarzer Rock und Hosen, schwarze Strümpfe, den Degen an einem schwarzen Lederkoppel mit zwei großen vergoldeten Fratzen an den Haken. Vielleicht vergaß ich etwas, aber ich wagte ihn nicht genau anzusehen, um nicht herauszuplatzen. Als ich mich nach seiner Frau erkundigte, verriet ich mich beinahe... Heute, am 18. April, am zweiten Ostertag, schneit es wie im Dezember... Alle Männer rauchen – im Klub, im Billardsaal, in den Kneipen. Man raucht soviel, daß die Kleider nach Tabak dunsten. Ich halte diesen Brauch in einem feuchten Lande für gesund; der Rauch gibt den Lungen und Atmungsorganen mehr Ton, und gerade der Ton fehlt den deutschen Stimmen ja meist. Sie sind gesund und wohlgestaltet, aber der Ton fehlt. Mir scheint ihr Butterbrot und ihre ewigen Milchspeisen sind nicht geeignet, sie lebhafter zu machen. Ich zweifle nicht, daß ihre geistige Struktur sich änderte, wenn jeder Mann täglich eine Flasche Languedoc tränke. Im allgemeinen ist der Mensch hierzulande mehr Haustier als in Italien oder Frankreich. Das kommt vielleicht von der Leibeigenschaft, die dreißig Stunden von hier noch besteht und den anständigen Frauen viel von ihrem Werte nimmt. Hätte ich das Unglück, dauernd in einer deutschen Stadt zu bleiben, so legte ich mir einen kleinen Harem an. Man könnte sich sehr leicht ein hübsches Dienstmädchen besorgen, das soundsoviel Lohn bekäme und seinem Herrn ganz zur Verfügung stände. Ich hätte mehr Freude (selbst Herzens- und Geistesfreude) an einem Naturkind, das von mir und ein paar Lehrern erzogen würde, als an irgendeiner Braunschweiger Dame. Dies Mädchen würde keine Niedrigkeiten kennen; es würde das Kleid ihrer Nachbarin nicht in bitterer Weise loben und eine Freundin nicht mit wehleidiger Miene verleumden... Alles, was ich sehe, fesselt mich nur in bezug auf die Sitten. Ihre Darstellung aber ist für einen jungen Mann ohne Erfahrung äußerst schwierig. Bisher habe ich alles, was unter meinen Augen geschah, mehr empfunden als beurteilt. Es reut mich, daß ich über meine Reisen in Italien und nach Marseille nichts aufgezeichnet habe; darum beschäftige ich mich mit dieser hier. Vielleicht entdecke ich darin nach ein paar Jahren den Einfluß eines beherrschenden, aber falschen Gedankens oder irgendeiner Leidenschaft, von der ich nichts ahne. Der Feldzug in Österreich (1809) Geschrieben in Ingolstadt am 20. April 1809 bei der Rückkehr vom Kaiser. Gestern fuhren wir durch eine großartige Landschaft im Stil Claude Lorrains nach Neuburg. Unser Weg führte hinter den Uferhöhen der Donau, deren Gipfel zu unserer Linken von Waldstücken bekrönt waren. Rechts hatten wir fast immerzu Wald mit Lichtungen. Bisweilen erblickten wir den Fluß zwischen beiden Höhenzügen. Das Ganze bildete eine herrliche Landschaft, eine der schönsten, die man sehen kann; nur hohe Berge und ein See fehlten. Eine Meile von Neuburg glaubte ich Kanonendonner zu hören. Am 19. April war die Schlacht bei Thann. Das machte mir inmitten dieser herzbewegenden Landschaft lebhafte Freude. Es war aber leider nur Donner. Allmählich zog von rechts ein prachtvolles Gewitter auf, überschüttete uns eine halbe Stunde lang mit Hagelschloßen und bedeckte die Erde wie mit Schnee. Bei diesem herrlichen Wetter (herrlich für mich, aber sehr übel für jedermann) kletterten wir hinter einer Kolonne nach Neuburg herauf. In den Straßen fanden wir drei Reihen Wagen nebeneinander und auf dem Marktplatz zwei Regimenter mit ihrer Bagage. Wir kamen kaum von der Stelle, und der Hagel verwandelte sich in einen Regenguß. Düsteres Wetter und schließlich Nacht bis Ingolstadt. Eine halbe Stunde vor der Stadt erblicken wir Lagerfeuer und kommen durch ein Biwak. Nachdem wir auf der Kommandantur unsere Quartierzettel bekommen haben, fahren wir in tiefer Dunkelheit eine Stunde herum, um unser Quartier zu finden. (Landshut), 23. April. Nie wird Herr Daru mich lieben. In unseren Charakteren ist etwas, das sich abstößt. Seit meiner Teilnahme am Feldzug hat er nur sieben- bis achtmal mit mir gesprochen, und stets mit dem tiefgefühlten Ausruf: »Solch ein Leichtfuß! Ein Leichtfuß wie Sie!« Letztes Jahr sagte er bei irgendeinem Anlaß: »Man muß die jungen Leute unter die Zuchtrute nehmen; nur so leisten sie etwas.« Ich weiß nicht, ob er diesen Grundsatz auch auf mich anwendet und, da er mich für höchst leichtfertig und dünkelhaft hält, mich durch beständige Ungnade klein kriegen will. Jedenfalls ruhen seine Blicke mit Wohlgefallen auf einem jungen Manne, von dem ich gewiß nichts Schlechtes sagen will, dem ich aber überlegen bin, und nie habe ich solch einen Blick erhalten. Ich lebe also negletto (vernachlässigt) unter sechzehn bis siebzehn Kriegskommissaren im Stabe Darus, und meine Kameraden lieben mich nicht. Die Dummköpfe haben herausgefunden, daß ich eine spöttische Miene habe... Ich schreibe dies in Landshut im Bureau, einem schönen Zimmer in einer schönen Straße, und vor Kälte schlotternd. Die Stadt hat mir heute morgen sehr gefallen. Landshut, 24. April. Wir saßen bei Neustadt tüchtig in der Patsche. Wir hatten uns im Wege geirrt und begegneten Daru, der zu uns sagte, wir seien Leichtfüße. Leider hatte er recht. Wir kamen durch einige Bergketten und an einer verbrannten Brücke vorbei, bei der tags zuvor gekämpft worden war. Die Schlacht bei Landshut am 22. April. Dort sah ich drei tote Kaiserliche, die ersten Gefallenen. Längs der Straße waren Biwaks; sie war so malerisch wie denkbar. Um reine Freude daran zu haben, müßte mein Herz nur Liebe zur Kunst empfinden und keinen Ehrgeiz, aber ich lebe unter Leuten, die erfolgreich Komödie spielen. Das ist nicht schwer, nimmt aber alle Zeit in Anspruch. Die Tore von Landshut sind von Kugeln durchbohrt. Man kommt über die Isar, die der Isère ähnelt, aber etwas größer ist und vor Landshut eine Insel bildet. Die Stadt machte auf mich einen italienischen Eindruck. Ich sah binnen einer halben Stunde fünf bis sechs Frauengesichter von vollendeterem Oval, als man es in Deutschland antrifft. Gestern nach Tisch übertrug Herr Daru Florian Florian de Froidefonds. ein Lazarett. B. und ich gingen als Zuschauer hin und legten bis Mitternacht selbst Hand an. Wir stützten die Verwundeten, die aus den Wagen stiegen. Kurz, ich, der nicht nachsichtig gegen sich selbst ist, hatte mir nichts vorzuwerfen. Im Lazarett herrschte Unordnung. Ein einziger Österreicher Wundarzt für alles, obwohl vom besten Willen erfüllt. Wir sprachen Italienisch und suchten nach Kräften Ordnung zu schaffen. In der Nacht schliefen Cuny und ich angekleidet, weil der Feind um die Stadt streift. Neben uns rief eine näselnde Stimme nach Wasser. Es war ein verwundeter Offizier mit einer Kartätschenkugel zwischen den Schultern. Er wird bald sterben. Enns, 5. Mai. Bei der Ein- und Ausfahrt bewunderte ich die Lage von Lombach. Ich sagte mir: »Das ist der fesselndste Anblick, den ich zeitlebens gehabt habe.« Als ich ein paar Geschütze neben dem Klostertor aufgefahren sah, sagte ich zu Lacombe: »Jetzt fehlt nur noch der Feind und eine Feuersbrunst.« Wir kehren zurück, schlafen auf Stühlen in der Kommandantur, essen und schlafen wieder. Um zwei Uhr nachts ist die Rede vom Abmarsch. Ich gehe auf den Marktplatz. Da bemerke ich einen hellen Schein hinter einem Hause und sage mir: »Das ist ein hell erleuchtetes Biwak.« Der Schein und der Rauch nimmt zu; es ist eine Feuersbrunst. Die Verwirrung bei diesem Brande habe ich in allen Stadien beobachtet, von der Ruhe der Schlafenden bis zu dem Augenblick, wo die Trainpferde von allen Seiten angaloppiert kamen. Die Flammen waren nicht zu sehen; davon abgesehen war die Feuersbrunst großartig. Eine helle Rauchsäule zog sich quer durch die Stadt und leuchtete uns zwei Stunden weit auf unserem Wege. Die Anhöhe nördlich der Stadt war so hell beschienen, daß ich unten, wo ich mit meinem Wagen auf Cuny wartete, die Fichtenstämme auf der Höhe zählen konnte. Das Tempelchen und die Häuschen auf dem Abhang traten deutlich hervor. Der grelle Schein fiel auf einige Hausfirste. Gegen 5 Uhr kamen wir in Wels an und fanden bei einem Biedermann sehr gute Unterkunft. Wir waren in einem leichten Wagen gekommen. Die Bauern schnitten die Stränge durch und ließen ihn auf dem Wege stehen. Charles kam lachend und erzählte es uns. Er lacht über alle Mißgeschicke; das erspart ihm, ihnen abzuhelfen. Um 3 Uhr fuhren wir von Wels ab und kamen nach Ebersberg an der Traun. Herrlicher Weg in einer von lieblichen Hügeln eingefaßten Ebene. Am Wegweiser ein Toter. Wir fahren rechts; die Straße wird schwierig; die Wagen stauen sich; schließlich steht eine ganze Reihe. Endlich gelangen wir zu einer endlosen Holzbrücke über die Traun, die hier voller Untiefen ist. Das Korps Massena ist infolge des Übergangs über diese Brücke tüchtig geschlagen worden, und wie es heißt, ganz unnötig, denn der Kaiser hatte die Brücke umgangen. Gefecht bei Ebersberg am 3. Mai. Als wir hinüberfuhren, lagen noch etwa dreißig gefallene Menschen und Pferde auf der Brücke. Eine große Menge mußte in den übermäßig breiten Fluß geworfen werden. Mitten drin, 400 Schritt unterhalb der Brücke, stand ein Pferd aufrecht und starr – ein seltsamer Anblick. Die ganze Stadt Ebersberg war niedergebrannt, die Straße, durch die wir kamen, von Leichen eingesäumt, meist Franzosen und alle verbrannt. Manche völlig verkohlt und schwarz, so daß man kaum noch die menschliche Form des Skeletts erkannte. Hier und da türmten sich die Leichen. Ich studierte ihre Gesichter. Auf der Brücke lag ein braver Deutscher tot mit offenen Augen; aus seinem Gesicht sprach Mut, Treue und deutsche Gutmütigkeit; ein Schatten von Schwermut lag darauf. Immer enger wurde die Straße. Schließlich, vor und in dem Tore, mußte unser Wagen über verkohlte Leichen fahren. Einige Häuser brannten noch. Aus einem Hause stürzte ein toter Soldat mit wütender Miene heraus. Ich gestehe, das Ganze war zum Übelwerden für mich. Ich habe diesen furchtbaren Anblick nur schlecht gesehen. Der kalte Regen, der Mangel an Nahrung, das Meer von Erz, das zwischen meinen Gedanken und dem Hirn meiner Kameraden lag, alles brachte mich bei diesem Schauspiel der Übelkeit nahe. Seitdem weiß ich, was Grausen ist. Die Brücke wurde von 800 Po-Schützen angegriffen, von denen noch 200 übrig sind, und von der Division Claparède, 8000 Mann, die 4000 Mann verloren haben soll. Wahrscheinlich sind 1500 Mann gefallen. Diese verteufelte Brücke ist endlos lang. Die ersten, die hinüberstürmten, fielen Mann für Mann. Die Nachdrängenden stießen sie in den Fluß, drangen hinüber und erstürmten die Stadt. Die Verwundeten wurden größtenteils in die Häuser gelegt. Die Österreicher machten einen Gegenstoß und nahmen die Stadt wieder. Es kam zum Straßenkampf; die Granaten hagelten hinein und schließlich brach Feuer aus. Da niemand ans Löschen denken konnte, brannte die ganze Stadt nieder, und mit ihr verbrannten die armen Verwundeten in den Häusern. So erklärt man sich den gräßlichen Anblick der Straße. Mir scheint es zutreffend. Kenner versichern, der Anblick von Ebersberg sei tausendmal schrecklicher als der aller Schlachtfelder, wo man zwar zerschossene Menschen sähe, aber nicht solche grausigen Leichen mit verbrannten Nasen und sonst kenntlichen Gesichtern. So kamen wir nach Enns. Der liebenswürdige Martial (Daru) verspricht mir, sich für mich zu verwenden. Ohne Anmaßung, Ränke und Frechheit erreicht man bei der Armee nichts. Enns, 7. Mai 1809. Wir sind noch immer in dem großen traurigen Rathaussaal, wo wir zu dreißig schlafen, arbeiten und essen. Man kann sich die Laune und den Geruch denken. Da ich nichts zu tun habe und mit der Feder am Schreibtisch sitze, schwatze ich, wie andere rauchen. 12. Mai 1809. Gegen ein Uhr kamen wir in einem Dörfchen an. Alle Häuser erbrochen und geplündert, aber nichts verbrannt. L'Hoste und ich drangen in die Häuser und suchten nach Eiern, fanden aber nichts. Alles, was nicht geraubt ist, ist kurz und klein geschlagen. Wir fanden in dem Dorfe einen kleinen Hund, der immerfort heulte, und eine anscheinend sehr entkräftete Katze. The life and sentiments of silencious Harry. Leben und Gefühle des schweigsamen Henri (Beyle). Wien, November 1809. Ich ging zur Prinzessin P[alf]y. Gräfin Alexandrine Daru, geb. Nardot, die Gattin von Beyles Vetter und Beschützer, Pierre Daru, den sie 1802 geheiratet hatte. Dort traf ich Frau Guérin, gegen die ich galant und lustig war. Die Prinzessin P[alf]y war ein Weilchen verträumt, dann war sie liebenswürdig gegen mich, aber so wie gegen jedermann. Das beweist das Fehlen jedes Gefühls. Gemeinsame Besorgungen; Rückkehr um ein Uhr; stets kalt, zwar nicht so, wie man es in der Gesellschaft nennt, aber doch im Vergleich zu ihrem Wesen in den letzten Tagen. Sie lächelte zwar liebenswürdig bei der Heimkehr, als sie sagte: »Rasch, holen Sie Ihre Pferde«, aber nicht so wie gestern und ohne den kleinen Klaps auf die Finger, der darauf folgte. Wir steigen mit Jacqueminot zu Pferde und reiten nach dem Lusthaus. Diese Rolle sagt mir sehr zu. Jacqueminot redet gerade so viel, daß ich mich dem Gefühl hingeben kann und einen Gesprächsstoff habe. Durch Zufall kam das Gespräch auf seine Heirat. Das brachte die Prinzessin darauf, von der Geschichte ihrer eigenen Heirat zu sprechen. Sie sagte: »Ich hatte eine Abneigung gegen junge Leute, so daß ich nicht erschrak, als man mir sagte: dein Zukünftiger ist schon in reiferen Jahren. Aus diesem Grundsatz – Neigungsheiraten sind ja so unglücklich! – wollte ich nie einen Mann nehmen, den ich liebte.« Am folgenden Tage. Ich hatte mir vorgenommen, mit ihr über meine Zukunft zu sprechen. Sie kam mir zuvor und sagte: »Sie sollten mit meinem [Gatten] reden, um zu erfahren, was aus Ihnen werden soll.« »Ich fürchte, gewaltig angeschnauzt zu werden.« Das war eine Dummheit. Es zeigt zugleich, was meinem Charakter fehlt und was ich ihr zutraue. Ich hatte schöne Dinge zu sagen und sagte nichts. Wien, 20. November, zwei Uhr nachts. Frau D[aru] ist um halb zwei abgereist. Heute vormittag um elf Uhr ging ich zur Burg. Ich war kalt, was bei mir die Folge verletzter Empfindlichkeit ist... Die Messe war schöner als sonst, aber ich hatte keinen Genuß davon. Ich schwatzte immerfort mit Fräulein Lucrezia, um [Frau Daru] zu zeigen, daß ich weniger aus Dummheit als aus Schüchternheit nicht genug mit ihr spräche... Als wir nach der Messe unter vier Augen sind, nimmt die Kälte noch zu, und ich verlasse sie, um ihre Befehle im Bureau zu erwarten. Wir gehen fort. Ich fahre sie und Herrn D(aru) Jedenfalls Martial Daru. in meinem Wagen zur Gräfin Bertrand. Die Gattin des Grafen Henri Gratien Bertrand (1773-1844), des Freundes von Napoleon, der ihn später nach St. Helena begleitete. Sie erscheint mir sehr liebenswert, weil sie mich etwas liebenswürdig findet. Sie zeichnet mich aus und lädt mich ein, sie in Paris derart zu besuchen, daß ich vorwärts komme. Ich habe in ihren Augen den Vorzug, anscheinend einer anderen Frau zu gefallen, die mehr Reize besitzt als sie. Wir besuchen Frau Ott, ein gutes, anscheinend geistreiches Frauchen. Heiterer Besuch, der die schüchterne Kälte etwas verscheucht. Dann besteigen wir den Stefansturm. Das Beieinander an diesem so sicheren Orte ließ mich my bashfullnes (meine Schüchternheit) verwünschen. Die Kälte nahm infolgedessen noch zu. Von da nach Hause zum Nachtessen... Bei der Abreise schien sie mir gegenüber etwas gerührt. Sie hatte sogar Tränen in den Augen, aber ich bin weit entfernt, zu glauben, daß sie ehrlich waren und daß sie mir galten. Als die Abreise dicht bevorstand, setzte ich mich an den Fuß des Sofas und spielte mit ihren Handschuhen. Schließlich hielt sie mir die Hand hin, um sie zurückzufordern, aber sehr anmutig und vielleicht sogar zärtlich. Ich bückte mich herab und küßte die Hand, die sie mir entgegenstreckte. Ich muß das anmutig und gefühlvoll getan haben, denn ich war leicht bewegt und ungezwungen. Die Anwesenden glauben vielleicht, sie liebe mich, und die Dummköpfe wohl gar, sie sei die meine... Schließlich wird gemeldet, daß der Wagen vorgefahren ist. Augenblick der Verwirrung; Abschied und Umarmungen. Ich reiche ihr den Arm, um hinunterzugehen, und drücke den ihren an mich. Diese Bewegung hat sie sicher gemerkt. Unten am Wagen um halb zwei Uhr wendet sie sich um und sagt, mir den Kopf hinhaltend: »Leb wohl, lieber C.« Ich gebe ihr einen Kuß; ihr Schleier trennt ihn mitten durch, aber schließlich wurde er gefühlvoll gegeben und, soviel ich glaube, ohne Kälte empfangen. Beim Wiedersehen muß ich ihr gegenüber von Anfang an einen heiteren, galanten Ton anschlagen. Etwas mehr Keckheit, und unser häufiges Beieinandersein, das ihr kalt erschienen sein muß, wäre reizend gewesen. Denn ist das Eis erst gebrochen, so wäre ich sicher gewesen und hätte mich von der besten Seite gezeigt. Was mag sie von mir denken? Nachschrift. – Ich habe die Tagebücher über Fortgang und Ende verloren. Alles war zwei Monate später binnen sechs Minuten erledigt und sie war ein Jahr lang täglich die meine. Brief an den Kriegsminister General Dejean Linz, 2. Januar 1810. Euer Exzellenz! Ich gestatte mir, Euer Exzellenz ganz gehorsamst um eine Verwendung in Spanien zu bitten. Ich bin seit fast vier Jahren Adjunkt beim Kriegskommissariat und habe dauernd als Kriegskommissar fungiert. Ich hoffe durch meine Dienste in Spanien das Wohlwollen Eurer Exzellenz zu verdienen. Mit der Versicherung meiner tiefsten Ehrerbietung Der Adjunkt beim Kriegskommissariat de Beyle. Beyle kehrte im Januar 1810 nach Paris zurück, wurde aber nicht in Spanien verwandt. Tagebuch aus Paris (1810 – 11) Paris, 15. Februar 1810. Um 5 Uhr abends war ich bei Martial (Daru). Er las mir ein Briefchen vor, das seine Frau soeben von Herrn von Chatenet erhalten hatte. »Ich teile Dir als sicher mit, daß Herr Beyle zum Auditor ernannt ist.« Das gibt mir begründete Hoffnungen. Ich hatte weniger Lust zum Auditor im Staatsrat, als Abscheu vor meinem traurigen Handwerk als Kriegskommissar. 18. Februar. Am Abend las ich die »Wahlverwandtschaften« von Goethe. Der Roman war 1809 erschienen und 1810 ins Französische übersetzt worden. Es ist das Werk eines großen Talents, aber er könnte mehr rühren. Anscheinend hat er aus Originalität den Weg eingeschlagen, den er im »Werther« und auch in diesem Roman befolgt. Montag den 19. Es bestätigt sich, daß ich Auditor im Staatsrat geworden bin. Mounier Eduard Mounier (1784–1853), den Bruder von Beyles Jugendliebe Viktorine Mounier, damals Sekretär Napoleons. hat es mir gesagt; er erfuhr es durch Faure von Hörensagen. Die Hoffnung war verfrüht; Beyle wurde erst am 1. August 1810 Auditor im Staatsrat – dank Herrn und Frau Daru – und am 10. August Inspekteur der kaiserlichen Mobilien. In dieser Stellung hatte er noch einen Kollegen (Lecoulteux de Canteleu) und unterstand dem Generalintendanten des kaiserlichen Hauses, dem Herzug von Cadore. Abends um 10 Uhr ging ich zu Frau Z., Frau Z. ist wieder die Gräfin Daru. aber gelangweilt und mit Selbstüberwindung. Ich war natürlich und machte meine Sache gut. Mit Marie Gräfin Daru. war ich äußerst zufrieden. Herr D[aru] sprach äußerst gütig über mein Briefchen. Das Bittgesuch, sich für ihn zu verwenden. Als ich sagte: »Es wird mein letztes sein«, entgegnete er: »Nicht doch! Fahren Sie nur fort. Wir wollen versuchen, etwas für Sie zu tun.« Ich bin glücklich. 24. Februar. Heute morgen sah ich Marie in den Tuilerien. Her astonishment at my sudden appearance. Perhaps she has some love for me. Ihre Betroffenheit bei meinem plötzlichen Erscheinen. Vielleicht liebt sie mich etwas. 14. März. Our eyes Unsere Augen. sagten sich, that they love themselves . Daß sie sich lieben. Ich sah sie einen Augenblick verlegen; sie wagte nicht zu meinen bewundernden Blicken aufzuschauen. Ich bin für morgen eingeladen. Hier schiebt sich noch eine in den »Soirées du Stendhal-Club«, I, 27 ff., veröffentlichte eigenartige Tagebuchaufzeichnung ein, die sich »Die Herzogin von Bérulle, Banti und Burrhus« betitelt und in leicht novellistisch verschleierter Form die Aussichten einer Liebschaft erörtert. Die Herzogin ist die Gräfin Daru, Burrhus ihr Gatte, Banti Stendhal. »Wenn er Frau v. B. nicht erobert, wird er sich sein Leben lang Vorwürfe machen«, heißt es am Schluß. 13. April. Ein ausgesprochener Liebesblick. Ihr übriges Benehmen zeigte wenigstens Freundschaft, außer einem Augenblick der Langeweile. Aber es waren fünfzehn Personen zugegen. Marie müßte sehr zärtlich sein, wenn sie nur wegen meiner Anwesenheit nach sechs Stunden Geselligkeit nicht zerstreut wäre. Seit ich nichts aufgezeichnet habe, glaube ich zwanzig Liebesbeweise entdeckt zu haben. Aber unsere etwas frostigen Zusammenkünfte machen alles zuschanden. Ständen wir uns etwas näher, wir hätten uns unsere Liebe erklärt. 27. April. Ich war bei Frau R., wo ich die Gräfin Palfy Die Gräfin Daru. traf. Sie blickte mich fortwährend wohlgefällig an und suchte stets, meine Hand zu fassen. Ich drückte die ihre leicht, aber es war falsch von mir, sie nicht in dem kleinen Kabinett zu küssen; wir waren nur zwei Herren. 1. Mai. Gestern habe ich mir ein Kabriolett nach der neusten Mode für 2100 Franken und ein Petschaft Als Herr de Beyle. gekauft. 2. Mai. Vom 15. bis 28. April zärtliches Wohlgefallen con brio, Mit Feuer. ohne Sorge darum, daß sie sich bloßstellte. Vom 28. bis heute gute Freundschaft, aber ohne brio. Donnerstag, 3. Mai. I goe to breakfast at Palfys house . Ich gehe zum Frühstück zur Gräfin Palfy. Ich bin ganz natürlich und würdevoll. Ich bin mit diesem Besuch zufrieden. Ihre Augen scheinen in meiner Gegenwart aufzuleuchten. Sie zeigte anscheinend weder die Freundschaft der letzten Woche noch das brio der vorhergehenden. Es war wohl mehr bewußte Liebe, zärtlich, leicht schwermütig, alle Regungen fühlend. Ihr Gesicht schien sich mit der Farbe der Liebe zu überziehen, als sie laut eine Zeitung vorlas und ich sie anblickte, was sie von der Seite bemerkte. Die Vorsicht gebietet mir, dies Tagebuch hier abzuschließen. Paris, 9. März 1811. Gegen Mitte Februar 1811, als ich Frau [Alexandrine Daru] besuchte, sagte sie zu mir: »Ich will Ihnen etwas sagen, was Ihnen Freude machen wird: Sie gehen nach Italien.« Ich war verwirrt und entzückt. Ich ging zu Crozet und erzählte es ihm. Er war kalt, wie stets, wenn er innerlich erregt ist, und sagte sofort: »Ich komme mit.« Dies Zeichen von Charakter überraschte mich angenehm. Er bat sofort um Urlaub und um einen Paß und bekam beides. Seit dem 25. Februar habe ich mehrfach gefürchtet das geliebte Italien nicht zu sehen. Das hätte mich sehr gegrämt. Ich nahm mir heraus, Herrn (Daru) zu sagen, daß ich große Lust hätte, nach Rom zu gehen. Als Intendant der Krone. Es handelte sich um Inventarisierung des päpstlichen Besitzes und um die Überführung von römischen Kunstwerken ins Louvre, veranlaßt durch die Begründung des Königreichs Italien durch Napoleon. Endlich, am 6. März, erfuhr ich, daß mein Name in die Eingabe gesetzt werden soll... Ich bin verliebt in meine Reise, d. h. ich finde fast gar keinen Geschmack mehr an der komischen Oper and the amiable girl which whom I lay every night . »Und dem liebenswürdigen Mädchen, mit dem ich jede Nacht schlief.« Gemeint ist die Operettensängerin Angelina Bereyter. Wie ich sehe, ist das beste Mittel, mein Vergnügen zu verderben, die Lektüre von Reiseschriften. Crozet und ich haben ausgemacht, daß wir den Volkscharakter in den einschlägigen Schriften studieren, uns aber vor Reisebeschreibungen hüten wollen. Leider ist meine Kenntnis vom italienischen Charakter noch sehr gering... Büste der Frau von Staël. Quelle: Quelle: Josef Ettlinger, Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens Bei Frau von Staëls »Corinne« ist mir übel geworden. Dieser schwülstige Stil, dieser, stets genial sein wollende Geist, der nicht merkt, daß ihm die Hauptbedingung dazu – die Natürlichkeit – völlig abgeht, diese Komödie, die alles lächerlich macht, was ich liebe, ist mir geradezu widerlich gewesen. Als Gegenmittel habe ich einen Auszug aus dem Schluß des ersten Bandes gemacht, wo Corinne vom italienischen Charakter spricht. Beim Übertragen ihrer Phrasen in einen natürlichen Stil habe ich gemerkt, daß meist nur gewöhnliche Gedanken und sichtlich übertriebene Gefühle dahinterstecken. Zufällig fiel mir Spon Der Archäologe Jacob Spon (1647–85) schrieb eine »Voyage d'Italie etc.« (Lyon 1678). am selben Tage in die Hand. Ich empfand lebhaft die Vorzüge der Natürlichkeit und las die 150 Seiten des Lyoneser Arztes mit Genuß. Ich bewunderte seine echte Bescheidenheit, und der anspruchsvolle Schwulst der Corinne wurde mir doppelt zuwider. Der kalte, genaue und vollständige Lalande J. J. de Lalande (1732–1807) schrieb eine » Voyage d'un Français en Italie «, Paris 1769, 8 Bde. S. »Reise in Italien« (Bd. V dieser Ausgabe), S. 486. ist das, was wir brauchen. Er gibt alles an, und bei seiner Empfindungslosigkeit verdirbt er die Gefühle nicht, die Sankt Peter oder die Lage von Florenz uns einflößen können. Wir reisen nach Italien, um den italienischen Charakter zu studieren. Wir wollen die Menschen dieses Volkes im besonderen kennen lernen und so bei Gelegenheit die Kenntnisse vervollständigen, erweitern und nachprüfen, die wir vom Menschen überhaupt zu haben glauben. Zum Glück geht unser Vergnügen mit unserer Arbeit Hand in Hand; das ist der Vorteil unserer Studien... Unsre Urteile sind scharf und unbedingt. Aber bei jedem Satz müssen wir hinzufügen: »Für unsern Charakter und unser Temperament.« Ich glaube, ein großer, schlanker, hagerer Jüngling von sanftem Wesen und gutem Ton, mit sorgfältig gebügeltem Hemd und tadellos sitzender Halsbinde wird mich sehr sonderbar, sehr unerfreulich finden. Aber es ist seine Schuld, wenn er uns nach dieser Warnung liest. Dies Tagebuch ist nur für uns und für drei bis vier Freunde von verwandtem Charakter geschrieben. Die Vorzüge der anderen können wir nicht nachfühlen, und sie können die unsern nicht empfinden. Ein Pferd liebt eine Kuh nicht; in geschlechtlicher Hinsicht sind beide für einander nicht da... Damit ist unser profanum vulgus vertrieben. Wir können offen reden, wie zu uns selbst, und brauchen keine Rücksicht auf den Ausdruck und die Konvenienz zu nehmen. Wir wollen das einfältig, dumm, platt usw. nennen, was ein andrer hübsch, groß, schön, genial nennt. Er hat recht, aber wir haben nicht unrecht. Wir nehmen nur Lalande als allgemeinen Führer mit und Duclos, Der von Stendhal als Moralist schon mehrfach erwähnte Duclos schrieb eine » Voyage d'Italie « (1767), die 1791 posthum in Paris erschien. weil seine Alt zu sehen bis auf eine gewisse Kleinlichkeit die unsere ist. Im übrigen ist er so gescheit, nur von seiner Sache zu reden, und kein Wort von der Anmut Correggios und dem schlichten, göttlichen Ausdruck von Raffaels Madonnen zu sagen. Alfieris »Leben« Stendhal kannte Alfieri seit 1804. Vgl. S. 239 f. wird uns ein paar Fingerzeige für den italienischen Charakter geben. In Charakteren kannte er sich aus. Was er von den Spaniern und Portugiesen vorhergesagt hatte, ist ein Beweis dafür. 15. März. Unsere Reise zieht sich in die Länge. Das tut mir sehr leid für Crozet, dessen Urlaub beschränkt ist... Ich fürchte, S. Majestät wird die Reise eines Auditors unnötig finden. Genügt der Intendant nicht, um Besitz von Museen und Bibliotheken zu ergreifen? Der liebenswürdige Martial Daru ist durch Dekret vom 12. März zum Intendanten in Rom ernannt. Wahrscheinlich reist er erst in vierzehn Tagen ab. Ich tröste mich, indem ich in Lalande blättere. Ich habe seine Beschreibung des Quirinalspalastes gelesen, der zum kaiserlichen Palast bestimmt ist. Er scheint großartig zu sein. Gott gebe es; alle unsere Paläste sind schäbig. 27. März 1811. Nichts Neues als die verdammten Gerüchte von einem Kriege mit Rußland. Ich bange um unsere Reise... Ich habe Brydone Patrik Brydone, » A Tour through Sicily and Malta «, London 1773, 2 Bde. Deutsch von G. J. Zollikofer als »Reise durch Sizilien und Malta«, 2 Teile, Leipzig 1774. durchflogen; obwohl seine Beschreibungen nicht sehr deutlich sind, hat er mich doch mit Begeisterung erfüllt. Ich habe der Natur gedankt, daß sie mir eine Seele geschenkt hat, die sich aus großen Naturszenen Glück saugen kann. Sie wirken auf mich wie gute Musik. Das Reisen wird für mich eine große Quelle des Glückes sein. Wenn mich mein Weg je nach Sizilien führt, so finde ich dort zwei Vorteile: die Menschennatur ist dort ebenso stark und des Studiums ebenso wert wie die der Pflanzen und Felsen. Wenn ich einen Monat in einer wilden Höhle des Ätna wohne, werde ich seltene Eindrücke haben. Ich schreibe dies in einer durchaus standesgemäßen Wohnung (für mich und meinen Ehrgeiz), die zudem eine der heitersten in Paris ist. »Ich habe eine hübsche Wohnung, schlicht-vornehm und neu, mit reizenden Stichen geschmückt. Ich habe eine herrliche Aussicht«, schreibt Stendhal. (» Correspondance « I, 368.) Aber dieser Kopf des größten modernen Reiches ist mir langweilig geworden; ich bin gegen seine Genüsse abgestumpft. Ich habe die meisten übersprungen; das heißt, als sie mir Freude hätten machen können, hatte ich sie nicht, und jetzt, wo ich sie haben kann, dünken sie mir schal. Wie man sieht, habe ich nicht den leichtfertigen, eitlen Charakter, der nötig ist, will man Paris als Ganzes genießen. Dafür aber kann ich in den Höhlen des Ätna und in der gewaltigen Felsöde Norwegens Eindrücke empfangen, die für den echten Pariser unsichtbar sind. Statt Boston zu spielen und dabei meine Anmut bewundern zu lassen, will ich mir heute abend die » Nemici generosi « von der schönen Pflanze Neapels, Cimarosa, anhören. Daher wäre es recht töricht von mir, mich zu grämen, daß ich erst fünf bis sechs Jahre später Berichterstatter im Staatsrat werde als die Leute, die zweihundert Tage im Jahre täglich zwanzig Besuche machen. Man muß sich keine unvereinbaren Dinge wünschen. Ich glaubte, die Italienreise würde mir Shakespeare für lange Zeit entfremden. Und doch las ich mit unverminderter Bewunderung »Romeo und Julia«. Ich merkte, wie sehr der große Dichter seine Figuren italienisiert hat. Ich las seine Poetik (Akt III, Szene 3) mit Genuß. Ich setze sie hierher, um diese Verse des größten Dichters in Italien in der schönsten Natur der Welt zu lesen. Romeo zu Bruder Lorenzo Du kannst von dem, was du nicht fühlst, nicht reden. Wärst du so jung wie ich und Julia dein, Vermählt seit einer Stunde, Tybalt tot, Wie ich von Lieb' erglüht, wie ich verbannt, Dann möchtest du nur reden, möchtest nur Das Haar dir raufen, dich zu Boden werfen Wie ich, und so dein künftig Grab dir messen. Tagebuch einer Reise ans Meer (1811) Aus »Napoléon«, herausgegeben von Jean de Mitty, S. 220 ff. Wir verließen Paris am 29. April um vier Uhr morgens und kamen gegen vier Uhr nachmittags in Rouen an. Unterwegs sah ich einige hübsche Gegenden, schön gelegene Häuser, schönes Grün und angenehm wirkende Anpflanzungen. Besonders die Obstgärten fallen durch die Größe, Schönheit und Menge der Bäume auf. Aber das alles macht mir nur den Eindruck von Wohlstand, Reinlichkeit und stiller, gleichmäßiger Emsigkeit. Am hübschesten war das Dörfchen Fleury, fünf bis sechs Wegstunden vor Rouen, das gut gebaut ist und inmitten eines saftgrünen, gut angepflanzten und bewässerten Tales liegt. Aber es fehlt ein kräftiger Gießbach und zwei Felsränder! In Rouen sind wir bis sechs Uhr umhergegangen und haben uns das Innere der Stadt angesehen. Es ist ebenso häßlich wie in Troyes, Holzhäuser mit vorspringenden Giebeln in jedem Stockwerk. Wir besuchten das Haus, in dem Corneille am 9. Juni 1606 geboren wurde. Es ist ein dreistöckiges weißes Häuschen, sehr einfach oder vielmehr sehr häßlich. Corneille ist im zweiten Stock geboren. Die Provinzler haben keine prunkhafte Inschrift angebracht. In wilder Einsamkeit würde dies Haus mit der Inschrift: »Hier wurde Corneille geboren« großartig wirken. Aber mitten zwischen den Färbereien von Rouen macht es keinen Eindruck auf das Herz. Am 30. April sind wir um fünf Uhr früh nach Le Havre gereist. Wir sahen einen schönen Stadtteil längs der Seine, wie die Pariser Boulevards, bepflanzt, an einen hübschen Höhenzug angelehnt, der mit schönen Häusern übersät ist. Le Havre besteht aus einer hübschen Straße mit einer Anzahl von Häusern. An dem Ende, das dem Höhenzug entgegengesetzt ist, liegt das eine Hafenbecken, das andre beim Stadteingang. Beide sind voller Schiffe. Auf dem Meere sahen wir ein paar Fischerboote; mir, der das Meer zum erstenmal sah, schienen es viele. Mit Entzücken sah ich diese gebrechlichen Fahrzeuge der Gefahr trotzen. Das Rauschen der Wogen, obwohl, das Meer sehr ruhig war, fällt stark auf. Vormittags stiegen wir auf einen Felsen rechts von der ersten Mole. Auf diesem Felsen stehen zwei sehr hübsch gebaute Leuchttürme. Abends war das Meer sehr ruhig; es waren nur noch zwei bis drei Fischerboote draußen. Ich begann die Schönheit des Schauspiels zu empfinden und den Schrecken, den alles Große erregt. Eine Stunde allein dort bei Mondschein und leichtem Winde und ich wäre in tiefe Schwermut versunken. 1. Mai. Um fünf Uhr früh stachen wir auf einem hübschen, gut laufenden Handelsschiff in See. Bis etwa zehn Uhr spürte ich keine Seekrankheit, dann aber bis zur Landung ein Gefühl im Magen und Unterleib, als hätte ich ein Abführmittel genommen. Keine Betäubung, aber Schlaffheit und Schwäche bis in die Kniekehlen und eine Art von Apathie, die der schlimmste aller Zustände ist. Ein tüchtiger Schmerz ist mir lieber. Ich mußte mich zweimal übergeben. Crozet war am meisten seekrank. Wir fuhren fünf bis sechs (französische) Meilen hinaus in der Richtung auf die Insel Wight. Infolge des Nebels konnte man sich auf hoher See glauben; man sah nur Himmel und Wasser. Auf den Gedanken der Gefahr bin ich nicht gekommen; das hätte schon das sichere Benehmen der Fischer (lauter alter Seeleute) verboten. Sie schliefen oder spielten Damenbrett, wenn das Schiff am heftigsten schaukelte und wir uns am Takelwerk festhalten mußten. Wir kehrten mit gutem Winde zurück, waren aber sehr ermüdet... Ich bin nochmal am Meere gewesen. Der Teergeruch hat mich lebhaft an Marseille und an Melanie erinnert. Ist es denn ganz unmöglich, daß ich je wieder liebe? So jung noch und schon auf mein Herz verzichten? Traurige Wirkung der verzehrenden Leidenschaften und des Unglücks, zu früh in den Strudel hineingerissen zu sein!... Die Küstenbewohner müssen weniger beschränkt sein als die Landratten. Das Meer, das den Gedanken der Unendlichkeit einschließt, liegt ihnen vor Augen. Sie reden immerfort von den Gefahren des Meeres, von dem Mute, mit dem man sie besteht, und von dem raschen Glück, das man durch den Seehandel macht. Die Unterhaltung des in den Hafen zurückgekehrten Seemannes ist weniger blöde als die des Notars von Bourges. Ich segne Fortuna, daß ich nicht mehr Soldat bin. Sieht man das Leben dieser Bestien aus der Nähe, so muß man ihnen ihren schneidigen Ton verzeihen; es ist das einzige Vergnügen dieser armen Teufel... (Paris), 18. Juli 1811. Ich kam gerade zur rechten Zeit an. Sie Die Gräfin Daru. ging nach Tisch mit Frau Fanny und ihren Kindern unter den schönen Bäumen spazieren. Sie schien lebhaft erfreut und erstaunt, mich nach neuntägiger Abwesenheit wiederzusehen. Sie ließ Frau Fanny alsbald allein und sagte zu mir: »Geben Sie mir den Arm; ich brauche einen starken Arm.« Eine schöne Gelegenheit! Aber man müßte kaltes Blut bewahren. Sie beginnt mimisch zu scherzen und lacht laut auf, wie wenn sie verlegen ist. Aber von Zeit zu Zeit warf sie mir Blicke voller Liebe und zwar zufriedener Liebe zu. Ich beantwortete ihre endlosen Scherze mit erzwungenem Lachen und einigen witzigen Bemerkungen. Fanny war einen Augenblick so vernünftig, zwanzig Schritt zurückzubleiben. Ich mußte ihre Freude wahrnehmen und ihr sagen: »Wie froh bin ich, Sie wiederzusehen!« Kurz, die ersten schlichten Liebesworte. Ich hatte nicht den Mut, dem Scherz ein Ende zu machen. Ihr ganzes Wesen drückte Liebe aus. Ich wurde gebührend dafür gestraft, daß ich keinen Angriff versuchte. Als wir ins Haus traten, fanden wir langweilige Menschen, die einander bis elf Uhr ablösten. Mehrmals fragte sie mich, warum ich nicht ginge. Ich sagte: »Weil ich mich langweile.« Nun aber weiß sie wohl, daß die Langeweile mich vertreibt. Die seichte Unterhaltung und eine Art Neid auf die dreisten Charaktere lullten mich etwas ein. Ich genieße die Dinge nur durch meine Empfindsamkeit. Alles, was ich absichtlich tue, zielt darauf ab, diese Empfindsamkeit zu steigern. Das ist das Gegenteil des dreisten Charakters, wie ihn beispielsweise Machiavel B. hat. Es ist klar, daß ein solcher Mann sich gegen Marie ganz anders benommen hätte als ich gestern. Aber hätte er die Freude gehabt, die mir ihre Blicke und ihre geringsten Handlungen bereiteten? Ich darf solche Charaktere also nicht beneiden. Aber das hindert nicht, daß ich handeln muß. Ich nehme mir vor, heute abend von meiner Liebe zu reden, ob gut oder schlecht. Dienstag. Beim Abschied wollte ich meiner Schönen sagen, wie mir ums Herz ist, aber Corbeau ließ uns nur vier bis fünf Sekunden allein und ich benutzte sie, um ihr bezüglich der Kälte zu sagen: »Sie ist in Ihrem Herzen.« Das Wort wirkte, und ich drückte ihren Arm. 10. August. Die Frau, die ich liebe, ist von ihrer Mutter nach Burgund entführt worden. Sie ist erst gestern in die Umgegend von Paris zurückgekehrt. During my silence all the occasions Während meines Schweigens (hatten) alle Gelegenheiten. hatten das gleiche Ergebnis. Unmöglich, vier Worte mit ihr zu wechseln, ohne von ihren Höflingen gehört zu werden, und wenn sich diese Gelegenheit mal bot, hielt mich meine taktvolle Schüchternheit ab, sie beim Schopfe zu fassen. Am 4. August von zwei bis halb fünf Uhr las ich Humes ausgezeichneten Aufsatz über das Feudalwesen. In dieser Zeit wünschte sie meine Gegenwart. Seit ihrer Rückkehr kann sie kein Wort sprechen, ohne von oder mit mir zu reden. Die zwei letzten Sätze sind im Urtext englisch. Es war falsch von mir, nichts zu unternehmen. Aber ich wiederhole: ich bin zu empfindsam, um es in der Kunst Lovelaces Der Herzenbrecher in Richardsons Roman »Clarissa«. je zu etwas zu bringen. Eine andre Wahrheit: Ich kann in Gesellschaft von Männern nicht glänzen, weil mein Gedächtnis bei allem, was mich nicht fesselt, völlig versagt. Ich behalte nur das, was das Menschenherz schildert. Im übrigen stehe ich allein. Paris ist mir gegenwärtig schal. Nur etwas würde mir lebhafte Freude machen: an »Letellier« zu arbeiten. Aber ich habe nicht die nötige Muße dazu. Man tut eine tiefe Anspannung oder, wenn man will, die notwendige Begeisterung nicht ab wie ein Hemd, das man wechselt. Ich brauche acht bis zehn Tage Konzentration. Das ist jetzt ganz ausgeschlossen für mich. Ich langweile mich, weil ich kein Ziel habe, das mich in Anspruch nimmt. Alles, was mich von der Kenntnis des Menschenherzens fernhält, läßt mich kalt. 18. August 1811. Die Gräfin Palfy will mich auf alle Weise von meiner Reise abbringen. »Was haben Sie?« fragte sie mich. »Diese Reise ist für mich wie ein Messer, das mir das Herz durchbohrt.« – »Sie können sich das Messer leicht aus dem Herzen ziehen. Verzichten Sie darauf.« – »Ich fürchte, sie wird mir verweigert, und das grämt mich.« Das schien der reizenden Frau einen Stich zu versetzen. Von da zur Frau C. von C., Vermutlich die Gräfin Clementine Curial, die Tochter der Gräfin Beugnot, der er sich in seinen damaligen Briefen mehrfach empfehlen läßt und die 1825 seine Geliebte wurde. Sie war mit der Gräfin Daru befreundet. Chuquets Annahme (S. 112), Beyle hätte das Motiv der Eifersucht des Gatten bei dieser seiner damaligen Geliebten ausgespielt, um sie seiner Italienreise geneigt zu machen, ist bei dem klaren obigen Wortlaut nicht haltbar. der ich etwa sagte: »Ich muß diese Reise durchaus machen. Ich liebe Sie leidenschaftlich, aber Sie wollen mich nicht lieben. Zudem sieht Ihr Gatte mich nicht gern. Ich habe es am Sonntag gemerkt. Er darf uns nicht mehr so oft sehen, das würde ihn tief kränken. Vielleicht kommt durch mein Fernsein alles wieder ins reine, und bei meiner Rückkehr wird er mich gern wiedersehen.« Tagebuch der Reise nach Italien (1811) A Tour through some parts of Italy in the year 1811 Eine Reise durch einige Teile Italiens im Jahre 1811. 25. August 1811. Da mich nichts an Paris fesselt, außer der Liebe zur Gräfin Palfy, bin ich auf den Einfall gekommen, um Urlaub nach Neapel und Rom zu bitten. Herr [Daru] hat meine Bitte sehr wohlwollend aufgenommen. Here are some facts which belong to Palfy's history . Hier einige Tatsachen, die zur Geschichte der Palfy gehören. Ich wiederholte mein Gesuch am 20. mit gleichem Erfolge. Es war in Compiègne. Der Hof siedelte Ende August nach Compiègne über. Gestern habe ich mir einen Platz in der Schnellpost nach Mailand zum 29. August bestellt. In einer Viertelstunde war ich in Versailles und sah dem Springen der Wasserkünste zu. Eine gewaltige Menge erfüllte das Amphitheater gegenüber den Wasserkünsten. In dem Augenblick, wo sie ihre prachtvollste Wirkung erreichten, fuhren die Majestäten um das Wasserbecken herum. Es war ein großartiger Eindruck. Alles drängte sich, sie zu sehen, und rief: »Es lebe der Kaiser!« Dies war das erstemal, wo ich die Wasserkünste von Versailles springen sah. 29. August 1811. Ich fahre um acht Uhr mit 2800 Franken ab. Angelina und Faure begleiten mich zur Post. Gestern um sieben Uhr fuhr ich nach Montmorency und half Marie Gemeint ist die Gräfin Palfy (Daru). bis halb zwei Uhr Pakete machen. Eravamo soli . Ich umarmte sie und sagte: »Ich hoffe vernünftiger zurückzukehren.« Sie schien bewegt ... Abends ging ich zu Mutter Daru und blieb sehr lange, um sie etwas über die Seltenheit meiner früheren Besuche hinwegzusetzen. 30. August 1811. Ich fürchtete, als Reisegefährten französische Militärs mit ihren Kreuzen zu haben, die zu ihren Truppen nach Italien zurückkehrten, dumm, unverschämt, prahlerisch und geräuschvoll, so daß ich auch hätte aufschneiden müssen. Zum Glück blieb ich vor dieser Brut bewahrt. Ich fand einen sehr angenehmen Mann, dessen Gesicht ich schon irgendwo gesehen zu haben glaubte. Er ist Epikuräer oder sucht vor allem das Glück, ganz wie ich. Er ist von vollendeter Natürlichkeit, Mitte der Dreißiger, behäbig und die Liebenswürdigkeit selbst. Ich hielt ihn für einen Mailänder Bürgersmann und dachte immer nur an den gewaltigen Unterschied zwischen einem Mailänder und einem französischen Bürger. Wie gern reden diese Leute von sich und von dem, was sie früher waren! Wie stark wäre bei einem Franzosen die dürre Eitelkeit stets zutage getreten! Wie lächerlich wäre das anfangs gewesen und wie traurig, wie abstoßend nachher! Tonnère, 30. August 1811. Ich habe die Dummheit begangen, mit meinem Mailänder Reisegefährten über die schönen Frauen zu sprechen, die vor zehn Jahren die Zierde des Landes bildeten, und dabei auch die Signora Gherardi Über die Gräfin Gherardi s. »Reise i. Italien« (Band V dieser Ausgabe), S. 464, Anmerk. 3. zu nennen. Ich beklagte den Tod einer so hübschen Frau, machte aber beinahe eine Anspielung auf ihr Verhältnis zu Herrn Petiet. S. Seite 213, Anm. 5. Als ich nach der Familie Lechi fragte, lächelte mein Gefährte mit sanfter Schwermut und sagte von dem General: »Er ist mein Bruder.« Dies Zusammentreffen ist um so glücklicher, als ich die schönen Augen dieser Familie stets geliebt habe. Herr Lechi fühlt sehr wohl, daß die Natürlichkeit zu den Vorzügen seines Landes gehört. Er ist stets liebenswürdig, selbst gegen einen groben Handlungsreisenden, mit dem wir eben zur Nacht gespeist haben, aber durchaus ohne die französische Grazie, bei der man stets die Freude über eine gutgespielte Rolle, ja den Stolz darauf durchfühlt. Seine Anmut ist nur Anmut, schlicht und rein. Er kann ebensogut ein König wie ein wohlhabender Bürgersmann sein. Ich bin zu gallig, um diese Anmut je zu erlangen. Ich habe ein Ziel, auf das ich grade losgehe. Ich besitze also nicht jenes holde Sichgehenlassen, durch das er gestern zeigte, daß ihm die Bequemlichkeit über alles geht. Auch die Empfindsamkeit ist ein auffälliger Unterschied zwischen einem solchen Mann und einem Franzosen. Er lobte die Gaforini Eine Operettensängerin, die Beyle 1801 in Mailand gehört hatte und sehr bewunderte. S. »Vie de Haydn, de Mozart et Métastase« , S. 439. von Herzen, aber ohne rascher zu sprechen. Nur seine Augen leuchteten, und heute abend, als wir zusammen ein ländliches Bad nahmen, pries er das Landleben und entwickelte eine reizende Theorie vom Glück. Bis auf die Leidenschaft, die ich ihm zuschreibe, war diese Theorie wie von mir und für mich gemacht ... Wie man sieht, ist das einzige Ziel meiner Reise, die Menschen kennen zu lernen. Saint-Seine, 31. August 1811. Von Montbard führt der Weg über eine öde, steinige Hochebene. Oft sieht man aus der Tür des Postwagens nur drei Bäume. Es geht stark bergauf und bergab, an der Seinequelle vorbei nach Saint-Seine, wo ich dies des Abends spät nach einem guten Nachtessen schreibe. Bedient wurden wir von hübschen Mädchen, denen ich große Aufmerksamkeit schenkte, denn ich habe einen angeborenen Hang für Herbergsmägde. Während der langweiligen Fahrt sang unser Reisegefährte Scotti, ein geborener Genfer, der in der neapolitanischen Marine als Fähnrich gedient hat und vier Jahre in englischer Gefangenschaft war. Vor vierzehn Tagen ist er entflohen. Er ist völlig geistlos, sonst könnte er Wunderdinge erzählen, aber er singt gut und ganz nach italienischer Art. Sofort fühlte ich, wie die Rauheit del mio maschio pensare Meines männlichen Denkens. sich erweichte und Rührung mein Herz ergriff. Mein Gefühl schwelgte beim Gesang in allem, was meiner Seele je nach der herrschenden Leidenschaft Genuß bereiten kann. Die Verse des besten französischen Theaterstücks bieten mir keinen solchen Anlaß. Daher kommt vielleicht meine Vorliebe für die Musik, die Langeweile, die mir das französische Theater bereitet, und meine Ungerechtigkeit gegen mäßige Musik. Alles Mittelmäßige fesselt mein Herz nicht mehr; das Schwelgen in den Tönen hört auf und die Langeweile beginnt. Verlöre ich alle Einbildungskraft, so verlöre ich vielleicht gleichzeitig den Geschmack an der Musik. Gegenwärtig ist dieser weit stärker als meine Liebe zur Malerei – aus den obengenannten Gründen. 1. September, vier Uhr morgens. Im letzten März, als ich auf eine Sendung nach Italien rechnete und mit Crozet reisen wollte, war ich so töricht, ein paar Reisebeschreibungen zu lesen. Sie setzten mir Italien herab; nur der alte Misson Der Pariser Parlamentsrat Misson schrieb eine » Nouveau Voyage d'Italie «, Haag 1691-98, 3 Bde. Vgl. »Reise in Italien« (Bd. V dieser Ausgabe), S. 486. kam mir natürlich vor. Jetzt nehme ich nur die Reise von Arthur Young »Reise nach Italien und Spanien in den Jahren 1787 und 1789«, französische Übersetzung 1796. und von Duclos S. Seite 326, Anm. 1. mit, weil beide selbständige Charaktere sind. Unter den vor sechs Monaten gelesenen Reisebeschreibungen war die des Herrn Creuzé de Lesser. Creuzé de Lesser (1771-1839) schrieb » Voyage en Italie et en Sicile fait en 1801 et 1802 «, Paris 1806. Ich habe mir darüber folgendes notiert: »Die Reise des Herrn Creuzé im Jahre 1803 ist in einem Sinne vorzüglich. Sie enthält alle gewöhnlichen, unvollkommenen Gedanken, deren man sich erwehren muß, und alle kleinen schäbigen Vorurteile dummer Franzosen. Die natürliche Dummheit des Buches wird zweifellos noch dadurch gesteigert, daß der Verfasser, Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft, sich für verpflichtet hielt, in fast offiziellem Tone zu schreiben.« Dôle, 1. September 1811. Ich habe mir den Sonnenaufgang angesehen. Während der Himmel noch in bläuliches Dämmerlicht getaucht war, bemerkte ich ein paar wundervolle Effekte in den Wolken. Das hat mich auf diesen Gedanken gebracht: »Alles wahrhaft Große muß ganz ungekünstelt sein. Es muß ganz schlicht wirken, dann erscheinen auch die gleichgültigsten Dinge, die von ihm ausgehen, erhaben, sobald man merkt, daß sie von ihm kommen, und sie werden um ihrer selbst willen bewundert.« Heute kamen wir durch drei Städte, Dijon, Auxonne und Dôle. Kennt man nur zwei bis drei Städte, so erscheint nichts so abgeschmackt wie diese mehr oder minder ärmlichen Gebäude, die so oder so gruppiert sind, besonders für mich, der nur an dem Anteil nimmt, was die menschlichen Sitten schildert. Den Vorzug unter diesen drei Städten würde ich Dôle geben. Seine Lage ist malerisch. Champagnole, 2. September. Dôle lag in prächtigem Mondschein, als ich auf dem Cours Saint-Maurice flanierte. Ich nahm eine kalte und hochmütige Miene an, als ich an ein paar jungen Dragoneroffizieren vorbeiging, die in unverschämter Weise daherstolzierten. Das ist eine Armseligkeit, aber ich bin erst achtundzwanzig Jahre alt; ich hoffe, mit den Jahren geht das vorüber. Der Vollmond leuchtete noch über dem stillen Horizont, als wir um drei Uhr nachts Dôle verließen. Er stand zwischen den beiden Kulissen der Anhöhen und Bäume und gewährte bei der tiefen nächtlichen Stille ein Schauspiel, das ein Gegenstück zu dem des Sonnenaufgangs war. Mein Herz hat heute zum ersten Male gesprochen. Nichts ist für mich so abgeschmackt, langweilig und verdrießlich als der Anblick einer Stadt wie Dijon. Auch die flachen Ebenen der Umgebung von Paris haben die gleiche Wirkung auf mich. Heute, auf dem Wege von Dôle nach Poligny, sah ich endlich Berge und Bauern, die mich nicht mehr an Paris gemahnten. Das Reisen machte mir Freude. Ich gab freilich nicht sehr auf das alles acht, denn ich war mit dem liebenswürdigen Lechi in una discussione italiana intorno alla grandezza di Milano In ein italienisches Gespräch über die Größe Mailands. vertieft. Dann sprach er von der Kunst, glücklich zu sein, von dem Frohsinn Venedigs, seiner Regierung und seinen Sitten. Er erzählte so anmutig und drollig, ohne seine Anmut zu verleugnen (und das ist etwas Köstliches per uno che s'intende in questa arte , Für einen, der sich auf diese Kunst versteht. daß ich oft wünschte, stenographieren zu können. Dieser Mann hat mir durch sein Geplauder wohl den lebhaftesten Genuß seit zehn Jahren beschert. Die Geschichte von dem venezianischen Senator und Mitglied des Rats della bestemmia Für Gotteslästerungen (ein venezianischer Gerichtshof). ist, auf venezianisch erzählt, das Reizendste, was sich denken läßt. Ich beobachtete diese reizende Komik zu sehr, um sie voll genießen zu können, wie nach einem heiteren Mahle; ich glaube, ich wäre sonst vor Lachen gestorben. Bisher freute ich mich über die französische Revolution, die so schöne Einrichtungen geschaffen hat, obwohl sie noch durch die Wolken, die auf ihren Ausbruch folgten, leicht verhüllt sind. Erst seit einiger Zeit dämmert es mir auf, daß sie die allegria (den Frohsinn) vielleicht für ein Jahrhundert aus Europa verbannt hat. Was mir Herr Lechi erzählte, hat mich vollends in diesem Gedanken bestärkt. Novus saeculorum nascitur ordo . Eine neue Weltordnung beginnt. Wenn unsere Greise jene Zeit zurückwünschten, hielt ich das stets für das Gefasel eines laudator tempus acti , Eines Lobredners der Vergangenheit. der über den Violinbogen klagt, statt über die Violine, die nicht mehr die gleichen Töne hervorzubringen vermag. Aus dem, was ich von Venedig und Mailand höre, scheint mir etwas Wahres daran zu sein. Mein liebenswürdiger Reisegefährte bestätigt die Ideen, die ich schon für chimärisch zu halten begann, über das Glück, das man in Italien finden kann. Anch' io ne ho cornificati qualcheduni di quelle eccellentissme parrucche con tutta l'allegria : Auch ich habe manchem unter diesen hochmögenden Perücken die Hörner aufgesetzt, und zwar mit der größten Heiterkeit. so lautete, in venezianischer Mundart, eine seiner reizenden Wendungen. Der Himmel ist nicht weiter von der Erde entfernt, wie Montesquieu sagt, als die Liebenswürdigkeit meines Lechi von der des Grafen Daru. Die eine ist natürlich, mutwillig und ausgelassen wie ein junges Mädchen, die andre pedantisch, anspruchsvoll, plump und langweilig. 2. September 1811. In Saint-Laurent gerieten wir in eine Gesellschaft von Handlungsreisenden. Ich beobachtete die Lächerlichkeit des Spießertums scharf. Alles, was sie tun, ist grotesk. Sie fuchteln herum, kratzen sich am Kopf, besehen sich eine Gabel usw., um ihre Schüchternheit zu verbergen. Sie rühmen sich, in Lyon acht Flaschen Wein getrunken und einen Ochsenmaulsalat gegessen zu haben. Dann kommen die Anekdoten, von übertriebenem Gelächter begleitet. Ich sagte zu Herrn Lechi, unser Postillion hätte noch den natürlichsten und anständigsten Ton von der ganzen Tischgesellschaft. Genf, 3. September. Wir sind um vier Uhr angekommen. Knauserei und Nachlässigkeit der Genfer Bankiers, die die Posthalter sind. Alles ist elend, knauserig und schroff, bis zum Facchino, der uns unser Gepäck nach dem Gasthofe brachte. Das ist wohl die Wirkung der republikanischen Regierungsform; in diesem Falle ist das Fehlen monarchischer Anmut recht auffällig. Ich vermute, ich werde das in England wiederfinden. Die Genfer sind vielleicht schüchterne, trübsinnige, in ihrer Eigenliebe sehr empfindliche und etwas neidische Menschen, die ihren Genuß im Stolze und in den zärtlichen Leidenschaften finden. Nichts macht den Menschen weniger heiter, anmutig und zuvorkommend. Ihre Stadt, die ich mit Scotti durchstreife, macht den Eindruck eines sehr sauber gehaltenen Gefängnisses. Sie ist in einer Weise still und trübsinnig, wie ich es noch nie gesehen habe. Doch sah ich fünf bis sechs schöne Gesichter, große und kräftig gewachsene Mädchen mit frischen Farben, vollem Busen, reinem Blick, aber kaltem Ausdruck. Vor fünf Jahren S. Seite 232, Anm. 2. haben mich diese Schönheiten begeistert. Angelinas Erfahrenheit läßt sie mich jetzt weniger schätzen, ich fürchte, mich bei ihnen zu langweilen. Die trübsinnigen jungen Leute, die in Paris so albern erscheinen, sollten sich hierher zurückziehen. In dieser puritanischen Stadt würden sie wie liebenswürdige Brauseköpfe wirken. Was mir auffiel, war der verständige höfliche Ton der Genfer Bedienten im Verkehr untereinander. Das steht weit über der Grobheit dieser Menschenklasse in Frankreich, ist aber weniger heiter. Mailand, Sonntag, 8. September 1811. Mein Herz schwillt über. Gestern abend und heute habe ich wonnevolle Empfindungen gehabt. Ich bin dem Weinen nahe. Gestern um fünf Uhr kam ich an. Auf dem Zollamt und im Gasthof war alles in einer Stunde erledigt, das Essen ebenso. Um sieben Uhr stand ich endlich wieder auf dem Corso di Porta Orientale, Jetzt Corso Venezia. wo buchstäblich die Morgenröte meines Lebens aufgegangen ist. Was war ich damals und was bin ich jetzt! Kein Gefühl des Ehrgeizes mischt sich in diese Betrachtung! Ich denke nur an Frau P[ietragrua] und mein übriges Leben zur Zeit Petiets. S. Seite 221, Anm. 2. Ich erkenne die Ursachen aller Wirkungen und habe zärtliches Mitleid mit mir selbst. Da ich die Liebe der Frau P[ietragrua] nicht erringen konnte (ihr Liebhaber war Louis [Joinville]), baute ich mir tausend Luftschlösser und malte mir aus, wie ich eines Tages als Oberst oder in irgendeinem anderen höheren Rang als den eines Kanzleigehilfen Darus zurückkehren, sie dann umarmen und in Tränen ausbrechen würde. Dieser Plan fiel mir gestern wieder ein, und so sah ich mich nach elf Jahren in der Lage, die ich damals so heiß ersehnt hatte. Welch ein Wort: Elf Jahre! Meine Erinnerungen sind nicht tot; sie leben durch eine heiße Liebe neu wieder auf. Ich kann keinen Schritt in Mailand tun, ohne irgend etwas wieder zu erkennen, und vor elf Jahren liebte ich dies Etwas, weil es zu der Stadt gehörte, in der sie wohnte. Darf ich sagen, was mich bei der Ankunft in Mailand am meisten bewegt hat? Daraus wird man ersehen, daß ich dies nur für mich schreibe. Es ist ein gewisser Mistgeruch, der seinen Straßen eigentümlich ist. Das bewies mir mehr als alles andre sinnfällig, daß ich wieder in Mailand war! Gestern abend hatte ich eine allzu starke und allzu zärtliche Herzenswallung, die mich heute gereut, denn ich bin fast gewiß, daß sie von niemand geteilt wird. Ich gedachte, Frau P. heute zu besuchen, aber ich fürchtete, ich würde ihr um den Hals fallen und in Tränen ausbrechen und so wieder lächerlich in ihren Augen werden. Denn ich meinte, meine unglückliche Leidenschaft hätte mich ihr damals lächerlich erscheinen lassen. Da die Liebe nicht ohne Dünkel ist, ließ dieser Gedanke mich meine Herzenswallung gereuen. Ich hätte köstliche Tränen vergossen, hätte ich mit dem Zauberring der Angelica ihren Salon unsichtbar betreten können. Nach dem Corso, wohin wir erst bei Dunkelwerden kamen, als alles nach Hause strebte, gingen wir, Scotti und ich, in die Scala. Dies Theater ist von großem Einfluß auf meinen Charakter gewesen. Sollte ich je Spaß daran finden, die Entwicklung meines Charakters durch meine Jugenderlebnisse zu beschreiben, so wird das Scalatheater an erster Stelle stehen. Als ich es betrat, war ich vor Erregung nahe daran, umzufallen und in Tränen auszubrechen. Ich suche mich jeder Übertreibung zu erwehren. Ich verabscheue das Falsche in allen Dingen als dem Glücke feind. Aber ich glaube, wenn ich in Mailand Gesandtschaftssekretär oder irgend etwas anderes wäre, was nicht zu viel Arbeit erfordert, so würde ich hier ein köstliches Jahr verbringen. L'arte di godere , die Kunst des Lebensgenusses, scheint mir hier um zweihundert Jahre weiter zu sein als in Paris. Was diesen Umstand noch verdienstlicher macht, ist, daß die guten dicken Mailänder ihn nicht der Überlegung verdanken, sondern ihrem Klima und der verweichlichenden Wirkung der österreichischen Herrschaft. Es bedarf glücklicher Menschen, um selbst in Kleinigkeiten glücklich zu sein, wie man es nach meiner Meinung hierzulande sein kann. Außer dem Liebesglück und dem Kunstgenuß fände ich – das fühle ich – viel Glück in einer Gesellschaft von Leuten wie Herr Lechi. Um es nicht zu vergessen, muß ich meine Lebensweise in Mailand in den Monaten nach der Schlacht bei Marengo aufschreiben. Ich hatte noch nichts von der Welt gesehen; dafür hatte ich alle möglichen Romane, unter anderm auch die »Neue Heloise« durchlebt. Damals hatte ich, glaube ich, die »Gefährlichen Liebschaften« S. Seite 45, Anm. 1. gelesen und suchte darin nach Gefühlserregungen. Die Plattheit und Pedanterie meiner Verwandten hatten mir das Wort Tugend seit lange verleidet; ich konnte mir damals und kann mir tatsächlich auch heute noch Glück bei Frauen nur abseits von der sogenannten Tugend denken. Zu meiner hochgradigen Empfindsamkeit gesellte sich bei mir also in den Jahren 1800 bis 1802 der Wunsch, für einen Schwerenöter zu gelten, aber wie man sieht, war ich das genaue Gegenteil davon. Kein Mensch hatte Mitleid mit mir und half mir mit einem barmherzigen Rat. Ich habe also die zwei bis drei Jahre, wo mein Temperament am lebhaftesten war, ohne Frauen verbracht. An reine (ungemischte) Empfindungen hat man keine Erinnerung. Was ich hier über mein Temperament sage, stammt also aus dem Wenigen, was ich von der Naturgeschichte weiß. Mit neunzehn bis zweiundzwanzig Jahren soll der Mann ja eine Glut besitzen, die uns bald danach verläßt. Ich habe mein siebzehntes, achtzehntes und neunzehntes Jahr in der Lombardei verlebt. Ich war von Empfindsamkeit verzehrt, schüchtern, stolz und verkannt. Das letztere sage ich ohne Dünkel, nur um auszudrücken, daß jedermann erstaunt war, als ich den Mut fand, mich so zu geben wie ich war. Man hielt mich für das Gegenteil dessen, was ich bin. Mit achtzehn Jahren, als ich Frau Pietragrua am meisten anbetete, war ich arm und hatte nur einen Rock, der bisweilen etwas schadhaft war. Da ich in Mailand bei Herrn und Frau P[etiet] nichts darstellte und schon zu stolz war, um entgegenzukommen, verbrachte ich meine Tage in äußerst gerührter Stimmung und voller Schwermut. Ich sah J[oinville] und andre ihr Glück machen, sah, was sie taten, und fühlte, daß ich es besser machen konnte; sie waren glücklich und hatten ihre Geliebten. Ich rührte mich nicht. Ich wartete auf einen romantischen Zufall, wie den Bruch eines Wagenrades usw., auf das Schicksal, das mein Herz einer gefühlvollen Seele offenbarte. Hatte ich einen Freund gehabt, er hätte mich in die Arme einer Frau geführt. Ich wäre glücklich und reizend gewesen, freilich nicht in der äußeren Erscheinung und im Auftreten, aber durch mein Herz; ich hätte für eine gefühlvolle Frau reizend sein können; sie hätte in mir eine Römerseele allem gegenüber gefunden, was nicht Liebe war; sie hätte das Glück gehabt, ihren Geliebten zu erziehen. Seitdem hat mich die harte Erfahrung erzogen, und nicht übel. Sicherlich hätte ich eine solche Frau so geliebt, wie eine wirklich gefühlvolle Frau es nur wünschen kann. Ich hätte sogar an nichts weiter gedacht, als an eine Frau, die mich geliebt und die ich besessen hätte. Meine Empfindsamkeit wäre nicht zum Schmachten geworden. Ich glaube, ihre verschiedenen Regungen hätten eine liebende Seele, die in der meinen zu lesen vermocht hätte, lange Zeit täglich gefesselt. Seitdem habe ich heiß geliebt, aber welch ein Unterschied zwischen meinen Gefühlen in der Rue Sainte In Marseille, wo 1805 Melanie Guilbert wohnte. und denen, die ich gehabt hätte, als ich in der Casa Bovara auf dem Corso di Porta Orientale wohnte! Hätte ich in Mailand geliebt, mein Charakter wäre gewiß ganz anders geworden. Ich wäre weit mehr Don Juan und nicht das Nesthäkchen der Empfindsamkeit, che può servirmi pell'arte . Was mir für die Kunst zustatten kommt. In Marseille war mein Kopf schon zu beschäftigt, als daß die Liebe die allmächtige Gebieterin hätte sein können; ich begann zu beobachten. Die beiden Jahre voller Seufzer und Tränen, Liebeswallungen und Schwermut, die ich in Italien, in diesem Klima, in diesem Lebensalter und ohne Vorurteile, aber ohne Frauen verbracht, haben mir jenen unerschöpflichen Quell an Empfindsamkeit gegeben, dank dem ich heute mit achtundzwanzig Jahren alles, auch die geringsten Einzelheiten, mit dem Gefühl erlebe. Meine jetzige Empfindsamkeit erscheint mir wie eine Flüssigkeit, die auch in die kleinsten Adern eines Körpers, in den sie eingespritzt wird, zu dringen vermag. Sie reicht für alles hin und schwillt bei allem über. Eines Tages besuchte mich Mazeau, als ich in meinem Zimmer in der Casa Bovara über dem Speisesaal Petiets krank lag. Er erzählte Frau P[etiet], ich sähe aus wie ein kranker Löwe. Meine stark gelockten schwarzen Haare, das kräftige Aussehen, das ich damals schon hatte, und mein Stolz lassen mich glauben, daß ich mir nicht die geringste Anmut vorzuwerfen hatte. Damals also führte mich Joinville – er war damals Darus rechte Hand und ein herzensguter Mensch – zu einer großen, schönen und stolzen Frau, die seine Geliebte war; es war Angelina Pietragrua. Diese Frau habe ich eben nach fast neunjähriger Trennung wiedergesehen. Ich sah sie das letztemal um den 1. Vendemiaire des Jahres X , als ich von Brescia zu meinem Regiment nach Savigliano fuhr. Aber der Aufenthalt in Bergamo und Brescia hatte mich schon für lange von ihr getrennt. Ich weiß nicht mal, ob ich sie damals nicht haßte. Es ist also eigentlich zehn Jahre her, daß ich das Wesen, das ich am meisten auf der Welt geliebt hatte, nicht gesehen habe. Ich besuchte sie heute um ein Uhr. Ich ging zu ihrem Vater, Herrn Borrone; ein Diener führte mich zu ihr. Zum Glück ließ sie mich eine Viertelstunde warten, so daß ich die Zeit hatte, mich etwas zu fassen. Ich sah eine große, stolze Frau. Sie hatte stets etwas Großartiges, das in der Bildung ihrer Augen, ihrer Nase und Stirn liegt. Ich fand sie geistvoller, majestätischer und weniger sinnlich reizvoll. Damals war sie nur majestätisch durch die Kraft ihrer Schönheit, heute ist sie es durch die Kraft ihrer Züge. Sie erkannte mich nicht wieder; das belustigte mich. Ich stellte mich ihr als Beyle, der Freund Joinvilles, vor. Quegli è il cinese , das ist der Chinese, sagte sie zu ihrem Vater, der dabei war. Meine große Leidenschaft hat mich durchaus nicht lächerlich gemacht; sie entsann sich meiner nur als eines sehr heiteren Menschen. Ich scherzte über meine Liebe. »Warum haben Sie mir das damals nicht gesagt?