Rudolf Töpffer Rosa und Gertrud Rudolf Töpffer Durch liebenswürdigen Charakter vor vielen ausgezeichnet tritt uns die Gestalt dieses Dichters entgegen. Im Jahr 1799 zu Genf geboren und noch reicher beanlagt als sein Vater, der Maler W. A. Töpffer, dessen Volksscenen durch ihren Witz und köstliche Ironie bereits verdientes Aufsehen erregten, widmete er sich schon früh der Malerei und stand im Begriff, (1819) zu weiterem Studium nach Italien zu gehen, als er sich von einem Augenübel befallen sah, das ihm die größte Beschränkung in Ausübung der Kunst auferlegte. So war er genöthigt, seinem, wie sich später herausstellte, innersten und eigentlichen Lebensberuf zu entsagen und eine andere in seiner vielseitigen Natur schlummernde Fähigkeit auszubilden. Er verlegte sich aufs Lehrfach, wurde erst Unterlehrer und gründete, nachdem er sich verheirathet, ein Pensionat in seiner Vaterstadt. Seine Mußestunden widmete er der Schriftstellerei und entwickelte auch hier ein eigenartiges Talent in der Darstellung von Dingen, die, weil dem ersten Anschein nach so unbedeutend, von dem gewöhnlichen Blick übersehen werden. Als Maler hatte er seine Augen brauchen gelernt, als geborner Poet besaß er die Fähigkeit, das Große wie das Kleine von einem Standpunkt aus zu betrachten, der den Maßstab der Verhältnisse bei Seite drückt und alles nach seiner individuellen Bedeutung erfaßt. »Er bildete eine Welt aus sich selber und war glücklich, weil er ein Mensch war«, dieses Wort Werthers paßt so recht auf unsern Dichter. In die reiche Welt hinein leuchteten die jugendfrischen Gesichter seiner Zöglinge, die seinem poetischen Empfinden ebensoviel Stoff zur Anregung wie seinen pädagogischen Pflichten Anlaß zu feiner Beobachtung und sorgfältiger Behandlung boten. Der besondere Werth, welchen diese liebevolle Hingabe an das Einzelne seinem erzieherischen Wirken verlieh, fand Anerkennung; einzelne kunstkritische Aufsätze, die er bereits veröffentlicht, lenkten die Aufmerksamkeit gleichfalls auf ihn, und so erhielt er 1832 den Lehrstuhl der Aesthetik an der Akademie seiner Vaterstadt. In demselben Jahr ließ er die allbekannte, reizende Novelle »Die Bibliothek meines Onkels«, welche den Reigen seiner dichterischen Produktionen eröffnete, erscheinen; ihr folgten sechs satirische Bilderbücher, gezeichnete Sittenromane, deren launige Darstellungen nur mit kurzen erläuternden Unterschriften versehen waren. Damit hatte er auch außerhalb der Schweiz einen Namen gewonnen und gehörte bald zu den wenigen in französischer Sprache schreibenden Schriftstellern, die, ohne selbst Franzosen zu sein, doch in Frankreich beliebt wurden. In dieser »Bibliothek meines Onkels« offenbart sich schon die ganze subtile und gedankenreiche Art Töpffers, die besondere Zierde aller Produkte seiner Feder. Gedankenreich – eine Eigenschaft, die so selten bei den Erzählern bemerkbar wird, weil deren Arbeit meist in der Schilderung der Erscheinung besteht, und die doch allein ein Werk vor dem schnellen Vergessenwerden und vor dem Moder zu bewahren vermag. Nicht bloß die Erfindung der Fabel trägt diesen Stempel, sondern auch die Ausführung findet sich durchsetzt mit den Blüten, welche ein sorgfältiges und alles menschliche Wesen erforschendes Nachdenken gezeitigt. »In sehr vielen Dingen ist es besser, sich selbst nicht zu kennen«, heißt es z.B. in der angeführten Novelle; »gewisse Leute werden schlechter, während sie sich besser kennen zu lernen suchen. Wenn ein solcher seinen Acker für gute Frucht untauglich sieht, denkt er darauf, aus dem Unkraut Nutzen zu ziehen ... Sonderbar, daß es ein Hirnknötchen gibt, welches nie verkrüppelt, das sich von nichts gleich gut nährt wie von Viel, das zuerst wächst und zuletzt abstirbt, so daß man versichert sein kann, daß, wenn dieses todt ist, auch der ganze übrige Mensch aufgehört hat zu leben: dies ist das Knötchen der Eitelkeit ... Das Alter ist sparsam, weise, besonnen – die Jugend nennt es geizig, selbstsüchtig, feige. Doch warum urtheilen beide über einander, und wie können sie über einander urtheilen? Es gibt kein gemeinschaftliches Maß für beide: die einen berechnen alles auf das Leben, die anderen alles auf den Tod.« Ein weiterer Beleg dafür, daß Töpffer eine Fülle von Lebensweisheit nicht nur besaß, sondern auch in eindringlichster Form darzustellen wußte, ist das Kapitel vom »Lungern«, woraus einzelne Bruchstücke ihrer Originalität wegen hier stehen mögen: »Das Fenster ist der richtige Zeitvertreib für einen Studenten, d.h. für einen fleißigen Studenten, für einen, der weder Wirthshäuser besucht, noch mit Taugenichtsen umgeht. O, solch ein junger Mann ist die Hoffnung seiner Eltern, die da wissen, daß er ein ordentlicher, ruhiger Mensch ist, und seine Professoren, die ihn nicht viel auf den Spaziergängen treffen und ihn nicht über die öffentlichen Plätze schwärmen oder an den Spieltischen sehen, sagen mit vielem Vergnügen: dieser junge Mann wird es noch weit bringen. – Er aber wartet und weicht nicht von seinem Fenster ... Aber auch hier, wie überall, schreitet man stufenweise vorwärts. Anfänglich ist es ein einfaches Lungern zur Erholung. Man guckt in den blauen Himmel, faßt einen Strohhalm ins Auge, bläst ein Federchen fort, betrachtet ein Spinngewebe oder spuckt auf einen bestimmten Pflasterstein. Solche Sachen nehmen ganze Stunden ein, je nach ihrer Wichtigkeit ... Auf der Straße endlich, da ist ein immer verschiedener, immer neuer Anblick: hübsche Milchmädchen, gravitätische Stadtbeamte, schelmische Schulbuben, Hunde, die knurren oder possirlich spielen; Ochsen, die Heu kauen und wiederkauen, während ihr Herr in der Schenke sitzt. Und glaubt ihr, wenn es regnet, verlöre ich meine Zeit? Nie habe ich mehr zu thun. Da sind tausend kleine Bäche, die zu dem großen Rinnstein fließen, dieser füllt sich, wächst, rauscht, und der Bach nimmt auf seinem Lauf allerhand Trümmer mit, die ich mit wunderbarem Interesse auf ihrem Hin- und Hertreiben begleite. Oder ein alter zerbrochener Topf versammelt die Flüchtlinge hinter seinem breiten Bauch und macht den Versuch, die Wuth des Gießbachs aufzuhalten. Steine, Knochen, Späne kommen herbei und verstärken sein Centrum, breiten seine Flügel aus; es bildet sich ein Meer, und der Kampf beginnt. Wenn dann die Lage im höchsten Grade dramatisch wird, nehme ich Partei und zwar regelmäßig für den zerbrochenen Topf; ich schaue in die Ferne aus, ob er Verstärkung erhält, ich zittere für seinen schwankenden rechten Flügel, ich schaudere für den linken Flügel, der schon durch einen dünnen Wasserstrahl untergraben ist, während der tapfere Veteran, von seinen besten Truppen umgeben, Stand hält, wenn er gleich bis zur Stirn im Wasser steht. Aber wer kann gegen den Himmel ankämpfen? Der Regen verdoppelt seine Wuth, und der Durchbruch – ein Durchbruch! Die Augenblicke, die einem Durchbruch vorangehen, zählen zu dem Köstlichsten, was ich von unschuldigem Vergnügen kenne ... Und das ist nur ein kleiner Theil der Wunder, die man von meinem Fenster aus sehen kann. Daher finde ich auch, daß die Tage recht kurz sind, und daß ich aus Mangel an Zeit Vieles verliere.« Schon viele haben die Welt, die sie von ihrem Fenster aus zu erblicken vermocht, eingehend geschildert; aber nur zu oft ist das Stückchen Welt ein sehr kleines geblieben – ob das Fenster immer daran schuld war? Töpffer hat von dem seinigen aus jedenfalls weiter gesehen, und man wird zugeben müssen, daß in der liebevollen Betrachtung dieser kleinsten Einzelheiten, in dem genialen Griff, sie als Anknüpfungspunkte zu benutzen und aus den Theilchen das Ganze zu konstruiren, zur Erweiterung des eigenen Gesichtskreises ein Weg gewiesen ist, dem zu folgen auch für andere von Vortheil sein kann. Es hat nichts Ueberraschendes, daß Töpffer zu dem geistreichen Xavier de Maistre in ein freundschaftliches Verhältnis trat, hat doch des letzteren »Reise um mein Zimmer« so viel verwandte Züge mit der Manier des Genfer Dichters. Durch ihn sah er seine Strebungen auch wesentlich gefördert, da de Maistre den Herausgeber eines Pariser Journals veranlaßte, sich von Töpffer einige Novellen zu erbitten. So entstanden die später unter dem Titel »Genfer Novellen« gesammelten kleinen Stücke, die an Liebenswürdigkeit der Darstellung alle gleichwerthig, je nach den Charakteren und der Verwickelung der Situation mehr oder minder interessant sind. Manche der darin enthaltenen Motive wurden inzwischen wiederholt von anderer Seite benutzt und vielleicht durch Anwendung grellerer Farben dem Geschmack unserer Zeit mehr angepaßt, so daß die Originale etwas ins Hintertreffen geriethen; interessant bleiben sie aber immerhin wegen der trefflichen Schlaglichter, welche sie auf den Gedankengang des Verfassers werfen. Und Töpffer tritt uns auch in diesen Schriften als eine zu scharf umrissene und entwickelte Persönlichkeit gegenüber, als daß es sich nicht verlohnte, den eigentümlichen Ansichten, welche er über dies und jenes äußert, vorübergehend nachzudenken. Sätze, wie die folgenden, haben wohl Anspruch darauf. »Eine Musik übt nicht auf alle, die sie vernehmen, eine gleiche Gewalt. Die Beredsamkeit der Töne ist allerdings mächtig, jedoch etwas unklar, sie regt das Herz auf, aber sie vermag es weder zu regeln, noch zu beherrschen; während sie dem einen zur Hymne des Jubels und Glücks wird, ist sie für den andern gleichsam ein Aufschrei des Schmerzes, der zerschellte Hoffnungen, zerschlagene Freuden beschwört.« Beherzigenswert für Mütter, die ihre Söhne zu verziehen im Begriffe stehen, ist die folgende Stelle, welche zugleich als Muster für die zuweilen aufflackernde Ironie des Dichters gelten kann. »Meine Tante Sara ist eine vortreffliche Dame, jetzt bei Jahren; sie hat in ihrem Leben nur ein einziges Unglück erfahren, den Verlust ihres Gatten, vor vierzig Jahren, nach dreimonatlichem Glück ohne Beimischung, wie sie selbst naiv sagte. Sechs Monate nach diesem Trauerfall gebar sie einen Sohn, auf den sie nun alle ihre Liebe übertrug. Dieser Sohn ist mein Vetter Ernst, den sie erzog, wie eine zärtliche Mutter, die in ihrer Jugend Lehrerin war, den einzigen und obendrein nachgebornen Sohn erzieht. Vom frühesten Alter an sorgfältigste methodische Ordnung, Anleitung zu Anstand und Artigkeit. Später zur Bildung des Herzens Sprüche, Sentenzen, Moral in Beispielen, bestraftes Laster, belohnte Tugend. Noch später zur Bildung des Geistes Regeln der Höflichkeit, der Geselligkeit und von der ersten Jugend an Handschuhe, Spazierstöckchen, Frack, auswärts gesetzte Füße und entsprechende Sitte. Noch später – nichts. Mit fünfzehn Jahren war mein Vetter Ernst ein gemachter Mann, ein vollkommener Mann, ein Musterbild, die Lust seiner Mutter und daneben die Lust einiger lustiger, spöttischer Kameraden, deren Ton meine Tante abscheulich fand. Gegenwärtig ist mein Vetter Ernst noch immer der Einzige, Nachgeborne, ein gesetzter, schmucker Hagestolz, der Nelken aufzieht, Tulpen begießt und alle Tage in die Stadt geht, im Sommer um acht Uhr, im Winter um Mittag, um die Zeitung aus zweiter Hand zu holen und bei der Bücherverleiherin den ersten Band des Romans, den meine Tante liest, gegen den zweiten auszutauschen. Wenn die Wege naß sind, zieht er Korkschuhe an, sind sie staubig, trägt er Schuhe von Saffian, regnet es oder sieht der Barometer nur bedrohlich aus, so nimmt er Platz im Omnibus.« Ein Vetter, vor dem es jedem anderen Vetter angst und bange werden könnte! Die Zöglinge, welche seiner Pflege unterstellt wurden, erzog Töpffer anders; zur Stärkung ihrer Muskulatur und ihres Wesens führte er sie Jahr für Jahr während der Ferien hinaus auf die Alpen. Diese Ausflüge beschrieb er und ließ sie später als »Reisen im Zickzack« mit eingefügten kleinen Bildern erscheinen. Sie fanden zur Zeit vielen Beifall; eine deutsche Übersetzung ist bis jetzt noch nicht bekannt geworden, was wohl darin seinen Grund hat, daß sie nur den Verlauf der Ausflüge chronologisch, wenn auch reich ausgestattet mit scherzhaften Bemerkungen behandelten. Da eben nur dieser Verlauf, bei welchem selbstverständlich nennenswerthe Zwischenfälle ausgeschlossen waren, erzählt wird, so fehlt das künstlerische Moment der Steigerung und des Abschlusses, die Koncentration des Interesses auf einen Mittelpunkt; dafür können die lustigen Ausfälle gegen die Alpenwirthe, welche die Reisenden prellen wollten, und verschiedenes andere, was zur Belebung der Schilderung versucht wird, nicht entschädigen. Auf einem dieser Ausflüge (im Jahr 1840), deren ständige Begleiterin Töpffers Frau war, lernte er Zschokke kennen und gewann an ihm einen Freund, der seine »Genfer Novellen« auch in Deutschland empfahl. Das umfangreichste Werk Töpffers ist ein Roman in fünf Büchern, »Das Pfarrhaus«, gleichwohl eine Dichtung von kurzem Inhalt, dessen Darstellung nur deshalb so angeschwollen, weil der Verfasser die ganze Handlung in ununterbrochener Reihenfolge durch Briefwechsel zwischen den verschiedenen betheiligten Personen sich abwickeln läßt. Auf den ersten Blick möchte man versucht sein, dieser Art einen Vorzug vor der gewöhnlichen Form der Erzählung einzuräumen, weil sie eine besonders lebhafte und ursprünglichen Charakteristik der Individualitäten ermöglicht; leider hat aber auch ein Meister wie Töpffer die Federn der Briefschreiber nicht zu zügeln vermocht, und so schön alles gesagt ist, so weit geht es oft über das Bedürfniß des Lesers hinaus, den das wunderbare Feuer, welches zwei junge Liebende in ihrer Korrespondenz entwickeln, deshalb nicht immer interessiren kann, weil es den Fortschritt der Handlung empfindlich hemmt. Ein Briefwechsel in so abgerundeter Form läßt die Lebendigkeit des Drama's nicht zu, in welchem der Konflikt den Funken aus dem Charakter herausschlägt. Wie sich die Feder des Briefschreibers ins Gefühl hineinmengt, ist es mit der Kürze, deren der Dichter bedarf, vorbei, aus dem Funken wird ein Ofen voll glühender Kohlen. Es läßt sich unschwer herausfühlen, welche Weite die Imagination des Verfassers bei der Dichtung des »Pfarrhauses« geleitet, einestheils »Paul und Virginie«, anderntheils das ewig merkwürdige Denkmal einer gewaltigen Liebesleidenschaft, der Briefwechsel Abälards mit Heloisen. Jedoch ist der jüngere Roman von seinem Vorgänger auch wieder wesentlich unterschieden, denn der Verfasser war eine viel zu gesunde Natur, die Rührung des Lesers um jeden Preis zu erkaufen; er hütete sich wohl davor, die Brutalität der Elemente zu Hülfe zu rufen, wie St. Pierre gethan, und durch sie den Helden recht elend zu machen. Das Zwerghafte der menschlichen Konstitution zeigt sich nie deutlicher, als wenn solch ein armes Wesen in die Aufregung der Elemente hineingeräth. Anders ist es, wenn die Elementarkräfte der Menschenseele in Kampf gerathen, wenn in diesem Kampfe der Wille die Vernunft überwindet und die guten Eigenschaften, durch eine verkehrte Ansicht irre geleitet, dem Wesen selbst wie seinen Nebenwesen zum Unglück gereichen. Den Fall hat Töpfer aufgegriffen, indem er den gewaltthätigen und für Abälard so verhängnißvollen Oheim Heloisens, Fulbert, in einer gemilderten und veredelten Form als Agens in die Mitte der Handlung stellte. Diese Figur ist Reybaz, der Kantor eines kleinen Dorfs in der Nähe von Genf, ein strenger und eigensinniger, einem schlimmen Vorurtheil ergebener, aber dabei rechtlicher Mann. Vor siebenzehn Jahren etwa, um dieselbe Zeit, als seine unvergeßliche Frau Therese ihm die nun zur Jungfrau herangeblühte Tochter Luise geboren und in diesem Wochenbette gestorben, wurde im Pfarrhof ein Knabe ausgesetzt, den der Pfarrer Prévère zu seinem Sohne machte. Beide Kinder bildet er in gemeinschaftlichem Unterrichte, und aus ihren gemeinsamen Spielen entwickelt sich die Liebe, deren Basis hier in der Noblesse der Gemüther liegt. Luisens Vater entdeckt, welche Beziehungen sich zwischen Karl, das ist der Name des Findlings, und dem Mädchen angesponnen haben; ein wahrer Fanatiker der Legitimität, will er unter keinen Umständen einen Findling als Schwiegersohn, denn dieser Makel auf der Abstammung scheint ihm das Schrecklichste unter den möglichen Schrecklichkeiten. Er veranlaßt deshalb den Herrn Prévère, den Jüngling zu entfernen, um durch die Trennung der beiden Liebenden eine Lösung des Verhältnisses herbeizuführen. Prévère gibt nach und schickt Karl nach Genf auf die Hochschule. Am folgenden Sonntag aber redet er während der Predigt seinen Bauern ins Gewissen, daß sie trotz all seiner Bemühungen, ihre Moral zu korrigiren, von dem barbarischen Vorurtheil nicht lassen wollen, womit sie Karls Jugend gekränkt, daß sie den Unglücklichen noch unglücklicher machen, indem sie ihn beschimpft, entmuthigt sich eine andere Heimat suchen lassen. Die Predigt greift den Kantor Reybaz so ans Herz, daß dieser sofort an Karl einen Brief schreibt und ihm darin seine Einwilligung zu dem Verlöbniß mit Luisen ertheilt. Karl ist von Herrn Prévère bei einem Amtsbruder, Dorvey, in Genf in Pension gegeben worden, wo er liebevolle Aufnahme findet. Der Portier des Hauses, Champin, ein niederträchtiges Subjekt, übrigens ein alter Bekannter von Reybaz, wirft einen Haß auf den jungen Studenten, weil dieser einmal, und zwar ganz im Anfang seines Genfer Aufenthalts, das Unglück hatte, beim Begießen der Blumen an seinem Fenster die weiße Nachtmütze des unten faulenzenden Cerberus mit zu begießen. Das ist für den gehässigen Charakter Champins genug, um den alten Kantor mit Briefen zu bestürmen, welche ihn gegen den Findling (hinter dieses Geheimniß ist die Spürnase auch gekommen) aufstacheln sollen. Nachdem er erfahren, ein Herr de la Cour, der Besitzer des Herrenhauses in Prévère's Dörfchen, habe sich einst um Luisen beworben, sei von dem Vater Reybaz seines leichtfertigen Lebenswandels wegen abgewiesen worden, aber von der Neigung zu dem schönen Mädchen keineswegs geheilt, drängt er sich an den Herrn heran und sucht zugleich Reybaz für das Projekt eines Ehebündnisses zwischen Luisen und de la Cour – von dessen Ausführung er einen Gewinn für sich selbst hofft – zu interessiren. Hand in Hand mit diesen Bemühungen gehen seine Verdächtigungen Karls, mit welchen er den Kantor unaufhörlich stachelt, indem er jedem Schritte des Studenten eine diesen kompromittirende Deutung gibt. Als gar der junge de la Cour und Karl sich in einer Abendgesellschaft treffen, der erstere seinen glücklichen Nebenbuhler durch eine hämische Bemerkung beleidigt und in dem darauf folgenden Duell Karl einen Degenstich erhält, öffnet Champin in seinem Brief an Reybaz alle Schleußen seiner verleumderischen Beredsamkeit, um den Verwundeten als elenden Raufbold hinzustellen. Reybaz glaubt der Verdächtigung und sieht seine ursprüngliche Vermuthung, daß der Findling von schlechten Eltern abstamme und einen schlechten Charakter von ihnen ererbt haben müsse , bestätigt. Er hebt die Verlobung auf. Die beiden jungen Leute fügen sich in den unbeugsamen Beschluß, Luisens Gesundheit wird jedoch von der Gemüthsaufregung angegriffen; immer mehr – trotzdem ihr kindlicher Gehorsam unerschüttert bleibt – verfällt ihr Körper den Einwirkungen des nagenden Kummers, und als der wohlmeinende Freund aller, der Pfarrer Prévère, der bis dahin die väterliche Autorität und Autonomie respektirte, unter Hinweis auf die Lebensgefahr, in welcher sich die Tochter befinde, den Vater endlich zum Nachgeben bestimmt, schleppt die gehässige Zudringlichkeit Champins die Beweisstücke herbei, woraus hervorgeht, daß Karl der Sprosse einer wilden Verbindung sei, die ein vagabundirender Zuchthäusler mit einer Dienstmagd eingegangen. Damit ist Reybaz Nachgiebigkeit sofort vernichtet, er will den vermeintlichen Schandfleck, der an Karl durch seine Geburt haftet, nicht seiner ehrlichen Familie aufladen und zieht seine Einwilligung wieder zurück. Daß seine Tochter an ihrem Kummer um das versagte, ihm so wenig werth erscheinende Glück zu Grunde gehe, gilt ihm für das geringere Uebel. Erst nach Monaten, als die Rettungslosigkeit ihres Zustands – er hatte noch immer gehofft und war von Champin in seiner Hoffnung bestärkt worden – ihm zur Gewißheit wird, überwindet die seiner väterlichen Liebe doch furchtbar werdende Aussicht auf das offene Grab seiner zärtlich verehrten Tochter seinen Abscheu gegen den Findling. Es ist zu spät, Luise stirbt in den Armen Karls, und Reybaz, dem nun die Augen über den Werth von dessen Charakter aufgehen, überlebt sie nur um wenige Monate und verläßt die Welt, nachdem er sich mit dem, den sein instinktiver Haß so lange verfolgt und so schwer getroffen, in ehrlicher Liebe ausgesöhnt. So wenig angenehm uns die Gestalt des Starrkopfs anmuthet, so enthält sie doch einige heroische Momente und dadurch eine Fassung, die sie weit über das Gewöhnliche erhebt, und dieser Heroismus verliert an Effekt nichts dadurch, daß er zu Gunsten eines Vorurtheils geübt wird. Der Kantor weiß, daß er sein Liebstes opfert; aber er opfert es zunächst für etwas, das ihm über alles geht, er opfert es der Ehre seiner Familie, dann der Ueberzeugung, daß seine Tochter an der Seite eines Findlings dem Unglück verfallen sei, im Grunde aber nur seinem eigenen Aberglauben, der einem solchen Findling alle Befähigung abspricht, ein tüchtiger Mensch zu sein. Das ganze Buch ist ein Loblied auf den Heroismus der Entsagung. Wie Reybaz Verzicht darauf leistet, sein eigenes Glück durch Nachgiebigkeit gegen die Wünsche seiner Tochter zu begründen, so entsagt der ehrwürdige Pfarrer der Hoffnung, die beiden Wesen, welche er so sehr liebt, vereinigt zu sehen, Karl und Luise tragen ihre Last mit Resignation, und der junge de la Cour erschießt sich sogar, nachdem er vergeblich versucht hat, bei lebendigem Leib den Nichtbesitz Luisens zu ertragen. In diesem Sinne schreibt Prévère an Karl: »Wisse, daß, wenn ein Unglück groß ist, das erste und einzige Heilmittel dagegen das ist, daß Du Dich mit Würde darein ergibst und in der Erfüllung der Pflichten, die Dir verbleiben, oder die es im Schooße trägt, fortschreitest«. – Einen gleichen Appell an den Heroismus der Entsagung enthält einer seiner Briefe an Luise: »Bei schönen Seelen bringt die Prüfung das ans Licht, was das Glück vergraben gelassen hätte; sie erläßt ihren Aufruf an schwere Tugenden, und die Tugenden entsprechen demselben«. Der Kantor dagegen äußert sich Herrn Prévère gegenüber: »Ich werde am Tage des Gerichts zu denjenigen gehören, die gekämpft, aber es zu nichts gebracht haben«. Eine Kritik des ganzen Romans liegt in den Worten, mit welchen Luise den Eindruck schildert, den »Paul und Virginie« auf sie gemacht haben: »Gut schreiben, das heißt: solche Dinge schreiben, wie sie in diesem Buch stehen, Dinge, welche die Herzen anziehen, Dinge, welche alle Welt gewinnen, was, wie mich dünkt, ein himmlisches Vergnügen sein muß ... Ich sehe hierbei nur eine Schattenseite, daß man nämlich, wenn man aus diesem Entzücken herauskommt, die Welt recht trüb und düster finden muß.« Der Verfasser hat es vielleicht nicht beabsichtigt, aber als der Plan einmal gefaßt war, hat er es ebensowenig wie St. Pierre vermeiden können, ein Gemälde zu entwerfen, welches die Ansichten des Pessimismus unterstützt. Der Roman erschien 1839. Wie er sich an »Paul und Virginie« anlehnt, so trägt das letzte Werk Töpffers: »Rosa und Gertrud« die deutlichsten Spuren an sich, daß die erste Idee dazu durch Goldsmiths »Landprediger von Wakefield« angeregt wurde. Es sind dieselben Charaktere, dieselben Motive. Aus dem Doktor Primrose ist der liebenswürdige Pfarrer Bernier, Olivia ist zur Rosa, Sophie zur Gertrud geworden, und selbst der Lüstling Thornhill fehlt nicht, wenn er auch hier Graf Ludwig heißt. Aber die Figuren sind anders gruppirt, und die Lösung des Knotens erfolgt nicht in der allgemein glückbringenden Weise wie in Goldsmiths Novelle. Der Tod, der Retter in allen solchen Nöthen, muß als Versöhner eintreten und wird hier allerdings den an ihn gestellten Anforderungen vollauf gerecht. Die längst geknickte Blüthe, die er vom Stengel wegnimmt, legt er im Reich des ewigen Friedens nieder. In »Rosa und Gertrud« wurde bei der Komposition Licht und Schatten energischer vertheilt als im »Pfarrhaus«. Die Gestalten sind nicht so sehr in das düstere Grau des Kummers getaucht, der Schmerz in seiner ganzen Herbheit folgt erst auf den Genuß , drum erscheint der Tod als ein Erlöser, während er im »Pfarrhaus« als ein rechter Zerstörer auftritt, der in dem Moment, wo er die Hoffnung auf das Glück zertrümmert, die ganze Zukunft vergiftet. Goethe stellte in seiner Abhandlung über epische und dramatische Dichtung den Satz auf, der Erzähler sollte als ein höheres Wesen in seinem Gedicht nicht selbst erscheinen; Töpffer hat sich jedoch in keiner einzigen seiner Erzählungen an diese Regel gehalten, vielmehr tritt in allen der Erzähler in Person vor. Dadurch wird eine gewisse Zuverlässigkeit des Berichts erzielt, denn der Leser sieht sich dem Erzähler unmittelbar gegenüber und glaubt von Vorgängen zu hören, die dieser selbst erlebt, selbst gesehen hat; überdies ergibt sich daraus eine außerordentliche Lebendigkeit des Vortrags, weil es dem als Augenzeuge Berichtenden nicht übel genommen wird, wenn er seine eigenen Gedanken und scherzhaften Anschauungen über den Gang der Sache einflechtet. Unter dieser Form war es dem Dichter möglich, seiner geistigen Lebhaftigkeit, die nach den Berichten seiner Zeitgenossen auch seine mündliche Unterhaltung so interessant machte, Genüge zu thun. Töpffer, der Form nach durchaus Franzose, entfaltete in seinen Schriften eine tiefinnige Gemüthlichkeit, welche auf seine Abstammung von deutschen Vorfahren hinweist. Hatten sich seine ersten Schilderungen durch köstliche Laune, joviale Auffassung des menschlichen Lebens, durch heitere und gutmüthige Geißelung der menschlichen Schwächen und Thorheiten ausgezeichnet und ihm dadurch den Namen des Genfer Demokrit erworben, so tritt dieser Zug bei seinen späteren Arbeiten in den Hintergrund und macht einer ernstern Stimmung Platz, in welcher vorzüglich ein religiöses Element überwiegende Geltung erlangt. Seine frühere Laune ist in ein warmes Mitgefühl für die leidende Menschheit übergegangen, und wie jene nie in Hohn umschlug, so steigerte sich sein späterer Ernst nie zu jener finstern Bigotterie, die das Leben nur von seiner schwärzesten Seite erfaßt. Der berühmte Kritiker Sainte Beuve, der nebst dem Maler Calame und dem bereits erwähnten de Maistre zu den näheren Freunden des Dichters gehört, schickte der Ausgabe des Romans, die erst nach Töpffers Tod erfolgte, einige biographische Notizen voraus, denen nachfolgende Einzelheiten entnommen sind. Töpffers Gesundheit war immer eine kräftige. Anfangs der vierziger Jahre begann sie zu verfallen, ohne daß er sich selbst über die Gründe ganz klar wurde, die er meist in dem gesteigerten Schwächezustand seiner Augen vermuthete; dies beunruhigte ihn. Im Jahr 1842 machte er mit seinem Pensionat die letzte große Alpenreise auf den Mont Blanc; er ahnte, daß er den Reisestock nicht noch einmal für eine so weite Tour zur Hand nehmen werde. Im Jahre darauf schreibt er an Sainte Beuve: »Denken Sie sich, wie unglücklich ich bin, seit beinahe einem Jahre dazu verurtheilt, fast nichts zu lesen und zu schreiben, meiner Augen wegen. Ich gebe nur noch Unterrichtsstunden; es ist keine üble Art, die Zeit todt zu schlagen, aber auch weiter nichts. Ich hätte fast Lust, rauchen zu lernen; man behauptet, daß, in diese duftenden Wolken eingehüllt, die Stunden unbemerkt verfließen, und wenn man erst einige Fertigkeit darin erlangt habe, werde man so phlegmatisch wie ein Türke. Sie rauchen sicherlich nicht, sonst würde ich Sie gebeten haben, mir gerade heraus zu sagen, was von dieser Doktrin zu halten ist ...« Den Winter über speiste Calame Sonntags bei ihm, und nach Tisch entspann sich dann zwischen den Künstlern, denen sich zuweilen auch noch der hochbetagte Vater Töpffers, ein noch immer begeisterter Jünger der Kunst, zugesellte, ein wahrer Wettkampf im Hinwerfen von Bleistiftskizzen und Tuschzeichnungen, so daß im Laufe des Abends eine Reihe lebensvoller Bilder entstanden. Im Jahr 1844 wurde Töpffers Krankheitszustand bedenklich; er begab sich, sobald er seinen in Einem Zuge niedergeschriebenen letzten Roman vollendet, nach Lavey ins Bad, die Kur blieb jedoch ohne Erfolg. Er wurde immer schwächer und magerer, eine starke Leberanschwellung stellte sich ein, und nun reiste er eiligst nach Vichy ab, in der Hoffnung, dort Heilung zu finden. Auch während dieser Krankheit bewahrte er seinen Humor; zwischen zwei Klagerufen wußte er immer einen jener witzigen Einfälle einzuflechten, die ihn als einen ganz aparten Menschen kennzeichneten. Jedes Wort in seiner Unterhaltung hatte seine Spitze, aber seine Scherze waren überaus gutmüthig und niemals beleidigend. Das Ende des Aufenthalts in Vichy war traurig, die Rückkehr elend; übrigens schien sich der Kranke nach einigen Tagen zu erholen. Nun warf er sich mit Eifer auf die Arbeit und setzte seine »Abhandlung über das Tuschzeichnen« fort; darüber verging der Herbst und Winter (1845-46). Bei Eintritt des Frühlings gab er schweren Herzens sein Pensionat auf und siedelte nach Mornex über, um sich auf eine zweite Reise nach Vichy vorzubereiten. Vor seiner Abreise hatte er den Kummer, seine alte Mutter sterben zu sehen. Nach seiner Rückkehr von Vichy fand er sich außer Stand, zu schreiben oder zu zeichnen; da griff er noch einmal nach der Kunst, der er sich einst hatte widmen wollen, aber entsagen mußte. Er brauchte seine Augen ja nicht mehr ängstlich zu schonen, was ihn erwartete, wußte er längst. Auf die Lehnen seines Sessels gestützt, eine kleine Staffelei vor sich, malte er mit Eifer zum erstenmal wieder seit den wenigen Versuchen, die er in seiner Jugend gemacht hatte, in Oel; es waren die letzten Augenblicke des Glücks in seinem Leben. Calame gab ihm Rathschläge bei der Arbeit, und die ziemlich zahlreichen kleinen Gemälde, die er während kaum zwei Monaten ausführte, bekundeten, daß diese Kunst sein eigentlicher, innerster Beruf war. Bald hörte auch dieses letzte Mittel der Zerstreuung auf, die Kräfte nahmen mit reißender Schnelligkeit ab; am 8. Juni 1846 trat der Tod ein; drei Tage später schritt der Leichenkondukt »auf jene letzte Allee großer Buchen zu, welche nach dem Friedhofe führt«. Die Natur hatte dem greisen Vater den Schmerz nicht erspart, den Tod des Sohnes zu erleben. Die letzten Lebensjahre waren dem Dichter außerdem durch die Wirren verbittert worden, welche die Bürger seiner von ihm so sehr geliebten Vaterstadt entzweiten. Ein entschiedener Gegner der am 3. März 1841 konstituirten radikalen Partei, war er für seine konservative Gesinnung auch mit der Feder eingetreten, seine Aufsätze erschienen im »Genfer Courier«. Die Revolte des Oktober, in welcher sich die Bürger mit den Waffen in der Hand gegenüberstanden, und die mit einer Niederlage der konservativen Partei endigte, hat er nicht mehr erlebt. Rosa und Gertrud. 1. Als ich mich eines Tages zu einem Sterbenden begab, sah ich beim Durchschreiten jener gewöhnlich einsamen Straße, in welche die Treppe der Barrieren einmündet, und die man, wenn ich nicht irre, die Klosterstraße nennt, zwei junge Damen Arm in Arm, die sich mit freundschaftlicher Heiterkeit gegenseitig in dem Bemühen beistanden, die regelrechte Verfassung ihrer Kleider gegen den Angriff des Windes zu behaupten, der mit ausnehmender Heftigkeit wehte. Bei meinem Anblick geriethen sie zwar anfangs in einige Verlegenheit; aber da sie sich, wie sie mir eröffneten, gerade dadurch, daß sie von Straße zu Straße der Beschwerlichkeit dieses Sturmwindes entgehn wollten, verirrt hatten, so wies ich ihnen, auf ihre Bitte, den rechten Weg zu ihrem Hotel. Nachdem ich sie einige Augenblicke begleitet hatte, verabschiedete ich mich von ihnen, um mich in aller Eile nach dem Hause zu begeben, wo man mich erwartete. In dem Augenblick, als ich daselbst eintrat, war eben der Sterbende verschieden, so daß ich nur noch an die Seinigen, die sich um ihn versammelt hatten, die Tröstungen richten konnte, die uns unsere heilige Religion zur Beschwichtigung der Trauer an die Hand gibt. Die Ausdruckweise der jungen Damen war von der Art, daß ich vermuthen konnte, sie wären Deutsche; übrigens aber hatte ihre Erscheinung, die sie als reich, heiter und schmuckliebend darstellte, mir einen anfangs unbemerkten Eindruck gewährt, der im Augenblick, als ich bei dem Sterbenden eintrat, lebendiger geworden war. Dies rührte offenbar von jenem Gegensatz zwischen dem Alter, der Lage und dem Schicksale her, welcher, wenn er auch fortwährend auf Erden stattfindet, uns doch nicht immer so sichtlich in die Augen fällt, selbst bei Berufsarten, die, wie die meinige, uns in gewohnte Berührung mit den Glücklichen und Unglücklichen dieser Welt bringen, als wenn er uns bisweilen unvermuthet da aufstößt, wo wir es nicht erwarteten. Das wenigstens ist sicher, daß ich, nach Hause gekommen, vergeblich über meine Predigt für den nächsten Sonntag, nach dem Texte, der mich schon zu einer guten Hälfte davon begeistert hatte, weiter nachzudenken suchte. Genug, ich mochte wollen oder nicht: nachdem ich die größten Anstrengungen gemacht hatte, mir diese gute Hälfte schon abgethaner Arbeit nicht entgehn zu lassen, sah ich mich doch zuletzt genöthigt, einen neuen Text zu wählen und wieder von vorn anzufangen. Hierauf entwarf ich nichtsdestoweniger, durch die empfangenen Eindrücke und durch meine Erinnerung zwischen der Vorstellung von den beiden glücklichen Mädchen und der von dem Anblick des Todten, umgeben von seiner trostlosen Familie, schwebend, in ziemlich kurzer Zeit eine andere Predigt über den Text: »Ich sprach zum Lachen, du bist toll, und zur Freude, was machst du?« (Pred. K. 2). Mein Sohn, dem ich jederzeit meine Predigten vorzulesen pflegte, theils um von seinen Bemerkungen Gebrauch zu machen, theils, damit er selbst Nutzen daraus ziehen möge, in sofern er auch die Laufbahn eines evangelischen Predigers zu seinem Berufe wählte, fand einige Stellen derselben gut, und als er die übrigen kritisirt hatte, unterhielten wir uns über die beiden jungen Mädchen, denen ich am Morgen begegnet war. 2. Am folgenden Sonntage bestieg ich die Kanzel und hielt meine Predigt. Unglücklicherweise waren das schöne Wetter und ein militärisches Fest, welches fast die ganze Bevölkerung auf eine der Stadt nahe gelegene Wiese gelockt hatte, Ursache, daß ich an diesem Tage eine noch viel geringere Zuhörerschaft dort vorfand, als gewöhnlich. Diese bestand aus einigen Greisen, wovon die meisten harthörig waren, aus drei oder vier bejahrten Frauen, die sich um den Fuß der Kanzel gruppirt hatten, und aus meinen zwei jungen Freundinnen, deren Wegzeiger ich vor kurzem gewesen, und die hier in größerer Entfernung in dem leeren Chore unseres ungeheuren Domes allein saßen. Ich wurde fast verdrießlich, als ich sie dort erblickte; denn wenn es auch sehr wahr ist, was unsere göttliche Religion vorschreibt, man solle die Glücklichen auf das Unglück vorbereiten, weil es zugleich das Loos aller Kinder Adams und auch die Geißel ist, womit sie Gottes Hand zum Heile zwingt: so ist es doch nichtsdestoweniger peinlich, die Jugend auf die Unvermeidlichkeit des Unglücks hinzuweisen und durch zu frühzeitige trübe Ermahnungen jene Freude zu stören, die naturgemäßerweise in ihr sich geltend macht. Außerdem verbarg ich mir nicht, daß es die zufällige Erscheinung dieser beiden jungen Mädchen und der Eindruck, den dieselbe auf mich gemacht hatte, war, was mich veranlaßte, den Text zu ändern, und zwar dergestalt, daß es mir vorkam, als wollte ich, anstatt wie gewöhnlich Dinge von ganz allgemeiner Anwendung vorzubringen, mich gegen ihre berechtigte Heiterkeit auflehnen und ihnen ungerechterweise eine Sünde daraus machen. Sie hörten mir indeß mit gewissenhafter Aufmerksamkeit zu, ungeachtet des fernen Getöses von Kanonenschüssen und Fanfaren, das von Zeit zu Zeit meine Stimme übertönte. Das Predigen ist eine so schwierige Kunst und von so zweifelhaftem Gelingen, daß, je länger ich es übe, ich um so mehr in meinem Gebet Gott um Verzeihung bitte, daß ich mich demselben mit so unzureichenden Kräften, als mir zu Theil geworden sind, gewidmet habe. Man sollte, um sich für einen wirksamen Prediger halten zu dürfen, durchaus mit der Fähigkeit, schnell Gedanken zu entwickeln, und mit hinreichend geläufigem Ausdruck begabt sein, um die Rede nur im Augenblick des Predigens selbst entstehn zu lassen, nachdem man mit Einem Blicke übersehen hat, was für Menschen, sie anzuhören, gegenwärtig sind, um solchermaßen im Stande zu sein, Belehrungen an sie zu richten, die ihrer Erscheinung und der Tragweite ihrer Einsichten angemessen sind. Ist das nicht der Fall, so bringt das Korn, mag es noch so gut sein, weil es nicht auf den rechten Boden fällt, keine Aehre und die Ernte des Herrn geht so durch die Unzulänglichkeit seiner eigenen Arbeiter verloren. Darum sehe ich auch darauf, daß mein Sohn ebensowohl im Denken als im Ausdruck geläufig wird durch Uebungen, die zu dieser Fertigkeit führen, und am Sonntagabend bemüht er sich, sowohl zu Hause, wenn es regnet, als auf dem Spaziergange, wenn wir uns an einem einsamen Orte befinden, über einen Text, den ich ihm gebe, vor mir zu predigen, und es glückt ihm, mit immer größerer Salbung und geringerer Anstrengung, darin stets mehr und mehr. Möge der gütige Gott seinen Segen über diesen jungen Menschen ausgießen, der meine einzige Freude ist, in Jesu Christo, unserm Herrn und Heiland! – 3. Unterdeß waren einige Wochen verflossen, und ich hatte meine beiden jungen Freundinnen ganz aus dem Blick verloren, als ich eines Morgens zufällig auf sie traf, wie ich grade aus der Allee meines Hauses heraustrat. Als ich sie erblickte, fiel mir der ganz gleiche Zug der Uebereinstimmung auf, der sich so entschieden in der Haltung und in der lebhaften Vertraulichkeit ihrer Blicke kund gab, daß ich sicherlich, wäre ich der einen allein begegnet, sie nicht wieder erkannt haben würde. Sobald sie selbst mich erkannt hatten, begrüßten sie mich vielmehr mit einem gutmüthigen Lächeln und einem wohlwollenden Sichwiedererinnern, als mit gewöhnlicher Höflichkeit, und da ihre Blicke mich zu sich zu rufen schienen, während ihre Zurückhaltung ihnen nicht erlaubte, sich mir zu nähern, so trat ich an sie heran und sagte ihnen einige Höflichkeiten. Nun bezeigten mir alle beide eine freundliche Anerkennung dieses Beweises der Theilnahme an ihnen, und sprachen, indem sie die Unterhaltung fortsetzten, mit mir in jener achtungsvollen zutraulichen Weise, womit junge und wohlgeartete Herzen so gern einem Greise, und der noch dazu mit dem Charakter, den ich trage, bekleidet ist, zuvorkommen. Während dieser Unterhaltung erfuhr ich beiläufig etwas, dessen ich mich wenig versehen hätte; so wahr ist es, daß, selbst wenn uns die Welt den Blick hinreichend geschärft haben sollte, wir doch dem unterworfen sind, die Lage unseres Nächsten schlecht zu unterscheiden: die eine der beiden jungen Damen war nämlich verheiratet. Jedoch nach ihrem Wuchs, ihrer Stimme, der Bescheidenheit ihrer Reden, hätte ich sie in Wahrheit noch für eine Jungfrau gehalten, und ich konnte nicht umhin, es ihr zu sagen. Sie lachte hierauf über meinen Irrthum, und ihre Freundin, die das Wort ergriff, gab mir durch einige Schmeichelreden zu verstehen, wie sie sich glücklich schätzten, sich überreden zu können, daß sie, kaum erst wenige Tage in einer fremden Stadt, in ihr schon einen Freund, und im Nothfalle wohl einen Beschützer gewonnen hätten. – »Was das anbetrifft, meine theuren Kinder«, antwortete ich ihnen, »so haben Sie, sowohl nach der einen wie nach der andern Bezeichnung, über mich zu befehlen.« – Anstatt über diese vertrauliche Benennung, die mir entschlüpft war, betreten zu erscheinen, zeigten sie sich vielmehr darüber entzückt und drückten mir die Hand mit großer Wärme, so daß ich dahin gebracht wurde, daraus, trotz ihres weltlich ausgesuchten Putzes, von der Einfalt ihrer Gefühle auf die Rechtschaffenheit ihrer Herzen zu schließen. Es ist doch seltsam, daß ich, trotz des genauen Bildes, welches von der Gestalt dieser beiden jungen Freundinnen aus jener Zeit in mir zurückgeblieben ist, und wie sie sich beide ganz gleich gekleidet trugen, doch sehr in Verlegenheit sein würde, davon eine irgend genügende Beschreibung zu geben. Was das Gesicht anbelangt, so waren sie von feinen Zügen, frischer Farbe, und hatten blaue Augen; alle beide waren blond und ihr Antlitz wurde von fliegenden Locken eingerahmt. In Rücksicht ihrer Art sich zu kleiden, weiß ich mich nur sammtner Hüte zu erinnern, mit leichten Bändern verziert, einer Schärpe, deren Farbe ich vergessen habe, und Kleider von einem schillernden Schwarz, welche, zumal an jenem stürmischen Tage, mit jenem Geräusch, das seidne Stoffe in Bewegung von sich geben, an einander schlugen. Aber dieses Weltliche im Anzug, das die Religion verwirft, weil es ein wenig die Gesinnung sündiger Wesen verräth, die vielmehr das Gefäß im Innern säubern sollten, als das Aeußere zu sehr ausschmücken, hatte, obgleich es mir sonst Grund zu einer ungünstigen Vormeinung gibt, in diesem Falle nicht die Nachsicht verdrängen können, welche das Jugendalter in Anspruch nimmt, besonders bei diesem Eindruck enger schwesterlicher Vertraulichkeit zwischen zweien, ohnehin sorglos muthwilligen jungen Mädchen. Und ich kann nicht leugnen, daß ich mich bei dieser Gelegenheit entwaffnet fühlte, wenn ich mich bei andern Gelegenheiten derselben Art sehr streng gezeigt habe. Aber, o mein Gott! wir sind ja nur zu schwach und ungerecht in unseren Urtheilen, und wenn das deinige den unsern gleichen sollte, so würde, sofern du nicht genau unterschiedest, sogar das Bestreben, dir zu gefallen, vor deinen Augen nicht mehr Gnade finden, als die absichtliche und hartnäckige Unbußfertigkeit! An jenem Tage begleitete ich die jungen Damen bis zu ihrem Hotel, und nachdem ich ihnen meine besten Dienste wiederholt angeboten hatte, empfahl ich mich, um den Gang meiner Geschäfte wieder aufzunehmen. 4. In der nächsten Woche und den zwei darauf folgenden hatte ich, außer des Sonntags, wo ich sie von der Kanzel herab regelmäßig dem Gottesdienst beiwohnen sah, keine Gelegenheit, den jungen Damen zu begegnen und mich abermals mit ihnen zu unterhalten. Da ich nun daran dachte, daß ich in Betracht ihrer eine Art von Verpflichtung eingegangen war, ihnen, wenn ich es vermochte, nützlich zu sein, und ich durch ihre Gegenwart in der Kirche die Versicherung hatte, daß sich ihr Aufenthalt in Genf noch verlängerte: so entschied ich mich eines Montags, ihnen einen Besuch abzustatten. Ich machte mich also auf den Weg und erreichte bald das Hotel, welches ich als ihren Aufenthaltsort kannte, und nachdem mich ein Aufwärter angemeldet hatte, wurde ich bei ihnen eingelassen. Gleich beim Eintritt gewahrte ich in ihrem Empfange entschiedene Zeichen des lebhaften Vergnügens, das ihnen mein Kommen verursachte. Sie erhoben sich sogleich von dem kleinen Sopha, auf welchem sie beisammen saßen, und nöthigten mich, selbst darauf Platz zu nehmen, holten sich Sessel herbei und ließen sich vertraulich neben mir nieder. Dann theilten sie nur mit, daß, da sie während der letzten Tage den Herrn Grafen (so bezeichneten sie den Ehgemahl der jungen Dame), oder, sollte dieser noch ausbleiben, einen Brief, der ihnen seine demnächstige Ankunft meldete, zu erhalten vergeblich gehofft hätten, so könnten sie nicht umhin, zugleich über diese Verzögerung und über dieses Stillschweigen betrübt zu sein. »Aus welcher Veranlassung«, fragte ich, »ist er fortgereist?« – »Um nach Hamburg zu gehn«, erwiederten sie, »in Folge des Todes seines Vaters, den er aus Briefen, die uns hier erwarteten, erfuhr, und um dort die Geschäfte betreffs des Nachlasses in Richtigkeit zu bringen.« – »Geschäfte, meine theuren Kinder«, sagte ich ihnen, um sie zu beruhigen, »ziehen Geschäfte nach sich, und es hängt gar nicht von uns ab, sie zu beliebiger Zeit zu beendigen. Gedulden Sie sich also. Der Herr Graf theilt sicherlich mit Ihnen die Ungeduld, die Sie empfinden, sich wieder vereinigt zu sehen; so ist denn zu glauben, daß, wenn es Gott gefällt« ... In diesem Augenblick trat ein Diener ein, um einen Besuch anzumelden, und ein junger Mann in höchst ausgewähltem Anzuge erschien fast zugleich mit ihm im Zimmer. Nach dieser vertraulichen Dreistigkeit schließend, hielt ich ihn für den Grafen; aber nach der Miene der Unzufriedenheit, die sich bei den beiden jungen Freundinnen zeigte, und nach der Röthe, die ihr Antlitz überflog, wußte ich in Wahrheit nicht, was ich davon denken sollte; und ich kann nicht verhehlen, daß in mir dadurch einigermaßen die Achtung gegen sie erschüttert wurde. Ich wollte mich entfernen, aber sie beschworen mich so ungezwungen und mit solcher Inständigkeit zu bleiben, daß mir ihr Gesichtsausdruck wieder rein und ihr weltlicher Putz jungfräulich makellos erschien. Was den jungen Herrn anbelangt, so kam es mir vor, als ob ihm meine Gegenwart nicht angenehm wäre, und jedesmal, wenn ich mich bemühte, seine, nach meiner Ansicht, zu leichtfertige Unterhaltung in's Ernstere zu wenden, durchkreuzte er dies Bestreben durch irgend eine trockene Rücksichtslosigkeit, die er jedoch mit ziemlich höflichen Formen zu verschleiern wußte. Und da ich, in Folge einer Gewohnheit, die ich angenommen habe, mich nicht durch irgend eine üble Aufnahme befangen lasse, damit ich stets fähig sei, mich Jedermann zu nähern und mit wem es auch sei zu sprechen: so ließ ich mich nicht stören und trat ruhig in die Unterhaltung ein. Ueber diese meine Hartnäckigkeit ungeduldig, und doch nicht wagend, mich vor diesen Damen, die er sich ehrerbietig gegen mich bezeigen sah, unbeachtet zu lassen, änderte er seinen Ton und begann meine etwas verbrauchten Ansichten und verjährten Meinungen mit seiner Zurückhaltung zu bespötteln. Aber auch hierin glückte es ihm ebenso wenig, den jungen Damen zu gefallen, so daß er plötzlich aufstand, sich beurlaubte und entfernte, augenscheinlich weit früher, als er es würde gethan haben, wenn er mich bei seinem Besuche nicht anwesend gefunden hätte. Als er weggegangen war, bemerkte ich, daß die beiden jungen Damen in immer trübere Stimmung verfielen und gleichsam noch über Das errötheten, was sich soeben zugetragen hatte. – »Ich denke, meine theuren Kinder«, sagte ich alsbald zu ihnen, »es ist wegen des Besuchs dieses Herrn, und nicht, weil er unzufrieden zu sein schien, mich hier anzutreffen, daß Sie einige Betrübniß und Beschämung empfinden. Wahrlich, ein junger Mann von feinerem Gefühl würde Ihre Abgeschiedenheit achten und wissen, daß die Thür einer kürzlich Vermählten nur für ihren Ehegatten offen ist.« – Hierauf weinten sie; und da ich sie bat, mir ihr Herz zu eröffnen, so gestanden sie mir, daß sie dieser junge Herr in der That mit seinen Zudringlichkeiten quäle; daß, nachdem sie sich sogar den Spaziergang versagt hätten, um ihm dort nicht zu begegnen, sie nun seinen Besuchen ausgesetzt wären und nicht einmal wagten, die Thür vor ihm zu verschließen, aus Furcht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehn, oder als schienen sie an unehrenwerthe Absichten nur zu glauben. – »Nun wohl, meine theuren Kinder«, sagte ich zu ihnen, »geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie inskünftige die Thür vor ihm verschließen wollen; und was den Spaziergang anbetrifft, so mache ich mich zur Gegengefälligkeit verbindlich, Sie alle Tage zu begleiten.« – Sie versprachen es mir, und wir kamen überein, daß ich von morgen ab bis zur Ankunft des Herrn Grafen ihr Kavalier für die Promenade sein sollte, wie ich, auf ihre Bitte, auch gern ihr Rathgeber und Beschützer sein wollte, ohne Zweifel vermöge meiner persönlichen Freundschaft, aber auch in Folge der Verpflichtung, die mir als Diener unseres Herrn Jesu Christi auferlegt ist, Meinesgleichen hülfreich zu sein und Keinem irgend je meinen demüthigen Beistand zu verweigern. 5. Als ich sie soeben verlassen hatte, wurde ich, indem ich grade aus dem Hotel gehn wollte, des jungen Herrn von vorhin ansichtig, und angeregt durch einen plötzlichen Gedanken, näherte ich mich ihm und bat ihn um einen Augenblick Gehör. – »Nun wohlan, was gibt's, reden Sie; was wünschen Sie, mein lieber Mann?« antwortete er. – Ich hätte gewünscht, daß er mich in sein Zimmer eintreten ließe, da ich ihm vertraute Dinge zu sagen hatte, und die Freitreppe, auf der wir uns befanden, allaugenblicklich beschritten wurde, sei es von einem Fremden, sei es von den Leuten des Hotels; aber da ich es nicht für die gelegene Zeit hielt, darauf zu bestehen, so sagte ich zu ihm: »Ich möchte Ihnen zu erwägen geben, daß, wie ehrenhaft auch Ihre Absichten sein mögen, Ihre häufigen Besuche bei diesen Damen dieselben durchaus vor der Welt bloßstellen müssen. Dann, wenn Sie dies werden zugegeben haben, werde ich Ihnen den Wunsch ausdrücken, daß Sie diesen Bestrebungen ein Ziel setzen mögen, so wie die Erkenntlichkeit, die wir, ich und Diejenigen, die der Gegenstand derselben sind, Ihnen dafür zollen.«– »Aber was geht das Sie an?« erwiederte er, mich mit ergrimmtem Blick ansehend, »und was haben Sie sich in das zu mischen, was mich angeht? ... Kümmern Sie sich lieber um Ihre Predigten und endigen Sie selbst mit Ihren Besuchen bei den Damen, die weder einen zweideutigen Beichtvater, noch einen dienstfertigen Beschützer bedürfen!« – Hierauf wandte er mir den Rücken; ich aber hielt ihn sanft am Arme zurück und sagte zu ihm: »Sie werden mich als Diener unseres göttlichen Erlösers entschuldigen, wenn ich etwas fest auf meiner Ansicht beharre. Aber sehen Sie, diese Damen sind Schafe, und Sie, Sie könnten leicht der räuberische Wolf sein, wovon der Apostel spricht. Urtheilen Sie nun, ob etwas daran liegt, daß der treue Hund sie gut bewacht ...« Hierüber fing er an zu lachen. »Nun, alter Narr, wenn Sie der treue Hund sind, so kehren Sie nur um und bewachen Sie Ihre eigne Heerde!« Dann kehrte er mir barsch den Rücken zu und entfernte sich. Ich belobigte mich über diesen Schritt, weil er mir die Gelegenheit verschafft hatte, inne zu werden, dieser junge Mensch sei eines jener Kinder des Reichthums, die aller Grundsätze baar und dem Müßiggange ergeben, ihr schönstes Alter zu verderblichen Handlungen anwenden und sich ein Geschäft daraus machen, Diejenigen anzuködern und zu verführen, die eben so sehr durch ihre Unschuld und ihr Bedürfniß zu lieben, als durch ihre Fahrlässigkeit oder Leichtfertigkeit dem ausgesetzt sind, in ihre Fallen zu gehn. Aber ich hegte deshalb nur um so mehr Befürchtungen für den guten Ruf meiner beiden jungen Damen und für die Bewahrung dieses guten Rufes, wozu ich mich soeben in gewisser Weise verpflichtet hatte, um ihn unverletzt dem Herrn Grafen überantworten zu können. So bat ich denn noch während des Gehens Gott um seinen Beistand bei dem Werke, das ja seinen Geboten entsprach, und bedenkend, daß jener junge Mann, indem er mich ermahnte, zu meiner eignen Heerde zu gehen, mir hierin eine gerechte Anweisung gegeben hatte, diese nicht um Andrer willen zu vernachläßigen, beschloß ich, einstweilen meine Thätigkeit und meinen Eifer zu verdoppeln, damit die Spaziergänge, zu denen ich mich anheischig gemacht hatte, meinen Pfarrkindern nicht die geringste Fürsorge, die ich ihnen schuldig wäre, entzögen. Als ich diesen festen Entschluß gefaßt hatte, kam mir die Kraft mit der Ruhe, und ich war darauf bedacht, noch in derselben Stunde mein Tagewerk zu fördern. 6. Von dem nächsten Tage an holte ich nun die beiden jungen Freundinnen ab, und wir begannen unsere Promenaden. Bald gab ich die Richtung an, bald ließ ich mich dahin führen, wohin es meinen Begleiterinnen beliebte. Aber als sie sich hinreichend mit den Umgebungen unserer Stadt bekannt gemacht hatten, fiel ihre Wahl unvermerkt fast immer auf den Spaziergang, den man die Gärtenpromenade nennt. Dieser Spaziergang ist einsam, melancholisch, und eintönige Felsen, an deren Fuße die Arve und der Rhone fließen, um sich bald jenseits einer öden Sandstrecke zu verbinden, beschränken den Horizont schon in geringer Entfernung. Aber man befindet sich dort allein; der Lauf der Wellen zieht an, und wurmstichige Weiden schützen unter ihrem biegsamen Gezweige einen stets erfrischenden Pfad. Ich selbst – so große Macht übt die Gewohnheit auf uns aus – zog zuletzt diesen Gang allen übrigen vor, und ich hätte es bedauert, wenn ich ihm einmal an einem Tage untreu geworden wäre. Jetzt noch, zehn Jahre später, mache ich ihn wenigstens einmal in der Woche. Auf diesen Promenaden lernte ich Dinge kennen, die mich erfreuten; ich bemerkte andere, die mir zu denken gaben. Der junge Herr hatte seine Annäherungen ausgesetzt, und seit die Damen Gelegenheit gehabt hatten, ihre Thüre vor ihm zu verschließen, um sie desto öfter mir selbst aufzuthun, war nichts weiter vorgefallen, was ihrem Ruf hätte schaden können. Unter diesen Umständen nun freute ich mich, ihnen zu Hülfe gekommen zu sein, und dankte Gott, der, wenn man den rechten Willen hat, sich offen unter seine Hut zu stellen, es niemals unterläßt, uns seinen Schutz zu gewähren. In andrer Rücksicht aber hegte ich einige Besorgniß. In Wahrheit erwiesen mir diese Damen, nach meiner Ansicht, ein großes Zutraun und unterhielten sich in meiner Gegenwart auf die rückhaltloseste Weise, so daß es mir, wenn ich sie so oft die Tugenden und Eigenschaften des Grafen erheben hörte, war, als hätte ich selbst ihn ebenso genau gekannt und geschätzt. Andrerseits aber, außerdem daß ich mir nicht mehr, ohne Gedanken an Zwischenvorfälle und Glückswechsel, sowohl die Ursachen seines längeren Ausbleibens, als besonders die seines Schweigens erklären konnte, hatte ich bemerkt, daß die beiden jungen Freundinnen, so frei sie sich sonst in ihren Gesprächen ergingen, nur selten vor mir ihrer Familien, und nur mit einigem Rückhalt, erwähnten. Ueber diesen Punkt also blieb ich weniger befriedigt und ich begann in dieser Hinsicht solches Mißtrauen zu fassen, daß es mir peinlich wurde. Denn Eines hat mich eine lange Erfahrung unter den Menschen gelehrt, daß nämlich unter allen Bürgschaften über Aufführung und Charakter, wornach man gern im Stande sein möchte, sie zu beurtheilen, keine über die aufrichtigen Zeichen einer freien und offnen Liebe zu den Seinigen geht. Wenn übrigens meine beiden Gefährtinnen, meiner Meinung nach, in dieser Hinsicht allzu zurückhaltend in ihren Aeußerungen waren, so antworteten sie auf meine sonstigen Fragen sehr willfährig und ohne Ausweichen. Ich erfuhr also, daß sie zweien ehrenhaften Familien der Stadt Bremen angehörten; daß sie, von ihrer ersten Kindheit an, eine lebhafte und unauflösliche Freundschaft geschlossen hätten; daß die eine die Heirat der andern befördert hätte, indem sie ihr das Versprechen gab, sich nicht von ihr zu trennen, und dieser Ehebund zu Delmenhorst, einem kleinen Flecken ganz nahe bei Bremen, eingesegnet worden wäre, und zwar an dem nämlichen Tage, an welchem sie ihre Familien verlassen hätten, um die Reise anzutreten, die sie nach Genf brachte. Einige von diesen Umständen würden mir unter andern Verhältnissen romanhafter erschienen sein, als es sich schickt, und eine große Unerfahrenheit im Leben bewiesen haben; aber so zwanglos und zugleich so schwunghaft war der Zug des Geistes der beiden jungen Freundinnen, daß im Gegentheil grade diese Umstände in meinen Augen die Wahrheit ihres Berichts bestätigten. Was ihre Vermögensumstände anbelangte, so urtheilte ich darüber weniger nach ihren Gesprächen, als darnach, wie sie sich trugen; nach dem Hotel, das sie sich gewählt hatten, und nach dem Anschein von Ueberfluß, den man in Allem wahrnehmen konnte, was ihre Personen betraf, so daß ich wenigstens von dieser Seite einen Grund der Sicherheit für die Gegenwart und eine sehr beruhigende Quelle für die Zukunft ersah, wenn etwa endlich eine lange und kostspielige Reise das einzige Mittel bliebe, um sich wieder mit dem Grafen zu verbinden oder zu ihren Familien zu gelangen. 7. Auch erstaunte ich ausnehmend, als ich eines Sonnabends Abends, kurz nachdem ich meine Gefährtinnen soeben nach Hause zurück gebracht hatte, und indem ich aus ihrem Zimmer herauskam, den Wirth vor mir stehen sah, der mich abgewartet hatte, um mich wissen zu lassen, daß, weil er bisher noch keine Contozahlung auf den ziemlich beträchtlichen Aufwand, den diese Damen machten, erhalten habe, er in Betracht dessen unruhig zu werden anfange, und daß er, insofern ich die einzige Person wäre, an die er sich in dieser Angelegenheit wenden könne, mich bitten wolle, ihnen die Schicklichkeit begreiflich zu machen, sich des Ganzen oder doch wenigstens eines Theils dieser Schuld ohne zu große Verzögerung zu entledigen. Ich erwiederte ihm, daß er sich ohne Grund beunruhige; daß die Lage sowohl dieser Damen als ihrer Familien ihm alles Zutrauen einflößen dürfte, und daß außerdem ich selbst mich dafür verbürgte, daß alle seine Unkosten ihm ungeschmälert wieder erstattet werden würden. Diese Worte schienen mir ihn vollkommen sicher gemacht zu haben, denn er drückte mir alsbald sein Bedauern aus, daß er erst diesen Schritt gethan hätte, sowie den sehr lebhaften Wunsch, ich möchte gefälligst doch ja nichts davon gegen die Damen verlauten lassen. Während der Wirth mit mir sprach, hatte ich bemerkt, daß der junge Herr von neulich, ohne daß er übrigens unserem Gespräch Aufmerksamkeit zu leihen schien, sich doch nichtsdestoweniger nur in solcher Entfernung befand, um etwas davon zu hören. Als ich nach meiner Wohnung durch die untere Straße zurückging, trat ein Juwelier, mit dem ich von ehedem in Gemeindebeziehungen stand, schnell in seine Thür, sobald er mich ansichtig wurde, und indem er mich bat, in seinen Laden einzutreten, legte er mir zwei schöne goldne Agraffen vor, womit ich wirklich mehrmals die beiden jungen Freundinnen geschmückt gesehen hatte. – »Ich habe sie nach dem Gewichte gekauft«, sagte er zu mir; »Sie kennen aber diese Damen, da man Sie ja dieselben jeden Tag auf die Promenade geleiten sieht. Sie werden mir also sagen können, ob ich unbedacht gehandelt habe, als ich diesen Kauf machte, den ich übrigens sehr bereit bin wieder rückgängig werden zu lassen.« Ich bezeigte ihm gleich sehr mein Erstaunen wie mein Bedauern, zu erfahren, daß diese Damen genöthigt wären, sich so ihrer Kostbarkeiten zu entäußern, und indem ich ihn bat, so gut zu sein, und diese Agraffen noch einige Tage zu behalten, zum wenigsten bis zur Ankunft des Grafen, dessen Ausbleiben ohne Zweifel der Grund dieser augenblicklichen Verlegenheit wäre, ermahnte ich ihn, einen Umstand nicht ruchbar werden zu lassen, der zwei jungen, übrigens aber der Theilnahme und der Achtung würdigen Personen beleidigende oder ungünstige Vorurtheile zuziehen möchte. Er versprach es mir, ohne mir jedoch zu verbergen, daß er seines Theils nicht sehr an die Tugend dieser jungen Personen glaube, und noch weniger an die Wirklichkeit dieses so lange Zeit erwarteten und stets unsichtbaren Grafen. Dieses Stachelwort machte auf mich einen peinlichen Eindruck, nicht weil ich an der Wirklichkeit des Herrn Grafen gezweifelt hätte, sondern weil ich, unfähig, den unwiderleglichen Beweis dafür zu führen, eine junge Frau und ihre Freundin auf solche Art allerlei gefährlichen Verleumdungen, welche eine ungewisse Stellung und eine zweideutige Lage glaublich machen, ausgesetzt sah. In meiner Wohnung angekommen, fand ich einen Brief vor, den ein Mensch soeben abgegeben hatte. Dieser Brief, den ich sogleich öffnete, hatte keine Unterschrift, doch ließ sich der Schreiber desselben absichtlich errathen. Er lautete: »Herr Prediger! Sie sollten jetzt begreifen, wer Ihre Schützlinge sind, und daß etwas Kluges in meinen Worten lag, als ich Sie neulich, indem ich Ihnen rieth, sich um Ihre eigne Heerde zu bekümmern, verblümterweise vor der Beschämung retten wollte, sich von zwei Kreaturen hintergangen zu fühlen, die ich selbst zu besuchen aufgehört habe, nachdem ich in Erfahrung gebracht, welcher Art sie sind, und was ihr Anschein von Reichthum zu bedeuten hat. Hören Sie also auf, Ihre weißen Haare bloßzustellen, und lernen Sie die Demuth, zu glauben, daß in solchen Dingen ein junger, mit der Welt vertrauter Gelbschnabel klarer sieht, als ein Prediger, der nur seine Kirchgemeinde kennt. Genehmigen Sie meinen eiligen Gruß.