Ludwig Thoma Dichters Ehrentag Lustspiel in einem Aufzug Personen: Eugen Ludwig Hobbe , ein deutscher Dichter Siegfried Meyer , Theaterdirektor Feuerstein , Journalist Oskar Zinnkraut , Theateragent Schimonsky , Kritiker Eugène Schultze , Verleger Frau Lizzy Schultze Kommerzienrat Milbe , ein Getreuer Frau Kommerzienrat Milbe , dessen Frau Frau Klara Mengold , eine Getreue Moritz Mengold , deren Sohn, ein Sechzehnjähriger Frau Lückemann , eine Getreue Betty , Zimmermädchen Ein Klavierspieler Ein Photograph Ein Dienstmann Ort der Handlung: Wohnung des Direktors Meyer in Berlin. Zeit: Gegenwart .   Erste Szene Festlich geschmückter Salon im Hause Meyers. In der Ecke rechts ein aufgeschlagener Flügel, auf dem Blumenarrangements stehen. Auf kleinen Tischen links und rechts stehen Vasen mit Buketten, auch auf dem Boden Blumenarrangements in Lyraform, an den Stühlen lehnen wie an freien Stellen der Wände Kränze mit großen Schleifen, die Inschriften tragen: »Dem großen Dichter«, »Dem Erwecker« usw. Links eine Tür, im Hintergrund eine Tür, zu denen die Zugänge freigelassen sind. Ein Fenster im Hintergrund, eines rechts; auf den Brüstungen Kränze. Rechts vorne ein Sofa, auf dem der Theateragent Zinnkraut sitzt. Direktor Meyer steht in der Mitte der Bühne und gibt dem Zimmermädchen an, wo sie einen soeben eingetroffenen Kranz anzubringen hat. Neben ihm steht Feuerstein. Meyer zu Betty: Den Kranz lehnen Sie an den Stuhl – 'n bißchen weiter zurück... So! Zu Zinnkraut. Was sagten Sie? Zinnkraut : Ich sagte, es sieht aus wie eine Totenfeier. Ich habe ganz den Eindruck davon. Feuerstein : Sie meinen die Kränze? Zinnkraut : Ich meine es überhaupt. Wenn ich Dichter wäre, würde ich mir das fünfzigste Geburtstagsfest verbitten. Meyer : Aber sehr laut, damit man es hörte. Feuerstein zu Zinnkraut: Sie? Sie würden Ihren Geburtstag im Annoncenteil anzeigen, wenn wir ihn vorne nicht erwähnten. Zinnkraut : Sie glauben, ich sage es aus Bescheidenheit? Meyer : Nein, das habe ich nicht geglaubt. Feuerstein : Niemand glaubt es. Zinnkraut zu Feuerstein: Lesen Sie doch Ihren Festartikel! Er ist eine Grabrede. Warum soll ich mich von Ihnen begraben lassen? Meyer zu Zinnkraut: Der Artikel von unserm Feuerstein? Zinnkraut : Jawohl... Meyer : Es sind Würdigungen, und wie ich behaupte – gerechte Würdigungen unseres Eugen Ludwig, seines reichen Schaffens, seines ernsten Wollens, seines großen Könnens, Würdigungen, für die – ich wenigstens – tiefinnerlich dankbar bin. Zinnkraut unverbesserlich: Sehen Sie! Meyer aus seiner Höhe zurückkehrend: Was sehe ich? Zinnkraut : Das ist auch eine Grabrede. Meyer die Achseln in die Höhe ziehend: Gott! Zinnkraut : Ich kann Ihnen nicht helfen. Es klingt so, und alles klingt so, was um diese fünfzigsten Geburtstage herumgemacht wird. Feuerstein mit Wärme: Ich will Ihnen was sagen, Zinnkraut. Wenn man eine Höhe erklommen hat, dann hat man einen Ausblick, und man darf ihn doch wohl genießen. Eugen Ludwig hat die Höhe bestiegen, und nun schauen wir mit ihm zurück. Das ist mein Artikel. Zinnkraut mit Hohn: So? Wissen Sie, was die Folge ist, wenn man die Höhe erklommen hat? Man muß wieder heruntersteigen. Sie schreiben ihm vor, bis hierher und nicht weiter! Jetzt geht es abwärts. Das ist Ihr Artikel. Meyer die Achseln aufziehend: Gott! Zinnkraut : Bitte, ja! Man macht einen Strich unter sein Leben und addiert es zusammen. Also ist die Rechnung fertig. Warum soll ich mir von Ihnen einen Strich machen lassen? Feuerstein will eifrig anheben: Erlauben Sie – – Meyer unterbricht ihn, wobei er ihm väterlich die Hand auf die Schulter legt: Lassen Sie ihn! Das ist ja gar nicht von ihm! Zinnkraut : Was ist nicht von mir? Meyer : Sie haben es in einer Aphorismensammlung gelesen. Das kenn ich doch! Zinnkraut Mit überlegenem Hohn: So? Meyer : Und Sie kenn' ich auch. Feuerstein zu Zinnkraut: Schreiben Sie mir's auf, wenn es noch nicht erschienen ist. Vielleicht kann man's verwenden. Aber heute lassen Sie uns die reine Freude an dieser Doppelfeier! Zinnkraut : Doppelfeier? Feuerstein : Für unseren Eugen Ludwig... und mit einer Handbewegung gegen Meyer für seinen Propheten... Meyer mit gemachter Bescheidenheit : Nu... Prophet! Feuerstein : Oder Paladin. Sie waren sein Paladin, Herr Direktor. Meyer : Ich durfte ihm vielleicht den Weg ebnen... Feuerstein unterbricht ihn eifrig: Sie durften! Er durfte... er konnte sein Talent entfalten. Zinnkraut : Haben muß er es doch selber, Feuerstein! Feuerstein sich zu Zinnkraut wendend: Soll er es haben! Was hilft es ihm, wenn er keine Gelegenheit findet? Gelegenheit ist die Hauptsache. Zinnkraut : Gelegenheit haben viele... Feuerstein : Ich will Ihnen was sagen: Talent haben viele. Zinnkraut : Nanu! Feuerstein : Oder vielleicht viele. Was weiß ich davon? Was wissen Sie davon? Man muß es erst entdecken, was in einem Menschen ist. Zinnkraut mit vornehmer Ruhe: Ich habe es entdeckt. Feuerstein : Was haben Sie? Zinnkraut : Das Talent in unserm Eugen Ludwig habe ich entdeckt. Meyer vorwurfsvoll: Zinnkraut! Feuerstein : Ich muß lachen. Zinnkraut : Lachen Sie, bitte! Aber ich habe Beweise. Als noch niemand von ihm gesprochen hat, habe ich ihm zweihundert Mark Vorschuß gegeben. Meyer : Sie sollten das nicht immer erzählen! Zinnkraut : Wer erzählt es sonst? Ein Dienstmann tritt ein mit einem großen Lorbeerkranz.   