Friedrich Spielhagen Noblesse oblige Erstes Buch. Erstes Kapitel. Die Tür hatte geknarrt; Warburg wandte sich in seinem Sessel. Was gibt's? Ich bin's, Herr Senator, erwiderte Christiansen, nun in die völlig geöffnete Tür tretend. Was gibt's? wiederholte Warburg ungeduldig. Nichts Besonderes, Herr Senator. Ich hatte Fräulein Minna gesagt, daß der Herr Senator auf die Post gegangen wären, und da schickt sie mich nun, zu fragen, ob nicht doch vielleicht – Nein! Es war sehr heftig und trotzdem mit einem unsicheren und gepreßten Tone herausgekommen, der dem alten Diener auffiel, ebenso wie der Umstand, daß der Herr Senator noch im Hut und Ausgehrock an dem Pulte saß, als hätte er es sehr eilig gehabt, an die Lesung seiner Korrespondenz zu gelangen. Nur daß keine Korrespondenz eingelaufen war – heute so wenig wie gestern und wie seit so manchem, manchem Tage! Es lag ja kein Schnippelchen Papier auf dem Pulte, auf welchem um diese Abendstunde sonst Berge von Briefen sich aufgetürmt hatten! Da mußte denn wohl das arme Fräulein Minna sich trösten, daß auch sie wieder einmal leer ausgegangen war! Nichts für ungut, Herr Senator! murmelte Christiansen, die schickliche Reverenz machend, trotzdem ihm der Herr bereits wieder den Rücken zukehrte. Dann schloß er die Tür. Warburg blieb an dem Pulte sitzen, bis der schwere Schritt des Alten auf dem Korridor nach dem Zimmer der Töchter im Hinterhause verhallt war. Nun erhob er sich, ging eilig nach der Tür, schob den Riegel vor, kehrte nach dem Pulte zurück und starrte auf den Brief, der da lag. Nein! der Christiansen hatte den Brief nicht sehen können; er hatte ja mit seiner ganzen Breite davor gesessen und, als er das Knarren der Tür hörte, die linke Hand darauf gelegt: es hatte nur eben noch ein Eckchen hervorgeguckt. Ein Glück freilich, daß der Christiansen nicht noch weiter in das Zimmer gekommen war, oder eine Minute später! Wie kann man aber auch nicht abriegeln, wenn man dergleichen vorhat! Er warf einen scheuen Blick auf den unglückseligen Brief, trat in das Nischenfenster und starrte auf die Alster. Die stille Fläche glänzte im letzten Abendscheine, ohne auch nur von einem einzigen Boote durchfurcht zu werden; auf der breiten Gasse zwischen seinem Hause und dem Wasser, wo es um diese Stunde sonst von Promenierenden wimmelte, gab es heute niemand zu sehen und zu hören, als wäre Hamburg ausgestorben und er ganz allein da zurückgeblieben mit seinem verdüsterten Gemüt. Ja, ja, seine Sonne war im Untergehen, wie die da draußen! Nur, daß sie morgen sich nicht wieder heben würde, wie die da draußen – nicht morgen und niemals wieder. Es wäre denn, daß Minna die unsinnige Liebe zu dem französischen Abenteurer fahren ließe und Theodor Billows Frau würde! Billow hatte sich für heute abend ansagen lassen. Und da sollte er dem tollen Mädchen eine Stunde vorher den Brief – den dritten Brief – oder war es schon der vierte? Freilich der vierte – den ersten – aus Berlin – den vom März – hatte er ihr gegeben. Und das war dumm. Er hätte ihr alle geben sollen oder keinen. Aber damals – ja, da hatten die Sachen doch auch ganz anders gestanden; da war T. A. Warburg noch nicht bankrott gewesen, so gut wie bankrott. Auf der stillen Gasse waren nun doch ein paar Menschen vorübergekommen – kleine Leute, die heute lässig schlenderten, wie sonst die Vornehmen – sie hatten ja nichts zu tun und nichts zu versäumen. Und jetzt erschallten von rechts her dumpfe Tritte eines größeren Menschenhaufens – eine französische Patrouille natürlich – er wollte die verdammten Kerls nicht sehen! Er trat vom Fenster zurück und schritt, die Hände auf dem Rücken, ein paarmal im Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit einen scheuen Blick auf den Brief werfend, der ihn zu verfolgen schien, wie die Augen eines Porträts von der Wand herab den daran Vorüberwandelnden zu verfolgen scheinen. Als ob es die Augen des Mannes wären, der den Brief geschrieben – die großen, braunen, mild-glänzenden Augen – und ihn vorwurfsvoll fragten: Das kannst du, der ehrliche Mann, mir – das kannst du, der zärtlich liebende Vater, deiner Tochter tun? Ja, gerade weil ich sie zärtlich liebe, sagte Warburg laut, indem er plötzlich stehenblieb; gerade weil – ach was! es ist nun einmal nicht anders; es muß nun einmal sein. Er hatte die bereitstehende Lampe auf dem Pulte angezündet, auch die Vorhänge am Fenster heruntergelassen, obgleich das Parterrezimmer zu hoch lag, als daß jemand von draußen hätte sehen können, was er tat. Etwas, das er noch nie getan. Noch niemals hatte er einen Brief, der an ihn nicht gerichtet war, erbrochen. Auch die vorhergehenden des Marquis nicht; er hatte sie, wie er sie empfangen, in das Geheimfach des Pultes gelegt zu den Briefen Minnas, die er nicht hatte abgehen lassen. Diesen wollte er lesen. Vielleicht stand darin, daß Herr von Héricourt, des langen, vergeblichen Harrens müde, Minna ihr Wort zurückgäbe; vielleicht, daß er verwundet sei, keine Hoffnung habe, mit dem Leben davonzukommen – es wäre ja auch wunderlich, wenn ihm in dieser russischen Kampagne, wo es ja offenbar ganz fürchterlich herging, früher oder später nichts Menschliches passieren sollte! Dann aber war Minna frei; dann konnte sie in Gottes Namen Billow ihre Hand – Noch einen Moment zögerte er, bevor er ihn erbrach. Aber hier war ja eigentlich nichts mehr zu erbrechen. Augenscheinlich war der Brief mit dem halben Dutzend Stempel schon durch viele und nicht immer feine oder saubere Hände gegangen, welche die Adresse halb verwischt und das schlechte Wachs des Siegels fast gänzlich zerbröckelt hatten. Kaum daß das Wappen noch zu erkennen war. Nur eine kleine Ecke an dem Rande hatte sich, wie durch ein Wunder, ausgeprägt erhalten. Doch brauchte man nur mit dem Nagel darauf zu drücken, so – Auch das Eckchen war abgesprungen – es war ein unverschlossener Brief; man hatte ihn nur aus dem Kuvert zu nehmen und zu entfalten. Vier Quartseiten, eng beschrieben – schwerlich von einem Verwundeten! Der schreibt nicht so viel und nicht mit einer solchen Hand – einer Kaufmannshand fast, wenigstens was die Sauberkeit und die Deutlichkeit betraf – aber der Mann war ja in allem immer die Akkuratesse und die Ordnung selbst gewesen – ein vollendeter Edelmann – und dessen Degen aus der Scheide fahren würde, wenn er jetzt sähe – aber es ist weit von hier nach dem Biwak, nahe – Roudnja? kenne das Nest nicht, kommt ja auch nicht darauf an – vor Smolensk? So! Und vom zwanzigsten Juli? – Und heute schreiben wir den fünfzehnten Oktober! Beinahe drei Monate! Nun, da könnte er wirklich auch ebensogut gar nicht angekommen sein! »Im Biwak nahe Roudnja, acht Lieues vor Smolensk (im Weißen Rußland), den zwanzigsten Juli 1812, sechs Uhr abends. Erst heute habe ich, meine teure, süße Freundin, Ihren lieben Brief vom dreißigsten März erhalten –« Hier stutzte der Leser abermals. Wie denn? Minnas Brief vom dreißigsten März – es war der erste ihrer Briefe gewesen – er hatte ihn selber expediert – hatte Herr von Héricourt erst am zwanzigsten Juli erhalten? So hätten die folgenden Briefe Minnas bis zu dem Datum dieses Briefes auch noch nicht in seinen Händen sein können, es wäre denn gewesen, daß der eine Brief schneller ging als der andere. So mußte es sein. Es waren ja doch inzwischen die anderen Briefe von ihm eingetroffen. Gleichviel: bei einer so großen Unsicherheit der Post konnten ebensogut alle Briefe verloren gehen, wie einer. Dahinter konnte man sich im schlimmsten Falle verschanzen. Und er las weiter: »Ich vermag die Ausdrücke nicht zu finden, die stark genug wären, das Vergnügen zu schildern, welches derselbe mir bereitet hat; wahrlich, es ist mir unmöglich, in Worten das Glück zu malen, welches meine Seele in diesem Augenblicke fast erdrückt; wie so weit würden dieselben hinter meinen Empfindungen für Sie zurückbleiben! Ihr Brief traf mich in einem Augenblicke tiefster Melancholie, wie sie die Entfernung, die Entbehrung dessen, was man liebt, hervorbringen. Ich lag auf dem Stroh meines Biwaks, im Schutze zweier mächtiger, buschiger Fichten, am Rande eines prächtigen Sees, dessen durch den Wind heftig bewegte Wellen sich zu meinen Füßen brachen. Dieser malerische Anblick der Natur, der vollkommen mit der sanften Melancholie meiner Seele zusammenklang, ließ mich heiße Tränen weinen: ich dachte an Dich, meine Freundin, und ich konnte mich nicht überreden, daß Du mich so bald vergessen haben solltest. Ich rief mir die Erinnerung zurück aller jener glückseligen Stunden, die ich an der Seite meiner Minna verbringen durfte; und obgleich der Anschein so gegen Sie sprach, da ich noch immer jeglicher Nachricht von Ihnen entbehrte, tat ich mein Bestes, von Ihnen auch den Anschein einer Schuld abzuwehren. In diese so traurigen, so grausam qualvollen Betrachtungen versunken, wurde ich aus meiner Träumerei wachgerufen durch einen meiner lieben Freunde, der mir zwei Briefe brachte. Der eine war von meiner Mutter, der zweite war der Ihrige. – Ich erkannte sofort diesen teuren Brief, und meine erste Regung war, ihn zu küssen und tausend- und tausendmal an mein Herz zu drücken, ohne daß ich daran gedacht hätte, ihn zu lesen. Welch heilenden Balsam träufelte er in meine Seele!! er hat mein Herz wieder einmal der Freude und dem Glücke geöffnet, da er mir beweist, daß Sie Ihren treuen Hypolit noch nicht vergessen haben. Wie oft habe ich nicht schon alle Postbeamten verwünscht, die, als richtige Einfaltspinsel, Ihren Brief so lange in ihren Bureaus verzettelt und mich so um das Glück gebracht haben, früher Nachricht von Ihnen zu erhalten. Während dieser Zeit habe ich, außer jenem Briefe aus Berlin, auf welchen der soeben empfangene Ihre liebe Antwort ist, noch ein zweites Mal aus Berlin geschrieben, am 24. April; ein drittes Mal aus Posen, am 15. Mai; ein viertes Mal aus Wilna, am 20. Juni – und wenn, wie ich voraussetzen muß, da Sie mir nicht antworteten, diese letzteren drei Briefe verloren gingen, müssen Sie ja geglaubt haben, an mir, der ich Ihnen nicht schreibe, liege die Schuld. Und müssen Sie ja Ihrem Freunde ernstlich zürnen, ihn für flatterhaft halten, der Untreue, der Grausamkeit anklagen! Ach nein, holde Freundin, beurteilen Sie mich ganz anders! und glauben Sie mir, daß es nur Folge und Schuld des feindlichen Geschicks ist, das mir immer nur ein Paar Augenblicke des Glücks zu genießen verstattete, um mich hinterher seine ganze Härte fühlen zu lassen und um mich unglücklich zu machen, ach! wie sehr unglücklich!!! – Und wenn ich doch wenigstens die süße Genugtuung hätte, jeden Moment meines Daseins mir das bezaubernde Bild derjenigen vor die Augen zu stellen, für die allein ich atme; es beständig auf meinem Herzen zu tragen, es an mein Herz zu drücken – es würde doch den grausamen Schmerzen, welche die Trennung mir auferlegt, einige Linderung schaffen. Ja, meine gütige Freundin: zu meiner Ruhe ist Ihr schönes Bild durchaus nötig. Glauben Sie mir, wäre ich der glückliche Besitzer desselben, es würde mir nichts mehr zu meiner Zufriedenheit fehlen. Wenn es von Ihrer Liebe zu mir nicht zu viel fordern heißt: machen Sie mir umgehend das kostbare Geschenk Ihres Bildes, und seien Sie der Diskretion Ihres treuen Freundes versichert! Sie wünschen Nachrichten von Ihrem Bruder. – Es fehlt viel, viel daran, daß ich ihn häufig auch nur sähe, da wir ja nicht in demselben Truppenteil stehen, doch will ich Ihnen alles, was ich weiß, berichten. Am 24. Juni kamen wir an die Ufer des Niemen, eine viertel Lieue unterhalb Kowno, um in Russisch-Polen überzugehen. Die ganze Kavallerie der französischen Armee war da, und ich sah das Regiment Ihres Bruders defilieren; ich glaube , ihn bemerkt zu haben, aber sicher bin ich meiner Sache nicht. Am 20. desselben Monats gelangten wir nach Wilna (Hauptstadt von Russisch-Polen) um acht Uhr morgens. Das 9. Regiment der Chevauleger-Lanciers biwakierte in einem Gehölz am Eingange zur Stadt. Da meine Division in den Vorstädten Position genommen, bin ich zu Fuß in die Stadt gegangen und in der Entfernung zwei Chevaulegers begegnet, von denen sich der eine ein paarmal umwandte, nach mir zu sehen. Daran und an der Haltung glaubte ich, Ihren Bruder zu erkennen. Ein anderes machte mich meiner Sache sicher. Ach, meine Freundin, wie schmerzt es mich, Ihnen auch dies sagen zu müssen: der junge Mann, anstatt auf mein Zurufen stehenzubleiben, beschleunigte seine Schritte und war für den gepreßten Herzens ihm Nacheilenden in den engen Gäßchen der Stadt mit seinem Kameraden alsbald verschwunden. Er hat mir eben ausweichen wollen... Dafür habe ich denn wiederholt einem anderen nicht ausweichen können, dem ich so gern ausgewichen wäre: einem gewissen Major und Bataillonschef eines gewissen Regiments der leichten Infanterie, der mit mir in Garnison in Hamburg war – aber still! ... erwecken wir in einem geliebten Herzen nicht Erinnerungen, die ihm nicht anders als peinlich sein können! Es geht uns sehr traurig in dieser Armee, meine Freundin. Seit dem 22. Juni lagern wir beständig im Biwak, sehr häufig ohne Stroh und drei Viertel bis einhalb der Zeit ohne Brot. In dem völlig verwüsteten Lande gibt es nicht einen einzigen Bewohner mehr, was denn zur Folge hat, daß man sich absolut nichts verschaffen kann. Ich wäre dem Elend sicher schon erlegen, dächte ich nicht beständig an Sie. Da wir wenigstens 900 Lieues getrennt sind, dürfen Sie, mir zu antworten, nicht auf meine Briefe warten, oder ich würde des Glückes, Nachricht von Ihnen zu haben, allzu grausam entbehren müssen. Obgleich ich Tag für Tag auf einem Roggen- oder Kartoffelfelde kampiere und jedes, auch des geringsten Komforts ermangele, werde ich doch mein möglichstes tun, um Ihnen zu schreiben und mich so des einzigen Glückes zu versichern, das meine trostlose Lage mir noch gestattet. Wie befindet sich denn zur Stunde meine liebe, kleine Jeanette? Sagen Sie ihr nicht, daß ich sie meine »kleine« genannt habe! Sie ist es ja auch längst nicht mehr mit ihren siebzehn Jahren – oder sind es siebzehn ein halb? – aber sagen Sie ihr, daß ich ihr herzlich für die gesandten Grüße dankbar bin und ihr ebenso viele zurücksende. Wenn ich das Glück haben werde, sie wiederzusehen, wird sie schwerlich noch gewachsen, aber womöglich noch schöner geworden sein, schön wie ein Engel, schön wie... mit einem Worte: wie Sie. Verabsäumen Sie nicht, mir schnell, recht schnell zu schreiben, und vor allem: geben Sie mir befriedigende Nachricht von Ihrem mir so teuren Wohlergehen! Und schreiben Sie mir recht lange, recht lange Briefe, damit die Wonne, sie zu lesen, um so länger währe! Ich wiederhole: es gibt nichts als Ihre Briefe, woraus ich Linderung aller meiner Leiden schöpfen, nichts, was mir die Pein meines Lebens einigermaßen abmindern könnte bis zu dem glückseligen Augenblicke des Wiedersehens. Wir sind nur noch 70 Lieues von Moskau. Sobald ich in dieser Stadt bin, schreibe ich abermals an meine geliebte, zärtliche Minna. In fester Hoffnung, daß mich das Geschick Dich wiedersehen lassen wird, umarme ich Dich tausend- und tausendmal und bin für das Leben Dein treuer und beständiger Freund Hypolit Drouot d'Héricourt, Kapitän im 1. Kürassierregiment, 2. Kürassierdivision, 2. Reservekorps der Kavallerie der großen Armee in Rußland.« Warburg faltete den Brief, tat ihn wieder in das Kuvert und wog ihn unschlüssig in der linken Hand, während er auf das zerbröckelte Siegel starrte. Es ließ sich, wenn man das Wachs ein wenig anwärmte, zur Not so weit zusammenfügen, daß der Brief für einen unerbrochenen gelten mochte – auch würde sie in ihrem Jubel, den Brief in Händen zu haben, sich schwerlich Zeit lassen, den Zustand des Siegels zu prüfen. Und dann die Stelle, wo Héricourt erzählte, daß er Georg begegnet und Georg ihm ausgewichen sei – dem Liebhaber und heimlich Verlobten seiner Schwester, dem verhaßten Feinde – es würde eine treffliche Lektion für das überspannte Mädchen sein! Aber sie hatte sich ja an des Bruders Widerspruch, an sein Zürnen, Schelten, Toben nicht gekehrt damals, als sie dem Marquis ihre Hand zusagte; so würde auch dies schwerlich einen besonderen Eindruck auf sie machen. Und was noch sonst in dem Briefe stand: diese immer wiederholten Versicherungen seiner Liebe und Treue; das heiße Flehen um ihr Porträt – das hieß ja nur Öl ins Feuer gießen. Dazu die Schilderung seiner trostlosen Lage, des Elends im Biwak! Freilich, Georg war gewiß nicht sanfter gebettet, und er war nicht Franzose und Kapitän und Marquis; war ein deutscher konskribierter gemeiner Soldat – da mußte seine Lage noch viel schrecklicher sein. Und der Junge blieb sich treu in seinem grimmen Trotze und hielt sein Wort, das er beim Abschied gesprochen: sie sollten auf keine Zeile von ihm hoffen; denn jede würde ein Fluch gegen die Unterdrücker sein; und er wolle, käme so ein Brief, wie voraussichtlich, einmal in falsche Hände, weder sich selbst noch die Seinen den Henkern ans Messer liefern! Dafür beklagte und bejammerte denn der andere sein so unendlich viel günstigeres Los. Daraus ließ sich am Ende doch Kapital schlagen, wenn man es ihr so recht eindringlich vorstellte – auch ohne das – ohne jeden Kommentar, wenn man ihr nur den Brief auslieferte! Ja, ja, sie sollte ihn haben! Daß er ihn vorhin verleugnet, das tat nichts. Man konnte sagen, man habe die Überraschung nur um so größer, nur um so freudiger machen wollen. Und sofort mußte sie ihn lesen, noch bevor Billow kam! So konnte man sie am besten auf Billows Bewerbung vorbereiten. Er hatte ja versprochen, heute abend endlich sich den Mut zu fassen und das entscheidende Wort zu sprechen. Warburg sah nach der Uhr: sieben; um einhalb acht wollte Billow kommen. Es blieb noch gerade Zeit. Da ging die Haustürschelle. Eine Stimme auf dem Flure, die nach den Damen fragte: Billows Stimme; und eine zweite: wohl die des jungen Sandström. Schade! Die schöne Gelegenheit war verpaßt – schade! – Vielleicht auch nicht. Vielleicht hätte der lamentable Brief doch nur Unheil angerichtet. Man würde sehen. Also morgen – oder übermorgen – der Brief konnte morgen oder übermorgen oder in acht Tagen so gut eingetroffen sein wie heute. Vorläufig – Und Warburg schloß ein Geheimfach seines Pultes auf, legte den Brief zu dem kleinen Paket von Minnas nicht abgegangenen Briefen an Hypolit und Hypolits an Minna eingegangenen, aber nicht abgelieferten, schloß sorgfältig wieder zu, erhob sich und hatte gerade, noch Zeit, endlich den Hut vom Kopfe zu nehmen und die Zimmertür zu entriegeln, als Christiansen abermals hereinsah, zu melden, daß die Herren Billow und Sandström gekommen und oben im Teezimmer von dem Fräulein empfangen worden seien. Ich werde sofort erscheinen, sagte Warburg und ging in sein Schlafzimmer nebenan, die nötige Toilette für den »Empfangsabend« zu machen. To save the appearances! murmelte er vor sich hin, während er sich vor dem Spiegel das frisch aus dem Kasten genommene weiße Halstuch knüpfte. – Und auch damit wird es bald nichts mehr sein, wenn Billow nicht heute abend endlich spricht. Der blöde Mensch! Und weiß doch sonst mit den Weibern Bescheid. Freilich, die Weiber sind auch danach! Zweites Kapitel. Die beiden einzigen Freunde, die uns geblieben! rief Warburg, noch in der Tür des Teezimmers stehend und den zwei jungen Männern, die auf ihn zutraten, die Hände entgegenstreckend. Mir ist das gerade recht, Herr Senator; erwiderte Oskar Sandström lachend, während Theodor Billow sich begnügte, die Hand seines erhofften Schwiegervaters so heftig zu drücken, daß es diesem fast einen Schmerzensschrei ausgepreßt hätte. Nun aber, in Anbetracht der erfreulichen soliden Gesinnung, die sich in diesem Drucke äußern zu wollen schien, lächelte er und sagte, um doch etwas zu sagen: Warum das, lieber Sandström? Oskar wurde rot und strich sich das blonde Haar aus der Stirn. Er war nicht darauf gefaßt gewesen, die Empfindung, die er ausgesprochen, lang und breit erklären zu sollen. Auch vermied er es, Johanna, die am Stutzflügel in den Noten blätterte, anzusehen, als er jetzt, ein wenig undeutlich und stockend, etwas von vielen Lichtern und vielen Menschen murmelte, die einen ja sonst ganz verwirrt gemacht hätten, noch dazu einen armen Ausländer. Nun hört einmal unseren jungen Freund! rief Warburg. Lebt der feine Herr seit einem Jahre in Hamburg, ist in unserem Hause wie ein Sohn aufgenommen und, ich weiß nicht, in wie vielen unserer besten Häuser – und will sich noch immer auf den Ausländer herausspielen – auf einen armen Ausländer dazu! Ei ei, Herr Sandström, da müßte man nie von der Firma Erich Sandström und Kompanie in Stockholm gehört, oder, wie unser Freund Billow hier, wiederholt die Ehre gehabt haben, in dem prächtigen Hause gastlich aufgenommen worden zu sein. Lacht ihn doch aus, ihr Mädchen! Johanna kam dieser väterlichen Aufforderung nicht nur nach, sondern griff ein paar klägliche, wimmernde Takte auf dem Flügel, die selbst Minna, welche am Tische vor dem Sofa die Teesachen ordnete, ein flüchtiges Lächeln abnötigten. Der Vater, der sie verstohlen eifrig beobachtet hatte, war mit seinem Erfolge sehr zufrieden. Er hatte Minna seit vielen, vielen Tagen nicht lächeln sehen. Und hätte sie gar gewußt, daß da unten der vier Seiten lange Brief lag bei den anderen, auf die sie schon seit einem halben Jahre vergeblich harrte – Er war in einer Regung, die er sich selbst nicht klar machte, schnell auf sie zugetreten, und hatte sie auf die Stirn geküßt. Minna hob die großen blauen Augen verwundert zu ihm auf. Dann fiel ihr ein, daß sie vorhin Christiansen zum Vater geschickt, zu fragen, ob kein Brief für sie gekommen. Es war ja sehr töricht von ihr gewesen. Warum sollte denn gerade heute ein Brief gekommen sein? Und das war die Antwort des Vaters! Eine Güte, die sie nicht erwartet hatte, nicht hatte erwarten können. Die Tränen traten ihr in die Augen. Mein armes Kind! murmelte Warburg. Und zugleich sagte er sich: das war sehr dumm. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was du beabsichtigt hast. Wie machst du diese Dummheit wieder gut? Inzwischen waren die anderen herangetreten; man nahm am Tische Platz; Warburg auf dem Sofa; ihm zur Linken Minna, welche den Tee einschenkte; zu seiner Rechten Billow; zwischen diesem und Minna der junge Schwede und Johanna. Das Arrangement paßte Warburg nicht: er hätte lieber Billow neben Minna gesehen; aber das ließ sich für den Augenblick nicht ändern: der Abend würde schon eine schicklichere Kombination ermöglichen. Vorläufig galt es, ein Passendes Gespräch auf die Bahn zu bringen, das heißt eines, das dem schweigsamen Billow Gelegenheit und Veranlassung gab, mitzureden. Was für Nachrichten haben Sie aus Schweden, lieber Sandström? fragte er über den Tisch herüber. Gar keine, Herr Senator, antwortete der junge Mann aus seinem eifrigen, leise geführten Streite mit Johanna heraus, in welchem es sich um eine musikalische Sache zu handeln schien. Und Sie, lieber Billow, aus England? fuhr Warburg fort, sich zu dem Angeredeten wendend. Ich danke, erwiderte dieser, sich räuspernd; sie sind freilich auch schon vierzehn Tage alt – es wird immer schwerer, die Londoner Briefe durchzubringen; man weiß kaum noch, wie man sie dirigieren soll, ohne Gefahr zu laufen, daß sie den schuftigen – Die letzten waren also noch gut? fragte Warburg rasch. Recht gut, erwiderte der andere; wir haben jetzt sogar zwei Schiffe mehr unterwegs. Sie Glücklicher! sagte Warburg mit einem Seufzer. Im englisch-hamburgischen Hause Billow Brothers ist es wie beim Whist, wo die Renonce des einen Partners dem anderen seine Atouts anbringen hilft. Sie freilich können es ruhig mit ansehen, wenn Ihre Schiffe hier abgetakelt im Hafen liegen. Und es sind ihrer denn auch nur zwei; die anderen hatten sie ja seinerzeit noch glücklich aus der Elbe gebracht! Sie können ohne Schmerz durch ihre verödeten Kontore gehen: für jedes Pult, das hier leer steht, wird in London an zweien gearbeitet. Aber wir; aber ich – Das ist denn doch Ihre Schuld, Herr Senator, murmelte der junge Kaufmann. Ich hatte mich freilich in zu vielerlei eingelassen, erwiderte Warburg. Aber wenn man nicht, wie Sie, von Haus aus ein großes Vermögen hinter sich hat, muß man sich wohl rühren und das Glück zu fassen suchen, wo immer es eine Chance zu bieten scheint. Daß es freilich so kommen würde – Warburg strich sich mit der Hand über die Stirn, während sein Blick Minnas Gesicht streifte. Sie saß mit niedergeschlagenen Augen da und zusammengepreßten Lippen, wie jemand, dem ein Gespräch, welchem er schweigend zuhören muß, peinlich ist. Ich kann dir nicht helfen, sagte Warburg bei sich. Eine kurze Pause war entstanden. Ich habe das vorhin anders gemeint, sagte Billow. Wie anders? fragt? Warburg rasch. Ich habe gemeint, fuhr Billow fort, es ist Ihre Schuld insofern, als Sie den Kredit, den Sie haben, nicht in der rechten Weise anspannen. Kredit ist für den Kaufmann zurückgelegtes Kapital für den Fall der Klemme, der Not. Das wissen Sie doch ebensogut wie ich. Minna rückte unruhig auf ihrem Sessel. Der Vater konnte nicht zweifeln, daß sie, wurde das Gespräch in dieser Weise fortgesetzt, unter irgend einem Vorwande aufstehen und das Zimmer verlassen werde. Er sagte deshalb: Verzeihe, liebe Minna! aber wir Kaufleute sind nun einmal wenig zu einer Konversation geschickt, wie sie junge Damen freilich lieber haben. Das versteht denn unser Freund Sandström besser. Der Herr Senator befehlen? fragte der junge Schwede, der nur seinen Namen gehört hatte. Ich befehle gar nichts, erwiderte Warburg lächelnd; ich meine nur, wenn ihr beide doch einmal euren Tee kalt werden lassen wollt, könntet ihr uns ebensogut ein wenig Musik zum besten geben. Wollen Sie, Fräulein? fragte Oskar, der sich bereits halb erhoben hatte. Mais, sans doute! rief Johanna. Herr Sandström soll uns ein paar seiner wundervollen Volkslieder singen! Wenn uns das Fräulein dafür durch ein Paar deutsche erfreuen will? Ohne Komplimente, wenn ich bitten darf! rief Warburg vom Sofa. Das junge Paar hatte sich zum Flügel begeben, und wenn es ohne alle Komplimente nicht abging, so hatten sie sich doch bald geeinigt. Oskar trug mit wohllautender Tenorstimme eines seiner anmutigen heimischen Lieder vor, dem er ein zweites und drittes folgen lassen mußte, bis Johanna an die Reihe kam und mit hellem, wohlgeschultem Sopran erst auch ein Volkslied und dann eine Opernarie sang. Dann hatte Oskar seine Geige aus dem Kasten genommen, das Notenpult an den Flügel gerückt, und Johanna, bereits eifrig in ihren Noten nach einigen Stellen blätternd, die erfahrungsmäßig noch nicht gut gingen, fragte, ob man Geduld zum Anhören einer kleinen Haydnschen Sonate habe? Aber gewiß, mein Kind! sagte Warburg, wenn ihr nur mich entschuldigen wollt. Ich habe einen Brief zu schreiben – Sie wissen, Billow! Er hatte, sich erhebend, die letzten Worte in einem scheinbar gleichgültigen Tone hingeworfen, der dennoch für den jungen Kaufmann eine sehr energische Bedeutung hatte. Ich weiß, ich weiß! murmelte er, während er dem älteren Herrn, als er jetzt zwischen dem Sofa und ihm durchschlüpfte, einen unsicheren Blick zuwarf, den dieser mit einem finsteren Stirnrunzeln beantwortete. Ich komme in spätestens einer Viertelstunde zurück, sagte Warburg, bereits an der Tür; bitte dringend, sich in keiner Weise durch meine kurze Abwesenheit stören zu lassen. Damit drückte er die Tür hinter sich zu. Lassen wir uns also nicht stören! sagte Johanna. Und nun, Sandström, tun Sie mir die einzige Liebe und vergessen Sie nicht wieder das vorgezeichnete b im zweiten Satze – Sie sollen heute zufrieden sein, Fräulein Johanna, sagte der junge Mann, bitte a ! danke! – Also, wenn's beliebt! Drittes Kapitel. Das Spiel begann. Wenn Oskar und Johanna ernsthaft in ihre geliebte Musik geraten waren, ließen sie sich in der Tat so leicht durch nichts stören. Minna wußte es, und daß sie während der ganzen Zeit zu einem Tête-à-tête mit Billow verurteilt sein würde. Es war recht häßlich von Johanna, die doch wiederum ihrerseits recht gut wußte, wie peinlich ihr eine solche Situation sei und, als der Vater, freilich unerwartet, das Zimmer verließ, hätte einlenken und mit Sandström zum Teetische zurückkommen sollen, an dem sie nun allein mit Billow saß, ängstlich die Entfernung messend, die zwischen dem Teetische und dem Flügel in dem großen Gemache sich schier endlos dehnte. Dabei schien es dunkler geworden zu sein als vorhin, trotzdem zu der einen Kerze am Flügel Johanna eine zweite entzündet und Billow die beiden Kerzen auf dem Teetische mit großer Sorgfalt geschneuzt hatte. Billow hatte zu dem Zwecke aufstehen müssen, sich aber dann nicht wieder auf seinen alten Platz, ihr gegenüber, an den runden Tisch gesetzt, sondern um einen Stuhl näher, den vorhin Sandström innegehabt, so daß jetzt nur noch ein Stuhl zwischen ihr und ihm war. Es mochte das absichtslos oder eine bloße Höflichkeit sein. Dennoch war Minna, als der Stuhl leise unter ihm krachte, in sich zusammengeschaudert und starrte nun mit halb geschlossenen Lidern vor sich nieder, als ob sie gänzlich im Anhören der Musik versunken sei, die sie doch nur als wirres, mißtönendes Geräusch vernahm. Es hätte laut sein sollen wie Donner, damit sie kein Wort verstand von dem, was der Mann da an ihrer Seite jetzt sprechen würde. Warum sprach er nicht? Einmal würde er es doch. Da war es gleich, ob heute oder morgen. Und besser heute als morgen! Inzwischen hatte Billow, trotzdem auch er die Augen halb eingedrückt hielt, von der Seite blickend, Minna fortwährend beobachtet, in aller Eile noch einmal die Chancen gegeneinander abwägend. Es war derselbe Kalkül, den er nun schon ein paar hundertmal angestellt, bloß, daß die Ansätze sich heute vielleicht ein wenig günstiger gestaltet hatten. War doch die Lage des Vaters von Tag zu Tag mißlicher geworden, so mißlich, daß nur noch eines, vielmehr: einer ihn retten konnte; einer, den Minna kannte und dessen Hand sie nehmen, ja ergreifen mußte, oder aber den Vater verloren geben; auf deutsch: ihn zum Bettler machen und sich selbst und die Schwester zu Bettlers Kindern. Zweitens: die ebenfalls von Tag zu Tag sich mehrende Wahrscheinlichkeit, daß sie von dem französischen Herrn Galan vergessen sei, er nur sein Spiel mit dem schönen Mädchen getrieben habe, das nun froh sein werde, wenn sich ein ehrlicher Mann, ein solider Mann, ein reicher Mann der treulos Verlassenen erbarmte. Drittens: – und der blinzelnde Rechner empfand dies Dritte mit voller Macht, daß ihm schier das Herz darüber zu klopfen begann – sie schien ihm von Tag zu Tag schöner geworden: das gewellte, blauschwarze Haar noch glänzender, die Stirn noch weißer, die scharf gezogenen Brauen über den großen Augen noch dunkler – Wangen, Mund, Kinn – und der kräftige Hals und der volle Busen, während er die Taille mit beiden Händen schier umspannen konnte – ja, es mußte sein! Er hatte es bereits der ganzen Stadt erzählt; auch dem Alten Wort und Hand darauf gegeben: das war so gut wie ein abgeschlossener Handel – Fräulein Minna – Sie hatte es bereits seit Minuten, die ihr eine Ewigkeit dünkten, vorausgehört, und doch schrak sie jetzt innerlich zusammen und erhob warnend, Schweigen heischend, mit einem vorwurfsvollen Blicke nach den Spielenden die Hand. Sie hören uns nicht, flüsterte Billow. Er hatte nur zu recht: sie hörten nichts, konnten nichts hören von dem, was da etwa am Tische gesprochen wurde. Oskar hatte nun doch das im zweiten Satze vorgezeichnete b übersehen und mußte die wohlverdiente Schelte von Johanna entgegennehmen. Nicht ohne zu erwidern, daß seine Partnerin dafür das Tempo im ersten Satze viel zu rasch gegriffen habe! Der Zank konnte in einer Minute beendet fein; er konnte ebensogut eine Viertelstunde dauern. Billow lächelte. Wir sind wirklich so gut wie allein, Fräulein Minna, begann er von neuem; und da würde ich Ihnen recht dankbar sein, wenn Sie mir auf ein paar Minuten Ihre Aufmerksamkeit liehen. Darf ich? Er wartete die Erlaubnis des Mädchens nicht ab, sondern wechselte den Stuhl, den er jetzt innehatte, mit dem neben ihr und fuhr in leisem Tone fort: Ich habe es wohl gesehen, Fräulein Minna, Sie waren erzürnt, als ich vorhin Ihrem Herrn Vater den Vorwurf machte, daß er seinen Kredit nicht in der rechten Weise anspanne; aber Sie werden mir zugeben, ich war zu der Äußerung, die sich vielleicht in Ihrer Gegenwart nicht schickte, provoziert durch die Klagen Ihres Herrn Vaters, die denn doch auch in Ihrer Gegenwart gemacht waren! Hätte ich geschwiegen, so mußte ich als einer erscheinen, der ihn nicht verstanden hatte, oder in den schlimmeren Verdacht geraten, ihn nicht verstehen zu wollen. Sie haben recht, murmelte Minna; Sie waren provoziert. Sie hatte sagen wollen: absichtlich provoziert; aber im letzten Augenblicke verschluckte sie das Wort. Wenn sie das Spiel auch durchschaute, sie durfte es sich um ihres Vaters willen nicht merken lassen. Nicht wahr? sagte Billow eifrig; und wenn ich so schon aus Schicklichkeitsrücksichten nicht wohl schweigen durfte, so hatte ich außerdem einen sehr triftigen Grund zu sprechen. Dieser Grund aber ist das aufrichtige, innige Interesse, das ich an Ihrem Herrn Vater, an Ihrer ganzen Familie und deren Wohlergehen nehme und immer genommen habe. Ich zweifle nicht daran, murmelte Minna. Sie können es nicht, sagte der junge Kaufmann, in demselben leisen und eifrigen Tone weitersprechend. Und wie sollte es anders sein? Ich bin der Lehrling Ihres Herrn Vaters gewesen, ehe ich sein Geschäftsfreund wurde, und seine Geschäfte wären besser gegangen, hätte er meinen Ratschlägen, an denen ich es nicht habe fehlen lassen, williger Folge geleistet. Ihr Bruder, ist er auch ein Paar Jahre jünger als ich, war, seitdem er herangewachsen, mein Freund, ich darf wohl sagen: ich war sein bester Freund; und Sie wissen, meine Schuld ist es nicht, wenn er, als er im Frühjahre konskribiert wurde, von mir, seinem Chef, das Geld, mit dem er sich hätte loskaufen können, und das ihm freilich Ihr Herr Vater zu geben nicht mehr imstande war, nicht nehmen wollte. Und, glauben Sie mir, Fräulein Minna, was ich immer gesagt: Georg wäre nie auf die Konskriptionsliste gesetzt, hätte Ihr Herr Vater im vorigen Jahre nicht seine Stelle im Munizipalrate niedergelegt. Ein unvermögender Mann dürfe nicht hoher, öffentlicher Beamter sein! Ganz gut; aber es wäre eben niemals so weit gekommen, hätte er sich schon damals meine Hilfe gefallen lassen, wie – Er sie sich heute wird gefallen lassen müssen, sagte Minna. Der Eifrige an ihrer Seite überhörte die bittere Ironie, die in den Worten lag und aus dem Tone, mit dem sie gesprochen wurden, für ein feineres Ohr deutlich genug hervorgeklungen wäre. Er war mit dem bisherigen Gange der Unterhandlung sehr zufrieden; die Sache erwies sich leichter, als er sie sich gedacht hatte! Freilich, er traute sich immer zu wenig zu und wußte doch aus Erfahrung: er brauchte nur etwas erst einmal ernsthaft in die Hand zu nehmen, und es gelang! Ich glaube: ja; ich hoffe: ja; sagte er. Denn einmal ist seine Lage wirklich verzweifelt, und – ich muß mich nun schon heute ganz aufknöpfen, Fräulein Minna – ich bin der einzige, der ihm nicht bloß helfen kann – das wären schon noch mehrere imstande, wenn zwar nicht eben viele – sondern helfen will. Ihr Herr Vater ist nicht beliebt in unseren Kreisen, Fräulein Minna. Er hat immer zu viel auf einmal gewollt, zu oft sein Geschäft gewechselt; ich meine: den Schwerpunkt bald hierhin, bald dorthin gelegt. Und dann stammt er nicht aus einer der alten eingesessenen Familien, denen schon manches eher verziehen wird. Und – aber das gehört nicht eigentlich hierher, und ich komme auch nur so im Vorübergehen darauf zu sprechen. Die Hauptsache ist: ich allein kann und will ihm helfen. Und der Preis? Sie hatte zum erstenmal, seitdem diese Szene spielte, die Augen aufgeschlagen. Diese großen Augen waren jetzt mit einem starren Blicke auf ihn gerichtet und erschienen in dem flackernden Lichte der Kerzen unheimlich dunkel, während aus den Wangen jede Spur von Röte verschwunden war. Billow entging das alles nicht; aber er sagte sich zu seiner Beruhigung, daß er denn doch ebenfalls, trotzdem er sich nichts merken ließ, innerlich ungewöhnlich aufgeregt war; und vor allem, daß er zu weit gegangen sei, um jetzt nicht noch weiter gehen, die Sache zu Ende bringen zu müssen. Indessen konnte es nicht schaden, wenn er ein paar Momente gewann, sich die Ausdrücke zurechtzulegen, und so sagte er: Ich verstehe Sie nicht, Fräulein Minna. Das wundert mich, erwiderte sie, ohne die bedenkliche Miene zu verändern. Ein Kaufmann, wie Sie, kreditiert nicht einem Manne, dessen Lage verzweifelt ist, aus purer Freundschaft, ohne alle und jede Sicherheit; ohne zu überlegen, wann und wie er wieder zu seinen Auslagen kommt – à fonds perdu ? Das ist, meine ich, das Wort, das ihr für dergleichen habt? Ich sagte vorhin: »der Preis«; aber auf den Ausdruck kommt es ja wohl nicht an. Der Preis sind – Sie selbst, schönes Fräulein Minna. Er hatte ihr dabei in die Augen sehen wollen – es gelang ihm nicht. Und nun mußten die beiden am Flügel ganz plötzlich ihren Streit zu Ende gebracht haben. Es war so still im Saale; Billow hörte deutlich das kurze, heftige Atmen der Dame; er wußte nicht, ob er nicht doch wünschen solle, die Stille möge anhalten und ihr das Antworten unmöglich machen, wenn auch nur für heute abend. So vergingen ein paar peinliche Sekunden, in die plötzliches lautes Gelächter der beiden jungen Leute da hinten am Flügel wie ein Hohn hereinschaute – als hatten sie alles gehört, was hier am Teetische gesprochen war – auch seine letzten Worte – und könnten nun beim besten Willen nicht länger ernst bleiben. Aber der Himmel mochte wissen, worüber sie so toll gelacht hatten. Im nächsten Augenblicke schon setzten sie, ohne weiter ein Wort zu sprechen, die unterbrochene Musik eifrig fort. Jetzt mußte Minnas Antwort kommen. Er hob die Augen zu ihr auf mit einem halb trotzigen, halb zaghaften Blicke. Ich kann den Preis nicht zahlen, sagte sie. Es war sehr leise gesagt, aber auch sehr bestimmt, so bestimmt, daß Billow seine Sache sofort verloren gab: eine zurückgewiesene Offerte, eine verunglückte Spekulation, die ihn grimmig ärgerte, über die er sehr wütend war, ohne sich seinen Ärger, seine Wut merken lassen zu dürfen! Weshalb dem Gegner den Vorteil gönnen? Daß er ein Narr wäre! Und wenn das Unternehmen für den Augenblick gescheitert war – es kam vielleicht eine bessere Konjunktur. Man mußte sich die Möglichkeit reservieren, auf das Geschäft zurückzugreifen. Das alles fuhr ihm blitzschnell durch den Kopf und zugleich der Gedanke, jetzt sei der Augenblick gekommen, sich über die Natur des Verhältnisses zwischen Minna und dem Marquis Gewißheit zu verschaffen. Zum Tausend! er hatte doch das Recht, zu fragen, weshalb man ihn zurückwies! Das war das wenigste, was er verlangen durfte, und was für die Zukunft sehr viel werden konnte. Man hatte dann doch sicheren Boden unter den Füßen! Sie können den Preis nicht zahlen, sagte er in einem Tone, der zugleich traurig und bescheiden klingen sollte und auch wirklich ungefähr so klang. Es war ein häßliches Wort, das wir nicht hätten brauchen sollen – mein Gott, wir sind ja hier nicht auf der Börse! Gleichviel: ich habe Sie doch richtig dahin verstanden, daß Sie meine aufrichtige, respektvolle Werbung zurückweisen? Ist es mir verstattet, zu fragen, ob Sie mir gar keine Hoffnung lassen können? Ich bitte, brechen wir von dem Gegenstande ab! erwiderte Minna viel weicher, als sie vorhin ihre Absage gesprochen hatte. Und sie machte eine Bewegung, sich zu erheben. Billow legte ihr leicht die Hand auf den Arm, zog sie aber, als sie sich wieder in den Sessel sinken ließ, sofort zurück und sagte: Sie müssen mir verstatten, Ihnen noch ein paar Momente unbequem zu fallen, schon, um in Zukunft vor mir sicher zu sein. Man weiß in meiner Lage gern, ob man seiner selbst willen verschmäht wird, oder ob man nur hinter einem anderen zurückstehen muß. Ich glaube nicht, daß ich Ihnen darauf eine Antwort schuldig bin, erwiderte Minna, diesmal in augenscheinlicher Verwirrung. Ich glaube doch, sagte Billow, eben aus dem angeführten Grunde. Sehen Sie, Fräulein Minna, ich will mich nicht unwissender stellen, als ich bin. Ich müßte blind gewesen sein, hätte ich seinerzeit nicht bemerken sollen, mit welcher Geflissentlichkeit sich ein gewisser Jemand um Sie bewarb. Es haben ja auch andere bemerkt, die weniger als ich Ursache hatten, die Augen aufzumachen. Von Ihrem Bruder spreche ich nicht. Sein Haß gegen alles Französische und alle Franzosen machte ihn unzurechnungsfähig, und so habe ich ihm nie geglaubt – obgleich er es mit wilder Heftigkeit versicherte und beschwor – daß – Sie wissen, was ich sagen will, Fräulein Minna? Ich weiß es und muß Ihnen allerdings jetzt sagen, daß Georg Ihnen nur die Wahrheit berichtet hat: ich bin die Verlobte des Herrn von Héricourt. Billow lächelte sarkastisch. Was man so verlobt nennt, sagte er, oder auch nicht, wenigstens nicht bei uns in Hamburg. Bei uns pflegt wenigstens der Vater es zu wissen, wenn die Tochter verlobt ist. Mein Vater wird nie das Gegenteil behauptet haben, erwiderte Minna rasch. Da muß ich submissest um Entschuldigung bitten! Er hat mich noch gestern versichert, daß Fräulein Minna völlig frei sei und Freiheit habe, ihre Hand einem ehrlichen Bewerber zu geben. Wie konnte mein Vater das! rief Minna, die Hände im Schoße krampfhaft ringend. Billow sah es; aber die augenscheinliche Verzweiflung des Mädchens vermehrte nur seine eifersüchtige Wut. Sie mußte also den vornehmen französischen Herrn mit den verfluchten melancholischen braunen Augen sehr lieben auf Kosten eines Hamburger Patriziersohnes, der ihren Vater in der Tasche hatte, und von dem es abhing, ob die Warburgs noch in nächster Woche einen »Empfangsabend« in ihrem Hause, vielmehr, ob sie überhaupt noch ein Dach über dem Kopfe haben, oder, als Abgehauste, der Armenkasse zur Last fallen sollten. Er sagte mit einer Ironie, die er jetzt nicht einmal mehr zu verhüllen strebte: Ein Mann in der Lage Ihres Herrn Vaters, mein Fräulein, versichert freilich gar manches, was mit der wirklichen Situation nicht immer strikte übereinstimmt. Und in diesem Falle würde ihm eine besondere Entschuldigung zur Seite stehen. Durch die Bekanntwerdung der Verlobung seiner Tochter mit einem Franzosen, wenn er auch noch so vornehmer Abkunft ist, würde sein Kredit bei den Hamburgern – ich meine: bei den echten, ehrlichen, patriotischen – nicht gewonnen haben. Unter anderen ganz gewiß nicht bei mir. Ich muß es Ihnen überlassen, die geschäftlichen Konsequenzen aus einer Mitteilung zu ziehen, die Sie mir abgezwungen haben – Mein Fräulein – Ja, mein Herr: abgezwungen! Ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist – Billow kam nicht weiter. Von dem Flügel her erschallte abermals lautes Gelächter. Johanna war von ihrem Sessel aufgesprungen und kam nach dem Teetische gerannt, schon von weitem rufend: Habt ihr es gehört? Ist es erhört? Eine Viertelstunde lang habe ich ihm auseinandergesetzt, warum der zweite Satz ein b hat, haben muß, wenn die rechte Wirkung herauskommen soll. Wir quälen euch nochmals mit dem ersten Satze, damit ihr den schönen Übergang recht genießen könnt, und richtig – im zweiten Satze – ist es nicht, um sich tot zu ärgern! Und die junge Schöne lachte, daß es silbern durch das weite Gemach schallte; und Oskar, der mittlerweile seine Geige in den Kasten gelegt hatte und nun herangekommen war, lachte ebenfalls trotz seiner Verlegenheit nicht minder herzlich, während sie sich zwischendurch, einander verklagend, mit lebhafter Rede und Gestikulation zu den beiden wandten, die sich vom Teetische erhoben hatten. Warburg, der just zur Tür – an der er bereits eine Weile gelauscht – hereintrat, mußte dafür halten, daß diese soeben ihre Verlobung mitgeteilt hätten und von jenen beglückwünscht würden. Sollte er den Überraschten spielen? oder den weisen Vater, der dies langst hat kommen sehen, Wenn es ihn auch, nachdem es nun gekommen, darum nicht weniger beglückt? Die Täuschung währte nur kürzeste Frist. Minnas Blässe, der Ausdruck ihres Gesichtes, die zornige Röte auf Billows niedriger Stirn und seine aus Ärger, Hohn und Verlegenheit gemischte Miene; dazu die Reden der anderen mit den harmlosen Scherzen, die sich um die törichte Musik drehten, keineswegs um das, was ihm allein am Herzen lag und dessen Eintreten er so sehnlich erhofft, so bestimmt erwartet hatte – er war außer sich. Wenn es ihm auch mit Aufbieten seiner ganzen Kraft gelang, sich so weit zu beherrschen, daß seine innere Empörung nicht zum vollen Ausbruch kam, konnte doch seine Verstörung niemand entgehen. Oskar und Johanna fragten wie aus einem Munde, ob ihm etwas Unangenehmes begegnet sei? ob er sich unwohl fühle? Auch Billow murmelte etwas der Art durch die Zähne; Minna war nicht imstande, ein Wort hervorzubringen. Sie hatte den schnellen Blick, den der Vater und Billow gewechselt hatten, aufgefangen; sie wußte jetzt, was sie vorhin nur geargwohnt: daß Billow ihr mit Wissen, vielleicht auf den Antrieb des Vaters den Antrag gemacht; der Vater sie Billow ausgeliefert habe, nachdem er damals ihrem Verlöbnis mit Héricourt seinen Segen erteilt. Da mußte es allerdings weit mit ihm gekommen, da mußte freilich seine Lage, wie Billow es ausdrückte, verzweifelt sein. Viertes Kapitel. Man hatte wieder um den Teetisch Platz genommen; Warburg, der die kleine momentane Schwäche vorhin völlig überwunden zu haben behauptete, leitete die Unterhaltung. Das war dem Weitgereisten, Vielgewandten, Vielerfahrenen sonst so leicht gewesen; heute kostete es ihn augenscheinlich Mühe, und während er sich den Anschein der Heiterkeit und Unbefangenheit zu geben suchte, machte sich die Bitterkeit, die ihn erfüllte, je weiter der Abend vorschritt, immer mehr Luft. Daß er bei den Lamentationen, in denen er sich erging, in die bedenklichsten Widersprüche mit seinen sonst geäußerten Ansichten, ja mit seinem eigenen Charakter und Temperament geriet, wollte oder konnte er in seiner verzweifelten Stimmung nicht bemerken. Er, der Lebemann, dessen ungezügelter Hang zum Wohlleben und Luxus selbst in den Augen ihm Wohlgesinnter der hauptsächliche Grund seiner jetzigen materiellen Notlage war, warf sich zum Prediger einer aszetischen Sittenlehre auf. Die Welt liege im argen, die große, wie die kleine, und da schelte nun alles auf Napoleon, der doch ganz sichtbarlich nur ein Werkzeug in der Hand Gottes sei, die verwahrloste, verwilderte Menschheit zur Räson zu bringen. Was sei denn in den früheren öffentlichen und privaten Zuständen nicht heillos gewesen und wert, daß es zugrunde ging? Vor wem habe man Respekt empfinden sollen? Vor den Herrschern etwa, denen ihre Untertanen nur Herden gewesen seien, die sich mit Lammesgeduld hätten scheren lassen? Wäre es den ersteren nicht recht, daß sie der Allgewaltige mit Schimpf und Schande von ihren Thronen und Thrönchen stoße? oder den letzteren nicht billig, daß er sie heute in diesen und morgen in jenen Pferch sperre, wie es ihm gerade in seine Wirtschaft passe, ohne sie nach ihrem Willen zu fragen, den sie nie besessen hätten? Und habe es in der Republik Hamburg besser ausgesehen? Ein schöne Republik, fürwahr! Republik zu nennen, wie lucus a non lucendo! Ein öffentliches Gemeinwesen, darauf beruhend, daß zwischen den Abkömmlingen von ein paar Dutzend alter Geschlechter im geheimen Gesetze und Vorschriften abgekartet, Maßnahmen und Einrichtungen getroffen würden, bei denen alles Fleisch in ihre – der Geschlechter – Töpfe komme und das gemeine Wesen leer ausgehe. Bis auf die Knochen – selbstverständlich! – an denen die Leute jetzt nagten, nachdem sich die Herren am Ruder wohl gehütet hätten, in den fetten Jahren vor der Sperre in die öffentlichen Scheuern zu sammeln! Er habe immer gegen diese Mißwirtschaft opponiert, vergeblich! und deshalb nur konsequent gehandelt, als er im Frühjahre, nachdem sich die Folgen jener Mißwirtschaft so eklatant herausgestellt, aus dem Munizipalrat schied, um damit aller Welt klarzumachen, daß er die Verantwortung nicht tragen wolle für Zustände, deren Elendigkeit das französische Regime weniger erzeugt, als an den Tag gebracht habe. Und er müsse sagen, wenn Georg damals die Konskription über sich ergehen ließ und jedes Anerbieten, ihn loszukaufen, trotzig von sich wies – nun ja, es sei ihm ein Schlag ins Vaterherz gewesen, den er niemals wieder ganz verwinden würde, auch wenn gegen alles Ermessen, ja schon gegen alle Hoffnung, der arme Junge aus dem schrecklichen Kriege heil zurückkehre. Aber ein Gutes habe der Trotz des Jungen doch gehabt: zu zeigen, daß es dem Vater bitterer Ernst gewesen mit seiner Resignation auf Ehren und Würden, die er nie ambiert; mit seinem Verzicht auf ein Wohlleben, das ihm nur zum Mittel gedient, um sich, der die besten Kreise aller Hauptstädte Europas kennen gelernt, über die Stupidität und Langeweile der Hamburger Sozietät wegzutäuschen. Und noch ein Drittes dürfe er nicht vergessen, für das er seiner jetzigen Lage verpflichtet sei: für die Einsicht in den Wert von Freundschaften, die genau so lange vorhielten, wie der Glücksstand des lieben, hochverehrten Freundes! Er brauche wohl nicht zu sagen, daß hier, wie überall, die Anwesenden ausgenommen seien. Oder was sollte auch wohl seine beiden jungen Freunde heute abend in diesen Saal geführt haben, wenn nicht die verlockende Aussicht, mit der von allen sonst gemiedenen Familie einen insipiden Tee zu trinken im Lichte von vier kümmerlichen Talgkerzen, die noch dazu verlöschen würden, wenn Herr Billow nicht die Güte haben wolle, sie gefälligst zu schneuzen. Billow kam der erhaltenen Aufforderung alsbald nach, Wut im Herzen und entschlossen, nie wieder einen Fuß in dieses Haus zu setzen, in dem er – Theodor Billow – sich erst einen Korb von der hochmütigen Tochter hole, um dann von dem törichten Vater mit Vorwürfen und Beleidigungen reguliert zu werden. Denn daß die letzte Invektive des Alten ihm allein gegolten habe, war ja sonnenklar. Jedenfalls hatte der junge Schwede sie auf sich nicht bezogen. Das bewies seine verblüffte Miene, die Johanna zu fragen schien: Was hat der Herr Vater heute abend nur? worauf denn Johanna mit einem kaum merklichen Zucken der zarten Schultern antwortete und einem flüchtigen Blicke empor zur Zimmerdecke, als spähte sie dort nach den bösen Geistern, die über dem Abend walteten, auf den sie sich so gefreut. Minna hatte mit blassen Wangen und fest geschlossenen Lippen dagesessen. Ihr freilich brauchte niemand zu sagen, was dies alles bedeutete, woher die grimmige Laune des Vaters stammte. Aber es erschien ihr als ein Unrecht, daß er sie an Billow ausließ. Sie liebte den Mann nicht; sie hatte ihn, der ihr eine so schlimme Stunde bereiten konnte, vorhin beinahe gehaßt. Aber wenn das schon unbillig von ihr war, die seit Jahr und Tag wußte, daß er sich um sie bewerbe, daß er nur notgedrungen vor Héricourt zurückgewichen sei und heute abend ohne das Zureden des Vaters weiter geschwiegen haben würde, wie bisher, so war der Vater noch viel weniger zu einem Betragen berechtigt, welches sogar mit den gewöhnlichen Pflichten der Höflichkeit und Gastfreundschaft im schneidendsten Widerspruche stand. Sie durfte es nicht so hingehen lassen. Ich kann den Wert der Freundschaften nicht so niedrig anschlagen wie der Vater, sagte sie; aber der Vater hat auch wohl nur die falschen gemeint. Wer möchte denen das Wort reden? Ich meine aber, daß man die wahren von den falschen unterscheiden, vielmehr die letzteren mit dem schönen Namen gar nicht bezeichnen solle, so wenig wie man die Krankheit Gesundheit, die Lüge Wahrheit, das Laster Tugend nennt. Ein Kapitel aus dem Rousseau? fragte Warburg höhnisch. Ich zweifle nicht, erwiderte Minna ruhig, mit dem, was ich gesagt, den Sinn und die Meinung des großen Mannes hinreichend getroffen zu haben, wenn er meinen Gedanken auch einen so viel schöneren Ausdruck gegeben haben würde. Freilich! rief Warburg bitter; es ist keine Kunst, mit schönen Worten zu prunken, wenn man sich ein für allemal exküsiert, sobald man beim Worte genommen werden soll, und sich wohlweislich hütet, von den Pflichten, die man so herrlich predigt, für seine Person auch nur eine einzige zu erfüllen. Monsieur Jean Jaques hat für diese so bequeme Praxis in seinem Leben das eklatanteste Beispiel gegeben. Ist es da ein Wunder, wenn der würdige Meister, der die eigenen Kinder ins Findelhaus schickte, sich Schüler oder auch Schülerinnen erzieht, die sich mit Herz und Sinn von ihren Eltern abwenden? es anständiger finden, ihre eigenen, selbstsüchtigen Wege zu gehen, ohne sich die Frage vorzulegen, was dabei aus jenen wird? Die Anwesenden sind hier, wie vorhin, ausgenommen, sagte Minna. Aber selbstverständlich! rief der Vater mit bösem Lächeln. – Jetzt waren doch auch Johanna und Oskar innegeworden, auf welchem vulkanischen Boden sie sich ahnungslos die ganze Zeit bewegt hatten. Sie blickten einander erschrocken an und dann verstohlen auf die übrigen, denen die innere Verstörung nur allzu deutlich auf den Gesichtern geschrieben stand. Warburg saß in der Sofaecke zurückgesunken, finsteren Blickes an der Unterlippe nagend; Minna war so völlig bleich, daß die großen, starren, blauen Augen schwarz erschienen; Billows immer lebhafte Gesichtsfarbe hatte sich dagegen zu einer schier beängstigenden Röte gesteigert; er rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her. Ich glaube, es ist sehr spät, sagte er plötzlich, von dem Sessel emporschnellend. Gewiß – sehr spät! rief Oskar, dem gegebenen Beispiele alsbald folgend. Und ich bitte dringend, daß man bleibe! rief Warburg, oder soll ich glauben, daß unsere letzten Freunde die Abende in meinem Hause allzu lang finden, seitdem ich ihnen zum Schlaftrunk nur ein Glas Punsch bieten kann? Wo bleibt der Punsch, ihr Mädchen? Er hatte das, ohne sich aus der Sofaecke zu rühren, in einem Tone gesagt, der scherzhaft und verbindlich sein sollte und erregt und herrisch klang. Das hinderte freilich Oskar nicht, seinen Hut, den er bereits ergriffen hatte, sofort wieder niederzulegen; aber Billow wollte die Partie, die jetzt zu seinen Gunsten lag, nicht so leichten Kaufes aufgeben. Schied er heute abend als Beleidigter aus diesem Hause, war er morgen vor den Ansprüchen sicher, die Warburg zweifellos an ihn stellen würde, wenn es jetzt auch nur zu einer scheinbaren Versöhnung kam. So bat er denn, ihn zu entschuldigen; er fühle sich sehr abgespannt, in der Tat ein wenig unwohl. Warburg, der sehr genau wußte, was in dem anderen vorging, wollte das nicht gelten lassen: seit wann fürchte sich Theodor Billow vor einem leichten Unwohlsein, das noch dazu am besten durch ein Glas Punsch kuriert werde? – Johanna, die dem Vater ansah, wieviel ihm an Billows Bleiben lag und der ebenso damit gedient war, da es das einzige Mittel schien, Oskar festzuhalten, erbat sich mit einem Knix Billows Hut, den dieser mürrisch-unhöflich verweigerte. So trinken Sie Ihren Punsch mit dem Hut in der Hand! rief die junge Dame lachend, indem sie Christiansen, der eben in das Gemach gekommen war, eines der gefüllten Glaser von dem Brette nahm und dem Übellaunigen darbot. Der junge Kaufmann sah sich wohl oder übel zum Bleiben gezwungen. Christiansen hatte unterdessen auch den anderen präsentiert und flüsterte seinem Herrn jetzt etwas ins Ohr. Er soll morgen wiederkommen, hörte man Warburg sagen, worauf der alte Diener abermals zu flüstern begann. Das ist doch wunderlich, murmelte Warburg. Darf man fragen, was es ist? sagte Oskar. In der Tat, sehr wunderlich, erwiderte Warburg, sich zu den anderen wendend. Da kommt der Samuel Hirsch von dem Bleichergang – Sie kennen ihn ja, Billow – in nachtschlafender Zeit zu mir: er habe mir etwas Wichtiges mitzuteilen, und das er nicht bis morgen aufschieben möge, weil er wisse, daß es mich freuen werde. Ich könnte den alten Mann nun freilich unten in meinem Kontor empfangen; aber ich fürchte – Dann läuft uns unsere Gesellschaft hier oben fort, rief Johanna. Du hast ganz recht, Vater. Laß den lieben alten Herrn heraufkommen! Ein Glas Punsch wird auch ihm nicht schaden; und er hat es doppelt verdient, wenn er dir etwas Gutes bringt. Ich weiß wirklich nicht – sagte Warburg mit einem unsicheren Blicke auf Billow. Aber Sie werden doch meinethalben keine Umstände machen, rief Billow mit gezwungenem Lachen; ein so eingefleischter Aristokrat bin ich nicht! Und vielleicht weiß der alte Pfiffikus Dinge, von denen unsereiner profitieren kann, Warburg winkte Christiansen, der hinausging und alsbald dem Gemeldeten die Tür öffnete, auf deren Schwelle derselbe stehenblieb. Nur herein! rief Warburg ihm entgegen. Sie finden mich in Gesellschaft meiner beiden Töchter und zweier guter Freunde, was Sie hoffentlich nicht geniert. Wie sollten mich genieren die liebwerten Demoiselles und zwei wackere junge Leute, besonders wenn sie sind gute Freunde dieses Hauses. Der alte Mann verbeugte sich zu diesen Worten mit über der Brust verschränkten Armen – eine Geste, die er noch ein paarmal wiederholte, während er sich kurzen, unsicheren Schrittes dem Teetische näherte, an welchem er nun unmittelbar neben dem Hausherrn mit den übrigen Platz nahm. Johanna bot ihm ein Glas Punsch; er wehrte freundlich ab: Das ist nichts für meinen schwachen, alten Kopf, liebwerte Demoiselle, und fügte dann schnell, fast ängstlich hinzu: Aber bitte, lassen Sie mich es immer nehmen und vor mich hinstellen! Wenn ich es auch nicht trinke, so habe ich doch meine Freude daran, weil es mir gern geboten wird und aus einer so lieben Hand kommt. Von dem könnt ihr alle lernen, flüsterte Johanna Oskar ins Ohr, als sie, hinter ihm vorübergleitend, sich zu ihrem Sessel zurückbegab. Fünftes Kapitel. Die Blicke der kleinen Gesellschaft waren erwartungsvoll auf den alten Mann gerichtet, der mit halb geschlossenen Augen dasaß, bald einen, bald den anderen Finger der verrunzelten, schwärzlichen Händchen, die er über den spitzen Knien gefaltet hielt, flüchtig bewegend, als kalkuliere er, wie er sein Gewerbe am schicklichsten anbringen könne, Jetzt mußte er sich schlüssig gemacht haben. Das gesenkte, kahle Köpfchen hebend und die dunkeln, seltsam glänzenden Augen freundlich erst auf die Mädchen, dann auf Warburg richtend, sprach er: Ich habe heraussagen lassen, ich sei der Bringer guter Botschaft. Ich denke, Sie werden Samuel Hirsch nicht Lügen strafen, wenn er meldet: der wackere Sohn dieses Hauses hat seinen Feinden zu entrinnen gewußt und ist wohl verborgen in Twer bei guten Leuten, die dafür sorgen werden, daß er ohn' Gefähr wieder zurückgelangt in seine Heimat und sein elterliches Haus: zu dem Vater, zu den Schwestern, zu den Freunden. Der alte Mann lächelte; er hatte Ursache, mit der Wirkung seiner Botschaft zufrieden zu sein: Warburg war in freudigem Schrecken von seinem Sitze in die Höhe gefahren; Minna hielt die jüngere Schwester, die ihr schluchzend um den Hals gefallen war, umschlungen; auf den Gesichtern der beiden jungen Männer stand wenigstens die lebhafte Teilnahme deutlich geschrieben. Woher – von wem wissen Sie es? fragte Warburg dringend, indem er dem Alten die bebende Hand auf den Arm legte; ist es sicher? Sicherer wie der Hamburger Schatz in der Bank, erwiderte Samuel Hirsch. Ich will dem Herrn Senator, den guten Demoiselles und den ehrenwerten Freunden ausführlich, der Wahrheit gemäß, berichten, wie ich und durch wen ich meine Nachricht habe. Dabei ich mir denn aber das Versprechen erbitten muß, über alles, was ich sagen werde, bis auf weiteres das tiefste Stillschweigen zu beobachten, wenn Sie so gütig sein und einen alten Mann, dazu sich selbst, nicht in schlimme Verlegenheit bringen wollen. Ich verspreche es Ihnen im Namen von uns allen, sagte Warburg. So hören Sie! Der alte Mann hatte aus der Innentasche seines langen schwarzen Rockes erst eine große Hornbrille genommen, die er sich auf die Nase klemmte, dann einen Briefbogen, den er jetzt langsam entfaltete. Die Herrschaften könnten es nicht lesen, sagte er, auch wenn es nicht hebräisch wäre: der arme Brief hat sich gar viel gefallen lassen müssen auf der langen Reise, aus einer Hand in die andere, aus einer Tasche in die andere. In der Tat war der Brief, den er nun aufgeschlagen in einiger Entfernung von sich hielt, trotz des starken, groben Papiers bös zerknittert und mit argen Flecken betupft. Johanna hatte geschäftig die beiden Lichter bis an den Rand des Tisches vor den Platz des Alten gerückt. Der aber nickte der jungen Schönen dankend zu und fuhr, von Zeit zu Zeit in den Brief blickend, also fort: Dieses ist geschrieben von meinem Vetter Isaak, welcher ist ein Handelsmann in Twer, einer Stadt, die liegt dreißig Meilen von Moskau auf der Straße nach Nowgorod und Petersburg, am zwanzigsten September, also daß er ist gewesen nur vier Wochen unterwegs. Unmöglich! rief Billow, unsere Briefe – Gehen mit der Post, unterbrach ihn der alte Mann, und kommen an oder kommen auch nicht an; unsere gehen nicht mit der Post, aber sie kommen uns sicher zu Händen. Weiter, weiter! rief Johanna. Der Alte schlug die glänzenden Augen zu dem jungen Mädchen auf, als ob er sagen wollte: Ich bin nicht schuld an der Unterbrechung, und hob von neuem an: Es ist aber gewesen zehn Tage nach einer Schlacht, welche geschlagen ist bei Borodino zwischen den Russen und den Franzosen am siebenten desselben Monats, als sich hat ergossen über Twer eine große Schar Russen, die aus der Schlacht gekommen sind auf dem Rückzüge nordwärts. Unter denen hat sich befunden ein junger Deutscher, welchen der Allbarmherzige geführt hat in das Haus meines Vetters, eines liebreichen Mannes, der schon oft gewesen ist hier in Hamburg, und alle Firmen kennt auf hiesigem Platze. Dem hat sich der Jüngling anvertraut: seinen Namen und seine Sippe und woher er stamme, und daß er desertiert sei von den Franzosen in der Schlacht vor Smolensk, die er mitgekämpft habe bereits für die Russen gegen die Franzosen, ebenso wie hernach die bei Borodino, wo er ist geworden verwundet – nichts Schlimmes, meine liebwerten Demoiselles, nichts Schlimmes! Eine Wunde im Oberarm, die geheilt sein wird in vier Wochen, wofür sich verbürgt meines Vetters Schwager Jakob, welcher ist ein großer Arzt. Ach, liebwerte Demoiselles, es sind noch gar viele, viele Verwundete in Twer, die nicht werden geheilt werden in vier Wochen, und – Der alte Mann starrte vor sich hin und begann nach einer kleinen Pause abermals leisen, wehmütigen Tones: Liebwerte Demoiselles und sehr geehrte Herren, ich will Sie nicht behelligen mit einer Schilderung des Kriegselends da hinten in Rußland, wie ich könnte, wollte ich Ihnen übersetzen den ganzen Brief. Es ist eben eine schlimme Zeit, in der wir leben, da des Herrn Hand schwer liegt auf allen Völkern, und jeder einzelne unter uns sagen möchte mit dem unsträflichen Hiob: »Schrei' ich zu dir, so antwortest du mir nicht; trete ich hervor, so achtest du nicht auf mich. Du bist mir verwandelt in einen Grausamen und zeigest deinen Grimm an mir mit der Stärke deiner Hand.« Aber seien wir getrost! es steht auch geschrieben in demselben Buche: »Ich zerbrach die Backenzähne des Ungerechten und riß den Raub aus seinen Zähnen.« Er hatte bei den letzten Worten die Stimme abermals erhoben, und die großen Augen, von denen er bereits die Brille wieder entfernt hatte, leuchteten in einem seltsamen Feuer. Nun strich er sich, wie aus einer Vision erwachend, ein paarmal mit der Hand über die buschigen Brauen und sagte, den Brief sorgsam zusammenfaltend und in die Tasche steckend, lächelnd: Hätte ich alter, schwachköpfiger Mann beinahe vergessen zu melden, was den Herrn Vater und die Demoiselles Schwestern und die Herren Freunde am meisten erfreuen wird: Mein Vetter Isaak hat abgenommen dem Jüngling das Versprechen, daß er sich nicht wieder stürzen will in den grausamen Krieg, wo er nicht sterben würde eines ehrlichen Todes, fiele er je in die Hände seiner Feinde, sondern, daß er will zurückkehren, sobald er ist von seiner Wunde genesen, auf sicherer Straße, die ihm offenbaren wird mein Vetter, in sein Vaterland, wo er alsdann streiten mag, als ein Rechtschaffener und Untadliger, gegen den Widersacher seines Volkes und der Menschheit. Der Alte hatte den letzten Knopf des langen schwarzen Rockes über der eingesunkenen Brust geschlossen und sich erhoben. Die anderen waren mit ihm aufgestanden. Warburg hatte ihm die Hand gereicht mit flüchtigem Druck. Desto höflicher und wortreicher waren seine Danksagungen. Der Alte wehrte verlegen ab, neigte dann aber willig das kahle Köpfchen zu Johanna, die von der anderen Seite lebhaft auf ihn einsprach. Minna stand etwas seitwärts, blaß, mit niedergeschlagenen Augen, in sich versunken. Billow, der sie schweigend beobachtet hatte, trat an sie heran und sagte mit einem unholden Lächeln, laut genug, daß es auch die anderen hören möchten: Sie scheinen an der allgemeinen Freude nur einen mäßigen Anteil zu nehmen, Fräulein Minna. Das junge Mädchen zuckte leicht zusammen und streifte schweigend den Vermessenen mit einem unwilligen Blicke, was diesen nur noch mehr reizte. Aber Sie denken wohl daran, sagte er, wie unmöglich es ist, daß Georg, auch wenn er genesen ist, hierher zu uns nach Hamburg zurückkehrt, wo Monsieur d'Aubignac ihm einen schönen Empfang bereiten würde. Nun, so bleibt er eben in Schweden, oder in England, oder wo er sich sonst vor der französischen Polizei sicher weiß, und wartet, bis die Luft in Deutschland wieder rein ist. Ich fürchte freilich, er dürfte darüber zum alten Manne werden. So sollte ein Patriot nicht reden. Billow fuhr herum und stierte Herrn Hirsch, der diese Worte gesprochen, zornig an. Sie erlauben sich – rief er. Bitte um Verzeihung, sagte der alte Mann ängstlich, ich wollte nicht beleidigen – weiß doch alle Welt, daß Herr Theodor Billow ist ein guter Patriot! Und wenn er gesagt, was er gesagt, so ist es, weil er wohl weniger kennt die wahre Lage der Dinge und nicht weiß, was ich weiß – nicht aus eigener Klugheit, sondern ebenfalls durch meinen Korrespondenten aus Rußland. Und er legte die Hand auf die Stelle, wo der Brief unter seinem Rocke verborgen war. Billow lächelte verächtlich. Was können Sie wissen, rief er, was wir nicht wüßten, auch wenn Ihr Brief wirklich ein bißchen schneller gegangen ist, als die kaiserlichen Bulletins? Er ist gegangen schneller, erwiderte Hirsch, und er enthält, was die kaiserlichen Bulletins nicht enthalten: die Wahrheit. Mag sein, rief Billow, in den Details! Mein Gott, so dumm sind wir auch nicht, daß wir nicht wissen sollten, wie solche Bulletins gemacht werden, und daß die Dinge in Wirklichkeit nicht ganz so glatt gehen und so rosig aussehen. Das ändert nur leider in der Hauptsache nichts. Oder wäre die Schlacht von Borodino, von der Ihr Vetter schreibt, etwa nicht von den Franzosen gewonnen worden? Sie ist von ihnen geworden gewonnen, sagte Herr Hirsch. Und wäre etwa der Kaiser nicht sieben Tage später, am vierzehnten, in Moskau eingezogen? Der Kaiser ist eingezogen in Moskau am vierzehnten, erwiderte der Alte. Nun also, rief Billow triumphierend, was prahlen Sie denn von Dingen, die Sie wüßten und wir nicht! Der Alte stand da mit niedergeschlagenen Augen. Auf dem blassen, mageren Gesichtchen zuckte es hin und her; den nervös fingerierenden Händen schien der breitrandige, niedrige, schwarze Filzhut jeden Moment entgleiten zu wollen. Dann blickte er auf und sagte, Billow fixierend, ruhig mit sanfter Stimme: Ich will nicht gehen aus diesem Hause als einer, der mit grauen Haaren als ein Tor erfunden ist. Was Sie wissen und alle Welt weiß von dem Stande der Dinge in Rußland durch die Zeitungen und die Bulletins, ist eitel Lug und Trug, was soll streuen den Menschen Sand in die Augen und sie blind machen, solange es geht. Es wird nicht mehr lange gehen. Die große Armee ist keine große mehr, sondern eine, die durch die Schlachten, durch Krankheit und jegliche Not des Leibes und der Seele zusammengeschmolzen ist zu kaum einem Viertel von dem, was sie war, als sie im Frühsommer ging über die russische Grenze. Der Kaiser Napoleon ist eingezogen in Moskau; aber er hätte sich ebensogut betten können in der Hölle. Die Stadt brennt – will sagen: hat gebrannt, als mein Vetter expedierte seinen Brief – an allen Ecken, und die Russen selbst haben sie angezündet. Die große Armee, die geworden ist eine kleine, wird antreten müssen den Rückzug oder hat ihn jetzt schon angetreten durch ein Land, in welchem verwüstet ist vorher und nachher alles, was sie auf dem Durchzuge nicht selbst verwüstet hat – die Hunderte von Meilen umdrängt, umschwärmt von erbitterten Feinden – eine gräßliche Beute des Hungers, der Krankheiten und der Kälte. Also schreibt Isaak Jakobsohn von Twer; und er ist ein weiser Mann, ein bedächtiger Mann, der die Worte abwägt, die er sagt oder schreibt. Ja, verehrter Herr Warburg, liebwerte Demoiselles und würdige Herren, wohl haben Sie Ursache, den Allmächtigen zu loben und zu preisen, daß er errettet hat den Sohn und Bruder und Freund aus dem Höllenrachen, der sich aufgetan, so vieler Mütter Söhne zu verschlingen ohne Unterschied: den Tapferen und den Feigen, den Guten und den Schlechten, den Gerechten und den Ungerechten. Ich habe nichts dagegen, rief Billow; mögen sie sterben und verderben, einer wie der andere! und serves them right ! Ich muß mich nur wundern, daß Herr Samuel Hirsch ein so enragierter Franzosenfeind ist. Weil der Hirsch ist ein Jud'? erwiderte der alte Mann erregt, und der Jud' hat kein Vaterland? Oh, wie sehr irren Sie sich, mein Herr! Wohl hat der Jud' ein Vaterland, wenn seine Väter auch nicht sind geboren und er selbst nicht ist geboren im selbigen Lande. Sondern ist gekommen in das Land, ein armer Jüngling, wie ich gekommen bin nach Deutschland in meinem achtzehnten Jahre und hierher in unsere gute Stadt Hamburg, die mir gegeben hat Obdach und Schutz, daß ich nachgehen konnte meinem Gewerb und finden mein Brot und drei Jahre später heimführen aus dem fernen Brody meine Sara, die mir geboren hat sechs Kinder, so wir aufgezogen haben in Ehrbarkeit nach dem Gesetz unserer Väter und in Liebe zu der Stadt, welche nun doch wahr und wahrhaftig ist ihre Vaterstadt. Der wiedergeben möge Gott der Gerechte ihren alten Glanz und ihre Herrlichkeit, wie es ist mein tägliches Gebet und meiner Sara und meiner Kinder. Bravo! rief Billow. Ich kenne Hamburger und sogar Hamburgerinnen, deren Gebet ganz anders lautet. So möge Gott, der ins Herz sieht, erwiderte der Alte, ihr Herz erleuchten und ihren Verstand erhellen, auf daß sie sehen den Weg, den ihnen vorschreibt sein heiliger Wille, desgleichen menschliche Vernunft und Ehrbarkeit, auf daß nicht heimgesucht werde ihre Unvernunft und Unehrbarkeit an ihnen selbst und ihrer Sippe, an ihren Verschwägerten und Gefreundeten, ihren Geliebten und Verlobten, ihren – Halten Sie ein! rief Johanna. Sie hatte gesehen, daß die Schwester während der letzten Worte, die der alte Mann mit bebender Stimme in leidenschaftlicher Erregung gesprochen hatte, womöglich noch bleicher geworden war als zuvor und plötzlich mit seltsamer Gebärde in die Luft griff. Johanna sprang hinzu, eben zeitig genug, die Ohnmächtige vor einem schweren Fall auf den Fußboden zu bewahren. Auch Oskar war sofort zur Hilfe und trug mit starken Armen die schöne, bleiche Gestalt bis zu dem nächsten Fauteuil. Eilen Sie, Sandström, und schicken Sie mir die Luise! rief Johanna, um die Schwester bemüht. Und Sie, meine Herren; auch Du, Vater – bitte: geh! – bitte, bitte: gehen Sie alle! Du siehst, Vater, sie schlägt die Augen schon wieder auf. Sie ist meine starke Schwester; nicht wahr, Du bist stark, lieb Herz! Du – da ist Luise schon! Sechstes Kapitel. Johanna und die Magd hatten Minna nach unten geführt und ihr in das Bett geholfen; Minna hatte erklärt, daß ihr nichts weiter not tue, als Ruhe, und sie dringend bitte, sie auch nicht mit einem Worte zu stören. Johanna hatte das Mädchen fortgeschickt, sich soweit entkleidet und dann im nebenangrenzenden Zimmer, dem gemeinschaftlichen Wohnzimmer der Schwestern, beim gedämpften Scheine der Lampe zu einer Lektüre gesetzt, in der sie es nicht über die ersten Zeilen brachte. Da war heute abend unzweifelhaft zwischen Minna und Billow etwas vorgefallen – etwas ganz Besonderes und ganz besonders Bedenkliches, das sie jedenfalls hätte verhindern können, wenn sie mit Sandström am Tische sitzengeblieben wäre! Aber wer konnte denken, daß der Vater weggehen würde, nachdem sie bereits zu spielen begonnen hatten? Oder hatten sie gar nicht gespielt, sondern nur sich gezankt? Sie wollte gar nicht mehr mit dem Blondkopfe spielen, jedenfalls keine Quatremains, und am allerwenigsten sich zanken. Beim Spielen kam man so oft mit den Fingern aneinander, und, wenn sie sich zankten, blickte er ihr immer so sonderbar in die Augen, gar nicht, als ob er bös auf sie wäre – im Gegenteil! Und sie setzte den Zank fort, nur damit er sie weiter so ansah – heute abend wieder! ordentlich geleuchtet hatten seine Augen. Ach was! Des alten Samuel Hirsch Augen hatten auch geleuchtet – es gibt eben Menschen, die solche Augen haben – auch Tiere – Katzen zum Beispiel, deren Augen sogar im Dunkeln funkeln – und es wäre besser gewesen, wenn der alte Mann seine Nachricht, für die man ihm gewiß dankbar sein mußte, morgen am Tage gebracht hätte, ohne soviel schreckliche Reden zu führen, bei denen die arme Minna freilich vor Kummer und Herzeleid vergehen mußte. Ein unterdrücktes Stöhnen aus dem Schlafgemache machte das junge Mädchen aus ihrem Grübeln aufschrecken. Ohne sich die Zeit zu lassen, wieder in die abgestreiften Pantöffelchen zu fahren, eilte sie zur Schwester. Ich denke, du schläfst, lieb Herz! Schlafen! ich! großer Gott! Mir ist, als könnte ich es nie wieder, oder als möchte ich ewig schlafen. Sie hatte, sich aufrichtend, beide Arme um den Hals der Schwester geschlungen und brach in wildes Weinen und Schluchzen aus. Johanna, sie an sich drückend, ließ sie gewähren. Ihr weiblicher Instinkt sagte ihr, daß der Ärmsten diese Tränen eine größere Linderung verschaffen würden, als Worte hervorzubringen vermöchten. In der Tat war der Sturm der Leidenschaft nach einiger Zeit gebrochen; sie weinte leiser, und jetzt hielt Johanna den Augenblick gekommen, um zu sprechen. Worin denn nun eigentlich das Unglück bestehe, das ihre kluge, ihre tapfere, ihre starke Schwester so außer sich habe bringen können? Daß Billow endlich gesprochen – nun, es sei das ja gewiß sehr dumm von ihm, da er doch, wäre er nur halbwegs verständig, die Antwort voraussehen konnte; aber warum habe auch der Vater ihm und den anderen Freunden und Bekannten des Hauses Minnas Verlobung mit Hypolit nicht mitgeteilt, wie Minna und sie selbst ihn so dringend gebeten? Nun könne Billow immer sagen und habe gewiß heute abend gesagt: er wisse von nichts; oder: er habe wohl davon gehört, aber nicht daran geglaubt; oder geglaubt, daß er und die anderen sich in ihren Beobachtungen geirrt hätten und dergleichen mehr. Das sei ja, wie gesagt, sehr dumm und unzart und wie es Minna sonst noch nennen wolle; aber etwas so Fürchterliches könne sie beim besten Willen nicht darin sehen. Schlimmer sei ja freilich, daß Hypolit noch kein einziges Mal geschrieben habe, vielmehr kein einziger seiner Briefe nach Hamburg gekommen sei. Doch auch das erkläre sich sehr natürlich, wenn, wie doch ohne Zweifel der Fall, die Schilderung, welche Samuel Hirsch nach dem Briefe des russischen Vetters von dem Zustande der französischen Armee gemacht, auf Wahrheit beruhte. Wie solle da wohl ein so wackerer Offizier wie Héricourt die Zeit zum Briefschreiben finden? Und wie leicht könne in solchem Wirrwarr ein Brief oder könnten Dutzende von Briefen verloren gehen? Und damit werde ihr doch Minna nicht etwa kommen wollen, daß Hypolit ein Unglück widerfahren, er verwundet oder gar tot sei! Erstens habe der alte Hirsch vorhin die Sache sicher übertrieben mit seiner jüdischen Phantasie und angestachelt durch Billows Nörgeleien und Zweifelreden; sodann, läge sie wirklich so schlimm: wo ein Wille, sei auch ein Weg, sagten die Engländer. Und wenn Georg, der Deserteur, den Weg gefunden, warum solle der französische Offizier, der vornehme Herr Marquis, der notorische Günstling des allmächtigen Kaisers, ihn nicht auch finden? Das junge Mädchen hatte so ohne Unterbrechung wohl eine Viertelstunde lang gesprochen mit, wie sie sich heimlich sagte, noch ganz ungewöhnlicher Beredsamkeit und Überzeugungskraft. Sie erschrak deshalb ernsthaft, als die Schwester, die sie völlig beruhigt zu haben glaubte, den in die Hand gestützten Kopf traurig schüttelnd, sagte: Ich danke dir, du Gute; aber du gibst dir vergebliche Mühe. Mein Unglück ist beschlossen; jeder Versuch, ihm zu entrinnen, ist vergeblich. Ich weiß es, wußte es lange vor heute abend, und ich hätte deshalb besser getan, ja zu sagen anstatt nein. Das Nein heißt nur die Kette um ein weniges verlängern, nicht sie zerbrechen. Andromeda an ihrem Felsen, für die kein Perseus kommt – kein Perseus! Die Trauer wollte sie wieder überwältigen; aber sie kämpfte den Andrang kraftvoll nieder und fuhr, sich höher richtend und Johanna näher an sich ziehend, fort: Was du da gesagt hast, liebes Kind, davon kam gewiß manches aus deiner Überzeugung, anderes hast du wohl nur vorgebracht, um mich zu trösten. Gleichviel: richtig und zutreffend war wenig, kaum etwas. Ich habe dich Gute nicht mit meinem Kummer belasten wollen und dir das helle Leben verdüstern. Aber ich fühle, ich muß jemand haben – eine Freundin, der ich mich anvertraue, ich habe keine bessere als meine über ihre Jahre mutige und kluge Schwester. Und nun höre zu und unterbrich mich nicht, wie ich dich nicht unterbrochen habe! – Ja, Billow hat mich heute abend um meine Hand gebeten. Ich wußte, daß er es bei der nächsten Gelegenheit tun würde; es war ganz zufällig, ob die Gelegenheit heute kam oder ein anderes Mal. Ich wußte es vom Vater. Nicht, als ob er es mir direkt gesagt hätte! Aber er hat mich heute morgen, als ich vom Markte kam, zu sich ins Kontor gerufen und mich gefragt: was ich wohl von dem Stande seiner Angelegenheiten halte? Ich erwiderte, daß ich leider nicht daran zweifeln könne, derselbe sei ein sehr schlechter und prekärer. Sehr richtig, sagte Vater, aber der Krug konnte doch noch immer zu Wasser gehen. Seit gestern, nachdem ich in der ganzen Stadt vergeblich eine Hypothek auf meine Spinnerei vor dem Brooktor aufzunehmen versucht habe, ist es aus: ich bin bankrott, völlig, schmachvoll – es sei denn, daß – hier brach er ab. Ich war so verwirrt und erschrocken, daß ich kein Wort vorzubringen vermochte. Auch Vater schwieg eine Weile, dann fing er wieder an, nun aber von mir und meiner Liebe zu Hypolit. Er werde sein Wort nicht zurücknehmen und die Einwilligung, wenn er dieselbe freilich auch sehr wider seine Überzeugung und nur auf mein Drängen und Bitten erteilt habe. Aber er habe seine Einwilligung zu einer glücklichen Verbindung gegeben, nicht zu einer, die allem Anscheine nach zu einem so traurigen Ende bestimmt sei. Er wolle nicht sprechen davon, daß keine Briefe von ihm kämen: das könne ein unglücklicher Zufall sein. Aber, ob ich mir denn klargemacht habe, daß der Marquis d'Héricourt, der selbst offen eingeräumt: er besitze nichts als seinen alten Adel und seinen Degen, jetzt nicht die reiche Hamburger Kaufmannstochter heiraten werde, sondern die Tochter des Bankrotteurs? er, der wiederum kein Hehl daraus gemacht, daß seine stolze Familie die Deutsche und Bürgerliche, wenn überhaupt, so doch sicher nur nach hartem Widerstande aufnehmen würde? Er halte sich für verpflichtet, mich, von der er wisse, daß sie selbst nicht ohne allen Stolz sei, darauf aufmerksam zu machen, nachdem nun für immer – denn unser Haus werde sich nie wieder von dem Schlage erholen – das letzte, das einzige Gegengewicht fortgefallen, das ich gegen den Stolz der Héricourts in die Wagschale hätte legen können. Das war heute morgen; heute abend hält Billow um mich an! Kann ich einen Augenblick zweifeln, daß dies beides in Zusammenhang steht: der Vater mich auf Billows Antrag hat vorbereiten wollen, Billow den Antrag gewagt hat, weil er mich vorbereitet wußte, mein Jawort als leichte Beute davonzutragen hoffte? Ich habe nein gesagt, aber ich wiederhole: es ist nur eine Verlängerung der Kette, mit der ich festgeschmiedet bin an den Felsen einer gräßlichen Notwendigkeit. Auf der einen Seite ein Vater, der seinen Ruin vor Augen sieht, in der Angst vor einer schrecklichen Zukunft sein mir gegebenes Wort bricht; mich, deren Liebe er kennt, ausliefert an den Mann, der die Stirn hat, mir zu sagen, daß er der einzige sei, der den Vater retten könne, aber freilich nur um den Preis meiner Hand retten wolle. Auf der anderen Seite ich Ärmste, die ich mich an den Gedanken der Möglichkeit einer Verbindung klammere, von der ich mir sagen muß, daß sie unmöglich geworden ist. Und das ist das Schrecklichste noch nicht. Ach, Johanna, welch furchtbare Stunde war dies! was habe ich gelitten! Ich konnte mich nicht rein freuen über Georgs Rettung; mußte ich doch daran denken, daß er jetzt seinen Schwur eingelöst und die erste Gelegenheit ergriffen hat, die Waffen gegen den verhaßten Feind zu wenden, in dessen Reihen der Verlobte seiner Schwester kämpft. Ich möchte den Wilden schelten und kann es nicht. Wie ein Blitz fuhr es mir durch die Seele: wärst du ein Jüngling und in seiner Lage, du hättest ebenso gehandelt! Und dann der alte Mann, der die Vornehmen auf der Straße kaum zu grüßen wagt, aus Furcht, sie möchten ihm den Gruß verübeln; der sich selbst den Spott und das Hänseln des gemeinen Mannes geduldig gefallen läßt – er glüht in zornigem Eifer um das geknechtete Deutschland, für dessen Befreiung er einstehen will mit allem, was er kann und vermag, Gott bittend, an denen, die es mit den Franzosen halten, nicht heimzusuchen ihre Unvernunft und Unehrbarkeit. Hast du sie wohl gehört, die gräßlichen Worte: Unvernunft – Unehrbarkeit! Es war zu viel, zu viel! Und das unglückliche Mädchen drückte, am ganzen Körper zusammenschaudernd, das Gesicht in die Kissen. Ei, so wollte ich doch, der alte häßliche Jude wäre auf dem Wege zu uns in die Alster geplumpst! rief Johanna verzweifelt; oder der greuliche, schmutzige Brief von dem Vetter Habakuk, oder wie er heißt, wäre in einer der vielen Taschen, durch die er gewandert ist, kleben geblieben! Minna erhob sofort wieder das Haupt. Du bist wie die Kinder, sagte sie, welche die Tischkanten schlagen, an die sie sich gestoßen. Was schiltst du den alten Mann, der, ohne an sich zu denken, seine menschenfreundliche Pflicht getan hat? Mich solltest du schelten, die nur an sich denkt und nicht an ihre Pflichten! So! sagte Johanna, und gegen Hypolit hättest du keine? Auch nicht die Pflicht, dem Treue zu halten, dem du Treue geschworen? Und wenn er selbst mich nun von meiner Pflicht löst? murmelte Minna. Wann, wie, wodurch hatte er das getan? rief Johanna. Minna antwortete nicht sogleich. Und dann mit dumpfer Stimme: Es geht mir schon seit Wochen durch den Kopf. Ich habe es selbst dir nicht sagen mögen, weil ich mich im Anfange meines Kleinmuts schämte. Denn für Kleinmut hielt ich es und für eine Versündigung an ihm; und ich wußte, daß du mir das eine so wenig verzeihen würdest wie das andere, bis es immer öfter kam und mich nicht mehr losließ, Tag und Nacht, und jetzt bei mir feststeht, als wäre es da in mein Gehirn gebrannt: es ist kein böser Zufall, daß keine Briefe von ihm kommen; es können keine kommen – er hat keine mehr geschrieben. Um Gottes willen! rief Johanna. Keinen mehr nach dem aus Berlin, fuhr Minna in demselben gepreßten Tone fort. Du weißt ja! Und wie verzweifelt er schrieb und mich beschwor, ihm oft, so oft als möglich zu schreiben; es würden meine Briefe sein einziger Trost sein in der schrecklichen Kampagne, und daß er wieder schreiben werde, wo und wann er nur immer Zeit und Gelegenheit finde. Das war im März, heute sind wir im Oktober – sieben Monate – und keine Zeile von ihm! Das kann kein unglücklicher Zufall sein, der die Briefe verloren gehen ließ, wie doch selbst der Vater noch heute morgen annahm. Ich habe mich erkundigt. Es sind ja so manche von unseren jungen Männern in der Armee – Peter Böhm, der zuletzt bei Herrn Friedrich Perthes im Geschäft war und eine Zeitlang, du wirst dich dessen nicht erinnern, auf unserem Kontor arbeitete – ich habe seinen alten Vater gesprochen – Herrn Perthes selbst, der es doch, wenn einer, gewiß weiß. Er sagt, die Briefe aus Rußland von der Armee kamen unregelmäßig wohl und manchmal mit großen Verspätungen, aber sie kämen doch, alles in allem sogar regelmäßiger und sicherer, als die Geschäftsbriefe, was kein Wunder sei, da sie durch die kaiserlichen Feldposten befördert würden, die immer noch einen Weg fänden, wo die gewöhnlichen liegenblieben. Und das sind Briefe von gemeinen Soldaten – Konskribierten! Warum sollen sie ankommen und die eines französischen Offiziers verloren gehen – alle verloren gehen! Es ist unmöglich. So gibt es noch andere Möglichkeiten, sagte Johanna eifrig. Er ist blessiert – er kann nicht schreiben. Er