« Dieser Brief, so sehr er mir auch ebenso großen Unwillen als Mißtraun gegen den jungen Mann einflößte, verursachte mir doch eine lebhafte Beängstigung und, wie ich gestehen muß, Zweifel, an denen die Eröffnungen des Wirths, die des Goldschmieds, sowie die Spangen, die er mir gezeigt hatte, sicherlich einigen Antheil hatten. Und da ich zu gestört in mir war, um auf der Stelle einen ruhigen Entschluß zu fassen, so ging ich zuvörderst auf mein Zimmer, wo ich nach einem kurzen Gebet das Evangelium aufschlug und mich daran begab, einige Seiten mit einem lebhaften Gefühl meiner Schwäche zu lesen, und mit einem nicht minder lebhaften Gefühl der Hülfe, der man immer begegnet, wenn man sich über die irdischen Beweggründe und Vorurtheile erhebt, um an jener Quelle aller hehren Gnade und jeder vollkommnen Gabe zu schöpfen. Nach dieser Erbauung empfand ich in der That keine Beschämung mehr darüber, daß ich, wenn dies ja der Fall wäre, meine weißen Haare im Dienst einer ehrenwerthen Absicht und eines selbstsuchtlosen Irrthums hatte bloßstellen können. Ich fand mich bestärkt in dem Gedanken, der außerdem von christlicher Liebe zeugte, daß ich, trotz so großer Ungewißheit, in der ich schwebte, doch größeren Glauben in die Anzeichen von Wohlanständigkeit, die mir Achtung für zwei Personen von noch so zartem Alter eingeflößt hatten, setzen sollte, als in stets zur Verlästerung geneigte und oft sogar sträflich an der Welt betheiligte Aeußerungen; daß ich endlich, setzt man auch voraus, diese beiden jungen Mädchen wären wirklich »Kreaturen«, als Diener eines Herrn, der mit den Zöllnern verkehrte, der Menschen von schlechtem Lebenswandel seine Hand darreichte und die Ehebrecherin wieder aufrichtete, ihnen ganz so meinen Beistand schuldig wäre, als wären sie nur zwei anständige und blos unvorsichtige oder vorübergehend in Bedrängniß befindliche Mädchen. Ich beschloß also, meine Vorsicht zu verdoppeln, ohne von der christlichen Liebe nachzulassen, und nachdem ich noch an demselben Abend meinen Sohn zum Mitwisser aller meiner Besorgnisse und meiner Entschlüsse gemacht hatte, sei es, um seine Meinung zu hören, sei es, daß er gewaffnet wäre gegen das, was ihm etwa zu Ohren käme, und auch, um ihn unvermerkt darauf zu richten, daß er seinen Weg von den sich durchkreuzenden Pfaden dieser Welt trenne, suchte ich mein Lager, wo ich eines friedlichen Schlafes genoß. 8. Als ich mich den dritten Tag darauf, welches ein Montag war, in gewohnter Weise aufmachte, um die beiden jungen Damen auf ihrem Spaziergange zu begleiten, fand ich sie in einem schwer zu beschreibenden Zustande der Verzweiflung, und mein erster Gedanke war, sie möchten in Betreff des Grafen irgend eine schlimme Nachricht erhalten haben, die ihre schleunige Abreise erforderte. Ihre Sachen lagen in Unordnung umher, ihr Geschmeide zerstreut hier und da auf den Möbeln, und während die junge Vermählte sich in einer Ecke dem Weinen und Schluchzen hingab, beschäftigte sich ihre gelassenere, aber erbleichte und bestürzte Freundin damit, Kleidungsstücke einem Weibe, das ich anfangs für die Wäscherin hielt, zu übergeben. Hinter dieser Frau aber schien ein Mann, den ich als einen Juden meines Viertels erkannte, zu warten, bis jene mit den Kleidern zu Ende wäre, um dann den Handel wegen der Schmucksachen zu beginnen, so daß ich mir sogleich sagte, es sei hier weit eher von den Forderungen des Wirthes, als von üblen Nachrichten von Seiten des Grafen die Rede. Es war jedoch auch das nicht, und Demüthigung weit mehr als Unglück war die Ursache der Thränen, die ich vergießen sah, und des Vorganges, wovon ich Augenzeuge war. Nachdem sich die Verheiratete, ohne anfangs ein einziges Wort hervorbringen zu können, in meine Arme gestürzt hatte, rief sie aus: »O mein guter Herr Bernier, werden Sie uns wohl noch beschützen wollen nach einem so großen Schimpfe, der uns mit Schmach bedeckt und uns der Verachtung aller Welt anheimgibt!« – »Was ist es denn, mein theures Kind«, sagte ich zu ihr, »und wenn Sie nicht Uebles begangen haben, wie kann Sie dann Verachtung treffen?« – Ich erfuhr nun, daß, höchst wahrscheinlich von niederträchtigen Absichten angestachelt, der Schreiber des Briefes, den ich erhalten, derselbe junge Mann, der am Tage vorher mein Gespräch mit dem Wirth mit angehört, sich beeilt hatte, diesem die Schuld der jungen Damen, die er für »Kreaturen« hielt, zu zahlen, und daß er es darauf gewagt hatte, bei den Damen zu erscheinen, versichert, geduldet und dann günstig aufgenommen zu werden, nachdem er, unter dem Anschein eines Darleihers, sich als den Urheber ihrer Befreiung und inskünftige als Gebieter über ihr Schicksal angesehen haben würde. Als hierauf die Damen sogleich die volle Unwürdigkeit dieses dienstfertigen Darlehens aus der höflichen Zweideutigkeit seiner Anträge erkannt, hatten sie den Wirth kommen lassen und ihm erklärt, daß er noch vor Ablauf einer Stunde bezahlt werden sollte, und daß sie gleichfalls, noch ehe eine Stunde verflossen, das Haus eines Mannes verlassen würden, der verächtlich genug wäre, durch seine niedrige Habsucht rücksichtslos den Ruf der Fremden, die bei ihm ihren Aufenthalt gewählt hätten, öffentlich bloßzustellen. Daher die Anwesenheit dieser Frau und des Juden; daher diese Unordnung der Effekten und dieses Schluchzen, hervorgerufen durch eine höchst beleidigende Beschimpfung. – Während die junge Vermählte mir diese Einzelheiten mittheilte, war der Handel weiter vor sich gegangen, und es hatte sich daraus eine Summe von ungefähr fünfzehnhundert Franken ergeben. – »Genug!« rief jetzt die Freundin; »entfernt Euch, und der Wirth soll kommen!« – Als dieser eingetreten war, wollte er sich erklären, Entschuldigungen vorbringen, Fristen vorschlagen; aber dieselbe Dame rief: »Fristen! nur noch eine Minute länger in Ihrem verhaßten Hause?! O! zu viel Ehre, und für uns zu viel Schmach, Unwürdiger, der Sie sind, daß wir überhaupt nur ein einzigesmal ihre Schwelle betreten haben! Hier sind Ihre zwölfhundert Franken; geben Sie mir den Empfangschein darüber; streichen Sie sie in Gegenwart dieses Herrn ein; verlieren Sie nicht ein Wort weiter und beleidigen Sie unsere Augen nie wieder durch Ihren Anblick!« – Der Wirth fügte sich in das, was ihm mit einem so gebietenden Tone befohlen war, und nachdem er sich entfernt hatte, blieb ich noch bei den beiden jungen Damen, welche um die übrigen Sachen, die noch zerstreut im Zimmer umherlagen, unbekümmert, in mich drangen, das Hotel in größter Eile zu verlassen. »Nur einen Augenblick, einen Augenblick, meine lieben Kinder!« rief ich ihnen zu; »ich muß erst wissen, wohin wir gehen wollen.« Hierauf setzten sie sich nieder, erschöpft von Schmerz und Angst, und kaum hatten sie dies gethan, so zerflossen sie in Thränen. »In der That«, sagte ich zu ihnen, »Sie sind grausam beleidigt worden, und wenn der Herr Graf nicht bald ankommt, so droht Ihre Lage eine lästige zu werden. Doch – meine theuren Kinder, Unvorsichtigkeit, Unglück, Noth sind noch keine Sünde, und wenn die Prüfung von Gott kommt, so kommt auch die Befreiung von ihm. Lassen Sie uns also Muth fassen, und ein andermal, wenn Sie mich noch als Beschützer annehmen, halten Sie nicht mit Ihren Geheimnissen vor mir zurück; denn wenn ich gewußt hätte, daß Sie derzeit von Geld entblößt waren, so würde ich Ihnen durch sehr annehmliche Rathschläge, wenn auch nicht durch Opfer, die nicht in meiner Macht stehn, gewißlich diese Demüthigung und diese Verzweiflung erspart haben. Im Augenblick ist es das Dringendste, für Sie ein anständiges und bescheidenes Unterkommen für die Nacht zu finden, und ich will mich dazu anschicken; Sie selbst sorgen ebenso dafür, diese noch übrigen Effekten, die Ihnen einst noch werthvoller erscheinen dürften, als Sie es sich jetzt denken, in Ihre Reisekoffer einzuschließen, und in einer halben Stunde ungefähr werde ich zurückkehren, um Sie von hier weg nach einem sichern Aufenthaltsort zu bringen.« Sie stimmten in diese Anordnung ein, und nachdem wir überein gekommen, daß ich bei meiner Rückkehr auf eine gewisse Weise klopfen sollte, um daran erkennen zu lassen, daß ich es sei, so sehr befürchteten sie, daß sich der Wirth oder der junge Herr an ihrer Thüre einfinden möchten, verschlossen sie sich inwendig durch doppeltes Umdrehen des Schlüssels, während ich ging, ihnen eine Wohnung aufzusuchen. 9. Dieser Zwischenfall, so peinlich er auch an sich war, hatte doch nichtsdestoweniger meine Tags zuvor in Betreff der beiden jungen Damen gefaßte Ansicht befestigt, und sogar ihre Unbesonnenheit mitten in der Bedrängniß, sogar jene Uebereilung, die sie trieb, sich auf die Straße zu begeben, ohne auch nur daran zu denken, ihre ihnen noch verbliebenen Sachen mitzunehmen, sondern einzig, um sich schneller unlautern Anschlägen zu entziehen: genug, Alles trug bei mir dazu bei, zu glauben, daß ich wohl daran gethan hätte, sie lieber nach ihrer Erscheinung und ihren Gesprächen zu beurtheilen, als nach einigen ohne Zweifel tadelnswerthen, doch immerhin entschuldbaren und überdies noch durch die Schmähsucht entstellten Handlungen zu beurtheilen. Andrerseits flößte mir die soeben gemachte Entdeckung von ihrer Geldverlegenheit und einem Geheimniß, welches sie vor mir zurückgehalten hatten, Zweifel ein, die ich noch nicht gehegt hatte, wenn auch nicht über ihre Wohlanständigkeit, doch zum wenigsten über ihre Lage, und ich sagte mir, es wäre, nach alle dem, möglich, daß sie mir etwas verheimlichten. Wäre es in der That möglich, daß dieser Graf, ohne irgend ein Zeichen des Lebens von sich zu geben und ohne ihr die Mittel an die Hand gegeben zu haben, sich Geld zu verschaffen, eine so junge Gattin im Stiche ließe? Wie sollte man es sich auch erklären, daß diese Damen, in dem Maße, als sich die Abwesenheit des Grafen und ihr Aufenthalt im Hotel in die Länge zogen, also in dem Maße, als sie die Zeit einer Entblößung immer näher heranrücken sahen, sich nicht schon längst an ihre Familien wandten, die doch gewiß alle beide reich sind? Sicherlich waren dies nicht »Kreaturen«, nach dem abscheulichen Ausdruck des jungen Lüstlings; aber sicherlich auch nicht Damen, deren Stellung jene Einfachheit der Bezüge darböte, die im Allgemeinen, wenigstens nach dem ersten Blicke, das unzweideutigste Kennzeichen eines regelrechten Lebens und einer makellosen Aufführung ist. Ich wandte mich gradezu an die Familie jenes Sterbenden, dessen ich erwähnt habe. Es waren dies wenig bemittelte Leute, denen es deshalb wohl gelegen kam, sich eines Theiles ihrer Ausgaben zu entlasten, indem sie, zum Vortheil der jungen Damen, diese in ihr bestes Zimmer als Untermietherinnen einnahmen. Außerdem verpflichteten sie sich, dieselben für einen mäßigen Preis zu beköstigen und ihnen sogar die kleinen täglichen Dienste zu verrichten. Ich schloß also mit ihnen ab, und während sie einige artige Möbel zurecht stellten, um die Bewohnung dieses Zimmers zierlicher und bequemer zu machen, verließ ich sie, um die Damen abzuholen. Aber diesmal überschritt ich die Schwelle dieses Hauses nicht, ohne mich zu erinnern, daß schon nicht mehr jener Gegensatz bestand zwischen der sorglosen Heiterkeit der beiden Freundinnen und der Betrübniß jener Trauernden, so daß ich, indem ich an meine Predigt dachte, bei der ich mir, während ich sie hielt, das allzu grämliche Thema vorwarf, jetzt vielmehr bedauerte, sie nicht beredt genug ausgeführt zu haben, um Diejenigen noch wirksamer auf die Prüfung vorzubereiten, die ich nun einer solchen ausgesetzt sah. So schwanken wir, o gütiger Gott, beim Hauche jedes Eindrucks und jedes Wechsels, während wir ein für allemal das Steuer deines Gesetzes festhalten sollten. Deine Wege sind nicht unsere Wege; aber unsere Schwachheit bleibt immer unsere Schwachheit, und unser Stolz immer unsere Falle; dein Erbarmen walte über uns! 10. Als ich wieder im Hotel eingetroffen war, fand ich daselbst die Effekten eingepackt und die beiden jungen Damen, die zitternd in ihrem leeren und gleichsam schon unbewohnten Zimmer hin und her irrten. Dies geschah in Folge dessen, daß man während meiner Abwesenheit wiederholt an ihre Thür geklopft, und am Ende der junge Herr lebhaft von außen darauf bestanden hatte, einen Augenblick eingelassen zu werden, um, wie er sagte, wenigstens seine Schritte rechtfertigen und seine Absichten erklären zu können. Um nun meine beiden Gefährtinnen in einem Augenblick, in dem ich sie einem so großen Schreck anheimgegeben sah, nicht allein zu lassen, rief ich einen Packträger, der auf dem Platze seinen Standort hatte, aus dem Fenster herbei, und nachdem ich ihn beauftragt, das Gepäck in die Gefängnißstraße Nr. 37, in den vierten Stock zu bringen, machte ich mich selbst auf den Weg, indem ich an jedem Arm eine der jungen Damen führte. Leute, deren Aufmerksamkeit durch die Scene am Morgen rege geworden war, hatten sich auf die Treppe des Hotels gestellt, oder auf der Freitreppe gruppirt, und das ungewohnte Schauspiel eines alten Seelenhirten, der zum Kavalier zweier jungen Personen von einer in ihren Augen zweideutigen Sittlichkeit geworden war, erzeugte auf ihren Gesichtern während unseres Vorübergehens das unbarmherzige Lächeln des Spottes. Als wir die Schwelle überschritten hatten, ließen sich Gelächter und verschiedene Spottrufe vernehmen, und in diesem Augenblicke hatte ich große Mühe, meine Gefährtin zur Rechten zu unterstützen, deren Kniee unter ihr wankten. Aber ihre Freundin kam mir zu Hülfe, und sobald wir jene zwischen uns führten, konnte sie sich leichter vorwärts bewegen. »Meine lieben Kinder«, sagte ich unterwegs zu ihnen, um sie von dem, was ich unterdeß für sie gethan, zu unterrichten und zugleich sie wieder aufzuheitern, weil ihre Betrübtheit mein Mitleid erregte: »ich bringe Sie in eine Wohnung, nicht weit von der Stelle, wo ich Sie zum erstenmale sah; sie dient also zur Erinnerung an jenes Begegnen, woran sich unsere Freundschaft geknüpft hat. Die Gegend ist nicht sehr schön, wie Sie wissen, und es ist dort etwas windig; aber die Leute sind gut, die Lage ist geschützt, und das Zimmer, so bescheiden es auch ist, gewährt Ihnen, von dem Fenster aus einen ziemlichen Theil der Werke unseres gütigen Gottes zu schauen: den See, die Anhöhen, die Gebirge und diesen weiten Himmel, von wo Er uns sieht, von wo Er uns beschützt und zu uns spricht. Mit mäßigen Hülfsmitteln können Sie hier bis zu bessern Tagen ausreichen und unter meiner Obhut Ihre Sittsamkeit wahren, die vor allen Dingen Ihr vornehmster und einziger Schatz ist. Ich werde Sie hier öfter besuchen, weil meine Wohnung nahe liegt, und sobald sich bei Ihnen diese sehr natürliche Furcht gelegt haben wird, wollen wir wieder unsere Promenaden beginnen. Darum nun, meine theuren Kinder, hegen Sie nicht mehr Furcht als ich, der ich an Sie geknüpft bin; nehmen Sie diese Prüfung hin, als solche, die der Seele noch weit dienlicher, als sie dem Fleische bitter ist, und Sie werden an dieser Zufluchtstätte, wohin ich Sie führe, unterdeß Muth, Ruhe und sogar Zufriedenheit wieder finden, bis es Gott gefällt, Sie wieder dem Gatten zuzuführen, von welchem Ihre Freudigkeit und Ihre Sicherheit abhängen.« Während dieser Worte gelangten wir in die Straße, auf die Treppe und endlich in das Zimmer. Als die Wirthsleute den reichen Anzug meiner beiden Schützlinge sahen, schien sie ein eben so starkes Gefühl der Verrechnung als Staunen zu ergreifen, und statt beeifert, wie ich sie verlassen hatte, fand ich sie unsicher, unthätig, zu Bedenklichkeiten aufgelegt, vorzüglich nachdem die beiden jungen Damen, ohne ihnen noch etwas Liebreiches wegen der Unruhe, die sie ihnen verursachten, zu sagen, sich schleunig in ihr Zimmer begeben hatten, um sich dort von neuem den heftigsten Schmerzensausbrüchen zu überlassen. Ich sah mich also genöthigt, die Thür abzuschließen; worauf ich ihnen vorstellte, daß, wenn sie sich so gegen die einfachen Leute benähmen, bei denen ich sie eingemiethet hätte, sie Gefahr liefen, diese einzuschüchtern, und jedenfalls von neuem die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sich für die Folge Verdruß zu bereiten. Alsbald unterdrückten sie ihr Schluchzen und gaben, nachdem sie selbst die Thür wieder geöffnet hatten, hinter welcher übrigens die Leute des Hauses, um zu horchen, stehen geblieben waren, diesen mit vieler Anmuth das Vergnügen darüber zu erkennen, sich bei ihnen zu befinden, und wie sehr ihnen das Zimmer gefiele, so wie den Dank, den sie wegen desjenigen empfänden, dessen sich jene zu ihrer Bequemlichkeit beraubt hätten. Auf diese Erklärungen schienen die Leute wieder Zutraun gefaßt zu haben: sie halfen mir die Zimmerausstattung für die Damen vervollständigen, und als ich diese beruhigter sah, beeilte ich mich, zu meinen Geschäften zurückzukehren, deren Gang schlimmerweise durch den Zwischenvorfall, den ich soeben mitgetheilt habe, unterbrochen worden war. 11. Als ich nach einigen Besuchen wieder in meine Behausung eintrat, fand ich daselbst den jungen Herrn vor, der mich erwartete, und bald beim Eintritt rief ich ihm ohne weitere Umstände zu: »Hebe dich von mir, Satan! ... und da die Zeit kostbar ist, so kehre zu deinen Lastern zurück, und ich werde an meine Geschäfte gehen.« – Zu gleicher Zeit öffnete ich ihm die Thüre meines Zimmers und deutete ihm dadurch klärlich an, daß ich allein gelassen sein wollte. Er aber machte keine Bewegung, hinaus zu gehen, sondern nahm sich vielmehr einen Stuhl und setzte sich darauf nieder, indem er sagte: »Zum Henker! ich habe geschworen, daß ich Sie sprechen müßte, und Sie werden mich anhören!« – »Ich bin nicht schuld daran, daß Sie einen falschen Schwur gethan haben«, antwortete ich ihm; »aber ich bitte, entfernen Sie sich: es ist schon spät und ich habe noch viel zu thun.« – Nun gab er sich Mühe, indem er die Oberflächlichkeit meines Urtheils anklagte und sich das Ansehn gab, ein ebenso guter Christ zu sein als irgend Jemand, mich zu überreden, daß er in anständigen Absichten gehandelt, und daß, da ihm die Ehre zu Theil geworden, die Damen ein wenig kennen zu lernen, es ihm sehr natürlich geschienen hätte, ihnen die Unannehmlichkeit, sich Geld verschaffen zu müssen, zu ersparen, indem er selbst ihre Ausgaben durch ein freiwilliges Darlehn decke. Hier unterbrach ich ihn, indem ich ihn fragte: »Und Ihr Brief?« – »Was für ein Brief?« – Ich hielt ihm denselben vor, und indem er nach ihm griff, um ihn zu zerreißen, rief er zornig aus: »Eine Niederträchtigkeit, mein Herr, eine Abscheulichkeit! und ich habe das Recht, mich davon beleidigt zu fühlen, daß Sie auch nur einen Augenblick dieses schändliche Machwerk haben mir zuschreiben können!« – Darauf zog er ein Billet aus seiner Tasche und sagte: »Ueberzeugen Sie sich übrigens einmal, ob diese Handschrift, welche die meinige ist, die geringste Ähnlichkeit mit derjenigen hat, die Sie mir da vorweisen!« – »Hebe dich weg von mir, Satan!« erwiederte ich hierauf sehr kurz, und indem ich abermals die Thür vor ihm aufmachte, sagte ich: »Ich habe Sie angehört; jetzt haben Sie die Gefälligkeit, sich auf das schleunigste von hier zu entfernen.« – Aber er ging nicht; und wieder auf die Damen zurückkommend, sagte er mir, daß die eine derselben, welche noch frei wäre, ihm wirklich gefallen hätte; daß er, frei, wie er sei, und Besitzer eines schönen Vermögens, bei allen seinen Schritten, und insbesondere bei jenem Darlehn, worüber ich so ungerechterweise erzürnt gewesen wäre, nur beabsichtigt hätte, sich durch einen Liebesdienst angenehm zu machen, auf diese Weise ohne Vorwissen der Damen die Habgierde des Wirths einschläfernd; daß das Aufsehen durch eine übertriebene und durch mich selbst noch unglücklicherweise verstärkte Empfindlichkeit hervorgerufen worden wäre, und daß er darüber den lebhaftesten Schmerz empfunden hätte. – »Da sieht man doch«, fügte er hinzu, »wohin eine gute Handlung führen kann! Sie, der Sie der Erste sein sollten, sie zu loben, tadeln sie laut, und diese Damen, oder wenigstens die eine von ihnen, welcher ich mein Vermögen und meine Hand anzubieten geneigt gewesen sein würde, diese Damen sind, Dank Ihnen, gegen mich voll der ungünstigsten Vorurtheile! Dennoch bin ich willens, wenn Sie mir ferner nicht mehr den Weg durchkreuzen wollen, all das Ueble, dessen ich mich unfreiwillig schuldig gemacht, zu vergüten und vielleicht verlassenen und hülflosen Personen Vermögen und zugleich einen Beschützer wieder zu geben.« – Hierauf rief ich zum drittenmale: »Hebe dich weg von mir, Satan!... Und wenn Sie nicht gehn, so werde ich es; sehen Sie, was Sie vorziehn!« – »Nur noch ein Wort«, versetzte er, »und ich werde Ihrer Aufforderung Folge leisten, die noch überdies nicht sehr höflich ist. Erwarten diese Damen nicht den Grafen?« – »Wohl möglich.« – »In Kurzem?« – »Ich weiß nichts davon.« – »Ja, weil die Briefe ausbleiben?« – »Das geht Sie nichts an.« – »Nun Wohl! ich sage Ihnen, damit Sie sich darnach richten können: die Briefe werden niemals eintreffen und der Graf ebenso wenig.« – Dann grüßte er mich und verließ mich auf der Stelle. 12. Der Auftritt hatte mich angegriffen, aber dieses letzte Wort schmetterte mich nieder; und ich weiß nicht, was für ein Blitz meine Seele durchfuhr, der wie mit einem düsteren Leuchten die Art von Geheimniß erhellte, das hier noch über der wirklichen Lage der beiden jungen Damen schwebte. Bei alledem, sagte ich mir alsbald: welchen Glauben verdienen die Worte des Schlechten, und darf denn der treue Hund von dem räuberischen Wolfe die Wahrheit erwarten? ... Aber wie! wenn die Schmähsucht uns befängt, so findet sich auch die Verlästerung an den Ausgängen, um in unsern Geist einzudringen, und von diesem Augenblick an werde ich nicht mehr die volle Sicherheit und das reine Zutraun wiederfinden, die bis auf einige leise Eindrücke bis jetzt meine Schritte und meine Dienste für die jungen Damen begleitet hatten. – Der Graf, hatte er gesagt, wird niemals kommen! Was bedeutete dann die ruhige Ueberzeugung seiner jungen Vermählten, was ihre Herzensergießungen, von denen ich Zeuge gewesen war, ihre Unbefangenheit, von der sich meine alte Erfahrung zu oft wiederholtenmalen, als von dem Anzeichen einer lautern Seele und eines von Verderbtheit freien Herzens, so schnell hatte einnehmen lassen? Oder hatte ich es etwa mit solchen frühzeitig lasterhaften und der Verstellung fähigen weiblichen Wesen zu thun, deren Schlauheit mit wunderbarer Vollendung in ihrer äußern Erscheinung die höchste Wahrheit der Aufrichtigkeit und der Unschuld nachtäuscht? Oder war ich auch wohl – denn ich werde alt, und die Geisteskraft nimmt ab mit den Jahren – der von selbst unklug gebrauchten Kunstgriffen unkluge Hintergangene und hat mir nicht etwa mein Alter selbst die Falle gestellt, in der ich mich fing, als ich mich zum Beschützer zweier Abenteurerinnen aufwarf, in deren Vortheil es lag, ihren unsittlichen Lebenswandels mit der geachteten Hülle meines Amtskleides zu bedecken? ... In Wahrheit, ich wußte nicht mehr, was ich denken sollte, und so groß war meine Unruhe, daß, nachdem ich, wie kürzlich, meine Zuflucht dazu genommen hatte, im Evangelium zu lesen, und mich dadurch nicht beruhigter fand, ich zu glauben begann, ich hätte sogar durch eine uneigennützige Selbsttäuschung meinen Charakter bloßstellen können, und grade dadurch, daß ich diese beiden jungen Frauenspersonen vor Schlimmem zu retten gedachte, ihnen nur ihre Sünden erleichtert und ihrer Unbußfertigkeit zum Deckmantel gedient. Die Nächte sind schrecklich, wenn man sie in Zweifeln solcher Art hinbringt, und wenn man zugleich ungewiß über seinen Nächsten und sich selbst ist und sich ebensowohl scheut, nach christlicher Liebe zu handeln, als nicht. Auch hatte mich in dieser Nacht eine solche Schlaflosigkeit befallen, daß ich am folgenden Morgen unfähig war, das Bett zu verlassen. 13. An diesem Tage, wie an den folgenden, schickte ich meinen Sohn, sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen, die, nachdem sie seine Stimme vernommen und sich hatten sagen lassen, wer er wäre, seine Bekanntschaft machen wollten und seinen Besuch annahmen. Er hatte sie bescheiden gekleidet, ziemlich beruhigt und mit Nähterei beschäftigt gefunden. So weit er sich darauf hatte verstehen können, richteten sie sich für den alltäglichen Gebrauch einfachere und für ihre neue Lage besser geeignete Gewänder her, als diejenigen waren, die sie bisher getragen hatten. Ich sah darin, ich gestehe es, einen Beweis ihres richtigen Taktes, abgesehen davon, daß die ausnehmende Weltlichkeit ihres Putzes stets bei mir der Gegenstand eines geheimen Vorwurfs gewesen war, dessen ich mich nun von jetzt an enthoben fand. Die Millers (dies ist der Name der Leute, bei welchen ich sie untergebracht hatte) schienen überdies mehr zufrieden gestellt, und leisteten ihnen nun ihre Dienste mit genügendem Eifer. Ein Umstand vorzüglich war ihnen zu Herzen gegangen, der nämlich, daß die Damen sich aus freien Stücken erboten hatten, mit an dem Familientische zu speisen, was sowohl die Dienstleistungen sehr vereinfachte, als auch zugleich die Ausgaben verminderte und gleichzeitig den guten, wenig bemittelten und sehr arbeitsamen Leuten zu gute kam. Ihrerseits hatten die Damen sich gegen meinen Sohn belobigend über den guten Willen der Millers ausgesprochen und ihm inständig aufgetragen, mich dessen zu versichern, daß sie sich, Dank meiner Fürsorge, auf das zufriedenstellendste wohnlich befänden. Dann hatten sie, in Folge des gefaßten Entschlusses, bis zur Ankunft des Grafen durchaus nicht auszugehn, was sie verhindern mußte, ihre Briefe selbst zur Post zu tragen und dergleichen abzuholen, ihn ersucht, ihnen dies als einen Dienst zu erweisen, wofür sie ihm unendlich dankbar sein würden, und zu einer ihm gelegenen Tagesstunde an ihrer Statt diese tägliche Pflicht zu erfüllen. Und mein Sohn hatte sich schon zweimal dieses Auftrags entledigt. Jedesmal hatte er Briefe in den Briefkasten geworfen, aber keinen zurückgebracht, und alsbald waren die Damen, die er wenige Augenblicke vorher munter, heiter und voll Hoffnung verlassen hatte, in die tiefe Traurigkeit getäuschter Erwartung und die Bekümmerniß der Ungewißheit zurückgefallen. Ja, er selbst wurde mit hingerissen, diese Beunruhigungen zu theilen, und obgleich er sich trotzdem bemühte, sie zu zerstreuen, so hatte er sich doch nicht allein überzeugt, daß niemals ein Ehegatte mit reinerer Zärtlichkeit geliebt worden wäre, als der, dessen Ankunft mit so lebhaftem Herzensschlage erwartet wurde, sondern er hatte auch dabei verschiedene Einzelheiten erfahren, die alle die falschen Voraussetzungen, welche durch das Wort des jungen Mannes in meinem Kopfe Platz gegriffen hatten, in ein Nichts verschwinden ließen. Noch etwas hatte beigetragen, meinem Sohne diese Besuche angenehm zu machen; das war die Art, in welcher die Damen von mir gesprochen hatten. Der arme Junge war davon ganz gerührt, und es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß man so große Achtung und Liebe für seinen Vater zu äußern im Stande sei, ohne selbst deren unbedingt würdig zu sein. Das junge Fräulein hatte sogar gesagt, als sie erfuhr, daß wir keine Dienerin im Hause hätten: sie mache sich Vorwürfe, nicht eiligst gekommen zu sein, um mich während meines Uebelbefindens zu pflegen, und wenn dieses noch einen Tag länger anhielte, so solle nichts auf der Welt sie daran hindern, in unser Haus zu kommen, um so mehr, als sie mich um einige religiöse Bücher bitten wolle. Ich ließ ihr diese Erbauungsbücher zustellen, und da diese guten Nachrichten meine Wiedergenesung beschleunigt hatten, so fügte ich dieser Sendung die Versicherung bei, daß ich ihr von Morgen ab selbst Nachrichten von meinem Besserbefinden bringen würde. 14. In der That ging ich am andern Tage aus, um den Damen meinen Besuch abzustatten, und da die Frau Miller es war, die mir die Thür der Wohnung öffnete, so ließ ich mich mit ihr, ehe ich mich anmelden ließ, noch in einiges Gespräch ein. Diese Frau sagte mir, daß sie von der Wohlanständigkeit ihrer beiden Kostgängerinnen und von der Stille ihrer Lebensweise sehr befriedigt wäre; daß seit ihrem Eintritt in das Haus nichts verändert schiene, so wenig Umstände verursachten sie; daß sie alle Morgen ihr jüngstes Kind zu sich kommen ließen, um es ein wenig im Lesen zu unterrichten, und daß sie selbst, als sie etwas unpäßlich gewesen sei, sich der liebreichen Behandlung dieser Damen zu rühmen gehabt hätte. »Nur verbrauchen sie«, fügte sie hinzu, »viel Linnenzeug, Wasser im Uebermaß für eine übertriebene Reinlichkeit, und mein Mann und ich glauben, daß sie seit ihrer Ankunft hier noch nicht ihre Betten berührt haben, was uns peinlich ist, mein Herr Prediger, da sie in gutem Zustande sind und wir sie hierin auf's Beste zufrieden zu stellen gesucht haben.« – Hinsichtlich des letzten Punktes gab ich der Frau Miller zu verstehen, daß sie sich nicht im geringsten darüber zu betrüben hätte; daß mir die Damen hätten sagen lassen, sie fänden sich zu ihrer vollkommnen Befriedigung logirt, und es beruhe Alles darauf, nicht ob man so oder so handle, sondern daß man sich ineinander finde, wenn man unter Einem Dache wohnt. Hierauf, nachdem ich abermals eingeschärft hatte, daß man Niemanden, außer meinen Sohn und mich, zu den Damen einlasse, unter welchem Vorwand es auch wäre, ließ ich diese bitten, mich zu empfangen. Kaum war diese Bitte gethan worden, so fühlte ich die beiden Freundinnen in meinen Armen, so daß ich, stark und voll, wie ich bin, ein wenig Mühe hatte, nach beiden Seiten zugleich die Lebhaftigkeit ihrer Liebkosungen zu erwiedern. Sie zogen mich in ihr Zimmer, und nachdem sie mich daselbst auf einen großen, alten, gepolsterten Lehnsessel, der, wie sie sagten, ihr Ehrenthron war, hatten niedersitzen lassen, baten sie mich, noch ehe ich mich ganz darin zurecht gerückt hatte, recht, recht lange bei ihnen zu bleiben. Von vorn herein sah ich mit Vergnügen, daß sie die Kleider an hatten, von denen mir mein Sohn gesprochen, und fand, daß dieser ungewohnte Anzug ihnen nichts von der Anmuth ihrer Gestalten und von den Vorzügen ihrer Personen benahm. Ihre Haare ergossen sich in mindern Locken, und dies ließ mich einige Magerkeit in ihren Gesichtern entdecken, die ich außerdem ein wenig durch Blässe und durch Spuren von Mattigkeit verändert fand. Und als ich sie fragte, ob sie die Nächte gut schliefen, so versicherten sie mich, ja, obgleich sie mir sogleich darauf gestanden, daß sie, die erste Nacht ausgenommen, wo es ihnen wenig möglich gewesen wäre, in ihren Betten zu schlafen, in allen übrigen als Aushülfe den Lehnsessel und die Anpassung einiger Möbel benutzt hätten. Ich bemühte mich, sie zu überreden, daß es doch besser wäre, die Empfindlichkeit zu überwinden und einige Unbequemlichkeiten zu ertragen, als in dieser Weise fortzufahren; aber ohne diesen Punkt zu bestreiten, versprachen sie mir doch auch nicht, meinem guten Rathe zu folgen. Nun fing ich von dem Gegenstand an, der mir am Herzen lag. »Keine Briefe, meine theuren Kinder?« fragte ich sie. – »Keine, keine, niemals!« gab die Verheiratete zur Antwort, indem sie plötzlich traurig wurde; »auch nimmt meine Besorgniß wegen Ludwig (dies war der Vorname des Grafen) täglich zu, und ich bin sehr unglücklich!« – Darauf ergriff sie der Schmerz und ihre Thränen flossen. – »Nun wohlan«, erwiederte ich, »Sie müssen um jeden Preis aus dieser Lage herauskommen, und noch heute werden Sie selbst, oder ich, wenn Ihnen dies genehmer ist, an Ihre Familien schreiben, damit diese Sie sobald als möglich zu sich kommen lassen. Befinden Sie sich einmal wieder im Schoße der Ihrigen, so wird Sie der Herr Graf dort eben so gut erreichen als hier, und andrerseits und weit eher können Sie dort sichere und fast unmittelbare Nachrichten erhalten.« – Bei diesem Vorschlag errötheten die beiden Freundinnen, und ihre Haltung verrieth ihre große Verlegenheit. Endlich sagte die Vermählte schüchtern: »Das ist unmöglich!« – »Nicht möglich! ... nicht möglich! sagen Sie?« – »Nein, Herr Bernier, das ist nicht möglich. Unsere Stütze, unsere Rettung, unser Glück, unsere Zukunft beruht einzig und allein auf Ludwig, meinem Gatten. Was unsere Familien anbetrifft, so haben wir nichts von ihnen zu erwarten!« – »Ach, Unglückselige!« rief ich aus, indem ich mich mit einer Geberde des Vorwurfs, des Schreckens und des Mitleids zugleich erhob: »wie! der Zweig hat sich von seinem Stamme getrennt, die Blume hat sich von ihrem Stiel abgelöst? Ich habe es mit strafbaren weiblichen Wesen zu thun? Ich beschütze solche, die ihre vornehmlichsten Beschützer, welche Gott ihnen zuerkannt hat, verleugnet haben? Ich unterstütze, was man um jeden Preis verhindern, verbannen, verwünschen sollte, die Auflehnung des Kindes gegen die Eltern, den der heiligsten der Pflichten, dem heiligsten der Gebote angethanen Schimpf! Arme Kinder, was also habt ihr zu thun gewagt, und wie ist es möglich, daß ich verbrecherischen Handlungen, wie die euren, meine Dienste und euch meine Liebe widmen kann?« ... Nach diesen Worten fiel ich, von meiner eignen Beängstigung überwältigt, in den Lehnstuhl zurück, während beide junge Damen, zugleich von Schreck und Verzweiflung ergriffen, sich, jede in ihrer Art, stillschweigendem Ergusse ihres Schmerzes überließen. Einige Augenblicke nachher fragte ich: »Was bedeutet das nun, was Sie mir einst sagten, daß diese Ehe zu Delmenhorst eingesegnet worden wäre an dem nämlichen Tage, an welchem Sie Ihre Familien verließen?« – »Das ist wahr«, erwiederten alle beide wie aus Einem Munde; »das ist wahr, Herr Bernier!« – »Diese Heirat ist also mit Bewilligung der Ihrigen geschehen, Rosa?« (so hieß die Verheiratete) ... Sie schwiegen. – »Ach, ihr Unglücklichen!« rief ich abermals aus, »und möge Gott selbst euch hinfüro in seinen Schutz nehmen, da ich erkenne, daß ich euch den meinigen, so gering er auch ist, doch entziehen muß!« ... Hierauf umfaßten sie mich, und meine Hände ergreifend, als wollten sie mich bei sich zurückhalten, überströmten sie sie mit Thränen und bedeckten sie mit Küssen. Aber ich empfand wenig Mitleid dabei. »Ach, Rosa! ach, Gertrud!« fuhr ich fort, »also auch über diesen Punkt, und nachdem ich euch ausgescholten, weil ihr mir eure Entblößung von Gelde verborgen, habt ihr mich in grobem Irrthum gehalten, und führtet mich, der ich euch wegen eurer Offenherzigkeit liebte, durch eure Verstellung hinter's Licht! Schmach über junge Töchter, die, nachdem sie die Ihrigen hintergangen haben, auch noch so weit gehn, den bejahrten Freund, den ihnen die Vorsehung sendet, zu täuschen, und die sich seiner als eines abgetragenen Mantels bedienen, um damit ihre Schande zu bedecken!« – Hier mußte ich einhalten; denn vom Schluchzen war Rosa in Schmerzensschreie, und nach diesen in Ohnmacht gefallen und sank, erstarrt, empfindungslos und bedeckt mit Todtenblässe, hin. Während ich sie mit meinem Körper unterstützt hielt, eilte Gertrud in die Küche, um Essig herbeizuholen; Madame Miller kam herbei, und Rosa erhielt nach einigen Minuten das Bewußtsein wieder. Doch der Auftritt hatte sogar die Kinder aus dem Hause herbeigezogen, und als ich sie bitten mußte, aus dem Zimmer zu gehn, sah ich ihren Mienen Wohl an, daß sie schwer reinen Mund halten würden über die Scene, von der sie soeben Zeugen gewesen waren. »Ja«, erwiederte Rosa, als sie wieder zu sich gekommen war, »ja, Herr Bernier, wir haben es an der Achtung fehlen lassen, die wir Ihren weißen Haaren schuldig sind. Aber wenn Sie uns dieses Unrecht als ein vorsätzliches anrechnen, anstatt es unserer Scheu oder unserer Lage zuzuschreiben, dann sind Sie ungerecht gegen uns, und Ihr Vorwurf ist sehr grausam ... Wenn wir Ihnen auch nicht Alles gesagt haben, so haben wir Sie, ich schwöre es Ihnen, doch niemals hintergangen; ja, ich wage es zu sagen: wir haben uns selbst niemals verabredet, Ihnen etwas zu verhehlen, und wenn immer Sie auch dieselben Aeußerungen oder dieselben Fragen an uns gerichtet hätten, so würden Sie stets dieselben Aufklärungen und dieselben Antworten erhalten haben. Verlassen Sie uns also nicht in diesem so großen Unglück, in dieser hülflosen Verlassenheit, und während wir jenen abscheulichen Menschen preisgegeben sind, denen es schon gelungen ist, unsern bisher tadellosen Wandel zu beflecken!« – Thränen verhinderten sie abermals, fortzufahren, und Gertrud richtete an ihrer Stelle flehentliche Bitten in demselben Tone an mich, die noch rührender und dringender waren. – »Haben Sie Nachsicht, bester Herr Bernier«, fügte sie hinzu, »mit zwei weit mehr unerfahrenen als strafbaren Wesen, und da diese sich Ihren gerechten Zorn durch Verschweigungen, welche, das schwöre auch ich Ihnen, niemals beabsichtigt waren, auf sich geladen haben: so haben Sie die Güte, jetzt deren ganze Geschichte anzuhören, damit man nicht sagen kann, daß sie auch nur eine einzige ihrer Handlungen, noch ein einziges ihrer Gefühle einem so gütigen und so ehrwürdigen Freunde verborgen haben, als Sie uns gewesen sind und uns gewiß noch bleiben werden: ich flehe, ich beschwöre Sie darum!« – Hierbei wollte sie sich vor mir auf die Kniee niederwerfen, aber ich hielt sie davon zurück, und da ich beide in einem Zustande sah, den ich nicht länger dauern lassen durfte, wenn ich vermeiden wollte, daß sie in eine ähnliche Verzweiflung, wie kurz vorher, zurück verfielen, so sagte ich zu ihnen: »Für heute sei es genug. Ja, meine Kinder, ich werde euch anhören, ich werde euch behülflich sein, ich werde euch nach meinen Kräften beschützen, und ich nehme das wenig christliche Wort zurück, welches mir der erste Eindruck eures sehr großen Fehls abpreßte. Für jetzt sucht euch zu beruhigen; leset mit Andacht etwas in den Büchern, die ich euch geliehen habe; ändert nichts in euren Gewohnheiten und eurer Lebensweise bei den Millers hier; und sobald ich von Geschäften frei bin, werde ich euch wieder besuchen, euch anhören und euch rathen. Lebt wohl!« – Hierauf drückte jede von ihnen einen Kuß auf meine Hand, und ich verließ sie grade in dem Augenblick, als mein Sohn, traurig gestimmt über seine Botschaft, kam, um ihnen zu sagen, daß er wieder keinen Brief auf der Post erhalten habe. Als ich aus ihrem Zimmer getreten war, fand ich die Frau Miller, die auf mich wartete, um mich über das zu befragen, was vorgegangen wäre. Es war mir, wie man sich denken kann, unmöglich, ihr das mitzutheilen, was mir die Damen eingestanden hatten; auch war ich zu sehr verlegen; denn selbst da, wo sie geboten ist, widersteht uns die Nothlüge, wie eine Befleckung. Ich bediente mich also vielmehr unbestimmter Ausdrücke, als eigentlicher Lügen, um ihr zu verstehen zu geben, daß Familienzwistigkeiten und eine getäuschte Erwartung die Ursache der Betrübniß der Damen gewesen wären. Aber ich wurde recht wohl gewahr, daß mein Verschweigen einige Unzufriedenheit bei ihr erregte, und ihre Eigenliebe durch mein Rückhalten verletzt wurde. – »Nun, meinetwegen«, sagte sie, »und der Herr Prediger haben sicherlich Ihre Gründe, verschwiegen zu sein. Aber man darf wohl hoffen, daß dergleichen Auftritte sich nicht oft erneuern, denn sonst könnten, wenn man die Ursachen nicht weiß, und da ich, wie Jedermann, dem Leumund des Viertels unterworfen bin, Gerüchte umlaufen, die uns nachtheilig sein würden.« – »Madam Miller«, sagte ich zu ihr, »es liegt ganz in unserer Macht, dergleichen Gerüchte der Zügellosigkeit des Geschwätzes zu entziehen, und in dieser Rücksicht empfehle ich Ihnen, das Ihrer Kinder besonders im Zaume zu halten, weil der Zufall sie dahin geführt hat, wo sie sich besser nicht befunden hätten. Glauben Sie mir, daß, wenn ich genöthigt bin, gegen Sie, die ich als eine tüchtige und fromme Frau kenne, verschwiegen zu sein, Sie und die Ihrigen noch weit mehr nöthig haben, es gegen die zu sein, die weniger werth sind als Sie. Und so baue ich denn auf Ihre Verschwiegenheit, und sage Ihnen Lebewohl, meine gute Frau Miller.« – 15. Indem ich von Madam Miller wegging, nahm ich meinen Weg durch die Treppe der Barrieren, um einen Besuchsumgang in dem Magdalenenviertel zu machen, und wie ich auf den Platz herausgetreten war, sah ich daselbst den jungen Mann von neulich, der mit einem übelberüchtigten Frauenzimmer aus meinem Pfarrbereich sprach. Er sah mich nicht kommen, da er der Gegenseite zugekehrt war, aber ich wurde wohl gewahr, daß er auf einen Wink, den man ihm gab, schnell diese Frau verließ, um in einem nahen Gäßchen zu verschwinden. Dann einen Umweg durch den kleinen Perron machend, stand er in dem Augenblicke vor mir, als ich eben in den Platz des Molard einbiegen wollte. Diese Stelle ist eng, schmutzig, dunkel und von Schenken umgeben, wo Trinker den ganzen Tag hindurch lärmend zechen. – »Ich war eben auf dem Wege zu Ihnen«, sagte er, mich begrüßend. – »Es trifft sich in dem Falle glücklich«, erwiederte ich ihm, ohne mich im Weitergehen stören zu lassen, »daß ich grade ausgegangen bin. Aber was wünschen Sie? Kommen Sie und lassen Sie mich meinen Weg fortsetzen.« – »Sie werden mir doch zum mindesten gefälligst eine Wohnung sagen ... nämlich die eines Uhrenhändlers, die mir die Leute dieser Straße nicht anzugeben vermochten.« – »Es ist hier kein Uhrenhändler in dem ganzen Viertel, und es gibt in dieser Straße keinen Bewohner, der Ihnen das nicht gesagt hätte, wenn Sie ihn darum befragten.« – »Und doch ist es so; ich habe eben eine Frau gefragt« ... »Hebe dich weg von mir, Satan!« unterbrach ich ihn hierauf, und wollte weiter gehen. Er aber, mir den Weg vertretend, sagte: »Wollen Sie gefälligst bedenken, werther Herr, daß hier Niemand anders der Satan ist, als Sie!! ... Ich wiederhole Ihnen, der Graf wird niemals kommen, und diese jungen Personen sind verlassen. Wenn ich also Gertrud heiraten und die Unterhaltung der andern mit übernehmen will, Sie aber aus allen Kräften dieses ehrenwerthe Vorhaben kreuzen: wer sind Sie dann anders, als der Satan selbst, indem Sie diejenige ins Verderben stürzen, die ich davor bewahren will?« – Ohne hierauf zu antworten, suchte ich nur kurz den Weg zu bahnen und beendete meinen Besuchsumgang. Als ich wieder in meine Behausung eintrat, berichtete mir mein Sohn, daß er bei den Damen geblieben wäre, nachdem ich sie verlassen hatte, und daß diese, ohne sich Zwang vor ihm anzulegen, von den Ursachen ihrer Niedergeschlagenheit gesprochen hätten. Da er von sehr grader Gesinnung ist, so hatte mein Sohn ihr Benehmen mit Bescheidenheit getadelt, indem er ihnen sagte, daß weder die Begriffe der Welt, noch die der heiligen Schrift, jemals die Kinder berechtigten, das Joch der Eltern abzuschütteln; daß er folglich nicht umhin könne, in Betracht ihrer, die Gefühle, die ich ihnen kund gegeben hätte, mit mir zu theilen; daß er aber zugleich mehr Mitleiden mit ihrem Schmerz zu erkennen gegeben hätte, als ich, wie die lebhafte Hoffnung, daß sie, in Zukunft von meinem Rathe unterstützt, sich einer Aussöhnung mit Gott nähern würden. Hierauf habe er, in Folge der Bitte, die sie an ihn gethan, ihnen ein Kapitel der Bibel vorgelesen; dann habe er sich entfernt, indem er sie beruhigter und vergleichsweise heiterer zurückgelassen habe, als bei seiner Ankunft. 16. Da es die Woche vor Pfingsten war, und ich auf eine Predigt für den Festtag sinnen mußte, so ließ ich am andern Tag den Damen sagen, daß sie mich vor dem folgenden Montage nicht erwarten sollten, und daß, im Falle sie zum Abendmahl zu gehen geneigt wären, als wozu ich sie übrigens noch einlade, sie mein Sohn zur Kirche geleiten würde, die der Wohnung, welche sie inne hätten, ganz nahe liege. Zu gleicher Zeit ließ ich ihnen einige Anweisungen zukommen über die Art und Weise, wie sie sich, vornehmlich in Hinsicht auf ihre Lage, vorzubereiten hätten, wenn sie dem Tische des Herrn nahen wollten, und schärfte ihnen nochmals die Ermahnung ein, sich einzuschließen, und während der übrigen Zeit sich keine Unvorsichtigkeit zu schulden kommen zu lassen, namentlich, daß sie durchaus keine Botschaft noch irgend einen Besuch annähmen, von wem es auch sei, außer von meinem Sohn und mir. Denn in der That hatte mir die Zusammenkunft, auf welcher ich den Tag vorher den jungen Mann mit jener übelberüchtigten Frauensperson ertappt, und hauptsächlich der Kunstgriff, den er anzuwenden versucht hatte, um mich glauben zu machen, daß dieses Stelldichein nur zufällig gewesen wäre, lebhafte Unruhe und die ernstesten Besorgnisse eingeflößt. Bekanntlich gibt es im Schoße aller Pfarrgemeinden, besonders in den großen Städten, eine Hefe von verderbten Wesen, die, zuerst selbst verführt, sich nun ein abscheuliches Vergnügen und gleichsam eine Art von Rache für die Verachtung, zu der sie verdammt sind, daraus machen, ihrerseits wieder zu verderben, und durch ihre Vermittlung demjenigen beistehn, der darauf ausgeht, Andre in den Schmutz, worin sie selbst sich befinden, hineinzuziehen. Jenes Frauenzimmer, herabgesunken aus einer anständigen Lage, aus der ihr noch der Geschmack für eine gute Sprache und der Firniß guter Lebensart übrig geblieben war, außerdem gewandt, umsichtig, und die so gut wie ich das Personal des Viertels kannte, war eins jener unsaubern Wesen, und ich hatte vom ersten Augenblick an nicht daran zweifeln können, daß der junge Mann bei ihr, wenn nicht eine verabscheuungswürdige Stütze für Arglist, schlimme Anschläge und Ränke, so doch wenigstens Auskunft, von der er selbst Gebrauch machen konnte, gesucht hatte. Was überdies meine Vermuthung bestätigte, war das Beharren, womit er mir zweimal versicherte, »daß der Graf nicht kommen würde und daß die beiden jungen Personen unwiderruflich verlassen wären.« Mußte er nicht wirklich so sprechen, er, dessen arglistige Unverschämtheit ich bei Gelegenheit des Briefes hinlänglich kennen lernen konnte, wenn er irgend einen Plan hegte, vermittelst einer vorgespiegelten Lockspeise der Heirat die beiden jungen Damen, nach denen es ihn gelüstete, in die Netze seiner ausschweifenden Lebensweise fallen zu lassen? Auch zweifelte ich fast schon nicht mehr, daß seine Aeußerung eine zu seinem Vortheil vorgebrachte Lüge war, und es wich allmälig bei mir jener Schreck, den ich das erstemal darüber empfunden hatte, als ich so weit ging, mir einzubilden, daß vielleicht gar kein solcher Graf in der Welt vorhanden wäre, und gäbe es dennoch einen dergleichen, so möchte er wohl auch so sein wie der Mensch, mit dem ich eben spräche, irgend einer von jenen Wüstlingen hohen Standes, die, nachdem sie ein junges Mädchen verführt und sie vollends in ihr Verderben gezogen haben, sie darauf der Schande, den Gewissensbissen, der Noth und oft dem Tode überlassen. Unzweifelhaft bürgten mir die angeborne Wohlanständigkeit dieser Damen, jene Schutzwehr von guten Gewohnheiten, von Schüchternheit und Züchtigkeit, welche selbst weniger gut erzogene junge Personen gegen die Versuchungen des Lebens vertheidigen, hinreichend dafür, daß kein Angriff jemals ihre Keuschheit gefährden konnte, und daß jeder unmittelbare Schritt, um sie zu verderben, oder auch nur, um sie zu verführen, im Gegentheil nur dazu dienen würde, in ihnen jenen Abscheu zu erwecken, den sie schon bei Gelegenheit eines doch verstockten und weit mehr zweideutigen, als gradezu verletzenden Verfahrens empfunden hatten. Aber wenn ich einerseits mir sagte, daß ihre Lage selbst sie dem aussetzte, sich nach und nach von den Netzen schlimmer Anschläge umgarnen zu lassen, – denn einmal aus dem Taubenschlage vertrieben, wie sollten arme Tauben hier dem Blei, dort den Netzen des Jägers entgehen? – so hatte ich andererseits die noch gegründetere Furcht irgend einer Versuchung auf Schleichwegen, die, indem sie Herumträgereien, Verdächtigungen, ja irgend ein Aufsehen herbeiführte, bei den Millers für sich selbst Befürchtungen erregen, die beiden Freundinnen aus ihrem Hause vertreiben und sie noch einmal gedemüthigter, erniedrigter und näher dem Unglück, vielleicht die Beute des sie umstreichenden Entführers zu werden, obdachlos auf die Straße ausstoßen würde. – Ach, mein Gott! betete ich inbrünstig, indem ich an so große und viele Gefahren dachte, welche verlassene Mädchen von allen Seiten bedrohen. Hilf deinem schwachen Diener kämpfen, um diese beiden guten Kinder zu retten, und daß sie, einmal gerettet, das väterliche Dach wiederfinden, den Schutz ihrer Mütter, die Arche ihrer Familien, und die Segnungen alle, denen sie sich widerrechtlich entzogen haben. 17. Am folgenden Sonntage predigte ich in St. Peter und stieg nach der Predigt und der Vorbereitung von der Kanzel, um den Kelch auszutheilen. Es war eine große Schaar von Gläubigen versammelt, und meine beiden jungen Damen verloren sich in ihrer bescheidnen Kleidung unter der Menge. Zuletzt kam auch die Reihe an sie, sich vor den Tisch des Herrn zu stellen, und ich richtete an sie im Allgemeinen jenen Bibelvers, den ich besonders für sie aufgespart hatte: »Ich will hingehen zu meinem Vater und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir!« – Wie man sich denken kann – und dies war meine Absicht – empfanden sie eine große Gewissensunruhe beim Anhören dieser Stelle; übrigens aber hatte ich sie mit gesenkter Stimme gesprochen und so, daß es schien, als sei sie mir in der Reihe der andern ohne vorbedachte Absicht entschlüpft, dergestalt daß Niemand Ursach hatte, etwas Besonderes in diesem Umstande zu finden. Einen Augenblick darauf erblickte ich an dem andern Tische, dem der Männer, den jungen Wüstling, welcher auch in der Reihe vorüberzog, und zwar so, daß er meinem Blicke nicht entgehen konnte. Hierauf sagte ich bei mir selbst und zu mir selbst: »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet«, denn einen Augenblick später, und mein Stolz würde sich an dem Gedanken gelabt haben: »Dieser ißt und trinkt zu seiner eignen Verdammniß.« Nachdem die Kommunion beendigt war und wir dem Nachmittagsgottesdienst beigewohnt hatten, gingen wir, mein Sohn und ich, um einen Spaziergang durch die Gärten zu machen. Während wir gingen, setzte er mich in Kenntniß von dem, was inzwischen diese letzten Tage über bei den Millers vorgegangen war. Noch immer keine Briefe. Doch hatte es ihm geschienen, als äußere sich die Traurigkeit der Damen hinsichtlich dieser fehlschlagenden Hoffnung minder lebhaft als vordem, wohl aus dem Grunde sogar, daß sie sich mit der Betrübniß verband, in die meine Gespräche sie versetzt hatten. Sie hatten wieder begonnen, während den Zwischenzeiten ihrer langen Unterredungen zu nähen. Da aber Rosa am Donnerstag und Freitag sehr leidend gewesen war, so hatten sie ihn nicht in ihrem Zimmer zugelassen, so daß er sich darauf beschränkt, nachdem er seine Botschaft bei ihnen hatte ausrichten lassen, die Damen wiederholt der Madam Miller zu empfehlen. Aber diese hatte ihm übler Laune geschienen, und ihr Mann, der dazu gekommen war, hatte Unzufriedenheit darüber blicken lassen, daß diese Damen, indem sie sich nicht benähmen wie andere ihres Standes, sondern den ganzen Tag eingeschlossen blieben, während doch alle Welt wüßte, daß sie bei ihnen wohnten, ihnen üble Nachrede zuzögen; daß der Jude an der Ecke behauptet hätte, dies wären dieselben Fräulein, welche ihm Juwelenschmuck verkauft hätten, um ihre Schulden im Gasthause zu bezahlen; daß endlich sich das Gerede in dem Viertel verbreitet hätte, die eine von ihnen gebe sich dafür aus, als sei sie an einen deutschen Grafen verheiratet, was ihm Alles höchst unangenehm sei, selbst wenn nichts an dem Gerede wäre. Auf alles dieses hatte mein Sohn erwiedert, daß man die Leute reden lassen müsse, ohne selbst zu Herumträgereien Anlaß zugeben, und daß es den Millers, um all diesem Geschwätz zu begegnen, genügen solle, zu wissen, daß sein Vater diese Damen kenne, daß ihm ihre ganze Geschichte bekannt sei, und daß er sie grade deshalb unter seinen Schutz genommen und bei vorsichtig erlesenen Leuten untergebracht, denen er sicherlich nur wohl wollte. Alles dies, obgleich es mich nicht allzu sehr befremdete, verursachte mir doch nichtsdestoweniger viele Sorge; denn außer daß ich voraussah, ich würde große Mühe haben, die Millers bei guter Stimmung zu erhalten und meine jungen Damen vor der böslichen Neugierde der Leute des Viertels zu schützen: so entging es mir auch nicht, daß das eine jener Gerüchte, für welche sich der Mann der Miller zum Werkzeug der Mittheilung hergegeben hatte, nämlich das letzte, augenscheinlich aus einer vergifteten Quelle herrührte, und daß der Verkehr zwischen dem jungen Mann und jener schlechten Frauensperson, von welchem ich gesprochen habe und den ich gefürchtet hatte, nur zu gewiß war. Ich meinerseits setzte nun meinen Sohn von alle dem, was ich wußte, in Kenntniß, und nachdem wir uns mit den ernsten Gedanken beschäftigt hatten, die der traurige Anblick dieser beiden jungen, durch die Folgen kindlicher Auflehnung unglücklichen Wesen, und jener herabgesunkenen Geschöpfe, die sich zu deren Verderben verbanden, in uns hervorbrachte, kehrten wir wieder nach unserer Wohnung zurück. 18. Am Montage begab ich mich, meinem Versprechen gemäß, zu den beiden jungen Freundinnen. Diesmal öffnete mir die kleine Tochter der Millers die Thüre. »Nun«, fragte ich sie, »wie geht es hier bei euch?« – Hierauf antwortete die erschreckte Kleine mit gesenkter Stimme, daß es sehr schlecht ginge; daß Fräulein Rosa mitten in der Nacht aufgestanden wäre, mit der Lampe in der Hand einen Gang durch die Küche zu machen; daß sie am Morgen ihre schönsten Kleider angelegt und sich plötzlich sehr heiter gezeigt habe; daß sie für viel Geld hätte Blumen kaufen lassen; daß endlich ihre Mutter, weil sie sie so plötzlich verändert gesehen, die Furcht ergriffen hätte, Fräulein Rosa möchte wohl wahnsinnig geworden sein, soeben zur Werkstätte des Vaters hinabgestiegen wäre, um sich mit ihm darüber zu besprechen und ihm ihre Befürchtung mitzutheilen. In diesem Augenblicke that sich die Thür der Damen auf, und als ich sogleich eingetreten war, fand ich wirklich Vasen voll Blumen an verschiedenen Orten aufgestellt; Rosa, deren Züge die süßeste Freude athmeten, ganz geschmückt, Gertrud dagegen in den Kleidern und mit dem Ausdrucke, wie man sie alltäglich sah, und, wie mir schien, die Heiterkeit ihrer Freundin durchaus nicht theilend. »Aber, in des Himmels Namen, meine theuren Kinder«, sagte ich jetzt zu ihnen: »was hat das Alles zu bedeuten, und habt ihr denn seit gestern Nachrichten von dem Herrn Grafen erhalten?« – »Ja, lieber Herr Bernier«, antwortete Rosa mit einem Ausdruck in den Mienen, worin sich in der That eine Art von fieberhafter Freude malte, »in dieser Nacht habe ich ihn gesehn; ich habe ihn im Traum gesehn, zärtlich, gut, treu, wie in den schönsten Tagen unserer süßesten Zuneigung, und er hat mir mit thränenfeuchtem Auge gesagt: Rosa, meine vielgeliebte Rosa, wie viel hast du während dieser Trennung gelitten, durch die ich deine Liebe habe prüfen wollen! Aber die Stunde ist gekommen, ihr ein Ziel zu setzen ... Morgen, morgen, meine Vielgeliebte, werde ich deine Schwelle betreten! Und nachdem er dies gesprochen hatte, verschwand er wieder, indem er mir tausend Küsse zuwarf, und die Freude darüber erweckte mich. Hierauf habe ich eine Kerze angezündet, um an der Uhr der Millers zu sehen, welche Stunde es wäre; Mitternacht war noch nicht vorüber. Heute ist also doch wohl das so ersehnte, so erwartete Morgen, und ich empfinde eine unaussprechliche Freude!« – Ich begann in Wahrheit ein wenig der Ansicht der Millers zu sein. »Rosa, mein Kind«, sagte ich zu ihr, »sind Sie denn auch bei Sinnen?« – »Ihre Frage«, antwortete sie lächelnd, »setzt mich ein wenig in Verlegenheit, mein lieber Herr Bernier, denn grade Ihnen fehlen nicht die Beweise, daß ich sie nicht immer beisammen gehabt habe. Auch ist Alles, was ich darauf erwiedern kann, daß ich mich bei vollkommen gesundem Verstande fühle, zwar nicht mehr, aber doch eben so sehr, wie gewöhnlich ... Glauben Sie denn in dieser Gegend hier nicht an Ahnungen, noch an Träume?« ... – In diesem Augenblicke trat mein Sohn in's Zimmer, um zu sagen, daß wiederum keine Briefe da wären. – »Welches Glück«, rief Rosa aus; »denn grade heute, heute habe ich nicht gewünscht, welche zu erhalten! ... Er selbst muß also kommen, wie Sie wohl sehen! Er hat mir gesagt, ich werde deine Schwelle betreten« ... Und hierauf überließ sie sich thörichten Ausbrüchen der Freude. Da ich nicht wußte, was ich davon halten sollte, so sah ich Gertrud an, der diese Freudenäußerungen peinlich schienen. – »Auch mich peinigt, wie Sie, bester Herr Bernier, die Freude Rosa's«, sagte sie; »aber sie überrascht mich nicht. Denn ich habe auch diese Täuschungen kennen gelernt; auch ich habe diesen Ahnungen gelauscht, an solche Träume geglaubt, und sehr oft sind sie die Beweggründe gewesen, gegen meine Pflichten zu handeln oder mich widerrechtlichen Rathschlägen hinzugeben.« – Hier überfiel sie die Rührung ... »Heute mißtraue ich ihnen. Diese Träume, fange ich an einzusehen, sind nur Lügen und Verleitungen, und wenn Rosa in dieser Nacht mir hätte Gehör geben wollen, so würde sie sich nicht bis jetzt abgequält haben, sich eine entmuthigende Täuschung zusammenzuschmieden.« Hierauf trat Rosa zu Gertruden hin, umschlang mit einem Arm deren Nacken und sagte zu ihr: »Liebe Schwester, meine einzige, meine zärtliche Freundin, erinnerst du dich jenes gemeinsamen Traumes, den wir uns eines Morgens gegenseitig mittheilten, und der mich zu dem Geschenk bestimmte, das ich mit meinem Herzen, meinem Geschick und meiner Person dem liebenswürdigsten und tugendhaftesten der Männer machte? Damals, Gertrud, schienen dir, wie mir, die Träume eine Stimme des Himmels zu sein, und wie oft seitdem warst du Zeuge des Glücks, womit mich Ludwig überschüttete, und wurdest durch die weisen Gespräche, die aus seinem Munde gingen, in diesem Glauben bestätigt und befestigtest ihn zugleich in mir! ... Nichtsdestoweniger verehre ich dich, meine Gertrud, ebenso sehr als ich dich liebe, und da du nicht meine Hoffnung theilst, so muß sie wohl ohne Wahrheit sein. Ich will sie also, so weit es mir möglich ist, aus meinem Herzen verdrängen. Ich will diese Kleider ablegen, lieber Herr Bernier, diese Blumen von mir werfen, wieder meine Trauerbürde anlegen, und nicht mehr glauben, daß uns die Vorsehung während des Schlafs die ersehnte Verkündigung des Glückes sendet!« – Indem sie diese Worte sagte, ging Rosa von Gertrud hinweg, um das Fenster zu öffnen, und wollte die Blumen auf die Straße hinauswerfen, woran ich sie jedoch verhinderte. Nachdem ich dann verlangt hatte, daß sie baldigst ihre schönen Kleider auszöge, um sich wieder in ihrem gewöhnlichen Anzug und in der gewohnten Lebensweise zurecht zu finden, sagte ich zu ihnen: »Ich bin gekommen, um jene Mittheilungen, die Sie mir versprochen hatten, anzuhören; aber nun ist leider die Zeit, die ich dafür verwenden konnte, schon hin. Für morgen also; und ich bitte, daß, was Sie auch immer träumen mögen, Sie nichts der Art thun, wie heut, was die Aufmerksamkeit auf Sie ziehn kann.« Als ich aus dem Zimmer trat, fand ich die ganze Familie Miller in der Küche versammelt und merkte sogleich, daß sie sich während der ganzen Zeit meines Besuchs auf's Horchen gelegt hatten. Da sie Mittheilungen erwarteten, die ich mich wohl hütete ihnen zu geben, so sagte der Vater Miller, ziemlich mißgelaunt, daß er es bereute, sein Zimmer vermiethet zu haben, um Komödien darin zu spielen, die nur dazu dienten, um den Herrn Prediger hinter das Licht zu führen. – »Miller«, sagte ich hierauf zu ihm, »bringen Sie Ihre Kinder fort, die sich in das Alles gar nicht mischen dürfen, und ich werde ruhig anhören, was Sie mir als Beweis des Wortes, das Sie soeben geäußert, werden zu sagen haben.« Er ließ sich nicht erst bitten, und als wir allein waren, begann er: »Da haben sie ihn, lieber Herr Prediger. Eine von diesen Fräulein gibt sich als verheiratet aus und ist es doch nicht; das ganze Viertel wird Ihnen das sagen.« – »Miller, das ist nur Straßengerücht, das ich für ganz unbegründet halte; aber Sie sprachen ja eben von Komödie?« – »Nun«, erwiederte er, »und wenn man mir auch das Versprechen abgenommen hat, es zu verschweigen, so werde ich doch Alles heraussagen.« – Hierauf erzählte er mir, daß vor wenig Minuten ein Herr zu ihm in seine Werkstatt gekommen wäre, der ihm einige Möbel zu fertigen aufgetragen hätte; daß der Herr unvermerkt im Gespräch auf diese Damen gekommen wäre, die er kennte, und daß, als er selbst bei dieser Gelegenheit ihm erzählt hätte, was er von einem Traume, von Schmuckanlegung und Blumenkäufen wüßte, in Bezug auf den Grafen, der heute ankommen sollte, jener zu lachen angefangen und gesagt hätte: »Das geschieht Alles nur, um den Herrn Prediger zu täuschen: der Graf wird niemals kommen!