Zweite Szene Dienstmann : Is et hier beim deutschen Dichter Hobbe? Meyer : Geben Sie her! Dienstmann liest die Briefadresse: Euschän Ludwich Hobbe? Meyer : Ja – 'n bißchen fix! Nimmt den Kranz und Brief und gibt sie Betty.   Dritte Szene Meyer zu Betty, die den Kranz ans Klavier lehnt: Nich ans Klavier! An die Wand, Betty! – ... Was steht auf der Schleife? Betty bückt sich und liest: Dem Licht... Dem Lichtbringer: Por... Pormetheis! Meyer korrigierend: Prometheus... Na, is gut... Wendet sich wieder an Zinnkraut. Sie sollten das nicht immer erzählen! Zinnkraut : Wieso? Meyer : Fragen Sie noch! Zinnkraut : Ich kann Ihnen das Datum sagen. Es war vor sechzehn Jahren, Ende Mai. Zweihundert bare Mark! Meyer : Es ist nicht nobel, immer davon zu reden. Feuerstein : Und was hat es für einen Zweck? Zinnkraut : Es zeigt, daß ich der Erste war, der das Vertrauen hatte. Feuerstein : Wenn Sie Vertrauen hatten, war es keine Kunst, das Geld zu geben. Meyer : Wir wollen das Thema fallen lassen. Es ist unerquicklich. Zu Zinnkraut: Jedenfalls können Sie nicht leugnen, daß ich zu seiner Kunst gestanden habe und stehe. Unerschütterlich. Zinnkraut : Wer hat es geleugnet? Meyer : Ich habe mich nicht beugen lassen; zwei Durchfälle sind an mir abgeprallt. Feuerstein : Niemand, der gerecht urteilt, wird es Ihnen vergessen. Meyer : Man wollte flau machen, man wollte zweifeln, aber ich sagte mir, Eugen Ludwig, das ist die Kunst auf der hohen Linie. Zinnkraut : Das nämliche, wie ich. Meyer : Vielleicht tat ich doch mehr! Zinnkraut : Aber nach mir. Meyer ohne auf den Einwurf zu achten: Sie gaben ihm Geld; schön! Ich gab ihm mein Theater, ich gab ihm meine Existenz. Feuerstein : Und darum ist heute Ihr Ehrentag. Meyer abwehrend: Nicht so! Feuerstein : Auch Ihr Ehrentag, wollte ich sagen. Meyer : Vielleicht der Ehrentag meines Wollens, meines Strebens... auf und ab gehend ... Der Siegestag meiner Ideale! Das ist das Wort! Feuerstein : Sie können nicht widersprechen, Zinnkraut! Zinnkraut : Wieso? Meyer ist auf und ab gegangen und bleibt nun stehen. Er wird rhetorisch: Herrschaften, ich sagte mir folgendes. Wo steckt mein Ziel? Steckt es hoch oder nicht? Gut, wenn es hoch steckt, dann führt ein steiler Weg nach oben. Darüber hat man sich klar zu sein. Feuerstein : Sie waren sich klar. Meyer steckt die rechte Hand in die Rocköffnung; theatralisch: Ich war es. Mein Ziel war die hohe Kunst, mein Weg war steil, mein Führer war Eugen Ludwig. Feuerstein korrigierend: Ihr Begleiter. Meyer : Sie sollen recht haben, – mein Begleiter. Sich gegen die Tür links wendend, durch die der Klavierspieler eingetreten ist. Was wollen Sie?   Vierte Szene Klavierspieler hat Notenbücher unterm Arm: Ich bin hierher bestellt, – ich bin der Klavierspieler... Meyer : Haben Sie die Musikstücke, die ich wollte? Klavierspieler : Ja, wie Herr Direktor bestimmt haben... Meyer : Schon gut! Setzen Sie sich an den Flügel. Ich werde Ihnen das weitere mitteilen. Der Klavierspieler geht vorsichtig um Tische und Stühle herum zum Klavier und setzt sich. Meyer geht wieder auf und ab, in verhaltener Bewegung und mit Größe: Ich habe meinen Beruf stets ernst aufgefaßt. Ich habe ihn groß aufgefaßt, wenn ich es doch schon selbst sagen muß. Ich habe meine Sendung als Leiter einer moralischen Anstalt erkannt. Er bleibt stehen und faßt Zinnkraut streng ins Auge. Das kann man nicht leugnen, mag man auch sonst denken, was man will! Er blickt Zinnkraut durchbohrend an, indes er wiederholt ... was man will! Zinnkraut bescheiden: Ich denke doch gar nicht! Meyer bitter: Sie denken gewiß – aber habe ich vielleicht Zugeständnisse gemacht? Feuerstein : Nein! Niemals! Meyer : Ich habe die hohe Kunst auf meine Fahne geschrieben, obwohl ich ihre Gefahren kannte. Herrschaften, ich sagte mir so: Erziehe ich das Publikum dazu, mir zu folgen, dann ist das Ideal erreicht. Wenn nicht, dann falle ich mit ihm... Feuerstein : Sie sind nicht gefallen. Meyer : Nein! Wir haben Schlachten geschlagen, wir haben Wunden davongetragen, aber der Sieg ist uns treu geblieben. Zinnkraut : Nu – treu! Meyer : Wie? Zinnkraut : Ich meine, der Sieg hat auch geschwankt. Meyer : Aber