« fragte sie mich zweimal. Ich scherzte auf dem Balkon ihres Vaters, wo ich ihr, glaube ich, gesagt hatte, ich hoffte bald eine Leiche in der Ebene von Mantua zu sein. Man kann sich denken, daß ich sie nicht an diese anmutige Art von Liebesgesprächen erinnert habe. Es herrschte leichte Verlegenheit zwischen uns, während ich ihren hohen Geist über derartige Verlegenheiten triumphieren sah. Nach zehn Jahren muß die Bekanntschaft neu angeknüpft werden. Alsbald erschien der Verehrer, ein venezianischer Nobile, der am Hofe des Vizekönigs eine Ehrenstellung bekleidet. Ich war von großer Zuvorkommenheit gegen ihn. Sie lud mich ein, am Abend in ihre Loge zu kommen. Der gute Borrone hat mich aufgefordert, ihn zu besuchen, und mich gebeten, ihn zu umarmen. Das war der letzte Streich. Etwas weniger Majestät bei Frau P. und ich wäre ihr unter Tränen um den Hals gefallen. Ich bin auf den Gedanken gekommen, Frau P. für kurze Zeit zu besitzen. Sie sagte mir, sie hätte mir manches zu erzählen und sie hätte seitdem manche Torheiten begangen. Das sagte sie laut und verständlich vor allen Anwesenden. Doch ich habe keine Zeit, hier tutta la parte di quella visita che spetta al P.C. Alles, was sich bei diesem Besuch auf das Publikum (?) bezieht. zu schildern. Was mich persönlich anging, war mir wichtiger, als die sehr fesselnden Dinge, die so recht den Unterschied des französischen und italienischen Charakters zeigen, wie ich meine, sehr zum Vorteil des letzteren. Tausendmal weniger Eitelkeit, mehr Vergnügungslust und mehr Genußfähigkeit. Ich schreibe dies um Mitternacht. Das Theater, aus dem ich komme, hat von dreiviertel acht Uhr bis dreiviertel zwölf Uhr gedauert. Gegeben wurde der erste Akt der » Pretendenti delusi «, Oper von Mosca. ein schlechtes Ballett »Phädra« und der zweite Akt der » Pretendenti «, danach ein überladenes Ballet. Herr Lechi stellte mich der Signora Lamberti vor. »Sie war vom Kaiser Joseph II. ausgezeichnet worden und, obwohl schon in reiferen Jahren, ein Musterbild verführerischer Grazie. Sie nahm es in dieser Hinsicht mit Madame Bonaparte selbst auf.« (» Vie de Napoléon« , S. 140.) Vgl. auch »Reise in Italien«, S. 72. Bemerkenswerte Sitten. Ein noch so gutes Schauspiel kann, eben weil es gut ist, nicht mehreren Nationen gemeinsam sein. Die Szenen des heutigen Abends waren für einen Franzosen so unanständig, daß sie ihm naturwidrig erscheinen würden. 9. September 1811. Von zwei bis fünf war ich bei Frau P. Dann speiste ich im Wirtshaus bei der Scala und ging auf den Corso. Von da nahm ich eine kleine geschwinde Droschke und fuhr gemütlich zum Teatro del Lentaso an der Porta Romana. Ein elendes Ding, aber ich hörte die reizende Musik von Mayrs » Melomania «. Komische Oper von Simon Mayr (1799). Es ist eine von den Opern, die vor zehn Jahren meinen musikalischen Geschmack gebildet haben. Dann folgte ein komisches Ballett mit hübschen Weiberbeinen und schließlich die anmutige »« Capricciosa pentita « von Anfossi, glaube ich. »Die reuige Launische«, eine komische Oper von Fioravanti (1801). Es ist reine italienische Kunst, ungetrübt durch irgendwelche Sucht nach gutem Geschmack. Das alles – von halb neun bis elf Uhr – für 20 Mailänder Soldi. Morgen nach drei Uhr gehe ich wieder zu Frau P. Vielleicht wird sie die meine. Da ich keine Zeit zu verlieren habe, will ich morgen zusehen, ob sie mir ein paar Schäferstunden ohne weitere Folgen schenkt. Sie sieht mich oft an. Für sie ist's eine neue Bekanntschaft. Die Mailänder Straßen sind ebenso bequem, wie die unsern abstoßend. Mailand, 10. September 1811. Ich fühle es durch alle Poren, dies Land ist die Heimat der Künste. Sie nehmen, glaube ich, im Herzen dieses Volkes den gleichen Platz ein wie bei uns die Eitelkeit. Gestern habe ich mir die Fresken von Appiani angesehen. In der »Reise in Italien« rühmt Stendhal Appianis Fresken (Apotheose Napoleons) im Palazzo Reggio sowie die in der Villa Belgiojoso und in S. Maria presso S. Celso. Andrea Appiani (1754–1817) war Hofmaler Napoleons. Ich war in San Fedele, einem prächtigen Bau. Die ganze Kirche war buchstäblich mit rotem Damast ausgeschlagen, die Luft kühl und rein. Neben San Fedele liegt ein großes Gebäude von edler Architektur. Der Palazzo Marini (jetzt Municipio). Aber ich habe für diese Kunst nicht allzuviel übrig; sie spricht nicht deutlich genug zu meinem Herzen. Den Parisern, die es in der öffentlichen Ordnung und Sauberkeit soweit gebracht zu haben wähnen, muß man zurufen: »Ihr seid Barbaren. Eure Straßen stinken; ihr könnt keinen Schritt tun, ohne euch schmutzig zu machen. Das gibt den Leuten, die zu Fuß gehen müssen, etwas Abstoßendes. Das kommt daher, daß eure Straßen ein großer Rinnstein sind. Man muß die Rinnsteine unter das Pflaster legen. Seht euch die Straßen von Mailand an: völlige Sauberkeit, ruhiges Fahren, bequemes Gehen für die Fußgänger, und dabei kennt man in Mailand nur Kopfsteine und nicht die Steinplatten von Fontainebleau.« Gegen drei Uhr ging ich nach der Contrada dei Meravigli . Dort wohnte Angelina in Nr. 2374 (jetzt Nr. 5). (Arbelet.) Man ließ mich einen Augenblick warten; sie kam grade nach Hause. Sie empfing mich nicht mit heiterer, ausgelassener Zuvorkommenheit, sondern mit Besonnenheit in Ton und Miene, doch voller Freundschaftsversicherungen. Sie beobachtete mich scharf, fast wie einen neuen Bekannten ... Mailand, 11. September 1811. Gestern um fünf Uhr war ich so zufrieden, daß ich fürchtete, irgendein Sturm möchte aus Paris kommen ... Meine Freude war freilich stark mit Eitelkeit gemischt, aber mit einem Einschlag von Gefühl; ohnedies sind alle Freuden der Eitelkeit für mich nach ein paar Minuten dahin. Um ein Uhr fuhr ich zu Frau P. Ich nahm mir einen Wagen, sowohl aus Bequemlichkeit, wie vor allem aus Eitelkeit, wegen Frau P. In gesellschaftlicher Hinsicht bin ich für sie eine neue Bekanntschaft: das darf ich nicht vergessen. Der Einfluß von Kleinigkeiten ist in diesem Falle sehr groß. Herr Widemann Der Sohn eines venezianischen Nobile, italienischer Oberst in Napoleonischen Diensten. Er starb während des Feldzuges in Rußland. (Chuquet 131.) brachte alsbald die Erlaubnis zum Besuch der Brera. Sie wollte mitkommen und verließ uns, um sich anzuziehen. Widemann ist ein heiterer Mensch, der die Musik liebt, über nichts nachdenkt und die Behaglichkeit liebt. Diese Menschen gehen, solange sie jung sind, der Liebe nach, genießen mit Feuer, sind ganz Empfindung, und wenn die Empfindung aufhört, bleiben ihnen nur die paar Gedanken, die sie zwischen ihren Genüssen durch Zufall gefunden haben. Herr Widemann ist mit der Familie Rezzonico Eine venezianische Bankierfamilie, aus der Papst Clemens XIII. (1758 bis 1769) hervorgegangen war. verwandt, deren Namen er annimmt, weil ein Rezzonico ihm 50 000 Franken Einkommen hinterläßt. Er besitzt soviel weltmännische Höflichkeit, als die italienische Natürlichkeit zuläßt. Diese Höflichkeit hätte mich vor zehn Jahren verwirrt; heute war sie mir ganz recht. Ich war gegen ihn durchaus vornehm, höflich und zuvorkommend. In dieser Hinsicht kann ich mit mir zufrieden sein und lasse meine Freunde reden, die meine Art und Weise nicht verstehen. Wir fuhren also zur Brera. Frau P. lud mich ein, ihr den Arm zu geben. Ich weigerte mich und wies auf Widemann. Er trat zurück, und so nahm ich als Fremder die Ehre an, den Arm alla nostra dea Unserer Göttin. zu reichen. In der Brera war ich der Mann der großen Welt, glänzend und geistreich. Frau P. hatte mir am Tage vorher gezeigt, daß sie dafür empfänglich war, und zwar in so kluger Weise, daß ich erkannte, daß sie sich auf Feinheiten sehr wohl versteht. Die Kunst riß mich hin. Ich mußte mich zur Vernunft zwingen, um Frau P. zu gefallen, statt ein Bild Montis zu bewundern. Sie stellte mir geschickte Fragen, um meine Stellung zu ergründen, die sie nur aus meiner Visitenkarte kannte. Da meine Eigenliebe mich in diesem Punkt empfindlich machte, merkte ich ihre Absicht deutlich und zog mich mit Natürlichkeit, ja mit Grazie heraus, indem ich ihr einen großen Begriff davon gab. Ich merkte, daß Rang und Würden für einen Charakter wie ich nur auf Reisen gut sind. Dieser Besuch der Brera gab Frau P. und Widemann eine bestimmte Meinung über mich. Wir gingen dann nach der Casa Raffaeli, wo ein Mosaikbild von Leonardos Abendmahl hergestellt wird. Auf Befehl Napoleons fertigte der römische Mosaikkünstler Raffaeli diese Kopie an. Dort blickte ich sie zweimal äußerst zärtlich an. Jedesmal, wenn unsre Hände sich begegneten, drückten wir sie einander. Ich machte ihr ein paar kurze, zärtliche Komplimente. In dieser Zeit genoß ich das vollkommene Glück, von dem ich oben sprach. Es begann in dem Augenblick, wo ich Frau P. den Arm bot. Nachher fuhr ich allein auf den Korso; mein Glück flaute ab, wie das Glück mancher Ehrgeizigen, die in einer Klasse der Rangordnung die Ersten waren und die Letzten in der nächsthöheren werden. Meine Erinnerungen waren hold und lebhaft; sie verwandelten sich in Wirklichkeit. Ich sah mich jetzt als Liebhaber Angelinas. Damit verblaßten tausend kleine Umstände, die mich an Mailand fesselten. Der Glockenklang, die Künste, die Musik, alles, was ein unbeschäftigtes Herz entzückt, wird schal und nichtig, sobald eine Leidenschaft es erfüllt. Um sechs Uhr war ich in Frau P. verliebt; ich wurde schüchtern und sofort erfüllte schwarzer Kummer mein Herz. Das kam großenteils daher, daß tausend Quellen glücklicher Erinnerungen, die zusammen einen Strom bildeten, mit einem Schlage versiegt waren. Mein Wagen langweilte mich, weil ich meine jetzige Lage nicht mehr mit der eines Kanzleibeamten bei Herrn Daru verglich. Die Scala bescherte mir nicht mehr den Genuß, den mir die Erinnerung an die alten zärtlichen und schwermütigen Gefühle bereitet hatten. Ich hatte Zärtlichkeit und Schwermut aus erster Hand: ich brauchte ja nur nach der zweiten Loge rechts im zweiten Rang hinaufzuschauen. Ich glaube, bei diesem Zustand spricht die Eitelkeit stark mit, denn ich verspreche mir in ihren Armen keinen großen Genuß. Tatsächlich hat mich Angelina [Bereyter] in sinnlicher Hinsicht blasiert gemacht. Es wird für Mocenigo Beyle benutzt diesen venezianischen Adelsnamen häufig als Bezeichnung für sich selbst im Sinne eines genießenden Beobachters der Welt. eine nützliche Lehre sein, mir zu vergegenwärtigen, wie der Reiz Mailands plötzlich verschwand, als die Erinnerungen so lebhaft wurden, daß sie sich in Wirklichkeit umsetzten. Als ich zu den Logen des zweiten Ranges hinaufstieg, ließ mich ihre Anlage ganz kalt, da ich nur darauf bedacht war, Angelinas Loge mit Grazie zu betreten, und auf den Empfang, den ich finden würde. Das ist, wenn ich mich nicht irre, eine wertvolle Beobachtung. Gestern abend um sieben Uhr, als ich im Parkett saß, habe ich sie nicht gemacht. Ich war in finsterer Laune und voller Groll auf meine Nachbarn. Ich hörte nur halb auf den ersten Akt der » Pretendenti delusi « hin und blickte von Zeit zu Zeit zu Frau P. hinauf, erkannte aber nur ihren Hut und ihre Arme, nicht ihr Gesicht. Ich bewahrte so viel Geistesgegenwart, um an meine Würde zu denken, und ging nicht gleich in ihre Loge hinauf. Ich hatte so viel Geduld, das Ballett und die Hälfte des zweiten Aktes abzuwarten. Ich war schweigsam und etwas ernst. Sie sagte gleich zu mir: »Ich weiß nicht, was Widemann hat. Er scheint ganz verstört.« Das traf zu. Sie war einen Augenblick mit mir allein; ich war verlegen, aber ich half mir heraus, indem ich sie nach den anderen Besuchern der Loge fragte. Widemann kam wieder, verstört und ganz von seinem Gefühl erfüllt (eine Folge der Natürlichkeit, was man in Frankreich nie fände). Ich dachte mir, daß er eifersüchtig auf mich sei. Zum mindesten war ich ihm lästig; er hatte Frau P. etwas anzuvertrauen, vielleicht eine Hofintrige. Ich blieb acht bis zehn Minuten bei ihr. Als ich fort war, bemerkte ich, daß Frau P. und Widemann sich eifrig unterhielten. Ich ging ins Parterre und verbrachte zehn Minuten bei Signora Lamberti. Sie war stets von äußerster Liebenswürdigkeit. Sie stellte mich dem größten Arzt Italiens Gemeint ist wohl Graf Moscati, ein berühmter Arzt, Chemiker und Physiker, von dem Stendhal auch in » Rome, Naples et Florence « (S. 69) spricht. (Arbelet.) und seiner Frau vor. Meine bissige Laune wurde dadurch nicht verscheucht. Ich kehrte wütend heim; wäre ich ein Löwe gewesen, ich hätte am liebsten blutiges Fleisch zerrissen, denn das hätte mich beschäftigt und abgelenkt, und ich hätte in diesem Auslassen meiner Kraft Trost gefunden. Da ich nichts zu zerreißen hatte, stürzte ich mich auf den Hofkalender, ein fesselndes Buch, und verschlang ihn mit gespannter Aufmerksamkeit bis nach ein Uhr nachts. Dabei kam ich auf den Gedanken, Herr Widemann würde mich stellen, weil ich seiner Geliebten gefallen hatte. Meine Wut nahm noch zu, aber ich sah meinen Irrtum ein. Kurz, ich war ein wütender Narr, etwa im düsteren Stil Alfieris. In solchen Augenblicken könnte ich, wenn ich verheiratet wäre, alle Welt unglücklich machen. Ich bin sicher, der liebenswürdige Giacomo Lechi hat solche Augenblicke nicht; dafür aber knüpft sein Geist nicht die zahlreichen Kombinationen, die meine Wut von dem meinen forderte, und der Mocenigo verschwindet. In solchen Augenblicken bedürfte ich eines Freundes, aber er müßte so sanft wie Lechi oder so scharfsinnig wie Crozet sein, und vor allem müßte ich einen Talisman bei mir haben, um mich liebenswert zu machen, denn dann bin ich alles andre als liebenswürdig. Das Spaßigste bei meiner Wut ist, daß ich, wie ich beim Schreiben erkenne, über Frau P. in keiner Weise zu klagen habe. Im Theater sah sie mich mehrmals aufmerksam an; sie hat mich mit Beweisen ihrer Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit überhäuft, und als ich eine Tabaksdose nahm und ihr dabei leicht die Hand drückte, suchte und fand sie sofort die Gelegenheit, diesen Händedruck in der deutlichsten Weise zu erwidern. Seltsame Wirkung von großem Stolz und großer Empfindlichkeit! Ich habe sie lang und breit beschrieben, damit der Beyle von 1821 sie verstehen kann. Aber was ist Frau P. eigentlich? Das ist die Hauptsache. Hier muß ich bescheiden zugeben, daß ich nicht Tatsachen genug besitze. Ich muß daran erinnern, daß dies alles die zweimonatliche Italienreise eines, wie oben bewiesen, etwas närrischen Menschen ist. Ich brauchte die Erfahrung eines Jahres, um meine Urteile zu klären. Aber schließlich zeichne ich den Ton auf, den jedes Ding beim Berühren meiner Seele von sich gibt. Diese große, schöne Frau hat den Ernst des Denkens. Ich finde nichts Romantisches mehr in ihren Blicken. Sie findet, daß die Eintönigkeit das Vergnügen in Mailand zerstört; die Liebschaften sind wie Ehen. Man genießt sie in den ersten vier Monaten und gähnt dann ein, zwei Jahre miteinander, aus Respekt vor der öffentlichen Meinung. Sie findet, daß die Mailänder keinen Esprit haben, wie sie es nennt, aber sie schreibt ihnen Talent zu, das heißt Schlauheit und Klugheit, um ein Ziel zu erreichen. Das hat sie vorgestern sehr scharfsinnig erklärt. Sie findet, daß die Italiener, wenn sie zufällig eine feine Bemerkung machen, dies in schwerfälliger Weise tun, die ihr das Salz nimmt. Könnte ich nicht glauben, daß eine kleine, recht unverhoffte und recht lebhafte Liebschaft mit mir ihr gefiele? Das würde die Eintönigkeit unterbrechen. Gestern in der Brera fragte ich sie in geheimnisvollem Ton, ob sie ihren Servente liebe. Ich ließ keinen Zweifel darüber, daß ich Widemann für diesen Servente halte. Heute habe ich sie nicht besucht, um mich für meinen langen gestrigen Besuch zu strafen. Es ist mir schwer gefallen. Aber ich muß mir vergegenwärtigen, was Angelina mir von der Wirkung sagte, die die Erklärungen ihrer Verehrer auf sie machen. »Wenn ich gefallen will, muß man nicht so sicher sein, mir gefallen zu haben.« Hier unterdrücke ich eine Seite voll von lächerlichem, zärtlichem Schwulst und nehme ein Bad. Heute nacht hat mich eine köstliche Serenade halb aufgeweckt und halb beruhigt. Mailand, 11. September 1811. Heute besichtigte ich ohne Genuß die Ambrosiana, das Abendmahl Leonardos, San Celso usw. Ich habe die Seccatura der Ciceroni verspürt. Ein Cicerone könnte mir selbst das » Matrimonio segreto « verekeln. Die Ciceroni müßten stumm sein und einem nur zu den Sehenswürdigkeiten hinführen ... Der Korso hat mich gelangweilt. Nachher war ich im Theater. Reizende Musik, lustiges Spiel, aber Gefahr, Flöhe zu kriegen – die einzige Gefahr, die ich auf meiner Reise bisher fand. Der Reisende, der alles aufschreibt, was er über das Land gelesen hat, das er bereist, kann hundert Folianten anfüllen. Wer nur aufzeichnet, was er empfunden hat, ist sehr beschränkt. Er kann nur Geist haben; der andre besitzt Wissen. Mailand, 12. September 1811. Ich beabsichtige, Frau P. eine kleine Erklärung zu machen, um zu wissen, ob ich in Mailand bleiben oder abreisen soll. Nichts hält mich hier mehr außer ihr ... Heute morgen war ich von dieser kalten Vernunft weit entfernt. Ich zählte die Minuten. Ich wollte um ein Uhr zu Frau P. gehen. Endlich war es Mittag. Ich zog mich an; ich war zärtlich und zu einer schönen Erklärung aufs beste aufgelegt. Ich war ganz in Wallung, aber gerade, wenn ich in diesem schönen Zustande bin, kommt mir der Zufall dazwischen. Ich frage beim Portier, ob sie zu Hause sei. Man sagt: »Ja.« Voller Ungeduld gehe ich hinauf. Eine hübsche, junge Kammerzofe, lebhaft und munter, sagt mit schalkhafter Miene: »Serva sua; è sortita«. Ihre Dienerin; sie ist ausgegangen. Ich gehe zur Brera, und beim Anblick der Gemälde suche ich mich zur Vernunft zu bringen, meine Seele zu härten und die Sache heiter aufzufassen. Nach solchen Anstrengungen ist man für die Grazien verloren. Um zwei Uhr wird man aus der Brera hinausgeworfen. Ich gehe zu Herrn Raffaeli und sehe zu, wie er an der Kopie des Abendmahls und an einem Christus von Guido Reni arbeitet. Ich wollte meine Zeit bis drei Uhr totschlagen. Herr Raffaeli, einer kleiner und anscheinend galliger junger Mann, zeigt mir sein Atelier. Endlich sehe ich, daß es halb vier Uhr ist, und mache mich davon. Ich gehe zu ihr, aber nichts von holder Wallung, nichts mehr von Zärtlichkeit. Vor zwei Stunden hätte sie mich sehen müssen! Sie war allein. Hätte sie einen scherzhaften Ton angeschlagen, so wäre meine Erklärung auf meinen Lippen erstorben, und heute abend hätte ich eine Laune wie eine Bulldogge gehabt. Ich sagte ihr in kaltem, vernünftigem Tone, ich liebte sie, doch weil ich nicht allein der liebende Teil sein wollte, hätte ich sie gestern nicht besucht usw. Sie antwortete mir etwa, ich scherzte wohl, und als ich ihr ehrlich das Gegenteil versicherte, sagte sie: »Ich wollte, es wäre wahr.« Unser ganzes Gespräch war in Ton und Miene verteufelt vernünftig. Da aber Franzosen in der Unterhaltung viel lebhafter sind als Italiener, ist ihr dieser kalte Ton vielleicht entgangen. Sie entgegnete sofort, sie sei gestern auch sehr mißgestimmt gewesen, als ich um vier Uhr nicht gekommen sei, und um mich zu bestrafen, sei sie heute ausgegangen. Darauf sagte ich ihr recht schöne Dinge, aber nach meiner Meinung in zu kaltem Tone. Sie duzte mich, weinte und verdoppelte ihre Zärtlichkeit, als ich ihr Züge meiner alten Liebe ins Gedächtnis rief. Offenbar machte es ihr Eindruck, daß ich so lange tausend Einzelheiten behalten habe. Ich wage nicht zu sagen: »Es rührte sie.« Als ich sie umarmen wollte, sagte sie: »Empfangen, niemals nehmen.« Ich finde diesen Grundsatz meinem Charakter sehr angemessen; bei mir tötet der Entschluß zur Tat jedes Gefühl. Ich habe also keine Küsse geraubt, aber bald welche erhalten. Die Zärtlichkeit kehrte in dem Maße zurück, als ich mich nicht mehr zur Tat aufraffen mußte. Ich wurde warm, und hätte das Beieinander noch lange gedauert, so hätte ich gesiegt. Sie weinte, wir umarmten uns, duzten uns; alles ging von ihr aus. Wir sprachen eingehend von meiner Abreise. »Geh, geh«, sagte sie mehrmals sehr bewegt. »Ich fühle, du mußt um meiner Ruhe willen abreisen. Morgen habe ich vielleicht nicht mehr den Mut, es dir zu sagen.« Als ich entgegnete, ich würde auf meiner Reise zu unglücklich sein, versetzte sie: »Aber du wirst die Gewißheit haben, geliebt zu sein.« Über unser früheres Verhältnis sagte sie mit ziemlich überzeugter Miene: »Aber das ist ja ein Roman.« Fühlte sie, was sie sagte? Oder war es Gefallsucht? Eine große Frage. Aber, ich will versuchen, sie ernstlich verliebt zu machen, wenn sie es noch nicht ist. Heute morgen hatte ich schon eine schöne Wallung, infolge deren ich mein Uhrglas zerbrach, nachdem ich sie die Worte hatte lesen lassen: » Angiolina t'ama in ogni momento« . Angiolina liebt dich immerfort. Das sind unwiderstehliche Züge. Sie fürchtete, unsre Röte möchte uns verraten. Ich bürgte für mich. Ein Schüler Pestalozzis kam, platt wie ein Gelehrter, danach der Cavaliere servente . Ich war äußerst liebenswürdig gegen beide. Ich las die lebhafteste Freude darüber in Angiolinas Augen, obwohl ich sie nicht allzu sehr ansah, um nicht aus der Rolle zu fallen. Mit dem Gelehrten sprach ich über de Tracy, mit dem Servente über Kunst, Eis und England. Dieser Servente hat anscheinend Verstand, Tiefe, Takt und Lebensart, aber eine unglückliche, mißtrauische Miene, kein Feuer, keine Hochherzigkeit und ist vierzig Jahre alt. Sie versichert mir immer wieder, er sei durchaus kein Geliebter. Aber sie scheint mir in ihrem Benehmen große Politik zu treiben. Vielleicht ist es ganz einfach der italienische Charakter, den ich aus der Nähe sehe. Dieser Sieg hat mir keine hinreißende Freude bereitet. Wäre sie um ein Uhr zu Hause gewesen, so wäre es ganz anders geworden. Ich verließ sie um fünf Uhr und sah sie in ihrer Loge wieder. Dort langweilte ich mich etwas, weil ich nur gleichgültige Dinge sagen und tun konnte. Zum erstenmal hörte ich dort genau eine mailändische Unterhaltung voller Scherze, Anspielungen und Zweideutigkeiten, kurz, etwas sehr Schwieriges. Ich bemerkte, daß es sehr schwer ist, ein Volk zu beurteilen, dessen Sprache man nicht kennt. Sie gab mir ein Stelldichein für morgen im Französischen Theater, in der zehnten Loge im zweiten Rang, aber ich will sie um ein Uhr besuchen. 13. September. Gestern trug ich in Mailand das gleiche Beinkleid wie bei der Schlacht von Palfy Gemeint ist die Liebschaft mit Alexandrine Daru. am 31. Mai. Die Gräfin Palfy war tief erregt; Frau Pietragrua schien mir allzu verständig. Sehr einfach, die Gräfin Palfy war es weniger gewöhnt. Zudem muß der Italiener, der tiefer ist und mehr zu heftigen Wallungen und gewagten Schritten neigt, sich in allem, was sein Glück betrifft, mehr zur Vernunft zwingen und somit kälter und gefaßter erscheinen. Frau Pietragrua, die ein weibliches Wesen als Zeugin mitgenommen und allen Folgen ihrer Handlungsweise getrotzt hat, als sie nach Paris fuhr, um sich in J[oinvilles] Augen zu rechtfertigen und ihn dann zu verlassen, sie, auf die ein paar Monate vorher ein abgeblitzter Liebhaber mit der Pistole geschossen und die dies Ereignis mit fröhlicher Kaltblütigkeit abgeleugnet hat, die seitdem in ihrem Benehmen die tiefste Politik hat walten lassen, – sie konnte nicht über ein Geständnis in Wallung geraten, das sie voraussehen konnte, ja das sie vielleicht herbeiführen wollte. Somit kann sie mich trotz all ihrer Vernunft wohl lieben. Ein Italiener, der weiß, welchen heftigen Leidenschaften er Tür und Tor öffnet, verhält sich abwartend und erscheint somit kalt in Augenblicken, wo wir Franzosen, die wir unser sicherer sind, uns ganz unserm Überschwang hingeben. Somit ist unsre Empfindung schwächer, scheint aber starker. 15. September 1811. Ich verlasse sie voller Bewunderung und fast voller Leidenschaft. Ich werde Tränen vergießen, wenn ich Mailand verlasse. Welch holdes Wort: »Wiedersehen nach zehn Jahren«, wo tausend Zufälle sie mir inzwischen ganz hätten rauben können! Hätte ich sie wiedergesehen und nicht besessen, so hätte ich das Unglück ertragen müssen, mir zu sagen: Andre sind in ihrer Zuneigung weiter gelangt! Zwei Stunden lang genoß ich den Eindruck dieses erhabenen und zärtlichen Charakters, der mich im Jahre der Schlacht bei Marengo so wahnsinnig gemacht hat. Nach der liebevollen Art, wie sie meine Erklärung aufnahm, war ich einen Tag lang nahe daran, einen Monat in Mailand zu bleiben und ihr Liebhaber zu werden. Mailand mißfiel mir auf der Stelle. Was sollte ich tun, wenn ich nicht bei ihr war? Mir war, als liebte ich sie nicht mehr, kurz, ich fühlte mich eiskalt. Ich verfluche meinen Hochmut gründlich. Hatte sie mich nicht geliebt, so hätte ich furchtbare Augenblicke durchlebt. Der Gedanke, von dieser seltenen Frau verschmäht zu sein, hätte mir alle Freuden vergällt. Sie liebt mich, und ich langweile mich! Das heißt, einen unglücklichen Charakter haben. Ich möchte einen Freund haben, der diesen Teil meiner Seele immerfort mit glühendem Eisen ausbrennt! Gestern oder vorgestern, als ich zu ihr ging, konnte ich sie besitzen und bleiben, oder abreisen und sie nicht besitzen. Anfangs sagte sie mehrmals: »Reise ab. Du mußt abreisen.« Ich leistete Widerstand und schien fast gerührt, aber schließlich, inmitten der zärtlichsten Küsse, machten wir aus, daß ich abreisen sollte. Seitdem war alles verwandelt und nahm ein rührendes Gepräge an. Wir sprachen von der Möglichkeit, daß ich dauernd nach Mailand käme. »Wie rasch würde ich allen meinen Freunden die Tür weisen und ihnen sagen: Auf Wiedersehen im Theater, wenn ihr wollt.« Das sagte sie mit dem wahrsten und schönsten Tonfall und mit glühenden Blicken. Gestern, bei unserm kurzen Beieinander hatte sie mehrmals Tränen in den Augen. Sie sank in meine Arme, ma nel mezzo dei più teneri baci Aber mitten in den zärtlichsten Küssen. wollte sie mir nicht erlauben, weiter zu gehen. »Ist das das Mittel, uns zu verlassen?« wiederholte sie immerfort, mich umarmend. »Wir verlieren den Kopf immer mehr.« Ich fühlte mich im Banne eines höheren Verstandes. Ich bin von einer Bewunderung für sie erfüllt, die mich zärtlich stimmt. Ich hoffe, am 17. abzureisen. Aber auf dem Rückweg nach Paris werde ich sie wiedersehen. Gegenwärtig fühlt mein Herz sich außerstande, sie ein Jahr lang nicht zu sehen. Ich glaube, wenn ich nach Paris zurück bin, werde ich ein Geizhals und Schmeichler werden, um Geld und Urlaub zu Reisen nach Mailand zu bekommen. Fern von ihr langweile ich mich trotzdem sehr. Gestern, nach unserm kurzen Beieinander, erschienen die lästigen Freunde. Ich wollte gehen, um sie nicht eifersüchtig zu machen, aber aus Eigenliebe blieb ich bis vier Uhr. Ich suchte liebenswürdig zu sein, aber das ist vielleicht ein Grund mehr, daß sie mich nicht lieben. Gegen mich können sie nur Eifersucht hegen. Vor acht Tagen sah ich Angelina nach sehr langer Trennung wieder, und sie erkannte mich nicht wieder. Heute steche ich diese Herren bereits aus. Wäre ich zwei Stunden mit ihr allein in einer Loge oder auf der Promenade, lange genug, um natürlich zu sein, sie würde eine Leidenschaft für mich fassen. Heute morgen hatten wir ein Stelldichein im Badehause. Ich konnte im Hofe des Palazzo Alamanni ein Weilchen mit ihr plaudern. Aber das Stelldichein in ihrem Hause war verfehlt. Ich traf ihre Schwester und ihren dummen, schönen Mann. Dann kam noch die Mutter, die mich wie der gute Borrone mit deutscher Herzlichkeit begrüßte ... In Angelinas Armen möchte ich sterben. Dies Gemisch von Seelengröße und Zuneigung zu mir würde mir selbst diese bittre Pille versüßen. Im übrigen bin ich sicher, sie mit Würde hinunterzuschlucken; das macht der Stolz. Aber wie hold wäre es für mich, mit Angelina zu weinen! Wie man sieht, bin ich kein Mocenigo mehr. Ich habe nicht mehr die Ruhe, um an derartigen Dingen ein prickelndes Vergnügen zu finden. Geschrieben am 16. September 1811. Ganz Mailand war gestern auf dem Korso und vor der Porta Orientale, um dem Aufstieg der Luftschifferin Madame Blanchard zuzusehen. I was not disposed to see all this mob as Mocenigo . Ich war nicht aufgelegt, all diesen Pöbel als Mocenigo zu betrachten. Ich war erregt, aber in angenehmer Weise. Ich schaute wie ein Narr aus und suchte Angelina in allen Wagen. Ich fand sie nicht. Dann zog ich mich um, und um acht Uhr war ich auf dem Balkon ihrer Mutter. Ich hatte die Absicht, etwas finster zu sein. Das war das Rechte im Sinne meiner Leidenschaft. Ich sprach voller Glut und Natürlichkeit mit Frau P. Sie sagte zu mir, ich solle nicht so schweigsam sein. Dann scherzte ich mit ihrer Schwester, die ich mit Vergnügen wiedersah, und sprach mit den Herren Turchotti und Widemann vom Hofe. Herr W. hat die Vornehmheit eines großen Herrn, eine italienische Vornehmheit, d. h. natürlich, ohne spießbürgerlichen Dünkel. Herr Turchotti hat nichts Vornehmes, aber viel gesunden Verstand und Scharfsinn. Wäre mein Herz unbeschäftigt und reiste ich nur als Mocenigo, so müßte ich möglichst viel mit Turchotti und ihren anderen Verehrern verkehren. Es sind anscheinend hervorragende Leute, ein neuer Beweis für Angelinas Überlegenheit. Ich sprach gestern vom Hofe, um mein Ansehen zu mehren. Das ist mir füglich geglückt. Wir kehrten zu Frau P. zurück. Ich bot ihr den Arm. Sie schien mich zu lieben und sagte plötzlich auf italienisch: »Kommen Sie morgen um halb ein Uhr«. Das schien mir die Lösung anzudeuten. Ich möchte sie nicht, wenn ich mein jetziges Leben weiterführen müßte. Opferte ich ihr die Italienreise, so möchte ich stets mit ihr leben, z. B. an den Ufern der Sesia, wie im Roman. 16. September. Prachtvolles Wetter, heiß wie im Juni. Ich habe eine Rundfahrt um Mailand auf den Wällen gemacht, einunddreiviertel Stunden lang. Prachtvolle Vegetation. Schöner Blick auf den Dom von der Porta Romana. Vgl. »Reise in Italien«, S. 40. Nur mein Herz ist italienisch. Hätte ich 1800 in der Gesellschaft verkehrt wie jetzt, so hätte ich italienisches Wesen angenommen. Der gesunde Menschenverstand hat bei mir lange in Ungnade gestanden, und wie ich gestehen muß, auch ich bei ihm. Hätte ich die Italiener gut gekannt, so ständen gesunder Verstand und Scharfsinn bei mir in hohen Ehren und wären mir nicht Wechselbegriffe von Kälte und Gefühlsschwäche. Geschrieben am 20. September. Am 18. hatte ich ein dreiviertelstündiges Stelldichein mit ihr. Am Tage vorher machten wir zusammen einen Spaziergang von anderthalb Stunden. Ich hatte einen Anfall von zärtlicher Schwermut; daran erkannte ich die Liebe. Wenn ich dies nicht aufzeichne, vergesse ich alles. Aber wenn ich mein Gefühl beschreibe, tut es mir weh. Ich merke so recht, daß reines Gefühl keine Erinnerung hinterläßt. Ich war nahe daran, gerührt zu werden. Ich ging durch die Straßen und wußte nicht, was ich tun sollte. Ich sollte sie erst am Abend bei ihrer Mutter wiedersehen. Ich hatte Tränen in den Augen, und das Herz war mir schwer. Ich sah sie nur ganz kurz. Herr Turchotti war bei ihr. Sie ging aus, um etwas zu besorgen. Ich ging fort, um mir einen Platz auf der Post zu bestellen. Wie groß war mein Kummer, als ich zu der guten Frau Borrone zurückkehrte und Angelina nicht mehr antraf. Schließlich fand ich sie auf dem Domplatz. Wir sahen uns den Kometen an. Er war prächtig und sehr deutlich zu sehen. Auch ihre Liebe war sehr deutlich. Sie schien gerührt. Ich, der den ganzen Tag so traurig gewesen war, ärgerte mich nun, nicht meine ganze Schwermut zeigen zu können. Am 19. September trafen wir uns um elf auf dem Domplatz und fuhren nach der Simonetta. Ein Echo bei der Villa Simonetta vor den Toren von Mailand. Näheres in der »Reise in Italien«, S. 59. Ich glaube, ich liebe sie wirklich, und sie liebt mich auch. Vielleicht wird sie Sonnabend die Meine, vor meiner Abreise. Ich finde sie sehr unvorsichtig. Man darf nicht vergessen, daß ein Fehltritt in diesem Lande des Gefühls ganz andre Folgen hat als in Paris, der Hochburg von Eitelkeit. Aber ich verderbe meine Liebe, indem ich davon rede. 20. September. Morgen um Mitternacht fahre ich nach Bologna. Heute vormittag regnet es. Mein Glück ist düster und, wie mir scheint, italienisch, weitab von der Leichtlebigkeit des Sanguinikers. 21. September 1811. Heute abend reise ich ab. Ich habe sie erwartet. Ich sagte mir: »Es hat mich gepackt.« Und ich glaube tatsächlich, das ist die Liebe, aber im Kampfe mit einem starken Charakter. Ich hoffe, die Trennung wird mich etwas genesen lassen. Sie sollte kommen und kam nicht. Wäre sie gefallsüchtig und nichts weiter? Gestern erfuhr ich eine halbe Gunst. Als ich abends heimkehrte, hatte ich trübe, schmerzende Augen und war lange dem Weinen nahe. I was, I believe, in love . Ich war, glaube ich, verliebt. Am 21. September um halb zwölf Uhr habe ich endlich den so lange ersehnten Sieg davongetragen. Nichts fehlt zu meinem Glück als das, was das Glück eines Gecken ausmacht, daß es kein Sieg war. Ich glaube, der reinste Genuß kann erst mit der völligen Vertrautheit kommen. Das erstemal ist es ein Sieg; erst in den drei folgenden Malen kommt es zur Vertrautheit. Dann kommt das vollkommene Glück, wenn man mit einer Frau von Geist und großem Charakter zu tun hat und man sie liebt. Dieser Sieg war nicht leicht. Um dreiviertel zehn Uhr ging ich in die kleine Kirche an der Ecke der Via dei M(eravigli). Ich konnte es nicht zehn Uhr schlagen hören. Um fünf Minuten nach zehn (nach meiner Uhr) ging ich an ihrem Haus vorbei: kein Zeichen. Um zwanzig Minuten nach zehn ging ich wieder vorbei; da erfolgte das Zeichen. Nach einem sehr ernsten Seelenkampfe, bei dem ich den Unglücklichen, ja den Verzweifelten spielte, ward sie um halb zwölf Uhr die Meine. Ich reise am 22. September um halb zwölf Uhr nachts von Mailand ab. Bologna, 24. September. Am 22. fuhr ich über Lodi, Cremona, wo ich einsam und traurig speiste, nach Mantua. Ich fürchtete, d'esser saltato dai ladri . Von Räubern angefallen zu werden. Um elf Uhr kam ich nach Mantua. Dort aß ich zur Nacht, schrieb an Frau P., schlief etwas und wurde von den Mücken arg zerstochen. Der ganze Tag war ein Ruhetag. Ich schlief mich aus. Um zwei Uhr fuhr ich weiter, kam um vier Uhr über den Po und speiste endlich in Modena, der saubersten und heitersten italienischen Stadt, die ich gesehen habe. Um halb sieben kam ich in Bologna an. Heute vormittag besichtigte ich den Neptun des Giovanni Bologna, San Petronio, San Domenico und die Galerie. Wer von Poesie nichts weiß, wird mehr Genuß an ihr finden, wenn er die Einführung von La Harpe gelesen hat. Ich brauchte solch ein Buch für die Malerei. Trotzdem besitze ich für die Künste solches Feingefühl, daß ich über den Pöbel erhaben bin. Mein Urteil beschränkt sich auf den Ausdruck, die Kraft der Phantasie und die Natürlichkeit. In der Galerie rührte mich ein unbedeutender Kopf mit deutschem Gesicht. Der Palazzo Ercolani, erst vor elf Jahren erbaut, sieht schon ganz schmutzig aus. Die Italiener streben nach Großartigkeit. Herkulesstatuen im Treppenhaus, eine prachtvolle Galerie, Marmortische, Chinoiserieen und dazwischen Spinneweben, Staub und Schmutz, im großen wie im kleinen. Wir in Paris haben Reinlichkeit im Innern und Armseligkeit draußen. Am Nachmittag fand ich Genuß an der Malerei. Ich besuchte das Museum, dann führte mein geweckter Diener mich zur Galerie Tanari. Guido Renis und Caraccis im Überfluß. Die große Madonna von Guido Reni. Wenn dies Gesicht, das seine Empfindsamkeit unter Kälte verbirgt, die Augen aufschlüge, so müßte man sich wahnsinnig darin verlieben. Ich sah auch die Zimmer der Söhne des Hauses Tanari. Sie wohnen in einem Palast mit einer prachtvollen Galerie. Ihre Wohnräume sind zum Übelwerden. Waschbecken wie im Gasthof, elende Betten, die gegen die Rahmen herrlicher Bilder stoßen. Auch hier Großartigkeit und Schmutz. Der Palazzo Marescalchi ist mit gewöhnlichen Pariser Möbeln ausgestattet. Aber ein Zimmer ist sehenswert, voll erlesener Bilder von Guido Reni, Guercino und den Caracci, darunter ein Frauenkopf von der Empfindsamkeit Mozarts, ganz wie Minette. Wilhelmine v. Griesheim. Hier traf ich eine Italienerin aus Imola, nichts Besonderes, aber italienische Augen. Ich sprach mit ihr und spielte den Anmutigen; ich bin überzeugt, daß ich ihr gefallen habe. Es ist ein Genuß, mit solchen gefühlvollen Seelen und ausdrucksvollen Augen zu tun zu haben. Man merkt den Eindruck, den man macht. Nach einer halben Stunde wurde unser Gespräch schon vertraulich. Leider legen die Gatten und Väter, denen man gleichfalls gefällt, Beschlag auf einem, damit man auch mit ihnen plaudert. Doch Eitelkeit oder nicht, mein Geplauder im Palazzo Marescalchi hat mir gleich gezeigt, daß man das Glück in Bologna finden kann. Ach, und ich habe nur sechsunddreißig Tage Freiheit! Am 24. Oktober muß ich in dem platten Grenoble sein! 25. September 1811. Ich verließ Bologna am 25. mittags und fuhr in einem einfachen Postwagen. Es war recht heiß. Der Apennin hat nichts Großartiges, außer in der Nähe von Florenz. Hinter Bologna erblickt man die schöne Lombardei jenseits der davorliegenden Höhen des Apennin. Ein schöner Anblick, der gedankenvoll macht, wie der des wirklichen Meeres. Ich empfand lebhaft und fühlte mich glücklich. Ich war zufrieden, allein zu reisen. Selbst Crozet hätte dem Zweck meiner Reise geschadet. Ich bedarf einer gewissen Dosis von Unterhaltung und Zerstreuung; da ich sie nicht bei meinen Reisegefährten finde, suche ich sie bei Italienern. Dadurch bin ich gezwungen, sie zu studieren. Wer reist, um den Ton zu genießen, den die Berge und die fremden Charaktere in seiner Seele auslösen, und die Menschen kennen zu lernen, darf sich der Natur nicht entfremden. Zwei Franzosen, die in einem guten Wagen mit einem gescheiten Diener reisen, können die Pariser Liebenswürdigkeit und die Salongenüsse in den Apennin mitbringen, aber sie können den Apennin nicht genießen, wie ich, der allein in einem offenen Wagen fährt. Das sage ich neidlos, denn ich besitze eine Kalesche; die ich nur nach Italien mitzunehmen brauchte. Florenz, 27. September 1811. Ich kam gestern um fünf Uhr früh an, totmüde, durchnäßt und durchgerüttelt von der elenden Straße. Ich konnte buchstäblich nicht mehr, als ich in Florenz ankam. Ich legte mich um sechs Uhr zu Bett und befahl, mich um acht zu wecken. Ich humpelte zur Post und nahm einen Platz für die Briefpost am 28. Das Hotel d'Angleterre ist ein sehr guter Gasthof, selbst für französische Begriffe. Ich nehme ein Bad und fahre dann aus, um Florenz zu sehen. Es gießt alle Viertelstunden; dazu gewaltige Donnerschläge, die ersten, die ich dieses Jahr hörte. Meine erste Huldigung und erste Frage galt Alfieri. »Wo ist das Haus, in dem Graf Alfieri gewohnt hat? Und sein Grab?« »Das Haus dort links am Arno entlang. Sein Grab in Santa Croce, weit fort.« »Fahren wir hin.« Ich komme an und erblicke sogleich die Gräber Michelangelos, Alfieris, Machiavellis und links, gegenüber dem Grab Michelangelos, das Grab Galileis. Wenige Kirchen sind mit solchen Gräbern geschmückt ...Was mir aber Santa Croce noch mehr ins Herz gräbt, sind zwei Bilder, die ich dort sah und die mir den stärksten Eindruck gemacht haben, den die Malerei mir je gab. Gott, wie ist das schön! Bei jeder Einzelheit, die man erblickt, gerät die Seele mehr in Entzücken. Man ist dem Weinen nahe. Vor anderen Bildern zürnt man sich selbst wegen seiner Kälte, sucht seine Seele in Wallung zu bringen und zwingt sich zur Bewunderung, indem man sich die Schönheiten klar macht. So ist es mir oft im Museum in Paris ergangen. Meine Bewunderung für die heilige Cäcilie, die Madonna della Seggiola, die Madonna im Palais Luxemburg Sämtlich von Raffael. oder Correggios Leda haben mich nie in Verzückung versetzt. Dies Gefühl empfand ich gestern vor den vier Sibyllen von Volterrano in der Capella Niccolini. Ich glaubte, es gäbe nichts so Schönes wie diese Sibyllen, als mein Lohndiener mich fast mit Gewalt anhielt, um mir die »Vorhölle« zu zeigen. Ich war fast zu Tränen gerührt. Noch jetzt bei der Niederschrift treten sie mir in die Augen. Noch nie sah ich etwas so Schönes. Ich muß etwas Ausdrucksvolles sehen, oder schöne Frauengestalten. Alle diese Figuren sind reizend und deutlich, nichts ist verschwommen. Die Malerei hat mir noch nie solchen Genuß bereitet. Dabei war ich halbtot vor Müdigkeit, hatte geschwollene Füße und neue, zu enge Stiefel an. Dieser kleine Schmerz könnte mir Gott in der Glorie verleiden, aber vor jenem Bilde vergaß ich alles. Zwei Stunden lang war ich tief bewegt. Das Bild sollte von Guercino sein. Ich bewunderte diesen Künstler im tiefsten Herzen. Aber zwei Stunden später erfuhr ich, daß es von Agnolo Bronzino ist, ein mir bisher unbekannter Name. Das verdroß mich. Man sagte, das Kolorit sei schwach. Da dachte ich an meine Augen. Ich habe einen zarten, nervösen, begeisterungsfähigen Blick, der die feinsten Schattierungen erfaßt, aber von allem Dunklen und Harten (wie bei den Caracci) verletzt wird. Die weichliche Art Guido Renis stimmt fast mit meiner Art zu sehen, wenn auch nicht mit meinem Kunsturteil überein. Alle meine Bewunderung kann von der physischen Beschaffenheit meiner Augen kommen, übrigens will ich nochmals nach Santa Croce gehen. Am Abend in den Cascinen und im Theater. Ein Provinztheater im Vergleich zu Mailand. Ohne Vorurteil: ich habe noch nichts gesehen, was der Scala stand hielte. Und ich habe doch einiges Recht auf Vorurteile! Florenz, 27. September 1811. Ich komme von meiner Vormittagstour um halb ein Uhr zurück. Das ist die beste Einteilung, um meine Beine und Augen auszuruhen. Seit ich auf der Reise bin, habe ich stets Müdigkeit in den Füßen. Ich muß um acht Uhr Kaffee trinken, dann ausgehen, um halb eins frühstücken, um sechs Uhr Mittag essen, dann spazieren gehen, eine Stunde Langeweile und schließlich Oper. Heute abend will ich in der unausgefüllten Stunde zu Frau Adele Adele Rebusset, Stendhals Jugendliebe, die 1808 den Kriegskommissar Alexandre Petiet geheiratet hatte (vgl. S. 161, Anm. 3), der jetzt Intendant der Krone in Florenz war. gehen. Ihre Anwesenheit in Florenz schadet dem Eindruck dieser Stadt auf mich. Ich denke an alles, was ich durch sie gelitten habe, an ihre kalte, kleinliche Seele, an die Art von Unglück, die sie mir brachte, oder besser, das ich ihr gegenüber empfand, an den Kuß auf der Treppe usw. Um zwei Uhr gehe ich zum zweitenmal aus und kehre um sechs Uhr zurück. Ich war nochmals in Santa Croce, um meine Sibylle und die »Vorhölle« zu sehen. Die Sibylle hat ein deutsches Gesicht wie Minette, sehr geadelt, aber doch keine grade Nase wie die griechischen Gesichter. Ihr Ausdruck ist sanft; nur das Auge spricht von einer großen Seele. Ihre Haltung ist wahrhaft großartig. Sie spricht in holdem Vertrauen mit Gott. Das Gemälde »Die Vorhölle«, ist mir auch diesmal reizend erschienen, besonders die Frauen rechts vom Beschauer. Aber ich sehe, daß ich nur danach trachte, meinen Geschmack an Stelle des Geschmackes der andern zu setzen. Man wird mir einwenden: »Was beweist uns, daß dein Geschmack besser ist als der des Präsidenten Dupaty?« Mercier-Dupaty (1746–88) schrieb »Lettres sur l'Ialie« (1788). In seinen »Wanderungen in Rom« spottet Stendhal darüber. – Gar keinen! Ich kann nur das eine zu meinen Gunsten anführen: ich schreibe, wie ich denke. Vielleicht gibt es in Europa acht bis zehn Gleichgesinnte. Ich liebe sie, ohne sie zu kennen. Ich fühle, daß sie mir lebhafte Genüsse bereiten könnten. Für die andern habe ich in künstlerischer Hinsicht die ausgesprochenste Verachtung und wünsche nur, sie zu vergessen... Da ich heute abend um halb neun nichts zu tun hatte, ging ich zu Frau Adele. Wann etwas mich in meiner Auffassung von den französischen Herzen bestärken konnte, war es dieser Besuch. Höflichkeit, Urteil und Kälte. Nicht mal rein menschliches Interesse. Sie beehrte mich nicht mal mit der Frage, wann ich angekommen sei. Ich sprach gut, aber obwohl ich seit drei bis vier Jahren nichts mehr für sie fühle, hatte mein Ton etwas Wärme, wenn auch nicht soviel wie bei jeder anderen Dame. Ich war auch ein wenig verlegen, was sich jedoch nur in etwas zu großer Lebhaftigkeit äußerte. Ich fand sie im Wochenbett. Dies Maß von Gleichgültigkeit für einen Menschen, mit dem sie sich vier bis fünf Jahre immerfort gesehen hat, verrät ein Frauenzimmerherz. Sie hatte einen lebhaften, durchdringenden, klaren Blick. Ich hatte keinen Schatten von schlechter Laune, noch von Enttäuschung. Mein einziger Kummer war, diese neue Unvollkommenheit der Menschennatur zu beobachten. Übrigens wahrte sie die Form. Sie lud mich zum Mittagessen ein, und da ich sagte, daß ich um fünf Uhr abreiste, zum Frühstück. Ihre Köchin zeigte mir mehr natürliche Dienstfertigkeit, die man empfindet, wenn man nach vier Jahren unverhofft jemand wiedersieht, den man früher so oft gesehen hat. Aber ich wiederhole es: ich halte sie seit lange für das fühlloseste Herz in Paris und war gar nicht verdrossen... Und da soll ich meine lieben Italiener nicht lieben! Ich soll eine viertelstündige Unterhaltung mit Frau P(ietragrua) nicht allem vorziehen, was mir Frau A. geben kann! Von ihr ging ich ins Italienische Theater. Man gab Alfieris » Oreste «. Ein Stück voll raschen Schwunges, Rachlust, Beredsamkeit, aber es läßt ganz kalt. Eine allzu verfeinerte Seele. Es ist zu wenig Menschliches in seinen Figuren, um Sympathie zu erwecken. Die Zuschauer verschlangen das Stück. Die Art, wie hier gespielt wird, ist viel natürlicher und rascher als bei uns. Ich bezweifle nicht, daß Alfieri, der uns so glühend gehaßt hat, gegenwärtig den italienischen Charakter bildet. Rom Diese Aufzeichnung ist erst im Jahre 1813 nachgeholt, da Beyle sein Tagebuch über Rom unterwegs verloren hatte. Die Straßen von Florenz sind düster. Sie bestehen aus festen Häusern, die eine Belagerung aushalten konnten und auch teils ausgehalten haben. Man hat oft in den Straßen gekämpft, als Florenz noch ein stürmischer Freistaat war. Die Gegend von Florenz bis Rom ist bergig und ausdruckslos, wie etwa die Umgegend von Namur. Ich hatte sie mir schöner vorgestellt als meine liebe Lombardei, aber es gibt nichts Schöneres als sie. In meiner ersten Jugend war ich nur bis Florenz gekommen, in Begleitung des Generals Michaud als Brigadeadjutant. Ich las im Sattel Ariost, während ich meinen General begleitete. Erst in der Nähe von Rom nimmt die Landschaft wieder etwas das Gepräge der bella Italia an. Bei Acquapendente öffnet sich ein herrlicher Horizont. Hinter Viterbo, einer heiteren Stadt, kommt man durch dichtbewaldete Höhenzüge; eine anmutige Landschaft. Aus Furcht vor Räubern gab man uns einen Gendarmen mit. Schließlich näherten wir uns der weiten Einöde, die Rom umgibt. Ich dachte, diese ungesunde Niederung sei Sumpf, aber weit gefehlt, es ist eine stark bewegte Landschaft von sehr schönem Anblick. Der Monte Sant' Oreste, Horazens Soracte, ragte auf. Schließlich erblickte ich am Fuß einiger Anhöhen große Gebäude: es war Rom. Kurz darauf tauchte rechts die Peterskirche auf. Der Postillion erzählte uns von einem Überfall durch Räuber vor zwei Tagen. Die letzte Post, die ich nicht genommen hatte, weil sie besetzt war, wurde überfallen. Kondukteur und Reisende mußten sich mit dem Gesicht auf die Erde legen. Die Räuber raubten 200 Louisdors und schlugen sie. Der Überfall wurde recht seltsam bewerkstelligt. Einer der Räuber hatte sich wie tot mitten auf die Fahrstraße gelegt, aber der Postillion war achtlos vorbeigefahren. Hundert Schritt weiter fragten ihn mehrere Leute, ob er wisse, warum jener Mann ermordet sei. Während der Kondukteur antwortete, schüchterten sie den Postillion ein, hielten die Pferde an und so weiter. Die Porta del Popolo hat nichts Bemerkenswertes, ebensowenig der Gänsefuß Die drei von der Piazza del Popolo ausstrahlenden Straßen, deren mittelste der Corso ist. dahinter und die beiden Kirchen rechts und links vom Corso. Der Name des Kardinals, der sie erbaut hat, prangt in großen Buchstaben darüber. In den ersten Tagen meines Aufenthaltes in Rom ärgerte ich mich über diese Manie, Inschriften anzubringen. Im Quirinalspalast tragen elende Holzbänke Namen und Wappen des Papstes, der sie anfertigen ließ. Aber dann sagte ich mir, daß Privatleute nirgends soviel öffentliche Bauten errichtet haben wie in Rom, und zwar meist Junggesellen, die keine Familie hinterließen, die ihr Andenken hätte bewahren können. Diese Eitelkeit ist also recht entschuldbar, und man muß froh sein, daß sie uns so viele schöne Dinge geschenkt hat. Mein Kondukteur brachte mich nach dem Gasthof, der von seiner Frau gehalten wird. Da ich es eilig hatte, Rom zu sehen, ließ ich es zu. Der Gasthof machte mir einen ganz ordentlichen Eindruck. Ich bestellte sofort einen Wagen, aber da er nicht gleich kam, ging ich zu Fuß nach Sankt Peter. Unterwegs begegnete ich meinem Wagen, fuhr über die Engelsbrücke und durch den Borgo, wo ich prachtvolle Gesichter im Volke erblickte. Sie sprachen von einem großen Charakter, den die Regierung nicht hat unterdrücken können. Die Fassade mit ihren an die Wand geklebten Säulen gefiel mir nicht sehr, um so mehr die beiden Fontänen. Das Innere der Peterskirche hat mir einen großen Eindruck gemacht. Ich bin oft wieder hingegangen; es war wohl das einzige Bauwerk, das ich während meines Aufenthaltes in Rom genau besichtigt habe. Ich fuhr nach dem kaiserlichen Palast auf dem Monte Cavallo. Dem Quirinalspalast. Martial Daru Er war Intendant der Krone in Rom. wollte durchaus, daß ich dort wohnte. Er und seine Frau redeten mir sehr zu. Es war vielleicht falsch von mir, daß ich es abschlug, denn sie schienen mir etwas gekränkt. Ich versprach ihnen, nach meiner Rückkehr von Neapel zu ihnen zu kommen, und das habe ich auch getan. Ich sah bei Herrn Daru die Herzogin L[ante] und den Grafen Miollis. Gouverneur von Rom. Ich kannte ihn von Mantua her, wo er kommandierte. Er hatte mich sogar bei einem Besuch, den er meinem General Michaud in Brescia machte, etwas ausgezeichnet. Aber ich vermied ein Wiedererkennen. Ich wollte meine Zeit in Rom nicht mit offiziellen Diners totschlagen. Deshalb machte ich meine Anstandsbesuche erst am Tage vor der Abreise nach Neapel und entging so den Einladungen. Die Herzogin L(ante) Eine der wenigen Damen des römischen Hochadels, die zur Franzosenzeit mit den französischen Beamten verkehrte. war gegen mich von vollendeter, ungekünstelter Höflichkeit. Da man ihr gesagt hatte, ich reiste als Musikliebhaber, bat sie mich, die Stücke auszusuchen, die sie bei ihrem Konzert am Donnerstag zu Gehör bringen wollte. In der Tat wurden zwei bis drei der von mir erbetenen Stücke gesungen. Es gehört zur Höflichkeit des Reisenden, sich auf der Reise ein Ziel zu setzen. Damit sind seine neuen Bekannten nicht in Verlegenheit, was sie ihm sagen sollen, und er macht sich alle Verehrer der von ihm gewählten Kunst zu Freunden. Die Musik fesselt mich hinreichend, um mich stets in ihren Schutz zu stellen. In Mailand trug sie mir sofort die Freundschaft des alten Oheims der Signora Lamberti ein. Das Konzert war ohne Übertreibung reizend. Die Herzogin und ihre Freunde bildeten eine Truppe, wie man sie wohl in Italien nicht zum zweitenmal findet. Sie hat in ihrem Palast ein Theater, für das Zingarelli seine »Zerstörung Jerusalems« geschrieben hat. Eine geistliche Oper (1810). Unsre Franzosen schauten bei diesem Konzert recht wunderlich drein. Was lag auch ihren Sitten ferner als eine Herzogin, die mit ihren Freunden aus Liebe zur Musik sang. Diese Freunde spielten das Duett »Se fiato in corpore avete« aus dem »Matrimonio segreto« mit allen lustigen Narrenspossen. Unsere Franzosen waren darob ganz verblüfft, besonders ein hoher Richter, der mit seinem Ordenskreuz und seinem schwarzen Anzug den ganzen Abend mit aneinandergedrückten Beinen auf seinem Stuhl klebte wie eine ägyptische Statue. Herr Daru führte mich zu Canova. Ich fand diesen wahrhaft großen Mann von einer Schlichtheit, die von all unsern kleinen Kniffen meilenweit entfernt ist. In den fünf bis sechs Sälen seines Ateliers beobachtete ich seine Arbeitsweise, durch die er sich alles physisch Beschwerliche erspart. Aus einer Tonmasse, die seine Leute ihm bereiten, macht er das Modell der Statue, die er im Kopfe hat. Seine Leute überziehen das Modell mit Gips, machen einen Abguß in Gips, und Canova feilt ihn aus. Dann kopieren seine Gehilfen das Gipsmodell genau in Marmor, und die Statue wird in sein Privatatelier geschafft, wo er die letzte Hand anlegt. Das ist seine einzige Arbeit an dem Marmor. In diesem Atelier, gewiß einer einzigen Stätte auf Erden, habe ich mit ihm gesprochen. In Rom war alles ob des oben berichteten Räuberanfalls entsetzt. Auf der Straße nach Neapel sollte Mord und Totschlag herrschen. Herr Daru riet mir freundschaftlich, nicht abzureisen. Auch seine Frau setzte mir sehr zu. Ich antwortete, ich hätte keine Zeit, vorsichtig zu sein. Ich reiste mit der Briefpost, nachdem ich mich vier bis fünf Tage in Rom aufgehalten, und fand unterwegs keinen Schatten von Gefahr. Selbst die verrufenen Pontinischen Sümpfe waren ungefährlich. Das erinnert mich an die Warnungen vor dem großen Sankt Bernhard, dem Mont Cenis und dem Weg von Hannover nach Wesel. Ich verließ Rom auf der Straße, die am Kolosseum vorbeiführt. Dies halb in Trümmern liegende Amphitheater ist das einzige Bauwerk, das mich je ergriffen hat. Es rührte mich zu Tränen, während Sankt Peter mich kalt ließ. Welche Männer, diese Römer! Immer nur das Nützliche! Nie etwas ohne Grund! Als ich allein inmitten des Kolosseums stand und in den Büschen, die auf den letzten Bogenstellungen wuchern, die Vögel singen hörte, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Von dort fuhr ich auf der Appischen Straße, Ich war tief gerührt. Bei Gaëta erblickte ich am Ende der Straße endlich das Meer. Köstlicher Blick von Mola di Gaëta. Prachtvolle Landschaft bis Neapel, dieser Stätte des Frohsinns. Rom ist ein erhabenes Grab. Man muß in Neapel lachen und in Mailand lieben. Neapel 9. Oktober 1811. Ich kam am 5. Oktober um dreieinhalb Uhr morgens in Neapel an und stieg im Albergo Reale auf dem Largo di Castello ab. Ich habe ein schönes Zimmer mit dem Blick auf den Vesuv, aber nicht aufs Meer. Während der Fahrt fiel mir ein, daß ich zärtlich an fünf Frauen denke, daß ein Stelldichein mit jeder von ihnen mir ein holder Genuß wäre. Es sind dies Angelina P(ietragrua), die Gräfin Palfy, Melanie (Guibert), Livia B. S. Seite 380, Anm. 3. und Angelina (Bereyter). Verliebt bin ich, glaube ich, in die erstere. Wenigstens hätte ich seit Bologna stets vorgezogen, bei ihr zu weilen, statt da zu sein, wo ich gerade war. Ich ertappe mich sieben- bis achtmal am Tage dabei, wie ich zärtlich von ihr träume. Dann geht mein Atem rascher und es fällt mir schwer, an etwas andres zu denken. Die Musik, die ich in Neapel und im übrigen Italien gefunden habe, ist bis auf Mailand armselig. Das versöhnt mich mit dem Pariser Odeon. Bei der Abreise von Paris glaubte ich, nur mit Ekel aus dem göttlichen Italien dorthin zurückzukehren. Aber bei dem Mangel an Geselligkeit und an Freunden, den ich in Italien empfinde, bei der kulturellen Rückständigkeit, die mir manche kleine Leiden beschert, werde ich mit Freuden nach Paris zurückkehren, wenn die Liebe zu Frau P. mich nicht mit zärtlicher Sehnsucht erfüllt. Ich glaube, ich bin wirklich verliebt, so wie ich es meine. Ich brenne darauf, nach Mailand zurückzukehren. Nichts geht mir zu Herzen. Meine Eindrücke wären stärker, hätte ich Mailand übersprungen. Am 7. Oktober brach ich mit Lambert S. Seite 88, Anm. 2. und dem Vicomte Der Vicomte de Barral (s. S. 133 ff.). um sieben Uhr auf. Wir besuchten im Vorbeifahren die Grotte am Posilipp, sahen die Bäder der Sibylle, frühstückten im Apollotempel, besichtigten den Lucriner See, die Bagni di Nerone, nahmen eine Barke und besuchten Stätten, die fälschlich als Venus- und Merkurtempel bezeichnet werden. Dann kehrten wir nach Pozzuoli zurück und sahen die Ruinen eines schönen Serapistempels. Hierauf fuhren wir durch diese Stadt zurück, in der die aria cattiva Malaria. herrscht, und bestiegen die Solfatara. Ich war erschöpft. Schließlich kehrten wir nach Neapel zurück, wo ich den Abend mit Barral und Lambert verplauderte. Dienstag, 8. Oktober. Wir fahren nach Pompeji, dem südlichsten Punkt meiner Reise, und durchstreifen seine Straßen. Wir steigen in das Theater von Herkulanum hinab. Abends in der »Vestalin« Oper von Gasparo Spontini (1807). gähne ich und schlafe ein. Aber das Teatro San Carlo bewundre ich. Die Fassade wirkt schön und kündigt ein Theater an, keinen Tempel wie bei unsern Bühnenhäusern. Mittwoch, 9. Oktober. Ich bleibe in der Stadt und besuche die Studij (das Museum). Arm an Bildern, aber Porträtstatuen, die durch ihre Natürlichkeit meist schön sind. Reiterstandbild des Balbus, des Erbauers des Theaters von Herkulanum. Ich bewundre die Via Toledo. Es ist die schönste, die ich je sah, und die volkreichste. In Berlin gibt es eine noch gradere und sogar breitere Straße, ich glaube, die Friedrichstraße. Das genaue Gegenteil: Sauberkeit, Stille und Trübsal. (Zusatz Stendhals von 1813.) Aber die Häuser sind zu niedrig, und man sieht nicht den hundertsten Teil der Menschenmenge, die sich auf dem Toledo tummelt. Die Via Toledo, die Chiaja und der Stadtteil nach Portici zu sind einzig auf Erden. Das ist keine Übertreibung: ich sah Neapel ohne Geselligkeit. Alles war tot für mich. Gute Musik hätte mich wieder belebt, aber ich hörte nur schlechte. Hätte ich hier in einer Gesellschaft wie die der Frau Pietragrua oder der Signora Lamberti verkehrt, so hätte der Anblick der Örtlichkeiten in Verbindung mit den Sittenstudien mir weit mehr Genuß bereitet. Die Geistlosigkeit und der schlechte Ton der Frau L(ambert) aber stieß mich ab. Die folgenden Aufzeichnungen aus Neapel – Besteigung des Vesuv und Volkstudien – sind in der »Reise in Italien« (Bd. V dieser Ausgabe, Anhang, Nr. 2) abgedruckt und daher hier nicht wiederholt. Am 11. Oktober verließ ich Neapel. Ich brachte der Pflicht den Ausbruch des Vesuvs zum Opfer, den man für den nächsten Tag erwartete. Es war das größte Opfer, das ich bringen konnte; ich war recht dumm, es zu tun. Beim Eifer ist stets drei Viertel Dummheit, sagt Talleyrand. Aber damals war ich noch ganz Herz. Der letzte Satz ist ein Zusatz Stendhals von 1813. Ancona Ancona, 19. Oktober 1811. Ich schreibe dies in Livias Zimmer an ihrem Tisch, mit dem Blick aufs Meer, das den Horizont hinter allen Schornsteinen von Ancona abschließt. Das Meeresufer ist nicht herrlich wie in Neapel; es sind öde Felsen. Bäume gibt es in Ancona nicht. Man geht auf dem kahlen Strande spazieren. Livia begleitete mich bei diesen Spaziergängen. I found her much below my ideas, but for the figure and for the wit. Conducing her to the theater, the very evenig of my arrival she had the figure Livia B. (oder R.) ist vielleicht identisch mit einer jungen geistvollen italienischen Witwe eines gefallenen Obersten, die er 1807 liebte und die dann nach Italien zurückkehrte, von wo sie ihm schrieb. Vielleicht ist sie identisch mit der Riatowska, von der er am 6. August 1809 aus Wien schreibt. (Arbelet.) Die obigen englischen Worte bedeuten: »Ich fand sie weit unter meiner Vorstellung, bis auf das Gesicht und den Geist. Als ich mit ihr am Tage meiner Ankunft ins Theater ging, war ihr Gesicht...