« – »Miller«, sagte ich zu ihm sofort: »wenn Sie ein redlicher Mann sind, so werden Sie keine andere Verbindung mit diesem Herrn unterhalten, als die sich auf die Ablieferung der Möbel bezieht, sobald sie fertig sein werden. Und hören Sie mich recht an: grade durch ihn, und niemals durch die Damen, dafür bürge ich Ihnen, wird Aergerniß in Ihr Haus kommen. Das sage ich Ihnen zur Warnung, und hiermit leben Sie wohl!« – 19. Indeß hatte die Täuschung, die Rosa seit dem gestrigen Tage erfahren mußte, sie in eine große Trostlosigkeit zurückgeschleudert, so daß ich, als ich mich am andern Morgen bei ihr einfand, sie durch ein hitziges Fieber so geschwächt antraf, daß ich aus menschlichem Mitgefühl meinen Besuch abkürzen mußte. Ueberdies, da die Heftigkeit des Uebels sie genöthigt hatte, sich ganz angekleidet auf ihr Bett hinzustrecken, so schämte sie sich, daß ich sie in dieser Lage angetroffen hatte, und ich beeilte mich, sie von dem Mißgefühl der Beschwerlichkeit meiner Gegenwart zu befreien. Indeß nahm Gertrud den Augenblick wahr, mich hinaus zu begleiten, um einige Thränen fließen zu lassen, deren Anblick sie ihrer Freundin verbergen wollte, und sie sagte mir, daß, als sie in dieser Nacht die Ohnmachten bei Rosa so oft habe auf einander folgen sehen, ihr zum erstenmal die Möglichkeit, sie zu verlieren, in den Sinn gekommen sei, so wie die, selbst vor Schmerz zu sterben, nachdem sie ihr die Augen zugedrückt hätte. Indem ich sie verließ, ging ich, um meine Kirchspielbesuche abzumachen, und da mein Beruf mich verpflichtet, sogar in die verrufensten Orte einzutreten, so war der Gedanke, meinen armen Schützlingen irgendwie nützlich zu sein, Ursache, daß ich an der Thür jener schlechten Frauensperson die Klingel zog. Als ich geklingelt hatte, ließ sich einiges Geräusch in ihrem Zimmer vernehmen, und bald darauf öffnete sie selbst mir die Thüre. – »Darf ich eintreten?« fragte ich sie. – »Warum denn nicht, Herr Prediger?« antwortete sie; worauf sie mich in ein Zimmer führte, aus welchem sie sogleich wieder hinausging, indem sie mich bat, einen Augenblick zu warten. Ein unsauberer Geruch war in diesem widerwärtigen Aufenthalt verbreitet, wo man auf unreinlichen Möbeln, hier leere Flaschen, dort durchlöcherte Strümpfe umherliegen und daneben wieder auf einem Halter einen Hut nach der neuesten Mode und mit Blumen verziert sah. – Uebrigens keine Spur von Ordnung, von Sorgfalt, von Beschäftigung, von häuslichem Leben, und die Abwesenheit jedes anständigen und tröstlichen Eindrucks um mich her war eine solche, daß ich nach einigen, unter diesem Warten zugebrachten Augenblicken einen Schauder empfand, welcher an eine Art von Schrecken grenzte. Gepriesen seist du, o mein Gott, rief ich bei mir aus, daß du deinem Diener zur Seite stehst, denn hier ist es nur deine Rechte, die mich zurückhält, und deine Gegenwart, die mich zu fliehen hindert. Das Frauenzimmer trat wieder ein. »Ich brauche nur dieses Zimmer anzusehn«, sagte ich zu ihr, »so errathe ich, Marie, daß du noch immer in derselben ungeregelten Weise lebst, schmausend, trinkend, deinen Körper der Unsittlichkeit und deine Seele den Flammen Gehenna's überliefernd!« – »Ich treibe nur mein Handwerk«, erwiederte sie, »wie Sie das Ihrige; in dieser Welt muß Jeder sich aus der Noth zu ziehn suchen, so gut er kann.« – »Ein Jeder, Marie, soll vielmehr der Gerechtigkeit und der Mäßigkeit nachleben, damit er am großen Tage des Gerichts verschont bleibe. Aber ferner, warum willst du dich noch mit freiwilligen Sünden belasten, und warum verabredetest du dich neulich mit jenem Elenden, der sich deiner zu seinen Ränken bedienen will? Wisse, Tochter der Verdammniß, daß, wenn du auch nicht den Zorn des Höchsten fürchtest, du wenigstens – verzeihe mir, großer Gott, die Lästerung, die in dieser Vergleichung liegt – die Strenge der Polizei fürchten solltest!« ... Ich hatte kaum diese Worte ausgesprochen, als drei Männer tobend aus dem anstoßenden Gemache herausstürzten, über mich herfielen und mich beim Kragen faßten, indem sie schreckliche Drohungen von Mord und Tod ausstießen, wenn ich wagen sollte, Marie anzugeben oder nur im geringsten ihre eigenen Vorhaben zu kreuzen. Da ich jetzt viel minder Furcht empfand, als da ich mich vor wenig Minuten in diesem Zimmer allein gesehn hatte, so sagte ich ruhig, indem ich mich an einen von ihnen wandte, den ich einst im Religionsunterricht gehabt und dessen Familie ich Hülfe geleistet hatte: »Und auch du, Peter, bedrohst deinen Beichtvater?« – Durch diese Worte plötzlich außer Fassung gebracht, nahm er erst seinen Hut ab, und dann, fast auf der Stelle seine Wuth gegen seine beiden Genossen kehrend, schrie er, indem er ein Messer, welches auf dem Tische lag, ergriff: »Ihr habt mir nicht gesagt, daß es sich um diesen Prediger hier handelte! Wagt nicht, ihn anzurühren, oder ich richte ein Unglück an!« – »Peter«, sagte ich zu ihm, »gib mir das Messer her und erweise mir dann den Liebesdienst, dich zu entfernen.« – »Dann gehen Sie nur zuerst fort, Herr Prediger; gehen Sie fort, rathe ich Ihnen. Diese werden Ihnen nichts thun, aber wir sind nicht allein hier.« – »Ich weiß es«, antwortete ich: »ihr seid alle drei bezahlt und angetrieben von einem Herrn, der sich im anstoßenden Zimmer befindet; aber fürchte nicht, daß dieser Herr mich anrühre, noch auch sich nur zeigen werde.« Als mich die beiden andern Männer so reden hörten, machten sie sich eiligst davon; Peter folgte ihnen, und ich befand mich wieder Marien gegenüber. »Mein Kind«, sagte ich zu ihr, »so verderbt du auch bist, und weil du es bist, würde ich dir einiges Gute erwiesen haben, wie es mir die Pflicht gebietet; aber gestehe, daß du meine gute Absicht schlecht vergolten hast, und bemühe dich, ein wenig von jener Scham wiederzugewinnen, die du seit so lange verloren hast in Folge der Verhärtung durch die Schamlosigkeit des Lasters und durch die Verspottung der Religion. Ich weiß, daß du eine von denen bist, die sich preisgeben, aber ich weiß noch nicht, ob du schon auf dem Wege bist, wo ihr von Stufe zu Stufe bis zum Grunde jener Kerker hinabsteigt, die, wie du weißt, sich nicht weit von hier befinden. Nun, da ich dir nicht behülflich sein kann, zu Gott zurückzukehren, so werde ich zum Ersatze vielleicht im Stande sein, dir durch mein Zeugniß in diese finstren Löcher hinabsteigen zu helfen, und werde so wenigstens der menschlichen Gesellschaft einen Dienst erweisen, gegen welche du dich im Einverständnisse mit jenem schlechten Menschen, der da drinnen ist, verschwörst. Das ist, was ich dir sagen wollte. Jetzt kehre zu ihm zurück, und ich werde an meine Geschäfte gehen.« 20. Ich habe die Ansicht, daß die Schlechten immer weniger stark sind, um uns zu schaden, wenn man, anstatt ihren Angriff zu erwarten, es wagt, ihnen zu nahen; und dies war eigentlich der einzige Grund, der mich bewogen hatte, bei diesem Frauenzimmer einzutreten. Auch ging ich, trotz der kleinen Unannehmlichkeit, beim Kragen gefaßt worden zu sein, befreiter von Unruhe von ihr weg, als da ich dort eingetreten war, und da ich einmal in den Zug gekommen war, so besuchte ich an diesem Tage alle Taugenichtse meines Sprengels. Einer von diesen theilte mir zufällig etwas mit, was zu erfahren mir von großer Wichtigkeit war und was mich überdies noch zu der Betrachtung führte, daß in den Händen der Vorsehung selbst die Taugenichtse noch zu etwas nützlich sind. Er erzählte mir nämlich, daß in dem fünften Stocke des Hauses, worin er das Erdgeschoß bewohnte, sich ein junger Herr ein Absteigequartier gemiethet habe, und zu jeder Stunde des Tages und der Nacht dahin käme. – »Was thut das?« sagte ich zu ihm; »es gibt noch seltsamere Einfälle«, und wandte das Gespräch auf andere Gegenstände. Aber als ich mich wieder auf der Straße befand, verfehlte ich nicht, mir die Fenster des fünften Stocks zu betrachten und fand, daß in der That der Ort sehr passend dazu war, zugleich die Werkstatt des Miller, die Zugänge und die Bewohner seines Hauses und sogar das Zimmer der Damen, dessen Fenster kaum etwas höher als die des Absteigequartiers des jungen Herrn lagen, zu überblicken. Aus dieser Beobachtung zog ich nicht allein meinen Nutzen, sondern kam auch dahin, mich zu überzeugen, daß dieser junge Herr nicht, wie ich anfangs geglaubt hatte, ein schlechtweg ausschweifender Mensch sei, der junge weibliche Wesen, welche der Zufall, die Lust zum Abenteuerlichen oder das Unglück in seinen Bereich brachte, zu verführen suchte, sondern ein abgefeimter, gewandter, beharrlicher Lüstling, der sich zu beherrschen wußte, weil er herzlos war, mehr darauf bedacht, sich seine Opfer auszuwählen, als schlechthin weibliche Wesen aller Art seiner Lust zu opfern, und der auf die beiden jungen Damen feste und bestimmte Pläne gerichtet zu haben schien. Ich seufzte darüber im Stillen, und erwägend, daß die Religion und mein Gewissen mir von nun an noch größere Wachsamkeit über das mir von der Vorsehung zur Obhut anvertraute Gut auferlegt hatte, bereitete ich mich mit Betrübniß auf einen, meinen Gewohnheiten fern liegenden, meine Beschäftigungen störenden und meinem Alter sehr beschwerlichen Kampf vor. Als ich von dort zurückkehrte, trat ich in Millers Werkstatt ein und fragte ihn, ob die Möbel vorschritten, und ob er seinen jungen Herrn wiedergesehen hätte. Nach einigem Zaudern sagte er mir, daß er ihn am Morgen gesehen hätte (es war jetzt sechs Uhr Abends), aber er habe mit ihm nur über Dinge gesprochen, die den Damen fern lägen. – »Miller«, sagte ich hierauf zu ihm, »Ihr seid ein redlicher Mann, das glaube ich wenigstens von Euch; denn wäret Ihr das nicht, so würde ich denken, daß Ihr mir eine Unwahrheit sagt.« – Hierauf gerieth Miller in große Verlegenheit und sprach, indem er seinen Hobel bei Seite legte: »Wenn ich die Wahrheit gestehn soll, Herr Prediger, ja, es ist von den Damen die Rede gewesen; aber das kann ich versichern, daß dieser Herr eine noch weit vortheilhaftere Vorstellung von ihnen hat, als ich und vielleicht Sie selbst. Er sagte, sie wären von guter Herkunft, anständig in jedem Betracht, ausgenommen in dem Punkte, daß sie Sie täuschen wollten, und wir sollten uns glücklich schätzen, sie bei uns zu haben.« – »Ist das Alles, Miller?« – »Ja, das ist Alles.« – »Nun wohl, guter Freund, da Ihr mir soeben das Recht gegeben habt, Euch nicht auf das erste Wort zu glauben, so benutze ich es und sage Euch rund weg, daß Ihr mir sicherlich einen Theil des Wahren verhehlt.« – »Ich lasse nur das weg, Herr Prediger, was Ihnen unangenehm zu hören sein würde; aber wenn Sie darauf bestehen, so will ich es Ihnen nicht verschweigen.« – »Ja, Miller, ich bestehe darauf noch mehr als auf alles Andere.« – »Nun gut, so hören Sie denn, Herr Prediger. Er hat mir gesagt, daß Sie ohne Zweifel aus sehr guter Absicht, aber zum großen Nachtheil der Damen und aus Mangel an Weltkenntniß, nie unterlassen haben, aus allen Kräften das zu hintertreiben und zu vereiteln, was er sowohl im Stande als auch willens wäre, für sie zu thun; daß ihm ihre Lage bekannt wäre, die Sie nicht kennten, und sie noch überdies, mit der Binde des Vorurtheils vor den Augen, in ihr Verderben führten, grade in dem Augenblicke, in dem er sich aus allen Kräften bemühte, sie ihrer Befreiung zuzuführen; daß unglücklicherweise (und das sei sehr natürlich, setzte er dazu) die jungen Personen stets dahin gebracht würden, einem jungen Kavaliere zu mißtrauen, um sich einem alten Manne anzuvertrauen, weil er das Priestergewand trage, und dieser begehe deshalb so viel Unklugheiten, und stifte Unheil und Verderben, was nur das Verdienst habe, von den Frommen des Kirchspiels als etwas Ehrenwerthes geschätzt zu werden. » »Ha!« rief er aus, indem er mit der Hand auf diese Bank schlug, »»wenn Sie nur wüßten, wenn Sie nur begreifen könnten, mein lieber Herr Miller, was diesen achtungswerthen Damen in dem Falle droht, daß sie sich noch fort und fort von diesem beschränkten Prediger leiten lassen, und was sie im entgegengesetzten Falle erwartet, wenn sie seinen Händen entzogen werden sollten; ganz sicher würden Sie dann der Allererste sein, heimlich ihre Rettung zu befördern und gern die Verlegenheiten, die Verdrießlichkeiten und den üblen Ruf, der Ihrem Hause nicht fehlen wird, wenn jene noch länger unter dem Schutze des Predigers darin wohnen, sowie ihre Unfähigkeit, Sie zu bezahlen, gegen die Schadloshaltung, die man Ihnen schuldig ist, einzutauschen.« Da haben Sie es.« »O Gift, Bosheit, abscheuliche Schlechtigkeit!« rief ich hier aus, »und was soll ich Euch nun sagen, armer Miller, wenn solche Reden durch ihre teuflische Natur Euch nicht betroffen gemacht haben, vielmehr euer Vertrauen zu eurem bisherigen alten Seelsorger haben erschüttern können? Mein Gott! mein Gott! besitzt denn der Betrug Geheimnisse, um zu etwas zu bereden, welche die Rechtschaffenheit nicht hat? ... Ich kenne freilich nicht die ganze Geschichte dieser Damen; aber ich sehe, daß sie anständig sind und jede unsittliche Annäherung scheuen, und daß sie sich meinen Armen anvertrauen, nicht, weil diese stark sind, sondern weil sich ihnen keine andern darbieten!... Ich kenne ebenso wenig die Geschichte ihres tugendhaften Befreiers, aber ich weiß, daß er zweideutig redet, daß er schändliche Briefe schreibt; daß er sich heimlich Absteigequartiere miethet, sich mit verrufenen Frauenzimmern verabredet, auf euren alten Seelsorger Taugenichtse loshetzt, um ihn mit Tätlichkeiten oder Ermordung Zu bedrohen, wenn dieser ihm nicht die Beute überläßt, nach der er lüstern ist. Jetzt, Miller, wählt zwischen der unglücklichen Rechtschaffenheit und der verbrecherischen Hinterlist ohne Verzug! Denn wenn Ihr nicht ganz und gar auf meine Seite tretet, Ihr und alle die Einigen, so biete auch ich Euch die jämmerliche Lockspeise der Entschädigung an und befreie Euch noch heute, indem ich sofort die beiden unglücklichen Damen anderswo einmiethe, von jenen Verlegenheiten, Verdrießlichkeiten, jenem üblen Rufe, mit dem man Euch Furcht eingejagt hat; ich befreie Euch von meinem Joch, von meinem Schutzherrnrecht und von meiner Gegenwart.« – Als mich Miller so reden hörte, gab er Reue zu erkennen und daß er Vertrauen in mich setze, und schloß mit der Erklärung, daß er, unzugänglich für die Einflüsterungen des jungen Mannes, von nun an sich bemühen wollte, mich in meinem Bestreben zu unterstützen. In dieser Gemüthsverfassung verließ ich ihn. 21. Rosa blieb die ganze übrige Woche fortwährend krank, und ich erfuhr sogar, daß sie den Widerwillen, dessen ich erwähnte, hatte überwinden müssen, weil sie diesmal durchaus genöthigt war, das Bett zu hüten. Da ich beunruhigt darüber war, als ich sah, daß sich ihre Wiederherstellung nicht bewerkstelligen wollte, und ich übrigens immer mehr befürchtete, daß sich irgend geheime Ränke um sie und ihre Gefährtin anspinnen möchten: so ließ ich sie am Donnerstage ersuchen, mich zum Besuch anzunehmen, und begab mich, auf den Bescheid, daß sie für mich immer zugänglich sein würde, sogleich zu ihr, sobald meine Geschäfte mich frei ließen. Ich fand sie in der That zu Bette und so verändert, daß ich, ohne ihr jedoch mein ängstliches Erstaunen zu erkennen zu geben, ihr vorschlug, den Arzt kommen zu lassen. Beim ersten Worte, das ich in Betreff dessen äußerte, überflog ihr Gesicht eine lebhafte Röthe, und sie bat mich, es nicht zu thun. »Auch bin ich«, fügte sie ergriffen sogleich hinzu, »so entmuthigt und so unglücklich, daß dieses Leiden, indem es mich von meinen gewohnten Gedanken ablenkt, fast eine Wohlthat für mich ist.« Hierauf näherte sich ihr Gertrud, und als wollte sie, da sie kein Wort des Trostes zu bieten hatte, zum wenigsten den Kummer der Freundin durch die Wärme ihrer Freundschaftsbezeigungen lindern, überhäufte sie dieselbe mit zärtlichsten Liebkosungen. Bei dieser Gelegenheit, wie in sehr vielen andern Fällen, bewunderte ich mit geheimem Mitgefühl, und dennoch nicht ohne eine Art von Schrecken, die enge und seltene Vertraulichkeit dieser beiden Freundinnen. Denn außerdem, daß ich wußte, es könne im Allgemeinen nicht vorteilhaft sein, wenn bei jungen Mädchen die gegenseitige Vertraulichkeit diejenige überwiegt, die eigentlich zwischen jeder von ihnen und ihrer Mutter stattfinden sollte: so wußte ich auch überdies schon genug von diesen armen Kindern, um zu ahnen, daß das, was sie zu dieser Vertraulichkeit stimmte, sogar die erste Ursache ihres Verderbens hatte sein müssen, indem es sie nach und nach der Aufsicht ihrer Eltern entzog und sie unmerklich die verführerischen Aufschwünge ihrer wechselseitigen Ueberspannung an die Stelle der hellsichtigen Wachsamkeit mütterlicher Liebe setzen ließ. Das, was mir nicht lange verborgen blieb, bestätigte mich in dieser Ansicht, deren Richtigkeit übrigens tausend andere Beispiele, welche die Welt alle Tage aufzeigt, darthun. – »Ich will Sie nicht belästigen, Rosa«, sagte ich zu ihr, »aber vielleicht würde es, in dem Zustande, worin ich Sie finde, eine Erquickung für Sie sein, nur die Geschichte Ihrer Verheiratung zu erzählen. Lassen Sie aber, ich bitte Sie, Gertrud sprechen, und wir wollen uns bestreben, uns so gelassen als möglich über eine Verbindung zu unterhalten, die, so tadelnswerth sie auch im Gesichtspunkt der kindlichen Ehrerbietung und Unterwerfung gewesen sein mag, doch nichtsdestoweniger gegenwärtig der einzige Hafen Ihrer Ehre und, wie ich hoffe, auch das Ufer ist, von wo aus Sie bald zu Ihren mit Ihnen ausgesöhnten und, Sie wieder zu sehen, glücklichen Familien werden auslaufen können.« Hierauf begann Gertrud, neben dem Bette der Freundin sitzend und deren Hand in der ihrigen haltend, die Erzählung. Nachdem sie jedoch von ihrer beiderseitigen Kindheit, von ihrer Vereinigung, von den Schwüren gesprochen hatte, durch welche sie und Rosa von ihrer ersten Jugend an sich eine unauflösliche Freundschaft gelobt hatten, und sich nun allmälig dem Zeitpunkte näherte, wo die Liebe des Grafen und Rosa's begonnen hatte, ergriff diese unvermerkt das Wort. Und indem sie sich nach und nach belebte, gab sie mir, ohne daß ihre Schamhaftigkeit – so groß war die gesteigerte Lebhaftigkeit ihrer Mittheilung – sie ihre Bewegungen beachten und, wie gewöhnlich, die Decke bis über die Schultern heraufziehn ließ, das begeistertste Gemälde dieser Liebe und die ergreifendste Schilderung von den Gefühlen und den Tugenden des Grafen, und zuletzt von dem Glücke, das sie während vier Wochen des Zusammenseins an seiner Seite genossen hatte, das anziehendste und zugleich empfundenste Bild. Aus dieser Mittheilung, dessen Faden Gertrud bisweilen aufnahm, wenn Rosa, fast bis zur Ohnmacht erschöpft, in die Kissen zurücksank, ergab sich denn, daß der Graf, nachdem sein Heiratsantrag von den Eltern Rosa's zurückgewiesen worden war, Gertruden erklärt hatte, er werde einen so grausamen Schlag nicht überleben; daß von jetzt an die beiden Freundinnen ihn, ohne Wissen ihrer Eltern, zu trösten versucht hatten, indeß sie ihm nicht verbargen, daß Rosa selbst, in Wahrheit entschieden, sich dem Willen der Urheber ihres Lebens zu unterwerfen, im übrigen aber seine Gefühle für sie erwiedernd, den Entschluß gefaßt hatte, da sie nicht die Seinige werden durfte, wenigstens keinem Andern anzugehören; daß sich in Betreff dieses Gegenstandes in kurzem ein brieflicher Verkehr zwischen den beiden Freundinnen und dem Grafen, dessen Gesundheit, wie die ganze Stadt wußte, mehr und mehr wankend wurde, angesponnen hatte, und in diesen: Briefwechsel einige Monate später zwischen ihnen, und mit der vollsten Beistimmung Gertrudens, die Bedingungen einer geheimen Heirat verhandelt worden waren; daß am festgesetzten Tage, und nachdem Alles bei den bürgerlichen Gesetzesbehörden durch eine dem Grafen vertraute gerichtliche Person in Ordnung gebracht worden war, sie um zehn Uhr des Morgens, unter dem Vorwande, eine Landpartie zu machen, das väterliche Haus verlassen und sich nach Delmenhorst begeben hatten, um dort mit dem Grafen zusammenzutreffen und das Bündniß durch den Ortsprediger einsegnen zu lassen, der denn auch, nachdem er in ihrem Beisein die Prüfung der Echtheit aller Papiere, die sie sich von der bürgerlichen Gesetzesbehörde verschafft, vorgenommen, und als er sie bewährt gefunden, zur Vollziehung der Feier geschritten war; daß sie bald nach der feierlichen Handlung in die Kutsche des Grafen gestiegen waren, um die Reise zu unternehmen, die sie nach Genf geführt habe; daß der Graf hier die traurige Nachricht von dem Tode seines Vaters erhalten habe und genöthigt gewesen sei, sie in aller Eile zu verlassen, um nach Hamburg zu gehn, und daß ich von dieser unglücklichen Abreise an nun selbst das Weitere ihrer Geschichte wisse. Wie man sich denken kann, machte dieser Bericht einen sehr peinlichen Eindruck auf mich. Doch da ich meine Vorwürfe von neulich nicht wiederholen wollte, so beschränkte ich mich darauf, einige Fragen über verschiedene einzelne Punkte zu thun, besonders über Umstände in der Erzählung, welche Unterschiede zwischen unseren bürgerlichen Einrichtungen hinsichtlich der Heiraten betrafen, und denen, welche in der Gegend gültig sind, wo diese Damen herstammten. Worauf ich zu ihnen sagte: »Ist das auch wirklich Alles so, meine lieben Kinder?« – Diese Frage versetzte sie in Betrübniß. – »Wenn ich darauf einen Nachdruck lege«, fügte ich hinzu, »so geschieht dies nicht deswegen, weil ich irgend ein Mißtrauen in Ihre Wahrhaftigkeit setze, und außerdem haben Sie mir genug von sich anvertraut, als daß ich Sie nicht für vollkommen aufrichtig halten sollte. Aber da ich herzlich wünsche, Ihnen mit Gottes Beistand erfolgreich helfen zu können, so ist mir im höchsten Grade daran gelegen, Ihre Lage durch und durch kennen zu lernen, und daß Sie aus Nichtbeachtung in dem Bericht, den Sie mir soeben abgestattet haben, nichts Wesentliches ausgelassen haben möchten.« – »Wir haben Alles erwähnt, guter Herr Bernier«, sagten beide in gemeinschaftlichem Eifer; »wir haben nichts vergessen, nichts übergangen, und unsere Geschichte ist Ihnen jetzt ebenso genau bekannt, als uns selbst,« – »Nun gut! es wird Ihnen zum Trost gereichen, sie mir vertraut zu haben, und es soll nicht an mir liegen, daß es Ihnen nicht auch zum Vortheil gereiche. Aber für heute will ich aufhören, Sie länger zu ermüden. Geben Sie mir die Hand; sein Sie vorsichtig; halten Sie die Vorhänge zu, weil man ja auch aus den Fenstern der Umgebung den Blick auf Ihr Zimmer hat, und sein Sie meines baldigsten Wiederbesuches versichert.« Hierauf verließ ich sie. Gegen meine Erwartung und zum erstenmale traf ich Niemanden von den Millers in der Küche an, und wenn ich auch recht erfreut darüber war, ihren in der That noch weit mehr mich in Verlegenheit setzenden, als unbescheidenen Fragen dadurch zu entgehn: so beunruhigte mich doch ihre Abwesenheit, obgleich ich sie mir erklären konnte. Wo war jetzt eine Verhinderung, daß der junge Mann, der von seiner Dachstube aus alle Bewegungen der Familie Miller überwachen konnte, nicht einen solchen Augenblick benutzte, um sich nach der Thür zu schleichen und das Zimmer der Damen zu betreten, wenn Gertrud, aus Gefälligkeit gegen die Millers, selbst gekommen wäre, um zu öffnen und an ihrer Stelle zu antworten? Und da diese Betrachtung mir auf die Seele fiel, so stieg ich, obgleich ich schon die Treppe hinabgestiegen war, noch einmal hinauf und klingelte. Gertrud kam wirklich und öffnete mir, und ich empfahl ihr, sie solle sich wohl in Acht nehmen, es noch einmal zu thun, wer auch klingeln möchte, in Abwesenheit der Millers. Sie versprach es mit einer Art von Erschrecken, doch ohne daß sie es wagte, nach dem Grunde dieser Warnung zu fragen, und ich verließ sie, nicht ohne das Gefühl eines peinlichen Eindrucks in mir davon mitzunehmen. 22. Am andern Tage, als ich die beiden Damen wieder besuchte, erfuhr ich, daß wirklich einige Augenblicke darauf, nachdem ich am Tage vorher von ihnen weggegangen war, Jemand geklingelt hatte, und daß sie, noch von dem unheilverkündenden Eindrucke, den ihnen meine Erinnerung verursacht hatte, zitternd, anstatt öffnen zu gehn, ihre Thüre doppelt verriegelt und, sich gegenseitig in die Arme schließend, sich aneinander gehalten hatten, um ihre Furcht zu bannen und sich dadurch zu hindern, daß sie Schreie ausstießen, welche die Nachbarn herbeigezogen hätten. Diese Ruhestörung hatte sehr übel auf die arme Rosa gewirkt, die ich in der That von einem hitzigen Fieber ergriffen und dennoch außer dem Bette fand, aus zu großer Furcht, man könnte sie im Bett überraschen. Uebrigens hatte sich der unbekannte Jemand, nachdem er ungefähr zehn Minuten lang unaufhörlich an der Klingel gezogen, entfernt, und eine halbe Stunde nachher war nur die Frau Miller eingetreten. Bei dieser Gelegenheit äußerten sie, daß sie sich vorgenommen hätten, in Zukunft für gewöhnlich ihr Zimmer verschlossen zu halten, sei es nun um der Sicherheit willen, sei es, weil sie nicht mehr dasselbe Zutrauen in die Millers hätten, als sie es in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bei denselben gehabt hatten. Und als ich wissen wollte, was dieses Zutraun vermindert hätte, sagten sie, sie wüßten nichts Bestimmtes anzuführen, es sei aber der allgemeine Eindruck, welchen sie in diesen letzten Tagen im Ton, in der Miene und dem Benehmen ihrer Wirthe gegen sie empfunden hätten. Auch sagten sie mir, daß sie viel über ihre Lage, über ihr gegen ihre Familien begangenes Unrecht nachgedacht hätten, wie auch, daß sie unmöglich länger die Güte, die ich ihnen erwiesen hätte, mißbrauchen möchten, da ich sie ausübte auf Kosten meiner eigenen Angelegenheiten und sogar auf die Gefahr hin, meine Gesundheit durch die Vermehrung der Gänge und die Unruhe, welche sie meinem hohen Alter verursachten, zu untergraben; daß überdies ihr Kummer in Hinsicht des Grafen und dessen, was ihm zugestoßen sein möchte, so daß er sich genöthigt fände, sie dergestalt ohne alle Nachrichten wie ohne Geld zu lassen, auf die Spitze gediehen, und die Stunde gekommen wäre, all diesem ohne längeren Aufschub ein Ziel zu setzen; daß andrerseits, weil sie die Unmöglichkeit sähen, sich unmittelbar an ihn zu wenden, da keiner ihrer Briefe ihm zuhanden gekommen zu sein schiene, sie entschieden wären, ihre eigenen Familien über ihre Lage in Kenntniß zu setzen, indem sie sie zugleich um Verzeihung bitten und sie anflehen wollten, in Hamburg über den Grafen Erkundigungen einzuziehn; daß sie sich folglich, sobald Rosa wieder hergestellt wäre, in Gemeinschaft damit beschäftigen würden, an ihre Eltern zu schreiben und mich darum bitten würden, diesem Schritte dadurch ein Gewicht zu geben, welches er sonst nicht haben würde, daß ich selbst ein Schreiben beilegte, in dem ich die Aufrichtigkeit ihrer Gefühle bestätigte und meine Fürbitte für sie einlegte. – Als sie eben mit der Auseinandersetzung dieses klugen Planes, der in jedem Punkte mit dem übereinstimmte, den ich selbst ihnen hatte vorschlagen wollen, zum Schlusse kamen, ließ sich die Klingel in der Küche hören. Sogleich stürzten die beiden Freundinnen, von Schreck ergriffen, auf mich zu, indem sie meine Hände erfaßten und mich mit ihren Armen umschlangen. Eben so wie gestern war grade die Frau Miller hinausgegangen; und da ich durch einen Eingang in das Haus an der Seite des Gefängnisses eingetreten war, so daß man von dem Dachstübchen aus wohl die Frau Miller hatte herauskommen sehen können, ohne jedoch meine Ankunft wahrzunehmen: so beschloß ich, selbst die Thüre zu öffnen, um mich zu vergewissern, ob es nicht der junge Mann selbst wäre, welcher auf diese Weise sich heimlich Zugang verschaffen wollte, indem es ihm dann frei stand, hernach eine Entschuldigung für seine Dreistigkeit in der Heftigkeit seiner Gefühle und in dem Verlangen zu finden, die Damen von seinen Wünschen oder seinen Entwürfen zu unterhalten. Nachdem ich also Rosa und Gertrud gebeten hatte, mich frei zu lassen, und sich in ihr Gemach einzuschließen, bis ich zu ihnen zurückgekehrt wäre, schritt ich ganz leise durch die Küche und stellte mich hinter die Thüre, und beim ersten Schalle der Klingel, der sich wieder hören ließ, öffnete ich plötzlich die Thüre. So viel die Dunkelheit von der Treppe mir zu sehn erlaubte, unterschied ich eine Frauensperson, den Kopf mit einem Barett oder einer schwarzen Weibermütze bedeckt und übrigens wie die Mädchen aus dem Kanton Waadt gekleidet, die nach Genf kommen, um dort in Dienst zu gelangen. – »Was will man hier?« fragte ich; und bemerkend, daß sie sich, anstatt mir zu antworten, anschickte, eiligst die Treppe wieder hinabzusteigen, ergriff ich sie beim Arme, zog sie in die Küche herein und erkannte nun, unter dieser Verkleidung eines Dienstboten in gutem Hause, das Frauenzimmer Marie! »Ah, bist du es?« sagte ich zu ihr, die Thüre ganz verschließend; »du wirst mir jetzt berichten, was dich hierher führt, und was dieses Billet bedeutet, das du soeben meinen Blicken zu verbergen suchtest.« – Da sie mit der Antwort zögerte, so fügte ich hinzu: »Bedenke wohl, daß jegliche Lüge hier gefährlich ist, denn sie würde nur dahin führen, dich die Strenge der Polizei fühlen zu lassen, anstatt sie auf den hin zu lenken, der dich schickt.« Hierauf brachte sie das Billet unter ihrem Taschentuch hervor und rief, nachdem sie es mir eingehändigt hatte, mit frechem Tone aus: »Ich spotte jeder Polizei!« Ich brachte nur einen Brief an Madam Miller, damit sie ihn den Damen zustellte, die bei ihr wohnen. Das ist Alles, und deshalb, glaube ich, wird man mich nicht hängen!... Jetzt lassen Sie mich wieder meiner Wege gehn.« – »Einen Augenblick!« sagte ich zu ihr, während ich das Billet eröffnete, um mich zu versichern, was wohl der Gegenstand ihrer Botschaft wäre. Aber indeß ich noch damit beschäftigt war, es zu lesen, trat Madam Miller ein. Hierauf beobachtete ich, ohne daß ich mir den Anschein gab, es zu thun, aufmerksam ihre Haltung, ihren Blick, sogar ihre neugierige Miene, und nachdem ich mich hinlänglich überzeugt hatte, daß sie durchaus nicht wußte, wer dieses Frauenzimmer wäre, und daß folglich ihr Ausgehen, anstatt die Folge einer verbrecherischen Mitwissenschaft zu sein, im Gegentheil ganz zufällig gewesen war: so faltete ich ruhig das Billet wieder zusammen, steckte es zu mir und sagte zu derjenigen, die es mir soeben übergeben hatte: »Es ist gut, Sie können gehn.« – Als Marie sich entfernt hatte, sagte ich zu Madam Miller: »Nun, wie stehn hier die Angelegenheiten? Unsere junge Dame ist, wie ich sehe, sehr leidend gewesen.« – »Ihre junge Dame«, antwortete sie übelgelaunt, »Ihre junge Dame ist gar nicht die meinige. Wenn man sich den ganzen langen Tag einschließt, so macht man sich sicherlich nicht beliebt. Man mißbraucht Sie, Herr Bernier, und ich sehe es kommen, daß wir die Kosten Ihres Irrthums zu tragen haben werden. Wissen Sie denn nicht, daß sie ihre Kleider und ihr Geschmeide verkauft haben, um ihre thörichten Ausgaben im Hotel zu bezahlen? Wissen Sie nicht, daß die Eine« ... »Ihre Aeußerungen, Madam Miller«, erwiederte ich, sie unterbrechend, »sind nicht sehr liebreich. Im Uebrigen, da weder Jugend, noch Verlassenheit, noch Unglück Sie mitleidig zu machen vermögen, so gebe ich Ihnen hier zwei Beweggründe, die Sie wenigstens veranlassen werden, die Damen zu dulden. Der eine ist, daß in zwei, höchstens drei Wochen diese Damen Ihr Haus verlassen werden, um zu den Ihrigen zurückzukehren; der andere, daß ich dafür Bürge bin, daß Sie nicht einen Pfennig von dem einbüßen sollen, was sie Ihnen bis zum Augenblick ihrer Abreise schuldig sind.« – Hierauf verließ ich die Frau Miller, und nachdem ich vorher an die Thüre des Zimmers geklopft hatte, öffnete mir Gertrud. 23. Man kann sich denken, in welcher Angst ich die Damen wiederfand. Ohne ein Wort zu verlieren, befragten sie mein Gesicht, meinen Blick, jede meiner Bewegungen, und als ich das Billet aus meiner Tasche zog, riefen sie mit einer Geberde des Schreckens: »Was ist das?« – »Das ist«, versetzte ich darauf, »ein Liebesbrief, der vorzugsweise an Sie, Gertrud, gerichtet ist. Aber ärgern Sie sich nicht darüber, mein Kind, denn er kommt von demselben Herrn, der Sie alle beide im Hotel bloßgestellt hat, so daß dies kein unerwarteter neuer Schimpf ist. Ja, noch mehr, wenn ich nicht außerdem und aus eigner Erfahrung wüßte, was man von dem Schreiber dieses Briefes zu denken hat, so könnte mich dieser wohl verleiten, nicht allzu ungünstig über jenen zu urtheilen, so aufrichtig scheinen die darin ausgedrückten Gefühle und so unverwerflich ist die Form, in der sie ausgedrückt sind. Aber, meine lieben Kinder, so bedecken sich zu allen Zeiten die räuberischen, Wölfe mit Schafsfellen, um sich darunter ihrer Beute nähern zu können, und zwingen ihre rauhe Stimme, nur unschuldiges Blöken hören zu lassen.« – Nach dieser Bemerkung las ich ihnen den Brief laut vor. Der junge Herr begann darin mit höflichen Entschuldigungen wegen des Auftritts im Hotel, dessen Widerwärtigkeit er zum Theil auf seine eigne Unerfahrenheit, zum Theil aber auf die durchaus irrige Weise schob, wie ich seinen Schritt ausgelegt hätte, jedoch anerkennend, daß bei derlei Anlässen eine christlich strenge Moral, im Fall sie nur vom Irrthum zurückkommt, wenn sie später die Redlichkeit der Absichten eingesehen hat, niemals deshalb Tadel verdienen würde, daß sie zu früh Aergerniß daran genommen und zu überflüssigen Vorsichtsmaßregeln gegriffen hat. Hierauf kam der junge Herr auf seine Empfindungen für die Damen zu sprechen, von denen er die zarteste Schilderung entwarf, bis er, nach und nach auf Gertrud übergehend, für diese eine ernste, tiefe Leidenschaft kundgab, die seine ganze Seele beherrsche und dazu angethan wäre, je nachdem der Himmel es lenkte, ihm entweder als ein Glück ohne Gleichen zu gelten, oder ihn in eine Verzweiflung zu stürzen, die zum wenigsten die gewisse Wirkung haben würde, seine Lebenslage abzukürzen. Wenn er sich übrigens entschlossen hätte, den Zustand seines Herzens vor ihnen zu enthüllen, so geschähe es in der Absicht, damit die Damen sich daraus die unbedachte Aufwallung erklären könnten, die ihn zu dem voreiligen Schritte im Hotel verleitet, aber durchaus nicht in der Voraussetzung, nächster Tage sofort zum Besuch zugelassen zu werden, wie groß auch seine Sehnsucht darnach sei, und noch weniger in dem Gedanken, Erwiederung von Seiten Gertrudens zu erstreben, wenn es selbst seine Ruhe, sein Glück und sein Leben kosten sollte, und daß er seine einzige, ungewisse Hoffnung nur auf die Wirkung der Zeit und die ehrerbietige Leidenschaft seiner Gefühle gründe. – Das Vorlesen dieses Briefes brachte auf die Damen denselben widerwärtigen Eindruck hervor; den er bei mir erzeugt hatte, und vielleicht stellten sie, gleich mir, zwischen dieser Sprache und derjenigen, deren sich noch unlängst der Graf gegen Rosa bedient hatte, einen traurigen Vergleich an, indem sie sich dabei erinnerten, daß sie ganz ähnlichen Betheurungen nachgegeben hatten, um ohne die Bestimmung ihrer Familien eine heimliche Heirat einzugehn. Wenigstens legten sie gegen mich ein großes Bedauern an den Tag, in die Vorlesung des Briefes gewilligt zu haben, ohne jedoch so weit zu gehen, zu behaupten, daß sie etwas platt Romanhaftes oder thöricht Übertriebenes darin hätten finden können. – »Meine Kinder«, sagte ich hierauf zu ihnen, »das ist nun der Inhalt des Briefes; aber ich habe euch noch nicht die Nachschrift vorgelesen, worin unter einer sehr gefährlichen Arglist die Falle versteckt liegt, in welche zu gehn ihr, wie ich hoffe, sowohl heute als irgendwann zu vermeiden wissen werdet; sie lautet so: P.S. Ich wäre im Stande, Ihnen Nachrichten von dem Grafen mitzutheilen, die ich aber dem Papier nicht anzuvertrauen wage, so lange ich nicht gewiß weiß, daß es an Sie gelangt, die aber Ihnen zuzustellen ich stets bereit sein werde, auf die einzige Bedingung hin, deren löbliche Beweggründe ich Ihnen später mittheilen werde, daß Sie sowohl über diesen Brief, wie über den Besuch, den Sie zu gelegener Zeit von mir in Anspruch zu nehmen für gut halten würden, mir die unbedingteste Geheimhaltung vor Herrn Bernier versprechen.« Das Vorlesen dieser Nachschrift versetzte Rosa in einen außergewöhnlichen Zustand von Aufregung.– »Jetzt ist es durchaus nöthig, lieber Herr Bernier, daß Sie sich angelegen sein lassen, diesen jungen Herrn selbst zu sprechen«, rief sie aus; »Sie müssen ihn dringend angehn, ihn beschwören, ihn unserer ewigen Erkenntlichkeit versichern, wenn er uns, durch Ihre Vermittlung, Nachrichten über den Grafen zukommen lassen will ... Ach! ich selbst, ich selbst, wenn ich dazu die Kraft hätte, wollte zu ihm gehn und mich zu seinen Füßen werfen ... Aber eben fällt mir ein, du, Gertrud, könntest Herrn Bernier begleiten; eilt, fliegt, damit ich noch, eh' eine Stunde vergeht, wenigstens erfahre, ob ich noch meinen Ludwig erwarten darf, oder ob mir nur noch übrig bleibt, vor Schmerz zu vergehn, weil ich ihn verloren habe!« ... Nach diesen Worten warf sich Rosa gegen die Rücklehne des Sessels, die Augen trocken, und doch nichtsdestoweniger einem Schluchzen, das von Zuckungen begleitet war, anheimfallend. »Rosa, Gertrud«, sagte ich jetzt – denn ich sah wohl, daß diese im Stande wäre, Alles zu unternehmen, um die Angst ihrer Freundin zu beschwichtigen – »es steckt hier nur eine plumpe Hinterlist und nicht der Schatten von Nachrichten über den Grafen dahinter. Dieser Mensch, hört mich recht an, sinnt nur auf Mittel, euch meiner Obhut zu entreißen, um euch in die Netze seiner Ausschweifung zu locken. Und da sie bei diesem Worte alle beide vor Abscheu und Scham schauderten, so wiederholte ich: »in die Netze seiner Ausschweifung, und ich habe hundert Beweise davon, mit deren schmutziger Erzählung ich bisher eure Ohren verschonen zu müssen geglaubt habe.« – Hierauf erzählte ich ihnen, in schonenden Ausdrücken, die Geschichte des Briefes, die meiner Begegnungen, welche ich nach und nach mit dem jungen Herrn gehabt hatte, die meines Abenteuers bei dem Frauenzimmer Marie, und wie endlich durch die Zwischenträgerei dieser abscheulichen Kreatur und durch eine besondre Begünstigung der gütigen Vorsehung soeben dieser Brief in meine Hände, anstatt unmittelbar in die ihrigen, gefallen sei. Diese Darstellung machte auf beide den düstersten und tiefsten Eindruck, dergestalt, daß sie, noch über und über zitternd bei dem Gedanken an die Gefahr, der sie hätten anheimfallen können, gleichsam wie durch einen geheimen Zug sich mir näherten, als man an die Thür des Zimmers klopfte. Kaum hatten sie dies gehört, als sie einen Schrei ausstießen, sich vor mir auf die Kniee warfen und mich beschworen, nicht zu öffnen. Aber ich nahm auf ihre inständigen Bitten keine Rücksicht, und nachdem ich im Gegentheil auf der Stelle geöffnet hatte, sah ich in der Küche eines der Millerschen Kinder und auf der Thürschwelle des Zimmers selbst einen Mann, den ich an seinen Abzeichen als einen Polizeibeamten erkannte. – »Entschuldigen Sie«, sagte dieser, indem er seine Kopfbedeckung abnahm; »auf die Anzeige eines Frauenzimmers, welche, wie sie sagt, gelegentlich den Aufenthaltsort dieser Damen entdeckt hat, bin ich beauftragt worden, diesen ihre Papiere abzufordern, um ihre gegenwärtige Stellung in Ordnung zu bringen.« – Mehr todt als lebendig bei dieser demüthigenden Aufforderung, beobachteten die beiden Freundinnen tiefes Stillschweigen. Endlich wandte sich Gertrud an mich und sagte: »Alles, was ich von unserer gegenwärtigen Stellung weiß, lieber Herr Bernier, ist, daß wir alle beide auf den Paß des Grafen hierher gereist sind, so daß wir bis zu dessen Rückkunft durchaus keine Papiere zu übergeben haben.« – »Statten Sie also ganz einfach diese Erklärung ab«, sagte ich hierauf zu dem Manne, in der Absicht, daß dadurch sein Besuch abgekürzt würde, »und fügen Sie hinzu, daß ich, der Prediger Bernier, auf dem Polizeibureau erscheinen würde, um Bürgschaft dafür zu leisten und um mich in Betreff der Maßregeln zu verständigen, die man treffen muß, um die Stellung dieser Damen zu regularisiren.« – Der Mann entfernte sich hierauf sogleich, um seinen Bericht abzustatten, und nachdem ich noch eine Stunde bei Rosa und Gertrud geblieben war, um ihnen einige Ruhe und Unbesorgtheit wiederzugeben, mußte ich, ehe ich noch die Genugtuung hatte, diesen Zweck erreicht zu haben, sie verlassen, um an die Erfüllung meiner Obliegenheiten zu gehen. 24. So bedrohten, trotz aller meiner Vorkehrungen, Gefahr und Demüthigung meine beiden Schützlinge immer mehr und immer näher. Ohne Zweifel konnte ich mich freuen, daß ich ihnen auf ihrem Wege begegnet war, um ihnen Beistand zu leisten und ich sah es als eine große Gunst des Himmels an, daß ich sie soeben, gerade in dieser Stunde, vor der drohendsten Gefahr, die sie noch je betroffen, hatte bewahren können. Wenn ich aber andrerseits sah, von welcher Art von Verfolgung sie der Gegenstand, und wie vieler Bösartigkeit, Hinterlist und hartnäckigem Verrath sie ausgesetzt waren, so verzweifelte ich daran, daß es mir immer so glücken würde, und es überfiel mich Mutlosigkeit. Aber der Gedanke, in einem Werke, das so klar als eines der ersten Gebote der christlichen Liebe ausgesprochen ist, zu erlahmen, bewirkte in mir eine lebhafte Scham, und als ich dann gar an das göttliche Vorbild unsers Erlösers Jesu Christi dachte, so erröthete ich mit Zerknirschung, daß ich auf meinem Pfade solcherweise bedenklich sein konnte, und faßte neuen Muth, um ihn wieder zu verfolgen. Dennoch waren es hier vielmehr die Schwächen des Fleisches, welches, bald ermattet, Nachsicht und Ruhe verlangt, als es die wahren Eingebungen meines Herzens sein konnten; denn ich fühlte mich an diese beiden Unglücklichen in dem Maße immer mehr gefesselt, je mehr ich mich mit ihnen beschäftigt hatte, und da ich sie bei mancher Gelegenheit so von ihrer Höhe gesunken und verlassen sah, so hatte das Mitleiden mein innerstes Herz ergriffen. Das Alter macht uns geneigter zur väterlichen Zärtlichkeit gegen die zutrauliche Jugend, und wenn in Wahrheit auch die Prüfung der beiden Freundinnen eine verdiente war, weil sie, in Rücksicht auf ihre Familien, das heiligste der Gebote verletzt hatten: so besaßen sie doch demungeachtet sonst jede Art vortrefflicher Eigenschaften, und es begegnete mir oft, wenn ich sah, wie sie so leicht an das Gute und Rechtschaffene glaubten, so dankbar für erwiesenes Wohlwollen oder Schutz waren, daß ich mir einbildete, sie wären grade ebenso sehr durch ihre Unschuld, als dadurch, daß sie sich dem göttlichen Gesetze entzogen, in die Irre gerathen. Rosa zeigte alle die Uebereilungen, aber auch all das Wunderbare einer empfindungsvollen, leicht vertrauenden, leidenschaftlichen Seele, all den Mangel an Erfahrung eines jugendlichen, glühenden, leicht entflammten Herzens; aber auch alle die Vorzüge eines sich gern mittheilenden, zärtlichen Naturells, das voll offener Lebhaftigkeit ist. Was Gertrud anbelangt, welche mir anfangs in jedem Punkte Rosa gleich erschienen war, so hatte ich in ihr nach und nach erkannt, daß sie weit eher begeistert, als von Natur glühenden Herzens war, und daß man der Macht ihres mehr überlegten Charakters, so wie ihres gebildeteren Verstandes die Herrschaft zuschreiben mußte, die sie über ihre Freundin ausübte. Ein gewisser Hang zu nachdenklicher Schwermuth, der Trieb zur Fürsorge, der Drang zur Aufopferung schienen mir die entscheidenden Grundzüge ihrer Seele zu sein, und wenn sie übrigens ebenso aufrichtig, so offenherzig, so gradsinnig wie Rosa war, so war dies bei ihr weit mehr das Ergebniß einer ernsten Erhabenheit als, wie bei Rosa, die unmittelbare Wirkung eines Naturells, das irgend einer Verstellung unfähig war und in Folge seiner Aufrichtigkeit sich vollkommen durchschauen ließ. Uebrigens traten diese früher verhüllten Verschiedenheiten unter meinen Augen täglich in dem Maße mehr hervor, als die Lage der beiden Freundinnen drückender und ihr Schicksal bedenklicher wurde. Rosa, in den ersten Tagen so strahlend von Heiterkeit und Glücksgefühl, hatte sich bald, weniger noch kummervoll, als vielmehr bestürzt, aufgeregt, leidenschaftlich gezeigt, und es waren weit mehr die Erschütterungen als die Betrübnisse ihrer Seele, die schon zweimal ihren Körper niedergeworfen, ihr Blut entzündet und ihre frische Gesundheit durch die Anfälle eines hitzigen Fiebers gebrochen hatten. Gertrud dagegen, viel eher angegriffen als ihre Freundin durch die Vorgefühle der Enttäuschung und der Unruhe, aber weit schneller als diese Herrin ihrer Eindrücke, hatte sich in einer Art von Leiden durch Muth aufrecht erhalten und durch ihre Aufopferungsliebe zerstreut, so daß sie, trotz der eifrigsten Sorgfalt, die sie Tag und Nacht an ihre Freundin wandte, deren Zustand ihr große Beunruhigung verursachte, doch nicht allein ihre Gesundheit behalten, sondern ihr Gesicht trug auch, außer einer mehr als sonst an ihr gewohnten Blässe, durchaus noch keine Spuren nagender Schmerzen oder krankhafter Abzehrung. Noch an demselben Tage begab ich mich, nachdem ich meine Angelegenheiten besorgt hatte, auf das Polizeibureau. Die Beschaffenheit der Anzeige, welche Marie daselbst gemacht hatte, wie auch die Thatsache, daß diese Anzeige durch deren Vermittlung dahin gelangt war, hatte natürlich auf die Auffassungsweise der Beamten Einfluß ausgeübt, und ich mußte dort, in Betreff der Lage der Damen und ihrer Unterhaltsmittel, auf solche Fragen Antwort ertheilen, deren am wenigsten herabwürdigende sogar, wenn sie sie vernommen hätten, in ihre schamhafte Seele das unbekannte Entsetzen eines unheilbaren Schreckens gebracht haben würde. Mich selbst verletzte es im tiefsten Herzen, mich ihnen unterziehen müssen, und ich hatte nöthig, den Ausbruch meiner empörten Gefühle mit aller Kraft der Klugheit niederzuhalten, damit sie sich nicht unter allen den Leuten dort in bittern Klagen Luft machten gegen die Annahme der Angebereien eines verworfenen Geschöpfes, welches keinen andern Beweggrund dazu hatte, als den, eine niedrige Rache zu üben; ferner gegen die geschäftliche Gleichgültigkeit, welche, die Zeugnisse abweisend, die Keuschheit selbst vor sich berief, um sich über ein regelwidriges Leben zu rechtfertigen, welches sie gar nicht kannte; endlich gegen die persönliche Neugierde der Anwesenden, welche, um sich zu befriedigen, einen alten Prediger, dessen Erscheinung allein schon hätte genügen sollen, um von seinen Schützlingen allen beleidigenden Verdacht zu entfernen, gleichsam auf dem Armensünderstühlchen festhielt. Aber ähnliche Auslassungen, wie sie mir auf der Zunge lagen, hätten nur ein an sich schon hinreichend betrübendes Aergerniß ohne Nutzen ruchbar gemacht, so daß ich es dabei bewenden ließ, die Lage der Damen zu erörtern, mich als Bürgen für ihre untadelige Aufführung zu erklären und zu versprechen, daß ich innerhalb weniger Wochen ihre Papiere geordnet vorzeigen würde. Hierauf allein erwies mir der Vorsteher der Beamten, ohne Zweifel durch ein Gefühl des Bedauerns wie der Gerechtigkeit bewogen, die Rücksichten, auf die ich von Anfang an ein Recht zu haben glaubte, und indem er mir seinen guten Willen darthun wollte, forderte er mich auf, mit nach dem Paßbureau zu kommen, um nachzusehen, ob der Paß des Grafen dort unter dem betreffenden Datum einregistrirt worden sei, in welchem Falle die Lage der Damen sich auf der Stelle hinreichend in der Ordnung erwiese, und man würde ihnen dann mit Vergnügen eine Aufenthaltskarte einhändigen. Er begleitete mich selbst nach jenem Bureau, wo ich, während er das Nachsuchen im Register vornahm, unter andern auf einem Pulte durcheinander liegenden Papieren den Paß des jungen Herrn erblickte, der soeben nach Basel, unter dem Datum des gestrigen Tages, visirt worden war. Dies gab mir einigen Trost, und ganz sicher, daß ich diesmal in diesem besondern Falle die Wahrheit gefunden hätte, schöpfte ich daraus die Hoffnung, daß meine jungen Damen in sehr naher Zeit von den Fallstricken und Nachstellungen dieses verwegenen Lüstlings befreit sein würden, und wir von nun an gemeinschaftlich und mit Erfolg an ihrer Wiederaussöhnung mit den Ihrigen würden thätig sein können. Uebrigens aber fand sich nichts in dem Register, und die Herren wußten sich selbst diese Lücke nur durch das zu erklären, was ich ihnen in Betreff des Grafen berichtete, der, auf die Nachricht von dem Tode seines Vaters, in höchster Eile nach Hamburg hatte zurückreisen und sogar geflissentlich Förmlichkeiten vermeiden müssen, die nur zur Folge gehabt hätten, seinen Aufenthalt in Genf um einige Stunden zu verlängern. 25. An den nächstfolgenden Tagen trug sich nichts Bedenkliches zu, so daß diese ungehoffte Frist nach so vielen Angriffen und Erschütterungen, so unbedeutend sie auch war, doch hinreichte, um die Wiederherstellung Rosa's zu beschleunigen. Die Millers selbst schienen, wenn auch nicht zuvorkommender oder zu größerer Rücksicht gegen die Damen aufgelegt, sich doch weiter nicht um ihre Angelegenheiten zu bekümmern, und ich schrieb diese Veränderung den beiden Beweggründen zu, die ich ihnen angegeben hatte, um sie zur Nachsicht zu verpflichten. Uebrigens hatte kein neuer Schritt von Seiten des jungen Herrn stattgefunden seit seinem Brief an Gertrud, und ich begriff auch hinreichend, daß er, weil ihm dieser direkte und entscheidende Versuch völlig mißglückt war, von nun an das Unternehmen als ein verlorenes ansah und die Nothwendigkeit fühlte, das Land zu verlassen, um sein Glück auf einem andern Schauplatze zu versuchen. So unterhielt ich mich denn, von dem Ende der Woche an, mit den Damen von der Angelegenheit ihrer Wiederaussöhnung, und nachdem ich ihnen meine Meinung deswegen gegeben, verpflichtete ich sie, für nächsten Montag zwei Briefe an die Ihrigen bereit zu halten, die mit demjenigen, welchen ich für denselben Tag schreiben würde, abgehen sollten. Bei dieser Unterhaltung fand ich Gelegenheit, mich von ihrer gewissenhaften Rückkehr zu dem Grundsätze einer kindlichen Unterwerfung zu überzeugen, so daß ich, mit Ausnahme der Vorbehalte, die ich selbst billigte, und die, was Rosa und den Grafen, so wie deren hinfort heiliges und unauflösliches Verhältniß als Ehegatten, gesegnet von Gott und geweiht durch das Gesetz, anbetraf, allen den Gefühlen, welche kund zu geben sie sich vorsetzten, um Gnade vor ihren gerechterweise erzürnten Eltern zu erlangen, nur meine volle Beistimmung geben konnte. Ueberdies, sagten sie mir, wären die Gesinnungen des Grafen der Art, daß, wenn sie selbst sich reuig, ehrfurchtsvoll, bereit zu allen Opfern, die man von ihnen verlangen könnte, zeigten, sie eigentlich nur seinem schon ertheilten Rathe folgten und nur im voraus thäten, wozu er selbst sich entschlossen gezeigt hätte, es zu thun, sobald es nur irgend möglich sein würde. – »Ach, daß Sie ihn nicht gekannt haben, mein bester Herr Bernier!« setzte Rosa hinzu; »Sie würden nicht allein unser Vergehen mit mehr Nachsicht beurtheilen, so entschuldbar würde es Ihnen erscheinen, daß wir ihn zum Führer genommen haben, sondern Sie würden auch begreifen, daß Ludwig, weil er mich ohne die Zustimmung meiner Eltern hat heiraten können, deswegen nicht nothwendig minder streng in seinen Grundsätzen war, als Einer, der es am meisten auf der Welt ist, sondern daß er es that, weil er, jung, zärtlich und leidenschaftlich, mich liebte, wie noch niemals ein Weib geliebt worden ist! ... Aber er wird kommen, er wird kommen«, fuhr sie mit dem begeisterten Lächeln der Hoffnung fort; »Sie werden ihn nun kennen lernen, Sie werden ihn lieben, Sie werden ihn segnen, und es wird mein unaussprechliches Glück sein; denn um sich zu rechtfertigen, um geheiligt vor Gott und den Menschen zu sein, muß er die Taufe der Ehre, der Rechtschaffenheit, der Tugend von Händen, wie die Ihrigen, mein würdiger Herr Bernier, empfangen haben!« – Nach diesen Worten warf sich Rosa mit vollstem Herzen in meine Arme, und obgleich ich Vieles gegen diesen Erguß vorzubringen gehabt hätte, worin zugleich die Folgewidrigkeit des Urtheils und die Hingerissenheit des Wohlwollens selbst sich Luft machten, so konnte ich doch nicht umhin, dieses junge Wesen, kaum hergestellt und noch so gebrechlich, mich mit übertriebenen Zeugnissen überschütten zu lassen, worin sich ihre feurige Seele behaglich und gleichsam in der freien Luft befand, indem sie aus jener erstickenden Atmosphäre von Beunruhigungen, Befürchtungen, Beängstigungen herausschritt, welche Verlassenheit und Demüthigung allmälig um sie erzeugt hatten. Nach diesem Zwischenvorfall, der uns vom Hauptgegenstande abgelenkt hatte, kam Gertrud darauf zurück und sagte mir, daß sie auch noch eine andere dringende Ursache hätten, an die Ihrigen zu schreiben. Sie hätten nämlich gefunden, daß, nachdem von den dreihundert aus dem Hotel mitgebrachten Franken die Ausgaben für ihre beiden Kleider und einige kleine unentbehrliche Gegenstände abgezogen worden wären, ihnen kaum noch so viel übrig bliebe, um den Millers den Betrag für den fünfwöchentlichen Aufenthalt bei denselben zu entrichten. Zwar besäßen sie noch zwei oder drei Schmucksachen von einigem Werthe, deren sie sich jedoch nicht entäußern möchten. Die einen beständen in wenigem Golde, welches zur Einrahmung der Bildnisse ihrer Eltern diente; die andern in Ringen des Andenkens, in zwei Ketten, die sie, im Alter von zwölf Jahren, an demselben Tage, an dem man sie ihnen gegeben, gegen einander ausgetauscht hätten, endlich in dem Trauringe Rosa's. – Ich sagte ihnen in Bezug hierauf, daß, da ich selbst wegen der Mäßigkeit meines Gehaltes, von dem ich und mein Sohn lebten, nichts beiseite gelegt hätte, ich ihnen somit gegenwärtig nicht dafür bürgen könnte, daß sie immer im Stande sein würden, diese Gegenstände sich zu erhalten; daß wir aber, so lange ich ihnen durch kleine gangbare Hülfsquellen helfen könnte, den Zeitpunkt, in welchem es unerläßlich geworden wäre, sich ihrer zu entäußern, würden hinausschieben können. Es wäre übrigens sehr wenig wahrscheinlich, daß sie dahin kommen würden, weil es nicht länger als vierzehn Tage dauern könnte, bis die Antwort auf ihre Briefe zu uns gelangte, und daß sie unterdessen, sofern sie nur in Allem eine strenge Wirthschaftlichkeit beobachteten, davon verschont bleiben würden, den Rest ihrer Besitzthümer zu verkaufen. Durch diese Worte beruhigt, zeigten sie mir hierauf mit jener anmuthigen Selbstzufriedenheit, welche stets das Bewußtsein gewährt, durch Ordnung und Thätigkeit über völligen Mangel gesiegt zu haben, die Einrichtung, welche sie in ihren Zimmern, ihren Kleidern und ihren Koffern unterhielten; die Kleider, die sie sich aus den Trümmern ihrer ehemaligen Putzgewänder zurecht gemacht hatten und die zum Ausgehn noch ganz tauglich waren; ihre Strümpfe, ihre Handschuhe und sogar ihre mit eigenen Händen ausgebesserte Fußbekleidung, und theilten mir die Vorschriften mit, die sie sich gemacht hatten, um sich so viel als möglich die Dauer ihrer mäßigen Hülfsquellen zu sichern. Ich lobte diese einsichtige Vorsorge, und indem ich ihnen großen Dank dafür in meinem Innern wußte, daß sie es so verstanden hatten, sich nach ihrer neuen Lage zu bequemen, sagte ich zu ihnen: »Belehrt uns nicht das Unglück und gewährt nicht die Prüfung ihre Freuden? So laßt uns denn Gott preisen, der nicht gewollt hat, daß diese Schale nur bitter wäre, und uns bestreben, aus dem Unglück Vortheil zu ziehen, um uns Geduld, Demuth und christliche Liebe anzueignen!« – Hierauf ging ich von ihnen fort und ließ sie beruhigt, gelassen und bis auf einen gewissen Punkt still heiter zurück. 26. Am andern Tage hatte ich die Freude, die Damen in der Kirche zu sehen, wo ich auf ihre Bitte, die sie an mich gerichtet hatten, wiederum dieselbe Predigt hielt, die ich auf ihre Veranlassung über jenen strengen Text ausgeführt hatte: »Ich sprach zum Lachen, du bist toll, und zur Freude, was machst du?« – Aber sei es nun, daß ich mehr Ueberzeugung in meinen Vortrag legte, als damals, denn wie sollte ich nun nicht noch mehr von der Wahrheit der Worte des Predigers Salomonis durchdrungen gewesen sein; sei es, daß meine Worte allzu Treffendes in Bezug auf ihre veränderte Lage hatten; sei es, daß Rosa, die kaum wiederhergestellt war, sich unwohl befand: genug, sie standen auf, um vor dem Ende des Gottesdienstes die Kirche zu verlassen. Als dieser beendigt war, schickte ich meinen Sohn in ihre Wohnung, um Erkundigung einzuholen; aber er kam zurück, ohne daß man ihm die Thüre geöffnet hatte, wahrscheinlich, weil die Millers selbst noch nicht aus der Kirche nach Hause gekommen waren. Obgleich ich mich bei den Damen am Nachmittag einzustellen hatte, so hielt ich die bestimmte Stunde doch nicht für angemessen, um sie nicht in neuen Schreck zu setzen, und so machten wir, mein Sohn und ich, um den sonnigen Tag zu benutzen, einen Gang in's freie Feld. Aber wie groß war unser Erstaunen, als wir nach einem Spaziergange von ungefähr drei Stunden, indem wir uns um die Stiege wandten, die zu unserer Wohnung führt, die beiden Freundinnen erblickten, welche sich geduckt im Hintergrund des dunklen Ganges aufhielten, auf den unsere Thür hinausführt. – »Was ist denn das, meine Kinder«, rief ich aus, »und was ist denn geschehen?« – Hierauf erzählten sie mir, nachdem ihnen unsere Ankunft das Gefühl der Sicherheit und Freude wiedergegeben hatte, daß Rosa während des Gottesdienstes unwohl geworden wäre, und sie die Kirche verlassen hätten, um nach Hause zu gehen; daß sich dort aber Niemand von den Millers hätte blicken lassen, der gekommen wäre, ihnen zu öffnen. So hätte sie denn die Furcht, auf der Treppe von dem abscheulichen Frauenzimmer von neulich überrascht zu werden, dahin vermocht, sich auf die Straße zu flüchten. Aber dort wären sie, in der Furcht, von dem jungen Herrn wahrgenommen zu werden, wenn er etwa zufällig vorbeikäme, eine halbe Stunde lang umher geirrt, und hätten sich in den Alleen verborgen, wenn sie Jemanden kommen zu hören glaubten, bis sie von einer alten Dame die Wohnung des Predigers Bernier erfragt hatten. So wären sie von Allee zu Allee hierher gelangt, aber um auch hier ebenso wenig irgend Jemanden vorzufinden. Nun hätten sie sich entschlossen, hier lieber meine Rückkunft abzuwarten, als zu versuchen, zu den Millers zurückzukehren. Hier wären sie drei Stunden ohne große Ungeduld verblieben, noch glücklich, sich unter dem Schutze meiner Behausung und in der Nähe der Miethsleute zu wissen, die ihnen gewiß, aus Rücksicht auf mich, ihren Beistand angedeihen lassen würden, wenn man sie etwa sogar aus diesem Zufluchtsort vertreiben wollte. – Während dieses Berichtes hatte ich das Zimmer aufgeschlossen. »Nun wohl, meine armen Kinder«, sagte ich hierauf zu ihnen, »ihr habt gethan, was unter diesen Umständen noch das Beste war, und ich gewinne dabei, daß wir nun zusammen essen können. Nur daß ich euch, weil ich kein Dienstmädchen habe, und wegen der heiligen Ruhe des Sonntags die alte Frau, die uns bedient, sich darauf beschränkt, schon Sonnabends unser Mahl für den folgenden Tag zu bereiten, nichts Warmes als unsere Herzlichkeit versprechen kann, nebst der Kundgebung des Vergnügens, mit dem wir euch an unserm Tische speisen sehen.« – Hierauf besetzte ich, mit Hülfe meines Sohnes, der wegen der großen Hitze und um außerdem bei dem Festmahl sein Quentchen gute Lebensart an den Tag zu legen, in aller Eile ein Viertelmaß Gefrornes kaufen gegangen war, unsern Tisch mit einem Stück kalten Kalbsbraten, einem frischen Salat, einer Schale mit Kirschen, mit Brod und Wein; und als Alles bereit war, und ich mit lauter Stimme das gewohnte kurze Gebet gesprochen hatte, begann ich vorzulegen. O gütiger Gott! welche Güter hast du doch deinen ärmsten Dienern zukommen lassen und welche Annehmlichkeiten in die mäßigsten deiner Gaben gelegt, die nicht immer die beneidetsten deiner Geschenke begleiten! Ich war glücklich während dieses kärglichen Mahles; meinem Sohne klopfte dabei das Herz vor Vergnügen, und selbst die beiden jungen Freundinnen genossen dabei die erste Stunde wahrer Zufriedenheit seit ihrer Ankunft in Genf. Das Gefühl der Sicherheit, diese süße Empfindung; die Dankbarkeit, dieses lobwürdige Gefühl; das Unglück, diese lastende Bürde, welche die Augenblicke, wo man sich ihrer enthoben fühlt, so tröstend erscheinen läßt; mehr noch, als Alles dies, das Gewissen, welches, wenn es durch Reue gereinigt und durch den Entschluß, ein Vergehn wieder gut zu machen und besser zu handeln, beruhigt ist, die Blüthen heiliger Hoffnung und frommer Freude über die Seele ausstreut: das war es, was den armen Damen die Freude als so rechtmäßig erscheinen ließ, die sie bei der Theilnahme an unserm bescheidenen gewöhnlichen Mahle genossen. Uebrigens gab, da sie ziemlich erschöpft waren und seit dem Morgen nichts zu sich genommen hatten, ihre Eßlust meinen drei Gängen die beste Würze, dergestalt, daß ein kleiner Landkäse diesmal sehr zu statten kam, um das Mahl zu verlängern, und das Vorhandne zu vervollständigen. Nach dem Essen führte ich sie in mein Zimmer ein, wo ich ihnen etwas vorlas, und gegen sechs Uhr ging mein Sohn mit ihnen weg, um sie nach ihrer Wohnung zurückzugeleiten. Aber da sie dort noch Niemanden vorgefunden, so kamen alle drei bald darauf wieder zurück, und erst gegen zehn Uhr Abends konnten die Damen endlich, nachdem sie bei mir die Nachhausekunft der Millers abgewartet hatten, deren Rückkehr mein Sohn abgepaßt, wieder in ihre Wohnung gelangen. 