ich habe nicht geschwankt. Ich stand fest. Zwei Durchfälle sind an mir abgeprallt. Dieses Verdienst wird mir Eugen Ludwig heute zugestehen. Feuerstein : Er muß es tun. Meyer : Wenn ich zurückdenke an alles, was wir gemeinsam erkämpften, – vom bescheidenen Anfang bis zum letzten, großen Tag – schwärmerisch Herrschaften! Es war doch schön! Feuerstein : Und heute begrüßen wir Sie als Sieger. Meyer mit gemachter Bescheidenheit: Wer spricht von mir? Sagen wir, es ist der Sieg der Höhenkunst... Zum Klavierspieler, der sich erhoben hat und sich mit Verbeugungen bemerklich zu machen sucht. Was wollen Sie? Klavierspieler : Ich wollte mir die Frage erlauben, welches Musikstück wünschen Herr Direktor zuerst und...? Meyer : Ja so! Er zieht die Uhr. Also, wenn wir hier alle vollzählig sind, wird der Meister den Salon betreten. Auf mein Zeichen intonieren Sie sofort den Einzug der Gäste in die Wartburg. Klavierspieler : Jawohl, Herr Direktor, und später... Meyer : Das sage ich Ihnen schon... Er geht wieder auf und ab und spricht nicht ohne Bitterkeit. Vielleicht kann heute der eine und andere geringschätzig über mein Lebenswerk urteilen... Feuerstein feurig: Das ist niemand erlaubt! Meyer : Es ist der Lauf der Welt, lieber Freund! Und mit einem Blick auf Zinnkraut es liegt im Wesen der Menschen, schnell zu vergessen. Groß. Aber mag man es vergessen! Ich stehe bescheiden zurück, weil nur Eugen Ludwig da steht, wo er steht! Feuerstein zu Zinnkraut: Es ist unschön von Ihnen, Zinnkraut. Meyer groß: Lassen wir das! Was liegt an mir? Aber Herrschaften! Die Frage war nicht ganz so einfach... Damals, als noch niemand den Erfolg ahnte. Zinnkraut : Ich habe... Meyer ihn brüsk unterbrechend: Sie haben nicht! Niemand hat. Es lag eine Ungewißheit um uns, und man konnte sehr leicht straucheln. Ja, ich darf es heute bekennen: die Frage war nicht ohne innere Kämpfe zu lösen. Denn auch mich konnte es locken, auf bequemen Pfaden zum Erfolge zu wandeln. Er lag, wenn ich so sagen darf, lachend vor mir... Er bleibt stehen und wendet sich rasch gegen Zinnkraut. Wie? Zinnkraut schlicht: Nichts. Meyer : Ich dachte, Sie hätten etwas gesagt. Zinnkraut : Ich habe nichts gesagt. Meyer : Auch wenn Sie etwas gesagt hätten, ich habe keinen Einwurf zu scheuen. Geht wieder auf und ab. Auf der anderen Seite drängte sich mir diese Gewißheit auf: Hier ist ein Dichter, hier ist ein Talent, hier ist ein Genie. Zinnkraut : Hört! Meyer bleibt wie vorher stehen und wendet sich gegen Zinnkraut: Was? Zinnkraut nachdrücklicher: Hört! Meyer : Gewiß, Sie dürfen es hören, und Sie sollen es hören. Das drängte sich mir auf: Hier ist ein Genie, hier sind köstliche Schätze zu heben. Wenn ich sie nicht hebe, versinken sie. Da wußte ich mit einem Male, daß ich eine Pflicht hatte. Feuerstein : Und wir wissen, daß und wie Sie diese Pflicht erfüllt haben. Zinnkraut : Unentwegt – Sie müssen im Bilde bleiben, Feuerstein. Feuerstein indigniert: Ich bleibe, wo ich will. Meyer ironisch: Vielleicht erlauben Sie mir zu sagen: schlicht und einfach? Einfach und schlicht, so wie man eben seine Pflicht erfüllt... Unterbricht sich, da Herr und Frau Schultze, der Kritiker Schimonsky und Frau Lückemann von links eintreten. Ah! Da sind ja...   Fünfte Szene Er eilt ihnen entgegen, und küßt den Damen die Hände: Guten Morgen, gnädige Frau! Schüttelt den Herren die Hand. Guten Morgen! Frau Schultze sich umsehend: Wie feierlich das aussieht! Und die vielen Kränze! Frau Lückemann : Ist Eugen Ludwig schon da? Meyer : Nein, gnädige Frau. Er muß pièce de resistance sein. Erst wenn wir alle versammelt sind, dann... Frau Schultze : Wer alle! Meyer : Der kleine Kreis seiner treuesten Anhänger. Herr Schultze : Eine Versammlung der Gläubigen. Schimonsky : Im Hause eines Theaterdirektors könnte man auch sagen: Eine Gläubigerversammlung. Meyer : Ewig diese Witze! Schimonsky : Witz? Wir werden sie ja sehen... Zinnkraut : Die Herren, die nicht bloß Anteil nehmen, sondern auch Anteil haben... Schimonsky zu Meyer: Soll ich sie Ihnen nennen? Mit Verbeugung gegen Schultze. Die Anwesenden sind ja nicht ausgenommen. Meyer : Können Sie das nie lassen, Schimonsky? Schimonsky : Seien Sie nur wieder gemütlich! Sich an Zinnkraut wendend. Apropos, Zinnkraut, Ihnen kann man ja gratulieren... Zinnkraut : Nu... es geht. Meyer : Wieso gratulieren? Schimonsky : Haben Sie es nicht gelesen? Zu dem Erfolge von Chochotte. Frau Lückemann : Ach ja! Chochotte in Hamburg! Frau Schultze : Es muß sehr stark eingeschlagen haben. Zinnkraut schlicht: Sagen wir: Es war ein Riesenbombenerfolg. Meyer etwas nervös: Sprechen Sie doch! Was ist das – Chochotte –? Schimonsky : Wo leben Sie denn, daß Sie nich mal das wissen? Feuerstein mit Überzeugung: In den reinen Höhen der