« von einer Art Hut verdeckt, und da sie etwa die Figur der Frau P. hat, schwelgte ich ein paar Augenblicke in der holden Illusion, bei ihr zu sein. Livia langweilt sich in diesem Nest und hat noch sehr wenig Verkehr. Die Langeweile macht sie apathisch und muß sie sogar etwas launisch machen. Ihr Vater lebt mit einer Magd des Hauses, was Livia sehr unglücklich macht. Sobald er mich erblickte, lud er mich ein, bei ihm zu wohnen. Ich nahm es nach einigem Zögern an. Der Vergleich Livias mit der Gräfin Palffy und Fräulein Mimi v. B. zeigt mir deutlich, daß die Langeweile den Menschen in eine Apathie versenkt, die die Langeweile noch vermehrt, und daß das sicherste Mittel gegen diesen Abgrund der Trübsal angespannte Tätigkeit ist. Um einer gelangweilten Frau Liebe einzuflößen, muß man die Theorie verbergen, sie aber nach und nach mehr an Beschäftigung gewöhnen, dann wird man für sie zu einer Quelle von Freude. Einer Frau, die man besitzen will, offen den Hof zu machen, ist die größte Dummheit. Das könnte nur bei einer Frau ohne jede Eitelkeit gelingen, und die kann man lange suchen. In ihrem gelangweilten Zustand wollte Livia heute vormittag um nichts und wieder nichts keine Musikstunde nehmen. Ich brachte sie durch Scherze dazu. Vor mir Liebesarien zu singen, hat sie sicherlich beschäftigt. Ihr Musiklehrer bestätigte mir einen eignen Gedanken: Bisogna novità pella musica . Die Musik muß neu sein. Das ist in Italien eine Regel ohne Ausnahme; sie stimmt so recht zu der Feinfühligkeit dieses für die Künste geborenen Volkes. Wenn eine Oper von Cimarosa gegeben würde, sagte mir der Maestro, so würde man jede Arie schon bei den ersten Takten erkennen, und die Oper könnte nicht weiter gespielt werden. Wenn Cimarosas Opern in dreißig Jahren etwas in Vergessenheit geraten sind, könnten sie von neuem den größten Erfolg haben. 19. Oktober 1811. Ich nehme mir Livia gegenüber Freiheiten heraus, ohne daß sie böse wird. Sie nennt mich unverschämt, aber lacht dabei. Sie gibt mir Küsse, aber nicht wie Angela Borrone am ersten Tage. I could have her in two or three days, but I do not desire her . Ich könnte sie in ein bis zwei Tagen besitzen, aber ich begehre sie nicht. Was ich wünsche, ist meine Angela wiederzusehen. Heute früh ging ich zu dem guten Mailänder, Signor Casati, mit dem ich seit Foligno reise. Wie er mir sagte, können wir morgen früh weiterfahren. Dann wären wir am 23. in Mailand. Mein Mailänder lehrt mich, mich in Italien nicht betrügen zu lassen. Das ist für mich schwierig. Man verlangt immerfort Geld und macht stets eine unzufriedene Miene. Auf jeder Poststation muß man fast handeln. Darin, wie in allem andern, ist die Zivilisation in Italien hinter Frankreich zurück; dafür hat man Feingefühl und dessen Folge, Natürlichkeit. Dies Land ist also in hohem Maße ein Land der Künste. Ich finde, daß all meine italienischen Freunde weniger geistreich sind, als ich erwartete. Vor ein paar Jahren stand ich ihnen gleich. Anscheinend habe ich ein paar Meilen auf dem Strome des Wissens zurückgelegt. Barral und Lambert kamen mir geistlos vor. Ebenso ist es mit Biat ... Gemeint ist wohl Livia Riatowska. 20. Oktober 1811. Am 19. nach Tisch sprach ihr Vater in ihrer Gegenwart von meiner Abreise. Sie war traurig, nicht düster und leidenschaftlich, aber andauernd. Spaziergang mit ihr am Meeresstrand vor der Porta di Francia, in der Art meiner letzten Spaziergänge mit Melanie. Trübes Schweigen und schlechte Laune. »Da Sie abreisen, hat es ja doch keinen Zweck, zu reden.« Ich schreibe dies an ihrem Tisch um acht Uhr früh vor der Abreise. Wir fuhren am Meeresstrand entlang. Schöne Straße, so bequem, wie ich noch keine gesehen habe. Unendlich lange Brücken aus Ziegeln über die Fiumaren, die von den Apenninen kommen. Sie sind so schmal, daß nur ein Fuhrwerk hinüber kann. Ich hatte einen Sturz mit dem Wagen, die einzige Gefahr dieser Reise. Der letzte Absatz ist 1813 angefügt. Mailand Geschrieben in Varese, 24. Oktober 1811. Ich kam in Mailand am 22. Oktober bei sinkender Nacht an. In weniger als einem Monat habe ich ganz Italien gesehen. Endlich erblickte ich die Porta Romana wieder. In dem Maße, wie meine Reise schön wird, verschlechtert sich mein Tagebuch. Das Glück beschreiben, ist für mich oft, es verringern. Es ist eine zu zarte Pflanze, die man nicht anrühren darf. Hier nur ein paar Bruchstücke über meinen zweiten Mailänder Aufenthalt. Gestern, am 23., fuhr ich in dem Glauben, einen klugen Schachzug zu tun, voller Liebesüberschwang, aber mit der Kälte und Gewandtheit eines Mannes, der ein schwieriges Ziel erreichen will, um halb drei Uhr nach Varese und kam um halb neun Uhr an. Ich hatte im Ossian gelesen; auf der Fahrt las ich »Fingal«. Heute hatte ich ossianische Abenteuer und entsprechendes Wetter. Ich ritt um halb sieben früh nach der Madonna del Monte. Der Weg nach diesem hochliegenden, eigenartigen Orte führt durch ein Hügelland von einer Schönheit, wie ich es mir in meiner Jugend stets erträumt habe. Der Anblick des Dorfes, das sich um die Kirche gebildet hat, ist merkwürdig; die Berge sind großartig. Nach zwei Miglien erblickt man den Lago di Barese und eine Miglie höher hinauf den Lago Maggiore. Die Sonne ging in Dünsten auf. Die tiefer gelegenen Anhöhen tauchten wie Inseln aus einem weißen Nebelmeer empor. Ich dachte nicht daran, mich durch all diese Schönheiten aufhalten zu lassen. Nach drei Vierteln des Weges saß ich ab, weil mein Pferd ausglitt und ich schneller fortkommen wollte. Ich erblickte den Gatten, der herunterkam. Er begrüßte mich freundlich. Ich stieg noch schneller bergauf, schließlich kam ich ins Dorf. Ich kam zu einer sehr ausgeputzten Kirche, in der die Messe abgehalten wurde, und fragte nach der Wohnung der Frau P. Endlich erblickte ich sie. Ich habe keine Zeit, zu schildern, was in meinem Herzen vorging. Man bedenke, daß ich ihretwegen Rom und Neapel mit Freude verlassen hatte. Ich sagte ihr nichts von den zärtlichen, reizenden Dingen, die ich mir während der Postfahrt von Rom nach Foligno ausgedacht hatte. Ich war ganz verwirrt. Ich wollte sie küssen; sie sagte, ich solle daran denken, daß dies nicht der Landesbrauch sei. Sie fragte mich, ob ich wisse, was sich alles ereignet habe. Sie sei schauderhaft bloßgestellt. Man habe das Stelldichein im Badehaus Alamanni erfahren; ihre kleine spitzbübische Zofe, der Herr Turchotti den Hof mache, habe sie verraten usw. Ob ich ihren Brief erhalten hätte? Ich wußte nicht recht, was ich tat. Ich trank bei ihr Schokolade und wir gingen spazieren. Auf der Postfahrt von Rom nach Foligno hatte ich mir so schöne Dinge ausgedacht, die ich ihr beim Wiedersehen sagen wollte, daß mir die Tränen in die Augen traten. Jetzt war ich ganz verwirrt, suchte alles vorauszusehen und während der Abwesenheit des Gatten zu vereinbaren. Ich muß ihr hart und pedantisch erschienen sein. Ich merkte, daß ich nicht so zärtlich schien, wie ich es war. Aber die Angst, Herrn P. jeden Augenblick eintreten zu sehen, hielt mich in dauernder Verwirrung. Ich redete ihr zu, bald nach Mailand zurückzukehren, und fürchtete stets, etwas zu vergessen. Kurz, ich war nicht liebenswürdig, und ich fürchte, das hat meiner Liebe Abbruch getan. Ich muß ihr mehrfach unverständlich gewesen sein. Bei einer Frau, die gewöhnt ist, das erste Wort zu verstehen, muß das Kälte hervorrufen. Geschrieben auf der Isola Bella Am 25. Oktober um neun Uhr abends. Vielleicht ist es einer Seele voll großer Dinge eigen, daß sie im Augenblick des Handelns, wo sie alle Kräfte zusammennimmt, nicht anmutig ist. Heute früh um acht Uhr brach ich nach Laveno auf, wo ich um elf Uhr anlangte. Ich kam durch eine Landschaft, wie sie meine Phantasie sich nicht schöner wünschen kann. Nun habe ich das Land gefunden, wo man die Natur genießen muß, und das nur sechs Stunden von einer Großstadt. Mehr kann man nicht verlangen. Ich fahre im Boot bei Regen und Nebelgewölk nach den Borromeischen Inseln. Nach einer Fahrt von fünf Viertelstunden lange ich auf der Isola Madre an, die ich in einer halben Stunde besichtige. Von da zur Isola Bella, wo ich dies schreibe. Ich habe die Villa und den im Jahre 1670 angelegten Garten gesehen. Angelegt ist das rechte Wort. Gleichzeitig mit Versailles. Größer für einen Privatmann als Versailles für einen König, aber für das Herz ebenso trocken wie Versailles. Herrlicher Blick von der Terrasse. Links die Isola Madre und ein Stück von Pallanza, dann der Seearm, der sich fernab nach der Schweiz verliert. Gegenüber Laveno; rechts der Seearm, der sich nach Sesto hinzieht. Fünf bis sechs von Wolken verhüllte Berghintergründe. Dieser Blick ist das Gegenstück zur Bucht von Neapel, aber weit rührender. Endlich hat mein aus Liebe zur Schönheit kritischer Geist etwas gefunden, an dem es nichts auszusetzen gibt: die Landschaft zwischen Barese und Laveno und wohl alle Berge der Brianza. Ich glaube, selbst ohne die Gegenwart der Frau P. gäbe ich Mailand den Vorzug vor Rom und Neapel. Dicke, ungeheure Pinien und Lorbeerbäume in zwei Fuß hoch aufgeschütteter Erde über Gewölben. Ich schrieb einen acht Seiten langen Brief an sie. Am Abend las ich weiter im »Fingal« bei rauschendem Regen und Donnerschlägen. 26. Oktober. Beim Aufstehen finde ich gottlob ein herrliches Spätherbstwetter: schwere, aber sehr hohe Wolken, Schnee auf den Berggipfeln im Norden des Sees, aber weiten Blick. Das wird mir die acht Miglien, die ich zu Anfang und zu Ende der nächsten Nacht zu machen habe, sehr erleichtern. Madonna del Monte, 26. Oktober 1811, acht Uhr. Ich habe nie ein so bequemes Gasthaus gesehen wie das, worin ich schreibe. Es ist das Casino Bellati neben der Kirche. Ich wünschte, in der Nacht frei aus- und eingehen zu können. Alles hat sich in natürlicher Weise gelöst. Ich habe ein Zimmer, das auf die Vorhalle der Kirche geht, und in meiner Tasche habe ich la benedetta chiave Den gesegneten Schlüssel. , der mir die Freiheit gibt. So brauche ich keine Unvorsichtigkeit zu begehen. Angelina hat eine begangen, die so recht den Unterschied zwischen der italienischen und französischen Liebe kennzeichnet. Ich kam bei scheußlichem Wetter in einer sogenannten Portantina an, einem elenden Gefährt, das aus einem Gestell mit darüber geworfener Leinwand und einem Regenschirm aus Wachstuch bestand. Ich glaubte, der Gasthof von Bellati sei am andern Ende des Dorfes, weit ab von ihrer Wohnung. Das traf für den Gasthof zu, aber man brachte mich in das Kasino, von drei Fackeln begleitet, und dieser ganz auffällige Aufzug kam um halb sieben vor ihrer Tür vorbei und durch einen schmalen, dunklen Gang vor der besonderen Tür des Gatten, die offen stand. Ich zog den Kopf zwischen die Schultern, und mein lächerlicher Aufzug fiel Angelina auf, die kurz darauf mit ihrem Sohne nach meinem Kasino kam, mir ein Briefchen gab und mir sagte, in diesem Augenblick würden zwei Nonnen in dem Zimmer untergebracht, durch das ich eintreten müsse, aber sie würde ihr möglichstes tun, damit ich um Mitternacht zur ihr könnte. Montag wäre sie in Mailand. Sie schien mir bei diesen Worten reizend. Das Briefchen, das sie mir zusteckte, lautet: A mezza notte. La gelosia del marito si è vivamente destata. Prudenza, e preparate tutto per ripartire domani mattina non più tardi delle 7. Um Mitternacht. Die Eifersucht des Gatten ist ernstlich erwacht. Vorsicht, und richte alles so ein, daß du morgen vor sieben Uhr wieder abreisen kannst. Aber mir schien, daß dies Briefchen schon vor den verdammten Nonnen geschrieben war. Madonna del Monte, 27. Oktober, sieben Uhr früh. Gestern um halb zehn ein zweiter Brief: Non è più speranza. Es ist keine Hoffnung mehr. Mir blieb also nichts übrig, als zu Bett zu gehen und Ossian zu lesen, während der Nebelwind an meinen Fenstern rüttelte, das einzige Geräusch außer dem Knistern meines Kaminfeuers. Ich war todmüde. Ich hatte nicht daran gedacht, am Tage zu schlafen. Das muß ich mir merken; sonst hätte ich an dem Ort der Gefahr einschlafen und erst am Morgen erwachen können. Oder ich hätte nur unvollkommen das Glück genossen, das die beiden apposta Gerade zu jener Stunde. gekommenen Nonnen mir geraubt haben. Sind diese beiden Nonnen leibhaftige Wesen oder bloße Ausgeburten der Angst? Die ganze Nacht lang seufzten die Seelen der ossianischen Helden im Sturmgebraus, und auch heute früh seufzen sie noch beträchtlich. Ein trüber, nebelumsponnener Tag. Sie schreibt mir, daß sie morgen abend in Mailand sein will. Ich werde heute in zwei Stunden dort sein. Mailand, 29. Oktober 1811. Ich wollte dies Tagebuch mit der Abschrift eines unglücklichen Liebesbriefes an Angela beginnen. Aber das Abschreiben wäre noch verdrießlicher als das Schreiben selbst, und das will viel sagen. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich ihr gestern einen schönen unglücklichen Liebesbrief voller Zartgefühl und in knappem Stil geschrieben habe. Er hätte einem Duclos Ehre gemacht. Aber wie verschieden ist die Art, die Natur zu sehen, und die Art des Stils. Angelina fand ihn abscheulich. »Würdest du so schreiben, wenn du unglücklich wärest?« fragte sie mich heute morgen in der Contrada dei due Muri. Dort habe ich sie zum erstenmal ganz ungestört gesehen. Ich suchte vorher nicht an dies Stelldichein zu denken, um nicht närrisch zu werden. Ich hatte fast keine Zeit, natürlich zu sein, und so fehlte der Genuß. Ich teilte ihr die Verlängerung meines Urlaubs mit; sie sagte mir, ihr Gatte hätte meine Rückkehr nach der Madonna del Monte erfahren, und zwar von meinem Begleiter selbst. Unsre Liebe wird von allen möglichen Zufällen verfolgt: den beiden Nonnen, dem Manne, der mit ihrem Gatten ein langes Gespräch führte. Heute morgen war sie ernstlich beunruhigt. Zwischen ihr und Turchotti scheint etwas Geschäftliches zu spielen. Um so schmeichelhafter für mich ist es, den Sieg davonzutragen. Heute abend um halb sieben Uhr bei ihrer Mutter sah ich sie eine halbe Stunde lang wahrhaft verliebt und schön vor Liebe. Wir plauderten auf einer Bank im Laden, während die Mutter mit den Kommis beschäftigt war. Wir mußten ein scherzhaftes Gespräch führen. Diese Art scherzhafter Zärtlichkeit liegt mir sehr gut; ich bin ganz natürlich und ganz glücklich. An ihren Blicken und der Röte ihrer Wangen merkte ich die sichre Wirkung einer großen Seele auf ein ähnlich geartetes Herz. Sie sprach davon, alles im Stich zu lassen und mir nach Frankreich zu folgen. Sie verabscheut Italien, Anscheinend ist sie der Wirkung, die sie auf ihre ganze Umgebung ausübt, zu sicher. Sie steht derart über den anderen Frauen, daß es keinem ihrer Freunde einfallen kann, sie zu vernachlässigen. Ihre Vorzüge können einen kalt lassen; wenn man sie aber einmal genossen hat, muß man zu ihren Füßen bleiben, denn sie scheint in Mailand einzig in ihrer Art. Das könnte ihrer Eigenliebe schmeicheln, wenn sie es sich recht überlegt. Aber diese Gewißheit läßt sie gähnen. Heute morgen, als sie über alle Zufälle, die sich gegen uns kehren, in größter Verwirrung war und ich ihr die wunderbare Verlängerung meines Urlaubs mitteilte, sagte sie: »Du mußt abreisen.« Und sie sagte mir, daß sie nach Novara reiste... Gestern, am 28., war ein glücklicher Tag. Ich ertappte mich dabei, wie ich zu mir sagte: »Mein Gott, wie bin ich glücklich!« Alles wegen des Briefes von F[aure], der mir einen Nachurlaub von einem Monat mitteilte. (Ich habe 1500 Franken bekommen.) Inzwischen gab sie mir ein Stelldichein um zehn Uhr. Aber der Lump von Friseur, bei dem ich mir ein Zimmer genommen habe, ließ es sich beikommen, ihr bis zu ihrem neuen Hause nachzugehen. Ohne meine verdammte Liebe zu den Künsten, die mich gegenüber der Schönheit in allen Dingen zu kritisch macht, könnte ich wohl dank meinem System und drei bis vier glücklichen Zufällen, die mir zugestoßen sind, einer der glücklichsten Menschen sein. This morning I have made that a time. This night I should go to a very respectable number . Heute morgen besaß ich sie einmal. Heute nacht müßte ich es auf eine recht beträchtliche Anzahl bringen. Aber die Angst der Erwartung und dann das, was sie zu mir sagte, erregten meinen Geist zu sehr, als daß ich viel hätte leisten können. In meinem Zimmer in der Contrada dei due Muri las ich hundertfünfzig Seiten in Lanzi, Der Abbate Luigi Lanzi (1732–1810) schrieb eine grundlegende » Storia pittorica d'Italia « (Bassano 1789, erweitert Bassano 1795–96, 3. Aufl. 1809). Das Werk erschien französisch von Francillon (gekürzt) Paris 1822, und von Armande Dieudé, 1824, deutsch von I. G. Quandt, Leipzig 1830–33,3 Bd. der trotz seines ängstlichen, historischkritischen Geschwätzes echtes Kunstempfinden hat wie ein Italiener. Cimbal Ein Hausfreund der Pietragrua. war mit mir im Laden von Borrone; ich suchte ihn durch Zuvorkommenheit zu ködern. Das ist mir ziemlich gelungen. Aber der Gatte hat seiner Frau in meiner Gegenwart Vorwürfe gemacht, weil sie heute morgen nicht zu Hause war und ihr Sohn mit dem Regenschirm zurückkam. Seit einem Monat schlafe ich sehr wenig. Meine Empfindsamkeit ist durch den Kaffee, die Reisen, die nächtlichen Postfahrten und schließlich die Eindrücke überreizt. Ich magere etwas ab, aber ich fühle mich sehr wohl. Gestern schlief ich nach einem Bade zum erstenmal acht bis neun Stunden. Aber ich bin durchaus wohl. Ich hatte nur einmal einen leichten Fieberanfall, wie stets bei Beginn der kalten Jahreszeit. 30. Oktober 1811. Um zwei Uhr brachte mir der schöne Antonio Angelas Sohn. den folgenden Brief. Mercoledi Una sola righa per ricordarmi a te, che amo più della mia vita, e per dirti che le più fatali combinazioni mi hanno tenuta legata sino dopo le undici; che subito andai al noto sito, ma tu eri digia partito! Domani alle ore dieci spero d'essere più fortunata e poterti dire quanto ti amo e quanto sofro per te! ... P.S. Alle ore sei di questa sera io passerò davanti al Caffè del Sanquirico, in vicinanza della mia nuove casa, la bottega del quale fa angolo alla contrada del Bocchetto. Mittwoch. Nur eine Zeile des Angedenkens an Dich, den ich mehr liebe als mein Leben, und zugleich, um Dir zu sagen, daß die unglücklichsten Umstände mich bis elf Uhr gefesselt hielten. Ich ging sofort nach dem vereinbarten Ort, aber Du warst schon fort! Morgen um zehn Uhr hoffe ich glücklicher zu sein und Dir sagen zu können, wie sehr ich Dich liebe und für Dich leide!... P.S. – Heute abend um sechs Uhr werde ich am Café Sanquirico in der Nähe meiner neuen Wohnung vorbeigehen. Es liegt an der Ecke der Contrada del Bocchetto. Sie wird sich geirrt haben, was ganz natürlich war. Ich habe bis halb zwölf in Lanzi gelesen. Aber dies Mißgeschick hat auch sein Gutes; es wird ihre Liebe vermehrt haben. Wenn sie nicht nach Novara reist, wäre mein Glück vollkommen. Ich glaube für den Monat November meine Freiheit zu haben und habe mein Geld gezählt. Es sind über 1700 Franken. Ich habe daran gedacht, Lanzi zu übersetzen – es sind neunzehnhundert Seiten – und zwei Bände zu vierhundertfünfzig Seiten daraus zu machen. Aber wozu? Ich könnte meinem Schreiber den französischen Text diktieren; das würde mir dreißig bis vierzig Tage Zeit kosten. Dieser Absatz ist in der Urschrift englisch. 31. Oktober 1811. Gestern, am letzten Oktober, als ich in meinem Zimmer wartete, habe ich folgenden Brief An eine imaginäre Zeitungsredaktion. geschrieben: Bologna, 25. Oktober 1811. Ich habe die Geschichte der Malerei in Italien von der Wiedergeburt der Künste am Ende des 13. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart in zwei Bänden geschrieben. Dies Werk ist die Frucht dreijähriger Reisen und Studien. Die Geschichte von Lanzi ist mir sehr nützlich gewesen. Ich schicke mein Werk nach Paris, um es dort drucken zu lassen. Man rät mir, Sie zu bitten, es anzuzeigen. Es erscheint Ende 1812 in zwei Bänden. Wenn der nachfolgende Artikel Ihnen nicht zusagt, bitte ich Sie, ihn zu verändern. »Ende 1812 erscheint eine Geschichte der Malerei in Italien von der Wiedergeburt der Kunst am Ende des 13. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart. Der Verfasser, der seit drei Jahren in Italien reist, hat die Werke von Fiorillo »Histoire de la Peinture«, Göttingen 1798–1801, 2 Bde. und Lanzi benutzt. Sein Werk wird in zwei Oktavbänden erscheinen. Mit vorzüglicher Hochachtung Charlier.« Dies ist der Ausgangspunkt von Stendhals »Geschichte der Malerei in Italien« (1817). Angelina hat anderthalb Stunden bei mir in dem Zimmer in der Contrada dei due Muri verbracht. Sie schien befriedigt. Dieser Absatz ist in der Urschrift englisch. Um halb drei ging ich aus und besuchte die Brera. Ich fand Interesse an einem Gemälde von Giotto und an einem Bild von Mantegna, wegen meines überspannten Einfalls, der mir schon 104 Franken kostet, und zwar für: Lanzi 22 Bossi 24 Basari (11 Bde.) (weitere fünf folgen) 55 Bianchonis Führer durch Mailand 3 104 Franken Durch diesen Einfall würde ich meine Zeit als Mocenigo verlieren. Desgleichen. Aber da die Eigenliebe ins Spiel kommt, werde ich wirkliche Kenntnisse in der Malerei erwerben, und wahrscheinlich Geld genug für eine zweite Italienreise. Die letzten Worte desgleichen Während ihrer Abwesenheit vom 2. bis 15. November hätte ich Zeit genug, Venedig und Genua zu besuchen. Aber diese Reisen locken mich nicht. Ist es klug, die Freuden Venedigs zu genießen, wenn ich es ohne Verlangen besuche, nur um mir sagen zu können: »Ich habe alles gesehen?« Ende Oktober 1811. Sie möchte, daß ich aus Vorsicht nach Venedig ginge. Man gelangt in vierundzwanzig bis sechsunddreißig Stunden hin. Mailand, Albergo della Citta, 2. November 1811. Zweifellos die schönste Frau, die ich besessen und vielleicht je gesehen habe, ist Angela, wie sie mir heute abend erschien, als wir zusammen beim Schein der Ladenlampen durch die Straßen schritten. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde sie mir mit jener Natürlichkeit, die sie auszeichnet, und ohne Eitelkeit sagte, einige ihrer Freunde hätten ihr gesagt, daß sie Furcht einflöße. Das stimmt. Sie war heute abend leidenschaftlich. Anscheinend liebt sie mich. Yesterday and today, she has had pleasure . Wir tranken zusammen Kaffee in dem einsamen Hinterzimmer des Cafeés. Ihre Augen glänzten. Ihr Gesicht war im Halbdunkel von süßer Harmonie, und doch war ihre übernatürliche Schönheit schrecklich. Man möchte sagen, ein höheres Wesen hat ihre Schönheit angenommen, weil diese Verkleidung ihm besser anstand als eine andre, und mit seinen durchdringenden Augen blickte es mir bis auf den Grund der Seele. Dies Gesicht würde eine herrliche Sibylle abgeben. Ich traf sie um sechs Uhr in der Contrada del Bocchetto beim Café Sanquirico, unserm gewöhnlichen Stelldichein. Ich begleitete sie bis zu ihrer Schwägerin, der Frau eines berühmten Chemikers, an der Porta Ticinese. Ich wartete in einem Café auf sie; nach einer Viertelstunde kam sie wieder heraus. Wir tranken Kaffee, und nach einem halbstündigen Spaziergang verließ ich sie bei der Arkade der Piazza dei Mercanti, stets in Begleitung des schönen Antonio. In der folgenden Zeit war ich zu glücklich oder durch die Eifersucht der Herren zu sehr in Atem gehalten, um mein Tagebuch zu schreiben. Ich verließ Mailand am 13. November und kam am 27. November um fünfeinhalb in Paris an. Am nächsten Tage verlorene Schlacht Zur Erklärung lese man die letzte Aufzeichnung der »Reise in Italien« (Band V dieser Ausgabe, S. 373 f., überschrieben: »Frankfurt a. M, 28. August«). In aller Ehrerbietung dem achtunddreißigjährigen Herrn H. de B[eyle], der vielleicht im Jahre 1821 leben wird, gewidmet von seinem ergebensten Diener, der heiterer ist als er. Der H. B[eyle] von 1811. Tagebuch von 1813 (Paris, Deutschland, Italien) Paris, 4. Februar 1813. Ich habe kein Gedächtnis mehr für irgend etwas. Wäre ich in meinen bisher gefühlten Tagebüchern diskret, so begriffe ich in ein bis zwei Jahren nichts mehr davon. Ich muß meine Phantasie anstrengen, um mich zu erinnern, was ich sagen wollte. Ich habe in Rußland mein Braunschweiger Tagebuch von 1806 bis 1807, my love to Minette In der Tat ist nur das zweite Braunschweiger Tagebuch von 1807–08 erhalten, das wir weiter oben wiedergegeben haben. Verloren gingen auch seine Aufzeichnungen aus Rußland sowie die Abschriften seiner Vorarbeiten zur »Geschichte der italienischen Malerei«, die mit seinem ganzen Gepäck bei Molodetschno in die Hände der Kosaken fielen. Über seine Teilnahme am Feldzug nach Rußland unterrichten uns nur die von dort geschriebenen Briefe, die in Band VIII dieser Ausgabe abgedruckt sind. Stendhal hatte Moskau am 16. Oktober 1812 verlassen und war am 31. Januar 1813 in Paris angelangt. usw. verloren. Ich halte mich für äußerst empfindsam; das ist der hervorstechende Zug. Tiefe Empfindsamkeit hat mich zu Maßlosigkeiten geführt, die allein meinem Freunde Felix [Faure] verständlich wären, aber auch ihm nur mit langen Erklärungen. Diese Eigenschaft gibt mir holde Gedanken ein, die blitzschnell wieder verschwinden. Ich habe mir noch nicht angewöhnt, sie flugs aufzuschreiben, obschon ich mir zu diesem Zweck mehrmals Notizbücher gekauft habe. Oft vergesse ich die Sache und stets die Form. Was für Gedanken hatte ich nicht in meinem Wagen während der achtzehn Feldzugstage von Moskau bis Smolensk! Ganz wenige schrieb ich in einen Band Chesterfield, den ich mir aus dem Landhause Rostoptschins mitgenommen hatte; er ist verloren gegangen. Gegenwärtig bin ich in einem Zustande völliger Kälte. Ich habe alle meine Leidenschaften verloren. Keinesfalls habe ich mich an den Pariser Genüssen mit der Gier eines Hirsches gesättigt, wie auf dem Gemälde von Correggio. Ich fühle mich in diesem Augenblick tot. Ein sechzigjähriger Greis könnte nicht kälter sein. Das nonum prematur in annum Horazens Rat, neun Jahre mit der Veröffentlichung zu warten. gilt nicht für mich. Ich muß eine Sache ausführen, so lange ich in sie verliebt bin. Ohne Liebe bin ich nichts. Das habe ich bei der Komödie erfahren, die ich als Auditor schrieb und die unvollendet geblieben ist. S. Seite 332. Mein Geist ist also unbeständig, das heißt, nicht lange verliebt. Der Frau P(alf)y scheint es jetzt noch mehr an Geist und Seele zu fehlen als in Wien, vielleicht, weil ich bei ihr einen Firnis von Hochmut fand. (Übrigens ist ihr Sohn gestorben und der frische Schmerz mag sie verändert haben.) Diese Leidenschaft ist tot. Aber was bleibt mir an Frauen? Wahrhaftig, nichts. Mein Liebesbedürfnis war nach drei Tagen gestillt; es ist nur noch eine Annehmlichkeit, an der mir freilich viel liegt. Aber Prettschestinka ist unverhofft aufgetaucht. Man facht Asche nicht wieder zu Glut an; das ist meine Theorie. Ich brauchte ein gemütliches Heim, wo ich die Füße auf die Feuerböcke stellen kann. Frau von P...l hätte es mir gegeben; sie ist schlicht und gut, aber der Mangel an Geist ist zu stark; dank ihrer Mutter ist sie zu spießig. Tinka hat diesen Fehler nicht, im Gegenteil, sie fällt ins Tragische. Sie hat mehr Witz und Erfahrung, man kann mehr mit ihr plaudern, wenn auch nicht zuviel. Bei meiner Rückkehr finde ich vier Frauen, auf die ich ein Auge haben muß: P(alf)y, Frau von P...l, Tinka und D(olign)y. Deckname für die Gräfin Beugnot, der Beyle unter dem gleichen Decknamen auch sein erstes Werk, die »Briefe über Haydn, Mozart und Metastasio« (1814) gewidmet hat. Briefe an sie aus dem russischen Feldzug in seiner » Correspondance « I, 392, 419. Non parlo della mia Angelina . Von meiner Angelina (Bereyter) rede ich nicht. Was werde ich in drei Tagen mit ihnen machen? Also weg mit der Schüchternheit, die ich hatte, als ich alle verführen wollte und ihnen allen Juliens Julie von Etange in Rousseaus »Neuer Heloise«. Herz zuschrieb und von ihnen ein Leben wie im Wäldchen bei Clarens erhoffte! Also weg mit der Schüchternheit und den übermäßigen Ansprüchen! Mein Benehmen ist durch diese lächerlichen Vorstellungen beeinflußt worden. Um des Erfolges gewiß zu sein, muß ich nur noch lernen, meine Gleichgültigkeit zu zeigen. 9. Februar. Ich fühle mich den ganzen Tag wenig wohl und mache mein Testament, was ich schon lange vorhatte. Es ist recht lächerlich, zumal ich gerade von Moskau zurückkomme. 16. Februar. Ich beginne ernstlich an »Letellier« zu arbeiten. 15. März. Frau von P[alf]y hat Frieseln wie in Wien. Dabei ist sie heiter und gar nicht mißgestimmt. Das ist der schöne Zug in ihrem Charakter, der gar nichts Verletzendes hat. 17. März. Sonntag, den 6. März, fühlte ich zu meiner Verwunderung meine Neigung für Marie Gräfin Palfy (Daru). wieder aufleben. Am folgenden Sonntag, den 13. März, nach dem Balle begleitete ich sie mit ihrer Schwester nach Hause. Sie schlug die Blicke nieder, als sie allein in ihrem Salon war. Sie scheint mir gegenüber schüchtern. Sie sagte zu mir, es hätte ihr leid getan, nicht mit mir auf dem Maskenball gewesen zu sein. Sie wüßte mancherlei über mich. Das bezieht sich wohl auf mein Verhältnis zu Angelina, das doch knapp zwei Jahre besteht. Sie wird es durch den Arzt Bayle erfahren haben, der es Frau Le [Brun] erzählt hat, oder durch die Gräfin D[olign]y, die es durch meine Waschfrau von ihrer Kammerzofe erfahren hat. 18. März. Ich habe wirklich keinen Sinn mehr für das französische Trauerspiel. Diese Art, tragische Dinge darzustellen, langweilt mich. Ich komme aus dem »Hamlet«: Von Ducis er hat mir sowohl inhaltlich wie stilistisch mißfallen. Talma selbst hat zwar ein natürliches Mienenspiel, aber er dehnt viele Worte eine Sekunde lang und beschreibt mit den Armen große Kreise. Er kann mich nicht rühren. Zudem kommt diese platte Tragödie vom ersten Akt bis zum Schluß keinen Schritt vorwärts. Ein junger Mann neben mir stieß leise Rufe der Bewunderung aus, und ich gähnte. 19. März. Heute besuchte ich Melanie. Melanie Guilbert. Sie hatte inzwischen ihr Glück gemacht und einen reichen Russen, den General Barckow, geheiratet. Ich fand bei ihr alle Kennzeichen des Glücks und der lebhaften Empfänglichkeit für die kleinen Interessen des Alltags. Heute abend nagt an meiner Seele ein wenig der Kummer, daß ich nicht Präfekt geworden bin, während meine beiden Kollegen Bus[che] und Berg[ognié] es geworden sind. Über beide s. Chuquet, 124. Und doch wäre ich noch weit bekümmerter, wenn ich mich für vier bis fünf Jahre in ein Nest von 6000 Einwohnern vergraben müßte. Aber gegenwärtig ist meine Seele unbeschäftigt. Durch die Ernennung und die neuen Pflichten als Präfekt fände sie Beschäftigung. Zudem erhielte ich damit eine politische Stellung und Gelegenheit, die Gesellschaft von oben herab ansehen zu können. 20. März. Es darf nicht sein, daß ich in ein paar Jahren auf Grund dieses Tagebuchs glaube, die siebzehn bis achtzehn Präfekturen, die mir entgangen sind, hätten mich allzusehr beschäftigt. Ich war nicht mehr bei der Sache als bei einer Partie Boston. Daran dachte ich heute abend im Theater an langweiligen Stellen. 24. März. Meine Kälte nimmt immer mehr zu. Das Fehlen jeder Leidenschaft langweilt mich heute. Ich glaube, meine Kälte kommt daher, daß ich keine höheren Güter erkenne als die, welche ich genieße. Das ist das Symptom des Spleens. Aber wahrscheinlich werde ich bald darüber hinaus sein. Die Unsicherheit über meine politische Stellung trägt dazu bei und läßt mich zu nichts kommen. Heute früh war ich bei Lady P[alf]y. Sie war nicht zu Hause, aber ihre Schwester sagte mir, sie hätte mir etwas zu sagen. Ich liebe Marie wegen eines Traumes. Ich sprach mit ihr natürlich und zärtlich von meiner Liebe. Dieser Absatz ist in der Urschrift englisch. 23. März. Um zwei Uhr war meine Hoffnung zuschanden, Berichterstatter für die Bittgesuche zu werden. Ich ging zur Herzogin von ..., Vermutlich Gräfin Daru. die mir sagte, als die Frage der Präfekturen spruchreif war, hätte sie mit ihrem Gatten gesprochen und er hätte zu ihr gesagt: »Ich habe ihn vorgeschlagen.« Sie entgegnete ihm: »Ich glaube, er hätte lieber das Kreuz Den Reunionsorden. und würde Baron, In der Tat strebte Beyle damals nach dem Baronstitel. Dazu gehörte jedoch ein »Majorat«, das sein Vater ihm durch Schenkung des Hauses in der Rue Grenette in Grenoble schaffen sollte. Aber dieser knüpfte unerfüllbare pekuniäre Bedingungen daran, und so mußte sich Beyle mit seinem bisherigen angenommenen Adelstitel begnügen. Vgl. » Journal «, 464 ff., Chuquet, 125 als daß er Paris verläßt.« »Das wird kommen. Was den Baron betrifft, so ist das schwieriger, weil der Kaiser den Titel verleiht. Hat er mit dir darüber gesprochen?« »Nein, kein Wort.« »In Saint-Cloud hat er es vor einem Jahre gesagt, in Gegenwart der Frau L...« Meine Seele ist verwirrt. Warum? Vom 23. Juli bis 31. Januar 1812 hatte ich nicht die geringste innere Freude. Ist das der Grund? 27. März. Heute las ich ohne irgendwelchen Kummer im » Journal de Paris « das große Dekret, worin die Präfekten ernannt werden. Wissen, was das Genie ist, heißt eine Wahrheit kennen. Genie besitzen, heißt hunderte von großen wichtigen Wahrheiten gefunden haben. 31. März. Montag gehe ich zu Frau P...l, die ich in einem jener Augenblicke nichtssagender Dummheit oder besser Gewöhnlichkeit finde, die früher meiner Liebe rasch ein Ende machten. Der Nebenbuhler war da und sie wollte ausgehen. Da ihr Geist nicht durch irgendein Ereignis bewegt wurde, war sie nur noch höflich, und zwar von jener Art von Höflichkeit, die beweist, daß die Seele, die sie zeigt, nicht hoch ist. Das alles sage ich ohne Stachel, obwohl der Nebenbuhler da war und weit vertraulicher behandelt wurde als ich. Von da ging ich zu Lady P[alf]y in Saint-Gervais. Die Unbeständigkeit der Gunst und die geringe Festigkeit dieser Bande stimmen mich etwas traurig. Ich lese bis ein Uhr in den Briefen Boileaus und im Don Quichotte. Mir fehlte als Mocenigo nur das eine: Ungnade erfahren und empfunden zu haben. 4. April. Heute morgen verbrachte ich mehrere Stunden bei Frau Lev ... im Beisein ihrer Schwester Emilie. Hier ist wieder die »Gräfin Palfy« gemeint, wie der Vergleich mit der Aufzeichnung vom 17. März nahelegt. Sie war hübsch und gefühlvoll, wie ich es bei ihr nur alle vierzehn Tage sehe. Das bestärkt meine Neigung. Es ist das Gegenteil jener selbstzufriedenen Miene eines sich spreizenden Spießbürgers, die dumme Miene, die meine Neigung tötet. Diese Miene ist leicht melancholisch. Ihr Benehmen gegen mich (der Schwager war stets dabei) kann sowohl die Nachwirkung einer vergangenen Neigung sein, die einige Freundschaft hinterläßt, wie ein Gefühl, das sie bezwingt, sei es auf höheren Befehl, sei es, um mich dafür zu strafen, daß ich mit einer Theaterdame lebe, was sie vielleicht durch den Arzt erfahren hat, der es ihrer Schwägerin gesagt hat... Es stellt sich heraus, daß ich die Gräfin D(olign)y stark vernachlässigt habe, eine Frau, die ich unendlich schätze und zu der ich sogar eine Neigung verspüre, die zur Leidenschaft hätte ausarten können, wenn sie mich nicht so gut kennte. Sie hat mir meine Nachlässigkeit in einem Briefchen vorgeworfen. Ich muß ihr heute abend sagen, daß ich niemandem mehr vertraue als ihr. 7. April. Schmerz in der linken Unterleibsseite, Schwermut und Schroffheit gegen jeden, der mich unterbricht, stellen sich heute wieder etwas ein und die Kälte verschwindet. 11. April. Emilie empfängt mich mit aller Unbefangenheit, aller Freundschaft und aller Natürlichkeit der schönsten Tage unserer natürlichen Zuneigung. Keine Leidenschaftlichkeit, aber eine fast zärtliche Freundschaft. Ich pfeife auf mein Unglück im Ehrgeiz. Nachdem ich mich mehr ausgezeichnet habe als irgendwer, sehe ich mich als Letzter meiner Gefährten. 15. April. Ich habe heute um zwei Uhr noch keinen Befehl erhalten. Die Zuteilung zum kaiserlichen Hauptquartier in Deutschland. Nie ist mir ein Ereignis mehr zur Last gefallen. Ich werde zum Barbaren und bin für die Kunst tot. Stendhal denkt hier vor allem an seine damals in Arbeit befindliche »Geschichte der italienischen Malerei«. Ich glaube, was mich so ausgekältet hat, war die unfreiwillige Gesellschaft so roher Gemüter. Ich reise am 19. April 1813 nach Mainz ab. Ich bin wütend. Tagebuch, geschrieben in Bautzen am 21. Mai 1813 während der Schlacht ... Als ich Dresden verließ, begegnete ich dem König König Friedrich August I. von Sachsen (1750-1827), seit 1763 Kurfürst, seit 1806 König. Er war Napoleons Verbündeter. um halb drei Uhr von Angesicht zu Angesicht. Der Weg nach Bautzen führt längs der Elbe durch eine liebliche Gegend, dann durch sandigen Wald, schließlich wird er rechts von den schönsten Anhöhen begleitet, die ich je gesehen habe. Am 18. Mai um zehn Uhr abends erreichten wir das Biwak. Bei meiner Abneigung, mich an kleinen Seelen zu reiben, zog ich es vor, ruhig in der Kalesche des Marschalls zu bleiben, statt mich um Abendessen und Lagerfeuer herumzustreiten. Mein Abendessen bestand aus einem Stück Brot und einem Schluck Wein. Bis vier Uhr schlief ich sehr gut auf dem Lager, das ich mir hatte herrichten lassen; Marvolain weckte mich sehr brav und brachte mir etwas sehr gute Fleischbrühe. Ich erblickte hinter unserm Biwak eine entzückende Landschaft, eines Claude Lorrain würdig, aus mehreren Baumkulissen in verschiedener Färbung auf einem Berghang bestehend. Den Vordergrund bildeten die herrlichsten unregelmäßigen Baumgruppen auf einem Wiesenplan. Ich erfuhr, daß ich hundert Schritt weit vom Marschall gelegen hatte, der gut zur Nacht gegessen und in seinem Zelte geschlafen hat. Am 19. fuhren wir um elf Uhr weiter. Während ich die reizenden Höhenzüge rechts von der Straße bewunderte, schrieb ich in mein Notizbuch mit Bleistift, daß dies ein schöner Tag des Beylismus ist, wie ich ihn mir 1806 ziemlich richtig vorgestellt habe. Ich saß bequem und sorglos in einem guten Wagen, mitten in den verwickelten Bewegungen einer Armee von 140 000 Mann, die eine andre Armee von 160 000 Mann mit Kosaken in der Nachhut vor sich her trieb. Leider fielen mir Beaumarchais' sehr richtige Worte ein: »Der Besitz irgendeines Gutes ist nichts, der Genuß ist alles.« Ich begeistere mich nicht mehr für diese Art von Beobachtungen; ich bin ihrer übersatt, wie ein Mensch, der zuviel Punsch getrunken hat und sich übergeben muß. Er hat zeitlebens genug davon. Die Einblicke in die Seelen, die ich beim Rückzug aus Moskau getan habe, haben mir Beobachtungen an den rohen Gesellen, an den Säbelgriffen, aus denen eine Armee besteht, für ewig verleidet. Wir kommen durch Bischofswerda, ein völlig niedergebranntes Städtchen. Die über die Häusermauern ragenden Schornsteine erinnern mich an Moskau. Die Emsigkeit der Einwohner hat sich schon wieder betätigt. Die armen Teufel haben die Türen und Fensteröffnungen ihrer völlig ausgebrannten Häuser schon wieder mit Ziegeln geschlossen. Den Zweck dieser Arbeit sehe ich nicht ein, aber er erregt mein Mitleid. Das gleiche Gefühl hat bei diesem Anblick ein alter Wachtmeister von der Feldgendarmerie, die unsre Bedeckung bildet. Nach langem Stillschweigen sagt er: »Schade um die Städtchen...« Am 19. Mai um sieben Uhr erreichten wir das Biwak vor Bautzen. Seit zwei Stunden hörte ich von links lebhaftes Feuer; es war wohl eine Division des Generals Bertrand, die der Feind etwas überrascht hatte... Am 20. um zwei Uhr morgens blinder Lärm. Um elf Uhr beweisen wir unsre Tapferkeit einigermaßen, indem wir dreimal bis an unsere Vorposten vorgehen, unter dem Feuer des Gegners, der ein Drittel Kanonenschußweite entfernt ist, so daß wir niedergeschossen werden konnten. Wir gehen bis zu einer, mit abgeschliffenen Granitblöcken bedeckten Höhe vor. Rechts sehen wir unsere Vorposten in nächster Nähe. Wir kehrten wieder um, nachdem wir uns eine Viertelstunde mit unserm Posten unterhalten hatten; da bemerkten wir einen großen Reiterschwarm und Seine Majestät links hinter uns, während der Posten abzog. Wir gingen zurück; alles bereitete sich zur Schlacht vor. Die Truppen zogen sich nach links in der Richtung, wo der Kaiser ritt, und rechts nach den bewaldeten Höhen hin. Ich gab mir die größte Mühe, die kleinen Seelen zu bewegen, sich die Schlacht anzusehen. Deutlich erkannten wir Bautzen von der Höhe des Abhanges, dem es gegenüberliegt. Von zwölf bis drei Uhr sahen wir sehr gut alles, was man von einer Schlacht sehen kann, d. h. nichts. Vgl. die Beschreibung der Schlacht bei Belle-Alliance in Kap. 3 der »Kartause von Parma«. Der Genuß liegt in der leichten Erregung infolge des Bewußtseins, daß dort etwas vorgeht, von dem man weiß, daß es schrecklich ist. Der majestätische Kanonendonner trägt viel zu dieser Wirkung bei. Er paßt durchaus zu dem Eindruck. Brächte das Geschütz ein scharfes, pfeifendes Geräusch hervor, so würde es wohl nicht soviel Eindruck machen. Ich fühle wohl, das pfeifende Geräusch wäre schrecklich, aber nie so schön wie der Kanonendonner. Ich traf während der Schlacht meinen Kameraden Eduard von der Schlacht an der Moskwa. Auch hier gibt es einen Flußübergang, aber die Spree ist unbedeutend, wenn auch tief eingeschnitten. Ich denke, dieser Übergang hat 2500 Tote und 4500 Verwundete gekostet. Sehr deutlich sehen wir vor allem den Kampf zwischen der Stadt und den Höhen, wo die Marschälle Macdonald und Oudinot die Russen gegen sich haben, die zähen Widerstand leisten. Ganz deutlich erkenne ich das Aufblitzen der Gewehrschüsse unter der Ziegelei. Ein Regenguß überrascht uns, und wir suchen Schutz in einer Hütte aus Zweigen und Stroh. Währenddessen erhebt sich ein sehr lebhaftes Gewehrfeuer in einem Dörfchen ganz in unserer Nähe. Ich finde bei Eduard die gleiche Art von Witz wie am 7. September 1812: sehr deutliche Anekdoten im Stil Voltaires, auswendig gelernt und zu höhnischem Lachen reizend, ein Gemisch von Lustigkeit und starker Unanständigkeit... Ich fühle, daß ein solcher Mensch M. M. Ergänze: moi-même, d. h. Beyle selbst. sehr überlegen ist. Der träumt vierzehn Tage lang davon, fünf gute Seiten zu schreiben, hat seinen Geist durchaus nicht in Scheidemünze bei sich und trachtet nicht sehr nach Erfolgen in der Unterhaltung; vielmehr ist ihm das Erzählen langweilig. Ist er heiter, so ist seine Seele rege und genießt; um sie zu fühlen, bedürfte es einer Gräfin Simonetta ... So nennt Beyle seit 1813 Angela Pietragrua, vielleicht in Erinnerung an den gemeinsamen Ausflug nach dem Echo der Simonetta. (S. S. 366.) Wir finden alle unsere Wagen in Bewegung. Eduard erklärt, er wolle wieder nach der Stelle gegenüber Bautzen zurück; von da haben wir guten Überblick über die Schlacht. Die Zuschauer sehen vieles in ihrer Einbildung. Sie schildern alle Bewegungen eines Karrees, das seine Stellung, seine Gestalt usw. verändert. Ich lasse sie reden. Ein Vierter kommt dazu, und als sie von ihrem Karree reden, fragt er sie treuherzig, ob es nicht vielmehr eine Hecke sei. Deutlich sieht man nur noch das Aufblitzen der Geschütze; man hört ein mehr oder minder lebhaftes Gewehrfeuer... Glogau, 9. Juni 1813. Vor acht Tagen hatte ich eine lange Unterredung mit Sr. Majestät. Anläßlich des Überfalls der Bagage des Hauptquartiers durch Kosaken am 24. Mai 1813, über die Beyle in Görlitz eine Erklärung zu Protokoll gab. (»Correspondance», I, 402.) Daher auch die Unterschrift seiner (posthumen) Widmung der »Geschichte der italienischen Malerei« an Napoleon: »Der Soldat, den Sie in Görlitz beim Knopfloch faßten.« Sagan, 21. Juni 1813. Ich habe mir eben ein gutes Pianino gemietet und es in mein kleines Schlafzimmer stellen lassen. Ein Klavierlehrer hat eine Stunde lang Mozartsche Musik darauf gespielt. Einige Stücke haben mir köstlichen Genuß bereitet, andre mich gelangweilt. Der echte Deutsche ist ein großer blonder Mensch von trägem Wesen. Ereignisse, die der Phantasie Spielraum gewähren und einen rührenden Eindruck erwecken können, mit einem Gemisch von Vornehmheit infolge des Ranges der handelnden Personen, sind seine wahre Herzensweide. Das beweist ein Titel, den ich kürzlich las: »Sechs Lieblingswalzer der Kaiserin Marie Louise von Frankreich, bei ihrem Einzug in Straßburg von der kaiserlichen Garde gespielt.« Wenn die Musik einem Deutschen Freude macht, so müßte er eigentlich noch unbeweglicher werden. Statt dessen will er wohl die Italiener nachäffen; seine leidenschaftlichen Bewegungen, die er äußerst schnell ausführt, machen den Eindruck einer Freiübung auf Kommando und sind höchst lächerlich. Er will anmutig sein, wirkt aber im Gegenteil abstoßend. Der Deutsche hat keine Scham vor der Rührung. (Sagan), 23. Juli. Jahrestag meiner Abreise nach Rußland. Ich schreibe dies am Abend um acht Uhr. Der erste Tag, wo das Fieber Beyle hatte sich als Intendant in dem verseuchten Sagan den Typhus zugezogen. entschieden aufhört. Dies ist das zweitemal, daß der Anfall aussetzt. Sie waren sehr schmerzhaft und mit Delirien verbunden. Seit dem 6. Juli fühlte ich mich nicht wohl. Welch ein Jahr ist seit damals verflossen! Damit nichts fehlte, mußte ich Intendant und krank werden. Am 28. Juli kam Beyle in Dresden an, von wo er nach einigen Tagen über Paris nach Mailand reiste, um sich dort zu erholen. Kurze Skizze meiner Italienreise 1813 7. September 1813. Endlich bin ich heute vormittag um halb elf Uhr in Mailand angelangt. Ich glaube, die Reise hat mir wohlgetan, obwohl ich noch sehr schwach bin, besonders wenn ich mich errege. Ich war in der Genesung von dem Fieber begriffen, das ich mir als Intendant in Sagan zugezogen hatte. (Anmerk. Stendhals.) Im Café Nuovo war ich derart schwach, daß ich mir eine Tasse Kaffee alla panera Mit Sahne. auf ein schönes, ganz neues graues Beinkleid gegossen habe. Als ich heute früh um zehn Uhr den Mailänder Dom wieder sah, sagte ich mir, daß ich durch meine Reisen nach Italien eigenartiger, mehr ich selbst werde. Ich suche das Glück mit mehr Verstand. Alle Züge der Italiener, die ich antreffe, gefallen mir: 1. Ich glaube, weil man fühlende Menschen sieht und nicht solche die die Vorteile ihrer Eitelkeit berechnen. 2. Weil diese Leute anders sind als die, welche ich im Sinne des Mocenigo habe zergliedern müssen. Z. B. die Art, wie die Brotverkäuferin in Iselle einen Gendarm bat, ihr Töchterchen zu behüten. Nichts, was der Eitelkeit des Gendarmen hätte schmeicheln können, nichts Vornehmes, lediglich das wohlwollende Lächeln und die Glut, mit der die Leute hierzulande alles betreiben, was ihr Herz ihnen eingibt. Das erklärt ihre Kälte bei allem, was mit den Interessen ihrer Leidenschaft nichts zu tun hat. Mein Lohndiener sagt mir eben, er hätte den Brief, dem ein zweiter an die Gräfin Simonetta s. S. Seite 407, Anm. 1. beilag, der Frau Bo(rrone) persönlich übergeben. 8. September. Wir gehen in alle Theater. Ich gucke mir die Augen nach den Personen aus, die in den Logen der Scala, besonders in der dritten im zweiten Rang rechts sitzen. 9. September. Ich komme aus der Brera und der Villa Bonaparte. Mit erstorbenen Augen betrachtete ich alle diese schönen Gemälde, in denen ich früher so viel gesehen hatte. Ich bin äußerst erschöpft. Das sind wohl Nachwehen, aber es geht mir gut, denn ich habe die Tage der Fieberanfälle schon vergessen. Bei der Rückkehr größte Freude über ein Briefchen; bangte ich doch schon, daß sie mir ganz entfremdet sei. Gegen halb fünf Uhr komme ich mit Saint-Loup nach Monza. Ihr Fenster stand offen. Ich sehe sie vom Ende der Straße, die an ihrer Wohnung vorbeiführt. Man verdirbt das Glück, wenn man es beschreibt. Ich erfahre den Tod Turcottis und ihres Bruders. Den des liebenswürdigen Widemann ahnte ich schon. Großer Gott, Ajax ist tot und Thersites lebt! Widemann ist ein Charakter ganz nach meinem Herzen. Ein solcher Mann, Edelmut und Heiterkeit selbst, stirbt, während die plattesten Burschen sich auf den Straßen von Cularo Grenoble. spreizen. Ich übernachte im Gasthof zur Post, wo ich wohl aufgehoben bin und man recht gut speist. Nach dem Essen fährt Saint-Loup nach Mailand zurück. 10. September. Ich besuche sie morgens um halb zehn Uhr. Das ist früher, als es sich schickt. Hier müßte ich acht Stunden, die in holdem Geplauder dahinflogen, mit ein paar lateinischen Versen oder einer Anspielung auf das Altertum verschleiern. Ich kehre nach Mailand zurück. Abends fühle ich mich unwohl und habe etwas Fieber infolge meiner Unvorsichtigkeit. Ich gehe in eine Oper von Fioravanti, »L'Amore viene dell' odio« . Vielmehr von Generali.(Arbelet.) Er ist stets pikant im Stil von Marivaux, aber stets ohne die Glut Cimarosas »Un podestà più asino« ; Ein recht eselhafter Bürgermeister. gute Späße, die die prüden Pariser Kunstrichter gemein fänden. Ich sehe deutlich, wie schlecht jetzt der französische Geschmack ist: der Stil Senecas mit unausrottbarer Kälte. Dies Volk triumphiert im Genuß von Collés Chansons. Es ist Marivaux, der leidenschaftlich sein will. Ein so schlechter Geschmack wie denkbar, aber sehr geistvoll. 11. September. Sono felice . Ich bin glücklich. Um drei Uhr ist sie noch nicht da. Ich lese die Berichte der Schlacht bei Dresden. Napoleons Sieg am 26. und 27. August. Ich kaufe mir Machiavellis Lustspiele und das Leben Aretinos. Will man Musik genießen, so muß man nach Como fahren. Die Gräfin Simonetta erzählt mir viel von der Familie Monbelli; In seiner »Reise in Italien« (Band V dieser Ausgabe, S. 315 f.) schwärmt Stendhal von den Schwestern Esther und Anna Monbelli, zwei Sängerinnen, die damals im Alter von 19 und 17 Jahren waren. ich hoffe sie bei ihr zu sehen. 15. September. Seit vier Tagen habe ich nichts geschrieben, denn das Glück beschreiben heißt es vermindern. Indes muß ich gestehen, daß ich den Taumel von 1811 nicht mehr empfinde. Ich war zu lange krank und erhole mich erst. Zudem fehlt die Neuheit und die zehnjährige Trennung. Doch mir scheint, ich bin in der zweiten Periode der Liebe, wo mehr Vertrautheit, Zutrauen, Natürlichkeit herrscht. Heute abend erkannte ich, da ich sie vier Tage nicht sehen durfte, daß mir zu meinem Glück nur etwas Arbeit fehlt. Ich habe mir Arbeit zu machen gesucht. Ich habe die grünen Hefte nicht hier, somit kann ich nicht an der Geschichte der Malerei arbeiten. Zudem: Bene dicendi sapere est fons. . Das heißt, um gut zu schreiben, muß man seine Sache kennen. Ich müßte mich vierzehn Tage vorbereiten. So andauernd kann ich nicht arbeiten. Allerdings muß ich den Ausreden mißtrauen, die ich mir selbst mache, um nicht Hand ans Werk zu legen. Ich bin wie die Pythia, die man zwingen mußte, den Dreifuß zu besteigen. Trotzdem glaube ich diesmal recht zu haben. Diesen Winter in Paris werde ich hoffentlich arbeiten, aber hier scheint es mir schwierig. Ich bin in vielem das Gegenteil von Rousseau, und besonders darin, daß ich nur arbeiten kann, wenn die Eindrücke fern liegen. Wenn ich in einem köstlichen Hain lustwandle, kann ich dies Glück nicht beschreiben; in einem kahlen Zimmer, wo nichts meine Aufmerksamkeit erregt, kann ich etwas leisten. Hier aber bin ich auf dem Schlachtfeld. Ich hatte zwar keine Schlacht zu liefern, aber die Sache bleibt die gleiche. [ Somit bleibt das Bücherlesen und die Niederschrift meiner Beobachtungen über die italienischen Sitten, etwas ganz anderes als die Beschreibung meines Lebens. Ich bin in kein Buch vernarrt; nur in diesem glücklichen Zustand lese ich mit Nutzen. Ich vermehre den Vorrat an Ideen, oder vielmehr, ich berichtige meine Ideen und komme der Wahrheit immer näher. Die Menschenkenntnis ist für mich wie ein übertünchtes Gemälde. Immerfort fällt ein Stückchen Tünche ab und ich nähere mich der ersehnten Wahrheit. Das waren meine Gedanken, als ich zum letztenmal in der sehr mäßigen Oper »L'Amore viene dell' odio« war. 13. September. Locatelli. »Ein junger talentvoller Mailänder Künstler«, der komische Rollen spielte und aufsagte. (»Reise in Italien«, S. 67, 73 f.) Äußerst heiterer Abend. Ich erzähle mit Erfolg von Moskau. Donnerstag, 16. September 1813. Da ich die Gräfin Simonetta erst Montag nachmittag wiedersehen kann, wollte ich Mailand nicht eigens verlassen, um nach Monza zu fahren; das wäre noch verdächtiger gewesen. Ich fand es weit natürlicher, vier Tage in Como zu verbringen und auf dem Rückwege bei Monza vorbeizukommen und mich nur so lange dort aufzuhalten, als die Vorsicht oder vielmehr meine Liebe es gestattet. Ich habe mir also einen kleinen Vetturino genommen und bin nach Como gefahren. 17. September. Ich gehe um elf Uhr aus und besuche die Quelle des Plinius. In der Villa Pliniana. S. »Reise in Italien«, S. 351. Um vier Uhr bin ich zurück. Diese Reise nach Como mit ihren Fahrten auf dem See und abends bei den jungen Monbellis war reizend. Das und meine Fahrt nach Monticello Vgl. »Reise in Italien«, S. 364. für die Genüsse, die der Anblick der Schönheit bietet, die Spaziergänge in Monza für das Gefühl, und der Blick auf Venedig von dem Markusturm, der Mondschein an den äußersten Gärten am Ende der Riva degli Schiavoni als Eigenartigkeit. Monza, 21. September 1813. Geburtstag, D. h. Gedenktag an seinen »Sieg« über Angela Pietragrua am 21. September 1811 (s. Seite 366). zur gleichen Stunde. Meine Seele kehrt wieder. Ihre Tränen auf dem Kirchhof, als wir um den kleinen Tempel von Pellegrini herumgehen. Nichts fehlt ihr. Auf meinen Hosenträgern sehe ich: es war der 21. September 1811, um halb zwölf Uhr mittags. 23. September 1813. Ich komme aus der Brera. Sollst du leben oder dein Leben beschreiben? Du sollst nur ein Tagebuch führen, soweit es dir hilft, da grande Als Großer. zu leben. Ich habe meine ganze Seele wiedergefunden. Welch ein Unterschied zwischen diesem Besuch der Brera und dem mit Saint-Loup in den ersten Tagen meiner Ankunft! Ich habe die Gewohnheit starker, angespannter Aufmerksamkeit verloren, denn ich denke zumeist nur an Dinge, die ich verachte und nichtssagend finde. 24. September. Nosce te ipsum . Erkenne dich selbst. Was mir am frühsten fehlen wird, wenn ich alt werde, ist das Gedächtnis. Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf einen Gegenstand und geht dann zu etwas anderm über. In Dresden war ich gegen meinen Willen zu zerstreut, um die Bilder von Correggio und Mengs richtig zu sehen. Hier beginnt meine Aufmerksamkeit sich wieder der Malerei zuzuwenden, und jetzt erkenne ich, was mir beim Anblick jener Meisterwerke fehlte und worin ich gefehlt habe. Mich für etwas zu begeistern und es dann völlig zu vergessen, das ist mein Fall nel comporro . Beim Bücherschreiben. Jetzt liegt mir die Geschichte des Spanischen Erbfolgekrieges ganz fern. In Richmond Ein Lustschloß vor den Toren von Braunschweig, wo Beyle an der Geschichte des Spanischen Erbfolgekrieges schrieb. Vgl. Seite 296. war ich begeistert dafür und sah alles mögliche darin. Das nonum prematur in annum S. Seite 398. hat für mich keinen Sinn. Nach neun Jahren würde ich mein Werk kaum mehr verstehen. Mein Mangel an Gedächtnis für Geschichte, soweit sie meinen Gegenstand nicht angeht, ist unglaublich und fast beunruhigend. Ich kann dasselbe Geschichtsbuch alle zwei Jahre mit gleichem Genuß lesen. Das habe ich bei der Lektüre von Duclos in Liegnitz erfahren. Cabanis schildert meinen Seelenzustand sehr richtig mit den Worten: »Zu bemerken ist, daß das Empfindungsvermögen sich wie eine Flüssigkeit von bestimmter Gesamtmenge verhält. Sobald sie sich reichlicher in einen ihrer Kanäle ergießt, nimmt sie in den andern im gleichen Verhältnis ab.« Ich verließ sie am 21. abends in Monza. Ich arbeite, weil ich fern von ihr bin, und zwar an der Malerei. Die äußerste Konzentration auf einen Gegenstand beweist nur die Leidenschaft und nicht das Genie. 25. September. Eine Bemerkung Grimms über die Nachteile übermäßigen Lesens hatte mir solchen Eindruck gemacht, daß ich den Vorsatz faßte, nichts mehr zu lesen. Ich hatte mir Bücher nach dem Comer See mitgenommen, aber ganz von selbst und ohne Widerstreben habe ich gar nichts gelesen. Heute habe ich wieder zu Duclos' »Mémoires sur les moeurs« S. Seite 138, Anm. 2. gegriffen. Ich finde keinen Geist, der dem meinen mehr entspräche, von der Empfindsamkeit abgesehen. Was er über den Geist der Galanterie (Ausgabe Des Essarts, 11,2) sagt, ist nach Form und Inhalt ganz in meiner Art. Mir ist, als hätte ich diesen Satz vor drei bis vier Jahren geschrieben und ihn nur etwas vergessen. Zu meinem Glück muß ich unbedingt am Morgen allein und gleich nach der Hauptmahlzeit in Gesellschaft sein, mindestens bis zehn Uhr. Über mein Verhältnis zur Gräfin Simonetta kann ich nichts Besseres sagen als Duclos' Bemerkung: »Nur der Geist kann auf die Dauer den Geist ernähren; allein produziert er nicht lange.« (Duclos, II, 37.) Mitten in meinem Überschwang überfiel mich plötzlich trostlose Unfruchtbarkeit und Kälte. Der Grund, den ich mir nicht erklären konnte, ist dieser: Sie besaß zu viel Empfindungskraft, um in der Wahl ihrer Liebhaber, die ihr gefielen, streng zu sein. Nicht deren Verdienst, sondern ihre eigne Empfindungskraft riß sie hin. Sollte ich eifersüchtig sein, um mich von dieser Liebe zu heilen? ... Nein, die Liebe ist ein glückliches Fieber. Nichts bleibt, wenn sie vorüber ist. Soll ich mich unglücklich fühlen, weil ich für sie nicht das war, was Louis [Joinville] S. Seite 208, Anm. 1. für sie gewesen ist? Bei allen guten Dingen ist der Besitz nichts, der Genuß ist alles. Louis aber sah in ihr nur ein gewöhnliches Weib. Das alles beweist, daß ich ebenso glücklich oder glücklicher bin als er. Aber warum sollte ich nicht der erste sein, den eine so seltene Frau liebt? Das ist die Lösung des Rätsels. In den Bergen bei Sassenage hat man diesen Winter nur einen Bären erlegt. Sonntag, 26. September. Herrliches Wetter nach einer regnerischen Woche. Ich gehe auf den Corso und betrachte die Stätten, die ich so geliebt habe. Ich kann die Trennung von der Gräfin Simonetta nicht ertragen. Bei der Rückkehr spreche ich bei ihr vor und erfahre, daß ihr Gatte erst gestern abgereist ist, um sie abzuholen, und daß er wahrscheinlich erst Mittwoch zurückkehrt. Warum hat sie mir von Mittwoch bis Sonnabend nicht geschrieben? Hat sie einen andern Liebhaber? Dann würde ich sofort nach Venedig abreisen. Ich hätte das Vergnügen, mich zu rächen, ob sie mich liebt oder nicht. Aber in beiden Fällen erschüttere ich ihr Vertrauen, wo ich als Fremder und Durchreisender ohnedies so verdächtig bin. Ich bringe ihren Liebhaber um, wenn sie einen hat; andernfalls beraube ich mich zum mindesten einer holden Illusion. Letzten Sonntag war ich in der Tremezzina, Die Gegend von Tremezzo am Comer See. Vgl. die Aufzeichnung vom 17. September. am vorletzten bei ihr in ihrem Garten. Was tun? Mailand ist mir unerträglich. Ich fahre heute abend nach Venedig. (12.) Oktober. Um halb sieben aus Venedig zurück, erhalte ich einen Brief von der Gräfin Simonetta. In meiner Antwort verabrede ich mit ihr die Zeichen zu einem Stelldichein... Ich war mit ihr in der Erstaufführung des Balletts »Prometheus«. Von Salvatore Vigand, Musik von Beethoven. Sie war schöner denn je; wir waren mit Antonio fast die ganze Zeit allein. Morgen um halb ein Uhr Contrada dei Bigli. Sie fürchtet, die Österreicher werden mich von hier vertreiben. Die Österreicher bedrohten damals Italien. Der Vizekönig Eugen hielt noch die Isonzolinie, aber schon am 3. Oktober, während Stendhal in Venedig weilte, wurden dort Verteidigungsmaßregeln getroffen. (Arbelet.) 27. Oktober. A Conversation of two hours, and a serions one, after... Zweistündige Unterhaltung, und zwar ernstlich, nach ... Je länger ich lebe, um so mehr erkenne ich, daß Molière unser einziger Klassiker ist. Sein Kolorit ist abstoßend, aber seine vis comica und sein gesunder Verstand söhnen mich wieder mit ihm aus. Stendhal hat damals Molière studiert und ihn »zwischen seinen Stelldicheins« vom 2. bis 11. November durch Randbemerkungen kommentiert. S. A. Cordier, »Molière jugó par Stendhal«, Paris 1898. Da ich sehe, daß die Dinge in Frankreich schief gehen, reise ich ab. Die Völkerschlacht bei Leipzig (16. bis 19. Oktober) brach die Napoleonische Fremdherrschaft. Die Österreicher schlossen Venedig ein und drangen bis zur Etsch vor. Stendhal war indes noch am 11. November in Mailand. (S. Seite 416, Anmerk. 