hätte dann durch einen Kameraden schreiben lassen, erwiderte Minna, den Kopf schüttelnd. Ich habe ihm das Versprechen abgenommen, daß er das tun würde. Ich weiß, was du jetzt sagen wolltest, du gutes Kind, und nicht zu sagen wagst: so ist er tot. Er ist nicht tot. Wäre er's, ich wüßte es. Wie denn? wie das? stammelte Johanna, die Schwester, die mit starren Augen vor sich hin wie ins Leere blickte, furchtsam von der Seite ansehend. Ich wüßte es, wiederholte Minna, immer mit demselben gespannten Blicke. Auch das haben wir uns zugeschworen in feierlicher Stunde: es dürfe keiner von uns beiden aus dem Leben scheiden, ohne Abschied zu nehmen von dem anderen, und wären wir durch tausend Meilen getrennt. Sieh mich nicht so erschrocken an! Ich bin völlig bei Sinnen. Und es ist kein Gespensterwahn, dem ich dabei verfallen wäre. Es ist mein fester Glaube, vielmehr, es ist für mich völlige Gewißheit: ein so Großes könnte nicht eintreten, ohne daß es dem Zurückbleibenden sich ankündigte. Nein, nein, Hypolit lebt! So liebt er dich nicht mehr, murmelte Johanna; und ich weiß nicht, ob ich nicht da an deiner Stelle wünschen würde, er wäre tot. Um Minnas Lippen spielte ein wehmütiges Lächeln; sie streichelte sanft die braunen Locken der neben ihr Kauernden, wie eines Kindes, dem man vergeblich eine schwierige Sache klarzumachen sich bemüht. Er ist es nicht, sagte sie, aber wäre er es: leben und einander lieben, tot sein und einander lieben, das ist für mich und Hypolit eines und dasselbe. Dann weiß ich wieder nicht, sagte die Jüngere trotzig, weshalb du so unglücklich bist und dich so jammervoll gebärdest. Wenn du ihn liebst, dich von ihm geliebt weißt, was kannst du mehr wollen? Ihm angehören! rief Minna leidenschaftlich, angehören mit Leib und Seele, schon hier in der Zeitlichkeit, wie die Seelen allein einander angehören werden in der Ewigkeit! Und das wird nicht sein. Er – dafür ist er ein Mann – hat es längst begriffen, hat es mich lehren wollen durch sein Schweigen eindringlicher, beredter, als alle Briefe und Worte es vermöchten: es wird nicht sein, nicht hier auf Erden! Da gehörst du deinem Vater, der seine letzte Hoffnung der Rettung vor Armut und Schmach auf dich setzt; gehöre ich meinem Kaiser, dem ich Treue geschworen habe, die ich ohne Schande nicht brechen kann, ohne doppelte Schande, nun, da er zum erstenmal auf seiner Siegesbahn das Schicksal gegen sich hat. Siehst du denn nicht, begreifst du denn nicht, wie das Unglück, das über dein Haus gekommen ist, und das Unheil, dem wir hier erliegen in der russischen Steppe, die Zeiger sind von zwei Uhren, die von derselben geheimnisvollen Kraft getrieben werden, dir wie mir gleicherweise unser Schicksal deutend? Die Not lehrt beten; sie lehrt auch denken. Wir beteten nicht, und wir dachten nicht in den Tagen des Glücks. Die Sonne schien zu hell, und die Vögel sangen zu laut – nun ist es Nacht worden, tiefe, stille Nacht. Hörst du die warnende Stimme jetzt? Du mußt sie hören – auf deinem Lager im engen Kämmerlein, beim Scheine der Lampe deutlich, wie ich sie höre hier auf öder Steppe am Biwakfeuer, an dem nur ich noch wache, deiner denkend, und über mir flimmern die ewigen Sterne – Erwache, Liebste, erwache! rief Johanna, der Schwester, die mit geisterhaften Augen aufgerichtet im Bette saß, geängstigt die Arme um den Hals schlingend und sie an sich pressend. Die aber drängte sie hastig von sich, vorwurfsvoll murmelnd: Warum verscheuchst du ihn mir! Ich sah ihn so deutlich! Jetzt halt' ich es nicht mehr aus! rief Johanna, von dem Bettrande aufspringend; jetzt schicke ich zum Doktor Boutin. Um Gottes willen! rief Minna. Was soll ich tun? erwiderte Johanna halb weinend; soll ich dich die ganze Nacht so phantasieren und mir die Seele aus dem Leibe ängstigen lassen? Ich phantasiere nicht, sagte Minna, fühle meine Stirn – sie ist ganz kühl. Und wenn ich dich geängstigt habe, so tut es mir herzlich leid. Das wollte ich wahrlich nicht, du liebes Kind. Ich bin kein Kind, rief Johanna, und begreife dich soweit ganz gut, wenn du etwa meinen solltest, daß das nicht der Fall wäre. Und ich sehe auch wohl ein, daß du und dein Hypolit in einer bösen Lage seid, aus der es schwer halten wird, herauszufinden. Aber weshalb du so ganz verzweifelt zu sein brauchst, das sehe ich nicht ein. Und ich sage: das ist gar nicht meine mutige Schwester, die sich so in Schrecken jagen läßt von Vaters Lamentationen und Billows Zudringlichkeit, und weil ein alter, halb närrischer Jude seine Weisheit vor ihr auskramt. Der kommt mir nicht wieder in das Haus! Und wenn du um Vaters willen den Billow heiratest, den du nicht ausstehen kannst, und mit dem ich kein freundliches Wort wieder spreche, so heirate ich deinen Hypolit, wenn er zurückkommt – ja, ja, ich, die Kleine – la petite – Mignonne, la Rieuse , oder wie sonst der großmächtige Herr mich zu nennen beliebte, weil ich einen Finger breit kleiner bin, als meine »große Schwester«. Siehst du, nun mußt du selber lachen. Und nun gib mir einen Kuß! und wenn du in zehn Minuten nicht schläfst – Doktor Boutin, sage ich dir! Und du weißt, der spaßt nicht. Sie umarmte und küßte die Schwester noch einmal, das schöne Haupt sanft auf die Kissen drückend. Minna ließ es geschehen und lag da mit geschlossenen Augen. So! sagte Johanna, nun schläfst du aber auch. Sie wartete noch ein Weilchen, dann erhob sie sich leise und schlüpfte in ihr Bett auf der anderen Seite des Zimmers. Ob Minna ihrem letzten Befehle gefolgt war, hätte sie nicht zu sagen gewußt. Sie selbst war trotz des aufrichtigen Kummers, den sie um die geliebte Schwester empfand, nach wenigen Minuten fest entschlummert. Siebentes Kapitel. Der nächste Morgen fand Minna bleich und körperlich ermattet nach einer fast völlig schlaflosen Nacht, aber scheinbar so ruhig, so gefaßt, daß Johanna, welche sie fortwährend heimlich beobachtete, sich nicht genug wundern konnte. Aber freilich, man durfte die herrliche Schwester nicht mit demselben Maßstäbe messen, wie andere Mädchen, und wenn sie heute nacht auch gar seltsame Reden geführt und sich eigentlich ganz toll gebärdet hatte – das war denn doch nur eine vorübergehende Aufregung gewesen, die in der Lage der Dinge ihre sehr natürliche Erklärung fand; höchstens eine Krisis, wie Doktor Boutin gesagt haben würde – eine Krisis all des heimlich angesammelten Seelenkummers, der sich endlich einmal Luft gemacht hatte – Gott sei Dank! Darum nur um Himmels willen nicht mit einem Worte an das Vorgefallene mahnen! sich mäuschenstill halten! sich nicht merken lassen, daß man für eine schwache Stunde aus dem niederen Range einer jungen, bemutterten Schwester zu dem höheren einer Freundin und Vertrauten intimster Herzensgeheimnisse gemacht war! In diesen Beschlüssen war sie durch Oskar Sandström bestärkt worden, dem sie am Nachmittag – ganz zufällig! – auf dem alten Jungfernstieg begegnete. Auch Oskar war gestern abend nicht entgangen, daß, während er und seine Angebetete sich am Klavier zankten, zwischen Minna und Billow eine peinliche Aussprache stattgefunden haben müsse. Er könne sich sonst nicht erklären, weshalb der letztere auf dem gemeinschaftlichen Nachhausewege sich in so harten Ausdrücken erst über den Vater ergangen habe, dann über die Töchter. Über mich auch? rief Johanna lachend. Sie bekamen auch Ihr Teil. Und was hat er denn gesagt? Ich darf es nicht wiederholen. Ist auch nicht nötig; ich weiß, wie er über uns denkt. Übrigens kann ich Ihnen sagen, mein Herr, daß der Betreffende von Ihnen ebenfalls gelegentlich in Ausdrücken redet, die nicht unbedingt schmeichelhaft sind. Er wünscht zum Beispiel zu wissen, was Sie hier noch in Hamburg hält, nachdem die Kontore von Herold und Söhne, bei denen Sie als Volontär eingetreten waren, seit fünf Monaten geschlossen sind, ohne daß Sie sich um eine andere Stelle bemüht hätten? Es ist sehr unrecht von Herrn Billow, erwiderte der junge Mann erregt. Er weiß doch am besten, wie gern ich die Stelle annehmen würde, die er mir in seinem Londoner Hause seit fünf Monaten zugesagt hat. Und auf die Sie, wie jetzt die Dinge liegen, noch fünf Jahre warten können. So lange kann ich allerdings nicht in Hamburg bleiben. Die Eltern verlangen dringend meine sofortige Rückkehr nach Stockholm; ich gerate in immer größere Verlegenheit über die Ausreden, mit denen ich mein Hierbleiben motivieren soll. Warum reisen Sie denn nicht? Wenn ich glauben könnte, daß Sie diese Frage im Ernst täten, Fräulein Johanna, seien Sie versichert, ich reiste noch heute. In diesem kritischen Wendepunkte ihres Gespräches war Johanna einer Bekannten ansichtig geworden, die mit ihrer Mutter gerade auf sie zukam. Sie hatte nur noch eben Zeit gehabt, es Oskar zuzuflüstern, der dann, wie immer in solchen Fällen, den Hut zog und seine Verbeugung machte mit der Miene und Haltung jemandes, der ausnahmsweise eine junge Dame seiner Bekanntschaft auf der Promenade einige wenige Schritte hat begleiten dürfen. Es war das erstemal in dem nun schon über ein Jahr dauernden Verkehr der jungen Leute gewesen, daß von ihm eine direkte Hindeutung auf die wirkliche Natur ihres Verhältnisses gewagt worden war. Und das junge Mädchen, als sie nun eilig dem nahegelegenen väterlichen Hause zuschritt, mußte sich sagen, daß sie diese Hindeutung, die füglich als eine Erklärung gelten konnte, provoziert hatte. Sie errötete vor sich selbst bei diesem Gedanken und konnte trotzdem mit sich nicht unzufrieden sein. Im Gegenteil! Hatte sie doch gestern abend und heute nacht schaudernd erfahren, welche Unheilsquelle verworrene Verhältnisse für die Beteiligten, selbst für die entfernter Stehenden werden können, ja werden müssen! – Man ist freilich erst siebzehn und ein halbes Jahr, argumentierte die junge Schöne weiter, aber wenn Alter vor Torheit nicht schützt, so ist Jugend kein Hindernis, daß man die Augen aufmacht und die Sache beim rechten Zipfel anfaßt. Wirklich, es ist ein rechtes Glück, daß die Sache diese Wendung genommen! Auch für Minna. Der Mutlosen, Verzweifelten tut ein Beispiel not, das ihr zeigt, was sich erreichen läßt, wenn man klar und klug und konsequent denkt und handelt. Ich will ihr dies Beispiel geben! Johanna hatte in den folgenden Tagen keine Veranlassung, sich zu fragen, ob es nicht doch wohl nur ihr angeborenes sanguinisches Temperament und das glückselige Gefühl einer ersten, herzlich erwiderten Liebe sei, was ihr die Lage der Dinge in einem so rosigen Lichte erscheinen lasse. Minna blieb sich völlig gleich in der gefesteten Ruhe ihres Betragens und der geräuschlosen Sorgfalt, mit der sie dem Hauswesen vorstand. Auf die Ereignisse jener Nacht war sie mit keinem Worte, keiner leisesten Anspielung zurückgekommen. Billow hatte im Zorn über seine Zurückweisung den Verkehr mit dem Warburgschen Hause endgültig abgebrochen, oder war klug genug, einzusehen, daß man nach dem, was vorgegangen, eine längere Anstandspause beobachten müsse, bevor man wieder anzuknüpfen wagen dürfe – jedenfalls hatte er seitdem keinen Fuß in das Haus gesetzt, und wenn er einem Mitgliede der Familie auf der Straße begegnete, entweder weggesehen oder nur mit zur Schau getragener Höflichkeit gegrüßt. Was aber Johanna mehr als alles beruhigte, war das Betragen des Vaters. Sie hatte gefürchtet, er werde mindestens übel auf Minna zu sprechen sein und jene Klagen über seine mißliche Lage, in denen er sich während dieser ganzen letzten Zeit – sogar an jenem verhängnisvollen Abend vor den Freunden! – ergangen, in erhöhtem Tone fortsetzen. Weder das eine noch das andere geschah. Kein Wort gegen Minna, die er sogar, wenn nicht mit mehr Zärtlichkeit – an der es überhaupt in dem Verkehr zwischen beiden hinüber und herüber stets gefehlt hatte – so doch mit etwas geringerer Kälte zu behandeln schien; und hinsichtlich seiner Angelegenheiten teilte er Johanna »im Vertrauen« mit, daß er jetzt Aussicht habe, sich bis zum hoffentlich baldigen Anbruch besserer Zeiten zu halten. Wodurch diese glückliche Wendung bewirkt sei, sagte der Vater nicht. Tatsache aber war, daß seine Kattundruckerei vor dem Brooktor, welche, wie alle Geschäfte derselben Art, längst geschlossen gewesen, die Arbeit wieder aufgenommen und sich jemand gefunden hatte, der zu den zwei schweren Hypotheken, mit denen das Wohnhaus an der Alster belastet war, eine dritte wagen wollte. Auch das in letzter Zeit auf ein Kleinstes herabgesetzte Wirtschaftsgeld erhöhte der Vater unaufgefordert um das Doppelte; er sprach sogar davon, den »Empfangsabenden« am Donnerstag, die in letzter Zeit nur noch dem Namen nach bestanden hatten – es war außer Billow und Sandström niemand mehr gekommen – wenn nicht zu dem alten Glanze – was vorderhand freilich unmöglich sei – so doch von neuem zu einer »anständigen Wirklichkeit« zu verhelfen. Johanna war damit ganz einverstanden. Brauchte doch Oskar dann wenigstens einmal in der Woche, um vorzusprechen, nicht nach einem Vorwande zu suchen; und wenn des Vaters Angelegenheiten sich so viel günstiger gestaltet hatten, warum sollte man dem Sonnenschein, der sich endlich wieder hervorwagte, nicht Eingang verschaffen in das triste, seit so langer Zeit verödete Haus? Sie sprach darüber mit Minna, erfuhr aber von dieser die entschiedenste Abweisung. Ihr Sinn stehe wahrlich nicht nach Freude und Festlichkeit, und wollte sie auch von sich ganz absehen: in einer Zeit, wo Tausende arbeitslos und brotlos durch die Straßen irrten, habe keiner das Recht, über das unabweislich Notwendige hinauszugehen, auch nicht der Wohlhabende, geschweige denn jemand, der, wie der Vater – sie habe es ja aus seinem eigenen Munde! – vor einem völligen, schmachvollen Bankrott stehe. Wenn er überflüssiges Geld habe, so möge er es auf Befriedigung seiner Gläubiger verwenden. Er habe derer genug, und die ihn nur deshalb nicht weiter gedrängt hätten, weil sie gewußt, daß es erfolglos sein würde. Sie würden sich sofort melden – und mit Fug und Recht – wenn der Vater merken lasse, daß er wieder über Mittel verfüge. Du bist die reine Schillersche Kassandra, erwiderte Johanna schmollend. Und dabei liegt doch auf der Hand, daß du die Welt im argen siehst, nicht, weil sie so ist, sondern, weil du sie so sehen willst. Anstatt der Schrecklichkeiten, die Herr Hirsch schwarz auf weiß haben wollte – das Papier war freilich alles, nur nicht weiß – kommt aus Rußland eine Siegesnachricht über die andere, und Vaters Geschäft wird wieder flott, daß es nur so eine Freude ist. Und ich, erwiderte Minna, zweifle so wenig daran, daß jener russische Brief die Wahrheit enthielt und die französischen Bulletins lügen, wie ich dem guten, alten Manne aufrichtig wünsche, er möge nicht bald Gelegenheit haben, seine dem Vater bewiesene Großmut zu bereuen. Wie denn? Du glaubst, daß Vater das Geld von Herrn Hirsch habe? Ich bin sogar davon überzeugt. Nun freilich! Kassandra muß auch das wissen. Johanna gab es auf, den Starrsinn der Schwester zu brechen, hoffend, die Zeit und der einfache Verlauf der Ereignisse würden das schwierige Geschäft für sie übernehmen. Zu ihrem Erstaunen und Schrecken sollte sie nur allzubald erfahren, daß Zeit und Ereignisse sich verschworen zu haben schienen, sie ins Unrecht zu setzen und die trüben Voraussagen Minnas buchstäblich zu erfüllen. Achtes Kapitel. Zwar die Bulletins vom Kriegsschauplatze strahlten noch von vollbrachten Heldentaten, im Vergleich mit welchen die eines Alexander oder Cäsar zu einem kümmerlichen Nichts zusammenschrumpften. Die russische Armee war geschlagen, vernichtet die uralt-ehrwürdige Zarenstadt, die heilige Kapitale des Reiches mit ihren unermeßlichen Schätzen und unerschöpflichen Hilfsquellen, hatte dem Sieger von Borodino die goldenen Tore geöffnet; Rußland lag entwaffnet vor dem Herrscher der Welt, der seinen Triumphzug weiter in den Orient und nach Indien nur auf kurze Zeit unterbrochen hatte, dem unüberwindlichen Heere die wohlverdiente Erholung nach der ungeheuren Blutarbeit zu gönnen! Das schien denn freilich danach angetan, den Übermut der Unterdrücker bis zu den Wolken zu heben und der letzten Hoffnung der Patrioten das Grab zu bereiten; aber durch die Siegeshymnen jener drang ein Munkeln und Raunen – niemand hätte zu sagen gewußt oder gewagt, wie es angehoben: erst kaum vernehmbar leise, dann lauter, verständlicher von Tür zu Tür, von Nachbar zu Nachbar; zwischen zwei Bekannten, die sich auf der Gasse begegneten und von denen es der eine dem anderen im Vorübergehen ins Ohr flüsterte; unter Leuten, die nie im Leben ein Wort miteinander gesprochen und von denen der eine dem anderen aus der Miene absah, daß es ihn freuen würde und er es ihm mitteilen müsse: Moskau brennt! Wissen Sie es schon? – Ja, es soll kein Stein mehr auf dem anderen sein? – Alles in Schutt und Asche. – Und daß die Pestilenz in seinem Heere wütet? – Möge sie ihn selber holen! – Den Kreml soll er beim Abzuge am dreiundzwanzigsten eigenhändig in die Luft gesprengt haben? – Sieht ihm ähnlich, dem Mordhund! – Und die Preußen sollen auch schon schwierig werden. – Glaub's gern: sie haben nur darauf gewartet, daß ihn einmal der Teufel beim Kragen nehmen würde. – Und was tun wir? worauf warten wir? Sollen wir immer nur die Faust in der Tasche ballen? – Still! da kommt einer, den kenn' ich – das ist auch so ein französischer Spion. Nehmen Sie sich in acht! – Hat nichts zu sagen: so einem Schuft sieht man's ja an der Nase an. Und nur kurze Zeit verging, da sah man es aus den düsteren Blicken der Bedränger selbst, aus ihren scheuen, argwöhnischen Mienen; da hörte man aus abgerissenen Worten, die ihnen wider Willen entschlüpften, aus zwischen den Zähnen gezischten sacrés , daß sie an die Prahlhansereien ihrer kaiserlichen Bulletins nicht mehr glaubten und, was im Volksmunde umging, hätten bestätigen können, wenn sie gewollt oder gedurft hätten. Man sah es freilich noch aus anderen Zeichen, und die dem Bürger weniger erfreulich waren. Als wollten sie sich für die im Herzen wühlende Sorge und Angst schadlos halten, wurde das Gebaren der Unterdrücker von Tag zu Tag schroffer und anmaßlicher, von Tag zu Tag die längst geübte Ausbeutung und Ausplünderung der Stadt systematischer und grausamer. Die Geißeln der zahllosen Abgaben, mit denen man die Bürger bis dahin heimgesucht hatte: droits réunis , Regie, Enregistrement, Tür- und Fenstersteuern, Personensteuer und wie sich sonst die Erpressungsmittel betitelten, verwandelten sich jetzt in Skorpione. Keine Exemption mehr, auch nicht angesichts des nackten Elends; keine Stundung mehr bei offenbarer Zahlungsunfähigkeit! Dafür Haussuchung nach versteckten Werten bis in die verborgensten Winkel der Wohnungen, die keinen Schutz mehr gewährten, ohne Rücksicht auf Sitte und Anstand, ja mit geflissentlicher Verhöhnung alles dessen, was dem Individuum, was der Familie heilig ist. Und was dem Spürsinn der französischen Douaniers und Polizisten etwa verborgen blieb, das witterte die heimische Spionage aus, welche die jahrelange Korruption gezeitigt hatte, und die als greuliches Unkraut in der Umfriedigung des Hauses selbst gar üppig wucherte. Freilich war es ein Trost, sich sagen zu dürfen, daß diese Wut des Siegers doch nur ein Zeichen sei des nagenden Bewußtseins der täglich wachsenden Unsicherheit auf dem exponierten Posten hier oben im deutschen Norden; aber das war, auch im besten Falle ein leidiger Trost, zumal für den, der von der Wut speziell getroffen wurde. Unter den letzteren befand sich Warburg. Als ehemaliger hamburgischer Senator und unter französischer Herrschaft Mitglied des an Stelle des alten Senats eingesetzten Munizipalrates hatte er sich anfangs mancher Rücksichten zu erfreuen gehabt, die man ihm auch zu erzeigen fortgefahren, als er im vorigen Herbste aus dem Amte geschieden war. Man hatte offenbar im Gouvernementsgebäude noch nicht vergessen, daß er von Beginn der Okkupation an sein Haus den französischen Offizieren und Employers gastlich geöffnet; bis in die letzte Zeit waren die Douaniers für die englischen Güter auf seinen Lagern mit Blindheit geschlagen gewesen, und daß sein Haus an der Alster bis zur Stunde von Einquartierung frei geblieben, war eine Tatsache, die offen vor aller Welt Augen lag. Das änderte sich jetzt mit einem Schlage. Zwar war bei ihm nichts mehr zu konfiszieren – er hatte inzwischen den letzten Ballen Baumwolle, die letzte Kiste Tee für jeden Preis verkauft –; aber plötzlich erschienen ein paar Beamte der Einquartierungskommission und beschlagnahmten für eines der unzähligen Dienstbureaus den ganzen oberen Stock des Hauses. Ebenso hatte man plötzlich ausgerechnet, daß er von Anfang an zu wenig Grundsteuer entrichtet und folglich die Differenz nachzuzahlen habe. Vergebens die Beteuerung seiner Mittellosigkeit. Wie denn jemand sich mittellos nennen könne, der, von so vielen der einzige, in dieser Zeit seine Fabrik wieder in Bewegung gesetzt und es bei dem täglich fallenden Werte der Grundstücke fertig gebracht habe, einen Hypothekennehmer für sein Haus aufzutreiben? Bei solchen Schikanen blieb es nicht. Zum Entsetzen des alten Christiansen – die beiden Demoiselles waren glücklicherweise ausgegangen – wurde der Herr eines Vormittags auf die Polizei zitiert, um, wie es sich dann herausstellte, scharf inquiriert zu werden, auf welchem Wege er zu gewissen Nachrichten über Unglücksfälle gekommen sei, von denen die große Armee in Rußland betroffen sein solle? Und wie er es mit seinen Pflichten als französischer Staatsbürger vereinbaren zu können glaube, daß er diesen Nachrichten, deren Falschheit ihm, als gebildetem Manne und Kenner der Verhältnisse, doch unmöglich verborgen gewesen seien, noch dazu in einem öffentlichen Lokale unzweideutige, offenbar geflissentliche Verbreitung gegeben? Die Untersuchung, welche Warburg allerdings durch ein paar unvorsichtige Äußerungen in einer Weinstube auf sich herabbeschworen, währte über eine Woche, und er mußte noch von Glück sagen, als eine langwierige Gefängnisstrafe, die ihm drohte, im letzten Augenblicke in eine namhafte Geldbuße umgewandelt wurde. Hatte man soweit gegen den ehemaligen reichen Kaufherrn und angesehenen Beamten Milde walten lassen, glaubte man mit einem alten jüdischen Manne keine Umstände machen zu brauchen. Allerdings lag der Fall des Herrn Hirsch viel schlimmer. Man hatte erst im weiteren Verlaufe der Untersuchung auf ihn zurückgegriffen, als sich bei peinlich genauer Nachforschung des Kommens und Gehens Warburgs in den letzten Tagen herausstellte, daß er wiederholt einen Besuch in dem Hause auf dem Bleichergang abgestattet hatte. Dies und die der Polizei bekannte oder jetzt erst bekannt gewordene Tatsache, daß Herrn Hirschs Geschäft vor der Okkupation wesentlich in russischen Importen bestanden, genügte, ihn verdächtig zu machen, und eine mitten in der Nacht angestellte Hausuntersuchung bestätigte den Verdacht vollauf. Zwar den Brief aus Twer hatte der Alte zu seinem – und nicht minder zu Warburgs – großen Glücke vernichtet, sobald er an jenem Abend nach Hause gekommen war; auch enthielten die vorgefundenen russischen Korrespondenzen nichts wirklich Gravierendes; aber der bloße Umstand, daß diese bis in die letzte Zeit hineinreichenden Briefe aus Rußland gekommen waren auf Wegen, die weitab von dem gewöhnlichen Postenlauf lagen, galt in den Augen der argwöhnischen Polizei als hinreichender Beweis hochverräterischer Umtriebe. Man ließ den Alten aus der Vernehmung gar nicht erst wieder nach Hause, sondern behielt ihn sofort in strenger Haft, deren Dauer, trotzdem, vielmehr gerade weil ein eigentlicher Urteilsspruch nicht gefällt war, unabsehbar schien. Das Unglück des alten, rechtschaffenen Mannes, dessen Wohltätigkeitssinn in seinem Kreise sprichwörtlich und auch vielen bekannt war, die seinen demütigen Gruß auf der Gasse sonst kaum erwiderten, erregte, wenn auch nur vorübergehend, selbst in dieser Zeit der Willkür und Schreckensherrschaft ein peinliches Aufsehen, unter dem wiederum Warburg am meisten zu leiden hatte. Es konnte ihm nichts schuld gegeben werden, als jene unvorsichtigen Äußerungen in der Weinstube. Aber weshalb war er so unvorsichtig gewesen? Und wer konnte wissen, ob er, von dem Untersuchungsrichter in die Enge getrieben, nicht dennoch Herrn Hirsch als denjenigen bezeichnet habe, dem er seine Weisheit verdanke? Und ob er sich nicht, indem er den Mitschuldigen preisgab und sich selbst salvierte, zugleich seinen letzten Gläubiger – denn nur der gutmütige Hebräer konnte dem sonst völlig Kreditlosen neuerdings beigesprungen sein – auf voraussichtlich lange Zeit vom Halse habe schaffen wollen? Dem Vielgewandten, dem Manne des zügellosen Lebensgenusses, dem Allerweltsschuldner, dem Franzosenfreunde könne man füglich das alles und noch Schlimmeres zutrauen. Deshalb möge man aber auch die Nachsicht, die man bisher etwa gegen ihn geübt, fahren lassen und von ihm eintreiben, was nur eben einzutreiben sei, und sollte er darüber auf das nackte Pflaster gesetzt werden. Ein solcher Mann verdiene es nicht besser. Neuntes Kapitel. So waren die trüben Ahnungen und Voraussagungen Minnas zur furchtbarsten Wahrheit geworden. Wies der Zeiger des Zifferblattes der Weltgeschichte für Napoleon auf tiefen Niedergang, so schien die Uhr des Warburgschen Hauses vollends abgelaufen. Der einst so zuversichtliche, selbstzufriedene Vater schlich gedrückt und kummervoll einher, kaum daß er die scheuen Blicke aufzuschlagen wagte; Johannas Augen, die sonst von Lebenslust glänzten, waren jetzt oft von Tränen gerötet, die sie heimlich geweint hatte, wenn sie auch immer noch in Gegenwart der anderen die alte Heiterkeit zur Schau zu tragen versuchte; und nur Minna erschien völlig gefaßt und entschlossen, dem Unglück, das über sie wahrlich nicht zum mindesten schwer hereingebrochen war, die Stirn zu bieten. Für sie hatte jene Nacht in der Tat eine Krisis gebracht, aber in einem ganz anderen Sinne, als die jüngere Schwester gemeint. Für sie hatte es sich nicht um eine Erleichterung gehandelt, wie sie ein reichlicher Tränenerguß und leidenschaftliche Aussprache dem gepreßten Mädchenherzen gewähren. Für sie war es ein Verzweiflungskampf gewesen, und die Schwester hatte ihr nur als Zeugin und Eideshelferin dienen sollen, daß sie den Schwur halten wolle und halten werde, den sie dem zuckenden Herzen in diesem Kampfe abgerungen. Und indem sie so für ihr Sehnen und Denken nach dieser Seite zu einem endgültigen Abschlusse gekommen, hatte sie die Empfindung jemandes, der eine schwere Arbeit, welche Geist und Gemüt völlig in Anspruch nahm, vollendet und nun mit noch halb verschleierten Sinnen in die Welt schaut, die ihm solange hinter seinem Werke versunken gewesen war. Aber diese Empfindung war für sie nichts weniger als erfreulich. Mit Beschämung wurde sie gewahr, wie sie den Vorkommenheiten in der Familie, den Ereignissen draußen nur eine halbe Aufmerksamkeit ungern gewidmet hatte; daß sie den Ihren, den Freunden nicht das gewesen war, was sie ihnen hätte sein können und also sein müssen. Wie schlecht hatte sie den Schwur gehalten, den sie sich am Totenbette der Mutter vor sechs Jahren geschworen: der jüngeren Schwester die Dahingeschiedene, soweit in ihren Kräften stand, zu ersetzen! Hatte sie ein Auge, ein Verständnis dafür gehabt, daß, während sie selbst nur ihrer Liebe lebte, das wilde junge Ding zur stattlichen Jungfrau herangereift war und bereits ihrerseits den Roman ihrer Liebe durch mehr als ein Kapitel fortgesponnen hatte: einer ernsthaften, das ganze Herz erfüllenden, sich ihres Zieles wohl bewußten Liebe, die noch dazu in diesem Augenblicke vor einer entscheidenden Katastrophe stand? Oskar konnte dem Drängen seiner Eltern nicht länger ausweichen; er mußte nach Stockholm zurück. Er hatte Johanna gesagt und wiederholte es jetzt Minna, daß die Eltern bereits seit Jahren eine Verbindung mit einer Anverwandten, einem schönen und reichen Mädchen, geplant hätten, und er nicht zweifeln könne, sie würden jetzt alles daran setzen, ihn zu dieser Verbindung, endgültig zu bestimmen. Es werde einen schweren, sehr schweren Kampf kosten, die Eltern zum Aufgeben eines so lange gehegten Herzenswunsches zu vermögen. Dennoch hoffe er zuversichtlich, als Sieger aus diesem Kampfe hervorzugehen, den Eltern schließlich auch die Einwilligung zum Bunde mit Johanna abzubetteln und abzutrotzen. Aber freilich – von den äußeren Verhältnissen einmal ganz abgesehen – würde dann nicht die erste Frage der Eltern sein, ob er sich nicht nur der Liebe der Geliebten, sondern auch der Einwilligung ihres Vaters versichert halten dürfe? und was solle er auf den letzteren Teil der Frage antworten? Hier ließ selbst die mutige Johanna das Köpfchen hängen. Sie wußte am besten, wie unendlich schwer es dem Vater fallen würde, sie wegzugeben. Kannte sie doch nur zu wohl seinen Egoismus! und hatte er ihr doch in seiner Weise, die sich unbedenklich in Empfindungen und Worten übernahm, mehr als einmal versichert, daß ihm der Gedanke, sie von sich zu lassen – einem Manne zu überlassen, der prätendiere, sie mehr zu lieben, als er sie – abscheulich, entsetzlich, unerträglich sei! Und er sollte sich zu einem Heroismus, der seiner Natur so fern lag, aufraffen in einem Augenblicke, wo das Leben ihn, den Verwöhnten, finster und drohend von allen Seiten anstarrte? der einzige Lichtschein, der in die Nacht seiner Verzweiflung fiel, von dem Antlitze seines geliebten Kindes ausging? Minna teilte diese Bedenken, die der Zartsinn der Schwester kaum anzudeuten wagte, in vollem Maße; sie hatte auch noch andere, die wiederum sie nicht zur Sprache bringen mochte. Oskars Vater war ein wohlhabender, aber keineswegs reicher, schon älterer Herr, der bereits mehrere Töchter an vermögenslose Männer verheiratet und zwei Söhnen ein selbständiges Geschäft eingerichtet hatte. So mußte man in dem Sandströmschen Hause mit den Mitteln vorsichtig umgehen. Das einzige aber, was ihren Vater mit dem Gedanken hätte aussöhnen können, sich von seinem Liebling trennen zu sollen, wäre die Gewißheit gewesen, ihr dadurch ein Leben voll Herrlichkeit und Freude nach seinem Geschmack zu verschaffen, wie es einzig ein großer Reichtum gewähren konnte. Und nun hatte sich Oskar, indem er weiter zur Familie hielt, auch noch das Wohlwollen Billows verscherzt und damit die Aussicht auf eine kaufmännische Stellung, welche in dieser schlimmen Zeit als eine auskömmliche angesehen werden mußte und sicherlich von dem alten Kaufherrn in Stockholm so angesehen wäre. Wie dem auch sein mochte, Oskar durfte mit diesen ungelösten Zweifeln hinter sich nicht reisen; eine Entscheidung mußte stattfinden, und Minna übernahm es, sie herbeizuführen. – Wenn Johanna zum Vater geht, sagte sie, so gibt das nur eine leidenschaftliche Szene ohne Resultat; mit mir wird der Vater Vernunft sprechen; auf jeden Fall werden wir wissen, woran wir sind. – Johanna fiel der Schwester um den Hals, Oskar küßte ihr beide Hände. Minna wehrte ab, lächelnd über den Egoismus der Liebenden, der sich in dieser stürmischen Dankbarkeit so naiv kundgab. Oder hatten die Glücklichen wirklich keine Ahnung davon, daß, wenn sie ihre Sache zu einem guten Ende führen wollte, sie auch bereit sein mußte, den Preis dafür zu zahlen? Es war ein trüber Dezembernachmittag, als Minna sich zu dem Vater in das Kontor begab, das sie seit jenem Morgen, als er ihr die Eröffnung über seine verzweifelte finanzielle Lage machte, nicht wieder betreten hatte. Damals war es gewiß schon eine schlimme Zeit für das Warburgsche Haus gewesen, aber wieviel schlimmer war es seitdem geworden! Von den Hinterzimmern nach vorn gehend, war sie auf dem Flur einigen von den französischen Beamten begegnet, die jetzt in dem Hause aus und ein schwärmten. Die Menschen hatten ihr frech in das Gesicht gestarrt; einer sogar hinter ihrem Rücken eine häßliche Bemerkung gemacht, welche von den anderen mit einem rohen Gelächter erwidert wurde. Sie war sich in dem Hause, das bereits dem Vater des Vaters gehört, wie ein eben nur noch geduldeter Fremdling vorgekommen, und fremd und unheimlich mutete sie jetzt auch das Kontor des Vaters an. Der sonst so behagliche Raum, aus welchem Teppiche und Gardinen, außer dem Arbeitstische und zwei Stühlen auch sämtliche Möbel verschwunden waren, bot ein melancholisches Bild der Verödung und Verwahrlosung. Die paar kümmerlichen Kohlen, die im Kamin glimmten, schienen andeuten zu wollen, daß demnächst auch der letzte Funke des früheren Glückes hier verlöschen werde. Was Minna aber tiefer als das alles ins Herz schnitt, war der Anblick des Vaters selbst. Das war der stattliche Herr nicht mehr, der mit seinen fünfzig Jahren in Haltung und Miene noch immer das Wesen eines Jünglings halb affektiert und halb in Wirklichkeit bewahrt hatte; das war ein alter Mann mit schlaffen Zügen und müden Augen, die sich jetzt mit einiger Unruhe nach der Eintretenden wandten. Es ist heute erst Freitag, soviel ich weiß, sagte er. Ich komme nicht um das Wirtschaftsgeld, erwiderte Minna. Darf ich dann fragen, was dich zu mir führt? Er hatte sich mit der Höflichkeit, die er auch gegen die Töchter nie außer Augen setzte, erhoben und ihr den anderen Sessel zurechtgerückt. Es ist mir sehr lieb, daß du wenigstens nicht um Geld kommst, fuhr er fort, ich könnte dir heute nicht einen Schilling geben. Ich weiß nicht, erwiderte Minna, ob das, was ich von dir zu erbitten gekommen bin, dir zu geben nicht noch schwerer fallen wird. Dann würde ich es in deiner Stelle nicht erbitten. Ich würde es sicher nicht, wäre es für mich. Warburg rückte unruhig in seinem Sessel hin und her. Möchtest du zur Sache kommen, sagte er. Ich gestehe, die letzten Wochen haben mich ein wenig nervös gemacht. Minna hatte keine Zeit gehabt zu überlegen, wie sie die schwierige Sache vorbringen sollte; sie fühlte, während sie sprach, daß ihr das jetzt zugute kam. Sie hätte am Ende doch wohl diese oder jene Phrase gemacht; advokatorisch, je nach Befinden, diese Seite in ein besseres Licht gestellt, auf jener wenigstens die Schatten abgemildert. Von solchen Künsten mußte jetzt ihre Rede freibleiben. Und zuletzt war es keine Heuchelei, sondern der Ausdruck einer ehrlichen Überzeugung, wenn sie den Vorzug, den der Vater Johanna von je hatte zuteil werden lassen, als vollkommen berechtigt hinstellte und die Größe des Opfers, das ihm zugemutet wurde, in treuherziger, sympathischer Weise anerkannte. Der Vater hatte, während sie sprach, mit verschränkten Armen vor sich niederblickend, dagesessen, ohne sie nur einmal zu unterbrechen, ja ohne sich zu regen, in der Haltung jemandes, der gleich nach den ersten Worten des anderen seinen Entschluß in der betreffenden Sache gefaßt hat und jenen nur aus Höflichkeit bis zu Ende reden läßt. Wie der Entschluß lauten würde, darüber glaubte Minna nicht im Zweifel sein zu dürfen, und so hatte sie denn weiter und bis zu Ende geredet, wie ein tapferer Soldat weiter kämpft, auch wenn er sieht, daß seine Sache hoffnungslos ist. Um so mehr erschrak sie jetzt, als der Vater, nachdem sie gesprochen, die Augen aufschlagend und die Arme schlaff herabsinken lassend, dumpfen Tones sagte: Wenn also Johanna wirklich entschlossen ist, und du zustimmst und deine Einwilligung gibst, so habe ich selbstverständlich nicht das Recht, nein zu sagen. Du – nicht das Recht? murmelte Minna. Allerdings, erwiderte Warburg. Ein Recht, in das Schicksal seiner Kinder einzugreifen, hat nach meiner Auffassung ein Vater nur, wenn er und solange er die Kraft und die Macht hat, diejenige Wendung ihres Lebensweges, welche er bevorzugt, zu einer für sie günstigen und erfreulichen zu machen. Meine Kinder sind vor mir sicher; ich kann sie so wenig in ihrem Glücke fördern, als, wenn sie im Unglücke sind, daraus reißen. Sieh hier diesen Brief – von Georg! – Bitte, zu lesen! Was er jetzt da vom Tische nahm und ihr mit zitternder Hand reichte, war ein schmaler Streifen Papier, der wohl in einem eigentlichen Brief eingeschlossen gewesen sein mochte, auf beiden Seiten so eng beschrieben, daß Minna bei dem spärlichen Licht im Zimmer Mühe hatte, die Bleistiftzüge zu entziffern. »Ich bin hier in Petersburg seit vorgestern gesund und frisch wie nur je, aber ohne alle Mittel, lebend von den Almosen, die mir die H.schen Freunde, welche mich hierher spediert haben, weiter gewähren, trotzdem sie in Erfahrung gebracht haben wollen, daß Herr H. um meinetwillen gefangen sitzt. Ich bitte Dich, reiße mich aus dieser qualvollen Lage und schicke mir umgehend, was ich zur Heimfahrt brauche, die ich natürlich nicht bis unmittelbar zu Euch fortsetzen kann. Sprich doch mit B., ob er mich auf seinem holsteinschen Gute aufnehmen will; ich wäre da sicher vor der französischen Polizei und doch in Eurer Nähe, sobald die Stunde schlägt. Sie wird aber bald schlagen. Deshalb, lieber Vater, beeile Dich mit der Sendung! Ich wäre untröstlich, müßte ich die Stunde versäumen, die ich seit Jahren herbeigebetet und -geflucht habe.« Warburg hatte, während Minna las, eine Kerze entzündet, in deren Flamme er das Blatt hielt, das sie ihm zurückgegeben. Ich möchte nicht Herrn Perthes ins Unglück bringen, wie ich Herrn Hirsch ins Unglück gebracht habe, sagte er. Ich erhielt dies durch seine Güte; der Mann hat seine Verbindungen überall. Er war auch, da er meine Lage so ziemlich kennt, großmütig genug, mir Geld anzubieten, damit ich Georg kommen lassen könne. Er behauptete, es sei ebenso seine Pflicht, das Geld zu geben, wie die meine, es zu nehmen, da es sich darum handle, der guten Sache ein mutiges Herz und zwei starke Arme, die sie bald genug brauchen würde, mehr zu schaffen. Ich konnte mich nicht entschließen; es ist so furchtbar, keinem Menschen ins Gesicht sehen zu können, ohne sich dabei sagen zu müssen, daß man sein Schuldner ist. Aber das Geld für Georg muß geschafft werden, sagte Minna eifrig. Wie wir ihn kennen, wird er eher alles erdulden, als die Schmach, ein Gnadenbrot zu essen, das ihm ungern gereicht wird. Ich bin bei Gott nicht schuldig an Herrn Hirschs Unglück, murmelte Warburg. Ich habe seinen Namen nicht genannt, wie sie mir jetzt nachsagen – schändlicherweise – ich habe ihn nicht ans Messer geliefert, den alten Mann; ich habe es bei Gott nicht getan. Warum beteuerst du mir das, Vater, sagte Minna, als ob es dessen bei mir bedürfte? Ich bin überzeugt, daß von allem Unglück, das dich betroffen, dir keines so schmerzlich ist, als die unschuldige Veranlassung zu Herrn Hirschs Unglück gegeben zu haben. Das lohne dir Gott, mein Kind! rief der Vater, ihr die Hand entgegenstreckend. Es war ein wenig übertrieben herausgekommen, und auch die begleitende Geste hatte etwas Theatralisches. Aber was die strenge Ehrlichkeit des jungen Mädchens so oft beleidigt hatte, rührte sie heute. Da hinten in dem engen, dämmrigen Zimmer bangten zwei junge, klopfende Herzen der Entscheidung entgegen, die sie ihnen erkämpfen sollte; und hier hatte sie anstatt des gestrengen Vaters und Herrn einen gebrochenen Mann gefunden, dem für ein teilnehmendes Wort, das man ihm spendete, dankbare Tränen in die Augen traten. Ihr Zartgefühl sagte ihr, daß sie dem Vater die Beschämung über die an den Tag gelegte Schwäche möglichst abmildern müsse, und so tat sie, was sie seit Jahren nicht getan: sie nahm die dargebotene Hand und führte sie an die Lippen. Eine Zeitlang schwiegen beide. Um so lauter und mißtönender war das Geräusch, das von oben herabkam, wo man, in schweren Stiefeln umherlaufend, Tische und Stühle polternd durcheinanderschob; und der Lärm vom Hausflur, wo ein paar Leute in Streit geraten schienen, den sie in überlautem Tone führten. Minna stand auf, riegelte die Tür ab und kam langsam zu ihrem Sitze zurück. Vater, begann sie von neuem, du deutetest neulich an, es wäre nicht unmöglich, Herrn Hirsch aus dem Gefängnisse zu befreien, wenn man nur eine gewisse bedeutende Summe aufzubringen vermöchte? Mit Geld ist bei diesen Menschen alles erreichbar, murmelte Warburg. Weiß es die Hirschsche Familie? Aber wie sollte sie nicht! So kann sie das Opfer bringen? Sie kann es nicht bringen! Hirsch hat mir sein letztes bares Geld gegeben. Neues aufzutreiben ist ihnen bis jetzt unmöglich gewesen, auch bei den Glaubensgenossen. Es denkt jetzt eben jeder nur an sich. Es ist eine Ehrenschuld, die auf dir lastet, Vater, und von der du dich lösen mußt, bevor du ruhig wieder schlafen kannst. Das ist das eine. Das andere: wir dürfen Georg nicht in der Fremde verkommen lassen. Mein Gott, rief Warburg heftig, was sagst du mir das alles? Als ob es mir nicht schon schwer genug auf der Seele lastete! Du sagtest mir auch, fuhr das junge Mädchen in demselben leisen, festen Tone fort – du wirst dich erinnern: es war an dem Morgen des Tages, als du mich hierher in das Kontor rufen ließest – es gebe nur einen in Hamburg, der dir helfen könne. Und, füge ich jetzt hinzu, der auch in der Lage wäre, Oskar eine baldige Verbindung mit Johanna zu ermöglichen. Es gibt auch diesen einen nicht mehr, murmelte Warburg. Das weißt du doch so gut wie ich. Bist du sicher, daß er helfen könnte? Gerade so sicher, wie, daß er jetzt nicht mehr wird helfen wollen. Auch nicht, wenn du ihn bätest, wieder in unser Haus zu kommen? Warburg antwortete nicht sogleich. Mein Gott, die Frage konnte ja nur eine Bedeutung haben! Aber war denn das möglich? Das wäre sie imstande zu tun? – Er suchte in ihrem Gesichte zu lesen; es gelang ihm nicht bei der tiefen Dämmerung, die jetzt, nachdem er vorhin die angezündete Kerze wieder ausgelöscht hatte, in dem Gemache herrschte. Ich glaube auch dann nicht, murmelte er endlich, Wohl wissend, daß er log, und daß Billow auf den ersten Ruf zurückkehren würde. Aber wie sich dies, was wie ein Hoffnungs- und Rettungsstern in seiner Nacht der Verzweiflung aufging, weiter, Licht und Leben spendend, entwickeln mochte – er durfte es nicht heraufgerufen haben; er mußte sagen dürfen: ich habe es nicht gewollt, du weißt es! So werde ich selbst ihn bitten, sagte Minna. Warburg fühlte den Drang, sich dem großmütigen Mädchen zu Füßen zu stürzen; aber das durfte er ja wiederum nicht. Er mußte vielmehr im Tone des warnenden Vaters sagen: Versprichst du nicht zu viel, mein Kind? Du weißt, ihr seid nicht freundschaftlich voneinander geschieden. Es wird ohne alle Konzessionen deinerseits nicht abgehen. Der Vater sah das bittere Lächeln nicht, das bei seinen letzten Worten um Minnas Mund zuckte. Nun gut, sagte sie, ich werde also an ihn schreiben. Eine schickliche Gelegenheit bietet sich überdies. Er hat die Weihnachtsabende der letzten Jahre immer bei uns zugebracht. Ich werde ihn bitten, auch diesmal von der alten Gewohnheit nicht abzuweichen. Kommt er früher, kommt er, wie ich hoffe, umgehend, seinen Dank abzustatten, desto besser. Und nun, Vater, möchtest du dich der beiden erinnern, die voll Angst deiner Entscheidung entgegenharren? Es ist doch wünschenswert, daß Oskar es aus deinem Munde hört. Freilich! freilich! murmelte Warburg. Minna hatte sich erhoben; der Vater folgte nicht alsbald. Sie sah den Blick nicht und hätte, auch wenn sie ihn bemerkt, den diebesscheuen Ausdruck nicht verstanden, mit dem er über ein gewisses Schubfach des Pultes gestreift war. Er aber sah in seines Geistes Auge das Schubfach offen und die Briefe in ihrer Hand, wie sie dieselben hastig entfaltete, den Inhalt gierig verschlang; zu ihm aufblickte, ihm die Blätter vor die Füße schleuderte: Dieb, Verräter an dem, was dem letzten der Barbaren heilig ist: an dem Herzen, an der Ehre deines Kindes! Hast du noch Bedenken? fragte Minna verwundert, daß der Vater sitzenblieb. Dann sag es jetzt; es ist besser, daß es unter uns besprochen wird, als vor den beiden. Nein, nein, ich habe nichts mehr, nichts mehr, murmelte Warburg, sich schwerfällig aus seinem Stuhle erhebend. Bedenken? Man darf nicht bedenklich sein in dieser schlimmen Zeit. Zehntes Kapitel. Es ist wenigstens nicht umsonst, sagte sich Minna während der folgenden Wochen, in denen keine dahinging, ohne etwas Erfreuliches in das Warburgsche Haus gebracht zu haben. In der ersten Zeit Briefe aus Stockholm von Oskar, heute seine glückliche Ankunft meldend, und daß er seine Familie im besten Wohlsein angetroffen; morgen: er habe eine Unterredung mit seiner Mutter gehabt; die Gute habe seinen Bitten nicht widerstehen können und versprochen, den Vater vorzubereiten und möglich günstig zu stimmen. Dann wieder: der Vater gehe seit Tagen grollend im Hause umher; das sei ein gutes Zeichen. Er grolle stets, wenn er fühle, daß er zu etwas, das ihm wider Willen sei, schließlich werde ja sagen müssen. Endlich: »Viktoria! ich habe die Einwilligung des besten der Väter! Ich hatte mein schärfstes Geschoß bis zuletzt aufbewahrt: dein Miniaturbild, mein holdes Mädchen, das ich aus dem Busen zog und ihm schweigend bot, nachdem er mir mit tausend Gründen auseinandergesetzt, er könne und könne nicht anders und müsse nein sagen. Erst legte er es unwillig beiseite; dann nahm er es, wie in der Zerstreuung, doch zur Hand, wollte einen flüchtigen Blick darauf werfen, der zu einem langen, langen wurde und zu einem noch längeren geworden wäre, nur daß ihm die Augen übergingen. Das war denn natürlich für mich das Signal, ihm an den Hals zu springen. Wir umarmten uns; die gute Mutter mischte ihre Tränen mit den unseren, und der Bund war geschlossen. Viktoria! Das Schiff unseres Glückes ist sicher im Hafen geborgen.« Und »Ich bin geborgen!« begann der Brief, der, ehe man es für möglich gehalten – bereits am Ende der dritten Woche – von Georg aus Kopenhagen eintraf. »Als wäre er im Bunde mit meiner fiebernden Ungeduld, raste uns ein Oststurm über die See. Keine Möglichkeit, in Karlskrona, Ystadt, Malmö anzulaufen, wie der Schiffer wollte. Weiter, weiter über die winterlichen Wogen, oft durch Eisschollen, die sich zu Bergen türmten, bis uns eine Wendung, die der Sturm nach Norden nahm, in den Sund schleuderte und in den Hafen von Kopenhagen. Ich bin hier in voller Sicherheit, dank der Protektion, welche der Name B.s gewährt, der, wie ich sehe, hier womöglich noch besser akkreditiert ist, als in Hamburg. Bei seinem Geschäftsfreunde, in dessen Hause ich wohne, fand ich auch einen Brief von ihm vor, der mir meldet, daß sein Verwalter auf W. von meinem Kommen avertiert ist, und er selbst mich, sobald es seine Zeit erlaubt, dort aufsuchen werde, alles weitere mit mir zu verabreden. Der treue, brave Mensch! Mein Leben wird nicht ausreichen, ihm den Dank abzutragen für alles, was er in so uneigennütziger Liebe an mir getan.« Das waren ja denn gewiß gute Nachrichten, aber vielleicht noch erfreulicher war für Minna die Kunde, welche der Vater ein paar Tage später mit nach Hause brachte, daß Herr Samuel Hirsch auf freien Fuß gesetzt sei; weil, wie das » Journal du Département des bouches de l'Elbe « prahlerisch meldete, »sich bei der Revision der Akten einige Formfehler gefunden hätten, welche französischer Gerechtigkeitssinn nicht dulden könne, weshalb denn seine Exzellenz, der Herr General Cara St. Cyr, als Stellvertreter des Prinzen-Statthalters, die sofortige Entlassung des Detinierten befohlen habe«. Alle Welt verhöhnte diesen »Beweis der Milde der kaiserlichen Regierung«. Aber, sagte der Vater, wo Theodor Billow sich auf der Straße zeigt, da grüßen ihn die Leute respektvoll und blinzeln ihm dankbar zu. Ich weiß nicht, wie es unter sie gekommen ist. Auch kann ich dir jetzt im Vertrauen sagen, daß in Stockholm ein Brief Billows doch wohl entscheidender gewirkt hat, als ein gewisses allerliebstes Porträt. Ich bitte dich aber, darüber reinen Mund zu halten, vor allem gegen Billow selbst. Er ist nicht der Mann, seine linke Hand wissen zu lassen, was die rechte tut. Wenn Minna ihre Gründe hatte, an der strengen Richtigkeit der letzten Behauptung zu zweifeln, so mußte sie sich doch eingestehen, daß Billow sich in dieser ganzen Zeit mit einem Takte und einer Klugheit benahm, die sie ihm nicht zugetraut hatte und ihr wider Willen Achtung abnötigten. Er hatte das Billett, worin sie ihn namens des Vaters bat, die alten Beziehungen wieder aufnehmen zu wollen und nach alter Gewohnheit den heiligen Abend in dem Warburgschen Hause zu verbringen, »mit aufrichtigem Danke« beantwortet und dann hinzugefügt: Freilich habe ich die Empfindung, daß ich mir die hohe Ehre, derer ich gewürdigt werde, vor allem auch die in Aussicht gestellte Weihnachtsfreude, erst verdienen soll. Sie müssen mir daher verstatten, von der erhaltenen Erlaubnis nicht eher Gebrauch zu machen, als bis ich mir nach dieser Seite selbst genug getan habe. Getreu diesem Programm, hatte er inzwischen keinen Fuß über die Warburgsche Schwelle gesetzt; dafür war er denn, sobald die mit dem nötigen Geheimnis umgebene Ankunft Georgs auf seinem Holsteinschen Gute gemeldet war, sofort dahin abgereist, um, wie er Warburg sagte, nach dem Rechten zu sehen; besonders auch, den Tollkühnen von unvorsichtigen Schritten abzuhalten, die ihn unweigerlich ins Verderben stürzen würden. Man wußte in der Familie nur zu gut, wie man das letztere zu deuten hatte. War doch Georg, sobald er sich auf französischem Gebiete betreten ließ, als Deserteur dem Standrecht verfallen, eines schimpflichen Todes gewiß! Und die Entfernung des Gutes von Hamburg betrug nur sechs Meilen! Welcher Anreiz für den Wilden, die so nahgelegene, in wenigen Stunden erreichbare, ihm verpönte Grenze zu überschreiten und sich die Lust des Wiedersehens der Seinen nach so langer Trennung zu gewähren, auf die Gefahr hin, seinen Kopf zu Markte zu tragen! Je drohender aber bei Georgs wohlbekannter Sinnesart die Gefahr, um so dankenswerter Billows freundschaftliche Sorge der Verhütung derselben. Wahrlich, er tat das Menschenmögliche, sich seine »Weihnachtsfreude« redlich zu verdienen! Weihnachten aber stand vor der Tür, und es schien ein Freudenfest werden zu wollen für die Warburgsche Familie. Georg, der vor wenigen Wochen noch Unerreichbare, im fremden Lande dem Untergange scheinbar rettungslos Preisgegebene, in unmittelbarer Nähe und in des Freundes sicherer Hut; der liebreiche, alte jüdische Herr den Klauen seiner Peiniger entrissen, in seinem bescheidenen Häuschen auf dem Bleichergange still geschäftig die zerrissenen Maschen in dem Netze seiner Geschäfte wieder zusammenwebend; der Vater, seiner dringendsten Geldsorgen enthoben, in alter sanguinischer Weise sich bereits wieder mit neuen Unternehmungen, die zweifellos einschlagen mußten, tragend. Und nun, die Freude voll zu machen, von Oskar die Nachricht, daß er die Erlaubnis bekommen habe, das Weihnachtsfest »bei seiner Braut« verbringen zu dürfen, und er seinem Briefe auf dem Fuße folge. Die überglückliche Johanna sang und tanzte in dem Hause herum vor den grollenden Augen sogar der französischen Beamten, denen freilich nicht nach Tanzen und Singen zumute war. Denn immer drohender für sie mehrten sich die Anzeichen, daß aus der »retrograden Bewegung der großen Armee nach den wohlverdienten Winterquartieren«, von der die Bulletins gesprochen hatten, ein demütigender, von, wie es schien, unermeßlichen Unglücksfällen und Verlusten begleiteter Rückzug geworden war, der vielleicht erst hinter der Weichsel, möglicherweise erst jenseits der Elbe enden würde. Wer mochte wissen, ob der große Kaiser selbst noch lebe? Man traute ihm zu, daß er die ungeheure Schmach einer Niederlage an der Spitze der größten Armee, welche die Welt gesehen, die schwere Verdunkelung seines göttergleichen Glücks nicht werde haben überdauern wollen. Vielleicht – wer konnte es wissen? – war, indem man hoffend bangte und bangend hoffte, bereits das Schlimmste eingetreten! Man mußte es fürchten, wenn man die zufriedenen Gesichter dieser Bourgeois sah, die bis dahin so finster dreingeschaut hatten; die trotzige Miene des Pöbels, der hier und da schon Anzeichen gab, daß er nicht länger Lust habe, das geduldige Lasttier des fremden Herrn zu sein. Der Zeiger auf der Uhr des Napoleonschen Geschicks wies auf tiefen, tiefen Niedergang. Das mochte jetzt jeder sehen, der Augen zum Sehen hatte. Auch Minna sah es und sah es schärfer als tausend andere. Hatte doch für sie jener Niedergang noch eine ganz besonders schmerzliche Bedeutung! Waren doch die siegreichen französischen Fahnen das Symbol ihres persönlichen Glücks gewesen, wie ihr Unterliegen die Besiegelung ihres Unglücks. Aber viel schmerzlicher war die Einsicht, die sich ihr mit jedem Tage stärker aufdrängte, daß, was sie für sich auf Erden erhofft, vom ersten Moment an eine Schimäre und, schlimmer als das, ein Unnatürliches, dem Denken und Fühlen einer patriotischen Seele Hohnsprechendes gewesen sei. Der Geliebte ihres Herzens war und blieb doch immer der Feind ihres Vaterlandes; und wie hoch ihn der Adel seiner Gesinnung, der ideale Schwung seines Geistes über das Gros dieser brutalen Soldateska hinaustrug: ein Werkzeug in der eisernen Hand seines Kriegsherrn und, wie sehr auch wider seinen Willen und die Empfindung seines Herzens, der Vollstrecker von dessen Grausamkeiten. Dieser grelle Widerspruch zwischen der Idylle, von der zwei liebende Herzen träumten, und dem Kriegslärm, der die Welt durchtoste; diese Unmöglichkeit, ein privates Glück auf dem allgemeinen Unglück aufbauen zu wollen – sie hatten doch einmal sich offenbaren müssen, und da war die Herbheit rechtzeitiger Erkenntnis der langsam tötenden Qual zu später endloser Reue vorzuziehen. Freilich, gnadenvoller vom Himmel wäre es gewesen, wenn sich ihr jene rettende Erkenntnis aus der eigenen Einsicht erschlossen hätte, nicht all dies Leid erst über sie hätte kommen müssen, ihr die Augen aufzutun. Nun denn, so war dies Leid eben der Preis der Rettung von dem Abgrunde, an dessen äußerstem Rande sie bereits gestanden, die Buße für das Verbrechen an ihrem Volke, ihrer Familie, das sie hatte begehen wollen, dessen erste Stadien sie bereits durchmessen. Würde sie Kraft genug haben, die Last dieser Buße zu tragen? Sie hoffte es; aber wäre es nicht der Fall – der Heiland der Welt konnte auch nur das Kreuz auf sich nehmen; er konnte nicht verhindern, daß er darunter zusammenbrach. Als sollte sich an ihr das alte Wort von dem Speer erfüllen, der die Wunde, die er geschlagen, auch allein zu schließen vermag, brachte jetzt die letzte in Hamburg eingetroffene Nummer des Pariser Moniteur eine schwerwiegende Nachricht. Der Marquis Hypolit Drouot d'Héricourt, seit Smolensk Oberst und persönlicher Adjutant Seiner Majestät, war, seinem Herrn vorauseilend, in Paris eingetroffen mit wichtigen Depeschen für den Senat, deren Inhalt sich vorläufig der öffentlichen Mitteilung entzog; um, nach Aufenthalt von nur vierundzwanzig Stunden, weiter nach Wien zu eilen in einer hochpolitischen Mission, welche Seine Majestät eben deshalb den geschickten und gewissenhaften Händen eines treuesten seiner treuen Diener anvertraut habe. Der Marquis werde auch nach Ausführung seiner augenblicklichen Aufgabe in der Hauptstadt des österreichischen Kaiserreichs verbleiben, wo er seinem Herrn in der aktuellen Lage der Dinge bessere Dienste leisten könne, als auf dem Schlachtfelde. Minna selbst hatte die Moniteurnummer in der Perthesschen Buchhandlung, die sie oft besuchte, eingesehen; und Herr Friedrich Perthes, der seiner fleißigen Kundin sehr gewogen war, hatte ihr die politische Erklärung der auffallenden Notiz gegeben. Es müsse Napoleon, der zweifellos in diesem Augenblicke bereits die deutsche Grenze überschritten, möglicherweise schon in Paris sei, nach der ungeheuren Einbuße, die seine faktische Macht und mehr noch sein Prestige erlitten, alles daran liegen, Österreich bei dem Bündnisse mit ihm festzuhalten, um so etwaige Abfallgelüste des Berliner Kabinetts zu zügeln; der in den östlichen Provinzen Preußens sich vorbereitenden Insurrektion ihre Aussichtslosigkeit zu zeigen; in den Rheinbundstaaten das wankend gewordene Vertrauen aufzufrischen. Übrigens werde der außerordentliche Botschafter – denn als solcher sei der Marquis anzusehen – in Wien einen schweren Stand haben, da eine starke Partei am Hofe und das Volk durchgehends der Vasallenschaft von Frankreich herzlich müde sei und entschlossen, die Schmach von Austerlitz bei nächster Gelegenheit in französischem Blute abzuwaschen. – Aber da fällt mir ein, hatte Herr Perthes hinzugefügt, als Minna bereits im Begriff war, den Laden zu verlassen: Sie müssen ja den Herrn Marquis kennen. Oder sollte es nicht derselbe sein, der bis zum Frühjahr bei uns in Garnison war? – ein ganz ungewöhnlich unterrichteter, man darf sagen: gelehrter Herr, der hier bei mir aus und ein ging, und der, wenn ich nicht irre, viel in dem Hause Ihres Herrn Vaters verkehrte? Er war damals allerdings erst Kapitän, aber auch das würde ja stimmen: Oberst seit Smolensk! Nun, man wird da entweder bald totgeschossen, oder man bleibt leben, zeichnet sich aus und macht ein rapides Avancement. Wer weiß, ob Sie Ihren Bekannten von ehemals nicht als Marschall wiedersehen! Ich will uns beiden freilich wünschen, daß wir ihn nicht wiedersehen – wenigstens nicht als Feind in unseren Mauern. Minna hatte die Kraft gehabt, mit einem Lächeln auf den Lippen dem verehrten Manne für seine Mitteilung zu danken. Dann wußte sie freilich nicht, wie sie durch die winterlichen Gassen nach dem alten Jungfernstieg gekommen war, und fand sich erst wieder, als sie an der Balustrade lehnte und auf die weiße Decke starrte, welche ein nächtlicher starker Schnee über das Eis der Alster gebreitet hatte. Was war das, was da so schwer auf ihr Herz drückte, wie gewaltsam es auch der gepreßte Busen in bangen Atemzügen wegzudrängen suchte? Hatte sie nicht gewußt, daß er noch lebte? Zweifelte sie daran, daß er sie noch liebte? Und doch! und doch! Man weiß ja auch, daß ein geliebtes Wesen gestorben ist; man zweifelt nicht daran, daß die Liebe, die uns mit ihm verband, den Tod überdauern wird; und dann steht man am Rande des Grabes, in das die Schollen hinabpoltern, und mit der Festigkeit ist es dahin. Was Vernunft und Religion dagegen einwenden mögen, unser Herz sagt uns, daß wir ein Unersetzliches verloren haben. Ade denn, du mein geliebter Toter! Auf Wiedersehen drüben, wo der Streit schweigt um mein und dein; keine blutigen Schlachten mehr geschlagen, keine diplomatischen Sendungen mehr gemacht werden; die liebende Seele nicht mehr geängstigt wird durch tausend Schrecken, nicht mehr gebunden ist an dies pochende Gehirn, dies dumpfe Herz; in schaudernder Wonne zusammenfließt mit der geliebten Seele, eines mit ihr zu sein durch alle Ewigkeiten. Und daß wir uns nie wieder begegnen mögen in diesem dunkeln Erdenleben, da wir nicht uns gehören, sondern der Not des Daseins, welche dieses von uns heischt und jenes, wovon unsere Seele nichts weiß, das unsere Seele nichts angeht, und was wir deshalb auch tun dürfen, ohne Schaden zu nehmen an unserer Seele! So denn, geliebte Seele, erhalte Gott dich rein und erhalte dich für mich in dieses Daseins Sklaverei, wie ich zu ihm stehe, daß er meine Seele rein erhalten möge für dich! Ein rohes Lachen in ihrer nächsten Nähe schreckte sie aus ihrem Gebete auf. Es kam von einem kleinen Schwarm französischer Offiziere, die sie schon eine Zeitlang, während sie weltverloren an der Balustrade lehnte, beobachtet haben mochten. Einer von ihnen, ein blutjunges Bürschchen, trat mit einer frechen Bemerkung an sie heran; aber brach jäh ab, als er ihr in die Augen gesehen, und stammelte eine verwirrte Entschuldigung. Sie nickte wie zum Zeichen, daß sie ihm seine Ungezogenheit verzeihen wolle, und schritt an dem Verblüfften und der jetzt regungslosen Gruppe seiner Kameraden ruhigen Blicks vorüber weiter den Weg nach ihrer Wohnung. Elftes Kapitel. Hier fand sie Vater und Schwester in großer Aufregung. Vor einer Stunde hatte der Inspektor von Billows Gute – ein derber, kluger Mann, der während dieser Wochen jedesmal zu dem verantwortlichen Botengeschäft ausersehen war – einen Brief seines Herrn überbracht, dessen Inhalt allerdings jene Aufregung rechtfertigte. Billow schrieb, daß er es nicht verantworten zu können glaube, Georg auf Warnesoe allein zu lassen, da er fürchten müsse, er werde, von des älteren Freundes Aufsicht befreit, sofort zur Ausführung eines der abenteuerlichen Pläne, mit denen er sich trage, schreiten. So sei er, Billow, zu seinem tiefsten Leidwesen gezwungen, auf das Vergnügen des Weihnachtsabends im Warburgschen Hause verzichten zu müssen. Er habe dagegen einen anderen Vorschlag, den zu machen er freilich den Mut nicht besitzen würde, sähe er ein anderes Mittel, den Mitgliedern der Warburgschen Familie ein vereintes Fest zu ermöglichen. Wie wäre es, wenn man ihm auf Warnesoe die Ehre des Besuches schenkte? Das große Haus sei zur Aufnahme so lieber Gäste bereit; die kleine Reise schnell getan und völlig ungefährlich, wenn man sich der sicheren Führung des erprobten Klaus Neddermeyer anvertrauen wolle. In der schmeichlerischen Annahme, daß seine Bitte williges Gehör finde, habe er sich außerdem eine Eigenmächtigkeit erlaubt, die man ihm hoffentlich verzeihen werde. Man wisse, daß Oskar Sandström seinen Weg nach Hamburg über Kopenhagen nehmen wollte. Er – Billow – habe ihm eine Einladung entgegengeschickt, ebenfalls das Fest in Warnesoe zuzubringen. Und zwar empfehle sich dies Arrangement außer in geschäftlicher – er habe wichtige Dinge mit Oskar zu besprechen – auch in politischer Hinsicht. Bei dem in der letzten Zeit immer schärfer gespannten Verhältnis zwischen Frankreich und Schweden sei man nicht sicher, ob den schwedischen Reisenden nicht in Hamburg Widerwärtigkeiten, Schikanen, ja wirkliche Gefahren erwarteten, von denen er auf dänischem Gebiete nichts zu fürchten habe, trotz, vielmehr gerade wegen des dänisch-schwedischen Konfliktes. Wie sehr man auch in Kopenhagen geneigt sei, es im Bunde mit Frankreich um den Besitz von Norwegen selbst auf einen Krieg mit Schweden ankommen zu lassen, bezeige man sich doch, um sich die skandinavischen Sympathien zu erhalten oder zu gewinnen, gegen den einzelnen Schweden, der sich als Gast oder Reisender im Lande aufhalte, von ganz besonderer Zuvorkommenheit. Aber, was man auch entscheide, man müsse es sofort entscheiden, solle er seine lieben Gäste morgen als am heiligen Abend noch in Warnesoe begrüßen können; und sich zu diesem Zwecke bereithalten, um vier Uhr spätestens morgen früh unter Klaus Neddermeyers Führung von Hamburg aufzubrechen. Und wir sitzen hier und warten auf dich! rief Johanna vorwurfsvoll. Wir haben in der Tat schmerzlich gewartet, sagte der Vater. So beeilen wir uns, unsere Vorbereitungen zu treffen, erwiderte Minna. Du Gute, Beste! rief Johanna, der Schwester um den Hals fallend. Ich sagte es ja! murmelte der Vater mit zufriedenem Kopfnicken. Man hatte sich mit Herrn Neddermeyer verständigt; der Vater sich in sein Kontor begeben, die durch die bevorstehende Reise nötig gewordenen geschäftlichen Anordnungen zu treffen; die Schwestern waren in dem Schlafzimmer, das jetzt, nachdem man den Hausbewohnern den Raum so beengt, ihnen auch als Wohnzimmer galt. Johanna kramte eifrig in ihren Sachen, von der Kommode zum Schrank, vom Schrank zur Kommode laufend; dies und jenes Stück ihrer Garderobe wählend, wieder wegwerfend; Fragen stellend, auf die sie keine Antwort abwartete; die ersten Takte eines Liedchens trällernd, das sie mit einem ärgerlichen Ausrufe unterbrach, weil sie etwas, das sie suchte, nicht finden konnte; über ihr tolles Gebaren selber lachend, glückselig, unartig; plötzlich der still dasitzenden Schwester auf den Schoß hüpfend, sie mit den Armen umschlingend, weinerlich ausrufend: die ganze Freude sei ihr verdorben, wenn Minna solche Jammermiene mache. Kehre dich nicht an meine Miene, Kind! sagte Minna, ich bin etwas abgespannt von dem langen Wege. Ist das alles? Alles. Und du bist nicht ungehalten, daß wir dir die Fahrt zumuten? Wie sollte ich, da ich einsehe, daß sie unter diesen Umständen wünschenswert, vielleicht notwendig ist. Nicht wahr? Und sie engagiert dich doch zu gar nichts – ich meine: Billow gegenüber. Gewiß, zu gar nichts, erwiderte Minna mit einem schmerzlichen Lächeln. Ich sage das nur, fuhr Johanna fort, weil der Vater andeutete, du könntest es am Ende so auffassen und deshalb zu Hause bleiben wollen. Glaub nur ja nicht, daß ich Billow damit bei dir das Wort reden will, obgleich wir ihm wirklich sehr, sehr dankbar sein müssen! Aber dankbar sein und – und – nicht wahr, lieb Herz, das sind doch zwei sehr verschiedene Dinge? Gewiß! sehr verschieden. Obgleich du ganz recht gehabt hast, als du neulich abend – mein Gott, wie lange ist denn das schon her? – an dem letzten Abend, weißt du, als Billow bei uns war – Ob ich es weiß! Freilich! Da sagtest du: er sei nicht tot; aber ihr wäret darum doch voneinander geschieden – denkst du noch immer so? Mehr als je. Dann – ich sollte es dir gelegentlich sagen – Vater meinte, du würdest es von mir eher hören, als von ihm, weil du ja weißt, daß ich ihn immer so lieb gehabt habe; und – Vater hatte es aus der Weinstube mitgebracht – einen Ausschnitt aus dem Moniteur – Hier ist das ganze Blatt, sagte Minna, die Schwester von sich drückend und die Zeitung, die sie an ihrem Busen verborgen hatte, hervorziehend. Du hast es gelesen? du Ärmste! Weshalb: Ärmste? Das fragst du so ruhig? Nun, Gott sei Dank! Dann darf ich ja wohl sagen, daß ich es abscheulich finde. Er lebt, er ist gesund; er ist ein großer Herr geworden – Gesandter – was weiß ich! – kutschiert in der Welt umher – nach Paris – nach Wien – das wird durch die Zeitungen aller Welt gemeldet; und für dich, die sich um ihn grämt und bangt, hat er kein sterbendes Wort! Ist es nicht empörend. Oh, nein! Nein? Johanna stand mit geröteten Wangen und flammenden Augen vor der Schwester, die, ruhig zu ihr aufblickend, erwiderte: Nein. Warum? Das haben er und ich untereinander abzumachen – wir beide mit unserem Gott. Und nun habe ich eine Bitte an dich – du wirst sie mir nicht versagen: es ist dies das letztemal, daß du mit mir sprichst über – ihn! – Komm, ich will dir deine Sachen in Ordnung bringen helfen. Du wirst ohne mich doch nicht fertig. Während sich in dem Hinterzimmer diese Szene zwischen den Schwestern abspielte, saß Warburg vorn im Kontor an seinem Pulte. Es war dieselbe Tagesstunde, wie vor zwei Monaten, als er den Brief des Marquis aus Roudnja vom zwanzigsten Juli gelesen. Der Brief hatte beinahe drei Monate gebraucht, um nach Hamburg zu gelangen. Dieser, den er jetzt in der Hand hielt, vom elften Dezember, hatte den Weg von Dresden in der verhängnisvollen Schnelle von zwölf Tagen zurückgelegt, trotzdem er, wie aus den Poststempeln ersichtlich, in Magdeburg eine Station von sechs Tagen gemacht hatte. So mußte der Marquis nach Ausweis des Moniteur, der ihn bereits am fünfzehnten in Paris sein ließ, die lange Strecke dorthin in der unglaublich kurzen Zeit von vier Tagen durchmessen haben; der Moniteur hatte von Paris nach Hamburg seinen regelmäßigen Kurs von einer Woche innegehalten. Warburg aber verglich die Daten der Poststempel und des Ausschnittes aus dem Moniteur, den er neben dem Briefe auf dem Pulte liegen hatte, so eifrig, um herauszurechnen, wie lange wohl ein Brief von Wien, wo der Marquis mittlerweile angekommen sein mußte, gebrauchen würde, falls der Marquis dennoch, ohne Minnas Antwort abzuwarten – wie lautete doch der Passus? Er hatte vorhin die Tür fest zugeriegelt; dennoch erhob er sich, noch einmal nachzusehen – hatte er sich doch in dieser letzten Zeit so oft auf einer grenzenlosen Zerstreutheit ertappt! Freilich, wie war das anders möglich, wenn einem so viele und so widerwärtige Dinge durch den Kopf gingen! Natürlich war die Tür verriegelt! Also! »Dresden, den 11. Dezember 1812. 10 Uhr abends. Meine geliebte Freundin! Es gibt ein Maß des Glücks wie des Unglücks. Ich habe von dem letzteren in diesen entsetzlichen Monaten so viel erfahren, daß meine bedrückte Seele auch nicht das kleinste mehr fassen könnte, geschweige denn das ungeheuerste: mir sagen zu müssen, daß Minna ihren getreuen Hypolit nicht mehr liebt. Aber Gott möge mich bewahren, daß ich das je zu sagen brauche! Der gütige Gott, an dem ich jetzt so oft verzweifelt bin, und der mir doch die Kraft gegeben hat und gibt, es zu tragen: dies fürchterliche Schweigen, wahrend mein armes Herz nach einem Worte der Liebe schreit wie der Hirsch nach Wasser. Aber wie hätten auch Ihre Briefe, meine süße Freundin, wenn sie mich bis zu Ende Juli nicht erreichten, wo noch keine der blutigen Schlachten geschlagen, wir der Grenze verhältnismäßig noch so nahe waren – wie hätten sie, sage ich, mich erreichen sollen nach den Tagen von Smolensk, Borodino – Moskau!! Geliebte Freundin, lassen Sie mich schweigen von dem Ungeheuren, das uns betroffen hat und bald genug mit tausend Zungen zu einer entsetzten, zu einer jubelnden Welt sprechen wird! Oh, daß wir uns nicht retten können aus dieser zwiespältigen Welt! Daß es in ihr kein friedliches Asyl gibt für zwei liebende Herzen! Ich müßte verzagen, lebte in mir nicht die Überzeugung, daß eine wahre Liebe, wie sie uns verbindet, unzerstörbar ist, dauernder als Erz, fester als die mächtigsten Königreiche, stärker selbst als der Allsieger Tod. – – Ich hoffe zuversichtlich, meine süße Freundin, daß dieser Brief in Ihre Hände gelangen wird. Die Antwort erbitte ich mir nach Wien, zur Sicherheit in einem Kuvert an unsere dortige Botschaft, der ich für die nächste Zeit angehören werde. Vergessen Sie nicht, an den Oberst Hypolit Drouot d'Héricourt zu adressieren! Es ist noch ein jüngerer Verwandter von mir hier, der sich von Anfang an der diplomatischen Karriere gewidmet hat und denselben Vor- und Hauptnamen führt wie ich, nur daß er, einem älteren Zweige der Familie entsprossen, nicht, wie ich, bei offiziellen Gelegenheiten ein »Drouot« vor den letzteren zu setzen hat. Er wird in kurzer Zeit nach Paris reisen zur Feier seiner Vermählung. So könnte ihm leicht ein Brief mit einer nicht ganz bestimmten Adresse dorthin nachgeschickt werden, und ich müßte des Labsals, nach welchem ich verschmachte, und wäre es auch nur für Tage, die mir wie Wochen erscheinen würden, entbehren. Also, meine geliebte Freundin, vergessen Sie nicht den »Oberst« und »Drouot«! Ich selbst werde nicht wieder schreiben, ohne ihre Antwort abgewartet zu haben, da das Ausbleiben derselben – aber weshalb Ihre schöne Seele mit einem häßlichen Verdachte trüben, der mich schon ein paarmal heimgesucht hat und doch gewiß nur ein Ausfluß der Schwermut ist – jenes Erbteils meiner hochverehrten Mutter und der Erfahrung meines eigenen Lebens, daß mir kein Glück wird, das ich nicht erst einem mir feindlichen Geschick abtrotzen müßte.« Hm, sagte Warburg, den Brief auf den Tisch sinken lassend, dem feindlichen Geschick! Nun, wahrhaftig, mir ist das Geschick auch nicht freundlich, und am Ende ist sich doch jeder selbst der Nächste. Soll ich mich ruhig untergehen sehen, wenn ich mich retten kann – nicht auf Minnas Kosten! Bei Gott, das will ich nicht, das würde ich nicht. Aber es ist ja nur zu ihrem Besten, wenn dies unsinnige Verhältnis abgebrochen wird, aus dem für sie und für niemand ein Heil erwachsen kann – nur Unheil, und das ich nie hätte dulden sollen, nicht als Vater und am allerwenigsten als Patriot. Was sollte wohl daraus werden, und wie stünde sie, wie stünden wir alle da, wenn den Kaiser das Unglück noch weiter verfolgte, die Franzosen aus Norddeutschland, vielleicht aus ganz Deutschland hinaus müßten? Sollte ich sie dem Herrn Marquis über den Rhein nachschicken? wollte sie ihm nach Paris nachlaufen? Narrenspossen! Und ich glaube, sie fängt mittlerweile an, das selber einzusehen, sie hätte sonst schwerlich noch eben bereitwillig ja gesagt. Der Billow ist ein schlauer Bursch; und auch sie weiß besser, was ihr gut ist, als sie sich merken lassen möchte. Das heißt, verbrennen sollte ich die Briefe doch auf alle Fälle. Man kann nicht wissen – Ein Pochen an der Tür machte ihn jäh zusammenschrecken. Wer ist da? rief er mit bebender Stimme. Ich bin's, Herr Senator, kam die Stimme Christiansens von der Tür zurück. Ich wollte den Herrn Senator fragen, ob ich ihm nicht die Sachen zur morgenden Reise – Ich komme gleich! Warburg warf den Brief hastig in das geheime Schubfach und zog den Schlüssel ab, bevor er zu öffnen ging. Zwölftes Kapitel. Der Aufbruch zur Reise war unter dem doppelten Schutze der Dunkelheit des Wintermorgens und einer Verkleidung, die sich Vater und Töchter hatten gefallen lassen müssen, vor sich gegangen. Auch war man nicht vor dem Hause, sondern in einer obskuren Ausspannung auf den Wagen gestiegen, den Klaus Neddermeyer dort bereithielt, und wohin schon am Abend vorher das Gepäck der Reisenden heimlich geschafft war. Monsieur Warburg und Demoiselles Töchter wären nicht ohne große Schwierigkeit, voraussichtlich gar nicht durch die französischen Wachen am Altonaer Tore gekommen – die holsteinischen, mit dänischen Pässen versehenen Landleute, welche sich ein paar Tage in Hamburg bei Verwandten aufgehalten hatten und heute zum Feste nach Hause wollten, ließ man ungehindert passieren. Klaus Neddermeyer knallte lustig mit der Peitsche, nachdem die gefährliche Grenze glücklich passiert war – ein Zeichen, daß auch ihm das wackere Herz für seine Schutzbefohlenen ein wenig geklopft haben mochte. Aber einen wörtlichen Ausdruck seiner Gefühle verstattete er sich nicht. Hätte das doch ausgesehen, als ob er seiner Sache nicht sicher gewesen wäre – er, Klaus Neddermeyer! Man hatte freilich im Verlaufe der Reise noch vielfache Gelegenheit, an die Tatkraft des Mannes sich zu wenden und aus seinem unverwüstlichen Selbstvertrauen Trost zu schöpfen. Es waren nur sechs Meilen bis Warnesoe zu durchmessen. Das schien keine schwere Aufgabe auch an einem kurzen Wintertage mit einem Rosselenker wie Klaus Neddermeyer in Person und den zwei gewaltigen Holsteiner Pferden vor dem offenen Wagen. Wenn nur die Wege besser gewesen wären! Aber diese wurden immer schlimmer, je weiter man in das Land hineinkam, und gar, als man nach zwei Stunden von der Hauptstraße in Kommunalwege, von diesen wieder in andere abbiegen mußte, wie sie von einem Gute zum anderen aufs Geratewohl führten, oft genug nur an den flankierenden Hecken als Wege zu erkennen, leidlich im Sommer, bös, ja halsbrecherisch jetzt im Winter. Hier hatte sich der Triebschnee fußhoch aufgetürmt; dort, auf scheinbar freier Bahn, brach das dünne Eis über den Geleisen, und das Gefährt versank mit fürchterlichem Ruck bis an die Achsen in einem Schlagloche, aus welchem es nur die aufs äußerste angespannte Kraft der Gäule wieder flottmachen konnte. So hatte man denn um Mittag, wo man notgedrungen in einem kleinen Dorfe Rast nehmen mußte, erst die Hälfte des Weges zurückgelegt; und dann sollte es sich herausstellen, daß dies trotz alledem noch die weitaus bessere gewesen war. Man geriet auf offene Heidestrecken, die ohne Klaus Neddermeyers Ortskenntnis nicht hätten passiert werden können; und auch er mußte sich oft genug auf sein geübtes Kombinationsvermögen verlassen. Dazu war das bis dahin leidliche Wetter bei sinkender Tageshelle immer rauher und stürmischer geworden, um, als gegen vier Uhr bereits das Dunkel hereinbrach, sich in einem reichlichen Schneefalle zu entladen, der bald zu einem Schneesturme wurde. Kaum, daß die Reisenden noch in den Schutz eines einzeln stehenden Hauses gelangten, an dessen dürftigem Herde sie die halb erstarrten Glieder ein wenig schmeidigen mochten. Glücklicherweise für sie, die schon in dem traurigen Aufenthalte die Nacht verbringen zu müssen geglaubt hatten, war das Unwetter bald vorübergestürmt. Der Wind wehte von dem nun schon nahen Meere her freilich noch ungestüm genug; aber aus den jagenden Wolken lugten doch einzelne Sterne, ja, die Sichel des zunehmenden Mondes wurde sichtbar und verbreitete über die endlose Schneewüste ein gespenstisches Licht, bis auch das in dem tiefen Dunkel des hohen Forstes verschwand, dessen Saum man soeben passiert hatte. Hier, wo der Schnee nicht mehr leuchten half und die Dunkelheit zur Finsternis wurde, schien sogar Klaus Neddermeyer die Zuversicht zu verlassen. Offenbar wollte er, nachdem er seine schwierige Aufgabe bis hierher so, den Umstanden gemäß, glücklich gelöst, nicht zu schlimmer Letzt »in den Düwel sien Käck« geraten. Das Schloß sei ganz nahe – keine tausend Schritte mehr. Er möchte vorschlagen, daß die Herrschaften abstiegen und den Rest des Weges zu Fuß zurücklegten, was freilich bei dem tiefen Schnee nicht angenehm, aber doch sicherer sei, als das Verharren auf dem Wagen, an dem jeden Moment eine Achse brechen könne, oder auch zwei. Seine Passagiere waren sofort bereit und schon im Begriffe, von dem Gefährte herabzuklettern, als sich etwas ereignete, das selbst Klaus Neddermeyers vielgeprüftes Gemüt in Erstaunen, ja Schrecken versetzte. Auf dem Wege vor ihnen schimmerten plötzlich Lichter auf, die nicht von dem Schlosse sein konnten, wie Klaus versicherte – schwankende Lichter, die sich rasch zu vermehren schienen, während der Hufschlag von vielen Pferden, den man anfangs nur dumpf vernommen, mit jeder Sekunde lauter erdröhnte. Nun kam es herangedonnert: ein ganzer Haufe von Reitern, deren Rüstungen und gezogene Schwerter in dem roten Scheine der Fackeln, die ein Teil von ihnen in erhobenen Händen schwang, erglühten. Zwei Ritter in voller Panzerung mit geschlossenem Visier, der eine auf einem feurigen Rappen, der andere auf einem gewaltigen Schimmel, waren die Führer der Schar der Knechte, die, wie man jetzt sah, nur Brustharnische und Eisenkappen trugen. Der auf dem Rappen setzte sich an die Spitze der Reisigen, die vor dem Wagen herritten, während die Fackelträger sich zu beiden Seiten reihten; der auf dem Schimmel mit den anderen Gewappneten schloß den Zug. Das alles war in Zeit kaum einer Minute geschehen und, was das Schauerliche des seltsamen Vorgangs noch erhöhte, ohne daß ein Ruf erschallte, ein Wort gesprochen wurde. Nur das Getrappel so vieler Pferdehufe, das Schnauben der Rosse, das Geklirr der Waffen und jetzt, als man sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, das Knarren der Wagenräder und das Ächzen der Baume, durch deren kahle Wipfel der Wind vom Meere her sauste. So ging der seltsame Zug schweigend weiter durch den Wald, denn auch die Insassen des Wagens hatten sich ganz still verhalten, zuerst in wirklichem Schrecken, dann, um das Spiel – ein solches konnte es ja nur sein – nicht zu stören. Nun lichtete sich der Wald zu einer Allee riesiger Bäume, durch die man an ein geschlossenes Tor gelangte, vor dem der Zug hielt. Der schwarze Ritter setzte sein Hifthorn an und schmetterte eine Fanfare, die von drinnen beantwortet wurde. Die Torflügel kreischten in den Angeln; der Zug konnte passieren und fand sich jetzt auf einem mäßig großen Hofe, in dessen vier Ecken mächtige Pechfeuer in Pfannen auf hohen Kandelabern flammten, ebenso wie auf der Rampe vor der Tür des Schlosses, die der Wagen jetzt hinauffuhr. Geschäftige Diener in phantastischer Tracht trugen einen Tritt herbei und halfen den Reisenden heraus, die nun in der Halle von dem Schloßherrn empfangen, zugleich aber aus der Illusion, der sie sich willig hingegeben hatten, jäh gerissen wurden. Ich meinte, rief Theodor Billow, daß der Scherz, den sich die jungen Leute ausgedacht haben, doch einmal einen Abschluß haben müsse und dann am besten auf der Schwelle des Hauses. So sehen Sie mich, werter Freund, verehrte Fräulein, in meinem Alltagskleide, dessen Prosa freilich vor der Romantik des Kostüms dieser Herren in den Schatten treten muß. Nur sachte, sachte, meine Herren! Ich sagte Ihnen gleich, Ihr Kostüm sei nicht allerwege praktisch. Billow konnte die letzten Worte nur noch zu Warburg sagen; von den beiden Rittern, die sich inzwischen von den Rossen geschwungen hatten und zur Tür hereingestürmt waren, hielt der eine Minna, der andere Johanna an seiner eisernen Brust, bis die letztere sich aus den Armen des Geliebten losmachte, um in die Arme des Bruders zu fliegen, während Minna dem Bräutigam der Schwester Umarmung und Kuß nicht versagen mochte. Nun kommen endlich auch Sie an die Reihe! rief Billow, als die beiden Ritter gleichzeitig sich zu Warburg wandten, während er selbst die Zeit benutzte, die beiden Damen noch einmal willkommen zu heißen und sich besonders warm bei Minna zu bedanken, daß sie die Beschwerden der Fahrt nicht gescheut habe, ein Wiedersehen mit dem Bruder zu ermöglichen; ihm selbst aber zu der Freude zu verhelfen, das Weihnachtsfest in Gesellschaft der verehrten Warburgschen Familie verbringen zu dürfen. Dreizehntes Kapitel. Eine halbe Stunde später hatte man sich in dem kleineren Parterrespeisezimmer des Schlosses zu einem Mahle versammelt, an dem auch Klaus Neddermeyer und seine Gattin teilnahmen – eine brave, einfache Frau, die dem inneren Hauswesen Vorstand, wie er selbst die bedeutende Außenwirtschaft selbständig führte. Minna hatte ausdrücklich um die Gegenwart der beiden gebeten. Ihrem Gemüt war es ein Bedürfnis, dem Manne für die unsäglichen Mühen, die er sich an diesem Tage um der Fremden willen unterzogen, eine Anerkennung zu verschaffen, und im stillen hatte sie gemeint, das Peinliche einer Wiederbegegnung mit Billow nach so langer Zeit werde sich weniger fühlbar machen, wenn man zu Anfang nicht völlig »unter sich« sei. Selbst dem ersten Beisammensein mit Georg mochte die Anwesenheit dritter Personen frommen. Der Vater und er hatten sich im Frühjahr in schwerem Zerwürfnis getrennt, und als er von ihr Abschied nahm, hatten seine bebenden Lippen etwas gemurmelt, das mehr wie ein Fluch als wie ein Segen klang. Nun hatten sich inzwischen die Verhältnisse so ganz anders gestaltet – gegen alle Erwartung und menschliche Voraussicht. Aber über die Wandlungen, die mit ihr selbst vorgegangen waren, konnte Georg nicht unterrichtet sein. Er konnte in ihr nichts anderes als die Braut des Mannes sehen, den er mit dem doppelten Ingrimm des eifersüchtigen Bruders und des beleidigten Patrioten als seinen Todfeind haßte. Sie würde ihn darüber aufklären, aber im Augenblick mochte das nicht Wohl geschehen; so mußte man dafür sorgen, daß mindestens die ersten Stunden leidlich vorübergingen. Es ließ sich wohl auch ein und das andere Wort anbringen, das Georg über den gegenwärtigen Stand der Dinge einigermaßen aufklärte. Minnas Voraussicht erwies sich als vollkommen richtig. Die Harmlosigkeit und Heiterkeit auf den breiten, zufriedenen Gesichtern des Neddermeyerschen Ehepaares schienen sich wie durch Magie allen Tischgenossen mitzuteilen; jeder suchte, was er vorbrachte, auf den Ton zu stimmen, in welchem der Inspektor eine Relation der heutigen Fahrt mit allen nun glücklich überstandenen Nöten, Ängsten und Schrecken gegeben hatte. Billow erzählte, wie man durch die Vorräte in der Waffenkammer des alten Grafenschlosses auf die Idee des Überfalls im Walde gekommen war; Frau Neddermeyer hatte ihre Not gehabt, den lachenden Gesichtern der jungen Knechte mit Kleister die grimmigen Barte aufzukleben. Dann mußte Oskar von Stockholm und seiner Fahrt hierher erzählen, auf der er ebenfalls zu Wasser und zu Lande so manches Abenteuer erlebt hatte, oder – man konnte das bei ihm niemals so recht wissen – erlebt zu haben vorgab. Und selbst als man dann allseitig in Georg drang, von seinen zweifellosen Abenteuern in Rußland zu berichten, tat er das in einer Weise, die von den Bitternissen, welche die Wirklichkeit für ihn gehabt haben mußte, kaum das geringste merken ließ. Den unendlichen Marsch mit seinen Mühsalen, das Lager- und Biwakleben mit seinen Entbehrungen, den Graus der Gefechte und Schlachten, die Gefahren seiner Flucht streifte er nur obenhin, um desto ausführlicher seinen Aufenthalt in Twer zu schildern: die Verwunderlichkeit russisch-jüdischen patriarchalischen Treibens, die sonderbaren Trachten der Männer, die Schönheit der Weiber, die Seltsamkeit der Sitten und Gebräuche, den Scharfsinn und die spruchreiche Weisheit des Arztes, der ihn behandelt hatte und der in seiner Schilderung zu dem gütigsten aller Zauberer wurde. Nun gar in der Beschreibung seiner Fahrt von Twer nach Petersburg inmitten einer kleinen jüdischen Karawane, der er sich in Lebensweise, ja selbst in der Kleidung hatte gleichmachen müssen, schwang er sich zu einem so phantastisch-tollen Märchen auf, daß der gute Neddermeyer sich fast totlachen wollte und auch die anderen in die behaglichste Stimmung kamen. Billow hatte zu der Unterhaltung am wenigsten beigesteuert, als ein kluger Wirt, der seine Gäste in gutem Zuge sieht und es für das beste hält, sie sich selbst zu überlassen. Daß es nicht Mangel an Teilnahme war, was ihn schweigsamer als sonst wohl machte, bewies die aufmerksame Miene, mit der er den verschiedenen Erzählungen folgte, und das Lächeln, das er für jeden Scherz hatte, während er dabei stets ein Auge auf die Diener gerichtet hielt, deren Eifer allerdings größer war als ihre Geschicklichkeit. Ich will nur gestehen, sagte er zu Minna, seiner Nachbarin; vielmehr, ich muß schon gestehen, denn Sie haben es sicher auf den ersten Blick herausgehabt: es sind keine wirklichen Diener, sondern der Gärtner und sein Sohn, die ich für heute abend in Livree gesteckt habe. Sie sind eben in dem Hause eines Junggesellen. Da muß man denn manchmal ein Auge zudrücken oder auch beide. Ich finde im Gegenteil alles ganz