August Strindberg Die Beichte eines Thoren   Roman     2. Auflage. Budapest, 1894. Carl Grill k. und k. Hofbuchhandlung V., Dorotheagasse 2. Einleitung. Am Tische sitzend, die Feder in der Hand, wurde ich von einem Fieberanfall erfaßt: Seit fünfzehn Jahren war ich nicht ernstlich krank gewesen, darum erschreckte mich dieser plötzliche Anfall. Nicht als ob ich den Tod gefürchtet hätte, nein, durchaus nicht. Mit 38 Jahren hatte ich ein geräuschvolles Leben hinter mir, ohne etwas Tüchtiges geleistet, ohne alle meine jugendlichen Wünsche verwirklicht zu haben; ich hatte den Kopf noch voller Pläne, und so war mir dieser Anfall durchaus unerwünscht. Seit vier Jahren lebte ich mit Weib und Kind in einem halb freiwilligen Exil, ich hielt mich in einem bairischen Weiler verborgen, war abgehetzt, vor Kurzem war ich verklagt und gepfändet worden, ich war verbannt und auf die Straße geworfen; und nun beherrschte mich das Gefühl der Rache selbst noch in dem Augenblick, als ich aufs Bett sank. Jetzt entspann sich ein Kampf. Ohne Kraft, um nach Hülfe zu rufen, lag ich in meinem Dachstübchen allein da, und das Fieber schüttelte mein Inneres durcheinander wie ein Federbett, schnürte mir die Kehle zu, setzte mir die Kniee auf die Brust, meine Ohren glühten und die Augen schienen aus dem Kopf zu dringen. Ich zweifelte nicht daran, daß es der Tod sei, der in mein Zimmer gedrungen war und sich auf mich geworfen hatte. Doch ich wollte nicht sterben. Ich leistete ihm Widerstand; es war ein erbittertes Ringen; die Nerven spannten sich, das Blut tobte in den Adern, das Gehirn tanzte wie ein Polyp in Essig. Doch plötzlich gewann ich die Ueberzeugung, daß ich in diesem schrecklichen Totentanz unterliegen müßte, ich ließ los, fiel rückwärts über und gab mich ganz dem schrecklichen Würger gefangen. Doch da überströmte mein ganzes Wesen ein unsagbarer Frieden, eine wollüstige Schlaffheit überlief meine Glieder, eine süße Ruhe ergoß sich über Körper und Seele, die beide in den vielen arbeitsharten Jahren der wohlthätigen Erholung entbehrt hatten. Das war ohne Zweifel der Tod: allmählich schwand der Wille zum Leben, ich hörte auf zu empfinden, zu fühlen, zu denken. Das Bewußtsein entschwand, und die wohlthuende Empfindung des Nichts füllte die Leere aus, die durch das Schwinden der namenlosen Schmerzen, der beunruhigenden Gedanken, der uneingestandenen Sorgen entstanden war. Als ich erwachte, saß meine Frau am Bette und sah mich mit ängstlichem Blick forschend an. – Was ist Dir denn, lieber Freund? sagte sie. – Ich bin krank, antwortete ich; aber wie gut ist es, krank zu sein! – Was sagst du? Ist das dein Ernst? – Das Ende naht heran; ich hoffe es wenigstens. – Laß uns um Gotteswillen nicht auf dem Stroh zurück, rief sie. Was soll aus uns werden in einem fremden Land, fern von Freunden, ohne Mittel! – Ich hinterlasse euch meine Lebensversicherung, tröstete ich sie. Es ist nicht viel, aber es reicht hin, um in die Heimat zurückzukehren. Sie hatte nicht daran gedacht, und etwas ruhiger fuhr sie fort: – Aber, wir müssen etwas thun, lieber Mann, ich werde den Arzt holen lassen. – Nein! Ich will keinen Arzt. – Warum? – Weil ... weil ich nicht will. Wir wechselten verständnisvolle Blicke an Stelle von Worten. – Ich will sterben, erwiderte ich schroff. Das Leben widert mich an, die Vergangenheit erscheint mir wie ein Knäuel Garn, den abzuwickeln ich nicht die Kraft fühle. Mag das Dunkel hereinbrechen! Vorhang herunter! Sie blieb bei diesen edelmütigen Ergüssen kalt. – Immer wieder das alte Mißtrauen, sagte sie. – Ja, noch immer! Vertreibt das Phantom! Du allein, du hättest es gekonnt! Wie gewöhnlich legte sie die Hand auf meine Stirn. – Thut dir das wohl, schmeichelte sie mit dem Ton ihrer früheren mütterlichen Zärtlichkeit. – O, wie wohl das thut! Die Berührung dieser kleinen Hand, die so schwer auf meinem Geschick lastete, besaß wirklich die Macht, die schwarzen Gespenster zu bannen und die verstohlenen Zweifel zu beschwören. Nach kurzer Zeit brach das Fieber noch heftiger aus. Meine Frau stand auf, um einen beruhigenden Trank zu bereiten. Als ich einen Augenblick allein war, setzte ich mich auf, um einen Blick durch das Fenster gegenüber zu werfen. Es war ein breites, dreiteiliges Fenster, draußen von Weinranken umrahmt; zwischen den grünen Blättern konnte man noch ein Stück Landschaft sehen: Vorn die Krone einer Quitte, mit ihren schönen, goldgelben Früchten zwischen den dunkelgrünen Blättern, weiterhin die mitten auf den Rasen gepflanzten Apfelbäume, der Turm der Kapelle, ein blaues Fleckchen vom Bodensee und im Hintergrunde die Tyroler Alpen. Es war mitten im Sommer, rings herum war Alles beschienen von den schrägen Strahlen der Nachmittagssonne – es war ein entzückendes Bild. Drunten ertönte das Plappern der Staare, welche auf den Leitern der Weinberge saßen, das Piepsen der jungen Enten, das Zirpen der Grillen, die Kuhglocken; und in dieses fröhliche Konzert mischte sich das Lachen der Kinder und die anordnende Stimme meiner Frau, welche mit der Frau des Gärtners über meine Krankheit sprach. Da ergriff mich wieder die Lust zum Leben, und die Furcht vor der Vernichtung durchbohrte mich. Nein, ich wollte nicht mehr sterben, hatte ich doch noch viele Pflichten zu erfüllen, viele Schulden zu begleichen. Von Gewissensbissen gepeinigt, fühlte ich das dringende Bedürfnis zu beichten, die Welt für irgend etwas um Verzeihung zu bitten, mich, vor wem es auch sei, zu demütigen. Ich fühlte mich schuldig, mein Gewissen wurde von unbekannten Verbrechen gemartert. Ich brannte vor Begierde, mein Herz durch ein vollständiges Bekenntnis meiner eingebildeten Schuld zu erleichtern. Während dieses Schwächeanfalls, der meiner angeborenen Verzagtheit entsprang, trat meine Frau ein und brachte den Beruhigungstrank in einem Milchnapf. Indem sie auf einen leichten Anfall von Verfolgungswahn anspielte, den ich früher einmal gehabt, kostete sie von dem Getränk, bevor sie es mir reichte. – Es ist kein Gift drin, sagte sie lächelnd. Ich schämte mich und wußte nicht, was ich darauf antworten sollte, und mit einem Zug leerte ich den Napf, um ihr eine Genugthuung zu gewähren. Das einschläfernde Getränk, dessen Duft mich an meine Heimat erinnerte, wo der geheimnisvolle Hollunderstrauch Gegenstand eines populären Kultus ist, brachte einen Hauch von Sentimentalität mit sich, welche schließlich in einen Ausbruch meiner Gewissensbisse überging. – Höre, liebes Kind, bevor ich den letzten Atemzug thue. Ich bekenne, daß ich ein rücksichtsloser Egoist bin, ich habe, um meines litterarischen Ruhmes willen, deine Theaterlaufbahn zerstört; ich bin bereit, Alles zu gestehen, verzeih mir. Sie wehrte ab und sprach mir Trost ein, ich aber unterbrach sie und fuhr fort: Wir haben bei unserer Verheiratung nach deinem Wunsche beschlossen, daß deine Mitgift dir verbleiben sollte; dennoch habe ich sie verschleudert, um leichtsinnig übernommene Bürgschaften zu decken; und das bedrückt mich am meisten, weil du im Falle meines Todes nicht den Besitz meiner veröffentlichten Werke wirst antreten können. Laß einen Notar kommen, damit ich dir mein angebliches oder wirkliches Vermögen vermachen kann. Dann aber kehre zu deiner Kunst zurück, die du um meinetwillen aufgegeben hast. Sie wollte ausweichen, indem sie die Sache scherzhaft nahm, sie empfahl mir, ein wenig zu schlummern, und versicherte mir, es würde sich alles ordnen, der Tod komme nicht so schnell. Kraftlos faßte ich ihre Hand, bat sie an meiner Seite zu sitzen, während ich schliefe, flehte sie noch einmal an, mir alles Leid zu verzeihen, das ich über sie gebracht, und nahm ihre Hand fest in die meine; nunmehr senkte sich eine süße Müdigkeit auf meine Augen, ich fühlte, wie ich steif wurde wie Eis unter den Ausstrahlungen ihrer großen Augen, die mit unendlicher Zärtlichkeit auf mich blickten, unter ihrem Kusse, den sie wie ein kaltes Siegel auf meine heiße Stirn drückte – wie ich versang in unsagbare Seligkeit. * Als ich aus meiner Lethargie erwachte, war es heller Tag. Die Sonne schien auf das mit einer Schlaraffenlandschaft bemalte Rouleau, und nach dem Geräusch unten zu urteilen, mußte es fünf Uhr morgens sein. Ich hatte die ganze Nacht ununterbrochen traumlos geschlafen. Der Napf mit dem Thee stand noch auf dem Nachttisch; auch der Sessel meiner Frau stand noch auf seinem Platz, ich aber war eingehüllt in einen Fuchspelz, dessen weiche Haare mir liebkosend das Kinn kitzelten. Es schien mir, als habe ich in den letzten zehn Jahren nicht geschlafen, so frisch und ausgeruht fühlte sich mein bis zum Übermaß angestrengter Kopf. Die sonst wild durcheinander stürmenden Gedanken vereinigten sich zu geordneten, kraftvollen, gefestigten Gruppen, die den Anfällen von krankhaften Gewissensbissen, den Symptomen eines geschwächten Körpers bei degenerirten Personen Stand halten konnten. Gleich zu Anfang fielen mir die beiden schwarzen Punkte in meinem Leben ein, die ich gestern als Bekenntnis eines Sterbenden der heißgeliebten Frau offenbart hatte, die mich Jahre lang gepeinigt und mir die Augenblicke, welche ich für meine letzten hielt, vergiftet hatten. Jetzt wollte ich einmal näher an diese Fragen herangehen, die ich bisher in dem unbestimmten Gefühl, daß sich nicht alles in Ordnung befände, nicht gründlich geprüft hatte. Sehen wir doch einmal näher zu, sagte ich zu mir, worin ich eigentlich gekündigt habe, ob ich mich wirklich als einen feigen Egoisten betrachten muß, der zum Vorteil seiner ehrgeizigen Pläne die Künstlerlaufbahn seines Weibes geopfert hat. Sehen wir zu, wie sich die Sache in Wirklichkeit zugetragen hat. Zu der Zeit, wo wir uns aufbieten ließen, hatte sie beim Theater schon eine untergeordnete Stellung: man gab ihr mir noch zweite, nein dritte, Rollen. Beim zweiten Auftreten fiel sie durch aus Mangel an Talent, an Aplomb, an Charakteristik, kurz es mangelte ihr jedes Bühnentalent. Am Tage vor der Hochzeit erhielt sie ein blaues Rollenheft, welches nur zwei Worte enthielt, die eine Gesellschaftsdame in irgend einem Stücke zu sprechen hatte. Wieviel Thränen, wieviel Kummer brachte diese Ehe, die den Ruf einer Schauspielerin vernichtete. Noch vor Kurzem war sie als Baronin, die sich der Kunst zu Liebe hatte scheiden lassen, so anziehend. Daran war sicher ich schuld; der Zusammenbruch begann, er endete mit einer brüsken Entlassung – nach zweijährigem Jammern vor immer dünner werdenden Rollenheften. Gerade als ihre Theaterlaufbahn zu Ende ging, hatte ich als Romanschriftsteller Erfolg, und zwar einen wirklichen, unbestreitbaren Erfolg. Während ich früher kleine Stücke auf die Bühne gebracht hatte, deren Aufführung für mich ohne Folgen blieb, bemühte ich mich jetzt um die Vollendung eines annehmbaren Stückes, ich will sagen um eine geeignete Maschinerie, die den speziellen Zweck haben sollte, der heißgeliebten Frau wieder zu dem so sehr gewünschten Engagement zu verhelfen. Ich ging allerdings etwas widerwillig an die Arbeit, da ich seit lange Neuerungen in der dramatischen Kunst plante; ich ging daran, indem ich meine litterarische Überzeugung opferte. Ich mußte die geliebte Frau dem Publikum durchaus aufdrängen, sie ihm trotz aller bekannten Schauspielerinnen an den Kopf werfen, sie in die Sympathie dieser widersetzlichen Welt einschmuggeln. Aber, es half nichts. Das Stück versagte, die Schauspielerin fiel durch, das Publikum remonstrierte gegen eine geschiedene, wieder verheiratete Frau, und der Direktor beeilte sich, einen Vertrag aufzuheben, der ihm nichts nutzen konnte. Ist das denn meine Schuld, sagte ich zu mir, mich auf meinem Bett ausstreckend, ganz zufrieden mit mir, nach diesem ersten Versuch. O, wie gut ist es doch, ein ruhiges Gewissen zu haben! Und reinen Herzens ging ich drüber hinweg. Ein trauriges, thränenreiches Jahr verfloß, trotzdem uns ein sehnlichst gewünschtes Töchterchen geboren wurde. Plötzlich kehrte die Theaterwut mit erneuter Kraft zurück. Die Theaterbureaux wurden abgelaufen, die Direktoren bestürmt, Reklame gemacht, nirgend ein Erfolg, überall wurden wir hinauskomplimentiert und abgewiesen. Der Abfall meines Dramas ließ mich kalt, hatte ich doch Aussicht eine ehrenvolle Stellung in der Schriftstellerwelt zu erringen, ich wollte kein Stück mehr schreiben für herumziehende Komödianten, da ich keine Lust hatte, unser Zusammenleben durch eine vorübergehende Laune stören zu lassen, ich beschränkte mich darauf, meinen Teil an dem unvermeidlichen Ärger hinunterzuschlucken. Schließlich ging das über meine Kräfte. Ich benutzte meine Beziehungen zu einem Theater in Finnland und setzte endlich für meine Frau eine Reihe von Gastvorstellungen durch. Da hatte ich mir aber selbst Ruten auf den Leib gebunden! Nachdem ich als Strohwittwer während eines ganzen Monats für Küche und Haus hatte sorgen müssen, fand ich nur einen mäßigen Trost in den zwei Kisten mit Bouquets und Kränzen, die sie in das eheliche Heim mitbrachte. Aber sie war so glücklich, so verjüngt und so reizend, daß ich mich veranlaßt sah, sofort an den Direktor wegen eines Engagements zu schreiben. Man bedenke, ich entschloß mich, meine Heimat, meine Freunde, meine Stellung, meinen Verleger zu verlassen, um eine Laune zu befriedigen. Doch, was hilfts, entweder liebt man, oder liebt man nicht. Zum Glück hatte der gute Mann keinen Platz für eine Schauspielerin ohne Repertoire. War das etwa meine Schuld, wie? – Ich wälzte mich vor Vergnügen auf meinem Bett. Wie gut ist es doch, von Zeit zu Zeit eine Enquete zu veranstalten, wie es die Engländer thun. Das macht mir das Herz ganz leicht, ah, ich werde sicher wieder jung und frisch. Wie aber kam's nachher? Nach und nach kamen Kinder an, eins, zwei, drei, dicht gesät. Doch die Theaterwut hielt noch immer an. Schließlich mußte aber ein Ende gemacht werden. Es wurde gerade ein neues Konkurrenztheater eröffnet. Was war einfacher, als daß ich demselben ein Stück anbot, diesmal eins mit einer weiblichen Heldenrolle, ein Sensationsstück, da ja die Frauenfrage auf der Tagesordnung stand. Gesagt, gethan! Denn – wie gesagt, entweder liebt man, oder liebt man nicht. Also ein Drama, eine Frauenrolle, Kostüme den Umständen angemessen, eine Wiege, Mondschein, ein Bandit als Gegenstück, ein Pantoffelheld, feige, in seine Frau vernarrt (das sollte ich sein); die Frau schwanger (das war etwas Neues), das Innere eines Klosters und das Übrige. Für die Schauspielerin war es ein kolossaler Erfolg, ein Durchfall für den Autor, ein Durchfall ... ja! Sie war gerettet und er verloren, total zu Boden geschmettert, trotz alledem, trotz des Soupers für hundert Francs, das wir dem Direktor gegeben hatten. Daran hatte ich nicht schuld! Wer war der Märtyrer, wer das Opfer? Ich natürlich! Nichts destoweniger bin ich ein Abscheu für alle anständigen Frauen, weil ich die Karriere meiner Frau geopfert habe. Seit Jahren mache ich mir darüber Gewissensbisse, so daß ich meine Tage nicht in Frieden beschließen kann. Wie oft hat man mir ins Gesicht, vor fremden Leuten darüber Vorwürfe gemacht! Ich?! Umgekehrt ist's gerade! Eine Karriere ist zerstört, aber welche? Und durch wen? Ein grausamer Verdacht steigt auf, und der Humor verfliegt bei dem Gedanken, daß ich hätte als Zerstörer der Karriere dahingehen können ohne einen Verteidiger, der mich hätte reinigen können. Bleibt noch die verschleuderte Mitgift. Ich erinnere mich, daß man mich zum Gegenstand eines Feuilletons machte, das den Titel »Mitgiftverschwender« hatte. Ich entsinne mich dessen ganz gut, wie man es mir unter die Nase rieb, daß meine Frau ihren Mann erhalten hatte. Dieses hübsche Wort veranlaßte mich, meinen Revolver mit sechs Kugeln zu laden. Untersuchen wir einmal die Sache, weil man doch untersuchen wollte, fällen wir ein Urteil, weil man es ja für angebracht hielt, ein Urteil zu fällen. Die Mitgift meiner Frau, welche zehntausend Francs in zweifelhaften Aktien betrug, hatte ich für meine Rechnung auf Hypotheken zu fünfzig Prozent des Nennwerts angelegt. Da kam der allgemeine Krach, und die Effekten waren fast wertlos, da man sie im kritischen Moment nicht verkaufen konnte. Ich war genötigt, meine Anleihe in Höhe von fünfzig Prozent zu zahlen. Später zahlte der Bankier, der die faulen Aktien emittiert hatte, meiner Frau fünfundzwanzig Prozent, so viel Aktiva kamen bei dem Konkurs des Bankgeschäfts heraus. Das ist nun ein Problem für Mathematiker: Wieviel habe ich eigentlich verschleudert? Mir scheint: Nichts. Die unverkäuflichen Effekten bringen dem Besitzer ihren wirklichen Wert, während ich ihnen durch persönliche Bürgschaft einen Mehrwert von fünfundzwanzig Prozent gegeben hatte. Wahrhaftig! Ich bin unschuldig in dieser Sache wie in der anderen. Und die Gewissensbisse, die Verzweiflung, die häufigen Selbstmordversuche! Und immer wieder regt sich der Verdacht, das alte Mißtrauen, der bittere Zweifel, und ich werde zur Furie, wenn ich daran denke, daß ich nahe daran war, wie ein Elender zu sterben. Mit Sorgen und Arbeiten überlastet, hatte ich niemals Zeit gefunden, mir über das Gewirre des Geräusches, der Töne, die ich hörte, über die versteckten Reden klar zu werden, und während ich ganz der Arbeit lebte, bildete sich aus dem Geschwätz der Neidischen, aus dem Geklatsch der Cafés eine boshafte Legende. Und ich, wahrhaftig, ich glaubte aller Welt, nur nicht mir! Konnte es denn wirklich möglich sein, daß ich nicht verrückt, niemals krank, niemals degeneriert war? Konnte es denn möglich sein, daß ich mich ganz ruhig täuschen ließ, täuschen von einer geliebten Sirene, deren kleine Scheere im Stande gewesen wäre, Simsons Locken abzuschneiden, während er sein Haupt, von Sorgen um sie und die Kinder müde, ihr in den Schoß legte! Vertrauend, ohne Arg hätte er während seines zehnjährigen Schlafes in den Armen der Zauberin seine Ehre verloren, seine Mannhaftigkeit, seinen Willen zum Leben, seine Intelligenz, seine fünf Sinne und noch mehr! Wäre es möglich – ich schäme mich, es zu denken – daß ein Verbrechen zu Tage käme in all den Wirrnissen, die mich seit Jahren wie ein Phantom verfolgen; ein ganz kleines, unbewußtes Verbrechen, hervorgerufen durch den unbestimmten Wunsch nach der Macht, durch die uneingestandene Lust des Weibes, den Mann zu unterjochen in diesem Kampf zu Zweien, den man Ehe nennt! Ich war entschlossen, alles zu erforschen, ich erhob mich, sprang aus dem Bette, wie der Gelähmte, der die imaginären Krücken fortwirft, eilig kleidete ich mich an, um nach meiner Frau zu sehen. Ich blickte durch die halb offene Thür, und ein bezauberndes Bild bot sich meinen entzückten Augen dar. Sie lag da auf ihrem Bette, das Köpfchen in die weißen Kissen vergraben, auf deren Bezug die goldigen Haare wie Schlangen sich ringelten; von den Schultern war das Spitzenhemd geglitten, das den jungfräulichen Busen kaum noch verhüllte; der zarte geschmeidige Körper zeichnete sich unter dem weiß und rot gestreiften Deckbett ab, es zeigte sich der kleine, leicht gewölbte, entzückende Fuß, über dessen rosige Zehen, die durchsichtigen, tadellosen Nagel hervorstanden, es war ein vollkommenes Meisterwerk, ein antiker Marmor, in den menschliches Leben gegossen war. Unschuldsvoll lächeln, betrachtete sie mit keuscher Mutterfreude die drei kleinen Puppen, die in dem geblümten Kissen wie in einem Heuschober herumkletterten und versanken. Von diesem entzückenden Schauspiel entwaffnet, sagte ich zu mir: Sei vorsichtig, wenn die Baronin mit ihren Jungen spielt. Von der Majestät der Mutter gebändigt und unterjocht, trat ich ziemlich unsichern Schritts und furchtsam wie ein Schüler ein. Ah, du bist ja schon aufgestanden, Männchen, begrüßte sie mich überrascht, aber nicht so angenehm überrascht, wie ich es gewünscht hätte. Ich stotterte eine Erklärung und bückte mich, um meine Frau zu küssen, aber die Kinder warfen sich auf mich und erstickten mich beinahe. Ist das eine Verbrecherin, fragte ich mich, im Fortgehen, besiegt von den Waffen der keuschen Schönheit, durch das offene Lächeln dieses Mundes, der noch von keiner Lüge besudelt war! Tausendmal nein! Ich zog mich, vom Gegenteil überzeugt, zurück. Aber grausame Zweifel peinigten mich von Neuem. Warum hatte meine unverhoffte Besserung sie kalt gelassen? Warum hatte sie sich nicht nach dem Verlauf des Fiebers, nach den Einzelheiten der verflossenen Nacht erkundigt? Und wie sollte ich mir ihre enttäuschte Miene, ihre fast unangenehme Überraschung, ihr überlegenes, spöttisches Lächeln erklären, als sie mich wohl und munter sah. Hatte sie leise gehofft, mich an diesem schönen Morgen tot, zu finden, befreit zu werden von dem Narren, der ihr das Leben unerträglich machte? Hoffte sie die paar Tausend Francs aus der Lebensversicherung zu erhalten, welche ihr einen neuen Weg zu ihrem Ziele eröffnen sollten. Tausendmal nein! Und doch! Die Zweifel bohrten sich mir ins Herz, Zweifel an allem, an der Ehrlichkeit meines Weibes, an der Legitimität der Kinder, Zweifel an meiner Zurechnungsfähigkeit, Zweifel, welche mich erbarmungslos verfolgten. In jedem Falle muß dieser Gedankenwirrwarr ein Ende nehmen, ich muß Gewißheit haben oder sterben. Entweder ist da ein Verbrechen verborgen, oder ich bin ein Wahnsinniger! Ich muß jetzt die Wahrheit entdecken. Ein betrogener Gatte! Meinetwegen, wenn ich es nur wüßte! Ich könnte mich dann durch ein höhnisches Lachen rächen. Giebt es einen Mann, der sicher ist, der einzig Bevorzugte zu sein? Wenn ich alle meine Jugendfreunde, die jetzt verheirathet find, im Geiste durchgehe, so finde ich keinen, der nicht mehr oder weniger betrogen wird, Und sie ahnen nichts, die Glücklichen! Man muß nicht kleinlich sein, nein! Gleiche Rechte, gleiche Pflichten! Aber nicht wissen, das ist gefährlich! Wissen, das ist die Hauptsache! Wenn ein Mann hundert Jahre lebte, so würde er niemals genau wissen, wie seine Frau lebt. Er kann die Gesellschaft, sogar die ganze Welt kennen, ohne einen Einblick in das Wesen der Frau zu gewinnen, deren Leben an das seine gekettet ist. Darum ist der arme Herr Bovary bei allen glücklichen Gatten in so angenehmer Erinnerung! Ich aber, ich will Gewißheit haben! Ich will forschen! Um mich zu rächen! Wie thöricht! An wem? An den Bevorzugten? Sie machen nur das Recht des Mannes geltend! An der Frau? Man muß nicht kleinlich sein! Die Mutter dieser Engel ins Verderben stürzen, was fällt dir ein? Aber ich muß unbedingt Gewißheit haben. Und dazu werde ich eine gründliche, diskrete, meinetwegen auch wissenschaftliche Untersuchung anstellen; alle Hilfsquellen der neuen psychologischen Wissenschaft will ich benutzen, die Suggestion, das Gedankenlesen, die Geistestortur; auch die alten Mittel will ich nicht verschmähen: Einbruch, Diebstahl, das Auffangen von Briefen, Fälschung. Ist das Monomanie, der Ausbruch des Wahnsinns? Doch nicht an mir ist's darüber zu urteilen; möge der aufgeklärte Leser in letzter Instanz darüber sein Urteil abgeben, wenn er dieses Buch vorurteilslos liest! Er findet dann vielleicht Elemente zur Physiologie der Liebe, Bruchstücke der pathologischen Psychologie, außerdem noch ein Stück Kriminalphilosophie. I Es war am 13. Mai 1875 zu Stockholm, Ich sehe mich noch im großen Saal der Königlichen Bibliothek, die einen ganzen Flügel des königlichen Palastes einnimmt. Die Wandbekleidung von weichem Holz ist allmählich braun geworden wie eine gut angerauchte Meerschaumspitze. Das ungeheuere Gebäude mit seinen Rokoko-Kartuschen, Guirlanden, Ketten, Bindepfeilern und Wappen, das in der Höhe des ersten Stockes von einer Galerie mit toskanischen Säulen umgeben ist, dehnt sich vor meinen innern Blicken aus wie ein Schlund, der mit seinen hunderttausend Bänden einem ungeheuren Gehirn gleicht, worin die Ideen vergangener Generationen ausgespeichert sind. Die zwei Hauptabteilungen des Saales mit drei Meter hohen Regalen werden durch einen Gang getrennt, der von einem Ende des Saales bis zum andern reicht. Die Frühlingssonne wirft durch die zwölf Fenster ihre goldnen Strahlen und beleuchtet die verschiedenartigen Renaissance-Einbände. Da stehen Folianten in weißem oder goldverziertem Pergament, in schwarzem oder weißem Corduanleder aus dem 17. Jahrhundert, in Kalbleder mit rotem Schnitt aus dem 18. Jahrhundert, in grünem Leder aus der Zeit des Kaiserreichs und in den billigen Einbänden der Jetztzeit. Neben dem Theologen sitzt der Zauberkünstler, neben dem Philosophen der Naturalist, neben dem Historiker der Dichter, ein geologisches Lager von unermeßlicher Tiefe, in welchem alle Schichten wie in einem Pudding lagern, und das die Etappen der Entwickelung, menschlicher Dummheit und Weisheit anzeigt. Ich sehe mich auf dem Balkon, wie ich eine Fuhre alter Scharteken vernagelte, die der Bibliothek jüngst ein berühmter Trödler geschenkt hatte; er war vorsichtig genug, sich die Unsterblichkeit zu sichern, indem er den Spruch: » Speravit infestis « als Devise auf seine Einbände setzte. Da ich abergläubisch war wie ein Atheist, so machte dieser Spruch, den ich jedesmal fand, wenn ich einen Band aufschlagen wollte, einen gewissen Eindruck auf mich. Selbst im Unglück hatte er die Hoffnung behalten, dieser Ehrenmann; und das war ein Glück für ihn. Ich aber hatte alle Hoffnung fahren lassen in Betreff meiner Tragödie in fünf Akten, sechs Bildern, und drei Verwandlungen auf offener Bühne, und was meine Beförderung betrifft, so hätten erst sieben Supernumerare sterben müssen, die alle noch vollkommen gesund waren, von denen vier Renten bezogen. Wenn man sechsundzwanzig Jahre alt ist, ein Monatsgehalt von zwanzig Francs hat nebst einer in einer Dachstube aufbewahrten Tragödie in fünf Akten, ist man nur allzu sehr empfänglich für den modernen Pessimismus, diese neue Auflage des Skeptizismus, der sich so trefflich eignet für heruntergekommene Genies, die dann einen Ersatz für ein anständiges Mittagessen und für einen zu früh versetzten Überzieher suchen. Als Mitglied einer gelehrten Bohême, die der alten Künstlerbohême nachgeahmt war, Mitarbeiter vornehmer Zeitungen und gelehrter Zeitschriften, die schlecht zahlten, als Aktionär einer Gesellschaft für die Übersetzung der Philosophie des Unbewußten, Angehöriger der freien, aber nicht unbezahlten Liebe, Inhaber des allgemeinen Titels eines königlichen Sekretärs, Verfasser von zwei im Theâtre Royal aufgeführten Akten, hatte ich Mühe, die für mein elendes Leben nöthigen Bedürfnisse aufzutreiben. Schließlich fing ich an das Leben zu hassen. Doch hatte ich den Willen zum Leben noch nicht aufgegeben; durchaus nicht, that ich doch mein Möglichstes, dieses verworrene Leben fortzuführen und mich und meine Rasse fortzupflanzen. Und man muß sagen, daß der vom gemeinen Haufen buchstäblich aufgefaßte und fälschlicher Weise mit Hypochondrie verwechselte Pessimismus schließlich dazu führt, die Welt von der heiteren und tröstlichen Seite zu betrachten. Da das All eigentlich ein Nichts ist, warum so viel Lärm darum zu machen, zumal da die Wahrheit etwas Zufälliges ist? Hat man doch jüngst entdeckt, daß die Wahrheit von gestern sich in den Unsinn von morgen verwandelt; warum soll man da seine Jugendkraft opfern, um neuen Unsinn zu entdecken? Der einzige sichere Punkt, der uns bleibt, ist der Tod, darum wollen wir also leben. Aber für wen, für was? Nachdem das ganze Gerümpel, das am Ende des vorigen Jahrhunderts abgeschafft wurde, bei der Thronbesteigung Bernadottes, dieses bekehrten Jakobiners, wieder eingeführt wurde, sah das Geschlecht von 1860, zu dem ich gehörte, alle seine Hoffnungen in Folge der parlamentarischen Reform schwinden, die mit soviel Geräusch ins Werk gesetzt worden. Die beiden Kammern, die an Stelle der Vier Stände traten, bestanden zum größten Teil aus Bauern, die den Reichstag in einen Stadtrat verwandelten wo sie ohne Scheu gemüthlich über ihre kleinen Ausgaben verhandelten und alle Fragen des Fortschritts bei Seite ließen. Die Politik stellte sich uns als ein Kompromiß lokaler und persönlicher Interessen dar, sodaß die letzte Spur eines Glaubens an das, was man damals Ideal nannte, sich zu bitteren Prinzipien zersetzte. Nimmt man hierzu die religiöse Reaktion, die nach dem Tode Karls XV. bei der Thronbesteigung der Königin Sophie von Nassau auftrat, so muß man gestehen, daß für die Entstehung eines aufgeklärten Pessimismus andre Gründe maßgebend waren als individuelle Veranlagung. – Vom Bücherstaub fast erstickt, öffnete ich ein Fenster, das nach dem Löwenhof hinausging, um ein wenig frische Luft zu schöpfen und mich am Anblick der Landschaft zu erfreuen. Eine Brise, die mit dem von den Pappeln ausgehenden Duft gewürzt war, bewegte den völlig aufgeblühten Flieder. Geißblatt und junge Weinranken begannen das Gitterwerk mit hellem Grün zu schmücken; Akazie und Platane halten noch zurück; sie kennen wohl die Launen des Mai. Und doch ist es Frühling, wenn auch das Geäste der Bäume und Sträucher unter dem jungen Laub noch sichtbar ist. Und oberhalb der Rampe, überragt von Delfter Porzellantöpfen mit dem blauen Zeichen Karls XII., treten in Kolonnen die Masten der an der Ufermauer befestigten, zu Ehren des Maifestes bewimpelten Dampfer hervor, weiterhin zwischen den beiden mit Laub- und Nadelholz bestandenen Ufern erscheint der Golf als dunkelgrüner Streifen. Alle Schiffe auf der Rhede haben ihre Nationalflaggen entfaltet, die mehr oder weniger die verschiedenen Länder symbolisieren. England mit dem Rot des blutenden Roastbeef, Spanien rot-gelb gestreift wie die Jalousie eines maurischen Balkons, die Vereinigten Staaten mit gestreiften Bettdrell, die heitere Trikolore neben der finstern Flagge des immer trauernden Deutschlands mit seinem Eisernen Kreuz in der Ecke, das Damenhemd von Dänemark, die verhüllte Trikolore von Rußland. Alles liegt Seite an Seite unter dem marineblauen nordischen Himmel. Dazu der Lärm der Kutschen, der Pfeifen, der Glocken, die Kraniche; der Geruch von Maschinenöl und gesalzenem Hering, von Leder, von Viktualien, in den sich der Duft des Flieders mischte. Diesen Geruch frischte von Zeit zu Zeit von der See her der Ostwind auf, der in die spiegelglatten Wellen der Ostsee rauschte. Ich hatte den Büchern den Rücken zugewendet und den Kopf aus dem Fenster gebogen, um alle fünf Sinne zu erfrischen, als die Wache aufzog und im Vorbeimarschieren den Marsch aus Faust spielte. Musik, Fahnen, Blumen, der blaue Himmel, Alles fesselte mich dermaßen, daß ich gar nicht bemerkte, daß der Bureaudiener die Zeitung brachte. Er klopfte mir auf den Rücken, übergab mir einen Brief und verschwand alsbald. Es war ein Brief von einer Dame. Ich beeilte mich, ihn zu öffnen, denn ich witterte schon eine frohe Botschaft. Wahrhaftig, es war eine. »Kommen Sie heute Nachmittag Punkt fünf Uhr vor das Haus Nummer 65 in der Regentenstraße. Dort werden Sie mich treffen. Erkennungszeichen: Eine Notenrolle.« Das letzte Mal war ich von einer kleinen Hexe genarrt worden; daher war ich sehr geneigt und wollte es tüchtig auskosten, wenn es mir geboten würde. Aber eins ärgerte mich hierbei. Das war der sichere, fast befehlende Ton, der mein Mannesgefühl verletzte. Wie kam diese Kleine dazu, mich so unversehens zu überfallen! Was denken sich denn diese Damen mit ihrer abfälligen Meinung über unsere Tugend? Sie bittet nicht um Erlaubnis, sie läßt ihrem Opfer einfach einen Befehl zukommen. Außerdem war ich nachmittags zu einer Landpartie eingeladen, und ich verspürte keine Lust, am hellen Tage, in einer Hauptstraße die Cour zu machen. Sobald es zwei geschlagen hatte, begab ich mich zur Versammlung meiner Kollegen in das Laboratorium unseres Chemikers. Das Vorzimmer war schon voller Doktoren und Kandidaten der Philosophie und Medizin, welche die Parole für das heutige Fest entgegennehmen sollten. Ich entschuldigte mich, und man fragte mich nach den Gründen meines Ausbleibens bei den für den Abend geplanten Orgien. Der Brief, den ich dem in solchen Dingen erfahrenen Zoologen vorhielt, entlockte ihm nur ein Kopfschütteln, daß er mit einer stoßweise hervorgebrachten Sentenz begleitete: »Das ist Nichts! Das verheiratet sich, aber verkauft sich nicht! Familientier, das! Das ist was Rechtes! Doch wie du willst! Komm nur nach, du triffst uns im Park, wenn dein Herz dich treibt und die Dame vielleicht doch anderer Art ist. Und so fand ich mich wirklich zur richtigen Stunde vor dem angegebenen Hause ein und wartete auf das Erscheinen der schönen Unbekannten. Diese Notenrolle war wie ein Heirathsgesuch in der Zeitung und machte mich unschlüssig, doch da sah ich mich schon einer Dame gegenüber, deren erster Eindruck auf mich, worauf ich viel gebe, ein durchaus unbestimmter war. Alter unbestimmt, zwischen neunundzwanzig und zweiundvierzig; das etwas abenteuerliche Aussehen schwankend zwischen Künstlerin und Blaustrumpf, Haustochter und Freudenmädchen, Emancipirte und Kokette. Sie stellte sich mir als Braut meines alten Freundes, des Opernsängers, vor, der sie unter meinen Schutz gestellt hätte, – doch dies erwies sich später als Lüge. Sie war so eine Art kleiner Vogel und zwitscherte ununterbrochen; in einer halben Stunde hatte sie mich in Alles eingeweiht, was sie dachte und fühlte. Doch das interessirte mich nur mäßig, und ich fragte sie schließlich, worin ich ihr dienlich sein könnte. – Ich soll Beschützer eines jungen Mädchens sein? rief ich. Sie wissen ja gar nicht, daß ich der leibhaftige Teufel bin! – Ach, Sie glauben das nur von sich, ich kenne Sie ganz gut, erwiderte sie; Sie sind nur unglücklich, und man muß Sie Ihren finsteren Gedanken entreißen. – Ach, Sie glauben mich von Grund aus und wirklich zu kennen; aber Sie kennen nur die Meinung Ihres Bräutigams über meine Person. Es half keine Widerrede, sie wußte Alles und verstand es, in dem Herzen des Mannes zu lesen. Sie war eine jener zähen Personen, die nach der Herrschaft über die Geister trachten, indem sie sich in die geheimsten Falten des Herzens einschleichen. Sie verstand es, prächtige Briefe zu schreiben, überschüttete alle berühmten Personen mit Briefen, teilte Ratschläge aus, triefte von Ermahnungen an die jungen Leute und machte sich ein Vergnügen daraus, das Geschick der Männer zu leiten. Herrschsüchtig, wie sie war, hatte sie sich zur Leiterin eines Seelenrettungswerkes aufgeworfen und beschützte alle Welt; und so hatte sie sich auch den Beruf auferlegt, mich zu retten; kurz eine Intrigantin vom reinsten Wasser, mit wenig Geist und ungeheurer weiblicher Unternehmungslust. Ich fing an, sie aufzuziehen, indem ich über die Welt, die Menschen und Gott spottete. Sie erklärte mich für angefault. Aber liebes Fräulein, was fällt Ihnen ein? Alle, meine höchst modernen Ideen scheinen Ihnen angefault! Und Ihre Ideen, die aus einer vergangenen Epoche stammen, die Gemeinplätze meiner jungen Jahre, das längst Abgestandene, das Alles erscheint Ihnen ganz neu! Offen gestanden, was Sie mir als frisches Gemüse anbieten, sind nur Konserven in weißen, schlecht gelöteten Büchsen. Das riecht ja schon, wissen Sie. Wütend und außer Fassung lief sie ohne Abschied davon. Nachdem dies in Ordnung gebracht war, suchte ich meine Kameraden im Park auf, wo wir die ganze Nacht hindurch schwärmten. Am andern Morgen erhielt ich, noch etwas benebelt, einen Brief voll Weibergeschwätz, strotzend von Vorwürfen, überströmend von Mitleid, von Nachsicht und von guten Wünschen für mein geistiges Wohlbefinden; schließlich bestimmte sie ein neues Rendezvous, ich sollte bei der alten Mutter ihres Bräutigams Besuch machen. Als Mann von Erfahrung wußte ich, daß ich einen neuen Platzregen würde aushalten müssen: um möglichst billig davon zu kommen, nahm ich die Maske vollkommenster Gleichgiltigkeit in Bezug auf Gott, die Welt und alles Übrige an. Welches Zusammentreffen! Die junge Dame, eng geschnürt, in pelzbesetztem Kleide, mit einem Rembrandt-Hute, nahm mich freundlich auf; voll Zartgefühl, wie eine ältere Schwester, vermied sie alle gefährlichen Themata, so daß bei unserm gegenseitigen Wunsche einander zu gefallen, sich unsere Geister in einer reizenden, sympathischen Unterhaltung zusammenfanden. Nach Beendigung des Besuchs gingen wir an dem schönen Frühlingsabend zusammen spazieren. In einer mephistophelischen Laune, auch in dem Wunsche nach Rache, da ich die langweilige Rolle eines guten Kameraden hatte spielen müssen, gestand ich ihr, daß ich halb und halb verlobt wäre, was angesichts des Umstandes, daß ich einer jungen Dame die Cour machte, nur eine halbe Lüge war. Darauf nahm sie die Miene einer Großmutter an, fing an, das junge Mädchen zu beklagen, und fragte nach ihrem Charakter, ihrem Aussehen, ihrer Lage. Ich skizzierte ihr ein Portrait, um ihre Eifersucht zu wecken. Darauf wurde die Unterhaltung etwas einsilbig. Wirklich, ihr Interesse nahm in dem Maße ab, als der Schutzengel eine Rivalin in der Seelenrettung auftauchen sah. Wir trennten uns, ohne daß die unmerklich entstandene Kälte zwischen uns geschwunden wäre. Die Unterhaltung am nächsten Tage drehte sich ausschließlich um die Liebe und um meine angebliche Braut. Nachdem wir acht Tage lang mit einander Theater und Konzerte besucht und Spaziergänge gemacht hatten, war sie unmerklich in mein Leben als meine Vertraute eingetreten, unser tägliches Beisammensein gehörte zu den festen Lebensgewohnheiten, von denen ich nicht mehr lassen konnte. Die Kunst der Unterhaltung mit einem gut erzogenen Weibe üben zu können, bot einen fast sinnlichen Reiz, es war ein Berühren der Seelen, eine Liebkosung der Geister, eine Süßigkeit für die Sinne. Eines Morgens war sie ganz außer sich; sie las mir Stellen aus einem Briefe vor, den sie tags vorher von ihrem Bräutigam erhalten hatte; dieser war wütend vor Eifersucht. Jetzt gestand sie mir auch, daß sie gegen die Weisung ihres Verlobten gehandelt hätte. In richtiger Vorahnung daß die Sache schlecht ablaufen würde, hatte er ihr die größte Vorsicht in Bezug auf meine Person anempfohlen. – Ich verstehe die schreckliche Eifersucht nicht, sagte sie verdrießlich. – Weil Sie die Liebe nicht verstehen, Fräulein, antwortete ich. – Ach, diese Liebe! – Diese Liebe, Fräulein, ist das aufs Höchste gesteigerte Gefühl des Eigentums, und die Eifersucht ist die Furcht, zu verlieren. – Eigentum! Pfui, Eigentum! – Das gemeinsame Eigentum, sehen Sie. Man besitzt sich gegenseitig. Sie wollte diese Art Liebe nicht verstehen; die Liebe wäre etwas Uninteressiertes, Erhabenes, Keusches, Unbeschreibliches! Kurz, sie liebte ihren Verlobten nicht, der, wie ich aus ihren Worten entnahm, ganz vernarrt in sie war. Sie wurde wütend und gestand offen, daß sie ihn niemals geliebt habe. – Und Sie wollen ihn heiraten? – Weil er ohne mich verloren wäre. Immer wieder die Seelenrettung! Sie erregte sich so sehr, daß sie sogar behauptete, sie wäre gar nicht mit ihm verlobt. Da hatten wir also Beide gelogen. Sehr aussichtsvoll! Es blieb mir nun nichts Anderes übrig, als offen zu sein und meine Verlobung als unwahr zu erklären; es stände uns ja nun frei, von unserer Freiheit Gebrauch zu machen. Nun verschwand wieder ihre Eifersucht, und das alte Spiel begann erst recht. Ich machte ihr schriftlich meine Erklärung, die sie versiegelt ihrem Bräutigam übersandte. Dieser zögerte nicht, mir mit wendender Post die größten Injurien anzuhängen. Nunmehr ersuchte ich die Schöne, sich zu erklären und zwischen uns Beiden zu wählen. Aber sie hütete sich wohl, dies zu thun; sie war bereit, uns alle Beide zu wählen, drei, vier, so viel als möglich zu ihren Füßen zu haben, und verlangte nur die Gunst, anbeten zu können. Sie war eben eine Kokette, mannstoll, eine keusche Polygamistin! Ich aber war ganz blind, ich hatte eben nichts Besseres, ich war von der Liebe der Gosse angeekelt und von der Einsamkeit meiner Dachstube gelangweilt. Gegen das Ende ihres Aufenthalts hatte ich sie aufgefordert, die Bibliothek zu besuchen, ich wollte sie blenden, ich wollte mich in einer Umgebung zeigen, die das kleine Gehirn des etwas dünkelhaften Vögelchens zerdrücken sollte. Ich schleppte sie von Galerie zu Galerie und stellte mein ganzes bibliographisches Wissen zur Schau; ich zwang sie, die Miniaturen gemalter Buchstaben des Mittelalters, die Autographen berühmter Personen zu bewundern; ich citierte die großen Ereignisse der Geschichte, die sich in Manuskripten und Incunabeln wiederspiegelten; und sie fühlte sich wirklich in ihrer Kleinheit niedergedrückt. – »Sie sind ja ein Gelehrter,« rief sie aus. – »Sicherlich, Fräulein.« – »Armer Komödiant,« murmelte sie. Nun hätte man meinen sollen, der Sänger wäre durch solche Vorgänge aus dem Felde geschlagen. Weit gefehlt! Der Komödiant bedrohte mich brieflich mit einem Revolver, er beschuldigte mich, ihm seine Braut gestohlen zu haben, die er mir anvertraut hätte. Ich machte ihm begreiflich, daß ich Nichts gestohlen hätte, und daß er mir Nichts anvertraut hätte, weil er Nichts besäße, was er in Verwahrung geben könnte. Darauf wurde die Korrespondenz geschlossen, und es entstand ein bedrohliches Stillschweigen. Der Tag der Abreise nahte heran. Am Abend vorher erhielt ich von meiner Schönen einen aufgeregten Brief, worin sie mir eine angenehme Nachricht mittheilte. Sie hätte mein Trauerspiel einigen Personen aus den vornehmen Kreisen vorgelesen, welche mit Theaterleitern in Verbindung ständen. Das Stück hätte auf genannte Personen einen bedeutenden Eindruck gemacht, und man schmeichelte sich mit der Hoffnung, den Autor kennen zu lernen. Das Nähere würde sie mir noch bei unserem Zusammensein Mittags erzählen. Zur festgesetzten Stunde schleppte mich Fräulein X. in alle Läden, wo sie ihre letzten Einkäufe machte; sie sprach fortwährend von der Lektüre meines Dramas, und von meiner Abneigung gegen Protektion wenig erbaut, nahm sie, um mich zu bekehren, zu anderen Mitteln ihre Zuflucht. – Aber es widerstrebt mir, liebes Kind, bei fremden Leuten anzuklingeln, über alles zu plappern, nur nicht über die Hauptsache. Ich komme schließlich wie ein Bettler zu fremden Leuten, um bei ihnen anzusprechen. Ich war im besten Zuge, energisch zu remonstrieren, als sie vor einer eleganten, hübsch gekleideten, schlanken, vornehm aussehenden Dame stehen blieb. Sie stellte mich der Frau Baronin von Y. vor, die mir einige, im Gewühl der vorübergehenden Menschen kaum verständliche Worte sagte. Ich brachte einige unzusammenhängende Worte vor und war ärgerlich, durch eine seine List in die Falle gelockt worden zu sein. Das war sicherlich ein Komplot. Beim Fortgehen wiederholte die Baronin die ihr von Fräulein X. nahe gelegte Einladung. Was mich an der Erscheinung der Baronin überraschte, war die mädchenhaft kindliche Miene bei fünfundzwanzig Jahren. Sie hatte den Kopf einer Schülerin, ein kleines Gesicht, das ganz von blonden, widerspenstigen, goldigen Haaren umrahmt war, die Schultern einer Prinzessin, eine Taille schlank wie ein Peitschenstiel, ihre Art den Kopf zu neigen zeugte von Offenheit, Zuvorkommenheit und Überlegenheit. Sollte man es für möglich halten, daß diese jungfräuliche Mutter mein Trauerspiel ohne Schaden genossen hatte! Sie war an einen Hauptmann bei der Garde verheiratet und Mutter eines dreijährigen Mädchens. Sie hatte große Lust zur Bühne, aber bei der hohen Stellung ihres Gatten keine Aussicht, sie zu betreten, zumal ihr Schwiegervater noch jüngst zum Kammerherrn ernannt worden war. So standen die Dinge, als mein Maitraum auf einem Dampfschiff, das meine Schöne in die Nähe des Komödianten brachte, verflog. Dieser trat nunmehr in meine Rechte, und es machte ihm Spaß, meine an seine Braut gerichteten Briefe zu lesen als Rache für mein gleiches Verfahren: denn ich hatte seine Briefe zuletzt immer mit seiner Braut zusammen gelesen. Noch auf der Schiffsleiter beschwor sie mich im Augenblick des zärtlichen Abschiedes, schleunigst die Baronin aufzusuchen. Das war ihr letztes Wort. An Stelle dieser unschuldsvollen Träumereien, die so ganz verschieden waren von dem wilden Leben der gelehrten Bohême, trat nun eine Leere, die ausgefüllt werden mußte. Die enge Freundschaft mit einer gleichstehenden Frau, die Verbindung zweier Persönlichkeiten mit entgegengesetzten Ansichten hatte mir einen köstlichen Genuß bereitet, der mir durch Familienärger lange entzogen gewesen war. Die Freude an der Häuslichkeit, die durch das Leben im Café unterdrückt gewesen, war durch den Verkehr mit einem sehr einfachen, aber im gewöhnlichen Sinne durchaus anständigen Weibe wieder angefacht worden. So stand ich denn Abends gegen sechs vor dem Thorweg eines Hauses in der Nord-Allee. Wie fatal! Es war das elterliche Haus, worin ich die härtesten Jahre meiner Jugend verbracht hatte, worin ich alle inneren Stürme der Mannbarkeit erlebt hatte, die erste Kommunion, den Tod meiner Mutter und die Ankunft einer Stiefmutter. Von einem plötzlichen Unbehagen ergriffen, war ich versucht, umzukehren und zu fliehen, ich fürchtete alles Elend meiner Jugendjahre wiederzufinden. Der Hof lag da wie einst, die gewaltigen Eschen, deren Belaubung ich einst jeden Frühling erwartet hatte, das Haus düster, am Rande einer tiefen Sandgrube, deren drohender Einsturz ein Sinken der Mietspreise verursacht hatte. Doch trotz dieser düsteren Erinnerungen faßte ich mir ein Herz, trat ein, stieg hinauf und klingelte. Beim Klang der Glocke erwartete ich, daß mein Vater mir öffnen würde. Ein Dienstmädchen erschien und ging hinein, um mich anzumelden. Einen Augenblick später erschien der Baron und empfing mich aufs herzlichste. Er war ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, stark und groß, von edler Haltung, mit den Formen des vollendetsten Weltmannes. In seinem großen, etwas aufgedunsenem Gesicht leuchteten ein paar blaue Augen, die einen trüben Ausdruck hatten, wie auch sein Lächeln trübe war, das stets in einen merkwürdig bittern Zug überging und von Enttäuschungen und verfehlten Projekten Kunde gab. Der Salon, unser früheres Eßzimmer, war mit etwas nachlässiger Künstler-Manier möbliert. Der Baron trug den Namen eines der berühmtesten Generale, der ein Condé oder Turenne seiner Heimat gewesen war. Nun hatte er es verstanden, Familienporträts aus der Zeit des 30jährigen Krieges mit weißen Kürassen und Perrücken à la Louis XIV. zusammenzubringen; sie stachen etwas sonderbar ab von den Landschaften der Düsseldorfer Schule, die daneben hingen. Hier und da standen alte aufgearbeitete, vergoldete Möbel mit Stühlen und Puffs neueren Datums zusammen. Alle Ecken waren besetzt, Alles strömte eine Behaglichkeit aus und atmete häuslichen Frieden und Freude an der Häuslichkeit. Die Baronin trat ein, sie war reizend, herzlich, einfach, zuvorkommend. Aus ihren Mienen sprach aber doch eine gewisse Steifheit und Verlegenheit, deren Grund ich bald erriet. Stimmen, die aus dem nächsten Zimmer drangen, verrieten mir, das dort Besuch sei; ich entschuldigte mich, daß ich zu ungelegener Stunde gekommen wäre. Die Verwandten der jungen Eheleute waren zusammengekommen, um eine Partie Whist zu machen, und einige Minuten später befand ich mich im Kreise von vier Familienmitgliedern: dem Kammerherrn, dem Hauptmann a. D., der Mutter und der Tante der Baronin. Sobald die Alten sich an den Spieltisch gesetzt hatten, begannen wir, die wir die Jugend repräsentierten, eine Unterhaltung, Der Baron erzählte von seiner Vorliebe für die Malerei; mit Hilfe eines von Karl\ XV. verliehenen Stipendiums hatte er in Düsseldorf Studien gemacht. Da fand sich denn zwischen uns beiden ein Berührungspunkt, denn auch ich war ein früherer Stipendiat dieses Königs und zwar aus dramatischen Gründen. Nunmehr drehte sich die Unterhaltung um die Malerei, das Theater und die Persönlichkeit unseres Protektors. Unsere Mitteilungen wurden aber allmählich kühler, weil die alten Leute sich von Zeit zu Zeit in unser Gespräch mischten, heikle Punkte berührten, kaum geschlossene Wunden aufrissen, so daß ich mich schließlich in dieser heterogenen Gesellschaft unbehaglich und abgestoßen fühlte. Ich erhob mich, um mich zu empfehlen. Der Baron und die Baronin begleiteten mich in das Vorzimmer, und hier – außerhalb der Hörweite der alten Leute – schienen sie ihre Maske abzulegen, sie luden mich für den nächsten Sonnabend zum Mittagessen im engsten Familienkreise ein. Nach kurzem Geplauder auf dem Treppenabsatz schieden wir als erklärte Freunde. Am festgesetzten Tage begab ich mich gegen drei Uhr in die Nord-Allee. Die Wirthe nahmen mich wie einen alten erprobten Freund auf und trugen kein Bedenken, mich in die Intimitäten ihres Lebens einzuweihen. Das Mahl wurde durch gegenseitige Geständnisse gewürzt. Der Baron, dem seine Standesgenossen zuwider waren, gehörte zu den Unzufriedenen, welche die Regierung des neuen Königs geschaffen hatte. Neidisch auf die sieghafte Popularität seines verstorbenen Bruders, bemühte sich der neue Herrscher Alles zu beseitigen, was sein Vorgänger mit Liebe gepflegt hatte, so daß die Freunde des alten Regimes mit seiner freien Fröhlichkeit, seiner Toleranz, seiner Freude am Fortschritt eine aufgeklärte Oppositionsgruppe bildeten, ohne sich jedoch in die kleinlichen Kämpfe der Wahlparolen einzumischen. Indem wir so Erinnerungen an das Vergangene erweckten, begegneten sich unsere Herzen, und alle meine alten Vorurteile als Angehöriger des Bürgerstandes gegen den hohen Adel, die seit der parlamentarischen Reform von 1865 zurückgegangen waren, schwanden nun vollends und verwandelten sich in Mitgefühl für die gefallenen Größen. Die Baronin, die in Finnland geboren und erst vor Kurzem eingewandert war, beteiligte sich an unseren Herzensergüssen Anfangs nicht. Sobald aber das Diner beendet war, setzte sie sich ans Klavier und spielte einige Lieder; der Baron aber und ich, wir entpuppten uns als ungekannte Talente für die Duette von Wennerberg, und so verflossen die Stunden rasend schnell. Darauf lasen wir ein kleines Stück, das jüngst am königlichen Theater gespielt worden war, wir verteilten die Rollen je nach der Fähigkeit. Nach verschiedenen Zerstreuungen entstand eine Pause, die gewöhnlich dann eintritt, wenn man sich zu schnell erschöpft hat durch die Anstrengung, sich zur Geltung zu bringen und sich gegenseitig zu erobern. Während dieser Zwischenzeit kehrte das frühere Gefühl des Gedrücktseins zurück, ich wurde still. – Was haben Sie denn? fragte die Baronin. – Hier giebt's Gespenster, erklärte ich. Sie wissen daß ich in diesen Räumen vor einiger Ewigkeit gewohnt habe. Ja es ist eine Ewigkeit her, da ich doch schon so alt bin. – Und es sollte uns nicht gelingen, die Gespenster zu bannen? versetzte die Baronin mit mütterlicher Zärtlichkeit. – Ach nein, wendete der Baron ein, nur eine einzige Person ist im Stande, die finsteren Gedanken zu vertreiben. Nicht wahr, Sie sind der Bräutigam von Fräulein X. – Aber ich bitte Sie, Herr Baron, es war verlorene Liebesmüh'. – Wie denn, sie wäre mit einem Andern verlobt? – Sie fragen noch? – Ach, das ist sehr schade! Das junge Mädchen ist eine Perle, und nach Allem zu urteilen, muß sie Ihnen doch wenigstens zugethan sein. Da fing ich nun an, auf den armen Komödianten zu schimpfen. Von diesem Augenblicke an wüteten wir gemeinsam gegen den unglückseligen Sänger, der das arme Mädchen zwingen wollte, sich gegen ihren Willen in ihn zu verlieben. Die Baronin erklärte schließlich, nach ihrer Reise nach Finnland, die für die nächste Zeit geplant war, würde sie Alles in Ordnung bringen. – Das wird nicht geschehen, versicherte sie, voller Zorn bei dem Gedanken an die Heirat, zu der man ein so prächtiges Mädchen, deren Ansichten ganz andere Richtung hätten, zwingen wolle. Gegen sieben Uhr erhob ich mich, um zu gehen. Aber man bat mich so dringend, zu bleiben, daß ich beinahe glaubte, man langweile sich in dieser Häuslichkeit, die erst drei Jahre bestand und mit einem kleinen Engel gesegnet war. Man erwartete am Abend eine Kousine der Baronin, und man wollte uns Beide gern zusammen sehen, damit ich mein Urteil über die Person des jungen Mädchens abgebe. Während dieses Gesprächs brachte die Magd einen an den Baron adressierten Brief. Er öffnete das Kouvert, las sitzend, murmelte einige abgebrochene Worte und übergab den Brief seiner Frau. – Es ist nicht zu glauben, rief sie, nachdem sie gelesen. Nach einer zustimmenden Bewegung ihres Gatten weihte sie auch mich als Freund ein. – Und das ist meine leibliche Kousine! Denken Sie sich, mein Onkel und meine Tante verbieten dem jungen Mädchen, unser Haus zu betreten, weil die Welt sich hat einfallen lassen, Verschiedenes über meinen Mann zu schwatzen. – Ist das nicht stark! fügte er hinzu. Einem netten, unschuldigen, unglücklichen Mädchen gefällt es bei uns, den jungen Eheleuten, seinen Verbündeten, und das giebt Stoff zum Geklatsch. Möglicherweise ließ ich ein skeptisches Lächeln sehen, jedenfalls kühlte sich der Eifer der Unterhaltung ab, es trat eine Verlegenheitspause ein, die durch eine Aufforderung, im Garten spazieren zu gehen, nur schlecht verdeckt wurde. Nach dem Abendbrod, gegen zehn Uhr, empfahl ich mich zum letzten Male, und nachdem ich das Haus verlassen, begann ich über das nachzudenken, was ich an diesem ereignisreichen Tage gesehen und gehört hatte. Trotz des scheinbaren Glückes der beiden Gatten, trotz ihrer sichtbaren Zärtlichkeit, mußte es im Hause einen unheilvollen Punkt geben. Die sorgenvollen, befangenen Mienen, die Zurückhaltung zeugten von geheimem Kummer und ließen auf Geheimnisse schließen, deren Enthüllung ich fürchtete. Warum, so fragte ich mich, diese Zurückgezogenheit, diese Verbannung in einen Winkel der Vorstadt? Sie kamen mir vor wie zwei Schiffbrüchige, so entzückt waren sie, einen Menschen zu finden, den ersten, der gekommen war, und dem sie sofort ihr Herz ausschütteten. Die Baronin beschäftigte mich am meisten. Ich versuchte, mir ihr Bild zu vergegenwärtigen, aber ich wurde durch die Verbindung so verschiedener Charakterzüge verwirrt. Voll Güte, graziös, fest, enthusiastisch, mitteilsam, zurückhaltend, kalt, aufbrausend, schien sie Grillen zu fangen und über Träumen zu brüten. Ohne unbedeutend zu sein, ohne Geist zu haben, macht sie den Eindruck byzantinischer Magerkeit, infolge deren ihr Kleid einfache, grandiose Falten hatte, wie bei der heiligen Cäcilie; ihr Körperbau wies entzückende Proportionen und Merkmale auserlesener Schönheit auf; bisweilen belebten sich die bleichen, starr gewordenen Züge dieses kleinen Gesichtes, und neue überströmende Fröhlichkeit leuchtete auf. Es war mir schwer zu entscheiden, wer von beiden Gatten im Hause die Oberhand hatte. Er, als Soldat an das Kommando gewöhnt, aber von verweichlichter Konstitution, hatte eine unterwürfige Miene, mehr aus angeborener Trägheit, als aus Willensschwäche. Sie behandelten sich freundschaftlich, aber ohne jedes Feuer der ersten Liebe, und mein Erscheinen hatte bei ihnen das Bedürfnis geweckt, vor mir, einem Dritten, die Erinnerungen aus der Vergangenheit heraufzubeschwören. Kurz, man nährte sich von Reliquien und man langweilte sich zu zweien; Beweis: die häufigen Einladungen, die nach dem ersten Empfang auf mich niederregneten. Am Tage vor der Abreise nach Finnland machte ich einen Abschiedsbesuch. Es war ein schöner Abend im Juni. Ich betrat den Hof. Hinter dem Gartenzaun entdeckte ich sie plötzlich in einem Aristolochia-Gebüsch. Diese plötzliche Erscheinung fesselte mich durch ihre außerordentliche Schönheit. Sie war ganz weiß gekleidet, trug ein Piquékleid mit meisterhaften Seidenspitzen, von einer russischen Leibeigenen gearbeitet, ein Alabaster-Halsband, Spangen und Armbänder ebenfalls von Alabaster; es umfloß sie ein Schimmer wie von einer Ampel, deren Licht durch ein Milchglas fällt. Darein mischte sich das Grün der breiten Blätter und warf Leichenfarben auf die leuchtenden und die dunkeln Partien dieses blassen Gesichts, in welchem kohlschwarze Augäpfel leuchteten. In diesem Augenblick ergriff mich eine tiefinnere Rührung wie bei einer Vision. Die Neigung, zu verehren und anzubeten, die bisher tief in mir geschlummert hatte, kam wieder empor; die Leere wurde ausgefüllt, die vertriebene Religiosität, das Bedürfnis anzubeten kehrte in einer neuen Form zurück. Gott war abgesetzt, dafür erschien das Weib; aber das Weib, das Jungfrau und Mutter zugleich war; und wenn ich die kleine Tochter an ihrer Seite betrachtete, konnte ich mir nicht erklären, wie diese Geburt möglich gewesen war. Die intimen Beziehungen der beiden Gatten deuteten niemals auf einen sinnlichen Verkehr hin, so unkörperlich erschien mir ihre Vertraulichkeit. Für mich aber war dieses Weib von nun an die Verkörperung einer reinen, unnahbaren Seele, die in einen herrlichen Körper gegossen war, wie die heilige Schrift ihn den dahingeschiedenen Seelen zuschreibt. Kurz, ich betete sie an, ohne nach ihrem Besitz zu streben. Ich betete sie an, so wie sie war: als Gattin und Mutter, und so, wie sie es war; als Gattin dieses Mannes, als Mutter dieses Kindes. Und hierfür, für das Glück, anbeten zu können, erschien mir die Gegenwart des Mannes unumgänglich nötig. Denn ohne Gatten, sagte ich mir, wäre sie Wittwe, und ich bin nicht sicher, ob ich sie als solche angebetet hätte. Vielleicht als die Meine, als meine Gattin? Nein! Denn erstens konnte ich einen so frevelhaften Gedanken gar nicht fassen; und dann wäre sie, mit mir verheiratet, nicht die Gattin dieses Mannes gewesen, die Mutter dieses Kindes, die Herrin dieses Hauses. Ja, so wie sie war, nicht anders! Ja, es waren die heiligen Erinnerungen, die an diesem Hause hafteten, es war die auch mir innewohnende Neigung der unteren Klasse, die vornehme Rasse, das reine Blut zu bewundern, das man nicht verehren würde, wenn es eines Tages nicht mehr so hoch stände; und so glich meine Verehrung für diese Frau in allen Punkten der alten Religion, die ich von mir geworfen hatte. Verehren, sich opfern, leiden ohne die geringste Hoffnung, etwas anderes zu gewinnen als den Genuß der Verehrung, des Opfers, des Leidens. Nun machte ich mich zu ihrem Schutzengel, bewachte sie so, daß die Gewalt meiner Liebe sie nicht schließlich an mich zöge. Ich vermied es sorgfältig, mit ihr allein zu sein, damit wir nicht – zum Nachteil ihres Gatten – allzu vertraulich würden. Jetzt aber, wo ich sie in dem Gebüsch traf, war sie allein. Wir wechselten einige gleichgiltige Worte. Plötzlich teilte sich ihr meine innere Bewegung mit, und als ich sie mit flammenden Augen ansah, entstand in ihr das Bedürfnis, sich mir anzuvertrauen. Sie sprach aus, wie schwer ihr die, wenn auch kurze, Trennung von Mann und Kind würde. Sie bat mich dringend, ihnen meine freie Zeit zu widmen, und auch sie selbst nicht zu vergessen, wenn sie meine gefährdeten Interessen bei der jungen Finnländerin wahrnehmen sollte. – Sie lieben sie herzlich, fragte sie, indem sie mich scharf ansah. – Sie fragen? antwortetet ich, von der peinlichen Unwahrheit ganz bedrückt. Und von diesem Augenblick an war ich überzeugt, daß meine Frühlingsliebe nur eine Phantasie, eine Grille, ein Nichts gewesen. Aus Furcht, sie durch die Berührung mit meiner angeblichen Liebe zu beflecken und sie in die verschlungenen Fäden meiner Gefühle zu verwickeln, in der Sorge, sie vor mir selbst zu bewahren, brach ich das gefährliche Gespräch kurz ab, indem ich mich nach dem Baron erkundigte. Sie verzog das Gesicht, denn sie deutete den Ausdruck meines merkwürdigen Interesses ganz richtig, vielleicht auch, ich nehme es jetzt an, machte ihr meine Verwirrung über ihre sieghafte Schönheit Vergnügen. Vielleicht auch wurde sie sich in diesem Augenblick der furchtbaren Zaubermacht bewußt, die sie auf diesen Joseph ausübte, dessen Kälte nur eine äußerliche, dessen Keuschheit eine gezwungene war. – Sie langweilen sich in meiner Gesellschaft, versetzte sie; ich muß mir wohl Unterstützung holen. Und mit klarer Stimme rief sie ihren Gatten, der in seinem Zimmer im ersten Stock geblieben war. Das Fenster wurde geöffnet, und das freundliche Gesicht des Barons erschien, der uns mit unbefangenem Lächeln grüßte. Bald darauf erschien er im Garten. Er hatte die große Uniform der königlichen Garde angelegt und sah prächtig aus. Sein dunkelblauer Rock mit Silber- und Seidenstickereien, sein männliches und sehr volles Gesicht bildete zu der alabasterweißen Gestalt an seiner Seite einen vollen Kontrast. Es war ein gar stattliches Paar, von dem der eine Teil die Vorzüge des anderen zur vollen Geltung brachte. Es war ein blendendes Schauspiel, ein künstlerischer Genuß. Nach dem Abendbrod machte mir der Baron den Vorschlag, sie am folgenden Abend auf dem Dampfer zu begleiten, mit dem die Baronin abreisen sollte; wir, d. h. er und ich, könnten dann an der letzten Zollstation aussteigen; dieser Vorschlag, den ich pflichtgemäß annahm, schien der Baronin Freude zu machen; sie versprach sich eine schöne Sommernacht im Stockholmer Sund auf dem Deck des Schiffes. Und so trafen wir uns Abends um zehn Uhr auf dem Dampfer, der alsbald losgekettet wurde. Die Nacht war klar, der Himmel leuchtete in Orangefarben, das Meer war blau und ruhig. Die vorbeifliegenden Ufer schillerten in dieser Beleuchtung, die halb Tag, halb Nacht war und auf den Beschauer wie ein Sonnenaufgang und ein Sonnenuntergang zugleich wirkte. Nach Mitternacht nahm unsere Begeisterung wieder ab, die bis dahin durch immer neue Glanzpunkte, durch wieder erweckte Erinnerungen angefacht worden war; der Schlaf übermannte uns fast; die Gesichter werden beim Schein des anbrechenden Morgens bleich, und der Morgenwind jagt uns einen Schauer durch die Glieder. Eine plötzliche Sentimentalität überfällt uns, und durch das Geschick zusammengeführt, schließen wir ewige Freundschaft; wir ahnen das verhängnisvolle Band, das uns in Zukunft verknüpfen sollte. Da ich infolge eines Wechselfiebers noch angegriffen war, sah ich schlimm aus, und man behandelte mich wie ein krankes Kind. Die Baronin hüllt mich in ihren Plaid, sie befiehlt mir, mich auf einen geschützten Platz zu setzen, sie giebt mir Madeira aus einer Feldflasche und redet mit mütterlicher Sorgfalt auf mich ein, und ich lasse sie gern gewähren. Der fehlende Schlaf macht mich schwach und weich, und mein verschlossenes Innere erschließt sich. An diese weibliche Zärtlichkeit nicht gewöhnt, ergieße ich mich in ehrerbietiger Anbetung, und mein von Schlaflosigkeit überreiztes Gehirn schwelgt in poetischen Träumen. Alle die wilden Träume der schlaflosen Nacht nahmen Gestalt an, dunkle, mystische, lustige Gestalt, die ganze Kraft eines unterdrückten Talents offenbarte sich in leichten Visionen. Ich sprach unaufhörlich, stundenlang, meine Eingebungen schöpfte ich aus zwei Paar Augen, die ohne zu ermüden, lauschten. Ich fühlte, wie mein gebrechlicher Körper in dem beständigen Feuer der Denkmaschine sich verzehrte, und allmählich schwand das Bewußtsein meiner körperlichen Existenz. Die Sonne steigt empor, die Hunderte von kleinen Inseln, die in der Bucht schwimmen, werden hell, die Zweige der Tannen mit ihren schwefelgelben Nadeln färben sich kupferrot; die Scheiben der Hütten an den Ufern spiegeln die Sonne wieder, der Rauch steigt aus den Schornsteinen auf und kündigt den Kaffee an; die Fischerboote gehen unter Segel, um die Netze zu entleeren, die Möven schreien, sie wittern den kleinen Hering unter der dunkelgrünen Welle. Auf dem Dampfer ist noch alles still, die Reisenden schlafen noch unter Deck, nur wir drei stehen auf dem Hinterdeck, von oben her von dem halb wachen Kapitain beobachtet, der gar zu gern gewußt hätte, was wir uns mehrere Stunden lang zu erzählen hatten. Es ist drei Uhr morgens, als das Lootsenboot hinter einer Landspitze erscheint; es soll uns trennen. Der Golf ist vom Meer nur noch durch einige breite Inseln getrennt, man fühlt schon die Bewegung des flutenden Meeres, und man hört das Branden der Wellen gegen die letzten steilen Klippen. Der Augenblick des Abschieds ist gekommen. Sie küssen sich, sie und er, in tiefer Erregung. Dann drückt sie leidenschaftlich meine Hand mit ihren beiden Händen, die Thränen stehen ihr in den Augen; sie empfiehlt mich der Fürsorge ihres Gatten und fordert mich auf, ihn während seiner vierzehntägigen Wittwerschaft zu trösten. Ich aber beugte mich