5.) Ich hatte seit einem Monat ein schönes Zimmer an der Piazza Belgiojoso. Nämlich in der obengenannten benachbarten Contrada dei Bigli. Ich schlief mit meinen Waffen neben mir. Tagebuch von 1814 (Grenoble, Paris) Tagebuch meines traurigen Aufenthalts in Grenoble Chambéry, 2. März 1814. Am 26. Dezember 1813, als ich vom Diner bei Annette Opernsängerin, Freundin der Angelina Bereyter. Vgl. Seite 485. heimkehrte, erhielt ich einen Brief vom Minister des Innern mit dem Befehl, mit dem Grafen de Saint-Vallier nach Grenoble zu gehen. Zur Organisation der Landesverteidigung im 7. Wehrkreise. Ich war sehr betroffen, daß ich Paris, die komische Oper und Annette verlassen sollte. Dies Gefühl lag im Widerstreit mit der Freudenwallung, die ich stets empfinde, wenn es gilt, eine Reise zu machen und etwas Neues zu sehen. Ich ging zur Gräfin Daru, der ich meine Unzufriedenheit nicht verhehlte; ich war etwas zu vertraulich zu ihr. Um elf Uhr ging ich nochmals zu Herrn de Saint-Vallier, den ich um sieben Uhr nicht angetroffen hatte. Ich hegte das größte Vorurteil gegen diesen liebenswürdigen Mann, den ich noch nie gesehen hatte. Ich bildete mir ein, ein Senator müsse im allgemeinen ein abgelebter alter Trottel wie Graf V... oder ein verrückter Greis wie der Graf X... sein. Der Empfang beim Grafen de Saint-Vallier enttäuschte mich angenehm; er war ein Mann voll Herzensgüte und viel Lebensart. Nach Hause zurückgekehrt, wurde ich gerührt, als ich Annette meine Abreise verkündete. Meine Schwester, Pauline Périer dieser kluge Kopf, machte sich keinen Augenblick Illusionen und beklagte mich aufrichtig; sie erkannte deutlich den großen Mist, in den ich treten würde. Vom 26. bis 31. Dezember ging ich täglich zweimal zum Grafen Saint-Vallier, da ich nicht vor ihm abreisen wollte. Schon begann ich zu hoffen, daß wir gar nicht abreisen würden, als sein Portier mir am 31. Dezember um elf Uhr sagte, er sei am Morgen abgefahren. Ich ging nach Hause, um mich zur Abfahrt zu rüsten, ließ meine Schwester und ihren Gatten holen, und um drei Uhr fuhren wir ab. Wir übernachteten zweimal und erreichten Lyon nach einundsechzig Reisestunden, eine Stunde nach meinem Senator, und Grenoble am 5. Januar 1814 um drei Uhr morgens bei schönstem Mondschein und mildem Wetter. Unterwegs hatte ich mir alle Verteidigungsmittel überlegt, die sich in Grenoble im Notfalle nach und nach aufbringen lassen. Wie soll ich, ohne meinen Verdruß und meinen Widerwillen aufs neue zu beschwören, die zweiundfünfzig Tage beschreiben, die ich in diesem Hauptquartier kleinlicher Gesinnung verbracht habe? Mein Verstand sagt mir zwar, daß es in Grenoble nicht kleinlicher und dümmer hergehen kann als in jeder andern Stadt von 22000 Seelen, aber die schlechten Eigenschaften von Menschen, deren Vorleben ich nur zu gut kenne, empfinde ich ungleich mehr. Bei der Ankunft nahm ich Wohnung bei meinem Bastard. So nannte Beyle seinen Vater. Am 16. Januar, als wir Lyon für erobert hielten, zog ich nach der Präfektur um, um es meinem Senator zu ersparen, daß er durch die Stafetten geweckt wurde. Ich wohnte in einem riesigen, hellen, kalten und feuchten Zimmer und bekam vor Verdruß das Fieber. Der Senator willigte darein, einen seiner Verwandten Mazuyer. (Chuquet 143.) aus Lyon zu sich zu nehmen. Als der junge Mann ankam, zog ich wieder zum Bastard. Um mehr Freiheit zu haben, nahm ich mir nach zwei Tagen ein Zimmer in der Rue Bayard bei einem Herrn L..., einem richtigen Kneipen-Don-Juan, mit dem ich nie geredet habe. In diesem Zimmer hatte ich einige Augenblicke des Alleinseins, die von allen in Grenoble verbrachten die am wenigsten verdrießlichen waren. Meine arme Schwester, ungleich weniger empfindlich als ich und mit einem sehr kalten Verstande begabt, hat sich über den Bastard ein endgültiges, jeder Illusion bares Urteil gebildet; sie kam vor Langeweile um. Wir luden Frau D[erville] Ihren Namen hat er in »Rot und Schwarz« (in der Gestalt von Frau von Rênals Freundin) verewigt. aus Vizille ein, die ich noch nie gesehen hatte. Sie kam und ich fuhr mit den Damen nach Vizille und Claix. Ich hatte das Vergnügen, diesen hellen Köpfen einige Wahrheiten über die Kunst und die Menschennatur beizubringen. Der Bastard merkte, daß er überflüssig war und daß diese Unterhaltung anständiger Menschen über sein Begriffsvermögen ging, und zog sich um zehn Uhr zurück. Wir plauderten bis ein Uhr morgens. Am 22. Februar traf ein der Kommission zugeteilter Kollege ein, ein junger Auditor im Staatsrat, der Sohn eines durch sein Vermögen einflußreichen Mannes. Lamarre. (Chuquet 143.) Am selben Tage machte der treffliche Herr de Saint-Vallier eine Eingabe, daß ich nach Paris zurückkehren dürfte. Abgedruckt bei Chuquet 511 f. Beyles Gesuch ist beigefügt. Vierzehn Tage vorher hatte er das blaue Kreuz (den Reunionsorden) für mich beantragt und den Antrag kurz darauf wiederholt. Der Antrag vom 27. Januar 1814 ebd. Übrigens hatte Beyle schon am 27. Dezember beim Minister des Innern selbst eine Auszeichnung beantragt. Vgl. Chuquet 495 ff., wo auch die von »de Beyle« gegengezeichnete Proklamation Saint-Valliers und der dienstliche Schriftwechsel mit dem Herzog von Feltre abgedruckt ist, den Saint-Vallier unterzeichnet hat, der aber von Beyles Hand stammt. Am 18. März wurde Beyle durch den Auditor Sirot ersetzt. Vgl. Chuquet 138 ff. Seit ich ihn das Schreiben betreffs meiner Rückberufung unterzeichnen ließ, sprach er nicht mehr davon. Das war ganz natürlich, und ich nahm es ihm gar nicht übel. Paris, 7. April 1814. Nach dem Sturze Napoleons wurde der Staatsrat aufgelöst und Beyle verlor Stellung und Einkommen. Ihm blieb nur seine Pension als Adjunkt beim Kriegskommissariat, die er aber erst nach jahrelangen Eingaben vom Oktober 1819 ab erhielt. Sein Briefwechsel mit dem Kriegsministerium bei Chuquet, 513ff. Herr Henri de Beyle, Auditor und Adjunkt beim Kriegskommissariat, tritt bereitwilligst den seit dem 1. April 1814 erlassenen Verordnungen des Senats bei. Rue Neuve du Luxembourg 3. de Beyle. Paris, 30. Juni 1814. Da ich sehe, daß ich das Konsulat in Neapel nicht erhalte, das die hübsche Frau D. für ihren Gatten erlangt hat, hatte ich eine Unterredung mit Herrn G. über Rom. Er sagte mir, oder vielmehr ich erriet aus seinem Geschwätz, daß ich mich mit 6000 Franken dort gutstehen würde. Seit dem 10. Mai arbeite ich an Metastasio und Mozart. Beyles Erstlingswerk »Briefe aus Wien über Haydn, Mozart und Metastasio und den gegenwärtigen Zustand der Musik in Italien«, von Alexander Ludwig Caesar Bombet. Das Buch war teilweise Plagiat, teilweise Überarbeitung einer Anekdotensammlung über Mozart und nur im letzten Drittel eigene Arbeit. Vgl. S. 398, Anmerk. 3. Diese Arbeit macht mir viel Spaß und setzt mich völlig darüber hinweg, daß Frau D[aru] mich nicht zum Gesandtschaftssekretär in Florenz gemacht hat. 1. Juli Sobald ich mein Gedächtnis irgendwie anzustrengen suche, läßt mein Talent nach, und zwar in dem Maße, wie ich mich zu erinnern suche. Etwas Gutes kann ich nur leisten, wenn ich es überhaupt vermag, wenn ich alles aus meinem Herzen nehme. Deshalb ist die Rolle des Mocenigo für mich vielleicht dahin. 4. Juli. Ich habe Paris satt, aber ohne Groll. (Ich sage das für den Beyle von 1820.) Das Handwerk des Auditors und die unverschämte Dummheit der Machthaber stößt mich ab. Rom, Rom ist meine Heimat. Ich brenne darauf, abzureisen. Seit acht Tagen schlafe ich bei meiner alten Liebe. Da sie der Natur näher steht, sagt sie mir mehr zu als alles, was ich hier verlasse. Am 29. Juli kam Beyle in Grenoble an, das er kurz darauf wieder verließ. Am 14. August war er in Mailand, wo er mit kurzen Unterbrechungen bis 1821 blieb Tagebuch aus Italien (1815-1816) Reise nach Venedig und Padua Padua, 17. Juli 1815. Ich beginne dies Tagebuch wegen der hübschen Anekdote, die mir Graf Br. vorgestern erzählt hat und die ich schon fast vergesse. Da ich sie nicht aufschrieb, bleibt mir nur das Skelett. Er erzählte uns also im Cafeé del Principe Carlo, einmal, nei sui anni fervidi , In seinen leidenschaftlichen Jahren. hätte er zehn Jahre mit einer reizenden Venezianerin gelebt. Ein Diener erbot sich, ihm den Beweis ihrer Untreue zu erbringen. Er schien traurig; sie wollte den Grund wissen. Er sagte ihr sehr bekümmert: »Ach Gott, ich glaubte, daß du es sähest und daß du mich mehr als Gatten denn als Liebhaber behandeltest. Das geht nun schon anderthalb Jahre so. Ich hänge an ihm, aber einerlei, ich will ihm den Laufpaß geben.« Der Liebhaber reiste nach London. Sie bekam das Fieber und magerte vor Kummer sichtlich ab. Da sagte der Graf zu ihr: »Ich will dir kein so großes Leid zufügen. Rufe ihn zurück. Wenn er wieder in Venedig ist, schicke mir meine Maske, und ich will versuchen, zu genesen.« Er sah sie täglich wie zuvor. Sechs Wochen darauf, als er im Cafe war, suchte ihn ein Diener und brachte ihm eine Maske. Ohne in seinen Palazzo zurückzukehren, geht er zum Canale grande, nimmt eine Gondel, verdoppelt die Ruderer und läßt sich nach einem seiner Landhäuser fahren. Dort verbringt er sechs Monate, ohne nach Venedig zurückzukehren, und fast untröstlich. Mir scheint, darin liegt eine Natürlichkeit und wahre Vornehmheit, die unsere eleganten Sitten nie gezeitigt haben. Die Heldin dieser Geschichte ist gegenwärtig in meinem eignen Gasthof, der Croce di Malta. Sie ist achtundvierzig Jahre alt und wird von einem jungen Engländer von achtunddreißig Wahrscheinlich ein Druckfehler. Lies: achtundzwanzig. Jahren angebetet, der kein gewöhnlicher Mensch sein soll. Er hat sie vor zwei Jahren aus Galanterie geliebt, und das dauert so weiter. Am 11. Juli in Mailand fand ich, daß ich bei der Aussicht, binnen acht Tagen abzureisen, nicht recht zum Arbeiten kam. Ich hatte keine Neigung, mich in P. oder Signora S. zu verlieben. Am 12. beschloß ich abzureisen. Ich zweifelte etwas an meiner Gesundheit und an der Stimmung, in der ich die Gräfin Simonetta antreffen würde. Vor der Abreise benahm sich Frau S. erstaunlich herausfordernd. Wenn ich mit der Gräfin Simonetta bräche, müßte ich mir sofort ein Weibchen dieses Schlages zulegen, um die Schwermut nicht aufkommen zu lassen. Die Gräfin Simonetta hatte mir ausdrücklich verboten, im selben Gasthof zu wohnen. Mit Frau S. Das hätte ich gerade tun sollen. In Padua habe ich den ersten Einblick in das venezianische Leben getan, Frauen in den Cafés und Geselligkeit bis zwei Uhr nachts. Der Frohsinn und die leichten Sitten geben diesem Land einen großen Vorzug vor Mailand. Mailand hat den allgemeinen Vorteil der Großstädte für sich. Aber in Venedig vermiede man den ganzen Klatsch von Padua. Ist Venedig als Großstadt von Mailand verschieden? Das vermag ich nicht zu entscheiden. Trotzdem ist diese Frage für mich sehr wesentlich, denn auf Grund der Antwort werde ich hier Anker werfen. Neapel ist von Teufeln bewohnt. In Rom muß man zu sehr heucheln. Florenz und Genua langweilen mich. Bleiben einzig Mailand und Venedig. 19. Juli nachmittags. Ich las heute die Kapitulation von Paris. Nach dem Intermezzo der »hundert Tage«, der Rückkehr Napoleons von Elba. Nach seiner Niederlage bei Belle-Alliance (18. Juni) rückten die Alliierten am 7. Juli in Paris ein. Alles ist verloren, auch die Ehre! Am 20. gebe ich ein Diner zu sieben Personen, die einzige vornehme Weise für einen Fremden, empfangene Höflichkeiten zu erwidern, besonders eindrucksvoll einem Lande, das durch den Geiz in Diners auffällt. Vorgestern Diner von vier Personen, stets in dem ausgezeichneten Restaurant Pedrocchi, dem besten in Italien und fast gleichwertig mit Paris. Ich wäre glücklich, könnte ich mir das Herz ausreißen. So sagte ich mir in Padua in einem Anfall von Schwermut. Da zerstreuten mich die » Lettere sirmiensi « des armen Apostoli, Francesco Apostoli (1750-1816) aus Venedig. Über seine Lettere Sirmiensi « (2. Aufl., Mailand 1801) s. »Reise in Italien«, S. 61 f. der am Verhungern ist. Ein unterhaltendes Buch, obwohl akademisch. Br. verliert um fünfzig Prozent seines Ansehens bei der Lady Simonetta. Muß mein Glück denn von den Frauen abhängen? Venedig. Meine Reisen verlieren fünfzig Prozent an Kolorit. Ich schreibe immer nur, wenn ich kein Glied mehr rühren kann. Am 22. Juli abends kam ich mit der Briefpost von Padua in Venedig an. Ich war todmüde. Ich schlafe in der Regina d'Inghilterra. Als ich um elf Uhr ausgehe, ist der erste Mensch, den ich treffe, Vald... Er schlägt mir ein Seebad mitten im Kanal der Giudecca vor, mittels einer kleinen Leiter, die an die Gondel angehängt wird. Das ist sehr angenehm und vermutlich sehr bekömmlich. Bei der Rückkehr schreiben wir gemeinsam ein Briefchen an Gina, Angelina Pietragrua. um ihr das ganze Maß ihres Irrtums vorzuhalten, wenn sie ein elendes Loch wie Padua einer Stadt wie Venedig vorzieht, die trotz all ihres Unglücks noch zu den liebenswertesten Städten Europas gehört. Man kann nicht mehr Recht haben als wir, aber das Vergnügen, in Padua vom ersten Tage an eine Stellung in der Gesellschaft zu haben, und die Liebenswürdigkeit des Herrn Br. wird sie bestimmen, dort Anker zu werfen. Ich habe mir einen Überschlag über das Leben in Venedig gemacht. Für 3000 Franken habe ich Gondel, Theaterloge und Gasthof. Dann bleiben 5000 Franken für besondere Vergnügungen. Dies Land ist auch in seinem jetzigen Zustand vielleicht noch das heiterste in Europa. Man knüpft erstaunlich leicht Bekanntschaften an, setzt sich neben eine Frau, mischt sich ohne weiteres in die Unterhaltung und wiederholt dies drei- bis viermal. Gefällt man ihr, so besucht man sie, und nach vierzehn Tagen, wenn man das erstemal mit ihr in der Gondel sitzt, hat man sie lieb. Das ist nicht der Traum eines jungen, ahnungslosen Gecken, sondern das strenge Ergebnis der Erfahrung. Am Sonntag machte Bald... der hübschesten Frau, die wir sahen, einem jungen Mädchen, schöne Augen, und zwar sehr dreist, ja in meinen Augen sehr lächerlich. Aber lächerlich waren nur meine nordischen Skrupel. Am Ende der Gesellschaft, als sie an ihm vorbeikam, machte sie ihm Zeichen. Die Eitelkeit wird hier nicht durch die Equipage des Herrn Maruzzi, Ein reicher, in Venedig lebender Russe. Vgl. »Reise in Italien«, 208 ff., 447 ff. des reichsten Bankiers, verletzt. Er hat nur eine Gondel wie ich, und niemand sieht ihn je darin. Man trifft sich auf der Piazza San Marco und sieht sich die schönsten Frauen aus der Nähe an. Ihnen vorgestellt zu werden ist kein Mysterium wie in andern Ländern, Trotz meiner Liebe zur Einsamkeit würde ich binnen Jahresfrist ganz Venedig kennen, d.h. etwa hundert der hübschesten Frauen. Danach trifft man seine Wahl. Sich am Vormittag ernstlich zu beschäftigen, ist hier gar nicht lächerlich, ganz im Gegenteil. Mein Glück besteht darin, inmitten einer großen Stadt einsam zu sein und alle Abende mit meiner Geliebten zu verbringen. Diese Bedingungen erfüllt Venedig vollkommen. Allerdings sieht der arme Fremde, der in einer Stadt weder Geliebte, noch Freunde, noch Kunstleidenschaft besitzt, sie nicht in so verführerischem Lichte. Langweilt sich das Publikum, so stößt es ihn ab; amüsiert es sich, so verdrießt es ihn. Auch Herr F. empfindet die Leere des Fremdseins. Ich habe die Gelegenheit, nach Padua zurückzukehren, eifrig ergriffen; ich fahre morgen mit Bald ... ab. Ich war in Venedig zur Zeit der größten Hitze und habe nicht den geringsten schlechten Geruch bemerkt, wohl aber den südländischen Mangel aller kleinen Bequemlichkeiten. Ich schreibe mit einer Feder, die mit der Nagelschere geschnitten ist, und mit abscheulicher Tinte. Kein Federmesser im ganzen Hotel, dem ersten des Landes. Montag, 25. Juli 1825. Im Cafe Florian las ich das Unglück und die Schmach Frankreichs. Ich meine den Einzug des Königs Ludwig XVIII. war zwei Tage nach den Alliierten in Paris wieder eingezogen. und seine ersten Handlungen. Die Partei der Dunkelmänner triumphiert. Geht hin und seht euch das an, würde ich zu den deutschen Philosophen sagen, die so gegen Bonaparte wettern, wenn sie so viel Geist hätten, mich zu verstehen. Mir bleibt nur ein Wunsch: daß die feigen Pariser von den bei ihnen einquartierten preußischen Soldaten tüchtig schikaniert werden. Die Feiglinge! Man kann Unglück haben, aber nicht die Ehre verlieren! Die Bastarde Anspielung auf seinen Vater (vgl. S. 422), der Anhänger der Bourbonen war. müssen recht zufrieden sein. Frankreich wird nur glücklich sein, solange es von einem illegitimen Fürsten beherrscht wird, d.h. von einem, der seine Stellung der Verfassung verdankt. Um mich über das große Unglück zu trösten, das die menschliche Vernunft betroffen hat, habe ich eine Rundfahrt um ganz Venedig gemacht. Um zwei Uhr habe ich an der Piazetta eine Gondel genommen, bin um die Landspitze der Gärten gefahren und schließlich am Eingang zum Canale grande geendet. Es wird lange dauern, bis ich in ein Land ohne Freiheit und Ruhm zurückkehre. Ich glaube deutlich zu erkennen, daß Venedig der passendste Aufenthalt für mich ist. Heute abend reise ich mit meinen beiden liebenswürdigen Reisegefährten ab. Alles in allem beginnt meine Reisepassion abzuflauen. Das Neue ergreift meine Seele nicht mehr mit ganzer Macht. Wenn ich nicht vier bis fünf Stunden gearbeitet habe – allerdings ist es nur ein Aufreihen von Perlen –, bin ich den Rest des Tages nicht recht zufrieden. Auf Reisen fehlt mir die Arbeit. Demnächst sagt mir am meisten eine fröhliche Gesellschaft zu, in der ich nicht die erste Rolle spiele. Der Anblick des Schmutzes, den die Menschheit unter schwierigen Verhältnissen gewährt, kurz alles, was ich in Rußland gesehen habe, verleidet mir alle etwas gefahrvollen Reisen. Ich möchte nicht mehr nach Amerika, kaum noch nach Konstantinopel. Von Italien fehlt mir nur noch Ferrara. Die Schweiz will ich mir einmal auf der Rückreise nach Paris ansehen. An Wichtigem fehlt mir nur noch England, aber auf dies Land der Puritaner brenne ich nicht. Was ich von ihnen gehört habe, und die Geschichte der Stuarts von Hume, die ich eben in Mailand las, um mich über die Schlacht bei Belle-Alliance zu trösten, hat mich abgestoßen. Zum erstenmal im Leben fühle ich wahre Vaterlandsliebe. Ich liebe zwar die platten heutigen Franzosen nicht, aber es tut mir leid um das, was sie in fünfzig Jahren hätten sein können. Ich schätze mich glücklich, unter der weisen Regierung des Hauses Österreich zu leben. Zudem kann nichts, was hier geschieht, mich berühren. Ich bin wie ein Reisender auf einem Schiff. Die Hauptsache ist Ruhe und ein gutes Theater. Padua, 26. Juli 1815. In Venedig langweilte ich mich. Die Nähe der Personen, die in Padua sind, hat mich nicht zum Kunstgenuß kommen lassen. Nächstdem kann man nichts anderes tun, als eine Liebschaft anzufangen. Sonst hat man nicht mehr Vergnügen als ein Mensch, der bei einem Souper zusieht, ohne zu essen. Ich war also sehr zufrieden, als ich gestern um Mitternacht die Barke bestieg. Für vierzehn Lire sind wir mit unserm Gepäck bis La Mira zu Wasser gefahren. Dort haben wir für weitere vierzehn Lire zwei Sediolen, eine für uns, eine für das Gepäck, genommen und sind um acht Uhr in Padua angelangt. Ich wurde mit größter Natürlichkeit und großer Zärtlichkeit empfangen. Ich bin höchst zufrieden mit meiner Reise, obwohl ich wahrscheinlich morgen abend wieder abreisen muß. Die Gräfin Simonetta kommt Sonntag nach Venedig. Sie sagte mir, seit sie aus meinem Briefe ersehen hätte, daß Venedig mir mehr zusagte als Padua, hätte sie nicht mehr an Padua gedacht. Das merkwürdigste dabei ist, daß dies wahr zu sein scheint. Wenn solche Aufrichtigkeit zwischen uns herrscht, bliebe mir nichts mehr zu wünschen. 27. Juli. Der liebenswürdige ... redet nicht mit mir, aber er blickt Gina traurig an, obwohl sein Gesicht heiter ist. Das besagt, daß er eifersüchtig ist. Hat er ein Recht dazu, oder sind es lediglich enttäuschte Hoffnungen? Heute vormittag ging ich zur Gräfin Simonetta. I have had her , Ich habe sie besessen. aber sie sprach etwas von unseren Verabredungen. Die Illusion von gestern morgen war dahin. Ich hatte kein Vergnügen dabei. Bei mir tötet die Politik die Wollust, offenbar, weil sie alle Nervenkraft in das Gehirn zieht. Montag früh kommt sie nach Venedig, eine angenehme Gesellschaft für mich. Schade, daß sie nicht einen Eingeborenen mit hat, der gut redet, um ihr die Stadt zu zeigen. Das Fehlen eines solchen kann ihr eine der heitersten Städte Europas verleiden. 23. August 1815. Bruch. Der endgültige Bruch mit Angela erfolgte erst im Dezember 1815, nachdem er sie durch Verrat ihrer Kammerzofe auf frischer Tat bei einer Untreue ertappt hatte. (Chuquet 156.) – Im letzten Jahrhundert war man der Durchschnittsmeinung voraus, wenn man auf den heiligen Paulus schalt. Im jetzigen wird den Titel Philosoph verdienen, wer die Zweckmäßigkeit der unebenbürtigen Herrscher nachweist und den Menschen klar macht, daß es außer der englischen Verfassung kein Heil gibt. Träumerei am Gestade bei Genua Recco, 8. September 1816. Man feierte das Fest der Madonna in Recco. Ich bin mit den jungen Töchtern des früheren Dogen S... hingeritten, die in Flandern in einem Kloster erzogen sind. Wir waren unser zehn, alle auf Eseln; wir führten uns selbst ein Theater auf, während wir auf der schmalen Straße am Meeresstrand ritten, die immerfort bergauf und bergab über die Vorgebirge führt, deren Spitzen die Wellen benetzen. Eine tolle, echt italienische Lustigkeit ohne jede Ziererei. Ich benutze diese Freiheit, verlasse den Schwarm bei der Ankunft in Recco und gehe zu Fuß am Strande hin. Ich habe einst bedauert, nicht in Italien geboren zu sein. Aber was ist sinnloser, als sich die Seele durch Ereignisse vergiften zu lassen, die nun einmal stattfinden mußten!... Wäre es nicht tausendmal besser, nicht an diese Ereignisse zu denken wie die jungen Italienerinnen? Was ist für jeden Menschen Wirklichkeit, wenn nicht sein eignes Dasein? Und ich sollte die kurze Spanne zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Jahr, die ich ganz für mich habe, mit Tränen und Seufzern verlieren, weil gewisse Ereignisse in der ewigen Verkettung des Schicksals stattgefunden haben? Was ist schwächlicher, was lächerlicher? Ich habe kein Bedauern für meine verflossenen Ehren und Würden, nur Bedauern für das Unglück der Menschheit. Aus falscher Philosophie spottet man über die Unwissenheit der Italiener, aber bei etwas mehr Lebenserfahrung beneidet man diese glückliche Unwissenheit. Die Geschichte ist für sie weiter nichts als die Daten der Ereignisse und der Todesjahre der Päpste; sie haben nicht das Unglück gehabt, die Menschheit zu lieben. Sie glauben fest, daß alles in hundert Jahren genau so sein wird wie hundert Jahre zuvor, und dieser glückliche Irrtum nimmt ihren Seelen alle Bangigkeit. Geschichte und Mythologie ist für Italiener das gleiche, etwas, das man wissen muß, um in der Gesellschaft nicht unangenehm aufzufallen. All ihr Denken gilt der Gegenwart und dem Liebesglück. Diese Gedanken haben mich über eine Stunde weit von Recco fortgeführt, am Fuße der einsamen Berge. Die Sonne ist untergegangen. Ich habe mich an den Meeresstrand gesetzt; der Wogenschaum bricht sich zu meinen Füßen. Ein Schritt weiter, und ich bin nicht mehr. Ich sitze am Rande der Ewigkeit. Der westliche Himmel ist dunkler geworden, der Mond ist aufgegangen. Die Bitterkeit meines Kummers ist verschwunden, und ich finde zwei Stunden eines Glückes, das gewiß düsterer ist, aber die ganze Seele mehr erfüllt als das Glück unsrer jungen Italiener. Sie wissen nicht, was es heißt, sein Leben ohne Liebe zu verbringen, ein Wanderleben zu führen, alle vierzehn Tage den Wohnort zu wechseln, alle Wallungen der Jugend für eine edle Sache oder für das, was man dafür hält, zu opfern. Das alles ist für sie Mythologie... Und dann, sagte ich mir, habe ich einen falschen Lebensweg eingeschlagen. Noch acht bis zehn Jahre, und das Glück, nach dem ich mich sehne und das ich doch nicht verfolge, wird für mich auf immer vorüber sein. Wer denkt mit vierzig Jahren noch an Liebe! Die schönsten Erinnerungen des Menschengeschlechts und seine tiefste Sehnsucht knüpfen sich an die Küsten, die vor mir liegen. Alles, was die Menschheit an Freiheit, Glück, Macht über die Natur und Wissen besitzt, führt uns, wenn wir seinem Ursprung nachgehen, zu diesen zaubervollen Gestaden des Mittelmeers. Aber der Geist des Christentums und sein geheimer Verbündeter, der Geist des Despotismus, brachten das schlimmste Unglück über diese Küsten von Spanien bis Griechenland, die unter der Herrschaft des olympischen Zeus und des delphischen Apollo ebenso glücklich durch ihre Lebensgewohnheiten wie durch ihr Klima gewesen sind... Ich höre das Knallen der Flinten und Moltarelli (Böller), die die habsüchtigen und räuberischen Bewohner zu Ehren der Madonna abfeuern. Es stört kaum die Einsamkeit dieser Berge, die zur Zeit des Augustus und Tiberius so stark bevölkert und von einem so glücklichen Volke bewohnt waren. Nein, die Gestade keines andern Meeres besitzen diesen Reiz heroischer Erinnerungen. Wie viel größer wird der Reiz der Heldengeschichte des Marschalls Ney durch seinen Tod! Der Marschall Michel Ney war am 7. Dezember 1815 erschossen worden, weil er bei der Rückkehr Napoleons von Elba zu diesem übergegangen war. Napoleons und Frankreichs Unglück waren der einzige Zauber, der diesen erhabenen Gefährten unserer Jugendzeit fehlte. Als Künstler bin ich fast versucht, mich über die Schlacht bei Waterloo zu freuen. »So also«, werden künftige Geschlechter sagen, »ging der Mann unter, der uns vor achtzehnhundert Jahren Christentum und Feudalwesen erlösen wollte!« Zur Vorbereitung dieses großen Tages verschwand überall das Verbrechen; Raub und Mord wurden an denselben Gestaden bestraft, wo man heute mit einem Räuberhauptmann verhandelt. Um 1900 wird Europa nur ein Gegenmittel für die ungeheure Volkszahl und die tiefe Vernunft Amerikas haben: nämlich seine Zivilisation auf Kleinasien, Griechenland und Dalmatien auszudehnen, d.h. ihnen die gleiche Stufe der Freiheit zu geben, die in Pennsylvanien herrscht. Es ist zehn Uhr. Das Schauspiel wird jeden Augenblick herrlicher. Der strahlende Mond steht mitten am funkelnden Himmel. Ich habe keine andere Waffe als meinen Dolch. Wenn die Bauern vom Fest der Madonna zurückkehren und einer Signore in so schöner Lage finden, würden sie ihn gewiß ohne Zaudern ins Meer werfen... Ich gehe fort. 9. September. Gestern abend um elf Uhr kehrte ich nach Recco zurück. Eine Miglie vor dem Dorfe traf ich die Damen, hörte den Klang der Pfeifen und Klarinetten. Das Dorf war reich illuminiert. Man machte mir ernstliche Vorwürfe wegen meiner Unvorsichtigkeit. Eine Dame, die mich auf dem ganzen Wege herausfordernd geneckt hatte, nötigte mich zum Tanzen. Das währte bis zwei Uhr früh. Endlich Souper. Heute schäme ich mich fast über meine Bleistiftaufzeichnungen von gestern abend und noch mehr über die Gefühle, die mich ergriffen hatten und für die ich keinen Ausdruck fand. Nach solchen Ekstasen der Schwermut bin ich linkisch und schüchtern. Die junge, schöne zwanzigjährige Sposa, die ich nicht kannte und die ich in Genua nicht wiedersehen kann, hat mir unglaublich herausfordernde Bemerkungen gemacht, und ich stand mit offenen Augen ganz blöde da, als wäre ich aus dem Mond gefallen. Morgen denkt sie vielleicht nicht mehr an mich, ja sie macht sich wohl gar über mich lustig, wenn ich mir einbilde, daß es morgen ebenso sein wird wie gestern. Die Sinnenliebe ist wie der Ruhm in der Armee; sie läßt sich nur einen Augenblick erfassen. Begegnung mit Lord Byron (1816) Aus einem Brief an Louise Swanton Belloc (»Correspondance«, II, 342 ff.). Vgl. die etwas abweichende Darstellung in den »Erinnerungen an Lord Byron« (»Reise in Italien«, S. 416 ff.). Byron weilte mit seinem Freund Hobhouse vom 12. Oktober bis 3. November 1816 in Mailand. Im Herbst 1816 lernte ich Lord Byron im Scalatheater in Mailand in der Loge des Herrn Lodovico di Breme kennen. Tiefen Eindruck machten mir seine Augen, als er ein Sextett aus der Oper »Elena« von Mahr anhörte. Nie im Leben habe ich etwas Schöneres und Ausdrucksvolleres gesehen. Noch jetzt, wenn ich mir überlege, welchen Ausdruck ein großer Maler dem Genius geben sollte, taucht dieser herrliche Kopf plötzlich wieder vor mir auf. Einen Augenblick war ich voller Begeisterung, und vergaß den berechtigten Widerwillen jedes etwas stolzen Mannes, sich einem englischen Peer vorstellen zu lassen. Ich bat Herrn di Breme, dies zu tun. Am nächsten Tage speiste ich mit Lord Byron und dem berühmten Monti, Über Vincenzo Monti (1754–1828) und seine Werke s. »Reise in Italien«, S. 411 ff. dem unsterblichen Verfasser der » Basvigliana «. Das Gespräch drehte sich um Poesie; man fragte sich, welches die zwölf schönsten Verse seien, die seit einem Jahrhundert auf französisch, italienisch und englisch gedichtet seien. Die anwesenden Italiener nannten einstimmig die zwölf ersten Verse von Montis » Mascheroniana «. Monti war so gütig, sie uns aufzusagen. Ich beobachtete Lord Byron; er war entzückt. Der Anflug von Hochmut, der sein schönes Antlitz etwas entstellt, verschwand sofort und machte dem Ausdruck des Glückes Platz. Durch den Beifall seiner Zuhörer hingerissen, sagte Monti fast den ganzen ersten Gesang der » Mascheroniana « auf. Er machte dem Dichter des » Childe Harold « den lebhaftesten Eindruck. Nie werde ich den göttlichen Ausdruck seiner Züge vergessen; es war die heitere Miene der Macht und des Genies. In jenem Augenblick hatte Lord Byron sich keine Affektiertheit vorzuwerfen. Man verglich die tragischen Systeme von Alfieri und Schiller. Lord Byron fand es höchst lächerlich, daß Don Carlos in Alfieris »Philipp II.« schon in der ersten Szene ohne jede Schwierigkeit ein Gespräch unter vier Augen mit der Gemahlin des argwöhnischen Philipp hat. Monti, der als Schaffender so genial ist, brachte über die Theorie so seltsame Begründungen vor, daß Lord Byron seinem Nachbar »Monti philosophierte eines Tages über die Theorie der Dichtkunst in Gegenwart des berühmten Lord Byron und des Historikers Hobhouse . Er richtete das Wort an mich und gab alle alten Theorien zum besten. Es sei besser, daß der Dichter schildere, wie Minerva den Arm des Achill hemmt, als einen Helden in allen Ängsten des Zornes oder im Ringen mit einem Entschluß darzustellen. Da rief Hobhouse plötzlich aus: » He knows not, how he is a poet. « Brief Stendhals an Louis Crozet vom 31. Dezember 1816). – John Cam Hobhouse, Lord Broughton (1786–1869), liberaler Staatsmann, Schulgefährte und Reisebegleiter Byrons, der ihm den 4. Gesang seines obenerwähnten » Childe Harold « widmete. ins Ohr flüsterte: » He knows not how he is a poet. « (Er weiß nicht, wie sehr er Dichter ist.) Von jenem Tage an verbrachte ich fast alle Abende mit Lord Byron. Allemal, wenn dieser eigenartige Mann in Stimmung war und mit Begeisterung sprach, waren seine Ansichten edel, groß, hochherzig, kurz auf der Höhe seines Genius. Aber in den prosaischen Augenblicken des Lebens schienen mir die Ansichten des Dichters auch sehr gewöhnlich. Es mischte sich viel kleinliche Eitelkeit hinein, eine stete kindische Angst, lächerlich zu erscheinen, und bisweilen, wenn ich so sagen darf, jene Heuchelei, die die Engländer cant nennen. Und mir schien, daß Lord Byron stets bereit war, einen Kompromiß zu schließen, um ein Lob zu ernten. Etwas, das besonders den Italienern auffiel, war, wie leicht zu erkennen war, daß dieser große Dichter viel stolzer darauf war, ein Nachkomme der normannischen Byrons zu sein, die Wilhelm dem Eroberer nach England folgten, als »Parisina« und »Lara« gedichtet zu haben. Ich hatte das Glück, seine Neugier zu erregen, indem ich ihm persönliche Einzelheiten über Napoleon und den Rückzug aus Rußland gab, die im Jahre 1816 noch kein Gemeinplatz waren. Diese Art von Verdienst verschaffte mir den Vorzug, mit ihm allein mehrmals in dem riesigen, leeren Vestibül der Scala auf und ab zu promenieren. Der große Mann erschien allabendlich eine halbe Stunde lang; dann entspann sich die schönste Unterhaltung, die ich in meinem Leben gefunden habe, ein Vulkan neuer Ideen und hochherziger Ansichten, so eng verstrickt, daß man diese Ansichten zum erstenmal zu genießen wähnte. Den Rest des Abends war der große Mann derart Engländer und Lord, daß ich mich nie entschließen konnte, eine Einladung zum Diner bei ihm anzunehmen, obwohl er sie von Zeit zu Zeit wiederholte. Er arbeitete damals an seinem » Childe Harold «; jeden Morgen schrieb er hundert Verse, die er am Abend auf zwanzig bis dreißig zusammenstrich. Zwischen diesen beiden Arbeiten hatte er ein Bedürfnis nach Ruhe. Diese notwendige Zerstreuung fand er, indem er nach Tisch plauderte, mit aufgestemmten Ellbogen und, wie man sagte, mit liebenswürdigster Natürlichkeit. Ich bemerkte, daß Lord Byron in seinen genialen Augenblicken Napoleon bewunderte, wie dieser Corneille bewunderte. In den gewöhnlichen Augenblicken, wo Lord Byron sich als vornehmer Herr fühlte, suchte er den Verbannten von Sankt Helena lächerlich zu machen. Er beneidete Napoleon um die glänzenden Seiten seines Charakters; seine erhabenen Worte ärgerten ihn. Es verdroß ihn, als wir an die berühmte Ansprache an die Truppen bei der Expedition nach Ägypten erinnerten: »Soldaten, bedenkt, daß vierzig Jahrhunderte von diesen Pyramiden auf euch herabblicken!« Lord Byron hätte es Napoleon eher verziehen, wenn er das etwas spießbürgerliche Wesen Washingtons gehabt hätte. Das Spaßigste war, daß es nicht das Despotische in Napoleons Charakter war, was den englischen Peer abstieß. Eines Abends, als Lord Byron mir die Ehre erwies, im Vestibül der Scala mit mir zu promenieren, wurde ihm gemeldet, daß der wachthabende österreichische Offizier seinen Sekretär Polidori, einen Arzt, verhaftet hätte. Sofort nahm Lord Byrons Antlitz eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Ausdruck Napoleons an, wenn er in Zorn geriet. Sieben bis acht Personen begleiteten ihn nach der Wachtstube; seine verhaltene Entrüstung und Energie während der vollen Stunde, die die plebejische Wut des Österreichers dauerte, war prachtvoll. Bei der Rückkehr in die Loge des Herrn di Breme begann man die aristokratischen Grundsätze zu preisen, die gewöhnlich sehr nach dem Geschmack Lord Byrons waren. Er war empfindlich gegen den Scherz und verließ die Loge voller Wut, aber ohne im mindesten gegen den Ton vollendeter Höflichkeit zu verstoßen. Kurz darauf veranlaßte mich Herr di Breme, Lord Byron ins Breramuseum zu führen. Ich bewunderte die Tiefe, mit der dieser große Dichter die gegensätzlichsten Maler begriff, Raffael, Guercino, Luini und Tizian. »Hagars Verstoßung« von Guercino elektrisierte ihn. Seit diesem Augenblick ließ die Bewunderung uns verstummen; eine Stunde lang improvisierte er und nach meiner Ansicht besser als Frau von Staël. Was mich an diesem eigenartigen Manne am meisten betroffen machte, besonders wenn er über Napoleon herzog, das war, daß er – wenigstens nach meiner Meinung – keine wirkliche Menschenkenntnis besaß. Sein Stolz, sein Stand, sein Ruhm hatten ihn bisher daran gehindert, mit Menschen wie mit Gleichstehenden zu verkehren. Sein Hochmut und sein Mißtrauen hatten sie ihm stets zu weit vom Leibe gehalten, um sie beobachten zu können; er war zu gewohnt, nichts zu unternehmen, was er nicht siegreich durchführen konnte. Dafür beobachtete man bei ihm eine Menge feiner, richtiger Ideen, wenn man auf die Frauen kam, mit denen er verkehrte, denn er hatte das Bedürfnis, ihnen zu gefallen und sie zu betrügen. Er beklagte die Engländerinnen, die Frauen in Genf, Neuchâtel usw. Was seinem Genie abging, war, daß er es niemals nötig gehabt hatte, mit Gleichstehenden zu unterhandeln und zu diskutieren. Wäre er aus Griechenland Lord Byron ging 1823 nach Griechenland, um sich an dem Freiheitskampfe gegen die Türken zu beteiligen. Er starb 1824 in Missolunghi. zurückgekehrt, so hätten seine Talente nach meiner Überzeugung plötzlich um die Hälfte zugenommen. Durch Friedensvermittlung zwischen Mavrokrodato und Kolokotronis hätte er positive Kenntnisse über das Menschenherz erworben. Dann hätte Lord Byron sich vielleicht zur Höhe der echten Tragödie erhoben. Er hätte weniger Anwandlungen von Menschenverachtung gehabt, hätte nicht stets gewähnt, daß seine ganze Umgebung sich mit ihm beschäftigte, um ihn zu beneiden oder zu betrügen. Die Anlage zum Misanthropen, die dieser große Mann hatte, war durch die englische Gesellschaft auf die Spitze getrieben worden. Wie seine Freunde bemerkten, wurde er um so glücklicher und gütiger, je mehr er mit Italienern verkehrte. Setzt man an Stelle seiner finsteren Laune kindische Wutanfälle, so wird man finden, daß Lord Byrons Charakter auffällige Verwandtschaft mit dem Voltaires aufweist. Erinnerungen eines Ichmenschen (Souvenirs d'egotisme) Erstes Kapitel Rom, 20. Juni 1832. Um meine Mußestunden in diesem fremden Lande auszufüllen, möchte ich eine kleine Denkschrift über meine Erlebnisse während meines letzten Aufenthaltes in Paris vom 21. Juni 1821 bis 6. November 1830 aufsetzen. Seit zwei Monaten, seit ich die Neuheit meiner Lage überwunden habe, quäle ich mich selbst, irgendeine Arbeit vorzunehmen. Ohne Arbeit hat das Lebensschiff keinen Ballast. Ich gestehe, mir fehlte der Mut zum Schreiben, hätte ich nicht die Hoffnung, daß diese Blätter eines Tages gedruckt werden und daß irgendeine Seele, die ich liebe, sie liest, ein Wesen wie Madame Roland [ S. Seite 8. Sie wünschte er sich auch als Leserin seines Buches »Über die Liebe« (Band IV dieser Ausgabe, S. 28). oder der Mathematiker Gros. Seite 155 ff. Aber die Augen, die dies lesen werden, haben kaum das Licht der Welt erblickt. Meine künftigen Leser dürften jetzt zehn bis zwölf Jahre zählen. Habe ich mir soviel Glück wie möglich aus den Verhältnissen gesogen, in die mich der Zufall in den neun Jahren meines Pariser Aufenthaltes geworfen hat? Was für ein Mensch bin ich? Habe ich gesunden Verstand? Habe ich einen tiefen gesunden Verstand? Habe ich einen bemerkenswerten Geist? Wahrlich, ich weiß es nicht. Bei meinen täglichen Erlebnissen stelle ich mir diese Grundfragen selten, und zudem wechseln meine Urteile mit meiner Stimmung. Meine Urteile sind bloße Einfälle. Sehen wir zu, ob ich bei dieser Gewissensprüfung mit der Feder in der Hand etwas Tatsächliches erreiche, das für mich lange als wahr gilt. Was werde ich von dem halten, was ich hier niederschreibe, wenn ich es im Jahre 1835 wieder durchlese, falls ich dann noch am Leben bin? Wird es wie bei meinen gedruckten Werken sein, die ich nur mit tiefer Schwermut wieder lese, wenn ich keine anderen Bücher habe? Seit den vier Wochen, wo ich daran denke, fühle ich einen wahren Widerwillen dagegen, nur von mir zu sprechen, von der Anzahl meiner Hemden, von dem, was meiner Eigenliebe zustieß. Andrerseits bin ich fern von Frankreich und habe alle Bücher gelesen, die in dies Land (Italien) eindringen. Meiner Herzensneigung folgend, hätte ich gern einen Roman über eine Liebesgeschichte geschrieben, die sich 1813 in Dresden in meinem Nachbarhause zutrug. Aber meine kleinen Amtspflichten stören mich zu oft, oder besser gesagt, wenn ich mein Papier vornehme, bin ich nie sicher, eine Stunde lang nicht unterbrochen zu werden. Solche kleinen Störungen ertöten meine Phantasie völlig. Nehme ich mein Phantasiegebilde wieder auf, so ist es mir verleidet. Darauf wird ein kluger Mann antworten: man muß sich bezwingen. Darauf entgegne ich: Es ist zu spät. Ich bin neunundvierzig Jahre alt. Nach so viel Abenteuern wird es Zeit, an ein möglichst gutes Lebensende zu denken. Mein Hauptbedenken war nicht die Eitelkeit, die darin liegt, sein Leben zu beschreiben. Ein Buch über diesen Gegenstand ist wie jedes andre; ist es langweilig, so wird es sehr bald vergessen. Ich fürchtete, die glücklichen Augenblicke meines Lebens durch ihre Beschreibung und Zergliederung zu entweihen. Das also will ich nicht; ich werde das Glück übergehen. Der Geist der Poesie ist tot, doch der Geist des Mißtrauens ist in die Welt gedrungen. Ich bin fest überzeugt, das einzige Mittel, um dem Leser die ewigen Ichs erträglich zu machen, ist völlige Aufrichtigkeit. Werde ich den Mut haben, demütigende Dinge ohne endlose Beschönigungen zu schreiben? Ich hoffe es... Ich kenne mich selbst nicht, und das bringt mich manchmal in Verzweiflung, wenn ich des Nachts darüber nachsinne. Habe ich es verstanden, das Beste aus den Zufällen zu machen, in die mich die Allmacht des (stets verehrten) Napoleon im Jahre 1810 versetzte? Oder aus unserm Sturz in den Dreck im Jahre 1814 und unsern Anstrengungen im Jahre 1830, wieder herauszukommen? Ich fürchte, nein. Ich habe aus Laune und Zufall gehandelt. Hätte mich jemand in der gleichen Lage um Rat gefragt, so hätte ich ihm oft wichtige Ratschläge gegeben. Freunde und geistige Nebenbuhler haben mir das hoch angerechnet. Im Jahre 1814 bot mir der Polizeiminister Graf Beugnot die Stellung eines Direktors des Verpflegungswesens von Paris an. Ich bewarb mich um nichts, ich hätte die Stellung sehr gut annehmen können. Ich gab Beugnot, einem Manne, der eitel wie zwei Franzosen war, eine Antwort, die ihn nicht gerade ermutigte; er muß sehr verletzt gewesen sein. Der Mann, der an meine Stelle kam, Van Lerbergue. (Chuquet 147.) trat nach vier bis fünf Jahren zurück; er war des Geldverdienens müde und soll nicht gestohlen haben. Meine grenzenlose Verachtung für die Bourbonen bewog mich, Paris wenige Tage nach Ablehnung des verbindlichen Anerbietens des Grafen Beugnot zu verlassen. Mein Herz war durch den Sieg alles dessen zerrissen, was ich verachtete und nicht hassen konnte. Es fand einige Erquickung an der aufkeimenden Liebe zur Gräfin Curial, Im Urtext der Deckname Gräfin Dulong. Gräfin Clementine Curial war die Tochter der Gräfin Beugnot, der Beyle sein Erstlingswerk, die »Briefe über Haydn, Mozart und Metastasio«, gewidmet hatte. die ich täglich im Hause Beugnots sah und die zehn Jahre später eine große Rolle in meinem Leben gespielt hat. Damals zeichnete sie mich aus, nicht weil ich liebenswürdig war, sondern als Sonderling. Sie sah mich als Freund einer recht häßlichen Frau von großem Charakter, der Gräfin Beugnot. Ich habe stets bereut, sie nicht geliebt zu haben. Wie herrlich ist es, mit einem geistig hochstehenden Wesen vertraulich zu sprechen. Diese Einleitung ist recht lang geworden, aber ich muß mit einem so traurigen und heiklen Thema beginnen, daß mein Verstand mich schon warnt und ich Lust habe, die Feder fortzulegen. Aber im ersten Augenblick der Einsamkeit würde es mich gereuen. Ich verließ Mailand, um nach Paris zu gehen, im Juni 1821, mit einer Barschaft von 3500 Franken. Ich glaube, ich hielt es für das einzige Glück, mich nach dem Verbrauch dieser Summe totzuschießen. Nach dreijährigen vertrauten Beziehungen verließ ich eine Frau, Mathilde Dembowska, geb. Viscontini (1790–1825), die Gattin des Generals Dembowski, eines geborenen Polen, der Brigadegeneral in der Armee des Vizekönigs Eugen Beauharnais gewesen war. Paul Arbelet hat in der »Revue bleue« vom 29. April 1905 ein eigenartiges Romanfragment veröffentlicht, worin Beyle – unter den ihm geläufigen Standeserhöhungen – seine unglückliche Liebe zu ihr künstlerisch zu gestalten suchte, um dadurch ihr Herz zu rühren. – Ihr Bildnis in der 2. Auflage des Buches »Über die Liebe« (Band 4 dieser Ausgabe). die ich anbetete, die mich liebte und die mich doch nie erhört hat. Nach so vielen Jahren suche ich noch die Gründe ihres Verhaltens zu erraten. Sie stand in schlimmem Rufe, obwohl sie nur einen einzigen Liebhaber gehabt hatte, aber die Damen der Mailänder Gesellschaft rächten sich derart an ihrer Überlegenheit. Die arme Mathilde verstand es nie, gegen diesen Feind vorzugehen, noch ihn zu verachten. Eines Tages, wenn ich sehr alt, sehr kalt geworden bin, werde ich vielleicht den Mut finden, von den Jahren 1818 bis 1821 zu sprechen. Im Jahre 1821 widerstand ich nur mit großer Mühe der Versuchung, mich totzuschießen. Ich zeichnete eine Pistole an den Rand eines schlechten Liebesdramas. Vielleicht geschah es aus politischer Neugier, daß ich damals kein Ende machte. Vielleicht auch hatte ich unbewußt Angst, mir weh zu tun. Schließlich nahm ich Abschied von Mathilde. »Wann kommen Sie wieder?« fragte sie. »Ich hoffe, nie.« Es kam zu einer letzten Stunde voller Ausflüchte und vergeblicher Worte. Ein einziges hätte mein Leben anders gestalten können, ach! für nicht lange. Diese engelhafte Seele in einem so schönen Körper ist im Jahre 1825 aus dem Leben geschieden. Endlich reiste ich ab, in einem Zustande, den man sich vorstellen kann. Von Mailand fuhr ich nach Como, jeden Augenblick in Furcht und fast überzeugt, daß ich umkehren würde. Diese Stadt, in der ich nicht länger bleiben zu können glaubte, ohne zu sterben, ich konnte sie nicht ohne das Gefühl verlassen, man entrisse mir meine Seele. Mir war, als ließe ich dort mein Leben. Was sage ich: gab es ein Leben ohne sie? Bei jedem Schritt, der mich von ihr entfernte, fühlte ich mein Leben entschwinden. Ich atmete nur noch mit Seufzen. (Shelley.) Bald war ich ganz verblödet. Ich unterhielt mich mit den Postillionen und ging ernstlich auf ihre Betrachtungen über die Weinpreise ein. Das Schrecklichste war, daß ich mich dabei selbst beobachtete. Ich fuhr über Lugano, Bellinzona, Airolo. Beim Klang dieser Namen schaudere ich noch heute. Ich gelangte zum Sankt Gotthard, der damals noch schrecklich war. Ich ritt über den Paß, in der stillen Hoffnung, zu stürzen und mich gründlich aufzuschinden. Obgleich ich alter Kavallerieoffizier bin und mit dem Pferd oft gestürzt bin, habe ich doch eine Scheu vor dem Sturz auf Geröll, das unter der Last des Pferdes nachgibt. Der Führer, der mich begleitete, hielt mich schließlich an und sagte, ihm läge zwar wenig an meinem Leben, aber sein Verdienst würde geschmälert und niemand würde ihn mehr annehmen, wenn man erführe, daß einer seiner Reisenden abgestürzt sei. Ich behauptete, krank zu sein und nicht gehen zu können. Mit diesem Führer, der sein Schicksal verfluchte, kam ich bis Altdorf. Ich starrte alles blöde an. Ich bin ein großer Verehrer Wilhelm Tells, obwohl die Lohnschreiber aller Länder behaupten, er hätte gar nicht gelebt. In Altdorf, glaube ich, rührte mich ein schlechtes steinernes Standbild Tells, eben weil es schlecht war. So also, sagte ich mir mit sanfter Schwermut, der zum erstenmal die starre Verzweiflung wich, so also gestalten sich die schönsten Dinge in den Augen gemeiner Menschen. So erschien Mathilde im Salon der Frau Traversi. Der Anblick dieses Standbildes tröstete mich etwas. Ich fragte nach der Tellskapelle. »Sie werden sie morgen sehen.« Am nächsten Morgen bestieg ich ein Boot in recht übler Gesellschaft; es waren Schweizer Offiziere aus der Schweizer Garde Ludwigs XVIII., die nach Paris fuhren. Hierher gehört eine vier Seiten lange Beschreibung von Altdorf, Gersau, Luzern, Basel, Belfort, Langres und Paris. Da ich aber nur von geistigen Dingen schreibe, langweilt mich eine Schilderung von Äußerlichkeiten. Frankreich und besonders die Umgegend von Paris hat mir stets mißfallen, ein Beweis, daß ich ein schlechter Franzose und ein boshafter Mensch bin, wie mir später Cuviers Schwiegertochter sagte. Mein Herz krampfte sich zusammen, als ich von Basel nach Belfort kam und statt der hohen, wenn auch nicht schönen Schweizer Berge die scheußliche flache Champagne sah. Wie häßlich sind die Frauen! sagte ich mir in einem Dorfe, wo ich sie mit blauen Strümpfen und Holzschuhen sah. Später sagte ich mir jedoch: Wie höflich, wie zuvorkommend sind sie! Welches Gerechtigkeitsgefühl in ihren bäurischen Gesprächen! Langres hat eine Lage wie Volterra, eine Stadt, die mir damals teuer war – als Schauplatz einer meiner kühnsten Taten in meinem Kriege mit Mathilde. Er war ihr im Juni 1818 nach Volterra nachgereist und hatte sie bis in die Schulanstalt verfolgt, wo ihre beiden Söhne waren. Ich dachte an Diderot – bekanntlich der Sohn eines Messerschmieds aus Langres – und an seinen »Jacques le fataliste« , das einzige Werk von ihm, das ich schätze, und zwar weit höher als die »Reise des Anacharsis« »Voyage du jeune Anacharsis en Grèce« (Paris 1788, 4 Bde.) vom Abbé Jean Jacques Barthélemy (1716–95). und hundert andre, von Pedanten geschätzte Schmöker. Das schlimmste Unglück, rief ich aus, wäre das, wenn die nüchternen Menschen, meine Freunde, unter denen ich nun leben werde, meine Leidenschaft zu einer Frau verrieten, die mich nie erhört hat! Das sagte ich mir im Juni 1821. Jetzt, im Juni 1832, erkenne ich zum erstenmal, daß diese ewig wiederkehrende Furcht zehn Jahre lang das Leitmotiv meines Lebens war. Deswegen bin ich geistreich geworden, etwas, das mir im Jahre 1818 in Mailand, als ich Mathilde liebte, äußerst verächtlich war. Ich fand Paris mehr als häßlich, es beleidigte meinen Schmerz. Ich hatte nur den einen Gedanken: nicht erraten zu werden. Ich zog in die Rue Richelieu, ins Hotel de Bruxelles, das ein gewisser Petit, ein früherer Kammerdiener des Herrn von Damas, führte. Durch seine Höflichkeit, Grazie und Schlagfertigkeit, seine völlige Gefühlsarmut, seinen Abscheu vor jeder tiefen Seelenregung, seine lebhafte Erinnerung an Freuden der Eitelkeit, auch wenn sie dreißig Jahre zurücklagen, seine völlige Ehrlichkeit in Geldsachen erschien er mir als das Muster eines Franzosen von ehemals. Ich gab ihm schleunigst den Rest meiner Barschaft von 3000 Franken zum Aufheben. Gegen meinen Willen stellte er mir eine Quittung aus, die ich umgehend verlor. Das verdroß ihn sehr, als ich mir nach ein paar Monaten mein Geld zurückgeben ließ, um nach England zu reisen, wohin mich der völlige Ekel vor Paris trieb. Ich habe sehr wenig Erinnerungen an jene leidenschaftlichen Zeiten; die Dinge glitten unbemerkt von mir ab, oder wenn ich sie wahrnahm, verachtete ich sie. Meine Gedanken weilten in Mailand auf der Piazza Belgiojoso. Ich muß mich sammeln, um mich der Häuser zu erinnern, in denen ich in Paris verkehrte. Zweites Kapitel Hier das Bild eines wackeren Mannes, mit dem ich acht Jahre lang alle meine Vormittage verbrachte. Uns verband Achtung, aber keine Freundschaft. Ich war im Hotel de Bruxelles abgestiegen, weil dort der nüchternste, trockenste Piemontese wohnte, das genauste Ebenbild des La Rancune (in Scarrons » Roman comique «), dem ich je begegnet bin. Der Baron von Mareste Im Urtext der Deckname de Lussinge. war von 1821 bis 1831 mein Lebensgefährte. Er war um 1785 geboren und im Jahre 1821 sechsunddreißig Jahre alt. Er entfremdete sich mir erst und wurde unhöflich gegen mich, als ich in den Ruf kam, geistreich zu sein. Das war nach dem furchtbaren Unglück vom 15. September 1826. Mareste war klein, vierschrötig, untersetzt, sah keine drei Schritt weit, war aus Geiz stets schlecht angezogen und von seltnem Scharfsinn. Bei unsern Spaziergängen stellte er stets Berechnungen über die Ausgaben eines in Paris allein lebenden Junggesellen an. In meinen romantischen, leuchtenden Illusionen schlug ich Genie, Güte, Ruhm und Glück eines mir begegnenden Menschen immer doppelt zu hoch an; er aber schätzte sie nur auf die Hälfte. Das war die Grundlage unserer Unterhaltung in acht Jahren; wir suchten uns von einem Ende von Paris zum andern. Bei seinen sechsunddreißig Jahren besaß er das Herz und das Hirn eines Fünfzigjährigen. Wirklich nahe gingen ihm nur persönliche Ereignisse; dann wurde er toll wie in der Zeit seiner Eheschließung. Sonst war die Gemütsbewegung ständig die Zielscheibe seiner Ironie. Mareste hatte nur eine Religion: die Achtung vor vornehmer Abkunft. In der Tat stammte er von einer Familie aus Bugey ab, die dort seit 1500 eine große Rolle spielte; sie war den Herzögen von Savoyen nach Turin gefolgt, als sie Könige von Sardinien wurden. Mareste war in Turin in der gleichen Akademie erzogen worden wie Alfieri; dort hatte er jene tiefe piemontesische Bosheit angenommen, die in der Welt einzig dasteht, aber im Grunde nichts ist als Schicksals- und Menschenverachtung. Manche Züge davon finde ich in Rom wieder, aber außerdem gibt es in Rom Leidenschaften, und da der Schauplatz größer ist, weniger Spießbürgertum. Trotzdem habe ich Mareste geliebt, bis er reich, dann geizig, furchtsam und schließlich im Verkehr unhöflich und im Januar 1830 fast unanständig wurde. Er hatte eine geizige und vor allem verrückte Mutter, die ihr ganzes Vermögen der Kirche hätte vererben können. Da dachte er ans Heiraten, damit seine Mutter an Verträge gebunden würde und ihr Hab und Gut nicht ihrem Beichtvater vermachte. Seine Ränke und Maßnahmen, als er auf Freiersfüßen ging, haben mich sehr belustigt. Mareste war im Begriff, um ein reizendes Mädchen anzuhalten, das ihn glücklich gemacht und unsere Freundschaft auf ewig besiegelt hätte: die Tochter des Generals Gilly, die später einen Advokaten Douin heiratete. Aber der General war nach 1815 zum Tode verurteilt worden, und das hätte die edle Baronin, Marestes Mutter, entsetzt. Zu seinem Glück scheiterte die Ehe mit einer Kokette, der späteren Frau Varambon. Schließlich heiratete er eine richtige Gans, groß und ganz hübsch – wenn sie eine Nase gehabt hätte. Diese Gans war ein Beichtkind des Monseigneur de Quelen, des Erzbischofs von Paris, in dessen Salon sie beichtete. Zufällig kam ich hinter die Liebschaften dieses Erzbischofs, der damals wohl ein Verhältnis mit Frau von Podinas, der Ehrendame der Herzogin von Berry, unterhielt, die vorher oder nachher die Geliebte des berüchtigten Herzogs von Ragusa war. Der Napoleonische Marschall Marmont, Herzog von Ragusa (1774–1852). Eines Tages beging ich die Indiskretion – wenn ich mich irre, ist dies einer meiner zahlreichen Fehler –vor Frau von Mareste Witze über den Erzbischof zu machen. Es war im Hause der Gräfin d'Argout. Im Urtext der Deckname Gräfin d'Avelles. Sie war die Gattin des späteren Ministers Graf Apollinaire d'Argout (1782–1858). »Liebe Kusine, gebieten Sie Herrn Beyle Stillschweigen«, rief sie wütend aus. Seitdem war sie meine Feindin, freilich mit recht seltsamen Rückfällen in die Koketterie. Aber da bin ich in eine recht lange Abschweifung geraten; ich fahre indes fort, da ich Mareste acht Jahre lang täglich zweimal sah und später auf die Baronin, eine große, üppige Erscheinung, zurückkommen muß. Mit ihrer Mitgift, seinem Gehalt als Bureauchef im Polizeiministerium und den Geschenken seiner Mutter besaß Mareste im Jahre 1828 etwa 22000 bis 23000 Franken Einkommen. Seitdem beherrschte ihn nur noch ein Gefühl: die Angst vor Verlusten. Er verachtete die Bourbonen, aber nicht wie ich aus politischen Idealen, sondern wegen ihrer Ungeschicklichkeit. Schließlich konnte er Kundgebungen ihrer Dummheit nur noch mit Zornesausbrüchen ansehen. Lebhaft und unwillkürlich sah er darin eine Gefahr für sein Eigentum. Jeder Tag gebar eine neue Torheit, wie man es aus den Tageszeitungen von 1826 bis 1830 erfahren kann. Abends ging Mareste ins Theater, aber nie in Gesellschaft; er fühlte sich in seiner Stellung etwas gedemütigt. Allmorgendlich trafen wir uns im Café, und ich erzählte ihm, was ich am Abend vorher gehört hatte. Gewöhnlich scherzten wir über unsere verschiedene Parteiansicht. Am 3. Januar 1830, glaube ich, bestritt er irgendeine bourbonenfeindliche Tatsache, die ich bei dem damaligen Staatsrat Cuvier Baron Georges Cuvier (1769 – 1832), bekannter Naturforscher. in aller Form gehört hatte. Auf diese Dummheit folgte ein langes Stillschweigen. Wir gingen stumm durch das Louvre. Ich hatte damals nur das Nötigste, er dagegen, wie gesagt, 22000 Franken. Seit Jahresfrist glaubte ich wahrzunehmen, daß er mir gegenüber einen überlegenen Ton anschlagen wollte. Bei unsern politischen Gesprächen pflegte er zu sagen: »Ach, Sie haben ja kein Vermögen!« Schließlich brachte ich das peinliche Opfer dar, das Café zu wechseln, sagte ihm aber nichts davon. Seit neun Jahren war ich täglich ins Café de Rouen gegangen. Nun besuchte ich das Café Lemblin, das berühmte liberale Kaffeehaus, ebenfalls im Palais Royal. So sah ich Mareste nur alle vierzehn Tage. Unsre Freundschaft war uns beiden zum Bedürfnis geworden; wir suchten sie wieder einzurenken, aber sie hatte nicht mehr die Kraft dazu. Musik und Malerei, über die er Bescheid wußte, gaben uns zwar einen neutralen Boden, aber die Unhöflichkeit seines Benehmens kam immer wieder schroff zum Ausbruch, sobald wir auf die Politik kamen und er Angst um seine 22 000 Franken hatte. Dann gab es kein Weiterkommen mehr. Sein gesunder Verstand hielt mich ab, mich zu sehr in meine poetischen Träumereien zu verlieren, und meine Heiterkeit – denn ich wurde heiter oder lernte, es zu scheinen – verscheuchte seine trübe Laune und seine schreckliche Furcht vor Verlusten. Als ich 1830 meine bescheidene Stellung erhielt, fand er das Gehalt wohl zu hoch. Aber schließlich sah ich ihn von 1821 bis 1828 täglich zweimal, und abgesehen von der Liebe und meinen literarischen Plänen, von denen er nichts verstand, plauderten wir lang und breit über alle unsre Handlungen, in den Tuilerien und auf dem Quai du Louvre, der zu seinem Bureau führte. Von elf bis zwölf Uhr waren wir zusammen, und oft gelang es ihm, meinen Kummer, von dem er nichts ahnte, zu verscheuchen. Damit bin ich am Ende dieser langen Abschweifung. Aber es handelte sich um die Hauptperson dieser Denkwürdigkeiten, um den Mann, auf den ich später in so scherzhafter Weise meine leidenschaftliche Liebe für Madame Azur Alberthe de Rubempré. übertrug. Er ist seit zwei Jahren ihr treuer Liebhaber, und, was noch komischer ist, er hat ihr Treue beigebracht. Sie ist eine der am wenigsten puppenhaften Französinnen, die ich kenne. Doch ich will nicht vorgreifen; nichts ist bei dieser ernsten Geschichte schwieriger, als die zeitliche Reihenfolge innezuhalten. Wir sind also im August 1821, wo ich mit Mareste im Hôtel de Bruxelles wohnte und mit ihm um fünf Uhr zu der ausgezeichneten Wirtstafel ging. Dort konnte Mareste, der sich stets scheute, mich seinen Freunden vorzustellen (das erkenne ich jetzt im Jahre 1832) nicht umhin, mich bekannt zu machen: 1. mit einem liebenswürdigen, hübschen, aber völlig geistlosen Junggesellen, dem Bankier Lolot Im Urtext der Deckname Barot. aus Lunéville, der sich damals ein Vermögen von 80 000 Franken Einkommen erwarb; 2. mit einem bei Waterloo ausgezeichneten pensionierten Offizier, der völlig geistlos und, wenn das möglich ist, noch phantasieloser war, aber ein tadelloses Benehmen und so viele Frauen besessen hatte, daß er sich ehrlich über sie aussprach. Die Unterhaltung mit diesem Herrn Poitevin, der Anblick seines gesunden Menschenverstandes ohne eine Spur von Phantasie, seine Gedanken über die Frauen, sein Rat in Kleiderfragen waren mir sehr nützlich. Der arme Kerl hatte, glaube ich, 1200 Franken Rente und eine Pension von 1500 Franken; dabei war er einer der bestgekleideten jungen Pariser. Allerdings ging er nie ohne eine Vorbereitung von zweieinhalb Stunden aus. Zwei Monate lang hatte er zu guter Letzt ein Verhältnis mit der Marquise von R..., der ich später so viel zu danken hatte und die zu besitzen ich mir zehnmal vornahm, ohne je den Versuch zu machen, was sehr falsch von mir war. Sie verzieh mir meine Häßlichkeit, und ich war es ihr schuldig, ihr Liebhaber zu werden. Ich werde versuchen, diese Schuld bei meiner ersten Reise nach Paris abzutragen; sie wird für meine Aufmerksamkeit wohl desto empfänglicher sein, als wir beide nicht mehr jung sind. Aber ich prahle vielleicht; sie ist seit zehn Jahren sehr tugendhaft – freilich nach meiner Ansicht gegen ihren Willen. Nur durch Nachdenken über das, was ich niederschreiben will, werde ich mir klar über das, was im Jahre 1821 in meinem Herzen vorging. Ich habe stets in den Tag hinein gelebt und tue es noch, ohne irgendwie an das Morgen zu denken. Daß die Zeit vergeht, merke ich nur an den Sonntagen, wo ich mich gewöhnlich langweile und über alles ärgere, warum, habe ich nie ergründen können. Im Jahre 1821 in Paris waren die Sonntage freilich schrecklich für mich. Ich saß unter den hohen Kastanienbäumen in den Tuilerien, die zu dieser Jahreszeit so majestätisch sind, und dachte an Mathilde, die ihre Sonntage bei der wohlhabenden Frau Traversi, ihrer unheilvollen Freundin, verbrachte. Die haßte mich, war eifersüchtig auf ihre Kusine und hatte ihr im Bunde mit ihren Freundinnen eingeredet, daß sie sich völlig entehrte, wenn sie mich zum Liebhaber nähme. Da ich in düstere Träumereien versank, solange ich nicht mit meinen drei Freunden Mareste, Lolot und Poitevin zusammen war, nahm ich ihre Gesellschaft nur als Zerstreuung hin. Die Freude, für ein Weilchen von meinem Schmerz abgelenkt zu werden, oder der Widerwille gegen diese Ablenkung bestimmte mein ganzes Benehmen. Wenn einer dieser Herren mich für traurig hielt, sprach ich viel, und es begegnete mir, daß ich die größten Dummheiten sagte, vor allem Dinge, die man in Frankreich nie aussprechen darf, weil sie die Eitelkeit des Zuhörers verletzen. Poitevin vergalt mir den Ärger über solche Bemerkungen hundertfältig. Ich habe stets vielzuviel aufs Geratewohl und ohne Überlegung geredet, damals nur, um meinen nagenden Schmerz für einen Augenblick zu lindern, und vor allem, um dem Vorwurf zu entgehen, ich hätte in Mailand eine Liebe zurückgelassen und sei daher traurig. Das hätte zu Scherzen über meine angebliche Geliebte geführt, die mir unerträglich gewesen wären. Ich muß jenen drei phantasielosen Menschen tatsächlich verrückt erschienen sein. Später erfuhr ich, daß man mich für höchst affektiert gehalten hatte. Während ich dies schreibe, erkenne ich: wenn ich durch Zufall oder aus etwas Klugheit Umgang mit Frauen gesucht hätte, so hätte ich trotz meiner Jahre, meiner Häßlichkeit usw. Erfolg und vielleicht Trost bei ihnen gefunden. Nur durch Zufall bekam ich drei Jahre darauf (1824) eine Geliebte. Erst damals war die Erinnerung an Mathilde nicht mehr herzzerreißend. Sie wurde für mich zu einer zarten, tieftraurigen Traumgestalt, deren Erscheinen mich in höchstem Maße zärtlich, gut, gerecht und nachsichtig machte. Es fiel mir sauer, im Jahre 1821 zum ersten Male wieder die Häuser aufzusuchen, wo man mich zu der Zeit, wo ich noch am Hofe Napoleons lebte, wohl aufgenommen hatte. Ich schob es immer wieder hinaus. Als ich schließlich alten Freunden, die ich auf der Straße traf, die Hand drücken mußte, erfuhr man, daß ich in Paris war, und beschwerte sich über meine Nachlässigkeit. Graf d'Argout, mein Kamerad, als ich Auditor im Staatsrat gewesen war, ein sehr tüchtiger, unermüdlicher Arbeiter, aber geistlos, war 1821 Pair von Frankreich geworden. Er gab mir eine Eintrittskarte zum Pairsgericht, vor dem einer Anzahl armer, törichter Narren der Prozeß gemacht wurde. Man nannte ihre Sache, glaube ich, die Verschwörung vom 19. oder 29. August. Es war nur ein Zufall, daß sie nicht geköpft wurden. Dort sah ich zum erstenmal Odilon Barot, ein Männchen mit schwarzblauem Bart, das einen jener armen Toren verteidigte, denen ein Drittel oder ein Viertel des zu einer Verschwörung nötigen Mutes fehlt. Barots Logik machte mich betroffen. Ich stand gewöhnlich hinter dem Stuhl des Kanzlers d'Ambrays, der die Verhandlung in einer für einen Adligen recht ehrlichen Weise führte. Er hatte den Ton und die Manieren meines Hotelwirts Petit, nur weniger vornehm. Ich rühmte seine Unparteilichkeit am nächsten Tage bei der Gräfin Beugnot. Dort befand sich auch die Geliebte d'Ambrays, eine frische, üppige Frau von sechsunddreißig Jahren. Es war sehr falsch von mir, mich mit ihr nicht anzufreunden, mein Wahnsinn war in ihren Augen ein Vorzug an mir. Übrigens hielt sie mich für den Liebhaber oder einen der Liebhaber der Gräfin Beugnot. Dort hätte ich Abhilfe für meine Leiden gefunden, aber ich war blind. Eines Tages, als ich aus dem Pairsgericht kam, traf ich meinen Vetter, den Baron Martial Daru. Er hielt viel auf seinen Titel; sonst war er der beste Mensch auf der Welt, mein Wohltäter und Lehrer, der mir 1800 in Mailand und 1807 in Braunschweig das Wenige beigebracht hat, was ich von der Kunst des Verkehrs mit Frauen verstehe. Er hatte ihrer zweiundzwanzig im Leben besessen, und zwar die hübschesten, das Beste, was es am Orte gab. Ich habe die Bilder, Locken, Briefe usw. verbrannt. »Was, du bist in Paris? Seit wann?