vortrefflich, erwiderte Minna; und jedenfalls weit, aber viel zu weit über die Ansprüche, die wir machen dürfen. Ansprüche, die Sie nicht machen dürften, Fräulein Minna! Es war das erstemal im Verlaufe des Abends, daß er ihr gegenüber einen wärmeren Ton als den gewöhnlicher Höflichkeit anschlug. Auch schien er selbst über seine Kühnheit erschrocken, denn er benutzte sofort eine in der Unterhaltung der anderen zufällig eingetretene Pause, um die Tafel aufzuheben und die Gesellschaft zu bitten, ihm in das Gemach nebenan zu folgen. Die beiden Diener beeilten sich, die Flügeltür zu öffnen, und die Gesellschaft trat in einen Saal, der für den Moment kein anderes Licht empfing, als welches von unzähligen flammenden Kerzchen auf einem in der Mitte ragenden prächtigen Tannenbaum ausging. Über der Drangsal der Fahrt, in der Verwirrung des Ankommens hatten die Reisenden fast vergessen, daß heute der »Heilige Abend« sei, oder, wenn sie flüchtig daran dachten, gemeint, er werde jedenfalls ohne besondere Feier vorübergehen. Um so aufrichtiger und herzlicher waren nun ihre Überraschung, ihre Freude. Minna aber fühlte sich Billow noch zu ganz besonderem Danke verpflichtet, als sie, zögernd an den Gabentisch herantretend, fand, daß die Geschenke, womit er seine Gäste bedacht hatte, aus völlig anspruchslosen Kleinigkeiten bestanden: für sie ein Bund Schwanenfedern, mit denen sie zu schreiben liebte; für den Vater ein schönes Taschenmesser anstatt eines, das er kürzlich verloren hatte; für Johanna sogar nur ein großes Honigkuchenherz. Desto reichlicher waren denn Herr und Frau Neddermeyer bedacht, und ebenso die kleinen Neddermeyers, die jetzt, sechs an der Zahl, von der beglückten Mutter aus dem Nebengemache herbeigeholt wurden. Ein heiliger Abend ohne Kinder geht doch nicht, sagte Billow, wie zur Entschuldigung des Lärms, den die Kinder alsbald mit Trompeten, Mundharmonikas, ja einer Klapper für das noch auf den Armen der Magd getragene Jüngste erhoben hatten. Es war kein besonders geistreiches Wort, aber Minna meinte, daß es ein gutes Wort sei, welches dem, der es gesagt, zur Ehre gereiche. Sie hatte das flüsternd zu Johanna geäußert, die ihr ebenso erwiderte: Du solltest das nicht mir, sondern ihm selbst sagen. Ich glaube, daß es der beste Dank wäre, den er sich wünscht, und den er, dächte ich, für all seine Mühe wohl verdient hat. Mein Gott, ein paar freundliche Worte sind doch noch keine Liebeserklärung! Johanna hatte, während sie das sagte, mit dem prächtigen Diamantkreuze gespielt, das ihr die Schwiegereltern aus Stockholm zum ersten Angebinde gesandt hatten. Nun lachte sie ihr bedeutungsvoll in die Augen und sprang davon, ihren Oskar zum hundertsten Male zu umarmen; Minna blickte ihr traurig nach. Also auch sie! Daß der Bruder es gern sehen würde, warum nicht? Er war immer der Freund des Mannes gewesen, mit dem er jetzt Arm in Arm eifrig sprechend durch den Saal schlenderte, und ihm neuerdings zu schwerer Dankesschuld verpflichtet. Die bezahlt sich ja so bequem mit dem Glücke der Schwester! Wie sehnsüchtig der Vater den Moment herbeiwünschte – ihr waren die ängstlichen Blicke nicht entgangen, mit denen er sie im Laufe des Abends nur zu oft beobachtet hatte, wie ein Schatzgräber die Stelle, aus der ihm nun bald das rote Gold entgegenschimmern wird. Das war alles nicht schön, nicht brüderlich, nicht väterlich, aber sie konnte es begreifen. Dies faßte sie nicht: sie, die Schwester, die Freundin, die Vertraute – ihre Johanna, an deren Halse sie in jener Nacht den ungeheuren Schmerz um ihre vom Schicksal verratene Liebe ausgeweint hatte; die, wenn eine Seele auf Erden, wissen mußte, was ihre Seele in diesem Augenblicke litt; wie namenlos schwer und bitter das Opfer war, das sie dem Wohle der Ihren bringen sollte – sie konnte es lachend von ihr heischen, weil auch sie und ihr Oskar ihren Vorteil bei dem grausamen Handel fanden! Nun denn: morgen! Nur diese eine Nacht wollte sie ihre Seele frei haben, zurückzufliehen zu dem Paradiese, aus dem sie von morgen verbannt sein würde auf immerdar! Nur diese eine Nacht! Sie ließ die verstörten Blicke durch den Saal schweifen, wo bereits längst die Lichter und Lampen entzündet waren. Auch Herr und Frau Neddermeyer hatten sich mit ihren Kindern zurückgezogen; der Diener-Gärtner trug eine große Bowle Punsch herein, sein Sohn folgte ihm mit einem Tablett voll Gläser. Man würde sich nun um den Tisch in der Ecke da setzen; es würde getrunken, getoastet werden auf das Wohl der jungen Brautleute, auf Georgs glückliche Heimkehr; auf den, dessen hochherziger Güte Georg die Heimkehr, die Brautleute dies fröhliche Beisammensein verdankten. Die Köpfe würden sich erhitzen; es würden verfängliche Worte fallen, Anspielungen gemacht werden, die man nicht mißverstehen konnte – der Ärmsten war, als ob die Mauern schwankten, die hohe Decke sich auf sie herabsenke. Mit zitternder Stimme bat sie, sich zurückziehen zu dürfen; sie fühle sich von den Anstrengungen des Tages zu erschöpft, um sich noch länger munter, ja nur aufrecht halten zu können. Ihr bleiches Aussehen machte den Widerspruch der Herren verstummen; Johanna schmollte, erbot sich dann aber auf einen bedeutungsvollen Wink Oskars, mit ihr zu gehen. Frau Neddermeyer wurde gerufen. Minna mußte sich auf den kräftigen Arm der Führerin stützen, als diese sie nun aus dem Saale eine breite Treppe hinauf in das für die Schwestern bestimmte Schlafgemach leitete. Johanna, die sich unten gerühmt hatte, so wenig müde zu sein, daß sie die ganze Nacht hindurch tanzen könnte, war eingeschlafen, nachdem sie kaum den Kopf in die seidenen Kissen gedrückt. Minna konnte nicht schlafen und wollte nicht schlafen. Sie wollte den Traum ihrer Liebe noch einmal durchträumen von dem Augenblicke, als sie Hypolit zum ersten Male erblickt: an jenem Sommerabend auf der Alster – der Wind hatte ihr den Strohhut vom Kopfe geweht hinüber in das kleine Boot, in dem Hypolit eben an dem größeren Boote ihrer Gesellschaft vorüberruderte – bis zu dem letzten, da er sie noch einmal in seine Arme preßte und dann die Straße hinabritt, ohne einen Blick rückwärts zu werfen. Ich werde nicht zurückblicken, hatte er gesagt, ich weiß, wenn ich es täte, ich würde mich nicht länger beherrschen können und, zu meinem holden Mädchen fliegend, ihm die Qual des Abschieds nur verlängern. – Ach, der Beste, Edelste der Menschen, er hatte ja nie an sich, immer nur an sie gedacht: ob sie sich glücklich in ihrer Liebe fühle? ob sie in ihrer Verbindung auf die Dauer ihr Glück finden werde? Daß er, der mit Leib und Seele Soldat war, um ihrethalben, sobald er es mit Ehren könne, auf seine kriegerische Laufbahn verzichten wolle; um ihrethalben mit seiner ganzen Verwandtschaft werde brechen, selbst von seiner Mutter sich werde trennen müssen – dafür hatte er nie ein Wort der Klage gehabt. Ich liebe meine Mutter, hatte er gesagt, ich würde freudig mein Leben für sie lassen. Nicht dich, Geliebte! Du bist mir tausendmal mehr als mein Leben. Ohne dich ist mir das Leben fortan ohne Wert. – Und dann hatte er ihr die Mutter geschildert, wie sie, eine strenge Royalistin, die geborene Duchesse, nachdem der Kaiser den alten Adel restauriert, auf Schloß Carnac walte als strenge, aber auch gerechte Chateleine, ohne je einen Fuß nach Paris zu setzen, das ihr durch den Tod des Gatten, der als ein Opfer der Revolution unter dem Beile der Guillotine gefallen, eine Stätte des Abscheus und des Grauens geworden war. – Wie oft hatte sie die gestrenge Dame leibhaftig vor sich zu sehen geglaubt: mit dem toupierten, gepuderten Haare unter der reich garnierten Witwenhaube, in dem Brokatkleide nach der Mode der Zeit der Königin Marie Antoinette, um den Hals die dreifache Schnur kostbarer Perlen, in der einen beringten Hand den Elfenbeinfächer, in der anderen den Stock mit dem goldenen Knopfe, auf den sie sich beim Gehen stützen mußte. Minna fuhr mit einem leisen Schrei in die Höhe und saß zitternd im Bette, mit weit aufgerissenen Augen nach der Wand ihr gegenüber starrend, aus der sie, die sie eben in ihres Geistes Aug' gesehen, ihr entgegenzuschreiten schien: mit Haube, Brokatkleid, Perlen, Fächer, Stock – ein Bild, das sie vorhin nicht bemerkt hatte oder das erst jetzt im Scheine des Nachtlichts aus dem Dunkel herausgetreten war und durch den sonderbarsten Zufall dem Bilde glich, das vor ihrer erregten Phantasie gestanden. Sie mußte lächeln über die wunderliche Täuschung, über ihr kindisches Erschrecken. Und dann mußte sie bitterlich weinen. Also nicht einmal ein letzter, sehnsuchtsvoller Traum in stiller Nacht war ihr vergönnt! Mit dem Bilde da gegenüber konnte und durfte sie von ihm nicht träumen. Das war's: sie durfte es nicht! Wer entsagen will, darf nicht halb entsagen wollen; wer sich entschlossen hat, nicht hinterher mit der Entschließung markten, wie ein widerwilliger Schuldner mit seinem Gläubiger. Nein, es bedurfte des Drängens der Ihren nicht, bedurfte nicht dieser geisterhaften Mahnung! Sie hatte sich ihre Pflicht klargemacht; sie würde diese Pflicht erfüllen. Und sie verschränkte die Arme über dem Busen und schloß die Augen, ob sie, wie sie sich selbst bezwungen, nicht auch die Wohltat des Schlafes herbeizwingen könne. Vierzehntes Kapitel. Es war am Abend vorher in der Gesellschaft verabredet worden, den nächsten Vormittag zur Besichtigung des Schlosses und einer Wanderung durch den Park zu benutzen, an die sich eine Spazierfahrt durch die nächste Umgebung bis an die See schließen sollte. Von diesem Programm konnte heute nur der erste Teil zur Ausführung gelangen. Ein unendlicher Schnee war über Nacht gefallen, der die Parkpfade fußhoch überschüttet und die Wege vorläufig selbst für Schlitten unpassierbar gemacht hatte. So mußte es bei einem Rundgange durch das Schloß sein Bewenden haben. Da gab es allerdings des Sehenswerten genug. Im ersten Anfang des vorigen Jahrhunderts erbaut, bot es in seinen großen Verhältnissen, wie in der Ausstattung der einzelnen Räume, ein vollkommenes Bild jener prachtliebenden Zeit: gewaltige Hallen, in denen breite Steintreppen mit schweren Balustraden zu den oberen Stockwerken führten; die ungeheure Rüstkammer, aus deren Schätzen sich noch ein Dutzend Ritter von Kopf zu Fuß ausstaffieren, eine ganze Landsknechtschar hätte waffnen können; die Kapelle mit ihren verschnörkelten Säulen und pausbäckigen Engeln; in Gold und Marmor, Decken- und Wandgemälden prangende Säle mit kirchenhohen Fenstern – unbehaglich und eigentlich unbewohnbar – wofür es dann wieder an halbdunkeln Kabinetten nicht fehlte, wie Bienenzellen aneinandergeklebt und zum Teil von so winzigen Dimensionen, daß ein längerer Aufenthalt in ihnen ebenfalls kaum erfreulich erscheinen mochte. Und doch waren in diesen weiten Sälen glänzende Feste gefeiert worden, hatten in diesen engen Zellen Menschen in Freud' und Leid gehaust; ja man mochte glauben, die ehemaligen Insassen hätten die Räume erst gestern verlassen, um morgen wieder zu ihren alten Gewohnheiten, zu den vertrauten Beschäftigungen zurückzukehren, jeden Gegenstand des Gebrauches, jedes Möbel noch auf den bestimmten Plätzen zu finden. Auch erzählte Billow, daß, seitdem sein Vater vor dreißig Jahren von dem letzten verwilderten Sproß der gräflich Bernekowschen Familie diese Besitzung für ein Spottgeld gekauft, in dem Schlosse, außer in einigen Zimmern des unteren Geschosses, kein Möbel verrückt, kein Bild umgehängt, er dürfe wohl sagen: kein Nagel eingeschlagen sei. Man habe sich eben begnügt, die Räume zu lüften, die Sachen abzustäuben, kleine Schäden, welche Wind und Wetter, Ratten und Mäuse angerichtet, sorgfältig zu reparieren, und so dem Lande Holstein eine Reliquie zu erhalten, auf die es bereits anfange stolz zu sein. Er müsse gestehen, diesen Stolz nicht zu empfinden, wenn er sich auch andererseits nicht habe entschließen können, die sehr namhaften Gebote zu akzeptieren, die ihm Private, ja selbst die Regierung für Schloß und Inventar gemacht hätten. Einen derartigen Besitz in der Familie zu haben, sei immerhin eine respektable Sache, die dem Rotürier auch dem Adel gegenüber ein Ansehen gebe; und am Ende fände sich gar einmal ein Billow, der sich nach Stille und Zurückgezogenheit sehne. Man solle eben nichts verreden. Vielleicht daß selbst in ihm früher oder später diese Sehnsucht erwache. Genug getummelt habe er sich in der Welt, um sich mit seinen dreißig Jahren manchmal schon ordentlich alt vorzukommen. Und wenn man die schlimme Zeit bedenke, in der man lebe, wer könne wissen, ob man nicht eines Tages Gott dafür danken werde, wenn man einen Zufluchtsort habe, in ihm still und geduldig auf bessere Tage zu harren. Man stand, als Billow so sprach, an dem hohen Nischenfenster eines der Säle, in den Park blickend, zu dem eine Rampe mit flachen Stufen hinabführte, erst auf eine weite, jetzt mit Schnee bedeckte Fläche, die im Sommer wohl ein herrlicher Rasengrund sein mochte, und von der verschiedene Alleen, die hier konzentrisch zusammenliefen, in die Tiefe der Anlagen führten. Die Öffnungen der Alleen standen wie Tore da, eingeschnitten in die Mauer gewaltiger Eichen und Buchen, die den Platz im Halbkreise umgaben, und auf deren mächtig sich streckenden Ästen und ragenden Häuptern der Schnee in dichten Massen lag. Grau und schwer hingen regungslose Wolken fast bis hinab auf die Wipfel. Ein paar Krähen kamen durch die dicke Luft geschwingt. Die letzte wollte sich auf den Wipfel eines der Bäume setzen und eilte, wie erschrocken über die Lawine, die ihr Flügelschlag losgelöst hatte, krächzend den anderen nach, die bereits hinter dem Walde verschwunden waren. Dann lag das Bild wieder erstarrt, wie das Wasser in der großen Fontäne auf dem Rondell, leblos wie die Sandsteingötter, die, wunderlich vom Schneesturme drapiert, an den Eingängen der Alleen Wache hielten. Die Gesellschaft schritt weiter durch die Gemächer, Minna folgte wie im Traume. Was sie da eben gesehen, es war ihre Zukunft gewesen: tödlich kalt, still wie der Tod. Aber der letztere Gedanke hatte auch wieder für sie etwas Versöhnendes, ja schauerlich Süßes. Für immer befreit von ihrer hoffnungslosen Liebe herben Schmerzen, sein selbst vergessend, mit kühlem Kopfe und ruhigem Gemüte für die anderen leben zu können: den Schwachen eine Stütze, den Leidenden eine Hilfe, den Kummervollen ein Trost; weiter so, wie jetzt für die Ihrigen, für die vielen, die von ihr abhängen würden, und in denen sie nur eine einzige große Familie sehen wollte, sich zu opfern, bis dann das Gleichnis Ereignis wurde und der wirkliche Tod kam, sie aus dem winterlichen Leben zu einem Lenz zu erwecken, der keinen Herbst und kein Verblühen kannte – in dem allen lag doch nichts, das eine Seele, die entsagt hatte, schrecken konnte; im Gegenteil: es war alles, was sie noch wünschen durfte. Es kam nur darauf an, sich das völlig klarzumachen, sich mit diesen Ideen ganz zu durchdringen, wie der Neophyt mit den Glaubenssätzen des Evangeliums. Das waren ja nun, wie sie sich selbst gestehen mußte, dieselben Gedanken und Entschlüsse, mit denen sie sich bereits seit Monaten getragen hatte, und so erschien es gleichgültig, ob das entscheidende Wort heute oder morgen gesprochen wurde. Aber, nachdem es einmal gestern abend nicht gesprochen war, würde es schwerlich heute oder morgen, sondern erst im letzten Augenblicke vor der Abreise gesprochen werden. Die Abreise hatte ursprünglich den Tag nach dem Feste stattfinden sollen, aber es war schon jetzt ersichtlich, daß man diesen Termin nicht werde einhalten können. Dem ungeheuren Schneefall der Nacht war ein scharfes Frostwetter, dann abermals ein reichlicher Schnee mit Oststurm gefolgt, der die so schon schwer passierbaren Wege vollends verweht hatte. Selbst die Kommunikation zwischen den einzelnen Gütern und Dörfern war unterbrochen, an die lange Fahrt nach Hamburg vorderhand nicht zu denken. So sah man sich auf den Verkehr unter sich innerhalb der Mauern des Schlosses angewiesen. Das konnte niemand willkommener sein, als Oskar und Johanna. Durften sie doch nun den ganzen Tag nicht voneinander lassen und, bald in dieser, bald in jener Ecke kauernd, unersättlich jene Schwüre und Beteuerungen austauschen, die zu sagen und zu hören Mund und Ohren Liebender nicht müde werden, und endlose Gespräche über Dinge führen, die anderen so nichtig und ihnen von so unermeßlicher Bedeutung scheinen. Und da man, der guten Sitte gemäß, um diese Tête-à-tête in höflichem Bogen herumging, bestand die übrige Gesellschaft nur noch aus den drei Herren und Minna, was diese denn zum Vorwand nahm, die Herren in ihren gewichtigen Gesprächen über Dinge nicht zu stören, von denen ein Frauenzimmer nichts verstehe, so wenig wie vom Kartenspiel, der immer bereiten Zuflucht auf dem Lande eingeschneiter Stadtherren. Solche Entschuldigungen veranlaßten die Herren zu Ausdrücken lebhaften Bedauerns, aber riefen keine eigentliche Opposition hervor. Man hatte sich offenbar dahin verständigt, keinerlei Zwang auszuüben auf ein Wesen, das sich niemals einer Nötigung beugen würde, außer der, die von ihrer eigenen Überzeugung ausging. So vermied denn der Vater auch die leiseste Anspielung auf das, was für ihn doch der alleinige Zweck des Besuches und Inhalt dieser Tage war. Georg, von dem Minna wußte, daß sein Feuerherz nur für eines glühte: die Befreiung des Vaterlandes von der gehaßten Franzosenherrschaft – er schien dies eine vergessen zu haben über der Fuchsjagd, auf die er mit Klaus Neddermeyer morgen früh wollte, und der Vorzüglichkeit der Punschbowle gestern abend, die ihn sein Mißgeschick im Tarock habe vergessen lassen. Billow seinerseits schien nichts im Auge zu haben, als die sorgsame Erfüllung seiner wirtlichen Pflichten. Und wenn es für Fräulein Minna wirklich von Interesse sei, sich in der Wirtschaft umzusehen, so würde es Herrn und Frau Neddermeyer zur höchsten Ehre und Freude gereichen, sie in jedes Detail einzuweihen. Auch wolle er nicht verfehlen zu bemerken, daß es heute morgen endlich gelungen, in dem Bibliotheksaale nach vierundzwanzigstündigem Heizen Tag und Nacht eine behagliche Temperatur herzustellen. Minna machte von der erhaltenen Erlaubnis ausgiebigen Gebrauch. Sie durchwanderte mit Herrn Neddermeyer die Scheunen und die Ställe, schaute dort mit Vergnügen der munteren Arbeit der Drescher, hier dem behaglichen Stilleben der wohlgepflegten Tiere zu; bewunderte aufrichtig Frau Neddermeyers Leistungen in der Vorratskammer, der Milchstube, der Küche, welche überall ein Bild der peinlichsten Ordnung und Sauberkeit boten; auch verschloß sie den braven Leuten nicht den Mund, wenn sie – nach Art Untergeordneter – auf den »Herrn« zu sprechen kamen. Denn es hatte sich bald herausgestellt, daß sie eigentlich Schlechtes von ihm nicht zu berichten wußten. Zwar sei er bei der Revision der Rechnungen immer ein wenig krittlig; aber das sei ja wohl die Art der Kaufherren; und wenn er für die Not der Katenleute kein rechtes Herz habe, so sei das erklärlich, weil er von diesen Zuständen aus eigener Erfahrung nichts wissen könne, und was ein Mensch nicht wisse, das mache ihn bekanntlich nicht heiß. Aber sonst sei er, alles wohl erwogen, ein leidlicher Herr; und der noch leidlicher sein würde, wenn er eine gute Frau hätte. Nur beileibe keine von seinen englischen Verwandten, wie man ein paarmal schon gemunkelt habe! Das fehle ihnen noch gerade, die sie, als gute Deutsche, die sie seien, unter dänischem Regiment von so verzwickten Verhältnissen schon genug zu leiden hätten! Und dazu als Herrin eine Ausländerin, und gar eine Engländerin mit englischen Gewohnheiten und Schrullen! Nein! ein deutsches Fräulein müsse es sein; die hier auf Warnesoe das Regiment führe; eines mit klaren Augen im Kopfe, und die den armen Mann und seine Not auf den ersten Blick verstehe und liebreich mit aller Welt zu reden wisse. Minna mußte im stillen lächeln über dies letztere, augenscheinlich auf sie gemünzte Kompliment, welches ihr bewies, daß ihre Verbindung mit Billow nicht bloß im Herrenhause, sondern auch in der Inspektorwohnung beschlossene Sache sei. Sie hatte es sich leicht genug verdient durch ein paar freundliche Worte, die sie im Vorübergehen zu den Knechten und Mägden gesprochen, und einige Besuche, die sie in den Hütten der Katenleute abgestattet hatte. Aber freilich war ihr die bei solchen Gelegenheiten bezeigte Teilnahme nur als eine Abschlagszahlung der werktätigen Liebe erschienen, mit der sie sich dem Schicksale der Armen und Hilfsbedürftigen in der Folge zu widmen gedachte. War er wirklich ein »leidlicher« Mann, wie sie hier alle sagten, er würde sie sicher gewähren lassen, vor allem es begreiflich finden, wenn sie die Bedingung machte, ein Paar Monate des Jahres mitten unter ihren Schutzbefohlenen auf dem Schlosse zubringen zu dürfen. Das alte Schloß aber wurde ihr mit jedem Tage, ja jeder Stunde sympathischer. Mochte auch in dem Entwurfe des Ganzen, der Ausstattung im einzelnen phantastischer Pracht- und Prunkliebe mehr als billig Rechnung getragen sein – nicht bloß der Bannerspruch auf der Banderole des mächtigen steinernen Wappens über dem Portal verkündete in goldenen, bereits halb erblindeten Lettern: Noblesse oblige – es sprach aus allem ein lebhaftes, energisches Gefühl der Würde, die dem zieme, der diese Räume bewohne. Sie mochte sich nicht denken, daß man sich in diesen hohen Hallen mit niedrigen Gedanken tragen könne, in diesen lauschigen Kabinetten nicht zur Einkehr in sich selbst gelangen solle, um dort den Frieden einer Seele zu finden, die mit der Weltlust abgeschlossen hat, sich mit dem Leben nur noch durch die Sympathie für das Weltleid verbunden weiß. Es war dieselbe Empfindung, welche Rousseau in der Nouvelle Héloise seine Julie aussprechen läßt, die an Claire schreibt: »Wenn mir manchmal die Stille meines Zimmers notwendig ist, so ist es, wenn irgend eine Erregung mich beunruhigt und ich überall anderswo übler daran sein würde. Da finde ich dann, in mir selbst einkehrend, die Ruhe der Vernunft. Wenn eine Sorge mich drückt, ein Leid mich quält, dahin gehe ich, um sie los zu werden. Alle diese Erbärmlichkeiten verschwinden vor einem erhabeneren Gegenstande.« Fünfzehntes Kapitel. Sie hatte das Buch unter den vielen, die in schönen, völlig gleichmäßigen Einbänden die verschnörkelten Repositorien des Bibliotheksaales schmückten, mit freudigem Schrecken entdeckt. Wußte sie doch, daß es sein Lieblingsbuch war, in welchem sie noch nie eine Zeile gelesen! Er hatte sie vor ihm gewarnt: es sei keine Lektüre für ein junges Mädchen, dem man die Illusionen nicht vor der Zeit rauben dürfe. – Nun, sie hatte keine Illusionen mehr zu verlieren; sie glaubte die Welt zu sehen, wie sie ist, strebte danach wenigstens mit allen Seelenkräften; so mochte sie denn getrost die geheimnisvollen Siegel auch dieses Werkes lösen. Des wundersamen Werkes, dessen leidenschaftgetränkte Blätter sie nun nimmermüden Auges durchflog, während draußen der Wintersturm heulte und drinnen in dem hohen Kamin zwischen den das Gesims tragenden Karyatiden die Flamme knisterte; des unsterblichen Werkes, geschrieben von einem, dem ein Gott gab, mit Engelzungen zu reden, und dem doch nichts Menschliches fremd war; der, ach, so oft den Tribut der Menschheit in brennenden Tränen der Scham, in wütenden Selbstanklagen zahlen mußte, den Liebenden gleich, die er nach seinem Bilde schuf! Mit wie tausend beredtesten Worten sie einander und sich selbst glauben zu machen suchen, daß sie, von allem Erdenleid gelöst, in der Tugend elysäischen Gefilden wandeln – der Schatten des verlorenen Glückes, er wandelt mit ihnen, er fällt vor ihnen her auf ihre sonnigsten Pfade, Armer St. Preux! die Geliebte ist die Gattin »des Besten der Männer« seit zehn Jahren, die Mutter dreier blühender Kinder. Du bist der Busenfreund ihres Gatten, der Erzieher ihrer Kinder; sie selbst und du, ihr habt euch geschworen, einander Bruder und Schwester zu sein! Und du brauchst nur auf einer Reise ein gewisses Gastzimmer zu betreten, das du auf Stunden innegehabt in der Zeit, als du noch der einzig Geliebte warst und: »Zehn Jahre sind aus meinem Leben verschwunden; all mein Leid seitdem vergessen. – Vergessen? wenn der nächste Augenblick mir die Last des Leides zwiefach wiedergibt?« – Unglückliche Julie, doppelt unglücklich, die du von dem Geliebten für glücklich gehalten wirst, selbst bekennst, daß dir der Himmel nichts zu wünschen übriggelassen, und in der Fülle deines Glückes wohlbedächtig das furchtbare Wort schreiben kannst: »Mein Glück langweilt mich.« Und das war nicht St. Preux, das war nicht Julie d'Etange, das war Hypolit d'Héricourt, das war sie selbst! Das Weltkind Claire mit ihrem Lachen und Weinen in einem Atem, das war nicht die von der Heldin »unzertrennliche Cousine«, es war leibhaftig ihre Schwester Johanna; der Baron, der das Glück seiner Tochter den eigenen Interessen so resolut zum Opfer bringt – es war ihr leibhaftiger Vater! Und wenn Theodor Billow und Monsieur de Volmar noch so himmelweit verschiedene Naturen sein mochten – in dem einen Umstande glichen sie sich völlig: sie begehrten, sie nahmen ein Mädchen zur Gattin, von dem sie wußten, daß es einen anderen liebte, für sie im besten Falle nie etwas anderes empfinden würde, als Achtung und Freundschaft! Im besten Falle? Wenn aber der schlimmere eintrat? wenn – nein, daran durfte sie nicht denken, so wenig, wie sie sich in jedem Punkte mit Julie vergleichen mochte. Hätte sie ihrem Hypolit jemals, wie Julie dem St. Preux, wenn auch in einem von der Kirche nicht geheiligten Bunde, voll angehört, nun und nimmermehr würde sie eines anderen Gattin geworden sein, und hätte er tausendmal die Philosophie und die Tugenden des Herrn von Volmar besessen! Und nun und nimmermehr – wäre sie dem Zwange der Verhältnisse bis zu diesem schmachvollen Maße erlegen – hätte sie den Geliebten ihrer Jugend zum Augenzeugen ihres ehelichen Lebens gemacht! Wenn Minna auf solche Dinge stieß, die ihrer reinen Seele als Abscheulichkeiten erschienen, dann mochte es wohl geschehen, daß sie, von ihrem Sitze in die Höhe fahrend, mit verschränkten Armen und stammenden Augen in dem Gemache auf und nieder schritt, entschlossen, auch nicht eine Zeile mehr in dem entsetzlichen Buche zu lesen, um sich wenige Minuten später wieder in dem phantastischen Zaubernetz verstrickt zu finden, aus dem kein Entrinnen war, wie aus der Welt, die es mit seinen Gedanken umspannte. Und wie hätte sie auch der magischen Anziehungskraft eines Buches widerstehen können, in dem dann wieder ganze Seiten kamen, .die der Geliebte und sie selbst mit ihrem Herzblute geschrieben zu haben schienen? Wahrlich, es bedurfte keiner Phantasie, sich einzubilden, das stehe nicht seit so vielen Jahren gedruckt, sondern sie lese es tränenden Auges in der schönen Handschrift des Geliebten aus einem Briefe, den sie eben erhalten: »Gestern abend kam ich in Paris an, und der, welcher nicht leben zu können glaubte, wenn er zwei Straßen von Dir entfernt war, ist es jetzt um mehr als hundert Meilen. Beklage mich! beklage Deinen unglücklichen Freund! Hätte mein Blut in langen Strömen diesen unendlichen Weg bezeichnet, er würde mir weniger lang erschienen sein. Ach! kennte ich doch wenigstens den Augenblick, der uns wieder vereinigen soll, wie ich die Entfernung kenne, die uns trennt, ich würde an jedem der verlorenen Tage die Schritte zählen, die mich wieder zu Dir tragen! Aber diese Schmerzensbahn ist mit der Finsternis der Zukunft bedeckt, und ihr Endpunkt entzieht sich meinem trüben Blick. O Zweifel! o Qual! Mein unruhig Herz sucht Dich und findet nichts. Die Sonne geht auf und bringt mir keine Hoffnung, Dich zu sehen; sie geht unter, und ich habe Dich nicht gesehen; meine freudlosen Tage verrinnen in eine ewige Nacht ... Geliebte, zärtliche Freundin meines Herzens, auf welches Leid muß ich mich gefaßt machen, wenn es meinem vergangenen Glücke gleichkommen soll?« Und war dies nicht ihre verzweiflungsvolle Antwort auf den trostlosen Brief? » ... Du weißt, welchen Gatten mein Vater mir bestimmt hat; Du kennst die Bande, in denen mich die Liebe hält. Gehorsam und Treue legen mir entgegengesetzte Pflichten auf. Soll ich dem Zuge meines Herzens folgen? Wem soll ich den Vorzug geben? Dem Geliebten? oder dem Vater? Ach! höre ich nun auf die Stimme der Natur, oder der Liebe, dem einen und dem anderen bringe ich Verzweiflung. Indem ich mich der Pflicht opfere, begehe ich ein Verbrechen; und welchen Entschluß ich auch fasse; lebend und sterbend werde ich zugleich unglücklich und schuldig sein.« Minna schloß den Band und starrte vor sich nieder, bei sich den letzten Satz wiederholend: »Lebend und sterbend werde ich zugleich unglücklich und schuldig sein.« – Nein, so war es nicht. Unglücklich? Gott wußte es, wie sehr! Aber schuldig? doch nur in dem Falle, wenn man, wie St. Preux und Julie, die Hoffnung nicht aufzugeben vermag, sich noch einmal im Leben zu begegnen und »geschwisterlich« nebeneinander hinleben zu wollen. Dann, freilich schuldig, doppelt und dreifach schuldig der feig verratenen Liebe. Aber nicht, wenn die moralische Unmöglichkeit des Wiedersehens für die Liebenden feststeht in der klaren Erkenntnis, daß Gott sie für dies Leben geschieden hat, um sie in jenem, das da kommen wird, desto herrlicher zu vereinigen. Sie erhob sich und stellte das Buch an seinen Platz in dem Regale, aus dem sie es vorhin nur herabgenommen, jene Stellen noch einmal zu lesen. Zum letzten Male. Der fahle Tagesschein war im Erlöschen, und morgen in der Frühe sollte nun, da das Wetter sich aufgeklärt und der Schnee sich gesetzt, die solange hinausgeschobene Abreise endlich vor sich gehen. An der Tür, die auf den Hauptflur führte, wurde leise gepocht. Ein bitteres Lächeln zuckte um ihre Lippen. Wie denn? so zaghaft, wenn man als Gläubiger kommt, zu fordern, worauf man ein wohlerworbenes Recht hat? Nur herein! sagte sie laut und fuhr, als Billow wie zögernd die Tür öffnete und langsam in das Gemach trat, fort: Fürchten Sie nicht, daß Sie mich stören, ich habe Sie erwartet. Das freut mich, erwiderte Billow, das heißt, nur in dem Falle, daß – aber es ist ja beinahe finster hier. Verstatten Sie, daß ich Licht bringen lasse! Minna hatte sich gesetzt und deutete auf einen Stuhl in ihrer Nähe. Weshalb? sagte sie. Zu dem, was wir uns zu sagen haben, bedarf es des Lichtes nicht; es sei denn eines, das nicht von außen kommt. Billow war ihrem Winke gefolgt und hatte Platz genommen, während er sich heimlich sagte: Dies endet nicht gut. Mach, daß du fortkommst! oder bringe etwas Gleichgültiges vor! – In demselben Momente aber fragte er sich schreckensvoll, was er denen sagen sollte, die da wußten, in welcher Absicht er nach oben gegangen war? Und dann suchten seine Blicke in dem Halbdunkel die reizenden Formen zu erspähen, in deren Betrachtung er schon so oft geschwelgt, die genießen zu wollen er sich zugeschworen hatte anfangs in rasender Liebesleidenschaft, später in knirschendem Haß. Und jetzt? Hätte es sein Leben gegolten, er würde darauf eine bestimmte Antwort nicht gehabt haben. Er wußte nur das eine: das schöne, stolze Mädchen sollte ihm gehören – um jeden Preis. Es waren nur Sekunden gewesen, daß ihm das alles durch den Kopf geschossen; ihm aber schien es, als wäre darüber eine unschicklich lange Zeit vergangen. So sagte er denn atemlos hastig, als handle es sich um eine verspätete Botschaft: Fräulein Minna, Sie wissen, weshalb ich komme. Nach dem, was an jenem Abend zwischen uns vorgefallen ist, sollte ich vielleicht nicht wiedergekommen sein. Aber es ist viel Zeit seitdem vergangen. Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen: ich habe diese Zeit redlich benutzt, mir bei Ihnen Verzeihung zu erwirken für mein damaliges Betragen, das mir selbst hinterher bitter leid getan hat. Und nun komme ich eben, zu fragen, ob mir das gelungen ist, ob Sie inzwischen eine bessere Meinung von mir zu fassen vermochten, mich nicht mehr für den egoistischen Menschen halten, als der ich Ihnen an jenem Abende erscheinen mußte; mit einem Worte, ob – Ich Ihre Gattin werden will, ergänzte Minna den Satz. Er hatte ihn nicht vollenden können, weil ihm die Kehle plötzlich wie zugeschnürt gewesen war, und sie hatte es so ruhig gesagt, so fest und so kühl! Und jetzt wußte er ganz bestimmt, daß das, was da in ihm gärte, nicht Liebe war; daß er und sie nun und nimmer zueinander gehörten; daß ihre Vereinigung ein Kampf und in diesem Kampfe sie von beiden die Stärkere sein würde. War sie es doch bereits in diesen Augenblicke, indem sie das entscheidende Wort sprach, das ihm zugekommen wäre, und damit bewies, daß sie sich von vornherein über den eigentlichen Zweck dieser Winterreise völlig klar gewesen war, er mithin die kritische Frage ebensowohl Knall und Fall am ersten Abend hätte stellen können, wie jetzt nach so langem, kläglichem Zaudern am letzten. Und welche ist Ihre Antwort, Fräulein Minna? Wieder war es sehr dumpf und unsicher herausgekommen, und wieder war der Ton ihrer Stimme ruhig, fest und kühl, als sie erwiderte: Ich will es Ihnen sagen nach meinem besten Wissen und Gewissen. Sie haben mir die Ehre erwiesen, sich um meine Hand zu bewerben bereits zu einer Zeit, als mein Herz noch frei war. Es ist Ihnen nicht unbekannt, daß dann eine Zeit kam, in der es nicht mehr frei war und Sie auf Ihrer Werbung nicht länger bestehen mochten. Heute erweisen Sie mir die Ehre zum zweiten Male. Es ist meine Pflicht, Ihnen zu sagen: mein Herz hat seine Freiheit nicht wiedergewonnen, kann sie niemals für dies Leben wiedergewinnen. Aber es sind seitdem Umstände eingetreten, die ich zu würdigen weiß, und die mir den Sinn so weit gewandelt haben, daß ich Ihnen heute immer noch nicht mein Herz, wohl aber meine Hand zu bieten vermag. Ich verstehe das aber so: ich will, wenn Sie mich unter dieser Bedingung – bedenken Sie wohl, unter dieser Bedingung! – zur Gattin haben wollen, Ihre Gattin sein, die nie vergessen wird, welchen großen Dank sie dem Retter ihrer Familie schuldet und sich redlich bemühen wird, diesen Dank gegen Sie abzutragen durch treue Erfüllung ihrer Pflichten jederzeit. Sie kennen mich hinreichend, um zu wissen, daß ich nichts verspreche, als was ich mir reiflich nach allen Seiten überlegt habe, und wovon ich überzeugt bin, daß ich es halten kann, womit denn wiederum gesagt ist, daß ich es halten werde. Dies ist meine Antwort. Wenn Sie mir erwidern: dann muß ich auf Ihre Hand verzichten, so haben Sie dazu gewiß das vollste Recht, und ich glaube, wäre ich an Ihrer Stelle, ich würde von diesem Rechte Gebrauch machen. Aber verhehlen darf ich auch nicht: diese Ihre Antwort würde mir keine Freude bereiten, sondern aufrichtigen Schmerz um meiner Familie willen, die dann in jedem Sinne Ihre Schuldnerin bleibt; um meiner selbst willen, die ich mich so der einzigen Möglichkeit beraube, zu beweisen, daß mein Dank gegen unseren Retter keine hohle Phrase ist, vielmehr der ehrliche Wille: wie er von uns ein schwerstes Unglück abgewandt hat, zu seinem Glücke beizutragen, was in meinen Kräften steht. Sie hatte ihm bei den letzten Worten ihre Hand entgegengestreckt zur Bekräftigung dessen, was sie gesagt, keineswegs in der Meinung, daß er nun mit dem Gesagten einverstanden sein müsse, im Gegenteil einer Antwort seinerseits gewärtig, die, in welchen Ausdrücken immer, auf eine Verzichtleistung hinauslaufen würde. So erschrak sie denn heftig über den Kuß, den sie in dem nächsten Moment auf ihrer Hand fühlte, und der noch ein paarmal leidenschaftlich wiederholt wurde, als er ihr mit einigen gemurmelten Worten, die sie nicht verstand, zu Füßen stürzte. Kaum, daß es ihr gelang, den Angstschrei, der ihr aus der Kehle wollte, zu unterdrücken, indem sie sich jäh erhob und, an allen Gliedern zitternd, die Hand, die er geküßt, und die sie ihm entzogen hatte, von sich streckte, wie ein Glied, das ihr nun nicht mehr gehöre. Sie wollte rufen: was ich da vorhin gesagt, es ist nicht wahr, ich nehme es zurück: ich kann die Ihre nicht sein, unter keiner Bedingung! Aber die ungeheure Erregung lähmte ihr die Zunge. In dem nächsten Augenblicke wurde die Tür, die, von ihr unbemerkt, bereits seit ein paar Minuten leise geknarrt hatte, ganz aufgetan, und Johanna stürzte herein, erst sie, dann Billow umarmend, rufend: Kinder, ich konnte es nicht länger aushalten! Ihr spannt den Menschen ja auf die Folter. Komm herein, Oskar! – Auch der Vater? natürlich! – Und Georg! – Kommt nur alle herein und helft mir gratulieren! Die beiden sind einig! Zwei Brautpaare unter einem Dache! Das soll ein vergnügter Abend werden! Zweites Buch. Erstes Kapitel. Die Abreise am nächsten Morgen war für Johanna und Oskar zugleich der Moment der Trennung gewesen, da er vorerst zu den Eltern nach Stockholm zurück mußte, um von dort, sobald die Schiffahrt soweit frei war und eine Gelegenheit sich fand, nach London zu gehen. Noch am Abend vorher, beim schäumenden Champagner, hatten sich die jungen Leute vermessen, sie würden lachenden Mutes voneinander Abschied nehmen; heute aber, als sich Oskar aus einer letzten Umarmung der Geliebten löste, den für ihn bereitstehenden Schlitten zu besteigen, war sein schönes Gesicht bleich in starrem Schmerz; und Johanna hatte sich laut weinend an den Busen der Schwester geflüchtet. Und an dem Busen der Schwester hatte sie noch manchmal still geweint in den ersten Stunden der Fahrt, die heute auf dem großen Leiterschlitten über den zusammengesunkenen Schnee, der die holprigen Wege zu glattesten Bahnen gemacht, keinerlei Schwierigkeiten bot. Klaus Neddermeyer lenkte wieder die mächtigen Braunen und mußte wieder seine ganze Fahrkunst aufbieten, diesmal aber nur, um die durch so vieltägige ununterbrochene Stallruhe übermütig gewordenen Tiere im Zaume zu halten. So ging es in scharfem Trabe, nicht selten in sausendem Galopp, wie im Fluge durch den hellen, glitzernden Tag über schier endlose Ebenen, auf denen man noch in weitester Ferne jeden Gegenstand klar erkennen konnte; durch schweigende Wälder, heute in Schnee gehüllt, wie in dichtestes Sommerlaub; vorüber an vornehmen Gutshöfen und bescheidenen Weilern, während die Gäule unermüdlich die Schellen ihrer Kumte schüttelten, und der brave Neddermeyer in der Freude seines Herzens von Zeit zu Zeit mit einem triumphierenden Peitschenknall die winterlich-ländliche Stille erschreckte. War es denn nicht eine Freude und ein Triumph, daß es nun wirklich so gekommen, wie seine kluge Frau bereits am heiligen Abend gesagt? Du sollst sehen, Neddermeyer, hatte sie gesagt: die beiden werden noch Mann und Frau. Ja, die Weiber! Er hatte nichts gemerkt am heiligen Abend: sie hatten ja kaum drei Worte miteinander gesprochen! Aber heute sprachen sie ja just auch nicht viel miteinander und waren doch schon verlobt und würden also sicher Mann und Frau! Er sollte an des »Herrn« Stelle gewesen sein! Er würde sich nicht mit dem alten Herrn Senator auf den ersten Strohsack, sondern zu der schönen Braut auf den zweiten gesetzt haben, anstatt der Demoiselle Schwester, die doch jetzt, nachdem der eigene Herr Liebste nicht mehr auf dem Plane war, zu dem Vater gehörte. Ja, die Vornehmen! Sie sind eben anders als unsereiner! Und Küssen und Herzen gibt es nicht, außer etwa, wenn's ans Abschiednehmen geht. Hu! hell! hell! – Und Klaus Neddermeyer schnippte, den alten Hetzruf gellend, mit der langen Peitsche nach einem Hasen, den der vorübersausende Schlitten aus seinem Lager hart am Wege aufgeschreckt hatte, und bat lachend um Entschuldigung, als die erschreckten Pferde seitwärts sprangen und Herr Billow ihm ein ärgerliches: Aber so seien Sie doch vernünftig, Neddermeyer! zurief. Nicht, als ob Billow erst durch Neddermeyers Übermut in eine ärgerliche Laune hätte versetzt zu werden brauchen! Der Champagner gestern abend hatte ihm eine schlaflose Nacht gemacht; der Champagner und etwas, was er sich nicht eingestehen wollte, und das sich doch, während er den heißen Kopf hin und her auf dem Kissen wandte, immer wieder in sein Gehirn bohrte: du hast eine ungeheure Dummheit begangen! Wie machst du sie wieder gut? Sagst du es ihr ganz offen und bittest sie, dir dein Wort zurückzugeben? Es wäre das einfachste und sicherste; aber dann behältst du, als anständiger Mensch, die gegen ihren Vater, gegen Sandström und weiß der Teufel nicht noch gegen wen alles übernommenen Verpflichtungen auf dem Halse. Nein! Besser ist, du läßt sie kommen. Das wird bald genug geschehen – sie hat jetzt schon nur mit Ach und Krach ja gesagt. Dann bist du der Herr der Situation, dann kannst du mit Fug und Recht auftrumpfen: für nichts ist nichts, besonders nicht von einem, dem man mitgespielt hat wie mir! – Zum Teufel, der Alte mit seinem langweiligen Schwatz! – Sitzen Sie bequem, Minna? – Wollen Sie auch noch eine Decke haben, Fräulein Johanna? Und eine Auseinandersetzung Warburgs über die mutmaßlichen Handelskonjunkturen in dem Falle, daß Frankreich zu einem räsonabeln Frieden gezwungen würde, jäh unterbrechend, wandte er sich zu den Damen, von denen bereits seit einer halben Stunde keine ein Wort gesprochen hatte. Wie wäre es, wenn man im nächsten Dorfe, das einen ganz guten Krug habe, anhielte und eine längere Mittags- und Erholungspause machte? Bei solchem Jagen würde man überdies viel zu früh nach Hamburg kommen, das man doch erst betreten dürfe, respektive betreten könne, wenn alle Katzen grau seien. Klaus Neddermeyer stand sogleich für den Herrn ein: er fürchte, die Pferde, die noch immer kaum zu halten seien, würden sich überlaufen, und der Krug sei wirklich gut: der beste in der ganzen Gegend. Der Wirt halte sogar den »Korrespondent«, – den deutschen Teil für sich und seine Kunden, den französischen für die gnädige Frau Gräfin Ranzow, wofür denn seine Luise des Sonntags nachmittags mit den kleinen Komtessen ans dem Schlosse spielen dürfe. Wenn da eine Zeitung zu haben ist, müssen wir jedenfalls einkehren, sagte Warburg eifrig. Man hielt vor dem ansehnlichen Hause, auf dessen Schwelle der Wirt, der den Schlitten hatte kommen sehen, bereits stand, die Gäste zu begrüßen, von denen ihm der Gutsherr und zumal der Inspektor von Warnesoe wohlbekannt waren. Na, was sagen Sie dazu, Herr Billow? rief er nach den ersten Begrüßungsworten. Wozu? fragte Billow. Ja, wissen Sie denn nicht? Haben Sie denn nicht gelesen? Wir sind acht Tage total eingeschneit gewesen. Was ist es? Das neunundzwanzigste Bulletin! Der »Korrespondent« vom fünfundzwanzigsten hat es ja schon gebracht! Haben Sie die Nummer? Den deutschen Teil wenigstens; den französischen – Gleichviel! Her damit! schnell! Ja, so kommen die Herrschaften doch nur erst einmal herein! sagte der behäbige Wirt lachend. Sie finden drinnen alles in bester Ordnung, auch einen warmen Ofen für die jungen Damen, die schön durchgefroren sein werden. Man eilte ins Haus, ins Zimmer, wo auf dem runden Tische, sorgfältig mit einer Tabaksdose beschwert, die schmalen Streifen bedruckten Papieres lagen, die der Wirt mit scharfer Schere von dem auf den Nebenkolumnen stehenden französischen Text des »Korrespondent« losgetrennt hatte, und die dem Kundigen schon durch die grüne Farbe verrieten, daß es sich um ein kaiserliches Bulletin handeln müsse. Da es drei Streifen waren, konnten Warburg, Billow und Johanna, die sie zuerst ergriffen hatten, zu derselben Zeit lesen, was sie denn begierig und unter manchen Ausrufungen der Verwunderung taten, um dann die kaum durchflogenen Blätter hastig gegeneinander auszutauschen, während der Wirt, der das ganze Bulletin auswendig wußte, Minna, die still dabei stand, den Hauptinhalt mitteilte: daß infolge des bis auf achtzehn Grad Reaumur gestiegenen Frostes in wenigen Tagen über dreißigtausend Pferde gefallen seien; die Armee eingestandenermaßen fast ohne Kavallerie, Artillerie und Transportmittel den Rückzug fortsetze, den man über die Beresina genommen habe, nicht ohne sich den Übergang mit schweren Kämpfen unter ungeheuren Verlusten erzwingen zu müssen. Ja, ja, schloß der Wirt seinen zusammengedrängten Bericht; so etwas ist noch nicht dagewesen, seitdem die Welt steht; es muß ganz heidenmäßig fürchterlich zugegangen sein. Sie haben den Schluß noch nicht gelesen, Billow! rief Warburg: hören Sie doch nur: »Unsere Kavallerie ward dergestalt demontiert, daß man die Offiziere, die noch ein Pferd hatten, hat vereinigen können, um daraus vier Kompagnien von je hundertfünfzig Mann zu formieren. Die Generale bekleideten dabei die Stellen von Kapitäns und die Obersten die von Unteroffizieren. Diese heilige Eskadron« – passen Sie gut auf, Billow! – »diese heilige Eskadron, die unter dem Könige von Neapel von dem General Grouchy kommandiert wurde, verlor bei allen Bewegungen den Kaiser nicht aus den Augen. Seine Majestät haben sich nie besser befunden.« Bei Gott! so steht hier: »Seine Majestät haben sich nie besser befunden!« Warum nicht, rief Billow höhnisch, er kommandiert ja über lauter Wundermänner! Wo ist es doch gleich? Richtig, hier: »Diejenigen, die die Natur erhaben über alles geschaffen hat, behielten ihren Frohsinn und ihre gewöhnlichen Manieren und sahen in den verschiedenen Schwierigkeiten nur neuen Ruhm.« – Die erbärmlichen Schufte! die elenden Prahlhänse! Billow schleuderte das gelesene Blatt auf den Tisch und schielte seitwärts nach Minna, die noch immer bleich und still ein paar Schritte von dem Tische entfernt stand. Er hatte gehofft, sie werde mit irgend einer Äußerung für die Franzosen Partei nehmen, und war entschlossen, sich das zu verbitten, in patriotischen Zorn zu geraten, es auf einen Bruch mit der Freundin des Landesfeindes ankommen zu lassen. Minna zuckte nicht mit der Wimper, und das Eintreten der rundlichen Wirtin, welche ihre Gäste zu begrüßen und die Wünsche für das Mittagessen entgegenzunehmen kam, löste die gespannte Situation. Die jungen Damen folgten ihr in die Küche; die Herren blieben allein, und auch als jene nach einiger Zeit wieder eintraten und man sich zu dem ländlichen Mahl setzen konnte, für das der Wirt unterdessen den Tisch gedeckt hatte, fand Billow keine Gelegenheit, seiner gereizten Stimmung Luft zu machen. Die Unterhaltung, trotzdem sie selbstverständlich nur über Dinge lief, die alle so tief bewegten, hielt sich in den gebührenden Schranken und wurde überdies hauptsächlich vom Wirt geführt. Er war seitdem zweimal in Hamburg gewesen und konnte nicht genug von den dort herrschenden wunderlichen Zuständen erzählen. Die Herren Franzosen sahen aus, als hatte jeder »eines mit der Axt vor den Kopf bekommen«, was sie denn freilich nicht gehindert habe, sich, besonders in den ersten Tagen, noch ganz ausnahmsweise wild und wütig zu gebärden, Verhaftungen vorzunehmen, Haussuchungen anzustellen, die jungen Männer, selbst solche, die noch halbe Kinder wären, auf die Konskriptionsliste zu setzen, alles natürlich nur, um die Leute einzuschüchtern. Das sei ihnen aber erbärmlich schlecht gelungen; alle Welt spotte über die Bramarbasse, alle Welt sei darüber einig, daß die Wirtschaft zu Ende gehe; und wenn sich nur einer fände, der die Sache in die Hand nähme, er sei überzeugt: morgen am Tage könne man den letzten Franzosen zur Stadt hinausjagen und das Tor hinter ihm zumachen. Aber da liege der Hase im Pfeffer. An kräftigen Händen fehle es nicht, die lieber heute als morgen zuschlagen – und wie zuschlagen! – möchten und würden; nur, daß es mit dem bloßen Zuschlagen nicht getan sei. Der Kopf zu all den vielen Händen mankiere. Man munkle wohl von dem einen und dem anderen: von dem Herrn von Heß, von dem Herrn Perthes, dem Doktor Beneke, dem Dachdeckermeister Mettlerkamp. Er sei für den letzteren. Mit den gelehrten Herren komme man überall nicht weit. Ein praktischer Mann müsse es sein: einer, der Kopf und Herz auf dem rechten Flecke habe. Es werde sich schon einer finden. Aber darüber sollten die Herrschaften den Eierkuchen nicht kalt werden lassen, auf den seine Alte stolz sei und mit Recht. Er wolle außer seiner Alten die Wirtin in Holstein sehen, die am zweiten Januar Eierkuchen aus frischen Eiern backen könne! Zweites Kapitel. Unter dem Einflusse des von den Herrschaften mitgebrachten und über Tisch reichlich gespendeten Weines war der Wirt so redselig geworden, daß es die Herren nicht übel deuten konnten, wenn die Damen sich auf eine halbe Stunde zurückzuziehen wünschten. Auch war Johanna in der Tat der Ruhe bedürftig. Der Abschied heute morgen von dem Geliebten hatte ihre ohnehin nicht bedeutende physische Kraft um so heftiger erschüttert, als sie die äußerste Mühe aufgewandt hatte, ihren Jammer vor den Herren möglichst geheim zu halten; dazu die schwindelschnelle Fahrt auf dem schleudernden Schlitten über den glitzernden Schnee. – Ich glaube, ihr werdet uns vor zwei Stunden nicht wiedersehen, hatte Minna ihrem Vater zugeflüstert, als sie der Schwester folgte, welche die gutmütige Wirtin, sie kräftigen Armes umschlingend, in das für die Damen inzwischen bereitgestellte Zimmer führte. So hatten die Herren den schicklichsten Vorwand, bei der Flasche sitzenzubleiben, zum größten Behagen Klaus Neddermeyers, der jedes Glas im stillen auf das Wohl der neuen schönen, jungen Herrin leerte, und des Wirtes, der einmal über das andere einen so guten Tropfen schon lange nicht getrunken zu haben versicherte. Warburg und Billow sprachen dem Weine nicht weniger eifrig zu, beide in sehr verschiedener Stimmung. Warburg hatte mit schwerer Sorge gestern abend und heute das Betragen von Tochter und Schwiegersohn zueinander beobachtet und fragte sich: ob das nicht ein schlimmes Ende in voraussichtlich sehr naher Zeit nehmen werde? und was dann aus ihm, was aus der Zukunft seines Lieblingskindes werden solle? Billow knirschte innerlich vor Zorn über Minnas Kälte, bei der er es noch nicht weiter als bis zu ein paar Handküssen gebracht hatte. Vorhin hatte er sich gesagt, daß ihn: nichts willkommener sein könne, als ein Benehmen, das ihm den triftigsten Grund böte zur Lösung dieses unsinnigen, für ihn schmachvollen Verhältnisses; jetzt, nachdem er ein paar Flaschen getrunken, erschien ihm alles wieder in einem anderen Lichte. Vor seinen erhitzten Sinnen stand das schöne Mädchen da, reizender, begehrenswerter als je. Nicht einen Pfifferling fragte er nach ihrer Liebe, die sie doch dem französischen Halunken bewahrt hatte und bewahren werde – das hatte ja vorhin deutlich auf ihrem blassen Gesicht geschrieben gestanden – aber, ging es auf die Dauer nicht, so lange sollte und mußte es gehen, bis er sie besessen hatte. Aber wie dazu gelangen? Die Verlobung gestern beim Champagner mit dem langatmigen Segen des alten Sünders von Vater – pah! das war nur eine Farce gewesen – in ihren Augen sicherlich. Bevor der Pfaff nicht Amen gesagt, stand es schief um die Sache. Jeder Tag zwischen hier und der Hochzeit erhöhte die schlimme Chance, daß es überhaupt nicht zur Hochzeit kam. Wie ließ sich die Hochzeit beschleunigen? Billow rieb sich die heiße Stirn. Die drei anderen Trinker waren in einen Streit geraten, in dem Warburg das große Wort führte. Er erhob sich geräuschlos, verließ das dumpfe Zimmer und trat in die trotz der draußen herrschenden Kälte offene Haustür. Die Blendung vom Schnee, auf dem die helle Nachmittagssonne lag, tat seinen Augen weh, und schon wollte er mürrisch wieder ins Haus, als er seitwärts auf dem Hofe Minna erblickte. Sie stand, ihm den Rücken wendend, in der Nähe des zur Seite geschobenen Schlittens auf einer hart getretenen, mit verzerrten Strohhalmen überdeckten Stelle, aus einer irdenen Schale, die sie in der linken Hand hielt und aus der Küche mitgebracht haben mochte, Hühner und Tauben fütternd, die sich einander die Bissen streitig machten. Er erinnerte sich, daß er sie schon einmal ganz ähnlich so gesehen – auf dem Hofe ihres väterlichen Hauses an einem Sommermorgen vor Jahren, als sie kaum ein erwachsenes Mädchen und auch er noch so viel jünger war, – und daß er sie damals bereits gern gemocht. Er wußte nicht warum, aber er fühlte sich von dieser Erinnerung seltsam berührt, als ob mit ihr auch etwas von der Empfindung zurückgekommen sei, die der jenerzeit etwa Zwanzigjährige dem schönen Mädchen entgegengetragen, und die wohl sehr viel reiner und uneigennütziger gewesen war, als was er jetzt empfand oder noch eben empfunden hatte. Ohne sich zu besinnen, schritt er auf sie zu, die sich erst, als er bereits ganz in ihrer Nähe war, zu ihm wandte. Ich habe Sie erschreckt? sagte er. Sie sehen: nein. Ihr Auge blickte ihn in der Tat so fest und ruhig an: so blickt keine Erschreckte, aber auch keine, die sich des unverhofften Kommens des anderen freut. Der Groll wollte wieder in ihm aufkochen, aber noch hielt die weichere Stimmung von eben vor. Ich sehe Sie nicht zum ersten Male in solcher Beschäftigung, sagte er; und erzählte nun mit einer Bewegung, über die er sich selbst wunderte, wann und wo er sie so gesehen mit einigen Einzelheiten, die ihm erst jetzt wieder einfielen. Welch gutes Gedächtnis Sie haben! sagte sie, als er geendet, mit einem Lächeln, das, wie er wohl bemerkte, keinen Beigeschmack von Spott hatte, und fuhr dann, indem sie ihre Kostgänger von neuem zu bedienen begann, fort: Es ist freilich eine alte Liebe von mir, die zu dem Federvölkchen, und ich habe mir eben gedacht, ich könnte auf Warnesoe ihr so recht nachgehen und in Herrn Neddermeyers Gerstenvorräten fürchterliche Verwüstungen anrichten. Billow erschrak: in dem Ausdruck ihres Gesichtes, dem Ton ihrer Stimme wieder nicht die leiseste Spur von Spott. Ja, wie war er denn eigentlich mit ihr daran? Empfand sie wirklich etwas für ihn? Dann freilich durfte er auch anders für sie empfinden. Das ist sehr freundlich von Ihnen, sagte er stockend; ich – ich offengestanden, ich dachte eben, Sie wären mir bös. Weshalb? Ich hatte vorhin, als wir das Bulletin lasen, ein paar harte Worte gesagt gegen – Sie wissen, was, vielmehr, wen ich meine. Man soll einen Feind, wenn er am Boden liegt, nicht noch beschimpfen. Gewiß soll man das nicht, erwiderte sie; aber in einem, glaube ich, irren Sie völlig. Worin? In der Annahme, daß die Franzosen nicht meine Feinde so gut seien, wie die Ihren oder jedes patriotisch denkenden Menschen. Wenn es eine Zeit gegeben hat, wo ich das nicht von mir sagen konnte, so ist diese Zeit dahin. Was ich will, das will ich nicht halb; was ich tue, tue ich ganz. Möchten alle Deutschen so denken, alle so zu handeln entschlossen sein! Ich glaube jetzt erst meinen Bruder Georg zu verstehen. Er sagt von Ihnen, daß Sie einer Gesinnung mit ihm sind. Ich sollte meinen, wir gehen Tagen entgegen, in denen Sie den Beweis dafür antreten können. Es fehlt an einem Kopfe, an einem Führer, sagte vorhin Herr Hansen. Georg, löwenherzig wie er ist, ist dazu zu jung. Ich habe gedacht, Sie könnten dieser Führer sein. Ich? stammelte Billow, der nicht wußte, ob er sich über die seltsame Wendung, die das Gespräch genommen hatte, freuen solle oder nicht. – Ich? ich weiß nicht – das heißt, ich habe nichts dagegen – selbstverständlich; vorausgesetzt, daß ich Sie aufrichtig auf meiner, auf unserer Seite wüßte. Was täte das zur Sache? Viel, sehr viel – Sie glauben nicht wieviel – für mich. Wirklich? Sie stand sinnend. Eine Magd des Hauses kam, nach den Ställen gehend, dicht an ihnen vorüber. Minna reichte ihr die geleerte Schale, nahm ihr Taschentuch, an dem sie die Fingerspitzen säuberte, während sie langsam, als wäge sie jedes Wort ab, sagte: Sie haben mich gestern gefragt, Billow, ob unsere Hochzeit bald sein solle. Ich habe Ihnen keine Antwort gegeben, mit der Sie zufrieden sein konnten: im Laufe des Jahres! Das ist nichts! Ich will es heute wieder gutmachen: unsere Hochzeit soll sein, sobald die Franzosen Hamburg geräumt haben. Und wenn sie es nun nicht räumen! rief Billow, einen Verdacht, der ihn jäh gepackt hatte, unter lautem Auflachen mühsam verbergend, nicht heute und nicht morgen? es niemals wieder räumen? Was dann? Nein, schöne Minna, das ist kein ehrlicher Handel. Ich will Ihnen einen anderen, einen billigeren Vorschlag machen. Gut: sobald die Franzosen Hamburg räumen! Und wenn es in den nächsten acht Tagen ist. Kommt es anders, so warten wir drei Monate und keinen Tag länger. Ist Ihnen das recht? Ja. Geben Sie mir die Hand darauf! Mein Wort genügt Ihnen nicht? Ich habe Ihre Hand, seitdem wir verlobt sind, noch nicht so oft in der meinen gehabt, daß ich nicht jede Gelegenheit dazu wahrnehmen sollte. Sie gab ihm die Hand. Die Hand war sehr kalt; dennoch durchzuckte es ihn wie ein elektrischer Schlag. Minna, stammelte er, Minna! Im nächsten Augenblicke hätte er sie umfaßt und ihren Mund mit wütenden Küssen bedeckt, aber ein lautes Hallo von der Haustür ließ ihn ein paar Schritte zurückprallen. Es war Warburg, der auf der Schwelle stand und in dem Rausche, den er sich angetrunken hatte, schwerlich wußte, daß er und warum er mit solcher Furie Hallo geschrien. Dir zahl' ich das heim, dachte Billow, während er sich zugleich sagte, daß er sich mit einer Umarmung auf dem offenen Hofe bei seiner stolzen Braut gerade nicht empfohlen haben würde. Drittes Kapitel. Die zweite Hälfte der Fahrt, zu der man dann eine halbe Stunde später aufbrach, wurde langsamer als die erste zurückgelegt. Die Braunen hatten am Vormittage ihre frische Kraft so weit ausgerast, und Klaus Neddermeyer suchte, was seinem schweren Kopfe an Klarheit fehlte, durch Bedächtigkeit wieder gutzumachen. Warburg schlief, in Decken und Pelze gehüllt, seinen Rausch aus, meistens auf Billows Schulter, der über die ihm dadurch verursachte Unbequemlichkeit im stillen fluchte und eigentlich doch froh war, so der Pflicht, sich mit den Damen zu unterhalten, enthoben zu sein. Er fühlte, daß er nach der Szene mit Minna, durch die sein Verhältnis zu ihr in ein ganz neues Stadium gerückt schien, den rechten Ton nicht würde zu finden wissen. Da war es denn vorderhand geraten, seine Wohlmeinenheit durch zärtliche Sorge um den Schwiegervater an den Tag zu legen und sich übrigens in ein Schweigen zu hüllen, das ihm freilich wesentlich durch die Schweigsamkeit der Damen selbst erleichtert wurde, von denen Johanna ihr Unwohlsein noch nicht ganz überwunden hatte, und Minna schwerste Gedanken in ihrer Seele wälzte. So gelangte man, nachdem längst das Dunkel hereingebrochen, an das Stadttor, das man bei der Ausfahrt nur mit Anwendung so vieler Vorsichtsmaßregeln hatte passieren können, und das sich, wie der Wirt vorausgesagt, den Heimkehrenden ohne jede Schwierigkeit öffnete. Kaum, daß der wachhabende Offizier fragte: woher die Reisenden kämen? Von einer Paßkontrolle war keine Rede. Ein höfliches: Bon soir, mesdames! bon soir, messieurs! und Klaus Neddermeyer durfte die ermüdeten Braunen wieder antreiben. Sie haben jetzt das milde Register aufgezogen, sagte Warburg, der mittlerweile seinen Rausch ausgeschlafen hatte, lachend zu Billow, und dann, sich zu den Töchtern wendend: Kinder, wir dürfen den schönen Tag nicht so zu Ende gehen lassen. Wenn wir auch unerwartet kommen, ein Glas Punsch wird schon noch herzustellen sein. Billow kommt selbstverständlich gleich mit uns. Billow protestierte: die Damen wären zu angegriffen. Minna bestätigte das, wenn nicht für sich, so doch für Johanna. Warburg wollte es nicht gelten lassen. Man war noch mitten im Streite, als der Schlitten vor dem Hause hielt. Billow, der herabgesprungen war, zog die Schelle. Es währte einige Zeit, bis Christiansen öffnete, ein Licht in der Hand haltend, dessen Schein hell in sein verstörtes Gesicht fiel. Was ist geschehen? fragte Minna besorgt. Zum Teufel, wirst du reden! rief der erschrockene Warburg. Noch auf dem Hausflure, bevor man die vom Schlitten genommenen Sachen aus den Händen gelegt hatte, erfuhr man von dem alten Diener die böse Kunde. Am zweiten Feiertage, bereits gegen Abend, sei plötzlich ein Polizeikommissar an der Spitze von wenigstens einem Dutzend Polizisten erschienen, der in barschem Tone nach dem Herrn gefragt habe. Auf das Bedeuten Christiansens, daß der Herr mit den Fräulein Töchtern über Land sei, habe der Kommissar unter Vorzeigung eines Stückes Papier erwidert, er habe Befehl, eine Haussuchung anzustellen, wozu Christiansen ihm sofort sämtliche Schlüssel von Schränken, Kommoden und so weiter ausliefern solle. Vergeblich seine Beteuerung, daß die Herrschaft ja selbstverständlich die hauptsächlichen Schlüssel mit sich genommen und er nur einige wenige unbedeutende in Verwahrung habe, die er dem Herrn Kommissar gern zu Gebote stelle. Der aber habe gewettert und geflucht und gedroht, alles kurz und klein zu schlagen, wenn man ihm nicht in fünf Minuten die Schlüssel schaffe; und da das natürlich nicht möglich gewesen, alsbald die Drohung zur Tat gemacht, indem sich die ganze Bande zuerst einmal in des Herrn Zimmer stürzte, mit Stemm- und Brecheisen, die sie bei sich führten, die Kasten des Pultes aufbrechend, und schließlich, da ihnen die Arbeit so noch immer zu langsam gegangen, mit einem Beile, das sie sich zu verschaffen gewußt, dreinhauend, als »wenn das schöne Möbel ein Kloben Tannenholz wäre!« Was sollte ich tun, Herr Senator? fuhr der Alte weinerlich fort. Ich mußte von Glück sagen, wenn sie mich nicht totschlugen, denn sie waren alle betrunken, und die Herren oben aus den Bureaus, die über dem Heidenspektakel herbeigekommen waren, standen lachend dabei und hetzten die Wüteriche noch gar an. Die hätten denn auch ganz gewiß in den Zimmern der Fräulein ebenso gehaust wie hier, wenn nicht plötzlich einer gekommen wäre, der wohl ein Vorgesetzter des Kommissars sein mußte und diesen grimmig ausschalt in ihrem greulichen Kauderwelsch, das ich ja nicht verstehe, wenn sie es herunterplappern wie Wasser über ein Mühlrad. Genug, sie zogen alle wieder ab; der Herr Oberkommissarius sagte auch etwas zu mir, wovon ich so viel begriff, daß es eine Entschuldigung sein sollte, sintemal man sich nur in der Person geirrt habe, und ich konnte daran gehen, die Bücher, Briefschaften und Papiere zusammenzusuchen, die sie wie Kraut und Rüben auf der Diele durcheinandergeworfen hatten. Daß sie was mitgeschleppt haben, Herr Senator, glaube ich nicht, denn als der Herr Oberkommissarius so schalt, warfen sie alles wieder weg, wenn sie es auch schon aus den Taschen holen mußten. Dann habe ich für die Nacht, aus Furcht, sie könnten wiederkommen, aus dem, was da herumlag, drei große Bündel gemacht und zu mir auf meine Kammer genommen, von wo ich sie erst heute, als alle die Tage nichts weiter geschah, so, wie sie waren, in das Kontor hinabgetragen und dort auf einen Tisch gelegt habe, wo sie der Herr Senator, wenn Sie nachsehen wollen, gefälligst finden werden. Warburg nahm diese Mitteilung in einer beständig sich steigernden Aufregung entgegen, die Billow ebenso unverständlich wie ärgerlich war. Man hatte ja die Sachen weder gestohlen noch verbrannt; und hätte man's getan, was konnte dem Bankrotteur groß daran gelegen sein, sein kurzes Kredit und sein langes Debet schwarz auf weiß zu haben? Und wo blieb, wenn sich der Alte so wunderlich toll gebürdete, der versprochene Punschabend, bei dem man endlich Gelegenheit gehabt hätte, die unterbrochene Szene auf dem Hofe des Gasthofes fortzusetzen. Daran war denn freilich nicht zu denken. Warburg erklärte, keine Ruhe zu haben, bevor er den zweifellos angerichteten Schaden wenigstens übersehen könne. Billow mußte sich wohl oder übel verabschieden, kaum, daß er Zeit behielt, Minna einen Gruß an Johanna aufzutragen, die sich bereits zurückgezogen hatte, und ihr die Hand zu drücken mit einem Blicke, den er für sehr bedeutend hielt. Minna fragte dann den Vater, ob sie ihm nicht, wenn er doch die Ordnung der Papiere sogleich vornehmen wolle, dabei helfen dürfe, erfuhr aber eine so schroffe Zurückweisung, daß sie sich, weniger gekränkt, als in ernstlicher Sorge um den Aufgeregten, zurückziehen mußte. Christiansen hatte unterdessen alles herbeigeschafft, was er an Lichtern im Hause auftreiben konnte, und sie im Zimmer des Herrn entzündet, der ihn darauf verabschiedete. Als er auf dem Flure stand, hörte er, wie der Herr hinter ihm die Tür zweimal abschloß. Als ob er sich vor mir zu fürchten brauchte! murmelte der Alte; als ob ich ihm was stehlen würde! Wo doch alles schon durch meine Hände gegangen ist! Und Geld und Geldeswert ist nicht dabei gewesen. Das kann ich vor Gott und aller Welt beschwören. Drinnen in dem verschlossenen Zimmer aber hatte Warburg an der Tür gelauscht, bis er den Schritt des Alten nicht mehr hörte; dann war er an den Tisch gestürzt, auf dem die drei großen Pakete lagen, und hatte die sorgsam geknüpften Schnüre mit dem Taschenmesser, das ihm Billow zu Weihnachten geschenkt, durchschnitten. Das Hauptbuch, die Kladde, die anderen kaufmännischen Bücher schichtete er gleich auf einen kleinen Haufen: sie hatten kein Interesse für ihn. Es handelte sich für ihn nur um das übrige, da darin sich finden mußte, was er suchte. Aber es fand sich nicht. Natürlich hatte er es in der ersten Eile zwischen den anderen Paketen, Briefbündeln, einzelnen Briefen übersehen; es konnte ja auch auseinandergefallen sein; er erinnerte sich, daß er das große Kuvert, in das er alles gesteckt, nicht einmal geschlossen hatte. Er begann die Nachforschung von neuem, langsamer, systematischer, jedes Paket, jedes Bündel sorgfältig prüfend, die einzelnen Briefe nach dem Inhalte ordnend, übereinanderschichtend. Er hatte die mühselige Arbeit vollendet: es war, soweit er übersehen konnte, alles da, was in dem Pulte gelegen hatte; nur nicht, was er suchte. Ein Hoffnungsstrahl blitzte in ihm auf. Tor, der er war! Er hatte die Trümmer des Pultes, die Christiansen sorgsam in der Zimmerecke aufgetürmt, nicht durchforscht! Da mußte er ja das in die Tiefe des Pultes eingelassene geheime Schubfach unversehrt finden! Er stürzte auf den Trümmerhaufen zu. Fast das erste, was er in die Hand bekam, war ein Kasten, auf dessen Form er nur einen Blick zu werfen brauchte, um zu wissen, daß er den Rest ruhig liegen lassen könne. Der Angstschweiß rann ihm in kalten Tropfen von der Stirn, seine Hände zitterten. Dennoch: es mußte geschehen! zum dritten Male! Diesmal ging es selbst über die Bücher her, die er vorhin beiseite gelegt, und die er jetzt Blatt für Blatt umschlug, trotzdem er sie bereits wie toll geschüttelt hatte, und es eine bare Unmöglichkeit war, daß zwischen den Blättern noch etwas steckte. Dann kam wieder das übrige an die Reihe; aber bereits begannen seine Gedanken sich zu verwirren. Hatte er dies Paket nicht eben als unverdächtig links aus der Hand gelegt? Wie kam es dann wieder nach rechts? Oder war alles, was rechts lag, das bereits Durchsuchte, und lag links das andere? Er war zu Ende mit seiner Kraft; er mußte es aufgeben. Mitternacht war längst vorüber. Morgen vielleicht – Er hatte es vor sich hingemurmelt, während er mit schlaffen Gliedern und schmerzendem Rückgrat in dem Lehnstuhle hing, und dann lachte er laut auf. Er war sicher, daß er morgen so wenig wie heute Héricourts und Minnas Briefe finden würde, die er unterschlagen und die das Geheimfach des zertrümmerten Pultes nun doch herausgegeben hatte. Viertes Kapitel. Was ich will, das will ich nicht halb; was ich tue, das tue ich ganz. Dies Wort, das Minna auf der Fahrt nach Hause zu Billow gesagt, kam ihr wieder in Erinnerung; und sie gelobte sich, fest bei ihm zu stehen und es zur vollen Wahrheit zu machen. Sie konnte ja nicht irren, wenn sie genau das tat, wofür ihr der Geliebte das Beispiel gegeben. Hatte er in dem Streite zwischen Liebe und Pflicht gewiß nicht ohne heißen, schweren Seelenkampf sich für die letztere entschieden, nun wohl, sie durfte ebensowenig wie er vergebens mit sich selbst gerungen haben. Hatte er die Geliebte ihrem irdischen Geschick überlassen für seinen Kaiser, mit dem für ihn sein Vaterland stand und fiel, so mußte sie ihm seine Erdenwege segnen, um sich ihrerseits ihrem Vaterlande zu widmen, das den heiligen Namen nicht verdiente, solange es in Knechtschaft schmachtete. Auch für die Frau war jetzt die Zeit gekommen, wo sie ihren Anteil nehmen mußte an dem großen Befreiungswerke; ja, Minna sprach es aus: es kann ohne uns Frauen nicht zu einem guten Ende geführt werden. Wie sollen die Männer mutig in den Kampf gehen, von dem heulende Mütter und Weiber, Schwestern und Töchter sie hatten zurückhalten wollen? dem Tod sich weihen, der in den Augen jener ein Verbrechen ist? Der Mann ist von Haus aus tapfer; er wird nur feig durch die Weiber. Schafft tapfere Weiber, und es wird keine feigen Männer mehr geben! Sie ließ es nicht bei den Worten, und indem sie ihre Gesinnungen in Taten umzusetzen suchte, bemerkte sie zu ihrem großen Erstaunen, daß ihr, wie über Nacht, seelische Eigenschaften gekommen waren, die sie sich früher völlig abgesprochen haben würde. Sie hatte sich immer für stolz bis zur Hoffart gehalten und scheu bis zur Menschenfurcht. Stets hatte sie sich suchen lassen: von ihren Anbetern, ihren Freundinnen; nie hatte sie den einen oder den anderen einen Schritt entgegengetan. Als im Frühjahre das Geschäft des Vaters schlecht zu gehen anfing, war sie es gewesen, die in der Familie darauf drang, daß man sich von den reichen und wohlhabenden Häusern, in denen man bis dahin verkehrt hatte, zurückziehen müsse, bevor jene den Verarmten ihre Türen schlossen; und es war für sie eine traurige Genugtuung gewesen, als sich aus so manchen Anzeichen herausstellte, daß sie die Denkungsart der sogenannten Freunde ganz richtig taxiert hatte. Jetzt plötzlich trat sie uneingeladen über die so sorgsam gemiedenen Schwellen: sie mußte doch den Erstaunten persönlich und vertraulich mitteilen, daß sie sich mit Theodor Billow verlobt habe, da man in dieser traurigen Zeit sich schicklicherweise öffentlich nicht verloben könne! Sie schien beglückt durch die ihr gespendeten Glückwünsche, dankbar für die Beteuerungen einer Freundschaft, die man so ungern unterbrochen gesehen habe; erwiderte die Bitte, von nun an in alter Weise fest zusammenzuhalten: und dann wußten die Betreffenden nicht, wie das Gespräch sich plötzlich auf die politische Lage, auf die Zustände in der Stadt gelenkt hatte, und aus demselben Munde, der eben noch von häuslichen Dingen in der üblichen Frauenweise geredet, Feuerworte kamen von Vaterland und Freiheit und den heiligen Pflichten, die den Frauen oblägen in so schwerer Zeit. Das hörten denn die einen mit stumpfer Verwunderung an, andere gar mit Kopfschütteln; aber es fanden sich doch immer solche, in deren Seelen die Feuerworte als zündende Funken fielen; und die Eifrige freute sich ihres Erfolges und klopfte wieder an eine andere Tür. Hätten wir mehr solcher Mädchen wie Sie, und Frauen wie die meine, rief Friedrich Perthes, wieviel besser stände es um uns! Aber wo soll man euresgleichen finden! Minna ging jetzt in dem Perthesschen Hause aus und ein. Sie war mit Karoline Perthes früher nur obenhin bekannt gewesen; jetzt suchte sie eifrig die Freundschaft der trefflichen Frau, die mit der innigsten Frömmigkeit klarstes Verständnis der weltlichen Dinge, herzliche Bescheidenheit mit entschlossener Tatkraft auf das schönste zu vereinigen wußte und, indem sie nur ihrem Gatten und der zahlreichen Kinderschar zu leben schien, an dem Gange der politischen Dinge im großen wie im kleinen leidenschaftlichen Anteil nahm. Ganz, wie Sie, liebes Fräulein, sagte Friedrich Perthes. Ach, welche Wonne ist es, mit einer Frau reden zu dürfen wie mit einem Manne, während es so viele Männer gibt, denen man stundenlang Vernunft umsonst predigt! In dem Perthesschen Hause traf Minna auch die Männer, welche die sich vorbereitende Bewegung leiteten, ja, sie durch ihren Einfluß, ihre Initiative wesentlich erst hervorgerufen hatten: den feurigen, vornehm-absprechenden von Heß, den bescheidenen, von idealem Schwunge getragenen Doktor Beneke, den wortkargen, nur auf Taten sinnenden, zum Äußersten entschlossenen Dachdeckermeister Mettlerkamp, und so manchen anderen, der fest und treu zur guten Sache stand, wenn der eine auch nur zu raten wußte, der andere nur zu taten vermocht hatte, und der dritte nur den besten Willen mitbrachte. An den Beratungen, die unter diesen Männern je nach der Wichtigkeit des Gegenstandes bald in weiterem, bald in engerem und engstem Kreise gepflogen wurden, konnte Minna selbstverständlich nicht teilnehmen; aber Herr Perthes hielt »die Freundin«, wie er sie jetzt mit Vorliebe nannte, immer auf dem laufenden, selbst über die wichtigsten und geheimsten Dinge. Dabei drängte er sie stets, ihre Ansichten, auch wenn sie mit den seinigen nicht übereinstimmten, frei zu äußern ohne Rücksicht auf seine etwa größere Erfahrung und Weltklugheit. Minna machte von dieser Erlaubnis in bester Form den ausgiebigsten Gebrauch. Dabei stellte es sich denn wiederholt heraus, daß sie, die Unerfahrene, Weltfremde, als sei sie mit Seher- und Prophetengabe ausgestattet, die gegenwärtige Lage richtiger verstanden, das Kommende klarer vorausgeschaut hatte als er, der im Mittelpunkte der städtischen Ereignisse stand und über die große Politik mit den namhaften und einflußreichen Freunden korrespondieren konnte, die er überall in Deutschland und weit über die deutschen Grenzen hinaus zu den Seinen zählte. So hatte er von der guten Stimmung, die in Berlin herrsche, und von der er sich bei einem kurzen Aufenthalt, welchen er neuerdings dort gemacht, selbst überzeugt, des Rühmlichen nicht genug berichten können; und, als nun gar der Abfall Yorks, von dem man in Berlin schon gemunkelt hatte, sich bestätigte, erklärt, daß Preußen binnen vier Wochen losschlagen müsse und dann ganz Norddeutschland mit sich reißen werde. Aber Woche um Woche verging, und die sehnlich erharrte Kriegserklärung blieb aus. – Sie scheinen recht behalten zu sollen, liebe Freundin, sagte Friedrich Perthes, Minna traurig die Hand drückend. Der König ist einmal ein Kunktator, wie jener alte römische Konsul, nur daß der Beiname Maximus schlecht dazu passen dürfte, man müßte denselben denn direkt auf Kunktator beziehen. Wissen Sie schon, daß eine andere Prophezeiung von Ihnen sich erfüllen wird? Wir werden die Bürgerwehr, über deren Organisation wir so viele Stunden beraten haben, und die in unseren Köpfen und auf dem Papiere einen so schönen Fortgang nahm, schwerlich zustande bringen. Herr von Heß – Ich weiß, sagte Minna, er hat ja öffentlich ausgesprochen, daß die Bürgerwehr verpflichtet sein solle, unseren Bedrängern Schutz zu gewähren, im Falle es zu einem Volksaufstande kommt. Wer mag sich für ein solches Zwitterding begeistern? Als ob wir mit ein paar hundert wohlerzogenen und wohlgedrillten Bürgerssöhnen die Franzosen zum Tore hinaus manövrieren könnten! Als ob sie nicht unsere Herren bleiben werden bis zu dem Tage, an dem das Volk aufsteht und der Sturm losbricht! Ich habe grenzenloses Vertrauen zu dem Mute und der Opferfreudigkeit des Volkes, erwiderte Perthes, und zweifle keinen Augenblick daran, daß wir der vielleicht zweitausend Franzosen, die wir nach Lauristons Abzug etwa hier haben, wenn wir wollten, noch heute Herr werden könnten. Aber ein solcher Aufstand, liebe Freundin, würde selbst im Falle vollkommenen Gelingens erfolglos sein. Und daß ich's nur offengestehe: mir liegt an der Befreiung Hamburgs so gar viel nicht, wenn nicht Deutschland zugleich frei wird; vielmehr, ich sehe die Rettung unserer Stadt nur in der allgemeinen Schilderhebung. Ein vereinzelter Aufstand ist ein Schlag ins Wasser. Glauben Sie mir: mit dem Volke allein ist in Deutschland allewege nichts, was Bestand hat, ins Werk zu richten; so müssen wir auch die Fürsten für uns haben. Ich, der ich aus einem Fürstenstaate bin, weiß das besser, als Sie Republikanerin es wissen können. Sie sehen mich in der Vorbereitung zu einer Reise. Ich will Ihnen, wie immer unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit, sagen, wohin sie geht: nach Eutin zu dem Präsidenten von Maltzan, der mir eine Schrift, die ich aufgesetzt habe, an den Herzog von Oldenburg übermitteln soll. Der Herzog ist ein treuer, deutscher Mann. Wenn der, und wäre es auch nur mit einer kleinen Truppenzahl, in unserer Gegend auftritt und dann selbstverständlich an unsere Spitze sich stellt, ich bin überzeugt, so haben wir gewonnen. Die Fürsten und der Adel, das Volk – alle und alles wird zu ihm stehen, und Deutschland wird mit Gottes Hilfe ohne die gefährliche Bundesgenossenschaft der Russen allein durch sich selbst frei bis an den Rhein. Und jetzt muß ich Ihnen Lebewohl sagen. Behalten Sie guten Mut und grüßen Sie mir Ihren Bruder! Lassen Sie ihn immerhin noch ein Paar Wochen in Warnesoe an seinen Ketten rasseln! Sie haben mein Wort, daß ich ihn rufen werde, sobald die rechte Stunde geschlagen hat. Minna durfte den verehrten, eilfertigen Mann durch ihren Widerspruch nicht aufhalten und betrüben; aber als sie dann nachdenklich durch die engen Gassen nach Hause ging, sprach sie bei sich selbst: Wenn wir harren wollen, bis alles auf dem Papiere in Ordnung ist, und die Fürsten ihre Siegel daruntergedrückt haben, wird die rechte Stunde nie schlagen. Fünftes Kapitel. Während Minna so entsagungsvoll persönliches Leid in das allgemeine Leid des Vaterlandes zu versenken suchte, war niemand über diese Wandlung zufriedener, als ihr Vater. Zwar die patriotische Sache selbst hatte an ihm nur einen jener Gefolgsleute, die nicht einen Schritt weiter mitgehen, als es, wie gerade jetzt, Vorteil verheißende Umstände zu fordern scheinen und entschlossen sind, abzufallen in dem Augenblicke, in welchem das Glück sich wendet. Französische Präfektenmißwirtschaft oder einheimischer Senatsschlendrian – was war daran gelegen, wenn ihm die eine oder die andere Regierungsform ein blühendes Geschäft garantierte? Im anderen Falle mochte beide der Kuckuck holen; und gar der wäre doch ein Narr, der für den geographischen Begriff, den man Deutschland nannte, die Haut zu Markte tragen wolle, wie die Herren Perthes und Genossen, für die Minna so schwärmte. Mochte sie! Dann durfte man doch hoffen, daß das Verhältnis mit Billow demnächst zu einem Abschlusse führen und die verdammte Briefgeschichte darüber im Sande verlaufen würde. Er mußte jetzt über sich selbst lachen, daß er im ersten Moment der Entdeckung sich so absurd gebärdet hatte. Aber es war ja einmal seine Art, sich vom ersten Moment düpieren zu lassen! Hatte er doch schon in seiner aufgeregten Phantasie am nächsten Morgen Minna sein Zimmer betreten sehen, bleich vor Zorn, die Briefe in der Hand, die ihr der Verräter Christiansen tückisch ausgeliefert, der Franzose, dem sie gestern in die Tasche geraten waren, höflich zurückgebracht hatte! Nun, der ehrliche Christiansen hätte ebensogut die Petrikirche wegtragen, als seinem Herrn ein Blatt Papier veruntreuen können! Und der Franzose hatte das Paket, als sich herausstellte, daß es nur Liebesbriefe anstatt der erhofften Banknoten enthielt, zweifellosohne wütend ins Feuer geworfen. Und förderte sie wirklich ein unglücklichster Zufall später doch zutage, nun, dann war Minna längst Frau Billow und würde ihrem alten guten Vater Dank wissen, daß er sie damals aus der Gefahr, für den französischen Sperling auf dem Dache die Hamburger Taube in der Hand wegzugeben, so klüglich errettet habe. Schade, schade, daß der Billow sich hatte bestimmen lassen, die Hochzeit so lange hinauszuschieben! Aber die paar Wochen bis zum ersten April würden ja auch noch hingehen. So lange würde es freilich dauern. Anzunehmen wie die patriotischen Schwarmgeister, man werde die Franzosen früher aus der Stadt jagen, das ist einfach lächerlich. Meinen Sie nicht auch, Billow? Billow meinte das in der Tat; aber er hütete sich weislich, diese Überzeugung vor Minna auszusprechen; ja, er hatte sich in den ersten Wochen seines Bräutigamstandes allen Ernstes Mühe gegeben, es der schönen Braut nachzutun und sich in die patriotische Leidenschaft zu stürzen. Es hatte ihm nicht gelingen wollen. Die Debatten der politischen Männer des Perthesschen Kreises, in den er durch Minna eingeführt war, langweilten ihn aufs äußerste, da er die Dinge, die dort verhandelt wurden, zum Teil gar nicht verstand und sich infolgedessen zu schweigender Zuhörerschaft verurteilt sah. Glaubte er aber einmal ein Wort anbringen zu sollen, hörte man wohl, ohne ihn zu unterbrechen, höflich zu, fertigte ihn mit ein paar nichtssagenden Worten ab und ging zu etwas Anderem über, als ob das, was er gesagt, von keinem Gewicht gewesen wäre. Das hatte denn seine Eitelkeit schwer gekränkt: er war gewohnt, in der Gesellschaft, in der er verkehrte, mit größerer Aufmerksamkeit behandelt zu werden. Und dann war doch zweifellos dies ganze Treiben nicht bloß langweilig und widerwärtig, sondern auch äußerst gefährlich. Er hatte sich bis zu diesem Tage von jedem Konflikt mit den französischen Behörden klüglich fernzuhalten gewußt. Die französische Sache stand in diesem Augenblicke sehr schlecht – das zu sehen, bedurfte es keines besonderen Scharfblicks –, aber hatte er es nicht an der Börse so oft erlebt, daß ein Papier, das gestern wertlos schien, heute bei günstiger Konjunktur auf pari und darüber hinaufgeschnellt wurde? Vorsicht ist die Mutter der Weisheit, sagt das Sprichwort. Er war immer ein vorsichtiger Mann gewesen; er wollte es in diesem Falle bleiben: mitgehen, soweit man mitgehen mußte, ohne sich den Herren Patrioten gegenüber bloßzustellen, und soweit man mitgehen konnte, ohne sich die französische Polizei auf den Hals zu ziehen. Das war denn freilich nicht leicht fehlerlos durchzuführen, besonders vor den großen, ernsten Augen seiner Braut. Er wußte heute nach sieben Wochen womöglich noch weniger, wie er mit dem Mädchen daran war, als am Abend der Verlobung auf Warnesoe. Damals hätte er einen Eid darauf geleistet, daß sie, ohne einen Funken Liebe für ihn zu empfinden, ja, ihn tatsächlich hassend, seine Werbung annahm, nur um ihrer Familie den Retter und Beschützer, als der er sich angeboten hatte, zu sichern. Er war auch heute gewiß noch nicht überzeugt, daß sie ihn inzwischen lieben gelernt habe; aber die völlig gleichmäßige, manchmal fast demütige Höflichkeit, die sie gegen ihn an den Tag legte – die konnte, meinte er, selbst die größte Willenskraft, die er ihr zutraute, einem Herzen nicht abgewinnen, das von Haß oder auch nur Mißachtung gegen ihn erfüllt war. Eine Änderung ihrer Empfindung gegen ihn und zwar zu seinen Gunsten war jedenfalls bei ihr eingetreten. Aber auch bei ihm hatte ihr gegenüber eine Wandlung stattgefunden, die er sich freilich, so manchmal er darüber grübelte, nicht klarmachen konnte. Wenn er sie früher oft genug geradezu gehaßt und sich noch am Verlobungsabend zugeschworen hatte, in der Ehe Rache zu nehmen für die Demütigungen, die er, um zu seinem Ziele zu gelangen, auf sich nehmen mußte, so war von alledem jetzt bei ihm nicht mehr die Rede. Dagegen stieg mit jedem Tage das Gefühl des Unbehagens bei dem Gedanken, der Gatte einer Frau sein zu sollen, die ganz zweifellos das Muster einer Gattin und – dem Gatten nach Jahren noch so fremd sein würde, wie am ersten Tage. Zuletzt war eines, das ihn ganz vorzugsweise beschäftigte, schon deshalb, weil er auf diesem Gebiete anders als auf dem der Politik, nicht zur Laienschaft zu gehören, sondern es zur Meisterschaft gebracht zu haben glaubte. Wo war das früher sich manchmal fast bis zum Wahnwitz steigernde Verlangen hingeschwunden, das schöne Mädchen ganz zu besitzen? Weshalb begnügte er sich tagaus, tagein mit einem Kusse auf ihre dargebotene Hand, da er doch – er zweifelte nicht daran – die Wange sicher, vielleicht wohl gar den Mund hätte haben können? Zum Tausend! bis jetzt war er noch nicht zum Verächter von hübschen küßlichen Weiberlippen geworden! Er hatte sich in dieser Zeit oft genug den Beweis dafür anderwärts geliefert; er hatte es für eine Pflicht der Männlichkeit gehalten, sich diesen Beweis zu liefern! War denn keine Möglichkeit, aus dem verdrießlichen Handel zu kommen? Aber wie sollte das geschehen, wenn sie ihm nicht zu der kleinsten Szene, geschweige denn zu einem Bruche die geringste Veranlassung gab? Den Verlegenheiten und ernstlichen Sorgen, die ihm eine nach allen Seiten unbehagliche Situation bereitete, wenigstens zeitweise zu entgehen, war Billow auf einen schicklichen Ausweg mit bestem Erfolge bedacht gewesen. Wenn Minna, wie ja augenscheinlich, das alte Schloß von Warnesoe liebgewonnen hatte, so war es seine Pflicht, ihr einen sommerlichen Aufenthalt dort zu ermöglichen; und daß man in den ungeheuerlichen Sälen und den Bienenzellen von Kämmerchen auf Monate oder auch nur Wochen behaglich leben könne, mochte wohl sie in ihrer Bescheidenheit versichern, aber seine Pflicht war es, sich an diese Versicherung nicht zu kehren. Auch der Park, den seine Gäste eigentlich kaum kennen gelernt hatten, durfte nicht in der jetzigen Verwilderung bleiben. Es gab noch anderes, was er geheimhalten zu dürfen bitte, anzuordnen, vorzubereiten; und gerade jetzt bei heranrückendem Frühjahr war zu dem allen die beste Zeit. So mußte man ihn denn entschuldigen, wenn er jetzt wöchentlich auf ein paar Tage nach Warnesoe hinausfuhr, und wäre es auch nicht aller jener wichtigen Dinge willen, so doch, um Georg in seiner Einsamkeit zu trösten. Minna konnte wenigstens mit dem letzten Teile des Programms, das ihr Verlobter für seine häufigen Ausflüge nach