27. Als ich am folgenden Tage bei früher Zeit in meinen Geschäften als Seelsorger aus war, begegnete ich auf der Straße einem der Millerschen Kleinen, das zur Schule ging. – »Nun, mein Kind«, sagte ich zu ihm, »ihr seid wohl gestern sehr spät nach Hause gekehrt?« – »Ja«, antwortete es, »wir machten eine schöne Partie in die Berge.« – Hierauf erzählte es mir von den Ergötzlichkeiten des Tages, von der guten Mahlzeit, die man dorten gefunden hatte, zuletzt, wie sie noch auf dem Wege, hier Sahne, dort Bier und andere Getränke genossen hatten. »Und das Alles«, setzte es hinzu, »hat der junge Herr bezahlt.« – Ich erfuhr also, daß er die Ursache der langen Abwesenheit der Millers gewesen war, und abgesehen von dem Aerger, den es in mir erregte, zu erfahren, daß sie meine wiederholten Warnungen, ähnliche Gunstbezeigungen von Seiten des jungen Herrn nicht anzunehmen, hatten so in den Wind schlagen können, so verursachte mir auch diese Thatsache ihrer von jetzt an außer allen Zweifel gesetzten Verbindung mit einem so gefährlichen Menschen die lebhafteste Beunruhigung. Was sollte in der That aus allen meinen Bemühungen werden, wenn er endlich dazu gelangte, sogar im Hause selbst, worin ich die beiden jungen Damen untergebracht hatte, die der Gegenstand seines heftigsten Begehrens und seiner, bald von unglaublicher Verwegenheit, bald von hinterlistiger Geschmeidigkeit unterstützten Ränke waren, sich Einverständnisse zu verschaffen wußte! Auf der Stelle entschlossen, um jeden Preis die erforderlichen Maßregeln dagegen zu ergreifen, brach ich meine Besuche frühzeitig ab und begab mich, nachdem ich den Rückweg eingeschlagen hatte, unmittelbar nach der Werkstatt des Miller. Ich traf daselbst nur einen Gesellen an, der mir sagte, daß sein Meister noch nicht zum Tagesgeschäft heruntergekommen wäre, so daß ich, immer unruhiger werdend, eiligst zum Zimmer hinaufstieg. Die Frau Miller machte mir auf. Anfangs bezeigte sie sich gegen mich zurückhaltend; doch als wir uns in der Küche befanden, glaubte ich zu bemerken, daß sie, erstaunt über mein Kommen, das sonst niemals zu dieser Stunde geschah, bei meinem Anblick eiligst Thränen unterdrückt und sich abgetrocknet hatte, die zu vergießen sie eben im Zuge war. – »Was gibt es denn, Madam Miller?« fragte ich sie, und sagte darauf, um ihr einen Versuch zur Lüge zu ersparen: »Sollte sich schon, in Folge des Verkehrs mit den Lasterhaften, das Laster in euer Haus eingeschlichen haben? Ich weiß euer unbesonnenes Unternehmen von gestern durch euren kleinen Knaben, und habe außerdem, während ihr so den Tag des Herrn entheiligtet, eure Kostgängerinnen, die sich auf die Straße ausgesetzt fanden, beherbergen müssen.« – Hierauf, sich gegen diesen letzten Vorwurf vertheidigend, um dem andern auszuweichen, versicherte mich die Madam Miller, daß sie sich hierin nichts hätten zu schulden kommen lassen, weil sie, in dem Vorsatze, bei guter Zeit wegzugehen, nachdem sie Alles, was die Damen etwa nöthig haben möchten, im Hause gelassen und ihnen das Mittagbrod zubereitet, sich gewiß nicht hätten vorstellen können, daß, da die eine von ihnen unwohl wäre, und sonst alle beide niemals auszugehen pflegten, sich grade an dem einzigen Sonntage des Jahres, wo sie, die Millers, sich zur Erholung eine armselige, kleine Vergnügungspartie vorgenommen hätten, aus dem Hause begeben würden. – »Ja wahrlich, armselig«, erwiederte ich, sie unterbrechend, »weil so bald Thränen auf sie folgen. Uebrigens, wo ist Miller? denn ich möchte ihn sprechen.« – »In seiner Werkstatt«, versetzte sie. »Frau Miller«, sagte ich hierauf, »wenn Sie so zu mir sprechen, so trifft es sich glücklich, daß Ihre Kinder nicht in der Küche sind; nicht? Denn wäre das nicht der Fall, so möchten sie wahrscheinlich durch das Beispiel ihrer Mutter lernen, wie man vor dem Angesicht Gottes Lügen sagt. Miller ist nicht in seiner Werkstatt; er ist heute sogar noch nicht in sie herabgekommen, und nach Ihrer Miene, Ihren Worten und Ihren Thränen zu schließen, möchte ich Alles wetten, daß eine sehr wohlbegründete Scham Sie dazu bewegt, mir zu verbergen, wo er ist. – »Das ist wahr«, sagte sie hierauf, durch meinen Vorwurf überwältigt; denn diese Frau war, wenn auch schwach, doch nicht ohne Gefühl für das Ehrbare. – »Was hat er denn gethan, Frau Miller? und sagen Sie mir nur Alles, weil, gebrechlich wie Sie sind, die Freundschaft Ihres Predigers, ich seh' es schon, Ihnen von gutem Nutzen wird sein können.« – Hierauf theilte sie mir unter Schluchzen mit, daß ihr Mann, zum erstenmal in seinem Leben, sich am gestrigen Abende in trunknem Zustande befunden hätte; daß sie, um der Kinder willen, in deren Gegenwart er abscheuliche Reden ausgestoßen, wie auch aus Furcht, daß er die Damen durch irgend ein Aergerniß in Schrecken setzen möchte, ihn in einer kleinen Schenke von Chêne hätte lassen müssen, wo er die Nacht zugebracht; daß er heute morgen übellaunig und zornig angekommen wäre und beim ersten vorwurfsvollen Worte, das sie zu äußern gewagt hätte, auf sie losgestürzt wäre und sie gemißhandelt hätte; daß sie darauf, um Lärm zu vermeiden, sich in die Küche geflüchtet hätte, wo sie in der That in Thränen ausgebrochen wäre, in eben dem Augenblick, als ich an die Thür geklopft hätte. – Nachdem sich die Frau Miller durch diese Mittheilung das Herz erleichtert, schwieg sie und ließ den Thränen wieder ihren Lauf. – »Ach, arme Frau Miller, ich hatte es Ihnen gesagt, und der Psalm that es schon vor mir: Glücklich, wer flieht die Lasterhaften, Und den Verkehr und das Beispiel der Hassenswerthen! Aber wie so viele Andere haben Sie sich auf Ihre eigenen Einsichten, auf Ihre Kräfte und auf Ihre weltliche Klugheit verlassen und vergessen, daß man Einsicht, Kraft und Weisheit nur im Gesetz des Herrn findet, und daß, wer sich nicht an diesem festhält, mitten in dieser Flut von Thorheiten und Verderbtheiten, welche die Erde überschwemmt, bald dahin treibt und mit ihr zu kämpfen hat, wenn er ja nicht ertrinkt. Ich werde mit Miller sprechen; aber geben Sie mir vor Gott das Versprechen, so weit es in Ihrer Macht liegt, ferner nicht mehr den bösen Menschen bei sich zu sehen, der Sie gestern mit dem Gifte seiner Gesellschaft und seiner Wohlthaten befleckt hat, wie auch, mir die Schritte, die er bei Ihnen thut, mitzutheilen, so unbedeutend sie Ihnen auch scheinen mögen, wenn es geschehen sollte, daß er neue wagte. Denn ich meinerseits versichere Ihnen mit Nachdruck, daß ich beim ersten Verstoß gegen die Offenheit in dieser Beziehung, sei es von Seiten Ihrer oder der Ihrigen, diese Damen sofort aus der Umgebung einer sittlich verpesteten Familie entfernen, und, indem ich mit euch Allen breche, Frau Miller, euch mit Verachtung diesem räuberischen Wolfe preisgeben werde, weil ihr freiwillig und ohne Entschuldigung zu haben, seine verrätherische Wachsamkeit der des treuen Hirten vorgezogen habt.« – Durch diese Worte im innersten Herzen erschreckt, leistete mir die Frau Miller einen ernsten Schwur ab, und da sie mich mit Schluchzen bat, sie niemals zu verlassen, so sagte ich zu ihr: »Das wird von Ihnen abhängen. In welcher Absicht hat euch gestern dieser Herr bewirthet?« Hierauf erzählte sie mir, daß, da dieser Herr bei ihrem Manne arbeiten lasse, dieser nach und nach mit ihm in Beziehung getreten sei, ohne daß dabei irgend etwas Verwerfliches stattgefunden hätte, und daß kleine Geschenke, die er in der Folge den Kindern gemacht, sie selbst dahin gebracht hätten, ihn mit mehr und mehr Vergnügen erscheinen zu sehen, bis er endlich, da er im Begriff stände, abzureisen, am Sonnabende gekommen sei, seine Rechnung zu berichtigen, und ihnen das Anerbieten gemacht hätte, am folgenden Tage die ganze Familie zu Salèvre zu bewirthen, weil er diesen Gebirgstheil noch gesehn zu haben wünschte, ehe er das Land verließe. Uebrigens hätte er sie seit einigen Tagen gar nicht mehr von den Damen unterhalten, außer ein einzigesmal, um zu sagen, daß er die eine von ihnen geliebt hätte, daß es aber eine Thorheit wäre, sich um ein Paar hübsche Augen so viel Unruhe zu bereiten, und daß ihm in Paris, wohin er ginge, die Gelegenheiten nicht fehlen würden, eine weit glänzendere Heirat zu machen, als diejenige, worein ihn die Liebe fast verwickelt hätte. – »Nach Paris?« unterbrach ich sie. – »Ja, nach Paris. Das ist das Ganze«, fuhr sie fort, »und es ist übergenug, weil ich diese grausame Schande erlebt, Miller betrunken zu sehen in Gegenwart meiner Kinder, wie diejenigen des Noah Zeugen waren von der Trunkenheit ihres Vaters!« – »Und sind Sie dessen versichert, daß er abreist?« fragte ich. – »So sicher«, antwortete sie, »daß er Miller beauftragt hat, ihm auf's eheste seine Möbel nach Paris nachzuschicken.« – »Nach Paris?« – »Ja, nach Paris, bester Herr Bernier.« Hierauf verließ ich die Frau Miller, ganz überzeugt von der Richtigkeit ihrer Mittheilung, aber betrübt in Rücksicht jener Lüge von einer Reise nach Paris, da ich doch mit meinen eignen Augen seinen Paß nach Basel visirt gesehen hatte, so daß alle diese Reden, und vielleicht auch diese Bergpartie, irgend eine neue Kriegslist verhüllen sollten. Ich begab mich hierauf zu den Damen, um ihnen verdoppelte Wachsamkeit zu empfehlen, und zugleich um sie um die Einhändigung der Briefe anzugehen, die sie an ihre Familien geschrieben haben mußten. Aber wegen ihres gestrigen Mißgeschickes hatten sie sie für den bestimmten Tag nicht bereit halten können, und waren eben am Beginn des Unternehmens. Ich ermahnte sie also, sich dessen ohne Säumen zu entledigen, und um zu vermeiden, daß sie durch meine Schuld Zeit verlören, verließ ich sie fast in demselben Augenblicke, nachdem ich ihnen diese Empfehlungen an's Herz gelegt hatte. 28. An demselben Tage berichtete mir mein Sohn beim Mittagsbrod, daß er veranlaßt worden wäre, einen seiner Genossen nach dem Hotel zu begleiten, aus dem ich die Damen befreite, und daß, indem er auf jenen wartete, er den jungen Herrn gesehen hätte, der sich mit Vorbereitungen zur Reise beschäftigte. Auf einige Fragen, die er deshalb an Jemand gerichtet, hätte man ihm gesagt, daß jener wirklich das Hotel im Laufe des Freitags verlassen würde. Da Alles dies öffentlich vor sich gegangen war, so mußte ich wohl an die Wirklichkeit dieser Abreise glauben, und es blieb mir nur noch einige Ungewißheit übrig in Betreff des absichtlich verbreiteten Gerüchts, daß der junge Herr nach Paris reiste, während ich doch gesehn hatte, daß sein Paß auf Basel lautete. Nach Tische schrieb ich einen Brief an die Eltern Rosa's, sowie an die Gertrudens; dann ging ich aus, um den Lauf meiner Geschäfte, der so unglücklicherweise unterbrochen worden war, wieder aufzunehmen. Ich fand, daß eines meiner Beichtkinder, welches ich liebte, am Morgen gestorben war, und wenn ich als Seelsorger es nicht zu bereuen hatte, daß ich ihm in seinen letzten Momenten nicht hatte beistehn können, so lag der Grund darin, daß es eines von denjenigen war, die zu jeder Zeit sich gerüstet und bereit halten, zu erscheinen. Dennoch war mir diese zeitliche Trennung von einem meiner Geliebtesten schmerzlich, und indem sie sich mit den erst kürzlich empfangenen Eindrücken verband, erschien es mir, als ob die gute Frucht um mich her schwände, so daß ich mich endlich im Unkraut verloren fühlte. Bewegt von diesen Gedanken, trat ich in eine Allee und ließ dort einige Augenblicke meinen Thränen freien Lauf. Als ich indessen gegen acht Uhr Abends in meinem Hause ankam, fand ich daselbst auf meinem Tische zwei Visitenkarten vor, auf denen ich las: »Der Baron von Bülau, nebst Frau.« Ich wußte nicht, was ich über diesen Vorfall denken sollte, weil ich wohl einer der Menschen auf der Welt bin, die am meisten vor dem Verkehr mit solchen Standespersonen gesichert sind. Es bildete sich bei mir also die Vorstellung irgend eines neuen ränkevollen Anschlages aus, der sich auf die Kriegslisten des jungen Herrn bezog, als die Alte, die uns die geringen Dienste leistet, in mein Zimmer herbeieilte, um mir zu sagen, daß wohl zehnmal Jemand von den Millers gekommen wäre, um mich von Seiten der Damen zu suchen. Ich war nur zu sehr überzeugt, daß dort wieder eine Störung vorgefallen sein müßte, so daß ich, sogleich Stock und Hut ergreifend, schleunigst auf die Straße hinabstieg und nach dem Millerschen Hause eilte. Diesmal waren es Gertrud und Rosa selbst, die, als sie von ihrem Zimmer aus die Klingel ziehen gehört hatten, herbeieilten, um mir zu öffnen. Beide überhäuften mich um die Wette mit Liebkosungen; sie dankten Gott, sie zeigten mir einen Brief, sie sprachen mir so viel von einem Baron vor, daß ich zu ihnen sagte: »Seid ihr thöricht, Kinder?« – Hierauf zogen sie mich in ihr Zimmer, und nachdem ich darauf gedrungen hatte, daß eine nach der andern spräche, erzählten sie in Summa, daß einer der Freunde des Grafen, der Baron von Bülau, schon gestern Abend mit seiner Frau Gemahlin in Genf angekommen wäre; daß er, nach allen Arten von Nachforschungen, um ihre Wohnung zu erkundschaften, dieser endlich auf die Spur gekommen wäre durch eine Nichte der Millers, die in einem Putzladen beschäftigt ist, wo die Baronin eingetreten war, um sich einen Hut zu bestellen; daß, endlich bei ihnen eingeführt, der Baron ihnen einen Brief des Grafen eingehändigt, und daß sie von diesem Augenblick an vor Freude, Glücksgefühl und einer Seligkeit ohne gleichen den Kopf verloren hätten. Darauf begann Rosa, wieder in ihre neuliche Hingerissenheit verfallend, wechselsweise bald den Brief, bald Gertrud, bald mich zu küssen. – »Aber was enthält denn nun dieser Brief, meine Tochter?« nahm ich das Wort. – Hierauf ließ sie mich ihn von Anfang bis Ende lesen. Der Graf schrieb ihr in einem Stile, der, was die Glut und die leidenschaftliche Zärtlichkeit des Ausdrucks betrifft, gänzlich mit den Gefühlen Rosa's übereinstimmte, daß er, kaum in Hamburg angelangt, von einem Typhus angefallen worden sei, der in dieser Stadt herrschte, und daß sein Zustand mehrere Wochen lang ein so bedenklicher gewesen wäre, daß man ihm die Briefe, die sie ihm geschrieben, nicht hätte zustellen dürfen. Kaum in der Wiedergenesung begriffen, habe er sie alle auf einmal verschlungen, sei aber nichtsdestoweniger, wegen seiner ausnehmenden Schwache, nur im Stande, blos auf einige der letzten zu antworten, welche Antwort auf besondere Umstände, deren mehrere sehr vertraulicher Art waren, in der That folgte. Da er nun weder, nach dem Wunsche seines Herzens, zur Wiedervereinigung mit ihr herbeieilen, noch eine längere Trennung ertragen könne: so habe er sich entschieden, das Anerbieten seiner Freunde, des Barons und der Baronin von Bülau, anzunehmen, welches diese ihm in den ersten Tagen seiner Krankheit gemacht, nämlich nach Genf zu reisen, um sie und Gertrud dort aufzusuchen und sie ihm zuzuführen. Der Baron werde ihr alles Geld, dessen sie wohl dringend benöthigt sein würde, zustellen, und sie solle lieber verschwenden, um nur ja ihre Ankunft bei ihm um keinen Tag, keine Stunde zu verzögern. – Das Uebrige des Briefes war ganz erfüllt von Zügen der Zärtlichkeit, die ebenso wenig gemäßigt waren, als jener letztere, und eine Nachschrift enthielt, außer einigen durch Vermittlung erlangten Nachrichten über Rosa's und Gertrudens Familien, den vom Grafen ausgedrückten Wunsch, Hamburg, sobald er dazu hinreichend wieder hergestellt sein würde, zu verlassen und sich unmittelbar zu jenen zu begeben, um ihre Verzeihung zu erflehen und eine Wiederaussöhnung zu beschleunigen, die einzig seinem Glücke fehle. Als ich diesen Brief gelesen hatte, sagte ich darauf zu ihnen: »Nun wohl, theure Kinder, da wäre die Befreiung, und es war die höchste Zeit dazu! Wie sehr freue ich mich mit euch, und wie sehr bestehe ich grade in diesem Augenblicke des Glücks, in welchem euch die Vorsehung nach solchen Prüfungen zu eurem Besten alle ihre Gunst auf einmal zuwenden zu wollen scheint, daß ihr, indem ihr gewissenhaft in euren guten Entschlüssen, und zwar in Gemeinschaft mit dem Grafen, beharrt, der, wie ich mit wohlthuender Befriedigung sehe, seinerseits ähnliche bei sich gebildet und genährt hat, weder Ruhe, noch Freude, noch Sicherheit empfindet, ehe ihr nicht zu den Füßen eurer Eltern die Schuld eines tiefen Bereuens und der ehrfurchtsvollen Bitte, sie möchten noch vollkommen auf eure kindliche Liebe rechnen, um euch die Wiedererlangung ihrer Vergebung zu bewilligen, abgetragen habt. Jetzt, jetzt allein, Gertrud, Rosa, die ich liebe, so strafbar ich euch finde, die ich segne, obgleich ich euch als Abtrünnige kenne, ertheile ich euch meine volle Achtung und im Namen des Herrn jene Taufe der Ehre und der Tugend, die zu erhalten euch noch jüngst so werthvoll erschien.« – Hierauf küßte ich jede auf die Stirne, während sie, tief ergriffen von meiner Rede, die aufrichtigen Thränen der Dankbarkeit mit den heiligsten Versprechungen begleiteten, daß sie es nicht daran fehlen lassen würden, mir in kurzem die glückliche Verkündigung ihrer Wiederaussöhnung mit den Ihrigen zu schreiben. Nach diesem sprachen wir noch von dem Zeitpunkt ihrer Abreise. Ihre eigne Ungeduld und selbst die des Barons, den seine Angelegenheiten nach Hamburg zurückriefen, sprachen zu Gunsten des allernächsten Zieles; auch war schon, während des Besuches, von übermorgen, als Mittwoch, die Rede gewesen, aber die Baronin hatte darauf bestanden, daß man die Abreise bis zum Donnerstage verschöbe. In Rücksicht hierauf sagte ich ihnen, daß, so betheiligt ich auch dabei wäre, mich ihrer Gesellschaft so lange als möglich zu erfreuen, deren beraubt zu sein, mich sehr betrüben würde, so ermuthige ich sie doch nichtsdestoweniger, sobald es sich thun ließe, abzureisen; daß sie also dazu ihre Vorkehrungen treffen möchten, indem sie ihre Reisekoffer zurechtstellten und ihre Rechnung bei den Millers berichtigten, wie auch außerdem noch den Besuch des Barons erwiederten; ich selbst würde Sorge dafür tragen, daß sie ihre Abreise beschleunigen könnten. Sie waren darüber sehr erfreut, daß meine Ansicht so mit ihrem Wunsche übereinstimmte, und nachdem sie mich um die Vergünstigung gebeten hatten, daß mein Sohn sie am folgenden Morgen in die Stadt begleiten dürfte, wo sie noch einige Einkäufe machen wollten, bat ich selbst sie um die, mich zurückziehn zu dürfen. Sie willigten ungern ein, indem sie mich mit den lebhaftesten Beweisen von Erkenntlichkeit und Zuneigung überschütteten. 29. Dieses unvorhergesehene Zwischenereigniß machte die Absendung unserer drei Briefe unnütz, vielleicht sogar ungelegen; denn man konnte sich wirklich mehr Erfolg von den eifrigen und unmittelbaren Schritten versprechen, welche der Graf zu thun sich vorsetzte, als wenn ich mich dienstwillig zum Vermittler zwischen den beiden Familien und ihren Töchtern hergäbe. Ueberdies hätten unsere Briefe, außer daß sie Anspielung auf eine unglückliche und verlassene Lage machten, die nicht mehr stattfand, grade dadurch den Nachtheil gehabt, daß sie den Schritt der beiden Damen als das erzwungene Ergebniß der Nothwendigkeit, und nicht als das eines freientstandenen Reuegefühls und selbstwilliger Rückkehr erscheinen ließen. Ich verzichtete folglich darauf, unsere drei Briefe abgehn zu lassen. Im Verlauf des Tages verfügte ich mich in das Hotel zur Wage, wo der Baron logirte, und wurde bei ihm vorgelassen. Es war ein Mann aus der großen Welt, ungefähr fünf und dreißig Jahre alt, von ziemlich zuvorkommendem Benehmen, und der mir in sehr achtungsvoller Weise, sowohl in seinem eignen, als in des Grafen Namen, die Anerkennung ausdrückte, von der sie beide in Betreff der Rücksichten und des Schutzes, die ich den beiden jungen Damen hätte angedeihen lassen, durchdrungen wären. Ich meinerseits gab ihm zu erkennen, daß ich mich glücklich fühlte, ihnen einige Dienste erwiesen zu haben, deren sie sich durch die Wohlanständigkeit ihrer Gefühle und das Vertrauen, welches sie mir erwiesen, vollkommen würdig gezeigt hätten; dann erklärte ich, auf ihr Verhältniß zu ihren Familien übergehend, mit Freimüthigkeit, daß ich diese Dienste zu bereuen haben würde, wenn mir die Folge darthäte, daß ich sie zwei jungen Personen geleistet, welche fähig wären, freiwillig in dieser, in den Augen der Welt regellosen und zugleich vor Gott strafbaren Lage zu verharren. – Der Baron unterbrach mich hier, indem er seine volle Meinungsübereinstimmung mit mir in diesem wichtigen Punkte zu erkennen gab, und versicherte mir, als Bestätigung dessen, was ich aus dem Briefe ersehen hatte, daß der Graf entschlossen wäre, vor allen Dingen dahin zu wirken, daß dieses drückende Verhältniß ein Ende nähme, und daß dies grade, nächst der wohl natürlichen Ungeduld, seine Gattin wieder zu sehen, der Hauptbeweggrund wäre, der ihn, um sie nach Hamburg kommen zu lassen, bewöge, dem früher entworfenen Plane einer Reise nach Italien zu entsagen. Diese Erklärungen gaben mir eine angenehme Befriedigung. Hierauf zu einem andern Gegenstande übergehend, sprach ich von der Abreise, indem ich das Bedauern kund gab, daß die Frau Baronin nicht anwesend wäre, um ihre Meinung darzuthun und um zu erklären, was ihr am genehmsten wäre. – »Unglücklicherweise«, sagte er zu mir, »befindet sie sich heute etwas unwohl, sonst würde sie schon erschienen sein, um ihren Dank mit dem meinigen zu verbinden. Aber das hat nichts auf sich, mein Herr; der Wille der Baronin ist, Mittwoch Abends, oder noch besser Donnerstag in großer Frühe abzureisen. Ich glaube, es ist besser, an diesem letzten Beschluß fest zu halten, und in diesem Falle würden sich unsere beiden jungen Damen nach dem Hotel verfügen.« Als dieser Punkt in Ordnung gebracht war, stand ich auf, und nachdem ich auf das bestmögliche dem förmlichen Abschiedsgruß des Barons zu entsprechen gesucht hatte, verließ ich das Hotel. Unterwegs zollte ich Gott meinen Dank dafür, daß er, indem er so zu rechter Zeit die Erlösung meiner jungen Schützlinge herbeiführte, mich selbst von Bekümmernissen befreite, die von Tag zu Tag immer quälender hätten werden können: als ich Miller begegnete, der soeben die Möbel nach dem Packhofe besorgt hatte, und von dem ich erfuhr, daß der junge Herr vor wenigen Minuten in einer Postkutsche seine Fahrt nach Paris angetreten hätte. – »Das ist ein Glück für Sie, wie für mich«, setzte Miller mit offener Miene hinzu, die mich an ihm erfreute, »denn wer weiß, wohin mich diese Bekanntschaft hätte bringen können! Vergeben Sie mir meinen Fehler, Herr Prediger, und zählen Sie darauf, daß das für lange eine Warnung ist.« – Diese Nachricht setzte, wie sich denken läßt, meiner Zufriedenheit, die ich schon empfand, die Krone auf, indem sie vollends die letzten Spuren der Furcht tilgte, die mir die Gegenwart des jungen Herrn einflößte, so lange sich meine beiden jungen Damen noch hier befanden. Und als ich meinen Weg weiter verfolgte, gewahrte ich diese selbst, wie sie in Begleitung meines Sohnes sich auch Reisehüte in demselben Laden kauften, worin sich die Baronin damit versehen hatte. Ich trat sogleich hinein, um sie von dem zu benachrichtigen, was soeben zwischen dem Baron und mir in Hinsicht der Abreise besprochen worden war. Die Nichte der Millers, die sich gegenwärtig befand, fragte bei dieser Gelegenheit, ob sie eine besondere Note für den Betrag dieser beiden Hüte aufsetzen sollte, oder ob es gleich wäre, wenn sie dieselben auf der Note der Baronin mit in Rechnung brächte. – »Das ist durchaus nicht gleichgültig«, erwiederte Rosa lachend; »denn im Augenblick, liebe Luise (dies war der Name des jungen Mädchens, welches sie bisweilen in der Millerschen Familie gesehen hatten) sind alle unsere Mittel noch in den Händen des Barons, und wir wären wirklich sehr in Verlegenheit, wenn wir Sie bezahlen sollten.« – Hierauf gingen wir zusammen aus dem Laden fort, und nachdem ich den Damen noch vollends Rechenschaft über meinen Besuch bei dem Baron abgelegt hatte, ließ ich sie die Reihe ihrer Einkäufe fortsetzen, um selbst die meiner eigenen Geschäfte wieder aufzunehmen. 30. Am folgenden Morgen fand ich beim Aufstehn auf meinem Tische zwei goldne Ketten und ein also abgefaßtes Billet vor: »Lieber Herr Bernier! Die beiden Ketten, die Sie hier beigefügt finden werden, haben bis jetzt zwischen Gertrud und mir als Sinnbild der Freundschaft gedient, die uns aneinander knüpft. Es ist der gemeinsame Wunsch unserer Herzen, daß sie von nun an das Sinnbild unserer dankbaren Liebe werden, die uns bis zu unserm letzten Seufzer an Sie und Ihren Herrn Sohn binden wird. Erzeigen Sie uns also die Gunst, sie von uns unter diesem Anspruch anzunehmen. Rosa und Gertrud.« Ich bedauerte, daß die Damen sich hatten einfallen lassen, meinem Sohn und mir ein Geschenk zu machen; aber ich konnte nicht umhin, über dieses, zwar das Maß überschreitende, aber nichtsdestoweniger aufrichtige Zeugniß, womit sie es begleiteten, sehr ergriffen zu sein. Sogleich begab sich mein Sohn zu ihnen, um ihnen in meinem und seinem Namen unsere Gefühle der Dankbarkeit zu bezeigen. Als er bei ihnen ankam, fand er, daß sie ihre Koffer schon nach dem Hotel hatten bringen lassen, und daß sie selbst, nachdem sie ihre Schuld bei den Millers abgetragen hatten, damit beschäftigt waren, einige kleine Geschenke an die Kinder zu vertheilen und der Mutter derselben einige Kleidungsstücke zu vermachen. Worauf sie sich von ihren Wirthen verabschiedeten und meinen Sohn baten, sie zuerst gefälligst zu mir zu geleiten, um mir ihr Lebewohl zu sagen, und dann dieser Gunst noch die hinzuzufügen, sie nach dem Gasthaus zur Wage zu führen ... Ich erhielt also sogleich ihren Besuch. Sie waren, wie natürlich, von Freude erfüllt und strahlten von Heiterkeit bis auf den Augenblick, wo wir uns trennen mußten. Da stürzten ihnen die Thränen herab. Nachdem ich ihnen noch meinen Rath ertheilt hatte, küßte ich sie zärtlich, und sie gingen mit meinem Sohne hinweg. Als sie fort waren, mußte auch ich der Rührung nachgeben. Ohne Zweifel, denn ich gewahre es jeden Tag mehr, benehmen uns die Jahre des höheren Alters bei Gemüthsbewegungen, die wir erfahren, die Herrschaft, uns der Thränen zu enthalten; aber ebenso unzweifelhaft knüpfen uns Dienste an diejenigen enger, denen wir solche erwiesen haben. Das Unglück derer, bei denen es Besserung bewirkt, erweckt mit Recht unsere Theilnahme für sie; die Anhänglichkeit und die Liebkosungen unbefangener Herzen werden zur süßen Gewohnheit; und zu allen diesen Ursachen kam noch jene schmerzliche Leere, die mich immer heimsucht, wenn ich diejenigen meiner Beichtkinder verliere, die mir zugleich Sorge und Befriedigung, Unruhe und gerechte Hoffnung gewährt haben. Ich schlug das Evangelium auf, und nachdem ich mich durch einiges Lesen darin gestärkt hatte, richtete ich zu Gott die inbrünstige Bitte, daß er die beiden jungen Freundinnen, die ich soeben wahrscheinlich zum letztenmal im Leben gesehn hatte, in seinen Schutz und unter seine besondre Obhut nehmen möchte. 31. Indessen trat, gegen zwei Uhr des Nachmittags, als ich mit meinem Sohne bei Tische saß, die Alte in das Zimmer und berichtete, daß ein junges Mädchen mich zu sprechen wünsche: es war die Nichte der Millers. Dieses Mädchen kam, mir mitzutheilen, daß, als sie soeben ihre Rechnung nach dem Hotel gebracht hätte, der Baron, der grade auf der Schwelle stand, als er sie erblickte, ihr gesagt hätte, sie solle auf den Abend wieder kommen, weil die Frau Baronin ausgegangen wäre. – Hierauf sei sie ohne Mißtrauen umgekehrt; doch als sie bei der Post vorbeigegangen wäre, hätte sie einen Kellner des Hotels erkannt, der daselbst im Namen des Barons vier Pferde auf Punkt drei Uhr bestellt hätte. – Ich lächelte und sagte: »Liebes Kind, das ist für drei Uhr des Morgens! Ihr Plan ist immer der gewesen, morgen sehr früh abzureisen! Geh nur, geh, und befürchte nichts, und sei gewiß, daß du den Personen, welchen ich die beiden jungen Damen auf eine weite Reise anvertraue, mit voller Sicherheit noch auf einige Stunden Kredit geben kannst.« Die Nichte der Millers lachte hierauf über ihr Mißverständnis;, und nachdem sie sich entschuldigt hatte, mich über dem Essen gestört zu haben, entfernte sie sich. Sobald sie jedoch fort war, ergriff mich, ich weiß nicht welche Bedenklichkeit, was ich meinem Sohne mittheilte, und dieser gestand mir, in demselben Augenblicke mit mir dergleichen gefaßt zu haben, so daß wir unwillkürlich vom Tische aufstanden, um uns zusammen auf den Weg nach der Wage zu machen, ohne uns übrigens von irgend einem vernünftigen Beweggrunde, der uns dazu bewöge, Rechenschaft gegeben zu haben. Die erste Person, die wir antrafen, als wir uns dem Hotel näherten, war die Millersche Nichte, die uns sagte, daß sie aus einer der unseren ähnlichen Bedenklichkeit, denselben Weg wie wir genommen und viel Grund hätte, sich wegen dieses Einfalls Glück zu wünschen. Denn in der That hätte man schon, ehe sie noch ankam, die Pferde herbeigeführt, und der Baron kurz und gut abreisen wollen, ohne sie zu bezahlen, als sie gradezu an ihn herangetreten wäre, um ihn vor den Damen zu bitten, ihr doch gütigst ihre Forderung berichtigen zu wollen. »Ah! Aber, wahrhaftig, mein Kind«, hätte er mit verstelltem Erstaunen ausgerufen, »ich hätte dich nicht vergessen!« Ich hörte die Erzählung nicht aus, sondern schritt eilig weiter und kam in dem Hofe des Hotels grad in dem Augenblick an, in welchem die Pferde sich zur Abfahrt in Bewegung setzten. »Herr Bernier, Herr Bernier!« riefen Rosa und Gertrud, als sie mich erblickten. Bei diesem Ausrufe hielt der Postillon an, und der Baron, der bis jetzt nichts gesagt hatte, beeiferte sich sogleich, mir jede Art von Höflichkeit zu bezeigen. Ich war in der That verlegen darüber, was ich sagen oder was ich thun sollte; denn, ohne daß ich etwas Bestimmtes vorzubringen hatte, drängten sich mir nichtsdestoweniger seit der Mittheilung der Nichte Miller mißtrauische Vorstellungen vor die Seele. »Aber wie!« sagte ich auf's Gerathewohl hin, »die Frau Baronin ist nicht hier?« – »Sie ist uns zu Schiff vorausgefahren«, erwiederte hierauf der Baron, »um Zeit zu haben, Lausanne in Augenschein zu nehmen, wo wir sie diesen Abend antreffen werden.« Hierauf trat mir plötzlich vor die Erinnerung, daß ich diese Baronin niemals gesehn hatte; daß sie gestern krank war und heut auf der Reise; daß derselbe Herr soeben der Nichte Miller vorgeredet, jene würde hier in einer Abendgesellschaft sein, da er sie doch im Voraus in Lausanne wissen mußte, und mein Mißtrauen gestaltete sich plötzlich zu lebhafter Besorgniß. Ich beschloß, Alles zu versuchen, um vielleicht ein unheilbares Unglück zu verhindern. »Rosa, Gertrud«, sagte ich mit so großer Kaltblütigkeit, als ich mir abgewinnen konnte, »Sie dürfen entschieden nicht allein mit dem Herrn abreisen, die Schicklichkeit verbietet es;« und hierauf mich zu dem Baron wendend: »Verzeihen Sie meine Bedenklichkeiten, mein Herr, und erlauben Sie, daß ich auf Grund meines Alters und meines Standes so lange Platz in der Kutsche nehme, bis wir die Frau Baronin wieder angetroffen haben.« Indem ich diese Worte sagte, hatte ich die Wagenthür geöffnet, als ein Peitschenschlag sich hören ließ, die Pferde anzogen und ich auf das Pflaster geschleudert wurde. – »Haltet sie auf! haltet sie auf!« rief ich aus aller Kraft. Aber schon zog mein Sohn, der sich vor die Pferde gestürzt hatte, das rechte mit kräftiger Hand zur Seite. Hierauf hielt der Postillon an, und fast gleichzeitig fand ich mich in Rosa's und Gertrudens Armen, wahrend der Baron herbeieilte, um zugleich die lebhaftesten Entschuldigungen und die eifrigsten Achtungsrücksichten an mich zu verschwenden. »Es ist weiter nichts«, sagte ich, mir das Blut abwischend, welches über mein Gesicht von irgend einer unbedeutenden Verletzung herablief, »damit ich Sie nicht aufhalte!« – Dann vor der Menge, die dieser Vorfall herbeigezogen hatte, zu allererst in den Wagen steigend, nahm ich auf dem Rücksitze Platz; Rosa und Gertrud, von Schreck erfüllt, stiegen hastig und bestürzt nach mir ein, endlich auch der Baron, der aber, als er sah, daß man für ihn einen Platz im Fond leer gelassen, höflich darauf bestand, daß ich ihn doch einnehmen möchte. – »Ich bitte, lassen Sie mich außer Acht, Herr Baron«, antwortete ich ihm; »meine Pflicht ist es, da zu sein, wo diese Damen sind, bis wir die Baronin angetroffen haben, und so ist es gleichgültig, wo ich sitze.« – Des Streites müde, gab er nach, so daß wir uns Aug' in Auge einander gegenüber befanden, er an der Seite Rosa's, und ich an Gertrudens Seite. Darauf knallte die Peitsche abermals, und die Pferde liefen in scharfem Trabe von dannen. Unsere Lage war wirklich eine seltsame und unsere Haltung sehr verschieden. Während der Baron, zur Hälfte höflich, zur Hälfte lauernd, ein zweideutiges Stillschweigen beobachtete, verhielten sich Rosa und Gertrud, über meinen Unfall beängstigt und über meinen Schritt unzufrieden, zwangvoll still, Blässe auf dem Gesicht und Thränen in den Augen. Ich allein war ebenso zufrieden als bei mir entschlossen, und hätte die Kutsche nur nicht solchen Lärm verursacht, indem sie über das Pflaster hinrollte, so wär' ich, wie ich glaube, zu heiterer Unterhaltung aufgelegt gewesen. Sobald wir außerhalb der Stadt waren, sagte ich lächelnd: »Es scheint mir, daß meine Gesellschaft hier Niemandem zusagt, obschon es, was mich anbelangt, ich gestehe es, nicht grade in meinem Wunsche lag, diesen Abend nach Lausanne zu fahren.« – »Ihre Gesellschaft, mein Herr«, sagte hierauf der Baron, »die zu jeder andern Zeit den hier vereinigten drei Personen angenehm sein würde, dürfte diesen auf weiter hinaus leicht nur als eine Beleidigung erscheinen.« – »Ich gebe das zu«, erwiederte ich. »Aber ich lege Ihnen hier mit aller Freimütigkeit meine Gedanken vor, Herr Baron: entweder sind die Befürchtungen, die mich bewogen haben, mich in dieser Kutsche niederzulassen, ohne Grund, und dann bürge ich Ihnen im Voraus für solche Entschuldigungen, daß Sie damit zufrieden sein werden; oder sie sind begründet, und dann wird es sich der Mühe verlohnen, daß ich Sie, Rosa und Gertrud, auf die Gefahr hin, Ihnen einen Augenblick mißfallen zu haben, vor einem Anschlage der Hinterlist gerettet habe« ... »Wie!« rief der Baron mit hochfahrendem Zorn aus: »es ist der Freund des Grafen und also von vorn herein auch der seiner Gemahlin, gegen den Sie wagen eine solche Sprache hören zu lassen! Sie Unbekannter erkühnen sich, zwischen diese seine Gemahlin und den Baron von Bülau, der unmittelbar mit der Vollmacht und dem Vertrauen des Grafen bekleidet ist, sich mit offener Gewalt, wie ein unverschämter Wächter meiner Schritte, wie ein beschimpfender Hüter der Ehre dieser Damen hier einzudrängen! ... Das werde ich sicherlich nicht dulden. Auch bitte ich Sie, mein Herr, beim ersten Umspannen Ihren Entschluß zu fassen, oder ich werde es thun, darauf gebe ich Ihnen mein Wort!« – Bei diesem Gespräch zeigten die beiden Freundinnen den lebhaften Schmerz, welchen sie empfanden, als sie meine Absichten so verkannt sahen; worauf sie sich dann gegen mich wandten und mich bei dem Briefe des Grafen, ja im Namen des Grafen selbst, beschworen, weder Verdacht, noch Mißtrauen, noch Furcht zu haben. – »Begleiten Sie uns«, fügten sie hinzu, »lieber Herr Bernier, aber mehr, um uns noch länger das Vergnügen Ihrer Gegenwart zu schenken, um in kurzem von Ihren Vorurtheilen und Ihren Befürchtungen zurückzukommen; hauptsächlich aber, damit man nicht sagen könne, daß Sie uns inmitten eines Mißverständnisses verlassen hätten, welches die zwei Männer, die sich am großmüthigsten unsern Interessen gewidmet haben und die am besten geeignet sind, sich zu achten und zu verstehen, mit einander im Widerstreit gerathen läßt.« Was mich anbetrifft, der ich fest entschlossen war, das Mitfahren nicht aufzugeben, so nahm ich weder auf das Wort des Barons, noch auf die Bitten der Damen Rücksicht, sondern sagte, die Unterhaltung wieder aufnehmend, zu ihnen: »Ich vermuthe, meine theuren Kinder, daß man Sie nach Basel führt, von wo Sie, wenn Sie daraus wieder entkommen, werden den Rhein hinab gehen können.« – Bei diesen Worten blieb der Baron gleichgültig, aber die beiden Freundinnen riefen: »Wenn wir daraus wieder entkommen! ... was wollen Sie damit sagen, Herr Bernier?« – »Ich will sagen« ... – Hier unterbrach mich der Baron: »Ei! sehen Sie denn nicht, meine Damen, daß dies Phantasmagorien sind, wie jene, die den Herrn bewogen hat, uns seine schimpfliche Ueberwachung als Pflicht aufzuerlegen?« – »In der That«, erwiederte ich mit dem größten Ernst, »dies Stelldichein zu Basel ist gerade jene Falle, wovon ich soeben sprach.« – Hierauf fing der Baron an zu lachen und sagte, sich zu den beiden Freundinnen wendend: »Aber Sie haben mir gar nicht gesagt, meine Damen, daß Herr Bernier dieser Art von Hallucinationen unterworfen sei. Uebrigens beruhigen Sie sich, guter Mann; Basel liegt außer unserm Wege, der dahin zielt, auf die kürzeste Weise Hamburg zu erreichen.« – Während dieser Reden betrachteten mich Rosa und Gertrud mit ebensoviel Erstaunen als Betrübniß, als wenn es sie schmerzte, sowohl weil ich Ungereimtheiten vorbrächte, als auch weil sie sahen, daß der Baron sie selbst mit zu Teilnehmern machte, um Sarkasmen und Ironie über mich zu ergießen. Indessen hielt zu Versoix, welches an der Grenze des Kantons und eine Meile von Genf entfernt liegt, die Kutsche an. – »Was hat das zu bedeuten?« fragte der Baron. – Im selben Augenblick wurde die Wagenthür geöffnet und ein Gensd'arm zeigte sich, der die Pässe verlangte. Der Anblick dieses guten Mannes machte mir Freude. – »Was mich anbetrifft«, sagte ich, »ich habe keinen Paß, weil ich aus dem Kanton bin und nur nach Lausanne will; aber dieser Herr wird Ihnen den seinigen und den dieser Damen übergeben.« – Der Baron zog in der That auch sein Portefeuille aus der Tasche des Fracks hervor und nahm den Paß heraus, um ihn dem Gensd'armen einzuhändigen, als er sich plötzlich anders besann und zu ihm sagte: »Ich werde aussteigen und in's Bureau kommen, was mir äußerst erwünscht ist.« – Aber er stand doch an, es zu thun, und als ob er gleich sehr fürchtete, sowohl daß ich ihn nach dem Bureau begleitete, als auch daß ich allein mit den Damen bliebe, – genug, kaum hatte er den Fuß auf die Erde gesetzt, als er seinen Paß übergab. Das war jetzt der Augenblick zu handeln. Ich sagte also ganz leise, aber mit ebenso drängendem als befehlendem Nachdruck: »Gertrud, steigen Sie aus und lassen Sie es auch Rosa thun!« – Auf die Bewegung, die sie in Folge dessen machten, suchte der Baron, der sich genähert hatte, mit einer zu lebhaften Inständigkeit, als daß sie mir natürlich geschienen hätte, darzuthun, daß man auf der Stelle weiter fahren würde. Da ich aber dicht hinter den Damen stand, so machte ich durch Zeichen, Stimme und Geberde ihrer Unentschiedenheit schnell ein Ende und bewirkte, daß sie ausstiegen. Dann stieg auch ich zuletzt ihnen nach, bot beiden den Arm und nöthigte sie so, sich mit mir nach dem Bureau zu begeben. Auf der Schwelle wandte ich mich noch einmal um und sagte: »Und Sie, Herr Baron, kommen Sie nicht auch, um die Angelegenheit dieses Visa beschleunigen zu helfen?« – In diesem Augenblicke wurde ich plötzlich die Blässe des Zorns, auf einem Verbrechen ertappt zu sein, auf seinem Gesichte gewahr und sagte bei mir selbst mit stark empfundener Genugthuung: »Sie sind gerettet!!!« Zum Unglück war in dem Augenblick, als wir in das Bureau eintraten, der Paß schon visirt und wieder zusammengefaltet, so daß der Baron, der sehr schnell meiner Aufforderung gefolgt war, nur die Hand auszustrecken brauchte, um ihn in Empfang zu nehmen, bevor ich noch einen Blick darauf werfen konnte. Aber während er ihn eilig in das Portefeuille zurücksteckte und Rosa und Gertrud drängte, schnell wieder in den Wagen zu steigen, sagte der Chef des Bureaus: »Einen Augenblick! Welche von den beiden Damen ist denn die Baronin und welche die Kammerfrau?« – »Weder die eine, noch die andere«, antwortete ich. – »Dann haben Sie die Güte, mir den Paß wieder zurückzugeben«, sagte jener, sich an den Baron wendend; und da dieser sich nicht sehr beeilte, dieser Forderung nachzukommen, so fügte jener hinzu: »Ich bitte, rasch!« – Während dessen zitterten meine beiden jungen Freundinnen vor schreckhafter Erwartung. – »Fürchten Sie doch nichts«, sagte ich ganz laut zu ihnen; »denn, gibt es einen Strafbaren hier unter uns, meine theuren Kinder, so sind Sie es sicherlich nicht.« – Hierauf fuhr ich, mich gegen den Chef wendend, fort: »Mein Herr, ist dieser Paß nicht für Basel visirt worden?« – »Ja, mein Herr«, antwortete er. – »Sie hören es, Rosa; Sie hören es, Gertrud; und während hier dieser Baron«, fügte ich mit Unwillen hinzu, »gestern die Nichte der Millers belog, um sie um den verdienten Lohn zu betrügen, so lügt er jetzt eben vor Ihnen, um Ihnen zu verhehlen, daß er im Begriff ist, Sie dem Schurken zu überliefern, der ihn in Basel erwartet!« Bei diesen offen anklagenden Worten, und während der Baron, der eine stolze Ruhe annahm, über den einzigen Punkt, der, wie er sagte, gehört zu werden verdiente, seinerseits eine Erklärung zu geben verlangte, d.\ h. über die in seinem Passe enthaltene Unwahrheit betreffs der Baronin und ihrer Kammerfrau: beschwor mich Rosa, nachdem sie den Brief des Grafen aus dem Busen gezogen hatte, vor allen Dingen an dieses theure Pfand zu glauben, und protestirte, allerdings in den achtungsvollsten Ausdrücken, aber aus allen Kräften gegen die widersprechenden Angaben, die mich an der Redlichkeit, der Wahrhaftigkeit und den Absichten des Barons hätten zweifeln lassen. Aber Gertrud setzte ihr meine Erfahrung entgegen, das mindestens seltsame Verschwinden der Baronin von dem Augenblick an, wo sie deren ersten Besuch empfangen hatten; endlich die Aeußerung des Barons selbst, als er geleugnet hatte, daß er sie nach Basel führe, dergestalt, daß der Bureauchef, da er uns alle verschiedener Meinung sah und alle auf einmal sprachen, durchaus nicht mehr wußte, wen er zuerst hören sollte. Hierauf rief ich, die Stimme über alle andern erhebend: »Herr Chef, dieser Baron gibt vor, daß er die Damen zu dem Gemahl der einen von ihnen bringe, während ich behaupte, daß er, der Entführer, sie einem schlechten Menschen zuführt, den ich sehr wohl kenne. Ich fordere Sie also auf, uns alle beide verhaften zu lassen, damit sich die Sache aufkläre, und wenn Sie es nicht thun, so werde ich dies bei meiner Rückkehr in Genf sofort bei Ihren Vorgesetzten anzeigen!« – »Ah, sprechen Sie in diesem Tone?« rief jetzt der Baron aus; »nun gut, so gebe ich Sie zuerst an, mein Herr, und werde mit einem einzigen Streich all Ihre Verleumdungen niederschlagen!« – Hierauf wühlte er eiligst unter den Papieren, die er aus der Tasche gezogen hatte. – »Ah!« besann er sich, »es liegt in der Kutsche,« – und er ging hinaus, es zu holen. Aber als wir seine Rückkunft erwarteten, ließ sich Peitschenknallen vernehmen, und da wir alle schnell hinauseilten, sahen wir die Pferde in starkem Galopp davon rennen, die den Baron, seine thörichten Drohungen und seine verbrecherischen Pläne schon in die Ferne dahin trugen. 32. In diesem Augenblick, und als ich eben Gott für diese Rettung, die so sichtlich von seiner Hand herbeigeführt worden, und doch nichtsdestoweniger so schwer zu bewerkstelligen war, dankte, verlor die arme Rosa, als sie mit der Kutsche ihre letzten Hoffnungen entfliehn sah, das Bewußtsein, und in sich selbst zusammensinkend, fiel sie leblos mitten in den Staub hin. Bei dem Schrei, den Gertrud ausstieß, eilte ich herbei, um sie aufzurichten; aber schneller als ich hatten sie schon zwei Gensd'armen auf ihre Arme gehoben, um sie in das Bureau zu tragen, woselbst wir uns auf das sorgfältigste um sie bemühten. Sie war kalt; ihr Puls schlug kaum noch, und außer einigen krampfhaften Zuckungen, die von Zeit zu Zeit ihre Züge zusammenzogen, schien sie schon in die Arme des Todes hinübergegangen zu sein. Nun bemächtigte sich meiner der Schreck nicht minder als das Mitleid, während Gertrud ihrerseits sich einem dem Wahnsinn nahen Ausbruch einer maßlosen Verzweiflung überließ. In diesem Augenblick rief mir einer der Gensd'armen, den ich nach einem Arzt in dem Dorfe geschickt hatte, von der Schwelle aus zu: »Er kommt!« – In der That kam der Arzt bald herbei, und nachdem er sich durch die Menge der Umstehenden, die dieser Auftritt in das Zimmer gelockt, Durchgang verschafft hatte, war er Rosa's nicht sobald ansichtig geworden, als er sagte: »Es war höchste Zeit.« – Dann zog er, ohne sich nach etwas Anderem umzublicken, seine Lanzette aus dem Besteck und machte ihr am Arm einen Einschnitt. Darauf sagte der Arzt: »Es ist gut; aber Jedermann entferne sich und man öffne die Fenster.« Auf diese Verordnung gingen die Anwesenden aus dem Zimmer, aber nur um sich vor der Thürschwelle und den Fenstern selbst zu schaaren, von wo aus der Blick das ganze Innere des Bureaus umfassen konnte. Indessen dauerte es nicht lange, so schlug Rosa die Augen auf und richtete sie nach verschiedenen Seiten hin, schien sich aber noch keine Rechenschaft zu geben weder von dem, was mit ihr vorgegangen war, noch von dem, was um sie geschah. Sie ergriff nur, da sie Gertrud erkannte, deren Hand, um sie an's Herz zu drücken, und schien wieder ruhig und glücklich einzuschlummern. Aber das war nur auf wenige Augenblicke; und in dem Maße, als sie wieder zum Bewußtsein kam, malten sich dumpfer Schmerz und Schreck und Scham wechselsweise auf ihrem Antlitz. – »Meine Herren«, sagte sie, »ich habe nichts Böses begangen! ... Warum alle diese Leute? Ah! da sind Sie, Herr Bernier!« ... Dann sich plötzlich des Verlustes ihrer Hoffnungen und der Ursache ihrer Schmerzen wieder erinnernd, stieß sie einen durchdringenden Schrei aus und fiel wieder gegen die Ballen zurück, gegen welche man sie angelehnt hatte. Während wir mit Hülfe Gertrudens die Heftigkeit ihrer leidenschaftlichen Ausbrüche zu mäßigen suchten, hatten sich die beiden gutmüthigen Gensd'armen des Posthauses beeifert, alle die Anwesenden bis auf den Letzten zu entfernen, und der Chef des Bureaus brachte uns Herzstärkungsmittel, die er sich aus einem nahen Landhause zu verschaffen gewußt hatte. Nach Verlauf einer Stunde etwa war Rosa endlich dahin gelangt, ihre Verzweiflung zu beherrschen, und als ich nun sah, daß sie still weinte, den Kopf an die Brust ihrer Freundin gelehnt, so ging ich hinaus, um zu sehen, wie ich mir eine Kutsche verschaffte. – »Sie werden keine finden«, sagten mir die Gensd'armen. – Aber in demselben Augenblicke hielt eine Kalesche vor der Post. Daraus stieg eine Dame, die, aus meiner Tracht schließend, daß ich derjenige sein möchte, von dem man ihr gesprochen hatte, als man von ihr die Stärkungsmittel entlehnte, zu mir sagte: »Hier ist ein Wagen, mein Herr; bedienen Sie sich seiner gefälligst, um diese armen Fräulein nach der Stadt zu bringen, wenn es Ihnen nicht besser scheint, sie mir bis morgen früh anzuvertrauen: ich wohne hier in der Nähe und meine Betten stehen ihnen zu Diensten.« Hingerissen von einem Gefühle der Dankbarkeit, ergriff ich die Hand der Dame, die ich niemals vorher gesehn hatte, und sie mit bewegtem Gemüthe betrachtend, sagte ich: »Wenn es schlimme Herzen gibt, so gibt es auch gute, und Gott sei dafür gepriesen! Ihre Menschenfreundlichkeit, werthe Dame, ist uns von großer Hülfe, und freudig nehme ich an, daß uns Ihre Kutsche wieder nach der Stadt bringe. Aber treten Sie gütigst ein, ich bitte Sie, damit auch diese unglücklichen Wesen sich der angenehmen Empfindung erfreuen, ihren Dank mit dem meinigen zu vereinen.« – Die wohlwollende Dame trat, schon vorher ergriffen, auch wirklich ein, und als sie dies traurige und doch anziehende Schauspiel der beiden jungen Freundinnen sah, die eine in tiefster Betrübniß, die andre so bemüht um jene, und alle beide, selbst mitten unter diesen Waarenballen, von einer so sichtlichen Auszeichnung in Haltung und Miene, überhäufte sie dieselben unter Thränen mit allen Arten mütterlicher Liebkosung und bat sie inständigst, doch mit ihr zu kommen und einige Tage in ihrem Landhause bei ihr zuzubringen. Aber weder Rosa noch Gertrud bezeigten die geringste Lust dazu, während ich selbst nach der Gefahr, der sie soeben erst entgangen waren, wohl einsah, daß ich sie nicht aus den Augen lassen dürfe bis zu dem Augenblick, in welchem ich sie wieder in die Hände des Grafen, oder in die ihrer Eltern überliefern könnte. Wir entschuldigten uns also so gut als möglich, und nachdem wir sowohl dieser Dame, als dem Bureauchef, wie auch den beiden Gensd'armen unsern Dank ausgedrückt hatten, stiegen wir mitten unter einem großen Andrang von Neugierigen in die Kutsche ein. 33. Als diese sich nach der Stadt zu in Gang gesetzt hatte, überließ sich Rosa von neuem der Verzweiflung, und Gertrud selbst konnte unter dem Eindruck dieser traurigen Rückkehr ihre Thränen nicht zurückhalten. – »Weinet, meine Kinder«, sagte ich zu ihnen, »weinet, da ihr endlich auf eine Rettung hättet rechnen können, die nun aufgeschoben ist; aber sobald diese ersten Ausbrüche der Traurigkeit dem Nachdenken gewichen sein werden, so wird diese Fehlrechnung selbst euch als Rettung erscheinen, und eure erkenntlichen Herzen werden sich zu Gott erheben, um ihm tausendfachen Dank dafür zu zollen.« – In dem Augenblick, als ich diese Worte beendete, hielt der Kutscher an, um Jemandem zu antworten, der ihm zurief, nachdem er schon an uns vorübergegangen war. Es war mein Sohn. Darüber beunruhigt, mich nicht wiederkommen zu sehen, hatte er den Entschluß gefaßt, mir entgegenzugehen, in der Absicht, daß, wenn er mich nicht eher angetroffen hätte, zu Coppet einen Wagen zu miethen und bis nach Lausanne zu fahren. Sobald wir ihn in die Kutsche hatten einsteigen lassen, drückte er beiden Damen gerührterweise die Hände, indem er ihnen seine lebhafte Freude darüber bezeigte, sie noch unter meinem Schutze zu finden. Und als ich ihm in kurzen Worten das, was unterdessen vorgegangen war, mitgetheilt hatte, benachrichtigte er mich seinerseits, daß gleich nach der Abreise des Barons und auf das Gerücht, welches sich verbreitet hatte, daß die Nichte der Millers beinah um ihre Forderung gekommen wäre, sich verschiedene Kaufleute mit ihren Rechnungen, ganz angefüllt von Einkäufen der Baronin, eingefunden hätten; daß es sich bei dieser Gelegenheit herausgestellt hätte, diese Baronin habe keinen Fuß in das Hotel gesetzt, in welchem der Baron allein am Sonntag Abend angekommen war; daß er endlich, da er nach der Post gegangen, um Leute dort zu befragen, in Erfahrung gebracht, daß der bewußte junge Herr in der That, nachdem er sich gestellt hatte, als wolle er den Weg nach Paris nehmen, indem er sich über Ferney fahren ließe, von dort plötzlich den Seitenweg über Versoix eingeschlagen und von hier seine Fahrt über Basel genommen hätte. – »Sobald ich Alles dies erfahren«, fügte mein Sohn hinzu, indem er sich an die Damen wandte, »machte ich mich auf, und hätte ich meinen Vater auf seiner Rückkehr ohne Sie getroffen, so würde ich mit seiner Erlaubniß und mit Hülfe einigen Geldes, das ich mir im Hotel zur Wage entliehen habe, bis an's Ende der Welt gegangen sein, um Sie aus den Händen dieses Entführers und seines schändlichen Mitschuldigen zu retten.« – Rosa, stets auf ihren Brief vertrauend, hörte wenig auf dieses Gespräch, während Gertrud, von nun an ganz ebenso sehr wie ich von den verbrecherischen Anschlägen des Barons überzeugt, meinem Sohne alle die Dankbarkeit zu erkennen gab, die sie für seine edelmüthige Aufopferung empfand. Als etwas Seltsames bemerkte mein Sohn, bei Gelegenheit meiner Erzählung des Vorgegangenen, daß der Baron bei seiner Eile jedenfalls die Reisekoffer der Damen werde mitgenommen haben. Diese Bemerkung, die so viel andere Gedanken, mit denen ich beschäftigt war, mich hatten übersehen lassen, hatte die Folge, noch meine Unruhe zu vermehren, weil nun, da die Damen sich in dem vollkommensten Mangel an Allem befanden, es leicht sich ereignen konnte, daß die Millers nicht mehr auf die einfache Wahrscheinlichkeit der Hülfe, welche jene später von ihren Familien zu erwarten hatten, sie wieder bei sich einnehmen würden. Derselbe Grund würde ohne Zweifel auch verhindern, daß ich sie in irgend einem andern Hause unterbrächte. Und andrerseits war es auch durchaus unmöglich, daß ich daran denken konnte, sie bei mir aufzunehmen, theils wegen der Beschränktheit meiner Hülfsmittel, theils wegen der Kleinheit meiner Wohnung, die nur aus drei engen Gemächern bestand, welche auf einen Hof hinausgingen, endlich wegen des Unpassenden, zwei junge weibliche Personen in eine Wirthschaft ohne Frau einzuführen, wo sie sich in steter, unvermeidlicher Gesellschaft mit einem Jüngling von fünfundzwanzig Jahren befänden. Bei dieser Gelegenheit fühlte ich schwer den Nachtheil, arm zu sein. Ich habe zwar als Prediger über ziemlich beträchtliche Summen zu Gunsten der Bedürftigen meines Sprengels zu verfügen; aber mir würde es als eine strafbare Verletzung meiner Dienstpflicht vorkommen, wenn ich diese Gottespfennige zu Gunsten zweier fremden Damen verwenden wollte, da sie offenbar kein Recht darauf haben können, wenn man auf die Absicht der mildthätigen Personen sieht, die mir jene zur Verwahrung anvertraut hatten. Bei einbrechender Nacht kamen wir vor dem Thore der Stadt an, von wo wir die Kutsche zurückschickten. Mein Sohn war vorausgegangen, um die Millers von der Rückkehr der Damen in Kenntniß zu setzen und sie zu bitten, daß sie sie wieder unter denselben Bedingungen, wie vorher, bei sich aufnähmen; aber er kam bald wieder mit der Nachricht zurück, daß die Millers nichts mehr von dergleichen hören wollten. Diese Nachricht bestürzte mich, während die beiden jungen Damen, die eine durch Schwäche, die andere durch Ermüdung erschöpft, meine Arme verlassen hatten, um sich, eine jede auf einem Prellsteine einer einsamen Straße, worin wir uns jetzt gerade befanden, auszuruhn; ich schritt auf und ab, ohne recht zu wissen, was ich beginnen sollte. – »Aber wir wollen doch sehen«, fing ich bald wieder an; »laßt uns zusammen zu den Millers gehen; es ist doch möglich, daß ich sie zur Nachgiebigkeit bewege; zum wenigsten werden sie wohl den Damen für diese Nacht Gastfreundschaft erzeigen, und morgen werde ich mehr Muße haben zu dem Versuche, sie wo anders unterzubringen.« – Wir setzten uns also wieder in Gang und erreichten endlich die Gefängnißstraße, deren verhaßtes Andenken in dem Maße, als wir uns ihr näherten, meinen beiden unglücklichen Gefährtinnen Thränen auspreßte. Von da zu den Millers hinaufgestiegen, erneuerte ich den Vorschlag, den ihnen mein Sohn schon gemacht hatte. – »Das führt zu nichts, Herr Prediger«, antworteten mir alle beide. – »Aber ich bürge euch dafür, daß ihr bezahlt werden sollt, ich biete euch sogar vierzehn Tage Vorausbezahlung an.« – »Das ist mir ziemlich gleich«, erwiederte Miller. »Auch sind wohl die Damen aller Welt schuldig, und es ist uns nicht viel daran gelegen, die Gerichtsdiener im Hause zu haben.« – Ich begriff, daß dies eine Anspielung darauf sein sollte, daß die kleinen Einkäufe, welche die Damen gemacht, durch den Baron nicht bezahlt worden wären, so daß sie sich von nun an dem ärgerlichen Ruf ausgesetzt sahen, zu dem die betrügerischen Schuldenmachereien der Baronin Veranlassung gaben. »Nun gut, Miller«, fing ich wieder an; »erweiset mir wenigstens die Liebe, nur für diese Nacht den beiden Damen ein Lager zu geben, denn die eine, wie Ihr seht, ist blaß, leidend und unfähig, noch einen Schritt weiter zu gehn, da man ihr in Versoix zur Ader gelassen hat. Morgen werde ich bei guter Zeit mich umsehen, sie wo anders unterzubringen.« – »Nein, Herr Prediger; lieber wollen wir ihr Nachtlager im Gasthause bezahlen. Es gibt Leute, die man bei sich aufnimmt, und solche, die man nicht aufnimmt.« – Bei diesen Worten rief Rosa, die bei Seite gesessen hatte, aufspringend mit Unwillen aus: »Was wollen Sie damit sagen, erbärmlicher Mensch? Gehören Sie also auch zu der Zahl der Verächtlichen, die sich eine Freude daraus machen, uns mit Schmutz zu bewerfen?« ... Ich wollte dazwischen treten, aber Rosa bat mich mit dem Drängen des verachtendsten Abscheu's: »Fort, fort, Herr Bernier! Und wenn Niemand uns aufnehmen will, so lassen Sie uns lieber auf der Straße schlafen, als auch nur eine einzige Nacht noch in dieser abscheulichen Höhle zubringen!« – »Ihr seid sehr wenig menschenfreundlich«, sagte ich hierauf zu Miller, »und wenn es sich einst ereignen sollte, daß ihr in Unglück geriethet, wie das ja uns Allen begegnen kann, so möge euch der Himmel davor bewahren, auf so verhärtete Herzen zu stoßen, als es heute die eurigen sind!« ... Hierauf folgte ich Rosa, die mich nach der Thür hinzog, und wir befanden uns alsbald wieder auf der Straße. Indessen war mein Sohn, der die beharrliche Weigerung der Millers voraussah, darauf ausgegangen, ein anderes Unterkommen für die Nacht auszukundschaften, so daß wir uns nicht zu entfernen wagten, in der Furcht, seine Rückkunft zu verfehlen. Nachdem wir also einige Zeit vor dem Hause gewartet hatten, setzten sich meine beiden Gefährtinnen auf die Stufen der Außentreppe, und ich selbst begab mich bis zur Ecke der nächsten Straße auf Entdeckung, als Gensd'armen, welche ihre erste Nachtrunde machten, weil sie zwei geschmückte Frauenspersonen zu dieser Stunde an diesem abgelegenen Orte sahen, an sie herankamen und sie fragten, wer sie wären und was sie da machten? Dann, als der Schrecken jene zu antworten verhinderte, sagten sie zu ihnen: »Sie werden uns folgen.« Auf den Angstschrei, den jene darauf ausstießen, kamen zwei oder drei Personen mit Lichtern dazu. Da aber keine von diesen geneigt schien, die Damen anzuerkennen, noch Bürgschaft für deren Verhältnisse und sittliche Haltung geben wollte, so waren die Gensd'armen schon im Begriff, sie mit sich fortzuführen, als ich herbeieilte. Unter jenen Personen befand sich die Frau Miller. – »Diese Frau«, sagte ich, indem ich sie den Gensd'armen bezeichnete, »kann bezeugen, daß diese Damen meine Freundinnen sind, und wenn Sie sie allein auf dieser Freitreppe angetroffen haben, so ist es, weil ich mich damit beschäftigte, ein Nachtquartier für sie zu suchen, in Ermangelung dessen, welches jene die Unmenschlichkeit gehabt hat, ihnen zu verweigern. Sie haben sich also geirrt, setzen Sie daher, ohne sich um uns zu kümmern, ganz ruhig ihre Runde fort.« – In diesem Augenblicke kam mein Sohn herbei, der schon von fern rief: »Ich habe ein Nachtlager für die Damen gefunden.« – Als die Gensd'armen diese Worte hörten, welche meine Aussage bestätigten, gingen sie ihres Weges, und wir wandten uns nach der Gegend, wohin mein Sohn uns führte. Nach einigen Biegungen traten wir, seiner Weisung folgend, bei Leuten ein, mit denen er soeben verhandelt hatte. Es war ein Herr und eine Dame, umgeben von ihren drei Kindern, und die mir beim ersten Anblick selbst so achtungswerth erschienen, als ihre Wohnung zugleich bequem und reinlich war. Sie hatten ein Zimmer zu vermiethen. Als sie aber zwei geputzte, sehr junge Damen ankommen sahen, ohne Eltern, ohne Sachen und ihnen obendrein von einem jungen, unbekannten Mann als Kostgängerinnen empfohlen, schienen sie mit dem Abschluß zu zögern; ja, nachdem ihnen das Dienstmädchen, die mit uns eingetreten war, einen Wink gegeben, erklärten sie, andrer Meinung geworden zu sein, da sie der Erwartung gewesen wären, ihr Zimmer an bejahrte Damen zu vermiethen, weil es nicht zu ihrem Familienleben passe, sich zu Gunsten so junger Personen in ihrer Wohnung zu beschränken. – »Nun wohlan! meine Kinder«, rief ich jetzt aus, »da es so steht, so laßt uns mit diesem selben Schritte zu mir gehen. Wo zwei gemächlich leben, da werden wohl vier bestehn können, und wenn es die Nothwendigkeit gebietet, so wird es wohl auch zugleich schicklich sein.« – Hierauf nahmen wir Abschied von jener Familie und erreichten gemeinschaftlich meine Wohnung. 