nieder und küßte ihr die Hand, ohne daran zu denken, daß es unpassend wäre, und daß ich so unfreiwillig meine geheimsten Gefühle offenbarte. Die Maschine stand still, das Boot ging langsamer, und kurz darauf stand der Lootse auf dem Zwischendeck. Ich trat auf das Fallreep und befand mich mit dem Baron alsbald im Lotsenboot. Über unserem Haupte ragte der Dampfer empor. Von dort grüßte uns, auf die Bord-Kante gelehnt, traurig lächelnd ihr kleines Köpfchen mit den thränenfeuchten Kinderaugen. Die Schraube setzt sich in Bewegung, der Koloß rückt vor, die russische Flagge zieht nach, und wir schaukeln auf den bewegten Wellen und schwingen unser von Thränen feuchtes Taschentuch. Ihr feines Gesicht wird kleiner, die zarten Züge verschwinden, und es bleiben uns nur noch zwei große Augen, die auch bald verschwinden; einen Augenblick später sahen wir nur noch einen blauen Schleier flattern über einem japanesischen Hut und ein wehendes Battisttaschentuch, dann nur einen weißen Fleck, einen weißen Punkt, dann nur noch einen Koloß, eine unförmliche, in übelriechenden Dampf eingehüllte Masse. Wir stiegen an der Lootsen- und Zollstation aus, die während des Sommers zu einem Seebad umgewandelt ist. Das Dorf war noch im Schlaf und niemand am Landungsplatz zu sehen; wir blieben und beobachteten das Schiff, das lavierte, um sich rechts zu wenden und dann hinter dem Kap zu verschwinden, welches den letzten Wall gegen das Meer bildete. In dem Augenblick, wo der Dampfer verschwand, fiel mir der Baron schluchzend um den Hals, und wir hielten uns eine Weile umschlungen, ohne ein Wort zu sprechen. War es die Schlaflosigkeit, die Folge der klaren Nacht, die in diesem Augenblick die Thränen hervorlockte? Waren es trübe Vorahnungen oder ganz einfach Mitleid? Auch heute könnte ich es nicht sagen. Schweigend und trübe gingen wir ins Dorf, um Kaffee zu trinken: Aber das Restaurant war noch nicht offen, und wir gingen durch die Straßen; die kleinen Häuser waren geschlossen, die Vorhänge niedergelassen. Außerhalb des Dorfes gelangten wir an einen einsamen Punkt, wo sich eine Schleusendurchfahrt befand. Das Wasser war hell und klar, und wir benetzten damit unsere Augen. Darauf nahm ich aus meinem Necessaire ein frisches Taschentuch, ein Stück Seife, eine Zahnbürste und ein Fläschchen Kölnisches Wasser. Der Baron machte eine Miene, als ob er über mein Raffinement spottete; das hinderte ihn aber nicht, dankbar anzunehmen, was zu einer improvisirten Toilette gehörte. Als wir ins Dorf zurückgingen, spürten wir einen Dunst von brennenden Kohlen, der durch die Blätter der Erlen am Ufer drang. Durch ein Zeichen gab ich dem Baron zu verstehn, daß dies der letzte Gruß des Dampfers wäre, den die Meeresbrise uns zugeweht. Aber er wollte nicht begreifen. Beim Kaffee bot er mit seinem großen, schlaftrunkenen Kopf, seinen aufgeschwollenen Zügen, seiner untröstlichen Miene einen traurigen Anblick. Jetzt kam eine gewisse Verlegenheit in unser Beisammensein, und er, in verdrießlicher Stimmung, beobachtete hartnäckig Stillschweigen. Manchmal drückte er mir herzlich die Hand und bat mich wegen seines zerstreuten Wesens um Verzeihung, um den Augenblick darauf wieder in ein unerklärliches Träumen zu versinken. Ich that mein Möglichstes, um ihn zu beleben, aber die Harmonie fehlte, das Band war gerissen. Sein vorher so liebenswürdiges Gesicht nahm nach und nach den Ausdruck einer unerwarteten Gewöhnlichkeit und Rohheit an. Der Widerschein des Liebreizes und der lebendigen Schönheit seiner angebeteten Gattin war verschwunden, und der ungebildete Mann kam zum Vorschein. Woran er dachte, weiß ich nicht. Erriet er, was in mir vorging? Nach dem Wechsel in seinem Benehmen mußten ihn entgegengesetzte Empfindungen beherrschen; bald drückte er mir die Hand und nannte mich seinen ersten und einzigen Freund, bald drehte er mir den Rücken. Ich aber merkte zu meinem Schrecken, daß wir nur durch sie und für sie lebten. Da die Sonne für uns untergegangen war, hatten wir jede individuelle Färbung verloren. Als wir nach der Stadt zurückgekehrt waren, verabschiedete ich mich, aber er bat mich inständig, ihn nach Hause zu begleiten, und ich folgte ihm. Als wir in die verlassene Wohnung eintraten, kam sie uns wie eine Totenkammer vor, und wir brachen von Neuem in Thränen aus. Betreten, wie ich war, wußte ich nicht, wie ich mich anders aus der Affaire ziehen sollte als durch Lachen. – Ist das nicht lächerlich, Herr Baron, ein Hauptmann der Garde und ein königlicher Sekretär in Thränen ... – Aber es thut wohl, zu weinen, erwiderte er. Darauf ließ er das kleine Mädchen holen, die unsern Schmerz von Neuem entfachte. Es war neun Uhr Morgens. Da wir Beide gänzlich entkräftet waren, lud er mich ein, ein wenig auf dem Sofa zu schlafen, er selbst wollte das Schlafzimmer aufsuchen. Er legte mir ein Kissen unter den Kopf, deckte mich mit seinem Militärmantel zu und sagte mir gute Nacht, wobei er mir immerfort dankte, daß ich ihn nicht allein gelassen hätte. In seiner brüderlichen Zärtlichkeit spürte ich die Wirkung der Frau, die sein ganzes Denken erfüllte, und ich sank in einen tiefen Schlaf, indem ich ihn noch im letzten wachen Augenblick beobachtete, wie er leise an mein Lager schlich und mich noch einmal fragte, ob ich bequem läge. Gegen Mittag erwachte ich. Er war schon aufgestanden. Er hatte Furcht vor dem Alleinsein und machte mir den Vorschlag, zusammen nach dem Park zu gehen und dort zu speisen. Dies geschah, und wir verbrachten den ganzen Tag zusammen, indem wir von diesem und jenem sprachen, am meisten aber von dem Wesen, auf dessen Existenz die unsrige aufgepfropft war. * Zwei Tage hintereinander blieb ich abseits und suchte die Einsamkeit auf; diese fand ich in der Bibliothek, deren Erdgeschoß, früher der Skulpturensaal, einen passenden Zufluchtsort für meine Gemütsverfassung bot. Der große Saal in Rokoko-Stil lag am Löwenhof und enthielt die Handschriftensammlung. Hier ließ ich mich nieder und ergriff aufs Geradewohl, was mir alt genug schien, um meine Gedanken von den jüngsten Ereignissen abzulenken. Aber je mehr ich las, desto mehr verband sich die Gegenwart mit der Vergangenheit, und die vergilbten Briefe der Königin Christine flüsterten mir die Bekenntnisse der Baronin zu. Ich mied mein gewöhnliches Restaurant, um nicht mit meinen Freunden zusammenzutreffen. Ich wollte meine Zunge nicht entweihen und nicht mit den Ketzern schwatzen, die von meinem neuen Glauben niemals etwas wissen sollten; ich war eifersüchtig auf meine Person, die in Zukunft ihr allein geweiht sein sollte. Wenn ich auf der Straße ging, wünschte ich, daß Chorknaben vor mir hergehen möchten, die mit ihren kleinen Klingeln dem Volk das Nahen des Allerheiligsten anzeigten, das in dem Schrein meines Herzens eingeschlossen war. Es schien mir, als ob ich die Straßen entlang Trauer trüge, Trauer um eine Königin, ich war gestimmt die Welt aufzufordern, das Haupt zu entblößen vor dem Tode, vor meiner totgeborenen Liebe, die keine Aussicht hatte zu leben. Am dritten Tage zwischen zwölf und ein Uhr weckte mich die Musik der aufziehenden Garde aus meinem Brüten; sie spielte den Trauermarsch von Chopin. Ich lief ans Fenster, und bemerkte den Baron, der die Wache führte. Er grüßte mich durch ein Kopfnicken und ein schelmisches Lächeln; er war es, der das Lieblingsstück der Baronin hatte spielen lassen, und die Musiker wußten nicht, daß sie ihr zu Ehren für uns beide spielten vor einer erst recht nichts ahnenden Menge. Eine halbe Stunde später kam der Baron zu mir in die Bibliothek. Ich führte ihn durch die düsteren, mit Schränken und Regalen verstellten Gänge nach dem Handschriftensaal im Erdgeschoß. Er war sehr vergnügt und teilte mir auch bald den Inhalt eines Briefes von seiner Frau mit. Alles war aufs beste bestellt, auch befand sich ein kleines Billet für mich dabei, das ich in aller Eile verschlang, wobei ich so gut es ging, meine Aufregung verbarg. In unbefangenem, herzlichem Tone dankte sie mir für die Sorgfalt, die ich ihrem Alten gewidmet, und gestand, daß mein Bedauern über ihre Abreise ihr sehr schmeichelhaft gewesen wäre. Augenblicklich befände sie sich bei dem »Rettungsengel«, den sie sehr liebgewonnen hätte, und dessen Charakter sie höchlich lobte; schließlich machte sie mir einige Hoffnung. Das war Alles. Sie liebte mich also, dieses greuliche Weib, »der Rettungsengel«; die Erinnerung an sie flößte mir jetzt Abscheu ein. Ich war nun gezwungen, den Liebhaber zu spielen, ohne es zu wollen, ich war zu einer abscheulichen, vielleicht endlosen Komödie verurteilt. Wahrhaftig, man treibt nicht ungestraft Scherz mit der Liebe. In der Falle gefangen, bemühte ich mich voller Wut, das unsaubere Geschöpf mit den Mongolen-Augen, dem grauen Gesicht und den roten Armen mit nüchternen Augen anzusehen. Ich stellte mir jetzt mit teuflischer Freude ihre verführerischen Manieren vor, durch welche sie mich gezwungen hatte, sie zu lieben, ihre verdächtige Haltung, die mir von Seiten meiner Freunde anzügliche Bemerkungen eingetragen hatte; sie fragten mich nach dem Namen der Dirne, die ich in den Vorstädten herumführe und füttere. Ich dachte mit boshafter Freude an ihre Schliche, ihre Beharrlichkeit, ihre Ränke, um mich zu fangen, ihren Tric, die Uhr so aus dem Korset zu nehmen, daß man ein Stückchen Wäsche sehen konnte. Und jener Sonntag, wo wir im Park spazieren gingen! Wir hatten den großen Weg aufgesucht, da machte sie den Vorschlag, nach dem Dickicht hinüberzugehen. Die Haare sträubten sich mir bei diesem Vorschlage angesichts des schlechten Rufes dieser Art Promenade. Aber auf meine Einwendungen, daß das nicht schicklich wäre, wußte sie nur zu erwidern: – Ach was, schicklich! Sie wollte unter den Haselsträuchern Anemonen pflücken, sie verließ den großen Weg und ging tief ins Gebüsch hinein. Ich folgte ihr verwirrt. Nachdem sie einen wohlgeschützten Platz hinter einem Kreuzdorn gefunden hatte, setzte sie sich, indem sie die Kleider ausbreitete, sodaß man die Füße sehen konnte, die zwar klein, aber von Frostbeulen verunziert waren. Eine unangenehme Pause entstand, und sie erinnerte mich an die alten Dirnen von Korinth, die wütend waren, wenn der gewohnheitsmäßige physische Akt auf sich warten ließ. Sie sah mich mit einfältiger Miene an, und wahrhaftig, diesmal verdankte ich meine Tugend nur ihrer außerordentlichen Häßlichkeit. Alle diese Einzelheiten, die ich bis dahin als unwürdig nicht beachtet hatte, drückten mich jetzt nieder, wo ich Aussicht hatte, daß sie mir in die Arme sinken würde, und ich betete für das Wohl des Komödianten in diesem Liebeskampf. Doch ich mußte mich gedulden und die Maske beibehalten. Während ich das Billet las, saß der Baron an dem mit alten Schmökern und Handschriften beladenen Tische. Er spielte mit seinem Hauptmannsstab und hatte ein zerstreutes Wesen, als ob er seine litterarische Unfähigkeit vor dem Zivilisten empfände, und allen meinen Bemühungen, ihn für meine gelehrten Arbeiten zu interessieren, wich er durch eine Phrase aus. – Das muß sehr interessant sein, sagte er. Ich aber, durch die Insignien seines Ranges, das Halsschild, die Schärpe, die große Uniform niedergedrückt, bemühte mich, das Gleichgewicht herzustellen, indem ich mein Wissen auskramte; ich erreichte aber nur, daß er unruhig wurde. Säbel und Feder; der Adlige herunter, der Bürgerliche hinauf! Vielleicht ahnte die hellsehende Frau instinktiv, wem die Zukunft gehören würde, als sie später zu Gunsten ihrer zukünftigen Kinder einen Vater wählte, der dem kommenden Intelligenz-Adel angehörte. Es herrschte zwischen mir und dem Baron eine uneingestandene Verlegenheit trotz aller seiner Anstrengungen, mich als Gleichgestellten zu behandeln. Manchmal bezeugte er mir sogar seine Achtung wegen meines Wissens, wodurch er doch seine Inferiorität nach dieser Richtung hin zugab; manchmal aber, wenn es ihm einfiel, sich aufs hohe Pferd zu setzen, genügte ein Wort von der Baronin, um ihn aus dem Sattel zu heben. In ihren Augen zählte das ererbte Wappen nicht, und die große Hauptmannsuniform mußte dem vom Gelehrtenstaube bedeckten Rocke weichen. Hatte er es vielleicht selbst erkannt, als er die Blouse des malenden Künstlers annahm und sich als der letzte der Schüler im Atelier einreihte? Doch immer merkte man die Nachwirkungen einer verfeinerten Erziehung, die Rückstände von Traditionen, und der eifersüchtige Haß zwischen Studierenden und Offizieren ging auch ihm ins Blut über. Augenblicklich war ich ihm als Auditorium für seine Klagen nötig, und so erhielt ich von ihm eine Einladung zum Mittagessen in seinem Hause. Nach dem Kaffee machte er den Vorschlag, an die Baronin zu schreiben, er reichte mir selbst Feder und Papier. Da ich gezwungen war zu schreiben, quälte ich mich ab, banale Phrasen zu finden, um das zu verdecken, was das Herz dachte. Als mein Brief beendet war, reichte ich ihn offen dem Baron und nötigte ihn so, ihn zu lesen. – Ich lese die Briefe eines Andern niemals, sagte er mit dem Tone erheuchelten Stolzes. – Und ich, antwortete ich, schreibe niemals an die Frau eines Andern, ohne daß der Gemahl davon Kenntnis hat. Mit einem Blicke überflog er das Billet und versiegelte es samt dem seinigen unter einem nichtssagenden Lächeln. Während einer ganzen Woche hatte ich ihn nicht gesehen, da stießen wir eines Abends an einer Straßenecke auf einander. Er schien sehr erfreut mich zu sehen, und wir suchten ein Café auf, wo er mir als seinem unvermeidlichen Vertrauten sein Herz ausschütten konnte. Er hatte einige Tage auf dem Lande bei jener Kousine seiner Frau zugebracht. Ohne daß ich diese reizende Person gesehen hatte, erkannte ich ihre Spuren sofort im Benehmen des Barons. Er hatte seine gewöhnliche Grandezza und seine Traurigkeit abgelegt. Sein Gesicht hatte einen sinnlichen, heiteren Ausdruck, er hatte seinen Wortschatz mit einigen gewöhnlichen Ausdrücken von zweifelhaftem Geschmack bereichert, auch der Klang seiner Stimme hatte sich in deutlich wahrnehmbarer Weise verändert. Was für ein matter Geist, sagte ich mir, der allen Eindrücken unterworfen ist; eine blanke Tafel, worauf die schwächste Frauenhand Dummheiten und Äußerungen eines unentwickelten Geistes eingraben kann. Der Mann war vollständig zu einem Operettenheld geworden, der Witze machte, Skandalgeschichten erzählte und lärmend lustig war. In der Zivilkleidung hatte er seinen ganzen Zauber verloren. Und als er nach dem Abendbrot etwas angeheitert war und den Vorschlag machte, gewisse Mädchen aufzusuchen, fand ich ihn abstoßend. Nichts weiter als der gestickte Rock, die Schärpe, das Halsschild! Nichts weiter! Als seine Trunkenheit den Höhepunkt erreicht hatte, vertraute er mir seine Ehegeheimnisse an. Ich brach die Unterhaltung ab und erhob mich unwillig trotz seiner Versicherung, daß seine Frau ihm erlaubt hätte, während seiner Witwenschaft sich anderweitig zu amüsieren. Dies erschien mir mehr als menschlich, befestigte aber meine Meinung von der keuschen Sinnesart der Baronin. Schließlich trennten wir uns frühzeitig, und ich suchte meine Wohnung auf, verwirrt von den indiskreten Mitteilungen, die ich eben gehört hatte. Eine in ihren Gatten vernarrte Frau ließ ihm nach dreijähriger Ehe volle Freiheit, ohne das gleiche Recht für sich selbst zu beanspruchen! Wirklich sonderbar! Widernatürlich wie Liebe ohne Eifersucht, die Lichtseite ohne die Schattenseite. Nicht möglich! Sie wäre eine keusche Natur, hatte er mir anvertraut. Wieder unnatürlich! Das ist also Mutter und Jungfrau zugleich, wie ich es schon erraten habe, die Keuschheit als Eigenschaft der höheren Rasse, eine Seelenreinheit, welche zu den zivilisierten Sitten der oberen Stände gehörte. Gerade so hatte ich es mir in meiner Jugend vorgestellt, wo ein Mädchen aus den vornehmen Kreisen mir immer nur Verehrung eingeflößt hatte, ohne meine Sinnlichkeit zu wecken. Kinderträume, süße Unkenntnis der Frau, dieses Problems, das schwieriger ist, als ein Hagestolz denken kann. Schließlich kehrte die Baronin zurück; sie strahlte von Gesundheit und war verjüngt durch die Auffrischung ihrer Jugenderinnerungen, durch den Verkehr mit Jugendfreunden. – Da ist die Taube, die ein Ölblatt bringt, sagte sie und überreichte mir einen Brief von meiner angeblichen Verlobten. Ich las das hochmütige, farblose Geschwätz, den Erguß eines herzlosen Weibes, eines Blaustrumpfes, der durch die Heirat mit irgend einem Manne die Freiheit erobern wollte. Nachdem ich den Brief mit schlecht gespielter Freude gelesen, wollte ich endlich in dieser peinlichen Angelegenheit ein reines Gewissen haben. – Können Sie mir denn sagen, fragte ich, ob diese Dame die Braut jenes Sängers ist? – Ja und nein! – Hat sie ihm ihr Jawort gegeben? – Nein! – Will sie ihn heiraten? – Nein! – Wollen ihre Eltern den Sänger? – Sie verabscheuen ihn. – Warum aber sträubt sie sich, diesem Mann anzugehören? – Weil ... ich weiß nicht! – Liebt sie mich? – Vielleicht! – Dann ist sie eben mannstoll! Sie ist darauf versessen, den Meistbietenden zu heiraten! Ist es denn nicht so? Versteht die Dame etwas von Liebe? – Und was verstehen Sie denn unter Liebe? – Die Wahrheit zu sagen, ein Gefühl, das alle anderen unterdrückt, eine Naturgewalt, der Nichts widersteht, dem Donner ähnlich, der steigenden Flut, dem Wasserfall, dem Sturm ... Sie sah mir voll ins Gesicht und unterdrückte alle Vorwürfe, die sie zur Verteidigung ihrer Freundin bereit hatte. – Und so lieben Sie die Dame? fragte sie. In diesem Augenblick war ich versucht, ihr Alles zu gestehen; aber was würde mir dann bleiben? Das Band wäre gelöst; diese Lüge aber, die mich gegen eine verbrecherische Liebe schützen sollte, war mir notwendig geworden. Ich vermied eine bejahende Antwort und bat sie, nicht mehr davon zu sprechen; das schöne Ungeheuer wäre tot für mich, und ich würde die grausame Pflicht erfüllen, sie zu vergessen. Die Baronin that ihr Möglichstes, um mich zu trösten, wollte mir jedoch nicht verhehlen, daß der Sänger gefährlich wäre, weil er den Vortheil hätte, durch seine persönliche Anwesenheit zu wirken. Von unserem Geplauder gelangweilt, unterbrach uns der Baron und sprach die Meinung aus, daß man sich die Finger verbrennen würde, wenn man sich in Liebesangelegenheiten eines Anderen mische. Diese brüske Bemerkung färbte die Wange der Baronin mit der Röte des Zornes, so daß ich das drohende Gewitter ablenken mußte. * Der Stein war im Rollen; die Lüge, die ursprünglich eine Laune gewesen war, wuchs; Angst und Scham brachte es dahin, daß ich mir schließlich selbst ein Märchen einredete, an das ich glaubte. Ich legte mir die Rolle eines unglücklich Liebenden zurecht, die nicht schwer zu spielen war angesichts der wirklichen Verhältnisse, nur daß der Gegenstand meiner Gefühle ein anderer war. So war ich denn im Begriff, mich in meine eigenen Netze zu verstricken. Eines schönen Tages finde ich in meinem Zimmer eine Visitenkarte von Herrn X., Assessor auf dem Zollamt, mit andern Worten, von dem Vater meines Ungeheuers. Ich erwiderte seinen Besuch sogleich. Ein kleiner, alter Mann, der seiner Tochter unangenehm ähnlich war, eine Karrikatur der Karrikatur. Er behandelte mich als zukünftigen Schwiegersohn; er fragte mich über meine Familie, meine Ersparnisse, meine Zukunft aus. Die Sache drohte ernst zu werden. Was thun? Ich machte mich so unbedeutend als möglich, um seine väterlichen Blicke von mir abzuwenden. Der Zweck seiner Reise nach Stockholm wurde mir nur zu klar. Er dachte sich des verabscheuten Sängers zu entledigen; oder die Schöne hatte sich für mich entschieden, nachdem sie ihren Agenten ausgeschickt, um mich zu fangen. Ich war jedoch unzugänglich, wich jeder Gelegenheit aus, versäumte sogar ein Diner bei der Baronin, ermüdete den armen Schwiegervater durch fortwährendes Entschlüpfen, schützte anhaltenden Dienst in der Bibliothek vor, bis der Assessor schließlich vor der bestimmten Zeit abreiste. Hätte wohl der Komödiant vermutet, wem er sein zukünftiges Unglück in der Ehe verdankte, als er seine Madonna heiratete? Aber er erfuhr es niemals und schrieb sich die Ehre zu, mich aus dem Felde geschlagen zu haben. Nachdem dies erledigt war, trat ein neuer Zwischenfall ein, der von entscheidender Bedeutung für unser Aller Geschick war. Die Baronin reiste plötzlich mit ihrer kleinen Tochter aufs Land. Es war Anfang August. Sie hatte Gesundheitsgründe vorgeschützt und wählte das Bad »Marienfrieden« zum Aufenthalt, einen öden Flecken am Maelarsee, wo die kleine Kousine mit ihren Eltern wohnte. Die eilige Abreise, so kurze Zeit nach der Rückkehr, befremdete mich. Aber da ich der Sache fern stand, machte ich keine Bemerkung darüber. Nach drei Tagen ließ mich der Baron rufen. Er war unruhig, nervös, geheimnisvoll und kündigte mir die baldige Rückkehr der Baronin an. – Warum? fragte ich erstaunter, als ich erscheinen wollte. – Weil ... sie aufgeregt ist; das Klima bekommt ihr nicht, sie schreibt mir einen unverständlichen Brief, der mir große Sorge macht. Überhaupt habe ich sie nie verstanden, sie wird von wirren Gedanken heimgesucht, sie glaubt unter anderem, daß du ihr böse seiest. Was für eine Haltung sollte ich nun annehmen? – Ist das nicht absurd? sagte er. Jedenfalls bitte ich dich herzlich, bei ihrer Rückkehr nicht erstaunt zu thun, denn sie schämt sich ihrer Unbeständigkeit, und da sie einen unglaublichen Stolz besitzt, würde sie eine Unbesonnenheit begehen, wenn sie ahnte, daß du ihre Launen mißbilligst. Nun ist es da, das verborgene Unheil kommt zum Vorschein, sagte ich mir. Von diesem Augenblick bereitete ich mich auf die Flucht vor, da ich fürchtete, in einen leidenschaftlichen Roman verwickelt zu werden, dessen Katastrophe bald eintreten mußte. Die nächste Einladung lehnte ich unter einem schlecht erdachten und falsch ausgelegten Vorwand ab. Darauf folgte eine Zusammenkunft mit dem Baron, der mich nach dem Grunde meines unfreundschaftlichen Benehmens fragte. Ich fand keine Antwort; er aber benutzte meine Verwirrung und nahm mir das Versprechen ab, mit ihnen zusammen einen Ausflug zu machen. Die Baronin fand ich bei der Zusammenkunft schlecht aussehend und angegriffen, nur das Auge glänzte. Ich war verschlossen, nahm einen eisigen Ton an und hüllte mich in eine vollständige Zurückhaltung ein. Nach einer Dampferpartie machten wir bei einer bekannten Schänke Halt, wo wir den Onkel des Barons treffen sollten. Das Abendessen im Freien verlief ziemlich trübe; uns gegenüber lag der dunkle See, der von finstern Bergen eingeschlossen war, über uns rauschten die hundertjährigen Linden mit ihren geschwärzten Stämmen. Die Unterhaltung war öde und schleppend und drehte sich um gleichgültige Dinge. Ich bemerkte einen noch nicht beigelegten Streit zwischen den beiden Gatten, dessen Ausbruch ich nicht abwarten wollte. Unglücklicherweise standen Onkel und Neffe auf, um unter vier Augen mit einander zu sprechen. Nun mußte die Mine explodieren. Plötzlich wendet sich die Baronin zu mir. – Wissen Sie, daß mein Mann über meine plötzliche Rückkehr sehr ärgerlich war? – Ich habe keine Ahnung davon. – Denken Sie, er hatte gehofft, alle Sonntage die reizende Kousine besuchen zu können. – Gnädige Frau, unterbrach ich sie, würden Sie Ihre Anklagen nicht lieber in Gegenwart des Beschuldigten vorbringen? Was hatte ich gesagt? Es war eine Grobheit, ein strenger, deutlicher Verweis, den ich zu Gunsten eines Geschlechtsgenossen einer treulosen Frau ins Gesicht geschleudert hatte. – Aber das ist zu stark, rief sie aus, indem sie bald blaß, bald rot wurde. – Es ist sehr stark, gnädige Frau. Damit war alles gesagt! Es war für immer aus. Als ihr Mann gleich darauf zurückkehrte, eilte sie an seine Seite, nahm seinen Arm, als ob sie bei ihm Schutz gegen einen Feind suchte. Der Baron bemerkte es, ohne es zu verstehen. Am Landungsplatz verabschiedete ich mich, indem ich einen Besuch in einer nahen Villa vorgab. Ich kehrte in die Stadt zurück, ohne zu wissen, wie. Die Füße trugen einen leblosen Körper, der Lebensknoten war zerschnitten, nur ein Leichnam war es, der da einherschritt. Allein, wiederum vereinsamt, ohne Familie, ohne Freund! Nichts zum Anbeten! Der liebe Gott ließ sich nicht von neuem erfinden, die Madonna war gestürzt, das Weib trat an seine Stelle, hinterlistig, treulos, die Krallen zeigend. Als sie mich zu ihrem Vertrauten machen wollte, hatte sie den ersten Schritt gethan, der zum Ehebruch führen mußte, und in diesem Augenblick erwachte der Geschlechtshaß in mir. Sie hatte mich als Mann, als Menschen beschimpft, ich fühlte mich als Kampfgenosse ihres Gatten gegenüber der Partei des Weibes. Ich hatte mit meiner Tugend einen Waffenstillstand geschlossen. Ich rühmte mich dessen nicht, denn ein Mann nimmt nur, was ihm gegeben wird; er ist niemals ein Dieb, nur die Frau stiehlt oder verkauft sich. Und der einzige Fall, wo sie uneigennützig giebt auf die Gefahr hin, alles zu verlieren, ist leider der Ehebruch. Die Dirne verkauft sich, die Gattin verkauft sich, und nur die Ehebrecherin giebt dem Geliebten, was sie dem Manne stiehlt. Ich wollte sie aber nicht zur Geliebten haben, sie hatte mir immer nur Freundschaft eingeflößt; durch die Gegenwart ihres Kindes geschützt, war sie immer durch die Mutterwürde gewappnet; und da sie ihren Gatten zur Seite hatte, verführte mich nichts, an Genüssen teilzunehmen, die unsauber an sich, nur durch den ganzen und ausschließlichen Besitz geadelt werden. Gebrochen, vernichtet suchte ich mein einsames Zimmer auf, einsamer als jemals, denn ich hatte schon beim Beginn meiner Bekanntschaft mit der Baronin allen Verkehr mit meinen Kameraden abgebrochen. Ich bewohnte unter dem Dach ein leidlich großes Zimmer, dessen zwei Mansardenfenster auf den neuen Hafen, den Golf und die felsigen Anhöhen der südlichen Vorstadt hinausgingen. Vor den Fenstern hatte ich nur eine bescheidene Gartenanlage gemacht. Bengalische Rosen, Azaleen und Geranium versorgten mich abwechselnd mit Blumen für den geheimen Kultus, den ich mit der Madonna und dem Kinde trieb. Es war mir zu einer täglichen Gewohnheit geworden, bei hereinbrechendem Abend die Vorhänge herunter zu lassen, die Blumentöpfe in einem Halbkreise aufzustellen und mitten hinein das von der Lampe beleuchtete Bild der Baronin. Sie war als junge Mutter darauf dargestellt mit unendlich reinen, aber etwas strengen Zügen, den zierlichen Kopf von der blonden Haarfülle gekrönt; sie trug ein helles Kleid, das bis zum Halse geschlossen war, und eine Krause umrahmte das Antlitz; auf einem Tische neben ihr stand das kleine Mädchen, ganz in weiß, blickte es aus seinen tiefen Augen den Beschauer mit traurigen Blicken forschend an. Vor diesem Bilde verfaßte ich die Briefe »An meine Freunde,« welche ich immer am andern Tage an die Adresse des Barons sandte. Es war dies der einzige Ausweg für meine schriftstellerischen Neigungen, und ich sprach meine tiefste Seele darin aus. Um diesen verfehlten Künstlergeist auf den richtigen Weg zu lenken, hatte ich der Baronin geraten, durch litterarische Thätigkeit einen Ausweg aus ihren poetischen Phantasien zu suchen. Ich hatte ihr die Meisterwerke aller Litteraturen gebracht und ihr durch Anmerkungen, Vergleiche und Erklärungen, denen ich Ratschläge und praktische Winke hinzufügte, die ersten Anleitungen zu schriftstellerischem Schaffen gegeben. Sie hatte sich nicht besonders dafür interessiert und Zweifel an ihrer Begabung für die Kunst des Schreibens ausgesprochen. Ich antwortete ihr hieraus durch den Beweis, daß jeder gebildete Mensch die Fähigkeit besäße, wenigstens einen Brief zu schreiben und folglich einen mehr oder weniger entwickelten Schriftsteller in sich trüge. Dies nützte aber nichts, die Leidenschaft für das Theater hatte zu feste Wurzeln in ihr geschlagen und wurde eigensinnig festgehalten. Sie meinte, die Kunst der Rede sei ihr angeboren, und da ihr die Verhältnisse nicht erlaubten, die Bühne zu betreten, von der sie nicht lassen wollte, so gefiel sie sich darin, die Märtyrerin zu spielen zum Schaden ihres ehelichen Glückes. Ihr Gatte, mein Mitschuldiger an diesem wohlthätigen Werke, welches ich nur zu dem geheimen Zwecke unternommen hatte, die Familie vor einem beklagenswerten Zusammenbruch zu bewahren, war mir dafür dankbar gewesen, aber er hatte nicht gewagt, als thätig Mitwirkender zu erscheinen. Nun war ich aber noch hartnäckiger als der Widerstand der Baronin; und mit jeder Post riet ich ihr, mit dem Ausschneiden dieser innerlichen Eiterbeule fortzufahren und sich in einem Roman, einem Drama oder einem Gedicht frei zu ergießen. – Geben Sie etwas aus Ihrem Leben, schrieb ich ihr, da Sie ein bewegtes Leben geführt haben; nehmen Sie einige Bogen Papier, eine Feder und seien Sie ehrlich, und Sie werden ein Schriftsteller sein, so citierte ich ihr Börnes bekannten Satz. – Es ist zu peinlich, ein schweres Leben noch einmal aufleben zu lassen, hatte sie mir geantwortet. Nein, ich suche die Kunst, um Vergessenheit zu finden, indem ich mich in Charaktere versenke, die ganz von dem meinen verschieden sind. Ich hatte mich niemals gefragt, was sie vergessen wollte, da ich im Grunde ihre Vergangenheit nicht kannte. Fürchtete sie sich davor, des Rätsels Lösung mitzuteilen, den Schlüssel zu ihrem Charakter auszuliefern? Sehnte sie sich nach der Kunst der Bühne, um sich hinter den Masken zu verbergen, oder vielmehr um sich in Rollen zu verherrlichen, die bedeutender waren als sie selbst! Als meine Gründe erschöpft waren, empfahl ich ihr, es erst mit Übersetzungen zu versuchen, um ihren Stil zu vervollkommnen und bei den Verlegern eingeführt zu werden. – Wird man gut bezahlt als Übersetzer? sagte sie. – Ziemlich gut, aber man muß sein Geschäft gründlich verstehen, antwortete ich ihr. – Sie müssen nicht denken, daß ich geizig bin, entgegnete sie, aber eine Arbeit, welche kein reelles Resultat bietet, hat keinen Reiz für mich. Sie war von der Manie der heutigen Frauen beherrscht, ihr Brot selbst zu verdienen. Der Baron machte ein skeptisches Gesicht, als ob er es lieber gesehen hätte, eine besser geleitete Wirthschaft zu haben, als daß seine Frau sich damit beschäftige, ein paar Pfennige zu verdienen für die Ausgaben einer in Verfall geratenden Häuslichkeit. Von diesem Tage an bestürmte sie mich mit Bitten, ihr ein Buch zum Übersetzen und einen Verleger zu verschaffen. Um mich so gut wie möglich aus der Affäre zu ziehen, brachte ich ihr zwei ganz kurze Aufsätze, die für den vermischten Teil eines illustrierten Journals bestimmt waren, welches nichts bezahlte. Eine ganze Woche war verstrichen, ohne daß die Arbeit, die mit Leichtigkeit in zwei Stunden ausgeführt werden konnte, vollendet wurde. Der Baron, welcher sie zu necken wagte, indem er sie eine Müßiggängerin nannte, die gerne bis an den hellen Mittag schliefe, wurde so heftig angefahren, daß man merkte, er habe einen wunden Punkt getroffen. Darauf hin hatte ich aufgehört zuzureden, denn ich war nicht dazu aufgelegt, den Apfel der Zwietracht zwischen die beiden Gatten zu werfen. So standen die Dinge, als der Bruch stattfand. Als ich am Tische in meiner Mansarde vor den Briefen der Baronin saß, die ich einen nach den andern durchlas, schnürte sich mir das Herz zusammen. Das war eine verzweifelte Seele, eine lahm gelegte Kraft, ein nicht zur Ausübung kommendes Talent, gerade wie das meinige. Daher stammte unsere Sympathie. Ich litt durch sie, wie durch ein krankes Organ, das man in meine leidende Seele eingeführt hatte, die zu eingeschrumpft und unfähig geworden war, selbst die grausame Empfindung der Schmerzes zu genießen. Was aber hatte sie gethan, um mein Mitgefühl zu verscherzen! Von gerechter Eifersucht erfaßt, hatte sie sich über ihr eheliches Unglück beklagt. Und ich hatte sie zurückgestoßen und hart angefahren, anstatt sie zur Vernunft zurückzuführen, was um so leichter gewesen wäre, da sie ihm, nach dem was ihr Mann sagte, volle Freiheit in bezug auf seine ehelichen Pflichten ließ. Ein unendliches Mitleid mit dieser Frau ergriff mich, in deren geistiger und körperlicher Natur-Entwickelung anscheinend schreckliche Geheimnisse und Widersprüche verborgen lagen. Ich glaubte in diesem Augenblicke, ein Unrecht zu begehen, wenn ich sie auf eine falsche Bahn geraten ließ. Als meine Trostlosigkeit den höchsten Grad erreicht hatte, setzte ich mich hin und schrieb ihr; ich bat sie um Verzeihung und ersuchte sie, die stattgehabte Scene zu vergessen, ich bemühte mich den schlechten Eindruck zu verwischen, indem ich ein Mißverständniß vorschob. Aber ich konnte die rechten Worte nicht finden, die Feder blieb liegen, und von Müdigkeit überwältigt, warf ich mich aufs Bett. Als ich am andern Morgen erwachte, war es trübes, warmes Augustwetter. Niedergeschlagen und traurig begab ich mich in die Bibliothek; es war noch nicht acht Uhr, und da ich den Schlüssel hatte, so konnte ich eintreten und drei Stunden vor der eigentlichen Oeffnung dort zubringen. Ich wanderte in den Gängen zwischen den beiden Bücherreihen umher, umfangen von dieser entzückenden Einsamkeit, in der man nicht allein war, in der intimen Gemeinschaft mit den auserlesensten Geistern alter Zeiten. Hier und da nahm ich einen Band heraus und bemühte mich, mein Interesse auf irgend einen Gegenstand zu konzentrieren, um den peinlichen Eindruck der gestrigen Scene zu vergessen. Aber nichts konnte das befleckte Bild der herabgestürzten Madonna verscheuchen. Sobald ich von den Blättern aufblickte, die ich durchflogen, ohne ein Wort des Textes verstanden zu haben, schien es mir, als sähe ich sie, wie in einer Art von Hallucination die Treppe herab kommen, welche sich am Ende der niedrigen Galerie, mit ihrer endlosen Perspektive hinschlängelte. Ich sah sie heruntersteigen, wie sie die Falten ihres blauen Kleides aufhob, so daß man ihre kleinen Füße und ihre zierlichen Knöchel sehen konnte, sah, wie sie mich mit ihren schräg stehenden Pupillen zum Verrat aufforderte, nach mir verlangte mit einem falschen und wollüstigen Blicke, den ich gestern zum ersten Male bei ihr entdeckt hatte. Und dieses Phantom erweckte unzüchtige Gefühle in mir, die ich seit drei Monaten unterdrückt hatte, so keusch hatte mich die reine Atmosphäre, die sie umgab, gemacht, ein Beweis dafür, daß die Begierde, wie man behauptet, sich zu individualisieren beginnt, wenn sie sich auf einen einzigen Gegenstand konzentriert. Gewiß ich sehnte mich nach ihr, ich stellte sie mir nackt vor, übertrug auf weißes Fleisch die Linien ihrer Gewänder, welche ich auswendig kannte. Und sobald meine Gedanken ein Ziel gefunden hatten, begann ich ein Bilderwerk über die italienischen Museen zu betrachten, welches die Photographien aller berühmten Skulpturen enthielt. Ich wollte eine wissenschaftliche Forschung anstellen, um die Formel dieser Frau zu entdecken; ich gedachte die Art und Gattung zu erkennen aus der sie stammte. Die Auswahl war groß. Die Venus mit vollem Busen, mit breiten Hüften, die normale Frau, welche im sichern Triumphe ihrer Schönheit ihren Mann erwartet! Das war nicht ihr Genre, Juno, die fruchtbare Mutter, mit dem Kinde, das kindergesegnete Weib, das auf dem Ehebett hingestreckt, die Reize ihres herrlichen Körpers preisgiebt. Auch dies nicht. War es Minerva, der Blaustrumpf, die alte Jungfer, die ihre flache Brust unter dem männlichen Harnisch verbirgt? Keinesfalls! Und Diana! Die blasse Göttin der Nacht welche sich vor dem hellen Tagesscheine fürchtet und grausam ist in ihrer unfreiwilligen Keuschheit, der Folge einer fehlerhaften Konstitution, mehr Knabe als Mädchen, gezwungenermaßen zurückhaltend, die es Actäon nicht verzeiht, daß er sie im Badeanzug überrascht hat. Das Genre der Diana würde wohl passen, nicht aber die Gattung! Die Zukunft wird darüber zu entscheiden haben! Und dieser zarte Körper, diese zierlichen Glieder, diese graziöse Figur, dieses stolze Lächeln, dieser verschleierte Busen sollte nach Blut und nach geheimen Genüssen lechzen? Oh! dieser Gedanke war entsetzlich. Während meines Suchens durchblätterte ich alle Kunstsammlungen, welche in dem reichen Staatsschatze veröffentlicht und aufbewahrt wurden, um die verschiedenen Bilder der keuschen Göttin auszuspüren. Ich stellte Vergleiche an, ich suchte nach der Bestätigung meiner Ansichten wie ein Gelehrter und wurde von dem einen Ende des weitläufigen Gebäudes bis zum andern hin und hergetrieben, da das eine Werk sich immer auf dies oder jenes andere bezog und so verstrich die Zeit, bis die Arbeitsstunde schlug und die Ankunft meiner Kollegen mich zu meiner Pflicht zurückrief. * Abends nahm ich mir vor, meine Freunde im Klub zu besuchen. Als ich das Laboratorium betrat, wurde ich mit höllischem Geschrei begrüßt, wobei mir das Herz aufging. In der Mitte des Raumes hatte man einen Tisch wie einen Altar aufgerichtet, ihn mit einem Todtenkopfe geschmückt, vor dem ein riesiger Pokal mit Blausäure aufgestellt war. Punschgläser standen umher, die aus einer Retorte gefüllt wurden; die Kameraden waren schon etwas angeheitert. Nachdem man mir einen Destillirkolben angeboten hatte, der ungefähr ein halbes Liter enthielt, und den ich bis zur Nagelprobe leerte, schrien alle Mitglieder der Gesellschaft unisono die Parole des Klubs »Verflucht!« Darauf antwortete ich, indem ich das bekannte »Lied der Taugenichtse« anstimmte. Nach dieser Einleitung erhebt sich ein allgemeiner Lärm, ein gräuliches Geschrei, und von lautem Beifall begrüßt, gebe ich meine ziemlich platten Gemeinheiten zum Besten. In hochtrabenden Versen und anatomischen Ausdrücken wurde die Frau gefeiert als die Personifikation der Unfähigkeit des Mannes, sich mit sich selbst zu amüsieren. Ich berauschte mich an drastischen Reden, an Profanationen der Madonna, dem krankhaften Produkt ungestillter Begierden. Mein ganzer Haß gegen meinen falschen Abgott wurde entfesselt, und eine Art von bitterem Trostgefühl erfüllte mich. Die Tischgenossen, arme Schlucker, welche die Liebe nur in öffentlichen Häusern kennen gelernt haben, sind entzückt, Damen aus der Gesellschaft, die sonst für unantastbar gelten, mit Koth beworfen zu sehen. Die Trunkenheit steigt. Es thut mir wohl, einmal männliche Stimmen zu hören nach monatelangem sentimentalem Miauen, falscher Ehrbarkeit und heuchlerischer Unschuld. Es ist, als ob man die Maske fallen läßt und die Scheinheiligkeit von sich wirft, die ja nur die Unzüchtigkeit verhüllt. Ich sehe die Angebetete im Geiste vor mir, wie sie sich allen Exzessen der ehelichen Liebe hingiebt, um nur die Langweile einer qualvollen Existenz zu verscheuchen. An sie, die Abwesende, richte ich alle die Infamien, die Angriffe, die Beleidigungen, in blinder Wut, weil ich sie nicht besitzen kann, da ich trotz alledem vor dem Verbrechen zurückschrecke. Das Laboratorium erscheint in diesem Augenblicke meinem entflammten Sinnen wie eine riesenhafte Orgie aller Empfindungen. Die Reagensgläschen auf den Gestellen glänzen in allen Farben des Regenbogens; das Rot des Menninge, das Orange des Chrom-Kali, das Gelb des Schwefel-Sublimats, das Grün des Grünspans, das Blau des Kupfer-Vitriols. Die Luft ist verpestet durch den Tabaksqualm und den Dunst des mit Zitronen bereiteten Arakpunsches, der dunkle Erinnerungen an glücklichere Länder erweckt; auf dem absichtlich verstimmten Klavier wird in einer unbekannten Tonart Beethovens Trauermarsch in einer Weise malträtiert, daß man den Rhythmus nicht mehr erkennt, die bleichen Gestalten der Trinker sind durch den blauen Rauchnebel nur noch schattenhaft zu sehen; die goldene Schärpe des Lieutenants, der schwarze Bart des Doktors der Philosophie, das Chemisett des Arztes, der Totenkopf mit den leeren Augenhöhlen, das Geschrei und Lärmen, die unglaublichen Mißklänge, die heraufbeschworenen unzüchtigen Bilder, alles verwirrt sich in meinem erhitzten Gehirn – und plötzlich erschallt ein Appellruf, ein einziger einstimmiger Ruf: »Auf! zu den Weibern!« Und der ganze Chor beginnt zu singen: Pokulieren – und charmieren – Ist des Lebens wahrer Zweck! Man greift nach Überziehern und Hüten, und die ganze Gesellschaft setzt sich in Bewegung. Eine halbe Stunde später brach die Bande bei einer Horde von Mädchen ein; es wurde Stout bestellt, Feuer im Ofen angezündet, und die Saturnalien beginnen mit lebenden Bildern ... * Als ich am späten Morgen in meinem eigenen Bette erwachte, fühlte ich mit Erstaunen, daß ich leidlich Herr meiner selbst war. Die ungesunden Empfindeleien waren verflogen und der Madonnenkultus in den Freuden einer Nacht in Rauch zergangen. Ich betrachtete meine eingebildete Liebe jetzt wie eine Schwäche des Geistes und des Körpers; beides erschien mir zu jener Zeit gleichbedeutend. Nach einem kalten Bade und einem guten Frühstück begab ich mich an meine Arbeit, glücklich, daß alles zu einem guten Ende gekommen war. Es ging mir alles leicht von der Hand, und die Stunden flogen schnell dahin. Es war halb ein Uhr, als mir der Bureaudiener den Besuch des Barons anmeldete. – Dann ist es also doch noch nicht zu Ende, sagte ich mir, indem ich mich auf irgend eine Szene vorbereitete. Der Baron, welcher strahlend munter war, drückte mir herzlich die Hand und lud mich zu einem Ausfluge auf dem Dampfboot nach den Bädern von Foedertelje ein, wo das Theater des Vereins eine Liebhabervorstellung geben wollte. Ich machte einige Einwendungen, indem ich dringende Geschäfte vorschützte. – Aber meine Frau bittet Sie sehr, zu kommen, antwortete er und übrigens wird auch Baby dabei sein ... Baby, das war die Kousine. Er beschwor mich in unwiderstehlicher, rührender Weise und sah mich mit seinen treuen Augen so freundlich an, daß ich fühlte, wie mein Widerstand nachließ. Aber anstatt direkt einzuwilligen, fragte ich ihn: – Geht es der Frau Baronin gut? – Sie war gestern krank, recht leidend, aber heut geht es besser. Sagen Sie mir nur, lieber Freund, fügte er hinzu, was ist eigentlich vorgestern in Nacka vorgefallen? Meine Frau behauptet, es habe sich ein Mißverständnis in eure Unterhaltung geschlichen, und Sie seien ihr deshalb ohne Grund böse. – Meiner Treu, antwortete ich etwas unsicher, ich verstehe die ganze Geschichte nicht. Es ist möglich, daß ich etwas zu viel getrunken habe, und daß mir irgend eine Dummheit entschlüpft ist. Lassen wir das, entgegnete er mir, und bleiben wir die alten Freunde wie bisher. Sie wissen ja, wie das mit den Frauen ist, sie sind von einer Empfindsamkeit ... Nun und Sie sagen doch ja, nicht wahr? Wir treffen uns nachmittag um vier! Ich sagte ja! Rätsel ohne Gleichen: Ein Mißverständnis! Aber sie war nichtsdestoweniger leidend gewesen. Leidend aus Furcht, aus Verdruß, oder aus welchem andern Grunde? Die Angelegenheit nahm jetzt eine interessante Wendung, nachdem die kleine Unbekannte auf der Szene erschien; und nicht ohne Herzklopfen schiffte ich mich um vier Uhr auf dem angegebenen Dampfer ein. Bei der Ankunft meiner Freunde bemerkte ich sofort, daß die Baronin mich mit schwesterlicher Zärtlichkeit begrüßte. – Sie sind mir doch nicht böse wegen meiner harten Worte, begann sie, aber ich errege mich so leicht ... – Lassen wir die Sache ruhen, unterbrach ich sie, und verschaffte ihr einen Platz auf der Rückseite der Brücke. – Herr ** Fräulein *** stellte der Baron vor, und, ich erblickte eine junge Person von ungefähr achtzehn Jahren, eine Art von Soubrette, ganz so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Sie war klein, von gewöhnlicher Figur, einfach gekleidet, mit einem kleinen Anflug von künstlicher Eleganz. Aber die Baronin! Blaß mit eingefallenen Wangen und so mager! Die Armbänder klirrten an ihren Handgelenken, das Gewand war bis zum Kragen fest geschlossen; man konnte die blauen Adern sehen, welche sich den infolge einer etwas nachlässigen Haartracht besonders hervortretenden Ohren zu schlängelten. Außerdem war sie auch schlecht angezogen, in unharmonischen schreienden Farben. Es war kein Zweifel, sie erschien entschieden häßlich. Sie flößte mir ein tiefes Mitleid ein, und ich verwünschte mein Unrecht vom gestrigen Abend aufrichtig. Wie konnte ich diese da für eine Kokette halten! Sie war vielmehr eine Märtyrerin! Eine Heilige, welche unverdientes Unglück erduldete! Das Schiff setzte sich in Bewegung, und der schöne Augustabend auf dem Mälarsee lud uns zu friedlichen Träumereien ein. War es Zufall oder Absicht, der Baron und die Kousine hatten Platze nebeneinander gewählt, die soweit von uns entfernt waren, daß man nicht hören konnte, was sie sprachen. Zu dem jungen Mädchen herabgeneigt, plauderte und lachte der Baron und scherzte unaufhörlich mit der heiteren verjüngten Miene eines Neuverlobten. Von Zeit zu Zeit warf er uns einen schelmischen Blick zu, und wir grüßten uns mit einem lächelnden Kopfnicken. – Es ist ein munteres Ding, die Kleine, nicht wahr, fragte mich die Baronin. – Es scheint so, Frau Baronin, antwortete ich ihr, ohne recht zu wissen, welche Miene ich hierbei annehmen sollte. – Sie versteht es so gut, meinen melancholischen Mann aufzuheitern, eine Gabe, die mir vollständig fehlt, fügte sie hinzu und blickte die Beiden mit einem Lächeln aufrichtiger Sympathie an. In diesem Augenblicke spiegelte sich auf ihren Zügen der Ausdruck unterdrückten Kummers, getrockneter Thränen und übermenschlicher Resignation, und wie Wolken flogen über ihr Gesicht jene undeutlichen Reflexe von Güte, Selbstverleugnung und Entsagung, die man gewöhnlich bei Frauen, welche guter Hoffnung sind, und bei jungen Müttern findet. Von Reue ergriffen und beschämt über meine unbegründete Meinung von ihr, konnte ich nur mit Mühe meine Thränen zurückhalten und versuchte eine harmlose Unterhaltung zu beginnen. – Sind Sie denn gar nicht eifersüchtig? – Durchaus nicht, antwortete sie mit offenem Lächeln ohne eine Spur von Bosheit. Es wird Ihnen seltsam erscheinen, aber es ist so: Ich liebe meinen Mann, das brave Herz, und bete das kleine süße Geschöpf an, und das Ganze ist von einer Unschuld ohne Gleichen. Pfui über die Eifersucht, sie macht uns häßlich, und in meinem Alter muß man sich in Acht nehmen. In der That kam ihre Mißstimmung in herzzerreißender Weise zum Ausdruck und einer unüberlegten Hingebung folgend, gebot ich ihr in väterlichem Tone, ihren Alpaccashawl umzunehmen, indem ich sie auf einen Windstoß aufmerksam machte, bei dem sie sich erkälten könnte. Und ich drapierte die langhaarige Wolle so um ihre Schultern, daß ihr Kopf auch davon umrahmt wurde und seine zarte Schönheit zur Geltung kam. Wie schön war sie, als sie mir mit einem Lächeln dankte! Sie hatte einen so glücklichen Ausdruck und war dabei so dankbar wie ein Kind, das sich nach Liebkosungen sehnt. – Mein armer Mann, es freut mich zu sehr, ihn endlich einmal munter zu sehen. Er hat recht viel Sorgen, das können Sie mir glauben. – Frau Baronin, wagte ich zu sagen, ich bin nicht indiskret, aber sagen Sie mir doch um Himmelswillen, was Ihnen fehlt, denn es bedarf keines großen Scharfsinnes, um zu merken, daß es einen wunden Punkt in Ihrem Leben giebt. Ich verfüge nur über gute Ratschläge, aber wenn ich Ihnen in diesem Sinne irgendwie nützlich sein kann, dann rechnen Sie auf meine Freundschaft. Und nun erfuhr ich, was meinen armen Freund unausgesetzt quälte, das Schreckgespenst des Ruins bedrohte sie. Das ungenügende Gehalt des Barons war bis jetzt durch die Mitgift der Baronin vergrößert worden, aber diese Mitgift hatte sich neuerdings als eine imaginäre erwiesen, da sie zum größten Teile aus unsicheren Fonds bestand. Der Baron stand daher auf dem Punkte, seinen Abschied einzureichen, und suchte nach einer Stelle als Kassenverwalter bei einer Bank. – Und das ist der Grund, fügte sie hinzu, warum ich mein Talent ausnutzen wollte, um etwas für die Wirtschaft mit zu verdienen. Denn durch meine Schuld ist er in diese Lage gekommen, ich bin es, die seine Carriere vernichtet hat ... Was war hierbei zu thun oder zu sagen! In einer so ernsten Angelegenheit, die mir über den Kopf wuchs. Ich bemühte mich, die Sache poetisch aufzufassen, log mir vor, daß die ganze Geschichte nichts sei, und improvisierte ihr eine sorgenlose Zukunft, voller guter Aussichten, suchte ihr statistisch nachzuweisen, daß wirtschaftlich bessere Zeiten nahe bevorständen, wo die Fonds wieder steigen würden; ich erfand fabelhafte Hilfsquellen, ließ wie durch Zauber eine neue Armee-Organisation entstehen, die unerwartete Avansements mit sich bringen mußte. Es war poetische Erfindung, aber Dank meiner Phantasie flößte ich ihr Mut und Hoffnung, ja sogar gute Laune ein. Als wir ausgeschifft waren, machten wir paarweise einen Spaziergang durch den Park und warteten auf die Eröffnung des Theaters. Ich hatte noch kein Wort mit der Kousine gewechselt, so sehr war sie von dem Baron in Anspruch genommen, der ihr das Theatermäntelchen trug, sie mit verzehrenden Blicken betrachtete, seinen Wortschwall über sie ergoß und sie mit seinem Atem anhauchte, während sie gleichgiltig und kalt blieb mit eisigen Augen und strengem Gesicht. Von Zeit zu Zeit schien sie ein kleines Wort in die Unterhaltung zu werfen, welches das laute Gelächter des Barons hervorrief, ohne daß sich in ihrem eigenen Antlitz auch nur eine Muskel rührte. Nach der lustigen Miene des Barons zu schließen, machte es den Eindruck, als ob sie fortwährend Nebenbemerkungen, ja sogar Zweideutigkeiten zum Besten gab. Endlich wurde der Saal geöffnet, und wir traten ein, um uns die nicht reservirten Plätze zu erobern. Der Vorhang geht in die Höhe. Die Baronin ist entzückt, endlich einmal die Bühne wieder zu sehen, den Geruch der gemalten Leinwand, des rohen Holzes, der Schminke und des Schweißes einzuatmen. Man spielt »Eine Laune«. Ein plötzliches Unbehagen erfaßt mich, sei es durch die bitteren Erfahrungen meiner verfehlten Existenz, der die Szene für immer verschlossen blieb, sei es die Folge der gestrigen Ausschweifungen. Als der Vorhang gefallen, erhebe ich mich und ziehe mich heimlich in das Restaurant des Rathauses zurück, wo ich mich mit Hilfe von zwei Glas Absinth wieder erhole. Inzwischen ist der Schluß der Vorstellung da. Meine Freunde kommen zum verabredeten Souper, sie scheinen ermüdet zu sein und verbergen nur mühsam ihren Ärger über meine Flucht. Die Tafel wird unter allgemeinem Schweigen gedeckt. Zu Vieren entspinnt sich die Konversation jetzt nicht so leicht, und die Kousine bleibt stumm, hochmütig und zurückhaltend. Endlich beginnt eine Unterhaltung über das Menü. Die Baronin entscheidet sich, nachdem sie mich um meine Meinung gefragt hat, für Hors-d'oeuvres, aber der Baron bestellt sie mit kurzem Tone wieder ab, mit einem Tone, der mir auf die Nerven fällt, und von meinen schwärzesten Teufeln besessen, thue ich, als ob ich es nicht verstanden hatte, und bestellte Hors-d'oeuvres für zwei Personen: für mich und für sie, wie sie es gewünscht hatte. Der Baron wurde leichenblaß. Es lag ein Gewitter in der Luft, aber kein Wort wurde laut. Indem ich meinen Mut bewunderte, eine Ungezogenheit durch eine Beleidigung beantwortet zu haben, die mir in jedem anderen zivilisierten Lande eine ernsthafte Auseinandersetzung zugezogen haben würde, fing ich an zu essen, ohne ein Wort zu sprechen. Die Baronin, welche durch meine tapfere Verteidigung ihrer Rechte Mut bekommen hatte, neckte mich, um mich zum Lachen zu bringen. Aber es war umsonst. Jede Unterhaltung war unmöglich; man hatte sich nichts zu sagen, und der Baron und ich wechselten drohende Blicke mit einander. Endlich begann mein Gegner mit seiner Gefährtin zu flüstern, worauf ihm diese mit Kopfnicken und Schütteln antwortete und mit so leise gehauchten Worten, daß sich ihre Lippen kaum bewegten; dabei warf Sie mir verachtungsvolle Blicke zu. Das Blut stieg mir zu Kopfe, und das Gewitter hätte nicht lange auf sich warten lassen, wenn nicht ein unvorhergesehenes Ereignis uns plötzlich als Blitzableiter gedient hätte. Eine lustige Gesellschaft, die sich in einem Zimmer neben dem unsrigen befand, klimperte seit einer halben Stunde in der greulichsten Weise auf dem Klaviere, und nun begannen die vergnügten Gäste bei offenen Thüren ein gemeines Lied anzustimmen. – Schließen Sie die Thür, befahl der Baron dem Kellner. Die Thür war aber kaum zugemacht, so wurde sie sofort wieder geöffnet, und die Sänger setzten ihr Treiben fort, indem sie herausfordernde Worte dazwischen warfen. Jetzt war es an mir, die günstige Gelegenheit zum Losbrechen zu ergreifen. Ich erhob mich von meinem Stuhle und war in zwei Schritten an der Thür, die ich der singenden Gesellschaft vor der Nase zumachte. Feuer im Pulverfaß würde denselben Effekt hervorgebracht haben, wie mein entschlossenes Auftreten den Feinden gegenüber. Nach einem kurzen Kampfe, während ich die Thürklinke mit fester Hand hielt, gab die Thür der Gewalt nach, und ich wurde in die Mitte der brüllenden Menge gezerrt, die sich auf mich stürzte und sich zu einem Handgemenge vorbereitete. Im selben Augenblick fühlte ich, wie sich eine Hand auf meine Schulter legte, und ich hörte eine empörte Stimme an die Ehre dieser Herren appellieren, die in solcher Überzahl auf einen einzelnen losgingen ... Es war die Baronin, welche alle Schicklichkeit und guten Manieren vergessend, einem plötzlichen Impulse folgte, der wärmere Gefühle verriet, als sie vielleicht zu zeigen wünschte. Der Streit war beendigt, und die Baronin, welche mich mit prüfenden Blicken betrachtete, sagte: – Sie sind ein tapferer kleiner Held, wie habe ich mich um Sie geängstigt! Der Baron bat sich die Rechnung aus, und nachdem er den Wirt hatte kommen lassen, trug er diesem auf, den Schulzen rufen zu lassen. Es herrschte nun wieder die schönste Harmonie unter uns allen, und einer schalt immer noch mehr als der andere über die Unhöflichkeit der hiesigen Einwohner. Die ganze blinde Wut über die Eifersucht und das verletzte Ehrgefühl entluden wir gemeinsam auf die nichtsnutzigen Polizisten, und bei einem in unserer Wohnung getrunkenen Punsch schlug die Freundschaft von neuem in hellen Flammen auf, sodaß wir das Nichterscheinen des Schulzen garnicht bemerkten. Am andern Morgen trafen wir uns im Café strahlend vor guter Laune und glücklich, einer fatalen Lage entgangen zu sein, deren Folgen garnicht im Voraus zu berechnen gewesen. Nach dem ersten Frühstück machten wir einen Spaziergang auf dem Damm des Kanals, immer zu zwei und zwei in angemessener Entfernung von einander. Bei einer Schleuse angekommen, wo der Kanal eine Biegung macht, blieb der Baron stehen und wandte sich an seine Frau mit einem zärtlichen, beinahe verliebten Lächeln. – Erinnerst du dich noch dieser Stelle, Maria? fragte er sie. – Ich erinnere mich, lieber Gustav! antwortete sie mit einer zugleich leidenschaftlichen und traurigen Miene Und sie erklärte mir die kurze Bemerkung, indem sie sagte: – Es war hier, wo er mir seine Liebeserklärung machte, eines Abends, als wir eine Sternschnuppe unter dieser selben Birke zusammen sahen ... – Es ist drei Jahre her ... so beendete ich den Satz. – Und nun kommen sie immer wieder auf die alten Erinnerungen zurück und nähren sich von der Vergangenheit, da die Gegenwart Ihnen keine Befriedigung gewährt. – Genug, das führt zu weit ... Ich verabscheue die Vergangenheit, und ich verdanke es meinem braven Manne, von einer eitlen Mutter befreit zu sein, bei deren zärtlichem Despotismus ich zu Grunde gegangen wäre. Nein, ich bete meinen Gustav an, und er ist mir ein treuer Freund geworden ... – Ganz, wie Sie wünschen, Frau Baronin, ich bin immer Ihrer Ansicht – um Ihnen gefällig zu sein. Die Einschiffung zur Rückkehr in die Stadt erfolgte zur festgesetzten Stunde, und nach einer Fahrt über den blauen See mit den Tausenden von grünen Inseln kamen wir am Quai an, wo wir Abschied von einander nahmen. Ich nahm mir vor, zur Arbeit zurückzukehren mit der ernsten Absicht, diese Verirrung aus meiner Seele zu reißen, welche die Gestalt einer Frau angenommen hatte; aber ich bemerkte bald, wie ich nicht berechnet hatte, daß es Mächte gäbe, die stärker waren als ich. Schon am andern Morgen erhielt ich eine Einladung zum Diner bei der Baronin, die an diesem Tage das Jahresfest ihrer Hochzeit feierte. Es gab keine Ausflüchte und trotz meiner Befürchtung, daß unsere Freundschaft nun ein Ende nehmen könnte, stellte ich mich zur festgesetzten Stunde ein. Man mag sich meine Enttäuschung vorstellen, als ich das ganze Haus wegen großen Reinmachens in höchster Unordnung fand; der Baron war in übelster Laune, die Baronin war unsichtbar und ließ mich wegen des verspäteten Essens um Entschuldigung bitten. Eine Promenade durch den kleinen Garten mit dem wütenden, hungrigen Baron, der seine Ungeduld kaum mehr verbergen konnte, brachte mich um den letzten Rest meiner Unterhaltungskunst, so daß schließlich jede Konversation zwischen uns aufhörte und wir es nach einer ungemütlichen halben Stunde für besser hielten, uns in das Speisezimmer hinauf zu begeben. Dort war der Tisch gedeckt und die Hors-d'oeuvres aufgestellt, aber von der Hausfrau war noch nichts zu sehen. – Kommen Sie, wir wollen einstweilen ein Brödchen aus der Hand essen, forderte mich der Baron auf. Ich that mein Möglichstes, um ihn hieran zu verhindern, da ich wünschte, die Empfindlichkeit der Baronin zu schonen. Aber es ließ sich nichts machen, ich war zwischen zwei Feuer gestellt, und es blieb mir nichts andres übrig, als zu gehorchen. Nun trat die Baronin ein, strahlend, jugendlich, hübsch, gut angezogen, in ihren Lieblingsfarben, strohgelb und violett, in einem Kleid von durchsichtiger Seide, das vollendet saß und ihre mädchenhafte Taille zur Geltung brachte und ihre zart gerundeten Schultern und die schlanken, fein modellierten Arme erkennen ließ. Ich beeilte mich, ihr meinen Rosenstrauß zu überreichen, und wünschte ihr dabei noch unzählige Widerholungen ihres Hochzeitstages, zugleich beeiferte ich mich, die Schuld unserer unhöflichen Ungeduld auf den Baron zu schieben. Sie verzog ein wenig das Gesicht, als sie den in Unordnung geratenen Tisch erblickte, und lichtete ein paar tadelnde Worte an ihren Gatten, die mehr bitter als scherzhaft klangen; auf diesen etwas unverdienten Vorwurf antwortete er sofort mit einer Gegenrede. Ich stürzte mich so schnell als möglich in den Wortstreit und rief die Erinnerungen an den vergangenen Abend wach, die ich mit den Baron allerdings schon genügend besprochen hatte. – Und wie gefällt Ihnen meine reizende Kousine? fragte mich die Baronin. – Vortrefflich! rief ich aus. – Nicht wahr, lieber Freund, dieses Kind ist wirklich eine wahre Perle! rief der Baron mit einem so ernsten, väterlichen Ausdrucke, so voll herzlicher Teilnahme und Mitleid, als ob es sich um eine von Tyrannen verfolgte Unschuld handelte. Aber die Baronin war so grausam, die Spielerei mit dem Worte Kind aufzugreifen, indem sie sagte: – Sehen Sie nur, wie das allerliebste Baby meinem Manne die Haare in Unordnung gebracht hat. In der That war der Scheitel des Barons ganz verschwunden und seine Haare à la cheval frisiert, auch war der Schnurrbart in die Höhe gedreht, sodaß seine ganze Physiognomie verändert war. Aber durch eine Ideenverbindung bemerkte ich auch, daß die Baronin einzelne Details der Haartracht, des Anzugs, ja selbst der Manieren der bezaubernden Kousine nachgeahmt hatte. Man hätte meinen können, daß die Wahlverwandtschaft der Chemiker hier zwischen lebenden Wesen in volle Thätigkeit trat. Unterdessen zog sich das Diner schwer und schleppend hin, wie ein Karren, der das vierte Rad verloren hat. Zum Kaffee erwartete man das von jetzt an unentbehrliche Ergänzungsglied unseres Quartetts, das zu Dreien anfing verstimmt zu werden. Beim Dessert brachte ich einen Toast auf das Ehepaar aus, in konventionellen Ausdrücken, der ohne Schwung war, wie abgestandener Champagner. Die beiden Gatten umarmten sich, ganz hingerissen von den Erinnerungen der vergangenen Zeit, und indem sie zärtliche Bewegungen nachahmten, wurden sie verliebt und zärtlich, wie der Schauspieler schließlich selbst traurig wird, wenn er aufrichtige Thränen nachahmt. Oder glimmte vielleicht das Feuer noch unter der Asche, bereit, bei einem Hauche aufzuflammen, mit dem eine geschickte Hand es zu rechter Zeit anfachte. Es war nicht leicht vorauszusehen, was daraus werden konnte. Wir gingen in den Garten hinunter und setzten uns in eine Laube, die einen Ausblick auf die Allee bot. Die Unterhaltung schlief beinahe gänzlich ein und der zerstreute Baron stand gleichsam auf der Lauer, indem er durch das Fenster die Landstraße beobachtete, ob die Kousine noch nicht käme. Mit einem Male schoß er wie ein Pfeil davon und ließ uns allein, augenscheinlich in der Absicht, seinem Gaste entgegen zu gehen. Allein mit der Baronin fühlte ich mich verwirrt, ich war nicht eben schüchtern, aber sie hatte eine so eigentümliche Art, mich von Kopf bis Fuß zu mustern, indem sie mir Komplimente über dies oder jenes Detail meines Anzuges sagte. Nach einem längeren, beinahe verlegenen Schweigen fing sie plötzlich an zu lachen und zeigte mit dem Finger nach der Richtung, die der Baron eingeschlagen hatte: Wie verliebt er ist, der gute Gustav! bemerkte sie. – Es scheint so, erwiderte ich. Und Sie, empfinden Sie nicht die Qualen der Eifersucht? – Kein Gedanke daran! versicherte sie. Ich bin ja schließlich eben so verliebt in die schöne kleine Katze. Und wie steht es mit Ihnen, wie befindet sich Ihr Herz meiner schönen Kousine gegenüber? – Vollkommen wohl, Frau Baronin. Um ganz offen zu sein und ohne Sie zu kränken, muß ich Ihnen sagen, daß diese Dame nicht meine besondere Sympathie genießt. Und das war die Wahrheit. Vom ersten Sehen an hatte mich diese junge Person, die gleich mir dem Bürgerstande angehörte, nicht leiden können. Ich war ihr ein unbequemer Zeuge, oder besser gesagt ein gefährlicher Konkurrent, der auf demselben Terrain jagte, welches sie sich reserviert hatte, um eine Einführung in die Gesellschaft zu erlangen. Mit ihrem durchdringenden Auge, klein und von lichtem Grau, hatte sie in mir eine Persönlichkeit erkannt, deren Bekanntschaft ihr keinen Nutzen brachte,, und mit ihrem bürgerlichen Instinkte hielt sie mich für einen Glücksjäger. Bis zu einem gewissen Punkte hatte sie Recht, denn ich war ja mit der ausgesprochenen Absicht aufgetreten, Leute zu finden, die sich für mein Drama interessierten, aber die Beziehungen meiner Freunde zum Theater waren ja nur Erfindungen des finnländischen Fräuleins, und man hatte mein Stück niemals erwähnt mit Ausnahme einiger gewöhnlicher Komplimente darüber. Auch der Baron, der sehr empfänglich für alle Eindrücke war, zeigte mir durch sein, in Gegenwart der Kousine ganz verändertes Benehmen, daß er auf dem Wege war, mich durch die Augen der betrügerischen Schmeichlerin zu betrachten. Wir brauchten übrigens nicht lange zu warten, bis die beiden Verbündeten am Gitter erschienen, aufs Heiterste lachend und plaudernd. Die Kleine war an diesem Abend in mutwilligster Stimmung. In Straßenjungen-Manier fluchte sie mit ausgesuchtem Geschmack und sprach allerlei Anzüglichkeiten mit einer Anmut und Unschuld aus, als ob sie den Sinn der zweideutigen Worte gar nicht verstände; sie rauchte und trank, ohne doch einen Augenblick zu vergessen, sich als Frau und zwar als sehr junge Frau zu benehmen. Nicht der mindeste Anstrich von männlichem oder emanzipiertem Wesen, keine Spur von Prüderie. Alles in Allem war sie sehr amüsant und die Stunden flogen nur so dahin. Was mich indessen in prophetischer Art auf die kommenden Ereignisse gespannt machte, war die ungewöhnliche Heiterkeit der Baronin, die sich jedesmal zeigte, wenn den Lippen der Kousine eine zweideutige Redensart entschlüpfte. Dann leuchtete in ihren Zügen ein unschönes Lachen, ein sinnlicher Ausdruck auf, und diese Erscheinungen zeigten, daß sie eine tiefe Kenntniß von den Geheimnissen der Ausschweifungen besaß. Während wir so vergnügt beisammen waren, erschien noch der Onkel des Barons: als alter Witwer und Hauptmann a. D., voller Aufmerksamkeit gegen die Damen, von liebenswürdigen Manieren, die durch ein Körnchen etwas freier altmodischer Galanterie gewürzt wurden, und verschanzt hinter der nahen Verwandtschaft, war er der erklärte Liebling der