Warnesoe stets bereithielt, übereinstimmen. Wenn die Dinge so lagen, wie sie Herr Perthes noch heute morgen geschildert hatte, war allerdings für den heißblütigen Bruder die Stunde noch nicht gekommen. Dann mochte er freilich noch länger »an seiner Kette rasseln«. So sagte sie auch Billow, als er am Vormittage desselben Tages zu einer abermaligen Fahrt nach Warnesoe von ihr Abschied zu nehmen kam; und daß er Georg das Versprechen des Herrn Perthes, »ihn rufen zu wollen, sobald die Stunde gekommen«, wörtlich ausrichten möge. Billow war abgereist; vom winterlichen Himmel schien die klarste Sonne. Minna sagte Johanna, die wieder einmal einen ihrer endlosen Briefe an Oskar schrieb, daß sie noch einen Spaziergang machen wolle, und verließ das Haus. Draußen hoffte sie die Erregung los zu werden, die aus der Unterredung mit Herrn Perthes in ihr nachzitterte. Sie sah den Mann so deutlich vor sich: die schmächtige, zarte Gestalt, den ausdrucksvollen Kopf mit den klugen Augen, der energischen Nase, dem kleinen Munde mit den feingeschnittenen, beredten Lippen – sie kannte nichts Verehrungswürdigeres, als diesen frommen, weitschauenden, begeisterten Mann; – und doch! dies Hoffen und Harren auf eine Stunde, die niemals kommen würde, wenn man sie nicht heraufbeschwor, das war nicht menschliche Klugheit und sicherlich nicht Gottes Wille, welcher nur dem hilft, der sich selber hilft; die Hilfe wenigstens, die Gott ihm bietet, mit beiden Händen dankbar ergreift, wie sie getan, als es galt, die irdische Liebe zu Hypolit in einer heiligeren Flamme auflodern zu lassen. Glühte denn in ihrer Brust die Flamme immer noch nicht hoch und hell genug, daß sie eben dem Bruder eine Botschaft hatte senden können, die ihn zu einer Geduld ermahnte, die sie selbst als eine Schmach empfand? Er lief die Gefahr des Todes, wenn er sich auf französischem Gebiete ergreifen ließ – gewiß! Aber wer die Fahne der Empörung aufwerfen wollte, mußte sich der nicht dem Tode weihen? und war das nicht ein seliger Tod, wie ihn sich ein Mann, der wahrhaft ein Mann ist, ersehnen mußte? Billow – Sie senkte die Brauen und hüllte sich dichter in den kurzen Mantel. Nein, Billow war der Mann nicht; sie mußte traurig lächeln, daß sie in einem Moment der Überspannung es hatte annehmen können. Er war vielleicht nicht schlecht, klug genug in seiner Weise und doch verschlossen für alles, was dem Leben eine höhere Weihe gibt; ein Führer und Erfahrener nur auf dem Markte, wo um mein und dein gefeilscht wird; eine Null im Rate für das Gemeinwohl tagender Männer; und im Kampfe – nein, das durfte sie ihm nicht antun! Davor würde sie Gott bewahren, daß, wenn es zum Kampfe kam, der, dem sie sich anverlobt, dessen Gattin sie dann vielleicht bereits war, als ein Feigling erfunden würde! Er konnte nicht dafür, daß in seiner Brust kein Löwenherz schlug wie in Georgs Brust, und den sie doch jetzt hätte schelten mögen! Was kehrte er sich an das weise Gerede? Warum tat er nicht, was ihm das Herz gebot? schlich sich ein in die Stadt? scharte sich um die Tausende, die nur des Rufes eines Führers harrten? Und wie Schloßenwetter nieder auf den Feind! Sechstes Kapitel. Das Bild war ihr nicht zufällig gekommen. Längst hatte sich, ohne daß sie, so vor sich hinbrütend und ziellos durch die Straßen schweifend, es gemerkt hätte, die Sonne in graue Wolken gehüllt, aus denen jetzt ein Schloßenhagel herabprasselte. Sie blickte um sich und fand sich auf dem Schaarmarkt. Wie war sie in der Zeit, die ihr nur wenige Minuten gewesen zu sein schien, den weiten Weg vom Alsterdamm hierher gekommen? Und was bedeutete es, daß, während doch die Straßen, die sie bisher durchwandert hatte, ihre öde Alltagsphysiognomie gezeigt haben mußten – oder es würde ihr, wäre es anders gewesen, aufgefallen sein – hier auf dem sonst so stillen Platze ein seltsam ungewöhnliches Treiben war? Frauen und Kinder standen, des Unwetters nicht achtend, eifrig sprechend vor den Haustüren; aus den engen Gassen, die auf den kleinen Platz mündeten, kamen Leute hervorgestürzt, von denen die meisten, ohne sich aufzuhalten, nach der Hafenseite eilten. War dort ein Feuer ausgebrochen? Aber dann, wenn schon so viele Leute es wußten, mußte es ja von den Türmen stürmen. Minna richtete die Frage an ein paar Weiber, die, unter heftigem Gestikulieren, mit gedämpften Stimmen alle zugleich aufeinander einsprachen. Eine sagte: Ja, am Hafen! Weiter konnte Minna nichts herausbringen. Sie wollte sich eben an eine andere Gruppe wenden, als sie ein Zupfen an ihrem Mantel fühlte. Schnell sich wendend, blickte sie in das bleiche Gesicht des Herrn Samuel Hirsch. Um Himmels willen, was gibt es? Der Alte zog die Fragerin, sie am Mantelzipfel festhaltend, in den offenen Eingang eines kleinen, nahe dabeistehenden Schuppens, – wie sie glaubte, um sie vor dem Unwetter zu schützen. Ich mache mir nichts daraus, sagte sie. Es ist nicht deswegen, murmelte der Alte. Und dann, sich vorsichtig umblickend, im Flüstertone: Machen Sie, daß Sie nach Hause kommen, liebwerte Demoiselle! Dies ist kein Tag für junge Damen, wie Sie, auf der Straße zu sein. Noch einmal, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir, was ist dies? Eine Revolte, erwiderte der Alte leise und schier ängstlich wie vorhin, während doch seine dunkeln Augen in herrlichem Feuer aufleuchteten, – wenn Gott der Gerechte will: eine Revolution. Gelobt sei Gott! rief Minna, die erhobenen Hände zusammenkrampfend. Weiß, weiß! sagte der Alte eifrig; weiß, wie Demoiselle Minna denkt! weiß, daß Demoiselle Minna ist ihres Bruders Schwester. Georg ist in Hamburg? Der Alte nestelte sich noch näher an sie und flüsterte: Seit fünf Tagen. Zwei Tage ist er bei mir verborgen gewesen; wollte nicht länger bleiben, nicht neues Unglück herabziehen auf mein armes Haus. Ist dann gewesen, weiß nicht, wo; bei sicheren Leuten, hat er gesagt; hätte ihn sonst nicht von mir gelassen. Auf heute hat er's festgesetzt: an zwei Stellen zugleich: am Hafen, wo sie die junge Präfekturgarde wollen einschiffen – schon seit einer Stunde. Ich komme eben von daher. Die Leute – und der Alte deutete auf die immer noch in der Richtung nach dem Hafen Laufenden – können sparen den Atem. Es ist schon entschieden alles. Die Schiffer, die sie sollten nach Harburg fahren, sind davongerudert; sie haben vertrieben mit Steinen die französischen Wachen; auch unseren Bürgermeister, wollte sagen: Maire, den Herrn Abendrot, als er ist gekommen, zur Ruhe und Ordnung zu mahnen. Wie heißt Ordnung und Ruhe? Hören Sie? Den Neuen Weg, die etwas breitere, direkt nach dem Hafen führende Gasse, herauf kam wildes, mißtönendes Geschrei; auch mußte die sich heranwälzende Menge bereits die Gasse füllen: an dem Eingange staute sich schon der Strom, der aus der inneren Stadt sich dichter und dichter heranwälzte. Ist Georg dabei? fragte Minna atemlos. Nein, er ist am Millerntor. Was dort? Ich weiß es nicht. Aber jetzt beschwöre ich Sie, liebwerte Demoiselle, eilen Sie! fliehen Sie, bevor es zu spät ist! Ich begleite Sie ein paar Straßen. Für den Augenblick war es bereits zu spät. Wie Wasser aus dem geöffneten Tore einer Schleuse kam die Menge aus dem Neuen Weg hervorgeschossen, im Nu den kleinen Platz bis an die Mauern der umschließenden Häuser füllend: Arbeiter, Matrosen, halbwüchsige Burschen, Gesindel schlimmer Art, wie es sonst nur in einzelnen Gestalten am Hafen herumlotterte; aber auch ehrbare Bürger, die Väter und Brüder wohl der befreiten Präfekturgarde: sechzig oder achtzig Jünglinge, deren weiße Uniformen mit den orange Aufschlägen gar seltsam aus der dunkeln Masse hervorleuchteten. Das wälzte nun schreiend, johlend, die Arme, die Mützen und Hüte schwingend, heran, vorüber, der inneren Stadt zu, aus der immer noch neue Scharen heraus wollten, so daß ein fürchterliches Gedränge entstand, in dem Minna sich alsbald von ihrem ehrwürdigen Begleiter getrennt sah. Ihr war es recht, vorausgesetzt, daß der alte Mann die nahe gelegene Behausung auf dem Bleichergang glücklich erreichte. Es war keineswegs ihre Absicht gewesen, nach Hause zu fliehen, jetzt, da die ersehnte Stunde gekommen war, heraufgeführt, sie zweifelte nicht, durch den heldenmütigen Bruder. Sie konnte ihm ja nicht helfen mit ihren schwachen Frauenhänden in dem Männerkampfe – gleichviel! so wollte sie ihn kämpfen sehen, ihn in ihren Armen auffangen, wenn er kämpfend fiel! Ihre Stirn glühte, ihr Herz hämmerte, während sie sich willig mit fortreißen ließ von dem Strome, der sich nach der Seite jenes Tores wälzte, an dem, der Aussage des Alten zufolge, der Aufruhr ebenfalls im Werke, und sie sicher war, Georg zu finden. Aber sie gelangte nicht bis zum Tore – zu stark drückte, schob und drängte die schreiende Menge. Und durch das Geschrei hörte sie jetzt von jenseits des Walles, der ebenfalls mit Menschen dicht besetzt war, Trommelwirbel und Schießen – zwei scharfe Salven, rasch hintereinander, jedesmal gefolgt von dem Wutgeheul, das die auf dem Wall ausstießen, und das von denen unten am Wall aufgenommen wurde. So denn hinauf den Wall, koste es, was es wolle! Da war sie droben, sie wußte nicht, wie sie hinauf-, wie sie dicht neben dem den Wall überragenden Giebel des Tores an dem Gitter, das den Wallrand hier nach außen einfriedigte, zu stehen gekommen war, um von dort den vollen Blick zu haben auf das furchtbare Schauspiel unter ihr: den Kampf der Douaniers, die das Zollhaus rechts am Ausgange der Brücke besetzt hielten, gegen die Menge, die das Haus stürmte. Ein Kampf Bewaffneter gegen Unbewaffnete, der nur durch die Überzahl der letzteren ausgeglichen werden konnte, die immer wieder heranstürzten, so oft auch ein Ansturm abgeschlagen war. Nicht ohne Verlust auf Seiten der Stürmenden. Wenn die Scharen vor dem Feuer, das aus den Fenstern, von dem Dache selbst des Hauses, aus dem die Belagerten die Ziegel herausgebrochen hatten, ihnen entgegen-, auf sie herabspie, wieder einmal zurückwichen und der Pulverdampf sich auf einen Moment verzog – sah man auf dem freigewordenen Raume hingestreckte Gestalten bewegungslos, oder furchtbarer noch: die sich aufbäumten, aufrichteten, ein paar Schritte vorwärts wankten und abermals zusammenbrachen. Minna sträubte sich das Haar. Ohne die Augen von dem Entsetzlichen abzuwenden, den nassen Stamm des Baumes, an dem sie stand, mit beiden Armen umklammernd, betete sie brünstig, daß Gott die Seelen der gefallenen Helden gnädig aufnehmen, sich der Verwundeten erbarmen, daß er die gerechte Sache siegen lassen möge. Aber die Gedanken, die sich zum Himmel aufschwingen wollten, waren plötzlich wie im Gehirn erstarrt; das hämmernde Herz stockte; alles, was von Leben in ihr war, hatte sich in den Augen konzentriert. Aus der Masse, die eben wieder von der Festung, in welche die Bedrängten das Wachthaus umgeschaffen hatten, zurückgewichen war – weiter als zuvor, bis hinter den Rand der jenseits der Brücke beginnenden Esplanade und die zwei großen, sich dort, dem Zollhaus gegenüber, erhebenden Verkaufsbuden – stürzte einer hervor, der in der rechten Hand eine Fahne trug und mit der linken nach den anderen zurückwinkte, die er zu erneutem Kampfe anzufeuern schien. Trotz der scheinbar großen Nähe war die Entfernung doch zu bedeutend, als daß Minnas scharfe Augen den Mann hätten erkennen können. Auch trug er – das unterschied sie wohl – bäuerliche Kleidung; aber ein Etwas in seiner Haltung, seinen Gesten – es mußte ihr Georg sein. – Noch einmal, ihr Brüder! ein letztes Mal! Sieg oder Tod! Hurra! Sie flüsterte es, als spräche sie's ihm nach, obgleich sie keines seiner Worte zu hören vermochte – welche anderen konnte er sprechen in diesem Augenblicke: Sieg oder Tod! Hurra! Da, wie wenn ihr Flüstern ein tausendfaches Echo gefunden hätte, erscholl es von unten herauf, donnerte es um sie her: Hurra! Hurra! Sind es Minuten, sind es Sekunden gewesen, wer hätte es zu sagen gewußt! Die dem kühnen Führer nachstürzende Masse hat das Zollhaus erreicht, umfaßt, erstiegen, wie die heranrollende Flutwoge einen Widerstand erreicht, umfaßt, ersteigt, zerschellt. Die Holzsäulen, die das weit ausladende Dach tragen, werden zerbrochen, als ob es Binsen wären; im Nu sind Tür und Fenster klaffende Höhlen; von dem Dache stäuben die Ziegel, wie Spreu von der Tenne; um das Türmchen mit der Wetterfahne auf dem Giebel hat man dicke Seile geschlungen, an denen Hunderte von Menschen zerren: es schwankt, neigt sich und stürzt. Wo eben noch ein Haus war, ist ein Trümmerhaufe. Ergriffen von der Zerstörungswut, stürzt sich die Menge von dem Wall herab, reißt die auf halber Höhe starrenden Palisaden heraus und schleudert sie jauchzend in den Graben, oder schleppt sie keuchend die Böschung herauf, der Himmel mag wissen, zu welchem Zweck. Sonst weiß es sicher keiner, es fragt auch keiner; ein Taumel, ein Wahnwitz hat die Menge ergriffen, deren Strom nun, nachdem es nichts mehr zu zerstören gibt, in die Stadt zurückflutet, Minna mit sich reißend, unwiderstehlich, vorbei an öffentlichen Gebäuden, von deren Portalen sie, auf Leitern emporklimmend, einer auf die Schultern des anderen steigend, die französischen Adler herabreißen, die keine französische Hand mehr zu verteidigen wagt. Wo sind die Schufte? heraus, ihr Memmen! schreit die Menge. Vergebens! Kein offizierlicher Dreispitz, kein nickender Helmbusch eines Kürassiers, keine Bärenmütze eines Grenadiers läßt sich blicken. Dafür tauchen hie und da kleine Trupps der heimischen Bürgerwache auf, um vom Volke verhöhnt zu werden, welches die Herren nach Hause gehen und ausschlafen heißt, nachdem man ihnen die ungeladenen Gewehre entrissen und die Stöcke, mit denen sie sich in der Eile bewaffnet haben, lachend zerbrochen hat. Aber man lacht nicht mehr, und Minna wird von böser Ahnung ergriffen, als plötzlich den Neuen Wall, auf dem sie sich, heimwärts eilend, jetzt befindet, von der Altonaer Seite her eine geschlossene Schar dänischer Husaren herangeritten kommt. Wer hat die gerufen? Die Menge gewiß nicht: sie wird schon mit den Franzosen fertig werden. Also die Franzosen, die sich verkrochen und bei den Nachbarn gebettelt haben, ob die nicht für sie Schergendienste tun wollen in der Stadt, die sie selbst nicht mehr zu verteidigen wissen? Man ruft es dem Offizier zu, der der Truppe vorausreitet. Er ist ein Däne; er versteht die Zurufe nicht, oder will sie nicht verstehen. Aber die Husaren, das sind Holsteinsche Jungens und haben schon solange in Altona garnisoniert, sind so oft in Hamburg gewesen – die verstehen schon, wenn man Deutsch mit ihnen spricht! Gewiß verstehen sie's, besonders, wenn's Plattdeutsch ist, und es geht ihnen auch wohl zu Herzen: man sieht's an den ehrlichen Gesichtern, die bärbeißig dreinschauen wollen und es doch nur bis zu einer mürrisch-verlegenen Miene bringen. Was hilft das, wenn sie sich durch die Zurufe, die Bitten, Drohungen, Verwünschungen nicht aufhalten lassen, geschlossen vorwärts reiten auf den feurigen Gäulen, die Menge vor sich herdrängend bis auf den Jungfernstieg, wo Platz genug sich findet, da eben eine andere halbe Eskadron, die vom Gänsemarkt, also durch das Dammtor, herangerückt ist, alles was auf dem Jungfernstieg war, rechts nach dem Rathausmarkt, links auf den Alsterdamm getrieben hat. Auf dem Markte wäre es beinahe schon zum Kampfe gekommen; die Hufaren hätten die Säbel bereits gezogen gehabt, aber ein höherer Offizier – ein deutscher Herr – habe zu der Menge gesprochen: sie sollten nach Hause gehen und Ruhe halten; so werde keinem ein Haar gekrümmt werden. Wo nicht, so habe er Order, einhauen zu lassen nach dem dritten Trompetensignal. Da hätten die Trompeter zweimal geblasen, und beim dritten Male wäre die Menge auseinandergestoben. So erzählte Christiansen, der glücklich war, sein Fräulein Minna, nach der er schon seit zwei Stunden in der Stadt herumlaufe, endlich gefunden zu haben. Auch der Herr Senator sei nach ihr aus, und Fräulein Johanna, die nun allein zu Haufe sitze, ängstige sich schier zu Tode. Dem treuen alten Diener standen die Tränen in den Augen, als auf dem Hausflur Johanna, die aus dem Zimmer gestürzt kam, der Schwester laut weinend um den Hals fiel. Auch der Vater, der eben von seinen vergeblichen Irrwegen durch die Stadt zurückgekommen war, schien ungewöhnlich bewegt; Minna konnte nicht weinen. Ihr Herz war wie zusammengekrampft in stummem Schmerz; alles vergebens! machtlos alle die tausend nervigen Arme! nutzlos vergossen das Blut der Braven! dahingeopfert um nichts der heldenmütige Bruder! Und sie mußte schweigen! Die allgemeine Not, die Schmach – sie empfanden es ja nicht mit ihr! Und was sie mit ihr empfunden haben würden, das Letzte, Gräßliche – sie durfte es auch nicht einmal anzudeuten wagen, wollte sie den Jammer nicht entfesseln, der doch nur wieder dem Sohn, dem Bruder gelten würde, nicht dem Patrioten, nicht dem Helden! So brütete das unglückliche Mädchen still vor sich hin, während der Vater bei dem späten Mahl weitläufig auseinandersetzte, welche unglaubliche Unvernunft eine solche Revolte sei, deren Mißlingen jeder Verständige hätte voraussagen können; wie man sich dadurch die Schlinge nur noch fester um den Hals gezogen und bestenfalls nur für die Dänen die Kastanien aus dem Feuer geholt habe. Die pfiffigen Dänen! Freilich, das sei ihnen gelegen gekommen! Da ständen sie schon seit Monaten auf der Lauer nach dem fetten Bissen der Hansastädte, mit dem sie sich für den doch sicheren Verlust Norwegens schadlos halten wollten, sobald die Franzosen die Unterelbe räumen müßten. Nun, das werde ja jetzt vielleicht geschehen, und der ganze Unterschied? daß statt der Trikolore das weiße Kreuz auf rotem Grunde von den Türmen der alten Hammonia und Bremens und Lübecks wehen würde! Er hätte es immer gesagt, aber die Herren Politiker wüßten es freilich besser. Nach den heutigen Erfahrungen würden sie wohl ein paar ihrer hochfliegenden Segel einziehen müssen. Ihm sei nur lieb, daß Billow dem Krawall aus dem Wege gegangen, und das Geheul der Sturmglocken nicht bis zu dem stillen Warnesoe gedröhnt habe. Minna konnte es nicht länger mit anhören und zog sich in ihr Zimmer zurück, von dem sie auch Johanna ausschloß. Das Gedränge und Gewirr auf den Straßen, in das sie auf ihrem Spaziergange unversehens geraten sei und aus dem sie sich nicht zu lösen vermocht, habe ihre Kraft erschöpft; sie bedürfe der Ruhe. Man ließ sie gewähren. Im Hause, wo sich heute die französischen Herren nicht hatten blicken lassen, war alles still; von draußen drang kein Laut herein außer von Zeit zu Zeit das Geklapper der Hufe einer vorüberziehenden dänischen Patrouille. So schlichen die Stunden bang, trübselig dahin; vom Turme der nahen Petrikirche summte in langsamen Schlägen neun. Minna erhob sich. Bis neun Uhr hatte sie warten wollen. Lebte Georg noch, war er unverletzt aus dem Getümmel gekommen, so wußte es, wenn einer, Samuel Hirsch, in dessen Hause er sich zwei Tage lang verborgen gehalten, und bei dem er gewiß, wenn er nicht mehr aus den Toren konnte, Zuflucht gesucht hatte. Dahin wollte sie. Wie sie den langen Weg ungefährdet würde zurücklegen können – nicht einen Augenblick hatte sie darüber nachgedacht. Sie wußte, sie würde es können. Sie band sich ein Tuch um den Kopf, nahm den Mantel um und öffnete leise die Schlafkammertür, die unmittelbar auf den Flur führte. Der Vater und Johanna befanden sich in einem anderen, seitwärts gelegenen Hinterzimmer, das jetzt, nachdem der obere Stock von den Franzosen beschlagnahmt war, als gemeinschaftliches Wohnzimmer galt. Sie lauscht hinüber: die laute Stimme des Vaters, der vermutlich das Thema von dem Unsinn einer Schilderhebung weiterspinnt. Die Haustür ist offen – das trifft sich gut. Vermutlich steht Christiansen draußen auf den Stufen, noch einmal in die Stadt hineinzuhorchen. Der Alte wird sie aufzuhalten versuchen, aber er tut schließlich immer, was Fräulein Minna will. Sie tritt in die offene Tür; der Alte kommt eben die Stufen herauf, von denen eine Knabengestalt in das Dunkel davonhuscht. Um Gottes willen, Fräulein Minna! Still! was gibt's? Einer von den Hirschschen Jungen. Er hat dies hier gebracht. Sie sollen es aber ganz allein lesen. Beim matten Scheine des Mondes sieht Minna in des Alten Hand etwas Weißliches, einen Zettel, den sie ihm entreißt und mit dem sie in ihr Kämmerchen zurückhuscht, wo das Lämpchen noch brennt, bei dessen Schein sie liest: »Er ist gerettet und nicht mehr in der Stadt. Gelobt sei der Barmherzige!« Die Handschrift ist kaum leserlich, so hat der arme Junge, wohl in der Angst, den Zettel zerknüllt. Aber Minna küßt demütig den schmutzigen Zettel, bevor sie ihn an der Flamme des Lämpchens zu Asche verbrennt. Dann wirft sie sich auf das Bett, und in wildem Weinen löst sich endlich des fürchterlichen Tages so lange stumm ertragene Qual. Siebentes Kapitel. Billow war erst am vierten Tage der Grabesruhe, die seit dem verunglückten Aufstände über Hamburg lag, von Warnesoe heimgekehrt in der übelsten Laune. Das sei nun der Dank für alle seine Mühen um Georg und der Lohn einer monatelangen Gastfreundschaft! Noch bei seinem vorletzten Aufenthalte auf Warnesoe habe er den jungen Menschen zum hundertsten Male beschworen, sich weiter ruhig zu verhalten, und kaum habe er den Rücken gewandt, da laufe der Tollkopf – unmittelbar hinter ihm her – zu Fuß nach Hamburg, um sich in den unsinnigsten aller Krawalle zu stürzen, vielmehr: diesen Krawall durch demagogische Umtriebe schlimmster Art ins Werk zu setzen. Und möge er doch seine Haut zu Markte tragen, wenn er's durchaus nicht lassen könne! Aber was sage der Herr Vater, was sagten die Damen dazu, daß er sechs junge Knechte von Warnesoe verführt habe, ihn auf seiner Eskapade zu begleiten und an dem Aufruhr tätigsten Anteil zu nehmen? Ein wahres Wunder und ein rechtes Glück, daß sie alle heil zurückgekommen feien! Trotzdem sei die Sache ruchbar geworden – wie sollte sie auch nicht? – und er, der Gutsherr, möge nun zusehen, wie er einen so groben Friedensbruch gegen die befreundete französische Macht bei der dänischen Regierung verantworten könne! Der Vater und Johanna, die jetzt erst erfuhren, was da alles Schreckliches vorgegangen war, ohne daß sie eine Ahnung davon gehabt hatten, stimmten Billow nicht nur bei, sondern überboten ihn noch in seinen Klagen und Anschuldigungen. Der Vater verschwor sich, einen Sohn, der so jedes Gefühl der Pietät verleugne, jede Rücksicht der Dankbarkeit und Freundschaft aus den Augen setze, nicht wieder vor seinen Augen sehen zu wollen; Johanna erklärte, einem Menschen nie wieder trauen zu können, über den man sich zu Weihnacht totlachen und zwei Monate später die Augen ausweinen müsse, und der arme Bauernjungen erst zum Spaß und hernach im Ernst zu Landsknechten mache. Minna konnte nicht in Abrede stellen, daß Georg ein schweres Unrecht begangen habe, indem er Leute, die, mochten sie von Geburt und im Herzen noch so gute Deutsche sein, doch nun einmal dänische Untertanen waren, in sein kühnes Unternehmen mit hineinriß; aber zu welchen Ungehörigkeiten, ja Abscheulichkeiten die Not die Menschen verführe und zwinge, hätten die Franzosen selbst bewiesen, welche die Dänen zu Hilfe riefen, als ihnen die Gewalt in der Stadt zu entschlüpfen drohte; und die Dänen selbst, indem sie einem Hilferufe folgten und Gewalt brauchten gegen eine Stadt, mit der sie bis jetzt doch noch in tiefem Frieden lebten. Aber das ist ganz etwas anderes, rief Billow. Dergleichen geschieht aus Staatsräson. Ein Staat kann und muß vieles tun, was der einzelne hübsch zu unterlassen hat, will er nicht, daß man ihm die Räson abspricht. Und wenn der Aufstand nun geglückt wäre? erwiderte Minna, wenn Georg, anstatt zu unterliegen und sich dafür ausschelten lassen zu müssen, wie einen Schulbuben, gesiegt und seinen Namen in das goldene Buch unserer Geschichte eingetragen hätte, wie dann? Mit Verlaub, Fräulein Minna, rief Billow heftig, das sind schöne Redensarten, mit denen man uns Männern von der Börse nicht beikommt. Wenn? Wenn Herr X. sich nicht verspekuliert hätte? Er hat sich aber eben verspekuliert und Notabene nicht mit eigenem Gelde, sondern mit Fonds, die er, ohne zu fragen, aus anderer Leute Tasche nahm. Billow hat ganz recht! rief Warburg. Georg hat gehandelt wie ein törichter Knabe, sagte Johanna, das hübsche Näschen rümpfend. Geben Sie sich keine Mühe! rief Billow. Was liegt Fräulein Minna daran, ob man mir in Kopenhagen einen Hochverratsprozeß macht oder nicht? So wenig, erwiderte Minna ruhig, wie Sie danach zu fragen scheinen, ob unsere Abmachung von unterwegs in baldige Erfüllung geht oder nicht. Billow wußte auf diesen Einwurf nichts zu erwidern. Er wurde rot, murmelte Unverständliches durch die Zähne, ergriff seinen Hut und stürmte davon. Es ist ein Elend um die Kinder, die immer nur an sich denken, murmelte Warburg, mit einem zornigen Blick auf Minna ebenfalls das Zimmer verlassend. Du wirst uns noch alle unglücklich machen, rief Johanna, in Weinen ausbrechend. Ich weiß nicht, was du willst und warum du weinst, sagte Minna, und ich glaube, du weißt es selber nicht. Oder fürchtest du, daß Billow, weil ihm mein Betragen nicht gefällt, es dich und Oskar entgelten lassen wird? Also hatten er oder Vater es dir schon gesagt? Was? Daß Oskar in Kopenhagen ist und gar zu gern, bevor er nach London weiterreist, noch einmal hierher kommen möchte, oder daß wir ihm bis Warnesoe entgegenführen, wie zu Weihnacht. Billow hätte uns allen die Freude gewiß gemacht, obgleich er sagt, daß Oskar sehr dringend in London gewünscht wird. Aber natürlich, wenn Georg solche Streiche macht, und du dich so häßlich gegen deinen Bräutigam benimmst, wird er sich wohl hüten. Vater hat ganz recht: du denkst eben nur an dich. Minna erwiderte nichts, aber sie konnte nicht verhindern, daß ein bitteres Lächeln um ihren Mund zuckte. Genier dich nicht! rief Johanna, sag es nur frei heraus, daß wir alle untergeordnete Wesen sind, gar nicht imstande, dich zu begreifen. Mir ist das ja nichts Neues. Aber denkst du denn, daß Billow nicht auch dahinterkommt und sich hüten wird, eine zu heiraten, die sich so himmelhoch erhaben über ihm fühlt? Damit war auch Johanna zur Tür hinaus; Minna blickte ihr traurig nach. War das ihre fröhliche, gutherzige Johanna, die aller Welt wohlwollte, für jeden ein freundliches Lächeln, ein verbindliches Wort hatte! und so zu ihr reden, mit solchen Augen zu ihr aufblicken konnte! Um was? Was hatte sie denn Schlimmes, was hatte sie denn nicht getan, soviel in ihren Kräften stand und ach! vielleicht über das Maß ihrer Kraft hinaus, um den Ihren das entschwundene Glück wiederzubringen? jedem zu schaffen, wonach sein Herz zumeist begehrte: dem Vater die frühere kaufmännische Stellung, der Schwester den Bräutigam, dem Bruder die Rückkehr ins Vaterland und die Möglichkeit, für dessen Befreiung zu streiten? Sie hatte ja keinen Dank gewollt, aber es war doch hart, daß ihr statt des Dankes so häßlicher Undank wurde. Oder mußte sie auch dies erfahren, um Kraft zu gewinnen zum Siege über den letzten Rest trotziger Selbstsucht, daß sie sich fortan unverzagten Herzens der großen Sache weihen könne? Der großen Sache, die ihr immer mehr zum Tempel wurde, über dessen heilige Schwelle die Unholde ihr nicht folgen durften, die sie draußen auf dem gemeinen Markte des Lebens umdrängten und umgrinsten? Aus dem väterlichen Hause, in dem man sie als Friedensfeindin und Glücksstörerin mit scheelen Augen ansah, flüchtete sie in das Perthessche, um dort volles Verständnis ihrer Gedanken und Strebungen, Beschwichtigung ihres Kummers, Trost ihrer Sorgen zu finden. Perthes, der, sobald er von dem Aufstande Kunde erhalten, spornstreichs nach Hamburg zurückgeeilt war, glühte nun erst recht von Hoffnung und Tatendrang. Selbst die Notwendigkeit der Wiederauflösung seiner geliebten Bürgerreserve, nachdem er sie unter der Nachwirkung des Aufstandes vom vierundzwanzigsten kaum ins Leben gerufen, konnte ihn nicht irremachen. – So müssen wir uns eben, sagte er zu Minna, ganz auf das Volk stützen, wie sie es ja immer gewollt haben. Wir können uns auf es verlassen. Es hat bewiesen, daß es zu großen Schritten bereit und wenig grausam und bösartig ist. Steht es so aber trotz alledem hier bei uns nicht schlecht, so steht es in Berlin vortrefflich. Sehen Sie, was mir eben mein würdiger Freund Reimer schreibt: »Hier ist jetzt alles Leben und Tätigkeit. In schöner Regung und Bewegung freut sich das Gemüt, und der innere Mensch wird neu geboren, und der einzelne verschwindet sich selbst und geht auf in seiner Beziehung zur Gesamtheit.« – das sind Sie, liebe Freundin, wie Sie leiben und leben in Ihrer edeln Opferfreudigkeit und völlig selbstlosen Hingabe an das Ganze – Sie und Ihr Georg! Bloß, daß der prächtige Junge nichts dahinzugeben hat als sein liebes Leben, und »das Leben ist der Güter höchstes nicht«, sagt unser Lieblingsdichter. Sie, liebe Freundin, Sie bringen noch ganz andere Opfer. Minna hatte zu dem Freunde und seiner Gattin niemals direkt von ihren persönlichen Verhältnissen, ihren traurigen Herzenserlebnissen und qualvollen Seelenkämpfen gesprochen. Aus Äußerungen, wie diese, konnte sie entnehmen, daß die früher völlig unbefangenen Freunde jetzt mehr als sie sagen mochten, vielleicht alles wußten. Wenn sie an dem letzteren noch zweifelte und zumal annahm, daß mindestens ihre Liebe zu Hypolit d'Héricourt den Perthes ein Geheimnis geblieben war, sollte sie auch darüber eines anderen belehrt werden. Als sie eines Tages in den Vormittagsstunden die Freunde zu besuchen kam, fand sie Perthes nicht daheim. Er war, wie ihr der vertraute Gehilfe, ein wackerer, patriotischer Mann, mitteilte, mit den Herren von Heß, Prell, Beneke, Mettlerkamp und anderen auf dem großen Boden eines benachbarten Hauses, wo sich die Eifrigen zu versammeln Pflegten, sich in der Handhabung der Waffen zu üben, damit vorkommendenfalls es an solchen nicht mangle, die als militärische Führer auftreten könnten. Minna durchblätterte in dem Laden die mit der letzten Post eingegangenen Zeitungen, unter denen sie der Pariser Moniteur immer besonders interessierte. Der Moniteur fehlte. Der Gehilfe sagte, Frau Perthes habe die Nummer mit nach oben genommen. Minna ging, was sie auch sonst getan haben würde, zu der Freundin hinauf, die bei ihrem Eintreten eben jene Moniteurnummer, worin sie las, hastig und, wie Minna schien, mit einer gewissen Verlegenheit beiseite legte. Das Unglücksblatt bringt wieder einmal böse Nachrichten? sagte Minna. Wenigstens keine für uns erfreulichen, erwiderte Frau Karoline. Es prahlt, daß dem Grafen Stackelberg, den, wie Sie sich erinnern, der Kaiser Alexander schon im vergangenen Monat nach Wien geschickt hatte, die gebührende Antwort geworden sei, und Österreich fester als je an dem Bündnisse mit Frankreich halte; – ein Resultat, an dem freilich niemand gezweifelt habe, besonders, seitdem Se. Majestät die Verhandlungen in die Hände eines Mannes gelegt, den seine vornehme Geburt ebenso wie seine eminenten Fähigkeiten zur Lösung der wichtigen, ihm anvertrauten Aufgabe prädestinierten. Frau Karoline ließ das Blatt, aus dem sie den letzten Passus vorgelesen hatte, in den Schoß sinken und sagte, ohne die Augen zu erheben: Sie haben den Marquis d'Héricourt gut gekannt, liebe Minna? Ja, erwiderte Minna in ruhigem Tone, trotzdem ihr das Herz plötzlich zu klopfen begann; er verkehrte viel in unserem Hause. Und Sie interessieren sich noch immer für ihn? fuhr Karoline fort; ich meine, Sie nehmen noch immer Anteil an seinen persönlichen Schicksalen? Gewiß, sagte Minna, mit gewaltsamer Energie die wachsende Unruhe in ihrem Busen bändigend. Nach Frauenart, sprach Karoline weiter. Wir sind eben treue Geschöpfe, Gott sei Dank! und was uns einmal ans Herz gewachsen ist, das hat sich auch für uns ein Daseinsrecht erworben; wir hegen und pflegen es weiter, um so sorgsamer und liebevoller, wenn Zufall oder Verhängnis es auf die Seite unseres Seelenlebens gerückt haben, dahin die Sonne des Glückes nicht mehr scheint. Wir müssen ja so früh uns bescheiden lernen und das Leben lieb behalten und es heilig halten, trotzdem wir nur zu wohl wissen, daß »nicht alle Blütenträume reifen«. Sie, liebe Minna, sind früh durch die strenge Schule der Erfahrung gegangen, die für uns Frauen gleichbedeutend ist mit Entsagung. Ich weiß es. Und so schäme ich mich der Regung, die mich vorhin, als Sie eintraten, überkam, und mich dies Blatt vor Ihnen verbergen wollen hieß, weil es auch von einem Blütentraume spricht, der Ihnen nicht reifen sollte. Sie hatte, sich erhebend, eine Stelle in dem aufgeschlagenen Blatte bezeichnet, Minna heftig in die Arme geschlossen, ihr einen Kuß auf die Stirn gedrückt und war zu dem Gemache hinaus. Minna aber, die eine Hand auf das pochende Herz drückend, hob mit der anderen das Blatt auf und las: »Paris, den 24. Februar. Es wäre ebenso ein Beweis unpatriotischer Gesinnung, wollten wir den öffentlichen Angelegenheiten nicht jenes Interesse zuwenden, die sie unter allen Umständen verdienen, wie es ein sträfliches Mißtrauen in die unergründliche Weisheit unseres erhabenen Herrschers an Tag legen hieße, steigerten wir jenes Interesse zu einem Grade, welches die Teilnahme an den Ereignissen des privaten Lebens ausschlösse. Dergleichen Depravation und Verkehrung der gesunden Empfindung mag bei schwachen und unterdrückten Völkern gefunden werden; einer starken und siegreichen Nation, wie der unseren, ziemt sie nicht und wird auch, Gott sei gelobt, bei uns nicht gefunden. Einen neuen Beweis des normalen Standes unseres gesellschaftlichen und moralischen Niveaus bietet die große Teilnahme, die, man darf wohl sagen, in allen Kreisen der Hauptstadt eine gewisse, vorgestern hier – übrigens in aller Stille – gefeierte Vermählung hervorgerufen hat. Wir meinen natürlich die des Marquis Hypolit d'Héricourt mit Marguerite Silvestre, dem einzigen Kinde des bekannten Präfekten des Departement der unteren Seine. Wie wir im Vertrauen mitteilen dürfen, ist es kein Geringerer als unser erhabener Herrscher selbst, der die Verbindung des Abkömmlings eines unserer ältesten und vornehmsten Adelsgeschlechter mit der Tochter einer Familie inauguriert hat, die den ungeheuren, unter der Regierung der letzten Könige erworbenen Reichtum längst schon in den Dienst der Humanität und des Vaterlandes zu stellen lernte. Man sieht, die Verschmelzung aller Schichten der Gesellschaft zu dem korinthischen Erz einer in jedem Atom von dem heiligen Feuer des Patriotismus durchglühten Masse ist, dank der Weisheit eines Herrschers, mit dem sich an Kriegsruhm kein Cäsar, an väterlicher Fürsorge für seine ihn anbetenden Untertanen kein Augustus messen kann, nicht mehr eine Frage der Zeit, sondern eine Tatsache. – Das junge Paar ist, wie wir soeben hören, alsbald nach der Zeremonie, die in Notre-Dame stattgefunden hat, begleitet von den Segenswünschen der Ihrigen, nach Wien abgereist, wohin den jungen Gatten seine strenge diplomatische Pflicht rief, der er sich eben nur so lange entziehen durfte, als hinreichte, der zarten Pflicht des Herzens zu genügen.« Achtes Kapitel. Die trüben Februartage sind dahin; sonnig-schöne Märztage kommen, viel zu sonnig und schön, sagen die Wetterkundigen, als daß sie andauern könnten. Wer kümmert sich jetzt um das Wetter? hört auf Wetterkundige? Eine gute Nachricht, wie: die Russen kommen! sie sind bereits in Berlin! Preußen hat den Krieg an Frankreich erklärt! – das ist gutes Wetter; eine böse Kunde: General Morand zieht mit sechstausend Franzosen von Stralsund herauf! das Volk in Preußen harrt noch immer des Aufrufs seines Königs zu den Waffen! – das ist böses Wetter. Aber das gute trägt's über das böse davon. Die Einzelheiten von dem grenzenlosen Elend, in dem die kümmerlichen Reste der »großen Armee« auf deutschem Boden angelangt seien – die Jammergestalten der Soldaten ohne Offiziere – die Offiziere in den seltsamsten Vermummungen, sogar in Weiberkleidern – Dinge, nach denen im Februar noch jeder gierig gelauscht hatte, wollte schon keiner mehr hören. – »Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen;« – man wußte es ja, hatte sich schon müde daran gesungen. Es handelte sich nur darum, ob man sich die Schmach, von ein Paar hundert vor Angst zitternder Franzosen dem Namen nach beherrscht zu werden, einen Tag länger gefallen lassen solle? Die Klugen und Vorsichtigen sagen: ja. Es lohne sich nicht, wenn die Frucht von selber fallen muß, auf den Baum zu klettern und Arme und Beine zu riskieren. – Sie halten sogar dafür, daß man sich von den Russen, die jetzt sicher von Berlin her im Anzuge sind, sozusagen erobern lassen müsse, um vor den Franzosen, falls sie hernach wiederkämen – was mindestens im Bereiche der Möglichkeit liege – die Hände in Unschuld waschen zu können. So meinen auch der Vater und Billow, trotzdem ihr Patriotismus, seitdem das Ende der Franzosenherrschaft nur eine Frage von Tagen bedeutet, mit wunderbarer Geschwindigkeit auf einen hohen Wärmegrad gestiegen ist. Sie haben stundenlange Besprechungen, in welchen sie allerseits die Unternehmungen erwägen, die man nach Vertreibung der Franzosen lancieren müsse, bevor ein anderer auf denselben Einfall komme. Warburg hat herausgerechnet, daß, wenn man es nur klüglich anstellt und sich die Priorität nicht wegschnappen läßt, zweihunderttausend Mark Banko in acht Tagen zu verdienen sind. Billow ist nicht ganz so sanguinisch; aber er sieht die Zukunft doch sehr rosig, hält die Konjunkturen ebenfalls für selten günstig zu einem Coup im großen Maßstabe. Unter dem Einflusse so glücklicher merkantilischer Aspekten ist die böse Laune, die er das letztemal von Warnesoe mitgebracht hatte, längst verschwunden und hat einer versöhnlichen, ja gnädigen Stimmung Platz gemacht. Zwar Georg glaubt er vorderhand nicht verzeihen zu dürfen; dem jungen Menschen könne es nicht schaden, wenn er ein Paar Tage länger in Warnesoe über die Folgen seiner Unvorsichtigkeit nachzudenken Zeit behalte; aber wenn Oskar, nachdem ihn widrige Winde solange in Kopenhagen festgehalten haben, jetzt nach Hamburg kommen wolle – er habe nichts dagegen; ja, es sei am Ende zu überlegen, ob man nicht gut daran tue, die Hochzeit der jungen Leute zugleich mit seiner und Minnas zu feiern, also am ersten April spätestens. In einer Zeit wie diese dürfe man nicht bedenklich sein; und was sei hier groß zu bedenken? Die Oskar in London von ihm zugesicherte Stelle sei für ein junges Ehepaar mit bescheidenen Ansprüchen auskömmlich, und, sollte es wirklich hier und da fehlen, nun, so sei er auch noch da. Was meinen Sie, Johanna? Was ich meine? rief Johanna. Was soll ich anders meinen, als daß Sie tausendmal recht haben und der prächtigste, beste Mensch von der Welt sind. Johanna fiel dem großmütigen Schwager um den Hals und küßte ihn herzlich ab, was dieser sich bescheidentlich gefallen ließ, wobei er Minna mit einem Blicke streifte, der sagen zu sollen schien, daß, wenn andere Leute seine Verdienste nicht anerkennten, die Schuld dafür auf seiner Seite nicht liege. Und doch hatte er gewiß keine Ursache, sich über Minna zu beklagen. Das Unwohlsein, das sie neulich während eines Besuches bei Perthes überfallen und mehrere Tage angedauert hatte, war sicherlich keine Verstellung gewesen. Ihr bleiches Gesicht und die dunkeln Ränder unter den trüben Augen würden es bewiesen haben, auch wenn Doktor Boutin keine so bedenkliche Miene und etwas von Nervenfieber gemurmelt hätte, auf das er seine Diagnose stellen müßte, wenn nicht doch ein paar obligate Symptome mankierten. Dann, als nach Verlauf von vier Tagen das rätselhafte Unwohlsein gehoben und Minna wieder im Kreise der Familie erschienen war, hatte sie, die sonst so Entschiedene, bei aller Höflichkeit Strenge und Abweisende eine so milde, friedfertige, versöhnliche Stimmung an den Tag gelegt, daß Doktor Boutin abermals behauptete, dergleichen seelische Metamorphosen niemals außer nach langwierigen allerschwersten Krankheiten beobachtet zu haben. Nur, wenn man in sie drang, sich über ihren Zustand auszusprechen, wehrte sie ungeduldig ab und sagte: Wer kann in diesen Tagen an sich denken? Wer es konnte, waren Johanna und ihr Oskar, der auf die erhaltene Einladung mit Sturmeseile von Kopenhagen herbeigekommen war, eine Stunde, nachdem der General Cara St. Cyr an der Spitze des winzigen Restes der Besatzung mit einigen Kanonen und sehr vieler Bagage die Stadt verlassen hatte. Für Johanna und Oskar waren die seligen Tage von Warnesoe wiedergekehrt; das Zusammenkauern in Fensternischen und Zimmerwinkeln, wo sie fraglos von niemand gesehen werden konnten; die endlosen, nur von Küssen unterbrochenen Debatten, in denen es sich aber nicht mehr um den Bau von azurnen Luftschlössern handelte, sondern um die Schaffung eines reellen, kleinen, bescheidenen, komfortabeln Londoner Heims. Allerdings auch nur erst in der Phantasie. Aber man mußte sich doch schließlich darüber klar werden, ob man sich dies Heim vorläufig in Chambres garnies , oder sofort in einem ganzen gemieteten Häuschen zu denken habe; und, wenn das letztere: ob man in der ersten Zeit mit einer Aufwartefrau sich begnügen könne, oder sich von vornherein den Luxus eines eigenen Mädchens gewähren dürfe? Was wollte so wichtigen Lebensfragen gegenüber bedeuten, daß Hamburg nach dem Abzuge der Franzosen sich selbst überlassen blieb, stündlich das Wiederkommen dieser oder das Einrücken der Russen erwartend und, je nachdem die eine oder die andere Chance als wahrscheinlich sich aufdrängte, abwechselnd von Wut und Verzweiflung, oder von ebenso ausschweifender Freude und Hoffnung erfüllt? Gewiß war es auch sehr hübsch von den Dänen, daß sie sich zwischen Hamburg und Bergedorf aufstellten und den General Morand, der von Stralsund herangezogen war, verhinderten, die wehrlose Stadt mit einem Handstreich wieder einzunehmen, so hatte man doch in aller Ruhe einen köstlichen Spaziergang nach der Außenalster und dort eine noch viel köstlichere Ruderfahrt machen können. Und wenn man dem Oberst von Tettenborn und seinen fünfzehnhundert Kosaken, die, nachdem sie so oft vergeblich angekündigt, endlich über Bergedorf anrückten, morgen ein Elitekorps von dreißig berittenen Bürgern zur Einholung entgegenschicken wolle, so sei das ja gewiß ganz schicklich und werde sich zweifellos recht hübsch ausnehmen; aber die Einholung der Liebsten damals im winterlichen Walde mit Fackellicht und Schwertgeklirr – ja, das sei doch schöner und herrlicher gewesen als alles, was Hamburg morgen werde leisten können, und wenn auf jeden Kosaken zwei Patrizierkavaliere kämen. Das wollte Billow nicht gelten lassen: er war nicht nur einer von den Kavalieren, sondern der Führer des Zuges, wie er denn auch sonst in dem Arrangement der Festlichkeiten eine erstaunliche Tätigkeit entfaltet und sich bei der Ausführung eine bedeutende Rolle vorbehalten hatte, so daß er voraussichtlich den ganzen Tag unabkömmlich sein werde. Vielleicht, daß er sich nach dem Theater – zu dem er selbstverständlich für die Familie Warburg eine Loge reserviert hatte – auf ein Stündchen losmachen könne, doch möge man nicht mit Bestimmtheit darauf rechnen. Warburg feierte in schwunghaften Worten den großartigen Bürgersinn, den sein Schwiegersohn in diesem opferfreudigen Eifer betätige; Oskar und Johanna blickten einander lächelnd in die Augen: die »Opferfreudigkeit« Billows verhieß ihnen während des Festtages eine um so freiere Bewegung, als Minna einen Begleiter hatte an Georg, der von Billow in seiner jetzigen gehobenen Stimmung wieder zu Gnaden aufgenommen war und bereits seit drei Tagen bei der Familie in Hamburg weilte. Neuntes Kapitel. Die Flut unermeßlichen Jubels, die vom frühesten Morgen an die Stadt durchbraust und am Abend in der Abholung des Helden des Tages aus dem Theater nach seiner Wohnung schließlich eine höchste Welle aufgetürmt hatte, ebbete allgemach. Zwar durchströmten noch immer dichte Menschenscharen die vom vollen Schein des Mondes und der zahllosen Lichter an den Fenstern zugleich erhellten Straßen; es erschallte auch wohl noch ein brausendes Hurra, wenn die Menge an einer der bekränzten Büsten des russischen Zaren vorüberkam, oder knallte gar ein blinder Schuß aus dem Pistol eines besonders Übermutigen oder Berauschten; aber die Erschöpfung der Menschennatur nach so viel ungebändigter Lust und die längst herabgesunkene Nacht machten allmählich stärker ihre Rechte geltend, und Straßen und Plätze fingen an sich zu leeren. Billow war, wie er voraus verkündigt hatte, als einer der Hauptarrangeure des Festes, den ganzen Tag unabkömmlich gewesen und jetzt, in der zehnten Abendstunde, auf dem Bankett, welches die Stadt dem russischen Oberst und seinen Offizieren im Rathause gab, und bei dem der frühere Senator Warburg nicht fehlen durfte. Die beiden jungen Paare: Johanna und Oskar, Minna und Georg, hatten sich, des Umherschweifens müde, nach Hause begeben wollen; aber der Anblick des Alsterbassins, in dessen stiller, schwarzer Fläche sich die Lichter spiegelten, die in den Fenstern der umgebenden Häuser brannten, versetzte Oskar in neue Ekstase, und er erklärte unter Johannas Zustimmung: es sei eine Sünde, sich schon in die dumpfen Zimmer einzuschließen; sie müßten wenigstens noch einen Gang um das Bassin machen. Die beiden Glücklichen waren davongeeilt; Minna und Georg, die weder Lust verspürten, den beiden zu folgen, noch ohne sie ins nahe Haus gehen wollten, hatten sich, der Rückkehr der Flüchtlinge harrend, auf eine Bank gesetzt, die in der Nähe des Hauses hart am Rande des Kai stand. Die Bank war nicht groß, dennoch hatten die Geschwister einen Raum zwischen sich gelassen, und jedes schien, in seine Ecke gedrückt, weiter so schweigen zu wollen, wie sie alle diese Tage geschwiegen und selbst heute, wo die Schwester ihren Arm kaum aus des Bruders Arm gelassen hatte, stumm oder nur von den gleichgültigsten Dingen redend, nebeneinander hergegangen waren. Aber die Brust des jungen Mannes war zu voll; er hatte den Augenblick, in dem er sich gegen die geliebte Schwester aussprechen dürfe, schmerzlich herbeigesehnt. Mit scheuem Blicke streifte er die in sich zusammengesunkene, sonst so hohe, elastische Gestalt und das schöne, lebensvolle Gesicht, das im zweifelhaften Lichte des Mondes totenbleich erschien, ja, mit den halbgeschlossenen Augen, wie einer Toten. Minna! rief der Jüngling erschrocken. Was ist's? erwiderte sie, langsam den Kopf hebend. Laß uns hineingehen! Du bist müde. Ich bin nicht müde; wenigstens würde ich doch nicht schlafen. So können wir ebensowohl hier bleiben. Wir müssen es auch der beiden wegen, die sonst gar nicht nach Hause finden. Minna, die beiden sind sehr glücklich. Ich hoffe es. Sie schien, sich in die Ecke der Bank zurücklehnend, das kurze Gespräch wieder abbrechen zu wollen; Georg konnte sich so nicht zufrieden geben. Minna, stieß er hervor: du und ich, wir beide sind es nicht. Sprich nicht von mir, erwiderte Minna, – und Georg glaubte zu sehen, daß bei den Worten ein trauriges Lächeln um ihre Lippen irrte; – glaub mir, es verlohnt sich nicht der Mühe. Aber von dir laß uns sprechen; es verlangt mich sehr danach. Die Zeit wird freilich nicht wiederkehren, wo wir beide keine Geheimnisse voreinander hatten; ich dir Schwester und Freundin und, ich glaube, auch die Geliebte des Knaben-Jünglings war, der noch keine anderen Weiber kannte – gleichviel! so sage mir, was du zu sagen hast. Es ist so viel – zu viel, murmelte Georg. Dennoch – versuche es immerhin! Es wird dir das Herz erleichtern, das dir jetzt so schwer ist. Darf ich wirklich alles sagen? Wenn ich nicht alles sagen kann, so hat es keinen Sinn, und ich schweige lieber. Ich bitte dich: sprich! Nun denn, begann der Jüngling in einem dumpfen Tone, durch den die verhaltene Leidenschaft zitterte, du hast selbst gesagt: du bist meine Geliebte gewesen. Ich kann dir mehr sagen: du bist es noch. Sie sagen: Bruder und Schwester dürfen nicht Mann und Frau werden. Früher habe ich das für Unsinn gehalten, den sich alberne Pedanten ausgeklügelt; jetzt begreife ich es wohl, daß es so sein muß, und trotzdem sage ich: es ist schade. Das klingt wie Blasphemie, und doch, wenn ich mich rein erhalten habe, dieser meiner großen Liebe zu dir verdanke ich es. Du weißt – vielmehr du weißt, Gott sei Dank, nicht – wie unsere jungen Männer, zumal hier in Hamburg, leben. Wenn ich ein einziges Mal eine Dirne geküßt hätte, nie hätte ich dir wieder auch nur den Finger zu rühren gewagt! Weshalb ich dir das alles jetzt sage? weil du, was ich weiter sagen muß, nicht verstehen würdest. Sieh, Minna, ich liebte dich so sehr; ich hatte in meinem kindischen Gehirn nie daran gedacht, daß du ein Mädchen warst und zwei Jahre älter als ich und dich in einen anderen verlieben und den anderen heiraten könntest, während ich noch die Schule nicht hinter mir hatte. Da, eines schlimmen Tages, kam der andere doch. Du weißt, ich hatte keinen Haß gegen die Franzosen, im Gegenteil: von unserer verstorbenen Mutter, die ja, als Belgierin, eine Halbfranzösin war, hatten wir Kinder, wir beiden älteren zumal, mit der französischen Sprache auch die Liebe zu Frankreich und französischem Wesen eingesogen; der Vater, dem ja alles Fremdländische ein solches Wohlgefallen ist, hat uns in der Liebe bestärkt; und, was ich von der französischen Revolution gehört, und daß sie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf ihre Fahne geschrieben hätten und diese Fahne durch das ganze geknechtete Europa und bis an das Ende der bewohnten Erde tragen wollten – ich durfte nicht der sein, der ich war, wenn ich die Menschen, die so Großes schon vollbracht, viel Größeres noch zu vollbringen versprachen, hätte hassen sollen. Und als sie nun hier zu uns nach Hamburg kamen und statt unseres Wappens mit den chinesischen Mauern den fliegenden Adler aufpflanzten, und der Staub aus den Perücken unserer Herren Senatoren in der Luft herumwirbelte – mein Gott, man brauchte nicht, wie ich, mit Karl Moor in die böhmischen Wälder gezogen zu sein; man brauchte nur, eben wie ich, das grenzenlose Elend in der Enge und dem Schmutz unserer Hafengassen gesehen zu haben, während die Tische der Reichen unter der Last üppiger Speisen und feinster Weine schier brachen – ach, Minna, was soll ich dir das alles erst erklären – du kennst mich und weißt, daß ich von Kindesbeinen an kein Tier, geschweige denn einen Menschen leiden sehen konnte – und Héricourt – so hatte ich mir immer den Marquis Posa gedacht – und er war ein wirklicher Marquis – und ich träumte mich als seinen Carlos, bis ich herausfand, daß er dich liebte und du ihn. Minna, was da in meiner armen Seele vorging! So muß es den Verdammten zu Sinnen sein, die aus dem Himmel in die Hölle gestoßen sind. Vierzehn Tage lang lief ich wie wahnsinnig herum, ja, ich glaube, ich war wahnsinnig. Als ich mich wiederfand, war mir, als wäre ich um ebensoviel Jahre als Tage älter geworden, und alles in mir sei verwandelt. Wo die Liebe zu dir in meiner Seele wie eine Sonne geleuchtet hatte, war es öde und leer. Was mich sonst gefreut oder geärgert hatte, jetzt ließ es mich kalt. Alle meine Empfindungen schienen abgestorben, vielmehr hatten sich in ein Gefühl zusammengekrampft, in eine einzige verzehrende Leidenschaft: den Haß gegen die Franzosen. Wie der in mir raste, das mag auch wieder nur Wahnsinn gewesen sein; aber ich will dir ja der Wahrheit gemäß erzählen, wie alles so in mir gekommen und wie es gewesen ist. Von Stunde an hatte ich keinen anderen Gedanken als Kampf auf Tod und Leben gegen die Verhaßten. Ich wollte nach Spanien in den Krieg – woher hätte ich die Mittel nehmen sollen, dahin zu gelangen? Dann wurde ich konskribiert. Ich jauchzte auf. Und hätte Billow mich dreifach loskaufen wollen und mir eine Million dazu geboten – ich wäre nicht geblieben. Wir hier in Deutschland waren gefesselt; Rußland hatte die Hände frei und wollte schlagen. Nun gut: ich wollte es mit ihm, denn daß ich die erste Gelegenheit benutzen würde, mich von den Franzosen loszumachen und zu den Russen überzugehen, das stand in mir fest. Bereits in Wilna wäre es mir fast gelungen. Wer mich daran verhinderte, war niemand anders als Héricourt, der mir auf der Straße begegnete; mich, der ihm auswich, einen anderen Weg einzuschlagen zwang, auf dem ich wieder in das Lager zurück mußte, wenn – ja, Minna, ich will auch das sagen – wenn ich an dem, der uns den Weg zur Freiheit versperrte, nicht zum Mörder werden wollte. Ich wollte es auch und wär's geworden, aber der Kamerad, den ich bei mir hatte, fiel mir in den Arm. Zum Dank dafür haben sie ihn acht Tage später eines geringfügigen Subordinationsfehlers wegen erschossen. Georg schwieg, überwältigt von so furchtbaren Erinnerungen. Minna legte ihm sanft die Hand auf den Arm. Weiter! bat sie leise. Ja, weiter, begann er von neuem; weiter, immer weiter durch Staub und Hitze und Blut und Pulverdampf, angeekelt von der Tier- und Menschenmetzgerei, während die Seele nach Freiheit, nach Rache dürstete mehr noch als die verdorrte Zunge im Gaumen nach einem Labetrunk, bis die Stunde der Freiheit kam und der Rache. Das andere, Minna, weißt du. Oder nein, du weißt nur, was mir begegnet ist und sich den anderen nachträglich weitläufiger erzählen ließ. Dir muß ich noch mehr sagen: wie aus meiner kindischen Wut gegen die Franzosen allmählich etwas ganz anderes wurde: eine starke, in sich gefestete Überzeugung, daß der Kampf gegen sie, wie sie's jetzt treiben und voraussichtlich weitertreiben werden, eine patriotische Notwendigkeit und eine Menschenpflicht ist; daß unter ihrer Herrschaft nicht nur das Vaterland zugrunde geht, sondern mit Füßen getreten wird alles, was heilig ist in der Menschenbrust; daß sie im Rausche ihrer Siege alle Vernunft und Scham verloren haben und uns andere in diesen Hexensabbat hineinziehen möchten, hineingezogen haben und weiter hineinziehen werden, wir ermannen uns denn und entreißen ihnen die schnöd mißbrauchte Macht. Aber, wohlgemerkt, Minna, wir Deutsche allein! Können wir's nicht allein, nur mit Hilfe der Russen, so ist für uns nicht Segen noch Heil von dem Siege zu hoffen. Statt der französischen Frechheit wird russische Brutalität in deutschen Landen herrschen, auch wenn sie so weit unser Nationalgefühl respektieren und uns nur von Petersburg aus zu regieren sich herablassen. Das ist meine feste Überzeugung, nachdem ich die Russen in ihrem eigenen Lande kennen gelernt habe. Sie sind voller Dünkel und Hochmut und sehen auf uns Deutsche herab als auf eine mindere Rasse und ein ohnmächtiges Volk. Sie haben es getan, bevor sie nach Deutschland kamen, und werden es doppelt und hundertfach tun, jetzt, nachdem sie in unser Land eingerückt sind, nicht sowohl als unsere Bundesgenossen, sondern als unsere Befreier. Und deshalb habe ich heute nicht des Tages froh werden können, sondern bin voll Kummer und Gram gewesen und voll Scham um unsere Landsleute. Wie denn? hier in Hamburg leben zwanzig- oder dreißigtausend Männer, von denen jeder einzelne es mit zweien dieser verkümmerten Kosaken aufnimmt, und wir müssen ihrer fünfzehnhundert kommen lassen, uns vor den Franzosen zu beschützen, derer wir uns nicht haben erwehren können und abermals nicht erwehren würden, wenn sie wiederkämen? Es stand ja bei mir, in russischen Diensten zu bleiben, und ich hätte es jetzt sicher schon zum Offizier gebracht und – wer weiß? – heute hier mit Tettenborn einziehen und mich anjubeln und bekränzen lassen können. Ich habe es nicht gewollt und bin lieber als armer Flüchtling zurückgekehrt, um vor den Russen hier zu sein und meine Landsleute vor ihnen zu warnen, damit sie sich auf sich selbst besännen und versuchten, wie weit sie mit der eigenen Kraft gelangten. Es ist mir schlecht bekommen! Um ein Haar hätten sie mich am vierundzwanzigsten totgeschlagen, als ich sie Memmen und Dummköpfe schalt, weil sie nach den ersten paar Erfolgen am Tore und am Hafen sich zufriedengeben wollten, und dann zufriedengegeben haben und von der Handvoll dänischer Husaren nach Hause jagen ließen wie die Schafe. Es war ein Torenstreich von mir – ich gebe es zu; aber nicht, weil ich die Fahne aufgeworfen, sondern weil ich geglaubt habe, ich würde Männer finden, die mir folgten. Warum sollten sie auch? Ich hatte ja keine Order vorzuzeigen, daß ich das Recht habe, zu kommandieren! ich war ja nur der Kommis aus dem Geschäft Charles Billow Brothers! Sie haben es mir ins Gesicht gesagt. Das hat mir den Mut gebrochen; ich glaube nicht mehr an meine Landsleute, überhaupt an die Deutschen. Sie haben keine Initiative und kein Selbstgefühl; sie können alles nur von Obrigkeits wegen, und Obrigkeit ist ihnen, wer die Gewalt hat, möge er wie immer dazu gelangt sein. Siehst du, Minna, das habe ich dir sagen wollen, damit du es verstehst: warum ich in den Krieg gelaufen und aus dem Kriege geflohen bin, und warum ich doch nun Billows Geld genommen habe, um zurückkehren zu können; und meine tolle Lustigkeit zu Weihnacht, als ich glaubte, ich könnte der Masaniello unserer Hamburger Butjes werden, und meine Verzweiflung jetzt. Und nun, geliebte Schwester, nachdem ich dir mein Herz ausgeschüttet habe, wie in der guten alten Zeit, erzähle mir von dir, damit ich dich wieder verstehen lerne, wie ich dich früher verstand. Um Gottes willen, nein! rief Minna. Nichts von mir! Glaube mir, es ist tausendmal besser, du verstehst mich nicht. Sie hatte sich erheben wollen, Georg hielt sie sanft an der Hand fest und sagte: Ich bin kein Knabe mehr, Minna; ich habe viel erlitten und erfahren in diesem einen Jahre, das mir wie eine Ewigkeit erscheint. Du darfst mir trauen. Ich müßte mich sehr irren: du brauchst jemand, dem du voll vertrauen kannst. Es ist nicht, daß ich dir nicht vertraute, erwiderte Minna. Ich tue es wohl – mehr als je; – aber ich habe nichts zu vertrauen, bedarf des Rates nicht und nicht der Hilfe. Was ich getan habe und tue, habe ich getan und tue ich mit klarstem Bewußtsein, aus vollster Überzeugung. Und wenn ich je einen Augenblick schwanke, so habe ich ein Beispiel, dem ich nur zu folgen brauche, um das zu tun, was das Schicksal von mir verlangt. Ich verstehe dich wieder nicht, sagte Georg traurig; aber wie kann ich das, wenn du in Rätseln sprichst. Sie hatte seine Hand ergriffen, die sie liebevoll drückte und streichelte, indem sie dabei in einem Tone sagte, der ihm wie ein Nachklang war der guten alten Zeit, die er so sehnsuchtsvoll zurückwünschte: Armer Junge, du tust mir von Herzen leid, und ich tue mir leid, daß ich dir all deine Liebe und Treue nicht besser lohnen kann. Du siehst, geschwisterliche Liebesleute haben, wie die Kinder im Volksliede, nicht Glück noch Stern. Und nun laß uns hineingehen, wenn die beiden denn durchaus nicht wiederkommen wollen. Sind sie das nicht? da? gewiß! Bitte, lauf hin und hole sie! Sag ihnen, sie müßten jetzt ein Ende machen. Ich halte mich nicht länger aufrecht. Georg war davongeeilt auf die beiden Gestalten zu, die nun auch sein scharfes Auge im Halbdunkel, das allgemach die frühere Helligkeit verdrängte, entdeckt hatte. Minna war vor der Bank, sich über das Kaigitter lehnend, stehengeblieben und starrte auf das schwarze Wasser, das unten an den Quadern leise plätscherte. Übermorgen sollte ihr Hochzeitstag sein. Ein Sprung, ein paar Schläge vom Ufer weg nur bis dort, wo die goldenen Sternchen aufblinkten – es war getan, und – die Schmach des Verrats an der Sache, der sie sich mit heiligem Eidschwur geweiht, würde ihr folgen in die Ewigkeit. Nein, hatte er den Duldermut, dies Leben zu ertragen, das ihm nicht minder qualvoll sein mußte als ihr; sich aufs neue an das Leben zu ketten durch einen Ehebund, der ihm doch nur symbolisch sein konnte für eine Zukunft der erneuten vollsten Hingabe an sein Vaterland und seine patriotischen Pflichten – sie durfte nicht hinter ihm zurückbleiben. Sterben, was ist denn das, da jeder von uns es einmal muß? Das Auskunftsmittel ist zu kindisch leicht; es kann das rechte nicht sein. Oskars klare Stimme und Johannas Helles Lachen klangen durch die Stille her. Minna wandte sich vom Gitter ab und schritt langsam den Kommenden entgegen. Zehntes Kapitel. In den prächtigen Räumen des stattlichen Billowschen Hauses am »Alten Wandrahm« hatten sich – seit dem Einzuge der Russen bereits zum vierten Male in der Abendstunde desselben Wochentages – so ziemlich alle zusammengefunden, denen in dem unendlich bewegten Schauspiele dieser Hamburger Wochen die ersten Rollen zugefallen waren: die russischen Offiziere, an ihrer Spitze der jetzt zum Generalmajor beförderte ruhmgekrönte Streifkorpsführer; die tapferen, fast ausnahmslos adligen Parteigänger aus aller Herren Ländern, die mit den Franzosen in Kampf waren oder gern in Kampf gewesen wären; die Offiziere der neuerrichteten Hanseatischen Legion; dänische Diplomaten, die auf ihrer Reise von Kopenhagen nach London und in das Hauptquartier zum Kaiser Alexander hier Station gemacht hatten, sich über den Stand der Dinge zu orientieren, bevor sie an den entscheidenden Stellen ihr letztes Wort sagten; das Häuflein patriotischer Männer, die in der Stadt notorisch an der Spitze der Neuerer standen, die dem alten Schlendrian und seinen Repräsentanten, dem wiedereingesetzten Senat, zu Leibe wollten, und deren Anwesenheit erklärte, weshalb von dem letzteren sich alle entschuldigt hatten, mit Ausnahme des jüngsten Mitgliedes, der sich in diesem Falle nicht wohl entschuldigen konnte. Die Sache verhält sich nämlich so, sagte Warburg zu dem russischen Geheimrat von Alopeus, welcher, als Kommissar der für das nördliche Deutschland unter dem Vorsitze des Freiherrn von Stein seit kurzem errichteten gemeinsamen Verwaltungsbehörde, gestern in Hamburg angekommen war und sich über die Verhältnisse und Personen noch orientieren mußte: – mein Schwiegersohn – er ist erst seit vier Wochen verheiratet – nimmt die Stelle im Senat ein, die lange Jahre von mir eingenommen wurde und jetzt bei der Reaktivierung selbstverständlich hätte wieder eingenommen werden können. Aber ich hatte einmal, nachdem unser alter Senat sich in einen französischen Munizipalrat verwandelt, demissioniert, weil ich die Schandwirtschaft nicht länger mit ansehen mochte; wollte nicht wieder in das öffentliche Leben treten, und – unter uns – meinen früheren Herren Kollegen damit ein Beispiel geben, dem – sie nicht gefolgt sind. Leider! Die mißlichen Zustände, die Sie, mein Herr Geheimer Rat, bei uns finden werden: die Verschleppung unaufschiebbarer Maßregeln von einem Tage zum anderen; die Kärglichkeit, mit der die Staatsmittel fließen – aber was soll ich dem Herrn Geheimen Rat von so unerquicklichen Dingen reden! Um also auf meinen Schwiegersohn zurückzukommen – Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche, sagte der Russe; aber jemand in meiner Lage muß jede Minute wahrnehmen, die er mit einem so unterrichteten Manne zu verplaudern das Glück hat. Wer ist der Offizier dort mit den prächtigen, ebenso offenen, wie klugen und energischen Zügen? Der Major Ernst von Pfuel – in der Tat ein ganz vorzugsweise ausgezeichneter Mann. Er hat auch schon einen Teil des Feldzuges in Rußland mitgemacht und soll in großer Gunst bei Ihrem Kaiser stehen. Ich meinte, der Herr Geheimrat kennten ihn? Ich habe nur viel von ihm gehört. Und der kleine Herr, ebenfalls in unserer Uniform, mit dem Diplomatengesicht, das gar nicht zu der kriegerischen Maske zu passen scheint? Ein Herr von Varnhagen, Adjutant des Generalmajors, bis vor kurzem in österreichischen Diensten. Übrigens ein halber Hamburger. Habe ihn schon gekannt, als er noch ein ganz junger Mensch war und sich hier zu seiner medizinischen Karriere – denn die hatte er ursprünglich im Auge – vorbereitete. Er ist seitdem überall herumgekommen: in Paris bei Napoleon, in Wien bei Metternich, in Prag beim Freiherrn von Stein – Können Sie mich mit den Herren bekannt machen? Aber ich bitte Sie, Herr Geheimer Rat! Ich bin ja, sozusagen, auch der Wirt dieses Hauses! Warburg hatte den zugeknöpften Herrn Geheimrat an die beiden Offiziere abgetreten und wandte sich zu einem stattlichen Herrn, früheren Offizier, der die Ruhe seines pommerschen Landsitzes wieder verlassen hatte, sich hier ein wenig mit den Franzosen herumzuschlagen. Ah, Herr von Hochwächter! Sie erinnern sich meiner doch? Warburg, der Vater unserer schönen Wirtin – hatte letzten Donnerstag bereits das Vergnügen – sehen Sie? wir sprachen über pommersche und holsteinsche Landwirtschaft. Ich vergaß, Sie zu bitten, daß Sie sich jedenfalls das Gut meines Schwiegersohnes ansehen müssen: Warnesoe, nur sechs Meilen von hier und jetzt bei unserem amikalen Verhältnis mit den dänischen Nachbarn ungefährdet zu erreichen. Sie werden dort eine Musterwirtschaft kennen lernen, und wenn Sie sich dafür interessieren – aber wie sollten Sie nicht? – ein Edelmann aus einem so alten Geschlechte! – den prächtigsten Herrensitz, den Sie sich vorstellen können – aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts, völlig im Stil jener Zeit bis auf eine Flucht von Zimmern, die mein Schwiegersohn hat renovieren und modernisieren lassen. Das junge Paar hat die zwei ersten Flitterwochen dort zugebracht, etwas komfortabler als meine arme Johanna. Sie haben eine zweite Tochter? Sechs Jahre jünger als meine Minna dort; aber an einem Tage mit ihr verheiratet. Und sofort – aber sofort auf die Reise nach London, wo Sandström – der Name ihres jungen Gatten, eines geborenen Schweden – eine sehr vorteilhafte Stellung in dem Hause Charles Billow Brothers, dessen Chef am hiesigen Platze mein ältester Schwiegersohn ist – Wie steht es mit der Jagd auf Warnesoe? fragte der pommersche Edelmann, verstohlen durch die Nase gähnend; hält Ihr Herr Schwiegersohn etwas darauf? Da müssen Sie ihn schon selber fragen, erwiderte Warburg lachend. Billow! Herr von Hochwächter hier wünscht zu wissen – Hab's gehört, sagte Billow, sich aus einer nahestehenden Gruppe zu den beiden wendend. Massenhaft! Schnepfen – Passé ! sagte der Pommer. Sind in der Woche Quasimodo: drei nach Palmarum. Und Palmarum – Lirumlarum! Na! sagte Billow verlegen. Offengestanden, die Jagd ist nicht eigentlich mein Departement. Das besorgt mein Schwager. Ah! rief Herr von Hochwächter, plötzlich lebhaft werdend, der schlanke, junge Offizier, der neulich hier war! Ein prächtiger Mensch – wo ist er heut? Er kommandiert unsere Vorposten auf der Wilhelmsburg, sagte Warburg, sich in die Brust werfend. Der General hat ihn eigens dazu designiert, fügte Billow in scheinbar gleichgültigem Tone hinzu. Ja, ja, der junge Mann übertrifft unsere Erwartungen. Aber, Herr von Hochwächter, ich muß Sie jetzt zu meiner Frau bringen. Sie hat sich schon beklagt, daß Sie heute abend noch kein Wort mit ihr gesprochen haben. Die gnädige Frau ist so umringt! sagte der Pommer bedenklich. Wir brechen uns schon Bahn! rief Billow. Und vergessen Sie nicht, ihr zu sagen, daß Sie ihren Bruder bewundern! Das hört sie gar zu gern. Ok up plattdütsch? fragte der Pommer mit einem Anfluge von Lächeln. Ok up plattdütsch! erwiderte Billow, in ein schallendes Gelächter ausbrechend. Kommen Sie! Er zog den Hünen mit sich fort; Warburg blickte ihnen vergnüglich schmunzelnd nach und ließ, da er eben niemand hatte, mit dem er plaudern konnte, sich in einen Fauteuil sinken, die ermüdeten Glieder ein wenig zu ruhen und die Situation behaglich zu genießen bei einem Glase Punsch, das er einem vorübereilenden Diener von dem Tablett genommen hatte. In der Tat eine behagliche Situation hier in dem prächtigen Saale, in welchem, überstrahlt von blendendem Kerzenlichte, so viele glänzende Uniformen, so viele Fracks der ersten Männer der Stadt, so viele elegante Roben der schönsten Frauen und Jungfrauen durcheinanderwogten! Und der Wirt dieses glänzenden Festes, wie es in Hamburg höchstens Salomon Heine oder Peter Godeffroy hätten zustande bringen können, sein Schwiegersohn! die schöne, von allen gefeierte Wirtin seine Tochter! Zwar der Johanna hätte er es lieber gegönnt. Die arme Johanna! Ihr erster Brief aus London hatte gar nicht lustig geklungen, eigentlich recht traurig, obgleich er das Minna, die ihn darauf aufmerksam gemacht, nicht hatte zugeben wollen. Wie durfte er? Es hätte wie eine schnöde Undankbarkeit gegen Billow ausgesehen. Mein Gott, man darf eben seine Ansprüche nicht zu hoch spannen! Hatte er selbst etwa die Hoffnungen, die er auf ein Zusammenwirken mit Billow gesetzt, nicht bedeutend reduzieren müssen? Billow hielt den Daumen ein wenig fest auf dem Geldbeutel – das konnte man sich hier in der stillen Saalecke, wo man niemand einen blauen Dunst vorzumachen hatte, wohl eingestehen. Und das war eigentlich recht undankbar von dem Billow. Er dachte doch nicht gar, daß er es war, der alle diese vornehmen Herren, die vielleicht nicht einmal zu Heine oder Godeffroy gegangen wären, hierher zog? Pah! die schöne, die geistreiche junge Frau war's! und höchstens etwa der »Senator«, den er wiederum nicht seinem Verdienste verdankte, sondern einfach dem Umstande, daß man da oben auf dem Rathause der Partei Perthes und Konsorten eine Konzession machen mußte, und die Partei angenommen hatte, der Gatte einer Minna Warburg müsse ein guter Patriot sein und im Senat die Interessen der Partei energisch vertreten. Er war der Mann seiner Frau und damit basta! Aber auch welcher Frau? Wer hätte das dem eigensinnigen, verschlossenen, sentimentalen Mädchen zugetraut? Diese Liebe, Verehrung, Vergötterung bei jung und alt! Diese Grazie aber auch und Würde, mit der sie zu repräsentieren verstand; die Schlagfertigkeit, die sie in dem Gespräche an Tag legte, es mochte sein mit wem und über was es wollte! Ein Prachtmädchen bei Gott, auf die er seinen Geist vererbt hatte, wie auf Johanna seine Munterkeit und Lebenslust. Auch der Georg machte sich jetzt gut. Mit zweiundzwanzig Jahren Offizier, einstimmig gewählt vom Korps und bestätigt von Seiner russischen Majestät! Natürlich würde er nun Offizier bleiben, später in russische oder preußische Dienste treten und zweifellos eine glänzende Karriere machen – hatte ja Herr von Tettenborn selbst gesagt. Natürlich ist auch er nicht zufrieden. Er behauptet, die Dinge gehen schlecht. Minna behauptet dasselbe. Ich weiß nicht, was sie wollen. Ich glaube, die Menschen sind von Hause aus undankbar und um so undankbarer, je besser es ihnen geht. Meine Kinder sind wenigstens so. Ich glaube, die Minna hat heute abend noch nicht drei Worte mit ihrem alten Vater gesprochen, dem sie es doch einzig und allein verdankt, wenn sie jetzt Frau Senator Billow und nicht – ach, die dummen Briefe! daß ich doch immer wieder daran denken muß! Als ob ich nicht mit dem besten Gewissen von der Welt daran denken könnte! Als ob nicht jeder Vater, der sein Kind liebt, so gehandelt hätte! Gott sei Dank, da geht's zum Büfett! Ich will ein paar Austern essen und ein Glas Sherry dazu trinken. Das wird mich auf andere Gedanken bringen. Elftes Kapitel. Das prächtige Büfett war im Hintergrunde des benachbarten großen Speisesaales aufgestellt, in dem eine hinreichende Anzahl kleiner Tische zu vier oder sechs Kuverts die Gäste zum Niedersitzen einlud. Doch machten nur die besonders Bequemen von dieser Einladung Gebrauch. Der unendliche Gesprächsstoff hatte in einer Gesellschaft, die aus so verschiedenartigen Elementen zusammengesetzt war, im Salon noch lange nicht erschöpft werden können; oder man hatte auch die nicht gefunden, die man gerade suchte. Man suchte sie jetzt und freute sich, sie gefunden zu haben. So erspähte denn die vielumworbene Wirtin des Hauses die Gelegenheit, endlich ihres verehrten Freundes Perthes habhaft zu werden, dessen ganz ungewöhnlich ernste Miene und auffallende Schweigsamkeit sie schon während des ganzen Abends sorgend aus der Ferne beobachtet hatte. Sie sagte ihm das, als sie, auf ihn zutretend, ihm die Hand reichte, die er herzlich drückte. Sie haben recht, liebe Freundin, erwiderte er, ich wälze in mir schwere Gedanken und möchte Ihnen gern – aber heute abend ist keine Möglichkeit zu einer ruhigen Aussprache. Da kommt schon wieder ein Schwarm Verehrer. Herr Graf von Bothmer – Herr von Arnim – Herr Freiherr von Droste – Sie müssen mich vorderhand entschuldigen! rief Minna den Herren entgegen. Bitte, sagen Sie es auch dem General, der mich engagiert hat. Ich habe notwendig mit meinem verehrten Freunde hier zu sprechen. In zehn Minuten also, wenn wir bis dahin fertig werden! So, fuhr Minna fort, als sich die jungen Edelleute mit tiefen Verbeugungen zurückzogen, das Feld ist frei; und nun, Verehrter, sprechen Sie! Sie hatte mit dem Freunde an einem ganz kleinen Tische Platz genommen, von dem sie den dritten Stuhl zurückschob, so daß man nicht ohne weiteres ihr Tête-à-tête stören konnte. Ich weiß nicht, begann Perthes, ob es recht ist, Ihnen Ihre Feststimmung – Er brach jäh ab. In dem schönen Gesichte, das dem seinen jetzt so nahe war, zuckte es, und die großen blauen Augen hatten sich verdunkelt. Verzeihen Sie! sagte er leise. Dessen bedarf es zwischen uns nicht, erwiderte sie. Sie meinten ja auch nur die Stimmung, die ich als Wirtin zur Schau tragen muß. Sonst – Sie drückte die Augen ein wie jemand, der einen heftigen physischen Schmerz empfindet, und fuhr mit dumpfer Stimme fort: Lieber Freund, Sie und ich, wir beide glauben an ein ewiges Leben, und daß dort sich die vereinen, die auf Erden sich rechtschaffen bemüht haben, gut zu sein und gut zu handeln. Wenn unsere seligen Geister sich da wiederfinden, und es dann noch einer Aussprache bedarf – und nicht vielmehr, wie ich annehme, die geläuterten Seelen sich ohne Worte verstehen –, dann sollen Sie erfahren, wie es sonst in diesem Herzen aussteht. Sie preßte die Hand auf den Busen, riß sich dann mit einer gewaltsamen Anstrengung aus dem Bann, der auf ihr lag, und sagte, nun wieder mit gelösten Mienen und klaren Augen: Wie klein muß ich Ihnen erscheinen, der Sie sich längst gewöhnt haben, für das Allgemeine zu sorgen und die Sorge für das private Wohl Gott anheimzustellen. Sie überschätzen mich, liebe Freundin, erwiderte Perthes sanft. Ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß ich den ganzen Abend kaum an etwas anderes gedacht habe, als was aus meiner Frau und meiner Kinderschar werden soll, wenn – Wenn? Perthes ließ seinen Blick durch den Saal schweifen und dann, sich näher an Minna heranbeugend, sagte er hastig im Flüstertone: Wir haben uns seit acht Tagen nicht gesprochen – Sie sind ja von Ihren neuen Pflichten so in Anspruch genommen – in den acht Tagen ist in der Lage der Dinge eine starke Veränderung zu unseren Ungunsten eingetreten. Der gute Geist in der Bürgerschaft geht von Tag zu Tag mehr verloren – hier in Vertrauensseligkeit, dort in Erschlaffung, welches in den meisten Fällen nur zwei Ausdrücke für die identische Sache sind. Man redet sich ein, man sei über den Berg, an dessen schroffem Fuße man eben steht. Man vertraut im Notfalle auf die Hilfe der Dänen, der Schweden, Preußens, Norddeutschlands – auf alle und alles, nur nicht auf sich selbst. Und ich weiß mit absoluter Bestimmtheit, daß alle diese Hoffnungen Seifenblasen sind: daß Dänemark nur mit uns spielt wie die Katze mit der Maus; Bernadotte noch immer nicht in Stralsund angekommen ist und, wenn er gekommen, Gewehr bei Fuß stehenbleiben wird, ruhig abwartend, wohin sich die Schale neigt: ob zu Frankreich, ob zu den Verbündeten, an denen sich das Zaudern Preußens jetzt furchtbar rächt. Hätte es den ungeheuren Eindruck, den Yorks Abfall im Dezember machte, auszunutzen verstanden, man hätte die Trümmer der großen Armee, die überallhin zerstreuten Okkupationstruppen vor sich her aufrollen und den Feldzug am Rheine beginnen können mit einem waffenlosen Frankreich, das uns jetzt, bis an die Zähne gerüstet, im Herzen von Deutschland gegenübersteht. Und wenn man sich in Sachsen Napoleons erwehrt, für uns hier oben wird man nichts übrig haben – nicht einen Mann. Was anders aber heißt das, als daß Hamburgs Fall besiegelt ist! Das klingt freilich aus dem Munde des Mannes da ganz anders, sagte Minna, mit den Augen nach Tettenborn winkend, der, durch die Breite des Saales von ihnen getrennt, lebhaft sprechend und gestikulierend, in einem größeren Kreise eifrig lauschender Offiziere stand. Um Perthes' feine Lippen zuckte ein satirisches Lächeln. Nun, sagte er, ich will gewiß den Mann nicht schelten. Sein Zug hierher in unsere Ultima Thule war immer eine kühne Tat, die ihm die Weltgeschichte nicht vergessen wird. Auch hat er hier, als Kommandant und oberster Befehlshaber, manches Tüchtige und Zweckmäßige zustande gebracht; seine Schuld ist es nicht, wenn er trotzdem an einem Platze steht, auf den er nicht gehört. Nein, nicht seine Schuld, aber unser Verhängnis. Mir ist schon längst klar geworden, daß die fünfzehnhundert Kosaken, über deren Einrücken wir eine so unbändige Freude empfanden, für uns ein Danaergeschenk gewesen sind. Sie sind nichts als eine spanische Wand, die wir für eine Mauer halten, weil sie einen und den anderen rauhen Luftzug von uns abwehrt, deren Hinfälligkeit aber der erste kräftige Windstoß kläglich zutage bringen wird. Aber, sagte Minna, wenn ich leider zugeben muß, daß der, von dem wir sprechen, bei all seinen glänzenden Eigenschaften einer so schwierigen Situation, wie er sie hier vorgefunden hat, nicht gewachsen ist – da sind um ihn her so viele ausgezeichnete Offiziere: Herr von Pfuel, Canitz, Graf Westphalen – Den Stabsmajor der Bürgergarde, einen gewissen Friedrich Perthes, nicht zu vergessen, sagte Perthes. Ach, liebe Freundin, daß man bei so traurigen Dingen noch lächeln kann! Ist es nicht zum Weinen traurig, daß wir Bürgeroffiziere vom Kriege absolut nichts verstehen, und die wirklichen Kriegsmänner, die Sie nennen – großer Gott! Hamburg ist ihnen eine vorgeschobene Position, die man verteidigt, solange es geht, und die man aufgibt, wenn es nicht mehr geht, für eine andere, die sich vielleicht mit größerem Erfolge verteidigen läßt. Überdies: Herr von Tettenborn ist der Chef. Was er anordnet, müssen die Untergebenen ausführen. So will es die Disziplin. Erweisen sich die Anordnungen als töricht, unzweckmäßig, sie trifft keine Verantwortung und, wenn es hinterher schief geht, keine Schuld. Sie weinen darüber keine blutigen Tränen wie Georg. Ich war gestern bei ihm auf der Wilhelmsburg. Er ist außer sich. Er hält die dort aufgeworfenen Schanzen und deren Armierung für völlig unzulänglich, ja zweckwidrig. Ich verstehe von diesen Dingen nichts; aber Georg hat seine Kriegszeit gut benutzt. Ich glaube ihm unbedingt, und daß nicht nur die Schanzen, sondern auch die Besatzung verloren ist, sobald Davoust mit nur einiger Macht in Harburg auftritt. Wir wissen aber mit Bestimmtheit, daß der Marschall in Gewaltmärschen mit einer sogar bedeutenden Macht sich naht; daß er vorgestern bereits in Lüneburg war, morgen, heute schon in Harburg sein kann. Nur Herr von Tettenborn weiß es nicht, vielmehr will es nicht wissen, vermutlich, damit die Hamburger noch ein paar Nächte ruhig schlafen können. Es wird ein furchtbares Erwachen werden. Und da ist nichts zu tun? Nichts! Außer auf Gott vertrauen, daß er uns – ich meine: die große Masse – die Gefahr, in der wir schweben, nicht allzu spät erkennen läßt, so daß wir Zeit gewinnen, das Verlorene wieder einzubringen und aus der Gefahr einen Mut, eine Kraft schöpfen, die uns in der trügerischen Sicherheit, der wir uns hingeben, abhanden gekommen sind. Haben Sie mit Herrn von Tettenborn in diesem Sinne gesprochen? Gewiß. Nun? Er hat mir eine höfliche Verbeugung gemacht und gesagt, daß ich ein eminent gescheiter Mann sei. Und wenn ich mein Heil bei ihm versuchte? So würde er Ihnen galant die Hand küssen und sein Ritterwort zum Pfande setzen, daß Sie die geistreichste Dame sind, die er je gesehen. Dennoch werde ich's versuchen. Aber nicht heute abend; es ist die rechte Zeit nicht. Bitten Sie ihn, Sie morgen zu besuchen; nein, lassen Sie lieber auch das! Weshalb? Ihnen darf ich ja sagen, daß Herr von Tettenborn in dem Rufe steht, für jeden Erfolg in seinem Kriegerleben deren mehrere auf einem anderen Felde verzeichnen zu können, wo man nicht zu Minerva betet, und Sie wissen, wie leicht verletzlich unsere steife Hamburger Moral ist. Ein flüchtiges Rot färbte die bleichen Wangen der jungen Frau, während es halb verächtlich, halb melancholisch um ihre vollen Lippen zuckte. Es scheint, ich bin etwas im Preise gesunken, murmelte sie. Der Freund hatte keine Zeit, zu äußern, daß er nicht verstehe, was die junge Frau damit habe sagen wollen, denn in demselben Augenblicke kam Herr von Tettenborn raschen Schrittes auf das Tischchen zu, an dem sie saßen. Wie er sich jetzt näherte, ihr schon aus der Entfernung von mehreren Schritten zulächelnd, glaubte Minna zum erstenmal die Verwüstungen zu bemerken, die ein abenteuerliches Leben in dem sonst schönen Gesicht des Mannes angerichtet hatte, und sein Lächeln wollte ihr nicht gefallen. Seine Stirn war leicht gerötet; in der Linken hielt er ein volles Champagnerglas. Gnädige Frau, sagte er mit seiner wohllautenden Stimme, in welcher der süddeutsche Dialekt noch immer deutlich anklang, meine Kameraden und ich sind entschlossen, nicht länger geduldig zuzusehen, wenn sich die schöne Wirtin dieses Hauses den anderen Gästen zugunsten eines entzieht, und wäre dieser eine auch der erste Bürger der Stadt, deren erster und bis jetzt einziger Ehrenbürger zu sein ich mich rühmen darf. Verstatten Sie mir wenigstens, daß ich Ihr interessantes Gespräch mit unserem gelehrten und geistvollen Freunde so lange unterbreche, als nötig ist, in wenigen ungeschminkten Worten, wie sie einem Kriegsmanne zu Gebote stehen, den Gefühlen Ausdruck zu geben, die mein Herz und die Herzen meiner Kameraden gegenüber so viel Schönheit und Geist, so viel Huld und Anmut erfüllen. Ein Murmeln des Beifalls durchlief den dichten Kreis der Offiziere, von denen einige, die gefüllten Gläser in den Händen, mit dem General herangetreten waren, die meisten, durch seine laut erhobene Stimme aufmerksam gemacht, jetzt erst eilig herandrängten. Der General, der eine ablehnende Bewegung der Dame zu bemerken glaubte, fuhr eilig fort: Ihre Bescheidenheit, gnädige Frau, sträubt sich gegen eine Ovation, die doch so selbstverständlich, so völlig der freie Erguß unserer dankbaren Herzen ist. Blicken Sie in diesem edeln Kreise umher – da ist keiner, den der rauhe Kriegsbesen nicht schon von Ort zu Ort geschleudert und seine Ruhe an keinem hat finden lassen; aber auch keiner, der sich nicht die Erinnerung heilig bewahrt hätte an die Stätten, die er geweiht fand durch den Genius einer edeln Frau, in der er, des Krieges rauher Sohn, den Genius der Menschheit anbeten durfte. Solche Stätte ist das Haus, in dem sie weilt, welche Hamburg als sein schönstes und geistvollstes Mädchen gekannt hat, bevor es wußte, daß es in ihr auch die patriotische Frau, die unermüdliche Trösterin und Helferin der Armen und Elenden und zugleich die werde zu verehren haben, für welche die Griechen Troja zerstört hätten, wie wir, alle wie einer und einer wie alle, entschlossen sind und schwören, bis zu unserem letzten Blutstropfen Hamburg für sie zu erhalten. Der Schutzgöttin Hamburgs dieses volle Glas! Das Hoch des Generals wurde von den Offizieren mit Enthusiasmus aufgenommen und immer von neuem wiederholt. In Minnas Mienen war nichts von Stolz auf die Huldigung zu entdecken. Bleich, mit gesenkten Augen stand sie da, während es um ihre Lippen zuckte. Man sah ihr an, sie wartete nur, bis sich der Tumult so weit gelegt haben würde, daß sie zu Wort gelangen könnte. Aber bevor das geschah, drängte sich ein Diener hastig durch die Aufgeregten an den General, dem er etwas ins Ohr flüsterte, worauf dieser alsbald mit einer flüchtigen Entschuldigung gegen Minna, von dem Diener gefolgt, den Saal verließ. Der Vorgang hatte an sich nichts Besonderes – kamen doch dergleichen Meldungen zu jeder Zeit an den Oberkommandeur – nur daß gerade eben die Welle der Begeisterung alle auf die höchste Spitze getragen hatte, man auf die Erwiderung der schönen Frau gespannt gewesen war – über den Tölpel von Bedienten, der irgend eine Ordonnanz von irgend einer Torwache mit irgend einer gleichgültigen Meldung nicht zum Teufel geschickt, oder wenigstens bis zu einem gelegeneren Augenblicke hatte warten heißen! Man drängte sich um Minna, ihr lachend zu versichern, daß ihr die Erwiderung, die sie zweifellos auf den Lippen gehabt, mitnichten geschenkt sei – nur so lange, bis der Chef wieder eintreten würde, was im nächsten Moment geschehen müsse. Aber Minuten vergingen – der General kam nicht wieder. Man blickte einander fragend, verlegen an; die Gesichter einiger älterer und erfahrenerer Offiziere waren plötzlich sehr ernst geworden. Ich wette, etwas von unserem Freunde Davoust, murmelte Ernst von Pfuel dem neben ihm stehenden Hauptmann von Canitz ins Ohr. Ich habe den General genug gewarnt, murmelte der Angeredete zurück. In demselben Augenblicke trat Tettenborn, wie immer raschen Schrittes, wieder in den Saal, hinter ihm ein junger hanseatischer Offizier. Georg! schrie Minna auf, dem Bruder entgegenstürzend. Ich habe es geahnt! Wie es der Schutzgöttin Hamburgs ziemt! rief Tettenborn lachend. Wie sollte sie nicht die Vorahnung eines Unheils haben, das auf ihre teure Stadt herabzudrohen scheint! Er hatte sich an die Offiziere gewandt, die ihn jetzt mit fragenden Mienen in dichtem Kreis umdrängten, und fuhr mit einer Stimme fort, die ruhig und gelassen klingen sollte, während doch, für ein leiseres Ohr wohl vernehmbar, die innere Erregung durchzitterte: Aber, meine Herren, auch wirklich nur scheint. Unser junger Kamerad dort hat dem Zauberfeste, das uns seine Schwester gibt, nicht fern bleiben mögen und, um mit dem Angenehmen das Nützliche zu verbinden, mir zugleich die Meldung gebracht, daß Davousts Avantgarde soeben in Harburg eingerückt ist. Soeben, will sagen, vor zwei Stunden – mehr hat unser junger Kamerad nicht bedurft, um auf einem schnellen Ewer bei eintretender Ebbe und mit günstigem Südost von seinem Posten auf Wilhelmsburg die Nachricht hierher zu bringen. Sein Eifer verdient die lobende Anerkennung, die ich ihm hiermit gern erteilt haben will, wenn ich auch bereits seit einer Woche die Meldung täglich und stündlich erwartet habe. Meine Herren Offiziere wissen das, und wenn ich, meine hier anwesenden Herren vom Zivil, in Ihrer Gegenwart eine militärische Angelegenheit erörtere, so geschieht es in der ganz bestimmten Absicht, Sie zu ersuchen, einer besonnenen, furchtlosen Auffassung der Lage bei den Bürgern das Wort zu reden und ihnen zu versichern, daß Karl von Tettenborn seine Pflicht kennt und zu erfüllen wissen wird, wie er hofft und erwartet, daß die Bürgerschaft Hamburgs auch ihrerseits ihre Pflicht tun werde. Und nun, meine schöne Frau, bitte ich Sie, mir Urlaub zu geben und zu verzeihen, wenn ich Ihnen auch den Bruder alsbald wieder entführe, der sofort auf seinen Posten zurück muß. Er küßte Minna zum Abschiede die Hand. Als er sich wieder aufrichtete, blickte diese ihm fest ins Auge und sagte: Herr General! die Stunde ist gekommen, in der Sie das Wort, das Sie der Schutzgöttin Hamburgs gegeben, einzulösen haben. Ich bin dazu jeden Augenblick bereit, erwiderte Tettenborn, sich tief verbeugend; aber die Stunde ist noch nicht da; im Gegenteil, ich hoffe zuversichtlich, noch manche so fröhlich wie heute in diesem gastlichen Hause verleben zu können. Der General wäre mit Pfuel, Canitz und einigen anderen Offizieren, denen er schon vorher einen Wink erteilt, gegangen, ohne von dem Wirte des Hauses sich zu verabschieden, wenn dieser die Hinausdrängenden nicht noch an der Tür erwischt hätte. Indessen konnte er nur einige Worte anbringen: die Herren hatten es sehr eilig. Unterdessen hatte sich Georg von dem Vater, der ihn aufhalten wollte, los gemacht und Minna beiseite gezogen. Leb wohl, geliebte Schwester! Vielleicht sehen wir uns nicht wieder. Das wolle Gott verhüten! Wir werden morgen in der Frühe angegriffen werden, vielleicht noch heute nacht. Man kann nicht wissen, wie es abläuft. So viel ist sicher, in spätestens einer Woche sind die Franzosen am Brooktor. Rette wenigstens dein liebes Leben zur rechten Zeit! Während du das deine in die Schanze schlägst? Ich habe keine Freude mehr am Leben und stürbe heute lieber als morgen, wenn ich dich glücklich wüßte. Bist du glücklich, Minna? In dem Sinne, in dem du es jetzt meinst: nein! Das habe ich aber auch nie verlangt. Und zu denken, daß ich dazu beigetragen habe, dich unglücklich zu machen! Ach, Minna, hättest du mich sprechen lassen an dem Abend des Einzugs – auf der Bank an der Alster! Ich hatte noch viel auf dem Herzen über dich und Billow und – ich hatte ihn ja erst jetzt kennen gelernt. Still! Man wird aufmerksam auf uns. Es muß geschieden sein. Leb wohl! Leb wohl! Der junge Mann hatte, ohne sich an die noch anwesenden Gäste zu kehren, die Schwester in die Arme gepreßt und war davongestürmt. Aber auch sonst hatte sich der Saal fast um die Hälfte der Gäste geleert. So leicht auch der General die erhaltene Nachricht zu nehmen schien, die Offiziere wußten zu wohl, was eine so große Nähe des Feindes zu bedeuten habe, und hatten sich einzeln oder gruppenweise davongestohlen. Trotz Billows Bemühungen, sie zu halten, folgten die anderen: es sei schon über Mitternacht und die festliche Stimmung durch die böse Kunde doch nun unwiederbringlich zerstört. Nach wenigen Minuten waren auch die letzten gegangen. Die Gastgeber fanden sich allein. Zwölftes Kapitel. An dem Büfett räumten die Diener, verstohlen untereinander flüsternd. Minna hatte sich an dem Tischchen, neben dem sie die letzte Zeit gestanden, niedergelassen, den Kopf in die Hand gestützt; plötzlich hörte sie über sich seine Stimme: Ich habe mit dir zu sprechen. Sie blickte auf und sah sein rotes Gesicht, das röter war als sonst, dazu augenscheinlich in ungewöhnlicher Erregung. Er deutete mit der Hand nach dem Salon nebenan, wo noch die Lichter brannten. Was konnte er wollen, als mit ihr über die so plötzlich veränderte Lage der Dinge sprechen? Sie erhob sich und schritt ihm voran in den Salon, dessen Tür er hinter sich zudrückte. Willst du gefälligst Platz nehmen? Sie tat es, nun doch einigermaßen verwundert und beunruhigt durch die Umstände, die er machte, sowie durch den gezwungenen Ton, in dem er sprach. Er war ein paarmal mit heftigen Schritten vor ihr auf und ab gegangen; nun blieb er jäh stehen und rief mit heftiger Stimme: Ich wollte dir nur sagen, daß ich dein Benehmen an unseren sämtlichen Gesellschaftsabenden, besonders aber heute, nicht so gefunden habe, wie ich es von dir erwarten durfte, und, alles in allem, sehr wenig nach meinem Geschmack. Es war das erstemal, daß er in diesem groben Tone zu ihr sprach, wenn sie auch sonst schon ein und das andere unfreundliche Wort von ihm hatte erdulden müssen. Aber er hatte sich wohl im Wein übernommen. Das tut mir aufrichtig leid, erwiderte sie ruhig. Du sagst mir gewiß morgen in Freundlichkeit, worin ich es versehen habe, und was du an meinem Benehmen anders wünschst. Er hatte wieder hin und her zu rennen begonnen, jetzt blieb er abermals stehen und rief: Morgen? so? und in Freundlichkeit? Zum Henker die Freundlichkeit! Wer ist hier Herr im Hause? Ich oder du? Ich habe es satt, immer und überall die zweite Rolle zu spielen. Ich habe mir die erste nie angemaßt. Weil sie dir auf dem Präsentierteller entgegengetragen wird von den vornehmen Herren, die unsereinen, der sie samt und sonders aufkaufen könnte, über die Achsel ansehen und mit ein Paar Worten abspeisen zu dürfen glauben, während sie die unverschämten Blicke nicht von Madame lassen und ihr lächerliche Reden halten, die sie ruhig mit anhört, anstatt dem Schwätzer den Rücken zu wenden! Die Taktlosigkeit Herrn von Tettenborns, mich in einer übertriebenen Weise zu loben, kann niemand mehr bedauert haben als ich selbst, erwiderte Minna schnell; aber wie kann man mich gerechterweise für seine Unschicklichkeit verantwortlich machen? Weil du sie provoziert hast! schrie Billow, provoziert durch das kokette Raffinement, mit dem du dich eine halbe Stunde lang – ich habe nach der Uhr gesehen! – ohne dich um einen Menschen sonst zu kümmern, mit deinem verehrten Freunde, dem unübertrefflichen Herrn Perthes, unterhalten hast, daß alle Welt im Saale darüber die Köpfe zusammensteckte. Es waren sehr ernste Dinge, über die ich mit Herrn Perthes gesprochen habe, und ich möchte, alle Welt im Saale hätte sie gehört. Man würde dann besser auf die Botschaft, die uns Georg gebracht hat, vorbereitet gewesen sein. Billow lachte höhnisch auf. Natürlich! rief er, du und dein Herr Perthes, ihr bringt die Weltgeschichte in Ordnung; dann erscheint eilfertig der ritterliche Georg, wie ein Deus ex machina, um es pathetisch zu bestätigen und zum Lohne dafür abgeküßt zu werden – was sich denn in einer großen Gesellschaft noch immer ganz besonders feierlich und rührend ausnimmt. Minna erwiderte nichts; sie dachte darüber nach, wodurch sie den Mann zu diesen wütenden Ausfällen gereizt haben könnte. Und plötzlich kam sie zu der Erkenntnis: nicht dies oder jenes, was er vorgebracht, überhaupt nichts Einzelnes sei es, um was es sich hier handelte; vielmehr um die ganzen vier Wochen, während derer sie nun verheiratet waren; und auch um die nur als Vorbild der Zukunft, die sich nun so weiter fortspinnen werde in öder Seelenentfremdung. Und daß auch er inzwischen von dem Grausen einer solchen Zukunft befallen sei und der schrecklichen Entdeckung, die er gemacht, auf seine täppische Weise einen Ausdruck zu geben versuche. Das fuhr ihr durch die Seele wie ein greller Blitz, dem sogleich, einem warmen Regen gleich, inniges Mitleid folgte mit dem Manne, der sich unglücklich fühlte und unglücklich war und doch nicht ganz ohne ihre Schuld. Du hast mich nicht so gefunden, wie du gehofft, sagte sie sanft. Ich beklage das schmerzlich, um so schmerzlicher, als ich fühle, daß du in deinem Rechte bist. Ich will versuchen, besser zu sein; es wird mir schon gelingen, wenn du mir darin freundlich beistehst. Willst du? Sie hatte ihm die Hand hingestreckt. Er tat, als ob er es nicht bemerke und rief, sich abwendend, um wieder das Zimmer zu durchmessen: Schöne Redensarten, an die glaube, wer mag! Ich nicht. Ich habe noch nicht vergessen, was mir eine gewisse Dame von Geliebthaben und Nichtwiederliebenkönnen und anderen erbaulichen Dingen vordeklamiert hat, als ich Narr genug war, sie trotzdem zu meiner Frau machen zu wollen. So wirst du mir wenigstens zugeben, erwiderte Minna, daß ich nicht versucht habe, dich zu hintergehen oder auch nur über meine Empfindungen im dunkeln zu lassen. Und wenn wir beide glaubten, mit dem wenigen, was ich dir zu bieten vermochte, eine Ehe führen zu können und wir uns beide geirrt, nun, so bleibt uns ja nichts anderes übrig, als der Versuch, aus dem wenigen mehr zu machen. Und ich meine – ich bin überzeugt, der Versuch wird gelingen, so wir nur redlich wollen. Und darf ich fragen, wie sich Madame diesen famosen Versuch denken? Der Ton, in dem er die Frage tat, war noch höhnischer als die Form; aber Minna war entschlossen, einen Kampf, in welchem sie sich mit jedem Moment mehr als die Stärkere fühlte, ihrerseits nicht abzubrechen, sondern zu dem für beide Teile erhofften günstigen Ausgang zu führen. Möchtest du mich ein Paar Minuten geduldig anhören? begann sie und fuhr, ohne seine Antwort abzuwarten, immer in demselben sanften Tone fort: Sieh, ich habe mich aus schwerem Seelenleid gerettet dadurch, daß ich mich entschloß, fortan schlechterdings nicht mehr für mich zu leben, nichts mehr für mich zu wollen, nur für die anderen: für die Meinen, für meine Vaterstadt, mein Vaterland. Das ist mir anfangs nicht leicht geworden; allmählich aber gelang es doch, und ich fühlte immer mehr, welch ein Großes und Herrliches es ist um das stolze Wort, das über dem Portale deines Schlosses in Warnesoe geschrieben steht und der Bannerspruch des edeln Geschlechtes war, das es erbaute: »Noblesse oblige«. Keine Phrasen, wenn ich bitten darf, und am wenigsten französische! In meinem Munde ist es keine Phrase, trotzdem es französisch ist. Sie lautet in meiner deutschen Übersetzung: Wer sich mit ganzer Seele einer großen und gerechten Sache, einem hohen, edeln Gedanken hinzugeben versucht, der spürt bald die Notwendigkeit der Verpflichtung, nun auch alles Kleinliche und Gemeine von sich abzutun, weil er nur so imstande ist, jenem Großen und Edeln zu leben. Nun meine ich, vielmehr bin ich davon überzeugt: was ich für mich allein erfahren habe, das werden wir beide zu unserem Heile in unserer Ehe erfahren, wenn wir in ihr zunächst einen Bund sehen, den wir geschlossen, um mit gemeinschaftlichen Kräften, eines dem anderen ratend, beistehend, eines das andere tröstend, ermutigend, dem Gewaltigen, das über uns hereinzubrechen droht, Widerstand zu leisten. Das scheint nichts Besonderes; – denn wer wäre nicht zu diesem Widerstande entschlossen? wer wüßte nicht, daß wir nur, wenn wir fest zusammenhalten, zu siegen hoffen dürfen? – und doch wird es für uns etwas Besonderes sein und eine neue Epoche in unserem ehelichen Leben. Wir werden am Morgen erwachen mit dem Gedanken: was gibt es heute für unsere gemeinschaftliche Sache zu tun? wir werden am Abend uns erzählen, wie uns unser Tagewerk geglückt ist, und weder Zeit noch Lust, noch Veranlassung haben, unsere kleinen persönlichen Unzulänglichkeiten einander vorzuhalten und gegenseitig zu bekritteln. Wir werden uns einander verstehen und, da wir immer nur das Gute wollen und, soweit in unseren Kräften steht, tun, würdigen und achten lernen. Wer weiß, wie lange Zeit uns dazu vergönnt ist; aber wäre es auch nur eine kürzeste Frist, und endete sie mit unserem Untergange – lebend oder sterbend werden wir diese Tage segnen, in denen wir eine höchste Pflicht gemeinsam erfüllt und unseren Bund geheiligt haben. Während die junge Frau so sprach, hatte er mit ungewissen Schritten das Gemach hin und wieder gemessen, kaum daß er einmal stehengeblieben war, einen Blick auf sie zu werfen. Aber die Begeisterung, die ihre schönen Züge immer mehr verklärte und immer glanzvoller aus ihren großen Augen leuchtete, hatte ihn nicht gerührt, nur erschreckt, gedemütigt, empört. Das erdrückende Gefühl seiner Inferiorität ihr gegenüber, die Wut einer gegenstandslosen Eifersucht, das nagende Bewußtsein, auf alle Fälle nicht geliebt zu sein; den Ärger, daß er mit den Opfern, die er ihrer Familie gebracht, dem pomphaften Aufwand, in welchen er sich gestürzt, um neben seiner schönen Frau doch auch zu einiger Geltung zu kommen, doch eigentlich nichts für sich erreicht – er hatte alles, was diese Wochen hindurch heimlich an ihm genagt und gefressen, endlich einmal in ein sie zerschmetterndes, vernichtendes Wort fassen wollen, und was war das Resultat? Daß sie sich auf einen womöglich noch stolzeren Thron setzte, von dem sie mit hochmütigen Augen auf ihn herabsah, der nicht wert war, ihr die Schuhriemen zu lösen; ihm eine lange, pomphafte Rede hielt, die ihm von Anfang bis zu Ende sentimentaler Nonsens schien! Zum Teufel! War er ein Schulbube, daß er sich hofmeistern lassen sollte von einer, die ohne ihn jetzt mit ihrer ganzen Bagage von Familie betteln gehen konnte? Er stampfte, stehenbleibend, krampfhaft leise mit dem Fuße auf und sagte in einem Tone, den er sich bemühte, möglichst gelassen und autoritativ zu halten: Das ist dein Programm. Ich habe ein ganz anderes. Du wirst morgen deine Sachen packen und mit mir nach Warnesoe hinausfahren, wo wir bleiben werden, bis der Spektakel hier so oder so zu Ende ist. Sie glaubte nicht richtig gehört zu haben und saß mit starren Augen da. Du brauchst mich nicht so verwundert anzusehen, fuhr er in demselben gezwungenen Tone fort. Wenn ich auch, als einfacher Kaufmann, natürlich nicht so schöne Worte machen kann, wie gewisse Leute, sehe ich vielleicht um so klarer und weiß um so genauer, was ich will. Ich will aber nicht, daß du dich hier als Heroin von den Herren Offizieren, die nichts zu verlieren haben, und von den Herren Patrioten, die besser täten, vor ihrer eigenen Tür zu fegen, anfeiern läßt, damit ich hernach die Zeche bezahle. Sie hat mich schon gerade genug gekostet; ich habe nicht Luft, noch mehr an den Schwindel zu wenden. Ich wußte ja von vornherein, daß es ein Schwindel sei, und wir nach ein paar Wochen die Franzosen wieder in der Stadt haben würden. Mögen sie's unter sich ausmachen! Ich riskiere dabei allerdings noch ein schändliches Stück Geld, aber wer sich auf eine so alberne Spekulation einläßt, muß auch dafür büßen. Dich kümmert das natürlich nicht: für deine liebe Familie ist ja vorläufig gesorgt, und was dich betrifft: du bist die Uneigennützigkeit selbst; dir liegt an deinem Leben nichts – du wirst wohl am besten wissen, warum? Na kannst du dich bei mir bedanken, daß wenigstens ich in diesem Tollhaus so weit vernünftig geblieben bin und für dich ein übriges tun will, obgleich du es beim Himmel nicht um mich verdient hast. Noch einmal: morgen packst du deine Sachen; am Abend sind wir in Warnesoe. Mögen sie dann hier unter sich weiter die patriotischen Narren spielen. Es war zu viel. Sie hatte auf einem Altar eine heilig reine Flamme entzünden wollen, und stinkender Rauch schlug ihr ins Gesicht; sie hatte, was ihr noch vom Herzen geblieben war, hingeben wollen mit gutem Willen in ehrlicher Überzeugung und sah, daß sie es in einen Sumpf geworfen. Das Bewußtsein des ungeheuren Elends ihres Lebens überkam sie mit fürchterlicher Gewalt. Zu sagen war hier nichts mehr. Selbst der Tränen, geweint in seiner Gegenwart, hätte sie sich schämen müssen. Der Tod kommt nicht, wenn man ihn ruft – kein Entrinnen aus diesem Abgrund – kein Ausweg – keiner! Und sich vornüber neigend, drückte die Unglückliche die brennenden Augen und die schmerzenden Schläfen in ihre flachen Hände. Das Spitzentuch, das ihr Busen und Schulter umhüllte, hatte sich verschoben; der entblößte Nacken erglänzte im Lichte der Kerzen; seine Augen blieben auf dem Glanze haften, und eine heiße Blutwelle schlug ihm in das schon halb berauschte Gehirn. Narr, der er war! Ob von Herzen oder nicht – sie war doch sein! Und wenn er sich durchaus mit ihr zanken wollte, welcher Dummkopf wählt sich dazu den späten Abend! Ah bah! schließlich war sie wie die andern! Er stand hinter ihr, die ihn nicht hatte kommen hören. Jetzt bog er sich über sie und drückte einen gierigen Kuß auf den weißen Nacken. Im Nu war sie aufgesprungen, ihn anstarrend mit Augen, die versteinert schienen, wie das Gesicht, das eben noch von Purpur übergossen und jetzt bleich war wie einer Toten. Dann streckte sie, ohne die Augen von ihm zu wenden, langsam den Arm nach dem Leuchter auf dem Tische aus. Wohin, Madame? Zu Bett. Oder sollte dies nicht der Anfang einer ehelichen Szene im Schlafgemach sein als Pendant zu der, die im Salon gespielt hat? Sie hatte den Leuchter ergriffen und schritt langsam an ihm vorüber aus dem Saale. Sein heiseres Lachen schallte hinter ihr her. Brav so! brav so! nur die Komödie weitergespielt! Ja, wer daran glaubte! Herunter mit der scheinheiligen Maske! herunter mit dem Priesterinnenkleid! herunter bis auf den letzten Fetzen! Er machte ein paar Schritte, die fast Sprünge waren, auf die Tür zu, durch die sie gegangen, und blieb wieder stehen. War er nicht wirklich ein ausbündiger Narr! So viel Lamento – um was? Und schließlich nach allem Gejammer und Geheule ist es ein Triumph für sie, und sie bildet sich ein, daß man in Liebe und Haß nicht von ihr lassen kann! Er stürzte auf den Vorflur, wo der Diener eben die letzten Lichter löschen wollte. Er hieß dem Mann, ihm Hut und Mantel zu bringen; er habe noch notwendig auszugehen. Der Mann blickte den Herrn verwundert an, und dann lächelte er. Billow wußte nicht, ob er sich ärgern, oder ob er mitlachen solle. Expediere dich! herrschte er ihn an. Der Mann ging, kam zurück und hing ihm den Mantel um. Wenn meine Frau klingelt und nach mir fragt, soll das Kammermädchen sagen: ich sei auf einer Konferenz im Rathause und würde heute nacht nicht mehr nach Hause kommen. Verstanden? Ja, Herr Senator. Weshalb lachst du? Ich lache nicht, Herr Senator. Du bist ein Narr. – Ja so! Er faßte an die Brusttasche – all right! Im nächsten Augenblicke stand er auf der Gasse. Vom Turme der Nikolaikirche trug der Nachtwind den Schall herüber. Zwei Uhr! So spät schon! Nun, mir wird man wohl öffnen. Dreizehntes Kapitel. Seit dieser Nacht hatte Minna ihren Gatten nur noch am Tage in flüchtigen Minuten gesehen. Wenn er die Nächte nicht außerhalb des Hauses zubrachte, was meistens der Fall war, schloß er sich in ein Gemach ein, das er während seines Junggesellentums als Schlafzimmer benutzt hatte. Am Tage hielten ihn vom Morgen bis zum Abend die beständig sich steigernden Pflichten seines Amtes gefesselt. So sagte wenigstens der Vater, dessen sich Billow bediente, um Mitteilungen, Aufträge, die unvermeidlich waren, an seine Gattin gelangen zu lassen. Dergleichen gab es denn freilich immer noch manche und sogar sehr wichtige und für Minna beschwerliche. Heute die Order, sämtliches Silberzeug einzupacken und zur Abholung nach Warnesoe bereitzuhalten; dann kam die Reihe an das reichhaltige, zum Teil sehr kostbare Porzellan, dann an das in ehrwürdigen Schränken bergehoch aufgespeicherte Leinenzeug. Dem Leinenzeug würden selbst die Möbel gefolgt sein, nur daß Klaus Neddermeyer, der wiederholt persönlich die Abholungen geleitet hatte, erklärte, so umfangreiche Wagenparks, wie sie zu dem letzteren Zwecke nötig wären, um so weniger stellen zu können, als notorisch sei, daß neuerdings die Fuhrwerke vom Lande in der Stadt zu militärischen Zwecken festgehalten würden. Minna ließ das durch den Vater dem unfindbaren Gatten sagen. Warburg rieb sich hinter den Ohren und murmelte etwas von »seine Hände in Unschuld waschen«. Er stand in dem zwischen seiner Tochter und ihrem Gatten so zweifellos ausgebrochenen Konflikte durchaus auf der Seite des letzteren, wenn er auch »ein zu liebevoller Vater war, das Herz der Tochter durch offene Vorwürfe zu betrüben«. Nur andeuten wolle er, wie erfahrungsmäßig die herbsten Konflikte der Gatten in die ersten Monate der Ehe fielen; schließlich in der Ehe doch einer in den anderen sich schicken müsse, sonderlich die Frau, als der schwächere Teil; in diesem Falle noch ganz besonders, als Minna bedenken müsse, daß sie, falls sie nicht einlenke, nicht bloß ihr Glück und ihre Zukunft, sondern auch die der Ihren aufs Spiel fetze. Seine, des Vaters Konditionen seien – allerdings wesentlich infolge von Villows merkantilischer Zaghaftigkeit und persönlicher Illiberalität – nach wie vor äußerst prekäre; und Oskars jetzt aus London eingetroffener ausführlicher Brief schildere die dort von ihm vorgefundenen Verhältnisse in keineswegs rosigen Farben. Und wenn der Spektakel – Warburg hatte sich diesen Ausdruck von seinem Schwiegersohne angeeignet – hier ein Ende nähme – was ja zweifellos binnen kurzem geschehen werde – so müsse man auch an Georgs Zukunft denken, die ohne Billows tatkräftige Beihilfe völlig aussichtslos sei. Gib mir ein einziges gutes Wort an ihn mit! bat Warburg; ich bin überzeugt, er wartet nur darauf. Ich kann dir das Wort nicht geben, erwiderte Minna; es käme mir nicht vom Herzen, und so würde es uns keinen Segen bringen. Überdies, was zwischen ihm und mir geschehen ist, das wird durch Worte nicht wieder gut gemacht, vielleicht durch Taten. Sag ihm das! Das wird er nicht verstehen, sagte Warburg mit einem unsicheren Blick. Um so schlimmer für ihn, erwiderte Minna. Nein, sie wußte, er würde es nicht verstehen; aber das war es eben, was nach ihrer Überzeugung den Bruch heillos machte. Sie las jetzt in seinem Charakter wie in einem Buche, dessen unerfreuliche, ja abscheuliche Seiten der Kritiker nicht überschlagen darf. Und sie sah in ihm, trotz seiner äußerlich weltmännischen Manieren, einen Mann, ohne jeglichen Anteil an der wahren Bildung der Zeit; einen sinnlichen Menschen, den die Monotonie eines vom banausischen Standpunkte aufgefaßten Berufes, die laxen Sitten seiner Standesgenossen, der Überfluß der ihm zu Gebote stehenden Mittel in seinen schlimmen Neigungen bestärkt und verhärtet hatten. – Das alles war gewiß schlimm genug; aber er teilte diese Schwächen und Laster mit so vielen, die doch, wenigstens in der Stunde der Not, zeigten, daß sie ein Herz und das Herz auf dem rechten Flecke hatten. Er nicht. Er hatte kein Herz; er war ein Egoist bis in den Kern seines Wesens und ein Feigling dazu, der, wie er gegen seine bösen Triebe keine Widerstandskraft in sich fand, so vor jeder äußeren Gefahr zurückschreckte. Das konnte ihm Minna nicht vergeben; darüber kam sie nicht fort. Wie? in dieser Zeit, wo Greise selbst sich willig dem Dienste des Vaterlandes stellten; Knaben zornige Tränen weinten, daß keine Waffen für sie da waren; das letzte Weib aus dem Volke die rauhe Hand bot zu dem heiligen Werke, hatte dieser, den Geburt und Reichtum, Amt und Würde, Ehre und Pflicht in die vorderste Reihe wiesen, der sich seiner ungewöhnlichen Körperkraft so oft nicht ohne Grund gerühmt, keinen anderen Gedanken, als wie er sich und sein Hab und Gut salvieren möchte vor der hereindrohenden Gefahr! Er hatte Warburg eingeredet – und dieser redete es ihm gehorsam nach – daß er, dessen Großvater, der Gründer der Hamburger Filiale des Londoner Geschäfts, Zeit seines Lebens Engländer geblieben sei, dessen Vater erst sich dann habe naturalisieren lassen, selbstverständlich kein leidenschaftliches Interesse an der hamburgischen und der deutschen Sache überhaupt nehmen könne – eine Jämmerlichkeit, die selbst dem braven Neddermeyer, als sie ihm zu Ohren kam, ein »Pfui, mit Respekt zu sagen!« abnötigte. Georg aber, dem gegenüber der Vater den Schwiegersohn auf dieselbe Weise entschuldigen wollte, geriet in wütenden Zorn und rief: Er mag sich hüten, mir über den Weg zu laufen! Vater, Vater, daß wir dem Schufte unsere Minna geben konnten, das kann der allbarmherzige Gott im Himmel uns nicht verzeihen! Für das Elend ihrer Ehe nahm Minna die Wonne, sich in Geist und Gemüt völlig wieder mit ihrem Bruder ausgesöhnt zu wissen, demütig als einen köstlichen Ersatz hin. Seitdem das Schwert aus der Scheide gefahren war, man sich täglich auf den Elbinseln, vor den Toren, auf weiteren Streifzügen mit dem Feinde schlug, hatte Georg den dumpfen Unmut seiner letzten Zeit von sich getan, glühte er von Kampfeslust. Selbst die Hoffnung eines glücklichen Ausgangs der hamburgischen Sache war ihm zeitweise zurückgekommen, und wenn ihm sein militärischer Scharfsinn das Trügerische solcher Illusion auch bald wieder erkennen ließ – nun denn, rief er, eine brave Tat bleibt unsere Erhebung doch, an der sich die Lauen und Halben im übrigen Deutschland ein Beispiel nehmen mögen. Darum aber müssen wir auch aushalten bis auf den letzten Schuß Pulver. Ein Hundsfott, der von Übergabe spricht! So oft sich die Geschwister wiedersahen – und darüber war manchmal eine halbe Woche vergangen – sanken sie einander stumm in die Arme voll innigsten Dankes für ein Glück, auf das ein jedes bereits das letztemal im Moment des Abschieds verzichtet hatte. War doch die hanseatische Legion, die selbstverständlich immer im Vordertreffen stand, schon nach vierzehn Tagen zur Hälfte aufgerieben! mußte es doch als ein Wunder gelten, daß Georg bis heute mit ein paar Schrammen von den Säbeln französischer Chasseurs und einmal einer matten Kugel, die ihm den Arm auf einen halben Tag gelähmt hatte, davongekommen war! Nach einem stillschweigenden Übereinkommen zwischen den Geschwistern wurde in den wehmütig schönen kurzen Stunden ihres seltenen Beisammenseins von Minnas ehelichem Verhältnis nicht gesprochen. Georg mußte fürchten, der Schwester empfindlichen Stolz zu verletzen; Minna wiederum: mit jedem, auch dem scheinbar unbefangensten Worte die grimme Reue zu verschärfen, die an Georgs Herzen nagte und zehrte, daß er, indem er sich Billows wohlberechnete Hilfe schließlich gefallen ließ, die schmachvolle Kette, mit der die geliebte Schwester nun belastet war, hatte schmieden helfen. Dafür teilten sie sich denn getreulich mit, was jeder während der letzten Tage in seinem Wirkungskreise erlebt hatte; von wie vielem und merkwürdigem war da zu berichten! Auf Tettenborn war Georg nach wie vor übel zu sprechen; er wünschte ihn mitsamt seinen fünfzehnhundert Kosaken dahin, wo der Pfeffer wächst. Von einem Kampfe, wie er jetzt hier geführt werden müsse, wo es gelte, eine fast unbefestigte Stadt zu verteidigen, verstehe der Streifkorpsführer so gut wie nichts; und die Kosaken, tapfere Kerle, wie sie seien, könnten wenig nützen auf einem Terrain, wo man sich bald zu Lande, bald zu Wasser und meistens zu Lande und zu Wasser zugleich schlage. Hätten wir statt ihrer, rief Georg, nur ebenso viele wohlgeübte Scharfschützen und nur zweihundert junge Männer, die mit einer Kanone umzugehen wüßten, wir könnten Hamburg halten, ein paar Monate wenigstens, bis doch endlich einmal Hilfe von Deutschland kommen müßte; oder Deutschland ist bis dahin auch verloren, und dann mag Hamburg mit ihm zugrunde gehen! Aber, wie die Sache liegt, hilft aller Heldenmut der wackeren Jungen nichts, die keine Ahnung vom Kriege haben – und, lieber Gott, woher sollten sie auch! – beim besten Willen keine Disziplin halten können und im Grunde dem Feinde nichts entgegenstellen als ihre tapferen Leiber. Da müssen wir ja vor der Zeit unterliegen. Dann erzählte er wohl von Taten kecksten Wagemutes, selbstlosester Hingabe, kaltblütigster Todesverachtung, die er mit eigenen Augen hatte beobachten können; aber wenn er auch nie verabsäumte, die Namen der Braven zu nennen, so war Minna nicht immer sicher, daß es die richtigen, und ob der Peter Lembke oder Paul Nielsen seiner Erzählung nicht in Wirklichkeit Georg Warburg geheißen hätten. Suchte sie doch auch in den Berichten, die sie Georg von dem gab, was sie selbst inzwischen erlebt, möglichst wenig von sich zu sprechen; stellte es als etwas Selbstverständliches hin, daß eine Frau, die, wie sie, für niemand sonst zu sorgen hatte, sich nun ganz der Sorge für die Witwen und Waisen der Gefallenen, der Pflege der Verwundeten, all jenen Liebesdiensten hingab, zu denen man in der eingeschlossenen, geängstigten Stadt auf Schritt und Tritt Gelegenheit und Nötigung fand. Da sei denn eine Karoline Perthes eine ganz andere Heldin, die sechs Kinder am Leben habe, einem siebenten demnächst das Leben geben solle, und in deren Hause vom Morgen bis zum Abend Leute ein und aus gingen, die, von der Wache kommend, auf Wache ziehend, selbst ohne Hausstand, zu essen und zu trinken begehrten und zu essen und zu trinken bekämen, während zur Nacht sich die Familienräume selbst zu Wachtstuben umwandelten, in welchen auf Strohsäcken ermüdete Obdachlose schliefen. Und nun der herrliche Perthes, rief Minna, seinesgleichen findet sich nicht! Es ist keine Übertreibung, wenn ich dir sage, daß er seit einundzwanzig Tagen nicht aus den Kleidern und in kein Bett gekommen ist; unermüdlich auf den Füßen bei Beratungen, wo sie ohne ihn ratlos sind; auf den Sammelplätzen, die Leute zusammenzubringen, zusammenzuhalten; mitten in der Nacht zum Besuch auf entferntesten Posten außerhalb der Stadt, die man oft genug abzulösen vergißt, und wo den Verzweifelten sein plötzliches Erscheinen dann wieder eine Quelle ausharrenden Mutes wird. Wahrlich, wenn Hamburg jetzt oder jemals wieder frei wird und zu Glück, Wohlstand und Ansehen zurückgelangt, und die Bürger errichten ihm nicht ein ehrendes Denkmal – beim Himmel, sie würden damit beweisen, daß wahrer Gemeinsinn bei ihnen nicht zu Hause und die Dankbarkeit eine Fabel ist. So bestärkten die Geschwister einander in der Begeisterung, die beide beseelte, und wenn dann nur zu früh die Trennungsstunde schlug, schlossen sie einander in die Arme, und jedes dachte und keines sagte: zum letztenmal! Heute, sicher zum letztenmal! Georg war am Frühabend auf wenige Minuten dagewesen, gegen seine Gewohnheit einsilbig und beim Abschiede mehr als sonst erregt. Die Nacht war hereingebrochen – eine Schreckensnacht für die unglückliche Stadt. Unaufhörlich rollte und grollte der Donner der Kanonen, heulten und summten die Glocken von den Türmen, über die weg die Granaten ihre feurige Bahn durch das Dunkel des Himmels zogen. Minna war von Georg auf das alles vorbereitet worden. Mit der Beschießung hat es keine Not, hatte er gesagt. Das bringt kaum Schaden, da ihre Batterien auf der Feddel in zu großer Entfernung sind; und soll auch nur schrecken. Die Entscheidung liegt ganz wo anders. Minna wußte nicht, wo sie lag; wo sie aber auch lag, das wußte sie, da würde in dieser Nacht Georg sein. Stunde um Stunde verging. Sie wich nicht von dem die Straße überragenden Balkon, des Momentes gewärtig, wo von den kleinen Trupps, die von der Seite des Brooktores her sich fast unaufhörlich folgten, einer sich nach ihrem Hause wenden und seine Last – einen Verwundeten oder Toten – über ihre Schwelle tragen würde. Dann löste sich von einem solchen Trupp, der sonst die Straße weiterzog, ein einzelner Mann ab und nannte, unter den Balkon tretend, fragend ihren Namen. Im Nu war sie die Treppe hinab bei dem Manne. Es war ein Krankenträger, der einen Auftrag von Georg brachte: die Schwester möge ihm ein Fläschchen schicken, das sie in seinem Koffer finden würde. Er wisse nicht, was der Herr Leutnant damit wolle; aber der Herr Leutnant sei sehr dringend gewesen, und so habe er ihm den Gefallen getan und wolle ihm das Fläschchen bringen, wenn die Frau Senator sich expediere. Viel Zeit habe er eben nicht. Minna flog die Treppen wieder hinauf, suchte und fand in Georgs Köfferchen, wonach er verlangt hatte: ein silbernes Flakon von seiner, wohl russischer Arbeit, mit einer Kapsel, die sich abschrauben ließ: in dem silbernen Flakon ein kleineres aus geschliffenem Glase mit wohlschließendem Stöpsel; in dem kleineren Flakon, wie sie, als sie es gegen das Licht hielt, sah, eine dunkle Flüssigkeit, mit der es bis zu zwei Drittel angefüllt war. Das Glasflakon hatte nicht die Etikette zu haben brauchen, auf der ein Totenkopf zierlich gezeichnet war, darunter in kleiner, aber deutlich lesbarer Schrift: »Zehn Tropfen genügen!« – sie würde auch ohne das gewußt haben, um was es sich hier handelte. Sollte sie ihm das Gift schicken? Nur einen Augenblick schwankte sie: er, der dem Tode hundertmal in die Augen gesehen, hatte das Recht, über sein Leben zu entscheiden. Und wenn er nicht lebend in die Hände seiner Feinde fallen wollte, die ihn hinterher erschießen würden, nicht wie einen ehrlichen Soldaten, sondern wie einen gemeinen Verbrecher, so hatte er doppelt und dreifach das Recht. Aber »zehn Tropfen genügten!« Das Flakon mochte derer wohl hundert enthalten. Im nächsten Moment hatte sie ein mit Weingeist gefülltes Flakon, das sie jetzt stets bei sich trug, seines Inhaltes entleert und mit der Hälfte der Flüssigkeit aus dem anderen angefüllt. Das versenkte sie in den Busen, während sie das Glasflakon in das silberne zurücktat und damit die Treppe hinablief, es dem in der Haustür bereits ungeduldig wartenden Boten auszuliefern. Wenn ihr herrlicher Bruder sterben mußte, er sollte nicht in das Schattenreich gehen ohne sie, die er auf Erden zumeist geliebt. Vierzehntes Kapitel. Der Sturm war abgeschlagen für diese Nacht; der Frühabend des nächsten Tages führte die Geschwister noch einmal zusammen – diesmal zum letzten Male, wenn nicht für das Leben, so doch für unabsehbar lange Zeit. Der Rest der hanseatischen Legion, soweit er für den Felddienst tauglich war, sollte auf Befehl des Oberkommandierenden in einer Stunde die Stadt verlassen zusammen mit den Russen und den paar hundert mecklenburgischen und preußischen Hilfsvölkern. Vor dem Altonaer Tore standen die Dänen; ihr General hatte erklärt, daß er nur eine zweistündige Kündigungsfrist des Waffenstillstandes gewahren könne. Sonst kommen die Schakale, nachdem sich der Löwe satt gefressen, sagte Georg, hier sind sie die ersten auf dem Platze und möchten gern tun, als ob sie es seien, die dem Löwen die Beute erjagt haben. Nun, der Löwe weiß es besser. Vielleicht ist er großmütig und läßt ihnen einen Knochen übrig. Möchten sie daran ersticken! Aber, geliebtes Herz, da alles verloren ist, dürfen wir wohl einmal an uns denken und von uns reden. Von mir ist nicht viel zu sagen. Ich helfe die Franzosen über den Rhein jagen und ziehe mit dem siegreichen Heere in Paris ein, oder habe vorher einen ehrlichen Soldatentod auf grüner Heid', in freiem Felde gefunden. Das ist eine simple Geschichte. Was aber, Liebste, wird aus dir? Ich nehme an, daß du und – ich kann den Namen nicht über meine Lippen bringen – auf immer getrennt seid. Aber da du einmal das Unglück hast, den verhaßten Namen zu tragen – er kann sich doch nicht von hier weggeschlichen haben, wie der Fuchs vom Taubenschlage? Ich wollte, er hätte es, erwiderte Minna, anstatt mir diesen Brief zu schreiben. Er kam vor einer Stunde. Georg ergriff hastig den dargebotenen Brief und las: »Nachdem die Unvernunft Deiner Freunde die Stadt nutzlos dem Verderben preisgegeben hat, ist es für den Vernünftigen Zeit, sich zu salvieren. Wenn Du diese Zeilen erhältst, bin ich bereits auf dem Wege nach Warnesoe. Dich aufzufordern, mit mir zu gehen, hätte keinen Sinn gehabt, nachdem Du den Empfindungen, die Du gegen mich hegst, einen so unzweideutigen Ausdruck gegeben. Selbstverständlich steht Dir, als meiner Frau, Warnesoe jederzeit offen, sobald ich, was in wenigen Tagen geschehen sein wird, meine Angelegenheiten dort geordnet habe, um mich dann nach England zu begeben. Der Gatte der »Schutzgöttin Hamburgs«, der Angebeteten des Herrn von Tettenborn und der anderen sporenklirrenden Junker, der Seelenfreundin des Herrn Friedrich Perthes und Konsorten, der Schwester des famosen Rädelsführers vom 24. Februar, der meine Knechte zu einer hochverräterischen Unternehmung verleitete; möchte sechs Meilen von Hamburg auf bundesfreundlich dänischem Gebiete vor der französischen Polizei wenig sicher sein. Vielleicht benutzt Du die Dir jetzt gebotene Gelegenheit, einen Teil wenigstens des Dankes abzutragen, den Du und Deine Familie mir schulden, indem Du mein Haus in Hamburg vor Plünderung und Zerstörung schützest. Es kann Dir das ja bei Deiner allbekannten Liebenswürdigkeit und der Leichtigkeit, mit der Du von jeher die Gunst der Herren Offiziere, insonderheit der französischen, zu gewinnen wußtest, nicht schwer fallen.« Das ist infam! rief Georg, indem er, bebend vor Zorn, das Blatt zerriß und die Fetzen mit Füßen trat. Ich hätte dich damit verschont, sagte Minna; aber du wolltest wissen, was aus mir wird. Du weißt es nun: die Haushälterin des Herrn Billow. Sieh mich nicht mit so wilden Blicken an: ich habe kein Recht, den mir gewordenen Auftrag abzulehnen. Tausendmal hast du dazu das Recht, rief Georg; was hat er für uns getan, was er mit seinem Schandbetragen gegen dich nicht quitt gemacht hätte! Laß uns den letzten Augenblick nicht in Streit hinbringen! sagte Minna. Auch ich habe einen Moment geschwankt, als, gleich nachdem man mir den Brief gebracht, Herr Perthes kam, mich zu bitten, ich solle mich seiner Frau anschließen, die heute abend mit den drei jüngsten Kindern – die anderen find schon nach Wandsbeck vorausgeschickt – geht, zum Grafen Moltke, der ihr und der Familie eine Zuflucht auf seinem Gute Nütschau angeboten hat und, wie Perthes mich versichert, auch mich mit Freuden aufnehmen würde. Dann habe ich dem verehrten Manne doch nein gesagt, und warum ich es müsse. Er hat mir, so schwer es ihm ankam, recht gegeben; ich kann mich auf sein klares Urteil, seine lautere Empfindung verlassen. Und was sollte auch aus unserem Vater werden, wenn ich gehe? Er ist nicht nach Warnesoe eingeladen. Dürfen wir zugeben, daß er sich selbst zu Gaste bittet? Du siehst, ich kann nicht fort. Und nun, geliebtes Herz – sie schlagen den Generalmarsch – leb wohl! und tausendmal: leb wohl! Ein paar Minuten später stand Minna auf dem Balkon, mit ihrem Tuche dem Bruder nachwinkend, dessen enteilende Gestalt eben um die Straßenecke schwand. Der Ton der Trommeln kam schon dumpf aus der Ferne. Der Abend war tiefer herabgesunken; nur nach rechts über dem Gewirre der Giebel lag noch ein fahler Schein. Wie grenzenlos öde und leer war die Welt dem starrenden, brennenden Auge! Wer jetzt ein Mann war! Perthes: er hatte Weib und Kinder in die Verbannung geschickt – bettelarm, hilflos ohne das Mitleid der Freunde; er selbst fuhr in die Nacht hinein, dem Tode von Henkershand zu entrinnen; aber er würde für den rastlosen Geist ein neues, vielleicht größeres, reicheres Feld der Betätigung finden. Georg! »Du Schwert an meiner Linken« – er hatte doch, trotz alledem, seine »Freud' daran«, in Reih' und Glied mit anderen Braven, deren Los, mochte es weiß oder schwarz fallen, ihnen zu Ehre und Ruhm gereichte. Aber sie! Oh, des Ruhmes, eines landesverräterischen Feiglings Weib zu sein! Oh, der Ehre, sein schnöde verlassenes Haus bewahren zu müssen! Und wenn das Entsetzliche, das sie seit Wochen fürchtete, sie des Nachts mit qualvollen Träumen ängstigte, an allen Gliedern zitternd im Bette auffahren machte, Wahrheit wurde; wenn dem Dornenfelde ihrer Ehe doch eine Frucht entsprießen sollte – und zehn Tropfen des bräunlichen Saftes genügten, dem unsagbaren Elend, dem spukhaften Graus auf immer zu entgehen! Sie hatte das Flakon aus dem Busen genommen und betrachtete es, wie sie seit gestern nacht schon mehr als einmal getan. Unter dem Balkon weg zog eine Jammerkarawane – mit Hausgerät belastete Wagen, auf denen Greise, Weiber und Kinder, wie es gehen mochte, beigestaut waren – Flüchtlinge, weinend und jammernd, Abschied nehmend von den weinenden, jammernden Ihren, die ihnen bis zum Tore das Geleit geben wollten; von Nachbarn, die nur bis zur nächsten Straßenecke mitgingen und dann heulend oder in stummer Verzweiflung wieder umkehrten zu ihren Behausungen, in denen morgen der Feind erbarmungslos schalten würde. Nein und nein! Du darfst nicht an das eigene Elend denken, an den Tropfen in dem Meere von Elend, das sich unabsehbar um dich breitet! Noblesse oblige! Willst du deine Pflicht tun, oder willst du es nicht? Willst du es, dann – weg damit! Die Stelle auf der Gasse unter dem Balkon war wieder leer. Sie schleuderte das Flakon hinab auf das Pflaster, wo es in Atome zersplitterte. Drittes Buch Erstes Kapitel. Der Frühling war zu Ende; schönste Sommertage kamen – nicht für die Bewohner der unglücklichen Stadt. Für sie hüllte sich der Wald nicht in prangendes Laub, blühten die Blumen nicht, stieg über wogenden Kornfeldern keine Lerche in das Ätherblau, schwellte kein günstiger Wind die Segel in den Hafen einlaufender, nach fremden Häfen strebender Schiffe. Über ihren Häuptern unbeweglich fest standen die schwarzen Winterwolken einer Tyrannei, wie die Welt sie so furchtbar kaum zum zweiten Male gesehen, eisig hinabhauchend in die Herzen der Ärmsten, die in dumpfer Verzweiflung durch die verödeten Straßen schlichen, tatlos hinbrüteten in den Häusern, die, Tag und Nacht von dem Späherauge der Polizei überwacht, ihnen kein Heim mehr boten, einen Aufenthalt nur, aus dem sie fremde Willkür zu jeder Stunde vertreiben konnte. Nur zu oft geschah's. Wen es traf, der schlang seinen Grimm in sich, weinte verstohlen seine Tränen: die Klage hätte taube Ohren gefunden; auf Widersetzlichkeit stand der Tod. Der Anblick des grenzenlosen Elends ringsherum hatte das Gefühl für das eigene Leid abgestumpft; selbst die Kinder, eingeschüchtert durch die finsteren Mienen der Erwachsenen, wagten nicht mehr zu lachen und vergaßen ihrer Spiele. Gefesselt jede freudige Regung, in Banden jede frohe Kraft; frei nur das Laster, das den bösen Gelüsten des Siegers Kupplerdienste leistete; frank nur die Niedertracht, die sich dem Überwinder als williger Scherge bot. Das sah, wer noch ein Auge zum Sehen; das dachte, wer noch ein Hirn zum Denken hatte. Vor Minnas tiefklarem Auge stand das Bild des Jammers und Elends ihrer Vaterstadt in seiner ganzen Gräßlichkeit; in ihrem kraftvollen Hirn arbeitete unablässig der eine Gedanke: wie kannst du für dein Teil tun, den Jammer abzumildern, das Elend erträglich zu machen, und wäre es um ein kleinstes? Noblesse oblige – aber wahrlich nicht nur zu Heldentaten, deren Glanz durch die Jahrhunderte strahlt. Zu Samariterdiensten auch, die keinen Zeugen haben, als das brennende Felsgestein der Wüste; ach! und grausiger: die kahle, von ekelm Brodem triefende Wand in den Höhlen der vom Glück und von denen, die achtlos die eigene Kummerstraße ziehen, Vergessenen und Ausgestoßenen! Minnas barmherziges Tun hatte keinen anderen Zeugen gehabt und außerdem den alten Arzt ihrer Familie: Doktor Boutin, der ihren ersten Kinderschrei gehört und ihr Zeit ihres Lebens ein treuester, väterlicher Freund geblieben war. Unter seiner Anleitung hatte sie das Billowsche Haus bereits in der zweiten Woche der Okkupation zu einem kleinen Lazarett gemacht. Den weitläufigen Bau durchwandernd, um ein Inventar des noch vorhandenen Mobiliars aufzunehmen, für das sie ja jetzt die Verantwortung trug, war ihr die Menge der Bettstellen, Betten und Decken nicht entgangen, die in den Fremdenzimmern, auf den Bodenräumen zu Bergen getürmt standen, und sofort hatte sie den Gedanken gefaßt, den sie dann mit Hilfe des alten Freundes ins Leben rief. Sie waren dabei, den Unwillen der Gewalthaber nicht zu erregen, mit aller Vorsicht zu Werke gegangen, hatten streng darauf gehalten, daß die Aufnahme ihrer Schützlinge nur zur Nachtzeit stattfand und tagsüber in dem Hause, um das Haus her kein auffallendes Treiben bemerkbar wurde. So war es ihnen bereits gelungen, zehn Betten zu belegen; weitere zehn Betten standen bereit und wären ebenfalls in Dienst gestellt worden, nur daß der Doktor mit eiserner Konsequenz daran festhielt, von solchen Patienten Abstand zu nehmen, die er in den eigenen Wohnungen durchzubringen hoffen konnte. Seitdem ihre Mutter vor sechs Jahren gestorben war, hatte Minna keinerlei Gelegenheit gehabt, Kranke zu warten; aber was ihr in diesem Geschäft an Übung fehlte, ersetzte sie reichlich durch den feinen Spürsinn eines sympathetischen Herzens. Dazu machten die feste Gesundheit und große physische Kraft, welcher sie sich erfreute, ihr die Ausübung ihrer schweren Pflichten leicht zum Erstaunen sogar Doktor Boutins, der sich doch selbst das Äußerste nach dieser Seite zuzumuten seit zwei Menschenaltern gewöhnt hatte. Auch ließ er es nicht an Ermahnungen fehlen, man müsse, wie in allen Dingen, so auch im Gutestun Maß halten, worauf denn Minna lächelnd zu erwidern pflegte: Das ist Ihre heidnische Weisheit, Doktor; christliche Lehre aber: man solle Gutes tun und nicht müde werden. Seien Sie versichert, mein würdiger Freund: ich werde nicht ermüden. So schaffte sie unermüdlich weiter in dem mühseligen Berufe, den sie sich erwählt hatte, und genoß dabei inmitten der Trübsal, welche die Gemüter aller um sie her wie in Trauerflore hüllte, des ersten völlig reinen Glückes ihres jungen Lebens. Die Pflege ihrer Kranken, bei der sie sich der gemeinsten Dienste unterzog, war ihr ein kristallener Quell, in dem sie sich rein badete von der schauderhaften Erinnerung ihrer weihe- und würdelosen Ehe. Es gab noch ein anderes, von dem sie sich befreien mußte: von dem bangen Zweifel, der für sie in der Frage lag: sind die Motive, die dich in deine Ehe gedrängt haben, wahrhaft sittliche gewesen? Sie konnte jetzt, wo sie, um so viele Erfahrungen reicher, ruhigeren Sinnes ihre Lage erwog, die Frage nicht mehr wie ehemals bejahen. Auch jetzt noch begriff sie vollkommen die Aufregung, in der sie die von allen Seiten herandrängende Not ihrer Familie versetzt hatte, und ihr leidenschaftliches Verlangen, der Not zu steuern. Aber diese Aufregung, dieses Verlangen, waren sie nicht eine Überspannung gewesen? Hatte es sich nicht im Grunde immer nur um die Erlangung von irdischem Gut gehandelt, für das man nun und nimmer sein Seelenheil hingeben darf? Oder war es etwa nicht das Heil ihrer Seele, das sie, als sie den Bund ihrer Ehe schloß, zugleich mit ihrer jungfräulichen Ehre zum Opfer brachte? Mußte sie es da nicht als eine gerechte Strafe ansehen, daß Güter, die man so zu Unrecht und gegen das Gebot höherer Sittlichkeit errang, nicht hatten gedeihen wollen? das Fundament, auf welches sie allerseits gebaut als auf festen Fels, sich hinterher als loser Sand, ja, schlimmer: als schnöder Schlamm erwies? der Vater, sein Los bejammernd, arm wie zuvor in seinem verödeten Hause saß? Und war nicht weiter zu fürchten, es werde Billow das junge Paar in London sein eigenes eheliches Mißgeschick schwer entgelten lassen? Hatte er sie selbst, seine Gattin, nicht in eine Lage gezwungen, die völlig der eines Dienstboten glich, den beim Ausbruch einer Epidemie die gewissenlose Herrschaft in dem Hause zurückläßt, aus dem sie selbst geflüchtet? Das alles lag in erbarmungsloser Klarheit vor dem ernüchterten Auge. Gott hatte ihr Opfer verschmäht und mußte es verschmähen. Er kann, als ein heiliger Gott, dem Menschen nicht gnädig sein, der – in welcher scheinbar guten Absicht immer – eine Schuld auf sich ladet. Und niemand darf hoffen, ohne Schuld zu bleiben, er tue denn die Selbstsucht von sich in jeder Gestalt, auch in der schmeichlerischen der Familienliebe. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Soll das höchste Gebot der Sittlichkeit nicht zur Phrase werden, dürfen wir auch für die Blutsverwandten nichts wünschen, nichts erstreben, als in der reinen Absicht und mit dem festen Willen, daß es allen Menschen zugute kommen kann und soll. Sehr treffliche Grundsätze, sagte der alte Arzt, wenn Minna in seiner Gegenwart diesen ihren Lieblingsgedanken beredten Ausdruck gab; auch vielleicht praktisch hin und wieder verwertbar – Notabene: immer cum grano salis . Sie wissen, daß ich kein Latein verstehe. Desto besser für Sie, und so will ich es Ihnen nicht übersetzen. Es muß Menschen geben, die, wie Sie, sich den Glauben an die Menschheit bewahren, damit wir anderen, die diesen schönen Glauben ein für allemal verloren haben, wenigstens zum Ersatz dafür an ein paar Menschen ausnahmsweise glauben können. Und ist das nicht wieder Ihr altes Heidentum mit seinem menschenverachtenden Heroenkultus? Schon möglich; aber da verachte einmal einer die Menschen nicht, wenn sie's treiben, wie unsere Gebietiger. Da! Das neueste Dekret des Herrn Marschalls! Achtundvierzig Millionen legt er der Stadt als Strafkontribution auf, zahlbar binnen eines Monats! Ist da noch eine Spur von Menschlichkeit? Nein, aber eine sehr starke von Wahnsinn. Leider. Nur, daß dieser Wahnsinn eine furchtbare Methode hat. Es gibt Alchimisten besonderer Art, die Blut in Gold umzuwandeln verstehen. Der Herr Prinz von Eckmühl, Herzog von Auerstädt, gehört zu diesen Tausendkünstlern. Wir müssen uns auf jede Teufelei gefaßt machen. Zweites Kapitel. Und wahrlich, sehr nach Teufelei schmeckte das Mittel, dessen sich der grimme Marschall bediente, die Ausführung seiner unsinnigen Forderung zu erzwingen. Acht Tage nach dem Erlaß des Dekrets verbreitete sich in der Stadt mit Blitzesschnelle das Gerücht, daß man gestern abend vierzig der angesehensten Kaufleute nach dem Waisenhause geladen und versucht habe, sie durch schreckliche Drohungen zur Übernahme der Bürgschaft für die Zahlung der Kontribution zu bestimmen. Als sie sich dessen, wie vorauszusehen, geweigert, seien sie stehenden Fußes nach dem Hafen eskortiert, samt und sonders in ein offenes Fahrzeug geworfen und nach Harburg in strengen Gewahrsam abgeführt worden. Dort sollten sie auf eigene Kosten so lange bleiben, bis sie ihren Sinn geändert, oder sich andere gefunden hätten, die für sie eintreten wollten. Das Gerücht, das alsbald von den verschiedensten Seiten Bestätigung fand, gelangte auch zu Minna mit dem für sie unglaublichen Zusatz, daß ihr Vater einer von den vierzig sei. Wie hatte ihr Vater der fürchterlichen Auszeichnung gewürdigt werden können, er, der niemals zu den wirklich großen Kaufherren gehört hatte und schon seit dem vorigen Frühjahre zu den in ihrem Vermögen Zurückgekommenen, ja zuletzt zu den völlig Verarmten gezählt wurde? Dennoch hatte das Gerücht nicht gelogen, wie ihr von Doktor Boutin versichert wurde, der alsbald zu ihr geeilt war. Er wußte es von einem Beamten der Präfektur, der ihm eine Liste der sämtlichen Verhafteten gezeigt hatte. Der Beamte – selbst ein Franzose, in dem Doktor, als dem Abkömmling einer alten Refugiésfamilie, einen halben Landsmann sehend und verehrend, überdies ihn für erwiesene ärztliche Dienste tief verpflichtet – hatte den Fall sehr ernst genommen. Der Marschall selbst zweifle an der Möglichkeit der Eintreibung der ungeheueren Summe; gerade deshalb werde er vor keinem Mittel zurückschrecken, wenn nicht zu dem Ganzen, so doch zu möglichst viel zu gelangen. Hoffentlich habe der Herr Doktor keinen Verwandten unter den Inhaftierten, deren Schicksal voraussichtlich langjährige Gefangenschaft, vermutlich in einem Staatsgefängnisse in Frankreich selbst, sein werde. Minnas Entschluß war sofort gefaßt: sie wollte sich in Person zu dem Allgewaltigen begeben und ihm beweisen, daß ihr Vater keinesfalls zu denen gehöre, die er im Sinne hatte, als er sein grausames Dekret erließ. Der Doktor schüttelte den Kopf. Es wird pour le roi de Prusse sein, sagte er; aber tuen Sie es immerhin, da Sie es nicht lassen würden, wenn ich dawider redete, und es auch, wie Sie nun einmal sind, nicht lassen könnten. Das Haus, in dem der Marschall residierte, war das Eigentum eines der reichsten Kaufherren der Stadt gewesen, mit dessen Familie die Warburgs in früheren besseren Jahren viel verkehrt hatten. Jetzt hatte man es einfach für den Staatsdienst requiriert, und Minna fand die wohlbekannten Räume angefüllt mit einem dichten Schwarm von Menschen aus allen Ständen: Offizieren, die geschäftig, säbelrassclnd kamen und gingen; Beamten, die wichtigtuerisch miteinander flüsterten; einer kleinen Schar Geistlicher sogar in vollem Ornat, die der Marschall vermutlich hierher befohlen, ihnen den Text zu lesen, welchen sie ein für allemal von ihren Kanzeln zur höheren Ehre Seiner Majestät zu verkünden hätten; Bürgern, Handwerkern, die verdrossen und bekümmert dreinschauten; Leuten aus den Vorstädten, deren Häuser und Höfe den neuen Glacis zum Opfer gefallen waren oder fallen sollten, und die vergeblich der zugesicherten Entschädigung harrten, oder die hereindrohende Gefahr durch Bitten noch abzuwenden hofften. Es hatte jeder mit seinen eigenen Angelegenheiten so viel zu tun, daß selbst die ungewöhnliche Erscheinung einer Dame nicht auffiel, und Minna wäre in dem Gedränge rat- und hilflos gewesen, hätte jener gutmütige Präfekturbeamte sich ihrer nicht angenommen. Sie der Menge entziehend, führte er sie über Korridore an eine Tür, hinter der er verschwand, um nach einigen Minuten zurückzukehren und ihr zuzuflüstern, daß der Marschall sie empfangen wolle. Im nächsten Augenblicke stand sie vor dem Manne, der das Schicksal ihres Vaters wie ganz Hamburgs in der Hand hielt. Er saß bei ihrem Eintritt an einem großen Schreibtische, der mit Karten, Akten, Papieren aller Art bedeckt war, in voller Uniform, einen Plan von Hamburg, wie es Minna schien, eifrig prüfend und noch eine halbe Minute, nachdem er ihre Gegenwart offenbar bemerkt hatte, in dieser Beschäftigung fortfahrend. Dann, das große Blatt langsam sinken lassend, wandte er ihr sein Gesicht zu, von dem in Hamburg bereits die Rede ging, daß niemand ohne Furcht hineinblicken könne. Mochte es nun Verwunderung sein, daß der Eindruck, den er zu machen gewohnt war, diesmal ausblieb, oder Staunen über die reizvoll eigentümliche Schönheit der Dame, der er sich so plötzlich gegenübersah, – die Falten auf der hohen kahlen Stirn glätteten sich, die finsteren Brauen taten sich auseinander, und etwas wie ein Lächeln zuckte um die streng gefalteten Lippen, indem er sich mit einer leichten Verbeugung halb aus seinem Sessel erhob, ihr zugleich mit einer Handbewegung andeutend, daß sie auf einem zweiten Sessel, der einige Schritte vom Tische entfernt stand, Platz nehmen möge. Minna gehorchte; der Marschall, der die schwarzen brennenden Augen fortwährend auf sie gerichtet hielt, schwieg eine Weile und sagte dann plötzlich: Sie sind keine Deutsche, Madame. Minna war von frühester Jugend daran gewöhnt, die Echtheit ihrer Nationalität angezweifelt zu sehen, und es hatte Zeiten gegeben, in denen sie dergleichen als ein Kompliment genommen. Sie fühlte auch jetzt sofort, daß das Zugeständnis ihrer Abstammung von einer belgischen Mutter ihr in den Augen des Mannes zu wesentlichem Vorteile gereichen würde; aber ihr patriotischer Stolz sträubte sich dagegen als gegen eine Unwürdigkeit. So sagte sie: Ich bin eine Deutsche, überdies eine Hamburgerin. Sie sagen das in einem Ton, Madame, als ob Sie sich dessen zu rühmen hätten, erwiderte der Marschall. Jedenfalls habe ich nicht gelernt, es als eine Schmach zu betrachten, seitdem es ein Unglück geworden ist. Das Gesicht des Gewaltigen verfinsterte sich. Wie, Madame, sagte er. Sie nennen es ein Unglück, Angehörige des ruhmreichsten Staates der Welt und Bürgerin der französischen Nation geworden zu sein? Der brutale Hochmut der Frage empörte Minna; aber sie bezwang sich und erwiderte ruhig: Ich bitte, mir eine Antwort zu erlassen, die, wollte ich sie nach dem Sinne des Herrn Marschalls modeln, für mich demütigend, wollte ich sie aus meiner Empfindung heraus geben, für ihn verletzend sein würde. Kommen wir also zur Sache! sagte der Marschall mit einer ungeduldigen Bewegung in seinem Sessel. Bitte noch einmal Ihren Namen, der mir bereits wieder entfallen ist – wer kann eure deutschen Namen behalten? – und Ihr Anliegen! Aber kurz, Madame, wenn's beliebt! Ein Blick in meine Vorzimmer dürfte Sie überzeugt haben, daß ich pressiert bin. Minna hatte auf dem Wege zum Gouvernementshause Zeit gehabt, sich zu überlegen, was sie zu sagen und wie sie es zu sagen habe. So trug sie denn ihre Sache vor, klar und bündig, ohne ihre innere Erregung verbergen zu wollen, aber auch ohne sich durch sie fortreißen zu lassen, mit angeborener Beredsamkeit, die in der französischen Sprache, die sie vollkommen beherrschte, ein williges Organ fand. Der finstere Mann vor ihr schaute, während sie sprach, ein paarmal sichtlich verwundert auf; dann blätterte er wieder eifrig in einem Aktenstücke, das er beim Beginn ihrer Rede zur Hand genommen hatte. Auch legte er es nicht fort, als sie jetzt schwieg, sondern las die Seite, die er zuletzt aufgeschlagen, aufmerksam zu Ende und sagte, immer noch mit dem Blicke in das Aktenstück: Das ist Ihre Relation der Sache, Madame. Wir sind nicht gewohnt, wie man uns hier schuld gibt, unsere Maßregeln aufs Geratewohl und nach Willkür zu treffen, sondern lassen uns stets von den Geboten der Gerechtigkeit und Billigkeit leiten. Auch in Ihrem Falle, Madame, der denn freilich nach meinen sehr genauen Informationen ein wesentlich anderes Ansehen gewinnt. Sie sagen zum Beispiel, daß Ihr Vater ein armer Mann sei, aber Sie verschweigen, daß er zu seinem Schwiegersohne, Ihren Gemahl, einen der reichsten Männer der Stadt hat. Ich bitte, Madame; ich habe hier alles schwarz auf weiß: »Billow, Theodor, neunundzwanzig Jahre alt, Chef eines der größten Export- und Importgeschäfte, während der Revolution Mitglied des restituierten Senats und eines der tätigsten Mitglieder der Empörung. Am Tage des Einrückens unserer Truppen flüchtig geworden, vermutlich nach seinen Besitzungen in Holstein.« – Wie, Madame, wissen Sie, was das sagen will? Wissen Sie, daß ich große Lust – vielmehr, daß ich die Pflicht habe, Ihren Gemahl auf die Liste der Herren zu setzen, die von der Amnestie ausgenommen, für Feinde des Staates erklärt, auf immer aus dem französischen Reiche verbannt und deren Güter der Konfiskation verfallen sind? Während der Marschall mit sich steigernder Schnelligkeit und Heftigkeit so sprach, hatte er die Seite, von der er jene Einzelheiten abgelesen hatte, umgeschlagen. Er begann die folgende schweigend zu lesen, während ihm dabei die starren Augen weiter aus dem Kopfe zu treten schienen und eine unheilverkündende, rote Wolke sich auf der Stirn zusammenzog. Plötzlich brach er in ein kurzes, heiseres Gelächter aus und rief, Minna fixierend, in höhnischem Tone: Wahrlich, Madame, ich weiß nicht, was ich mehr bewundern soll: die Bescheidenheit, mit der Sie über Ihre eigenen patriotischen Verdienste in unserer Unterredung bis jetzt geschwiegen haben, oder den Mut, mit dem Bewußtsein dieser Verdienste sich freiwillig zu dieser Unterredung einzufinden. Ei, Madame, was gäben Sie wohl in diesem Augenblicke darum, die harmlose Bürgerin zu sein, als die man Sie mir zugeführt hat, anstatt der eminenten Dame, deren prononzierter Charakter auf diesem Blatte verzeichnet ist? Sie erlauben, daß ich Sie mit Ihnen selbst bekannt mache: »Minna Billow, Gattin des vorigen, geborene Warburg, wütende Patriotin – unterstrichen, Madame, unterstrichen! – deren Salons während der Revolution der Sammelplatz der fremden Offiziere und der einheimischen Empörer waren. Seit der Wiederherstellung der rechtmäßigen Regierung verstohlen ihr gewohntes revolutionäres Metier fortsetzend, indem sie aus ihrem Hause am alten Wandrahm ein Lazarett gemacht hat, um auf diese Weise indirekt unsere Regierung als eine zu kennzeichnen, die sich die Sorge für die Armen und Elenden nicht angelegen sein läßt.« – Sie lächeln, Madame? Sie wagen solchen Anschuldigungen gegenüber zu lächeln? Verzeihung, Herr Marschall, erwiderte Minna, es war vielleicht unschicklich, den drolligen Übereifer zu bemerken, mit dem der geistreiche Verfasser dieser Charakteristik, indem er mich als möglichst gefährlich hinzustellen sucht, Ihrer Regierung wirklich recht häßliche Dinge nachsagt. Weshalb begnügt er sich nicht damit, die Tatsache meines Krankenhauses zu konstatieren? Weshalb muß er aussprechen, daß ich allerdings nicht auf einen solchen Einfall geraten wäre, hätte geraten können, funktionierten unsere öffentlichen barmherzigen Institute noch in der alten Weise? Eben weil sie es nicht mehr können, da ihnen die nötigen Mittel vorenthalten werden, die Wirren der Zeit das ständige Personal der Ärzte und Krankenwärter dezimiert haben, und die nun in ihren Wohnungen gelassenen und verlassenen armen Kranken hilflos verkommen – deshalb, Herr Marschall, habe ich ihnen mein leerstehendes Haus aufgetan und verpflege sie unter der Ägide eines alten befreundeten Arztes auf Kosten von Bürgern und Bürgerinnen dieser Stadt, die noch nicht alles verloren haben, und deren milde Gaben ich in den Stunden, die ich nicht an den Krankenbetten verbringe, von Haus zu Haus heischen gehe. Das ist die Wahrheit, Herr Marschall. Wenn sie für Ihr Regiment nicht schmeichelhaft klingt, Sie werden mir zugeben, meine Schuld ist es nicht. Es müßte denn eine Schuld sein, sich inmitten von Unmenschlichkeiten ein menschliches Herz im Busen bewahrt zu haben. Sie reden sich um den Hals, Madame! schrie der Marschall, in wildem Zorne von seinem Sessel auffahrend. Ich hätte fast Lust, Herr Marschall, es zu tun, erwiderte Minna, die sich nun ebenfalls erhoben hatte; in einer Zeit wie diese zu leben, bringt keine Ehre und ist kein Gewinn. Sie haben viel Esprit, Madame; Talent zur Diplomatie haben Sie nicht. Sie kommen zu mir, die Freiheit Ihres Vaters zu erbetteln, und glauben dadurch zu Ihrem Ziele zu gelangen, daß Sie meinen Zorn reizen. Ich glaube vielmehr, daß ein Mann, der das Leben von Tausenden in der Hand hat, über die leidenschaftlich-blinden Regungen subalterner Menschen erhaben sein müsse. Sie sprechen wie eine Frau, Madame, die das große Leben nur vom Hörensagen kennt und nie die Last wichtiger Entschließungen zu tragen gehabt hat. Ich danke Gott dafür, wenn ich sehe, wie schwer selbst für einen Mann, der ob seiner Geisteskraft und Charakterstärke von aller Welt gerühmt wird, diese Last zu tragen ist. Rede und Widerrede waren Schlag auf Schlag gefolgt in diesem Streite, der von der einen Seite zuletzt mit wilder Leidenschaftlichkeit, von der anderen so anfangs wie bis zu Ende mit höchster Geistesgegenwart und unerschütterlichem Mute geführt wurde. Minna sagte sich, daß sie bei dem ersten Zeichen von Schwäche, das sie blicken ließ, verloren war, ja, wenn sie nur einen Moment dem tyrannischen Manne eine Antwort schuldig blieb. Und war es doch nicht nur der Tyrann, vor dem sich ihre freie Seele nicht beugen durfte: sie hatte die schwarzen Augen, die eitel Zorn zu funkeln schienen, ein paarmal mit einem ganz anderen Ausdrucke auf sich gerichtet gesehen, den sie noch vor wenigen Monden nicht verstanden haben würde, und der sie jetzt schaudern machte. So glaubte sie, doppelt auf ihrer Hut sein zu müssen, als der Marschall, plötzlich nahe an sie herantretend, mit völlig veränderter Miene und einem kurzen, rauhen Lachen sagte: Bei Gott, Madame, Hamburg einzunehmen hat mich weniger Mühe gekostet, als Sie zur Räson zu bringen. Ich muß es glauben, erwiderte Minna. Wären alle Hamburger meines Sinnes gewesen, Sie würden die Stadt nie betreten haben. Die Augen des Gewaltigen glühten auf sie herab. Sie zuckte, den Blick erhebend, nicht mit den Wimpern; und er hatte die Bedeutung des Blickes voll verstanden. In einer Art von geschäftlich-gleichgültigem Tone, indem er zugleich, wie zufällig, einen Schritt von ihr weg tat, sagte er: Ich muß mit Ihnen zu Ende kommen. Es ist möglich, daß in dieser Angelegenheit, soweit sie Ihren Herrn Vater betrifft, ein Mißgriff stattgefunden hat. Ist es der Fall gewesen, so habe ich Ihnen zu danken, Madame, daß Sie mir Veranlassung gaben, ein geschehenes Unrecht wieder gutmachen zu können. Ich werde sofort Befehl zu einer eingehenden Untersuchung des Falles erteilen und zwar, damit Sie an meinem guten Willen nicht zweifeln können – der Rest ist Sache der Untersuchung – in Ihrer Gegenwart. Er war an den Tisch getreten und hatte eine Glocke in Bewegung gesetzt, worauf eine Ordonnanz aus dem Nebengemache trat. Wer von den Herren ist in dem Bureau? Augenblicklich nur der Major Lachelle. Ich bitte ihn, sich sofort zu mir zu bemühen. Die Ordonnanz verschwand wieder; Minna war, als sie den Namen des Offiziers hörte, erblaßt. Wenn es sich um denselben handelte, der damals in ihrem väterlichen Hause aus und ein gegangen war – dem Vater ein willkommener, ihr ein widerwärtiger Gast, und an den sich für sie die Erinnerung einer überaus peinlichen Szene knüpfte – so mußte ihre Sache, um die es so schon mißlich genug stand, vollends verloren sein. Da öffnete sich die Tür bereits abermals: es war der, dem zu begegnen sie fürchtete. Auch der Offizier hatte sie auf den ersten Blick erkannt. Die Überraschung war so stark, daß er einen leisen Ausruf nicht zu unterdrücken vermochte. Sie kennen die Dame? fragte der Marschall mit argwöhnischem Erstaunen. Ich hatte vor der Kampagne die Ehre, in dem Hause des Vaters der Dame gelegentlich zu verkehren, erwiderte der Major, sich vor seinem Chef und vor Minna verbeugend. Ich muß freilich bezweifeln, daß sich Madame meiner noch erinnert. Es war nicht ohne eine gewisse Verlegenheit herausgekommen, die dem scharfen Ohre des Marschalls so wenig entging, wie seinem Auge der herbe Ausdruck von Minnas Miene. Offenbar handelte es sich hier um ein Wiedersehen, das für die Dame zweifellos, für den Herrn sehr wahrscheinlich kein erfreuliches war. Die Beobachtung schien den Gewalthaber in gute Laune zu versetzen. Noch ein paar Momente funkelten seine Augen über die beiden Gesichter; dann winkte er dem Major in eine entferntere Fensternische, wo er leise und angelegentlich mit ihm sprach. Nun trat er wieder zu Minna heran, während der andere im Hintergrunde blieb, und sagte in vornehmer Haltung, aber viel verbindlicherem Tone, als in dem er zuvor gesprochen: Es scheint, Madame, daß man im Verkehr mit Ihnen auf Überraschungen gefaßt sein muß. Sie präsentieren sich mir als Bellona selbst, und da höre ich's aus kompetentem Munde, daß unsere schöne Feindin in dem gastfreien Hause ihres Vaters während der Zeit vor der Kampagne den Offizieren unserer Armee mit vollendeter Grazie die Honneurs zu machen wußte. Sie erlauben, Madame, daß ich mich an dies liebenswürdige Stadium Ihres Lebens halte und das folgende übersehe, in dem Sie einen anderen Charakter zur Schau tragen, der Ihnen vermutlich durch die inzwischen stattgefundenen Veränderungen Ihrer gesellschaftlichen Situation aufgezwungen wurde. Jedenfalls darf nicht Ihr Herr Vater unter dieser Metamorphose leiden. Ich habe Befehl gegeben, daß Herr Warburg sofort auf freien Fuß gesetzt werde. Der Herr Major Lachelle wird für die strikte Ausführung des Befehls Sorge tragen. Noch heute abend wird Ihr Herr Vater in seiner Wohnung sein. Empfehlen Sie mich ihm und denken Sie in Zukunft besser von der französischen Gerechtigkeit! Major Lachelle, wollen Sie die Güte haben, Madame hinaus zu begleiten. Er machte Minna eine stattliche Verbeugung und wandte sich wieder zu dem Arbeitstische. Der Major geleitete Minna höflich zu der Tür, durch welche sie auch vorhin eingetreten war, dann die Korridore entlang bis an die Treppe. Hier blieb er stehen und sagte, zum erstenmal das Schweigen, daß er bis dahin beobachtet hatte, unterbrechend. Verzeihung, Madame, wenn ich Sie einen Moment aufhalte! Ich wollte mich nur vergewissern, daß Ihnen unsere Wiederbegegnung nicht allzu peinlich gewesen ist. Wenigstens habe ich mich bemüht, sie zu Ihren Gunsten auszunutzen und dadurch zu beweisen, daß die Erinnerung einer gewissen Szene in dem Salon Ihres väterlichen Hauses keinen Stachel in meiner Seele zurückgelassen hat. Ich bleibe Ihnen dafür zu Dank verpflichtet, murmelte Minna, indem sie die Treppe zu gewinnen suchte. Lachelle vertrat ihr den Weg. Beweisen Sie es! sagte er hastig. Beweisen Sie es dadurch, daß Sie mir erlauben, Ihnen aufzuwarten und die freundschaftlichen Beziehungen wieder anzuknüpfen, die ehemals zwischen uns bestanden, und die ich durch die Unbesonnenheit eines Augenblicks kompromittiert habe. Minna blickte dem Manne in das brutale, von schlimmen Leidenschaften verwüstete Gesicht. Ich bitte mich zu entschuldigen, sagte sie, wenn ich Ihre Höflichkeit dankend ablehne. Nach dem, was vorgefallen ist, erscheint mir ein unbefangener Verkehr zwischen uns unmöglich. Sie haben mir soeben, glaube ich, einen großen Dienst geleistet. Daß dies in edler Uneigennützigkeit geschah, müßte ich bezweifeln, wenn Sie meine Entschuldigung nicht gelten lassen wollten. Er hatte nun doch die Treppe freigeben müssen. Als sie mit einer leichten Neigung des Hauptes an ihm vorüberschritt, sah sie, noch einmal flüchtig zu ihm aufblickend, daß die häßlichen Züge von einem bösen Lachen greulich verzerrt waren. Sie hatte sich den einflußreichen Mann zum schlimmen Feinde gemacht; aber hier war ihr eine Wahl nicht geblieben. Drittes Kapitel. Nein, es war ihr keine Wahl geblieben. Sie wiederholte es sich mehr als einmal, während sie hastigen Schrittes, wie jemand, der vor einer eben entronnenen Gefahr sich noch nicht völlig sicher fühlt, den langen Weg nach ihrem Hause eilte. Vor ihrem geistigen Auge stand, als hätte sie gestern erst stattgefunden, die häßliche Szene, als der Major Lachelle – er war damals schon Major gewesen – berauscht von einem Diner kommend, zu ungewöhnlicher Stunde vorsprechend und sie allein findend, die Überraschte erst hatte umarmen wollen, dann ihr zu Füßen gefallen war, unter wütenden Beteuerungen erklärend, er müsse sich das Leben nehmen, wenn sie ihn nicht anhöre. Sie hatte ihm zu diesem Wahnsinn auch nicht die leiseste Veranlassung gegeben; im Gegenteil: den rohen, aufdringlichen Menschen vom ersten Augenblicke an mit einer Kälte behandelt, die jeden anderen abgeschreckt haben würde; nur nicht den selbst unter seinen Kameraden, die es doch leicht genug mit dem Leben und der Liebe nahmen, verrufenen Wüstling. Er hatte von dem Abende an das Haus vermieden, wohl kaum aus Scham, sondern in Furcht vor Hypolit, den er als den begünstigten Bewerber um Minnas Hand kannte und haßte, und von dem er wußte, daß er nur, um Minnas Ruf nicht aufs Spiel zu setzen, es verschmäht hatte, für die Beleidigung des geliebten Mädchens blutige Rache zu fordern. Das hatte Hypolit ihm gesagt, und der Feigling sich zu den demütigsten Entschuldigungen herbeigelassen, durch die er sich denn doch den gehofften Wiedereintritt in das Warburgsche Haus nicht erbetteln konnte. Nun war kein Hypolit da, sie vor der neuentflammten Rache des bösen Gesellen zu schützen; und würde er diese Rache nicht zuerst an dem Vater kühlen, dessen Befreiung aus der Gefangenschaft der Marschall ihm persönlich anvertraut hatte? Bei ruhigerer Überlegung sagte sich Minna, daß sie nach dieser Seite schwerlich zu fürchten habe. Der Rauch, der eben von dem Deichtore her über die Stadt zog und anzeigte, daß man wieder einmal Vorstadtgehöfte niederbrenne, erinnerte sie zum Überfluß an die rücksichtslose Energie des Mannes in der Erfüllung dessen, was er zweifellos für seine militärische Pflicht hielt. Aber persönlich hatte sie doch von ihm aus der Unterredung den Eindruck einer Natur gewonnen, die, wie sie auch in einem zwanzigjährigen Kriegsleben verwildert sein mochte, sich einen Rest von Ritterlichkeit und Rechtsgefühl bewahrt hatte. Vor allem: er sah nicht aus wie einer, dessen Befehle seine Untergebenen ungestraft hätten vernachlässigen dürfen, und er hatte den Befehl zur sofortigen Entlassung des Vaters in ihrer Gegenwart in striktester Form gegeben! Wie dem auch sein mochte, hier blieb nichts anderes, als sich hoffend in Geduld zu fügen. Die Hoffnung sollte sich nicht als eine trügerische erweisen, aber zugleich ihre Furcht sich erfüllen, daß Lachelle die erste Gelegenheit der Rache begierig ergreifen würde. Am Spätabend – früher konnte die Rückkehr nicht wohl erfolgen – im väterlichen Hause vorsprechend, trat ihr Christiansen mit verstörter Miene entgegen. Der Herr Senator sei bereits seit einer Stunde zurück, aber so unwohl, daß er vom Hafen aus in einer Portechaise habe nach Hause getragen werden müssen, um dann von ihm – Christiansen – sogleich zu Bett gebracht zu werden. Minna eilte zum Vater und fand ihn in einem Zustande, der ihr die ernstesten Besorgnisse einflößte. Er klagte über Schmerzen in allen Gliedern, Frost und Hitze, die beständig wechselten. Minna wäre am liebsten sofort zu dem treuen Arzte geeilt, aber der Vater wollte sie nicht fortlassen, Christiansen möge gehen. Er müsse jemand haben, dem er die Unbilden, die er erlitten, klagen könne; und wem solle ein Vater klagen, wenn ihn nicht einmal die eigenen Kinder hören wollten? Minna entsandte den alten Diener mit einen Zettel, worauf sie den Freund zur Eile ermahnte, und kehrte an das Bett des Kranken zurück, der sich unruhig auf seinem Lager herumwarf und seelisch kaum minder als körperlich zu leiden schien. Mit wilden Worten schalt er auf »das barbarische Gesindel, das nun wieder die Herrschaft in der Stadt führe.