34. Als mein Sohn die Lampe angezündet hatte, sagte ich: »Ah so, nun wollen wir uns passend einrichten. Dieses Kabinet hier, meine Damen (wir befanden uns in demselben Zimmer, worin sie mit uns am vorhergehenden Sonntage gegessen hatten), soll zugleich unser Speisezimmer und unser Versammlungssaal werden; man wird zwei Stühle mehr hineinsetzen. Aber das allerdringendste ist wohl jetzt, zu ruhen, nicht? ... Halt«, sagte ich zu meinem Sohn, indem ich ihm einen Schlüssel übergab, »geh und nimm ein Paar Betttücher heraus, und Sie, Rosa und Gertrud, folgen Sie mir.« – Als ich sie in mein Zimmer geführt hatte, welches eine Art von Bibliothek ist, mit einem kleinen Ofen in einer Ecke und einem Bett mit Vorhängen im Hintergrunde, sagte ich zu ihnen: »das hier wird Ihr Zimmer sein; ich selbst, ich werde mit meinem Arbeitstisch in das Zimmer meines Sohnes übersiedeln.« – Ich ging darauf hinaus, um die Betttücher zu holen, welche mein Sohn, um sie nicht selbst so jungen Damen einhändigen zu müssen, in das Kabinet gelegt hatte, und sagte zu ihnen: »Die Alte wird Ihnen in vielen kleinen Dingen helfen; aber Sie, meine armen Kinder, werden ihren Dienst sehr ergänzen müssen, und um damit anzufangen, so machen Sie sich Ihr Lager zurecht, während Andreas und ich Thee und einige Zukost bereiten werden.« – Nachdem sie mir sowohl ihr Bedauern, daß sie mich aus meinem Zimmer verdrängten, als auch ihre Befriedigung bezeigt hatten, sich bei mir zu wissen, gingen die Damen an das Werk. Dann, während Rosa, unsern inständigen Bitten nachgebend, sich in meinem Lehnsessel ausruhte, dessen Benutzung, so lange ihr Aufenthalt in meinem Hause dauern würde, ich sie anzunehmen nöthigte, half mir Gertrud meinen Tisch, einige Bücher und andere Sachen, die zu meinem persönlichen Gebrauch dienten, in das andere Zimmer schaffen. Dies abgethan, setzten wir uns zusammen um den Thee, und ich wunderte mich, daß selbst Rosa, statt betrübter zu werden, da sie sich doch in einen so traurigen und abgesonderten Zufluchtsort, wie unsere Wohnung, versetzt sah, dem ungeachtet ruhiger und von mindern Schmerzgefühlen heimgesucht schien, als seit unsrer Abreise von Versoix. Da ich sie also gestimmt sah, so wagte ich sie zu fragen: »Ist es möglich, meine liebe Rosa, daß Ihnen noch irgend ein Zweifel über die Absichten dieses Barons und über die sittliche Beschaffenheit dieser Baronin übrig bleibt?« – »So lange das Geheimniß«, erwiederte sie, »das über diesem Briefe des Grafen schwebt, nicht erklärt ist, Herr Bernier, wie kann ich da anders, als noch einige Zweifel in mir hegen? Oder vielmehr, ich darf jetzt, da ich an mir selbst erfahren habe, wie sehr die Leute mit Vergnügen und ohne Rückhalt anzuschwärzen und zu verleumden geneigt sind, glauben, daß es boshaften Menschen gelungen sei, den Baron und die Baronin von Bülau als zweideutige Personen erscheinen zu lassen, während ich nicht einen Augenblick daran zweifeln kann, daß Ludwig den Brief an mich geschrieben hat, durch den er mich zu sich beruft.« – »Ei nun!« versetzte ich, »ich grade, Rosa, ich zweifle, daß er ihn geschrieben hat, diesen Brief; denn tausendmal eher würde ich voraussetzen, daß man die Empfindungen, die Zärtlichkeit und die Handschrift des Grafen nachgemacht hat, um Sie in eine Schlinge fallen zu lassen, als daß ich mir vorzustellen vermöchte, der Graf habe sein Vertrauen einem Menschen schenken können, dessen Schritte alle das Siegel einer niedrigen Unredlichkeit an sich tragen. Uebrigens, meine Tochter, lassen Sie uns heute nicht über das streiten, was sich später gewiß aufhellen wird. Stehen Sie auf, und nachdem wir uns zu Gott durch Gebet erhoben haben werden, wollen wir nachher im Schlummer die Erholung von unsern Beschwerden und einen Aufschub unserer Bekümmernisse suchen.« – Hierauf erhoben sich Rosa und Gertrud, und ich betete folgendermaßen: »Wir demüthigen uns vor dir, o Gott, wie es sündhaften Geschöpfen ziemt, die dich jeden Tag in verschiedener Art beleidigen, und wir nahen dir, dich mit Reue und Zerknirschung um Verzeihung unserer Begehungs- und Unterlassungssünden zu bitten, im Namen unseres Herrn Jesu Christi. Alles, was du über uns verhängst, ist gerecht und barmherzig. O mein Gott, das Härteste reicht niemals an die Höhe unserer Sünden, die, ach! in unsern Augen klein erscheinen, die aber groß sind in deinen Augen, wie sie unverzeihlich sein würden ohne die Tiefe deiner Barmherzigkeit. Sieh hier zwei junge Seelen, welche eins deiner heiligsten Gebote übertreten haben; aber die Prüfung, durch welche du sie in deiner väterlichen Sorgfalt zu warnen gewürdigt hast, daß sie sich wieder zur Erfüllung deiner Gebote zurückwenden, hat sehr schnell ihre Herzen bekehrt, und sie wollen ohne Aufschub sich bemühen, ihre Sünden zu tilgen. So schiebe denn du, o Gott, deine Strafe auf, laß in deinem Zorne nach, segne ihre Entschlüsse und bereite, gerührt von ihrem zarten Alter, ihnen bessere Tage. Sieh in denen, die dich hier anrufen, eine einzige Familie, deren Haupt ich bin, und flöße mir den Geist ein, sie auf den Weg zu leiten, der zu deinem Wohlgefallen führt. Amen.« Nach dieser Anrufung erhielt ich von diesen drei jungen Wesen den Kindeskuß, und beide Theile suchten das Lager, gestärkt durch Gebet und erquickt durch Sammlung des Innern. 35. Ich stand früh auf, um die alte Aufwärterin von dem kleinen Zuwachs an Arbeit, zu dem der Aufenthalt der Damen den Anlaß gab, zu unterrichten, und sie zu bitten, sich während der Mitte des Tages, wenn mich meine Berufsangelegenheiten auszugehn nöthigten, in meiner Wohnung häuslich einzurichten. Hierauf gab ich ihr in der Befürchtung, daß diese Frau, die ich seit zweiundzwanzig Jahren in meinem Dienst hatte, in Folge verleumderischer Gerüchte, die bis zu ihr gelangen könnten, irgend ein Mißtraun fassen möchte, ganz kurzen Aufschluß über die wahre Lage der Damen, und suchte ihre Theilnahme für dieselben zu erregen. Gegen acht Uhr war das Frühstück bereit, und die beiden Freundinnen erschienen in dem Speisezimmer. Sie waren traurig, aber ausgeruht, und ich erfuhr zu meiner Befriedigung, daß sie beide sich eines guten Schlafes bis in den Tag hinein erfreut hätten. Ich dachte mir es wohl als wahrscheinlich, daß der Baron, sobald er Muße dazu fände, es sich angelegen sein lassen würde, ihnen ihre Koffer wiederzuschicken; aber, außer daß ich keine Gewißheit dafür hatte, mußte man doch für die dringendsten Fälle vorausdenken und die armen Kinder mit den unerläßlichsten Kleidern für den täglichen Gebrauch versehen. Zu diesem Zwecke legte ich ihnen sogleich nach dem Frühstück zu ihrer Verfügung das vor, was mir an Kleidern und Wäsche meiner seligen Frau übrig geblieben war. Die Putzsachen waren, als solche betrachtet, sehr bescheiden und hauptsächlich sehr veraltet; aber Hemden, Strümpfe und Taschentücher sind immer gangbar, und außerdem wußte ich, daß die Damen, theils durch ihren Geschmack, theils durch ihre Geschicklichkeit im Anpassen und Nähen, Rath finden würden, Nutzen daraus zu ziehen. Als sie sich das, was ihnen genehm war, und namentlich das, woraus sich zwei Kleider machen ließen, so daß sie ihre Putzgewänder ablegen konnten, ausgewählt hatten, zogen sie sich in ihr Zimmer zurück, um sich auf der Stelle an's Werk zu begeben, als die Alte einen Mann hereinführte, den ich nach seiner Haltung und an den Papieren, die er trug, für eine Erscheinung von schlimmer Bedeutung hielt. Und in der That, es war ein Gerichtsdiener, der mir, die jungen Damen betreffend, einmal den Auftrag, ihre Effekten zu pfänden, und dann noch eine gerichtliche Vorladung, auf eine von mehreren Kaufleuten wegen nicht bezahlter Rechnungen, die in seinen Händen wären, unterzeichnete Klage, vor Gericht zu erscheinen, vorwies. Da sie aus den Reden dieses Mannes begriffen, daß es sich darum handle, in gerichtliche Untersuchungen verwickelt zu werden, so hielten sich meine armen Schützlinge für verloren, und stürzten sich, als ob die Gerichtsdiener befugt wären, sich erweichen und Gnade ergehen zu lassen, zu den Füßen des Mannes, indem sie ihn beschworen, diese Papiere zu vernichten und sich durch einen Eid verpflichteten, Alles zu bezahlen, sei es mit dem Gelde, das sie baldmöglichst von ihren Familien zu erhalten suchen würden, sei es mit dem, welches sie sicherlich durch ihrer Hände Arbeit zu erwerben hofften, wenn ihnen jene Hülfsquelle fehlschlüge. – »Stehen Sie auf«, sagte ich zu ihnen, »stehen Sie auf, Rosa und Gertrud, und bedenken Sie, daß dieser gute Mann nicht ermächtigt ist, Ihnen etwas zu bewilligen.« – Dann wandte ich mich an den Gerichtsdiener und sagte: »Was die Effekten dieser Damen anbetrifft, so gibt es deren so wenige zum Pfänden, daß ich in diesem Augenblicke selbst daran bin, sie mit Hemden, Strümpfen und Kleidern meiner seligen Frau zu versorgen. So wird denn in dieser Beziehung Ihr gerichtlicher Auftrag überflüssig. Im Weiteren aber, geben Sie mir Ihre Noten her, und Sie brauchen dann, versehen mit der Bürgschaft, die ich Ihnen aufsetzen werde, daß jene noch heute berichtigt werden sollen, nur zu den Kaufleuten zu gehen, um diesen einen Wink zu geben, daß sie den Auftrag zur Pfändung zurücknehmen und von ihrer Verfolgung abstehen.« – Ich begab mich hierauf an meinen Tisch, schrieb diese Bürgschaft, unterzeichnete sie mit meinem Namen und händigte sie dann dem Gerichtsboten ein, der sich sogleich entfernte, während Rosa und Gertrud, ganz in Thränen gebadet, mich mit Segenswünschen überhäuften. »Diese Verlegenheit«, sagte ich zu ihnen, »wäre beseitigt; aber in meinen Augen ist sie von weit geringerem Belang, als die andere, die ihr kennt; und so schlage ich denn vor, weil ja auch eure Lage wieder dieselbe geworden ist, wie am Montag Morgen, noch heute unsere drei Briefe, die ich für alle Fälle, als ein Zeugniß unserer wechselseitigen Zuneigung und eurer guten Entschlüsse, aufbewahrt habe, abgehen zu lassen.« Alle beide zollten diesem Vorschlage Beifall, so daß ich, nachdem ich sie hatte an ihre Arbeit gehen sehen, sogleich hinausging, um sie auf die Post zu besorgen und mich dann damit zu beschäftigen, daß ich der Unterzeichnung, die ich soeben geleistet hatte, Ehre machte. 36. Zu diesem Zwecke begab ich mich, als ich die Briefe in den Postkasten geworfen hatte, zu demselben Juwelier, der damals die Agraffen der Damen gekauft hatte, und indem ich ihm die zwei goldnen Ketten, deren sie sich zu meinen und meines Sohnes Gunsten entäußert hatten, übergab, sagte ich zu ihm: »Wollten Sie wohl gefälligst diese Ketten wägen und mir das dafür zahlen, was sie werth sind?« – »Sie kommen«, antwortete er mir, »aus derselben Quelle, wie die Agraffen, denn ich habe sie an dem Halse jener Damen gesehen. Ei nun, meine Voraussagungen haben also nicht gelogen, und Alles hat mit einem ärgerlichen Vorfall geendigt!« – »Der ärgerliche Auftritt«, sagte ich, »rührt von Böswilligen und nicht von den Damen her. Wenn Sie sich bei mir hätten überzeugen wollen, Herr Durand, so würden Sie nicht die Klage unterschrieben haben, in Folge deren jene eine gerichtliche Vorladung erhielten. Uebrigens ziehn Sie vom Preise dieser Ketten die Summe von vierzehn Franken ab, die man Ihnen für eine Nadel schuldig ist, und geben Sie mir darüber eine Quittung.« – Der Juwelier, der ein sehr rechtschaffener Mann war, betrübte sich über meine Worte und sagte: »Ich habe nur die Klage unterschrieben, als ich sah, daß die Schulden dieser Damen bei derselben Gelegenheit, unter derselben Adresse und auf denselben Namen gemacht waren, wie die einer verrufenen Dirne, und wenn ich mich geirrt habe, Herr Bernier, so bin ich gern bereit, anstatt meine vierzehn Franken einzufordern, in Gemeinschaft mit Ihnen zwei jungen Personen, die nur unglücklich sein mögen, mit meinem Gelde beizustehn.« – »Sehr unglücklich«, erwiederte ich, »und ebenso anständig. Aber was wollen Sie mit der verrufenen Dirne sagen?« – »Sie wissen also nicht, daß gestern Abend die Baronin, mit der man Ihre Damen, gelegentlich der Abreise und der Einkäufe, in freundschaftlichen Beziehungen gesehn hat, von der Nichte der Millers auf der öffentlichen Promenade erkannt, und da sie mit den Toilettengegenständen, welche von dem Baron nicht bezahlt worden sind, geputzt erschien, angezeigt und sofort in ihrer Wohnung, die sich in unserem Kirchspiel befindet, verhaftet worden ist?« – »Wie«, rief ich aus, »Marie?« – »Dieselbe, Herr Bernier. Und wie wollen Sie nun, daß ein derartiger Anschein nicht sogar diejenigen täusche, die sich vor Stadtgerüchten und bösen Nachreden in Acht nehmen?« – »Es ist wahr«, entgegnete ich ihm; dann sagte ich, indem ich mich dem Schauder des Abscheu's hingab, den mir diese Entdeckung verursachte, selbst nach alle dem, was ich mir Verhaßtes in Betreff des Barons hatte denken können, in frommem Eifer: »O, gepriesen seist du, Gott, der du diesen schändlichen Geiern ihren Raub entrissen hast! Ja, mein lieber Durand, dieser Anschein mußte Sie trügen, und es ist mir ein Trost, mir auf diesen Grund hin Ihr Verfahren erklären zu können, das mich betrübt hatte, wie es mir auch ein gleicher Trost ist, einer ehrenhaften Bedenklichkeit die Herzenshärte zuschreiben zu können, welche gestern Abend die Millers bewiesen, indem sie meinen Schützlingen ein Lager auf eine Nacht verweigerten.« – Während dieses Gesprächs war der Juwelier damit fertig geworden, die Ketten zu wägen, und zahlte mir deren Werth aus, welcher sich auf zweihundert und fünfzig Franken belief; wir rechneten hierauf die Summe der Noten zusammen, die ich in Händen hatte: sie betrug zweihundert und sechszig Franken. – »Gehen Sie«, sagte hierauf der Juwelier zu mir, »gehen Sie und bezahlen Sie die Kaufleute; mir werden Sie den Vorzug vergönnen, Herr Bernier, daß ich das, was die Damen mir schulden, dahin gestellt sein lasse, ohne daß sie dies erfahren.« – »Ich bin kein solcher«, antwortete ich, »der eine so edle Regung unterdrücken möchte, mein lieber Herr Durand; und so mag es denn gelten. Sollten meine jungen Freundinnen wieder reich werden, so ist es nur billig, daß diese Schuld zurückgezahlt wird; sollten sie arm bleiben, so werden ihnen diese zehn Franken als Hülfe dienen.« – Hierauf drückte ich ihm herzlich die Hand und ging auf der Stelle, die übrigen Schulden abzutragen. Als sie das Geld auszahlen sahen, faßten die Verkäufer und Verkäuferinnen, wie gewöhnlich, sogleich eine bessere Meinung von meinen jungen Freundinnen, und ich meinerseits ermangelte nicht, sie darin zu befestigen, bald, indem ich zu den groben Lügen, die sie auf deren Rechnung gehört haben wollten, die Achseln zuckte, bald, indem ich ihnen mit zwei Worten den schändlichen Anschlag, dessen Opfer sie um ein Haar in Folge ihrer Jugend und Schönheit geworden wären, zu wissen that. Mehr als eine der Handelsfrauen, die sich soeben noch unbarmherzig gezeigt hatte, fing zu jammern an und drückte mir ihr Bedauern aus, die Klage unterschrieben zu haben, und zum hundertstenmale hatte ich meine Verwunderung darüber, wie unsere menschliche Schwäche, stets ein Spiel der Eindrücke, der Zufälle, des Gerüchtes, ja eines Hauches, sich bei vielen Gelegenheiten so hartherzig zeigt, wenn sie doch voll Güte ist, und wiederum so wohlwollend, wenn sie doch so verderbt und voll bösen Willens ist. 37. Ich hatte nun im Ueberflusse Aufklärung über die Moralität des Barons und über die Natur seines Auftrags. Zwei Punkte nur blieben noch zu erfahren übrig, nämlich der Antheil, den der junge Herr an diesem Unternehmen hatte, und jener anscheinend von der Hand des Grafen geschriebene Brief; der erstere in Schatten gehüllt, der zweite in ein tiefes Geheimnis; eingeschleiert. So begab ich mich denn, als ich meine Gänge abgemacht hatte, und ohne auf den Widerwillen zu achten, der mich dem Vorsatz abwendig machen wollte, nach dem Gefängniß, um daselbst ein Gespräch mit Marie zu halten und auf diese Art, sei es durch ihre Verräthereien oder ihre Unvorsichtigkeit, sei es durch den Ausbruch ihres Zorns, Aufklärungen von ihr zu erlangen, die mir bei dem Bestreben, welches ich mir vorgesetzt hatte, um Rosa und Gertrud, bis sie wieder unter dem Schutze des Grafen oder ihrer Familien wären, vor Unheil zu bewahren, von Nutzen werden konnten. Da die Marie zu meinen Beichtkindern gehörte, so erhielt ich ohne Schwierigkeit die Erlaubniß, mit ihr zu sprechen, so daß ein Gefangenwärter sich sogleich in Bewegung setzte, mir zu öffnen, und dann hinter mir die mit eisernen Riegeln versehenen Thüren, welche zuerst von der Straße absperren, dann die Verwaltungslokale, die inneren Abteilungen des Gefängnisses, zu verschließen. Obwohl sie nur einfach angeklagt war, so hatte man die Marie doch, in Betracht ihres Gewerbes, in die Abtheilung der Frauenzimmer von schlechtem Lebenswandel verurtheilt, und dort fand ich sie mit einem Dutzend theils jüngeren, theils älteren Kreaturen, die alle auf ihrem Gesicht, in ihren Reden, ihren Geberden und Stellungen die abstoßenden Zeichen des schamlosen Lasters trugen. Sobald man hinter mir die Pforte des Gefängnißhofes abgeschlossen hatte und mich diese Frauenzimmer so ihrer Willkür überliefert sahen, beeilten sie sich, hierzu durch Marie angereizt, mich mit Spöttereien zu necken, bis sie mich, als die eine ausrief: Er soll tanzen! sogar bei den Händen ergriffen und mich mit sich fortzuziehn versuchten, – »Was das anbetrifft, liebe Kinder, nein, das geht nicht, und ihr wißt wohl, daß mir das schlecht gelingen würde.« – Hierauf bildeten sie einen Kreis um mich und begannen sich mit immer steigender Schnelligkeit zu drehen, indem sie kreischendes Geschrei unter cynischem Gelächter ausstießen; worauf sie, triefend von Schweiß, inne hielten; und, als wenn ich nicht zugegen wäre, setzten sich einige zerstreut hier und da auf die Fliesen hin; die andern, einzig damit beschäftigt, sich abzukühlen, nahmen ihre Mützen ab, um sich damit Luft zuzufächeln, oder lösten die Tücher, die ihre Brust verhüllten. Als ich sie so von Müdigkeit erschöpft sah, sagte ich zu Marie: »Mit dir wollte ich sprechen.« – »Nun gut, so sprecht, mein lieber Herr Prediger«, antwortete sie, »und gesteht zu, daß wenigstens diesesmal Satan der Stärkere gewesen ist, da Sie die beiden armen Würmer nicht gegen ihn haben vertheidigen können.« – Dann sich zu ihren Genossinnen wendend, gab sie ihnen in Ausdrücken, die zu cynisch waren, als daß ich sie wiederzugeben wage, die Erzählung dessen zum Besten, was sich bis zu dem Augenblick zugetragen hatte, da der Baron, endlich Rosa's und Gertrudens Herr geworden, in einer Postkutsche Genf verließ. Beim Anhören dieser Kriegslisten, deren Frechheit ihrer Genossin den Sieg verschafft hatte, jauchzten diese Unglücklichen alle miteinander auf, und ich sah dem Augenblick entgegen, wo sie, von dieser Aufregung einer infernalen Prahlerei hingerissen, wieder ihren Rundetanz beginnen und durch verdoppelte unzüchtige Ausgelassenheit diesen vorgeblichen Triumph des Lasters über die Keuschheit feiern würden. Ich war durch die Erzählung Mariens vollkommen befriedigt worden über den Hauptantheil, den der junge Herr an der Kriegslist des Barons gehabt hatte, und da ich wahrnahm, daß sie selbst an den unfehlbar geglückten Ausgang derselben glaubte, hütete ich mich, der übrigen Enthüllungen wegen, die ich noch von ihr zu erlangen hoffte, wohl, sie aus diesem Irrthum zu ziehen. – »Du kannst oder willst mir also nicht behülflich sein, Marie, diese guten Kinder zu retten?« fing ich von neuem an, als die Andern mit ihren lärmenden Ausrufungen aufgehört hatten. – »Was das anbelangt, nein, lieber Herr Prediger, und übrigens ist es auch schon zu spät. Aber wenn ich Ihnen den Baron selbst in die Hände liefern könnte, damit Sie ihn hier an meine Stelle setzen ließen, so sollte das, meiner Treu, von Herzen gerne geschehen!« Dann sich wiederum zu ihren Genossinnen wendend, sagte sie: »Denn gibt's wohl zum Beispiel etwas Spaßhafteres. Stellt euch einen Erzschelmen vor, der zu mir sagt: Du sollst die Baronin machen; geh und putze dich heraus, ich werde Alles bezahlen. Und dann, als ich ihm die beiden Täubchen überliefert habe, geht er auf und davon, ohne auch nur einen Heller für meinen Aufwand bezahlt zu haben! ... Gestern nun, als ich ganz ruhig auf öffentlicher Promenade einhergehe, siehe da, kommt ein Gensd'arm und bittet mich, ihm in meine Wohnung zu folgen. Da läßt man mich die Kleider ausziehen, und sperrt mich hier in dieses Spitzbubenloch, dieses« ... – Hier überließ sich Marie allen Ausbrüchen der Rachewuth, fing an, auf den Kopf des Barons die entehrendsten Benennungen auszuschütten, und übergab ihn dann dem Teufel, der Hölle, dem Gehenna, und endlich, gleichsam im schlimmsten Falle, den sie bei dieser Gelegenheit als Wohlthat annahm, selbst Gott! Hierbei, welcher Art auch sonst meine Gemüthsbewegung sein mochte, bemühte ich mich, zu lächeln. – »Marie«, sagte ich zu ihr, »deine Worte sind sinnlos. Gewöhnlicherweise bittet man doch nicht seinen grimmigen Feind, daß er uns helfe; auch ist das eine thörichte Gotteslästerung, wenn man, wie du, sein Leben dazu angewandt hat, Gott zu beleidigen, und es dann wagt, solcherweise seine Hülfe anzuflehn, wie du eben gethan hast. Bleibe nur beim Satan, meine Tochter, dem du wirklich mit beharrlichem Eifer gedient hast; aber Satan ist der Gott der Uebelthäter, um sie zu verderben, nicht aber um ihnen zu helfen. Und siehst du denn nicht ein, daß dieser Baron, der noch strafbarer ist, als du, gerade dadurch auch mehr Anspruch darauf zu machen hat, daß ihn der Teufel liebe und beschütze?... Du thust mir leid, Marie; ihr alle, die ihr hier seid, vom Fluch getroffen und euch freiwillig dem ewigen Verderben weihend; euer Anblick durchdringt mich mit Mitleiden. Denn am Ende seid ihr dem Fleische nach doch meine Geschwister; und die himmlische Erbschaft war reich genug, daß wir alle mit einander daran hatten Theil nehmen können! Ihr Unseligen! Es gibt einen Gott, einen so langmüthigen, daß er, anstatt euch niederzuschmettern, euch duldet; so gütig, daß er euch die Hand hinreicht; so barmherzig, daß er eurer Reue noch seine rücksichtslose Verzeihung bietet, und doch ist die tiefe Verblendung eurer entarteten Herzen so groß, daß ihr, anstatt mit aller Eile zu diesem gütigen Vater zurückzukehren, damit er zu euch sage, wie Jesus zu dem Weibe von schlimmem Lebenswandel: Gehe und sündige in Zukunft nicht mehr – den Rest eurer Kraft, eurer Jahre und eures von dem vergifteten Aussatz der Ausschweifung schon ergriffenen Fleisches dazu anwendet, ihn mehr und mehr zu beleidigen, ihn, soweit ihr es vermögt, herabzuwürdigen zum Rang eines Mitschuldigen eurer Schandthaten und zum Vollstrecker eurer Rachegefühle!« ... Und da diese Strafrede von einigen dieser Frauenzimmer beachtet worden war, so erhob ich meine Hände und rief: »Aus tiefstem Herzen fleh ich zu dir, o Gott, laß dich herab, dieser Sünderinnen zu achten. Wohl kann man sagen, daß sie, seit so lange den Werken der Finsterniß sich hingebend, nicht mehr wissen, was sie thun! Hilf du ihnen; denn hier ist die Stimme deines Dieners unwirksam, wenn er ihre Thorheit sieht, ihren Wurmfraß untersucht, über ihre Reuelosigkeit seufzt, wenn er endlich erkennt, daß der Tod ihnen naht, während sie tanzen, und daß ihr Grab gegraben wird, während die Fäulniß der Ausschweifung ihr Mark durchdringt und schon an ihren Gebeinen nagt!« ... Als ich dieses Gebet geendet hatte, fielen meine Blicke auf die Unseligen, die der Gegenstand desselben waren. Eine oder zwei der jüngsten trockneten sich einige Thränen ab; die andern aber, hauptsächlich Marie, waren mehr noch bestürzt, als gerührt, und in dem Maße, wie die Sekunden verflossen – denn die Beweglichkeit für Eindrücke wird bei dieser Art von Frauenzimmern eine zweite Natur, noch undankbarer als die erste für den Nachdruck des Wortes, – erkannte ich an ihrem Gesichtsausdruck, wie das Laster, der Unglaube, die Verblendung in ihrem erschütterten Herzen wieder Wurzel faßten und sich dort ihren Thron auf den Trümmern des Gewissens errichteten. Hierauf, näher auf meinen eigentlichen Gegenstand zurückkommend, sagte ich: »Marie, weil es, wie du sagst, nicht mehr Zeit ist, jene beiden Jungfrauen zu retten, so gib mir doch wenigstens die Versicherung, daß du nicht an der argen List betheiligt bist, die allein ihr Zutraun wie das meine bestochen hat, nämlich an dem Betruge mit dem Briefe vom Grafen.« – »Halt! mein lieber Herr Apostel«, erwiederte sie. »Ganz heiliger Weise suchen Sie hier eines von jenen Zeugnissen zu erschnappen, von denen Sie mir gesagt haben, daß Sie sie gegen mich kehren wollen; aber ich sehe die Falle und ich werde nicht hineingehn!« – Dann sagte sie, um mich zu hohnnecken: »Dennoch weiß ich Hinlängliches über diesen Brief, diesen Grafen, über Ihre kleine Comtesse Rosa ... aber fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen Neuigkeiten davon auftischen werde!« – »Das halte, wie du willst, mein Kind, und weil es mir scheint, daß du dabei mitthätig gewesen bist, die Handschrift eines Schriftstückes, das noch in meinen Händen ist, nachzufälschen, so muß ich es natürlich finden, daß du dich nicht selbst angeben willst.« – »Mitthätig! mitthätig!« rief sie hierauf mit einem ungestümen Ausbruch von Wuth und als ob sie auf dem Punkt stände, Alles zu verrathen, um sich selbst zu rechtfertigen ... mitthätig!« ... Dann aber fing sie plötzlich an, indem sie in ein Gelächter ausbrach, mich von neuem mit thörichten Spöttereien und ironischen Sarkasmen zu überschütten. Während dieser Zeit war ein Gefängnißwärter gekommen, um mir zu öffnen, und nachdem ich diesen betrübenden Aufenthalt verlassen hatte, athmete ich endlich wieder die vergleichungsweise reine und tröstliche Luft der Straße. 38. Man kann sich denken, daß ich, bald nach der Rückkehr in meine Wohnung, den Damen, gegen die ich übrigens alle nur mögliche Schonung beobachtete und hauptsächlich den Namen und das Gewerbe der Marie verschwieg, die Nachrichten mittheilte, die ich soeben eingezogen hatte, insbesondre die Verhaftung der falschen Baronin, sowie die Gewißheit, die ich mir bei ihr verschafft hatte, daß das ganze Gewebe der Hinterlist, dessen Opfer sie auf ein Haar geworden wären, von dem jungen Herrn angelegt, unter seiner Leitung fortgesponnen und zu seinem Vortheil ausgeführt wäre. Die armen Kinder schauderten bei diesem Bericht, und Rosa selbst empfand bei der Erinnerung, daß sie bis zum letzten Augenblick sich zu Gunsten der Rechtschaffenheit des Barons verwendet hatte, wie es nach vorübergegangener drohender Gefahr geschieht, der man nur soeben mit genauer Noth ohne sein Zuthun entschlüpft ist, Anwandlungen des Abscheu's und Schauer des Entsetzens. Indessen blieb der Brief des Grafen für mich wie für die beiden Freundinnen noch immer ein undurchdringliches Räthsel, und in unsern Voraussetzungen aller Art gingen wir oft so weit, uns vorzustellen, daß dieser Brief, wirklich vom Grafen für einen Baron von Bülau, einen seiner Freude, geschrieben, für den jungen Herrn vielleicht durch einen seiner Helfershelfer hatte entwendet und ihm nach Genf geschickt werden können, um ihm so als natürliches Hülfsmittel für den verwegenen Anschlag zu dienen, der ihm nun mißglückt war. Wie dem auch sein mochte, so hatte für mich wie für die Damen die Aufhellung dieser Dinge die Folge, daß wir ruhiger wurden, und von diesem Augenblick an verlebten wir die folgenden Tage in einer Art von Gemüthsstille, die nach so vielen Störungen, Beunruhigungen und Erschütterungen ihr Süßes hatte. Gertrud hatte sich nach und nach der Hauswirthschaft angenommen, und obwohl ich ein wenig verlegen war, wie ich diesem derzeitigen Zuwachs an Ausgaben genügen sollte: so bewunderte ich doch, wie gut dieses junge, im Wohlleben erzogene Mädchen den Bedürfnissen jeder Art mit einer genauen Einschränkung vorzusehen, und hier die kleinen Einkäufe, daß sie wohlfeil ausfielen, dort den häuslichen Dienst so, daß nicht der kostspielige Unterhalt eines Dienstmädchens nöthig wurde, zu besorgen verstand. Außerdem hatten beide, wie ich es voraussetzte, aus den Kleidern meiner Frau ich weiß nicht was für passende Anzüge zu fertigen gewußt, die ich sowohl wegen ihrer Bescheidenheit, als auch, weil sie mich an die Vergangenheit erinnerten, mit Vergnügen betrachtete. Auch dachten wir nicht mehr an die Reisekoffer, und ich lebte, ohne mich viel um die Zukunft zu kümmern, in meiner Häuslichkeit, die sich doch um zwei fremde Damen vermehrt hatte, als wenn sie stets so zahlreich gewesen wäre und es immer so bleiben sollte. Die natürliche Sorglosigkeit in Geldangelegenheiten ist eine Eigenschaft, mit welcher ich weit mehr durch Temperament, als durch Ueberlegung und Gottesfurcht, versehen zu sein das Glück habe. Stets arm, habe ich doch niemals an etwas Mangel gelitten, und heute das Leben damit anfangen, daß man abwartet, was das Morgen bringen wird, anstatt sich das Heute durch die Besorgniß über das Morgen zu vergällen, ist ein Sprüchwort des gesunden Verstandes, dessen Anwendung mir niemals große Mühe gekostet hat, wie es ja auch eine Handlungsweise ist, die dem guten Christen geziemt, in sofern er sich auf dieser Erde nicht als einen Eigenthümer ansieht, welcher pflanzt und seine Besitzungen vergrößert, sondern als einen Pilger, der blos vorüberzieht und sich wo andershin wendet. Was unsere Unterhaltungen anbelangt, so verbreiteten sie sich insbesondere über die Lage der Damen, über ihre Familien, über die Briefe, die wir von diesen erwarteten, endlich über den Grafen und das Geheimniß seines langen Schweigens, sowie über alle zulässigen Erklärungsarten desselben. Rosa hatte sich seit ihrem Traum, und vielleicht schon vorher, in den Kopf gesetzt, daß dieses Schweigen des Grafen, so wie sein langes Verschwundensein, vielleicht als Mittel habe dienen sollen, um ihre Zärtlichkeit zu prüfen, und je mehr Tage und Wochen verflossen, desto mehr Glauben schenkte sie dieser Ansicht, so daß sie endlich über diesen Punkt mehr getröstet war, als Gertrud, welche, wie ich wohl merkte, ihre Befürchtungen verschwieg, um nicht die Ruhe ihrer Freundin zu trüben, je weniger sie geneigt schien, diesen Beweggrund bei sich selbst gelten zu lassen. Und während einerseits Rosa jene Liebe und jene Verehrung, die sie ihrem Gemahle gelobt hatte, diesem in größerer Stärke als jemals widmete, so war sie andererseits nach und nach weniger eingenommen von der Sehnsucht, Briefe von ihm zu empfangen, und es vergingen oft zwei bis drei Tage, ohne daß mein Sohn seinen Gang nach der Post machte. Die Gegenstände, welche uns dauernd umgeben, üben unfehlbar einen entweder heilsamen oder nachtheiligen Einfluß auf uns aus. Darum hatte ich auch, zum Theil mit in der Absicht, daß die Damen sich in dieser Beziehung günstiger gestellt fänden, als es bei den Millers möglich war, ihnen von vorn herein mein Zimmer abgetreten. Dieses Zimmer ist ziemlich hell, und ungefähr von elf Uhr an bis etwa gegen zwei Uhr erleuchteten es die Sonnenstrahlen; aber außer daß es sehr ruhig gelegen ist, weil seine Fenster auf einen innern Hof hinausgehen, ist sonst nichts gerade sehr geeignet, um den etwas ernsten Eindruck zu mildern. Umher liegen auf einigen Bücherbrettern verschiedene Ausgaben der heiligen Schrift, einige Andachtsbücher, meine Predigthefte, und man erblickt keine weitere Verzierung als kleine, ärmlich eingerahmte Kupferstiche, welche die Bildnisse unserer ehrwürdigen Reformatoren darstellen. Dem ungeachtet hatten es Rosa und Gertrud, weit entfernt, es traurig zu finden, vielmehr mit sichtbarer Freude betreten, als ob der heilige Duft jener Bücher ihre abgeängstigten Herzen erquickte, und sie in dieser also ausgestatteten Einsamkeit einen sichern und ehrwürdigen Zufluchtsort gegen die schrecklichen Anfeindungen der Welt, der Polizei, der Gensd'armen, und gegen den Pesthauch des Lasters, das sie zu verderben beflissen war, gefunden hätten. Unvermerkt, und nachdem sie ihre Stunden mit Zurechtstutzen ihrer und unserer Kleider, mit Vervollständigung meiner Amtskragen, mit Durchmusterung und Ausbesserung meiner Bett- und Tischwäsche zugebracht hatten, kamen sie darauf, irgend ein Buch aus den Bücherbrettern hervor zu ziehen, und ich traf sie oft dabei an, wie sie in der Stellung geistiger Sammlung nebeneinander saßen und Trost im Lesen irgend einer religiösen Betrachtung suchten, die sich für ihre gegenwärtige Lage paßte, wobei gewöhnlich Gertrud die Vorleserin machte. Wenn man uns da gesehn hätte, jene, wie sie mich mit jeder Art achtungsvoller Liebkosung empfingen, mich, wie ich sie mit Freude auf die Stirn küßte, so würde man uns die wahrhaft glücklichsten Menschen genannt haben, und man hätte sich auch gar nicht getäuscht. Denn welches Gefühl des Unglücks beschwichtigt nicht Andacht! und da, wo Einigkeit herrscht, Frieden im Gewissen, Thätigkeit, Einfachheit des Lebens, wie sollte da durchaus Glück fehlen? Vielmals gestanden mir dann Rosa und Gertrud, sie hätten sich in ihren vertrauten Unterhaltungen gelobt, daß sie, wenn ihnen Gott jemals die Gnade gewährte, sie zusammt dem Grafen in den Schooß ihrer Familien zurückkehren zu lassen, sich vor aller leidenschaftlichen Ueberspannung ihrer Jugend hüten würden, um ein dauerndes Glück in der Einfachheit zu suchen, wo es, wie sie erfahren hätten, sich finden ließe. Auch hätten sie erkannt, daß sie unter die Dienste, für die sie mir zu Dank verpflichtet wären, als einen der schätzbarsten denjenigen rechnen müßten, von mir gelernt zu haben, daß der Zwang der Umstände tausendmal weniger zu fürchten sei, als der Müßiggang des Wohllebens; daß leben heiße: sein Herz bilden, indem man es an Pflichten und an gute Werke gewöhnt; daß endlich Gott gefallen wollen und sich im Innersten seiner Seele diesem schönen Bestreben mit Eifer hingeben, der sichere Weg zum Glück und der wahre Zweck des Daseins sei. – »Ich bin immer gottesfürchtig gewesen«, fügte Rosa ungezwungen hinzu, »denn wie sollte man es nicht schon aus Ehrfurcht, aus Erkenntlichkeit und durch das Beispiel sein? aber ich erkenne, daß ich niemals fromm gewesen bin, und daß ich ohne diese Prüfung und ohne Ihren Beistand, mein guter Herr Bernier, Gefahr gelaufen wäre, es auch niemals zu werden!« – Diese so einsichtsvollen und von rechtschaffener Gesinnung zeugenden Gespräche fanden meinen reinsten Beifall; und wenn ich bisweilen in Betreff der Damen mit Beschämung die Ermattung im Gutesthun und die Muthlosigkeit, darin zu beharren, empfunden hatte: so fand ich mich, wenn ich sie so reden hörte, mit Wucher bezahlt für einige Augenblicke, die ich daran gewandt hatte, sie gegen verbrecherische Nachstellungen zu schützen, und sie zu einer glücklichen Wiederversöhnung mit ihren Angehörigen hinzulenken. Uebrigens glaubte ich, indem ich mich mit ihnen von diesen unterhielt, trotz des achtungsvollen Tones, mit dem sie von ihnen sprachen, zu gewahren, daß es zum Theil der Nachlässigkeit oder dem Beispiel jener, die, reich und gehaltlos, wie sie erschienen, mehr für Rang und weltliche Ehre eingenommen, als ernst im Leben und vorsichtig in der Erziehung waren, zuzuschreiben war, wenn so wohl begabte Jungfrauen, wie Rosa und Gertrud, sich gleichwohl so weit hatten verirren können, nur den Einflüstrungen unerfahrner und zum Romanhaften geneigter Herzen zu folgen, da doch ich selbst es so leicht fand, in ihnen alle tugendhaften Neigungen, alle Gediegenheit gesunder Einsicht und alle Freude an einer lautern Frömmigkeit zu Tage zu fördern. Uebrigens kam der Augenblick immer näher, wo ich das Verhalten dieser Verwandten kennen lernen sollte; und wenn ich daran dachte, welche Gefahr dieses anvertraute Gut hätte laufen können, nämlich diese beiden jungen Wesen, die sowohl durch ihr Alter als durch ihre Erscheinung so sehr dazu geeignet waren, die Begehrlichkeit der Lüstlinge zu entzünden: so wünschte ich mir Glück, sie den Ihrigen so unberührt von allem Schlechten und mit einigen Tugenden mehr bereichert in die Hände übergeben zu können. 39. In dieser Zeit der Erholungsfrist und glücklichen Erwartung beunruhigte mich nur etwas, und das war Rosa's Gesundheit. Gewöhnlich blaß und auch sonst abgemagert, zwang sie sich oft sichtlich, um bei Tische zu erscheinen, und bisweilen sah sie sich noch in dem Augenblicke, wo sie dies thun wollte, durch irgend eine plötzliche Anwandlung genöthigt, ihr Zimmer zu hüten, wo wir sie dann in dem Lehnsessel sitzend fanden, zwar lächelnd, aber sehr matt und durchaus nicht im Stande, ihrem Willen zu folgen. Da sie nie einen Arzt haben wollte, so drang ich darauf, wenigstens in solchen beängstigenden Augenblicken etwas von einem spanischen Weine zu sich zu nehmen, von dem ich ein Fläschchen zu ihrem Gebrauch hinstellte, und ich sah mit Vergnügen, daß sehr oft einige Tropfen dieses stärkenden Getränks hinreichten, um bald Symptome von großer Mattigkeit, bald Annäherungen von Ohnmacht zu bannen. Das Aufsehen, welches der ärgerliche Vorfall mit dem Baron, die Verhaftung der Marie und die sehr unschuldige Mitschuld Rosa's und Gertrudens in der Sache mit den Kaufleuten erregt hatte, war nach und nach verklungen; und wie es in einer großen Stadt zu gehen pflegt, diesen Straßengerüchten waren andere gefolgt, welche die bösen Zungen beschäftigten. Andererseits aber begann der Aufenthalt der Damen in meinem Hause die Aufmerksamkeit der Nachbarschaft auf sich zu ziehen, und ich gewahrte bald, daß, wenn auch die Gespräche, die sie betrafen, weniger Aufsehen erregend und öffentlich waren, doch deswegen um nichts weniger in Thätigkeit blieben und sich bisweilen ebenso giftig erwiesen, mehr noch durch jene Unenthaltsamkeit der Zunge, welcher Fehler so vielen, sonst achtbaren Personen gemein ist, als aus boshafter Absicht oder aus Lust, ohne allen Grund zu schaden. Die Mägde des Hauses hatten, von dem ersten Tag an, um die Wette über die Ankunft dieser Damen und über das Erscheinen eines Gerichtsdieners in meiner Wohnung ihre Glossen gemacht, bis sie später, als sie erfuhren, daß Gensd'armen die Damen zur Nachtzeit und in vollem Putz einsam auf der Vortreppe des Millerschen Hauses sitzend angetroffen und deshalb hätten verhaften wollen, den Schluß zogen, es müßten dies sehr zweideutige Personen sein, deren Bekehrung ich mir vorgesetzt hätte. Daher die Blicke, die von der Treppe aus in das Zimmer der Damen drangen; daher das spöttische Lächeln und die Plauderständchen ohne Ende, bald in dem Hofe oder am Fuße der Rampe, bald sogar vor meiner eigenen Thürschwelle. Andrerseits erfuhr ich, daß achtungswerthe Personen der Nachbarschaft, deren einige ich sogar zu den vorzüglichsten meines Sprengels zählte, die aber oberflächlich von den Damen hatten reden hören, von ihrer Entweichung, ihren Schulden, mich laut tadelten, daß ich sie in mein Haus aufgenommen hatte. Das hieße, meinten sie, die Grenzen einer vernünftigen Menschenliebe überschreiten und muthwillig die heilige Strenge brechen, welche stets in der Wohnung eines Seelenhirten herrschen sollte. Außerdem hätte ich auch zum Sohn einen jungen Mann von fünfundzwanzig Jahren, und wenn man auch, in Betracht seines bekannten Charakters, zugestehen könne, daß ich seine Sittlichkeit keiner Gefahr aussetze, so liege doch auf der Hand, daß ich auf diese Weise seinen Ruf in Gefahr brächte und so einen makellosen Kranz entblättere, der das Ehrenmerkmal eines zukünftigen Dieners des Herrn Jesu Christi zu sein bestimmt wäre. Ich erhielt sogar den Besuch von einem meiner Herren Amtsbrüder, der aus freiem Antriebe einer wahrhaft christlichen Bruderliebe sich zum Ausdruck dieser achtungswerthen Personen bei mir hergab, und der zu allen jenen Vorwurfsgründen noch den hinzufügte, daß ich selbst, durch die Zulassung zweier jungen, mit Recht oder Unrecht übelberufenen Personen in mein Haus, den geweihten Charakter, den ich bekleidete, preis gäbe. Ich theilte hierauf diesem Kollegen die ganze Geschichte dieser meiner beiden jungen Freundinnen mit, und wie ich, von Nothwendigkeit zu Nothwendigkeit gedrängt, dahin gebracht worden war, sie bei mir aufzunehmen, wenn ich sie nicht auf freier Straße ihrem Unglück überlassen wollte. Aber ich wurde mit Schmerzen inne, daß er, trotzdem er meine Absichten und Schritte guthieß, dennoch mich zu tadeln fortfuhr, nicht sowohl deswegen, weil ich sie den ersten Abend aufgenommen hatte, als vielmehr, weil ich sie noch ferner bei mir behalten, statt daß ich gesucht hätte, sie um jeden Preis wo anders unterzubringen. Und als ich ihm sagte, daß ich dazu nicht die Mittel besäße, so machte er sich anheischig, mir diese zu verschaffen, indem er einige reiche Personen zur Theilnahme an der Lage der Damen zu bewegen suchen würde. »Ich habe auch schon an dergleichen gedacht«, sagte ich zu ihm; »aber auch dabei legt mir die Pflicht den Zwang auf, und die Nothwendigkeit gebietet mir, anzustehen, weil ich nur zu gut weiß, daß diese armen Kinder an keinem andern Orte als bei mir vor der geheimen Nachstellung des Lasters und den Angriffen der Schlechtigkeit so geschützt sein würden.« Er begriff diesen Beweggrund wenig und entfernte sich, ohne daß ich seine Bedenken hatte beseitigen und seine Beistimmung erlangen können. Als er fort war, bedachte ich mit Betrübniß, wie schwer die geringste That der christlichen Liebe dann ist, wenn man, um sie vollständig auszuführen, sich sozusagen zwischen Gottes Gerechtigkeit einerseits, welche die verdienten Folgen einer Auflehnung gegen ihre Gebote, wie dies bei den beiden armen Wesen der Fall war, in Erfüllung gehen läßt, und zwischen die Urtheile der Menschen andrerseits stellen muß, die, wenn sie bei besonderen Gelegenheiten ihre gerechte und achtungswerthe Seite zeigen, doch nicht unterlassen können, streng, bereit zum Tadel und geneigt zu sein, die Triebe der Menschlichkeit und Christenliebe zu Gunsten eines starren Festhaltens an dem Schicklichen sowohl in der Gesellschaft als in dem Sittlichen zu unterdrücken. Was konnte ich Unbekannter und Unbemittelter anderes thun, als sorgsam und mit eigenen Augen über zwei unglücklichen Wesen wachen, welche durch entfesselte Stürme, schon außer Athem und mit erloschenen Kräften, bis unter den Schutz meiner Wohnung getrieben worden waren? Und dennoch war mir dieser Tadel empfindlich, insofern er von wahrhaft gottesfürchtigen und meiner Achtung würdigen Personen ausging, und zwar dergestalt, daß Bitterkeit, Entmuthigung und sogar Zweifel an meinen Kräften mich in manchen Augenblicken befielen, ohne daß ich mich immer im Stande sah, sie zu bekämpfen. 40. Aber am nächsten Montage wurde ich noch auf ganz andere Weise erschüttert, und es bedurfte, nach meiner Meinung, aller Bande der Neigung, des menschlichen Mitgefühls und der Frömmigkeit zugleich, stark an mich zu halten, daß ich nicht augenblicklich dem Rathe folgte, den mir der Prediger, mein Amtsgenosse, gegeben hatte, nämlich die Damen um jeden Preis in ein anderes Haus zu bringen. Denn als wir von Tische aufgestanden waren, bemerkte ich, daß Gertrud, die an diesem Tage allein erschienen war, sich nicht gewohnterweise entfernte. Da ich nun annahm, daß sie mir etwas mittheilen wollte, so gab ich meinem Sohn einen Wink, uns zu verlassen, worauf ich, als wir allein waren, zu ihr sagte: »Was fehlt Ihnen denn, Gertrud, und woher kommt es, daß Sie so befangen und verlegen sind?« – Hierauf bedeckte sich ihr Gesicht mit einer lebhaften Röthe; fast in demselbem Augenblick rannen Thränen über ihr Gesicht, und da ich bemerkte, daß eine gewisse Scham sie am Sprechen hinderte, so machte ich mich darauf gefaßt, das Geständniß irgend eines traurigen Umstandes zu vernehmen, den sie in Übereinstimmung mit Rosa bis jetzt meiner Kenntnißnahme vorenthalten hatte, ungeachtet der dringenden Bitten wie der Rechte, die ich auf vollständiges Vertrauen und Wahrhaftigkeit ohne allen Rückhalt geltend gemacht hatte. Glücklicherweise war es jedoch nichts derartiges, und die Erleichterung, die ich dadurch empfand, trug ohne Zweifel dazu bei, meine eigene Unruhe zu dämpfen. Denn Gertrud sagte mir alsbald mit halblauter Stimme und die Augen von meinem Gesicht abwendend, daß ihre Freundin sich guter Hoffnung fühle; daß sie in Wahrheit beide aus Unerfahrenheit und weil ihnen keine Mutter zur Seite stände, die hinsichtlich dieses Umstandes Fragen an sie gerichtet hätte, in völliger Unwissenheit über dieses Ereigniß bis zu den ganz neuerlichen Ohnmächten Rosa's gelebt hätten; daß aber Rosa in dieser Nacht, nachdem ihnen seit kaum vier Tagen Bedenken darüber in der Seele aufgestiegen wären, die zitternden Bewegungen eines entstehenden Wesens unter ihrem Herzen zu fühlen geglaubt hätte. Ihre Freude sei zwar, insofern sie nur auf sich und ihre Hoffnungen blickte, eine unaussprechliche gewesen; dennoch hätte sie mit Schmerz daran gedacht, daß dies für mich eine sehr traurige Nachricht und vielleicht ein Beweggrund sein würde, sie beide nicht mehr in meinem Hause zu behalten. Sie flehten mich trotzdem in Gemeinschaft an, weil ihre vollständige Entblößtheit von allen Mitteln sie verhinderte, meinen in dieser Rücksicht sehr gerechten Wünschen zuvor zu kommen, ich möchte sie doch wenigstens bis zur Ankunft der Antworten auf unsere Briefe bei mir behalten, und bei dieser Gelegenheit oder indem sie auch wohl zu ihren Familien zurückkehrten, würden sie mich, noch ehe diese Schwangerschaft offenkundig wäre, von ihrer Gegenwart oder vielmehr ganz von ihnen befreien; sie würden irgend anderswo unterzukommen suchen, wenn sie Zeit gewonnen hätten, ihre Eltern ihr materielles Unglück wissen zu lassen, und von diesen eine Geldunterstützung erhielten, die, so gering sie auch sein möchte, doch für ihre Bedürfnisse hinreichen würde. Diese Eröffnung, muß ich gestehen, schmetterte mich nieder, denn ich sah sogleich voraus, welchen Stoff diese Schwangerschaft der öffentlichen Schmähsucht liefern würde; sah voraus die Verlegenheiten, die Mißstände, wozu sie in einem Hause ohne Frau unvermeidlich die Veranlassung geben würde; die Verpflichtung, worein ich vielleicht gerathen würde, weil ich mir Schulden auferlegen müßte, um neue Ausgaben bestreiten zu können; endlich das neue Hinderniß und die Erschwerung des Unglücks, worein sie die in ihrer Lage schon so beklagenswerthen jungen Freundinnen stürzen würde. Dennoch, indem ich meine Seele hauptsächlich auf diesen letzten Gesichtspunkt heftete, und außerdem bei der stehenden Eröffnung Gertrudens von Mitleid ergriffen, ließ ich die Erwägung des Zukünftigen im Unbestimmten, bemühte mich sie zu trösten und gab ihr die Versicherung, daß, wenn sie einerseits in Allem, was nicht die Grenzen des Schicklichen und Möglichen überschritte, auf mich rechnen dürften, wir doch andrerseits hoffen müßten, daß uns die Vorsehung auf eine oder die andere Art zu Hülfe käme; daß unterdessen nöthig wäre, Rosa Bekümmernisse und Beängstigungen zu ersparen, und daß ich zu diesem Zwecke sogleich zu ihr kommen würde, um ihr miteins die Absicht anzuzeigen, daß ich für jetzt nichts an ihrem Verbleiben bei mir ändern würde, sowie den Antheil, den ich an der Freude nähme, welche sie die ersten Regungen der Mutterschaft hatten empfinden lassen. Auf diese Worte bezeigte mir Gertrud ihre lebhafte Erkenntlichkeit und führte mich darauf zu ihrer Freundin. Ich fand Rosa in dem Lehnstuhl sitzend; und ohne sich wie gewöhnlich zu erheben, schien sie unbewegt dem entgegen zu sehen, was ich über ihr Schicksal bestimmt hätte. Ihre Miene, weit entfernt, Scham oder Furcht oder Beunruhigung zu verrathen, athmete im Gegentheil die reinste Freude, und es schien, nachdem sie jetzt auf den Gipfel ihrer Wünsche gelangt war, als ob alles, wenn es ihr nur das Kind nicht raubte, das sie unter ihrem Herzen gefühlt hatte, keine Macht mehr hätte, ihre Seele zu betrüben, oder ihren Muth niederzuschlagen. Da ich sie in solcher Stimmung sah, so gab ich das unnütze Bestreben auf, sie zu beruhigen, und sagte ihr, nachdem ich mich ihr genähert hatte: »Rosa, möge Gott die Frucht Ihres Leibes segnen!« – Hierauf ergriff sie meine Hand, um sie lange auf ihrem Herzen zu halten, ohne übrigens nach Worten zu suchen, sondern wie um sich noch mehr an der Fülle der Glückseligkeit, die sie genoß, zu laben, indem sie meinen Glückwunsch gleichsam in sich sog und mein Wohlwollen in meinen Blicken las. Dann sagte sie endlich mit dem Tone tiefer Dankbarkeit: »O mein Gott! ich trug also diesen Schatz meines Lebens in mir, ohne es zu wissen! und als ich mich von dir verlassen glaubte, hatte deine Güte mir schon diese Begnadigung aufgespart, die glücklichste der Frauen zu werden! ... O mein Vater, o meine Mutter, warum seid ihr in dieser Stunde nicht in diesem Zimmer gegenwärtig, um mir zu Gunsten dieses Kindes zu verzeihen! Ludwig, mein Vielgeliebter, warum zögerst du, zu kommen? denn ist hier nicht das unzerstörliche Siegel der Liebe, die uns vereinigt?« – Während Rosa so sprach, vergoß Gertrud, die sich hinter dem Lehnsessel verbarg, im Stillen reichliche Thränen, als wenn sie ihrer Freundin hätte verhehlen wollen, daß ihre geheimen Ahnungen nicht mit den ihrigen übereinstimmten. 41. Einige Tage nachher kehrte ich einmal bei den Millers ein, um ihnen meinen Besuch als Seelsorger zu machen, und da ich sie bei dieser Gelegenheit auf die Erinnerung an das gebracht hatte, was an dem Abend unserer Ankunft von Versoir vorgegangen war, so bemühte ich mich, nachdem ich ihnen gesagt hatte, ich hätte Ursache gefunden, mir später ihre anscheinende Hartherzigkeit auf achtbare Weise zu erklären, nämlich: Personen nicht bei sich aufzunehmen, welche sie in jenem Augenblicke für verdächtig und anrüchig halten mußten, sie von diesem Irrthum abzubringen, indem ich sie von der wahren Lage der Damen unterrichtete wie von den unwürdigen Ränken, welche die beklagenswerthe Wirkung hatten, ihren Ruf zu bestecken und sie in's Unglück zu stürzen. Die Millers bezeigten sich ebenso erkenntlich dafür, daß ich zu ihnen gekommen war, als gerührt von meiner Mittheilung, so daß ich das Vergnügen genoß, ihnen mein Vertrauen auf's neue zu schenken und ihre Freundschaft wieder zu erlangen. Doch als wir uns noch weiter über dieses Thema unterhielten, sagte mir Miller, daß die Möbel, die er selbst noch nach dem Packhof gebracht hatte, weil sie nach Paris geschafft werden sollten, sich noch in der Niederlage des Kommissionärs befänden, dem er sie übergeben hatte, und daß, als er den Grund davon habe wissen wollen, man ihm geantwortet hätte: es geschähe dies in Folge eines Gegenbefehls, welcher zwei oder drei Stunden nach der vorgeblichen Abreise des jungen Herrn nach Paris eingetroffen wäre. – »Andrerseits«, fügte die Frau Miller hinzu, »habe ich es aus sicherer Quelle, daß man, nachdem die Kaufleute durch Vermittlung eines Ortsagenten im Namen des Barons abgefunden worden sind, die Baronin gestern frei gelassen hat, was meine arme Nichte in beständiger Furcht vor einer ausgesuchten Rache oder auch vor einem auf sie gemünzten ärgerlichen Aufsehen erhält, weil die Dirne Marie Wohl weiß, daß sie auf deren Anzeige verhaftet worden ist.« Da diese beiden Nachrichten alle Befürchtungen, von denen ich mich für immer befreit geglaubt hatte, mit aller Stärke wieder in mir rege machten, so bestimmten sie mich, einen Entschluß zu fassen, von dem ich mehrmals aus der übrigens sehr natürlichen Furcht, die Lage meiner jungen Freundinnen noch mehr bloß zu stellen, abgestanden war, nämlich, die Polizei selbst dabei in's Interesse zu ziehen. Denn, da ich, wie jetzt die Sachen standen, schließen konnte, daß der junge Herr, nachdem ihm der erste Versuch fehlgeschlagen war, wobei er nicht in eigener Person eine Rolle gespielt hatte, wahrscheinlich nicht unterlassen würde, nach Genf zurückzukommen; und da ich andrerseits aus Erfahrung die ausgelernte Gewandtheit und höllische Bosheit der Marie kannte, so schien mir der Zeitpunkt gekommen zu sein, wo ich ohne alle sonstige Rücksicht die Polizei von den Umständen benachrichtigen mußte, deren Kenntniß ich allein besaß, um unter den Schutz jener nicht allein die Sicherheit meiner Freundinnen überhaupt, sondern das Leben Rosa's selbst zu stellen, welches durch neue Erschütterungen der Art, wie sie ihnen bisher ausgesetzt gewesen war, unfehlbar gefährdet sein würde. In dieser Absicht schlug ich Miller vor, mich auf der Stelle nach dem Polizeibureau zu begleiten, um durch sein Zeugniß das zu bestätigen, was er ebenso gut wissen mußte als ich; und nachdem er mit eifriger Theilnahme in meine Bitte gewilligt hatte, begaben wir uns auf den Weg. Ich fand anfangs gegründete Ursache, mich wegen des gefaßten Entschlusses zu belobigen; denn kaum waren wir in das Zimmer des Polizeikommissars zugelassen worden, als er mich sogleich fragte: »Sind Sie nicht der Herr Prediger Bernier?« welches ich bejahte. – »Ich habe hier«, fuhr er darauf fort, »in Betreff der beiden jungen Damen, die Sie bei sich aufgenommen haben, Noten erhalten, welche erfordern, daß Sie mir, um in Folge derselben Rechenschaft ablegen zu können, einige Auskunft darüber ertheilen.« – Nachdem er hierauf aus einem Fache seines Bureaus mehrere Papiere hervorgeholt hatte, in welche er seine Blicke warf, ergriff ich, noch ehe er sein Verhör begann, das Wort: »Ich komme, mein Herr, um Ihnen von selbst diese Auskunft zu geben, und zwar, wenn Sie es gütigst erlauben, in Gegenwart des Meister Miller, der sich gerne dazu verstanden hat, Zeugniß über meine Aussagen abzulegen, da besagte Damen während einiger Wochen bei ihm in Pension gewesen sind. Ich erlaube mir also, Ihren Fragen vorzugreifen, indem ich Ihnen Alles, was ich weiß, mittheile.« – Hierauf machte ich den Kommissär mit dem Thatsächlichen der Lage der Damen, mit den Nachstellungen, deren Gegenstand sie von Seiten des jungen Herrn gewesen waren, sowie mit der Rolle, welche der Baron von Bülau und Marie dabei gespielt hatten, bekannt. – »Ich danke Ihnen«, sagte hierauf der Kommissär. »Die einzelnen Umstände, die Sie mir hier geben, ergänzen oder berichtigen diejenigen, von denen ich in Betreff der drei Individuen schon Kundschaft besitze. Da ich aber andrerseits weiß, daß Ihre Damen ohne Papiere hier sind, so ist doch nöthig, damit ich die Verlängerung ihres Aufenthalts in Genf bewilligen kann, daß ich Ihre Gewährleistung über zwei Punkte erhalte: der erste, daß die Eine der Damen mit dem Grafen X. wirklich vermählt ist; denn die Angaben, die ich erhalten habe, stellen das Vorhandensein dieses Grafen in Abrede, oder, was auf dasselbe hinausläuft, behaupten, daß er gar nicht wieder erscheinen dürfte.« – »Herr Kommissär«, antwortete ich, »ich habe ganz dieselben Angaben erhalten, wie Sie, und zwar zu dreienmalen, aber aus dem Munde desselben Bösgesinnten, den ein verbrecherisches Interesse dabei antreibt, sie zu schmieden und zu verbreiten. Demnach wage ich zu hoffen, daß Sie meiner zuverlässigen Aussage, welche sich auf die persönliche Bekanntschaft mit den Damen gründet, mehr Glauben schenken werden, als den eigensüchtigen Lügen eines schlechten Menschen. Ich versichere Ihnen, Gertrud ist unvermählt, Rosa aber vermählt.« – »Gut. Nun folgt mein zweiter Punkt: Sind Sie dessen gewiß, daß die junge Dame sich nicht guter Hoffnung befindet?« – Auf diese unerwartete Frage, die mich nöthigte, im Beisein Millers das offen auszusprechen, was zu verheimlichen ich so große Ursache hatte, erblaßte ich wie ein Schuldiger und antwortete mit großer Bestürzung: »ich habe im Gegentheil leider die Gewißheit, daß sie guter Hoffnung ist.« – »Dann, mein Herr, so leid es mir auch thut, Ihnen Betrübniß zu verursachen, muß ich Ihnen erklären, daß ich einen Abreisebefehl für die Damen ausfertigen werde, und daß sie noch vor Verlauf der nächsten acht Tage den Kanton verlassen haben müssen. So will es das Gesetz.« – Diese so entschiedene, so unbarmherzige Erklärung, deren Ausführung so unmöglich war, verursachte mir so tiefen Kummer und so heftigen Schreck, daß mir, weil ich daran verzweifelte, länger zu Gunsten meiner armen Schützlinge kämpfen zu können, während ich sie dennoch als ganz verloren betrachtete, wenn ich sie so den gefährlichen Wechselfällen einer Reise ohne bestimmtes Ziel überlassen mußte, Thränen die Augenlider benetzten, und ich mich genöthigt fühlte, mich auf eine Bank zu setzen, um meinem Schmerze freien Lauf zu lassen. Miller näherte sich mir hierauf, indem er einige liebreiche Worte an mich richtete, und der Kommissär selbst schien sogar betrübt, als er mich in diesem Zustande sah. – »Ich fühle, mein Herr«, sagte er, »alle die Achtung, welche Ihre, diesen Damen erwiesene christliche Liebe verdient; aber Sie selbst werden mir sicherlich keinen Vorwurf darüber machen, daß ich so handle, wie es mir meine Pflicht vorschreibt. Sollte Ihnen jedoch eine Gefälligkeit damit geschehen, wenn die Frist, von der ich soeben sprach, auf vierzehn Tage ausgedehnt wird: so will ich es auf meine Verantwortung hin thun, da ich von der Dringlichkeit Ihrer Beweggründe überzeugt bin und Ihrer Rechtschaffenheit vertraue.« – Ich erhob mich hierauf, und nachdem ich dem Kommissär meinen Dank abgestattet hatte, verließ ich das Bureau, unterstützt von dem Arm des guten Miller, der während dieser peinlich beängstigenden Augenblicke mir jede Art von mitleidiger Rücksicht gezollt hatte. 42. Bald am Morgen des folgenden Tages entschied ich mich dafür, ohne den jungen Damen etwas zu sagen, an Rosa's Eltern zu schreiben, damit kein Aufschub von Seiten derselben Gefahr brächte, Rosa's Lage noch mehr zu verwickeln, und mich in die beklagenswerthe Nothwendigkeit versetzte, sie allein mit Gertrud abreisen lassen zu müssen, ohne selbst zu wissen, an wen ich sie adressiren könnte, wenn die von der Polizei festgesetzte Frist abgelaufen wäre. Außerdem, wo würde ich Hülfsquellen auffinden, um so beträchtliche Ausgaben zu bestreiten, hauptsächlich, weil in dem Zustande, in welchem sich Rosa befand, Alles darauf ankam, daß sie, wie es die Klugheit oder die Nothwendigkeit erforderte, den Weg in kleinen Tagereisen fortsetzen könnte? So meldete ich denn, ohne auf die Erwägungen, die ich in meinem ersten Briefe ausführlich behandelt hatte, zurückzukommen und von vorn herein mit den neu hinzugetretenen Umständen beginnend, die meinen Schritt nothwendig machten, wie Rosa sich Mutter fühle; die vollkommene Entblößtheit von allen Mitteln, worein sie der Verlust ihrer Reisekoffer versetzt hatte; endlich den Befehl der Polizei, welche verlangte, daß sie binnen vierzehn Tagen den Kanton verließe. In Betracht der Dringlichkeit eines jeden dieser Beweggründe, bat ich, man möchte nach Lesung dieses Briefes schleunigst eine zuversichtliche Person absenden, deren Händen ich die beiden Freundinnen übergeben könnte, und die mit dem nöthigen Gelde versehen wäre, um alle die Bequemlichkeiten, die der Zustand Rosa's während ihrer Rückreise erforderlich machen dürfte, reichlich gewähren zu können. Ich fügte noch hinzu, daß nach meinem Dafürhalten und insoweit nicht unübersteigliche Hindernisse sich entgegenstellten, am besten ihre Mutter selbst es sein möchte, die sie abholte, weil Rosa aus gewissen wichtigen Gründen keiner andern Person ihr volles Vertrauen schenken würde, während ich aus andern, nicht weniger gewichtigen Rücksichten die Wachsamkeit und den Schutz einer Mutter für allein vollkommen wirksam hielte, um strafbare gegen Rosa und Gertrud gerichtete Ränke, die zugleich deren Ehre und Freiheit bedrohten, abzuhalten. Sobald ich den Brief beendet hatte, ging ich selbst, um ihn in den Briefkasten zu stecken, und die Gewißheit, daß er in wenigen Stunden schon auf dem Wege sein würde, um zu seiner Bestimmung zu gelangen, gab mir etwas die Ruhe wieder. Ich benutzte dies, um das Tagewerk meiner laufenden Geschäfte zu besorgen, das ich zu verschiedenen Malen hatte vertagen müssen, weil ich mich mit den Angelegenheiten der Damen beschäftigte, und ich machte eine ziemliche Reihe von Besuchen ab. Als ich darauf am Nachmittage von einem meiner Pfarrkinder wegging, hörte ich meinen Namen hinter mir rufen, und mich umwendend, sah ich einen Briefträger, der stehen geblieben war, um aus dem Paket von Briefen, die er in der Hand hielt, einzelne hervorzusuchen, indem er mir sagte: »Ich habe Ihnen zwei einzuhändigen, Herr Bernier; hier sind sie, es macht drei Franken.