Kunst. Schimonsky : Der Bericht in der Morgenzeitung war förmlich enthusiastisch. Triumphe – Beifallsorkane – Ovationen – Feuerstein sachlich: Nach dem zweiten Akte dreimal Vorhang, nach dem dritten viermal. Schimonsky : Also unzählige Male. Zinnkraut noch schlichter: Sagen wir eben: Es war ein Riesenbombenerfolg. Schultze zu Meyer: Ich habe unsern Eugen Ludwig schon wochenlang nicht gesehen. Wie ist er? Meyer dem die Störung sichtlich unbequem ist: Wie soll er sein? Schultze : Ich meine gesundheitlich! Frau Schultze : Das Fest, und die vielen Artikel in den Zeitungen und diese Anerkennung von überallher, das muß ihn doch sehr angreifen! Frau Lückemann : Und diese Erinnerungen an so manches! Meyer ungnädig: Er wird es überstehen. Zu Zinnkraut. Tun Sie doch nicht so geheimnisvoll! Von wem und was und wie ist das mit der Charlotte? Zinnkraut : Von wem? Von einer neuen französischen Schwankfirma, also aus Wien. N' Blödsinn, aber prima! Schimonsky : Ich garantiere in Berlin vierhundert Aufführungen. Zinnkraut : Sollen es dreihundertfünfzig sein! Feuerstein : Also prickelnd? Geistvoll? Champagner? Schimonsky : Sie treffen es doch immer! Meyer vorwurfsvoll zu Zinnkraut: Und das muß man so apropos erfahren? Es ist Ihnen nicht der Mühe wert, mir auch nur 'n Ton zu sagen? Zinnkraut : Ich nahm an, daß es Sie nicht interessiert. Meyer sehr bitter: Das nimmt man so an... Zinnkraut : Jedenfalls nicht geschäftlich interessiert. Meyer noch bitterer: Das nimmt man ganz einfach so an... Zinnkraut : Ich muß es doch wissen, es ist nichts für Sie. Es ist das Gegenteil. Meyer . Sonst wissen Sie mich zu finden. aber wenn es darauf ankommt, schieben Sie mich beiseite. Zinnkraut : Was reden Sie? Meyer : Ich kenne jetzt Ihre Gesinnung. Das rede ich. Zinnkraut : Eine Sache ist für einen, eine andere Sache is für 'n andern. Meyer bitter: Das sind Flausen. Zinnkraut : Es is 'n Schwank, Meyer. Was tu ich mit Ihnen? Meyer : Es sind Flausen, sag ich. Feuerstein macht Meyer auf die neu ankommenden Gäste aufmerksam: Herr Direktor! Von links treten ein Frau Mengold, ihr Sohn Moritz, Herr Kommerzienrat Milbe. Moritz trägt dunkelblaue Kniehose und ebensolche Jacke, eine Brille wie Sextaner.   Sechste Szene Meyer geht den Gästen langsam entgegen. Er ist sichtlich verstimmt. Er küßt Frau Mengold auffallend nachlässig die Hand. Guten Morgen, gnädige Frau! Mit leichter Verbeugung zu ihr und Milbe: Es freut mich, daß Sie gekommen sind. Frau Mengold : Mit welcher Begeisterung, das wissen Sie. Meyer sehr gleichgültig: Ich weiß es. Milbe : Meine Frau wird sofort nachkommen; sie wurde nicht fertig, na, Sie wissen, wie das geht. Meyer Wie oben: Ich weiß es. Frau Mengold die anderen begrüßend: Guten Morgen! Stürmisch zu Meyer: Wo ist Eugen Ludwig? Meyer müde: Er wird kommen, wenn wir alle versammelt sind. Frau Mengold der der unfestliche Ton Meyers auffällt: Was haben Sie nur? Meyer : Wie? Frau Mengold : Fehlt Ihnen etwas, lieber guter Direktor? Meyer achzelzuckend: Was soll mir fehlen? Aber ein Theaterleiter, Sie können sich denken. Frau Mengold : Ist was vorgefallen mit der Festvorstellung? Meyer der sichtlich an etwas anderes denkt, zerstreut: Welche Festvorstellung? Frau Mengold : Aber Bester! Morgen! Eugen Ludwigs Festabend! Meyer : Ja so! Nein, da ist nichts vorgefallen. Was soll vorfallen? Frau Mengold : Gott sei Dank! Ich dachte schon... Sie nimmt ihn beiseite und geht mit ihm etwas nach vorne. Und das mit Moritz,... nicht wahr, es bleibt dabei? Meyer wieder müde: Es bleibt dabei. Milbe der mit allen Anwesenden Händedrücke ausgetauscht hat, zu Zinnkraut: Na, Chochotte, hen, das wird 'n Geschäft! Zinnkraut : Es is schon eines. Frau Mengold zu Meyer, der zu Milbe und Zinnkraut hinüberhorcht: Ich kann Ihnen nur sagen, mein Moritz entwickelt einen Geist... Meyer ohne auf sie zu hören: Hm – m – Frau Mengold : Er wird mit Ehren bestehen. Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar, daß Sie ihm diese Gelegenheit gegeben haben... Meyer wie vorher: M – ja – Milbe : Ich habe heute von ein paar Bekannten darüber sprechen hören. Schimonsky : Und eines von den Tanzliedern hat schon seinen Weg hieher gemacht. Es wird der Schlager der Saison. Meyer läßt Frau Mengold brüsk stehen und eilt zu der Gruppe um Zinnkraut: Was wird der Schlager der Saison? Schimonsky : Ein Tanzlied aus Chochotte. 