« Die Behandlung, die er habe erdulden müssen, spotte jeder Beschreibung. Er wolle nicht davon sprechen, daß man ihn zu den Nabobs gerechnet, die man sich als Geißeln für die Eintreibung der Kontribution auserwählt; er sei doch einmal ein reicher Mann gewesen; aber seiner Versicherung, daß er inzwischen längst an den Bettelstab gekommen, hätte man Glauben schenken müssen. Man habe es nicht getan. Man habe ihn mit den anderen elf Uhr nachts in einen offenen Ewer geworfen wie ebenso viele Stücke Vieh, und gegen Wind und Ebbe, während ein ununterbrochener Regen strömte, die weite Strecke bis Harburg gefahren, wo sie erst gegen Morgen angelangt seien – er für sein Teil bereits fieberkrank. Nun sei er freilich bereits heute wieder auf freien Fuß gesetzt – er wisse nicht, weshalb – aber der Offizier, der ihn abgeholt, habe trotz seines leidenden Zustandes, trotz seiner flehentlichen Bitten, ihn in Harburg, seinetwegen im Gefängnisse, zu lassen, trotz seiner Versicherung, daß man ihn nicht mehr lebend nach Hamburg bringen werde, die sofortige Einschiffung befohlen – abermals auf einem offenen Fahrzeuge. Und könne sich Minna vorstellen, daß dieser Henkersknecht von Offizier kein anderer gewesen sei, als der Major Lachelle? Schande über Schande, den Dank für die ehemals genossene Gastfreundschaft auf diese Weise abzutragen! Nun werde er sich den Tod von dem schlechten Spaß holen, und das freue ihn. Was solle er denn noch auf Erden? In der Kaufmannsliste sei sein Name gelöscht; aus dem Hause, von dem ihm kein Nagel mehr gehöre, seien die Freunde längst entflohen. Und seine Kinder? daß Gott erbarm'! sie würden froh sein, den alten Griesgram endlich los zu sein! Was habe er gegen Johannas allzu frühe Heirat nicht alles vorgebracht, ohne ein Ohr zu finden, das hören wollte! Nun aber, daß Billow hauptsächlich deshalb nach England gegangen sei, Sandström wieder aus dem Geschäfte zu werfen, wer könne daran zweifeln, der, wie er, wisse, mit welcher Wut im Herzen jener die Reise angetreten? Und es hätte so wenig gekostet, ihn zu halten, oder doch in andere Stimmung zu bringen; aber wo wäre da der großmächtige Stolz geblieben? Wo der liebe Eigenwille, der ja selbstverständlich keine Rücksicht auf Vater oder Geschwister zu nehmen hat? So murrte, grollte, eiferte der Kranke, um dann plötzlich in Weinen auszubrechen und, die Hände Minnas mit heißen Fingern umklammernd, sie anzuflehen, ihn nicht auch zu verlassen, den sonst alle Welt schon verlassen habe. Minna, die den Aufgeregten vergeblich zu beruhigen suchte, zählte die Minuten, bis endlich Christiansen mit Doktor Boutin zurückkam. In des alten Arztes verwitterten Zügen mochte ein Uneingeweihter vergeblich nach einem Zeichen spähen, das ihm die Ansicht des Mannes über einen vorliegenden Fall verraten hätte, aber Minna hatte ihn in letzter Zeit zu oft und zu sorgfältig beobachtet, um nicht alsbald zu sehen, daß es sich hier nicht um »eine Bagatelle« handelte. Er bestätigte ihre Ahnung, als sie dann in dem Nebenzimmer, wo er seine Rezepte schrieb, allein waren. Der Fall sei in der Tat sehr ernst: ein akutes rheumatisches Fieber, das sich der Vater, der ja immer zu dergleichen Affektionen inkliniert, auf der schrecklichen Fahrt nach Harburg geholt habe. Der Zustand sei nicht absolut hoffnungslos – gewiß nicht; aber erfordere eine sorgsamste Pflege, die hier nicht ausführbar sei, selbst wenn sich Minna dem Kranken gänzlich widmen wollte. Heute Nacht sei ein Transport nach ihrem Hause freilich nicht mehr tunlich; morgen müsse er vorgenommen werden, sollte auch das Fieber sich inzwischen gesteigert haben, was er freilich leider fürchten müsse. Minna blieb bei dem Kranken zusammen mit Christiansen. Die Voraussage des Arztes fand eine schlimme Bestätigung. Das Fieber wuchs in der Nacht zu einer erschreckenden Höhe, und wenn auch der nächste Morgen einen Rückgang brachte, erklärte Doktor Boutin doch »bei reiflicher Überlegung« die Gefahr des Transportes für zu groß, trotz der Gegenvorstellungen Minnas, die gerade im Verzuge die Gefahr sah und sich die plötzliche Zaghaftigkeit des sonst so entschlossenen Arztes nicht zu erklären wußte. Was denn aus den Kranken in ihrem Hause werden solle, die ihrer Pflege nicht entraten könnten? – Der Alte erwiderte, er habe nach dieser Seite das Nötige bereits angeordnet, den Umständen gemäß, in die sich Minna fügen möge. Niemand könne zweien Herren dienen. Vorderhand gehöre ihr Dienst dem Vater und zwar ganz ausschließlich, so daß er sie selbst von einem auch nur flüchtigen Besuche der Kranken in ihrem Hause abzustehen bitten müsse. War Minna schon über eine Anordnung betreten, deren Zweckmäßigkeit sie nicht einzusehen vermochte und der sie doch nicht entgegenzuhandeln wagte, so wuchs ihr Staunen, als ihr der Doktor im Laufe des Tages in einem wohlgepackten Koffer die sämtlichen wenigen Sachen sandte, derer sie sich noch nicht entäußert hatte. Er erklärte freilich, als er eine Stunde später kam, diese Maßregel für notwendig, da ein bösartiger Typhusfall in ihrem Hause vorgekommen sei und er beizeiten dafür sorgen müsse, daß die Ansteckung nicht hierher verschleppt werde. Minna gab es auf, sich in die Handlungsweise des alten Freundes zu finden, die für sie um so unerklärlicher war, als ihr väterliches Haus unter den jetzigen Verhältnissen den möglich ungeeignetsten Aufenthalt für einen Schwerkranken bot. Nicht nur, daß der ganze obere Stock abermals, wie vor der Vertreibung des Feindes, von dem alten Bureau beschlagnahmt war, – auch in den vorderen Räumen des unteren Geschosses hatte sich jetzt eine zweite Behörde installiert, so daß man sich auf die beiden nach dem Hofe gelegenen Zimmerchen beschränkt sah – die frühere Wohnung der Schwestern – und auf eine Mansardenkammer, wo nach wie vor der alte Diener schlief. Da durchtoste denn das Haus vom frühen Morgen bis zum späten Abend ein wüster Lärm der zahlreichen Menschen, welche treppauf treppab liefen, mit den Türen schlugen, in den Zimmern, auf den Fluren mit schreienden Stimmen konversierten, disputierten, sich zankten, obszöne Lieder sangen und sich jegliche andere Ungebühr rücksichtslos zuschulden kommen ließen. Deutete aber Minna auf diese Umstände hin, unter denen der nervöse Kranke furchtbar litt, zuckte Doktor Boutin die Achseln und sagte: dergleichen müsse man heuer in den Kauf nehmen und sich glücklich schätzen, wenn man überhaupt noch ein Dach über dem Kopfe habe; es gäbe viele, die sich dessen nicht zu erfreuen hätten. Es hat sich irgend etwas ereignet, das Sie mir verschweigen, erklärte Minna, als an einem der folgenden Tage ihr der Freund abermals mit solchen leeren Trostreden ausweichen wollte; ich meine, Sie kennen mich hinreichend, um zu wissen, daß ich auf alles gefaßt bin. Sie haben Gelegenheit, es zu beweisen, erwiderte der alte Mann in einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Erregung, denn Sie gehören jetzt auch zu den Hauslosen, – schon seit dem Tage nach der Rückkehr Ihres Vaters von Harburg. An eben dem Tage erschien unser alter Bekannter, der Major Lachelle, in Begleitung eines Mitgliedes der Einquartierungskommission und erklärte peremptorisch, daß das Haus binnen vierundzwanzig Stunden für den Grafen Hagendorp geräumt werden müsse. Sie wissen, Liebste, wer das ist: Davousts Adlatus, den er auch jetzt zum Gouverneur an seiner Statt eingesetzt hat. Er selbst ist, vorläufig auf unbestimmte Zeit, zu einer Inspektionsreise nach Mecklenburg abgegangen, das ja nach Ablauf des Waffenstillstandes voraussichtlich der Kriegsschauplatz werden wird. Ich sah sofort, daß dies ein abgekarteter Plan war, ersonnen von dem schuftigen Lachelle, der sein Mütchen an Ihnen kühlen wollte und sich die schickliche Zeit dazu gewählt hatte. Dennoch habe ich, wie Sie sich denken mögen, mich nach Kräften gewehrt und bin von Pontius zu Pilatus: von Herrn Maire Rüder zum Herrn Präfekten von Breteuil, will sagen: von einem großen Schuft zum größeren gelaufen, bis ich endlich zum größten: dem neuen Herrn Gouverneur kam. Er erklärte mir, daß ich mich sehr irre, wenn ich glaube, das Haus mit allem, was dazu gehöre, sei nur requiriert; es sei ganz einfach konfisziert, als Eigentum eines, den er selbst sofort auf die Proskriptionsliste gesetzt und der seine Strafe, wenn nicht seinethalben, so seiner Frau wegen verdient habe, die ihm von guter Hand als eine der schlimmsten sogenannten Patriotinnen bezeichnet sei und sich in Zukunft vor ihm hüten möge. Er gehöre nicht zu denen, die sich, wie der Herr Marschall, durch eine schlagfertige Zunge beschwatzen und um ein Paar koketter Frauenaugen willen Gnade für Recht ergehen ließen. Der alte Herr nahm, seine Aufregung zu überkommen, eine gewichtige Prise und fuhr fort: Vom Dornenstrauch soll man keine Feigen pflücken wollen, sagt ihr Christen ja, und so machte ich, daß ich von dem Schufte fortkam. Es war die höchste Zeit. Wäre ich eine Stunde später heimgekehrt, hätten unsere armen Kranken samt und sonders auf der Straße gelegen. Und so gelang es mir nur eben, indem ich die Nachbarn zur Hilfe rief, die Ärmsten in Körben, auf Tragbahren und was sich sonst in der Eile schaffen ließ, zu retten, teils zurück in ihre Wohnungen, wenn sie noch welche hatten, teils zu mitleidigen Leuten, die ich kannte, und an deren Tür ich nicht vergeblich pochte. Nur einen haben wir verloren – er starb unterwegs. Ich muß freilich bekennen, daß er schon seit dem Morgen in der Agonie war. Das, Liebste, ist der Stand der Dinge, den ich Ihnen so lange verheimlicht habe, verheimlichen mußte. Sie waren hier nötig, und dort konnten Sie in keiner Weise helfen. Das muß Ihnen zum Troste gereichen. Es war keine Rettung. Sagt eines es anders, so lügt er in seinen Hals hinein. Das werde ich gegen jedermann aufrechterhalten, auch gegen Ihren Gatten, der es freilich in seiner liebenswürdigen Weise an nachträglichen Vorwürfen gegen Sie nicht fehlen lassen wird. Und nun muß ich fort. Für junge Anfänger wie ich, die sich à tout prix eine Praxis verschaffen wollen, ist heuer eine gute Zeit. Viertes Kapitel. An der Schanze vor dem Dammtore arbeiteten unter der Aufsicht französischer Profose an dreihundert Menschen, von denen aber kaum zwei Drittel zu der eigentlichen Arbeiterklasse gehören mochten: Knechte aus den Vierlanden, Leute von den Speichern oder vom Hafen. Das andere Drittel war gar sonderbar zusammengesetzt aus Männern und Jünglingen, ja halbwüchsigen Knaben, unter denen kaum einer sein mochte, der vor heute oder wenigstens bevor er in die Kolonne eingestellt war, den Spaten oder die Schubkarre im Ernst gehandhabt hatte: Kaufleute, die man sonst um diese Stunde in ihren Bureaus oder auf der Börse; Handwerker, die man in ihren Werkstätten hätte aufsuchen müssen; Kaufmanns- und Handwerkersöhne, denen man gnädigst verstattet hatte, für ihre erkrankten Väter einzutreten. Denn das »Requisitionsdekret für die Arbeiter an den Festungswerken« kannte keine Exemtion vom höchsten bis zum niedrigsten Einwohner der Stadt Hamburg und ihres Gebietes; es kannte nur noch die Stellvertreterschaft. Diese aber galt nur für die Reichen, mindestens sehr Wohlhabenden; für alle anderen war sie unerschwinglich geworden, da die Requisition eben auf jeden ihre harte Hand legte, und wer einmal einen Feiertag hatte, sich das Opfer der kärglich zugemessenen Ruhe und Erholung kaum um schweres Geld abkaufen ließ. Es mochte daher der in die Verhältnisse Eingeweihte nicht weiter staunen, wenn er neben jenen aus männlichen Individuen bestehenden Kolonnen eine kleinere Gruppe von Frauen sah. Gab es für das Requisitionsdekret keine Verschiedenheit des Standes, so sah es auch über den Unterschied der Geschlechter weg, im Falle der Hausvater, der Haussohn als Legionär zum Hochverräter geworden, oder einfach aus diesem oder jenem Grunde arbeitsunfähig war. Es hatte dann die Gattin, die Tochter, die Schwester für ihn einzutreten. Man war ja nicht ungalant; man verschonte ja das schöne Geschlecht mit den allergröbsten Arbeiten; aber zu zweien einen größeren, einzeln einen kleineren Korb voll Erde herbeizutragen, das war doch für die Weiberchen eine ganz gesunde Motion, bei der sich hübsche Formen, falls sie vorhanden, noch ganz besonders vorteilhaft präsentierten. So scherzten ein paar Profose, die, sich auf ihre langen Amtsstocke lehnend, die Weiberkolonne beaufsichtigend, behaglich miteinander plauderten. Zu der letzteren Bemerkung aber hatte eine junge Frau Veranlassung gegeben, die heute zum erstenmal einrangiert war und trotz ihrer höchst einfachen Kleidung unmöglich aus dem niederen Stande der meisten ihrer Gefährtinnen sein konnte. Das bewiesen klärlich ihre Haltung, der Schnitt und Ausdruck ihrer Züge, die Zartheit der weißen Hände, die Schweigsamkeit, mit der sie ihrer Arbeit oblag, wem sie auch eine gelegentliche Frage ihrer Gefährtinnen willig und freundlich beantwortete. Sie steht in der Liste nur als Minna Billow, Kaufmannsfrau, sagte der eine Profos; aber ich wette: mit der ist es etwas Besonderes. Ist es auch, Kamerad, erwiderte der andere. Ihr Mann ist sogar Senator gewesen und ein niederträchtiger Verräter, den wir gehangen hätten, wenn er nicht geflohen wäre. Ihr Vater, für den sie heute arbeitet, wird nicht viel besser sein; ihr Bruder ist sogar Offizier in der hanseatischen Legion. Zum Tausend, Kamerad, woher weißt du das alles? Ich war gestern auf dem Bureau, um die Listen für heute abzuholen. Der Major Lachelle sprach mit dem Kapitän Villiers über die Dame. Die Herren genieren sich vor unsereinem nicht. Da habe ich die ganze Geschichte erfahren. Weißt du, Lambert, ich glaube, Madame hätte es besser haben können, wenn sie gegen einen gewissen Herrn etwas gefälliger gewesen wäre. Er hat mir Madame noch ganz speziell empfohlen. Du verstehst mich? Der Major Lachelle? Ich nenne keinen Namen. Ist nicht nötig; ich kenne ihn von der letzten Kampagne her. Ich sage dir: das ist, um die Wahrheit zu sagen, ein – na, du weißt. Ich glaub's gern nach dem, was ich gestern aus seinem Munde gehört habe. Ich versichere dich. In diesem Falle freilich teile ich seinen Geschmack. Die Kleine ist wirklich scharmant. Die Kleine? Das ist gut. Weißt du, Kamerad Lambert, daß sie einen halben Kopf größer ist als du? Der also Verspottete, ein winziger Gascogner, reckte sich in den Hüften. Als ob's die Länge täte! sagte er, den schwarzen Schnurrbart streichend. Nicht immer, aber manchmal. Zum Beispiel: wenn du der einen Kuß geben wolltest – bitte dir zuvor den Korb aus, den sie trägt, und stelle dich darauf, dann wird's langen. Gottes Tod, sagte der Gascogner, durch die weißen Zähne knirschend; ich werde dir beweisen, daß du mit deinen sechs Fuß ein Prahlhans bist. Sei vernünftig, Kamerad! rief der Lange, dem anderen, der davon wollte, die Hand auf die Schulter legend. Das ist eine ehrbare Frau, und wir sind hier im Dienst. Wenn der Major eine Bosheit gegen sie hat, so ist das seine Sache. Ich mag ihm darin nicht zu Diensten sein, und du solltest es auch nicht. Es könnte sich herumsprechen, und der Marschall, weißt du, versteht in solchen Dingen keinen Spaß. Hol der Teufel den Marschall, den Major, den Dienst und dich dazu! schrie der Gascogner. Jetzt ist meine Ehre engagiert. Ich lasse mich nicht so verspotten von einem Großmaul von Pariser. Der Kleine riß sich los und hatte mit ein paar Sätzen die Kolonne der Frauen erreicht, die paarweise hintereinander die mit Erde gefüllten Körbe nach einer bestimmten Stelle des Walles trugen, und von denen die erste Hälfte bereits halbwegs die ziemlich steile Böschung hinauf war. Minna und ihre Gefährtin bildeten das vierte Paar in der Reihe. Der Kleine hatte seinen Vorteil gut wahrgenommen, indem er, von oben her, jeder der heraufkommenden Frauen gegenüber die Neigung des Terrains für sich hatte. Er ließ die drei ersten Paare an sich passieren, sprang dann in den Zwischenraum von dem dritten und dem folgenden Paare und rief: Halt! Sie haben den Korb nicht hinreichend gefüllt, Bürgerin! Ich werde Sie in sofortige Strafe nehmen. Die Arme ausbreitend, war er im Begriff, Minna zu umfassen, als er sich hinten am Kragen gepackt und ein halbes Dutzend Schritte seitwärts geschleudert fühlte. Sich blitzschnell wendend, sobald er wieder das Gleichgewicht hatte, sah er den, der ihm den Possen gespielt: einen derben, blondhaarigen Schiffer, den ersten einer Kolonne Männer, die mit ihren leeren Karren, parallel mit der heraufsteigenden Linie der Frauen, von der Schanze herabkamen, und die er vorhin in seiner Aufregung nicht gesehen hatte. Seinen Säbel ziehend und einen Fluch brüllend, stürzte er auf den Mann zu, der ihn stehenden Fußes erwartete, ihm, als er zum Schlage aushob, in den Arm fiel, mit einem zweiten Griffe den Säbel entriß, um ihn selbst dann um den Leib zu packen und im Schwunge die Böschung hinabzuwerfen. Dies alles war so schnell geschehen, daß die Frauen erst jetzt, als der Kleine, sich vielmals überschlagend, die Schanze hinabkollerte, aufkreischen und die Männer in ein schallendes Gelächter ausbrechen konnten. Aber schon eilten der Kamerad, der aus der Nähe, und ein paar andere, die aus einiger Entfernung Augenzeugen des Handels gewesen waren, herzu, während der Gascogner, der sich inzwischen aufgerafft hatte, mit Staub und Sand überdeckt, die Schanze emporstürmte – alle auf den Attentäter los, der sich von einem halben Dutzend Fäuste zugleich gepackt sah. Der brave Bursch, dessen Blut nun auch in Wallung gekommen war, wollte sich leichten Kaufs nicht geben. Seine Angreifer von sich schüttelnd und einen Schritt zurückspringend, ging er seinerseits zum Angriff über, wohlgezielte, gewichtige Boxerhiebe nach allen Seiten austeilend. Schon nicht mehr von seiner Partei der einzige auf dem Plane. Wenn er, als der erste, die Ungebühr des kleinen schwarzen Kerls geahndet, er hatte es nur im Sinne aller getan: in der ganzen Arbeiterschar fand sich keiner, der nicht längst gewußt hätte, wer die Dame war, die heute in ihren Reihen stand; mehr als einer unter ihnen kannte »die Frau Senatorin« von Ansehen; ein paar hatten sogar zu ihren Klienten gehört. Und die heute in einem so leuchtenden Beispiele gezeigt, daß sie, trotz ihres vornehmen Ranges, sich zum Volke rechne, nichts anderes und besseres sein wolle, als jede niedrigste Bürgerfrau – sie sollte man ungestraft von einem solchen elenden Kerl beleidigen lassen? Nein! Recht so! – Nieder mit den Schuften! – Schlagt die welschen Hunde tot! erschallte es aus der Menge, von welcher einer nach dem anderen, den Gefährten zu Hilfe kommend, sich in den mit jedem Augenblicke größere Dimensionen annehmenden Kampf stürzte. Denn jetzt hatten sich auch, von allen Seiten herbeieilend, die Aufseher sämtlicher übrigen Abteilungen um die bedrängten Kameraden geschart und ihre verhältnismäßig geringe Anzahl dadurch furchtbar zu machen gewußt, daß sie, als geübte Kriegsleute einen Knäuel bildend und sich gegenseitig die Rücken deckend, mit ihren Säbeln der Übermenge der waffenlosen Angreifer tapfer zu Leibe gingen. Dennoch würden sie ihnen, deren Wut der hartnäckige Widerstand, auf den sie trafen, und das Blut, das schon mehr als einem aus frischer Wunde troff, nur noch mehr reizten, in kürzester Frist erlegen sein, wenn sich nicht Minna von den heulenden Weibern, die sie durchaus halten wollten, losgerissen und auf die Gefahr, von beiden Seiten verletzt zu werden, zwischen die Kämpfenden geworfen hätte. Die kühne Tat machte die Angreifer zurückprallen und selbst die Angegriffenen ihre Säbel senken. Das Geschrei, das von beiden Teilen erhoben war, verstummte; Minna ließ sich den günstigen Augenblick nicht entgehen. Nach einigen Französisch zu den Aufsehern gesprochenen Worten, in denen sie sich für ihre Sicherheit verbürgte, wenn sie das Geschehene geschehen sein lassen wollten, wandte sie sich zu den anderen. Lieben Landsleute und Leidsgenossen, rief sie, ich bitte, ich beschwöre euch, haltet Frieden! Brav ist es von euch, und ich danke euch von Herzen dafür, daß ihr eine schuldlose Frau nicht habt ungestraft beleidigen lassen wollen, aber nun ist es genug, mehr als genug. Bedenkt, daß hinter den wenigen hier Tausende stehen, die jede Unbill, die diesen geschieht, furchtbar rächen werden an euch, euren Frauen und euren Kindern. Ist das Maß unseres Unglücks noch nicht voll? Wollt ihr unseren Peinigern einen Vorwand zu neuen Grausamkeiten geben? Brand und Mord herabbeschwören auf unsere geknechtete, waffenlose Stadt? So duldet denn heute, wie ihr gestern geduldet habt, und wie ihr morgen weiter werdet dulden müssen, bis die Stunde der Freiheit schlägt für euch und alle Brüder im großen deutschen Vaterlande. Minna hatte, während sie, zuletzt die Arme wie im Gebet erhebend, mit tönender Stimme also sprach, höher als ihre seltsame Gemeinde, nur wenig unterhalb des Wallrandes, gestanden. Es war ihr zu ihrer Freude nicht entgangen, welch tiefen Eindruck ihre Rede auf die trotzigen Gesellen machte, die eben noch in wilder Rauflust geglüht hatten und nun, die einen mit nachdenklich gesenkter Stirne vor sich nieder, andere mit ernsten Blicken ehrfurchtsvoll zu ihr aufschauten. Aber auch die Franzosen, trotzdem sie ihrer Worte keines verstanden, hatten sich – vielleicht nur verwundert über die Seltsamkeit des Vorganges – nicht geregt. Und nun kam doch, gerade als sie die letzten Worte sprach, eine Bewegung in sie: sie richteten sich straff auf und senkten, militärisch Front machend, die Säbel, alle nach einem Punkte blickend, der hinter ihr und über ihr sich befinden mußte, und wohin auch plötzlich die Blicke ihrer Landsleute gerichtet waren. Erstaunt wandte sie sich und sah etwas, das ihr das Blut im Herzen stocken machte. Um ein weniges von ihr entfernt auf der obersten scharfen Kante der Böschung stand ein französischer Offizier, der, außer daß er größer und ein paar Jahre älter schien, und eine Narbe ihm auf der linken Seite von der Stirn durch die Wange bis in das Kinn lief, völlig Hypolit glich. Dann – mit einem zweiten Blicke in seine Augen, die mit dem Ausdrucke unendlicher wehmutsvoller Liebe auf sie gerichtet waren – sah sie, daß er es war, und dann hatte sie das Bewußtsein verlassen. Fünftes Kapitel. Als Minna aus ihrer Ohnmacht erwachte, fand sie sich in einem Zimmer, das sie zu kennen glaubte und doch erst erkannte, als der Doktor, der hinter dem Sofa, auf dem sie lag, an einem Schranke zwischen Büchsen und Phiolen gekramt hatte, mit einem Glase zu ihr trat, dessen Inhalt er sie, ohne ein Wort zu sprechen, trinken ließ. Es mußte ein kräftiger Trunk gewesen sein, von dem es ihr wie mit neuem Blute durch die Adern rieselte. Sie erhob sich auf dem Ellbogen und rief, die freie Hand auf die Hände des Arztes legend, der sich neben sie auf einen Fauteuil gesetzt hatte: Um Himmels willen, Doktor, sagen Sie mir: was ist geschehen? Wie sind Sie zu mir, bin ich hierher gekommen? Habe ich denn das alles nur geträumt? Die Hitze auf dem Wall? die Arbeit? den Kampf der Männer? und zuletzt – zuletzt – Sie brach jäh ab und griff sich mit beiden Händen an die Stirn, murmelnd: Ich habe ihn so deutlich gesehen! ich sehe ihn ja oft, aber doch nicht so – großer Gott, bin ich denn wahnsinnig geworden? Beruhigen Sie sich, Liebste; sagte der Doktor, ihr die Hände von dem Gesichte ziehend und sie sanft auf die Kissen des Sofas niederdrückend. Sie sind, dem Himmel sei Dank, völlig bei Sinnen; und es ist auch sonst alles, wie immer auf der Welt, mit rechten, das heißt: natürlichen Dingen zugegangen. Sie haben all das krause Zeug wirklich erlebt; zuletzt auch den Herrn Marquis d'Héricourt – denn von dem sprechen Sie doch wohl? leibhaftig gesehen. Und es war ein rechtes Glück, daß er Ihnen nicht bloß in Ihres Geistes Auge, sondern in Person auf dem Plane erschien, oder die Affäre hätte für viele, voraussichtlich auch für Sie, ein fatales Ende genommen. Liebste, Liebste, wie konnte ein so vernünftiges Frauenzimmer auf den tollen Gedanken kommen! Und wenn ich das auch zulassen will und konzediere: der Gedanke muß sich Ihnen, wie Sie nun einmal sind, sogar aufdrängen – zwischen Gedanken und Ausführung – Wollen Sie sich nicht verantworten! Was Sie getan, ist unverantwortlich! Zum Henker der Edelsinn und der Opfermut und all der ideale Nonsens! Sie sind nun einmal eine Dame – die vornehmste sogar, die ich kenne – und zu so etwas haben Sie die Nerven nicht. Wenn Sie mir doch einmal die Beleidigung antun mußten, sich nicht an mich zu wenden, der ich für Ihren Vater einen Stellvertreter geschafft haben würde, und hätte es meinen letzten Schilling gekostet – da war der Christiansen, die treue Seele. Auf den Knien hat er Sie gebeten, ihn hinzuschicken. Es ist wahr, er ist in letzter Zeit ein bißchen anbrüchig geworden, der brave Kerl; aber so gut wie meine Herren Landsleute, faute de mieux , Frauen und Kinder nehmen, hätten sie das alte Klapperbein auch nicht zurückgewiesen. Natürlich hatten Sie ihm Verschwiegenheit anbefohlen, die er ebenso natürlich sofort brach, als ich vor einer Stunde Ihren Vater zu besuchen kam. Sie müssen ihm schon verzeihen: er war um »sein Fräulein Minna« schon beinahe halbtot vor Angst, mit der er denn auch mich gründlich infizierte. Ich leide sonst nicht an Vorahnungen; es mag wohl meine große Liebe für Sie sein, daß ich diesmal von den allerschlimmsten befallen wurde. Übrigens zweifle ich keinen Augenblick daran, daß Ihnen der Schuft Lachelle diese böse Suppe eingebrockt hatte, und da war denn meine Angst um Sie doppelt gerechtfertigt. Glücklicherweise wußte Christiansen, daß Sie nach dem Dammtor kommandiert waren. Ich lief, was ich laufen konnte, dahin und rannte hier auf dem Gänsemarkte vor meiner Tür an den Herrn Marquis, der eben heraustrat. Er wollte mich aufhalten; ich sagte ihm, daß ich keine Sekunde Zeit habe und warum. Er wurde weiß wie eine Wand – Sie sehen, Liebste, andere Leute sind nicht minder schreckhaft – fragte auch gar nicht, ob er mich begleiten dürfe, sondern blieb gleich an meiner Seite, mir unterwegs mit fliegenden Worten erzählend, daß er, erst gestern, mit einem Spezialauftrage vom Kaiser an den Marschall, angekommen, sich sofort nach Ihnen erkundigt und gehört habe, daß Sie inzwischen verheiratet seien, et cetera et cetera . Nun habe er eben bei mir, den er als einen alten Freund Ihres Hauses kenne, weitere Erkundigungen einziehen wollen. Er fragte dann noch verschiedenes, worauf ich ihm nur halbe Antworten geben konnte: er machte so furchtbar lange Schritte, mir blieb der Atem weg. Er bat mich, nachzukommen, während er vorauseile, was er denn auch so gründlich tat, daß er vermutlich schon an Ort und Stelle war, als ich noch nicht das Tor passiert hatte. Wie ich hinzukam, brachten schon ein paar Frauen Sie getragen. Der glücklichste Zufall von der Welt wollte, daß in dem Moment eine Portechaise leer zurückging, in der sich irgendwer irgendwohin hatte bringen lassen. Ich ließ Sie hineinheben, verständigte mich mit dem Marquis, daß ich Sie vorerst hierher in meine Wohnung schaffen würde, worauf ich mit Ihnen davontrottete, während er nach der Schanze zurückkehrte, die Geschichte da vollends in Ordnung zu bringen. Hernach will er hier vorsprechen, sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, von dem ich ihm mein ärztliches Wort gegeben habe, daß es binnen einer Stunde ein völlig normales sein werde. Ich bitte Sie also, mich nicht Lügen zu strafen und sich ruhig hier auf dem Sofa zu halten, während Sie in kleinen Zügen den Rest da im Glase trinken. Meine alte Knuth kommt zu Ihnen, sobald Sie diese Glocke in Bewegung setzen. Ich muß jetzt fort, ein paar notwendige Besuche zu machen; überdies würde ich bei dem, den Ihnen der Marquis abstatten wird, de trop sein. Ich überlasse Ihnen, ob Sie meine Rückkehr abwarten oder sich von dem Marquis nach Hause bringen lassen wollen. Ich bin für das erstere, habe aber auch eventuell gegen das letztere nichts. Und nun à revoir , jedenfalls noch im Laufe des Tages. Der alte Herr hatte Hut und Stock ergriffen und war zum Zimmer hinaus, bevor Minna eine von so manchen Fragen, die ihr auf den Lippen schwebten, hätte an ihn tun können. Augenscheinlich hielt er eine sofortige Unterredung zwischen ihr und Hypolit für notwendig und hatte ihrem etwaigen Widerspruche ausweichen, ihre doch mögliche Weigerung abschneiden wollen. Zwar hinderte sie der Zustand ihrer Kräfte – wie sie sich sofort überzeugte, indem sie ein paar Gänge durch das Zimmer machte – nicht, sofort die Wohnung des Arztes zu verlassen und der Begegnung mit Hypolit aus dem Wege zu gehen. Zu welchem Zwecke? Um morgen oder übermorgen gestatten zu müssen, was sie heute verweigerte. Nein! der alte Freund hatte wiederum einmal recht: was geschehen mußte, mochte alsbald geschehen. Die junge Frau schritt erregt in dem Gemache auf und nieder, verwundert über das Merkwürdige, das da in ihrer Seele sich abspielte. Wohin der Taumel des Entzückens bei dem Gedanken – an dessen möglicher Verwirklichung sie doch immer heimlich festgehalten hatte – dem Geliebten noch einmal hier auf Erden Aug' in Auge schauen zu dürfen? Sie hatte es ja vorhin schon getan; aber da war die Situation zu sonderbar und die Überraschung zu groß gewesen und sie der zusammenwirkenden Macht beider erlegen. Hier, auf neutralem Boden im Zimmer des alten Philosophen, nachdem sich die überreizten Nerven wieder beruhigt, würde sie wieder sie selbst sein. Sie selbst: die Freundin eines Friedrich Perthes, der sein verfemtes Leben irgendwo draußen in der Verbannung für der Freiheit heilige Sache weiteropferte; die Schwester des Bruders, der vielleicht jetzt schon sein Heldenblut in einem ruhmlosen Vorpostengefecht vergossen hatte; die Tochter eines Vaters, den man an den Bettelstab gebracht, durch brutale Mißhandlung auf ein Krankenlager geworfen, von welchem er nach ihrer Überzeugung nicht wieder erstehen würde; – sie selbst, die noch eben dem Sieger hatte fronden müssen wie eine Magd, und der Ritterlichkeit eines Schiffsknechtes verdankte, wenn der betrunkene Sklave nicht Herrenrecht an ihr übte! Ja, beim Himmel: die Zeiten hatten sich furchtbar gewandelt! der einzig Geliebte ihrer Seele war er gegangen; ein Feind ihres Volkes, das unter den Fängen des französischen Adlers verblutete, ein Fremdling ihrem Herzen kam er zurück. Und was sie ihm früher ausgelegt hatte als schier übermenschliche Taten der Entsagung, durch die er sich die Fülle der Liebe in himmlischen Gefilden versichern wollte: das Abbrechen seines Briefwechsels mit ihr, sein Aufgehen im kaiserlichen Dienste, seine Heirat schließlich mit der reichen Bürgerstochter – es erschien ihr jetzt als sehr menschliches Tun, früher und später von kühler Berechnung und resolutem Ehrgeiz diktiert. Sie auch hatte viel verfehlt und viel gefehlt. Das aber durfte sie sich sagen: für sich hatte sie nichts gewollt, an sich hatte sie nicht gedacht, am wenigsten, als sie den letzten schrecklichen Schritt tat und den unseligen Bund ihrer Ehe schloß. Mochte er kommen! er kam vergebens, ob er nun hoffte, die alte Liebesflamme ehebrecherisch zu neuer Glut zu entfachen, oder sich an den letzten Zuckungen des zertretenen Brandes zu werden. Und das war sein eilender Schritt die knarrenden Stiegen der Treppe herauf; das seine Stimme, die gedämpft und hastig nach ihr bei der alten Haushälterin fragte. Mochte er kommen! Sechstes Kapitel. Die Haushälterin hatte sich sofort wieder zurückgezogen; die beiden, für welche, seitdem sie sich trennen mußten, keine Stunde vergangen war, in der eines des anderen nicht in sehnsüchtiger Liebe gedacht hätte, standen da, scheuen, prüfenden Blickes einander betrachtend, wie zwei Gegner, die sich in tödlichem Kampfe messen sollen. Und wäre inzwischen nicht so viel geschehen, das an dem einstigen Bunde ihrer Seelen zerrte und riß, die auffallende Wandlung, die ihr Äußeres erfahren – als hätten Jahre statt der Monde zwischen heute und damals gelegen – würde sie haben stutzig machen müssen. Was Minna vorhin ein einziger Blick gesagt, fand jetzt die vollste Bestätigung: aus dem Jüngling mit weichen, träumerischen Zügen war ein Mann geworden, dessen Gesicht das harte Leben seinen Stempel erbarmungslos aufgedrückt hatte; selbst die früher anmutig-elastische Gestalt erschien straff, hager, sehnig, wie eines Athleten aus der rauhen Schule der Strapazen und Entbehrungen. Und wie er ihr, so schien sie ihm seltsam verändert: aus dem blühenden Mädchen, dessen herrliche Augen von der Glut einer schwärmerischen Seele strahlten, zu einer Frau, der bittere Erfahrungen ihre Illusionen geraubt haben, und die nun mit ernüchtertem Auge in eine Welt blickt, welche, einst ein duftender Garten, jetzt ein Feld, zwischen dessen zackigen Steinen stachliche Dornen wuchern. Aber wie herb auch die Empfindungen sein mochten, die in diesem Moment den Busen der jungen Frau erfüllten, in der Seele des Mannes war nichts als unsägliches Mitleid mit ihr, der Königin seines Herzens, und die auch durch das Leben wie eine Königin geschritten war, um nun hinabzusteigen von ihrem Thron. – Mit Aufbietung aller Kraft gelang es ihm, sich so weit zu fassen, daß er nicht seine Knie vor ihr beugte, wie es dem ritterlichen Manne doppelt ziemt, wenn seine Herrscherin ihm in Magdsgestalt gegenübertritt. Über seine Augen hatte er nicht dieselbe Gewalt; und Minna erschrak zum anderen Male, als sie in diese Augen sah. Nur daß sich jetzt in den Schrecken ein anderes Gefühl mischte: das des Zornes. Wie durfte er, der verheiratete Mann, sie, die verheiratete Frau, so anzublicken wagen? Nahm er es so leicht mit den von ihm übernommenen Pflichten? Hielt er dafür, daß eine Sklavin keine Pflicht zu kennen braucht, als die des Gehorsams und der Gefügigkeit in des Gebieters souveräne Launen? Das schwüle Schweigen, das beide beobachteten, hatte noch angedauert, nachdem sie – Minna auf dem Sofa, er auf einem Sessel in einiger Entfernung ihr gegenüber – Platz genommen. Anfangs hatte lauter Trommelschlag, womit eine Truppe über den Markt dicht unter den erklirrenden Fenstern vorüberzog, das Schweigen rechtfertigen mögen. Jetzt war wieder Stille eingetreten, und Minna fand zuerst das Wort. Ich danke Ihnen, Herr Oberst, sagte sie, für die Teilnahme, die Sie mir bezeigen. Ich weiß nicht, ob Ihre Autorität es auf sich nehmen kann, mich für heute von der Arbeit an der Schanze zu dispensieren, oder ob ich wieder einzutreten habe. Jedenfalls bin ich dazu bereit. Ein schmerzliches Lächeln zuckte um die Lippen des Mannes. Meine Autorität reicht soweit, erwiderte er, und glücklicherweise noch ein wenig weiter; oder dem traurigen Drama würde ein sehr blutiges Nachspiel gefolgt sein. Die braven Leute haben nicht daran gedacht, daß Hamburg in Belagerungszustand ist und sie unter dem Kriegsgesetze stehen. Vielleicht dachten sie doch daran, sagte Minna, sie meinten wohl nur, daß es für brave Männer höhere Gesetze gibt, als die einer tyrannischen Gewalt. Hypolit ließ traurig den Kopf sinken. Sie wollte offenbar eine Szene hervorrufen, die diese Begegnung zur ersten und letzten machte. Sollte er ihren trotzigen Zorn zu beschwichtigen versuchen? sollte er für heute weichen und seine Hoffnung auf ein nächstes Mal stellen, wo sie vielleicht weicheren und gerechteren Sinnes sein würde? Aber geht der Arzt, wenn der Kranke krause Reden wider ihn führt, und kommt erst wieder, wenn die böse Fieberlaune gewichen ist? Was er auch erduldet hatte und erduldete, es konnte nur ein Geringstes sein von dem, was die Geliebte gelitten hatte und litt. Lassen wir, begann er von neuem, den Fall, den ich glücklicherweise so habe ordnen können, daß er für keinen der Beteiligten böse Folgen haben wird; und sprechen wir ein wenig von uns. Wenn man so lange sich nicht gesehen und die Zwischenzeit so große Veränderungen gebracht hat, mag das nicht leicht, es mag sogar sehr schmerzlich sein. Dennoch meine ich, daß es Schmerzen gibt, die man willig ertragen muß, weil wir nur mit ihnen das Bewußtsein unserer Menschlichkeit retten können. Es wäre nach meinem Gefühl unmenschlich, wollten Sie und ich jetzt aneinander vorübergehen, als wären wir uns nie etwas, als wären wir uns nicht einmal alles gewesen. Ich spreche dem Unglück das Recht zu, sich in Stolz zu hüllen; ich gebe ihm nicht das Recht, den anderen zu verachten, weil er weniger unglücklich gewesen ist, oder sein Glück nur etwa darin besteht, daß er, als Mann, dem Unglück eine stärkere Widerstandskraft entgegenzusetzen hatte. Sie werden mir verzeihen, erwiderte Minna, die Arme unter dem Busen verschränkend, wenn ich in die Feinheiten Ihrer Sprache nicht so eingeweiht bin, um sicher zu sein, daß mir der Sinn Ihrer Sentenzen und die Meinung Ihrer Anspielungen überall klar geworden sind. Was ich aber davon verstanden zu haben glaube, läuft ungefähr darauf hinaus: der Mann darf ohne Bedenken und Reue tun, was eine Frau niemals aus freien Stücken tun würde, sondern nur duldet wie ein Brandmal, das dem gefesselten Opfer ein Henker aufdrückt. Erschrocken über die wilde Leidenschaftlichkeit ihrer Rede starrte er sie an, abermals bei sich erwägend, ob er gehen oder bleiben solle. Aber was sie da zuletzt gesagt hatte, klang so verworren, paßte so völlig nicht auf die Situation, in der sie sich beide einander gegenüber befanden – er mußte einen letzten verzweifelten Versuch machen, das Dunkel zu zerstreuen, das sich mit jedem Worte, das gesprochen wurde, zu verdichten schien. Ich fürchte, sagte er, wir verstehen einander nicht. Aber wie wäre das anders möglich, wenn Sie fortfahren, Ihr Herz vor mir zu verschließen! Vielleicht werden Sie mir erwidern, daß Ihr briefliches Schweigen seit nun mehr als Jahresfrist beredter war, als alle Worte und Briefe der Welt hätten sein können, und Sie auch jetzt wieder an mein Herz die Anforderung stellen dürfen, eine Erklärung für das zu finden, was dem Verstande unbegreiflich ist. Jetzt war es Minna, deren große Augen mit dem Ausdrucke starren Schreckens auf den einst Geliebten blickten. Wie denn? stammelte sie, mein Schweigen seit Jahresfrist? mein Schweigen, das erst – im Spätherbste vorigen Jahres – angehoben hat, als ich auf keinen meiner vielen Briefe eine Zeile Antwort erhielt? Auf keinen Ihrer Briefe, rief Hypolit in maßlosem Erstaunen, auf die ich geharrt habe wie ein brünstiger Beter auf ein Zeichen der Erhörung: sehnsuchtsvoll und – vergeblich? Und Sie? Sie hätten mir seit dem März vorigen Jahres – von Berlin aus – das heißt acht Tage nach Ihrem Abmarsch von hier – noch einmal geschrieben? Noch einmal? – So oft ich konnte – ich kann Ihnen jeden Ort und jedes Datum nennen. Und Sie? Ich sagte Ihnen: bis zum Oktober vorigen Jahres: jeden vierzehnten Tag, wie Sie es gewünscht; dann, als ich mir sagen mußte, daß von den Briefen einer und der andere – Einer und der andere? rief Hypolit schmerzlich. Keiner, großer Gott! keiner ist in meine Hände gekommen; alle sind sie verloren gegangen; alle sind sie – Gestohlen! schrie Minna, von ihrem Sessel in die Höhe fahrend, kaltblütig, grausam gestohlen! Gott verzeihe es dem, der es tat! Sie wußte in dem Moment, daß es ihr Vater gewesen war. In seine Hände, als die nach ihrer Meinung sichersten, hatte sie die Briefe gelegt, die sie abschickte; aus seinen Händen hatte sie jenen ersten einzigen Brief Hypolits empfangen, hätte sie die folgenden empfangen müssen, da der Vater in den letzten Monaten stets selber an den Posttagen die etwa eingelaufene Korrespondenz holen gegangen war – wie sie geglaubt hatte, um sich die Illusion einer geschäftlichen Tätigkeit zu geben; in Wirklichkeit: darüber zu wachen, daß kein Lebenszeichen des Geliebten an sie gelangte. Oh, des schnöden Verrates, verübt von einem Vater an seinem Kinde! Geisterhaft bleichen Antlitzes saß sie da mit stieren Augen, als blickte sie in den schwarzen Abgrund, in den sie der gräßliche Betrug geschleudert hatte, und sähe unten in der Tiefe sich selbst zerschmettert liegen. Ein Brief, ein einziger! eine Zeile nur von seiner Hand hätte sie retten können! Wirklich? O ja! wenn nur der Kopf nicht gewesen wäre, der es besser wußte und erbarmungslos fragte: hätten seine verbrieften Liebesschwüre des Vaters Not gehoben? Deinen Bruder aus seinem russischen Elend erlöst? Den braven alten Juden aus dem französischen Kerker, in den ihn seine an euch geübte Guttat getrieben? Hätten sie auch nur Johanna ihre Verbindung mit dem Geliebten ermöglicht? Nichts, nichts von alledem! Das Opfer, das du gebracht hast, wäre dir vielleicht schwerer geworden; aber du hättest es bringen müssen – sowieso! Sie hob die Augen und begegnete den seinen, die wieder mit jenem Blicke auf sie gerichtet waren, an dessen Zärtlichkeit sie sich einstmals nicht hatte sättigen können, und der ihr jetzt wie ein Hohn ihres Elends erschien und ein Verbrechen zugleich. Um ihre Lippen zuckte ein bitteres Lächeln, während sie, ohne die Augen abzuwenden, sagte: Sie haben doch hoffentlich die Frau Marquise mitgebracht? Meine Mutter? fragte er verwundert. Ich meine nicht die Frau Marquise, Ihre Mutter; ich spreche von der Frau Marquise, Ihrer Gemahlin. Hypolit saß wie erstarrt. War die Unglückliche wahnsinnig geworden? Oder welcher ihm rätselhafte Sinn verbarg sich hinter der ungeheuerlichen Frage? Weshalb sehen Sie mich so befremdet an? fuhr sie mit demselben unheimlichen Lächeln fort. Es ist doch nichts so Seltenes, daß die Herren ihre Gattinnen mitbringen oder nachkommen lassen. Und gar hierher nach Hamburg! Wir haben bereits der französischen Damen mehrere, wenn freilich, soviel mir bekannt, noch keine Marquise. Das ist schade. Wir Hamburger sind doch gut kaiserlich und sehnen uns auch nach »der Verschmelzung aller Schichten der Gesellschaft zu dem korinthischen Erz einer in jedem Atom von dem heiligen Feuer des Patriotismus durchglühten Masse«. Sie sehen, ich habe die schöne Phrase, wie sie das Bulletin Ihrer Vermählung im Moniteur brachte, wörtlich behalten. Meiner Vermählung? stammelte Hypolit. Meiner Vermählung – Mit Mademoiselle Marguérite Silvestre, der »einzigen Tochter des bekannten Präfekten des Departement der Unteren Seine«. Großer Gott! murmelte Hypolit. Dies ist furchtbar. Was? Er hob den Kopf, an dessen hämmernde Schläfen er die Hände gepreßt hatte, und sagte in einem Tone schmerzensvoller Trauer: Sie befinden sich in einem beklagenswerten Irrtum. Jene Vermählung hat stattgefunden zwischen der genannten Dame und meinem bis auf die Beifügung Drouot gleichnamigen Vetter Hypolit d'Héricourt, der zu diesem Zwecke von Wien, wo er sich zugleich mit mir befand, nach Paris ging – alles, wie ich es Ihnen in dem Briefe von Dresden – aber, mein Gott! Sie haben ja freilich diesen Brief sowenig wie die anderen – Er kam nicht weiter vor einem wilden Gelächter, in das die junge Frau ausgebrochen war. Dann war sie von ihrem Stuhle aufgesprungen und schritt hastig in dem Gemache hin und wieder. Plötzlich blieb sie stehen und rief mit grimmigem Hohne: Das ist die Gerechtigkeit des Himmels: ein Vater betrügt schamlos sein Kind; dann wird das arme Geschöpf mit der Not der Ihren gemartert und in Verzweiflung gejagt; zuletzt, um das Opfer sicher zu haben, schlagt es ein Dämon mit Blindheit! Und da spricht man von einem allbarmherzigen Gott! Wieder lachte sie gell auf, um sich nun auf das Sofa zu werfen, das Gesicht in die Kissen drückend, ihr lautes Weinen zu ersticken, während ihr Körper von krampfhaftem Schluchzen geschüttelt wurde. Hypolit kniete neben ihr nieder, tröstende Worte flüsternd, wie sie ihm das Mitleid eingab, in das jetzt seine ganze Liebe dahingeschmolzen war; zuletzt den Arm sanft um ihren Leib legend, die Verzweifelte aufzurichten. Wie von glühendem Eisen berührt, schnellte sie empor. Rühren Sie mich nicht an! rief sie. Ich bin nicht Minna Warburg, die Sie kannten. Die ist tot, begraben, vermodert, zu einem ekeln Etwas geworden, das eine reine Hand nicht mehr berühren kann, ohne sich zu beflecken. Minna, rief Hypolit, Geliebte! Ich kann nicht mehr schwören bei dem allbarmherzigen Gott – diese Stunde hat auch in mir den Glauben an ihn vernichtet. Ich schwöre bei meiner Ehre, die mir keiner rauben kann: du bist mir rein und heilig wie an dem ersten Tage, da mein Auge dich erblickte. Dann bist du ein Kind, rief Minna außer sich, das die Welt nicht kennt; schlimmer: ein Narr, den das Leben nichts lehrt. Ich bin kein Kind und keine Närrin; mich hat das Leben gelehrt, daß diese Welt verflucht ist, und daß es nur ein Glück gibt: nicht geboren zu sein. Lassen Sie mich! Ich bitte, ich beschwöre Sie; ich befehle es Ihnen. Kein Wort mehr – keines! oder ich werde wahnsinnig. Sie hatte sich wieder auf das Sofa geworfen. Er stand noch eine kurze Weile; nun hört Minna die Tür gehen. Sie vernahm auch, daß er auf dem Flure leise mit jemand sprach. Dann wurde die Tür wieder geöffnet und geschlossen. Eine Hand legte sich auf ihr Haupt; sie wußte, daß es des ärztlichen Freundes Hand war. Minna, sagte er, liebstes Kind! Sie richtete sich empor und starrte, sich das zerwühlte Haar aus Stirn und Augen streichend, auf den alten Mann. Sie haben eine schlimme Stunde durchgemacht, fuhr er fort. Ich weiß es, ich wußte es im voraus und konnte Ihnen doch nicht helfen. Ich kann Ihnen auch dies nicht ersparen: Ihr Vater – Ich habe keinen Vater mehr! rief Minna. Der Arzt blickte sie mitleidsvoll an und sagte sanft: Sie haben keinen Vater mehr. Sie hatte ihn völlig verstanden; aber keine Miene, keine Bewegung verriet, daß es der Fall war. Den vielerfahrenen Arzt überkam ein Schauder vor dem grenzenlosen Weh, das dies reiche Herz so arm gemacht hatte. Er fuhr, halb mechanisch, fort: Es stand heute morgen schon sehr schlecht mit ihm, und ich fürchtete das Schlimmste. Ich durfte es Ihnen nicht sagen, als ich vorhin hier war: Sie mußten mit Herrn von Héricourt sprechen. Auch glaubte ich durchaus nicht, daß es so schnell gehen würde. Als ich dann vor einer Stunde wiederkam, war es schon entschieden. Ein Herzschlag hatte ihn getroffen, er lebte nur noch wenige schmerzlose Minuten. Preisen wir ihn glücklich! Sein Vermögen hatte er verloren, seine Gesundheit hätte er nie wieder erlangt. Ohne Vermögen, ohne Gesundheit wäre er der unglücklichste der Menschen gewesen. Wo wollen Sie hin? Sie hatte sich langsam erhoben und war im Begriff, an ihm vorüber nach der Tür zu schreiten. Er hatte sie alsbald eingeholt und sie an der Hand gefaßt. Wo wollen Sie hin? wiederholte er. Auch diesmal kam keine Antwort; sie suchte nur ihre Hand aus der seinen zu ziehen. Er ließ es nicht zu und sagte leise und fest: Minna, dahin, wo Sie wollen, ist Ihnen der Ausweg versperrt. Wer oder was könnte mich halten? erwiderte sie, die Lippe verächtlich schürzend. Ein Wort von mir. Der alte Mann hatte sich zu seiner ganzen stattlichen Höhe aufgerichtet und sagte, immer ihre Hand festhaltend und ihr voll in die trotzigen Augen sehend: Sie wähnen, zwischen Ihnen und der Menschheit sei das Band zerrissen; wähnen, es stünde Ihnen frei, ein Leben, das Ihnen allein gehört, zu zerstören, nachdem es Wert und Würde für Sie verloren hat? Sie irren sich. Ich habe Sie bis heute getäuscht und täuschen dürfen. Heute darf ich es nicht länger. Jene Zeichen, die ich für vieldeutig und trügerisch erklärte, sind unabweislich echt und lassen nur eine Deutung zu: Ihnen gehört Ihr Leben nicht mehr allein; und Wert und Würde hat es für Sie zurückerhalten aus der Hand der Allmutter, die Sie erkoren, an ihrem heiligen Werke mitzuschaffen. Die junge Frau hatte mit weit aufgerissenen Augen, während ihr der Atem in der Brust stockte, den Worten gelauscht, die der Arzt langsam und bedächtig, jede Silbe gleichsam abwägend, sprach, bis ihr endlich der ungeheure Sinn aufgegangen war. Mit einem Rucke hatte sie sich losgerissen und war an der Tür. Er hatte nicht länger versucht, sie zu halten; er eilte ihr auch jetzt nicht nach. Er hatte getan, was in seiner Kraft stand – umsonst. Er mußte sie verloren geben. Geh, rief er verzweifelt, und wirf dich ins nächste Wasser! Ich will dir eine Grabschrift schreiben: Ihr Wahlspruch war: Noblesse oblige ; und sie schändete die Natur, indem sie sich durch feige Flucht aus dem Leben der Pflicht entzog, die der niedrigsten der Kreaturen heilig ist. Sie stand gesenkten Hauptes; dann, anstatt die Tür zu öffnen, wie er erwartet hatte, ließ sie den Griff los und kam zu ihm zurück mit ausgestreckter Hand. Verzeihen Sie mir! sagte sie demutsvoll leise. Er vermochte nichts zu erwidern; er konnte nur die Arme ausbreiten und die nun still Weinende an sein Herz ziehen. Siebentes Kapitel. Das Begräbnis des Mannes, der einst in dem Leben der höheren Hamburger Kreise eine so glänzende Rolle gespielt hatte, war prunklos gewesen, wie eines dunkelsten Handwerkers. Keiner seiner ehemaligen Senatskollegen, keiner von den Hunderten der Börsenbekannten und Geschäftsfreunde, der Genossen aus der Weinstube, den Besuchern seiner prunkvollen Feste und stadtbekannten Gesellschaftsabende hatte ihm das Geleit gegeben; niemand war seinem Sarge gefolgt als die Tochter und zwei alte Männer: der treue Samuel Hirsch und Doktor Boutin. Drei Tage nach dem Begräbnisse schaffte Minna still in der dunkeln Hinterstube des Hauses an der Alster, das sie morgen für immer verlassen sollte. Christiansen ging, dies und jenes bringend, forttragend, geräuschlos ab und zu. Er sollte Minna begleiten, wenn auch nur bis Warnesoe. Die letzten Tage hatten den alten Mann vollends gebrochen. Es war immer sein höchster Wunsch gewesen, den Rest seines Lebens in seinem Geburtsorte zu verbringen, dem kleinen, von Warnesoe nur wenig entfernten Hafenort Neustadt, wo ihm eine Nichte wohnte, die den Gasthof »Zur schönen Aussicht« in Pacht hatte. Zu der wollte er. Nicht so einfach war es für Minna gewesen, sich mit dem Gedanken der Übersiedlung nach dem Gute ihres Gatten auszusöhnen; aber den Gründen, die der ärztliche Freund mit überlegener Einsicht und freundlichem Zureden vorbrachte, hatte sie sich auf die Dauer nicht verschließen können. Sehen Sie, Liebste, sagte er, im Leben ist es wie im Kriege: die Hauptsache ist, daß man zur rechten Zeit an dem rechten Orte sich befindet. So gewinnt Napoleon seine Schlachten; lernen wir von unserem großen Feinde! Hier in Hamburg bleibt Ihnen zurzeit nichts mehr zu tun. Ihre geschäftlichen Angelegenheiten haben sich, sozusagen, von selbst abgewickelt. Von einem Warburgschen Vermögen ist nicht mehr zu reden. Das Geschäft ist aufgelöst, bereits seit Jahr und Tag. Die Fabrik am Brooktor, ebenso wie dies Haus hier, wenn es die Franzosen jemals wieder räumen – wozu ja jetzt einige Aussicht ist – gehören den Gläubigern, mit denen sich eventuell auseinanderzusetzen in Ihrem und Ihrer Geschwister Namen Herr Hirsch übernommen hat. Sie dürfen ihm in jeder Beziehung vertrauen. Gab es jemals einen Israeliten, in dem kein Falsch ist, so ist er es. Ihres Gatten Liegenschaften: das Haus, die Speicher, die Schiffe im Hafen sind konfisziert. Sie haben das sowenig verhindern können, als Sie imstande sind, einen Schritt zu tun, die Maßregel rückgängig zu machen. Wird die Stadt wieder frei, wird auch Billows Vermögen wieder frei; wo nicht, nicht, und daran ist nichts zu drehen und zu deuteln, Quaeritur : können Sie Ihren bedrängten Landsleuten und Stadt- und Leidensgenossen weiter von Nutzen sein, wie Sie es bisher aufopferungsvoll gewesen sind? Antwort: nein. Dies hier ist jetzt ein kostbares Feld für einen alten Praktikus wie ich, der nichts dafür kann, wenn er in seinem kleinen Finger mehr Erfahrung hat, als seine jüngeren Kollegen in ihren Köpfen, und außerdem nichts zu Markte trägt, als seine verrunzelte Haut, die er zu einem besseren Preise anzubringen niemals wieder die Gelegenheit finden wird. Für Sie liegt die Sache ganz anders. Wären Sie auch nicht, wie Sie es sind, durch die Ereignisse der letzten Monate in Ihrer sonst so kraftvollen Gesundheit auf das schwerste erschüttert – Sie stehen jetzt im Dienste der Allmutter, die wohl wissen wird, was sie tut, wenn sie ihre erschaffenen Geschöpfe sich selbst und dem Zufall, das heißt: dem Tode überläßt, um ihre ganze Sorgfalt denen zuzuwenden, welchen sie noch zum Leben verhelfen will. Folgen wir der Natur, können wir niemals irren – sagt ein alter römischer Weiser, der sich oft geirrt hat; in diesem Falle und mit diesem Ausspruche nicht. Und das Verhältnis zu Ihrem Gatten selbst, wie beklagenswert es sein mag, hier hat es schlechterdings nicht mitzusprechen. Ob er bei Empfang der Nachricht, die an ihn unterwegs ist, ein menschliches Rühren fühlen wird, wie ich hoffe; ob er der Barbar bleibt, als den er sich bisher erwiesen hat, – in der Hauptsache ist das für Sie ganz irrelevant. Die Hauptfache aber ist, daß Sie für das schuldlose Wesen sorgen, das Sie unter dem Herzen tragen, und sich würdig und klüglich vorbereiten auf die Stunde, die Ihnen bevorsteht. Hier in der Stadt der beständigen Angst und des Grauens vor einer Zukunft, die nach Menschengedenken, wenn die Okkupation sich bis in den Winter hineinzieht, noch tausendmal schlimmer werden muß, als es die Gegenwart bereits ist, sind Sie dazu außerstande; vielmehr: Sie riskieren einfach Ihr Leben, will sagen: ein Leben, das einem anderen unverbrüchlich gehört. Und also müssen Sie nach Warnesoe. Ihr Gatte, als er es Ihnen zum Aufenthaltsorte während seiner Abwesenheit anbot, mag damit nur eine höhnende Phrase beabsichtigt haben; es spricht so mancher Tor ein trügliches Wort, bei dem ihn die Götter festhalten. Nun ist ja allerdings leicht möglich, daß der Kronprinz von Schweden, ohne sich um die Verbündeten in Böhmen zu bekümmern, den Krieg nach Holstein spielen wird, sich dort und in Schleswig sein innigstgeliebtes Norwegen zu erobern. So benutzen wir die Zeit des Waffenstillstandes, die uns noch bleibt, und genießen Sie des labenden Schattens unter den hohen Buchen und Eichen und des erfrischenden Anhauchs des Meeres. Und kommt Ihre Stunde, und ein Gewisser, der Sie liebt, wie ein eigen Kind, hat seine alten Knochen noch beisammen, – seien Sie versichert, er wird Ihnen nicht fehlen. So sprach der Gute, Getreue von allem, was Minna bewegen sollte, nach Warnesoe zu gehen und gleichsam in den Bann ihrer Ehe zurückzukehren; von dem einen, das sie freilich nicht nach Warnesoe, aber gewiß aus Hamburg fortgetrieben haben würde, auch wenn tausend Gründe zum Bleiben gewesen wären, sprach er klüglicherweise nicht. Das mochte sie mit ihrem Herzen abmachen; und er wußte: dies leidenschaftliche Herz konnte für den Augenblick schwer irren, auf die Dauer fand es sich immer ins Rechte. In schlimmer Stunde hat sich Minna von dem Gott losgesprochen, an den sie bis dahin geglaubt; nun wußte sie nicht, wohin sich wenden mit dem Dankesgefühl, das ihre Seele erfüllte. Dem Danke dafür, daß sie dem Geliebten entsagt, bevor sie ahnte, was ihr eine Minute später der alte ärztliche Freund offenbarte. So gab es, wenn keinen allbarmherzigen Gott, doch mitleidvolle Genien; und ihrer einer hatte sie an dem Abgrunde, der, ihr unbewußt, zur Seite klaffte, gnädig vorübergeführt. Der Gedanke der Möglichkeit nur, sie hätte die Empörung der Patriotin, das Pflichtgefühl der Gattin zum Schweigen bringen können, um die Stimme des Herzens laut werden zu lassen, das den alten Schlag trotz alledem noch nicht verlernt hatte, erfüllte sie nachträglich mit Entsetzen. Ihr gleich mochte ein Mensch empfinden, den ein glückliches Ungefähr aus Mördershand befreit hat, und der sich nun die Lage vergegenwärtigt, in die er sich verstrickt sah. »Du bist mir rein und heilig wie in der ersten Stunde, da mein Auge dich erblickte?« – würde er es noch heute sagen? sich – nicht in Verachtung – dazu war er zu gut und edel – aber voll des bittersten Schmerzes, den ein Mannesherz empfinden kann, von ihr wenden? Mein Gott, das alte Gelöbnis war ja längst gebrochen, längst der neue Bund geschlossen, dies nur die Erfüllung, und doch und doch – nein, sie durfte ihm nicht wiederbegegnen, mußte fort – warum hatte sie die Fahrt nach Warnesoe erst auf morgen, nicht auf gestern schon, auf heute spätestens festgesetzt? Freilich, wenn er heute so wenig kam wie gestern und die anderen Tage, und sie sich im Hause hielt, wie sie es die ganze Zeit getan hatte, wo lag die Gefahr? Im Herzen, das sich zum Kuppler hergab und beständig raunte: nur noch einmal möchtest du ihm in die treuen Augen sehen, nicht voll Liebe, wie ehemals, nicht voll Haß, wie neulich – voll stillen Kummers nur ob seines, deines Geschickes; mit einem Blicke ihm sagen: Leb wohl! leb wohl, du Ewiggeliebter! Es durfte nicht sein und würde nicht sein, sie wußte es wohl. Sie würden sich auf dieser Erde nicht wiederfinden und nun auch in einem künftigen Leben nicht. Sie hatte das letzte Stück ihrer wenigen Habe in den Koffer getan und kauerte noch auf den Knien, das Gesicht in die Hände gedrückt in stillem Weinen, als Christiansen abermals ins Zimmer kam. Der Alte hatte sie jetzt zu oft schon in Tränen getroffen. So erhob sie sich ohne Hast und sagte, da sie etwas in seinen Händen sah, sich mit dem Tuche über die Augen fahrend: Nichts mehr, Christiansen, mein Koffer ist voll. Der Alte stand da, ein wunderliches Gesicht machend und das nicht eben große, in Papier geschlagene Paket, oder was es sonst sein mochte, zwischen den Fingern drehend. Was ist es? fragte Minna. Ich hab's eben erst gefunden, als ich meine Bettlade von der Wand losmachte, erwiderte der Alte zögernd. Da muß es hineingerutscht sein an dem Abend, als ich die Sachen aus dem seligen Herrn seinem Pulte in meine Kammer hinaufgetragen und auf das Bett gelegt hatte. Ich bin, weiß Gott, nicht daran schuld; es ging ja darunter und darüber; und hernach, als sie abgezogen waren – nein, erst am nächsten Tage – habe ich alles sorgsam wieder in dem Herrn seinem Zimmer auf dem Tische aufgeschichtet. Er hat mich hernach ein paarmal gefragt, ob ich nicht noch etwas hätte? er vermisse etwas – ein sehr wichtiges Paket. Ich habe oben auf meiner Kammer jedes Winkelchen ab- und ausgesucht, aber hinter das Bett habe ich freilich nicht gesehen; es saß ja mit zwei dicken Eisenklammern fest an der Wand. Was ist denn in dem Paket? fragte Minna. Wahrscheinlich ganz gleichgültige Papiere. Und wenn es auch wichtige Sachen wären – Sie haben treu Ihre Pflicht getan und brauchen sich nachträglich keine Gewissensbisse zu machen. Geben Sie! Sonderbarerweise zögerte der wunderliche Alte. Es fielen ein paar Briefe heraus, stotterte er; das Kuvert ist nicht geschlossen – da konnte ich nicht anders als die Aufschriften lesen. Ich weiß nicht, wie dies möglich gewesen ist, und ob sich Mademoiselle Minna freuen wird, oder sehr traurig sein. So geben Sie! wiederholte Minna ungeduldig, dem Alten das kleine Paket aus der noch immer widerstrebenden Hand nehmend. Es war eigentlich ein großes Briefkuvert, oder doch ein Papier, das in die Form eines solchen gefaltet war; offen, wie Christiansen gesagt hatte, und das eine größere Anzahl Briefe einzuschließen schien. Minna kam der Gedanke, daß dies eine private Korrespondenz des Vaters sein möchte, die er geheimzuhalten Ursache gehabt habe; und ob es deshalb für sie sich schicke, näher nachzuforschen. So sagte sie, das Paket in der Hand haltend, noch immer ahnungslos: Sie haben die Aufschriften gelesen? An wen? An Sie! An Mademoiselle Minna Warburg! Und an – Der Alte kam nicht weiter. Mit einem Schrei, der ihm durch Mark und Bein ging, war Minna an den Tisch gestürzt und hatte das große Kuvert vollends aufgerissen: an die zwanzig Briefe fielen heraus und lagen vor ihr: seine Briefe an sie, ihre Briefe an ihn – alle, oder wohl die meisten noch geschlossen. So viel Schamgefühl hatte er also doch gehabt! Sie sind mir nicht bös? sagte Christiansen traurig. Minna hatte den Alten ganz vergessen. Gehen Sie! sagte sie über die Schulter; ich bin Ihnen nicht bös. Ich danke Ihnen tausendmal. Achtes Kapitel. In Tränen gebadet lehnte Minna über den Briefen, deren Lektüre sie soeben beendet hatte. Nicht ein einziges Mal hatte sie sich gefragt, ob ihr Schicksal ein anderes geworden wäre, hätte der Vater diesen ungeheuren Verrat nicht geübt. Vor einem Großen und Heiligen empfindet die fromme Seele nur demutsvollen Dank und wunschlose Anbetung, und diese Ergüsse eines edeln Geistes und reinen Herzens erschienen Minna als ein Größtes und Heiligstes. Welch hoher Adel der Empfindung! welch treuer Glaube an die Menschheit in all dem Wust und Greuel der Unmenschlichkeit! welch mannhafter Stolz! welch kindliche Bescheidenheit! – Welch herrlichste poetische Ergüsse, als wären sie aus Rousseaus geweihter Feder geflossen! welch köstlich naives Geplauder wie eines harmlosen Knaben! Und ach, was sie vor Wonne erbeben und wieder in Wehmut zerstießen machte: welche zärtliche, innige, vertrauensvolle, glaubensstarke, jetzt wie von Adlerfittichen getragene, dann wie Sommerfäden träumerisch dahinschwebende, immer gleich selbstlose Liebe! Und wer war sie, die einer solchen Liebe gewürdigt worden war? sie in der Heftigkeit ihrer Leidenschaft, der Wandelbarkeit ihrer Stimmungen? dem hochmütigen Dünkel, der Selbstüberhebung, derer man sie und sie sich selbst so oft beschuldigte? Das Schicksal hatte es anders gewollt und sie auf ewig getrennt; aber wert wäre sie seiner nie gewesen. Ein bitterer Trost! und doch ein Trost, an dem Minna in diesen Fieberschauern von Seligkeit und Verzweiflung gierig sog. Und dann trat jede Empfindung zurück vor einer sich allmächtig vordrängenden: dem Verlangen, ihm nun doch noch einmal begegnen und danken zu dürfen für seine große Liebe. Sollte sie ihn um eine Zusammenkunft bitten? Es war unmöglich; aber schreiben konnte sie ihm; schreiben und ihre uneröffneten Briefe schicken. Wessen sie sich jetzt noch aus ihnen erinnerte, es kam ihr kleinlich und ärmlich vor im Vergleiche zu dem Großen und Herrlichen seiner Briefe. Aber, daß sie ihn geliebt mit ihrer ganzen armen Seele – das stand doch darin. Sie hatte sich hingesetzt und mit fliegender Feder geschrieben, was ihr das übervolle Herz diktierte; auch in aller Kürze, wie ein Zufall – ihres Vaters zu erwähnen, verbot ihr die Scham – die Briefe wieder an das Licht gefördert, die sie ihm nun sende, bittend, seine bei derselben Gelegenheit aufgefundenen Briefe als teures Andenken ihrer ersten und einzigen Liebe behalten zu dürfen. Eben schrieb sie die Adresse auf das kleine Paket, das sie zurechtgemacht hatte, als an die Tür gepocht wurde. Sie erschrak, als wäre sie bei einem Diebstahle ertappt, und ließ das Paketchen in die Tasche gleiten. Es war Doktor Boutin. Er hatte sie erst vor zwei Stunden verlassen; irgend etwas, das er vergessen, ihr zu sagen, mochte ihn so bald zurückgeführt haben; aber ein Gleichgültiges konnte es nicht sein. Darum wäre er nicht gekommen, und seine Augen hätten anders geblickt. Wie ein Blitz fuhr es ihr durch die Seele: es handelte sich um Hypolit! Sie rief es ihm entgegen; er nickte und beeilte sich, zu erwidern: Ja, Liebste, es handelt sich um ihn. Es ist ein böser Handel, aus dem wir ihn aber ziehen werden. Und nun lassen Sie hier alles stehen und liegen und kommen Sie mit mir! Ich sage Ihnen das Nötige unterwegs. Ihre Abreise kann sich um einige Tage verzögern. Ich habe Christiansen draußen schon gesprochen, der mag dann vorläufig Neddermeyer instruieren. Es ist jetzt sieben, um acht wollte Neddermeyer kommen. Die Nacht muß er sowieso bleiben. Vielleicht auch, daß ich Sie morgen früh schon fortschicken kann. Sie gingen durch die abendlichen Gassen. Der Doktor hatte Minna den Arm geboten, ihren eilenden Schritt zu zügeln. Eile mit Weile, sagte er. Was hilft es, wenn wir ohne Atem anlangen, und ein bißchen zum Berichten, wie das alles gekommen ist, muß ich doch auch behalten. Er hat also einen Ehrenhandel gehabt, bei dem die Ehre allerdings nur auf seiner Seite war: mit dem schuftigen Major Lachelle nämlich, und einen häßlichen Stich durch den linken Oberarm bekommen – Verletzung einiger bedeutenden Blutgefäße et cetera , – so daß er seit gestern abend – gestern morgen ist die Geschichte passiert – in einem regelrechten Wundfieber liegt. Ich selbst bin erst seit einer Stunde au courant . Da begegnete mir der Kapitän d'Aubigny von den Chasseurs – dessen Sie sich ja erinnern müssen – er ist sein Sekundant gewesen – war auf dem Wege zu mir, den er als einen geschickten Arzt zu kennen behauptete; meinem französischen Kollegen, der unseren Patienten bis dahin behandelt hatte, vermöge er dasselbe Zeugnis nicht auszustellen. Sie können sich denken, daß ich mich nicht zweimal bitten ließ, und so fand ich ihn denn, wie ich Ihnen gesagt habe, mit einem miserabeln Verbande und ohne andere Wartung, als der eines willigen, leider völlig unerfahrenen Dieners. Er bedarf aber eines geschulten Pflegers, respektive einer solchen Pflegerin, und das sollen eben Sie sein – vorderhand, bis ich unser altes Krankenhausfaktotum, die gute Neumann, aufgefunden habe, von der ich nicht weiß, wo sie augenblicklich steckt. Wie der Handel sich angesponnen hat? fragen Sie. Nun, es ist eine alte Geschichte, die spätestens bis zu dem Tage zurückdatiert, als es dem Menschen beigekommen war, Sie zu belästigen und ihm von Héricourt die Tür Ihres Hauses gewiesen wurde. Seitdem sind sie sich aus dem Wege gegangen, auch in der Kampagne, in der sie der Zufall ein paarmal zusammengeführt hatte. Ich weiß das alles natürlich von d'Aubigny. Dann sind sie sich erst wieder hier begegnet am Tage der Ankunft Héricourts – das heißt: dem Tage vor Ihrer Affäre auf dem Wall – in der Kommandantur, als Héricourt sich dort meldete. Der Schuft hat sich ihm nähern wollen, als wenn niemals etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre, aber eine kühle Zurückweisung erfahren, worüber er um so wütender gewesen ist, als er, der früher Héricourts Vorgesetzter war, jetzt um zwei Grade unter ihm steht. D'Aubigny sagte mir auch, daß Lachelle, der als mauvais sujet und poltron dazu in der ganzen Armee verrufen gewesen sei, längst weggejagt wäre, wenn Davoust ihn nicht gehalten hätte, der ihn zwar ebenfalls gründlich verachtete, aber als brauchbares Werkzeug zur Ausführung mancher Dinge, die einem ehrlichen Kerl zu schwer würden, nicht wohl entbehren konnte. Doch das nebenbei. Wie es Héricourt zu Herzen gegangen ist, als er Sie in der wunderlichen Situation auf dem Walle fand, das wissen wir beide. Er hat anfänglich gemeint, daß es in der leidigen Sache soweit mit rechten Dingen zugegangen sei. Nun hat sich aber der Schuft Lachelle gerühmt, er habe sehr wohl gewußt, wer die »Bürgerin Billow«, die sich als Remplaçantin ihres erkrankten Vaters gemeldet hatte, in Wirklichkeit war, und nicht nur keinen Anstand daran genommen, wie es jeder Ehrenmann an seiner Stelle getan hätte; im Gegenteil: sich köstlich darüber amüsiert und zum Überflusse dem betreffenden Profosen unterderhand zu verstehen gegeben, er werde sich freuen, wenn der Mensch Ihnen noch einen kleinen Extratort spiele. Das erfährt Héricourt. Das andere können Sie sich denken. Lachelle hat erst alles in Abrede stellen wollen; dann, als das nicht ging, in seiner gewohnten hündischen Weise um Entschuldigung gebeten, aber Héricourt sich nicht darauf eingelassen und auf dem Duell bestanden. Das hat denn, wie gesagt, gestern morgen stattgefunden, Héricourt soll seinen Stoßdegen sehr gut führen, aber Lachelle nicht gewachsen gewesen sein, der es überdies von vornherein auf den Tod des Gegners abgesehen hatte. Dennoch sind, dank der Ruhe, mit der Héricourt die wütenden Angriffe Lachelles zurückgewiesen, die beiden ersten Gänge, bis auf ein Paar Schrammen hinüber und herüber, unblutig abgelaufen, bis Lachelle, seine ganze Kunst und Kraft zusammennehmend, Héricout durch die linke Schulter gerannt hat, in demselben Augenblicke, als ihm dessen Degen durch die Brust fuhr. Zum Spaße hatten sich die beiden eben nicht gefordert, und man kann von Glück sagen, wenn nur der eine auf dem Platze geblieben ist. Der Doktor hüstelte und fügte dann in etwas rauhem Tone hinzu: Lachelle ist sofort tot gewesen; Héricourts Degen war ihm gerade durch sein schlechtes Herz gegangen. Er schwieg abermals, Minna erwiderte nichts; so gelangten sie an ein Haus in der Großen Bleichen, wo Héricourt auch während seines früheren Aufenthaltes bei guten Leuten gewohnt hatte. Da sind wir, sagte der Doktor, und nun, Liebste: Kopf oben und das Herz in beide Hände genommen! Neuntes Kapitel. Er hätte Minnas Mut nicht zu befeuern brauchen. In der Meinung, daß er nicht die ganze Wahrheit gesagt habe, war sie auf das Schlimmste gefaßt und mit sich einig, daß, sollte der Geliebte jetzt sterben, sie nicht weiter an ihre Lebenspflicht gebunden sei. So betrat sie das Zimmer und schritt ohne Zaudern mit dem Arzte zu dem Bette, von dessen Seite, ihnen Platz machend, der Diener, ein hübscher, gutmütig aussehender junger Mensch, sich erhoben hatte. Der Doktor prüfte den Puls, die Temperatur und den vorhin gemachten Verband; gab Minna die nötigen Verhaltungsmaßregeln, blieb noch ein Weilchen, den Kranken weiterbeobachtend, am Bette sitzen und ging dann, nachdem er Minna gesagt, daß er morgen in aller Frühe wiederkommen werde. Der Diener war mit dem Rezepte zu einer kühlenden Medizin nach der Apotheke gesandt worden. Minna blieb mit dem geliebten Kranken allein. Er hatte während der ganzen Zeit sehr bleich, regungslos und, wie der Doktor sagte, völlig ohne Bewußtsein dagelegen; aber gerade, als jener die Tür hinter sich zumachte, öffnete er die Augen, um sie freilich sofort wieder zu schließen. Einige Minuten lag er wie vorhin und schlug dann abermals die Augen auf, Minna, die neben ihm saß, mit einem stillen, traurigen Blicke betrachtend, worauf die dunkeln Wimpern wieder herabsanken, aus denen zwei große Tränen quollen, die langsam an den bleichen, hageren Wangen hinunterrannen. Offenbar hatte er sie gesehen – ein Traumbild unter den anderen, das nicht an seiner umnachteten Seele vorüberschweben konnte, ohne die Wunde zucken zu machen, die tiefer saß als jene, die ihn auf das Krankenlager geworfen hatte. Kein wildester Jammerlaut hatte Minna tiefer rühren können, als diese stille Trauer. Die eigenen Tränen stürzten ihr stromweise aus den Augen, aber sie wischte sie unwillig ab und saß dann, den unruhigen Atemzügen des Dahingestreckten lauschend, eingedenk des Ausspruches ihres ärztlichen Freundes: daß eine Krankenwärterin Herz genug haben müsse, keines zu haben. Der Diener war mit der Medizin zurückgekommen. Es stellte sich heraus, daß der arme Bursche die ganze vergangene Nacht ununterbrochen bei seinem Herrn gewacht hatte. Minna hieß ihn, sich in dem Nebenzimmer auf das Sofa legen; sie werde ihn rufen, sobald sie seiner bedürfen würde. Durch die offenen Fenster kam ein letzter Abendschein, in dessen mattem Lichte die Züge des Kranken, dessen Bett an der den Fenstern gegenüberliegenden Wand des großen Gemaches stand, bleich wie die eines Toten waren. Eine entsetzliche Angst befiel Minna: dies sei schon der Tod, bis dann wieder die Atemzüge lauter, heftiger wurden; der Kranke den fieberheißen Kopf hin und her auf dem Kissen zu werfen, mit den Fingern der freien Hand auf der Bettdecke krampfhaft zu zucken begann. Sie mußte einen neuen Versuch machen, ihm von der Medizin einzuflößen. Ein erster war vorhin mißlungen. Minna hatte in Gegenwart des Dieners es nicht über sich gewinnen können, das geliebte Haupt zu berühren; auch gemeint, daß jener, an dessen Nähe der Kranke einmal gewöhnt war, diese Hilfe besser leisten könne, als sie. Aber Hypolit hatte die Lippen zusammengepreßt und, als der Mann ihm freundlich zuredete, nur unwillig die Brauen gezuckt. Sie hielt den gefüllten Löffel in der Rechten. Noch einen Moment zögerte sie; dann schob sie die Linke unter seinen Kopf, den sie emporrichtete, während sie ihn mit leiser Stimme bat, den Trank zu nehmen. Plötzlich ging eine seltsame Veränderung mit dem Kranken vor. Das Fieber, das ihn geschüttelt hatte, schien verschwunden. Die zuckenden Glieder streckten sich wie in wohligem Schlafe; die krausen Züge glätteten sich und nahmen den Ausdruck gespannten Lauschens an. Minna wiederholte die leise Bitte. Da flog ein Lächeln um die blassen Lippen, die nun gierig dankbar den Trank schlürften. Sie ließ sein Haupt wieder auf das Kissen gleiten und zog die Hand zurück. In demselben Augenblicke aber verfinsterte sich sein Gesicht von neuem, um sich sofort abermals zu erhellen, als sie, sich über ihn beugend, flüsterte: Du mußt nun ruhig sein, Hypolit, ruhig und geduldig um deiner Minna willen, die sich sonst zu Tode ängstigt. Ein seliges Lächeln; dann wendete er, wie ein gehorsames Kind, das Haupt auf die Seite, und regelmäßige Atemzüge verkündeten, daß er in ruhigen Schlaf gefallen sei. Sie erhob sich und entzündete die Lampe, die der Diener auf einem Tische in der Mitte des Gemaches zurechtgestellt hatte, so daß der Schein den Kranken nicht belästigen konnte. Der Tisch war augenscheinlich sonst ein Arbeitstisch; es lagen Papiere darauf, mit seiner schönen gleichmäßigen Handschrift bedeckt, und Bücher, von denen eines aufgeschlagen. Sie nahm es zur Hand, es war Rousseaus » Nouvelle Héloise « und das aufgeschlagene Blatt eine Seite aus dem Briefe Julies an St. Preux, als dieser in das Duell mit Mylord Edouard gehen will. Sie las: »Hüte Dich also, den heiligen Namen der Ehre mit dem barbarischen Vorurteil zu verwechseln, welches alle Tugenden auf eine Degenspitze stellt und zu nichts taugt, als tapfere Verbrecher zu machen. Wenn diese Unsitte wirklich ein Ersatzmittel für die Rechtschaffenheit sein sollte, ist es nicht nutzlos überall da, wo die Rechtschaffenheit herrscht? Und was soll man von dem denken, der sich dem Tode aussetzt, um der Verpflichtung zu entgehen, ein ehrlicher Mann zu sein? Siehst Du denn nicht, daß jene Verbrechen, welche die Scham und die Ehre nicht haben verhindern können, gedeckt und vervielfältigt werden durch die falsche Scham und die Furcht vor dem Tadel? Sie ist es, die den Menschen zum Heuchler und Lügner macht; sie ist es, die um eines unbedachten Wortes willen, das er hätte vergessen müssen, ihn das Blut des Freundes vergießen läßt, um eines verdienten Vorwurfes willen, der ihm unerträglich dünkt. Sie ist es, die das betrogene, furchtsame Mädchen zur höllischen Furie wandelt. Sie ist es, die, o allmächtiger Gott! die Hand der Mutter waffnet gegen die zarte Frucht. ... Ich fühle meine Seele vergehen bei dem furchtbaren Gedanken und danke wenigstens dem, der die Herzen prüft, daß er von dem meinen jene gräßliche Ehre ferngehalten hat, welche nur zu Freveltaten begeistert und die Natur schaudern macht.« Sie konnte nicht weiterlesen; ein Stöhnen ihres Kranken rief sie zum Bett zurück. Wieder warf er den Kopf hin und her, und die Hand tastete wie suchend auf der Decke. Sie nahm die heißen Finger in die ihren; sofort schwand die wilde Erregung; doch schien auf dem bleichen Gesichte mit den geschlossenen Augen noch eine Spannung zu liegen, wie eines erwartungsvoll Lauschenden. Wollte er ihre Stimme hören? Von Rührung schier überwältigt, stammelte sie ein paar unzusammenhängende Worte, sehr leise, denn das verhaltene Weinen schnürte ihr fast die Kehle zu; aber über die weite Ferne, in die ihm das Fieber sonst die lebendige Welt rückte, hatte er sie doch gehört – vielmehr den Klang der Stimme vernommen; sicher nichts weiter: sie durfte ihm jetzt sagen, wovon ihr armes Herz überfloß; verstehen würde er sie ja nicht. Und so, sich nahe zu ihm beugend, sagte sie, wie mit ihm für ihr Leben die Sonne aufgegangen sei; wie grenzenlos sie der Sonnenschein beseligt, und wie unendlich sie den Spender dieser ihrer Seligkeit geliebt habe. Und was sie gelitten, als ihre Sonne sich dann zu verhüllen schien, und wie sie nun versucht, in dem Traume von einem unzerstörbaren Himmelsglück, das ihrer harre, sich ein gesteigertes Abbild des vernichteten Erdenglückes zu schaffen. Und wie sie, ganz umfangen und geblendet von dem trügerischen Wahne, sich das Ungeheure zumuten zu dürfen, es ertragen zu können geglaubt habe; und wie entsetzlich sie unter der Last gelitten, um dann doch unter ihr zusammenzubrechen. Das klage ich nicht dir, Geliebter, flüsterte sie, sondern der stillen Nacht, die uns beide umgibt und die Glut der Scham verdeckt, von der meine Wangen flammen. Ich weiß es ja, deine Liebe ist unermeßlich wie deine Güte, und du würdest mir selbst dies vergeben, hast es mir bereits vergeben und in deinem großen Herzen nichts als Mitleid mit deinem unglückseligen Mädchen. Ja, deinem, deinem immerdar, es mag geschehen sein, was da wolle; es möge was immer geschehen! Und wenn du in diesen Zweikampf, den deine hohe Seele verabscheut hat, gegangen bist, ein Leben los zu werden, in dem auch nur scheinbar sie dich verlassen konnte, die du mehr liebtest als dich selbst – sieh, Geliebter, auch an mich ist die Versuchung des Todes herangetreten in furchtbar verlockender Gestalt, und ich habe sie überwunden und bin am Leben geblieben, das mir ein Grauen ist, wie auch du am Leben bleiben mußt, in dem dir kein Blütentraum mehr reifen wird. Hohe Seelen wie deine können nur einmal lieben und hüllen sich für immer in die Nacht der Entsagung, wenn die erste heilige Flamme auf dem Altare ihres Herzens erloschen ist. So laß uns ausharren, Geliebter! uns beide! ich, die ich muß; du um meinethalben, deiner selbst für mich vergessend, wie du es ja jederzeit getan Haft; durch Länder und Meere getrennt, doch miteinander lebend; grausam geschieden, dennoch verbunden in geheimnisvoll köstlicher Ehe, deren Brautnacht diese ist. Sie hatte sich vollends über ihn gebeugt und berührte mit den Lippen seine bleiche Stirn; dann sank sie in den Sessel zurück. Nur ihre Hand hatte sie in der seinen gelassen. Und mußte sie ihm auch weiter lassen. Sobald sie sie ihm einmal entzog, wurde er ungeduldig. Ja, selbst als tiefe Atemzüge anzeigten, daß es kein Fieberschlaf mehr war, den er schlief – ihre Hand wollte er nicht lassen. Ihr aber hätte man vergebens alle Herrlichkeit der Welt und die himmlische Seligkeit bieten können für die Wonne, seine Hand so halten und sich sagen zu dürfen: niemals wird er sie einer anderen geben; ewig und ewig gehört dir sein Herz. So verging die kurze Sommernacht. Schon kam das Frühlicht hell genug über die Giebel der gegenüberstehenden Häuser, daß Minna die Lampe auslöschen konnte. Von der Gasse herauf, deren lautlose Stille nur ein paarmal der dumpf schallende Taktschritt vorüberziehender Patrouillen unterbrochen hatte, kam erst vereinzelt, dann häufiger das ungleichmäßige Geräusch zu ihrem Gewerbe eilender, sich schleppender Menschen. Ein Wagen rollte langsam vorüber, aus dem Hause selbst ließen sich Laute vernehmen; der Tag war da. Minna schloß an den offenen Fenstern die Vorhänge, damit das grellere Licht den Kranken nicht erwecke, der so ruhig schlief. Daß der Doktor sich über den Zustand des Patienten sehr befriedigt aussprechen und sie fortschicken werde, nahm sie als sicher an. Durfte sie ihm von dem magischen Einflüsse reden, den ihre Gegenwart auf den Geliebten gehabt hatte? Sie würde geglaubt haben, die keusche Seligkeit dieser Nacht zu entweihen. So mußte sie denn jetzt von ihm Abschied nehmen. Sie war wieder an das Bett getreten; nebenan regte sich der junge Diener, es war keine Zeit zu verlieren. Einmal! ein einziges letztes Mal! Sich auf ihn niederbeugend, küßte sie ihn auf den Mund, durchrieselt von den Schauern höchster Wonne und des furchtbaren Schmerzes einer Trennung, die für ewig sein mußte. Sie hatte nur eben die geliebten Lippen mit den ihren berühren wollen; aber es war, als ob ein Allmächtiges sie festhalte, und jetzt wurde der Kuß erwidert. Es konnte ja nur eine Täuschung gewesen sein. Als sie sich, an allen Gliedern zitternd, aufrichtete, lag er wie vorher regungslos. Gelobt sei Gott! Der Diener trat herein, sehr bestürzt, daß er die ganze Nacht geschlafen hatte. Minna beruhigte ihn und fragte, ob er ihr eine Gefälligkeit erweisen wolle? Von ganzem Herzen, Madame, erwiderte der junge Mann eifrig; und Minna, ihm noch einmal in die ehrlichen Augen blickend, wußte, daß sie ihm trauen dürfe. So zog sie das kleine Paket, das ihre Briefe enthielt, hervor und bat Baptiste, es seinem Herrn zu geben, wenn er so weit genesen sei, daß er es ohne Gefahr tun zu können glaube. Denn in dem Pakete sei etwas, das den Herrn möglicherweise sehr aufregen werde, wenn auch nicht schmerzlich. Er solle deshalb den Augenblick schicklich wählen und besonders darauf sehen, daß niemand sonst zugegen sei. Er selbst aber solle in der Nähe bleiben. Baptiste versprach alles treulich auszurichten und küßte Madame die Hand. Minna hatte, als sie gestern in ihren Sachen ordnete, einen hübschen Ring aus ihren Mädchenjahren, den sie lange vermißt, gefunden und angesteckt. Den zog sie jetzt ab, indem sie sagte: Auch dies geben Sie Ihrem Herrn, und ich hätte diesen Ring an dem Tage getragen, da ich ihn zum ersten Male gesehen und nie wieder, bis zu dieser Nacht, in der ich auf immer von ihm Abschied genommen. Das wolle Gott verhüten! sagte Baptiste, mein Herr liebt Madame ja so! Da wissen Sie? sagte Minna mit trübem Lächeln. Ganz gewiß, Madame! Wenn ein Diener seinen Herrn liebt, weiß er auch, wen sein Herr liebt. Und in dem Falle von Madame und Monsieur war es noch besonders leicht, es zu wissen, da Monsieur beständig ein Medaillon um den Hals trägt, mit einer Glaskapsel, in dem sich eine Locke befindet, wie ich oft gesehen habe, wenn ich Monsieur bei der Toilette half. Und als Monsieur vorgestern früh zum Duell ging, wohin ich ihn begleitete, sagte er unterwegs zu mir: Baptiste, wenn ich falle, sorge dafür, daß ich mein Medaillon mit in das Grab bekomme. Nun, und die Locke ist von Madame, wie ich wußte in dem Moment, als Madame gestern abend hereintrat. Die schöne dunkle Farbe von Madames Haar existiert nicht zweimal. Die Rede floß dem jungen Menschen so anmutig von den Lippen, und was er sagte, klang Minna so süß – sie dachte der Abendstunde, als Hypolit sie um die Locke gebeten und von ihr die Erlaubnis erhalten hatte, selbst sie sich schneiden zu dürfen. Wie er dann unter dem Vorwande, die Wahl werde ihm zu schwer, so lange in ihrem Haare genestelt, bis sie ihm lachend die Schere aus der Hand genommen und auf gut Glück eine Locke abgeschnitten hatte. Für den Moment überkam sie wieder die ganze Seligkeit jener Tage, und sie war das liebende und geliebte Mädchen, vor dessen Auge die Zukunft gelegen hatte, ein einziger sonniger, rosenbekränzter Tag. Ein kurzer Moment. Dann hob sie die heißen, überwachten Augen und sah die trostlose Wirklichkeit, die der rosige Zukunftstraum gebracht hatte: das öde Junggesellenzimmer in der Unordnung eines improvisierten Krankenraumes mit dem Feldbett, auf dem der Geliebte bewußtlos lag, um zu erwachen in Schmerzen, allein, die tristen Tage und endlosen Nächte hindurch; langsam genesend zu einem Leben, das sich nun so weiterspinnen würde ohne Freudigkeit in monotoner Pflichterfüllung, bis der Tod kam, der jetzt nur noch der Ausgang aus dem Erdenleid sein konnte, nicht der Eingang zu Paradiesesglück. Da wurde leise die Tür geöffnet; über die Schwelle schritt die lange, hagere Gestalt des ärztlichen Freundes, auf dem grotesken Gesicht den Schimmer eines Lächelns, das ihr galt, während die Augen unter den buschigen Brauen bereits scharf nach dem Kranken spähten, an dessen Lager er dann unverzüglich trat. Eine kurze Untersuchung, und er hatte sich wieder zu ihr gewandt. Bravo, Liebste! Sie haben Äskulap selber übertroffen. Unser Patient ist nicht nur außer aller Gefahr; ich kann die Garantie übernehmen, daß er in drei Wochen ein völlig gesunder Mann sein wird. Ihr Dienst ist also von jetzt an unnötig, glücklicherweise, denn Neddermeyer kann nicht länger warten, und sein Wagen hält bereits an der nächsten Ecke – ich wollte ihn hier nicht vorfahren lassen – mit Christiansen und Ihren Sachen. Ich begleite Sie natürlich bis an den Wagen. Und nun expedieren Sie sich! Der alte Mann hatte das alles hastig und in dem Tone jemandes gesagt, der einen Widerspruch, den er fürchtet, von vornherein abschneiden will. Dann hatte er Baptiste einen Befehl gegeben, worauf der junge Mensch eilig in dem Nebenzimmer verschwand, und war selbst an den Tisch in der Mitte des Zimmers getreten, auf dem er, Minna den Rücken zuwendend, eifrig etwas zu suchen schien. Guter, alter Mann mit der bärbeißigen Miene und dem weichen Kinderherzen! der Abschied ist bälder genommen, als du denkst. Ein einziger Blick nur noch in das bleiche Gesicht, über das in diesem Moment ein schmerzliches Zucken geht, und dann ade! ade! Zehntes Kapitel. Das Jahr der gewaltigsten Ereignisse, die, solange die Erde um die Sonne kreist, in den Annalen des Menschengeschlechts zu verzeichnen waren, geht zur Rüste. Die Leipziger Schlacht ist geschlagen; die ungeheure Arbeit auf den blutgetränkten Ebenen hat den Schnitter Tod noch nicht ersättigt. Dem Rheine zu wälzen sich die Kolonnen der siegreichen verbündeten Heere dem Besiegten nach, der ihnen fliehend noch fürchterlich ist, und, wenn er auf der Flucht gestellt wird, dem verwundeten Eber gleich, sich der Verfolger mit blutigen Streichen erwehrt. In Frankfurt am Mainstrom sind die gekrönten Häupter versammelt, um zu beraten, was fürder geschehen soll, und schon sind die Federn der Diplomaten geschäftig, von dem Debet, das dem opferfreudigen Volke zukommt, möglichst viel auf die Kreditseite der Fürsten zu überschreiben. Unter so vielen Bittstellern um Recht und Gerechtigkeit haben sich auch die hanseatischen Abgeordneten eingefunden, den rastlosen Friedrich Perthes in ihrer Mitte; und sie gehen von einer Tür zur anderen, die grimme Not zu klagen, unter der die einst schönste und reichste Stadt des Bundes, das altehrwürdige Hamburg, seufzt. Man empfängt sie mehr oder weniger gnädig, gibt ihnen auch mehr oder weniger ernsthaft gemeinte Versicherungen des Wohlwollens und der Teilnahme; nur auf was es ihnen zunächst einzig und allein ankommt: tatkräftige Hilfe verspricht ihnen keiner, gewährt ihnen keiner. Zwar der Kronprinz von Schweden könnte helfen. Er steht an der Spitze eines Heeres im Norden Deutschlands, mächtig genug, Hamburg nach voraussichtlich kurzer Belagerung im Sturm zu nehmen. Er hat anderes zu tun; er hat sich Norwegen in Holstein und Schleswig zu erobern, wohin er aufgebrochen und bereits bis zur Eider und über die Eider gedrungen ist. Und wenn der Prinz von Eckmühl und Herzog von Auerstädt, wie er den Marschall ständig in seinen Depeschen nennt, auf die Aufforderung, die Stadt mit allem kriegerischen Glanze zu räumen, erwidert: »Ein Mann von Ehre betrachte sich nicht seines Eides der Treue entbunden, weil sein Souverän Unglücksfälle erlitten habe,« was kann er tun, als so heroischer Gesinnung kameradschaftlich salutieren und sich begnügen, die Stadt so weit einzuschließen, daß es bei einem Versuche des Gegners, durchzubrechen, doch zu ein paar den Anstand wahrenden Gefechten kommen müßte. Aber der grimme Marschall scheint seine Natur geändert zu haben. Er macht den Versuch nicht, den alle Welt erwartet, und dessen Gelingen wochenlang ganz in seiner Hand lag. Wie er sich in Mecklenburg lässig gegen Wallmoden geschlagen, läßt er sich jetzt von Woronzow und Benningsen fast widerstandslos in Hamburg festhalten, das er auf Kosten des Geldes, des Schweißes, des Blutes seiner Einwohner, zu einer Festung umgeschaffen hat, und über welches nun alle Schrecken einer winterlichen Belagerung hereindrohen. Die einsame Frau auf Schloß Warnesoe hatte von allen diesen Dingen Kunde erhalten, für deren Verbreitung an Stelle der selten eintreffenden Zeitungen und der noch häufiger ausbleibenden Briefe in dieser Zeit die tausendzüngige Fama geschäftig sorgte. Ja einmal – auf dem Durchzuge des Kronprinzen von Schweden durch Holstein – war der Krieg in ihre unmittelbare Nähe gekommen, und sie hatte die Ehre gehabt, den hohen Herrn selbst zwei Tage lang und Tettenborn, der mit dem Vortrapp sogleich weitereilte, wenigstens auf ebensoviele Stunden bewirten zu dürfen. Tettenborn war, wie immer, die Liebenswürdigkeit selbst gewesen; hatte sich mit Entzücken der köstlichen Stunden erinnert, die er im Frühjahre in ihrem gastlichen Hause in Hamburg zugebracht; sich angelegentlich nach ihrem Bruder erkundigt, der, soviel er wisse, jetzt mit dem Woronzowschen Korps vor Hamburg liege; nach ihrem Gatten, dem er ihn zu empfehlen und sagen zu wollen bitte, daß er, der Junggesell, ihn um das bevorstehende hohe Familienglück innigst beneide. Auch der Kronprinz hatte sich auf das eingehendste nach den persönlichen Verhältnissen »der liebenswürdigen Wirtin, die er in ebenso besonderen, wie Teilnahme erweckenden Verhältnissen angetroffen«, erkundigt und ihr die Versicherung erteilt, er werde dafür Sorge tragen, daß sie für die Folgezeit, in der sie der Schonung und Ruhe so bedürfe, von seinen Truppen, geschweige denn von denen des Feindes, den er ja vor sich her in sein heimisches Jütland treibe, unbelästigt bleibe. Minna hatte ihm gedankt und hinzugefügt, daß Naturanlage und Schicksal sie dazu gedrängt und daran gewöhnt hätten, in der Sorge um die Mitmenschen die um das eigene Wohl und Wehe zu vergessen, und sie den Blick nur immer angstvoll auf die unglückliche Vaterstadt gerichtet halte, in der Tausende lebten, deren Schicksal ein verzweifeltes sein werde, wenn die Hoffnung, welche sie auf Seine königliche Hoheit setzten, sich nicht erfülle. Worauf denn Seine königliche Hoheit mit einigen wunderschönen Phrasen und einem ritterlichen Kuß auf die Hand der Dame geantwortet hatte, von der ihm General Tettenborn nicht zuviel gesagt, wenn er ihn versichert, »daß sie die Krone ihres Geschlechtes sei«. Die Schweden waren abgezogen; Schloß Warnesoe lag wieder in winterlicher Einsamkeit. Minna hatte es auch noch gesehen umgeben von der sommerlichen Pracht seiner wogenden Felder und rauschenden Wälder, als der tiefblaue Himmel, nur hie und da von einzelnen stillstehenden schimmernden Wolken besetzt, sich darüberspannte und in der stillen Flut des nahen Meeres widerspiegelte. Sie hatte das Geheiß des alten Arztes treu befolgt und sich in langen Spaziergängen durch Feld und Wald, die sie oft bis zum Strande ausdehnte, das Blut erfrischt und die Glieder geschmeidigt. Selten, daß sie auf ihren Wanderungen eine andere Begleitung gehabt, als einen großen, treuen Hund aus dem Inspektorhause, der ihr schon vom Winter her bekannt und vertraut war. Ein oder das andere Mal nur war Frau Neddermeyer in ihrer Gesellschaft gewesen; aber der guten Dame machte ihre Körperfülle die weiten Wege beschwerlich und, mit welcher Liebe und Verehrung sie auch an der jungen Herrin hing, eine gewisse Befangenheit vermochte sie doch in ihrer Nähe nicht los zu werden, ja seltsamerweise wuchs ihre ehrfurchtsvolle Scheu, je länger der Verkehr währte. Die gnädige Frau, wie sie ihrem Gatten kopfschüttelnd vertraute, hatte so etwas Geheimnisvolles, Weltfremdes, als gehöre sie eigentlich gar nicht unter die gewöhnlichen Menschen. Herr Neddermeyer erwiderte, er wünsche nur, es möchte mehr solcher geheimnisvollen, weltfremden Menschen geben, die sich so viel und so liebevoll um die armen Menschenkinder bekümmerten und sorgten; Frau Neddermeyer stimmte von Herzen in diesen Wunsch ein, ohne beim besten Willen ihre Empfindung der gnädigen Frau gegenüber ändern zu können. Aber auch einem tieferblickenden Geiste als dem der braven Verwalterin würde das Wesen der jungen Herrin befremdlich und rätselhaft gewesen sein. War es nicht zum Erschrecken verwunderlich, wie geduldig sie diese völlige Einsamkeit so viele Monate hindurch ertrug, da sie es doch anders hätte haben können? Es gab ein paar Pastorenfamilien in der Nachbarschaft, auch die Häuser einiger Gutsbesitzer, bürgerlicher und adliger. Fast überall fanden sich da Frauen und erwachsene Töchter, und alle hatten die neue Nachbarin wissen lassen, daß sie sich durch ihre Bekanntschaft geehrt fühlen würden; ja, einige waren dabei nicht stehengeblieben, sondern in Person in Warnesoe erschienen. Minna hatte für jene Aufforderungen ihren Dank gesagt, die Besucherinnen freundlich empfangen; aber dabei war es von ihrer Seite geblieben. Sie war, wenn auch in anderem Sinne als Frau Neddermeyer, der Meinung, daß sie nicht unter die Menschen gehöre; deshalb nicht, weil sie nach ihrer Empfindung mit den schweren und trüben Gedanken, die sie fortwährend in der Seele wälzte, den anderen, die noch Freude am Leben hatten, nicht erfreulich sein konnte. Und bannen ließen sich diese Gedanken nicht; allzu mächtig drangen sie aus der ewigen Erwägung und Betrachtung ihrer Lage auf sie ein; sie konnte nichts tun, als jedem mutig in die Geisteraugen sehen und bis in seine letzte geheimnisvolle Tiefe nachspüren. Sie sollte Mutter werden. Würde sie das Kind lieben können, das sie nicht in Liebe empfangen hatte? Das vielleicht das Abbild seines Vaters, der Erbe seiner Gesinnung, seiner Sitten wurde? Hieß das nicht, ihr schmachvolles Leid in einem Doppelspiegel sehen? Oder haben Herz und Gemüt in dieser Angelegenheit nicht mitzusprechen? Ist sie ganz Sache der Natur, der jedes Mittel recht ist, durch das sie sich der Zukunft der neuen Generation versichern kann? Wo blieb dann aber die Heiligkeit des Verhältnisses zwischen Mutter und Kind, wovon der ärztliche Freund gesprochen, und der sie zuerst das Opfer ihrer heißen Todessehnsucht hatte bringen müssen, und jetzt alle die zahllosen kleinen Opfer, die jeder Tag erheischte, eines nach dem anderen brachte? Jene heidnische Philosophie des alten Stoikers, meinte sie, mache sich mit ihrer praktischen Konsequenz zum Anwalt der Natur im gemeinen Sinne, die es dann nur bei den Tieren hätte bewenden lassen und sich nicht zum Menschen erheben sollen. Wenn ihm dazu der Verstand ward, um im inneren Herzen zu spüren, was er mit seiner Hand erschafft, darf eines Weibes Herz schweigen oder gar unwillig zucken bei dem geheimnisvoll sichtbar unsichtbaren Werke, das zu fördern und zu reifen jeder Blutstropfen in ihr geschäftig ist? Und angenommen, daß die Natur sich als die allmächtige erwies und die Mutter zwang, ihr Kind zu lieben trotz alledem, würde deshalb ihr Verhältnis zu dessen Vater ein anderes werden? sie auch diesen lieben lernen? Vor dem Gedanken schon schauderte Minna zurück. So würde sie also, liebend und liebelos, zwischen beiden stehen, trennend, was die Natur hatte vereinigen wollen; oder wenn die Einigung dennoch stattfand, ausgestoßen sein aus dem Bunde, der ohne sie nicht hätte zustandekommen können und mit ihr unmöglich war. Das hatte sie aus der Antwort schließen müssen, die ihr auf den Brief geworden, den sie nach langem Zögern über den Stand der Dinge in Warnesoe und den eigenen Zustand an den Gatten nach London geschrieben hatte. Sie war nicht so ungerecht, diese Antwort mit einem Briefe Hypolits vergleichen zu wollen: – anders mußte wohl ein hochgebildeter Offizier aus dem grausigen Feldzuge an die entfernte Geliebte schreiben, anders einer, der nur Kaufmann war, in behaglicher Sicherheit aus der größten Handelsstadt der Welt an die Gattin, die er durchaus nicht liebte; – aber ein Mann von Herz und Takt konnte der letztere so gut sein wie der erstere. War dies ein solcher Mann, der die Freude, die er offenbar über seine zukünftige Vaterschaft empfand, mit so schwülstigem Pomp, so knabenhafter Prahlhansigkeit zur Schau trug, und wenn er sich zum Schlusse mühsam darauf besann, daß er ihr, der er die Freude verdankte, doch auch ein gutes Wort gönnen müsse, trotz alles Suchens keines fand, nur plumpe Komplimente, die sie anwiderten, Schmeicheleien, die ihr die Schamröte in das Gesicht trieben, und die Versicherung, daß er alles, was Mißliches zwischen ihnen vorgefallen, vergeben und vergessen wolle? Und damit andererseits Minna nicht vergesse, daß er nach wie vor ihr Schicksal und das der Ihrigen in der Hand, und wie hoch sie deshalb sein Wohlwollen zu veranschlagen habe, berichtete er in einem Postskript von den schweren Differenzen, die zwischen ihm und Sandström – selbstverständlich durch dessen Schuld – anfangs obgewaltet hätten, von ihm aber großmütig ausgeglichen seien in der Hoffnung, daß »sich der Herr Schwager künftighin nie wieder beikommen lassen werde, in ihm den Chef der Familie zu mißachten«. Ein ganz anderes Aussehen freilich hatte die Angelegenheit in einem Briefe Johannas, der kurze Zeit darauf anlangte. Nach ihrer Darstellung war Oskars Stellung in dem Londoner Hause von vornherein eine kaum erträgliche gewesen und nach Billows Ankunft im Frühjahre eine vollends unerträgliche geworden, so daß Oskar schon im Begriffe gestanden habe, das Verhältnis zu