Damen, deren Gunst er sich zu erwerben gewußt hatte. Er nahm sich denn auch die volle Freiheit, sie zu tätscheln, ihnen die Hände zu küssen und die Wangen zu streicheln, so daß bei seinem Erscheinen beide Damen ihm um den Hals fielen und Freudenrufe ausstießen. – Ach, meine Kleinen, nehmt Euch doch in Acht. Zwei auf einmal das ist zuviel für einen alten Knaben. Spielt nicht mit dem Feuer! Die Pfötchen auf die Schürze oder ich stehe für nichts ein! Die Baronin hielt ihm die Cigarrette hin, welche sie im Munde hatte: – Gieb mir doch ein bischen Feuer, Onkel, rief sie mutwillig aus. – Ich habe keins mehr, mein Kind; es ist seit fünf Jahren ausgebrannt, antwortete er mit pfiffiger Miene. Die Baronin gab ihm einen leichten Schlag auf die Wange, aber der Alte ergriff ihren Arm mit beiden Händen und streichelte ihr die Muskeln bis zum Ellenbogen. – Du bist nicht so mager, mein Liebchen, wie du aussiehst, fuhr er fort, indem er ihr weißes und weiches Fleisch betastete. Die Baronin ließ ihn gewähren und schien sich über das Kompliment zu freuen, mit dem erwähnten sinnlichen Lachen schob sie ihren Kleiderärmel zurück und zeigte ihren fein modellierten Arm, der von selten schöner Form und schneeweiß war. Plötzlich erinnerte sie sich meiner Anwesenheit, aber es war zu spät, ich hatte schon einen Funken jener ungezügelten Flamme gesehen, die in ihren Augen glänzte, den Ausdruck der von verliebter Trunkenheit beherrschten Frau. Aus Unachtsamkeit hatte ich im selben Augenblick ein Fünkchen des Streichholzes, mit dem ich meine Cigarette anzünden wollte, zwischen mein Vorhemde und meine Weste fallen lassen. Mit einem Schreckensruf stürzte sich die Baronin auf mich, und indem sie die Glut mit ihren Händen ausdrückte, schrie sie ganz rot vor Erregung: – Feuer! Feuer! Ich fuhr ganz entsetzt zurück, drückte ihre beiden Hände an meine Brust, um das drohende Feuer zu ersticken und mich dann, etwas beschämt von ihren Armen befreiend, sprach ich der erhitzten Baronin meinen ehrerbietigsten Dank aus, indem ich so that, als sei ich einer Gefahr entgangen. Man erging sich in allerlei schlüpferigen Redensarten bis zum Souper. Die Sonne war untergegangen und der Mond kam hinter der Kuppel der Sternwarte herauf und beleuchtete die Apfelbäume in unserm Obstgarten; dies brachte uns darauf, die Namen der Früchte zu erraten, die an den Zweigen hingen, halb versteckt unter dem Laubwerk, das lichtgrün bei dem elektrischen Mondlichte erschien. Die sonst blutrote Caville bildete nur einen gelblichen Fleck, der Astrachanapfel sah graugrün aus, die Reinette braunrot und die übrigen von gleichem Glanze. Eben so war es auch mit den Blumen auf den Beeten. Die Georginen hatten unnennbare Schattierungen angenommen, die Nelken schimmerten in den Farben eines andern Planeten, die großen Marguériten in unbeschreiblichem Farbenglanz. – Sehen Sie nur, Frau Baronin, erklärte ich ihr, wie alles auf Einbildung beruht. Es giebt gar keine unabhängigen Farben; alles hängt von der Natur des Lichtes ab. Alles ist schließlich nur Illusion. – Alles? wiederholte sie, indem sie vor mir stehen blieb und mich mit ihren Augen durchbohrte, welche mir in der Dunkelheit riesig groß erschienen. – Alles, gnädige Frau! so log ich, ganz berauscht von dieser realen Erscheinung aus Fleisch und Bein, die mich durch ihre Schönheit erschreckte. Ihre etwas zerzausten blonden Haare bildeten eine Strahlenkrone um ihr von Mondlicht beleuchtetes Antlitz; die herrlich ebenmäßige Gestalt erhob sich hoch und schlank in der gestreiften Robe, deren Farben sich in schwarz und weiß verwandelt hatten. Die Levkojen strömten ihre sinnberauschenden Düfte aus, die Grillen zirpten im thaufeuchten Grase, der laue Wind ließ die Bäume leicht erschauern, die Dämmerung hüllte uns in ihre weiche Decke, alles lud zur Liebe ein und nur die ehrbare Feigheit hielt das Geständniß zurück. Plötzlich löste sich ein Apfel von einem vom Windhauche geschüttelten Aste. Sie bückte sich, um ihn aufzuheben, und reichte ihn mir mit einer bedeutungsvollen Geberde. – Verbotene Frucht, murmelte ich, nein, gnädige Frau, ich danke Ihnen. Um nun diese mir unwillkürlich entschlüpfte Tölpelei zu verwischen, beeilte ich mich eine genügende Erklärung zu improvisieren, und spielte auf den knauserigen Eigenthümer des Hauses an. – Was würde der Besitzer dazu sagen? – Daß Sie wenigstens ein Ritter – ohne Tadel – sind, erwiderte sie, als ob sie mir meine Furcht hätte vorwerfen wollen, und dabei warf sie einen versteckten Blick nach dem Boskett, wo sich der Baron und die Kousine vor unsern Blicken verborgen hielten. Das Abendessen war aufgetragen. Als wir vom Tisch aufstanden, schlug der Baron einen gemeinsamen Spaziergang vor, um das liebe Kind nach Hause zu bringen. Als wir durch den Thorweg schritten, bot der Baron der Kousine seinen Arm und sagte zu mir gewendet in väterlichem Tone: – Reichen Sie meiner Frau den Arm, lieber Freund, und zeigen Sie, daß Sie ein Kavalier sind. Ich hatte Angst. Da der Abend warm war, trug sie ihren Mantel auf dem Arm, und die Berührung ihres Armes, dessen weiche Kontouren man durch die Seide fühlte, durchfuhr mich wie ein magnetischer Strom und erweckte ein ungewöhnliches Empfinden in mir, sodaß ich zu fühlen glaubte, wo der Hemdärmel aufhörte, grade an meinem deltaförmigen Armmuskel. Ich war so erregt, daß ich die ganze Anatomie des entzückenden Armes angeben konnte. Ihr Biceps, dieser große Elevator, der seine hervorragendste Rolle bei den Umarmungen spielt, drückte den meinigen, eng angeschmiegt, in weichem Rhytmus. Dicht an ihrer Seite gehend, fühlte ich die Formen ihres Körpers unter den mich streifenden Röcken. – Sie führen sehr gut, mein Herr, und Sie müssen wundervoll tanzen! so ermutigte sie mich in meinem verlegenen Stillschweigen. Und nach einiger Zeit, als sie das Beben meiner aufgeregten Nerven verspürt haben mußte, fragte sie mich in spöttischem Tone mit der ganzen Überlegenheit der erfahrenen Frau: – Zittern Sie? – Ja, gnädige Frau, ich friere. – Ziehen Sie Ihren Überzieher an, liebes Kind! sagte sie schmeichelnd mit ihrer weichen Stimme. Nun ich meinen Überzieher als eine Art von Zwangsjacke anhatte, fühlte ich mich besser geschützt gegen die Wärme, welche von ihrem Körper in den meinigen überströmte. Aber das Taktmaß, in dem ihre kleinen Füße mit den meinigen Schritt hielten, vereinte mein Nervensystem so ganz mit dem ihrigen, daß es mir vorkam, als schritte ich auf vier Füßen dahin, wie ein verdoppeltes Wesen. Es war eine Art von Pfropfsystem, das während dieser Promenade bewirkt wurde, von der Art, welche die Gärtner Ablactation nennen und die mittels der Berührung zweier Zweige ausgeführt wird. Von diesem Tage an gehörte ich mir nicht mehr an. Diese Frau hatte sich in mein Blut hinein okuliert. Die Ströme unseres Nervenfludiums waren in Spannung geraten; ihre erwachte Sinnlichkeit verlangte Befriedigung von mir. Ob wir uns dessen so gar nicht bewußt waren? Das ist die große Frage. In mein Zimmer zurückgekehrt fragte ich mich, was ich eigentlich wünschte. Entfliehen und in einem fernen Lande mein Glück machen oder untergehen. Auf der Stelle entwarf ich einen Reiseplan nach Paris, dem Mittelpunkte der Zivilisation, um mich dort in den Bibliotheken oder Museen oder sonst wo zu vergraben und dort mein Werk zu vollenden. Sobald ich meinen Entschluß gefaßt hatte, that ich die nötigen Schritte zu seiner Ausführung, und es glückte mir so gut damit, daß ich nach vier Wochen imstande war, meine Abschiedsbesuche zu beginnen. Nun mußte ich aber dem Drängen meiner Freunde nachgeben und noch einige Wochen bleiben, wegen der Herbststürme, die um diese Jahreszeit herrschten, denn ich hatte mich entschlossen, das Dampfschiff nach Havre zu benutzen. Dazu kam, daß die Hochzeit meiner Schwester Anfang Oktober stattfinden sollte, und so zog sich die Sache in die Länge. Während dieser verlorenen Zeit folgte eine Einladung der anderen. Da die Kousine zu ihren Eltern zurückgekehrt war, so brachten wir unsere Abende meist zu Dreien zu, und der Baron, der wieder unter dem Einflusse seiner Frau stand, fuhr fort mich mit günstigen Blicken zu betrachten. Und beruhigt durch meine bevorstehende Abreise erlangte er bald wieder die Gewohnheit, mich als Freund zu behandeln. Wir waren eines Abends in kleinem Kreise bei der Mutter der Baronin, als diese, nachlässig auf dem Sopha kauernd, mit dem Kopfe auf dem Schoße ihrer Mutter dieser die Beichte ablegte, daß sie eine brennende Neigung für einen berühmten Schauspieler habe. Ob es nur in der Absicht geschah, mich auf die Folter zu spannen und den Effekt zu studieren, welchen dieses Geständnis auf mich hervorbringen mußte, kann ich nicht sagen. Thatsache ist, daß die alte Dame, indem sie die Flechten ihrer Tochter streichelte, mich daraufhin anredete: – Hören Sie, mein Herr, begann sie, wenn Sie später einmal einen Roman schreiben wollen, dann haben Sie hier das Modell zu einer entflammten Frau. Sie hat immer eine Neigung neben ihrem Gatten. – Das ist die reine Wahrheit, lieber Freund, fuhr die junge Baronin fort. Und augenblicklich ist es der bezaubernde X. – Ist sie nicht ganz toll! lächelte mir der Baron zu, mit einem verschmitzteren Zwinkern, als er eigentlich zu zeigen beabsichtigte. Eine entflammte Frau! Das Wort grub sich in meinem Geiste ein, denn da es eine alte Dame und Mutter war, welche die Neckerei aussprach, so mußte sie ein Körnchen Wahrheit enthalten. Am Abend vor meiner Abreise hatte ich meine beiden Freunde zu einem Garçon-Souper in meine Mansarde eingeladen. Mein Stübchen hatte für diese Gelegenheit seinen Sonntagsstaat angelegt, um die Schäden des Mobilars zu verdecken, und der einfache Raum war in eine Art von Tempel verwandelt. Zwischen den beiden Fensternischen, von denen die eine meinen Schreibtisch und meine Blumen und die andere meine kleine Bibliothek enthielt, stand ein ramponiertes Korbsopha mit einer imitierten Tigerfelldecke drapiert, die mit unsichtbaren Stiften befestigt war. Links mein großes Schlafsopha mit einem Überzuge von buntem Kattun und darüber an der Wand eine Weltkarte in leuchtenden Farben; rechts eine Kommode und ein Spiegel, beides im Empire-Styl mit Messingverzierungen; ein Schrank mit einer Gipsbüste und ein Waschtisch, der für die feierliche Gelegenheit hinter die Vorhänge der Fensternische verbannt war. Die mit eingerahmten Stichen geschmückten Wände boten ein sehr abwechselndes Bild, dessen Ensemble den Eindruck von etwas Antikem machte. An der Decke hing ein Kronleuchter aus Porzellan, dessen Sprünge und schadhafte Stellen sehr geschickt durch künstlichen Epheu verdeckt waren, den ich kürzlich bei meiner Schwester gestohlen hatte. Ich hatte den Kronleuchter bei einem Trödler ausfindig, gemacht: er war alten Kirchenformen nachgebildet. Unter diesem dreiarmigen Leuchter war der Tisch gedeckt. Auf dem sehr weißen Damasttischtuch stand ein Topf mit blühenden bengalischen Rosen, dessen zahlreiche rosa Blüten zwischen dem dunklen Laubwerk mit dem hängenden Epheu vereint den Eindruck eines Blumenfestes machten. Um den Rosenstock herum standen vielfarbige Gläser, rote, grüne, opalfarbige, die ich gelegentlich bei einem Ausverkauf erstanden hatte, und die alle irgend eine fehlerhafte Stelle hatten. Ebenso war es mit dem Service, das aus Tellern, Salzfaß und Zuckerschale aus chinesischem, japanischem, Marienburger und allem möglichen andern Porzellan bestand. Das Souper war aus kalten Schüsseln zusammengestellt, deren wohl ein Dutzend vorhanden war, die mehr in dekorativem Sinne ausgewählt waren, als dem Inhalte nach, da die Hauptsache des Soupers aus Austern bestand. Meiner Hauswirtin verdanke ich die übrigen unentbehrlichsten Gegenstände zu einem für eine Mansarde unter den Dächern so ungewohnten Fest. Mit stummem Beifall betrachtete ich meine Vorbereitungen. Dieses Gemisch von Eindrücken erinnerte zugleich an die Arbeit des Dichters die Forschungen des Gelehrten, an die Neigung für Feinschmeckerei und Blumenzucht, die ein wenig weiblichen Einfluß verspüren ließ. Man hätte es für ein Hochzeitsmahl zu Zweien halten können, wenn nicht die drei Kouverts gewesen wären, für eine Liebesnacht, aber für mich war es ein Versöhnungsmahl. Denn mein Zimmer hatte keinen weiblichen Besuch mehr empfangen seit dem Bruche mit jener kleinen abscheulichen Person, deren Stiefelchen noch sichtbare Spuren am Holzgestell meines Sophas hinterlassen hatten. In jenem Spiegel dort über der Kommode hatte sich seit jener Zeit kein Frauenbusen mehr wiedergespiegelt. Und nun sollte eine reine, feingebildete Frau, eine junge Mutter durch ihre Anwesenheit diese Wohnung weihen, die der Schauplatz gewesen war von so viel Schmerz, Not und Jammer. Aber es war auch ein geheiligtes Mahl, so stellte ich es mir poetisch vor, da ich doch eigentlich im Begriffe stand, dem Glücke meiner Freunde mein Herz, meine Ruhe, ja vielleicht mein Leben zum Opfer zu bringen. Alles war bereit, als ich Schritte auf dem Treppenflur der vierten Etage hörte. Ich beeilte mich, die Lichter anzuzünden und die Bouquets zu arrangieren und einen Moment darauf standen meine Gäste an der Thür, atemlos vom Ersteigen der vier hohen Treppen. Ich öffnete. Geblendet von dem Glanz so vieler Lichter, schlug die Baronin die Hände zusammen wie vor einer gut gelungenen Theaterscene. – Aber Sie sind ja ein Regisseur ersten Ranges, rief sie aus. – Ja, gnädige Frau, ich spiele Theater, aber erlauben Sie inzwischen ... Nachdem ich sie von ihrem Mantel befreit hatte, hieß ich sie willkommen und bat sie, auf dem Sopha Platz zu nehmen. Aber sie mochte nicht still sitzen. Mit der Neugier einer Frau, die nie eine Junggesellenwohnung betreten hat, sondern beim Verlassen des elterlichen Hauses sich blindlings in das bräutliche Gemach gestürzt hat, begann sie eine wahre Haussuchung anzustellen. Sie fing mit meiner Schreibecke an, nahm meine Federhalter in die Hand und blätterte in meiner Schreibmappe umher, als ob sie ein Geheimnis darin vermutete; dann stattete sie meiner Bibliothek einen Besuch ab und betrachtete die Bücherrücken mit einem flüchtigen Blicke. Als sie bei dem Spiegel vorbeikam, blieb sie einen Moment stehen, um ihre Haartracht in Ordnung zu bringen und die Spitze am Taillenausschnitt so zu arrangieren, daß ein Streifchen ihres Busens sichtbar blieb. Dann ließ sie alle Möbel Revue passieren, roch bewundernd an den Blumen und stieß leise Rufe des Entzückens aus. Endlich, nachdem sie die Reise durch das ganze Zimmer beendet hatte, fragte sie mich in ganz naivem Tone, ohne den mindesten Hintergedanken, und indem sie mit den Augen etwas zu suchen schien: – Aber, wo schlafen Sie denn, mein Herr? – Auf dem Sopha, Madame. – Ach! wie reizend das sein muß, Junggeselle zu sein, rief sie aus. – Und jugendliche Mädchenträume schienen durch ihre Seele zu ziehen. – Es ist mitunter recht traurig, antwortete ich ihr. – Traurig, sein eigener Herr zu sein, ein eigenes Heim zu haben, ohne Beaufsichtigung; ach! ich schwärme für die Freiheit, und das Heiraten ist eigentlich etwas Lästiges! Nicht wahr, mein Herz? wandte sie sich an den Baron, der gute Miene zum bösen Spiel machte, indem er ihr antwortete: – Ja, es ist langweilig! Es wurde serviert und das Souper begann. Nach einem Glase Wein wurden wir fröhlich. Aber sobald wir an die Veranlassung dieses traulichen Beisammenseins dachten, mischte sich Traurigkeit in unsere behagliche Stimmung, und wir riefen, einer nach dem andern die frohen Erinnerungen der Vergangenheit zurück. Im Geist durchlebten wir noch einmal alle die kleinen Abenteuer und gemeinsamen Ausflüge, und wiederholten uns aus dem Gedächtnisse, was man bei dieser und jener Gelegenheit gesagt hatte. Die Augen glänzten, die Herzen erwärmten sich, wir drückten uns die Hände und ließen die Gläser klingen. Die Stunden flogen dahin und wir fühlten mit wachsender Rührung, daß der Augenblick des Abschiedes nahte. Auf einen Wink seiner Frau zog nun der Baron einen Ring mit einem Opal aus seiner Tasche und überreichte ihn mir, indem er einen Toast ausbrachte: – Nimm dieses wertlose Andenken an, lieber Freund, und habe Dank für die uns bewiesene Freundschaft; möge das Geschick deinen Bestrebungen günstig sein, das ist mein heißester Wunsch für dich, denn ich liebe dich wie einen Bruder und schätze dich als Ehrenmann! Glückliche Reise, wir sagen nicht lebewohl, sondern auf Widersehen! Der Ehrenmann! Er hatte mich also erraten! Er hatte uns durchschaut! Nein! Keineswegs! Denn in gewählten Worten häufte der Baron in Form von Randbemerkungen eine gute Dosis von Injurien auf das Haupt der armen Selma, welche ihr Herz weggeworfen und sich an einen Mann verkauft habe, an ein Individuum, welches sie keineswegs liebte, kurz, ein Subjekt, welches sein Glück nur einem Ehrenmanne verdankte. Das war ich! Ich schämte mich, aber fortgerissen von der Aufrichtigkeit dieses einfachen, schlichten Herzens, kam ich mir recht unglücklich und untröstlich vor, und die Lüge schlich sich so in mein Innerstes ein, daß das Bild der Wahrheit ganz von ihr verdeckt wurde. Die Baronin, welche durch mein geschicktes Manöver getäuscht und durch meine fortwährend zur Schau getragene Kälte irre geführt wurde, nahm eine überzeugte Miene an und flößte mir durch ihr mütterlich zärtliches Wesen Mut ein. – Lassen wir das Mädchen bei Seite! Die Welt ist voll von besseren als diese dumme Person da. Beruhigen Sie sich, lieber Freund, sie war nicht von der besten Art, sonst hätte sie auf Sie gewartet. Und übrigens kann ich es Ihnen jetzt gestehen, daß man mir hübsche Geschichten von ihr erzählt hat, die ich Ihnen nicht gern wiederholen möchte. Und mit schlecht verhehltem Vergnügen verleidete sie mir vollends mein ehemaliges Idol. – Denken Sie doch, sie soll es versucht haben, einen Lieutenant aus der vornehmen Gesellschaft zu verführen, und sie soll um ein Drittel älter sein, als sie zugiebt ... eine richtige Kokette, glauben Sie mir! Durch eine mißbilligende Bewegung des Barons ward sie sich ihres Versehens bewußt, und indem sie mir die Hand drückte, erging sie sich in Herzensergüssen, gestand mir ihre schwesterliche Liebe und brachte unaufhörlich Toaste aus, die in die Unendlichkeit gingen und in höheren Sphären schwebten. Ihr erhitztes Gesicht strahlte von Wohlwollen, und ihre melancholischen Augen schauten mich so zärtlich an, daß mir kein Zweifel an der Echtheit ihrer Zuneigung blieb. Sie war wirklich ein großes, gutes Kind von tadelloser Aufrichtigkeit, und ich schwor mir, meinem Vorsatze treu zu bleiben, sollte ich mir dabei auch selbst den Todesstoß versetzen. Wir standen von Tisch auf, um uns – vielleicht für immer – zu trennen. Die Baronin brach in heftiges Schluchzen aus und verbarg ihr Gesicht an der Brust ihres Mannes. – Ich bin wohl ganz toll, rief sie aus, mich so an diesen kleinen Mann attachiert zu haben, daß sein Fortgehen mich ganz außer Fassung bringt. Und einem plötzlichen Ausbruche teils reiner, teils unreiner, interessierter und uninteressierter, leidenschaftlicher und doch wieder scheinbar engelhaft zärtlicher Liebe folgend, fiel sie mir vor den Augen ihres Mannes um den Hals und nahm von mir Abschied, indem sie mich mit dem Zeichen des Kreuzes segnete. Meine alte Wirtin, welche an der Thür stand, wischte sich die Augen und wir Alle brachen in Thränen aus. Es war ein feierlicher, unvergeßlicher Augenblick. Das Opfer war gebracht. Ich legte mich gegen ein Uhr zu Bett, ohne schlafen zu können. Die Unruhe, das Dampfboot nicht zu verpassen, ließ mich kein Auge schließen. Angestrengt von allen den Festen der vergangenen Woche und äußerst nervös durch das Übermaß des Trinkens, verwirrt durch den Müßiggang, aufgeregt durch den immerwährenden Aufschub und ganz zerschlagen durch die Erregungen des vorigen Abends wälzte ich mich ruhelos in meinen Kissen umher, bis der Tag anbrach. Da ich mir meiner Willensschwäche vollkommen bewußt war und eine große Abneigung gegen die Eisenbahn-Waggons hatte, diese rollenden Gefängnisse, von denen man sagt, daß durch ihr Stoßen das Rückenmark geschädigt werde, hatte ich den Seeweg gewählt, um mir auch jede Versuchung zur Flucht abzuschneiden. Das Dampfboot sollte um sechs Uhr morgens abgehen, und um fünf Uhr holte mich der Wagen ab. Ganz allein begab ich mich auf den Weg. Der Oktobermorgen war windig, neblig und sehr kalt, Reif hing an den Zweigen der Bäume. Als ich auf der Nordbrücke angekommen war, glaubte ich eine Vision zu haben, denn ich bemerkte den Baron, der in derselben Richtung ging, die mein Wagen einschlug. Aber er war es wirklich, gegen seine Gewohnheit war er so früh aufgestanden, um mir Adieu zu sagen. Aufs Tiefste gerührt von einem so unerwarteten Freundschaftsbeweise, empfand ich meine Unwürdigkeit, und bittere Reue wegen aller schlechten Gedanken über ihn bewältigte mich. Bei der Landungsstelle angekommen, ging er mit an Bord, besichtigte meine Kabine und stellte sich dem Kapitän vor, dem er mich besonders anempfahl. Kurz, er benahm sich wie ein älterer Bruder oder ein treuer Freund, und mit Thränen in den Augen umarmten wir uns. – Pflege dich gut, mein alter Junge, rieth er mir, du bist nicht ganz wohl, wie mir scheint. Ich befand mich in der That recht schlecht, aber ich hielt mich aufrecht, bis das Schiff die Anker lichtete. Jetzt ergriff mich plötzliches Entsetzen vor der langen Reise, die keinen vernünftigen Zweck hatte, und mich erfaßte eine rasende Lust, in das Meer zu stürzen und schwimmend das Ufer wieder zu erreichen. Aber es fehlte mir an der Kraft, einen solchen Wunsch auszuführen, und so blieb ich unentschlossen auf Deck stehen und wehte mit dem Taschentuche als Antwort auf die Abschiedsgrüße meines Freundes, der hinter den auf der Rhede liegenden Schiffen verschwand. Das Schiff war ein Transportdampfer, der schwer beladen war und nur eine einzige Kabine auf dem Zwischendeck enthielt. Ich suchte mein Lager auf und ließ mich auf die Matratze niedersinken, mit der Absicht, die ersten vierundzwanzig Stunden zu verschlafen, um nur jede Hoffnung auf Flucht abzuschneiden. Nach einer halbstündigen, vollständigen Abstumpfung wachte ich plötzlich wie von einem elektrischen Schlage getroffen auf, die gewöhnliche Folge übermäßigen Trinkens und längerer Schlaflosigkeit. Die ganze trostlose Gegenwart stand in dieser Minute vor mir. Sofort begann ich auf dem Deck umherzuwandern. Die Ufer breiteten sich braun und kahl aus, mit entlaubten Bäumen, gelbgrauen Wiesen, und in den Felsenspalten lag schon Schnee. Das Wasser erschien grau mit sepiafarbenen Flecken, der Himmel düster und bleifarben; das Deck war schmutzig, die Matrosen unhöflich, aus der Küche drangen häßliche Gerüche, kurz alles vereinte sich, mich niederzudrücken. Ich empfand ein unwiderstehliches Verlangen, meine Gefühle irgend jemand mitzuteilen, aber ich sah gar keine Reisenden. Ich kletterte auf die Kommandobrücke, um den Kapitän aufzusuchen. Er war ein Bär von der schlimmsten Sorte und ganz unzugänglich. So sollte ich denn zehn Tage lang eingeschlossen sein, allein, in Gesellschaft von Leuten ohne Verständnis, ohne Herz, es war eine Marter. Von neuem fing ich an, auf Deck umher zu laufen von einer Seite bis zur anderen, als ob das schneller ginge. Mein glühendes Gehirn arbeitete unter Hochdruck; Tausende von Gedanken wechselten in der Minute, die zurückgedrängten Erinnerungen stiegen, einander drängend und verfolgend, wieder auf, und inmitten all dieses Wirrwarrs quälte mich ein permanenter Schmerz, der wie rasendes Zahnweh unmöglich festzustellen und zu bezeichnen war. Je weiter das Schiff in das Meer hinaus steuerte, um so mehr nahm diese innere Spannung zu; sie war wie die Nabelschnur, welche mich mit der Heimatserde, mit dem Vaterlande, mit der Familie und – mit ihr vereinigte, und die im Begriff war, zu zerreißen. Auf den hohlgehenden Wogen zwischen Himmel und Erde schwimmend, fühlte ich den Boden unter mir schwinden, ich empfand meine Verlassenheit, und die Einsamkeit flößte mir Furcht vor der ganzen Welt ein. Es war ohne Zweifel eine angeborne Schwäche, denn ich erinnere mich, daß ich meiner Mutter, gelegentlich einer Vergnügungspartie heiße Thränen nachgeweint habe, als ich zwölf Jahre zählte und für mein Alter körperlich schon sehr entwickelt war. Ich möchte dies auf eine Frühgeburt meiner Mutter zurückführen oder vielmehr auf Versuche mich zu einer Fehlgeburt zu machen, was in kinderreichen Familien ja oft vorkommt. Jedenfalls hat dieses Vorgehen eine Zaghaftigkeit in mir erzeugt, die immer zu Tage trat, wenn ich meinen Aufenthaltsort verändern mußte, und in diesem Augenblicke, wo es galt, mich aus freundlicher Umgebung zu reißen, wurde ich von panischem Schrecken erfaßt vor der Zukunft, dem fernen Lande und der Schiffsmannschaft. Eindrucksfähig wie ein unreifes Kind, dessen Nerven blos liegen unter der noch blutenden Haut, abgeschält wie ein Krebs, der während des Wechselns der Schale unter den Steinen Schutz sucht, bemerkte ich jeden fallenden Grad des Barometers; ich irrte auf dem Schiffe umher auf der Suche nach einer stärkeren Seele als der meinigen, nach dem Drucke einer kräftigen Hand, der Wärme eines menschlichen Körpers, nach den ermutigenden Strahlen aus einem Freundesauge. Ich schweifte auf dem Vorderdeck umher wie ein Eichhörnchen im Käfig, immer zwischen dem Ankerraum und dem Kabinenverschlag hin und her, und ich malte mir im Geiste fortwährend die zehn Leidenstage aus, welche mir bevorstanden. Und wenn ich dachte, daß ich erst eine einzige Stunde an Bord war! Eine Stunde, die so lang war wie ein ganzer schmerzensvoller Tag. Kein Fünkchen Hoffnung, dieser verwünschten Reise zu entgehen, auch nicht das kleinste! Und obwohl ich versuchte, mir Vernunft zu predigen, fiel ich doch immer wieder in die alte Schwäche zurück. Was zwingt dich eigentlich, fortzugehen? Wer in der Welt hat das Recht, dein Verfahren zu kritisieren, wenn du die Absicht hättest zurückzukehren? Niemand! Und dennoch ... die Scham, die Lächerlichkeit, die Ehre! Nein, ich muß alle Hoffnungen schwinden lassen! Übrigens legt das Schiff auch vor der Ankunft in Havre nirgends an. Vorwärts also und Mut! Aber der Mut beruht auf physischen und psychischen Kräften, und beides fehlte mir in diesem Augenblick. Gejagt und verfolgt von schwarzen Gedanken entschloß ich mich, auf dem Hinterdeck umherzuwandern, da ich das Vorderteil des Schiffes schon so auswendig kannte, daß die Schiffsverkleidung, die Taue und das Takelwerk mir Ekel erregten, wie ein ausgelesenes Buch. Als ich durch die Glasthür trat, hätte ich beinahe eine Dame umgestoßen, die sich, um Schutz vor dem Winde zu finden, hinter die Kabine gesetzt hatte. Es war eine alte Dame, ganz schwarz gekleidet, mit grauem Haar und traurigem Ausdruck. Sie betrachtete mich mit aufmerksamem Auge, voller Sympathie, so daß ich mich näherte und sie anredete. Sie antwortete mir in französischer Sprache, und die Bekanntschaft war gemacht. Nach einigen nichtssagenden einleitenden Worten teilten wir uns den Zweck unserer Reise mit: ihre Fahrt gehörte auch nicht zu den heitersten. Sie war die Witwe eines Holzhändlers und kam von einem Besuche bei Verwandten in Stockholm zurück, um ihren Sohn zu pflegen, der in Havre in Geisteskrankheit verfallen war und sich dort in einer Heilanstalt befand. Der Bericht dieser Dame, so einfach in seiner herzzerreißenden Kürze, erschütterte mich über alle Maßen, und diese mein etwas verwirrtes Gehirn durchdringende Geschichte hat vielleicht den Ausgangspunkt gebildet für Alles, was mir widerfahren sollte. Die Dame unterbrach plötzlich ihre Rede, sah mich mit beunruhigter Miene an und rief mit teilnahmsvollem Tone aus: – Aber, was fehlt Ihnen nur? – Mir, gnädige Frau? – Ja! Sie sehen krank aus! Möchten Sie nicht versuchen, ein wenig zu schlafen? – In der That, ich habe die vorige Nacht nicht geschlafen und fühle mich etwas aufgeregt. Leider flieht mich der Schlaf seit einiger Zeit, und alle meine Bemühungen, ihn herbeizuführen, sind umsonst. – Dem wollen wir schon abhelfen. Gehen Sie sofort hin und legen Sie sich zu Bett, ich werde Ihnen eine Medizin geben, daß Sie im Stehen schlafen sollen. Sie stand auf und zwang mich mit sanfter Hand, mich auf mein Lager niederzulegen. Darauf verschwand sie einen Augenblick und holte ein Fläschchen mit einer aromatischen Flüssigkeit, von der sie mir eine Dosis in einem Löffel eingab. – Schön, nun werden Sie schlafen, sagte sie zu mir. Nachdem ich ihr gedankt hatte, begann sie mich in die Decken einzuwickeln. Wie gut Sie sich darauf verstand! Sie strömte jene mütterliche Wärme aus, welche die kleinen Kinder an der Brust ihrer Mutter suchen. Die zarte Berührung ihrer Hände beruhigte mich, und nach zwei Minuten kam eine süße Schläfrigkeit über mich. Ich bildete mir ein, ein kleiner Säugling zu sein, und sah, wie meine Mutter in zärtlicher Sorgfalt um mein Bett beschäftigt war, aber nach und nach verwirrten sich die blassen Züge der Mama abwechselnd mit dem schönen Gesichtsschnitt der Baronin und der Physiognomie der mitleidigen Dame, die mich eben verlassen hatte, und beschützt von der Erscheinung dieser drei Frauen, fühlte ich mich erlöschen wie ein Licht, verblassen wie eine Farbe, und ich existierte nicht mehr als bewußtes Wesen. Bei meinem Erwachen erinnerte ich mich nicht, etwas geträumt zu haben, aber eine fixe Idee, die mir während des Schlafes eingegeben zu sein schien, verfolgte mich. Ich mußte zu der Baronin zurückkehren oder toll werden. Von Frost geschüttelt, sprang ich von meinem Lager auf, das ganz naß war durch den feuchten Wind, der überall hindurchdrang. Draußen auf Deck zeichnete sich der Himmel blaugrau ab, die heulenden Wogen spülten um das Takelwerk und übergossen die Planken und sprühten mir einen Gischt von Regen in das Gesicht. Als ich nach der Uhr gesehen hatte, berechnete ich mir die Entfernung, welche ich während meines Schlummers zurückgelegt hatte, und es kam mir so vor, als ob wir uns im Sund von Norrköping befänden, abgeschnitten von aller Möglichkeit, noch zurückzukehren. Die ganze Landschaft erschien mir fremd, von den zerstreuten kleinen Buchten an bis zu den felsigen Küsten, die Form der hier und da auftauchenden Hütten am Ufer des Wassers und der Schnitt der Segel an den Fischerbooten. Und dieser fremdartigen Natur gegenüber befiel mich eine Art Heimweh. Eine blinde Wut erstickte mich, die Verzweiflung, wie in ein Faß Heringe auf diesem Transportschiff verpackt zu sein, gegen meinen Willen, in Folge einer höheren Macht, die sich Ehre nannte. Nachdem ich meine Wut ausgetobt hatte, war ich wie zerschlagen; in gänzlicher Erschöpfung an das Schiffsbord gelehnt, ließ ich meine glühenden Wangen von den Wellen peitschen und verschlang mit gierigen Blicken die einzelnen Punkte der Küste, um irgend einen Hoffnungsstrahl zu entdecken, und schmiedete fortwährend Pläne, das Ufer vielleicht schwimmend zu erreichen. Je länger ich das Uferland betrachtete, um so mehr trat eine Windstille in meinem Geiste ein, ruhige Freudenstrahlen flogen mir ohne besondere Veranlassung durch die Seele, das erregte Gehirn tobte nicht mehr so wild, und Bilder schöner Sommertage, Erinnerungen an die erste Jugend folgten einander, ohne daß ich mir den Grund dieser Gemütsstimmung erklären konnte. Das Schiff ist im Begriff, ein Vorgebirge zu umsegeln; Dächer von roten Häusern mit weißem Gesimswerk werden über den Tannen sichtbar, eine Flaggenstange ragt aus dem Laubwerk der kleinen Gärten hervor, eine Brücke, eine Kapelle, ein Glockenturm, ein Kirchhof ... War es ein Traum! Eine Hallucination? Nein, es war ja das bescheidene Seebad, in dessen Nachbarschaft ich als heranwachsender Knabe jeden Sommer verlebt hatte; es lag auf einer kleinen Insel, und gerade dort oben in dem Häuschen hatte ich im vorigen Frühjahr mit meinen Freunden gewohnt. Sie und er hatten dort eine Nacht mit mir zugebracht nach einem mit Wasserfahren und Waldspaziergängen verlebten Tage ... Ja wohl, es war dort oben auf dem kleinen Hügel unter den Eschen, auf dem Balkon, wo ich das kleine süße Gesicht betrachtet hatte, das ganz sonnig erschien in der Umrahmung der blonden Haarfülle; sie trug einen kleinen japanischen Hut mit himmelblauem Schleier, ihre schlanke Hand in hirschledernem Handschuh winkte mir von oben zu, daß das Diner bereit sei ... Und nun scheint es mir, als sehe ich sie auf dem Balkon, wie sie mit ihrem Tuche winkt und mich mit ihrer tiefen Stimme ruft ... und siehe, das Schiff verlangsamt seine Bewegung, die Maschine stoppt, und ein Lootsenboot nähert sich uns ... Eins, zwei, drei ... Ein plötzlicher Gedanke durchfährt mich wie ein Blitz und setzt mich in Bewegung, mit einem Tigersprunge bin ich die Treppe hinauf, auf der Kommandobrücke und erscheine vor dem Befehlshaber des Schiffes, den ich mit entschlossenem Tone anrede: – Lassen Sie mich ausschiffen, oder ich werde toll! Er betrachtete mich mit einem prüfenden Blicke, und ohne mir zu antworten, erschrocken, als ob er einen entsprungenen Wahnsinnigen vor sich habe, rief er den Steuermann an und gab ihm, ohne die Worte abzuwägen, den Befehl: – Lassen Sie diesen Herrn und sein Gepäck ausschiffen. Er ist krank. Einen Augenblick darauf befand ich mich in dem Lootsenboot, das so schnell gerudert wurde, daß ich in fünf Minuten am Lande war. Da ich in hervorragendem Maße die Fähigkeit besaß, mich taub und blind zu stellen, so schlug ich den Weg nach dem Hotel ein, ohne etwas gesehen oder gehört zu haben, was meine Eigenliebe hätte kränken können; weder eine Miene der Lootsen, die eine Einweihung in mein Geheimniß verriet, noch irgend ein verletzendes Wort der Packträger. Im Hôtel angekommen, richtete ich mich in einem Zimmer ein, bestellte mir ein Glas Absinth, steckte mir eine Zigarre an und fing an nachzudenken. Bin ich verrückt, oder bin ich es nicht? War die Gefahr so naheliegend, daß sie eine so überstürzte Ausschiffung nötig machte? In meiner augenblicklichen Lage hielt ich mich nicht für kompetent, darüber zu urteilen; ich bedachte, daß der Verrückte nach der Ansicht der Ärzte sich der Verwirrung seines Geistes nicht bewußt ist, und daß der Zusammenhang seiner Ideen kein Beweis gegen die Anomalie dieser Ideen selbst ist. Als Forscher fing ich an, die ähnlichen Fälle zu prüfen, welche mir in meinem Leben vorgekommen waren. Ich war schon einmal auf der Universität in so hochgradige nervöse Erregung geraten, durch aufregende Ereignisse, den Selbstmord eines Kameraden, Liebesrausch und Furcht vor der Zukunft, daß ich mich am hellen Tage fürchtete, allein im Zimmer zu bleiben, weil ich mir immer einbildete, mich selbst zu sehen. Meine Freunde fühlten sich daher veranlaßt, des Nachts abwechselnd bei mir zu wachen, das Zimmer war hell von Kerzen erleuchtet, und ein Feuer prasselte im Ofen. Ein andermal stürzte ich in einem Anfall von Verzweiflung über allerlei Widerwärtigkeiten durch die Felder, irrte in den Wäldern umher und kletterte schließlich auf eine hohe Tanne, wo ich mich rittlings hinsetzte und eine Rede an die Fichten unten hielt, deren Rauschen ich mit meiner Stimme übertönen wollte, indem ich mich in die Seele eines Volks-Redners versetzte. Die Stelle war ganz in der Nähe, auf dieser kleinen Insel, wo ich so oft den Sommer verlebt hatte, und deren Landspitze man in der Entfernung sehen konnte. Während ich dieses Ereigniß mit all seinen lächerlichen Einzelheiten noch einmal im Geist durchlebte, kam ich zu der Überzeugung, daß ich mindestens einen Anfall von Geistesverwirrung habe. Was war dabei zu thun? Mußte ich nicht meine Freunde rechtzeitig davon benachrichtigen, ehe das Gerücht sich in der Stadt verbreitete? Aber die Schande, die Schmach, sich zu den Unmündigen im Geist rechnen zu müssen! Es war nicht zu ertragen! Und doch widerstrebte es mir, zu lügen und Umschweife zu machen, die doch nicht auf eine falsche Spur lenken würden. Gequält von Zweifeln, hin und hergeworfen zwischen den verschiedenartigsten Plänen, aus diesem Labyrinth herauszukommen, faßte ich den Entschluß, mich all diesen langweiligen Inquisitionen, die mir bevorstanden, durch die Flucht zu entziehen, mir einen Schlupfwinkel im Walde aufzusuchen und mich dort zu verbergen und umzukommen wie ein wildes Thier, das den Tod erwartet. In dieser Absicht lief ich durch die Gäßchen, kletterte über schlüpfrige Felsen, durch das vom Herbstregen feuchte Moos, überschritt ein Brachfeld und erreichte das Gehege in dem unser ehemaliges Häuschen mit geschlossenen Fensterläden schlummerte. Es war von oben bis unten mit wildem Wein berankt, der jetzt entblättert war und das nackte graue Gitterwerk sehen ließ. Das Wiederauftauchen dieses für mich geheiligten Ortes, wo sich die Erstlinge unserer Neigung entfaltet hatten, erweckte in mir die Liebe wieder, welche durch andere Dinge in den Hintergrund meiner Seele gedrängt worden war. An eine Säule des Balkons aus durchbrochenem Holze gelehnt, weinte und schluchzte ich wie ein verirrtes Kind. Ich erinnere mich in »Tausend und eine Nacht« gelesen zu haben, daß junge Leute aus ungestillter Liebe krank wurden, und daß ihre Genesung nur von dem Besitze der Geliebten abhing. Mir fällt auch ein, daß in schwedischen Volksliedern die jungen Mädchen, welche keine Aussicht haben, den Gegenstand ihrer Träume zu gewinnen, augenscheinlich dahin siechen und ihre Mütter anstehen, ihr Todtenlager zu rüsten. Und jener alte Skeptiker Heine singt auch von dem Stamme jener Asra, welche sterben, wenn sie lieben. Meine Liebe mußte in der That von der rechten Art sein, da ich schon in die Kindheit zurückgesunken war, von einem einzigen Gedanken beherrscht, einem einzigen Bilde, einem überwältigenden Gefühle, das mich schlaff und haltlos gemacht hatte, sodaß ich nur noch fähig war, thatlos zu seufzen. Um meine Gedanken ein wenig abzulenken, ließ ich meine Blicke über die herrliche Gegend schweifen, die zu meinen Füßen lag. Die tausend Inseln, alle mit Tannen und Fichten bewachsen, schwimmen im riesigen Golfe des Baltischen Meeres, wo sie nach und nach kleiner werden zu Inselchen, Klippen und Riffs, bis zum fernsten Umkreis des Sundes, wo die Linie des Meeres zum Vorschein kommt, und sich die Wellen an den steilen Schutzmauern der äußersten Felsen brechen. Die am bedeckten Himmel hängenden Wolken bildeten auf der Wasserfläche streifige Bänder von braunem Tone, die ganze Farbenskala hindurch, flaschengrün, preußisch blau bis zum Schneeweiß des Schaumes. Aber hinter der Festung, die auf einer steilen Insel erbaut war, drang eine schwarze Rauchsäule, wie aus unsichtbarer Quelle hervor und lagerte sich auf den Wogen, und gleich darauf kam der dunkle Körper des Transportdampfers zum Vorschein, bei dessen Anblick sich mir das Herz zusammenschnürte, wie vor einem Zeugen meiner Schmach. Und dann biß ich die Zähne zusammen wie ein Pferd, das den Koller hat, und entfloh in den Wald hinein. Unter den gothischen Bogenhallen der Fichten angekommen, wo der Wind in dem Nadelgehölz seine Psalmen sang, überkam mich das volle Gefühl meines Kummers: Hier waren wir umhergewandelt, als die Sonne das erste Grün beleuchtete und die Tannen ihre purpurfarbenen Blüten trieben, die wie Erdbeeren duften, wo der Wachholder gelben Staub umherstreute und die Anemonen durch die vorjährigen Blätter drangen. Es war hier auf diesem braunen weichen Moose, wo ihre kleinen Füße wie auf einem Teppich umhertrippelten, während sie mit ihrer glockenhellen Stimme ihre finnländischen Volkslieder sang. In einem plötzlichen Lichtstrahl der Erinnerung bemerkte ich zwei riesige Fichten, die unten zusammen gewachsen waren, während die Stämme, vom Windhauch bewegt, sich knirschend berührten. Diese hatte sie als Ausgangspunkt gewählt, um einen Abstecher zu machen und eine Wasserblume in dem Sumpf zu pflücken. Mit dem Eifer eines Jagdhundes suchte ich die Spur dieses angebeteten Füßchens zu entdecken, dessen Eindruck, mochte er auch noch so leicht sein, ich nicht verfehlen konnte. Mit gekrümmtem Rücken, die Nase auf der Erde, untersuchte ich das Terrain, witternd und aufwühlend mit starren Augen, ohne daß ich etwas zu entdecken vermocht hätte. Alles war unter den Tritten des Wildes verschwunden, und ebenso gut hätte ich die Spur der Nymphe dieses Waldes aufsuchen können wie den Abdruck des Stiefelchens meiner Angebeteten. Nichts als Pfützen mit schmutzigem Wasser, Kuhfladen, Champignons, Fliegenpilze, Boviste, halb und ganz verfault, und abgerissene Blumenstiele. Als ich am Rande des mit schwärzlichem Wasser angefüllten Sumpfes anlangte, tröstete mich einen Augenblick der Gedanke, daß dieser Morast die Ehre gehabt hatte, das reizendste Gesicht der Welt widerzuspiegeln, und ich machte einige Anstrengungen, die Blätter der Wasserrosen inmitten der welken Blätter, die von den seitwärts stehenden Birken herabgefallen waren, zu erkennen, aber es war umsonst. Nun machte ich mich wieder auf den Weg und ging tiefer in den Hochwald hinein, dessen Blättergemurmel einen um so tieferen Ton annahm, je höher die Baumstämme wurden. In tiefster Verzweiflung und in bitterstem Schmerze fing ich an laut zu heulen, während mir die Thränen herniederrannen; ich stieß mit den Füßen die Fliegenpilze um, riß Wachholder aus und schlug gegen die Bäume. Was ich damit wollte, ich wüßte es nicht zu sagen. Eine brennende Glut, eine schrankenlose Sehnsucht, sie wiederzusehen, die ich zu sehr liebte, um sie besitzen zu wollen, hatte sich meiner bemächtigt. Und nun, da alles zu Ende war, wollte ich sterben, da ich nicht ohne sie leben konnte. Aber schlau wie ein Wahnsinniger, beabsichtigte ich in guter Form zu sterben, indem ich mir eine Lungenentzündung oder etwas ähnliches zuzog; ich würde dann wochenlang zu Bette liegen, sie wiedersehen und von ihr Abschied nehmen, indem ich ihre Hand küßte. Etwas beruhigt durch diesen sorgfältig entworfenen Plan, wandte ich meine Schritte der Küste zu: es war keine schwere Aufgabe, da das Rauschen der Wogen mich durch die Holzschläge leitete. Der Abhang war steil, das Wasser tief, alles ganz nach Wunsch. Mit ausgesuchter Sorgfalt, die nichts von der unheilvollen Absicht verriet, kleidete ich mich aus, legte meine Sachen unter einer jungen Erle nieder und meine Uhr unter einen Felsenvorsprung. Der Wind war scharf, und das Wasser konnte jetzt im Oktober nur wenige Grade über Null haben, Nach einem kurzen Lauf über die Felsen stürzte ich mich kopfüber in die Wellen und tauchte nach kurzer Zeit wieder auf mit der Empfindung, als sei ich von glühender Lava umgeben; ich brachte einige Erinnerungen an den da unten gesehenen Seetang mit, dessen Bläschen mir noch die Waden kratzten. Ich schwamm gleich weiter hinaus und bot meine Brust den schäumenden Wogen dar, begrüßt vom Lachen der Möven und dem Krächzen der Krähen. Als meine Kräfte erschöpft waren, wandte ich mich zurück und erreichte das Ufer. Nun war der Moment gekommen, wo die Hauptkur angewandt werden mußte. Nach allen Badevorschriften besteht die größte Gefahr in einem längeren Aufenthalte in unbekleidetem Zustande außerhalb des Wassers. Ich setzte mich also auf eine dem Winde am meisten ausgesetzte Felsplatte nieder und ließ meinen Rücken von der Brise peitschen, bis die Haut einschrumpfte. Die Muskeln zogen sich von selbst zusammen, die Brust krampfte sich zusammen, als ob der Instinkt der Erhaltung die edlen Organe des Innern beschützen wollte. Unfähig auf einer Stelle zu bleiben, ergriff ich den festen Zweig einer Erle, und indem ich meine ganze Muskelkraft an dem Baume ausließ, der sich unter meinen krampfhaften Anstrengungen hin und her wand, gelang es mir, mich ruhig zu verhalten. Die eisige Luft drang mir wie ein rothglühendes Eisen in den Rücken ein, ich war überzeugt, daß die Kur nach Wunsch ausgefallen, und beeilte mich, meine Sachen wieder anzulegen. Der Abend war aber inzwischen so weit hereingebrochen, daß es ganz dunkel war, als ich den Wald betrat. Ich wurde von Furcht ergriffen und konnte meinen Weg nur finden, indem ich mich an den unteren Zweigen der Bäume tastend fortbewegte. Unter dem Einflusse dieser wilden Furcht spitzten sich meine Sinne in solchem Maße zu, daß ich die Art der Bäume an dem bloßen Rauschen der Zweige erkennen konnte. Es war rein närrisch! Im tiefen Basse erklangen die Tannen, deren feste und dichte Nadeln riesenhafte Pyramiden bildeten; höher war der Ton der langen und beweglichen Fichtennadeln mit ihrem Pfeifen, das das Zischen von Tausenden von Schlangen nachäffte; das kurze Geplapper der Birkenästchen, das Kindheitserinnerungen wach rief, gemischt aus prickelnden Schmerzen und beginnenden wollüstigen Regungen; das Rauschen der auf den Bäumen gebliebenen trockenen Eichenblätter tönte wie geknittertes Papier, das Gemurmel der Wachholdersträuche ahmte beinahe die Stimme von Frauen nach, die sich etwas ins Ohr flüstern, und dumpf raschelte es in den Erlen, wenn das Reisigholz vom Winde herabgerissen wurde. Ich hätte mir die Fähigkeit zugetraut, einen Tannenapfel von einem Fichtenapfel zu unterscheiden, nur an dem Ton, den sein Fall auf den Boden hervorbrachte. Am bloßen Geruche merkte ich die Nähe eines Champignons, und die Nerven meiner großen Zehe schienen zu unterscheiden, ob ich auf Bärlappmoos oder gewöhnliches Haarmoos trat. Geleitet von meiner Feinfühligkeit, gelangte ich an den Kirchhof, dessen Stufen ich erstieg. Dort erfreute ich mich an der Musik der Trauerweiden, deren lange Zweige die darunter stehenden Totenkreuze peitschten. Und endlich, vor Frost erstarrt und bei jedem unerwarteten Geräusch zitternd, kam ich im Dorfe an, wo die angesteckten Lichter mir den Weg zum Hotel wiesen. Als ich in meine Stube gekommen war, sandte ich eine Depesche an den Baron, in der ich ihm meine plötzliche Krankheit und die unfreiwillige Ausschiffung mitteilte. Darauf warf ich auf einige Bogen Papier ein vollständiges Geständniß meines geistigen Zustandes nieder, erwähnte die früheren Anfälle und bat um Diskretion. Ganz erschöpft legte ich mich zu Bett, sicher, diesmal ein ordentliches Fieber erwischt zu haben, klingelte nach dem Zimmermädchen und befahl, einen Arzt zu holen ... Da es hier keinen gab, so bat ich um den Pfarrer des Dorfes, damit ich ihm meinen letzten Willen mitteilen könnte. Von diesem Augenblicke an bereitete ich mich darauf vor, zu sterben oder in Wahnsinn zu verfallen. Der Geistliche kommt. Ein Mann in den Dreißigern, der Typus eines Bauernknechts im Sonntagsstaat. Mit roten Haaren und halberloschenen Augen, das Gesicht voller Sommersprossen, flößte er mir keine Sympathie ein, und es dauerte lange, bis ich ein Wort herausbringen konnte, da ich nicht wußte, was ich einem Wesen anvertrauen sollte, das ohne Bildung war, ohne die Erfahrung des Alters und ohne Kenntniß des menschlichen Herzens. Mit der Schüchternheit des Landbewohners vor dem Städter blieb er mitten in der Stube stehen, bis ich ihn durch eine Handbewegung aufforderte, Platz zu nehmen. Darauf begann er sein Verhör anzustellen. – Sie haben mich rufen lassen, mein Herr. Sie müssen wohl einen Kummer haben. – Ja. – Da alles Glück nur in Jesus ruht ... Obgleich ich ein anderes Glück im Auge hatte, ließ ich ihn reden, ohne zu widersprechen. Und er, der Prediger des Evangeliums, begann monoton und geistlos zu reden wie ein Wortfabrikant. Die alten Phrasen, aus dem Katechismus her bekannt, wiegten mein Gehirn in sehr angenehmer Art ein, und die Anwesenheit eines menschlichen Wesens, welches in geistige Beziehung zu meiner Seele trat, stärkte mich. Doch der junge Pfarrer, welchen ein plötzlicher Zweifel an meiner Aufrichtigkeit erfaßt hatte, unterbrach sich und fragte mich: – Haben Sie den wahren Glauben, mein Herr? – Nein, antwortete ich ihm, aber reden Sie nur weiter, es thut mir wohl. Und er machte sich an die Arbeit. Das unaufhörliche Geräusch seiner Stimme, der Glanz seiner Augen, die von seinem Körper ausströmende Wärme, alles übte einen magnetischen Einfluß auf mich aus, so daß ich nach einer halben Stunde einschlief. Als ich aufwachte, war mein Magnetiseur verschwunden, und das Zimmermädchen brachte mir ein Opiat aus der Apotheke mit einer strengen Gebrauchsanweisung, nicht zuviel davon zu nehmen, weil das Fläschchen eine genügende Dosis enthielte, um einen Menschen zu töten. Natürlich beeilte ich mich, sobald ich allein war, den ganzen Inhalt auf einen Zug zu leeren, und mit dem festen Entschlüsse zu sterben wickelte ich mich in meine Decken ein, und der Schlaf ließ nicht lange auf sich warten. Als ich am andern Morgen erwachte, war ich gar nicht erstaunt, die Stube von strahlendem Sonnenschein erhellt zu sehen, denn ich hatte die Nacht in sehr deutlichen und farbenreichen Träumen verbracht. Ich träume, folglich existiere ich noch, sage ich mir und beginne meinen Körper zu betasten, um den Fortschritt des Fiebers und die ersten Symptome der Lungenentzündung zu konstatieren. Aber trotz der besten Absicht, einen schweren Fall eintreten zu sehen, befand ich mich ziemlich normal wohl. Der etwas schwere Kopf funktionierte ganz erfreulich, aber nicht mehr so stürmisch wie vorher, und zwölf Stunden Schlaf hatten mir meine Lebenskräfte zurückgegeben, die mir Dank der körperlichen Übungen, die ich seit meiner Jugend getrieben hatte, immer zu Gebote standen. Man bringt mir eine Depesche, die mir die Ankunft meiner Freunde mit dem Zwei-Uhr-Dampfschiffe meldet. Die Scham erfaßte mich von neuem. Was soll ich sagen, was für eine Miene machen? Meine wieder erwachte Männlichkeit schreckt vor demütigenden Maßnahmen zurück, und nach rascher Ueberlegung fasse ich den Entschluß zu bleiben und das nächste Dampfschiff abzuwarten, um meine Reise fortzusetzen. Damit war die Ehre gerettet, und der Besuch meiner Freunde war nur ein letzter Abschied. Als ich aber an die Ereignisse des vorigen Abends zurück dachte, überfiel mich ein Ekel vor mir selbst. Wie konnte es geschehen, daß ich, der starke Geist, der Skeptiker, mich hatte zu so unglaublichen Schwächen hinreißen lassen? Und der Beistand des Geistlichen! Wie konnte ich mir einen so thörichten Einfall erklären? Ich hatte ihn in seiner Eigenschaft als Staatsbeamter rufen lassen, und er war als Hypnotiseur aufgetreten! Aber der Welt gegenüber sah es wie eine Bekehrung aus. Vielleicht würde man an unerhörte Geständnisse glauben, an die letzte Beichte eines Verbrechers auf dem Sterbebette. Welch ein herrlicher Klatsch für die Dorfleute, die im direkten Verkehr mit der Stadt stehen! Welch ein fetter Bissen für das Geschwätz der Fischweiber! Eine Reise ins Ausland, und zwar so bald als möglich, ist das einzige Mittel, die unhaltbare Situation zu retten. Und mich in die Rolle eines Schiffbrüchigen versetzend, brachte ich den Morgen damit zu, in der Veranda umher zu gehen, das Barometer zu befragen und das Kursbuch zu studieren. So vergingen die Stunden ziemlich rasch, und das Schiff erschien in der Mündung des Meeresarmes, ehe ich mich entschließen konnte, ob ich hinunter gehen oder hier oben bleiben wollte. Da mir nichts daran lag, der Menge ein Schauspiel zu bereiten, so blieb ich in meinem Zimmer. Und nach minutenlangem Warten hörte ich die bewegte Stimme der Baronin, welche sich bei der Hotelwirtin nach meinem Befinden erkundigte. Ich ging hinaus, ihr entgegen, und es hätte nicht viel gefehlt, daß sie mich vor den Umstehenden geküßt hätte. In ihrer Erregung ließ sie nicht davon ab, mich wegen der durch Überanstrengung eingetretenen Krankheit zu beklagen, und riet mir, in die Stadt zurückzukehren und meine Reise bis zum Frühling aufzuschieben. Sie hatte ihren guten Tag. Sie war in ein Mäntelchen aus Astrachan gehüllt, welches ihr das Aussehen eines Lamas gab, so eng schlossen sich die langen, weichen Haare an ihre schlanke Gestalt. Die Seeluft hatte ihr das Blut in die Wangen getrieben, und ihre Augen, welche die Erregung des Wiedersehens vergrößert hatte, drückten eine unendliche Zärtlichkeit aus. Ich kämpfte umsonst gegen ihre Vorstellungen von meinem Gesundheitszustand an, indem ich mich für ganz wiederhergestellt erklärte, während sie meinte, ich sehe wie ein Totenkopf aus und wäre unfähig, die kleinste Anstrengung zu machen, kurz, sie behandelte mich wie ein Kind. Und diese mütterliche Rolle stand ihr zum Entzücken. Mit den süßesten Schmeicheltönen nannte sie mich scherzend »Er«, hüllte mich in ihren Shawl ein, legte mir bei Tisch die Serviette vor, goß mir Wein ein und bestimmte, was ich thun sollte. Sie war ganz Mutter! Hätte sie sich nur ihrem Kinde so hingeben können, wie sie es mir gegenüber that, dem seine Liebesglut verdeckenden Manne, dem Wilde in der herbstlichen Brunftzeit! Ich kam mir in dieser Verkleidung eines kranken Kindes unter ihrem Shawl vor wie der Wolf im Bette der aufgefressenen Großmutter, der sich anschickt, Rotkäppchen zu verzehren. Ich schämte mich vor ihrem naiven, legalen Gatten, der rührend für mich besorgt war und mir alle peinlichen Erklärungen ersparte. Und doch war ich trotz alledem unschuldig, mein Herz blieb verschlossen, und ich erwiderte die tausend Liebenswürdigkeiten der Baronin durch eine beinahe verletzende Kälte. Beim Dessert, als die Stunde des Abschieds nahte, schlug mir der Baron vor, mit ihnen zurückzukehren und ein Zimmer ihrer Wohnung, welches sie mir zur Verfügung stellten, zu beziehen. Ich muß es zu meiner Ehre sagen, daß ich ihm mit einem entschiedenen »nein« antwortete, und die eminente Gefahr ahnend, welche in einem solchen Spielen mit dem Feuer liegen mußte, sprach ich ihnen meinen unabänderlichen Entschluß aus, noch eine Woche zu meiner Erholung hier zu bleiben und dann in die Stadt und in meine alte Mansarde zurückzukehren. Und dabei blieb es trotz der wiederholten Entgegnungen meiner Freunde. Und es ist seltsam, sobald ich aufhöre, schwach zu sein, und einen männlichen Willen zeige, entzieht mir die Baronin ihre Freundschaft. Je unentschlossener und nachgiebiger ich gegen ihre Launen bin, um so mehr betet sie mich an, und lobt mich wegen meiner Vernunft und Artigkeit. Sie beherrscht mich und verzieht mich, aber sobald ich ihr einen ernsthaften Widerstand zeige, läßt sie die Hand los und zeigt mir ein abstoßendes Wesen, das an Unfreundlichkeit streift. So ließ sie sich, als von meinem Wohnungswechsel die Rede war, dazu hinreißen, die gegenseitigen Vorteile dieser Einrichtung auszumalen, besonders die Annehmlichkeit, sich immer ohne Einladung sehen zu können. – Aber, Frau Baronin, antwortete ich, was würde wohl die Welt von einem jungen Mann sagen, der sich bei jungen Eheleuten niederließe. – Was schert uns die Welt und das, was die Leute sagen? – Aber Ihre Frau Mutter und Ihr Fräulein Tante ... und schließlich widersetzt sich auch meine Männlichkeit solchen Maßnahmen, die auf eine gewisse Unmündigkeit schließen lassen ... – Pfui über die Männlichkeit! Halten Sie es vielleicht für männlich, sich den Hals zu brechen, ohne zu mucksen? – Ja, Frau Baronin, es ist männlich, Stärke zu zeigen. Nun wird sie wütend, da sie den Unterschied der Geschlechter nicht anerkennt, obwohl er existiert. Und ihre weibliche Logik verwirrt mir das Gehirn so sehr, daß ich mich an den Baron wende, der mir durch ein spöttisches Lachen voller Mißachtung weiblicher Vernunftgründe antwortet. Endlich geht das Schiff gegen sechs Uhr ab, entführt mir meine Freunde, und ich kehre allein in das Hotel zurück. Der Abend ist köstlich geworden. Die Sonne ist in leuchtender Orange untergegangen, das tiefblaue Wasser ist weiß gestreift, und der kupferfarbene Mond steigt langsam am Horizont über den Tannen empor. An einem Tische des Speisesaals aufgestützt sitzend, in meine Gedanken versunken, die bald zum Sterben traurig, bald wieder heiter sind, sehe ich die Hôtelwirtin herankommen. – Mein Herr, war die junge Dame, welche uns eben verlassen hat, Ihre Schwester? – Nein, es war nicht meine Schwester. – Ah! Es ist merkwürdig, wie sehr Sie sich dennoch gleichen. Man würde darauf schwören, daß Sie Geschwister seien. Da ich mich nicht aufgelegt fühlte, das Gespräch fortzusetzen, so schlief die Unterhaltung ein, ließ aber einen Gährungsstoff von Gedanken in mir zurück. Könnte es möglich sein, so sagte ich mir, daß meine unablässige Beschäftigung mit der Baronin während der letzten Zeit einen Eindruck in meiner Physiognomie hinterlassen hätte, oder wäre es anzunehmen, daß der Ausdruck unserer Gesichter sich einander angepaßt hätte in dieser durch sechs Monate fortgesetzten Seelenverbindung? Bringt der instinktive Wunsch, sich um jeden Preis zu gefallen, eine unbewußte Wahl der Mienen und der Art sich anzublicken hervor, und werden die weniger günstigen um der vorteilhafteren willen unterdrückt? Es ist möglich, daß eine solche Mischung der Geister stattgefunden hat, und daß wir uns von jetzt an noch inniger besitzen als früher. Das Geschick oder vielmehr der Instinkt spielte seine verhängnisvolle Rolle, und unaufhaltsam rollte der Stein dahin, alles mit sich reißend, was sich auf seinem Wege befand, Ehre, Vernunft, Glück, Treue, Tugend und Enthaltsamkeit. Und diese grausame Rechtschaffenheit eines feurigen jungen Mannes, oben unter dem Dach zu wohnen in einem Alter, wo die sinnlichen Triebe in Fleisch und Blut lebendig sind! War sie im Geheimen doch eine leichtsinnige Person? Sie? O tausendmal nein! Ich ehrte sie um ihrer offenherzigen Art willen, um ihrer Heiterkeit und Aufrichtigkeit und mütterlichen Zärtlichkeit willen. Excentrisch und von ungleichmäßigem Wesen war sie allerdings, und sie war sich dessen bewußt und gestand selbst ihre Fehler zu, aber schlecht, nein, entschieden nicht! Selbst in den kleinen Künsten, die sie anwandte, um mich lustig zu machen, lag mehr von der reifen Frau, die sich damit amüsiert, einen Schüchternen zu verwirren, als der Wunsch, sinnliche Regungen zu erwecken. Es handelte sich nun für mich darum, die heraufbeschworenen Dämonen zu bannen; und um meine Aufpasser irre zu leiten, begab ich mich auf das Bureau und setzte einen Brief auf, der das alte Thema meiner unglücklichen Liebe behandelte und meinen Anfall von Verzweiflung dem Erfolge des Sängers zuschrieb, der mich aller Aussichten für die Zukunft beraubt habe. Als litterarische Proben fügte ich zwei an »Sie« gerichtete Gedichte bei, die im leidenschaftlichsten Stile verfaßt waren, und stellte es der Baronin frei, sich nach Gutdünken darüber zu ärgern. Der Brief und sogar auch die Gedichte wurden niemals beantwortet, sei es, daß der Kunstgriff schon zu verbraucht oder der Gegenstand nicht mehr interressant war. Die ruhigen, stillen Tage, welche jetzt folgten, trugen sehr zu meiner Herstellung bei. Die mich umgebende Landschaft hatte die Farbentöne der angebeteten Person angenommen, selbst der Wald, in dem ich wahre Fegefeuerstunden durchgemacht hatte, lächelte mich jetzt an, und wenn ich morgens dort spazieren ging, so war keine Spur von den schrecklichen Erinnerungen zurückgeblieben, die sich an den Ort knüpften, wo ich einen Kampf mit allen Dämonen der menschlichen Brust geführt hatte. Nur ihre Gegenwart und die Sicherheit, sie wiederzusehen, hatten mir das Leben und die Vernunft wiedergegeben. Da ich die Erfahrung gemacht hatte, daß niemand, der unerwartet zurückkehrt, ganz willkommen ist, so betrat ich die Wohnung der Baronin nicht ohne ein gewisses befangenes Zögern. Schon auf dem Hofe merkte man den Eintritt des Winters an den entblätterten Bäumen, den fehlenden Bänken, den offen gelassenen Löchern in der Garteneinzäunung nach Fortnahme der Gitterthüren, an den umherwirbelnden, welken Blättern und den mit Stroh zugestopften Kellerlöchern. Beim Eintritt in den Salon wurde mir die Brust durch die dicke Luft beengt, welche die geheizten Kachelöfen ausströmten, die sich weiß und steif von der Wand abhoben, wie an der Decke aufgehängte Leinentücher. Die Doppelfenster waren wieder eingehängt und die Fugen mit Papier zugeklebt; die zwischen die Scheiben gelegte Watte imitirte den Schnee und gab dem großen Raum den Anstrich einer Totenkammer. Ich gab mir Mühe, ihn seiner jetzigen vornehmen Einrichtung zu entkleiden, um mir das ehemalige Aussehen strenger Bürgerlichkeit zurückzurufen: die nackten Wände, den rohen Holzfußboden. Ich stellte mir den einsamen Eßtisch vor, der mit seinen acht Beinen einer Spinne glich, und vergegenwärtigte mir an ihm die strengen Mienen meines Vaters und meiner Stiefmutter. Die Baronin empfing mich sehr herzlich, aber sie sah traurig aus, und man merkte ihr an, daß sie eine Enttäuschung erfahren. Der Schwiegervater und der Onkel waren angekommen und mit dem Baron in einem anstoßenden Zimmer beim Kartenspiel. Nachdem ich die Spieler begrüßt, blieb ich mit der Baronin allein. Sie nahm in einem Lehnstuhl nahe bei der Lampe Platz und begann zu stricken. Schweigsam, verstimmt und schlecht aussehend, ließ sie mich allein die Konversation führen, welche in Ermangelung von Antworten einem Monologe glich. Sie saß in der Ecke am Ofen, und ich betrachtete sie, wie sie sich über die Arbeit beugte, ohne den Kopf zu erheben. Geheimnisvoll und in sich selbst versunken, schien sie mitunter meine Anwesenheit ganz zu vergessen, so daß ich glaubte, ich sei ungelegen gekommen und meine Umkehr hätte einen schlechten Eindruck gemacht. Plötzlich fallen meine ermüdeten Blicke auf den Fußboden, und ich entdecke unter der Tischdecke ihre von den erhobenen Röcken freigelassene Wade. Ein zartes Bein fest von einem weißen Strumpfe umschlossen; unter dem Knie von einem bunt gestickten Strumpfband festgehalten, ließ den reizenden Muskel hervortreten, der uns den Kopf verdreht, da er der Phantasie Spielraum läßt, sich den ganzen Körper danach aufzubauen. Und dann der gebogene Fuß mit dem hoch gewölbten Spann in einem Aschenbrödelschuh. In diesem Augenblicke dachte ich nur an eine zufällige Unachtsamkeit; erst später habe ich erfahren, daß eine Frau es instinktiv fühlt, wenn sie etwas den Augen Preis giebt, was sich über den Knöcheln befindet. Ein wenig verwirrt von dem faszinierenden Anblick, beginne ich ein anderes Thema und komme mit einem geschickten Sprunge auf meine vermeintliche Liebe zu sprechen. Sie richtete sich auf, und indem sie mir mit einer raschen Wendung grade ins Gesicht sieht, redete sie mich an: – Sie müssen sehr treu sein in ihren Zuneigungen! Meine Augen haben die eigensinnige Absicht, sich unter die Tischdecke zu verirren, wo duftend das schneeige Weiß und das rote Band hervorleuchten, aber ich richte sie ganz gerade auf ihre im Lampenschein größer erscheinenden Augensterne und antwortete ihr mit festem und entschlossenem Tone: – Unglücklicherweise ja! Das Geräusch der Karten und die Rufe der Spieler begleiteten diese Beichte ohne Geständnis. Eine peinliche Stille entstand. Sie strickte weiter und ließ die Röcke herabfallen. Der Zauber war zu Ende, und es blieb nur eine gleichgültige, schlecht angezogene Frau übrig; nach einer Viertelstunde verabschiedete ich mich, indem ich ein körperliches Unbehagen vorgab. Zu Hause angelangt, zog ich mein Drama aus dem Schubfach hervor, fest entschlossen, es umzuarbeiten und in der Hingabe an eine eifrige Thätigkeit eine hoffnungslose Neigung auszurotten, die nur zu einem Verbrechen führen konnte, welches ich verabscheue aus Widerwillen, Instinkt, Feigheit und infolge meiner moralischen Erziehung. Und ich ging ernstlich daran, diese Verbindung zu lösen, die künftig nur immer gefährlicher werden mußte. Ein unerwarteter Zufall kam mir zu Hülfe; ich erhielt zwei Tage darauf das Anerbieten, die Bibliothek eines Privatsammlers zu ordnen, der eine Besitzung außerhalb der Stadt bewohnte. Da befand ich mich denn in einem alten herrschaftlichen Schlosse aus dem siebzehnten Jahrhundert in einem von oben bis unten mit Büchern gefüllten Raume. Es war eine wahre Reise durch die einzelnen Zeiten des Vaterlandes. Die ganze schwedische Litteratur befand sich hier, von den Inkunabeln des fünften Jahrhunderts an bis zu den Tagesneuigkeiten. Und ich vergrub mich ganz darin, um Vergessenheit zu suchen, was mir auch so ganz nach Wunsch gelang, daß ich nach Ablauf der ersten Woche die Abwesenheit meiner Freunde gar nicht bemerkt hatte. Da überbrachte mir eines Sonnabends, dies war