'n Blödsinn, aber famos... Zinnkraut halb singend: Sie meinen das: Cho-chotte Wie flotte Schimonsky : Ja, das is es! Eine reizende Melodie! Milbe : Und so recht volkstümlich. Zinnkraut Singt nun lauter, wobei Milbe mitsummt und verklärt den Kopf wiegt: Cho-chotte, Wie flotte Tanzst du nich die Gavotte! Cho-chotte, Du Flotte Im Pavillon Mascotte! Milbe legt seine Hand feierlich auf Zinnkrauts Achsel und sagt eindrucksvoll: Zinnkraut, mit dem Ding werden Sie 'n reicher Mann! Feuerstein : Es ist Champagner. Meyer faßt Zinnkraut am Ärmel und zieht ihn beiseite. Er blickt ihm bedeutend in die Augen und fragt: Ist es hier schon vergeben? Zinnkraut : Warum soll ich es vergeben? Ich kann das Geschäft selbst machen. Meyer unwillig: Was heißt selbst machen? Zinnkraut : Ich pachte ein Theater, ich engagiere gute Kräfte, ich mache es selbst. Meyer . Reden Sie keinen Unsinn! Vertraulich. Zinnkraut, wir machen die Sache gemeinsam. Zinnkraut : Es ist nichts für Sie. Meyer unwillig: Bin ich Ihnen nicht gut genug? Zinnkraut : Sie sind mir zu gut. Sie sind die hohe Kunst. Meyer ausbrechend: Herrgott, bleiben Sie mir doch vom Leibe mit dieser abgedroschenen Phrase! Die Damen haben in der Zwischenzeit die Kränze und Blumen durchgemustert. Frau Lückemann ruft: Herr Direktor! Meyer ungnädig: Was denn? Frau Lückemann : Warum haben Sie meinen Kranz so schlecht plaziert? Man sieht ihn gar nicht. Meyer gleichgültig: Sofort, gnädige Frau. Vertraulich zu Zinnkraut. Wir reden noch darüber. Zinnkraut zuckt die Achseln: Eine Sache ist für einen und... Meyer unterbricht ihn und klopft ihm vertraulich auf die Schulter: Ach was! Ich sage Ihnen, wir sprechen uns noch... Er geht zu Frau Lückemann. Gnädige Frau? Frau Lückemann schmollend: Da sehen Sie doch selbst! Er ist ganz verdeckt von den andern. Meyer : Tun wir 'n einfach vor! Er nimmt den Kranz und lehnt ihn weiter vorne auf einen Stuhl. Soo! Nur 'n Versehen von dem Mädchen. Frau Lückemann nickt freundlich dankend. Frau Mengold : Ich bin seltsam bewegt, Herr Direktor. Meyer : M–m– Milbe zu Frau Mengold: Was greift Sie an? Frau Mengold : Es fällt so schwer auf mich, daß Eugen Ludwig heute fünfzig werden soll. Feuerstein : Da ist er noch in der Vollkraft. Frau Mengold : Man sagt sich doch, es ist ein Lebensabschnitt. Es liegt so viel hinter ihm, und da ist man nun dabei und feiert es, wie... sie sucht nach einem Worte wie... soll ich sagen? Zinnkraut : Wie ein Leichenbegängnis. Frau Mengold seufzt tief auf: Ach – ja! Ihr Blick fällt auf den hübschen Hut der Frau Schultze. Sie fragt lebhaft und sehr interessiert. Wo haben Sie den Hut gekauft, Frau Lizzy? Frau Schultze : Es ist ein Pariser Modell. Frau Lückemann hinzutretend: Von der Funke? Frau Schultze : Ja, sie hat ihn mitgebracht. Frau Mengold : Er ist süß! Die Damen unterhalten sich nun sehr angeregt, während die Herren weiter rechts eine Gruppe bilden. Das Folgende möglichst unisono: Frau Lückemann : Ich habe bei ihr einen kleinen, weißen Seidenhut gesehen, mit Flügelchen um den Kopf gesetzt... Ein Gedicht! Frau Mengold zu beiden: Waren sie kürzlich bei der Dickerhoff? Frau Schultze : Erst gestern. Frau Lückemann : Die neuen Straßenkleider? Die sind wunder – wundervoll! Frau Mengold : Ein schwarzes Taffetkostüm – Das Folgende möglichst unisono: Frau Schultze unterbricht: Und das mit dem hochdrapierten Rock und der bunten Seidengarnierung – Frau Mengold unterbricht: Ich meine die kurztaillige Jacke, sie macht beschreibende Gesten die den Schoß ansetzt wie ein Herrenjacket und nur bis an die Hüfte reicht... Frau Lückemann unterbricht: Sie hat auch ein erbsengrünes mit einer Jacke, die überbauscht, mit einem hohen Stehumlegkragen, und der Rock... Das Folgende unisono: Frau Schultze unterbricht: Das hochdrapierte ist aus Tuch und ganz weich, und der Jackenschoß ist schottisch, mit unregelmäßigen Streifen... Frau Mengold unterbricht: Der Westeneinsatz ist aus weißem Pikee und der Kragen, der hinten überfällt... Frau Lückemann : Das erbsengrüne hat einen glatt gefalteten Rock... Von links ist der Photograph eingetreten.   Siebente Szene Der Photograph : Ist Herr Direktor Meyer – –? Meyer vortretend: Was wollen Sie? Der Photograph : Ich bin der Photograph... Meyer : Ja – richtig – Der Photograph : Soll ich meinen Apparat – –? Meyer : Lassen Sie ihn einstweilen noch außen und warten Sie im Vorzimmer, bis Sie gerufen werden. Der Photograph : Jawohl. Ab mit einer Verbeugung.   Achte Szene Frau Schultze lebhaft: Kommt das Bild in die Woche? Meyer gnädig: Ich will sehen, was sich für Sie tun läßt. Frau Lückemann : Ach bitte! bitte! Frau Mengold : Eugen Ludwig im Kreise seiner Getreuen – aber die Namen darunter setzen! Meyer : Was möglich ist, geschieht. Er geht zu den Herren zurück. Er wendet sich an Milbe, um das abgebrochene Gespräch wieder anzuknüpfen. Sie meinten, Herr Kommerzienrat, daß...? Milbe : Ich sage, es geht uns nicht anders wie den Amerikanern. Dieses treibende, hastende Leben reibt unsere Nerven auf. Da können wir im Theater nicht auch noch ernste Stücke sehen. Meyer : Aber – – Milbe : Ich weiß, was Sie sagen wollen, Herr Direktor. Es regt sich auch in unserer