« – Diese Briefe trugen alle beide den Stempel: Bremen, der eine an Gertruden, der andere an mich adressirt. Indem ich meinen Weg weiter verfolgte, öffnete ich sehr rasch den letzteren, und so groß war meine schmerzliche Enttäuschung, nachdem ich ihn zu Ende gelesen hatte, daß ich, statt in mein Haus zu treten, wie es meine Absicht war, mich einer einsamen Promenade zuwandte, sei es, um dort bei mir selbst in Berathung zu ziehen, was ich zu thun hätte, sei es, um Zeit zu gewinnen, damit ich meine Angst bewältigte, ehe ich vor Rosa erschien. Der Inhalt des Briefes war folgender: »Herr Prediger! Indem mich mein Gemahl beauftragt, Ihnen zu bezeugen, daß Ihre Absichten den Grundsätzen der Menschenliebe Ehre machen, die Sie an einer Unglücklichen ausgeübt haben, welche, nachdem sie unwürdiger Weise ihre Eltern hintergangen hat, nun Sie selbst auf eine höchst sträfliche Art täuscht: befiehlt er mir, Ihnen zu erklären, daß es sein unbeugsamer Wille ist; Rosa dem Schicksale zu überlassen, welches sie sich selbst gewählt hat. Die Zukunft unserer andern Kinder und die Ehre unserer Familie machen dies zu einem gebieterischen Gesetze. Demzufolge ersuchen wir Sie, Herr Prediger, diese Erklärung zu Rosa's Kenntniß zu bringen und ihr gleichzeitig mitzutheilen, sie solle unter der Bedingung, daß sie keine Schritte thut, die zum Zweck haben, die Aufmerksamkeit von neuem auf ihre Aergerniß gebenden Handlungen zu lenken, regelmäßig ein Gnadengeschenk von hundert Franken monatlich erhalten, zahlbar in Genf, oder in einem andern solchen Aufenthaltsorte, den wir genehmigen würden, sofern er in einer gleichweiten Entfernung von der Stadt, in welcher wir wohnen, liegt. Beigeschlossen ist eine vorläufige Entschädigung von dreihundert Franken, von welcher Sie sich gefälligst alle Unkosten und Vorschüsse, die Sie bisher wohl Veranlassung gehabt haben werden zu machen, zurückzahlen mögen. Genehmigen Sie, Herr Prediger, die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung. Karoline S***.« Die unbegreifliche Härte, welche dieser Brief athmete, versetzte anfangs alle meine Gefühle in Empörung. Was heißt das, sagte ich zu mir: sein Kind aufgeben! sich zu diesem Zweck völlig eigensüchtiger Gründe bedienen, nämlich der Zukunft der ohnedies schon so bevorzugten Brüder oder Schwestern! äußerst weltlicher Nöthigungen, nämlich der Ehre, das heißt, des Familienstolzes! ... Und ich war höchst entrüstet über so weit entartete Eltern, daß sie aus dergleichen Gründen ein reuiges, geprüftes, krankes Kind, welches das bloße Lesen eines solchen Briefes allein schon in Todesgefahr bringen konnte, von sich zurückzustoßen vermochten. Aber auf diese heftigen Aufwallungen meines empörten Herzens folgte bald der Schreck, als ich über die geheimnißvolle Zweideutigkeit einiger Ausdrücke nachdachte, deren sich die Mutter Rosa's bedient hatte. »Welche Sie selbst auf eine höchst sträfliche Art täuscht«, las ich mit steigender Aufregung. Wie wäre das möglich? worin denn? auf welche Aussicht hin? und Zweifel, die ich für immer in meiner Seele verlöscht glaubte, Vorstellungen, Ahnungen, dumpfe Befürchtungen, die, wie ich mir einbildete, längst und gänzlich daraus entflohen waren, bis auf den leisen Schatten nachdenklicher Traurigkeit, den ich verschiedenemale auf der Stirn Gertrudens wahrgenommen hatte, bis auf die Bemerkungen des Polizeikommissärs, bis auf die Anspielungen des jungen Herrn und der Marie auf einen Grafen, der gar nicht vorhanden wäre oder niemals wiederkommen würde: Alles dies richtete sich nun vor meiner Seele auf als ebenso viele Phantome, die Rosa anklagten, und zu der schmerzlichen Beklemmung kam also noch die Bitterkeit ohnegleichen hinzu, sie trügerisch, ränkevoll und strafbar zu finden, nachdem ich ihr behülflich gewesen war und sie geliebt und beschützt hatte als eine aufrichtige, treuherzige, einfache und von liebenswürdiger Redlichkeit erfüllte Seele! Während dessen troff mir der Schweiß von den Schläfen, die innere Bewegung schüttelte meine Glieder, Schwindel machte mein Sehen unsicher; ich ließ mich auf eine Bank hinfallen. Als ich etwas ruhiger geworden war, schien mir die Menschenliebe die Pflicht aufzuerlegen, für jetzt Rosa Alles, was dieser Brief enthielt, zu verschweigen; aber die Klugheit gebot mir, mich darüber Gertruden zu eröffnen, weil es mir ja auch nicht einmal freistand, ihr den für sie bestimmten Brief vorzuenthalten. So sagte ich ihr denn, als ich nach Hause zurückgekehrt war, nach dem Thee, wobei sie an diesem Abende allein erschien, sie möchte unter irgend einem Vorwand Rosa sich niederlegen und einschlafen lassen und darauf zu mir in's Eßzimmer kommen, sobald sie könnte; sonst wollten wir auch, wenn sich dies nicht thun ließe ohne die Gefahr, die Neugier ihrer Freundin rege zu machen, diese geheime Unterredung bis auf den folgenden Tag verschieben. 43. Eine halbe Stunde später nach ihrer Entfernung erschien Gertrud wieder in dem Eßzimmer, worin ich auf sie gewartet hatte. – »Liebe Tochter«, sagte ich zu ihr, »ich beschwöre Sie vor Gott, mir zu sagen, ob Sie in dem, was Sie mir rücksichtlich der Heirat Rosa's mitgetheilt, mich in irgend etwas dabei, worin es auch bestehe, getäuscht haben.« Ans diese Frage antwortete mir Gertrud, indem sie ihre Bestürzung zu unterdrücken suchte, ehrerbietig, aber stolz: »Das, was wir Ihnen gesagt haben, Herr Bernier, ist die volle, lautere Wahrheit. Wer das Gegentheil behauptet, geht darauf aus, uns um Ihr Wohlwollen zu bringen.« Dann rief sie, sich einer Regung schmerzlicher Betrübniß überlassend: »Wie unglücklich sind wir doch!« – dabei brach sie in Thränen aus – »weil unser einziger Freund auf der Welt von neuem Zweifel an unserer Redlichkeit gegen ihn hegt!« – Hierauf zog ich den Brief aus der Tasche, und ihn vor sie hinlegend, sagte ich: »Lesen Sie dies, Gertrud, und beurtheilen Sie selbst, ob ich nicht an Ihnen zweifeln muß.« – Als Gertrud, welche vor Ergriffenheit am ganzen Körper bebte, bis zu den Worten gekommen war: »die Sie selbst auf eine höchst sträfliche Art täuscht«, blickte sie eilig nach der Unterschrift, und stieß darauf einen Schrei aus, welchen sie jedoch auf einen Wink, den ich ihr gab, daß sie Rosa nicht aufwecken sollte, sogleich unterdrückte. Doch, mit Schreck im Blick und einer Todesblässe im Antlitz, blieb sie stumm, so daß ich nicht unterscheiden konnte, ob es die Wirkung des Schmerzes oder der Gewissensbisse sei, ob Schreck über eine falsche Beschuldigung, oder die Scham, sich und ihre Freundin durch das nicht zurückzuweisende Zeugniß der Mutter Rosa's entschleiert zu sehen. – »Sprechen Sie, Gertrud«, sagte ich, indem ich ihre Hand ergriff, »sprechen Sie, mein Kind, und lassen Sie sich ein Geständniß gegen mich keine Ueberwindung kosten; ich fühle da in mir ein Etwas, das Ihnen noch zu verzeihen vermag.« – »Was kann ich sagen? was kann ich thun?« rief sie hierauf aus, »weil ebenso wie Sie diese Worte mich erschrecken, ohne daß ich ihren Sinn begreife ... Ach, Rosa! Rosa! ... ach, meine reine, sittsame Rosa! was ist denn geschehen, was du nicht weißt, was ich nicht weiß? ... oder täuschen wir uns nicht etwa selbst, mein lieber Herr Bernier, und wollen diese Worte nicht vielleicht sagen, daß wir Ihnen grade das verborgen haben möchten, was wir Ihnen mitgetheilt haben?« – Sie nahm den Brief wieder auf; sie las ihn noch einmal ganz durch. Aber da sie sich wieder in die Erinnerung zurückrief, wie unsere gemeinschaftlichen Briefe an die beiden Familien voraussetzten, daß sie mir nichts verheimlicht hätten, so verfiel sie wieder in die Aeußerungen der heftigsten Verzweiflung. Wie alle frühern Male, ließ ich mich durch diese sichtlichen Zeichen einer offenbaren Aufrichtigkeit so besiegen, daß meine Zweifel, die sich nicht weiter gegen die Wahrhaftigkeit der Damen richteten, wie auch die Gertrudens selbst, sich in allerlei düstere Vermuthungen und Besorgniß erregende Wahrscheinlichkeiten verloren. »Ich habe vor Allem mit Ihnen, Gertrud«, fuhr ich fort, »diese Erörterung durchsprechen wollen, und Sie begreifen übrigens, daß wir Alles, was diesen unglücklichen Brief betrifft, Rosa verschweigen müssen. Nun nehmen Sie diesen in Empfang, der an Sie gerichtet ist.« Sie griff mit Lebhaftigkeit darnach, und da sie auf der Adresse die Handschrift ihres Vaters erkannte, so küßte sie ihn mit der Wärme der Dankbarkeit. Aber sobald sie ihn erbrochen und die ersten Zeilen durchflogen hatte, sagte sie: »Nein, nein, das wird nie geschehen! Sie selbst, bester Herr Bernier, werden, wie ich zu glauben wage, mit mir anerkennen, daß es Bande gibt, welche man festhält um den Preis von Allem, selbst den eines Fluches!« ... Da sie diese Worte mit einer außerordentlichen Seelenstärke aussprach, so schauderte ich vor Schrecken; sie klangen in meinen Ohren wie eine Gotteslästerung und schienen die Gesinnungen kindlicher Unterwerfung, deren Versicherung mir Gertrud verschiedenemale gegeben hatte, Lügen zu strafen, als wenn sie nur eine leere Lockspeise gewesen wären. – »Nehmen Sie und lesen Sie«, fügte Gertrud hinzu, und reichte mir den Brief hin, der folgenden Inhalt hatte: »Insofern Du Dich noch vor unvertilgbarer Schande bewahrt hast, und in der Hoffnung, daß der Ausdruck Deiner Reue ein aufrichtiger ist, willige ich ein, Gertrud, Deine Unterwerfung anzunehmen und Dich wieder in den Schooß der Familie eintreten zu lassen. Doch kann dies nur unter der Bedingung geschehen, daß Du jeden Bezug zu Rosa abbrichst, für deren künftiges Schicksal übrigens gesorgt ist. Wenn ich in dieser Rücksicht Deine feierlichen Verpflichtungen werde erhalten haben, welche Du mir durch den nächsten Kurier zukommen lassen sollst, wird Deine Tante Sarah sich auf die Reise nach Genf begeben, um Dich dort zu empfangen, und von diesem Augenblick an wirst Du Dich nach allen ihren Anordnungen richten. Dein Vater Rudolph H.« 44. Ich fühlte mich von der Art und Weise dieses Briefes verletzt, wie von der Beleidigung, die er in der That der so lebhaften und so großmüthig Rosa gewidmeten Freundschaft Gertrudens anthat; aber ich war nur um so mehr geneigt, zu glauben, daß, weil man die Verzeihung, die man Gertrud angedeihen lassen wollte, von der Bedingung eines so grausamen Bruches abhängig machte, das Schicksal ihrer Freundin nothwendig von nun an mit jener »unvertilgbaren Schande« behaftet sein müsse, auf welche man eine versteckte Anspielung machte. Ich wollte die Beängstigung der armen Gertrud nicht noch vermehren, indem ich sie auf diese betrübende Hindeutung aufmerksam machte; aber als sie sich auf meine Meinung als Entscheidung berief, sagte ich ihr in der Absicht, die empörte Heftigkeit ihrer Gefühle zu mäßigen: »Gertrud, ehe ich Sie anhöre, und ehe ich vielleicht Ihre Ansicht billige, nehmen Sie das, was Ihnen soeben entschlüpft ist, zurück. Die Befehle eines Vaters, liebes Kind, muß man stets achten; sein Fluch ist stets ein furchtbares Unglück, und es ist gottlos, ihm so, wie Sie es eben gethan, zu trotzen!« – Hierauf brach sie in heißes Schluchzen aus und rief: »Aber daß er es wagt, mir zu sagen, lieber Herr Bernier, daß er es wagt, mir die Unwürdigkeit zu befehlen, ich solle mit meiner Rosa brechen! ... ohne Zweifel auch mit Ihnen brechen, der Sie uns Vater und Mutter gewesen sind! – und Ihnen sagt man gar nichts!« – Indem sie diese Worte ausstieß, umschlang Gertrud mit ihren Armen meinen Hals, und indem sie an mich ihre dankbaren Liebkosungen verschwendete, schien es, als wollte sie jene Lücke, die sie in dem Briefe ihres Vaters betrübte, mit allen persönlichen Liebesbezeigungen ausfüllen. Als sie ruhiger geworden war, sagte ich zu ihr: »Nein, Sie dürfen Rosa nicht aufgeben, noch mit ihr brechen. Aber eine neue schwere Mühe wartet Ihrer, und Sie würden deren Erfolg vereiteln, wenn Sie diesen unehrerbietigen Aufwallungen den Zügel schießen ließen. Sie müssen nämlich für Ihre Freundin begütigend sprechen; Sie müssen sie durch Sie, mit Ihnen retten; Sie müssen unzertrennlich von ihr bleiben wollen, nicht um den Preis der Widersetzlichkeit und zum Trotz des Fluches, sondern grade durch gesetzmäßiges Beharren, durch zärtliche Bemühung, durch geduldige Sanftmuth und kindliche Unterwürfigkeit, indem Sie die Zeit zur Gehülfin nehmen, welche die Strenge mildert und die Umstände aufhellt. Nun, mein Kind, gehen Sie und legen Sie sich nieder, denn heut Abend würden Sie doch wenig im Stande sein, überlegt an Ihren Vater zu schreiben. Aber morgen finden Sie, um ihm zu antworten, dringende Beweggründe, die Sie ihm mit Bescheidenheit vortragen müssen, und anstatt ihm durch stolze Weigerung zu trotzen, flehen Sie seine nun besser unterrichtete Güte an, daß er nicht verlangen möge, was unter den jetzigen Umständen, nicht, wie er glaubt, ein bloßer Bruch mit Ihrer Freundin sein, sondern bei dieser sicherlich eine Verzweiflung hervorrufen würde, die ihr Zustand, den er nicht kennt, zu einer solchen steigerte, daß sie unfähig wäre, sie länger zu ertragen.« – Gertrud gab mir die Versicherung, daß sie meinen Rath pünktlich befolgen würde, und wir trennten uns. Nachdem ich es gehörig erwogen hatte, hielt ich es für ungeeignet, nochmals an Rosa's Eltern zu schreiben, weil mein letzter Brief drei dringende Beweggründe enthielt, von denen zum wenigsten zwei, welche trotz der Sendung der dreihundert Franken dieselben blieben, nämlich Rosa's Schwangerschaft und die von dem Polizeikommissär gestellte Frist, alles waren, was ich Dringendstes Eltern, die nicht gradezu ihrem Kinde den Untergang geschworen hatten, zu verstehen geben konnte. Ueberdies mußte, grade in Folge jener von dem Kommissär unnachläßlich gestellten Frist, Rosa sich schon einige Tage auf der Reise befinden, wenn ich eine Antwort auf den letzten Brief erhalten würde, so daß ein späterer auch noch von dieser Seite überflüssig wurde. Uebrigens waren die Bekümmernisse und Gemüthserschütterungen, die ich am Tage vorher erlitten, und eine Erkältung, die ich mir auf jener einsamen Promenade, von der ich sprach, zugezogen hatte, die Ursache eines Uebelbefindens, welches, nachdem es mich während der Nacht befallen, sich um die Morgendämmerung mit solcher Heftigkeit steigerte, daß ich einen Arzt holen lassen mußte, anstatt in gewohnter Weise aufzustehen und mich zum Schreiben hinzusetzen. Die große Angst, die ich darüber empfand, mich an's Bett gefesselt zu sehen in dem so nahe bevorstehenden Zeitpunkt, wo ich mich mit der Abreise Rosa's unter so schwierigen Umständen und ungewissen Plänen würde befassen müssen, trug ohne Zweifel dazu bei, mein Uebelbefinden zu erschweren; denn von Stunde zu Stunde wurde es schlechter mit mir, und ich wurde seit dem Abende dieses Tages aus verschiedenen Umständen inne, daß man sehr beschäftigt um mich war und der Arzt mein Leiden ernstlich nahm. Hierauf ergab ich mich, indem ich mir Zwang anthat, in das Kranksein, und da ich für jetzt nicht weiter handeln konnte, so wandte ich meine Schlaflosigkeit dazu an, bald Gott um Schutz für die beiden armen Wesen anzuflehen, womit er einstweilen meine Familie vergrößert hatte, bald die Rechnung des von mir Gethanen durchzugehen, um stets gegürtet und bereit zu sein, vor ihm zu erscheinen. Diese Ruhe that mir jedoch wohl, und einige Anzeichen, welche der Arzt für beunruhigend erklärt hatte, verschwanden in kurzem. Von dem ersten Augenblick meiner Unpäßlichkeit an war Gertrud an mein Lager geeilt, und an meinem Kopfkissen verweilend, obgleich ich sie gebeten hatte, nichts dergleichen zu thun, verließ sie es nur, um ihren Platz meinem Sohn abzutreten, wenn er seine Tagesobliegenheiten beendet hatte. Bisweilen blieben sie auch alle beide, wenn ich weniger von dem Fieber beunruhigt war; und ohne daß ich besondern Theil daran nahm, fand ich dennoch viel Annehmlichkeit an ihrer Unterhaltung, die mich stets durch die guten Gedanken anzog, die jedes dabei zu Tage brachte. Mein Sohn ist gradsinnig, gottesfürchtig, unterrichtet, aber noch sehr wenig bewandert in der Welterfahrung, während sonst seine natürlichen Eigenschaften mehr von festem Sinn und großmüthiger Anlage als von Feinheit des Geistes und frühreifem Scharfblick zeugen. Gertrud hingegen zeigt bei denselben Charaktereigenschaften zwar weniger festen Sinn, aber weit mehr natürlichen Takt, der nicht an den Dingen, den Menschen und den so verwickelten Bezügen des Lebens haftet. Auch bewunderte ich, indem ich sie so anhörte, daß diese Jungfrau, die kaum neunzehn Jahre zählte, doch meinem ausgebildeten Sohne von fünfundzwanzig Jahren über Vieles Vorstellungen machte. Und dies bestätigte in mir die Richtigkeit jener zwiefachen Ansicht, einerseits, daß das Weib früh und mehr durch das Herz, ja vermittelst seiner Schwäche, seiner Schamhaftigkeit, kurz vermöge seiner natürlichen Beschaffenheit sieht, wahrend der Mann weniger und später durch den Verstand, durch die Erfahrung oder die erhaltene Belehrung erkennen lernt; und daß andrerseits für das Weib, wie für den Mann, weder die Schule der Bücher, noch die Schule der Welt die Schule der Prüfung aufwiegt, um die Seele des Geschöpfs zu unterrichten, zu bereichern und zu verschönen. Ich selbst erkannte während dieser Stunden der Sammlung mit Dankbarkeit an, daß die Beschwerden dieser letzten Wochen, während deren ich so viel Kummer und Sorge rücksichtlich der beiden jungen Damen ausstand, welche mich die Vorsehung auf meinem Wege hatte finden lassen, außer der Belehrung über Vieles und der Erweckung aus jener mehr oder weniger freiwilligen Geistesträgheit, in welche wir nur zu oft verfallen, wenn die Erfüllung der täglichen Pflichten eine leichte ist: mir auch dazu gedient hatten, jenes Päckchen guter Werke ein wenig größer zu machen, welches, nach der heiligen Schrift sowohl, wie nach der Vernunft, das einzige Gepäck ist, das wir in die andere Welt mit hinüber nehmen. Ferner fand ich, wenn ich über das Leben, dies nothwendigerweise bittere und zweifelhafte Gut, nachdachte, daß jene Wochen nicht unter die unglücklichen meines Daseins zu rechnen waren, und daß, wenn ich in ihnen freilich die Geißel der Angst und die Qual des Schmerzes empfunden hatte, ich doch auch, außerdem daß die Aufregung, die Thätigkeit und die Schritte, die ich gethan, sie hatten kurz erscheinen lassen, viele reine Vergnügen und viele wohlthuende Genugthuungen in ihnen genossen hatte. Deshalb, wenn ich ganz allein war und halbwegs Sieger über das körperliche Leiden vermittelst der Herrschaft des Gedankens, sagte ich mir im Stillen die Worte des Psalmisten vor: »Im Elend warst du mir immer ein hoher Thurm, eine Veste; du warst mir im Unglück stets ein Gott voll Güte!« 45. Diese Tröstungen waren übrigens von großer Beihülfe, um mich gegen die Angriffe zu befestigen, die mir immer sehr empfindlich waren, insofern sie zugleich auf den Charakter zielten, mit dem ich bekleidet war, unter der Bedingung ihn rein zu erhalten, wie auf meinen Sohn, der mir gegeben war, damit ich ihn ebenso makellos dem Rufe nach, wie in seinem Lebenswandel, bewahrte. Und er gerade war es, der nur mit einem Unwillen, den ich dennoch nicht theilen konnte, da ich weiß, daß die Leute weit mehr leichtfertig als bösartig sind in ihren Reden, berichtete, daß man in dem Viertel anstößige Dinge in Betreff meiner Rechtschaffenheit als Seelsorger aussprengte. Die so schnell von mir selbst bezahlten Schulden der Damen, ihr Eintritt in mein Haus, die Gewißheit, daß ich gänzlich für ihren Lebensunterhalt sorgte, weil man ihre peinliche Lage bei den Millers und ihre völlige Mittellosigkeit seit dem Verlust ihrer Reisekoffer wußte: Alles dies, übertrieben und durch die Müßiggänger, die Klatschgevatterinnen, die Mägde des Viertels mit boshaften Zusätzen versehen, hatte die Ansicht beglaubigt, daß die Pfennige, die ich für die Armen meines Sprengels erhielt, wahrscheinlich ganz oder theilweise zur Unterhaltung der jungen Freundinnen dienten. Und wenn sie dessen noch würdig wären, fügte man hinzu; aber es wären Landstreicherinnen, die ich vorsätzlich von der Straße aufgelesen hätte, um ihnen mit dem Gelde zu helfen, welches den anständigen Armen des Kirchspiels gehöre. Und so rechtfertigte sich, wie es gewöhnlich geschieht, die Böslichkeit der Reden, deren Gegenstand ich war, durch die Böslichkeit der Reden, womit diese die unglücklichen Damen anschwärzte. – Wolle doch Gott, sagte ich bei mir selbst, erschüttert, wie ich es noch war durch die räthselhafte Phrase im Briefe, daß die Zukunft diesen verleumderischen Reden nicht durch irgend eine furchtbare Enthüllung über die Lage Rosa's Vorschub leiste!« – Andrerseits grämte sich die alte Frau, welche unsern kleinen Dienst verrichtete, indem sie das, was mir mein Sohn mitgetheilt hatte, bestätigte, über anderes noch weit schlimmeres Gerede, das zu vernehmen sie noch weit besser Gelegenheit hatte und dessen Gegenstand mein Sohn selbst war. Das zurückgezogene Leben der Damen reizte die Neugierde; der beständigere Aufenthalt meines Sohnes im Hause veranlaßte böse Nachreden; endlich, sei es nun, daß die Millers nicht hatten schweigen können, sei es, daß die Besuche des Arztes als im Interesse der Damen geschehen gegolten hatten, genug, die Schwangerschaft Rosa's war kein Geheimniß mehr, und so groß war bei den übrigens verächtlichen Leuten der Nachbarschaft die Frechheit und Bosheit ihrer Zunge, daß sie das Geheimniß dieser Umstände auf tausenderlei für die Ehre der Damen nachtheilige Weise ausdeutelten, ja, daß einige so weit gingen, durch ihre giftigen Verleumdungen die Sittlichkeit meines Sohnes anzugreifen. Die arme Alte, obgleich sie, so gut wie ich, die Ungegründetheit dieser boshaften, verachtungswerthen Gerüchte kannte, ereiferte sich doch so sehr darüber, daß sie Thränen vergoß, und wenn wir allein waren, konnte sie nicht umhin, mir hunderterlei derartiges mitzutheilen, das mir, weil ich es einmal nicht ändern konnte, besser fremd geblieben wäre. Ich tröstete sie, richtete sie wieder auf und rieth ihr, eben so wenig wie ich darauf zu achten, während es doch im selben Augenblicke mein Herz aus einer schmerzlichen Wunde bluten machte. Dennoch ließ ich in der Absicht, auch die leiseste Unvorsichtigkeit zu vermeiden, welche die Zweideutigkeit einer Lage, die uns der Verlästerung des Viertels aussetzte, vermehren konnte, meinen Sohn vor mich kommen, um ihm einige Maßregeln in Betreff des Verhaltens, das er zu beobachten hätte, anzuempfehlen, wie auch die Angewöhnung einer strengen Vorsicht, der er sich in seiner ganzen Stellung zu den jungen Damen unterwerfen müsse. Insbesondere forderte ich von ihm, sich jener Unterhaltungen mit Gertrud zu entschlagen, zu denen meine Krankheit Veranlassung gegeben und bei welchen sie zwei- oder dreimal der Arzt mitten im Gespräch begriffen getroffen hatte, wenn er bei mir eintrat. Diese letzte Abmahnung allein schien meinen Sohn bedenklich zu machen, und er bemerkte gegen mich, dies hieße ihm eine Entbehrung von etwas auferlegen, das für ihn mehr Reiz hätte, als jedes Vergnügen oder jede Erholung, so sehr gefiel ihm Gertrudens Charakter, ihre Unterhaltung und ihre Gegenwart. Ich dagegen machte ihm bemerklich, daß jetzt meine Ermahnung um so mehr an der Zeit wäre, weil, wenn er sich diesem Zuge hingäbe, er gerade dadurch und ohne sich dessen bewußt zu werden, den üblen Nachreden und boshaften Gerüchten Vorschub leisten dürfte; daß übrigens, weil es sich nicht schickte, daß ich selbst gegen Gertrud irgend eine Bemerkung über diesen Gegenstand machte, alle diese Vorsichtsmaßregeln von ihm ausgehen müßten und zwar ohne daß jene etwas davon gewahr würde. Mein Sohn begriff meine Absichten und brachte sie von demselben Tag ab in Anwendung. 46. Rosa kam auch, mich zu besuchen, obwohl ich sie, da ich sie leidend wußte, hatte bitten lassen, davon abzustehn. Sie schien mir schwach, sehr mager geworden zu sein und jeden Augenblick auf dem Punkte, in irgend eine vorübergehende Ohnmacht zu fallen. Nachdem wir von meiner Gesundheit gesprochen hatten, fragte ich nach der ihrigen, und da ich sie vielmehr traurig als beunruhigt über ihren Zustand gefunden hatte, so forderte ich sie auf, mir ihr Herz zu eröffnen. – »Ach«, antwortete sie mit der Schwermuth der Muthlosigkeit, »mein guter Herr Bernier, was nutzt es, Ihnen mein Herz eröffnen, es ist nichts mehr darin, selbst nicht einmal die Hoffnung!« – »Wie so, Rosa? wie ist es denn mit jenen Freuden, die Ihnen neulich die Hoffnung gab, Mutter zu sein?« – »Sie sind dahin«, antwortete sie, »mein Kind hat sich nicht mehr bewegt!« – Dann sich dem Weinen hingebend, sagte sie: »Wie könnte es auch von einer so verlassenen Mutter leben! sieht man denn verlassene Feigenbäume reife Früchte bringen? ... Keine Nachrichten von Ludwig! Ebensowenig von unsern Familien! Die Schlechten allein ...« Hier erstarb die Stimme Rosa's auf ihren Lippen, und sie neigte sich, ein Raub dumpfer Schmerzen geworden, bleich und mit geschlossenen Augen gegen Gertrudens Brust. Bei diesem Anblick sah ich voraus, daß sie unfähig sein würde, die Beschwerden der nahe bevorstehenden Reise auszuhalten; eine düstere Beängstigung bemächtigte sich meiner Seele. Glücklicherweise wurde der Arzt, der mir seinen täglichen Besuch abzustatten kam, in diesem Augenblicke eingelassen, und ich bat ihn, sich sogleich um Rosa zu bemühen, deren Zustand ihm übrigens bekannt war. Nachdem er sie ausgeforscht hatte, und ehe sie noch auf seine Fragen hatte antworten können, gab er mir durch ein Zeichen zu verstehen, daß ihr Zustand bedenklich wäre; dann bat er sogleich Gertruden, ihm bei dem Hinüberschaffen derselben in ihr Zimmer behülflich zu sein, indem sie beide sie auf dem Stuhle, auf welchem sie saß, hinübertrügen; sie wollten sie dann, ohne sie zu entkleiden, auf ihr Bett ausgestreckt hinlegen, und wahrscheinlich würde ihre Ohnmacht sehr bald nachlassen. Gertrud beeilte sich dieser Aufforderung nachzukommen, und ich konnte sie, die diese traurige Fortschaffung bewerkstelligten, von meinem Bett aus beobachten. Hierauf gab meine Bestürzung dem Mitleiden Raum, und Thränen drangen unter meinen Augenlidern hervor. Der Arzt kam bald wieder an mein Lager zurück und berichtete mir, daß die Ohnmacht wirklich schon gewichen wäre, daß Rosa jedoch, erstaunt, sich in ihrem Zimmer zu finden und einen Herrn an ihrem Bett zu erblicken, einen Augenblick lebhafter Scheu zu überwinden gehabt hätte; daß er ihr jedoch endlich hätte begreiflich machen können, wie nothwendig es sei, die Verordnungen eines sachverständigen Mannes anzunehmen; daß er, so gut als möglich, Fragen in verhüllter Form und unter dem Anschein einer freundlichen Theilnahme an sie gerichtet hätte, und so zu der Ueberzeugung gelangt wäre, daß ihr Zustand, obgleich er Vorsicht und Schonung verlangte, doch nichts Gefährliches zu erkennen gebe. Diese Worte beruhigten mich nicht wenig, und dennoch verschob ich es auf einen andern Zeitpunkt, mich dem Arzt über die Nothwendigkeit zu eröffnen, in der sich Rosa befand, sich nämlich auf eine Reise zu begeben, weil ich unaufhörlich hoffte, daß diese Nothwendigkeit durch die Ankunft ihrer Mutter oder irgend eines ihrer Verwandten, welche mein zweiter Brief veranlassen würde, aufs schleunigste zu ihrer Hülfe herbeizueilen, gehoben werden würde. 47. Am folgenden Tage befand sich Rosa in der That weit besser, und am dritten schleppte ich mich, da ich zum erstenmale seit meiner Niederlage versucht hatte aufzustehen und mich anzukleiden, auf eine Bewegung, die ich im Zimmer der Freundinnen vernahm, mit großer Mühe hinüber, um dort ein recht freuderweckendes Schauspiel zu genießen. Rosa hatte soeben ihr Kind sich wieder bewegen gefühlt und bei dem Freudenschrei, den sie ausgestoßen hatte, war Gertrud an ihr Bett herbei geeilt, um ihr Glücksgefühl zu theilen und mit ihr Gott dafür zu danken. Ich gesellte mich zu dieser Gefühlstheilnahme, und so erschienen Zufriedenheit und Hoffnung zugleich plötzlich wieder in meinem Hause. So sehr hat die Vorsehung in ihrer billig abwägenden Weisheit gewollt, daß das Glück etwas Beziehungsweises bliebe, so daß es sogar bei den Unglücklichen selbst einkehrt und sich gänzlich nur von einem todbringenden Schicksal fern hält. Dennoch war ich noch so schwach, daß ich, weil mir schwindelte und meine Füße schwankten, zu Gertrud sagte: »Mein gutes Kind, wenn Sie mir nicht zu Hülfe kommen, so fürchte ich auf den Boden hinzustürzen.« – Sie eilte hierauf sogleich herbei, und nachdem sie mir ihren Arm als Stütze geliehen hatte, auf dem so schwer aufzuliegen ich mich wahrhaft schämte, half sie mir das Zimmer wieder erreichen, wo ich, mich sogleich auf einen Stuhl niederlassend, sagte: »Jetzt verabschiede ich Sie, denn ich bin in Wahrheit unfähig, etwas zu sagen oder ein Wort anzuhören.« – Nachdem Gertrud sich wegbegeben hatte, erkannte ich, daß ich auch gleichsehr unfähig war, mich auf dem Stuhle aufrecht zu erhalten, so daß ich mich auszuziehen unternahm, um mich darnach wieder in's Bett zu legen. Aber ich konnte damit nicht zu Stande kommen, und faßte also den Entschluß, auf dem Stuhle halb entkleidet sitzen zu bleiben, bis mein Sohn zurückgekehrt wäre und mir seinen Beistand leihen könnte. Nach einer halben Stunde ließ sich indeß ein Zug an der Klingel vernehmen: es war Miller, der mich zu sprechen verlangte. Mit dessen Hülfe konnte ich mit meinem Unternehmen zu Stande kommen und wieder in's Bett gelangen. Sobald ich mich in die rechte Lage gebracht hatte, fragte ich ihn: »Was habt Ihr mir denn zu sagen, Miller?« Miller war eiligst gekommen, mich zu benachrichtigen, daß er soeben, indem er über die Rhonebrücke gegangen wäre, den jungen Herrn erkannt hätte, der aber keine Miene gemacht hätte, als kenne er ihn; daß er selbst sogleich aus eignem Antriebe gegangen wäre, dessen Rückkehr bei dem Polizeikommissär anzuzeigen, und daß dieser, der davon noch nicht unterrichtet war, sofort zwei Gensd'armen den Befehl ertheilt hatte, ihn aufzusuchen und festzunehmen. – »Hier wird einmal die Gerechtigkeit walten, mein braver Miller«, rief ich bei dieser Nachricht aus; »aber vor allen Dingen konnte sich wohl für meine armen Damen nichts Glücklicheres ereignen, da sie berufen sind, sich binnen wenigen Tagen auf die Reise zu begeben und sich auf diese Art vollkommen im Schutz vor den Nachstellungen dieses schlechten Menschen befinden werden. Ihr habt da einen guten Einfall gehabt, und ich bin Euch um so mehr für euren Eifer verpflichtet, als Ihr mit Augen seht, wie sehr ich außer Stande bin, in eigner Person zu handeln.« – Gleichzeitig, und damit meinem Sicherheitsgefühl nichts fehlte, was in diesem Augenblicke nicht größer sein konnte, berichtete mir Miller, daß Marie, in Folge eines Streites, in welchem sie eine Verwundung durch den Wurf einer Flasche erhalten hatte, die ihr in die Brust gedrungen war, wenigstens noch vierzehn Tage lang das Bett hüten mußte, so daß es von ihrer Seite nichts zu fürchten gab. Nachdem ich den guten Miller gebeten hatte, mich über Alles, was von neuem dazu kommen könnte, in Kenntniß zu setzen, verabschiedete ich ihn, und nachdem er fort war, schlief ich einen guten Schlaf. 48. Als ich gegen fünf Uhr Abends wieder aufwachte, fand ich mich erquickt, viel kräftiger und hinlänglich geneigt, etwas Nahrung zu mir zu nehmen. – »Ah! Sie sind es, Gertrud?« rief ich, als ich sie erblickte, die, mir zu Häupten sitzend, bei mir gewacht hatte; »wo ist denn mein Sohn?« – »Ihr Sohn«, erwiederte sie mir lächelnd, »ist wie gewöhnlich gekommen, aber nicht wie gewöhnlich geblieben, um mir Gesellschaft zu leisten; auch grolle ich ihm deswegen etwas. Doch hier ist ein Billet, das man für Sie gebracht hat.« – Ich öffnete es und las die von fremder Hand geschriebenen Zeilen, worin man von mir als Gunst erbat, zur Marie zu gehen »in Angelegenheiten, die sich auf meine Seelsorgerpflicht bezögen.« – Dieses Billet erregte unter den Umständen, in denen ich mich befand, im höchsten Grade meine Bekümmerniß wie meine Neugier; aber wie groß auch das Interesse, welches ich an diesem Besuche hatte, sein mochte, so war es mir doch unmöglich, in gegenwärtigem Augenblicke daran zu denken, noch selbst den Zeitpunkt zu bestimmen, wo ich würde zur Marie hingehen, oder wenigstens mich hinbringen lassen können. Ich legte also den Brief an einen sichern Ort und bat Gertrud, mir Thee und einige Zukost zu bereiten. Das liebe Kind war über diese Bitte ganz erfreut, und nachdem sie mir mit der freundlichsten Emsigkeit ein kleines Mahl zurecht gemacht hatte, setzte sie sich dabei zu mir hin und zerstreute mich durch ihre Unterhaltung, während sie sich gewissermaßen an jedem Mundvoll Nahrung weidete, den ich mit Genuß zu mir nahm. Mehr und mehr fühlte ich mich an dieses liebe Mädchen gefesselt und lernte hierbei jene angenehmen Gefühle kennen, von denen ich so oft Andere hatte reden hören, die, wenn auch anderweitig von der Vorsehung beschenkt, wie ich es selbst worden war, doch zu bemerken liebten, wie sehr das häusliche Leben durch die Sorgfalt in kleinen Dingen und die anmuthige Dienstbeflissenheit einer liebenden und ergebenen Tochter verschönert werde. 49. Am folgenden Tage, welches ein Freitag war, wandte ich meinen Vormittag dazu an, einiges Geld zusammenzubringen. Ich hatte in meinem Schubfach einige zwanzig Thaler liegen, von denen ich nur so viel bei Seite legte als durchaus nöthig war, um bis zum nächsten Vierteljahrsgehalt auszureichen. Dann, weil ich einen ausnehmenden Widerwillen gegen das Borgen hatte, schickte ich, um die Summe, über die ich zu Gunsten der Damen verfügen wollte, zu vermehren, meinen Sohn mit sechs von unserem Dutzend silberner Bestecke und einem goldnen Fingerhute, den ich ehemals meiner Frau zum Hochzeitsgeschenk gegeben hatte, zu dem Goldarbeiter Durand, indem ich ihn bitten ließ, mir den Werth dieser Gegenstände anzugeben, ohne mir ihn jedoch zu senden, weil ich, nach dem, was in einem sehr nahen Zeitpunkt statt finden könnte, vielleicht dessen enthoben wäre, diese Stücke zu veräußern, an denen ich sehr hinge. Der Goldarbeiter Durand ließ mir sagen, daß der Werth dieser Gegenstände sich auf einhundert und fünfundneunzig Franken beliefe, und daß er mir überdies soviel leihen würde, als mir beliebte. Und als mein Sohn ihn über unsere Besorgnisse und Vorhaben in Kenntniß gesetzt hatte, beauftragte ihn jener, mir zu sagen, daß, weil er den Wunsch hegte, sich mit mir bei meinem guten Werke durch einen kleinen persönlichen Beitrag zu vergesellschaften, so ließe er mich bitten, dem Reisegelde, welches ich vorbereitete, die fünfzig Franken beizufügen, die mir von seiner Seite zugestellt werden würden. Auf dem Wege von dem Juwelier Durand hatte sich mein Sohn bedingungsweise einer guten Miethskutsche versichert, worin wir eine Art von Lager einzurichten beabsichtigten, auf welchem Rosa ausgestreckt ruhen konnte, und was die Reisekoffer anbetraf, so besaßen wir einen großen, der für das bescheidne Gepäck beider Damen mehr als hinreichend war. Als demnach mein Sohn gegen Mittag wiederkam, war Alles schon bereit, und ungerechnet, daß es uns gelungen war, diese Angelegenheiten in der besten Ordnung zu regeln, wie wir andrerseits kostbare Sicherheit dabei gewannen, so gewährte uns außerdem noch das Benehmen des Juweliers Durand eine reine Freude. Es gibt, in der That, keine angenehmere Empfindung als diejenige, mitten unter Bekümmernissen und Verlegenheiten einer großen Sorge, dem freiwilligen Beistande guter Herzen und dem gottgefälligen Mitgefühl der hülfreichen christlichen Liebe zu begegnen. Jene kleinen Bemühungen hatten mich, sowohl wegen des Gegenstandes, den sie betrafen, als wegen des schnellen Gelingens, anstatt mir Beschwerde zu verursachen und meine noch sehr große Schwäche zu vermehren, im Gegentheil erquickt, indem sie dem angstvollen Sinnen Einhalt geboten und mich zu Gedanken für Thätigkeit veranlaßten, die stets weit weniger peinlich sind. Auch aß ich heute mit meiner kleinen Welt, Rosa mit inbegriffen, welche völlig gekräftigt schien, zu Mittag, und da ich mich gegen vier Uhr ziemlich aufgelegt fand, so ging ich aus, um mich zur Marie zu begeben. Nachdem ich ziemlich mühsam die Stufen ihrer Treppe erstiegen hatte, klingelte ich, und man führte mich zu ihr. Ich fand Marie in jenem innern Theile ihrer Wohnung, worein man mich früher niemals eingelassen hatte, zu Bett. Obgleich dies Zimmer ausgeschmückter war, so herrschte doch dieselbe Unordnung darin, als in demjenigen, worin ich sonst war empfangen worden; mehr aber noch stießen mich darin die Besonderheiten einer Geräthsausstattung ab, die ganz und gar und ausschließlich zum Zweck verworfener Bedürfnisse eines schmachvollen Gewerbes zusammengesetzt waren. Einige Frauenzimmer, unter denen ich zwei von denen bemerkte, die ich im Gefängnisse gesehen hatte, die einen dastehend, andere hier und da sitzend oder in halb liegender Stellung, füllten vielmehr nur das Zimmer aus, als daß sie sich hätten nützlich zu machen verstanden, und ein Mann an dem Bett der Marie, den man sich aber entfernen ließ, sobald ich eintrat, schien die einzige Person zu sein, welche das Ansehn hatte, ihr einige vernünftige Hülfe zu leisten. Sonst standen und lagen überall Fläschchen und Arzneimittel auf den Stühlen, auf den Tischen, um das Kamin herum, verstreut umher, und Linnenzeug, das zum Verbinden gedient hatte, zog sich auf dem Fußboden der Länge lang hin, ohne daß auch nur eins der Frauenzimmer daran dachte, diese ekelhaften Fetzen zu entfernen oder die Luft des Zimmers dadurch zu reinigen, daß es auf Reinlichhaltung der Geräthschaften gesehen hätte. Schon aus großer Weite warf die Marie, als sie mich eintreten sah, auf mein Gesicht einen forschenden Blick, worin der Ausdruck der Scheu sich mit dem der Neugierde mischte, und ließ mich an ihr Bett herankommen, ohne daß sie ein einziges Wort sprach. Gewohnt, wie ich es bin, Bettlägerige aller Art zu sehen, bald solche, welche die Krankheit stumpfsinnig macht, oder die das Fieber irre reden läßt; bald andere, welche Geschwulst entstellt oder Wunden abstoßend machen, ließ ich, als ich sie entstellt und unkenntlich vor mir sah, keinerlei Erstaunen blicken, und es entging mir nicht, zu gewahren, daß diese anscheinende Gleichgültigkeit meiner Miene, die sie täuschte, ihr einen angenehmen, hoffnungsvollen Eindruck gewährte. – »Nun, Marie«, sagte ich, indem ich mich ihr näherte, »muß ich dich schon auf dem Schmerzenslager liegen sehen und auf dem Wege, vielleicht bald Rechenschaft abzulegen?« – Diese Worte riefen, indem sie ihre Selbsttäuschung, an die sie sich noch eben geklammert hatte, vernichteten, Thränen bei ihr hervor, und, Lügnerin aus Furcht, sagte sie zu mir: »Ach! ich habe viel ausgestanden; aber Gott sei Dank, das Uebel hat in seinem Zunehmen eingehalten, und wenn Sie mich auch entstellt sehen, so habe ich doch schon bessere Augenblicke« ... Dann fuhr sie mit einem Blicke, der um eine günstige Antwort flehte, fort: »Sie, der Sie doch so viele Kranke gesehen haben, Herr Bernier, glauben Sie nicht, daß ich wieder davon kommen kann?« – »Ach, mein Kind, der Anblick täuscht, und unser Leben liegt in Gottes Hand, der bald das rührigste darniederwirft, bald das, welches dem Erlöschen nahe ist, rettet und wieder entflammt; ohne dieses, und wenn man seinen Wegen vorgreifen könnte, welche Nöthigung würde es dann geben, sich stets gegürtet und bereit zu halten, um vor ihm zu erscheinen? Ich halte dich für sehr krank.« – Bei diesen Worten überfiel die Marie die Verzweiflung, und die Frauenzimmer mußten jetzt herbeikommen, um ihre Verbände in Ordnung zu erhalten und sie in ihren verzweifelten Bewegungen zu hindern. In ihrer Wuth leistete sie ihnen heftigen Widerstand, Flüche entfuhren ihren Lippen, und wie neidisch über deren günstigeres Geschick, schwieg sie zuletzt und stierte sie nur mit wilden Augen an. – »Marie«, begann ich wieder, »ich glaubte, du hättest mich rufen lassen, um dir in der Versöhnung mit Gott beizustehen; wenn es aber nicht deine Absicht ist, die Augenblicke, die er dir noch vergönnt, zu diesem Zwecke zu benutzen, so werde ich mich von hier entfernen, wo ich, wie ich es dir offen sage, nur eingetreten bin, mit Schrecken für dich, und weil es mir auferlegt ist, keinem Sünder meinen Dienst zu verweigern.« – »Ich will leben! ich will leben!« schrie sie hierauf. »Ich bin erst fünfundzwanzig Jahr alt! Herr Bernier, ich beschwöre Sie, bitten Sie, daß ich leben bleibe; ich weiß es, der gütige Gott wird Sie eher erhören, als mich.« – »Nein«, sagte ich zu ihr, »ich werde nicht bitten, damit du so unreuig fortlebst. Du hast die Erde mit deiner Zügellosigkeit und deinen bösen Thaten befleckt; wieder davon kommend, wirst du sie noch ferner beflecken ... Es kommt also nicht auf mich an, daß du leben bleibst; vielmehr ist es an diesen Sünderinnen, die dich umgeben, für dich zu bitten, weil das Loos, das dich trifft, das ist, was auch sie erwartet.« – Auf diese Antwort erhob sich Marie aus ihrer Lage und schrie mit dem Ausdruck einer Wuth, die um so ungemessener war, je kraftloser sie selbst: »Du glaubst also, daß ich deine Fürbitte nöthig habe, um zu leben! Du glaubst« ... Als ich sie in solcher Stimmung sah, griff ich nach meinem Hut und Stock, und ging hinaus, begleitet von dem jüngsten der Frauenzimmer, die in dem Zimmer waren. – »Du bist noch jung«, sagte ich zu ihr, als wir uns allein auf dem Hausflur befanden, »und vielleicht mag dein Herz sich mehr nur sträflich verirrt haben, als tief verderbt sein. Wenn du also, gegenüber der traurigen Verdammniß, welche jene Unselige nahe erwartet, das Beben der Furcht und die Regungen der Reue empfunden hast, so höre mich an: gehe auf der Stelle von hier hinweg, um nie wieder hieher zurückzukommen; brich ohne Rückkehr mit allen diesen Frauenzimmern; gehe sofort weg zu deinem Oheim, den du niemals hättest verlassen sollen, damit er, weil er deine Bekehrung sieht, in deine Wiederaufnahme willigt, und dann komme zu mir. Wenn du es aufrichtig damit meinst, werde ich dich niemals verlassen; ich werde für dich und mit dir beten; ich werde dich, Unglückliche, wieder die Verheißungen der Frömmigkeit lehren, und dich zu einem der verlorenen Schafe machen, die, wiedergefunden, mehr Freude im Himmel verursachen, als neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen!« – Das arme Kind ergriff meine Hand, um sie zu küssen, und schluchzend verließ sie noch vor mir das Haus, um sich nach dem ihres Oheims zu begeben. – Indem ich die Treppe hinabstieg, begegnete ich dem Arzte, welcher eben heraufkam, um die Marie zu besuchen. – »Dieses Mädchen«, sagte ich zu ihm, »ist sehr krank.« – »Sie ist verloren«, erwiederte er, »und nur in Folge einer sehr geringen Verwundung. Aber in ein verdorbenes Blut wirft ein Nichts den Funken, und die Entzündung erfolgt dann rasch. Ich gebe ihr nur noch Beruhigungsmittel.« – »Und glücklich genug«, sagte ich, »haben Ihre Beruhigungsmittel Wirkung, während die meinigen sie mehr aufreizen, als beruhigen.« – Hierauf grüßte ich ihn und begab mich zu dem Oheim, von dem ich soeben gesprochen habe, bei dem ich mich für seine Nichte verwendete, daß er sich wenigstens auf Versuch wieder ihrer annehme. Ich hatte große Mühe ihn dahin zu bringen, daß er es thäte; als er sich endlich willig zeigte, sie bei der Nähterarbeit zu beschäftigen, die sein Handel erforderte, geschah es nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie sich lange Zeit nicht unter die andern Arbeiterinnen mische, sondern zurückgezogen in einem Kabinet seiner Wohnung allein arbeite, widrigenfalls er sie beim ersten Anzeichen, das sie von übler Aufführung gäbe, auf Nimmerwiederkehr fortjagen würde. Da dieser Mann Wittwer und ohne Kinder war, so hoffte ich von dieser Lage und von dem Beistand, den ich dem jungen Mädchen leihen würde, daß sie noch zum Guten zurückkehren und sich ihrem Oheim nothwendig machen würde. 50. Nun waren es nur noch drei Tage, bis zum Dienstag, der für die Abreise der Damen festgesetzt war, und Niemand war erschienen, um sie in Empfang zu nehmen, so daß ich es für geeignet hielt, mich gegen Gertrud betreffs dieser Abreise und der Umstände zu erklären, die mich wider Willen zwangen, sie in's Werk zu setzen. Kaum hatte sie die ersten Worte dieser Erklärung angehört, als sie den lebhaftesten Widerwillen dagegen kundgab und versuchte, sich gegen die Nothwendigkeit, die ich ihr auseinandersetzte, zu sträuben. Doch zu einsichtig, um nicht sehr schnell zu begreifen, daß aller Widerstand gegen diese Nöthigungen vergeblich wäre, überkamen darauf Niedergeschlagenheit, Bitterkeit und Leid ihr Herz, und sie überließ sich den Regungen der schmerzlichsten Traurigkeit. – »Was soll aus Rosa werden«, sagte sie weinend, »aus der so umhergetriebenen, verstoßenen Rosa, ohne Pflege um sich her, ohne ein Lager für die nächste Nacht?« – Was sollte aus beiden werden am Ziel dieser Unglücksreise, da ihre Eltern ihnen Verzeihung versagt hatten; und war diese Rückkehr, wider deren Befehle und durchaus im Gegensatz zu ihren Wünschen stehend, nicht geeignet, sie noch mehr zu erzürnen? Würden die Ihrigen nicht Gewalt gebrauchen, um sie Rosa zu entreißen, während Rosa selbst mit Gewalt an irgend einen Verbannungsort gebracht werden würde? – Hierauf schlang sie im vollen Ausströmen ihres Gefühls ihre Arme um meinen Hals und rief aus: »Und Sie verlassen, Sie verlassen, mein gütiger Herr Bernier! für immer diese geheiligte Behausung verlassen, die von nun an die theuersten Bande, die rechtmäßigsten Neigungen, die einzige Schutzwehr für uns in sich schließt! Ach, warum sind wir nicht ebenso gut als Ihre Töchter geboren worden, wie wir es dem Herzen nach geworden sind! Wie wir durch Ihre Wachsamkeit jene Verirrungen, die wir nun so hart büßen, vermieden hätten, so würden wir mit jedem Tage nur noch mehr das Glück genießen, unter Ihrem Schutze zu leben und Ihre alten Tage zu verschönern!« ... Diese Reden bewegten mein Herz lebhaft, und ohne zu bedenken, daß ich dazu gezwungen war, fand ich mich sehr grausam, diese armen Kinder so unbarmherzig zu betrüben. – »Erschweren wir uns das Leiden nicht dadurch, daß wir uns erweichen«, sagte ich zu ihr; »lassen Sie uns diese Thränen unterdrücken, womit wir nur unsern Muth entkräften. Er fehlt mir, meine liebe Gertrud, da ich mich von Ihnen trennen soll. Uebrigens wird Sie mein Sohn begleiten.« – »Ihr Sohn?« unterbrach sie mich, mit erleichtertem Tone. – »Ja, mein Sohn«, fuhr ich fort, »der nicht zugegeben hat, daß dies Jemand anders thäte, und der Ihnen, wie ich überzeugt bin, gute Dienste leisten wird. Aus Schicklichkeit werden Sie beide das Innere der Kutsche allein einnehmen, und jener wird sich zur Seite des Führers setzen, stets bereit, Ihnen unter allen Formen, als Helfer, Freund, Botschafter und, wenn es nöthig wäre, sogar als ehrerbietiger Sachwalter bei Ihren Familien zu dienen.« – »Wie sehr rührt mich seine Aufopferung«, sagte hierauf Gertrud; »und daß Sie, bester Herr Bernier, alle Ihre Wohlthaten gegen uns mit einem noch kostbareren Opfer für Sie, aber freilich auch mit einem noch köstlicheren für uns, beschließen wollen! Wir werden Sie noch zu besitzen glauben; was weiß ich? ... noch ist nicht Alles verloren! und ich kenne den Charakter des Herrn Andreas nur zu gut, um in ihm nicht den würdigsten Anwalt unserer Sache und den sichersten Vertheidiger der Rechte jener unauflöslichen Freundschaft, die mich an Rosa bindet, zu sehen.« – Da ich sie so gestimmt sah, suchte ich dies zu benutzen, um mich mit ihr über die Art und Weise zu besprechen, in welcher wir Rosa alles dies beizubringen hätten, damit sie soviel als möglich über die Umstände, die ihr zu große Ueberraschung, Schreck oder Angst verursachen möchten, im Dunkeln bliebe, und wir waren endlich einverstanden, daß von morgen ab Gertrud beginnen sollte, sie schrittweis darauf vorzubereiten, damit sie die Ankündigung der Reise ertrüge und ihr endlich gefaßt entgegensehe, wie Gertrud selbst sich zwingen sollte, ihr mit gutem Beispiel, mit Hoffnung und Genugthuung darin voranzugehn. 51. Am folgenden Tage, einem Sonntage, schlug ich, zur Schonung der Kräfte und der Gesundheit Rosa's, welche soweit in zunehmender Besserung begriffen war, daß sie an diesem Tage die Absicht hegte, sich nach der Kirche zu begeben, dieser vor, für sie und Gertrud einen kleinen Gottesdienst in ihrem Zimmer abzuhalten. Dieses Anerbieten verursachte ihr die größte Freude, und sie beeiferte sich, den Lehnsessel vor einen kleinen Tisch zu stellen, auf welchen sie die Bibel legte. Hierauf ordnete sie drei Stühle gegenüber, deren einer für meinen Sohn bestimmt war, der ihn auch sogleich einnahm. Nach dem Gebet hielt ich eine kleine Predigt aus dem Stegreife über die natürlichen Antriebe, die man im Unglücke bewältigen und über die Art, wie man mit Sanftmuth und Hoffnung unter das Joch der Schicksalsfälle, der Widerwärtigkeiten und der Fehlrechnungen, mit denen das Leben unvermeidlich versehen ist, sich beugen müsse. Nach dem Schlusse erhob ich mich abermals im Gebet zu Gott, indem ich ihn um seinen Segen für die drei Kinder anflehte, die ich vor meinen Augen hatte, und indem ich bat, die Rückkehr zweier von ihnen in den Schooß ihrer Familien zu fördern und zu beschützen. Als ich zu sprechen aufgehört hatte, bedauerte Rosa, daß dieser Gottesdienst so kurz gewesen war, und bat mich freundlich, ich möchte noch recht, recht lange bei ihr bleiben, was ihr gewöhnlicher Ausdruck war. – »Ich willige«, sagte ich, »um so lieber darein, als Sie mir in jedem nächsten Augenblick entrissen werden können. Das wird eine sehr große Leere in meinem Hause verursachen; aber zum wenigsten, meine lieben Kinder, wird dieses Zimmer nie unterlassen, mir die Erinnerung an euch zurückzurufen, und wenn es Gott gefällt, mir noch einige Jahre Leben zu verleihen, so werde ich auf dieser Stelle eure Briefe lesen und diese auf ihr beantworten.« – Wir sprachen darauf von dem Grafen. Rosa hatte sich, besonders seit sie sich Mutter fühlte, anstatt über das Schweigen ihres Gemahls unruhiger zu werden, im Gegentheil in jenem romantischen Vertrauen, daß er ihre Liebe prüfen wolle, immer mehr befestigt, und indem sie sah, daß die Antwort ihrer Familie noch immer ausblieb (denn wir hatten ihr die ihrer Mutter verheimlicht), so überredete sie sich zuletzt, daß der Graf und ihre Eltern, miteinander schon ausgesöhnt, überein gekommen wären, ihr die süße Ueberraschung aufgespart hätten, gemeinschaftlich zu erscheinen und sie zurückzuführen. Gertrud und ich bestritten, so weit wir es zu thun wagten, ähnliche Täuschungen; Rosa aber, indem sie dergleichen durch alle Arten von in der That zulässigen Gründen unterstützte, befestigte sich nur um so mehr darin. Auch hegte sie fast gar nicht mehr die Erwartung eines Briefes vom Grafen, und doch durchzuckte bei jedem Anziehen unserer Glocke ihre Seele ein Gedanke an Befreiung und Vereinigung und machte ihr Herz stärker schlagen. Nachdem sie uns an jenem Tage noch einmal alle ihre Gründe für Hoffnung und Befriedigung mitgetheilt hatte, verließ ich sie, damit Gertrud sich gegen sie der Eröffnungen hinsichtlich ihrer Abreise entledigen konnte, wie wir Tags zuvor mit einander überein gekommen waren. Unterdeß war man schon zweimal während des Morgens gekommen, um mich abermals auf Verlangen der Marie zu dieser abzuholen, so daß ich gegen Abend beschloß, ihr einen zweiten Besuch abzustatten, allerdings weit weniger in der Hoffnung, ihrer Seele wohlthätig sein zu können, als in dem Gedanken, daß sie vielleicht, wenn sie sich dem Tode so nahe sähe, glauben möchte, einige ihrer Sünden dadurch abzukaufen, daß sie mir Enthüllungen machte, die ich nicht von ihr hatte erhalten können, als ich sie im Gefängniß besuchte. Ich begab mich also gegen fünf Uhr zu ihr. Ich fand sie von denselben Frauenzimmern umgeben, wie das erstemal und grade mitten in einer so heftigen Krisis der Verzweiflung, daß sie sogar nicht meine Ankunft gewahrte, ja der Art, daß ich, nachdem ich mich auf einen Stuhl, der hinter ihrem Kopfkissen stand, niedergelassen hatte, zugleich Augenzeuge von ihren Schreckensausbrüchcn und dem düstern Schauspiele war, das jene Frauenzimmer gaben, deren auch nicht Eine, auf die Gefahr, sich selbst zu verdammen, an sie ein einziges Wort religiösen Trostes zu richten gewagt haben würde. – »Marie«, sagten sie, »du bist besser, du wirst leben; der Arzt ist zufrieden; Marie, du bist noch so jung und die Stärke deiner Natur wird das Uebel besiegen; wenn du dich so erhitzest, gibst du ihm die Herrschaft über dich« ... Ich, als Diener Gottes, der ich meinen Mitmenschen die Stimme seiner Wahrheit vernehmen lassen soll, konnte es nicht ertragen, der schweigende Mitschuldige bei diesen gefährlichen Lügen zu sein; somit erhob ich mich und sagte zu den Frauenzimmern: »Fort von diesem Lager, feige Kreaturen, die ihr eure Freundin nur hintergeht! Marie kommt nicht davon, der Arzt hat es mir gesagt, und wenn ihr noch einige wenige Augenblicke vergönnt sind, dringend genug, um endlich an die Ewigkeit zu denken, so ist sie doch für diese Erde schon so gut wie gestorben, an die sie zu fesseln ihr euch vergebens abmüht! Man lasse mich allein mit ihr.« – »Nein! nein!« schrie Marie. – »Ich befehle es«, fügte ich mit dem Ton der Amtswürde hinzu, und die Frauenzimmer zogen sich in das anstoßende Gemach zurück. »Du liegst im Sterben«, fuhr ich fort, als wir allein waren, »aber du hast noch Kraft, Marie, und dein Geist ist noch gegenwärtig. Das ist eine Wohlthat von oben; willst du sie benutzen?« – Hierauf fragte sie, am ganzen Leibe zitternd, denn Schrecken allein konnte sie bändigen: »Was kann ich thun? ... Ich kann nicht beten, ich fürchte mich vor Gott.« – »Um so besser, denn eben jene Furcht ist eine gute Regung deiner Seele, die man bis zur Reue, dann zur Liebe und endlich bis zum Heil durch Jesum Christum steigern muß.« – Und ohne ihre Antwort zu erwarten, sprach ich ein Gebet, worin ich mich bemühte, der Dolmetscher und gleichsam der Botschafter der Gefühle und der Wünsche zu sein, die ich in ihrem aufgeregten Herzen voraussetzen konnte. Aber als ich geendet hatte und wieder meine Blicke auf das entstellte Gesicht dieser Unglücklichen fallen ließ, und darauf nur dieselben Züge des Schreckens und der Unempfindlichkeit wahrnahm, so hielt ich es dermalen für unnütz, in meiner Andachtserweckung fortzufahren und versuchte deshalb ihrer Seele von einer andern Seite beizukommen. »Warum, Marie«, nahm ich meine Rede wieder auf, »hast du so grausam jene beiden Damen verfolgt, die ich von dem erschrecklichen Abgrunde, worein sie zu stürzen du so behülflich warst, zurückgezogen habe, und wie ist es möglich, daß du in diesem entscheidenden Augenblicke in Rücksicht derselben keine Reue empfindest, keine Gewissensbisse?« – »Was soll ich Ihnen antworten?« sagte sie; »man hat mich gebraucht; ich selbst habe nichts gegen die Damen.« – »Wer hat dich denn gebraucht, und woher kam denn jener angebliche Brief des Grafen?« – »Es würde Ihnen doch zu nichts nutzen, wenn Sie es auch erführen; ich selbst aber würde noch eine Sünde mehr begehen, wenn ich diejenigen verriethe, die auf mich ihr Vertrauen gesetzt haben. Alles, was ich thun kann, ist, Ihnen zu wiederholen, daß man Sie täuscht: der Graf wird niemals wieder zum Vorschein kommen.« – »Aber ist er wenigstens vorhanden?« – »Ja, er ist vorhanden.« – »Und ist er selbst es, der den Brief geschrieben hat?« – »Sie fragen mich zuviel.« – »Du weißt jedoch das Wahre von der Sache?« – »Es kann sein.« – Das war Alles, was ich aus Marien herausbringen konnte, und das war doch nichts mehr, als was sie und der junge Herr mir schon zu verschiedenenmalen zu verstehen gegeben hatten. Nur hatte ich diesmal Grund, es für aufrichtiger anzuerkennen als früher, und ihre Aussage war mir um so schmerzhafter, als sie eine ebenso überraschende als unheimliche Uebereinstimmung mit der geheimnißvollen Phrase zeigte, die mich in dem Briefe der Mutter Rosa's so sehr erschreckt hatte. – Als ich wieder mein Zimmer betrat, erfuhr ich von Gertrud, daß sie, halb in der Weise verfahrend, über die wir miteinander übereingekommen waren, halb an die Thatsache einer nahen Abreise anknüpfend, indem sie diese den Ideen, welche Rosa noch am Morgen geäußert hatte, anpaßte, nicht allzu große Mühe gehabt habe, sie nach Wunsche zu stimmen, und zwar so gut, daß ihr Reisekoffer beinahe schon völlig gepackt wäre. Und da überdies die Gesundheit ihrer Freundin sich ganz sichtlich immer mehr gestärkt hätte, so fühlte sie jetzt weit mehr Festigkeit in sich, als da zum erstenmale von dieser traurigen Reise die Rede gewesen war. Diese Nachrichten verursachten mir wahre Zufriedenheit, weil es von Tag zu Tag immer unwahrscheinlicher wurde, daß irgend Jemand auf dem Wege wäre, um die Damen abzuholen, und weil nun das Erlöschen der Frist uns wenigstens, Gott sei Dank, in der Verfassung treffen würde, daß sie ihre erzwungene Reise unternehmen könnten. 52. Am Montag morgen brachten wir, mein Sohn und ich, vollends die Vorbereitungen zu dieser Abreise zu Stande, zumal diejenigen, welche sich auf die Kutsche bezogen, worin wir, mit Hülfe des Kutschers, ein recht bequemes und weiches Lager für Rosa herrichteten. Wir brachten darin auch Herzstärkungen und einige Süßigkeiten, die sie liebte, unter, sowie eine Flasche spanischen Weins nebst einem kleinen silbernen Becher, worauf mein Sohn die verschlungenen Namenszüge der Damen hatte graviren lassen, und den er ihnen als ein Andenken mitgeben wollte. Hierauf schickte ich auf die Kanzelei nach seinem Passe, während ich selbst eine Reihe von Besuchen bei meinen Pfarrkindern machte. Als ich aber von einem derselben gegen drei Uhr Nachmittags wegging, eilte mir eins der Miller'schen Kinder, das mich erblickt hatte, entgegen, um mir zu sagen, daß man es selbst, wie seine Brüder, nach allen Richtungen ausgeschickt hätte, um mich aufzusuchen und mir zu sagen, daß ich sogleich nach Hause kommen möchte. Ich fragte das Kind nach der Ursache der Botschaft, aber es wußte mir nichts darüber zu sagen, so daß ich meinen Schritt beschleunigte, um baldigst bei mir anzulangen, und dachte mir während dessen, daß wahrscheinlich die mit dem Abholen der Damen beauftragte Person angekommen sei, um sie nach Bremen zurückzubringen. Aber ich war noch nicht in meine Wohnung eingetreten, als ich schon am Fuß der letzten Treppe, die dazu führt, Anzeichen von Unruhe und Störung wahrnahm. Die Thür war offen, Leute rannten hin und her; die Alte, als sie mich gewahrte, rief meinem Sohne zu: »Da kommt er!« und dieser, der mir entgegeneilte, benachrichtigte mich, daß, als er wieder in's Haus getreten wäre, Gertrud ihn gerufen hätte, damit er einen Wundarzt hole; daß er sogleich zu denen geeilt wäre, deren Wohnung er wußte, ohne jedoch auch nur Einen in seiner Behausung anzutreffen, und daß er es für passend gehalten habe, für alle Fälle die Frau Miller den Damen zu Hülfe zu schicken. Ohne weiter etwas anzuhören, trat ich sogleich in Rosa's Zimmer. Es befanden sich darin der Wundarzt und die Frau Miller, die mir einen Wink gaben, kein Geräusch zu machen, während Gertrud, deren Gesicht verstört wie ihre Augen geröthet erschienen, den Umstand, daß ich die Thür offen gelassen hatte, benutzte, um schnell hinauszugehn. Rosa, die mich in diesem Augenblick gewahrte, rief mich mit sehr entkräfteter Stimme zu sich heran, und als ich neben ihr stand, sagte sie mir, indem sie ihren tiefen Schmerz bezwang, um mir eine Fassung des Geistes zu zeigen, die mir angenehm wäre: »Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt!« Hierauf erfuhr ich die Gewißheit des Unglücks, das ich vom ersten Augenblick an vorausgesehn hatte, und indem ich diese junge Mutter betrachtete, die so schnell wieder der Frucht beraubt war, welche ihre Seele so erfreut hatte, und auf die sich ihre Hoffnungen stützten, empfand ich die Schmerzen des tiefsten Mitleids. Vorzüglich ihr engelgleiches Bestreben, sanft, gelassen und ohne Klage zu dulden, erregte in mir ein so anerkennendes und so zärtliches Gefühl für sie, daß ich, bis ins tiefste Innere gerührt, ihr nur diese Worte sagen konnte: »Rosa, mein Kind, wenn die Hand des Ewigen jemals so schwer auf mir liegen sollte, wie sie jetzt auf dir ruht, so werde ich mich des Beispiels erinnern, das du mir in dieser Stunde gibst, und mich bemühen, es nachzuahmen.« – Indessen zerfloß die gute Miller in Thränen, und selbst der Wundarzt betrachtete mit einem Staunen voll Ernstes das Antlitz Rosa's, ganz erschlafft durch das Leiden, ganz gebrochen durch Verzweiflung und doch ganz gefaßt zu entsagen. So verweilte ich einige Augenblicke dort, und während der Wundarzt seine Vorschriften der Frau Miller ertheilte, die sich erboten hatte, bei Rosa zu wachen, machte mir diese ein Zeichen, mich über sie zu neigen, und sagte mir dann ganz leis ins Ohr: »Gehn Sie, wenn es Ihnen gefällt, guter Herr Bernier, und trösten Sie Gertrud.