« »Seit drei Tagen.« »Komm morgen zu uns. Mein Bruder wird sich freuen, dich zu sehen.« Was war meine Antwort auf diese höchst liebenswürdige und herzliche Begrüßung? Ich habe diese trefflichen Verwandten erst sechs bis sieben Jahre später aufgesucht. Und aus Scham, mich bei meinen Wohltätern nicht gezeigt zu haben, bin ich vor ihrem frühen Tode nicht zehnmal bei ihnen gewesen. Im Jahre 1827 starb der liebenswürdige Martial Daru. Ein paar Monate später, in meinem Café de Rouen, erstarrte ich, als ich in meiner Zeitung die Todesanzeige des Grafen Pierre Daru las. Mit Tränen im Auge sprang ich in eine Droschke und fuhr nach der Rue Grenelle Nr. 81. Ich fand einen weinenden Diener und weinte selbst heiße Tränen. Ich fand mich sehr undankbar, aber ich setzte meinem Undank die Krone auf, indem ich am selben Abend nach Italien abreiste. Dies geschah im Sommer 1827. Es handelt sich also um den Tod Martial Darus. Graf Pierre Daru starb erst am 5. September 1829 auf seinem Landgut Bécheville. Ich reiste sogar vor der Zeit ab; ich wäre vor Schmerz gestorben, wenn ich sein Haus nochmals betreten hätte. Auch darin lag etwas von dem Wahnsinn, der mich 1821 so wunderlich erscheinen ließ. Drittes Kapitel Die Liebe schenkte mir 1821 eine recht seltsame Tugend, die Keuschheit. Trotz meiner Bemühungen fanden mich meine drei Freunde bekümmert und arrangierten ein kleines Weiberfest. Lolot besaß, wie ich später erkannte, ein hervorragendes Talent auf diesem Gebiet. Er besaß ein Weib immer nur einmal. Von seinen 80 000 Franken Rente gab er 30 000 aus, und davon mindestens 20 000 für Weiber. Lolot arrangierte also einen Abend mit Frau Petit, einer seiner früheren Mätressen, der er Geld geliehen hatte, um sich ein Absteigequartier in der Rue du Cadran im vierten Stock zu mieten. Wir sollten ein Mädchen mit Namen Alexandrine bekommen, das ein halbes Jahr später von den reichsten Engländern ausgehalten wurde, damals aber erst Anfängerin war. Gegen acht Uhr abends fanden wir einen reizenden Salon, allerdings im vierten Stock, frappierten Champagner und heißen Punsch. Endlich erschien Alexandrine mit einer Zofe, die sie überwachen sollte; wir gaben dieser ein Goldstück. Alexandrine übertraf alle Erwartungen. Sie war ein schlankes, achtzehnjähriges Mädchen von entwickelten Formen; ihre schwarzen Augen glichen denen der Herzogin von Urbino auf dem Bilde von Tizian in Florenz. Bis auf die Haarfarbe hat Tizian sie getroffen. Sie war schüchtern, ziemlich heiter und zurückhaltend. Meine Freunde starrten sie wie verzaubert an. Mareste bot ihr ein Glas Sekt an, das sie aber ablehnte, und verschwand mit ihr. Nun stellte Frau Petit uns zwei andre Mädchen vor, die nicht übel waren, aber wir sagten ihr, sie sei hübscher. Sie hatte schöne Füße. Poitevin ging mit ihr hinaus. Nach einer schrecklichen Pause kam Mareste ganz blaß zurück. »Nun kommen Sie dran, Beyle! Ehre dem Ankömmling!« rief man. Ich fand Alexandrine etwas ermüdet auf einem Bett liegend, fast im Naturkostüm und in der Haltung der Tizianischen Herzogin. »Wir wollen erst ein Weilchen plaudern«, sagte sie klug. »Ich bin etwas müde; bald werde ich mein Jugendfeuer wiederfinden.« Sie war wundervoll; ich habe wohl nie etwas so Schönes gesehen. Es war nichts Ausschweifendes in ihr, außer in den Blicken, die nach und nach wieder trunken und sozusagen leidenschaftlich wurden. Ich machte völlig Fiasko. Sie schien betroffen; ich sagte ihr ein paar für meine Lage recht nette Worte und ging hinaus. Kaum war Lolot mir nachgefolgt, so hörte ich schallendes Gelächter durch drei Zimmer hindurch. Mit einemmal entließ Frau Petit die beiden anderen Mädchen, und Lolot erschien mit Alexandrine ohne ein anderes Kleid als ihre Schönheit. »Bei meiner Bewunderung für Beyle«, sagte er, laut auflachend, »werde ich es noch ebenso machen wie er. Ich komme, um mich mit Sekt zu stärken.« Das Gelächter währte zwei Minuten; Poitevin wälzte sich auf dem Teppich. Alexandrines maßloses Staunen war unbezahlbar; so etwas war ihr noch nie passiert. Die Herren wollten mir weismachen, ich stürbe vor Scham und wäre tief unglücklich. Ich war aber nur erstaunt. Ich weiß nicht, warum der Gedanke an Mathilde mich beim Betreten des Zimmers befiel, in dem Alexandrine im Schmuck ihrer Reize lag. Kurz, ich bin zehn Jahre lang nicht dreimal zu einer käuflichen Schönheit gegangen, und zwar das nächste Mal erst im Oktober oder November 1827 und nur aus Verzweiflung. Ich sah Alexandrine wohl zehnmal in dem schönen Wagen, den sie einen Monat darauf hatte, und jedesmal warf sie mir einen Blick zu. Seit jener Zeit galt ich für impotent Wie Octave de Malivert, der Held in Stendhals erstem Roman »Armance« (1827). bei meinen drei zufälligen Lebensgefährten. Dieser schöne Ruf verbreitete sich und blieb bestehen, bis Madame Azur ihn Lügen strafte. Jener Abend besiegelte meine Freundschaft zu Lolot, den ich noch liebe und der mich liebt. Er ist vielleicht der einzige Franzose, auf dessen Schloß ich gern vierzehn Tage verbringe. Er hat das offenste Herz, den lautersten Charakter, und wenn er auch der wenigst geistreiche und gebildete unter meinen Bekannten ist, so hat er doch in zwei Dingen, im Geldverdienen, ohne an der Börse zu spielen, und im Anbändeln mit einem weiblichen Wesen, das er auf der Promenade oder im Theater trifft, nicht seinesgleichen, besonders im letzteren. Das ist für ihn eine Notwendigkeit. Jede Frau, die ihm einmal ihre Gunst gewählt hat, hört für ihn auf, eine Frau zu sein. Eines Abends sprach Mathilde mit mir von ihrer Freundin, Frau Bignami. Sie erzählte mir selbst eine stadtbekannte Liebesgeschichte von ihr und fuhr dann fort: »Denken Sie, welch ein Schicksal. Jeden Abend ging ihr Liebhaber von ihr zu einem Frauenzimmer.« Als ich Mailand verlassen hatte, wurde mir klar, daß diese moralische Bemerkung nichts mit der Geschichte der Frau Bignami zu tun hatte, sondern eine Warnung für mich sein sollte. In der Tat hatte ich jedesmal, wenn ich Mathilde zu ihrer Kusine, Frau Traversi, begleitet hatte (der ich mich ungeschickterweise nicht hatte vorstellen lassen), den Abend bei der himmlischen Gräfin Kassera verbracht. Gräfin Luigia Cassera (Beyle schreibt Kassera), die Stendhal auch in seinem Buch »Über die Liebe« (S. 286) erwähnt. Und eine zweite Dummheit – ähnlich wie die Alexandrine gegenüber – war es gewesen, daß ich es einmal ablehnte, der Liebhaber dieser jungen Frau zu werden, vielleicht der liebenswürdigsten, die ich kennen gelernt habe, und das nur, um vor Gottes Angesicht Mathildes Liebe zu verdienen. Ebenso schlau und aus dem gleichen Grunde verschmähte ich die berühmte Viganò, Elena Viganò. Vgl. »Reise in Italien«, S. 45 f. als sie mir eines Tages mit ihrem ganzen Hofstaat, darunter der geistvolle Graf Saurau, Graf Franz v. Saurau (1762-1832), von 1815-17 österreichischer Statthalter der Lombardei. auf der Treppe begegnete und die ganze Gesellschaft vorbeigehen ließ, um mir zu sagen: »Beyle, es heißt, Sie seien in mich verliebt.« »Man irrt sich«, antwortete ich mit großer Kaltblütigkeit, ohne ihr auch nur die Hand zu küssen. Mein unwürdiges Benehmen gegenüber dieser kalten Seele trug mir unversöhnlichen Haß ein. Sie grüßte mich nicht mehr, wenn wir in einer der Mailänder Straßen dicht aneinander vorübergingen. Das waren drei große Torheiten. Ich vergebe mir nie die mit der Gräfin Kassera (heute die sittsamste und angesehenste Frau des Landes). Viertes Kapitel Nun zu einer andern Gesellschaft, dem Gegensatz der im letzten Kapitel beschriebenen. ,- Im Jahre 1817 besuchte mich im Hotel d'Italie auf der Place Favart der Mann, den ich wegen seiner Schriften aufs höchste bewundert habe, der einzige, der bei mir eine innere Umwälzung hervorgerufen hat, Graf Destutt de Tracy, Vgl. S. 240. Antoine Louis André Graf Destutt de Tracy (1754 – 1836). Seit zwölf Jahren bewunderte ich die »Ideologie« dieses Mannes, der einst berühmt sein wird. Ich hatte ihm meine »Geschichte der italienischen Malerei« zugeschickt. Er blieb eine Stunde bei mir. Ich bewunderte ihn so, daß ich wahrscheinlich durch das Übermaß meiner Liebe Fiasko machte. Niemals war ich weniger darauf bedacht, geistreich oder liebenswürdig zu sein. Damals kam ich seinem umfassenden Geist näher und betrachtete ihn voller Staunen. Ich verlangte Aufklärung von ihm. Zudem verstand ich damals noch nicht, geistreich zu sein. Das gelang mir erst 1827. Graf Destutt de Tracy, Pair von Frankreich und Mitglied der Akademie, war ein kleiner, äußerst wohl geschaffener Greis von elegantem, eigenartigem Wesen. Angeblich blind, trug er gewöhnlich einen grünen Augenschirm. Ich wohnte seiner Aufnahme in die Akademie durch den Grafen de Ségur bei, der ihm im Namen des kaiserlichen Despotismus Dummheiten sagte; das war im Jahre 1808. Obwohl ich selber zum Hofe gehörte, widerte mich das an. »Wir versinken in Militarismus und Barbarei«, sagte ich mir. »Wir werden alle wie der General Grosse«. Gemeint ist General Gros (1767–1824). Dieser General, den ich bei der Gräfin Daru kennen gelernt hatte, war einer der dümmsten Haudegen der kaiserlichen Garde, und das will viel sagen. Er hatte eine provenzalische Aussprache und wollte alle Franzosen, die seinem Brotherrn feind waren, in Stücke hauen. Dieser Charakter ist mein Schreckgespenst geworden. Am Abend der Schlacht an der Moskwa, als ich die Zelte von zwei oder drei Gardegeneralen in meiner Nähe sah, entfuhr mir der Ausruf: »Dies freche Pack!« Ich hätte mir dadurch alles verderben können. Tracy pflegte vor dem Kamin abwechselnd auf dem rechten und dem linken Bein zu stehen und sprach in einer Weise, die das strikte Gegenteil seiner Schriften war. Seine Unterhaltung bestand aus feinen, eleganten Bemerkungen; er scheute sich vor jedem Kraftwort wie vor einem Fluche, aber er schrieb wie ein Dorfschulze. Meine damalige kraftvolle Schlichtheit muß ihm gar nicht behagt haben. Ich trug einen riesigen schwarzen Backenbart, den die Gräfin Beugnot mir erst ein Jahr später verleidete. Mein italienischer Fleischerkopf war wohl nicht sehr nach dem Geschmack des alten Obersten unter Ludwig XVI. Tracy wollte sich nie malen lassen. Ich finde, er ähnelt dem Papst Klemens XII. (Corsini), wie man ihn in Santa Maria Maggiore in der Kapelle links vom Eingang sieht. Sein Benehmen war tadellos, wenn er nicht unter einer abscheulichen schwarzen Laune litt. Ich habe seinen Charakter erst 1822 erraten. Er war ein alter Don Juan und nahm alles übel, z. B. daß Herr von Lafayette in seinem Salon ein berühmterer Mann war als er selbst (sogar 1821). Sodann hat man in Frankreich seine »Ideologie« und seine »Logik« nicht gewürdigt. In die Akademie wurde er nur von ein paar kleinen Schönrednern gewählt, und zwar als Verfasser einer guten Grammatik, » Grammaire générale «, 1802. Die »Ideologie« erschien 1801, die »Logik« 1805. außerdem noch arg verhöhnt durch den platten Ségur, Louis Philippe Ségur d'Aguesseau (1753-1830), Geschichtschreiber und Diplomat. den Vater des noch platteren Philipp de Ségur, Graf Philippe de Ségur (1780-1873), Adjutant Napoleons, schrieb » Histoire de Napoléon et de la grande armée pendant 1812 «, Paris 1824, 2 Bde. der unsern Zusammenbruch in Rußland beschrieben hat, um einen Orden von Ludwig XVIII. zu bekommen. Dieser Mann wird mir stets als Beispiel für den Charakter dienen, den ich in Paris am meisten verabscheue: den Ministeriellen, der in allem ehrenhaft ist, außer in den entscheidenden Schritten im Leben. Hundertmal mehr schätze und liebe ich einen einfachen Galeerensträfling oder Mörder, der nur eine Anwandlung von Schwäche gehabt hat und gewöhnlich vor (Hunger) umkommt. An der kaiserlichen Hoftafel habe ich manchmal mit dem General Philipp de Ségur gespeist. Er sprach von nichts als von seinen dreizehn Wunden, denn die Bestie ist tapfer. In einem halb barbarischen Lande wie Rußland wäre er ein Held. In Frankreich beginnt man seine Gemeinheit zu erkennen. Die Damen Garnett wollten mich mit seinem Bruder, der ihr Nachbar war, bekannt machen, ich habe das aber wegen des Geschichtschreibers des Russischen Feldzuges stets abgelehnt. Als ich 1811 in Saint-Cloud war, war der Graf Ségur Oberzeremonienmeister. Er krankte daran, nicht Herzog zu sein. In seinen Augen war das mehr als Unglück, es war eine Unanständigkeit. Alle seine Ideen waren voller Eitelkeit, und er hatte viele und über alle möglichen Dinge. Er sah bei allen Menschen nur Ungeschliffenheit, aber mit welcher Grazie drückte er seine Empfindungen aus! Übrigens sprach er mit mir wie mit einem Zwerg. Ich traf ihn als Oberzeremonienmeister (von 1810 bis 1814) bei den Ministern Napoleons; seit dem Sturz dieses Großen, dessen Schwäche und Unglück er war, habe ich ihn nicht mehr gesehen. Selbst die richtigen Höflinge am kaiserlichen Hofe, wie mein Freund Martial Daru, lachten über das Zeremoniell, das Ségur für die Heirat Napoleons mit Marie Luise von Österreich erfunden hatte, besonders bei der ersten Begegnung. So eingebildet Napoleon auch auf seine neue Königsuniform war, das war ihm doch zuviel. Er machte sich Duroc gegenüber lustig darüber; dieser hat es mir erzählt. Ich glaube, von diesem ganzen Wust von Etikette kam nichts zur Ausführung. Heute, im Jahre 1832, seufze ich: »Soweit also hat die kleinliche Pariser Eitelkeit Napoleon, einen Italiener, gebracht!« Ségur war vor allem im Staatsrat ohnegleichen. Dieser Staatsrat war achtbar; er war 1810 keine Versammlung von Schulfüchsen wie im Jahre 1832. Napoleon hatte hier die fünfzig am wenigsten beschränkten Franzosen vereinigt. Der Staatsrat war in Abteilungen gegliedert. Die Kriegsabteilung (dort war ich Lehrling unter dem hervorragenden Gouvion Saint-Cyr) hatte bisweilen mit der Abteilung des Innern zu tun, in der Ségur manchmal den Vorsitz führte, ich glaube, während der Krankheit des kraftvollen Regnault. Regnault de Saint-Jean d'Angely (1762–1819), französischer Staatsmann. Bei schwierigen Fragen, wie die Aushebung der Ehrengarde in Piemont, über die ich Berichterstatter war, kam der elegante, tadellose Ségur nie auf einen Gedanken und rückte mit seinem Lehnstuhl hin und her, aber in unglaublich komischer Weise, indem er ihn zwischen seine ausgespreizten Beine nahm. Nachdem ich über seine Unfähigkeit gelacht, sagte ich mir: »Aber habe ich nicht unrecht? Ist das der berühmte Gesandte bei der großen Katharina, der dem englischen Botschafter die Feder entwand? Ist das der Historiker Friedrich Wilhelms II.?« Ich neigte in meiner Jugend zu sehr zu Verehrung. Bemächtigte sich meine Phantasie eines Menschen, so blieb ich ihm gegenüber stumpfsinnig und verehrte selbst seine Fehler. Aber die Lächerlichkeit eines Ségur, der Napoleon gängelte, war selbst für meine gallibility Von Stendhal erfundenes Wort: meinen Sinn für gallisches Wesen. zu stark. Übrigens hätte man den Oberzeremonienmeister Ségur (darin war er sehr verschieden von seinem Sohne) als Lehrmeister für feinfühliges Benehmen, den Frauen gegenüber sogar bis zum Heldentum, nehmen können. Er machte auch feine und reizende Bemerkungen, nur durften sie sich nicht über das zwergenhafte Niveau seiner Ideen erheben. Es war sehr verkehrt von mir, daß ich diesen liebenswürdigen Greis in den Jahren 1821 bis 1830 nicht aufgesucht habe. Ich glaube, er starb gleichzeitig mit seiner ehrwürdigen Gattin. Aber ich war toll; mein Abscheu vor allem Kleinen ging bis zur Leidenschaft; ich hätte mich darüber lustig machen sollen, wie heute über das Treiben am [römischen] Hofe. Im Jahre 1817, bei meiner Rückkehr aus England, hatte Graf Ségur mir Komplimente über Mein Buch » Rome, Naples et Florence « Deutsch als »Reise in Italien« (Band V dieser Ausgabe). gemacht, das ich ihm zugesandt hatte. Im Grunde habe ich Paris in geistiger Hinsicht stets verachtet. Um dort zu gefallen, mußte man wie der Oberzeremonienmeister Ségur sein. Auch in äußerer Hinsicht hat mir Paris stets mißfallen. Noch im Jahre 1803 war es mir zuwider, weil es dort keine Berge gab. Die Berge meiner Dauphineser Heimat, die Zeugen meiner leidenschaftlichen Herzenswallungen in meinen ersten sechzehn Lebensjahren, haben mir in dieser Hinsicht ihren Stempel aufgedrückt. Erst am 28. Juli 1830 begann ich Paris zu achten. Noch am Tage der Ordonnanzen, S. Seite 73, Anm. um vier Uhr abends, spottete ich beim Grafen Réal Pierre François Graf Réal (1757-1834), Polizeipräfekt unter Napoleon. über den Mut der Pariser und den Widerstand, den man von ihnen erwartete. Ich glaube, dieser lustige Mann und seine heroische Tochter, Frau Lacuée, haben mir das nie verziehen. Heute achte ich Paris. Für seinen Mut gebührt ihm die erste Stelle ebenso wie für seine Küche und für den Geist. Deswegen zieht es mich aber nicht mehr an. Mir scheint, in seiner Tugend steckt stets Komödie. Die jungen Pariser, deren Väter aus der Provinz stammen und männliche Tatkraft besitzen, d. h. ihr Glück zu machen verstehen, erscheinen mir als blutarme Wesen, die stets nur auf ihre äußere Erscheinung, auf die Modernität ihres grauen Hutes, auf den guten Sitz ihrer Halsbinde achten. Ich kann mir einen Mann nie ohne etwas männliche Tatkraft, Beständigkeit und Tiefe in den Ideen denken, lauter Dinge, die in Paris so selten sind wie ein ungeschliffenes oder gar grobes Benehmen... Erst jetzt erkenne ich – meine Philosophie stammt im allgemeinen von dem Tage, an dem ich schreibe; im Jahre 1821 war ich weit davon entfernt – daß ich ein mezzo termino (Mittelding) zwischen der kraftvollen Ungeschliffenheit des Generals Grosse, des Grafen Regnault und der etwas zwergenhaften, etwas kleinlichen Grazie des Grafen Ségur und meines Hotelwirts, Herrn Petit, war. Nur die Niedrigkeit hatte ich mit keinem dieser Extreme gemein. Aus Mangel an Geschick und Betriebsamkeit, wie es mir Herr Delécluze von den » Débats « betreffs meiner Bücher vorwarf, habe ich fünf- bis sechsmal die Gelegenheit zum größten politischen, finanziellen oder literarischen Erfolge verpaßt. Der Zufall wollte, daß alle diese Gelegenheiten nacheinander an meine Tür pochten. Die Träumerei – im Jahre 1821 zärtlich, später philosophisch und schwermütig – ist mir in solchem Maße zum Genuß geworden, daß ich, wenn ein Freund mich anspricht, alles darum gäbe, daß er mich zufrieden läßt. Schon der Anblick eines Bekannten verdrießt mich. Sehe ich ihn von weitem kommen, so muß ich daran denken, ihn zu grüßen, und das verdrießt mich schon fünfzig Schritt vorher. Dagegen treffe ich mit Vorliebe Freunde am Abend in Gesellschaft, Sonnabends bei Cuvier, S. Seite 454, Anm. Sonntags bei de Tracy, Dienstags bei Frau Ancelot, Virginie Ancelot, Gattin des Dramatikers Jacques Arsène Polycarpe Ancelot (1794-1854), eines klassizistischen Gegners der Romantiker. Mittwochs beim Baron Gérard François Baron Gérard (1770-1836), bekannter Maler. usw. Ein taktvoller Mensch merkt leicht, daß er mir zur Last fällt, wenn er mich auf der Straße anspricht. Dieser Mann hat wenig Achtung für meine Vorzüge, sagt er sich in seiner Eitelkeit, aber mit Unrecht. Daher gehe ich so gern in einer fremden Stadt spazieren, in der ich eben angelangt bin und sicher keinen Bekannten treffe. Seit ein paar Jahren beginnt mich dies Glück zu fliehen. Ohne die Seekrankheit reiste ich nach Amerika. Wird man es glauben? Ich könnte eine Maske tragen; ich würde meinen Namen mit Wonne ändern. Tausendundeine Nacht füllt ein Viertel meines Kopfes aus. Oft denke ich an Angelicas Zauberring; In Ariosts »Rasendem Roland« mein höchstes Glück wäre, mich in einen großen blonden Deutschen zu verwandeln und so in Paris herumzugehen. Fünftes Kapitel Rom, 23. Juni 1832. Wie ich sehe, war ich bei Herrn de Tracy stehen geblieben. Er wurde 1754 als Sohn einer Witwe mit 300 000 Franken Einkommen geboren. Sein Haus lag in der Rue de Tracy. Er wurde Kaufmann, ohne es zu wissen, wie viele reiche Leute um 1780. Er legte die Rue de Tracy an und verlor dabei eine viertel Million und so weiter. Ich glaube, dieser tiefe Denker hat sein Einkommen von 300 000 Franken in ein solches von höchstens 30 000 verwandelt. Seine Mutter, eine Frau von seltner Klugheit, gehörte ganz zum Hofe. So wurde ihr Sohn mit zweiundzwanzig Jahren Oberst eines Regiments, zu dessen Kapitänen ein Vetter gleichen Namens gehörte, jedenfalls von ebensogutem Adel. Trotzdem kam es ihm nie in den Sinn, sich dadurch gekränkt zu fühlen, daß eine Puppe von zweiundzwanzig Jahren das Regiment kommandiert, dem er angehörte. Diese Puppe besaß gleichwohl einen scharfen Verstand. Da Frau de Tracy, diese einzige Mutter, gehört hatte, daß in Straßburg ein Philosoph lebte, und zwar keiner wie Voltaire, Diderot und Raynal, sondern ein Philosoph, der das menschliche Denken, die Bilder oder Zeichen aller gesehenen und gefühlten Dinge, zergliederte, begriff sie, daß die Handhabung dieser Bilder den Beistand ihres Sohnes fördern könnte. Man denke sich, wie dieser Verstand im Jahre 1785 aussehen mußte. Er war ein bildhübscher junger Mann, hochadlig und besaß 300 000 Franken Einkommen. Frau de Tracy ließ ihren Sohn zur Artillerie versetzen, und so kam er nach zwei Jahren nach Straßburg. Wenn ich jemals dorthin komme, muß ich nachforschen, wer jener berühmte deutsche Philosoph war. Herr de Tracy hat mir nie von jener Zeit erzählt, wohl aber hat er mir viele Züge aus dem Anfang der Revolution berichtet, als Lafayette die Nationalgarde kommandierte. Eine hohe Gestalt und darauf ein unerschütterliches, kaltes Gesicht, nichtssagend wie ein altes Familienbild, den Kopf mit einer kurzen, schlecht gemachten Perücke bedeckt, einen schlecht sitzenden Rock am Leibe, etwas hinkend und auf seinen Stock gestützt, so betrat im Jahre 1821 den Salon der Frau de Tracy, die ihn »mein lieber Herr« nannte, der General von Lafayette. Diese Anrede und in diesem Ton verdroß Herrn de Tracy, glaube ich, sehr. Nicht als ob Lafayette Beziehungen zu seiner Gattin gehabt hätte oder als ob er sich in seinem Alter über ein solches Mißgeschick gegrämt hätte, sondern weil die aufrichtige, nie gespielte oder übertriebene Bewunderung der Frau de Tracy für Lafayette ihn zur ersten Person des Salons machte. Ich war zwar im Jahre 1821 noch ein Neuling, denn ich hatte stets in den Illusionen der Begeisterung und der Leidenschaften gelebt, aber das merkte ich doch von selbst. Ebenso merkte ich, daß Lafayette einfach ein plutarchischer Held war. Er lebte ohne zu viel Geist in den Tag hinein und vollbrachte wie Epaminondas die große Tat, wie sie sich darbot. Dabei schämte er sich trotz seines Alters nicht (er war 1757 geboren, wie sein Spielkamerad Karl X.), jedes hübsche Mädchen von hinten zu betätscheln. In Erwartung der großen Taten, die sich nicht alle Tage darbieten, und der Gelegenheit, bei jungen Mädchen handgreiflich zu werden, die sich nur nach Mitternacht beim Hinausgehen bietet, setzte Herr von Lafayette den Gemeinplatz der Nationalgarde ohne allzu großes Ungeschick auseinander. Diese Regierungsform ist gut; sie ist die einzige, die die Sicherheit auf den Landstraßen, gleiches Recht für alle, eine vollwichtige Münze, leidliche Straßen und gerechten Schutz der Ausländer gewährleistet. Derart ins reine gebracht, ist die Sache nicht allzu schwierig. Wie weit ist es von diesem Manne zum Oberzeremonienmeister Ségur! Und so wird denn auch Frankreich, insbesondere Paris, von der Nachwelt verflucht werden, weil es den großen Mann nicht anerkannt hat. Ich, der an Napoleon und Byron gewöhnt war – ich füge Lord Brougham, Monti, Canova und Rossini hinzu – erkannte auf der Stelle Lafayettes Größe, und dabei bin ich geblieben. Während der Julirevolution sah ich ihn mit zerrissenem Hemd; er empfing jeden Ränkeschmied, jeden Tropf, jeden Schönredner. Mich hat er weniger gut empfangen. Es ist mir ebensowenig eingefallen, mich darüber zu ärgern, oder ihn weniger zu verehren, wie es mir in den Sinn kommt, die Sonne zu lästern, wenn sie sich hinter Wolken verbirgt. Lafayette hatte in seinem zarten Alter von fünfundsiebzig Jahren den gleichen Fehler wie ich: er verliebte sich in eine achtzehnjährige Portugiesin, die er im Salon der Frau de Tracy kennen lernte und die so alt war wie seine Enkeltöchter. Er bildete sich ein, daß sie ihn auszeichnete, dachte nur an sie, und was das Spaßigste ist, er hatte oft Grund dazu. Sein europäischer Ruf, die trotz scheinbarer Einfalt tiefe Vornehmheit seiner Unterhaltung, seine Blicke, die in der Nähe eines schönen Busens aufflammen, alles trägt dazu bei, seine letzten Lebensjahre fröhlich zu gestalten, zum großen Ärgernis der fünfunddreißigjährigen Damen, die in jenem Salon verkehrten. Das alles begreift eben nicht, daß man in ganz anderer Weise liebenswürdig sein kann als Herr de Ségur mit seinen feinen Bemerkungen oder Benjamin Constant Benjamin Constant de Rebèque (1767–1830), ein geborener Schweizer, liberaler Staatsmann und Schriftsteller. Sein analytischer Roman »Adolphe« (1816) stellt ihn als einzigen ebenbürtigen Zeitgenossen Stendhals hin. mit seinen geistsprühenden Betrachtungen. Benjamin Constant. Quelle: Josef Ettlinger, Benjamin Constant - Der Roman eines Lebens Lafayette ist äußerst höflich, sogar freundlich gegen jedermann, aber höflich wie ein König , wie ich einmal zu Frau de Tracy sagte. Sie wurde darob so wütend, wie die fleischgewordene Anmut es werden kann, aber seitdem begriff sie vielleicht, daß die kraftvolle Schlichtheit meiner Worte nicht die Dummheit der Dunoyer und Genossen war. Dunoyer war ein biederer Liberaler, jetzt ehrbarer Präfekt, wohl der tapferste und auch der dümmste liberale Schriftsteller. Man kann es mir glauben; ich gehöre der gleichen Partei an. Der Redakteur und Zensor Dunoyer und zwei bis drei seines Schlages standen immerfort um den Lehnstuhl Lafayettes und staunten ihn blöde an, bis er sie zu ihrem großen Ärgernis stehen ließ, um mit flammenden Blicken aus nächster Nähe die weißen Schultern einer eben eingetretenen jungen Dame zu bewundern. Die armen tugendhaften Leute machten in ihrer Verlassenheit klägliche Gesichter, und ich spottete darüber, was meine neue Freundin Frau de Tracy. wieder aufbrachte. Trotzdem galt es als feststehend, daß sie eine Schwäche für mich hatte. Bei alledem war Lafayette Parteiführer und ist es noch heute. Damit hat er wohl 1789 angefangen. Die Hauptsache ist, niemand zu ärgern und alle Namen zu behalten; dann ist er groß. Die Interessen eines Parteiführers ertöten bei ihm jede literarische Idee, zu der er ohnedies wohl kaum fähig wäre. Infolgedessen merkte er die Plumpheit und Langweiligkeit der Herren Dunoyer und Konsorten wohl gar nicht. Ich habe vergessen, den Salon zu beschreiben. Walter Scott und dessen Nachahmer hätten damit begonnen, mir dagegen ist die Beschreibung von Örtlichkeiten ein Greuel. Sie langweilt mich derart, daß ich keine Romane schreibe. Die Eingangstür führt in einen länglichen Salon mit einer großen, stets offnen Flügeltür. Dann kommt man in einen ziemlich großen viereckigen Saal mit schönem, großem Kronleuchter und einer scheußlichen kleinen Stutzuhr auf dem Kaminsims. Rechts beim Eingang in diesen Salon steht ein großer blauer Diwan, auf dem fünfzehn junge Mädchen im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren mit ihren Bewerbern sitzen: Beyle hat diesen blauen Diwan in »Rot und Schwarz« verewigt. Dort steht er im Hause La Môle. Charles de Remusat, sehr geistvoll und noch mehr geziert, ein Abklatsch des berühmten Schauspielers Fleury, und François de Corcelles, ein Mann mit der Freimütigkeit und Ungeschliffenheit eines Republikaners. – Im Jahre 1821 waren beide sehr distinguiert; sie haben später Enkeltöchter Lafayettes geheiratet. Neben ihnen erschien ein kalter Gaskogner, der Maler S(cheffer). Gemeint ist der Bruder des bekannten Malers Ary Scheffer, Hendrik Scheffer (1798–1862). Er war wohl der frechste Lügner und hatte das gemeinste Gesicht, das ich kenne. Damals versicherte man mir, daß er der himmlischen Virginie, der ältesten Enkeltochter Lafayettes, den Hof machte, die später den Sohn von Augustin Périer heiratete, den aufgeblasensten und steifsten Landsmann von mir. Virginie war Frau de Tracys Liebling. Neben dem eleganten Remusat sah man zwei Jesuitengesichter mit falschen tückischen Blicken, zwei Brüder, die das Vorrecht hatten, stundenlang mit dem Grafen Tracy zu sprechen. Ich bewunderte sie mit der ganzen Lebhaftigkeit meiner Jugend. (In Dingen des Gefühls war ich erst einundzwanzig Jahre alt.) Bald aber durchschaute ich sie, was meiner Begeisterung für Herrn de Tracy einen ziemlichen Stoß versetzte. Der ältere dieser Brüder hat eine rührselige Geschichte der Eroberung Englands durch Wilhelm von der Normandie geschrieben; er ist jetzt Mitglied der Akademie der Inchristen und hat das Verdienst, Chlodwig, Chilperich und andre Schattengestalten aus den Anfängen der französischen Geschichte ins rechte Licht gesetzt zu haben. Er hat auch ein weniger sentimentales Werk über die Gemeindeverfassung Frankreichs in zwölf Bänden geschrieben. Sein jüngerer Bruder, innerlich und in seinem Benehmen noch jesuitischer, wenn auch ultraliberal, wurde 1830 Präfekt und hat sich wahrscheinlich für seine Stellung verkauft. Im völligen Gegensatz zu diesen beiden Jesuiten wie zum Grafen Dunoyer und zu Remusat stand der junge Viktor Jacquemont, Geb. 1801, gest. 1832 zu Bombay in Indien. der jetzt in Indien ist. Er war sehr mager, fast sechs Fuß groß und damals ohne jede Logik, somit Misanthrop unter der Maske des Geistreichen. Er wollte sich nicht die Mühe geben, vernünftig zu denken. Dieser echte Franzose faßte die Aufforderung dazu buchstäblich als Unverschämtheit auf. Seine Reise war tatsächlich die einzige Pforte, die die Eitelkeit der Wahrheit offenließ. Aber (vielleicht täusche ich mich) mir erscheint Viktor als ein ganz hervorragender Mensch, wie ein Kenner (Verzeihung für dies Wort!) in einem vier Monate alten Füllen mit dicken Beinen schon ein schönes Pferd erblickt. Er wurde mein Freund, und heute erhalte ich einen Brief von ihm aus Kaschmir in Indien. Vgl. Jacquemonts Brief von 1825 in Band IV dieser Ausgabe, S. 326 ff. Sein Herz hatte nur einen Fehler, einen niedrigen, subalternen Neid auf Napoleon. Dieser Neid war übrigens auch die einzige Leidenschaft, die ich am Grafen Tracy bemerkte. Mit unsäglichem Vergnügen erzählten sich der alte Metaphysiker und der lange Viktor die Anekdote von der Kaninchenjagd, zu der Talleyrand Napoleon einlud, der damals seit sechs Wochen erster Konsul war und bereits Ludwig XIV. nachahmen wollte. Viktors Fehler war seine Liebe zu Frau de Lavenelle, der Gattin eines Spions, der 40 000 Franken Einkommen hatte und in den Tuilerien über die Reden und Handlungen des Generals Lafayette Bericht erstatten mußte. Das Spaßigste war, daß der General, Benjamin Constant und Brignon diesem Lavenelle ihre liberalen Ansichten anvertrauten. Wie man sich denken kann, redete der Spion, ein Schreckensmann von 1793, nur davon, gegen das Schloß zu marschieren und die Bourbonen umzubringen. Seine Frau war so ausschweifend und mannstoll, daß sie mir die freie Unterhaltung auf französisch vollends verekelt hat. Ich liebe diese Art von Unterhaltung nur auf italienisch. Schon als blutjungen Dragonerleutnant stieß sie mich im Munde der Frau Henriette, der Frau meines Rittmeisters, ab. Frau de Lavenelle war trocken wie ein Stück Leder und zudem völlig geistlos und selbst leidenschaftslos. Eindruck machten ihr nur die strammen Schenkel einer Grenadierkompagnie, die in weißen Hosen durch die Tuilerien marschierte ... Wie ganz anders waren in Mailand die Signora Ruga Die in Stendhals »Reise in Italien« (S. 31, 71) und in » Vie de Napoléon « als eine der ersten Schönheiten Mailands gefeierte Gattin eines Advokaten, der einer der Direktoren der Zisalpinischen Republik gewesen war. und Aresi. Gräfin Aresi (1778-1847). S. »Reise in Italien«, S. 71. Kurz, ich habe einen Abscheu vor der freien französischen Unterhaltung, diesem Gemisch von Geist und Aufregung, das mir in der Seele weh tut, wie das Durchschneiden eines Korkstücks mit dem Messer mein Ohr verletzt. Die Personenbeschreibung dieses Salons ist vielleicht recht lang; ich habe nur noch zwei bis drei Figuren hinzuzufügen. Zunächst die reizende Louise Letort, die Tochter des Generals von den Gardedragonern, den ich in Wien im Jahre 1809 gut gekannt hatte. Fräulein Louise, die seitdem so schön geworden ist und bisher so wenig Ziererei und zugleich eine so hohe Seele hat, ist einen Tag vor oder nach der Schlacht bei Waterloo geboren. Ihre Mutter, die reizende Sarah Newton, heiratete später Herrn Viktor de Tracy, Antoine César Victor de Tracy (1781-1864), seit 1818 verabschiedet, seit 1824 oppositioneller Abgeordneter. Seine Gattin Marie (Sarah) (1789-1850), in erster Ehe mit General Letort vermählt. Nach ihrem Tode erschienen ihre » Essais divers, lettres et pensées « (Paris 1855, 3 Bde.). den Sohn des Pairs und damaligen Infanteriemajor. Wir nannten ihn »Eisenstange« wegen seines Charakters. Er war tapfer, in Spanien unter Napoleon mehrmals verwundet worden und hatte das Unglück, ein Schwarzseher zu sein. Vor acht Tagen hat König Louis Philippe das Artillerieregiment der Nationalgarde aufgelöst, dessen Oberst Viktor de Tracy war. Als Abgeordneter spricht er oft und leider allzu höflich. Es ist, als wagte er nicht mit der Sprache herauszukommen. Wie sein Vater hegt er eine kleinliche Eifersucht auf Napoleon. Jetzt, wo der Heros tot ist, lenkt er etwas ein, aber er lebte noch, als ich den Salon in der Rue d'Anjou betrat. Dort sah ich, welche Freude Napoleons Tod hervorrief. Seine Blicke sagten: »Hatten wir nicht recht, daß ein Bürger, der sich zum König macht, kein gutes Ende nehmen kann!« Ich habe zehn Jahre in diesem Salon verkehrt. Ich wurde höflich aufgenommen, ja geschätzt, aber täglich wurde ich fremder. Das ist einer meiner Charakterfehler. Das ist auch der Grund, weshalb ich es so wenig weit gebracht habe, obwohl der General Duroc mir zwei- bis dreimal gesagt hat, ich besäße militärische Talente. Ich bin mit einer untergeordneten Stellung zufrieden, höchst zufrieden, wenn ich nur, wie heute, zweihundert Meilen von meinen Vorgesetzten entfernt bin. Hoffentlich faßt man dies nicht als Menschenhaß auf, wenn der Leser dies Buch nicht aus Langeweile zuklappt. Die Gunst der Menschen fängt man nur mit einem bestimmten Angelhaken. Wenn ich damit angle, erlange ich wohl die Gunst von ein bis zwei Menschen, bald aber ermüdet meine Hand. Trotzdem sagte mir die Gräfin Daru im Jahre 1814, als Napoleon mich zum 7. Wehrbezirk schickte: »Ohne diese verfluchte Invasion wären Sie jetzt Präfekt in einer Großstadt.« Ich glaube, es handelte sich um Toulon. Ich vergaß einen drolligen Frauencharakter zu schildern, nämlich Frau von Montcortin, der ich nicht zu gefallen suchte und die deshalb meine Feindin wurde. Sie war groß und gut gebaut, sehr schüchtern, träg und völlig Gewohnheitsmensch. Sie hatte zwei Liebhaber, einen für die Stadt und einen fürs Land. Diese Einrichtung hat, ich weiß nicht wie lange, bestanden. Ich glaube, der Geliebte fürs Land war der Maler Scheffel, der andre war der damalige Oberst und jetzige General Carbonel, der sich zum Leibwächter Lafayettes gemacht hatte. Eines Tages wurde Frau von Montcortin von ihren acht bis zehn Nichten gefragt, was die Liebe sei. »Eine schmutzige Sache«, antwortete sie, »deren man bisweilen die Dienstmädchen bezichtigt. Wenn man sie dabei ertappt, jagt man sie weg.« Ich hätte ihr den Hof machen sollen, das war nicht gefährlich. Nie hätte ich ihre Gunst erlangt, denn sie hielt sich an ihre zwei Männer. Aber ich betrachtete sie als Ding und nicht als Menschen. Sie rächte sich damit, daß sie wöchentlich drei- bis viermal erklärte, ich sei ein Leichtfuß und halb verrückt. Sie machte den Tee, und tatsächlich sprach ich mit ihr sehr oft erst, wenn sie mir eine Tasse Tee anbot. Die Menge Menschen, nach deren Befinden ich mich erkundigen mußte, wenn ich den Salon betrat, machte mich vollends mutlos. Außer den fünfzehn bis zwanzig Enkeltöchtern des Generals Lafayette und ihren Freundinnen, fast alle blond und mit blendend weißem Teint, aber gewöhnlichen Gesichtern (ich kam freilich aus Italien!), die auf dem blauen Diwan in Schlachtordnung saßen, mußte ich begrüßen: die Gräfin und den Grafen de Tracy, den General Lafayette und seinen Sohn Georges Washington Lafayette, 1777–1849, der einzige Sohn des Generals Lafayette. einen richtigen Amerikaner, der jedes Adelsgedankens bar war, Herrn Viktor de Tracy, Frau Sarah de Tracy, seine junge glänzende Frau, ein Muster englischer Schönheit, ein wenig zu mager; und ihre zwei Töchter, Frau Georges de Lafayette und Frau de Laubépin, schließlich auch ihren Gatten, einen Schriftsteller, der stets anwesend war und am ganzen Abend nur acht bis zehn Worte sprach. Lange hielt ich Frau von Lafayette für eine Nonne, die Frau de Tracy aus Menschlichkeit aufgenommen hatte. Zu diesem Wesen kam bei ihr ein starres Festhalten an bestimmten Ideen, als wäre sie Jansenistin gewesen. Dabei hatte sie vier bis fünf Töchter und Frau de Maubourg, Lafayettes Tochter, fünf bis sechs. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um sie auseinanderzuhalten. Alle diese blonden Gesichter sagten höchst passende Dinge, aber für mich, um stehend einzuschlafen. War ich doch an die sprechenden Augen und den entschlossenen Charakter der schönen Mailänderinnen und vorher an die anbetungswürdige Natürlichkeit der guten Deutschen gewöhnt, als ich Intendant in Braunschweig und in Sagan war. Graf de Tracy war der Busenfreund des berühmten Cabanis gewesen, des Vaters des Materialismus, dessen » Rapports du physique et du moral «, als ich sechzehn Jahre alt war, meine Bibel gewesen war. Frau Cabanis und deren Tochter, sechs Fuß lang und trotzdem sehr liebenswürdig, verkehrten in diesem Salon, und Herr de Tracy führte mich in ihr Haus ein. Die Hitze vertrieb mich daraus. Damals besaß ich noch die ganze italienische Empfindlichkeit; ein geschlossenes Zimmer mit zehn Personen darin genügte, um bei mir ein schauderhaftes Unwohlsein hervorzurufen, so daß ich fast ohnmächtig wurde. Nun denke man sich erst ein fest zugemachtes Zimmer, das höllisch geheizt war. Ich betonte diese körperliche Schwäche nicht genug; nur das Heizen vertrieb mich aus dem Salon der Frau Cabanis; Herr de Tracy hat es mir niemals verziehen. Ich hätte der Gräfin de Tracy ein Wort sagen können, aber damals war ich nach Herzenslust ungeschickt und bin es teils heute noch. Fräulein Cabanis wollte trotz ihrer sechs Fuß Länge heiraten. Sie heiratete einen kleinen Tänzer mit wohlgepflegter Perücke, Herrn Dupaty, Louis Marie Mercier Dupaty (1771-1825) einen angeblichen Bildhauer, den Schöpfer der Statue Ludwigs XIII. aus der Place royale, der auf einer Art Maultier reitet. Das Modell dieses Maultieres, ein arabisches Pferd, sah ich oft bei Herrn Dupaty. Das arme Tier langweilte sich in einer Ecke seines Ateliers. Herr Dupaty empfing mich feierlich als Schriftsteller über Italien und Verfasser einer Geschichte der italienischen Malerei. Man konnte schwerlich höflicher, aber ärmer an Feuer, unverhofften Einfällen und Schwung sein als dieser Biedermann. Für die geschniegelten, blitzsauberen, wohlanständigen Pariser ist das Handwerk des Bildhauers wohl das allerletzte. Übrigens war der so höfliche Herr Dupaty sehr tapfer: er hätte Soldat bleiben sollen. Bei Frau Cabanis lernte ich einen braven Mann kennen, der aber höchst spießbürgerlich, sehr beschränkt in seinen Ideen, sehr kleinlich in seiner kleinen Haushaltspolitik war: den Professor des Griechischen, Herrn Thurot. Sein einziges Ziel war, Mitglied der Académie des Inscriptions zu werden. Dieser Mann, der sich nicht schnaubte, ohne dabei auf die Eitelkeit irgendeines Mannes Rücksicht zu nehmen, der von weither auf seine Berufung in die Akademie Einfluß haben konnte, war – ein seltsamer Widerspruch – ultraliberal. Das führte uns anfangs zusammen, aber eines Tages fand seine kleinbürgerliche Frau, mit der ich mich nur notgedrungen unterhielt, mich unbesonnen. Eines Tages fragten Herr de Tracy und Herr Thurot mich nach meiner politischen Stellung. Ich entfremdete mir beide durch meine radikale Antwort. Ich erschien diesen durch die Pariser Höflichkeit blutarm gewordenen Seelen als ein Ungeheuer. Eine anwesende junge Frau bewunderte meine Ideen und besonders das Übermaß von Unbesonnenheit, womit ich sie aussprach. Aber die Gesichter der beiden Herren wurden lang und länger. Das außerordentliche Wohlwollen dieser jungen Frau hat mich für manche Mißerfolge getröstet. Ich bin nie völlig ihr Liebhaber geworden. Hätte ich soviel Verstand gehabt, ihr begreiflich zu machen, daß ich sie liebte, sie hätte sich wahrscheinlich sehr darüber gefreut. Tatsächlich liebte ich sie nicht genug, um zu vergessen, daß ich häßlich bin. Sie hatte es vergessen. Als ich einmal von Paris abreiste, sagte sie mir mitten in ihrem Salon: »Ich habe Ihnen etwas zu sagen.« Und in einem Durchgang zu einem Vorzimmer, wo glücklicherweise kein Mensch war, gab sie mir einen Kuß auf den Mund, den ich leidenschaftlich erwiderte. Am nächsten Tage reiste ich ab, und damit war die Sache zu Ende. Bevor es jedoch soweit kam, sprachen wir uns mehrere Jahre. Auf meine Bitte sagte sie mir ehrlich alles Schlechte, was man über mich sprach. Sie hatte einen reizenden Ton; sie schien es weder zu billigen noch zu mißbilligen. Es ist kaum glaublich, was man so zu hören bekommt. Eines Tages sagte sie: »Herr [Perret], der Spion, sagte bei Herrn de Tracy: ›Ach, da ist ja Herr Beyle in einem neuen Rock! Man merkt, daß die Frau Pasta eine Benefizvorstellung gegeben hat.‹« Diese Dummheit fand Anklang, Herr de Tracy, hat mir dies öffentliche (und völlig harmlose) Verhältnis zu der berühmten Schauspielerin nie verziehen. Das Spaßige dabei war, daß Celine, die mir diese Bemerkung des Spions hinterbrachte, vielleicht selbst eifersüchtig auf meine Beharrlichkeit bei Frau Pasta war. Zu welcher Stunde meine Abendgesellschaften auch zu Ende sein mochten, nachher ging ich zu Frau Pasta Giuditta Pasta (1798-1865), geb. Negri, berühmte Sängerin jüdischer Abkunft. Beyle hat ihr Kap. 35 seines »Leben Rossinis« (1824) gewidmet. in der Rue Richelieu gegenüber der Bibliothek im Hotel Lillois. Ich wohnte hundert Schritt von ihr, in Nr. 47. Gelangweilt durch die Wut des Portiers, dem es gar nicht paßte, mir oft um drei Uhr morgens öffnen zu müssen, siedelte ich schließlich in das Haus der Frau Pasta über. Vierzehn Tage darauf war mein Ansehen im Salon der Frau de Tracy um 70 Prozent gesunken. Es war höchst verkehrt von mir, daß ich meine Freundin, Frau de Tracy, nicht um Rat gefragt hatte. Mein damaliges Benehmen war lediglich eine Reihe von Launen. Als Marquis oder Oberst mit 40 000 Franken Einkommen hätte ich mich schließlich zugrunde gerichtet. Ich liebte leidenschaftlich die Musik, aber nur die von Cimarosa und Mozart. Der Salon der Frau Pasta war der Treffpunkt aller Mailänder, die nach Paris kamen. Von ihnen hörte ich zufällig ein paarmal Mathildes Namen nennen. Mathilde erfuhr in Mailand, daß ich bei einer Schauspielerin lebte. Dieser Gedanke hat sie vielleicht völlig geheilt. Gegen das alles war ich völlig blind. Einen ganzen Sommer hindurch saß ich bei Frau Pasta bis in den Morgen hinein am Spieltisch; ich sprach kein Wort, hörte mit Entzücken mailändisch sprechen und ging völlig in dem Gedanken an Mathilde auf. Ich ging in mein reizendes Zimmer im dritten Stock hinauf und las mit Tränen in den Augen die Korrekturen zu meinem Buch »Über die Liebe«. Dies Buch hatte ich in Mailand in meinen lichten Augenblicken mit Bleistift geschrieben. In Paris daran zu arbeiten tat mir weh; ich habe es nie durchfeilen mögen. Die Schriftsteller sagen: »In fremden Ländern kann man geistvolle Gedanken haben, aber ein Buch versteht man nur in Frankreich zu schreiben.« Ja, wenn das Buch nur den Zweck hat, einen Gedanken verständlich zu machen, nicht aber, wenn es gleichzeitig Empfindungen und Gefühlsnuancen zum Ausdruck bringen will. Die französische Regel ist nur gut für ein Geschichtswerk, wie die »Geschichte der Regentschaft« von Lemontey, deren wahrhaft akademischen Stil ich bewundre. Ich aber will vor allem wahr sein. Welches Wunder in diesem Jahrhundert der Komödie, in einer Gesellschaft, in der dreiviertel der Mitwirkenden freche Marktschreier sind, wie der Graf Regnault de Saint Jean d'Angély oder der Baron Gérard! Es ist ein Kennzeichen des Jahrhunderts der Revolution (1789–1832), daß es keinen großen Erfolg ohne ein gewisses Maß von Unverschämtheit, ja von ausgesprochener Marktschreierei gibt. Nur Herr von Lafayette steht über der Marktschreierei, die man hier nicht mit Leutseligkeit, der notwendigen Waffe eines Parteiführers, verwechseln darf. Bei Frau Cabanis lernte ich einen Mann kennen, der sicherlich kein Marktschreier ist: Herrn Fauriel, S. Seite 54, 68 f. den früheren Geliebten der Frau Concordet. Er ist außer Mérimée und mir das einzige mir bekannte Beispiel eines Schriftstellers ohne Marktschreierei. So besitzt Herr Fauriel denn auch gar keinen Ruf. Eines Tages ließ mir der Verleger Bossanges fünfzig Exemplare eines seiner Bücher anbieten, wenn ich einen schönen Reklameartikel darüber schreiben und ihn in irgendeiner Zeitung unterbringen wollte, bei der ich (für vierzehn Tage) in Gunst stand. Ich war empört und wollte den Artikel für ein einziges Exemplar schreiben. Aber bald ekelte es mich, dem schmutzigen Zeitungsschreiberpack den Hof zu machen, und ich habe den Artikel nicht geschrieben. Jetzt mache ich mir Vorwürfe darüber. Herr Fauriel, der von Frau Concordet schlecht behandelt wurde (sie war nur ein sinnliches Weib), ging nach ihrem Tode oft zu einer kleinen halbbuckligen Vogelscheuche, Miß Clarke, Über Fauriels Verhältnis zu Miß Clarke s. » Le roman de Claude Fauriel et de Mary Clarke «, » Revue des deux Mondes vom 1. Dezember 1908 ff, (A. Schurig.) Sie soll nach Berichten von Zeitgenossen keineswegs bucklig oder häßlich gewesen sein. Später heiratete sie den Orientalisten Mohl, einen Freund Wilhelm Hauffs. Vgl. Doris Gunnel, S. 62 ff. einer Engländerin, die gewiß Geist besaß, aber einen Geist wie die Hörner eines Gemsbockes, trocken, hart und verbogen. Herr Fauriel, der damals viel von mir hielt, führte mich alsbald zu ihr. Dort traf ich meinen Freund A.T,, der dort Regen und Sonnenschein machte. Überrascht war ich von dem Gesicht der Frau Belloc Luise Swanton Belloc, der Beyle für ihr Buch über Lord Byron die auf S. 437ff. des vorliegenden Bandes abgedruckten Nachrichten gab. (der Frau des Malers): sie glich auf ein Haar Lord Byron, den ich damals sehr liebte. Ein ganz Schlauer, der mich für einen Machiavell hielt, weil ich aus Italien kam, sagte zu mir: »Sehen Sie nicht, daß Sie bei Frau Belloc Ihre Zeit verlieren? Sie hat eine Liebschaft mit Fräulein M.« (Das war ein kleines Scheusal mit schönen Augen.) Ich war verblüfft, sowohl über meinen Machiavellismus, wie über meine angebliche Liebe zu Frau Belloc und noch mehr über die Liebe dieser Dame, wenn die Sache zutraf. Nach ein bis zwei Jahren verzankte Fräulein Clarke sich mit mir um nichts. Ich besuchte sie seitdem nicht mehr, und Herr Fauriel ergriff zu meinem Leidwesen ihre Partei. Fauriel und Viktor Jacquemont standen turmhoch über all meinen Bekanntschaften in den ersten Pariser Monaten. Frau de Tracy stand wenigstens ebenso hoch. Im Grunde überraschte oder ärgerte ich alle meine Bekannten. Ich war ein Ungeheuer oder ein Gott. Noch jetzt glaubt der ganze Kreis der Miß Clarke, daß ich ein Ungeheuer bin, vor allem ein Ungeheuer an Unmoral. Der Leser weiß, woran er sich zu halten hat. Ich war nur ein einziges Mal zu Dirnen gegangen, und er entsinnt sich wohl noch meines schönen Erfolges bei der himmlischen Alexandrine. Sechstes Kapitel 24. Juni 1832, San Giovanni. Hier meine damalige Lebensweise: Ich stand um zehn Uhr auf, war um halb elf im Café de Rouen, wo ich den Baron von Mareste und meinen Vetter Colomb traf, einen rechtschaffenen, gerechten und vernünftigen Menschen, meinen Jugendfreund. Leider verstanden diese beiden Wesen nicht das Mindeste von der Theorie des Menschenherzens noch von der Darstellung dieses Herzens in der Literatur und Musik. Über diesen Gegenstand ins Blaue hineinzureden und Schlüsse aus jeder neuen, voll bewiesenen Anekdote zu ziehen, ist für mich bei weitem die fesselndste Unterhaltung. Später fand es sich, daß auch Mérimée, den ich so hoch schätze, keinen Geschmack an dieser Art von Unterhaltung fand. Mein Jugendfreund, der treffliche Crozet, Chefingenieur des Departements Isère, ist in dieser Hinsicht hervorragend, aber seine Frau Madame Prarède Crozet, die der Bibliothek von Grenoble den größten Teil von Stendhals handschriftlichem Nachlaß, etwa 30 Bände, geschenkt hat. (Stryienski.) hat ihn mir aus Eifersucht auf unsre Freundschaft seit Jahren entfremdet. Wie schade! Welch ein höherer Mensch wäre Crozet geworden, hätte er in Paris gelebt. Die Ehe und vor allem die Provinz machen einen Mann erstaunlich rasch alt. Der Geist wird träge, und das Gehirn arbeitet, weil es selten Anregungen empfängt, immer schwerfälliger und zuletzt gar nicht mehr. Nachdem wir im Café de Rouen unsern vorzüglichen Kaffee und zwei Semmeln genossen hatten, begleitete ich Mareste nach seinem Bureau. Wir gingen durch die Tuilerien und über die Seinekais, wo wir vor jedem Kupferstichladen stehen blieben. Wenn ich Mareste verließ, begann für mich der schrecklichste Augenblick am Tage. Bei der großen Hitze, die in jenem Jahre herrschte, suchte ich Schatten und etwas Kühle unter den großen Kastanienbäumen der Tuilerien. »Da ich nicht vergessen kann«, sagte ich mir, »wäre es da nicht besser, mich zu töten?« Alles war mir zur Last. Im Jahre 1821 hatte ich noch die Reste der Leidenschaft für die italienische Malerei, über die ich in den Jahren 1816 und 1817 ein Buch S. Seite 392, Anm. 2. geschrieben hatte. Ich ging mit einer Einlaßkarte, die mir Mareste besorgt hatte, ins Louvremuseum. Der Anblick seiner Meisterwerke erinnerte mich nur um so lebhafter an die Brera und an Mathilde. Wenn ich den entsprechenden französischen Namen in einem Buche fand, erblaßte ich. Ich habe wenig Erinnerungen an jene Tage, die einer wie der andere waren. Alles, was in Paris gefällt, widerte mich an. Obwohl selbst liberal, fand ich die Liberalen beschämend albern. Kurz, ich erkenne, daß ich von allem, was ich damals sah, nur eine traurige, verletzende Erinnerung bewahrt habe. Meinen besondern Abscheu erregte der dicke Ludwig XVIII. mit seinen Ochsenaugen, wenn er mit seinen sechs dicken Pferden daher gefahren kam. Ich kaufte mir ein paar Stücke von Shakespeare in einer englischen Ausgabe und las sie in den Tuilerien. Oft ließ ich das Buch sinken, um an Mathilde zu denken. Mein einsames Zimmer war mir unerträglich. Endlich schlug es fünf Uhr. Ich eilte zur Wirtstafel im Hotel de Bruxelles. Dort fand ich Mareste müde und mißlaunig wieder, den braven Lolot, den eleganten Poitevin und fünf bis sechs Originale von der Wirtstafel, ein Menschenschlag, der etwas vom Industrieritter und zugleich vom kleinen Verschwörer an sich hat. Nach dem Essen war der Kaffee noch ein glücklicher Augenblick für mich, ganz im Gegensatz zu der Promenade auf dem Boulevard de Gand, der sehr in Mode und sehr staubig war. Der Aufenthalt an diesem Treffpunkt der kleinen Stutzer, der Gardeoffiziere, der Dirnen erster Klasse und ihren Nebenbuhlerinnen, der Bürgerfrauen, war für mich eine Qual. Dort traf ich einen meiner Jugendfreunde, den Grafen de Barral, einen guten, trefflichen Kerl, der als Enkel eines berühmten Geizhalses mit dreißig Jahren Anwandlungen dieser traurigen Leidenschaft bekam. Es war wohl 1810, als er alles, was er besaß, im Spiel verloren hatte. Ich lieh ihm damals etwas Geld und nötigte ihn, nach Neapel zu reisen. Dort traf ihn Stendhal 1811. S. Seite 379, 382. Sein Vater, ein sehr galanter Mann, setzte ihm eine jährliche Zulage von 6000 Mark aus. Als Barral nach ein paar Jahren aus Neapel zurückkam, fand er mich mit einer reizenden Schauspielerin lebend, die sich allabendlich um halb zwölf Uhr in mein Bett legte. Ich kam um ein Uhr nach Hause. Wir aßen ein kaltes Rebhuhn und tranken dazu eine Flasche Champagner. Dies Verhältnis hat zwei bis drei Jahre gedauert. Fräulein Bereyter hatte eine Freundin, die Tochter des berühmten Lederhosenhändlers Rose. Der berühmte Schauspieler Molé hatte alle drei Schwestern, reizende Mädchen, verführt. Eine davon ist heute Marquise von D... Annette ging von Hand zu Hand und lebte damals mit einem Börsianer. Ich hatte sie Barral derart gerühmt, daß er sich in sie verliebte. Ich überredete die reizende Annette, den elenden Spekulanten laufen zu lassen. Barral besaß am zweiten des Monats ausgerechnet 5 Franken. Am ersten war er mit 500 Franken vom Bankier gekommen, hatte seine versetzte Uhr eingelöst und die übrigen 400 Franken verspielt. Ich gab mir alle Mühe, lud die kriegführenden Parteien zum Essen bei Béry in den Tuilerien ein und überredete Annette schließlich, die Börse des Grafen zu führen und mit den 500 Franken, die ihm der Vater gab, vernünftig zu leben. Heute dauert dieser Haushalt schon zehn Jahre. Leider ist Barral reich geworden. Er hat mindestens 20 000 Franken Einkommen, aber mit dem Reichtum ist er schauderhaft geizig geworden. Im Jahre 1817 war ich vierzehn Tage lang in Annette stark verliebt, danach fand ich, daß sie enge, pariserische Begriffe hatte. Das ist bei mir das beste Heilmittel für die Liebe. Abends traf ich diesen Jugendfreund mit der guten Annette bisweilen im Staube des Boulevards. Ich wußte nicht, was ich mit ihnen reden sollte. Ich kam um vor Langeweile und Trübsal. Die Frauenzimmer erheiterten mich nicht. Schließlich, gegen halb elf Uhr, ging ich zu Frau Pasta, um zu spielen. Zu meinem Verdruß kam ich als erster an und wurde von der Rahel, Giudittas Mutter, in ein Küchengespräch verwickelt. Aber sie sprach wenigstens mailändisch. Bisweilen traf ich bei ihr irgendeinen frisch aus Mailand angekommenen Gimpel, dem sie zu essen gegeben hatte. Schüchtern erkundigte ich mich bei diesen Gimpeln nach allen hübschen Mailänderinnen. Ich wäre lieber gestorben, als Mathildes Namen zu nennen, aber bisweilen sprachen sie selbst von ihr. Solche Abende waren für mich ein Ereignis. Schließlich begann das Pharaospiel. In tiefes Träumen verloren, verlor oder gewann ich 30 Franken in vier Stunden. Ich kümmerte mich so wenig um meinen guten Ruf, daß ich, wenn ich mehr verlor, als ich bei mir hatte, den Gewinner fragte: »Soll ich hinaufgehen?« – » Non, si figuri « (Nein, was denken Sie sich), war die Antwort. Und ich bezahlte erst am nächsten Tage. Diese oft wiederholte Dummheit brachte mich in den Ruf der Armut. Ich merkte es in der Folgezeit an den Klagen des guten Pasta, Giudittas Gatten, wenn er mich 30 bis 35 Franken verlieren sah. Selbst als mir über diese Dummheit die Augen aufgingen, änderte ich mein Betragen nicht. Siebentes Kapitel Manchmal schrieb ich ein Datum in ein Buch, das ich mir kaufte, und eine Notiz über die Stimmung, die mich beherrschte. Ich weiß nicht recht, wie ich auf den Einfall kam, nach England zu reisen. Ich schrieb an meinen Bankier, er solle mir einen Kreditbrief auf 1000 Franken für London ausstellen; er antwortete mir, er hätte nur noch 126 Franken von mir. Ich hatte Geld, wo, weiß ich nicht mehr, vielleicht in Grenoble. Ich ließ es kommen und reiste ab. Zum erstenmal kam ich 1821 folgendermaßen auf den Gedanken an London. Im Jahre 1816, glaube ich, in Mailand, hatte ich mit dem berühmten Brougham, Lord Henry Brougham (1779–1868), liberaler Staatsmann. dem jetzigen Lordkanzler, der sich bald zu Tode arbeiten wird, über den Selbstmord gesprochen. »Was ist peinlicher«, sagte er, »als der Gedanke, daß in allen Zeitungen stehen wird, Sie hätten sich totgeschossen, und daß sie dann in Ihrem Privatleben nach Gründen suchen werden?« »Was ist einfacher«, entgegnete ich, »als die Gewohnheit anzunehmen, mit einem Fischerboot aufs Meer hinauszufahren? An einem sehr stürmischen Tage fällt man zufällig ins Wasser.« Dieser Gedanke, auf dem Meere zu fahren, bestach mich. Der einzige, für mich lesbare Schriftsteller war Shakespeare. Es war mir ein Fest, ihn aufführen zu sehen. Bei meiner ersten Reise nach England im Jahre 1817 hatte ich nichts von Shakespeare gesehen. Leidenschaftlich geliebt habe ich in meinem Leben nur Cimarosa, Mozart und Shakespeare. In Mailand im Jahre 1820 wollte ich folgendes auf meinem Grabstein gesetzt haben. Ich dachte täglich an diese Grabschrift, denn ich glaubte fest, nur im Grabe Ruhe zu finden. Ich wünschte mir eine Marmortafel in Form einer Spielkarte: Die drei ersten Zeilen dieser Inschrift stehen gemäß Stendhals Testament (s. Seite 500) tatsächlich auf seinem Grabstein auf dem Montmartre-Friedhof in Paris, den spätere Pietät mit dem schönen Medaillonrelief Beyles von David d'Angers geschmückt hat. Sie lautet auf deutsch: »Heinrich Beyle aus Mailand lebte, schrieb, liebte. (Seine Seele vergötterte Cimarosa, Mozart und Shakespeares Er starb im Alter von ... Jahren am ... 18...« Das Eingeklammerte ist auf dem Grabstein fortgelassen, die Worte scrisse, amò sind von Beyles Vetter und Testamentsvollstrecker Romain Colomb aus euphonischen Gründen umgestellt. Errico Beyle Milanese Visse, scrisse, amò Quest' anima adorava Cimarosa, Mozart e Shakespeare M. die anni ... il ... 18 ... Kein häßliches Abzeichen, kein plattes Ornament, nur diese Inschrift, in großen Buchstaben gemeißelt. Ich hasse Grenoble; ich kam im Mai 1800 nach Mailand, ich liebe diese Stadt. Dort habe ich die größten Freuden und die tiefsten Schmerzen erfahren; dort fand ich, was vor allem das Vaterland ausmacht, die erste Freude. Dort wünsche ich mein Alter zu verbringen und zu sterben. Wie oft habe ich mir, von einer einsamen Barke auf den Wogen des Comer Sees gewiegt, mit Entzücken gesagt: Hic captabis frigus opacum Hier wirst du das kühle Dunkel finden. Der Ausruf Julian Sorels in Stendhals »Rot und Schwarz«. Wenn ich so viel hinterlasse, um diese Grabplatte anzufertigen, bitte ich sie auf dem Friedhof von Andilly bei Montmorency nach Osten gewandt aufzurichten. Vor allem aber wünsche ich mir kein anderes Monument, nichts Pariserisches, nichts Possenhaftes. Ich verabscheue dergleichen und habe es 1821 noch mehr verabscheut. Der französische Esprit, den ich in den Pariser Theatern fand, brachte mich fast zu dem lauten Ausruf: »Hundsfott! Hundsfott! Hundsfott«!