Zeit der Drang nach dem ewig Schönen... Meyer : Das wollte ich nicht sagen... Milbe : Auch wir vernehmen gerne die frohe Botschaft von großen Dichtern – die Achseln zuckend aber – – Meyer : Glauben Sie, es wird anhalten? Milbe . Was anhalten? Meyer : Die Flaute? Schimonsky : Stärker wird sie werden. Lesen Sie meine Schrift: Die Abende des Abgespannten! Meyer ungnädig: Was tu ich mit Ihrer Schrift? Schimonsky : Sie werden die Ursachen der Erscheinung verstehen. Feuerstein : Man hört das immer häufiger sagen: Ich will mich unterhalten. Ernst sein kann ich zu Hause. Milbe eifrig: Und mit Recht! Es liegt im Geist der Zeit, meine Herren... Meyer : Wir hatten doch früher – – Schimonsky : Früher! Milbe : Ich nehme das Beispiel von mir ab. Wenn ich müde von tausend Sorgen und Ideen aus dem Geschäft komme, ja – soll ich mir da am Abend nochmal den Jammer der Menschheit zu Gemüte führen? Meyer : Soll dem Theater gar kein erzieherischer Wert mehr zuerkannt werden? Zinnkraut : Aber nicht bezahlt wird er! Schimonsky : Lesen Sie meine Schrift: Die Psychologie des Erfolges! Milbe : Lieber Herr Direktor, Sie sind ein Idealist, das wissen wir alle... Zinnkraut : Konjunktur! Milbe : Für Sie gibt es eben nur das hohe Drama und nur Eugen Ludwig. Meyer : Nun reden Sie alle so! Früher haben Sie anders gesprochen. Schimonsky : Warum schauen Sie immer zurück? Zinnkraut : Konjunktur! Meyer zu Schimonsky: Gerade Sie! Schimonsky : Was ich? Meyer : Haben Sie nicht von dem Siegesmarsch der neuen Kunst geschrieben? Von der freudigen Welt der Zukunft? Schimonsky : Dann wird es gestimmt haben. Milbe : Unsere Dampfpfeifen übertönen die freudige Welt. Feuerstein zu Milbe: Darf ich mir das notieren? Milbe gnädig: Wenn Ihnen ein Gefallen geschieht – Zinnkraut : Was kommt auf das an, was wir reden? Halten Sie sich an das Reelle! Was redet das Kassenbuch? Neunte Szene Von links kommt eilig Frau Kommerzienrat Milbe in elegantem Straßenkleide. Frau Milbe laut: Ich komme doch nicht zu spät? Milbe : Beinahe. Frau Milbe zu Milbe: Ich mußte warten, das weißt du doch? Zu Meyer, der in tiefe Gedanken verloren ist. Sie sind mir nicht böse, Herr Direktor? Meyer sehr zerstreut: Wie? Frau Lückemann mit einem Aufschrei: Gott! Das Erbsengrüne! Frau Milbe wendet sich zu den Damen: Ich bitte Sie vielmals um Entschuldigung... Frau Mengold ihr die Hand reichend: Man freut sich immer, wenn man Sie sieht, Frau Hilde. Frau Milbe : Die Schneiderin kam nicht, und kam nicht, ich war in heller Verzweiflung. Frau Lückemann das Kleid der Frau Milbe musternd: Es ist von der Dickerhoff ! Frau Milbe : Gewiß! Wie finden Sie es? Sie stellt sich in Positur und dreht sich herum, macht einige Schritte, streckt sich, nach Art der Mannequins. Frau Mengold : Entzückend! Das Folgende möglichst unisono: Frau Lückemann erklärend: Wie ich sagte: mit überbauschender Jacke und Faltenrock. Frau Schultze : Haben Sie das hochdrapierte nicht gesehen? Frau Milbe sehr interessiert: Natürlich! Und eines war da, die Jacke aus einem Stück herausgearbeitet. Frau Mengold : Königsblau? Frau Schultze : Mit einer viereckigen Latzpatte. Frau Milbe : Und einem Musselinkragen. Ganz wundervoll! Gott, es ist ja so schwer, einen Entschluß zu fassen... Die Damen unterhalten sich angeregt weiter und vermögen Frau Milbe, sich nach allen Seiten hin zu drehen und auf und ab zu gehen. Meyer nimmt Zinnkraut energisch beim Ärmel und zieht ihn nach vorne: Also reden Sie ein gescheites Wort! Zinnkraut : Sie können nicht von Ihrem Niveau heruntersteigen. Meyer : Wissen Sie nichts Gescheiteres zu sagen? Zinnkraut : Man sucht einen Schwank nicht bei Ihnen. Meyer : Na also! Dann ist es doch eine Sensation? Zinnkraut nachdenklich: M–m! Meyer aufzählend: Es ist eine Spannung. Es ist eine Überraschung... Es ist... Zinnkraut : Am Ende eine Enttäuschung. Meyer : Sie kennen meine Regie! Und wenn sich die ernste Muse einmal leichter schürzt... Zinnkraut : Hm–m! Meyer : Wirkt das nicht schon von selbst? Zinnkraut nachdenklich: Es läßt sich darüber reden. Meyer : Überlegen Sie doch! Sie haben dann die vornehme Bühne, das beliebte Ensemble... Zehnte Szene Betty ist rasch von links eingetreten und zu Meyer hingeeilt. Sie flüstert ihm hastig zu. Betty : Er ist da! Meyer sehr ungnädig und ungehalten: Wer ist da? Betty halblaut und dringend: Unser Dichter! Meyer : Er wird noch 'n Augenblick warten können. Zu Betty, die zögernd stehen bleibt. Gehen Sie doch, und sagen Sie ihm, er soll noch 'n Augenblick warten! Betty langsam ab.   