der Empfangstag der Baronin, eine Ordonnanz der königlichen Garde eine vom Baron aufgesetzte Einladung, begleitet von freundschaftlichen Vorwürfen über mein Verschwinden. Ich empfand eine sauersüße Befriedigung darin, eine ebenso liebenswürdige Absage senden zu können, voller Bedauern darüber, daß ich nicht mehr Herr meiner Zeit sei. Wieder eine Woche vergeht, da erscheint dieselbe Ordonnanz, diesmal in großer Uniform, und überreicht mir ein Billet der Baronin, die mich in ziemlich herben Worten beschwört, den Baron zu besuchen, der infolge einer Erkältung zu Bette liege; zugleich wünscht sie Nachricht über mein Ergehen zu haben. Nun gab es keine Möglichkeit mehr auszuweichen, und ich begab mich sofort zu meinen Freunden. Die Baronin sah angegriffen aus, und der leicht erkältete Baron langweilte sich in seinem Bett in der Schlafstube, wohin ich geführt wurde. Der Anblick dieses mir bisher verborgenen Heiligtums erweckte von neuem in mir die instinktive Abneigung gegen das eheliche Zusammenleben in einem gemeinsamen Zimmer, wo die Gatten sich ohne Rücksicht bei allen Gelegenheiten gehen lassen, die das Alleinsein verlangen. Das kolossale Bett, auf dem der Baron lag, verriet alle Unsauberkeiten des intimen Lebens, und der Haufen Kissen neben dem Kranken bezeichnete deutlich die der Gattin gehörende Stelle. Die Toilette, die Waschtische und Handtücher, alles erschien mir schmutzig, und ich mußte mich blind dagegen machen, um meinen Ekel zu überwinden. Nach einer kurzen Plauderei am Fuße des Bettes forderte mich die Baronin auf, im Salon einen Liqueur zu trinken, und kaum waren wir allein, so kam sie meinen Gedanken entgegen, als ob sie dieselben erraten hätte, indem sie sich in abgebrochenen Reden Luft machte: – Nicht wahr, es ist ekelhaft? – Was denn? – Ach! Sie verstehen mich ja! Diese weibliche Existenz, ohne Ziel, ohne Zweck, ohne Beschäftigung! Ach! ich gehe daran zu Grunde! – Aber Frau Baronin, Sie haben Ihr Kind, dessen Erziehung Sie beschäftigen wird, und die andern Kleinen, welche Ihnen die Zukunft bringen wird. – Ich will keine Kinder weiter haben; ich bin nicht dazu geschaffen, Amme zu sein. – Nicht Amme, aber Mutter im edelsten Sinne des Wortes ... – Mutter, Wirtschafterin! Das läßt sich erkaufen! Und was meinen Sie, daß ich thun soll, wenn zwei Mädchen die Wirtschaft aufs beste besorgen? Nein, ich will leben ... – Als Schauspielerin! – Ja! – Aber Ihre ganzen Verhältnisse sind dagegen! – Das weiß ich nur zu gut. Und darum gehe ich an Langerweile und Verdummung zu Grunde. Oh! wie mich das alles anwidert! – Und die Schriftstellerei? Das ist noch lange kein so übler Beruf wie das Komödiantenleben! – Die Kunst der Rede ist für mich die höchste, und wie es auch kommen möge, ich werde mich niemals darüber trösten, meinen Beruf um einer Enttäuschung willen verfehlt zu haben! Der Baron rief uns zurück. – Was hat sie denn? fragte er mich. – Ach, das Theater! sagte ich ihm. – Ist sie toll? – Sie ist nicht so toll, wie sie scheint, antwortete die Baronin und ging hinaus, indem sie die Thür heftig zuschlug. – Höre einmal, mein alter Junge, vertraute mir der Baron an, sie schläft des Nachts nicht mehr. – Was fehlt ihr denn? – Sie spielt Klavier, schläft auf dem Sopha im Salon und sieht die Wirtschaftsrechnungen nach. Sage einmal, mein junger Gelehrter, was man dabei thun kann. – Sie müßte Kinder haben! eine ganze Schar! Er machte ein eigentümliches Gesicht. Dann bemühte er sich, eine stramme Haltung anzunehmen. – Der Arzt hat es verboten, weil ihr erstes Wochenbett unter besonderen Umständen verlief ... und außerdem Sparsamkeitsgründe ... Du verstehst. Ich hatte begriffen und nahm mich wohl in Acht, eine so zarte Angelegenheit weiter zu berühren. Auch war ich noch zu jung, um zu wissen, daß die kranken Frauen den Ärzten vorzuschreiben pflegen, was diese ihnen verordnen sollen. Die Baronin kam jetzt mit ihrem Kinde hinein, welches sie in einem eisernen Bettchen dicht neben dem Baron schlafen legte. Die Kleine fing an zu schreien und wollte nicht einschlafen. Darauf holte die Mutter nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, das Kind zu beruhigen, die Rute. Da ich nun niemals sehen kann, daß ein Kind geschlagen wird, ohne in Zorn zu geraten, und sogar meinem Vater bei ähnlicher Gelegenheit entgegengetreten bin, so lasse ich mich fortreißen und mische mich mit kaum unterdrückter Heftigkeit ein. – Verzeihen Sie, daß ich mich in Ihre Angelegenheit mische, sage ich zu ihr, aber glauben Sie, daß ein Kind ohne triftigen Grund weint? – Sie ist einfach ungezogen! – Dann hat sie gewiß Grund, ungezogen zu sein. Vielleicht ist sie müde, und unsere Gegenwart und das Lampenlicht regen sie auf. Sie schien beschämt und war sich wohl der unvorteilhaften Rolle einer Megäre bewußt, – so gab sie mir Recht, und ich stand auf, um Abschied zu nehmen. Dieser plötzliche Einblick ist das Innere der Häuslichkeit heilte mich für einige Wochen von meiner Liebe, und ich muß gestehen, daß die Szene mit der Rute dazu beitrug, eine unangenehme Erinnerung in mir wach zu erhalten. Der Herbst zog sich trübe und finster hin, und Weihnachten kam heran. Die Ankunft eines neuvermählten jungen Paares aus der finnländischen Freundschaft der Baronin erneuerte ein wenig unsere Beziehungen, die auf dem Punkte standen aufzuhören. Durch die Veranstaltungen der Baronin erhielt ich mehrfache Einladungen, und ich erschien in schwarzem Rock bei Soupers, Diners und sogar bei einer Tanzgesellschaft. Bei diesen Einblicken in eine nicht übermäßig feine Gesellschaft bemerkte ich, daß die Baronin etwas burschikose Manieren angenommen hatte und unter der Maske übertriebener Offenheit selbst den jungen Leuten den Hof machte, wobei sie mich immer von der Seite beobachtete, um zu sehen, was für einen Eindruck es auf mich machte. Es ist kaum glaublich, wie weit sie diese Tändeleien trieb, und ich beantwortete sie durch eine beleidigende Zurückhaltung, die ebenso sehr dem Gefühl der Abneigung gegen ihr geschmackloses Auftreten als auch dem Schmerze galt, sehen zu müssen, wie ein angebetetes Wesen sich zu einer Kokette herabwürdigte. Zum Überfluß schien es noch, als ob sie sich dabei amüsierte, denn sie zog den Aufbruch der Gesellschaft immer bis zum Morgen hin, was mich in der Ansicht bestärkte, daß man es hier mit einer Frau zu thun hatte, die an ungestillten Begierden krankte und sich am häuslichen Herde langweilte, mit einer Frau, deren künstlerischer Beruf sich nur auf niedrige Eitelkeit und die Sucht, sich zur Geltung zu bringen und ihr Leben zu genießen, gründete. Immer lebhaft, witzig und aufgeregt, besaß sie die Kunst zu glänzen und war im Kreise der Gäste immer der Mittelpunkt, weniger durch ihre Reize, als durch die Geschicklichkeit, mit der sie auch die Widerstrebenden unter ihrer Fahne vereinigte. Sie war von so übersprudelnder Lebhaftigkeit und so nervöser Erregtheit, daß sie auch die Halsstarrigsten zwang, ihr zuzuhören und sie zu beachten, und ich glaubte zu bemerken, daß in dem Augenblicke, wo ihre Nerven nachließen und sie sich in eine Ecke zurückzog, auch der Zauber aufhörte, und niemand sie mehr aufsuchte. Alles in Allem war sie ehrgeizig und herrschsüchtig, vielleicht auch herzlos und immer bestrebt, die jungen Leute an sich zu fesseln, während sie die Damen mit verletzender Gleichgiltigkeit behandelte. Sie hatte es sich daher wahrscheinlich auch in den Kopf gesetzt, mich unterjocht, besiegt und seufzend zu ihren Füßen zu sehen. Eines Tages wagte sie nach neuen Triumphen in einer Gesellschaft einen Hauptstreich. In thörichter Verblendung vertraut sie einer Freundin an, daß ich in sie ganz verliebt sei. Bei einem Besuche bei dieser besagten Freundin spreche ich ungeschickter Weise die Hoffnung aus, die Baronin hier zu treffen. – Dann sind Sie also gekommen, um sie zu sehen, so neckt mich die Herrin des Hauses. Das ist ja sehr liebenswürdig von Ihnen. – Nein, gnädige Frau, um die Wahrheit zu sagen, hat mich die Baronin aufgefordert, hierher zu kommen. – Dann ist es also ein Rendez-vous? – Wenn Sie es so nennen wollen! Jedenfalls habe ich nicht dabei gefehlt. In der That hatte sie diesen Besuch geplant, ich war auf ihren Vorschlag eingegangen, und sie hatte mich durch diesen Kunstgriff kompromittieren wollen, indem sie sich selbst in Sicherheit brachte. Um mich zu rächen, verdarb ich ihr eine ganze Reihe von Festen, indem ich sie durch meine Abwesenheit des Vergnügens beraubte, sich an meinen Leiden zu ergötzen. Und was litt ich! Auf der Straße unter den Fenstern umherirrend, wo ich sie eingeladen wußte, empfand ich es wie einen Dolchstich, wenn ich, zitternd vor Eifersucht, sie mir in den Armen ihres Tänzers vorstellte, in ihrem blauseidenen Gewande, die blonden Locken flatternd und die entzückende Gestalt auf den kleinsten Sohlen der Welt einherschwebend! Neujahr ist vorüber, und der Frühling erwacht. Die Zeit ist vergangen unter Festen und Gesellschaften zu Dreien, die so unsäglich langweilig waren; das Band der Freundschaft war zerrissen und wieder geknüpft worden, wir hatten Scharmützel und Waffenstillstand, kleine Zwiste und aufrichtige Freundschaftsergießungen erlebt. Ich bin fortgeblieben und wieder gekommen. Der März stand vor der Thür, dieser gefürchtete Monat, in dem in den kalten Ländern die Brunstzeit eintritt und die Geschicke der Liebenden sich von selbst erfüllen, wobei Herzen gebrochen werden und Gelübde, die Bande der Ehre, der Familie und der Freundschaft sich lösen. Der Baron, welcher in den ersten Tagen des März wieder seinen Dienst antreten konnte, fordert mich auf, einen Abend bei ihm in der Hauptwache zu verleben. Einem Bürgerssohn, dem Abkömmling einer kleinbürgerlichen Familie, flößt nichts größeren Respekt ein als der Anblick der Ehrenabzeichen der höchsten Gewalt. Als ich an der Seite meines Freundes durch die Korridore schreite, bei jedem Schritt von Offizieren gegrüßt, höre ich das Klirren der Säbel, das »Werda« der Schildwache, das Wirbeln der Trommeln, bis wir in den Ordonnanzsaal gelangen. Dort erbebe ich im Geheimen beim Anblick der kriegerischen Embleme, ich beuge den Rücken vor den Porträts der berühmten Generale; die bei Lützen und Leipzig eroberten Fahnen, die anderen, welche dem täglichen Gebrauch dienen, die Büste des regierenden Königs, die Helme, Schilder, Schlachtpläne, alles erregt in mir die Unruhe der niederen Klasse vor den Attributen der herrschenden Macht. In dieser imposanten Umgebung wuchs der Hauptmann sichtlich in meinen Augen, so daß ich mich dicht an seiner Seite hielt, um im Notfälle seine Hülfe in Anspruch zu nehmen. Als wir in das Dienstzimmer eintreten, nähert sich ihm sein Lieutenant, welcher stehend Honneur vor ihm macht, und ich fühle mich sehr erhaben über diese Hierarchie von Lieutenants, welche den Damen gegenüber die erklärten Rivalen der Gelehrten und die gefürchteten Feinde der Söhne des Volkes sind. Die Ordonnanz bringt eine Flasche Punsch, und die Cigarren werden angesteckt. Der Baron zeigt mir das Album des Regiments, eine künstlerische Sammlung von Skizzen in Tusche und Kreide, welche alle angesehenen Offiziere darstellen, die seit zwanzig Jahren der königlichen Garde angehörten, die Gegenstände der Bewunderung und des Neides der Gymnasiasten meiner Jugendzeit, die sich täglich das Vergnügen bereiteten, der aufziehenden Wache zu folgen. Mein kleinbürgerliches Gefühl erfreute sich daran, alle die Bevorzugten in lächerlicher Weise dargestellt zu sehen, und indem ich auf die Zustimmung des etwas demokratisch gewordenen Barons rechne, erlaube ich mir einige kleine Ausfälle gegen die entwaffneten Gegner. Aber die Grenzlinie für den Demokratismus des Barons ist eine andere als die meine, und er faßt meine Scherze nicht gerade freundlich auf. Der Korpsgeist überwiegt, und indem er mit nervöser Hand die Blätter umschlägt, hält er bei einer großen Zeichnung an, welche den Aufstand von 1868 darstellt. – Ja, ja, so haben wir die Kanaille niedergesäbelt! Sagt er mit einem boshaften Lachen. – Du bist auch dabei gewesen? – Natürlich. Ich zog mit der Wache auf, um die Tribüne zu schützen, welche um das Monument errichtet war, und welche der Pöbel stürmte, der mir auch einen Stein gegen mein Käppi warf. Dies bestimmte mich, die Patronen verteilen zu lassen. Leider wurde auf Befehl des Königs das Feuern eingestellt, und ich blieb Zielscheibe für die Steinwürfe der Volksmenge. Urteile selbst, ob man geneigt sein mag, die Kanaille zu lieben! Und nach kurzem Stillschweigen, währenddem er mich prüfend betrachtet hatte, fuhr er lachend fort: – Erinnerst Du Dich noch der Begebenheit? – Oh! ich erinnere mich derselben sehr wohl. Ich nahm am Zuge der Studenten Teil. Ich verschwieg ihm indessen, daß ich mich dem Pöbel angeschlossen hatte, der wütend geworden war über eine für die Abonnenten reservierte Tribüne, welche das Volk von einem vaterländischen Feste ausschloß, und daß ich mich auf der Seite der Angreifer befunden hatte und mich deutlich erinnerte, wie ich mit Steinen auf die Wache geworfen habe. In diesem Augenblicke wurde mir bei der aristokratischen Betonung des Wortes Kanaille die unwillkürliche Regung von Furcht klar, die mich beim Eintritt in das feindliche Lager ergriffen hatte, und in meiner Phantasie veränderten sich die Züge meines Freundes so sehr, daß ich völlig entmutigt wurde. Der ganze Haß der Rassen, der Klassen und Überlieferungen erhob sich zwischen uns wie eine unübersteigliche Mauer, und als ich sah, wie er seinen Säbel an seiner Seite rückte, dieses Wahrzeichen brutaler Gewalt, einen Ehrendegen, der geschmückt war mit der gekrönten Chiffre des königlichen Gebers, da empfand ich lebhaft, daß unsere Freundschaft nur eine künstliche war, aufgebaut von den Händen einer Frau, die das einzige Bindeglied zwischen uns Beiden war. Sein Ton war hochmütig geworden, und der Ausdruck seiner Mienen hatte sich mehr und mehr seiner Umgebung angepaßt und ihn mir entfremdet, so daß ich, um ihn wieder auf andere Gedanken zu lenken, der Unterhaltung eine Wendung gab und mit einer vom Zaun gebrochenen Frage die Baronin und seine Tochter berührte. Sein Gesicht heiterte sich sofort auf und gewann seinen gewöhnlichen gutmütigen Ausdruck wieder. Nun fühlte ich mich wieder sicher im Sattel, und unter dem wohlwollenden Blicke des Menschenfressers, der den Däumling liebkost, ging ich ans Werk, dem Riesen die drei Barthaare auszurupfen. – Höre, alter Freund, sagte ich zu ihm, die kleine Mathilde wird zu Ostern erwartet? – Gewiß! erwiderte er. – Gut, dann werde ich ihr den Hof machen, sagte ich mutig. Indem er sein Glas leerte, rief er mir hohnlächelnd mit einer freundlichen Menschenfressermiene zu: – Versuch' es immerhin! – Werd' ich! Sollte sie vielleicht zufällig verlobt sein? – Nein, soviel ich weiß, nicht. Aber ich glaube zu wissen ... schließlich ... versuche es immerhin. Und er setzte mit einem überzeugungsvollen Tone hinzu: – Du wirst schon auf deine Kosten dabei kommen! Es lag etwas von Verachtung in dieser schonungslosen Andeutung, und diese Beleidigung erweckte den arroganten Entschluß in mir, diesem großsprecherischen Kavalier die Stirn zu bieten und durch eine glückliche Kombination mich vor einer verbrecherischen Liebe zu schützen, indem ich sie auf einen andern Gegenstand richtete, und zu gleicher Zeit der Baronin, welche sich in ihren legitimen Gefühlen gekränkt fühlte, eine Revanche zu verschaffen. Der Abend kam, und ich erhob mich, um heimzukehren. Der Hauptmann begleitete mich durch die Schildwachen hindurch, und wir drückten uns die Hände vor dem Gitterthor, welches er mit einem etwas heftigen Rucke schloß, der einer Herausforderung ähnlich sah. Des Frühlings Anfang ist gekommen; der Schnee schmilzt, und die Straßen sind von ihrem Eispflaster befreit; halbverhungerte Kinder bieten schon Leberblümchen feil, und in den Schaufenstern der Blumenhändler entfalten die Azaleen, Rhododendren und Frührosen ihre farbige Pracht. Die Apfelsinen leuchten in den Materialwarenläden, Hummer, algerischer Blumenkohl und Radieschen schmücken die Auslagen der Delikateßhändler. Die Sonne strahlt auf den schäumenden Wogen des Flusses, unter der Nordbrücke und auf den Quais erhalten die Dampfschiffe ihr neues Takelwerk, frisch gemalt in seegrün und scharlachrotem Zinnober. Die vom Alter starr gewordenen Männer werden durch die Sonnenwärme wieder kräftig, und es beginnt die Brunstzeit. Wehe dem Schwachen, wenn die Zuchtwahl vor sich geht und das Liebesgefühl den verderbten Leidenschaften neue Nahrung zuführt. * Die schöne Hexe ist angekommen und wohnt bei dem Baron. Ich bin sehr zuvorkommend gegen sie, und sie hält mich mit der Miene einer vorher unterrichteten Person zum besten. Wir spielen vierhändig Klavier miteinander, und sie drückt ihren rechten Busen an meinen linken Arm. Die Baronin hat es bemerkt und leidet darunter. Der Baron verzehrt sich vor Eifersucht und belauert mich mit wütenden Blicken. Bald scheint es sich um seine Frau zu handeln, bald ist er böse auf mich wegen der Kousine. Wenn er seine Frau verläßt, um mit der Kousine in einer Ecke zu flüstern, dann unterhalte ich mich mit seiner verlassenen Frau. Und dann wird er heftig und schleudert uns Beiden eine ungeschickte Frage zu, die unsere Unterhaltung unterbricht. Mitunter antworte ich ihm hohnlachend, häufig höre ich aber gar nicht darauf hin. * Wir hatten eines Abends ein Souper im engsten Kreise. Die Mutter der Baronin war auch anwesend. Sie hat mich lieb gewonnen und vorsichtig, wie eine alte Frau, fürchtet sie, daß ein Betrug dahinter steckt. In einem Momente mütterlicher Hingebung und im Vorgefühl unbekannter Gefahren, ergriff sie meine beiden Hände und brach, indem sie mich scharf ansah, in die Worte aus: – Lieber Herr, ich hege die feste Überzeugung, daß Sie ein Ehrenmann sind. Was eigentlich in diesem Hause vorgeht, ich wüßte es nicht zu sagen. Aber versprechen Sie mir, unter allen Umständen über meine Tochter zu wachen, und wenn es geschehen sollte, was nicht geschehen darf, dann versprechen Sie mir, zu mir zu kommen und mir Alles zu sagen. – Ich verspreche es Ihnen, gnädige Frau, sagte ich, indem ich ihr nach russischer Sitte die Hand küßte, denn sie war mit einem russischen Offizier verheiratet gewesen. Und ich hielt Wort! * Wir tanzten am Rande eines Kraters. Die Baronin ist leichenblaß geworden, starr und kalt zum Erbarmen. Der Baron ist eifersüchtig, kurz angebunden und grob zu mir. Ich gehe fort, um am nächsten Morgen zurückgerufen und mit offenen Armen empfangen zu werden. Alles wird auf ein Mißverständnis zurückgeführt, obwohl wir uns sehr gut verstanden haben. Was in diesem Hause vorgeht, mag Gott wissen. An diesem Abend hatte sich die schöne Mathilde in ihr Schlafzimmer zurückgezogen, um ein Ballkleid anzuprobieren. Der Baron entfernt sich und läßt mich mit seiner Frau allein. Nachdem wir uns eine halbe Stunde unterhalten haben, frage ich nach meinem Freunde. – Er spielt Kammerjungfer bei Mathilde, belehrte mich die Baronin. Und mit einem Gefühle der Reue fügt sie hinzu: – Sie ist ein Kind und unter Verbündeten zählt das nicht mit! Man muß nicht gleich etwas schlechtes denken. Darauf sagt sie mit verändertem Tone: – Sie sind eifersüchtig! – Und Sie, Frau Baronin? – Es könnte vielleicht so kommen! – Möchte es zur rechten Zeit kommen! Das ist der Wunsch eines Freundes. Der Baron tritt wieder ein in Begleitung des jungen Mädchens, die ein seegrünes Ballkleid trägt, das so weit ausgeschnitten ist, daß man den Ansatz des Busens sieht. Ich spiele den Geblendeten und weiche, die Hand vor die Augen haltend, zurück. – Ach, rufe ich aus, es ist gefährlich, Sie anzusehen, mein Fräulein! – Nicht wahr, das ist schön? fragt mich die Baronin mit etwas unsicherem Tone. Der Baron führt sie wieder fort, und ich bleibe mit der Baronin allein. – Warum fahren Sie mich seit einiger Zeit so an? sagt sie zu mir mit thränenverschleierter Stimme und mit den Blicken eines geschlagenen Hundes. – Ich? Das habe ich nicht bemerkt, antwortete ich ihr. – Sie sind ganz verändert in ihrem Wesen, und ich wäre neugierig zu wissen, worin ich gefehlt habe. Sie schiebt ihren Stuhl näher heran, betrachtet mich mit glänzenden Augen, sie zittert, und ... ich erhebe mich. – Aber, sehen Sie, Frau Baronin, diese Abwesenheit des Barons kommt mir seltsam vor. Ich liebe diese verletzende Vertrauensseligkeit von seiner Seite nicht. Was wollen Sie damit sagen? – Ich finde ... überhaupt ... man läßt seine Frau nicht so allein mit einem jungen Manne, besonders nicht, indem man sich mit einem jungen Mädchen in einem Zimmer einschließt, wo man ... – Wissen Sie, daß Sie mich damit beleidigen! Sie haben wirklich Manieren ... – Hier handelt es sich nicht um Manieren! Ich verabscheue das! Ich verachte Sie, wenn Sie nicht eifersüchtig sind auf Ihre Würde. Was machen die Beiden da drinnen? – Mathildens Toilette! erwiderte sie mit unschuldiger Miene und lachte. Was soll ich dabei thun? – Ein Mann wohnt nicht dem Auskleiden einer Dame bei, ohne mit ihr in Liebesbeziehungen zu stehen. – Sie ist ein Kind, so behauptet er, und sie sieht ihn für ihren Papa an. – Ich würde meinen Kindern niemals erlauben, Papa und Mama zu spielen, noch weniger aber den Erwachsenen. Sie steht auf, um den Baron zu holen. Wir bringen den Abend damit zu, uns mit Magnetisiren zu beschäftigen. Ich streiche einige Male über das Gesicht der Baronin hin, und sie behauptet, beruhigenden Einfluß auf ihre Nerven zu verspüren. Plötzlich, als sie schon im Begriff steht, in magnetischen Schlaf zu sinken, richtet sie sich wieder auf und ruft, mich mit starren Augen anblickend: – Lassen Sie! Ich will nicht! Sie wollen mich verhexen! – Nun, dann ist es an Ihnen, Ihre magnetische Kraft an mir zu erproben, sage ich zu ihr. Und sie beginnt mit denselben Manipulationen, welchen sie eben unterworfen war. Indem ich die Augen senke und eine auffallende Stille jenseits des Pianos bemerke, richte ich meine Blicke zwischen die Füße und das lyraförmige Pedal des Instruments. Ich glaube zu träumen und springe mit einer heftigen Bewegung auf. Da aber kommt der Baron von der andern Seite des Flügels zum Vorschein und bietet mir ein Glas Punsch an. Wir erhoben alle Vier die Gläser zum Anstoßen. Da wandte sich der Baron mit der Bitte an seine Frau: – Trinke doch auf die Versöhnung mit Mathilde. – Auf dein Wohl, kleine Hexe, sagte lächelnd die Baronin. Und dann zu mir gewendet: – Stellen Sie sich vor, daß wir uns erzürnt hatten und zwar Ihretwegen. Ich wußte nicht gleich, was ich antworten sollte, aber nach kurzer Pause sagte ich: – Wollen Sie sich deutlicher erklären, Frau Baronin? – Nur keine Erklärung, klang es im Chor. – Das ist schade, erwiderte ich, denn es scheint mir, daß wir schon zu lange geschwiegen haben. In etwas gezwungener Stimmung wurde die Sitzung bald aufgehoben, und ich empfahl mich. Um meinetwillen! wiederholte ich mir, indem ich mein Gewissen durchforschte. Was sollte das alles bedeuten? War es ein naiver Ausbruch dieses schlecht geschulten Geistes? Zwei Frauen erzürnen sich um eines Mannes willen! Aber war denn die Baronin toll, sich in solcher Weise zu verraten. Gewiß nicht! Also mußten andere Dinge zu Grunde liegen! Was geht eigentlich in diesem Hause vor? fragte ich mich, indem ich an die seltsame Scene zurück dachte, die mich an diesem Abend erschreckt hatte, ohne daß ich mir doch eingestehen konnte, etwas Unpassendes gesehen zu haben, so unwahrscheinlich erschien mir das ganze Ereigniß. Diese Eifersüchteleien ohne Grund und Ursache, die Befürchtungen der alten Mutter, die Erregung der Baronin, die von der Frühlingsluft hervorgerufen schien, alles verwirrte sich in meinem Gehirn, kochend und gährend, so daß ich nach einer Nacht voller Überlegungen noch einmal den Entschluß faßte, vor so drohenden und vielleicht unheilbaren Schicksalsschlägen die Flucht zu ergreifen. Mit dieser Absicht stand ich früh auf, um einen vernünftigen, aufrichtigen Brief zu verfassen, der sich in den ehrerbietigsten Ausdrücken bewegte, in dem ich mich gegen einen zu großen Mißbrauch der Freundschaft verwahrte und ohne nähere Erklärung um Vergebung meiner Sünden bat, indem ich mir die Schuld beimaß, Disharmonie unter Verwandten hervorgerufen zu haben, und Gott weiß, was ich sonst noch alles vorbrachte. Das Resultat davon war, daß die Baronin mir zufällig um die Mittagsstunde begegnete, als ich die Bibliothek verließ. Sie bleibt auf der Nordbrücke stehen, hält mich fest und führt mich seitwärts in eine Allee am Platze Karls XII. Sie beschwört mich fast mit Thränen, wieder zu ihnen zu kommen, keine Erklärungen weiter zu verlangen und wieder wie früher zu ihnen zu gehören. Wie reizend war sie an diesem Tage! Aber ich liebte sie zu rein, um sie zu verderben. – Verlassen Sie mich, oder Sie werden Ihren Ruf in Gefahr bringen! sagte ich ernsthaft zu ihr, indem ich die Spaziergänger prüfend betrachtete, deren Blicke uns in Verlegenheit brachten. Gehen Sie sofort nach Hause, unverzüglich, wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie fortschicke. Sie blickte mir grade in die Augen mit einen so kläglichen Ausdruck, daß ich mich versucht fühlte, vor ihr auf die Knie zu fallen, ihre Füße zu küssen und sie um Verzeihung anzuflehen. Darauf wandte ich ihr den Rücken zu und entfernte mich durch einen Seitenweg. Nachdem ich zu Mittag gegessen hatte, kletterte ich die Treppen zu meiner Mansarde hinauf, froh über mein reines Gewissen – aber mit zerrissenem Herzen. Oh! Sie hatte eine merkwürdige Art, einem Manne ins Gesicht zu sehen, diese Frau! Eine kurze Siesta gab mir meine Kräfte wieder, und ich betrachtete den an der Wand hängenden Kalender. Der 13. März! »Nimm vor des Märzen Iden dich in Acht,« so hörte ich vor meinen Ohren die berühmten Worte aus Shakespeares Julius Cäsar erklingen; in diesem Augenblicke trat das Dienstmädchen ein und überbrachte mir ein Billet von dem Baron. Er forderte mich auf, den Abend bei ihm zu verleben, da die Baronin unwohl sei und Mathilde einen Besuch machen würde. Mir fehlt die Kraft zu widerstehen, und ich begebe mich in das Haus des Barons. Die Baronin, bleich wie eine Tote, kommt mir entgegen, drückt meine beiden Hände an ihre Brust und dankt mir in überströmenden, warmen Worten für die Barmherzigkeit, sie nicht eines Freundes, eines Bruders beraubt zu haben um Mißverständnisse und Erbärmlichkeiten willen. – Sie ist wohl toll geworden! spöttelt der Baron, indem er sie von mir zurückhält. – Ja, ich bin toll vor Freude, unsern kleinen Freund wiederzusehen, der uns für immer verlassen wollte! – Und sie weint! – Sie ist sehr leidend gewesen, sagt entschuldigend der Baron, welchen die wirklich herzzerreißende Scene verlegen gemacht hat. Die arme Frau macht den Eindruck einer Fieberkranken, ihre Augen glühen in düsterm Glanze und nehmen beinahe die Hälfte ihres Gesichtes ein; ihre Wangen haben eine grünliche Färbung. Und dazu hustet sie, mit einem Schwindsuchtshusten, unter dem ihr zarter Körper erzittert. Der Onkel und der Schwiegervater kamen unvermutet an, und es wurde ein großes Feuer im Ofen angezündet, vor dem man die Dämmerstunde zu feiern gedachte, ohne die Lampen anzustecken. Sie nimmt an meiner Seite Platz, während sich die drei Herren in einen politischen Streit verwickeln. Durch das Halbdunkel sehe ich ihre Augen leuchten, fühle die Ausstrahlung ihres Körpers, der, nach dem eben durchgemachten hysterischen Anfalle zu schließen, erhitzt sein muß. Ihr Kleid streift an mein Beinkleid, sie neigt sich an meine Schulter, um mir etwas ins Ohr sagen zu können, ohne von den andern gehört zu werden, und stellt mir flüsternd die unerwartete Frage: – Glauben Sie an die Liebe? – Nein! versetze ich ihr als Keulenschlag gerade auf den Kopf und stehe auf, um meinen Platz zu wechseln. – Sie ist rasend und mannstoll, sage ich mir, und von Furcht ergriffen, daß sie sich zu weiteren Thorheiten hinreißen ließe, schlage ich vor, die Lampen anzuzünden. Während des Abendessens plaudern der Onkel und der Schwiegervater über die soliden Eigenschaften der kleinen Mathilde, über ihre Neigung für die Wirtschaft und ihre Geschicklichkeit in Handarbeiten. Mein Freund, der ein Glas Punsch nach dem andern geleert hat, bricht in enthusiastische Lobpreisungen aus und beklagt mit alkoholischen Thränen in den Augen die schlechte Behandlung, welche das arme Kind unter dem väterlichen Dache zu erdulden hat. Auf dem Höhepunkte seines Kummers angekommen, zieht er die Uhr heraus und erhebt sich plötzlich, als ob ihn die Pflicht riefe: – Entschuldigen Sie, meine Herren, sagte er, aber ich habe der Kleinen versprochen, sie abzuholen. Lassen Sie sich nicht stören. Bleiben Sie ruhig hier, ich bin in einer Stunde wieder zurück. Der alte Baron, der Vater, macht Einwände dagegen, aber der Pfiffikus weiß sich aus der Affaire zu ziehen, indem er allerlei Redensarten vorbringt und sich auf sein gegebenes Ehrenwort beruft. So entschlüpft er, nachdem er mich noch besonders aufgefordert hat, seine Rückkehr abzuwarten. Wir bleiben noch ungefähr eine Viertelstunde bei Tisch und kehren dann in den Salon zurück. Aber die beiden Alten fühlen das Bedürfnis allein zu sein und ziehen sich in das Zimmer des Onkels zurück, welches seit einiger Zeit in der Wohnung des Neffen eingerichtet war. Ich verwünsche das Geschick, welches mich in eine Falle gelockt hat, die ich so sorgfältig vermieden habe, und ich lege mir eine Schildkrötenschale um das erregte Herz, ich passe mit geschwollenem Kamm auf und sträube die Haare wie ein Schäferhund, um nur jede Versuchung zu thränenreichen und verliebten Szenen zu vermeiden. An den Ofen gelehnt, rauche ich meine Zigarre ruhig, kühl und steif und warte das Kommende ab. Darauf ergreift die Baronin das Wort. – Warum hassen Sie mich? – Ich hasse Sie nicht. – Denken Sie nur, wie Sie mich heut Morgen behandelt haben. – Schweigen Sie! Diese starke Grobheit ohne vernünftigen Grund war ein Fehler. Sie errät mich, und einen Augenblick darauf ist alles gesagt. – Sie wollen mich fliehen, fährt sie fort. Nun gut! Wissen Sie auch, was mich zu der Abreise nach Marienfrieden bestimmt hatte? Es entsteht eine sekundenlange Stille, und dann antworte ich: – Sollte ich mich täuschen, wenn ich voraussetze, daß es aus demselben Grunde geschah, welcher mich nach Paris führte? – So ist es also klar, sagte sie! – Und was nun? sage ich. Ich erwartete eine Szene, aber sie blieb ruhig und betrachtete mich mit gerührten Blicken. Es war an mir, das gefährliche Schweigen zu brechen. – Nun, da Sie mir mein Geheimniß entlockt haben, hören Sie noch ein Wort. Wenn Sie mich ab und zu bei sich sehen wollen, aber sehr selten, dann seien Sie vernünftig! Sehen Sie, meine Liebe ist von so edler Natur, daß ich neben Ihnen leben könnte, ohne etwas anderes zu verlangen, als Sie zu sehen. In dem Augenblicke, wo Sie Ihre Pflichten vergessen oder durch eine Miene oder Bewegung das Geheimniß unserer Herzen verraten, klage ich Sie bei Ihrem Gatten an, und Sie wissen ja, was dann erfolgt. In glühender Extase richtete sie die Augen gen Himmel: – Ich schwöre es Ihnen! Wie groß sind Sie, wie stark und gut! Oh! wie ich Sie bewundere. Ach! Ich schäme mich, ich möchte Sie an Ehrenhaftigkeit übertreffen, ich möchte ... Wollen Sie, daß ich Gustav alles sage! – Wenn Sie wollen, ja! Aber dann werden wir uns nicht mehr sehen. Und schließlich, berührt es ihn überhaupt? Die Gefühle meines Herzens sind doch kein Verbrechen, und wenn er selbst alles wüßte, würde er imstande sein, meine Gefühle zu ersticken? Es geht keinen etwas an, wem ich meine Liebe schenke, so lange meine Leidenschaften nicht fremden Grund und Boden betreten. Handeln Sie übrigens, wie Sie wollen. Ich bin zu allem bereit! – Nein, nein, es ist gar nicht nötig, ihm etwas zu sagen, da er sich selbst Unbesonnenheiten gestattet ... – Erlauben Sie, daß ich durchaus nicht Ihre Ansichten über die Gleichheit dieser Fälle teile. Mag er sich beschmutzen, um so schlimmer für ihn! Das ist kein Grund ... Nein! Die Extase war verrauscht, und wir kehrten zur Erde zurück. – Nein, fuhr ich fort. Aber Sie müssen zugestehen, daß es komisch ist! Es ist noch nicht dagewesen, beinahe originell! Man liebt sich, man gesteht es sich, und damit ist die Sache zu Ende! – Das ist stilvoll, rief sie aus und schlug wie ein Kind die Hände zusammen. – Jedenfalls nicht der Stil eines Feuilletons! – Und wie gut ist es, rechtschaffen zu bleiben! – Die am wenigsten beschwerliche aller Methoden. – Und wir werden uns immer sehen, ganz wie früher, ohne Furcht ... – Und ohne Vorwürfe! – Keine Mißverständnisse mehr! Aber es ist doch sicher, daß es nicht Mathilde war, welche Sie ... – Schweigen Sie! Die Thür öffnet sich, und um die Banalität voll zu machen, kommen die beiden Alten vom Besuche eines geheimen Ortes zurück, mit einer kleinen Laterne in der Hand. Sie gehen durch den Salon und verschwinden in den inneren Gemächern. – Bemerken Sie wohl, sagte ich, daß das Leben sich aus kleinen Sorgen und großen Augenblicken zusammensetzt, und daß die Wirklichkeit sehr verschieden ist von dem poetischen Machwerk. Könnte ich es wohl wagen, in einem Roman oder Drama eine Szene wie die eben erlebte darzustellen, ohne vollständig abzufallen? Malen Sie es sich nur aus: eine Liebeserklärung ohne Umarmungen, ohne Fußfall, ohne übertriebene Redensarten, und dann die beiden Liebenden überrascht von zwei Greisen und beleuchtet von einer Handlaterne! Das ist Shakespeare'sche Größe, die Julius Cäsar in Schlafrock und Pantoffeln darstellt, wie er der Nacht wegen bedeutungsloser Träume mißtraut. Die Hausglocke ertönte, und der Baron erschien und brachte die schöne Mathilde mit. Da er kein reines Gewissen hatte, so war er sehr liebenswürdig gegen uns. Und ich, der ich mich meiner Rolle gewachsen zeigen und ihn auch irre leiten wollte, ließ mich zu einer gewagten Lüge hinreißen: – Da habe ich mich eine ganze Stunde lang tüchtig mit der Baronin herumgezankt. Er betrachtete uns mit heimtückischem Blick und zog sich dann witternd wie ein Windhund zurück, mit dem Ausdruck, als ob er falschen Kurs steuere, während ich fortging. * Welche beispiellose Harmlosigkeit gehört dazu, an keusche Liebe zu glauben! In dem bewahrten Geheimnis selbst liegt die Gefahr verborgen. Es ist damit wie mit einem heimlich empfangenen Kinde; es wächst mit den Regungen unsrer Seelen und wird sich an das Tageslicht durchringen. Wir sehnten uns danach, unsere ehemaligen Gefühle zu vergleichen und das in drückender Verkleidung verbrachte Jahr noch einmal zu durchleben. Wir denken Listen aus; wir treffen uns bei meiner Schwester, die an einen Gymnasial-Professor verheiratet ist, der trotz eines alten vornehmen Namens fern von der Gesellschaft lebt. Wir geben uns Rendez-vous, die im Anfang unschuldig sind, aber die Wärme steigt, und die Begierden erwachen. Einige Tage nach der Erklärung übergiebt sie mir ein Packet Briefe, die zum Teil schon vor dem 13. März geschrieben sind und zum Teil nach dem Ausbruch, die Zeugen ihrer Leiden und ihrer Liebe, deren erstere gar nicht dazu bestimmt gewesen waren, ausgeliefert zu werden. * Montag. Lieber Freund! Ich schmachte nach dir – wie beinahe alle Tage. Ich danke dir, daß du mir gestern erlaubtest, zu dir zu sprechen, ohne daß du die sarkastische Miene annahmst, die du dir jetzt zum Gesetz gemacht zu haben scheinst. Warum diese Miene? Wenn du wüßtest, wie ich mich darüber ärgere! Wenn ich mich dir vertrauensvoll nähere, in einem Augenblicke, wo mir deine Freundschaft am notwendigsten ist, dann nimmst du diese Maske vor! Warum? Mußt du dich vor mir verbergen! Du hast ja selbst in einem Briefe gestanden, daß es nur eine Maske ist. Ich hoffe es und sehe es ein, aber es schmerzt mich trotz alledem. Dann kommt mir immer der Gedanke: Da habe ich ein Versehen begangen. Was wird er nur von mir denken? Wie eifersüchtig bin ich auf deine Freundschaft. Wie sehr fürchte ich, mir deine Verachtung zuzuziehen! Du mußt immer aufrichtig und gut zu mir sein. Du mußt vergessen, daß ich eine Frau bin – vergesse ich es doch selbst nur allzu häufig. Ich zürnte dir gestern nicht wegen dessen, was du mir gesagt hast, aber ich war überrascht und gekränkt. Glaubst du, daß ich fähig wäre, die Eifersucht meines Gatten herauszufordern und mich auf unehrenhafte Weise zu rächen? Stelle dir nur vor, was ich bei der Erreichung meiner Zwecke wagen würde, wenn ich ihn auf dem gefährlichen Wege der Eifersucht zu mir zurück führte. Was würde die Folge davon sein? Daß sich sein Unwille gegen dich richtete und wir uns nicht wiedersehen würden. Und was würde aus mir werden ohne deine Gegenwart, die mir teurer geworden ist als mein Leben? Ich liebe dich mit der Zärtlichkeit einer Schwester, ohne die Launen einer Kokette ... Es ist wahr, daß es Momente gab, wo ich es kaum erwarten konnte, und wo es mir eine Wonne gewesen wäre, deinen hübschen kleinen Kopf in meine Hände zu nehmen, in deine aufrichtigen und klugen Augen zu sehen, und ohne Zweifel würde ich einen Kuß auf deine klare Stirn gedrückt haben, in die ich vernarrt bin, aber dieser Kuß wäre der reinste gewesen, den du jemals empfangen hast. Das liegt in meiner zärtlichen Natur, und wenn du eine Frau wärest, dann würde ich dich ebenso lieben, vorausgesetzt, daß ich eine Frau ebenso sehr achten könnte, wie ich dich achte. – * Wie glücklich bin ich über deine Ansicht von Mathilde! Man muß Frau sein, um sich über dergleichen zu freuen. Aber, was willst du! Sah ich doch, daß sich alles auf ihre Seite neigte. Und das ist mein Fehler ebensogut. Ich unterstützte diese Neigung, in der ich nichts sah als ein kindisches Spiel, und ich ließ meinen Mann gewähren, sicher, immer im Besitze seines Herzens zu bleiben. Die Folgen strafen mich allerdings Lügen. Mittwoch. – – – Er ist verliebt in sie und gesteht es mir. Die Sache hat die Grenzen überschritten, und ich lache darüber. – Stelle dir vor: er kommt wieder herauf, nachdem er dich bis zur Thür begleitet hat, drückt mir die Hände, sieht mir in die Augen – ein Zittern ergreift mich, denn ich habe kein reines Gewissen – und er beschwört mich: Maria sei nicht böse! Aber laß mich heut Abend zu Mathilde hineingehen, ich bin so verliebt! – Soll man dabei weinen oder lachen? Und ich werde von Gewissensbissen gequält, weil ich dich von weitem liebe, ohne Hoffnung und ohne irgend etwas zu verlangen. Was für dumme Ideen von Ehre! Möge er sich doch übersättigen an seiner sinnlichen Liebe; du bleibst mir ja immer, und meine weiblichen Begierden sind nicht so entwickelt, daß ich meine Pflichten als Gattin und Mutter vergessen könnte. Aber bemerke wohl den Widerspruch und die Doppelnatur meiner Gefühle. Ich liebe Euch alle beide und könnte nicht ohne ihn leben, den braven, edlen Herzensfreund, und ebenso wenig ohne dich! – – – Freitag. Endlich, endlich hast du den Schleier gehoben, welcher das Geheimnis meines Herzens verbarg. Und du verachtest mich nicht. Göttliche Güte! Du liebst mich sogar! Das Wort, welches du nicht aussprechen wolltest: Du liebst mich! – Ich bin eine Schuldige, eine Verbrecherin, weil ich dich liebe. Gott möge es mir verzeihen! Und doch liebe ich ihn auch und könnte mich niemals von ihm trennen. Wie seltsam das ist! Geliebt! Zärtlich geliebt! Von dir und von ihm! Ich bin so glücklich, so ruhig – meine Liebe kann nicht verbrecherisch sein, sonst würde ich Reue empfinden, oder bin ich so verstockt! – Ach! wie ich mich schäme, daß ich es war, die es dir zuerst sagte! – Grade in diesem Augenblick öffnet mir Gustav seine Arme und ich werde ihn umarmen! Bin ich treu! Ja! Warum hat er mich nicht beschützt, als es noch Zeit war! Dies ist ein Roman, aber wie wird das Ende sein? Wird die Heldin sterben und wird der Held eine andere heirathen? Oder werden sie nach verschiedenen Richtungen auseinandergehen, und wird sich zum Schluß alles zur moralischen Befriedigung abwickeln? – – – Wenn ich jetzt in deiner Nähe wäre, dann würde ich dich auf die Stirn küssen mit derselben Andacht, mit der der Gläubige das Christusbild küßt, und ich würde alles von mir werfen, was niedrig und verderbt ist ... * Ist es Heuchelei oder nicht? Ist es allein die Fleischeslust, welche ihre halb religiösen Träumereien entfacht, unter denen die Begierden sich verbergen? Nicht dies allein! Der Wunsch, ihre Existenz fortzupflanzen, ist komplizierter geworden, und selbst bei den Tieren pflanzen sich die psychischen Eigenschaften durch die Liebe fort. So ist es also Körper und Seele, die beide verliebt sind, und eines ist nichts ohne das andere. Wenn es sich nur um den Körper handelte, warum verließe man dann einen Riesen um eines zarten, nervösen kränklichen Jünglings willen? Wenn es sich nur um die Seele handelte, warum dann diese Lüsternheit nach einem Kusse, diese Anbetung meiner kleinen Füße, meiner gut geformten Hände, meiner rosigen Nägel, diese Schmeicheleien über meine gewölbte Stirn, mein volles Haar? Oder sollte die sinnliche Erregung, maßlos gesteigert durch die Zügellosigkeiten ihres Gatten, ihr diese Halluzinationen eingeben? Oder errät sie instinktiv, daß mein jugendliches Feuer ihr größere Freuden bereiten könnte als die träge Masse ihres Gatten? Sie ist nicht eifersüchtig auf die Person ihres Gatten, daher liebt sie ihn nicht mehr wie einen Geliebten. Aber sie war sehr eifersüchtig auf mich, sie liebt also mich! * Während eines Besuches bei meiner Schwester wird sie von einem hysterischen Anfall betroffen. Sie wirft sich auf ein Sopha zurück und bricht in Schluchzen aus. Sie bringt die Sprache auf das unwürdige Benehmen ihres Gatten, welcher am Abend einen militärischen Ball mit der Kousine besuchen will. In einem Anfall von Verwirrung zieht sie mich an ihre Brust und küßt mich auf die Stirn, und ich bedecke sie mit Küssen! Darauf hin duzt sie mich! Der Bund ist geschlossen, und von diesem Augenblick an sehne ich mich nach ihrem Besitz. Während des Abends rezitierte ich Longfellows Excelsior. Wirklich ergriffen von diesem schönen Gedicht, berühre ich sie mit meinen Blicken, so daß ihr Antlitz wie hypnotisiert mein ganzes Mienenspiel wiedergiebt. Sie macht den Eindruck einer Irren, einer Geisterseherin. Nach dem Abendbrot kommt das Mädchen mit einem Wagen, um sie nach Hause zu bringen. Auf der Straße befiehlt sie mir, zuerst einzusteigen, und sagt dann dem Dienstmädchen, sie möchte auf den Kutscherbock klettern, – trotz meiner Entgegnungen. Allein im Wagen umarmen wir uns, ohne ein Wort zu sagen, und ich fühle, wie ihr zarter Körper zittert und bebt unter meinen Küssen, und nach und nach rückt sie mir immer näher. Ich scheue noch vor dem Verbrechen zurück, die Familienbande zu zerstören, und liefere sie an ihrer Thür unberührt, beschämt, vielleicht sogar wütend ab. Es bleibt mir kein Zweifel mehr. Sie hat mich verführen wollen. Sie hat den ersten Kuß gegeben und alle ersten Schritte gethan. Aber von diesem Augenblicke an übernehme ich die Stelle des Verführers in vollem Ernst, denn ich bin kein Joseph trotz meiner hartnäckigen Prinzipien hinsichtlich der Ehre. * Am nächsten Tage gab ich ihr ein Rendez-vous im National-Museum. Als ich sie die Marmortreppe heraufkommen sah unter den vergoldeten Plafonds und ihre kleinen Füße über die bunten Stuckplatten trippeln, ihre fürstliche Gestalt in einem schwarzen Sammetkostüm mit Husarenschnüren verziert, da bete ich sie an. Ich gehe ihr entgegen und grüße sie mit gebogenem Knie wie ein Page. Und ihre von meinen Küssen aufgeblühte Schönheit ist überwältigend geworden. Die Haut ihrer Wangen läßt das Blut durchscheinen, das durch die Adern strömt. Diese Statur, die beinahe einer Jungfer gleicht, hat Lebensfeuer in meinen Umarmungen gewonnen, Pygmalion hat auf den Marmor gehaucht und besitzt nun eine Göttin. Wir setzen uns vor einer Psyche nieder, die im dreißigjährigen Kriege erobert wurde. Ich küsse ihr die Wangen, die Lippen, die Augen, und sie nimmt es hin mit einem glückstrunkenen Lächeln. Ich spiele den Improvisator, den Verführer und führe alle Sophismen des Redners, alle Künste des Dichters ins Gefecht. – Verlassen Sie, sage ich, dieses ehebrecherische Haus, fliehen Sie dieses befleckte Zimmer, dieses Zusammenleben zu Dreien, bei dem ich Sie verachte. (Ich will sie nicht duzen, um sie nicht herabzusetzen). Kehren Sie zu Ihrer Mutter zurück, weihen Sie sich Ihrer heiligen Kunst, in einem Jahre können Sie auftreten, und dann sind Sie frei und können sich selbst Ihr Leben gestalten. Sie schürt das Feuer und macht mich heiß, und ich werde glühend und bringe eine Flut unglaublicher Worte hervor, die darauf hinauslaufen, ihr das Versprechen zu entlocken, ihrem Gatten alles zu gestehen. Die Folgen sollen wir auf uns nehmen! – Aber wenn es schlecht ausgehen sollte! wirft sie ein. – Möge es auch die Hölle mit sich bringen, aber ohne Achtung vor mir selbst und vor Ihnen könnte ich Sie nicht mehr lieben. Sie sind feige, Sie wollen den Lohn genießen, scheuen aber vor dem Opfer zurück! Seien Sie so erhaben wie Ihre Schönheit, wagen Sie den Todessprung auf die Gefahr hin, dabei umzukommen. Möge alles verloren sein, nur die Ehre nicht! In wenig Tagen werde ich Sie, wenn das so weiter geht, verführt haben, dessen können Sie sicher sein, denn ich liebe Sie wie ein Blitzstrahl, der Sie zerschmettern wird, ich liebe Sie, wie die Sonne den Thau liebt, und ich werde Sie trinken! Also, geschwind aufs Schafott! Opfern Sie Ihren Kopf, aber behalten Sie reine Hände. Sie denken vielleicht, ich würde mich soweit herabwürdigen, als Mitspieler einzutreten! Niemals, alles oder nichts! Sie spielt ein Schattenspiel von Widerstand, wobei sie ein Körnchen Pulver auf die Kohlen wirft. Sie beklagt sich über die Angriffe ihres Gatten und hebt die Decken von dem Bett; schon der Gedanke daran macht mich wütend. Er, der Idiot, der arm ist wie ich und ohne Zukunft, unterhält zwei Maitressen, und ich, der Mann von Talent, der zukünftige Edelmann, ich seufze und winde mich unter der Feuersglut meines Blutes! Plötzlich ändert sie ihren Sinn und sucht mich zu beruhigen, indem sie mich an die Gelübde erinnert, Bruder und Schwester zu bleiben. – Zum Teufel mit Bruder und Schwester, alberne, kindische Späße! Mann und Frau, Geliebter und Maitresse! Ich bete Sie an, Ihren Körper und Geist, die blonden Haare und die aufrichtige Seele, die kleinsten Schuhe in Schweden und Ihre Offenheit, Ihre Augen, die selbst im Fond eines Wagens schimmern, das bezaubernde Lächeln, den weißen Strumpf und das rote Strumpfband ... – Aber, mein Herr! ... – Ja, verehrte Fürstin, ich habe alles gesehen. Ich werde Ihnen in den Hals beißen, ich drohe Ihnen, Sie mit meinen Küssen zu ersticken, Sie in meinen Armen zu zerdrücken! Ach, ich bin stark wie Gott und werde Sie ganz einatmen! Sie glauben, daß ich schwächlich bin. Nein, ich bin der eingebildete Kranke oder vielmehr der Heuchler. Hüten Sie sich vor dem kranken Löwen, gehen Sie nicht in seine Höhle, er wird Sie zu Tode liebkosen. Herunter mit der abscheulichen Maske! Ich begehre Sie, wie ich Sie vom ersten Augenblick an begehrt habe, und die Geschichte mit Selma, der Finnländerin, ist ein Märchen! Was mache ich mir aus der Freundschaft dieses lieben Barons! Ich, der Bürgerliche, der Provinziale, der Enterbte! Er verabscheut mich, und ich verwünsche ihn! Sie schien von dieser Flut von Geständnissen nicht überrascht zu sein, die ihr nichts Neues boten; wir hatten schon alles gewußt, ohne es uns zu gestehen. Wir trennen uns mit dem festen Entschluß, daß wir nicht früher zusammenkommen wollen, bis sie ihm Alles gestanden. * Ich verbringe in Hangen und Bangen in meinem Zimmer den ganzen Nachmittag und erwarte Depeschen vom Kriegsschauplatz. Um mich zu zerstreuen, schütte ich einen Sack mit Papieren und alten Scharteken auf den Fußboden und vergrabe mich in diesem Haufen, um ihn zu durchsuchen und zu ordnen. Aber meine Gedanken sind nicht bei der Sache, und ich lege mich auf den Haufen, die Hand unter dem Genick, versinke in Träumereien und betrachte die Kronleuchter. Ich schmachte nach ihren Küssen und entwerfe Pläne zu ihrer bevorstehenden Verführung. Sie ist empfänglich und kommt mir halb entgegen, und so will ich's wagen; mißlingt's, dann ist das Zurück schwer. Ich zünde eine Cigarre an und bilde mir ein, auf dem Rasen ausgestreckt zu liegen; es macht mir Vergnügen, mein altes Zimmerchen von unten zu betrachten. Alles erscheint mir neu. Das Sopha, der Zeuge so vieler Liebesstürme, fachte meine Begierde an, die aber sofort abgekühlt wird durch die Furcht, das alles fehlschlagen könnte wegen meiner dummen Ehrenhaftigkeit. Indem ich versuchte, diesen Begriff, der meinem leidenschaftlichen Anstürmen im Wege steht, nach allen Seiten hin festzustellen, entdecke ich darin viel Feigheit, Furcht vor den Folgen, ein wenig Mitgefühl für den Menschen, der Gefahr läuft, ein fremdes Kind aufzuziehen, ein Körnchen Widerwillen gegen die unsaubere Gemeinschaft, ein Stückchen wirklicher Achtung vor dem Weibe, das ich nicht erniedrigt sehen wollte, ein Krümchen Mitleid für ihr Kind, ein Tropfen Erbarmen mit der Mutter der Angebeteten im Falle eines Skandals und im innersten Grunde meines elenden Herzens eine unbestimmte Ahnung von der Schwierigkeit, sich einer Geliebten zu entledigen, die man sich einmal angehängt hat. Nein, sage ich, alles oder nichts! Ich muß sie allein besitzen oder fürs ganze Leben! Mitten in diesem Grübeln höre ich leise, vorsichtig an die Thür klopfen, ein kleines Köpfchen leuchtet in das Dachstübchen hinein, und ein schelmisches Lächeln treibt mich von meinen Schmökern empor und zieht mich in die sammetweichen Arme des geliebten Weibes. Nach einer Flut von Küssen auf ihre von der Kälte frischen Lippen fragte ich: – Nun, was hat er gesagt? – Nichts; denn ich habe ihm nichts gesagt. – Nun, dann sind Sie verloren! Fort! Dann ziehe ich ihr den Husarenmantel aus, wobei ich einen Vorgeschmack des späteren Entkleidens bekomme, nehme ihr das Perlenhütchen ab und führe sie zum Sopha; dann erklärt sie mir: – Mir fehlte der Mut! Ich wollte Sie noch einmal sehen, bevor alles zusammenbricht. Gott weiß, ob das nicht mit einer Trennung endigt ... Ich schließe ihr den Mund, rücke ein Tischchen vor ihren Platz und nehme aus einem Schrank eine Flasche Wein und Gläser. Daneben stelle ich einen Topf mit blühenden Rosen und zwei Lichter; als Schemel gebe ich ihr einen Hans Sachs, einen alten unschätzbaren Druck in einem gepreßten Lederband, worauf sich Luthers Bild befindet, mit vergoldeten Schließen; ich hatte ihn der königlichen Sammlung entnommen. Ich gieße Wein ein, pflücke eine Rose ab und stecke sie in ihr üppiges blondes Haar. Und nach einem Glase auf ihre Gesundheit und auf unser Liebesglück falle ich auf die Knie und bete sie an. – Wie schön Sie sind! Sie aber ist entzückt, mich zum ersten Male als Liebenden, als Anbeter zu sehen, sie nimmt meinen Kopf und küßt ihn und wühlt mit ihren Fingern in meinem struppigen Haar. Ihre Schönheit stößt mir Ehrfurcht ein, sie erscheint mir wie ein Heiligenbild, so sehr liebe ich sie. Sie ist bezaubert, mich ohne die eiserne Maske zu sehen, berauscht von meinen Herzensergüssen, und sie liebt mich toll, rasend, da sie sieht, daß ich einer innigen, achtungsvollen und zugleich stürmischen Liebe fähig bin. Ich küsse ihr die Stiefelchen, die mir die Lippen beschmutzen, ich küsse ihre Knie, ohne auch nur den Rand ihres Rockes zu berühren; ich liebe sie, so wie sie ist, angekleidet, keusch, wie einen Engel, der ganz bekleidet in die Welt gekommen ist und seine Flügel unter seinem Gewande versteckt. Schließlich kamen mir die Thränen in die Augen, ohne daß ich mir darüber Rechenschaft geben konnte. – Sie weinen? sagte sie. Was haben Sie? – Ich kann es nicht sagen, ich bin so glücklich! – Sie können also weinen! Sie, der Mann von Eisen! – Oh, ich kenne die Kunst des Weinens gar wohl! Als erfahrene Frau glaubt sie meinen geheimen Schmerz zu verstehen; nach einer Weile steht sie auf und heuchelt Interesse für meine auf dem Fußboden ausgestreuten Scharteken, und mit Spitzbubenmiene sagt sie: – Sie haben ja da, als ich eintrat, wie im Grase ausgestreckt gelegen: das ist nett, mitten im Winter Heu zu machen! Dabei setzt sie sich auf den Haufen, ich sitze neben ihr. Und unter der Flut von Küssen steigt der Abgott allmählig herunter, zum Fallen bereit. Ich drücke sie nach und nach nieder, betäube sie durch meine Küsse, um ihr nicht Zeit zu lassen, das berückende Feuer meiner Augen und meiner Lippen abzuschütteln. Ich ziehe sie an mich, und wir liegen im Grase, wie zwei Liebende, wir besitzen uns wie Engel, ganz bekleidet, ohne die letzte Brutalität zu begehen. Wir erheben uns befriedigt, gesättigt, ohne Gewissensbisse, wie Engel, die nicht gefallen sind. Oh, die Liebe ist erfinderisch! Man sündigt, ohne wirkliche Sünde, man giebt sich hin, ohne sich hingeworfen zu haben. Oh, diese zarte, köstliche Liebe des erfahrenen Weibes. Sie ist barmherzig gegen den jungen Schüler und glücklicher im Geben als im Empfangen. Plötzlich rafft sie sich auf, kehrt zur Wirklichkeit zurück und macht sich zum Aufbruch bereit. – Für morgen, also! – Für morgen! * Sie hat ihm alles gesagt, und sie wird verurteilt, denn er hat geweint. Er hat heiße Thränen geweint! Ist er naiv oder abgefeimt? Beides! Die Liebe verursacht manche Sinnestäuschung, und die Meinung, die man über sich hat, ist trügerisch. Doch er zürnt uns nicht, er empfiehlt die Fortsetzung unseres intimen Verkehrs, nur sollen wir keusch bleiben. Er ist edler als wir, schreibt sie mir, er ist edelmütiger, und er liebt uns beide! Welcher Weichling! Er duldet in seinem Hause die Gegenwart eines Mannes, der seine Fran geküßt hat, und er hält uns für so geschlechtslos, daß er uns die Fortsetzung unserer Beziehungen, als Geschwister, gestattet. Damit beleidigt er den Mann in mir – und ich antworte ihm durch einen endgültigen, ewigen Abschied. * Ich bleibe heute Vormittag in meinem Zimmer; ich habe die grausamste Täuschung erfahren. Ich habe vom Apfel gekostet, und man will ihn mir entreißen. Sie, die Herrliche, sie empfindet Reue; sie hat Gewissensbisse, sie überhäuft mich mit Vorwürfen, sie die Verführerin! Ein teuflischer Gedanke kommt mir. Hat das Weib mich vielleicht zu keusch gefunden? Hat der Ärger über meine Zaghaftigkeit sie veranlaßt, sich zurückzuziehen? Sie hat ja keine Sorge um das Verbrechen gehabt, vor dem ich scheute, ihre Liebe ist also größer als die meine. Doch komme nur noch einmal zurück, meine Holde, dann wirst du sehen! Um zehn Uhr vormittags ruft mich ein Billet des Barons zu seiner Frau, welche schwer krank sei. Meine Antwort: nein. Laß mich in Frieden ziehen. Ich will nicht mehr der Friedensstörer in eurer Ehe sein! Vergiß mich, wie ich euch vergessen habe. Gegen Mittag kommt ein zweites Billet vom Baron. »Wir wollen unsere alten Beziehungen wieder aufnehmen. Meine Achtung gehört dir, denn ich bin überzeugt, daß du wie ein Ehrenmann gehandelt hast. Aber kein Wort mehr über das Vorgefallene. Kehre als Bruder in meine Arme zurück, und alles sei wie früher.