« Nach dem ersten Akte ging ich hinaus. Kam zu diesem französischen Esprit noch französische Musik, so ging mein Abscheu so weit, daß ich Grimassen schnitt und selbst zum Possenreißer wurde. Eines Tages überließ mir Frau de Longueville ihre Loge im Theâtre Feydeau. Zum Glück ging ich allein hin. Nach einer Viertelstunde ergriff ich unter lächerlichen Grimassen die Flucht und schwor mir zu, zwei Jahre nicht in jenes Theater zu gehen. Diesen Schwur habe ich gehalten. Alles, was den Romanen der Frau von Genlis, der Poesie der Herren Legouvé, Jouy, Campenon, Treneuil ähnlich ist, flößt mir den gleichen Abscheu ein. Jetzt, im Jahre 1832, ist dies ein Gemeinplatz. Im Jahre 1821 machte sich Mareste über meinen unerträglichen Dünkel lustig, als ich ihm meinen Haß zeigte. Er schloß daraus sicherlich, daß Herr de Jouy oder Herr Campenon mich in einer Kritik furchtbar heruntergerissen hätten. Ein Kritiker, der über mich spottet, flößt mir ganz andre Empfindungen ein. Jedesmal, wenn ich seine Kritik wieder lese, erwäge ich, wer von uns beiden recht hat, er oder ich. Es war wohl im September 1821, als ich nach London reiste. Paris ekelte mich an. Ich war blind, ich hätte die Gräfin de Tracy um Rat fragen sollen. Diese anbetungswürdige Frau habe ich wie eine Mutter geliebt oder wie eine einst hübsche Frau ohne jeden Gedanken an irdische Liebe; sie war damals dreiundsechzig Jahre alt. Ich habe ihre Freundschaft durch mein geringes Vertrauen verscherzt. Ich hätte der Freund, nicht der Liebhaber Celines sein sollen. Ob ich damals als Liebhaber Erfolg gehabt hätte, weiß ich nicht, aber heute sehe ich klar, daß ich dicht vor der vertrauten Freundschaft stand. Ich hätte auch nicht darauf verzichten sollen, meine Bekanntschaft mit der Gräfin Bertrand S. Seite 315: zu erneuern. Ich war in Verzweiflung oder, besser gesagt, von dem Pariser Leben tief angeekelt, vor allem von mir selbst. Ich fand alle denkbaren Fehler an mir; ich hätte ein andrer sein mögen. Ich reiste nach London, um ein Heilmittel im Spleen zu suchen, und den fand ich da zur Genüge. Ich mußte zwischen mich und den Mailänder Dom die Dramen von Shakespeare und den Schauspieler Kean stellen. Oft genug traf ich in der Gesellschaft Leute, die mir Komplimente über eines meiner Werke machten; damals hatte ich noch wenig. geschrieben. War das Kompliment gemacht und beantwortet, so wußten wir uns weiter nichts zu sagen. Die Pariser Lobredner, die irgendeine possenhafte Antwort erwarteten, müssen mich sehr linkisch und vielleicht sehr hochmütig gefunden haben. Ich bin daran gewöhnt, für das Gegenteil dessen zu gelten, was ich bin. Meine Bücher betrachtete ich und betrachte sie noch als Lotterielose. Wert lege ich nur darauf, im Jahre 1900 neugedruckt zu werden. Petrarca rechnete auf sein lateinisches Gedicht »Afrika« und dachte nicht an seine Sonette. Unter denen, die mir Komplimente machten, waren zwei Schmeichler. Der eine, ein großer, schöner Mann von fünfzig Jahren, hatte eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Jupiter Mansuetus. Im Jahre 1821 war ich noch toll von dem Gefühl, aus dem heraus ich vier Jahre vorher den Anfang des zweiten Bandes der »Geschichte der Malerei in Italien« geschrieben hatte. Diese Vorarbeiten gediehen nicht zur Vollendung, da der völlige Mißerfolg des ersten Bandes auf dem Büchermarkt die Drucklegung als unmöglich erscheinen ließ. Dieser schöne Mann und Lobredner sprach mit der Geziertheit von Voltaires Briefen, Er war 1800 oder 1799 in Neapel zum Tode verurteilt worden. Er hieß di Fiore 1769-1848. Sein Ebenbild ist der Graf Altamira in »Rot und Schwarz«. und ist mir heute mein liebster Freund. Zehn Jahre lang haben wir uns nicht verstanden; damals wußte ich auf seine geschraubten Voltaireschen Phrasen keine Antwort. Der zweite Schmeichler hatte herrliches, blondes, englisches Lockenhaar. Er mochte etwa dreißig Jahre alt sein und hieß Edward Edwards, früher ein Tunichtgut auf dem Londoner Pflaster und Kriegskommissar, ich glaube in der Besatzungsarmee des Herzogs von Wellington. Als ich später erfuhr, daß er ein Tunichtgut auf dem Londoner Pflaster und Zeitungsreporter gewesen war, als welcher er stets nach einem berühmten Kalauer fahndete, wunderte ich mich sehr, daß er nicht Industrieritter geworden war. Der arme Edwards besaß eine andre Eigenschaft: er war von Natur durchaus mutig, und zwar so von Natur, daß er sich zwar aller möglichen Dinge mit einer mehr als französischen Eitelkeit rühmte (wenn das möglich ist), und zwar ohne französische Zurückhaltung, aber nie von seinem Mute sprach. Ich traf Edwards in der Eilpost nach Calais. Einem französischen Schriftsteller gegenüber hielt er sich für verpflichtet, zu reden; das war mein Glück. Ich hatte gehofft, die Landschaft würde mich aufheitern. Aber es gibt nichts so Flaches – wenigstens für mich – als diese Straße über Abbeville, Montreuil usw. Diese langen weißen Straßen, die sich weithin aus einem flachen Hügelland herausheben, hätten mich ohne Edwards' Geschwätz schwermütig gemacht. Wir fuhren mit einem Manne namens Schmidt, dem früheren Sekretär des kleinlichsten Ränkeschmieds, den es gibt, des Staatsrats Fréville, den ich bei Frau Nardon Diese erwähnt Stendhal in seinem Tagebuch von 1806 und 1809. kennen gelernt hatte. Dieser arme Schmidt, anfangs ein ganz ehrlicher Mann, war als politischer Spion geendet. Decazes Elie Herzog von Decazes (1780–1860), 1815-20 französischer Polizeiminister. schickte ihn auf die Kongresse, in die Bäder von Aachen. Zum Aachener Kongreß 1818. Stets Ränke spinnend, wurde er zuletzt wohl gar zum Dieb und wechselte alle halbe Jahre die Wohnung. Eines Tages, als ich ihn traf, erzählte er mir, er sei im Begriff, eine Vernunftehe, keine Neigungsheirat einzugehen, und zwar mit der Tochter des Marschalls Oudinot, Herzogs von Reggio. Der hatte allerdings ein ganzes Regiment von Töchtern und bettelte Ludwig XVIII. alle halbe Jahre an. »Heiraten Sie noch heute abend, lieber Freund«, riet ich ihm ganz überrascht. Vierzehn Tage darauf erfuhr ich jedoch, daß der Herzog Decazes unglücklicherweise von den Verhältnissen des armen Schmidt erfahren und sich verpflichtet gefühlt hatte, dem Schwiegervater ein Paar Worte zu schreiben. Schmidt war ein ganz guter Kerl und ein leidlicher Reisegefährte. In Calais beging ich eine große Dummheit. An der Wirtstafel redete ich wie einer, der ein Jahr lang den Mund nicht aufgetan hat. Ich war sehr lustig und betrank mich fast an englischem Bier. Ein englischer Kapitän von einem kleinen Küstenfahrer, ein halber Bauer, machte einige Einwendungen gegen meine Erzählungen. Ich antwortete ihm lustig und freundlich. In der Nacht hatte ich eine furchtbare Verdauungsstörung, die erste im Leben. Ein paar Tage darauf sagte mir Edwards sehr gemessen, wie er selten war, ich hätte in Calais dem englischen Kapitän eine scharfe, keine lustige Antwort geben müssen. Diesen schrecklichen Fehler beging ich ein andermal in Dresden im Jahre 1813. An Mut fehlt es mir nicht; heute passierte mir dergleichen nicht. Aber in meiner Jugend war ich töricht, wenn ich aus dem Stegreif sprach. Meine ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf die Schönheit der Bilder, die ich wiederzugeben suchte. Edwards' Warnung war für mich wie der Hahnenschrei für Petrus. Zwei Tage lang suchten wir den englischen Kapitän in all den gemeinen Kneipen, in denen Leute seines Schlages zu Verkehren pflegen. Am zweiten Tage, glaube ich, sagte Edwards maßvoll höflich und sogar gewählt zu mir: »Sehen Sie, jedes Volk hat seine Art, sich zu duellieren. Unsere englische ist barock« usw. Das Endergebnis dieser ganzen Philosophie war seine Bitte, ihn mit dem Kapitän sprechen zu lassen. Es sei hundert gegen zehn zu wetten, daß er mich trotz der nationalen Abneigung gegen die Franzosen keineswegs habe beleidigen wollen. Käme es jedoch zu einem Duell, so bäte er, Edwards, mich, sich an meiner Stelle schlagen zu dürfen. »Wollen Sie mich etwa zum besten haben?« entgegnete ich. Es kam zu scharfen Worten, aber schließlich überzeugte er mich, daß er nur mein Bestes gewollt hätte, und so gingen wir wieder auf die Suche nach dem Kapitän. Zwei- bis dreimal fühlte ich, wie mir alle Haare zu Berge standen, denn ich glaubte den Kapitän wieder zu erkennen. Später habe ich mir gesagt, daß die Sache ohne Edwards für mich schwierig gewesen wäre; ich war in Calais trunken von Frohsinn, Geschwätz und Bier. Das war das erstemal, daß ich dem Andenken Mailands untreu wurde. London rührte mich sehr durch seine Promenaden an der Themse nach Little Chelsea hinaus. Dort standen rosenumrankte Häuschen, die für mich eine wahre Elegie waren. Es war das erstemal, daß mich diese Süßlichkeit rührte. Heute sehe ich ein, daß meine Seele noch immer sehr krank war. Vor jedem ungeschliffenen Menschen hatte ich eine Art Wasserscheu. Die Unterhaltung mit einem dicken, ungebildeten Kaufmann aus der Provinz machte mich für den Rest des Tages blöde und unglücklich, zum Beispiel mit dem reichen Bankier Charles Durand aus Grenoble, der mit mir freundschaftlich plauderte. Diese Jugendanlage, die mir von fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahren so viele trübe Stunden bereitet hat, brach mit Macht wieder durch. Ich war so unglücklich, daß ich bekannte Gesichter gern hatte. Jedes neue Gesicht, das mich in gesundem Zustand belustigt, war mir damals zur Last. Der Zufall führte mich ins Tavistock-Hotel am Covent Garden. Es ist der Gasthof der wohlhabenden Provinzler, die nach London kommen. Mein Zimmer, das in diesem Lande des straffreien Diebstahls stets offen stand, war acht Fuß breit und zehn lang. Dafür frühstückte man in einem Saal, der etwa 100 Fuß lang, 30 breit und 20 hoch war. Dort aß man, was und soviel man wollte, für 2 Shillings. Man bereitete uns endlose Beefsteaks oder setzte uns ein Stück Roastbeef von vierzig Pfund vor und legte ein scharfes Messer daneben. Dann kam der Tee, um all dies Fleisch zu verdauen. Der Saal ging mit einer Säulenreihe auf den Convent-Garden-Platz. Dort traf ich allmorgendlich etwa dreißig biedere Engländer, die gravitätisch und großenteils mit unglücklicher Miene einhergingen. Das war weder die Geziertheit noch die geräuschvolle Geckenhaftigkeit der Franzosen. Mir sagte es zu; ich fühlte mich in diesem Saal weniger unglücklich. Das Frühstück war für mich nicht nur eine ein- bis zweistündige Ablenkung, sondern eine glückliche Stunde. Mechanisch lernte ich die englischen Zeitungen lesen, obwohl sie mir im Grunde ganz gleichgültig waren. Später, 1826, Nach dem Bruch mit Menta (Gräfin Curial). war ich sehr unglücklich auf demselben Covent Garden-Platz im Ouakum-Hotel oder einem andern mit ähnlich mißtönigem Namen, dem Tavistock-Hotel gerade gegenüber. Von 1826 bis 1832 habe ich kein Unglück gehabt. Am Tage meiner Ankunft in London wurde Shakespeare noch nicht gespielt; ich ging ins Haymarket-Theater, das wohl schon geöffnet war. Trotz dem trübsinnigen Aussehen des Theatersaals unterhielt ich mich ganz gut. »She stoops to conquer« , ein Lustspiel von Goldsmith, belustigte mich ungemein durch das Mienenspiel des Schauspielers, der den Gatten der Miß Richland spielte, der sich erniedrigte, um zu siegen. Der Gegenstand ist dem der » Fausses confidences »von Marivaux ähnlich. Ein heiratsfähiges Mädchen verkleidet sich als Stubenmädchen; diese Kriegslist amüsierte mich sehr. Am Tage durchstreifte ich die Umgegend Londons; oft ging ich nach Richmond. Diese berühmte Terrasse bietet das gleich bewegte Landschaftsbild wie die von Saint-Germain-en-Laye. Nur blickt man wohl aus geringerer Hohe über die Wiesengründe in ihrem saftigen Grün mit den einzelnstehenden, durch ihr Alter ehrwürdigen Bäumen. Von der Terrasse von Saint-Germain jedoch sieht man nur dürres, steiniges Gelände. Nichts kommt diesem frischen Grün und der Schönheit der Bäume in England gleich; sie zu fällen wäre ein Verbrechen und eine Schande, wogegen der französische Besitzer beim geringsten Geldbedürfnis die fünf bis sechs alten Eichen, die auf seinem Grundstück stehen, verkauft. Der Anblick von Richmond und Windsor gemahnte mich an meine teure Lombardei, an die Berge der Brianza, Desio, Como, Cadenabbia, die Kapelle bei Varese, jene schönen Orte, wo meine schönen Tage dahingegangen waren. In jenen Augenblicken des Glückes war ich so närrisch, daß mir fast keine deutliche Erinnerung geblieben ist, höchstens ein Datum, das ich in ein neu gekauftes Buch eintrug, um den Ort zu bezeichnen, wo ich es las. Wenn ich dies Buch je wiederlese, so hilft mir die geringste Randbemerkung, den Faden meiner Ideen wieder aufzunehmen und ihn weiterzuspinnen. Finde ich beim Wiederlesen eines Buches keine Erinnerung, so muß ich von vorn anfangen. Eines Abends saß ich auf der Brücke unterhalb der Terrasse von Richmond und las die Memoiren der Mrs. Hutchinson; »Memoirs of the life of Colonel Hutchinson« (London 1806), nach seinem Tode von seiner Gattin Luch aufgezeichnet. John Hutchinson (1615–64 war ein puritanischer Kriegsmann. das ist eine meiner Leidenschaften. »Mr. Bell!« sagte ein Herr und blieb vor mir stehen. Es war Herr B..., den ich in Mailand bei Lady Jersey kennengelernt hatte, ein sehr feiner Kopf, in den Fünfzigern, der in der guten Gesellschaft verkehrte, ohne ihr eigentlich anzugehören. In England sind die Klassen ja abgegrenzt wie in Indien, dem Lande der Parias. »Haben Sie Lady Jersey besucht?« fragte er. »Nein, dazu habe ich sie in Mailand nicht gut genug gekannt, und die englischen Reisenden sollen, wenn sie über den Kanal zurück sind, etwas an Gedächtnisschwäche leiden.« »Welche Idee! Gehen Sie hin.« »Wenn sie mich kalt empfängt und nicht wiedererkennt, so wäre mir das weit peinlicher als die Freude über einen herzlichen Empfang.« »Haben Sie Hobhouse S. S. 439, Anmerk. 1. und Brougham S. S. 487, Anmerk. 1. nicht besucht?« Die gleiche Antwort. Herr B..., der die ganze Geschäftigkeit eines Diplomaten besaß, fragte mich nach Neuigkeiten über Frankreich aus. Ich sagte ihm: »Die jungen Leute aus dem Kleinbürgertum, die eine gute Bildung genossen haben und keine Stellung finden, weil alle mit den Günstlingen der Kongregationen besetzt sind, werden diese Kongregationen und bei Gelegenheit auch die Bourbonen stürzen.« Ich gebe diese Worte mit dem Zusatz wieder, daß mein ungemeiner Widerwille gegen alles, worüber ich sprach, mir anscheinend jene unglückliche Miene gab, ohne die man in England kein Ansehen genießt. Als B. erfuhr, daß ich Lafayette und de Tracy kannte, sagte er mit dem Ausdruck tiefsten Erstaunens: »Sie haben Ihre Reise so wenig herausgestrichen? Sie konnten allwöchentlich zweimal bei Lord Holland und bei Lady A... speisen.« »Ich habe in Paris gar nichts von meiner Reise nach London gesagt. Ich bin nur hergekommen, um Shakespeares Dramen aufführen zu sehen.« Als B. mich endlich verstanden hatte, hielt er mich für verrückt geworden. Als ich zum erstenmal Allmacks Ballokal besuchte, seufzte mein Bankier beim Anblick meiner Einladungskarte: »Seit zwanzig Jahren bemühe ich mich, zu diesen Bällen eingeladen zu werden, und Sie werden in einer Stunde da sein.« Da die englische Gesellschaft wie ein Bambusrohr abgestuft ist, hat ein jeder kein höheres Ziel, als in die nächst höhere Gesellschaftsklasse hinaufzusteigen, und diese Klasse gibt sich die größte Mühe, ihn daran zu hindern. Solche Sitten habe ich in Frankreich nur einmal gefunden, als die Napoleonischen Generale, die sich an Ludwig XVIII. verkauft hatten, durch Kriechereien aller Art in die Salons des Faubourg Saint-Germain zu gelangen suchten. Die Demütigungen, die diese elenden Gesellen täglich einsteckten, würden fünfzig Seiten ausfüllen. Wohlan, ich glaube nicht, daß die jungen Leute, die 1832 Jura studierten, ihrerseits solche Demütigungen erfahren werden. Sie werden ein einziges Mal eine Niedrigkeit, ja eine Gemeinheit begehen, aber sie werden sich nicht derart von der Verachtung mit Nägeln zerfleischen lassen. Das ist widernatürlich für jeden, der nicht in den Salons von 1780 geboren ist, die von 1804 bis 1830 wieder auflebten. Diese Niedrigkeit, die von der Frau eines Mannes mit blauem Ordensband alles hinnimmt, wird bei den jungen Parisern nicht mehr möglich sein. Und die Stellung Louis Philippes ist zu wenig fest begründet, als daß solche Salons in absehbarer Zeit wieder entstehen könnten. In England wird die Reformbill die Entstehung von Charakteren wie B. unmöglich machen. Aber er wird es mir nie verzeihen, daß ich meine Reise nicht mehr herausgestrichen habe. Im Jahre 1821 ahnte ich nichts von einer Verworfenheit, die ich erst auf meiner zweiten Reise im Jahre 1826 begriffen habe. Die Diners und Bälle der Aristokratie kosten ein Sündengeld, das in der zwecklosesten Weise ausgegeben wird. Endlich wurde »Othello« mit Kean angezeigt. Ich wurde fast totgequetscht, bevor ich mein Parkettbillett bekam. Das Anstehen der Menschen erinnerte mich an die schönen Tage meiner Jugend, als wir uns im Jahre 1800 fast totdrücken ließen, um der Erstaufführung von »Pinto« beizuwohnen. (Germinal des Jahres VIII.) Der Unglückliche, der ein Billett zum Covent Garden-Theater haben will, muß in gewundenen, drei Fuß breiten Gängen anstehen, deren Bretterwände durch die Kleider der Wartenden blank gescheuert sind. Den Kopf voll literarischer Gedanken, stand ich in diese abscheulichen Gänge eingekeilt, bis der Ingrimm mir mehr Kraft verlieh als meinen Nachbaren. Da sagte ich mir: »Jedes Vergnügen ist für mich heute abend unmöglich. Es war recht töricht, mir nicht einen Logenplatz im voraus zu kaufen.« Zum Glück blickten mich die Leute, denen ich Rippenstöße versetzt hatte, mit gutmütiger, offner Miene an, als ich im Parkett saß. Wir sagten uns ein paar freundliche Worte über die überstandenen Qualen. Da meine Wut vorüber war, überließ ich mich ganz der Bewunderung Keans, den ich bisher nur aus den überschwenglichen Lobsprüchen meines Reisegefährten Edwards kannte. Anscheinend ist Kean ein Kneipenheld mit schlechten Manieren. Ich entschuldigte ihn leicht: wäre er reich oder im Schoß einer guten Familie geboren, so wäre er nicht Kean, sondern ein kalter Geck. Die Höflichkeit der oberen Klassen in Frankreich und Wohl auch in England ächtet alle Energie und schleift sie ab, wo sie vorhanden sein sollte. Tadellos höflich und jeder Energie völlig bar, so stellte ich mir im Salon der Gräfin de Tracy Herrn von Syon oder irgendeinen jungen Mann aus dem Faubourg Saint-Germain vor, wenn er gemeldet wurde. Und dabei war ich im Jahre 1821 noch gar nicht imstande, die ganze Nichtigkeit dieser blutleeren Wesen zu ermessen. Herr von Syon, der beim General Lafayette verkehrte und später nach Amerika ging, muß im Salon der Madame de la Trémoille für ein Ungeheuer an Energie gelten. Großer Gott, wie kann man so nichtssagend sein! Wie kann man solche Leute schildern! Solche Fragen stellte ich mir im Winter 1830, wenn ich diese jungen Leute studierte. Damals war es ihre größte Sorge, daß ihre Haartolle ihnen nicht in die Stirn fiel. Meine Freude, Kean zu sehen, war stark mit Verwunderung gemischt. Die Engländer, ein rauhes Volk, machen ganz andere Gebärden als wir, um die gleichen Seelenregungen auszudrücken. Der Baron von Mareste und der treffliche Lolot kamen nach London nach; vielleicht war Mareste auch schon mit mir angekommen. Ich habe ein unglückliches Talent, meinen Geschmack zu übertragen. Oft, wenn ich meinen Freunden von meinen Geliebten erzählte, machte ich sie verliebt, oder, was noch schlimmer ist, ich machte meine Geliebte in den Freund verliebt, an dem ich wirklich hing. Das ist mir mit Madame Azur Alberthe de Rubempré. und Mérimée passiert. Vier Tage lang war ich in Verzweiflung. Als die Verzweiflung nachließ, bat ich Mérimée, meinen Schmerz vierzehn Tage zu schonen. »Vierzehn Monate«, entgegnete er mir. »Ich finde keinen Geschmack an ihr.« Lolot, der alles mit Ordnung und Verstand betreibt wie ein Kaufmann, veranlaßte uns, einen Lohndiener zu nehmen. Das war ein kleiner englischer Geck. Die verachte ich mehr als die andern; ist die Mode in England doch kein Vergnügen, sondern eine strenge, unverbrüchliche Pflicht. Ich besaß gesunden Sinn für alles, was sich nicht auf gewisse Erinnerungen bezog. Ich fühlte sofort die Lächerlichkeit der achtundvierzigstündigen Arbeitszeit des englischen Arbeiters. Der arme zerlumpte Italiener steht dem Glück näher. Er hat Zeit zur Liebe; er widmet sich achtzig bis hundertmal jährlich einer Religion, die ihm um so mehr Spaß macht, als sie ihm Furcht einflößt. Meine Gefährten lachten mich roh aus. Meine Paradoxie wird zusehends zur Wahrheit, und im Jahre 1840 wird sie ein Gemeinplatz sein. Meine Gefährten hielten mich für völlig verrückt, als ich hinzusetzte: »Die harte, erschöpfende Arbeit des englischen Arbeiters rächt uns für Waterloo und die vier Koalitionen. Wir haben unsere Toten begraben, und die Überlebenden sind glücklicher als die Engländer.« Lolot und Mareste werden mich zeitlebens für nicht recht bei Troste halten. Zehn Jahre später suchte ich sie zu beschämen. »Heute denkt Ihr wie ich im Jahre 1821 in London.« Sie stritten es ab und in ihren Augen bleibe ich ein Narr. Hiernach kann man sich denken, was mir widerfuhr, wenn ich unglücklicherweise auf die Literatur kam. Mein Vetter Colomb hat mich lange tatsächlich für neidisch gehalten, weil ich zu ihm sagte, die »Lascaris« des Herrn Villemain sei so langweilig, daß man im Stehen einschliefe. Wie wurde es erst, wenn ich von allgemeinen Grundsätzen anfing! Als ich eines Tages von der englischen Arbeit sprach, fühlte unser Lohndiener, der kleine Laffe, sich in seiner Nationalehre gekränkt. »Sie haben recht«, sagte ich zu ihm. »Aber wir sind schlecht daran, wir haben keine angenehmen Bekanntschaften.« »Mein Herr, ich werde die Sache in die Hand nehmen. Ich werde den Handel selbst abschließen. Wenden Sie sich nicht an andre, sonst werden Sie geprellt.« Meine Freunde lachten. So sah ich mich in eine Weibergeschichte verstrickt, weil ich den Laffen in seiner Ehre gekränkt hatte. Nichts war unerquicklicher und abstoßender als die Einzelheiten dieses Handels, die unser Mann uns am nächsten Tage erzählte, als er uns London zeigte. Zunächst wohnten unsere Mädchen in einem entlegenen Stadtviertel – Westminster Road –, vorzüglich geeignet, wenn vier Zuhälter und Matrosen ein paar Franzosen durchprügeln wollten. Ein englischer Freund warnte uns vor dieser Falle. »Wissen Sie, daß man Sie eine Meile von London fortlocken will?« Wir machten also aus, nicht hinzugehen. Am Abend warf mir Lolot einen Blick zu. Ich verstand ihn. »Wir sind kräftige Leute«, sagte ich, »und haben Waffen.« Mareste wagte nicht mitzukommen. Wir nahmen eine Droschke und fuhren über die Westminsterbrücke, dann durch häuserlose Straßen zwischen Gärten. Ohne die Langeweile eines Londoner Abends, wenn kein Theater offen ist, wie an jenem Tage, und ohne den leichten Kitzel der Gefahr hätte Westminster Road mich nie gesehen. Endlich, nachdem wir auf der ungepflasterten Straße fast zweimal umgeworfen hatten, hielt der fluchende Kutscher vor einem dreistöckigen Hause, das höchstens 25 Fuß hoch war. Nie habe ich etwas so Winziges gesehen. Ohne den Gedanken an Gefahr hätte ich es gewiß nicht betreten. Ich machte mich auf drei elende Schlampen gefaßt. Es waren drei kleine Mädchen mit schönem kastanienbraunem Haar, etwas schüchtern, sehr zuvorkommend, sehr blaß. Die Möbel waren von lächerlichster Kleinheit. Lolot ist groß und stark; wir konnten uns nicht setzen; die Möbel waren buchstäblich wie in einer Puppenstube. Wir hatten Angst, sie zu zerdrücken. Unsere kleinen Mädchen sahen unsere Verlegenheit und wurden dadurch selbst noch verlegener. Wir wußten durchaus nicht, was wir sagen sollten. Zum Glück kam Lolot auf den Einfall, von dem Garten zu reden. »Oh, wir haben einen Garten«, riefen sie, nicht mit Stolz, aber mit einer Art Freude, einen Luxusgegenstand zeigen zu können. Wir gingen mit Lichtern in den Garten hinunter, um ihn zu besichtigen. Er war 25 Fuß lang und 10 Fuß breit. Lolot und ich lachten laut auf. Dort stand das ganze Hausgerät der armen Mädchen, das kleine Waschfaß und ein ovaler Apparat zum Bierbrauen. Ich war gerührt und Lolot abgestoßen. »Wir wollen bezahlen und abziehen«, sagte er auf französisch. »Das wird sie sehr demütigen«, versetzte ich. »Bah, du kennst sie recht! Sie werden sich andre Kunden holen lassen, wenn's noch nicht zu spät ist, oder ihre Liebhaber, wenn es hier so zugeht wie in Frankreich.« Diese Wahrheiten machten keinen Eindruck auf mich. Ihre Armut, all ihre kleinen Möbel, so sauber und alt, hatten mich gerührt. Wir hatten noch nicht unsern Tee getrunken, als ich mit ihnen so intim war, daß ich ihnen in meinem schlechten Englisch unsere Furcht anvertraute, ermordet zu werden. Sie waren ganz verwirrt darüber. »Aber schließlich«, fuhr ich fort, »ist der beste Beweis, daß wir euch trauen, doch, daß ich euch das alles erzähle.« Wir schickten den Diener fort. Nun behandelte ich sie wie zärtliche Freundinnen, die ich nach einer langen Reise wiedersah. Das Traurige dabei ist, daß ich während meines Aufenthaltes in England unglücklich war, wenn ich meine Abende nicht in diesem Hause beschließen konnte. Keine Tür schloß – ein neuer Grund zu Verdacht, als wir uns zu Bett legten. Aber wozu hätten auch Türen mit guten Schlössern genutzt? Mit einem Faustschlag hätte man überall die dünnen Ziegelwände einschlagen können. In diesem Hause war alles zu hören. Lolot, der im zweiten Stock in dem Zimmer über mir war, rief mir zu: »Wenn du ermordet wirst, rufe mich!« Ich wollte das Licht brennen lassen, aber meine neue Freundin, so willig sie sonst war, wollte das aus Schamhaftigkeit keinesfalls zugeben. Sie schrak zusammen, als ich meine Pistolen und meinen Dolch auf den Nachttisch neben dem Bette legte, das dicht bei der Tür stand. Sie war reizend, klein, gut gebaut und bleich. Niemand ermordete uns. Um uns für den Tee erkenntlich zu zeigen, ließen wir am nächsten Morgen Mareste durch den Lohndiener holen und ihm sagen, er solle kaltes Fleisch und Wein mitbringen. Er erschien sehr bald mit einem guten Frühstück, höchst betroffen ob unserer Begeisterung. Die beiden Schwestern ließen eine ihrer Freundinnen holen. Wir ließen ihnen den Wein und das kalte Fleisch zurück, dessen Güte die armen Dinger zu überraschen schien. Sie glaubten, wir wollten sie zum besten haben, als wir sagten, wir würden wiederkommen. Meine Freundin nahm mich beiseite und sagte zu mir: »Ich würde nicht ausgehen, wenn ich hoffen könnte, daß Sie heute abend wiederkommen. Aber unser Haus ist zu ärmlich für Leute wie Sie.« Den ganzen Tag lang dachte ich an den holden, süßen, friedlichen Abend ( full of snugness ), der meiner harrte. Das Theater kam mir lang vor. Lolot und Mareste wollten all die schamlosen Dirnen sehen, die das Foyer des Covent Garden-Theater bevölkerten. Schließlich langte ich mit Lolot in unserm Häuschen an. Als die armen Mädchen mehrere Flaschen Weißwein und Champagner auspacken sahen, machten sie große Augen. Ich glaube, sie hatten noch nie eine volle Flasche richtigen Champagner gesehen. Zum Glück knallte der Pfropfen der unsern. Sie waren selig, aber ihre Freude blieb ruhig und anständig. Ihr Benehmen war durchaus anständig. Das war der erste wirkliche innere Trost für das Unglück, das alle meine einsamen Stunden vergiftete. Wie man sieht, war ich 1821 erst zwanzig Jahre alt. Wäre ich achtunddreißig alt gewesen, wie mein Taufschein zu beweisen schien, ich hatte diesen Trost in Paris bei anständigen Frauen suchen können, die mir ihre Sympathie bekundeten. Trotzdem zweifle ich manchmal, ob mir das gelungen wäre. Jenes sogenannte Wesen der großen Welt, infolgedessen Frau de Marmier anders aussieht als Frau Edwards, erscheint mir oft als verdammenswerte Unnatur und verschließt mir zeitweise hermetisch das Herz. Das ist ein großes Unglück für mich. Geht es anderen ebenso? Die geringsten Nuancen verletzen mich tödlich. Etwas mehr oder weniger von den Manieren der großen Welt läßt mich innerlich ausrufen: »Bourgeoisweib!« oder »Puppe vom Boulevard Saint-Germain!« Und sofort habe ich nur noch Ekel oder Ironie für meine Nächsten übrig. Alles lernt man kennen, nur sich selbst nicht. »Ich bin weit entfernt, alles zu kennen«, würde ein höflicher Mann aus dem vornehmen Faubourg Saint-Germain hinzufügen, der stets darauf bedacht ist, sich vor der Lächerlichkeit zu schützen. Wenn ich krank war, haben meine Arzte mich wegen meiner »nervösen Reizbarkeit« mit Vorliebe als Monstrum behandelt. Einmal fror ich, weil ein Fenster im Nebenzimmer offen stand, obwohl die Tür geschlossen war. Der geringste Geruch (ausgenommen schlechter) schwächt meinen Arm und mein linkes Bein und ich habe die Neigung, nach dieser Seite zu fallen. Welch abscheulicher Egotismus liegt in all diesen Einzelheiten! – Gewiß, aber was ist dies ganze Buch, wenn nicht abscheulicher Egotismus? Wozu pedantische Ziererei zur Schau stellen, wie gestern Herr Villemain in seinem Artikel über Chateaubriands Verhaftung! Ist dies Buch langweilig, so wird man in zwei Jahren die Butter beim Krämer damit einwickeln. Ist es nicht langweilig, so wird man erkennen, daß der Egotismus, aber nur der ehrliche, ein Mittel zur Schilderung des Menschenherzens ist, in dessen Kenntnis wir seit 1721 – seit dem Erscheinen der » Lettres persanes « des großen Montesquieu, den ich so eifrig studiert habe – Riesenfortschritte gemacht haben. Der Fortschritt ist bisweilen so erstaunlich, daß Montesquieu grob erscheint. Ich bin glücklich, während ich dies schreibe. Die Amtstätigkeit hat mich seit drei Tagen (Juni 1832) fast Tag und Nacht in Anspruch genommen. Um vier Uhr, wenn meine Briefe an das Ministerium gesiegelt sind, könnte ich eine Phantasiearbeit nicht fortsetzen. Dies hier schreibe ich ohne Anstrengung und ohne andere Mühe und einen anderen Plan als den, mich zu erinnern. (Anmerkung Stendhals.) Ich war mit meinem Londoner Aufenthalt so zufrieden, seit ich den ganzen Abend in schlechtem Englisch gemütlich sein konnte, daß ich den Baron, der wieder in den Dienst mußte, und Lolot, den seine Geschäfte zurückriefen, nach Paris abreisen ließ. Trotzdem war ihre Gesellschaft mir sehr angenehm gewesen. Ich vermied Kunstgespräche, die stets ein Stein des Anstoßes bei meinen Freunden waren. Die Engländer sind wohl das fühlloseste und barbarischste Volk auf Erden. Darum verzeihe ich ihnen ihre Schändlichkeiten von Sankt Helena. Sie hatten kein Gefühl dafür. Gewiß würde ein Italiener, wenn man ihn bezahlt, ja selbst ein Deutscher sich einbilden, Napoleon überlegen zu sein. Die biederen Engländer, denen unaufhörlich der Abgrund des Hungertodes droht, wenn sie einen Augenblick nicht arbeiten, verscheuchen den Gedanken an Sankt Helena, wie sie den Gedanken an Raffael verscheuchen, weil sie dabei Zeit verlören. Das ist alles. Als ich allein war, kämpfte in mir der Gedanke an die Ehrbarkeit der englischen Familie, die mit 10 000 Franken lebt, mit dem an die völlige Sittenverderbnis des Engländers, der kostspielige Neigungen hat und sich an die Regierung verkauft, um diese Neigungen zu befriedigen. Infolge des Widerstreits dieser beiden Gedanken reiste ich ab, ohne zu wissen, ob man England eine Schreckenszeit wünschen solle, die diesen Augiasstall reinigte. Das arme Mädchen, bei dem ich die Nächte verbrachte, beteuerte mir, sie würde Äpfel essen und mir nichts kosten, wenn ich sie nach Frankreich mitnehmen wollte. Das hätte mir manche pechschwarze Stunde erspart. Zu meinem Unglück ist die Geziertheit mir derart zuwider, daß es mir schwerfällt, gegen eine Französin schlicht; aufrichtig, gut, kurz, recht deutsch zu sein. Eines Tages wurde angekündigt, daß acht arme Teufel gehenkt werden sollten. Wenn in England ein Dieb oder ein Mörder gehenkt wird, so ist es in meinen Augen ein Opfer, das die Aristokratie zu ihrer Sicherheit schlachtet, denn sie hat ihn zum Verbrechen gezwungen. Diese Wahrheit, so paradox sie heute ist, wird vielleicht ein Gemeinplatz sein, wenn man mein Geschwätz liest. Die Nacht hindurch sagte ich mir, es sei Pflicht des Reisenden, derartige Schauspiele und ihre Wirkung auf ein noch bodenständiges Volk ( who has raciness ) anzusehen. Aber am nächsten Morgen um acht Uhr, als ich geweckt wurde, regnete es in Strömen. Die Sache, zu der ich mich zwingen wollte, war so peinlich, daß ich mich des Kampfes noch erinnere. Ich habe dem gräßlichen Schauspiel nicht beigewohnt. Achtes Kapitel Nach meiner Rückkehr nach Paris, etwa im Monat Dezember, nahm ich wieder mehr Anteil an Menschen und Dingen. Heute sehe ich das Warum. Es war, weil ich unabhängig von dem, was ich in Mailand zurückgelassen, auch anderswo etwas Glück oder doch Vergnügen finden konnte. Das Vergnügen war das Häuschen der Miß Appleby. Aber ich war nicht vernünftig genug, mein Leben systematisch einzurichten. Der Zufall leitete stets meine Beziehungen. Hier ein Beispiel dafür: In Neapel war einmal ein Kriegsminister namens Michevaux, ein armer Berufsoffizier, ich glaube aus Lüttich. Seinen beiden Söhnen hinterließ er Pensionen vom Hofe; in Neapel rechnet man auf die Gnade des Königs wie auf ein Erbteil. Der Chevalier Alexander Miniorini Offenbar einer dieser Söhne, den Stendhal so nennt. speiste an der Wirtstafel in der Rue de Richelieu. Er war ein hübscher Junge von dem phlegmatischen Wesen eines Holländers und von Kummer verzehrt. Während der Revolution von 1820 lebte er friedlich als Royalist in Neapel. Der Kronprinz Francesco, Franz I. (1777-1830), seit 1825 König beider Sizilien. Er stand ganz unter österreichischem Einfluß. später der verachteteste König, war Regent und sein besonderer Beschützer. Er ließ ihn rufen und bat ihn, den Gesandtschaftsposten in Dresden anzunehmen, an dem aber dem phlegmatischen Miniorini gar nichts lag. Da er jedoch einer Königlichen Hoheit und einem Thronerben nicht mißfallen wollte, ging er nach Dresden. Alsbald verbannte Francesco ihn und verurteilte ihn zum Tode oder entzog ihm doch die Pension. Ohne Geist und Anlage für irgend etwas, wurde der Chevalier sein eigner Henker. Er arbeitete lange Zeit achtzehn Stunden täglich wie ein Engländer, um Maler, Musiker, Metaphysiker, Gott weiß was, zu werden. Von dieser Gewaltarbeit war ihm die Fähigkeit geblieben, hervorragend auf dem Klavier zu begleiten, auch ein ziemlicher Musikverstand und Geschmack. Wenn er aber Ideen entwickeln wollte, verfiel sein schwacher, verbildeter Geist auf die lächerlichsten Torheiten. Übrigens habe ich nie etwas Poetischeres und Widersinnigeres gesehen als die italienischen Liberalen oder Karbonari, die von 1821 bis 1830 die liberalen Salons von Paris bevölkerten. Eines Abends nach dem Essen ging Miniorini in sein Zimmer hinauf. Als er nach zwei Stunden nicht zum Kaffee erschien, gingen wir zu ihm hinauf. Er litt an der Wurmkrankheit. Die Schmerzen hatten sich nach dem Essen verdoppelt; dieser phlegmatische, schwermütige Mensch hatte alles Elend durchgemacht, auch die Geldnot. Der Schmerz hatte ihn überwältigt. Ein anderer hätte Selbstmord begangen; er wäre zufrieden gewesen, wenn er aus seiner Ohnmacht nicht erwacht wäre. Wir brachten ihn mit großer Mühe wieder zu sich. Sein Schicksal rührte mich, vielleicht ein wenig aus der Überlegung: das ist doch ein Mensch, der noch unglücklicher ist als ich. Lolot lieh ihm 500 Franken, die er ihm zurückgezahlt hat. Am nächsten Tage stellten Mareste und ich ihn der Pasta vor. Acht Tage darauf merkten wir, daß er ihr Busenfreund war. Es gab nichts Kälteres und Vernünftigeres als das Beieinander dieses Paares. Ich habe sie vier bis fünf Jahre täglich zusammen gesehen. Hätte mich ein Zauberer mit Unsichtbarkeit begabt, ich glaube, ich hätte feststellen können, daß sie kein Liebesverhältnis miteinander hatten, sondern nur von Musik sprachen. Ich bin überzeugt, daß Frau Pasta, die acht bis zehn Jahre in Paris gelebt hat und dreiviertel dieser Zeit in Mode war, nicht einen französischen Liebhaber hatte. Zu der Zeit, wo wir Miniorini bei ihr einführten, kam der schöne General Lagrange allabendlich drei Stunden zu ihr und saß neben ihr auf ihrem Sofa. Er langweilte uns. Dieser General hatte früher den Apollo oder den schönen befreiten Spanier bei den Balletten des kaiserlichen Hofes gespielt. Ich sah die Königin Karoline Marat und die göttliche Prinzessin Borghese in Indianerkostümen mit ihm tanzen. Er war einer der inhaltlosesten Menschen der guten Gesellschaft, und das will gewiß viel sagen. Der Chevalier Miniorini hatte elegante, fast gewählte Manieren. In dieser Hinsicht war er das grade Gegenteil von Mareste und selbst von Lolot, der doch nur ein guter Provinzler war, der zufällig Millionen verdient hatte. Miniorinis elegantes Benehmen knüpfte das Band zwischen uns. Ich merkte bald, daß er eine völlig kalte Seele besaß. Er hatte die Musik gelernt, wie ein Akademiker Persisch lernt oder doch so tut. Er hatte gelernt , dies und jenes Musikstück zu bewundern; das erste bei einem Ton war stets seine Richtigkeit, bei einem Satz die Korrektheit. In meinen Augen ist das erste bei weitem der Ausdruck und bei aller Schwarzkunst der Vers Boileaus: »Ob gut, ob schlecht, mein Vers hat was zu sagen.« Da das Verhältnis zwischen Miniorini und der Pasta immer enger wurde, zog ich in den dritten Stock des Hotel des Lillois, dessen ersten und zweiten Stock die liebenswürdige Frau bewohnte. Sie hatte in meinen Augen keinen Makel noch Fehler, einen schlichten, gleichmäßigen, gerechten, natürlichen Charakter und dazu das größte Talent zur Tragödie, das ich je gesehen habe. Anfangs begehrte ich, der ich sie so sehr bewunderte, ihre Liebe. Heute erkenne ich, daß sie zu kalt, zu vernünftig, zu wenig töricht und zärtlich war, als daß ein solches Liebesverhältnis hätte andauern können. Es wäre meinerseits nur ein Abenteuer gewesen, und in gerechter Entrüstung darüber hätte sie mit mir gebrochen. Es ist also besser, daß unsere Beziehungen sich meinerseits auf die heiligste, hingebendste Freundschaft und ihrerseits auf ein ähnliches Gefühl mit seinen Höhen und Tiefen beschränkten. Miniorini, der etwas Angst vor mir hatte, bedachte mich mit zwei bis drei kräftigen Verleumdungen, die ich aber völlig ignorierte. Ich nehme an, daß Frau Pasta nach sechs oder acht Monaten sagte: Das ist ja Unsinn! Doch es bleibt stets etwas hängen, und so hat unsere Freundschaft sich nach sechs bis acht Jahren etwas abgekühlt. Über Miniorini habe ich mich nie im geringsten aufgeregt. Und ich nehme an, daß die Giuditta, wie wir sie auf Italienisch nannten, ihm bisweilen kleine Summen lieh, um ihn vor der ärgsten Armut zu bewahren. Ich besaß damals nicht viel Esprit, und doch hatte ich Neider. Herr Perret, der Spion des Tracyschen Hauses, erfuhr von meinem Freundschaftsverhältnis zur Pasta: diese Art Leute erfährt von ihresgleichen ja alles. Er hinterbrachte es den Damen in der Rue Anjou in der häßlichsten Weise, und die ehrbarste Frau, der jeder Gedanke an ein Verhältnis fernlag, verzieh mir das Verhältnis mit einer Schauspielerin nie. Selbst der alte Philosoph de Tracy verzieh es mir nicht. Ich bin lebhaft, leidenschaftlich, toll, bis zum Übermaß aufrichtig in der Freundschaft wie in der Liebe bis zur ersten Entfremdung. Dann gehe ich von der Torheit des Sechzehnjährigen unmittelbar zum Machiavellismus des Fünfzigjährigen über, und nach acht Tagen ist nichts mehr übrig als schmelzendes Eis und völlige Kälte. Das ist mir noch kürzlich, im Mai 1832, mit Lady Angelina begegnet. Ich wollte im Tracyschen Kreise mein ganzes Herz hingeben, als ich die erste Kälte verspürte. Von 1821 bis 1830 war ich dort nur kühl und machiavellistisch, das heißt völlig vorsichtig. Noch sehe ich die abgerissenen Fäden verschiedener Freundschaften, die sich damals in der Rue d'Anjou anspannen. Die treffliche Gräfin de Tracy, die nicht mehr geliebt zu haben ich mir bitter vorwerfe, zeigte mir diesen Anflug von Kälte zwar nicht, und ich hatte nach meiner Rückkehr aus England ein Bedürfnis nach Offenherzigkeit und ehrlicher Freundschaft zu ihr. Aber es kühlte sich lediglich aus Überlegung ab, denn ich war entschlossen, dem ganzen übrigen Kreis des Salons gegenüber kalt berechnend zu sein. In Italien hatte ich für die Oper geschwärmt. Die holdesten Augenblicke meines Lebens habe ich zweifellos im Theater verlebt. In der Scala in Mailand war ich überglücklich gewesen. Als ich zehn Jahre alt war, verhinderte mein Vater, der alle Vorurteile der Religion und der Aristokratie besaß, mit Gewalt, daß ich Musikunterricht erhielt. Mit sechzehn Jahren lernte ich nach und nach Violine spielen, singen und die Klarinette spielen. Nur auf diesem Instrument gelang es mir, Töne hervorzubringen, die mir Freude machten. Mein Lehrer, ein schöner Deutscher, namens Hoffmann, ließ mich zärtliche Kantilenen spielen. Wer weiß? Vielleicht kannte er Mozart, der damals (1797) eben gestorben war. Aber damals hatte sich dieser große Name mir noch nicht offenbart. Eine große Leidenschaft für die Mathematik trat dazwischen. Sie währte zwei Jahre. Als ich dann in Paris (1799) Musik studieren wollte, erkannte ich, daß es zu spät war. Meine Leidenschaft ließ in dem Maße nach, als ich einige Kunstfertigkeit erlangte. Die Töne, die ich hervorbrachte, erregten mein Grauen, ganz im Gegensatz zu so vielen ausübenden Musikern vierten Ranges, die ihr kleines Talent nur der Unerschrockenheit verdanken, womit sie sich des Morgens selbst die Ohren zerreißen. Aber sie zerreißen sie sich gar nicht... Genug, ich habe für Musik geschwärmt, zu meinem Glück von 1806 bis 1810 in Deutschland und von 1814 bis 1821 in Italien. Dort konnte ich mit dem alten Mayr, Simon Mayr aus Ingolstadt (1763-1845) war seit 1802 Kapellmeister in Bergamo. dem jungen Pacini, »Ein Komponist zweiten Ranges, der sich mit Rossinis Federn schmückt« (»Reise in Italien«, S. 402). Giovanni Pacini aus Catania (1796-1867) hat 90 Opern und 35 Oratorien und Kantaten geschrieben. mit Komponisten über Musik disputieren. Die ausübenden Künstler dagegen, der Marchese Caraffa, die Viscontini in Mailand, fanden, daß ich nichts davon verstand. Das ist etwa, als spräche ich heute mit einem Unterpräfekten über Politik. Graf Daru, ein Literat vom Scheitel bis zur Sohle, ein würdiges Mitglied der blöden Akademie von 1828, war tief erstaunt, daß ich eine Seite schreiben könnte, die irgendeinem Menschen Genuß bereitete. Eines Tages kaufte er bei Delauney, der es mir erzählt hat, ein kleines Werk von mir, das vergriffen war und daher 40 Franken kostete. Sein Erstaunen, sagte der Buchhändler, war zum Totlachen. »Was, 40 Franken?« »Jawohl, Herr Graf, aus Gefälligkeit. Sie täten mir einen Gefallen, wenn Sie es zu diesem Preise nicht nähmen.« »Ist's möglich!« sagte der Akademiker, gen Himmel blickend. »Dies Kind, unwissend wie ein Karpfen!« Er meinte es ganz ehrlich. Wenn unsere Antipoden den Mond anschauen, der bei uns im ersten Viertel steht, sagen sie: »Welche herrliche Helle! Fast Vollmond!« Der Graf Daru, Mitglied der französischen Akademie und der Akademie der Wissenschaften usw. usw., und ich betrachten die Natur, das Menschenherz usw. von entgegengesetzten Seiten. Auch der Chevalier Miniorini, dessen hübsches Zimmer neben dem meinen im zweiten Stock des Hotel des Lillois lag, faßte es nicht, daß ein Mensch mir zuhören könnte, wenn ich von Musik sprach. Grenzenlos war sein Erstaunen, als er hörte, daß ich ein Buch über Haydn geschrieben hätte. S. Seite 398, Anm. 3, Seite 424, Anm. 1. Er fand dies Buch zwar ganz gut, wenn auch »zu metaphysisch«, wie er sagte, aber daß ich es hätte schreiben können, ich, der ich keinen Septimakkord auf dem Klavier anschlagen konnte, darüber riß er die Augen weit auf. Und er hatte sehr schöne Augen, wenn zufällig etwas Ausdruck darin lag. Dies Erstaunen, das ich etwas lang und breit geschildert habe, fand ich mehr oder weniger bei allen, mit denen ich mich unterhielt, bis zu der Zeit (1827), wo ich mir Mühe gab, geistreich zu sein. Ich bin wie eine ehrbare Frau, die sich prostituiert. Immerfort muß ich die Scham des anständigen Mannes bekämpfen, der sich scheut, von sich selbst zu reden. Und doch besteht dies Buch aus nichts anderem. Ich sah eine andre Schwierigkeit voraus, nämlich den Mut zur Wahrheit zu finden, aber das ist das Mindeste. Einzelheiten aus jener zurückliegenden Zeit fehlen mir ziemlich. Wenn ich mich dem Zeitabschnitt von 1826 bis 1830 nähere, werde ich weniger trocken und wortreich sein. Damals zwang mein Unglück mich, geistreich zu sein; ich entsinne mich alles dessen, als wäre es gestern. Infolge einer unglücklichen physischen Anlage, dank deren ich für einen schlechten Franzosen galt, gewinne ich dem Gesang auf französischen Musikbühnen nur sehr schwer Genuß ab. Trotzdem war für mich wie für alle meine Freunde im Jahre 1821 die Opera buffa eine große Sache. Frau Pasta sang dort im »Tankred«, im »Othello«, Opern von Rossini (1813 und 1816). in »Romeo und Julia« in einer Weise, die nicht nur unvergleichlich war, sondern auch von den Komponisten dieser Opern nie vorausgesehen worden ist. Talma, den die Nachwelt vielleicht sehr hoch stellen wird, besaß die Seele des Tragikers, war aber so dumm, daß er in die lächerlichsten Geziertheiten verfiel. Ich vermute, daß er außer seinem völligen Mangel an Geist auch jene Empfindsamkeit besaß, die zum Erfolg unerläßlich ist und die ich nach großer Mühe auch bei dem bewundernswürdigen, liebenswerten Béranger wiederfand. Talmas Erfolg beruhte anfangs auf seiner Kühnheit. Er hatte den Mut zu Neuerungen, den einzigen, der in Frankreich erstaunlich ist. Neu war er in Voltaires »Brutus« und bald darauf in jener elenden Nachahmung, in »Karl IX.« von Chénier. Joseph Marie Chénier (1764–1811), der Bruder des 1794 guillotinierten Dichters André Chénier. Ein alter, sehr schlechter Schauspieler, den ich kannte, der langweilige royalistische Naudet, war über die Neuerungssucht des jungen Talma derart empört, daß er ihn mehrfach zum Duell forderte. Ich weiß nicht, ob Talma wirklich die Absicht und den Mut zu Neuerungen hatte; wie ich ihn kenne, stand er weit darunter. Trotz seiner groben, gekünstelten Stimme und des ebenso unerquicklichen gezierten Verdrehens seiner Hände blieb einem in Frankreich, wenn man sich von den schönen tragischen Gefühlen im dritten Akt von Ducis' »Hamlet« oder den schönen Szenen im letzten Akt der »Andromache« rühren lassen wollte, doch nichts anderes als Talma zu sehen. Er besaß die Seele des Tragikers in erstaunlichem Maße. Hatte er dazu einen schlichten Charakter und den Mut gehabt, jemanden um Rat zu fragen, so wäre er weiter gekommen und hätte so erhaben sein können wie Monvel als Augustus (im »Cinna«). Ich rede hier nur von Dingen, die ich gesehen habe, und zwar gut oder doch sehr genau. Ich war ein leidenschaftlicher Liebhaber des Théâtre français. Zum Glück für Talma begriff Frau von Staël, die sich auf die Kunst des Erfolges in Paris ebenso wie einer ihrer Liebhaber, der Fürst von Talleyrand, hervorragend verstand, daß sie dabei gewann, wenn sie Talmas Erfolg, der damals allgemein zu werden begann und durch seine Dauer mehr als bloße Mode wurde, ihren Segen gab. Diese beredte Frau übernahm es also, den Dummköpfen beizubringen, in welchen Ausdrücken sie von Talma zu reden hatten. Man kann sich denken, daß der Schwulst nicht gespart wurde; Talmas Name bekam europäischen Klang. Seine schauderhafte Geziertheit wurde den Franzosen, einem Heidenvolk, immer schädlicher. Ich bin kein Herdentier und somit nichts. Die unbestimmte, schicksalsvolle Schwermut, wie im »Ödipus«, wird nie einen mit Talma vergleichbaren Darsteller finden. Im »Manlius« Von La Fosse, IV. Akt, 4. Szene. war er ein echter Römer. Die Worte » Connais-tu bien la main de Rutile ?« und » Tiens, lis « waren göttlich, weil sie den abscheulichen Singsang des Alexandriners ausschlossen. Welche Keckheit gehörte dazu, so etwas im Jahre 1805 auch nur zu denken. Noch heute (1832), wo die beiden Idole gestürzt sind, zittre ich bei der Niederschrift solcher Blasphemien. Und doch sagte ich 1805 voraus, was heute eintreffen würde, und der Erfolg erstaunt und verblüfft mich. Aber bei seinem singenden Vortrag, seiner groben Stimme, dem Verdrehen seiner Handgelenke und seinem gezierten Gange konnte ich Talma nicht fünf Minuten mit Genuß sehen. Immerfort mußte ich auswählen, und das ist der Tod der Einbildungskraft. Vollkommen war bei Talma nur der Kopf und der »Blick ins Leere«. Ich komme auf dies große Wort noch zurück bei den Madonnen von Raffael und bei Fräulein Virginie de Lafayette, der späteren Frau Périer, die diese Schönheit zum Stolz ihrer Großmutter, der Gräfin de Tracy, in höchstem Maße besaß. Diesen schönen Blick, der soviel Seele verrät (ein halbes Nach-Innen-Gekehrtsein, sobald die Aufmerksamkeit nicht notgedrungen durch einen bedeutsamen Vorgang in der Außenwelt abgelenkt wird), verdankte Talma seiner Kurzsichtigkeit. Das Tragische, das mir zusagte, fand ich bei Kean und betete ihn an. Er erfüllte mir Augen und Herz. Ich sehe ihn noch vor mir als Richard und Othello. Aber das Tragische an einer Frau, für mich das Rührendste, fand ich rein, vollkommen und ungemischt nur bei Frau Pasta. Zu Hause war sie still und unempfindlich, aber bei der Heimkehr lag sie stundenlang weinend auf einem Diwan und hatte Nervenanfälle. Immerhin ging dies tragische Talent mit dem musikalischen Hand in Hand, und die Wirkung auf das Ohr vollendete die auf das Auge. Frau Pasta blieb lange, oft zwei, drei Sekunden in der gleichen Pose: erleichterte oder erschwerte das den Erfolg? Ich habe oft darüber nachgesonnen und neige zu der Ansicht, daß das notgedrungene lange Ausharren in einer Stellung weder eine Erleichterung noch eine Erschwerung ist. Doch es blieb für ihre Seele die Schwierigkeit, auf ihren Gesang aufzupassen. Miniorini, Mareste, di Fiore, Sutton Sharpe Ein englischer Freund Stendhals (1797-1843), Advokat. Vgl. Doris Gunnel, » Stendhal et L'Angleterre «, S, 17 ff. und ein paar andre, durch die Bewunderung für die gran donna zusammengeführt, stritten sich mit mir ewig über die Art ihres Spiels in der letzten Vorstellung des »Romeo« und über die Dummheiten der armen französischen Literaten bei dieser Gelegenheit. Mußten sie doch eine Meinung über etwas dem französischen Charakter so Widersprechendes wie die Musik haben. Der Abbé Geoffroy, Julien Louis Geoffroy (1743-1814), berühmter Kritiker. bei weitem der geistreichste und gelehrteste Journalist, nannte Mozarts Kunst frei heraus Katzenmusik. Er meinte es ehrlich so: er begriff nur Grétry und Monsigny, die er gelernt hatte. Geneigter Leser, verstehe dies Wort wohl: es ist die Geschichte der französischen Musik... In einer Hinsicht war das Talent der Pasta geringer [als das Talmas]. Es fiel ihr nicht schwer, eine große Seele darzustellen: sie besaß sie selbst. So war sie geizig oder, wenn man will, sparsam aus Vernunft, da sie einen verschwenderischen Gatten hatte. Und doch ließ sie in einem Monat 200 Franken an arme italienische Flüchtlinge verteilen. Dabei waren recht unerfreuliche Leute darunter, die einem das Wohltun verleiden konnten, so ein Priester aus Modena, namens Giannone, dem Gott vergeben möge. Welchen Blick hatte der! Di Fiore, der 1799 in Neapel In den Revolutionswirren. mit achtundzwanzig Jahren zum Tode verurteilt worden war, übernahm es, die Unterstützungen der Pasta gerecht zu verteilen. Er allein wußte darum und hat es mir erst viel später im Vertrauen erzählt. Die Königin von Frankreich ließ heute (Juni 1832) eine Spende von 70 Franken an eine alte Frau in die Zeitung einrücken. Neuntes Kapitel 2. Juli 1832. Abgesehen von der Unverschämtheit, immerfort von sich selbst zu reden, hat diese Arbeit noch etwas andres Entmutigendes. Die kühnen Gedanken, die ich nur mit Zittern und Zagen äußere, werden zehn Jahre nach meinem Tode Gemeinplätze sein, sofern mir der Himmel ein ordentliches Lebensalter von achtzig bis neunzig Jahren gewährt. Andrerseits macht es mir Freude, von General Foy, Maximilian Sebastian Foy (1775–1825), Artilleriegeneral unter Napoleon, 1819 liberales Kammermitglied, scharfer Gegner der reaktionären Regierung. von Frau Pasta, Lord Byron, Napoleon und all den großen Menschen oder doch hervorragenden Menschen zu sprechen, die ich kennenzulernen das Glück hatte und die mich mit ihrer Ansprache beehrt haben! Sollte übrigens der Leser so neidisch sein wie meine Zeitgenossen, so kann er sich trösten: wenige dieser großen Menschen, die ich so geliebt habe, haben mich recht erkannt. Ich glaube sogar, sie haben mich langweiliger gefunden als andre; vielleicht sahen sie in mir nur einen überempfindsamen Menschen. Das ist in der Tat die schlimmste Sorte. Erst seit ich geistreich wurde, schätzte man mich, und zwar weit über Verdienst. Der General Foy, Frau Pasta, Herr de Tracy, Canova errieten nicht, daß ich von seltner Seelengüte war. Und doch habe ich die Anlage dazu und einen feurigen Geist, der sie zu verstehen vermochte. Einer von denen, die mich nie verstanden und alles in allem wohl derjenige, den ich am meisten geliebt habe (er verwirklichte mein Ideal, um mit irgendeinem schwülstigen Dummkopf zu sprechen), war der Venezianer Andreas Corner, ein Freund und Adjutant des Vizekönigs Eugen [Beauharnais] in Mailand. Im Jahre 1811 war ich der Busenfreund des Grafen Widmann, Kapitäns der venezianischen Garde. (Ich war der Liebhaber seiner Geliebten. S. Seite 353 ff. ) Ich sah den liebenswürdigen Widmann in Moskau wieder, wo er mich glatt darum bat, ihn zum Senator des Königreichs Italien zu machen. Ich galt damals für den Günstling meines Vetters, des Grafen Daru, der mich nie geliebt hat, im Gegenteil! Widmann machte mich 1811 mit Corner bekannt, der mich wie eine schöne Gestalt von Paolo Veronese anmutete. Graf Corner soll fünf Millionen durchgebracht haben. Er hat äußerst hochherzige Handlungen vollbracht, genau das Gegenteil eines französischen Weltmannes. Was seine Tapferkeit betraf, so hatte er die Eiserne Krone und das Kreuz der Ehrenlegion aus Napoleons Hand empfangen. Er war es, der am Nachmittag der Schlacht an der Moskwa (8. September 1812) ganz naiv ausrief: »Wird diese Teufelsschlacht denn nie aufhören?« Widmann oder Miniorini erzählte es mir am nächsten Tage. Keiner der tapferen, aber so gezielten Franzosen, die ich damals bei der Armee kannte, hätte ein solches Wort zu sagen gewagt, nicht mal der Herzog von Friaul (Duroc). Der besaß zwar einen Charakter von seltner Natürlichkeit, aber wegen seiner alltäglichen Witzigkeit war er noch lange kein Andreas Corner. Dieser liebenswürdige Mann war damals in Paris, als er kahlköpfig zu werden begann, mittellos – in einem Alter von achtunddreißig Jahren, wo der Feind sich einstellt, wenn man die Illusionen verliert. Und so ging er des Abends bisweilen allein und angetrunken durch den damals dunklen Garten des Palais Royal. Das war der einzige Fehler, den ich je an ihm bemerkt habe. So enden alle unglücklichen Berühmtheiten, die entthronten Fürsten und Herr Pitt, als er Napoleons Sieg bei Austerlitz erfuhr. Mareste, der klügste Mensch, den ich kenne, wollte sich einen Begleiter für seine Spaziergänge am Vormittag sichern und hatte daher den größten Widerwillen, mir Bekanntschaften zuzuführen. Immerhin führte er mich bei Maisonnette Joseph Lingay. Er war 1811 Professor der Rhetorik, später Journalist und Privatsekretär des Herzogs Decazes und der nachfolgenden Minister. ein, einem der wunderlichsten Käuze, die ich in Paris gesehen habe. Er ist mager, sehr klein wie ein Spanier und besitzt dessen lebhaften Blick und reizbaren Mut. Er ist imstande, auf ein Stichwort hin, das ihm der Minister um sechs Uhr abends vor dem Diner sendet, an einem Abend dreißig elegante, wortreiche Seiten zum Beweis einer politischen These zu schreiben. Aber das teilt er mit anderen Schriftstellern vom Finanzministerium. Das Seltsame, das Unglaublichste ist nur, daß er auch glaubt, was er schreibt. Ich habe oft versucht, ihn zu erraten. Ich glaubte, bei ihm einen völligen Mangel an Logik zu sehen, bisweilen auch ein Gewissensopfer mit kleinen Gewissensbissen, die sich regten. Das alles auf den großen Grundsatz gestützt: Ich muß leben. Er hat keinen Begriff von den Bürgerpflichten. Er sieht das etwa so an, wie ich das Verhältnis der Menschen zu den Engeln, an das Herr F. Ancillon, gegenwärtig Minister des Auswärtigen in Berlin Joh. Friedrich Ancillon (1767-1837), Prediger der französischen Gemeinde in Berlin, 1810 Erzieher Friedrich Wilhelms IV. von Preußen, seit 1832 preußischer Minister des Auswärtigen. Er hat mehrere politische und literarische Schriften in französischer Sprache verfaßt. Sein » Tableau des révolutions du système politique de l'Europe depuis la fin du 15. sieècle « (Berlin 1803-05, 4 Bde.) las Beyle 1806 mit Genuß und hat daraus Anregungen für seine »Geschichte der italienischen Malerei« gewonnen. Vgl. Arbelet, » Histoire de l'histoire de la Peinture en Italie «, S. 401 ff., 477. den ich 1806/07 so gut kannte, steif und fest glaubt. Maisonnette fürchtet sich vor den Bürgerpflichten wie ich mich vor den religiösen. Wenn er so oft das Wort Ehre und Redlichkeit gebraucht und dabei einen leichten Gewissensbiß verspürt, so setzt er sich innerlich darüber hinweg mit seiner ritterlichen Hingebung an seine Freunde. Hätte ich ihn ein halbes Jahr lang links liegen lassen und ihn dann um fünf Uhr morgens aus dem Bett geholt, um Fürsprache für mich einzulegen, er hätte es getan. Er wäre bis nach dem Nordpol gegangen, um sich mit einem Manne zu schlagen, der meine gesellschaftliche Ehre in Frage gestellt hätte. Da er sich nie in die Utopien des öffentlichen Glücks, der besten Staatsverfassung verlor, war er hervorragend in der Kenntnis von Einzelheiten. Eines Abends, als Mareste, Mérimée und ich über Herrn de Jouy, den damaligen Modeautor und Nachfolger Voltaires, sprachen, stand er auf und suchte in einer seiner umfangreichen Autographensammlungen einen Brief de Jouys, worin dieser die Bourbonen um das Ludwigskreuz bat. In zwei Minuten hatte er dies Schriftstück gefunden, das in so scherzhaftem Kontrast zu der wilden Bürgertugend des Liberalen de Jouy stand. Er Joseph Etienne Jouy (1764–1846). stammte aus Jouy bei Versailles; sein Vater war ein Bürgersmann, namens Etienne. Mit jener französischen Unverschämtheit, die die braven Deutschen nie begreifen werden, verließ der kleine Etienne mit vierzehn Jahren seine Heimat und ging nach Indien. Da nannte er sich Etienne de Jouy; E. de Jouy und schließlich kurz Jouy. Später wurde er tatsächlich Kapitän; ein Volksbeauftragter, glaube ich, machte ihn zum Obersten. Obwohl tapfer, hat er kaum oder gar nicht gedient. Er war ein sehr hübscher Mann. Eines Tages flüchtete er mit ein bis zwei Gefährten vor der Hitze in einen indischen Tempel. Dort fanden sie die Priesterin, eine Art Vestalin. Jouy fand es spaßhaft, sie dem Dienst Brahmas abspenstig zu machen, und zwar auf dem Altar des Gottes selbst. Als die Inder das merkten, strömten sie bewaffnet herbei, schlugen der Vestalin die Hände und den Kopf ab, hieben den Offizier in Stücke, und Jouy, der nach dem Tode seines Gefährten dessen Pferd besteigen konnte, galoppierte davon. Bevor Jouy sein Talent zum Ränkeschmieden in der Literatur betätigte, war er Generalsekretär der Präfektur in Brüssel (um 1810) gewesen. Dort war er, glaube ich, der Geliebte der Präfektin und das Faktotum des Präfekten, eines wahrhaft geistvollen Mannes, mit dem er die Bettelei ausrottete, die in Belgien, einem stark katholischen Lande, ärger ist als irgendwo. Beim Sturze Napoleons bat er um das St. Ludwigskreuz. Da die damals regierenden Tröpfe es ihm abschlugen, begann er sich in der Presse über sie lustig zu machen und hat ihnen mehr Schaden getan, als alle kräftig geschmierten Literaten der »Débats»« ihnen genutzt haben. Daher im Jahre 1820 die Wut der »Débats»« gegen die »Minerva«. Deren Mitarbeiter Jouy war. Durch seinen »Eremiten von der Chaussee d'Antin«, L'Hermite de la Chaussée d'Antin«, Paris 1812–14. ein Buch, das so recht dem Geist des französischen Spießers und der blöden Neugier des Deutschen angepaßt war, sah und fühlte sich de Jouy fünf bis sechs Jahre lang als Nachfolger Voltaires, dessen Büste er daher in seinem Garten aufgestellt hatte. Seit 1829 stellen ihn die Literaten der Romantik in Schatten, obwohl sie weniger Geist haben als er, und sein Alter ist verbittert (amareggiata) durch den aufgebauschten Ruhm seiner Mannesjahre. Als ich 1821 nach Paris kam, teilte sich de Jouy in die literarische Diktatur mit einem andern, noch weit gröberen Dummkopf, A. V. Arnault Antoine Vincent Arnault (1766–1834), Dramatiker, Satiriker und Fabeldichter, 1800 Chef der Abteilung des öffentlichen Unterrichts im Ministerium des Innern, nach Napoleons Sturz vom Institut de France ausgeschlossen und bis 1819 verbannt, 1829 wieder in die Akademie aufgenommen und 1833 zu ihrem lebenslänglichen Sekretär ernannt. vom Institut de France, dem Liebhaber der Frau B., den ich bei der Schwester seiner Geliebten, Frau C(uvie)r, oft getroffen habe. Er hatte den Geist eines betrunkenen Portiers. Seine Verbannung hat dieser Korkseele etwas Leben eingehaucht. Ich lernte ihn 1811 als sehr niedrig, sehr kriechend, beim Grafen Daru kennen, den er bei seiner Aufnahme in die Französische Akademie mit einer Ansprache empfing. Fouy, der weit galanter war, verkaufte die Reste seiner männlichen Schönheit an Frau D...rs, die älteste und langweiligste Kokette jener Zeit. Sie war oder ist noch lächerlicher als die Gräfin B(ariguey) d'H(illiers), die im zarten Alter von siebenundfünfzig Jahren noch Liebhaber unter den Leuten von Geist ergatterte. Vielleicht habe ich deshalb im Salon der Frau Dubignon Reißaus vor ihr genommen. Sie nahm sich einen Tölpel, namens Manon, Beisitzer im Staatsrat, und als eine mir befreundete Dame zu ihr sagte: »Was! einen so häßlichen Menschen!« entgegnete sie: »Ich habe ihn wegen seines Geistes genommen.« Das Spaßige ist, daß dieser traurige Sekretär des Grafen Beugnot ebenso schön wie geistvoll war. Man kann ihm den Geist des Karrieremachens, des geduldigen Vorwärtskommens und des Herunterschluckens von Kröten nicht abstreiten. Zudem verstand er sich zwar nicht auf die Finanzen, aber auf die Kunst, die staatlichen Finanzoperationen darzustellen. Diese beiden Dinge verwechseln die Räuber. Die Gräfin d'(Hilliers), deren noch immer prächtige Arme ich bewunderte, sagte zu mir: »Ich werde Ihnen zeigen, wie Sie durch Ihre Talente Ihr Glück machen. Allein würden Sie sich den Kopf einrennen.« Ich besaß nicht Geist genug, sie zu verstehen. Ich betrachtete die alte Gräfin oft wegen der reizenden Roben von Victorine, die sie trug. Ich liebe ein gut gearbeitetes Kleid bis zum Wahnsinn; das ist für mich ein Genuß. Die Gräfin Daru hat mir diesen Geschmack beigebracht. Ich glaube, von der Gräfin d'H(illiers) erfuhr ich, daß der Verfasser eines köstlichen Liedes, den ich vergötterte und den ich in meiner Tasche trug, kleine Geburtstagsgedichte für die beiden alten Affen de Jouy und Arnault und die gräßliche Gräfin d'H[illiers] verfaßte. So etwas habe ich nie getan, aber ich habe auch nicht den »König von Yvetot«, den »Senator« und die »Großmutter« verfaßt. Bekannte Dichtungen von Jean Pierre de Béranger (1780-1857). Béranger war es zufrieden, durch Anfeiern dieser Affen den (übrigens wohlverdienten) Ruf eines großen Dichters erlangt zu haben. Er verschmähte es, der Regierung Louis Philippes zu schmeicheln, der sich so viele Liberale verkauft haben. Zehntes Kapitel Doch ich muß zu dem kleinen Garten in der Rue Caumartin zurückkehren. Dort erwartete uns allabendlich sehr frisches Bier, das uns eine große, sehr schöne Frau eingoß: Frau Romanée, die geschiedene Frau eines betrügerischen Verlegers und Maisonnettes Geliebte, die er besagtem Gatten für 2-3000 Franken abgekauft hatte... In jenem Sommer begann ich wieder etwas Anteil an der Welt zu nehmen. Es gelang mir, fünf bis sechs Stunden hintereinander nicht mehr an Mailand zu denken; nur das Erwachen des Morgens war mir noch bitter. Manchmal blieb ich im Bett und hing trüben Gedanken nach. Aus Maisonnettes Mund erfuhr ich, auf welche Weise die Macht, das einzig Wirkliche, damals in Paris verteilt wurde. Wenn ich in eine Stadt komme, erkundige ich mich stets nach den zwölf hübschesten Frauen, den beiden reichsten Männern und nach dem Manne, der mich an den Galgen bringen kann. Maisonnette beantwortete mir meine Fragen ganz gut. Wie erstaunt war ich über seine ehrliche Begeisterung für das Wort König! »Welch ein Wort für einen Franzosen!