Elfte Szene Zinnkraut zu Meyer, der sich sogleich wieder an ihn gewandt hat. Ich brauch Bedenkzeit. Meyer aufzählend: Sie haben die vornehme Bühne, Sie haben die Sensation... Zinnkraut : Ich sag halb ja. Meyer : Sagen Sie's ganz! Dringlich und schmeichelnd. Zinnkraut! Zinnkraut : Jetzt beim Fest ist keine Zeit. Meyer : Ach was! Fest! Zinnkraut : Die Chochotte lauft nicht davon. Milbe ist hinzu getreten: Ach, Sie sprechen von Chochotte? Ruft zu seiner Gattin hinüber. Hilde! Frau Milbe stellt ihre Mannequinbewegungen ein: Ja? Milbe : Du hast doch gestern das Ding gehört? Die Melodie von Chochotte? Frau Milbe : Ach! Das reizende Lied! Frau Schultze : Ich kenne es auch. Frau Lückemann : Herr von Schmettau erzählte mir davon. Frau Milbe probiert zu summen: Chochotte!... Gavotte... Wie flotte... Zinnkraut zum Klavierspieler: Herr Kapellmeister, kennen Sie die Melodie? Klavierspieler sich halb erhebend: Von Chochotte? Gewiß! Zinnkraut zum Klavierspieler: Versuchen Sie mal! Der Klavierspieler setzt sogleich mit der Melodie ein. Zinnkraut und Frau Milbe singen halblaut: Cho–chotte, Wie flotte Tanzt du nich die Gavotte. Cho–chotte, Du Flotte Im Pavillon Mascotte! Tütelü – Tütelü – Tütelü–tü–tü Frau Mengold begeistert: Wie herzig! Da nun der Klavierspieler die Melodie wiederholt, fallen alle laut in den Gesang ein. Zinnkraut macht dirigierende Gesten, Meyer wiegt sich entzückt nach dem Takt, auch die übrigen Herren wie Damen machen seine Bewegungen mit. Allgemeiner Gesang! Cho–chotte, Wie flotte Tanzt du nich die Gavotte. Cho–chotte, Du Flotte Im Pavillon Mascotte! Tütelü – Tütelü – Tütelü–tü–tü! Bei dem Worte: Gavotte ist Eugen Ludwig Hobbe eingetreten. Die übrigen bemerken ihn in ihrem Eifer nicht und singen die Strophe begeistert zu Ende. Hobbe bleibt wie entgeistert an der Tür stehen. Sowie die Strophe zu Ende gesungen ist, sieht Frau Mengold den verblüfften Dichter stehen.   Zwölfte Szene Frau Mengold schreit auf. Eugen Ludwig! Alle wenden sich um, die Damen eilen auf den Dichter zu, auch die Herren Schimonsky, Milbe und Schultze. Meyer gibt dem Klavierspieler ein Zeichen, der noch die Chochottemelodie spielt, aber sogleich in die feierlichen Klänge des »Einzuges der Gäste« übergeht. Meyer schreitet gravitätisch auf den Dichter zu, der von den Damen stürmisch bewillkommt wird und mit den Herren ungemein herzliche Händedrücke austauscht. Das Folgende möglichst rasch nacheinander, wo tunlich gleichzeitig: Frau Mengold : Innigste, herzlichste Glückwünsche! Frau Schultze : Sie wissen, was wir für Sie fühlen. Frau Lückemann : Liebster! Bester! Frau Milbe : Aus frohem Herzen meinen Glückwunsch! Frau Mengold : Und Dank für so vieles, was Sie uns gaben! Frau Milbe : Und noch geben werden! Milbe ergreift mit beiden Händen die Rechte des Dichters und sieht ihm mit tiefem Danke in die Augen. Er spricht mit überströmender Herzlichkeit: Eugen Ludwig, darf ich es an dieser Stelle und heute sagen, was Sie uns geworden sind? Darf ich aus dankerfülltem Herzen heraus – – Schultze drängt sich mit Feuerstein möglichst nahe heran: Das Beste, was wir heute fühlen, läßt sich nicht in Worte kleiden – Feuerstein echot: Nein, nicht in Worte kleiden. Milbe läßt Sich in seiner Herzlichkeit nicht stören; er hält die rechte Hand des Dichters mit seinen beiden fest und schüttelt sie bei markanten Stellen: Darf ich aus bewegtem Herzen heraus statt langer Reden bloß dieses eine sagen: Wir haben deines Geistes einen Hauch verspürt. Darf ich? Schimonsky : Ich schrieb heute über Sie: Er kam als Lyriker ins Drama, und trat als Epiker heraus. Milbe wie vorher: Darf ich? Meyer ist näher getreten. Er patscht in die Hände, um Ruhe zu schaffen: Herrschaften! Ich muß bitten... Es tritt Stille ein. Milbe läßt die Hand des Dichters los, den nun Meyer unter den Arm faßt und einige Schritte seitwärts mehr nach vorne führt. Meyer stellt den Dichter vor sich hin, tritt einen Schritt zurück: Eugen Ludwig! Es ist Rührung und Stolz, was mich bewegt. Dem Stolz gebe ich Worte. Unsere Kunst ging steile Wege; es mußte einer den andern stützen, damit wir beide nicht strauchelten. Wir sind oben. Und ich drücke dem kühnen Weggenossen die Hand. Er tut es. Alle murmeln durcheinander: Bravo! Sehr gut! Zinnkraut : Bravo, Weggenosse! Frau Mengold winkt ihrem Sohn: Moritz! Moritz tritt mit raschen Schritten vor, stellt sich dem Dichter gegenüber und beginnt nach einer leichten, keine Befangenheit verratenden Verbeugung mit mutierender Stimme, doch fließend zu sprechen: Verehrter Meister! Ihr Schaffen zerfällt in drei Teile. Aus der Verirrung des Realismus gelangten Sie über das Märchendrama zum Neuhumanismus. Ich könnte auch sagen, Sie schritten die Bahn vom Illusionismus zur Neuromantik. Wenn ich mich frage, wie sich diese Kombination der drei Kunstformen in Ihnen vollzogen hat, so finde ich die Erklärung einerseits in der lyrischen Erweichung Ihres ursprünglichen Naturalismusses, andererseits in Ihrer unbewußten Sehnsucht, aus der Breite des