« Die rührende Einfachheit, das vollkommene Vertrauen dieses Mannes macht mir das Herz schwer; und ich schreibe ihm einen Brief voller Bedenken und bitte ihn, nicht mit dem Feuer zu spielen und mir freien Abzug zu gewähren. Um drei Uhr Nachmittag ein letztes Bittet. Die Baronin liege im Sterben, der Arzt habe sie soeben verlassen, und sie verlange mich zu sehen. Der Baron fleht mich an zu kommen. Und ich gehe. Schwächling, der ich bin! Bei meinem Eintritt riecht alles nach Chloroform, die Lampe im Salon ist heruntergeschraubt. Der Baron umarmt mich mit Thränen in den Augen. – Was fehlt ihr, frage ich kühl wie ein Arzt. – Ich weiß nicht, aber sie ist dem Tode nahe gewesen. – Und was hat der Arzt gesagt? – Nichts! Er ging fort, schüttelte den Kopf und sagte: der Fall liegt außerhalb meiner Praxis. – Er hat nichts verordnet? – Nichts! Er führt mich in das Eßzimmer, das in eine Krankenstube verwandelt ist. Da liegt sie auf dem Sopha, starr, kraftlos, mit aufgelösten Haaren, die Augen glühen wie Kohlen. Sie hält mir die Hand hin, die der Gatte in die meinige legt. Darauf zieht er sich in den Salon zurück und läßt uns allein. Mein Herz ist eisig, ungläubig, wachsam bei diesem ungewöhnten Schauspiel. – Wissen Sie, daß ich dem Tode nahe war, beginnt sie. – Ja! – Das schmerzt Sie nicht? – Gewiß! – Und Sie haben keinen Funken Mitleid, kein Wort des Schmerzes? – Ihr Gatte ist da! – Ja wohl! Hat er uns nicht gestattet ... – Was fehlt Ihnen, Frau Baronin? – Ich bin sehr krank! Ich bin dazu verurteilt, einen Frauenarzt aufzusuchen! – Ach! – Wie erschreckt mich das! Es ist abscheulich! – Und was habe ich gelitten! Legen Sie mir die Hand auf die Stirn! Ach, wie das wohl thut! Lächeln Sie mir doch ein wenig zu! Ihr Lächeln belebt mich! – Der Baron ... – Und Sie wollen fortgehen, mich verlassen ... – Gnädige Frau, worin kann ich Ihnen dienlich sein? Sie bricht in Thränen aus. – Aber wollen Sie denn, daß ich den Liebhaber spiele hier in Ihrem Hause, Thür an Thür mit Ihrem Gatten und Ihrem Kinde! – Sie sind ein Ungeheuer, ein herzloser, ein ... – Leben Sie wohl, gnädige Frau! Ich entschlüpfe. Der Baron begleitet mich durch den Salon, aber nicht so schnell, daß ich nicht einen Frauenrock bemerke, der hinter der Portiere des einen Zimmers verschwindet, und der mir den Verdacht erweckt, daß hier eine Komödie gespielt werde. Der Baron schließt die Thüre hinter mir so laut, daß man es auf allen Treppen hört, so daß es scheint, als wäre ich hinausgeworfen worden. Sicherlich, ich war Zeuge eines traurigen Dramas, eines Doppelspiels gewesen. Welche geheimnisvolle Krankheit! Hysterie! In deutscher Übersetzung: Mutterwut; freier Übersetzung: die Brunst des Weibchens, die Jahre lang unterdrückt und unter der Schamhaftigkeit verhüllt war, und die sich nun jeden Augenblick durch einen Ehebruch Luft machen kann. Diese Frau, die in einem halben Cölibat lebte, die stets auf der Hut war vor einer Empfängnis, weil sie fürchtete, Kinder zu bekommen, stets in Aufregung durch unbefriedigte Liebesscenen, wird durch ihre ungestillten Begierden zu einem Liebhaber, zum Ehebruch getrieben. In dem Augenblicke aber, wo der Liebhaber ihr gehört, zieht er sich zurück und läßt die Geliebte unbefriedigt! Welch ein Elend solche Ehe, wie kläglich so ein Liebesleben! Als ich mit meiner Analyse zu Ende gekommen war, hatte ich mir folgende feste Meinung gebildet: Das Eheleben hatte weder den Mann, noch die Frau befriedigt, und so wurden beide auf Abwege gedrängt: die ungestillte Begierde hatte jeden der beiden Gatten zu einem andern Wesen getrieben, das ihnen mehr Genuß versprach. – Durch mich enttäuscht, hatte sich die Baronin wieder ihrem Manne zugewendet, und jetzt, da seine Frau durch einen Liebhaber entflammt war, wurde es dem Gatten leichter, ihr die gewünschte Befriedigung zu gewähren. So sind sie also wieder versöhnt, und alles ist zu Ende! Der Teufel geht ab, und der Vorhang fällt. * Nein, so wars doch nicht! Sie kommt zu mir, und ich entlocke ihr ein vollständiges Bekenntnis. Im ersten Jahr der Ehe hat sie niemals die Liebesfreuden, den Rausch des Eheglückes verstanden. Nach der Entbindung ist der Mann kälter geworden, und aus Furcht vor der Schwangerschaft hatten sie Vorbeugungsmittel angewendet. – Und Sie haben niemals das Glück genossen mit diesem Mann, der die Figur eines Riesen hat? – Fast niemals! Das heißt ... manchmal. – Und jetzt? Sie errötet. – Jetzt hat der Arzt ihm geraten, sich keinen Zwang aufzulegen ... Sie sinkt aufs Sopha zurück und bedeckt ihre Augen mit den Händen. Durch diese intimen Geständnisse erregt, wage ich einen sanften Angriff, Sie läßt es mit stockendem Atem geschehen, aber im entscheidenden Augenblick bekommt sie Gewissensbisse und stößt mich zurück. Sonderbares Rätsel, das anfängt mich zu ärgern. Was will sie von mir? Alles, sie verlangt die höchste Gunst, aber sie hat Angst vor dem wirklichen Verbrechen, dem illegitimen Kinde. Ich ziehe sie an mich und küsse sie, um sie toll zu machen; sie steht auf, jedoch weniger enttäuscht als das letzte Mal. Was soll ich nun thun? Ihr alles bis ins Einzelne erklären? Aber, wir sind ja über die Theorien schon hinaus! Ihr die Details mitteilen? Wozu? Es giebt ja keine Details! * Sie setzt ihre Besuche fort. Sie legt sich aufs Sopha, indem sie eine krankhafte Mattigkeit vorschützt. Jetzt aber schäme ich mich, den Zaghaften zu spielen, ich bin wütend, beschämt dazustehen, fürchte sogar, das ganze Spiel zu verlieren; ich thue ihr Gewalt an, wenn man hier von Gewalt reden kann; und ich erhebe mich als Sieger, glücklich, zufrieden mit mir; ich habe das Gefühl, daß ich dem Weibe eine Schuld abzahlte. Sie aber setzt sich wieder zurecht, macht eine klägliche Miene und seufzt: – Was ist jetzt aus der stolzen Baronin geworden? Sie hat Furcht vor den Folgen. Aus ihrem trüben Gesicht spricht eine bittere Enttäuschung, die sich stets kundgiebt, wenn man zum ersten Male der Liebe opfert und schnell, ohne die rechte Ruhe, das Glück erhaschen will. – Weiter nichts? – Sie geht langsam fort, ich sehe ihr aus dem Fenster nach und seufze selbst: – Weiter nichts? Der Sohn des Volkes hat die weiße Haut erobert; der Bürgerliche gewann die Liebe einer Frau von vornehmer Rasse, der Schweinehirt mischt sein Blut mit dem der Prinzessin, Aber um welchen Preis! Es erhebt sich ein Gewitter, Klatschgeschichten gehen um, und der Ruf der Baronin ist vernichtet. Die Mutter schickt zu mir und bittet um meinen Besuch. Ich gehe zu ihr. – Ist es wahr, daß Sie meine Tochter lieben? – Daß ist wahr, gnädige Frau. – Und Sie schämen sich dessen nicht? – Es ist mir eine Ehre. – Sie hat mir gestanden, daß sie Sie heftig liebe. – Ich wußte das, gnädige Frau. Ich beklage Sie, ich bedaure unendlich die daraus sich ergebenden Folgen, aber ich kann daran nichts ändern. Wir lieben uns, das ist eine beklagenswerte Thatsache; aber darin liegt keine strafbare Handlung. Sobald wir die Gefahr entdeckten, haben wir dem Baron Mitteilung gemacht. Daher ist die Sache korrekt und in der Ordnung. – Ich kann Ihnen wegen Ihrer Handlungsweise keinen Vorwurf machen; aber Sie müssen die Ehre meiner Tochter und ihres Kindes, die Ehre der Familie retten! Sie wollen uns doch nicht unglücklich machen, nicht wahr? Die arme Alte bricht in Thränen aus. Sie hatte auf diese einzige Karte gesetzt, auf ihre Tochter, die den Namen der Familie adeln sollte. Das erregt mein Mitleid, und vor ihrem Schmerz weiche ich zurück. – Befehlen Sie, gnädige Frau, ich will gehorchen. – Gehen Sie weit fort von hier, reisen Sie ab. – Gut, gnädige Frau, ich verspreche es Ihnen, aber unter einer Bedingung. – Die wäre? – Schicken Sie Fräulein Mathilde nach Hause! – Das ist ja eine Anklage! – Eine Denunziation! Ich glaube zu wissen, daß ihr Aufenthalt bei dem Baron dem ehelichen Glück nicht förderlich ist. – Ich bin damit einverstanden. O, diese Hexe; sie wird ihr Teil bekommen. Und Sie reisen ab, morgen! – Heute Abend! Da erscheint Maria auf der Scene, ohne irgend welche Vorsicht zu gebrauchen. – Sie bleiben hier, befiehlt sie. Mathilde muß fort. – Warum, sagt die Mutter erstaunt. Weil die Scheidung beschlossen ist. Gustav behandelt mich bei Mathildens Schwager als eine Verlorene, und dabei haben sie falsches Spiel gespielt. Welch aufregende Scene! Giebt es eine chirurgische Operation, die sich mit einem Riß der Familienbande vergleichen läßt? Da kommen alle Leidenschaften, alle Unsauberkeiten der innersten Seele zum Vorschein! Die Baronin nimmt mich bei Seite und teilt mir den Inhalt eines Briefes mit, den der Baron an Fräulein Mathilde geschrieben hat, worin er uns mit Schmähungen überhäuft und ihr ewige Liebe schwört; dieser Brief beweist, daß er uns vom ersten Augenblick an getäuscht hat. Der Felsstein ist im Rollen und begräbt die Unschuldigen und die Schuldigen. * Das ist ein Gehen und Kommen, dessen Ende nicht abzusehen ist. Neues Unglück bricht herein. Die Bank giebt in diesem Jahre keine Dividende, und der Ruin kündigt sich an. Das Elend droht, und Dank diesem Umstande wird die Scheidung beschlossen, da der Baron nicht in der Lage ist, die Familie zu erhalten. Um den Schein zu wahren, horcht der Baron seinen Oberst aus, ob er beim Regiment bleiben könnte, wenn seine Frau Schauspielerin würde. Darauf giebt ihm der Chef zu verstehen, daß das nicht möglich wäre. Das ist eine schöne Gelegenheit, die aristokratischen Vorurteile als Sündenbock zu benutzen. Inzwischen geht die Baronin wegen eines Geschwürs im Unterleib zum Arzt, sie bleibt in der ehelichen Wohnung, hält sich aber vom Baron fern; sie ist immer in Begleitung, fieberhaft erregt, düster, und es ist nicht leicht, sie zu ermutigen, obwohl ich alle Kräfte aufbiete, um ihr von meiner jugendlichen Zuversicht etwas mitzuteilen. Ich schildere ihre Zukunft als Künstlerin, das freie Leben, im eigenen Stübchen, wie das meine, wo ihr Körper und ihre Gedanken ihr gehören. Sie hört mir zu, ohne zu antworten; und es scheint, daß die Flut meiner Worte sie elektrisiert wie ein galvanischer Strom, aber nicht in ihr Denken eindringt. Der Plan der Scheidung ist folgendermaßen festgestellt. Nach allen Maßnahmen, die das Gesetz verlangt, wird sie nach Kopenhagen reisen, wo ihr Onkel wohnt. Dort wird ihr die Erklärung über ihr vermeintliches Entwischen von dem schwedischen Konsul übergeben, vor dem sie ihre Absicht kundgiebt, die Ehe zu lösen; dann kehrt sie nach Stockholm zurück und kann frei über ihre Zukunft entscheiden. Die Mitgift verbleibt dem Gatten wie auch die Einrichtung, außer einigen Gegenständen, die sie behalten will; der Baron behält das Kind, bis er den Entschluß faßt, sich wieder zu verheiraten, und die Baronin hat das Recht, ihr Kind alle Tage zu sehen. Nun kommt es aber bei Gelegenheit der finanziellen Verhandlungen zu einem großen Krach. Die Verfügung über das Erbteil der Baronin war von ihrem verstorbenen Vater ihr selbst überlassen, um die Trümmer eines vergeudeten Vermögens zu retten. Durch Intriguen aber hatte die Mutter sich das Erbrecht zusprechen lassen, indem sie dem Schwiegersohn so und so viel zahlte. Jetzt, wo es nun zu gerichtlichen Auseinandersetzungen kommt, verlangt der Baron, daß das Testament in Kraft treten solle. Die alte Schwiegermutter, der nur eine mäßige Lebensrente bleibt, wird wütend, und in einem Wutanfall denunziert sie ihren Schwiegersohn bei ihrem Bruder, dem Vater der schönen Mathilde. Das Gewitter bricht los, der Oberstlieutenant kommt an und droht dem Baron, seine Verabschiedung herbeizuführen, und ein Prozeß ist in Aussicht. Jetzt sind alle Bemühungen der Baronin darauf gerichtet, dem Vater ihres Kindes zu Hülfe zu kommen. Um ihn zu entlasten, überträgt man mir die undankbare Rolle des Sündenbocks. Ich sollte an den Onkel schreiben, sollte die Schuld für alles Unheil auf mich nehmen, sollte die Unschuld des Barons und der Kousine beschwören, sollte den wütenden Vater wegen aller Verbrechen, die ich allein, der reuevolle Verführer, begangen, um Verzeihung bitten. Alles im großen Stil ausgedacht, und die Baronin liebt mich, wie ein Weib den Mann liebt, der seine Ehre, seine Selbstachtung, seinen Ruf vor den angebeteten Füßen einer Geliebten zum Opfer bringt. Da war ich nun trotz meiner Absicht, mich von allen Familienstreitigkeiten, die mich beschmutzen, fern zu halten, in häßliche Unternehmungen verwickelt. Die Schwiegermutter macht mir unzählige Besuche, erinnert mich an meine Liebe zu ihrer Tochter, reizt mich gegen den Baron auf, aber vergeblich, weil ich meine Weisungen nur noch von der Baronin empfange. Im Übrigen stehe ich an der Seite des Vaters, der das Kind übernimmt; ihm allein soll das Erbe zufallen. Was für ein April! Welch ein Liebesfrühling! Eine kranke Geliebte, unerträgliche Beratungen, in denen zwei Familien ihre schmutzige Wäsche waschen, die ich nicht zu sehen verlangt hatte, Thränen, Grobheiten; es war ein Aufruhr, bei welchem aller unter dem Firnis der Erziehung verborgener Schmutz voll zum Vorschein kam. Das hatte ich davon, daß ich in ein Wespennest gegriffen hatte. Und darunter leidet die Liebe. Wenn man die Geliebte immer und ewig vom Streiten abgehetzt, mit von Zank geröteten Wangen, den Mund voll juristischer Ausdrücke antrifft, so ist das keines von den wirksamen Mitteln zur Beförderung der Liebe. Immer wieder theile ich ihr meine tröstenden Gedanken, meine manchmal erkünstelten Hoffnungen mit, da bei mir selbst die Kraft der Nerven zu Ende ist, und sie empfängt, saugt mir das Mark aus, brennt mir das Herz aus. Sie hat aus mir einen Schmutzeimer gemacht, in den sie all ihren Kehricht, alle ihren Kummer, ihren Verdruß, ihre Sorgen hineinwirft. Und in dieser Qual verbringe ich mein Leben, schleppe ich mein Elend, meine Sorge um die mühselige Existenz dahin. Besucht sie mich abends, so schmollt sie, wenn ich bei meiner Arbeit sitze, und ich muß zwei Stunden mit Thränen und Küssen vergeuden, um sie von meiner Liebe zu überzeugen. Die Liebe zu ihr geht in beständige Anbetung, in knechtischen Gehorsam, in fortwährende Opfer über. Das Gefühl einer schrecklichen Verantwortlichkeit drückt mich nieder, wenn ich an den Augenblick denke, wo das Unglück, das heißt die Geburt eines Kindes, mir eine Gattin zuführen wird. Sie hat sich nur dreitausend Francs für ein ganzes Jahr vorbehalten; das Geld ist zur Vorbereitung fürs Theater bestimmt. Ich fürchte für ihre Theaterlaufbahn. Ihre Stimme verrät noch sehr den finnischen Accent, und in ihrer Erscheinung ist manches, was nicht für die Bühne paßt. Um sie zu zerstreuen, lasse ich sie Verse sprechen und trete als ihr Lehrmeister auf. Aber sie ist allzusehr von ihrem Kummer in Anspruch genommen, und die geringen Fortschritte, die sie bemerkt, machen sie vollkommen trostlos. Ach, ist das eine traurige Liebe! Ihre unaufhörliche Furcht, Kinder zu bekommen, und meine Unerfahrenheit in den Geheimnissen der Täuschung vereinigen sich zu einem langen Leiden infolge dieser Liebe, welche die Quelle sein sollte, aus der ich die Jugend und die Kraft schöpfen sollte, die in so drückender Lebenslage unerläßlich ist. Eine eben aufsteigende Heiterkeit verschwindet wieder durch das Wiederaufleben ihrer Furcht, und wir trennen uns unzufrieden, in der Hoffnung auf jene höhere Freude getäuscht, die ausbleibt. Es giebt Augenblicke, wo ich nach Freudenmädchen verlange; aber mein monogamisches Naturell verabscheut den Wechsel, und im Grunde genommen, so unvollkommen auch unser Liebesleben ist, es schafft uns Seelenfreuden, die vielleicht dauernder sind, und der ungeminderte, nie gelöschte Durst verbürgt die Dauer unserer Liebe. * Am 1. Mai sind alle Schriftstücke unterzeichnet, die Abreise ist auf den dritten festgesetzt. Sie kommt zu mir und setzt sich auf meinen Schoß. – Hier bin ich, ruft sie, nimm mich hin. Da wir niemals von einer Heirat gesprochen hatten, so verstand ich nicht recht, was sie meinte. Es erscheint mir jedoch für ihre Lage passender, wenn sie die alte Wohnung verläßt. Und so sitzen wir nachdenklich und traurig in meinem Kämmerchen. Jetzt, wo ich weiß, daß Alles erlaubt ist, wird die Versuchung schwächer. Sie beschuldigt mich der Kälte, und ich beweise ihr das Gegenteil. Jetzt aber beklagt sie sich wieder über meine Sinnlichkeit. Anbetung, Weihrauch, Gebet braucht sie. Jetzt folgt ein heftiger Ausbruch, und in einem Anfall von Hysterie erklärt sie, daß ich sie nicht mehr liebe! Jetzt schon! Stundenlanges Geplauder und Schmeichelei bringt sie endlich zur Vernunft; aber sie setzt sich erst wieder an den Tisch, nachdem sie mich zur Verzweiflung gebracht hat. Jetzt liebt sie mich. Je mehr sie mich niedergedrückt, auf die Knien, klein und winzig sieht, desto mehr betet sie mich an. Sie will mich nicht männlich und stark, ich mache mich also elend und unglücklich, um ihre Liebe zu gewinnen. Sie erholt sich, spielt das Mütterchen und tröstet mich. Wir essen bei mir Abendbrod; sie legt das Tischtuch auf und bereitet das Essen. Dann will ich von meinem Recht als Liebhaber Gebrauch machen, das Sopha wird in ein Bett verwandelt, und ich entkleide sie. Da lebt die Liebe wieder auf. Eine Jungfrau, ein junges Mädchen ist mein! Wie fein und zart werden da die Brutalitäten einem Weibe gegenüber, das man liebt. In diese Seelenverbindung mischt sich nichts Tierisches, und man kann nicht sagen, wo es aufhört, und wo es anfängt. Durch die Beobachtungen, die sie jetzt erst macht, beruhigt, giebt sie sich ganz hin, die höchste Befriedigung erfüllt sie, sie ist glücklich und dankbar, ihre Schönheit leuchtet, ihre Augen glänzen von Seligkeit. Und mein armes Dachstübchen wird zum Tempel, zum glänzenden Palast, ich zünde den zerbrochenen Leuchter, die Arbeitslampe, die Lichter an, um die Glückseligkeit und die Lebensfreude zu beleuchten, die einzige, die uns das gemeine Leben erst lebenswert macht. Und diese berauschenden Augenblicke befriedigter Liebe sind es, die uns durch den dornenvollen Weg der Schmerzen geleiten, es sind die Erinnerungen an jene Freuden, die der Neid uns zu verkümmern sucht; desto stärker aber und dauernder wird die reine Liebe. – Sprich nicht von den Leiden der Liebe, sage ich zu ihr. Verehre die sich offenbarende Natur, achte den Gott, der uns zwingt, wider Willen glücklich zu sein. Sie sagt Nichts, denn sie ist glücklich. Die Aufregung besänftigt, das Gesicht belebt und füllt sich mit warm pulsierendem Blut bei den ungestümen Umarmungen: die von Lust feuchten Augen spiegeln die Flamme des Lichtes wieder, die Farben der Netzhaut treten stärker hervor, wie bei den Vögeln zur Zeit der Brunst. Sie sieht wie ein Mädchen von sechzehn Jahren aus, so zart und rein sind ihre Formen. Ihr kleines, in den Kissen vergrabenes Köpfchen, auf dem die aufgelösten Haare wirr durcheinander hängen, wie gemähtes Getreide, scheint einem Kinde anzugehören. Der kleine Körper, mehr schmächtig als mager, liegt da, halb von dem Battisthemd, der Nachahmung des griechischen Chiton verhüllt, das unterhalb der engen Hüftgegend in unzähligen Falten die Schenkel bedeckt und grade das verhüllt, was verhüllt sein soll, aber die Knie frei läßt, wo so viel hübsche Muskel, Bänder, Sehnen sich vereinen und ein Gewirr von Linien hervorbringen, wie bei der Perlmuschel; und die Spitzen, die den Busen bedecken wie ein Gitter, durch welches man verstohlen nach den zwei Zicklein mit den rosigen Mäulchen und den wie aus Elfenbein gemeißelten Schultern blickt. So liegt sie da, mein Abgott; sie bemerkt, wie ich sie anbete, sie dehnt sich, reibt sich die Augen, wirft mir verstohlene Liebesblicke zu, halb schämig, halb herausfordernd. Wie keusch ist sie doch in ihrer Nacktheit, das angebetete Weib, das sich selbstvergessen dem Geliebten hingiebt! Und der durch seinen Geist dem Weibe überlegene Mann ist nur dann glücklich, wenn er sich einem Wesen eint, das ihm gleich steht. Meine früheren Liebeleien, mein Umgang mit gemeinen Dirnen erscheint mir wie ein bestialisches Verbrechen, wie ein Rückfall, wie ein Verfall der Rasse. Ist das Entartung, die weiße Haut, der formvollendete Fuß mit seinen rosigen Nägeln, gleichmäßig wie die Tasten eines Klaviers, die zarte Hand? Seht doch das wilde ungezähmte Tier an, die glänzenden Haare, die feinen Pfoten, die wenigen Muskeln und die vielen Nerven! Die Schönheit des Weibes ist das Zeichen von Eigenschaften, die würdig sind, fortgepflanzt zu werden in Harmonie mit dem Manne, der sie zu würdigen versteht. Der Mann hat diese Frau nicht zu schätzen gewußt, seitdem gehörte sie nicht mehr ihm, da sie aufgehört hatte, ihm zu gefallen. Ihre Schönheit war für ihn nicht mehr vorhanden, und es war meine Aufgabe, diese Blume, die nur für die Auserwählten sichtbar war, zum Blühen zu bringen. Welch reiner Genuß ist doch der Besitz der Angebeteten! Es ist gleichsam die Erfüllung einer Pflicht, und das sollte ein Verbrechen sein! Ein süßes Verbrechen, ein holder Diebstahl, eine göttliche Schandthat! Es schlägt zwölf Uhr nachts. Der Wachtposten in der Kaserne ruft zum Aufstehen; ich muß die Geliebte nach Hause geleiten. Während des langen Weges spreche ich von neuen Hoffnungen, thörichten Plänen, die bei unseren heißen Umarmungen aufgeschossen waren: sie drängt sich an mich, als wenn sie durch die Berührung Kraft gewinnen wollte; und ich erstatte ihr zurück, was sie mir giebt. Vor dem Gitter angekommen, bemerkt sie, daß sie den Schlüssel vergessen hat. Welches Mißgeschick! Um ihr aber meinen Mut zu zeigen, will ich in die Höhle des Löwen eindringen, ich klettere über die hohe Gitterthür, springe mit einem Satz über den Hof, klopfe an die Hausthür, auf ein stürmisches Zusammentreffen mit dem Baron gefaßt. Mein furchtsamer Geist freut sich eines Streites mit dem Baron vor den Augen der Angebeteten, so wird der erhörte Geliebte zum Helden! Zum Glück kommt ein Dienstmädchen herunter und öffnet uns; und wir verabschieden uns förmlich und ruhig unter den verächtlichen Blicken des Mädchens, die auf unsern »Guten Abend« Nichts antwortet. * Sie ist meiner Liebe jetzt sicher, und sie mißbraucht das. Heute kam sie zu mir. Zuerst ist sie voll Lobes über ihren bisherigen Gatten. Nach der Entfernung der Kousine tief bekümmert, hatte er den Bitten der Baronin nachgegeben und versprochen, sie nach dem Bahnhof zu bringen, wo auch er und ich bei der Abreise zugegen sein werden, der dadurch der Charakter eiligen Entwischens genommen werden soll. Zum Unglück hat der Baron, der mir nicht mehr zürnt, sich auch noch erboten, mich heute Abend in seiner Wohnung zu empfangen, und um das Geklatsch zu widerlegen, hat er eingewilligt, sich in den nächsten Tagen in meiner Gesellschaft auf der Straße zu zeigen. Wenn ich nun auch noch so sehr den Edelmuth des naiven Menschen mit dem graden Herzen bewunderte, so sträubte ich mich doch gegen diesen Plan. – Ich sollte ihm einen solchen Schimpf anthun? Niemals, sagte ich. – Wenn es sich aber um mein Kind handelt, antwortet sie. – Aber, Liebste, seine Ehre gilt doch auch etwas! Die Ehre der Andern war ihr etwas Unbekanntes. Ich war ein Phantast! – Aber das ist zu viel! Du richtest mich ja zu Grunde, Du beschimpfst uns alle! Das ist unsinnig, das ist unanständig! Und sie fängt an zu weinen. Die Thränen aber machen sie unwiderstehlich, und nachdem eine Stunde mit Krämpfen und Beschuldigungen vergangen war, verspreche ich ihr alles, indem ich nämlich gegen die Despotin wüte, und jene Krystalltropfen verwünsche, welche die Macht der zwei bezaubernden Augensterne verdoppeln. Wahrhaftig, sie ist stärker als wir beide, und sie führt uns an der Nase, daß es eine Schmach ist! Was will sie mit dieser Versöhnung? Sie fürchtet, daß zwischen den Nebenbuhlern ein Kampf auf Tod und Leben ausbricht, und daß daraus verhängnisvolle Enthüllungen entstehen können. Welche Strafe hat sie mir auferlegt, indem sie mich zwang, dieses verödete Haus wieder zu besuchen! Sie kennt kein Mitleid mit den Opfern eines Andern, die grausame Egoistin. Sie hat mir einen Eid abgenommen, alle geheimen Liebschaften der Kousine zu leugnen, das Nichtvorhandensein ihres Fehltrittes zu bezeugen! Ich begebe mich mit schwerem Herzen und wankenden Knieen zu dieser letzten Zusammenkunft. Im Garten sind die Kirschbäume erblüht, die Narcissen aufgebrochen. Das Gebüsch, wo mich ihre feenhafte Erscheinung geblendet hatte, war wieder ergrünt, die Beete zeichnen sich zwischen den Rasenstücken ab wie Leichentücher; im Geiste sehe ich das verlassene Kind dort allein wandeln, neben einem Dienstboten, an seiner Aufgabe arbeitend; das Mädchen wird größer, erwacht, und eines Tages wird sie erfahren, daß ihre Mutter sie verlassen hat! Oh! Ich steige die Treppe dieses verhängnißvollen Hauses am Rande der Sandgrube hinauf, wo meine trüben Jugenderinnerungen aufwachen. Freundschaft, Verwandtschaft, Liebe, alles ist dahingegeben, und der Ehebruch, mag er auch gut gemacht werden, hat die Schwelle dieses Hauses besudelt. Wessen ist die Schuld? Die Baronin öffnet mir die Thür und küßt mich im Verborgenen hinter den Flügelthüren des Salons. In diesem Augenblicke hasse ich sie eine Sekunde, zwei Sekunden lang und stoße sie unwillig zurück. Das erinnert mich an die Gemeinheit der Dienstboten in den Hausfluren, und das krampft mir das Herz zusammen! Hinter der Thür! Unsauberes Weib, ohne Stolz, ohne Würde! Sie giebt sich den Anschein, als halte sie mich für furchtsam, und bittet mich, in den Salon zu treten, gerade in dem Augenblick, wo meine demütigende Lage mir so recht klar wird, und ich bin entschlossen umzukehren. Aber durch einen Blitz ihres Auges hält sie mich zurück und knechtet mich, und von ihrer entschlossenen Haltung willenlos gemacht, füge ich mich. Im Salon deutet Alles auf die Auslösung des Haushalts; Wäsche liegt auf den Möbeln herum, Kleider, Unterröcke, Kleidungsstücke; dort auf dem Klavier die Spitzenhemden, die ich so gut kenne; hier auf dem Schreibtisch die Unterbeinkleider, ein ganzer Haufen; Strümpfe, vor kurzem noch ein Entzücken, jetzt ein Ekel! Und sie geht und kommt, schleppt herbei, legt gerade, rechnet, Alles ohne Scham und ohne Scheu. Habe ich sie in so kurzer Zeit verdorben, fragte ich mich, indem ich diese Ausstellung der Geheimnisse einer anständigen Frau betrachtete. Sie prüft die Kleidungsstücke und legt bei Seite, was ausgebessert werden soll. Es ist, als müßte ich meiner Enthauptung beiwohnen, und bittere Empfindungen steigen in mir auf; sie aber hält aus, hört mit ihrem Ohr mein Geschwätz an und erwartet den Baron, der sich im Eßzimmer eingeschlossen hat, um zu schreiben. Endlich öffnet sich die Thür, ich zittere; meine Erregung nimmt eine andere Form an beim Anblick des Kindes, welches kommt, um sich nach dem Grunde dieser Unordnung zu erkundigen. Vom Pudel ihrer Mama begleitet, kommt sie mir entgegen, um wie früher geküßt zu werden. Ich erröte, ich ärgere mich, und mit bebender Stimme tadele ich die Mutter. – Sie hätten mir wohl diese Qual ersparen können. Sie versteht mich nicht. – Mama wird verreisen, mein Kind, aber sie kommt bald wieder, und dann bringt sie Dir Spielzeug mit. Der Pudel wedelt mich an; auch er! Schließlich erscheint der Baron. Er ist gebrochen und gebeugt und begrüßt mich freundschaftlich; er drückt mir die Hand, ohne ein Wort sprechen zu können; und auch ich beobachte ein achtungsvolles Schweigen bei diesem unheilbaren Schmerz. Er zieht sich zurück. Es wird dunkel, das Mädchen zündet die Lampen an, ohne mich zu grüßen. Man trägt das Abendessen auf, und ich will fortgehen. Aber der Baron, von seiner Frau unterstützt, bittet mich so herzlich und rührend zu bleiben, daß ich annehme. Wir sitzen nun bei Tisch, zu dreien, wie früher. Es ist ein feierlicher, unvergeßlicher Augenblick. Man spricht über alles, man fragt sich mit Thränen in den Augen: Wer trägt die Schuld? Niemand, das Schicksal, eine Reihe von Zufällen; man drückt sich die Hand, man stößt an, man schließt Freundschaft, ganz wie früher. Die Baronin allein bewahrt ihre Stimmung, sie entwirft die Maßregeln für den folgenden Tag, das Zusammentreffen am Bahnhof, die Spaziergänge in der Stadt, und wir fügen uns allen ihren Anordnungen. Endlich erhebe ich mich. Der Baron führt uns in den Salon, und dort legt er ihre Hand in meine und spricht mit erstickter Stimme: – Sei ihr Freund, da meine Rolle zu Ende ist. Behüte sie, schütze sie gegen die böswillige Welt, pflege ihr Talent, Du, der Du fähiger bist als ich, der einfache Soldat. Gott schütze Euch auf Eurem Wege! Darauf zog er sich zurück und ließ uns allein, nachdem er die Thür geschlossen. War er in diesem Augenblick aufrichtig? Ich glaubte es, und jetzt möchte ich sogar davon überzeugt sein. Mit empfindsamem Herzen, wenn er überhaupt eins hatte, liebte er uns und wollte die Mutter seines Kindes nicht in den Händen eines Feindes sehen. Es ist möglich, daß er sich später durch unheilvollen Einfluß geändert hat, daß er uns geködert hat. Aber das würde zu seinem früheren Charakter nicht passen; und nach dem Unglück hat Jeder das Bestreben, den Verdacht von sich abzuwälzen, als ob er der Getäuschte gewesen sei. Abends sechs Uhr trete ich auf dem Zentralbahnhofe an. Der Zug nach Kopenhagen geht um 6 Uhr 15 Minuten ab, und die Baronin ist noch nicht sichtbar, ebenso wenig der Baron. Es kommt mir wie der letzte Akt eines Trauerspiels vor, und mit wilder Freude erwarte ich das Ende. Noch eine Viertelstunde, dann wird endlich Friede werden. Meine zerstörten Nerven bedürfen der Ruhe, und diese Nacht soll mir die Nervenstärke wiedergeben, die ich einer gewandten Frau zu Liebe verschleudert hatte. Endlich kommt sie in einer mit mattem Pferde dahinschleichenden Droschke an – immer nachlässig und zu spät! Hastig läuft sie mir wie eine Besessene entgegen. Er hat sein Wort nicht gehalten, der Verräter! Er kommt nicht. Sie spricht so laut, daß die vorüberflutende Menge aufmerksam wird. Es ist bedauerlich, aber im Grunde achte ich diesen Mann, und vom Geist des Widerspruchs gepackt, antworte ich: – Er hat richtig gehandelt, und die Vernunft ist auf seiner Seite. – Besorge schnell Billets nach Kopenhagen, kommandirt sie, sonst bleibe ich hier. Nein! sage ich. Wenn ich Dich begleite, sieht es wie eine Entführung aus, und morgen wird die ganze Stadt darüber reden. – Das geht mich Nichts an! Geh schnell! – Nein, ich will nicht! In diesem Augenblick ergreift mich ein tiefes Mitleid, die Situation ist unleidlich, es droht ein Zank – ein Zank zwischen Liebenden. Darauf ergreift sie meine Hände, sie verwirrt mich mit ihren Blicken, meine Willenskraft erlahmt. Die Magierin wirft mich zu Boden, fesselt meinen Willen, und ich falle. – Aber nur bis Katharinenholm, flehe ich. – Gut! Eilig giebt sie ihr Gepäck auf. Alles ist verloren, auch die Ehre, und mich erwartet noch eine qualvolle Nacht. Der Zug setzt sich in Bewegung. Wir sind in einem Coupé erster Klasse allein. Das Fortbleiben des Barons bedrückt uns. Das ist eine unvorhergesehene Gefahr und ein schlechtes Omen. Ein beängstigendes Schweigen herrscht im Waggon, und wir Beide warten, wer zuerst anfangen wird. Sie bricht zuerst los: – Du liebst mich nicht mehr! – Vielleicht, antwortete ich, von den Wirren eines ganzen Monats wie zerschlagen. – Und ich habe Dir alles geopfert. Sie ist bei den Vorwürfen angekommen, jetzt schon! – Deiner Liebe, nicht mir! Übrigens opfere ich Dir mein Leben. Du ärgerst Dich über Gustav; entlade Deinen Zorn auf mein Haupt und sei vernünftig! Sie weint, weint! Was für eine Hochzeitsreise! Meine Nerven haben sich gestählt, und ich setze meinen Eisenhut auf. Ich gebe mich gefühllos, hart, undurchdringlich. – Laß Deine Gefühle bei Seite! Denn heute ist Vernunft nötig! Weine, weine Dich von Herzen aus, dann aber beruhige Dich! Du bist eine Thörin, und ich habe Dich als eine Königin, als eine Herrscherin angebetet, ich habe Dir gehorcht, weil ich mich für den Schwächeren hielt. Laß es nicht dahin kommen, daß ich Dich verachte! Schiebe nicht immer die Schuld auf mich allein! Ich habe gestern Abend Gustavs große Klugheit bewundert, er hat begriffen, daß die wichtigen Ereignisse im Leben nicht auf eine einzige Triebfeder zurückzuführen sind. Wer trägt die Schuld? Du, ich, er, sie, der drohende Ruin, deine Leidenschaft für das Theater, ein Unterleibsleiden, das Erbe Deines Großvaters, der dreimal geschieden war, der Haß Deiner Mutter gegen das Gebähren, der Dir ein schwankendes Naturell eingebracht hat, die Unthätigkeit Deines Mannes, dessen Beruf ihm zu viel freie Zeit ließ, meine niedrig bürgerlichen Anschauungen, der Zufall in der Körperbildung einer Finnin, der mich zu Dir trieb, eine Unmenge von inneren Motiven, von denen wir nur ein Stückchen aufgedeckt haben. Steige nicht zum Pöbel herab, der Dich morgen mit zwei Worten aburteilen wird. Sei nicht so unklug zu glauben, Du könntest eine komplizirte Frage dadurch lösen, daß Du den Ehebruch und den Verführer gleichgiltig behandelst! Habe ich Dich verführt? Sei aufrichtig gegen Dich, gegen mich, jetzt, wo wir unter uns sind, ohne Zeugen. Nein, sie will nicht aufrichtig sein, und sie kann es nicht, denn das ist gegen die Natur des Weibes. Sie fühlt sich als Mitschuldige, wird von Gewissensbissen gepeinigt und will sich derselben entledigen, indem sie alle Schuld auf mich wirft. Ich lasse sie gewähren und hülle mich in ein kränkendes Stillschweigen. Die Nacht bricht herein; ich lasse das Fenster herunter und lehne mich an die Waggonthür; ich betrachte den Zug schwarzer Tannen, hinter denen der Mond langsam hervorkommt. Bald fliegt ein See, von Birken umsäumt, vorüber, bald ein Bach, von Erlen umgeben. Getreidefelder, Wiesen und wiederum ein Tannenwald. Manchmal packt mich eine wilde Lust, mich aus dem Waggon zu stürzen und mich aus diesem Gefängnis zu befreien, wo eine Feindin mich bewacht, eine Zauberin mich geknebelt hält. Die ganze Verantwortlichkeit für die Zukunft lastet wie ein Alp auf mir, ich habe die Sorge für das Leben dieser fremden Frau, für ihre zukünftigen Kinder, ihre Mutter, für ihre Tante, die ganze Rasse bis in alle Ewigkeit. Ich werde mich mit ihren Theaterangelegenheiten beschäftigen, werde alle ihre Leiden, Enttäuschungen, Mißerfolge mit tragen müssen, und eines Tages wird sie mich auf die Straße werfen wie eine ausgepreßte Citrone, mich, mein ganzes Leben, mein Gehirn, mein Rückenmark, mein Blut, als Entgelt für die Liebe, die ich ihr gebe, die sie annimmt, und die sie mir nach ihrer Meinung opfert! Verliebte Hallucination, geschlechtlicher Hypnotismus! Sie schmollt standhaft bis zehn Uhr; noch eine Stunde – und wir müssen scheiden. Nun bittet sie um Verzeihung und legt die Füße auf die Polster gegenüber, indem sie plötzlich Müdigkeit heuchelt. Bis jetzt hatte ich meine Ruhe, meine Manneskraft bewahrt, trotz ihrer schmachtenden Blicke, ihrer Thränen, ihrer Spinnenlogik, aber beim Anblick ihrer angebeteten Füßchen und eines ganz kleinen Stückchens von ihrem Strumpf werde ich schwach. Auf die Knie, Simson! Lege deinen Kopf auf ihre Schenkel, drücke deine Wange in ihre Hüften, bitte sie um Verzeihung für deine herben Worte, – die sie gar nicht verstanden hat –, verleugne deine Vernunft, schwöre deinen Glauben ab und liebe sie! Sklave, der du bist! Feige vor einem weißen Strumpf, der du dir die Fähigkeit zutraust, die Welt aus den Angeln zu heben! Und sie, sie liebt dich nur, wenn du im Staube liegst; sie kauft dich für die Liebeswut einer Minute, billig genug für sie, die nichts von sich abgiebt, dir aber eine Unze deines besten Blutes entzieht! Die Maschine pfeift, die Abschiedsstation ist da. Sie küßt mich mütterlich, schlägt das Kreuz über mich, obgleich sie Protestantin ist, empfiehlt mich dem lieben Gott, bittet mich, auf mich acht zu haben und mich zu trösten. Der Zug verschwindet in der Nacht und erstickt mich fast in einer Wolke von Kohlendunst. Endlich atme ich die frische Nachtluft, die Luft der Freiheit. Aber nur einen Augenblick. In der Dorfherberge sinke ich vor Sehnsucht gebrochen zusammen. Ich liebe sie, liebe sie, so wie sie sich mir beim Abschied offenbart hat; und die Erinnerung an die ersten Tage unserer Verbindung steigt in mir auf, wie sie, Weib und Mutter zugleich, sanft und zärtlich mich wie ein kleines Kind liebkost und hätschelt. Und so liebe ich sie, begehre sie glühend zum Weibe. Ist das ein widernatürlicher Trieb? Bin ich das Produkt eines Naturspiels? Sind meine Gefühle entartet, weil ich ja meine Mutter besitze? Ist das unbewußte Blutschande des Herzens? Ich verlange ein Schreibzeug und richte an sie einen Brief, in welchem ich Gott um ihr Wohlergehen bitte. Ihre letzte Umarmung hat mich zu Gott zurückgeführt, und unter dem Eindruck der letzten Thränen, deren Spuren sich noch in meinem Barte befinden, schwöre ich dem neuen Glauben ab, der den Fortschritt der Menschheit bedeutet. Die erste Etappe in dem Sinken eines Mannes ist erreicht, die andern werden naturgemäß folgen, bis zur Stumpfheit, bis an den Rand des Wahnsinns. II. Am folgenden Tage wußte die ganze Stadt von der Entführung der Baronin durch einen Beamten X. von der königlichen Bibliothek. Das hatte ich vorausgesehen und gefürchtet; ich hatte gesorgt, den Verlust ihres guten Rufes zu verhindern, hatte aber alles in einem Anfall von Schwäche aufs Spiel gesetzt. Sie hatte alles verdorben, ich mußte nun die Folgen tragen, mußte in ihrer Theaterlaufbahn jetzt vielleicht drohende Hindernisse beseitigen, zumal es nur eine Bühne für sie gab, und lockere Sitten durchaus keine Empfehlung für ein Engagement am königlichen Theater waren. Um ein Alibi zu schaffen, machte ich am andern Morgen sofort nach meiner Rückkehr dem Chef der Bibliothek, der durch Krankheit an das Haus gefesselt war, einen Besuch. Dann zeigte ich mich in den Hauptstraßen und trat zur gewöhnlichen Stunde meinen Dienst an. Abends gehe ich in den Journalisten-Klub, verbreite die Nachricht von der Ehescheidung aus künstlerischen Gründen, erkläre, daß dieser Fall harmlos sei und das gute Einvernehmen der beiden Gatten beweise, die sich nur in Folge von sozialen Vorurteilen getrennt hätten. Wenn ich die Folgen, die diese Rede über die Unschuld der Baronin bringen sollten, gekannt hätte, ich hätte sicherlich ebenso gehandelt! Die Zeitungen brachten alle diesen Fall unter ihren »Vermischten Nachrichten«, das Publikum aber wollte eine solche Liebe zur Kunst nicht recht glauben, die man – wenigstens bei den Schauspielern – nicht sehr hoch taxiert. Die Frauen zumal beißen auf diesen Köder nicht an, denn das verlassene Kind ist für sie ein dunkler Punkt. Inzwischen kommt ein Brief von ihr aus Kopenhagen! Es ist ein einziger Notschrei! Von der Last ihrer Gewissensbisse, der Sehnsucht nach ihrem Kinde bedrückt, befiehlt sie mir, unverzüglich zu ihr zu kommen, weil ihre Verwandten sie quälen und in Übereinstimmung mit dem Baron, wie sie annimmt, ihr das für die Scheidung notwendige Aktenstück vorenthalten. Ich weigere mich entschieden abzureisen, und in meiner Wut richte ich einen drohenden Brief an den Baron, der mir stolz antwortet, so daß ein vollkommner Bruch eintritt. Eine Depesche, zwei Depeschen, und die Ruhe ist wiederhergestellt, das Aktenstück ist gefunden, und der Prozeß kann beginnen. Um ihre trübe Stimmung zu bannen, benutze ich die Abende, um ihr eingehende Weisungen zu erteilen; ich rate ihr zu arbeiten, ihre Kunst zu studieren, die Theater zu besuchen, und um ihr einen Nebenverdienst zu verschaffen, fordere ich sie auf, Berichte zu schreiben, die ich in einer geachteten Zeitung unterbringen wolle. Keine Antwort, und ich habe allen Grund zu glauben, daß meine wertvollen Ratschläge von diesem unabhängigen Geiste schlecht aufgenommen werden. Eine Woche voller Sorgen, Unruhe und Arbeit ist verflossen, da überrascht mich eines Morgens, als ich noch im Bette liege, ein Brief aus Kopenhagen. Sie ist ruhig und heiter; sie kann einen gewissen Stolz über den männlichen Streit zwischen dem Baron und mir nicht unterdrücken, und da wir beide ihr unsere Briefe geschickt haben, kann sie darüber urteilen. Sie findet Stil in seinem, und sie bewundert meinen Mut. – Es ist doch schade, fügt sie hinzu, daß zwei so tüchtige Kerle nicht Freunde bleiben dürfen! – Dann erzählt sie mir von ihren Zerstreuungen. Sie amüsiert sich und geht in den Klub der kleinen Künstler, was mir nicht sehr gefällt. Sie hat in Begleitung von jungen Herren, die ihr die Kour machen, ein Variété-Theater besucht, hat eine Eroberung an einem jungen Musiker gemacht, der wegen seiner Kunst von der Familie verstoßen wurde, eine rührende Analogie ihres Schicksals! Dazu eine sorgfältige Biographie des jungen Märtyrers und die Bitte an mich, deswegen nicht eifersüchtig zu werden! Was ist das? denke ich, betroffen von dem spöttischen und zugleich herzlichen Tone dieses Briefes, der, wie mir scheint, in etwas angeheiterter Stimmung geschrieben ist! Sollte diese kalte und wollüstige Madonna zur Klasse der geborenen Dirnen gehören, eine Kokette sein? Ich verabreiche ihr sofort eine Pille, ich steche ihr Bild in Kupfer, nenne sie Madame Bovary und bitte sie dringend, aus diesem gefährlichen Schlaf am Rande des Flusses zu erwachen. Als Antwort übersendet sie mir den Beweis ihres höchsten Vertrauens, nämlich die von dem jungen Enthusiasten erhaltenen Briefe. Liebesbriefe! Das alte Spiel mit den Worten Freundschaft, unaussprechliche Sympathie der Seelen, das ganze Repertoire der gewöhnlichen, auch von uns beiden gebrauchten Ausdrücke. Bruder und Schwester, Mütterchen, Kameraden, und die übrigen warmen Decken, unter denen die Verliebten sich verkriechen, um schließlich das Spiel tierisch zu beenden. Man sollte es nicht glauben! Eine Besessene, eine unbewußte Verbrecherin, die aus den rauhen Stunden der letzten zwei Monate nichts gelernt hat, obgleich die Herzen von drei Menschen auf glühendem Roste lagen! Und ich zum Sündenbock bestimmt, zur Deckadresse, zum Strohmann, ich laufe mir die Lenden lahm, um den Weg für ein Leben frei zu machen, das eine Komödiantin immer wieder zu nichte macht. Welch' neuer Schmerz! Was ich eben noch anbetete, in den Schmutz gezogen! Dann aber ergreift mich ein unsagbares Mitleid, ich ahne das zukünftige Schicksal dieses verderbten Weibes, und ich schwöre, sie wieder zu erheben, sie zu stützen und sie vor einem verhängnißvollen Sturz zu bewahren, sollte es auch meine letzten Kräfte kosten. Eifersüchtig! Das häßliche Weiberwort, erfunden, um einen Mann, der hintergangen ist oder eben hintergangen werden soll, irre zu führen! Sie mißbraucht es; beim ersten Ausdruck der Unzufriedenheit von Seiten des Gatten blendet sie ihn mit dem Worte: eifersüchtig. Eifersüchtiger Mann, hintergangener Mann. Und es giebt Frauen, die einen eifersüchtigen einem ohnmächtigen Mann gleichstellen, sodaß er die Augen schließt und wirklich ohnmächtig ist gegen derartige Vorwürfe. Nach vierzehn Tagen kehrt sie zurück: Hübsch, frisch, sprudelnd voll angenehmer Erinnerungen, weil sie sich amüsiert hat! Aber ich finde in ihrer neuen Toilette Spuren von Extravaganz und schlechtem Geschmack. Einst so einfach und fein, daß man an ihr ein Muster nahm, hat sie sich in eine Dame verwandelt, die selbst von andern entlehnt. Das Wiedersehen ist kälter, als zu erwarten war, und nach einem beängstigenden Stillschweigen bricht das Unwetter los. Auf die Bewunderung ihres neuen Freundes gestützt, spielt sie die Stolze, neckt und bespöttelt sie mich, und indem sie ihr neues Kleid auf meinem fast nackten Sopha ausbreitet, wiederholt sie das alte Spiel, und aller Haß ergießt sich in eine heftige Umarmung; es bleibt aber noch Wut genug übrig, die sich in gemeinen Vorwürfen Luft macht. Überreizt durch mein unmäßiges Feuer, welches ihrem trägen Naturell nicht entspricht, fängt sie an zu weinen. – Wie kannst Du glauben, ruft sie aus, daß ich mit diesem jungen Manne spiele? Ich verspreche Dir, daß ich ihm niemals schreiben werde, obgleich er es mir als eine Unhöflichkeit auslegen wird! Unhöflichkeit! Das ist auch eins von ihren Schlagwörtern. Ein Mann macht ihr die Kour, ja er geht noch weiter, und sie nimmt es ruhig hin, aus Furcht, eine Unhöflichkeit zu begehen! Die Spitzbübin! Zu meinem Unglück hat sie sich neue Stiefel gekauft, so klein, und ich bin ihr auf Gnade und Ungnade übergeben, ich bin verloren! Sie hat schwarze Strümpfe angezogen, ihre Wade hat volle Formen, und ihr Knie steigt weiß und lebendig aus diesem Leichentuch auf. Ihre schwarzen Beine, die in Wolken von Unterröcken stecken, lassen sie mir als eine Teufelin erscheinen. Um aber in dieses Gebiet, wo Himmel und Hölle sich vereinen, unbedenklich eintreten zu können, schließe ich mit dem Teufel einen Pakt. Der ewigen Furcht müde, lüge ich. Nach sorgfältigen Forschungen in der Bibliothek hatte ich ein Geheimnis entdeckt, die Natur zu hintergehen, und ich empfehle ihr Mittel, um irgend welchen Schaden zu beseitigen; ich schütze einen organischen Fehler vor, der mich, wenn nicht unfruchtbar, so doch fast ungefährlich mache. Ich glaube schließlich selbst daran, und sie läßt mir das Feld frei, doch hätte ich mir alle schlimmen Folgen selbst zuzuschreiben. Inzwischen zieht sie zu ihrer Mutter und ihrer Tante, welche in der belebtesten Straße der Stadt im zweiten Stock wohnen. Die Baronin bringt es durch die Drohung, sie würde mich in meiner Wohnung besuchen, dahin, daß ich zu ihr kommen darf, und es ist nicht gerade erheiternd, die beiden alten Schildwachen zu passieren, die übrigens während meines Besuches sich dicht an der Thür halten. Jetzt fängt sie an, einzusehen, was sie verloren hat. Sie, die Baronin, die verheiratete Frau, die Herrin eines Haushaltes, ist zu einem Kinde erniedrigt, von einer Mutter bewacht, in einem Zimmer gefangen, wie ein Invalide gehalten. Und alle Tage erinnert sich die Mutter daran, daß sie ihre Tochter zu einer ehrenvollen Stellung erzogen hat, und die Tochter erinnert sich der glücklichen Stunden, wo jener Mann kam, um sie aus dem mütterlichen Gefängnis zu befreien. Und die bittern Streitigkeiten, die daraus entstehen, die Thränen und harten Worte, die über mich ausgegossen werden alle Abende, wenn ich ihr meinen Besuch mache, einen Besuch im Gefängnis, mit Zeugen hinter der Thür! Da die Verwandten dieser peinlichen Besuche müde sind, wagen wir eine Zusammenkunft in einem öffentlichen Garten; doch wir kamen vom Regen in die Traufe, denn wir sind den verächtlichen Blicken der Menge ausgesetzt. Die Frühlingssonne, die unser Elend beleuchtet, ist uns verhaßt; wir sehnen uns nach dem Dunkel, wir wünschen den Winter herbei, um die Schande zu verbergen; und der Sommer naht mit seinen langen, dämmerlosen Nächten. Alles zieht sich zurück. Von dem Geklatsch eingeschüchtert, wird meine Schwester argwöhnisch. Bei der letzten Abendgesellschaft fing die ehemalige Baronin, um ihre Schwäche zu verbergen, zu trinken an; sie berauschte sich, hielt eine Rede, rauchte und zog sich schließlich die Abneigung aller verheirateten Frauen und die Verachtung der Männer zu. – Schmutziges Weib! gesteht ein verheirateter Mann im Vertrauen meinem Schwager, der sich beeilt, es mir wiederzusagen. Eines Sonntags Abends waren wir bei meiner Schwester eingeladen; wir gingen zur angegebenen Stunde hin. Wir waren wie vom Donner gerührt, als das Mädchen uns meldete, daß die Herrschaften nicht zu Hause wären, da sie anderweitig eine Einladung angenommen hätten. Das war der Gipfel der Demütigung. Wir verbrachten den Sonntag Abend auf meinem Zimmer verzweiflungsvoll mit Selbstmordgedanken. Ich ziehe die Vorhänge zu, um uns vor dem hellen Tageslicht zu schützen, und ich warte die Dunkelheit ab, um sie nach Hause zu bringen. Aber die Sonne geht so spät unter, und um acht Uhr bekommen wir Hunger. Ich habe keinen Pfennig mehr, sie auch nicht, und nichts zu essen im Hause, nichts zu trinken. Wir bekommen einen Vorgeschmack von dem Elend, und ich verbringe die schlimmsten Stunden meines Lebens. Beschuldigungen, Küsse ohne Feuer, endloses Weinen, Gewissensbisse, Widerwillen. Ich fordere sie auf, bei ihrer Mutter Abendbrod zu essen, aber sie haßt das Sonnenlicht; außerdem kann sie das Nachhausekommen nicht erklären, da sie von der Einladung meiner Schwester erzählt hat. Seit dem Mittag, seit zwei Uhr hat sie nichts genossen, und die traurige Aussicht, hungrig zu Bett zu gehen, weckt das wilde Thier in ihr. Sie ist in einem reichen Hause aufgewachsen, an den Luxus gewöhnt, kennt die Armut nicht, und Bitterkeit erfüllt ihr Herz. Mir ist der Hunger ein alter Bekannter von meiner Jugend her; aber es thut mir entsetzlich weh, die angebetete Frau in solcher Lage zu sehen. Ich durchsuche meinen Schrank, ohne etwas zu finden. Ich wühle in den Schubläden meines Schreibtisches, da finde ich endlich unter vergrabenen Andenken, verwelkten Blumen, rosafarbenen Billets und verblichenen Bändern zwei Bonbons, die ich zur Erinnerung an einen Leichenschmaus aufbewahrt hatte. Ich biete ihr den Gerstenzucker an, der in schwarzes Papier mit Silberstreifen eingewickelt ist. Welch traurige Speise, die das Gewand des Leichenwagens trägt! Niedergeschlagen, verzweiflungsvoll erhebe ich mich, wettere gegen die ehrbaren Frauen, die uns ihre Thür verschließen, uns verstoßen. – Warum dieser Haß und diese Verachtung? Haben wir uns ein Verbrechen, einen Ehebruch zu Schulden kommen lassen? Nein! Es liegt nur eine offene, gesetzliche Ehescheidung vor, die allen Vorschriften des Gesetzes genügt. – Wir sind zu anständig gewesen, tröstete sie sich; die Welt ist nur ein Haufe von Schurken. Der öffentliche, schamlose Ehebruch wird geduldet, aber die Ehescheidung nicht. Eine schöne Sittlichkeit! Wir sind darüber einig. Jedenfalls bleibt das Verbrechen bestehen; es bedroht unser Haupt, das sich unter den Keulenschlägen beugt. Ich komme mir wie ein Straßenjunge vor, der ein Vogelnest ausgenommen hat. Die Mutter ist geraubt, und das Junge liegt auf der Erde und piept, da ihm die wärmende und schützende Mutter fehlt. Und der Vater? Den Vater hat man an einem Sonntag Abend, wie der heutige, in seinem geplünderten Nest allein gelassen, wo sonst die Familie sich versammelte: allein in dem Salon, wo das Klavier verstummt ist, allein in dem Eßzimmer, wo er sein einsames Mahl einnimmt, allein im Schlafzimmer... – Nein, unterbrach sie mich, ich habe allen Grund zu glauben, daß er sich auf einem Sopha bei dem Kammerherrn, dem Schwager der Kousine, spreizt und satt und geschwollen seiner Mathilde, dem armen, verblendeten Kinde, die Hand drückt und ihr unwahrscheinliche Geschichten von dem schlechten Betragen seiner unwürdigen Gattin auftischt, die an dem Haremsleben keinen Geschmack fand. Von den Sympathien und dem Bedauern dieser heuchlerischen Welt gestützt, werfen diese beiden den ersten Stein auf uns! Nach noch tieferem Eingehen auf diese Sache erkläre ich, daß der Baron uns zum Besten gehabt, daß er sich seiner Frau absichtlich entledigt hat, um eine andere zu gewinnen, welche sich widerrechtlich die Mitgift hat zusprechen lassen. Da aber empört sie sich. – Nichts böses über ihn! Das ist meine Schuld! – Warum nichts böses über ihn! Ist seine Person geheiligt? Es scheint so, und wohlgemerkt, sie verteidigt ihn immer, wenn ich ihn angreife. Sind es gemeinsame Standesinteressen, die sie mit dem Baron verbinden? Oder giebt es in ihrem intimen Leben Geheimnisse und Mysterien, die ihr den Baron als Feind gefährlich machen könnten? Das ist jedenfalls eine feststehende Thatsache, ebenso wie ihre unwandelbare Anhänglichkeit an den Baron, so treulos er sich auch früher gezeigt haben mag. Endlich geht die Sonne unter, wir trennen uns. Ich schlafe wie ein Hungriger; ich träume, daß ich einen Mühlstein um den Hals habe, da ich zum Himmel emporsteigen will. * Das Mißgeschick häuft sich. Man erkundigt sich beim Theaterdirektor wegen der Erlaubnis zu einem Auftreten der Frau von X. Es wird geantwortet, daß die Theaterleitung mit einer entlaufenen Frau nicht verhandeln könne! Alles gescheitert! Also nach einem Jahre wird diese Frau, deren Mittel erschöpft sind, auf die Straße geworfen. Und ich, der arme Bohémien, soll sie retten! Um sich über diese Unglücksbotschaft zu vergewissern, begiebt sie sich zu der großen Tragödin, ihrer Freundin, mit der sie vor kurzem noch hier und da in der Gesellschaft zusammenkam, und die damals vor der Baronin mit den blonden Haaren, »dem kleinen Elfen«, wie ein Hund kroch. Die große Tragödin, die Ehebrecherin, die unter dem Laster ergraut ist, empfängt die anständige Sünderin in beleidigender Form und weist ihr die Thür! Das Maß ist voll! Jetzt bleibt nur noch die Rache um jeden Preis! – Nun gut, sage ich zu ihr. Werde Schriftstellerin! Schaffe ein Drama und laß es gerade auf unserer Bühne aufführen! Warum willst Du hinabsteigen, wenn Du emporsteigen kannst? Wirf die Kommödiantin von Dir und erhebe Dich mit einem einzigen Sprung über sie! Decke die lügnerische, heuchlerische, lasterhafte Gesellschaft auf, die ihre Salons dem Schmutz öffnet, sie aber einer getrennten Frau verschließt! Das ist Stoff für ein Drama! Aber sie hat eine weiche Natur, sie ist unfähig, Eindrücke zu empfangen und sie zu gestalten. – Keine Rache! Feige und rachsüchtig zugleich, überläßt sie Gott die Rache, was auf dasselbe hinauskommt, und bürdet ihm die Verantwortlichkeit auf. Aber ich lasse nicht los, und ein glücklicher Zufall kommt mir zu Hülfe. Ein Verleger wünscht, daß ich ihm eine illustrierte Jugendschrift verfassen soll. – Höre, sage ich zu Frau von X; mache mir den Text, dann bekommst Du hundert Francs voll ausbezahlt. Ich bringe ihr Hülfsbücher und verschaffe ihr die Illusion, daß sie die Arbeit ausgeführt habe, und sie streicht die hundert Francs ein. Aber um welchen Preis! Der Verleger verlangt, daß ich meinen Namen auf ein illustriertes Buch setzen soll, nachdem ich als Dramaturg debütiert hatte. Das ist litterarische Prostitution! Und welche Freude für meine Gegner, die schon längst auf meine Unfähigkeit als Schriftsteller geschworen haben! Endlich veranlasse ich sie, eine Korrespondenz für eine Morgenzeitung zu schreiben. Sie bringt einen mittelmäßigen Artikel zu Stande, der aufgenommen wird. Aber die Redaktion zahlt nicht. Ich laufe die Straßen ab, um einen Louisdor aufzutreiben, den ich der Verfasserin mit dem frommen Betruge, er käme von der Redaktion, übergebe. Arme Maria! Welche Freude für sie, diese kleine Einnahme ihrer trostlosen Mutter übergeben zu können, die infolge ihrer bedrängten Lage genötigt ist, sich einzuschränken und möblierte Zimmer zu vermieten. Die alten Damen fangen an, ihre Augen auf mich, als ihren Retter, zu richten. Sie holen aus ihren Schubfächern Abschriften von Übersetzungen heraus, die von allen Theatern schon abgelehnt waren; sie trauen mir die Fähigkeit zu, mir bei den Direktoren Eintritt zu verschaffen; da werde ich nun mit ganz unausführbaren Aufträgen belastet, die mich so in Anspruch nehmen, daß ich in die größte Not gerate. Durch den Zeitverlust gehen meine Ersparnisse darauf, meine Nervenkraft reibt sich auf, schließlich gebe ich mein Mittagessen auf und kehre zu meiner alten Gewohnheit zurück, ohne Abendbrod schlafen zu gehen. Durch den Geldverdienst ermutigt, macht sich Maria daran, ein fünfaktiges Stück zu schreiben. Es kommt mir vor, als habe ich ihr alle Samenkörner meiner dichterischen Gestaltungskraft zugeführt, und auf diesen jungfräulichen Boden gesät, keimen sie und schießen in die Höhe, während ich unfruchtbar werde wie ein Fruchtboden, der seine Fruchtbarkeit abgiebt, indem er selbst dahinstirbt. Bis ins Mark ausgesogen, fühle ich mich dem Tode nahe, und mein Gehirn wird mir ausgedörrt, indem es sich dem Räderwerk eines weiblichen Hirns anpaßt, das anders abläuft wie beim Manne. Ich begreife wirklich nicht, was mich veranlaßt, die schriftstellerischen Fähigkeiten dieses Weibes zu überschätzen, indem ich sie zum Schreiben dränge; habe ich doch nichts von ihrer Hand gelesen, mit Ausnahme ihrer Briefe, die manchmal aufrichtig, oft aber noch weniger als gewöhnlich waren. Sie ist auf dem Wege, mein personifiziertes Dichtertalent zu werden, und ich setze sie an die Stelle meines unterdrückten Talents. Ihre Persönlichkeit ist auf die meinige aufgepfropft, sodaß sie nur noch ein neues Organ meines Wesens bildet. Ich existiere nur durch sie, und ich, die belebende Wurzel, schleppe mein unterirdisches Dasein dahin, indem ich diesen Baum nähre, der zur Sonne emporsteigt und herrlich erblüht; und ich freue mich dessen, ohne daran zu denken, daß ein Tag kommen wird, wo das Pfropfreis sich von dem jetzt saftlosen Stamme losmachen und sich seines erborgten Wachstumes rühmen wird. Der erste Akt ihres Stückes ist fertig. Ich lese ihn. Ohne mich von meiner Einbildung beeinflussen zu lassen, finde ich ihn ausgezeichnet, und mit den innigsten Glückwünschen spreche ich der Verfasserin meine höchste Bewunderung aus. Sie ist selbst über ihr Talent erstaunt, und ich male ihr eine glänzende Zukunft als Schriftstellerin aus. Doch da erfahren unsere Pläne eine Änderung. Marias Mutter erinnert sich einer Freundin, einer Malerin, Besitzerin eines herrschaftlichen Gutes, die sehr reich und, was hauptsächlich ins Gewicht fällt, mit dem ersten Schauspieler am königlichen Theater und seiner Frau eng befreundet ist; Beide sind erklärte Feinde der ersten Tragödin. Unter der moralischen Garantie der unverheirateten Gutsbesitzerin übernimmt das Künstlerpaar Marias Vorbereitung bis zu ihrem Auftreten. Um hierüber zu beraten, wird Maria auf 14 Tage zu ihrer Freundin eingeladen, wo sie auch den großen Schauspieler und seine Frau treffen soll, die, um das Glück voll zu machen, vom Direktor sehr günstige Auskunft erhalten haben. Er dementierte die früheren schlimmen Nachreden, die von Marias Mutter erfunden worden waren, um die Theaterwut ihrer Tochter abzukühlen. Endlich ist sie gerettet; und ich atme auf, ich schlafe wieder, ich arbeite. Sie ist zwei Wochen fort, und nach ihren wenigen Briefen zu urteilen, amüsiert sie sich. Vor den befreundeten Künstlern deklamiert sie zur Probe, und man giebt das Urteil ab, daß sie nicht ohne Talent für die Bühne sei. Nach ihrer Rückkehr mietete sie auf dem Lande ein Zimmer mit Pension bei einer Bäuerin. Dadurch ist sie die alten Schildwachen los und kann mich Sonnabends und Sonntags ungestört ohne Zeugen in freiem Verkehr sehen. Das Leben spendet uns endlich ein Lächeln, das freilich noch immer durch die offenen Wunden der letzten Operation getrübt wird. Aber in der freien Natur empfindet man weniger die Last sozialer Vorurteile, und unter der hellen Sommersonne verschwinden die Trübungen der Seele schneller! * Beim Beginn des Herbstes wird ihr Auftreten unter der Protektion der beiden berühmten Namen angezeigt, und das Geklatsch verstummt. Die Rolle gefällt mir durchaus nicht, weil sie unbedeutend ist, es ist eine Kleiderrolle in einem alten Stück. Aber der Lehrmeister hat auf die Sympathie des Publikums gerechnet, weil die Dame einen Marquis abweist, der sie heiraten will, um seinen Salon zu schmücken, sie aber zieht das edle Herz eines armen jungen Mannes der Krone und dem Reichtum des Marquis vor. Da ich längst als Lehrmeister abgesetzt bin, habe ich volle Zeit, meinen gelehrten Studien obzuliegen; ich bin im Begriff, eine Abhandlung für irgend eine Akademie zu schreiben, um mir die Sporen als Bibliothekar und Gelehrter zu verdienen. Und mit heißem Eifer vertiefe ich mich in ethnographische Untersuchungen über den fernsten Orient. Das war Opium für mein Gehirn, das von den überstandenen Zwistigkeiten, Mißgeschicken und Schmerzen ausgedörrt war. Von dem Ehrgeiz getrieben, neben der geliebten Frau, deren Zukunft eine glänzende zu werden versprach, eine selbstständige Bedeutung zu gewinnen, war ich wunderbar fleißig, ich vergrub mich in die Keller des königlichen Palastes vom Morgen bis zum Abend, ich litt unter der eisigen und feuchten Luft, ich trotzte dem Mangel an Nahrung und an Geld. * Marias Auftreten ist angekündigt, da stirbt ihre Tochter an Gehirntuberkulose. Wieder vergeht ein Monat unter Thränen, unter Vorwürfen und Gewissensbissen. – Das ist die Strafe, erklärt die Großmutter, froh der Tochter den vergifteten Dolch ins Herz stoßen zu können; sie haßt sie, weil sie der Familie Schande gemacht hat. In Schmerz aufgelöst, hatte Maria Tag und Nacht am Bette des sterbenden Kindes im Hause des geschiedenen Gatten, unter dem Schutz ihrer gewesenen Schwägerin zugebracht. Der arme Vater ist durch den Verlust seiner einzigen Freude zu Boden geschmettert. Aufgelöst, von Schmerz zerwühlt, hat er den Wunsch, seinen ehemaligen Freund zu sehen, um mit ihm die Erinnerungen an die Vergangenheit aufzufrischen. Eines Abends nach der Beerdigung des Kindes sagt mir mein Dienstmädchen, als ich nach Hause komme, daß der Baron dagewesen wäre, und daß er mich bitten ließe, zu ihm zu kommen. Da ich eine Erneuerung der schroff abgebrochenen Beziehungen nicht wünschte, lehnte ich in höflicher und feiner Weise ab. Eine Viertelstunde später erscheint Maria in Trauer und fordert mich unter Thränen auf, den Bitten des untröstlichen Barons nachzugeben. Ich finde diese Mission unpassend und weise auf die Meinung der Welt, auf die zweideutige Situation hin. Sie beschuldigt mich der Voreingenommenheit, fleht mich an, appelliert an mein edles Herz, sodaß ich schließlich dieses unzarte Geschäft übernehme. Ich hatte geschworen, niemals das alte Haus zu betreten, in welchem das Drama sich abgespielt hatte. Der Wittwer war in die Nähe meiner Wohnung und sehr nahe an Marias Wohnung gezogen, sodaß meine Abneigung gegen die alte Wohnung der Ehegatten nicht verletzt wurde; und so begleite ich die geschiedene Frau zu ihrem früheren Gatten. Die Trauer, der Kummer, das finstere, trübe Aussehen im Sterbehause, alles dies vereint sich, um das Unpassende und Falsche dieser Begegnung weniger fühlbar zu machen. Die Gewohnheit, diese beiden Personen zusammen zu sehen, bewahrt mich vor jeder eifersüchtigen Regung, und das würdige und herzliche Benehmen des Barons wiegt mich in eine ungestörte Sicherheit. Wir essen Abendbrod, wir trinken, wir spielen Karten, und alles wiederholt sich wie in den guten alten Tagen. Am andern Tage kommt man bei mir zusammen, am nächsten Abend bei Maria, die nun ein Zimmer bei einem alten Fräulein bewohnt. Wir nehmen unser altes Leben wieder auf, und Maria ist glücklich, uns vereint zu sehen. Das beruhigt sie, und da wir alle zartfühlend sind, wird niemand in seinen innersten Gefühlen verletzt. Der Baron betrachtet uns als heimlich Verlobte, und seine Liebe zu Maria scheint tot. Manchmal vertraut er uns sogar seinen Liebeskummer in Betreff der schönen Mathilde an, die im väterlichen Hause eingeschlossen und dem Baron nicht erreichbar ist. Und Maria neckt und tröstet ihn abwechselnd. Er aber giebt sich keine Mühe mehr, seine wahren Gefühle, die er früher abgeleugnet hatte, zu verbergen. Allmählich aber nimmt der vertraute Verkehr einen beängstigenden Umfang an, sodaß, wenn auch nicht meine Eifersucht, so doch mein Widerstand erweckt wird. Eines Tages teilt mir Maria mit, daß sie beim Baron zu Mittag geblieben sei, weil sie nötig mit ihm die Angelegenheit der Erbschaft ihrer Tochter zu besprechen hatte, deren Erbe der Vater ist. Ich protestiere gegen diesen übel angebrachten Eifer und finde ihn sogar unpassend. Sie lacht mir ins Gesicht und spöttelt über meine Auflehnung gegen die Vorurteile, und schließlich lache ich selbst darüber. Es ist lächerlich, ungewöhnlich, aber es gehört zum guten Ton, über die Welt zu spotten, und es ist prächtig, daß die Tugend triumphiert. Seitdem besucht sie den Baron nach Gefallen, und ich glaube sogar, daß sie sich damit amüsieren, ihre Rolle zusammen zu lesen. Bis dahin war alles ohne Lärm abgegangen, und meine Eifersucht war unter dem Einfluß der Gewohnheit und der Illusion, sie als Gatten zu betrachten, geschwunden. Eines Abends jedoch kommt Maria allein zu mir. Ich nehme ihr den Mantel ab, und gegen ihre sonstige Gewohnheit braucht sie eine gewisse Zeit, um ihre Kleider in Ordnung zu bringen. Da ich mich auf die Geheimnisse der Damen verstehe, wittere ich irgend welche Kunststücke. Indem sie noch spricht, setzt sie sich auf das Sopha, dem Spiegel gegenüber, und während sie in gezwungenem Ton plaudert, betrachtet sie sich verstohlen im Spiegel und ordnet heimlich ihr Haar. Ein schrecklicher Verdacht schießt mir durch den Kopf, und unfähig, meine Aufregung zu bemeistern, breche ich los: »Woher kommst du?« »Von Gustav!« »Was hast du da gemacht?« Sie macht eine brüske Bewegung, aber sie nimmt sich zusammen und antwortet: »Ich habe meine Rolle gelesen!« »Du lügst!« Bei meiner sinnlosen Verdächtigung schreit sie auf, sie überhäuft mich mit einem Schwall von Vorwürfen, und ich bin wieder schwach. Leider müssen wir aufbrechen, denn wir sind beim Baron eingeladen, so daß meine weiteren Nachforschungen aufgeschoben werden müssen. Wenn ich jetzt an diesen Vorfall zurückdenke, möchte ich einen Eid darauf leisten, daß ich sie mit Recht der Bigamie, im engsten Sinne des Wortes beschuldigte. Aber ihre Kunst, mich mit Worten zu bezaubern, hat mich hypnotisiert, und ich wurde getäuscht. Was war vorgegangen? Wahrscheinlich dies: Sie speist allein mit dem Baron; sie trinkt Kaffee und Liqueur darauf; sie wird von der Müdigkeit ergriffen, die sich bei der Verdauung einzustellen pflegt, der Baron empfiehlt ihr ein Sopha, was früher immer ihr größtes Vergnügen gewesen, und so ergab sich denn das übrige allmählich von selbst. Das Alleinsein, das absolute Vertrauen, die Erinnerung unterstützen die beiden Verbundenen, die kein Schamgefühl zu überwinden haben. Der aufs Trockene gesetzte, zum Cölibat gezwungene Mann wird warm, und so geht die Sache vor sich. Warum soll man auf einen Genuß verzichten, der niemand schädigt, vorausgesetzt, daß der Berechtigte es nicht erfährt? Sie ist frei, denn sie hat von ihrem Geliebten kein bares Geld erhalten; und sein Wort nicht halten, das ist in den Augen eines Weibes nicht weiter schlimm. Vielleicht hat auch sie den Verlust des Mannes bedauert, der so ganz zu ihr paßte; vielleicht auch hat sie bei der Vergleichung, nachdem ihre Neugier befriedigt war, wirkliche Sehnsucht nach dem besseren Genossen in dem Liebeskampf empfunden, in welchem der Zaghafte und Zarte, so feurig er sonst sein mag, bei gewissen Frauen stets den Kürzeren ziehen wird; es ist auch wahrscheinlich, daß sie, die Bettgenossin, die sich tausendmal an- und ausgezogen hat in Gegenwart dieses Mannes, der alle Geheimnisse ihres Körpers kennt, sich nicht geniert, ein pikantes Dessert nach einem Diner einzunehmen, das ihr bei verschlossenen Thüren angeboten war, zumal wenn sie sich von Verpflichtungen frei fühlt und ihr gefühlvolles Frauenherz mit dem Darbenden Mitleid hat. Und auf Ehrenwort, wenn ich in der Haut dieses beleidigten, wenn nicht getäuschten Ehemannes steckte, so schwöre ich bei allen alten und modernen Göttern, wenn ich wegen eines andern aufs Trockene gesetzt wäre und hätte meine Geliebte unter meinen Fingern, so sollte sie nicht unberührt mein Schlafzimmer verlassen! Damals aber, wo ein geliebter Mund unaufhörlich die Schlagworte von Ehre und Anstand und guten Sitten vorbrachte, wollte ich einem solchen Verdachte nicht Raum geben. Warum? Weil ein Weib, das von einem Ehrenmann geliebt wird, stets über ihn triumphieren wird. Er schmeichelt sich, der Einzige zu sein, er wünscht, der Einzige zu sein, und was man wünscht, glaubt man. Jetzt fällt mir auch ein Wort ein von Jemand, der dem Baron gegenüber wohnte. Ganz unvermittelt ließ damals der Betreffende mir gegenüber eine Bemerkung von einem Erdreich fallen, das Zweien Früchte tragen müsse. Obgleich mir der Sinn dieser Bosheit damals entging, ist sie doch haften geblieben, und doch sind es jetzt zwölf Jahre her. Warum, so frage ich mich, ist sie in dem Haufen von Wörtern, die ich in jener Epoche hörte und wieder vergaß, in meinem Gedächtnis haften geblieben? Freilich, jetzt erscheint mir ihre Treue unwahrscheinlich im höchsten Grade, unglaublich, unmöglich! In den Stunden übrigens, wo ich mit dem Baron allein war, bemühte er sich stets, ein absichtliches Interesse für Dirnen an den Tag zu legen; und eines Abends, als wir in einem Restaurant gespeist hatten, fragte er mich nach den Adressen von verrufenen Häusern. Um mich dann sicherer zu täuschen! Dazu kam, daß sein Benehmen gegen Maria die Formen einer entwürdigenden Höflichkeit annahm, und daß die Haltung der Frau die Kokette zeigte, während gleichzeitig ihre Wollust in den Beziehungen zu mir beständig abzunehmen schien. * Endlich fand das Auftreten statt. Es war ein etwas verwickelter Erfolg. Zunächst die Neugierde, eine Baronin auf den Brettern zu sehen; die Sympathie des Mittelstandes dem Adel gegenüber, der eine Ehe aus konventionellen Gründen aufgelöst hatte; die Hagestolzen, die geschworenen Feinde der ehelichen Sklaverei, spendeten Blumen; dazu kamen die Freunde, die Verwandten und die Angehörigen des großen Schauspielers, die auf die eine oder andere Weise für die Sache gewonnen waren. Nach der Vorstellung hatte uns der Baron zu einem Souper eingeladen, an dem auch das Fräulein teilnahm, bei dem Maria wohnte. Man war über den Erfolg entzückt, und das Gefühl der Genugthuung berauschte alle. Maria hatte noch das Rot auf den Wangen und die schwarze Schminke um die Augen und war noch als vornehme Dame frisiert; sie mißfiel mir. Es war nicht mehr die jungfräuliche Mutter, die mich geliebt hatte, vielmehr eine Komödiantin, mit frechen Mienen, gewöhnlichen Manieren, sie war prahlerisch, ließ die andern nicht zu Worte kommen und hatte eine verletzende Dünkelhaftigkeit angenommen. Sie glaubte, auf der Höhe der Kunst angekommen zu sein; auf meine Bemerkungen antwortete sie nur mit Achselzucken, und in fast bemitleidendem Tone warf sie die Bemerkung hin: »Das verstehst du nicht, mein Lieber!« Der Baron hatte die Miene eines unglücklich Liebenden. Es wollte sie küssen, scheute aber nur meine Anwesenheit. Nachdem er ungemein viel Madeira getrunken hatte, ergoß er sein Herz und gab seinem schmerzlichen Bedauern Ausdruck, daß die Kunst, die göttliche Kunst, so grausame Opfer fordere! Die Zeitungen, die gut bearbeitet waren, konstatierten den Erfolg, und ein Engagement schien unausbleiblich. Zwei Photographen stritten sich um die Ehre, sie in ihren Posen aufnehmen zu können, und ein kleiner neuer Verlag giebt ihre Biographie mit einem Porträt des neuen Sterns heraus. Was mich in Erstaunen setzt, wenn ich alle die Bilder der angebeteten Frau betrachte, ist, daß auch nicht eins dem Original ähnlich ist. Hat sie Charakter und Ausdruck in der so kurzen Spanne eines Jahres geändert, oder ist sie eine andere, wenn sie die Liebe, die Zärtlichkeit, das Mitleid wiederspiegelt, das in meinen Augen liegt, da ich sie ansehe? Ich finde in ihren Photographien einen niedrigen, rohen, frechen Ausdruck, einen Zug starker Koketterie, eine einladende, herausfordernde Miene. Namentlich flößt mir eine Pose Schrecken ein. Sie ist vornübergeneigt, stützt sich auf die Lehne eines niedrigen Sessels und stellt ohne Scheu ihre nackte Brust zur Schau, halb hinter einem Fächer verborgen, der auf dem Ausschnitt des Kleides ruht. Ihre Blicke scheinen in die Blicke eines andern zu tauchen, der nicht ich bin, denn meine mit Achtung und Zärtlichkeit gepaarte Liebe liebkost sie niemals mit dieser frechen Wollust, mit der man Dirnen anfeuert. Diese Photographie macht auf mich denselben Eindruck wie die unzüchtigen Bilder, die heimlich am Ausgang der Cafés verkauft werden; ich weise sie zurück. »Du willst die Photographie deiner Maria nicht, sagte sie mit jener kläglichen Miene, die einen Augenblick lang ihre Inferiorität zeigt, die sie aber im Ernst niemals zugiebt. Du liebst mich nicht mehr!« Wenn eine Frau ihren Geliebten beschuldigt, daß er sie nicht mehr liebe, so hat sie aufgehört zu lieben; und ich merke auch seitdem die Abnahme ihrer Neigung. Sie fühlt es, daß ihre arme Seele aus der meinigen den Mut und die Kühnheit geschöpft hat, die zu ihren Zwecken nötig sind, und sie fängt an, sich ihres Schuldners zu entledigen. Indem sie mir zuhört, stiehlt sie meine Ideen, dabei giebt sie sich den Anschein, als mißachte sie dieselben. »Das verstehst Du nicht, mein Lieber!