« schwärmte er, und seine kleinen schwarzen verzückten Augen richteten sich gen Himmel. Maisonnette war 1811 Professor der Beredsamkeit gewesen. Bei der Geburt des Königs von Rom Napoleons Sohn von Marie Louise (1811-32), der spätere Herzog v. Reichstadt. gab er seinen Schülern aus eignem Antrieb frei. Im Jahre 1815 schrieb er ein Pamphlet zugunsten der Bourbonen. » Histoire du Cabinet des Tuileries depuis le 20 mars 1815 « usw., Paris 1815. Der Herzog Decazes las es, ließ ihn rufen und machte ihn zum politischen Schriftsteller mit 6000 Franken Gehalt. Heute ist Maisonnette sehr bequem für einen Minister. Er weiß über alle kleinen Tatsachen, alle Hintergründe der politischen Ränke in Paris von 1815 bis 1821 genau und zuverlässig Bescheid wie ein Nachschlagebuch. Dies Verdienst erkannte ich nicht. Man erfährt es nur durch Fragen. Ich begriff seine unbegreiflichen Gedankengänge nicht. Ich sagte mir: Über wen macht er sich lustig? Über mich? Aber wozu? Über Mareste? Über den armen jungen Mann im grauen Überrock mit dem häßlichen Gesicht und der Stumpfnase? Dieser junge Mann hatte etwas Anmaßendes und höchst Unerquickliches. Seine kleinen, ausdruckslosen Augen hatten stets den gleichen boshaften Blick. Das war der erste Eindruck, den ich von meinem besten jetzigen Freunde hatte. Über sein Herz bin ich nicht recht sicher, wohl aber über sein Talent. Es ist der heute so wohlbekannte Prosper Mérimée, Stendhal nennt ihn Graf Gazul, nach Mérimées erstem Werk » Le Théâtre de Clara Gazul « (1825). Prosper Mérimée (1803-79), der Carmendichter, seit 1831 Inspektor der geschichtlichen Denkmäler. Von ihm stammt die geistvoll-boshafte Lebensskizze Beyle-Stendhals: » H.B. Par un des quarante « (1850, Nachdruck 1864, neuerdings in » Collection de plus belles payos de Stendhal «, Paris 1908), sowie die » Notes et Souvenirs « am Anfang von Stendhals » Corresponance inédite « (1854 und Neudruck O.J.), die im Anhang des vorliegenden Bandes abgedruckt sind. von dem ich letzte Woche einen Brief erhielt, der mich für zwei Tage beglückt hat. Er war damals neunzehn Jahre alt, denn er ist wohl 1803 geboren. Ich möchte fast mit Buffon glauben, daß wir viel von unsern Müttern erben. Diese Theorie scheint mir an Mérimée bestätigt zu werden. Seine Mutter besitzt viel französischen Geist und einen überlegenen Verstand. Wie ihr Sohn, scheint sie einmal im Jahre zarten Gefühlen zugänglich. Ich finde die meisten Werke Mérimées trocken, aber ich rechne auf die Zukunft. Als ich in dem hübschen Gärtchen in der Rue Caumartin verkehrte, war Mérimée Schüler der Rhetorik bei dem gräßlichsten Lehrer. Das Wort gräßlich paßt recht schlecht zu Maisonnette, dem besten aller Menschen. Aber sein Geschmack war so; das Falsche, Glänzende, Possenhafte ging ihm über alles. Er selbst war der Schüler des Herrn Luce de Lancival gewesen, den ich in meiner Jugend bei Herrn von Maisonneuve kennen gelernt hatte. Dieser Biedermann, der seine Trauerspiele nicht drucken ließ, obwohl sie Erfolg gehabt hatten, zeichnet mich mit dem Ausspruch aus, ich hätte einen höheren Geist. »Sie meinen wohl einen höheren Stolz«, lachte Martial Daru, der mich ganz verblüfft sah. Doch ihm verzieh ich alles; er führte mich bei Clotilde, der ersten Tänzerin an der Oper, ein. Manchmal – welche schönen Tage für mich! – saß ich in ihrer Garderobe in der Oper, und sie kleidete sich vor mir aus und an. Welch ein Augenblick für einen Provinzler! Maisonnette war also der Schüler Lancivals und Mérimée der Schüler Maisonnettes. So war Annibale Carraci zum Schüler des Flamen Calcar geworden. Außer seiner ebenso wunderbaren wie aufrichtigen Leidenschaft für den gerade herrschenden Minister und seiner Tapferkeit besaß Maisonnette noch eine andre Eigenschaft, die mir gefällt. Er bekam vom Minister 22 000 Franken, um den Franzosen zu beweisen, daß die Bourbonen verehrungswürdig seien, und er gab 30 000 aus. Wenn er bisweilen zwei Stunden hintereinander zum Lobe der Bourbonen geschrieben hatte, ging er zu einer anständigen Frau aus dem Volke und bot ihr 500 Franken. Er war häßlich und klein, besaß aber solch spanisches Feuer, daß diese Damen seine Häßlichkeit nach drei Besuchen vergaßen und nur noch die Schönheit der Banknote von 500 Franken sahen. Hier muß ich hinzufügen, daß 500 Franken im Jahre 1832 so viel waren, wie 1000 im Jahre 1872 sein werden. Später gestand mir eine hübsche Verkäuferin von Petschaften, sie hätte vor Maisonnettes Banknote immer nur zwei Goldstücke bekommen. Die reichen Leute sind recht ungerecht und lachhaft, wenn sie alle Fehltritte und Verbrechen um des Geldes willen so streng verurteilen. Man sehe das Leben des Herzogs von Decazes seit seinem Sturz im Jahre 1820 bis auf diesen Tag! Da bin ich also beim Jahre 1822, wo ich drei Abende in der Woche in der Komischen Oper und ein bis zwei bei Maisonnette in der Rue Caumartin verbrachte. Wenn ich Kummer hatte, war der Abend für mich stets der schwierigste Teil des Tages. An den Operntagen war ich mit Mareste, Miniorini, di Fiore von Mitternacht bis zwei Uhr früh bei Frau Pasta. Giuditta Pasta Fast hätte ich ein Duell mit einem sehr lustigen und sehr tapferen Manne gehabt, den ich bei der Pasta einführen sollte. Es war der liebenswürdige Edward Edwards, jener einzig dastehende lustige Engländer, mein Gefährte auf der Reise nach England, der für mich das Duell mit dem Schiffskapitän in Calais hatte übernehmen wollen. Ich lehnte es ab, ihn bei ihr einzuführen. Es war am Abend, und der arme Edwards war nicht mehr der gleiche wie am Morgen. »Wissen Sie, lieber Beyle,« sagte er zu mir, »daß es nur von mir abhängt, beleidigt zu sein?« »Wissen Sie, lieber Edwards, daß mein Stolz dem Ihren gleichkommt und daß Ihre Offenherzigkeit mir ganz einerlei ist?« Die Sache ließ sich gut an. Ich schieße sehr gut: Mérimée hat es auf dem Scheibenstand im Luxembourg-Garten gesehen. Auch Edwards ist ein guter Schütze, vielleicht weniger gut als ich. Schließlich befestigte dieser Zank nur unsere Freundschaft. Ich entsinne mich dessen genau, denn am nächsten oder übernächsten Tage beging ich den Streich, der mir recht ähnlich sah, ihn zu bitten, mich seinem Bruder vorzustellen, dem berühmten Dr. Edwards, Mitglied der Pariser Akademie der Wissenschaften, gest. 1842. (R. Columb). von dem im Jahre 1822 viel gesprochen wurde. Er brachte monatlich tausend Frösche um und sollte im Begriff sein, unsre Atmungsweise und ein Heilmittel gegen das Brustleiden hübscher Frauen zu entdecken. Bekanntlich kosten Erkältungen beim Verlassen des Balles alljährlich elfhundert jungen Frauen in Paris das Leben. Ich habe die offizielle Ziffer gesehen. Nun aber hielt der gelehrte, weise, ruhige und fleißige Dr. Edwards von den Bekannten seines Bruders nicht eben viel. Er hatte sechzehn Brüder, und mein Freund war der größte Taugenichts unter ihnen. Gerade wegen seines allzu lustigen Tones und seiner leidenschaftlichen Vorliebe für schlechte Witze, die er durchaus nicht unterdrücken konnte, hatte ich ihn der Frau Pasta nicht vorstellen wollen. Ohne diese teuflische Manie, ebenso witzig zu sein wie ein Franzose, wäre er als schmucker Kerl sehr liebenswürdig gewesen, und es hätte nur an ihm gelegen, die größten Erfolge bei Frauen zu haben, wie ich es bei Gelegenheit Eugenies erzählen werde. Aber sie ist noch so jung, daß es vielleicht unschicklich ist, sie in diesem Geschwätz zu erwähnen, das vielleicht zehn Jahre nach meinem Tode gedruckt wird. Sage ich zwanzig, so werden alle Einzelheiten des Lebens verändert sein, und der Leser sieht nur noch die großen Züge. Aber wo sind diese großen Züge in meinem Federspiel? Ich glaube, Edwards gab sich große Mühe, mich dem Doktor vorstellen zu dürfen. Er wollte sich auf eine edle Weise rächen, denn er besaß eine edle Seele, wenn sie nicht durch fünfzig Glas Branntwein getrübt war. Ich fand einen kleinen, erzspießbürgerlichen Salon. Die Gattin war eine Frau von großen Vorzügen, die Moralpredigten hielt und die ich für eine Quäkerin hielt. Und der Doktor war ein trefflicher Mann, der in einem kleinen schmächtigen Körper steckte, dessen Lebenslicht auszugehen schien. Man empfing mich kühl. Welch toller Gedanke, mich dort vorstellen zu lassen! Es war eine unverhoffte Laune, eine Narrheit. Wenn ich im Grunde etwas wünschte, war es, Menschen kennen zu lernen. Wohl allmonatlich kam ich auf diesen Gedanken zurück. Aber meine Neigungen, Leidenschaften und anderen Torheiten durften die Oberfläche des Wassers nicht trüben, wenn dies Bild darin erscheinen sollte. Ich sagte mir damals: »Ich bin nicht wie der und der Geck aus meiner Bekanntschaft. Ich wähle mir meine Freunde nicht aus. Ich nehme, was der Zufall bietet.« Diese Worte bildeten zehn Jahre lang meinen Stolz. Ich brauchte drei Jahre, um den Widerwillen und Schrecken zu brechen, den ich im Salon der Frau Edwards einflößte. Man hielt mich für einen Don Juan, ein Ungeheuer an Verführungskunst und höllischem Geiste. Gewiß wäre es mir nicht schwer gefallen, mich im Salon der Madame de Talaru oder der Herzogin von Broglie durchzusetzen, die stets Bürgerliche empfing, oder gar im Salon der Madame de Récamier. Aber im Jahre 1822 hatte ich die ganze Bedeutung der Antwort auf die Frage noch nicht erfaßt, die man über einen gelesenen Schriftsteller stellt: »Was für ein Mensch ist er?« Vor Mißachtung gerettet hat mich die Antwort: »Er verkehrt viel bei Frau de Tracy.« Die Gesellschaft von 1829 hat das Bedürfnis, einen Menschen zu verachten, dem sie – mit Recht oder Unrecht – etwas Geist in seinen Büchern zugesteht. Wie wäre es geworden, wenn die Antwort gelautet hätte: »Er verkehrt viel bei Madame de Duras (Mademoiselle de Kersaint)!« Wohlan, selbst heute, wo ich die Bedeutung solcher Antworten kenne, würde ich den gerade in Mode stehenden Salon aufgeben. Jetzt, im Jahre 1832, bin ich aus dem Salon der Lady Holyend fortgeblieben. Dem Salon des Dr. Edwards blieb ich treu, obwohl er nicht liebenswürdig war, wie man einer häßlichen Geliebten treu bleibt, weil ich ihn jeden Mittwoch aufgeben kann. Aus Laune würde ich mich allem und jedem unterwerfen. Wenn man mir am Tage vorher sagte: »Morgen mußt du dich auf einen langweiligen Augenblick gefaßt machen«, so steigert ihn meine Phantasie ins ungemessene, und ich ließe mich lieber aus dem Fenster werfen, als mich in einen langweiligen Salon führen zu lassen. Bei Frau Edwards lernte ich Herrn Stritch kennen, einen fühllosen, trübsinnigen und von Grund aus rechtschaffenen Engländer. Er war ein Opfer der Admiralität, denn er war Ire und Advokat. Trotzdem nahm er die von der Aristokratie in den englischen Köpfen gezüchteten Vorurteile als Ehrensache in Schutz. Diesen wunderlichen Widersinn im Verein mit größter Rechtschaffenheit und höchstem Zartgefühl fand ich bei Herrn Rogers Daniel Rogers, der Oheim Sutton Sharpes, mit dem er ihn gemeinsam besuchte. in der Nähe von Birmingham wieder, bei dem ich 1826 einige Zeit verbrachte. Dieser Charakter ist in England sehr verbreitet. Betreffs der zugunsten der Aristokratie verbreiteten und gezüchteten Ideen kann man sagen, daß es dem Engländer fast so sehr an Logik gebricht wie dem Deutschen, und das will viel sagen. Die Logik des Engländers ist bewundernswert in Geldsachen und in allem, was zu der Kunst gehört, am Wochenschluß Geld zu verdienen, aber sie verwirrt sich, sobald sie sich zu abstrakteren Fragen aufschwingt, die nicht unmittelbar Geld einbringen. Die Engländer sind in ihren Urteilen über die große Literatur durch den gleichen Mechanismus verblödet, der die französischen Diplomaten zu Dummköpfen macht: man trifft nur unter sehr wenigen Leuten die Wahl. Ein Mensch, der das Zeug hätte, über den Genius Shakespeares und Cervantes' zu urteilen, handelt mit Baumwollgarn in Manchester. Er würde sich über den Zeitverlust Vorwürfe machen, wenn er ein Buch aufschlüge, das unmittelbar von der fertig gesponnenen Baumwolle oder von ihrer Ausfuhr nach Deutschland handelte. Ebenso sucht sich der König von Frankreich seine Diplomaten nur unter den jungen Leuten von vornehmer Geburt und von großem Vermögen aus. Man muß das Verdienst in den Kreisen suchen, aus denen ein Thiers hervorgegangen ist (der sich freilich 1830 verkauft hat). Er ist der Sohn eines Kleinbürgers aus Aix in der Provence. Im Sommer 1822 dachte ich nur noch selten daran, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Mein Dasein erfüllte sich zwar nicht mit angenehmen Dingen, aber doch mit allerlei, was sich zwischen mich und mein letztes Glück legte, das den Gegenstand meines Kultus bildet. Ich hatte zwei sehr harmlose Vergnügungen: Erstens, nach dem Frühstück mit Mareste oder einem andern Bekannten plaudernd spazieren zu gehen; ich hatte acht bis zehn, wie gewöhnlich Zufallsbekannte. Zweitens, wenn es heiß war, in Galignianis Garten die englischen Zeitungen zu lesen. Dort las ich mit Entzücken vier bis fünf Romane von Walter Scott wieder. Der erste, in dem Henry Morton und der Sergeant Boswell vorkommen (» Old mortality «, wenn ich nicht irre), brachte mir die noch so lebhaften Erinnerungen an Volterra S. Seite 450, Anm. 1. wieder ins Gedächtnis. Ich hatte ihn oft zufällig aufgeschlagen, als ich in Florenz im Lesezimmer bei Molini am Arno auf Mathilde wartete. Ich las ihn als Erinnerung an 1818 wieder. Ich hatte lange Streitereien mit Mareste, weil ich behauptete, ein gutes Drittel seines Verdienstes verdanke Walter Scott seinem Sekretär, der ihm die Landschaftsschilderungen an Ort und Stelle entwarf. Ich fand ihn wie noch jetzt schwach in der Schilderung der Leidenschaft und der Kenntnis des Menschenherzens. Wird die Nachwelt das Urteil der Zeitgenossen bestätigen, die diesem Baronet und Royalisten einen Platz gleich hinter Shakespeare anwies? Persönlich war er mir stets zuwider, und ich habe mich mehrfach geweigert, ihn zu sehen (in Paris bei Herrn Mirbel und im Jahre 1832 in Neapel und Rom). Fox verschaffte ihm eine Stellung mit 50 000 bis 100 000 Franken; seitdem verleumdet er Lord Byron, der sich dies Meisterstück der Heuchelei zunutze machte. Siehe den Brief, den Lord Byron mir 1823 schrieb. Dieser Brief aus Genua vom 29. Mai 1823 steht in » Correspondence of Lord Byron «, Paris 1825, III, 195 ff. und in der »Notice biographique« von R. Colomb zu Stendhals »Romans et Nouvelles«, XLVI f. Stendhals Antwort in Band VIII dieser Ausgabe. Als ich im Sommer 1822 innerlich wieder genas, dachte ich daran, ein Buch »Über die Liebe« drucken zu lassen, das ich in Mailand beim Spazierengehen und beim Träumen von Mathilde mit Bleistift geschrieben hatte. Ich wollte es in Paris umarbeiten, und das war auch sehr nötig. Aber jedes tiefere Nachdenken über solche Dinge stimmte mich zu traurig; das hieß, mit roher Hand an eine kaum vernarbte Wunde rühren. Mein Freund Edwards machte mir einen Verleger (Mongie) ausfindig, der mir zwar kein Honorar bezahlte, aber mir die Hälfte des Ertrages zusagte, falls das Buch Erfolg hätte. Heute, wo der Zufall mich in Salons eingeführt hat, erhalte ich von Verlegern, die ich nicht kenne, Anerbietungen, Manuskripte von mir bar zu bezahlen. Ich ahnte nichts von der ganzen Mache der kleinen Literatur. Sie ekelte mich an und hätte mir fast das Schreiben verekelt. Siehe die Ränke Victor Hugos, die Umtriebe Chateaubriands, das Umherlaufen Bérangers, das noch am ehesten berechtigt ist, denn dieser große Dichter war von den Bourbonen aus seiner Stellung im Ministerium des Innern, die ihm 1800 Franken jährlich einbrachte, weggejagt worden. Die Dummheit der Bourbonen erscheint hier in vollem Lichte. Hätten sie nicht einen armen Beamten wegen eines mehr lustigen als boshaften Liedes abgesetzt, so hätte der große Dichter sich nicht entwickelt und wäre nicht einer der mächtigsten Hebel zum Sturz der Bourbonen geworden. Er hat die Franzosen die heitere Verachtung vor diesem »morschen Throne« gelehrt. So nannte ihn die in Rom verstorbene Königin von Spanien, Maria Luise von Parma (geb. 1751, gest. 1819 in Rom), die Gattin Karls IV. von Spanien und Mutter Ferdinands VII. (1784–1833). die Freundin des Prinzen de la Paix. Der Zufall führte mich an diesen Hof, aber es langweilt mich, etwas anderes als die Analyse des Menschenherzens zu schreiben. Hätte mir der Zufall einen Sekretär beschert, ich wäre ein andrer geworden. »Von der Sorte haben wir genug«, sagt der Anwalt des Teufels. Die alte Königin hatte aus Spanien einen Beichtvater nach Rom mitgebracht. Der hielt die Tochter des Koches in der Académie de France aus. Der alte Spanier, der noch immer ein Schürzenjäger war, beging die Unvorsichtigkeit, zu sagen – die Einzelheiten kann ich nicht wiedergeben, so erheiternd sie auch sind, denn die Figuren leben noch–, Ferdinand VII. sei der Sohn von irgendwem und nicht von Karl IV. Das war eine der größten Sünden der alten Königin gewesen. Sie war schon tot, als ein Spion diese Äußerung des Priesters erfuhr. Ferdinand VII. ließ ihn in Rom festnehmen, aber statt vergiftet zu werden, ward der Greis infolge irgendeiner Gegenintrige deportiert. Darf ich sagen, welches das Leiden dieser so verständig denkenden alten Königin war? (Ich erfuhr es 1817 oder 1824 in Rom.) Es war eine Reihe so schlecht geheilter galanter Abenteuer, daß sie sich beim Hinfallen jedesmal einen Knochen zerbrach. Als Königin schämte sich die Ärmste dieser häufigen Unfälle, und so wagte sie sich nicht richtig kurieren zu lassen. Das gleiche Leiden fand ich 1811 am Hofe Napoleons. Ich kannte den trefflichen Cuillerier leider nur zu gut. Ich brachte drei Damen zu ihm; zweien von ihnen verband ich die Augen. Es ist ein Glück für die bourbonische Rasse, von einem Ungeheuer wie Ferdinand VII. befreit zu sein. Der Herzog von Laval, Mathieu Félicité, Herzog von Laval-Montmoreney (1767–1826), war 1821–22 Minister des Auswärtigen. ein Ehrenmann durch und durch, aber adlig und Herzog – zwei Geisteskrankheiten – erzählte mir voller Stolz, daß Ferdinand VII. sein Freund gewesen sei. Und doch war er drei Jahre Gesandter an seinem Hofe gewesen. Elftes Kapitel Ich hatte während des Sommers 1822 also eine Beschäftigung, das Korrekturlesen meines Buches »Über die Liebe«, das in Duodez auf schlechtem Papier gedruckt erschien. Mongie schwor entrüstet, man hätte ihn mit dem Papier betrogen. Im Jahre 1822 kannte ich die Verleger noch nicht. Ich hatte nur mit Firmin Didot zu tun gehabt, dem ich sein Papier nach dem Tarif bezahlte. »Nein, der ist kein Gauner!« rief er laut lachend aus und verglich mich mit Ancelot, Bitet und andern Autoren von Beruf. Und doch habe ich später entdeckt, daß Herr Mongie bei weitem der ehrlichste war. Es war recht gefährlich für mich, die Korrekturen eines Buches zu lesen, das mir alle Schattierungen meiner Empfindungen in Italien wieder in Erinnerung rief. Ich war so schwach gewesen, mir ein Zimmer in Montmorency zu mieten. Am Abend fuhr ich mit der Post in zwei Stunden hin. Mitten im Walde, besonders links von der Sandgrube, las ich meine Korrekturen. Ich kam fast um den Verstand. Der tolle Gedanke, nach Mailand zurückzukehren, den ich so oft bezwungen hatte, kehrte mit erstaunlicher Gewalt wieder. Ich weiß nicht, wie ich es anstellte, um fest zu bleiben. Die Gewalt der Leidenschaft, die unsere Blicke stets auf den gleichen Gegenstand richtet, raubt mir jede Erinnerung an jene entrückte Zeit. Ich entsinne mich nur noch der Umrisse der Bäume in jenem Teil des Waldes von Montmorency. Das sogenannte Tal von Montmorency ist nur eine Einbuchtung des Höhenzuges, der gegen das Seinetal und grade auf den Invalidendom vorspringt. Wenn Lanfranco eine Kuppel von 150 Fuß Höhe malte, übertrieb er gewisse Linien. L'aria dipinge (die Luft malt), sagte er. Ebenso geht es mir. Da man sich im Jahre 1870 weniger Täuschungen über Könige, Adel und Priester hingeben wird als heute, komme ich in Versuchung, gewisse Züge an diesem Gewürm der Menschheit zu übertreiben. Aber ich bleibe fest, denn das hieße der Wahrheit untreu werden, »untreu seinem Bett« (»Cymbeline«). Warum habe ich keinen Schreiber, um Tatsachen und Anekdoten, aber keine Urteile über diese drei Menschenklassen zu diktieren? Aber da ich heute siebenundzwanzig Seiten geschrieben habe, bin ich zu müde, um die Anekdoten, die mein Gedächtnis belasten, ausführlich zu beschreiben. Ziemlich häufig ging ich in den Park der Frau Doligny Gräfin Beugnot. in Corbeil, um meine Korrekturen zu lesen. Dort konnte ich trübe Gedanken meiden; war meine Arbeit beendet, so kehrte ich in den Salon zurück. Im Jahre 1824 war ich nahe daran, glücklich zu werden. Wenn ich in den sechs bis sieben Jahren meines Mailänder Aufenthalts an Frankreich dachte, in der Hoffnung, das von den Bourbonen besudelte Paris und Frankreich nie wiederzusehen, so sagte ich mir: wegen einer Frau, der Gräfin Bertois Vermutlich Gräfin Bertrand. S. Seite 179. könnte ich diesem Lande verzeihen. Ich liebte sie im Jahre 1824. Wir dachten aneinander, seit ich sie im Jahre 1814 am Tage nach der Schlacht bei Montmirail um sechs Uhr morgens mit bloßen Füßen in das Zimmer ihrer Mutter, der Frau von M., treten sah, um nach Nachrichten über die Schlacht zu fragen. Nun wohl! Frau Bertois war auf dem Lande bei ihrer Freundin, der Gräfin Doligny. Als ich mich endlich entschloß, meine schlechte Laune bei Frau Doligny zur Schau zu tragen, sagte sie zu mir: . »Frau Bertois hat Sie erwartet. Sie hat mich vorgestern nur wegen eines furchtbaren Ereignisses verlassen: sie hat eine ihrer reizenden Töchter verloren.« Im Munde einer so verständigen Frau hatten diese Worte eine große Tragweite. Im Jahre 1814 hatte sie zu mir gesagt: »Frau Bertois fühlt Ihren ganzen Wert.« Im Jahre 1822 oder 1823 hatte Frau Bertois die Güte, mich etwas zu lieben. Eines Tages sagte ihre Freundin zu ihr: »Ihre Augen ruhen auf Beyle. Wäre er etwas schlanker, er hätte Ihnen längst seine Liebe erklärt.« Das stimmt nicht ganz. In meiner Schwermut betrachtete ich die schönen Augen der Frau Bertois mit Entzücken. Weiter ging ich in meinem Stumpfsinn nicht. Ich sagte mir nicht: »Warum blickt diese junge Frau mich an?« Ich hatte völlig die trefflichen Liebesregeln vergessen, die mein Oheim Gagnon und mein Freund und Beschützer Martial Daru mir einst gegeben hatte. Wie glücklich wäre ich gewesen, hätte ich mich dieses großen Taktikers erinnert. Wie viel Erfolge hätte ich dann nicht verfehlt! Wie viel Demütigungen mir erspart! Aber wäre ich weltgewandt gewesen, ich wäre der Frauen, der Musik und der Malerei bis zum Erbrechen überdrüssig geworden, wie meine Zeitgenossen R. und P. H., die nüchterne, weltüberdrüssige Philosophen geworden sind. Statt dessen hatte ich in allem, was die Frauen betraf, das Glück, ein Gimpel wie mit fünfundzwanzig Jahren zu sein. Infolgedessen werde ich mich nie aus Ekel an allem, aus Lebensüberdruß totschießen. In der literarischen Laufbahn sehe ich noch eine Menge Aufgaben vor mir. Ich habe Arbeit genug für zehn Menschenleben. Zwölftes Kapitel 4. Juli 1832. Ich weiß nicht, wer mich bei Delécluze Etienne Jean Delécluze (1781–1863), Kunst- und Literarhistoriker. Delécluze hat ziemlich gehässig über Stendhal geschrieben in seinen »Souvenirs de soixante années«, Paris 1862, S. 233 ff., 258 ff. (A. Schurig.) Sainte-Veuve nahm ihn daraufhin in seinen »Nouveaux Lundis« (1862), III, 111, in Schutz. eingefühlt hat. Er hatte sich wohl ein Exemplar meiner »Geschichte der italienischen Malerei« kommen lassen, angeblich, um es im »Lycée« zu besprechen, einer jener kurzlebigen Zeitschriften, die in Paris durch den Erfolg der »Edinburgh Review« entstanden waren. Er wünschte mich kennen zu lernen. In England verachtet die Aristokratie die Literatur. In Paris wird sie überschätzt. Aber es ist für einen in Paris wohnenden Franzosen unmöglich, die Wahrheit über Werke anderer, in Paris lebender Franzosen zu sagen. Ich machte mir acht bis zehn Todfeinde, als ich den Redakteuren des »Globe« in der Form eines persönlichen Rats sagte, der »Globe« sei etwas zu puritanisch und habe wohl etwas zu wenig Esprit. Eine gewissenhafte literarische Zeitschrift wie die »Edinburgh Review« ist in Paris nur möglich, wenn sie in Genf gedruckt und dort von einem verschwiegenen Geschäftsmann geleitet wird. Der Herausgeber müßte alljährlich nach Paris reisen und erhielte die Aufsätze für die Monatsschrift nach Genf zugesandt. Er würde sich das Beste auswählen, gut bezahlen (200 Franken für den Bogen) und seine Mitarbeiter nie nennen. Ich wurde also eines Sonntags um zwei Uhr bei Delécluze eingeführt. Zu dieser unbequemen Stunde empfing er. Man mußte fünfundneunzig Stufen steigen, denn seine Akademie lag im sechsten Stock eines Hauses in der Rue Gaillon, das ihm und seinen Schwestern gehörte. Von seinen kleinen Fenstern aus sah man nur einen Wald schwärzlicher Schornsteine. Das ist für mich einer der häßlichsten Anblicke, aber die vier Stübchen, in denen er wohnte, waren mit Stichen und seltnen Kunstgegenständen geschmückt, darunter ein prächtiges Bildnis des Kardinals Richelieu, das ich oft betrachtete. Daneben das dicke, plumpe, alberne Gesicht Racines. Die Gefühle, die der große Dichter empfunden haben muß, um »Andromache« und »Phädra« zu schreiben, muß er wohl vor seinem Fettwerden gehabt haben. Ich fand bei Delécluze vor einem elenden Kaminfeuer – denn es war wohl im Februar 1822 – acht bis zehn Personen, die über alles redeten. Ich war betroffen von ihrem gesunden Verstand, ihrem Geist und vor allem von dem feinen Takt des Hausherrn, der die Unterhaltung unauffällig so leitete, daß nie mehr als drei auf einmal sprachen und daß keine peinlichen Augenblicke des Schweigens entstanden. Ich finde nicht Worte genug, um meine Anerkennung für diese Gesellschaft auszudrücken. Nie habe ich eine hervorragendere, ja auch nur mit ihr vergleichbare Gesellschaft gefunden. Ich war schon am ersten Tage ganz betroffen, und wohl zwanzigmal während der drei, vier Jahre, wo ich dort verkehrte, ertappte ich mich bei der gleichen Bewunderung. Eine solche Gesellschaft ist nur im Vaterlande Voltaires, Molières und Couriers möglich. In England ist sie ausgeschlossen, denn bei Delécluze hatte man sich über einen Herzog wie über jeden andern lustig gemacht, und mehr als über einen andern, wenn er lächerlich gewesen wäre. In Deutschland wäre sie unmöglich, denn dort pflegt man sich für die jeweilige Modephilosophie blindlings zu begeistern (die Engel des Herrn Ancillon). Zudem sind die Deutschen ohne ihre Begeisterung zu dumm. In Italien hätte man disputiert. Jeder hätte zwanzig Minuten das Wort geführt und wäre der Todfeind seines Gegners geblieben. Beim dritten Zusammentreffen hätte man satirische Sonette auf einander gemacht. Denn das Gespräch über alles und mit allen war frei. Bei Delécluze war man höflich, aber um seinetwillen. Oft mußte er den Rückzug eines Unvorsichtigen decken, der auf der Suche nach einer neuen Idee zu weit ins Paradoxe geraten war. Dort traf ich Albert Stapfer, Ph. Albert Stapfer (1766–1840) aus Bern, Schweizer Staatsmann und französischer Schriftsteller. Er übersetzte auch Goethes »Faust« und andre Werke Goethes. Ampère, André Marie Ampère (1775–1836), berühmter Physiker, oder auch dessen Sohn Jean Jacques (1800–64), Schriftsteller und Gelehrter. den Verleger Sautelet und Mareste. Delécluze ist ein Charakter in der Art des guten Landpredigers von Wakefield. Um einen Begriff von ihm zu geben, brauchte man alle Halbtöne von Goldsmith oder Addison. Zunächst ist er sehr häßlich; vor allem hat er – eine Seltenheit in Paris – eine unedle, niedrige Stirn; er ist gut gebaut und ziemlich groß. Er besitzt alle kleinlichen Züge des Spießbürgers. Wenn er im nächsten Laden ein Dutzend Taschentücher für 36 Franken gekauft hat, bildet er sich zwei Stunden darauf ein, sie seien eine Rarität und man könne in Paris um keinen Preis etwas Ähnliches finden. (Schluß des Fragments.) Lebensabend (1838) Montpellier, 1838. Aus »Napoléon« (Fragmente), herausgegeben von J. de Mitty, Paris 1898, S. 214 ff. Einst, wenn ich allein war, träumte ich von Liebesabenteuern, die mehr zart und romantisch, als schmeichelhaft für die Eigenliebe waren. Seitdem bin ich minder töricht geworden. Nach und nach habe ich gelernt, daß man vor allem die Eigenliebe bestärken und besonders die Leidenschaft, die man etwa empfindet, wie das schlimmste aller Übel verbergen muß. Tiefe schöne Erkenntnis hat mich bei Gelegenheit vielleicht weniger linkisch gemacht, obwohl ich es noch immer sehr bin, aber sie hat mir meine reizenden Träumereien auf Reisen geraubt. Jetzt denke ich an die Kunst und an die Feldzüge Napoleons. Der letzte Gegenstand ist traurig für mich! Ich sehe mich in einem Übergangszeitalter, d.h. einem Zeitalter der Mittelmäßigkeit. Kaum wird es halb verflossen sein, so wird die Zeit, die für die Völker so langsam und für den einzelnen Menschen so schnell dahinfließt, mir zum Abtreten winken. Ich war weit törichter, aber weit glücklicher, als ich, schon ein großer Junge, der amtliche Schriftstücke unterschrieb, insgeheim stets an Leidenschaften dachte, die ich alsbald zu empfinden und vielleicht einzuflößen glaubte. Die Erinnerung an einen Händedruck des Nachts unter hohen Bäumen versenkte mich stundenlang in Träume. Jetzt habe ich auf eigne Kosten gelernt, daß man, statt Genuß daran zu haben, Vorteil daraus ziehen soll, will man nicht zwei Tage darauf Reue verspüren... Ach, fast möchte ich wieder ein Narr und ein Tor dem wirklichen Leben gegenüber sein und wieder in jene holden törichten Träumereien versinken, die gewiß keinem Menschen ein Haar krümmen können! Oft verschmähe ich es, eine Liebschaft anzufangen. Ein Nichts genügt, um mir Mißachtung einzuflößen. Ein Jahr darauf mache ich mir Vorwürfe darüber. Aber dies Gefühl ist im Augenblick stärker als ich, und zum Trost für meine unglückliche Neigung, so leicht etwas zu mißachten, was ich hätte lieben sollen, sagt mir die Vernunft (und das ist falsch und ungewiß): Du sollst nicht mehr lieben! Solange man imstande ist, ein Weib, d.h. ein durchaus dummes oder heimtückisch verstelltes Geschöpf wegen seines bezaubernden Geistes und seiner Harmlosigkeit zu lieben, solange man eine ganz und gar törichte Illusion hegen kann, so lange kann man lieben. Und das Glück liegt weit mehr im Lieben als im Geliebtwerden. Selbstverfasste Nachrufe 1 Henri Beyle, 1783 in Grenoble geboren, ist soeben in ... (am ... Oktober 1820) Diese Lebensskizze entstand 1821 nach Beyles Rückkehr von England nach Paris, wo er noch immer mit Selbstmordgedanken spielte, und vor der Drucklegung seines Werkes »Über die Liebe« (1822), mit dem er seine Todessehnsucht überwand. gestorben. Nachdem er Mathematik studiert hatte, war er eine Zeitlang (1800–1802) Offizier im 6. Dragonerregiment. Während eines kurzen Friedens folgte er einer Frau, die er liebte, S. Seite 241 f. nach Paris und nahm seinen Abschied, was seine Beschützer gewaltig aufbrachte. Nachdem er einer Schauspielerin Melanie Guilbert. nach Marseille gefolgt war, wo sie die ersten tragischen Rollen spielen sollte, kehrte er 1806 in den Dienst zurück, und zwar als Adjunkt beim Kriegskommissariat. Als solcher lernte er Deutschland kennen und wohnte Napoleons siegreichem Einzug in Berlin bei, der ihm tiefen Eindruck machte. Als Verwandter des Kriegsministers Daru, des dritten Mannes nach Napoleon und dem Fürsten von Neuchâtel, Alexander Berthier, Fürst von Neuchâtel (1753–1815), Generalstabschef Napoleons. tat Beyle manchen Blick in das Räderwerk dieser großen Maschine. Er wurde 1806–1808 in Braunschweig verwendet und zeichnete sich dort aus. In Braunschweig studierte er die deutsche Sprache und Philosophie und bekam eine ziemlich geringe Meinung von Kant und Fichte, jenen höheren Menschen, die nur gelehrte Kartenhäuser aufgebaut haben. Im Jahre 1809 kehrte Beyle nach Paris zurück und machte dann den Feldzug in Österreich 1809 und 1810 mit. Nach seiner Rückkehr wurde er Auditor im Staatsrat und Generalinspekteur der kaiserlichen Mobilien. Außerdem wurde er mit der Abteilung Holland bei der Verwaltung der kaiserlichen Zivilliste betraut. Im Jahre 1811 lernte er den Herzog von Friaul (Duroc) kennen und machte eine kurze Reise nach Italien, das er seit den drei Jugendjahren, die er dort verbracht hatte, stets liebte. Im Jahre 1812 setzte er es trotz großer Schwierigkeiten von seiten des Intendanten des kaiserlichen Hauses, des Herzogs von Cadore, durch, an dem russischen Feldzuge teilzunehmen. Er erreichte das kaiserliche Hauptquartier am 14. August 1812 bei Orscha, zog in Moskau am 14. September mit Napoleon ein und verließ es am 16. Oktober mit dem Auftrage, Lebensmittel für die Armee beizutreiben. Durch ihn erhielt die Armee auf dem Rückzuge zwischen Orscha und Bober das einzige Stück Brot, das sie bekommen hat. In Bober erkannte Herr Daru dies im Namen des Kaisers an. Auf jenem Rückzuge war Beyle nie in kläglicher Stimmung. Als er sich bei Königsberg durch die Fahrt über das Frische Haff vor den Kosaken rettete, brach das Eis unter seinem Schlitten ein. Sein Begleiter war der Kriegskommissar Marchand (Rue du Doyenné 5). Da man dieser kaiserlichen Armee nicht mal eingestand, daß man sich auf dem Rückzuge befand, nahm er Aufenthalt in Stargard, dann in Berlin, wo er den Abfall von Frankreich mit ansah. In dem Maße, wie er der Gefahr entrückt wurde, erfaßte ihn ein Grausen davor. Von Schmerz gebrochen, kam er in Paris an. Zu dieser Stimmung trug sein körperlicher Zustand viel bei. Nach einem Monat guter oder doch reichlicher Ernährung war er wieder hergestellt. Sein Beschützer zwang ihn zur Teilnahme am Feldzuge von 1813. Er wurde Intendant in Sagan unter dem ehrenwertesten und beschränktesten aller Generale, dem Marquis und damaligen Grafen Victor de Latour-Maubourg. 1766–1850, Reitergeneral unter Napoleon, 1819–21 Kriegsminister. Dort zog er sich ein schweres Nervenfieber zu. Binnen acht Tagen waren seine Kräfte völlig erschöpft; soviel war nötig, um ihm die Rückkehr nach Frankreich zu gestatten. Er verließ Paris sofort und fand am Comer See Genesung. Kaum zurückgekehrt, schickte ihn der Kaiser mit einem Auftrage zum 7. Wehrbezirk mit einem völlig energielosen Senator. Dort fand er den braven General Dessaix, der des großen Mannes Louis Charles Antoine Desaix de Boygoux (1768–1800), Divisionsgeneral, fiel bei Marengo. würdig war, dessen Name dem seinen fast gleichlautete, und ebenso liberal wie dieser. Aber das Talent und die glühende Vaterlandsliebe Deffaix' wurden durch die Selbstsucht und die unheilbare Mittelmäßigkeit des Generals Marchand gelähmt, der als Inhaber des Großkreuzes der Ehrenlegion und als Einheimischer verwandt werden mußte. Die vorzüglichen Anordnungen in Bizille und in vielen anderen Dörfern des Dauphine wurden nicht ausgenutzt. Beyle bat, die Vorposten bei Genf besichtigen zu dürfen, und überzeugte sich davon – was er schon geahnt hatte –, daß es ein leichtes sei, Genf durch Handstreich zu nehmen. Da er sah, daß man auf diesen Gedanken nicht einging, und Verrat fürchtete, erhielt er die Erlaubnis, nach Paris zurückzukehren. In Orleans fand er die Kosaken. Da verzweifelte er am Vaterland, oder genau gesprochen, er erkannte, daß das Kaiserreich das Vaterland ausgelöscht hatte. Man hatte genug von der Unverschämtheit der Präfekten und andern Agenten Napoleons. In Paris angelangt, war er Augenzeuge der Schlacht am Montmartre und des blöden Benehmens der Minister Napoleons. Er sah den Einzug des Königs. Gewisse Züge des Herrn von Blacas, Pierre Louis, Herzog v. Blacas d'Aulps (1771–1839), 1814 Hausminister Ludwigs XVIII. die er alsbald erfuhr, erinnerten ihn an die Stuarts. Er schlug eine einträgliche Stellung aus, die Graf Beugnot ihm anzubieten die Güte hatte, und zog sich nach Italien zurück. Dort führte er ein glückliches Leben bis zum Jahre 1821, wo die Verhaftungen der Karbonari durch eine blöde Polizei ihn zum Verlassen des Landes zwangen, obwohl er kein Karbonaro war. Die Bosheit und das Mißtrauen der Italiener hatten ihn die Teilnahme an ihren Geheimnissen zurückweisen lassen. Er sagte zu seinen Freunden: »Rechnet eintretenden Falls auf mich.« Im Jahre 1814, als er sich sein Urteil über die Bourbonen bildete, hatte er ein paar Tage finstere Schwermut. Um sie zu verscheuchen, nahm er sich einen Schreiber und diktierte ihm eine verbesserte Übersetzung des »Lebens Haydns, Mozarts und Metastasios« nach einem italienischen Werke, S. Seite 424, Anm. 1. die 1814 in einem Band erschien. Im Jahre 1817 veröffentlichte er eine zweibändige »Geschichte der italienischen Malerei« und ein kleines italienisches Reisewerk von 300 Seiten. Die Erstausgabe von »Romé, Naples et Florence en 1817«, 1826 wesentlich erweitert und verändert. Deutsch als »Reise in Italien« in Band V der »Gesammelten Werke«. Da das Buch über die Malerei keinen Erfolg hatte, legte er die drei letzten Bände in einen Kasten und traf Vorkehrungen, daß sie erst nach seinem Tode erschienen. Diese drei Bände sind jedoch nie geschrieben worden. Nur umfangreiche Vorarbeiten sind in der Bibliothek zu Grenoble in Stendhals handschriftlichem Nachlaß vorhanden. Im Juli 1819 auf der Durchreise durch Bologna erfuhr er den Tod seines Vaters. Er reiste nach Grenoble, wo er seine Stimme dem rechtschaffensten Mann in Frankreich gab, dem einzigen, der die Religion noch retten konnte: Herrn Henri Grégoire. Henri Grégoire (1750–1831), liberales Mitglied der französischen Nationalversammlung und des Konvents, 1791 konstitutioneller Bischof von Blois, 1809 Graf, 1819 aus der Deputiertenkammer ausgeschlossen. Das brachte ihn mit der Mailänder Polizei noch mehr auseinander. Nach allgemeiner Ansicht mußte sein Vater ihm 5–6000 Franken Einkommen hinterlassen. Es war aber knapp die Hälfte. Fortan suchte Beyle sich einzuschränken, was ihm auch gelang. Er schrieb mehrere Werke, u. a. ein Buch von 500 Seiten »Über die Liebe«, das er aber nicht veröffentlichte. Das Werk erschien erst 1822. Im Jahr 1821 verbrachte er aus tödlichem Ekel vor der Komödie des französischen Wesens sechs Wochen in England. Die Liebe bildete das Glück und das Unglück seines Lebens. Melanie, Therese, Gina und Leonore Melanie Guilbert, Angelina Pietragrua (Gina), Mathilde Dembowska (Leonore). Mit Therese ist wohl die Gräfin Alexandirne Daru gemeint, die Beyle mit allen möglichen Decknamen (Elvire, Emilie, Madame Petit, Gräfin Palfy usw.) bezeichnet. sind die Namen, die sein Leben erfüllten. Obwohl nichts weniger als schön, ward er mehrfach geliebt. Gina verhinderte ihn, bei der Rückkehr Napoleons, die er am 6. März (1815) erfuhr, (nach Frankreich) zurückzukehren. Die Zusatzakte Napoleons Zusatzakte zu den früheren kaiserlichen Verfassungen, die Beyle als nicht hinreichend für die Volksfreiheit ansah. benahm ihm jede Reue. Er war zwar oft traurig, wenn er gerade Unglück in der Liebe hatte, vergötterte aber den Frohsinn. Er hatte nur einen Feind, Frau Tr(aversi), S. Seite 457. und konnte sich furchtbar an ihr rächen, unterließ es aber, um Leonore nicht zu kränken. Vom Feldzug in Rußland blieb ihm ein heftiges Nervenleiden. Er vergötterte Shakespeare und hegte unüberwindliche Abneigung gegen Voltaire und Frau von Staël. Die liebsten Stätten auf Erden waren ihm der Comer See und Neapel. Er vergötterte die Musik und schrieb eine kleine Abhandlung über Rossini voll wahrer, aber vielleicht lächerlicher Gefühle. Das Buch über Rossini erschien erst 1824. Er liebte seine Schwester Pauline zärtlich und verabscheute seine Vaterstadt Grenoble, wo er abscheulich erzogen worden war. Von seinen Angehörigen liebte er keinen. Er war verliebt in seine Mutter, die er mit sieben Jahren verlor. 2 Paris, Hotel Favart, Sonntag, den 30. April 1837. Es regnet in Strömen. Mir fällt ein, daß Jules Janin Französischer Kritiker (1804–74). zu mir gesagt hat: »Ach, welchen schönen Artikel würden wir über Sie schreiben, wenn Sie tot sind!« Um den Phrasenmachern zu entgehen, kommt es mir bei, diesen Artikel selbst zu schreiben. Er ist erst nach meinem Tode zu lesen. Henri Beyle, geboren in Grenoble am 23. Januar 1783, gestorben in ... am..., war der Sohn wohlhabender Eltern, die dem höheren Bürgerstand angehörten. Sein Vater, Advokat am Parlament des Dauphiné, führte in den Urkunden den Adelstitel. In der Tat wird sein Vater in den Taufscheinen seiner Kinder als »noble« aufgeführt, (» Vie de Henri Brulard «, Paris 1914, II, 337 ff. Sein Großvater war Arzt, ein geistvoller Mann, Freund oder doch Verehrer von Voltaire. Dieser Herr Gagnon war durchaus Weltmann, hochgeachtet in Grenoble; er stand an der Spitze aller Verbesserungsbestrebungen. Der junge Beyle sah das erste Blut fließen, das in der französischen Republik vergossen wurde. Es war am Tage der berühmten »Ziegelschlacht« (17[88]), als das Volk sich gegen die Regierung empörte und von den Dächern Ziegel auf die Soldaten herabwarf. Die Verwandten des jungen Beyle waren fromm und wurden leidenschaftliche Aristokraten, er aber ein patriotischer Heißsporn. Seine Mutter, eine geistvolle Frau, die Dante las, starb sehr jung. Untröstlich über den Tod seiner Tochter, übernahm Herr Gagnon die Erziehung ihres einzigen Sohnes. Die Familie besaß übertriebene Ehrbegriffe und großen Stolz; sie teilte diese Empfindungsweise dem Knaben mit. Von Geld zu reden, es auch nur zu nennen, galt bei Herrn Gagnon für eine Gemeinheit. Er mochte 8–9000 Franken Einkommen haben, womit er 1789 in Grenoble ein reicher Mann war. Der junge Beyle faßte gegen diese Stadt einen Abscheu, der bis zu seinem Tode währte; dort lernte er die Menschen und ihre Gemeinheit kennen. Sein leidenschaftlicher Wunsch war, nach Paris zu gehen und dort zu leben, um Bücher und Komödien zu schreiben. Sein Vater erklärte ihm, er wünsche seinen sittlichen Verderb nicht, und er solle Paris erst mit dreißig Jahren sehen. Von 1796–99 ging der junge Beyle ganz im Studium der Mathematik auf. Er hoffte, die Polytechnische Hochschule zu beziehen und so nach Paris zu kommen. Im Jahre 1799 trug er auf der Zentralschule (Professor Dupuy) den ersten Preis in der Mathematik davon. Die acht Schüler, die den zweiten Preis erhielten, wurden zwei Monate darauf zur Polytechnischen Hochschule zugelassen. Die Aristokratenpartei erwartete das Einrücken der Russen Suworoff unternahm im Herbst 1799 einen kühnen Zug aus Oberitalien über den St. Gotthard nach der Schweiz. in Grenoble... Der Examinator, Louis Monge, erschien in jenem Jahre nicht; in Paris ging alles drüber und drunter. Alle jungen Leute reisten nach Paris, um dort die Prüfung in der Hochschule selbst abzulegen. Beyle kam am 10. November 1799 in Paris an, einen Tag nach dem 18. Brumaire, wo Napoleon die Macht an sich gerissen hatte. Beyle war an Herrn Daru empfohlen, den früheren Generalsekretär des Intendanten des Languedoc, einen ernsten, charakterfesten Mann. Mit einer für seine Jahre seltenen Charakterstärke erklärte ihm Beyle, er wolle die Polytechnische Hochschule nicht beziehen. Als der Marengo-Feldzug stattfand, nahm Beyle daran teil. Herr Daru, der spätere kaiserliche Minister, ließ ihn zum Leutnant im 6. Dragonerregiment ernennen. Das war im Mai 1800. Eine Weile diente er als Gemeiner. Er verliebte sich in Frau A. (Angela Pietragrua). Er verbrachte seine Zeit in Mailand. Es war die schönste Zeit seines Lebens. Er schwärmte für Musik und Schriftstellerruhm und schätzte die Kunst, den Degen zu führen, sehr hoch. Bei einem Duell erhielt er einen Degenstich in den Fuß. Er wurde Adjutant des Generalleutnants Michaud und zeichnete sich aus: er besitzt ein schönes Zeugnis dieses Generals (in Händen seines Freundes Colomb). Er war der glücklichste und wahrscheinlich der törichteste Mensch, als der Kriegsminister bei Friedensschluß verfügte, daß alle Adjutanten im Leutnantsrang zu ihren Truppenteilen zurückkehren sollten. Beyle ging wieder zu seinem Regiment in Savigliano in Piemont. Er wurde vor Schwermut krank, dann verwundet(?), erhielt Urlaub, ging nach Grenoble, verliebte sich und folgte, ohne dem Minister etwas zu sagen, seiner Geliebten, Fräulein V(ictorine Mounier), Vgl. Seite 241, Anm. 1. nach Paris. Der Minister war aufgebracht; Beyle nahm seinen Abschied, was ihn mit Herrn Daru entzweite. Sein Vater wollte ihn durch Hunger fassen. Toller denn je, begann Beyle zu studieren, um ein großer Mann zu werden. Er sah alle vierzehn Tage Frau A.; Adele Rebusset und ihre Mutter. sonst lebte er einsam. Derart war sein Leben von 1803 bis 1806. Er vertraute keinem Menschen seine Pläne an und verabscheute die Tyrannei des Kaisers, der Frankreich die Freiheit raubte. Mante, ein früherer Schüler der Polytechnischen Hochschule, zog ihn in eine Art Verschwörung zugunsten Moreaus (1804) hinein. Dies ist eine Fabelei, wie das Tagebuch von 1804 beweist, Beyle hegte nur Sympathie für Moreau. Beyle arbeitete täglich zwölf Stunden. Er las Montaigne, Shakespeare, Montesquieu und zeichnete seine Urteile über sie auf. Ich weiß nicht, warum er die im Jahre 1804 berühmten Schriftsteller, die er bei Herrn Daru sah, verabscheute und verachtete. Er wurde dem Abbé Delille vorgestellt. Er verachtete Voltaire, den er kindisch fand, Frau von Staël, die ihm schwülstig vorkam, Bossuet, der ihm als trübsinniger Moralprediger erschien. Er schwärmte für Lafontaines Fabeln, Corneille und Montesquieu. Im Jahre 1804 verliebte er sich in Fräulein Melanie Guilbert (später Frau von Barckoff) und folgte ihr nach Marseille, nachdem er sich mit Frau ... überworfen hatte, die er seitdem so geliebt hat. Es war eine echte Leidenschaft. Als Fräulein (Melanie) das Theater in Marseille verließ, kehrte er nach Paris zurück. Sein Vater begann sich zugrunde zu richten und schickte ihm sehr wenig Geld. Martial Daru, Sous-Inspecteur aux Revues , bewog Beyle, ihm zur Armee zu folgen. Nur mit größtem Widerstreben gab er seine Studien auf. Am 14. Oktober 1806 wohnte Beyle der Schlacht bei Jena bei; Auch dies ist eine Fabelei. am 27. sah er Napoleons Einzug in Berlin. Beyle ging als Gehilfe beim Kriegskommissariat nach Braunschweig. Dort begann er 1808 in dem Schlößchen Richmond (zehn Minuten von Braunschweig), wo er als Intendant wohnte, eine Geschichte des Spanischen Erbfolgekrieges. 1809 machte er den Feldzug nach Wien mit, stets als Gehilfe beim Kriegskommissariat. Dort zog er sich eine schlimme Krankheit zu und verliebte sich heftig in eine liebenswerte und gute oder besser treffliche Frau, zu der er früher Beziehungen gehabt hatte. Durch die Gunst des Grafen Daru wurde er zum Auditor im Staatsrat und Inspekteur der kaiserlichen Mobilien ernannt. Er nahm am russischen Feldzug teil und zeichnete sich durch Kaltblütigkeit aus. Bei der Rückkehr erfuhr er, daß dieser Rückzug etwas Furchtbares gewesen war. 550 000 Mann hatten den Njemen überschritten; 50 000, ja vielleicht nur 25 000 kehrten zurück. Beyle nahm am Feldzug von Lützen teil und wurde Intendant in Sagan in Schlesien am Bober. Infolge der ungeheuren Anstrengungen zog er sich ein Fieber zu, das dem Stück fast ein Ende gemacht hätte, das aber Gall in Paris völlig heilte. 1813 wurde Beyle mit einem blöden Senator zum 7. Wehrbezirk entsandt. Napoleon erklärte ihm eingehend, was zu tun sei. Am Tage der Rückkehr der Bourbonen nach Paris hatte Beyle soviel Verstand, zu begreifen, daß es in Frankreich für alle, die in Moskau gewesen waren, nur noch Erniedrigung gäbe. Graf Beugnot bot ihm den Posten des Verpflegungsdirektors von Paris an. Er lehnte es aus Ekel vor den Bourbonen ab und ließ sich in Mailand nieder; der Abscheu vor den Bourbonen war stärker als die Liebe. Er glaubte bei Frau A(ngela) Hochmut gegen ihn zu erkennen. Es wäre lächerlich, alle Wandlungen dieser Leidenschaft zu erzählen. Er veröffentlichte das »Leben Haydns«, »Rome, Naples et Florence en 1817« und schließlich die »Geschichte der Malerei«. 1817 ging er wieder nach Paris, das ihn abstieß, besuchte London und kehrte nach Mailand zurück. Im Jahre 1821 Vielmehr 1819. verlor er seinen Vater, der seine Geschäfte (Claix) vernachlässigt hatte, um die der Bourbonen zu besorgen (als Adjunkt des Bürgermeisters von Grenoble) und sich völlig zugrunde gewirtschaftet hatte. Er hatte seinem Sohn 1815 durch Felix Faure sagen lassen, er werde ihm 10 000 Franken Einkommen hinterlassen, aber er hinterließ ihm nur 3000 Franken Kapital. Zum Glück besaß Beyle 1600 Franken Rente aus der Mitgift seiner Mutter, Henriette Gagnon, die um 1790 in Grenoble starb und die er stets angebetet und verehrt hatte. In Mailand schrieb Beyle mit Bleistift das Buch »Über die Liebe«. In jeder Hinsicht unglücklich kehrte er 1821 nach Paris zurück. Er dachte ernstlich daran, (seinem Leben) ein Ende zu machen, als er zu bemerken glaubte, daß Frau C(lementine Curial) eine Neigung für ihn hegte. Er wollte sich nicht auf dies stürmische Meer wagen und stürzte sich kopfüber in den Streit der Romantiker (mit den Klassizisten). Er ließ »Racine und Shakespeare«, das »Leben Rossinis«, die »Wanderungen in Rom« usw. drucken. Er unternahm zwei Reisen nach Italien und eine nach Spanien bis Barcelona. Das spanische Klima verbot die Weiterreise. Während seines Aufenthalts in England (September 1826) verließ ihn seine letzte Geliebte C(lementine); sie hatte ihn seit zwei Jahren geliebt und liebte seit einem halben Jahr einen andern. Er war tief unglücklich und kehrte nach Italien zurück. Im Jahre 1829 liebte er G(ulia) Madame Jules Gaulthier. und verbrachte die Nacht des 29. Juli bei ihr, um sie zu beschützen. Der Revolution von 1830 sah er von der Kolonnade des Theâtre français zu... Im September 1830 wurde er zum Konsul in Triest ernannt, aber Herr von Metternich, der ihm wegen »Rome, Naples et Florence« grollte, verweigerte das Exequatur. Beyle wurde zum Konsul in Civitavecchia ernannt. Die Hälfte des Jahres verbrachte er in Rom. Literarisch gesprochen, verlor er dort seine Zeit. Er schrieb dort den »Grünen Jäger« Luzian Leuwen. Deutsch in Band 9 dieser Ausgabe. und sammelte Novellen wie »Vittoria Accoramboni«, »Beatrice Cenci« und acht bis zehn Foliobände. Im Mai 1836 kehrte er mit einem Urlaub von Herrn Thiers, der Napoleons große Worte nachahmte, nach Paris zurück. Vom 9. November 1836 bis Juni 1837 stellte er das »Leben Napoleons« zusammen. Beyle hat 1821 seine Grabschrift entworfen: Qui giace Arrigo Beyle, Milanese Visse, scrisse, amò Se n'andiede di anni... Nel... Hier ruht Heinrich Beyle aus Mailand. Er lebte, schrieb, liebte. Er verschied mit ... Jahren im Jahre ... Er liebte Cimarosa, Shakespeare, Mozart, Correggio. Leidenschaftlich liebte er V., M., A., Ange, M., C. Virginie Kably, Melanie Guilbert, Alexandrine Daru, Angelina Pietragrua, Mathilde Dembowska, Clementine Curial. , und obwohl nichts weniger als schön, wurde er von vier bis fünf dieser Frauen sehr geliebt. Er hatte nur vor einem Manne Respekt: Napoleon. Testamente 1. Testament Alles, was ich in meiner Wohnung in Paris besitze, vermache ich dem Baron Adolf u. Mareste, Rue Saint-Lazare Nr. 75. Ist Herr v. Mareste an meinem Todestage nicht in Paris, so vermache ich alles, was ich in meinem Zimmer besitze, meinem Vetter R. Colomb, Rue Godot de Mamoy Nr. 39. Meine Leiche soll für 20 Franken unmittelbar zum Kirchhof gebracht werden; dort sollen 40 Franken für ein Holzgitter ausgegeben werden. Ich vermache das Eigentum an meinen gedruckten Werken (eine kleine Gabe, aber ich habe nichts) meiner Schwester, Frau Pauline Beyle, verwitweten F. Périer, in Enghien-les-Bains, mit Ausnahme des Eigentums an der »Geschichte der italienischen Malerei«, die ich dem Chevalier Crozet, Chefingenieur in Grenoble, vermache. Herrn Luigi Bussi in Mailand, Corso di Porta Nova, Casa d'Adda, vermache ich meine Bücher und andere Gegenstände in Mailand. Herr Fuzier in Saint-Ondras schuldet mir eine Lebensrente von 1800 Franken. Die Rente aus seinem mütterlichen Erbteil. Ich habe ein paar hundert Franken Schulden beim Schneider Michel. Sonst schulde ich niemandem etwas. Paris, 26. August 1828. H. Beyle. Mein Testamentsvollstrecker wird gebeten, ein Buch Herrn Prosper Mérimée, eins Herrn Colomb, eins Herrn v. Mareste, eins H. Louis Crozet, eins Herrn de Barral zu schenken. Kodizill Dies Kodizill kehrt in einem Testament vom 4. September 1828 wieder, das daher oben fortgelassen ist. Ich vermache und hinterlasse Herrn Colomb, Rue Godot de Mauroy Nr. 39: 1. die Rückstände der Lebensrente, die mir Herr Fuzier in Saint-Ondras bei La Tour du Pin (Isère) schuldet (jährlich 1800 Franken); 2. was mir als Halbsold oder Pension zusteht (450 Franken). Paris, 3. September 1828. H. Beyle. Auf Ehre alle Briefe ungelesen verbrennen. Sie liegen im Schreibtisch und in einem Kasten. H. Beyle. 2. Testament Ich Unterzeichneter vermache und hinterlasse Herrn R. Colomb, meinem Vetter, gegenwärtig wohnhaft in der Rue Godot de Mauroy Nr. 39, alles, was ich in dem Hotel besitze, wo ich an meinem Todestage wohne. Ich hinterlasse Herrn Colomb, meinem Vetter, alles, was ich heute im Hotel de Valois in der Rue Richelieu Nr. 71, wo ich wohne, besitze. Ich wünsche unmittelbar nach dem Kirchhof gebracht zu werden. Ich wünsche auf dem Kirchhof von Andilly (im Tal von Montmoreney) oder auf dem Kirchhof von Moulignon oder Saint-Leu oder endlich auf einem der Kirchhöfe in der Nähe von Andilly begraben zu werden. Ich wünsche, daß die Begräbniskosten 30 Franken nicht übersteigen. Geschehen zu Paris am 14. November 1828. H. Beyle. Ich bitte meinen Freund Colomb um Verzeihung für alle Verlegenheiten, die ihm dies bereiten wird. Ich bitte ihn vor allem, bei einem unvermeidlichen Ereignis nicht traurig zu sein. H. Beyle. Kodizill Ich vermache alles, was ich in Mailand besitze, Herrn Bucci aus Varese, gegenwärtig wohnhaft in Mailand, Porta Nova. Herr Bucci in Mailand ist in Vigiù geboren. Paris, 14. November 1828. H. Beyle. Herr Fuzier in Saint-Ondras bei La Tour du Pin (Isère) schuldet mir eine Lebensrente von 1600 Franken. Ich beziehe eine Pension von 450 Franken. Sollte Herr R. Colomb verhindert sein, so vermache ich alles, was ich in Paris besitze, dem Baron A. v. Mareste, Rue Saint-Lazare Nr. 75, und bitte ihn, mich unmittelbar nach dem Kirchhof eines Dorfes im Tal von Montmoreney, Andilly, Moulignon, Saint-Leu bringen zu lassen. Paris, 15. November 1828. H. Beyle. 3. Testament Testament von Henri Beyle. An Herrn Colomb, Rue Godot de Mauroy Nr. 39, zu schicken. 6. Dezember, ein Uhr. Lieber Freund! Wenn ich sterbe, bitte ich Dich, die »Wanderungen in Rom« zu beenden. Nichts ist leichter. Gib meine wohl schwer lesbaren Manuskripte über Rom Herrn Uralez, Rue de la Vieille Draperie Nr. 23, gegenüber dem Justizpalast. Herr Uralez wird die Geduld haben, eine sehr lesbare Abschrift herzustellen. Verbessere sie und verkaufe sie an H. Dondey Dupré. Nichts ist leichter, als Rom fertigzustellen. Bin ich tot, so verkauft es sich leichter... H. Beyle. Testament von Henri Beyle. Ich vermache meinem Vetter, Herrn R. Colomb, Rue Godot de Mauroy Nr. 39, alles, was ich im Hotel de Valois, Rue Richelieu Nr. 71, besitze. Paris, 6. Dezember 1828. H. Beyle. 4. Testament Testament von Henry M. Beyle, französischem Konsul in Civitavecchia. Ich Unterzeichneter, Henry Marie Beyle, geboren in Grenoble am 23. Januar 1783, vermache eine Marmorbüste, die Tiberius darstellen soll, Diese eben gekaufte Büste, seine einzige Kostbarkeit, vermachte Beyle seinem Gönner, dem er seine Ernennung zum Konsul verdankte, als Ausdruck seiner Dankbarkeit. Als jedoch der Minister Graf Molé am 7. März 1839 seine Demission gab, schickte Beyle ihm diese Büste als Geschenk. die ich in Neapel im Januar 1832 gekauft habe, dem Grafen Molé, Pair von Frankreich, in Paris, Place de la Ville-Evêque. Stirbt der Graf Molé vor mir, so vermache ich diesen Tiberiuskopf seiner Frau Tochter. Ich vermache Herrn Prosper Mérimée die Summe von 100 Franken mit der Bitte, diesen Tiberiuskopf portofrei nach dem Hause des Grafen Molé auf der Place Ville-Evêque zu befördern. Eigenhändig geschrieben zu Neapel am 18. Januar 1832. H. Beyle. Ich bitte meinen Freund, H. Constantin S. S. 209. in Rom, diese Büste einpacken zu lassen und sie an Herrn Prosper Mérimée in Paris, Rue des Petits Augustins, Kunstakademie, abzusenden. Neapel, 18. Januar 1832. 5. Testament Ich vermache und hinterlasse alles, was ich in Rom besitze, Herrn Abraham Constantin. Ich sterbe im protestantischen Glauben Augsburger Konfession und wünsche bei meinem Freunde Shelley Percy Bysshe Shelley (1792–1822), der englische Dichter, den Stendhal wohl 1818 in Mailand kennen gelernt hatte. Er ist auf dem protestantischen Friedhof bei der Cestiuspyramide in Rom begraben. an der Cestiuspyramide begraben zu werden. Rom, 10. Dezember 1832. H. Beyle. Kodizill Herr Konstantin könnte die Tuchkleider Giuseppe Baldoni geben, wenn er zur Zeit meines Todes mein Diener ist. Das Geld an Frau Pauline Beyle, verwitwete Périer-Lagrange, bei H. Colomb, Paris, Rue Godot de Mauroy Nr. 35. Die Tiberiusbüste an den Grafen Molé, Pair von Frankreich, Paris, Rue Ville l'Evêque. Sieben bis acht Bände jedem Franzosen meiner Bekanntschaft, sieben bis acht Bände Herrn Manzi in Civitavecchia, sieben bis acht H. Bucci in Civita(veccia). Ein fast gleichlautendes Testament vom 22. und 28. Mai 1834 ist hier nicht wiedergegeben. 6. Testament Ich vermache und hinterlasse alles, was ich an meinem Todestage besitze, Frau Pauline Eleonore Beyle, verwitweten Périer-Lagrange, gegenwärtig wohnhaft in Paris. Meine goldne Uhr mit Kette und meine gedruckten Bücher vermache ich H. Romain Colomb in Paris, Rue Godot de Mauroy Nr. 35. Geschehen zu Rom, den 1. September 1835. H. Beyle. Um meinem lieben Freunde, Herrn D. Domenico di Fiori, etwas zu hinterlassen, vermache ich ihm meine Manuskripte, unter anderm die zwölf Foliobände in italienischer Sprache. S. Seite 551. Mein Exemplar von Saint-Simon sowie meine Waffen vermache ich H. Prosper Mérimée, Rue des P. Augustins Nr. 26. H. Beyle 7. Testament Ich Unterzeichneter, Henri Beyle, gegenwärtig Konsul in Civitavecchia, vermache alle eigenhändig geschriebenen oder von mir verbesserten französischen Manuskripte dem Verleger Alphonse Levavasseur, gegenwärtig Place Vendôme, unter der Bedingung, daß er binnen Jahresfrist nach Übergabe der genannten Manuskripte meiner Erbin, Frau Pauline Beyle, verwitwete Périer-Lagrange, eine ihm angemessen scheinende Summe auszahlt, falls er die Manuskripte veröffentlicht, oder daß er sie ihr zurückgibt. Rom, 11, November 1835. H. Beyle. 8. Testament Ich wünsche unmittelbar und ohne Kosten nach dem Kirchhof gebracht zu werden. Ich wünsche auf dem Kirchhof von Andilly bei Montmorency begraben zu werden, wenn der Herr Pfarrer von Andilly seine Zustimmung erteilt; ein angemessenes Almosen soll gegeben werden. Auf meinem Grabe soll ein Stein mit diesen, aber keinen anderen Worten errichtet werden: Qui giace Arrigo Beyle Milanese Visse, scrisse, amò S. Seite 551. 1783-18 ... Ich vermache Herrn R. Colomb, was mir von meinem Gehalt beim Auswärtigen Amt zusteht. Von diesem Gelde bitte ich H. Colomb, eine Abschrift meiner gebundenen Manuskripte herstellen zu lassen. Meiner Schwester, Frau Pauline Beyle, vermache ich alles, was ich besitze, mit Ausnahme der Manuskripte, deren Eigentum H. R. Colomb erhalten soll. Meine Bücher in Mailand vermache ich Herrn Luigi Bucci aus Vigiù, gegenwärtig in Mailand, Strada di Porta Nova. Meine Bücher in Rom vermache ich dem Herrn Fürsten Don Filippo Gaetani. Paris, 8. Juni 1836. H. Beyle. Kodizill Ich vermache ein schönes Exemplar von J. J. Rousseaus Werken (das Colomb kaufen soll) Frau Giulia Martini Berlinghieri, Rue Marché d'Aguesseau Nr. 4. Testament von Henry Beyle. An H. R. Colomb, Paris, Rue Godot de Mauroy Nr. 35. 9. Testament Ich vermache das Wenige, was ich besitze, Frau Pauline Beyle, verwitweten Périer-Lagrange, und wenn sie vor mir stirbt, der jüngeren Tochter meiner Schwester, Frau Caroline Beyle, verheiratet mit H. Alexandre Mallein. Das Eigentum an meinen gedruckten Werken und an meinen Manuskripten vermache ich H. Louis Crozet, Chefingenieur, mit der Bitte, dies nach seinem Tode meiner Nichte Mallein oder deren Nachkommen zu hinterlassen. Ich vermache die Möbel, die Bücher, die Uhr, die ich in Paris besitze, sowie das, was mir auf mein Gehalt zusteht (abzuheben bei H. Flury-Hérard, Nr. 133) an H. Romain Colomb, der mein Testamentsvollstrecker sein und mich nach dem Kirchhof von Andilly (im Tal von Montmorency), oder, wenn das zu teuer ist, nach dem Friedhof am Montmartre Auf dem Montmartre-Friedhof in Paris ist Beyle tatsächlich begraben. in schöner Lage in der Nähe der Grabstätte der Familie Houdetot bringen lassen soll. Ich bitte Herrn Colomb, auf mein Grab ein Stück gewöhnlichen Marmor mit den Worten (und keinen anderen) zu setzen: Arrigo Beyle Milanese Visse, scrisse, amò Morì di Anni ... nel 18 ... Grabstein des Unterzeichneten, nichts hinzusetzen, nichts ändern. Paris, 27. September 1837. H. Beyle. Ich bitte H. Colomb, jedem meiner Freunde ein paar Bücher zu geben und die Tiberiusbüste zu behalten, wenn Herr [Molé] sie nicht haben will. 10. Testament Dies Testament ist vollzogen worden. Testament von Marie Henry Beyle, französischem Konsul in Civitavecchia. Civitavecchia, 28. September 1840. Ich hinterlasse und vermache alles, was ich im Kirchenstaat besitze, Herrn Donato Bucci in Civitavecchia mit der Bitte, alles zu verkaufen, was ich zur Zeit meines Todes hinterlassen werde, ein Viertel des Ertrages für sich zu behalten und Dreiviertel an Frau Pauline Beyle, verwitwete Périer-Lagrange, bei H. Colomb in Paris, Rue Godot de Mauroy Nr. 35, zu senden. Der Erlös der von Bucci in Civitavecchia und Rom verkauften Gegenstände betrug 1268,23 Franken, der Erlös der in Paris verkauften 2556,76 Franken, insgesamt 3824,99 Franken. 