Märchendramas den Weg zum Formdrama zu finden und wiederum den Menschen mit seinem Ethos und Pathos in die Mitte zu stellen. Das ist Ihnen ja auch teilweise gelungen. Freilich vermochten Sie nicht, uns überzeugend zu beweisen, wie das Individium im Konflikte seiner Eigenart mit Zeit und Welt zerrieben wird. Dazu fehlte Ihnen die Intensität des Erlebens und die sprungbereite Leidenschaft, und in diesem Sinne könnte man Sie selbst eine tragische Natur nennen. Immerhin ist Ihre Begabung originell und verdient in unserer Zeit ihres heroischen Triebes willen Beachtung... Milbe halblaut: Famos! Ganz famos! Schimonsky : Es ist einiges von mir. Aber ganz ausgezeichnet! Moritz fährt unbeirrt weiter: Wenn Sie auch nicht Ihre Gestalten, oder ich will schonend sagen, nicht jede Ihrer Gestalten mit dem Geheimnis innerer Notwendigkeit ausgestattet haben, so sehe ich doch in dem Gesamtwirken Ihrer nach Produktion lechzenden Natur eine Erweiterung des poetischen Horizontes. Wir – die Jugend – die wir unser Ich gefunden haben, und uns dessen bewußt sind, und die wir eine größere Zeit herbeiführen werden, betrachten Sie als eine Etappe auf unserem Wege. In diesem Sinne zollen wir Ihnen Anerkennung, und in diesem Sinne reiche ich Ihnen die Hand. Er geht auf den Dichter zu und reicht ihm freundlich lässig die Hand. Alle Damen umringen Moritz und reden auf ihn ein. Auch die Herren beeilen sich, einen Kreis um den talentvollen Jüngling zu bilden. In möglichst rascher Folge: Frau Mengold Moritz umarmend: Nein! Der goldige Junge! Wie du gesprochen hast! Frau Lückemann : Wo hast du das her? Frau Schultze : Es ist unerhört! Eine solche Sicherheit im Urteil. Frau Milbe : Und die Worte! Wie konntest du die Worte finden? Milbe legt ihm die Hand auf die Schulter: Ich sehe in dir den kommenden Literaturhistoriker. Schimonsky : Die Hauptbedingung dazu ist da. Aus Fremdem Eigenes zu machen... Feuerstein : Es ist verblüffend. Schultze : Ich melde mich heute schon als Verleger. Frau Milbe nimmt einen Lorbeerkranz, der für den Dichter bestimmt war und auf einem Tischchen lag, und setzt ihn Moritz aufs Haupt: Und ich mich als Muse. Die andern Damen rücken ihm den Kranz zurecht und jubeln. Frau Schultze : Nun siehst du aus wie ein Sieger. Frau Lückemann : Nach dem ersten Turnier. Frau Mengold : Mein goldiger Junge! Während dieser Szene steht der Dichter verlassen abseits auf der rechten Seite. Meyer hat Zinnkraut nach links gezogen und spricht gestikulierend auf ihn ein.   Dreizehnte Szene Betty erscheint unter der Tür. Meyer gibt ihr ein Zeichen, worauf sie sogleich wieder abgeht.   Vierzehnte Szene Meyer patscht in die Hände und ruft: Herrschaften! Ich bitte! Es wird photographiert! Alle Damen patschen freudig in die Hände und rufen: Ach ja, photographieren! In die Woche! Bitte! bitte! bitte! Meyer : Nur Ruhe! Gruppieren Sie sich ums Sofa!   Fünfzehnte Szene Schimonsky, Schultze und Feuerstein holen eilig Stühle herbei, die sie links und rechts neben das Sofa stellen. Dabei legen sie die Kränze, welche an den Stühlen lehnten, achtlos auf den Boden. Die Damen eilen mit lauten Rufen zum Sofa hin. Frau Schultze : Es müssen aber unbedingt unsere Namen unter das Bild kommen. Frau Lückemann : Sonst weiß man ja gar nichts. Frau Mengold : Feuerstein! Das müssen Sie besorgen. Feuerstein der schon mit dem Stuhl herbeigeeilt ist: Keine Angst! Wird alles gemacht. Der Photograph ist mit seinem Apparat eingetreten und hat sich links aufgestellt. Frau Mengold, Frau Schultze, Frau Milbe haben sich auf das Sofa gesetzt. Schimonsky, Feuerstein, Schultze haben sich auf die Stühle gestellt, Moritz hat sich vor das Sofa auf den Boden gesetzt, die Füße übereinander geschlagen. Milbe, Frau Lückemann, Zinnkraut haben sich vor den Stühlen gruppiert. Man sieht allen an, daß sie große Übung in Bildung von Gruppen haben. Es muß sehr rasch gehen. Meyer nimmt den Dichter bei der Hand: Kommen Sie! Er führt den Dichter zum Sofa, das aber von den drei Damen besetzt ist. Das geht nicht. Der Dichter muß in die Mitte zwischen zwei Damen. Frau Schultze steht etwas zögernd auf, und Meyer nötigt den Dichter, zwischen Frau Milbe und Frau Mengold Platz zu nehmen. Frau Schultze steht nun etwas seitwärts vom Sofa vor dem Stuhl, auf dem Feuerstein steht. Meyer zu Zinnkraut: Kommen Sie zu mir, Zinnkraut! Er stellt sich mit Zinnkraut vor das Sofa, sodaß man von dem Dichter nichts mehr sieht. Frau Milbe und Frau Mengold beugen sich weit genug zur Seite, daß sie gesehen werden können. Meyer patscht in die Hände: Fertig! Der Photograph der den Apparat gerichtet hat, kommt unterm Tuch hervor und ruft: Ich sehe den Dichter nicht. Meyer : Macht nichts! – – Fertig! Der Photograph läßt das Blitzlicht aufflammen. – – Pfumm! – Vorhang