lösen und lieber einer völlig ungewissen Zukunft in seiner Heimat entgegenzugehen, als sich in London den moralischen Mißhandlungen, die er von Billow täglich hätte erdulden müssen, länger ausgesetzt zu sehen. In letzter Zeit habe sich das Blatt plötzlich gewandt. Billow sei die Artigkeit und Liebenswürdigkeit selbst. Was davon die Ursache: ob die Aussicht auf seine Vaterschaft, mit der er – verzeihlicherweise – gegen jedermann in schier lächerlicher Weise prahle, ob die neuerdings in England mit Bestimmtheit von aller Welt erhofften günstigen kaufmännischen Konjunkturen – wage sie nicht zu entscheiden. Jedenfalls spreche Billow jetzt leichthin über seine Hamburger Verluste, die er bald wieder einbringen wolle – früher habe der Text sehr anders gelautet! – trage sich mit den größten Spekulationen und halte für ausgemacht, daß die Firma »Billow Brothers« fortan »Billow Brothers and Son« lauten müsse. Der Brief war ganz in dem alten munteren Johanna-Ton geschrieben. Minna konnte darüber eine volle Freude nicht empfinden. Ein Glück auf dieser Basis erschien ihr ein trügerisches, und es verletzte sie, daß die Leichtlebige über den Tod des Vaters, dessen Liebling sie doch gewesen war, mit einigen unbedeutenden Zeilen wegkam und nach dem Schicksale des Bruders nur eine flüchtige Frage hatte. Und doch kannte Johanna die schwere Sorge, die Minna um Georg trug. Seitdem sie sich im Frühjahre von dem Bruder getrennt, hatte sie keine Zeile von ihm, auch nicht die geringste indirekte Kunde über ihn erhalten; sie wußte nicht, ob er noch lebte, ob sie ihn als einen Toten beweinen sollte. Sie mußte das letztere fürchten. Stand er doch bei der hanseatischen Legion, und diese war bei den Gefechten in Mecklenburg zwischen Wallmoden und Davoust fast immer im Vordertreffen gewesen! Minnas einziger Trost war, daß Georg, wenn die Nachrichten, die sie von Warnesoe auf gut Glück an ihn gerichtet hatte, wie anzunehmen, nicht in seine Hände gelangt waren, sie noch immer in Hamburg eingeschlossen glauben mußte. Bestätigte sich aber Tettenborns Vermutung, daß er bei dem Belagerungsheer sich befinde, so war er in ihrer Nähe, und Hypolit und er standen sich gegenüber, konnten jederzeit in die Lage kommen, ihre Klingen gegeneinander zu messen. Es war ihr ein furchtbarer Gedanke, bei dem die Unseligkeit ihrer Liebe zu Hypolit in ihrem trübsten Lichte erschien. Die beiden geliebtesten Menschen sich als Todfeinde denken zu müssen – konnte es etwas Entsetzlicheres geben? Und mußte sie nicht auf seiten ihres Bruders stehen gegen den Geliebten, dessen Volk, wie früher zum übermütigen Sieger und brutalen Unterdrücker, nun zum grausamen Henker ihrer Vaterstadt geworden war? Denn immer fürchterlicher lauteten die Nachrichten, die jetzt, nachdem abermals der Winter in seiner ganzen Strenge hereingebrochen, aus der gequälten Stadt in das Land drangen. Hatte doch der Sieger dafür gesorgt, daß die Kunde der von ihm verübten Greuel nicht verborgen blieb! Mit feurigen Zungen sprach sie vom Himmel herab, der Nacht für Nacht von dem Widerscheine der Glut in Flammen aufgehender Villen, Gehöfte, endlich ganzer Vorstädte, auf Meilen hinaus gerötet war. Und das war nur das schaurige Vorspiel zu dem gräßlichen Hauptstück: der Austreibung der Tausenden von Armen, Schwachen und Kranken, Greisen, Weibern und Kindern, die nun ihr nacktes Elend durch das Land schleppten, bis sie vor Hunger und Kälte auf der Straße zusammenbrachen, wenn sich ihnen nicht vorher ein gastliches Haus öffnete, auf dessen Herde das Feuer vielleicht nur auch noch müde flackerte. Wie abgelegen von der großen Heerstraße Warnesoe inmitten seiner Wälder lag, Versprengte der Jammerkarawane waren selbst dahin gedrungen. Bald verbreitete sich die Nachricht von der freundlichen Aufnahme, welche die Vertriebenen in dem Schlosse gefunden, über dessen Portal nicht als Prahlerei der stolze Wahlspruch: » Noblesse oblige! « in steinernen Lettern prangte, deren verblichenes Gold Minna wieder hatte auffrischen lassen. Die gute Frau Neddermeyer erwies sich in der Krankenpflege ebenso brav, umsichtig und unermüdlich wie in der Behandlung des Jungviehs, aber ihre sonst unerschöpfliche Geduld war kurz zu Ende, sobald Minna auch nur Miene machte, für ihre Person mit zugreifen zu wollen. Dann trat sie gegen die verehrte, angebetete Herrin streng und schonungslos auf, als Mutter von sechs Kindern, die sie alle selbst großgesäugt hatte, und die also wissen mußte, welche Rücksichten die junge gnädige Frau ihrem Zustande schuldig war. Denn sehen Sie, gnädige Frau, sagte Frau Neddermeyer, mit so einer Stadtdame ist das immer noch eine besonders ängstliche Sache, womit ich der gnädigen Frau nicht bange gemacht haben will – im Gegenteil! Auf den alten Herrn Doktor in Hamburg, zu dem die gnädige Frau so viel Vertrauen hat, können wir nun freilich nicht rechnen. Aber auch ohne ihn, bin ich überzeugt, wird mit Gottes Hilfe alles gut gehen, wenn die viele Einsamkeit und das viele Lesen und Nachdenken auch gar keine gute Vorbereitung für die Stunde gewesen sind, die deshalb auch wohl ein bißchen früher kommen wird, als sie eigentlich dürfte. Frau Neddermeyer sollte recht behalten. Bevor ihr Mann, der in das nächste Städtchen gejagt war, mit dem Arzte zurückkam, war unter ihrer Assistenz, mit Hilfe einer weisen Frau aus dem Dorfe, der Erbe von Warnesoe bereits geboren. Elftes Kapitel. Ich kann mir nicht helfen, gnädige Frau, sagte Frau Neddermeyer ein paar Tage später, den gebadeten und wieder in seine Gewänder gehüllten Säugling in den Armen wiegend. Sie werden mir nicht zutrauen, daß ich Schmeicheleien vorbringen will; und was meine Kinder sind, sie konnten sich vom ersten Augenblicke an vor ihrem Herrgott und der Welt sehen lassen. Aber der Wahrheit die Ehre: so ein Prachtkind wie dieses ist doch keines von ihnen gewesen. Und wie es Ihnen ähnlich sieht, das ist nun rein zum Lachen: dieselben Löckchen, bloß noch nicht so dicht und so dunkel, und dieselben großen, dunkelblauen Augen, als hatte er sie der gnädigen Frau aus dem Spiegel gestohlen. Sie hatte das Kind der Wöchnerin gereicht, die es an die Brust legte und, während es gierig trank, das holde Wunder mit gerührtem Staunen betrachtete. Ob sie ihr Kind werde lieben können? Wie töricht war die Frage gewesen! wie schien sie nur auf den ersten Schrei des Neugeborenen gewartet zu haben, um sich als krankhaftes Wahngebilde zu erweisen und in ein wesenloses Nichts dahinzuschwinden. Versunken die arge alte Welt! wiedergeboren in paradiesischer Unschuld ihr entgegenstrahlend aus dem Auge ihres Kindes! Ja, ihres! Es hätte der Bestätigung der guten Neddermeyer nicht bedurft für das, was sie selbst alsbald mit freudigem Staunen entdeckt hatte: die auffallende Ähnlichkeit des Kindes mit ihr selbst. Unter Tausenden hätte sie's als das ihre herausgefunden. Wahrlich, das war – in die winzigen Verhältnisse übertragen – ihre Stirn; das war ihr Mund und Kinn; vor allem: das waren ihre Augen. Wenn sie in diese Augen sah, quoll es heiß auf in ihrem leidenschaftlichen Herzen, und Frau Neddermeyer hatte ihre liebe Not, das Baby den von Seligkeit trunkenen Mutterküssen zu entziehen. Lassen Sie mich es küssen, rief dann Minna; wer weiß, wie lange ich es darf! Gnädige Frau, sagte Frau Neddermeyer; es ist ein schönes Ding, wenn man Gott fürchtet. Aber man soll darüber das andere nicht vergessen: ihm zu vertrauen. Ja, wenn es eines von den drei halb verhungerten Kindern wäre, die Pastor Lange gestern auf der Straße gefunden und uns gebracht hat – Sie brauchen sich nicht aufzuregen, gnädige Frau! – sie sind gut aufgehoben; und der Doktor meint, er wird sie schon wieder in die Höhe bringen, und ich meine es auch. Und was ich sagen wollte: unser junger Herr hier hat keine blaue Ader über der Nase, Gott sei Dank! und solange die gnädige Frau leben, werden ihn die gnädige Frau mit Gottes Hilfe auch küssen können. Das kam gar treu und herzig von den Lippen der Braven, nur daß Minna nicht daran gedacht hatte, der Tod werde ihr ihre Wonne rauben. Der Raub drohte ihr von einer anderen Seite, und die ihr grausamer schien als der Tod. Ja, es war ihr Kind! Aber wie ängstlich sie in dem süßen Gesichtchen nach einem kleinsten Zuge von ihm spähte, dennoch war es auch sein Kind. Das schaffte kein Schwelgen in der Mutterfreude und keine Illusion weg; das ließ sich nicht wegphilosophieren durch Grübeln über einen mystischen Urquell der Natur, dessen heilige Reinheit kein Sterblicher zu trüben vermöge. Es war auch sein Kind, dessen Ankündigung ihn schon mit so großer Genugtuung erfüllt hatte; und wie würde sein Stolz wachsen, wenn er die Nachricht von der glücklichen Geburt empfing, die jetzt in einem Briefe des jungen Arztes an ihn nach London unterwegs war! Dann, über kurz oder lang – vielmehr, wie die politischen Verhältnisse lagen, in aller Kürze – würde er selber kommen und seine Ansprüche, seine Rechte, seine Autorität geltend machen, mit welcher herrischen Willkür, welcher Selbstüberhebung! Sie kannte seine Weise! Und sie würde sich ihren Schatz entrissen, ihn, der ihn ihr geraubt, darin wühlen sehen mit plumpen Händen; das reine Gold vermischen sehen mit unedelm Metalle, bis es unkenntlich wurde für der Mutter Auge, den hellen Klang verlor für der Mutter Ohr, ein Fremdes wurde für der Mutter Herz! Aber das durfte nicht sein; das wäre tausendmal schrecklicher als der Tod gewesen. Welches Mittel gab es, dem Untergange – denn darauf lief es ja hinaus, für sie gewiß und, wie sie jetzt dachte, auch für ihr Kind – zu entrinnen? dem Verderben zuvorzukommen? aus der drohenden Vernichtung ein Gott und der Natur gefälliges Leben zu schaffen? Nur eines. Der an jenem fürchterlichen Abend so unsagbar traurig ausgelaufene Versuch, zwischen ihm und ihr ein Verhältnis zu schaffen, in dem beide ehrbar miteinander leben könnten, mußte erneuert werden. Nicht in einem Anlaufe, wie damals, der, wenn er mißglückte, die beiden, die sich finden sollten, nur noch weiter auseinanderschleuderte; – nein: mit Vorsicht, Geduld, mit siebenmalsiebzigmal vergebender Liebe! Da war das Wort, das, so oft es über ihre stumme Lippe wollte, scheu zum Herzen zurückkroch. Wie durfte sie von Liebe sprechen zu einem anderen Manne, als dem einen, dem sie ihre Seele geeignet hatte? dessen Bild im Wachen und im Traume, mit unverwüstlicher Schönheit angetan, vor ihrer Seele stand? Sie hatte es anfangs wegzuweisen versucht, so oft es kam. Dann, als sie sah, daß es vergeblich war, hatte ihre mystische Spekulation eine andere Wendung genommen, und sie gemeint, wie die gläubige Jungfrau mit Stolz von einem Seelenbräutigam spreche, müsse auch das Weib von einem Gatten ihrer Seele sprechen dürfen, ohne daß sie sich zu schämen brauche; und um so viel die Seele hoher stehe als der Leib, mit so viel besserem Rechte gehöre ihm das Kind des von ihm geliebten, ihn liebenden Weibes. Aber ihr kritischer Geist durchschaute bald das moralische Gaukelspiel, und sie hatte für dies haltlose Treiben ihrer sehnsüchtigen Phantasie ein hartes Wort. Entweder war die Ehe heilig, oder sie war es nicht. Ein Drittes war ausgeschlossen. So mußte sie ihre Ehe heilig halten, auch in der Phantasie, um ihres Kindes willen. Hatte sie Zeit ihres Lebens, solange sie ein denkendes Wesen war, jeder Pflicht, die an sie herantrat, sie mochte nun groß oder klein gewesen sein, mit allen ihren Kräften zu genügen gesucht – jetzt war sie begnadigt worden mit dem höchsten Adel des Weibes, dem: Mutter sein zu dürfen. Sie konnte sich der Verpflichtung, die ihr aus diesem Adel oblag, nicht entziehen. So war sie denn nur eben von ihrem Lager erstanden, als sie, trotz Frau Neddermeyers flehentlicher Abmahnung, zu Papier und Feder griff, ihrem Gatten einen langen, herzlichen Brief zu schreiben, in welchem sie ihm treulich Bericht gab von allem, was einem Manne, dem in seiner Abwesenheit ein Kind geboren wird, irgend von Interesse sein kann; ihn zum Schlusse bei allem, was ihm heilig sei, beschwörend, der Versicherung seines letzten Briefes, alles Geschehene vergeben und vergessen zu wollen, eingedenk zu bleiben und mit ihr ein neues Leben zu beginnen, zu dem sie ihm von Herzen die Hand biete. Sie spürte, nachdem sie diesen Brief abgesandt hatte, eine große Erleichterung und Beruhigung. Ihr war, als wäre sie von neuem an den Altar getreten und hätte ihren ehelichen Schwur noch einmal geleistet, nun erst mit dem vollen Bewußtsein seines Tod und Leben umschließenden Gehaltes. Wie hinter umhüllendem Nebel wich das Bild des Geliebten weiter und weiter vor dem wachen Auge ihres Geistes zurück; selbst im Traume erschien es immer seltener und undeutlicher. Sie durfte hoffen, in kurzem ganz genesen, ganz das zu sein, was sie um ihres Kindes willen sein mußte. In dieser mutig-dankbaren Stimmung ertrug sie auch ein Mißgeschick verhältnismäßig leicht, das sie noch vor kurzem aufs tiefste bekümmert haben würde. Sie konnte die holde Pflicht der Mutter, ihr Kind zu nähren, nicht länger erfüllen. Der junge Arzt hatte ihr mit aller Zartheit, aber auch Bestimmtheit vorausgesagt, daß es so kommen würde, ohne weder bei ihr noch bei Frau Neddermeyer Glauben zu finden. Frau Neddermeyer war sehr empört und geneigt, alles für eine Schikane des Arztes zu halten. Indessen mußte man sich in das Unvermeidliche fügen und, da weit und breit eine Amme nicht aufzutreiben war, zu künstlicher Nahrung seine Zuflucht nehmen. Der junge Herr, wie Frau Neddermeyer das Kindchen unweigerlich nannte, bewies seine Bescheidenheit und Lebenslust dadurch, daß er die neue Nahrung ohne Anstand nahm und dabei nicht minder kräftig gedieh als vorher. Schon konnte die junge Mutter in ein paar Sälen, die sie hatte heizen lassen, ihn auf ihren Armen spazieren tragen und, während sie ihm mit ungeübter Stimme Liedchen sang, zu denen sie sich Text und Musik aus dem Stegreif machte, sich selbst in Zukunftsträumen wiegen, deren Held natürlich stets ihr Baby war. Nun kein Baby mehr: ein rosiges Kind, das ihr auf unsicheren Beinchen entgegengelaufen kam, die Händchen nach ihr ausstreckend, und von ihr umfangen und jubelnd emporgehoben wurde; ein trotziges Jüngelchen, das furchtbar ungezogen war und zu wissen schien, daß die Rute auch diesmal eine leere Drohung bleiben werde; ein lockiger Knabe, der, geschmeidig wie eine Gazelle, über die Blumenbeete sprang, den bunten Schmetterlingen nach; ein glutäugiger Jüngling, der es eilig hatte, der Mutter Adieu zu sagen, wahrend unten das mutige Pferd mit den Hufen auf das Pflaster hieb und die Jagdgenossen riefen. Und so in vielen Situationen, in die den Jäger, den Landmann sein Leben bringt. In dem Kontor über das Pult gebeugt sah sie ihn nie. Das Kaufmannsgeschäft in Hamburg mochte sein Vater weiterführen, dem sie schon im voraus dankbar war, daß er ihrem Sohne durch seinen Reichtum ein freies und schönes Dasein schuf hier auf dem Schlosse inmitten der Vielen, über die er schalten würde, ein Untadeliger im Sinne des stolzen Wappenspruchs ob der Tür seines Hauses. Ein milderes Wetter, das der Februar brachte, verstattete der jungen Mutter, ihren holden Schatz weiter durch die Säle zu tragen, deren hohe Fenster sie hatte öffnen lassen, dem warmen Sonnenschein Eingang zu verschaffen. Sie mußte selbst lächeln, wenn sie so dem Erben von Warnesoe sein prächtiges Heim »zeigte«, von dem doch die wandernden Kinderaugen nichts faßten und begriffen. Nur einen Raum vermied sie sorgfältig: den Bibliotheksaal. Sie hätte der bittersüßen Stunden denken müssen, die sie im vorigen Winter über der Lektüre der Neuen Heloise dort zugebracht und des Entsetzens, das sie erfaßte, als Julie es über sich gewann, den Geliebten in das Haus ihres Gatten zum Zeugen ihres ehelichen Glückes zu laden. In dem Bibliotheksaale, das wußte sie, konnte sie sein Bild nicht bannen; der ganze Raum schien ihr von seiner Gegenwart erfüllt; und, wie grenzenlos sie auch ihr Kind liebte, die bloße Vorstellung, sie wandle mit ihm durch das weite Gemach, während ein dunkles Augenpaar schwermutsvoll ihr folgte und sie fragte: das hast du mir getan? machte sie entsetzt zusammenschaudern, als hätte der Boden zu ihren Füßen sich geöffnet und sie müsse da hinab mit ihrem Kinde. Aber das waren nur einzelne schwache Momente, derer sie sich schämte jetzt, wo sie mit sich selbst völlig im reinen war und vertrauensvoll in eine Zukunft blickte, die sie mit ihrer Willenskraft meistern zu können glaubte. War ihr doch auch ihre alte physische Kraft voll zurückgekehrt, und durfte sie endlich daran denken, der guten Neddermeyer einen Teil der ungeheuren Arbeitslast abzunehmen, die nun sichtlich selbst den braven breiten Schultern zu schwer wurde. Frau Neddermeyer wollte davon nichts wissen, und auch der Arzt, dessen Jugend und Unerfahrenheit durch eine seltene Intelligenz und Energie ausgeglichen wurden, erhob dringenden Einspruch. Meine Sorge um Sie ist schon groß genug, gnädige Frau, sagte er. Ich muß Ihnen jetzt sagen, da es sich nicht länger verbergen läßt, daß die Kinder, die wir zuletzt aufnahmen, ein schweres Scharlach durchgemacht und allerdings glücklich überstanden haben. Aber gerade in dieser Periode der Rekonvaleszenz ist das Kontagium am allergefährlichsten, und ich könnte es nicht verantworten, wollte ich Ihnen erlauben, mit meinen Kranken in Berührung zu kommen und so sich selbst und das Kind der Gefahr der Ansteckung auszusetzen. Unter normalen Verhältnissen würde ein derartiges Verbot für Minna wenig verbindlich gewesen sein; jetzt fühlte sie, daß sie ihm gehorchen müsse. Auch nicht den Schein der Vergessenheit einer Pflicht, welche jetzt in ihren Augen für sie die höchste war, durfte sie aufkommen lassen. Stand doch schon zu befürchten, daß ihr Gatte die gastliche Aufnahme, die ein winziger Bruchteil der armen Vertriebenen in seinem Hause gefunden, nachträglich aufs höchste mißbilligen würde! So mußte sie auf eine Tätigkeit verzichten, zu der sie sich in jeder Weise berufen fühlte, und bald sollte die Not, die sie von den Mitmenschen abzuwehren helfen wollte, in der finstersten Gestalt über ihre eigene Schwelle huschen. In einer Nacht fuhr das Kind aus unruhigem Schlafe mit glühenden Wängchen und fieberheißer Stirn auf. Minna erschrak aufs heftigste; sie sah sofort, daß es sich hier um keinen unbedeutenden Anfall handle. Dennoch tat sie mit ruhiger Überlegung, was der Augenblick zu fordern schien. Es war das freilich wenig, aber sie wußte, daß auch der Arzt kaum viel mehr würde tun können. Er kam beim ersten Morgengrauen. Ein Blick in sein ernstes Gesicht, als er von der Untersuchung aufschaute, bestätigte die schlimmste Befürchtung. Es ist keine Hoffnung? sagte sie dumpf. Ich weiß es nicht, erwiderte er leise. Ich weiß nur, daß die Natur Hilfsquellen hat, auf die wir vertrauen müssen, wenn unsere Kunst ratlos ist. Das war nur eine Umschreibung für das Fürchterliche – Minna wußte es wohl, aber sie sagte nichts. Der Arzt blieb ihr zur Seite an dem Bettchen, wo das zarte Menschenleben den schauerlich ungleichen Kampf mit dem Allbezwinger kämpfte. Stunde um Stunde verrann. Das Kind lag mit weit aufgerissenen, starren Augen da, als wundere es sich, daß man es zum Leben gerufen, wenn es doch sobald daraus scheiden sollte. Fühlt es Schmerzen? fragte die Mutter. Nein, erwiderte der Arzt leise, ohne sie anzusehen. Er wußte, daß die Schmerzen, die das Herz der Unglücklichen zerrissen, für eine Welt der Verdammnis ausgereicht hätten. Stunde um Stunde verrann. Dann, als der kurze Tag sich zu Ende neigte, kam die letzte für das kleine tapfere, wehrlose Geschöpf. Noch einmal tat es einen tiefen Atemzug und streckte die zarten Glieder. Der Tod hatte seine Beute. Der Arzt erhob sich. Wollte Gott, gnädige Frau, sagte er, ich könnte Ihnen in dieser schweren Stunde irgend helfen. Ich fürchte, es wird nicht der Fall sein. Wäre es, bitte, rufen Sie nach mir; ich bleibe im Hause. Er hatte ihr die schlaff herabhängende Hand geküßt. Ihr Auge war starr auf die Leiche ihres Kindes gerichtet. Hatte sie ihn verstanden? Er mußte daran zweifeln, aber wiederholen mochte er seine Worte nicht. So verließ er leise das Gemach. Draußen angekommen, konnte er sich der Tränen nicht enthalten. Er hatte in diesen Monden viel des Jammers gesehen; keinen, der ihm tiefer zu Herzen gegangen wäre als der stumme dieses glücklosen jungen Weibes. Zwölftes Kapitel. Und wie in der ersten Stunde blieb ihr Schmerz ohne Worte und, soweit die wenigen Zeugen wahrnehmen konnten, selbst ohne Tränen. Zur größten Kümmernis, ja zum Entsetzen der guten Frau Neddermeyer, die nun ebenfalls in Gegenwart der schweigsamen Herrin verstummen mußte, um ihren Worten und Tränen freien Lauf zu lassen, sobald jene den Rücken wandte. Nicht bloß, daß sie den lieben Engel verloren, den sie wie ihr eigenes Kind geliebt hatte! Sie glaubte sich von schwerer Schuld bedrückt, indem sie die Ansteckung aus dem Zimmer jener kranken Kinder in die Wohnstube hinaufgetragen habe. Der Arzt, dem sie ihre Not klagte, konnte die Möglichkeit nicht wegleugnen und sagte auch so zu Minna, als diese gelegentlich auf das veränderte Wesen der treuen Frau hindeutete. Mag sein, erwiderte Minna; auf alle Fälle hat sie nur ihre Menschenpflicht erfüllt, die sie den armen Kindern nicht minder schuldig war als dem meinen. Und dann, wenn etwas, so war der frühe Tod meines Kindes in den Sternen geschrieben. Der Arzt blickte die junge Frau erstaunt an. Ja, mein Freund, sagte sie, in den Sternen, die ewig ihre Bahnen kreisen, weil sie dem Gesetze gehorchen und so nicht irren können. Was vom Gesetze abirrt und alles, was aus dem Irrtum stammt, ist dem Tode verfallen. Ich hätte es wissen sollen; aber es war so süß, wie das Erwachen schrecklich ist. Das schienen dem Arzte, der das Verhältnis Minnas zu ihrem Gatten nicht kannte, es nach der Aussage der Verwaltersleute für ein durchaus normales und glückliches hielt, wirre Worte, die der sinnlose Schmerz entschuldigen mochte; für Minna selbst hatten sie eine fürchterliche Bedeutung. Ein Engel des Friedens war ihrem verblendeten Auge das holde Kind erschienen, bis es die liebliche Maske von sich warf und in seiner wahren Gestalt vor sie trat: ein Bote der Rache mit dem Flammenworte: Törin, die du wähntest, du könntest an meiner Hand zurück in das Paradies, aus dem du dich verbanntest, als du den Eid der ehelichen Treue schwurst, nur um ihn mit jedem folgenden Atemzuge zu brechen. Dachtest du, ich sei gekommen, dir deine krummen Wege gerade zu machen? Ich aber kam, dir zu künden, daß kein Engel und kein Gott dich vor dem Verderben retten kann, nur du dich selbst. So tue denn die Lüge von dir und gib der Wahrheit die Ehre, die du geschändet hast! Was war die Wahrheit? daß sie Hypolit liebte und ihren Gatten haßte. Hypolit wußte, daß sie ihn liebte. Und wären ihm Zweifel daran gekommen – ihr Verweilen an seinem Krankenlager, der Brief, mit dem sie ihre Briefe begleitet, der Ring, den sie für ihn hinterlassen hatte – das waren doch alles vollwichtige Zeugnisse ihrer Liebe zu ihm in jedes anderen Menschen Augen, und nur die seinen sollten blind dagegen sein? Nein, Hypolit wußte, wie es in ihrem Herzen aussah. Aber ihr Gatte wußte es nicht. Wie sollte er auch? Hatte sie es ihm je gesagt in der Sprache, die er verstand? Weil ihr die Sprache zu schwer wurde, war das eine Entschuldigung? durfte er ihr nicht ins Gesicht schleudern: du hast mich betrogen früher und später und noch in deinem letzten Briefe, worin du mir zum anderen Male eine Liebe botest, von der du wußtest, sie könne nimmer sein, und nun und nimmer werdest du verlangend die Arme um mich schlingen und an deinen Busen ziehen? Daß du diesmal um deines Kindes willen logst, wie früher um deine Verwandten, war es darum weniger gelogen? Um so schmählicher gelogen, als du die Lüge in ein Gewand kleidetest, das auch ein helleres Auge täuschen konnte? sie mit allem versüßtest, was dem Herzen des Mannes schmeichlerisch ist? Wohl hatte er ein Recht gehabt, so zu sprechen. Er sollte es nicht länger haben. Er sollte die Wahrheit hören in der Sprache, die er verstand. Entschlossen setzte sie sich zum Schreiben nieder; sie konnte die Worte nicht finden. Sie begann von neuem; es wollte nicht aus der Feder. Noch nie hatte sie wissentlich einen Menschen gekränkt; jetzt sollte sie es und in der furchtbarsten Weise. Konnte dieser Kelch nicht an ihr vorübergehen? oder nicht wenigstens ein anderer schreiben an ihrer Statt? Aber, die gewiß für sie einstehen würden: ihr Bruder, die treuen Freunde: Perthes, Doktor Boutin – sie waren, wenn sie noch lebten, unerreichbar fern. Und hatte ihr die Geisterstimme nicht gesagt: nur sie selber könne sich retten? Wenn sie fürder ihre Lebensbahn frei wallen wollte, durfte sie schon bei dem ersten Schritte straucheln? Und dennoch – dennoch – Aus diesem bänglichen Schwanken sollte er selbst, dem es galt, sie befreien: Ein Brief von ihm langte an: die Antwort auf ihren letzten Brief, in dem sie sich um ihres Kindes willen so tief vor dem Manne gedemütigt hatte. Der sich nun dehnte und blähte im Gefühle seiner Vaterschaft, »die ihm übrigens durchaus nicht überraschend gekommen sei. Dafür heiße er Theodor Billow! genau so, wie sein Junge heißen würde: Theodor! Und nichts dazu und nichts davon – einfach Theodor, als der Stammhalter, während er auf die Namen der folgenden ein so großes Gewicht nicht lege. Das seien Kommanditen, die sich von selbst machten, wenn nur das Hauptgeschäft ordentlich fundiert sei. Und dafür wolle er schon sorgen! Der Junge solle in eine Lehre kommen, in der es etwas zu lernen gebe: in seine Lehre. Er verstehe den Rummel! Und nichts von sentimentalem Krimskrams: Nächstenliebe, Schonung berechtigter Interessen anderer und wie der Nonsens weiter heiße, mit dem der Kaufmann einfach in die Brüche gerate! Das werde dem Muttersöhnchen vielleicht anfänglich nicht schmecken; aber später werde er dem Vater die strenge Zucht danken, womit denn nicht gesagt sei, daß der Junge sich nicht austoben solle! Im Gegenteil! das würden die besten Männer und die besten Kaufleute, die sich zur rechten Zeit die Hörner abgelaufen hatten! Und keine Einrede gegen dieses sein Programm, wenn er bitten dürfe! Er wisse, was er tue!« In diesem Ton ging der Brief drei Quartseiten hindurch; endlich auf der vierten, die nur noch wenige Zeilen enthielt, kam er auf sie zu sprechen: »Er danke ihr für ihren guten Willen: aber er lege mit ihrer Erlaubnis darauf kein allzu großes Gewicht. Weiberwille – Windeswille! Doch das schade nicht! Es sei genug, wenn einer wisse, was er wolle. Das werde sie mittlerweile wohl begriffen haben. Und wo nicht, habe es nichts auf sich. Er sei der Mann, seinem Willen Geltung zu verschaffen, und hoffe, sie werde sich das klargemacht haben bis zu seiner Rückkehr, die nun wohl in aller Kürze erfolgen werde. Wenn Paris falle, wozu ja jetzt gegründete baldige Aussicht, könne sich auch Hamburg nicht halten. Da sei denn Eile geboten. Wer zuerst komme, mahle zuerst.« Eine halbe Stunde später, nachdem Minna diesen Brief gelesen, war der Bote unterwegs, der ihre Antwort nach dem Postamte des benachbarten Hafenstädtchens trug. Von der ungeheuren Last befreit, die solange ihre Seele bedrückt hatte, atmete sie auf in einem Glücksgefühle, das selbst der Schmerz um den Verlust ihres Kindes kaum beeinträchtigen konnte. Tausendmal besser doch der Tod als ein Leben, wie es ihm der Mann in London zugedacht hatte und bereitet haben würde! So denn, sich selbst zurückgegeben, floh ihre Seele, dem Vogel gleich, der seinem Gefängnisse entkommen ist, zurück zu der alten Heimat. Konnte sie auch nie die Seine werden, nichts und niemand sollte sie hindern, ihm im Geiste anzugehören, sich eines zu fühlen mit seinem adligen Gemüt, mit ihm zu stehen auf seiner stolzen Höhe, von der herabgesehen des Königs Szepter und des Bettelmanns Stab gleicherweise als Zeugen menschlicher Gebrechlichkeit erschienen. Sie empfand jetzt keine Scheu mehr vor dem Bibliotheksaale; er war ihr liebster Aufenthalt geworden; und dort las sie wieder und wieder jene seiner Briefe, die sie an dem letzten Morgen in Hamburg durchflogen, während ihr das Herz in der Brust hämmerte und Tränen ihre Augen umflorten, und die sie seitdem nicht mehr zu berühren gewagt. Wie so manches hatte sie damals doch nur halb verstanden! oder waren der Aufgeregten Stellen wie diese aus einem der ersten Briefe ganz entgangen? »Ich glaubte, ein guter Franzose zu sein, liebe Freundin, und sehe, daß ich doch nur kein schlechter Mensch bin. Als ersterer müßte ich ja stolz sein auf den Siegeszug, den wir fast ohne Schwertstreich in das Herz dieses ungeheuren Reiches täglich fortsetzen. Ich kann es nicht. Ich kann des Jammers und Elends nicht vergessen, das, wie der apokalyptische Reiter, vor unserem Zuge herzieht durch diese Provinzen, in denen in Tagen so viel Menschenglück zertreten wird, als Jahrzehnte dazu gehören, es wieder aufzurichten. Und ist zertretenes Glück je wieder aufzurichten?« Und diese aus einem späteren Briefe: »Ach, meine Teuerste, ich fürchte manchmal, ich werde noch wahnsinnig werden im täglichen Anblick dieses Greuels, den die Menschen entfesselt haben und in dem sie selbst mit entsetzlicher Schnelle sinken bis zur Vertierung; ja, noch tiefer, weil sie ehemals Menschen waren und nun zur Brutalität die Bosheit fügen. Verliere ich aber den Glauben an die Menschheit, wie kann ich den retten, der mich sonst zu Gott zog? Oder war er nicht der Allweise, das Gräßliche vorauszusehen? Oder nicht der Allgütige, daß er es zuließ? Oder konnte er es dennoch so wenig verhindern, wie er jetzt vermag, es auszulöschen mit dem Hauche seines Mundes, weil er nicht der Allmächtige ist? Ich schaudere vor Blasphemien, derer ich mich nicht zu erwehren weiß und finde keine Rettung vor der Verzweiflung als in der Erinnerung an dich. Raube man mir den Glauben an deine Reinheit, deine Güte, deine Liebe, und ich versinke. Aber welche Gewalt im Himmel oder auf Erden könnte mir den rauben?« War ihm nun doch geraubt, was ihm als das Höchste galt im Himmel und auf Erden? Minna grübelte über der Frage, jedes Für und Wider erwägend, wie jemand, der in Todesgefahr ist, die Möglichkeiten seiner Rettung abwägt, und kam zu dem Schlüsse: Hypolit hat recht, es gibt zwischen liebenden Seelen nur eine Scheidung: die, daß sie aufgehört haben, sich zu verstehen. Alles was von außen auf sie eindringt und an ihnen zerrt, um sie zu trennen: die billige Weisheit spießbürgerlicher Ratefreunde, Hohn und Spott der Übelwollenden, die Einreden interessierter Verwandten, das Schreckbild selbst des scheinbar beleidigten Vaterlandes – das alles ist nicht Gottes Wille und Gottes Stimme, ist Menschensatzung nur und Torenwahn. So sind wir denn einander jetzt, was wir uns immer waren. Wie ich nicht aufgehört habe, ihn zu lieben, so hat sich sein Herz nicht von mir gewandt. Und wäre daran der geringste Zweifel, ein Blick hinüber und herüber in unsere Augen würde ihn zerstören. Von Stund' an hatte sie nur einen sehnsuchtsvollen Wunsch: noch einmal in die geliebten Augen blicken zu können; sie dachte nur daran, wie sie diesen Wunsch erfüllen könne. Aber wie in das von allen Seiten streng eingeschlossene Hamburg zurückgelangen? Es schien unmöglich; da kam der schon am Gelingen Verzweifelnden ein hilfreicher Zufall. Zum anderen Male war den Belagerten von den Belagerern Kapitulation angeboten worden unter womöglich noch günstigeren Bedingungen als zuvor. Die Verbündeten waren in Paris eingezogen, der Krieg durfte als beendet gelten; es schien Wahnsinn, ihn jetzt in einem fernen Winkel des der französischen Macht entrissenen Deutschlands auf eigene Faust aussichtslos fortsetzen zu wollen. Dennoch zögerte Davoust. Schreckte ihn das Beispiel seiner Kameraden St. Cyr und Rapp, denen man den zugesicherten freien Abzug nachträglich nicht gehalten hatte? hoffte er noch immer auf Napoleon? wollte er sich den Bourbonen nur um so teurer verkaufen – er hatte auf die weißen Fahnen mit den Lilien, die General Benningsen in seiner Vorpostenlinie aufgepflanzt, schießen lassen und endlich acht Tage Bedenkzeit erbeten, während derer die Waffen ruhen und gewisse Erleichterungen in dem bis dahin völlig gehemmten Verkehr zwischen der Stadt und dem platten Lande eintreten sollten. Diese Nachrichten gelangten mit noch manchen Einzelheiten auch nach Warnesoe. Minnas Entschluß war augenblicklich gefaßt; in der Tat hatte sie keine Zeit zu verlieren. Als die Kunde zu ihr kam, waren bereits sechs von jenen acht Tagen vergangen. Heute war Sonnabend; am Montag, wenn der Marschall nicht einlenkte, würden die Feindseligkeiten wieder beginnen. Und gab der Störrische nach, so verließ am Montag die französische Armee die Stadt und nimmer und nimmer würde sie wieder in die vielgeliebten Augen blicken. Herr und Frau Neddermeyer waren sehr bestürzt, als Minna die Fahrt nach der Stadt anbefahl. Was in der Welt hatte das zu bedeuten? Noch war ja nichts definitiv entschieden. Die Chancen, daß der grimme Marschall nein sagen würde, waren mindestens ebenso groß wie das Gegenteil. Und selbst, wenn er ja sagte, was wollte die gnädige Frau in der Stadt, die nach allem, was man wisse, eine Brandstätte und eine Pesthöhle sei? Die Reklamation der Besitztümer des Herrn: der Schiffe, der Speicher, des Hauses sei so dringend nicht. Wer würde sich daran vergreifen? Und wenn die gnädige Frau doch einmal in größerer Nähe sein wolle, um die Stadt sofort nach der Kapitulation betreten zu können, möge sie sich in Gottes Namen nach Blankenese, Flottbeck oder Ottensen wenden, die alle längst vom Feinde geräumt seien, und wo sie überdies den Herrn Bruder zu treffen oder von ihm zu hören hoffen dürfe; – alles, nur nicht nach Hamburg. Wohl empfand Minna die Schwere der Mahnung, die für sie, den braven Leuten unbewußt, in der Hindeutung auf Georg und die Wahrscheinlichkeit oder doch Möglichkeit eines Wiedersehens mit ihm lag; aber ihr Herz, das endlich die furchtbaren Fesseln gesprengt hatte und wieder einmal seinen alten mutigen Schlag zu schlagen wagte, wollte sich nun auch mit nichts begnügen, außer dem höchsten Glück. Wohin in Hamburg, war sie einmal dort, daran dachte sie nur im Vorübergehen. Vielleicht zu den wackeren Hirschs, die ja auch Georg damals gastfreundlich aufgenommen hatten; oder Doktor Boutin würde Rat schaffen. Es würde sich eben finden. Ihre Sachen? Lieber Himmel, was sie an persönlichem Eigentum besaß, es war so wenig: das kleine Köfferchen, das sie aus Hamburg mitgebracht hatte, schloß es nach wie vor ein. Das andere – der kostbare Trödel, der da herumhing und stand – es ging sie nichts an; daran hatte sie keinen Teil. Die zwei Bände Rousseau mit der Nouvelle Héloise hätte sie gern als Angedenken bittersüßer Stunden mitgenommen. Sie tat es nicht: es sollte kein Ständchen von Billowschem Besitz an ihr haften. Noch einen Abschied galt's: von dem kleinen Grabe unter der breitastigen Fichte auf der Uferhöhe mit dem schönen Blick auf die offene See. Es war immer ihr Lieblingsplatz gewesen, und einmal hatte sie auch ihr Kind bis hierher getragen. Dann hatte sie es hier gebettet zur ewigen Ruhe. Ihr dünkte der Platz symbolisch: kurz der Raum, der ihn vom Schlosse trennte, wie die Spanne Zeit zwischen des Kindes Geburt und Grab; und über das Grab hinaus der Blick in die Unermeßlichkeit des Meeres, wie in das Reich, in welchem sich Denken und Vorstellen der Menschen ratlos verlieren. Doch nur wenige Minuten verweilte sie an dem Hügel. Ihr Herz war dumpf, und selbst die Tränen brachten keine Erquickung. So weit hatte es der schlechte Mann gebracht, so tief hatte er ihr Gemüt vergiftet, daß sie nicht einmal ihres Kindes in Frieden gedenken konnte! Der Wagen, auf dem Neddermeyer die Herrin nach Hamburg fahren sollte, hielt vor der Tür. Als sie aus dem Portal getreten war, warf sie noch einen Blick hinauf nach der stolzen Inschrift und meinte, sie brauche die Augen nicht beschämt abzuwenden. War sie der Mahnung immer eingedenk gewesen – auch mit dieser ihrer Flucht entzog sie sich keiner Pflicht, zerbrach sie nur das Joch einer Sklaverei, unter das sich eine edle Seele nicht geduldig beugen kann, ohne sich selber aufzugeben. Dreizehntes Kapitel. Als Minna sich Hamburg näherte, war die Sonne bereits im Untergehen. Aber die Schleier, die der Abend zu weben begann, vermochten nicht das Elend zu verhüllen, das sich, soweit der Blick reichte, über die Landschaft breitete: einzeln stehende Häuser, Gehöfte, ganze Dörfer in Schutt und Asche; nur zu oft die Bäume selbst an der Wegseite verkohlt; zerstampfte Felder, auf denen Krähen schwärmten; verwüstete Gärten mit niedergerissenen Zäunen und Staketen, zwischen denen hervor herrenlose Hunde kläfften. Ach, und kläglicher anzusehen, als all die grause Verwüstung: Jammergestalten von Menschen, jung und alt, Weibern und Kindern, die in Gruppen, wie sonst in der Abendstunde plaudernd vor den Türen, so jetzt trauervoll, schweigsam an der Trümmerstätte ihrer Habe standen; oder die staubige Straße dahergezogen kamen, in Lumpen gehüllt, mit leeren Händen, bestenfalls einem armseligen Bündelchen an dem Knotenstock auf der Schulter, Hunger und Kummer in den blassen, verwilderten Gesichtern. »C'est la guerre« , murmelte Minna, unwillkürlich in der Sprache des Geliebten; das Wort immer wiederholend, als böte es nicht nur eine Erklärung, sondern auch eine Entschuldigung des Fürchterlichen. Dennoch war der frohe Mut, mit dem sie heute aus Warnesoe ausgefahren war, tief gesunken, als man endlich Altona erreichte. Hier boten sich dem Auge freilich nicht die Greuel barbarischer Zerstörung; desto schrecklicher war das menschliche Elend, das sich in den engen Gassen zusammengehäuft fand. Den ganzen Tag mochte der Zuzug gewährt haben, dessen sich nachschleppende Reste Minna auf der Landstraße überholt hatte; und die Hunderte und Tausende drängten sich nun in der so schon überfüllten Stadt, Obdach heischend, das ihnen kaum noch jemand gewähren konnte: dumpf vor sich hin brütende Männer, jammernde Weiber, schreiende Kinder. Dazwischen Magistrats- und Polizeibeamte, sich vergebens bemühend mit Güte oder Gewalt in dieses Chaos Ordnung zu schaffen; mitleidige Bürger und Bürgerinnen, Lebensmittel herbeitragend, die ihnen die Gierigen aus den Händen rissen. Minna wagte nicht mehr, ihren Spruch zu sagen; ihre Seele war so tief erschüttert von all dem Graus um sie her, und bange Ahnungen von Schlimmem, das ihr selbst bevorstehe, wollten sich nicht verscheuchen lassen, wie sehr sie sich auch zur Gelassenheit zwang. Sie gelangten ans Millerntor. Minna dachte jenes Vormittags, als sie da oben auf dem Walle stand und hier, wo der Wagen jetzt hielt, Georg die zusammengerafften Haufen zum Sturme gegen das Zollgebäude führte. Das Gebäude war nicht wieder aufgerichtet worden, der Trümmerhaufen ganz zusammengesunken; auf einem vorragenden Balken saßen ein paar Douaniers, aus kurzen Pfeifen schmauchend, mit den Beinen baumelnd, gleichgültig auf den Wagen blickend, der zum Tore hinein wollte. Es würden morgen und in den nächsten Tagen dergleichen noch viele kommen und das Tor offen finden. Mochten sie! Hier war keine Ehre mehr zu holen, und Beute gab es längst nicht mehr zu machen. Da kehrte man doch lieber nach dem schönen Frankreich zurück und baute wieder seinen Kohl und seine Rüben! Das Tor war passiert, ohne daß man den Reisenden irgend welche Schwierigkeiten bereitet hätte. Nun waren sie in der Stadt, deren Stille seltsam abstach von dem wirren Treiben auf den Gassen Altonas. Kaum, daß man einem oder dem anderen Passanten begegnete, der verwundert das ländliche Fuhrwerk anstarrte; es muhte ein selten gewordener Anblick in der verödeten Stadt sein. Neddermeyer hatte Mühe, den Wagen durch Hindernisse aller Art durchzubringen, die man auf Tritt und Schritt antraf. Hier war das Pflaster aufgerissen, dort lagen – wohl noch vom Winter her – zertretene Aschenhaufen und die Trümmer von Möbeln, die man aus den Häusern geschleppt und zu Brennholz zerschlagen hatte; demselben Zweck mochte manche Haustür gedient haben, deren Öffnung nun schauerlich klaffte. Selbst der Fensterrahmen hat man nicht geschont, an anderen Orten die im Übermut oder fahrlässig zerbrochenen Scheiben durch in die Lücken gestopfte Lumpen oder vorgeklebtes Papier zu ersetzen gesucht. Neben einem mit leeren Fässern beladenen Karren lag ein totes Pferd; man hatte alles so stehen und liegen lassen, wie denn auch sonst die Straßen von widerwärtigem Schmutz starrten. Immer bänglicher wurde Minna zumute; ihr war, als ob sie in eine Stadt des Todes gekommen sei. Über den Zeughausmarkt, durch die Jakobstraße und den Venusberg waren sie bis auf den Scharmarkt gelangt. An der Ecke vom Bleichergang bat Minna, halten zu bleiben. Er war dieselbe Ecke, wo sie damals, am vierundzwanzigsten Februar des vergangenen Jahres, der alte Herr Hirsch getroffen und in den Bretterschuppen gezogen hatte, ihr zu sagen: es werde eine Revolte, so Gott wolle, eine Revolution geben, und Georg sei der Anführer. Wie würde sie den alten Mann treffen? Würden seine dunkeln Augen jetzt noch so begeistert leuchten? Die Gasse hinabeilend fand sie bald das kleine Haus. Eine alte, gekrümmte, schwarzgekleidete Frau mit weißen Haaren trat ihr entgegen und fragte nach ihrem Begehr. Minna hatte Frau Hirsch wohl sonst gesehen und sich die Erinnerung an eine rüstige, lebhafte, kleine Matrone bewahrt, die sie in dieser Greisin nicht wiedererkannte. Sie meinte, dies sei eine Anverwandte vielleicht, von deren Existenz sie nichts gehört, und fragte nach Herrn Samuel Hirsch. Mein Mann ist schon seit zwei Monaten tot, erwiderte die Greisin. Und als sie die fremde Dame schreckensbleich zurückbeben sah: Sie haben ihn gekannt? Er war ein guter Mann. Ja, das war er! rief Minna schluchzend. Er hat auch an uns viel, viel Gutes getan! Er hat es an vielen getan, sagte die Greisin und fragte nach Minnas Namen. Minna nannte sich. O ja, sagte die alte Frau, ich erinnere mich: geborene Warburg. Die Warburgschen Angelegenheiten haben meinem Manne ihrerzeit geschafft viel Sorge und Mühe. Er hat sie gern auf sich genommen; er war ein guter Mann. Womit kann ich dienen, Madame? Minna hatte nicht das Herz, ihr eigentliches Begehr auszusprechen. So brachte sie denn stockend hervor: Es habe sie bloß der Wunsch, nach langer Zeit etwas von ihrem Wohltäter zu erfahren, dahin geführt; und daß ihr sein Tod sehr zu Herzen gehe. Ja, ja, sagte die Greisin, er hatte noch lange leben können. Sein Vater ist geworden alt über die hundert Jahre. Was soll man sagen von den Vätern, daß sie sterben, wenn ihre Söhne sterben vor ihnen, wie gestorben sind mein Moses und mein Nathan vor ihrem Vater binnen eines Monats? Die schwarzen Augen der Alten stierten vor sich hin; Minna konnte es nicht länger ertragen. Sie verabschiedete sich. Frau Hirsch rief sie noch einmal zurück, um wieder zu fragen: Sie haben ihn also gekannt? und als Minna die Frage nochmals bejahte, ihren Refrain hinzuzufügen: Er war ein guter Mann. Minna eilte die Gasse hinab zum Wagen zurück. Neddermeyer blickte ihr erschrocken in das bleiche Gesicht. Gnädige Frau, sagte er, tun Sie einem ehrlichen Kerl eine Liebe, steigen Sie auf und lassen Sie mich versuchen, ob ich Sie noch heute abend wieder aus der Stadt bringe! Ich sprach eben einen, der vorüberkam. Hier im Bleichergang, Haus bei Haus und überall in der Stadt hat alle diese letzten Monate hindurch das Nervenfieber und die Lazarettpest gewütet, und es sterben noch täglich Leute. Kommen wir heute abend nicht mehr aus dem Tore, so doch gewiß morgen in aller Frühe. In der Ausspannung, die gnädige Frau ja kennen, sind gute, reinliche Leute, und wir sind da ganz nah am Tore. Ich kann nicht fort, erwiderte Minna, und ich hätte nicht fortgehen dürfen. Es war ein schweres Unrecht. Nichts für ungut, gnädige Frau, sagte Neddermeyer eifrig; ich meine, es ist ein schweres Unrecht, daß Sie wiedergekommen sind. Bedenken doch die gnädige Frau nur, wie der Herr außer sich sein wird, wenn er es erfährt, und nun gar, wenn Ihnen das Unglück arriviert und Sie auch krank werden! Ich bitte Sie, gnädige Frau, steigen Sie auf! Nein, nein, rief Minna, vom Wagen zurücktretend, um keinen Preis in der Welt! – Und als sie das bekümmerte Gesicht des wackeren Mannes sah, fügte sie ruhiger hinzu: Glauben Sie mir: ich habe meine guten Gründe. Fahren Sie nach der Ausspannung und bestellen dort für mich Quartier! Bin ich bis neun Uhr morgen früh nicht dort – es kann das sein – so kehren Sie ohne mich nach Warnesoe zurück! Leben Sie wohl! Sie hatte sich in ihren Mantel gehüllt und eilte davon. Schwer seufzend setzte der brave Inspektor sein Fuhrwerk in Bewegung nach der Ausspannung in der Nähe des Millerntores. Vierzehntes Kapitel. Nachdem für Minna das Hirschsche Haus auf dem Bleichergang verschlossen war, stand ihr nur noch das des alten ärztlichen Freundes auf dem Gänsemarkt offen. Dahin eilte sie denn jetzt den weiten Weg durch die Gassen, deren Dunkelheit ihr willkommen war. Zwar von dem abendlichen störsam hastigen Verkehr, der sonst hier herrschte, zeigte sich keine Spur. Verschlossen die Läden, wo es noch solche zu verschließen gab; kein Sichdrängen geschäftiger oder flanierender Menschen auf den schmalen Trittstufen; kein Rufen der Verkäufer von ihren ambulanten Kramtischen an den Straßenecken; kein Rollen eines Lastwagens oder einer Equipage – Dunkel, Einsamkeit und Stille überall. Bis die Einsamkeit und Stille unterbrochen wurden auf eine Weise, welche die Dunkelheit noch schauerlicher und eben doch für Minna zu einer Wohltat machte. Oder wie hätte sie sonst, sich in die Tiefe einer Haustür oder hinter einen Mauervorsprung schmiegend, oder gar die Flucht in ein Seitengäßchen ergreifend, dem Haufen betrunkener Troupiers ausweichen können, die, Pariser Gassenhauer, unzüchtige Marschlieder johlend, die Straße heraufkamen, meist in Gesellschaft von Dirnen, die den wüsten Gesang und die brutalen Späße mit wieherndem Gelächter und gellem Gekreisch begleiteten und erwiderten. War dies auch »der Krieg«? Doch wohl nicht; der Schlamm nur, den der Sturm aufwühlt und ans Ufer wirft mit all der Brut des Meeres, die seiner Kraft nicht widerstehen kann und am Strande verfault zwischen den Planken zertrümmerter Schiffe. Werden die Sinne des, der durch die Verwesung und Verrottung zu wandern gezwungen ist, darum weniger beleidigt? Ach, und wären es doch nur die Sinne gewesen! Die erquickt, die badet ein frischer Luftzug wieder rein. Was konnte der empörten Seele der Patriotin je die Erinnerung nehmen dieser grausen Wanderung durch ihre ehrbare Vaterstadt, die zum unsauberen Haus geworden war für den Auswurf nicht bloß der französischen Nation! Mischten sich doch nur zu oft in die Worte der bekannten Sprache Laute fremder Zungen: Italienisch, Polnisch – ein Teufel- und Hexensabbat! Vorbei! vorbei! Lang wie der Weg und wie sehr er auch der Eilenden durch Ausweichen und Warten noch verlängert war, sie hatte ihn doch endlich zurückgelegt. Es war die höchste Zeit. Sie fühlte, daß es mit ihrer Kraft zur Neige ging; ja, sie fürchtete, der liebe alte Mann werde mit der Besucherin auch zugleich eine Patientin ins Haus bekommen: so zitterten ihre Glieder, so brannten ihr die Augen unter der schmerzenden Stirn. Da stand sie vor dem schmalen, hochgegiebelten Hause. Die beiden Läden, je einer rechts und links von der Haustür, waren geschlossen; in den Fenstern der Etage über dem Erdgeschoß, die der Doktor bewohnte – darüber ragte der Giebel mit den Bodenluken finster in die Nacht empor – brannte kein Licht. So war der Freund noch in seinem Berufe tätig; sie würde vorläufig mit der alten Haushälterin zu verhandeln haben. Das war nicht peinlich. Kannte sie doch die gute Frau von ihren Kindesbeinen an und durfte sich ihr anvertrauen, wenn es dem allwissenden Faktotum des Freundes für sie noch etwas anzuvertrauen gab! Sie zog die Schelle, die heiserer zu klappern schien, als sonst. Im Hause regte sich nichts. Sie schellte abermals und zum drittenmal und lauschte – alles blieb still. Eine ungeheure Angst befiel sie. Was sollte sie beginnen, wenn ihr nicht aufgetan wurde? Und hätte sie sich kräftiger gefühlt – es war ein entsetzlicher Gedanke, den unendlichen, schauerlichen Weg nach dem Millerntor jetzt bei völlig angebrochener Nacht noch einmal zurücklegen zu sollen. Verzweiflungsvoll riß sie an der Schelle. Endlich! Es raschelte am Laden zur Rechten, der dann so weit geöffnet wurde, daß jemand den Kopf durch die Spalte stecken konnte. Was gibt's? fragte eine widerliche Stimme, Minna war unter den Laden getreten und blickte zu dem Gesicht empor, das, soviel sie in der Dunkelheit zu unterscheiden vermochte, einem alten Weibe gehörte, dem das verzottelte Haar wüst über das häßliche Gesicht hing. Ist der Herr Doktor zu Hause? fragte sie bebend. Seid Ihr betrunken, oder wollt Ihr Euren Jux mit mir treiben? kreischte das Weib. Im Zimmer polterte es, als ob jemand hastig aus dem Bett aufstünde. Das Weib sprach in das Zimmer hinein; über ihrem Kopfe in der Spalte wurde ein zweiter mit einer Zipfelmütze sichtbar. Ich will zu dem Herrn Doktor Boutin! stammelte Minna.. Sie ist verrückt oder betrunken! schrie das Weib. Halt doch das Maul, Alte! sagte der mit der Zipfelmütze. Man kann ja gar nicht verstehen, was die Frau will. Zum Doktor Boutin will sie, gellte das Weib. Sie ist verrückt. Ja so! sagte der Mann. Na, liebe Frau, da hättet Ihr acht Wochen früher kommen sollen. Seitdem ist der Mann tot und begraben. Minna taumelte zurück. Sie ist betrunken, zeterte das Weib. Schert Euch zum Henker, Ihr – Das gemeine Wort vernahm Minna nicht mehr hinter dem Laden hervor, der alsbald wieder geschlossen wurde. Drinnen schien zwischen dem alten Paare ein heftiger Zank ausgebrochen; Minna stürzte davon. Sie kam nicht weit, nur etwa bis zur Mitte des Platzes, wo sie an einem Haufen Steine und Planken, der da aufgeschichtet lag, zusammenbrach. Dann hatte ihre Willenskraft über die Schwäche so weit gesiegt, daß sie sich emporrichten und, auf einem der Steine zusammengekauert, die schmerzenden Schläfen in die Hände pressend, sich ihre Lage zum Verständnis bringen konnte. Auch das zweite und letzte Haus verschlossen, an das sie um Einlaß pochen konnte – verschlossen und verriegelt von derselben grimmen Faust! Tot die alten Freunde, die einzigen, bei denen sie auf herzlichen Empfang hatte rechnen dürfen! Aber um die Guten, Edlen zu klagen, dazu war jetzt nicht der Augenblick. Sie empfand um sie nicht einmal Trauer. Wie sollte sie trauern um die Glücklichen, die erlöst waren von all dem Jammer und Herzeleid? Das sie nun so weiterschleppen sollte durch das entgötterte Leben, aus dem die Menschen flohen, mit denen es noch lebenswert schien. Aber wie denn? War sie dieser Menschen halber gekommen? Was hatte sie eigentlich gewollt? Nun ja: ihn sehen, ihm noch einmal in die dunkeln Augen blicken, noch einmal aus seinem Munde hören: ich liebe dich, wie du mich. Das war's gewesen. Ein kindischer Traum, aus dem dies das Erwachen war: einsam in finstrer Nacht, verlassen und vergessen, wie der Stein, auf dem sie saß; ausgeliefert allen Schrecknissen, die die Dunkelheit barg in der verödeten, von trunkenen Soldatenbanden durchschwärmten Stadt. Es mußte sein. Sie konnte hier nicht bleiben; sie mußte den Weg zurückmessen. Aber sie gedachte einen anderen zu nehmen, als den sie gekommen war: an dem Alsterbecken vorüber bis zur kleinen Alster und die Fleten hinauf bis zum Hafen. So hatte sie auf der längsten Strecke des Weges immer Wasser neben sich, in das ein Sprung sie retten konnte, wenn es zum Äußersten kam. Sie wollte sich erheben; es gelang ihr nicht sofort: sie fühlte ihre Glieder wie zerschlagen. Eben wollte sie einen zweiten Versuch machen, als sie einen Schritt vernahm, der über den menschenleeren Platz auf sie zuzukommen schien. In ihrer Verstörung hatte sie vorher nicht bemerkt, daß ein Streifen von dem Dämmerlichte des halben Mondes, der zwischen den Giebeln der gegenüberstehenden Häuser in den Markt zu lugen begann, gerade auf die Stelle fiel, wo sie saß. Angstvoll kauerte sie noch tiefer, hoffend, der Mann, der sich langsam näherte, werde, auch wenn sein Blick den Trümmerhaufen streifen sollte, sie in ihrer dunkeln Kleidung nicht unterscheiden von der Planke, die sie umklammert hielt. Regungslos, den Atem anhaltend, instinktiv selbst die Augen schließend, lag sie so, die Sekunden zählend, die ihr zur Ewigkeit wurden. Der langsame Schritt kam näher, ganz nahe, bis unmittelbar vor sie hin, und stockte dann. Ihr war, als beuge man sich über sie. Das Entsetzen ließ sie nicht länger in ihrer Lage; sie richtete sich mit einem gurgelnden Laute halb in die Höhe, hinaufstierend zu der hohen Gestalt des Offiziers, der vor ihr stand. Kann ich Ihnen helfen, Madame? fragte eine tiefe, sanfte Stimme auf französisch. Auf dem Gesichte des Mannes lag schwarzer Schatten; sie vermochte die Züge nicht zu unterscheiden. Aber die Stimme! die Stimme, die jetzt in demselben sanften Tone weitersprach: Ich bitte über mich zu disponieren, Madame. Sie würden Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen schenken. Hypolit! Sie hatte es, auf ihre Füße emporschnellend, gerufen. Er war zurückgetaumelt – einen Moment. Dann brach aus seiner Brust ein Schrei wahnsinnigen Entzückens. Sie stürzte sich in seine ausgebreiteten Arme. Mein Hypolit! Mein geliebtes, mein angebetetes Mädchen! Was auch in all dieser Zeit für die beiden Verhängnisvolles geschehen, wie vieles ihrer Liebe Feindliches sich zwischen sie gedrängt haben mochte, für diesen Augenblick war es versunken in der Wonne des Wiedersehens, die, einer mächtigen Woge gleich, aus ihren Herzen aufrauschte, sie umhüllend, in ein Zauberreich, in die Gefilde der Seligen entrückend. Eine jener Soldatenbanden, deren Minna vorhin so mancher begegnet war, kam johlend über den Markt; der wüste Lärm riß die Liebenden auf die gemeine Erde zurück. Hypolit hatte Minnas Arm genommen und führte sie so dem Schwarme entgegen, der, sobald er des Offiziers gewahr wurde, schwieg und militärisch salutierte, um, kaum vorüber, in halb unterdrücktes Lachen auszubrechen. Minna fühlte, wie der Arm, auf dem ihre Hand lag, zuckte. Das brachte sie vollends zum Bewußtsein der Lage, in die sie den Geliebten gebracht hatte. Was sollte sie ihm sagen? Wie sollte sie es sagen? Eben noch an seinem Herzen schwelgend in einer Vereinigung, die für ewig schien, sah sie, daß es eben nur ein schöner Schein gewesen, flüchtig wie der Augenblick, der ihn hervorgerufen hatte. Unwillkürlich versuchte sie ihre Hand aus seinem Arme zu ziehen; er preßte sie nur noch inniger an sich. Laß mich, Geliebter! flüsterte sie. Du wirst es ja doch wieder müssen. Niemals! sagte er fest. Und dann nach einer kleinen Pause, in der sie abermals schweigend nebeneinander her geschritten waren: Ich weiß nicht, was geschehen ist. Ich weiß nur, es muß etwas Außerordentliches gewesen sein, oder du wärst nicht hier. Du bist es; so bist du es für mich. Das ist mir für den Augenblick genug. Alles andere muß sich und wird sich finden. Man kann eine Minna einmal verlieren; zum zweitenmal kann man es nur mit seinem Leben. Es war so einfach still gesprochen, aus einem Herzen heraus, das ruhig schlug im Einklang mit einer Überzeugung, welche die Seele erfüllte. Minna durchrieselte ein Schauer der Ehrfurcht vor dieser in sich gefesteten Mannesgröße. Was kann ich dir jetzt noch sein? murmelte sie. Was du mir immer warst: alles, sagte er in demselben stillen Tone. Ist es doch mit mir zu dir nicht anders gewesen. Ich wüßte es, auch wenn du nicht an meinem Lager gewacht hättest in jener schönen Nacht, von der ich nur immer wünschte, sie möchte ewig währen. Denn ich sah dich wohl und hörte dich wohl und, wenn ich dich nicht sah und hörte, so fühlte ich doch deine Gegenwart, wie eines Engels – meines Engels! Großer Gott, ich konnte nur nicht sprechen, dir nicht die liebe Hand drücken, mit der du die meine gefaßt hieltest; konnte dir nicht sagen, wie ich dich liebte. Ich wüßte es, daß du die Meine warst und bliebst, wäre mir auch nicht das köstliche Geschenk deiner Briefe geworden, die hier auf meinem Herzen ruhen, und der Ring, den ich hier am Finger trage. Ich wüßte es, hätte ich dann auch nicht monatelang der Freundschaft deines Freundes genossen, des edeln Mannes, der, ein Held, sich seinem Berufe geopfert hat, in dem er nicht Freund oder Feind, nur hilfsbedürftige Menschen kannte. Er hat dich sehr geliebt, und, als er in meinen Armen starb, galt sein letzter Gedanke dir und deinem Geschicke, und daß du einen treuen Freund weniger haben würdest auf Erden, der dir nun auch in schwerer Stunde fehlen sollte. Hypolit schwieg und begann von neuem leiser, als er zuletzt gesprochen: Dein Kind – Es ist tot, murmelte Minna. Du zweifeltest nicht daran, als du mich fandest. Er erwiderte nichts, sondern drückte nur, wie zur Bejahung der Frage, ihren Arm. Dann hob er wieder an: Wir müssen jetzt für dich sorgen. Wohin soll ich dich bringen? Minna nannte das Haus, wo sie erwartet werde. Daß ist unmöglich, sagte er; deine Kräfte tragen dich nicht mehr so weit. Er sann ein paar Augenblicke nach und fuhr dann fort: Ganz in der Nähe hier, ein paar Häuser von meinen Zimmern, wohnt Frau von Aubigny, die Gattin eines Freundes, der für heute und morgen in dem Hauptquartiere des Generals Benningsen ist, mit ihm über die Bedingungen des Abzugs zu verhandeln. Erlaube, daß ich dich zu ihr führe! Du weißt, ich würde es nicht tun, wäre die Dame nicht so edel, wie ihr Stammbaum alt ist. Sie wird dich mit offenen Armen empfangen. Darf ich? Ich habe keinen Willen mehr außer deinem. Sie waren nach wenigen Minuten vor ein Haus in der Großen Bleichen gelangt, an dessen Tür Hypolit klingelte. Ein Diener öffnete und bejahte Hypolits Frage, ob die Frau Gräfin noch auf sei. Melden Sie mich, sagte Hypolit, und sagen Sie der Frau Gräfin, ich käme mit einer Dame, die ihre Gastfreundschaft für die Nacht in Anspruch nähme! Der Diener ging mit tiefer Verbeugung und kam in kürzester Zeit mit der Antwort zurück: die Frau Gräfin erwarte den Herrn Marquis und ihren Gast. Er öffnete die Tür zu einem Vorzimmer, in dem ihnen eine junge, anmutige Dame aus dem Gemache nebenan entgegenkam mit ausgestreckten Händen, von denen sie die eine Hypolit und die andere Minna reichte. Ich danke Ihnen, mein Freund, sagte sie zu Hypolit. Sich zu Minna wendend, richtete sie die dunkeln, ausdrucksvollen Augen auf diese mit einem Blicke diskreter Neugier, die alsbald in freudiges Staunen überging. Ohne ein Wort zu sagen, hatte sie im nächsten Moment beide Arme um sie geschlungen und sie herzlich auf die Wangen geküßt. Um Hypolits Lippen spielte ein Lächeln, als ob er sagen wollte: ich wußte es. So habe ich den Damen nur noch gute Nacht zu wünschen, sagte er, erst Frau von Aubigny, dann Minna die Hand küssend, für beide die Huldigung gleich abwägend. An der Tür verbeugte er sich noch einmal und war gegangen. Fünfzehntes Kapitel. Zwei Tage später leuchtete am schönsten Frühlingsmorgen der Himmel so glanzvoll, als habe er seine helle Freude an dem Festgepränge da unter ihm in der alten Hansastadt. Von allen Kirchtürmen schallten die Glocken; alle Kirchtüren hatten sich weit geöffnet, die Scharen derer einzulassen, die ihr Herz trieb, vorerst Gott die Ehre zu geben für die Befreiung von der Herrschaft der Fremden; von den Wällen donnerten die Böller; von den Masten aller Schiffe im Hafen wehten die Flaggen; alle Häuser hatten sich, je nach Kräften und Vermögen, mit Teppichen, Girlanden, Maien und Blumen geputzt; aus allen Fenstern, an denen der Zug vorbei mußte, schauten fröhliche Gesichter hinab auf die Straßen, in denen die Menge Kopf an Kopf Spalier bildete, die Hälse reckend nach der Seite, von der sie kommen mußten. Wieder einmal die Russen, just wie im Frühjahre vorigen Jahres! Nur daß es diesmal keine Kosaken waren, oder doch nur Kosakenpulks zwischen den regulären Regimentern zu Fuß und zu Pferde, die, ihren Oberstkommandierenden General Benningsen an der Spitze, daherkamen mit klingendem Spiel, die Infanterie mit angezogenem Gewehr, die Kavallerie die Pallasche und die Säbel an den Schultern. Nun, ohne die Russen geht es nun einmal nicht, und – Hurra! Hurra! Rußland hoch! Es lebe der Kaiser! Hoch dem Kaiser Alexander! schallte es in die Lüfte, und die Offiziere salutierten, die Degen senkend, und drückten ein Auge zu, wenn die Tschakos von den Köpfen der Soldaten plötzlich auf den Bajonettspitzen schwankten und die Pallasche und Säbel von der Schulter über den nickenden Helmbüschen in der Sonne funkelten. Das war ein großer Jubel, aber nur wie Rollen fernen Gewitters gegen das Krachen eines, das den Leuten über den Köpfen steht, als nun nach einem Zwischenräume, den ein nachstürzender Volkshaufen füllte, vier Trompeter auf Schecken, Fanfaren schmetternd; um die Straßenecke biegen, ihnen nach ein junger Offizier auf stattlichem Rosse, hinter dem Offizier die Dragoner, die Grenadiere, die Musketiere der vereinigten Bürgergarde und hanseatischen Legion. Da stiegen alle Hüte und Mützen von den Köpfen hoch in die Luft, da wehen alle Tücher aus den Fenstern; da bricht ein Jubel aus, der kein Rufen, kein Schreien mehr ist, nur ein einziger gewaltiger Ton, in dem sich die freudeberauschte Seele eines ganzen Volkes zusammenfaßt; da ist kein Auge, das trocken bliebe; da fallen Menschen, die sich nie vorher gesehen, schluchzend einander in die Arme, sich herzend und küssend wie Brüder und Schwestern einer Familie, die sie immer sein sollten und in dieser großen Stunde sind. Daß sich in die Reihen der schmucken Krieger alsbald die Scharen der Ärmsten mischen, die man ausgetrieben, und die nun mit jenen, die für sie gekämpft und geblutet, ihren Einzug halten in die befreite Vaterstadt, kann den Jubel wohl dämpfen, aber die Rührung nur erhöhen. Denn haben sie oft genug auch Jammer und Elend verlassen, um zu Jammer und Elend zurückzukehren, heute beseelt sie nur ein Gedanke: daß sie heim dürfen zu der Stätte, auf der sie geboren. So ziehen sie daher, ihr bißchen kümmerliche Habe mit sich schleppend, die kleinsten Kinder auf den Armen, die größeren an den Händen; und alle, jung und alt, tragen grüne Maien, mit denen sie hinaufwinken zu den Fenstern, oder die sie vor sich her tragen, Gebete murmelnd, fromme alte Kirchenlieder andachtiglich singend. Sind es doch auch nicht immer kleine Leute, die so daherziehen. Man zeigt unter ihnen solche, die aus Wohlstand und Ehre und Würden in die Verbannung fliehen mußten, das nackte Leben zu retten nicht für sich, sondern für das Vaterland. Auf einem Leiterwagen, deren viele sich dem Zuge anreihen, findet eine große Familie nur eben Platz: Vater, Mutter und sechs Kinder, von denen das älteste bereits ein Knabe-Jüngling ist und das jüngste noch an der Mutter Brust ruht. Die Mutter aber schaut mit Stolz und Glückseligkeit auf die wogende Menge, und wohl hat sie vollauf Ursache, stolz und glückselig zu sein: das Weib von Friedrich Perthes. Wo immer man die Familie erkennt, zieht man die Hüte und bringt dem Friedrich Perthes ein Hoch, das er tausendfach verdient hat. Aber wie groß und rührend das Schauspiel auch in allen seinen Teilen ist, das Volk, das einen Helden, als Mittelpunkt seines Interesses, haben will, hat, was es sucht, bald gefunden: in dem Offizier, der hinter den Trompetern reitet. Wie er der Erste des Zuges ist, hält das Volk dafür, daß die Stelle ihm gebühre, in welchem jeder sein Ideal eines Kriegsmannes verkörpert sieht. So kühn leuchten seine blauen Augen aus dem von Sonne, Wind und Wetter gebräunten schönen Gesichte, das eine Reihe Säbelnarben kreuz und quer und der erste Anhauch eines Schnurrbartes zieren. So lässig-sicher lenkt er den ausgesuchten Renner, der schäumend in die Zügel knirscht und ungeduldig das Pflaster schlägt, wenn sein schlanker Reiter ihn anhält und sich frei in den Bügeln hebt, einen der Blumensträuße aufzufangen, deren ihm aus dem Fenster Dutzende zufliegen. Die meisten verfehlen weit ihr Ziel; das Volk sorgt dafür, daß es seinem Liebling dennoch an Schmuck nicht fehlt. Es bekränzt ihn vom buschgeschmückten Tschako bis zu den Sporen; es bekränzt den Renner, der, darüber ungeduldig, steigt und von dem Reiter lachend heruntergedrückt wird, während die Nächsten mit angstvollen Rufen scheusam zur Seite weichen, und die Menge in neuem Jubel ausbricht ob des kecken Reiterstücks. Wohl genoß der junge Held, dem man so überschwengliche Ehren erwies, seines Triumphes in vollen Zügen. Dennoch war in seiner Seele eine Trübung, die er nicht bannen konnte, ja, die zunahm, je länger der Zug nun schon währte, ohne daß er die gesehen, nach der sein spähendes Auge an allen Fenstern suchte. Mein Gott, sie mußte doch an einem oder dem anderen sein, und er würde sie unter all den Frauen und Mädchen herauszufinden wissen: die geliebte Schwester, deren Namen, als seiner Schutzheiligen, auf den Lippen, er so oft den Pallasch zur Attacke gezogen, deren Bild vor seiner Seele gestanden hatte, als er heute morgen erwachte zum Tage des triumphierenden Einzuges in die Vaterstadt, wo er den Vater nicht mehr finden würde. Einer der nachträglich Vertriebenen hatte es ihm gesagt, der es freilich auch nur vom Hörensagen und dem eifrig Forschenden über die Schwester keinerlei Auskunft zu geben wußte, sowenig es einer und der andere vermochte, der, aus der Stadt gestoßen oder entflohen, in das befreundete Heerlager gekommen war. Sie konnte dahingerafft sein von dem Würger Tod, wie die anderen Tausende – gewiß. Nur daß seine Seele das Entsetzliche nicht zu fassen vermochte und sich des Wiedersehens mit der Teuren festiglich tröstete. Nun, schien es, sollte es doch nicht sein. Dann aber war für ihn der höchste Reiz und Zauber des schönen Tages unersetzlich dahin. Die straffe Ordnung, in der man die Stadt betreten, hatte sich längst gelockert. Von dem zweiten Zuge der hanseatischen Kavallerie kam der Führer an den Gefeierten herangesprengt und rief lachend: Nun, Georg, können du und dein Gaul die Kränze noch schleppen? Denk an das Wort von Ottilie, oder wie die kleine Person in Goethes »Wahlverwandtschaften« heißt! Welches Wort? Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen! Das ist nur zu wahr, Eduard. Ich gäbe alle diese Kränze, könnte ich – Halt! soll ich dir's sagen? Könnte ich nur einen meiner Schwester reichen. Du hast's erraten. Was ist da zu erraten, du Ritter der treuen Schwesterliebe! Die mich nun so grausam in Stich läßt. Ich habe mir auch vergebens nach ihr den Hals verrenkt. Du weißt, welch Faible ich für sie hatte, und wie wütend ich war, als sie nun doch den ehrlos erbärmlichen Wicht – Verzeihung! ich hatte vergessen, daß er immerhin dein Schwager ist. Ich wollte, ich könnt' es vergessen. Es ist auch wirklich erbärmlich! Während wir die Schauer der Regennacht und so weiter – sitzt der Kerl in London hinter dem warmen Ofen und läßt uns hier für ihn die Kastanien aus dem Feuer der französischen Kanonen holen. Aber in den Senat kommt er mir nicht wieder, oder ich will nicht Eduard Sieveking – Da ist sie! rief Georg, den Kameraden jäh unterbrechend. Wo? Da – an dem Fenster – war sie – diesen Augenblick – neben der Dame – dort! Du bist toll! Weißt du, wer das ist? die Gräfin d'Aubigny! Ich bin vor acht Tagen in dem Hause gewesen, als ich als Parlamentär hier war und mit dem Grafen verhandelte. Er ist auch jetzt wieder Kommissar zur Abwicklung der Geschäfte zusammen mit einem zweiten Offizier von höherem Range, dessen Name mir entfallen ist. Du bist deiner Sache sicher? Aber völlig. Dann muß ich mich allerdings geirrt haben. Freilich! Deine Schwester an der Seite der Gräfin d'Aubigny! Da könnte ich ebensogut vor acht Tagen mit dem Grafen, der übrigens ein ganz fixer Kerl ist, Brüderschaft getrunken haben. Eduard Sieveking zügelte das Pferd, um seinen Zug herankommen zu lassen. Georg ritt weiter, murmelnd: Ich hätte darauf schwören mögen! umflorten Auges auf die Menge blickend, deren Jubel ihn jetzt, da die Spitze seines Zuges um die Ecke der Große Bleichen auf den Jungfernstieg bog, von neuem mächtiger als zuvor umbrauste. Er hatte sich nicht geirrt. Hinter der Gräfin d'Aubigny, die, in ihrem Balkonfenster lehnend, so vergnüglich auf das bunte Schauspiel unter ihr herabschaute, als wäre sie in ihrer Loge im Théâtre français und sähe ein neues, ganz besonders amüsantes Stück, hatte für einen Moment Minna gestanden, herbeigezogen durch ein übereifriges: Das müssen Sie sehen, meine Liebe! schnell! schnell! Es war Georg auf seinem bekränzten, schäumenden Rappen gewesen, den die Gräfin ihr hatte zeigen wollen. Sie aber hatte den Bruder gesehen und war nach dem Sofa im Hintergrunde des Zimmers, von dem sie sich widerwillig erhoben hatte, zurückgestürzt. Dort fand die Gräfin, sich nach einigen Minuten vom Fenster wendend, sie, den Kopf in die Kissen drückend, in Tränen gebadet. Großer Gott, was ist Ihnen, meine Liebe? rief die erschrockene Dame. Es war mein Bruder! murmelte Minna schluchzend. Den Lippen der Gräfin entschlüpfte ein leises, schnell abgebrochenes Ah! Sie ging ein paarmal in dem Gemache hin und wieder; dann kam sie zu Minna, die sich inzwischen emporgerichtet hatte und mit starren Augen, in denen noch die Tränen glänzten, vor sich hinblickte, setzte sich zu ihr aufs Sofa und sagte, ihre Hand ergreifend: Aber, meine Liebe – ich begreife Sie ja, begreife Sie vollkommen – indessen: an diesen Gedanken müssen Sie sich nun gewöhnen und dürfen dergleichen nicht so tragisch nehmen, wenn Sie doch einmal eine von den Unseren sein wollen. Eine von den Ihren! sagte Minna mit demselben starren Blicke. Werde ich das jemals werden können? Das wird doch nur an Ihnen liegen, erwiderte die Gräfin. Es war etwas unsicher herausgekommen. Die Dame fühlte das selbst. So fuhr sie in kräftigerem Tone fort: Was wollen Sie? Sie lieben Héricourt, und Héricourt liebt Sie. Das ist, meine ich, die Hauptsache. Das andere muß sich finden, wird sich finden. Man wird zwischen Ihnen und Ihrem Gatten die Scheidung herbeiführen – der Graf sagt mir, das hält bei euch Protestanten nicht schwer. Natürlich wird darüber einige Zeit vergehen. Das ist unbequem, da Héricourt und der Graf ihre Kommission in höchstens acht Tagen beendigt glauben, und wir Franzosen dann anständigerweise nicht länger hier bleiben können. Wir werden dann sehen, unter wessen Schutz Sie hier zurückbleiben; ich denke: unter dem Ihres Bruders, den Sie ja so sehr lieben. Dann – dann – Die Gräfin bog sich nieder, ihr Windspielchen zu streicheln, das sich an sie gedrängt hatte, und fuhr fort: Was ich sagen wollte – ja! Dann sind Sie inzwischen in den Schoß unserer heiligen Kirche übergetreten, was unbedingt notwendig ist, meine Liebe, unbedingt! – und kommen zu uns nach Frankreich, wo Sie von dem Grafen und mir an der Grenze – kein Wort, meine Liebe! es ist das alles zwischen Héricourt und uns abgemacht – das wenigste, was wir für unseren Freund tun können – überdies, es geht gar nicht anders – die einfache Schicklichkeit erfordert es. Wir eskortieren Sie nach Paris, wo Héricourt Sie in unserem Hause begrüßen wird, wo Sie bis zu dem Tage der Vermählung bleiben. Nun, meine Liebe, sagen Sie selbst: gibt es auf der Welt etwas Einfacheres? – Artig, Fisine! Das liebe Ding! Sehen Sie doch! Ich glaube wahrhaftig, es weiß, daß es nach Frankreich zurückkommen wird! Die Gräfin liebkoste das Windspielchen, das ihr auf den Schoß gesprungen war. Minna hatte, während die Gräfin sprach, ihren starren Blick nicht verändert. Sie schaute auch jetzt nicht auf, als sie leise sagte: Glauben Sie, daß seine Mutter bei der Vermählung zugegen sein wird? Die Gräfin konnte nicht sogleich antworten, sie mußte erst das Halsband ihres Lieblings, das sich verschoben hatte, zurechtrücken. Und dann: Die Frau Marquise? Ja, meine Liebe, offengestanden: ich glaube nicht. Sie dürfen ihr das nicht verübeln. Ich habe die Ehre, die Frau Marquise zu kennen: unsere Güter in der Bretagne und Schloß Larnac, die Residenz der Frau Marquise, sind ja benachbart – deshalb auch die Jugendfreundschaft zwischen Héricourt und dem Grafen. Also: ich kenne die Frau Marquise – eine Dame, der höchsten Achtung wert in jeder Beziehung; – aber – es ist sehr seltsam: in der älteren Linie der Héricourts, der Héricourts schlechtweg – geht eine Ader von Neuerungssucht und Demokratismus – wie sich denn auch Hypolits Vetter Bertram mit einer Rotüriere vermählt hat – während die Drouot d'Héricourts die alten Traditionen immer heiliggehalten haben. Hypolits Vater, wissen Sie, starb unter der Guillotine, ein Opfer der Schreckensherrschaft. Darf man es seiner Witwe – auch wenn sie nicht eine geborene Duchesse Morbihan aus einem Geschlechte wäre, älter als das der Bourbons –-darf man sich wundern, sage ich, daß sie sterben will, wie sie gelebt hat: treu ihrem Gott und ihrem König? Das heißt, sagte Minna, wenn ich nicht irre: sie wird bei unserer Vermählung nicht nur nicht zugegen sein, sondern auch nie in sie willigen. Und doch sagten Sie vorhin: es liege nur an mir, eine der Ihren zu werden! Mein Gott, rief die Gräfin, man muß dergleichen nicht buchstäblich nehmen. Man muß eben sehen, was sich machen läßt. Unser alter Adel, ich gebe es zu, ist der stolzeste der Welt; aber auch zugleich der, der dem Kultus der Schönheit und des Geistes am eifrigsten huldigt. Nun, meine Liebe – ohne Ihnen schmeicheln zu wollen – es müßte seltsam zugehen, wenn Sie sich mit Ihrer Schönheit und Ihrem Geiste diese stolze Welt nicht erobern sollten. Haben Sie doch uns bereits erobert, den Grafen und mich, und dürfen wir uns doch rühmen, in dieser Welt nicht die Letzten zu sein! Aber nun, den Kopf in die Höhe, meine Liebe! Ich höre unsere Herren kommen. Wir dürfen ihnen keine verweinten Augen zeigen. Sie nahm ihr Taschentuch, das sie Minna schnell ein paarmal auf die Augen drückte, während Fifine von ihrem Schoße herab den Herren, die zur Tür hereintraten, bellend entgegensprang. Sechzehntes Kapitel. Minna hatte die Fassung, der ihr der Anblick des Bruders geraubt hatte, in Gegenwart der Herren sofort wiedergewonnen, aber in ihrer Seele war stürmische Nacht, in die ihre Liebe zu Hypolit zwar hineinschien, aber nur wie das Licht eines Pharos dem Schiffer scheint, der weiß, daß er auf leckem Fahrzeuge den bergenden Hafen nicht mehr erreichen wird. Was sie heute vormittag während des Einzuges erduldet; das Gespräch sodann mit der anmutigen Gräfin über ihre Zukunft; der sorgenvolle Blick, den Hypolit während des Beisammenseins mit den Freunden wiederholt verstohlen auf sie gerichtet hatte, und der ihr nicht entgangen war – es hatte alles zusammengewirkt, den grausamen Entschluß, mit dem sie sich bereits seit vorgestern getragen, zur Reife zu bringen. Und nicht noch eine schlaflose Nacht durfte in dumpfem Brüten hingehen über etwas, das sie als ein Unabweisliches erkannt zu haben glaubte. Es war Abend geworden. Auf den Gassen wogte die Menge in dichten Scharen. Minna sagte, daß nach dem heißen Tage in den geschlossenen Räumen ihr ein Spaziergang in der Abendkühle wohltun würde und bat Hypolit, sie zu begleiten. Sie wußte, daß die Gräfin zu den Damen gehörte, die Promenaden nur zu Wagen lieben, und der Graf zu den galanten Männern, die ihre Frauen nicht allein lassen, außer, wenn jene es wünschen, was die Gräfin in diesem Falle sicher nicht tun werde. Wirklich drängte diese, welche, frauenhaft klug, Minnas Absicht sofort herausgefühlt hatte, die beiden fort, bestand aber darauf, daß Hypolit sich in einen bürgerlichen Anzug kleide. Die Herren hatten zwar, als Militärbevollmächtigte, die Prärogative von Gesandten; aber einem aufgeregten Pöbel dürfte das nicht immer rechtzeitig klarzumachen sein. Der Rat war zu verständig, als daß Hypolit, schon um Minnas wegen, ihn nicht hätte befolgen sollen. Auch Minna mußte einen dichten Schleier über den Hut nehmen. So machten sich die beiden auf den Weg. Man hatte heute abend von einer Illumination, wie am Tage von Tettenborns Einzug, Abstand genommen, vielleicht weil man fühlte, daß sich doch allzuviel heimliches Leid in den lauten Jubel des Volkes mischte; vielleicht auch nur, dem Feuerwerk, das auf der Binnenalster abgebrannt werden sollte, nichts von seiner einsamen Pracht zu rauben. Es war eben die für das Schauspiel angesetzte Stunde. So hastete denn alle Welt dahin; und Hypolit und Minna sahen sich, kaum aus dem Hause getreten, von dem Strome erfaßt, dem sie folgen mußten, wollten sie nicht noch ärger ins Gedränge kommen. Doch lichtete es sich in dem Maße, als man sich der Grenze des inneren Alsterbeckens näherte, die von den Schaulustigen nicht überschritten wurde. Bevor sie noch die Außenalster erreicht, fanden sich die Liebenden allein auf einem, früher mit freundlichen Villen und schattigen Gärten geschmückten Terrain, das während der Belagerung in ein Glacis mit ein paar jetzt verlassenen Vorwerken umgewandelt worden war. Auch der Vater Warburg hatte seinerzeit hier einen schönen Garten besessen; vielleicht war die öde Stelle, über die sie eben schweigsam wandelten; dieselbe, auf der Minna unter Blütenbäumen, ein ahnungsloses Kind, gespielt. Eine zerbrochene Kanonenlafette lag vor ihnen. Hypolit, der Minnas Hand schwerer auf seinem Arme fühlte, bat sie, ein wenig zu ruhen. Minna folgte seiner Bitte mechanisch; er nahm neben ihr Platz und sagte, ihre Hand ergreifend: Meine Minna ist nicht so heiter, wie ich wohl wünsche. Und wenn heiter vielleicht nicht das rechte Wort ist: so in sich stillbeglückt und beruhigt, wie die es sein dürfen, die sich nach so langer Leidenszeit endlich gefunden haben. Um sich alsbald wieder zu verlieren, sagte Minna dumpf. Kommt mein tapferes, kluges Mädchen wieder darauf zurück? erwiderte Hypolit mit sanftem Vorwurfe. Erinnert sie sich nicht, daß sie mir dasselbe im ersten Augenblicke unseres Wiedersehens sagte? und was ich darauf erwiderte? Es war ein einziges Wort und also leicht zu behalten. Sollte es meine Minna dennoch vergessen haben? Ich habe es nicht vergessen, dein großmütiges »Niemals«, rief Minna, und werde es nicht vergessen bis zu meiner Sterbestunde und dir dafür danken mit meinem letzten Atemzuge. Aber Hypolit –die Worte ringen sich mir aus meiner Brust, als wären es Tropfen von meinem Herzblute, und mein Leben flösse mit ihnen dahin – Hypolit, Geliebter meiner Seele: ich kann die Deine nicht werden! Ich, die ich dich so unsäglich liebe, darf dich nicht grenzenlos unglücklich machen. Und du würdest es, wenn du nicht von mir läßt; ja, du bist es jetzt schon, und nur deine Großmut ist es, die dir und mir verschleiern möchte, was du doch deutlich siehst, wie ich es sehe. Sage mir, was du siehst, erwiderte Hypolit mit sanftem, ruhigem Tone; und sage mir alles! Ich beschwöre dich darum bei deiner Liebe zu mir! Bei meiner Liebe zu dir! Nun denn! Minna atmete tief auf und fuhr also fort: Meine Liebe zu dir erträgt den Gedanken nicht, daß ich mich an dich klammere, eine Fessel und eine Last, die du so weiter durch das Leben schleppen sollst, das dann nicht mehr dein Leben ist, dein wahres Leben, zu dem du geboren und erzogen bist, in das dich dein Stand, dein Rang, deine Verbindungen, die Verdienste, die du dir bereits erworben hast, die Hoffnungen, die man auf dich setzt, zu setzen vollauf berechtigt ist – in das dich alles gebieterisch weist, und dem du dich nicht entziehen kannst, ohne dir selbst untreu zu werden und deiner Nation, deinem Vaterlande. Ich habe bereits in dieses schöne und große Leben störsam eingegriffen – ich weiß es aus deinen Briefen – und daß die Erinnerung an mich dir wohl den festen Mut des Kriegers nicht rauben konnte, aber deine Seele doch weicher stimmte und dich Gedanken und Gefühle hegen ließ, die dir dein rauhes Handwerk schier verleideten. Doch waren die Ereignisse zu groß, als daß die individuellen Empfindungen ihnen gegenüber nicht hätten schweigen müssen. Du brauchtest dich nur von dem Strome tragen zu lassen, um sicher zu sein, das zu tun, was eine höhere Gewalt, die du als Bestimmung und Schicksalsschluß zu verehren hattest, von dir forderte. Bis zu diesem Augenblicke! Und nun beginnt eine andere Zeit. Eine Zeit, wo die ungeheuren Mächte, die dein Leben lenkten, sich von der Bühne des Menschentreibens in ihr geheimnisvolles Dunkel zurückziehen und dem Individuum Raum gewähren, ja, es zwingen, auf den eigenen Füßen zu stehen, zu zeigen, was es aus der eigenen Kraft heraus kann und vermag. Dein Volk, das seinen Genius verhüllt hatte, damit das Genie des einen Mannes in dämonischem Glänze leuchten könne; seinen Willen gefesselt hatte, auf daß der eine das Übermenschliche wollen dürfe – es ist sich selbst zurückgegeben, muß jetzt selbst die dunkeln, verworrenen Pfade gehen, die jener ihm bereitet hat. Und in diesem Augenblicke wolltest du dich deinem Volke entziehen? ihm nur ein weniges weniger sein, als du ihm sein könntest, wenn du du selbst bleibst? Du bleibst es nicht mit mir an deiner Seite; mir, der Fremden, der Tochter des Volkes, das eben noch geknechtet zu euren Füßen lag, um jetzt den Fuß auf euren Nacken zu setzen. Ich will nicht sprechen von deiner Mutter, die mich nie als ihre Tochter anerkennen wird; nicht von deinen stolzen Verwandten, die mich verleugnen, von deinen aristokratischen Freunden, die – mit Ausnahme eines oder des anderen vielleicht – sich achselzuckend von dir wenden werden; – ich spreche nur von deiner Nation, die mit Recht dafür halten wird, daß jemand, der dem Allgemeingefühl, von dem sie sich beseelt weiß, nicht seine Herzensneigung opfern kann, unmöglich der Mann ist, der sie die Vertretung ihrer Interessen, die Durchführung ihrer Absichten, anvertrauen darf. Und so wirst du dich aus dem öffentlichen Leben, in das du gehörst, weggedrängt sehen in das Dunkel einer privaten Existenz, die dir nicht ziemt. Um was? Um mich, die sich jede Stunde ihres Lebens sagen müßte: das ist dein Werk! Du hast zwischen ihm gestanden und seiner Nation, zwischen ihm und seiner Pflichterfüllung, zwischen ihm und seiner Ehre! Und du meinst, ich könnte dies Bewußtsein, das mich zum Kerkermeister eines freien, edeln Geistes macht, ertragen? Nimmermehr! Minna schwieg, überwältigt von der Flut der Gedanken, die auf sie einstürmten. Hypolit hob den Kopf, den er, während die geliebte Frau in ihrer leidenschaftlich beredten Weise sprach, sinnend in die Hand gestützt hatte, und sagte freundlich und ruhig wie zuvor: Ist das alles, Geliebte? Es kann nicht alles sein; ist nur die eine Seite der Medaille. Darf ich dir die andere zeigen und dir sagen, was ich sehe? Nun wohl! Ich sehe in dem Dunkel dieser taten- und ruhmlosen Existenz ein junges Weib voll Feuer, Geist und herrlichster Gaben, mit denen sie in ihrer Heimat geglänzt hat und weiter glänzen würde. Nur daß sie nicht nach Glanz und eitelm Ruhm begierig ist, wohl aber sich elend fühlt, wenn sie nicht nützen und schaffen kann nach ihres edeln Herzens Lust. Und das fürchtet sie nicht zu können in der Fremde, fern von den Ihren: ihren Landsleuten, Freunden, die alle sie verloren zu haben glauben, doppelt, weil sie die Teure, Unersetzliche an Frankreich abtreten sollten, das sie als ihren Erbfeind hassen, und das sich ihnen durch Jahre der Tyrannei, durch die tausend Wunden, die es Deutschland schlug, tausendfach hassenswert gemacht hat. – Nicht wahr, Geliebte, auch das hast du gesehen und nur aus zarter Rücksicht verschwiegen? Oder, sähest du es wirklich nicht, so gebot mir die Pflicht, es dir zu zeigen. Denn davor sei Gott, daß wir, die wir einander alles höchste Glück bereiten möchten, uns gegenseitig aus kindischer Zärtlichkeit über eine Gefahr verblendeten, die immer uns beiden drohen würde, da in Leid und Glück eines sich nicht mehr von dem anderen zu lösen vermag. Habe ich richtig in deiner Seele gelesen? Ja, erwiderte sie traurig, du hast es, wie ich in der deinen. Beide schwiegen. Über der nahen Binnenalster stiegen zischende Raketen, ihre glänzenden Linien an dem dunkeln Himmel ziehend. Minna starrte zu den Phänomenen auf, die ihr ein Bild ihres Glückes deuchten: eine lichte Bahn empor zu einem Sterne, der für eine kürzeste Frist göttlich leuchtet, um dann im Dunkel spurlos zu verlöschen. Hypolit hatte den Kopf wieder in die Hand gestützt. Man wird uns erwarten, sagte Minna, laß uns zurückkehren! Er schien sie nicht gehört zu haben; sie mochte die Aufforderung nicht wiederholen. Und mußten sie sich nun doch trennen, so war ja jeder Moment, den sie noch Hand in Hand zubringen durften, eine Seligkeit. Sie nahm leise seine Hand, er führte die ihre an die Lippen und sagte in einem Tone, durch dessen Zärtlichkeit das Pathos einer tiefen Überzeugung hindurchklang: Und meine geliebte, tapfere, meine kluge Minna kann wirklich glauben, dies sei das letzte Wort ihres Hypolit? Dann freilich wäre er nicht wert gewesen, von einer Minna geliebt zu werden. Nein, du Teure, wer, wie ich, so früh gezwungen war, gegen ein feindliches Geschick zu kämpfen, jede Gunst des Lebens diesem Geschicke hat abtrotzen müssen – der streckt die Waffen nicht so bald, der streckt die Waffen niemals. Führen sie ihn nicht zum Siege, so mögen sie ihn zum Tode führen – gefangen gibt er sich nicht. Und weshalb sollte ich