400 Franken, ungefähr der Preis der goldnen Uhr und Kette, die ich besessen habe, bitte ich Herrn Bucci für eine Marmortafel zu verwenden, die meinen Namen wie folgt geschrieben trägt: Arrigo Beyle Milanese Visse, scrisse, amò Se n'andiede al di ... Di anni ... Nel 18 ... Diese Marmortafel soll ohne irgendeine platte Schmeichelei auf mein Grab gesetzt werden. Civitavecchia, 28. September 1840. H. Beyle. Nach dem französischen Gesetz ist dies eigenhändig geschriebene, unterzeichnete und datierte Testament rechtsgültig. Kodizill. Ich hinterlasse die Biographie Michaud, zweiundfünfzig bis vierundfünfzig Bände, Herrn Blazi, Advokat in Civitavecchia. 29. September 1840. Vermächtnis H. Beyle. Anhang Stendhals Familie Aus Beyles Dienstakten Savigliano, Beyle war damals in Paris. Das Datum Savigliano erklärt sich daraus, daß sein Regiment, dem er seinen Abschied einreichte, dort in Garnison stand. Das Regiment genehmigte das Abschiedsgesuch am 20. Thermidor (8. August), vorbehaltig der Bestätigung des Kriegsministers, die am 3. Complémentaire (20. September 1802) erfolgte. Der General Michaud stellte seinem Adjudanten nachträglich das oben abgedruckte Zeugnis aus. 1. Thermidor X (20. Juli 1802). 6. Dragonerregiment. Ich Unterzeichneter, Leutnant im 6. Dragonerregiment, erkläre, daß ich meinen Abschied im genannten Regiment einreiche. H. Beyle. Ich Unterzeichneter bescheinige, daß bei Beginn des Mincio-Feldzuges (1801), zu Anfang des Jahres IX, als ich einen meiner Adjutanten zu ersetzen hatte, meine Wahl auf Herrn Henri Beyle fiel, auf Grund der günstigen Berichte, die mir über diesen Offizier gemacht waren. Ich kann Herrn Beyle nur das wohlverdiente Zeugnis seiner Tapferkeit und Unerschrockenheit während jenes Feldzuges, insbesondere im Gefecht von Castelfranco Am 12. Januar 1801. ausstellen. Er hat ferner mit ebensoviel Eifer und Pünktlichkeit wie mit Umsicht verschiedene Aufträge ausgeführt, mit denen er beauftragt wurde und bei denen er den Beweis administrativer Kenntnisse erbracht hat. Ich ergreife gern die Gelegenheit, diesem tapferen Offizier Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, indem ich ihm dies ausstelle. Paris, 25. Thermidor XIII. (13. August 1805) Der Divisionskommandeur und Generalinspekteur der Infanterie Michaud. Brief Philippines von Bülow »Der obige Brief stammt von einer liebenswürdigen Stiftsdame aus Braunschweig, die wir heute beweinen. Es ist das Ende eines Briefes über Werther, der bekanntlich in Braunschweig geboren und der Sohn des Abts Jerusalem ist. Sie schilderte darin auf meine Bitte die Art des musikalischen Empfindens bei Werther.« (Stendhal im »Leben Hadyns, Mozarts und Metastasios«, Brief 20.) – Zur Richtigstellung des Obigen sei bemerkt, daß Karl Wilhelm Jerusalem, der sich 1775 aus Liebesgram erschoß, der Sohn des Abts Joh. Friedr. Jerusalem (1729-89) zu Riddagshausen bei Braunschweig, Goethe durch seinen tragischen Tod zu seinem »Werther« mit angeregt hat. Über Philippine v. Bülow s. Seite 280ff. dieses Bandes. ... Die Musik ist die Kunst, die am besten die Nuancen schildert und daher die Regungen der Seele am feinsten erfaßt. Ich glaube daher, man kann zwischen der Empfindsamkeit im Sinne Mozarts und der im Sinne Cimarosas unterscheiden. Gesichter wie die der Wilhelmine von G[riesheim] und des Engels auf dem Gemälde von Parmigiano, Die Madonna al collo lungo. Gemeint ist der Engel rechts von der Jungfrau, der den Beschauer anblickt. (Stendhal.) das in meinem Schlafzimmer hängt, scheinen mir auf einen Charakter zu deuten, bei dem die Empfindsamkeit die Kraft übertrifft und die in Augenblicken der Erregung ganz Empfindung sind. Für andres ist kein Raum mehr; Mut, Sorge für den guten Ruf, alles wird nicht nur unterdrückt, sondern vertrieben. Die Nordländer sind offenbar dieser Musik verfallen, which is their queen. Wenn Sie Deutschland besser kennen werden und einigen der unglücklichen Mädchen begegnet sind, die hier alljährlich an Liebesgram sterben, so lachen Sie nicht, Herr Franzose; Sie finden die Art von Macht, die unsre Musik auf uns übt. Gehen Sie am Sonntag abend in Hantz' Garten und in die englischen Parks, wo die ganze Jugend der nordischen Städte an den Feierabenden spazieren geht. Betrachten Sie die Liebespaare, die mit ihren Eltern Kaffee trinken, während böhmische Musikkapellen mit ihren Hörnern Walzer und ihre langsamen, rührenden Weisen spielen. Sehen Sie, wie ihre Augen starr werden, wie sie sich über die kleinen Tische hin unter den Augen der Mütter die Hände drücken; denn sie sind, wie man hier sagt, »versprochen«. Wohlan! Der Geliebte wird zum Militär eingezogen; die Braut ist nicht verzweifelt, aber traurig; sie liest die Nächte durch Romane; bald wird sie brustkrank und stirbt schließlich, ohne daß die besten Ärzte ein Mittel dagegen finden. Aber äußerlich ist nichts zu merken. Sie haben sie vierzehn Tage vorher bei ihrer Mutter gesehen, wie sie Ihnen Tee anbot; Sie fanden sie nur traurig. Fragen Sie dann nach ihr, so heißt es: »Die arme Soundso? Sie ist an Gram gestorben.« Die Antwort hat hier nichts Ungewöhnliches. »Und wo ist der Bräutigam?« – »Im Felde, aber man hat keine Nachricht mehr von ihm.« Solche Herzen werden durch Händel, Mozart, Boccherini und Benda Wohl der Opernkomponist Georg Benda (1722–95), der Bruder von Franz Benda (1709–86), dem Kapellmeister Friedrichs des Großen. gerührt. Die braunen, energischen Frauen des Südens müssen Cimarosa lieben. Sie würden sich für einen lebenden Liebhaber erdolchen, aber nicht für einen toten dahinsiechen, bis sie sterben. Die Züge bei Frauen Cimarosas und aller Neapolitaner verraten selbst in den Augenblicken höchster Leidenschaft Kraft. In den » Nemici generosi «, die vor zwei Jahren in Dresden gegeben wurden, hätte Mozart aus der Arie » Non sono villana, ma sono dama « etwas gottvoll Zärtliches gemacht. Cimarosa hat eine kleine leichte rasche Arie daraus gemacht, weil der Gegenstand es verlangte, aber eine Deutsche hätte diese Worte nicht ohne Tränen gesprochen... Aus den österreichischen Polizeiakten Bericht des Polizeidirektors von Mailand, Graf Torresani, an den Präsidenten der obersten Polizei- und Zensurhofstelle, Graf Sedlnitzky Zwei entsprechende italienische Berichte Torresanis an den Statthalter der Lombardei, Graf Strassoldo, bei D'Ancona, »Memorie e documenti« usw., Florenz (1914), S. 308 ff. Mailand, 29. Januar 1829. Euer Exzellenz! Gnädiger Herr! In der Nacht vom 1. dieses langte der Franzose Heinrich Bayle(!) aus Süditalien zurückkommend hier an. Dieser unter der Bonapartischen Herrschaft mit der Stelle eines Auditors im Staatsrat bekleidete Fremde ist als der Verfasser des berüchtigten Werkes bekannt, welches den Titel »Rome, Naples et Florence par M. de Stendhal« führt und worin er nicht nur in politischer Rücksicht die verderblichsten Grundsätze äußerte, sondern auch durch verleumderische Angaben den Ruf mehrerer Individuen dieser Provinzen und anderer Staaten Italiens höchlichst kompromittierte, ja selbst die Frechheit hatte, die sträflichsten Reden gegen die Österreichische Regierung zu führen. Als nun Bayle Gesundheit und Belustigung als die einzigen Zwecke seiner gegenwärtigen Bereisung der Italienischen Halbinsel angebend, sich um einen Aufenthaltsschein auf längere Zeit bewarb, wurde er angewiesen, augenblicklich die k. k. Erbländer zu verlassen. Auf seine über diese Maßregel erhobenen Klagen gab man ihm offen zu erkennen, daß er diese Behandlung nicht so sehr der Verwegenheit, womit er seine Galle gegen die Österreichische Regierung, welche ihrer Würde und Macht bewußt, die unsinnigen Diatriben der ausländischen Skribler nicht achtet, ausließ, als dem sträflichen Benehmen beizumessen habe, womit er in seinem Werk den Ruf vieler achtbarer Personen und besonders unserer ehrwürdigen Damen Mailands, wo er vom Jahre 1816 bis 1821 volle Gastfreundschaft genoß, antastete. Bayle (!) schien über diese Bemerkung sehr betroffen, bestand aber darauf, nicht der Verfasser des obgedachten Werkes zu sein, und äußerte das Vorhaben, aus Paris mittelst der k. k. Österreichischen Botschaft seine Rechtfertigung um so mehr hieher baldigst gelangen zu lassen, als er den Wunsch hege, sich in der Lombardei, deren Klima seiner Gesundheit sehr zuträglich sei, einzulassen. Das innere Gefühl seiner Schuld hinderte ihn aber, bei dem Hr. Staatsregierungspräsidenten gegen die im Einverständnisse mit ihm von mir getroffene Verfügung zu reklamieren, und er setzte sogleich seine Reise nach Frankreich über den Simplon fort. Ich unterließ auch nicht, die unbedingte Zurückweisung dieses gefährlichen Fremdlings bei seinem auffälligen Wiedererscheinen auf der Grenze einzuleiten und auch den k. k. Polizeidirektionen in Venedig und Triest hievon die Mitteilung zu machen. Unerheblich ist das Resultat der während des kurzen Aufenthaltes Bayles in Mailand veranlaßten Beobachtung desselben. Von den vielen Bekannten, die er hierlands noch seit seinem früheren beinahe fünfjährigen Aufenthalte hat, besuchte er nur einen sichern Luigi Buzzi, Über Luigi Buzzi (oder Bucci) s. Seite 555 f. in dessen Gesellschaft er ausschließlich fast die ganze Zeit seines Hierseins zubrachte. Buzzi ist ein Mailänder von gemeiner Herkunft, welcher sich in den Epochen der französischen Revolution und des erloschenen Königreichs Italien durch Spekulationen in Nationalgütern und Staatseffekten bereicherte, und nun ein gemächliches Einkommen hat. Dessen politische Gesinnungen neigen sich zu dem modernen Liberalismus. Als ein Günstling des Glückes während der vorigen politischen Umwälzung Europas ist ihm wohl eine gerechte, jeden Unfug ahndende Regierung nicht die liebste, aber so ziemlich zufrieden mit seiner gegenwärtigen ökonomischen Lage, erkennt Buzzi jedoch den Wert der Ruhe und des Friedens und er ist viel zu vorsichtig, um zu geheimen Machinationen mitzuwirken, wenn er auch in seinem Innern eine Veränderung der gegenwärtigen Ordnung der Dinge wünschen mag, um dann wieder im Trüben fischen zu können. Auch dessen strenge Beobachtung werde ich mir von nun an angelegen sein lassen. Schließlich habe ich noch untertänigst zu bemerken, daß Bayle während seines mehrjährigen Aufenthaltes in Mailand sich als irreligiöser, unmoralischer und gefährlicher Feind der Legitimität bewies, so daß man nicht begreifen kann, wie er von meinen Vorfahren so viele Jahre ungestört dahier belassen worden sei, zumal da er eben mit unseren berüchtigten Liberalen in der freundschaftlichsten Berührung stand. Er wird auch allgemein als der Verfasser eines anderen äußerst verderblichen Werkes gehalten, welches im Jahre 1817 in Paris erschien und den Titel » Histoire de la peinture en Italie par M.B.A.A. « führt. Ich gebe mir die Ehre, von diesem Vorfalle Euer Exzellenz in Kenntnis zu setzen, indem ich in tiefster Ehrfurcht verharre Euer Exzellenz untertänig-gehorsamster Torresani .« Schreiben des Wiener Polizeipräsidenten Grafen Sedlnitzky an den Staatskanzler Fürst Metternich Wien, 30. November 1830. Aus den nebenliegenden Berichten des Mailänder Generalpolizeidirektors vom 22. und 23. l. M. belieben Eure Durchlaucht zu entnehmen, daß derselbe Franzose Henri Beyle, welcher im Jahre 1826 laut des beifolgenden Berichtes desselben Generalpolizeidirektors vom 29. Jänner 1828 als der Verfasser mehrerer, unter dem apokryphen Titel eines Baron de Stendhal in Druck erschienenen, revolutionären, besonders gegen Österreich feindselig geschriebenen Pamphlete aus Mailand und den k. k. Staaten abgeschafft wurde, dermal in der Absicht, um das ihm von der nunmehrigen königlich französischen Regierung zugedachte Amt eines französischen Generalkonsuls zu Triest anzutreten, auf der Reise dahin zu Mailand erschienen ist, und, ungeachtet seinem Reisepaß die Visa der k. k. Botschaft zu Paris fehlte, mit Zustimmung des Gouverneurs der Lombardei die Reise nach Triest fortgesetzt hat. Um den Grad sowohl der Feindseligkeit dieses Franzosen gegen die k. k. österreichische Regierung als der Bedenklichkeit seiner mit dem Geiste unserer Politik sowie mit dem System unserer Staatsverwaltung unverträglichen politischen Maximen anschaulich zu machen, erlaube ich mir, Euer Durchlaucht die motivierten Zensurs-Decisa über drei seiner obengedachten Werke: » Histoire de la Peinture en Italie «, Paris 1817, Didot, » Rome, Naples et Florence «, Paris 1826, Delauney, und » Promenades dans Rome «, Paris 1829, hierneben zur gefälligen Einsicht zu überreichen. Diese sehr ausführlichen Gutachten oder besser Verdammungsurteile sind in den »Süddeutschen Monatsheften«, März 1912, von A. Bettelheim in dem Aufsatz: »Stendhal-Beyles Triester Konsulat« veröffentlicht, dem die obigen Akten entnommen sind. Da ich voraussetzen zu dürfen glaube, daß Eure Durchlaucht sich bestimmt finden dürften, für den Fall als die königlich französische Regierung um das Exequatur für den in der Stelle eines Generalkonsuls zu Triest in verdoppeltem Maß bedenklichen Henry Beyle wirklich einschreiten sollte, so nehme ich mir die Freiheit, Hochdieselben um die gefällige Anhandlassung zu ersuchen, ob dieser aus den k. k. Staaten früher abgeschaffter Franzose zum Austrage dieser Angelegenheit in Triest geduldet werden müsse, oder was sonst seinethalben vorzukehren sei. Sedlnitzky. Schreiben des Staatskanzlers Fürst Metternich an den österreichischen Botschafter in Paris, Graf Apponyi Wien, 21. November 1830. ... Euer Exzellenz ist nicht unbekannt, was Beyle unter dem Namen de Stendhal gegen die österreichische Regierung in Italien hat drucken lassen. Seine Zulassung zu der ihm von dem vorhergehenden Minister Der Minister des Auswärtigen Graf Molé, dem Stendhal seine Ernennung verdankte. zugedachten Stellung brächte die Gefahr unvermeidlicher Unzuträglichkeiten mit sich, die um so ärgerlicher wären, als uns daran liegt, sorgfältig alles zu vermeiden, was das gute Einvernehmen zwischen beiden Ländern stören könnte. Somit fordere ich Sie auf, Herr Graf, diese Gründe in geeigneter Weise beim jetzigen Ministerium geltend zu machen, um es zu veranlassen, dem H. Beyle seine Bestallung zu entziehen und einen andern Konsul zu ernennen, dessen Denk- und Handlungsweise nicht die gleichen Unzuträglichkeiten mit sich bringt. Die von mir angegebenen Gründe für die Entziehung sind zu offenbar, als daß sie dem Scharfblick des französischen Kabinetts entgehen könnten. Somit hegen wir nicht den mindesten Zweifel am Erfolg Ihrer Vorstellungen. Am 7. Dezember 1830 meldete Graf Apponyi, daß der französische Minister des Auswärtigen, Graf Sebastiani, die Verweigerung des Exequatur für Beyle zur Kenntnis genommen und eine befriedigende Lösung des Zwischenfalles in Aussicht gestellt hätte. Metternich Schreiben des Ministers des Auswärtigen Grafen Sebastiani an Beyle Aus Stendhals » Correspondance «, III, 38 f. Paris, 16. März 1831. Ich beehre mich, Ihnen anzuzeigen, daß der König es dienstlich für zweckmäßig gehalten hat, Sie zum französischen Konsul in Civitavecchia zu ernennen. Durch die gleiche Verfügung vom 5. d. M. hat S. M. zu Ihrem Nachfolger Herrn Levasseur bestimmt, der demnächst nach Triest abreisen wird. Sie wollen diesen Posten jedoch vor der Ankunft Ihres Nachfolgers und ohne regelrechte Übergabe der Konsulatspapiere an ihn nicht verlassen. Zugleich teile ich Ihnen mit, daß ich Ihr Patent an den königlichen Botschafter in Rom sende, mit dem Ersuchen, es Ihnen unmittelbar nach Civitavecchia zu schicken, sobald es mit dem Exequatur der päpstlichen Regierung versehen ist. S. Majestät zweifelt nicht an dem Eifer usw. H. Sebastiani. Schreiben der Römischen Kurie an den Statthalter der Lombardei, Graf Hartig Aus Raffaelo Barbiera, » Figure e figurine del secolo che muore «, S.68. Rom, 5. April 1832. ... Die Regierung Sr. Heiligkeit weiß sehr wohl, wes Geistes Kind der Herr Beyle ist, und beabsichtigt, sich dieses Agenten der revolutionären Propaganda sowie seines würdigen Kollegen, des vorläufigen Vizekonsuls Quittet in Ancona, zu entledigen, wenn sie bei guter Gelegenheit die Hände frei hat. Erinnerungen an Beyle-Stendhal von Prosper Mérimée. Vorwort zu Stendhals » Correspondance inédite « (1854). Ich lernte Beyle um 1820 kennen. Vielmehr im Sommer 1822. Seitdem blieben unsere Beziehungen trotz des Altersunterschiedes bis zu seinem Tode stets eng und ununterbrochen. Wenige Menschen haben mir besser gefallen; die Freundschaft keines Menschen ist mir wertvoller gewesen. Von einigen literarischen Zu- und Abneigungen abgesehen, hatten wir keinen Gedanken gemein; über wenige Dinge waren wir uns einig. Wir verbrachten unsere Zeit damit, uns unsere Ansichten in vollster Ehrlichkeit streitig zu machen, indem jeder beim andern Starrsinn und Paradoxie annahm; im übrigen blieben wir gute Freunde und nahmen unsere Diskussionen stets mit großem Vergnügen wieder auf. Eine Zeitlang hatte ich ihn im Verdacht, nach Originalität zu haschen. Schließlich hielt ich ihn für völlig ehrlich. Wenn ich mir heute all meine Erinnerungen wieder wachrufe, bin ich überzeugt, daß seine Wunderlichkeiten sehr natürlich und seine Paradoxien das gewöhnliche Ergebnis der Übertreibung waren, zu der uns der Widerspruch unmerklich verleitet. Beyles Schroffheiten waren nach meiner Meinung nur der übertriebene Ausdruck seiner innersten Überzeugung. Ich habe nie ergründet, woher seine Meinungen über einen Gegenstand kamen, in dem er sich leider im Gegensatz zu fast aller Welt befand. Was ich von seiner ersten Jugend erfuhr, beschränkt sich lediglich auf die Tatsache, daß er als Knabe einem alten, grämlichen Geistlichen anvertraut worden war, dessen Zucht ihm einen nie erloschenen Groll hinterlassen hat. In der Tat lehnte Beyle sich gegen jeglichen Zwang auf, selbst gegen jede Autorität. Man konnte ihn überreden, und zwar leicht, wenn man ihm dabei nur Spaß machte, aber ihm eine Meinung aufzunötigen, war ausgeschlossen, denn wer sich ihm gegenüber den Anschein der Überlegenheit gab, verletzte ihn tief. Noch nach vierzig Jahren erzählte er voller Bitterkeit, wie er sich beim Spielen einen neuen Anzug zerrissen hatte und der Abbé, sein Erzieher, ihn vor seinen Gefährten heftig ausschalt, er sei »eine Schande für die Religion und für die Familie«. Das ist eine jene Übertreibungen, von denen ich oben sprach. Als Beyle diese Geschichte erzählte, lachten wir; er aber sah darin nur pfäffische Tyrannei und schreiende Ungerechtigkeit, über die es nichts zu lachen gäbe, und er empfand die seiner jungen Eigenliebe geschlagene Wunde noch so lebhaft wie am ersten Tage. »Unsere Eltern und Lehrer«, lautete einer seiner Aphorismen, »sind unsere natürlichen Feinde bei den ersten Schritten ins Leben.« Man kann sich also denken, daß er seine Glaubenssätze nicht von seinen Lehrern empfangen hat. Oft zitierte er Helvetius mit hoher Bewunderung und nötigte mich sogar, dessen Buch »Über den Geist« zu lesen, aber nie gab er meiner Bitte nach, es noch einmal zu lesen. Ich glaube, er hat ihm unter anderen Ansichten auch die von der Gleichheit des menschlichen Denkens entlehnt. Wenigstens ließ er sich nicht überzeugen, daß etwas, das ihm als falsch erschien, einem andern als richtig erscheinen könne. Er bildete sich, glaube ich, in voller Ehrlichkeit ein, daß im Grunde jeder seine Ideen teilte, aber aus Selbstsucht, aus Dünkel, Mode oder Eigensinn eine andere Sprache führte. Er war höchst gottlos, ein schroffer Materialist, oder besser ein persönlicher Feind der Vorsehung, vielleicht infolge des oben zitierten Aphorismus. Er leugnete Gott und grollte ihm gleichwohl wie einem Schulmeister. Nie hielt er einen Frommen für aufrichtig. Ich glaube, sein langer Aufenthalt in Italien hat nicht wenig dazu beigetragen, seinem Geiste das irreligiöse, aggressive Gepräge zu geben, das in allen seinen Schriften zum Ausdruck kommt und ihm so heftige Vorwürfe eingebracht hat. Sainte-Beuve hat mit seinem gewohnten Scharfsinn einen der auffälligsten Charakterzüge Beyles hervorgehoben: die Besorgnis, zum besten gehalten zu werden, und das beständige Bestreben, sich vor diesem Mißgeschick zu schützen. Daher die künstliche Verhärtung, die trostlose Analyse der niedrigen Beweggründe aller hochherzigen Handlungen, der Widerstand gegen die ersten Herzensregungen, der bei ihm nach meiner Ansicht viel mehr zur Schau getragen als tatsächlich war. Seine Abneigung und Verachtung vor falscher Empfindsamkeit ließen ihn oft in die gegenteilige Übertreibung fallen, zum großen Ärgernis aller, die ihn nicht näher kannten und seine Äußerungen über sich selbst buchstäblich nahmen. Er legte nicht nur keinerlei Wert darauf, die mehr oder minder boshaften Ausdeutungen seiner Worte oder Schriften richtigzustellen, sondern er fand auch noch ein boshaftes Vergnügen, wohl der Eitelkeit, darin, in den Augen der Leute als Ungeheuer an Immoral dazustehen. In irgendeiner seiner Vorreden S. Band 4 dieser Ausgabe, S. 10. sagte er: »Ich schreibe nur für zwanzig Leser, die ich nie gesehen habe, aber die mich hoffentlich verstehen.« Für ihn gab es auf der Welt nur zweierlei Menschen: solche, mit denen er sich gut unterhielt, und solche, bei denen er sich langweilte. Das geringste Opfer zu bringen, sich irgendwie zu bemühen, um die Achtung oder Zuneigung der letzteren zu gewinnen, das hieß ihm, sich Fesseln anlegen, die ihm unerträglich waren. Beyles unabhängiger oder, wenn man will, unsteter Geist widersetzte sich jedem Zwange. Alles, was seine Freiheit beschränkte, war ihm verhaßt; ich weiß nicht mal recht, ob er einen deutlichen Unterschied zwischen einem langweiligen und einem schlechten Menschen machte. Seine beständige Wißbegier nach allen Geheimnissen des Menschenherzens zog ihn bisweilen sogar zu Leuten hin, die er geringschätzte. »Aber wenigstens«, sagte er, »kann man bei ihnen etwas lernen.« Übrigens entfremdete ihn sein stolzer, rechtschaffener, keiner Niedrigkeit fähiger Geist einer solchen Gesellschaft, sobald irgendein anderer Vorteil als die Befriedigung einer Neugier damit verbunden war. Seine Urteile über Menschen und Dinge waren zumeist durch die Erinnerung an die Langeweile oder das Vergnügen diktiert, die er bei ihnen gefunden hatte. Langeweile konnte er nicht vertragen. Er teilte die Ansicht der Ärzte, die dem Herzog von Lauraguais rieten, einen langweiligen Menschen wegen Mordversuchs strafrechtlich zu verfolgen. Es gab keine Übertreibung, die seine schlechte Laune ihn nicht gegen Bücher oder Menschen eingeflüstert hätte, die das Unglück hatten, ihn zum Gähnen zu bringen. Obwohl Beyle ein Phantasiemensch war und der ersten Regung nachgab, erhob er nichts destoweniger große Ansprüche darauf, alles reiflich zu überlegen und sich in allem nach den Regeln der Logik zu benehmen. Dies Wort kehrte in seinen Gesprächen oft wieder; seine Freunde entsinnen sich der besonderen Feierlichkeit, mit der er es langsam und in zwei getrennten Silben aussprach: die Lo–gik. Stets sollte die Logik uns bei all unserm Handeln leiten, aber die seine war nicht jedermanns Logik, und man hatte bisweilen Mühe, den Faden seiner Gedankengänge zu erraten. Er pflegte zu sagen, ein Mann müsse beim Eintritt ins Leben seinen fertigen Vorrat an Grundsätzen für die gewöhnlichsten Zufälle mitbringen. Sobald man sie einmal gewonnen habe, solle man sie nicht mehr in Frage stellen. Es genüge, rasch zu prüfen, ob der besondere Fall, der einen in Verlegenheit setzt, sich durch eine der allgemeinen Vorschriften aus diesem Vorrat lösen lasse. Niemals eine Lüge verzeihen – Die erste Gelegenheit zu einem Duell beim ersten Auftreten in der Gesellschaft beim Schopfe fassen – Nie eine begangene oder ausgesprochene Torheit bereuen–so lauteten einige seiner Grundsätze. Obwohl er den Frauen gegenüber nie sehr dreist war, predigte er den jungen Leuten doch größte Dreistigkeit. »Einmal von zehnen hat man Erfolg«, pflegte er zu sagen. »Selbst bei einmal von zwanzig ist die Aussicht, Glück zu haben, doch wohl der Mühe wert, sich neunzehn Kränkungen auszusetzen, ja sich neunzehnmal lächerlich zu machen.« Nach den Grundsätzen kamen die Lebensregeln, die er als untrüglich empfahl. Einige sind mir noch in Erinnerung. Ein großer Anlaß zu Unglück ist unsere falsche Scham. Einen Salon zu betreten, ist für einen jungen Mann eine große Sache. Er wähnt, alles blickte ihn an, und er kommt vor Angst um, daß irgend etwas in seinem Benehmen nicht ganz tadellos sei. Einer unserer Freunde litt an dieser Schüchternheit besonders. Beyle sagte von ihm, wenn er den Salon der Frau P. betrat, man glaube stets, er habe im Vorzimmer ein Stück Porzellan zerschlagen. »Ich rate Ihnen mein früheres Rezept an«, sagte er zu ihm. »Treten Sie in der Haltung ein, die Sie zufällig auf der Treppe hatten, einerlei, ob sie angemessen ist oder nicht. Seien Sie wie die Statue des Komturs, und ändern Sie Ihre Haltung erst, wenn die Erregung des Eintretens völlig verschwunden ist.« Sein Rezept für das erste Duell lautete: »Während der Gegner auf Sie anschlägt, blicken Sie einen Baum an und zwingen Sie sich, dessen Blatter zu zählen. Jede Beschäftigung lenkt von einer anderen, ernsteren ab. Wenn Sie auf Ihren Gegner anschlagen, sagen Sie sich zwei lateinische Verse auf; dann werden Sie nicht zu früh schießen, und die Erregung, infolge der man so oft zwanzig Schritte zu weit schießt, auf 5 v. H. herabgesetzt.« »Sind Sie mit einer Frau allein, so gebe ich Ihnen fünf Minuten Zeit zu der fabelhaften Anstrengung, ihr zu sagen: ›Ich liebe Sie.‹ Sagen Sie sich: ›Wenn ich ihr das binnen fünf Minuten nicht gesagt habe, bin ich ein Feigling.‹ Einerlei, mit welcher Miene und in welchen Ausdrücken Sie Ihre Erklärung machen. Es genügt, daß das Eis gebrochen wird und daß Sie fest entschlossen sind, sich selbst zu verachten, wenn Sie es an Mut fehlen lassen.« Beyle predigte zwar die »Liebe aus Neigung«, Sonst auch von ihm als »Liebe aus Galanterie« bezeichnet. S. die Einteilung der Liebe in vier verschiedene Arten in seinem Buch »Über die Liebe« (Band 4 dieser Ausgabe, Kap. 1). war aber zur »Liebe aus Leidenschaft« wohl befähigt. Den Namen einer bestimmten Dame konnte er nicht aussprechen, ohne daß sein Tonfall sich änderte. Im Jahre 1836 sah ich ihn nach langer Trennung wieder. Wir hatten uns dreißig Wegstunden von Paris ein Stelldichein gegeben, da wir uns tausenderlei zu sagen hatten. Wir plauderten bis spät abends, während wir auf der öffentlichen Promenade eines Städtchens, d.h. an einem der menschenleersten Orte in Frankreich, auf und ab gingen. Dort erzählte er mir mit tiefer Erregung von seinen Liebschaften. Es war das einzige Mal, daß ich ihn weinen sah. Eine weit zurückreichende Neigung Jedenfalls zur Gräfin Clementine Curial. Vgl. A. Cordier, » Comment a vécu Stendhal «. Paris (1900), S. 147. wurde nicht mehr geteilt. Seine Geliebte war vernünftig geworden, er aber war toll geblieben wie ein Zwanzigjähriger. »Wie können Sie mich noch lieben?« hatte sie gesagt. »Ich bin fünfundvierzig Jahre alt.« – »Für mich«, sagte Beyle, »ist sie so alt wie damals, als sie sich mir das erstemal hingab.« Für eine nahe Zukunft sah er den Bruch eines Verhältnisses voraus, das ihm stets teuer gewesen war. Mit Madame Jules Gaulthier. Vgl. ebd. 153. Ein Gedanke, der für ihn alles andre beherrschte, sollte erlöschen. Er erzählte mir die Verwegenheiten dieser damals so verständig gewordenen Dame, und diese Erinnerungen brachten ihn außer sich. Dann begann er mit der Beobachtungsgabe, die ihn nie verließ, alle kleinen Anzeichen der beginnenden Gleichgültigkeit zu zergliedern, die er bemerkt haben mußte. Die Lo–gik war nicht vergessen. »Alles in allem«, sagte er, »ist ihr Benehmen verständig. Sie liebte das Whistspiel; jetzt liebt sie es nicht mehr. Um so schlimmer für mich, wenn ich es noch liebe. Sie stammt aus einem Lande, wo die Lächerlichkeit das allergrößte Unglück ist. Zu lieben ist in ihrem Alter lächerlich. Seit anderthalb Jahren trotzt sie diesem Unglück um meinetwillen. Das sind für mich anderthalb Jahre geraubten Glücks.« Lange stritten wir uns über die Wahrheit von Dantes Versen: ... Nessun maggior dolor Che ricordarsi del tempo felice Nella miseria. Kein größres Leid, Als sich der Zeit des Glückes Im Unglück zu erinnern. Er behauptete, daß Dante unrecht hätte und daß die Erinnerungen an glückliche Zeiten stets und überall glücklich seien. Heute scheint es mir, daß Beyle recht hatte. In Italien hatte er eine andre Liebe Angela Pietragrua. gehabt, von der er sonst nie sprach. Trotzdem erzählte er mir selbst das tragische Ende dieser Liebe. Die Dame hatte angeblich einen sehr eifersüchtigen Gatten, der sie zu großer Vorsicht nötigte. Die Liebenden konnten sich nur selten und nur im tiefsten Geheimnis sehen. Um jeden Verdacht abzuwenden, verbarg sich Beyle in einem Städtchen, Barese. das zehn Wegstunden vom Wohnsitz seiner Schönen entfernt lag. Wurde ihm ein Stelldichein gewährt, so reiste er inkognito ab und wechselte mehrmals den Wagen, um die Spione irrezuführen, von denen er sich umgeben wähnte. Schließlich kam er bei sinkender Nacht an, in einem Mantel von der Farbe der Mauern gehüllt, und wurde durch eine Zofe, deren Treue erprobt war, in das Haus seiner Geliebten eingelassen. Eine Zeitlang ging alles gut, bis schließlich die Zofe, die von ihrer Herrin Schelte bekommen hatte oder durch Beyles Geschenke gewonnen war, ihm eine niederschmetternde Offenbarung machte. Der Gatte war gar nicht eifersüchtig, und die Dame verlangte soviel Heimlichkeit nur, damit Beyle nicht mit einem Nebenbuhler, oder besser mit mehreren Nebenbuhlern zusammentraf, denn es handelte sich um mehrere, und die Zofe erbot sich, den Beweis zu liefern. Beyle nahm es an. Eines Tages, als er nicht erwartet ward, kam er nach der Stadt. Er wurde von der Zofe in einem dunklen Kämmerchen versteckt und sah durch eine Öffnung in der Wand mit eignen Augen den Verrat, der drei Schritte weit von seinem Versteck begangen wurde. »Sie glauben vielleicht«, sagte Beyle, »ich wäre hinausgestürzt, um beide zu erdolchen? Durchaus nicht! Mir war, als wohnte ich einer Possenszene bei, und ich tat weiter nichts, als mein Lachen zu bezwingen, um das Geheimnis zu wahren. Ich verließ das finstere Kämmerchen ebenso unmittelbar, wie ich es betreten hatte, und dachte nur an die Lächerlichkeit dieses Abenteuers. Ich lachte ganz allein darüber und war übrigens voller Verachtung für die Dame und alles in allem sehr froh, auf diese Weise meine Freiheit wieder zu haben. Ich aß Eis und traf Bekannte, denen meine heitere und etwas zerstreute Miene auffiel. Sie sagten zu mir, ich sähe aus wie einer, dem ein großes Glück widerfahren sei. Während ich mit ihnen plauderte und mein Eis aß, bekam ich unbezwingliche Lachanfälle, und die vor einer Stunde gesehenen Marionetten tanzten vor meinen Augen. Ich ging nach Hause und schlief wie gewöhnlich. Am nächsten Tage erschien mir das, was ich in dem dunklen Stübchen gesehen, nicht mehr urkomisch, sondern häßlich, traurig und abstoßend. Jeder Tag vermehrte die Last meines Unglücks. Anderthalb Jahre lang blieb ich stumpf, zu jeder Arbeit unfähig, außerstande, zu schreiben, zu reden, zu denken. Ich fühlte mich von einem unerträglichen Leiden bedrückt, ohne mir recht sagen zu können, was mir fehlte. Ein größeres Unglück gibt es nicht, denn es lähmt jede Tatkraft. Nachdem ich von diesem Zustand niederdrückender Schwäche etwas genesen war, spürte ich eine seltsame Wißbegier nach allen Verrätereien, die sie an mir begangen hatte. Das war für mich eine furchtbare Pein, aber es bereitete mir doch ein gewisses körperliches Vergnügen, sie mir bei all ihren zahlreichen Verrätereien vorzustellen. Ich habe mich gerächt, aber dumm, durch Verhöhnung. Sie war über unsern Bruch betrübt und bat mich unter Tränen um Verzeihung. Ich besaß den lächerlichen Stolz, sie verächtlich abzuweisen. Mir ist, als sähe ich sie mir noch nachfolgen, wie sie sich an meinen Rock klammerte und sich auf den Knien durch einen langen Gang hinter mir herschleppte. Ich war ein Tor, ihr nicht zu verzeihen, denn gewiß hat sie mich nie so geliebt wie an jenem Tage.« Beyles dauernde Beschäftigung war das Studium der Leidenschaften. Fragte ein Provinzler ihn nach seinem Berufe, so antwortete er ernst: »Beobachter des Menschenherzens«. Eines Tages gab er diese Antwort einem Tropf, der fast auf den Rücken fiel, denn er wähnte, das sei ein besserer Ausdruck für Polizeispion. Bei jeder Anekdote, die Licht in irgendeine Falte des Menschenherzens werfen konnte, behielt er stets den bezeichnenden Zug, das Wort oder die Handlung, durch die sich die Leidenschaft offenbarte. In der eben erzählten Geschichte war dieser Zug das Sich-auf-den-Knien-Hinschleppen, und nach seiner Gewohnheit, aus besonderen Tatsachen allgemeine Schlüsse zu ziehen, war dies Benehmen für ihn der Ausdruck der Reue und der leidenschaftlichen Liebe. Um das Kapitel über die Liebe abzuschließen, glaubte Beyle, daß es auf Erden kein anderes Glück geben könne als das der Liebe. »Alles erscheint in rosigen Farben«, sagte er. »Ich möchte in Fräulein Flore vom Varieté-Theater verliebt sein und würde Don Juan nicht beneiden.« Nächst der Liebe war die Literatur Beyles Lieblingsneigung. Er las gern und schrieb immerfort. Nulla dies sine linea , sagte er oft zu mir, indem er meine Trägheit tadelte. Obwohl seine Werke einige Nachlässigkeiten zeigen, sind sie doch gründlich durchgearbeitet. Alle seine Bücher sind mehrmals neu geschrieben, bevor er sie in Druck gab, aber seine Änderungen bezogen sich nicht auf den Stil. Er schrieb stets rasch, änderte seinen Gedanken, achtete aber sehr wenig auf die Form. Er verachtete den Stil sogar und behauptete, ein Schriftsteller sei vollkommen, wenn man sich seiner Gedanken erinnerte, ohne daß einem der Wortlaut wieder einfiele. Er haßte alles Gesuchte und Anspruchsvolle und war unnachsichtlich gegen die Schriftsteller, die nach überraschenden Wortverbindungen suchen, ihre Perioden feilen und den alltäglichsten Gedanken eine wunderliche auffällige Wendung geben. Dagegen bewunderte er unsere großen Prosaschriftsteller des 17. und 18. Jahrhunderts aufrichtig und warm. Er las sie immer wieder, um sich, wie er sagte, vor der Ansteckung des Zeitstils zu schützen... Racine mißfiel ihm höchlichst. Unser großer Vorwurf gegen Racine im Jahre 1820 war sein völliger Mangel jeder natürlichen Darstellung oder Lokalfarbe , wie wir es mit unserm Romantikerausdruck nannten. Shakespeare, den wir Racine in dieser Hinsicht stets entgegenstellten, hat zwar noch hundertfach gröbere Fehler begangen, die wir wohlweislich verschwiegen. »Aber Shakespeare«, sagte Beyle, »war ein besserer Kenner des Menschenherzens. Es gibt keine Leidenschaft, kein Gefühl, das er nicht mit wunderbarer Wahrheit bis in die kleinsten Schattierungen geschildert hat. Die Lebendigkeit und unnachahmliche Individualität aller seiner Figuren stellt ihn über alle Dramatiker.« – »Und Molière«, wandten wir ein »welchen Rang weisen Sie dem an?« – »Molière ist ein Schurke, der den ›Höfling‹ nicht auf die Bühne bringen wollte, weil Ludwig XIV. ihn nicht gut fand.« Beyle hat viel über die schönen Künste geschrieben und eigne Gedanken entwickelt, zu einer Zeit, wo jedermann unbesehen die falschesten Ansichten hinnahm, wenn sie nur von einem berühmten Schriftsteller stammten. Man kann sagen, er hat Rossini und die italienische Musik (für Frankreich) entdeckt. Seine Altersgenossen werden sich der Angriffe entsinnen, die er zu bestehen hatte, weil er den Schöpfer des »Barbiers von Sevilla« und der »Semiramis« gegen die Stammgäste der damaligen komischen Oper in Schutz nahm. In den ersten Jahren der Restaurationszeit war unser Nationalstolz noch durch die Erinnerung an unsere Niederlagen gereizt, und jede Erörterung wurde zur patriotischen Frage. Ausländischer Musik den Vorzug vor der einheimischen zu geben, war fast Vaterlandsverrat. Beyle hatte sich frühzeitig über die Vorurteile des großen Haufens erhoben, und in dieser Hinsicht schoß er bisweilen über das Ziel hinaus. Heute, wo die Kultur so weit fortgeschritten ist, kann man sich kaum noch vorstellen, welcher Mut im Jahre 1818 zu der Behauptung gehörte, daß eine italienische Oper mehr wert sei als eine französische. So kühn und verwegen seine Urteile waren, als er sie aussprach, heute erscheinen sie als Gemeinplätze, als truisms , um einen seiner Lieblingsausdrücke zu gebrauchen. Ohne Musiker zu sein, besaß Beyle doch ein sehr lebhaftes Melodiegefühl, das er durch eine gewisse Gelehrsamkeit, die er auf seinen Reisen in Italien und Deutschland erworben, ausgebildet und vervollkommnet hatte. Wie mir scheint, liebte und suchte er in der Musik das dramatisch Wirksame, oder besser, wenn er seine persönlichen Eindrücke zergliederte, erklärte er sie in dramatischen Ausdrücken, die ihm geläufig waren und deren Verständnis er bei seinen Lesern voraussetzte. Ein gleiches traf für die Malkunst zu. Als leidenschaftlicher Bewunderer der großen Meister der römischen, florentiner und lombardischen Schule hat er ihnen oft dramatische Absichten zugeschrieben, die ihnen nach meiner Auffassung fern lagen. Wenn er in einer Jungfrau von Raffael oder Correggio eine Menge von Leidenschaften oder Nuancen der Leidenschaft entdeckt, die die Malerei nicht auszudrücken vermag, so fragt man sich, ob er die Absichten und den Zweck dieser großen Meister recht begriffen hat. Aber er erzählt die Eindrücke, die er von ihren Werken empfangen hat, auf seine besondere Weise; er beschreibt ihre Wirkung, ohne die Ursache erklären zu können. Hätte er seine Eindrücke vor ein und demselben Gemälde zu verschiedenen Zeiten zu Papier gebracht, so wäre er wahrscheinlich selbst überrascht gewesen, wie verschieden sie waren... Das Dramatische in den Künsten wird von den Franzosen am besten verstanden. Darum erklärte Beyle die Schönheit wahrscheinlich aus der Leidenschaft. Trotz seines Anspruchs, Kosmopolit zu sein, war und blieb er doch Franzose im Geist wie im Herzen. Für die Skulptur hatte er weit weniger Sinn als für die Malerei. Die griechischen Statuen erschienen ihm zu leidenschaftslos; er warf ihnen vor, schöne, geistlose Gestalten darzustellen. Sein Lieblingsbildhauer war Canova, dessen Anmut er bewunderte, obwohl er zugab, daß er etwas manieriert war. Michelangelo rühmte er, glaube ich, mehr, als er ihn im Grunde schätzte. Als er mich vor den Moses am Grabmal Julius' II. führte, wußte er zu seinem Lobe nur zu sagen, man könne den Ausdruck unbeugsamer Wildheit nicht besser wiedergeben. Von den Koloristen hielt Beyle wenig. Wir hatten lange Diskussionen darüber. Rubens und dessen Schule verachtete er tief. Den Vlamen, ja selbst den Venezianern warf er Gewöhnlichkeit der Formen und des Ausdrucks vor. Correggio verband nach seiner Meinung den Vorzug der Form und der Luftperspektive. Für ihn war er der anmutigste Maler, Michelangelo der dichterisch gewaltigste. Mit der Baukunst hatte er sich wenig befaßt und die Baudenkmäler nur von ihrer malerischen Seite betrachtet, ohne zu fragen, ob sie ihrem Zweck entsprächen. Alles Häßliche und Traurige war ihm zuwider, und diese beiden Fehler fand er an unserer nordischen Baukunst. Ich glaube, ich mußte ihm erst den Unterschied zwischen einer romanischen und einer gotischen Kirche klarmachen, aber beide verurteilte er gleichermaßen. Unsere finsteren, düsteren Kirchen waren nach seiner Meinung von schurkischen Mönchen erfunden, die sich durch die Einschüchterung der Frommen bereichern wollten. Die italienische Renaissancearchitektur sagte ihm wegen ihrer Eleganz und Gefälligkeit zu. Im übrigen kümmerte er sich nur um anmutige Einzelheiten und durchaus nicht um die Gesamtanlage. Trotz seiner Lo–gik urteilte er nicht mit dem Verstande, sondern mit der Einbildungskraft. Beyle war kurze Zeit Offizier gewesen und hatte als Auditor mehrere Feldzüge mitgemacht, u. a. den von 1812 nach Rußland im kaiserlichen Hauptquartier. Von Natur tapfer, hatte er den Krieg mit kalter Neugier beobachtet. Ohne unempfänglich für die großen, dramatischen Szenen zu sein, denen er beigewohnt hatte, stellte er den Krieg doch mit Vorliebe in seinen wunderlichen und grotesken Seiten dar. Übrigens waren ihm die Übertreibungen der Nationaleitelkeit zuwider, und so geriet er aus Widerspruchsgeist oft in das gegenteilige Extrem. Wie Courier hat er sich unbarmherzig über den sogenannten Chauvinismus lustig gemacht, der doch auch sein Gutes hat, denn dank ihm kämpft ein Rekrut wie ein alter Soldat. Er stritt von vornherein alle Ansprachen, alle erhabenen Worte auf dem Schlachtfelde ab. »Wissen Sie, was militärische Beredsamkeit ist?« fragte er uns einmal. »Ein Beispiel dafür. Am dritten Tage des Rückmarsches von Moskau waren wir bei sinkender Nacht, etwa 1500 Mann, vom Gros der Armee durch eine starke russische Abteilung getrennt. Ein Teil der Nacht verging mit Wehklagen. Dann redeten die Energischen auf die Hasenfüße ein, und zwar mit solchem Erfolg, daß beschlossen wurde, sich mit der Waffe durchzuschlagen, sobald es hell genug sei, um den Feind zu erkennen. Glauben Sie aber nicht, man hätte gesagt: ›Tapfere Soldaten‹ usw. Nein: ›Ihr Pack, morgen werdet ihr alle tot sein, denn ihr seid zu be..., um eine Flinte zur Hand zu nehmen und zu kämpfen.‹ Diese heroische Ansprache verfehlte ihre Wirkung nicht. Bei Morgengrauen rückten wir entschlossen auf die Russen los, deren Wachtfeuer wir noch brennen sahen. Mit gefälltem Bajonett kommen wir unbemerkt an und finden nichts als einen toten Hund. Die Russen waren in der Nacht abgerückt.« Während des Rückzuges hat er nach seiner Angabe nicht zu sehr gehungert, doch konnte er sich durchaus nicht entsinnen, wie, noch was er gegessen hatte, außer einem Stück Talg, das er mit 20 Franken bezahlt hatte und an das er mit Wonne zurückdachte. Beim Verlassen Moskaus hatte er sich einen in rotes Maroquinleder gebundenen Band »Facetien« einer Voltaire-Ausgabe aus einem brennenden Palast mitgenommen. Seine Kameraden tadelten ihn, wenn er am Abend ein paar Seiten darin beim Wachtfeuer las. Man fand das leichtfertig. Er selbst empfand eine Art Reue darüber und ließ ihn nach ein paar Tagen im Schnee liegen. Er gehörte zu den wenigen, die auf dem furchtbaren Rückzuge ihre moralische Kraft, die Achtung vor andern und die Selbstachtung bewahrten. Eines Tages, an der Beresina, erschien Beyle vor seinem Vorgesetzten Daru rasiert und sorgfältig gekleidet. »Sie haben sich rasiert!« sagte dieser. »Sie sind ein Held.« Herr B(ergognié), Auditor im Staatsrat und dem Hauptquartier zugeteilt, hat mir erzählt, daß er Beyle sein Leben verdankte. Da er das Gedränge auf den Beresinabrücken voraussah, hätte er ihn veranlaßt, den Fluß am Abend vor dem fluchtartigen Übergang zu überschreiten. Fast hätte er Gewalt dazu angewandt. Er war des Lobes voll über Beyles Kaltblütigkeit und gesunden Verstand, der ihn auch dann nicht verließ, wenn die Entschlossensten den Kopf verloren. Beyle wußte sich in schwierigen Lagen stets zu helfen; wie er bescheiden sagte, verdankte er dies seinem Vorrat an fertigen Grundsätzen, infolgedessen er stets zu handeln wußte, wenn die andern ihre Zeit mit Überlegen verloren. Wie viele Leute seines Alters schien er mir seine Zeitgenossen sehr streng und unsere Generation etwas zu nachsichtig zu beurteilen. Er bewunderte den Bildungstrieb und die tiefschürfende Wißbegier der Jugend von zwanzig Jahren, als er vierzig alt war. Er hielt sich zwar etwas über unsern Ernst und unsere Schulgelehrsamkeit auf, sagte aber, wir ließen uns nichts vormachen wie zu seiner Zeit... Seine Gefühle gegen Napoleon waren nicht leicht zu ergründen. Vertrat er doch fast stets das Gegenteil dessen, was gerade gesagt wurde. Er war bald ein Nörgler, bald ein begeisterter Verehrer und sprach von ihm bald wie von einem durch Flitter geblendeten Emporkömmling, der immerfort gegen die Regeln der Lo–gik verstieß, bald bewunderte er ihn und vergötterte ihn fast. Die Männer des Kaiserreichs behandelte er ebenso verschieden wie ihren Herrn und Mister. Er hatte eine Geschichte Napoleons begonnen. Ein schwungvolles Bruchstück daraus steht in seiner ›Reise in Frankreich‹, Mémoires d'un Touriste « (1838), Bd. II, S. 148 ff. es ist die Ankunft des Kaisers in Grenoble im Jahre 1815. Nach Beyles Erzählungen zu urteilen, scheint es mir, daß es in seiner Jugendzeit weniger Selbstsucht gab als heutzutage und daß selbst die Modenarrheiten etwas Edleres hatten. So aß und trank Beyle zwar gern gut, wollte dies aber durchaus nicht zugeben. Die Zeit, die man beim Essen verbrachte, erklärte er für vergeudet; am liebsten hätte er seinen Hunger mit einer am Morgen genossenen Pille für den ganzen Tag gestillt. Heute ist man feinschmeckerisch und rühmt sich dessen. Zu Beyles Zeit erhob ein Mann vor allem Anspruch auf Tatkraft und Mut. Wie soll man auch als Schlemmer in den Krieg ziehen! Beyle liebte die kleinen, vertraulichen Gesellschaften. In einem kleinen Kreise von Freunden oder von Leuten, gegen die keine Voreingenommenheit bestand, gab er sich mit Freuden der ganzen Heiterkeit seines Charakters hin. Er suchte durchaus nicht zu glänzen; er wollte nur sich und die andern unterhalten, denn, wie er sagte, »man muß seine Eintrittskarte bezahlen«. Er war stets lebendig, manchmal etwas närrisch, ja unanständig, aber er brachte die Leute zum Lachen, und selbst Prüde konnten nicht ernst bleiben. Die Anwesenheit eines langweiligen oder böswilligen Menschen ließ ihn zu Eis erstarren und trieb ihn rasch in die Flucht. Er pflegte zu sagen, das Leben sei kurz und die Zeit, die man mit Gähnen verlöre, sei nicht wieder einzubringen. Sehr bewunderte er das Wort: »Schlechter Geschmack macht verbrecherisch.« Ehrlichkeit war ein Charakterzug Beyles. Kein Mensch war rechtschaffener und im Verkehr zuverlässiger. Ich habe nie einen Schriftsteller gekannt, der in seinen Kritiken freimütiger war noch die seiner Freunde freundlicher aufnahm. Gern überließ er ihnen seine Manuskripte und bat um strenge Randbemerkungen. Auch die härtesten, ungerechtesten Bemerkungen brachten ihn nie auf. Es gehörte zu seinen Grundsätzen, daß ein »Schwarzkünstler« nie erstaunt noch verletzt sein darf, wenn man ihm sagt, daß er ein Esel sei. Diesen Grundsatz betätigte er buchstäblich, und zwar weder aus tatsächlicher noch aus gespielter Gleichgültigkeit. Kritiken beschäftigten ihn lebhaft; er erörterte sie eifrig, aber ohne Schärfe, als ob es sich um Werke eines seit mehreren Jahrhunderten toten Schriftstellers handelte. Er hatte die seltsame Gewohnheit angenommen, sich bei den gleichgültigsten Handlungen in den Schleier des Geheimnisses zu hüllen, um die Polizei irrezuführen, die er für so einfältig hielt, sich mit Salongeschwätz zu befassen. Nie schrieb er einen Brief, ohne ihn mit einem Decknamen zu unterzeichnen; statt aus Civitavecchia datierte er ihn aus Abeille. Die Aufzeichnungen, die er sich fortwährend machte, waren die reinen Hieroglyphen, deren Sinn er oft selbst nicht erriet, wenn sie ein paar Tage zurücklagen. Den Tod fürchtete er nicht, sprach aber nicht gern davon, denn er hielt ihn eher für etwas Schmutziges und Gemeines als für etwas Schreckliches. Er hat den Tod gefunden, den er sich gewünscht hatte, den auch Cäsar sich gewünscht hat: Repentinam inopinatamque (den raschen und unerwarteten). Ludwig Spach über Stendhal Adolf Ludwig Spach (1800–79) aus Straßburg, 1831–32 Privatsekretär des französischen Botschafters in Rom, Grafen St. Aulaire, später Archivar in Straßburg. Er schrieb französische Romane sowie französische und deutsche Werke über Geschichte und Zeitgeschichte. Die obige Schilderung, auf die ich zuerst hingewiesen habe, ist aus seinem Essayband »Zur Geschichte der modernen französischen Literatur«, Straßburg 1877 (S. 1 ff., 133 ff.) entnommen. Der Verfasser (von » Rouge et Noir «) ist eine der merkwürdigsten Persönlichkeiten, die einem Beobachter in jener schon fernliegenden Zeit aufstoßen konnten; um so unerklärlicher, daß sein Hauptprodukt » Rouge et Noir « nicht zu jener wohlfeilen Schriftstellerglorie gelangen konnte, die auf einer untergeordneten Stufe manchem seiner Landsleute und Zeitgenossen zuteil wurde. Beyle konnte mit vollem Rechte ausrufen, wenn er um sich her die Mitbewerber um die Gunst des Publikums gewahrte: Ich sah des Ruhmes heil'ge Kränze Auf der gemeinen Stirn entweiht. Woher dies sonderbare Hintenansetzen eines überragenden Talents? Henri Beyle war als Skribent im Grunde kein angenehmer Gesellschafter; er wußte dem allgemeinen Geschmack nicht zu schmeicheln, beleidigte auch beiläufig reelle Größen. Er warf zwar dem Publikum höchst originelle Wahrheiten hin, brachte paradoxale Sätze vollauf zu Markte, allein es lag in seiner Art, den Stoff zu behandeln, eine Herausforderung für seine Leser. Besonders die Götzen der Modewelt und der Salons suchte er von ihrem Throne herunterzustoßen. Eiskalt und giftig wie eine Schlange wagte er sich auf die Stufen und in das Heiligtum des anerkannten offiziellen Tempels der dramatischen Kunst; jeder Phraseologie und Rhetorik abhold, stellte er die Sachen unverblümt hin; alles ironisierend, ein unverkennbarer Enkel des Mephistopheles, besprach er die Liebe, Italien, das Leben in der französischen Provinz, Rossini, die Altertümer, die Geschichte und die moderne Gesellschaft Roms, oft vielfach und ohne Pedanterie belehrend, bisweilen planlos, aber doch in jedem besprochenen Gegenstand auf die Hauptpunkte hindeutend. Bemerkt wurde er wohl von Kunstkennern, von Bibliophilen, aber nicht goutiert, wie das die Franzosen mit ihrem eignen Ausdruck benennen. Als er um die Zeit der Julirevolution mit seinem größeren Roman » Rouge et Noir « hervortrat, hatte er bereits ein durch eigne Schuld verdorbenes Terrain vor sich. Günstige Besprechungen waren nicht hinreichend, ihn neben Balzac, Eugène Sue, Alexandre Dumas d.Ä. ins Licht zu setzen; vollends, wenn in aristokratischen Kreisen einige tonangebende Autoritäten ihn zu durchblättern geruhten, da fiel das Verdikt so ungünstig aus, mußte so ausfallen, daß keine Dame den verpönten Roman, auch nicht im geheimen, las; denn es gab ja das Buch keine Gelegenheit zur Konversation. Wer hatte sich darüber zu äußern gewagt, wer sich bewogen gefühlt, ein »geschmackloses, unsittliches Sittengemälde« zu lesen! » Rouge et Noir « lieferte den unwiderleglichsten Beweis, daß eine Phantasieschöpfung, so merkwürdig sie sein mag, temporär zu Tode geschwiegen werden kann und oft auf ewige Zeiten in der anschwellenden Flut der Makulatur untergeht. Henri Beyle, aus dem Dauphiné gebürtig, unter dem Ersten Kaiserreich in der Beamtenwelt bekannt, hatte sich unter der Restauration vielfach in Italien herumgetrieben und wurde nach der Julirevolution als Konsul in Civitavecchia angestellt. In seiner offiziellen Residenz weilte er aber nicht, hatte in Rom seine feste Wohnung aufgeschlagen und überließ die eigentlichen Geschäfte dem Kanzlisten im päpstlichen Hafen. Seine literarische Notabilität war doch insoweit Tatsache, daß man diesen Verstoß gegen jede diplomatische Regel zugab. Der französische Gesandte in Rom Louis Clair Graf de Sainte-Aulaire (1778–1854). benutzte übrigens die Gegenwart des geistreichen, halb italienisierten Mannes. Als Ancona im Frühjahr 1832 durch einen Gewaltstreich von französischen Truppen – zu einer Demonstration gegen österreichischen Einfluß – besetzt wurde, betraute Graf Sainte-Aulaire den Konsul von Civitavecchia mit einer konfidentiellen Sendung. Er sollte die aufgeregten italienischen Patrioten besänftigen, belehren, denn das Aufhissen der Trikolore in der Festung und im Hafen von Ancona schien zu einem förmlichen Aufstand gegen die pontifikale Regierung erwünschte Gelegenheit zu bieten. »Ich werde meine Pflicht erfüllen«, beteuerte der innerlich radikal gesinnte Konsularagent, als ihm der Gesandte seine Verhaltungsbefehle gab, und als Ehrenmann hielt Beyle seine Parole. In den Salons war er der genaue Abdruck seines Pseudonyms; d.h. wenn er sprach, ironisierte er Gegenwärtige und Abwesende, allgemeine Zustande und tägliche Vorkommnisse, doch immer in den Grenzen der Konvenienz und ohne sich eine Blöße zu geben. Die boshaftesten Bemerkungen behielt er für die a parte unter vier oder sechs Augen, in einer Ecke oder Fensterbrüstung des Salons. Nicht ungern ritzte er die Haut seines Partners mit einem seiner Stilette und minderte das Prickeln der Wunde nicht. Dabei hatte er doch etwas von dem fanfaron de vice , liebte schlimmer zu scheinen als er in der Tat war... Unterhaltend war er in hohem Grade, besonders wenn er von Musik und Antiquitäten sprach. Eines Abends, da wir uns allein in der Gesandtschaftsloge des Teatro Valle zusammenfanden, wurde die »Semiramide« Oper von Rossini (1823). gegeben. Die Unger, Karoline Unger-Sabatier (1803–77). damals in voller Jugendblüte, sang die Hauptrolle mit ihrer glockenreinen, umfangreichen Stimme. »Zum wievielten Male hören Sie diese Oper?« fragte ich unwillkürlich meinen Nachbar. »In der Tat, ich wüßte es nicht zu sagen; Sie würden mich für einen Aufschneider halten.« – »Und Sie finden immer neuen Genuß?« – »Ja, fürwahr, Nuancen, die ich beim vierzigstenmal nicht bemerkte, treten jetzt hervor.« Das durfte ich wohl auf Treu' und Glauben hinnehmen. Geht es uns doch mit großen Dichterwerken so!... Henri Beyle war im Gesandtschaftshotel nicht gerade beliebt. Seine allzusehr bloßgelegte dämonische Natur mißfiel; der verkappte Republikaner, welcher sich der transitorischen Julimonarchie nur ungern anbequemte, legte manchmal auf eine köstliche Weise die vorgehaltene Maske ab. »Wie lange noch glauben Sie«, so äußerte er sich einmal vor mehreren Herren der Botschaft, »den Strom noch aufhalten zu können? Sie lassen unvorsichtig den höheren Unterricht sich entfalten; die turbulente jüngere Generation wird Ihnen über kurz oder lang zurufen: Gebt mir Brot, Geld, Einfluß.« Gegen mich war er zuvorkommend. Da er eine zweite Ausgabe seiner » Promenades dans Rom « vorbereitete und er mich mit den deutschen kapitolinischen Gelehrten in Verbindung wußte, kam mir der wenig schmeichelhafte Gedanke: er suche mich etwa auf, weil es ihm nicht unangenehm wäre, von der deutschen Schule einige Brocken mühelos zu erhaschen. Einer der französischen Sekretäre, der sich mit denselben Gegenständen beschäftigte – denn es trieb in Rom jeder Gebildete etwas Archäologie – gab mir meine Vermutung zu. Doch blieb mir Eigenliebe genug für den Wahn: auch meine Individualität, die nicht ganz in den gewöhnlichen Guß paßte, habe für ihn einige Anziehungskraft. Dem deutschen Wesen in genere war Beyle abhold. Es erstreckte sich bei ihm diese Antipathie auf einen Teil der deutschen Musik. Wie er sich gegen Maria v. Weber verhielt, entsinne ich mich nicht mehr; Schubert war ihm nicht kongenial. Eines Abends wurden im Privatsalon der Gesandtschaft Schuberts herrliche Lieder vorgetragen. Beyle schnitt dabei unliebsame Gesichter. Auf einem auswärtigen Ausflug traf ich ebenfalls einmal mit ihm zusammen. An einem glänzenden Maitage 1832 scharte sich eine Karawane von Spaziergängern aus der höheren Gesellschaft um den Gesandten, der seine Familie auf den Monte Albano geleitete. Horace Bernet Berühmter französischer Maler (1789–1863), von 1828–36 Leiter der französischen Kunstakademie in Rom (Villa Medici), mit dem Beyle freundschaftlich verkehrte. mit Frau und anmutsvoller Tochter nahmen teil daran, selbstverständlich mehrere jüngere Attachés, welche den Damen ihre Dienstfertigkeit bei dem Bergritt erwiesen; ein neapolitanischer Duca, ein freiwilliger Bewohner des Benediktinerklosters von Subiaco, schlenderte zu Fuß mit dem Nachtrab, worunter Henri Beyle, meine Wenigkeit und Eichhoff, der Privatbibliothekar der Königin Amalie. Diesmal war der Verfasser keineswegs ironisch, nein, sehr ernst gestimmt; er ließ dem berühmten Künstler Horace Bernet das unschuldige Vergnügen, seine Begleiter, sobald sie ihm einige Schritte voreilten, auf eine drollige Art in ihren Bewegungen und Gesten zu karikieren. Er selber, von den Pariser Nachrichten seltsam ergriffen – die Cholera herrschte dort – gestand ehrlich seine Furcht vor der schrecklichen Krankheit. War doch »Herr von Stendhal« jeder Affektion fremd und gehörte zu der Klasse von Menschen, die weder Gott noch Teufel, weder Mann noch Frau respektieren, aber vor der asiatischen Seuche den Hut ziehen. »Die kecksten und besten Ärzte«, sagte er zu mir, »sind der Ansicht, daß kein Mittel probat, und es ist fünf gegen eins zu wetten, der reell Ergriffene geht ad patres . Wäre nur die Seuche nicht mit mörderischen Schmerzen verbunden; ich habe mir immer einen schnellen Tod gewünscht.« Sein Wunsch, wenn er aufrichtig war, sollte ihm zehn Jahre später, in derselben schönen Frühlingszeit, in Erfüllung gehen. Er wurde nach einem Besuch in den Bureaus des Ministeriums des Auswärtigen zu Paris vom Schlag gerührt und fiel tot in der Rue des Capucins zu Boden. Mit einer Grabrede: Friede seiner Asche! wäre ihm wenig gedient. Durch seinen radikalen Unglauben und seine Gleichgültigkeit gegen ein eventuelles Jenseits war er einigermaßen gegen derartige Wünsche gefeit; woran ihm hundertmal mehr lag, an seinem Nachruhm, der hat sich, gegen seine Hoffnung, an seine Pseudonymität und seinen bürgerlichen Namen geheftet. Mir wollte es manchmal scheinen, als läge der Grundzug seines Charakters in einer krankhaften Eitelkeit. Sein breites Gesicht, seine unfeinen Züge, seine etwas schwerfällige Gestalt machten aus dem Vierzigjährigen Beyle war damals 49 Jahre alt. durchaus keinen schönen Mann. Wenn er in der Jugend bei den Frauen sein Glück suchte, so hatte er es gewiß nicht durch einschmeichelndes Wesen erobert... Stendhal war eine eigens ausgestattete Natur, die weitab von dem breitgetretenen Pfade der Schriftstellerwelt sich durch dick und dünn herumtrieb, den gewöhnlichen Ansichten keck entgegentrat, oft mit bizarren, oft mit sehr haltbaren Gründen. Ihn ausschließlich als materialistischen Sakripan zu brandmarken, ist mithin ungerecht; ihn als systematischen Verächter des weiblichen Geschlechts ohne weiteres an den Pranger zu stellen, heißt denn doch weitgehen auf der Bahn des strengen Platonismus. Die weiblichen Gestalten, besonders in seinem Roman » Rouge et Noir «, sind oft treue Photographien, und wie Faust von Mephistopheles sagt: »Es muß auch solche Käuze geben«, darf der unbefangene Beobachter der menschlichen Komödie von den Frauen oder Mädchen, die Henri Beyle zum Gegenstand seiner Zeichnungen gewählt, behaupten: sie sind nicht aus den Wolken gefallen. Ein unheimliches Frösteln überfällt, das ist wahr, den gemütlichen Leser der Beyleschen Romane, zur Kenntnis der Nachtseite des menschlichen Herzens aber bringen sie tüchtige Belege. Balzac ließ seinem Kollegen und Rivalen volle Gerechtigkeit widerfahren; seine tiefeingehende Analyse der » Chartreuse de Parme « In der » Revue Parisienne « vom 25. September 1840. Beyles berühmt gewordene Antwort an Balzac vom 30. Oktober 1840 in Band 8 dieser Ausgabe. ist ein Diplom für Beyles Meisterschaft in dem Fach des modernen französischen Romans. Der Verfasser der »Kartause« gesteht, vor Freude gezittert zu haben bei der ersten Lektüre des Balzacschen Aufsatzes. Es bekundet diese bizarr-giganteske Schöpfung die Vertrautheit Beyles mit den Verhältnissen Italiens während der Restaurationszeit und seinen karbonarischen Haß der italienischen despotischen Kleinstaaterei. In letzter Hinsicht mag die » Chartreuse de Parme « als historisches Zeugnis für die jetzt in die Rumpelkammer geworfenen Zustände Ober- und Mittelitaliens gelten. Beyle trug unbewußt Bausteine herbei zur Gründung der Einheit des herrlichen Landes und würde, wenn er nicht schon vor 30 Jahren in den Straßen von Paris unter einem Schlagfluß zusammengebrochen, jetzt mit dem sarkastischen Lächeln später Befriedigung seine Tage beschließen. Wer in den dreißiger Jahren des laufenden Jahrhunderts in einer Theaterloge zu Rom die breitschultrige Gestalt, die nicht anziehende Physiognomie des Verfassers von » Rouge et Noir « beobachtete, hätte hinter diesen Zügen nie den feinen Musik-, Malerei- und Menschenkenner gesucht. Und doch verbarg sich unter dieser breiten Satyrmaske ein enthusiastischer Bewunderer Rossinis, dessen Opern er vielleicht zum hundertsten Male mit jugendfrischer Begeisterung anhörte und mit seinen Nachbarn besprach. Beyle gehörte zu den sonderbar angelegten Naturen, die sich jeder idealistischen Regung schämen, nur die ironisierende Seite ihres Wesens herauskehren und hinter diabolischem Spotte oft nur ein tief verwundetes, für innige Liebe angelegtes Herz verbergen. Es gehört zur Eigenheit unserer Kulturepoche: der krasseste Egoismus überkleistert mit philanthropischer Tünche, das unbefriedigte Liebesbedürfnis sich Luft schafft durch Hohngelächter. Heinrich Heine und Henri Beyle mögen sich getrost die Bruderhand reichen.