« Sie, die Ungebildete vom reinsten Wasser, die nur etwas Französisch verstand, die einen unordentlichen Unterricht genossen hatte, auf dem Lande aufgewachsen war, weder das Theater, noch die Litteratur kannte, die mir zu Dank verpflichtet ist, da ich ihr die ersten Begriffe der schwedischen Aussprache beigebracht, die ich in die Geheimnisse der Prosodie und Metrik eingeweiht habe, mich behandelt sie als Müßiggänger. Jetzt, wo ihr zweites Auftreten stattfinden soll, wähle ich ihr die Rolle aus, es ist eine große Rolle in einem Melodram, die Stütze des Repertoires. Sie weist sie zurück! Aber nach kurzer Zeit teilt sie mir mit, daß ihre Wahl auf dieses selbe Stück gefallen sei. Ich analysiere ihr dasselbe, gebe ihr die Kostüme an, berechne die Effekte, rate ihr, auf effektvolle Abgänge bedacht zu sein, und betone die Hauptcharakterzüge. Nun entspinnt sich zwischen mir und dem Baron ein Kampf im Geheimen. Er, als Direktor des Theaters des königlichen Garde und Lehrmeister der schauspielernden Soldaten, maßt sich in Theatersachen ein besseres Urteil an, und Maria acceptiert ihn als Lehrer, weil er ihren sogenannten Ideen besser entgegenkommt, und setzt mich ab. Der gute Hauptmann hat sich seine besondere Ästhetik für das Theater geschaffen, welche er als die natürliche betrachtet. Um recht natürlich zu sein, stellt er die Banalität, das Gemeine, das Gewöhnliche über alles. Ich billige dieses Prinzip, wo es sich um das moderne Drama handelt, das sich in der Enge des alltäglichen Lebens bewegt, aber auf ein englisches Melodrama kann es keine Anwendung finden. Denn die großen Leidenschaften werden anders ausgedrückt als das Geschwätz des Salons. Diese Unterscheidung ist für einen mittelmäßigen Geist zu fein, der von einem ganz anders gearteten Falle aus auf das Allgemeine schließt. Am Tage vor der Aufführung hält mich Maria für wert, mir ihre Roben zu zeigen. Trotz meines Widerspruchs und meiner Bitten hat sie einen staubgrauen Stoff gewählt, der ihr eine fahle Leichenfarbe giebt. Als einzige Antwort hält sie mir einen echt weiblichen Grund entgegen: »Aber Frau X., die große Tragödin, hat die Rolle in grauem Kleide creirt!« »Ganz recht, aber sie ist keine Blondine wie Du, und was für die Brünetten gilt, paßt nicht für die Blondinen.« Sie versteht mich! Aber sie wird böse! Ich prophezeie ihr einen Mißerfolg, und ihr zweites Auftreten gestaltet sich in der That zu einem gänzlichen Abfall! Wieviel Thränen, Vorwürfe und Grobheiten! Um das Unglück voll zu machen, übernimmt die große Tragödin in der nächsten Woche wieder ihre Rolle, um irgend ein Jubiläum zu feiern, bei welchen sie durch ein Transparent, einen Korb Blumen und einen Wagen voll Kränzen geehrt wird! Natürlich mißt Maria mir die Schuld an dem Durchfall bei, weil ich ihr das Unglück prophezeit, und sie schließt sich mit der Sympathie, die untergeordnete Naturen mit einander verbindet, noch enger an den Baron an. Ich, der Gelehrte, der dramatische Schriftsteller, der Theaterkritiker, der alle Litteraturen kennt, infolge der Schätze der Bibliothek von den litterarischen Erscheinungen der ganzen Welt Kenntnis hat, ich werde zum alten Eisen geworfen, als Ignorant, als Page, als Hund behandelt. Doch trotz des mißgeglückten Auftretens wird sie mit einer Gage von zweitausend vierhundert Francs jährlich engagiert, und sie ist gerettet. Zugleich ist aber ihre Karriere als große Künstlerin abgeschnitten. Sie wird zu zweiten Rollen, als Gesellschaftsdame, als Garderobenständer benutzt, und ihre ganze Zeit wird von Beratungen mit der Schneiderin in Anspruch genommen. Drei, vier und fünf Toiletten an einem Abend müssen ihre schon an sich ungenügende Gage aufzehren. Welch bittere Enttäuschung! Wie viel herzzerreißende Scenen, wenn sie immer dünnere Rollenhefte erhält, die nie ein Dutzend Sätze enthalten. Ihr Zimmer verwandelt sich in eine Schneiderwerkstatt, voller Schnittmuster, Stoffe und Lappen. Sie, die Mutter, die Weltdame, welche Gesellschaft und Toiletten im Stiche ließ, um sich der göttlichen Kunst zu weihen, sie ist zur Schneiderin geworden, die bis Mitternacht an der Nähmaschine sitzt, um sich dem bürgerlichen Publikum als Weltdame zu zeigen. Und das Leben einer wenig beschäftigten Schauspielerin, wenn sie hinter den Kulissen eine Stunde lang auf einen Auftritt warten und die ganze Zeit ohne eine Beschäftigung dastehen muß! Nun findet sich der Geschmack an Klatschereien, pikanten Erzählungen, Schmutzgeschichten, sodaß das Streben nach den Höhen der Kunst verfliegt, daß der Geist die Flügel sinken läßt, um am Erdboden zu kriechen und schließlich beim Schlamm der Straße anzugelangen. Das Unglück geht seinen Gang, und eines Tages, als dieselben Roben schon mehrmals aufgetreten waren und die Mittel fehlten, neue anzuschaffen, nimmt man ihr die Rollen der Gesellschaftsdamen ab, und sie ist nunmehr zu Statistenrollen verurteilt! Und während der Verfall sich vollzieht, macht ihr die Mutter, die Kassandra, die alles vorausgesagt hatte, böse Stunden; und das Publikum, welches eine vielbesprochene Scheidung und den Tod eines Kindes mit angesehen hatte, erhebt sich gegen die unnatürliche Mutter, gegen die ungetreue Gattin. Dem Widerwillen des Publikums muß der Theaterdirektor nachgeben; der berühmte Schauspieler desavouiert sie, indem er erklärt, er hätte sich in ihrem Talent getäuscht. Soviel Lärm, soviel Mißgeschick um der Laune einer inkonsequenten Frau willen! Mitten in diesem Unglück stirbt nun noch die arme Mutter an einer Herzkrankheit, die sie sich, wie man sagt, infolge des Kummers über ihre gesunkene Tochter zugezogen hat. Wiederum verpflichtet mich mein Ehrgefühl, hier zu helfen; ich wüte gegen diese ungerechte Welt, und mit übermenschlicher Kraft will ich sie aus dem Sumpfe reißen. Das nächstliegende Mittel ist die Journalistik. Jetzt, wo sie jedem zu Dank verpflichtet sein muß, der ihr unter die Arme greift, jetzt nimmt sie meinen Vorschlag an, ihr eine Wochenschrift für Theater, Musik, Kunst und Litteratur zu gründen. Dadurch wird sie auf dem Gebiete der Kritik und des Feuilletons eingeführt, und es wird ihr dann der Weg zu den zukünftigen Verlegern erleichtert. Sie legt zweihundert Francs bei dem Unternehmen an, ich übernehme die Kopien und die Korrekturen. Meiner Unfähigkeit in Verwaltungs- und Kassenangelegenheiten mir voll bewußt, überlasse ich ihr die Expedition und die Annoncen, wobei ihr der Regisseur, der eine Zeitungsexpedition besitzt, zur Seite stehen kann. Die erste Nummer ist gesetzt und sieht ganz gelungen aus. Ein Leitartikel von einem jungen Maler, eine Originalkorrespondenz aus Rom, eine andere aus Paris, eine Musikkritik von einem hervorragenden Schriftsteller, der Mitarbeiter an der bedeutensten Zeitung Stockholms ist, eine litterarische Rundschau, die ich selbst geschrieben habe, schließlich Feuilleton und Premieren von Maria. Alles ist aufs beste gelungen, aber der Erfolg des gefährlichen Versuchs beruht darauf, das die erste Nummer zu dem bestimmten Zeitpunkte herauskommt; dazu fehlen uns aber die nötigen Mittel und Kredit. Wehe über mir, daß ich unser Schicksal einer Frauenhand anvertraut hatte! An dem Tage, an welchem die Zeitschrift erscheinen soll, schläft sie wie gewöhnlich bis in den Tag hinein. Überzeugt, daß das Blatt ausgegeben ist, gehe ich in die Stadt, begegne aber überall spöttischen Mienen. – Wo ist denn das famose Blatt zu haben, fragen die vielen Interessenten. – Überall, antworte ich. – Nirgends! Ich gehe in eine Zeitungsbude, da ist es nicht, in die Druckerei – es hat noch gar nicht die Presse verlassen! Alles fehlgeschlagen! Es folgt ein heftiger Zank mit der Expedientin, die durch ihren angeborenen Leichtsinn, durch ihre vollkommene Unwissenheit in Verlagsangelegenheiten entschuldigt ist; schließlich schiebt sie die Schuld auf den Regisseur, dem sie das ganze Material übergeben hatte. Sie hat ihr Geld verloren, und ich die Ehre, die kolossale unbezahlte Arbeit. Nur einen Gedanken habe ich noch in der allgemeinen. Trostlosigkeit: Wir gehen ohne unsere Schuld unter! Ich schlage ihr vor, zusammen zu sterben, sie, weil sie durch ihr Unglück zu allem unfähig geworden, ich, weil ich durch den Ausgang dieses letzten Versuchs, sie emporzuheben, niedergeschmettert bin. Wir wollen in den Tod gehen, sage ich. Wir wollen nicht umherliegen wie die Toten auf der Straße, welche den Verkehr der anständigen Leute hemmen. Sie widerspricht. »Du bist feige, feige, meine herrliche Maria! Es wäre schimpflich, wenn Du mir das Schauspiel Deines Niederganges vor dem Gelächter und der Verachtung der Welt bötest!« Ich laufe in die Kneipen, betrinke mich und schlafe nachher fest. Als ich aufgewacht war, besuche ich sie. Mit dem Scharfblick des Trinkers entdecke ich zum ersten Male die häßliche Veränderung, die mit ihr vorgegangen ist. Ihr Zimmer ist unsauber, ihre Kleidung häßlich, vernachlässigt, und ihre kleinen angebeteten Füßchen stecken in ausgetretenen Pantoffeln, ihre Strümpfe haben häßliche Falten. Oh, das tiefste Elend! Ihre Sprache hat sich mit unschönen Ausdrücken aus dem Schauspieler-Jargon bereichert, ihre Bewegungen scheinen von der Straße herzukommen, ihre Mienen sind haßerfüllt, ihre Lippen voll Galle. Sie sitzt über ihre Arbeit gebückt und sieht mich nicht mehr an, als ob sie über finsteren Gedanken brütete. Ohne den Kopf zu erheben, sagt sie plötzlich mit rauher Stimme: »Weißt Du auch, Axel, was ein Weib von einem Manne in unserer Lage fordern muß?« Ich bekomme einen Schreck, hoffe aber, sie falsch verstanden zu haben, und frage stockend: »Was?« »Was verlangt eine Geliebte von ihrem Liebhaber?« »Liebe!« »Und dann?« »Geld!« Das rohe Wort benimmt ihr die Lust, weiter zu fragen; ich weiß, daß ich sie verstanden habe, und gehe fort. Die Dirne! Mit wankenden Knien durchstreiche ich die herbstlich düsteren Straßen. Das war die letzte Etappe! – die Zusammenrechnung der Freuden! Ohne Scham hat sie sich zu ihrem Handwerk bekannt! Wenn sie noch in Not und Bedrängniß gewesen wäre! Aber sie hatte eben noch von ihrer Mutter die Möbel und Effekten im Betrage von einigen tausend Francs, allerdings von zweifelhaftem Wert, geerbt; außerdem stand die Gage vom Theater noch aus. Es war unerklärlich! Da fiel mir das Fräulein ein, ihre Wirtin und intime Freundin. Es war ein abscheuliches Weib mit den zweideutigen Manieren einer Kupplerin, gegen fünfunddreißig Jahre alt, sie lebte von Nichts, hatte keinen Erwerb, war stets in Not; trug aber auf der Straße immer prächtige, auffallende Toiletten, sie schlich sich in die Familien ein, um dieselben schließlich anzuborgen, wobei sie stets über ihr unglückliches Geschick klagte. Eine unsaubere Person, die mich haßte, weil sie erriet, daß ich sie durchschaute. Jetzt fiel mir ein Vorfall ein, dem ich damals, vor einigen Monaten, keine Beachtung geschenkt hatte. Diese Dame hatte einer Freundin von Maria, die in Finnland wohnte, das Versprechen abgepreßt, ihr tausend Francs zu leihen. Aber das Versprechen wurde nicht gehalten. Auf das Drängen jenes Fräuleins und um die Ehre ihrer finnländischen Freundin zu retten, die das Fräulein stark angriff, verpflichtet sich Maria, das Geld zu beschaffen. Es gelingt. Aber Maria zog sich von ihrer Freundin in Finnland Vorwürfe zu. Im Laufe der Auseinandersetzungen, die infolgedessen stattfanden, erklärte jenes Fräulein sich für unschuldig und schob alle Schuld auf Maria. Damals äußerte ich meine Abneigung und meinen Verdacht inbezug auf die geheimnisvolle Person; ich empfahl Maria, mit jenem Weibe zu brechen, dessen Handlungsweise fast an Erpressung streifte. Aber nein, sie hatte gar zu viel Entschuldigungsgründe für die hinterlistige Freundin; und später gab sie diesem Vorfall einen andern Anstrich und that so, als hätte ihm ein Mißverständnis zu Grunde gelegen, noch später hatte er sich in eine Erfindung meiner unreinen Phantasie verwandelt! Sollte diese Abenteurerin Maria die Idee eingegeben haben, mir die Rechnung zu präsentieren? Wahrscheinlich; denn es wurde ihr sehr schwer, jenes Wort auszusprechen, welches nicht in ihre sonstige Ausdrucksweise paßte. Ich wollte es wenigstens glauben und hoffen. Wenn sie wenigstens die Erstattung des Geldes verlangt hätte, das sie bei der Zeitschrift eingebüßt, das wäre die Mathematik eines Weibes gewesen; oder wenn sie auf Heirat gedrungen hätte; aber sie verabscheute die Ehe. Es war kein Zweifel möglich! Es handelte sich um die Liebe und um die Sinnenlust, die ich durch meine Anstrengungen bei ihr hervorrief, um die zahllosen Küsse, um die zerknitterten Röcke; kurz, um die Rechnung! Und wenn ich ihr nun meinerseits die Rechnung ausgemacht hätte, für meine täglichen Bemühungen um sie, für verbrauchte Nerven, für mein Gehirn, mein Blut, meinen Namen, meine Ehre, meine Leiden, meine Karrière! Nein, sie allein hatte die Verpflichtung, die Rechnung zu bezahlen, und sie hatte keine Gegenforderung an mich. Ich brachte den Abend im Café und auf der Straße zu, indem ich über das Problem des Sinkens nachdachte. Warum dieser stechende Schmerz beim Anblick eines sinkenden Mannes? Ist hierbei nicht etwas Widernatürliches zu finden, vorausgesetzt, daß die Natur den Fortschritt und die Entwickelung verlangt, und daß jeder Schutt rückwärts die Zersetzung der Kräfte verrät? Ebenso ist es im sozialen Leben, wo jedes Individuum nach materiellem oder moralischem Vorwärtskommen strebt. Dieses Weib nun, in den zwanziger Jahren erst, die ich jung, schön, frei, offen, stark, zuvorkommend, wohlerzogen gefunden hatte, war so schnell und so tief gesunken im Laufe zweier Jahre! Ich war versucht, mir die Schuld zuzuschreiben, um die Ihrige zu mindern; es wäre das ein Trost für mich gewesen. Aber ich hatte gar keine Veranlassung, mich zum Sündenbock zu machen! Denn ich hatte ihr den Kultus des Schönen, des Erhabenen, des Edlen beigebracht, und in dem Maße, als sie ungebildete Komödiantenmanieren annahm, veredelte ich mich; ich nahm die feinen Manieren, die verfeinerte Haltung und Sprache der Gesellschaft an, ich legte mir jene Zurückhaltung auf, welche die Erregungen zügelt, und welche das Merkzeichen des hochstehenden Menschen ist. In meinem Liebesleben aber bewahrte ich die höchste Keuschheit, ich schonte das Schamgefühl, war stets auf der Hut gegen Beleidigungen der Schönheit und Schicklichkeit; denn die Schönheit und Schicklichkeit verdecken allein das Tierische bei dem Akt, der für mich mehr aus der Seele als aus dem Körper entspringt. Ich bin im gegebenen Falle gewaltthätig, aber niemals gemein, ich töte, aber ich verwunde nicht, ich nenne die Sache beim richtigen Namen, aber ich hasche niemals nach versteckten Zweideutigkeiten, mein Ansturm kommt aus mir selbst, wird vom Augenblick erzeugt, von der Situation hervorgelockt, aber ich citire niemals Operetten oder Witzblätter. Ich verehre die Sauberkeit, die Schönheit im Leben, ich bleibe von einem Diner weg, wenn ich kein reines Oberhemd habe; ich zeige mich meiner Geliebten niemals in mangelhafter Kleidung oder in Pantoffeln; ich setze ihr ein Butterbrod, ein einfaches Glas Bier vor, aber auf einem weißen Tischtuch. Es ist also nicht mein Beispiel, das sie unter das Niveau hat sinken lassen. Sie liebt mich nicht mehr, und das ist der Grund, warum sie auch nicht mehr den Wunsch hat, mir zu gefallen. Sie gehört der Öffentlichkeit an, sie putzt und kleidet sich für die Öffentlichkeit, und sie ist dadurch eine öffentlich Dirne geworden, die schließlich die Rechnung für so und so viel Leistungen präsentiert. In den nächsten Tagen vergrabe ich mich in der Bibliothek. Ich trauere um meine Liebe, um meine herrliche, närrische, himmlische Liebe! Alles ist begraben, und auf dem Schlachtfelde, wo die Kämpfe der Liebe stattfinden, ist es still. Zwei Tote und wieviel Verwundete, um die Sinnlichkeit eines Weibes zu befriedigen, welches nicht ein Paar gebrauchter Schuhe wert ist! Wenn ihre Lust wenigstens durch den Wunsch zu gebären sich rechtfertigen ließe, wenn sie wenigstens durch den unbewußten Instinkt der Dirnen, die Mütter sind, geleitet wäre, die sich hingeben, um sich hinzugeben. Aber sie haßt Kinder, sie findet es erniedrigend, zu gebären. Kurz, sie ist eine verderbte Natur, die die Muttergefühle zu einem einfachen Vergnügen erniedrigt. So ist sie für das Aussterben einer Rasse eingenommen, und weil sie fühlt, daß sie ein entartetes, in der Zusetzung begriffenes Wesen ist, versteckt sie sich hinter Phrasen über das Leben für höhere Zwecke, für die Menschheit. Ich verabscheue sie, ich will sie vergessen. Ich wandele unter den Buchen umher, ohne das verfluchte Schreckbild fortbringen zu können, das mich verfolgt. Ich habe kein Verlangen mehr nach ihr, weil sie mich anekelt, aber ein tiefes Mitleid, eine fast väterliche Liebe legt mir eine Verantwortlichkeit für ihre Zukunft auf. Wenn ich von ihr lasse, wird sie ein schlechtes Ende nehmen, sei es als Maitresse des Barons oder als die Geliebte von Jedermann. Unfähig, sie emporzuheben, ohne Mittel, aus dem Sumpf herauszukommen, muß ich mich dazu bequemen, an sie gefesselt zu bleiben, muß sehen, wie ihr Untergang sich vollzieht, wobei ich selbst zu Grunde gehe, da die Lust zu leben und zu arbeiten vollständig erloschen ist. Der Selbsterhaltungstrieb, die Hoffnung ist geschwunden; ich will nichts, wünsche nichts; ich bin menschenscheu geworden, und es kommt vor, daß ich vor der Thür des Restaurants umkehre, auf das Mittagessen verzichte, nach Hause gehe, mich aufs Sopha lege und mich unter einer Decke vergrabe. Wie ein zu Tode verwundetes Tier liege ich starr da, den Kopf leer, ohne zu schlafen oder zu denken, in Erwartung einer Krankheit oder des Endes. Als ich eines Tages in einem hinteren Zimmer des Restaurants verborgen saß, welches von Liebespaaren und von abgenutzten Röcken voll war, die das Tageslicht scheuten, schrecke ich beim Ton einer bekannten Stimme auf, die mir guten Tag sagte. Es war ein heruntergekommener Architekt, er gehörte zu jenem wilden Kreise, dessen Mitglieder nach allen Himmelsrichtungen zerstreut waren. »Du lebst noch?« begrüßt er mich, indem er sich mir gegenüber an den Tisch setzt. »Nur wenig! Und Du?« »Nicht schlecht, reise morgen nach Paris, habe von einem Idioten zehntausend Francs geerbt.« »Viel Glück!« »Zum Unglück muß ich die Erbschaft allein durchbringen.« »Das Unglück ist nicht so groß, ich kenne ja Deine außerordentliche Befähigung, eine Hinterlassenschaft aufzuzehren.« »Hast Recht! Wenn Du willst, kannst Du mich begleiten!« »Ich bin bereit!« »Also abgemacht!« »Abgemacht!« »Morgen Abend, sechs Uhr nach Paris!« »Und dann?« »Eine Kugel durch den Kopf!« »Teufel! Wo hast Du diese Idee her?« »Aus Deinem Gesicht, worauf Selbstmord steht.« »Haruspex, Du! – Also Koffer gepackt, und dann nach Paris!« Als ich am Abend zu Maria kam, teilte ich ihr mein Glück mit. Sie nimmt die Nachricht mit herzlicher Freude auf, wünscht mir Glück und wiederholt mehrere Male, daß das mich wieder frisch machen würde. Kurz, sie ist zufrieden, überhäuft mich mit mütterlicher Sorgfalt, die mich tief rührt; darauf waren wir noch am Abend zusammen, wir waren matt, Rückerinnerungen beherrschten uns, von der Zukunft aber war wenig die Rede, wir glaubten einander nicht mehr. So trennten wir uns und überließen es der Zukunft, uns wieder zu vereinigen. * Die Reise macht mich wirklich wieder jung; ich rufe die Erinnerungen der Jugendzeit wach, und ich empfinde eine wilde Freude darüber, daß ich jene zwei Jahre des Elends vergesse, und keinen Augenblick wandelt mich die Lust an, von ihr zu sprechen. Das ganze Ehescheidungsdrama ist für mich wie der Koth, den man liegen läßt, indem man darüber ausspeit und sich davon macht, um nicht mehr darauf zurückzublicken. Manchmal lache ich verstohlen wie ein Entschlüpfter, der entschlossen ist, sich nicht zum zweiten Male abfassen zu lassen, und ich habe ganz die Gefühle eines Schuldners, der seinen Gläubigern nach einem unbekannten Lande entwischt ist. In Paris brachten mir während vierzehn Tage die Theater, die Museen, die Bibliotheken Zerstreuung. Da ich von Maria keine Briefe erhielt, lebte ich in der Hoffnung, daß sie sich getröstet habe, daß alles gut ginge in der besten aller Welten. Aber nach einer gewissen Zeit, wenn man von den tollen Fahrten, von den starken, neuen Eindrücken ermattet ist, verliert alles an Interesse, und so bleibe ich auf meinem Zimmer, lese die Zeitungen, bestürmt von allgemeinen Empfindungen unerklärlichen Unbehagens. Da steigt das Phantom des bleichen jungen Weibes, das Spiegelbild der Jungfrau-Mutter vor mir auf und läßt mir keine Ruhe mehr. Das Bild der zügellosen Komödiantin ist aus meinem Gedächtnis weggewischt, und die Baronin allein taucht auf, verschönert, verjüngt, ihr elender Körper hat sich in jenen herrlichen Leib verwandelt, von dem die Asketen des gelobten Landes geträumt haben. Mitten in diesen schmerzlichen und doch entzückenden Träumereien kommt ein Brief von Maria an, worin sie mir in herzzerreißenden Worten anzeigt, daß sie schwanger sei, und daß nur eine Heirat ihre Ehre wieder herstellen könne. Ohne einen Augenblick zu zögern, packe ich meinen Koffer und reise direkt nach Stockholm, um mich zu verheiraten. Niemals stieg ein Zweifel über die Vaterschaft in mir auf; und nachdem ich ein und ein halbes Jahr auf gut Glück gesündigt hatte, trage ich die Folge als eine Gnade, als das Ende alles Leidens, als ein Faktum, das viel Verantwortlichkeit und viel Gefahren mit sich bringt, zugleich aber einen Ausgangspunkt für etwas Neues, Unbekanntes bildet. Zudem erschien mir die Ehe seit meiner Kindheit als etwas höchst Anziehendes, als die einzige Form eines Zusammenwohnens der beiden Geschlechter; und das Leben zu zweien erschreckte mich durchaus nicht. Jetzt aber, wo Maria sich Mutter fühlte, bekam meine Liebe einen neuen Schwung und stieg rein und edel aus einer regellosen Verbindung auf. Bei meiner Rückkehr empfing mich Maria sehr ungnädig; sie wusch mir wegen meiner Unwahrheit den Kopf. Zu einer peinlichen Erklärung gezwungen, belehre ich sie über die Natur gewisser Leiden, welche die Gefahr vermindern, ohne sie ganz aufzuheben. Übrigens hatten wir während des vergangenen Jahres mehrmals die größte Angst ausgestanden; und was wirklich eingetroffen war, konnte uns nicht allzu sehr überraschen. Sie verabscheut die Ehe, und durch ihre schlechte Gesellschaft hat sie gehört, daß die verheiratete Frau eine Sklavin sei, die für den Mann umsonst arbeite. Da ich nun Furcht vor Sklaven habe, schlage ich ihr eine moderne Ehe vor, die meinen Neigungen entspricht. Zunächst eine Wohnung von drei Zimmern, eins für die Frau, eins für den Mann und ein neutrales. Dann aber keinen Haushalt, keine Dienstboten im Hause; man läßt das Essen aus dem Restaurant holen; Frühstück und Abendbrot wird in der Küche vom Mädchen zubereitet, welches außer dem Hause wohnt. Dadurch sind die Kosten leicht zu berechnen; und eine Gelegenheit zu Klatschereien wird vermieden. Um von vornherein jeden Verdacht auszuschließen, als lebte ich von dem imaginären Vermögen meiner Frau, schlage ich den Ausschluß der Gütergemeinschaft vor. Die Mitgift gilt den Nordländern als eine Entehrung für den Mann, in den civilisierteren Ländern bildet sie eine Einlage der Gattin, welche die Einbildung hervorruft, daß sie nicht vom Manne abhänge, und um den schlechten Eindruck ganz zu verwischen, haben die Deutschen und die Dänen die Sitte angenommen, daß die junge Frau die Einrichtung mitbringt, sodaß der Ehemann das wohlthätige Gefühl bewahren muß, bei seiner Frau zu wohnen, und daß diese wiederum sich einbildet, in ihrem Heime zu sein und ihren Gatten zu ernähren. Maria aber hatte vor Kurzem von ihrer Mutter die Einrichtung geerbt, die aus Gegenständen ohne Geldwert bestand; aber alle waren mit Erinnerungen für die Erbin verknüpft und hatten einen altertümlichen Anstrich. Und da die Einrichtung für sechs Zimmer vorhanden ist, warum sollte man eine solche für drei kaufen? Sie verlangt also, daß sie die Zimmer einrichte, und ich nehme das mit Vergnügen an. Es bleibt nur noch der Hauptpunkt: das zu erwartende Kind. Glücklicherweise sind wir infolge der Notwendigkeit, die Entbindung zu verheimlichen, über diesen Punkt bald einig. Das Neugeborene muß in der Stadt in Pension gegeben werden, bis der günstige Augenblick gekommen ist, wo wir es adoptieren können. Die Hochzeit ist auf den 31. Dezember angesetzt, die Zwischenzeit von zwei Monaten benutze ich, um mir eine anständige Existenz zu schaffen. Da zu erwarten war, daß sich Maria in kurzer Zeit würde vom Theater zurückziehen müssen, griff ich wieder zur Feder, und am Ende des ersten Monats konnte ich dem Verleger einen Band Novellen übergeben, der beifällig aufgenommen wurde. Da das Glück einmal im Zuge ist, werde ich an der Bibliothek zum Assistenten mit einem festen Gehalt von zwölfhundert Francs ernannt, und wenn die Sammlungen nach dem neuen Gebäude überführt werden, sollte ich sechshundert Francs als Extravergütigung erhalten. Das ist ja ein großes Glück, und ich fange an zu hoffen, daß das Unglück müde ist, mich zu verfolgen. Die geachtetste Zeitschrift in Finnland überträgt mir die litterarischen Kritiken für je fünfzig Francs, und das Regierungsblatt in Schweden, welches von der Akademie herausgegeben wird, beauftragt mich, Kunstkritiken zu liefern, die mit fünfunddreißig Francs für die Spalte bezahlt werden, nicht gerechnet das Honorar für die Korrekturen der augenblicklich erscheinenden Klassiker. Und all dies fällt mir in diesen zwei Monaten, den schicksalsschwersten meines Lebens, in den Schoß. Zuletzt kommen auch meine Novellen heraus und haben einen ehrlichen Erfolg, der mir den Titel eines jungen Meisters auf diesem Gebiete einträgt. Auch wird das Buch zu denjenigen gezählt, die Epoche machen, denn ich habe zuerst die moderne Realistik in die schwedische Litteratur eingeführt. Wie glücklich bin ich, daß meine arme angebetete Maria einen bedeutenden Mann heiraten kann, der zu seinem Titel als königlicher Sekretär und Bibliotheks-Assistent einen aufsteigenden Ruhm hinzubringt, der eine glänzende Zukunft verspricht. Eines Tages werde ich auch imstande sein, ihr wieder die Künstlerlaufbahn zu öffnen, die ihr augenblicklich durch vielleicht unverschuldetes Mißgeschick versperrt ist. Das Schicksal lächelt uns, eine Thräne im Auge, zu. Mein Hab und Gut wird verkauft, ich schnüre mein Bündel, nehme Abschied von meinem Dachstübchen, dem Zeugen meiner Leiden und Freuden, und begebe mich in das Gefängnis, das Jedermann fürchtet, nur nicht wir, die alle Gefahren vorausgesehen, alle Steine des Anstoßes beseitigt haben. Und doch ... III Welch' unsagbares Glück, verheiratet zu sein! Vor den Augen der törichten Welt verborgen, im innigsten, ungestörten Zusammenleben mit der Heißgeliebten. Ich habe das elterliche Heim wiedergefunden, die Sicherheit, die Ruhe nach den Stürmen, das Nest, welches die junge Brut erwartet. Ich bin von allen Gegenständen, die ihr gehören, von Trümmern ihres Elternhauses umgeben, und ich fühle, daß ich auf ihren Stamm aufgepfropft bin; die Ölgemälde ihrer Vorfahren machen mir den Eindruck, als ob ich von ihrer Familie adoptiert wäre, weil ja ihre Ahnen bald die Ahnen meiner Kinder sein werden. Ich erhalte alles von ihrer Hand; sie schmückt mich mit Gegenständen, die ihrem Vater gehörten, das Essen wird auf dem Porzellan ihrer Mutter aufgetragen, sie schenkt mir Kleinigkeiten und Nippsachen, an welchen Erinnerungen vergangener Zeiten haften, sie erinnern manchmal an berühmte Kriegshelden, die von den großen Dichtern des Vaterlandes besungen wurden, was dem Geist des Bürgerlichen gewaltig imponiert. Sie ist die Wohlthäterin, die Spenderin all der hochherzigen Gaben, und ich bin von allem so geblendet, daß ich schließlich vergesse, daß ich sie wieder zu Ehren gebracht, sie aus dem Schmutz gezogen habe, daß ich sie zur Frau eines Mannes von Zukunft machte, sie, die durchgefallene Schauspielerin, die verurteilte Gattin, die ich wahrscheinlich vor dem niedrigsten Sinken bewahrt habe. Und welch angenehmer Haushalt! Alle Träume von einer freien Ehe sind verwirklicht. Kein Ehebett, kein gemeinsames Zimmer, keine gemeinsame Toilette, so daß die Unsauberkeiten der heiligen, legitimen Verbindung ferngehalten werden. Eine schöne Einrichtung diese Ehe, wie wir sie ins Werk gesetzt und verbessert haben. Durch das getrennte Schlafen behält man die schöne Gelegenheit, so oft und so lange man will, einander gute Nacht zu wünschen, und die immer erneute Freude, einander guten Tag zu sagen, indem man sich nach dem Schlaf und dem Wohlbefinden erkundigt. Und die verstohlenen und zärtlichen Besuche in den Schlafzimmern, denen immer galantes Spiel vorangeht, an Stelle jener Gewaltsamkeiten, die das Ehebett mit sich bringt. Und wie eifrig arbeitet man zu Hause! Die Frau sitzt neben dem Schreibtisch und arbeitet an den Windeln für das erwartete Kind, während wir früher in unserm Müßiggang soviel Zeit auf die Rendez-vous vergeudeten. Nach einem Monat innigsten Zusammenlebens findet die Entbindung vorzeitig statt, ein Mädchen kommt zur Welt, schwach, kaum fähig zu atmen. Sie wird sofort bei der als anständig bekannten Hebeamme untergebracht, die in der Nachbarschaft wohnt; aber nach zwei Tagen ging die Kleine dahin, wie sie gekommen, ohne Schmerzen, aus Mangel an Lebenskraft, nachdem sie von der Hebeamme die Nottaufe erhalten hatte. Die Mutter empfängt die Nachricht mit Gewissensbissen, in die sich offenbar auch Befriedigung mischt, da sie nun von unübersehbaren Sorgen befreit war, zumal die Vorurteile der Welt sie verhinderten, ein Kind bei sich zu behalten, das zu früh gekommen war. Doch jetzt wird mit beiderseitigem Einverständnisse die Parole ausgegeben: Keine Kinder mehr! Ein Leben zu Zweien, als Kameraden, als Mann und Frau, ohne Entbehrungen in der Liebe, Jeder für sich, um sich den Weg zu seinem besonderen Ziel zu bahnen. Da sie mir in Bezug auf meine Ungefährlichkeit nicht mehr traut, wenden wir die einfachsten und zugleich unschädlichsten Mittel an. Nachdem diese Angelegenheit in Ordnung gebracht und die drohende Gefahr beseitigt war, begannen wir aufzuatmen und nachzudenken. Da meine Familie sich von mir abgewendet hat, so habe ich keine lästigen Verwandten mit in die Ehe gebracht; und meine Frau, die in der Stadt nur eine Tante hat, genirt mich nicht durch Familienbeziehungen, welche für Neuvermählte so störend sind. Aber nach einiger Zeit, ungefähr sechs Wochen, entdecke ich, daß sich unter den Kleidern meiner Frau zwei Eindringlinge versteckt hatten. Zuerst ein Pudel, King Charles-Rasse, ein ekliges Tier mit triefenden Augen, das mich mit schrecklichem Gebell empfängt, wenn ich heimkomme, als wenn ich nicht zum Hause gehörte. Ich kann die Hunde nicht leiden, diese Beschützer der Feiglinge, welche nicht den Mut haben, selbst zu beißen; und dieser Hund ist mir antipathisch als Erbstück aus der früheren Ehe, als fortwährende Erinnerung an den abgeschafften Gatten. Als ich ihn zum ersten Male zur Ruhe verwies, machte mir meine Frau leise Vorwürfe; sie entschuldigte sich damit, daß das scheußliche Tier für sie die letzte Erinnerung an ihre verstorbene Tochter sei, daß sie mich niemals für so grausam gehalten hätte, und so weiter. Eines Tages bemerke ich, daß das Scheusal den großen Teppich im Salon beschmutzt hat. Ich züchtige den Hund, das zieht mir aber den Vorwurf zu, daß ich ein Schinder wäre, der unvernünftige Tiere schlüge. – Aber was willst Du dazu thun, mein Kind; die dummen Tiere verstehen doch die menschliche Sprache nicht. Sie weint und erklärt, daß sie vor einem Manne Furcht habe, der so bösartig sei, wie ich. Das Scheusal fährt fort, auf dem kostbaren Teppich seine Bequemlichkeit zu suchen. Darauf will ich seine Erziehung übernehmen und suche meiner Frau einzureden, daß Hunde sehr gelehrig seien, mit ein wenig Ausdauer könne man Wunder erzielen. Sie wird wütend, und zum ersten Male macht sie mir bemerklich, daß der Teppich ihr gehöre. – So nimm ihn doch weg. Ich habe mich nicht verpflichtet, in einem Kloset zu leben. Der Teppich bleibt, das Tier wird besser überwacht als früher und nimmt sich auch nach meiner strengen Strafe mehr zusammen. Da kamen neue Unfälle! Um Ausgaben zu vermeiden, namentlich aber, um die Unbequemlichkeit zu sparen, in der Küche Feuer zu machen, habe ich mich dazu entschlossen, Abends kalt zu essen. Da komme ich eines Abends in die Küche und treffe das Mädchen dabei, wie sie Kalbscoteletten in der Pfanne bratet. –»Für wen sind die Coteletten?« –»Für den Hund!« Meine Frau kommt. –»Liebes Kind ...« –»Ich bezahle die Fütterung allein!« –»Ganz gut; aber ich esse kalt, und Du fütterst mich schlechter als Deinen Hund, der auf meine Kosten lebt.« Die gute Kameradin! Sie bezahlt allein! Allmählich wird der Pudel als Abgott, als Märtyrer verehrt, und sie schließt sich mit einer Freundin, einer ganz frischen Freundin ein, um das Scheusal anzubeten, das mit einem blauen Bande um den Hals aufgeputzt ist. Und die lieben Frauen weinen über die menschliche Bosheit, die in meiner Person verkörpert ist. Da steigt in mir ein tötlicher Haß auf gegen diesen Friedensstörer, der sich überall umherdrückt. Meine Frau hat ihm eine Lagerstelle aus einem Federkissen mit einer Menge Tücher bereitet, welches den Weg versperrt, wenn ich ihr am Morgen guten Tag sagen, wenn ich sie Abends besuchen will. Und am Sonnabend Abend, am Ende einer arbeitsreichen Woche, wo ich darauf rechne, mit meiner Frau allein zu sein, vor dem Kamin sitzend ein Glas Wein zu trinken und über die Vergangenheit und die Zukunft zu plaudern, bringt die Gesellschaft drei Stunden in der Küche zu, es wird Feuer gemacht, das Haus wird umgedreht, um das Scheusal zu waschen. – Ist sie boshaft, frage ich mich, da ich mich so behandelt sehe. – Sie, boshaft, mit ihrem teilnahmsvollen Herzen, die sogar das eheliche Glück für ein armes, verlassenes Tier opfert, sagt die Freundin. Diese Gemeinheit übersteigt doch alle Grenzen! Zu einer Zeit schien mir das aus dem Restaurant gebrachte Essen außerordentlich schlecht zu sein; aber das liebe Kind mit ihrer unwiderstehlichen Gutmütigkeit, redet mir wirklich ein, daß ich wählerischer geworden sei. Und ich glaube ihr, weil ihre Seele offen und aufrichtig ist, was sie unaufhörlich beteuert. Endlich ist das fatale Mittagessen aufgetragen. Auf den Tellern liegen aber nur Knochen und Sehnen. – Was hast Du uns denn da gebracht, mein Kind, frage ich das Dienstmädchen. – Heute war es nicht so schlecht, aber Madame hat mir befohlen, die großen Stücke für den Hund bei Seite zu legen ... Eine auf frischer That ertappte Frau ist eine gefährliche Sache, weil alle Schuld vierfach auf dein Haupt zurückfallen wird. Sie ist niedergedonnert, als Lügnerin entlarvt, ja noch mehr, als Gaunerin, denn sie hatte behauptet, daß sie das Tier für ihre Rechnung füttere. Stumm, fahl, flößte sie mir nur Mitleid ein; ich schämte mich für sie. Da ich sie nicht erniedrigt sehen wollte, zeigte ich mich als edelmütigen Sieger; ich tröstete sie wegen des Mißgeschicks, klopfte ihr auf die Wange und bat sie, sich wegen dieser Kleinigkeit nicht zu ärgern. Großmut war nicht ihre Sache, und so brach sie los. Ich wäre ein Bauer, ohne Erziehung, wenn ich es fertig brächte, sie vor einem Dienstmädchen bloszustellen, ich wäre ein schlecht dressiertes Tier. Das sollte ich Alles sein! Darauf bekam sie einen heftigen Weinkrampf, stand vom Tisch auf, warf sich auf das Sopha, schrie wie eine Wahnsinnige, schluchzte und rief, daß es ihr Tod sei. Ich glaubte nicht daran und sagte in eisigem Tone: – Und diese ganze Scene um einen Hund! Sie schluchzt schrecklich, überdies schüttelt ein schrecklicher Husten ihren von der Entbindung noch schwachen Körper; ich lasse mich wiederum täuschen und schicke zum Arzt. Er kommt, untersucht die Brust, fühlt den Puls und geht ärgerlich fort. An der Thür halte ich ihn einen Augenblick auf und frage ihn: – Was ist es denn? – Nichts, sagt er und zieht den Paletot an. – Nichts? – Gar nichts! Sie wissen ja, die Frauen ... Adieu! Wenn ich damals gewußt hätte, was ich heute weiß, wo ich das Mittel entdeckt habe, die großen und die kleinen hysterischen Anfälle zu heilen! Aber damals wußte ich noch nichts; ich küsse ihr die Augen und bitte sie um Verzeihung. Warum? Sie drückt mich an ihre Brust, nennt mich ihr artiges Kind; ich müßte sie doch schonen, sie sei ja so schwach, so gebrechlich, daß sie eines schönen Tages sterben würde, wenn das liebe Kind die schreckliche Scene, die es angestiftet, wiederholen würde. Um das Glück vollzumachen, nehme ich das Scheusal auf, streichele ihm den Rücken, was mir während der nächsten halben Stunde himmlische Blicke einträgt. Von nun an legt der Hund seinen Mist unverfroren überall hin, er thut dies in einer Art von Rachegefühl! Ich halte meine Wut zurück und warte auf eine günstige Gelegenheit, um mich aus dem Kot zu befreien, in dem ich leben muß. Der günstige Augenblick kommt. Als ich eines Tages zum Essen nach Hause komme, finde ich meine Frau in Thränen und in tiefer Trauer, der Tisch ist nicht gedeckt, denn das Dienstmädchen ist fortgegangen, um den fortgelaufenen Hund zu suchen. Ich verberge meine innere Freude, obgleich mir meine trostlose Frau leid thut; aber sie kann die einfache Thatsache nicht verstehen, daß ich an ihrem Schmerz Anteil nehme, wenngleich ich eine Genugthuung darüber empfinde, daß ein Feind von der Bildfläche verschwunden ist. Sie errät, was in mir vorgeht, und bricht los: – Das freut Dich, nicht wahr? Du weidest Dich an dem Unglück Deines Nächsten; Du bist ein Bösewicht. Und Du liebst mich nicht mehr! – Ich liebe Dich, mein Herz, aber ich hasse Deinen Hund! – Wenn Du mich liebst, mußt Du auch meinen Hund lieben. – Ich liebe Dich, sonst hätte ich Dich geschlagen! Die Wirkung dieses Wortes war schrecklich. Eine Frau schlagen, ist es möglich, schlagen! Sie wird heftig und will mir einreden, daß ich den Hund losgelassen oder vergiftet hätte. Nachdem ich zum Polizei-Kommissar, sogar zum Schinder gefahren war, wird der Friedensstörer endlich gefunden, dieses Ereignis wird durch ein großes Fest im Hause gefeiert, an welchem die Freundin teilnimmt, und diese sieht mich in Zukunft als einen Giftmischer an, wenigstens als einen Menschen, dem man so etwas wohl zutrauen könnte. Von jetzt an wird das Thier im Zimmer meiner Frau eingeschlossen, und das Liebesnest, das ich künstlerisch ausgeschmückt hatte, verwandelt sich in eine Hundehütte. Die ohnehin schon enge Wohnung wird dadurch noch kleiner, und unser Zusammenleben ist gestört. Auf meinen Widerspruch antwortet sie, daß es ihr Zimmer sei. Nunmehr bereite ich mich zu einem schrecklichen Kreuzzug vor. Ich lasse Madame schmachten, bis ihr heißes Blut aufwallt und sie mich schließlich einladet. – Du sagst mir ja gar nicht mehr guten Morgen, sagt sie. – So lange die Thür geschlossen bleibt, komme ich nicht. Sie schmollt; ich schmolle und koste die Bitterkeit des Cölibats vierzehn Tage lang; ich zwinge sie, in mein Zimmer zu kommen, mich um die Gunst zu bitten, die sie wünscht. Das zieht mir ihren Haß zu, bis sie wieder anderer Meinung sein wird. Schließlich giebt sie nach und entschließt sich, den Hund töten zu lassen. Aber anstatt es sofort zu thun, läßt sie ihre Freundin kommen, arrangiert eine Abschiedsscene »die letzten Augenblicke eines Verurteilten,« und im entscheidenden Augenblick bittet sie mich auf den Knieen, den Ekel zum Zeichen der Versöhnung zu küssen, weil auch die Pudel eine Seele hätten, und man nicht wissen könne, ob man ihnen nicht in einer andern Welt begegnen würde. Das Ende vom Liede ist, daß ich dem Verurteilten das Leben schenke; dafür erhalte ich närrische Beweise ihrer Dankbarkeit. Manchmal glaube ich in ein Irrenhaus eingeschlossen zu sein; aber man nimmt es nicht so genau, wenn man liebt, schlimm genug! Sollte man nun glauben, daß diese Scene mit den letzten Augenblicken eines zum Tode verurteilten Pudels sich zwei mal im Jahre wiederholt, und daß diese Marter sechs Jahre dauert? Junger Freund, der Du dieses wahrheitstreue Bekenntniß liest, du hast Schmerz empfunden, indem du in zwei Minuten diese Geschichte von einem Pudel durchgelesen hast; du wirst mir dein tiefstes Mitleid nicht versagen, wenn du sechs mal dreihundertfünfundsechzig rechnest und dies noch mit vierundzwanzig Stunden multiplizierst; dann wirst du dich wundern, daß ich noch am Leben bin. Und wenn ich wirklich verrückt bin, wie meine Frau behauptet, so frage ich dich, wer ist anders daran Schuld als ich, der ich es unterlassen habe, den Pudel zu vergiften! * Kehren wir zu der Freundin zurück. Sie war eine alte Jungfer, über die fünfzig hinaus, geheimnißvoll, arm, voller Ideale, die längst hinter mir lagen. Sie ist die Trösterin meiner Frau, an ihrem Busen weint sie sich aus, wenn ich keinen Pudel leiden mag, sie hört alle Schmähungen meiner Frau gegen die Ehe, die Sklaverei und die Unterjochung der Frauen mit an. Sie ist ziemlich diskret und mischt sich nicht in die inneren Angelegenheiten des Haushalts ein, so viel ich wenigstens weiß, was allerdings nicht viel ist bei der ungeheuren Arbeit, die mich ganz in Anspruch nimmt und mich blind macht. Doch glaube ich zu wissen, daß sie meiner Frau Geld abborgt, wogegen ich nichts einzuwenden habe; aber eines schönen Morgens sah ich, wie die Freundin ein ganzes Paket Gold- und Silbersachen zum Pfandleiher trug, um es zu ihrem Nutzen zu versetzen. Darauf wage ich es, meiner Frau gegenüber die respektvolle Bemerkung zu machen, daß dies, abgesehen von dem bei uns eingeführten Ausschluß der Gütergemeinschaft, eine übel angebrachte Kameradschaft sei. Ich, ihr Gatte, ihr Anteilhaber wäre durch Schulden sehr gedrückt, und ich wäre der Nächste dazu, ihre Freundschaftsbeweise zu empfangen. Und da es jedermann freistände, eine solche Frage zu stellen, so bäte ich sie, mir ihre Wertpapiere zu leihen, um sie zu versetzen. Sie entgegnete, daß dieselben jetzt zur Zeit der Baisse nichts wert und unverkäuflich seien, außerdem liebe sie es nicht, mit ihrem Mann Handelsgeschäfte zu machen. – Aber ohne Kaution mit einer Fremden, die von einer Pension von fünfundsiebzig Francs jährlich lebt! Das ist doch sonderbar! Dem Manne aber, mit dem Deine Interessen verknüpft sind, verweigerst Du einen Zuschuß für die Zukunft, der Dich sicherstellen soll, für eine Zeit, wo Du hilflos sein wirst. Endlich giebt sie nach und leiht mir die zweifelhaften Aktien im Betrage von dreitausend fünfhundert Francs. Seitdem bildet sie sich ein, meine Wohlthäterin zu sein, und späterhin giebt sie dem ganzen Freundeskreise bekannt, daß sie meine Karriere begründete, indem sie ihre Mitgift opferte. Als ob ich nicht Proben meines Talents gegeben hätte, bevor ich sie kennen lernte, sei es als Dramatiker, sei es als Novellist. Aber es macht mir Vergnügen, unter ihr zu stehen, ihr alles zu verdanken, mein Leben, mein Glück und meine Zukunft. Ich hatte im Ehevertrag den Ausschluß der Gütergemeinschaft verlangt, hauptsächlich deshalb, weil ihre Vermögensangelegenheiten mit denen des Barons verwickelt waren; dieser war ihr Schuldner. Aber anstatt bares Geld zu geben, hatte er für ein Anlehen Bürgschaft geleistet. Ich aber wurde am Tage nach der Hochzeit, trotz meiner Vorsichtsmaßregeln auf die Nationalbank beschieden, um für die Summe gutzusagen. Vergeben erhob ich Widerspruch; die Bank beanstandete die Zahlungsfähigkeit meiner Frau, da sie durch ihre Wiederverheiratung minorenn geworden sei, und trotz meiner größten Entrüstung wurde ich gezwungen, das Dokument zu unterzeichnen und meinen Namen neben den des Barons zu setzen. Wenn ich damals gewußt hätte, was ich damit that! Aber ich war ein Gläubiger, ein Thor; ich hielt alles für richtig, was die vornehmen Kreise für passend erachteten. * Der Baron machte den Neuvermählten seine Aufwartung an einem Abend, wo ich einen Freund in meinem Zimmer empfing. Der Besuch meines Vorgängers schien mir unpassend, doch da er sich vor seinem Nachfolger nicht scheute, nahm ich es ruhig hin. Als ich jedoch meinen Freund ins Vorzimmer begleitete, hielt ich es nicht für nötig, ihn dem Baron vorzustellen. Das trug mir einen Tadel von meiner Frau ein, die mich der Grobheit beschuldigte. Ich antwortete, indem ich ihr und dem Baron Mangel an jeglichem Taktgefühl vorwarf. Es entstand ein heftiger Streit, in welchem ich überzeugt werden sollte, daß mir jegliche Erziehung fehle. Wir kamen von einem aufs andere, und da die Gelegenheit günstig war, befragte ich sie wegen einiger Bilder, die aus dem Hause des Barons stammten und die jetzt die Wände meines Zimmers schmücken. »Man kann Geschenke nicht zurückgeben, ohne einen Freund zu verletzen,« antwortet sie mir; »übrigens behielt er ja auch die Geschenke, die Du ihm gemacht hast, als Zeichen der Freundschaft und des Vertrauens.« Das hübsche Wort Vertrauen beruhigt mich. Aber ein anderer Gegenstand sticht mir in die Augen und erweckt unangenehme Erinnerungen. »Wo hast Du den Schreibtisch da her?« »Von meiner Mutter!« Das war die Wahrheit, aber sie verschwieg, daß das Möbel dann in die Wohnung ihres früheren Gatten übergegangen war! Welcher Mangel an Zartgefühl, welcher Abgrund von Unfeinheit, welche Kurzsichtigkeit in Bezug auf mein Ehrgefühl! War das absichtlich so ins Werk gesetzt, um mich vor der Welt zu erniedrigen? War ich in die Schlingen einer Megäre gefallen? Ohne mich gegen ihre verteufelte Logik zu wehren, ergab ich mich ihr auf Gnade und Ungnade, denn ich war überzeugt, daß ihre feine Erziehung mir in allen zweifelhaften Fällen maßgebend sein mußte, wo meine Kenntnisse nicht ausreichten. Und sie hatte einen Kasten voll Antworten auf alles. Der Baron hätte niemals einen Gegenstand für den Haushalt gekauft, es gehörte alles ihr. Und wenn der Baron damit einverstanden wäre, die Einrichtung meiner Frau zu benutzen, so könnte ich auch ganz ruhig die Gegenstände behalten, die meiner eigenen Frau gehörten. Der letzte Satz, daß der Baron die Gegenstände meiner Frau benutze, verursachte mir eine lebhafte Befriedigung. Und da die Gemälde in meinem Salon gleichsam Beweise hohen Vertrauens waren und den idealen Charakter unserer Beziehungen darthaten, blieben sie dort, und ich war überdies so naiv, daß ich es für meine Pflicht hielt, den Neugierigen den Namen des Geschenkgebers zu nennen. Wenn ich damals gewußt hätte, daß ich, der Bürgerliche, den angeborenen Takt und des Zartgefühl besaß, das man sogar in den niederen Klassen findet, und das die vornehmen Kreise gar oft entbehren, trotz des Firnisses, mit dem sie ihr bäurisches Wesen übertünchen! Wenn ich gewußt hätte, von welcher Art die Frau war, der ich mein Geschick anvertraut hatte! Aber ich wußte es nicht. * Nachdem Maria sich von der Entbindung ganz erholt hatte, fühlte sie das Bedürfnis, nach der Zurückgezogenheit wieder hinauszukommen. Sie läuft in die Theater, um Studien zu machen, sie besucht öffentliche Feste, während ich zu Hause bleibe und arbeite. Durch den Titel einer verheirateten Frau geschützt, wird sie jetzt auch in die Kreise aufgenommen, die der Geschiedenen verschlossen waren. Sie dringt aber darauf, mich überall hin mitzuschleppen, denn es macht einen schlechten Eindruck, daß man niemals den Gatten sieht. Doch das geniert mich wenig; ich verweise auf die persönliche Freiheit, die wir mündlich ausgemacht hatten. Ich lasse ihr vollständige Freiheit zu gehen, wohin es ihr gefällt. »Man sieht niemals den Mann,« sagt man. »Gut,« sage ich, »man wird es verstehen!« Schließlich wird der »Mann« ein Gegenstand des Gespöttes, und die Frau gewöhnt sich daran, mich von oben herab zu behandeln. Während der einsamen Stunden im Hause schreibe ich an meiner ethnographischen Abhandlung, die meine Beförderung in der Bibliothek herbeiführen soll. Ich stehe in schriftlichem Verkehr mit den Gelehrten in Paris, Berlin, St. Petersburg, Peking, Irkutsk, und auf meinem Arbeitstisch laufen die Fäden eines Netzes zusammen, das die ganze alte Welt umspannt. Maria versteht das nicht und ist böse, daß ich keine Stücke für die Bühne schreibe. Ich rate ihr zu warten und meine Arbeiten nicht als Zeitverlust zu betrachten. Aber sie will von diesen wissenschaftlichen Chinesereien, die nichts einbringen, nichts wissen, und meiner sokratischen Geduld gegenüber beginnt sie, mich wie Xantippe zu quälen, indem sie mir vorwirft, daß ich die Mitgift (immer wieder die Mitgift!) für den Plunder vergeude! Während dieses Lebens voll Bitterkeit und Wonne, lastet auf mir ein Gefühl der Unruhe über Marias Zukunft auf dem Theater. Schon im Monat März gingen Gerüchte von einer Verringerung der königlichen Truppe um. Ende Mai sollten die Kontrakte erneuert werden. Drei Monate Extra-Thränen, außer den gewöhnlichen, dazu das Haus angefüllt von lauter abgedankten Schauspielern. Mein Geist, der durch die Entfaltung meines Wissens und Talents aristokratisch geworden war, empört sich gegen die verworfene Gesellschaft der Unfähigen, die ohne Bildung und aufgeblasen, mit der Miene der größten Weisheit beleidigende Banalitäten zum Besten geben, welche dem Kauderwelsch der Komödianten entlehnt sind. Nachdem ich alle Torturen solcher Versammlungen von Idioten durchgemacht, erkläre ich meiner Frau, daß ich nicht mehr in der Lage wäre, daran teil zu nehmen; ich gab ihr den Rat, sich von den Aussätzigen und Kleinen fern zu halten, die uns erniedrigen und uns den Mut benehmen. Darauf giebt sie mir ihre Meinung zu erkennen, indem sie über die Aristokraten spöttelt. »Ich bin einer,« antworte ich ihr, »in dem Sinne, daß ich nach den Höhen des Talentes, natürlich nur dieses, strebe, und nicht nach den Hügeln der vermeintlichen, verbrieften Aristokratie; das hindert aber nicht, daß ich die Leiden des »Enterbten« nicht auch fühle.« Wenn ich mich jetzt frage, wie es möglich war, daß ich mich Jahre lang mit meiner Frau schleppte, die mich plagte, mir die Haare auszog, mich in Gemeinschaft einer Freundin und eines Hundes bestahl, so glaube ich, daß ich dies meiner Genügsamkeit und meiner asketischen Philosophie zuschreiben muß, welche mich lehrte, mit den Menschen nicht allzu scharf ins Gericht zu gehen; der stärkste Grund aber ist meine Liebe. Ich liebe sie so, daß ich ihr sogar lästig falle, und manchmal giebt sie mir zu erkennen, daß meine Anhänglichkeit sie stört. Aber in den Momenten, wo sie mich hätschelt, wo ich meinen heißen Kopf auf ihre Knie legen kann, unter den Liebkosungen ihrer Hände, die mit meiner Löwenmähne spielen – da ist alles vergessen, alles verziehen, und ich bin glücklich und bekenne es unvorsichtiger Weise, daß mein Leben an einem Faden hängt, dessen Knäuel in ihrer Hand ist. Und sie gewöhnt sich an den Glauben, daß sie die Höhere sei, und durch den falschen Schein, den ich durch meine freiwillige Erniedrigung vor ihr erwecke, befestigt sich allmählich die Rolle des unmündigen Kindes, die ich im Hause spiele, so daß sie mich schließlich immer streichelt; wenn sie mich anredet. Seitdem bin ich ihr auf Gnade und Ungnade übergeben, bis sie ihre Stellung schließlich mißbraucht, und zwar nach kurzer Zeit. Der Sommer kommt und Maria zieht mit dem Mädchen aufs Land. Damit sie nicht allein zu bleiben braucht, während mich mein Dienst sechs Tage in der Woche in der Stadt zurückhielt, wird die Freundin in Pension genommen, trotz meiner Befürchtung, daß sie nicht imstande sein würde zu zahlen, und trotz meines Hinweises auf unsere beschränkten Mittel. Aber Maria behandelt mich wie einen geizigen Filz, der von aller Welt Unheil befürchtet, und nur um das Schlimmste, das erzwungene Cölibat, zu vermeiden, gebe ich, wie immer, nach. Allein und Strohwitwer während der Woche, begrüße ich den Sonntag wie einen Sabbath, und freudigen Herzens steige ich in den Zug, marschiere dann eine halbe Meile in glühender Sonnenhitze zu Fuß und trage Flaschen und Vorräte für Sonntag. Auf dem Wege freue ich mich in Gedanken auf das Wiedersehen mit Maria, wie sie mir mit offenen Armen, aufgelösten Haaren, mit roten Backen entgegeneilt, und ich koste im Geist schon das zur festgesetzten Stunde bereitete Mahl, da ich seit dem Morgenkaffee noch nichts genossen habe. Endlich erscheint das blanke Häuschen unter den Tannen am Rande des Sees. In diesem Augenblick aber eilen die Gestalten Marias und der Freundin in ihren hellen Kleidern dem Badehäuschen zu. Ich schreie aus vollem Halse, und ich schwöre darauf, daß sie mich hören mußten, aber sie beschleunigen ihre Schritte, als ob sie fliehen, kehren mir den Rücken und verschwinden in der Kabine. Was bedeutet das? Bei meinem Eintritt ins Haus erscheint das Mädchen, sie macht ein bestürztes Gesicht und erwartet sicherlich ein peinliches Verhör. »Wo sind die Damen?« »Baden gegangen.« »Und das Essen?« »Wird erst um 4 Uhr fertig sein, denn die Damen sind spät aufgestanden, und das Fräulein nimmt mir die ganze Zeit mit ihrer Toilette fort.« »Hast Du mich rufen hören?« »Sehr gut!« Sie sind also geflohen, vom bösen Gewissen gejagt; und ich muß zwei Stunden warten, hungrig, todmüde. Welcher Empfang nach einer Woche voll Arbeit und Sehnsucht; mit dem stechenden Gedanken, daß sie geflohen ist wie ein Schüler, der einen dummen Streich gemacht! Endlich kommt sie. Sie findet mich auf dem Sopha eingeschlafen, in schlechter Laune. Als ob nichts vorgefallen wäre, küßt sie mich, um den Sturm zu besänftigen. Aber die Nerven lassen sich nicht kommandieren, ein leerer Magen wird von Worten nicht satt, und ein bedrücktes Herz läßt sich durch heuchlerische Küsse nicht erleichtern. »Du bist ärgerlich.« »Meine Nerven sind ärgerlich, schone sie etwas!« »Ich bin nicht deine Köchin!« »Es sei fern von mir, das zu verlangen! Aber hindere die Köchin nicht, ihre Pflicht zu thun!« »Aber bedenke doch, mein Lieber, daß Fräulein Amalie als Pensionärin berechtigt ist, die Dienste des Mädchens in Anspruch zu nehmen.« »Hast Du mein Rufen gehört?« »Nein!« Sie lügt! – Wie das schmerzt! Und das Essen, mein Sabbathmahl, eine Pein! Nachmittag weint Maria und flucht der Ehe, der heiligen, glücklichen Ehe, dem einzigen Glück, sie weint sich am Busen der Freundin aus und verschwendet ihre Küsse an den scheußlichen Pudel. Grausam, treulos, verlogen – das empfindsame Herz! Und das geht mit unendlichen Variationen den ganzen Sommer so fort, und ich verbringe meine Sonntage in Gesellschaft zweier Thoren und eines Pudels, überzeugt, daß alles Unheil von meinen zerstörten Nerven herrührt; und Maria und Fräulein Amalie raten mir, zum Arzt zu gehen. Und an dem Sonntag Morgen, wo ich mir vorgenommen hatte, eine Kahnfahrt auf dem See zu machen, erscheint meine Liebste infolge ihrer Toilette nicht vor dem Essen, ich gehe bis zur Mittagsstunde allein spazieren, und nachher ist es zu spät. Und das empfindsame Herz, das mich mit Nadelstichen durchbohrt, weint einen Vormittag lang, weil der Gärtner ein Kaninchen für das Mittagessen tötet, und sie gesteht später im Bett, daß sie zu Gott gebetet hätte, daß das Kaninchen unter dem Beil nicht allzusehr leiden möge. Ein Irrenarzt bezeichnete vor Kurzem als Symptom für logischen Wahnsinn eine übertriebene Liebe für die Tiere, verbunden mit Hartherzigkeit gegen die Nebenmenschen. Und diese Frau betet für ein Kaninchen und bringt dabei einen Menschen um! Und immer ein Lächeln auf den Lippen! An dem letzten Sonntag, der auf dem Lande verbracht wurde, nimmt mich Maria bei Seite, schmeichelt meinem Edelmut, appeliert an mein Mitleid und bittet mich, Fräulein Amalie den Preis der Pension zu erlassen, da ihre Mittel sehr beschränkte wären. Ich bin ohne Diskussion einverstanden, ohne meiner Genugthuung darüber Ausdruck zu geben, daß ich Recht behalten hatte, ohne den Verdacht zu äußern, daß das Ganze eine abgekartete Sache gewesen. Sie ist stets bis an die Zähne mit Entgegnungen auf ausbleibende Antworten bewaffnet und setzt als Schluß hinzu: – Übrigens hätte ich für sie zahlen können! Ganz recht, aber die Unbequemlichkeit und der Ärger, den sie mir verursacht hatte, und der nicht bezahlt wird? Aber man muß es mit Frauen nicht so genau nehmen! * Im neuen Jahre erschüttert ein allgemeiner Krach das alte Land, die Bank, deren Aktien Maria mir geliehen hatte, falliert, und das Anlehen wird gekündigt. Ich soll die Summe, für die ich gut gesagt, zahlen, und das Unglück ist da! Zum Glück wird nach unendlichen Schwierigkeiten ein Zwangsvergleich angenommen, und ich erhalte einen Aufschub von einem Jahre. Ein schreckliches Jahr! Das schrecklichste von allen! Nachdem wieder etwas Ruhe eingetreten war, raffe ich mich so schnell als möglich auf. Neben meinem Bibliotheksdienst beginne ich einen großen modernen Sittenroman, schreibe für alle möglichen Zeitungen und Zeitschriften, trotzdem vollende ich meine Abhandlung. Maria, deren Stellung am Theater in den letzten Zügen liegt, erhielt noch ein Jahr aus Gnade bewilligt, mit einem verringertem Gehalt von vierzehnhundert Francs. Jetzt bin ich ihr überlegen, da sie durch den Krach ruiniert ist. Sie ist in schrecklicher Laune und läßt allen Groll an mir aus. Um die Gleichheit herzustellen, erinnert sie sich ihrer persönlichen Freiheit; sie versucht Geld auszuborgen, findet aber nur beschämende Ablehnungen, die, wie es natürlich ist, auf mich zurückfallen. Ohne Verständnis, von einem an sich wohlwollenden Impuls geleitet, schadet sie mir, indem sie sich zu retten und mir die Last zu erleichtern glaubt! Und wie sehr ich auch ihren guten Willen anerkennen muß, kann ich doch nicht umhin, sie zurechtzuweisen. Sie ist jetzt ewig unzufrieden, und ihr Charakter hat einen hinterhaltigen Zug angenommen. Einige Vorfälle zeigen mir auch bald Seiten ihres Geisteszustandes, die in der That beunruhigend sind. Bei Gelegenheit eines Maskenfestes auf dem Theater hatte ich ihr das feste Versprechen abgenommen, keine Männerkleidung anzulegen. Sie schwört es mir, weil ich darauf dringe aus Gründen, die ich mir selbst nicht klar machen konnte. Am folgenden Tage erfahre ich, daß sie im schwarzen Rock erschienen sei und von Herren zum Souper eingeladen worden wäre. Die Lüge ärgerte mich, aber das Souper schlug mir gewaltig auf die Nerven. – Bin ich nicht frei? antwortete sie mir. – Nein, sage ich, Du bist verheiratet. Zwischen uns herrscht Solidarität, da Du meinen Namen trägst; wenn Dein Ruf beschmutzt ist, leidet der meinige noch mehr. – Ich bin also nicht frei! – Nein, es ist niemand in einer Gemeinschaft frei, in der ein jeder das Schicksal seines Nächsten, das an das Seinige geknüpft ist, mitträgt. Bedenke doch, was hättest Du gesagt, wenn Du mich hättest mit Damen soupieren sehen! Sie erklärt, daß sie in ihrem Thun und Lassen doch frei wäre; es stände ihr frei, nach Gutdünken meinen Ruf zu vernichten, überhaupt, zu thun, was es auch immer sei. Dieses wilde Weib! Unter Freiheit versteht sie die Souveränität des Despoten, der Ehre und Glück von Jedermann mit Füßen tritt! Nach dieser Angelegenheit, die mit Streit, Thränen und hysterischen Anfällen endete, taucht eine zweite auf, die mich umsomehr beunruhigte, als ich in die Geheimnisse des Geschlechtslebens nicht genügend eingeweiht war, dessen Anomalien mich erschreckten, wie alles, was man nicht sogleich begreifen kann. Eines Abends also, als das Mädchen Marias Bett machte, das jetzt in dem Zimmer neben dem meinigen stand, höre ich halblautes Aufschreien und verstohlenes Kichern, wie wenn jemand gekitzelt würde. Das gefällt mir nicht, und mit einer unerklärlichen Unruhe, die in Wut übergeht, öffne ich plötzlich die angelehnte Thür und überrasche Maria, wie sie den Busen des Dienstmädchens drückt und zu küssen versucht. – Was macht ihr da, ihr Dummköpfe, donnere ich. – Ich spiele mit dem Mädchen, antwortete mir Maria frech. Geht Dich das etwas an? – Jawohl, sehr viel. Geh hinaus! Unter vier Augen halte ich ihr das Unschickliche ihres Betragens vor. Sie wirft mir, wie früher, meine »unsaubere Phantasie« vor und beschuldigt mich, verdorben zu sein, da ich überall Unsauberkeiten sähe. Es ist gefährlich, ein Weib auf einem Vergehen zu ertappen; und das meinige gießt ganze Schmutzeimer voll Schmähungen über mich aus. Da die Diskussion einmal im Gange war, erinnere ich sie daran, daß sie früher ihre unsinnige Liebe für die schöne Mathilde, die Kousine, zugegeben habe; darauf erwiderte sie freimütig, in vollkommen harmlosem Tone, daß sie selbst darüber erstaunt gewesen sei, wie ein Weib in ein anderes so furchtbar verliebt sein könne. Durch dieses naive Geständnis beruhigt, erinnere ich mich, daß Maria ganz offen in einer Gesellschaft bei meinem Schwager, ohne zu erröten, ohne das Bewußtsein des Unpassenden zu haben, von ihrer Liebe zu der Kousine gesprochen hat. Ich bin aber mißtrauisch, und mit sanften Worten rate ich ihr, solche Späße zu unterlassen, die im Anfang vielleicht unschuldig sind, schließlich aber zu unberechenbaren Folgen führen können. Sie aber faselt dies und jenes, behandelt mich als unvernünftigen Menschen – sie behandelt mich immer als den schlimmsten Ignoranten – schließlich erklärt sie, daß meine Behauptungen unwahr seien. Was nützt es, ihr zu erklären, daß das Strafgesetzbuch derartige Verbrechen mit Zwangsarbeit bestraft! Was hilft es, sie zu bitten, sie möchte doch glauben, daß, wenn man die Brustwarzen einer Frau berührt, diese dadurch sinnlich erregt wird! Es wird dies in den medizinischen Büchern als Laster bezeichnet. Alle Vorstellungen sind ihr gegenüber vergeblich! Ich bin der Wüstling, der in allen Lastern erfahren ist, und sie ist darauf erpicht, ihr unschuldiges Spiel fortzusetzen! Sie ist so eine unschuldige Verbrecherin, die man eher in ein Haus einschließen und von den geeigneten Frauen erziehen lassen sollte, als sie ins Gefängnis zu werfen. * Gegen Ende des Frühlings wird eine neue Freundin ins Haus eingeführt, eine gezierte Schauspielerin, gegen dreißig Jahre alt, ebenfalls von der Entlassung bedroht, eine Schicksalsgefährtin von Maria und darum ihres Mitleids würdig. Es thut mir weh, diese einst gefeierte Schönheit zu sehen, die aus unbekannten Gründen vor die Thür gesetzt wird, vielleicht weil eine Tochter der ersten Tragödin zur Bühne kommen soll, und ein Triumph erfordert Hekatomben von Opfern. Nichtsdestoweniger war sie mir antipathisch, sie sah aus wie eine Wissende, die nach Beute ausschaut; es schien mir, daß sie mir schmeicheln, mich betören wollte, um mein durchdringendes Auge zu täuschen. Von Zeit zu Zeit fanden Eifersuchtsscenen zwischen der alten und der neuen Freundin statt, die Eine schimpfte herzhaft auf die Andere, ohne daß ich dem Gehör gab. Gegen das Ende des Sommers zeigte es sich, daß Maria wieder schwanger war, die Entbindung war im nächsten Februar zu erwarten. Das war ein Donnerschlag; nun kam es darauf an, mit vollen Segeln den Hafen zu erreichen, bevor der verhängnißvolle Termin herankam. Im November kommt mein Roman heraus, er hat einen lärmenden Erfolg und bringt mir Geld ein – wir sind gerettet! Ich bin am Ziel, durchgedrungen, als Meister anerkannt, nach jahrelanger Not atme ich auf, und wir sehen der Ankunft des Kindes mit außerordentlicher Freude entgegen. Wir tauften es schon im Voraus, und zu Weihnachten kauften wir Geschenke; wir stellten sie aus, und alle Freunde haben sich schon angewöhnt zu fragen, wie es dem »Puttchen« gehe, als ob es schon existierte. Nachdem nunmehr mein Ruhm feststand, mache ich mich daran, Maria zu rehabilitieren, um ihr ihre Karriere wieder zu erobern. Zu diesem Zwecke schreibe ich ein Stück in vier Akten für das königliche Theater, ich schaffe eine sympathische Frauenrolle, um Maria die Gunst des Publikums wieder zu gewinnen. Und gerade an dem Tage, als meine Tochter geboren wurde, erhielt ich die Mitteilung, daß mein Drama angenommen und die Rolle für Maria bestimmt sei. Alles ist jetzt in der besten dieser Welten aufs Schönste bestellt, und das Band zwischen den Eltern ist nach der Geburt des Kindes wieder geknüpft. Die gute Zeit, der Höhepunkt meines Lebens ist gekommen; es ist Brot im Hause und auch etwas Wein. Und die Mutter, geehrt, geliebt, im Begriff, wieder aufzuleben, entfaltet ihre frühere Schönheit von neuem, und alles Unrecht gegen das erste verstorbene Kind verwandelt sich in verdoppelte Sorge für das neugeborene. Der Sommer kommt, und ich bin in der Lage, um einen Urlaub für einige Monate einkommen zu können; ich möchte mit meiner Familie auf einer einsamen grünen Insel im Bereich des Stockholmer Sunds leben. Gleichzeitig fallen mir die Erträgnisse meiner wissenschaftlichen Arbeiten in reichem Maße in den Schoß. Meiner Abhandlung widerfährt die besondere Ehre, im Institut de France vor der Akademie der Inschriften und Wissenschaften vorgelesen zu werden; ich werde zum Mitglied der gelehrten Gesellschaften des Auslandes ernannt, und die kaiserliche geographische Gesellschaft in Rußland verleiht mir eine Medaille. Mit dreißig Jahren habe ich mir eine geachtete Stellung in der Litteratur und in der Wissenschaft errungen, ich habe eine glänzende Zukunft vor mir, und ich bin