mich, sollten wir uns in diesem Falle gefangen geben? Sind denn Frankreich und Deutschland die Welt? Kann ich nicht hier mit dir, du nicht mit mir in Frankreich leben, ohne daß man uns in unserer Ehre kränkt, und wir uns selbst durch so viel trübe Erinnerungen unser Glück verleiden, so teilen wir eben das Los von Tausenden, die aus einem tyrannischen Vaterlande in die Verbannung gingen, um ihrem Gott nach ihrer Weise dienen zu können, sich einen Herd zu erobern, den ihnen die Heimat verweigerte. Was jene um ihren Glauben, diese um das tägliche Brot taten, das sollte uns für unsere Liebe zu tun verboten sein? Nimmermehr! Und wäre es, ich anerkenne kein Gebot und keine Satzung, die mich hindern will, der Stimme meines Herzens zu folgen. Die leidenschaftliche Erregung, in die sich Hypolit hineingesprochen hatte, machte ihn für den Augenblick verstummen. Es erschien ihm unwürdig, die Geliebte, die er durch seine Gründe überzeugen wollte, durch seine Heftigkeit zu erschüttern. So fuhr er denn erst nach einer kleinen Pause, die sie nicht zu unterbrechen wagte, in ruhigerem Tone fort: Ich habe lernen müssen, jeder anderen Stimme zu mißtrauen, auch wenn sie sich im Namen von Ideen erhebt, welche man für heilig erklärt hat, und die es auch sein mögen, nur daß die Menschen geschäftig sind, sie ihrer Heiligkeit zu entkleiden. Mir haben sie alles entheiligt, was sonst meinem Leben Inhalt und Weihe gab – alles! Hat es je einen Sohn gegeben, der seine Mutter anbetete – ich bin's gewesen, bis ich fand, daß in dem Herzen, unter dem ich geruht und an dem ich in jedem Leide eine sichere Zuflucht finden zu können glaubte, nicht Liebe für den Sohn wohnte und zärtliche Sorge für sein Glück – nur Stolz und aber Stolz auf den Abkömmling des alten Geschlechtes, der sich seiner Ahnen nicht unwürdig zu erweisen schien, ja, den mit der Zeit abgeblaßten Familienidolen neuen Glanz und Schimmer zu bringen versprach. – Und mein Frankreich – mein schönes Frankreich, das sich einst erhob in flammender Begeisterung, die stolzen Ideen Rousseaus in stolzere Wirklichkeiten zu wandeln, wie würde ich es geliebt haben, wäre es nicht zum Feuerberg geworden, der nur noch ödes Gestein und ekeln Schlamm gebar! Wie habe ich es geliebt trotz alledem in Groll und Tränen und Verzweiflung und dem Manne, der unter uns aufstand, mit gewaltiger Hand den Vulkan zu schließen, freudig, gegen den Willen der Mutter, meinen Degen zur Verfügung gestellt, wähnend, es könne doch nur eine Frage der Zeit sein, bis aus dem Kriegesfürsten der Friedensfürst erstünde, der Regenerator einer durch ihn von der Tyrannei des Mönchtums und des Feudalismus erlösten, durch ihn zur Herrschaft der Vernunft und Sitte geläuterten und gestählten Welt. Oh, schöner Traum! oh, schreckliches Erwachen! Auf den Schlachtfeldern Rußlands – ich kenne viele, die da ihren Glauben an den Kaiser verloren haben, und einige sagten, sie hätten dafür ihren Gott gefunden. Mir ist es schlimmer ergangen. Mir war der Kaiser längst zu einem Tamerlan geworden; an die Armee, an die Fahne fesselte mich nur noch der Zwang der militärischen Ehre, und der Gott, an den ich geglaubt hatte, war ein Gott der Liebe und Barmherzigkeit gewesen! Ich sah sein Antlitz nicht mehr in den Flammen ruchlos eingeäscherter Städte; im Eis und Schnee und Greuel des Rückzuges habe ich seine letzte Spur verloren. Und wer, wie ich, das Entsetzliche schaudernd miterlebt hat, verlangte fürder nach seiner Seele Unsterblichkeit? Um noch einmal, noch tausendmal dem Grauen beizuwohnen? Welche Bürgschaft haben wir, es werde nicht der Fall sein? Oder ward unsere Erde von den Myriaden der Gestirne allein zum Schauplatze ewigen Brudermordes ausersehen, welcher böse Dämon ließ uns hier geboren werden? Sieh, Geliebte, das ist dein Hypolit, der ärmste, der elendeste der Sterblichen ohne deine Liebe; mit ihr ein Mensch, der einen Kaiser nicht um seinen Thron, die Engel, wenn es deren gibt, nicht um ihre ewige Seligkeit beneidet. Hast du das Herz, noch jetzt zu sagen, daß wir uns trennen müssen, jemals werden trennen können? Hast du das Herz? Er hatte ihre Hände ergriffen, sein Gesicht nahe zu dem ihren neigend. Sie hätte eine Welt darum gegeben, ihn freien Herzens mit den Armen umschlingen, an ihren Busen ziehen, das geliebte Antlitz mit Küssen bedecken zu dürfen, aber ihr Herz war nicht frei: es schlug dumpf und angstvoll in der Brust; sie durfte dies beklommene Herz nicht an eines drücken, das so voll von einem seligen Glauben war, den sie nicht teilen konnte, ja, dessen Trug auch für ihn die rauhe Wirklichkeit des Lebens früher oder später aufdecken mußte. So hielt sie denn gewaltsam an sich und erwiderte, ihre Hände sanft aus den seinen ziehend: Wolle der Frau verzeihen, wenn sie, die dem Geliebten ein volles Glück bereiten möchte, von bangen Zweifeln beschlichen wird, ob Wunsch und Erfüllung sich jemals decken werden. Familie – Vaterland – ich sehe wohl, und habe es an mir erfahren, daß diese Bedingungen, in welchen wir geboren und denen wir Ehrfurcht schuldig sind und gern schulden, zu furchtbaren Fesseln werden können, die uns bis in das Mark des Lebens schneiden; ich begreife durchaus, daß es noch ein Höheres gibt, für das man leben kann, für das wohl zu allen Zeiten die Edelsten der Menschheit einzig gelebt haben. Aber mag dies ihr Leben auch nicht immer auf einem Golgatha enden mit dem Tode am Kreuz – das Kreuz zu tragen sein Leben lang ward keinem dieser Edelsten erspart. Ich denke wieder unseres hingeschiedenen Freundes, von dem wir jetzt so oft und gern gesprochen haben. Er, der nun bereits zur dritten Generation der Verbannten gehörte, glaubte ein Deutscher zu sein und konnte doch nur, wie er mir oft gesagt, in der Sprache seiner Eltern träumen und denken und war und blieb in seinem Herzen Franzose. Wofür sein Herz schlagen sollte, es mußte französisch sein, oder er wandelte es wenigstens innerlich zu etwas Französischem um und nannte es so: einen blauen Himmel, eine sanfte Lust, ein geistreiches Wort, ein anmutiges Mädchengesicht. Auch mich mußte er erst auf diese Weise zur Französin machen, um mich lieben zu können. Aber er war zu klug, um nicht zu wissen, daß das eben alles nur ein geistreiches Spiel seiner Phantasie, und das Leben der Wirklichkeit sich grau und häßlich um ihn breitete. In diesem Zwiespalte verzehrte sich sein Leben, wurde er der alte Hagestolz, der Sonderling, der grimme Menschenhasser – Der sein Leben für die Menschheit lassen konnte, sagte Hypolit sanft. Ich weiß es, rief Minna leidenschaftlich: aber ich weiß auch, daß er grenzenlos unglücklich war. Und ich will dich glücklich wissen; ich möchte selber so gern glücklich sein! Das ist es ja, daß ich daran zweifeln muß, was mich so furchtbar quält. Und, Hypolit, wir beide sind noch jung! Als der alte Mann in seinen Landsleuten von heute das Volk, für das Corneille und Racine gedichtet hatten, und das in seiner Phantasie lebte, nicht zu erkennen vermochte, machte sich seine enttäuschte Seele Luft in bitterem Spott und Hohn. Wir werden das beklommene Herz so nicht erleichtern können. Auch in der Fremde werden wir jede Erniedrigung unseres Volkes als unsere eigene Schmach empfinden; werden wir jauchzen, wenn ihm eine große Tat gelingt. In der Fremde? in der Ferne der Zeit? Und hier! und jetzt! Hypolit! was mußt du gelitten haben heute, als der Jubel unseres Volkes an dein Ohr drang! Was habe ich gelitten, als ich nicht jauchzen durfte mit den Jauchzenden! Sie hatte stöhnend das Gesicht in beide Hände gedrückt. Er antwortete nicht sogleich. Dann sagte er in tiefster Bewegung und doch voll tröstlicher Zuversicht: Wir haben gelitten – schmerzlich – beide – ganz gewiß! Aber haben wir uns darum weniger geliebt? Haben wir uns nicht jeder gesagt: dieses ihr Leiden, das du ihr nicht abnehmen kannst, du mußt es der geliebten Seele zu vergüten suchen durch nur noch innigere, hingebendere Liebe, wenn es möglich ist? Ich müßte meine Minna nicht kennen, hatte sie anders gefühlt! Ja, rief Minna, das Gesicht erhebend, ich habe so gefühlt; aber auch, daß meine Liebe nie – nie imstande sein wird, zu ersetzen, was du aufgibst für mich. Oh, wenn es Liebe könnte! Küsse mich, damit ich es glaube! Nimm mich in deine Arme! Rette mich vor der Welt! rette mich vor mir selbst! Sie hatte sich an seine Brust geworfen, ihn umklammernd, wie ein Ertrinkender den Felsen, der ihn allein vom Untergange bewahren kann; ihre Lippen wieder und wieder auf seinen Mund pressend in leidenschaftlich wilden Küssen. Ein Kanonenschlag, das Ende des Feuerwerks auf der Alster verkündend, schreckte die Trunkenen einen aus des anderen Armen. Laß uns heimgehen! sagte Hypolit. Ja, laß uns fort von hier! flüsterte sie. Sie hatte nur den Ort gemeint, wo sie sich befanden. Aber als sie nun an seinem Arme durch das Dunkel dem Lichte entgegenschritt, das von der Binnenalster noch immer, wenn auch schwächer als vorhin, herüberleuchtete, sprach sie bei sich: fort von der Erde, auf der uns nimmermehr ein Glück erblühen kann. Siebzehntes Kapitel. An der Seite des Alsterdammes hatte sich die Menge jetzt, da das Feuerwerk abgebrannt war, zu lichten begonnen; auf dem Jungfernstieg aber stand sie wieder Kopf an Kopf, sich haufenweis um ein paar Läden drängend, die während der Okkupation geschlossen und heute zum erstenmal wieder aufgetan waren; die meisten blickten eifrig nach dem Wasser, auf dem durcheinanderkreuzende, mit bunten Laternen geschmückte Boote, in welchen lachende, singende, jauchzende Menschen saßen, den entzückten Zuschauern verkünden zu wollen schienen, daß Hamburg sich selbst zurückgegeben sei. Es hielt schwer, durch das Gedränge zu kommen, und Minna, die den Schleier dicht über das Gesicht gezogen hatte, atmete auf, als sie, in die Große Bleichen biegend, die Straße verhältnismäßig frei fanden. Dennoch eilte sie, Hypolit fast mit sich ziehend, atemlos vorwärts. Die doch nicht eben lange Strecke bis zu dem Hause, in dem die d'Aubignys wohnten, schien ihr kein Ende nehmen zu wollen, und sie erschrak aufs heftigste, als sie an der Ecke der Königsstraße einer Schar von jungen Leuten begegneten, die, sich einander untergefaßt haltend, lärmend und singend daher kamen, ihnen den Weg versperrend. Das war offenbar zuerst absichtslos geschehen, wurde aber Absicht, als Hypolit, der sich nicht vorstellen mochte, daß man einer Dame nicht ausweichen werde, Minnas Arm etwas fester nehmend, ruhig weiterschreitend, da jene nicht Raum gaben, gerade auf die Mitte der Kette stieß. Er trat einen Schritt zurück und machte eine Wendung nach links, den Schwarm zu umgehen, der nun sofort nach rechts drängte, so daß für Hypolit die Unmöglichkeit, mit seiner Dame geradeaus vorwärts zu gelangen, von neuem entstand. Es war, nach den lachenden Gesichtern der jungen Leute zu schließen, keineswegs auf eine Beleidigung abgesehen, nur auf einen Scherz, wie er dem trunkenen Mute passend und jedenfalls harmlos erschien. Auch nahm Hypolit die Sache nicht anders, indem er, höflich den Hut ziehend, ein kaum ironisches Eh bien, Messieurs? fragte. Die französischen, offenbar von einer französischen Zunge gesprochenen Worte wirkten auf die Berauschten wie ein elektrischer Schlag. Oho, ein Franzose! – Hier nix französisch! – Verstandez-vous? schallte es zurück. Minna machte eine lebhafte Bewegung; Hypolit flüsterte ihr zu: Ich bitte dich, sprich nicht! Und dann zu den jungen Leuten: Meine Herren, ich muß nach ihrem Äußeren annehmen, daß Sie mich verstehen. So ersuche ich Sie um das Selbstverständliche: lassen Sie mich und meine Dame passieren! Die in ruhigem Tone gesprochenen Worte und die vornehme Haltung des Sprechenden mochten den Übermütigen imponieren. Sie blickten einander an und schienen im Begriff, Raum zu geben. Einer von ihnen aber, ein hochgewachsener junger Mann, rief: Ach was, Jungens, keine Umstände mit dem Schwadroneur! Und dann, ein wenig vor die anderen tretend, in fließendem Französisch, und indem er die Haltung Héricourts möglichst nachahmte: Mein Herr! wir werden Sie passieren lassen, vorausgesetzt, daß die Dame Ihre Landsmännin ist. Ist sie es nicht, so wünschen wir das Gesicht der Deutschen zu sehen, die es an einem Tage wie der heutige mit den Franzosen hält. Bravo! – das ist recht! – Wir wollen ihr Gesicht sehen! – Herunter den Schleier! riefen die Lachenden untereinander. In meinem Vaterlande, erwiderte Hypolit, ist man gewohnt, die Pflichten des Anstandes zu erfüllen, ohne Bedingungen zu stellen. Wir sind aber nicht in Ihrem Vaterlande, und wir bestehen auf der Bedingung, rief der Sprecher. Ja, wir bestehen auf der Bedingung, rief der Chor. Herunter den Schleier! Ein besonders Kecker war herangesprungen und streckte die Hand nach Minna aus. Im nächsten Moment taumelte er, von einem kräftigen Stoß Hypolits vor die Brust getroffen, auf seine Gefährten zurück. Die Kette hatte sich gelöst, aber nur, damit jetzt alle mit drohenden Gebärden und wilden Worten auf Hypolit eindringen konnten, ohne daß doch einer Hand an ihn zu legen gewagt hätte. Aber schon waren die Angreifer nicht mehr in der Lage, ihre Sache allein für sich durchzuführen. Ein Volkshaufen hatte sich inzwischen angesammelt, der sich mit jeder Sekunde vergrößerte. Aus dem drohenden Gemurmel ringsumher wurde wüstes Geschrei; die Hinterstehenden drängten auf die Vorderen; Fäuste waren geballt, Stöcke wurden geschwungen; der nächste Augenblick mußte eine schreckliche Katastrophe herbeiführen. Da brach sich einer durch die umdrängende Menge gewaltsam Bahn: ein hanseatischer Offizier, der sich vor die Bedrohten stellte, mit heller, heftiger Stimme rufend: Zurück! zurück, sage ich! Und haltet Frieden! Wollt ihr den schönen Tag entweihen? So viele gegen den einen Wehrlosen? Schämt euch! Und wisset: dieser Herr hat das Recht, frei durch unsere Straßen zu gehen: er ist der militärische Bevollmächtigte der Franzosen, geschützt durch das Völkerrecht, wenn ihr ein anderes Recht nicht gelten lassen wollt. Georg sprach nur noch zu dem Volkshaufen; die ersten Angreifer hatten sich, als sie die Sache diese Wendung nehmen sahen, eiligst in die Menge verloren. Die aber hatte ihren Helden von heute morgen kaum erkannt, als sie, vergessend, um was es sich hier eigentlich handelte, in Hurras und Lebehochs ausbrach. Kaum, daß sich Georg der Begeisterten, die alle seine Hände schütteln wollten, erwehren konnte. Morgen mehr! rief er. Für heute abend laßt es gut sein! Die Leute gehorsamten ihm. Noch ein paar Hurras und Lebehochs; dann war der Weg frei. Georg wandte sich zu Hypolit, militärisch grüßend: Ich bitte für meine Landsleute um Entschuldigung, Herr Marquis. Sie sind heute in einer erregten Stimmung, die sich begreifen läßt, und auf die man vielleicht hätte Rücksicht nehmen sollen. Jedenfalls möchte ich, der größeren Sicherheit wegen, um die Erlaubnis nachsuchen, Sie und Ihre Dame bis zu Ihrer Wohnung geleiten zu dürfen. Durch den gezwungen ruhigen Ton, worin diese Worte gesprochen wurden, zitterte eine mühsam verhaltene Leidenschaft, die Minnas Herz zerbrach. Sie hatte während des schrecklichen Auftritts vorhin ihre Selbstbeherrschung nicht verloren; jetzt kam ein wimmerndes Stöhnen aus ihrer Brust, und Hypolit fühlte, daß sie sich an ihn klammerte, um nicht umzusinken. In ihm selbst bebte der Unwille nach über die Brutalitäten, denen er sich und das geliebte Weib eben noch ausgesetzt gesehen hatte, und in dem Umstande, daß der Bruder die Schwester, die er verleugnete, solche Qual erdulden lassen konnte, erblickte er nur einen anderen Beweis der Herzensroheit, die dieses Volkes traurige Mitgift sei. Doch bezwang er sich um der Unglücklichen an seiner Seite willen so weit, daß er mit Haltung sagen konnte: Ich danke Ihnen, Herr Leutnant Warburg, obgleich ich glaube, daß wir Ihres Schutzes entraten können. Die Wohnung Ihrer Frau Schwester, die ein Gast des Grafen und der Gräfin d'Aubigny ist, befindet sich in der Entfernung weniger Häuser. Meine Wohnung – dieselbe, die ich auch vormals innehatte – passieren wir soeben. Dann will ich Monsieur und Madame nicht weiter lästig fallen, sagte Georg, stehenbleibend und, die Hand an dem Tschako, sich verbeugend. Georg! rief Minna mit einem wilden Schrei, beide Hände, die sie losgemacht hatte, dem Bruder entgegenstreckend. Madame irren sich ohne Zweifel, sagte Georg kalt, mit nochmaliger Verbeugung sich zum Gehen wendend. Er hatte noch kaum zwei Schritte getan, als er Hypolit vor sich sah, ihm den Weg vertretend. Herr Marquis belieben? Ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie ein Held zu sein glauben, und nichts weiter als ein Elender sind! Ich schleudere es Ihnen in die Zähne zurück: Sie glauben ein Bayard zu sein, Herr Marquis, und sind nichts als ein kläglicher Don Juan. Sie machen von dem Umstande, der Bruder Ihrer Schwester zu sein, einen unwürdigen Gebrauch. Unmöglich, Herr Marquis! Ein deutscher Offizier kann die Geliebte eines französischen nicht zur Schwester haben. Es gab eine Zeit – und sie ist nicht lange her – als die Herren Offiziere in Deutschland den Kopf nicht ganz so hoch trugen. Memmen gab es zu allen Zeiten und bei allen Nationen. Sollte ich zufällig auf eine französische gestoßen sein? Oder wird der Marquis d'Héricourt beweisen, daß er wenigstens den Mut seiner Schamlosigkeit hat? Sie werden morgen von mir hören, mein Herr! Schwerlich, bevor Sie von mir gehört haben, mein Herr! Der in leisem Tone geführte Wortwechsel hatte nur Sekunden gewährt. Als Hypolit sich nach gegenseitiger stummer Begrüßung von Georg abwandte, der alsbald in dem Schatten der Häuser verschwand, sah er Minna in der Entfernung weniger Schritte an dem steinernen Pfosten eines Tores gelehnt. Er eilte auf sie zu, umschlang die an allen Gliedern Zitternde mit einem Arme und führte sie so die kurze Strecke bis zur d'Aubignyschen Wohnung. Sie waren beide außerstande gewesen, ein Wort hervorzubringen: Hypolits Atem ging zornig schwer; Minna drohten wiederholt die Sinne zu schwinden. Nun, an der Schwelle, richtete sie sich plötzlich aus seinem Arme auf und rief leidenschaftlich: Du darfst dich nicht mit meinem Bruder schlagen! Du hast keinen Bruder mehr, erwiderte Hypolit dumpf. Er hat sich von dir losgesagt. Ich meine, er wäre deutlich genug gewesen. Gleichviel! rief Minna; er bleibt mein Bruder trotzdem und – ist es in diesem Augenblicke vielleicht mehr als je. Die letzten Worte waren nur gemurmelt, er hatte sie aber doch verstanden. So bin ich dir eben weniger, als ich zu sein geglaubt habe, erwiderte er schmerzlich. Laß uns nicht abwägen, laß uns nicht rechten, Hypolit! Laß uns menschlich sein! Der Himmel ist mein Zeuge, wie gern ich es wäre! Kann man es denn sein in diesem barbarischen Volke? Beschimpfe nicht das Volk, zu dem ich gehöre! Eben jetzt solltest du dessen nicht gedenken. Ich werde dessen gedenken jetzt und immer. Dann freilich darf ich nicht vergessen, daß ich französischer Offizier und Edelmann bin. Er hatte sich bereits halb abgewandt; sie ergriff ihn bei der Hand. Hypolit, du weißt nicht, was du tust! Ich weiß es. Dann ist alles verloren. Nur die Ehre nicht. Leb wohl! Sie hatte seine Hand losgelassen und eilte die Stufen hinauf durch die offene Haustür in den matterhellten Flur. Nur noch flüchtig sah er die teure Gestalt auf der Treppe. Dann war sie verschwunden. Ein schmerzvolles Stöhnen brach aus seiner Brust. Ein paar Augenblicke stand er in gräßlichem Seelenkampfe. Hatte er nicht eben, wie Petrus den Herrn, verleugnet, wovon er noch vor einer halben Stunde in ihren Armen geschworen, daß es ihm heilig, daß es ihm das einzig Heilige in diesem Leben sei? Aber: »sollte ich zufällig auf eine französische Memme« – ah! Auf Erden durfte kein Mann atmen, der sich rühmen konnte, das Wort ungestraft gesprochen zu haben! Er drückte den Hut in die Augen, hüllte sich schaudernd enger in den Mantel und ging langsam die Straße hinab nach seiner Wohnung. Achtzehntes Kapitel. Auf dem Flure des oberen Stockwerkes, das die d'Aubignys bewohnten, trat Minna der Kammerdiener des Grafen entgegen: der Herr und die Frau Gräfin befänden sich im Salon, die Rückkehr Madames erwartend. Seit einer Stunde sei aber auch ein Herr da, der ein Landmann zu sein scheine und einen Brief für Madame habe, den er persönlich abgeben zu müssen behaupte. Er habe den Herrn, der übrigens kein Wort Französisch spreche, und mit dem er sich nur durch die deutschen Leute im Hause habe verständlich machen können, in Madames Zimmer geführt, wofür er Madame um Entschuldigung bitte; aber Madame wisse, daß sonst kein anderer Raum in der Wohnung disponibel sei. Minna eilte auf ihr Zimmer; eine mächtige Gestalt trat ihr entgegen, in der sie bei dem zweifelhaften Lichte der beiden Kerzen vor dem Spiegel Neddermeyer erkannte. Der Anblick des treuen Mannes ließ in ihre umnachtete Seele einen helleren Schimmer fast der Freude fallen. Da war jemand, der nicht Haß und Streit kannte, der nicht an ihrem Herzen zerren würde, und dem sie unbedingt vertrauen durfte. Sie streckte ihm, für den Augenblick unfähig zu sprechen, beide Hände entgegen, die er, eine nach der anderen, ehrfurchtsvoll an seine Lippen zog. Liebe, liebe, gnädige Frau, sagte er; Gott sei Dank, daß – Er brach ab, erschrocken über ihr verstörtes Gesicht, in das er jetzt, aufschauend, einen ersten sicheren Blick warf. Aber, um Gottes willen, rief er, wie sehen denn die gnädige Frau aus! Herr des Himmels – Er hatte schnell einen Lehnsessel herbeigerückt, auf dem Minna schwer zusammensank. Herr des Himmels! rief Neddermeyer wieder, was ist der gnädigen Frau? So hab' ich Sie ja mein Lebtag nicht gesehen! Er bemühte sich um die geliebte Herrin in ratloser Dienstfertigkeit, welche Minna, die sich, von allen verlassen, auf das Mitgefühl dieses guten, schlichten Menschen angewiesen sah, zu Tränen rührte. Und nun folgte den ersten ein Strom, der unaufhaltsam dahinfloß, die gequälte Seele erleichternd und beruhigend. Kehren Sie sich nicht daran! sagte sie endlich, dem ganz Verzweifelten mit einem Versuche zu lächeln aufs neue die Hand reichend. Mir ist eben etwas sehr Schmerzliches begegnet. Lassen Sie es gut sein; es ist vorbei. Ich bitte, setzen Sie sich und sagen Sie mir, was Sie wieder nach Hamburg führt! Neddermeyer hatte sich gehorsam einen Stuhl herbeigezogen, froh, daß der schreckliche Anfall vorüber zu sein schien. Ich bin noch gar nicht fort gewesen, gnädige Frau, sagte er. Und dann, ihrem fragenden Blicke begegnend: Ich – ich konnte es nicht über das Herz bringen, die gnädige Frau hier zu lassen, ohne nur zu wissen, wo Sie denn eigentlich geblieben waren. Ich habe die ganze Nacht vor Sorge und Angst nicht schlafen können und mir immer gesagt: Neddermeyer, das kann dir der gute Gott im Himmel nicht vergeben, daß du nicht zu deiner gnädigen Frau stehst und ihr zur Seite geblieben bist, wenn sie dich auch fortgeschickt hat. Und dann gestern morgen, als der Franzose in den Kniehosen kam mit dem Hausdiener hier – sonst hatten wir ihn gar nicht verstanden – und die Sachen von der gnädigen Frau holte – Gott im Himmel, sagte ich zu mir, wie kommt denn die gnädige Frau dazu? Aber laut habe ich es nicht gesagt, gnädige Frau, sondern getan, als ob ich es schon gewußt hätte, weil sonst die Wirtsleute – die gnädige Frau können sich ja denken – Neddermeyer brach verlegen ab und griff nach dem Briefe, den er vorhin auf den Tisch gelegt hatte und jetzt, sich seitwärts biegend, mit seinem Arme noch gerade ablangen konnte. Da, gnädige Frau! Er ist vor zwei Stunden angekommen! Meine Frau hat ihn durch Christian Ewert nachgeschickt, weil Cito darauf steht – zweimal unterstrichen, gnädige Frau! Und ich denke, es steht etwas Gutes darin; so Gott will, daß er nun selber kommt und vielleicht schon unterwegs ist. Die Worte klangen nur eben an Minnas Ohr. Wer sollte kommen? wer unterwegs sein? Sie hatte den Brief mechanisch genommen, einen Blick auf die Adresse gerichtet und warf, vom Sessel in die Höhe fahrend, den Brief auf den Tisch mit einer solchen Schreckensgebärde – als schleudre sie eine Schlange aus der Hand – daß Neddermeyer selbst erschrocken mit dem Stuhle rückte. War die gnädige Frau wahnsinnig geworden? Der arme Mann fürchtete es allen Ernstes, als sie sich nun in wilder Bewegung erhob und, ohne den eiligen Brief zu öffnen, im Zimmer, Unverständliches murmelnd, auf und nieder zu schreiten begann. Ein Brief von ihm in diesem Augenblicke, wo ihr war, als sei in ihrer Brust alles zerbrochen, und um sie her stürze die Welt zusammen! Da mochte auch das mitgehen! Seine Schmähungen, seine Verwünschungen, Drohungen – ein anderer Ton nur in dem höllischen Orchester, das um sie raste! Aber der Brief konnte noch nicht die Antwort auf ihren letzten Brief von Warnesoe sein, in dem sie sich von ihm für nun und immer losgesagt hatte. Nur ein zweiter Brief hinter dem famosen her, aus dem sie seine Erziehungsmaximen lernen sollte und daß er ihre Unterwerfung gnädig akzeptiere. Nun kam er selbst – war er schon unterwegs! Es stand äußerlich nichts zwischen ihm und ihr, als jener ihr Absagebrief, der ihn in England bereits nicht mehr getroffen hatte; auf der Hin- und Rückreise vielleicht verloren ging; oder, wenn er nach Wochen kam, von ihr aufgefangen, vernichtet werden konnte. Dann war alles nach wie vor – bis auf das Kind, das nicht mehr war – freilich – aber in anderen Ehen sterben ja auch Kinder. Das zerstört doch die Ehe nicht, macht sie oft nur noch fester – die Ehe! Das war's! Wer durfte an die rühren, wenn sie selber es nicht tat? Welcher Bruder sich von einer Schwester lossagen, weil sie unglücklich verheiratet ist, wenn sie keinen Liebhaber hat, der sie in den Augen des Bruders zu einer Buhlerin macht! Gnädige Frau! Minna blickte auf. Sie hatte Neddermeyers Anwesenheit ganz vergessen. Er stand an der Tür, die Klinke in der Hand. Gnädige Frau, sagte er, lesen doch wohl des Herrn Brief lieber ungestört. Und gewiß haben gnädige Frau auch eine Antwort darauf, die ich dann gleich besorgen könnte. Ich werde mit der gnädigen Frau Erlaubnis so lange warten. Damit hatte er die Tür geöffnet und alsbald hinter sich geschlossen. Minna tat ein paar verlorene Schritte; dann ging sie entschlossen nach dem Tische, auf den Neddermeyer inzwischen die beiden Lichte zu dem Briefe gestellt hatte, erbrach mit fester Hand das Siegel und las: »Liebe Frau! Bei Deinerseitigem Empfange dieses bin ich bereits in Kopenhagen auf einem unserer Schiffe (Schoner »Mermaid«, Kapitän Ch. Lassen), der mit Newcastle-Kohlen nach Lübeck gechartert ist. Ich habe nur ca. drei Tage in Kopenhagen zu tun und segle dann mit demselben Schiffe weiter, aber nicht bis Lübeck, bzw. Travemünde, sondern nur bis Neustadt, wo die »Mermaid« so lange vor Anker geht, bis ich mich habe ans Land setzen lassen können. Das wird nach ziemlich sicherer Rechnung am 5. Juni sein. Da Neustadt nur eine Meile von Warnesoe ist, hoffe und wünsche ich, daß Du mir bis dahin entgegenkommst, worauf wir dann gemeinschaftlich nach dem Gute fahren, damit ich das Kind sehen und mit Neddermeyer einige Verabredungen treffen kann, weil ich die ganze Bescherung vorteilhaft zu verkaufen hoffe (Notabene an die dänische Regierung, weshalb auch über Kopenhagen muß. Bitte aber um das tiefste Stillschweigen!). Werde dann nur vierundzwanzig Stunden in Warnesoe bleiben können, da, wie Du Dir denken magst, meine Gegenwart in Hamburg nötig ist, wo sie schon angefangen haben, mir die Butter vom Brote zu nehmen. Aber wer kann überall zugleich sein! Nach Deinem letzten, übrigens recht verständigen Briefe bin ich überzeugt, daß Du Dich freust, mich wiederzuhaben. Ich erneuere auf Deine Bitte mein Versprechen, das Geschehene geschehen sein zu lassen und zeichne in obigem festen Vertrauen und ditto Zusage Dein Theodor. Halte mir nur das Kind gut, ich meine: gesund! Ich träumte neulich nachts, es sei gestorben, was mir nach dem Aufwachen wohl noch eine halbe Stunde im Kopfe herumgegangen ist. – Ich habe auch vergessen Dir zu sagen, daß Du in Neustadt in der »Schönen Aussicht« einkehren sollst. In dem Gasthofe am Markte verkehren mir zu viel Leute. Es braucht nicht gleich alle Welt zu wissen, daß der Theodor Billow wieder da ist. D. O.« Minna saß, die Stirn in die Hände gepreßt, sich fragend, ob, was da in ihrem Gehirn wühlte, Wahnsinn war, der nach dem Abgrunde giert, von dem doch jede Fiber im Vorschauder der gewissen Vernichtung zurückzuckt; oder klarste Vernunft, die den Wanderer einen tödlich gefahrvollen Weg kaltblütig wählen läßt, weil es der einzige ist, der die Möglichkeit der Rettung bietet. Aber hier galt kein Erwägen, Zaudern und Schwanken; ein Entschluß mußte gefaßt werden, und mit der Einsicht in diese Notwendigkeit fühlte sie die alte Kraft zurückkommen, die sie in den entscheidenden Momenten ihres Lebens noch immer gehabt hatte. Papier und Feder lagen auf dem Tische. Sie nahm zwei Bogen und schrieb, zuerst an Hypolit: »Die Tochter aus dem Volke der Barbaren sagt dem Marquis d'Héricourt Lebewohl. Sie begreift und ehrt die rauhe Tugend des Bruders, der in der Geliebten des Landesfeindes nicht mehr seine Schwester sieht. Empfindet doch sie selbst ihre Liebe darum nicht weniger als etwas, das nicht sein sollte, weil sie weiß, daß sie niemals die Kraft haben wird, sich von ihr zu befreien. Das aber hat sie mit ihrem Gewissen auszumachen und mit ihrem Gatten, zu dem sie im Begriff ist, zurückzukehren. Sie hält sich versichert, daß der Marquis d'Héricourt um einer Frau willen, die für ihn tot ist, weder sein Leben, das er seinem Lande schuldet, noch das eines jungen Mannes aufs Spiel setzen kann, dem auf dem Felde der Ehre zu begegnen, dem Stolzesten zur Ehre gereichen würde; – zur Schande in einem Streite, der gegenstandslos geworden ist, und weil er es ist, die Gegner entwaffnet oder zu Mördern macht.« Sie nahm das zweite Blatt und schrieb: »Du warst einst stolz darauf, die Schwester zu lieben und hast immer nur Deinen Stolz geliebt. Fühltest Du Liebe zu Deiner Schwester, ja nur einen Funken Mitleid mit ihr, Du würdest ihr nicht das Glück mißgönnen, das einzige, das ihr auf Erden werden kann, und von dem Du recht wohl weißt, daß es für sie im besten Falle doch nur ein halbes sein würde. Von der Seite des Mannes, an dem Du, und sännest Du vom Morgen bis zum Abend, keinen Makel finden magst, als daß er der loyale Feind Deines Volkes ist, reißt Du sie, um sie wieder in die Arme des anderen zu treiben, den niemand tiefer verachtet als Du selbst. Nun vollende Dein Werk, töte den Liebhaber der Schwester, damit Du sicher bist, daß sie fortan Deine strenge Tugend nicht beleidigt und die schimpflichste der Ehen heilig hält!« Sie las diese Zeilen noch einmal; die an Hypolit wieder anzusehen, hatte sie nicht den Mut. Dann nahm sie Billows Brief, die Daten zu vergleichen. Er wollte am fünften in Neustadt landen; heute war der vierte. Wenn sie die Nacht durchfuhr, konnte sie morgen bei guter Zeit dort sein. Auf jeden Fall war sie aus Hamburg, und der zwischen Hypolit und Georg entbrannte Streit wurde wenigstens durch ihre Gegenwart nicht weiter angeschürt. Mußte sie doch fürchten, durch jede Stunde, die sie länger blieb, den Verdacht zu erwecken, daß es ihr mit ihrem Entschluß nicht bitterer Ernst sei, und so die Wirkung, die ihre Briefe haben sollten, zu beeinträchtigen, ja, zu paralysieren. Sie siegelte und adressierte die Briefe; den kleinen Koffer, den sie bei sich führte, wieder zu füllen, war das Werk weniger Minuten. Dann rief sie Neddermeyer herein. Ich muß Ihnen eine große Unbequemlichkeit zumuten, sagte sie. Mein Gatte kommt morgen nach Neustadt und wünscht meine Gegenwart, auch die Ihre. Sind Sie bereit, sofort aufzubrechen? Ob ich bereit bin! rief Neddermeyer, dessen große blaue Augen vor Freude strahlten. Ich danke Ihnen, sagte Minna. Mit dem Köfferchen da, weiß ich, werden Sie sich gern belasten. Ich habe mich nur noch von der Frau Gräfin zu verabschieden. Da liegen zwei Briefe, gnädige Frau, sagte Neddermeyer, der den Koffer schon in der Hand hatte. Sie dürfen erst, wenn ich fort bin, abgegeben werden. Ich werde die Frau Gräfin darum ersuchen. Plötzlich fiel ihr zu ihrem Schrecken ein, daß sie auf den Brief an Georg nur seinen Namen geschrieben hatte. Was ist's, gnädige Frau? fragte Neddermeyer. Ich habe da an meinen Bruder geschrieben, erwiderte Minna, der Brief ist von äußerster Wichtigkeit, und nun weiß ich nicht, wo er wohnt. Kann damit dienen, rief Neddermeyer. Ich habe den jungen Herrn heute nachmittag selbst gesprochen hier in der Straße, in der er auf und ab ging, nach jedem Fenster äugend, weil er vermeinte, die gnädige Frau, als er am Morgen vorbeiritt, an einem gesehen zu haben. Ich konnte ihm ja Bescheid sagen! Er zog die Stirn kraus, gnädige Frau, und – na, nun ist ja alles wieder gut. Und bei der Gelegenheit sagte er mir auch, wo er sich einquartiert: bei Senator Sievekings natürlich, deren Sohn ja des Herrn Bruders geschworener Freund ist. Minna fügte die Wohnung zu der Adresse, tat ihre Sachen um, nahm die beiden Briefe und bat Neddermeyer, so lange auf dem Vorsaal zu warten, bis sie mit der Frau Gräfin gesprochen haben würde. Als sie auf den Vorsaal traten, saß der Kammerdiener wieder auf seinem gewöhnlichen Platze, von dem er sich schnell erhob, Madame zu melden, sie werde die Frau Gräfin allein im Salon treffen, da vor einer Viertelstunde der Baptiste des Herrn Marquis dagewesen sei, den Herrn Grafen schleunigst zu dem Herrn Marquis zu holen. Minna wußte nur zu wohl, was das zu bedeuten hatte, und daß keine Minute zu verlieren sei. In dem Salon kam ihr die Gräfin sehr aufgeregt entgegen. Um aller Heiligen willen, rief sie, sagen Sie mir, meine Liebe, was dies alles bedeutet! Sie wissen, der Graf hat keine Geheimnisse vor mir. Er konnte mir freilich nichts weiter sagen, als daß es sich um ein Renkontre zu handeln scheine, bei dem er sekundieren solle. Natürlich ist es eine Dame; und da Héricourt niemand kennt, als Sie und mich, und ich – ich bitte Sie, meine Liebe, verschweigen Sie mir nichts! Ich bin zu dem Zwecke gekommen, Ihnen alles um so mehr zu sagen, als ich auch sonst in dieser Sache Ihre Güte mehrfach in Anspruch zu nehmen gezwungen bin, erwiderte Minna, die Aufgeregte an der Hand nehmend und zu einem Diwan führend, wo sie neben ihr Platz nahm. Die Notwendigkeit, schnell zu Ende zu kommen und doch nichts auszulassen, was die Gräfin wissen mußte, ließ sie mit einer ruhigen Klarheit sprechen, die das Gegenteil von dem Sturme in ihrer Seele war und ihrer Zuhörerin aufs äußerste imponierte. Sie sehen, Frau Gräfin, schloß sie, es bleibt mir kein anderes Mittel, will ich nicht Héricourt oder meinen Bruder oder beide opfern. Ich habe ihnen beiden das in diesen Briefen hier klarzumachen gesucht, die ich die Frau Gräfin eine Stunde, nachdem ich fort bin, durch einen völlig sicheren Boten, der sich nicht abweisen lassen darf, besorgen zu wollen bitte. Und nun, Frau Gräfin, leben Sie wohl! Sie hatte sich erhoben; die Gräfin folgte ihr langsam, ersichtlich durch das, was sie gehört, tief erschüttert. Mein Gott, sagte sie, dies ist wirklich furchtbar! Der arme Héricourt! Und Sie selbst! Wie von Herzen ich Sie beklage! Aber Sie haben recht: es gibt kein anderes Mittel. Und dann: es ist und bleibt ein großer Schmerz für euch beide; aber – jetzt darf ich es sagen, nachdem für euch jede Hoffnung dahin ist – ihr erspart einer dem anderen viele, sehr viele nachträgliche unvermeidliche Schmerzen. Vergeblich, daß ihr einander Opfer um Opfer bringt: ihr könnt dadurch den Zwiespalt, den eure Verbindung in sich trägt, nicht aus der Welt schaffen und nicht aus euren Herzen. Ihr werdet euch immer sagen müssen, daß euer redlichstes Bestreben, einander glücklich zu machen, vergeblich sein, ja, in das Gegenteil umschlagen wird. Es sind das die eigenen Worte meines Gatten, mit dem ich während eurer unglückseligen Promenade ein langes Gespräch über euch gehabt habe; aber er kennt seinen Freund genau, und ich muß ihm in jeder Beziehung recht geben. Héricourts Weltbürgertum, sagt er, das ist ja nur ein verzweifelter Versuch, sich über seine natürlichen Neigungen wegzutäuschen und das Gefühl der Verpflichtungen, die ihm als Franzose und Patriot obliegen, zu übertäuben. Was bleibt ihm anderes übrig, wenn er sich, um seiner Liebe willen, expatriieren soll und muß? Der Ärmste! er paßt nicht nach Amerika, von dem er uns heute mittag so viel vorgeschwärmt hat, und überhaupt nirgend anderswohin als nach Frankreich. Und kann er Frankreich nicht entbehren, so Frankreich nicht ihn, der sich als Soldat und Diplomat gleich ausgezeichnet hat und in der traurigen Zukunft unseres Vaterlandes zweifellos zu einer großen, zu einer entscheidenden Rolle vom Schicksal ausersehen ist. Diese seine gloriose Mission – aber was sage ich das alles Ihnen, der Klugen, Tapferen, Großmütigen – der Patriotin, die in ihrer Frauenseele dieselben Leiden durchzumachen hat, dieselben Kämpfe vorausahnt! Jetzt eben – der Konflikt zwischen Héricourt und Ihrem Bruder – es ist gräßlich zu denken – die beiden Herren werden zur Besinnung kommen, sobald sie, um die der Streit entbrannt ist, vom Schauplatze verschwindet – ich hoffe – ich glaube: gewiß. Aber Ihr erzürnter Bruder – für Sie ist es Ihr Vaterland, das mit Ihnen grollt, wie Héricourt in sich seine Nation beleidigt fühlt. Deutschland und Frankreich, das ist ja ein unausgetragener Streit, sagt der Graf, ein Waffenstillstand, der morgen schon zu Ende gehen mag, über den hinüber ihr euch beide nicht die Hände reichen könnt. Und so sage ich: Gott segne Ihren Entschluß! Gott segne Sie! Und seien Sie versichert, daß meine und des Grafen Achtung für Sie durch nichts zu übertreffen ist, und wir Sie stets in unsere Gebete einschließen werden. Sie umschlang Minna und küßte sie herzlich auf beide Wangen. Eine Minute später schritt Minna, Neddermeyer an ihrer Seite, durch die nun stillen Gassen auf dem weiten Wege nach der Herberge am Millerntor, wo der Inspektor den Wagen nach Warnesoe eingestellt hatte. Neunzehntes Kapitel. Die Bewohner des kleinen Ostseehafens, dem Minna entgegenfuhr, hatten diese Nacht nicht lange schlafen können. Nach ein paar für die Jahreszeit ungewöhnlich heißen Tagen hatte ein um Mitternacht ausbrechendes Gewitter den Sturm entfesselt, der, aus Südwest durch den Westen nach Nordwest umsetzend, das Städtchen mit Vollgewalt traf. Man hatte sich an das Klappen der Türen, das Klirren der Fenster, das Wimmern und Heulen in den Schloten nicht sonderlich gekehrt; als aber jetzt die Ziegel von den steilen Dächern auf das Straßenpflaster prasselten, aus den Angeln gerissene Läden herabkrachten, geschlossene Fenster eingedrückt wurden, die Sachen in den Zimmern umherzufliegen begannen, als befände man sich auf der Gasse – da war auch der Lässigste aus dem Bette gesprungen, das ihm keine Ruhe, kaum noch Sicherheit gewährte. Und wenn man gehofft hatte, das Unwetter werde, schnell wie es gekommen, auch vorübergehen, sollte sich das als Täuschung erweisen. Ja, die Wut der Elemente schien gegen Morgen noch zu wachsen. Es mochte das auf Rechnung des Auges kommen, das jetzt, bei zunehmender Helligkeit in die Mitleidenschaft des Schreckens gezogen, das schon angerichtete Unheil zu übersehen, das noch hereindrohende zu ermessen begann. Bereits gab es des ersteren nur zu viel, und das doch geringfügig schien, wenn sich die Kunde bestätigte, die sich vom Hafen durch die Stadt verbreitete: während der Nacht sei auf der Reede eine große holländische Jacht vom Anker getrieben und mit Mann und Maus gesunken; alle Schiffe, die dort lägen, würden verloren gehen, wenn es nicht gelänge, sie im Binnenhafen zu bergen. Man hatte seinen Ohren nicht trauen mögen! Wie denn? die Reede, welche die Regierung vor wenigen Jahren erst mit ungeheurem Kostenaufwande durch eine doppelte Palisadenreihe, deren Zwischenraum gewaltige Steine füllten, in einen Außenhafen umgeschaffen hatte – so sicher fast, wie der Binnenhafen selbst – sie sollte heute nicht einmal Schutz gewähren vor dem Allerschlimmsten? Und die Prophezeiung des preußischen Wasserbaumeisters in Erfüllung gehen, der, als man ihm triumphierend das gewaltige Werk zeigte, die Achseln gezuckt und gesagt hatte: Vortrefflich! Nur daß es im gewöhnlichen Verlaufe der Dinge unnötig ist, unter gewissen außerordentlichen Verhältnissen aber das Gegenteil von dem bewirken wird, was ihr von ihm erwartet. Man hatte über den Toren gelacht, der heute zu spät als ein Weiser erfunden werden sollte von den Hunderten, die beim ersten Tagesgrauen an den Hafen geeilt waren, um jeder mit eigenen Augen zu sehen, was keiner für möglich gehalten hatte. Schaudernd zu sehen, wie die aus der offenen See heranrollenden Wogen, anstatt sich an dem Palisadensteinwall zu brechen, in gewaltigem Bogen darüber wegschlugen, ungeheure Wassermassen in den Außenhafen schleudernd, die, bei gehemmtem Abflusse immer höher anschwellend, in wilden Strömen und Wirbeln durcheinander wühlend, das mächtige Bassin zu einer einzigen fürchterlichen Brandung machten, in der nun wohl ein Dutzend kleinere und größere Fahrzeuge wie ebenso viele Korkstücke umhergeschleudert wurden. Einer gleichgroßen Anzahl war es während der ersten Stunden, als der Sturm noch nicht so toll gewütet und das Wasser diese Höhe erreicht hatte, gelungen, die Ankertaue kappend, sich rechtzeitig in dem Binnenhafen zu bergen. Ob es den Zurückgebliebenen noch gelingen würde, schien sehr zweifelhaft, wenn der Sturm nicht in aller Kürze nachließ. Schon war in dem entsetzlichen Schwalle jedes Manövrieren unmöglich geworden; nur ein glücklicher Zufall mochte noch Rettung bringen. So war gegen elf Uhr vormittags der schlimme Stand der Dinge, als Minna nach der langen, zuletzt lebensgefährlichen Fahrt in dem Städtchen ankam und im Gasthofe »Zur schönen Aussicht«, dem ihr von ihrem Gatten angewiesenen Rendezvousorte, abstieg. Christiansen, der auf Krücken, welche er seit einem letzten Gichtanfalle führen mußte, so schnell er konnte, herbeikam, schlug die Hände vor Verwunderung zusammen, als er sein »Fräulein Minna« in dem Unwetter anlangen sah; nicht weniger erstaunt war Frau Rossow, die Wirtin, seine Nichte, welche die gnädige Frau allein begrüßen mußte – ihr Mann war natürlich am Hafen. Sie führte Minna in die besten Zimmer – selbstverständlich! – half der völlig Durchnäßten beim Umkleiden und wollte auch, der gnädigen Frau ein warmes Frühstück zu bereiten, Feuer in der Küche anmachen lassen, was bis jetzt noch nicht geschehen sei, da heute, wo ja wohl die Welt untergehen solle, keiner bis jetzt an Essen und Trinken gedacht habe; man auch gar nicht wissen könne, ob bei dem rasenden Sturme ein abfliegender Funke zu dem Wasserunglücke nicht noch ein Brandunglück anrichten werde. Minna verbat sich alle Umstände: sie sei tödlich erschöpft und verlange nur nach Ruhe. Aber, sagte Frau Rossow, wenn die gnädige Frau uns doch einmal die Ehre erweisen und uns – ich meine Onkel Christiansen – besuchen wollten – worauf sich der alte Mann schon, solange er nun bei uns ist, gefreut hat – warum haben Sie sich auch gerade solch grausamen Tag gewählt? Das muß doch in Warnesoe just so sein, wie bei uns. Ich komme von Hamburg, sagte Minna. – Ich erwarte meinen – ich soll Herrn Billow hier erwarten. Er kommt von Kopenhagen mit einem seiner Schiffe. Er gedachte heute hier einzutreffen. Hier – eintreffen – heute? murmelte die Wirtin, die ganz blaß geworden war. Sie halten es nicht für wahrscheinlich? fragte Minna. Aber, gnädige Frau, rief die Wirtin; das wäre ja entsetzlich, wenn der Herr Gemahl heute unterwegs wäre! Sehen doch die gnädige Frau nur einmal durch das Fenster! Sie hatte in ihrem Eifer Minna an der Hand genommen und an eines der Fenster geführt, die nach der See hinausgingen, auf die man von dem hart am Rande des hohen Ufers gelegenen Hause einen völlig freien Blick gehabt haben würde, nur daß sich nach rechts ein paar Bäume und Büsche des Vorgartens dazwischenschoben, die der Sturm bog und zerzauste, als ob er sie im nächsten Moment von der Erde fegen würde. So erblickte man vom Hafen noch eben jenes verhängnisvolle Vorwerk, auf Momente aus dem Wogenschwalle tauchend, der sich beständig, den weißen Gischt haushoch spritzend, darüber hinwälzte. Das sieht freilich bös aus, sagte Minna, in den Graus starrend. Bös? rief die Wirtin. Die gnädige Frau kennen so etwas nicht! Ich kann Ihnen sagen: das ist noch nicht dagewesen! dagegen kommt kein Schiff an. Wissen Sie denn, in welchem der Herr Gemahl nach Kopenhagen ist? In der »Mermaid«, schrieb er. Nun gar die Nußschale! Sie ist ja schon ein paarmal hier gewesen – ein schmuckes Schiff, aber, großer Gott, in dem Sturme! Na, gnädige Frau, ich will Sie nicht ängstigen. Möglicherweise ist das Schiff noch gar nicht von Kopenhagen fort, oder sie haben heute nacht, als der Sturm kam, die hohe See gesucht, wo man sich ja schon eher helfen kann, oder sind irgendwo in einen Nothafen gelaufen. Man muß immer das Beste hoffen, gnädige Frau, besonders, wenn man einen lieben Mann auf der See hat. Und nun sehen die gnädige Frau, daß Sie ein bißchen schlafen können. Ich glaube, der Herr Neddermeyer hat sich schon hingelegt; er fiel fast über seine eigenen Beine. Ich glaubte wahrhaftig, er hätte einen über den Durst genommen, was freilich gar nicht seine Gewohnheit ist. Aber freilich, wenn Sie heute von Hamburg kommen – na, aber was tut man nicht, wenn man einen lieben Mann erwartet! Die Wirtin war gegangen; Minna, die ihre völlige Erschöpfung nicht geheuchelt hatte, warf sich auf das Sofa, ohne den herbeigesehnten Schlaf finden zu können. Das möchte auch einem ruhigeren Gemüt schwer geworden sein in dem ungeheuren Lärm, der aus dem Heulen und Brausen des Windes um das beinahe freistehende, in seinen Fugen erzitternde Haus, dem Donner der am Ufer brandenden Wellen, den im Hause selbst von klappenden Türen und klirrenden Fenstern verursachten Geräuschen, in seinen Einzelheiten nicht mehr unterscheidbar, zusammenfloß; wie wäre es Minna möglich gewesen, deren verstörte Seele ein Abbild war des draußen wühlenden Chaos! Vergebens, daß sie sich zur Ruhe ermahnte, die angewohnte Herrschaft über ihre Gedanken und Empfindungen herbeizuzwingen suchte. Was ihr bei ihrer Abfahrt von Hamburg und während der ersten Stunden der Reise, als sie durch die brütende Nacht dahinfuhr, in allen Teilen klar vor dem inneren Blicke gestanden hatte, wie ein wohldurchdachter Plan vor dem eines Strategen – jetzt wirrte alles durcheinander, hatte nichts mehr den rechten Halt, ja, wollte sich in das Gegenteil verkehren. Den Brief an Hypolit meinte sie an Georg, den an Georg an Hypolit gerichtet zu haben; und wenn sie sich mühsam des wahren Sachverhaltes erinnert hatte, schien es ihr, als sei, was sie geschrieben, feiges, die Wahrheit verhüllendes Phrasengewebe; als hätte sie nur eines schreiben dürfen: ich gehe in den Tod, in den ihr mich gejagt habt! Aber war denn, zu ihrem Gatten zurückkehren und in den Tod gehen, nicht eines und dasselbe? Hatte sie nur einen Augenblick die Möglichkeit, mit ihrem Gatten sich wieder zu vereinigen, ehrlich ins Auge fassen können? Und das sollte Hypolit, sollte Georg auf die Dauer für Wahrheit nehmen? Wußten nicht beide so gut wie sie, daß sie lieber ihre Hand in das Feuer halten, als die seine noch einmal fassen würde – in Liebe fassen? Sie schauderte zusammen bei der bloßen Vorstellung und sprang von dem Sofa auf nach der Fenstertür. Weshalb noch lange grübeln und zögern, zu tun, was getan werden mußte? Da unten donnerte die See. Es würde sie keiner bemerken, wenn sie sich aus dem Zimmer über den Balkon das Treppchen hinab in den Garten stahl, der sich den Hügel hinab, auf dem das Haus lag, bis an den Strand zu ziehen schien. Dann ein Sprung in den tobenden Schwall! Sollte er sie wieder ans Ufer werfen – ein Stein, ein Pfahl, ein Etwas würde sich schon finden, an das sie sich klammerte, bis es vorüber war! Sie rüttelte an der Fenstertür, die, wohl verwahrt, nicht nachgab. So blieben die Fenster zur Rechten und Linken, unter denen der Balkon hinlief. Schon hatte sie den Riegel in der Hand, als sie Leute im Garten bemerkte: die Wirtin selbst und ein paar Mägde und Knechte, zu denen sich alsbald andere Leute gesellten, die eilfertig herbeigelaufen kamen und starr, wie jene es bereits taten, zur Linken in die See hinauszublicken begannen unter vielen Gestikulationen und eifrigen Reden, während sich die Frauen die Kleider an den Leib drückten und die Männer die Mützen festhielten. Was mochte ihre Aufmerksamkeit so erregen, gefesselt halten? Was anders als ein Schiff, das in Sicht gekommen war und hier in den Hafen laufen wollte. – Da – sie hatte in die falsche Richtung geblickt – da war es: ein kleines Schiff, das ohne Segel, wie es schien, bald auf der Spitze einer Woge schwebte, bald in einem Abgrunde verschwand – in gar nicht großer Entfernung – sie meinte, Personen auf dem Deck, in den Rahen gesehen zu haben. Auf einmal fuhr es ihr durch die Seele: wenn es die »Mermaid«, Billows Schiff war? Billow, wie dann ja sicher anzunehmen, sich auf dem Schiffe befand? er ans Land stieg? das Entsetzliche, von dem sie gemeint, der Sturm werde es heute sicher verhindern, vielleicht auf Tage hinausschieben, jetzt eintreten sollte? in einer Stunde? einer halben? War ihr den Tod in den Wellen zu finden versagt – ein Ort zu sterben fand sich schon. Sie stürzte auf die Tür nach dem Vorsaale zu, die in demselben Augenblicke von außen geöffnet wurde. In der Überreizung ihrer Sinne glaubte sie seine Erscheinung zu sehen und taumelte entsetzt zurück. Dann kam ihr zum Bewußtsein, daß Frau von Aubigny, trotz ihres Verbotes, ihm diesen Ort verraten haben mußte, er ihr nachgeeilt war, die heute nacht die Flucht vor ihm ergriffen, um sich seitdem jede Sekunde nach ihm zu sehnen, in Sehnsucht zu vergehen – und mit einem wilden Schrei hatte sie sich in seine Arme, an seine Brust gestürzt. Geliebter, du kommst, mit mir zu sterben! Ich komme, dir und mir das Leben wiederzugeben, das du uns rauben wolltest. Mehr als zur Hälfte schon geraubt hattest, du böses, geliebtes Weib! Mein Hypolit! Sie hatte seine Hände ergriffen und an ihre Lippen gedrückt; sie hatte sich, ehe er's verhindern konnte, zu seinen Füßen gestürzt, seine Knie umklammernd. Plötzlich sprang sie wieder empor und rief, mit leidenschaftlicher Gebärde durch das Fenster auf die See deutend: Da – das Schiff! Er wollte heute hier sein. Wenn er es ist – Er ist es, sagte Hypolit, was soll ich es dir verschweigen? Ich hörte es bereits am Hafen, von dem ich komme: es ist sein Schiff – es kennt es hier jeder Schiffer – und er ist zweifellos an Bord. Minna blickte ihm starr in die Augen. Nun? sagte sie. Du stehst unter meinem Schutze. Er ist mein Gatte, er wird sein Recht geltend machen. Er ist ein Feigling; er wird es nicht. Und wenn er es dennoch tut? schrie Minna außer sich. So stirbt er von meiner Hand, so wahr ich dich liebe! sagte Hypolit mit starker, fester Stimme. Er stirbt! – von deiner Hand! murmelte Minna zusammenschaudernd – er, dem sein Leben alles ist! Es ist gräßlich – gräßlich! Und Georg, soll auch er – was hast du mit meinem Bruder – du wendest den Blick ab? Großer Gott, es ist geschehen? Du hast – Geliebte, sagte Hypolit, ihre zitternden Hände erfassend; ich bin acht Stunden im Sattel gewesen! Ich habe deinen Bruder seit gestern abend nicht mehr gesehen, nicht mehr an ihn gedacht von dem Moment, als die Gräfin – sie kam selbst – eine Stunde, nachdem du fort warst – von Angst gefoltert – verzeihe ihr, daß sie nicht sofort begriffen hatte, was es heißt, wenn mein geliebtes Mädchen sagt, sie wolle zurück – zurück zu – ach! laß es mich nicht aussprechen, das Entsetzliche, das auch nur einen Augenblick für möglich halten konnte, wer, wie sie, deine reine, hohe Seele nicht kennt! Ich – mein Gott, es war ja jede Sekunde kostbar – nun habe ich dich – dich! du lebst – lebst mir! und kein Bruder und kein Mensch und keine irdische Macht soll uns je wieder trennen. Er hatte es kaum gesprochen, als von dem Garten her, aus dem die drinnen im Zimmer, hätten sie darauf achten können, bereits während der letzten Minuten das Summen vieler Stimmen vernommen haben würden, wilde Schreckensrufe der Männer erschallten, in das sich gelles Gekreisch der Weiber mischte. An die Fenster eilend, sahen sie, daß der ganze Garten von Menschen erfüllt war, die Kopf an Kopf standen; und über sie weg jenes Fahrzeug, das die »Mermaid« sein sollte, hängend in dem Palisadenwerke des Außenhafens, wie auf einem Riffe, während Woge auf Woge über ihm zusammenbrach, daß der weiße Gischt bis in die oberste Rahe des einzig noch stehenden Mastes geschleudert wurde. In den Rahen hingen vier Menschen – man hätte glauben können, die Gesichter zu erkennen – so gering war die Entfernung, so klar die vom Sturme gepeitschte Luft. Hypolit riß die Fenstertür, die vorhin Minnas Anstrengungen gespottet hatte, mit einem Rucke auf und eilte den Balkon hinab in den Garten, ihm nach Minna. Zwanzigstes Kapitel. Alsbald umdrängten sie erregte Menschen. Von den Hausleuten hatte man bereits erfahren, daß Frau Billow drinnen sei. Nun war sie unter ihnen, man konnte ihr selbst sagen, was man hoffte, was man fürchtete. Wenn das Schiff über die Palisaden geschleudert wurde und dabei nicht kenterte, so war Rettung möglich. Aus dem Außenhafen, in den es dann gelangte, lief seit einer halben Stunde eine mächtige Strömung in die See; auf diesem Wege waren alle Schiffe, die sich dort befanden, gerettet worden. Wenn es nicht frei kam und der Sturm nicht nachließ, so konnte sich die Mermaid, die ein sehr stark gebautes Fahrzeug war, noch eine halbe Stunde halten. So lange würde es freilich währen, bis das große Rettungsboot, das man im Binnenhafen eben flottmache, heraus- und herangekommen sei, wenn es herankomme. Der Hauptredner war ein alter pensionierter Lotsenkapitän, der eine verschossene Dienstmütze trug. Das letzte Wort erstarb ihm im Munde. Abermals war eine Woge über das Wrack hingerollt; als es wieder sichtbar wurde, hing nur noch ein Mensch von den vieren in den Rahen. Die Aufregung in der Menge hatte einen fieberhaften Grad erreicht. Die Weiber heulten, die Männer liefen ratlos hin und her oder starrten einander in die bleichen Gesichter. Hypolit hatte das Fernrohr, das der Kapitän bei sich führte und dem stattlichen fremden Herrn, der wohl ein Verwandter der Frau Billow war, höflich darbot, genommen und auf das Wrack gerichtet. Nun setzte er es ab und gab es dem Kapitän zurück. Er hatte den Mann, der damals sein Nebenbuhler gewesen war, deutlich erkannt: die vierschrötige Gestalt, die sich mit der Riesenkraft der Verzweiflung an den Maststumpf klammerte, das breite, von Todesangst verzerrte, bleiche, nach dem rettenden Ufer stierende Gesicht. Sein trüber Blick glitt hinüber zu dem geliebten Weibe, das frei war, wenn den da die Flut verschlang. Und dann dachte er jenes Novembertages, als er, ein sechzehnjähriger Knabe, vom Pont Neuf in die reißende Seine gesprungen war, einen fremden ertrinkenden Hund zu retten. Er wandte sich wieder zu dem Lotsenkapitän. Mein Herr, sagte er auf deutsch, ich hörte eben von Ihnen, das Rettungsboot könne erst in einer halben Stunde zur Stelle sein; das Schiff aber dort hält sich keine zehn Minuten mehr. Kann man denn von hier kein Boot in See bringen? Hat man hier kein Boot? Ein Boot, Herr? erwiderte der Kapitän mürrisch. Da unten liegt eins und ist ein tüchtiges Boot – soweit. Er wies abwärts zur Linken, wo in einer kleinen, nach der See durch starke Pfähle geschützten Bucht das große Ruderboot, das der Wirt für seine Gäste hielt, in dem engen, sonst wohl völlig stillen Raume auf und nieder raste, wie ein Raubtier in seinem Käfig. Nun? rief Hypolit ungeduldig. Wir bringen es nicht in See, erwiderte der Kapitän. Wir müssen es versuchen. Das sagt man so! Das tut man, wenn man ein Braver ist! Und Hypolit berührte die Medaille, die der Kapitän an einem verblichenen Bande auf der Brust trug. Bei der Berührung ging es durch des alten Mannes Körper wie ein elektrischer Schlag. Das graue Haupt hob sich aus den gekrümmten Schultern; in den wässerigen, hellblauen Augen blitzte es auf. Nun denn: in Gottes Namen, sagte er, das Fernrohr zusammenstoßend. Hypolit hatte sich zu der Menge gewandt. Wer will mit dem Herrn Kapitän und mir in dem Boote unten zu dem Schiffe? Keine Antwort kam zurück; die Männer schauten seitwärts. So versuchen wir's beide! rief Hypolit, dem Kapitän die Hand auf die Schulter legend. Und ein Pfui über euch, die ihr euch von einem alten Manne und einem Franzosen beschämen laßt! Ich bin dabei! schrie einer aus dem Haufen. Und ich! und ich! riefen ein Dutzend Stimmen nerviger Gesellen, die sich stürmisch herandrängten. Du sollst mit, Peter Biel! und du Christian Swart! und du Johann Niels! und du Fritz Clasen! Und ihr da, daß euch das Donnerwetter regiere, wenn ihr nicht in zwei Minuten das Boot klargemacht habt! Mit Jünglingskraft stürmte der Alte die Treppe hinab, ihm nach die Männer. Das alles war in so kurzer Zeit gesagt und getan, daß Minna erst jetzt begriff, um was es sich handelte. Mit einem dumpfen Schrei sprang sie auf Hypolit zu, ihn an beiden Händen packend. Ich lasse dich nicht, murmelte sie durch die geschlossenen Zähne. Es muß sein; erwiderte er dumpf; es ist dein Gatte. Den du töten wolltest! Den ich retten will, um ihn nicht töten zu müssen. Dein Leben gegen seines! Dem sein Leben alles ist! Du sagtest es selbst. So sind wir quitt: er und ich. Er strebte sich loszumachen – vergebens: sie hatte ihre Hände in die seinen gekrampft. Von unten herauf scholl lautes Geschrei: sie hatten das Boot flott bekommen. Er sah die wahnsinnige Angst grenzenloser Liebe in den geliebten Augen; über sein schönes Gesicht ging ein Zucken wie über eines von gräßlichem Schmerz Gefolterten. Plötzlich stammten seine dunkeln Augen auf in herrlichem Feuer, und die Stimme, welche Wehmut und Mitleid vorhin verschleiert hatten, klang voll und groß: Geliebte, denke deines Wortes von gestern: laß uns menschlich sein! Es ist der sichere Fels; es ist die stolze Rechtfertigung unserer Liebe. Ich habe gestern das heilige Gebot mißachtet, und so stehen wir hier vor dem Entscheidungskampfe. Wehe mir, fände mich auch diese Stunde klein! wehe uns! Laß uns beweisen, daß wir eines des anderen wert sind. Komme es dann wie es mag: im Leben und im Tode ich dein, du mein für immer! Für immer! flüsterte sie, ihr Gesicht gegen sein Gesicht drückend. Er küßte sie auf Stirn und Lippen. Dann waren ihre Arme leer. Noch einmal sah sie ihn an der Treppe, ihr winkend mit den geisterhaft leuchtenden Augen. Dann war er verschwunden. Um Gottes willen, gnädige Frau, lassen Sie sich von mir hineinbringen! bat die Wirtin, Minna am flatternden Kleide haltend; es ist Ihr Tod. Ja, es ist Ihr Tod! riefen im Chor die anderen. Helfen können Sie ja doch nichts, sagte die Wirtin. Nein, helfen können Sie nichts, riefen die Frauen. Minna hatte wohl nicht verstanden, was die Frauen sagten, von ihr verlangten. Sie mit gebieterischer Gebärde von sich weisend, schritt sie bis an das Geländer vor, um dessen oberste Barre sie beide Hände legte. So blieb sie stehen, während der Sturm in ihrem schwarzen Gelock wühlte und ihr Gewand peitschte, unverwandt vor sich in den Graus blickend mit Augen, die versteinert schienen. Sah sie, was da vorging? Die entsetzten Frauen, die sie umstanden, fragten es sich. Sah sie das Boot mit dem alten Lotsen am Steuer, dem die grauen Haarsträhnen den Kopf, von dem ihm die Mütze geflogen war, umflatterten; den vier Männern, wie sie an jeden Ruderschlag ihre ganze Kraft setzten, während ein fünfter vorn im Bug, das Seil mit dem Widerhaken zum Wurf bereithielt – sah sie das Boot, wie es jetzt auf dem schäumenden Kamm der Woge tanzte, dann in einem Abgrunde versank, um im nächsten Moment wieder emporgetragen zu werden und abermals zu versinken; und sich so weiter arbeitete von Schwall zu Schwall, in einem Bogen, der es weitab vom Wrack zu führen schien, bis es, sich wendend – mit den Wogen jetzt – dem Wrack schnell und schneller entgegengetragen wurde? Dem Wrack, von dem eine der letzten Wogen das Vorderteil weggeschlagen hat, so daß es nur noch ein Stumpf von einem Schiffe ist mit einem Stumpfe von Mast, in dessen Takelwerk der Unglückliche noch immer hängt, und jetzt – man kann es deutlich sehen – sich von den Seilen zu lösen beginnt, mit denen er sich festgebunden hat, des Augenblicks gewärtig, in dem das rettende Boot längsseit kommen wird, ihn aufzunehmen, der sich zum Sprunge bereithält? Sieht sie es wohl? Auch die Männer fragen es sich, die, nachdem sie unten das Boot haben flottmachen helfen, alle wieder heraufgelaufen sind, und, wie sie auch das Furchtbare gefesselt hält, nicht unterlassen können, mit manchem schnellen Seitenblicke die Starre zu streifen. Sind sie doch selbst starr, bringt doch keiner mehr auch nur eines der vorher von Nachbar zu Nachbar gemurmelten Worte über die geöffneten Lippen jetzt, wo das Boot mit kühner Wendung, die abrollende Woge benutzend, an das Wrack heranschießt; der Augenblick da ist, wo es gelingen muß, wenn es gelingen soll. – Und ein Stöhnen, das ein Schrei wird, weil es hundert Lippen zugleich ausstoßen, bricht aus der atemlosen Menge. Hinter der abrollenden Woge hat sich die folgende aufgetürmt, höher als eine zuvor. Und die turmhohe Woge, nachdem sie einen Moment wie unbeweglich gestanden, neigt sich und stürzt auf Wrack und Boot herab, alles in ihrem Schwall begrabend. In Schaum und Gischt aufgelöst ist sie übergestürzt, dem Außenhafen zu. Das Palisadenwerk blinkt in seiner ganzen Länge auf – die Stelle, wo das Wrack hing, ist leer – in den Wirbeln des Außenhafens tanzen die Trümmer. Hurra! schreit eine rauhe Stimme. Der Mann, der auf einen Baum geklettert war, hat es zuerst gesehen – das Boot, das von der Unglücksstätte abtreibt. Jetzt hat es ein Dutzend anderer scharfer Augen, jetzt haben es alle gesehen. Und hurra! hurra! schreien sie und schwenken die Mützen und schreien immer wieder hurra. Das Rettungswerk freilich ist mißlungen. Es war unmöglich – menschenunmöglich. – Was sie tun konnten, haben sie getan. – Kein Mensch kann mehr tun, als er kann. So sprechen, so schreien sie durcheinander; sie schreien es der Dame zu, die noch immer, die Hände um die Barre gekämpft, die Augen starr auf die See gerichtet, dasteht wie ein versteinertes Bild, nur daß der Sturm in ihrem schwarzen Gelock wühlt und ihr Gewand peitscht. Die arme Dame! – Nun ja, der Herr Gemahl – mit dem ist's aus; aber der andere, der fremde Herr, der gewiß ein naher Verwandter ist – den kriegt sie doch wieder. – Sie haben getan, was sie konnten. – Kein Mensch kann mehr tun, als er kann. – Das Boot kommt näher und näher; die Wogen, gegen die es vorher angekämpft, schleudern es vor sich her wie einen Ball. Nun ist's in der Brandung, deren tobender Schwall es mit weißem Gischt überschüttet. Die Landung kann noch bös werden. Aber es sind ja so viele Hände da, es heranzuholen. Mühe wird's schon kosten, und ertrinken kann man auch dabei, sechs Schritt vom Lande. – Aber seien gnädige Frau nur ganz ruhig! Wir werden's schon machen! Die Männer sind die Treppe, die Böschung hinab, an den Strand geeilt. Seien Sie nur ganz ruhig, gnädige Frau, sie werden's schon machen, wiederholen die gutmütigen Weiber, sich um die Dame drängend, erstaunt, daß sie noch immer so steht, starr, mit Augen, die aus den Höhlen quellen zu wollen scheinen, auf das Boot blickend, das jetzt durch glatteres Wasser an dem Uferhügel, gerade unter dem Platze, wo die Dame steht, vorbeischießt, auf die Landungsstelle zu. Auf einmal stößt sie einen gellen Schrei aus und ist, ehe die erschrockenen Frauen aufatmen können, an der Treppe, die Treppe hinab. Großer Gott, was kann sie gesehen haben? Die Frauen drängen sich an die Stelle, wo sie gestanden, und können nun freilich auch sehen, was sie, als die erste, gesehen: daß der Mann, den sie für den fremden Herrn gehalten haben, – Johann Niels ist, der vorher im Vorsteven war; und im Vorsteven keiner mehr ist, und in dem Boote ausgestreckt einer liegt, der nun wohl kein anderer sein kann, als der fremde Herr. Wenn er es ist, dann ist's ihr Tod! ruft der alte Christiansen, der sich endlich auch aus dem Hause gewagt und sein Fräulein Minna hat aufschreien und davonstürzen sehen. Wer ist's? Was hat sie mit ihm? fragen die Weiber. Der Alte antwortet nicht und ringt nur jammernd die Hände. Er will die Treppe hinab; die Krücken entgleiten seinen Händen, die gichtischen Beine brechen unter ihm zusammen. Es hilft ihm niemand auf; auch die Weiber sind die Treppen hinabgelaufen, zu sehen, was es unten gibt. Da haben die Männer das Boot auf den Strand geholt und umstehen es im dichten Kreise, triefend vom Wasser, die Mützen in der Hand, mit feierlichen Gesichtern, unwillig den Weibern Platz machend, die sich zwischen ihnen durchdrängen. Die sehen endlich, was es gibt: Den fremden Herrn, dem die herabsausende Rahe des zusammenkrachenden Mastes, wie eine von Titanenhand geschleuderte Lanze die Brust durchbohrt hat, aus deren fürchterlich klaffender Wunde das Blut nur noch in schwarzen Tropfen quillt. Sein todbleiches Haupt ruht auf dem Knie der Dame, die sich über den Sterbenden beugt. Der schlägt noch einmal die großen dunkeln Augen auf, die brechenden Blicks angstvoll etwas zu suchen scheinen und sich plötzlich mit lichtem Glanze füllen. Durch die Schleier des Todes hat er sie erkannt. Ein seliges Lächeln spielt um die blassen Lippen, die noch ein paar Worte lispeln, die keiner vernimmt – nur sie. Nur sie, die ihre Lippen auf die seinen preßt, des Geliebten letzten Hauch mit seinem letzten Kusse trinkend. In diesem Moment windet sich hastig durch die Menge ein junger Offizier, der vor fünf Minuten von einem Pferde, das unter ihm schwankt, an der Tür des Wirtshauses aus dem Sattel gesprungen ist. Sein schönes Gesicht ist bleich, fast wie des Toten da, auf den seine Augen, die aus den Höhlen quillen, mit furchtbarem Ausdrucke starren. Hat er den edelsten der Menschen in den Tod getrieben? er die geliebte Schwester zur unseligsten der Frauen gemacht? Oder mußte es sein? und hat das Schicksal hier für einmal, göttlicher Weisheit voll, einen Fall entschieden, für den es auf Erden keinen Richter gab? und ein höchstes Glück vernichtet, bevor die Welt es in ihren Staub ziehen konnte? Er fragt es sich; er findet keine Antwort. Er weiß nur, daß er freudig sein Leben geben würde, den da ins Leben zurückzurufen; und daß von Stund an sein irdisch Glück zerschmettert liegt wie das der geliebten Schwester. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Jahre rollen dahin. Ein neues Geschlecht wächst heran in der trügerischen Stille der Zeit, die dem großen Völkerkriege gefolgt ist. Auf Schloß Warnesoe waltet eine Frau. Im Holsteiner Lande kann man nicht selten das Wort hören: wenn Holstein und Schleswig von Dänemark los wären und die gnädige Frau auf Warnesoe zur Regentin hätten, brauchten wir keinen Herzog. Dann fügt wohl einer und der andere, der es noch besonders gut zu wissen glaubt, hinzu: das heißt: wenigstens nicht die kleinen Leute. Daran ist etwas. Nicht als ob sich die großen Leute: die adligen und unadligen Rittergutsbesitzer, ihre Standesgenossen, und wer noch sonst im Lande das Haupt erheben kann, sich über sie zu beklagen hätten! Wohl mag sie dem oder jenem auf den Kreistagen oder in irgend einer öffentlichen Angelegenheit das Konzept verdorben haben oder schroff entgegengetreten sein; aber dann war ganz gewiß seine Sache schlecht, oder sein Verhalten und Benehmen. Eine schlechte Sache findet vor ihren Augen keine Gnade, und mit Toren oder Anmaßungen macht sie wenig Umstände. Gar wer sie herausfordern wollte, möge sich vorsehen. Man darf alles gegen nichts wetten, daß sie das Recht auf ihrer Seite haben und es behaupten, des Gegners Zähigkeit sie nicht ermüden, ihre Klugheit seiner Pfiffe und Ränke spotten wird. Sie hat das bewiesen, als sie nach Warnesoe als Gutsherrin kam, und plumpe Burschen oder superkluge Gesellen meinten, mit einer Frau leicht fertig werden zu können. Seitdem läßt sie auch der böse Nachbar gern in Frieden; der gute aber sagt, daß er einen besseren nicht haben will. Freilich kennt man sie und schätzt sie hoch, weit über die Nachbarschaft hinaus. Da ist im ganzen Lande kein gemeinnütziges Unternehmen, dessen Förderung mit Rat und Tat sie sich nicht angelegen sein ließe. Die ersten Männer des Landes verschmähen es nicht, sie in wichtigen Fällen um ihre Meinung zu fragen. Wenn in aristokratischen Konventikeln das bürgerliche Element herhalten muß – die Herrin von Warnesoe nimmt man jedesmal aus; man nennt es einen unglücklichen Zufall, daß sie nicht »von Stande« ist. Indessen mag man sie in diesen Kreisen noch so verehren, das ist wahr: die kleinen Leute beten sie an. Sie haben Ursache dazu. Warnesoe ist als einzelnes Gut vielleicht eines der größten der Landschaft; man berechnet die Revenuen nach vielen Tausenden. Noch soll die Besitzerin, seitdem das Gericht ihr aus dem Billowschen Vermögen die Herrschaft als ihr Pflichtteil zugesprochen und sie dieselbe nicht ohne schweres Bedenken angenommen hat, den ersten Taler für sich selbst verbrauchen. Ihre geringen persönlichen Ausgaben bestreitet sie von den Zinsen eines kleinen Kapitals, das bei der endgültigen Regulierung des väterlichen Nachlasses nach dem Kriege den Kindern dennoch geblieben und an diese zu gleichen Teilen gegangen ist. Alle Reineinkünfte des Gutes bis auf den letzten Schilling werden von ihr zur Aufbesserung der Lage Hilfsbedürftiger verwandt, gleichviel ob sie sich Katenleute, Büdner, kleine Pächter, Ackerbürger, Handwerker oder wie immer nennen, und ob sie auf dem Lande oder in der Stadt hausen, wenn sie nur der Hilfe bedürftig und – wert sind. Denn die Wohltätigkeit der großherzigen Frau wird von der Klugheit gelenkt und findet an der Vorsicht die nötige Schranke. Sie scheut keine Mühe und Beschwerlichkeit, sich an Ort und Stelle von dem Stande der Not, der sie abhelfen soll, persönlich zu unterrichten. Ein oder das andere Mal ist es vorgekommen, daß sie dennoch an Unwürdige geriet und betrogen wurde. Sie hat sich dadurch nicht irremachen, nur belehren lassen. Die Regel ist, daß der Samen ihrer Spenden auf fruchtbaren Boden fällt. Sie hat eben eine Glückshand, sagen die Leute. Trotzdem sie so fortwährend mit Hunderten reich und arm in Verbindung steht und von Tausenden gekannt ist, lebt sie sehr einsam, die Herrin von Warnesoe. Es scheint, daß sie eines Umgangs im gewöhnlichen Sinne nicht bedarf; jedenfalls hat sie einen solchen nicht. Es wäre auch fraglich, woher sie die Zeit zur landläufigen Geselligkeit nehmen sollte. Die Besuche, die sie empfängt, sind fast alle geschäftlicher Natur, und fast immer geht der Besucher reicher als er gekommen ist. Man kann sagen, es sei das immer der Fall. Auch wer nicht um zu bitten kam – einen klugen Gedanken, an dem er lange zehren mag; ein schönes, ein gutes Wort, das ihn erquickt und erhebt, nimmt er sicher mit fort. Dennoch gibt es ein paar seltene Ausnahmen, in welchen es sich bei denen, die kommen, um keinerlei Geschäfte handelt. Da ist die Schwester von Schweden. Sie erscheint alle zwei oder drei Jahre zur Sommerszeit mit ihrer Kinderschar, bei der sich ausnahmslos ein Baby findet, das das vorige Mal noch nicht da war. Die Kinder tollen dann, jedes nach Kraft und Vermögen, in den Scheunen, auf dem Hofe, im Garten, im Parke umher, in ihrer Drolligkeit und naiven Unverschämtheit selbst der ernsten Tante, an der alle mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit hängen, ein freundliches Lächeln abgewinnend, während die Mutter sie abwechselnd mit Schelten und Liebkosungen überschüttet und die kleine Gesellschaft, wenn sie nicht so gut geartet wäre, heillos verziehen würde. Das dauert ein paar Wochen, bis eines Tages der Vater eintrifft, dem von den Kindern ein sauer-süßer Empfang wird, weil sie wissen, daß es nun mit der Herrlichkeit zu Ende geht. Er selbst bliebe gern länger, aber die Geschäfte! die leidigen Geschäfte! sie sind der beständige Gegenstand seiner Klagen, wobei man ihm ansieht, wie wohl es ihm ist, daß sie so gut gehen; und seine Frau führt dieselben Klagen, bei denen man ihr dasselbe ansieht, so ernsthaft sie auch tut und feierlich versichert, daß die Ehe der Tod der Liebe und der Musik sei. Mit dem letzteren mag es seine Richtigkeit haben. Johanna rührt keine Klaviertaste, Oskar keine Violinsaite mehr an. Das erstere ist schwer zu glauben, wenn man die Augen sieht, mit denen sie ihn, er sie betrachtet, so oft sie sich zanken, was sie mit Vorliebe tun, offenbar nur, um Veranlassung zu haben, sich hinterher einen Versöhnungskuß zu geben. Nicht so regelmäßig und langdauernd, aber vielleicht häufiger sind die Besuche des Bruders. Er hat sich in Pommern ein kleines Gütchen gekauft, nachdem er als Hauptmann den Dienst quittierte. Er meint, es käme dabei für jemand, der, wie er, die Garnisonluft schlecht vertrage, wenig heraus, am wenigsten etwas Erfreuliches. Auch der Duft sei ihm zuwider, der jetzt bei der Armee in einer Weise vorherrsche, daß man auf den Gedanken gerate, es sei von den York und Blücher, den Scharnhorst und Gneisenau nichts übriggeblieben, als ihre Gamaschen. Der Herr Hauptmann ist auch sonst mit dem Gange der Dinge in Deutschland wenig zufrieden. Er sagt, der Wiener Friede sei ein fauler Friede, und die Bundesakte vom 8. Juni 1815 das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben. Auf die Regeneration Deutschlands von innen heraus setzt er geringe Hoffnung. Er bleibt dabei, daß die Deutschen keine Initiative hätten und zum tatkräftigen Handeln immer erst kämen, wenn sie durch einen Anstoß von außen dazu gezwungen wären. Deshalb je früher die mit Frankreich schwebende Rechnung reguliert und beglichen würde, desto besser sei es. Wenn er in den politischen Gesprächen, die er mit der Schwester eifrig pflegt, bis auf diesen Punkt gekommen ist, bricht er freilich jedesmal ab, seitdem sie bei einer solchen Gelegenheit in schmerzlicher Bewegung ausgerufen hat: Oh, laß mir die Illusion, ich hätte mit dem Geliebten leben können ohne den furchtbaren Gedanken: auf welcher Seite werden eure Kinder stehen, wenn die beiden Nationen, aus denen ihre Eltern stammen, sich abermals zerfleischen! Es geht eine dunkle Sage, das Verhältnis der Geschwister sei während der französischen Okkupation einmal durch eine schreckliche Katastrophe schwer geschädigt worden und seitdem nie wieder in das rechte Gleis gekommen. Aber das kann wohl kaum der Fall sein, und das Gerücht erklärt sich vielleicht aus dem tiefen, nach dem Geschmack mancher Leute melancholischen Ernst, der der Grundzug in dem Wesen und Charakter beider Geschwister ist, und den sie auch in ihrem Verkehre nicht verleugnen. Wenigstens soll der Herr Hauptmann einmal auf die Frage, warum er nicht heirate, geantwortet haben: er würde es seiner zukünftigen Frau nicht verdenken, wenn sie verlange, in seinem Herzen die Erste ihres Geschlechtes zu sein, und den Platz habe er ein für allemal an seine Schwester vergeben. Auf der anderen Seite wendet sich die Schwester, weiß sie sich in einer besonders schwierigen Angelegenheit ausnahmsweise keinen Rat, immer nur an den Bruder; und, sowenig von Zärtlichkeit in ihrem Umgange zu spüren ist, – bleibt der gewohnte Besuch, ja, nur eine erhoffte Nachricht von ihm aus, ergreift die sonst so Gleichmütige eine seltsame Unruhe, die Frau Neddermeyer schon zu dem tiefsinnigen Ausspruche veranlaßt hat: Wenn der Herr Hauptmann und die gnädige Frau nicht Bruder und Schwester wären, wären sie so gut Mann und Frau, wie Neddermeyer und ich. Für Frau Neddermeyer kommt die gnädige Frau unmittelbar hinter dem lieben Herrgott, wodurch denn für philosophische Geister verständlich wird, warum ihr das Wesen der gnädigen Frau »heute noch so unbegreiflich ist wie am ersten Tage«. Nicht weniger verehrungsvoll, aber ohne alle Mystik, ist die Liebe, die Neddermeyer zu seiner Gebieterin hegt. Sie erwidert diese Liebe durch ein unbedingtes Vertrauen, das sie in den Mann setzt, und er freilich durch eine Treue ohne Wanken, durch einen Fleiß, der keine Ermüdung kennt, durch eine urwüchsige Gesundheit des Urteils, das sich nie ein A für ein U machen läßt, redlich verdient. Klaus Neddermeyer trägt die fünfzig Jahre, die er jetzt auf den breiten Schultern hat, mit der Rüstigkeit und Kraft eines Dreißigers. Auch sein Aussehen ist unverändert, bis auf eine gewisse Korpulenz, die ihm schwere Sorge macht, da sie ihn zwingt, von Jahr zu Jahr schwerere Pferde zu reiten. Auf einem solchen von beinahe schon schwerstem Kaliber trabt er neben dem Wägelchen her, auf dem die gnädige Frau zu einer Holzauktion in den Silbertannen gefahren war, von der sie jetzt gegen Abend zurückkehrt. Er ist auf den Wiesen am Norderholz gewesen und hat auf dem Heimritt nach den Pastoräckern sehen wollen, die das Gut erst seit vorigen Johannis in Pacht hat, und wo das »mit dem Raps und auch mit dem Winterkorn noch immer man so so ist«. Die Herrin meint: sie habe es nicht besser erwartet; nur mit der Zeit pflücke man Rosen. Wann Herr Neddermeyer denn das Heu hereingebracht zu haben denke? Bis spätestens morgen abend, sagt Herr Neddermeyer; denn morgen nacht haben wir Regen. Die Kröten haben gestern abend zu kriechen angefangen. Dann dauert's noch zweimal vierundzwanzig Stunden. Das ist so sicher wie Amen in der Kirche. Man ist an einer Seitentür des Parkes angelangt. Die gnädige Frau will hier aussteigen und ist aus dem Wagen, bevor Neddermeyer, der ihr pflichtschuldigst heraushelfen will, das rechte Bein über dem Sattel hat. Sie reicht ihm die Hand auf das Pferd hinauf und nickt ihm noch einmal zu, bevor sie die Pforte hinter sich schließt. Wer sie den Parkweg heraufkommen sähe, müßte sie aus einiger Entfernung für ein Mädchen in der Fülle jugendlicher Kraft und Schönheit halten: so ebenmäßig ist der schlanke, hohe Wuchs, so elastisch der Schritt, so fließend leicht und anmutvoll jede Bewegung, wenn sie sich auf den Fußspitzen hebt, an einer hochstämmigen Rose zu riechen, oder sich bückt, ein seltenes Gras zu pflücken. Erst in der Nähe würde man, ohne sie minder schön, ja, um sie jetzt wohl erst recht schön zu finden, wahrnehmen, daß die Ruhe dieser feinen, geistvollen Züge einst von wilden Leidenschaften zerwühlt war, diese großen, ernsten, stillen Augen einst von Verzweiflungstränen übergeströmt sind. Und dann würde man auch zu seinem Erstaunen bemerken, daß die Farbe des gekrausten Haares der Dame, die doch sonst höchstens in dem Anfange der Dreißiger zu stehen scheint, ein gleichmäßiges Grau ist, und geneigt sein, es für ein wunderliches Spiel der Natur zu halten. In der Tat haben seinerzeit vierundzwanzig Stunden hingereicht, das schimmernde Schwarzblau dieser Locken so umzuwandeln. Ein kleines Mädchen, das mit anderen, die eines anderen Weges gegangen, eine leichte Gartenarbeit für den Abend beendigt hat, kommt daher und begrüßt, seitwärts tretend, die gnädige Frau mit einem tiefen Knicks. Im nächsten Augenblicke läuft sie auf sie zu, legt die kleine Hand vertraulich in die jener und bleibt so an ihrer Seite – alles, als ob es sich von selbst verstände. Weißt du, gnädige Frau, daß wir ein kleines Brüderchen haben? fragt die Kleine. Gewiß weiß ich das, erwiderte die Dame. Vater sagt, du wirst am Ende bös sein, weil es schon das sechste ist. Warum soll es nicht das sechste sein? Gewiß, warum sollte es nicht das sechste sein! Ich hätte selber gern sechs. Warum hast du keine Kinder? Ich habe eines gehabt, sein Grab ist hinten im Parke bei den hohen Fichten. Weiß ich; es ist auch noch ein anderes da – ein großes. Ist das dem gnädigen Herrn seins? Nein, der liegt im Meere begraben. Wem gehört es denn? Einem Freunde von mir. Den hast du wohl sehr lieb gehabt? Ja, den habe ich sehr lieb gehabt. Und nun mußt du nach Hause, Liesing, daß die Mutter sich nicht ängstigt. Sie hat das Kind verabschiedet und wandelt weiter durch den Park, zuletzt durch einen Wald riesenhafter Fichten, bis sie ihr Ziel für heute und für so manchen Abend erreicht hat: die Höhe des Hügels, auf dessen sanft abfallender Seite die beiden Gräber liegen, von denen sie eben mit dem Kinde gesprochen. Die Hügellehne ist ganz mit wilden Rosen überwuchert, und so sind die beiden Gräber: das kleine und das große, die kein Stein belastet, kein Kreuz bezeichnet. Für sie, der diese beiden gestorben sind: – das süße Kind und der herrliche Mann – bedarf es eines Erinnerungszeichens nicht; und sie meint, daß die Menschen das evangelische: »Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt!« schwerlich recht verständen, oder es würde viel Schaugepränge erspart werden, mit dem sie sich jetzt über den Mangel wahrer Empfindung wegzutäuschen suchen. Unter dem breiten Geäste der Fichte, die den anderen voransteht, wie ein Führer seiner Schar, ist eine einfache Bank. Auf die läßt sie sich nieder und blickt über die Hügellehne, in deren Büschen das Abendgold flimmert und die Insekten schwirren, durch die breite Öffnung des nach beiden Seiten weiter sich streckenden Uferwaldes auf die stille Fläche der See, in der sich der Widerschein der im Westen rötlich scheidenden Sonne spiegelt. Sie hat jahrelang das Meer nicht sehen können, ohne von einem tiefen Schauder befallen zu werden, und sie hat deshalb den Anblick sorgfältig vermieden. Jetzt hat sie die entsetzliche Erinnerung überwunden; ja, sie sucht den Anblick des Elementes wieder, welches ihr ein Bild ist des Kommens und Gehens, Steigens und Sinkens unserer Gedanken und Gefühle und der Ausgleichung der einzelnen inneren Erfahrung oder des äußeren Erlebnisses – seien sie noch so schmerzlich oder gewaltig – mit dem Ganzen unseres seelischen Bestandes, wonach der denkende Mensch unablässig zu streben hat. Am Horizonte, auf den Wipfeln des Waldes ihr gegenüber, erblassen die rosigen Lichter; in stumpfem Grün liegt die Halde zu ihren Füßen. Vom Meere her kommt ein kühlerer Hauch; sie hüllt sich enger in ihr Mäntelchen und schlägt den Weg zum Schlosse ein – einen anderen, als den sie gekommen, und der sie zuletzt auf den stillen Schloßhof und zu dem großen Hauptportale führt. Es gab eine Zeit, wo sie die Freitreppe nicht hinaufgehen konnte, ohne daß ihr Blick das Wappen oben gestreift hätte mit seiner Devise, nach der sie stets zu leben gesucht, und die auch die seine gewesen, nach der er gelebt hat und gestorben ist. Heute schreitet sie die Stufen empor, ohne das Haupt zu heben. Was da oben geschrieben, es steht schon lange fest in ihrem Herzen; der tiefe Sinn – sie braucht nicht mehr darüber zu grübeln; die schwere Pflicht – sie ist ihr eine liebe Gewohnheit. In dem Bibliotheksaale hat das Mädchen die Lampe bereits angezündet. Sie setzt sich an den großen Schreibtisch. Da sind Rechnungen zu revidieren, Anschläge zu prüfen, ein Pachtkontrakt, der morgen abgeschlossen werden soll, in seinen Einzelheiten festzustellen. Da ist zuletzt der endgültige, ihr zur Unterschrift zugesandte Vertrag mit der Regierung, laut welchem Schloß und Gut Warnesoe nach ihrem Tode an das Land Holstein fallen sollen für ein Pauschale, das ohne Abzug an verschiedene Wohltätigkeitsanstalten zu verteilen ist. Sie geht das weitläufige Dokument noch einmal durch Punkt für Punkt. Sie übereilt sich nicht und braucht sich nicht zu übereilen: ihr Tag ist lang, da ihr wenige Stunden Schlaf genügen. Mitternacht ist gekommen, bevor sie an ihre Korrespondenz gelangt. Sie hat an ihren Bruder zu schreiben, an ihren lieben Friedrich Perthes nach Gotha; nach Schweden, wo wieder einmal ein Baby angekommen ist. Nun ist sie auch damit zu Ende. Sie lehnt sich sinnend in den Sessel zurück. Ihr Blick fällt auf ein Fach des Pultes, das nur eine Korrespondenz enthält und die längst abgeschlossen ist. Sie nimmt ein Paket Briefe heraus. Das grobe Papier mahnt an eine vergangene Zeit, und so tut die Tinte, die bereits anfängt zu vergilben. Eigentlich lesen kann sie in den Briefen nicht mehr: sie kennt sie längst, längst auswendig Wort für Wort. Doch nimmt sie sie gern zur Hand – es ist ihr, als ob sie eine geliebte Hand berührte; doch liest sie gern darin – es ist ihr, als ob sie eine geliebte Stimme hörte. Ihr Blick fällt zufällig auf diese Stelle in einem Briefe aus Moskau: »– Das ist die entsetzliche Barbarei, zu der wir unsere Feinde gezwungen haben, und durch die sie uns wiederum zur Begehung von Greueln zwingen, die sonst ungeschehen geblieben wären. Oh, meine geliebte Freundin, mir stockt das Herz, denke ich dieses verderblichen Zirkels, der sich durch die Jahrtausende der Geschichte schlingt! Wird denn nie die Zeit kommen, in welcher der Mensch des Vorrechts, durch die Gabe der Vernunft geadelt zu sein vor aller Kreatur, voll wird genießen; den Pflichten, die aus diesem höchsten Adel fließen, frei und fröhlich wird genügen: ein Mensch wird sein können, ohne daß man im Namen der Familienliebe, der Wohlfahrt des Vaterlandes, der Ehre der Nation Unmenschliches von ihm fordert? Wird sie niemals kommen, diese Zeit?« Sie läßt den Brief auf den Schoß sinken. Ein trübes Lächeln schwebt um ihre Lippen. Niemals, geliebter Freund, flüstert sie, niemals!