« – Hierauf drückte sie mit ihren brennenden Lippen einen Kuß auf meine Hand, die sie ergriffen hatte, um sie zu streicheln, und ich verließ sie. Indem ich aus dem Zimmer herausging, begegnete ich meinem Sohne, der meine Rückkehr benutzt hatte, um zu dem Polizeikommissär zu gehen und ihn von dem unerwarteten Unfall, der Rosa betroffen hatte, zu unterrichten, sowie auch die Kutsche eiligst abzubestellen. Da ich ihn gebeten hatte, mich mit Gertrud allein zu lassen, so harrte er auf der Schwelle, bereit, je nach den Umständen da oder dort beizustehen, oder der Alten im häuslichen Dienste Hülfe zu leisten. Ich fand Gertrud in so gewaltiger Verzweiflung, daß ich, anstatt sie, so begierig ich auch darnach war, zu fragen, was diesen unvermutheten Unfall bei Rosa hervorgerufen hätte, mich dabei gedulden mußte, sie aufzurichten, sie zu trösten und ihr endlich als Beispiel die Ergebung ihrer Freundin vorzuhalten. Aber alles, was ich ihr zu sagen vermochte, verfehlte seine Wirkung bei ihr, und sie wies ganz unverhüllt meine Ermahnungen als solche, die nichts über ihren beispiellosen Schmerz vermöchten, von sich. – »Es ist gar nicht das Kind, das ich beweine, Herr Bernier«, rief sie endlich aus, »es ist meine Rosa!« – und darauf mit verstörter Miene, nachdem sie sich erhoben hatte: »Eilen Sie ... eilen Sie ... doch nein! es ist besser, daß sie stirbt!« – und sie fiel wieder auf den Stuhl zurück. Wie unzusammenhängend auch diese Worte waren, so öffneten sie mir doch die Augen, und von diesem Augenblick an sah ich wirklich Rosa gleichsam im voraus unserer Liebe nächstens entrissen. Als Gertrud ein wenig beruhigt war, sagte sie zu mir: »Ich habe Rosa versprochen, Ihnen die Ursache von dem, was geschehen ist, zu verhehlen, und ich sollte dies, um Ihren Schmerz nicht zu vermehren, halten; aber ich fühle, daß man es als Mangel an Vertrauen zu Ihnen ansehen könnte, wenn ich mein Versprechen hielte. Sie werden sich also gegen sie den Schein geben, als wüßten Sie das nicht, was ich Ihnen jetzt sagen werde.« – Hierauf erzählte mir Gertrud, daß, während sie sich ruhig in ihrem Zimmer unterhalten hätten, der Briefträger an der Thür geklingelt und der Alten einen Brief übergeben hätte, indem er dabei sagte: »Er ist aus Deutschland«; daß Rosa, als sie dies Wort hörte, herbeigeeilt wäre, den Brief an sich genommen und ihn geküßt und geöffnet hätte; daß dann, je weiter sie las, sich Blässe und Schreck auf ihrem Gesicht dargestellt hätten, bis sie, auf der Seite zu Ende gelangt, einen Schrei ausgestoßen, den Brief weit weg geschleudert und alle Zeichen des heftigsten Schmerzes von sich gegeben hätte. In demselben Augenblicke wäre ein großes Leiden in ihr vorgegangen, und sie, Gertrud, hätte nur eben noch Zeit gehabt, sie in ihren Armen aufzufangen, sie auf ihr Bett zu bringen und meinen Sohn zu rufen, der sich allein in dem Hause befand, damit er schleunigst einen Wundarzt herbeischaffte. Einige Zeit nachher wäre die Frau Miller angekommen, die ihr Rosa hätte entkleiden helfen, und als sie diese eben in die gehörige Lage gebracht hätten, wäre der Wundarzt erschienen, um von ihnen zu erfahren, daß Rosa der Freude beraubt wäre, Mutter zu sein. – Nachdem Gertrud diesen Bericht beendet hatte, legte sie mir das Schreiben selbst vor, das diese Krisis veranlaßt hatte. Wie ich es sogleich an der Handschrift erkannte, war dieser Brief von der Mutter Rosa's und in folgenden Ausdrücken abgefaßt: »Ganz im Geheimen vor Deinem Vater, meine Rosa, und gegen seinen ausdrücklichen Willen, schreibe ich Dir diese Zeilen. Aber wie groß auch Dein Vergehn sei, so läßt Dein Schicksal Dich doch zu hart es büßen, als daß meine Gedanken sich von Dir abwenden könnten und mein Herz Dich in hülflosem Zustande lassen sollte. Wenn Dein Vater auf Dich, mein Kind, weniger erzürnt, und die Zeit über diese Schmach dahin gegangen sein wird, nicht um sie ganz auszulöschen, aber doch wenigstens, um sie zu mildern, so werde ich versuchen seine Verzeihung für Dich zu erlangen, und in der Hoffnung, daß es mir einst damit gelingt, mußt Du von jetzt an eine Linderung Deines Unglücks suchen. Ach, Rosa! arme Gemißbrauchte, wie hast Du so zu verkennen vermocht, daß Reinheit und Unschuld sogar schlechte Wächter der Keuschheit sind, und daß jedes junge Mädchen, das sie nicht einzig unter die Obhut der Urheber ihres Lebens stellt, sogleich verloren ist! Wir haben einen zweiten Brief von Herrn Bernier erhalten, der uns ankündigt, daß du Mutter bist! Dies ist für uns Alle eine schreckliche Erneuerung des Herzeleids und der Schmach gewesen. Auch bleibt Dein Vater düster und fest, und ich wage sogar nicht, ihn in diesem Augenblicke zu bitten, daß er von seiner Strenge so weit nachlasse, um zu erlauben, daß ich mich, wenn der Zeitpunkt Deiner Entbindung da ist, auf einige Zeit zu Dir begebe. Einstweilen findest Du hier die Papiere beigefügt, die Dir dazu dienen sollen, daß der Befehl der Abreise zurückgenommen werde, den Du von der Polizeibehörde erhalten hast. Du verdankst dies dem guten Herrn Bernier; beschwöre ihn in meinem Namen, Dich noch in seinem Hause behalten zu wollen, nachdem Gertrud, die man abzuholen im Begriff ist, Dich wird verlassen haben, und adressire die Briefe, die Du mir insgeheim zukommen lassen willst, an Gottlieb Köhler in Bremen, der davon in Kenntniß gesetzt ist. Empfange, meine Rosa, die Umarmungen Deiner trostlosen Mutter Karoline S.« Dieser Brief, der zu gleicher Zeit so unbegreiflich zärtlich und grausam war, machte mich selbst auf's äußerste bestürzt, und indem ich jene seltsamen Ausdrücke: »Schmach« und »Tochter, die verloren ist«, mit der Thatsache verglich, worüber mir Marie die bestimmte Versicherung gegeben hatte, nämlich, daß der Graf niemals wieder erscheinen würde, sah ich darin freilich für die arme Rosa eine solche Schmach, daß sich unwillkürlich in mir der Wunsch bildete, Gott möchte sie von dieser Welt wegnehmen, noch ehe sie Zeit gewänne, jene als solche zu erkennen, wenn es nicht schon ein dem meinigen ganz ähnlicher Vorausblick war, der ihr den plötzlichen Aufschrei entriß und in ihrem Innern in heftiger Weise die Frucht einer rechtmäßigen Liebe ablöste. Und so that ich denn, meine schrecklichen Zweifel in mir zurückhaltend, an Gertrud neue Fragen. Hierauf vertraute diese mir, daß dieser Brief sie selbst weit tiefer verwundet hätte, als Rosa; denn sie hätte, sagte sie, darin die von nun an deutlichen Zeichen einer Schmach ersehen, deren Erkenntniß für unsere Freundin der sichere Todesstreich sein würde, auch dann selbst, wenn sie ihn nicht durch den Verlust ihres Kindes empfangen hätte; daß, Rosa anbelangend, diese, abgesehen von einer oder zwei Anspielungen auf Thatsachen, die wir ihr verborgen, und worüber sie ihr eine annehmliche Erklärung gegeben, zwar grausam gelitten hätte, in Folge der übermäßigen Hartherzigkeiten in diesem Briefe, aber ohne sie dennoch irgend einem andern Beweggrunde zuzuschreiben, als der stolzen Strenge ihres Vaters gegen eine wider seinen Willen vollzogene Verbindung, und daß das, was ihr den Schrei der Verzweiflung entrissen hätte, eigentlich die Stelle wäre, worin gesagt wird: »nachdem Gertrud, die man abzuholen im Begriff ist, Dich verlassen haben wird.« – Obgleich mir diese Erklärung kund that, daß Gertrud eben so tief in das noch verschleierte Geheimniß des Schicksals ihrer Freundin eingedrungen war wie ich, so gab sie mir dennoch einigen Trost insofern, als ich, wenn es der Wille Gottes wäre, Rosa in kurzem von der Welt zu nehmen, ziemliche Hoffnung hatte, mit Hülfe Gertrudens, was auch sonst bis dahin vorfallen möge, ihrem schon gebrochenen Herzen die Qualen der Erniedrigung und den Trennungskampf von dem Bewußtsein der Reinheit, des Vertrauens und der Liebe, die sich durch eine plötzliche Enthüllung schnell in tödtlichen Schmerz und unheilbare Brandmale verwandeln würden, zu ersparen. Nach diesem Zwiegespräch ging Gertrud wieder zu ihrer Freundin, und ich setzte meinen Sohn, der nun zu mir herein kam, von allem, was ich soeben gehört hatte, in Kenntniß. Der arme Junge bedurfte dieser Mittheilung gar nicht, da er schon voll Betrübniß war; denn in der Apotheke, wohin er eiligst gelaufen war, um das Recept des Wundarztes hinzubringen, hatte der junge Mensch, welcher die Arzenei bereitete, geäußert, daß die junge Dame wohl sehr gefährlich krank sein müßte, weil man sich zur Anwendung solcher Ingredienzen, als die Zusammensetzung dieser Arzenei erforderte, genöthigt sehe; und als er auf dem Heimwege dem Wundarzte begegnet war, hatte dieser ihm nicht verborgen, daß der Zustand Rosa's von der bedenklichsten Art wäre, und wenn man die Erschöpfung ihrer Kräfte und die Heftigkeit des Unfalles in Betracht ziehe, so hege er wenig Hoffnung sie zu retten. Dies Alles bestätigte mich in der Ueberzeugung, daß Rosa von Stund an für diese Welt verloren wäre, und ich bereitete mich auf die traurige Pflicht vor, ihr bald die Augen zu schließen. 53. Am folgenden Tage, Mittwochs, erfuhr ich am frühen Morgen durch die Frau Miller, die ich beauftragt hatte, zu jeder Stunde der Nacht in mein Zimmer zu kommen, um mich, wenn es nöthig wäre, von dem Zustande Rosa's zu benachrichtigen, daß diese eine zwar schmerzlose, aber nichtsdestoweniger unheilverkündende Nacht gehabt hätte. In der That, die Mittel des Wundarztes hatten gar nicht angeschlagen, und in Folge des Zusammenwirkens verschiedener unglücklicher Umstände, wovon der Wundarzt gesprochen, hatten ihre Kräfte von Stunde zu Stunde immer mehr abgenommen, während eine zunehmende Blässe in ihrem Gesicht die Herrschaft gewann. Da dieser Zustand von einem Augenblick zum andern aufs äußerste gedeihen konnte, so schickte ich meinen Sohn, der sich am vorhergehenden Abende gar nicht niedergelegt hatte, um in größter Eile den Arzt herbeizuholen, und kleidete mich indessen an, während er diesen Auftrag zu vollziehen ging. Als der Wundarzt angekommen war, traten wir mit einander in das Zimmer ein. Die weiße Farbe Rosa's machte auf mich einen erschreckenden Eindruck. Sie nahm mich bei der Hand, um sie zu streicheln; dann sagte sie mit dem Ton unaussprechlicher Sanftmuth: »Die Bemühungen des Herrn, wofür ich ihm danke, sind von nun an überflüssig; er erweise mir also die Gunst, sie nicht fortzusetzen und mir nur sein Wohlwollen zu bewahren. Ich habe noch wenige Augenblicke zu leben, und diese wünsche ich anwenden zu können. Zwischen Gertrud und mir ist alles in Richtigkeit gebracht; ich werde sie erwarten. Zwischen mir und Gott ist noch nicht alles im Reinen. Ich flehe Sie um Ihren Beistand an, Herr Bernier.« – Auf diese Worte machte der Wundarzt Miene, sich zu entfernen. – »Thun Sie das nicht aus Bescheidenheit«, sagte sie zu ihm: »Ihre Gegenwart ist mir werth.« – Hierauf setzte er sich, und ich begann ohne Zögern mit tief ergriffenem Herzen den Gottesdienst für Sterbende, den ich mit einem Gebet beschloß, in welchem ich absichtlich jede Bitte um Rückkehr der Gesundheit ausließ, weil dies nur zur Folge gehabt hätte, dieses unglückliche Wesen wieder an das Leben zu ketten; vielmehr sollte sie ausschließlich ihre Blicke auf jene glückselige Ewigkeit hinrichten, die zu verkünden und deren Verheißung zu besiegeln unser Erlöser auf Erden erschienen ist. Ich selbst, voll des Wunsches, daß diese Unglückliche, deren irdisches Leben, so kurz und so schmerzreich, im Begriff war, in Hülflosigkeit und unter Widerwärtigkeiten zu erlöschen, der Wiedervergeltung theilhaftig werde, genoß in diesem Aufschwunge zu einer bessern Welt jene trostreiche Befriedigung, deren uns zu vergewissern die Religion allein die Macht hat. Als ich geendet hatte, sprach Rosa ruhig und voll Heiterkeit also: »Die Empfindungen, die Sie hier ausgedrückt haben, Herr Bernier, sind die einzigen, welche in dieser feierlichen Stunde mein Herz erfüllen; aber es drängt mich, vor Ihnen und vor diesen mir freundlich gesinnten Personen hinzuzufügen, daß ich aufrichtige Reue fühle über alle die Sünden, deren ich mich schuldig gemacht, und die schmerzlichsten Gewissensbisse über den Fehler, den ich vor Gott und den Menschen begangen habe, indem ich mich gegen das väterliche Ansehn und die väterlichen Rechte auflehnte, und mich heimlich vermählte ... Ich bitte dessenwegen Gott um Vergebung und flehe seine Barmherzigkeit an ...« Hier hielt Rosa, wie erschöpft durch diese Anstrengung, inne, jedoch indem sie ein Zeichen gab, daß sie mit ihrer Rede noch nicht zu Ende sei. Nach einigen Augenblicken begann sie wieder: »Ich habe eine unvergleichliche Freundin, ich habe eine glückliche Jugend gehabt, und es ist erst vier und einen halben Monat her, daß meine Strafe für mein Vergehn begonnen hat. Gottes Güte hat es gefallen, diese Strafe nicht allein zu mildern, ja sie zu heiligen, indem er mir Herrn Bernier zum Beschützer, zum Führer und zum Freunde gab, sondern ihr auch eine solche Wendung zu geben, daß ich heute das Leben, wenn nicht mit Freudigkeit, doch zum wenigsten ohne Bedauern verlasse. Ludwig ist mir entweder in den Himmel vorausgegangen, oder er hat mich ganz vergessen. Meine Eltern, die mir jetzt ihre Verzeihung versagen, werden sie mir, sobald ich nicht mehr bin, bewilligen. Ich befreie durch meinen Tod meine getreue Gertrud von einem Schicksale, welches das ihrige unvermeidlich vom rechten Wege abgelenkt haben oder ihm ein Hinderniß gewesen sein würde. Endlich hat mein Kind, welches mich einen Augenblick lang von neuem mit der mächtigsten Freude berauschte, noch ehe es selbst geboren worden, zu leben aufgehört. So, meine Theuren, die ihr hier mein Schicksal beklagt, wenn ihr einiges Vertrauen in diese Bekenntnisse setzt, die ich hier am Rande des Grabes ablege, bewahret mir das Mitleid der Liebe und die Vorrechte des Andenkens, aber hört auf, über das zu trauern, was mir geschieht; preiset vielmehr Gott mit mir deshalb, daß er mich zu sich nimmt, mich, die befriedigt ist, gelebt zu haben, satt dieser Welt, seiner Barmherzigkeit gewiß und auf seine Verheißungen bauend.« – Nachdem sie so gesprochen hatte, winkte Rosa dem Wundarzt und der Familie Miller, an ihr Bett heranzutreten, und als sie von einem jeden von ihnen einen Kuß empfangen hatte, verabschiedete sie diese, um nur Gertrud und mich in dem Zimmer zu behalten. Da ich jedoch an dem Erschlaffen ihrer Hand, in welcher sie fortwährend die meinige gehalten hatte, gewahr wurde, daß sie dem Einschlummern nahe war, so machte ich die meinige sanft von der ihrigen los und setzte mich neben die arme Gertrud nach dem Fenster zu. Nach ungefähr zwei Stunden veranlaßte uns eine Bewegung, zu ihr zu eilen: sie war in der That erwacht. Als sie uns erblickte, glitt über ihre Lippen ein Hauch von Lächeln, und sie suchte, ihrer Gewohnheit gemäß, nach unsern Händen, um sie zu streicheln. Dann sagte sie zu mir mit einer Stimme, die man kaum hörte: »Ich möchte gern auch von Ihrem Sohn Abschied nehmen.« – Ich rief ihn; er erschien. – »Sie sind«, sagte Rosa zu ihm, »der würdige Sprößling Ihres guten Vaters, und ich bin Ihnen, wie ihm, alle Art von Dankbarkeit schuldig. Wenn meine Blässe Sie nicht abschreckt, so geben Sie mir den letzten Kuß.« – Nach dieser Anstrengung schloß Rosa wiederum die Augen, ohne unsere Hände fahren zu lassen und entschlummerte sanft. Da sich nach einer halben Stunde ihr Athmen nicht mehr vernehmen ließ und uns ihre Hände zu erkalten schienen, neigte sich Gertrud über sie, um sie in ihre Arme zu nehmen und mit ihrer Wärme zu erwärmen; aber fast gleichzeitig sank sie, nachdem sie einen lauten Schrei ausgestoßen hatte, wie entseelt neben ihre Freundin hin. Rosa hatte zu leben aufgehört. So geschah es denn nach einer gütigen Bestimmung der Vorsehung an demselben Tage, wo Rosa hatte abreisen sollen, um wieder zu einer Familie zurückzugehn, die sie hart von sich stieß, daß sie ihren Flug von der Erde nahm, um geheiligt in den Schooß Gottes zurückzukehren. Sicherlich war von beiderlei Abscheiden das letztere bei weitem vorzuziehn; und aus diesem Umstande, worin sich eine höhere Fürsorge glänzend kund gab, schöpfte ich die erste Linderung des Schmerzes, der meine Seele darnieder gebeugt hatte. 54. Als Gertrud wieder zu sich gekommen war, versuchte ich mit ihr über diesen so heitern Tod, diese so hülfreiche Befreiung zu sprechen, über jenes Wort, das sie selbst geäußert hatte: »Es ist besser, sie stirbt!« – Aber das war noch zu früh: diese Worte verwundeten sie, und sie wies sie durch Geberden von sich. An ihrer Freundin ruhend, die sie unablässig in ihren Armen hielt, lächelte sie ihr bald zu, als ob Rosa noch lebte, sprach mit ihr, verschwendete alle Beweise einer Zärtlichkeit ohne gleichen an sie; bald fiel sie, nachdem sie dieselbe mit den liebevollsten Namen angerufen hatte, in die Ausbrüche einer irre redenden, verzweiflungsvollen Trauer, um bald darauf in stummem Seufzen oder düsterer Betäubung zu verharren. »Gertrud«, sagte ich endlich zu ihr, in der Absicht, sie aus diesem Zustande zu reißen, indem ich ihr vorstellte, daß sie Verpflichtungen gegen die Todte zu erfüllen habe: »Sie wissen, es gibt Begräbnißgebräuche, die man erfüllen muß; halten Sie es für gut, daß ich die Frau Miller holen lasse, um Ihnen zu helfen?« – »Nein! nein! ich bitte Sie dringend, unterlassen Sie das!« antwortete sie mir mit den Geberden des Abwehrens. »Ich selbst werde ihren Körper in die gehörige Lage bringen; ich will allein bei ihr wachen; allein will ich die letzten und geheimen Wünsche meiner sittsamen Freundin vollziehen!« – Ich verließ hierauf Gertrud, um unter dem Linnenzeug meiner Hauswirthschaft das feinste auszuwählen, so wie das, was sich für die Anwendung, die sie davon machen wollte, eignen würde, und kehrte darauf zu ihr zurück. Während dieser kurzen Abwesenheit hatte sie die Haarflechten Rosa's aufgelöst, so daß die Wellen ihrer langen Haare ihr Lager ganz überfluteten, und ich bemerkte zugleich, daß der Trauring von ihrer Hand verschwunden war. Gertrud nahm schweigend das Linnenzeug an sich; dann bat sie mich, nachdem sie mich sanft an das Bett hingezogen hatte, damit ich ihrer Freundin noch eine Liebkosung ertheilte, sie allein zu lassen, indem sie mich belehrte, auf eine gewisse Weise zu klopfen, wenn ich ins Zimmer wollte, um dadurch zu vermeiden, daß irgend jemand sonst hineinkäme. Als ich Gertrud verlassen hatte, begab ich mich zu meinem Sohn, und gegen Abend erhielten wir einen Besuch vom Juwelier Durand. Dieser redliche Mann, ganz durchdrungen von der Trauer, die ich hatte empfinden müssen, kam, mir seine aufrichtige Theilnahme zu bezeigen, und fügte hinzu, daß er, weil ich bei der Verlassenheit, worin Rosa gestorben wäre, wohl wünschen könnte, es möchten einige Personen, anstatt der fehlenden Verwandten, sie zur letzten Ruhe geleiten, gern hätte einer der Ersten sein wollen, um mir seine Dienste zu diesem Zwecke anzubieten. Ich gab ihm zu erkennen, welche Befriedigung mir sein Anerbieten, ohne mich zu überraschen, verursachte, und alsbald gingen wir auf den Gegenstand über, worauf der Zweck seines Erscheinens ganz natürlich leitete. Es fand sich, daß mein Sohn schon alle Vorbereitungen zu dem Begräbnisse getroffen hatte. Und da er uns mittheilte, daß Miller an diesem Nachmittage sogar so gefällig gewesen war, seine Arbeit zu unterbrechen, um mit ihm zu dem Civilbeamten zu gehen und als Zeuge zu dienen, damit die Papiere betreffs des Todes Rosa's ausgefertigt werden könnten: so kamen wir mit einander überein, daß mein Sohn ihm den Vorschlag thun sollte, mit uns dreien gemeinschaftlich an der Stelle eines Verwandten am Tage des Leichenbegängnisses den Sarg zu begleiten, und wollten, wenn jener dies annehmen sollte, es hierbei bewenden lassen. – »Und so wird denn«, fügte ich hinzu, »dieser bescheidene Zug blos aus vier Männern bestehen, die in verschiedener Weise der armen Rosa während ihrer Verbannung zu Genf ihre Theilnahme bezeigt haben, und ich glaube nicht, daß es ihrer Freundin angenehm sein würde, ihn durch gleichgültige Personen vermehrt zu sehen.« Nachdem dies festgesetzt war, unterhielt ich Herrn Durand und meinen Sohn von den zugleich rührenden und tröstlichen Umständen, welche die letzten Lebensaugenblicke Rosa's begleitet hatten; und als ich an jene Regung des Dankgefühls kam, die sie bewogen hatte, meinen Sohn herbeirufen zu lassen, ergriff dieser das Wort, um unter Thränen zu erklären, daß ihn niemals ein schöneres Zeugniß so zu dem Verlangen entflammt hätte, sich dessen würdig zu machen, und daß diese Auszeichnung, die ihm Rosa hätte angedeihen lassen, indem sie von seiner Freundschaft den Kuß des ewigen Lebewohls zu empfangen wünschte, für ihn einen Reiz und einen Werth hätte, welche seine Trauer überböten und seine Betrübniß in den Hintergrund drängten. Als Herr Durand uns verlassen hatte, sahen wir Miller und seine Frau ankommen. Beide erschienen, um mit uns zu klagen und mir ihre Selbstvorwürfe kund zu thun, die sie sich seit dem Abend unserer Rückkehr von Versoix unaufhörlich machten, weil sie sich da so hartherzig und verletzend gegen diese engelgleiche junge Dame bezeigt hatten. – »Was das anbelangt«, sagte ich zu ihnen, »so habe ich es euch schon längst verziehen, denn bald den Tag darauf habe ich erkannt, welcher falsche Schein bewirken mußte, daß ihr so handeltet, wie ihr gehandelt habt; und um euch den Beweis zu liefern, daß ich nicht den geringsten Groll deshalb gegen euch hege, und euch zugleich die Gelegenheit zu geben, auch die letzte Spur eures damaligen verletzenden Benehmens durch ein Zeichen liebevoller Achtung zu verwischen: so bitte ich Euch, Miller, als der Vierte mit Herrn Durand, meinem Sohn und mir, an Verwandtenstelle Rosa's Leiche zu begleiten.« Ueber diesen Antrag gab Miller eine freudige Rührung zu erkennen und dankte mir mit Wärme, daß ich ihm die Ehre erweise, bei solcher Veranlassung an ihn zu denken. Gegen zehn Uhr ging ich selbst, um Gertrud einige Abendkost und Licht zu bringen. Ich fand sie still weinend neben dem Bett sitzen, und indem ich sie wiedersah, konnte ich nicht umhin, mich auch von neuem dem Schmerze zu überlassen. Als ich jedoch Rosa wieder erblickt hatte, deren Antlitz, obwohl so weiß wie das Laken, in das sie gehüllt war, doch einen unaussprechlichen Ausdruck heiterer Sanftmuth und seliger Zufriedenheit zeigte, so sagte ich, während ich mich niederbeugte, um meine Lippen auf ihre eisige Stirn zu drücken: »Theures Kind! wie klar bezeugt dein Antlitz, daß du in dem Herrn gestorben und nun zu seinem Frieden eingegangen bist! Ach, als ich dich noch unlängst mit meinen Vermahnungen betrübte, war ich noch weit davon entfernt, deine wahre Seele zu kennen und zu wissen, daß du, trotz der Größe deines Vergehens, doch noch den vollen Schmuck der heiligsten Unschuld trugst, wie unter diesem gebrechlichen Aeußern alle Stärke christlicher Frömmigkeit!« – Dann wandt' ich mich gegen Gertrud und sagte: »Meine sehr geliebte, meine theure Tochter (denn Sie selbst sagten mir dieser Tage, ich habe es nicht vergessen, daß Sie es im Herzen wären) – lassen Sie uns zu unsern Thränen des Schmerzes die der Freude und des Trostes mischen, daß nun unsere Rosa erlöst und glücklich ist und sich von jetzt an unter einem Schutze befindet, der ihr niemals entgehen wird. Denn mögen sich jetzt auch die Schmähungen der Bösen erheben, mögen vor allem die schrecklichen Enthüllungen, die Aufdeckungen unbewußter Schmach, unverdienter Schande laut werden: sie ist ihnen auf immer entrückt durch die offenbare Fürsorge dessen, der über diesen Engel wachte. Ach nein, Gertrud, im Namen Rosa's selbst, keine Bitterkeit, kein Murren! und wenn wir nicht des Vorbildes, das sie uns gegeben hat, unwürdig sein wollen, so finde nur Trauer, und zwar durch Dankbarkeit gemilderte, in unseren Herzen Statt!« – Gertrud war zu tief erschüttert, um mir durch Worte bestätigen zu können, daß ihr mein Zuspruch Trost gewährte; aber sich einer Weise bedienend, die ihr jetzt mehr zu Gebot stand, hatte sie ihre Thränen zurückgehalten, um meine Rede anzuhören, und die Hingebung, mit der sie sich meinen sanften Liebkosungen überließ, war mir ein Zeichen, daß sie sich mit meinen Gefühlen in Einklang setzte. Nachdem wir eine Weile still geschwiegen hatten, benachrichtigte ich Gertrud, daß ihre Trennung von der sterblichen Hülle ihrer Freundin übermorgen, als am Donnerstage, gegen Mittag stattfinden, und daß ich zu der Zeit nach dem Gebrauch unserer Kirche einen kleinen Todtengottesdienst in Gegenwart der übrigens sehr wenigen, zu der Bestattung eingeladenen Personen abhalten würde; außerdem müßte sie gestatten, daß bald morgen früh Rosa in ihrer letzten Behausung untergebracht werden dürfe, und daß bei dieser traurigen Verrichtung ihr durchaus die Mithülfe von irgend Jemandem nöthig sein würde. Hierauf nannte mir Gertrud die Frau Miller als diejenige Person, von welcher sie am liebsten diesen Dienst annehmen wollte. Dann sagte sie, auf einen andern Gegenstand übergehend: »Ein Wunsch meiner Rosa, der gewissenhaft erfüllt werden muß, ist, daß niemals ihre Mutter durch irgend wen erfahre, daß der Brief, den sie ihr geschrieben hat, die Veranlassung zu ihrem Unfall und die Ursach ihres Todes gewesen ist. Ich beschwöre Sie also, bester Herr Bernier, da Sie doch gewiß so bald als möglich an die Eltern Rosa's schreiben werden, daß Sie in Rücksicht auf diesen Wunsch die Umstände so darzustellen suchen, daß jener nicht einmal eine Ahnung von dem Wahren in den Sinn kommt. Sollte es Ihnen widerstreben, in diesem Punkte den Wunsch Rosa's zu vollziehn, dann vertrauen Sie mir die Sorge dafür an, und ich werde noch in dieser Nacht schreiben.« – »Haben Sie keine Furcht«, erwiederte ich ihr; »ich werde in diesem Punkte wie in allen übrigen der getreue Vollstrecker des durchaus kindlich liebevollen Wunsches Rosa's sein, und es soll nicht an mir liegen, daß diese unglückliche Mutter niemals erfahre, sie habe unbewußt und indem sie nur liebevoll zu handeln glaubte, ihr Kind hingeopfert.« Hierauf sagte Gertrud, an diese letzten Worte anknüpfend: »Ach, lassen Sie uns dieser unglücklichen Mutter vergeben, die, obgleich sie wußte, was wir soeben erst kaum durchschaut haben, nämlich die unheilbare Schande ihrer Tochter, dieser dennoch so weit verzeiht, daß sie es wagt, und zwar gegen den Willen der unerbittlichen Tyrannei eines herzlosen Gatten, das schmachvolle Vergehn, dessen sie sie mitschuldig hält.« ... Hierauf sprach sie mit dem plötzlich hervorbrechenden Tone rachevollen Hasses: »Heben wir unsere Verwünschungen für den auf.« ... Aber der Unwille, der Abscheu bei der Vorstellung der Entehrung und die Bemühungen, ihren Schauder und ihre Aufregung zu unterdrücken, verhinderten sie, fortzufahren, und ich sagte zu ihr: »Gertrud! wenden wir unsere Gedanken von diesem Menschen ab, sonst würden nur haßvolle Erinnerungen jene himmlische Heiterkeit Rosa's in ihren letzten Augenblicken stören. Was kümmert sich jetzt unsere Freundin darum, daß ein Unmensch diese nur für die Erde bestimmte Hülle entehrt hat, da die unsterbliche Seele, die sie einschloß, zum Himmel aufgeschwebt ist, rein, wie die reinsten, und keusch, wie die keuschesten?« – Diese Worte schienen sich auf das schmerzlich berührte Herz Gertrudens gleich einem heilungsvollen Balsam auf eine brennende Wunde zu legen; so daß sie, mit sichtlicher Erleichterung meiner Meinung, die ich soeben geäußert hatte, beitretend, den Trauring, der auf dem Tische dalag, ergriff und ihn mir mit den Worten übergab: »Nehmen Sie ihn an sich; versprechen Sie mir, ihn zu zerstören, und niemals mehr hinfort – ich empfinde wie Sie dies Bedürfniß – niemals mehr soll weder der Name dieses Menschen, noch irgend ein Wort, das ihn betreffen könnte, wieder meine Lippen beflecken.« Gegen elf Uhr, nachdem ich Gertruden bedeutet hatte, daß mein Sohn die Absicht hätte, selbst in dem Eßzimmer wach zu bleiben, um zu ihrem Dienste sogleich bei der Hand zu sein, und auch um zu verhindern, daß sie sich dem Eindruck völliger Verlassenheit preisgegeben sähe, verließ ich sie, um einige Ruhe zu genießen. 55. Mit Tagesanbruch rief ich meinen Sohn, um mir Nachricht über Gertruden zu geben. Er sagte mir, daß Gertrud gegen zwei Uhr, von Müdigkeit besiegt und in der Besorgniß, der Schlaf möchte sie überraschen, die Thür ein wenig geöffnet und ihn gebeten hätte, einige Augenblicke bei ihr zu verweilen, und daß, da sie sich absichtlich des Gesprächs mit ihm enthalten, nachdem er in das Zimmer getreten war, sie kurz darauf in dem Lehnsessel eingeschlummert wäre. Gertrud sei dann, nach etwa einer halben Stunde, wie durch die Wirkung eines beängstigenden Traumes aus dem Schlummer erweckt, emporgefahren und hätte sich in einer Art von Geistesverwirrung dem Ausbruch einer glühenden Verzweiflung überlassen. Hier allein hätte er sich ihr genähert, um ihr Trost einzuflößen, indem er ihr bald das traurige Schicksal vorhielt, dem Rosa in dieser Welt anheimgefallen wäre, bald das Glück, dessen sie sich jetzt im Himmel erfreute. Endlich hätten sie sich weiter unterhalten bis gegen die ersten Vorboten der Morgendämmerung; dann hätte ihn Gertrud, ehe er sie verließ, an das Bett der Todten geführt, damit er noch ein letztesmal ihre Freundin sähe und sich mit ihr der stillen Heiterkeit erfreute, die über die Züge derselben ausgebreitet lag. Sobald ich aufgestanden war, ging ich daran, den Eltern Rosa's zu schreiben, um ihnen die traurige Nachricht von dem Tode ihres Kindes anzukündigen. Indem ich ihnen diesen Tod und die Ursachen, die ihn beschleunigt hatten, als die Wirkungen eines zufälligen unglücklichen Ereignisses darstellte, nahm ich diese Gelegenheit wahr, sie darüber zu belehren, daß mich Rosa in nichts, was sie selbst betraf, je im geringsten getäuscht hätte; daß, wenn ich auch in der That ganz vor kurzem zu halben Enthüllungen gelangt wäre, die mich dahin brächten, an der Gültigkeit ihrer Ehe zu zweifeln, sie selbst doch, Dank dem Himmel! aus dieser Welt gegangen wäre, ohne daß ein einziger dieser Zweifel ihre Seele berührte; sie habe ganz im Gegentheil von selbst und ohne anzustehn die strengen Aeußerungen, die sich in den Briefen der Ihrigen fänden, sich so ausgelegt, als bezögen sie sich ausschließlich nur auf das Vergehn, worüber sie sich unaufhörlich Vorwürfe gemacht hätte, nämlich, daß sie sich ohne ihre Beistimmung und Theilnahme habe verheiraten können. Diesen Bemerkungen fügte ich dann noch Einzelnheiten über Umstände bei ihrem Sterben und über die erbauliche und christliche Ergebung in ihren letzten Lebensaugenblicken hinzu. Dann schloß ich mit Tröstungen, denen ich insbesondere eine solche Wendung gab, daß sie der armen Mutter Dienste leisten sollten. Als ich den Brief geendigt hatte, ging ich, ihn Gertrud lesen zu lassen, welche ganz und gar die Weise der Abfassung billigte, so daß ich ihn meinem Sohn übergab, um ihn in den Briefkasten zu stecken. Unterdessen hatte sich das Gerücht von Rosa's Tod mit großer Schnelligkeit in der Nachbarschaft verbreitet und auf das boshafte Geschwätz der Klatscherei folgten plötzlich Theilnahme, Mitleiden und Neugierde voll anständigen Wohlwollens. So hatte ich denn bald vom Morgen dieses Tages ab Besuch auf Besuch von meinen angesehensten Pfarrkindern zu empfangen und mit Verlegenheit, sogar von Seiten derjenigen, die sie noch unlängst getadelt hatten, das übermäßige Lob meiner gegen die arme Rosa bewiesenen Christenliebe anzuhören. Da ich dieser unbedachten Wechselfälle enthusiastischen Mitgefühls gewohnt bin, so war ich nur darauf bedacht, mich vor dem Herrn bei so vielen leichtgeäußerten Lobeserhebungen und unverdienten Ruhmesbeweisen zu demüthigen. Aber ich hatte auch die Freude, den Besuch von einigen Schlichtgesinnten meiner Heerde zu erhalten, von solchen, welche, ebenso frei von hartnäckigen Vorurtheilen wie von schlimmer Beurtheilungsweise, ihren Hirten ohne weiteres als einen Arbeiter im Weinberge ansehen, und ihm mit Einfalt Vertrauen in seine Bemühungen und gute Hoffnung für seine Absichten zu bezeigen wissen. Der Oheim jenes jungen Mädchens, welches mir mit Schluchzen gefolgt war, als ich von der Marie wegging, kam auch. Ich erfuhr von ihm, daß seine Nichte, nachdem sie in redlicher Weise mit den Lasterhaften gebrochen hatte, sich wieder etwas in gutem Rufe herzustellen begann, und daß er darauf rechne, noch ehe ein oder zwei Monate vergangen wären, sie seinen andern Arbeiterinnen beigesellen zu dürfen, ohne daß diese daran ein Aergerniß nehmen könnten. Ich drückte ihm meine Freude über diesen Umstand aus und forderte ihn auf, dies Kind alle Wochen einmal zu mir zu schicken, damit ich ihr in der Durchführung ihrer guten Vorsätze behülflich sein könnte. Endlich sah ich auch am Nachmittage die gute Dame von Versoix ankommen, und indem ich mich ihrer, der armen Rosa so freiwillig und so großmüthig erwiesenen Menschenfreundlichkeit erinnerte, fühlte ich einen großen Trost, meinen Thränen mit den ihrigen gemeinschaftlich freien Lauf zu lassen. Sie wollte auch Gertrud sehen, welche ich von der Anwesenheit dieser Dame benachrichtigen ließ; und als ich sie bei derselben eingeführt hatte, lud diese sie ein, zu dem Sarg heranzutreten, den sie halb öffnete, damit sie noch einen Kuß auf das Antlitz ihrer Freundin drücken könne. An diesem selben Tage kamen durch einen jener zusammentreffenden Umstände, die so gewöhnlich sind in den Wechselfällen dieser Welt, die Reisekoffer der Damen an. Sie waren auf meine Adresse von Zürich aus abgesandt worden. Ich ließ sie sogleich auf Gertrudens Zimmer bringen in der Voraussetzung, daß es besser wäre, den unvorbereiteten Eindruck, den sie bei dieser Wiedererstattung empfinden würde, zu wagen, während er sich jetzt noch mit andern, weit schmerzlicheren vermischte, als ihn auf Zeiten zu verschieben, wo er die schwer errungene Ruhe einer weniger beklagenswerthen Lage unterbräche. Sobald Gertrud in ihrem Besitze war, öffnete sie den einen, um daraus das Bildniß der Mutter Rosa's hervorzusuchen, und kaum hatte sie es gefunden, als sie mich bat, diese Koffer, deren Anblick sie mit Schauder erfüllte, wegbringen zu lassen und über alle darin enthaltenen Sachen zu Gunsten der Armen meines Sprengels zu verfügen, weil sie davon, so lange sie lebe, weder etwas tragen noch wiedersehen wolle. Sie ging darauf zum Sarg und legte das Bildniß Rosa auf das Herz, indem sie mir gestand, daß es ihr ein angenehmes Gefühl erweckte, sich unter dieser blos symbolischen Handlung die Wiederannäherung vorzustellen, nach der ihre Freundin so sehr verlangt hatte. – »Ich vereinige sie im Grabe«, fügte sie hinzu, indeß ihr Thränen über die Wangen rollten, »und keinen Tag werde ich verleben, ohne Gott zu bitten, daß er sie später im Himmel vereinige.« – Gegen Abend brachte man mir die Nachricht, daß die Marie am Verscheiden wäre, und daß, wenn ich ihr noch meinen geistlichen Dienst in ihren letzten Augenblicken erweisen wolle, ich nicht zögern dürfe, mich zu ihr zu begeben. Auf diese Berufung machte ich mich sogleich auf den Weg. Sobald ich in ihr Gemach getreten war, entfernten sich diesmal die Frauenzimmer ohne meinen Befehl, und ich befand mich mit der Sterbenden ganz allein. – »Wohlan, mein Kind«, sagte ich zu ihr, »hat der Anfall des Uebels und die Nähe des Todes endlich deine Seele überwältigt und dein Herz gezwungen, Rechenschaft von ihren Wegen zu geben?« Auf diese Frage antwortete sie nur mit undeutlichen Tönen der Angst und mit Geberden, die von Geistesverwirrung zeugten. Dann ergriff sie, da ich aufrecht neben ihrem Kopfkissen stand, meinen Arm und krampfte sich mit Schrecken daran fest. Ich wollte sie dadurch zu beruhigen versuchen, daß ich für sie betete; aber gleich bei den ersten Worten unterbrach sie mich mit dem Ausruf: »Ist es denn wahr, daß Rosa todt ist?« – »Ja«, antwortete ich ihr. – Hierauf erhob sie ein furchtbares Geschrei, welches die Frauenzimmer aus dem Nebengemache wieder herbeizog, und ich wohnte in Gemeinschaft mit diesen dem jammervollsten Schauspiele bei, das man auf Erden antreffen kann, dem nämlich eines sich auflehnenden, sündenvollen Geschöpfes, das sich ohne Vorbereitung und ohne Hoffnung gegen den König der Schrecken wehrt. Indessen wurden die Verzweiflungslaute immer schwächer und verloren sich bald in ein heiseres Röcheln. Und da ich erkannte, daß sie nahe am Verscheiden war, so sagte ich zu ihr: »Mein Kind, wende die letzten Minuten, die dir noch vergönnt sind, dazu an, um im Namen unseres Erlösers Jesu Christi dir Vergebung zu erflehen.« – Doch ohne auf diese Mahnung zu antworten, murmelte sie nur: »Judith, Judith!« – und eines der Frauenzimmer stürzte zu ihr hin: »Uebergib ihm ...« Hier erstarb die Stimme der Marie auf ihren Lippen, und sie verlor fast im selben Augenblicke das Bewußtsein. – »Was ist es«, fragte ich das Frauenzimmer, »was du mir zustellen sollst?« – Dieses führte mich hierauf in ein Nebengemach, wo es mir die Koffer des jungen Herrn zeigte, die dieser bei Gelegenheit seines letzten schnellen Aufbruchs hier schleunigst in Verwahrung gegeben hatte. Dann holte es aus einem Schrank ein Kästchen hervor und händigte mir dies mit den Worten ein: »Das ist hier, wovon mir Marie gestern Abend sagte, daß ich es Ihnen in dem Falle zustellen sollte, wenn es ausgemacht sei, daß die junge Dame gestorben wäre.« – Ich nahm dies Kästchen an mich und trug es mit mir nach Hause. Dort erwarteten mich Besuche; unter andern auch die einiger meiner Pfarrkinder, welche sich nach der bestimmten Zeit der Beerdigung erkundigen wollten, weil die Bewohner des Viertels, wie sie sagten, die Absicht hätten, die junge Dame zu geleiten, sowohl, um deren Gedächtniß zu ehren, als auch aus Achtung gegen mich selbst. Ich dankte ihnen für ihr Vorhaben und erwiederte ihnen, daß der Zug von meiner Wohnung aus um Punkt zwölf Uhr sich in Bewegung setzen würde. Als ich mich endlich allein befand, öffnete ich das Kästchen. Es enthielt mehrere Pakete voll Briefe. Kaum hatte ich einige davon mit flüchtigem Blick durchlaufen, als das ganze Geheimniß von Rosa's Schicksal enthüllt vor mir lag. Ich schauderte vor Entsetzen und sagte Gott aus tiefstem Herzen Dank, daß er sie zu sich genommen hatte. Dann verschloß ich das Kästchen wieder und stellte es an einen sichern Ort, die Eröffnung dieser Briefe auf gelegenere Zeiten verschiebend, um darin die Spur und gleichsam von Tage zu Tage den Faden der Kunstgriffe und der Ruchlosigkeit zu verfolgen, welche, nachdem sie Rosa umgarnt und verderbt hatten, nahe daran waren, auch Gertrud zu umschlingen und sie endlich gewaltsam in den Abgrund zu ziehen. 56. Am folgenden Tage begab ich mich zu Gertrud in's Zimmer, weil ich ihr die ersten Morgenstunden widmen wollte. Der Sarg war zugenagelt worden, und Gertrud saß daneben in dem Traueranzuge, den man ihr am Abend vorher gebracht hatte. Nachdem sie sich bei meinem Wiederanblick dem ersten Gefühl der Rührung hingegeben hatte, suchte sie diese zu bewältigen, um mir zu sagen, daß sie sich gelobt hätte, ihren Schmerz während dieses Tages der Bestattung zurückzuhalten. Dann öffnete sie ein Schubfach, woraus sie einen zusammengefalteten Brief nahm und mir ihn mit den Worten übergab: »Dies hat mir Rosa in der Nacht von Montag zum Dienstag in die Feder diktirt. Wenn ich dies Papier noch nicht vernichtet habe, wie ich es mit dem Trauringe gethan wünsche, so ist dies nur unterblieben, damit Ihnen die darin enthaltenen Zeilen bestätigen mögen, mit welcher Inbrunst Rosa denjenigen geliebt hat, der sie opferte, wie sie auch für uns die Bürgschaft sind, daß sie, fest überzeugt von seiner zärtlichen Liebe und daß er glücklich wäre, in das Grab gestiegen ist.« – Ich nahm den Brief, um ihn später zu lesen, indeß Gertrud fortfuhr: »Dieser Brief sollte, nach der Absicht Rosa's, von einer Locke ihrer Haare, die ich ihr auch wirklich abgeschnitten habe, begleitet werden. Aber sehen Sie, wie ich glaube darüber verfügen zu müssen: diesen Theil für Sie und für Ihren Sohn, mein theurer Herr Bernier; diesen hier, nicht stärker, nicht schwächer, für mich, und jenen dritten für ihre Mutter.« – Als ich diese schönen blonden Haare, noch vor kurzem der natürliche Schmuck des liebenswürdigsten Antlitzes, und heute eine dem Grabe im voraus entzogene Beute, wieder erblickte, konnte ich meine Bewegung nicht bemeistern, und jetzt war es an Gertruden, mir durch ihr gutes Beispiel wie durch ihre tröstenden Liebkosungen zu Hülfe zu kommen. Unterdessen begannen sich gegen elf Uhr schon viele Leute an den Zugängen des Hauses zu versammeln, und von Augenblick zu Augenblick kamen aus verschiedenen Straßen meines Kirchspiels anständig gekleidete Menschen an, die sich einfanden, um das Geleit zu bilden. Da ich wünschte, daß sich das auffallende Schauspiel dieser sonst schätzenswerthen Kundgebung nicht in die Länge zöge, und Miller und Durand schon in meiner Behausung angekommen waren: so beschloß ich die Zeit abzukürzen und den Augenblick des Abganges etwas zu beeilen. Nachdem ich also die beiden eben genannten Personen, dann meinen Sohn, die Dame von Versoir, die mich hatte bitten lassen, Gertruden in diesem schmerzlichen Augenblicke beistehn zu dürfen, die Frau Miller und die alte Aufwärterin in das Zimmer hatte eintreten lassen, ordneten sie sich zu einem Kreis in einiger Entfernung von dem Sarge; worauf ich stehend und mich auf die Rücklehne eines Stuhles stützend, zum Eingang in folgender Ausdrucksweise die Stellen der heiligen Schrift las, mit welchen man in unserer Kirche den Leichengottesdienst eröffnet: »Der Mensch, geboren vom Weibe, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe. Er gehet auf, wie eine Blume; dann schneidet man ihn ab, und er entfliehet wie ein Schatten, der nicht bleibt. »Ewiger, du hast meine Tage auf das Maß von vier Spannen verkürzt, und die Dauer meines Lebens ist vor dir, wie nichts. Wahrlich, jeder Mensch, der da lebt, ist nur ein Eitles! O Eitelkeit der Eitelkeiten! Alles ist hienieden Eitelkeit! Welches Vortheils genießt der Mensch von aller der Mühe, die er hat unter der Sonne? »Ich habe den Bösen in seinem Schrecken und grünen gesehn, wie einen grünenden Lorbeer, aber ich bin vorübergegangen, und er war nicht mehr; ich habe nach ihm gesucht und habe ihn nicht gefunden. »Du verwandelst den sterblichen Menschen zu Staub und sprichst: Sohn des Menschen, kehre zur Erde zurück! Denn tausend Jahre sind vor deinen Augen wie der gestrige Tag, der dahingegangen, oder wie eine Nachtwache, und du raffst sie hinweg wie das Wasser eines Regendaches. »Die Jahre unseres Lebens belaufen sich auf siebenzig, und wenn es hoch kommt, auf achtzig, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es nur Mühe und Arbeit gewesen. »Alles Fleisch ist wie das Gras, und der Ruhm des Menschen wie die Blume des Grases. Das Gras ist verdorrt, und seine Blume ist dahingesunken, aber das Wort des Herrn bleibet ewiglich!« Nachdem ich diese Worte verlesen hatte, fügte ich hinzu: »Dies sind die mit Wahrheit treffenden und mit Schwermuth ergreifenden Bilder, in welchen uns die heilige Schrift zugleich die Kürze unseres Lebens und das unvermeidliche Elend unseres kurzen Daseins vorstellt, und jenes unumstößliche Wort ist das einzige Brett der Rettung inmitten eines Oceans von Schmerzen. Empfindet ihr es nicht auch mit mir, meine geliebten Brüder, als eine Fülle von Wahrheit und Trost, zumal in dieser Stunde, wo wir für einige Augenblicke frei von unfern Sorgen und irdischen Geschäften, unsere Aufmerksamkeit ungetheilt auf das Schicksal einer jungen Dame richten, welche, plötzlich ergriffen in der Blüthe ihrer neunzehn Jahre, sich dennoch fest gegen den Stachel des Todes hat finden lassen, lächelnd bei dem Ruf des Höchsten und bereit vor ihm zu erscheinen! Ach, das ist hier Wohl ohne Zweifel die Blume, welche dahingesunken ist, aber nur dahingesunken auf dem Felde dieses Lebens, um dort für ewig wieder zu erblühen! »Auch will ich, meine geliebten Brüder, selbst an diesem traurigen Sarge, selbst angesichts der zärtlichen Freundin der Entschlafenen und auf die Gefahr hin, die eigenen Schmerzen wieder zu erwecken – denn ich habe diese junge Dame geliebt wie mein eigenes Kind – mich nicht betrüben, noch mich beklagen, sondern vielmehr mich darüber freuen, daß Rosa jetzt und auf immer diesem Thal der Thränen entflohen ist, versöhnt mit ihrem Gott und eine unsterbliche Bewohnerin des Aufenthalts der Seligen! Es ist wahr, wir haben sie verloren, aber es ist eben so wahr, daß, wenn wir das Murren des Fleisches bemeistern wollen, um durch die Augen des Geistes sehen zu können, wir nicht allein dazu genöthigt sein werden, den Wegen dessen, der sie zu sich gerufen hat, Beifall zu zollen, sondern wir werden auch von nun an eifriger darin sein, uns zum Sterben bereit zu halten, wie sie, um von heut ab zu Hoffnung und Frieden zu gelangen, die wir doch jetzt darüber in Verzweiflung sind, daß sie nicht mehr ist, oder in der Furcht schweben, ihr in kurzem zu folgen. »Flöße du selbst uns diese Neigungen ein, gütiger Gott; denn diese allein sind es, die dem Menschen, vom Weibe geboren, ziemen, ihm, dessen Dauer so kurz ist und der das Nahen des Todes nicht vernimmt. Möge diese Betrübniß uns nicht taub gefunden haben, noch diese Prüfung ungelehrig; möge insbesondere diejenige, welche hier unter uns, nach der Meinung der Welt, den größten Verlust erfahren hat, ihn sich nach deinem Worte zum größten Gewinne machen, indem sie sich durch das Andenken an ihre Freundin heiligt und mit festem Schritt auf dem Pfade wandelt, auf dem ihr jene vorausgegangen ist! Amen!« Als ich diese Anrede beendet hatte, näherten wir Alle uns Gertruden, um ihr unser liebevolles Mitleid zu bezeigen. Dann ließen wir sie mit der Frau Miller, der Alten und der guten Dame von Versoix zurück und begleiteten den Sarg, welchen wegzutragen nun die Träger kamen. Mein Sohn und ich gingen zuerst hinter ihm her; Durand und Miller folgten uns, und als wir die Allee durchschritten hatten, bildete sich hinter uns der Zug. Mit Dankgefühl erblickte ich darin den Polizeikommissär, viele meiner Amtsbrüder und fast die Gesammtheit meiner Pfarrkinder. Dieses ansehnliche Geleit reihte sich mit ebensoviel Anstand als in guter Ordnung zu einem langen Zuge, und das Ende desselben bewegte sich noch im Schatten der Häuser, als wir schon außerhalb der Thore der Stadt und unter den sengenden Strahlen der Sonne auf jene letzte Allee gelbwerdender Buchen zuschritten, welche nach dem Friedhofe führt. Bei der Rückkehr zog dieses ganze Grabgeleit an uns vieren vorbei, worauf wir uns zu der armen Gertrud hinauf begaben; und nach einer halben Stunde empfahlen sich Durand und Miller, um zu ihren Geschäften zurückzukehren. 57. Da nun auch für die Dame von Versoix die Zeit zur Abreise herangekommen war, so bat sie mich, indem sie zu dem Zwecke sehr annehmliche Gründe geltend machte, zu erlauben, daß Gertrud einige Tage mit ihr auf ihrem Landgute zubringen dürfe, in einem Aufenthalte, so abgeschieden, als sie es nur immer wünschen möchte. Was mich anbelangte, so hatte ich nichts dagegen einzuwenden, als die Betrübniß, mich von Gertrud getrennt zu wissen; diese aber gab ihr, indem sie der guten Dame ihren besten Dank bezeigte, zu erkennen, wie unmöglich es ihr wäre, ihr großmüthiges Anerbieten anzunehmen. Nicht ehe viele Tage verflossen wären, wolle sie ausgehen oder sich zerstreuen von dem ihr noch so gegenwärtigen Andenken an ihre Freundin, und jeder Gedanke, das Zimmer zu verlassen, wo sie beide, wo die Personen, die ihre gemeinschaftliche Familie geworden waren, zusammen gelebt hätten, wäre ihr für den Augenblick zu ertragen unmöglich. – »Zürnen Sie mir deshalb nicht, werthe Dame«, setzte sie hinzu, »und glauben Sie, daß, wenn bessere Tage wiederkommen sollten, Sie, nächst Herrn Bernier und seinem Sohne, diejenige Person sein werden, zu der ich am liebsten komme; denn, wie jene beiden, haben Sie meine Rosa geliebt, und kein falsches Gerücht, keine Verleumdung hat vermocht, Ihr gütiges Herz gegen sie zu erkälten.« – Hierauf umarmten sich Gertrud und die Dame zärtlich, und nachdem diese den Arm meines Sohnes angenommen, um die Treppe hinabzusteigen, die dunkel und unsicher zu betreten ist, gelangte sie bald auf die Straße, wo ihr Wagen sie erwartete. In Folge dessen, was Gertrud gesagt hatte, und um ihr die Erfüllung des Wunsches, den sie soeben beiläufig ausgesprochen hatte, sagte ich ihr, daß sie bis zu ihrer Abreise durchaus keine andere Wohnung betreten sollte, als das Zimmer, worin ihre Freundin die letzten Wochen ihres Lebens zugebracht hatte. Aber anstatt durch diese Versicherung befriedigt zu erscheinen, bezeigte Gertrud, sich an das Wort Abreise haltend, jede Art von Betrübniß. – »Ich sollte abreisen?« sagte sie; »ich sollte diese Orte verlassen! Ach, bannen Sie, bannen Sie, bester Herr Bernier, diese grausame Verpflichtung, an die schon der Gedanke mich vor Schrecken eisig erstarren macht. Wo kann ich jetzt, wo anders als hier und bei Ihnen, eine Ruhe genießen, die nicht von bitterem Schmerz erfüllt wäre, beraubt der Erinnerung, eine furchtbare Abgeschiedenheit! ... Kann ich nicht eine Pension erhalten, wie die, welche man Rosa aussetzte, wenigstens für den Augenblick, und für so lange Zeit, als Sie leben werden, Ihnen noch angehören? ... Kann ich nicht als Ihre Tochter gelten, Ihre Wirthschafterin sein, und zwar gegen den einzigen Lohn, daß ich denjenigen nicht zu verlassen brauche, der unser liebevoller Vater gewesen ist, daß ich mich bestreben darf, dem Gedächtniß meiner Rosa genug zu thun, mein eigenes Herz zu befriedigen, Ihnen das Leben zu erleichtern und Ihre alten Tage zu verschönern!« – Durch diese so unbefangenen und rührenden Bitten sah ich mich einer gefährlichen Bestechung ausgesetzt. Doch trocknete ich mir die Thränen ab und widersprach wenigstens durch Stillschweigen diesen Bitten, deren Endergebnis wenn ich sie zugestanden hätte, gewesen sein würde, mich zum Herrn und Besitzer des Kindes zum Nachtheil der Rechte ihrer eigentlichen Eltern zu machen, im Widerspruch mit dem fünften Gebote, dessen heiliges und unwidersprechliches Ansehn ich noch unlängst Gertruden zu Herzen geführt hatte. »Erwarten wir die Zukunft«, sagte ich endlich zu ihr, »anstatt im voraus über sie zu bestimmen; in dieser Stunde sind wir ebensowenig im Stande, weder etwas mit Ruhe, noch auch vielleicht mit Klugheit zu entscheiden. Wer sagt Ihnen, daß Sie nicht bald den Wunsch empfinden werden, Ihre wahre Familie wiederzusehen und diejenige Rosa's zu trösten? ... Denken wir also nur an die Gegenwart, die uns einander wieder nähert, und im übrigen lassen Sie uns nichts weder in Betreff der Zeit, noch des Willens Anderer, den wir noch nicht kennen, voraus bestimmen.« – Ich hatte meinem Gewissen viele Gewalt anthun müssen, um in so unbestimmten Ausdrücken über jedenfalls strenge Pflichten sprechen zu können, und nichtsdestoweniger sah ich wohl, daß diese Ausdrücke immer noch nur zu klar und bestimmt für die arme Gertrud waren, so daß von diesem Augenblick an sich zu ihrem schon an sich so beklagenswerthen Schmerze noch eine düstere Entmuthigung gesellte, deren Ursache die Furcht war, nächstens mein Haus verlassen zu müssen. Als ich mich noch bei Gertrud aufhielt, kam die Alte herein und übergab mir ein kleines Paket mit meiner Adresse, welches ich sogleich entsiegelte. Es enthielt die Ketten. Als sie Gertrud wieder erblickte, empfand sie jenes Gewirr süßer und schrecklicher Rückerinnerungen, die sich im Nu feindlich kreuzen, und indem sie eine der Ketten aufnahm, während ich das Billet las, das die Sendung begleitete, betrachtete sie dieselbe mit gerührtem Blicke. – »Gertrud«, sagte ich zu ihr, »ich war zu meinem großen Bedauern genöthigt gewesen, diese Ketten zu veräußern, um den dafür erhaltenen Preis dazu anzuwenden, die Kaufleute zu befriedigen, die einen Gerichtsbeamten beauftragt hatten, Sie zu belangen, und hier werden sie mir wieder zugestellt! ... Sie werden also, theures Kind, jene, die Sie eben in der Hand halten, für sich aufbewahren, diese hier soll dagegen in unsern Händen bleiben; und so hat sich denn das Sinnbild der Freundschaft, die uns mit einander und mit Rosa vereinigt, wiedergefunden.« – Darauf theilte ich ihr das Billet Durand's mit. Dieser ehrenwerthe Mann sagte darin in Ausdrücken, die ebenso zart empfunden waren, wie sein ganzes Verfahren von Großmuth zeugte, daß es ihm stets widerstrebt hatte, diese Ketten aus der Hand zu geben, und er den Grad meines Wohlwollens gegen ihn daran erkennen würde, wenn ich sie ohne alle Weigerung unter dem Namen eines kleinen Geschenkes zurücknehmen wollte. Ich konnte das Billet nicht zu Ende lesen, ohne daß mir die Stimme vor Rührung versagte, und Gertrud selbst zeigte Regungen einer sehr lebhaften Dankbarkeit. Hierauf sagte sie mir, daß sie schon am Morgen wohlthuende Zeichen einer aufrichtigen Theilnahme und unerkünstelten Empfindung in dem Wesen des Herrn Durand wahrgenommen hätte. Und als ich ihr dann auch sein ganz gleiches Benehmen mittheilte, dessen Gegenstand sie und Rosa ohne es zu wissen waren, so wie alles, was sonst noch den edlen Charakter, das gesunde Urtheil und das menschenfreundliche Gemüth des Herrn Durand in's rechte Licht stellte: sprach sie den Wunsch aus, ihn wieder zu sehen, um ihm selbst die Gefühle, von denen sie gegen ihn durchdrungen war, auszudrücken. – »Den ersten besten Tag«, antwortete ich, »ja sogar diesen Abend noch, mein Kind, denn wir sind ihm diese Aufmerksamkeit schuldig, werde ich ihn bitten lassen, uns seine Gegenwart zu schenken.« Gertrud äußerte hierauf das Verlangen, ein Marmordenkmal auf das Grab ihrer Freundin setzen zu lassen, theils um die Befriedigung zu empfinden, ihr eine Huldigung solcher Art darzubringen, theils weil sie den Ort stets wiedererkennen wollte, wenn sie ihn zu besuchen wiederkäme. Dieser Wunsch Gertrudens verursachte mir weniger Vergnügen an sich selbst, als weil er mir den Gedanken eingab, für die Errichtung dieses Grabdenkmals die dreihundert Franken zu verwenden, welche die Mutter Rosa's an mich überwiesen hatte, begleitet von einem Ansinnen, das nur dazu geeignet sein konnte, meinen Absichten in Betreff einer liebreichen Gastfreundschaft auf eine peinliche Weise hinderlich zu sein. Ich faßte also den Gedanken eines bescheidenen Denkmals eifrig auf und machte gegen Gertrud die Bemerkung, daß wir ja diese Summe von dreihundert Franken darauf zu verwenden hätten. Bei dieser Gelegenheit wurde ich zufälliger Weise, aber mit großem Vergnügen gewahr, daß in Gertrudens Seele das Verhältniß zu mir ganz wie zu einem Vater und so unbetheiligt von den Beziehungen, die mich an ihre Freundin und sie selbst geknüpft hatten, war, daß es ihr gar nicht einfiel sich vorzustellen, wie irgend eine Art von Entschädigung nothwendig die Reinheit desselben trüben und seinen Charakter verfälschen müßte. So sehr trug in dieser wohlgearteten Seele Alles den Stempel höherer Anschauung und den seinen Sinn angeborenen Zartgefühls. Am Abend kam wirklich Herr Durand, unser kleines Mahl mit uns zu theilen, und ich bemerkte wohl, wie er, gerührt von diesem Zeichen unserer Achtung, sich hier einer jener Genugthuungen erfreute, deren Reiz für bescheidene und zugleich doch nach gerechter Schätzung strebende Herzen so viel Werth hat. Wahr ist es, daß Gertrud nicht weniger als wir ihn als anerkannten Freund des Hauses behandelte, so daß seine Gegenwart nichts an der Unterhaltung änderte, in der wir uns durchweg über die herrlichen Eigenschaften wie über das beklagenswerthe Schicksal der armen Rosa ergingen. 58. Zwei Tage nachher machte ich mit meinem Sohne einen kleinen Rechnungsauszug der Wirthschaftsausgaben im letzten Monat. Es fand sich, daß wir, die Kosten für das Begräbniß bei Seite gelassen, die kleinen laufenden Hülfsquellen nur um hundertundsechzig Franken ungefähr überschritten hatten, so daß wir mit ein wenig haushälterischem Wesen recht leicht im Stande sein würden, diese Einbuße noch vor Jahresschluß zu decken, besonders wenn mein Sohn, welcher sich gegenwärtig für die große Prüfung zum Diener des Evangeliums vorbereitete, einige einträgliche Unterrichtsstunden, die, wegen dieses Zuwachses an Beschäftigung, einstweilen hatten aufgeschoben werden müssen, würde wiederaufnehmen können. Demnach wickelte ich, in Folge der angestellten Abrechnung, sowohl die zehn Franken, als auch die fünfzig, welche Meister Durand auf einen möglichen Fall mir zur Verfügung gestellt hatte, um zu verhindern, daß die Damen in völligen Mangel geriethen, in besondere Papiere, und mein Sohn trug sie ihm wieder hin mit der Bemerkung von meiner Seite, daß, da diese Summe jetzt nicht mehr die Anwendung fände, für die wir sie bestimmt hätten, es nun seine Schuldigkeit sei, sie mit ebensowenig Umständen wieder anzunehmen, als ich es in Betreff der Ketten gethan hätte. Als ich diese kleinen Geschäfte in Ordnung gebracht hatte, wollte ich einige Muße dazu benutzen, um die Briefe durchzusehen, welche das Kästchen enthielt. Ich nahm es also aus dem Schrank und stellte es auf meinen Tisch. Indem ich darauf den Schlüssel zum Kästchen in dem Schubfach, worein ich ihn gelegt hatte, suchte, kam mir unter andern Papieren jener Brief wieder in die Hände, welchen Gertrud nach dem Diktat Rosa's in der Nacht vom Montag auf den Dienstag niedergeschrieben hatte. Obgleich es mir widerstand, ja sogar verhaßt war, das Zeugniß zärtlichster Liebe lesen zu müssen, welches eine arme Hintergangene an denjenigen verschwendete, der sie planmäßig entehrt und ihr Verderben vollführt hatte, so nahm ich mir doch vor, diesen Unwillen zu bekämpfen, um die Zeilen zu lesen, und wahrlich nicht ohne die peinlichsten Eindrücke zu empfinden, brachte ich das Niedergeschriebene, wie ich es hier wiedergebe, zu Ende. »Wenn Deine Absicht gewesen ist, meine Liebe auf die Probe zu stellen, so gebe ich Dir die Versicherung, mein Ludwig, daß diese vollkommen erfüllt worden ist. Ich habe nie aufgehört, Dich mit Anbetung zu lieben, und dieses Gefühl, welches mein ganzes Herz ausfüllt, werde ich in das Grab mitnehmen. Ludwig, ich habe geglaubt, daß ich Dich mit einem Kinde erfreuen würde, und noch vor wenigen Tagen, als ich es unter meinem Herzen sich regen fühlte, hoffte ich mit Entzücken, der schönsten Freuden unseres Lebens theilhaftig zu werden. Aber Gott hat es mir genommen, und mit demselben Schlage nimmt er mich zu sich. Sein Wille sei gepriesen! Ich lege Dir Gertrud an die Seele, der ich es übertrage, Dich erkennen zu lassen, was für Deine Rosa der Herr Prediger Bernier gewesen ist. Ich bitte Dich innigst, mein Andenken dadurch zu einem friedlichen zu machen, daß Du Dich mit meinen Eltern versöhnst und ihre Verzeihung sowohl für mich als auch für Dich erflehst und Dich ganz ihrer Liebe widmest. Ich verdanke Deiner Zuneigung die größte Glückseligkeit auf Erden, und meine Hoffnung ist darauf gestellt, daß dereinst im Himmel die Liebe uns wieder verbindet. Das ist in dieser Stunde der Trost meiner letzten Lebensaugenblicke. Deine Rosa.« Nachdem ich dies gelesen hatte, eröffnete ich das Kästchen, doch nur um es ebenso schnell wieder zu verschließen und es wieder an seinen Platz zu stellen. Denn, in der That, es erregte jeder Brief des Grafen, bei dem Nachklange, der Gefühle, die ich soeben empfunden hatte, in mir einen unbezwinglichen Abscheu, und ich mußte die Gründe einer sehr besonnenen Klugheit geltend machen, um nur nicht diese verworfenen Zeugen einer heuchlerischen Verruchtheit auf dem Küchenherde zu vernichten. Mein Sohn, der in diesem Augenblicke wieder hereintrat, fragte mich um die Ursache der Aufregung, die sich auf meinem Gesicht ausprägte. Ich theilte sie ihm mit, und nun gab sich an ihm eine Störung seines ganzen Wesens kund. »Später«, sagte ich ihm bei dieser Gelegenheit, »sollst du diese Briefe durchlesen, und dies wird für dich, mein guter Junge, eine traurige, aber nützliche Veranlassung sein, die Welt von einer ihrer hassenswerthesten Seiten kennen zu lernen, nämlich von Seite der auf Grundsätze gebrachten Verderbtheit und Ausschweifung, der kalten, grausamen, unbarmherzigen Sittenlosigkeit, die alle Aeußerlichkeiten des Fein- und Zartgefühls, sowie der Tugend annimmt, um nur zur Sättigung ihrer niedrigen Gelüste zu gelangen! Für einen angehenden Diener des Herrn aber«, fügte ich hinzu, »ziemt es sich nicht, dergleichen übrigens ausnahmsweise Ungeheuer unserer Natur zu früh kennen zu lernen, weil er aus Mangel an genügsamer Reife und Erfahrung deren Anzahl für größer halten würde, als sie wirklich ist, und weil frühzeitiges Mißtrauen ihn der Gefahr aussetzen würde, sein Urtheil zu verfälschen, so daß es zugleich seine Liebe zu Gott und dem Nächsten verringerte.