glücklich, diese Trophäen meiner Maria zu Füßen legen zu können, die mir grollt, weil ich das Gleichgewicht gestört habe. Und so erniedrige ich mich noch mehr, um ihr die Demütigung zu ersparen, einem überlegenen Manne anzugehören. Wie der Riese lasse ich sie mit meinem Barte spielen, und sie mißbraucht dies sehr bald, sie setzt mich vor Dienstboten, in Gegenwart der Freunde des Hauses und besonders in den Augen ihrer Freundinnen herunter. Von mir emporgehoben, bläht sie sich auf; je mehr ich mich erniedrige, desto mehr tritt sie mich. Ich lasse sie in dem Glauben, meinen Ruhm geschaffen zu haben, den sie aber ignorirt und zu verachten scheint, und es macht mir Vergnügen, unter ihr zu stehen, der vernachlässigte Gatte einer reizenden Frau zu sein, so daß sie sich schließlich für das Genie hält. Dasselbe zeigt sich auch in den unbedeutenden Vorkommnissen des täglichen Lebens. Da ich ein sehr guter Schwimmer bin, lehre ich Maria schwimmen, und um sie zu ermutigen, stelle ich mich furchtsam, und es macht ihr Freude, zu prahlen und mich lächerlich zu machen, was mir ein unendliches Vergnügen bereitet. Und während ich so die Mutter im Weibe anbete, vergesse ich, daß ich mit einer dreißigjährigen Frau verbunden bin. Der gefährliche Zeitpunkt ist da, und beunruhigende Zeichen werden sichtbar, die vielleicht ohne Bedeutung waren, aber den Keim großer Zwistigkeiten in sich trugen. Nach der Entbindung gesellt sich zu der Unvereinbarkeit der Geister die der Körper, und die Umarmungen der Lust fangen an lästig zu werden. Wenn sie sinnlich erregt wird, zeigt sie sich als schamlose Kokette, und um mich eifersüchtig zu machen, oder auch von zügellosen wilden Begierden beherrscht, läßt sie sich auf beunruhigender Wollust ertappen. Eines schönen Morgens waren wir, von einem jungen Fischer begleitet, mit einem Segelbot weit in die See hinausgefahren. Ich hatte das Steuer und das große Segel, der junge Mensch das Focksegel. Er sitzt meiner Frau gegenüber. Der Wind legt sich, und im Boot wird es still. Alsbald bemerke ich, daß der Fischer verstohlen nach den Füßen meiner Frau blickt, ich kann aber nicht beurteilen, ob sie auch das Bein zeigt. Zugleich bemerke ich, daß Marias Augen mit Interesse auf den Körper des Fischers gerichtet sind. Ich stelle mich, als wäre ich in Gedanken versunken, und mache eine Bewegung, um sie an meine Gegenwart zu erinnern. Und Maria senkt mit großer Selbstbeherrschung die Augen auf die großen Stiefel des jungen Menschen und verbirgt sich sehr ungeschickt unter einem thörichten Einfall. – Sage doch, was kostet denn ein Paar solcher Stiefel! Ich frage mich, wie ich eine so dumme Frage beurteilen soll. Und um den Faden ihrer schlüpfrigen Gedanken abzuschneiden, schlage ich vor, aus irgend einem Grunde die Plätze zu wechseln. Ich bemühe mich, die mich aufregende und peinliche Scene zu vergessen, ich rede mir ein, daß ich nicht gut gesehen habe, obgleich mir eine ähnliche Scene einfällt, als sie mich mit ihren verwirrenden Blicken ansah und die Linien meines Körpers unter meiner Kleidung beobachtete. Acht Tage später jedoch erwachte mein Mißtrauen von neuem durch einen Vorfall, welcher fast alle meine Hoffnungen, in diesem verdorbenen Weibe die Mutter aufgeweckt zu haben, zu nichte machte. Ein Freund war bei einem Besuche sehr liebenswürdig gegen Maria gewesen, die ihm dies durch eine unschöne Koketterie vergalt. Als es spät geworden war, sagte man guten Abend, und Maria ging scheinbar schlafen. Eine halbe Stunde später höre ich Stimmen auf dem Balkon, ich gehe schnell hinaus und finde den Freund und Maria am Tische vor einer Flasche Cognac sitzen. Ich nehme eine harmlose Miene an, am folgenden Tage aber überhäufe ich sie mit Vorwürfen über die Frechheit, mich zum Gespött der Welt zu machen. Sie lachte und erklärte mir, ich sei voller Mißtrauen, hätte eine unsaubere Phantasie, und spielte ihr übriges gewähltes Repertoire herunter. Ich werde wütend, und sie bekommt den kleinen hysterischen Anfall, sodaß ich sie für mein Unrecht um Verzeihung bitte. Mein Unrecht besteht darin, ein tadelnswertes Benehmen unpassend zu finden. Was mir immer den Rest giebt, ist ihr Schlagwort: – Denkst Du, mein Lieber, daß ich das Elend einer Scheidung noch einmal durchmachen will? Bei dem Gedanken an die Opfer der letzten Zeit schlafe ich ruhig den Schlaf der hintergangenen Ehemänner. Was ist eine Kokette? Eine Frau, die herausfordert! Und die Koketterie ist eine Herausforderung. Nichts weiter! Und die Eifersucht? Die Furcht, das Kostbarste zu verlieren! Und der Eifersüchtige? Ein Mann, der sich lächerlich macht, aus dem lächerlichen Grunde, daß es ihm nicht gefällt, das Kostbarste zu verlieren! * Ich eile von Erfolg zu Erfolg; die Schulden sind bezahlt, es regnet förmlich Geld; und obwohl ich davon recht viel für den Haushalt abgebe, ist derselbe niemals in Ordnung, denn Maria führt das Hauhaltungsbuch und die Kasse, und sie verlangt immer mehr. Dadurch kommt es wieder zu heftigem Streit. Zu gleicher Zeit hat auch ihre Theaterlaufbahn ein Ende, und ich muß alle Folgen tragen. Es ist natürlich meine Schuld, da sie mich geheiratet hat. Die Rolle, die ich für sie geschrieben habe, ist vergessen; sie hatte die Rolle verdorben, ohne jede Charakteristik gespielt. Um diese Zeit erhob sich allmählich jener große Schwindel, genannt »die Frauenfrage«, infolge eines Theaterstückes des berühmten männlichen Blaustrumpfs in Norwegen; und der Wahnsinn der unterjochten Weiber ergriff alle verweichlichten Geister. Ich aber lasse mich davon nicht betören und werde daher als Weiberfeind verschrieen. Als ich mir bei Gelegenheit eines Streites, erlaubte, Maria tüchtig die Wahrheit zu sagen, bediente sie sich des großen hysterischen Anfalls. Damals erblickte die größte Entdeckung des neunzehnten Jahrhunderts auf dem Gebiete der Nervenheilkunde das Licht der Welt. Und sie ist höchst einfach wie alle bedeutenden Dinge. Während des Heulens der Kranken ergreife ich die Wasserflasche und spreche mit donnernder Stimme die magische Formel: – Steh' auf, oder ich begieße Dich! Im Augenblick hört das Geheul auf, und ein Blick größter Bewunderung, herzlicher Dankbarkeit und tötlichen Hasses blitzt aus den Augen des angebeteten Weibes auf. Erst hatte ich Angst; aber mein Mannesgefühl ist geweckt, und ich lasse nicht los; noch einmal bewege ich die Wasserflasche und spreche: – Laß Deine Faxen, oder ich ertränke Dich! Sie steht auf, aber nur, um mich einen Schurken, einen Spitzbuben, einen Elenden zu nennen – ein Beweis, daß die Kur angeschlagen hat! Ihr Ehemänner, mögt ihr hintergangen sein oder nicht, glaubt mir, daß ich euer aufrichtiger und ergebener Freund bin: denn ich vermache euch das kostbare Mittel, die große Heuchelei zu heilen, und seid überzeugt, daß es probat ist! Seitdem ist mein Untergang bei dieser Frau eine beschlossene Sache, und das angebetete Weib beginnt, mich zu hassen! Da ich ein gefährlicher Zeuge ihrer weiblichen Kunstgriffe bin, so ist mein materieller und moralischer Untergang von dem ganzen Geschlecht beschlossen, und die Rächerin übernimmt die schwierige und undankbare Aufgabe, mich zu Tode zu quälen. Darauf wird nach schrecklichen Kämpfen die neue Freundin als Mieterin in einem möblierten Zimmer aufgenommen, das von unserer Wohnung abgetrennt wird. Maria wollte sie auch in Pension nehmen. Dagegen wehrte ich mich mit größter Heftigkeit. Trotz der größten Vorsicht stieß ich überall in meiner Wohnung auf die schöne Freundin und ihre Röcke, sodaß ich mir schließlich einbilden konnte, ich wäre eine Doppelehe eingegangen. Und wenn ich den Abend mit meiner Frau zu verbringen hoffte, verschwand sie im Zimmer der Freundin, wo man sich auf meine Kosten gütlich that, meine Zigarren rauchte und meinen Punsch trank. Ich fange an, die Freundin zu hassen, ich kann kaum noch an mich halten. Und jedesmal überschüttet mich Maria mit Vorwürfen, wenn ich es an Höflichkeit gegen »das arme Kind« fehlen lasse. Nachdem ich meine Frau mir, ihrem Gatten, und ihrem eigenen Kinde zurückerobert hatte, – das letztere hatte sie einer gemeinen Megäre von fünfundvierzig Jahren übergeben – verbündet sich die schöne Freundin mit der Köchin, und die beiden Freundinnen betrinken sich an meinem Biere, so daß das Mädchen am Herde einschläft und das Essen verdirbt, abgerechnet den unglaublichen Verbrauch von Bier, der sich auf ein halbes Tausend Flaschen im Monat beläuft. Schließlich glaube ich auch in der schönen Freundin eine Männerfreundin gefunden zu haben, die mich zur Beute ausersehen hat. Eines Tages zeigt mir Maria einen Mantel, den ich ihr kaufen soll; der Schnitt und die Farbe gefällt mir nicht, und ich schlage vor, einen anderen auszusuchen. Darauf behält ihn die Freundin für sich, und die Sache ist abgethan. Nach vierzehn Tagen übersendet mir das Geschäft die Rechnung über einen Mantel auf den Namen meiner Frau. Nachdem ich die Sache untersucht hatte, finde ich, Maria hat sich verleiten lassen, ihren Mann durch einen in der Schauspieler-Halbwelt bekannten Kniff hinters Licht zu führen. Wie gewöhnlich muß ich den Zorn der Schuldigen ausbaden, und ich gebe Maria den Rat, die gefährliche Verbindung mit einer Abenteurerin zu brechen. Es kam noch schlimmer! Ein anderes Mal spielt Maria die Barmherzige, die unterwürfige Gattin, und bittet mich demütig um die sonderbare Erlaubnis, das arme Kind als Anstandsdame zu einem alten Freunde ihres verstorbenen Vaters begleiten zu dürfen, den sie um ein Darlehen bitten wolle. Diese Bitte erschien mir sehr merkwürdig, ich witterte eine verderbliche Falle, bei dem schlechten Ruf der Freundin, der man nachsagt, daß sie Beziehungen zu alten Männern gehabt habe, und von Schreck ergriffen, beschwöre ich Maria im Namen ihres unschuldigen Kindes, aus ihrem Schlaf zu erwachen, der sie in den Abgrund stürzen würde. Als Antwort wirft sie mir die alte Phrase von meiner unsauberen Phantasie an den Kopf. Vom Regen in die Traufe! Bei Gelegenheit eines Frühstücks, das die Schöne gab, um einem berühmten Schauspieler das Heiratsversprechen abzulocken, rüttelt mich eine neue Überraschung aus meiner Lethargie. Man hat schon einigen Flaschen Champagner den Hals gebrochen, und die Damen sind – wie gewöhnlich – betrunken. Maria sitzt in einem Sessel und auf ihren Knieen liegt die schöne Freundin, die sie umarmt und herzhaft küßt. Durch das sonderbare Schauspiel, das die Bestätigung einer Anklage zu sein scheint, angelockt, ruft ein berühmter Schauspieler einen Kollegen heran, zeigt mit dem Finger auf die beiden Frauen und ruft: – Sieh Dir doch einmal das an! Ohne Zweifel war das eine Anspielung auf die umlaufenden Gerüchte, und unter dem scherzenden Hindeuten verbarg sich ein nur allzu gutes Verständnis für die Bedeutung der Scene. Was war zu thun? Als wir nach Hause gekommen waren, flehte ich Maria an, von ihrer Selbsttäuschung abzulassen und um der Ehre ihres Kindes willen dieses ihren Ruf untergrabende Benehmen aufzugeben. Sie bekennt offen, daß es ihr Vergnügen mache, schöne Mädchen zu sehen, daß sie ihnen den Busen küsse, und daß die Freundin nicht die einzige sei, daß sie es mit den andern Kolleginnen ebenso mache, daß sie das nicht aufgeben wolle, weil es ein unschuldiges Spiel sei, das nur in einer unsauberen Phantasie einen schlüpfrigen Charakter annehmen könne. Es giebt kein Mittel, ihr den Irrtum zu benehmen! Es bleibt mir nur übrig, eine neue Schwangerschaft hervorzurufen, um das Muttergefühl in ihr zu erwecken. Sie ist furchtbar wütend, aber ihr Zustand fesselt sie für einige Monate wieder an den häuslichen Herd. Nach der Entbindung zeigt sie wieder eine neue Seite. Sei es, daß die Furcht vor den Folgen ihrer verderbten Neigungen sie veranlaßt, die Kokette zu spielen, sei es daß der Instinkt des Weibes wieder erwacht ist, seit dieser Zeit ist sie eifrig bemüht, den Männern den Hof zu machen, es geschieht dies zu deutlich, als daß ich dadurch ernstlich eifersüchtig werden könnte. Jetzt, wo sie ohne Engagement, ohne Beschäftigung ist, hat sie erst recht ein launisches, despotisches, abscheuliches Wesen angenommen und führt den Krieg auf Tod und Leben. Eines Tages will sie mir beweisen, daß es billiger ist, drei Dienstboten zu haben als zwei, und da es keinen Zweck hat, einer Verrückten zu widersprechen, nehme ich sie am Arm und setze sie vor die Thür. Sie schwört mir Rache und engagiert ein drittes Dienstmädchen mit dem Erfolg, daß nunmehr gar nichts im Haushalt gethan wird, daß alles den Krebsgang geht, und daß die drei Dienstboten sich täglich in ihrer Trunkenheit balgen und ihren Liebhabern täglich ein Hochzeitsmahl vorsetzen. Um mein eheliches Glück voll zu machen, wird ein Kind krank, was uns fünf Dienstboten (die zwei Ärzte nicht eingerechnet) und ein Defizit von fünfhundert Francs in einem Monat zuführt. Ich verdoppele meine Kräfte, um das wieder einzubringen, aber meine Nerven fangen an, den Dienst zu versagen. Zudem macht sie mir ewig Vorwürfe über die Verschleuderung ihrer zweifelhaften Mitgift, zwingt mich, neue Pensionsgelder an eine Tante in Kopenhagen zu zahlen, die mich beschuldigt, ihr Vermögen vergeudet zu haben, und die behauptet, Mathildens Mutter hätte ausdrücklich angeordnet, daß Maria sich verpflichten sollte, mit der Tante zu teilen. Das ist eine ganz neue Geschichte, daß ich als Erbstück eine Tante annehmen soll, die Nichts thut, zu Nichts gut ist, aber einen sehr begehrlichen Charakter hat; besonders da das Vermögen nur eine Luftspiegelung ist. Doch ich bin einverstanden, ich lasse mich auch verleiten, für eine alte Freundin, die geheimnisvolle Abenteurerin Nummer 1, Bürgschaft zu leisten. Ich verpflichte mich zu allem, denn die Angebetete ist darauf verfallen, mir ihre Gunstbezeugungen zu verkaufen, und um den Preis einer Umarmung erkläre ich, daß ich an allem schuld sei, daß ich ihr Vermögen und das der Tante vergeudet habe, daß ich ihre Karriere vernichtete, indem ich sie heiratete, daß ich ihre Gesundheit untergraben habe. Von diesem Augenblicke an ist die legale Prostitution in die Ehe eingeführt. Infolge meiner Nachgiebigkeit arbeitet sie jenes Märchen von meinen Frevelthaten aus, das später in die Skandalpresse übergeht und durch die von mir hinausgeworfenen Freundinnen weiter verbreitet wird. Sie ist von einer tollen Wut ergriffen, mich zu ruinieren. In diesem Jahre habe ich ihr im ganzen zwölftausend Francs für den Haushalt gegeben, und doch bin ich genötigt, mir von den Verlegern Vorschuß geben zu lassen. Wenn ich mich über das ungeheure Budget beklage, dann antwortet sie: – Warum setzest Du Kinder in die Welt und machst die Frau elend? Und da habe ich ein gutes Leben für einen Taugenichts hingegeben. Darauf antwortete ich: – Mein Kind, als Du Baronin warst, hat Dir Dein Mann nur dreitausend Francs und Schulden zur Verfügung gestellt, und jetzt bekommst Du das Dreifache! Sie antwortet nicht, läßt mich aber schmachten; und wenn die Nacht kommt, gebe ich zu, daß dreitausend dreimal so viel ist als zwölftausend, ich gebe zu, daß ich ein Lump bin, ein Geizhals, ein eitler Geck, emporgekommen auf Kosten eines angebeteten Weibes, angebetet namentlich im Nachtgewande! Um ihre Galle zu entleeren, schreibt sie das erste Kapitel eines Romans, er handelt von der unterjochten Frau, die von einem verbrecherischen Manne ausgebeutet wird, während zu gleicher Zeit ihr Bild als das einer blonden, sanften, mütterlich zärtlichen Madonna durch alle meine Schriften zieht; ich verkünde ihr Lob und schaffe eine unsterbliche Legende über dieses Wunder von Weib, das durch Gottes Gnade in das schmerzensreiche Leben eines Dichters eingetreten ist. Ihre verabscheute Person, von unverdientem Glorienschein umgeben, macht die Runde durch alle Kritiken, welche nicht müde werden, das Genie des pessimistischen Romanschriftstellers zu preisen. Und je mehr ich von dem zügellosen Treiben der Mänade zu leiden habe, desto mehr bemühe ich mich, den Hintergrund ihres Maria-Kopfes zu vergolden; je mehr die Wirklichkeit mich niederdrückt, desto höheren Schwung nehmen meine Phantasien über die Angebetete. Ach, die Liebe! Manchmal glaube ich, daß dieses Weib mich haßt, und daß sie sich gern meiner entledigen möchte, um mit einem Dritten anzufangen. Manchmal vermute ich sogar einen Liebhaber, weil ich unbekannte Reflexe in dem Ausdruck ihrer Züge finde, und mein Verdacht wird durch ihre Kälte in Liebesmomenten bestärkt. Plötzlich bricht die wirkliche Eifersucht in die Ehe ein, und nun öffnen sich weit die Thore der Hölle. Sie erklärt plötzlich, daß sie krank sei, sie wisse aber nicht, was es sei, es sitze irgendwo im Rücken, in der Wirbelsäule oder im Kreuz. Der Kinderarzt, ein früherer Studiengenosse von der Universität, wird gerufen. Er konstatiert rheumatische Knoten an den Rückenmuskeln und ordnet Massage an. Ich habe dagegen nichts einzuwenden, da der Fall ja klar ist, und Maria beginnt ihre täglichen Besuche beim Arzt. Da ich die eigentümliche Art dieser Behandlung nicht kenne, so achte ich, in Arbeiten vergraben, nicht weiter darauf. Das Leiden scheint indessen nicht schwer zu sein, da sie stets auf dem Posten ist, Theater besucht und an Gesellschaften teilnimmt, wo sie immer am längsten aushält. Als wir eines Abends in Gesellschaft waren, bedauerte eine Dame den Mangel an weiblichen Ärzten, wegen der peinlichen Untersuchungen und Kuren, die eine Dame nötigen, sich vor einem Manne zu entkleiden. Und sich an Maria wendend, fragt sie: – Nicht wahr, das ist unangenehm? – Ach, vor einem Arzt! Da wurde mir erst das Wesen der Massage klar, und zwar aus den wollüstigen Mienen Marias, die mir von früher her bekannt wären, und ein schrecklicher Verdacht schnürte mir das Herz zusammen. Sie entkleidet sich vor einem Junggesellen, der als Wüstling bekannt war, und ohne mir davon zu sagen. Unter vier Augen frage ich sie aus. Sie erklärt mir in harmloser Weise, wie die Sache vor sich geht. Sie behält die Röcke an, aber das Hemd ist zurückgeschlagen, sodaß der Rücken nackt ist! – Und Du schämst Dich nicht? – Warum? – Du schämst Dich ja vor mir! Zwei Tage später kommt der Arzt, um nach einem Kinde zu sehen. Von meinem Zimmer aus höre ich eine mehr als sonderbare Unterhaltung zwischen meiner Frau und dem Arzt, dazu Lachen und geflüsterte Worte. Darauf wird die Thür geöffnet, und die Beiden treten hohnlächelnd ein. Von finsteren Gedanken beherrscht, beginne ich die Unterhaltung sehr ungeschickt, wir sprechen von kranken Frauen. – Du verstehst Dich ja darauf, alter Freund, sagt der Arzt, auf Frauenkrankheiten ... nicht wahr? Darauf wirft mir Maria einen so wütenden und haßerfüllten Blick zu, daß mir ein Schauer über den Rücken läuft. Nachdem der Arzt weggegangen, fällt sie über mich her. Da schleudere ich ihr das Wort »Dirne« ins Gesicht. Das Wort war mir wider Willen, als der Ausdruck einer plötzlichen Eingebung, entwischt. Aber nun schneidet mir die Schmähung ins Herz; und als ich der Kinder ansichtig werde, bitte ich sie fußfällig unter Thränen um Verzeihung. Sie spielt die Stolze, und zwei Stunden genügen kaum, um sie zu beruhigen. Um mein scheußliches Unrecht wieder gut zu machen, fasse ich unter dem Einfluß ihres wachsenden Hasses den Entschluß, sie eine Vergnügungs- und Erholungsreise nach Finnland machen zu lassen; sie sollte dort einige Wochen lang als Schauspielerin auftreten. Zu diesem Zweck unterhandele ich mit dem Theaterdirektor, und nachdem ich die Erlaubnis erwirkt hatte, suche ich das nötige Geld aufzutreiben. Sie reist ab, sie erringt patriotische Siege und Familienkränze. Während ihrer Abwesenheit lebte ich mit den Kindern auf dem Lande; ich erkranke plötzlich, und da ich glaubte, es ginge mit mir zu Ende, rief ich sie durch eine Depesche zurück, was sie in keiner Weise hemmte, da ihr Gastspiel schon zu Ende war. Da sie bei ihrer Rückkehr mich wiederhergestellt findet, beschuldigt sie mich, daß ich sie durch eine lügenhafte Depesche ihrem unschuldigen Vergnügen bei ihren Verwandten entrissen hätte. Nach ihrer Rückkehr zum häuslichen Herde entdecke ich eine neue Seite ihres Charakters, der mir einen neuen Schrecken einjagt. Gegen alle Gewohnheit giebt sie sich beim ersten Zusammensein den Freuden der Liebe ganz und voll hin... Woher diese plötzliche Freigebigkeit und der gänzliche Mangel an Furcht vor der Schwangerschaft, frage ich mich, habe aber keine Lust, dem nachzuforschen. In den nächsten Tagen spricht sie fortwährend von ihren Vergnügungen in Finnland, und in einem Augenblick der Trunkenheit erzählt sie mir, daß sie auf dem Dampfer die Bekanntschaft eines Ingenieurs gemacht hätte. Es wäre ein gebildeter, moderner Mensch gewesen, der ihr die Überzeugung beigebracht hätte, daß es keine Sünde in der Welt gäbe, es hänge alles von dem Umständen, vom Schicksal ab. – Ganz recht, mein Kind; aber alle Handlungen ziehen schließlich Folgen nach sich. Und angenommen, es gäbe keine Sünde, weil es keinen persönlichen Gott giebt, so bleibt man doch immer denjenigen verantwortlich, denen man Unrecht gethan hat; und kann man auch nicht von Sünde sprechen, so bleibt doch das Verbrechen bestehen, so lange das Gesetz herrscht; und beseitigen wir auch den theologischen Begriff der Sünde, so wird doch die Vergeltung oder, wenn Du willst, die Rache an demjenigen fortbestehen, der uns geschädigt hat. Sie wird ernst, stellt sich aber so, als ob sie das nicht begriffen hätte. Endlich antwortet sie: – Nur boshafte Menschen rächen sich! – Zugegeben, aber es giebt soviel boshafte Menschen in der Welt; und man ist niemals sicher, daß man nicht auch einmal auf einen Starken trifft, der sich nicht ungestraft verwunden läßt! – Das Geschick regiert doch alle unsere Handlungen! – Gewiß, das Geschick lenkt auch den Dolch in der Hand des Rächers. Am Ende des Monats hat sie eine Fehlgeburt zu überstehen. Der Ehebruch scheint mir bewiesen! Von jetzt ab wird mein Argwohn stärker, da ihre Angriffe einen beängstigenden Umfang annehmen. Damals auch begann sie mir einzureden, daß ich verrückt wäre, und daß mein Argwohn aus einem überreizten Gehirn herrühre. Noch einmal erhalte ich ihre Verzeihung, und zum Zeichen der Versöhnung schreibe ich ein Frauendrama mit einer großen Rolle, die gar nicht verdorben werden konnte. Am siebzehnten August überreiche ich ihr den Schenkungsakt über das Drama, worin ihr freigestellt wird, das Drama aufführen zu lassen, wo sie wolle, vorausgesetzt, daß man ihr die Wahl der Rolle überlasse. Ich hatte zwei Monate an diesem Geschenk gearbeitet, daß sie ohne ein Wort des Dankes annahm, als ein Opfer, das ihrer Majestät der abgedankten Komödiantin gebühre. Während dessen geht die Wirtschaft ihrem unausbleiblichen Ruin entgegen, ich kann dazu nichts thun, denn jede Meinungsäußerung, jedes Dazwischentreten wird als eine Beleidigung angesehen und zurückgewiesen. Und ich muß den Räubereien der Dienstboten, der Vergeudung der Vorräte, der nachlässigen Bewachung der Kinder unthätig zusehen. Zu dem Elend im Hause kommt noch der ewige Streit. Bei der Rückkehr von der Reise nach Finnland, die sie auf meine Kosten gemacht hatte, brachte sie zweihundert Francs mit, welche die Vorstellungen eingebracht hatten. Da sie die Kasse hat, behalte ich die zum Haushalt nötige Summe im Kopf. Noch vor dem Ende eines Termins verlangt sie Geld. Von dieser unerwarteten Forderung überrascht, wage ich die höfliche Anfrage, was sie denn mit ihrem Gelde gemacht hätte. Sie hat es ihrer Freundin geliehen. Sie beruft sich auf das Gesetz und behauptet, daß sie das Recht habe, über das zu verfügen, was sie durch ihre Arbeit verdiene. – Und ich? frage ich sie. Dem Haushalt etwas entziehen, heißt nicht verfügen. – Bei einer Frau ist das etwas anderes! – Bei der unterjochten Frau? Bei der Sklavin, die einen Mann für ihren Unterhalt arbeiten läßt! Das sind die Folgen des Frauenemanzipations-Schwindels. Alles, was Emil Augier in den Fourchambaults über den Ausschluß der Gütergemeinschaft in der Ehe gesagt hat, ist eingetroffen; der Mann ist zum Sklaven geworden. Und es giebt wirklich Männer, die sich haben täuschen lassen, die sich selbst ihr Grab gruben! Während das Elend meiner Ehe sich immer weiter ausbreitete, benutzte ich meinen litterarischen Ruhm, um die veralteten Vorurteile und den eingewurzelten Aberglauben auszurotten, der auf der abgelebten Gesellschaft lastet. Ich stelle einen Band Satiren zusammen und werfe eine Hand voll Kieselsteine auf die bekanntesten Charlatane der Hauptstadt, die geschlechtslosen Frauen mit einbegriffen. Ich werde als Pamphletist verschrieen, und Maria weiß daraus Vorteil zu ziehen. Sie verbindet sich mit dem anständigen Feinde, sie spielt Tag und Nacht die anständige Frau und beklagt sich über ihr Unglück, daß sie an einen Skandalmacher gefesselt sei; jetzt vergißt sie, daß ein bedeutender Romancier und Dramatiker neben dem Satiriker existiert. Sie ist die heilige Märtyrerin und hält es für passend, die unglückliche Zukunft ihrer Kinder zu bejammern, welche die Folgen der unehrenhaften Thaten eines verderbten Vaters tragen müssen, der ihre Mitgift vergeudet, ihre Künstlerlaufbahn zerstört hat und sie mißhandelt. Gleichzeitig bringt eine käufliche Zeitung die Notiz, daß ich verrückt geworden sei! Und eine gegen Bezahlung verfaßte Broschüre verbreitet das ganze von Maria und ihren Freundinnen ersonnene Märchen mit all den fabelhaften Unsauberkeiten, die in diesem schmutzigen Weiberkopf hausen. Sie hat das Spiel gewonnen, und jetzt, wo sie sieht, daß ich unterlegen bin, erhebt sie sich und spielt die hehre Mutter eines verlorenen Kindes, und durch ihr liebenswürdiges Wesen gegen Jedermann, ausgenommen ihren Gatten, gewinnt sie alle meine Freunde, die falschen wie die wahren. Isoliert, einem Vampyr auf Gnade und Ungnade preisgegeben, verzichte ich auf jede Verteidigung. Sollte ich gegen die Mutter meiner Engel, gegen das Weib selbst, das ich auch jetzt noch anbete, die Hand erheben? Niemals! Ich ergebe mich. Jetzt behandelt sie mich außerhalb des Hauses mit einer Zärtlichkeit, die am häuslichen Heerde beleidigender Verachtung Platz macht. Das Übermaß von Arbeit und Rohheit erdrückt mich endlich, und ich werde krank; ich leide an Kopfschmerzen, nervöser Reizbarkeit und an Magenbeschwerden. Sonderbare Folgen der geistigen Überanstrengung! Merkwürdigerweise trat dieses Leiden aber erst auf, als ich meine Absicht, nach dem Auslande zu reisen, bekannt gab; es war dies das einzige Mittel, mich dem Netze der unzähligen Freunde zu entziehen, die meine Frau umringten und ihr beständig ihr Beileid ausdrückten. Gelähmt, zu Boden geschlagen, liege ich auf dem Sopha, sehe dem Spiel der Kinder zu, lasse im Geiste die schönen Tage von früher vorüberziehen und bereite mich auf den Tod vor; ich wollte nichts Schriftliches über die Ursachen meines Todes, über meinen schimpflichen Argwohn hinterlassen! Ich will verschwinden, getötet von einer Frau, der ich verzeihe! Die Citrone ist ausgepreßt, und Maria sieht mich mit einem Blick an, der zu fragen scheint, ob ich nicht bald in eine andere Welt übergehen würde, damit sie in Frieden die Einkünfte aus den gesammelten Werken eines berühmten Dichters genießen, vielleicht auch eine Staatspension für die Kinder ergattern könnte. Aufgeblasen von ihrem Bühnenerfolg, den ich ihr durch mein Stück verschafft hatte, – ein solider Erfolg, der ihr den Titel einer großen Tragödin eintrug – erhielt sie noch eine Rolle, die sie wünschte. Sie fiel gänzlich durch; und da sie nun erkennt, daß ich sie geschaffen und rehabilitiert habe, so wird der Haß der Schuldnerin täglich größer. Sie wendet sich an alle Theater, um ein Engagement zu finden, doch vergebens. Schließlich zwingt sie mich, nach Finnland zu schreiben; ich soll Heimat, Freunde und Verleger verlassen und mich unter ihren Freunden, die meine Feinde sind, ansässig machen. Doch die Finnländer mögen sie nicht, und ihre Karriere ist zu Ende. In dieser Zeit, während sie als emanzipierte, aller Pflichten gegen den Gatten und die Kinder ledige Frau auftritt und ich durch meinen Gesundheitszustand verhindert bin, an den Zusammenkünften der Künstler theilzunehmen, geht sie ganz allein. Manchmal kommt sie erst am Morgen betrunken nach Hause, und dann macht sie einen Lärm, der das ganze Haus aufweckt, und ich höre mit Ekel, wie sie sich in dem Zimmer der Kinder, wo sie schläft, übergiebt. Was soll ich in solchem Falle thun? Meine Frau anzeigen? Nein! Scheiden? Nein! Ist doch die Familie für mich ein Organismus geworden, von dem ich ein wesentlicher Bestandteil bin. Allein könnte ich nicht leben, allein mit den Kindern ohne die Mutter ebenso wenig; die Transfusion meines Blutes setzt sich in großen Arterien fort, die von meinem Herzen ausgehen, sich im Uterus der Mutter verzweigen und in dem kleinen Körper der Kinder münden. Es ist ein System von Blutgefäßen, die mit einander verstrickt sind, und wenn man eins davon abschneidet, verliere ich das Leben und das Blut, das in den Sand fließt. Darum ist der Ehebruch von Seiten der Gattin ein um so schändlicheres Verbrechen, und ich wäre geneigt, dem Ruf des bekannten Schriftstellers »töte sie« zuzustimmen; auch ich bin zu Tode getroffen durch den Zweifel an meiner Nachkommenschaft, Zweifel, die mir eine gewissenlose Mutter erregt hat. Maria jedoch, die in Bezug auf die Frauenrechte äußerst liberal geworden ist, verkündigt die neue Wahrheit, daß die Frau nicht strafbar sei, wenn sie den Mann hintergehe, denn sie sei nicht sein Eigentum. Ich kann mich nicht zur Spionage erniedrigen, und ich will keine Beweise, denn das wäre der Tod. Es gefällt mir, mich fortwährend zu täuschen, da ich in einer imaginären Welt lebe, die ich nach meinem Gutdünken poetisch verkläre. Dennoch liebe ich die Kinder, sie gehören zu meinem Sein, wie das zukünftige Leben, und jetzt, wo die Hoffnung, nach dem Tode fortzuleben, mir geraubt ist, schwebe ich in der Luft wie ein Gespenst und sauge mit zufällig gewachsenen Wurzeln die Luft ein. Maria scheint über das Ausbleiben meines Hintritts ungeduldig zu werden, und während sie mich in Gegenwart von Zeugen wie eine zärtliche Mutter hätschelt, kneipt sie mich heimlich wie der Vater den kleinen Jongleur hinter den Kulissen. Um meinen Tod zu beschleunigen, mißhandelt sie mich. Jetzt hat sie eine neue Tortur erfunden. Wegen meiner Schwächeanfälle behandelt sie mich wie einen Hinfälligen, und im höchsten Stadium des Größenwahns droht sie mir mit Schlägen, indem sie erklärt, daß sie stärker sei als ich. Und sie geht auf mich los, um mich zu schlagen. Da aber erhebe ich mich, fasse ihre beiden Hände und werfe sie aufs Sopha. – Gestehe nur, daß ich trotz meiner Schwäche stärker bin, rufe ich ihr zu. Sie macht kein Zugeständnis, und mit einer Jammermiene, wütend darüber, daß sie Unrecht hat, verläßt sie mich unter Drohungen. Im Kampf benutzt sie alle Vorteile, die sie als Weib und als Schauspielerin hat. Man bedenke doch, daß ich, mit Arbeiten überhäuft, machtlos bin einer beschäftigungslosen Frau gegenüber, die den ganzen Tag frei hat, um Intrigen zu spinnen, so daß der Mann nach einiger Zeit in das Netz verwickelt ist, das ihn auf allen Seiten umspannt. Während sie mich nun vor der Welt als einen Schwächling anklagt, um Verzeihung für ihr Verbrechen zu erwirken, gebieten mir Schamgefühl, Ehre und Mitleid, ihr körperliches Gebrechen zu verschweigen, das bei der ersten Entbindung entstanden und durch die folgenden schlimmer geworden ist. Wird wohl ein Mann, der die Geheimnisse der Ehe niemals irgend einem andern anvertraut, es sich einfallen lassen, die Fehler seiner Gattin weiter zu verbreiten? Und immer wieder bitte ich, der ich von ihr mit unablässiger Wut verfolgt werde, um ihre Gunst, und um sie zu erlangen, greife ich zu Mitteln, die mir widerstreben, die aber geeignet sind, ihr die gewünschte Genugthuung zu verschaffen. Sie hatte also keinen Grund, sich zu beklagen; aber sie hatte die Natur einer Hündin, sie wollte alles genießen, sollte es auch ihr und der Kinder Glück kosten. »In der Liebe siegt man nur, wenn man flieht,« predigte Napoleon, der große Frauenkenner. Aber die Flucht ist einem Gefangenen nicht möglich, und noch weniger einem zum Tode Verurteilten. Da ich mich ausruhte, erholte sich mein Kopf; und da ich von der Arbeit befreit war, bereitete ich einen Ausfall aus der Festung vor, die von der Megäre und den von ihr übertölpelten Freunden bewacht wird. Ich gebrauche eine Kriegslist und übergebe dem Arzt einen Brief, worin ich meine Befürchtung, daß mir in Zukunft Irrsinn drohe, ausspreche und als Heilmittel eine Reise ins Ausland vorschlage. Der Arzt stimmt bei, und ich beeile mich, Maria meinen unabänderlichen Entschluß mitzuteilen. – Der Arzt hat es angeordnet. Das war immer ihr Ausdruck, wenn sie dem Arzt vorschrieb, was ihr gefiel. Bei meiner Mitteilung erbleichte sie. – Ich will meine Heimat nicht verlassen! – Deine Heimat! Das ist Finnland, und ich verstehe nicht recht, was Du in Schweden vermissest, wo Du keinen Verwandten, keinen Freund und kein Theater hast. – Ich will nicht! – Und warum? Sie stockt etwas, dann sagte sie: – Weil Du mir Furcht machst. Ich will nicht mit Dir allein bleiben. – Ein Lamm, das Du am Bande führst, macht Dir Furcht, ist das Wahrheit? – Du bist ein Elender, und ich will nicht ohne Schutz an Deiner Seite bleiben! Sie muß einen Geliebten haben, oder sie fürchtet wirklich, daß ich den Tag erleben würde, an dem das Verbrechen entdeckt wird. Ich soll ihr Furcht einflößen, der ich mich wie ein Hund ducke, der ich im Schlamm herumpatsche, um ihren weißen Strumpf anzubeten; ich habe mir die Löwenmähne abschneiden lassen und das Stirnhaar des Pferdes angenommen; ich habe mir den Schnurrbart in die Höhe gestrichen und trage den Kragen offen, um gegen die gefährlichen Concurrenten zu bestehen. Ihre Furcht macht mir noch mehr Furcht und erweckt meinen Argwohn. Dieses Weib hat einen Liebhaber, den sie nicht verlassen will, oder sie fürchtet den Tag des Gerichts, sage ich mir; vor ihr aber lasse ich nichts merken. Nach endlosem Zanken nimmt sie mir das Versprechen ab, innerhalb eines Jahres zurückzukehren. Und ich verspreche es! Der Wille zum Leben kehrt zurück; ich mache mich daran, für den Winter einen Band Gedichte zu vollenden, der nach meiner Abreise erscheinen soll. Und den Sommer im Herzen, singe ich mit frischer Kraft, ich besinge die angebetete Frau, deren wallender, blauer Schleier auf dem Strohhut seit dem ersten Zusammentreffen die Fahne geworden ist, welche ich am Mast aufhißte, wenn ich ins stürmische Meer hinausfuhr. Eines Abends las ich jene Verse im Familienkreise einem Freunde vor. Maria hörte andächtig zu. Als ich geendet hatte, brach sie in Thränen aus, stand auf und küßte mich auf die Stirn. Eine vollendete Schauspielerin! Sie versucht es, meinen Freund auf eine falsche Fährte zu leiten, und dieser hält mich in der That von jetzt an für einen eifersüchtigen Narren, dem der Himmel ein so liebendes Weib bescheert. – Sie liebt Dich, alter Freund, versichert mir der junge Mann, und vier Jahre später führt er diese Scene als einen schlagenden Beweis für die Treue meiner Frau an. – In jenem Augenblick war sie aufrichtig, darauf schwöre ich, behauptet er. – Aufrichtig in ihrer Reue, ja! Einem liebenden Manne gegenüber, welcher die Dirne als eine Madonna besingt! Nicht wahr, mein Junge? * Indessen ist das Haus endlich von den Freundinnen gereinigt worden. Die letzte, die Schöne, ist mit meinem besten Freunde verschwunden, einem bedeutenden Gelehrten. Die Schöne, welche auf dem Pflaster lag und unentgeltlich bei mir gewohnt hatte, hängt sich an den armen Burschen, der seit einem Jahre in einem unfreiwilligen Cölibat lebte. Sie hat ihn in einem Wagen verführt, den sie in einer dunklen Nacht bestellt hatte, um sie irgend wohin zu bringen, und sie zwang ihn zur Heirat, indem sie in einer Familie, wo sie eingeladen waren, einen Skandal in Scene setzte. Da sie nun im sicheren Hafen war, ließ die Schöne die Maske fallen, und in einer Gesellschaft vergaß sie sich in der Trunkenheit soweit, daß sie Maria für unsittlich erklärte. Einer meiner Freunde, der an der Gesellschaft teilgenommen hatte, glaubt sich verpflichtet, mir diese Beschuldigung mitzuteilen. Maria erklärt im Handumdrehen die Sache für unmöglich, und ich weise der Freundin die Thür, verliere aber gleichzeitig einen Freund für immer. Ich habe keine Lust, die Sache näher zu untersuchen, aber das rauhe Wort »unsittlich,« von jener Seite ausgesprochen, läßt einen schmerzenden Stachel in meinem Fleisch zurück. Und kurze Bemerkungen, die aus derselben Quelle herrühren, die in unbestimmter Weise auf Marias schlechtes Betragen während ihres Aufenthaltes in Finnland anspielen, geben meinem alten Argwohn neue Nahrung; ich denke wieder an die Frühgeburt, an die Philosophie vom unabwendbaren Schicksal, an das unerwartete Erwachen der Liebeslust, die lange nachgelassen hatte, und alles das bestärkt mich in meinem Entschluß zu fliehen. Maria ist zu der Erkenntniß gekommen, daß es sich bei einem kranken Poeten gut leben lasse, und sie spielt sich als barmherzige Schwester, als Krankenpflegerin und nötigenfalls als Irrenwärterin auf. Sie windet sich eine Heiligenkrone, sie handelt hinter meinem Rücken eigenmächtig und geht, wie ich erst später entdeckte, so weit, daß sie auf meinen Namen von meinen Freunden Geld leiht. Gleichzeitig verschwinden wertvolle Möbel aus der Wohnung, welche der abenteuerlichen Freundin No. 1 zum Verkauf übergeben werden. Das erregt meine Aufmerksamkeit, und ich lege mir zum ersten Male die beängstigende Frage vor: Sollte Maria etwa geheime Ausgaben machen? Was bedeuten sonst die geheimnißvollen Schritte, und woher rühren die ungeheuren Unkosten meines Haushaltes? Und wozu dienen sie? Ich habe jetzt das Gehalt eines Staatsministers, mehr als ein kommandierender General, und dabei führe ich ein elendes Leben, als ob ich eine Bleikugel an den Füßen hätte. Außerdem leben wir so einfach wie möglich. Unsere Kost ist die eines einfachen Bürgers, schlecht zubereitet, oft verdorben, wir trinken wie Arbeiter Bier und Branntwein, schlechten Cognac, der selbst bei unseren Freunden berüchtigt ist; ich rauche nur die Pfeife, gönne mir nie ein Vergnügen, ausgenommen die wenigen Abende, wo ich ausgehe, um mich zu zerstreuen und zu amüsieren. Nur ein einziges Mal, als ich ganz außer mir war, begehe ich das Verbrechen, eine auf diesem Gebiet erfahrene Dame zu fragen, ob sie die Kosten meines Haushalts nicht zu hoch fände. Sie lachte mir ins Gesicht, als sie den ungeheuren Betrag hörte, und versicherte mir, daß das geradezu wahnsinnig wäre. Ich hatte also Ursache, an geheime, außerordentliche Ausgaben zu glauben. Aber wofür? Für Eltern, Tanten, Freundinnen, Liebhaber, deren Rendez-vous sie bezahlte? Wer sollte dies einem Gatten sagen, da ein jeder aus irgend welchen, ich weiß nicht, was für welchen Gründen, sich zum Mitschuldigen des Ehebruchs machte. Nach endlosen Vorbereitungen wird schließlich der Tag der Abreise festgesetzt. Da entsteht eine neue Schwierigkeit, die ich schon geahnt hatte, und die eine Reihe von Jammerscenen im Gefolge hatte. Der Pudel lebt noch, er hat mir ungemessenen Ärger verursacht, besonders weil meine Frau in ihrer Sorge für den Hund den Kindern das Beste wegnahm. Indessen war der Augenblick gekommen, wo Marias Abgott, mein böser Genius, zu meiner unaussprechlichen Freude seinen Lebenslauf beenden sollte; war er doch schon alt, mit Geschwüren bedeckt, schmutzig und stinkend. Ich möchte vermuten, daß Maria den Tod des Tieres wünschte; aber da sie das unschuldige Vergnügen ahnt, das sie mir damit bereitete, und da sie sich schon bei dem Gedanken ärgert, daß sie mir eine Freude machen könnte, zieht sie die Pudelfrage in die Länge und erfindet ausgesuchte Qualen, um mich die erhoffte Seligkeit teuer bezahlen zu lasten. Sie veranstaltet einen Abschiedsschmaus, es wird ein Huhn geschlachtet, von welchem ich mit Rücksicht auf meine schwache Konstitution nur die Knochen vorgesetzt bekomme; dann spielt sie eine herzzerreißende Scene und fährt endlich mit dem Scheusal nach der Stadt. Nach zwei Tagen meldet sie mir ihre Rückkehr mit kühlen Worten, als ob sie an einen Mörder schriebe. Von meinem Glück berauscht, nach sechs bitteren Jahren frei zu sein, gehe ich ihr entgegen, indem ich voraussetze, daß ich sie allein treffen würde. Sie empfängt mich wie einen Giftmischer und stößt mich mit Thränen in den Augen zurück, da ich sie küssen will. Sie nimmt ein großes, sonderbar aussehendes Packet in die Hand und tritt den Trauermarsch nach der Wohnung an. Es war der tote Hund! Das Begraben war mir vorbehalten. Ein Mann beschäftigt sich mit dem Sarg, zwei andere mit der Grube, ich halte mich abseits und sehe der Bestattung des ermordeten Lieblings zu. Es war erbaulich! Maria betet zu Gott für das Opfer und für den Mörder, die Umstehenden lachen, und das Kreuz des Erlösers wird aufgepflanzt, der mich endlich von einem Scheusal erlöst hat, welches an sich unschuldig war, aber alle Bosheiten eines Weibes verkörperte, das zu feige war, um offen den Mann zu quälen. Nach einigen Tagen tiefer Trauer ohne Küsse – sie wollte keinen Mörder küssen – reisten wir nach Paris ab. IV. Ich hatte Paris hauptsächlich deshalb als Reiseziel gewählt, weil ich dort meine alten Freunde wiederfinden wollte, die in alle meine Excentricitäten eingeweiht waren, die meine Neigungen und meine Gedankensprünge, meine Paradoxen und meine Kühnheiten kannten, und die deshalb befähigt waren, über den augenblicklichen Geisteszustand ihres Dichters ein Urteil abzugeben. Außerdem hatten sich in Paris die berühmtesten skandinavischen Schriftsteller niedergelassen; unter ihren Schutz wollte ich mich stellen, um die schändlichen Absichten Marias zu durchkreuzen, die mich in eine Irrenanstalt bringen lassen wollte. Während der Reise ist Maria fortwährend wütend, und da sie nicht durch die Gegenwart einer nahestehenden Person geniert ist, behandelt sie mich auf eine niederträchtige Weise. Ihre Miene ist stets erregt, ihre Blicke zerstreut, sie nimmt an nichts Anteil. Ich führe sie in den Städten, wo wir übernachten, spazieren, aber sie interessiert sich für nichts, sie sieht nichts und hört mich kaum an. Meine Liebenswürdigkeit ist ihr lästig, und sie scheint etwas zu entbehren. Aber was? Ein fremdes Land, wo sie so viel gelitten, und wo sie nicht einen einzigen Freund, außer vielleicht einen Liebhaber, zurückläßt? Außerdem zeigt sie sich vollkommen unpraktisch und ungebildet, so daß ihre Überlegenheit als Geschäftsführerin, womit sie sich immer rühmte, kläglich Schiffbruch leidet. Sie läßt sich nach den ersten Hotels führen, und wegen einer einzigen Nacht verlangt sie die Umstellung der Möbel, läßt wegen einer Tasse Thee den Hotelwirt kommen und verursacht auf den Korridoren einen furchtbaren Lärm, der uns demütigende Zurechtweisungen zuzieht; sie versäumt die bequemsten Züge, um bei Tisch zu schlafen; sie läßt das Gepäck fälschlich nach den entferntesten Stationen dirigieren, und bei der Abreise verteilt sie eine Mark an die Hotelbedienten. – Du bist feige, sagt sie, wenn ich eine Bemerkung darüber mache. – Und Du nachlässig und ungebildet! Ein richtiger Vergnügungszug diese schreckliche Fahrt! Als wir in Paris angekommen und mitten unter meinen Freunden waren, die sich durch ihre Künste nicht fangen ließen, da zieht sie den Kürzern, sie merkt, daß sie in einer Falle gefangen ist. Was sie am meisten ärgert, ist die enge Freundschaft, die ich mit dem berühmtesten norwegischen Dichter schließe. Sie verabscheut ihn, weil das Wort dieses Mannes eine Erklärung zu meinem Gunsten bedeuten kann. Eines Abends, bei einem Banket der Künstler und Schriftsteller, erhebt sich der genannte Dichter, um auf mich, als auf den Führer der modernen schwedischen Litteratur, einen Toast auszubringen. Da sitzt nun die arme Maria da, die Märtyrerin in einer Ehe, die sie mit dem bei ihren geschlechtslosen Freundinnen übel berufenen Pamphletisten geschlossen. Es thut mir leid zu sehen, wie sie von den Beifallsrufen der Festteilnehmer niedergedrückt ist; und als der Redner mich ermahnt zu versprechen, daß ich wenigstens zwei Jahre im Auslande bleiben wolle, kann ich den schmerzlichen Blicken meiner Frau nicht mehr widerstehen. Und um sie zu trösten und ihr gleichzeitig eine Genugtuung zu gewähren, antwortete ich, daß in meiner Ehe alle wichtigen Entschlüsse von beiden Gatten gemeinsam gefaßt werden; das bringt mir einen herzlichen Blick von Maria und die Sympathie sämtlicher Damen ein. Aber der Redner will davon nichts wissen, er besteht auf meinem längeren Aufenthalt, er veranlaßt seine Anhänger, ihr Glas »auf einen zweijährigen Aufenthalt dieses Herrn da« zu leeren. Ich muß gestehen, daß ich diese Hartnäckigkeit meines Freundes niemals verstanden habe, wenn ich auch damals fühlte, daß sich zwischen ihm und meiner Frau ein geheimer Kampf abspielte, dessen Grund ich jedoch nicht kannte. War dieser Mann besser unterrichtet als ich, und hatte er in seiner vorschauenden Klugheit das Geheimnis, erraten, da er selbst mit einer Frau von sonderbaren Manieren verheiratet war? Das waren Mysterien, die mir bis heute nicht klar geworden sind! Nachdem ich mich drei Monate in Paris aufgehalten hatte, wo meine Frau sich sehr unbehaglich fühlte, da sie die allgemein anerkannte Bedeutung ihres Gatten entdeckte, fing sie an, die große Stadt zu hassen, sie hetzte mich unaufhörlich gegen »die falschen Freunde« auf, die mir eines Tages noch Unglück bringen würden. Da trat eine neue Schwangerschaft ein, und die Hölle that sich wieder auf. Was mir aber den Zweifel an der Vaterschaft benahm, war der Umstand, das ich im Stande zu sein glaubte, das Datum, ja sogar den Augenblick der Empfängnis festzustellen, indem ich mir alle Einzelheiten ins Gedächtnis zurückrief. Wir gehen nach der französischen Schweiz und geben uns dort in eine bürgerliche Pension, um allen Streit wegen des Haushalts zu vermeiden. Jetzt rafft sie sich wieder auf, da ich nun isoliert und nicht mehr geschützt bin. Sie beginnt damit, sich als Irrenwärterin zu geben, und schließt mit dem Arzt ein Bündnis, sie informiert den Wirt und die Wirtin und bietet den Heerbann der Mädchen, der Dienstboten und der Pensionäre auf. So bin ich nun gefangen und eines Umgangs beraubt, der die Fähigkeit hat, mich zu verstehen. An der Table d'hôte rächt sich die Thörin für ihre Niederlage in Paris; sie nimmt das Wort und tischt alle die Dummheiten auf, die ich tausend Mal in Abrede gestellt hatte. Und da diese Gesellschaft von kleinen, ungebildeten Bürgern aus Höflichkeit ihren Albernheiten zustimmt, bin ich zum Schweigen gezwungen, und das überzeugt sie von ihrer Überlegenheit. Dabei sieht sie krank und leidend aus, als hätte sie einen Kummer; mir gegenüber aber zeigt sie einen vollkommenen Haß. Alles, was ich liebe, verabscheut sie: Ihr sind die Alpen gleichgiltig, weil ich sie liebe, sie verabscheut die Spaziergänge, sie vermeidet ein Alleinsein mit mir. Sie errät meinen Wunsch, sie zu fesseln, sie sagt ja, wenn ich nein sage, und umgekehrt – kurz, ich bin ihr ein Ekel. Und ich, allein, in einem fremden Lande, ich bin gezwungen, um ihre Gesellschaft zu bitten, und wenn wir nicht mit einander sprechen, um keinen Streit hervorzurufen, bin ich schon zufrieden, wenn ich sie an meiner Seite sehe, wenn ich das Gefühl habe, daß ich nicht isoliert bin. Nachdem die Schwangerschaft festgestellt war, glaube ich für mein Liebesbedürfnis freie Bahn zu haben; da sie nun keinen Grund mehr hat, mich zurückzuweisen, erfindet sie Vorwände, um mich am Gängelbande zu führen; und da sie meine Befriedigung nach den ungehemmten Liebesbezeugungen merkt, bei denen doch die Vorsichtsmaßregeln nicht mehr nötig sind, grollt sie mir, weil ich mir ein Vergnügen verschafft habe. Allzuviel Glück für mich, dessen Nervenleiden hauptsächlich von der Enthaltsamkeit herrührt! Inzwischen verschlimmert sich mein nervöses Magenübel, sodaß ich schließlich nichts Festes genießen kann; in der Nacht wache ich infolge von Magenschmerzen und unerträglichem Brennen auf, das ich durch kalte Milch zu beseitigen versuche. Mein fein konstruirtes Gehirn verwirrt sich durch die Berührung mit einem niedriger stehenden Gehirne, und jeder Versuch, es mit dem meiner Frau in Einklang zu bringen, verursacht Krämpfe bei mir. Wenn ich mit den Fremden anzuknüpfen versuche, ziehe ich mich wieder zurück, da ich merke, daß sie mich wie einen Irren behandeln. So schweige ich denn schließlich drei Monate hintereinander, und am Ende dieser Zeit merke ich mit Schrecken, daß meine Stimme aus Mangel an Übung erloschen und der Gebrauch des gesprochenen Wortes mir abhanden gekommen ist. Als Ersatz beginne ich einen Briefwechsel mit meinen Freunden in Schweden, aber ihre zurückhaltende Sprache, ihr mich schmerzendes Mitleid und ihr väterlicher Rat zeigt mir ihre Meinung über meinen geistigen Zustand. Sie triumphiert, und ich bin auf dem Punkte, ein Weichling zu werden, und die ersten Anzeichen eines Verfolgungswahns treten auf. Warum der Wahn? Ich werde verfolgt, darum ist es doch sehr logisch, sich für verfolgt zu halten! Kurz, ich falle in die Kindheit zurück, und in meiner außerordentlichen Schwäche verbringe ich die Stunden auf einem Sopha; mein Kopf ruht auf Marias Schoß, mein Arm hält ihre Taille umschlungen, wie bei der Pietà des Michel Angelo. Ich drücke mich an ihren Busen, nenne mich ihr Kind, der Mann verwandelt sich in das Kind, das Weib wird zur Mutter. Sie blickt mich mit einem Lächeln an, das manchmal triumphirend, manchmal sanft ist. Es ist die weibliche Spinne, die den Mann auffrißt, nachdem sie von ihm begattet worden. Während meines Siechtums führt Maria ein geheimnisvolles Leben. Sie bleibt bis zum Mittagessen, das heißt, bis 1 Uhr im Bette. Dann geht sie ohne bestimmtes Ziel in die Stadt und kommt erst zum Abendbrod nach Hause, meistens zu spät. Man fragt nach der Frau Gemahlin. – In der Stadt, antworte ich; und schließlich lacht alle Welt verstohlen. Niemals kommt mir ein Verdacht, niemals der Gedanke zu spionieren. Nach dem Abendessen bleibt sie mit den Fremden im Salon und plaudert. In der Nacht trinkt sie Cognac mit dem Dienstmädchen, und ich höre sie halblaut schwatzen, doch kann ich mich nicht so weit erniedrigen, an der Thür zu horchen. Warum? Weil es Handlungen giebt, für welche man sich selbst zu gut hält. Warum? Weil uns das durch die Erziehung wie eine Sittenlehre für den Mann eingeimpft wird. Nach drei Monaten bin ich von den übermäßigen Unkosten des Haushalts überrascht, und jetzt, wo die Ausgaben geregelt sind, kann ich leicht berechnen. Die Pension zu zwölf Francs täglich macht monatlich eine runde Summe von 369 Francs, ich habe aber Maria tausend Francs monatlich ausgesetzt, also wird der Überschuß von 609 Francs monatlich auf Nebenausgaben verwendet. Als ich Rechenschaft von ihr verlange, antwortet sie mir wütend, daß der Rest auf außergewöhnliche Ausgaben verwendet worden sei. – Dreihundert und sechzig Francs für gewöhnliche Ausgaben und sechshundert für außergewöhnliche! Glaubst Du, daß ich ein Dummkopf bin? – Du hast mir tausend Francs ausgesetzt, aber Du selbst verbrauchst den größten Teil. Ich fange an vorzurechnen. Tabak (sehr schlechter, Zigarren zu 2 Centimes mit einbegriffen) zehn Francs; Porto für Briefe zehn Francs; und dann, was noch? – Fechtstunden. – Eine einzige Stunde: drei Francs. – Reitstunden. – Zwei Stunden: fünf Francs. – Bücher. – Bücher: Zehn Francs. Das macht achtunddreißig Francs. Nehmen wir an hundert Francs, so bleiben fünfhundert Francs für die Nebenausgaben. Das ist enorm! – Du glaubst, daß ich Dich bestehle, Du Lump, Du! Was soll ich darauf antworten? Nichts! Ich bin also ein Lump, und alle Freundinnen in Schweden werden mit dem Fortschreiten meines Wahnsinns bekannt gemacht. Auf diese Weise wird die Legende von meinem Wahnsinn vollständig ausgebildet; und im Lauf der Jahre nimmt mein Bild immer schärfere Züge an, und anstatt des makellosen Dichters wird eine mythologische Figur in düstern Farben geschaffen, welche den Verbrecher-Typus aufweist. Ein Versuch, nach Italien zu entweichen, wo ich Freunde habe, die der gleichen Kunstrichtung angehören, schlägt fehl, und um die Zeit der bevorstehenden Entbindung kehren wir an das Ufer des Genfer Sees zurück. Nachdem das Kind zur Welt gekommen, schmückt sich Maria mit der Märtyrerkrone des unterjochten Weibes, der rechtlosen Sklavin, und sie bittet mich inständig, das Neugeborene taufen zu lassen. Sie weiß sehr gut, daß ich vor kurzem offen meine Abneigung gegen den Aberglauben des Christentums bekannt hatte, und daß meine Stellung als Schriftsteller einer bestimmten Richtung mir verbietet, die Gebräuche der Kirche mitzumachen. Obgleich sie nicht fromm ist, da sie seit zehn Jahren nicht zur Kirche gegangen ist und wer weiß wie lange, nicht gebeichtet hat, betet sie für Pudel, Kaninchen und zum Tode verurteilte Hühner; und jetzt ist sie darauf versessen, eine Taufe in aller Form zu haben, ohne Zweifel, weil ich sie gebeten habe, mich künftig mit diesen Formen nicht zu behelligen, die von meiner Seite Heuchelei wären und in grellem Widerspruch mit meinen Grundsätzen stehen. Sie bittet mich flehentlich mit Thränen in den Augen, appelliert an meine Großmut, meine Gnade, so daß ich schließlich nachgebe, mir aber vorbehalte, nicht zur Taufe zu kommen. Sie küßt mir darauf die Hände, dankt mir warm für diesen Beweis meiner Liebe, welcher für sie eine Gewissens-, ja eine Lebensfrage ausmacht. Die Taufe findet statt. Als sie nach Haus zurückgekehrt ist, lacht sie in Gegenwart der Zeugen darüber, spielt den Freigeist, zieht die Ceremonie ins Lächerliche und rühmt sich sogar, daß sie die Confession nicht kenne, in welche ihr Sohn aufgenommen worden ist. Nachdem sie das Spiel gewonnen hat, macht sie sich darüber lustig, und die Lebensfrage ist weiter nichts als ein Kampf gewesen, in dem ich unterlegen bin. Wiederum erniedrigt, bloßgestellt, um die Launen eines herrschsüchtigen Weibes zu befriedigen! Da kommt plötzlich eine Skandinavierin zu uns, die den Frauen-Emancipationsschwindel mitmacht und beim ersten Zusammentreffen Marias erklärte Freundin wird; ich bin ein verlorener Mann. Sie bringt als Waffe das feige Buch eines geschlechtslosen Mannes mit, welcher von allen Parteien durchschaut und verleugnet worden und zum Verräther an seinem Geschlecht herabgesunken ist, wodurch er alle Blaustrümpfe der civilisierten Welt für sich gewonnen hat. Nachdem ich »der Mann und das Weib« von Emil Girardin gelesen, erfasse ich die Frauenfrage mit allen ihren Consequenzen, die darauf hinauslaufen, den Mann abzusetzen, ihn durch das Weib zu ersetzen und die Herrschaft des Mutterrechts wieder aufzurichten. Den wahren Herrn der Schöpfung entthronen, der die Civilisation, die Wohlthaten der Kultur geschaffen, ihn, den Schöpfer der großen Gedanken der Kunst, der Handwerke, kurz des ganzen Getriebes, um die dummen Weiber zu erheben, welche niemals an der civilisatorischen Tätigkeit teilgenommen haben, wenn man von geringen Ausnahmen absieht – das war für mich eine Herausforderung, die meinem Geschlecht entgegengeschleudert wurde; und wenn ich nur daran denke, daß jene Intelligenzen des Bronzezeitalters, jene Anthropomorphen, jene Halbaffen, jene Horden von reißenden Tieren sich wieder erheben könnten, so empört sich alles Männliche in mir, und so sonderbar es klingt, ich werde von meiner Krankheit geheilt, die mir der Widerwille gegen den Widerstand einer geistig niedriger stehenden, mir aber durch den gänzlichen Mangel an moralischem Sinn überlegenen Frau eingeflößt hat. Da nun in einem Todeskampf zwischen zwei Völkerschaften der weniger Anständige, der Verderbtere als Sieger hervorgehen muß, und die Aussicht zu gewinnen für den Mann infolge der ihm inne wohnenden Achtung vor der Frau sehr zweifelhaft ist, die Frau auch den Vorteil hat, daß sie immer noch Versorger hat, wodurch sie freie Zeit behält für den Kampf – so greife ich die Frage ernsthaft an. Ich rüste mich für den Kampf und arbeite an einem Buche, welches der Fehdehandschuh sein soll, den ich den emancipierten Frauen ins Gesicht schleudere, welche die Freiheit durch die Unterdrückung des Mannes erlangen wollen. Der Frühling kommt, und wir ziehen in eine andere Pension. Bald befinde ich mich in einem Fegefeuer; ich werde von fünfundzwanzig Frauen bewacht, die mir den nötigen Stoff für meine Abhandlung gegen die Angriffe auf das Recht des Mannes liefern, Nach Verlauf von drei Monaten kann mein Buch erscheinen. Es ist eine Sammlung von Erzählungen aus dem Eheleben; in der Vorrede streue ich eine Menge von bitteren Wahrheiten aus für diejenigen, die es angeht; der Gedankengang ist ungefähr folgender: Die Frau ist nicht die Sklavin, weil sie und ihre Kinder sich von der Arbeit des Mannes ernähren; die Frau ist niemals unterjocht, weil sie ihre Rolle erwählt, oder weil die Natur ihr ihre Stellung zugewiesen hat und sie doch unter dem Schutz des Mannes bleibt, während sie ihre Mutterpflichten erfüllt; das Weib steht dem Manne nicht gleich inbezug auf den Intellekt, der Mann nicht dem Weibe auf dem Gebiete der Erzeugungsthätigkeit; das Weib ist also bei der großen civilisatorischen Arbeit überflüssig, weil der Mann diese seine Aufgabe besser versteht als sie; und nach der Evolutionstheorie ist, je größer der Abstand der Geschlechter ist, desto stärker und kräftiger die Nachkommenschaft. Daher ist der Maskulinismus, d. h. die Gleichstellung der Geschlechter, ein Rückwärtsschreiten, eine Sinnlosigkeit, es ist der letzte Trumpf der romantisierenden und idealisierenden Sozialisten. Das Weib, der notwendige Zubehör zum Manne und in geistiger Hinsicht sein Geschöpf, kann an den Rechten des Mannes nicht teilnehmen, weil sie die »andere Hälfte« der Menschheit nur im numerischen Sinne bedeutet, im Verhältnis macht sie nur ein Sechstel aus. Darum lasset also dem Manne den Arbeitsmarkt frei, solange er verpflichtet ist, für die Frau und ihre Kinder zu sorgen, und bedenket, daß jedes Geschäft, welches man einem Manne fortnimmt, eine alte Jungfer und eine Prostituierte mehr bedeutet. Man kann sich nun eine Vorstellung von der Wut der Maskulinisten machen und von ihrer furchtbaren Macht, wenn man hört, daß sie die Konfiskation des Buches beantragten. Leider reichte ihr Geist nicht hin, um ihre Sache, die sie als Verteidigung der Religion bezeichneten, zu gutem Ende zu führen. So waren nun die Thorheiten der Geschlechtslosen bereits mit der Religion auf eine Stufe gestellt. Maria widersetzt sich entschieden meiner Reise in die Heimat, da unsere Mittel uns die Übersiedelung der ganzen Familie nicht gestatten. Sie fürchtet sich, mich ohne Aufsicht zu lassen; noch mehr fürchtet sie, daß mein öffentliches Erscheinen vor Gericht die Gerüchte über meinen Geisteszustand widerlegen könnte. Indessen wird sie krank, ohne daß sie ein bestimmtes Leiden hätte, und ist genötigt, das Bett zu hüten. Nichtsdestoweniger bin ich entschlossen zu reisen, um vor Gericht zu erscheinen, und ich reise in der That ab. Die Briefe, welche ich ihr während dieser qualvollen sechs Wochen schreibe, wo eine Verurteilung zu zwei Jahren Zwangsarbeit stets über meinem Haupte schwebt, atmen die durch die Entfernung und durch das erzwungene Cölibat wieder erwachte Liebe. Mein überarbeiteter Kopf malt sich poetisch ihre Gestalt aus und vergoldet sie, und die Enthaltsamkeit und die Sehnsucht tragen dazu bei, sie wieder in das weiße Gewand des Schutzengels zu kleiden. Alles Häßliche, alles Niedrige und Schlechte verschwindet, und die Madonna meiner ersten Liebesträume taucht empor, und das geht soweit, daß ich bei einem Zusammentreffen mit einem alten Kollegen von der Journalistik ihm gestehe, daß ich durch ein edles Weib demütiger und reiner geworden sei. Diese Erklärung macht die Runde durch alle Zeitungen der vereinigten Königreiche. Hat sie gelacht, das Scheusal? Das Publikum wenigstens hat sich durch ein unbezahlbares Lachen entschädigt. Marias Antworten auf meine zärtlichen Briefe bezeugen ein lebhaftes Interesse für die finanzielle Seite der Angelegenheit, und zwar in dem Maße, als die Ovationen, die mir auf dem Theater, auf der Straße dargebracht werden, sich mehren. Sie ändert plötzlich ihre Meinung, spricht von der Bornirtheit der Richter und bedauert lebhaft, nicht persönlich teilnehmen zu können. Auf meine Liebesergüsse geht sie nicht näher ein, sie beschränkt sich auf die allgemeinen Worte »sich verstehen, sich begreifen«; und sie streift unsere unglückliche Ehe nur in dem Sinne, daß sie erklärt, ich hätte sie niemals verstanden. Trotzdem möchte ich schwören, daß sie vielmehr niemals ein Sterbenswörtchen von der Sprache ihres Gelehrten verstanden hat. Unter ihren Briefen war einer, der meinen alten Argwohn wachrief. Um sie zu ängstigen, machte ich ihr bemerklich, daß, wenn ich einmal den Fängen der Justiz entschlüpft wäre, ich lieber im Auslande bleiben würde. Sie ärgert sich, beschwört mich, droht, mir ihre Liebe zu entziehen, fleht mein Mitleid an, beschwört das Bild meiner Mutter herauf, sie gesteht, daß nur der Gedanke »ihre« Heimat (nicht etwa Finnland) niemals wiederzusehen, sie erstarren mache, daß sie dann sterben würde. Woher dieses plötzliche Starrwerden, fragte ich mich; aber bis jetzt habe ich den Grund dafür nicht finden können. Endlich werde ich vom Gericht freigesprochen, und ich kehre nach Genf zurück, wo sich meine Familie während meiner Abwesenheit aufgehalten hat. Zu meiner großen Überraschung erwartet mich Maria, die nach ihren Berichten stets bettlägerig gewesen, frisch und gesund, wenn auch mit etwas verlegener Miene, auf dem Bahnhof. Doch bald lebe ich wieder auf, und der Abend und die Nacht entschädigen mich für das überstandene Ungemach. Am andern Tage entdecke ich, daß die Pension von Studenten und Dirnen besetzt ist; und indem ich den Gesprächen lausche, glaube ich zu verstehen, daß Maria ein Vergnügen daran findet, in dieser schlechten Gesellschaft Karten zu spielen und zu trinken, und ich werde von den schmutzigen Intimitäten, die ich haufenweise höre, angeekelt. In alter Weise spielt sie das Mütterchen bei diesen Studenten; mit dem schlimmsten Weibe in dieser Gesellschaft ist sie eng befreundet, es ist eine Person, die furchtbar betrunken zu Tisch kommt und eine erschreckende Ähnlichkeit mit einer dicken Sau hat. Und in dieser Lasterhöhle mußten meine Kinder sechs Wochen lang leben! Und die Mutter sah nichts, sagte nichts, sie hatte auch die letzte Scheu abgelegt. Und ihre vorgeschobene Krankheit hat sie nicht gehindert, an den Zusammenkünften dieser verdächtigen Gesellschaft teilzunehmen! Sie nennt mich eifersüchtig, konservativ, aristokratisch, und die früheren Kämpfe entbrennen aufs neue. * Jetzt tritt eine neue Frage auf, die Erziehung der Kinder. Das Dienstmädchen, eine Bauerntochter, die von jedem Verdacht einer Sachkenntnis frei ist, wird zur Erzieherin erhoben und macht zusammen mit der Mutter die schlimmsten Dummheiten. Die beiden faulen Frauen lieben es, bis in den Vormittag hinein zu schlafen, und infolgedessen sind die Kinder gezwungen, wach im Bett zu bleiben, und wenn sie sich dagegen sträuben, bekommen sie Prügel. Da aber trete ich dazwischen, und ohne irgend welche Rücksicht blase ich morgens zur Reveille, und die Kinder begrüßen mich mit fröhlichen Rufen als ihren Befreier. Meine Frau beruft sich auf die individuelle Freiheit, die nämlich darin besteht, die Freiheit eines andern zu unterdrücken, der rechtzeitig aufstehen will. Und so richtet die Monomanie eines schwachen und untergeordneten Gehirns, welches durchaus gleich machen will, was nicht gleich sein kann, den schlimmsten Wirrwarr in unserer Familie an. Meine älteste Tochter, die klug, frühreif und seit ihrem ersten Jahre gewöhnt ist, meine illustrierten Bücher zu betrachten, genießt auch weiter dieses Recht als Älteste, und da ich dieselbe Gunst nicht auch der Jüngeren gewähren kann, die es noch nicht versteht, ein kostbares altes Buch in die Hand zu nehmen, ohne es zu Schanden zu machen, so wirft mir die Mutter Ungerechtigkeit vor. – Alles soll gleich sein! – Alles? Die Größe der Kleider und Schuhe auch? Die Antwort bleibt aus, an Stelle derselben wirft sie mir Unvernunft vor. – Jeder nach seinen Fähigkeiten und seinem Verdienst. Das Eine für die Erwachsene, das Andere für die Jüngere! Sie will nicht verstehen, und ich werde als ein ungerechter Vater hingestellt, der das jüngere Kind »haßt«. Und um die Wahrheit zu sagen, ist mir die ältere sympathischer geworden, weil sie älter ist, weil wir gemeinsame Erinnerungen an die ersten schönen Tage meines Lebens haben, weil sie schon in das verständige Alter eingetreten ist vor der Jüngeren, vielleicht auch, weil die Geburt der Jüngeren in eine Zeit fiel, wo ich bereits an der Treue meiner Frau zweifelte. Übrigens zeigt sich die Gerechtigkeit der Mutter in einer vollkommenen Gleichgiltigkeit der Kinder, da sie nicht immer draußen ist, sobald sie nicht ausgeht, und so bleibt sie den Kindern fremd, welche sich mit immer steigender Zuneigung an mich anschließen, so daß die Eifersucht der Mutter erweckt wird. Um dies zu vermeiden, habe ich mich gewöhnt, alle Spielsachen und Bonbons durch die Mutter verteilen zu lassen, um ihr die Zuneigung der Kinder zuzuwenden. In dieser Weise bilden die Kinder einen Teil meines Lebens, und in den düstern Augenblicken, wo die Einsamkeit mich niederdrückt, knüpft die Berührung mit diesen kleinen Wesen mich wieder an das Leben und zugleich an meine Frau. So erscheint mir denn jeder Gedanke an eine Trennung unausführbar, ein verhängnisvoller Zustand, der mich schließlich in die tiefste Unterjochung bringt. * Die Folgen meines Sturmes gegen die Maskulinisten machen sich fühlbar, man greift mich in den schwedischen Zeitungen an und macht mir den Aufenthalt unerträglich; man verbietet den Verkauf meiner Werke, und von Stadt zu Stadt getrieben, fliehe ich nach Frankreich. In Paris aber sind meine Freunde von mir abgefallen und verbinden sich jetzt mit meiner Frau. Wie ein wildes Tier verfolgt, wechsele ich das Schlachtfeld, und als das Elend sich naht, finde ich endlich einen neutralen Hafen in einem Künstlerdorf in der Umgebung von Paris; da sitze ich nun wieder in einer Schlinge, in welcher ich zehn Monate, wohl die schlimmste Zeit meines Lebens, gefangen bin. Die Gesellschaft besteht aus jungen skandinavischen Malern; es sind meistens ungebildete Leute, Bauern, frühere Handwerkslehrlinge, ebenso verschieden von Herkunft wie an Fähigkeiten, und was noch schlimmer ist, malende Damen, die alle Vorurteile von sich geworfen haben und eine lächerliche Liebe für die hermaphroditische Litteratur an den Tag legen, bis sie schließlich sich einbilden, dem Manne gleich zu sein. Und um ihr Geschlecht zu verhüllen, nehmen sie die Äußerlichkeiten des Mannes an, sie rauchen, betrinken sich, spielen Billard, – und außerdem fröhnen sie unerlaubter Liebe. Das ist der Gipfel. Um nicht allein zu sein, knüpfe ich mit zweien von diesen Scheusalen eine Bekanntschaft an. Die Eine ist eine sogenannte Litteratin, die andere eine pinselnde Dame. Zuerst besucht mich die Litteratin, da ich der berühmte Schriftsteller bin. Das erweckt aber die Eifersucht meiner Frau, sie macht sich sofort daran, diese Verbündete zu gewinnen, die mir aufgeklärt genug scheint, um den Wert meiner gegen die Halbfrauen vorgebrachten Gründe zu würdigen. Indessen trägt eine ganze Reihe von Zufällen dazu bei, finstere Gedanken wieder zu erwecken, und nach einer bestimmten Zeit bricht jene früher so oft besprochene Monomanie in voller Freiheit aus. Eines Abend tranken ich und Maria zusammen mit einem alten Herrn aus Schweden, der kürzlich von dort gekommen war, in einem Garten Kaffee. Es war heller Tag, so daß ich Marias Gesicht beobachten konnte. Der alte Herr berichtete mir, was seit meiner Abreise von Schweden sich dort ereignet hatte. Dabei sprach er auch den Namen jenes Arztes aus, der bei Maria die Massage angewendet hatte. Diese unterbricht den alten Herren und fragt ihn: – Ach, Sie kennen den Doktor X.? – Er ist sehr bekannt ... ich meine, er besitzt einen gewissen Ruf... – Als Geck, unterbreche ich ihn. Marias Gesicht wurde ganz bleich, und ein schamloses Lächeln glitt über ihre offenen Lippen und ließ ihre Zähne sehen. Die Unterhaltung aber verstummte unter allgemeiner Verlegenheit. Als ich mit dem alten Herrn allein war, bat ich ihn um Mitteilungen über die Redereien in Bezug auf die Angelegenheit, die mich peinigte. Er schwor bei allen Teufeln, daß nach dieser Richtung hin keine Gerüchte umliefen. Aber nachdem ich ihn eine Stunde lang mit Bitten bestürmt hatte, giebt er mir folgenden rätselhaften Trost: – Übrigens, lieber Freund, wenn es so einen giebt, dann seien Sie versichert, dann giebt es auch mehrere! Das war alles, aber seit diesem Tage wurde der Name des Doktors von Maria nicht mehr genannt, die sonst stets geneigt war, das Geklatsch Lügen zu strafen, indem sie diesen Namen öffentlich nannte, als wenn sie sich gewöhnen wollte, ihn, ohne zu erröten, nennen zu hören. Sie folgte dabei einer Regung, welche alle Skrupel unterdrückte. Durch diese sonderbare Entdeckung aufgeschreckt, nehme ich mir Zeit, um in meinem Gedächtnis nach übereinstimmenden Anzeichen zu forschen, und da fällt mir plötzlich ein litterarisches Werk ein, welches zur Zeit des Prozesses erschienen war, und dieses bringt ein, wenn auch etwas undeutliches Licht in die Sache, aber es genügt, um den Faden zu finden, der zu der Quelle jenes Gerüchtes hinführt. Es war ein Drama von dem berühmten norwegischen Blaustrümpfler, dem Erfinder des Gleichheitswahnsinns. Das Buch war mir in die Hände gefallen, ohne daß ich sagen könnte, auf welche Weise. Jetzt aber erklärte sich alles leicht und gab den schlimmsten Vermutungen in Bezug auf den Ruf meiner Frau Raum; der Inhalt des Dramas war folgender: Ein Photograph (ein Spitzname, den ich mir durch meine dem wirklichen Leben entnommenen Romane erworben hatte) hat eine zweifelhafte Person geheiratet, die früher die Maitresse eines Großgrundbesitzers gewesen war. Die Frau bestreitet den Haushalt aus geheimen Fonds, die von dem früheren Liebhaber herrühren. Außerdem führt sie das Geschäft des Gatten, eines Faulenzers, welcher seine Zeit damit zubringt, daß er sich in Gesellschaft nichtsnutziger Leute betrinkt. Das ist nun eine Verdrehung der Thatsachen, welche die Herausgeber bewirkt hatten. Sie hatten Kenntnis davon, daß Maria die Übersetzungen machte, wußten aber nicht, daß ich es war, der sie unentgeltlich korrigierte, und der ihr den Betrag dafür auszahlte. Die Sache wird schlimm, als der arme Photograph entdeckt, daß die angebetete Tochter, die vor der Zeit zur Welt kommt, nicht sein Kind ist, und daß die Frau ihn genarrt hat, als sie ihn zur Heirat bestimmte. Um den Schimpf voll zu machen, erlaubt sich der getäuschte Gatte, eine große Summe von dem früheren Liebhaber als Entschädigung anzunehmen. Hierunter verstehe ich Marias Anlehen mit der Bürgschaft des Barons, die ich nach der Hochzeit gegenzeichnete. Aber, was die illegitime Geburt der Tochter betrifft, so sehe ich nicht eine Spur von Analogie, denn meine Tochter wurde erst zwei Jahre nach der Hochzeit geboren. Aber, wie? Das verstorbene Mädchen! Da bin ich auf der Fährte! Das verstorbene Kind, das uns zu der Heirat zwang, die sonst nicht stattgefunden hätte! Für den Nachmittag bereitete ich eine große Scene vor, ich wollte Maria in ein Kreuzverhör nehmen, dem ich die Form einer Verteidigung für uns beide geben wollte; waren wir ja gemeinsam durch den Strohmann der Maskulinisten angegriffen, der sich für das saubere Geschäft hatte bezahlen lassen. Als Maria ins Zimmer trat, begrüßte ich sie herzlich und bat sie, Platz zu nehmen. – Was giebt es? – Eine wichtige Angelegenheit, die uns beide sehr nahe berührt. Darauf gebe ich ihr den Inhalt des Stückes an, indem ich noch das Detail erfand, daß der Komödiant sich eine Maske gemacht hätte, die mir ähnlich war. Sie schweigt und denkt über einen Plan nach, ist aber augenscheinlich erregt. Nun beginne ich das Plaidoyer. – Wenn sich das so verhält, dann sage es mir, und ich schwöre, Dir zu verzeihen, weil, wenn wirklich das gestorbene Mädchen von einem Anderen war, Du in Deinem Recht warst, da Du nur durch ein unbestimmtes Versprechen mit mir verbunden warst; Du konntest auch frei handeln, da Du von mir Nichts bekommen hast. Was den Helden des Dramas betrifft, so scheint es mir, daß er sich als ein Mann von Herz benimmt, der nicht fähig ist, die Zukunft seiner Tochter und seiner Frau zu beschmutzen, und in dem Gelde, das er als Zuschuß für die Tochter annimmt, sehe ich nur eine gebührende Entschädigung. Sie hat aufmerksam zugehört, und dieser Geist, der im innersten Grunde bürgerlich ist, beißt auf den Köder an, ohne ihn ganz zu verschlingen. Nach der Windstille zu urteilen, die ihre von Gewissensbissen entstellten Züge aufhellt, scheint ihr die Feststellung ihres Rechts, über ihren Körper zu verfügen, weil sie kein Geld bekommen hat, zu genügen, auch den getäuschten Gatten läßt sie gelten, sie erachtet ihn als »ein edles Herz.« Es gelingt mir nicht, ihr ein Geständnis zu entlocken, und ich fahre in meiner Rede fort, ich baue ihr eine goldne Brücke, um zu entwischen, verwerfe ihren Rat, Maßregeln zu treffen, um uns zu rehabilitieren, und schlage vor, unseren Roman zu schreiben, um uns vor der Welt und vor unseren Kindern zu reinigen. Meine Rede hat eine ganze Stunde gedauert; sie hat währenddessen an meinem Tisch gesessen, außerordentlich aufgeregt, mit einem Federhalter gespielt, aber kein Wort gesprochen, abgesehen von einigen Ausrufen. Beruhigt gehe ich spazieren und spiele eine Partie Billard. Als ich in mein Zimmer trat, saß Maria noch an ihrem Platze, unbeweglich wie eine Statue, zwei Stunden lang. Als sie mich hört, blickt sie auf. – War das eine Falle, die Du mir da gestellt hast, fragt sie. – Keineswegs! Glaubst Du, daß ich, im Stande wäre, die Mutter meiner Kinder zu verlieren? – Ich halte Dich zu Allem fähig, Du willst Dich meiner entledigen, wie damals, wo Du Herrn Y*** (Name eines noch nicht erwähnten Freundes) geschickt hast, um mich zu verführen, damit Du mich auf dem Ehebruch ertappen könntest. – Wer hat Dir das gesagt? – Anna! Es war die angebliche Geliebte von Maria, die letzte Freundin vor unserer Abreise. Die Rache der Lesbierin! – Und Du hast es geglaubt? – Gewiß! Aber, siehst Du, ich habe Dich an der Nase geführt, ebenso wie Herrn X., euch alle beide. – Du hast mich also mit einem Dritten hintergangen. – Das sage ich nicht! – Aber Du hast es zugestanden. Da Du uns Beide getäuscht hast, hast Du mich getäuscht. Ist das nicht logisch? Wie eine Schuldige ereifert sie sich und verlangt Beweise! Beweise! Ich aber, der ich durch die Entdeckung einer Schandthat zu Boden geschmettert war, die alles an Bosheit übersteigt, was ich im menschlichen Herzen vermutet hatte, ich hänge den Kopf, ich falle auf die Kniee und flehe um Gnade. – Und Du hast so etwas geglaubt! Du hast geglaubt, daß ich mich von Dir trennen wolle; ich, der ich der treue Freund war, der anhängliche Gatte, der ohne Dich nicht leben konnte! Du hast Dich über meine Eifersucht beklagt, Du hast gesehen, wie die Frauen mich verführen wollten, und daß ich sie vor Dir als schlechte Geschöpfe verklagte – und Du hast so etwas geglaubt! Sie wird von Mitleid gerührt, und in augenblicklicher Aufrichtigkeit gesteht sie, daß sie es niemals geglaubt habe. – Du hast mich doch aber getäuscht, gestehe es, und ich verzeihe Dir. Befreie mich von den finstern Gedanken, die mich beherrschen. Sage es! Sie sagt Nichts, sondern beschränkt sich darauf, Herrn Y*** einen Lumpen zu nennen. Mein intimster Freund ein Lump! Ich wünsche mir den Tod, das Leben ist mir unerträglich! Während des Essens ist Maria mehr als zuvorkommend gegen mich, und als ich zu Bett gegangen war, besucht sie mich, setzt sich an mein Bett, drückt mir die Hände, küßt mir die Augen, und schließlich bricht sie in Thränen aus; sie ist ganz gebrochen. – Du weinst, liebes Kind, sage mir doch, was Dich bekümmert, ich werde Dich trösten. Sie bringt abgebrochene Worte vor, lobt mein edles Herz, meine Nachsicht, meine weitherzige Anschauung von dem Elend dieser Welt. Welcher Gegensatz! Ich beschuldigte sie des Ehebruchs, und sie liebkost und rühmt mich. Doch das Feuer ist angelegt, und der Brand bricht aus. Sie hat mich betrogen. Ich muß also wissen, mit wem. Die folgende Woche gehört zu den bittersten meines Lebens; ich liege in heftigem Kampfe mit angeborenen und ererbten Prinzipien, den Folgen unserer Erziehung; ich bin bereit, ein Verbrechen zu begehen. Ich bin entschlossen, die für Maria ankommenden Briefe zu erbrechen, um zu wissen, woran ich bin. Und trotz meines unbedingten Vertrauens, das ich ihr bewies, indem ich ihr gestattete, in meiner Abwesenheit die für mich bestimmten Briefe zu lesen, scheue ich doch vor dem Bruch mit jenem geheiligten Gesetz zurück, es ist dies die feinste Furcht des stillschweigenden Gesellschaftsvertrages, welcher die Verletzung des Briefgeheimnisses verbietet. Doch ich kann der Versuchung nicht widerstehen, und eines Tages habe ich auch vor mir die Achtung verloren, ich halte einen erbrochenen Brief in der Hand und zittere, als wenn über meine Ehre das Todesurteil ausgesprochen worden wäre. Ich lese einen Brief der abenteuerlichen Freundin Nummer 1. In spöttischem und verächtlichem Tone spricht sie über meinen Wahnsinn und bittet den lieben Gott, er möchte Maria gnädigst aus ihrem Unglück erlösen, indem er mir meinen gestörten Geist nähme. Nachdem ich die schändlichen Stellen abgeschrieben, schließe ich das Kouvert, mit der Abendpost soll der Brief abgegeben werden. Im geeigneten Augenblick gebe ich meiner Frau den Brief und setze mich neben sie, um sie zu beobachten. Als sie an die Stelle kam, wo von meinem erwünschten Tode die Rede ist, auf der zweiten Seite, lacht sie mit einem wilden Lachen. Meine Angebetete sieht also einen Ausweg aus ihren Gewissensbissen nur durch meinen Tod. Ihre letzte Hoffnung, den Folgen eines Verbrechens zu entgehen, beruht darauf, mich sterben zu sehen. Nachher wird sie die Summe erheben, mit der mein Leben versichert ist, wird die Pension des berühmten Dichters einstreichen, sich wieder verheiraten oder nach Gefallen die galante Witwe bleiben. Die Angebetete! Ich bin also ein zum Tode verurteilter, und ich will die Katastrophe beschleunigen, indem ich mich dem Absynth hingebe, der mich selig macht, und dem Billardspiel, das meinen heißen Kopf beruhigt. Inzwischen tritt eine neue Verwickelung auf, die verhängnisvoller ist als alle früheren. Die litterarische Freundin, die so that, als ob sie mich lieb hätte, wird von Maria gewonnen; es entsteht eine so innige Liebe zwischen Beiden, daß wieder die bösen Reden hervorgerufen werden. Gleichzeitig wird die Kollegin der Freundin eifersüchtig, was die schlimmen Nachreden noch verstärkt. Eines Abends fragt mich Maria im Bett, von meinen Umarmungen ermattet, ob ich denn nicht Fräulein Z. liebte. – Durchaus nicht! Dieses betrunkene Weib! Hältst Du das für möglich? – Und ich bin ganz vernarrt in sie! Ist das nicht sonderbar? Ich fürchte mich sogar, mit ihr allein zu sein. – Was willst Du denn von ihr? – Ich weiß nicht! Sie küssen! Sie ist wirklich reizend ... Acht Tage später hatten wir Freunde aus Paris mit ihren Frauen eingeladen; es waren Künstler ohne jeden Skrupel und ohne jedes Vorurteil. Die Männer kommen, aber die Frauen bleiben fort, sie brauchen unbestimmte Ausflüchte, um uns nicht tötlich zu verletzen. Darauf wird eine Orgie gefeiert, und das skandalöse Benehmen der Herren erregt mich bis ins Mark. Die beiden Freundinnen von Maria werden wie Dirnen behandelt, und in der allgemeinen Trunkenheit bemerke ich, wie sich Maria mehrere Male von einem Lieutenant küssen läßt. Ich verlange eine Erklärung und erhebe die Billard-Queue gegen die Unverschämten. – Ach, ein Jugendfreund, ein Verwandter, entgegnet Maria. Mach Dich nicht lächerlich! Übrigens küßt man sich in Rußland sehr herzlich, und wir sind russische Unterthanen! – Lüge! ruft mir ein Freund zu. Sie sind nicht verwandt! Lüge! Ich bin nahe daran, einen Mord zu begehen, und nur der Gedanke, die Kinder ohne Vater und Mutter zu lassen, hält mich zurück. Als ich mit Maria allein war, nehme ich sie vor: – Dirne! – Warum! – Weil Du dich als Dirne behandeln läßt! – Du bist eifersüchtig! – Gewiß; ich bin eifersüchtig auf meine Ehre, auf die Würde der Familie, auf den Ruf meiner Frau, auf die Zukunft meiner Kinder. Und Du hast durch Deine schlechten Sitten bewirkt, daß wir aus der Gesellschaft anständiger Frauen verbannt sind! Sich öffentlich von einem fremden Mann umarmen lassen! Weißt Du auch, daß Du wahnsinnig bist, denn Du siehst nichts, hörst nichts, begreifst nichts und hast alle Gefühle von Pflicht von Dir geworfen. Ich werde Dich in ein Irrenhaus stecken, wenn Du Dich nicht besserst, und ich verbiete Dir den Umgang mit den Freundinnen. Hat denn nicht Fräulein Z., als sie, wie gewöhnlich, betrunken war, vor mir und Dir erklärt, sie würde zur Deportation verurteilt werden, wenn sie in der Heimat wäre. – Aber Du erkennst ja keine Laster an! – Wenn diese Fräuleins sich amüsieren, so berührt mich das nicht, weil es keine Consequenzen für meine Familie mit sich bringt. In dem Augenblicke jedoch, wo die besondern Umstände, wenn Du willst, uns Sorge bereiten, dann liegt eine uns schädigende Handlung vor. Für mich als Philosophen giebt es keine Laster, außer in dem Sinne von körperlichen oder psychischen Defekten. Und jetzt, wo die Deputiertenkammer in Paris über die Frage der widernatürlichen Laster verhandelt, sind alle bedeutenden Mediziner der Ansicht, daß das Gesetz sich in diese Dinge nicht mischen darf, außer in dem Falle, daß die Interessen der Bürger ernstlich gefährdet sind. Ich hätte ebenso gut den Fischen predigen können als eine philosophische Vorlesung für dieses Weib halten, das nur seinen tierischen Instinkten folgte. Aber da ich inbezug auf die umlaufenden Gerüchte im reinen sein wollte, schrieb ich an einen ergebenen Freund in Paris und bat ihn, mir alles zu sagen. Er teilte mir offen mit, daß meine Frau, nach der feststehenden Ansicht der Skandinavier, sich der unerlaubten Liebe hingebe, und daß die beiden dänischen Fräuleins in Paris als Tribaden bekannt seien und Cafés besuchten, wo man der lesbischen Liebe huldigt. Da wir in der Pension Schulden hatten und uns die weiteren Mittel fehlten, gab es keine Möglichkeit zu fliehen. Zu unserem Glück hatten die dänischen Fräuleins ein hübsches junges Mädchen aus dem Dorf entführt und sich dadurch den Haß der Dorfbewohner zugezogen, so daß sie gezwungen waren fortzuziehen. Aber ich wollte eine Bekanntschaft, die schon acht Monat dauerte, nicht so schroff auflösen, und da die jungen Mädchen aus guter Familie und wohlerzogen und meine Leidensgefährtinnen waren, wollte ich ihnen einen ehrenvollen Rückzug bereiten, und deshalb wurde in dem Atelier eines jungen Künstlers ein Abschiedsmahl bereitet. Als beim Dessert wieder allgemeine Trunkenheit herrschte, erhebt sich Maria, von ihren Gefühlen fortgerissen, und mit dem Glas in der Hand singt sie ein Abschiedslied, das sie selbst nach der bekannten Mignon-Melodie gedichtet hatte. Sie hatte mit Feuer und mit aufrichtigem Gefühl gesungen, ihre großen, mandelförmigen Augen schwammen in Thränen und spiegelten das Licht der Kerzen wieder, sie hatte ihr Herz weit geöffnet, und ich, ich war wirklich hingerissen. Sie hatte eine Naivetät, eine rührende Aufrichtigkeit, die jeden schlüpfrigen Gedanken fernhielt, denn das Weib besang das Weib! Und sonderbar, sie hatte weder das Gebahren noch den Ausdruck eines Mannweibes, nein, es war das lebende, zärtliche, geheimnisvolle, räthselhafte unfaßbare Weib. Und der Gegenstand dieser Liebe? Ein bizarres Ding, russischer Typus, männliches Gesicht, mit krummer, hängender Nase, dickem Kinn, gelben Augen, die Backen aufgeschwommen vom Trinken, mit flacher Brust, krallenartigen Fingern, kurz das abscheulichste Geschöpf, das man sich denken kann, und das sogar ein Stallknecht verschmähen würde. Als das Lied zu Ende war, setzt sich Maria neben das Scheusal, welches aufsteht, ihren Kopf nimmt; und indem sie den Mund weit öffnet, verschlingt sie Mariens beide Lippen, die sie in ihren abscheulichen Rachen einschließt. Das ist wenigstens fleischliche Liebe, sage ich zu mir, und ich stoße mit der Russin an und mache sie total betrunken, sodaß sie schließlich auf die Knie fällt, mich mit verstörten Augen ansieht und sich gegen die Wand lehnend wie ein Blödsinniger lacht. Noch niemals habe ich solche Scheuseligkeiten in menschlicher Form gefunden, und meine Ansichten von der Emanzipation der Frauen haben für die Zukunft feste Gestalt gewonnen. Nach einem Skandal auf der Straße, wo die Malerin auf einem Steine saß und schrecklich heulte, war das Fest zu Ende, und am andern Tage verschwanden die Freundinnen. Darauf muß Maria eine schreckliche Krise durchmachen, die dir wirklich Mitleid einflößt. Eine unaussprechliche Sehnsucht nach der Freundin hat sie ergriffen, sie leidet entsetzlich und bietet das Schauspiel einer unglücklich Liebenden dar. Sie geht allein im Walde spazieren, singt Liebeslieder, sie sucht den Ort auf, an denen die Freundin geweilt, kurz alle Symptome eines tief verwundeten Herzens zeigen sich, und ich fürchte schließlich für ihren Verstand. Sie ist unglücklich, und es gelingt mir nicht, sie auf andere Gedanken zu bringen. Sie weicht meinen Liebkosungen aus und stößt mich zurück, wenn ich sie küssen will, so daß mich schließlich ein tätlicher Haß gegen die abwesende Freundin erfaßt, die mir die Liebe meiner Frau raubt. Und Maria verbirgt in ihrer Harmlosigkeit den Grund ihres Kummers durchaus nicht, indem sie ihre Klagen und ihren Liebesschmerz aller Welt kundgiebt. Es ist nicht zu glauben. Während dieser Jammerzeit wird zwischen den Freundinnen eine eifrige Korrespondenz geflogen, und eines Tages lege ich, von Wut über mein unfreiwilliges Cölibat ergriffen, die Hand auf einen Brief der Freundin. Ein richtiger Liebesbrief! Mein weißes Hühnchen, mein Kätzchen, die verständige Maria, die Zarte mit den edlen Gefühlen, und daneben der rohe Gatte, der Dummkopf, der Blödsinnige! Und dann die Versuche zu entwischen, zu entführen! Da erhebe ich mich gegen die Nebenbuhlerin, und eines Abends, o du gütiger Gott, entspinnt sich im Mondschein ein wirklicher Zweikampf, sie beißt mir in die Hand, und ich schleppe sie an das Ufer des Flusses, um sie wie eine Katze zu ertränken, aber der Gedanke an meine Kinder bringt mich wieder zur Vernunft. Ich bereite mich auf den Selbstmord vor, aber ehe ich sterbe, will ich mein Leben beschreiben. Der erste Teil ist fertig, da verbreitet sich die Nachricht im Dorfe, daß die dänischen Fräuleins für den Sommer eine Wohnung gemietet hätten. Auf der Stelle lasse ich die Koffer packen, und wir reisen nach der deutschen Schweiz ab. * Das heitere Land des Aargau ist ein Arkadien, wo die Heerden vom Postmeister zur Weide geführt werden, wo der Oberst die einzige Mietskutsche zur Stadt fährt, wo die jungen Mädchen noch den Wunsch haben, sich als Rosenjungfrauen zu verheiraten, wo die Burschen nach der Scheibe schießen und die Trommel schlagen, es ist das Schlaraffenland; das Land des gelben Bieres und der gesalzenen Würste, die Heimat des Kegelspiels, der Habsburger und des Wilhelm Tell, der ländlichen Feste, der einfachen herzlichen Lieder, der Pastorenfrauen und der geistlichen Idyllen. In die erregten Geister kehrt die Ruhe wieder ein, ich lebe auf, und Maria, des Kampfes müde, hüllt sich in eine vollkommene Gleichgiltigkeit. Das Brettspiel wird als Blitzableiter im Hause eingeführt, die gefährliche Unterhaltung wird durch das Klappern der Würfel ersetzt, und das gute, beruhigende Bier tritt an Stille des Absynths und des aufregenden Weins. Der Einfluß der Umgebung macht sich bemerkbar, und stundenlang staune ich darüber, daß das Leben nach so viel Stürmen so heiter sein kann, und daß der Geist elastisch genug ist, so vielen Erschütterungen Stand zu halten; ein völliges Vergessen der Vergangenheit tritt ein und ich träume, der glücklichste Gatte zu sein an der Seite des treuesten Weibes. Da Maria keinen Umgang und keine Freundinnen mehr hat, kommt sie ihren Mutterpflichten nach, die Kinder tragen jetzt Kleider, welche ihre Mama zugeschnitten und genäht hat, und diese wird nicht müde, ihnen ihre ganze Zeit zu widmen. Doch sie fängt an, schwächer zu werden, die alte fröhliche Laune schwindet, und das reife Alter hält seinen Einzug. Welcher Kummer, da sie ihren ersten Schneidezahn verliert! Arme Maria! Sie weinte, drückte mich an ihr Herz und bat mich, ihr meine Liebe niemals zu entziehen. Sie hat ihr siebenunddreißigstes Jahr erreicht; die Haare lichten sich, der Busen senkt sich, wie die Wogen nach dem Sturm, die Treppen sind für den kleinen Fuß zu hoch, und die Lungen atmen schwer bei dem kleinsten Druck. Und dabei liebe ich sie noch mehr, da sie jetzt mir und uns allein gehört, obwohl ich mein Wiederaufblühen, meinen zweiten Frühling vor mir sehe, meine männliche Kraft wächst und meine Gesundheit blüht. Und so gehört sie endlich mir, sie muß, vor Verführung geschützt, unter meiner Obhut alt werden und wird fortan den Kindern ihr Leben opfern. Die Zeichen ihrer Genesung machen sich in rührender Weise bemerkbar, und da sie sieht, welche Gefahr es ist, an einen jungen Mann von achtunddreißig Jahren verheiratet zu sein, so erweist sie mir die Ehre, eifersüchtig zu werden, sie fängt an, mehr auf ihre Toilette zu achten und vergißt nicht mehr, bei meinen nächtlichen Besuchen sich als vollkommenes Weib zu geben. Es ist in Rücksicht auf meine rein monogamische Natur in der That keine Gefahr zu fürchten, und statt meine Lage zu mißbrauchen, thue ich mein Möglichstes, um ihr die grausamen Schmerzen der Eifersucht zu sparen, indem ich sie durch die Beweise meiner verjüngten Liebe beruhige. * Gegen den Herbst unternehme ich eine längere, dreiwöchentliche Reise. Maria hat noch immer die fixe Idee von meiner zerrütteten Gesundheit und bemüht sich, mir von meinem so gefährlichen Unternehmen abzuraten. – Das wird Dir den Tod bringen, mein Kind! Wir wollen einmal sehen. Die Reise ist für mich Ehrensache geworden und soll eine Heldenthat sein, durch welche ich ihre Liebe für den Mann wieder zu beleben gedenke. Ich kehre nach unglaublichen Beschwerden gestärkt, von der Sonne gebräunt, kräftig und blühend zurück. Sie blickt mich bewundernd und herausfordernd an; in ihrem Gesicht malt sich aber auch eine unangenehme Enttäuschung. Ich aber behandle sie als Geliebte und Frau, ich fasse sie um die Taille und mache von meinem Rechte Gebrauch, obwohl ich volle vierzig Stunden hintereinander gefahren war. Sie weiß nicht recht, welche Miene sie dazu machen soll; sie ist ganz erstaunt, sie fürchtet sich auch, mir ihre wahren Gefühle zu verraten, vielleicht hat sie Angst, daß der bezwingende Mann sich im Gatten erheben könnte. Als ich wieder zu Sinnen gekommen war, bemerkte ich eine Veränderung in Marias Aussehen, und als ich nachforschte, entdeckte ich, daß sie falsche Zähne hat, welche sie jünger erscheinen lassen, und gewisse Einzelheiten in ihrer Toilette verraten eine beabsichtigte Koketterie, und als ich meine Nachforschungen fortsetze, stoße ich auf ein fremdes junges Mädchen von vierzehn Jahren, mit welchem Maria eine innige Freundschaft geschlossen hat. Sie küssen sich, gehen spazieren, baden, so daß ich eine Flucht für nötig halte. Nunmehr wohnen wir in einer deutschen Pension am Vierwaldstätter-See. Da kommt ein neuer Rückfall, und zwar ein gefährlicher. Im Hause wohnt auch ein Lieutenant. Maria macht ihm den Hof, sie schieben Kegel und gehen im Garten spazieren, während ich arbeite. An der Table d'hote glaube ich zu bemerken, daß die Beiden zärtliche Blicke wechseln, ohne sich zu unterhalten. Um ganz die Wahrheit zu sagen, es scheint mir, daß sie mit dem Auge ihre Liebe ausdrücken. Ich entschließe mich, sie sofort zu überführen, ich neige mich vor und sehe meiner Frau ins Gesicht. Ertappt läßt sie ihre Blicke an der Schläfe des Lieutenants vorbeigleiten und richtet sie auf die Wand, wo das Plakat einer Brauerei angebracht war. Da improvisiert sie stockend und verwirrt einen Einfall. – Was ist das für eine Brauerei da? – Du liebäugelst mit dem Lieutenant, antwortete ich. Sie senkt den Hals, wie wenn dem Pferde das Mundstück angezogen wird, und schweigt bestürzt. Eines Abends erklärt sie, sehr müde zu sein, sie giebt mir den Nachtkuß und verschwindet in ihrem Zimmer. Ich lege mich hin und lese noch, da höre ich plötzlich Maria unten im Salon, wo das Klavier steht, singen. Ich stehe auf und gebe dem Dienstmädchen den Befehl, meine Frau fortzubringen. – Sagen Sie, meiner Frau, daß sie sofort heraufkommen soll; sonst gehe ich hinunter und prügele sie vor den Leuten durch! Maria kommt sofort herauf, sie ist schamrot, hat eine unschuldige Miene und fragt mich nach dem Grunde einer so sonderbaren Botschaft, die ihr die Gesellschaft von Fremden, unter denen auch Damen wären, verbiete. – Das ist es nicht, was mich ärgert; es ist Deine Hinterlist, daß Du mich veranlassest, den Salon zu verlassen, um allein dort bleiben zu können. – Nun gut, wenn Du durchaus willst, gehe ich schlafen! Welche Unschuld, welche plötzliche Unterwürfigkeit! Was war vorgegangen? Dem Herbst folgte ein schneereicher, trüber, einsamer Winter. Wir sind die Letzten in dieser bescheidenen Pension. Wegen der Kälte speisen wir in dem großen gemeinsamen Saal des Restaurants. Eines Morgens setzt sich ein Mann von starker Figur, anscheinend ein Diener, ziemlich hübsch für seinen Stand, an den Tisch, um ein Glas Wein zu trinken. Maria, gemäß ihrer zügellosen Natur, fixiert alsbald den Gast, verfolgt die Linien seines Körpers und versinkt dann in Nachdenken. Der Gast geht fort, augenscheinlich durch eine so ehrende Aufmerksamkeit verwirrt. – Ein hübscher Mann, ruft Maria aus, indem sie sich an den Wirt wendet. – Es war mein früherer Portier, antwortet er. – Wirklich? Er hatte ein stattliches Äußere, das in seinem Stande nicht gerade häufig ist. Wirklich ein hübscher Mann! Und zum Erstaunen des Wirtes verbreitet sie sich über die Einzelheiten der männlichen Schönheit. Am andern Tage sitzt der Portier bei unserem Eintritt bereits an seinem Platze. Er hat sich herausgeputzt, seinen Sonntagsstaat angelegt, Haare und Bart sorgfältig gepflegt und sieht aus, als ob er von seiner Eroberung Kenntnis erhalten hätte. Nachdem uns der Lümmel begrüßt und als Revanche einen graziösen Gruß von meiner Frau erhalten hatte, sitzt er da in seinem Bewußtsein, ein schöner Mensch zu sein. Ist der hübsch! Am nächsten Tage kommt er wieder mit dem Entschlusse, Feuer zu geben. Und mit richtigem Portiergeschick fängt er mit meiner Frau eine Unterhaltung an, voller Galanterie, wie man sie im Thorweg findet; er wendet sich direkt an meine Frau, ohne sich des gewöhnlichen Manövers zu bedienen, das darin besteht, den Ehemann zunächst für sich einzunehmen. Es ist nicht zu glauben! Aber, was ich weiß, ist, daß Maria in Gegenwart ihres Gatten und ihrer Kinder sich in eine Unterhaltung einläßt, wobei sie anmutig, anziehend und bezaubernd ist. Ich versuche es noch einmal, ihr die Augen zu öffnen, und flehe sie an, ihren Ruf in Acht zu nehmen, das bringt mir die gewöhnliche Dosis von »schmutziger Phantasie« ein. Da tritt eine zweite Schönheit in Gestalt des Tabakhändlers im Dorfe auf. Es ist ein dicker Kerl, bei dem Maria Kleinigkeiten einzukaufen pflegt. Er ist schlauer als der Diener und sucht mich zu gewinnen; er ist auch unternehmender. Beim erstenmal sieht er Maria in unverschämter Weise gerade ins Gesicht, dann sagt er mit lauter Stimme zum Wirt gewendet: – Welch schöne Familie! O Gott! Marias Herz fängt Feuer, und der Anbeter kommt alle Tage wieder. Eines Abends ist er betrunken und infolgedessen kühn. Er kommt mit dem Brettspiel zu uns heran und, sich zu Maria neigend, bittet er um Erklärung der Geheimnisse des Spiels. Ich lasse ihm eine möglichst höfliche Andeutung zukommen, und er nimmt seinen Platz wieder ein. Maria besitzt aber ein feinfühliges Herz und glaubt sich verpflichtet, dem beleidigten Kaufmann eine Genugthuung zu gewähren, sie wendet sich an ihn und fragt ihn aufs Geratewohl! – Spielen Sie Billard? – Nein, gnädige Frau, oder doch sehr schlecht, mit Verlaub! Darauf erhebt er sich und bietet mir eine Zigarre an. Als ich ablehne, wendet er sich an Maria mit seiner Einladung: – Und Sie, gnädige Frau? Zum Glück für sie, für den Tabakshändler und für die Zukunft meiner Familie lehnt sie mit dem Ausdruck schmeichelhaften Dankes ab. Wie kam der Mensch dazu, einer Dame in einem Restaurant, in Gegenwart des Gatten eine Zigarre anzubieten? Bin ich ein eifersüchtiger Narr, oder beträgt sich meine Frau so gemein, daß sie die Begehrlichkeit des ersten besten Mannes erweckt? Nachher arrangiere ich in meinem Zimmer eine Szene, um die Nachtwandlerin aufzuwecken, die geraden Weg ins Verderben rennt, ohne es zu wissen. Ich präsentiere ihr einen Rechnungsabschluß, mache ihr eine Aufstellung ihrer alten und neuen Sünden und analysiere auch ihre unbedeutendsten Handlungen. Schweigend, bleich, verwirrt hört sie mir bis zu Ende zu. Dann erhebt sie sich und geht hinunter, um schlafen zu gehen. Jetzt aber bringe ich es zum erstenmale in meinem Leben über mich zu spionieren, ich gehe die Treppe hinunter, stelle mich vor die Thür ihres Zimmers und blicke durchs Schlüsselloch. Das Mädchen sitzt da, hell von der Lampe beschienen, sodaß ich sie deutlich sehen kann. Maria ist sehr aufgeregt und erzählt lebhaft von meinem ungerechten Argwohn, wie eine Angeklagte, die sich verteidigt. Sie wiederholt meine Ausdrücke, als wollte sie dieselben los werden, indem sie ausspie. – Und dabei bin ich unschuldig! – Obgleich es an Gelegenheit zu sündigen nicht gefehlt hat. Er ist verrückt, es ist kein Zweifel, ich glaube, er will mich vergiften. Ich habe schon Schmerzen im Magen... Nein, ich glaube es nicht!... Ich muß nach Finnland fliehen, nicht wahr?... Aber es wird sein Tod sein, denn er liebt die Kinder... Was bedeutet das alles, wenn es nicht Gewissensbisse waren? Aus ihren geheimen Schlupfwinkeln verjagt, ist sie von Schrecken erfaßt, und am Busen eines Weibes sucht sie Schutz! Ein verderbtes Kind, eine schändliche Verbrecherin, und vor allem eine Unglückliche. Von Schmerzen gequält, bleibe ich die ganze Nacht wach. Um zwei Uhr fängt Maria im Traum an, schrecklich zu heulen – übrigens nicht das erste Mal – und von Mitleid ergriffen, klopfe ich an die Wand, um sie von den Schreckgebilden zu befreien. Am Morgen dankt sie mir für mein Dazwischentreten; ich liebkose sie, ich beklage sie und frage, ob sie nicht einem Freunde beichten wolle. – Was denn? – Nichts! Wenn sie mir in diesem Augenblicke alles gestanden hätte, ich hätte ihr verziehen, so sehr rührten mich ihre Gewissensbisse, so sehr liebte ich sie trotzdem, und vielleicht infolge ihres Elends! Sie war eine Unglückliche! Und wie sollte ich gegen eine Unglückliche die Hand erheben! Aber anstatt mich von meinen schrecklichen Zweifeln zu befreien, leistet sie heftig Widerstand, und sie ist bereits dahin angelangt, mich für verrückt zu halten, der Selbsterhaltungstrieb veranlaßt sie, eine Fabel zu erfinden, die Züge von der Wahrheit entlehnt hat; und das muß ihr ein Schild gegen die Gewissensbisse sein. * Gegen Neujahr gehen wir nach Deutschland, und am Bodensee machen wir Halt. Als wir in Deutschland, dem Lande der Soldaten, angekommen waren, wo noch das Vaterrecht gilt, fühlte sich Maria mit ihren dummen Ansichten von den angeblichen Rechten der Frau ganz vereinsamt. Hier ist den jungen Damen der Besuch der Universitäten verboten, hier wird die Mitgift einer Offiziersfrau im Kriegsministerium niedergelegt, als unantastbares Familieneigentum, hier sind alle Staatsämter dem Manne, dem Versorger der Familie, vorbehalten. Maria zappelt wie in einem Netz, und ihr erster Versuch, mich mit einem Kreis von Frauen zu umgeben, scheitert kläglich. Hier werde ich schließlich von der Partei der Frauen unterstützt, und meine arme Maria fliegt in den Sand. Ich trete in vertrauten Verkehr mit den Offizieren, ich erhole mich, und infolge der Anpassung nehme ich die guten männlichen Manieren an, der Mann in mir richtet sich nach zehnjähriger moralischer Entmannung wieder auf. Gleichzeitig nehme ich meine gewöhnliche Haartracht wieder an und werfe die Pferdemähne von mir; meine Stimme, die durch die fortwährende Gewohnheit, eine nervöse Frau zu hätscheln, halb erloschen ist, gewinnt ihren sonoren Klang wieder, meine eingefallenen Backen werden voll, die ganze physische Verfassung entwickelt sich zu meinem Vorteil beim Herannahen der Vierzig. Im vertrauten Verkehr mit den Damen des Hauses gewöhne ich mich daran, das Wort zu ergreifen, so daß Maria, die diesen Damen wenig sympatisch ist, ganz verlassen dasteht. Jetzt fängt sie an, mich zu fürchten, und eines Morgens kommt sie, zum ersten Male während unserer Ehe, vollkommen angekleidet in mein Schlafzimmer und überrascht mich im Bett. Ich verstehe diese plötzliche Wandlung nicht recht, aber nach einer stürmischen Erklärung läßt sie mich erraten, daß sie auf das Mädchen eifersüchtig ist, welches jeden Morgen in mein Zimmer kommt, um Feuer zu machen. Gleichzeitig aber erklärt sie, daß ihr meine neuen Manieren nicht gefallen. – Ich verabscheue die Männlichkeit, und ich fange an, Dich zu hassen, wenn Du Dich aufblähst. Ja, es war der Page, der Salonhund, der Schwächling, ihr Kindchen, welchem sie ihre Liebe, so gering diese auch war, geschenkt hatte; das Mannweib konnte auch nicht den Mann im Gatten lieben, wenn sie ihn auch bei den andern anbetete. Doch bin ich von den Damen sehr gern gesehen, und ich suche ihre Gesellschaft auf, sie umgeben mich stets mit jener echt weiblichen, bezaubernden Wärme, welche dem Mann achtungsvolle Liebe und unbedingte Ergebenheit einflößt; und diese widmet ein Mann nur den wirklich weiblichen Frauen. Jetzt nun, wo von der demnächstigen Rückkehr in die Heimat die Rede ist, erwacht mein alter Argwohn wieder, und ich fürchte mich, den intimen Verkehr mit den alten Freunden wieder aufzunehmen, weiß ich doch nicht, wieviele Liebhaber unter ihnen sind. Um darüber ins Reine zu kommen, stelle ich eingehende Nachforschungen an. Schon vorher hatte ich meine Freunde in Schweden in Bezug auf die Gerüchte über die Untreue meiner Frau angefragt; ich erhielt natürlich keine aufrichtige Antwort. Man empfindet Mitleid mit der Mutter, und Niemand kümmert sich um das Gespött, dem der Vater zum Opfer fällt. Darauf lerne ich die neue psychologische Wissenschaft, die mit dem Gedankenlesen verbunden wird, anwenden, und bei unseren Abendgesellschaften führe ich in der Form eines Gesellschaftsspieles den Damen die Manipulationen von Bischof und anderen vor. Maria wird mißtrauisch, klagt mich als Spiritisten an, verspottet mich als abergläubischen Freidenker und überschüttet mich mit Schmähungen, um mich von meinem für sie gefährlichen Beginnen abzubringen. Um sie hinters Licht zu führen, gebe ich scheinbar nach, ich gebe die hypnotische Kunst auf, fasse sie aber ganz unvermutet, als wir beide allein waren. Eines Abends saßen wir beide im Eßzimmer einander gegenüber; nach und nach führe ich die Unterhaltung auf die Gymnastik, und nachdem ich sie soweit interessiert habe, daß sie sich fortreißen läßt, sei es durch die Macht meines Willens, sei es durch die Association der Ideen, die den von mir vorgezeichneten Weg nehmen müssen, kommt sie schließlich auf die Massage, und von da springen ihre Gedanken direkt auf die Schmerzen über, die die Massage verursacht, sie erinnert sich ihrer Besuche beim Arzt und sagt: – Das Massieren thut weh, ich fühle noch die Schmerzen, wenn ich daran denke... Da hatte ich sie gefaßt! Sie senkt den Kopf, um ihre Todesblässe zu verbergen, ihre Lippen bewegen sich, um von etwas anderem zu sprechen; die Augen sind halb geschlossen, ein schreckliches Stillschweigen tritt ein, das ich mich zu verlängern bemühe. Es ist der Gedankenzug, der von mir mit vollem Dampf in der gewollten Richtung geführt wurde, und den sie vergeblich zu bremsen versucht. Der Abgrund ist da, und die Maschine kann nicht stoppen. Mit einer letzten Anstrengung erhebt sie sich, entzieht sich meinen bannenden Blicken und verschwindet durch die Thür, ohne ein Wort zu sagen. Der Schlag hat gesessen! Nach einigen Minuten jedoch kommt sie zurück, das Gesicht ist wieder hell; sie will mir die wohlthätige Wirkung der Massage an meinem Kopfe zeigen, stellt sich hinter meinen Stuhl und kratzt mir den Kopf. Unglücklicherweise war gegenüber ein Spiegel, ich blicke verstohlen hinüber und gewahre ein totenbleiches, verstörtes Gesicht, ihre Augen forschen scheu in meinen Zügen und unsere prüfenden Blicke begegnen sich. Da habe ich sie gefaßt. Gegen alle Gewohnheit setzt sie sich auf meinen Schoß, umschlingt meinen Hals und erklärt, daß sie totmüde sei. – Was hast Du denn Böses begangen, daß Du mich liebkosest, frage ich sie. Sie verbirgt ihr Gesicht an meiner Brust, küßt mich und geht fort, indem sie mir gute Nacht sagt. Es sind das keine Beweise, die vor dem Richter gelten würden, aber mir genügen sie, da ich ihre Art genau kenne. * Ich will nicht in die Heimat zurückkehren, wo meine Ehre Schaden leiden muß, da ich genötigt wäre, täglich mit Leuten zu verkehren, die ich in Verdacht habe, Liebhaber meiner Frau zu sein. Um nicht als getäuschter Gatte der Lächerlichkeit anheimzufallen, fliehe ich. Ich reise nach Wien! Als ich in meinem Hotel allein bin, verfolgte mich das Bild der einst Angebeteten, ich bin unfähig zu arbeiten, ich fange an zu korrespondieren und schreibe ihr schließlich täglich zwei Briefe, Liebesbriefe. Die fremde Stadt kommt mir wie ein Grab vor, und ich gehe in der Menge wie ein Leichnam umher. Bald aber beginnt meine Phantasie zu arbeiten, sie bevölkert diese Einöde, sie schafft eine Fabel, um meine Maria in diese tote Umgebung einzuführen. Ich bilde mir ein, Maria solle eine berühmte Sängerin werden, und um diesen Traum zur Wirklichkeit zu machen und die Schönheiten der Hauptstadt zu einem Hintergrunde für Maria umzubilden, besuchte ich den Direktor des Konservatoriums, und ich, der Blasierte, der das Theater verabscheut, ich bringe meine Abende in der Oper und in den Konzerten zu. Und indem ich alles, was ich sehe und höre, Maria berichte, erwacht ein lebhaftes Interesse an allem in mir. Wenn ich aus einer Oper komme, setze ich mich an den Schreibtisch und unterwerfe den Gesang, das Lied, das eine Sängerin gesungen, einer eingehenden Besprechung und stelle Vergleiche an, die alle zu Marias Gunsten ausfallen. Dazwischen besuche ich die Gemäldegallerie, und überall sehe ich Maria. Im Belvedere stand ich eine Stunde vor der Venus des Guido Reni, welche in allem meiner Angebeteten glich, schließlich erfaßt mich ein Heimweh nach ihrem Körper, ich packe meine Koffer und kehre schleunigst zurück. Es ist klar, ich bin von diesem Weibe verzaubert, und es giebt kein Mittel, ihr zu entrinnen. Welch' schöne Heimkehr! Es scheint, daß meine Liebesbriefe Maria entflammt haben, sie erwartet mich im kleinen Garten, ich küsse sie innig, nehme ihren Kopf in meine Hände und sage: – Verstehst du denn die Magie, kleine Zauberin? – Ah! wolltest wohl entwischen? – Es war ein Fluchtversuch, ja! Aber Du bist stärker als ich, und ich ergebe mich. Als ich in mein Zimmer komme, finde ich eine blühende Rose auf meinem Tisch. – Du liebst mich also ein wenig, Du Gräuel! Sie thut schüchtern wie ein junges Mädchen, sie wird rot, und es ist um mich geschehen, um mein Ehrgefühl, um meine Kraft, mich der Ketten zu entledigen, deren Fehlen ich nicht mehr ertragen kann. Einen ganzen Monat verbringen wir in vollem Frühlingszauber, in einem ungetrübten Liebesleben, wir singen Duette mit Klavierbegleitung, wir üben das Brettspiel, und damit sind die schönsten Tage, die wir in den letzten fünf Jahren genossen, zu Ende. Welcher Frühling zur Herbsteszeit! Wir dachten gar nicht daran, daß der Winter herankomme. * Nun zappele ich wieder im Netz; Maria ist sicher, daß sie mich wieder bezaubert hat, und sie kehrt zu ihrer früheren Gleichgültigkeit zurück. Sie kleidet sich wieder nachlässig und macht sich nichts daraus, ohne ihre falschen Zähne zu erscheinen, trotz meiner Ermahnungen; ich sehe voraus, daß hieraus ungewollt ein Erkalten unserer Beziehungen entspringen wird. Ihre Leidenschaft für ihr Geschlecht bricht mit neuer Gewalt hervor, sie ist diesmal gefährlicher, da sie sich auf Minorenne richtet. Ich hatte einen Officier und seine vierzehnjährige Tochter, sowie unsere Wirtin, ihre fünfzehnjährige Tochter und ein drittes gleichaltriges Mädchen zu einer einfachen Abendgesellschaft eingeladen, bei der musiziert und getanzt werden sollte. Gegen Mitternacht bemerke ich zu meinem größten Schrecken, daß Maria halbtrunken die Mädchen um sich versammelt hat, sie wirft ihnen gierige Blicke zu und küßt sie mit jenem Pferdeschmatzen, das ich damals kennen gelernt habe, wo sie die lesbischen Lieder sang. Der Officier beobachtet sie von einer Ecke aus und ist nahe daran loszubrechen. Ich sehe schon im Geiste das Gefängnis, die Zwangsarbeiten und den unausbleiblichen Skandal; ich trete in die Gruppe der jungen Mädchen und treibe sie auseinander, indem ich sie zum Tanzen einlade. Als wir in der Nacht allein waren, nehme ich Maria vor, und die stürmische Auseinandersetzung dauert bis zum Morgen. Da sie zu viel getrunken hat, enthüllt sie ihr Inneres wider Willen, und schreckliche, ungeahnte Dinge kommen zum Vorschein. Vom Zorn fortgerissen, wiederhole ich alle Beschuldigungen und füge eine neue hinzu, die ich selbst übertrieben finde. – Und wegen dieser geheimnisvollen Krankheit, sage ich, die mir ein Kopfleiden verschafft hat... – Du Elender, Du meinst, daß ich Dich angesteckt habe... Ich hatte gar nicht daran gedacht, denn ich wollte die Symptome für eine Cyankalivergiftung angeben. In diesem Augenblick blitzt eine Erinnerung in mir auf, es fällt mir ein Vorfall ein, der mir damals so ganz unerklärlich war, daß er mir nicht im Gedächtnis haften blieb. Jetzt aber wird mein Argwohn aufs höchste gesteigert. Warum diese Verteidigung, die einer Anklage gleichkommt? Mein Argwohn paßt auch zu einer Stelle in einem anonymen Briefe, den ich nach dem Prozeß erhielt; darin wird Maria »die Dirne von Soedertelje« genannt. Was sollte das bedeuten? Verfolgen wir einmal die neuen Spuren. Zur Zeit, als der Baron, ihr früherer Gatte, Maria in Soedertelje kennen lernte, war sie so gut wie verlobt mit einem Lieutenant, von dem man wußte, daß sein Körper verwüstet war. Der arme Gustav, der als Retter begrüßt wurde, hätte also die Rolle des Hintergangenen gespielt; das konnte man auch aus Marias lebhafter Dankbarkeit entnehmen, die bei Gelegenheit der Scheidung zu Tage trat, denn damals gestand sie, daß sie durch ihn von Gefahren befreit worden sei, die sie nicht näher bezeichnete. Aber die Dirne von Soedertelje! Und die Abgeschlossenheit, in der die jungen Eheleute lebten, fern von allen Beziehungen, niemals in der Gesellschaft eingeladen, geächtet von den Kreisen, aus denen sie stammten! Hatte vielleicht Marias Mutter, eine frühere Erzieherin, die aus einer bürgerlichen Familie stammte, den finnländischen Baron, Marias Vater, verführt? Hatte vielleicht nach dem Zusammenbruch, nachdem sie wegen Schulden nach Schweden geflohen war, die Wittwe in ihrem verborgenen Elend sich so weit erniedrigt, daß sie ihre Tochter verkaufte? Dieses alte Weib, eine Kokette von sechzig Jahren, flößt mir eine große Abneigung ein, in die sich aber auch Mitleid mischt; sie hat das Benehmen einer Abenteuerin, sie ist habgierig und genußsüchtig, sie betrachtet die Männer als geeignete Ausbeutungsobjekte, sie ist eine wahre Männerverderberin; sie hatte mir spitzbübischer Weise ihre Schwester vermacht und einen Schwiegersohn, den Baron, durch eine angebliche Mitgift angelockt, die sie herbeischaffte, indem sie ihre Gläubiger betrog. Arme Maria! Aus dieser befleckten Vergangenheit stammten also ihre Gewissensbisse, ihre Unruhe und ihre trüben Gedanken. Und wenn ich an die jüngsten Vorkommnisse dachte, konnte ich mir die erregten Zänkereien zwischen Mutter und Tochter wohl erklären; ich dachte an die vorgefallenen Ereignisse und an die rätselhaften Geständnisse von Maria, die es manchmal unwiderstehlich dazu trieb, der Mutter an die Kehle zu springen. Wollte sie sie zum Schweigen bringen? Wahrscheinlich! denn »sie hatte gedroht, zwischen mir und Maria einen Bruch herbeizuführen, indem sie Alles aufdeckte«. Und Marias Antipathie gegen diese Mutter, die von Gustav mit dem Titel »Luder« belegt worden war. Und das war nur hervorgerufen durch das unbestimmte Geständnis, daß sie alle Kunst der Koketterie angewandt hätte, um einen Mann zu ködern. Alles dies läßt in mir den unabänderlichen Entschluß reifen, um jeden Preis zu fliehen. Ich reise nach Kopenhagen ab, um alle möglichen Nachrichten über das Weib zu sammeln, dem ich meinen Namen für die Zukunft überantwortet hatte. * Nach einer Abwesenheit von mehreren Jahren komme ich wieder mit Landsleuten zusammen, und ich bemerke, daß ich durch die eifrigen Bemühungen Marias und ihrer Freundinnen einer feststehenden Meinung über mich begegne. Sie ist zu einer heiligen Märtyrerin geworden, und ich bin der Verrückte, der eingebildete Hahnrei! Es ist, um die Wände emporzuklettern! Man hört mich an, man lächelt wohlwollend, und man betrachtet mich wie ein wunderbares Tier. Ohne auch nur ein Körnchen von Aufklärung erhascht zu haben, da ich von aller Welt im Stich gelassen bin, am meisten von den Mißgünstigen, für die mein Untergang das einzige Mittel ist emporzukommen, kehre ich in mein Gefängnis zurück, und Maria empfängt mich mit einer so sichtbaren Todesangst, das diese allein mir mehr Aufklärung bringt als die lange Reise. Noch zwei Monate lang trage ich meine Ketten, dann entfliehe ich zum vierten Male, und zwar nach der Schweiz, aber meine Kette ist nicht aus Eisen, so daß man sie zerbrechen könnte, sondern aus elastischem Kautschuk, und jemehr er sich dehnt, desto stärker zieht er mich zurück. Ich kehre noch einmal zurück, und sie verachtet mich ernstlich, sie verabscheut mich, weil sie überzeugt ist, daß eine Flucht für mich der Tod ist, ihre einzige Hoffnung. Zu dieser Zeit werde ich krank und glaube dem Tode nahe zu sein; ich bin entschlossen, einen Bericht über die ganze Vergangenheit aufzusetzen. Da ich nun entdeckt habe, daß ich von einem Vampyr hintergangen bin, will ich leben, mich von dem Schmutze reinigen, mit dem diese Frau mich beworfen hat, dann ins Leben zurückkehren, um mich zu rächen, nachdem ich die Beweise für ihre Täuschung gesammelt. * Jetzt steigt in mir ein Haß auf, der verhängnisvoller ist als die Gleichgiltigkeit, weil er die Kehrseite der Liebe ist; ich möchte das so formulieren: ich hasse sie, weil ich sie liebe. Und an einem Sonntag, als wir in einem Bosquet saßen, entlud sich das elektrische Fluidum, das sich seit zehn Jahren angesammelt hatte, bei einem unbedeutenden Anlasse. Und zum ersten Male schlage ich sie. Ein Hagel von Ohrfeigen fällt auf ihr Gesicht nieder, und wenn sie versucht, Widerstand zu leisten, drücke ich sie zu Boden. Sie stößt ein furchtbares Geschrei aus, und die augenblickliche Befriedigung, die ich empfand, verwandelt sich in Schrecken, als die Kinder, außer sich vor Angst, entsetzlich zu schreien anfangen. Eine Frau, eine Mutter schlagen, das ist eine Schändung, ein Mord, ein Verbrechen wider die Natur! Und nun erst die Kinder! Es kommt mir vor, als ob die Sonne sich hinter den Wolken verberge, und das Leben ekelt mich an. Trotzdem aber zieht Ruhe, wie nach einem Sturm, und Zufriedenheit, wie nach der Erfüllung einer heiligen Pflicht, in mein Gemüt ein. Ich bedaure, aber ich bereue nicht. Wie die Ursache, so die Wirkung. Abends geht Maria im Mondschein spazieren. Ich gehe ihr entgegen und umarme sie. Und sie stößt mich nicht zurück, sie bricht in Thränen aus. Nach einer Auseinandersetzung begleitet sie mich in mein Zimmer, wo das Spiel der Liebe bis zur Mitternacht dauert. Welch' sonderbares Eheleben! Ich habe sie Mittags geschlagen, und in der Nacht schlafen wir bei einander! Welch' sonderbares Weib! Sie küßt den Henker! Hätte ich das gewußt, so hätte ich sie vor zehn Jahren geschlagen, und ich wäre heute der glücklichste Ehemann. Mögen die betrogenen Männer sich das wohl merken! Aber sie sinnt auf Rache. Einige Tage später besucht sie mich in meinem Zimmer, beginnt das Vorspiel, und nach unzähligen Umschweifen gesteht sie, daß sie ein Mal, ein einziges Mal vergewaltigt worden sei, und zwar während ihrer Reise nach Finnland. Meine Vermutung hat sich also bestätigt! Dann bittet sie mich, ja nicht zu glauben, daß es mehrmals geschehen, und vor allem nicht zu argwöhnen, daß sie einen Liebhaber hätte. Das heißt also: mehrere Male und mehr als einen Liebhaber! – Du hast mich also hintergangen, und um die Welt zu täuschen, hast Du das Märchen von meiner Verrücktheit erfunden. Und um Dein Verbrechen zu verdecken, wolltest Du mich zu Tode quälen. Du bist eine Verbrecherin! Ich will Scheidung. Sie fällt auf die Knie und weint heiße Thränen, indem sie mich um Verzeihung bittet. – Ich verzeihe Dir und lasse mich von Dir scheiden! Am andern Tage ist sie ruhig, am nächsten hat sie sich erholt, und am dritten Tage nimmt sie die Miene einer Unschuldigen an: – Da ich so offenherzig war, alles einzugestehn, habe ich mir nichts vorzuwerfen! Sie ist mehr als unschuldig, eine Märtyrerin, die mich mit beleidigender Herablassung behandelt. Sie hat keine Ahnung von den Folgen ihres Verbrechens, und sie begreift das Dilemma nicht, in welchem ich mich befinde. Ob ich nun ein Hahnrei bleibe zum Gespötte der Welt, oder ob ich abreise, das Unglück ist da, und ich bin ein verlorener Mann. Zehnjährige Qualen gegen eine Anzahl Ohrfeigen und einen thränenreichen Tag, das ist keine Gerechtigkeit. Und zum letzten Male entfliehe ich, da mir der Mut fehlt, den Kindern Lebewohl zu sagen. An einem Sonntag Mittag bestieg ich in Konstanz das Dampfschiff, ich wollte meine Freunde in Frankreich aufsuchen und sofort den Roman dieser Frau schreiben, die der richtige Typus für die Epoche der Geschlechtslosen ist. Da erscheint im letzten Augenblick Maria mit Thränen in den Augen, aufgeregt, fieberhaft und zum Unglück so hübsch, daß sie einem den Kopf verdrehen muß. Ich bleibe kalt und stumm, ich empfange ihre heuchlerischen Küsse, ohne sie zu erwidern. – Sage doch, daß wir Freunde sind, ruft sie mir zu. – Feinde für die kurze Zeit des Lebens, die mir noch bleibt! Und so muß sie davongehen! Und als das Schiff abfährt, sehe ich sie am Quai umherirren, sie versucht noch, mich durch die magische Gewalt ihrer Blicke zurückzuhalten, die mich durch so viel Jahre getäuscht haben; sie läuft hin und her wie ein verlaufener Hund, die scheußliche Hündin! Ich erwartete, wie sie ins Wasser springen würde, ich wollte dann nachspringen und uns beide in einer letzten Umarmung ertränken. Doch sie wendet den Rücken und verschwindet in einer Gasse. Sie hinterläßt nur den Eindruck ihrer bezaubernden Gestalt und ihrer kleinen Füße, die ich zehn Jahre lang auf meinem Nacken gefühlt habe, ohne auch nur ein einziges Mal in meinen Schriften aufgeschrieen zu haben; habe ich doch das Publikum getäuscht, indem ich die wirklichen Unthaten dieses Scheusals verheimlichte, das ich bis dahin in meinen Gedichten verherrlicht hatte. Um mich gegen die Sehnsucht zu wappnen, gehe ich sofort in den Salon hinunter und setze mich an die Table d'hôte; aber bei der ersten Schüssel überwältigen mich die Thränen, und ich bin genötigt, wieder aufs Verdeck zu gehen. Ich sehe den grünenden Hügel und darauf das weiße Häuschen, in welchem meine Kleinen wie in einem zerstörten Nest ohne Schutz, ohne Lebensmittel hausen, ich empfinde einen stechenden Schmerz, und das Herz krampft sich mir zusammen. Ich komme mir vor wie die Puppe eines Seidenspinners, aus dem die Dampfmaschine die Seide herauszieht, und bei jeder Bewegung des Kolbens werde ich leerer, und die Kälte nimmt in dem Maße zu, wie der Faden sich verlängert. Es ist der Tod, der naht! Ein wie einheitlicher und lebensvoller Organismus ist doch die Familie! Ich habe es vorher zur Zeit der ersten Scheidung unbewußt empfunden, als ich vor dem Verbrechen zurückschreckte und die Gewissensbisse mich fast töteten. Und sie, die Ehebrecherin, die Mörderin, schreckte nicht davor zurück! Von Konstanz fuhr ich mit der Bahn nach Basel. Was für ein Sonntag Nachmittag! Wenn es einen Gott giebt, so möchte ich ihn bitten, selbst meine schlimmsten Feinde vor solchen Stunden des Leids zu bewahren! Jetzt rüttelt mir die Lokomotive die Gedärme, die Gehirnlappen, die Nerven, die Blutgefäße, die Eingeweide, sodaß ich ausgeleert wie ein Gerippe in Basel ankomme. In Basel ergreift mich eine plötzliche Wut, alle Orte in der Schweiz wiederzusehen, wo wir geweilt haben, um mich mit Erinnerungen an sie und an die Kinder zu sättigen. Ich verbringe eine Woche in Genf, in Anchy, von einem Hotel ins andere getrieben, ohne Ruh und Rast, ich irre umher wie ein Verurtheilter, wie der ewige Jude, ich verbringe meine Nächte mit Weinen und rufe mir das Bild meiner Lieben in das Gedächtnis zurück, ich besuche die Orte, die sie besucht haben, und werfe am Ufer des Genfer Sees den Möven, die meine Kinder so gern hatten, Brod zu. Alle Tage erwarte ich einen Brief von Maria; aber vergebens. Sie ist zu schlau, als daß sie ihrem Feinde geschriebene Beweise in die Hände gäbe; und ich schreibe täglich mehrere Liebesbriefe, in denen ich ihr vollkommen verzeihe; aber ich schicke sie nicht ab. Wahrhaftig, meine Herren Richter, wenn ich Anlage zum Wahnsinn gehabt hätte, so versichere ich Ihnen, daß er in jenen Stunden der Trostlosigkeit und des Elends ausgebrochen wäre. Meine Widerstandskraft ist zu Ende, und ich fange an, mir Einbildungen zu machen; ich bilde mir ein, daß Marias Geständnis eine Falle war, um sich meiner zu entledigen und mit einem anderen, dem geheimnisvollen, unbekannten Liebhaber wieder anzufangen, schlimmstenfalls auch als Liebhaberin, als dänische Tribade! Ich sehe meine Kinder unter der Hand eines Stiefvaters, oder unter den Klauen einer »Stiefmutter«, welche sich von dem Ertrage meiner gesammelten Werke mästet. Da erwacht mein Selbsterhaltungstrieb wieder, und ich nehme zu einer List meine Zuflucht. Da es für mich unumgänglich nötig ist, bei meiner Familie zu leben, um schreiben zu können, so beschließe ich zurückzukehren und bis zur Vollendung meines Romans dort zu bleiben, will aber gleichzeitig genaue Daten über Marias Verbrechen sammeln. So bediene ich mich ihrer, ohne daß sie es argwöhnt, und sie wird das Werkzeug meiner Rache, das ich nach dem Gebrauch fortwerfe. Zu diesem Zwecke sende ich ihr eine kurze, von Empfindsamkeit freie Depesche, worin ich ihr die Zurückweisung unserer Scheidungsklage melde; ich gebe vor, daß sie gewisse Schriftstücke unterzeichnen müsse, und ich fordere sie auf, nach Romanshorn diesseits des Bodensees zu kommen. Nun lebe ich wieder auf, ich fahre am folgenden Tage ab und komme zur rechten Zeit an. Die Leiden einer Woche sind vergessen, das Herz schlägt wie gewöhnlich, die Augen glänzen, die Brust dehnt sich, sobald ich die Hügel auf dem anderen Ufer sehe, wo sich meine Kinder befinden, das Schiff kommt an, aber Maria sehe ich nicht. Endlich kommt sie aufs Verdeck, das Gesicht vergrämt, um zehn Jahre gealtert. Welcher Schlag für mich, die junge Frau in eine Alte verwandelt zu sehen! Der Gang ist schleppend, die Augen von Thränen gerötet, die Wangen eingefallen, das Kinn hängend! Jetzt empfinde ich nur noch Mitleid, und dieses drängt alle Gefühle der Abneigung und des Hasses zurück; ich bin bereit, sie mit offenen Armen aufzunehmen; aber da weiche ich plötzlich zurück, richte mich auf und nehme die Miene eines Burschen an, der zu irgend einem Rendez-vous kommt. Ein Gedanke durchzuckt mein Hirn, als ich Maria in der Nähe betrachte, die in diesem Augenblick eine frappante Ähnlichkeit mit ihrer dänischen Freundin zeigte; in allem ähnelt sie ihr, das Aussehen, die Haltung, die Gebärden, die Haartracht, der Gesichtsausdruck! Sollte vielleicht die Tribade mir diesen Streich gespielt haben? Sollte Maria direkt aus den Armen ihrer Liebhaberin kommen? Was diese Vermutung bestätigt, ist die Erinnerung an zwei Vorfälle im Anfang dieses Sommers. Zuerst hatte ich sie überrascht, wie sie einen Gastwirt in der Nähe unserer Wohnung fragte, ob er noch Platz in seiner Pension hätte. Für wen, für was? Dann hatte sie die Erlaubnis ausgewirkt, alle Abend in ein benachbartes Haus gehen zu dürfen, um Klavier zu spielen. Ohne daß ich daraus zwingende Beweise bilden konnte war ich doch in Rücksicht auf diese Einzelheiten entschlossen, auf der Lauer zu liegen, und indem ich Maria nach dem Hotel führte, wiederhole ich mir die Rolle, die ich zu spielen hatte. Sie erklärt, daß sie sehr leidend sei, trotzdem aber bewahrt sie ihre Kaltblütigkeit, sie stellt mir klare und richtige Fragen über das Scheidungsverfahren; sie legt die Leidensmiene ab und behandelt mich so hochfahrend wie möglich, da mein Benehmen keine Spur von Mitleid zeigte. Und während ihrer Fragen erinnerte sie mich so sehr an die Freundin, daß ich versucht war, offenes Spiel zu spielen und sie zu fragen, wie es Fräulein Z. ginge. Sie hatte außerdem eine tragische Pose, die mir sehr auffiel, – die Freundin wendete sie oft an – dazu eine eigenartige Bewegung mit der Hand, die auf den Tisch gestützt war. Inzwischen hatte ich ihr berauschenden Wein zu trinken gegeben, den sie mit vollen Zügen trank, sodaß sie bald umsank. Da benutzte ich die Gelegenheit um sie nach den Kindern zu fragen. Sie brach in Thränen aus und gestand, daß sie die schlimmste Woche ihres Lebens verbracht hätte, da sie anhören mußte, wie die Kinder von Morgens bis Abends Papa riefen; sie glaube nicht imstande zu sein, ohne mich zu leben. Und da sie bemerkte, daß der Trauring an meinen Ringfinger fehlte, bekam sie einen gewaltigen Schreck. – Wo ist Dein Trauring, fragte sie. – Ich habe ihn in Genf verkauft, und für das Geld bin ich zu einem Frauenzimmer gegangen, um wenigstens in einem gewissen Grade ein Gleichgewicht herzustellen. Sie erbleicht! – Da wir nun quitt sind, stottert sie, können wir ja von vorn anfangen. – Das heißt nun bei Dir Ausgleichung! Du hast Dich in eine Handlungsweise eingelassen, welche verderbliche Folgen für die Familie mit sich bringt, weil Zweifel an der Legitimität der Kinder daraus entstanden sind. Und so hast Du das Verbrechen begangen, die Zukunft einer Rasse zu zerstören; Du hast das Leben von vier Menschen geknickt, Deiner drei Kinder von zweifelhafter Geburt und Deines Gatten, der als hintergangener Ehemann ein Gespött der Welt ist. Was hat meine Handlungsweise für Folgen? Gar keine. Sie weint, und ich schlage ihr vor, das Scheidungsverfahren seinen Gang gehen zu lassen; sie solle als meine Geliebte in meinem Hause bleiben, und ich wollte die Kinder nach meinem Tode adoptieren. – Ist das nicht die freie Vereinigung, von der Du geträumt hast, Du, die Du die Ehe verfluchtest? Sie überlegte einen Augenblick, aber die Sache widerstrebt ihr. Und wie? Du hast mir doch gesagt, daß Du die Absicht hättest, eine Stelle als Erzieherin in einem Hause bei einem Witwer anzunehmen! Ich bin der Witwer, den Du wünschest! – Das muß überlegt werden; dazu brauche ich Zeit! Und Du kommst inzwischen zu uns zurück? – Wenn Du mich aufforderst! – Komm nur! Und ich kehre zum sechstenmale zurück, aber jetzt fest entschlossen, die Frist zu benutzen, meine Erzählung zu vollenden und Rache zu üben. * Die Geschichte ist zu Ende, Geliebte; ich habe mich gerächt, und wir sind quitt!