« Diese Warnungen schienen auf meinen Sohn keinen sehr großen Eindruck zu machen, nicht sowohl in Folge jenes Eigendünkels, der gewöhnlich bei jungen Leuten natürlich stattfindet, sondern weil er zum erstenmal im vollen Umfange das Geschick der armen Rosa durchschaute, die er so geliebt und der er so von ganzem Herzen gedient hatte, ohne sich viel Rechenschaft von etwas anderem zu geben, als von ihrem Zerwürfniß mit den Eltern und von den Ränken, denen sie von Seiten des jungen Herrn ausgesetzt gewesen war, und nun plötzlich und mit Einem Schlage Abscheu, Haß, Mitleiden und Schmerz empfand. Sobald er ein wenig die Heftigkeit seiner Gefühle bewältigt hatte, richtete er in Betreff Gertrudens Fragen an mich. – »Gertrud«, sagte ich zu ihm, »ist von der unverlöschlichen Schmach, welche die arme Rosa betroffen hat, unberührt geblieben, aber auch auf sie ist etwas von dieser Entehrung übergegangen, und die Beklagenswerthe wird lange Zeit nicht, vielleicht niemals, das wieder erlangen, was sie an makellosem Ruf und vortheilhafter Stellung, an öffentlicher Achtung und väterlichem Vertrauen eingebüßt hat.« – Hierauf beklagte mein Sohn, sich dem Sturm seiner Gefühle überlassend, mit Thränen in den Augen, das Schicksal eines so reinen, so guten und so gebildeten Wesens; und während gleichzeitig die Glut der lebhaftesten Röthe sein Gesicht überflog, sagte er schüchtern: »Würden Sie, mein Vater, es nicht als ein Glück für Sie, für mich und für Gertrud schätzen, wenn ich es von der Einstimmung der Letzteren und dem freien Willen ihrer Eltern erlangte, daß sie mir ihre Hand reichte?« Diese plötzliche Eröffnung brachte meine Geister so in Verwirrung und widersprach so sehr dem, was ich von Seiten meines Sohnes in Betreff derartiger Ansprüche für möglich hielt, daß ich die kurz entscheidende Antwort ausstieß: »Andreas, du verkennst durchaus deine Stellung, die meinige und die Gertrudens; du mußt dich auf der Stelle solcher Gedanken entschlagen.« – »Ich bin dazu bereit«, erwiederte er; »aber grade wegen dieser wachsenden Zuneigung, die ich für Gertrud empfinde, habe ich Ihnen nicht länger einen Wunsch verhehlen dürfen, der Ihre Mißbilligung erfahren könnte. Dennoch bedenken Sie, mein Vater, daß ich vielleicht noch vor Jahresfrist im Stande bin, der Unterhaltung einer bescheidenen Hauswirthschaft genügen zu können; bedenken Sie, daß Gertrud, abgesehen davon, daß sie auf die Vortheile, die ihr ihre frühere Lage sicherte, nicht mehr Anspruch machen kann, unsere einfache Lebensweise liebt und sich in unserem Umgange gefällt; bedenken Sie endlich, daß gewiß keine Person durch ihren Charakter, durch ihre Empfindungsweise, durch ihre Frömmigkeit und durch die Tugenden, die sie mitten unter so harten Prüfungen bewährt hat, so würdig wäre, daß ein junger Mann, der in der Ehe alle die Bedingungen einer heiligen Verpflichtung und einer wahrhaft christlichen Vereinigung sucht, darnach strebe, sie zur Gattin zu erlangen, und ihr das ganze Leben hindurch seine Sorgfalt und seine Liebe widme!« – »Andreas«, sagte ich zu ihm, »noch einmal, es ist das Vorrecht der Eltern, über sie zu bestimmen, und sie werden ihr sicher ein anderes Loos wünschen, als die Frau eines demüthigen Predigers in einer fremden Stadt zu werden.« – »Das ist wohl möglich«, versetzte mein Sohn, »und Gott verhüte, daß es mir in den Sinn kommen sollte, ihre Pläne zu kreuzen. Aber ich bitte Sie zu bedenken, Vater, daß die Eltern Gertrudens selbst, von denen es hinfort nicht mehr abhängt, ihr ein solches Loos zu sichern, wie sie wünschen, nach einigem Erstaunen, welches ihnen mein Ansuchen verursacht, dieses vielleicht weniger ehrgeizig finden möchten, als es anfänglich erscheint, und darin ein Mittel erkennen werden, ihre Tochter bescheiden, das ist wahr, aber doch auch ehrenhaft unterzubringen, und zwar in einer Stadt, wo sie weniger den Stachelreden ungerechter Vorwürfe und unverdienter Mißachtung ausgesetzt ist. Und sollte es denn überdies nicht unsere Pflicht sein, daß wir, die wir jetzt allein Gertrud besser kennen, als die Welt es vermag, besser als ihre Verwandten, ja besser als ihre Eltern selbst, ihren Ruf durch diese Verbindung herstellen und ihr eine Zuflucht gewähren in ihrem Schicksal, welches ihr sonst schmerzliche Verwundungen oder auch lange und grausame Prüfungen bereit halten möchte?« – Diese Betrachtungen, deren Richtigkeit ich in gewisser Hinsicht nicht mißkennen konnte, und die in anderer Hinsicht wohl Ursach boten, mir zu gefallen, vermochten doch nicht, meinen Widerstand zu erschüttern, so daß ich, indem ich meinen Sohn darüber belehrte, welche ausnehmende Umsicht die Offenkundigmachung solcher Gefühle, wie er eben gegen mich bekannt hätte, sowohl aus der Ferne wie in der Nähe erforderte, mit ihm alle Beweggründe, alle Mittel und alle wahrscheinlichen Endergebnisse des Planes, in Bezug auf welchen er mir soeben diese plötzliche Eröffnung gethan hatte, durchzusprechen mich willig zeigte. Und hierauf erklärte ich ihm, daß ich nichtsdestoweniger verlangte, er solle in dieser Angelegenheit, deren Behandlung ich durchaus mir allein vorbehielte, wenn sie wider Erwarten in der übrigens nothwendig fernen Zukunft noch einen Verfolg hätte, keinerlei Art von Schritt, von Aeußerung thun, ja nicht einmal irgend eine Andeutung ohne mein Wissen von sich geben. Ueber dieses alles, mit Ausnahme dessen, was den letzten Punkt einer nothwendig fernen Zukunft betraf, stimmte mein Sohn vollkommen und ehrerbietig mit mir überein. – »Wenn Sie jedoch, mein Vater«, warf er dagegen ein, »von einer fernen Zukunft sprechen, so ist dies hart, ich will nicht sagen, in Bezug auf die Heirat, wobei freilich strenge Haltung nöthig ist, wohl aber in Betreff der Schritte, um sowohl von den Eltern Gertrudens als von ihr selbst eine Einwilligung, ein Versprechen zu erlangen, und ich befürchte, daß Sie dann sowohl das Schicksal Gertrudens, welches ich mich bestreben würde, zu einem schönen und beneidenswerthen zu machen, als auch Ihr eigenes zugleich, mein Vater, so wie das meinige, vergeblich auf das Spiel setzen! Denn wenn ich heiß darnach verlange, der Gatte einer Person von solchen Vorzügen zu werden: könnten Sie da nicht sich selbst freuen, in Wirklichkeit der Vater derselben zu werden, da sie Ihnen schon so oft dargethan hat, daß sie dem Herzen nach Ihre Tochter ist?« – »Andreas«, sagte ich hierauf zu ihm, indem ich mir einige Thränen abtrocknete, deren Quelle mir verdächtig schien, »du bestehst da auf etwas, was bei allen unsern Beweggründen zum Handeln ganz außer Acht gelassen werden muß, und ich tadle dich deswegen, daß du, der du sehr wohl meine schwache Seite rücksichtlich Gertrudens kennst, diese benutzest, um mich dahin zu verleiten, wo ich schon Mühe gehabt habe, nicht zu straucheln. Ich beziehe mich also auf das, was ich dir soeben gesagt habe, und wünsche, daß wir diesem Gespräch ein Ende setzen.« – Hiermit stand ich auf und ergriff meinen Hut und meinen Stock, um einige meiner Pfarrkinder zu besuchen. Aber so sehr war ich von Gedanken eingenommen, die mich überallhin begleiteten, daß ich am Abend in meine Wohnung sehr unbefriedigt von meinem Umgange zurückkam, und überdies unfähig war, mir von den Schritten, die ich hätte thun, oder den Gesprächen, die ich hätte halten können, Rechenschaft zu geben. 59. Am Morgen des andern Tages, als ich, wie gewöhnlich, bei Gertruden eingetreten war, welche ihr auf das Zimmer beschränktes Leben fortsetzte, fand ich sie damit beschäftigt, die Kleider und alle kleinen Gegenstände, die das Eigenthum Rosa's seit ihrem Einzug bei mir gewesen waren, von den ihrigen zu sondern und so deren Erhaltung zu sichern. Doch unterbrach sie sich sogleich in diesem Geschäft, um mir den Entwurf eines Briefes vorzulegen, den sie an ihre Eltern zu richten beabsichtigte, ob ich den Inhalt desselben billige. In diesem Briefe sprach Gertrud, nachdem sie die Prüfungen und den ergreifenden Tod ihrer Freundin erzählt hatte, von den Diensten, die ich ihr erwiesen, und dem Wohlwollen, das ich derselben bezeigt hätte; wornach sie auf ihre persönliche Lage und die Schicklichkeit kam, welche es erfordern möchte, daß sie noch einige Monate in der Verschollenheit eines sichern Zufluchtsortes zubrächte, anstatt, wenn sie sogleich nach Bremen zurückkehrte, sich dort der Gefahr auszusetzen, daß sie ein Gegenstand von Bemerkungen würde, die der Familie Verlegenheiten zuziehen und vielleicht sogar der Versorgung der Schwestern hinderlich sein könnten, und bat ihre Eltern ehrerbietig um die Erlaubniß, daß sie bis zum künftigen Sommer noch unter meinem Dache und in meinem Schutze verweilen dürfe. Dann würde, fügte sie hinzu, die in ihrer Frische gedämpfte Erinnerung an ihre theure Rosa ihr überdies mehr Freiheit gönnen, um sich den notwendigen Bedingungen ihrer neuen Lage anzubequemen und um ihre Pflichten, so schwer oder erfolglos sie auch sein möchten, gewissenhaft zu erfüllen. Endlich schloß sie damit, daß sie sagte, dieser Plan habe meine Billigung. Noch beunruhigt durch die Eröffnung, die mir mein Sohn am Tage vorher gemacht hatte, und außerdem befürchtend, daß, wenn ich diesem Briefe meine Billigung ertheilte, es später scheinen möchte, als sei ich der wenig zartfühlende Mitbetheiligte bei Andreas Plänen gewesen, weil ich dadurch selbst und zwar auf eine versteckte Weise die Ausführung derselben unterstützt hätte, ohne mich vorher in irgend einer Art der Genehmigung der Eltern Gertrudens versichert zu haben, befand ich mich in der harten Nothwendigkeit, dieser zu erklären, daß es mir unmöglich sei, diesem Briefe meine Beistimmung zu geben. Sie sah mich hierauf mit einem aus Beängstigung, Furcht und Zweifel gemischten Staunen an, und da es in der That unmöglich war, daß ich ihr die Ursache gestand, die mich bewog, so zu sprechen, wie ich es soeben gethan, so setzte sie sich, weil sie mich zugleich standhaft und verlegen sah, in den Kopf, daß ich mich wohl verschworen habe, sie auf's eheste zu ihren Eltern zurückzuschicken. – »Wenn auch Sie mich verlassen«, sagte sie, sich in Thränen ergießend, »und wenn ich Ihnen zur Last geworden bin, was soll dann aus mir werden? Wenn ich mir erlaubt habe, so zu schreiben, so ist dies geschehen, weil Ihre Güte mir dazu das Recht zu geben schien; oder sagen Sie mir dann, mein theurer Herr Bernier, ich beschwöre Sie, was Ihre Gesinnungen gegen mich so hat verändern können?« – Ich versicherte ihr, daß meine Gesinnungen gegen sie niemals freundschaftlicher und ergebner gewesen waren, als grade in diesem Augenblicke, daß das Verkennen derselben, wie es eben von ihrer Seite stattfände, mir die größte Betrübniß verursachte, und daß ich sie obendrein noch bäte, hinreichendes Vertrauen in mich zu setzen, weil sie gewiß sein könnte, daß, wenn ich es nicht über mich gewönne, den Brief zu billigen, dies aus Beweggründen geschähe, die ganz außer allen Zusammenhange stünden mit dem Wunsche, den ich sonst hätte, sie nicht blos bis zum nächsten Sommer bei mir wohnen zu lassen, sondern sie auch niemals von mir scheiden zu sehen. Nach dieser Erklärung rief Gertrud erschreckt aus: »Sie haben also Beweggründe, die Sie mir verbergen? ... Sollten Sie Briefe von meinen Eltern erhalten haben? Muß ich fürchten, daß man mich unerwartet von Ihrer Seite reißen will?« – Dann überließ sie sich, ohne meine Antwort abzuwarten, Ausbrüchen der Verzweiflung: »Man will mich also von diesen Orten entfernen, den einzigen, welche ich liebe! ich soll von dem einzigen Freunde getrennt werden, von Ihnen, Herr Bernier! Ich bitte Sie«, fuhr sie, sich mir zu Füßen werfend fort, »ich bitte Sie, Herr Bernier, verstoßen Sie nicht eine Unglückliche, die keine Ruhestätte hat als diese hier, keinen Schuh als den Ihrigen, keinen Wunsch als den, wenn nicht in diesem Zimmer, doch wenigstens unter Ihrem Dache, im Bereich Ihres Wohlwollens und derjenigen Orte und Personen, die meine Rosa geliebt hat, zurückgezogen zu leben!« – Ich hatte sie genöthigt aufzustehen, und sagte dann zu ihr: »Ihre Wünsche täuschen Sie, Gertrud, und eine unbedachte Heftigkeit reißt Sie hin. Ich habe keinerlei Mittheilung von Ihren Eltern erhalten, und wenn ich erwarte, daß man Sie abholt, so ist dies in Folge der in dem Briefe Ihres Vaters kundgegebenen Absicht, und weil es mir scheint, daß die Nachricht von dem Tode Rosa's ihn in dieser Absicht habe bestärken müssen. Wie würden Sie nun, mein Kind, in einer ähnlichen Lage wünschen wollen, daß ich mich, sei es in der Ferne oder Nähe, zum Mitschuldigen in irgend einer Art Ihrer Ununterwürfigkeit rücksichtlich seiner Befehle oder Wünsche machen sollte? Sie müssen einsehen, daß dies unmöglich ist, und daher rührt mein Widerstand, Ihren Brief zu billigen. Lassen Sie uns zum wenigsten einige Tage warten, und in dem Fall, daß keine neue Bestimmung Ihrer Eltern ankommt, oder noch mehr, in dem Fall, daß deren Anforderungen nicht so sein sollten, wie ich sie voraussetze: dann sollen Sie erfahren, mein Kind, ob ich Sie stets innig liebe und ob mir daran liegt, daß Sie für immer meine vielgeliebte Tochter bleiben!« – Bei diesen Worten, welche augenblicklich ihre Furcht stillten, warf sich Gertrud in meine Arme, indem sie mich um Verzeihung bat, daß sie sich in Rücksicht meiner so sehr hatte vergessen können, und verschwendete an mich die zärtlichsten Liebkosungen. Ich verließ sie bald, um an meine Geschäfte zu gehen; aber wie gestern, und heute noch mehr, brachte ich dazu nur einen durch Eingenommenheit von Nebengedanken auf das lebhafteste zerstreuten Sinn mit. Ich sah mich in der That zwischen die Eröffnung meines Sohnes, die flehentlichen Bitten Gertrudens und die geheiligten Rechte ihrer Eltern gestellt, wenn nicht irgend Jemand von der Familie nächster Tage ankam, um sie uns schleunigst zu entführen, und ich mir dadurch wiederum für immer einen Wunsch vereitelt sah, dem ich schon zu viel Raum in meinem Herzen zugestanden hatte. 60. Diese Seelenkämpfe übten außerdem eine nachtheilige Wirkung auf unser gewohntes Leben aus, und in der übrigen Zeit dieses Tages, wie auch an den beiden folgenden, herrschte ein trübseliger Zwang in unsern gegenseitigen Beziehungen und störte unsere Vertraulichkeit bei den Mahlzeiten. Mein Sohn beobachtete eine gezwungene Zurückhaltung; Gertrud hatte mit der Sicherheit des Gefühls die unbefangene Hingebung verloren, und ich selbst, zwischen beide gestellt, wußte nicht recht, was ich für eine Haltung annehmen sollte, um nicht verlegen zu erscheinen. Um die gewohnte Umgangsweise wiederzufinden, mußte ich gesondert mit ihnen verkehren, und selbst dann, weil ich bei beiden mancherlei Hoffnungen zu unterdrücken hatte, die ich mir selbst nur auf Kosten einer strengen Selbstbeherrschung untersagte, war ich genöthigt, die Unterhaltung weit eher abzukürzen, als sie wie sonst zu verlängern. Dieser Zustand dauerte noch, als ich am dritten Tage, in dem Augenblicke, da ich soeben mein Haus verlassen hatte, einer Stadtkutsche vor meiner Allee begegnete, aus der ich, weil mich die Neugier bewog, mich umzuwenden, eine bejahrte Dame aussteigen sah, deren fremde Miene und ausgesuchter Anzug mich auf den Gedanken brachten, es möchte vielleicht Jemand von Gertrudens Familie sein. Ich bemühte mich, meine innere Bewegung zu bemeistern und eilte herbei, und da die Dame nicht ganz sicher schien, welches das Haus sei, das sie suchte, so fragte ich sie, ob sie einer Auskunft bedürfe. – »Wohnt hier Herr Bernier?« fragte sie. – »Ich bin es selbst«, antwortete ich. – Hierauf drückte sie mit großer Höflichkeit das Vergnügen aus, das sie empfände, mir in so gelegenem Augenblicke zu begegnen, und indem sie dazu überging, sich selbst mir vorzustellen, sagte sie mir, daß sie die Tante Gertrudens sei und von deren Eltern beauftragt, mir für die Mühe, die ich mir um dieses unvorsichtige Kind gegeben hätte, zu danken, und sie auf's eheste nach Bremen zurückzubringen. »Der Tod Rosa's«, fügte sie mit einem so gleichgültigen Tone hinzu, daß er mich lebhaft verletzte, »hat die Strenge meines Bruders entwaffnet und eine Wiederannäherung gestattet, die ohne jenen schwerlich mehr stattgefunden hätte. Wollten Sie wohl die Gefälligkeit haben, mich zu meiner Nichte zu führen?« – »Das soll sogleich geschehen«, erwiederte ich ihr. »Doch zu Gunsten des Auftrages selbst, den Sie auszurichten kommen, wage ich die Bitte, von vornherein gefälligst auf die Trauer Rücksicht zu nehmen, welche Gertrud über den Verlust ihrer Freundin empfindet und auch später nur mit gebührender Schonung den ihr noch neuen Gedanken einer nahen Abreise beizubringen.« – Während dieses Gespräches waren wir bis zu meiner Wohnung gelangt, deren dunkler Zugang und mehr als bescheidenes Aussehn der Dame das Mißgefühl einer Verrechnung zu verursachen schienen, was sie verhinderte, mich aufmerksam anzuhören. Andreas öffnete uns. – »Wer ist dieser junge Mann?« fragte sie. – »Mein Sohn, Madam«, antwortete ich. – Dann führte ich sie in das Zimmer Gertrudens. Als diese ihre Tante erkannte, eilte sie herbei, um sie in ihre Arme zu schließen, doch nicht ohne daß sie sich zwang, eine schmerzliche Beklemmung zu verbergen, die sich fast gleichzeitig durch Schluchzen verrieth. Inzwischen sagte die Dame, wenig zufrieden mit diesem Empfang, und auf welche überdies der Anblick dieses altvaterischen Gemaches und der ausnehmend einfache Anzug Gertrudens einen ziemlich verstimmenden Eindruck zu machen schienen, mit dem gezwungenen Tone beschützerischer Freundlichkeit: »Ich erblicke, mein liebes Kind, in diesen Thränen die Reue, die dir eine Aufführung auspreßt, welche uns vergessen zu lassen von jetzt an nur an dir liegen wird. Ein wenig mehr, in der That, und die Folgen von Rosa's Vergehen würden auch dich ebenso wie sie in das Verderben gezogen haben. Laß uns glücklich sein darüber, daß es nicht so weit gekommen ist, und bereite dich vor, nächstens mit allen guten Vorsätzen, die man von dir zu erwarten berechtigt ist, wieder in den Schooß einer Familie einzutreten, die mich beauftragt hat, dir ihre Verzeihung anzukündigen.« – Diese Worte, wovon ein jedes mein Herz verwundete, durchfuhren schmerzlich das der armen Gertrud, so daß sie, als ob es sich darum gehandelt hätte, sie auf der Stelle unserer Liebe zu entreißen, ihre Arme um meinen Nacken warf, um daran, durch und durch vor Furcht erschaudernd, hängen zu bleiben, indem sie sich an mich, als an ihre letzte und Ungewisse Hoffnung klammerte. Gerührt über ihr unaussprechliches Weh, sagte ich zu ihrer Tante: »Madam, was Gertrud fürchtet, ist sicherlich nicht, daß sie mit Ihnen gehen soll, um die Verzeihung einer Familie zu erlangen, welche sie liebt und der sie ihr Gefühl der Reue zu erkennen gegeben hat: es ist der Schmerz, so plötzlich Orte zu verlassen, die für sie noch mit dem frischen Andenken an ihre sterbende Freundin erfüllt sind, und sich von den letzten Spuren zu trennen, welche sie an jene erinnern. Wenn Sie also belieben wollten, entweder Ihre Abreise etwas zu verzögern, oder noch besser, wenn Sie es auf sich nehmen wollten, die Wein Gertrudens um den Aufschub derselben für einige Monate zu bitten, während deren sich die Bande, welche sie noch an diesen Ort knüpfen, gelind lösen könnten, so würden Sie, wie ich glaube, Gertrudens höchste Wünsche erfüllen, ohne Ihrer Sendung etwas vergeben zu haben,« – Hier warf sich Gertrud ihrer Tante zu Füßen und beschwor sie, ihr diese Gunst, um welche ich jene soeben für sie angefleht hatte, zu gewähren. Doch jene versetzte: »Das ist nutzlos, meine Liebe; denn der Vorschlag, den mir der Herr Prediger thut, zeugt mehr für seine gütige Gesinnung gegen dich, als für eine richtige Kenntniß deiner Stellung. Deine Empfindungen, muß ich gestehen, sind wider meine Erwartung, und ich komme dahin, an den guten Vorsätzen einer jungen Person zu zweifeln, welche die Vergebung ihrer Eltern mit einer solchen Miene aufnimmt, wie sie deren Fluch aufnehmen würde. Du hast lange genug zu Gunsten einer kleinen Romanheldin, die ein übles Ende genommen hat, alle deine Pflichten geopfert. Jetzt ist die Stunde gekommen, sie so schnell als möglich zu vergessen, und damit ich nur beginne, dich auf die Probe zu stellen, so benachrichtige ich dich hiermit, daß mein Zweck ist, dich sogleich morgen von hier mit mir zu nehmen!« – »Nun gut!« sagte Gertrud, indem sie stolz ihr Haupt aufrichtete: »Ich werde Ihnen gehorchen, Tante; auch werde ich meinen Eltern gehorchen, und zwar in Allem, wie mich Herr Bernier dazu verpflichtet hat. Aber merken Sie es sich wohl: weder von jenen, noch von Ihnen, noch von irgend Jemandem sonst, werde ich ohne gerechten Abscheu meiner empörten Seele Reden anhören, wie die, welche Sie mich soeben haben vernehmen lassen. Wie! man achtet also nicht einmal das Grab meiner Rosa! Man will mir auferlegen, sie zu vergessen! mir, die ich nur von der Erinnerung an sie lebe! Ach, wenn ich dazu bestimmt sein soll, dergleichen Reden in Zukunft zu hören, warum führt man mich denn in den Schooß meiner Familie zurück? Warum will man diese räumliche Entfernung, die mich davon trennt, aufheben, da mein Herz, unaufhörlich verwundet, sich unaufhörlich eine weit schmerzlichere Entfernung der Zuneigung schaffen wird, die weit mehr zu fürchten ist!« – Nachdem Gertrud sich so ausgesprochen hatte, überließ sie sich ohne Rückhalt ihrer Betrübniß, worauf sich ihre Tante sogleich erhob und sagte: »Ich darf mich, meine Liebe, auf diese unbedachten Reden, die dir ein übertriebener Schmerz eingibt, nicht einlassen; wir wollen also hiervon abbrechen. Morgen wird man gegen zwei Uhr Nachmittags deine Sachen und gegen drei Uhr eine Kutsche dich abholen.« – Dann wandte sie sich gegen mich und sagte: »Kann ich Sie, mein Herr, einen Augenblick allein sprechen? denn unstreitig habe ich Ihnen noch außer der Dankbarkeit, die ich Ihnen für die Sorgfalt, die Sie meiner Nichte gewidmet haben, noch schuldig bleiben muß, die Auslagen zurückzuerstatten, die sie Ihnen verursacht hat.« – »Wenn unsere Unterhaltung nur diesen Punkt betreffen soll«, antwortete ich ihr, »so versichere ich Sie im voraus, Madam, daß sie nicht stattzufinden braucht, und ich erlaube mir, von Ihrem Feingefühl die Hoffnung zu hegen, daß Sie nicht auf der Annahme eines Geldersatzes für das bestehen werden, was meinerseits nur die einfache That freier Zuneigung gewesen ist.« – Nichtsdestoweniger bestand die Dame auf ihrem Antrage. Als ich ihr aber rund heraus erklärt hatte, daß ich unter keiner Bedingung ein Wort weiter über diesen Gegenstand hören wolle, beschrankte sie sich endlich darauf, mir von neuem, sowohl in ihrem eignen Namen wie im Namen der Eltern Gertrudens, die Gefühle einer hohen Erkenntlichkeit auszudrücken. Dann, nachdem sie ihrer Nichte einen Kuß gegeben, empfahl sie sich. 61. Sobald sie sich entfernt hatte, und Gertrud und ich, von stummer Trauer befallen, allein waren, klopfte mein Sohn, zum Zeichen, daß er es sei, an die Thür meines Zimmers. »Treten Sie ein«, sagte Gertrud, indem sie ihm entgegenging; dann ergriff sie liebreich seine Hand, indem sie unbefangen fortfuhr: »Dies ist also der letzte Tag, den ich das Glück habe, mit Ihnen beiden noch zuzubringen!« – und sie rückte einen Stuhl herbei. Indessen war mein Sohn, dem durch die Beklemmung, welche diese Nachricht in ihm verursachte, und noch mehr bei der freundlich zarten Weise, mit welcher sie ihm Gertrud ankündigte, der Athem versagte, vor Schreck, Freude und Scham zugleich roth geworden, bis er, nachdem er sich niedergelassen, ohne ein Wort zu verlieren, seine Thränen mit den unsern vereinigte. Bald nachher sagte er zu mir, nicht ohne Schüchternheit, aber mit dem lebhaftesten Ausdruck des Wunsches: »Lieber Vater, erlauben Sie mir vor Ihnen auszusprechen, was mir mein Herz eingibt?« – Und da ich dies zu verweigern zögerte, so begann er, sich gegen Gertrud wendend: »Mein Fräulein, ich bin in Verlegenheit, Ihnen die Gefühle auszudrücken, die ich für Sie hege, so tief sind sie und so voll von lebhafter Zärtlichkeit, als von Achtung und Verehrung; lassen Sie sich aber daran genügen, zu erfahren, daß mein gütiger Vater und ich uns auf dem Gipfel unserer Wünsche befinden würden, wenn es einst, unter Einwilligung Ihrer Eltern und der Zustimmung Ihres eignen Herzens, geschehen könnte, daß mir für die Zukunft die Sorge, Sie glücklich zu machen, anvertraut würde!« – Beim Anhören dieser letzten Worte schien Gertrud, zugleich von Erstaunen und Dankbarkeit, Hoffnung und Schamgefühl erfaßt, der Reihe nach bald meinen Blick, bald das Andenken an Rosa, bald ihr eigenes Herz zu fragen. Als sie endlich die Sprache wieder fand, sagte sie erröthend: »Ach, Herr Andreas, in wie viel größerer Verlegenheit noch befinde ich mich, zu sagen, wie sehr Ihre Gefühle mich rühren und wie sehr ich geneigt wäre, ihnen zu entsprechen! ... Aber so kurz nach dem Tode Rosa's an dergleichen zu denken! ... Und dann«, fuhr sie fort, »bin ich wohl werth, die Gattin eines jungen Mannes zu werden, dessen persönlicher Charakter, wie nicht weniger sein ehrwürdiger Beruf, dem er sich gewidmet hat, ihn auffordern, sich, wie er sie auch leicht finden wird, eine Verlobte zu wählen, deren Ehrenkranz nicht die Stürme des öffentlichen Aergernisses entblättert haben?« ... »O hören Sie auf, Gertrud!« unterbrach sie mein Sohn, indem er sich zu ihren Füßen stürzte, »lassen Sie mich vielmehr diese Stürme segnen. Denn durch diese habe ich Sie erkennen gelernt, Geliebte, Verehrte! in ihnen hat sich Ihre Tugend glänzend bewährt, durch diese ist meine Achtung gegen Sie auf's höchste gestiegen! Aus ihnen, Gertrud, ja, aus ihnen werden, als aus ihrer reinsten und fruchtbarsten Quelle, Ruhe, Heiterkeit, das Glück unseres Lebens und für meinen Vater die Freuden seiner alten Tage hervorgehn!« – Bei diesen Worten reichte Gertrud meinem Sohne ihre Hand, zum Zeichen, daß ihr Herz sich ihm hingab; dann sagte sie, die Augen voll Thränen seliger Empfindung und indem sie mich mit Liebkosungen kindlicher Gesinnung überhäufte, zu mir: »Also würden Sie denn doch mein Vater sein! Welch Schicksal ist das meinige! und ist es denn möglich, daß Gott mich aus der Tiefe eines so großen Unglücks zum Gipfel einer so großen Glückseligkeit hat berufen wollen?« – Als diese ersten Momente wechselseitiger Gemüthsbewegungen vorüber waren, sagte ich: »Meine Kinder, ich habe euch nach dem Willen eurer Herzen sprechen lassen; jetzt liegt mir ob, die Stimme der Vorsicht, der Pflicht und der Vernunft zu hören zu geben. Ich muß noch immer auf jenen Voraussetzungen bei einer Vereinigung, die ich ebenso sehr wünsche als ihr, beharren, und es wird diese Verbindung entweder gemäß dem freihandelnden Willen der Eltern Gertrudens, die auf dem regelrechten Wege um ihre Einwilligung anzugehen sind, stattfinden, oder sie wird es niemals, das erkläre ich hiermit bestimmt im voraus. Demnach jetzt keine formelle, bindende Verpflichtung, kein unwiderrufliches Versprechen; vielmehr statt dessen die Sache noch auf sich beruhen lassen; Nachgiebigkeit, voraus angenommene Unterwerfung, oder ich ziehe meine Hand ganz und gar von euch ab. Denn Gott bewahre mich, daß ich in Bezug auf dich, Andreas, und Sie, Gertrud, das gut heißen sollte, was ich so streng und so gerecht bei der armen Rosa gerügt habe! Nun gebieten aber Klugheit und Pflicht, daß wir alle drei das unbedingteste Stillschweigen über das beobachten, was soeben unter uns stattgefunden hat, damit, wenn ich nach einigen Tagen von hier aus an den Vater Gertrudens schreibe, um ihn in Andreas' Namen um die Hand seiner Tochter zu bitten, noch nichts, weder unmittelbar noch mittelbar seinen freien Willen hat beschränken, oder seinen Absichten Zwang anthun können.« Alle beide fügten sich sowohl aus Ueberzeugung, als aus Gehorsam in die Bedingungen, die ich soeben gestellt hatte, und statt verzweifelt zu sein, wie wir alle drei es noch vor einer Stunde gewesen waren, trennten wir uns zufrieden und von Hoffnung erfüllt. Am Nachmittage ging ich, um der Tante Gertrudens meinen Gegenbesuch zu machen. Sie empfing mich anfangs ziemlich kalt; aber nachdem wir uns einige Augenblicke miteinander unterhalten hatten, schien es ihr zu gefallen, mit mir über ihre Nichte zu sprechen, und ich hatte Veranlassung mich zu überzeugen, daß diese Dame weit mehr theilnahmlos aus Gewohnheit und trocken aus Manier war, als gefühllos und ohne Herzensgüte. Vor allem fand ich Mittel, ihre Theilnahme für das unglückliche Schicksal und das rührende Ende Rosa's bis zu dem Grade zu gewinnen, daß sie Thränen darüber vergoß und mehr Nachsicht gegen die Stimmung zeigte, in welcher sie Gertrud gefunden hatte. Ihrerseits theilte sie mir mit, daß schon seit langer Zeit die Ungültigkeit der Heirat Rosa's in Bremen bekannt gewesen wäre, wo diese Kundwerdung das ärgerlichste Aufsehn gemacht und dadurch zugleich auch der Ruf Gertrudens vielleicht auf unheilbare Weise gelitten hätte. »Dieser schlimme Ruf«, fuhr sie fort, »hat auch schon einen ersten Plan der Verheiratung der ältern Schwester Gertrudens rückgängig gemacht, und mein Bruder ist für den Augenblick entschlossen, diese auf seinem Landhause in Zurückgezogenheit zu halten und weiter keinen Versuch zu machen, sie vor der Welt erscheinen zu lassen, bis Katharine (das ist der Name jener ältern Schwester) verheiratet ist.« – Nachdem wir uns so ziemlich freundschaftlich unterhalten hatten, empfahl ich Gertrud angelegentlich ihrer Gewogenheit und Nachsicht und fügte letztlich hinzu: »In einigen Tagen werde ich mir selbst die Ehre geben, an ihren Vater zu schreiben und ihm solche Mittheilungen machen, von denen ich glauben kann, daß sie geeignet sein möchten, die schiefe Stellung, worin sich eine Tochter befindet, deren vortreffliche Eigenschaften ebenso wie ihr trauriges Schicksal ihr meine lebhafteste Zuneigung gewonnen haben, wieder gut zu machen.« – Die Dame wiederholte ihren Dank, und diesmal mit wirklich empfundener Höflichkeit, für die väterliche Sorgfalt, die ich ihrer Nichte zugewendet hätte, so daß ich sie ganz anders gestimmt verließ, als sie sich zeigte, wie sie von mir wegging. Indem ich in meine Wohnung eintrat, fand ich die Millers daselbst gegenwärtig, nach denen Gertrud geschickt hatte, um ihnen ihr Lebewohl zu sagen. Diese guten Leute bezeigten ihr jede Art des Bedauerns über ihre Abreise und versicherten ihr, daß sie stets über Nachrichten von ihr durch mich große Freude haben würden. Als sie sich entfernt hatten, kam Herr Durand an; wie damals baten wir ihn, uns den Abend zu schenken, und das Ende dieses Tages, der unter so traurigen Vorzeichen begonnen hatte, verlief in angenehmen Gesprächen und friedlicher Vertraulichkeit. Als Herr Durand sich gegen elf Uhr erhob, um Abschied zu nehmen, machte ihm Gertrud ihrerseits das anmuthige Geschenk ebenfalls einer Kette, aber geflochten aus den Haaren Rosa's, die sie nach ihrer Angabe durch die Vermittlung meines Sohnes hatte anfertigen lassen. 62. Am andern Tage holte gegen drei Uhr Nachmittags die Kutsche Gertrud ab, bei welcher wir, mein Sohn und ich, den ganzen Morgen zugebracht hatten. Unser Abschied war, wie man sich denken kann, voll Rührung und von Thränen begleitet; aber dennoch ohne Trauer und ohne Bitterkeit, so sehr hatte schon über unsere Herzen die Hoffnung Herrschaft gewonnen, daß wir uns einst wieder vereinigt finden würden. Nichtsdestoweniger fühlten wir, als Gertrud abgereist war, eine so große Leere, daß ich mich nicht erinnere, während der schweren Widerwärtigkeiten, wovon der Aufenthalt der Damen die Veranlassung war, etwas gleich Bedrückendes, noch so Trauriges und Peinliches empfunden zu haben. Selbst mein Zimmer schien mir, als ich mich wieder darin einrichten wollte, von einer beängstigenden Einsamkeit, und unaufhörlich suchte mein Herz darin die beiden Wesen, die es so lange Zeit mit ihren Befürchtungen, mit ihrer Vertraulichkeit, mit ihren Schmerzen und auch mit ihren kurzen Freuden bevölkert hatten. In den ersten Augenblicken täuschte ich mir die Unbehaglichkeit dadurch hinweg, daß ich an den Vater Gertrudens schrieb; um ihn in Andreas' Namen um die Hand seiner Tochter zu bitten; und so lange ich die Feder führte, um ihm achtungsvoll die zahlreichen Beweggründe auseinander zu sehen, die mich bewogen, dieses Bündniß um meines Sohnes, meiner selbst und Gertrudens willen zu befürworten, da es galt, dieser baldmöglichst eine ehrenhafte und geordnete Stellung zu bereiten, fand ich die Arbeit leicht, und die Zeit verlief angenehm. Als ich aber, nach Beendigung dieses Briefes, den ich übrigens nicht eher als nach Verlauf von einer oder zwei Wochen absenden wollte, versuchte, mich wieder an meine gewohnten Geschäfte zu begeben, war es mir während mehrerer Tage unmöglich, mich in ununterbrochener Folge denselben zu unterziehen, und diese gelegentliche Muße trieb mich, mehr als jeder andere Beweggrund, dazu, das Kästchen wieder vorzunehmen, um die Briefe durchzusehen, welche es enthielt. Diese Briefe reichten bis ungefähr zu der eiligen Abreise des Grafen nach Hamburg zurück, und die ersten aus Mailand datirten bezeugten schon durch diese Thatsache allein den abscheulichen Betrug des Ruchlosen, der sie geschrieben hatte. Uebrigens machten einige Stellen darin Anspielungen auf Thatsachen, die vor dieser Epoche Statt fanden, namentlich auf die scheinheiligen Kunstgriffe und die trugvollen Schlingen, mittelst deren es dem Grafen gelungen war, die arme Rosa in die Sümpfe seiner Lüste zu ziehen, wodurch er es bewirkte, daß sie ohne ihr Wissen eine Ehe, die keine Gültigkeit hatte, mit ihm einging. Der Graf scherzte nicht allein darüber gegen den jungen Herrn, seinen Freund, sondern verspottete ihn auch deswegen, weil er, von ihm aufgemuntert, da er seinen glücklichen Erfolg zum Vorbild habe, und ihm nicht eine ganze Familie mit ihrer Wachsamkeit im Wege stehe, es noch nicht dahin gebracht habe, Gertrud in derselben Weise zu umgarnen, als er es unter weit größern Schwierigkeiten verstanden habe, Rosa in's Netz zu ziehen. »Armer Ferdinand«, schrieb er ihm, »ich bereue es fast, Dir die Verfolgung dieses Wildprets überlassen zu haben, da Du es, wie sehr es auch keucht, nicht zu erjagen verstehst. Wie! die Tauben sind da, auf freiem Felde, verdutzt, verwundet, mit den Flügeln zappelnd, und Du, Meister Fuchs, schleichst mit all Deiner Verschlagenheit nur scheu um sie herum! – Nein, lieber Freund, Du wirst immer nur ein ganz ordinärer Fuchs bleiben, der es höchstens so weit bringt, bei Nacht in einen Hühnerstall einzudringen, um Dich an irgend einem Stück bürgerlichen Federviehes zu erlaben, und Deine Jugendtage und Jugendkraft werden dahin sein, ehe Du bei hellem, lichtem Tage eine so schöne und zarte Beute erhascht und verzehrt hast, wie es meine Rosa war!« Diese wenigen Zeilen reichen übrigens hin, um die Natur des Vertrages anzudeuten, welcher den Grafen und den jungen Herrn aneinander band, und um begreiflich zu machen, gegen welche Art von Menschen ich meine unglücklichen Schützlinge zu vertheidigen hatte. Nachdem der Graf vermuthlich Vergnügen an der Schwierigkeit der Jagd nach einem jungen Mädchen gefunden hatte, das von allen seinen Verwandten umgeben und in sich selbst durch den dreifachen Schutz von Wohlanständigkeit, Zartgefühl und Scham vertheidigt war, hatte er, sobald er seine Leidenschaft erschöpft sah, den Gegenstand derselben seinem Freunde abgetreten, sei es nun, daß er diesem einräumte, Rosa so weit herabzuziehen, um sich dann zu ihrem Besitzer zu machen, sei es, daß er es für besser hielt, durch eine kühne List Gertrud so zu täuschen, wie er selbst Rosa getäuscht hatte. Es scheint, daß Ferdinand sich mehr zu dem letzteren Entschluß hinneigte, ohne sich jedoch des Wechselfalles zu berauben, wieder zur andern zurückzukehren, und es war grad in dem Augenblick, wo er in den Zug kam, die ersten Fäden seines Gewebes zu knüpfen, als mich ihm die Vorsehung in den Weg stellte, um die einen wie die andern zu zerreißen. Ich fand die Spur des Verdrusses, den er in Rücksicht dessen empfunden hatte, in den Antworten des Grafen auf seine damaligen Briefe. »Nichts hat mich mehr belustigt«, schreibt er ihm, »als Dein Zorn gegen den guten, einfältigen Prediger, dessen Zähigkeit doch grade ganz besonders dazu geeignet ist, um sich daran zu ergötzen und ein Genie zu entflammen, das nur etwas mehr Kühnheit hat, als das Deinige. Uebrigens betrübt es mich weder, noch erregt es mir Erstaunen, Ferdinand, daß er Dich als Satan behandelt hat, weil es doch, außer daß Du diesen Titel Wohl verdienst, wenn auch nicht wegen Deiner Geschicklichkeit, doch wenigstens wegen Deiner Absichten, nach allem Wohl möglich ist, daß unter so vielen Predigern, die kein anderes Verdienst als ihren Talar haben, sich einer finden mag, welcher Herzhaftigkeit mit einigem Scharfblick verbindet. Meine Meinung ist daher, daß Du mehr als jemals die Kirchen besuchen und von Ehe sprechen mußt; denn so lange Du nicht Deine wahre Gestalt hinter dieser doppelten Maske versteckst, wird der gute Prediger stets in Dir den Fürsten der Teufel erblicken, ein so guter Kavalier Du sonst auch bist.« »Ei, aber welch köstliches Bild! Ferdinand, wie er andächtig an den Stufen der göttlichen Altäre kniet! Ferdinand, wie er schüchtern heftiges Verlangen nach Vermählung herstammelt und sich darbietet, um sich die heiligen Fesseln des Ehestandes anlegen zu lassen! Nimm Dich in acht, Freund, wenn der Augenblick gekommen sein wird, Dich nicht zu sehr in diese Fesseln zu verwickeln: die falschen sollen dabei den wahren gleichen und die wahren sind nicht sehr verschieden von den falschen, so daß der geringste Irrthum in diesem zarten Spiel, in dem Du Dich versuchen willst, das unbezahlbare Resultat haben würde, aus Dir ein gutmüthiges Exemplar von Ehemann zu machen, ganz so einfältig, so erbaulich und so betrogen, wie so viele andere.« – In Folge der Anstachelung durch diese Rathschläge und Spöttereien hatte der junge Herr, theils gegen mich, theils gegen die Millers und hauptsächlich gegen Gertrud selbst – mittelst des durch die Marie überbrachten Briefes – bald die Absicht kund gethan, bald bestimmte Form dem Wunsche gegeben, die Hand Gertrudens zu erlangen und auf diese Weise zwei jungen verlassenen weiblichen Wesen zugleich ein Glück und einen Beschützer zu gewähren. Da ihm aber dieser entscheidende Schritt vereitelt worden war, und er von jetzt ab daran verzweifelte, daß es ihm eher mit diesen Plänen glücken könnte, als bis er sich entschiede, sich selbst unsichtbar zu machen, damit man ihn vergäße, hatte er jene Abreise nach Paris vorgegeben, und sie mit den Millers deshalb festlich gefeiert, damit diese bei mir als um so Weniger verdächtige Zeugen dafür gelten konnten, Weil sie ihm ganz ergeben schienen, und endlich alles vorbereitet, um die beiden jungen Personen, welche er in Basel erwarten wollte, von dem Baron entführen zu lassen. Um diese Zeit hatte sich der Graf von Mailand nach Venedig begeben, wo er den Glücksfällen eines neuen Abenteuers nachjagte, dessen verschiedene Wendungen er in seinen Briefen an Ferdinand in jenem leichtfertigen Tone einer ausgelassenen Prahlerei, untermischt mit seinen Spöttereien und geistreichem Cynismus, mittheilte. Als Gegengabe erzählte dieser seine Niederlagen, klagte jenem seinen Verdruß, rief ihn um Beistand an und verlangte, daß der Graf ihm einen ihrer gemeinschaftlichen Freunde zuschickte, der mit einem Briefe von seiner Hand versehen wäre, welcher Rosa an Hamburg erinnerte. »Wenn Du das thust«, versicherte er ihn, »so halte ich den Sieg für gewiß, und dem von Bülau soll dafür als Lohn die sanfte Rosa zu Theil werden, mir die reizende Gertrud. Er soll mir beide nach Basel bringen, und dort wollen wir die köstliche Beute theilen.« Auf diese Zumuthung antwortete der Graf anfangs: »Schämst Du Dich denn nicht, Ferdinand, daß Du nichts aus Dir selbst zu schöpfen weißt und mir anzusinnen wagst, Rosa, nachdem ich sie zuerst meinem Gelüste geopfert habe, nun auch noch zum zweitenmale für das Deinige zu opfern? Nein, nein; ein so großer Wüstling ich auch bin, so habe ich doch noch einen Rest von Gefühl, und sollte es sich auch übel für mich schicken, Dir Mitleid zu predigen gegen dieses sanfte Kind, so steht es mir doch um so besser an, zu wünschen, daß sie Deiner Lüsternheit vielmehr entschlüpfe, als daß ich sie dieser durch meine eigenen Hände überliefert sähe.« Nichtsdestoweniger kommt er in einem spätem Briefe auf dieses Thema zurück: »Nach allem scheint mir Dein Einfall ein glücklicher zu sein, und wenn ich ihn nicht unterstützen will, so geschieht es aus Rücksicht für meine arme Wittwe Rosa; was Gertrud anbetrifft, so verdiente ihr jüngferlicher Stolz Wohl eine Züchtigung. Denn es scheint mir unerhört, daß ein so hübsches Kind, verlassen von den Eltern, wie sie ist, sich durchaus in den Kopf setzt, so liebenswürdigen und so gewandten Kavalieren wie uns zu trotzen. Ich ziehe demnach Dein Ansuchen in Berücksichtigung, und an einem Tage, an welchem mir meine hiesigen Triumphe Muße genug lassen, kann es Wohl geschehen, daß ich den Brief aufsetze, der Dir Deinen Sieg sichern soll.« Endlich heißt es in einem dritten Briefe: »Ich habe es mir überlegt, Ferdinand. Diese Geistlichen sind ein Gezücht, das uns Kinder des Vergnügens ohne Gnade verdammt, und der Deinige scheint nur der schlimmste unter allen denen zu sein, die sich jemals unterstanden haben, unsere Liebesaffairen zu kreuzen. Also keine Schonung! Von Bülau, dem ich gesagt habe, welchen Antheil an der köstlichen Beute Du ihm zugedacht hast, geht morgen voll feuriger Begierde und versehen mit dem Brief für Dich von hier ab. Es ist nun Deine Sache, eine Baronin aufzufinden, und euer Beider Angelegenheit, das Uebrige zu thun.« – In dieser Weise war nun der schändliche Brief überliefert worden, und von da ab sieht man, ohne daß es nöthig wäre, noch weitere nutzlose Auszüge zu geben, das Geheimniß der abscheulichen Kriegslist entschleiert, durch welche Rosa und Gertrud nahe daran streiften, ihre Opfer zu werden. Ehe ich noch mit diesen Briefen zu Ende kam, deren Ton im Allgemeinen der jener leichtfertigen Heiterkeit war, die den reichen und vornehmen Wüstlingen eigen zu sein pflegt, bemühte ich mich, darin nach Ausdrücken der Reue und der Gewissensvorwürfe zu suchen. Aber vergebliche Mühe! Neue und Gewissensmahnungen fanden sich wohl, aber gewöhnlich unter starkgeisterischen Gotteslästerungen versteckt, oder unter gedankenlosem Wegleugnen alles dessen, was den ehrenhaften Seelen heilig ist, oder unter Formen, hier ungekünstelter Munterkeit, dort sinnlosen Zornschnaubens. Demungeachtet gaben sich hie und da Zeichen von Leere, von Langweile, ja selbst von Ueberdruß ziemlich unverdeckt kund, so daß ich mich mit Erstaunen fragte, wie es möglich wäre, daß, da sie doch selbst von ihren Uebelthaten nicht einmal den sichern Tribut des Vergnügens oder Wohlbefindens zögen, junge, dabei mit glänzenden geistigen Eigenschaften begabte und von den Vortheilen des Standes und des Vermögens begünstigte Männer sich so um nichts und wieder nichts allen Beschwerlichkeiten des Lasters und aller Schmach, die der Verderbtheit inwohnt, überließen. »Ein gewöhnlich stattfindender Nebel«, schreibt der Graf aus Venedig, »trübt hier die Helle des Morgens, und nur gegen Abend wird Alles zugleich von Purpurglanz erfüllt. Deshalb möchte ich mich auch in freundlichere Gegenden begeben, wo der Himmel weniger zögert, hell und heiter zu sein. Denn, Ferdinand, wenn zu diesen Nebeln noch die Umdüsterungen meiner Seele kommen, so liegt es auf mir wie eine traurige Nacht, die andauert, bis mir endlich am Abend die Freude aufgeht. Oft findet aber auch dies nicht einmal statt, und dann komme ich mir, zurückgezogen in irgend einen dunklen Saal meines gemietheten Palastes, vor, wie jene armen Teufel, die, wenn der Rausch versiegen ist, verschlafen und mürrisch mit Verdruß gewahr werden, daß ihnen nicht einmal die Lust oder das Rettungsmittel übrig geblieben, sich von neuem zu berauschen.« 63. Uebrigens zerstreuten, während dieser inhaltsleeren Wochen, zwei Vorfälle die Langweile, welche wir in Folge der Abwesenheit Gertrudens empfanden. Der erste war die Einweihung meines Sohnes zum Priesteramte. Bei dieser Gelegenheit lobpries ich Gott dafür, daß er mich die Freude hatte erleben lassen, mein Kind schließlich in seinen heiligen Beruf eingeführt zu sehen, und bereitete mich darauf vor, ihn für das, dem er sich gewidmet hatte, immer würdiger zu machen, indem ich sein Herz mehr als gewöhnlich mit ernsten Gedanken erfüllte und mich bemühte, es von dem Sauerteig der christlichen Liebe durchdringen zu lassen. Der gute Junge, so sehr er auch von der Liebe ergriffen war, denn die Liebe befestigt in ehrenhaften Gemüthern den Hang zur Großherzigkeit noch mehr, als sie ihn verändert, zeigte sich voll Muth, entstammt von Eifer und der Gelehrigkeit ergeben, so daß unsere Unterhaltungen und unsere Spaziergänge einen gewissen Reiz durch gottesfürchtige Hoffnung und fruchtbringende Heiligung erhielten. Das andere Ereigniß war die Ankunft eines Briefes von der Mutter Rosa's, als Antwort auf den, worin ich den Tod ihrer Tochter gemeldet hatte. Diese arme Dame, glücklich, in mir einen Schmerz gefunden zu haben, der sich dem ihrigen anschloß, machte mich darin zum Vertrauten ihres schon lange währenden Kummers, womit die starre Strenge des Gemahls ihr von Natur zur Nachsicht geneigtes Herz gequält hatte, und die nicht so weit abgestumpft war, die Befehle eines gereizten Gatten zu unterschreiben, ohne nach einander alle Qualen eines blutenden Mitleids zu empfinden. Nach diesen vertrauten Mittheilungen kam sie auf den Bericht, den ich über den Tod Rosa's gegeben hatte, und sie fand darin viel weniger Gründe, sich zu trösten, als vielmehr Ursache, sich tausend Vorwürfe über ihre Härte, ihren Mangel an Gefühl und ihre Unbarmherzigkeit gegen dieses so grausam verkannte und so unwürdigerweise verlassene, theure Wesen zu machen. Endlich schloß sie, indem sie den tiefempfundensten mütterlichen Dank gegen mich darlegte und erklärte, daß sie so lange keine Ruhe und Linderung ihres Grames finden würde, bis sie die Erlaubniß erhielte, nach Genf zu kommen, um dort ihren Gefühlen freien Lauf lassen und das Grab ihrer Tochter besuchen zu können: »Was Gertrud anbetrifft, so will ich sie besuchen, und dies allein gibt mir die Kraft zu warten: sie ist die geliebte Schwester Rosa's gewesen; sie soll meine vielgeliebte Tochter sein, und ich sehne baldigst den Augenblick meines höchsten Wunsches herbei, daß ich Wenigstens meine Thränen mit den ihren vermischen kann!« Ich las diesen Brief meinem Sohne vor, der ebenso lebhaft wie ich davon ergriffen war, und wir durchlebten in der Erinnerung noch einmal alle die Wechselfälle, durch welche sich diese letzten Monate ausgezeichnet hatten, um zu erkennen, daß Gertrud in der That während dieser Prüfungszeit alle Beweise von Muth, von gesundem Sinne, von Erhebung, Hingebung und wahrer Frömmigkeit dargelegt hatte. – »Ohne Zweifel«, sagte mein Sohn, »hat das so schöne Ende Rosa's ihren Vorzügen das Siegel einer frühzeitigen Festigkeit und den Glanz einer evangelischen Selbstentäußerung aufgedrückt; aber was hat Gertrud auch nicht für schwere Tugenden entfaltet, was für engelgleiche Seltenheiten, nicht allein bei den Millers, sondern auch in dem eingeschränkten Raum dieses Zimmers! Ich will dem Charakter Rosa's keinen Abbruch thun; aber gestehen Sie zu, mein Vater, daß sich noch eher Sterbende, die uns erbauen, finden lassen, als Lebende, die Monate, Jahre, ja ein ganzes Leben mit stets gleichbleibender Ausdauer in täglicher Ausübung alles dessen, was die Kreatur vor Gott und vor den Menschen ehrt, widmen!« – In dieser Weise warf sich mein Sohn, beherrscht durch ein sehr natürliches Gefühl tiefer Liebe, von freien Stücken zum leidenschaftlichen Vertheidiger Gertrudens auf. Ich war weit davon entfernt, ihn dadurch, daß ich ihm in Bezug auf diesen Gegenstand widersprochen hätte, noch mehr aufzuregen; aber indem ich das, was in dem von ihm Vorgebrachten geeignet war, zum unterrichtenden Unterhaltungsstoff zu dienen, aufgriff, erwog ich mit Milde, schätzte ich mit Mäßigung ab, und bald fanden wir uns, ohne weiter an Rosa oder an Gertrud dabei zu denken, in einen Meinungskampf über Fragen der Moral, über Regeln der Abschätzung verwickelt, und unterwarfen letztlich die Endergebnisse unserer gebrechlichen Weisheit der höchsten Entscheidung der heiligen Schrift, weil wir jene entweder bald aufgeben, oder bald anders wenden mußten. 64. Indessen waren sechs Wochen nach Gertrudens Abreise verflossen, und wir begannen schon über ihr Schweigen uns zu beunruhigen, als wir mit einmal von der Mutter Rosa's, von den Eltern Gertrudens und von Gertrud selbst einen reichlichen Vorrath von Nachrichten erhielten, von denen allen die eine immer erfreulicher war als die andere. Das Ganze bestand aus der Ankündigung, daß die Mutter Rosa's diesen Herbst kommen würde, aus der günstigen Antwort auf den Verbindungsantrag und endlich aus den Zeilen Gertrudens, deren jede mein Herz mit den süßesten Gefühlen überströmte und meinen guten Andreas vor Freude ausgelassen machte. Ich setze diese Zeilen Gertrudens her, weil sie die Theilnahme mehr erwecken werden, als ein Bericht, den ich davon an deren Stelle geben könnte. »Mein bester Herr Bernier! Wenn Sie diesen Brief beantworten werden, mag ich dann an der Spitze des Ihrigen die Worte lesen: Meine liebe Tochter; denn von diesem Tag an bin ich die Verlobte des Herrn Andreas, und meine Wünsche haben ihren Gipfel erreicht. Ich habe Ihnen zwar noch viel anderes zu berichten; aber, zwischen einem noch so frischen Schmerz und einer noch so neuen Freude mitten inne stehend, weiß ich weder mehr recht, was ich fühle, noch was ich sage, noch was ich schreibe, und Sie müssen mir wenigstens diesmal erlauben, meine Feder auf gut Glück laufen zu lassen. +++ »Was habe ich gelitten, mein bester Herr Bernier, bei jedem Schritte der Pferde, die mich von meiner Rosa, von Ihnen, von Ihrem Sohne entfernten! Zum Glück zeigte sich meine Tante, anstatt mich, wie am Tage vorher, hart zu behandeln, von dem ersten Augenblick an theilnehmend für meine Trauer, und als ich in ihr eine Freundin erkennen konnte, die mir erlaubte, mich an ihrer Seite auszuweinen, habe ich mich dadurch recht getröstet gefunden. Aber – ich bitte um Verzeihung, mein gütiger Herr Bernier! – sie richtete an mich alle Arten von Fragen über mich, über Sie, über Herrn Andreas, und nachdem ich zwei- oder dreimal vor ihr roth geworden war, entschlüpfte mir mein Geheimniß, und ich vertraute ihr die Absicht, die Sie hätten, für Herrn Andreas um meine Hand zu bitten, an. Anstatt aber darüber erzürnt zu werden, war sie über mein Zutrauen erfreut: sie prüfte diesen Plan nach allen Seiten, versprach mir ihren Beistand, und von diesem Augenblick an gestaltete sich alles so gut und so leicht, als wir es nur immer wünschen konnten. »Als wir in Bremen einfuhren, überfiel mich in der Kutsche eine Ohnmacht, und wie ich das Bewußtsein wieder erlangte, befand ich mich im Salon, umgeben von meinen Eltern und der Mutter Rosa's. Lange Zeit konnte ich kein Wort hervorbringen; aber ich las meine Verzeihung auf den Mienen der ersteren, und in den Augen der zweiten einen Schmerz, worin sich der meine wiederspiegelte. Meine gute Tante sprach schon von Ihnen, und die Gerechtigkeit, die sie Ihnen zu Theil werden ließ, war die Veranlassung zu meinem ersten Lächeln. Bald konnte ich mich in Thränen ergießen, und statt der Vorwürfe vernahm ich nur liebreiche Worte, für die ich mit meinen Liebkosungen dankbar war. »Mein Vater, welcher beschlossen hatte, mich auf sein Landhaus zu schicken, stand von diesem Entschluß ab, indem er mir jedoch mit Güte begreiflich machte, daß es der Schicklichkeit angemessen sein würde, daß ich, einige Monate wenigstens, in Zurückgezogenheit dort zubrächte. Dies war ja mein eigener Wunsch, und ich konnte mich ihm daher nur für seine Nachsicht dankbar bezeigen. An den folgenden Tagen lebte ich in der steten Gesellschaft unserer beiden Mütter: Rosa's Mutter ist untröstlich. Der Tod meiner Freundin hat sogar ihren Vater bestürzt gemacht, und seitdem die Nachricht davon in Bremen angelangt war, ist sie, anstatt verleumdet zu werden, nur noch beklagt worden. Doch hauptsächlich hat Ihr Schreiben, mein gütiger Herr Bernier, Allen die Augen geöffnet, und meine Tante, die nun unerwartet hinzu gekommen ist, um alle einzelnen Umstände zu bestätigen, hat vollends bewirkt, daß die Tugend meiner Rosa in ihrem reinen Glänze leuchtet. Jetzt beeifert man sich nur, wer ihrem Schicksal am meisten Antheil bezeigt, und Ihren Namen, der bei allen diesen Zeugnissen genannt wird, spricht man nur mit dem Tone der Anerkennung und Ehrerbietung aus. Ihr Schreiben an meinen Vater ist unter dieser Stimmung angekommen, und ehe meine Tante noch etwas von Ihren Absichten hatte verlauten lassen, wie ihr Versprechen war. Mein Vater hat Ihr Gesuch von vorn herein günstig aufgenommen; meine Tante hat es aus allen Kräften unterstützt, und selbst die Mama, der es mehr Kummer verursacht, daß sie mich von sich entfernt wissen soll, hat sich doch endlich in den Willen der Familie gefunden. Von diesem Augenblick an habe ich mich in dem Kreise der Meinigen wieder befunden, wie ehedem, und ich habe das Glück genossen, zu denken, daß ich, anstatt nur meine Familie gegen die Ihrige zu vertauschen, ich nun deren zwei statt einer werde zu verehren und zu lieben haben. Theilen Sie gefälligst diese Nachrichten dem Herrn Durand mit, der sich so gütig und so edelmüthig gegen uns in unserem Unglücke bewiesen hat. Inmitten all dieses Glücks vermisse ich doch, mein theurer Herr Bernier, Ihre Fürsorge wie Ihre Zeichen der Liebe sehr. Ich bewohne in Gedanken noch immer Ihr Zimmer; alle Augenblicke rufe ich meine Rosa dahin, und ich sehne mich, die Orte zu verlassen, wo sie einst so glücklich war, um mich an denen wiederzufinden, wo sie so vieles erlitten hat. Ich sehe, daß ich aus einem leichtfertigen Mädchen, das ich war, ein ernstes geworden bin, und mit Freuden denke ich daran, diesem Wirbel zu entkommen, worin wir uns hier bewegen, um mein übriges Leben dem stillen Reize dauernder Neigungen, geliebter Erinnerungen und der Tugenden, die Sie mich lehren werden, zu widmen. Sagen Sie Herrn Andreas, daß ich an ihn mit eben so innigem als sicherem Gefühle denke, und daß, nach allen den Unklugheiten, die ich begangen, und allen den Prüfungen, die ich ausgestanden habe, seine Achtung der Trost ist, der mich erhebt, wie seine Liebe der Hafen, dem ich zusteure. Gertrud.« Nachdem wir den Brief gelesen und abermals gelesen hatten, auf den wir unaufhörlich zurückkamen, mußten wir uns über die Mittel besprechen, um die Kosten einer weiten Reise zu beschaffen, so wie über die Anordnungen, welche eine Hochzeit erforderte, die der Vater Gertrudens in ziemlich nahe Aussicht stellte. Es war wirklich sein Wunsch, daß wir uns gegen das Ende des Herbstes auf die Reise nach Bremen machen möchten, um dort einige Zeit in seinem Hause zuzubringen, wornach man die Hochzeit feiern würde, und bald darauf sollten wir Gertrud nach Genf zurückführen. Gleichzeitig und zugleich in der zartesten und großmüthigsten Weise setzte er als die Mitgift seiner Tochter die Summe von fünfzigtausend deutschen Gulden fest, wobei er es meinem Sohne frei stellte, ob er das ganze Kapital in Empfang nehmen, oder, wenn er dies vorzöge, die Zinsen bestimmen wollte. Die Wahrheit zu sagen, diese beträchtliche Summe erschreckte mich, und ich fing an wegen dieses plötzlichen Reichthums für meinen Sohn zu fürchten. Als ich hierauf aber bedachte, daß selbst dann, wenn er nächstens zu einer Predigerstelle erwählt werden sollte, seine Mittel doch noch sehr beschränkt sein würden, um Gertruden eine angenehme Behaglichkeit zu schaffen: so schloß ich damit, mich mit dieser wenngleich sehr großen Summe vertraut zu machen, und beschäftigte mich ohne Aufschub mit den mancherlei Veranstalten, welche die Abwesenheit, zu der ich bald veranlaßt werden würde, so wie die neue Lage, in die mein Sohn eintrat, nöthig machten. Vor allen Dingen beantwortete ich die Briefe, die ich erhalten hatte, während Andreas seinerseits an Gertrud und deren Eltern schrieb, sobald er nur einigermaßen seiner freudigen Aufregung hatte Herr werden können, um im Stande zu sein, seine Gedanken zu ordnen und deren Ausdruck zu regeln. 65. Um die Hälfte des Septembers begaben wir uns auf die Reise nach Bremen. Da ich seit siebenundzwanzig Jahren meine Parochie nicht verlassen hatte und übrigens Alles dazu beitrug, mir das Herz zufrieden und freudig zu stimmen, so war mir diese Reise ein voller Genuß. Die Natur, die Gegenden, die Menschen, die Gasthöfe, Alles erschien mir in festlichem Zustande, und zwanzigmal des Tages dankte ich Gott, daß er mir bis zum Spätalter Lebenskraft genug verliehen hatte, um noch mit Frische zu empfinden, und Stärke genug, um mich ohne Mattigkeit zu ergötzen. Was Andreas anbetrifft, so hatte er sicherlich noch weit mehr Genuß als ich, wiewohl anderer Art; und während ich mich Allem ganz hingab, war er nur für Gertrud da, und Menschen, Fluren, die schöne Natur glitten vor seinen Augen vorüber, ohne ihn sehr von seinen Gedanken abzuziehen. In Bremen wurden wir von den beiden Familien Gertrudens und Rosa's mit dem rührendsten Wohlwollen empfangen, und ich hatte das Glück, zu sehen, daß mein Sohn daselbst weit günstiger aufgenommen wurde, als ich es erwartet hatte. Außer daß er ziemlich hübsch von Gestalt und von einem Aeußern war, das durch Gesundheit und Anstand anziehend ist, gewann ihm auch sein offenes Wesen die Herzen, und man fand an ihm jenen besondern Vorzug, welchen einem, sonst den Sitten der vornehmen Welt fernstehenden, jungen Menschen die strengen Uebungen des Geistes und die bescheidene Zurückhaltung des evangelischen Berufes ertheilen. Gertrud selbst, von der Natur so wohlbegabt, um mit eben so verständigem als seinem Sinne die Vortheile eines eher ausgezeichneten als glänzenden oder auch nur schmeichelhaften Standes zu schätzen, wurde mehr und mehr stolz auf ihren zukünftigen Gatten, und die sittsame Vertraulichkeit dieser beiden jungen Wesen nahm mit ihrer gegenseitigen Liebe zu. Als die Zeit, sie zu vereinigen herangekommen war, segnete ich ihre Ehe in der Hauptkirche zu Bremen ein, in Gegenwart eines großen Zuströmens von Menschen, und am nächsten Tage befanden wir uns mit unserer Gertrud und in Begleitung der Mutter Rosa's, die eine zwar traurige, aber doch auch trostbringende Wallfahrt zu dem Grabe ihrer Tochter thun wollte, auf dem Rückwege nach Genf. 66. Heute bin ich, siebenzehn Jahr später, und drei und achtzig Jahr alt, der sehr geliebte Patriarch einer gesegneten Familie. Ich habe mich seit kurzem von der thätigen Laufbahn des geistlichen Hirtenamts zurückgezogen, stehe meinem Sohn in allen Schritten, die er darauf thut, bei, und habe die Freude, zu gewahren, daß ich ihn darin befestigt und geachtet zurücklassen werde. Was Gertrud anbetrifft, so ist sie die Seele unseres Hauses, die beglückte Mutter von Andreas' Kindern, und die Zierde, der Friede, die geliebte Blume meiner alten Tage. Zu gleicher Zeit, während wir uns oft von der armen Rosa und deren erbaulichem Tode unterhalten, bereite ich selbst mich darauf vor, in der ersten besten Stunde von dieser Erde auszuziehen, unbestritten nicht etwa satt des Glückes, das ich genieße, sondern damit ich wenigstens wohl vorbereitet ohne Stirnrunzeln den kurzen Uebergang des Todes durchschreite, um, wenn ich mich dessen würdig zu machen im Stande gewesen bin, zum Frieden Gottes einzugehen durch Jesum Christum, unsern Heiland. Wenn ich, als Diener des heiligen Evangeliums, mir eine Abweichung von den Gewohnheiten und Arbeiten meines Berufes erlaubt habe, um in diesem Buche die Geschichte Rosa's und Gertrudens zu erzählen, so ist dies geschehen, weil mir unter so vielen Ereignissen, Interessen und Wechselfällen, von denen ich während eines fünfzigjährigen Pastorats Zeuge gewesen bin, nichts begegnet ist, worin sich einerseits der tröstende Gegensatz zwischen dem zweifelhaften Frieden der Schlechten, welche den Sieg davon tragen, und dem wahren Frieden der Guten, welche unterliegen, und andrerseits jene göttliche und ewige Wahrheit, daß Gott in seinen, der Anbetung würdigen Wegen Alles zum größten Vortheil derjenigen ausschlagen läßt, die ihn lieben, schlagender dargethan hätte; dergestalt, daß er diese, nach ihrer Läuterung durch Prüfungen, entweder zu sich ruft, weil die Erde nicht mehr der geeignete Aufenthalt für sie ist, oder daß er ihren Jammer in Glücksgenuß wandelt und ihnen noch eine Reihe von Jahren vergönnt, um sich seiner Wohlthaten zu erfreuen und seine unverdienten Gnadengeschenke zu preisen.